Olav Duun Die Juwikinger – Zweiter Teil. Odin Roman   Herausgegeben von J. Sandmeier BERLIN-GRUNEWALD F. A. HERBIG VERLAGSBUCHHANDLUNG ‹WALTER KAHNERT›   Gemeinsam mit Olav Duun aus dem norwegischen Landsmaal übertragen von J. Sandmeier und S. Angermann   Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1927 by Rütten \& Loening Verlag Frankfurt/M. Gesamtherstellung: Seydel Druck und Buchbinderei GmbH. Berlin   Erstes Buch. Das Abenteuerland Sommerabend 1 Es war ein leuchtender Sommerabend, Glockenklang von den Wiesen und summende Mücken um die Ohren, und die beiden, die sich auf dem Weg zum Kjelvik-Sattel hinauf befanden, gingen langsam und feierlich, gleichsam als sei das Wetter zu schön zum Gehen, als müßte man weit eher sich hinsetzen und sich feiertäglich ruhig verhalten. Alles lag wie in Sonne gebadet da, die Laubhänge, das Moor und alle Felsen. Der Birkenwald duftete, daß es einem die Brust bedrückte, und der Glanz des Laubes stand dicht und weich vor den Blicken, in Jugend und Übermut; und das Moor auf der andern Seite griff nach einem, es blühte so braun und wellig und dampfte nach Westen zu weißblau über den kleinen Seen und den Talsenkungen, heute abend hielt es Hochzeit. Über allem miteinander aber standen die Berge: standen in der Abendsonne da, so moosbraun und steingrau wie sie waren, lächelten über die ganze Gegend hin und bis zum Meer hinaus. »Und dort geht Elen Vennestad mit ihrem Jungen«, sagten die Leute. »Armer Kerl«, sagten sie und meinten dabei vielleicht sowohl den Kleinen wie sie. Elen fühlte, daß sie das sagten, genau so wie sie den schönen Abend fühlte und alles, was rings um sie war. Die Sonnenstrahlen wurden länger und länger und weicher und reicher, und die Mücken legten einen neuen und heißen Ton in ihren Gesang, so schwirrend und dicht über einem, daß er sich mit den Sonnenstrahlen verband und daß man glaubte, man höre diese singen. In dieses Summen mischten sich die Glocken der Schafherden, nur mit einem tieferen Zittern, als kämen sie von größeren Strahlen irgendwo oben im Blau. »An was denkst du, Odin?« fragte die Mutter. Sie fühlte einen leisen erwachenden Druck an der Hand; es war so ungewohnt, daß sie ihn nach etwas fragte. »Daß ich erst sieben Jahre alt bin«, antwortete er, als eine Weile verstrichen war. Die Worte kamen hell und mutig, aber sie legten einen Schatten auf ihr Gesicht. Er mußte das gemerkt haben, denn jetzt streckte er sich und lachte und wollte es wieder gutmachen: Jetzt käme er ja hinaus, solle sich sozusagen verdingen, jetzt sollten die in Kjelvika einen Hüterbuben bekommen! Jawohl. Und nun waren sie am höchsten Punkt angelangt, oben auf Langbrekka, und der Himmel öffnete sich vor ihnen so weit, daß es ihnen fast den Atem raubte, sie gingen und gingen, doch das Land vor ihnen wollte nicht auftauchen, nur der blaue Himmelsgrund war zu sehen. Dann endlich blaute es empor, das flache Ufer auf der Nordseite des Folla-Fjords, weit draußen und tief drunten, und da war der Fjord selber und blickte ihnen mit seinem großen bleichglänzenden Gesicht entgegen, und unter dem diesseitigen Ufer spiegelte das Wasser tiefschwarze blanke Schatten herauf. »Nein, schau doch!« rief der Knabe. Sie waren stehengeblieben. Sein ganzes Gesicht zeigte ein einziges Erstaunen, mit großen Augen und offenem Mund stand er da, mußte ein paarmal tief Atem holen. Dann sah er forschend seiner Mutter ins Gesicht: »Schau doch, Mutter! Wie das aussieht!« Sie war hell und mild, wie er sie stets gekannt hatte, und ihre Augen blickten so ruhig und schwer, schienen sich von nichts binden zu lassen; so war auch die Großmutter Aasel auf Haaberg. – »Ja«, sagte sie bloß. Sie erfaßte wieder seine Hand, ohne hinzusehen, streckte die ihre nur aus und fand die seine. Jetzt bogen sie nach Westen ab, den Höhen entlang. Der Weg war hier nur noch ein schmaler Steig. – »Wohnen auf dieser Seite keine Roßbauern, Mutter?« Eine Antwort erwartete er sich übrigens nicht; wer konnte wissen, ob er eine bekommen würde; mehr als tausend Dinge hätte er wissen mögen, und die Mutter ließ sich immer schrecklich lange Zeit mit der Antwort. – Aber alle diese großen Wacholderbüsche hier? Und solche feine kleine Wiesenflecke dazwischen, ganz als wären sie geschoren und gekehrt! Und schau dort unten, was machen sie denn mit all dem Lehm, Mutter? – Ja, ja! Aber komm jetzt, Odin. »Da draußen ertrinken sie wohl, die Leute? Wenn sie auf der See bleiben ? Nein aber die Kühe, Mutter, die stehen ja im Wasser!« Sie fühlte, wie sein Griff sich lockerte und seine Füße ganz leicht wurden, gleich würde er davonlaufen. Ein Ding nach dem anderen kam ihm entgegen und durchstürmte ihn. Unwahrscheinlich war alles miteinander; jetzt lachte er laut über sich selber: Schau den Vogel, der ist ins Wasser gefallen! Ach, er schwimmt, so ein – mich kannst du nicht zum Narren halten, Kerl! »Bist du heute abend so froh, Odin?« Er sah sie nur halb an. Dann dachte er darüber nach. Froh? Das konnte er nun nicht so recht sagen; aber er sollte doch fortkommen und bei fremden Leuten sein; sie waren auf dem Weg dorthin, denn daheim konnten sie ihn nicht mehr brauchen, seitdem die Mutter geheiratet hatte und der Großvater übergeben hatte und in den Austrag gegangen war. Er durchlief dies alles in Gedanken, und der Ausdruck auf seinem Gesicht wechselte beständig. Dann sagt er, altklug und zuverlässig – es ist, als spreche ein neuer Odin aus ihm: »Schau, Mutter, ich bin doch eigentlich gut zu haben, nicht?« »Ja?« »Ja, denn wer weiß, ob andere Kinder das fertiggebracht hätten. Ob du sie so leicht losgeworden wärst.« Die Mutter mußte lächeln, obgleich ihr Gesicht ganz kalt wurde. – »Loswerden, ja«, seufzte sie. Aber würden sie denn noch nicht bald dort sein? fragte Odin – sie seien jetzt doch sicher eine Meile, wenn nicht mehr gegangen; oder eine Viertelmeile? Und wer wohnte eigentlich auf der anderen Seite des Fjords? Und mittendrin sagte er auf einmal: »Ich fürchte mich gar nicht dorthin zu kommen. Du wirst schon sehen, Mutter!« »Das ist schön von dir, Odin.« »Ja–a.« Sie hatten nun einen Sund zur Seite, zwischen dem Land hier und ein paar langen Waldinseln; da war es nicht mehr weit bis zu ihrem Ziel. Odin hatte das gehört und außerdem erkannte er es an dem Druck ihrer Hand, der jetzt so hart war. Und die Seevögel lockten und schrien so fremd – man war nicht mehr daheim. Und unten am Strand seufzte und seufzte es – es waren die Wellen, die am Uferrand nagten und nie fertig wurden. Odin hing schwerer an der Hand der Mutter. Das dort, das war wohl der Kjelvik-Rücken, von dem er gehört hatte: große Felsen und Sand über den Sund hinüber bis zur Insel. Ein fremdartiger Geruch schlug ihnen entgegen, es mußte der Rauch von einer Hütte sein. Jetzt aber blieben sie stehen und lauschten: Irgend jemand rief von der Insel herüber über den Sund. – »Gurianna!« rief es, und hinter einem Hügel hier auf dem Festland antwortete eine weibliche Stimme: »Ja!« Nun rief es noch einmal von drüben, noch lauter, und die Frau antwortete wieder. Odin war nahe daran mitzuschreien. Zum drittenmal erklang die Männerstimme, so daß es laut hin hallte: »Gurianna!« Und dann hörten sie, wie der Mann vor sich hin sagte: »Es ist doch ein Kreuz mit dem Frauenzimmer.« »Das war der Bendek selber«, sagte Elen; der war ein wenig schwerhörig, und sie, die ihm geantwortet hatte, war seine Frau, sie sollte wohl mit dem Boot hinüberkommen und ihn holen. Der Knabe war merkwürdig lebhaft geworden: »Hu! – wie laut der schreien kann!« Sie stiegen den Hügel hinan und sahen den Häuslerhof vor sich: eine grüne Wiese zwischen Sund und kleinen Hügeln, mit einem Steinwall ringsherum, fast wie ein Garten, schien es ihm; und zwei kleine graue Häuser mit Wasendächern. Dies alles lag so versteckt und unwahrscheinlich da, fast als sei man der erste Mensch, der hierherkam. Der Stall glich einem Gaul mit Senkkreuz, die beiden Giebel waren erhöht, und in der Mitte lag ein tiefer Sattel, – und unten am Ufer stand ein Haus, offenbar der Bootsschuppen. Jetzt kam das Boot hinter der Hütte zum Vorschein und glitt rasch über den Wasserspiegel, ein Weib saß darin und ruderte, und die Wellen zogen hinter dem Boot ein leuchtendes Dreieck über den Sund; die Eidergans schwamm mit ihren Jungen rasch zur Seite – alles schrieb ein Dreieck hinter sich aufs Wasser. Elen und Odin standen da und hielten einander bei der Hand. Die Sonne brannte auf die Wiese herab und schien auf die Blumen, so daß alles blau in blau und weiß in weiß leuchtete, es war ein verzauberter Reichtum an Blumen, wie Odin ihn nur im Traum einmal gesehen hatte, und mitten durch die ganze Herrlichkeit rann ein Bach und murmelte mit sich selber. Kleine Grashalme standen bis an die Knie im Wasser und nickten und bückten sich, auch die Bachstelze war da und wusch sich – sie sah aus, als sei sie hier daheim; aber Schwalben gab es keine. Odin fragte, warum denn die nicht da seien? – »Nein, die wohnen hier wohl nicht. Aber siehst du alle die Seevögel, Odin? Sind sie nicht schön?« – »Doch, wenn sie nur nicht so schreien wollten.« Dann aber lachte er und deutete mit der Hand hinaus: »Nein, aber eine Elster mit roten Füßen habe ich doch noch nicht gesehen!« – »Das ist die Strandelster«, sagte Elen; »paß auf, du findest sicher eines schönen Tages ihre Eier unten am Strand.« Jetzt kam das Boot zurück, und nun waren zweie darin. Bendek saß auf der Bank und ruderte. Er war sehr groß und hatte einen runden Rücken, kein Wunder, daß eine solche Stimme in ihm wohnte, und obgleich er sich kaum bewegte, schoß das Boot unter seinen Ruderschlägen dahin, leicht wie durch die Luft. Achtern saß ein Hund, wie ein Mensch. Gurianna deutete nur mit der Hand, da gehorchte das Boot und schwenkte bei der Bootslände ein. So, jetzt kommen sie herauf – jetzt sehen sie ihn da stehen. »Gottes Frieden!« grüßte Bendek. Es war nicht schwer, vorzutreten und Bendek zu begrüßen; und auch bei Gurianna ließ sich das machen, aber er zog seine Hand doch bald wieder zurück und näherte sich der Mutter: sie war so dunkel und so merkwürdig, diese Frau dort. Bendek stieg keuchend den Hang hinauf: Soso, da waren also Fremde gekommen? Und solch ein großer Junge noch dazu? Nun sollten sie also hier auf Kjelvika auch einen Knecht bekommen! Sie redeten viel von ihm, fand Odin, und dann ging es ins Haus hinein. Da merkte Elen, daß ihm das Herz ein wenig schwer war. Sie hatte das gleiche Empfinden wie er, und es hemmte sie: Alles war so neu hier, so klein und fremd, wohin das Auge sah, auch der Geruch, der ihnen entgegenschlug, und die Geräusche im Haus, sie hatte das früher nie bemerkt, wenn sie hier gewesen war; so etwas konnte einem kleinen Kerl schon zusetzen, und jetzt lagen viele Meilen zwischen hier und Vennestad. Aber es war doch eine gemütliche kleine Stube. Mit niedriger Decke, das Fenster zwar klein und trüb, doch der Boden weiß und mit Sand bestreut, und heimisch und reinlich war es hier überall, Kochofen und Bett und rings an den Wänden Gestelle für die Milchschüsseln, eine Schrankuhr und andere alte bemalte und geschnitzte Gegenstände; und am Fenster standen Blumen. Odin hatte das Schwerste bald überwunden und steckte schon wieder tief im Staunen drin. Und Bendek redete nur mit ihm. Ob er schon einmal mit auf dem Kohlfischfang gewesen sei? So, noch nicht. Aber rudern könne er doch wohl gewiß nicht schlecht? Und Lust, es zu lernen, das sollte man meinen, ja, ja. Hier sollte er es gründlich lernen dürfen. »Ab er am Ende zieht dich der Fisch ins Wasser he?« Odin lachte hell auf, voller Übermut und mit glänzenden Augen: »Nein, jetzt hört auf!« Bendek lachte mit, laut und gutmütig, es klang, als wiehere die ganze Stube mit ihm. Sein grauer Bart stand in einem Kranz rings um das Gesicht, und die kleinen blauen Augen verschwanden fast, wenn er lachte. Im Sitzen schien er groß wie ein Berg, aber wenn er sich erhob, war er wie jeder andere Mensch auch. Gurianna blieb immer gleich schwarzhaarig, soviel man sie auch ansah, und es wurde einem dabei ein wenig kalt, sie erinnerte fast an ein Zigeunerweib, das einmal auf Vennestad gewesen war – »wenn sie nur nicht auch noch raucht!« seufzte Odin. Und zum Bart fehlte bei ihr wohl auch nicht viel. – »Aber du brauchst sie nicht zu fürchten!« flüsterte er der Mutter zu, kaum, daß sie einen Augenblick allein miteinander waren. – »Nein? Warum? Sie ist ja doch freundlich.« – Ja, natürlich, hab nur keine Angst.« Doch die Uhr tickte und ging weiter, für sie stand die Zeit nicht still, und nun mußte Elen Abschied nehmen und heimgehen. – »Das hier ist ein richtiger Bursche!« sagte Bendek. »Geht schon von daheim fort und verdient sein Brot in diesem Alter, das bringen nicht alle fertig.« Odin legte die Hände auf den Rücken. Noch nie hatte jemand so von ihm geredet. Er räusperte sich umständlich: »Ja, da war nichts anderes zu machen. Daheim konnten sie mich nicht mehr brauchen, als –« Er hielt plötzlich inne und wurde rot. Die Mutter blickte zu Boden. »Mit Rössern kannst du wohl auch schon umgehen?« fragte Bendek. »Ja, die letzte Zeit habe wohl ich die meisten Fuhren daheim gemacht.« »Ach du!« lachte die Mutter. »Du mußt schon bei der Wahrheit bleiben, Odin!« »Er will eben nicht dastehen und der Garniemand sein«, lenkte Bendek ein. Ja, genau so war es, und wie sollte er es sonst anfangen? Im übrigen wollte er schon immer die Wahrheit sagen. Sie gingen alle mit Elen vors Haus und begleiteten sie bis zum Zaun hinauf. Odin sah sie die ganze Zeit an. Wie schön war sie doch, wenn sie so neben Gurianna einherging, wie dicht und hell war ihr Haar, und der Mund so gut. Er wußte, weshalb sie so bedrückt aussah, sie fürchtete, er würde sie jetzt nicht loslassen. »Du hast ja nicht weit heim!« tröstete er sie, als sie Abschied nahm. Ja, sie würde bald wiederkommen, versicherte Elen. Sie ging rasch um den Hügel herum, als fürchte sie, er könne ihr nachkommen. Dort sah er den letzten Zipfel ihres Kopftuchs. Und dann gingen sie wieder hinunter. Gurianna neben Bendek, Odin hielt sich auf dessen anderer Seite. Die Sonne sank im Nordwesten aufs Land herab und glühte rot, und das Meer wechselte sein Aussehen und wurde anders und immer wieder anders, es gab wohl nicht viele, die wußten, wie es war. Ruderschläge kreischten drüben bei den Holmen, weit draußen konnte man noch Boote erkennen, und die äußersten Schären sahen aus, als hingen sie in der Luft. Die Seevögel klagten, ihr Rufen wollte kein Ende nehmen. »Das ist die Seeschwalbe, die mit der dünnen Stimme«, sagte Bendek. Odin war nahe daran, nach seiner Hand zu fassen. – »Morgen abend rudern wir auf den Kohlfischfang«, sagte Bendek. Das war noch besser als eine Hand. Jetzt fiel es nicht mehr schwer, in die Stube zu gehen. Odin sollte auf der Bank schlafen, die an der Wand gegenüber dem Bett stand. »Nun aber ins Bett! sagte die Braut«, Bendek sah ihn lustig an. »Warum sagte die Braut das?« »Ja, siehst du, das wissen wir nicht. Weder du noch ich.« Und wäre die Uhr nicht gewesen, so hätte es ihm gar nichts ausgemacht, hier zu liegen, aber die gebärdete sich ja noch lauter als die Vögel draußen, Kjelvik! Kjelvik. Das hätte die Mutter niemals fertiggebracht, so dazuliegen und zuzuhören. Vielleicht war sie jetzt oben auf dem Bergsattel angelangt und drehte sich gerade herum und sah hierher zurück. – – – Elen saß auf einem Stein oben im Bergeinschnitt. Sie sah nicht zurück. Sie schaute meist zu Boden oder vorwärts nach Vennestad hinüber. Dort war die Sonne schon seit geraumer Zeit weg. Das Wohnhaus daheim stand mit seiner Vorderseite hierher, das Gesicht den Mooren und den Bergen zugewandt, man sah in der Stube dort vom Fenster aus nichts weiter als Moor und Gebirge und an den Sommerabenden ein wenig von der Sonne, wenn sie gerade hinter dem Sattel unterging; man wurde krank davon; aber mit jedem Jahr ging es etwas besser, und dies war nun das neunte Jahr! Sie stützte die Stirn in die Hand und schloß die Augen. Jetzt sah sie Vennestad noch deutlicher, alle Häuser von außen und von innen, und die Äcker bis ganz hinüber zu dem anderen Hof, und nach Süden bis zu den Bergen, und nach Westen, so weit sie wollte, über Jungwald und Täler hin, bis hinüber nach Haaberg. Sie blickte auf, ihre Augenlider waren ein wenig steif, denn jetzt hatte sie seit langer Zeit nicht mehr daran gedacht, daß sie eine Tochter von Haaberg war. Sie war von Vennestad; darüber gab es keinen Zweifel. Wieder schaute sie in dieser Richtung. Sie sahen grau aus, die Häuser dort, denn der Anstrich war abgewittert, und jetzt wollte man anpacken und alles wieder instand bringen, so wie Iver es sich gedacht hatte. Da stand sie plötzlich auf und fing an zu gehen, daheim würden sie sich wohl über ihr langes Ausbleiben wundern. Während sie dahinging, bewegten sich ihre Lippen, als rede sie mit sich selber. Die Augen wurden eins mit der nebelblauen Nacht. »Daß der Odin den Abschied von mir so leicht genommen hat? Ja, ja. So hat also der Herrgott meine Bitte erhört.« – Einer mußte doch ein wenig Verständnis dafür haben, was sie an diesem Abend geleistet hatte. »Er muß es«, sagte sie »du begreifst doch wohl, Iver, daß es nicht von selber ging. Wenn du das nicht siehst – dann bist du blinder, als ich gefürchtet hatte. Wäre es ein anderes Kind gewesen . . .« Jetzt lief sie den Hang hinunter, und die Tränen standen ihr glänzend und heiß in den Augen. Dann verlangsamt sie ihre Schritte, und in dem jungen Antlitz leuchtet eine Angst auf: »Falsch gehandelt? Wer sagt, daß es falsch ist? – – – Ja, ja, in Gottes Namen, mag es sein, was es will. Denn du wolltest es, Iver! Glaubst du, daß ich es dir nicht ansah? Es gab keinen anderen Weg.« Und dann schritt sie durch tiefdunkle Nacht. Alles schlief, wohin sie auch blickte. Auch Odin schlief jetzt wohl bald. »Und warum sollte er nicht zusammen mit mir die Strafe erleiden? Denn das mußt du, Odin, es gibt keinen anderen Weg.« 2 Vennestad lag ein wenig abseits von dem Weg, der an Haaberg vorbei in östlicher Richtung durch die Gemeinde führt. Dort waren zwei Höfe, Vordervennestad und Hintervennestad. Vordervennestad, oder der Eilerthof, wie man nun meistens sagte, war einer der größten in der Gemeinde gewesen. Noch jetzt konnten sie dort acht bis neun Kühe halten, und früher, in seinen besten Zeiten, war die Zahl doppelt so groß gewesen. Denn mit Eilert wie mit dem Hof war es auf und ab gegangen. Zuerst bürgte Eilert für seinen Bruder, der sich auf den Fischfang verlegt hatte, und setzte dabei viel Geld zu. Später kam dann ein Unglück nach dem anderen. Menschen und Vieh wurden davon betroffen, Macht und Mut schrumpften bei Eilert zusammen, und der Hof schrumpfte zusammen, und der Ertrag wurde immer kleiner und kleiner, und der Eilert gehörte nicht zu denen, die sich damit abfinden, arm zu sein und im kleinen zu wirtschaften. Es sei eine Strafe des Schicksals, meinten die Leute, denn die Besitzer säßen zu Unrecht auf dem Hof. Eilerts Vater hatte sich die besten Äcker und Weiden angeeignet, damals als auf Vennestad die Erbschaft geteilt wurde. Vordervennestad bekam die sandige Erde und den Laubwald, und für Hintervennestad blieben nur noch nasse Wiesen und das Moor übrig, auf dem überhaupt niemals Getreide gedeihen konnte. Es hatte ihn einen ordentlichen Haufen Geld gekostet, das war klar, denn die Behörden waren teuer, aber er war dadurch zu Wohlstand gelangt; und der andere saß auf seinen saueren Wiesen und kaute grünen Hafer und seufzte wie ein Häusler – dann verkaufte er und fuhr nach Amerika. Es war übrigens schon immer die Art der Eilertsippe gewesen, so auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, soviel die Leute sich aus früheren Zeiten erinnerten; in der Gemeinde war gar manches Stückchen von ihnen bekannt. Der Großvater, oder, wie manche sagten, der Urgroßvater, war einem Mann in Geldsachen so nahe getreten, daß er sich Prügel dabei holte. Da machte er sich mit Hilfe der Obrigkeit und des Gesetzes über den Sünder her und schröpfte ihn gehörig. Einige wußten zu erzählen, daß Kjelvika in alter Zeit zu Nesse gehört hatte. Aber der Mann auf Nesse hatte den Bauern auf Vordervennestad des Diebstahls bezichtigt und konnte seine Anklage nicht beweisen, darum mußte er dann zur Buße seinen Hof hergeben. Nun war nichts mehr davon übrig, weder von den Menschen noch vom Wohlstand. Jetzt war Hintervennestad, oder der Mikkalhof, das bessere von den beiden Anwesen. Die Erde trug dort jetzt ihre Früchte, gleichgültig wie das Jahr ausfiel, wenn es mir gelang, das Wasser abzuleiten, und der andere Hof wurde immer magerer und wartete stets auf einen Regensommer. Zwei Söhne hatte Eilert gehabt, der eine kam auf der See um, der andere war nach Amerika gefahren, und es hieß, er sei dort gestorben. Er soll sogar einen gewaltsamen Tod erlitten haben. Auch die Frau war gestorben, und um jene Zeit geschah es, daß Eilert Elen Haaberg in sein Haus nahm und sie ihm die Wirtschaft führte. Alle waren damals baß erstaunt über sie, und man war das eigentlich heute noch. Elen war daheim so still gewesen wie ein Lamm, und nun zog sie nach Vennestad, ganz gegen den Willen der Mutter und zur größten Überraschung aller übrigen – und dies noch dazu, nachdem die Mutter erst vor kurzem durch den Tod ihres einzigen Sohnes in so tiefe Trauer versetzt worden war. Man wollte unbedingt wissen, daß Elen von selber zu Eilert gekommen sei und sich ihm angeboten habe. Sie hatte den jungen Burschen in der Gemeinde nie Beachtung geschenkt. Ihre Kammertüre war stets verschlossen, davon konnten viele erzählen, denn sie hatte sich ordentlich herausgemacht und war ein richtig schönes Mädchen geworden, eine, der die Burschen gerne nachsahen. Ein wenig groß und dünn war sie, aber an ihr war dies kein Mangel, durchaus nicht, ihr Haar und ihre Haut waren ganz besonders schön; und wenn sie wirklich einmal lächelte, so war es, als ließe sie die Sonne für einen aufleuchten. Aber ihre Kammertüre blieb verschlossen, und hatte einer einmal das Glück, sie eines Abends zu einem Tanz oder einem anderen Vergnügen zu verlocken, so war sie gleichsam doch nicht da. Bei der Arbeit war sie flink, und für Eilert bedeutete sie ein Geschenk Gottes, sagten die Leute, sie brachte verschiedenes wieder ins richtige Gleis. Einer nach dem anderen von den Burschen verschaute sich in sie; es war eine wahre Not. Aber Elen kümmerte sich nie um sie. Um diese Zeit raffte Eilert sich zum letztenmal auf: er richtete Stube und Kammer und alles übrige schön her, genau wie auf Haaberg und bei anderen ordentlichen Leuten; es war das letzte Geld, das er geliehen bekam, soviel die Leute sich erinnerten. – Damals geschah es, daß der Schreiner auf den Hof kam. Er hieß Otte Setran und war auf der anderen Seite des Fjords daheim; übrigens war er ein Bauernsohn und hatte den elterlichen Hof geerbt. Es hieß sogar, er stamme aus dem alten Juwikgeschlecht, weit zurück. – Seine Eltern waren tot, und den Hof hatte er verkauft, und danach war er wie irgendein anderer heimatloser Bursche als Schreiner im Lande umhergewandert. Man erinnerte sich noch recht gut an ihn: er war so finster und fremd anzusehen, und nie ließ er sich mit jemand in ein ordentliches Gespräch ein, so daß man hätte klug daraus werden können, was in ihm steckte; es sah aus, als denke er nur an seine Sachen und wolle alles für sich behalten. Im Grund aber war er ein Leichtfuß gewesen, seinerzeit, als er hierher kam, er sang während der Arbeit und tat gerne beim Tanz oder bei anderen Vergnügungen mit. Er hatte braune Augen. Die Mädchen sagten, er sei häßlich. Die anderen aber lächelten und dachten sich ihr Teil. Man sah ihn und Elen niemals beieinander, weder beim Tanz noch vor der Kirche. Aber des Abends konnte man sie manchmal sehen: sie kam vom Sommerstall, und er saß auf dem Hügel hinter dem Haus und rauchte, oder er saß auf der Haustreppe, und sie kam herzu und blieb eine Weile bei ihm stehen – es fügte sich so, aber dies war kein Zufall. Manchmal, beim Essen, blickten die anderen plötzlich auf, sie merkten, irgend etwas lag in der Luft, und dann saßen die beiden da und sahen einander an, seltsam ernsthaft, als sprächen sie miteinander. Später einmal sagte Eilert, er hätte ein Gefühl gehabt, als würde die Luft in der Stube bedrückend, wenn die beiden dort waren. Elen hatte nie viel geredet, jetzt aber verstummte sie vollends; mit ihr sprach man also nicht geradeheraus über diese Sache. Einmal aber sah die Magd, wie Elen ihm zulächelte, und zwar so lebendig und jung, wie nur sie es konnte, wenn sie wollte. Sie kam über den Hof geschritten und trug etwas Schweres, und er trat zu ihr hin, um ihr zu helfen. Eines Abends ging er zum Landhändler, es war schon im Spätherbst, und plötzlich setzte ein furchtbares Wetter ein, Sturm und Schneetreiben, man konnte kaum aus den Augen sehen. Und die Zeit verging, und er kam nicht heim. Niemand sagte ein Wort – Elen sah nicht so aus, daß man dies gewagt hätte. Immer wieder horchte sie auf das Wetter, das draußen so laut tobte, als wäre die eine Wand der Stube weggefegt, und wenn es am allerschlimmsten war, dann blickte sie von einem zum anderen. Bis gegen Mitternacht blieb fast alles auf und wartete. Dann aber wollten die Leute schlafen gehen, wozu saßen sie eigentlich da? – Der Bursche war ja auf dem Festland, und er würde doch wohl bis zu irgendeinem Hof durchfinden. »Jetzt kommt er!« sagte Elen, sie wurde rot wie eine Hagebutte; sie hatte ihn an der Tür gehört. »Schickt er einen Vorboten?« lachte der Knecht, es war gleichsam, als atme die ganze Stube erleichtert auf. »Alte Leute sterben nie in der Jugend«, spottete einer, – »ein Gehenkter ertrinkt nicht so leicht!« Elen hörte nicht darauf. Sie saß nur da und schaute zur Tür hin; sie sah aus, als habe sie einen großen Entschluß gefaßt, die anderen erinnerten sich später noch daran. Und nicht lange danach hatte sie ihn wirklich daheim, so verschneit und durchgeblasen vom Wind, daß er nicht wiederzuerkennen war. Seit jenem Mal glaubten die anderen, es müsse Ernst werden mit den beiden. Das einzige, was sie bemerken konnten, war, daß Elen ein paarmal lachte, es klang so richtig übermütig und toll. Zu Weihnachten war er fertig auf dem Hof, aber er blieb noch über das Fest da. Er hatte alles schön gemacht, das mußte man ihm lassen. Zwar war er langsam, aber er brachte doch alles zuwege. Er glich darin den Alten, jedes Ding wurde, wie es sein sollte. Da steht es und zeugt heute noch von ihm. – »Er hat eine tüchtige Arbeit auf dem Hof geleistet!« sagte Eilert zu Elen. Sie lachte seltsam tief vor sich hin; und noch ehe das Jahr um war, lachte Eilert mit. Als die Leute auf den Fischfang auszogen, ging Otte nach Amerika. Jene, die Elen diese Neuigkeiten erzählten, konnten ihr nicht das geringste anmerken, und es schien fast, als hätte sie schon vorher darum gewußt, das aber war nicht der Fall. – »Ja, ja, der kommt wohl wieder«, sagten die anderen. – »Vielleicht, und vielleicht auch nicht«, antwortete sie, und damit wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu. Betrachtete man sie aber genauer, waren doch ihre Wangen schmäler geworden. Man konnte sehen, wie sie manchmal vor sich hin lächelte. Es wirkte wie die graue Armut selber. Wäre sie nicht so hochmütig gewesen, hätte gar mancher Mitleid mit ihr verspüren können. Gegen den Herbst zu kam der Knabe auf die Welt. So unerwartet war noch kein solches Kind hier in der Gemeinde auf die Welt gekommen, solange man zurückdenken konnte. Später lachten alle darüber, damals aber meinten sie, Elen hätte sie alle gehörig zum Narren gehalten. Als sie im Bett lag, lachte sie sogar. – »Was für ein schöner Junge«, sagte Aasel Haaberg, ihre Mutter. – »Ja, das ist schließlich kein Wunder! Wir sind ja keine Pfuscher, keines von uns beiden!« Und zu ihrer einzigen Jugendfreundin sagte sie, als diese bei ihr auf dem Bettrand saß: »Eine einzige Nacht war er da, und dann kam er nicht mehr!« – »Kam er nicht mehr?« – »Nein, denn dann verschloß ich die Türe wieder. Mehr brauchte es nicht, um ihn zu kränken. Denn es sollte so kommen.« Später stellte sich heraus, daß einer von den jungen Burschen mit ihm geredet hatte, als er im Begriff war, nach Amerika zu fahren. Ob er nicht vor seiner Abreise noch nach Vennestad ginge? – »Nein. Sie will mich nicht haben; sie hat mich hinausgesperrt. Hab mir's übrigens auch nicht anders erwartet.« Er war damals ein wenig angetrunken und redete offen heraus: »Nein, aber vergessen werde ich sie niemals. Und sie mich auch nicht. Und so ist es eben. Und jetzt schau ich mich einmal in der Welt draußen um – das war ja der Grund, weshalb ich den Hof weggab, dazu bin ich eigentlich geschaffen, wenn du's wissen willst! Schauen wir einmal, wie es da drüben aussieht. Da werden wir gleich sehen, was das Leben mit uns vorhat. Verstehst du mich? Nein, du bist schon recht so.« – »Vielleicht muß man ihr dankbar sein dafür, daß sie die Türe verschloß?« – »Ja, da gibt's nichts zu lachen, du!« Es fügte sich so, daß Iver sie bekam. Denn Eilert setzte für sie ein Testament auf, vermachte ihr den Hof und alles, was er hinterließ – viel würde es wohl nicht werden –, und so blieb sie dort. Sie hatte einen Fleck auf ihrer Ehre. Nach Haaberg heim kam sie nie mehr, und Aasel gehörte auch nicht zu denen, die anderen Leuten die Türschwellen abnützten; und die anderen hatten erst recht nicht viel dort zu suchen. Niemand konnte sagen, daß sie sich dies nahegehen ließ, sie sah eher froher aus als vorher, und sie lachte, so oft es irgend etwas zu lachen gab. Vielleicht wartete sie auf einen Brief aus Amerika. Es kam jedoch keiner. Den Jungen nannte sie Odin und trug ihn selber zur Taufe. Es war ein lebhaftes Kind: wild, aber gut zu haben, sagte der Eilert, und der Kleine mußte Großvater zu ihm sagen und begleitete ihn auf Schritt und Tritt. Dann kam der Iver. Er war ein Brudersohn von Eilert. Eine Zeitlang war er Schiffer gewesen, und später war er herumgelaufen und hatte mit Vieh gehandelt. Er war kein Junger mehr, wohl schon über vierzig Jahre alt, und schön hatte ihn der Herrgott nicht gemacht. Der Kopf war schon kahl, und seine Augen blickten nicht sanftmütig drein. Aber er war einer, der wußte, was er wollte, und jetzt wollte er hierher und Elen haben. An Geld hatte er gar nicht wenig zusammengekratzt, so sagten wenigstens die Leute. Er trug Elen und Eilert sein Anliegen vor: Den Hof wollte er kaufen für die Summe, die die Bank darauf geliehen hatte, und dazu wollte er Eilert alle Schulden erlassen und ein gutes Altenteil für ihn aussetzen; denn diesen Hof wollte er haben und sie dazu! Nun konnten sie tun und lassen, was sie wollten; er meinte, sie sollten sich's einmal überlegen. Das taten sie. So kam es, daß sie ihn nahm. Es hieß, sie hätte zu dem einen oder anderen geäußert, daß dies wohl billig gewesen sei, aber ein wenig hätte sie doch auch an den Eilert denken müssen. Und sein Angebot war so, daß man ihm nichts nachsagen konnte, meinte sie, er bot mehr, als die Leute erwartet hätten. Dann heirateten sie in diesem Frühling, und jetzt war sie mit ihrem Jungen in Kjelvika gewesen, denn von ihm war im Vertrag keine Rede, sagten die Leute, und der Iver wollte ihn nicht sehen, hatten sie gehört. Er sagte nichts, das tat er nicht, aber es wurde so kalt in der Stube, wenn er um sich blickte und sich nicht wohl fühlte. Er war ein rechtdenkender Mann, niemand konnte etwas anderes sagen, und gegen Elen gewiß gut, er war ihr ein gutes Stück entgegengekommen. Da war es wohl nicht zuviel verlangt, wenn sie nun ihrerseits diesen Gang auf sich nahm. »Nein«, sagte sie zu sich selber. »Soviel muß ich schon tun. Da er doch nie ein Wort darüber gesagt hat. Hätte er darüber gesprochen, wäre es niemals dahin gekommen.« Es war nicht von Anfang an ihre Absicht gewesen, nein, durchaus nicht. Aber sie erkannte den Schatten im Haus, und den hatte der Iver nicht verdient. Denn er war viel besser, als sie gedacht hatte. Schließlich war es ja auch für sie selbst gar nicht so leicht mit dem Knaben, der Gedanke, daß er nicht nach Vennestad gehöre, hatte mit jeder Woche schwerer auf ihr gelastet. Sie wollte dieses Opfer auf sich nehmen und Odin fortgeben; das mußte sie durchführen. Und nach Haaberg sollte er nicht, es dünkte sie, das habe ihr einer gesagt. Jetzt war es geschehen, und jetzt sah es anders aus. So geht es mit allem, tröstete sie sich. Sie bereute es nicht. Sie lag nur in den Nächten wach da und dachte daran, und ihr wollte fast scheinen, als sei der Schatten im Haus jetzt noch kälter als vorher, da der Knabe noch hier war. Das mußte daher kommen, daß sie doch nicht die war, für die sie sich gehalten hatte. Sie hatte eben doch ein uneheliches Kind gehabt. Und der Iver war leichter zu verletzen und empfindlicher, als man hätte glauben sollen – darum sah er oft so böse vor sich hin und schwieg oft lange Zeit. Hätte sie nur wenigstens reden können! Denn er war so unglaublich blind, der Iver, genau wie irgendein anderer Mann. Der Otte, ja! sagte sie sich. Aber der war seiner Wege gegangen und kam nie wieder. Alan bekommt nicht den, der einen erkennen und der einen verstehen würde. Und vielleicht soll es auch nicht so sein. Eilert führte jetzt ein ganz erträgliches Leben. Er hatte seine eigene Stube und einen guten Austrag bekommen. Freilich, die Leute redeten gar vieles, das aber mußten sie doch zugeben, daß sie an ihm gut gehandelt hatte; und Iver war auch nicht geizig, er erfüllte seine Verpflichtungen getreulich. Sie hatte wohl gefühlt, was in ihm steckte, damals als sie ihn nahm. Elen räumte dem Alten die Kammer draußen auf. Sie machte ihm das Bett, wenn sie es auch noch so eilig hatte, hielt seine Kleider in Ordnung, kochte und trug ihm das Essen hinein. Manchmal saß sie eine Weile bei ihm, stopfte Strümpfe oder flickte ein Kleidungsstück. Es kam auch vor, daß sie nur dasaß. Das tat sie an jenem Tag, nachdem sie in Kjelvika gewesen war. Der Alte lag auf der Bank drüben, er mußte die Uhr an der Wand über sich im Auge behalten, denn sie war ein faules Ding und wollte nicht gehen. Wenn sie Anstalten machte stehenzubleiben, reckte er sich und gab ihr einen kleinen Stoß, so daß sie wieder in Schwung kam. Dann und wann einmal hustete er und räusperte sich und rang nach Atem. Das Birkenlaub, das Elen hereingebracht hatte, erfüllte die Stube mit starkem Duft; und am Abend wollte sie, wenn sie Zeit dazu fand, Wacholderreisig suchen, klein hacken und auf den Boden streuen. Dann legte sie ihm sein Gebetbuch hin und die Brille, fragte noch einmal, was er zu einem kleinen Tropfen Kaffee meine, und ging dann zur Türe. Dort stand sie und lächelte ihm zu: »Ihr seht mir fast so aus, als ob es Euch jetzt recht gut ginge, meine ich?« »Hö, hö!« hustete er. »Und dem Jungen, dem tut es nur gut, unter die Leute zu kommen, nicht wahr?« Jetzt blickte er auf, und seine Augen waren milder, als Elen sie je gesehen hatte. Er sah sie lange offen an, und sie wurde brennend rot. – »Ja, jetzt muß ich in den Sommerstall hinübergehen.« Und der Iver kam und trug ihr den Trankeimer. Sagte nichts, sondern kam her, nahm ihn ihr ab und trug ihn bis zum Stall. Er erwiderte nichts auf ihren Dank, wandte sich nur um und ging fort. Aber es war sonst nicht seine Art, so werktags einem Menschen zu helfen. Das hier war gewiß als ein kleiner Dank gemeint. Das Abenteuerland 1 Odin mußte sich am Morgen die Augen lange und fest reiben, bis er sich darauf besinnen konnte, wo er war: die Stubendecke hing tief auf ihn herab, und die Wände lächelten ihm so fremd zu; sie kannten ihn, er aber nicht sie. Und dann all die Stimmen draußen, all das, was schrie und lärmte und keine Ruhe gab – Kjelvika und die Seevögel! Ja richtig, er war ja hier, jetzt hörte er sogar die Uhr – sie klang nicht so häßlich wie gestern abend, heute am hellichten Tag. Wenn er jetzt nur rasch in die Kleider kam. Denn er war ja nun bei fremden Leuten und sollte Hüterbub sein. Während er sich anzog, dachte er näher hierüber nach. Die Sache war die, daß sie ihn daheim nicht brauchten, denn die Viehweide war dort auf allen Seiten von Zäunen und Felsen eingeschlossen; und die Mutter war recht froh gewesen, gestern abend, weil er den Mut hatte, hier zurückzubleiben. Sie hatte es vielleicht schon einigen Leuten erzählt, und sie waren wohl alle mit ihr darin einig, daß dies für solch einen siebenjährigen Burschen eine große Sache war. Und gerade jetzt dachte sie daran. Er blickte auf und war ganz erstaunt: Ja, sie tat das, gerade jetzt, während er hier saß, jetzt stand sie bei der Küchenbank und dachte an ihn! Dann aber hatte er keine Zeit mehr, sich darüber zu wundern, sondern fragte sich, wo denn die Leute hier wären? Und warum sie ihn nicht geweckt hatten, damit er rechtzeitig mit dem Vieh hinaus kam? Gurianna war wohl im Sommerstall, war dort sicher schon fertig, denn sie besaßen nur zwei Milchkühe außer ein paar Ziegen; es war ein Häuslerhof hier. Für ihn gab es nichts weiter zu tun, als am Morgen die Herde hinauszujagen. Nur am Abend sei es ein bißchen mühselig, hatte Bendek selber gesagt. In der Küche begegnet er Gurianna, sie kommt mit dem Milcheimer herein. Sie war noch ebenso schwarz wie am Abend zuvor; er trat einen Schritt zurück. »Ich habe verschlafen!« sagte er, die Stimme klang ein wenig rauh. »Laß dir nur Zeit, Kind!« Gurianna sieht ihn mit kleinen lächelnden Augen an, und er tritt noch einen Schritt zurück. »Wir wollen dich doch auch nicht Hals über Kopf auf die Weide hinausjagen. Magst du einen Schluck Seihmilch?« »Ja, danke!« stotterte er. Er hätte sagen sollen, daß sie sich keine Umstände machen solle, aber das hatte er vergessen, und gleich darauf fragte er ganz erstaunt: »Was ist denn das – Seihmilch?« Jetzt lächelte sie wieder, er war nur ein kleiner dummer Kerl für sie; aber sie würde einem doch gewiß nichts tun. Er bekam einen großen Krug mit frischer Milch in die Hand und dazu ein: »So, nun trinke!«, dem man nicht entrinnen konnte. Da stand er nun und wußte, was Seihmilch war, und jetzt kam es auf, was für einen jämmerlichen Hüterbuben sie da angestellt hatten, denn er konnte keine kuhwarme Milch trinken, sein ganzer Magen drehte sich um, sobald ihm nur der Geruch in die Nase stieg. Er meinte, ein ganzes Leben lang so dagestanden zu haben, in Wirklichkeit aber war es nur ein kurzer Augenblick, dann fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf, und der war gut; so ging es ihm immer, wenn es darauf ankam. »Ich will mich auf die Treppe hinaussetzen«, sagte er. »Und mir's recht gut gehen lassen«, fügte er hinzu, denn so sagte der Großvater manchmal. Einen Schluck Milch nahm er aber doch, damit er sagen konnte, er habe getrunken; es schüttelte ihn durch und durch, und den Rest leerte er in die Hühnerschüssel, die dort draußen stand, denn darin war schon vorher Milch gewesen. – So, Odin, das hättest du also überstanden. Und der Tag verging in einem einzigen sonnenhellen Staunen. Ein Ding nach dem anderen kam ihm entgegen, wurde bewältigt oder machte sich mit ihm bekannt. Das erste waren alle die seltsamen kleinen Hügel mit Wacholder und Heidekraut und ohne Wald, und die hohen Berge, in deren Rinnen die Ziegen himmelhoch hinaufkletterten und zu ihm herunter meckerten; dann kam der Strand davor, mit Grasflecken und Tang und weißem Sand und all den seltsamen Dingen dort, er lief herum und las auf, lief und las auf – an einer Stelle fand er sogar das Rückgrat eines Fisches! Sofort rannte er damit heim – hatten sie schon so etwas gesehen? Nein, nein, freilich vom Eishai war es nicht, aber Odin schob mit großer Ruhe die Hände in die Taschen und schlenderte wieder hinunter. Denn sie waren seltsam, alle beide, der Bendek und die Gurianna, sie lachten ihn fast gar nicht aus, wenn er mit seinen Dummheiten kam, und wenn er fragte, so antworteten sie ihm fast so, als wäre er ein Erwachsener. Im übrigen war er ja jetzt Hüterjunge, und später würde er einmal ein ganzer Kerl werden, so sagte Bendek. Jetzt bekam Odin es wieder eilig, als sauge das Staunen ihn in sich ein: hatte man so etwas schon je gesehen? Denn das hier, das war es, wovon er daheim auf Vennestad immer gewußt hatte; es war das Abenteuerland! Jetzt war er hier, und die Erinnerung an daheim und an die vergangene Zeit war nur wie ein ferner Ton. Odin stand jetzt unbeweglich da, während er dies alles in Gedanken vor sich sah, und in diesem Augenblick gewahrte er unten auf dem Meer ein Wunder. Dicht an dicht flimmerte es auf dem ganzen Sund, schwamm und schnellte empor und zeigte sich immer wieder, Silberfische und Goldfische und alle möglichen Fische, die See war plötzlich ganz lebendig. Er wunderte sich nicht, denn dem Meer traute er alles zu, und ihm sollte noch vieles widerfahren, durchzuckte es ihn plötzlich. Groß und erwachsen kam er zum Haus hinauf, so wie Bendek gegangen wäre, wenn er etwas so Unerhörtes erlebt hätte. »Schau doch nur!« sagte er. – »Na und?« – »Ja, das Meer ist voll von Fischen, es kocht ganz.« Bendek kam, aber er kam nicht rasch: »Wo denn?« Mit großer und runder Bewegung deutete Odin über den Sund hinaus, wo die Sonne auf den kleinen Wellen glitzerte. Bendek verzog das Gesicht. Dann erzählte er, wie dies zusammenhing. Odin betrachtete es noch einmal und hielt dabei das eine Auge halb geschlossen. Nein nein; schon möglich, daß es keine Fische waren, aber es gab ihrer massenhaft hier, das fühlte er an sich durch und durch. »Es ist wohl mächtig tief, das Meer?« »Ja, es reicht dir schon bis über den Kopf«, lachte Bendek. Und gleich darauf fügte er hinzu: »Mir scheint, hier gibt es allerhand für dich?« Odin hüpfte das Herz. Es war so ganz unglaublich, daß ein Erwachsener dies so wissen konnte und es zu ihm sagte; mit offenem Mund blieb er stehen, erwiderte kein Wort darauf. Im Laufe des Tages wurde er noch ganz verwirrt. Hier gab es Hunderte von Dingen, aber nicht eines, mit dem er hätte heimkommen mögen, um es zu erzählen. Vielleicht mußte er nun doch anfangen, die beiden Leute hier Vater und Mutter zu nennen, denn davon hatten sie gesprochen. Er hätte ihnen gern eine Freude machen wollen. Zu dumm, daß nicht eine von den Kühen sich ins Moor verirrt hatte, denn dann hätte er – ja, dann hätte er auf jeden Fall heimlaufen und Hilfe holen können. Oder wenn sich unten am Meer irgend etwas gerührt hätte, ein Seeteufel heraufgekrochen wäre, um sie zu holen, und der Bendek, der doch so langsam vom Fleck kam – – da wäre er, Odin, herbeigelaufen und hätte das Ungeheuer auf sich gelockt, wie es kürzlich erst die Schneehuhnmutter getan hatte! Und dann wollte er das Biest so lange plagen, bis es platzte, und dann wären sie gerettet. Ach ja, es fand sich schon noch ein Rat; er würde ihnen schon noch einmal so helfen können, daß es verschlug. Odin kam heim und erzählte, und ein Ereignis wurde immer größer als das andere; er erzählte von einem riesigen Multebeerenplatz oben zwischen den Hügeln, von Raubtierspuren, und zuletzt von etwas, das der Hund oben auf der Weide irgendwo aufgetrieben hatte, vermutlich irgend etwas ganz Schreckliches, denn der Hund hätte die Haare aufgestellt und die Felsen angebellt – vielleicht war es ein Bär, oder war es der Bergtroll? Schließlich wäre es vielleicht am besten, das Vieh heimzuholen? – Nein, meinte Bendek. Der Hund sah so vieles, was Menschen gar nicht sehen konnten; es war am besten, gar nicht auf den Burschen zu achten. Da fühlte Odin, wie ihm die Kleider am Leib kalt wurden, denn nie hätte er gedacht, daß jemand ihm das glauben würde, was er da erzählte, und verhielt es sich wirklich so, daß der Hund –? Aber der Mund plapperte in einem fort, und beinahe hätte Odin nach Luft schnappen müssen, so sehr packte ihn das: – »Ich sah aber auch seinen Schwanz, es war zur Hälfte wie ein Weib und zur Hälfte wie ein Tier, es wollte gerade unter dem großen Steinblock hervorkriechen, da aber bekam es mich zu Gesicht.« – »Es sind nur solche Wesen, die in den Felsen wohnen und antworten, wenn wir rufen«, fügte er hinzu, denn er wollte die anderen nicht erschrecken. Als Odin den Bendek ansah, stand dieser da und lachte tief innen und gutmütig brummend: »Mir scheint fast, du bist ein kleiner Aufschneider?« Odin lächelte, schlug die Augen nieder und stieß mit der Fußspitze in die Erde. Es war ihm genau so unbehaglich zumute wie sonst, wenn man ihn einen hübschen kleinen Buben nannte. Er hatte sich ein ganz klein wenig vergessen; denn er wußte jetzt doch auswendig, daß er die Wahrheit sprechen sollte. Aber schließlich war das nicht so gefährlich. Dafür fand sich noch immer ein Rat. »Du solltest keinen Spaß treiben mit den Dingen, die wir nicht sehen!« Bendek sagte das ganz ernsthaft. »Jag doch dem Buben keinen Schrecken ein!« meinte Gurianna, die gerade ein Gefäß scheuerte. Waren das die Holzschuhe, die er bekommen sollte? In einem Nu hatte er sich auch schon daraufgeworfen und sie angezogen, ein Paar neue Holzschuhe, die Bendek gemacht hatte, eigentlich nur eine Holzsohle mit einem Riemen über dem Rist. Bendek fragte, wie es sich damit ginge. – »Das ist einmal ein ordentliches Kleidungsstück!« lachte Odin und lief ums Haus herum. Er lief und stolperte ununterbrochen, als er oben auf der Weide war und das Vieh heimtrieb, denn es war ein Kreuz mit diesen Holzschuhen, sie stahlen die Füße unter einem weg, und es war so merkwürdig still hier auf der Weide, nun, da er erst einmal darauf acht gab, und überall lagen so riesige Felsbrocken und sahen einen an. Ein Glück, daß das Vieh mit dabei war und der Hund –. Odin betrachtete ihn und schätzte ihn gleichsam ab –, mit einem Hund ließen sie sich doch wohl nicht gern ein, die Bergtrolle und alle die, die man nicht sieht? »Kannst du nicht ein wenig bellen!« rief er dem Hund zu. Und die ganze Zeit sang es dabei in ihm: Nach dem Abendessen rudern wir hinaus. Odin lachte, als er das Boot unter sich schwimmen fühlte; so laut lachte er, daß es über den Sund schallte. Er saß auf der vorderen Bank und fuchtelte mit seinem Ruder herum. Die Zunge schlüpfte immer wieder in den einen Mundwinkel, und die Stirnhaut war ganz starr, denn jetzt galt es aufzupassen, damit nicht die Krabben das Ruder packten, so hatte Bendek gesagt. Immer und immer wieder waren sie da und griffen danach, sie waren aber doch froh, wenn sie wieder auslassen konnten. Der Schweiß brach ihm aus, doch das Ufer glitt vorbei, es ging wie geschmiert, und unten am Meeresboden sah man Tangbüschel und sandigen Grund, große Steine und schwarzes Wasser unaufhörlich verschwinden, und jetzt packte die Krabbe sein Ruder allen Ernstes! Bendek geriet aus dem Takt. »Jetzt hat sie wieder losgelassen!« rief Odin. »Aber die war groß !« Und dort beim Haus sah er Gurianna stehen, sie hielt die Hand zum Schutz über die Augen und sah ihnen nach. Ja, ja, sie kam diesmal nicht mit, sie konnten ja wohl nicht zu dritt ins Boot? Im selben Augenblick fuhr ihm die Mutter durch den Sinn: sie durfte heute abend auch nicht mit dabei sein. So, jetzt waren die Schleppangeln draußen, jetzt konnten die Fische jeden Augenblick anbeißen. Odin meinte zu fühlen, wie sich die Mütze von seinem Kopf hob. Er tauchte das Ruder nicht mehr ein. Sie ruderten jetzt über die Fische weg, das spürte er. Da plötzlich gab es einen kleinen Ruck im Boot, und Bendek stieß einen Fluch aus. Es war ein Kohlfisch an der linken Angel gewesen, aber er hing nicht fest. Als Odin sich wieder erholt hatte, sagte er ernsthaft: »Ihr dürft nicht fluchen!« Bendek mußte über die Schulter zurückblicken: »Nein, wirklich?« Dann, als er wieder ruderte, murmelte er: – »Nein, nein, du hast recht. Das heißt: auf dem Festland. Beim Fischen, da ist es etwas anderes.« »Da! Da!« rief Odin. Und nun sah man, wie sich die eine Rute bog, und der Fisch und Bendek kämpften miteinander, so daß Odin laut aufschrie. Es war ein großer Dorsch, und kaum hatte Bendek ihm die Gaff hineingehauen und ihn ins Boot gerissen, stürzte Odin herbei und packte ihn mit beiden Händen. Er merkte kaum, daß ihn jemand beim Nacken faßte und zurückschleuderte, als aber Bendek sich ihm zuwandte, kroch er wie ein Hund zusammen, wäre am liebsten ganz verschwunden. »Du Berglappe!« sagte Bendek, aber gleich darauf brummte er vor sich hin, und dieser Ton schien Odin das Schönste, was er je gehört hatte. Wenn es doch nur nicht zu lange dauern möchte, bis Bendek im Wasser läge und am Ertrinken wäre und Odin ihn reiten könnte! Jetzt aber biß der Kohlfisch überall an, zuerst an der einen Angel und dann an allen dreien, und bald kochte die See rings um das Boot. »Teufel noch einmal!« fing Odin an. »Du darfst nicht fluchen!« warnte Bendek. »Nein, auf dem Festland nicht – aber greift doch zu – dort !« Es war die reine Schlacht, mit einemmal aber hatte es ein Ende. Odin saß wie auf glühenden Kohlen, denn auf der anderen Seite der Schäre gab es noch genug Fische, das konnte doch ein jeder sehen. Bendek wußte das von selber, denn jetzt fuhr er in dieser Richtung, und gleich darauf waren sie wieder mitten drin. Odin wunderte sich nicht darüber, daß der Fisch dort war, wo er ihn vermutet hatte. Er fand fast immer das, was er suchte, indem er dorthin ging, wo das Gesuchte gewesen war, und dann gleichsam den Weg verfolgte, den es von da aus genommen hatte. Hier aber handelte es sich darum, lebendige Dinge zu suchen. Merkwürdig, daß man nicht erwachte und nur geträumt hatte. Mitten in diesen Traum hinein riefen die Möwe und die Seeschwalbe, die Möwe und die Seeschwalbe, und das Meer rings um die Schäre hatte die gleiche Stimme; und die blaue Dämmerung rings um das Land sang das gleiche Lied. Das konnte doch nicht wahr sein! Als sie sich auf dem Heimweg befanden, sank Odin, ohne es zu merken, von der Ruderbank herunter und schlief ein, den Kopf auf dem Bodenbrett, bis das Boot an Land stieß. Da leuchtete ihm bereits die Sonne über dem Meer entgegen, eine große und rote Sonne. Es war nicht zu glauben, was man alles sah. Selbst die Wiesen oben an den Hängen lächelten ganz unkenntlich im Schlaf dem Sonnenschein entgegen, samt Kümmel und Glockenblumen und Butterblumen; er war der erste, der sie gesehen hatte. Das gleiche war es mit den Berggipfeln, und das Meer veränderte sich unaufhörlich, während man es ansah, floß rotglänzend und milchweiß dahin und schimmerte in allen Farben. Alle früheren Tage waren nicht mehr vorhanden. Er war noch nicht eingeschlafen, als die anderen kamen und sich zu Bett legten. – »Er schläft«, sagte Gurianna. – »Ha, ja, ja!« gähnte Bendek. – »Ich glaube fast, es wird einmal ein brillanter Kerl aus ihm.« – »Ach ja, ach ja; der kann alles mögliche werden, vom Pfarrer angefangen bis zum Seeräuber, das glaube ich.« Odin drehte sich herum, so daß die Bank knarrte und die anderen warnte. Das war zuviel Wahrheit, um so still dazuliegen und zuzuhören, und er wollte sie ja auch nicht belauschen. Dann verwirrten sich seine Gedanken ein wenig; und dann versank er ganz in sein Reich. Plötzlich aber lag er hellwach da, aus einem Gewebe von Träumen herausgerissen, und blickte um sich. Mitten in der Nacht sollte es sein und hell wie am Tag? Und die Uhr zeigte auf fünf? Er lag still da und schaute vor sich hin. Denn sie war hier gewesen. Jetzt soeben. Die Meerfrau. Das letztemal, als er sie sah, war sie noch ein Kind, jetzt aber war sie eine erwachsene Meerfrau und kam auf ihn zugeschwommen, daß es in den Silberschuppen ihres ganzen Leibes aufleuchtete. Aber es waren das gleiche Gesicht und die gleichen Augen, und dann lächelte sie ihm zu und erzählte, daß sie hier wohne und daß – – – Drüben im Bett schliefen sie, gleichmäßig und schwer. 2 §§§Jeder Tag wurde zu einem Abenteuer. Hier gab es so viel zum Staunen, daß Odin gar nicht damit fertig wurde; unten an der See und oben auf der Weide und wohin er sich auch wandte, überall gab es etwas zu sehen und zu lernen: Steine und Büsche verbargen alles mögliche Unbekannte, und er war der einzige, der hier umherging und darüber herrschte, Trollzeug und gute Sachen, alles durcheinander, so daß das Herz immer und immer wieder laut zu pochen anfing. Und dann der Vater, der Bendek, und die Gurianna. Die wußten allerhand. Aber fragen konnte man sie nicht. Er fragte zwar beständig, aber nie das, worum es ihm am meisten zu tun war. Zum Beispiel, weshalb der Vater manchmal fluchte. Er, der doch wußte, wie gefährlich das war. Oder warum er am Abend das Vaterunser sprach, aber nicht am Morgen; war ihm vielleicht einmal etwas widerfahren, während der Nacht? Und warum sah die Gurianna so aus, als habe sie gestohlen? Ja, und wer wohnte denn eigentlich in den Häusern, die leer standen? Denn irgend jemand wohnte dort, ganz dicht kam es an ihn heran, meistens unten beim Bootsschuppen. Davongelaufen war er deswegen nicht. Das war nicht erlaubt. Die Mutter daheim auf Vennestad, die hatte den lieben Gott bei sich; der begleitete einen überall, wenn man sich nicht vergaß und log oder fluchte, und so wollte er auch werden, später einmal. Odin war eines Tages draußen auf der westlichen Weide und suchte die Schafe zusammen, es war ein paar Monate später im Sommer. Er sprang von einem Erdhaufen zum anderen und raufte dabei ganze Hände voll Multebeeren ab, er war ganz überrascht, denn hier standen wirklich die Beeren, von denen er erzählt hatte. Und bald war seine Mütze voll, und er freute sich schon darauf, wie sie daheim die Augen aufreißen würden. Aber hier gab es allzuviel Beeren; das ging am Ende nicht mit rechten Dingen zu? Ach was, ihm war es gleich, die Gurianna sollte auf alle Fälle die Beeren bekommen; sie konnte schließlich nichts dafür, daß sie so schwarz und unheimlich aussah. Eines Tages aber hatte sie ihm ganz heiß gemacht, denn da saß sie da und rauchte, als er gerade hereingeschossen kam. Wie weggezaubert war die Pfeife, und er blieb lange Zeit unter der Tür stehen. Sich rasieren – ja das tat sie auch, das hatte er ebenfalls entdeckt. Aber jetzt sollte sie doch die Multebeeren bekommen! Der Beerenplatz wurde immer größer und größer, grinste ihm förmlich entgegen und dehnte sich nach allen Seiten aus, über und über rot, und die Schafe hätten schon längst daheim sein sollen! »Ja!« schrie er auf einmal, denn irgend jemand hatte seinen Namen gerufen. Der Laut war von oben aus den Bergen oder aus der Luft gekommen, eine fremde Stimme. Da, jetzt rief es wieder. Er steht da und schaut sich um. Da taucht ein Knabe hinter dem Hügel vor ihm auf, und gleich darauf noch einer von der anderen Seite, und nun versperren sie ihm den Heimweg. Jetzt rief der eine – da antwortete der andere – jetzt antwortete es von überall auf allen Hügeln. Dieser Gesang galt ihm, sie hatten ihn erwischt, er war auf ihren Beerenplatz geraten. Sie waren nun zu viert, und alle schrien sie gleich häßlich: »Alio–alio–alio–ei!« Alle vier hatten sie Pelzmützen auf dem Kopf und rote Hemdärmel und blaue Westen. Sie waren wie aus dem Boden emporgeschossen. Er hob ein langes Wurzelstück auf und stellte sich damit hin. »Was wollt ihr?« rief er. »Beerendieb!« schrien die anderen, und dann fingen sie wieder ihr Gejohle an. Jetzt waren sie dicht bei ihm, drangen von allen Seiten auf ihn ein, und zwei von ihnen waren größer als er. Es waren doch Menschen, meinte er, und da war es doch erlaubt, mit der Rute um sich zu schlagen. »Beerendieb!« Odin stieg das Blut zu Kopf, er nahm seine Mütze und leerte sie vor ihren Augen aus – da hatten sie ihr Zeug! Diebstahl war das Schlimmste, was er gehört hatte. Aber den anderen leuchtete die Streitlust aus den Augen. Da wurde es ihm klar – er sollte Prügel haben! Nun gut, dann aber durfte auch er selber zuschlagen. Er versetzte dem vordersten von ihnen einen Hieb mit der Gerte, sprang auf den Größten zu, umfaßte ihn und fiel mit ihm zu Boden. Die anderen warfen sich über ihn und eröffneten ein Feuer von Fausthieben und Stößen und Schlägen. Odin glaubte mit einem nach dem anderen fertig zu werden, er glaubte mit ihnen allen fertig zu werden. Er schlug so lange zu, als er sah. Dann war er plötzlich allein. Sie waren ebenso unerwartet wieder in den Boden versunken, wie sie aufgetaucht waren wahrscheinlich hatte ihnen jemand gerufen. Es dauerte einige Zeit, bis die Nase zu bluten aufhörte, seine Augen taugten auch nicht mehr recht zum Sehen, aber er konnte doch noch den Hang hinaufkrabbeln und brachte auch noch die Schafe mit heim. Jetzt hätte ihn bloß die Mutter sehen sollen, sie, die schon in Ohnmacht fiel, wenn sie nur an Blut dachte. Immer wieder mußte er lächeln: So – so stand ich da, und dann ging es gerade auf die anderen los, he? Das war das Beste, was mir jemals untergekommen ist. Als er aber daheim in Kjelvika seine Geschichte erzählte, runzelten die anderen die Stirne. – Er hätte doch nicht raufen dürfen! sagte Gurianna. Bendek war der gleichen Meinung. Da machte er große Augen: »Aber da war doch nichts zu wollen? Es ging doch nicht anders?« »Laß dich nie mit vielen Leviten auf einmal ein, mit der Übermacht.« Bendek sagte das. – »Denn die Jörnstrand-Buben sind ein wahres Unkraut«, fügte er hinzu. »Waren es denn bloß die? Hätte ich etwa ausreißen sollen?« Nun erklärten sie ihm, daß das Raufen nicht nur häßlich, sondern auch gefährlich sei, und daß anständige Leute sich von solchen Dingen fernhielten und sich mit Anstand aus der Sache zögen, und Jörnstranda sei ein Häuslerplatz weiter im Westen, der zum Hof Nesse gehöre, es sei ein Ort, von dem er sich fern halten solle. Odin stand da, als höre er zu, und das versuchte er auch wirklich nach besten Kräften zu tun; mitten drin aber platzte es aus ihm heraus: »Ich möchte bloß wissen, wie es das nächstemal ausgeht.« Er wurde rot und schämte sich und rief rasch: »Nein, ich werde schon davonlaufen – ich werde es schon fertigbringen!« »Ja, tu das, Kind!« »Ich werd es schon versuchen!« Aber das müßte wohl eine schwere Sache sein. Später am Tage fragte er Bendek, ob er das jemals getan habe? – »Was denn?« – »Hast du ihnen je den Rücken gedreht und bist vor ihnen davongelaufen?« Bendek sagte nur Ha und Hum. Da wußte Odin, daß es für ihn unmöglich war. Vorläufig noch. Und als er sie das nächstemal traf, ging es auch sofort los. Er bekam noch mehr Prügel als das letztemal, aber er tröstete sich damit, daß er selber diesmal auch mehr Schläge ausgeteilt hatte; und die daheim brauchten überhaupt nichts zu merken, wenn er sich nur genügend abwusch. Gurianna fragte trotzdem. Er leugnete. Das war auch nicht viel schlimmer, als wenn sie die Pfeife versteckte, sobald Leute kamen. Gleich darauf kam Bendek und fragte. Da gestand er alles sofort. »Es ging nicht anders«, sagte er, und Bendek mußte lachen. »Du darfst mir glauben, ich hab sie gehörig verprügelt!« »Prahlhans!« Bendek ließ ihn einfach stehen. Odin hätte weinen mögen. Er, der sich doch vorgenommen hatte, nicht mehr ein unwahres Wort über die Lippen zu bringen. Zwar fühlte er keine Angst vor Beelzebub, von dem die Mutter erzählt hatte, aber er hatte das Gefühl, als wäre er mit der Nase gegen einen Ast gerannt. Sollte es denn niemals das letztemal sein? Nun, es würde sich schon noch ein Rat finden. Und im übrigen wollten sie ja jetzt auf den Kohlfischfang. Eines Abends sagte Gurianna, er solle sich schön machen und mit ihnen fortgehen. Odin sah Bendek an, denn es war ein großartiges Wetter zum Fischen. Gurianna aber sagte, auf Vennestad sei Missionsversammlung, und da verblaßte für ihn Fischfang wie Kjelvika. Vennestad war in der Zeit, da Odin fortgewesen war, gewachsen. Die Häuser hatten sich verändert, und alles andere auch. Aber er wollte nicht dort bleiben, es war überall so leer. Viele Worte waren es nicht, die die Mutter mit ihm wechseln konnte. Sie kam in die Eilertstube, während er gerade dort war und sich umsah. – »Habt ihr denn nicht einmal einen Hund hier?« fragte er. – »Hund?« – »Ja, denn das haben wir, und er ist ein Teufelskerl, will ich dir sagen; er sieht nicht nur, was wirklich vorhanden ist, sondern auch das andere. Und auf den Fischfang rudert ihr auch nicht?« Sie mußte lächeln, und Eilert mit ihr, denn es hörte sich an, als spräche der Bendek selber. »Du bist gern in Kjelvika, scheint mir?« »Ja, verflucht noch einmal, dort – –« »Nein, aber Odin, du sollst doch nicht fluchen!« »Nein, ich habe mich versprochen, ich wollte ja doch verdammt sagen!« Die Mutter war ganz erstarrt und sah Eilert an. Der Junge war schon draußen. – »Es steckt doch etwas von den Juwikingern in ihm«, lächelte Eilert. – »Das war noch meine geringste Furcht«, seufzte Elen. »Aber so mußte es wohl kommen, wenn der in die Fremde hinausgeschickt wurde.« Odin wurde ganz eifrig, als Gurianna kam und heimgehen wollte. Die Mutter rief ihm nach, sie wolle ihm doch wenigstens Lebewohl sagen. Er kam herbei und gab ihr die Hand. Dann machte er einen Augenblick lang ein ganz jämmerliches Gesicht, war nur noch Kind, so daß sie sich beeilen mußte, es rasch abzumachen. Da aber war er sofort wieder der Bendek, machte die Ellbogen rund, ballte die Fäuste, bog den rechten Daumen ein und stellte ihn wieder auf: »Also, laß dir's gut gehen!« – – – Eines Tages, gegen Ende des Sommers, ging er im Westen drüben am Strand entlang und kam an Stellen, wo er noch nie gewesen war. Ab und zu lauschte er, denn mit den Jörnstrand-Buben wollte er nicht mehr zusammentreffen, er war jetzt gerade im Begriff, ein anständiger Mensch zu werden. Er kletterte einen Hang hinunter, wollte doch noch sehen, was es dort gab, ehe er wieder umkehrte; er hatte ein Gefühl, als könne er dort irgend etwas Merkwürdiges finden. Vielleicht war es etwas, was die See herangetragen hatte. – Dort unten war eine schöne Bucht. Das Meer machte einen Bogen ins Land herein, und der weiße Sand mit kleinen Steinen und Muscheln leuchtete herauf, und oberhalb war eine kleine schöne Wiese. Und im Sand dort saß ein kleines Mädchen und vertrieb sich die Zeit. Das Herz schlug ihm ein wenig schneller als gewöhnlich, denn das, was er dort sah, war nicht Wirklichkeit, aber umkehren durfte er auch nicht, er mußte zu ihr hinunter. Sie erschrak nicht. Sie sah ihn nur an. Nein, sie war nicht seine Meerfrau, nicht ganz, aber sie hatte eine schöne Jacke an und rote Socken, und auf dem Kopf trug sie nichts. Ihr Haar war dunkel. Ob das hier ihre Kühe seien? Er deutete auf ein paar Muscheln in ihrer Nähe. Ja, und er? Was war denn er für einer? Nun, er war doch – ja, er war der Hüterbub von Kjelvika. Ach der. Sie sah ihn rasch an und lächelte so halb und halb, und nun halle sie doch gar nicht so wenig Ähnlichkeit mit der Meerfrau. Dann stand sie auf, schüttelte ihren Rock aus und lachte: »Ich glaube beinahe, daß ich von dem Sand hier Flöhe kriege. – Aber du darfst nicht wieder Multebeeren auf unserer Wiese holen«, fügte sie hinzu. »Die Buben könnten dich sonst einmal erschlagen!« Er sah sie an, die Kinnlade war ihm ein wenig schlaff geworden: Da war sie also ihre Schwester? Sie hieß also Karen-Anna! Sie war ein merkwürdiges Ding, trotz allem. Jammerschade, daß er nichts hatte, das er ihr hätte schenken können. Aber, wenn sie wollte, sagte er, so würde er ihr eine Holzkuh machen, die nicht nur springen, sondern auch brüllen könnte; was sie dazu sagte? Da blickte sie sofort ganz strahlend drein; dann aber fuhr ein neuer Ausdruck über ihr Gesicht: »Ja – wirklich?« »Nein. Aber wenn ich's könnte, dann –« »Hättest du sie mir geschenkt?« »Un–bedingt!« denn so sagte Bendek immer, wenn er seiner Sache besonders sicher war. Und dann gingen sie beide ihrer Wege. Aber sie schauten sich um, immer wieder. Sie hüpfte übrigens von Zeit zu Zeit dahin, sie war so froh und so übermütig, und auf einmal war sie hinter dem Hügel verschwunden. – – – Er traf sie dort viele Male. Ihre Brüder bekamen Wind davon, und von dem Tag an war es nicht mehr so behaglich, denn raufen wollte er nicht mehr, und erst recht nicht, wenn sie zusah. Sie suchten sich immer wieder neue Stellen aus, aber die Buben waren hinter ihnen her und stöberten sie auf; schließlich mußten sie im Bootsschuppen von Kjelvika ihre Zuflucht suchen. Um so schöner war es dann, wenn sie an einem Tag einmal Frieden hatten. Wenn er allein war, erschien sie ihm immer wie ein Traum und wie die Meerfrau, aber war sie erst einmal da, so herrschten nur noch Dummheiten und Späße, denn sie konnte auf alles verfallen. Oft stand er da und überlegte: warum hatte er nicht früher darauf geachtet, daß in allem etwas Lustiges war! Er hatte doch gewußt, daß in jedem Ding irgend etwas wohnte. Jetzt wurde jeder Stein zu einem Haus, und jeder Baumstumpf zu einem Mann, und jedesmal zog sie irgend etwas an und sah ganz verändert aus, es brauchte nichts weiter dazu als ein Stück Netz, und sie war ein Engel Gottes mit Flügeln und allem, was sonst noch dazu gehörte. Da aber richtete er sich gerade auf: Was er hier schon für unheimliche Dinge gesehen hatte, in der Hütte und oben am Hügel! »Ja, wäre nicht die Meerfrau gekommen und hätte mir geholfen, eines Abends, dann –« »Ach du mit deiner Meerfrau! Was du alles für Zeug schwätzt!« Sie versetzte ihm einen Stoß, so daß er taumelte, und lachte sich fast tot. Gleich darauf aber bat sie, und nun war sie wieder ganz sanft: »Kannst du nicht noch einmal etwas zusammenlügen? Nichts Unheimliches, aber –« Als der Spätherbst kam und es kalt wurde, durften sie auf Kjelvika in die Stube kommen und dort miteinander spielen. Karen-Anna sollte seine Frau werden. So sagte Gurianna, und damit hatte sie recht. »Wenn's einmal soweit ist«, meinte er. Sie war ein Jahr älter und ging nun in die Schule, und da blieb er oft lange Zeit allein, konnte sich nicht einmal mehr erinnern, wie sie aussah. Ohne sie hätte er diesen Winter in Kjelvika nicht überstehen können. 3 Zuerst wüteten Sturm und hoher Seegang lange Zeit hindurch. Da geschah es an den Abenden, daß Bendek sich auf die Bank setzte und Märchen erzählte. Es kam nichts Unheimliches vor in diesen Märchen, sie handelten von lauter Sonnenschein und weißen Engeln, und kam einmal ein schlechter Kerl dazwischen, so geriet er in die Klemme und bekam es tüchtig heimgezahlt. Tagsüber waren sie draußen und suchten Treibholz, und niemand konnte wissen, was sie fanden. Als der Schnee kam, machte Bendek ein Paar Schneeschuhe. Mit den Tagen hatte es also keine Gefahr. Schlimmer war es schon mit den Abenden. Odin wurde den Himmel gewahr, und den fürchtete er. Er wußte selber nicht, was er Schlimmes angestellt hatte, aber zur Abendzeit konnte er dem Himmel nicht in die Augen schauen. Bisweilen war er dunkelblau und lag ganz dicht über einem, so daß man die Sterne hören konnte, wie sie flüsterten und drohten. An anderen Abenden war er gelbbleich und hoch, hoch über den Berggipfeln; und bisweilen stand er mit brandgelber Glut westlich über der Schäre und blickte starr hierher. Ab und zu war es märchenhaft still in der Dunkelheit, und dann bellte der Hund zum Strand hinunter, und die Haare standen ihm dabei zu Berge. In solchen Augenblicken war selbst Bendek nicht viel mehr wert als ein kleiner Junge. – Meist aber herrschte Wind. Der hörte sich zwar auch nicht gut an, er fegte über das Land und den Strand ringsum und heulte und erzählte alles mögliche, und niemand konnte ihn verstehen. Aber er war doch immerhin ein Bekannter. Dann kam wieder der Frühling, und dann kam der Sommer, und Odin war Herr in seinem Land wie früher. Jetzt kannte er sich wieder aus. Es war noch einmal der gleiche Sommer. Aber er war vergangen, ehe Odin sich's versah. Gegen den Herbst zu kam der Heringsschwarm in den Sund. Er kam, als wäre er hergezaubert worden. Odin stand da und glotzte eine Weile geradeaus vor sich hin: der Schwarm hatte sich hereingeschlichen, ohne daß er das geringste bemerkt hatte. – Odin war mit dabei, als sie am Abend die Netze auslegten, und er war mit dabei, als man sie am Morgen hereinholte, noch ehe der Tag graute, und später stand er am Strand und pflückte die Fische aus dem Netz wie ein Erwachsener; für das Vieh mochten andere sorgen. Des Morgens war es am merkwürdigsten. Da kam Bendek und weckte ihn. In pechschwarzer Finsternis: Willst du denn wirklich mitkommen? – Gleich darauf war er in den Kleidern und draußen, und mit leerem Magen fuhren sie hinaus, während ringsum noch alles schlief. Nur der junge Mond war wach, stand wie ein Zeichen am Himmel, und der Rauhreif leuchtete auf der Wiese, sie lag wie ein unbekanntes Antlitz da. Das Meerleuchten funkelte unter den Rudern auf, und von allen Seiten hörte man die Boote kommen und im Dunkeln den Weg zu ihren Netzen suchen. Odin fühlte den Magen hohl vor lauter Spannung, wenn Bendek den Schwimmer hereinhob und das Netz achtern am Boot aus dem Wasser kam. Heringe, Heringe – es war, als schütte Bendek Silber ins Boot, lebendiges, zappelndes Silber, da stand Bendek vor ihm und wurde reich! War es dann zu Ende, glaubte Odin aus einem Traum zu erwachen, und er brauchte einige Zeit, bis er sich wieder erholt hatte. Fragte man ihn, wie es mit dem Hering ging, so schwieg er zuerst eine Weile, spuckte aus, und dann sagte er: »Ja, danke, es geht nicht ganz schlecht.« Und auf einmal, wenn er schon seiner Wege gehen wollte, kam es groß und schwer: » Grausam viel Heringe gibt's!« Er hatte dieses Wort von Bendek gehört. Dann und wann aber erwachte er am Morgen und sah den hellen Tag am Fenster. Bendek war allein fortgefahren. – » Einmal mußt du doch ausschlafen«, sagte Gurianna. An diesen Tagen hatte Bendek stets doppelt soviel Heringe gefangen, das hatte Odin herausgebracht, und das merkwürdigste war, daß er diesen Fang nicht sehen durfte; Bendek schloß den Bootsschuppen ab. Der Hering verschwand ebenso unerwartet, wie er erschienen war. Da erst dachte Odin an Karen-Anna, – er fühlte, daß sie schon seit mehreren Tagen auf ihn wartete. Er fand sie in ihrer Bucht. Sie machten einen weiten Rundgang miteinander. Der Frost hing blank wie Eis vom Himmel auf die Erde herab, und weiße, vereiste Sturzbäche leuchteten an den Felsen auf, und überall ringsum war es braungrau und hell und schön, höchster Feiertag; und so war auch Karen-Anna. – »Du glaubst es wohl nicht recht, daß ich reich werde?« – »Ja?« meinte sie fragend. – »Ja, denn das ist doch klar! Ich bin nicht unglücklich darüber, daß ich meine Schuhe an der inneren Seite abtrete, das ist ein Zeichen für Reichtum, du kannst den Bendek fragen, – nein, schließlich, ich weiß es ja selber auch.« »Der Bendek, ja...« sagte sie vor sich hin. »Du solltest nicht in Kjelvika sein, Odin! Nein, denn er flucht so, der Bendek«, fügte sie hinzu. »Ja, aber er betet auch das Vaterunser,« »Ja, schon recht, aber er stiehlt auch, er stiehlt den anderen die Heringe aus den Netzen.« Zuerst war er sprachlos, dann aber brach er aus: »Jetzt lügst du aber, daß sich die Balken biegen!« »Das weiß doch ein jeder«, erwiderte sie leise. »Das ist eine Lüge, sage ich. Er war damals gar nicht daheim, er war in der Stadt!« »Lüge?« sie sah ihn entsetzt an. Denn lügen, das tat sie niemals, er wußte, daß das nicht ihre Art war, höchstens einmal im Spaß. Aber das hier? »Du lügst, sage ich, und jetzt sollst du Prügel haben!« Er riß sich einen Zweig ab und kam auf sie zu. Er wollte sie übers Knie legen, sie aber ließ sich's nicht gefallen, und sie waren beide gleich stark. Sie kämpften hart und still, lange Zeit. Da ruft Odin, seine Stimme klingt ganz dick: »Kannst du denn nicht stilliegen, Mädel, wenn ich dich verhaue!« Ihr Griff wurde schlaff, und sie sank zwischen seinen Händen zusammen. Doch er konnte nicht loslegen. »Für diesmal sollst du noch mit dem Schrecken davonkommen! Das aber sage ich dir – – –« Sie blieben miteinander im Heidekraut sitzen. Karen-Anna hatte Tränen in den Augen, saß da und riß Gras und Moos in Büscheln aus. Da gelobte er sich, daß er immer gut gegen sie sein wollte, wenn sie einmal erwachsen waren. – »Lügst du denn niemals?« fragte er. – »Nein? – Na ja, und als Mädchen, weißt du. Aber ich, ich bin ein großer Prahlhans ! Doch von jetzt an will ich mir das abgewöhnen, das ist eine Kleinigkeit für mich.« Er saß da und sah Bendek gleichsam vor sich. Er sah ihn allein in der Dunkelheit des Morgens auf dem Sund draußen, und im Schuppen, wenn er dastand und die Fische einsalzte. Er sah ihn, wie er sich beeilte, mit dem Strandgut heimzukommen, und wie er es oben auf dem Speicher versteckte. – Weiß der Teufel, er stiehlt auch noch! murmelte er vor sich hin. Karen-Anna fuhr zusammen und blickte auf, und jetzt erhob er sich: ihn dünkte, er sei so groß wie ein Erwachsener: »Wenn ich nun mit ihm reden würde! He?« Sie strahlte über und über vor lauter Verwunderung. Ihre Augen kamen ihm entgegen, so schien es ihm; sie waren grau, aber auch blau dazu, glichen keines anderen Menschen Augen. – Ja, ja, nun mußte er wohl heimgehen. Sie glaubte, was er sagte. Da blieb nichts anderes übrig, als es zu tun. Wenn die Sonne bei seinem Heimkommen auf die Hauswand scheinen würde, wollte er es tun. Das tat sie. Ihr Strahl kam gerade über den Bergrücken oberhalb von Jörnstranda, in dem Augenblick, als er auf den Steinwall kletterte. – »Wo ist der Vater?« wollte er wissen. – »Oben am Hang, er holt Wacholder.« Odin fand Bendek und fing an, Wacholder auszureißen; aber der Wacholder wollte nicht nachgeben. Bergabwärts nahm jeder seine Bürde auf sich, und Odin hielt sich dicht hinter Bendek. Dann standen sie unten am Holzschuppen, klopften Moos und Gras von ihren Kleidern und wollten hineingehen. Der Tag war schon im Schwinden. Rings um sie und überall war es seltsam still. Die Schäre wirkte so merkwürdig schwarz. »Was gibt's?« fragte Bendek und zog dabei die Brauen hoch. »Die Leute sagen, Ihr stehlt Fische, Ihr leert anderen die Netze aus – das ist Lüge, sagte ich!« »Sagtest du das?« »Ja, denn es ist Lüge, hört Ihr! Aber könntet Ihr es nicht trotzdem sein lassen? Oder ich gehe meiner Wege!« Er sieht Bendek gleichsam in weiter Ferne, wie er dasteht und lächelt; so hat er noch nie dagestanden. Odin muß einen Zweig nehmen und hineinbeißen. Bendek setzte sich auf den Sägebock. »Ja, das ist so eine Sache, Odin«, murmelte er. »Ja, fort von hier; seiner Wege gehen; das wäre ein Wort für uns beide. ›Kjelvika‹ – ja, das können sie leicht sagen; mehr wissen sie nicht davon. Der Mensch schuf Kjelvika. Und Kjelvika schuf den Menschen. Das ist wenigstens mein Glaube. Wer ihm entrinnen kann, soll froh sein.« Odin sah vor sich hin. Der Bendek – sie alle wurden winzig gegen ihn. Hatten sie etwa auf dem Sägebock gesessen und nachgedacht? Und manchmal saß er auf einem Stein unten am Strand und dachte nach. Das wußten sie nicht, nein – »Aber was soll denn aus dir werden, was meinst du? Ach nein, übrigens mit dir steht es noch nicht zum Schlechtesten, Odin. In dir ist Erhöhung . Für einen anderen ist es zu spät.« Bendek seufzte so schwer wie der Berg, dünkte es Odin. Dann blieb er sitzen, wiegte sich hin und her und murmelte vor sich hin. – »Seine Mutter, mit der ist nicht viel los. Gute Leute, früher einmal. Aber jetzt ist nicht ihre Zeit. Der Vater aber, der muß ein tüchtiger Kerl gewesen sein. Es hat also keine Gefahr mit dem Burschen, das sehe ich jetzt.« Bendek erhob sich und betrachtete den Buben von oben bis unten. »Das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf – steht dieser Spruch in deinem Buch?« »Nein?« »So. Ja, das glaub ich gern. Komm herein, Odin, dann tafeln wir und halten Gasterei. Es steht ehrliche Grütze auf dem Tisch; darauf kannst du dich verlassen.« Er wieherte leise wie ein gutmütiges Pferd. Odin lag so, daß der Halbmond durch das Fenster zu ihm hereinschaute. Er lag da und sah ihm an diesem Abend geradeaus ins Gesicht. Ein wenig unheimlich war es, aber das machte nichts, denn er hatte nichts Schlimmes getan. Und der Bendek und das andere standen wie in einem Nebel vor ihm. Es war alles recht, was der tat. Denn er gehörte zu dieser Art Menschen. Aber wenn die Mutter etwas davon gewußt hätte? Vielleicht ahnte sie es? Und außerdem sollte sie doch einmal froh werden! – Du Odin, du Odin, würde sie sagen. Einige Tage später ging es zur Schule. Es war eine lustige Arbeit, dort hinzugehen. Der ganze Hof voller Kinder, und was für Kinder! Wenn die Lehrerin weg war, konnte kein Mensch seine eigene Stimme mehr hören. Er selber erregte nicht viel Aufsehen, das gab ihm gleich einen Stich, aber daran dachte er nur am ersten Tag, und außerdem hatte er ja noch allerhand im Hintergrund, wovon die anderen nichts wußten, daheim in Kjelvika. Er stammte aus einem anderen Lande als sie. Und tausend Dinge gab es zu hören, drinnen wie draußen. Während der Stunden konnte er kaum stillsitzen, er hätte irgendwo sein mögen, um erzählen zu können, denn die Mutter wußte nichts von alledem hier, und die daheim erst recht nicht. Auf dem Heimweg kam er meistens allein über Vennestad, denn die von Jörnstranda gingen einen Richtweg über die Höhen. Da geschah es dann manchmal, daß die Mutter herauskam und ein paar Worte mit ihm sprach. »Gottes Frieden!« grüßte er und fuhr sich über die Stirn. Er wartete geduldig, während sie ihn nach dem oder jenem fragte, und kaum schwieg sie, begann er zu erzählen. Mittendrin aber konnte er sich plötzlich dabei ertappen, und dann sagte er nicht ein Wort mehr, und ein paarmal nahm er das sogar wieder zurück, was er erzählt hatte: Goliath und dieser Hirtenjunge, sie waren nicht aus diesem Land hier, wenn er's genau überlegte, und die Wikinger fraßen keine Menschen, nicht so ohne weiteres. »Was treibt ihr hier auf dem Hof?« konnte er fragen. »Und mein Vater, das war ein tüchtiger Kerl; in mir ist Erhöhung!« sagte er eines Abends, er machte wieder die gleiche Bewegung mit dem Daumen wie Bendek. Elen fuhr zusammen. Ihn dünkte, sie schlüge die Augenlider so heftig auf, daß es knackte. Dann aber nahm er sein Bücherbündel unter den Arm, sagte Gute Nacht und ging seiner Wege. Eines Abends mußte er in der Schule nachsitzen, weil er die Lehrerin ausgelacht hatte, während sie das Vaterunser sprach. Es war schon tiefe Dämmerung, als er nach Vennestad kam. Der Mutter wollte er heute abend nicht begegnen, es lag ihm nichts daran, ihr zu erzählen, wie die Sache zusammenhing. Da hörte er ein Tuscheln und ein leises Kichern vom Kohlacker drüben. Es waren junge Leute, die dort Kohl stahlen. Jetzt hörte er sogar, wie es knirschte, es knirschte zwischen ihren Zähnen, während sie aßen. In diesem Augenblick kommt Elen über den Hof. Da springt einer von ihnen auf allen vieren um die Stallecke herum und in den Kornacker, einer in einem hellgrauen Segeltuchanzug; er schreit wie ein Kalb. Elen glaubt, sie habe vergessen, das Kalb hereinzuholen, und so bleibt sie stehen und lockt das Tier. – Da antwortet ihr von drei, vier Seiten ein lautes Kichern aus der Dunkelheit. Odin mußte sich auf die Lippen beißen, wollte er nicht in Weinen ausbrechen. Jetzt aber ballte er die Fäuste und fluchte, fluchte laut, so daß auch der Herrgott es hören konnte: sie solle einmal Erhöhung erleben! Zunächst einmal wollte er ein braves Kind in der Schule sein. Und ein paar Tage später sagte Karen-Anna: »Du darfst nicht mehr dastehen und über die Schule lachen, Odin! Denn da bekommst du Schläge.« – Hm, vor Schlägen hatte er keine Angst, aber –. Er wollte doch ein ordentlicher Mensch werden; er hatte Lust dazu bekommen. Eines Tages in der nächsten Woche bekam er Schläge. Die Kinder standen gerade da und sangen die Schlußverse, und sie plagten sich alle aus Leibeskräften. – »Das geht ja herrlich!« dachte er. Aber im selben Augenblick stieg das Kichern in ihm auf, und als er die Lehrerin ansah, wurde es noch schlimmer. – »Hätt' ich doch nur ein wenig mehr Angst!« wünschte er sich, denn dann wäre er damit fertiggeworden. Im selben Augenblick platzte er los, so daß das Gelächter in das Lied hineinklang. Die Lehrerin nahm ihn mit sich hinaus. – Hatte er etwa sie ausgelacht? – »Ja.« – »He?« – »Ja, denn du hast so verbiestert dreingeschaut, während du sangst!« – und damit platzte er wieder heraus. Es setzte Schläge auf den bloßen Hintern. Er dachte später daran, daß sie während dieser Prozedur alle beide mit den Zähnen geknirscht hatten. Er hatte noch nie Schläge bekommen. Den ganzen Winter fraß es in ihm, wie unerträglich es gewesen war; und ebenso unmöglich war es, sich danach zu sammeln und zu wissen, daß es ihm widerfahren war. Draußen tanzten die anderen Kinder um ihn herum. Da aber lachte er mit ihnen: »Ich will euch sagen, sie hat mich gehörig hergenommen! Wenn jetzt nichts Ordentliches aus mir wird, dann bringt's überhaupt keiner zu etwas.« Da ließen sie nach. Ein paar von ihnen versicherten ihm, wenn sie es noch einmal wagen würde, dann, dann – Odin fühlte seine Brust schwellen bei diesen Worten. Und gleich darauf kam Astrid Haaberg zu ihm und sagte: »Wir zwei sind Geschwisterkinder, Odin, weißt du das?« Nein, davon hatte er nichts gehört, und außerdem war sie ja viel zu fein. Aber es war ihm doch sofort eine Hilfe. Und außerdem fand sich schon noch ein Rat. Er erzählte der Mutter sein Erlebnis, gleich als er sie traf; es ging nicht anders. Sie aber verstand nicht viel davon. Sie hätte nie etwas davon erfahren sollen. Mit Bendek war das etwas ganz anderes. Er lachte so, daß die Stube dröhnte. »Sag ihr einen schönen Gruß von mir, und daß sie eigentlich ein Pfund Butter für diese Arbeit bekommen müßte! Denn du, Odin, du bist ein Halunke!« Der Vater 1 In diesem Winter kam Otte Setran aus Amerika heim. Er hatte eine Schwester, die auf Holmen, an der Südseite des Fjords, verheiratet war, und dort ließ er sich nieder. Er sah nicht viel anders aus als seinerzeit, da er wegfuhr, obgleich er an die acht bis neun Jahre fortgewesen war; die Leute fanden, daß nur wenig von einem Amerikaner in ihm stecke. Er hatte sich einen Bart stehen lassen, und der war so hellbraun und weich. Seine Augen blickten einen noch ebenso handfest an wie früher, nahmen alles mit, was sie wollten. – Viel Geld brauchte man bei ihm wohl nicht zu suchen, den Eindruck machte er nicht. Eines Tages ging er einmal hinüber nach Setran, sah sich den väterlichen Hof an, redete ein paar Worte mit Bekannten, denen er begegnete, und machte sich dann wieder auf den Heimweg nach Holmen. Dort blieb er und trieb sich den Rest des Winters herum und fing nichts Richtiges an. – Dem haben sie wohl in Amerika die Federn ausgerupft, meinten die Leute. Sie fragten Lina, die Schwester, was denn mit ihm sei, aber die wußte nicht viel mehr als die anderen. Sie habe noch nicht viel mit ihm gesprochen, sagte sie; es sei nicht mehr so wie früher. Denn früher, da war sie wie eine Mutter für ihn gewesen; sie hatten schon von klein auf immer beieinander gesteckt. Nun müsse sie ihn in Ruhe lassen, er solle sich ausschweigen dürfen, sagte sie. Aber je mehr sie sich das einredete, desto stärker drangen die Gedanken auf sie ein, und schließlich konnte sie sich ihrer nicht mehr erwehren. Sie mußte sich ein Herz fassen und mit ihm reden, denn sonst kam schließlich ein anderer und tat dies, kam und nahm ihr den Bruder einfach weg, und das wollte sie um keinen Preis. Sie wollte ihn zum Sprechen bringen, vielleicht kam von selber die Rede auf Vennestad – dann konnte sie zum mindesten erfahren, ob er etwas von seinem Buben wußte. Es kam aber so, daß sie, gleich nachdem sie die Rede endlich so gelenkt hatte, wie sie wollte, ihn geradeheraus fragte, ob er denn wisse, daß auf Vennestad ein Sohn von ihm lebe. Er sah vom Buch auf. Beinahe schien es, als frage er sich, wer sie denn eigentlich sei. Ja, das wisse er doch wohl? Und daß Elen verheiratet sei, und alles miteinander? Jetzt endlich begannen ihre Worte Fuß in ihm zu fassen. Jetzt war nichts mehr von dem Amerikaner in ihm, nein. Doch, das hatte er in Amerika gehört, das von dem Jungen; durch den Jens Haaberg. Otte saß eine Weile da und blätterte im Buch. – »Und dann fühlte ich es beinah in mir, daß sie verheiratet sei. Als ich heimkam.« – – »Da erst?« – »Ja.« Sie stand eine Weile da und kämpfte mit sich. »Aber warum bist du dann fortgereist, Otte?« »Ja? Sag du mir das. Aber ich bin eben gereist.« »Hast du denn nicht geschrieben?« »Nein.« »Hast du denn nie an sie gedacht? Daß es schade um sie wäre?« Darauf gab er keine Antwort, er saß nur da und schaute sie an, sie wußte nicht, wo sie hinsehen sollte. – »Wart ihr denn nicht verlobt?« fragte sie, denn sie mußte etwas sagen. Da merkte sie, daß er sich immer weiter und weiter von ihr entfernte, als sei er aus einer Betäubung erwacht. – »Darauf kann ich nicht antworten«, erwiderte er. »Das ist nun einmal so wie es ist.« Höhnisch sagte er vor sich hin: »Verlobt?« Er murmelte es ein paarmal, und dann ging er zum Fenster, blieb dort stehen und sah hinaus auf die Wiese und über den Fjord hinüber. »Ja, ja, die Elen ist also jetzt verheiratet«, sagte Lina. »Mit dem Iver Roßtäuscher, wie die Leute ihn nennen; und den Jungen haben sie in Kost gegeben, gegen Bezahlung oder was weiß ich.« Otte stand nur da und drehte ihr den Rücken, und so mochte er in Gottes Namen stehenbleiben, fand sie. Aber sie ging doch nicht fort. – Draußen tropfte es vom Dach herunter, tickte und tickte, den ganzen Tag, und bekam niemals Antwort. Schließlich wurde es ihr zu langweilig, so dazustehen, denn er behielt sie gleichsam die ganze Zeit im Auge. Jetzt räusperte er sich ein paarmal, gerade als sie sich davonmachen wollte. »Das, was zwischen Elen und mir war, geht euch nichts an. Ihr verstellt es ja doch nicht.« »Nein, nein«, meinte sie. Sie öffnete die Tür und zog sich zurück. Denn jetzt gab es keinen Weg mehr zu ihm. Als kleiner Junge, da war er übermütig und ausgelassen, eine wahre Lust, alles mußte er mitmachen, ob es nun etwas Dummes oder etwas Gescheites war, und lustig war alles, was er auch anstellte. Und wenn er sich in irgend etwas Unangenehmes verrannt hatte und es ausbaden mußte, ging er zu ihr. Dann starben die Eltern, kurz hintereinander. Er nahm sich das nicht mehr zu Herzen als irgendein anderer. Er war damals siebzehn Jahre alt und hatte seit zwei Jahren beinahe die ganze Arbeit auf dem Hof gemacht. Er sollte den Hof haben, und sie sollte bei ihm sein. – Dann auf einmal verkaufte er den Hof, ohne daß sie ein Wort davon wußte, ja sogar ohne mündig zu sein, und sein Vormund kam sogleich und fragte sie. Sie war so gleichgültig, ließ alles gehen wie es wollte. Als aber Otte merkte, daß sie heimlich weinte, wurde er nachdenklich. Er setzte sich still hin und erzählte ihr, wie es um ihn stand. Er sei Schreiner und nichts anderes, und es sei wie eine Krankheit in ihm, und außerdem sei doch die Welt so groß und voll von wunderbaren Dingen, er hielte es einfach nicht aus, hier festzuwachsen. Damals glaubte sie ihn zu verstellen, das war die schönste Stunde in ihrem Leben. – »Aber jetzt hat er schon recht, wenn er sagt, daß wir ihn doch nicht verstellen«, lächelte sie. »Und schon damals haben wir ihn nicht verstanden. Wenn er mit einem sprach, so waren seine Gedanken schon längst wo anders.« Sie wußte es noch so gut: »Jedes Ding, das ich mache, hat Leben «, sagte er. »Zuerst ist es in mir drin. Es plagt mich oft. Dann endlich steht es da. Und dann ist es doch nicht das Ding, und kein Mensch hat Freude daran.« – »Ich gehe meiner Wege!« murmelte er oft. Dazwischen hinein ließ er sich wieder ganz die Zügel schießen, und zwar meist gründlich, solange der Anfall dauerte. Man hatte ihn mehr als einmal heimgebracht. S i e mußte so rasch wie möglich heiraten, damit sie doch ein Heim für sie beide hatte; das war gerade kein Spaß gewesen. Der Otte verstand das nicht, soviel sie es ihm auch erklärte. – »Du bist so schwermütig, Otte?« sagte sie einmal zu ihm, denn er war im Begriff es zu werden. – »Ich?« meinte er, »gibt es denn einen Menschen, der so leichtlebig ist wie ich? Jeden Tag fast schenkt Gott uns schönes Wetter, und die Welt ist so weit und so schön – ich werde schon durchkommen! Mir scheint bloß, daß hier eigentlich alles auf den Kopf gestellt werden müßte – ja, alles miteinander, die ganze Gemeinde. Es geht verkehrt, meine ich. Na, warten wir einmal ab, was noch alles kommt!« In der Zeit, die er auf Vennestad war, hatte sie bemerkt, daß irgend etwas in ihm arbeitete. Es mußte das Glück selber sein, das ihn erfaßt hatte. So sah er wohl aus, wenn er glücklich war. Bisweilen schien es ihr, als trete zusammen mit ihm ein fremder Mensch in die Stube. Das war Elen; sie wußte es jetzt. Eines Abends kam er zum Stall hinunter und setzte sich hin, während sie melkte. Auf einmal lachte er leise: »Es ist nicht so sicher, daß ich es bin, der die Welt auf den Kopf stellen soll.« – »Nein, nein«, sagte sie. – »Nein!« lachte er und pfiff dazu. Er war wie ein Kind. »Die Leute können meinetwegen schreinern wie sie mögen und zur Kirche gehen wie sie mögen!« – »Zur Kirche gehen?« wunderte sie sich. – »Ja, so habe ich gesagt. Ich sehe so vieles, was ich nicht sagen kann. Ich mache mich von all dem davon.« Aber als er aufstand und fortging, glich er einem ratlosen Mann. Das Amerikafieber, dachte sie damals; aber so einfach war es wohl doch nicht. Es war sein Glück, von dem er weg mußte; das erkannte sie heute. Am Abend, als alles schlafen gegangen war, wollte Lina die Katze hinauslassen. Das Tageslicht lag noch schimmernd über dem Fjord, und die Tropfen vom Dach leuchteten wie Silber gegen Glas; einer gab dem anderen jetzt Antwort, rings um das Haus. Drüben im Wald saß eine Drossel und sang und lachte, und Lina fühlte einen ungewohnten warmen Lufthauch an ihrem Gesicht vorbeistreichen. In dem Augenblick kam Otte um die Hausecke, und sie blieb still auf ihrem Platz stehen, denn so verändert hatte sie sein Gesicht noch nie gesehen, er besaß gar keine Gewalt darüber. Sie standen da und schwiegen. »Ja!« sagte er endlich. Es kam hart, als sollte es sie und die anderen treffen. – »Noch können unglaubliche Dinge geschehen!« »Nein, nein!« bat sie. » Otte !« »Es geschieht nie mehr als das, was geschehen muß .« Er raffte sich zusammen und ging weiter, um das Haus herum und den Hang hinauf, seinen gewohnten Weg. Sie lag bis tief in die Nacht hinein wach da. Endlich hörte sie ihn hereinkommen und sich zu Bett legen. 2 Aber am Morgen danach war er schon auf, noch ehe der Tag begonnen hatte. Er schlenderte nicht wie sonst umher und tat nichts, sondern machte gleich Feuer in der Küche und stellte den Kessel auf, und als Lina erschien, war der Kaffee fertig. – »Ja, ich mußte aufstehen«, sagte er. »Ein seltsames Wetter, draußen, so schön? He?« – »Ja, aber?« – »Ich will aufs Meer hinausrudern. Ich darf wohl das Boot nehmen?« Die Morgendämmerung erhob sich wie ein großes bleiches Antlitz über dem östlichen Gebirge, eine alte und verwachte Frau, die die Gemeinde betrachtete und in Augenschein nahm. Hof für Hof hatte sie die Gemeinde vor sich. Sie schliefen, und sie ließ sie schlafen. Noch war deren Zeit nicht gekommen. Und der Fjord? Immer wieder trat Otte ans Fenster und sah hinaus. Ja. Er war leuchtend blank. Er war fast nicht da. – »Ja, ja«, sagte Otte, es hörte sich beinah an, als sei ihm leicht zumute, – »heute geht es weiter.« – »Du machst mir ja fast Angst«, sagte Lina. »Willst du den Jungen sehen? Der ist in Kjelvika.« – »Den Jungen?« Otte stand da und sammelte seine Gedanken. – »Jawohl, du hast recht; ich habe wirklich an den Jungen gedacht. Es war, als rufe mich etwas.« Lina lachte, ein trockenes, aufreizendes Alltagsgelächter: – »Bis zum Sommer hörst du gewiß das Gras wachsen.« – »Das müßte man wohl auch können, wenn alles so wäre, wie es sein sollte«, erwiderte er. Der Fjord blinkte rotviolett im Sonnenaufgang und erbleichte wie ein schlafendes Antlitz unter dem lichten Himmel. Und Otte fuhr fort. Lina sah sein Boot im Sonnenschein über den Fjordspiegel hinkriechen, glänzende schwarze Streifen hinter sich herziehend. – »Gott allein weiß, wo dieser Weg ihn hinführt!« sagte sie vor sich hin. – – Später, als er aus dem Birkenholz herauskam und Vennestad erblickte, mußte er sich auf einen Stein setzen. Dann und wann strich ein Hauch durch die Birkenkronen, wie ein Erwachen dicht über ihm; dann schliefen sie und warteten wie zuvor. Die Frühlingssonne schien auf den moosigen Hang und auf die Schneeflecken, und frühlingstolle Fliegen kamen summend näher, streiften ihn und beschrieben große Kreise in der Luft. Er aber ging geradeswegs nach Vennestad, ohne mit der Wimper zu zucken. »Ja, ich komme, ich komme!« sagte Otte. Er erhob sich, und da dünkte ihn, der Tag erlösche rings um ihn und fröre, er hatte wohl nicht eine so kalte Tat erwartet. Die Sonne aber brannte heiß auf ihn herab, so daß er sich in einemfort den Schweiß abwischte. Den Weg hier, den war er einmal in einer Gewitternacht gegangen, in völliger Blindheit über Berg und Tal dahintastend, hatte den Weg gefunden, ihn verloren und ihn wiederum gefunden, denn sie saß auf Vennestad und wartete auf ihn. Wenn sie Elen war, dann erwartete sie ihn heute noch. Als er aber zu der Stelle kam, wo der Weg zur Weide hinunter abbiegt, verlangsamte er seinen Schritt und zögerte ein wenig, und dann trugen ihn seine Füße nicht zum Hof hinunter. Er ging nach Haaberg. Aasel Haaberg hatte er noch nie gesehen, er hatte nur von ihr reden hören und wußte, daß sie Elens Mutter war. Er fühlte, wer sie war, gleich nachdem sie sich ihm zugewandt hatte. Ihre Augen umfingen ihn mit einem ruhigen Blick und hielten ihn fest. Dann kam ihm zum Bewußtsein, daß sie mager war und nicht groß, aber aufrecht, hell und schmal von Angesicht, mit roten Rosen auf den Wangen und einem feinen und festen kleinen Mund. Die Augen aber waren hellblau. Sanft und ruhig blickten sie ihm entgegen, ohne zu zucken, so dünkte ihn, und er konnte ihnen nicht entrinnen. – Elens Augen blickten ebenso hell drein und ebenso ruhig, auch sie blinzelten nur ganz selten, aber jedes dieser Augenpaare hatte seine eigene Sprache, sie glichen einander keineswegs. Er hatte nicht vorgehabt, sich zu setzen, erwartete auch nicht, besonders willkommen zu sein; als Aasel aber auf einen Stuhl deutete, setzte er sich, kam nicht einmal dazu zu sagen, wer er war. Als er es dann erzählte, sah er, daß sie es bereits gewußt hatte. Er hatte nicht vorgehabt, sich zu setzen, erwartete auch nicht, Amerika zu überbringen, sagte er, von Jens und Gjartru, er habe mehrere Male mit ihnen gesprochen, und sie hätten ihn gebeten, auf Haaberg zu grüßen, er sei aber bisher nicht dazu gekommen. Es ginge ihnen ausgezeichnet; sie hätten sich gut eingelebt. Aasel sah zur Seite, zur Magd hinüber, die mit in der Stube war. Die wurde rot und ging hinaus. Otte schien es, als sei sie hinausgeführt worden. Aasel hatte sich ihm gerade gegenüber gesetzt. Dann ging sie zur Tür und rief etwas in die Küche hinaus, etwas von Kaffee wohl; kam dann und setzte sich wieder, und über ihre Augen flog es wie ein Schatten von Angst. »Ja«, sagte er. »Ich wollte heute nach Vennestad.« Sie nickte bloß. Jetzt erst wurde er gewahr, daß er hier saß und ihr sein Herz geöffnet hatte. »Ja, ich weiß keinen anderen Rat. Ich muß dorthin! Es geschieht nichts als das, was geschehen muß.« »Nein«, sagte Aasel. »Dann soll Elen über mich urteilen. Und tun, was sie will. Es macht wohl nichts, wenn die Leute einmal zusammenschauern? Nein, übrigens, sie geht nicht mit mir – ich werde sie nicht zu mir herüberziehen können, aber –« Aasel legte die eine Hand fest auf die andere: »Ja, das weiß Gott allein und sonst niemand! Sie ist auch so ein unglücklicher Mensch wie du.« Sie saß noch eine Weile da. Dann blickte sie auf: »Nein, du tust das nicht, Otte?« Es wurde stiller und stiller in der Stube. Otte dünkte fast, es sei Abend, als er antwortete. »Nein, ich tu' es vielleicht nicht.« »Ich will nichts sagen. Aber ich bin zu weich, das fühle ich.« Ihr ganzes Antlitz zuckte und bebte. Er konnte jetzt sehen, daß sie nicht so jung war, wie er zuerst gemeint hatte. »Du hättest in Amerika bleiben sollen«, sagte sie. »Ich wußte, es war falsch, daß sie heiratete; ich wußte es ganz genau. Sie meinte ein gutes Werk zu tun, die Ärmste. Und ich war zu weich.« – »Aber wer regiert denn eigentlich die Welt?« fragte er und wurde über die ganze Stirne hinauf rot. – »Unser Herrgott«, antwortete sie still. Da ließ die Spannung in Otte nach, und er wurde ruhig. – »Glaubt Ihr denn das? Denn ich habe ihn geprüft: er erschien mir unmöglich; wir sollten ihn vielleicht absetzen.« – »Ja, ich könnte dir gar manches darüber erzählen. Ich habe es gekostet, ich. Ich habe mich damit abgeplagt. Was kommen muß, das kommt, darin hast du wirklich recht. Und die Elen, die – –« »Sie bat mich darum, am letzten Abend, ich möchte nicht weit fortreisen!« »Wenn du aber doch weit fort mußtest ?« »Ja, aber. Ich kam nicht vorwärts. Es war wie verschlossen. Und die Elen, sie bat mich – –« Er hatte sich erhoben, er wollte gehen. – »Ich muß sie nur fragen, ob sie mir verzeiht«, murmelte er. – »Das tut sie niemals!« erwiderte Aasel in großer Angst. »Alles andere kann geschehen, das aber nicht – du darfst nicht dorthin!« »Dann müßt Ihr mir verzeihen!« Müde und ratlos stammelte er diese Worte, er glaubte mitten in ihre Augen hineinzutaumeln. Die aber empfingen ihn, wie eine Glasscheibe Fliegen empfängt. »Ich? Nein, mein Lieber, ich habe damit nichts zu tun. Da wäre es einfach!« Er setzte sich wiederum. Ihn dünkte, sie habe ihn darum gebeten. – »Ich kenne Elen nicht«, sagte sie vor sich hin. »Sie war nur das Kind hier, ich wußte es nicht anders, und dann ging sie von mir fort und wurde wildfremd für mich. Das aber weiß ich, wenn alles deine Schuld ist, dann ist es nicht gefährlich. Unrecht erträgt sie leicht, die Elen.« Jetzt kam der Kaffee herein. Andrea brachte ihn, die Witwe des Sohnes hier auf dem Hof, und dicht hinter ihr kam ein kleines Mädchen und ging auf die Großmutter zu. Aasel strich ihr über das Haar, während sie dasaß, vor sich hinblickte und nachdachte. Andrea war schwarz gekleidet und war bleich, viel mehr sah er nicht von ihr. Auch über ihr lag diese Stille; das ist Haaberg, dachte er; noch nirgends hatte er eine solche Stille bemerkt. Es war nicht Kummer und nicht Mutlosigkeit, es war das Leben selbst, das diesen Ton angeschlagen hatte. – Nun sah Andrea ihn an, in dem Augenblick, da sie hinausglitt. Sie hatte braune Augen, und die kannte er. Als sie gegangen war, fand er Zeit, sich in der Stube umzublicken. Vielleicht lag er hier, dieser Ton, der die Stille über diese Menschen brachte. Zuerst ließen sich die Wände erkennen. Sie waren dunkelgrün, hatten ihre besondere Farbe, wie er sie sonst nicht an anderen Wänden bemerkt hatte; und die Fugen in der Wandverschalung waren hellrot, oder wie man es nennen wollte, sie führten ganz ruhig an der Wand hinauf und hatten ihre eigene Meinung. Die Decke war bläulichweiß, mit Wolken von Blau im Grund. Diese Farbe hatte das Wort Glück gehabt, damals, als er ein Knabe war. Und die Bank und die Stühle und die Wanduhr, in allem war die gleiche Schwere und der gleiche glückliche Gedanke; es war der gleiche Mann, der sie hierher gestellt hatte. Nur der große Eckschrank stand da und wünschte sich von hier fort. Er war breit und bauchig, und glänzte, so daß ein brauner Schein von ihm ausstrahlte – hier war die Stelle, wo sein Schrank hätte stehen sollen, der, den er nie zuwege gebracht hatte! »Der Schrank, ja«, meinte Aasel und lächelte. »So ist es nun einmal. Aber der hat ja schon lange dagestanden, und sonst stünde der Andrea ihr Spielwerk so ganz allein da. Sie hat sie alle beide mitgebracht.« Das Klavier stand an der Wand gegenüber. Es hatte die gleiche Farbe, aber es war doch mit dieser Stube verwachsen. Allein aber hätte es hier vielleicht nicht stehen können? Otte wurde unruhig, die Gedanken schossen ihm durch den ganzen Körper, wie immer, wenn er etwas tun sollte; er stand auf und ging halb auf den Schrank zu, sah ihn an und blickte sich dann mit zusammengezogenen Brauen in der Stube um und biß sich dabei im Mundwinkel auf die Unterlippe. »Er muß doch stehenbleiben«, lächelte Aasel, »wie ein Zeichen dafür, daß man zu alt geworden ist. Zwar: Hier auf Haaberg kann sich schon noch einmal alles wenden. Den Glauben gebe ich nie auf.« Wenn er aber den Schrank zuwege brächte, den e r meinte, murmelte Otte, einen, der förmlich aus den Wänden herauskäme, gleichsam als sei er ihr eigenes Antlitz? Und wenn er in der richtigen Farbe gestrichen würde? Aasel schloß die Augen ein paarmal und fuhr der Kleinen etwas rascher übers Haar. – »Ich bin so ans Warten gewöhnt. Ich will bald nichts anderes; man vermoost. Und Odin, dein Junge, der ist in Kjelvika, soviel ich höre. Sie brachte es nicht über sich, mit ihm hierher zu kommen. Und schließlich ist das auch für etwas gut, glaubst du nicht?« Sie blinzelte rasch und jung, so hatte der Fjord ihm heute zugeblinzelt. »Ja, ich dachte dorthin zu gehen«, sagte Otte rasch. Er wollte nicht ihren Blicken begegnen, mußte es aber trotzdem. Da gab er nach und gestand ein: »Ich habe nur einen Augenblick geglaubt, daß ich ins Wasser gehen könnte. An den Jungen hatte ich nicht gedacht. Nein, Ihr braucht keine Angst zu haben!« Das gleiche dünkte ihn, als er auf dem Weg nach Kjelvika war, denn was sollte er mit ihm anfangen? Dies auszudenken, war wie das Leben selber. Sie saßen bei Tisch, als er eintrat. Er erzählte, wer er war. Keiner erwiderte etwas darauf, Gurianna rückte ihm einen Stuhl zurecht, und Bendek ließ sich Zeit mit dem Essen. – »Schönes Wetter heute«, sagte er nur. Odin sah ihn ebenso neugierig an wie irgendeinen anderen Fremden, vergaß sich sogar so weit, daß er von seiner Suppe auf den Tisch verschüttete. Da klopfte Bendek mit dem Messerschaft auf den Tisch, ruhig und kurz, und der Junge nahm seine Blicke zu sich und paßte auf seine Sachen auf. »Ist das der Odin?« »Man sollte es wohl meinen«, sagte Bendek, er sah abwechselnd einmal den Knaben, einmal den Vater an: »Er ist Großknecht hier auf dem Hof, der Bursche, und Kuh-Kapitän und Bootsführer und ein bißchen von allem. Es ist ein tüchtiger Kerl aus ihm geworden.« Odin lächelte, dümmer war er nicht. »Ich soll ja sozusagen sein Vater sein«, erklärte Otte. »Jawohl, ja. Willkommen daheim von Amerika.« Otte mußte nicht nur mitessen, sondern auch Kaffee trinken, und Gurianna trug alles mögliche aus dem Schrank herbei, daß er sich nur so wunderte. Bendek und er kamen bald ins Gespräch, und Otte erzählte ihm mehr von Amerika als allen anderen miteinander. – Dort gab es aber wohl auch manches Haar in der Suppe, hm? Bendeks Mundwinkel gingen in die Breite, er war seiner Sache sicher. – »Ja«, erwiderte Otte, »wenn es dort so weitergehen soll wie bisher, dann sieht es schlecht aus. Da wäre es besser, die Menschen setzten sich still hin und legten die Hände in den Schoß, so meine ich wenigstens. Denn das ist ja kein Leben, wenn man sich so abhetzen muß. Der eine will nur immer den anderen unterkriegen, daraus kann ja nichts entstehen als lauter Unglück.« Otte stand eine Weile da und sah zu Boden. Dann blickte er Bendek an: »Als ich jetzt wieder herüberfuhr, wurde mir erst klar, was irgendwo in der Bibel steht. ›Widerstrebet nicht dem Übel‹, steht dort geschrieben. Und das Übel, das ist das Harte, daß einer nicht vor dem anderen weichen soll. Die Aasel auf Haaberg – – sie war es, die mir das zeigte!« Bendek zog die Brauen bis an die Haargrenze hinauf, sprach die Worte vor sich hin und bestätigte sie durch ein Nicken: »So steht es geschrieben, ja!« Dann lachte er, mit kleinen messerblanken Augen: »Das ist mir eine durchtriebene Erfindung!« Nach und nach aber ging ihm doch ein Licht darüber auf, und da nickte er wieder: »Da hast du's übrigens! Hoho, wahrhaftig! Da käme bald ein anderer Ton herein. Da wären wir bald alle brav, jeder von uns. Ach ja, ja. Das Lehen ist ein vielfältiges Ding! Soso, die Aasel auch!« Er lächelte vor sich hin. »Und jetzt möchtest du uns wohl den Buben wegnehmen, he?« Otte stotterte ein wenig. – Wenn der Bub wollte, und wenn sie wollten, dann – – Bendek sah zu Odin hinüber, der mit den Händen in den Taschen auf der Holzkiste saß. Die beiden anderen sahen irgendwohin in die Luft hinaus. In den Blick des Knaben kam ein scheues Aufblitzen. Es erinnerte ganz schwach an Aasel. »Ja, der da ist nun dein Vater, das hast du wohl begriffen.« Odin sah seinen Vater an, ruhig und unverwandt. Einen Augenblick war es dem, als sähe Elen ihn an, ein Mensch, der ihn bis ins Innerste und ohne Worte verstand. Dann war der Eindruck wieder verschwunden, und ein Paar wildfremde Augen wanderten über ihn hin, von oben bis unten; sie waren neugierig und stolz zu gleicher Zeit, und halb und halb auch feindlich. Ob er wohl mitgehen wolle? Um auf diese Weise einen Vater und ein Heim und alles miteinander zu haben? Bendek war es, der fragte. Otte brachte keinen Ton heraus. Ihm war, als hinge er an einem Faden über einem Abgrund. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. »Nein!« kam es kurz und frisch. Niemand sagte noch etwas. Gleich darauf lief Odin zur Tür hinaus. – »Wir können später noch darüber reden«, meinte Bendek. »Das aber müssen wir beide sagen, mein Weib und ich, es wird schwer sein, den Bengel zu verlieren.« Er fing Ottes Blick auf, und sein Gesicht wurde leuchtend gutmütig und derb und breit: »Widerstrebet nicht dem Übel!« Otte nahm Abschied und ging. Wie ein Märchen hing der sonnige Tag über Kjelvika, vom höchsten Bergrücken bis hinüber zu den kleinen Hügeln und den langen Sandstreifen. Es zitterte mit einem seltsamen Reichtum im Blau. Es war nicht gering zu achten, daß Odin hier in der Wildnis bleiben wollte. Offenbar steckte doch schon eine Seele in ihm. Otte ging geradeswegs nach Vennestad. In ihm und um ihn herum war es so leer, es kam aufs gleiche heraus, wohin er auch ging. Auf Vennestad traf er sowohl Elen als auch den Mann im Haus an. In dem Augenblick, da sie aufsah und ihn wiedererkannte, ging es wie ein kalter Hauch durch die Stube, so sehr klagte sie ihn wegen seines Kommens an. Sie hatte mehr von ihm erwartet. Sie erinnerte sich, wer er war, zu ihrer beider Zeit . Iver forderte den Fremden auf, sich zu setzen. Sein Gesicht war dürr wie Holz; er murmelte etwas von Pferden, sah auf die Uhr und ging dann hinaus. Otte setzte sich nicht, und Elen sagte nichts. »Ich komme von Kjelvika«, fing er an. »Odin will nichts von mir wissen. Da ging ich dann doch hierher. Mich dünkt, du wolltest etwas von mir, wolltest mir den Jungen geben?« Elen sah ihn rasch an, mit großen Augen: »Wie konntest du das wissen? – – Nein, ich habe nicht nach dir gesandt«, beeilte sie sich hinzuzufügen, und dann wandte sie sich von ihm ab. »Nein, nein, Elen. Aber kannst du begreifen und verstehen – daß ich von dir fortfahren konnte?« Seine Stimme war unkenntlich, nicht nur für sie, sondern auch für ihn. »Und den Jungen willst du auch nicht haben?« Da wurde sie grau im Gesicht, blickte jedoch nicht auf. »Leb wohl also, Elen.« Er erhielt keine Antwort und erwartete auch keine. »Daß ich wirklich zu ihr gegangen bin!« sagte er, als er vor der Türe stand. – – – An diesem Abend ging Elen nach Haaberg. Aasel zog sie mit sich in die östliche Stube, und dort saßen sie beide allein, bis die anderen schlafen gegangen waren; und Aasel begleitete sie auf dem Heimweg, ganz bis nach Vennestad. Als sie an Lauvset vorbeikamen, konnten die Leute dort sehen, daß Elen weinte. Es hieß dann in der Gemeinde, Elen habe daran gedacht, mit ihrem alten Liebsten nach Amerika durchzubrennen, Aasel jedoch habe sie davon zurückgehalten. Seit diesem Abend kam Aasel oft nach Vennestad. Elen war nichts anzusehen. 3 Nach und nach versuchten die Leute, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er denke wohl nicht mehr daran, nach Amerika zu gehen? Nun freilich, man konnte sich ja schließlich auch hier niederlassen, er hatte wohl gar nicht so wenig gelernt dort drüben, das wollten sie gerne glauben. Denn dort war Schwung in den Menschen, so hatten sie gehört. – »Ich habe eines gelernt«, pflegte er zu sagen, »und das ist, daß die Leute überall auf die gleiche Art leben, wohin sie auch kommen, der eine zufrieden und zehn andere unzufrieden; hüben wie drüben. Und dann noch eines«, sagte er. – »Nun?« Ach nein, darüber ließe sich nicht schwätzen. Sie bekamen es nicht zu hören. Er war tiefer geartet, als er zu erkennen gab. Es hätte Spaß gemacht, zu wissen, was in ihm wohnte. Ein kaltblütiger Kerl mußte er sein, denn sonst wäre er wieder nach Amerika gereist, jetzt, nachdem Elen verheiratet war und nicht mit ihm davonlaufen wollte. Im Lauf des Sommers raffte er sich auf und arbeitete. Er richtete sich auf Holmen eine Art Schreinerwerkstatt ein, verschaffte sich Werkzeug und verfertigte das eine oder andere. Viel schaffte er nicht, Gott sei's geklagt; die meiste Zeit verbrauchte er damit, sich auszudenken, was er machen wollte, ob es auch nur ein Stuhl war, und alles ging ihm nur langsam von der Hand. »Er ist ein Künstler«, sagte der Küster, der Ola Haaberg, und der mußte es wohl wissen, er hatte doch das Seminar und noch mehr hinter sich. Und was er zuwege brachte, war seltsam, das mußte man ihm lassen. Da hatte er nun einen Stuhl verfertigt, so plump und altmodisch, daß die Leute die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, Tatzen hatte er wie ein Vierfüßler. Den Stuhl kaufte der Tierarzt. Alle verzogen den Mund, darüber wunderten sie sich nicht! Jetzt arbeitete er an einem Schrank, und es hieß, daß der sogar nach Haaberg solle, aber es sah beinahe so aus, als würde er zum Glück für den Schrank und für Haaberg niemals fertig damit. Nebenbei machte er alle möglichen Kleinigkeiten, und alle miteinander waren gleich unhandlich. – Er mußte sie wegschenken . Er selber aber zeigte alle seine Herrlichkeiten vor, froh wie ein Kind: Ihn dünkte, er habe es gut gemacht! Den Leuten blieb der Mund offenstehen, das sah er, sie waren inniglich beglückt. Aber die eine oder andere Seele schämte sich doch für ihn. Er fragte Lina, ob sie das bemerkt hätte? – Ja, das hatte sie! Er hörte, wie böse sie war. Sie weiß nicht, dachte er, daß ich es bin, auf den sie am meisten böse ist. Der eine oder andere lachte und sagte geradeheraus, was er meinte, nämlich, Otte schreinere wie eine Kuh. Später im Sommer fand ein großes Leichenbegängnis in der Gegend statt. Auf der anderen Seite des Fjords war eine alte Witwe gestorben; sie war fast mit der halben Gemeinde verwandt gewesen und hinterließ ein großes Bankkonto und keine unmittelbaren Erben, nun sollte also ein Leichenschmaus gefeiert werden. Da war einer, der auf den Gedanken kam, den Amerikaner auf Holmen dazu zu bitten, er war doch bei der Alten gewesen und hatte dort geschreinert, und wenn man genau nachrechnete, so fand man auch noch eine Verwandtschaft heraus. Da war es nicht ausgeschlossen, daß er sich einmal offenbaren würde. Man lud auch die Leute von Vennestad ein; die durften nicht übergangen werden. Es schien aber, als hätte man sich beides sparen können. Otte ging umher, schüttelte jedem die Hand und sprach mit allen ein Wort. Auch mit Iver Vennestad und Elen redete er einige Worte: sie habe recht getan, die Alte, daß sie noch vor der Herbsternte gestorben sei, auf diese Weise bekäme sie doch ein größeres Leichenbegängnis, irgendeiner sagte, Otte sei glatt wie das Eis unter dem Neuschnee. – »Der ist schon vorher einmal beim richtigen Wetter draußen gewesen«, meinte ein anderer. – »Pah!« fiel ein Dritter ein: »Ein Heiratsversprechen und ein Kind, was meinst du wohl, daß das in der Welt draußen zu sagen hat?« Man gab ihm recht. Draußen blies ein ganz anderer Wind. Im Lauf der Nacht drangen sie ein wenig tiefer in ihn ein, ein paar Bekannte. Die ganze Gästeschar und die Stimmung rings um ihn hatten das ihre dazu beigetragen, und der Grog schließlich auch, obwohl Otte sich nicht viel daraus machte. »Amerika, ja!« sagte er mittendrin und stellte sein Glas auf die Kommode. Die Hängelampe leuchtete weiß auf ihn herab. Sein Antlitz wandte sich ihnen zu, und es war schmal und ruhig, aber sie merkten, daß etwas dahinter steckte. Die Augen hielt er zu Boden gerichtet, doch dann und wann sah er auf und blickte bald den einen, bald den anderen an. Sie standen im Halbkreis um ihn, Junge und Alte durcheinander, meist Männer. – »Da sagt man immer Amerika! Ich kam hin. Aber ich kam wieder heim. Ja freilich, großartig ist es dort, in jeder Weise. Wozu aber einer dort ist, das weiß ich nicht.« Er sah sich im Kreis um und lächelte. Aus ihm konnte man nicht so leicht klug werden! – Geld verdienen? Ja, ja, das sei schon recht. Aber das hätten sie hier ja noch nicht kennengelernt. Keiner hierzulande hätte es kennengelernt; da gebe es nur dann und wann einmal einen größeren Fang, nicht wahr? Nein, Geld, das hätten sie noch nicht kennengelernt, sie seien billig weggekommen. Sie seufzten, leer und ungewiß; einige von ihnen kauten dazu wie Geißen, während sie darüber nachsannen. Jetzt nahm er sein Glas: »Aber ich wollte hinausgehen und die Welt finden, ich! Und das Leben!« Er stellte das Glas wieder hin, vergaß alles rings um sich. Der Menge bemächtigte sich eine flackernde Unruhe. Die halbe Stube hatte ihm zugehört. Elen saß ganz drüben an der anderen Wand, sie schaute zwar nicht auf, aber alle merkten doch, daß sie zuhörte. Jetzt griff er wieder nach seinem Glas, tat zwei, drei Züge, ließ sich Zeit damit, er sah nicht so ans, als wollte er noch mehr sagen. Ja, aber dort mußte es doch für einen Schreiner nicht übel sein? Es war der Küster, der wieder anfing. – »Dort? Dort brauchen sie keinen Schreiner; woher doch. Dort müßte ich ja für Geld schreinern. Und zwar allen Ernstes – und gar manch ein häßliches Ding für sie zurechtzimmern. Zwar, eigentlich ist es hier auch so. In der Beziehung gehen wir mit der Zeit. Und wenn wir hier das tote Wasser aufrühren, dann haben wir auch hier ein Amerika, ihr werdet's erleben!« Er lachte über seinem Glas, so daß er nur einen halben Schluck nahm. – »Das Leben, sagt ihr? Nein, nein, nur die letzten Lebensgeister; ein Zucken im Schlaf. Hart auf hart, habt ihr das Wort schon gehört?« »Ja, freilich, ja!« kam es von den anderen zurück. »Das ist es, was not tut. Kralle gegen Kralle, das ist eine alte Weisheit hierzulande.« Otte hörte nicht darauf. Er stand da und sah zu Boden. »Es gibt einen Spruch, der mir ab und zu in den Sinn kommt.« »Was denn für einen?« »Ach, es ist ja gleich.« Seine Blicke suchten über sie hin, er nahm die einzelnen in die Hand und wog sie, legte sie wieder weg, so empfanden sie es alle; bis dicht zu Elen ließ er seine Augen wandern, und dort machte er halt, neben ihr, gleichsam als lese er etwas an der Wand. Dann greift er sich in den Bart, er wird rot, bis über die Stirn hinauf. » Widerstrebet nicht dem Übel !« Eine Weile war es still. Dann räusperte sich der eine, und dann räusperten sich die anderen mit. – »Aus der Bibel«, murmelte einer vor sich hin. – »Ein schöner Spruch, ja.« – »Ja, den sollte man sich umhängen.« Dann aber breitete sich wieder Stille über ihnen aus. Wäre die Stube von Wand zu Wand leer gewesen, hätte es nicht stiller sein können. Von den Jungen durchfuhr es den einen oder anderen wie ein Ruck, als schäme er sich für Otte. Otte wiederholte den Spruch vor sich hin, es war, als wundere er sich über die Worte. Einer nach dem anderen faßte sich und hörte ihm zu. Und dann war es ein alter Mann, der sich herumdrehte und allen ins Gesicht schaute und mit einem halb erschreckten Blick in den alten hellen Augen sagte: »Ja–a, wer weiß, ihr guten Leute! Ob das nicht das Wort ist, auf das es ankommt.« Da holten sie befreiter Atem. Es ging von Mann zu Mann, bis die ganze Stube davon erfaßt war; sie sahen es und erkannten es tiefer, als der Fremde es sagte; es lag viel in diesen Worten! Es schwoll zu einer Woge an, die auf und nieder ging im Volkshaufen und nach und nach immer stärker wurde. Sie erwärmte sie und beunruhigte sie. Jetzt schlug sie zu Otte zurück. Seltsam sah er die anderen an: War es denn so, daß sie ihm glaubten ?« »Ja«, sagte er, »es ist wahr, für die ganze Welt, ich sehe das jetzt. Daran dachte ich nicht; ich fand es nur für mich heraus. Ich trug es in mir und habe es vielleicht meiner Lebtag dort getragen: alles was geschehen muß, geschieht. Und dem wollte ich nicht widerstreben. Jetzt sehe ich es ja: es ist das Beste für die ganze Welt. Sie muß in dieser Richtung gehen, wenn sie einen Sinn haben soll. Wir müssen zupacken und sie umdrehen, so alt sie ist. Sonst kommt Krieg und Amerika, was wir auch mit uns anfangen mögen, es kommt und kommt, – ja, fühlt ihr das auch? Wie schwarzes Ungewitter auf allen Seiten, und du kannst nicht in die Wildnis hinausfliehen, so wie sie es in früheren Zeiten taten. Du trampelst mich nieder, und der andere dich, und so ist es überall. Man muß vor seinem Gegner weichen. Man muß die Welt umdrehen, wie gesagt!« »Ein Hoch darauf!« sagte irgendeiner in der Menge. Sie nahmen alle ihre Gläser und tranken. Otte stand da, blickte nieder und rührte sein Glas nicht an. Er sah aus, als sei er ratlos oder seiner selber überdrüssig. Als er endlich den Kopf hob, sah er Elen drüben an der anderen Wand. Ihre Blicke trafen einander über der Menge. Nur einen kurzen Augenblick lang, dann sah jedes nach der anderen Seite. Da hörten sie den Küster an der Tür, er tat so, als sei er eben hereingekommen: »Zum Teufel noch einmal, was ist denn das hier für ein Mannsbild?« Elens Gesicht durchlief ein Zucken, aber sie blickte nicht wieder auf. »Ihr sollt nicht auf mich hören, Leute!« sagte Otte. »Ich bin nicht hergekommen, um euch zu predigen. Ich glaube nicht an eine Umkehr, wenn ich ehrlich sein soll. Es war nur etwas, auf das ich – – mich selber hinaufrettete; ein schwimmendes Brett sozusagen. Laßt kommen, was kommen mag; ich werde nicht wider streben .« Er setzte sich. Er wollte mit niemand mehr sprechen. Da kam der Küster und nahm neben ihm Platz. – »Aber das hier habe ich doch erst kürzlich in einer Zeitung gelesen?« sagte er. »Es soll sogar ein Russe sein, der das erfunden hat, wie hieß er doch noch? Er ist ein großer Dichter und ein Prophet, will es wenigstens sein – Tolstoi heißt er! Haben Sie diesen Namen nicht gehört?« Otte blickte auf, ein wenig erstaunt: »Sagt er denn das gleiche wie ich?« – »Ja, genau das gleiche.« – »Ich dachte, es stünde in der Bibel?« – »Ja, freilich. Eine neue Erfindung ist es nicht.« – Ola lächelte und seufzte. Die Leute reckten die Köpfe und begannen zu lauschen. Man merkte förmlich, daß s i e jetzt irgendwie erleichtert waren. – »Nein, nein«, hörten sie Otte sagen. »Neu ist es nicht; so war es auch gar nicht gemeint. Für mich ist es trotzdem neu. Und – –«, er saß da und sank in seinem Stuhl zusammen, »– – ich glaube daran! Uns bleibt nichts anderes übrig.« Nachdem er eine Weile so dagesessen und geschwiegen hat, richtet er sich wieder auf und schaut den Küster an. Seltsam verwirrt und schlafbetäubt schien er den anderen, und seine Augen schauten drein, als hätte er ein Gespenst gesehen. »Die Menschen sind wie Schafe ohne Hirten – so kommt es mir vor! Könnt ihr das nicht sehen?« »Sie haben den Hirten, den sie verdienen. Sie haben mich. Die Leute nennen mich den Küstertod.« »Den sie verdienen?« »So sagte ich, ja. Und das verstehst du, so wahr du ein Norweger bist. Es ist wohl möglich, daß für manche Leute dein Spruch paßt, ich aber weiß keinen, der ihn erprobt hat. Es müßte denn ich selber sein!« fügte er hinzu und schaute herum: »Für so einen wie mich ist er Honig und Balsam, wißt ihr.« Denn es war unchristlich, was dieser Küstertod alles gelesen hatte. Und soviel wußten sie auch, es war nicht lauter Silber, was im Ausland glänzte. Darauf tranken sie einander zu, und bald war die Stube und die Kammer und auch der Gang wieder von Stimmengeschwirr erfüllt wie zuvor. Da drängten sich zwei Frauen durch die Menge und kamen auf Otte zu. Die eine war Andrea Haaberg. Er begegnete ihren Augen, sie waren so groß und glänzend. – »Ich danke Ihnen!« sagte sie. Otte saß ganz entsetzt da. – »Ich begreife nicht, wie ich damit anfangen konnte.« Und dann murmelte er etwas zwischen seinen Fingern: »Aber so geht es einem wohl, wenn man im Flickkorb wühlt.« Die andere war Aasel. Sie stand hinter Andrea, zwinkerte ein paarmal rasch mit den Augen. – »Ja, das hörte sich seltsam an«, sagte sie. »Denn so geht es immer mit allem, was unmöglich ist: gerade das will man am liebsten hören. Vom anderen hat man bald genug. Aber ich bin trotzdem nicht ganz einig mit dir; durchaus nicht. Denn dann würde Norwegen ein flaches Land – da wäre es gleichgültig, wie es geht! Nein! sage ich!« – Sie lächelte und schüttelte leise den Kopf. Dann blickte sie über die Menschenmenge hin und lächelte noch einmal: »Aber es machte trotzdem Spaß zu sehen, wie es die Leute packte !« Und jetzt war Elen heimgegangen, das fühlte er. Ja, die Stube war leer und gut, zum Teufel auch, er wollte sich selber einmal zutrinken. Der Grauwidder und die Otterbüchse 1 Odin sprach kein Wort über den Vater. Da sagte Gurianna eines Tages, sie waren gerade allein in der Stube: »Nun also, du wolltest nicht mit deinem Vater gehen?« Odin sah sie nur an. – »Du bist doch ein kleiner dummer Kerl! Ich glaube, gar viele wären an deiner Stelle froh gewesen und sofort mit ihm gegangen.« – »Ja, das weiß ich schon.« Er ließ sie stehen. Das ganze war übrigens seltsam, jetzt, wenn er daran dachte. Die anderen hätten sich seinem Vater mit einemmal ergeben. Er, er blieb hier. Einen Augenblick stand er da und schaute vor sich hin: So müßte es sein, wenn man Kjelvika und allem, was hier war, den Rücken drehte, wenn man oben auf Langbrekka stünde und zurückschaute. Man könnte sich mit einem scharfen kleinen Ruck losreißen. Dann würde man hinuntersteigen in die Gemeinde und dort verschwinden, unter all den anderen. Er schob die Hände tief in die Taschen und spreizte die Ellbogen: »Ihr dürft nicht glauben, daß ich nicht damit fertiggeworden wäre, o nein! Aber ich wollte nicht. Deswegen, weil –« Er konnte sich nicht ganz klar machen, was er sagen wollte, aber es war etwas, wie daß er hier festsitze, so lange festsitze, bis die Zeit käme, und diese Zeit war irgend etwas Blaugraues in weiter, weiter Ferne. Er sah um sich, obgleich er nur dastand und in die Luft gaffte, er nahm sich die Hügel mit Buschwerk und Steinen und den ganzen Strand mit Wiesen und Steinbuchten vor, und da draußen hatte er die Schäre und alle die Plätze, wo der Fisch anbiß und nur auf einen wartete, so daß es einem im ganzen Körper kribbelte. Kjelvika, das war der Ort, wo die Sonne schien und der Wind sauste, die beiden spielten in langen guten Tagen für ihn um die Wette –, für ihn war es etwas ganz anderes, sich hier loszureißen und fortzugehen, etwas ganz anderes als für die übrigen, denn die wohnten nicht hier. Später einmal aber wollte er dies großartig meistern. Von Vennestad fortzugehen, damals, das war überhaupt keine Sache, da zuckte er nicht einmal mit der Wimper. Und schließlich war es auch so lange her, er war ja noch klein gewesen damals. Jetzt hatte er also einen Vater, schlechter war er nicht daran. Er erzählte es Karen-Anna, als sie eines Tages im Sommer oben auf den Heidehügeln waren und Rauschbeeren suchten: ,Jetzt habe ich einen Vater, ich auch.« – »So, hast du?« – »Ja, und ob! Einen großen und erwachsenen Vater. Wo ich den her habe? Von Amerika. Er heißt soviel wie Otte, im Frühling war er einmal da und wollte mich mitnehmen. Aber ich wollte nicht. Ich machte mir nichts daraus. Du, Karen-Anna: Weißt du, daß sie mich Bankert nennen?« – »Ja, aber – du solltest nie so tun, als hörtest du es.« – »Ach was! Wen sollten sie denn sonst so nennen? Und ich bin es doch auch, nicht wahr? Wenn sie einen anderen so nennen würden, was sollte der dann mit sich anfangen? Er würde davonlaufen und sich verstecken und sich nie mehr heraustrauen. Aber wenn sie hergehen und sagen, ich lüge, oder wenn sie sagen, der Bendek hat Diebsfinger, dann haue ich zu!« Karen-Anna ging hinter ihm her und pflückte die Beeren, die er übrig gelassen hatte. Einen Augenblick sah er sie von der Seite an, während er eine Handvoll schwarzer Rauschbeeren abraufte: »Ist es nicht merkwürdig, daß wir reich werden sollen?« »Reich, glaubst du?« Es war, als koste sie dieses Wort. Dann schüttelte sie die Haare aus dem Gesicht und deutete auf einen großen Erdhügel: »Da schau hin, Odin, da sind die Beeren noch größer und schwärzer!« Im nächsten Augenblick war Odin dort, warf sich mitten in die Beeren hinein und stopfte sich den Mund voll. »Reich, ja. Wenn wir in die Gemeinde kommen und einmal richtig loslegen!« Der Nordwind sauste über ihren Köpfen hin, und die Wolkenschatten sprangen in den Sund und über die Hänge, und mit ihnen lief der Sonnenschein um die Wette, es war eine Jagd von dunklem und hellem Grün, und überall leuchteten die Beeren schwarz auf. Dieses Spiel ging während des ganzen Sommers über das Land hin, und Odin und Karen-Anna waren fast jeden Tag draußen. Wenn er später wieder einmal daran dachte, schien es ihm wie ein Traum. Er verlor nie viel Zeit damit, allzusehr daran zu glauben. Dann und wann war er auf dem Meer. Immer und immer wieder geschah es, daß er die richtige Stelle fand, weil er fühlte, daß die Fische gerade hier und nirgends anders waren. Bendek wunderte sich darüber, Odin aber nie. Dann aber kam ein regnerischer Herbst, und das Vieh schoß dahin und dorthin wie die Heringe im Meer. In einem regnerischen Herbst, wenn die Schafe auf die Pilze versessen sind, ist es nicht lustig, Hüterbub zu sein. Odin lief den ganzen Tag umher und schrie sich manchmal heiser. Aber er tröstete sich damit, daß es später besser werden würde, es konnte ja nicht anders sein; und endlich war die Ernte unter Dach, und das Vieh durfte auf den Wiesen weiden. Nun brauchte er an den Abenden nur noch die Schafe heimzuholen. Und das gute Wetter kam, genau so wie er es gewußt, aber nicht erwartet hatte. Große, eisblanke Oktobertage; die Berge stehen unter neuen Himmeln, wenden das Antlitz der Sonne zu und lächeln weit übers Meer hinaus. Die Preiselbeeren röten sich, sie treiben einen schon frühzeitig am Morgen aus dem Bett, und die Sonne strahlt einem mitten in die Augen. Eines Tages traf er mit den Jörnstrand-Buben zusammen, sie trieben sich auf den Kjelvika-Gründen herum und holten Preiselbeeren. Zuerst riß sich Odin einen tüchtigen Stecken ab, er wollte die Buben verprügeln und fortjagen. Da aber waren sie so unendlich sanft und erboten sich, mit ihm zusammen suchen zu gehen. Sie wurden gute Freunde. Das war ein unglaubliches Ereignis für Odin. Er kam nicht zur Besinnung, ehe es dunkler Abend war. Von den Schafen sah er keine Spur mehr, sie waren offenbar allein heimgetrottet. Die Dämmerung fiel unwahrscheinlich rasch ein. Das Tageslicht verrann im Westen hinter den Inseln, die Berghänge wurden groß und zottig, und der Himmel im Osten war wie die Nacht selber, die sich herabsenkte. Und die Schafe waren nicht daheim, er fühlte das plötzlich und begann zu laufen. Weiter unten kam ihm Bendek entgegen. Odin verlangsamte den Schritt. Jetzt sah er Bendeks Gesicht. Das war wie die Dunkelheit selber; seine Stirn war tief gerunzelt, wie ein Waschbrett. Odin überlief es heiß und kalt. »Wo hast du dich denn herumgetrieben, wenn ich fragen darf?« »Die Beeren – schau her!« Er zeigte den Korb, der bis an den Rand voll war. »Und die Schafe?« »Die sind gleich oberhalb des Sommerstalls, ich will jetzt schnell hinlaufen!« »Ja freilich! Ich hab sie ein paarmal hier unten bei der Scheune gesehen! Und jetzt sind sie wieder in die Berge zurückgelaufen – komm her , sag ich!« Odin hatte sich in einiger Entfernung gehalten, und jetzt sah er, daß Bendek irgend etwas auf dem Rücken hielt. Er versuchte, um ihn herum zu schielen. »Was haltet Ihr dahinten?« »Na, was meinst du wohl?« Bendek zog die Rute hervor. Odin wurde bleich, aber er stellte seinen Beerenkorb hin und wollte schon die Hose herunterknöpfen. Bendek war ganz verblüfft. – »Nun, laß dir nur Zeit«, sagte er. »Soll's denn nicht auf den blanken Hintern sein?« Bendek stand noch einige Augenblicke da; dann stieß er ein lautes Gelächter aus. »Ist das jetzt der Spitzbub oder der Dummkopf, der aus dir redet, du verflixter Kerl?« Damit warf er die Rute weg. – Er solle jetzt hinaufgehen und die Schafe zusammensuchen, sagte er zu dem Jungen, daß er's nur wisse. »Und das sage ich dir«, fügte er hinzu, »wenn du mir ohne sie heimkommst, dann – –!« Als Odin sich den Bergen zuwandte, waren sie pechfinster. Trotzdem machte er sich auf den Weg, über den Viehsteig und den Bergpfad hinauf, und schließlich mußte er sich aufs Geratewohl in die Dunkelheit hineinwagen. Er ging und er lief, und von Zeit zu Zeit jammerte er leise. Die Schafe mußten hier ganz dicht vor ihm sein, etwas anderes zu glauben wagte er nicht, denn sonst wäre er ja mutterseelenallein gewesen, mitten im Gebirge und in der Dunkelheit. Daß er den Hund nicht mitgenommen hatte! Jetzt war er nicht mehr weit von der Ura-Schlucht entfernt, und dort hatte er sie schon manchmal gefunden. Aber das war eine unheimliche Schlucht, denn da hatte der Blitz einmal eingeschlagen und alle Kjelvikschafe getötet; man konnte sich fast vorstellen, daß sie noch dort lagen. Und auf einmal durchfuhr es ihn kalt und trocken, hier waren sie nicht, hier waren nur er und die Berggeister, sonst nichts Lebendes. Da dauerte es nicht lange, bis er wieder unten beim Sommerstall war. Der Mond schien jetzt über die Hügel von Jörnstrand, aber es war weit bis dorthin; dort hatten sie hellichten Tag, und hier war der Schatten ganz schwarz, wie ein riesengroßer Mann stand er über einem. Wäre doch nur der Bendek in der Nähe! Odin mußte an einige Abende im vergangenen Winter denken: Der Mondschein war so unheimlich gewesen, wie Tod und Jüngster Tag, und alles Böse hatte er rings um sich gefühlt, aber sobald Bendek dazukam, war es ganz anders. Da lag es wie zitternder Silberrauch über dem Fjord, und die Berge wichen weit von einem zurück und standen wie in einem anderen Land – zu ihnen konnte man wohl auch einmal gelangen? Jetzt aber war Bendek nicht hier. »So ist es also, wenn man ohne Vieh heimkommt«, sagte er vor sich hin. »Jetzt weißt du's. Ach ja, du wirst es schon überstehen, wenn der Bendek Ernst macht. Und dein Vater, der wird es niemals erfahren.« Es kam ihm immer etwas zu Hilfe und tröstete ihn, so war es. »Nein!« sagte er auf einmal, »nein, lügen tust du nicht, damit hast du schon lange Schluß gemacht, denn wenn du jetzt etwas von Zwergen und Berggeistern lügst, dann werden sie dich später einmal zu packen kriegen.« Er blieb eine Weile stehen. Der Mond schien und schien auf die westlichen Hänge, als sei nichts geschehen. Man konnte die kleinen reifweißen Wiesenflecke zwischen dem Gebüsch erkennen. Jetzt reichte sein Strahl auch auf den Sund hinunter. Der wandte ihm seine glänzende Seite zu und ließ sich von zahllosen Pfeilen aus zitterndem Silber treffen. »Und jetzt gibt's Hiebe, Junge!« lächelte Odin. »Wärst du jetzt nicht der Odin, dann nähmst du Reißaus.« Die Füße wollten nicht hierbleiben. Die Finger wollten die Klinke nicht ergreifen. Bendek sah so betrübt aus, als er den Buben heim Kragen nahm, es war eine Schande für den, der ihn dazu zwang. Bendek schlug hart. Odin preßte sein Gesicht gegen Bendeks Schenkel, das half unglaublich gut. Aber gegen die Tränen konnte er sich nicht wehren. Bendek atmete auf, als er fertig war, und seufzte. Er hatte eine schwere Arbeit geleistet. Den tiefsten Eindruck machte es auf Odin, daß der Alte nicht ein Wort sagte, nicht einmal so halb und halb ein Versprechen von ihm verlangte. Gurianna stand da und drehte sich weg, als er hineinkam, und sie sah Odin auch nicht an, als er sich etwas zu essen holte. Sie war gutmütiger, als man ihr zutraute. Jetzt erst sagte Bendek etwas. – »So ist es also«, sagte er. »Kein Mensch weiß noch, was in dir steckt. Dein Vater ist ein braver Mann; aber er ist mir zu hoch, ich reiche nicht bis dort hinauf, nein. Vielleicht willst du dort hinauf? Ja, der Teufel mag es wissen. Auf deine Mutter verstehe ich mich auch nicht allzuviel. Aber sie ist ein ordentliches Weib, das sollst du nicht vergessen, Odin! Die Haaberg-Leute gehören zu dem alten Juwik-Geschlecht, und dein Vater dazu. Da war jeder ein richtiger Kerl. Jetzt liegen sie schon lange unter der Erde. Die wußten genau, was sie taten. Und deine Großmutter, die Aasel, die geht hier wie ein Überbleibsel herum. Sie sieht aus, als erwarte sie noch einmal irgend etwas Gutes. Aber du, weißt du, du mußt es von einer anderen Seite anpacken. Für dich selber. Ganz und gar allein für dich selber!« Bendek hob die Stimme und zugleich auch die Augenbrauen: »Und da fragt es sich eben, ob du nur aus lauter Altem zusammengesetzt bist oder ob auch noch ein neuer Saft in dir steckt. Ist Erhöhung in dir, was meinst du?« Dann murmelte er vor sich hin: »Das Leben und das alles, das ist ein schwerer Kampf. Das lernst du weder auf der Schule noch in der Kirche. Ach ja, so geht ein Tag um den anderen dahin. Der Teufelsbub, der – –« Odin durchzuckte es immer wieder, während Bendek sprach. Am Tag darauf konnte er sich gar nicht gleich erinnern, was ihm widerfahren war. Er blieb liegen und starrte zu der Otterbüchse am Dachbalken hinauf. Als es ihm dann endlich klar wurde, bekam das Tageslicht auf einmal einen anderen Schein. Es wurde nicht grau, sondern nur ganz unkenntlich. Und das hier war er selber? Gestern abend war er ein kleiner Lausbub, der Schläge bekam. »Du gehst wohl wieder in die Berge hinauf, hm?« meinte Gurianna, als er gefrühstückt hatte. »Ja, gleich werd' ich fort sein!« Seine Füße steckten schon in den Holzschuhen. Es war ein blanker Herbsttag, mit laubroten Hängen und den Bergspitzen hoch, hoch droben im blauesten Himmel, und der Himmel war wie ein vereister Fjord. Es glänzte über den Feldern und glänzte über der See, leuchtete in jedem einzelnen Halm. Preiselbeeren lugten rund und rot unter großen taugrünen Beerenblättern hervor. Der Birkhahn erhob sich aus dem Wacholderbusch in Luft und Sonne hinauf, so daß sein Rücken blau aufleuchtete, er breitete die Schwingen aus und hielt Umschau auf seinem Gebiet, schwenkte groß und frei um den Hügel im Osten herum. Und in jener Richtung lag die Gemeinde. Odin lächelte nachdenklich, wenn er daran dachte. Dort waren Schule und Kirche und Vennestad und Haaberg und Höfe und Menschen überall. Dort hatte er nichts zu tun, nein. Es würde auch nicht viel helfen, so glaubte er, wenn einer dorthin ging und ihnen etwas erzählte. Bendek hätte sich kaum diese Mühe gemacht. Sie glaubten es nicht, was man ihnen auch erzählte, er hatte es ihnen angesehen. Es mußte wahr sein. Da aber stand er wieder an der gleichen Stelle: Was war denn eigentlich wahr? War das etwas anderes als das andere? Er seufzte, wie er so oben im Bergeinschnitt saß. Hier, rings um ihn und dicht an dicht, war alles wahr. Und man konnte auch so sein, wurde ihm klar, daß man wie ein Besen über die Gemeinde hinfuhr und alles wegfegte, was es wirklich gab; er meinte fast, er sei schon manchmal mit dabeigewesen. Vielleicht würde er einmal eines schönen Tages mit der ganzen Gemeinde Krieg führen. Um irgendeiner Sache willen. Er und der Vater gegen die ganze Schar! Ja, es war übrigens eine Frage, ob er bei diesem Kampf nicht allein bleiben würde. Das fühlte er fast. Die Schafe fand er weit östlich im Engtalgebirge. Aber es war eines zu wenig. Der Grauwidder war nicht dabei. – So ging er denn immer wieder in die Berge und suchte und suchte, aber der Widder war nicht zu finden. »Die haben sich seiner erbarmt!« sagte Bendek, er lächelte sogar. Gurianna saß da, als spreche sie eine böse Verwünschung aus. Odin hätte nicht um alles in der Welt der Dieb sein mögen. Etwa vierzehn Tage später kam Bendek in der Dämmerung mit einer kleinen Herde fremder Schafe heim; sie hatten gleich oberhalb des Zaunes gelegen, und der Grauwidder war bei ihnen gewesen. An der Stalltür gelang es ihnen, den Widder von den anderen zu trennen, und die übrigen wurden fortgejagt, Bendek hetzte sogar noch den Hund auf sie. Bendek und Gurianna sahen einander an, und Bendeks Stimme wurde tief und warm: »So geht es: die einen verlieren und die anderen gewinnen!« Odin beugte sich vor, er war von Herzen froh: »Aber groß ist er geworden, unser Widder! Und das Weiße am Schwanz ist auch gewachsen!« – »Ach du Schwätzer!« sagten sie und schoben ihn hinaus. 2 Sie ließen jetzt den Grauwidder nicht mehr mit den anderen Tieren auf die Weide hinaus. Er hätte sonst von neuem durchbrennen können. – »Es wird das beste sein, wir zapfen ihm so bald wie möglich den Schweiß ab«, sagte Gurianna eines Tages. Bendek nickte. Der Schweiß, das war das Blut, soviel wußte Odin. Man sprach hier in Kjelvika das Wort Blut nicht aus, wenn man vom Schlachten redete. Odin hatte auf einmal einen Klumpen im Hals; wie ein kalter Hauch strahlte es plötzlich von Gurianna und Bendek aus. Er dachte nicht mehr daran, aber von Zeit zu Zeit merkte er doch, daß es noch in ihm saß. Es kam auch kein Winter, sondern nur ein schwarzer Herbst. Der Hund stand einen ganzen Abend lang vor dem Haus und bellte zum Strand hinunter, der so schwarz war, daß ein Schein von ihm ausging; und manchmal heulte das Tier laut auf. – Was er wohl sieht ? dachte Odin und fragte eines Abends. – »Ja, erzähl du mir das! Vermutlich nur einen Seehund; oder eine Otter.« – Bendek sah ihn so merkwürdig an. Draußen von der Schäre klang es förmlich wie eine Antwort, ein langgezogener Seufzer von der Dünung. Odin sah zur Decke hinauf, dort hing sie. Eine grausam große und häßliche Waffe. – »Warum erschieß' ich ihn nicht?« murmelte Bendek vor sich hin. Er zog die eine Augenbraue ganz hoch hinauf. »Ja. Aber ich tue es nicht.« Odin glaubte es zu verstehen, am Abend wenigstens. Am hellichten Tag grübelte er immer wieder darüber nach, saß oft in der Schule und war tief im Dunkeln versunken, mit der Büchse in der Hand. Es wuchs immer dichter und dichter um ihn herum, seine Umgebung war ihm nicht halb so gegenwärtig wie das andere, das er im Dunkeln gewahrte. Oft sagte Bendek zu ihm: »Ja, es ist kein Kinderspiel, hier zu wohnen. Es ist kein Spaß, nein.« Eines Abends sagte er unten im Bootsschuppen: »Hast du von dem alten Anders Haaberg reden hören? Von dem Großvater deiner Mutter? Er war einer von denen, die sich nicht im Dunkeln fürchteten. Er erlitt einen gewaltsamen Tod, aber –. Die Juwikinger, das waren kalte Leute. Der leibhaftige selber lag eines Morgens als ein schwarzer Hund unter seinem Bett. Er saß nur auf der Bettkante und zog sich die Hosen an, und dann schaute er unter das Bett, ob der andere noch dortläge. Da war es dem Schwarzen zu langweilig geworden, er hatte sich davongemacht.« – »Hol mich der Teufel!« sagte Odin. – »Ja, der holt viele, nimm dich nur in acht. Im übrigen aber müßte doch ein kleines bißchen von dem gleichen Kern in dir stecken.« Bendek stand eine Weile da und sah allerlei vor sich; dann hob er den Kopf: »Des Burschen wirst du leicht Herr. Es ist nicht mehr so weit her mit ihm, zur Zeit. Aber reize ihn lieber nicht, das sage ich dir; du könntest zu klein sein. Du kriegst noch andere Nüsse zu knacken.« Odin fühlte, wie ihn etwas beim Schopf nahm, Mütze und Haare stellten sich ihm auf. Immer wieder traten die Juwikinger vor ihn hin. Sehen konnte er sie nicht, aber er hörte sie: sie kamen in pechfinsterer Dunkelheit vom Meer heraufgetappt, mit großen schweren Stiefeln, und dann hörte man es rings um die Hütte fluchen; dann hetzten die auf Kjelvika den Hund, der dastand und knurrte. »Faß an!« Aber der Hund winselte nur, er hatte keinen Mut. Dann vergaßen sie ihn und die bösen Mächte im Dunkeln und gingen einen Sprung zu Stall und Scheune hinüber, mutterseelenallein. War einer ein Mann , ehe er so etwas zu tun wagte? Zu Bendek sagte er nie mehr ein Wort über solche Dinge. Aber ein paarmal kam er keuchend zu Gurianna herein und erzählte, er habe ein Gespenst gesehen. Einmal hatte er wirklich eine schwarze Gestalt gesehen, die sich ins Meer hineinwälzte, sie schlug einen Purzelbaum und ging unter, so daß das Meerleuchten hell hinter ihr aufspritzte. Den Rücken kannte er, es war ein Seehundrücken. Und jetzt hatte er sich wiederum vergessen und war heimgekommen und hatte erzählt, er hätte einen kleinen Teufel ins Meer gejagt! – »So, so!« sagte sie. Schlimmere Hohnworte konnte man nicht hinunterschlucken müssen. – »So, so!« Es war die ganze Gemeinde, die ihn auslachte. – Aber wenn's darauf ankommt, dachte er, dann kann ich den lieben Gott bitten, mir zu helfen, dann lege ich diesen Fehler ab, noch lange ehe ich erwachsen bin. Aber drüben beim Stall meckerte der Grauwidder Tag für Tag, und bald würden sie ihm den Schweiß abzapfen. Und was war es nun für ein Widder? Odin wagte nicht hinzuschauen. Er hatte wirklich zuviel Weiß am Schwanz, und vielleicht kamen die Leute noch auf den Gedanken, daß das Zeichen im Ohr allzu neu war? Eines Tages schlendert er am Strand entlang und sucht Treibholz, denn es war kurz zuvor ein Nordwestwind gegangen. Er dachte auch an Karen-Anna, sie ließ sich nie mehr sehen. Der Strand ist ihm so fremd. Es ist überall so kahl, das Wetter hatte sich Mühe gegeben und in Hunderten von Jahren alles abgewaschen; und hier waren keine Menschen gewesen. Er findet eine Flasche mit Inhalt, und da wird er froh: vielleicht enthält sie Petroleum für die Lampe? Denn die Gurianna ist so geizig mit dem Licht. Er lächelt, wie er so dahin geht, und murmelt in den Wellengesang hinein: »Entweder Petroleum oder Tabak für das Eiergeld, die ganze Welt kann man nicht dafür kaufen.« Da blieb er draußen auf der Landspitze stehen und starrte mit leeren Augen ins Wasser hinunter. Dort schwimmt etwas. Schwimmt seinen Weg am Ufer entlang, mitten im stillen Wasser, zeigt sich und verschwindet, zeigt sich und verschwindet. Ein totes Wesen. Odin folgt ihm weiter nach Osten, ohne es zu wissen. Es ist ein Tier. Es ist eine Kuh. Da packt ihn der Schrecken, und jetzt rennt er über Berg und Tal und heimwärts. Diesmal glaubten sie ihm. Bendek ging mit ihm zu der Stelle, und als sie unten am Ufer waren, sahen sie das grausige Ding auf die Bootslände zukommen; denn dorthin wollte es. Der Kopf schwankte mit der Dünung, und die Füße waren zusammengebunden; der Bauch sah aus wie ein umgestülptes Boot. Odin hielt sich in einiger Entfernung. Etwas so Totes und Unglückliches hatte er noch nie gesehen oder auch nur geahnt. Jetzt wußte er um vieles mehr. »Nein, hinaus mit dir!« rief Bendek, er nahm einen Stecken und stieß die Kuh von dem Steinwall weg. »Fort!« Er ging noch ein gutes Stück mit ihr weiter, gab acht, daß sie ihren richtigen Weg nahm. Er sah nicht froh aus, als er zurückkam. Er wurde Odin gewahr, der noch auf dem gleichen Fleck stand. – »Komm jetzt!« sagte er. »Nur eine verreckte Kuh«, sagte er zu Gurianna. Auch sie war jetzt vor der Tür draußen. »Milzbrand, glaube ich.« Odin vergaß die Flasche, die er gefunden hatte, und als Bendek sie ihm abnahm und gegen das Licht hielt, durchfuhr ihn ein Schauder. Bendek entkorkte sie, wollte sehen, was sie enthielt. Roch zuerst und war mächtig erstaunt; nahm dann einen großen Schluck. Starr und nachdenklich sah er sein Weib an, während er noch einmal trank. Sie stand da und beobachtete ihn. »Was ist es denn?« fragte sie. »Man redet von milden Gaben !« sagte er. »Komm her, dann kennst du's schon!« er hielt ihr die Flasche hin. Sie kostete und lächelte. »Französischer Branntwein!« sagte sie. »So, so, du weißt also auch, was das ist!« Mit starker Hand korkte er die Flasche wieder zu. Odin seufzte drüben auf der Bank: hätte er doch ein ganzes Faß voll solchen Petroleums für sie gefunden! Aber den ganzen Abend über war er gedankenarm, und den nächsten Tag ebenfalls. – »Was fehlt dir denn, Bub?« fragte Gurianna und schaute ihn dabei an. – »Bist du krank?« fragte Bendek und blickte vom Netzstricken auf. Odin wachte auf und sah sie an: »Ist es – dauert es lange, bis das Unglück kommt?« »Das Unglück?« Sie sahen einander an. »Du wirst uns doch nichts Böses weissagen, Kind!« Er wurde rot und ärgerte sich. »Nein, ich dachte nur – die Kuh!« »Woher doch!« sagte Bendek. »Sie ist ihrer Wege gezogen. Und unser Herrgott – –« Er murmelte etwas vor sich hin, was Odin nicht verstehen konnte. »Ja, fort mit Schaden!« sagte Odin, er stand auf und ging hinaus. Jetzt wollte er Holz hacken. Daß aber das Unglück kommen würde, das saß in ihm fest. Angst hatte er keine, denn schließlich fand sich immer ein Rat, aber es durchfuhr ihn alle Augenblicke seltsam kalt bei dem Gedanken, daß das, was zu erwarten war, nun auch kam, und so ging es einem immer, solange man lebte. Es war groß und zottig wie die Dunkelheit in der Nacht, wie die Kuh im Meer; es wuchs über alle Juwikinger hinaus. Aber unser Herrgott – Er murmelte einige Worte, die er selber nicht verstand. Nicht lange darauf traf die Nachricht ein, daß drüben im Südfjord der Milzbrand einen Stall nach dem anderen verheere. Es bleibe nichts anderes übrig, als das tote Vieh so rasch wie Möglich ins Wasser zu werfen. Kurz danach hörte man, daß auch noch eine andere Krankheit umgehe. Sie raffte die Kinder hinweg. »Das bösartige Halsweh« nannte der Doktor sie, und er konnte nur wenig helfen. Sie starben. Auf einem Hof nach dem anderen zog sie ein, die Krankheit, und die Kirchenglocke läutete. Odin blieb oft stehen und lauschte ihrem Klang. Trotzdem dünkte ihn doch, es sei jetzt leichter geworden. Denn jetzt war es gekommen. Außerdem gab es nun keine Schule. Und den Weg nach Kjelvika fand die Krankheit nicht so leicht. – »Sei schön brav und vergiß nicht dein Abendgebet!« ermahnten sie ihn. – »Ja, schon. Aber sie findet mich doch nicht.« – »Nimm dich in acht, Odin!« – »Ja, schon. Aber ich für mein Teil sterbe nicht.« Nein, denn das würde nicht geschehen; so war es. Und außerdem gehörte die Krankheit doch wohl zur Gemeinde dort? Er konnte die Gemeinde vor sich sehen: sie war irgendwo weit unter ihm, gleichsam als säße er auf dem höchsten Berg und schaute hinunter; sie waren alle ganz winzig dort, konnten jede Stunde sterben, jeder einzelne sozusagen. Er bekam auch keine Angst, als er hörte, daß die Krankheit auf Jörnstranda herrschte. Aber eines Nachts springt er auf einmal von seiner Bank auf, setzt sich hin und starrt rings um sich. Der Schweiß rinnt ihm herunter. – »Bist du's, Odin?« sagt Bendek. – »Ja, ich bin es«, antwortete er, ebenso erstaunt. – »Fühlst du dich schlecht? Nein, wirklich?« – »Nein, nein!« Aber er bleibt doch sitzen. Draußen ist es leer und still. Der Mond hält sich irgendwo hinter Wolken auf; es sieht aus, als verbärgen sie eine Glut. Die Wiese wird sichtbar, mitten in der Nacht, mit Schneeflocken und gelben Grasbüscheln. So wach hat Odin sie noch nie gesehen. Hat sie am Ende den gleichen Traum gehabt? »Leg dich doch wieder hin und schlaf jetzt!« bat Gurianna. »Hörst du, Odin!« Er tut es. Jetzt aber ist auch die Karen-Anna krank geworden, denkt er. Sie stirbt zwar nicht, sie auch nicht, weniger noch als ich, lächelt er unter der Decke. Aber jetzt gerade war sie hier, und da sagte sie, so daß ein Schein von ihrem Gesicht ausging: »Wenn du mich bekommst, Odin, dann geht es dir schlecht. Dann werden sie Herr über dich!« Es war wie in Bendeks Märchen. Nun, man mußte eben abwarten. Er drehte sich herum und schlief ein. Als er am Morgen darauf erwachte, wußte er eines ganz genau: dieser Grauwidder dort hinter der Stalltüre mußte weg, und dafür mußte er sorgen. Er dachte ab und zu an die Krankheit, und meinte fast, er wäre betrogen worden. Es war beschämend, mit denen zusammenzukommen, die sie überstanden hatten. – Und der Bendek wetzte sein Messer und sah dabei Odin an, nur mit einem ganz raschen schiefen Blick. Da fühlte Odin, daß er nur ein kleiner Junge war, und ihren Grauwidder, den hatte er beim Hüten verloren und konnte ihn nicht wieder herschaffen. Im Lauf des Tages erholte er sich wieder einigermaßen. Denn das Messer in eines anderen Mannes Schaf stoßen, das sollte der Bendek doch nicht tun. Den Griff dieses Messers zu halten, mußte schrecklich sein. Am Abend lag er da und wartete lange, bis sie endlich eingeschlafen waren. Vielleicht hatte er selbst auch ein wenig geschlummert, denn jetzt war schwärzeste Mitternacht. So, jetzt steckte er in den Kleidern, und die Schuhe nahm er in die Hand. Auf dem Boden lag ein kleiner Mondstreifen und zeigte ihm den Weg. Und die Tür schwieg, ja. Auch in der Küche war es nicht schwer, und im Gang draußen flüsterte er vor sich hin: »Es steckt ja doch der gleiche Kern in dir!« Er dachte nicht an die Juwikinger, es tat nur gut, irgend etwas zu sagen. Da hatte er das Gefühl, als ginge die Mutter mit ihm. Draußen vor der Türe begegnete er der Nacht und trat ihr geradeswegs entgegen. Sich umzuschauen, wagte er nicht, denn dieses gelbgraue Licht zu nächtlicher Zeit war nicht gerade lustig. Hätte er wenigstens gewußt, woher es kam! Und jetzt war auch die Mutter nicht mehr da. Er versuchte, sie selber zu sein, und flüsterte sich zu: »Bist du es wirklich, Odin? Hast du wirklich so viel Mut? Ja, du machst nicht in der Türe kehrt, nicht wahr!« Er lief über den Hofplatz und stieß die Tür zum Stall auf. Da stand der Widder, schwarz gegen schwarz. In seinen Augen leuchtete es grün. Odin schlugen die Zähne aufeinander, dennoch trat er ruhig zurück, wollte sehen, ob der Widder nachkäme. Ja, wahrhaftig! Dort stand er, die Vorderfüße auf der Türschwelle, und witterte in die Luft hinaus; ein schwarzes und fremdes Geschöpf. – »Lauf in die Berge, so rasch du nur kannst!« flüsterte Odin. Das Tier kam herausgetrippelt. Und auf einmal meckerte es laut auf. Odin zuckte zusammen und mit ihm alles auf dem Hof. Seine Füße verloren den Halt, und die Stimme blieb ihm im Hals stecken. Es war ein großes und schwarzes Gemecker, fand Odin, es rollte zwischen den Wänden dahin. Da fuhr das Mistvieh endlich um die Hausecke, und Odin lief hinein, helles Entsetzen hinter sich. Aber in der Haustüre traf er auf eine weiße Gestalt. Es war Bendek, in Unterkleidern. »Was ist denn da los?« fragte er. Odin hatte innegehalten und stand nun stocksteif vor dem weißen Wesen. »Bist du's, Odin? Warst du draußen?« »Nein, hört Ihr, nein! Ich habe den fremden Bock freigelassen – ich wollte nicht, daß Ihr – –« »Ist er fort?« Bendek tat ein paar Schritte, kam jedoch wieder zurück. Odin wartete jetzt ruhig auf den Schlag. »Sie hätten am Ende das Fell gefunden«, sagte er leise. Bendek seufzte, ganz nahe bei ihm, und wurde immer älter und kläglicher. Jetzt faßte er Odin an; aber er schob ihn nur vor sich her durch die Tür: »Geh hinein und leg dich schlafen, Kind!« Odin lag völlig ohne Gedanken da. Er hörte Bendek erzählen, daß der Widder die Türe aufgestoßen hätte und davongelaufen sei. Man müßte ihn doch morgen wiederfinden können? meinte Gurianna. – »Ja freilich«, tröstete er. »Gott steh uns bei!« fügte er hinzu. Da weinte Odin. Prügel wären ihm jetzt willkommen gewesen. Am Morgen darauf war nicht viel mit ihm los. Die anderen suchten nicht einmal nach dem Widder. Nach und nach erholte Odin sich wieder, und schließlich schob er die Hände in die Taschen und spuckte aus: Dieses Mal ist ihnen der Odin zu mächtig gewesen. Später ging er umher und erzählte es der Mutter, immer und immer wieder, wenn er allein war. – »Es ging nicht anders«, sagte er. »Mitten in der Nacht stand ich auf und ließ ihn hinaus. Der Bendek? Nein, der gab nach. Er fand es wohl großartig.« Als er aber eines Tages wirklich mit ihr redete, erwähnte er die Sache mit keinem Wort. Sein Gesicht zog sich von Zeit zu Zeit in die Breite, er stand da und lächelte, über irgend etwas, ganz wie Bendek. So steht er noch da, als er im Begriff ist, sich auf den Heimweg zu machen, und nun blickt er zu ihr auf: »Ist es wahr, daß ein Juwiking in mir steckt?« »Wer erzählt dir denn so etwas?« »Nein, es war nur so eine Frage.« Sie stand da und strich ihm das Haar in die Stirne, es strebte immer von selber in die Höhe, als sei ihm eine Kuh mit der Zunge darübergefahren. »Mir scheint, dich hat eine Kuh abgeleckt? So einen Haarschopf hatte jedenfalls noch kein Juwiking.« Sie blieb stehen und dachte nach. Er wußte, daß das nicht ihre Gewohnheit war. Und sie war immer bleicher, so oft er sie sah. Die Jungfrau Maria selber konnte kaum so weiß sein. – »War im Lauf des Sommers einmal ein Fremder bei euch?« fragte sie. – »Ach, es kamen ja so viele«, antwortete er. »Du meinst meinen Vater?« »Ja. Hättest du nicht mit ihm gehen mögen?« »Nein. Ich hatte keine Lust dazu.« »Das war gut so, Odin. Er ist übrigens ein guter Mensch«, fügte sie hinzu. »Ja, sie sagen es, das habe ich gehört. Ja, leb wohl also!« Wie ein Großer und Alter drehte er sich um und ging. Sie stand da und sah ihm nach und lächelte. Nun vergaß er sich und fing an zu laufen. 3 Die Jörnstrandbuben waren bald wieder auf den Beinen und draußen und wieder ganz die alten. Ein paar von den Kleinsten hatten dran glauben müssen. Aber nur die beiden Ältesten waren Odin groß genug; der eine zählte vierzehn, der andere dreizehn Jahre. Er selber war zehn, und das fand er gerade recht. Sie hatten eine Büchse und gingen überall damit herum und schossen. Niemals hatte Odin sich so klein gefühlt wie in dem Augenblick, da er dastand und auf den Knall wartete. Es war noch so unendlich lange hin, bis e r eine Büchse in der Hand halten und schießen durfte. Da kam Karen-Anna heraus und sah ihnen zu. Sie war noch schmächtig und bleich. – »Hast du die Halskrankheit nicht gehabt?« fragte sie. – »Nein, aber – – aber ich habe mit Bendeks Otterbüchse geschossen.« – »Du?« Sie machte große Augen, und das machten sie alle miteinander. Nein, so ganz richtig war das ja nicht, aber dafür hatte er ihnen ja auch die Geschichte von dem Grauwidder nicht erzählt, den er freigelassen hatte. – »Ja, jetzt reißt du die Augen auf!« sagte er. – »Dann darfst du auch einmal mit der hier schießen«, sagte Martin, der Älteste von ihnen. Odin nimmt die Büchse, legt sie auf den Steinwall, spannt den Hahn. Karen-Anna ruft etwas, aber es ist schon zu spät, nun muß es gehen, wie es mag; er zielt und drückt los. Von der Wand des Sommerstalls drüben schrien sie ihm zu, er hätte großartig getroffen, gerade daß er noch die Tür erwischt hätte, und Karen-Anna lachte mit. – »Aber jetzt darfst du nicht mehr!« sagte sie; sie war ganz bleich. »Aber die Otterbüchse, die knallt erst richtig!« versicherte Odin den Buben, die herunterkamen. »Ach die, ja, die ist ja verzaubert«, sagten sie. Es war die gleiche, die Bendek nicht mehr zu benützen wagte. »Es ist schon am besten, er rührt sie nicht mehr an.« Und jetzt erklärte Martin ihnen, was es mit dieser Büchse für eine Bewandtnis habe. Bendek war eine Zeitlang ein wilder Schütze gewesen. Die ganze Nacht über lag er draußen und lauerte der Otter auf. Morgens und abends fuhr er rund um die Schäre und jagte Seehunde. Vielleicht schoß er auch noch andere Dinge. Dann aber kam eine Nacht, da feuerte er drei Schüsse auf ein Wesen ab. Es war sogar hier drüben hinter der Insel. Da drehte der sich um, auf den er geschossen hatte, und lachte kalt: »Drei Schüsse, Bendek! Jetzt noch einen, dann holen wir dich!« Da nahm Bendek seine Büchse und ging heim. Seit dieser Zeit hat er sie nicht mehr angerührt. Denn das eine steht fest: wer aus dieser Büchse noch einen Schuß löst, der wird unters Wasser geholt. So hat es sich früher schon zugetragen. Den Kindern war ganz entfallen, daß Odin erzählt hatte, er habe damit geschossen. Er selber dachte auch nicht mehr daran. Jetzt fiel sein Blick auf Karen-Anna, sie stand da und starrte ihn unverwandt an: »Du rührst sie nicht mehr an, Odin!« Da erwachten auch die anderen und schauten ihn an. Odin fühlte, daß er vor ihr um keinen Preis als Lügner dastehen wollte. Irgend etwas war in ihm, das, so dünkte ihn, anpackte und stützte; er lachte über den ganzen Zauber. »Sobald Bendek zur Mühle fährt, hole ich mir die Büchse und lege mich damit am Strand auf die Lauer!« sagte er. Es war irgendein anderer in ihm, der das sagte, nun aber war es ausgesprochen und abgemacht, und ihm war, als hätten es auch noch andere gehört als nur sie und die Buben. Er bog den Nacken steif zurück, bis ihn die Halswirbel schmerzten. Große glänzende Augen begegneten ihm von allen Seiten. Man glaubte ihm. Ja, aber wirklich glauben würden sie es nicht eher, als bis sie es gesehen hätten, das fühlte er. »Ich tu's!« sagte er, als er auf dem Heimweg war, und er begann zu laufen. Daheim fragten sie ihn mehrere Male, ob er denn etwa krank sei. Und Bendek mußte ihn eines Abends in der Scheune tüchtig anfahren und ihm sagen, daß er doch einen Sack zu halten habe und nicht nur dastehen und träumen solle! Nicht lange darauf fragte Odin ihn, ob er schon bald zur Mühle müsse. – Ja, ob er mitkommen wolle? – Nein, nein! er habe nur so gefragt. Eine Fahrt zur Mühle – etwas Schöneres kannte er nicht, aber unter der Decke hing die Zauberbüchse und daneben das Pulverhorn. Und die Jörnstrandjungen kamen ein ums andere Mal her, um zu hören, wann Bendek zur Mühle fuhr. Karen-Anna mit ihnen. Und abends, um die Zeit der Ebbe, fiel das Meer so stark, daß man wahrhaftig trockenen Fußes bis zu den Inseln hinübergehen konnte, es war wie eine Fügung. »Ihr fahrt wohl erst, wenn Ihr den richtigen Wind habt?« fragte er wiederum. Tag für Tag ging der Landwind stürmisch und zerzauste den Fjord, und Bendek schaute sich das Wetter an und wartete. Bald war Weihnachten, und Mehl mußte er doch haben. Von Zeit zu Zeit betrachtete er Odin: Dem leuchtete manchmal das ganze Gesicht auf, wenn der Wind oben am Hang am härtesten anpackte, der ganze Junge war die leibhaftige Unruhe, und dies wurde immer schlimmer. Odin fand, der Sturm sei ein Mann, der sich vorgenommen habe, ihm das Leben sauer zu machen. Mit so einem Kerl wollte er gern einmal richtig raufen, aber wie sollte man das anpacken? Eines Tages, er ist mit Bendek draußen und schafft Torf heim, sagt er auf einmal: »Hat man sich nie etwas Besonderes von meinem Vater erzählt?« Etwas Besonderes? Bendek schaute auf. »Daß etwas Tüchtiges in ihm stecke?« Bendek lächelte: Nun, das kam darauf an, wie man es auffaßte. Er war ja ein braver Mann. Und ein guter Schreiner, das mußte man ihm lassen! »Ach was, das !« Endlich eines Morgens wacht Odin auf und hört die Stille rings um das Haus. Und Bendek ist fortgefahren. – »Ist er wirklich fort?« fragt Odin und starrt Gurianna an. Er sieht aus, als sei er von der Decke heruntergefallen. Es wurde ein langer Tag. Am Abend kamen die Kinder von Jörnstranda. Sie sagten nicht viel. Sie redeten ihm nicht zu. Da mußte er es tun, das fühlte er. Ging es schief, dann war er der einzige in der Gemeinde, dem dies widerfuhr. Die Juwikinger, die hatten das gleiche erlebt. Das war für sie das Leben gewesen. Weiter brachten sie es nicht; sie erlitten fast alle einen gewaltsamen Tod. Aber du, Odin, du mußt mitten hindurch, sprach es in ihm. Die anderen wollten unten beim Schuppen warten. Dann sollte er mit der Büchse kommen, wenn Gurianna in den Stall gegangen war. Aber es hatte nicht den Anschein, als wollte sie heute abend hinübergehen. Ihre Augen waren die ganze Zeit hinter ihm her. Dann endlich stand er mit der Büchse in der Hand da. Der Hahn war unheimlich groß: er verkündete schon von vornherein Unglück. Es kostete ihn einige Mühe, den Hund einzusperren, denn den wollte er nicht mit haben. Unten beim Bootsschuppen sagte fast keiner ein Wort, als er kam. Karen-Anna war kreidebleich, so glaubte er zu sehen. Martin sollte die Büchse laden, aber als es soweit war, wollte er lieber, daß Odin es selber mache, Odin, der ja auch schießen sollte. Martin erklärte ihm nur, wie man lud; zuerst das Pulver, dann ein Büschel Werg, dann das Seehundsschrot, ja, so war's recht! Die Schrotkörner waren so groß wie kleine Kugeln, die mußten doch töten, meinte Odin. – Still! sagte Martin. Sie einigten sich darauf, über den Rücken, den die Ebbe freigelegt hatte, zur Langinsel hinüberzugehen, denn dort war es am günstigsten. Die Dunkelheit lag grau und weich rings um sie, und Odin schritt in ihr dahin, an der Spitze der anderen, von einem großen Gefühl erfaßt. Das Meerleuchten ließ den Tag ringsum wie durch einen Zauber schlüpfrig und lebendig erscheinen. Brauner Tang streckte die Finger über Sand und Steine aus, mit großen blinden Blasenaugen an jedem Finger. Breite Tangblätter lagen wie Fetzen von der Lederjacke eines ertrunkenen Seemanns da. Schwarzglänzender Tang hob und senkte sich mit dem Wasser, mit langen bleichen Stielen und gekräuselten Blättern; er bewegte sich so seltsam im Schlaf. Seesterne, diese Trollblumen, zappelten und machten ihm Zeichen, sie waren blaßrot wie die Kiemen eines toten Fisches. Quallen lagen wie ausgespien an Land zwischen den Steinen, aber auch sie waren heute abend lebendig. Odin mußte an ausgestochene Augen irgendeines Seeungeheuers denken. Er sah dies, die anderen aber nicht, und so sollte es sein. Denn wie gesagt, hier kam er. Die Muscheln knirschten unter den Füßen und gaben nach, sie vertrugen nicht mehr. Ein leiser Windhauch tuschelte am Strand entlang und zog seiner Wege. Die Kinder versammelten sich auf dem höchsten Punkt der Insel und legten sich dort flach hin. Da lag der Strand vor ihnen, noch einsamer als das Ufer drüben, ganz offen dem wilden Meer gegenüber. Der Tangstreifen zog sich wie eine schwarze schimmernde Schlange nach Osten und Westen; und unter ihm seufzten und klatschten die Wellen. Nirgends war etwas Lebendiges zu sehen. Da flüsterte etwas dicht neben ihm: »Schieß nicht, Odin!« »Still, Fratz!« knurrte Martin, er drohte Karen-Anna mit der Hand. Und jetzt flüsterte er Odin heiß und atemlos zu: »Du mußt auf alle Fälle schießen, in die Luft!« und bald darauf: »He? traust du dich nicht?« Odin suchte den Strand mit den Augen ab, hin und her. Da sah er deutlich, daß sich dort, diesseits des Tangstreifens, am Strand irgend etwas rührte. Büsche und Steine hatten sich ganz leise bewegt, die ganze Zeit, das hier aber war etwas anderes: es wandte den Kopf. Er legte die Büchse an und spannte den Hahn. Martin kroch ein wenig zurück, das merkte er, und mit ihm der Bruder. »Schieß, schieß!« flüsterten sie. Es währte unheimlich lange, ehe der Schuß losging. Er kam wie ein Schlag aufs Ohr, und es dauerte eine Weile, ehe sie sich aufraffen und davonlaufen konnten. Odin sah das Tier auf dem Boden liegen und um sich schlagen. Es befiel ihn wie eine Ohnmacht. Da hörte er es weiter entfernt unter den Füßen der anderen aufklatschen, sie liefen durch Wasserpfützen und weichen Lehm. Jetzt erst drehte er sich um und stürzte davon. – »Wartet!« rief er, aber er hatte keine Stimme. Mitten auf dem Ebberücken rannte er gegen Karen-Anna. Sie packte ihn hart am Arm. »Kommst du wirklich?« Jetzt kamen die beiden anderen zurückgeschlendert, sie lächelten. – »Du hast doch nicht gezielt? Du sahst doch nichts?« »Die Büchse?« murmelte er. Dann aber fühlte er, daß er sie in der Hand hielt. »Er fiel«, sagte er, und er hob die Büchse und blies den Lauf aus. »Ja!« sagte Karen-Anna. »Ja, dann kommt es darauf an, wie es ausgeht «, meinte Martin. »Er fiel«, sagte Odin noch einmal. Damit schulterte er seine Büchse und ging, und die anderen hinterdrein. Sie überlegten, ob sie am folgenden Morgen nachschauen wollten. Martin war nicht sicher, daß der Zauber so rasch wirken würde. Odin hörte kaum darauf. Er hatte seine Pflicht getan. Für alles andere fand sich schon ein Rat; – er hatte jetzt ein so leeres Gefühl dem Zauber gegenüber, gleichsam als habe ihn der Knall zerrissen, und Odin fand, er sei erst vor ganz kurzer Zeit noch ein kleiner Junge gewesen. Er vergaß das Vaterunser, als er sich schlafen legte. Am Morgen darauf stahl er sich schon frühzeitig davon, nahm sich keine Zeit, auf die anderen zu warten, denn die Flut war im Steigen. Wenn jetzt im Westen drüben auf dem Strand ein totes Seetier lag, dann hatte er allen Ernstes gewonnen. War es aber seiner Wege gezogen, so stand die Sache auch nicht viel schlechter; es war zwar gefährlich, aber dafür fand sich immer noch ein Ausweg. Der frische gute Morgen war um ihn. Der Westwind hatte die Wolken aufgestört, und sie zogen nach Osten ab, eine nach der anderen. Im Norden sah er eine Jacht draußen auf dem Wasser, flach wie ein Hund im Lauf, und der weiße Schaum stand rings um sie – so wollte er auch einmal hinausfahren. Er mußte eine Weile stehenbleiben und verschnaufen, ehe er auf die Höhe der Insel stieg. Jetzt war er dort. Mit starren Augen blieb er stehen. Er war ganz verwirrt. Unten am Strand standen Martin und dessen Bruder und betrachteten ein totes Schaf. Er hörte, wie sie ihm lachend zuriefen: »Du hast nur ein Schaf getroffen! Du hast es erschossen – es ist Bendeks Grauwidder!« Ja, da lag er – und es war der Grauwidder; da half alles Besinnen nichts. Die Zunge hing ihm aus dem Maul, und die Augen waren halb offen und gläsern. Dort, hinter dem Ohr, hatte ihn ein Schrotkorn getroffen. »So ein Hanswurst wie du!« lachten sie. »Aber ich habe es doch nicht für ein richtiges Schaf gehalten«, sagte er vor sich hin. Nun, sie wollten es nicht weitererzählen, versicherte Martin. Odin sah ihn mit leeren Augen an. – »Das kommt nie auf«, trösteten sie ihn. »Und wegen der Büchse«, sagte Martin, »wegen der Büchse sind wir jetzt gerade so gescheit wie vorher. Es ist wohl der Bendek, dem es gilt, das kann man sich denken.« Odin hörte es fast nicht. Der Grauwidder war tot, und er selber hatte sich unerlaubterweise die Büchse angeeignet, und morgen kam der Bendek heim. Der Bendek, sagte es irgendwo in ihm, immer wieder und immer wieder. Der Gedanke an die Gurianna war jetzt auch nicht besonders angenehm. Diesmal sah er sich nirgends einen Rat. Und morgen war Weihnachtsabend. »Ich bereue es aber doch nicht«, sagte er und lächelte die anderen an. Seine Brauen zuckten dabei. Und so war es, das wußte er, als er heimwärts ging. Etwas bereuen, was er getan hatte, das konnte er nicht. Wenn bloß der Wind nachlassen würde, damit Bendek rechtzeitig heimkäme! Bendek ruderte schwer, als er in den Sund einbog, kurz vor Mittag des nächsten Tages; er hatte beinahe die ganze Nacht gerudert, denn da war der Wind ein wenig ruhiger gewesen. Odin war schon wieder guten Mutes. Der Grauwidder war ja doch schon verschwunden gewesen, wäre nie mehr im Leben heimgekommen; und wenn man erst einmal erwachsen war, so mußte man noch viel Schlimmeres aushalten. Und den bösen Mächten zu Wasser und zu Land hatte er richtig heimgeleuchtet, meinte er. Jetzt wurde es lichter . Nun, und ein Schaf würde er ihnen schließlich schon einmal schaffen können. Trotzdem gab es ihm einen Stich, als Bendek ihn anredete. Denn er sah sofort, daß Bendek etwas für ihn zu Weihnachten gekauft hatte. Im übrigen brauchte man nicht so hoch zu Bendek aufzuschauen, wenn man es genau betrachtete; nur deswegen, weil er über vieles Bescheid wußte und ihm seine Büchse verzaubert worden war. Er würde noch einmal der Hilfe bedürfen. Jetzt wolle er ihnen eine Neuigkeit erzählen, sagte Bendek, als er am Tisch saß und das Essen vor sich hatte. Er kaute lange. Ja, er könne sie vom Grauwidder grüßen. – »Was redest du da für einen Unsinn?« sagte Gurianna. – »Doch, es ist schon wahr.« Am Morgen, als er durch den Sund hinausgerudert war, hatte den Bock unten am Strand der Langinsel gestanden und das Boot angestarrt. – »War es denn unserer?« fragte Gurianna. – »Unbedingt!« Bendek klopfte mit dem Messerschaft auf den Tisch. »So, so, dort treibt er sich also herum, der Lump!« Gurianna mußte fast lachen. – »Ja, wir wollen uns auf den Weg machen und ihn zu Weihnachten heimholen«, sagte Bendek. »Ich will nur vorher noch das Mehl aufräumen.« Das war bald geschehen. Dann wollten sie abwarten, bis das Meer zurückging, auf die Weise brauchten sie nicht hinüberzurudern. Und das Meer fiel und fiel, von den Steinen am Boden tauchte einer nach dem anderen auf, und jetzt zogen sie los. Odin blieb daheim, er sollte Wasser ins Haus tragen für die Feiertage. Mit dem hereinbrechenden Abend setzte schlechtes Wetter ein. Drüben im Westen stand drohend eine blauschwarze Wand, und das Wetterleuchten wurde immer schlimmer und schlimmer. Odin stand da und sah die beiden Alten vom Strand heraufstapfen; sie kamen so alt und mit leeren Händen einher. »Wir haben ihn nicht gefunden, es war zu dunkel«, sagte Bendek und schlug das Wasser aus der Pelzhaube. Odin stand zuerst eine Weile da, gleichsam als höre er nicht zu. Dann sagte er: »Lag er denn nicht unten auf dem Weststrand?« »Nein, woher doch, dort war er nicht; und wer weiß, wo er sich an diesem Weihnachtsabend herumtreibt.« »Ich habe ihn mit der Otterbüchse erschossen – ich glaubte, es sei ein Trollschaf.« »He? Was sagst du da? Du hast ihn erschossen?« Es dauerte einige Zeit, bis sie das begriffen. Sie gingen ins Haus, die Lampe wurde angezündet, aber Odin wußte nachher nicht, wie er es fertiggebracht hatte, den Hergang zu erzählen. Bendek nahm die Büchse vom Nagel und sah sie an: »Ja, wirklich, es scheint, daß es wahr ist, was er da sagt!« Er stand da und starrte Odin an, als habe er ihn noch nie gesehen, aber ohne Feindseligkeit. Jetzt fragte Gurianna etwas, und der Knabe antwortete. – Er habe sehen wollen, ob es wahr sei, sagte er. – Wahr? – Ob sie verflucht sei – verhext! – Was? – Ob es wahr sei, daß der unter Wasser müsse, der aus ihr noch einmal einen Schuß abgebe! Bendek wurde dunkelrot: »Wer hat dir denn das erzählt? Wer hat dir denn diesen Floh ins Ohr gesetzt? Willst du wohl gleich damit herausrücken?« Odin schwieg. Gurianna fragte, ob er gestern drüben gewesen sei und den Widder gesehen habe. Ja, und er erzählte ihnen alles haarklein, von der Zunge, wie sie heraushing, und von den Beinen, die steif waren. – »Dann hat ihn das Meer in der Nacht hinausgetragen«, meinte Gurianna; denn es war hoch gegangen, das hatte sie gehört. Bendek räusperte sich: »Aber sag mir jetzt ehrlich, Odin: Wer hat dir denn diese Geschichte von der Büchse erzählt? Wer hat dir diesen Bären aufgebunden? War es das Ungeziefer von Jörnstranda? Dann werde ich ein ernstes Wort mit ihnen reden. Kannst du denn nicht antworten? Gesteh' es doch ein, Odin!« er bat so schön er nur konnte. »Ich habe ihn selber umgebracht!« »Du willst nicht damit herausrücken? Wenn du es jetzt nicht auf der Stelle gestehst, schlag ich dich zuschanden, jag dich zum Haus hinaus !« Odin sah ihn nur an. Bendeks Gesicht war kaum wiederzuerkennen. In der Stube wurde es leer und still. Bendek erbleichte. Er stampfte auf den Boden: »Hinaus mit dir! Mach', daß du weiterkommst! Hinaus aus meinem Haus! Hinaus!« Odin wurde schneeweiß, aber er nahm seine Mütze von der Holzkiste und ging hinaus. Sturm und Regen legten sich wie ein nasses Segel um ihn, und die Dunkelheit war so dicht, daß er sie nicht gewahr wurde. Erst als er merkte, daß er vom Weg abgekommen war, fing er zu weinen an. Wenn es besonders grell aufblitzte, stand er steif da und kniff die Augen zusammen. Und wenn der Donner nachrollte, wimmerte er und rief nach der Mutter! Er ging so lange, bis er hinfiel und liegenblieb, dann lag er da und wollte sterben, wenn aber das Entsetzen auf ihn eindrang, fuhr er auf und lief ein Stück weiter. Überall war ihm die Gegend fremd, blaubraune Berge, die der Blitz ihm zeigte, und große unbekannte Steine, die in der Dunkelheit auf ihn zukamen. Draußen vom Meer herein rauschten die Regenschauer, himmelhoch und weiß, und holten ihn ein, prasselten rings um ihn und zogen wieder weiter. Der Donner rollte mit großer und hohler Stimme über die Berge hin. Einmal dachte Odin daran, daß es Weihnacht war, die gefährliche Nacht. Dies ließ ihn so erstarren, daß er keinen Fuß mehr bewegen konnte. Dann vergaß er es wieder, wußte nicht, wo er hintaumelte und ging. Bisweilen leuchtete es in der Luft auf. Alle Dinge drehten sich um und starrten ihn an. Da wünschte er wieder die Dunkelheit und den Regen herbei. Von Zeit zu Zeit kannte er sich wieder aus, aber es nützte doch nichts, er wußte nicht, wo er hin sollte. Einmal stolperte er und fiel in einen Wacholderbusch, und dort blieb er liegen. Er schlief sofort ein. Dann waren sie hinter ihm her, irgend jemand mit großen schweren Seestiefeln, es waren die Juwikinger, die Berggeister selber. Da fuhr er wieder auf und lief weiter. Das schlimmste Unwetter war jetzt vorüber. Nur der Sturm herrschte noch, und der hatte den Himmel über dem Meer draußen abgehäutet, so daß es über dem Fjord schon fast taghell leuchtete, und das Land leuchtete mit, denn es war weiß von lauter Hagel, den die letzte Bö gebracht hatte. Und das dort, das war der Sommerstall von Kjelvika! Odin schluchzte auf und lief hinunter, lief und fiel und stand wieder auf, und dann befand er sich wieder in der Nähe von Menschen, so unglaublich es schien, er war mitten unter lauter guten warmen Schafen. Noch lag ein Vorrat von dem Heu da, das er den Tieren zum Weihnachtsabend gebracht hatte; sie lagen in ihrem Weihnachtsfutter, und dorthin legte er sich auch. Gegen Morgen wacht er auf, frierend, und schaut verwirrt um sich. Dann durchzuckt ihn ein schmerzlicher Gedanke, er stolpert hinaus und geht fort. Der Weg nach Vennestad war jetzt leicht zu finden. Der Heimatlose 1 Odin kam am ersten Weihnachtsfeiertag gegen sieben Uhr morgens nach Vennestad. Er fror wie ein Hund und hatte kaum einen anderen Gedanken als nur den, in eine warme Stube zu kommen. Auf der Herdplatte in der Küche prasselte es belebend, die Scheiter knackten und schwätzten miteinander um die Wette, und die Flammen kämpften über ihnen hin und lachten; sie achteten seiner nicht, und es war kein Mensch in der Küche. Er blieb unter der Türe stehen. Die Küche lächelte ihm so klar und freundlich entgegen, hier war kein Platz für ihn. Und außerdem ist Weihnachtsmorgen! sagte sie zu ihm. Auf der Küchenbank lag ein weißes Tuch, und alle Wandbretter waren mit weißen Papierzacken geschmückt; und oben auf dem Rauchfang standen die Kerzenhalter und glänzten. So war es auch in Kjelvika daheim, heute, das wurde ihm jetzt klar, während er so dastand. Da überkam es ihn wie ein seltsames Glück, daß er all dies gesehen hatte und jetzt noch sah. Es war nur ein Traum; nur das eine verhielt sich wirklich so, wie es war, er war der Odin, ja. Jetzt hörte er in der Stube jemand gehen. Es ist am besten, ich gehe gleich hinein, dachte er. Wenn ich nur nicht in der Tür jemand begegne. In dem Augenblick ging die Türe auf, und Elen kam mit einem Kind auf dem Arm und einem Krug in der Hand herein. Ihr Gesicht war ein wenig verschlafen, und sie schaute herzlich ahnungslos drein, wußte nicht, daß er hier war. Dann blieben ihre Blicke an ihm haften – jetzt träumte sie wohl. Er trat ein paarmal von einem Fuß auf dem anderen. »Ja!« sagte er nur. Sie wurde noch seltsamer anzusehen; jetzt bemerkte sie erst, wie naß und zerzaust er war, und sagte etwas. Da raffte er sich zusammen und lachte leise, und dann sprach er schnell und lebhaft: »Ja, sie haben mich davongejagt, aber es war gar kein Grund dazu, es sah nur so aus. Nein, denn ich konnte nicht – ich hätte irgend etwas erzählen sollen, und das konnte ich nicht, es ging einfach nicht, und der Grauwidder –« er schwieg auf einmal mitten im Satz. »Wo bist du denn heute nacht gewesen?« sie fragte zweimal. Jetzt geht die Tür hinter ihm auf, und Iver kommt vom Stall herein. »He?« sagt er, er schaut dabei vom einen zum anderen. Dann geht er zur Bank hin und stellt das Licht weg, zieht die Stiefel aus und schlüpft in ein Paar Pantoffel; das war so leibhaftig, wie es nur sein konnte, dünkte es Odin. Iver tat, als sähe er den Knaben nicht mehr, er ging geradeswegs in die Stube hinüber. »Aber du liebe Zeit, wo nehme ich jetzt nur Kleider her, damit du dich umziehen kannst?« Elen schaute ratlos um sich. »Ach was! Die werden auch an mir trocken, so macht es Bendek immer, damit hat's keine Gefahr.« Sie bat ihn, die Schuhe auszuziehen, aber er kümmerte sich nicht darum. Alles war so weit weg von ihm, alles miteinander. Iver kam wieder, und jetzt fragte er trocken: »Haben sie ihn fortgejagt?« – »Ja«, seufzte Elen. Er wandte sich Odin zu, schüttelte ihn gleichsam hellwach und stieß ihn in die Welt hinein: »Sag die Wahrheit jetzt, du Unkraut! Was hast du denn angestellt? Haben sie dich wirklich fortgejagt? Erzähl mir alles, hörst du!« »Ich werde es der Mutter erzählen.« Iver fiel aus allen Wolken. Sein Gesicht wurde ganz so wie etwas Häßliches, von dem Odin geträumt hatte – es war der Himmel von heute nacht, als er nach dem Schneetreiben aufleuchtete. So böse war Odin noch nie angesehen worden. So also sind sie, dachte er. Aber seine Augen begegneten denen des anderen unerschrocken, dann schlug er sie nieder und wich ihnen aus, gleich darauf aber sah er sie wieder an. »Erst kriegst du einmal Prügel, und dann kannst du wieder deiner Wege ziehen und schön um Verzeihung bitten!« Er wollte nach dem Knaben greifen. Da sagte Elen: »Nein, warte. Das ist doch wohl meine Sache.« Iver zuckte zusammen, blieb stehen und schaute sie an. Und sie sah ihn an. Es war jetzt gleichsam ausgesprochen, daß sie die Sorge für den Jungen übernommen habe. Er starrte immer noch ganz grau und dumm vor sich hin, als sie den Buben in die Kammer hinüberführte, und er stand noch da, als sie mit den nassen Kleidern wiederkam. Inzwischen war die Magd aus dem Stall hereingekommen und im Begriff, die Milch abzuseihen, aber er achtete ihrer nicht, höhnisch lächelnd sagte er zu Elen: »Ja so, du willst jetzt, scheint's, die Aasel hier auf dem Hof machen? Und ich soll wohl der Kristen sein?'' Elen ging ihrer Wege, und er kam ihr nach. Es war fast, als verbeiße sie ein Lächeln, denn von ihren Eltern hatte er noch nie gesprochen, und was gingen die sie an? Odin saß halb nackt auf einem Stuhl in der Kammer, und die Türe war offen. Der Knecht, eine kleiner fünfzehn- bis sechzehnjähriger Lausbub, hockte beim Ofen und tat so, als sehe und höre er nichts. Die Magd kam einen Sprung herein, als habe sie etwas vergessen. »Jawohl. Der kann wieder seiner Wege gehen, so naß wie er ist!« Iver lachte wieder höhnisch, seine Stimme klang trocken und rauh. »Vielleicht gehe ich dann auch meiner Wege«, kam es von Elen, als das Gesinde draußen war. Odin erhob sich unruhig auf seinem Stuhl. Es dauerte so lange, bis Iver antwortete. »Ja, jetzt sind ja die Amerikaner in der Gegend aufgetaucht.« Elen ging in die Kammer hinaus und ließ die Türe offen. Odin wagte nicht, sie anzusehen. Sie mußte jetzt dunkelrot im Gesicht sein, oder leichenblaß. » Der !« sagte sie vor sich hin. »Der wäre wohl der letzte, zu dem ich ginge.« »Du warst aber schon einmal nahe daran, voriges Jahr einmal, an einem Abend – glaubst du, ich bin ganz auf den Kopf gefallen?« hörten sie ihn draußen in der Stube lachen. Elen bat Odin, ihr zu erzählen, was sich denn zugetragen habe, und er tat es. Nur drehte er die Geschichte ein wenig herum, damit er nicht zu erzählen brauchte, daß er nicht allein gewesen war bei dieser Sache. – »Und die Büchse, die war verhext, unbedingt!« sagte er. Denn jetzt war er mitten in dem wilden Erlebnis. »Aber mir macht das nichts aus, die erwischen mich nicht. Mit Bendek ist es etwas anderes, glaube ich, er ist eben schon alt. Nein, nein, nur keine Angst!« »Wer ist denn mit dabeigewesen? Etwa die Jörnstrandbuben?« Er sah sie entsetzt an: »Weißt du das denn?« und dann seufzte er und schaute weg: »Das war es, was ich dem Bendek nicht habe sagen wollen.« »Warum denn nicht?« »Nein, ich wollte nicht. Denn das ging doch nicht. Aber hätte ich es denn tun sollen ?« Ihre Blicke wanderten zwischen ihm und der Wand hin und her: Nein, wenn er meinte, daß es nicht ging – – »Ja?« lachte er – »ja, das war es eben, siehst du!« Als sie beim Frühstück saßen, ging es still zu. Wohl sah der eine den anderen manchmal an, aber dann schaute der immer gerade nach der anderen Seite. Und später, im Lauf des Tages, wurde es noch stiller; schwer, schwer lag es auf ihnen. Mitten hinein klangen die Kirchenglocken, und da durchfuhr es Odin brennend heiß: es war ja Weihnachten und Feiertag, es sang so groß und göttlich – wären seine Kleider trocken gewesen und hätte er sie angehabt, so wäre er sofort davongelaufen, irgendwohin, weit fort. Denn die Gemeinde hatte eine zu starke Stimme. Iver nahm seinen Überrock und schob das Gesangbuch in die Tasche. Dann fragte er, und jetzt klang seine Stimme vernünftig, ob der Junge denn irgend etwas Größeres angestellt habe. Elen erzählte, er sei mit einer Büchse losgezogen und habe dabei aus Versehen ein Schaf erschossen. Und dann habe er nicht erzählen wollen, wer mit dabeigewesen sei, fügte sie hinzu. – »Und deshalb haben sie ihn davongejagt? So, so. Und noch dazu in die schwarze Nacht hinaus?« – »Ja.« »Sind die denn ganz von Gott verlassen? So etwas ist doch ganz unmöglich. Da ist es schon am besten, ich schaue mich einmal selber um.« Er ging zuerst in die Kirche. Gleich nach dem Mittagessen sprach er wieder davon. Er habe mit Bendek noch manches Hühnchen zu rupfen. »Ja aber, du sollst das nicht tun«, sagte Odin. Er ist aufgestanden, so bleich, daß er ganz leuchtet. »Tu es nicht, hörst du! Ich bin ja selber an allem schuld!« »Ja so, so ist das zu verstehen. Ich dachte mir's ja schon.« Iver ließ sich kein Lächeln anmerken, und doch fühlte Odin sich bis in die Füße hinunter steif. »Ja, dann mußt eben du gehen und um Verzeihung bitten. Daß du's nur weißt.« Elen wendet sich ihm zu und sagt das gleiche. Ja, wenn sie es auch mit Iver hält, dann bleibt wohl nichts anderes übrig, denkt Odin bei sich selber. Das wirst du doch wohl noch fertigbringen. Er zog sich an und wollte fortgehen. Dieser Junge hier war nicht er selber, es war einer, der ihn nichts anging, er entsann sich eines Wortes, das er in der Schule einmal gehört hatte: »Du Lausbub von den Häuslerhöfen!« – so einer war es; einer, den die Leute hinjagen konnten, wohin es ihnen behagte. Und jetzt ging er fort. Es war schon Abend. Als er in die Küche hinauskam, trat die Mutter ganz angezogen herein. Sie würde mit ihm gehen, sagte sie. – Oh, meinte er. Mehr brachte er nicht heraus; er war so erstaunt. Wohl war es der Odin, der hier stand, aber er war nicht groß. »Ich hätte es schon allein fertiggebracht, Mutter. Ich glaube wenigstens.« Er öffnete die Tür. Über allen Wiesen und Wäldern lag der nackte graue Abend, und die Berge standen hart und böse vor einem. Ihn durchfuhr der Gedanke, daß er schon einmal diesem Gesicht ausgesetzt gewesen sei, es war nicht leicht, sich ihm gegenüber zu halten. Er dreht sich zur Mutter um, sie kommt nach und will gehen, er nimmt ihre Hand und hält sie fest: »Mutter, es ist gefährlich! Alle miteinander sind sie gefährlich!« »Hast du denn das nicht schon vorher gewußt, armer Kerl?« »Nein. Aber gegen sie hilft nichts!« Er drückte ihre Hand so hart, als sei er ganz außer sich. Elen bleibt stehen. Ein paarmal hört er sie seufzen. Jetzt weinte sie gewiß. »Machen wir uns also auf den Weg, Mutter! Du wirst sehen, es geht schon. Es findet sich immer ein Rat. Ich gehe allein, das tu ich!« »Möchtest du nicht doch lieber bei mir sein, Odin?« »Ich könnte dir ja helfen auf das Kind aufzupassen.« Sie hörte, wie der männliche Klang in seiner Stimme ganz verschwunden war. Sie stand noch eine Weile da. Dann nahm sie Odin bei der Hand und ging hinein. Iver sah sie an. Ziemlich lange. »Ist es schon getan?« fragte er. – »Ja«, antwortete sie nur. Odin setzte sich auf die Holzkiste beim Ofen. Ihn dünkte, er habe hier seinen Platz. Es fiel ihm übrigens schwer, sich wach zu halten. – »Er kann mir ja helfen auf das Kind aufzupassen«, hörte er die Mutter sagen. Und jetzt wachte Iver offenbar auf, wie er so dasaß: Das könne er freilich, der Bursche, sein Essen würde er sich immer verdienen, von nun an. – »Ja«, kam es von Odin, er rutschte auf seiner Kiste hin und her. – – – Lustig war es gerade nicht, Kindermädchen zu sein. Das Kind war ein unruhiges und anspruchsvolles kleines Ding, ein Plagegeist, vor dem man nie Frieden hatte, immer wollte es auf dem Arm sein, und nie saß es richtig, und nie hatte es das rechte Spielzeug in der Hand. Aus der Mutter machte es sich mit der Zeit immer weniger, den ganzen Tag hieß es immer nur: Odin, Odin; und das schlimmste war, daß es nur ein Mädchen war. – »Du hast deine kleine Schwester gerne, scheint mir?« meinte die Mutter eines Tages. Odin fühlte, wie ihm die Ohren glühend heiß wurden, als hätte man ihm einen Schlag versetzt. – »Wenn's doch nur ein Bub wäre«, sagte er. Denn sonst war sie ja ganz nett, wenn er's recht überlegte. – »Und ganz umsonst ist es wohl nicht, Mutter?« – »Was denn?« – »Daß ich hier bin, meinte ich.« – »Ja, wo denkst du denn hin!« Da blieb er sitzen und lächelte vor sich hin, bis er sich selber dabei ertappte und mit einem Ruck wieder ernst wurde. Aber die Sache war eben die, daß er aus ihrem Gesicht nie klug werden konnte; er erzählte ihm nie etwas. Iver war nicht unvernünftiger als andere. Es war vorgekommen, daß er Odin sogar angesehen hatte. Es war vorgekommen, daß er ihn bat, einen Gang für ihn zu machen. Da streckte Odin sich in die Höhe und machte die Ellbogen rund: das sollte geschehen, ja! Aber vor ihm kriechen, das tue ich trotzdem nicht, sagte er vor sich hin. Er sagte es oft, obgleich er sich darüber wunderte, daß er es tat, und er war jedesmal immer weniger zufrieden mit sich. Immer wieder saß er da und sah den Bendek vor sich, sie waren draußen auf der Kjelvikaweide, dünkte ihn, er hielt den anderen einzig und allein durch seine Blicke fest, und dann begann er zu schreien, daß es in den Bergen dröhnte: »Hinaus aus meinem Haus, sage ich dir, oder ich schlag dich zuschanden!« Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, wenn er wieder zu sich kam, und er hörte die Stimme Bendeks wie einen herrlichen Ton, weit fort. Eines Abends war er allein mit der Mutter in der Küche. Die anderen hatten sich schon schlafen gelegt. Sie sitzt da und stopft ein Loch in seinem Strumpf, und er steht daneben und schaut zu. Da sagt er auf einmal: »Daß du den Tölpel bei dir im Bett schlafen läßt!« Sie wurde brennend rot, und ehe er sich's versah, bekam er einen Schlag hinters Ohr, daß er taumelte. Sie aber blieb stehen und sah ihn eine lange Zeit an. »Schäm' dich, Odin!« – es klang fast, als bitte sie für sich. Das tat er. Er ging in den Dachraum hinauf und legte sich. Dort hatte er sein eigenes Bett. Der Knecht und die Magd schliefen auch dort oben, jedes an seiner Wand; manchmal aber lagen sie im gleichen Bett, das hatte er gemerkt. Wahrscheinlich deshalb, weil sie soviel miteinander zu flüstern hatten. Auch heute abend lagen sie da und flüsterten miteinander, das hörte er, und heute abend legte er sich hin und lauschte. Gerade als er dann einschlafen wollte, hörte er die Magd sagen: – »Die Elen! Nein, die muß wohl nachgeben, entweder so oder so. Da sollte ich an ihrer Stelle sein! Der wäre mir nicht zu oft gekommen!« Odin drehte sich alles vor den Augen, das hier war unerträglich. Schließlich befand er sich weit draußen im Freien und steckte mitten im Abenteuer: hier hatte er seine Leute rings um sich, und dann kam der Tölpel herbei und fing an zu schimpfen, und da fielen sie alle über ihn her. Es war ein Jammer um ihn, ein großartiger Jammer, aber nun kam Odin hinzu und bat sie, ein wenig glimpflich mit dem Kerl umzugehen, er nahm ihn bei der Hand und führte ihn nach Vennestad heim: »Da hast du deinen Tölpel, Mutter – viel Vergnügen! Leb wohl!« Das Abenteuer, ja. Es war weit bis dorthin. Er aber dachte oft verächtlich: Ich bin jetzt darüber hinaus. Jetzt bläst der Wind aus einer anderen Ecke, Junge. Und später wird es wohl wieder besser werden. Eines Tages kam einer der Jörnstrandbuben mit einem Kleiderbündel von Kjelvika. Es enthielt Odins Kleider. Iver stand da und pfiff eine Weile vor sich hin, dann sagte er zu Elen: »Merkwürdige Leute, sie fragen nicht einmal. Ich glaube, es ist gut, daß er von dort weggekommen ist.« – »Ja«, sagte Elen, aber Odin meinte zu hören, daß sie dies nur zögernd gesagt hatte. – »Ja«, sagte er, als Iver hinausgegangen war, »es ist gut, daß ich von dort weggekommen bin.« – »So, du!« lachte sie. »Rede nur nicht gar so erwachsen daher, mein Lieber.« – »Ja, aber, ich habe mir doch vorgenommen, einmal – –« Was hatte er sich vorgenommen? »Das wirst du schon sehen!« Sie lachte hell hinaus, ein paar hohe lustige Töne, die in ein kurzes Glucksen ausklangen, sie lachte nie anders. »Ja, Gott weiß, wie das gehen mag«, sagte sie. Draußen in der Austragsstube war jetzt ein Mädchen, das den Eilert versorgte, denn er war alt und bettlägerig geworden. Sie sei eine Schwester des Tölpels, hatte Odin verstanden, und sie hieß Kristine. Sie war ein Jahr älter als er, wenn nicht mehr, und sehr groß für ihr Alter. Sie war böse in ihrem Innern. Das sah er sofort. Nicht nur, weil sie rotes Haar hatte, und auch nicht, weil sie so bleich und dick war, sondern sie war es wirklich; und ihre Augen verrieten das gleiche. Er mied sie, so gut er konnte, ebenso wie er den Iver mied. Kristine konnte ihm durch die Augenlider hindurchschauen, dünkte ihn, und dann kicherte es rings um ihn: »Du Lausbub von den Häuslerhöfen!« An Karen-Anna wagte er jetzt kaum zu denken; es war eine große Schande. Ganz Kjelvika war eine Schande. Einmal kam sie und steckte ihm irgend etwas in einem Papier zu. Es war Schokolade! Er wurde verlegen und froh, wagte nicht aufzusehen. Er wollte ihr danken und die Hand geben. Da meckerte sie laut, sie lachte sich fast tot: »Hast du gemeint, daß es Ernst sei? Ach, du meine Güte!« Und ehe er nur einmal blinzeln konnte, hatte sie ihm die Schokolade wieder weggenommen. Er starrte sie an wie ein Schwerhöriger. Sie war schön! Sie war so weiß, sie blendete einen förmlich. Und Haar und Augen an ihr und das ganze Mädchen, alles war so fremd und unglaublich für ihn, so seltsam anzusehen. Sie hielt ihn noch einmal auf die gleiche Art zum Narren. – So sind sie eben, sagte er zu sich selber, und es dünkte ihn, als seien es ihrer viele. – »Ja, Odin«, sagte die Mutter, die gerade vorüberging, »es ist vielleicht am besten, du hältst dich ein wenig fern von den Leuten.« Es war, als wisse sie alles miteinander. 2 Otte Setran war ein bekannter Mann in der Gegend geworden. Die Leute redeten von ihm, besonders jene, die beim Leichenschmaus gewesen waren. Sie wurden zwar nicht ganz klug aus dem, was er gesagt hatte, das war nicht so einfach, aber sie glaubten, ihn verstanden zu haben. Es war eine milde Lehre, sie paßte für das Land hier; mochte der Küstertod sagen, was er wollte. Man konnte schon sehen, wie es ging, wenn einer zu weit ausgriff. Wie etwa auf Haaberg. Die ganze Welt hätten sie an sich bringen mögen: und jetzt war bald nichts mehr davon übrig. Und auf Segelsund saß der Arthur mit seiner Schöngans und plagte und mühte sich ab, wollte der ganzen Gemeinde das Allerneueste beibringen: wenn sie bloß im Herbst nicht mit dem Laub weggeweht wurden. Und auch alle die anderen: der gute Verdienst mit dem Fischfang hatte den Leuten allen den Kopf verdreht, und jetzt war nichts als Armseligkeit übriggeblieben. In der Politik herrschte die gleiche Not, das Volk ging hin und verurteilte Regierung und König, es war schon viel, daß sie sich nicht auch noch an den Herrgott herantrauten, und jetzt standen sie da, und es drohte ihnen Krieg und Unglück, und die Lumpen und die Schreihälse hatten das Recht im Lande, und das dauerte so lange, bis ein anderes Gesindel kam und ihnen das Ruder aus den Händen riß. Überall war es schlecht bestellt. »Nein«, sagte da einer: »Der Otte aus Amerika, der weiß mehr als wir alle miteinander. Dort sind sie weit voran, und wozu hat man denn seinen Verstand bekommen, wenn nicht dazu, anderen Leuten das nachzuahmen, was neu und gut ist. Denn, wie der Otte sagt: ›Widerstrebet nicht dem Übel.‹ Das heißt soviel wie: erweisest du mir den einen Dienst, so erweise ich dir dafür einen anderen; so lehrt es die Heilige Schrift.« Im übrigen gab es viele, die sich um die ganze Sache den Teufel scherten. Der eine fraß den anderen auf, hier im Lande und rings in der ganzen Welt, anders war es nie gewesen, und es mußte schließlich auch so gehen. Otte für sein Teil sagte nichts mehr. Er hatte mit der Schreinerei angefangen; da brauchte man nicht bis zum Verrücktwerden an das zu denken, was ist oder was sein sollte. Er sagte gerne, wenn die anderen in ihn eindringen wollten: »Es ist nicht sicher, daß ich darin recht habe; noch nicht. Es hat keine Eile. Einmal muß wohl einer kommen, der das Rechte erkennt und es so sagen kann, daß es geschieht.« Sie luden ihn trotzdem zu sich ein. Er war bald auf allen Höfen gewesen. Schließlich aber sagte er ganz einfach nein. Lina, die Schwester, drang in ihn und meinte, dies sei doch häßlich von ihm. Da lächelte er: »Eines habe ich gemerkt: überall, wo ich hinkomme, haben sie mindestens eine Tochter im Heiratsalter. Die, die mich nicht einladen, haben keine.« – »Du bist wirklich ein Eigenbrötler«, sagte sie. – »Ja; gerade deshalb habe ich gedacht – –« Nur nach Haaberg kam er oft. Daran war der Schrank schuld. In Aasel war die Jugend gefahren: sie fühlte Lust auf etwas Neues, auf eine kleine Abwechslung in der Stube, wie sie sagte. Ein bißchen hobeln und hämmern würde schon gut tun, meinte sie lächelnd. Otte solle doch kommen und hier arbeiten. – Nein, er glaubte nicht, daß er das tun würde. Er habe schon daheim mit der Arbeit angefangen; es handle sich nur noch um die Höhe. Er mußte ein paarmal kommen und sich die Stube anschauen. Und mit jedem Mal blieb er länger sitzen und unterhielt sich mit Aasel. Ein Gedanke kam ihr immer wieder und plagte sie; sie überlegte, ob sie noch weiterhin den ganzen Hof behalten sollten. Sowohl sie als auch Kristen hatten schon längst ihre beste Zeit hinter sich, mit ihnen war nicht mehr viel los; und sie hatten doch niemand, der den Hof nach ihnen übernehmen konnte. Nun war schon Segelsund geteilt und auch sonst noch ein paar Höfe in der Gemeinde, und rings um sie lebten verschiedene Leute, die sich auf dem Meer abplagten und gerne ein Stück Land gehabt hätten. Ob sie denn den Hof hergeben könnte, fragte er eines Tages. Aasel saß da, blinzelte und schaute vor sich hin. – »Das wird wohl schmerzlich sein?« meinte er. Da lächelte sie ihm offen zu, wie man ein Kind anlächelt: »Ja; wenn das nicht wäre! Ab er es kommt auch noch darauf an, was am richtigsten ist!« – Am richtigsten? Ja, das wußte er nicht. – »Ja, siehst du! Das ist es eben. Machen läßt sich das freilich. Aber wissen, ob es das Richtige ist, das ist schwer. So seltsam sich das anhören mag.« Über ihre Stirne lief ein Zucken, und ihr Gesicht überzog eine leichte Röte. Andrea kam herein und setzte sich mit einer Handarbeit hin. Da sagte Otte nichts mehr. Aber Aasel war in ihre Gedanken versunken. – Sich davon trennen, das würde wohl seltsam sein. Dasitzen und zuschauen, wie andere den Hof betreiben. Das mußte man auch einmal auskosten. Andrea sah auf und begegnete Ottes Blicken. Da drehten sie sich beide weg und sahen nach der anderen Seite. Aasel legte rasch abwechselnd eine Hand auf die andere. Sie trug die schwarze Haube – sie war bald die einzige, die das tat, meinte Otte. Nicht ein Zug im Gesicht sprach davon, was sie durchgemacht hatte. – »Wer ist es wohl, der uns lenkt, was meinst du?« fragte sie. »Der uns so lenkt, daß wir es auskosten müssen? Hier ist es übrigens so still; wie der Vater sagte. Ich sehe aus den Zeitungen, daß es während des letzten Jahres viel Lärm gegeben hat im Land. Hier spürte man nicht viel davon. Hier gab es keine Unruhe. Und darüber war ich froh. Es tat so gut, eine Zeitlang in Ruhe dazusitzen und nur zu schauen. Nach rückwärts und nach vorwärts. Hast du bemerkt, daß das, was jetzt ist, nicht wirklich vorhanden ist? Es läuft uns zwischen den Fingern davon und wird zu etwas Gewesenem; es gibt nur das, was war, und das, was kommen wird.« Andrea sah wieder auf, ein hastiger Blick zwischen Otte und Aasel. – »Koch uns doch einen Schluck Kaffee, Andrea«, sagte Aasel ruhig. – »Du meinst, es kann noch vieles kommen. Das sagen wohl alle. Ich glaube nicht so recht daran. Kann etwas Neues kommen, etwas anderes als das, was schon einmal war ? Das möchte ich gern wissen. Ob es je einmal zu etwas führt.« »Zu etwas führt?« Otte hatte dagesessen und sie angeschaut, jetzt aber erwachte er und sah, wie jung dieses Gesicht war. Es brannte ein Mut darin, vor dem er zurückwich. Diese Angst in ihren Gesichtszügen war Mut, Mut zum Leben, wenn es darauf ankam. Er selbst saß da wie ein alter und mutloser Mann. Aasel hatte ihm den kleinen Rest geraubt und ihn an sich genommen. Und jetzt saß sie vor ihm und dachte an Elen. Von ihr sprach sie niemals mehr. Gleich nachdem er den Kaffee getrunken hatte, brach er auf. Es sei am besten, er gehe jetzt heim, sagte er. Ohne es zu merken, hatte er den Weg eingeschlagen, der durch den Vennestadhof führte, diesen Weg wollte er eigentlich nicht gehen. Die ganze Zeit hörte er in Gedanken Aasel reden, eine tiefe nagende Unruhe, durch Windstöße und Stille über die ganze Gemeinde hin. In dem Augenblick, da er um das Vorratshaus biegt, tritt Elen auf die Treppe heraus, mit einer Holzschüssel in der Hand. Sie sieht abwechselnd ihn an und dann über den Hof zum Stall hinüber, wo Iver gerade den Gaul ausschirrt. Odin steht dabei und sieht zu. »Läufst du etwa herum und suchst den Odin?« fragte sie. »Ist er denn hier?« »Ja. Und – – wenn du willst, kannst du ihn haben.« Er stand eine Weile da und sah sie an. Auch sie blieb still stehen. »Ist das dein Ernst, Elen?« »Ja, auf diese Weise bliebe es uns erspart, daß du noch öfters hierherkämst«, sagte sie so laut, daß man es über den ganzen Hof hörte. Der Ausdruck ihres Gesichtes war hart geworden, und jetzt schritt sie rasch an Otte vorbei und ins Haus hinein. Otte ging weiter. Aber bei der Stallecke trifft er auf Iver und den Jungen. Er bleibt stehen und grüßt. Iver gibt keine Antwort, er klopft sich das Heu von seiner Jacke und putzt die Stiefel im Schnee ab. Otte steht da und betrachtet den Knaben. – »Wie geht's dir denn, Odin?« Da schaut Iver auf, sein Gesicht ist graugefroren: »Zum Teufel, was schnüffelst du da herum? Bist du uns etwa auf den Buben neidisch?« »Nein, woher doch, ich kam nur – – ich wollte ihn nur sehen !« »Dann willst du wohl wieder meinem Weib den Kopf verdrehen, ich kenne deine Streiche schon!« »Nein, so hör doch, Iver – –« »Ja, das ist mir eine schöne Lehre , aber wenn du dich nicht augenblicklich wegscherst, werde ich dir heimleuchten!« Otte wurde ganz blaß, gleich darauf stieg ihm aber die Röte ins Gesicht, daß es sich ganz dunkel färbte. So stand er eine ganze Minute da, mindestens. Odin wurde abwechselnd rot und bleich. Er wagte kaum aufzusehen. »Ja, ja, Iver. Ich werde gehen. Du kannst ruhig sein. Und du, Odin, du willst auch jetzt nicht mit mir kommen?« »Nein.« »Steh nicht da und verführ den Jungen, du Weibervogt, der du bist!« Iver griff nach einem Holzscheit. »Ja, leb wohl also!« Otte ging. Er setzte die Füße gut auswärts, aber seine Kleider hingen leer an ihm, dünkte es Odin. Odin saß an diesem Abend fast die ganze Zeit auf der Holzkiste, die Hände in den Hosentaschen und über dem Bauch gefaltet, denn er hatte immer Löcher in den Taschen. Einmal lächelte er und sagte innerlich: Drehte sich um und ging, denk', dem anderen gerade vor der Nase weg! Gleich darauf aber seufzte er: Er ist doch ein dummer Kerl. Daß er ihm nicht heimleuchten konnte. Der Knecht war beim Fischfang, und die Magd war nach dem Abendessen auf den anderen Hof gegangen, Odin mußte sich also diesen Abend allein schlafen legen. Er stand eine Weile da, ehe er sich dazu entschließen konnte. Da sagte die Mutter: »Soll ich mit dir hinaufgehen?« Denn sie traute sich nicht, ihm ein Licht mitzugeben. – »Mit mir hinaufgehen?« – »Ja Willst du nicht?« – »Nein, nein. Nur ein ganz klein wenig vielleicht.« Sie ging mit ihm. Als sie ihn dann zudeckte, sagte sie: »Willst du denn wirklich bei mir bleiben, Odin?« »Ja, darauf kannst du dich verlassen – daß ich bei dir bleibe.« »Unbedingt!« lachte sie, denn das war der Bendek, der da aus der Decke heraus sprach. – – – Otte schien ein wenig verwirrt zu sein, als er am Abend heimkam. – »Mir scheint fast, du trägst dich mit Heiratsgedanken?« meinte Lina, nachdem sie ihn eine Weile betrachtet hatte. – »Ich? Bist du verrückt?« Er war vor ihr stehengeblieben und machte den Eindruck, als habe er die Sprache verloren. Am ehesten aber glich er einem, dem es zugestoßen war, daß er in sich selber hineingeschaut hatte, so kam es ihr vor. 3 In der gleichen Woche kam Gurianna nach Vennestad. Sie war so außer sich, daß sie kaum reden konnte. Sie setzte sich, noch ehe man ihr einen Platz anbot, und da saß sie nun. Ihre Blicke glitten dahin und dorthin. Die Leute gingen aus und ein, wollten so tun, als wunderten sie sich nicht weiter über sie. Aber Odin flüsterte der Mutter zu – er platzte fast vor Lachen: »Sie hat sich rasiert, Mutter!« Später blieb er dann an der Wand drüben stehen und sah Gurianna an, lange und forschend. – »Kannst du sie nicht fragen, was sie denn will!« flüsterte er, als die Mutter in seine Nähe kam. »Ja, danke, der Bendek ist krank geworden!« brachte Gurianna endlich heraus, und dann erzählte sie rasch und ganz durcheinander: Er lag da und war schwer geplagt, und überall tat es ihm weh, auf der Brust und im Magen, und er konnte nicht schlafen, und sie brachten auch nicht heraus, was für eine Krankheit er hatte; und da lag er und blieb liegen, und jetzt redete er immer nur noch von einer Sache, von dem Jungen hier, von Odin. Ehe sich's die anderen versahen, heulte Gurianna auf einmal los, sie biß sich auf die Lippe und verzog das Gesicht und konnte das Weinen nicht unterdrücken – dann gab sie nach und schaute die anderen offen an, während die Tränen ganz dick in den ratlosen Hundeaugen standen und schließlich über die Wangen hinunterkollerten: »Wir wissen es, Elen, daß wir ganz schlecht gegen ihn waren, darüber läßt sich gar nichts sagen, wir glaubten, er habe uns etwas richtig Böses antun wollen, und den ganzen Abend waren wir draußen und suchten und riefen, und am Morgen schließlich fanden wir seine Spur, die bis hierher führte, aber wir trauten uns nicht hereinzukommen. Und mich könnt ihr strafen, soviel ihr wollt, aber der Bendek, der arme Kerl, er liegt jetzt im Bett – – ich wäre nicht hergegangen, nicht um viel Geld, wenn nicht –!« Elen stand da und schaute weg. Ihr Gesicht wirkte schmal und knochig in der hereinfallenden Sonne. Sie wollten um nichts weiter bitten, sagte Gurianna nach einiger Zeit, nur um das eine, ob er nicht einmal bei ihnen vorbeischauen wollte, ob er nicht kommen wollte und mit dem Bendek reden, damit er hören könne, daß sie nicht verfeindet seien. Damit Bendek ihn sehen, könne, wenn auch nichts weiter. Und – wenn er länger bleiben wollte, ja, dann, so hatten sie untereinander ausgemacht, sollte er das bißchen, was sie hinterließen, einmal bekommen: die Häuser, das Vieh und das Geld, das auf der Bank lag. Der Bendek habe zwar Verwandte, aber von denen wollte er nichts wissen. Elen blieb noch eine Weile stehen, dann sah sie Gurianna an. »Aber freilich, er wird vorbeikommen, morgen schon. Mehr kann ich Euch nicht versprechen.« »Ihr habt Euch ja wie verrückt aufgeführt, wirklich«, sagte Iver. »Aber ich werde Euch den Jungen morgen hinüberschicken.« »Ja, ja, Gott segne Euch! Das ist mehr, als wir – –« Gurianna wollte wieder gehen, sie könne nicht auf den Kaffee warten, sie müsse heim. Aber gleich nachdem sie gegangen war, tappte Odin in seine Kammer hinauf, und als er wieder herunterkam, trug er seine Kleider in einem Bündel unter dem Arm. Die anderen machten große Augen, wollten ihn mitten in der Stube aufhalten. »Halt, was soll denn das?« sagte Iver. Der Junge schaute mit lustigen Augen an ihm hinauf. »Gehst du denn wieder von uns fort?« fragte die Mutter. »Ja, so wird's wohl kommen.« »Aber warum denn? Du, der nicht einmal mit dem – mit dem – –« »Ja, ich weiß nicht recht. Ich will jetzt einmal hinschauen.« »Hast du denn gar kein Sitzfleisch, Junge?« sagte Iver. »Läßt du ihn denn gehen, Elen?« »Ja, wenn er unbedingt will, dann –« Oben auf dem Bergsattel holte er Gurianna ein. Sie saß auf einem Stein und verschnaufte gerade. Der Weg war schlecht, und sie ging so selten fort. Der Ostwind schaffte tüchtig, wollte den ganzen Schnee in allen Tälern und Wäldern aufzehren und Äcker und Wiesen zum Sommer trocknen; Odin meinte fast, er schwitze vor lauter Arbeit. Oben am Hang sang bereits die Drossel. Gurianna wollte ihren Augen nicht trauen, das sah er. Da lachte er; sie sah aus, als sei ihr Gesicht rings um den Mund herum erfroren, es fehlte nicht viel und sie wäre wieder in Tränen ausgebrochen; ja. er mußte lachen, denn da stand er nun mitten vor ihr, und hier hatte er sein Bündel! Auch sie fragte, warum er das tat. – »Du hättest doch lieber daheim bleiben sollen, meine ich?« Da zuckte er mit den Schultern und schaute in die Luft hinaus: »Ja, aber – auf einmal ging ich eben fort.« Und zu sich selber sagte er, er wäre nicht der Odin gewesen, hätte er nicht so gehandelt. So war es. – »Merkwürdig!« sagte er auf einmal, wie sie schon im Weitergehen waren. – »Was denn?« – »Nein, nichts. Aber so ist es schon einmal gewesen. Ich war in der Klemme. Sie kommen und fragen mich, und ich soll antworten, ja oder nein, und dann weiß ich wohl, was ich will, aber ich tue es nicht. Denn sie brauchen mich daheim auf Vennestad!« sagte er und schaute zu ihr auf. – »So, wirklich?« – »Ja, aber jetzt ging ich doch!« »Ja, wenn es nur das Richtige war, armer Kerl!« »Unbedingt! – – Aber der Otte, mein Vater, der ist ein armer Tropf, der ist alles andere, nur kein Draufgänger!« »Wieso?« »Ja, denn sonst hätte er ja das Richtige schon längst tun müssen – sonst wären wir ja alle miteinander in Amerika! Und er hätte sowohl die – – –« Er hielt plötzlich inne. Und dann gingen sie weiter und sagten nichts mehr, bis sie in Kjelvika waren. Mit Bendek konnte man nicht viel sprechen. Seine Gesichtsfarbe hatte sich verändert, das erschreckte Odin sofort, und die Augen sahen aus, als litten sie. Aber tagsüber folgten sie Odin überallhin. – »Fühlst du dich nicht wieder daheim?« fragte er eines Tages. Odin blieb stehen und starrte ihn an. – »Ja, doch. Ja, wenn Ihr nur erst wieder auf seid.« Bendek knurrte leise vor sich hin: »Du sagst das so. Aber ich fühle, daß das unmöglich ist. Vorerst. Jetzt mußt du die Führung im Haus übernehmen. Dann wird ein erwachsener Kerl aus dir.« Odin steht da und überlegt eine Weile und runzelt die Stirn wie ein Erwachsener. Dann zuckt er ein wenig mit den Schultern und blickt schräg zur obersten Fensterscheibe hinauf: »Ja, Ihr dürft nun nicht glauben, daß ich mein ganzes Leben lang hier herumgehen werde.« »Nicht?« »Nein. Denn ich muß in die Gemeinde hinaus – ich will das hier nicht haben!« »Nimm dich in acht, mein Lieber!« Dann aber wird Bendek ernsthaft: Nein, er solle nicht hierbleiben; das sei nicht die Absicht. Man könne dies nur als eine Art Schule betrachten. »Damit du Mark in die Knochen kriegst!« Aber Bendek hatte recht, Odin fühlte sich anfangs nicht daheim. Es war nicht leicht, das Kjelvika wiederzufinden, das es gewesen war. Auch hier waren die Tage hell und hart, wie drüben in der Gemeinde. Er ging umher und wartete; und nur so nach und nach durchsickerte ihn das Gefühl: hier ist gut sein. Wenn Odin draußen gewesen war und sich mit Brennholz oder Torf abgeplagt hatte, kam er gern herein und setzte sich ans Bett. Bendek konnte ungeheuer munter sein, wenn ihn die Schmerzen nicht quälten, und dann hatte er immer gern jemand zum Schwätzen bei sich. Jedesmal, wenn Odin kam und sich zu ihm setzte, fand er selber, daß er gewachsen sei. Bendek müsse dies doch sehen, dachte er. Und eines Abends sprach Bendek es aus: »Mir scheint fast, du bist breiter zwischen den Ellbogen? Ja, das ist gut, Odin. Es gibt der Schmalen schon genug. Du bist wirklich ein – –« »Was für einer denn?« »– einer von den Alten. Ein Juwiking.« Bendek lächelte. Odins Gesicht wurde flach. Woher wußte Bendek, daß er während dieser ganzen Tage daran gedacht hatte? Jetzt machte er sich nichts mehr daraus. Denn die hatten niemals eine Kuh im Meer gesehen, und nie hatten sie sich in die Gemeinde hinausgewagt, wenigstens nicht lange; sie waren fast wie Heiden oder Tiere, wenn man an sie dachte. Nein, aber er war gewachsen, das fühlte er. Am meisten erstaunt war er über die Arbeit; es ging alles so rasch von der Hand. Das Holz war im Handumdrehen kleingehackt und der Torf ins Haus getragen und dazu das Wasser es schien doch etwas zu nützen, daß er hierhergekommen war. Schlimmer war es, als das Vieh auf die Weide sollte und das Fischwetter immer schöner wurde und das Wasser im Sund draußen blitzte. Er hörte es am Schrei der Vögel, daß es jetzt nicht mehr geheuer war. Draußen über der Schäre lockte und rief es, daß man sich völlig darüber vergessen konnte. Er ging hinunter zum Ebbestrand und suchte nach Würmern, und kaum war das Vieh abends wieder im Stall, machte er sich schon auf den Weg. Das schlimmste war, daß er spät am Abend allein heimkommen mußte. Unten beim Bootsschuppen war es grau und still. Hier mußte früher einmal gar manches vor sich gegangen sein, das lag nun da und schwieg und war noch nicht aus der Welt geschafft. Und das Boot war zu schwer, er konnte es nicht allein heraufziehen. Von Gurianna konnte er keine Hilfe bekommen. Sie jammerte nur und seufzte, er lächelte und äffte sie nach: »Ich bin so alt und schwach geworden, ich tauge zu solchen Sachen nicht mehr!« Und: »Wer bei der Nacht nicht hat geruht, dem geht es auch am Tag nicht gut.« Sie schlief im übrigen recht gut, soviel er gemerkt hatte. – So zog er das Boot lieber so weit wie möglich aus dem Wasser und ließ sich dann am nächsten Morgen von der Flut helfen, es richtig zu verwahren. Bendek fragte in einem fort nach dem Boot, genau wie der Großvater auf Vennestad nach dem Pferd. Was wollte denn er noch mit dem Boot anfangen, nun da er dalag und sterben sollte? Denn diesen Weg ging es wohl. Odin mußte lächeln, wenn er sah, wie Bendek etwas einnahm oder eine Salbe aufstrich und dann behauptete, daß das helfe. Der Alte glaubte wirklich, es ginge ihm nach und nach besser, und das schien auch Gurianna zu meinen. Er sah, daß es nur immer schlechter und schlechter wurde. Warum erkannte Bendek das nicht selber? Er fürchtete sich wohl ein wenig, jetzt, da es aufs Ende ging, das war wohl der Grund. Und unheimlich genug mußte es ja sein. Odin hielt inne und dachte immer wieder darüber nach, er konnte so neugierig werden, daß er sich wünschte, es möchte bald kommen. Wenn es aber dem Bendek am allerschlechtesten ging und er dalag und jammerte, dann wurde Odin bleich. Dann dachte er an den lieben Gott, an den Herrgott, der alles wußte, der tun und lassen konnte, was er nur wollte. – Du kennst ja den Bendek! konnte er dann sagen – du weißt ja, was der für einer ist! Er hat zwar den anderen Leuten die Netze ausgeleert, das ist wohl wahr, fuhr er ein wenig zahmer fort, ja, zuerst aber haben die anderen ihn bestohlen, darauf kannst du dich verlassen! Warum aber war Bendek krank geworden? Odin dachte an die Kuh im Meer und an die Otterbüchse und den Zauber, aber er wies alles gleich wieder von sich: Das gibt es nicht! So etwas hatte man früher erlebt, er war gleichsam mit dabeigewesen und hatte alles mit durchgemacht, aber jetzt kümmerte er sich nicht mehr um solche Dinge. Es gab so vieles und keiner verstand es. Er war bald wieder in anderen Gedanken. Wer sollte die Ernte in Kjelvika hereinbringen? Darüber sprachen sie nie. Glaubten sie denn so sicher, daß er damit zurechtkäme? Ein elfjähriger Bub? Das würde ihn in der ganzen Gemeinde berühmt machen. Berühmt, jetzt schon? 4 Aber da tauchte Lauris auf. Eines Tages, als Odin von der Weide heimkam, saß er da und trank Kaffee. Er war nicht viel größer als Odin, aber vier Jahre älter, und sah aus wie ein Erwachsener. Weiße Segeltuchhosen trug er und einen blauen Kittel, sah richtig wie ein Schiffer aus. Er hatte braune Augen, oder gelbe, oder weiß der Himmel was für welche, und ihre Blicke fielen sofort auf Odin, blank und eindringlich, sie untersuchten ihn und maßen ihn ab, wollten ihn zu einem kleinen Buben machen. Odin steifte sich immer mehr und mehr auf, er merkte es selber auch. Nun erzählte Gurianna: Dieser Bursche hier sei hergekommen, um ihnen bei der Heuernte zu helfen; er gehöre zu Bendeks Familie und sei ein richtiger Mäher; jetzt habe Odin es auch nicht mehr so schwer. Bendek lag da und sagte nichts. Endlich blickte er auf. Seine Augen waren fahl, fast wie die Augen eines toten Fisches, aber Odin verstand ihren Blick sehr Wohl: er sollte sich nichts daraus machen! »Gehst du wieder, wenn die Ernte fertig ist?« Er sah den fremden Burschen von der Seite an. Lauris beugte sich zu seiner Kaffeetasse hinunter und trank, aber er hielt die Blicke auf Odin gerichtet, und sie kamen immer näher und näher: »Ich bleibe hier, solange du mich brauchst. Was gibst du mir am Tag?« Odin kam gleich darüber hinweg und lachte: »Es kommt darauf an, was du taugst.« Denn wenn er jetzt den Kopf verlor und böse wurde, dann machte er sich noch geringer im Vergleich zu dem anderen. Es galt nun, sich über den Burschen klarzuwerden. Einiges erfuhr er von den Jörnstrandbuben, und mehr erzählte Lauris ihm selber, wenn er Lust dazu hatte. Er stammte von einem Hof namens Svestadmo. Der Vater war ein gottesfürchtiger Mann, einer von den Bekehrten. Odin wußte nicht genau, was für eine Art Menschen dies war, und Lauris wollte nicht damit herausrücken. Aber er war ein harter Vater, er züchtigte seine Kinder so, daß die Leute darüber redeten. – »Wir mußten selber in den Wald gehen und die Rute holen«, erzählte Lauris. »Wenn sie dann aber nicht groß genug war?« meinte Odin. »Dann mußte man noch einmal hinaus und eine neue holen; und dann setzte es doppelt soviel Hiebe. Die anderen wurden zahm dadurch«, lächelte Lauris; »sie haben's jetzt schon weit gebracht. Ich? Na ja, mir half es schließlich auch. Ich nahm mein altes Kartenspiel und verbrannte es selber, während der Vater zusah. Dann stahl ich mir ein paar alte Pappschachteln und machte ein neues. Nun spielten wir um so sicherer. Um Geld, ja? Der Teufel hol's, natürlich! Ich mußte die ersten Kronen aus dem Geldbeutel des Vaters holen – ich legte sie wieder zurück, nachdem ich das Meine gewonnen hatte. Später hatte ich die Missionsbüchse, wenn es notwendig war. Du hättest auch mehr Prügel bekommen sollen, Junge. Dann würdest du dir's jetzt anders überlegen. Seinen Tabak fand ich, wo er ihn auch versteckt haben mochte, ach, das war ein Spaß, Junge! Weißt du, wo er den seinen hat, der dort?« Odin wurde rot und schaute ratlos um sich. »Denn der Bendek verträgt keinen mehr«, sagte Lauris und wurde sehr ernsthaft. »Dem geht eins, zwei, drei das Lebenslicht aus, wenn er sich einmal vergißt und ein Stück Tabak kaut.« »Dazu kriegst du mich doch nicht herum!« brach es aus Odin heraus. Lauris strich für einen Augenblick die Segel. Aber seine Blicke krochen an Odin hinauf. »Nein, weißt du, der Bendek ist ein guter Mann.« »Ja, nicht wahr?« Odin strahlte über das ganze Gesicht. Und gleich darauf fügte er hinzu: »Nein, stehlen, darauf bin ich nicht versessen.« Es reute ihn schon gleich, nachdem er es gesagt hatte. Er stand selber wie ein halber Dieb da. Und irgend etwas durchfuhr ihn, wie ein Blitz mitten in der Nacht über dem Land klaffte es in ihm auf, daß er, dieser Bursche da, ihm noch einmal zu schaffen machen werde, daß er vielleicht nie mit ihm fertig werden würde; denn so sah ein Feind aus. Ja, Lauris stand da und lächelte. Spiel dich nur auf wie ein Dummkopf, dann weißt du's bald, was der andere für einer ist. Anfangs war Lauris freundlich. Odin mochte das nicht, er konnte sich das überhaupt nicht mehr zusammenreimen. Fast jeden Tag versuchte Odin den anderen so aufzureizen, daß er sein wahres Gesicht zeigen müsse. Aber das kam niemals heraus. So war denn nichts anderes zu machen, als zu versuchen, ihm in allem über zu sein, was sie auch anfingen: er schwamm weiter in den Sund hinaus, seine Schubkarren waren schwerer mit Torf beladen, er leerte größere Schüsseln als der andere. Lauris seufzte bloß: »Odin, Odin, du bist ein Mordskerl.« Die ersten Male wurde Odin nur still und bekam große Augen, es sah fast aus, als wollte er hingehen und ihn bei der Hand nehmen. Eines Tages stieg es ihm plötzlich heiß auf: – »Das meinst du nicht im Ernst! –« »Nein, du ja auch nicht, oder?« Lauris blinzelte ihn gelb an. Da schien Odin zu erkennen, wie kindisch er selber war. Es zwang ihn etwas, über ihn zu siegen; aber das war eine Sache für Kinder und für jene, die in früheren Zeiten lebten! Eines Tages trugen sie Treibholz vom Meer herauf. Odin konnte nicht anders, er lud sich immer größere und größere Lasten auf, übertraf Lauris immer wieder. Dann, als Odin nicht mehr kann, nimmt Lauris eine Riesenlast und trägt sie hinauf; Odin lädt sich eine ebenso große auf, muß aber unterwegs die Hälfte fallen lassen. Gurianna kommt heraus und sieht gerade die Last, die Lauris zu Boden geworfen hat. – »Jesus, was du alles tragen kannst!« bewundert sie, »hast du das getragen, Odin?« Lauris ist nicht da, und Odin wischt sich die Stirn: »Ja, die war aber auch schwer!« Als er sich umdreht, steht Lauris an der Hausecke und hat jedes Wort gehört. Odin greift nach einem Prügel, meint schon fast, er habe dieses grinsende Gesicht ganz zerschlagen. Da sagt Lauris: »Stehlen tust du nicht, und lügen tust du nicht, was soll denn aus dir noch einmal werden?« Odin steht da, wie aus dem Wasser gezogen. Dann schaut er Lauris an und lacht: »Ich werde mich schon wieder reinwaschen!« »Ja, freilich, freilich!« Odin war noch lange danach still. Den ganzen Sommer über war Karen-Anna so gut wie vergessen. Eines Abends, er war gerade auf dem westlichen Teil der Weide und suchte die Ziegen zusammen, trafen sie einander. Sie bekam ein so stilles Gesicht, als sie sah, daß er es war. Sie war doch die Meerfrau, von der er geträumt hatte; sie war so wunderbar schön, und da stand sie und gehörte ihm. Am liebsten aber wäre er davongelaufen. Das Meer lag unten und leckte mit sanften Wellen an dem weißen Strand herauf, und rings um sie war das freie Land mit Mooshügeln und Heidekrautbüscheln, darüber stand die Sonne und erstrahlte in zitterndem Abendrot, schien auf die kleinen Hügel und Senkungen, wo das niedere Gras mit vielerlei neuem Grün im Schatten stand. Und Karen-Anna sah ihn immer und immer wieder an, und bisweilen umfaßte sie ihn mit kleinen Augen und war voller Lachen und Munterkeit, und bisweilen sah sie ihn wie durch einen blaugrauen Schleier an, der ihn schmerzte. Ja, jetzt wollte er wieder gehen, mochte nicht mehr hier stehenbleiben. Aber doch stand er immer noch da. Ein Zittern überlief ihn – ihn dünkte, es fehlte gar nicht viel, dann hätte er sich über sie geworfen und ihr irgend etwas Unbegreifliches zugefügt, hier mitten in der wildesten Wildnis, sie hätte ihm niemals entrinnen können! Fürchtete sie ihn denn nicht einmal? Jetzt ging er fort, und er war froh darüber, daß er sich losgerissen hatte, er mußte stehenbleiben und fühlen, wie das Herz in ihm klopfte. Ja, Mutter, sagte er im Weitergehen vor sich hin. Ich bin gefährlich, ich bin ein Juwiking, ein Juwik-Vieh, aber ich will es nie wieder sein; ich will gut gegen sie sein. In der Nacht lagen er und Lauris auf dem Fischfang draußen. Es war ein so unglaublich schönes Wetter. Grauglänzend war das Meer und grauglänzend das Land, und ringsum am Strand rauschte und tönte es immer tiefer und tiefer; sonst nichts, weit und breit. Da sagte Odin, während sie beim Rudern aussetzten: »Merkwürdig, daß es schon so im voraus abgemacht ist, wen wir einmal haben sollen.« Er wäre am liebsten ins Wasser gesprungen, so sehr schämte er sich, als er merkte, daß Lauris über seine Worte nachdachte; und jetzt drehte Lauris sich um und sah ihn an. Als aber Lauris am allerärgsten grinste, lächelte Odin nur und schaute über das Meer hin. Denn der da vor ihm war nur ein Geringer, dem er sich nicht ergab. »Du kriegst ja doch nur eine Häuslerstochter«, meinte Lauris. Odin zuckte unter diesen Worten ein wenig zusammen, saß da und dachte darüber nach. Dann sagte er, in diesem Punkt ginge es doch so, wie er es wolle. – »Hoffen wir's«, sagte Lauris; und dann ruderten sie wieder. Ehe noch das Heu eingebracht war, brannte Lauris durch. Die Buchten waren voller Heringe, und da verheuerte er sich bei einer Netzmannschaft. Odin empfand eine so große Freude, daß er sich darüber schämte. Ab und zu aber fühlte er, daß er mit Lauris noch nicht fertig war, da stand noch allerlei aus. Und das war recht so, denn das wäre zu billig gewesen. Und erst kürzlich ging er hier umher und versuchte Lauris nachzuahmen und ihm über zu sein. Aber das war schon ziemlich lange her. Von nun an blieb Odin den halben Tag bei Bendek sitzen, und manchmal auch noch die halbe Nacht. Bendek hatte jetzt wohl nicht mehr weit zum Sterben. Er wurde immer verrunzelter und gelber, und manchmal war er so weit weg, daß man fast denken konnte, er käme nicht mehr wieder. Dann drehte er oft den Kopf ein wenig herum und suchte Odin. Meist sagte er nicht ein Wort. Das Meer wusch unten die Strandsteine aus, der Wind fegte oben über die Berge hin, Regenböen kamen und peitschten gegen die Scheiben. Bisweilen aber war es fast, als schaue er durch Odin hindurch und weit in die Zeiten zurück. Eines Nachts lag er so da, als Odin auf seinem Stuhl neben dem Bett aufwachte. Er versuchte zu lächeln, brachte es aber nicht fertig. »Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf!« sagte er. Dies gab Odin einen kleinen Ruck; es waren so kalte Worte. Bendek zog die Stirne in viele Falten: »Ja, das ist ein ernstes Wort, Odin. Ich sehe jetzt noch mehr als das. Ich sah vor kurzem dich hier vor mir. Zuerst deine Leute, ein schwarzes Boot nach dem anderen, sie ruderten kreuz und quer über den Sund und suchten. Du aber lagst hier an Land und fragtest dich herum; suchtest den Weg in die Gemeinde – ich sah es so deutlich, sah sogar, daß die Kuh an deinem Haarschopf geleckt hatte. Ich aber sagte die Wahrheit: ich wisse den Weg nicht.« Er lag da und jammerte eine Weile, und dann wieder lauschte er auf das Wetter draußen. – »Wie das umtreibt!« seufzte er. »Das wird nie müde, nein. Der Westwind. Der und ich; der und ich. Er hat gar manche kleine Hilfe hierhergebracht. Hat sich gar manches böse Mal mir mitten in den Weg gelegt. Wir standen uns oft wie zwei Halunken gegenüber. Hör nur, wie er hinter der Schäre bläst: er ist immer gleich frisch! Will er denn so weitermachen, als wäre ich nie dagewesen?« Da fühlte Odin, wie das Sterben sein mußte. Er machte die Reise mit, in einem einzigen Augenblick, fort von allem, was man ist und wovon man nicht lassen kann . Dann aber richtete er sich auf und schüttelte die Gedanken mit einem Ruck ab: Es ist ja noch lange bis dahin! »Die Geister« . . . Bendek lag da und grübelte darüber nach. »Die Geister, die in Verwahrung sind. Hast du von ihnen reden hören? Nein, nein. Aber du kommst schon noch dahinter, gehst ja in die Schule. Ich weiß nur das, was ich weiß. Aber sind sie denn auch in Verwahrung? Glaubst du nicht, daß sie manchmal heraus dürfen, die Ungefährlichsten unter ihnen? Ich habe allerhand beobachtet; deine Zeit kommt auch noch einmal. Sie lenken deinen Fuß ins Unglück und deine Hand zum Bösen – sie sind einig mit dir, wenn du stiehlst, und sind dir Zeugen, wenn du lügst. Hab keine Angst deswegen, Odin: Du bist ihnen zu mächtig. Und dann gibt es auch andere, solche, die nicht unter Schloß und Riegel gehalten werden brauchen. Die sollten zu uns herankommen, finde ich, wenn wir stillstünden und sie nicht erschreckten, was meinst du? Du hast sie zur Seite; das kann ich wohl merken. Was sagst du dazu, Odin?« Odin hielt die Blicke auf die Lampe gerichtet. – »Warum fürchten sie wohl das Licht? Die, von denen du zuerst sprachst? Verschwinden sie, sobald Licht angezündet wird?« Er saß da und kämpfte mit sich, dann richtete er sich auf und sah zur Decke hinauf: »Aber die Büchse ist nicht daran schuld, wie es auch ausgehen mag!« Bendek schüttelte den Kopf. Bald darauf sagte er: »Bist du nachtscheu? Du brauchst dich dessen nicht zu schämen. Du wirst nie erwachsen, wenn du das nicht durchgemacht hast. So glaube ich wenigstens.« Er war zu müde, er konnte nichts mehr sagen. Gurianna stand von der Bank auf. Sie schlief jetzt dort. Sie sah auf die Uhr und bat Odin, sich schlafen zu legen. Odin wäre am liebsten dageblieben, denn es konnte sein, daß Bendek noch einige Worte sagte, und wer sollte sie dann hören, und oben im Dachraum – – Als er hinaufkam, merkte er, daß jemand an der anderen Wand schlief, in Lauris' Bett. Die Karen-Anna! jetzt erinnerte er sich. Sie war hier und hütete tagsüber das Vieh, und heute abend war es zu dunkel gewesen zum Heimgehen. Jetzt erst merkte er, wie kalt die Kleider am Leib gewesen waren, als er die Treppe hinaufkam. Es durchschüttelte ihn immer noch, und das Fenster starrte ihn groß und leer von draußen her an. Eine Weile stand er noch still da. Dann zog er sich aus und tastete sich zu ihr hinüber. – »Ich bin's nur!« flüsterte er, »es ist hier so unheimlich heute nacht, können wir nicht beieinander liegen? Du und ich?« Sie machte ihm Platz, und da lagen sie nun dicht aneinandergedrängt unter der Decke, bis sie schwitzten und kaum mehr atmen konnten. Eines nach dem anderen fiel ihm ein, was er ihr alles sagen wollte, ein Gedanke jagte den anderen, und dann brachte er doch kein Wort heraus. Am Morgen erwachten sie zur selben Zeit, sahen sich an und waren erstaunt. Sie lagen da, die Arme einander um den Hals geschlungen. Karen-Anna wurde flammend rot. Dann aber zogen sich ihre Augen immer mehr und mehr unter den langen grauen Wimpern zusammen, und an den Augenwinkeln entstanden kleine lustige Falten, in den Wangen waren Lachgrübchen: »Mann und Frau!« flüsterte sie, und beinahe hätte sie laut gelacht. So schön war sie ihm noch nie erschienen, er konnte kaum glauben, daß sie es war. – »Wie erschreckt du dreinschaust!« lächelte sie – »ich werde dich doch nicht mißhandeln!« – »Nein, aber ich dich!« flüsterte er, und jetzt fühlte er, er hatte dagelegen und die Zähne zusammengebissen, daß es schmerzte. – »Wir liegen so ineinander verflochten, ich weiß nicht, was dir gehört und was mir«, sagte sie – »ist das mein Fuß?« Er stand auf, stellte sich hinter das Fußende des Bettes und zog sich an. Waren sie jetzt hier? fragte er sich. Denn irgend etwas hatte ihn gerade gewarnt, er solle – er solle weggehen, oder etwas Ähnliches. Er war vor etwas geflohen, das ihm die Besinnung rauben und ihn für Lebenszeit binden wollte. So daß er nie mehr der Odin gewesen wäre. Das Abenteuer? fragte er sich später im Laufe des Tages. Nein, das ist nicht hier, das ist fortgezogen. Eine Woche später ging es mit Bendek zu Ende. Die Schmerzen quälten ihn vor den Augen der anderen zu Tode. Als es ganz schlimm war, lief Odin nach Vennestad und bat dort, man möge den Doktor holen, gleich. Er stand vor Iver und Elen und sagte das, sie kannten ihn kaum wieder. Der Doktor kam, aber er konnte nichts tun. Es war zu spät. Und so gab er Bendek ein paar Tropfen und ging wieder seiner Wege. Die Tropfen linderten den Schmerz für einige Zeit, dann aber war er wieder ebenso hart zur Stelle, und Bendek wollte die Medizin nicht mehr nehmen. Odin schlich während des letzten Kampfes draußen umher. Dieses Stöhnen konnte er nicht ertragen. Die Neugier hatte ihm wie ein Ring in der Nase gesessen, schon von ganz klein auf: alles wollte er sehen, und alles wollte er kennenlernen. Jetzt war der Tod hier, und er war das Merkwürdigste von allem miteinander, aber von dem wollte er nichts wissen. Es war ein blanker Herbstabend, mit grünlichem Glanz über den Wiesen und weißen Wellen im Gras, die vor dem Wind herliefen. Kjelvika lag ringsum da und war so wie immer. Und drinnen in der Stube stand der Tod und wollte den Bendek mitnehmen, und es gab niemand, der ihn zurückhalten konnte. – »Unmöglich!« seufzte Odin ein paarmal, ein dicker Knoten steckte ihm im Hals, aber er mußte, trotzdem! er mußte sich umdrehen und nachdenken, damit der Tod und er einig werden konnten, später einmal. Gurianna kam und holte ihn herein. In Bendeks Hals war es jetzt still geworden. Er war schon tot, dünkte es Odin. Bendek streckte die Hand aus, und Odin ergriff sie. Er stand da und blickte in die halboffenen Augen. Die erkannten ihn und wollten ihm wohl. Dann richtete Bendek sich auf, versuchte ein paarmal vergeblich Atem zu holen, und dann setzte der Kampf von neuem ein. Nackt und kalt stand Odin da und sah zu, wie dies vor sich ging. Und so hatten sie früher gestanden, irgendwelche, hatten es gesehen und nicht begriffen, waren nicht klüger daraus geworden als er. Odin dachte immer wieder ratlos: Jetzt ist wohl der liebe Gott da und nimmt den Bendek zu sich – aber es ist trotzdem widerlich zu sterben! Und diesen Gedanken wurde er nicht los, während der ganzen Wochen, die er noch hier zubrachte. Doch darunter sang ein ganz leiser Ton, der nach und nach immer stärker wurde: wenn er erst einmal von hier wegkäme und gleichsam alles von der anderen Seite aus sehen könnte, dann würde es erträglicher sein. Die Menschen mußten übrigens hart sein, alle, die umhergingen und schwiegen und über solche Dinge Bescheid wußten. Karen-Anna sah er in diesen Tagen nicht oft. Es tat schließlich auch nichts davon oder dazu, wenn er nicht so groß vor ihr dastand. Er sollte von hier weg. – »Heimatlos, ja«, sagte er zu ihr, kurz ehe er fortging – »ja, aber es findet sich wohl immer ein Rat.« – »Gehst du denn jetzt fort?« fragte Karen-Anna eines Tages, als sie gerade die Erdäpfel eingebracht hatten. – »Ja, die Gurianna muß jetzt in den Austrag; es kommen neue Leute her und übernehmen den Hof.« – »Ja, das weiß ich.« – »Ja, ich will in die Gemeinde. Dort muß ich jetzt hin.« Dies waren die letzten Worte, die sie miteinander sprachen. Sie sollte heim, und er nahm sein Bündel und machte sich auf den Weg nach Vennestad. In der Gemeinde 1 Als Odin heimkam, tat Iver, als sähe er ihn nicht, und dabei blieb es, er schenkte ihm auch späterhin keinerlei Beachtung. Elen merkte, wie dies dem Jungen naheging. Bald war es so weit, daß e r keinen anderen mehr sah als Iver. Er liebte ihn wohl kaum, und das war auch gleichgültig, fand sie, aber er hängte sich an ihn an und zeigte sich ihm, wo er nur Gelegenheit dazu fand, so daß sie beinahe hätte lächeln können. Nach und nach begann er Iver ähnlich zu werden, sowohl im Gehen wie im Stehen, und in dem, was er sagte, noch mehr aber, wenn er schwieg. Seit jenem Mal, da Elen daheim gewesen war, kam Aasel dann und wann nach Vennestad. Sie ließ dann ihre Blicke gern auf Odin ruhen. – »Mir scheint, er wird immer schweigsamer?« – »Er redet wohl genug«, meinte Elen. – »Ja. Aber es war ein anderer Zug in ihm, damals in Kjelvika.« – »Ja, kann ich etwas dafür?« Und eines Abends fügte sie hinzu – es flog ein kleines hartes Lächeln über ihr Gesicht: »Er stammt ja wohl auch nicht von beredten Eltern. Aber ich habe schließlich noch mehr Kinder als nur den Odin. Schau her, Mutter! Der schenkst du nie einen Blick.« – »Doch, freilich sehe ich sie«, sagte Aasel. Aber Elen legte die Kleine wieder aufs Bett; die Großmutter schaute sie ja doch nicht an. Und sie erwartete wieder eines, das sah Aasel, und darüber freute sie sich. Da hören sie einen Schrei draußen auf dem Hof und Wagengerassel und Pferdegetrampel. Sie laufen ans Fenster, sehen aber nur noch das Hinterteil von Bruna, der Stute, wie sie gerade über den Hofplatz läuft und durch die Stalltüre hineinrennt, und die Kristine, die ratlos und mit hängenden Kinnladen nachschaut. Es war die Zeit der Frühjahrsbestellung, und die Männer fuhren Dünger auf die Äcker hinaus. Die Bruna war kein junges Pferd, aber sie war ein wenig ängstlich, wenn die Wagen zum Abladen umgestülpt wurden. Iver fuhr selber, und Odin war mit draußen und hackte den Dünger auseinander, der ausgebreitet werden sollte. Plötzlich schrak Bruna zusammen und brannte durch, und zwar so heftig, daß sie Iver die Zügel aus der Hand riß; der Wagenkasten fiel herunter, und die Stute raste davon. Iver ihr nach, was aber ganz aussichtslos war. Odin hatte die Sache mit angesehen: jetzt endlich ist er an der Reihe. Die Stute kommt in einem großen Bogen dicht an ihn heran, in vollem Lauf, und er steht bereit, sieht die Zügelenden unter dem Wagen und greift oben beim Gebiß zu, jetzt ! Und da hängt er und baumelt, die Luft braust ihm wie ein Wasserfall um die Ohren. Brrr! schreit er immer wieder und will fester zugreifen, wird aber hin- und hergeschleudert und ist nahe daran, das Bewußtsein zu verlieren. Sein Gewicht hält die Bruna nicht auf, sie rennt jetzt ums Leben, aber loslassen konnte er auch nicht, selbst wenn er gewollt hätte, die Deichsel stößt und pufft ihn immer wieder, und als sie gerade über den Bach sausen, trifft sie ihn besonders hart. Iver läuft nach und ruft: Laß los, laß los! Denn jetzt hält das Tier auf den Hof zu und rennt in unverminderter Fahrt in den Stall hinein, daß die Wände nur so dröhnen. Als Iver kam, standen Aasel und Elen schon bei dem Jungen. Er sah, wie ihm das Blut aus Mund und Nase rann, und fing an zu schreien, als sei er wütend: »Warum hast du denn nicht losgelassen, du Schafskopf! Prügel solltest du haben, wahrhaftig!« So schreit einer, den das Entsetzen gepackt hat, mußte Aasel denken. Sie wischte mit Elens Schürze das Blut ab. Elen ist bleich und wagt kaum zuzusehen. Sie führen den Knaben ins Haus, und Iver fängt an, das Pferd auszuschirren. Er kommt in die Küche nach und sagt laut und hastig: »Ist noch Leben in ihm?« Odin war bewußtlos, während sie ihm die Kleider auszogen und ihn wuschen, jetzt aber richtet er sich auf und sagt, soweit er vermag: »Ja, ja. Es ist nur ein bißchen Nasenbluten. Wir haben eine Türe eingedrückt, aber –« Aasel streichelte ihn ein paarmal, als sie ihn in den Dachraum gebracht hatten, und dann richtete sie sich gerade auf und sagte, sie glaube, daß er innerlich heil sei, Elen stand da, als habe sie dies nicht gehört. Dann sagt sie: »Ich bin doch froh, daß es ihm nicht s o bestimmt war. Daß es nicht aus ist mit ihm. Du mußt den Doktor holen, Iver.« Aasel versorgte ihn, so gut sie konnte. Am Kopf war ihm ein Stück Haut weggerissen, und am ganzen Körper hatte er Schrammen und Quetschwunden. Er winselte und jammerte, wenn sie ihm weh tun mußte, dann aber bat er flüsternd, man solle dem Iver nichts davon erzählen. – »Ich habe mich vergessen«, sagte er. – »Kleiner dummer Kerl!« seufzte sie. »Hast du denn deinen Stiefvater so gern?« Odin machte große Augen. – »Möchtest du nicht lieber zu mir kommen und bei mir bleiben? Ich bin doch deine Großmutter.« Als er eine Weile darüber nachgedacht hatte, sagte er: »Nein, das geht doch auch nicht gut.« – »Nicht?« – »Nein. Denn dann wäre ja die Mutter wieder allein.« – »Nein, nein, Odin, du hast schon recht. Irgendwo muß man hingehören. Dort, wo man einen braucht . Und – wenn's einmal soweit ist, dann kommst du. Nach Haaberg, meine ich.« Der Doktor kam und verpflasterte ihn und flickte ihn. Odin nahm sich zusammen und überstand die Sache. Elen merkte, daß der Junge von diesem Tag an verändert war, sowohl gegen sie als auch gegen Iver. Er schlich nicht mehr an der Wand entlang und machte sich klein. Zwar sprang er sofort auf, sobald Iver ihn um etwas bat, und sie sahen kaum, daß er je spielte. Aber bisweilen schaute er sie an, als frage er sich, was sie hier zu tun hätten. Ab und zu wiederholte er ihre Worte und wog sie förmlich ab. Ein paarmal lachte er Iver mitten ins Gesicht, so daß Elen glühend rot wurde. Im Herbst einmal war Iver gerade im Begriff, einen neuen Schaft für seine Axt zu machen. – »Das wird nichts Großartiges«, meinte der Junge. – »Kannst du einen besseren Schaft machen?« Iver blickte scharf auf. – »Nein, noch nicht, aber . . .« Als der kleine Junge auf die Welt kam, wollte Odin nicht einmal zur Mutter in die Kammer hineinschauen. Und später mußte sie ihn dazu zwingen, das Kind auf den Arm zu nehmen. Es sah aus, als wollte er es wegwerfen, und gleich darauf fand sie es auch wieder auf dem Bett. »Tu es doch um meinetwillen, Odin!« sagte sie einmal. Da ging es wie ein eiskalter Wind über sein Gesicht; er stand da und sah sie an, ohne mit der Wimper zu zucken. »Du, du liegst ja mit ihm zusammen!« entfuhr es ihm; beinahe hätte er geweint. »Du weißt doch, was der liebe Gott sagt: du sollst Vater und Mutter –« »– ehren, ja! Ja. Und« – er zögerte ein wenig und wandte sich von ihr ab – »außerdem gibt es noch die Geister, die in Verwahrung sind, und alles das – ich glaube nicht mehr an sie!« »Nein? Was ist das wieder für ein Unsinn –« »Unsinn? In der Bibel steht's. Hast du sie nicht bemerkt?« In dem Augenblick kam Iver herein. Scharf sagte er zu Elen: »Jetzt bist du wieder an der Mehltruhe gewesen und hast für die Kühe herausgenommen! Ich hab dir's doch schon so oft verboten!« Er sah sie vernichtend an, und noch kälter wandte er sich von ihr ab. Rot und beschämt stand sie da. »Das hab' ich ja getan«, sagte Odin. »Für die Kuh, die neulich gekalbt hat.« Iver und Elen sahen ihn beide gleich erstaunt an. Es schien fast, als wolle Iver hingehen und ihm einen Fußtritt versetzen, statt dessen aber wandte er sich Elen zu und sagte höhnisch: »Ja, dann warst also nicht du es, dieses Mal. Im übrigen seid ihr ja beide gleich viel wert. Du hast ja allerlei gelernt, in Kjelvika! Aber trau dich nur noch einmal –« Odin lächelte ihm unverschämt ins Gesicht. Elen folgte Odin nach, als er zur Stube hinausging. Ihr standen die Tränen in den Augen. »Du darfst nicht mehr lügen, Odin!« »Damit hat's keine Gefahr. Das nächste Mal kannst du dich ja selber auf die Hinterbeine stellen.« Sie stand da und sah ihn noch vor sich, lange nachdem er schon gegangen war: So hell lachte er ihr entgegen und sah sie an, die Augen waren nicht blau, das sah sie, sie waren grau, trotzdem schien es blau aus ihnen heraus, und sein Antlitz wurde offener, je länger sie es betrachtete, wurde heller und stärker, wie das Land bei gutem Wetter – dann wandte er sich ab und ging seiner Wege. – »Wer weiß, ob aus dir noch einmal etwas Gescheites wird«, sagte sie und lächelte. »Alan muß es nehmen, wie es kommt, in Gottes Namen.« Später geschah es immer und immer wieder, daß er ihr irgend etwas abnahm. Und wenn er auch nichts weiter tat, als daß er hereingeschlendert kam und einfach da war, wenn Iver seine schlechte Laune an ihr ausließ; denn da machte es Iver keinen Spaß mehr. – »Was willst denn du hier?« sagte sie einmal zu ihm. »Ich habe dich doch nicht holen lassen – schließlich muß doch der Iver auch seine Meinung sagen dürfen, ohne dich zu fragen, oder?« Odin machte ein etwas langes Gesicht und sah sie an; als er aber fortging, lächelte er. 2 In dem Winter, ehe Odin den Konfirmandenunterricht besuchte, verdingte Lauris sich als Knecht auf Hinter-Vennestad. Odin fragte ein paarmal, konnte es nicht glauben. Und dennoch hatte er die ganze Zeit auf Lauris gewartet. Nach Hinter-Vennestad war Odin seit seiner frühesten Kindheit kaum mehr gekommen. Die Leute waren dort so kalt. Jetzt ging er immer öfter und öfter hin. An den Sonntagabenden versammelten sich gern viele junge Leute dort. Es gab hier ein paar heiratsfähige Töchter, und der neue Knecht brachte so viel Leben auf den Hof. Dann und wann tanzten sie. Kristine war immer da, sie war seit vorigem Jahr dem Pfarrer entronnen und durfte nun tanzen. Odin war unerlaubterweise dabei. – »Meinetwegen kann er hingehen, wo er mag«, sagte Iver, und Elen sagte, sie wisse nicht, ob er sich von ihr noch etwas dreinreden lasse. Für Odin war es, als käme er wieder in das wildeste Kjelvika hinaus, er fühlte sich wie ein kleines und verwildertes Wesen, dem sich ein Erlebnis nach dem anderen aufdrängte und das nie damit fertig wurde; jetzt war das Abenteuer hier und nicht dort. Sie saßen oft im finstern Dachraum oben, die Burschen untereinander, in einem unglaublich großen und weiten Dachraum, mit dem dunklen Gebälk dicht über ihren Köpfen und mit Betten längs den Wänden, und an der einen Wand ging ein Bohr vom Ofen unten herauf, so daß es bei jedem Wetter warm genug war. Die erwachsenen Burschen rauchten, daß das Halbdunkel in blauem Rauch rings um sie stand. Manchmal hatten sie eine Flasche bei sich, und das war die Hauptsache, sie ging, wie die Feierlichkeit selber, zwischen ihnen herum, einmal oder zweimal, dann verschwand sie wieder. Wenn sie ihm wirklich einmal angeboten wurde, traute sich Odin kaum daran zu nippen. Oft saßen sie da und redeten von den Mädchen, nur halbe Worte und Meinungen, die aus dem Dunkel kamen und wieder ins Dunkel versanken, ein kleines Aufleuchten, dann und wann, das fragte und lachte und erzählte. Odin dünkte dies wie die Flasche, so unerlaubt anzuhören und nicht zu entbehren. Die Welt füllte sich mit flüsterndem Dunkel, mit Dachkammern und Betten und langen Nächten, von denen nur wenige wußten; da und dort leuchtete ein Antlitz auf und lachte mit verschmitzten Augen und verschwand wieder. Mittendrin erklang dann wieder die Ziehharmonika: einige kleine Erinnerungen vom Feld und vom Meer draußen und von früheren Zeiten, ein paar Takte aus Tanznächten und von Zukunft und gottlosem Glück; sie zehrten so seltsam süß und weh an einem. In einem Augenblick war man winzig klein und außerhalb, im nächsten trug es Odin im Saus durchs ganze Leben, denn auf ihn und auf niemand anderen hatte es gewartet. Unten saßen die Mädchen und vertrieben sich auch die Zeit. In den Dachraum wagten sie sich nicht hinauf, wenn die Burschen dort waren. Odin wurde kalt, und er verstand sie: sie mußten sich hier fernhalten. Dann ging es zu ihnen hinunter, und dann spielten sie Weihnachtsspiele im Dunkeln, mit Flüstern und Aufschreien, ein Einfall war dümmer als der andere, und lustig war alles miteinander. Es konnte vorkommen, daß man, ehe man sich's versah, einem Mädchen auf dem Schoß saß und sie ihre Arme einem um den Rücken legte. Mitten drunter zündete Lauris dann plötzlich ein Zündholz an und beleuchtete die beiden. Einmal machte dies ein anderer, und da saßen Lauris und Kristine auf der Bank und hielten einander umschlungen – das tat nichts! Da erklang die Ziehharmonika wieder und fegte den Himmel rein: Die ganze Welt mit ihrer Herrlichkeit lag vor einem, der kahle Kjelvikastrand und der Sund, auf dem nur der Mondschein schimmerte, und die ganze Gemeinde und alle anderen Gemeinden, wo die Menschen und das Glück wohnten; und ein großer und starker Kerl ragte über alle hinweg und ging seinen Weg – es war wohl unbeschreiblich merkwürdig, erwachsen zu sein! Dann zündeten sie die Lampe an, und dann tanzten sie. Odin lebte noch die halbe darauffolgende Woche in diesen Erinnerungen. Immer wieder sah er auf einmal den Tanz vor sich: So wiegten sie sich dahin; so schön waren sie, wenn sie sich im Kreise drehten. Kristines Haarschopf leuchtete unter der Lampe auf und auch ihr weißes weiches Gesicht, und so hielt sie den Tänzer umfaßt, wenn es der Lauris war. Seinen Körper durchlief ein kalter Schauer: Zuweilen war der Lauris nachts bei ihr im Dachraum. An manchen Abenden kam Iver nach Hinter-Vennestad und blieb eine Weile sitzen, und häufig auch ein paar andere von den Nachbarn. Dann gab es keinen Tanz, aber die Abendstunden wurden darum nicht langweiliger. Man saß da und schwätzte. Jeder erzählte, was sich in der Gemeinde zugetragen hatte, jetzt oder in früheren Zeiten. Für Odin war dies wie Geschichte und Abenteuer; er vergaß sich so, daß er gar nicht merkte, wie er mit halboffenem Munde dasaß. Es lag eine solche Macht in dem, was vor sich gegangen war, man fühlte es wie ein schweres Gewicht. Einmal redeten sie von einem von Juwika, einem richtigen Heiden von einem Mann, der die Menschen ins Meer hinausjagte. Ein anderes Mal erzählten sie von dem alten Anders Haaberg; der war auch ein gefährlicher Mensch gewesen. Sie schwiegen, als sie merkten, daß e r dabei war, und er setzte sich auf seinem Stuhl zurecht. Er saß mitten unter ihnen und war ein erwachsener Bursche. Oft gerieten sie in die Politik hinein, und da packten sie einander hart an. Er wunderte sich, daß sie sich nicht wirklich in die Haare gerieten. Eines Abends redeten sie leise und vorsichtig, man konnte nicht klug daraus werden, was sie sagten, nur so viel war zu verstehen, daß sie irgendeinem in der Gemeinde zu Leibe rücken wollten; sie verschworen sich, so dünkte es ihn; irgend etwas würde geschehen, und zwar bald. Odin trug diesen Eindruck lange mit sich herum, rief ihn sich ins Gedächtnis und ließ ihn wachsen, bis er einen Streit über der ganzen Gemeinde sah, wie in den schönsten alten Zeiten. Aber man hörte nichts weiter davon. Sie brachten es wohl doch nicht zum richtigen Feuer, oder was wurde sonst daraus? Aber trotzdem waren die Leute in der Gemeinde ganz lustig. Sie waren wie die Muscheln, mit denen er früher gespielt hatte, in weiter Ferne gleichsam, aber lebendiger. So hatte er über die Wikinger geherrscht; sie taten das, was er von ihnen verlangte; richteten viele starke Dinge aus. Dann und wann hörte er von seinem Vater sprechen. Es war nichts weiter von ihm zu erzählen, als was er gesagt oder getan hatte. Sie erwähnten ihn nur wie irgendeinen anderen aus der Gemeinde. Er war nichts Besonderes, soviel Odin verstehen konnte, aber trotzdem hörte es sich so an, als hätte er die anderen besiegt. Erst kürzlich hatte er sich einen kleinen Hof auf dieser Seite des Fjords gekauft, hatte ihn zu einem schamlos hohen Preis gekauft und sich sogar hinterher noch mit offenen Augen betrügen lassen, und dort hauste er nun und schreinerte. Es hieß, daß er das eine oder andere Stück an reiche Leute in der Stadt verkaufe. Er war für sie ein seltsamer Kauz. Odin fand, das mache nichts aus. In diesem Jahr kam der Sommer ganz plötzlich, mit Mairegen und Juniwärme, es grünte und blühte auf Feldern und Wiesen, so daß die Menschen kaum ihren Augen trauten. Die Sonnentage lagen über dem Land und hielten die ganze Woche hindurch Feiertage, und der sommergrüne Glanz zitterte über Wiese und Wald, es war so recht ein junges und übermütiges Glück. Bisweilen regnete es. Ströme von Wasser kamen herab, eine wohltätige Flut, es schimmerte in Feuchtigkeit und Wachstum, daß einem ganz übermütig und unerschrocken zumute wurde. Dann herrschte wieder blanker Sonnenschein. In der Johannisnacht waren die jungen Leute auf der Tanzwiese. Diese Nacht war die blaueste und schönste Nacht, die Odin je erlebt hatte. Die Niederungen verschwanden in weißen Nebelschwaden, aber der Wald und die Höfe lebten im Schlaf mit neuen Gesichtern auf und die Berge ringsum standen groß und still da und erblauten. Weit draußen sah man die Schäre gegen den Himmel. Odin tanzte nicht viel. Beim Tanz verschwand er so in der Menge. Er stand lieber da und sah zu und hörte die Meisen zwischen den Bergen aufklingen; sie fingen den Ton so tief und einsam auf. Da erblickte er Karen-Anna unter den anderen. Sie tanzte so lustig wie nur irgendeine. Gleichsam als wäre sie nie draußen auf der Wiese von Kjelvika gewesen. Er ging auf die Anhöhe hinauf, wo das Feuer brannte, setzte sich dorthin und betrachtete die Feuer der anderen Gemeinden, wo eine andere Jugend ihre Freuden hatte. Er wünschte sich auf die Kjelvikaweide zurück. – »Aber einmal werde ich hinuntergehen und tanzen , Burschen!« sagte er plötzlich. »Es hat keine Eile damit, aber einmal werde ich es tun.« – »Wohl erst dann, wenn dein Vater die Versicherung bekommen hat?« fragte einer. Odin starrte ihn an. – »Laß das aus dem Spiel«, sagte Lauris – er hat noch nichts davon gehört. Komm, Odin!« sagte er und schickte sich an, den Hang hinunterzugehen. Aber Odin wollte es wissen. Sein Herz hatte zu klopfen angefangen, er hörte das und wunderte sich darüber. – »So, du weißt nicht, daß er in der vorigen Nacht die Häuser auf seinem Hof angezündet hat? Daß sie verbrannt sind, richtiger gesagt. Entweder wird er nun reich, oder –« »Du lügst!« fuhr Odin drein. Und ehe er sich's versah, war er mitten im heißen Krieg. Ganz wild ging er auf die anderen los, er war so wütend, daß das Schluchzen ihn fast erstickte. – »Du lügst!« war das einzige, was er hervorbrachte. Ihm schwebte der Gedanke vor, daß sie gehorchen und schweigen müßten, er schlug nach dem ersten besten, der nur den Mund zu einem Lächeln verzog. Schließlich griff er nach einem Prügel. Endlich hatten die anderen ihn untergekriegt und gaben ihm das, was ihm gebührte. Da kam Lauris und rettete ihn. Er ging sogar mit. ihm bis zum Bach hinunter und wusch ihm das Blut ab. Erwachsene Leute kamen hinzu, blieben stehen und schwiegen, oder sie sagten irgend etwas. Da schaut Odin auf, begegnet ein paar gedankenarmen Gesichtern und lächelt ihnen zu. Dann geht er zur Tanzwiese hinüber und tanzt bis in den hellen Morgen hinein. Tagsüber schlief er, ging dann in die Küche und holte sich etwas zu essen, und dann machte er sich auf den Weg nach Osten. Auf einmal kam der Vater hinter ihm her. Zuerst wußte er nicht, was es war, fühlte nur eine leise Unruhe in sich, meinte stehenbleiben zu müssen, tat es aber nicht. Jetzt war er da und grüßte. – Sein Bart und sein Gesicht sind wie bei Jesus, dachte Odin, wozu soll das gut sein? Sie gingen Seite an Seite weiter. Während Odin schlief, hatte es geregnet. Schwarz glänzten die regennassen Felsen, die wie geschliffen in der Sonne dalagen. Nach und nach warfen sie die Strahlen geradeswegs zurück und blendeten die Augen; nach einiger Zeit verschwand die Sonne wieder. Es kam ein neuer Schauer. Der Vater ging dahin und sah zu Boden, aber er räusperte sich ab und zu, und Odin fühlte, daß er jetzt bald etwas fragen würde. – »Nun, du bist also heute nacht auf der Tanzwiese gewesen«, sagte Otte. – »Ja, versteht sich. Ich geriet in eine Rauferei, du hast es wohl gehört?« – »Ja, ein wenig davon.« Jetzt wendete der Vater Odin das Gesicht zu. Es war fein und still, Odin hatte etwas Ähnliches noch nie gesehen. Der Bart war weich wie Seide. Otte lächelte wie ein junger Bursche: – »Ja, so ist es wohl, Odin. Aber du solltest größer sein als sie. Du darfst nie hart auf hart setzen, wenn du jetzt einmal erwachsen sein willst. Es ist nicht anders, als wenn du mit einem Schornsteinfeger raufst: du kannst zwar siegen, aber du wirst schwarz dabei. Wer erwachsen genug ist, der hält lieber die andere Seite hin, wenn man ihn schlagen will.« Odin dachte im Weitergehen über diese Worte nach, und dann sagte er: »Hat es bei dir gebrannt?« – »Ja, Odin, das hat es. Bis auf den letzten Fetzen ist alles verbrannt. Und jetzt wollen sie mich zum Dieb stempeln; sie behaupten, ich hätte selber das Feuer gelegt.« – »Ja?« – »Mögen sie doch, die Wahrheit kommt schließlich doch heraus.« Odin bekam brennrote Flecke auf den Wangen. Er lachte, doch es klang hart. »Ja, ich kenne das. Aber es schmeckt mir nicht – pfui Teufel!« Otte ging weiter und sah ihn unverwandt an. Seine Stirn zog sich zu feinen kleinen Falten zusammen, und unter seinen Augen kräuselte sich die Haut, er war wohl dem Lachen nahe. Jetzt standen die Regenwolken über ihnen, und Odin mußte umkehren. Die Wolken türmten sich wie Felswände über den Felswänden ringsum auf, und das Land darunter war dunkelgrün, wandte einem ein schwermütiges Antlitz zu. Die Klippen und der felsige Strand jenseits des Fjords leuchteten unter dem Regenschauer seltsam weiß und nahe auf, gleichsam als wollten sie sagen, daß sie so seien und nicht anders. – Odin war bis auf die Haut durchnäßt, noch ehe er heimkam. Er lief und lachte, während ihm der Regen über das Gesicht herunterrann: – »Es war nur gut, daß ich es doch noch gesagt habe!« Während seiner Abwesenheit war Ola Haaberg dagewesen und hatte mit Elen geredet. Sie sagte nicht eher etwas davon, als bis sie unter vier Augen mit ihm war, indes er gerade die Kleider wechselte. – »Sag mir nur, Odin, was möchtest du am liebsten werden?« – »Werden?« – »Ja, der Ola Haaberg war hier, der Oheim. Er gehöre nicht zu denen, die den Menschen um jeden Preis helfen wollen, sagte er. Aber aus dir könne vielleicht etwas werden; wenn du dich zusammennehmen willst.« – »Ja, schön, heute nacht habe ich mich mit den anderen herumgeprügelt, sie kamen und sagten, der Vater sei ein Lump.« – »Ola hat es erzählt.« Elen sah ihn schwermütig an. »Wenn du fortgehen und etwas lernen wolltest, sagte er, so wolle er sehen, was sich tun ließe. Wenn du dich so aufführst, daß du konfirmiert wirst, sagte er noch. Denn du warst tüchtig auf der Schule.« Odin sah, wie Angst und Freude zugleich in ihrem Gesicht miteinander stritten. »Dann will ich zur See!« sagte er. »Das darfst du nicht, Odin! Du darfst nicht von mir fortreisen!« »Nein, du weißt ja, es war auch nicht mein Ernst.« Er sah sie noch einmal an. »Glaubst du nicht, daß aus mir etwas Ordentliches wird?« Es klang ein so starkes Versprechen durch diese Worte, sie wunderte sich nicht, daß er sich jäh abwandte und ging. 3 Eines Abends ruderten Odin und Lauris gemeinsam zum Fischen hinaus. Übrigens saß jeder in seinem eigenen Boot. Das Wetter war klar, und die Fische bissen nicht gut an, sie mußten weit hinausrudern, ehe sie etwas Brauchbares fingen. Rings um alle Schären und am Strand herrschte silberblanke Sommernacht, und der Gutwetterdunst verwandelte das Land, so daß es unendlich weit entfernt zu sein schien. Der Gedanke an die Menschen dort war wie ein Traum. Auch in dieser Nacht wußte Lauris nicht viel zu reden. Es war ein wenig still geworden zwischen den beiden seit jenem letzten Abend im Sommer, da Odin den anderen rettete: Sie ruderten damals um die Wette hinaus, es galt stets als Erster an den Fischschwarm zu kommen, wenn er sich irgendwo zeigte; das Wetter war still, aber es herrschte ein wenig Dünung. Da schwenkt Lauris zu knapp bei der Blindschäre ein, und im selben Augenblick bricht sich die Dünung und erfaßt ihn. Der Sturzsee selber entkam er, aber das Boot wurde von der See fortgerissen, und ehe man's recht begriff, lag es kieloben auf dem Wasser. Odin ruderte rasch hinzu und holte Lauris herein, dann drehten sie das Boot um und sammelten alles auf, was auf dem Wasser schwamm. Sie lachten, als es überstanden war, und Lauris nicht am wenigsten. Aber Odin merkte nach und nach, daß Lauris immer wieder darüber nachdachte und nicht zufrieden damit war. Ein paarmal hatte er Odin vorgeworfen, daß dieser es daheim erzählt habe. Odin hatte es erzählt; das war doch ein ganz schöner Fischzug gewesen? Nun war es zu spät, sich darüber zu ärgern – und wer ihm etwas nachtrug, der konnte ihn gern haben; das war zum Lachen. Außerdem kitzelte ihn immer wieder der Gedanke: was konnte Lauris ihm denn schließlich dafür antun? Warum rückte er nicht damit heraus? Aber sie waren Freunde geworden. Lauris war ein guter Mensch, tief drinnen im Innersten, fand Odin. Die Fische wollten nicht mehr anbeißen, und die beiden Burschen lagen vor der Bucht und dachten ans Heimrudern. Da fing Lauris an, von den Mädchen zu reden. Er zündete sich eine Pfeife an, saß da und warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf Odin. – »Du!« meinte er und sah dem Bauch nach. »Du bist doch noch nie bei einem Mädchen gewesen. Nein, aber ich weiß von einer, ich, da können die andern einpacken! Hier, oben in Vika, Junge! Erinnerst du dich an sie? Die Karen-Anna Jörnstranda, Karen-Anna Jensen, wie sie sich jetzt nennt. Wenn du abends heimgerudert bist – he, hast du nie gemerkt, daß ich dann hier zurückblieb?« – »Bist du denn bei ihr gewesen?« – »Ja, freilich war ich das, wer sonst?« – »Ja, ja, aber. Aber du hast doch nicht bei ihr liegen dürfen?« Es klang, als sei Odin aufgewacht und wisse nicht, wo er sei. – »Ja, was denn sonst?« Lauris runzelte die Stirn. »Aber wie es dir in diesem Punkte gehen würde, das ist eine andere Frage. Übrigens, die will ich allein für mich haben. Sie ist sechzehn Jahre alt, gerade im rechten Alter.« Odin erinnerte sich, daß Karen-Anna im vergangenen Jahr konfirmiert worden war, zusammen mit Kristine. Sie stand so nachdenklich in der Kirche. Sie war schöner als alle anderen. Und er war der einzige, der dies sah. Aber seit der Zeit hatte er nicht mehr an sie gedacht, hatte es nur so in sich herumgetragen und gewußt, daß irgendwo ein guter und kostbarer Schatz liege. Lauris war nicht bei ihr gewesen, er log, so wahr er dasaß. Bei Kristine war er gewesen, das war eine andere Sache. »Wollen wir hinrudern?« fragte Lauris. Odin wurde rot: Das könnten sie ja immerhin tun. Und sie taten es. Als sie an der Bootslände waren, sagte Lauris: »Nun, soll ich? – oder du? Denn einer muß aufs Boot aufpassen, weißt du; der kann dann auch zugleich die Fische ausnehmen.« Odin versuchte nachzudenken, aber die Gedanken fuhren ihm durcheinander, und so sprang er an Land. Er mußte hin. Wie etwas Altbekanntes und Feststehendes wurde ihm nun klar, daß er und Lauris um ein Mädchen kämpfen mußten, daß sie vielleicht bis aufs Blut kämpfen mußten, bis auf den letzten Blutstropfen, denn das war Jugend und Leben, und so hatten es auch die Alten getrieben, das fühlte er. Und das sollte die Kristine wissen, und die Karen-Anna gehörte ihm und keinem anderen – und wie war es denn eigentlich, wenn man so zu einem Mädchen kam? – Du mußt es einmal mitmachen, was bist du sonst wert? sagte er zu sich selber, und dann war kein Halten mehr: den Weg hinauf und über den Hofplatz, geradeswegs zur Scheune hin. Alles stand still und sah ihm nach, die Blumen und die Häuser und die Berge standen still und wunderten sich. Was war nur in den Odin gefahren? Er hielt inne und holte Atem, fühlte, wie ihm das Herz klopfte – und warum traute sich denn der Lauris nicht? Aufs Boot aufpassen? Ach, glaub's doch nicht! Das Herzklopfen riß ihn weiter. Jetzt stieg er zur Scheune hinauf und trat durch die Türe. Genau so mußte es sein, wenn man der Lauris war, ein freier Bursche, und kein Hindernis kannte. Ein merkwürdiges Leben. Sie lag allein dort und schlief. Er setzte sich zu ihr. Sie erschrak zuerst sehr, denn sie erkannte ihn nicht. Endlich machte sie ihm Platz. »Ja, bist du es denn?« fragte sie. »Ja, freilich bin ich's.« »Bist du allein? Warst du nicht zusammen mit dem Lauris auf dem Meer?« »Ach so, du weißt über den Burschen Bescheid? Ja, er sitzt drunten und paßt aufs Boot auf. Wenn er nicht gerade bei einem anderen Mädchen ist, der treibt sich überall herum.« »Das glaube ich nicht. Ja, übrigens – –« Sie ist ein wenig still. Kaum daß sie ihre Hand unter seinen Kopf legt. »Hast du nicht geglaubt, daß ich komme? Hast du geglaubt, es sei der Lauris?« »Ich weiß nicht.« Sie war so fein und gut. Sie kannte kein Unrecht. Er liegt lange Zeit da, denkt nicht daran, sie zu berühren. Ihm ist, als würde er wie sie. Jetzt aber fühlt sie wohl, daß sie ihm gehört, so wie sie es früher gefühlt hatte; sie legt den Arm um seinen Hals; sie atmet dicht an ihn gedrückt, noch dichter an ihn gedrückt. – – – Er hatte geschlafen, sprang auf und lief zur Tür. Die Sonne scheint auf allen Bergen, und die Vögel schreien draußen schon laut. Es ist Tag. Er hört, wie sie lacht, ihr altes Schelmenlachen, und er sieht ihre Augen vor sich, sie glänzen blank und sind voller Übermut, jetzt, da er so spät daran ist und fortlaufen will. Aber daß sie jetzt lachen konnte? Denn das hätte Kristine machen können. – »Gute Nacht also!« Er suchte nach seiner Mütze und lief fort. Er hörte, wie sie ihm »Nacht« nachrief. Der Morgenduft war wie ein Hindernis, durch das er hindurchmußte. Er legte sich einem wie eine süße Last auf die Brust und verwirrte die Gedanken. Das Boot war nicht da. War nirgends zu sehen. Nein, er hätte das auch nicht erwarten sollen, es war jetzt hellichter Tag, und Lauris und er waren keine Freunde und sollten es nicht einmal sein. Odin stand ruhig da und lächelte: Konnte Lauris nicht auf schlimmere Streiche verfallen? Er konnte ja den Landweg gehen und hatte Überfluß an Zeit. Alles andere würde sich schon finden. Auf dem Heimweg begegnet er drei Männern, die auf den Barschfang wollten. Er begegnet ihnen gerade bei einer Wegbiegung, macht sich dickhäutig und grüßt, gleichsam als käme er von der Kirche oder vom Kramladen. – Aha, er war schon unterwegs? Um diese Zeit? Sie standen da, machten die Augen klein und waren glücklich, und er antwortete mit dem gleichen Blinzeln. Er hätte ihnen gerne mit Worten eingestanden, woher er kam. Er ging den Richtweg über das Moor zur Haaberg-Bucht und traf Lauris noch an, der gerade erst die Tür zum Bootsschuppen aufgemacht hatte. – »Du bist ja überhaupt nicht mehr gekommen«, sagte Lauris. Odin lachte nur. Und jetzt war es gleich etwas ganz anderes, an Karen-Anna und an die Nacht in der Scheune zu denken. Nein, er hatte es nicht geträumt, ihn mochte sie und nicht den Lauris. Und wenn etwas Unrechtes daran war, so stand er hier. Sie brachten das Boot in die Hütte, nahmen die Fische und gingen. Lauris fragte nicht. Sie waren zwei erwachsene Burschen; und sie vertrugen sich gut. Nicht lange darauf begann Kristine nach ihm zu sehen, Wenn sie in seine Nähe kam, und eines Abends fragte sie, wie es denn in Vika ginge. Odin erschrak darüber nicht. Aber er erschrak darüber, daß er nun bereit war, sich auch mit ihr einzulassen. Denn wohin würde es führen, wenn er das täte? Da wäre der Lauris wieder zu klein geworden. Und keiner hätte sich darüber gefreut. – »Und du, der morgen vor dem Pfarrer stehen soll?« lachte sie, sie sah ihn von oben bis unten an. Er merkte, wie er rot wurde, und ärgerte sich darüber. Später kamen ihm verschiedene Gerüchte zu Ohren. Eines Abends nahm ihn die Mutter unter vier Augen vor: »Odin, es ist doch wohl nicht wahr, was man sich von dir erzählt?« – Unberührt stand er da und sah sie an. – »Alan sagt, du seist bei diesem Fratz in Vika gewesen?« – »Du bist wohl nicht recht bei Trost!« lachte er. – »Nein, nein, ich wußte ja, daß es nicht wahr sei. Jetzt, da du gerade konfirmiert werden sollst. Und so etwas tust du überhaupt nicht, das weiß ich.« – »Nein, ich glaub's auch nicht.« – »Du redest die Wahrheit, nicht wahr? Mir gegenüber?« Odin bekam rote Flecke auf den Wangen, aber er lächelte nur: – »Ich werde doch nicht mein ganzes Leben lang schwindeln?« Da glaubte sie ihm. Diesmal bin ich ihr zu stark gewesen, dachte er. Denn es war eine Frage der Macht, das erkannte er jetzt und wunderte sich darüber. Das war es, was man brauchte. Denn alles andere war nichts. Da blieb man einer wie – ja, wie der Vater! »Es schmeckt mir nicht!« sagte er. »Und die Karen-Anna – da können die anderen einpacken.« 4 Doch am Samstag vor der Konfirmation wurde er, gerade als sie heimgehen wollten, zum Pfarrer hinaufgebeten. Der Pfarrer saß am Tisch und drehte ihm den Rücken zu, bat ihn jedoch, sich zu setzen. Odin war mehr neugierig als ängstlich. Entweder handelte es sich um das eine, oder es war etwas ganz Besonderes, etwas von der Art, wie der Küster der Mutter gegenüber erwähnt hatte. Jetzt drehte sich der Pfarrer um. Da sah Odin, was es war; und ein Zittern fuhr ihm bis in die Knie und Waden hinunter. Der Pfarrer hatte etwas über ihn gehört. Er wollte, daß es nicht wahr wäre; denn Odin war ein guter Konfirmand gewesen, ein sehr guter Konfirmand, und hatte den Eindruck gemacht, als habe er eine Zukunft vor sich. Odin zog seinen Blick zurück, aber wie ganz von selber sah er den Pfarrer wieder an und hielt dessen Blick stand. »Jetzt frage ich dich, Odin: Warst du in der Scheune bei einem Mädchen in – ja, wo war es doch?« »Wie soll ich das wissen?« wollte Odin gerade antworten, er stand gleichsam in den Kleidern eines anderen da. »In Vika vermutlich«, sagte er leise. »Es ist also wirklich wahr?« »Ja, ich leugne es nicht.« Der Pfarrer sah ihn genau an, versuchte in ihn einzudringen. »Du weißt, was das bedeutet, Odin?« Odin schwieg. Der Pfarrer sprach jetzt eine ganze Menge, er stand auf und ging in dem kleinen Baum auf und ab, und Odin stand da und vernahm alles wie im Traum. Einmal mußte es doch wohl aufhören? Jetzt schien dem Pfarrer der Atem auszugehen, er blieb dicht vor ihm stehen und sah zu Boden; er war ganz rot über dem schwarzgrauen Bart: »Geschah – – geschah etwas, das – –« Odin schwieg eine Weile. Dann sah er zur Wand hinüber: »Und wenn es so wäre, würde ich es doch nicht sagen. Um ihretwillen. Im übrigen sind wir verlobt, sozusagen.« Rings um ihn wurde es neblig, und alles schien ihm so gleichgültig; einen Augenblick lang sah er Karen-Anna vor sich, und dann die Mutter; sie flossen ineinander und waren dann verschwunden, und jetzt stand er mutterseelenallein vor dem Pfarrer. Der Pfarrer redete jetzt nicht mehr freundlich, und nun kam es, das harte Wort: Er wollte ihn nicht konfirmieren! Die Jugend in der Gemeinde hier war bisher eine Musterjugend gewesen, jetzt aber war es beinahe ein Sodom und Gomorrha. Und er wollte keine Schuld haben. Odin könne gehen! Odin konnte sich noch ganz gefaßt verabschieden, und auf der Treppe lächelte er sogar vor sich hin: Soso, so trieben sie es also in Sodom und Gomorrha? Aber als er draußen vor dem Haus stand, sagte er zu sich selber: Jetzt geht's ganz schief, Odin, jetzt bist du zurückgewiesen und abgetan! Du wirst sehen, noch ehe du heimkommst, ist dir das Herz in die Hose gerutscht. Er redete die ganze Zeit auf dem Heimweg laut mit sich selber, anders konnte er seine Gedanken nicht klären. – Die Leute werden das nie verstehen. Dazu müßten sie an meiner Stelle sein. Aber du wirst schon damit fertig. Du brauchst dich nicht um sie zu kümmern. Er begegnete Astri Haaberg, seiner Base, die wollte gerade nach Segelsund zum Landhändler, so daß sie ein Stückweit den gleichen Weg hatten. Sie war im vergangenen Jahr konfirmiert worden. Er hatte nie auch nur im geringsten auf sie geachtet, hatte sich nichts daraus gemacht, mit denen verwandt zu sein. Sie war sehr ernsthaft, und auf einmal sagte sie: »Ist es wahr, hat man dich zurückgewiesen, Odin?« – »Was geht das dich an?« – »Nein, du hast recht. Aber wir sind doch Geschwisterkinder. Das war doch eigentlich kein Grund, dich hinauszuschmeißen, finde ich – und wer hat es eigentlich dem Pfarrer zugesteckt, was meinst du?« Er mußte sie anschauen. Sie hatte ein merkwürdig unerschrockenes Gesicht, aber irgendwo beim Mund hatte sie einen weichen Zug – ihr war es ernst damit, wenn sie sagte, daß sie zur gleichen Sippe gehörte wie er. Sie sagte noch verschiedenes – er begriff nicht alles, aber ihm tat es gut, es zu hören. Er mußte rascher gehen, eigentlich hätte er schon viel weiter sein müssen. »Na, nun kann sie ja ihre Freude haben an ihrem Bankert, die Mutter! Jetzt kann sie ja ihre Freude haben!« Er hörte, daß er laut sprach, aber schließlich war es ja gleichgültig, schließlich durften auch zwei es hören. »Ja, das ist traurig.« Er hörte, wie sie sich verabschiedete, und jetzt stand sie wohl da und sah ihm nach. Ja, die tat sich leicht! Als er daheim in die Küche kam, hörte er den Stiefvater, wie er gerade mit der Mutter zankte: »Wie wäre es, wenn du selber auch einmal einen Torfsack holtest, was meinst du?« Auf Odin gaben sie kaum acht. »Ja, jetzt hat mich der Pfarrer zurückgewiesen!« sagte er. Sie drehten sich kaum nach ihm um, meinten, er rede irgendwelchen Unsinn. »Doch, doch, es ist mein Ernst. Für dieses Jahr ist's mit der Konfirmation vorbei.« Elen sah, daß er die Wahrheit sprach, obwohl er ganz gleichgültig dastand, und Iver wiederum sah es ihr an. »Der Grund?« grinste Odin. Der würde ihnen noch früh genug hinterbracht werden; schön sei er nicht. Kristine war ebenfalls in der Küche, gewahrte er nun, sie stand bei der Bank und schaute hinaus. Sie drehte sich auch jetzt nicht herum. – »Plagt ihn doch jetzt nicht mit dem Erzählen«, sagte sie, »und im übrigen wißt ihr es ja ohnehin schon.« Sie trug eine helle Jacke und hatte einen schwarzen Lackgürtel um die Mitte. In ihrem Haar steckte ein großer Kamm von der gleichen Farbe wie das Haar. Den hatte sie wohl von Lauris bekommen. Im selben Augenblick lächelte Odin, sein Gesicht war steif wie Holz: Das also war Lauris' Absicht gewesen, und sie hatte ihm dabei geholfen. Es brachte sofort Erleichterung, als er dies erkannte. Iver geht hinaus. Er lächelt der Mutter teuflisch zu. Da wurde Odin wütend, ballte die Faust und rief hinter ihm her: »Dich will ich schon noch klein kriegen, dir will ich's einmal so zeigen, daß du's nicht so schnell vergißt, du – –« Sein Blick fiel auf die Mutter, die ihn anstarrte, als habe sie ihn noch nie gesehen; er fühlte eine brennende Lust, die ganze Sache noch schlimmer zu machen, etwas zu tun, was ganz verrückt und was ein schweres Unrecht gegen sie gewesen wäre; aber er steckte die Fäuste in die Taschen und ließ es sein. Er wußte nicht, ob es sich wirklich so verhielt, doch ihn dünkte, sie sähe weiter in ihn hinein denn je, so tief ängstlich um ihn und dennoch seiner froh. Und Kristine blinzelte vor lauter Staunen und betrachtete ihn von oben bis unten, kam gleichsam immer näher und näher an ihn heran. Die Mutter stellte ihm etwas zu essen hin, und Kristine ging ihrer Wege. Als er einmal vom Essen aufsah und zur Mutter hinblickte, bemerkte er, daß sie geweint hatte. Er erinnerte sich an den Konfirmandenanzug, den sie für ihn hergerichtet hatte, den ganzen Sommer hindurch hatte sie dafür gespart und auf die Seite gelegt; er war aus feinstem dunkelblauen Tuch. »Warum hast du eigentlich damals geleugnet, als ich dich fragte?« sagte sie. »Daß du gelogen hast! Und dazu mir gegenüber! Das hätte ich nicht von dir geglaubt, Odin.« »Ich noch weniger!« Da fliegt das Lächeln wie ein kalter Hauch über sein Gesicht. »Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens – das muß es wohl sein. Ich begreife es nicht. Aber konfirmiert werde ich auf alle Fälle; nächstes Jahr.« Elen fragte, ob er gehört habe, daß Otte Setran gestern wieder beim Verhör gewesen sei? Daß er seine Häuser absichtlich angezündet habe? – »Glaubst du es denn?« fragte er. – Sie wußte nicht, was sie glauben sollte. Sie wußte gar nichts mehr. Odin blieb sitzen, als denke er nach. Noch ehe Odin mit dem Essen fertig war, kam Iver herein und hinter ihm Kristine und die Magd, und sie verbreiteten helles Entsetzen in der Küche: Der Bär war ins Land gekommen, er hauste in den Bergen und zerriß die Schafe. Von Nesse und von anderen Höfen her hatte man Nachricht gesandt, und wer seine Schafe noch nicht daheim hatte, der mußte sich jetzt eiligst auf die Reine machen. Iver fuhr in seine Joppe, er wußte nicht, wo er zuerst hinlaufen sollte: »Wir sollten zu den Nachbarn senden – wir sollten Leute mitnehmen! Aber drüben auf Hinter-Vennestad holen sie ja ihre Schafe jeden Abend in den Sommerstall, und die Männer dort sind nicht daheim.« Odin zog sich um und war draußen, noch ehe Iver die richtigen Stiefel an den Füßen hatte. – »Es wird wohl das beste sein, wenn wir uns beeilen?« sagte er, – es wurde schon bald Nacht. Iver ergriff die Axt und kam nach, denn er besaß keine Büchse. – »Die Axt?« meinte Odin erstaunt. – »Ja, fürchtest du dich vielleicht?« Nun zogen sie los. Die Weiber wagten kaum bis ans letzte Haus zu folgen. Der Himmel war bewölkt, und es raschelte leise und regnete, und der Westwind jagte gleichmäßig über das Land hin. Iver und Odin liefen mehr als sie gingen, den Feldweg entlang und den Hang hinauf. Im Wald war es bereits dunkel. Immer und immer wieder blieben sie stehen und lauschten. Keine Glocke. Die Schafe hatten sich in den letzten Tagen hier am Waldrand aufgehalten, und nun waren sie vermutlich weiter nach Westen gezogen, dem Wind entgegen. »Sie können auch weiter im Osten sein«, meinte Odin, denn dort hatte er sie im vergangenen Herbst ein paarmal gefunden, in einem Bergeinschnitt, wo sie Schutz vor dem Wetter suchten. Immer und immer wieder hörten sie etwas im Wald hinter sich rascheln, und dann und wann trabte es schwer und entfernte sich wieder; und auf einmal hörten sie ihn selber. Er schnaubte und brummte, so daß einem das Blut erstarren konnte. Iver packte Odin beim Arm. Dann ließ er los und zog die Schultern hoch: Ob es nicht etwa bloß der Wind oben bei den Felsen gewesen war? – »Es war der Wind«, sagte Odin. »Aber wäre es nicht am besten, wenn der eine jetzt nach Westen hinüberginge und der andere einen Bogen nach Osten zum Bergeinschnitt machte?« – »Nein, so dumm bin ich nicht«, sagte Iver, »was täte ich dann, wenn er dort wäre? Wir wollen zuerst nach Osten gehen. – Hast du Angst?« fragte Iver mehrere Male. Und vielleicht zitterte seine Stimme dabei ganz leicht. – »Ja, ein wenig. Aber es ist doch auch ganz lustig. Was meinst du, werden wir ihn wirklich sehen?« – »Schweig still!« sagte Iver. Sie waren lange unterwegs. Odin ging die ganze Zeit voraus. Jetzt hörte er, wie Iver sogar ganz bebend atmete, zwei- oder dreimal mußte er stehenbleiben und seine Notdurft verrichten. Odin wunderte sich nicht darüber, denn Iver war eigentlich Seemann und nicht an Berge und Bären gewöhnt. Aber hier roch es nun nach Schafen zwischen den Tannen, hier waren sie erst kürzlich gewesen. Auf einmal hörten sie etwas dahinspringen. Wiederum packt Iver Odin beim Arm, und sie bleiben mit einem Ruck stehen. Da ist es Odin, als habe er eine Schafglocke leise klingeln hören, und er läuft dem Ton nach, und Iver, der hinter ihm herrennt, hält ihn zurück: »Du gehst nicht hin, hörst du! Er ist da, du darfst nicht hingehen!« – »Nein, ich laufe!« und schon lief er dahin, schlug einen Bogen um das Geröllfeld und die Schafherde, stieg über ein Gewirr von faulen Zweigen und hohem schlüpfrigen Gras, er weiß nicht, wem er gehorcht, aber das Herz hämmert in ihm und die Freude macht ihn heiß, und es kribbelt ihm am ganzen Körper: dort sind die Schafe, und jetzt rettet er sie, dem Bären mitten vor der Nase weg! Er treibt sie auf die Flucht heimwärts, sieht den Bären in nächster Nähe, greift aber noch besser aus und rennt vor ihm her, schielt über die Schulter zurück, ob er nachkommt, weiß es nicht gewiß und treibt die Schafe noch schneller weiter; es war ein ungeheuer großes und schwarzes Geschöpf. Iver kam hinterher gestolpert. Er murmelte vor sich hin und sagte immer wieder: »Gegen Kinder ist er nie so arg! Jetzt haben wir aber Mut und Glück gehabt – er ist uns doch wohl nicht auf den Fersen, oder?« »Nein, nein!« Als sie beim Moor unten angelangt waren und den breiten Weg am Wald entlang vor sich hatten, sagte er: »Ich will noch einen Sprung zu ihm hinübergehen und hören, wie die Sache steht. Zum Pfarrer meine ich – den werden wir schon klein kriegen!« Odin tat, als höre er nicht. Doch als sie zum Hof kamen, trat Elen ihnen feiertäglich gekleidet entgegen, und als sie in der Küche saßen und von ihrem Abenteuer mit den Schafen und dem Bären erzählt hatten, sagte sie, sie sei beim Pfarrer gewesen. »Der Ola war übrigens auch dort. – Und das Ende vom Lied ist, daß er versprochen hat, dich trotzdem zu konfirmieren«, sagte sie. Odin sitzt da und betrachtet die Mutter, ein Zug nach dem anderen zeigt sich auf ihrem Gesicht, aber er hört nur die Hälfte von dem, was sie erzählt, und kümmert sich nicht viel darum. So war sie noch nie gewesen, und so stark und froh ist sie, daß ein Leuchten von ihr ausgeht. Das war es, was er gewußt hatte, sie mußte auch so aussehen können. Von nun an brauchte sie niemand mehr, der für sie einstand. »Bedankst du dich nicht einmal bei deiner Mutter?« sagte Iver. Odin sieht ihn an, gleichsam als müsse er darüber nachdenken, was denn das für einer sei; dann schaut er wieder weg. Kristine stand im Dunkeln draußen vor dem Haus, als er hinausging. Sie legte den Arm um ihn: »Na, habt ihr den Bären gesehen? Wenn er dich nun angefallen hätte?« »Ja, freilich haben wir ihn gesehen. Nein, übrigens, ich glaube doch kaum. Aber ein Tier war es, wir sahen einen Schimmer von ihm, es war irgend etwas Großes und Schwarzes.« Jetzt aber kam es ihm zum Bewußtsein: mitten in dem Bergeinschnitt lag eine windgefällte Kiefer und wandte ihnen, die vom Westen kamen, die mächtigen schwarzen Wurzeln entgegen; das war wohl der Bär im Dunkeln gewesen. Und an einem stürmischen Abend tappt und raschelt es ja immer im Wald. »Ist es wirklich wahr, bist du vorgesprungen und hast die Schafe gerettet? Denn der Iver – – « »– – – dem wäre recht geschehen, wenn er sie alle miteinander verloren hätte, jawohl, und noch mehr dazu.« »Hast du wirklich bei der Karen-Anna gelegen? Du bist doch ein Mordskerl! Aber es ist ja nur eine Häuslerdirne, Odin!« Ja, jetzt konnte er mit der Kristine anfangen, was er wollte. Es war ein seltsam süßer und lebendiger Gedanke. Zu gleicher Zeit aber wußte er so klar, daß es Burschen gab oder einmal gegeben hatte, die nur die Hände in die Taschen schoben und es sein ließen, jawohl! Sie ließen es sein. Er lächelte im Dunkeln, so daß er sich fast schämte: »Was hast du von jenen Mädchen, die du haben kannst!« Einen Augenblick lang sieht er ein Gesicht vor sich und dann auch die ganze Gestalt, so flackernd leicht und fein, es ist die Meerfrau aus dem Traum: »Gewinnst du mich, Odin, dann ergeht es dir schlecht; und siegst du nicht über mich, dann geht es auf und ab mit dir.« – »Da kommt jemand!« log er und machte sich von Kristine los. »Dein Vater war heute abend da!« rief sie ihm nach. »Wollte dich wohl treffen. Deine Mutter war beim Pfarrer.« Sie hörte ihn nicht antworten und ging darum in die Küche hinein. Dort erzählte sie Iver und Elen das gleiche. Keines von ihnen sagte etwas. Kristine wußte nicht, ob sie überhaupt zugehört hatten. Iver ging hinaus und wollte die Pferde für die Nacht hereinholen, sie waren drüben bei den Eichen in der Nähe der Scheune angepflockt. Auf dem Hofplatz draußen blieb er stehen und rief nach Odin, er solle kommen und ihm helfen. Er erhielt keine Antwort. – »Er muß doch wohl kommen?« murmelte er, denn er war diese Arbeit nicht recht gewöhnt. Odin hatte keine Lust zu antworten. Er brauchte seinen Frieden, wenigstens ein paar Minuten lang. Es tat gut, so dazustehen, mitten in der Nacht und im Wetter. Da konnte man erfahren, wer man war und wer nicht. Der Sturm brauste in der Dunkelheit wild dahin, mit Wolkenmähnen wie schwarzen Rauch hinter sich – jetzt hob er den Kopf und wieherte über das Land hin. Man konnte dastehen, die Hände in den Taschen, als ginge es einen nichts an. Dann kam es einem gleichsam zugeflogen, das, was man wissen wollte. – »Und der Vater«, sagte er, »er ist vielleicht doch der Stärkste. Er, der es geschehen ließ.« In dem Augenblick kam Iver um die Ecke und lief ins Haus, stürmte gleich darauf wieder mit dem Licht heraus, und Elen hinter ihm her, sie rief etwas, fragte, ob es wahr sei; sie liefen zu den Pferden hinüber. Odin ging nach. Das Licht leuchtete unten an dem großen Graben, beleuchtete einen Pferdeleib, der dort auf dem Rücken lag. Die Stute stand daneben, den Kopf hoch in die Luft gereckt. Jetzt sah Odin die Gesichter der anderen. Sie waren gelb und wie leblos. Rings um sie stand die Dunkelheit. Das Fohlen war tot. Die Vorderbeine waren gekrümmt, aber die Hinterbeine hielt es steif von sich gestreckt. Der Grabenrand war zerfetzt, und Erde und Sand lagen ringsum verstreut. Iver und Elen stehen da und sehen einander an, betrachten von Zeit zu Zeit das Tier. – »Dort, dort unten am Rain habe ich es angepflockt«, sagte Iver. – »Ja«, erwiderte Elen und schaute hin. »Aber ich habe es nicht angerührt. Ich habe nicht einmal an das Pferd gedacht.« – »Ja, ich auch nicht«, versicherten Kristine und die Magd, die auch hinzugekommen waren. Elen sah Odin an. Iver hob die Laterne hoch, so daß der Lichtschein gerade auf Odins Gesicht fiel. – »Warum kamst du denn nicht, als ich dir rief?« »Glaubst du etwa, daß ich es war?« Es klang, als lache er innerlich. Das Licht stand wie gelbe Glut vor ihm. Da richtete Iver sich auf, und das Licht leuchtete nach einer anderen Richtung. »Ja, ja. Das hat ein Feind gemacht.« Da durchliefen Odin Erinnerungen aus früheren grauen Tagen: ein Mann, der auf den Fjord hinausgejagt wurde, eine tote Kuh im Meer, ein toter Widder, ein Bursche, der in der Weihnachtsnacht herumstolperte und hinfiel. Und die Dunkelheit wurde lebendig und zottig rings um sie; das Licht vermochte nicht dagegen anzukämpfen. Er hörte Iver murmeln: »Er hat doch heute abend gesagt, er wolle mir's noch einmal zeigen.« »Aber du weißt doch – –!« hörte er die Mutter sagen. »Und dann seid ihr doch gleich darauf in den Wald gegangen.« Iver nahm die Stute beim Halfter und führte sie in den Stall, und die anderen kamen mit. Odin folgte leise pfeifend. Elen kämpfte gegen das Wetter an. Der Wind wollte ihr die Kleider vom Leibe reißen, rüttelte und zerrte an ihr und verunstaltete sie. Odin mochte nicht hinsehen. »Und es ist doch den ganzen Tag hier keiner vorbeigekommen?« meinte Elen fragend, als sie wieder in der Küche waren. – »Nein, nicht soviel ich gesehen habe. Außer dem Otte Setran«, sagte Kristine. Da stand Iver mit der Laterne in der Türe. Jetzt war er es, der pfiff. Nur ganz leise vor sich hin. Die Männer von Hinter-Vennestad kamen herüber und halfen das Fohlen aus dem Graben herauszuziehen und es noch in der Nacht abzuhäuten. Odin mußte dabeisein und ihnen leuchten. Iver ließ fast kein Wort fallen, und auch die anderen sagten nicht viel. – Abdecker! dachte Odin. Das war doch wohl die niedrigste Arbeit auf der Welt. Iver mußte man beinahe für einen Hund ansehen, wie er dastand und zog und zerrte; es tat einem fast leid um ihn. Niemand sprach mehr von Otte Setran, weder in dieser Nacht noch später. 5 Die Konfirmation war rasch und leicht überstanden, fand Odin. Man schaute ihn zwar ein wenig an, aber das war das einzige. Am Abend trat er in die Kammer und setzte sich, die Mutter war gerade mit ihrem kleinen Kind beschäftigt. »Du bist so still«, sagte sie. »So?« »Du glaubst doch wohl nicht, daß – – daß dein Vater uns das angetan hat? Das Pferd umgepflockt hat?« »Nein, wer sagt denn das?« »Es müßte denn sein, daß er es in Gedankenlosigkeit gemacht hat, wenn es sich wirklich so verhält. Er kann doch nicht so schlecht sein!« »Aber ich habe gewünscht, daß es so gehen sollte!« sagte Odin auf einmal. »Aber Odin!« »Doch. Denn ich sah das Pferd drüben am Wiesenrand, als wir in den Wald liefen – ich wünschte ihm den Tod an, das ist wahr! Nur glaubte ich nicht, daß sie mich erhören würden.« Elen saß lange da und sagte nichts. Die Dämmerung ließ ihr Gesicht grau erscheinen, und die Kammer schien so eng, als könnte man kaum darin atmen. – »Und noch dazu dieses Fohlen«, sagte sie endlich. »Das er so teuer gekauft hatte und an dem wir soviel Freude hatten.« – »Aber ich wollte doch nicht, daß es auch, andere treffen würde«, sagte Odin. Seine Stimme klang eingeschüchtert. »Ich dachte gar nicht an dich«, fügte er hinzu. – »Da siehst du, wie es mit diesen Dingen geht. Nun weißt du es also. Wenn du auch nur einen schlagen willst, triffst du doch zwei oder drei. Ja, schließlich: – ein anderer kann noch schlimmere Dinge wünschen. Aber das, was ich wünsche, trifft niemals ein, das ist nun auch wieder ein Trost.« Sie saß eine Weile da und sah ins Halbdunkel hinaus. – »Ich habe einmal von einem Mann gehört.« – »Ja?« – »Er wünschte, daß ein Stein vom Berg herabstürze und seine Frau und sein Kind erschlüge. In diesem Augenblick brachte der Herrgott eine ganze Steinlaue ins Rollen, und man hat nie wieder etwas von diesen beiden gesehen!« – »Ist das wirklich wahr, Mutter?« – »Ja, es war sogar der Großvater, wenn du's wissen willst.« Odin blieb sitzen und dachte darüber nach. Dann klang es fast, als lache er: »Merkwürdig, daß es mir genau so ergehen muß wie ihm. War er denn zufrieden, oder –?« – »Das glaube ich nie und nimmer. Er hat es nur schwer überstanden. So hat man mir erzählt, ja.« Odin stand auf, als einige Zeit vergangen war: »Ach, Dummheiten! Ich glaube nicht ein Wort davon. Die Aasel, die Großmutter, die kann an so etwas glauben. Auch der Otte Setran, vielleicht.« »Odin!« Dies klang scharf und auch verletzt. – »Na ja«, fügte sie hinzu, »ich mache mir ja nichts mehr aus ihm, er ist nicht der, für den ich ihn einmal gehalten habe. Aber du solltest doch nicht gegen den Iver aufmucken und ihm etwas Böses anwünschen, das hat der Iver nicht um dich verdient, und um mich auch nicht, daß du's nur weißt, und außerdem ist es häßlich. Jeden Abend bete ich zum Herrgott, er solle einen ordentlichen Jungen aus dir machen, und ich glaube auch noch daran, ganz fest.« Sie redete lange Zeit, Odin schien es, als fiele es ihr ebenso schwer, aufzuhören wie anzufangen. Schließlich konnte er gar nicht mehr glauben, daß sie es war, die da redete. Aber sie war es dennoch, mehr denn je, und noch dazu dicht bei ihm, ein kleines, wehrloses Frauenzimmer. Man mußte ihr helfen und nicht – – Er wartete einen Augenblick ab, da sie nichts sagte, und schlüpfte hinaus. Es hatte doch gar keinen Zweck, daß sie soviel nur zu ihm allein sagte. Sie konnte ja schließlich darauf verfallen, etwas zu sagen, was er nicht hören wollte – er wollte nicht so eine Art Schoßkind für sie sein! Da wäre sie nicht mehr die, die sie für ihn gewesen war. Niemand konnte erklären, wie es mit dem jungen Pferd zugegangen war. Odin glaubte immer wieder, nun sei er endlich zu Ende damit, aber so oft er einem Menschen begegnete, ging das Gerede wieder von neuem an. – »Ich drehe der ganzen Sache einfach den Rücken!« sagte er und tat es auch. Gleich darauf dachte er voll Staunen darüber nach, ob der Vater wirklich so schlecht sein könnte, das Tier beim offenen Graben anzupflocken. Oder ob der Herrgott ihn als sein Werkzeug benützt hatte. Um den zu züchtigen, der Böses wünschte? – »Der Herrgott, ja«, sagte er oft vor sich hin. Er lauschte auf den Sturm und auf das Meeresbrausen, blieb oft stehen und sah rings um sich: Es war alles wirklich schön. Er konnte durch und durch froh werden. Aber den Herrgott selber konnte er nicht zu fassen kriegen. Die anderen hatten ihn gleich bei der Hand, stets und ständig, die konnten mit ihm reden, wann sie wollten. Er mußte doch sehr merkwürdig sein; das war alles, was Odin herausbrachte. – So, so, durchfuhr es ihn oft, er wünschte einen Stein auf sie herab, der Anders Haaberg. Das ist aber allerhand. Und er hat es mit knapper Not überstanden. Wenn er so vor sich hinschaute, dann war er der alte Anders, und rings um ihn war die alte Zeit ganz geistergrau und warm von unglaublichen Dingen, man konnte geradezu wild werden und unheimliche Lust bekommen, über die ganze Gegend hinzufahren und sie zu zerstören und sie von neuem aufzubauen, man konnte schlimme Sachen wünschen! Dann aber war der Herrgott da und sagte halt, ließ die Steinlaue aufs Geratewohl herabgehen, zeigte sein Antlitz in den Wolken zur Nachtzeit und richtete eine Mauer vor einem auf. Später wurde man dann blind, ja. Kam nicht weiter. Weiter waren sie nicht gekommen, kein einziger. Da zog etwas in ihm, daß er sich ganz kalt werden fühlte: »Aber ich, ich muß doch wohl um einen kleinen Schritt weiterkommen? Ist es nicht so gemeint?« Das ferne Sausen oben am Hang, das war die Zeit selber, die dahinrann und rann, ohne Ende. Und er? Ja, aber zunächst gab es hier viel anderes zu denken, und eines mußte er gleich tun: er wollte nach Vika gehen und mit Karen-Anna reden; er mußte hören, wie sie es nahm. Und wenn sie es schwer nahm, so sollte sie doch wissen, daß sie ihn hatte. Sie war jetzt über sechzehn Jahre alt. Er würde nicht die Steinlaue auf sie herabwünschen, wenn es darauf ankam! Er war bis jetzt ein Juwiking gewesen, das erkannte er und lächelte dazu. Eines Abends stahl er sich hinaus und machte sich auf den Weg. Es war ein gewagtes Stück, denn es war bereits ein wenig Schnee gefallen, und da konnte man leicht feststellen, wo einer hinging. Ja, ja, mochten sie es doch sehen! Es war ein herrlicher Abend mit Sternen am Himmel, und die Baumwipfel rings um die weißen Äcker standen so nahe um einen herum, jeder Ast hielt unbeweglich still vor lauter Staunen in dem guten Wetter. Das ließ das Blut schneller kreisen. Doch er fühlte sich unsicher. Manchmal schien es ihm, als treibe es ihn zur Eile, und gleich darauf, wenn er dann rasch dahinschritt, wollte es ihn aufhalten und zur Umkehr bewegen. So etwas war ihm gänzlich unbekannt. Stets hatte er sich angetrieben gefühlt, wenn er etwas tat: Zu beiden Seiten Nebel, heller blinder Nebel, und vor ihm das blaue Licht, dort, wo er hinsollte. So gingen sie ihren Weg, die Alten. Und jetzt erst durchfuhr es ihn wie ein Messerstich: wenn das Unglück es nun wollte, dann stand es schlimm mit der Karen-Anna, dann hatte sie ihm etwas zu erzählen, und dann blieb ihm nichts anderes übrig, als sie zu heiraten, wenn es an der Zeit war. Denn so war es in Kjelvika, und so sollte es auch in der übrigen Gemeinde sein, ein Wort ist ein Wort und ein Mann ist ein Mann! Aasel Haaberg? dachte er, während er weiterging – was hat sie mit all dem zu schaffen? Aber er sah sie so deutlich vor sich. Sie starrte ihn an. Er gab ihr den Blick zurück, mitten ins Gesicht; denn hier ging er, und diesen Weg mußte er gehen. Ja, diesen Weg, das wollte sie, aber sie warnte ihn. – »Geh heim und leg dich schlafen!« sagte er. Er sah Licht in der Küche von Vika, stahl sich ans Fenster und schaute hinein. Karen-Anna war allein drinnen. Sie saß da und nähte an etwas. Es war übrigens nur eine kleine Tischdecke! Ganz rot und gut war Karen-Anna, aber so feierlich über den Brauen und das Gesicht so still. Vielleicht war sie ein so unschuldiges Geschöpf, daß sie so aussah, wenn sie sich unbeobachtet wußte. Niemand hätte geglaubt, daß sie einen mit kleinen Schelmenaugen anlachen konnte, und noch viel weniger hätte man ihr zugetraut, daß einer sie so lange plagen könnte, bis sie gut gegen ihn war. Die Tür ging fast von selber auf, und Karen-Anna fuhr so zusammen, daß sie vom Stuhl aufsprang. Ihre Augen wollten Ihn nicht erkennen. – »Nein, aber Odin !« flüsterte sie, ganz verwirrt. Ja, hier war er, und guten Abend und sonst alles Gute! Er setzte sich ruhig hin, suchte Pfeife und Tabak hervor, die er sich in letzter Zeit gekauft hatte: »Hast du Angst vor mir?« Er sah sie lustig an, und dabei flog ein leichtes Zucken über seine Stirn. Sie blickte nur auf ihre Arbeit; und jetzt begann er zu rauchen. »Nein, Karen-Anna, ich werde gleich wieder gehen. Ich will nur – – mit dir reden. Bist du böse auf mich?« Sie sah auch jetzt nicht auf, und er wartete ruhig. »Ich weiß nicht, was ich bin«, antwortete sie endlich. »Es kann sein, daß du Grund dazu hast. Aber du sollst es trotzdem nicht sein, hörst du!« Er wartete und rauchte, und jetzt endlich schaute sie auf. Ihre Blicke glitten über ihn hin, Stück für Stück betrachtete sie ihn, gleichsam als mache es ihr Spaß, so langsam zu schauen. Und jetzt war auch wieder das alte Blinken in ihren Augen: »Man könnte ja fast glauben, der Bendek säße hier!« »N–ja!« – er mußte ebenfalls lächeln – »aber ich wollte hören, wie es um dich steht – – ich wollte hören, wie du es nimmst?« Wie Nordlichtschimmer flog das Lächeln über ihr Gesicht, so bleich und still: »Das kommt doch wohl auf eins heraus.« »Doch nicht so ganz, meine ich. He?« Sie hatte wieder ihre Arbeit vorgenommen, und er wußte nun nichts mehr zu sagen. Er fragte nur, für wen sie diese Arbeit mache – für ihn vielleicht? Zu Weihnachten? Noch einmal begegneten ihre Blicke den seinen: »Schleck dir den Mund nur nicht zu früh!« Da stand er auf und streckte sich, ging ein paar Schritte durch die Küche und kehrte wieder um, schob die Hände tief in die Taschen. Über ihr Gesicht zuckte es einmal ganz flüchtig, jetzt würde er wohl kommen und sie umarmen, er war so froh, es sah aus, als tobe die Freude durch seinen ganzen Körper. Aber er rührte sie nicht an. »Nein, weiter wollte ich nichts hören. Es steht also nicht schlimm um dich. Das war es, was ich wissen wollte.« Er machte sich bereit zu gehen. Dann sah er auf die Uhr und gähnte; nun müsse er wohl wieder heimwandern. Ob sie ihn nicht ein Stück weit begleiten könne? Er stellte die Frage, noch ehe er sich's recht überlegt hatte. »Ich wage es nicht!« sagte sie. »Nicht?« »Nein, das – – glaub es nur.« Sie sah auf, und nun erkannte er es deutlich, sie würde ihm nichts abschlagen, worum er sie bäte. Und sie wurde immer schöner, je länger er sie ansah – wenn er jetzt nicht gleich heimging, würde er es nicht mehr zuwege bringen, sie von sich zu lassen. Auch sie merkte, wie allein sie beide waren. Das machte das Atmen schwer. Ihn dünkte, die ganze Küche warte darauf, daß er etwas sage; ein Wort für Lebenszeit. »Ist es lange her, seit der Lauris hier bei dir war?« fragte er auf einmal. »Der Lauris?« Sie blickte ruhig auf und wandte sich dann wieder ihrer Handarbeit zu. »Ach so, ist der vielleicht gar nicht dagewesen?« »Nein, davon habe ich nichts gemerkt.« »Nein, freilich! Aber du mußt ihn recht schön grüßen, wenn er wiederkommt. Nun, gute Nacht also!« Er hörte nicht, ob sie antwortete. Wie ein Nebel hingen die Sterne am ganzen Himmel. Die Milchstraße war eine große weiße Brücke von Gebirge zu Gebirge, quer über die Gemeinde hin. Und da war die Scheune. Und der Heimweg. Jetzt schritt er aus. – »Ja, das war nicht schön von mir«, sagte er zu sich selber; er sagte es ein paarmal, während er über das Moor nach Osten ging. – »Nein, aber ich konnte nicht anders. Ich mußte mich aus dieser Sache herausziehen. Ich kann ja wiederkommen. Wir wollen abwarten und sehen.« Wer aber stand neben einem und warnte einen, wenn es darauf ankam? Denn an die Geister glaubte er nicht mehr, das tat niemand in der ganzen Gemeinde. – Der Anders Haaberg war doch wirklich ein Krüppel von einem Menschen. Weil er es nicht aushielt, mit einem Lappenmädchen verheiratet zu sein. Für den, der in der Gemeinde vorwärtskommen wollte, war es freilich etwas ganz anderes. Dort waren ja die Alten nie gewesen. Und für den, der die Meerfrau bekam, war es erst recht etwas anderes; für den war es nicht leicht. Er war dazu verurteilt zu verlieren, wenn er mit anderen Menschen zusammenkam. Er lief dahin, als sei er durchgebrannt, und nach und nach lief er immer schneller, es machte ihm Freude. Es fehlte nicht viel, und er wäre noch weit über Vennestad hinaus gelaufen. »So!« sagte er, als er auf der Haustreppe daheim stehenblieb. »Jetzt bin ich also da.« Er war durchs Laufen in Schweiß geraten und hatte seine Ruhe wiedergefunden. So ruhig war er schon lange nicht mehr gewesen. Aber am Tag darauf beobachtete die Mutter ihn aufmerksam. Er kam ihr so unruhig vor. Er merkte, daß sie ihn etwas fragen wollte, und ging deshalb umher und wartete auf diese Frage. »Wo warst du heute nacht, Odin?« fragte sie. Er stand da und sah sie offen an, sah, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. »Heute nacht, ja. Was ich heute nacht tat, tat ich um deinetwillen ! Mehr sage ich nicht darüber.« Ihre Augen wurden größer und glänzender, es war ein neues Leben in ihnen, sie sahen ihn zugleich ängstlich und erfreut an; sie umfaßten ihn ganz und hielten ihn fest. – Aber sie glaubt sicher, es sei spielend leicht gegangen! dachte er. »Hier habe ich einen Brief«, sagte er. Sie blinzelte ein paarmal, erstaunt und scheu. »An meinen Vater.« »Was willst du denn von ihm ? Jetzt?« »Es ist nur eine Frage.« »Ja, ja, Odin. Ich bin nur froh, daß du anders bist als er. Und von mir fortreisen, das tust du mir doch nicht an, nicht wahr?« »Nein? Das tue ich dir wohl nicht an? Nein, wie gesagt, es ist nur eine Frage.« Wenn das Abenteuer zu Ende ist 1 Otte Setran hatte sich nach dem Brand eine kleine Bretterhütte gebaut. Sie bestand aus nur einem Baum, und in dem hatte er die Hobelbank, den Kochofen und sein Bett. Die Türe ging unmittelbar ins Freie. Aber es hatte den Anschein, als fühle er sich dort wohl, und im Grunde wunderte sich niemand darüber. Er kümmerte sich nicht im geringsten um das, was die Leute in der Gegend zu dem Brand sagten, und tat so, als wären die anderen gar nicht da. Ja, ja, man kann die Welt ja auch auf diese Weise nehmen, hieß es. Aber es sah doch so aus, als käme er noch in die Enge. Zwei Verhöre hatte er bereits durchgemacht, und nun stand ihm das dritte bevor. Er mußte selbst sehen, wie er zurechtkommen konnte. Sie, die anderen, hatten nichts gesehen und gehört, und keiner konnte zu seinen Gunsten aussagen. Es hatte gebrannt, das war alles, was sie bezeugen konnten. Um die und die Zeit. Das Vieh hatte er vorher aus Futtermangel verkauft. Es wäre nicht ausgeschlossen gewesen, daß sie ihm doch noch auf irgendeine Weise beigesprungen wären, hätte sich nicht Aasel Haaberg hineingemischt. Ja, sie waren sicher, daß sie es getan hätten, wenn es darauf angekommen wäre. Es sollte zwei oder drei Leute geben, die gesehen hatten, wie er am Tag vor dem Brand das Haus verlassen hatte. Er ruderte frühzeitig zur Stadt, hatten sie gesagt. Weiter drinnen im Fjord bekam er dann Gegenwind, so erklärte Otte selber, er hielt sich im Schutz einer Landzunge und wartete, und gegen Morgen dann kam er nach Holmen, zur Schwester hinüber. Und der Landsturm blies damals tüchtig. Am Morgen, als die Leute aufstanden, rauchte es drüben bei ihm. Und ehe sie sich recht besannen, schlug schon die helle Flamme empor. Da murmelte irgendeiner etwas von ein paar jungen Burschen, die während der Nacht in der Hütte gewesen seien und dort gezecht hätten, so etwas war schon öfters vorgekommen, seit Otte hier wohnte; denn er verschloß die Tür niemals, das tat er einfach nicht, und nun sah man, wohin das führte. Da aber kam die Aasel angefahren. Sie nahm sich einen nach dem anderen vor und horchte jeden aus: ob sie ihn nicht am Tag vorher hätten fortrudern sehen? Und ob sie nicht wüßten, daß während der Nacht jemand in der Hütte gewesen sei? Sie zögerten mit der Antwort, anfangs, Aasel hatte stets einen so harten Griff, aber sie zogen sich leidlich aus der Sache. Denn mit Obrigkeit und solcherlei Dingen wollten sie nichts zu tun haben; und als Aasel fortgefahren war, wurde sie sich klar darüber: Jene Zeit, da Aasel Haaberg eine Übermacht besaß, hatte jetzt aufgehört; die Leute regierten sich jetzt selber; Aasel hätte lieber daheim bleiben sollen! Sie wollte diese Andrea mit Otte verheiraten, das begriff man ja, im übrigen sollte doch jeder seiner eigenen Nase nach gehen. Es hatte gebrannt, wie gesagt, und als dies erledigt war, kam Otte heimgeschlendert und sah sich den Schaden an; so gleichgültig wie irgendein Fremder. – »Ein Glück, daß ich jetzt gerade kein Vieh hatte«, sagte er. Und darin mußten sie ihm recht geben. Das Vieh wäre nicht einmal versichert gewesen. Aber wenn er reines Mehl im Sack hatte, warum kam er dann nicht? Er wußte doch, wo sie wohnten. Warum handelte er nicht so, wie jeder andere auch gehandelt hätte? Das gleiche sagte Aasel zu ihm, so vorsichtig sie nur konnte. Aber sie merkte, daß ihn das nicht berührte. Er mußte recht haben, auf seine Art, und das sollte er haben. Im übrigen aber ließ er sich in der letzten Zeit nicht sehen. – – – Eines Abends, etwa eine Woche nach der Konfirmation, saß Otte auf der Hobelbank und zeichnete mit dem Bleistift auf ein Brett, das auf seinen Knien lag. Da trampelt jemand draußen vor der Türe und kommt herein und grüßt. Otte läßt sich Zeit mit dem Aufschauen. Es war Ola Haaberg, der Küster. Otte legt das Brett weg, blickt um sich und will gerade von der Bank heruntersteigen. »Sei so gut und – –« »– bleib stehen, meinst du!« Otte lachte still und gut, als er sah, wie der andere suchend um sich blickte, denn es gab ja keine Sitzgelegenheit. Die Gutmütigkeit zitterte in all den feinen Gesichtsfalten, und die Augen blinzelten wie bei einem kleinen Buben. – »So, so, hier also hat der Prophet jetzt seinen Tempel errichtet? Gott soll verhüten, daß ich mich setze. So roh bin ich denn doch nicht. Im übrigen aber« – er schwang sich auf die Hobelbank hinauf – »laß mich einmal deinen Sitz ausprobieren! So, so, hier sitzt du also und denkst dir das neue Haus aus. Ich wette, es soll eins werden, das keinem anderen ähnlich sieht.« Otte wurde rot, sagte jedoch nichts. Drüben auf dem Ofen stand der Leimtopf und brodelte, und daneben war der Kaffeekessel. Ola saß eine Weile da und schnupperte in die Luft. – »Ja, meine liebe Nase, du hast nicht unrecht, wenn du meinst, daß es hier nach Kaffee riecht; auf dich kann man sich wirklich verlassen!« Otte wurde noch verlegener. Der Küster war für ihn der fremdeste und unergründlichste Mensch, den er kannte, und nun roch es hier so gut nach Kaffee, daß es eine Schande war. Das tat es den ganzen Tag. – »Ja, ich wußte es ja nicht, als ich von daheim wegging. Ich wollte mich eigentlich nur nach meinem Moor umschauen. Das Moor und ich, wir sind langjährige Nachbarn. Wir sind zwei Ellen von dem gleichen Tuch. Wir sind alle beide gleich einsam. Und besonders ich. Heute abend nun liegt es da und hat sein Heidekraut mit ein paar Schneeflecken geschmückt, eine halbe Meile weit sieht man nichts als braun und weiß; und die Sterne stehen da und schauen und schauen und kommen nicht vom Fleck, sie haben sich ganz vergessen, wie die Kinder. Bisweilen bleibt auch der Herrgott vor dem Moor stehen und schaut es an.« Ola saß da und behielt den Kessel im Auge. – »Und du bist also immer noch Religionsstifter? Prophet in deinem eigenen Land?« – »Ich? Nein. Nein, ich bin nur Schreiner. Was ich glaube, das glaube ich, aber ich will es am liebsten für mich allein haben. Die Leute sollen ihre eigenen Wege gehen.« – »Ja, laß sie das tun, laß sie sich die Hörner abstoßen.« – »Ja, gerade das meinte ich. Ich bin in letzter Zeit meiner Sache immer sicherer geworden – daß dies das richtigste ist.« – »Ja. Im übrigen aber: dieser Meinung bin ich doch nicht. Du solltest sie doch noch mehr beunruhigen. Du darfst nicht hier umhergehen und so sein wie – – na ja: so sein wie ich, da hast du ganz recht. Ich sehe, du lächelst innerlich darüber, daß man nicht so sein soll wie der Küstertod. Nein, jedenfalls nicht du. Die andere Seite hinhalten, wenn die Leute einen schlagen, das mag ja ganz gut sein; aber wird man schließlich nicht ganz flach davon? So richtig dünn?« Otte saß still da und ließ die Blicke über den Boden schweifen. – »Ja, mögen sie glauben, was sie wollen«, sagte er vor sich hin. »Wegen des Brandes«, fügte er hinzu und blickte auf. Ola war verdutzt, und Otte mußte lächeln. – »Nein, ich bin ja doch wegen dieses Lausbuben hergekommen«, sagte der Küster und schlug sich aufs Knie. »Wegen Odin. Er sollte eigentlich nicht mehr länger in der Gemeinde bleiben. Findest du nicht auch, Otte? Er sollte ein wenig ausgelüftet werden?« »So?« antwortete Otte und griff sich in den Bart. »Ja, denn sonst wird er ein ordentlicher Kerl, wie alle anderen auch – du verstehst, was ich meine, Otte?« Ola sieht ihn fest an, dringt gleichsam durch den Nebel von Scherz und Ernst hindurch: »Er ist ein wahrer Halunke, und Gott sei Lob und Dank dafür, aber ich fürchte, er wird sich nicht lange halten können. Die Gemeinde frißt ihn auf. Er ist kein Juwiking, so wie wir es verstehen, darüber ist er hinausgewachsen, während er draußen in Kjelvika lebte, soviel ich sehen kann – er ist in eine gute Lehre gegangen, das kann ich dir sagen!« »Der?« »Ja, verflucht noch einmal! Er ist weiter fort gewesen als nur in Amerika. Er hat gelebt . Er hat in sieben Jahren sieben Menschenalter durchlebt. Noch steckt eine Art Dichter in ihm. Und wer das nicht mehr ist, den zähle ich nicht mit. Der bringt es zu nichts.« Jetzt aber kam Ola von der Bank herunter, suchte auf dem Wandbrett herum, nahm die Kaffeetassen und Zucker und Rahm. – »Ich bekam solche Lust auf Kaffee, ja, ich sage bald alles, was ich meine.« Otte mußte jetzt auch von seinem Sitz herunter, wußte aber nicht recht, was er anfangen sollte. Ola schenkte Kaffee ein, und dann tranken sie. – »Schlecht?« sagte Ola, er sah Otte ins Gesicht. »Das ist ein Trank für Propheten. Aber der Odin, der Racker, wie gesagt: Jetzt wird es Ernst. Denn jetzt soll er kopfüber hinaus. Hinaus in das, was wir Leben nennen. Es muß eine scharfe Lauge sein. Um die Mädchengeschichte kümmere ich mich nicht. Aber wenn wirklich er es war, der diese Geschichte mit Ivers Fohlen angerichtet hat, dann –! Da war kein Witz dabei, so was machen kleine Leute. Das Tier beim offenen Graben anpflocken – gemeine Dummheit, sage ich, he?« Der Küster sah Otte über seine Tasse hinweg an. »Der Odin? Was schwätzt du da? Der Odin, sagst du, jetzt wart' aber einmal!« Er griff rasch in seine Brusttasche, wühlte und suchte, die Augen starr auf die Hobelbank gerichtet, zog ein Stück Papier hervor: »Schau her – das bekam ich gestern vom Odin. Er fragt, ob ich dem Iver diesen Streich gespielt hätte!« »Du? So ein Blödsinn! Das ist nur irgendein Weibergeschwätz.« » Glaubt denn das jemand?« Ola lachte so, daß ihm der Bauch hüpfte. »Ja, meinst du denn, daß jemand das nicht glaubt?« Otte lächelte, auch er, und setzte sich wieder auf die Hobelbank. Er fing an zu schildern, wie die Sache zugegangen war: Er kam von Haaberg, hatte dort irgend etwas erledigt und dabei erfahren, daß Odin vom Pfarrer zurückgewiesen worden sei. Da faßte er sich ein Herz und ging nach Vennestad und erkundigte sich nach dem Buben. Dort aber war niemand daheim, und so mußte er wieder gehen. Am Weg stand das Fohlen und hatte sich in den Strick verwickelt, mit dem es angepflockt war, so kurz war das Ende nur noch, daß das Tier sich kaum bewegen konnte. Da erbarmte sich Otte seiner und band es an einer anderen Stelle fest – man kann doch an so einem Tier nicht vorbeigehen, und dabei hatte er wohl die Dummheit gemacht und gar nicht darauf geachtet, daß ein Graben in der Nähe war; es war schon ein wenig dämmerig, soweit er sich erinnern konnte. Jetzt schaut Otte auf und dem Küster wieder ins Gesicht; in den Falten rings um die Augen und auf der Stirn zuckt es leicht: »Ja, nun weißt du es. Du hast es wohl den ganzen Abend schon gewußt, daß ich der Missetäter war.« »Ja, ja«, sagte Ola, er war sofort rot geworden. »Und jetzt gehe ich noch heute abend nach Vennestad und erzähle ihnen, wie alles zusammenhängt.« »Da wird man dich hinauswerfen! – weiß Gott, da will ich dabeisein und zuschauen!« Und er meinte, sie könnten dann auch gleich wegen des Buben reden; wenn es überhaupt so weit käme, daß sie sich setzen dürften, fügte er hinzu. Man sollte sich zusammentun und den Burschen irgendwo hinschicken, in eine Schule oder was es nun auch sei. – »Ja, ja«, sagte Otte. – »Ja, hier auf Segelsund gibt es doch so etwas wie eine Schule; oder hat es vielmehr gegeben. Der Arthur hat da etwas ganz Großes und Gutes angelegt, aber dann kam niemand. Das war das einzige, worauf er nicht gefaßt war. Nun, es ist ja vielleicht gleichgültig. Die jungen Leute müssen ein wenig in die Welt hinaus. Auf das, was die Kinder lernen, gebe ich nicht viel, aber ein Stück weit in die Welt hinaus, das sollen sie, und, wie gesagt, laßt sie sich nur die Hörner abstoßen, jeder will hinaus, hinaus, hinaus, wie der Dichter sagt, und nun ist eben Odin an der Reihe. Ja, nicht wahr, du fühlst das an dir selber? Es kann dahin und dorthin mit ihm gehen. Er ist wirklich ganz gefährlich. Du hast die Pflicht, das an dir zu fühlen. Es ist keine Kleinigkeit, Vater eines Kindes zu sein; dazu habe ich nie den Mut aufgebracht.« Wie sie so dastehen und im Begriff sind zu gehen, schaut Ola rings um sich, betrachtet Wände und Decke: »Aber daß es brannte? Du läßt wohl die Leute glauben, was sie wollen?« – »Ja, was sollte ich sonst tun? Eines Tages wird die Wahrheit schon aufkommen.« – »Ja–a. Das hat man mir erzählt. Das soll eine alte Weisheit sein. Wenn sie nur nicht zu alt ist. Ja, es ist wahr: du bist das Salz der Erde. Salz mochten sie gerne, alle in unserer Sippe. Bis auf mich. Im übrigen, du, Otte Setran: Wir beide, wir sind der Abfall, so nennt man uns; wir sind der Abfall von unserer Sippe. Und so kommen mir auch die anderen vor, der größte Teil in der Gemeinde und im Land – ja, ich weiß wohl, daß es nicht wahr ist, aber –. Herrgott noch einmal, lustig war es doch, daß es bei dir brannte. Daß der liebe Gott dir diesen Streich spielte. Und jetzt gehst du zum Iver, wie gesagt.« 2 Sie kamen nach Vennestad, während man dort gerade beim Abendessen saß. Iver und Elen blicken nur rasch auf, schauen einander an und sehen sich nach Stühlen um. Odin stellt seinen Stuhl hin, Ola hat aber bereits die Holzkiste gefunden, und Iver bittet Otte, auf der Bank Platz zu nehmen. Odin läßt den Stuhl leer stehen und ißt stehend weiter. Iver schwitzte, wie immer, wenn er aß; auf seinem kahlen Kopf standen die blanken Perlen. Er redete selten bei Tisch. Elen war bald fertig mit dem Essen und ging zu dem Kleinen in die Kammer hinüber. Odin rückte seinen Stuhl an die Wand. Er saß dort und wunderte sich immer mehr und mehr. Immer wieder sah er den Iver an. Ola Haaberg redete vom Wetter, wie gewöhnlich, wenn er zu fremden Leuten kam, ernsthafter als ein anderer, aber nie so, daß man wirklich an das glaubte, was er sagte. Auf einmal sagte Otte: »Ich bin hergekommen, um mit dir wegen deines Pferdes zu reden, Iver.« Iver legte den Suppenlöffel weg; für heute abend war er mit dem Essen fertig. – »Wegen des Pferdes?« fragte er. – »Ja, wegen deines Fohlens, du weißt doch? Ich war es, der es an jenem Abend von seinem Platz wegführte und noch dazu zu einem guten Grasplatz. Aber das mußt du mir glauben, Iver, eine Grube oder einen Graben habe ich nicht gesehen!« Odin blickt seinen Stiefvater starr an. Auf seinem Gesicht kommt und geht ein Lächeln, kommt und geht: Welchen Weg würde Iver jetzt wohl einschlagen? Iver sah zu Boden. »Ja, ich mußte herkommen und mit dir reden, Iver. Damit nicht ein anderer verdächtigt wird.« »Ach, es ist ja nicht der Rede wert. Da war eben wieder einmal das Unglück unterwegs.« Elen ist wieder hereingekommen. Sie steht da und sieht Iver an, und ihr Gesicht hellt sich immer mehr auf. – Gleich wird sie hingehen und ihm den Schweiß abwischen, dachte Ola. »Was ich anfasse, geht alles verkehrt!« Odin blickt vom einen zum anderen und lächelt: »Darauf kann man sich verlassen.« »Aber du, Odin, du bist ja jetzt ein erwachsener Kerl!« warf Ola ein. Die anderen machten diesen Gedankensprung nicht mit, aber Elen suchte auf einmal eifrig nach ihrer Nähschachtel. »Nein, was das Pferd anbetrifft«, sagte Iver, »so war ihm eben der Tod bestimmt. Reden wir nicht mehr davon.« »Darf ich's bezahlen? Das würde ich gerne tun.« Iver lachte ein wenig: »Nun, verhungert sind wir ja schließlich noch nicht!« »Er hat jetzt Geld, der Otte«, mischte sich der Küster drein. »Er bekommt ja jetzt bald die Versicherung für sein Haus.« Die ganze Stube zuckte gleichsam zusammen, und Odin wurde es ganz heiß auf seinem Platz. Aber Otte lachte nur. »Ja, ja, das ist ganz schön, aber ich will von seinem Geld nichts haben«, sagte Iver. Otte lachte wiederum, und jetzt sah er Ola an: »Jetzt will ich dir etwas erzählen, Ola Haaberg: Du kamst heute abend voller Verdacht zu mir; nicht nur wegen des Pferdes, sondern auch wegen des Brandes, nicht wahr?« Ola klappte ein wenig zusammen, das konnten sie sehen. Odin saß steif auf seinem Stuhl. »Prophet, Prophet!« sagte Ola. – »Aber das, was ich glaube, und das, was das Volk glaubt, das sind zwei verschiedene Dinge. Ich war das Volk , als ich kam; so wie der Iver und die Elen und jeder andere. Im übrigen aber wollten wir ja heute abend über Odin reden. Er ist jetzt erwachsen, wie gesagt, und wenn er erst einmal Flügel hat, so wird er ausfliegen. Du wirst doch nicht dein ganzes Leben lang daheim bleiben wollen und dir's gut gehen lassen, oder?« Keiner sagte etwas, und Ola mußte wieder von neuem anfangen. Er erzählte, worüber er und Otte miteinander geredet hatten. Iver hüstelte ein paarmal. – »Ich habe das gleiche gedacht. Und wenn die Zeit da ist, wollen wir einmal sehen, was sich machen läßt. Ich will ihm helfen, soweit ich kann, das ist meine Absicht.« Elen sieht sie alle miteinander glücklich an. Otte weiß nicht, wie er sich benehmen soll. Odin bekommt ein paar scharfe Falten zwischen den Brauen, richtet sich aber gerade auf. Ola hat gleichsam weder etwas gehört noch gemerkt. Ein paar Jahre auf der Schule oder in der Lehre, hatte Iver gedacht. Das müßte sich doch machen lassen. Obgleich es nicht leichtfallen mochte, ihn bei der Arbeit zu entbehren. Denn nach und nach stand der kleine Bursche doch seinen Mann. »Ihr hättet nur an jenem Abend dabeisein sollen, als der Bär kam! Das war eine Geschichte! In der schwärzesten Nacht mußten wir auf die Weide hinaus, der Bub und ich, und mitten vor der Nase haben wir dem Bären die Schafe weggeholt – wir hörten ihn noch im Dunkeln brummen, er fand uns wohl gehörig dreist. Und der Odin ist die ganze Zeit vorangegangen, und wer weiß, ob er den Bären nicht mit der Schuhspitze an der Schnauze gekitzelt hätte, wenn es gerade gepaßt hätte! Ein verfluchter Kerl!« »War das am Samstagabend?« fragte Ola. »Ja richtig, am Samstagabend war's!« »Aber da war ja der Bär schon tot!« »Tot? Hat ihm etwa einer eine Kugel auf den Pelz gebrannt?« »Nein, aber sie haben ihn erschlagen. Es war der Hund von Segelsund gewesen – der hatte gerade zum Bären getaugt. Ein Schaf hat er zerrissen, mindestens. Den Rest lieferten die Leute – du solltest dich vor ihnen in acht nehmen, Otte.« »War es der Hund? Dann war also alles nur Geschwätz und Gerede?« Da brach Odin in Lachen aus, und damit atmete die ganze Stube erleichtert auf. Iver lachte als letzter, aber er konnte doch auch nicht anders. »Aber geglaubt haben wir's doch, daß es der Bär sei!« sagte Odin, gleichsam als wollte er den Stiefvater trösten. Ola sah ihn ernsthaft an. »Der Glaube ist es, worauf es ankommt. Vergiß das nicht!« »Aber ich will noch nicht in eine Schule, daß ihr's nur wißt!« Odin sah sie verschmitzt an. Das müßten sie sich nun überlegen, meinte Iver trocken. Odin hatte es sich überlegt. Er fühlte, daß es unmöglich war. Die Mutter sah ihn von ihrem Winkel aus an, und er merkte, wie sie glücklich wurde. »Ich will schreinern lernen«, sagte er. Er hielt den Blick fest auf sie gerichtet. Noch einmal schien es allen, als stünde die Stube auf dem Kopf. »Wie du willst«, sagte Iver, er stand auf und wollte in den Stall hinübergehen. »Wie gesagt, ich werde die Lehrzeit bezahlen.« »Ja, aber – hast du denn keinen Platz für mich?« Odin wandte sich an seinen Vater. »Ich?« Otte sah ganz verändert aus, fast wie ein Fremder. Jetzt lächelte er, jedoch armselig und ungläubig, er glich einem Bettler, dem man einen großen Geldschein hinhält. »Ist es dir Ernst damit?« »Ja.« »Wirklich, Odin?« Elen war es, die dies sagte, und die übrigen zuckten alle zusammen. »Ja, da hilft nichts, Mutter. Es muß schon so kommen, denn ich habe keine Angst, weder vor ihm noch vor seinem Geld. Damit mag es sein, wie es will, und außerdem –« »Das wirst du doch nicht tun, Odin? Du wirst doch nicht jetzt von mir weggehen?« Er blieb sitzen und sah sie an, aber die anderen konnten merken, daß er nicht nachgab. »Es ist jetzt nicht mehr so schlimm für dich«, sagte er still und deutete mit dem Kopf zu Iver hinüber. »Ja, ja«, meinte Otte. »Du weißt ja, daß ich nichts dagegen hätte, aber –« »Dann komme ich also, so bald wie möglich. Aber morgen fahre ich zum Markt.« »Zum Markt? Du?« Sie sahen ihn alle an. »Ja. Ich habe sogar daran gedacht, dich zu fragen, ob du mir nicht zehn Kronen leihen willst?« Er wandte sich an Ola. »Die sollst du haben; und fahr nur zu, jetzt kenne ich dich wieder.« Iver war hinausgegangen. Und als er wieder hereinkam, waren die Gäste im Begriff zu gehen. Odin begleitete sie bis vor die Türe, und Ola suchte den Zehnkronenschein heraus. Otte wollte ihm auch einen geben, den aber nahm Odin nicht an. »Ich will mich überall selber durchbringen«, sagte er, »wartet nur, bis ich einmal mein Erbe in Kjelvika bekomme; oder bis sich ein anderer Rat findet.« Odin blieb wach liegen. Morgen um neun Uhr war der Dampfer bei Segelsund, und dann ging es weiter, geradeswegs zum Markt. Die anderen waren schon fortgefahren, ein Boot nach dem anderen, und morgen fuhren die letzten fort, und er mit ihnen. Er drehte sich im Bett herum, wollte schlafen – er hatte die Welt umgestülpt, und jetzt mochte sie dastehen und warten, während er schlief. Draußen lag die Stille, rings um die Häuser und überall im Land, er hörte sie so deutlich; und weiter fort lag die See und murmelte, und die Kjelvikweide und die Zeit, weit draußen und fern. Nun erreichte ihn das alles nie mehr. Von Zeit zu Zeit schaute er in der Dunkelheit vor sich hin und zum Fenster hinüber: Jetzt sollte er nicht mehr länger hier sein. Da hantierte jemand an der Türe. Aber heute abend war der Haken eingehängt. Kristine durfte dieses Jahr nicht mit auf den Markt, sie konnte nicht, denn der Alte war bettlägerig. Sie stand immer noch da. Ja, ja, da war nichts zu machen, sie sollte jetzt nicht noch öfters auf seinem Bettrand sitzen, und heute abend schon gar nicht. Sie war das Weichste, was man anfassen und woran man denken konnte, und wenn sie jetzt nicht gleich ging, dann sprang er auf und jagte sie weg. Er tat, was er wollte, darum war ihm nicht bange, er fragte keinen, er konnte in jedem Augenblick das große Übel tun. Aber da war irgend etwas, das sagte, er sei der Odin und nicht irgendein Geringerer. Es war fast so, als müsse er der Aasel auf Haaberg ins Gesicht sehen. Aus der Aasel machte er sich übrigens nicht das geringste, das wollte er ihr gleich bei der nächsten Begegnung sagen. Er war einer von den Alten; wenn er auch nicht so dumm war wie jene. Da aber fiel der Haken herunter, und die Tür war offen. Kristine hatte sich mit einer Haarnadel geholfen. Jetzt kam sie über den knarrenden Boden geschlichen. Nachdem sie eine gute Weile auf seinem Bett gesessen und ihn gerüttelt und mit ihrem Haar im Gesicht gekitzelt hatte, drehte er sich im Bett herum: »Willst du etwas?« – »Wollen? Was glaubst du denn? Aber ist es wahr, daß du jetzt von hier fort sollst?« – »Ja, und was kann dir dran liegen!« – »Nein, nein. Aber gehst du wirklich von deiner Mutter weg?« Er lag da und schwieg. Auf so etwas gab er ihr keine Antwort. Aber er dachte daran, wie er heute abend unten in der Stube gesessen hatte, und dann konnte er doch nicht anders und mußte es jetzt sagen, denn es bewegte ihn zu lebhaft: »Mein Vater ist mir ein seltsamer Kauz. Er ist aus feinerem Zeug als alle anderen, darum wetzen sie alle ihren Schnabel an ihm – ich hätte wissen sollen, wer er ist, der Teufel hol' mich! Die Mutter, sagst du? Sie hat ja den Iver. Er ist siebenmal besser, als ich gedacht hatte. Ich saß da und lauschte auf etwas, von weit draußen vom Meer oder vom Land oder aus der alten Zeit her, und ich wartete darauf, als sollte es mir einen kleinen Stoß versetzen. Und das tat es. Nein, d u verstehst das nicht, das habe ich auch nicht erwartet. Sie haben recht, alle beide. So ist die Welt, glaube ich – sie kann einen wild und blind machen, wenn man über sie nachdenkt. Aber wie gesagt, ich werde zum Vater ziehen. Und jetzt kannst du gehen und dich schlafen legen, hier bei mir darfst du doch nicht schlafen.« Sie schwieg zu diesen Worten. Da wunderte er sich, und zugleich wurde ihm unbehaglich zumute, und als sie sich zu ihm hinunterbeugte und ihn küßte, legte er die Hand um ihren Nacken und hielt sie so fest. Dann schob er sie von sich weg und bat sie, zu gehen, und jetzt gehorchte sie. – »Nein, denn ich will ein freier Mann sein!« murmelte er; er dachte in diesem Augenblick an die Mutter und an Karen-Anna, und über diesen Gedanken schlief er ein. 3 Am Morgen darauf war es strahlend schön, ein wenig Rauhreif lag über den Mooren, und das Wasser im Fjord draußen und an den Ufern war mit einem Sonnengitter bedeckt. Es herrschte solch eine erwachende Bläue ringsum, gerade so, wie er sie erwartet hatte. Es dauerte geraume Zeit, bis die Mutter ihn fahrtbereit ausgestattet hatte, sie wollte ihn doch, anständig ausrüsten, schien es ihm, und ihre Gedanken gerieten dabei immer wieder ins Stocken. Iver kam und steckte ihm zwei Zehnkronenscheine zu, zwei ganz neue gelbe sogar, und er und die Mutter begleiteten ihn bis vor die Türe. Dort schaute sie ihn noch einmal von oben bis unten an, war zufrieden mit ihm und wünschte ihm alles Glück. Und auf dieses Glück verließ er sich fest und ganz. Dann und wann überkam ihn die Lust zu springen und zu laufen, er beherrschte sich aber und schritt nur weit aus; denn wer so erwachsen ist, daß er auf den Markt gehen darf, der läuft nicht. Unten, wo der Weg nach Segelsund abbog, blieb er stehen und horchte, ob der Dampfer schon käme. Als er gerade wieder zu gehen angefangen hat, gewahrt er ein Fuhrwerk vor sich und ein Frauenzimmer, das dasteht und sich müht und plagt, um ein Pferd wieder in den Weg hereinzulenken, es aber nicht fertigbringt, weil das eine Wagenrad sich an einem Birkenstamm verfangen hat. Es ist die braune Stute von Skare, und das Weib ist dann wohl die Serina, sie hat Marktbesucher zum Dampfer gebracht. Das Pferd war durch einen auffliegenden Vogel erschreckt worden und wäre beinahe in den Straßengraben gesprungen. Jetzt steckte das Bad fest, war eingeklemmt zwischen einem Stein und der Birke, und die Frau wartete darauf, daß Odin ihr helfen würde. Zuerst wollte er den Gaul ausspannen, aber das ging nicht, denn die Gabeldeichsel war verzwängt, und die Stute war aufgeschreckt und trat unruhig hin und her. Der Stein war wie festgewachsen in der Erde; da wollte Odin den Wagen heben, aber das Rad verklemmte sich an der Birke. Odin faßte trotzdem zu, denn irgend etwas mußte geschehen – im nächsten Augenblick konnte das Pferd wild werden und im Graben liegen; Odin hob und stemmte, daß ihm blau vor den Augen wurde. Da krachte es in dem einen Deichselarm, und im selben Augenblick machte die Stute einen Satz; die Deichsel zerbrach, und schon setzte das Pferd über den Graben und sprang ins Moor. Dort aber war der Boden grundlos und weich, so daß es sogleich bis an den Bauch einsank, es wollte sich herausarbeiten und sank dadurch noch tiefer ein und hätte beinahe auch noch Odin mit hineingezogen. Endlich gelang es ihm, das Tier von den beiden Deichselenden zu befreien, und nun lag der Gaul still da. Odin blieb eine Weile stehen. Rings um sie war nichts als Sumpf. Serina jammerte laut und meinte, sie wolle Hilfe holen. Ein unmögliches Beginnen, das wußte er. Er mußte das Pferd herausbringen. Und es mußte sich irgendein Bat finden. Da war zum Beispiel der Heusack. Odin nahm den Sack und riß zugleich das rückwärtige Brett vom Wagen ab, legte beides vor dem Tier auf die Erde und ergriff dann die Zügel. – »Wenn du mir jetzt hilfst«, sagte er innerlich – »wenn du mir jetzt hilfst, dann will ich sagen – –« Ringsum war es still, ihn dünkte, er sei mutterseelenallein. Serina stand in weiter Ferne, auf der anderen Seite des Grabens, sie wartete darauf, daß ein Wunder geschähe. »So – da, Bruna!« sagte er. Und wahrhaftig, die Stute kam auf, weiß der Himmel, wie es zuging, stand einen Augenblick mit den Vorderbeinen auf dem Heusack und auf dem Brett und war dann am Grabenrand, wo das Heidekraut ein wenig besser trug, setzte über den Graben weg und stand auf dem Weg. Dort schüttelte sie sich in den Zügeln, wollte schon fast das Gras am Wegrand abknabbern. »Ende gut, alles gut!« sagte er zu Serina. Sie lächelte, aber ihr Gesicht war im übrigen ganz steif – es greift die Weiber immer so an, wenn irgend etwas mit dem Viehzeug los ist. Jetzt erst fiel ihm ein, daß er eigentlich vor allem das Bad hätte abnehmen müssen. Pfuscherei, von Anfang an. Aber es ging trotzdem gut ab, lächelte er vor sich hin. Dann stand der Karren wieder auf dem Weg, die Deichsel so einigermaßen zusammengebunden, daß sie wenigstens auf dem Heimweg noch hielt. Da durchfährt es ihn plötzlich heiß: War das der Dampfer, der vorhin pfiff? Der Ton lebte noch einmal in seinem Ohre auf, kehrte gleichsam um und kam wieder. Ja, ja, jetzt schoß er davon. Er rannte, daß es ihm in den Ohren sauste, sprang über den Zaun und den Hügel hinan. Da sah er den Dampfer langsam an den Segelsund-Häusern vorbeigleiten und in den Fjord hinaus halten. Lang, und blau angestrichen, mit Gischtwellen vor sich, und mit Macht und Kraft dicke Ballen von Bauch ausstoßend. Das Deck war bis auf den letzten Platz mit schwarzgekleideten Marktbesuchern besetzt. »Aber bist du denn vom Satan besessen?« rief er aus, hielt jedoch mitten darin inne. Er hatte soeben erst merkwürdige Dinge erlebt. Ja, ja, da fuhr nun der Markt mit allen Herrlichkeiten davon. Odin mußte lächeln, wie er so dastand. Er sah sich nun selber, wie er in großen Sätzen daherkam: ein wenig vornübergebeugt im Lauf, die Ellbogen nach außen gedrückt, die Augen starr und glücklich in die Welt hinausgerichtet, durch Kjelvika hindurch und durch die Gemeinde und bis hierher; immer wieder blieb er stehen und wunderte sich; immer wieder geschah ein Wunder. Und jetzt ging es wieder weiter. Wozu hatte er denn in Kjelvika draußen im Wasser herumgeplätschert? durchfuhr es ihn. Wohl deshalb, damit er es mit der See aufnehmen konnte, wenn er es je einmal nötig hätte? Er ging geradeswegs nach Segelsund und fragte, ob er ein Boot leihen könnte. Er traf die Frau selber an, die Mina, sie trug eine Brille und sah höchst vornehm aus; als er sie aber zum zweitenmal fragte, gab sie ihm endlich eine Antwort. Sie wollte wissen, wer er denn sei, und als sie das erfahren hatte, hieß es sofort: Ja, er könne ein Boot haben. »So, so, du bist der Odin? Kannst du denn wirklich so weit rudern?« Sie befahl dem Hüterbuben, mitzugehen und das Boot zu Wasser zu bringen. Dann wurde sie nachdenklich und bat Odin zu warten, sie müsse fast lachen, denn es füge sich doch zu seltsam, daß hier noch jemand sei, dem der Dampfer davongefahren war. Sie rief in den Dachraum hinauf, nach einer, die sie Ingrid nannte, und als einige Zeit verstrichen war, kam ein Mädchen in Odins Alter herunter, ein kleines dünnes Ding, das nordländisch sprach. Die sollte er mitnehmen. Sie könne rudern, sagte die Frau auf Segelsund. Es war wohl ihre Pflegetochter, man sagte, sie solle sogar mit ihnen verwandt sein. Und nun fingen sie an zu rudern. Und anfangs ging es recht gut. Das Mädchen saß achtern im Boot und hatte die leichteren Ruder. Sie stellte sich gar nicht schlecht an bei dieser Arbeit. Aber der Landwind, den Odin schon weiter drinnen im Fjord gehört hatte, noch ehe sie sich auf den Weg machten, kam jetzt dicht und schwer heran, und dazu setzte noch Ebbe und Gegenströmung ein. Sie hielten sich nahe am Ufer und fuhren in jede Bucht hinein und um jede Landzunge herum, schließlich aber sahen sie nichts weiter als den breiten Fjord vor sich, der sich schäumend gegen sie warf. Naß wurden sie, und der Tag ging zu Ende, und jetzt sah er, wie dünn und kraftlos dieser Mädchenrücken vor ihm war, zart und fein, und dieser Bücken plagte sich, so gut er konnte, aber für den großen Fjord taugte er nicht, es war die reine Tierquälerei. Jetzt bekam sie noch einen Spritzer und noch einen dazu, so daß ihr das Wasser über Nacken und Rücken herunterfloß. Da erkannte er, daß es ihm für dieses Mal nicht bestimmt war, auf den Markt zu kommen. Er sollte umkehren und Ingrid gut und sicher heimbringen. Sie lächelte und holte Atem, als er ihr das sagte. »Ihr sollt nicht um meinetwillen umkehren«, sagte sie. Nein, nein, aber jetzt blies gerade so ein schöner Segelwind heimwärts. – Konnte er denn segeln? Bei solchem Wetter? Er gab keine Antwort darauf, denn er sah, daß sie ihm vertraute. Es war ein Ballaststein zu wenig im Boot, und das Segel war auch nicht gerade das neueste, aber er stellte doch den Mast auf und hißte das Segel. Eine Zeitlang tanzten sie nur so dahin. Das Boot schoß wie der Vogel über jede Welle und vor jeder Bö dahin, es freute sich, einmal losgelassen zu sein. Dann aber lag es zu leicht am Steuer, er hatte zuviel Segel gesetzt. Odin fierte das Fall, doch das Segel kam nicht herunter. Er packte die Hol-Leine, aber es wollte nicht herunter. Jetzt hängte er sich mit seinem ganzen Gewicht daran. Die Hol-Leine riß; sie war gänzlich verfault. Und der Wind nahm zu. Das Boot schoß dahin und dorthin, das Segel paßte ihm nicht, es gebärdete sich wie eine erschreckte Ziege, wußte nicht, wo es hin sollte. Ingrid zerrte am Segel, desgleichen Odin; aber die Rahe saß unverrückbar fest am Mast oben. Da durchfuhr es Odin, er fühlte es wie einen Griff, daß er vorhin, als er in der Klemme war, um Hilfe gebeten und sie bekommen hatte – es war nur ein Kinderspiel gewesen. Jetzt aber war es bitterer Ernst. Eines konnte er noch versuchen: mit dem Boot in den Wind zu schießen, jetzt gleich auf der Stelle, solange noch reine See war. Blieb es dann stehen, so waren sie gerettet. Das Mädchen sah ihn an. Sie hatte einen Ausdruck, als wisse sie, daß sie sterben müsse, aber sie vertraute trotzdem auf ihn. Ja, ja, nun tat er es. Wenn es sich wirklich so verhielt, daß Gott bei einem war und half, dann mußte er es jetzt tun – viele hatte es gegeben, die so in der Not gewesen waren und sich keinen anderen Bat gewußt hatten, als nach ihm die Hand auszustrecken. Aber noch ehe Odin den Gedanken zu Ende gedacht hatte, schoß das Boot von selber zur Seite, das Wasser brauste leewärts herein, wie ein Berg war es, und als Odin wieder zu sich kam, lag er im Wasser und arbeitete mit Händen und Füßen, er hielt die Schote in der Faust, während die Wellen ununterbrochen über ihm zusammenschlugen. Es gelang ihm, sich auf den Kiel zu retten. Ringsum schäumte der Fjord. Das war Einsamkeit! Hier gab es keine Hilfe. Jetzt erst dachte er an das Mädchen. Da sah er sie, sie arbeitete sich unter dem Boot hervor, suchte nach einem Griff an der Bootswölbung, aber die Wellen spülten sie weg: Endlich hatte er sie gerettet. Sie konnte sich einigermaßen festhalten. Schon dachte er daran, um Hilfe zu rufen, unterließ es dann aber; er brachte es nicht fertig. Da sah er von Segelsund her ein Boot gegen den Wind herankämpfen und noch ein zweites dazu von der anderen Seite des Fjords. – – – Er hatte vorgehabt, geradeswegs zu Frau Mina in die Stube zu gehen, so naß, wie er war, aber er traf sie schon vor der Tür an. Sie fragte, ob er denn wirklich so unvernünftig sei, ob er sich denn gar nicht aufs Meer verstehe. Er erzählte, wie sich alles zugetragen hatte. Im übrigen war es ihm gleichgültig, was die anderen sagten oder glaubten. »Ich vertraute auf den Herrgott, daß er mir helfen würde«, sagte er und sah ihr in die Augen. Nun, und das tat er wohl auch, oder? »Nein. Nein, woher doch! Er war nicht da – das fühlte ich an mir.« Sie wollte sich schon auf eine lange Strafpredigt vorbereiten, ließ es dann aber gleich wieder sein. Sie blieb stehen, halb ihn betrachtend, halb nachdenklich. Dann sagte sie, er solle ins Haus kommen und trockene Kleider anziehen. Nein, sagte er, er müsse jetzt heim, nahm Abschied und ging. Elen nahm es ruhig. Sie sah Odin nur in Gedanken versunken an, und als sie sich wegdrehte, murmelte sie vor sich hin, daß man Gott doch für vieles zu danken habe. »Ja«, sagte Odin. »Weißt du, er ist ganz gut zu haben, so in der Hinterhand. Wenn er mir auch nicht gerade sofort zu Willen war. Du weißt ja, daß ich an ihn glaube «, fügte er hinzu, vor sich hin. »Er muß doch da sein?« Als er vom Dachraum herunterkam, hatte er seine Sachen zusammengepackt und erklärte nun, daß er fortzöge. Die Mutter erbleichte. »Jetzt schon?« sagte sie. »Ja.« »Tust du es wirklich, Odin?« »Ja, ich tue es. Verstehen kann ich's zwar selber nicht, aber –. Und schön ist es auch nicht von mir. Ich muß wohl sehen, daß ich später beständiger werde. Ja, leb wohl also, und Dank für alles!« Iver und Elen standen da und machten lange Gesichter, alle beide. Jetzt erst erkannte Odin, daß es gute Leute waren, und was das zu bedeuten hatte. Dies war ein warmes und schweres Gefühl, ein Geschenk mit auf den Weg. Dann aber drehte er sich von ihnen weg und ging. Immer noch blies es laut, aber es war der reine Schönwetterwind. Und Odin dünkte es jetzt, so wie es ihn am frühen Morgen gedünkt, als er sich auf den Weg gemacht hatte, er habe graue Dunkelheit und Stubenwärme hinter sich gelassen und gehe einem hohen und klaren Tag entgegen. Es war merkwürdig, so ganz allein einen fremden Weg zu gehen. Und so hatte er es schon von klein auf manchmal empfunden: Man konnte gleichsam gar nicht glauben, was man sah. Darum aber blieb es doch unverändert groß. Und es war doch gut für den Menschen, allein zu sein. Zweites Buch. In der Jugend Astri 1 Im Garten unten auf Haaberg stand ein großer Traubenkirschbaum. Im Frühling war er mit Blüten überschneit, und zur Herbstzeit leuchtete er schwarz von Beeren. Aber während der Blüte war er für Astri das Schlimmste, was sie kannte, trotz all seiner Schönheit. Denn der Duft, den er ausströmte, war genau so wie der Ton drinnen in der Stube und wie das, was Muhme Marjane dachte, wenn sie still stand und vor sich hinschaute; und es war etwas, wovor sie Angst hatte, denn sie wußte nicht, was es war. Und dann kam noch dazu, daß keiner von den anderen es merkte. Heute war der Baum das Schönste, was sie sich denken konnte, denn heute leuchtete es schwarz und glänzend von allen seinen Zweigen, mit großen prallen Trauben von Beeren, die der Sonne entgegenstrahlten. Und es war wieder Sommer geworden, sie wußte nicht, woher er gekommen war, einen so schönen Tag hatte sie hier nie gehabt, seit sie denken konnte: Bläue und Sonne, Bläue und Sonne, wohin sie sich auch drehte! Und oben mitten in der Krone des Baumes saß Marjane, die Klein-Muhme, wie sie genannt wurde, und ritt auf einem dicken Ast. Die Sonne schien auch auf sie herab, so daß ihr gelbweißes Haar zum blanken Sonnenschein wurde und ihr Gesicht noch weißer erschien; und das tat heute gar nichts, denn heute war nur gutes Wetter und Heiterkeit ringsumher. Es lärmte und tobte förmlich von all dieser Stille in der Luft, und unten auf dem Acker ratterte die Maschine und lärmte die Ernte ununterbrochen, jetzt hörte sie die Leute dort unten sogar lachen. Wenn sie die Augen schloß, so meinte sie, es singen zu hören, ganz deutlich. Marjane war dünn wie ein Aal und von bleicher Hautfarbe, aber sie sah kräftig aus, wie ein Junge, und hatte einen unerschrockenen Ausdruck im Gesicht, so daß ihr zuzutrauen war, sie würde ohne weiteres von ihrem Platz dort oben herunterspringen. Das Haar stand ihr wirr, wie ein Kranz, rings um den Kopf. – »Und schon wieder hat sie Löcher in ihren Strümpfen!« Astri lächelte, so schlimm dies auch war. Jetzt aber wurde Marjane sie gewahr. »Was stehst du denn da und gaffst?« rief sie durch die Laubkrone und zwischen den Beeren hinunter. Astri lächelte nur zu ihr hinauf; sie war acht Jahre alt und hatte an dem einen Mundwinkel ein tiefes Grübchen. Ernsthaft war sie, wenn sie auch noch so vergnügt war, auch jetzt, da sie lächelte. – »Wirf mir ein paar Trauben herunter!« bat sie. – »Dir, du ißt ja gar keine Traubenkirschen!« Marjane lachte, ihre Stimme war schon dick und rauh von all den Beeren. – »Komm doch herauf, du Plumpsack!« fügte sie hinzu. Astri stand da. Sie sah ihre Schürze an und ihre Schuhe. Dann schnaufte sie tief auf und fing zu klettern an. – »Ach, daß ich so dick sein muß!« flüsterte sie; die Finger taten weh, und an den Knien brannte es wie Feuer. Aber sie kam doch hinauf und fand einen schönen Ast, auf dem sie reiten konnte. So saß die Marjane da! Dann brach sie in lautes Lachen aus. Es hörte sich seltsam ungewohnt und lärmend an. Marjane warf ihr einen raschen Blick zu: was hatte denn das Mädel jetzt auf einmal? – »Nein, nichts.« – »Hm.« Marjane drehte sich herum und wandte sich wieder ihrer Beschäftigung zu. Aber Astri sah sie im geheimen unentwegt an. Denn jetzt war sie wieder so , die Klein-Muhme. Astri war offenbar tief in ihre Gedanken versunken gewesen, denn auf einmal sauste sie durch das Laub und durch die Luft hinunter, daß es ihr um die Ohren brauste, und dann wurde sie mit einem heftigen Ruck wieder hinaufgeworfen, dünkte es sie. Als sie zu sich kam, stand Marjane über sie gebeugt und hielt sie in die Höhe, stand da und wischte ihr ein wenig Blut ab, das aus einer Schramme im Gesicht sickerte. Sie untersuchte, wie es mit ihrer Schürze stehe. Die war noch einigermaßen gut davongekommen. »Wenn du dir jetzt das Genick gebrochen hättest, was dann?« sagte Marjane. Astri sah der anderen mitten ins Gesicht, erstaunt, ihre Züge bekamen einen vielfältigen Ausdruck. »Dann wäre ich vor dir gestorben – – du fürchtest dich doch auch nicht vor dem Sterben?« »Steh still jetzt, du Rotznase, wenn ich dich abputze! Nein, so etwas! Wie ein Sack herunterzufallen!« Astri stand still und wartete, stand da und sah zu Boden, bis Marjane wieder hoch droben im Baum war; sie schämte sich, und das tat sie immer, wenn sie etwas zu Marjane gesagt hatte. Jetzt aber saß Marjane oben und sah ganz still zu ihr hinab, mitten durch das Laub hindurch, und Astri sah sie an. So hatten sie einander schon früher angesehen. Da wurde es still rings um sie; sie beide waren ganz allein und weit von allen Menschen fort. Dann lachte Marjane und kletterte von einem Zweig zum anderen, immer höher. Jetzt ist sie fast im Gipfel oben, sie hängt unter dem großen Ast, der bis ans Hausdach reicht, und pendelt Griff für Griff daran weiter hinaus bis zur Dachrinne, schwingt sich aufs Dach – und nun steigt sie weiter auf dem Dach hinauf, bis zum äußersten Dachreiter vor, hier richtet sie sich auf und geht auf dem Giebel bis zum Schornstein; hoch aufgereckt steht sie dort droben gegen den Himmel und jubelt – sie ist so herrlich übermütig. Astris Gesicht leuchtete, und ihre Augen glänzten, ihr war es, als schreie sie mit. Ja, denn so sollte es sein, und so wollte auch sie werden – war es nicht merkwürdig, daß nicht alle Menschen unerlaubte Dinge trieben und lachten und schrien? Jetzt aber lief sie zum Garten hinaus und um die Hausecke herum, so rasch, daß die Röcke flatterten, denn nun kletterte Marjane auf der anderen Seite vom Dach herunter, und dort stand die Leiter. »Hall–lo–ih!« rief sie, der Ton lag wie ein blanker Bach hinter ihr in der Luft. Sie solle doch nicht so närrisch schreien! – Es war die Großmutter, die Aasel, die in diesem Augenblick herauskam. »Jo–ho!« lachte Astri und sah der Großmutter ins Gesicht; schwieg dann aber doch. »Mögt Ihr nicht solch einen Lärm auf Eurem Hof?« sagte sie. »Doch, doch, mein Goldkind, lache und schreie du nur nach Herzenslust.« Eines Abends saß Astri, als Aasel herauskam, mit ihrer Puppe auf der Haustreppe; sie saß da und redete mit ihr. – »Sei doch jetzt still, du Plumpsack!« sagte sie. »Glaubst du denn, daß du so frühzeitig sterben mußt? Du bist doch so rund und rot!« Als Aasel wieder hineinging, saß sie da und hatte die Puppe vergessen. Entweder saß sie da und schaute hinaus, wie die Abendwolken westlich über dem Meer brannten, oder sie mußte sich stillhalten und wie ein Erwachsener denken. – »Bist du immer noch hier?« fragte die Großmutter. Die Kleine sah ruhig zu ihr auf. – »Was denkst du denn alles, sag mir's doch?« Nach und nach trat auf Astris Gesicht ein Lächeln: »Im Sommer will ich Hüterbub sein!« – »Was – noch dazu ein Bub?« – »Nein, aber hüten will ich, meine ich.« – »Warum denn?« Damit wollte sie nicht herausrücken. Als aber die Großmutter im Haus war, ging Astri um die Ecke herum und sagte vor sich hin, in dem stillen grauen Herbstdunkel, zu den Äckern und zu den Bäumen: »Die Marjane – – die fährt jetzt fort von uns. Ganz weit weg!« Sie sagte es ein paarmal, so daß es ihr zitternd und frierend über den ganzen Körper lief. Dann sprang sie hinein, wie ein wildes Pferd wollte sie durch die Stube traben und wollte sie auf den Kopf stellen. Aber das war nicht möglich, heute abend sowenig wie an irgendeinem anderen Abend. Es war viel zu still da drinnen, nein, das konnte nur die Marjane fertigbringen. Die konnte die Stille zerreißen, ja, so daß die Großmutter und die Mutter von ihren Sitzen auffuhren. Ach ja, wenn man erst einmal groß war, dann – Aber dann war die Klein-Muhme nicht mehr hier. Das aber wußten die anderen nicht, niemand. Bis dahin war sie den gleichen Weg gegangen, den Muhme Marta, die Taubstumme, gegangen war; zu Jesus und den Engeln und dorthin. »Hast du dein Abendgebet schon gesprochen?« fragte Andrea, als sie zu Bett lagen. »Ja, ich bin grad mittendrin, ich war schon bis zum – – nein, jetzt muß ich wieder von vorne anfangen.« Die Mutter hörte, wie es drüben im Bett eifrig schnaufte und betete. 2 Vier, fünf Jahre vergingen, ehe das eintrat, was Astri schon gewußt hatte. Marjane wurde krank und starb. Da war sie zwischen siebzehn und achtzehn, und Astri war etwa zwölf Jahre alt. Es kam so plötzlich. Die Marjane, die immer so gesund war? sagten die Leute. Aber der Doktor meinte, sie habe es schon lange in sich getragen, da es nun so rasch ginge. Und wenn Aasel genau darüber nachdachte, so fühlte sie deutlich, daß es immer so gewesen war, ihre Munterkeit hatte den Tod vorausgesagt, wie es in einem alten Wort hieß. Es war die Schwindsucht, die gleiche Krankheit, die Astris Vater dahingerafft hatte, und so ungefähr hatte es sich auch bei ihm gezeigt: der Mut war größer gewesen als die Kraft. Die Schwindsucht war etwas Unerforschliches, das sich in der Sippe eingenistet hatte. Sie sollte sogar erblich sein. Wenn nur nicht sie es war, die die Marta mit sich genommen hatte. Ihre älteste Tochter erwähnte Aasel nur, wenn niemand es hörte. »Es muß wie ein Urteil darin liegen!« seufzte Aasel eines Abends. Dieses Wort war das einzige, über das Astri nachdachte. – Urteil, sagte sie oft im Gehen oder Stehen, und wenn sie still saß, dünkte es sie, irgend jemand flüstere es dicht hinter ihr oder singe es in weiter Ferne. Marjanes Gesicht war immer weißer und weißer geworden, mit brennend roten Rosen auf den Wangen, und die Augen immer mehr wie Glas, wie leeres schimmerndes Glas. Astri biß sich auf die Lippe oder zwickte sich in den Arm, wenn die Hustenanfälle kamen. Im übrigen stand sie regungslos an der Türe und sah Marjane an. Denn nun war die Klein-Muhme schon weit gekommen. Sie wußte jetzt gar vieles. Und die anderen waren zurückgeblieben. Die Großmutter weinte wohl innerlich, so glaubte sie, und die Mutter ebenso – warum hatten sie solche Angst vor dem Urteil? Sie wußte übrigens mehr als das. Marjane starb von ihrem Liebsten weg, und er war ein – nur ein armer Bursche von irgendeinem Häuslerhof. – »Es ist so traurig«, sagte sie einmal. – »Was denn?« fragte Aasel. – »Daß er so arm sein muß, meinte ich.« – »Wer denn?« Aber Astri schwieg plötzlich und machte sich aus dem Staub. Sie mußte bis ganz hinter die Scheune gehen. Aber auch dort war es gleichsam nicht erlaubt, es zu sagen, es war nur etwas so Großes, daran zu denken: daß sie ihn haben wollte und daß dann nichts daraus wurde. – »Ja, ja«, nickte sie schwer vor sich hin. »Das ist das Urteil.« Andrea sah sich in dieser Zeit ein paarmal nach der Kleinen um. Sie bat sie öfters, zu ihr zu kommen und auf ihrem Schoß zu sitzen. Kam sie dann aber und saß eine Zeitlang auf ihren Knien, so war sie trotzdem immer weit weg. Die Mutter hatte nie versucht, viel mit ihr zu sprechen, sie spürte, daß dies nicht gelingen würde. Gleich von Anfang an, da Andrea merkte, daß sie ein Kind bekommen würde, hatte sie gefühlt, daß es ein Mädchen sein würde, und wie es nun auch ging, so hatte sie sich doch darüber gefreut. Aber es war jämmerlich wenig, um es der Aasel zu zeigen. Trotzdem hielten die Großmutter und die Kleine am festesten zusammen, für sie war es keine Enttäuschung. Die beiden hatten gar viel Gemeinsames. Sie gehörten zusammen. – »Schau dich nach Astri um, damit sie nicht so allein sitzt«, sagte Aasel in dieser Zeit oft zu ihr; »ich werde so alt und stumpf, ich vergesse sie manchmal ganz.« – »Ja«, sagte Andrea. »Aber ich kann wohl nicht viel mit ihr anfangen. Ich bin ein fremder Mensch für sie, so sieht es aus. Nein, sie gehört nicht zu den Meinen«, fügte sie für sich allein hinzu. Als aber Marjane ausgekämpft hatte und auf der Totenbahre lag, kam Astri herbei und umklammerte die Knie der Mutter, sie war kreidebleich, und ihre Wangen waren von Tränen naß: »Ich will nicht sterben, Mutter!« Die Mutter wagte kein Wort zu sagen. Sie war schon froh, daß Astri sich nicht schämte und wieder davonlief. »Ja, Astri, jetzt haben wir nur noch dich«, sagte Aasel am Abend nach dem Leichenbegängnis. »Ja, ich weiß es.« »Weißt du das? Woher weißt du das, Astri? Was weißt du denn eigentlich, Kind?« Die Großmutter war bisweilen so ängstlich, oft lief es wie ein Zucken über ihr Gesicht, man fühlte fast, wie irgend etwas sie quälte. »Nein, ich habe nichts damit gemeint, Großmutter.« Da stahl sie sich lieber hinaus, hinter die Häuser, und weit fort auf die Wiese – dort spiegelte sich der Mond in den Eisnadeln und in dem Rauhreif ringsum. Denn dort konnte sie vor sich hinsagen, daß nun sie an die Reihe kam. – »Ja, ja«, sagte sie. »Vor dem Urteil habe ich keine Angst. Das will ich schon auf mich nehmen.« Aber schon am Tag darauf lächelte sie darüber, obwohl es doch wahr war, und Aasel glaubte eine Veränderung an ihr zu bemerken. Denn es war nun einmal so, die Leute hörten sie oder sahen sie, gleichgültig, wo sie auch steckte, die ganze Gemeinde und jeder einzelne. »Vielleicht gilt es nur der Großmutter? – Aber meinetwegen kann es gerne kommen!« sagte sie. Sie solle doch nicht umhergehen und an den Tod denken, meinte Aasel. – »Nein, das tue ich ja auch nicht! Es gibt ja noch so viel anderes als nur Sterben, das weiß ich wohl.« Dann zog sie mit dem Großvater los, um Torf heimzufahren. Der Großvater war ein lustiger Kauz: er sah und hörte nichts anderes als nur das, was er selber trieb, aber bisweilen pfiff er vor sich hin, und dann ließ er es wieder sein, und wenn ihn irgend etwas quälte, dann war er nahe daran zu fluchen, das sah sie, und das war lustig. Da bekam der Tag doch ein anderes Gesicht. Bei ihm hätte sie auch über den derbsten Fluch lachen können; wie die Klein-Muhme. – »Schau her, du!« sagte sie und hielt ihm ihren rechten Zeigefinger hin. – »Ja, was denn?« – »Meine Warzen vergehen!« – »So?« – »Ja, sie müssen vergehen, wenn man sie an einer Leiche reibt.« – »O du! Du hast das wohl gar getan?« – »Ja.« Sie sah ihn glücklich an: »Ich habe sie an ihrer Hand gerieben.« – »Warst d u es also, die eines Abends in der Dachkammer oben umherging?« – »Es war am Abend, ja.« – »Hm. Du bist also nicht nachtscheu? Und vor Toten fürchtest du dich auch nicht?« – »Nein? Sind sie denn gefährlich?« – Sie glaubte zu sehen, daß er über sie lächelte. Aber daheim in der Stube verschwand er wieder, der Großvater. Dort mußte man sich an die Großmutter halten; denn dort galt nur sie etwas. – – – Im übrigen wuchs Astri schnell, und mit ihrer Gesundheit hatte es auch keine Not. Und alles wechselte und wechselte, und wenn man Lust dazu hatte, so konnte man leicht heute über das lachen, worüber man gestern noch geweint hatte. Man konnte auch über das lachen, was feststand: Nämlich: daß wir sterben müssen, wenn die Zeit da ist. Denn es gab ja noch so unglaublich viel anderes. In der Schule war ein hübscher Kerl, er hieß Haakon, und als sie eines Tages ein Pfänderspiel spielten, wurde er dazu verurteilt, sie zu küssen, noch dazu auf den Mund. Zuerst bat sie herzlich darum, es ihr zu erlassen oder das Taschentuch dazwischen halten zu dürfen, aber es wurde ihr von allen Seiten abgeschlagen, und so kam Haakon denn auf sie zu. Da lief sie fort, in den Gang hinaus und die Treppe hinauf, wollte sich in den Dachraum einsperren, die Türe hatte aber kein Schloß, und er und die anderen Kinder stemmten sich heftig dagegen, sie konnte sich nicht mehr wehren. Es war Sommer, und das Fenster stand offen, und in dem Augenblick, da die anderen hereinstürzten, nahm sie einen Anlauf und sprang zum Fenster hinaus, sie wollte sich einfach umbringen. Sie landete in einer Sandgrube und fühlte, daß sie noch am Leben war. Von da an ließen die anderen sie in Frieden. Sie ließen sie mit gar vielen Dingen in Frieden. Dann war da noch ein anderer Bub, er hieß Odin, und mit ihm war es wirklich ein Jammer, er ließ sich so leicht auslachen und zum Narren halten und hatte eine Gabe, die dümmsten Streiche auszudenken. Er war ein Geschwisterkind von ihr, aber sie machte sich nicht das geringste daraus. Und auf Segelsund hatten sie eine Verwandte, die hieß Mina, Frau Mina, und sie war wirklich eine Dame und unheimlich fein – sie hielt einen oft fest, schaute einem mitten ins Gesicht und sagte, man sei ein schönes Mädchen, sie fragte sogar, was man werden wollte! Astri wollte so fein werden wie sie. – Ich will heiraten, hatte sie das erstemal geantwortet. Später antwortete sie nicht mehr. Sie hatte es nicht nötig. Dann wurde sie konfirmiert, und im Jahr darauf kam sie nach Segelsund in die Schule. Es war nur eine Schule für Mädchen, und Frau Mina hatte sie errichtet. Die Mädchen lernten dort weben und nähen und die Arbeit im Stall; Ola Haaberg, der frühere Küster, sang mit ihnen, und der Hausherr hielt Vorträge. Die anderen fanden, Astri sei so still, sie glaubten sogar, sie sei böse, wenn die anderen herumtollten und lustig waren. Und dann schaute sie einen immer so lange an, ehe sie antwortete; sie konnten nicht viel mit ihr anfangen. Aber ab und zu einmal konnte auch Astri ausgelassen sein und mit den anderen so toben, daß die ganze Stube auf dem Kopf stand. Am ärgsten trieb sie es, wenn Frau Mina hereinkam und die Mädchen zur Ruhe mahnen wollte, denn dann sah sie ihr offen ins Gesicht und lachte: Hier war es so schrecklich still! Oder: Kannst du den Lärm gar nicht leiden? Das ist doch lustig. Sie waren im ganzen dreizehn Mädchen, und an manchen Abenden, wenn vom Hausherrn Vortrag gehalten wurde, kamen auch noch jene, die im Jahr vorher hier gewesen waren. Aasel wollte wissen, worüber er rede. Astri stand da und dachte nach; dann schaute sie auf und lächelte: »Ja, wenn ich das nur wüßte. Ich war so in meine Handarbeit vertieft. Aber es hörte sich schön an.« Aasel lachte: »So gut also hörst du zu? Nun, hoffentlich sind wenigstens die anderen tüchtiger.« – »Ja, im Zuhören schon. Aber die Mina nimmt es so genau beim Nähen – schau her, da kannst du's sehen! Doch, übrigens einmal sagte er, wir sollten uns vor den Burschen in acht nehmen.« – »Oho!« – »Ja, ist das so merkwürdig? Außerdem sagt er vieles, was noch besser ist; er sagt, das Leben sei etwas ganz Großes. Das Leben ! sagt er. Vom Tod spricht er nie; und das ist ja auch nicht nötig. Von dem spricht keiner.« – »Weiß der denn etwas vom Leben?« – »Nein, nein, aber –. Es sei schwer, sagt er. Es sei eine Kunst. Eines Tages sagte er übrigens – –« »Nun, was denn?« wollte Aasel wissen. – »Ach was! Er sagte nur, daß man immer jemand finde, der einem leid tue, jemand, der einen brauche, so sagte er – ist das nicht schön?« Sie sah die Großmutter fest an, mit ganz wachen Augen, blinzelte ein paarmal, gerade als sei sie streitlustig und warte auf einen Kampf. Aber Aasel saß da und schwieg, und Astris Spannung ließ nach, und sie plauderte wieder weiter: »Im übrigen ist es die Mina, die auf Segelsund regiert. Aber warum hat sie eigentlich den halben Hof verkauft? Und warum hat Oheim Ola sein Küsteramt aufgegeben? Er ist jetzt übrigens lustiger, ich glaube, er könnte einen Stein zum Singen bringen – warum hat er nicht geheiratet?« Aasel schüttelte den Kopf: »Darauf kann ich dir nicht antworten, Kind.« Nein, das wußte Astri. Die Menschen konnten nie auf etwas antworten. – »Aber daß die Mina kein Kind bekommt?« – »Darauf kann ich dir erst recht nicht antworten.« – »Ja, aber warum kann sie da nicht still sein? Warum muß sie sich an mich hängen und über so etwas mit mir reden! Ich mag mit ihr nicht über solche Dinge sprechen!« – »Sagt sie denn etwas?« – »Ja, sie geht herum und seufzt, das Leben sei nicht so leicht, aber sie wolle nicht klagen! Und vielleicht gehe es einem jeden so, wie er es verdiene, und – ach was. ich mag es nicht erzählen. Kummer und Mißerfolg, soll man da lang darüber reden? Ist das denn etwas so Schlimmes?« Aasel hörte nicht genau zu; sie saß da und dachte, so rede nur einer, der des Redens ungewohnt sei. Ohne dieses Kind hätte ich nicht leben können, seufzte es in ihr. Aber gegen das Frühjahr zu geschah etwas, was Astri nicht hatte erzählen wollen. Sie tat es trotzdem. Denn sonst wäre es stets an ihr hängengeblieben, und sie wäre nie mehr rein geworden. Bei der Großmutter konnte man alles von sich abladen, was man nicht mit sich herumtragen wollte, und doch war es darum nicht anders, als hätte man es nicht erzählt. Auf Segelsund wohnte Astri in einer kleinen Kammer neben dem Kontor. Eines Abends, sie hatte still dagesessen und gelesen, hörte sie jemand in das Arbeitszimmer kommen und dort gleich bei der Türe stehenbleiben. Der Mann selber war es nicht. Dann hörte sie sagen: »Ach, sitzt du da und weinst?« Astri lauschte; es war der Buchhalter. Sie hatte nicht gedacht, daß vorher jemand in der Stube nebenan gewesen sei, jetzt aber hörte sie Minas Stimme: »Was willst du denn hier?« Lange Stille; dann machte er ein paar Schritte. Astri vergaß, daß sie hier saß und lauschte. – »Kannst du denn nicht deiner Wege gehen!« sagte Mina klagend. – »Du machst dir ja doch nichts aus mir«, erwiderte er. – »Ja, das habe ich doch schon gesagt, aber –« – »Soll ich fortreisen, nur deswegen, weil ich mir etwas aus dir mache, he?« fragte der Mann. Da kam es schluchzend und unter Tränen: »Es ist einzig und allein deine Schuld, ich weiß es ganz genau! Du warst es, der mich schon als junges Ding verführte, und du bist es, der – – ja, ich sehe wohl, daß Arthur ein kleiner Mann ist und – – doch er soll nicht um deinetwegen leiden! Aber ein bißchen weniger hart hätte der Herrgott mich strafen können, denn ich wußte nicht – – in Gottes Namen, wofür lebe ich denn eigentlich – und kämpfe ich?« Nun blieb es still. Dann sagte er, nur leise: »Es ist doch nicht so sicher deine Schuld, daß du kein Kind bekommst, oder?« – »Schweig still, hörst du! Ich ertrage es nicht, daß du etwas Schlechtes oder sonst etwas über Arthur sagst, du sollst augenblicklich weg von hier!« – »Ja, ja, wenn du mich entbehren kannst, so wie es jetzt steht, dann –« – »Mag es gehen, wie es will, und das Geld sollst du wiederbekommen, alles, was du hineingesteckt hast – denn ich weiß nicht, was geschehen kann, wenn du hier bleibst, es könnte das schlimmste Unglück eintreffen, ich weiß oft nicht – kannst du denn nicht fortreisen!« Da raffte Astri sich auf und riß sich los, sie öffnete das Fenster so leise wie möglich und sprang hinaus, mitten auf die vereiste Erde, so daß sie hinfiel. Noch lange danach brannten ihre Wangen so, daß sie sich kaum vor anderen sehen lassen mochte. Aasel nickte nur. Sie wußte schon alles. – »Du wirst es wohl wieder vergessen«, sagte sie. – »Ja–a. Ich kann Frau Mina deswegen schon in die Augen schauen, aber –. Und mir –«, sie stand eine Weile da und blinzelte in die Sonne oder was es nun war, »– mir kann widerfahren, was will. Wenn mir nur überhaupt etwas widerfährt. Wenn nur ein wenig Leben ins Haus käme!« – – – Im Jahr darauf reiste sie nach Süden, um die Landwirtschaftsschule zu besuchen; kaum war sie dort fertig, mußte sie wieder heim zum Leichenbegängnis ihres Großvaters. Aasel empfing sie und redete mit ihr, als sei nichts geschehen. – »Ja, er hielt nicht mehr länger zusammen«, sagte sie nur. » Ich habe das Leben offenbar zu ruhig genommen, ich halte noch manches aus, scheint es. Aber wie ist es denn dir ergangen?« – »Ach, so leidlich. Es war lustig dort. Aber manchmal fanden die anderen, ich sei zu still, und manchmal fanden sie, ich sei zu wenig still. Ich lerne nach und nach dazu«, fügte sie hinzu. »Weißt du schon, der Arne Finne war dort.« – »Was ist denn das für ein Gewächs?« – »Er war doch einmal auf Segelsund und wollte Knecht dort sein, er ist aus der Stadt, und jetzt will er Landmann werden, seiner Gesundheit wegen.« – »Ach so, dann ist er am Ende gar der Sohn von Finne auf der Säge, wie sie ihn nennen?« – »Ja, ich glaube, so ist es ungefähr.« – »Ja, ja, ja. Ja, so. Du bist jetzt wohl so halb und halb verlobt?« Astri lacht: »Nein, woher doch?« – »Na, dann ist's ja gut. Denn in der Sippe ist nichts als lauter Krankheit.« – »Ja, er ist blaß; er ist anders als alle anderen. Er sieht verurteilt aus.« – »Hier nach Haaberg taugt er nicht, nein. Das zehrt noch Stärkere auf als ihn, das sieht man. Und soviel Geld haben sie jetzt auch nicht mehr, es schaut mir beinahe nach Konkurs aus.« Astri lächelte ihr zu – die Großmutter war so alt und erfahren, wie sie so dasaß. »Ich bekam übrigens gestern einen Brief von ihm. Aber ich werde nicht darauf antworten. Nein, ich tue es nicht. Obwohl man gar manches zuwege brächte, hier im Haus.« »Da hast du wohl recht, Astri. Da hast du wohl recht, ja.« »Manchmal bin ich ganz verrückt darauf, das ganze Haus auf den Kopf zu stellen. Oder – irgend etwas richtig Schönes und Gutes zu tun!« Ein alter Bekannter 1 Weihnachten war auf Segelsund wie immer ein großes Fest. Die Jugend, die in den letzten Jahren dort zur Schule gegangen war, versammelte sich und lud dazu ein, wen sie wollte. Es wurden Reden gehalten und Lieder gesungen, und dann gingen alle in die alte Gesindestube hinüber und tanzten. Astri lud Odin Setran ein. Sie hatten in den letzten paar Jahren wenig miteinander gesprochen, und es war nur ein Zufall, daß sie sich auch jetzt wieder trafen. Sie drang heftig darauf, daß er kommen solle. – »Wenn du dich auch ganz mit deinem Vater vergraben hast, so kannst du mir doch die Freude machen und kommen, oder? Und – dich doch auch einmal umschauen, so wie jeder andere. Die Leute sagen, du arbeitest dich noch krank, und wie ein Sonderling siehst du ja auch schon beinahe aus.« – Ja, wenn es so schlimm stehe, dann müsse er sich wohl aufraffen und kommen. Astri stand da und sah abwechselnd ihn an und wieder in die Luft hinaus. – Ja, richtig, sie müsse ihm ja zu seinem Mittelschulexamen gratulieren, er hätte es mit Glanz bestanden, habe sie erfahren. Und noch dazu in nur einem Jahr, war das nicht schwer? – Zwei Jahre wären schlimmer gewesen, meinte er. Er war der Bücher jetzt so schrecklich überdrüssig. – Ja, aber jetzt saß er doch auch daheim und las? – Nur das, wozu er Lust hatte. – Und Schreiner wollte er also werden, trotz allem? Sie hätte sich so gefreut, als er nach Trondheim fuhr, sie glaubte, er würde jetzt anfangen und etwas Richtiges werden wollen. – Nein, jetzt wolle er Holzschnitzer werden. Er habe in Trondheim allerlei gesehen. Holz, das sei ein Material, in das man etwas hineinlegen könne, sicher könne man es so lebendig machen, daß es einem entgegenspränge. – »Du bist mir ein schöner Kerl«, lachte sie. »Aber morgen abend wollen wir also tanzen.« – »Ich habe schon früher getanzt.« – »Ja, das weiß ich, wie ein Verrückter hast du dich aufgeführt, ein paarmal, hast mit den Netzfischern gerauft, soviel ich gehört habe. Und auf dem Markt warst du noch schlimmer, gar viele kräftige Taten sind in deinem Namen geschehen. Das mag ja ganz gut sein, aber mit was für einer Art von Leuten gibst du dich da ab? Und dann sitzt du das halbe Jahr daheim und schnitzt Figuren in Holz und lernst Englisch und Gottesfurcht und, was weiß ich noch, was alles – nein, von nun an sollst du weniger Frieden haben.« Odin lachte gerade heraus. Ihre Blicke glitten an ihm auf und nieder, Stück für Stück, jetzt mußte sie ihn doch wohl bald gesehen haben? Und was für offene Augen sie hatte! Die hatten noch nie vor etwas ausweichen müssen, nein – sie war übrigens ein schönes Mädchen, er mußte sie eine Weile betrachten. Nein, dazu war sie doch ein wenig zu breit im Gesicht, aber sie war so, wie sie sein sollte. Genau so dachte sie über ihn. Merkwürdig war nur, daß nichts aus ihm wurde, wenn er doch so aussah. Wie störrisch ihm das Haar über der Stirne in die Höhe stand, und wie sich die Augenbrauen zusammenzogen, wenn er redete; das gleiche sagten die Augen und das ganze schmale Gesicht: es steckte unglaublich viel Leben in ihm. – »Ja, ja, du kommst also!« sagte sie. – »Ja, dagegen läßt sich wohl nichts machen.« Und er kam wirklich, und nach einiger Zeit hatte er mit ihr und mit allen anderen getanzt. Jetzt war er doch wohl mit ordentlichen Leuten zusammen? Astri sah aus, als sei sie zufrieden mit ihm. Mit ihr war übrigens nicht viel los. Irgend etwas schien auf ihr zu lasten. – »Du siehst aus, als drücke dich irgendwo der Schuh?« sagte er, als sie am Ofen stand und sich ausruhte. – »Ist es vielleicht der dort drüben?« er deutete mit dem Kopf zur anderen Wand. Dort lehnte ein großer schlanker Bursche und sah herüber. Astri folgte Odin mit den Blicken. Dann schlug sie die Augen nieder. Ihr Gesicht beschattete eine feine leichte Röte. Jetzt sieht sie wieder zu ihm auf: – »Ich wußte nicht, daß er kommen würde.« Arne Finne, dachte Odin; er sah ihn ein wenig genauer an. Ernstlich blaß war er und auch nicht besonders schön. Und seine Augen waren von Herzen schwermütig. Jetzt sah er wieder herüber, ging dann hin und setzte sich. – »Wenn du willst, Odin, dann gehen wir jetzt heim«, sagte Astri. – »Weiß Gott, nein, ich will nicht; jetzt habe ich erst angefangen.« – »Dann komm und tanz mit mir!« – »Jawohl, aber erst muß ich etwas zu trinken haben.« Als aber Odin wieder hereinkam und sich nach ihr umschaute, ging sie gerade mitten durch die Stube zwischen den Tanzenden hindurch und reichte dem Fremden die Hand. Nun tanzten sie los. Sie tanzten im übrigen nicht viel, gingen mehr herum und redeten miteinander. Sie lachte ab und zu, und auch er mußte den Mund zu einem Lächeln verziehen. – »Warum ich nicht antwortete?« hörte Odin Astri sagen, als er vor ihnen hertanzte. »Nein, das konnte ich nicht!« – »Nein, du weißt, das sind ernsthafte Sachen«, lachte Odin. – »He?« fragte das Mädchen, mit dem er tanzte. – »Ach, ich dachte nur gerade an das Herz und an das alles, das ist ein verflucht feines Uhrwerk«. Nicht lange darauf kam Astri und bat ihn, sie heimzubegleiten. Es war noch sehr früh, fand er, aber sie bat so, daß sich die Antwort von selber ergab. Er suchte ihre Überkleider, und dann gingen sie miteinander fort. Oheim Ola kam heraus und stand in der Nähe, als sie fortgingen, und er sagte irgend etwas in die Luft hinaus, wie es so seine Art war. – »Daß der noch leben mag?« wunderte sich Odin. – »Er ist lustig«, sagte Astri, »und gut.« – »Ja, aber – er sollte jetzt bald sterben, zum Teufel, was erhält ihn eigentlich noch am Leben?« Astri lachte. Sie lachte ein paarmal zu dem, was Odin sagte, wenn es ein wenig ätzte, im übrigen aber war sie still und schweigsam. Sie nahmen den kürzesten Weg über die Moore, denn der Boden war gefroren, und es lag nur ein wenig Neuschnee. Ein seltsam stilles Wetter war es. eine Gutwetternacht, die einem zu Herzen gehen konnte. Vor ihnen lag das weiße Moor, und rings um sie standen Wald und Berge in der Dunkelheit; aber die Berge hatten weiße Kappen auf. Am ganzen Himmel hingen weiße Wolken; still lagen sie da und warteten. Irgendwo dahinter stand der Mond und leuchtete. Westlich über den Hügeln hörte man das Meer, ganz schwach; der gleiche Ton durch Tausende von Jahren, heute nacht aber konnte man ihn hören, als sei er neu. Von Zeit zu Zeit stieg ein Ruf über die Stille empor, irgendwo von den Wegen her, wo die jungen Leute draußen waren und Weihnachten feierten, klang laut auf und versank wieder, und dann wurde die Nacht doppelt einsam rings um sie. Sie gingen Arm in Arm, denn Astri wollte es so haben. »Du denkst an deinen Liebsten, du«, sagte Odin. Es klang, als wolle er die Feierlichkeit abschütteln. »Sag das nicht, Odin!« Und kurz darauf fügte sie hinzu: »Wozu kam er hierher? Der Arne, meine ich, denn du sollst es wissen, Odin, wir sind nicht verlobt und werden uns auch nicht verloben.« »Warum soll ich das wissen?« lachte er. – »Sei doch lieb, Odin!« bat sie, »denn du und ich, wir sind doch alte Bekannte, findest du nicht auch?« – » Wir ? Nein! Doch, schließlich; es hört sich nicht unmöglich an, heute nacht, ich will dich nicht einmal um einen Kuß bitten.« Da sah sie ihn erstaunt an. Es leuchtete so still und tief aus ihren grauen Augen, jetzt in der weißen Nacht. – »Steckt denn soviel Leben in dir?« – »In mir, ja. Doch, so nach und nach.« Als sie durch die Täler dahingewandert waren und auf die Acker von Haaberg kamen, blieb sie stehen. Immer noch die gleiche Stille. Nie ist die Nacht so still wie gegen den Morgen zu. Und Astri stand da und dachte wieder an ihre Sachen: »Warum mußte er dastehen und mich den ganzen Abend so unglücklich ansehen?« – »Der Oheim Ola, wie du ihn nennst?« Odin sah aus wie ein kleiner Teufel. – »Denn ich habe ihm doch gesagt, daß es mit uns beiden nichts werden kann. Nicht mehr, als was ist. Ich will ihm nichts Böses. Aber ich weiß mir keinen Rat.« Odin horchte aufs Meer hinaus, er hörte, wie schwer es dort draußen arbeitete und wie schwer es von den Bergen her antwortete. – »Aber willst du dich denn wirklich hier in der Gemeinde niederlassen?« fragte Astri. »Schreiner werden oder Holzschnitzer, oder wie du das nennst?« – »Nein, nein, ich will ein Schöpfer werden, aber darauf verstehst du dich nicht. Denn ich fühlte es, damals als ich über den Büchern saß, daß ich etwas Falsches trieb; ich könnte mich nicht verteidigen, und das muß einer können. Vom Lernen kann einer wohl unrettbar dumm werden.« – »He, was sagst du da!« – »Man sollte lieber hingehen und mit jemand reden.« – »Und dabei hast du doch deinen Vater, mit dem du reden kannst!« – »Mit dem? Das habe ich nie getan – dazu kam es noch nie. Dazu ist es bis jetzt noch nie gekommen, nein, wie auch sonst alles sein mag.« Mitten drin lachte er auf einmal laut: »Ach, du liebe Zeit, jetzt sind wir also erwachsen, wie wir da stehen!« Astri tat so, als höre sie das nicht. Sie stand und sah in die Wolken hinauf, durch die sich der Mond mit glühend goldenen, weiten Ringen hindurchbrannte. Das Licht lag da und bebte wie geschmolzenes Gold unter einer dünnen weißen Haut; dann sickerte es wieder weg. – »Ich hätte Lust, die ganze Herrlichkeit in Stücke zu reißen!« sagte sie jäh. – »Du reichst nicht hinauf!« – »Ich weiß, du verstehst mich, Odin. Es ist so still auf Haaberg. – Wir sind so still, alle miteinander, ich halte das nicht aus!« Ihre Blicke trafen sich. Astri hob die Brauen mit einer lustigen kleinen Bewegung, lächelte sogar, war aber tief ernst dabei. Odin wollte jetzt gehen, er wartete darauf, daß sie gute Nacht sagen und für die Begleitung danken würde. Statt dessen fing sie wieder zu reden an: »Findest du denn nie, daß es leer und still ist? Findest du nicht, daß hier irgend etwas geschehen müßte? Irgend etwas Ernstliches, meine ich. Denn sonst – – wäre ich vor vielen Jahren gestorben, das war das Schönste, was ich wußte, und vielleicht hätte ich recht gehabt. Warum können wir nichts anfangen, ohne zu denken; wer ist es eigentlich, der uns immer zwingt, zu überlegen? Erst überlegen! Das mögen die anderen tun, um die kümmere ich mich nicht, die riechen nach Armut, und das ist das Schlimmste, was ich kenne. Aber du bist nicht so, Odin, darum mache ich mir etwas aus – – mache ich mir etwas daraus, hier zu stehen und mit dir zu reden; man kann nicht recht wissen, was dir noch alles einfallen wird. Ja, lach mich nur aus, das tut heute nacht nichts, ich habe noch nie mit jemand gesprochen, außer mit der Großmutter, und werde es auch nicht wieder tun; ich fühlte nur, daß du mich verstehst.« Sie redete rasch und eifrig, und ihr Gesicht leuchtete offen und stark unter dem schwarzen Hut und aus dem Pelzwerk hervor. Dann fängt sie sich gleichsam wieder ein und lächelt wach und dicht bei ihm: »Hör nicht auf das, was ich sage, Odin! Ich bin ja doch nicht so, wie ich mich jetzt aufspiele.« »Ich habe nun trotzdem auf einen Kuß spekuliert. Zum Teufel mit der Verwandtschaft! dachte ich.« Sie zuckte ein wenig zusammen, so wie er es sich gewünscht hatte. Aber dann sah sie ihn mit kleinen Augen an und lächelte, sie wuchs förmlich von ihm fort, konnte ihn wohl nur gerade noch erblicken, so wie er da unten vor ihr stand. Dies striegelte ihn so, daß ihn helle Freude durchlief. Er schob sich den Hut auf dem Kopf zurecht und schaute ihr dreist und lachend in die Augen: – »Aber du sahst so anständig aus, das war deine Rettung. Ja, guten Morgen also!« »Du, weißt du, daß deine Mutter krank ist?« Ja, er hatte es gehört. Es war doch nicht gefährlich? Das wußte sie nicht. Er sieht sie lange an, bis er sie vergißt. »Aber ängstige dich doch nicht, es ist nichts Schlimmes, soviel ich gehört habe!« – sie war einen Schritt näher getreten. – »Nein, Kleine, ich ängstige mich nicht.« – »Was war es dann?« – »Mir schien nur, ich sollte einem alten Bekannten begegnen.« Astris Gesicht wird still. – »Du auch?« sagt sie vor sich hin. Sie steht noch eine Weile da, und dann nimmt sie Abschied und geht; Odin dreht sich herum und geht nach der anderen Richtung. Der Morgen zeigte sich bereits im Osten am Rand des Gebirges, eine kleine hellgelbe Mahnung in den Wolkenbergen. Ein mildes Antlitz, konnte man sagen, mit einer kleinen Spur von Angst darin. Nach und nach wurde es lebhafter. Es war nicht gerade ein Werktag, aber der Tag war kalt und hatte steife Brauen; Odin durchfuhr das Gefühl, daß er es mit diesem Tag aufnehmen müsse. 2 Der Vater war schon auf, als Odin heimkam. Kaffee halle er noch nicht gemacht, sondern er stand draußen vor der Tür, mit den Händen in den Taschen, stand da und hielt nach dem Wetter Ausschau, wie er es an jedem Morgen tat. Die Schneehühner erwachten auf einem Hügel nach dem anderen, und der Himmel lebte immer mehr und mehr auf. Weit drüben im Nordwesten stand der Mond, jetzt mit unverhülltem Gesicht, er wollte sich das Land noch einmal anschauen, ehe er seiner Wege ging. Kleine gelbe Lichter in den Häusern hatten ihn abgelöst. Dann kamen das Moor und die waldigen Hügel heraus, und der Strand und die Höfe, der Fjord lag schon da und wartete; alles bekam Gesicht und Leben. Jetzt begann das Dasein für sie. – »Du bliebst lange aus, scheint mir?« sagte Otte. – »Ja, ich wurde nicht früher fertig.« Ja, ja, es sei ja Weihnachten, und gutes Wetter; eigentlich gar kein Wetter zum Altsein. – Otte trat, leise vor sich hinredend, hinter Odin in die Stube. Odin mußte den Vater ansehen: Es kam nicht oft vor, daß er so umherging und redete. – »Hattest du Angst, ich könnte nicht heil und ganz heimkommen?« fragte er, ging hin und hängte den Kessel über das Feuer. Otte schlich um ihn herum und redete dabei weiter. – »Schau her, ist das nicht ein treuherziger kleiner Kopf?« Er zeigte, was er auf einen Holzklotz gezeichnet hatte. – »Hast du das heute nacht gemacht?« – »Ja, oder gestern abend, und was meinst du zu den Augen? Wenn ich mir jetzt die deinen einen Augenblick leihen könnte, um damit zu sehen? Das war der Fehler an der letzten Gestalt, die du geschnitzt hast, du hattest nichts Lebendes zum Anschauen, da brachtest du auch kein Leben in sie. Du mußt sie wohl aus den Büchern haben?« »Kann schon sein«, sagte Odin. – »Es wollte mir in der letzten Zeit nichts so recht gelingen; ich will einmal sehen, wie es wird, wenn ich mir Weihnachten vom Leib getanzt habe, aber erst will ich Kaffee haben.« – »Warst nicht du es, der mit dem Kaffee Schluß machen wollte? Zum Vergnügen, oder wie du dich ausdrücktest?« – »Ach, red nicht so dumm, das bringe ich immer noch fertig, wenn die Zeit dazu da ist.« – »Ja, ja, ja. Ich will nicht irgendwelche gescheiten Sprüche loslassen; die meinen habe ich schon längst alle losgelassen.« – »Du?« Odin sah ihn an, mit einer scharfen kleinen Falte über den Brauen. – »Du findest, ich sei heute redselig, das merke ich. Aber es hat doch schon manche lustige Stunde hier gegeben, oder nicht?« – »Doch«, sagte Odin, er wurde rot, als schäme er sich. »Die Mutter ist krank«, sagte er, ein wenig schroff. »Ja.« »Ja, sagst du? Hast du es denn schon gewußt?« »Ach, ja doch. Nein, übrigens, das kann ich nicht –« Odin sah ihn noch einmal an und drehte sich weg. Aber sie müßten wohl versuchen, das Bett noch heute zusammenzuzimmern, sagte Otte, damit sie es morgen mit dem Dampfer fortschicken könnten. – »Heute? Hat es denn solche Eile?« – »Nein, nein.« Otte streicht sich über die Stirn, greift sich ein paarmal in den Bart; Odin steht da, sieht weg und wartet. – »Du willst dich wohl drüben umsehen?« – »Ja.« – »Du glaubst – – hast du denn auch Angst, es könnte Schwindsucht sein?« – »Schwindsucht? Ist es denn das?« – »Mir scheint es so, Odin. Wenn ich ehrlich sein soll.« Odin nahm sich noch eine weitere Brotschnitte, ehe er gewahr wurde, daß der Vater das Essen noch nicht angerührt hatte. Als er fertig ist, geht er in den Dachraum hinauf und legt sich schlafen. – »Ja, so, das also hatte ihn geplagt!« sagt er. »Und jetzt liege ich auch schon da und quäle mich damit ab.« Er hebt den Kopf und lauscht. – »Wahrhaftig, jetzt hobelt er!« Er dreht sich zur Wand. Kurz darauf hebt er wieder den Kopf: Sitzt er jetzt denn ganz still? Rührt er sich nicht einmal? Er zog sich an und ging wieder hinunter. Da hörte er, wie der Vater plötzlich von der Hobelbank aufstand; Otte machte sich eifrig mit dem Leimtopf zu schaffen, als Odin in die Werkstatt trat. – »Ich konnte nicht schlafen, ich glaube, ich gehe jetzt gleich hinüber.« Der Vater sieht ihn nur an und nickt. Er ging mit Odin vor die Tür hinaus, stand da und wollte etwas sagen. – »Nimmst du denn nicht deine Siebensachen mit?« fragte er endlich. – Nein? Das tat er doch wohl nicht? Odin war schon im Gehen. Er schlug den kürzesten Weg über die Felder ein, wie immer, wenn es sich machen ließ, denn auf dem allgemeinen Weg war es ein zähes Vorwärtskommen. Er ging nie dort, wo er hätte gehen sollen, und das freie Land war nie so weglos, wie es den Anschein hatte; bisweilen wimmelte es ganz in ihm, so viele Wege gab es – vielleicht hatte nur das Vieh in früheren Zeiten alle diese Wege getreten? Auf der Scheunenbrücke von Vennestad stand Iver und kehrte ein paar Halme zusammen, die die Weideschafe dort verstreut hatten. Heute war er nur Haar und Bart, gar kein Leben steckte in ihm, sicherlich stand es drinnen nicht zum besten. Odin hatte vorgehabt, einfach an ihm vorbeizugehen, als sei er kaum da, so mußte man es bei dieser Art von Leuten machen. Aber heute brachte er das nicht fertig, Iver stand so unwahrscheinlich allein da – kehrte ein bißchen mit einem Besen. So, so, war er so früh am Tag schon unterwegs? Iver ließ die Augen dahin und dorthin schweifen, gleichsam, als vermöchten die Gedanken nicht die kurze Weile stillzuhalten. Es war vielleicht schwer, so einer zu sein, wie der Iver, wenn die Schwindsucht umging? Das Gesicht war grau und verwittert, und jetzt überzog sich auch weder der Himmel, es fing langsam an zu schneien; vielleicht tat es doch weh, auch von so einem Krüppel wegzusterben. – »Ich komme nur gerade so vorbei«, sagte Odin, »und da wollte ich nachfragen, wie es hier geht. Sie ist krank geworden, die Mutter?« Iver kam mit ihm ins Haus. – »Wir wollen doch wohl hoffen, daß es sich wieder geben wird?« sagte er. – »Ja, du weißt, es hat in der letzten Zeit schrecklich viel kranke Leute hier in der Gegend gegeben; aber sie sind alle wieder gesund geworden, alle miteinander.« Odin redete auf dem ganzen Weg, und Ivers Gesicht hellte sich nach und nach auf: »Ja, die anderen, ja. Die haben standgehalten. Wir müssen eben glauben, Odin.« Die Kinder waren in der Küche und vertrieben sich die Zeit. Es ging still zu. Das Kleinste lag auf einer Decke und krabbelte herum, es spielte mit sich selber. Die anderen hörten zu spielen auf und sahen Odin mit großen Augen an; sie waren froh, daß er sich nicht zu lange aufhielt. Besser stand es hier nicht im Hause, jetzt wußte er es. Elen lag in der Kammer. Sie lächelte Odin nicht zu, auch nicht ein ganz kleines bißchen, sie sah nur, daß er es war. Sie schaute zu einem Stuhl hinüber, und Iver bat ihn, sich zu setzen. Beängstigend bleich war sie nicht; einzig und allein die Augen waren krank an ihr. Als sie aber redete, erstarrte er auf seinem Stuhl, denn sie hatte keine Stimme mehr, es war nur noch eine heisere Not, so dünkte es ihn. Sie war schon weit, weit unten. Elen lebte ein wenig auf, als er einige Zeit dagesessen hatte, sie fragte, wie es ginge, und später fragte sie, wo denn der Iver stecke. »Es ist ja Weihnachten«, sagte sie, »du solltest doch einen Trunk bekommen.« Iver trat in die Türe: er möchte doch ein Glas Bier holen und etwas zu essen dazu! Ihre Blicke begegneten sich über Odin; er wäre am liebsten nicht dagewesen. »Ich bin bettlägerig geworden«, sagte sie. als Iver gegangen war, und nun schien es fast, als lächelte sie. Im selben Augenblick bekam sie einen Hustenanfall, sie hustete so heftig, daß Odin glaubte, sie könne sich nicht wieder erholen. Der Schweiß strömte ihr von der Stirn. Ob sie schon seit langem krank sei? fragte Odin. Er fand, es sei besser, wenn er redete. – Ach ja; sie war seit dem Frühling im vorigen Jahr schon ein wenig elend daran, und jetzt im Herbst war es noch schlimmer geworden, und als sie es durch Arbeit vertreiben wollte, ging es nicht, sie brachte es nicht fertig. »Ich komme nie wieder auf«, sagte sie plötzlich. Odin schaute sich nach allen Seiten um. Er fand nichts, worauf er seinen Blick hätte ruhen lassen können. Und die Mutter sagte nichts mehr. Konnte sie nachts schlafen? Der Gedanke kam ihm wie eine hilfreiche Hand. – Nein, damit sah es schlecht aus. – Dann fand wohl auch Iver nicht viel Schlaf in der Nacht? – Nein, das war das Schlimmste. Odin richtete sich auf. »Du möchtest nicht mich nachts bei dir haben?« Sie antwortete nicht sogleich, und Odin war jetzt im Zug: »Denn weißt du, für mich ist es gleich, ob ich bei Tag oder bei Nacht schlafe, ich kann wachen und schlafen, wie ich's brauche, ich könnte so gut herkommen und bleiben, bis du wieder gesund bist. Oder ich könnte dem Iver ein wenig Arbeit abnehmen, darauf hätte ich jetzt gerade Lust – kann ich nicht kommen und einige Zeit hierbleiben?« Er wagte kaum aufzuhören. Elen legte den Kopf bald auf die eine, bald auf die andere Seite. »Doch, freilich möchte ich das. Aber – sie sagen, es sei – – ansteckend? Die Mutter – – kommt ab und zu her.« »Woher doch, mir tut's bestimmt nichts, da kannst du ruhig sein, Mutter – – ich gehe jetzt auf einen Sprung heim, und dann komme ich noch heute abend wieder.« »Ja, ja, Odin, Tu so, wie es dich gut dünkt.« Es schneite noch, als Odin heimwärts ging, aber es war nur Gutwetterschnee, die Luft war ungewöhnlich klar und gutgelaunt. Das Bauschen vom Meer herein war nicht lauter als sonst an Sommerabenden, wie ein beruhigter Mensch, der leise vor sich hinredet und singt: Menschen sterben und Menschen werden geboren, anders war es nie, und anders wird es nie. Die Welt und das Leben, die gehen ihren gleichen Gang. Jetzt schwoll der Laut an und redete mit voller Stimme bis hierher; – dann schwand er wieder dahin und verhallte ganz. Otte war eifrig mit diesem neuen Bett beschäftigt, als Odin heimkam, er hatte gar keine Zeit aufzuschauen. – »Nun, wie steht es drüben?« fragte er nur. Odin erzählte, daß er wieder nach Vennestad zu gehen gedenke. – »Wir können es doch nicht solange anstehen lassen, bis auch der Iver auf der Nase liegt«, sagte er, als der Vater keine Antwort gab. »Er ist doch auch ein Mensch; in seiner Art. Wenn ich dich richtig verstanden habe«, fügte er hinzu, und jetzt lachte es in seinem Gesicht mit kleinen Falten zwischen den Brauen. »Ja, so, du ziehst also fort von hier, sagst du?« »Für einige Zeit, ja. Sie treibt es sicher nicht mehr recht lange, meine ich.« »Du glaubst also, du kommst wieder?« »Ja, freilich.« »Das glaube ich nimmermehr. Nein. Es soll wohl auch nicht so sein.« Odin stand zunächst ganz verdutzt da. – Nein, er habe ja allerdings an die See gedacht, sagte er still. – »Hm! Ja, du hast ja an vielerlei gedacht.« – Ja, darüber würden sie später reden. Er wollte den größten Teil seiner Habe auf dem Schlitten mitnehmen. »Ein alter Bekannter, ja«, murmelte er vor sich hin, als er Abschied genommen hatte. »Es war merkwürdig , als der Bendek starb. Das hat mich damals klein gekriegt.« Als Odin fortgefahren war, raffte Otte sich auf und ging nach Segelsund. Sonst wußte er keinen Ort, wo er in dieser Zeit hingehen konnte, und den Anlaß dazu wollte er sich unterwegs ausdenken. Im Laden ließ er sich so lange Zeit, bis Ola Haaberg herbeigeschlendert kam. Ola begleitete ihn ein Stück weit, wie er es oft tat. Sie gingen dahin und sagten von Zeit zu Zeit ein Wort; ein richtiges Gespräch kam nicht auf. – »Und jetzt hat der Odin mich verlassen«, sagte Otte. – »So, so, hast du ihn jetzt hinausgeräuchert.« – »Ja, er war jetzt fertig; fertig geräuchert, wolltest du sagen.« – »Ja, freilich, freilich. Du hast ihn schön gezähmt. Und mit Weisheit vollgepfropft, mach mir nur nichts weis. Aber einen richtigen Bürger unserer Gemeinde hast du nicht aus ihm machen können, darauf wette ich. Es steckt immer noch etwas in ihm. Wohin ist er denn gegangen?« – »Nach Vennestad. Dort sieht's jetzt schlecht aus.« – »Ach ja; wie man's eben nimmt. Du, der wie von einer Wolke herabsieht, du sagst das gewiß nicht, wenn du allein bist. Aber, freilich war es gut, daß er jetzt fortging. Mit soviel Weisheit, wie du ihn vollgepfropft bist.« – »Ich? Nein. Da irrst du dich. Es ist nichts daraus geworden. Er war es, von dem ich lernte. Besonders ein kleines Ding.« – »Lernst du auch etwas?« – »Er zeigte mir, daß es die Rache war, die in mir steckte.« – »Pfui, pfui doch! Na, das will ich dir übrigens glauben.« – »Ja, ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll. Es hatte sich in mich eingefressen, daß ich nicht von dieser Welt sein sollte. Da die Welt gegen mich gewesen war.« – »Arme Welt! Sie wird bald alle gegen sich haben.« – »Er zeigte mir auch, daß das Leben größer ist als der Gedanke; größer als das, was wir Kunst nennen.« Da blieb Ola stehen und lachte in das Schneetreiben hinaus: »Hast du deine Worte wiedererkannt; Otte? Füttern dich die Menschen mit deinen eigenen Worten, und du weißt nicht, was du da frißt?« – »Ja, ja, ja«, sagte Otte und schrieb mit seinem Stock in den Schnee. »Aber früher war nichts Wahres in ihnen. Er schenkte mir den Mut zum Leben. Ich fing an, vor mich zu schauen, so wie er es tat. Da zu sein – – ein größeres Wort ist noch nicht ausgesprochen worden!« »Ja, ich habe das nie ausprobiert!« seufzte Ola. »Jetzt muß ich umkehren; du legst dich mir so schwer auf die Brust; du bist heute abend das leibhaftige Wort Gottes.« Konnte er denn nicht bis zum Moorhügel mitkommen? – Doch, doch, dazu könne er sich ja immerhin zwingen; schließlich kam man ja nicht bei jedem schlechten Wetter und bat gerade ihn , mitzugehen. – »Nein, denn der Odin wird ja doch nie irgendein Schreiner oder Holzschnitzer oder etwas Ähnliches. Begabung? Begabt ist er zu vielem. Er sieht Dinge vor sich, so neu und tief, er kann sie einem so lebendig machen, daß ein Alter davon wieder jung wird. Aber er sieht so vieles andere auch. Er gehört nicht hierher. Auch nicht auf eine Schule. Ich kenne ihn nicht!« Otte sagte es laut und hell in das Schneetreiben hinaus. – »Nein, Gott sei Dank, Otte!« – »Vielleicht treibt es ihn auf die See hinaus.« – »Vielleicht kommt er auch wieder heim!« brummte Ola vor sich hin, und jetzt vergaß er, daß sie beim Moorhügel angelangt waren. – »Wenn du bloß nicht einen Freidenker aus ihm gemacht hast, mit deinem gottesfürchtigen Geschwätz, das war meine einzige Angst.« – »Daraus wächst er schon wieder heraus«, sagte Otte, dies klang ruhig, wie die schneeweiße Luft über ihnen. »Daraus wächst er schon wieder heraus – er wird so ganz anders als ich, in allen Dingen. Das ist ja gerade sein Glück.« – »Ja, du bist ein Kerl, du, Otte!« 3 Mit Elen ging es rasch bergab. Der Doktor hatte zu Iver gesagt, daß der Frühling für diese Art Krankheit die schwerste Zeit sei. Wenn sie den überstände, dann könne sie wieder auf die Beine kommen. Odin sah, daß sie nicht einmal bis zum Frühling leben würde. Anfangs lösten er und Iver einander im Wachen bei ihr ab. aber je mehr es sich dem Ende näherte, desto mehr zog Iver sich zurück und überließ Odin die Pflege, denn er glaubte wohl, daß Elen es so wolle. Von Zeit zu Zeit kam Aasel herüber und blieb den Abend über da. Odin tat sie leid, sie saß wie eine Fremde am Bett, und ihre Augen blickten so ratlos umher; sie sah immer armseliger aus, je öfter sie kam und wieder heimging. Er fühlte, daß ihn irgend etwas mit ihr verband, trotz allem. Es wurden ihrer immer mehr und mehr, mit denen ihn irgend etwas verband. Eines Abends trafen sie draußen vor der Tür zusammen, gerade als sie heimgehen wollte. Da nahm er sich ein Herz und sagte: »Wollt Ihr jetzt schon heimgehen?« Ja, das müsse sie nun wohl. »Die Mutter freut sich, wenn Ihr bei ihr sitzt.« »Ja, wirklich, Odin? Es ist wohl nicht so weit her mit der Freude. Aber willst du wirklich die Zeit über hierbleiben. Odin?« »Das muß ich wohl. Ich war ja auch in Kjelvika, als der Bendek starb – da hab ich's auch ausgehalten.« »Soll ich wiederkommen, was meinst du?« »Ja«, sagte er, und jetzt fühlte er, daß es so war, wie er sagte: Die Mutter mochte es trotz allem, innerlich. Er ging noch mit über die vereiste Stelle auf dem Weg, und dort kam Astri ihr entgegen. Ihrer achtete er kaum. Er sah den kleinen alten Rücken der Großmutter vor sich. – Sterben, sagte er zu sich selber, das geht noch an. Alt werden ist schlimmer. Astri kam noch öfters am Abend und holte Aasel ab. Sie saß in der Küche auf Vennestad und wartete. Weiter wollte sie nicht gehen. – »Ist er noch da?« fragte sie, wenn sie auf dem Heimweg waren. – »Der Odin? Ja, freilich. Er hat nicht so viel Angst vor dem Tod wie du.« – »Ich glaube nicht, daß ich vor dem Tod Angst habe. Oder vielleicht doch, aber zusehen, wie andere sterben, das ist so schrecklich. Das will ich nicht mehr. Früher beneidete ich die Klein-Muhme darum, daß sie so jung sterben durfte – jetzt verstehe ich das nicht mehr. Ist es denn der Odin, der bei ihr wacht?« – »Ja, er ist es. Darüber bin ich froh. Es ist so merkwürdig, daß wir ihn bekommen haben, trotz allem, wie es auch gegangen sein mag.« – »Ihn bekommen?« – »Ja, ja, so nenne ich es eben; er kam für mich wie eine Schickung.« Da fing Astri an, von etwas anderem zu sprechen. Als es auf den Februar zuging, war von Elen nicht mehr viel übrig. Sie schlief wohl kaum mehr, und sie schien auch nicht mehr viel von dem wahrzunehmen, was rings um sie vorging. Nur nachts war sie eine Zeitlang vollkommen wach und bei Bewußtsein. Vor dieser Stunde fürchtete Odin sich. Ihn dünkte, sie wolle ihn etwas fragen, worauf es keine Antwort gäbe. Draußen war klares Wetter und Vollmond. Odin hatte das Land noch nie so schön gesehen. Silbernes Licht und Feierlichkeit lagen überall ausgebreitet, alles war unwahrscheinlich, wo man auch hinsah; ein Jammertal voll bebenden Lichtes, das ihm in schimmernder Stille über Höfen und Bergen entgegenzitterte; Tausende von Jahren zurück, und zur mitternächtlichen Zeit. So war es auch in der Nacht, als sie starb. Aasel kam zeitig am Abend und blieb da. Astri war in der Küche und fragte nach ihr; dann ging sie vermutlich wieder. Iver trat immer wieder in die Tür und bliebt dort stehen. Odin sah es den Augen der Mutter an; ihm war es, als bitte sie für ihn. Da stand er auf, ging hin und redete ein paar Worte mit Iver, wußte kaum, was er eigentlich mit ihm sprach. Elen ahnte, daß es jetzt zu Ende ging, das konnten die anderen sehen. Es war mitten in der Nacht. Eine Unruhe hatte sie befallen. Aasel saß auf dem Bettrand und hielt ihre Hand. Die Blicke flackerten hin und her. Bisweilen hingen sie an der Mutter, bisweilen und am längsten an Odin. Da flüsterte sie: »Kannst denn nicht du , Odin , mir antworten!'' Er starrte leer in die großen angstvollen Augen. Tiefer und tiefer öffneten sie sich für ihn, und da drinnen stand die helle Angst, die er früher nicht gekannt hatte. Eine Antwort finden, das mußte er, gleichviel, woher er sie auch nehmen sollte. »Ja, Mutter!« sagte er. »Ja, Mutter!« Er wußte nicht, ob er dies flüsterte oder laut hinausrief. Aber sie hörte ihn nicht. Ratlos wandte er sich Aasel zu, doch sie war gleichsam nicht da, in ihrem Gesicht lag jetzt keine Kraft. Sie hatte dagesessen und so schön vom Herrgott geredet, und Elen hatte es nicht gehört. Jetzt hörte sie auch ihn nicht. »Wohin es mit mir geht, Odin?« Dies schnitt wie ein Schrei durchs Haus. Odin sah rings um sich, durchs Fenster und zu Iver hin, der in der Tür stand. Und Iver war nicht mehr länger Iver, er war so dünn, daß man durch ihn hindurchschauen konnte, aber trotz allem doch ein lebender Mensch, und es ging eine Macht von ihm aus und strömte zu Odin hinüber, wie eine starke Hand; Odin war es, als nicke er ihm zu, er solle es tun, ja. Odin machte sich auf den Weg. Geradeaus mitten durch den Wald und heim zum Vater war der Weg nicht lang, und jetzt sollte er in Gottesnamen kommen, er mußte kommen, das war es. Er mußte wohl die Antwort wissen – – Gleich unterhalb des Hauses traf er ihn. Er und Astri standen dort beieinander, standen dort mitten im Mondschein, und rings um sie waren die weißen Wiesen, Odin glaubte kaum, daß es Wirklichkeit sei. Er wunderte sich auch nicht darüber, daß sie dort standen. »Du mußt hineinkommen!« sagte er. »Komm sofort, hörst du!« Er war schon wieder auf dem Weg zurück, und Otte folgte ihm. »Aber soll ich denn wirklich, meinst du?« Odin antwortete nicht, und Otte ging rascher. Vor der Haustreppe drehte Odin sich zum Vater um: »Sie glaubt uns nicht – sie glaubt keinem von uns. Ich – – kann auf so etwas nicht antworten!« Odin ging zuerst in die Kammer hinein; er trat jetzt ganz fest und sicher auf, Otte kam still hinter ihm her. Die Kranke im Bett war nicht erstaunt, als sie Otte sah. Sie ließ nun ihre Blicke von Odin zu Otte hinüberwandern und auf ihm ruhen. Otte steht ruhig da und sieht sie an. Odin vergißt sie beide und lauscht. Es singt durch das Haus, so dünkt ihn, und ringsum über den Hügeln und am Strand; alles steht so still und ist da, ein jedes Ding. Hier muß geschehen, was geschehen will. Aber die Mutter hatte ein anderes Gesicht bekommen, als er sie wieder ansah. »Glaubst du, daß er mich aufnehmen wird?« fragte sie, ganz leise. Otte nickte nur. Vielleicht tat er nicht einmal das. Odin wandte sich von seinen Augen ab. »Ja, ja!« hauchte sie. Da senkte sich die Müdigkeit über sie herab, sie drehte das Gesicht nach der anderen Seite und schloß die Augen. Sie sank durch den Schlaf hindurch und war fort. Nur ein paarmal noch zuckte sie zusammen, ein paarmal röchelte sie leise. Die anderen lauschten, bis ihnen die Ohren klangen. Jetzt atmete sie nicht mehr. – Hm! Hm! hörten sie Aasel sagen. Erst als Aasel aufstand, erkannte Odin, daß die Mutter nicht Abschied von ihnen genommen hatte. Als er sich umdrehte und nach dem Vater schaute, war der nicht mehr da. »Jetzt habe ich keine Kinder mehr zu verlieren«, sagte Aasel vor sich hin. Odin hörte sie kaum murmeln, er stand da und wartete auf sie, um sie heimzubegleiten. Es sei nicht nötig, daß jemand mitginge, meinte sie, aber sie sah so klein und verschüchtert aus, und außerdem konnte er sich doch nicht hinlegen und schlafen, er mußte unter den offenen Himmel hinaus. Drüben am Waldrand trafen sie wieder auf Astri. – War sie denn noch nicht zum Schlafen heimgegangen? – Nein, sie hatte noch einmal herübergehen und sich erkundigen wollen. Odin begleitete sie bis ganz nach Haaberg. Aasel sagte gute Nacht, ging müde hinein und legte sich sofort schlafen, und Astri und er standen draußen auf dem Hof. »Du bist wohl müde?« Sie sah ihn forschend an. »Ach, ja. Wäre ich Manns genug, dann ginge ich jetzt auch schlafen.« »Willst du denn die ganze Nacht herumwandern?« »Ja!« lächelte er. Er stand eine Weile da und sah sie an, dann fühlte er, wie unwahrscheinlich sich dies anhören müsse, für sie. die so aussah. – »Nein, weißt du, ich gehe schon heim und ins Bett.« Da legte sie die Hand auf seine Schulter und ließ sie dort. »Ich will gern mit dir zusammen aufbleiben, Odin, wenn es dir recht ist?« Die Worte klangen seltsam nahe bei ihm, ein warmer und guter Laut, so lebendig; und hier ganz dicht bei ihm stand sie. Es war ein Augenblick nur – dann zerfloß das Ganze wieder und lag weit fort, wurde zu irgend etwas, was ihn nichts anging. Jetzt gingen sie miteinander über die Wiesen. Sie hatte seinen Arm genommen. Wiederum fühlte er, daß sie da war. nahe bei ihm. Der Mond und der Schnee tauchten ihr Gesicht in Silber, so daß es wie aus einem Traum emporstieg, es wurde fremd und lebendig im selben Augenblick. Er sah die Augenwimpern, die sich bewegten, und die Linien, die rings um den Mund sich veränderten; irgendwo lächelte er innerlich: So tief und reich in allen Zügen kann niemand sein, der wirklich ist. Es sieht nur so aus. Wohl nur in der Nacht. Die Luft strich ihnen dann und wann kühl entgegen. Da strahlte es wie eine Wärme von ihr zu ihm. – »Die Nacht«, sagte er. – »Ja.« – »Sie ist hier schon seit ururalter Zeit. Ist sie nicht wie etwas Lebendiges?« – »Ja.« – »Ist es nicht merkwürdig, daß sie hier gegangen sind und gelebt haben, irgend jemand, in all diesen Tausenden von Nächten? Hast du daran gedacht?« – »Nein«, sagte Astri, sie war erstaunt, »ich habe es nie mit dem Denken gehabt.« – »Auch nicht mit dem Denken an den Herrgott?« Sie sah ihn an, ohne Glanz in den grauen Augen. – »Nein, wie meinst du das?« – »Ob er wirklich ist, meinte ich.« – »Darüber braucht man doch nicht nachzudenken? Denn das ist er doch?« – »Ja, darüber braucht man nicht nachzudenken, aber – ich meinte sogar, ich könnte ihn heute nacht verspüren, aber –« – »Nein, du bist jetzt müde, Odin.« Er fühlte, wie nahe sie daran war, die Hand auszustrecken und ihm das Gesicht zu streicheln, wie man es einem Kind tut. Statt dessen aber sagte sie, es klang halb unzufrieden: »Du brauchst es wohl nie, daß man Mitleid mit dir hat.« »Nein? Sollte ich denn das, findest du?« »Nein, aber – –« »Nein, aber?« Sie antwortete nicht mehr. Sie halte ein helles, übermütiges Lachen in seiner Stimme gehört. Als sie weitergingen und schwiegen, drang wiederum die Nacht auf sie ein. Es war die Zeit selber, die sich hier ausgebreitet halte, eine Erinnerung, so schien es ihnen, eine Erinnerung an einen uralten Menschen, der alles vor sich sah, wie es war und wie es werden würde. Sie fühlten sich klein neben ihm. Aber als sie wieder draußen auf dem Hofplatz von Haaberg stehen und Astri hineingehen will, sagt sie: »Wenn bloß der Tod nicht wäre! Das meinte ich übrigens nicht. Ich meinte, daß er es ist, der einem Mut zum Leben macht. Für die Spanne Zeit, die man vor sich hat. Nicht wahr?« – »Ja, an so etwas denke nun wiederum ich nicht.« – »Jetzt redest du nicht die Wahrheit, Odin! Denn ohne dies – – stünde ich nicht hier. Ohne dies hättest du doch ein wenig Mitleid nötig, auf die eine oder andere Weise.« – »So ist es wohl«, lächelte er. Auch sie mußte lächeln, es blieb ihr nichts anderes übrig. Sie gab ihm die Hand und sagte gute Nacht. Die Müdigkeit überfiel Odin plötzlich, während er so dahinging. Das war etwas Großes und Schönes, das er früher nicht gekannt hatte, wie ein Geschenk, so schien es ihm. Und Astris Hand lag immer noch auf seiner Schulter. Auch sie war gut. Astri setzte sich auf die Haustreppe und sah ihm nach. Er wurde immer kleiner und kleiner auf den Wiesen im Mondschein. Jetzt war er im Jungwald verschwunden. – »Nein, mit einem anderen Menschen reden, das ist unmöglich«, sagte sie. »Aber das darf es nicht sein!« – – – Am Tag darauf zog Iver seinen Sonntagsanzug an, er wollte fortgehen und den Todesfall anmelden. Er sieht Odin nicht an, sondern fragt so an die Wand oder zum Fenster hin: »Glaubst du, daß dein Vater daheim ist?« – »Ja.« Und Odin wollte schon fast sagen, er könne gut hinübergehen und den Sarg bestellen, wenn es sich hierum handle. Aber Iver war schon im Gehen. Rasch und laut poltert er bei Otte in die Werkstatt herein. – »Du mußt den Sarg zusammennageln«, sagt er, nimmt die Mütze ab und wischt sich den Schweiß, setzt sie dann wieder auf. »Einen ordentlichen Sarg, sage ich. Maß habe ich nicht genommen – du weißt wohl die Länge so einigermaßen.« Otte steigt eine leichte Röte ins Gesicht, aber er wird rasch wieder bleich. – Jawohl, dies solle geschehen. Ja, ja, Iver ist schon wieder bei der Tür. Dann dreht er sich herum und bleibt eine Weile stehen. Still läßt er seine Blicke an Otte hinaufwandern. – »Soll er schwarz sein, was meinst du?« Sie sehen einander kurz in die Augen. – »Man hat sie hier bei uns eben nicht anders«, sagte Otte. – »Ja, ja. Überleg dir's, Otte. Überleg dir's einmal.« Er nimmt Abschied und geht. Otte überlegte es sich lange. Schließlich strich er den Sarg weiß an. Blankes Meer 1 Ola Haaberg kam während des Leichenschmauses einmal zu Odin hin. – »Deine Großmutter will sicher mit dir reden«, sagte er, ein wenig hinterlistig, wie er zu sein pflegte. – »Das glaube ich nicht«, antwortete Odin. – »Siehst du nicht, wie sie dort sitzt und immer herüberschaut?« – »Das muß ich ja sehen, sie ist immer hinter mir her mit ihren Blicken, was ich auch mit mir anfange. Wonach schaut sie denn eigentlich aus?« – »Sie will mit dir reden. So, so, du hast es also gemerkt? Hm – hm!« Ola konnte Odin manchmal rasend machen. Solch ein allwissender Greis, der im Leben nie etwas anderes getan hatte, als herumzugehen und die Menschen zu belauschen und alles über sie zu wissen! – »Worauf wartet sie denn eigentlich?« sagte Odin. »Ich darf doch wohl noch der sein, der ich bin, was geht sie das an? Und das werden, was ich will, selbst wenn ich Schreiner werden will? He?« – »Ja, davon weiß ich nichts«, sagte Ola; »das ist nicht so einfach mit diesen Dingen.« Odin wandte sich von ihm ab. Er schaute durch die Stube, Aasel mitten ins Gesicht; er kreuzte sogar die Arme über der Brust, dann lächelte er: »Sie sieht mir aus wie das leibhaftige Gewissen selber, wie sie so dasitzt.« Ola stand schon wieder im Gespräch mit einem anderen. Es war ein großes Leichenbegängnis, und mit jedem der Gäste mußte er ein paar Worte wechseln. Nicht lange darauf ging Odin trotzdem zu Aasel hinüber. Er sah fast trotzig aus, und seine Augen fragten. Da lachte sie ihm zu, wie eine Junge, hatte sogar Rosen auf den alten Wangen, die Runzeln waren so winzig fein: »Ich glaube gar, du bist traurig darüber, daß du nicht weinst? – – Ich kenne das übrigens.« Er gab sich den Anschein, böse zu werden; aber Aasel wollte das nicht merken – er nahm sich wohl ganz dumm aus, wie er so dastand. – »Ja, denn so sind wir, du und ich, siehst du; wir sind so trocken, wenn's auf die Tränen ankommt. So war der Vater auch. Von ihm hast du doch wohl gehört?« Odin hatte einen glühendheißen Kopf bekommen, in ihren Augen aber war ein mildes Blau, das ihn festhielt und ihn besiegte, und jetzt lachte sie wieder, ganz, ganz leise, so daß nur er es merkte. – »Aber was ich eigentlich sagen wollte, Odin: Wann kommst du nach Haaberg?« – »Wann ich nach Haaberg komme?« – »Ja, du weißt, du hast es mir einmal versprochen, als du klein warst? Und jetzt ist mir der Knecht davongelaufen, ich sitze da wie das Weib auf der Schäre und verspreche in einemfort, daß ich mich von nun an bessern werde.« Sie legte eine Hand auf die andere, sah beinahe beschämt aus. – »Das war nun das eine. Und außerdem warte ich schon seit langem auf dich; ich langweile mich. Es ist eine Strafe, ein altes Weib zu sein, ich wollte, du könntest es einmal einen Monat lang an dir erfahren. Aber komm doch lieber und arbeite einen Monat lang bei mir.« Aus einer Antwort schien sie sich nichts zu machen, und wieder stieg ihm die Röte ins Gesicht. »Das hatte ich eigentlich nicht vor!« Er hörte selber, wie kurz angebunden er antwortete. »Nein, nein, ich dachte nur, es könnte ja sein. Damit du wenigstens einmal da warst.« Etwa acht Tage später kam er. Er kam mit einer übermütigen kleinen Falte zwischen den Brauen: »Machen wir also in Gottes Namen einmal den Landwirt, ein oder zwei Monate lang. Frischen wir die Kunst des Düngerfahrens wieder auf!« Aasel zeigte sich nicht erstaunt darüber, daß er kam. es war ihr nicht das geringste anzusehen. – Er solle willkommen sein, das war alles, was sie sagte. Und zu Andrea sagte sie: »Er bleibt nicht lange hier. Aber es ist lange Zeit her, daß so lustige Augen auf dem Hof waren. Hast du sie eigentlich schon richtig gesehen?« Später, nach ein paar Tagen, ging sie umher und tuschelte und flüsterte, mit Andrea oder Astri, hörte gleichsam nicht, was jene sagten. – »Er bleibt nicht hier«, sagte sie. Und noch ein wenig später am Tag dann: »Es sieht beinahe so aus, als ob es ihm gut hier tauge, dem Burschen?« Oder: »Mir scheint wahrhaftig, er läßt sich hier nieder, hm?« Dann konnte sie die anderen warnen, mit einem kleinen Seufzer: »Wir dürfen uns ihm nicht so aufdrängen, daß er unser überdrüssig wird. Es ist am besten, wir beachten ihn gar nicht weiter – was er jetzt wohl treibt, hm?« Andrea lächelte ihr ein wenig zu, und Astri hörte sie nicht. Aber Astri war ganz bestürzt gewesen, als er kam; es sah aus, als wäre es ihr nicht recht. – »Herkommen und bleiben?« sagte sie. »Was ist das für ein Einfall? Ein Schreinergeselle!« Aber später dachte sie genauer darüber nach. Es war nicht mehr so still auf dem Hof, und nach und nach wunderte sie sich oft mitten im Stehen oder Sitzen: Es war nicht mehr die gleiche Stube, sie hatte ihre Macht verloren. Die Türen klangen anders, und die Großmutter war so lustig anzusehen, sie war wie eine Henne, die ein Ei verlegen wollte. Und wenn Odin die Pferde aus dem Stall holte, war ein Heidenlärm auf dem Hof. Sie besaßen einen jungen Gaul, der noch kaum zur Arbeit zu gebrauchen war, er stand da und schnaubte und zitterte, wenn er vorgespannt war, und auf einmal zog er an und rannte davon, vertrug es nicht, daß man die Zügel hielt. Mit dem nun redete Odin und sang ihm etwas vor, dachte nicht im geringsten daran, daß die anderen ihn auslachten; das Pferd war förmlich ein anderes Tier bei ihm. Und in die alte graue Stute, die so träge war wie eine verrostete Türe, in die brachte er solch ein Leben, daß alle lachten, wenn sie dahinrannte; und trotzdem schalt er sie nur ganz leise und schlug sie kaum. Und jeden Tag war er ein Neuer. »Und was er für gutes Wetter mit sich bringt!« sagte Aasel. »Ich glaube, der Frühling kommt schon im März.« Das Wetter war klar und mild, ein jeder mußte sich darüber wundern. Dazu strahlte der Himmel besonders hoch über den Tagen: Es war weit hinauf zu den Wolken und zur Himmelsbläue, der Wind sauste so behutsam oben in den Bergen, und gegen Abend lag das Meer ganz blank da, weit hinaus, und die Schären am Horizont stiegen empor und schienen in der Luft zu schweben. Star und Lerche waren bereits gekommen. An einem solchen Abend saßen Aasel und Andrea miteinander in der Stube, jede auf ihrer Seite des Tisches, die Näharbeit in der Hand, denn noch war es hell nahe beim Fenster. Aasel mußte eine starke Brille benützen, brauchte sie schon seit langer Zeit, aber das Augenlicht hatte sie nicht verloren, so wie ihr vorausgesagt worden war. Von Zeit zu Zeit schaut sie über den Brillenrand auf den Hof hinaus. Dann sieht sie Andrea an und lächelt: »Sie sind so seltsam, unsere jungen Leute, hast du das bemerkt? Das eine tut so, als sähe es das andere nicht. Gellt das eine nach Osten, läuft das andere nach Westen.« Andrea sieht auf und sitzt noch eine Weile da, ehe sie antwortet; dies ist ihre Gewohnheit. – »Sie sind ja doch Geschwisterkinder.« – »Ja, das sind sie. Das sind sie, ja. Aber: es könnte doch – – vielleicht ist das nicht so wichtig? Ja, ja. Es muß eben so gehen, wie es geht. Ich mische mich da nicht hinein.« Andrea war wieder ganz in ihre Arbeit vertieft. Aber Aasel saß da und schaute noch vor sich hin. Am gleichen Abend, gerade während die beiden Frauen darüber redeten, trafen Astri und Odin draußen in der Scheune zusammen. Es war in dem engen Gang zwischen dem Pferdeheu und dem Kuhheu, sie stießen unversehens aufeinander und blieben auf einmal stehen. Jetzt erst, und in diesem Augenblick wurde es ihnen klar, daß jedes von ihnen seine eigenen Wege gegangen war. Hier, wo sie standen, war es dämmerig, so daß sie nicht sehen konnten, ob der andere errötete. Aber Odin glaubte zu sehen, daß Astri genau so dreinschaute wie immer, ebenso unerschrocken und überlegen. »Wie du mich erschreckt hast, du Hanswurst!« sagte sie. »Du pfeifst doch sonst immer?« »Was treibst denn du eigentlich hier? Stiehlst du etwa den Pferden das Heu weg?« »Ich suche nach Hühnernestern! Die Hennen legen ihre Eier jetzt überall hin, nur nicht dort, wo sie sollen.« »Du solltest sie nicht so herumlaufen lassen, wo ich hintrete und was ich anfasse, überall ist lauter Hühnerdreck.« »Ja, weißt du, damit halte ich's nun so, wie ich will.« »Da hab ich doch auch noch ein Wort mitzureden.« Beide wollten gehen, aber keiner zuerst. Odin lehnte sich an die Heuwand und sah zu dem Sonnenstreifen hinüber, der den Raum durchschritt und eine Brücke aus vergoldeten Staubkörnern bildete; sie tanzten und schwirrten umher, aus und ein. »Du bist so still?« sagte sie. »Ich?« »Ja, bisweilen eben. Steckst du immer hier, wenn du sonst nirgends zu sehen bist?« »Ja, vielleicht, vielleicht auch nicht.« »Tu das nicht, Odin! Du mußt nicht so dasitzen und dich zu Tode trauern!« »Nun, so arg trauere ich wohl nicht.« Er fing langsam an zu gehen, und Astri hielt sich an seiner Seite. Es war dunkel hier und eng; sie mußten sich förmlich vorwärtstasten. Da hörte er ihr Herz klopfen, ein kleiner lebendiger Laut in der Dunkelheit rings um sie, ein Mädchenherz und nichts weiter, aber es zitterte ganz, so schnell schlug es. »Das solltest du nicht tun, Odin«, sagte sie, zweimal sogar, und ganz dicht bei ihm. Jetzt vernahm er auch ihren Atem. »Du solltest es lieber so machen!« sagte sie auf einmal und legte gleichzeitig die Arme um seinen Hals und zog seinen Kopf zu sich herab und seinen Mund an den ihren, oder wie es zuging, es war nur ein ganz kurzer Augenblick, fast nur wie ein Schwindel, der einen plötzlich überfällt. Er richtete sich sofort auf, es klang fast, als beiße er die Zähne zusammen: »Ja, nimm dich nur in acht, nimm dich nur in acht, ich warne dich!« »Ach, du! – – Vor dir braucht man keine Angst zu haben!« Dann aber lief sie von ihm weg, hinaus ins Licht und ins Freie. Er blieb stillstehen und sagte halblaut vor sich hin: »Ich hörte ihr Herz, hörte es so deutlich.« Und lauter sagte er, gerade als er ins Licht trat und dem blendendhellen Tag entgegenblinzelte: »Nimm dich nur in acht, ich warne dich noch einmal!« Im Lauf der nächsten Tage sahen sie einander noch weniger. Trafen sie sich unter vier Augen, so blieben sie nur einen Augenblick stehen und fanden irgendeinen Grund zum Lachen. Aber Aasel sieht Astri ab und zu an, und dann gibt Astri ihr den Blick offen zurück und lächelt. Und wenn Aasel ihrer Wege geht, murmelt sie vor sich hin: Armes Ding. Es ist nicht schwer, ihr eine Freude zu machen. Die Stille und die Schwere und alles miteinander kann man von ihr nehmen; wie ein Urteil . 2 Otte kommt wie früher von Zeit zu Zeit nach Haaberg, und bisweilen begleitet Odin ihn dann ein Stück weit auf dem Heimweg. Eines Abends aber ist Odin nicht daheim, er und Astri sind in den Buchten drüben, um Muschelsand für die Hühner heimzuholen. Otte ist an diesem Abend so leichtlebig und ganz verändert. Er sitzt da und redet ins Blaue hinein, und als er gehen will, bittet er Andrea, ihn zu begleiten. – Das Wetter sei wirklich zu schön, um in der Stube zu sitzen, und sie sehe wahrhaftig ganz blaß aus. Andrea schaut ihn ein wenig an, und dann kommt sie wirklich mit. Draußen auf dem Stallhügel bleibt er stehen und deutet nach Westen: »Jetzt hat er wahrhaftig aus dem Meer einen Spiegel gemacht, siehst du? Und die Sonne, wie sanft sie tut, jetzt, da sie zu Bett soll. He? Sommertag , weißt du? Sommertag! Aber steh doch nicht da und schau, drinnen zwischen den Bergen sah ich eine Traubenkirsche, die schon Laub hat, wirklich und wahrhaftig!« – »Nein, ist's wahr?« – »Ja, wenn ich mich nicht getäuscht habe – komm, wir wollen selber nachsehen; du und ich. Und wenn ich recht habe, dann – dann verlierst du!« Der Baum hatte große grüne Knospen, und an dem einen Zweig, gegen Süden zu, saßen drei kleine hellgrüne Blätter, noch feucht, so jung waren sie. Otte zog ihn zu sich herab und zeigte sie ihr. Sie sahen einander gleichzeitig an. Bis Andrea rot wurde und wegzuschauen versuchte. Er aber sah sie an, berührte sie gleichsam, und wandte sie sich wieder zu, und jetzt gab sie nach und ließ ihn das sehen, was er in ihren Augen sehen wollte. Sie wurde langsam blaß. Er stand da und lachte innerlich. »Ich hab's ja gesagt, daß du verlieren würdest.« »Ja.« »Ja, ja, dann ist es also abgemacht!« »Ja!« – er konnte es kaum hören. »Dann gehen wir«, sagte er und nahm sie beim Arm. »Und dann wird also geheiratet. Ja, nicht gleich heute abend, aber –« Da und dort versuchte ein Frühlingsvogel oben zwischen den Hügeln zu singen, er fand wohl selbst, es sei noch ein wenig früh. Die Enten lagen auf den Moorweihern und schnatterten. Über dem Birkenwald lag ein feiner bläulichbrauner Hauch, seltsam unter dem frühlingsblassen Himmel. Es war noch zeitig im Frühjahr. – »Du hattest wohl nicht geglaubt, daß ich so ein verrückter Kerl wäre?« – Es klang, als mache es ihm Spaß, zu sehen, wie still sie jetzt geworden war. Sie sah ihn an und dachte nach, und dann lachte sie ein wenig: »Ich glaube doch, ich wußte es. Daß du auch so sein könntest.« – »O weh! Wußtest du das?« – »Ja. Daß du dich einmal losreißen könntest.« – »Hm! Aber ich wußte es selber nicht, verzeih mir die Sünde! Daran ist der Odin schuld, der Lump, ich sag's ganz offen, denn er wurde immer älter und älter, er ist jetzt ganz ernsthaft alt, und ich wurde immer jünger und jünger. Ich merkte es nicht eher, als bis er weggezogen war.« Mitten im Gehen lachte er auf einmal laut über die Baumwipfel hin, die ein so feines Netz in die Luft hineinwoben: »Was hast du jetzt angestellt? Und die Aasel, glaubst du, es wird ihr recht sein?« »Sie weiß es sicher schon. Ich glaube, sie wünscht es schon seit vielen Jahren – hast du nicht gemerkt, wie sie uns immer anschaut?« »Ich habe nichts davon bemerkt, nein. Aber jetzt fange ich ein neues Leben an. Und ein neues Jahrhundert. So leichtsinnig kann nur ein ernsthafter Mann sein. Aber daran ist der Odin schuld!« Er kehrte um und begleitete sie heim. Der ganze Mann war voller Staunen, und lauter Staunen war auch der ganze Frühlingsabend um sie, so schien es ihnen. – »Ja, du, Otte, du, Otte!« sagte er im Gehen vor sich hin, gleichsam als ahme er die Drossel in den Tannenwipfeln nach. – »Aber wenn uns die Leute sehen?« sagte er dann, »die müssen ja denken, wir seien verrückt?« – »Das sind wir wohl auch, oder?« – »Und die Frommen, die denken wohl an das, was wir hätten tun können. Ja, ja, ja! Erschrick nicht, Andrea! Du hörst ja, daß ich mich losgerissen habe, ich, der über zwanzig Jahre lang nicht frei war! Sie werden Lieder und Märchen über uns dichten. Und solch ein Wetter!« 3 In den Buchten drüben war das gleiche gute Wetter, aber dort hatte alles ein anderes Gesicht. Das Meer war so weit und blitzend blank und hell, daß es einem schien, als drehe sich weiter drinnen im Land alles nach Westen und schaue zum Meer hinaus. Die Abendsonne schien auf die Steine am Strand und auf die Tangbüschel, dies war das letzte, was sie tat, und als die Sonne schon untergegangen war, schimmerten sie noch von Licht; und im Norden und im Westen stand die Abendröte und spiegelte sich im Meer. Die Schären draußen schwanden weit zurück, Bucht für Bucht schlängelte sich der Strand in das mit Heidekraut bewachsene Ufer, mit weißem Sand und mit Steinen und silbernen Muscheln und mit glattem feinen Grasboden dahinter, die Landzungen endeten als rotgraue Felsen im Wasser, Heiderosen auf dem Rücken und schwarzglänzende Tangblätter in den Flanken. Und darüber waren das Meer und der Himmel, denn die beiden hatten an diesem Abend die gleiche Bläue. Und über allem schrien die Seevögel, Möwen und Strandelstern und Eidergänse, ein freier und wilder Laut, und auch in ihm blitzte es auf, wenn man ihn gegen die Dünung hörte, die atmete so weit und still. »Wie der Strand von Kjelvika!« sagte Odin. »Jetzt bin ich nur noch wie ein siebenjähriger Bub!« Astri blickte von ihrem Sandsack auf, den Rock zwischen den Knien, er sah sie gegen den Westhimmel und gegen das Licht im Westen. Erst heute hatte sie es gesagt, als sie beim Morgenimbiß saßen: »Du, Odin, kannst du heute abend mit mir in die Buchten hinausgehen, um Muschelsand zu holen? Denn der Hüterbub ist drüben bei den Häuslerhöfen oder irgendwo.« Odin hatte nicht mit der Wimper gezuckt, hatte den Kopf ein wenig schief gelegt und nachgedacht: Das könne er wohl; wenn er gerade darauf verfalle. Und dann verfiel er darauf, und sie machten sich auf den Weg. Schon in diesem Augenblick empfand er es, als seien sie zwei Kinder, die jetzt fortgingen, um Muscheln zu suchen. Ja, er sah unglaublich jung aus, wie er so dort stand, fand sie. Das war wohl der eigentliche Odin? Jetzt warf er Schuhe und Strümpfe ab, krempelte die Hosen weit über die Knie herauf und watete ins Wasser hinaus; es war Ebbe, und er hatte eine Kuhmuschel gesehen, die dort im Wasser auf einem Felsen lag und sich geöffnet hatte. Es ist tiefer, als er geglaubt hatte, er wird arg naß, und Steine und Muscheln stechen und kitzeln ihn an den Fußsohlen, jetzt aber reicht er mit dem Stock an die Muschel heran und sticht zu, und gleichzeitig fährt ihm die Zunge aus dem Mundwinkel heraus, wie bei einem siebenjährigen Buben; er kommt mit der Muschel herbei, es ist ein leuchtend goldbraunes Tier: »Schau her, Astri! He? Willst du mehr haben?« Sie steht da und lacht ihm zu: »Und wenn dich jetzt die Krabbe zwickt?« Da nimmt er Reißaus und springt ans Ufer, so daß das Wasser hoch aufspritzt, und Astri lacht, daß es in den Klippen schallt; ihr Gesicht und alles an ihr ist jung. Jetzt aber sehen sie einander zum erstenmal an diesem Abend an. Sie werden alle beide verlegen. Astri errötet zuerst, er jedoch nicht minder; aber die Augen schlagen sie nicht nieder. Als sie wieder lächelt, ist es ein anderes Lächeln, rings um den Mund ist ein kleiner neuer Zug, der ihm gilt. Da denkt er, dies ist Astri – er hat sie noch nie gesehen. Sie schauten miteinander über die Bucht hin, wo der Eidervogel über die glänzende Dünung hinruderte – den Hals eingezogen und sein Spiegelbild unter sich. Immer noch schimmerte der Traum von einem blassen Rosa im Meer. Odin aber dünkte es, als sauge der Strand von Kjelvika an ihm und zöge ihn fort, es wurde dunkel und einsam rings um sie, ein Mädchen und ein Stück ödes Land; und er, ein Heide vor allen Menschen. – »Aber das ist nun überstanden«, lächelt er vor sich hin. – »Was denn?« – »Nein, ich weiß nicht. Du bist es ja, die da vor mir steht.« Sie weiß gar nichts von mir, denkt er; wenn sie rot wird, so ist das nur deshalb, weil ich einmal ihr Herz habe klopfen hören, und das hätte ich nicht hören sollen; und wenn sie jetzt schweigt, so tat sie das wegen der Feierlichkeit rings um uns, so fein und gut ist sie. – »So habe ich es noch nie gesehen!« Sie deutete übers Meer hin. – »Nein, und das Heidekraut und der ganze Strand hier, es ist wie wild!« – »Du kommst mir auch ein wenig wild vor, bisweilen.« – »Ja, du hast recht!« – er wunderte sich, daß sie nicht davonlief. Er steckte die Hände in die Taschen, versuchte so ruhig zu sein, wie er nur konnte; dies war eine Kunst, die er gut gelernt zu haben glaubte. Aber er konnte sie nicht mehr, es war unmöglich stillzustehen: er stieß nach den kleinen Steinchen, so daß sie über den Strand hinrollten. »Wer weiß, ob ich nicht einmal tausend Meilen von hier fortreise! Ich kann auf vieles verfallen, was du niemals von mir erwarten würdest!« »Dann komme ich mit dir!« »Ja? Ja, komm du nur, wenn du dich traust. Aber, du kannst doch nicht von Haaberg fort?« »Glaubst du? Das wirst du dann schon sehen, mein Lieber!« Sie sah ihn unverändert offen an; dann lachte sie ein wenig, ihre Augen jedoch blieben ernsthaft, die Gedanken kamen und gingen hinter den tiefen grauen Sternen. »Wir könnten uns ja wohl auch auf Haaberg niederlassen, wir. Wenn es uns gerade einfiele«, meinte sie. »Ja, wenn es uns gerade einfiele. Und jetzt fällt mir etwas anderes ein, jetzt mache ich es so –« Er schlang die Arme um sie und küßte sie. Sie war beinahe ebenso groß wie er und fühlte sich unglaublich stark an, als er sie zu sich herüberbog, sie war das stärkste Mädchen, das er je in den Armen gehalten hatte; es durchlief ihn wie eine Angst, als er ihren Mund verspürte. Eine Weile stand sie da, den Kopf auf seine Schulter gelehnt. – »Ich bin so froh. Weißt du, weshalb ich so froh bin, Odin?« – »Weil du mich gern hast, denke ich?« – »Ja, ja, auch. Aber ich finde, ich bin auf dem richtigen Weg ; ich weiß nicht, wie es zugeht. Die Großmutter wird sich auch freuen. Ich glaube, es ist so gegangen, wie es gehen sollte .« – »Wie es gehen sollte? Das wäre mehr, als ich glaube.« – »Nein, nein«, seufzte sie, »du verstehst es wohl auch nicht. Aber früher, da meinte ich, daß ich jung sterben würde, und das war das Größte, was ich wußte.«– »Und jetzt hat ein anderes Unglück eingesetzt? Ja, ja, das aber finde ich, sollte das Größte sein.« Er sah sie so lange an, bis er lachen mußte. Er merkte, daß sie das nicht mochte, sie hatte sich ihn ein wenig anders erwartet, jawohl, doch wenn sie ihm deswegen den Rücken drehen und davonlaufen wollte, dann sollte sie das seinetwegen ruhig tun! Sie würde doch noch weich werden, schließlich. Aber jetzt gab sie nach und lachte mit; nur ein wenig rot war sie geworden. – »So, und nun den hier noch!« Er nahm den Sandsack auf den Rücken und schickte sich zum Gehen an. Astri stand noch einen Augenblick da. Sie sah ihn vor sich gegen den Himmel und den Hügel, so wie er dastand und lachte; er hatte ein paar lustige Falten zwischen den Brauen. Anders würde er wohl nie werden, da war kaum etwas zu machen. Sie gingen heimwärts, auf Pfaden, wo sonst die Kühe und die Ziegen gingen, am Strand entlang und über Hügel, bisweilen nebeneinander her, bisweilen er voran. Ein Wassergraben war da, um den sie nicht herumkamen. Odin nahm einen Anlauf und sprang an der schmälsten Stelle hinüber, mit dem Sack auf dem Rücken, aber Astri kam nicht nach. – »Spring!« rief er. – »Nein, ich gehe lieber herum.« Er stellte den Sack zur Erde und reichte ihr die Hand hinüber: »Komm jetzt endlich!« Sie schaut ihm in die Augen. Ihre Wangen brennen. Er sieht, wie es sie kränkt, sie ist nahe daran, den Kopf zurückzuwerfen und den Umweg zu machen. »Nein, aber bist du das wirklich, Astri? Soll ich denn in alle Ewigkeit dastehen und auf dich warten?« Da kam sie endlich. Sie springt stark und leicht, so daß ihn ein Schauer durchfliegt, greift im Sprung nach seiner Hand und erwischt gerade noch den kleinen Finger, landet mit beiden Füßen jung und federnd neben ihm. – »Ich wußte es doch«, sagte er. Ihre Augen strahlten ihn bei diesen Worten an. Als sie ein Stück weit gegangen waren, sagte sie: »Nein, du sollst nicht in alle Ewigkeit auf mich warten müssen, Odin. Aber soll ich denn sofort springen, sobald du mir kommandierst? Ist das so zu verstehen?« Sie lachte und legte die Hand auf seine Schulter; er glaubte nicht einmal, daß sie sich des leisen Ärgers bewußt war, der hinter diesen Worten steckte. »Ja, den alten Juwikingern fällt es wohl schwer, sich kommandieren zu lassen«, sagte er. »Weißt du, warum ich trotzdem kam?« lachte sie. »Weil du eben mußtest, oder?« »Woher doch! Aber du hättest ein so langes Gesicht gemacht, wenn ich nein gesagt hätte. Und dann warst du so schön, wie du dort standest und mir so streng zuriefst«, fügte sie hinzu. Sie streichelte seine Hand, während sie dies sagte. Aber als sie zu den Haabergwiesen bei den Häusern kamen, sah er zwei Arm in Arm auf dem Stallhügel stehen. – »Siehst du sie, du?« sagte Astri. Odin starrte hinüber. – »Aber sind sie es denn wirklich?« fragte er; es war kein Irrtum möglich. Otte und Andrea waren sie bereits gewahr geworden und ließen einander los. – »Hast du das denn nicht bemerkt?« sagte Astri. – »Nein!« kam es trocken und flüsternd. Aber Astri lächelte ihn an, mit ihrem unerschrockenen Lächeln, und sie tat es noch, als sie beim Essen saßen. Sie waren allein in der Küche. »Sie werden schon nachgeben müssen«, sagte sie. Odin wachte auf, als hätte sie eine Wunde berührt. Als er aber sah, daß es ihr weh tat, griff er sich in die Haare und lachte ihr zu: »Wir müssen eben das Los ziehen! Wie Cäsar, als er über den Bach stieg.« Sie hing ihm schwer am Hals, eine kurze Weile lang, ehe sie sich trennten. Und wiederum durchlief ihn diese beseligende Angst, als er ihren Mund fühlte. – Nur Kleinigkeiten, alles andere! flüsterte er. 4 Andrea erzählte nichts, und Aasel merkte nichts. Eines Abends, eine Woche später, kamen Aasel und Andrea von einem der Häuslerplätze, sie hatten eine alte Frau besucht, die im Sterben lag. Es war noch das gleiche milde Wetter, aber mit Nebel, mit einem warmen und regenschweren Frühlingsnebel; er verbarg die Berge und überzog Wald und Häuser mit einer weißen und grauen Decke. Der ganze Abend war grau von Feuchtigkeit; wo man auch hinkam, war alles naß und drängte sich ganz nah an einen heran. Die Birkenzweige standen wie dünne feine Muster gegen die Luft, glänzend naß vor lauter Tropfen. Aasel mußte immer wieder stehenbleiben und Atem holen. Sie lachte leise vor sich hin: »Mir ist bald, als ginge ich überall bergauf – wo ich auch gehe. Aber dieses Wachswetter hier tut mir so gut. Jetzt kenne ich schon den Wald; er ist wieder da! Ach ja, ja!« Dann ging sie weiter. – »Weißt du, was ich meine, Andrea? Es ist irgend etwas vorgefallen. Zwischen den jungen Leuten. Doch, ich bin ganz sicher. Im übrigen finde ich, daß der Odin sich zu scharf ins Zeug legt, in letzter Zeit. Nicht wahr? Mit der Arbeit; mit der Feldarbeit. Und das Essen, das schlingt er nur so hinein. Als wäre er mit seinen Gedanken ganz woanders – ja, du hast es ja auch gesehen?« Nein, Andrea wußte nicht recht. Aber Aasel merkte, daß sie die Farbe wechselte. – »Ja, ich bin zu alt; das ist es wohl. Aber im übrigen meine ich, er dürfte gern ein wenig froher sein. Die Astri zu bekommen – an die sich keiner herantraut! Aber schau: die Menschen sind jetzt so verschieden, wie die neuen Maschinen; sie sind so fein und vielfältig. Das sollen sie wohl sein. Aber die Astri, mit der steht es so: Sie sieht so aus, als verstünde sie sich auch nicht recht auf ihn.« Sie mußte wieder stehenbleiben, um auszuruhen. »Wer geht denn dort?« Sie hielt inne und sah zu den Häusern hinauf. »Ist das nicht der Otte; er kommt zu uns. Jetzt wieder?« Sie blickte rasch und ungewiß Andrea an, und nun konnte sie sehen, daß ihre bleichen Wangen heißer brannten. Andrea sagte kein Wort. Da schwieg Aasel auch. Zuerst hatte er auf dem Hof draußen gestanden und zu ihnen hinunter gesehen. Dann hatte er mit Odin geredet, viel mehr, als es seine Gewohnheit war, und dann mit Astri; er hatte ihr sogar geholfen, die Hühner in den Stall zu treiben, denn die waren am Abend so widerspenstig. Dann holte er eine Zigarre heraus und zündete sie an – er müsse etwas zwischen den Zähnen haben, sagte er. Ununterbrochen sagte er etwas, das die anderen zum Lachen brachte, und seine Augen blinkten so frisch, daß Astri und Odin einander immer wieder anschauen mußten. – »Und dort kommen die Weiber mit leeren Händen«, sagte er. »Da bleibt mir nichts anderes übrig, als ihnen entgegenzugehen und ihnen beim Tragen zu helfen.« Er hatte einen weißen Kragen an, und im Knopfloch steckte eine Blume; jetzt schob er die Hände in die Taschen und ging pfeifend den Weg hinunter, in dem stillen, milden Frühlingsabend. Odin stand da und sah ihm nach, den ganzen Weg. Da rührte Astri ihn an und drehte ihn zu sich herum: »Du bist doch wohl nicht bleich, Odin? Deshalb?« »Nein, ich stand nur da und dachte – – ich habe hin und her gedacht – – wie das werden soll, Astri?« Vielleicht war er nicht gerade bleich, aber so ratlose Augen hatte sie noch nie an einem Menschen gesehen. »Werden soll? Es wird so, wie wir es wollen. Es ist so geworden, richtiger gesagt.« »Aber sie sind so froh, siehst du das denn nicht? Sie sind ganz wirr«, erwiderte er. »Ja, aber, wir sind doch auch froh, sehen denn die das nicht?« Es klang fast, als jammere sie ein wenig. »Ja, ja, wir müssen eben warten und sehen, dann wird sich schon ein Rat finden! Ich habe es mein ganzes Leben lang so gehalten, gewartet, bis sich ein Rat fand.« Astri schaut auf ihre Schuhspitze hinunter, mit der sie im Sand schreibt. Odin folgt ihr mit den Blicken und betrachtet sie von dem. kleinen Fuß bis zum Kleid, über Hüften und Brust bis zum Hals hinauf, es ist ein so feiner Bogen in den Linien, man könnte es nicht zeichnen oder ausschneiden, ein vergebliches Beginnen. Was er von solchen Dingen geträumt und wie er sich damit gequält hatte, das war alles nur ein kindliches Bemühen; und jetzt war das lange her. »Eigentlich sollte ich gar nicht so dastehen und dich anschauen; du bist zu schön dazu. – – Der wird reich, der dich bekommt«, sagte er leise. Wie ein kleiner Stich durchfuhr es ihn, wie etwas, das er nicht verstand: daß Reichtum und Glück einem nicht gleichzeitig beschert werden, er aber nicht wußte, welches von beiden er wählen würde. Astri steht da, als habe sie seine letzten Worte nicht gehört. Und jetzt wirft sie den Kopf zurück, und das Gesicht dicht vor ihm, wunderbar offen und stolz, sagte sie: »Du hast kein Recht dazu, Odin.« »Recht?« »Nein, du hast kein Recht dazu.« »Man muß doch das Recht haben – – – dem Recht eines anderen Platz zu machen, dachte ich?« Sie schauen einander in die Augen. Aber die ihren verschlossen sich vor ihm, so offen sie auch waren. Der Mund zog sich zu einem kalten Lächeln zusammen. Dieser Mund war es – – »Du hast kein Recht dazu.« Sie sieht, wie es in ihm arbeitet, steht ruhig da und sieht, wie die Gedanken in ihm ziehen und zerren, wie sie sich quälen und keinen Ausweg finden. Er schrumpft mehr und mehr vor ihr zusammen. – »Ich sehe jetzt klar«, murmelt er. Da dreht sie sich weg und macht ein paar Schritte, ihr sind Tränen in die Augen gestiegen, und sie stampft auf den Boden, sie will nicht weinen! Dann wendet sie sich ihm wieder zu. Nur um den einen Mundwinkel zittert es ein wenig: »Es wäre nicht der Rede wert, wenn man nur Platz zu machen brauchte! Im übrigen: Ich könnte nicht einmal das! Würde es auch nie tun!« Sie legte die Hand auf seine Schulter und zog ihn mit sich um die Hausecke. »Kannst du denn nicht aufschauen. Odin? Es handelt sich doch um uns, um uns beide! Wir sind doch nicht zwei alte Schatten. Und außerdem – – ich fühle es so merkwürdig: Du wirst nicht der, der du werden sollst, wenn wir nicht zusammenkommen, du und ich. Lach nur darüber, meinetwegen, ich weiß es trotzdem, denn es ist wahr! Das war es, was – – aber ich glaube fast, du bist jetzt noch blasser? Nein, aber Odin!« »Jetzt? Nein, da irrst du dich trotz allem! Denn jetzt bin ich froh – da schau ich so aus.« Er umschloß ihre Hände und drückte sie so hart, daß sie weiß wurden. »He? Ja, du spürst, daß ich jetzt froh bin, nicht wahr? Aber daß du von uns beiden die Stärkere sein sollst?« »Ich muß dir etwas erzählen. Jetzt gleich. Der Arne hat mir wieder geschrieben. Und jetzt will er Antwort haben.« »Nun?« »Es ist schade um ihn, jammerschade um ihn – ich hätte ihn liebhaben können, glaube ich. Aber ich habe kein Recht zu – – ich fühle es an mir, es würde eine Sünde sein, gegen – ja, gegen alles miteinander! Du und ich; es ist nun einmal nicht anders.« Sie hatte seine Hand ergriffen, und ihr Gesicht kam dicht an ihn heran. Und er fühlte wieder ihren Mund, so wie das erstemal. Es lag ein starkes Licht über ihrem Antlitz, das von innen kam und in den trüben Tag hineinleuchtete. Das Haar bildete eine schwere Krone darüber, schimmernd dunkelbraun in dem Nebel, der es betaute. Und rings um sie war Haaberg und alles, was zu ihr gehörte, alles miteinander, sie stand da und sah es und wußte es, empfand es wie einen Reichtum, oder vielleicht wie eine schwere Last. Und im Westen, draußen bei den Landzungen und den Schären, schrien die Seevögel. – »Hörst du sie?« sagte Odin. – »Ja, ich stehe da und höre ihnen zu – man kann ganz wund werden, inwendig, von diesem Ton. – Wir wollen nicht darauf hören!« sagte Astri; ihre Stimme klang so warm. Jetzt kamen die drei von unten herauf, und Astri ging ihnen entgegen. In ihrem ganzen Gesicht war nicht ein Zug verändert. Sie wechselte ein paar Worte mit ihnen, dann gingen sie bei der einen Tür hinein und Astri bei der anderen. Odin trat in die Gesindestube und redete mit einem Häuslerbauern, der gerade auf dem Hof war, um die Wagen instand zu setzen. Er war ein seltsamer Kauz, und es machte Spaß, mit ihm zu reden, besonders heute abend. Im übrigen aber wollte Odin ihn so bald wie möglich heimschicken, was Aasel auch sagen mochte, denn er war ein Pfuscher und ein Küster bei der Arbeit, und dazu ein Tagdieb, man hätte in der gleichen Zeit das zweimal in Ordnung bringen können, was er einmal in Unordnung brachte. Odin setzte sich zu ihm auf die Hobelbank und blieb dort bis zum Abendessen sitzen. Es war immer lustig, die Leute reden zu hören, aber noch nie war es so lustig gewesen wie an diesem Abend. Astri kam und holte sie zum Essen. »Eine schöne Färse, wahrlich«, sagte der Häusler, als sie gegangen war. »Aber sie wird sich schon noch die Hörner abstoßen, sie auch; noch ehe sie ihr letztes Kalb gebracht hat, tui!« Er spuckte den Bissen Kautabak wie einen Fluch in die Ofenecke. 5 Es war acht Tage darauf und spät am Abend, und Odin kam von Kjelvika und wollte heim nach Haaberg. Sie hatten einen kleinen Nachwinter gehabt, mit Schneetreiben und allem, was dazu gehörte, heute abend aber war wieder gutes Wetter. Odin sah noch, wie die Sonne im Untergehen den Kjelvikstrand rot färbte, und sah das Meer sich zum Spiegel glätten. Er ging durch den Wald von Langbrekka, nach Westen hinüber, schritt weit aus und ging so rasch er konnte, und von Zeit zu Zeit rückte er die Mütze in den Nacken oder zog sie wieder in die Stirne. Wie er so dahinging, sah er auf einmal Astri über die Wiese auf sich zukommen. Sie war es; bei keiner anderen fiel der graue Schal so fein und warm herab, und keine andere hatte die Art, so aufrecht dahinzuschreiten, obgleich sie beim Gehen zu Boden sah. Jetzt blickte sie auf und wurde ihn gewahr; aber sie ging darum nicht rascher. Auf dem kleingepflasterten Weg nördlich vom Sommerstall trafen sie sich. Niemand vom Hof daheim konnte das sehen. – »Ich wollte fast nicht glauben, daß du mir entgegenkämst«, sagte er, seine Stimme klang froh. – »So? Und du bist in Kjelvika gewesen. Da warst du schon lange nicht mehr.« – »Ja. Zwei Jahre lang war ich nicht mehr dort. Ich hatte nicht eher den Mut dazu. Denn jedesmal, wenn ich dorthin kam, war es weniger geworden, alles miteinander. Die Berge waren niedriger und die Wiesen kahler – man konnte sich gar nicht mehr darin verirren. Jedesmal ging ich ärmer von dort fort. Doch die Gurianna, die freute sich immer, wenn ich kam, das war es eben. Wir beide aber, wir wollen einmal dorthin gehen, Astri, magst du nicht? Wenn es mit uns zweien Ernst geworden ist?« – »Du warst in der letzten Zeit soviel weg an den Abenden.« – »Ja, es handelt sich um diesen Jugendbund, den wir wieder auffrischen wollen, und dann sollen wir ein Turnerfest haben – und dann ein Schützenfest, weißt du, er ist ein richtiger Streber, dieser neue Lehrer. Den ganzen Winter fast habe ich mich davor gedrückt; ich hatte keine Zeit. Übrigens auch keine Lust dazu; erst jetzt wieder.« Er wendet sich ihr zu, so blankäugig und im Schuß, wie er nun einmal ist: »Du bist es, die mich wieder jung gemacht hat, wie der Witwer zu sagen pflegt. Aber ich glaubte nicht, daß du mir heute abend entgegenkämst. Du warst heute so merkwürdig.« »Was denn?« Er jedoch sah, daß sie sich dessen entsann. Und nun kam es und stellte sich vor ihn hin, so wie es gewesen war; er blieb ruhig stehen und sah es noch einmal vor sich: Aasel war auf den Hof herausgekommen, während er gerade die Egge instand setzte, und Astri war in der Nähe und strich irgendein Gerät aus dem Hühnerstall mit Kalk an. Da sagt Aasel: »Du hast doch noch nicht daran gedacht zu säen, Odin?« – »Doch, drüben auf dem Sandacker, habe ich gemeint?« – »Ja, ja, meinetwegen«, sagte sie und fuhr sich übers Gesicht. »Ja, ja, meinetwegen.« Und nun sah sie die beiden an: »Ihr müßt jetzt für euch selber säen, in Gottes Namen.« Odin hatte Astri angesehen. Er hatte auf ihre Blicke gewartet, aber sie kamen nicht, sie waren nicht zu finden. Astri hatte feine weiße Augenlider, und unter diesen konnte es ganz leise zucken. – »Denn hier auf dem Hof hat die Jugend das Vorrecht; alles, was jung ist«, hatte Aasel gesagt. Dann war sie hineingegangen. Da endlich lächelte Astri, aber nicht zu ihm hinüber, es streifte nur so an ihm vorbei, wie ein Sonnenstrahl bei trübem Himmel. – »Ja, ja, so, so«, sagte sie. »So ist es also zu verstehen. Wir sollen jetzt wohl in den Stall gestellt werden?« – »Ja–a, jetzt ist die Kuhkette fertiggeschmiedet.« – »Es sieht so aus. Aber eine Zeitlang sollen sie noch warten, nicht nur die Großmutter, sondern auch du. Das mußt du schon aushalten, Odin!« – »Ich halte alles aus, mein Kind. Ich will gerne sieben Jahre auf dich warten, wenn's darauf ankommt.« Da lachte sie, und die Wolke hob sich gleichsam und zog von ihnen fort. Trotzdem war er ordentlich froh geworden, als er sie heute abend kommen sah, das merkte er jetzt. – – – In der Oststube auf Haaberg saßen Andrea und Otte. Es fiel am Abend hier keine Sonne herein, und die Bäume im Garten waren so groß geworden, daß sie das Fenster beschatteten. Aber um die Abendzeit war hier meist ein mildes und gutes Licht, das gehörte dazu, die Stube war so still und vergessen, und jedes Ding paßte so gut herein, die alten Haabergstühle und das Sofa vom Tierarzt und alles andere, was Andrea hierhergebracht hatte, es waren Dinge, die sich miteinander vertrugen, obgleich sie nicht zusammengehörten. Man konnte im Süden hinten die Sonne auf den Bergen liegen sehen, zwischen den obersten Zweigen im Garten draußen. Andrea und Otte sahen nicht mehr dorthin, aber sie merkten, daß das Licht erloschen war. Und in die Stube rings um sie kam eine Erinnerung an draußen hereingesickert, ein matter leiser Ton im Licht. Dies brachte sie dazu, daß sie nichts mehr sagten. Andrea summte irgendeine Melodie, ein paarmal, und dann tat sie auch das nicht mehr. Da hörten sie Aasel kommen. Diese Schritte waren Aasels Schritte, und auch der Griff an der Türklinke war ihr Griff, so behutsam und doch so sicher. Otte raffte sich auf und lächelte Andrea zu, und sie lächelte zu ihm zurück; es war ja nur Aasel. Sie sahen ihre Ringe an, und Andrea saß mit roten Wangen da. Die Stube aber rings um sie wurde noch einen Ton grauer. Aasel sah von einem zum andern, wie es ihre Art war. Es gemahnte ein ganz klein wenig an schwerhörige Leute. Die Ringe sah sie nicht, aber die beiden merkten, daß sie sich im klaren war. Aus ihren Augen strahlte die gleiche tiefe Wärme wie gewöhnlich, und ihr Gesichtsausdruck war heute abend wie auch sonst, wenn sie die beiden abends allein miteinander antraf. Trotzdem fühlten sie, daß es anders war. Andrea sah Otte an, aber er saß da und schaute durchs Fenster hinaus, sie war allein. Und draußen standen die Bäume unbeweglich gegen den Himmel wie immer, und der Himmel war ebenso blaß gefärbt und weit fort wie stets. Sie war mutterseelenallein mit Aasel. Und jetzt lächelte Aasel ihr zu. Die Zweige draußen ragten jämmerlich nackt in die Abendluft hinaus. Aasel saß eine Weile da und ruhte aus, als verschnaufe sie nach einem steilen Berg. – »Ich war auf einmal so allein«, sagte sie; »ich weiß nicht, wie es zugeht. Jeder zieht seiner Wege: nur ich und die Häuser hier bleiben zurück. Und da sind sie nun, ja. Kinder sollten da sein. Wie ich mir eine Zeitlang immer gewünscht habe, ja.« Wenn sie doch bloß die Hand von der Stirne nähme! dachte Andrea. In diesem Augenblick nahm Aasel die Hand weg. Jetzt aber sahen ihre Augen sie blank und blau an, ohne Hinterhalt und ohne Gnade, sie blinzelten rasch und jung und blickten dann wieder stark. Die Blicke der anderen ergaben sich den ihren. »Nein, Kinder, es geht nicht!« seufzte sie. »Wir wollen uns nichts vormachen. Es ist zu spät!« Sie konnte sehen, wie Andrea die Farbe aus den Wangen verlor. Sie hörte Otte, wie still er auf seinem Stuhl saß. »Ich bitte euch in Gottes Namen. Von der Zukunft hier auf dem Hof und allem, was dazu gehört, will ich gar nicht reden. Aber ihr werdet doch wohl nicht euren Kindern diesen Kummer bereiten wollen? Zerstören – – was zwischen den beiden ist?« Sie legte schon wieder ihre Hände übereinander, wie gewöhnlich. Jetzt seufzte sie nicht mehr; sie sah die beiden nur an. Dann erhob sie sich, stand eine Weile da und sah vor sich hin, und ging darauf zur Tür. »Oder besser gesagt: Ihr müßt so handeln, wie ihr es am richtigsten findet. Ihr dürft mich nicht für böse halten – –« Sie hatte die Türe geöffnet, während sie das sagte, und jetzt war sie gegangen. Noch ehe Otte sich umdrehte, wußte er schon, daß Andrea weinte. Sie tat es nicht. Er wartete, bis sie ihren Blick wieder zu sich nahm und begegnete ihm dann mit einem leisen Blinzeln und einem mutigen Zug um den Mund: »Jetzt redet die Welt! Ja. So redet sie eben.« Andrea antwortete nicht, und er mußte wieder anfangen. – »Die Welt, sage ich. Das war sie dort. Ich habe sie nicht nur gesehen, sondern auch gehört. Sie ist weise. Ich aber würde nie weise, wenn ich auf sie hören wollte.« Er war aufgestanden und kam nun zu Andrea: »Nein, paß auf, dummes Ding! Da stehe ich und rede Unsinn. Die Welt ist groß und weit, ja, wirklich, und wir zwei reisen so weit fort, bis wir mit dem Kopf nach unten hängen, so rund soll die Welt sein. Da können wir doch niemand im Wege stehen? Ich wußte übrigens nicht – – ich glaubte nicht – – ich muß sagen, was wahr ist, ich glaubte nicht, daß die beiden zusammenkämen. Aber, wie gesagt: Wir reisen, wir, Andrea. Denn ich bin mein Lebtag lang heimatlos gewesen. Und dich, siehst du, dich lasse ich nicht los – hörst du, was ich sage?« Andrea hatte ihm die ganze Zeit voll ins Gesicht gesehen, aber erst jetzt wurde sie ihn gleichsam wirklich gewahr. – »Ja, aber?« Sie sah ratlos vor sich hin. – »Aber? Wir kümmern uns hier um kein Aber . Das paßt nicht überall hin, dieses Wort.« – »Ich habe schon lange gedacht, Otte, daß das mit uns beiden nicht recht ginge, wir kommen zwei anderen so arg in den Weg – mir tat es schon leid vom ersten Tag an, den er hier war. Denn die beiden mußten zusammenkommen, es konnte gar nicht – – anders sein. Und da – – alles Reden hat da keinen Sinn. Und die ganze letzte Zeit –!« Otte ergriff ihre beiden Hände. Er hielt sie fest umklammert. Er war so verändert, sie konnte kaum glauben, daß er es sei. – – »Nein, aber so hör mir doch zu und schau mich an, Kind! Wir – wir – –« Andrea schüttelte den Kopf. Noch weinte sie nicht. »Sie heiraten niemals, wenn wir es tun«, sagte sie leise. »Nein, und dürften es dann auch nicht tun, ich könnte nicht einmal daran denken – es wäre eine Sünde!« Otte stand da und schaute in die Luft hinaus. So stand er lange, und jetzt merkte er, daß Andrea das Taschentuch herauszog. Sein Gesicht wurde immer grauer und grauer. Endlich fuhr er sich über die Stirn, strich sich hart über Gesicht und Bart, noch einmal, als sei alles nur Spaß und Unsinn, dann schaute er zur Decke hinauf und lächelte und sagte: »Ja, ja, Otte, jetzt heißt's ja oder nein. Jetzt sind sie da und fragen dich im Ernst. ›Ihr sollt nicht widerstreben dem Übel‹, heißt es. Aber dem Guten?« Dann beugte er sich zu Andrea hinunter, griff ihr ins Haar, es war so dicht und weich: »Wir bringen wohl auch das zuwege. Nachzugeben.« Und zu sich selber murmelte er und lächelte wiederum, alt und bleich: »Das hast du nun für dein Mundwerk. Der Herrgott hörte dich und nahm dich beim Wort.« Als er aber merkte, daß Andrea immer noch weinte, begann er auf und ab zu gehen, blieb eine Weile vor ihr stehen, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, und ging dann wieder weiter. Keines von ihnen merkte, daß Aasel in der Türe stand, ehe sie sich ein paarmal räusperte. »Wo ich bin, gedeihen nur Tränen«, sagte sie. »Ich war einmal fort, vor langer, langer Zeit, war ganz über dem Fjord drüben, in einer ähnlichen Absicht; ich hätte nicht gedacht, daß ich mich noch öfters mit so etwas abgeben würde. Es kam nichts Gutes dabei heraus, nein.« Otte hielt inne und sah sie gedankenarm an; sie blieb dicht bei der Tür stehen. – »Wir sind jetzt einig«, sagte er. »Wir sind einig, alle drei. So, so! Jetzt mußt du aber wieder aufschauen« – er wandte sich zu Andrea –, »jetzt wollen wir nicht mehr in einemfort weinen. Jedenfalls nicht darüber, daß zwei Geschöpfe froh werden; wenn es auch nicht gerade wir zwei sind. Und der Herrgott – –« er schaute Aasel an – – »jetzt will ich ihn beim Wort nehmen. Freilich, er hat nicht versprochen, uns schadlos zu halten, das weiß ich wohl, aber – Aber er müßte es trotzdem tun, er wird sich wohl nicht lumpen lassen? Irgend etwas wird ihm doch einfallen – wir wollen abwarten und sehen, Andrea!« »Du bist auch nicht so lustig, wie du dich stellst«, sagte Aasel. Da blieb er stehen, als hätte er sich gebissen. – »Aber es ist doch richtig, was ich sage, wenn ich auch wie ein Tor rede! Im übrigen habe ich eigentlich mit der Andrea – – mit der Andrea geredet«, murmelte er vor sich hin. »Ich werde euch ein anderes Mal danken!« sagte Aasel, sie war schon im Begriff hinauszugehen. Als Astri und Odin über die Äcker hinter dem Sommerstall kamen, sahen sie Otte um die Hausecke biegen und heimgehen. Als hätte das eine das andere angestoßen, dachten sie: Geht er denn heute abend allein heim? Aber keiner sprach es aus. – »Schau die Möwen«, sagte Odin und deutete auf den Acker im Westen hinüber. Dort trippelten sie dicht an dicht umher, neue Scharen kamen herangeschwirrt und ließen sich nieder, blaugrau und weiß, schwarz und weiß, weiß in Weiß, auf der frischgepflügten Erde, es war fast, als habe sie sich geschmückt. – »Da gibt's Regen«, sagte Astri. Und die Möwen schrien, und die Vögel im Wald sangen, und Odin blickte rings um sich und war voller Staunen. – »Fühlst du den Frühling?« sagte er. Aber Otte sah klein aus, wie er so dahinging; und jetzt verschwand er dort, wo der Weg eine Biegung machte. Und klein erschien ihnen auch Aasel, sie stand draußen auf der Haustreppe und erwartete sie. »Ja–a«, sagte sie. »Heute abend ist er allein heimgegangen, der Otte. Ein verständiger Mann. Ein starker Mann.« Astri sah sie starr an, mit zusammengezogenen Brauen. – »Wo ist denn die Mutter?« fragte sie. »Sitzt sie denn in der Stube?« – Ja, Aasel deutete mit dem Kopf zur Oststube hinüber. Astri blieb noch eine Weile stehen. Hastig sah sie Odin ein paarmal an, die Großmutter jedoch nicht mehr. Dann ging sie rasch zum Haus hinüber. »Ja, Odin, das ist euch jetzt nicht mehr im Wege«, sagte Aasel. Er gab keine Antwort, er mußte um sich schauen: der Abend hatte ein seltsam schweres Gesicht bekommen. Ringsum aber leuchtete das Frühlingslicht jung und blank wie zuvor, über Dächern und Baumwipfeln und über den Bergen dazwischen; und drüben auf dem Acker schrien die Möwen, und an den Hängen pfiffen die Drosseln; und das Meer blitzte weit hinaus auf, es hatte ein mildes und tiefes Blinken. Von allen Seiten wandte es sich ihm zu. Odin schaute die Großmutter wieder an. Sie sah halb froh, halb beunruhigt aus, jedoch sie war wohl immer so gewesen, wenn er genau nachdachte. Astri kam nicht wieder heraus. »Ich kann nicht gerade sagen, daß ich froh bin«, meinte er. »Nein, nein, Odin. Das mag wohl wahr sein.« Er schob die Hände in die Taschen und ging ein paar Schritte weiter. Dabei sprach er vor sich hin: »So, so, da war der Vater also stärker als ich. Trotz allem. Ja, nun, es gehört sich wohl auch so?« Er biß sich auf die Lippe, um sein Gesicht im Zaum zu halten; als er sich aber Aasel zuwandte, gab es ihr einen Stich, gleichsam, als habe sie ihn noch nie so gesehen. »Wäre es nicht die Astri gewesen – – sie ist ein Mensch, den man nicht wegwerfen kann – – unmöglich, sage ich dir! So etwas hat noch keiner versucht, sage ich, noch keiner!« »Gott sei Dank, Odin, daß du es so nimmst! – Gott sei Dank, daß du so bist, ja«, murmelte sie vor sich hin, sie vermochte jetzt nicht mehr länger dazustehen, sondern ging hinein. – »Genau so wollte ich ihn sehen«, seufzte sie – »jetzt hat es ihn ernstlich aufgerüttelt! Das war es, was ich auf dem Hof hier so vermißte.« Odin stand lange draußen und wartet auf Astri, aber sie kam nicht. Sie war in der Stube bei der Mutter. Stand vor ihr, die Hände in die Seiten gestemmt. Die Mutter mußte aufschauen, ob sie wollte oder nicht, denn so hatte Astri noch nie vor ihr gestanden; ihr schien es, als bebe und brenne es in dem bleichen Gesicht. Sie schlug die Blicke wieder zu Boden. – »Ich weiß schon, was du sagen willst«, flüsterte sie. »Ich hatte auch nicht gedacht – – ich begreife es selber nicht, aber –. Jetzt ist es vorbei, du hörst doch wohl, was ich sage, Astri?« Da bekam Astri rote Flecken im Gesicht und stampfte hart auf: »Das ist doch alles miteinander Unsinn, hörst du! Lauter Unsinn und dummes Zeug, nur etwas, was die Großmutter erfunden hat. Es wäre nie etwas daraus geworden, zwischen Odin und mir, wie es auch sein mag. Nie, hörst du!« Andrea sah sie an, ohne mit der Wimper zu zucken, es war fast, als buchstabiere sie sich durch Astris Gesichtszüge hindurch. Sie konnte die Worte nicht fassen, die soeben gefallen waren. – »Nein, ich erkenne es jetzt«, sagte Astri, sie starrte auf den Boden hinunter. »Wir wären nie zusammengekommen, er und ich. Denn da hätte ich anders sein müssen – da hätte ich gegen einen anderen untreu sein müssen, gegen einen, der – mich braucht . Ich wollte nicht, daß du dich verheiratest, das muß ich eingestehen. Jetzt aber sollst du es trotzdem tun. Um meinetwillen. Unnützen Kummer, den hasse ich.« Es war etwas so Ungewohntes für Andrea, daß Astri mit ihr über sich selber sprach. Ihr Gesicht überzog sich mit einem sanften und lichten Schimmer, sie saß da, als lausche sie auf irgendein schönes Lied. Und dieses leichte Zucken über Astris Brauen machte sie so schön. Aber Astris Stimme war leise und trocken: »Keiner könnte mir mein Recht nehmen . Aber ich kann es fortgeben.« Endlich fragte Andrea, ob sie denn mit einem anderen versprochen sei? Am Ende mit dem Arne Finne? »Ja«, sagte Astri. Der sei es, er und sie, ja. Dann richtet sie sich auf und sieht die Mutter an, sie lächelt, und unter den Augen entstehen winzig kleine Falten: »Nein, übrigens, es ist nicht wahr. Ich habe das nur so erfunden. Aber den Odin nehme ich nie. So wie es jetzt steht. Das begreifst du doch, Mutter? Ich will gar nicht einmal darüber reden! Wenn ich nur wüßte, was ich zu ihm sagen soll«, fuhr sie still fort. Andrea hatte die Hand ausgestreckt, und Astri hatte sie ergriffen, ohne sich dabei etwas zu denken. »Du sollst das nicht tun, Astri. Du fühlst doch, daß es falsch wäre?« »Es ist geschehen, Mutter; darüber ist gar nichts mehr zu sagen. Das ist mein Urteil . – – Du sollst nicht so entsetzt dreinschauen, wir haben doch alle miteinander unser Urteil? Ärmer ist niemand!« Sie schaute hinaus, weit, weit hinaus. Es war so, wie es zu sein pflegte, dort. Nein, nein. Das dort draußen kümmerte sich gewiß nicht um den Kleinkram, mit dem man sich abplagte. Getrennte Wege 1 Den Tag darauf sollte Aasel zur Stadt, es war ihre alljährliche Fahrt, und Astri sollte sie wie gewöhnlich begleiten. Odin fuhr sie bis nach Segelsund. Er sah, daß Astri ein wenig verändert war, wunderte sich jedoch nicht darüber, denn ihm selber erging es ebenso. Den ganzen Weg lang dachte er daran, es war beinahe so, als redete er mit ihr: Jetzt war er ein Sklave und kein freier Mann, denn er hatte nun soviel für sie hingegeben – er hätte noch viel mehr vermocht, um sie sich zu bewahren. Der Sklave war vielleicht der einzig glückliche Mensch auf der Welt. Nein, er war nicht glücklich darüber, nicht eigentlich, daß er sie besaß, er empfand mehr eine glückliche Angst darüber, daß er sie hätte verlieren können, ja, daß er sie immer noch verlieren könnte. Und sich ihrer nie sicher fühlte, nicht so sicher, wie andere Leute sich ihres Besitzes fühlten. Er stand hinten auf dem Wagen und schaute ihren Rücken an, der so mutig anzusehen war; und der Hals leuchtete so wunderbar weiß und fein, so lebendig gelblichweiß; und ihr Haar war braun , wie er es noch nie bei einer anderen gesehen hatte, dunkelbraun mit einem Schimmer von Sonnengold darin. – Laß dir Zeit, sagte er zu diesem Nacken, deiner werde ich schon einmal Herr werden, ich will dich zurückbiegen und züchtigen, bis nichts mehr daran ist, was sich gegen mich auflehnt, bis sie nachgeben, die Augen und das ganze Mädchen. Über mehr hat ein Mann noch nie geherrscht, nein. Er bemerkte nicht, wie still die beiden Frauen dasaßen. Als er unten am Ufer den Wagen wendete, fragte er, wann man die beiden zurückerwarten könnte. Aasel nannte irgendeine Zeit. Da aber dreht Astri sich zu ihm um, sie steht dicht neben ihm und schaut ihm in die Augen, läßt den Blick über sein Gesicht gleiten, als wolle sie sich die Erinnerung daran einprägen, so dünkte es ihn; dann sagt sie leise: »Auf mich wirst du lange warten müssen. Wenn es überhaupt einen Sinn hat zu warten.« Er sieht halb von oben auf sie herab, lächelt ihr sogar ein wenig zu: »Ja, ja, ja. Du kommst eben, wann du kommst.« Dann fuhren sie fort. Aasel hatte vielerlei Dinge im Kopf, sie mußte für eine lange Zeitspanne einkaufen, ging von Laden zu Laden und erkundigte sich und überlegte; denn Stadtleute waren Stadtleute, und Handel war Handel, es ging nun einmal nicht anders; und sie war vom Land, das konnte ihr ein jeder ansehen. Astri ging mit ihr und wartete geduldig. Auch ihr schien es, als müsse es so gemacht werden. Aber am nächsten Abend verließ sie die Großmutter plötzlich. Aasel fragte nicht, sie sah ihr nur nach, war vielleicht ein wenig unruhiger also sonst. Sie begriff, daß Astri zu Arne ging. – »Sie kommt wohl wieder«, tröstete sie sich. Astri ging geradeswegs durch den Garten und zu dem großen Haus, klingelte und wartete. Ein Mädchen kam heraus und fragte, mit wem sie reden wolle. Astri sagte es. Das Mädchen überlegte, die Hand auf der Türklinke, dann sagte sie, sie wolle fragen, und bat Astri, in eine Stube gleich bei der Tür zu treten. Nicht lange darauf kommt der Hausherr selber herein, Finne auf der Säge , ein großer alter Mann, und streng, mit einer Brille. – Mit Arne reden? sagt er. Wer sie denn sei, wenn er fragen dürfe? Astri war aufgestanden, und die Röte kam und ging flackernd über ihre Wangen, während sie sagte, wer sie sei. – »Haaberg?« murmelte er. »Ja, so. Ja, aber mein Sohn ist heute nicht recht wohl, er liegt zu Bett; kann ich ihm etwas ausrichten?« – »Nein.« – »Ja, Sie müssen entschuldigen, Fräulein – – guten Morgen!« Der große alte Mann verbeugte sich und war schon wieder draußen; dies alles ging so still und sicher vor sich. Astri tritt ein paar Schritte vor, und von neuem errötet sie, ein Ausdruck nach dem anderen jagt über ihr Gesicht. Dann aber bleibt sie stehen und betrachtet die geschlossene Türe vor sich, steht da und überlegt. Sie beißt sich in die Lippe, bis das Gesicht nach und nach weiß wird, und geht dann ruhig auf den Gang hinaus. – »Sollen sie mich denn wirklich hinauswerfen?« sagt sie und lächelt dabei; sie ist so zornig, daß sie weinen könnte. Sie erkennt am Geräusch, wo die Küche ist, und geht dorthin. Dort trifft sie das Mädchen, mit dem sie vorhin gesprochen hat. – »Ist er sehr krank, der Arne?« fragt sie. »Ja, wer weiß. Er liegt jetzt seit einigen Tagen – er spuckt eben Blut!« – »Das ist doch nichts Neues, bei ihm.« – »Nein, Sie wissen, er – – ja, das Fräulein kennt ihn, soviel ich höre?« – »Sonst stünde ich gewiß nicht hier. Du mußt ihn von mir grüßen. Von Astri Haaberg. Astri wirst du dir wohl merken können?« Sie hatte die Hand bereits auf der Klinke und wollte wieder hinaus. Da begann das Mädchen flüsternd zu erzählen, wie schlecht es hier im Hause jetzt stehe: »Finne hat mit dem Sägewerk aufgehört, oder vielmehr, man hat es ihm weggenommen, und Frau und Tochter sind bereits nach Süden zu ihren Verwandten gereist, kommen wohl überhaupt nicht wieder, nein.« Und jetzt würde hier wohl bald Auktion und Versteigerung sein, sie für ihr Teil habe sich bereits an einen anderen Platz verdungen. Und wenn Arne bettlägerig würde, jetzt in dieser Zeit, dann habe er's wahrhaftig nicht leicht – was sollten sie auch mit ihm anfangen? Doch, gewiß, er sei immer ein guter Junge gewesen, viel zu gut, soviel sie verstanden hatte, aber zu einer richtigen Wärme zwischen ihm und seinen Leuten sei es nie gekommen, er habe nie den Ehrgeiz gehabt, etwas zu werden . Und außerdem – – »Ja, grüß ihn recht schön von mir«, unterbrach Astri, sie sagte Lebewohl und ging hinaus. Das Mädchen hatte eine unangenehme Art zu reden. Als sie wieder auf dem Heimweg waren, fragte Aasel, wie es um den Arne stünde, ob er jetzt frischer sei, oder –? – Ach, es ginge so einigermaßen. Astri sah nicht so aus, daß Aasel Lust gehabt hätte, noch mehr zu fragen. Und als sie heimkam, leuchtete die Feierlichkeit förmlich aus ihr. Keinem, der mit ihr sprach, schenkte sie einen Blick. Man hätte glauben mögen, sie lausche auf das, was der Wind sagte, der jetzt von Südwesten her aufstand und schwer und sausend über die Häuser hinstrich. Odin waren die Tage, an denen die Frauen in der Stadt weilten, unerträglich lang erschienen. Er hatte schließlich ein Gefühl, als kämen die beiden nie wieder. Überdies war das Alleinsein mit Andrea alles andere als angenehm, und es schien, als ginge es auch ihr in diesem Punkte nicht besser. Jetzt, da die anderen daheim waren und er Astri wieder sah, so wie sie war, blieb er oft lange stehen und schaute in die Luft hinaus. Aasel kam eines Tages zu ihm und fragte ihn, ob er sich mit Astri auskenne. – Nein? – Und mit ihr geredet hatte er auch nicht? Er schüttelte den Kopf und schaute wieder weg. – »Nein, nein?« seufzte Aasel. Da sagte er, hell und gleichmütig: »Es braucht seine Zeit. Sie muß Frieden haben. ›Es wird sich alles wieder wenden‹, sagte der Mann, als ihn das Weib in der leeren Tonne auf den Kopf gestellt hatte.« Aasel aber schüttelte besorgt den Kopf: »Du weißt, wie es ging – – mit der Elen hier, mit deiner Mutter, ja, und mit deinem Vater. Dein Vater war auch so: man mußte alles in Frieden lassen, alles sollte so geschehen, wie es geschehen wollte – – ich verstehe das so gut, ich auch. Hab selber oft Lust gehabt, die Welt so zu nehmen. Das ist ein gefährliches Spiel, Odin, das ist unerlaubt!« Odin lachte ihr zu: »Glaubst du? Ich wage es trotzdem, ich. Denn was geschehen muß, das wird geschehen. Manchmal wenigstens. Und die Astri – –« Er ging an seine Arbeit. Mit Astri wollte er schon noch fertig werden, wenn die Zeit kam. »Hab keine Angst!« äffte er Aasel nach. Denn treu, das war sie, wie die Berge ringsum. Wie der blaue Himmel selber. War sie das etwa nicht? Doch, und wenn sie es nicht war, was sollte man dann mit ihr? Nein, er wollte nicht mit ihr reden. Aber nach ein paar Tagen tat er es doch. – »Du bist so still?« sagte er. – »Schon möglich.« – »Von mir aus kannst du es gerne sein, weißt du. Aber dich freigeben, das tu ich auf keinen Fall, daß du's nur weißt.« Sie sah ihn groß an, und lange. In ihren Augen war noch nie ein Funke von Angst gewesen. – »Sagst du das wirklich, Odin?« – »Ja, was sollte ich denn sonst sagen?« Da war es gleichsam, als reiße sie sich mit einem Ruck los: »Ich bekam heute einen Brief von Arne. Nein, gestern war es. Er nimmt Abschied von mir. Er wird jetzt sterben.« Odin schwieg dazu. Sie sah, wie ein Schatten über sein Gesicht rann, und nun schwand die Wolke vor der Sonne und ließ es deutlich werden. Es war seltsam jung, sein Gesicht, wie ein kleiner Knabe nur erschien er ihr, wie ein leichtlebiger, den so schnell nichts angreift. – »Aber ist es nicht merkwürdig«, sagte sie, »daß er gerade jetzt so krank werden mußte –. Wie ein Zeichen, findest du nicht? Der Doktor sagt, er begreife es nicht, wie es so schnell kommen konnte.« Odin schweigt immer noch, und sie steht da und sieht ihn an. Regenschwer braust draußen der Frühlingswind. »Du sollst es wie ein Mann tragen, Odin – du sollst nicht mehr an mich denken. Wir beide waren es eben nicht –« Er tritt dicht an sie heran, umfaßt ihre Hände. Sonnenlicht und Schatten tanzen in dem Raum, wo sie stehen, und auch draußen über allen Wiesen und Hügeln, es springt und lacht, springt und lacht, nichts als Übermut und Gedankenlosigkeit, und von Zeit zu Zeit kommt ein Regenschauer herab, auch nur einer, der im Übermut dahinspringt im Mai. Dazwischen hinein läßt der Wind sich lauter vernehmen, er singt so, wie ein jeder es hören will. »Bist du nicht recht bei Trost, Astri? An was denkst du eigentlich? Du mußt doch wohl –« »Es ging doch so rasch mit ihm«, sagte sie still. »Und jetzt liegt er dort allein, kein Mensch kümmert sich um ihn.« »Ja, aber hör nun, Astri, wir haben ja die Zeit vor uns, wir können ja – –« Sie schüttelte den Kopf, sie ist wohl weit fort von allem, was er sagt. »Wir zwei hätten es trotzdem nicht werden können.« Er ließ ihre Hand los. »Zum Betteln tauge ich nicht, das weißt du. Und dich zu bitten, es zu überlegen, nützt auch nichts; das hast du schon getan, das höre ich.« »Du sollst mir lieber helfen, du!« sagte sie. »Es ist nicht so leicht. Es wird schwer genug mit der Großmutter und der Mutter.« »Aber in Gottes Namen, Mädchen, an was denkst du denn eigentlich?« Sie stand da und schwieg. Ihre Blicke lagen wie zwei schwere Hände auf ihm und drückten ihn nieder. »Ich muß ihn heiraten.« Sie brachte es sogar über sich, ihm zuzulächeln, denn jetzt wurde sein Gesicht so seltsam. Aber es dauerte nicht lange, dann schoß ihm die Röte wieder in die Wangen, er packte Astri, als wolle er sie schütteln, bis sie wieder zur Vernunft käme: »Das tust du nicht, Astri! Das tust du nicht! Du ? Du wirst deiner Großmutter nicht den Kummer machen, und denk doch an Haaberg und alles andere – nein! Von mir selber will ich nicht einmal reden, das ist nicht – –« »Nein, das sollst du nicht. Du sollst mich freigeben – bist du nicht Manns genug, um das zu tun? Dann will ich dich auch nicht haben. Du sollst dein Recht abtreten.« »Das geschieht nimmermehr!« Aber als er diese Worte gesagt hatte, hielt er inne. Er mußte lange so gestanden haben, als er Astri sagen hörte: »Jetzt dachtest du an deinen Vater, nicht wahr?« Odin sah auf und sammelte sich rasch. »Ja, das tat ich wohl, gewiß tat ich es, ja.« »Aber ich, Odin, ich habe keinen Vater. Ich muß ohne ihn zurechtkommen. Doch ich glaube zu wissen – – daß er mit mir einig gewesen wäre. Geringer war er nicht; das fühle ich.« »Ja, ja, also«, sagte Odin. »Dann ist nichts mehr darüber zu sagen.« Er gab ihr die Hand, schämte sich dabei ein wenig, tat es aber trotzdem – Astri umschloß sie mit ihren beiden Händen: »So mußte es gehen, Odin. Mit uns.« »Ja, wer kann das wissen, aber –« »Du bist so stark, du – wir zwei hätten sicher nicht zusammengepaßt.« Odin hörte nicht, was sie sagte. Verhielt es sich wirklich so, daß er durch das hier hindurch mußte, so war der Weg wohl auch gangbar, und sie noch mehr zu plagen, war ein Unrecht. Jetzt war sie fortgegangen. Nur noch die Sonnenkringel lagen auf dem Boden. »Sie haben kein Recht zu dem hier!« sagte er laut. »Aber nur zu!« Er wollte hinuntergehen, ihm war leidlich gut zumute. Da durchlief es ihn wie etwas Neues, das, was sich soeben zugetragen hatte. Er setzte sich auf das Bett. Odin und Astri redeten in den folgenden Tagen nicht viel miteinander. Erst mußte sie mit Aasel und der Mutter fertig werden, und danach hatte sie noch mehr als genug zu tun. Sie mußte sogar zum Pfarrer gehen. Irgendeine Veränderung war ihr nicht anzumerken, abgesehen davon vielleicht, daß sie ihre Augen meist woanders hatte als dort, wo sie ging, und daß sie noch ein wenig wortkarger war als zuvor. Bisweilen sah sie Odin an, gleichsam, als grüble sie darüber nach, was in ihm wohne. Er fragte sie eines Tages, was Aasel dazu sagte. – »Ach, nichts weiter.« – »Aber sie sagt nie ein Wort darüber zu mir – sie ist wohl ganz entsetzt?« – »Sie war entsetzt, ja. Zunächst. Aber ich glaube, sie versteht mich. Ich glaube sogar, sie sagte: ›Ich erkenne mich selber wieder.‹ Und zum Schluß meinte sie: ›In Gottes Namen denn!‹ Sie versteht mich.« – »Ja, ja. Etwas Ähnliches war zu erwarten. Ich habe es ihr angesehen, wenn ich mir's recht überlege.« – »Ja, und dann sagte ich noch, daß wir beide, du und ich, doch Geschwisterkinder seien, sie verstand gewiß auch das.« Odin ließ sie wieder allein; denn jetzt war sie schon tief in ihren eigenen Gedanken, sie merkte kaum, daß er noch dastand. Das Maiwetter pfiff um die Häuser mit Wind und Regen, es brauste über die Erde hin, daß es eine Lust war. Odin zog sich an und machte sich auf den Weg, hinaus zur Arbeit, ihn dünkte, er sei sein Leben lang hier umhergegangen: Prickelnde Schauer schlugen ihm entgegen, und die Erde war naß und klebrig unter den Füßen, und Haaberg ringsum war wie ein großes und ernsthaftes Gesicht, das ihn überallhin begleitete; dann kam die Sonne wieder heraus, hoch über den Wolken, und tauchte das ganze Land in erstauntes Licht, man konnte den Ton, der davon ausströmte, hören, wenn man wollte – und dann ging's wieder blindlings in Dunkelheit und Regenschauer hinein. Und die Arbeit war noch immer getan worden, mit leichtem Sinn und mit schwerem Sinn, durch dick und durch dünn, das hatte man hier nie so genau genommen. Seufzen, das mochten die anderen, so empfand er es. Und so stand es in der Schrift oder irgendwo: »So wie deine Tage sind, so soll auch deine Stärke sein.« Vielleicht hatten sie das gar nicht einmal gehört, jene, die früher hier lebten; jene, die den Weg hier heraufgefahren waren, die Türen und Schwellen hier abgenützt hatten, sie hatten hier so gut gelebt, wie sie konnten, auch ohne dies. Aber Astri, die hatten sie nie gesehen. Die Häusler waren früher oft auf Haaberg und halfen bei der Arbeit. Es war noch jetzt wie früher, wenn Haaberg nach ihnen ausschickte, so kamen sie, wenn sie konnten; aber jetzt arbeiteten sie um Tagelohn. Für Odin waren es trotz allem Häusler, er dachte in diesen Dingen nicht anders. Manchmal, wenn Aasel weiter nichts gesagt hatte, fragte er die Männer bei irgendeiner Arbeit um Rat, aber er tat es mehr, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen; sie wußten so vieles darüber, wie es früher hier gewesen war, und jeder für sich bedeutete eine kleine Welt, die Odin gerne kennenlernen wollte. Oft, wenn er zwischen ihnen dahinging, durchfuhr ihn eine Erinnerung an jene Zeit, da er mit Muscheln und Steinen spielte: Sie bewegten sich so willig dorthin, wo er sie hinwies, und kamen und fragten um Rat, wenn es not tat, oder auch sonst einmal, und am lustigsten war es, wenn sie aufmuckten und die Zähne zeigten, nahe daran, nicht zu gehorchen. Aber sie gehorchten dennoch. Odin sah ihnen nach, wie sie so dahingingen. Anton Bekken, der Älteste unter ihnen, war seit Kristens Ableben Säer auf Haaberg. Odin fuhr mit der Egge hinterher. Sie treffen oben beim östlichen Ackerrain zusammen, und die Pferde bleiben stehen und schnuppern zum Säbottich hinüber. – »Ja«, sagt Anton zu den Gäulen, »ich höre es schon, aber – – der Bauer steht ein wenig zu nahe.« – »Gib nur jedem eine Handvoll«, sagt Odin. – »Wie du willst. Ja, dieses Jahr säe ich wohl für dich?« – »Ach nein, o nein. Da wollte ich euch schon anders antreiben.« – »Nun, was das Antreiben betrifft, so – aber du läßt es dir doch nicht entgehen? Und die Astri, eine bessere bekommst du nicht fürs Haus. Sie hat das Zeug zu einer Großbäuerin; das kannst du mir glauben. Aber spute dich, das sage ich dir, wer weiß, wie lange sie auf einen wartet. So, jetzt wollt ihr mich zum Dank wohl gar noch selber auffressen. He, he!« Am gleichen Abend sagte Aasel zu ihm: »Du gehst jetzt fort von uns, du also auch?« Von uns, sagte sie; Odin dünkten diese Worte immer tiefgründiger, je länger er darüber nachdachte. Und ihr Gesicht – durch das blies bald der Wind hindurch, so dünn war es. Daß ein Mensch zu gleicher Zeit so ängstlich und doch wieder so unerschrocken sein konnte! – »Nein, ich gehe nicht fort«, sagte er. »Kann ebensogut hierbleiben.« Sie sah ihn an, sagte jedoch nichts. Dann fuhr sie sich über die Stirn und seufzte: »Hm, hm! Daß es mit der Astri so gehen mußte wie mit ihrer Mutter? He? Das ist das Urteil, sagt sie.« »Irgend etwas muß man ja wohl sagen!« 2 Astri hatte allein fortgehen wollen. Aber Aasel hatte ihr ins Gewissen geredet und sie umgestimmt, und so durften sowohl Aasel wie die Mutter mitkommen. Später war Astri froh, die beiden bei sich zu haben, es war trotzdem noch schwierig genug, mit allem zurechtkommen. Vielleicht empfanden die anderen es auch als einen Trost, daß sie ihr nach besten Kräften helfen konnten. Sie hatte beinahe jeden Tag an Arne geschrieben, und zuletzt hatte sie ihm mitgeteilt, an welchem Tag sie käme. Andrea hatte sie gefragt, was er darauf geantwortet habe. – »Was er geantwortet hat? Nichts weiter. Er muß doch wohl einsehen, daß es keinen anderen Ausweg gibt?« Den Otte hatte sie gebeten, vorauszufahren und ein wenig außerhalb der Stadt eine Wohnung für sie zu mieten. Er hatte ein gemütliches kleines Haus unten am Meer gefunden. Arne mußte hingefahren und sogar hineingetragen werden. Lebensmittel und alles, was sie sonst noch brauchten, sollten ihnen durch einen Mann besorgt werden, der täglich mit dem Boot zur Stadt ruderte. Arne hatte sich in den Kopf gesetzt, daß er nicht von einem Pfarrer getraut werden wollte. Lieber wollte er, daß Astri einfach so bei ihm bleiben und ihn pflegen sollte. Sie schüttelte nur den Kopf. Nahm seine Hand und sah ihn eine Weile an. Da gab er nach. Andrea erbot sich, dazubleiben und bei ihm zu wachen, die Nacht vor der Trauung, und das nahm Astri an. Dann fügte sie hinzu und sah einmal die Mutter und einmal den Otte an: »Ihr könnt ja alle beide hier wachen.« Und später, als sie und die Großmutter bereitstanden, um in die Stadt zu gehen, betrachtete sie Andrea mit schmalen Augen und sagte, nun stünde sie ihnen ja nicht mehr im Wege; nun wolle sie am liebsten, daß alles ins Gleis komme. Sie sah die Großmutter an, die mit ganz unendlich matten Augen dastand. – Sie könnten doch der Großmutter schließlich die Freude machen. »Ich bin ihr eine Hochzeit schuldig, an der sie Freude hat; eine schönere, als diese hier werden wird.« Sie war sich nicht bewußt, daß es fast aussah, als lache sie. Dann drehte sie sich um und trat wieder ans Bett. Sie küßte Arne auf die Stirn und blieb noch eine Weile über ihn gebeugt stehen. Hinter ihrem Rücken gaben sie sich gewiß die Hand; es war still wie in der Kirche, bevor ein Brautpaar aufgeboten wird. Sie sah kreidebleich aus, als sie sich wieder herumdrehte, mochten die anderen in Gottes Namen die Tränen sehen. »Ihr müßt es um der Großmutter willen tun«, sagte sie noch einmal. Astri hatte bestimmt gewußt, daß es regnen würde, wenn sie heiratete. Das tat es auch. Sie merkte es erst, als der Pfarrer und Arnes Vater gekommen waren, als die Stube vor lauter Feierlichkeit still wurde. Wie eine Türe schlug es sich vor ihr auf, und der Regen murmelte und flüsterte in einem fort, ein milder aber starker Laut, genau so hatte sie es gehört, wenn sie versuchte, es sich auszudenken. So hatte sie auch das Gras gesehen, draußen auf der Wiese, und das Laub an dem Baum gleich hinter dem Haus, das Gras dunkelgrün vom Regen, und das Laub hell. Ihr schien es, als sei es um ihretwillen so. Als sei es ihr so zugedacht. Aber zur Mutter sagte sie: »Es regnet, Mutter. Regen auf die Brautkrone, hm? Das bringt Glück?« Die Mutter war bleich, aber sie lächelte. Dann fand die Trauung statt, und dann sollten die anderen fortreisen. Finne, der alte große Mann, legte seine Hand den Neuvermählten aufs Haupt. Er sah unsäglich müde aus, als er ging, aber er drückte allen miteinander warm die Hand. Aasel ließ sich Zeit. Endlich brachte sie es heraus: Sie bat, ob sie nicht hier eine Tasse Kaffee trinken dürften, ehe sie fortführen. – »Ja, freilich!« sagte Astri, ihre Stimme klang hell – »natürlich sollt ihr Kaffee bekommen, ich dachte selber schon daran.« Und dann blieben sie miteinander allein, er und sie. Da sagte Arne: »Aber du hättest es nicht tun sollen. Astri!« – »Hätte ich nicht? Weil es zu spät ist?« – »Nein«, lächelte er, »es ist nicht zu spät, aber –« – »Ja«, sagte sie, als eine Weile vergangen war, »ich habe schrecklich Angst gehabt vor dem Tod, das muß ich gestehen. Jetzt will ich es mit ihm aufnehmen und ihn zur Tür hinausjagen – ja, du verstehst schon, daß ich nicht nur deswegen zu dir gekommen bin? Denn ich mußte kommen. Und jetzt bin ich hier, nicht wahr?« Er nahm sie bei der Hand und zog sie zu sich aufs Bett herunter. – »Wenn ich dich festhalte, dann glaube ich fast, daß ich schlafen kann.« – »Du sollst jetzt schlafen!« Und gleich darauf schlummerte er ein. Und dort auf dem Bettrand oder auf dem Stuhl neben dem Bett saß sie fast die meiste Zeit, in den drei Wochen, die er lebte. Sie hatte eine Lagerstatt, auf der sie ausruhen konnte; aber in den Nächten wagte er kaum, ihre Hand loszulassen, er war ängstlich wie ein Kind und schrak sofort zusammen, wenn sie aufstand, und tagsüber gönnte er ihr erst recht nicht viel Ruhe. – »Du hast solange geschlafen«, klagte er. – »Nicht mehr als zwei Stunden.« – »Nicht mehr? Ich dachte – – es wären mindestens fünf oder sechs.« – »Ist es denn besser, wenn ich hier sitze?« – »Ja, hörst du!« So fragte sie oft. Kurze Zeit, ein oder zwei Tage lang, sah es aus, als habe die Krankheit nachgelassen. Der Husten klang nicht mehr so hart, und der Schlaf war gleichmäßiger; an einem Tag schliefen sie beide mehrere Stunden. In der Nacht darauf lag er da und sah sie an, ließ den Blick nicht von ihr. Ihre Hand hielt er so fest, daß es brannte. – »Astri!« flüsterte er. – »Astri!« Da stand sie auf, mit brennenden Wangen, schwer und ernst. »Ja, Arne. Ich kann es dir nicht abschlagen. Mag kommen – was da kommen mag.« Sie schaute zum Fenster hinaus. Draußen war hellgraue Nacht. Das Laub rührte sich im Wind und trug den Hauch am Strand entlang; alles war so merkwürdig weit von ihr fort. Und ruhig und ernsthaft, wie sie aufgestanden war, zog sie sich aus und legte sich neben ihn. – »Ist hier auch Platz für mich?« sagte sie. Gegen den Morgen zu, als sie aufstand, sagte er klagend: »Daran hattest du nicht gedacht, Astri, als du herkamst!« – »Nein, vielleicht nicht. Nein, wenn ich ehrlich sein soll. Aber jetzt gehörst du mir, Arne!« Aasel und Andrea kamen ein paarmal und schauten sich nach ihnen um. Odin fragte nicht, wie es stünde, aber er ging den Frauen auch nicht aus dem Wege, wenn sie kamen. Er wartete ruhig, bis Aasel sich zum Erzählen anschickte. – »Die Astri hat jetzt ihren Kampf bald zu Ende gekämpft«, sagte sie das letztemal. »Ein wenig müde ist sie, ist wohl schon lange nicht mehr aus den Kleidern gekommen, die arme Haut, aber im übrigen kommt sie gut zurecht.« Und dann fügte sie hinzu: »Sie sah wohl keinen anderen Weg als den hier.« – »Nein«, meinte Odin. – »Wer doch nur wüßte, ob sie wieder hierher kommt!« – »Das glaube ich doch wohl.« – »Aber dann gehst wohl du fort?« – »Ja, kann sein.« – »Weit fort, hm?« – »Ich weiß nicht. Ich möchte einmal etwas Richtiges anpacken. Möchte hinaus und mich auslüften. Aufs Meer hinaus, glaube ich.« Sie saß still da und sah ihn an. – »Du hast auch keine dickeren Backen bekommen«, murmelte sie. »Mein Gott, bist du jetzt mager!« Da ging er von ihr fort. Mit ihrer Hoffnung mag sie allein fertig werden, so gut sie kann, sagte er zu sich. Ich habe ein Stück meines Lebens weggeworfen, ich habe mehr weggeworfen, es kommt nicht darauf an. Aber ich glaube, ich muß mich jetzt bald auf die Beine machen. Ein anderer sein. Im übrigen war das Leben friedlich. Er saß oft oben auf der Last, wenn er von weit draußen heimfuhr, saß da und sah allerlei vor sich. Er sah so vieles. Oft sah er, wie klein doch alles war, wenn es einem eine Zeitlang schlecht ging, nicht anders als ein Punkt am weiten Himmel. Bisweilen wimmelte es ihm nur so entgegen, ein Gesicht nach dem anderen, wie seinerzeit, als er noch ein Knabe war, jene Tage rückten ihm wieder so lebendig nahe, mit sonnigem Strand und abendlichen Schatten, ein großes wildes Land, und dann kam die Gemeinde und das Land und belebte sich vor ihm und machte ihn warm und unruhig; sie wollten ihm wohl keinen Frieden mehr gönnen? Ja, in Holz sollte es nicht geschnitzt werden. Aber manchmal hörte er den Ton und den Takt darin und Wort für Wort, große und starke Worte, von denen er wenig gewußt hatte, es konnte einen ganz kalt überlaufen, in ihm steckte ein Fremder und sang. Blickte er dann auf, so lag der Sommertag vor ihm und lächelte allwissend, die Welt mit dem großen hellen Antlitz; und in weiter, weiter Ferne war Astri, er konnte sie gerade noch erkennen. – Du hast dich gründlich verlaufen, sagte er zu ihr. Auch du hast ein paar Jahre und noch mehr weggeworfen. Es kommt nicht darauf an. – – – Als Arne gestorben war, schrieb Astri heim. Der Brief war diesmal an die Mutter gerichtet. – »Er starb heute nacht«, schrieb sie. »Es war gegen Morgen, und draußen war es hell, ich hörte die Vögel singen. Er starb so schön, es war gar nicht schwer, weder für ihn noch für mich. Das Sterben ist so etwas ganz anderes, als ich früher glaubte. Und jetzt fahre ich mit ihm nach Süden hinunter, der Sarg kam heute. Denn er soll nicht hier begraben sein, da seine Leute fortgezogen sind. Ich habe telegraphiert, daß man mich am Kai abholen soll. Und wenn die Großmutter fragt, so sage ihr, ich glaube, er ist selig gestorben. Ja, ich bin dessen sicher. Ich mußte ihm aus der Bibel vorlesen, und er glaubte alles, wenn ich es glaubte.« Dann bat sie noch, man möge ihr Geld senden, und schrieb, daß man sie um die und die Zeit daheim erwarten könne, und jetzt müsse sie schließen. Aber trotzdem schrieb sie noch eine Seite lang, denn sie sei so wach, sagte sie, sie sitze da und schaue in den hellgrünen Tag hinaus. – »Nein, Mutter, ich sitze nicht hier und weine; aber ich will mich nur nicht hinlegen, es ist viel zu hell und still, ich habe noch nie ein so schönes Wetter gesehen. Und wenn ich weiterhin die bleiben könnte, die ich jetzt bin, dann wollte ich mich nicht groß davor fürchten, jung zu sterben, ich habe es jetzt überstanden. Mir ist, als säße ich hier und redete mit Dir, und der Arne ist dabei und hört zu, mir ist, als hätte ich soviel mit Dir zu reden. Denn auf Haaberg kann es nie so still werden, wie still es dort auch sein mag. Aber vielleicht kann ich von nun an ein wenig mehr mit Dir reden als bisher, es will mir heute so scheinen – daß ich anders bin als früher. Lebwohl, Mutter! Ich wünsche Dir alles Gute, und der Großmutter auch.« An diesem Abend ging Odin zu seinem Vater. Aus dem Brief hatte er nichts weiter herausgehört, als daß Arne tot war. – »Aber daß sie diesmal an ihre Mutter geschrieben hat«, sagte er vor sich hin. »Und daß ich dadurch einsamer geworden bin?« Der Vater war verlegen, als er ihn sah. Odin hatte schon früher etwas davon bemerkt, einen scheuen kurzen Blick aus seinen Augen, oder eine Art Erinnerung an etwas, das sich zwischen sie drängte, so daß es ihnen schwer fiel, miteinander zu reden. – »Es muß schon Jahr und Tag her sein, seit ich das letztemal hier war?« Odin stand da und schaute um sich. »Die Jahre, die ich hier war, gingen so rasch dahin, ebenso wie das Jahr in der Stadt. Ich weiß kaum mehr, daß ich einmal hier saß und an irgend etwas herumbastelte, und wer weiß, woran ich dabei dachte? Nein, ich erinnere mich nicht mehr daran.« Otte antwortete nichts darauf, und das steigerte ihn hinein, so daß er viel mehr sagte, als er wollte. Und mittendrin auf einmal drehte er sich zum Vater hin, schaute ihn an und sagte mit einem harten, kurzen Ton: »Nein, jetzt mußt du mich schon ablösen, komm lieber du nach Haaberg und bleib dort. Doch, anders geht es nicht, es ist mein Ernst – du wirst doch wohl auf einem Hof zurechtkommen, wenn du nur willst? Beim Essen zum mindesten, und bei der Feldarbeit auch. Es hat doch keinen Sinn, die ganze Zeit dazusitzen und irgendwelche kunstvollen Sachen zu machen! Das ist ganz schön und gut, weißt du, aber es ist nicht genug! Und sie erwarten dich. Ich will nun einmal hinaus, das Meer hat lange genug auf mich gewartet, hat beinahe ein Recht auf mich, von früher her. Hm? Was sagst du dazu? Ja, diesmal mußt du schon daran glauben; bis sie einen ordentlichen Knecht finden auf jeden Fall.« Otte fragte, ob sie etwas aus der Stadt gehört hätten. – »Ja, er ist jetzt gestorben.« Odin wurde sofort brennend rot. – »Während der Nacht«, fügte er hinzu. In diesem Augenblick wurde er sich bewußt, daß er gehört oder gesehen hatte, wie die Leute vor dem Vater verlegen wurden, sie schauten am liebsten in eine andere Richtung und rückten nicht mit dem heraus, was sie eigentlich hatten sagen wollen. Odin zuckte ein wenig mit der einen Schulter: »Ja, du versprichst es mir also, nicht wahr?« Otte wollte es sich überlegen. – »Es sieht beinahe so aus, als würde er es tun«, sagte Odin zu sich; der Vater stand da und kaute an einem Hobelspan und schaute vor sich zu Boden. Und Odin nahm ein kleines Brett, das dort lag, ein schönes Stück aus Mahagoniholz mit einem geschnitzten Tierkopf darauf. – »Wenn sie bloß leben würden, diese Sachen hier«, sagte er. – »Leben sie nicht, findest du?« – »Doch, doch. Als ich klein war, fand ich, daß alle Dinge lebten, die ich nur ansah, ich konnte jedes Stück Holz zum Leben bringen, wenn ich nur wollte. Aber ich denke jetzt an die Menschen, an Menschen und Tiere, an lebende Geschöpfe: Die sind trotzdem lustiger, die da leben und irgend etwas tun – so daß man sie nur zu lenken und dahin oder dorthin zu stellen braucht; das war es, was ich meinte. Wie in den Büchern, he?« – »Ja, leben denn die ? So?« – »Ja, das will ich meinen! Ich habe sie immer rings um mich, bisweilen die ganze Schar, und sie leben und sterben, daß es eine wahre Lust ist! Und so ist es in der ganzen Gemeinde; wenn man ihnen nur richtig nahe kommt, das ist eben die Kunst. Aber jetzt ist eine Zeitlang das Meer an der Reihe. Ich muß es erproben – – ja, das weißt du ja schon auswendig. Und auf Haaberg kann ich wohl grüßen und sagen, daß du kommst?« Er müsse es wohl tun, trotz allem. Otte sah auf und zog die Augenbrauen hoch; das war seine Art, zu lächeln. Jetzt bewegten sie sich stärker, die Brauen, und die Augen schienen Odin entgegenzutreten, sie waren durchaus nicht mehr scheu. Der junge Kerl hatte solch eine starkes Wesen, in seiner Stimme und im Gesicht und in allem, es ging ordentlich ein frischer Wind von ihm aus, der den Alten närrisch machen konnte; man konnte sagen, was man wollte. Jetzt lachte Otte: »Was sagst du, wenn es mir einfallen sollte, mich zu verheiraten, Odin?« »Was ich sage?« Odin blinzelte ein paarmal. »Was ich sage? Du bist ja jetzt in dem Alter dazu, sage ich vielleicht.« – »Und deine Großmutter? Glaubst du, daß sie etwas gegen eine kleine Hochzeit einzuwenden hat, wenn es einmal so weit ist? Aber was ich eigentlich sagen wollte, ich dürfte jetzt wohl nicht vorher dort sein, wenn es wirklich dahin käme?« – »Wieso?« – »Nun, du weißt ja: die Leute!« – »Aus denen machst du dir doch nichts.« – »Ja, meinst du? Du solltest das nicht so bestimmt glauben, Junge. Daß du dir nur nicht auch einmal etwas aus ihnen machst. Sie haben schließlich ihr Recht. Das ist auch ein Recht, darfst du nicht vergessen.« – »Darüber haben wir schon einmal gesprochen, Vater; wir werden nicht einig.« – »Nein, nein. Wir werden schon einmal einig darüber, glaub mir's. Aber ich werde nach Haaberg gehen, wenn ich hier alles in Ordnung gebracht habe.« Otte kam ein Stück weit mit. Über den Mooren leuchtete es schon blau, wie in den Nächten mitten im Sommer, und der Laubwald kleidete alles ringsum in ein grünes Gewand, der niedrige Birkenwald war so dicht und weich. Der Meereswind schlief nicht, von Zeit zu Zeit strich er herauf und brachte sich in Erinnerung, grau und wach, aber er hatte nichts Böses im Sinn. Raschelnd kam er über die Hügel am Meer herauf, strich über die Wiesen, daß es hinter ihm weiß aufleuchtete, mit heftigen striegelnden Böen; dann plötzlich wurde er wieder sanft und fuhr nur gleichsam mit der Handfläche über den Laubhang – der ward so von Herzen froh davon. Da sagte Odin: »Bisher hast du wohl noch nie darüber nachgedacht, was aus mir einmal werden wird?« – »Nein; allerdings kaum.« – »Ich auch nicht. Irgendwo wird es wohl geschrieben stehen?« Otte gab keine Antwort, und Odin ging eine Weile dahin und pfiff leise. – »Aber ist es nicht merkwürdig«, sagte er, »daß ich ganz ruhig dabei bin, es kommt schon mit der Zeit, dünkt mich, und das genügt mir – und dann wieder kann mich die Angst packen, gerade als könnte es zu spät sein?« Er hätte noch mehr gesagt, aber in diesem Augenblick sah er Astri so deutlich vor sich, der Wind trug sie ihm gerade entgegen: und die Nacht rings um ihn und alles in ihm veränderte sich, es erwachte und fand sich allein und in Qual. »Es muß doch wohl vorübergehen«, sagte er; es war nicht viel Stimme in ihm. »Du mußt es aushalten, heißt es im Märchen!« lachte Otte. »Das Wetter ist ja so schön.« So redet das Alter, dachte Odin. 3 Eines Tages sagte Aasel von selber, sie meine nun, Odin solle einmal fortfahren. Ihr käme es so vor, als solle er jetzt nicht mehr länger dableiben. Odin stand da und sah sie an, so daß er kaum hörte, was sie sagte, hätte beinahe vergessen, zu erzählen, daß er ohnehin schon sozusagen im Begriff sei, fortzureisen; er wunderte sich darüber, wie jemand so stark sein konnte wie sie. Sie war nicht alt und stumpf, man konnte sehen, ein jegliches Ding ging durch sie hindurch, wie der Luftzug durch die Türe, und die Angst saß in jedem ihrer Züge und hielt sie hellwach: es sollte allen gut gehen, allen rings um sie. Sie lebte dahin und sah der Zukunft entgegen und wartete; er wußte nicht, worauf sie wartete, aber der Tod war es nicht. Ihr die Hand zu geben und Abschied zu nehmen, war merkwürdiger, als er geglaubt hätte. Er sagte etwas, was er eigentlich nicht hatte sagen wollen: »Ihr wißt, daß ich wiederkomme.« – »Das ist es ja, woran ich glaube«, sagte sie. Er kam in die Stadt und verheuerte sich auf ein Holzfrachtschiff, das mit dem Baumaterial für eine Kirche in die Gegend von Tromsöy sollte. Das Holz war schon verladen, es war ein reiner Zufall, daß er hier mitkam, ein Mann war krank geworden. Er kam gegen Abend aufs Schiff, und am Morgen sollten sie den Anker lichten. Und erst als die Segel gehißt wurden, kam der Schiffer an Bord. Odin wurde es ein wenig eng um die Brust: Der Schiffer war Lauris . Lauris grüßte ihn nur im Vorübergehen, ohne das geringste Erstaunen, er hatte jetzt anderes zu beobachten. Später kam er dann herbei und wechselte ein paar Worte mit Odin, es war fast, als hätten sie sich erst kürzlich noch gesehen, oder als hätten sie verabredet, miteinander zu segeln. Jetzt wunderte auch Odin sich nicht mehr über das Zusammentreffen. – »Natürlich mußten wir uns treffen«, sagte er zu sich selber; »das hast du doch schon immer gewußt, schon seit du ein kleiner Bub warst.« Lauris war der gleiche wie früher, man konnte ihn für irgendeinen der Burschen an Bord halten, glattrasiert und jung, und die Augen goldbraun und sprühend von lauter Leben. Dazwischen hinein konnten sie ganz glashart werden, wenn ihm irgend etwas gegen den Strich ging, und im übrigen sahen sie aus, als wüßten sie alles, was zu wissen notwendig war. So kam es wohl auch den Leuten auf der Jacht vor, sie hielten sich gerne in einiger Entfernung von ihm und drehten sich flinker herum, wenn er zusah. Odin hörte, daß er bereits ein bekannter Schiffer sein sollte, und er konnte sich das gut zusammenreimen. Schwerer fiel es ihm, zu begreifen, daß Lauris bereits Geld gespart haben und die Hälfte des Fahrzeuges besitzen sollte, denn er hatte ihn früher nie anders als leichtsinnig und ohne Geld gekannt. Aber im Grund war wohl dies der richtige Lauris: einer, der anders war, als die Leute dachten. Sie wurden gute Freunde auf der Fahrt. Lauris kam oft in den Mannschaftsraum vor und saß bei Odin und unterhielt sich lange mit ihm, wenn das Wetter es erlaubte, so daß die anderen sich ordentlich über ihn wunderten; denn die sah er selten, außer wenn sie mit Branntwein an Bord kamen. Und jedesmal kam er auf die alten Zeiten zu sprechen, und jedesmal sagte er, er wolle das Meer aufgeben und Landwirt werden – welchen Hof sollte er kaufen? Vennestad oder Haaberg? – »Du zielst auf etwas ab, wenn du so redest, das höre ich«, sagte Odin eines Abends. – »Ja, worauf wohl, was meinst du?« – »Nein, das weiß ich nicht und hab auch nicht vor, es herauszubringen.« Immer und immer wieder ertappte er sich dabei, daß er dasaß und auf diese Schifferseele herabsah, so wie man sich oft über einen Hund mit Menschenverstand wundern kann. Dann wurde er ärgerlich über sich und wünschte fast, nicht an Bord gekommen zu sein: Denn er ist doch wirklich ein Mensch, dieser Lauris, und noch dazu einer, der über die anderen hinausragt. – »Und du sitzt da und grübelst über tiefere Dinge nach, soviel ich sehe«, sagte Lauris oft. Odin konnte nicht unterlassen, dem anderen mitten ins Gesicht zu sagen: »Ich sitze da und wundere mich darüber, daß jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen muß. Und daß es so leicht sein soll, auf den herabzuschauen, der einen anderen Weg geht als man selber.« Die übrigen durchfuhr ein leichter Schreck, aber Lauris nickte nur, ja, ja, so sei es wohl. Es geschah oft, daß Odin Lauris einen Hieb versetzte, nur um zu fühlen, daß er das Recht habe, zu sagen, was er meinte. Er traf dabei nicht, aber darauf kam es ihm auch nicht an. Nach solch einem Gespräch wanderte er dann oft in der blauen Nacht auf Deck umher, statt zu schlafen. Sie lagen fest, wegen der Windstille. Das Land stand da und schlief, im Osten, Haupt an Haupt und Schulter an Schulter. Im Westen lagen Inseln und Meer wie eine Luftspiegelung des Himmels da. Aber im Norden war es, als wache die Sonnenglut über einem volklosen Land. Blickte Odin nach Süden, so schien ihm auch dort alles ganz gleich, öde und tot überall. Da war es merkwürdig, darüber nachzudenken, was ein Mensch war. Ein Unding, so schien es ihm, ein krabbelndes und geschwätziges Ding, das sich und seinen Unfrieden überall auf der Erde hintrug – mit einem guten Kern im tiefsten Innern; und mitten drin auf einmal schliefen sie ein und starben von allem weg. Mitten in solchen Gedanken kam oft Astri zu ihm. Da hatte er eine seltsame Empfindung; er hätte sich hinsetzen und ein Lied über sie singen mögen. In ihm lebte ein Reichtum von schönen Worten auf, und eine Sehnsucht danach, die Herzen der Menschen zu rühren. Zum Schluß bekamen sie einen ordentlichen Westwind, einen günstigen Wind. Gelöscht war die Ladung in einem Nu, und als sie die Segel wieder setzten, blies der Nordwind, als hätte man ihn gerufen. – »Ich hab das so an mir«, sagte Lauris nur. Hinter seinen Gesichtszügen lächelte es gewiß, und Odins Gesicht wurde hart wie vor einem Trugbild. – »Wie gefällt dir Nordland?« Lauris sah in die Luft und spuckte aus. – »Weiß nicht«, sagte Odin und ging seiner Wege. – »Weiß nicht«, sagte er später zu sich selber. »Aber jetzt segeln wir.« So frisch ging es dahin, es wehte einem fast die Haare vom Kopf. Jetzt steckte sie die Nase ins Wasser, die Alte, die Jacht; und die See blieb schäumend hinter ihr zurück: Immer wilder und wilder wurde sie, schoß dahin wie eine gepeitschte Ziege. Odin stand grau und ernsthaft da, mit gespreizten Beinen wie irgendein alter Seemann, aber er lachte durch und durch. So, nun kam ihr die See entgegen – das war eine andere Nuß zum Beißen; ein Wasserberg nach dem anderen wälzte sich heran, erst der eine, dann der andere und dann noch einer! Wie ein Wal brach sie sich Bahn, wie ein blinder und gejagter Wal. Schließlich stand alles um sie in Gischt und Schaum. Die Jacht wurde winzig klein, zum Schluß, mußte sich einen Weg finden zwischen den Wasserbergen, wo eigentlich kein Weg war, nur Abgrund auf Abgrund und Stoß auf Stoß, und sie wimmerte und klagte, daß es einem dabei kalt über den Rücken laufen konnte. Aber nach Süden ging es, wunderbar nach Süden, daß ihnen das Land entgegenrannte und an ihnen vorbeischoß, man wußte kaum mehr, wo man war. So ging es auch wohl dahin, wenn das Schicksal einen in der Hand hatte. Da erst erkannte Odin, daß hier ein Wille war, der lenkte, und das war Lauris. Der hatte nur dagelegen und geschlafen, ehe sie in den Westfjord kamen, dann stand er auf und übernahm das Ruder und ließ es nun nicht mehr los, bis sie südlich im Brönnöy-Sund einen Nothafen aufsuchen mußten. Lauris spuckte den Kautabak in den Gischt hinaus, er traf mit Odin in Lee der Kombüse zusammen, als sie gerade mit dem Vertäuen fertig waren. »Nun, was sagst du? Dir taugt die See, scheint mir?« »Ja, jawohl!« »Du siehst übrigens so aus, als stecke dir gar mancherlei im Kopf. So ist es mit mir auch. Ich denke an vieles, ja, an viele Dinge, Junge! – – Wir müssen uns an die Mutter Erde halten, wir; und an die Menschen.« Odin schüttelte das Wasser ein wenig ab und ließ Lauris stehen, er wollte hinunter und sich schlafen legen. Am Tage darauf schliefen sie aus, und später fuhren sie bei sanftem Wind heimwärts, kreuzten Tag und Nacht und erreichten die Stadt an einem schönen Morgen gerade bei Sonnenaufgang. Als alles an Bord fertig war und die Leute schlafen gehen wollten, kam Lauris und fragte Odin, ob sie nicht lieber an Land rudern und ein Glas Bier trinken wollten. »Da treffen wir alte Bekannte«, lächelte er. Odin konnte nicht nein sagen. Erschöpft und müde stand er vor Lauris, und das ärgerte ihn. Kaum waren sie an Land, sagte er: »Ich weiß noch nicht, ob ich mittue. Ich habe hier nichts zu suchen.« – »Du meinst mit diesem elenden Jachtschiffer zusammen?« Lauris stieß ihn in die Seite und lachte. – »Ja, ganz richtig!« lachte auch Odin. Dieser aalglatte Jachtschiffer, dachte er; es liegen doch tausend Meilen zwischen ihm und mir. Aber Odin kam dennoch mit. Sie gingen die Straße hinauf und traten durch ein kleines Tor. – »Aber war das Tor denn nicht verschlossen?« wunderte sich Odin. Lauris gab keine Antwort, er klopfte an eine Tür im Hinterhof. – »Ja, diese Weiber!« seufzte er. während er dastand und wartete. »Ich pflege sonst nicht so kurze Zeit in Nordland zu bleiben.« Er wurde böse und klopfte hart: »Willst du wohl aufmachen, du Schlafhaube!« Endlich fragte eine Frauenstimme, wer draußen sei. – »Ich, denke ich!« – »Wer ist das?« flüsterte Odin. – »Mein Mädchen, zum Teufel. Die Karen-Anna.« Jetzt sah Odin, wie ein Vorhang sich bewegte, und zugleich las er das Wort Schneiderin auf der Tür vor sich. Richtig, er hatte ja gehört, daß sie jetzt hier war. Odin ging seiner Wege, auf die Straße hinaus und zum Hafen hinunter. – Karen-Anna, sagte er ein paarmal. Die Sonne ging über dem Fjord auf, und der Morgenwind trug ein paar Silberböen hinaus, da und dort auf dem schwarzen bodenlosen Spiegel, dem Sonnengold entgegen. Da rauscht ein großer Dampfer um die Landzunge. Mit weißen Schaumwächten als Schnurrbart. Er stößt einen langen hellen Ton aus, der von Berg zu Berg ins Land hineinrollt, und schwingt im Bogen zur Brücke heran. Unten sind schon ein paar Leute, und an Odin springen zwei oder drei Männer mit Koffern und Reisetaschen in der Hand vorüber, ein verschlafener Hoteldiener kommt mit dem Handkarren hinterdrein. Odin läßt sich Zeit; dies hier war ihm so willkommen. Da redet einer dicht hinter ihm, die Worte greifen so roh und aufdringlich nach ihm: »Erwartest du vielleicht Bekannte?« Es war Lauris. »Ja, ja, jetzt wollen wir einmal schauen, wie das Fahrwasser hier aussieht. Und wenn du der Erbe von Haaberg bist, dann kommst du jetzt mit an Bord des Dampfers und stiftest eine Flasche Branntwein, ich wurde so durstig, als ich den Kerl pfeifen hörte.« – »Erbe, ich?« – »Nein, nein, wir können ja spleißen wegen der Flasche, meine ich; wir zwei Hundsfötter von Kjelvika und der Gegend da draußen. Hm?« – Odin lächelte nur. – »An dir ist Hopfen und Malz verloren«, seufzte Lauris. Es gingen nicht viel Leute an Land, eine Touristengesellschaft, die schon von Pferden und Wagen erwartet wurde, zwei, drei Handlungsreisende mit ihrem Gepäck und einige Männer und Weiber mit Körben oder Kisten. Zuletzt kam noch eine hochgewachsene Dame allein. Sie war schwarz gekleidet vom Kopf bis zu den Füßen und trug einen schwarzen Schleier vor dem Gesicht. – »Nein, jetzt glaube ich gar –!« sagt Lauris und geht sofort auf sie zu. »Ja, guten Tag, guten Tag, Astri! Kennst du mich denn wieder?« Es war wirklich Astri. Ihr Blick fiel auf Odin. Er stand in seinem Schiffsanzug da: »Bist denn du da?« – »Ja, und du auch? Bist du jetzt erst gekommen?« – »Ja, ich habe doch heimgeschrieben?« – »Ich war fort, hab mich verheuert, wie du siehst, wir kamen erst vorhin an, vom Norden her. Ein reiner Zufall, daß ich an Land ging und hierherkam.« Sie ließ ihre Blicke über ihn hingleiten. Da erst bekam er ihr Gesicht eigentlich zu sehen. Ihre Augen schienen verwacht, sie zwinkerten so langsam und grau, und so bleich war sie, daß ihn dünkte, das Gesicht flimmere ganz weiß gegen das Schwarz. Sie fragte, ob bald ein Schiff fjordauswärts ginge. Lauris antwortete, daß sie noch einige Stunden warten müsse. Er steht da und sieht sie an, und sie fühlt sich dabei wenig wohl und versucht wegzuschauen. Dann gehen sie zur Stadt hinauf. Odin hat ihren Koffer an sich genommen. Die Morgenstille hat sich wieder über die Stadt gelegt, man kann sie fast in den Straßen singen hören. Der Wind steht von den Bergen herunter und ist frisch wie klares Wasser; er gemahnt an Wiesen und Wälder. Odin lief voraus und bestellte in dem gleichen Hotel, in dem die Kaufleute abgestiegen waren, ein Zimmer für Astri. – »Aber ich will mich nicht hinlegen«, sagte sie, »ich kann jetzt doch nicht schlafen. Wollen wir nicht lieber irgendwo hinausgehen, du und ich?« Lauris verabschiedet sich und geht. Sie schlendern dahin, zwischen kleinen freundlichen Häusern, die in der Sonne liegen und schlafen, zwischen Äckern und Bäumen, die im Tau blinken. Jeder Halm und jedes Blatt ist mit schimmernden Perlen überzogen. Weiße, stille Wolkenballen liegen darüber, unendlich hoch droben, und zwischen ihnen leuchtet der Himmel hervor, so unergründlich blau. Vor ihnen blitzt der Fluß, der hier in den Fjord einmündet. »Bist du es denn wirklich?« sagt Odin. »Ja und nein.« Auf einem Hügel blieben sie eine Weile stehen; dann machten sie kehrt und gingen zum Friedhof hinunter, gingen zwischen den Bäumen hin und her und betrachteten die Grabinschriften, und setzten sich auf eine Bank. – »Nein, der Arne sollte nicht hier liegen«, sagte sie. – »Daß du es fertigbringst, von ihm zu reden«, meinte Odin still. – »Ja, ich wundere mich selber darüber. Aber ich bringe vieles fertig. Unglaublich viel«, fügte sie hinzu. Sie erkundigte sich, wie es auf Haaberg stehe, und wollte dann wissen, wie es ihm auf seiner Segelfahrt ergangen sei. – »Nur großartig; beinahe so, wie ich es immer geträumt habe. Es tat so gut, ein wenig hinaussegeln zu können. Die See und ich, weißt du – und die Jacht ist ein aufrichtiges Fahrzeug, wie Lauris immer sagt. Aber das Nordland war mir zu stark. Damit wurde ich nicht fertig, diesmal noch nicht. Und manchmal legte es sich mir ganz eng um die Brust, in einer stillen Stunde, mir war, als wolle mich etwas ganz Unglaubliches erfassen, mir begegnen; es drohte mir fast wie ein Schicksal, ich begreife es nicht.« Im übrigen erzählte er fast nur von Lauris. Es tat gut, von ihm reden zu können. – »Das ist ein seltsamer Heiliger. Ein allwissender Teufel, er sagt mir alles, was ich denke. Und ein Held auf dem Meer!« – »Daß du ihn ertragen kannst!« wunderte sie sich. – »Das ist es ja gerade. Mir kommt es manchmal vor, daß er das ist, was ich hätte werden können. Ich trage ihn sozusagen in mir; ich könnte leicht so werden wie er. Er und ich, das gäbe einen ganzen Kerl. Mitten im schlimmsten Wetter stand er oft da und behielt mich im Auge, stand da und wußte genau Bescheid über mich, das ist es, was mich so reizt. Böse, sagst du? Nein, das ist er auch nicht. Das ist er nicht, bestimmt nicht. Ich habe ein wenig darüber nachgedacht, was es bedeutet, böse zu sein; ich habe in letzter Zeit viel über die Menschen nachgedacht. Manchmal schien es mir, als brauchte ich nur ihn kennenzulernen, um die Menschen zu kennen – – die auf Haaberg haben sicherlich nie etwas von den Menschen rings um sich gewußt. Glaubst du nicht auch?« Astri war schon wieder in anderen Gedanken, und Odin schwieg eine Weile. – »Ich würde sie kennenlernen«, sagte er leise, »ich gehöre zu ihnen. Aber jetzt mußt du auf dein Zimmer und dich schlafen legen, ich seh dir's an.« – »Nein, nein!« Sie schüttelte den Kopf. Dann blickte sie zu ihm auf, gleichsam durch den grauen Schleier vieler durchwachter Nächte, aber mit dem gleichen furchtlosen Blick in den Augen: »Sag mir eines, Odin: War es schlimm, daß ich mit uns beiden Schluß machte? Zogst du deshalb von Haaberg und der Großmutter weg? Denn dann würde ich wieder fortfahren, ich gehöre ja doch nicht dorthin.« »Es ging so, wie es gehen mußte. Ich war nicht der Richtige – – ich paßte nicht dorthin.« Wie ein Beben kam es über ihn, und durch die Luft und durch das Laub rann der gleiche warme Atemzug: das, was früher einmal war. »Es war so seltsam, dich zu verlieren, aber –« Sie stand auf und ging aufs Friedhofstor zu, er folgte ihr und betrachtete dabei ihren Rücken, denn der war noch unverändert jung. »Warum kann nicht das geschehen, was geschehen muß !« Er brach einen Zweig in mehrere Stücke. »Das geschieht «, hörte er sie murmeln. Aber mitten auf dem Weg wandte sie sich ihm wieder zu. Da war ihr Gesicht hell, und sie ließ die Blicke auf ihm ruhen: – »Sag mir, was du werden willst. Im Ernst! Denn mich dünkt, ich habe ein Recht, dich danach zu fragen, trotz allem.« – »Ich will Dichter werden!« lachte er. – »Dichter? Kannst du denn nicht ernsthaft reden! Dichter?« – »Ja, mein Kind, und zwar ein großer! Nein, ich will nicht irgendein Buch zusammenschreiben, wenigstens nicht vorläufig. Will nicht Lieder schreiben und auch keine Gedichte, das, fände ich, wäre eine Schande – ich habe so viele gemacht auf der Fahrt nach Norden, aber –« – »Worüber denn?« – »Nun, über – – nein, es ist ja gleichgültig. Aber ich habe mir etwas Merkwürdiges ausgedacht. Ich will die Menschen nehmen und sie herzeigen. Ich mag die Menschen. Sie herzeigen, verstehst du.« – »Schauspiele also.« – »Jawohl, so nennt man es wohl. Ich war tüchtig beim Zeug und schaute sie mir immer an, in jenem Winter, als ich in Drontheim lebte. Aber ich will nicht irgendeinen Unsinn schreiben über Liebst du mich ? oder Das Schicksal trennt uns , davon steht schon genug in den Büchern, und außerdem sollte ich jetzt damit auch fertig sein. Ich will die Menschen so zeigen, wie sie durch die alten Zeiten und durch Dunkelheit bis hierher gekommen sind, mit lauter bösen Mächten rings um sich. Ich will den zeigen, der es mit dem Satan aufnahm – und siegte, denn er ist der Größte. Siegte, ja, so daß die anderen Mut fanden, zu atmen und zu lachen, wie es ihnen gefiel, das war ein großer Tag, er währte viele Hunderte von Jahren, vielleicht. Oh, meine Liebe, ich sehe sie, sie kommen alle miteinander, schütteln Dunkelheit und Zaubermächte ab und taumeln blind ins Licht, bleiben stehen und starren mit offenen Augen, sehen fast gar nichts. Mich dünkt, ich sei mitten unter ihnen, als habe ich die ganze Fahrt mit ihnen gemacht, in Blindheit, überall! Ich will euch jenes Mal zeigen, da sie einander gewahr wurden, und dann das andere Mal, da der eine oder andere sich selber gewahr wird. Und zum Schluß sollt ihr den Kampf sehen, den großen Kampf, in dem alle gegen einen und einer gegen alle ist. Ihn, der alles verliert und trotzdem gewinnt. Und vieles andere.« Astri stand da und wagte nicht zu atmen. Denn so hatte sie ihn schon früher gesehen, so hatte ihr sein Antlitz entgegengeleuchtet, so blankäugig und glücklich wie ein Kind – das war nun lange her. – »Siehst du es denn?« – »Ja, freilich sehe ich es! Manchmal wenigstens. Ich sehe es so, daß es in mich hineinsickert, daß mir der Atem vergeht: vorwärts und immer vorwärts! im Glück und zum Abgrund hin – und manchmal sehe ich einen, der gerettet wird. Ich sehe, wie das Leben ununterbrochen das Gesicht wechselt! Und dann alle Ereignisse, die zum Leben erwachen und sich aufbauen – das wird ein kunstvolles Spiel werden!« Ob es darum sei –? fragte sie. Daß er so lebe, als – als sei er allein gegen alle? – »Ja doch. Ja gewiß! Doch freilich, und rings um uns, das ist ein gefährlicher Tanz. Oder vielleicht soll er erst kommen.« »Und das hast du mir nicht erzählt, Odin?« »Nein, das tat ich nicht. Ich glaube kaum, daß ich es früher wußte.« Astri ließ ihre Blicke von ihm fortwandern; sie schweiften weit hinaus. Sie zwinkerte mit den Augen, wie Aasel, fand er. »Darum also, vielleicht – – kam alles so, wie es kam?« sagte sie, still und verwundert. »Aber manchmal rinnt es nur wie ein Lied durch mich. Ich will nun abwarten und fühlen – –« Sie wanderten wieder zur Stadt hinunter. Die fing jetzt an zu erwachen. Es sah fast aus, als blende sie das Glitzern des Fjords in den Augen. – »Aber wenn es dahin kommt, daß die beiden einander heiraten, dann versprichst du mir, zur Hochzeit zu kommen, nicht wahr? Denn dann können wir wie Geschwister sein, du und ich, nicht wahr?« Jedes Wort, das sie sagte, fuhr ihm wie eine Hand über den Körper, auf der bloßen Haut. Sie war immer noch die Astri, und jetzt redete sie mit ihm. »Es ist wohl schwer für dich, mit mir zusammen zu sein?« fragte sie, als einige Zeit verstrichen war. »Ach nein, nein. Nicht so sehr.« 4 Das Boot kam gegen sechs Uhr abends nach Segelsund. Aasel saß bei Frau Mina in der Stube und wartete, als Astri ankam. Sie saß am Westfenster, so daß die Sonne von hinten her über sie hereinflutete, das Gesicht aber lag im Schatten, man konnte gerade noch die Augen erkennen. – Sie hat sich nicht einmal bis zur Brücke hinuntergetraut, dachte Astri – da hat sie gehörig Angst. Aber die Aasel hielt ihre Hand nur ein wenig länger fest als sonst und betrachtete sie nur kurz: willkommen wieder daheim! Jetzt wandte Astri sich zu Mina und begrüßte diese. Minas Gesicht war jung und frisch wie immer, aber es war ein fremdes Gesicht, das sah Astri sofort. Sie begrüßten einander kühl, und Astri drehte sich wieder zur Großmutter um und versuchte zu lächeln, gerade als hätten sie gestern noch miteinander gesprochen. – »Ja, ja, Kind, da haben wir dich also wieder«, sagte Aasel. Ja–a, da sei sie nun, und jetzt könnten sie vielleicht weiterfahren? Sie freue sich trotzdem darauf, nach Haaberg heimzukommen. – Trotzdem? meinte Aasel erstaunt. Astri lächelte ruhig und wollte etwas sagen, wollte sich sogar schon neben sie hinsetzen, in dem Augenblick aber kam Oheim Ola herein. Dick und rund und mit leuchtend weißem Schädel, die Augen waren wie zwei schmale Striche im Gesicht; sie flogen gleichsam in der Stube herum und fingen die drei Frauen ein, nahmen sie und hielten sie des Spaßes halber vor sich hin dann hielten sie Astri allein fest. Es war ein merkwürdiges Licht in ihnen, fand sie, eine Art gutmütiger Bosheit, der zu begegnen ganz lustig war. Sie erinnerten sie an das Leben und an das, was in weiter Ferne lag, sie stellten sie wieder mitten dort hinein. Im übrigen war alles miteinander hier ein Traum, die Sonne da draußen, und die Großmutter hier drinnen und alles, was ihr vor die Augen kam. »Ja, Astri, Astri!« kicherte er. »Du steckst uns alle ein!« er seufzte ergeben und sank auf einen Stuhl. Da wurde Mina gesprächig, schneidend scharf und unbeirrt klang es durch die Stube und durchfuhr sie alle: »Was glaubst du, ist er selig gestorben?« »Der Arne?« fragte Astri. »Ja, das ist er«, sie begegnete ihren Blicken und sah wieder weg, gleichgültig. »Was sagte er denn?« Astri ließ wiederum ihre Blicke über sie hingleiten, ganz kurz nur, und wandte sich zu Aasel: »Wie steht es daheim?« – »Ach, leidlich, danke!« Jetzt aber hatte Mina zu reden angefangen. Sie redete von Gottes Wegen, die unerforschlich seien, und dann vom Tode, der auf den Menschen warte, und dem Gericht danach. Astri stand still, als höre sie zu; es war eine lange Epistel. Es war nicht Minas Sprache und erst recht nicht ihre Meinung, es war ein neuer Mensch, ein merkwürdiger Mensch, und es fehlte nicht viel, dann kamen ihr die Tränen. – »Da gehe ich hinaus«, dachte Astri, »das will ich nicht sehen.« Aber zu den Worten Tod und Gericht nickte sie zustimmend. – »Und du selber, Astri, wie ist es mit dir? Hast du darüber nachgedacht?« Astri sah sie fast entsetzt an: »Was – – wonach fragst du mich?« – »Ob du siehst, auf welchem Weg du wanderst, frage ich.« – »Ach so!« Astri fühlte sich erleichtert, ganz jung schaute sie drein: »Ja, und du?« Ola tat der Bauch ganz weh vor lauter Lachen, und Astri bereute, was sie gesagt hatte. In dem Augenblick kam die Magd mit dem Kaffee herein, und Mina stand mitten in der Stube und erlosch; nur noch ein ganz klein wenig Glut lag auf ihren Wangen. Die Augen wurden dunkel wie der Wasserspiegel, wenn der Wind darüber hinstreicht. – »Ja, wirklich, jetzt will ich, glaube ich, doch Kaffee haben«, sagte Astri. Aasel leuchtete bei diesen Worten auf. Sie hatte so still dagesessen, als sei sie gar nicht vorhanden. Jetzt nahmen alle vier am Tisch Platz. Auf einmal aber steht Astri auf, sie hat Tränen in den Augen und sieht die Großmutter an: »Nein, ich kann nicht, ich will lieber hinausgehen! Wenn ich erst daheim bin auf Haaberg, dann – –« Aasel wurde kreidebleich. Als aber Astri zur Türe draußen war, wandte Mina sich Aasel zu und sagte: »Daß ihr sie so habt fortfahren lassen! Daß ihr das Kind alles habt tun lassen. Was ihm nur einfiel, habt ihr denn gar kein Gefühl für Verantwortung?« Aasel räusperte sich ein wenig, und Mina hub wieder an: »Ihr habt doch eine Verantwortung vor Gott zum mindesten!« – »Ja«, antwortete Aasel still. »Sein Wille geschieht, so müssen wir glauben.« Mina wurde flammend rot und ihre Mundwinkel vertieften sich. – »Nur Ausreden«, sagte sie aufgebracht. »Und außerdem weiß man ja noch nicht, wie das hier weitergehen wird, sie kann ja schon angesteckt und krank sein, und weshalb mußte sie denn vorhin hinauslaufen? Und solch eine Schande !« Da brummelte Ola, die Hände über dem Magen gefaltet: » Entflieh, o Welt, aus meinem Herzen !« Aasel aber ging sanft darüber weg, mit einem Seufzer, und hielt den Kopf dabei geneigt: »Ach ja, ja, so ist es! Schlimm ist es, wenn man Kinder hat, und schlimm ist es, wenn man keine hat. Aber Gottes Wille geschieht, das ist nun mein Glaube. Das nenne ich glauben. Nein, ich lebe nicht danach, nicht immer, Gott sei's geklagt, so bin ich nicht. Aber ich versuche es. Ja, und jetzt schönen Dank für den Kaffee!« Astri hatte vor dem Haus gestanden und zum Fjord hinuntergeschaut. Draußen auf dem Meer blies der Seewind, aber hier drinnen im Fjord erstarb er mit ein paar Seufzern; und die Strandschwalbe flatterte dahin und dorthin, auf und nieder, ein ratloser Vogel, in seinem Flügelschlag wie auch in seiner Stimme. Es war kein Sommer ohne sie, aber sie erfüllte ihn mit lauter Unruhe. Und drinnen saßen sie in der gleichen Unruhe. Tri, tri! hätten sie am liebsten gesagt, genau so wie die Strandschwalbe; denn sie wollten so gerne ihrem Schicksal entkommen und wußten doch nie, wo es ihrer wartete. Astri hätte beinahe gelacht, wie sie so dastand: »Tri, tri, tri!« Langsam und gemächlich ging es durch das Land und heim nach Haaberg. Astri hätte gerne mit der Großmutter geredet, aber noch war es ziemlich weit bis zu ihr hin. Früher war das gar nicht schwer gewesen; da war sie nur ein Kind für sie, konnte von allem reden, was ihr nur einfiel. Da fing Aasel an. – »Hier in der Gemeinde hat es wieder einmal eine große Erleuchtung gegeben. Sie haben, glaube ich, Stock und Stein bekehrt. Meinetwegen, mir ist es gleich. Wenn sie wirklich Trost darin finden, so wird's schon nötig sein. Und die Mina, das arme Ding, sie ist die Eifrigste von allen – ja, du hast es ja selber gehört.« – »Ja, ich sah es gleich, als ich hereinkam. Es war nicht sie selber – sie konnte einen verbrennen mit diesen Augen; und was für einen seltsamen Zug sie um den Mund hatte, das war das Glück mitten im blutigen Unglück. Ich sah es und vergaß es dann doch gleich wieder. Sie gab mir nur die äußersten Fingerspitzen! Jetzt erinnere ich mich.« Astri lachte. – »Du solltest nicht darüber lachen.« – »Ja, aber ich tue es trotzdem. Ich lache übrigens auch über den Unsinn, den Odin redete, ich sprach mit ihm in der Stadt. Daß es einmal einen gegeben habe, der den Menschen die Angst genommen habe; so daß sie zu atmen wagten, sagte er. Das wäre mir so eine Hilfe! Sie sind furchtsam und bleiben furchtsam. Weil sie ausreißen wollen.« Aasel seufzte ein paarmal. – »Aber die Mina, mir ist, als wäre ich an ihrer Stelle. Ihr Mann ist nur ein kläglicher Wirrkopf, und nicht einmal der Richtige für sie, und ihr Herz ist so groß und stolz; und die Sünde ist hinter ihr her und will sie hinunterziehen, dorthin, wohin sie nicht will, und der Widerstand läßt nach. Wo soll man dann hin? Nein, ich sage nichts darüber. Mina rast gegen alle. Denn sie rast gegen sich selber. Gegen ihr Herz, oder wie ich es nennen soll. Ja, und dann gegen den Mißerfolg auf allen Seiten, sie ist abgearbeitet, die arme Haut. Ich fürchte, es kommt bald zu einer Versteigerung, auf dem Hof dort. Und was sagst du dazu, Astri?« – »Ich?« – »Ja, du und ich. Dein Vater wollte ihnen schon einmal helfen. Aber er kam dann nicht dazu. Statt dessen wurde ihnen von einem anderen Verwandten geholfen; er hat ihnen viel geholfen, leider; er hat sie ganz und gar in der Hand; er saugt sie aus. Hätten sie nicht diesen Ladengehilfen, dann wäre es schon lange aus und zu Ende. Dein Vater wollte, wie gesagt – aber.« Astri stieg ein leichtes Rot in die Wangen. »Du weißt, daß ich will.« »Ja, ja«, sagte Aasel. Sie wollten nun einmal abwarten. Den Odin habe sie wohl nicht in der Stadt gesehen? Er müsse jetzt doch schon bald dort sein? – »Doch, freilich; ich sah ihn schon. Er war der erste, den ich sah; ich redete mit ihm, ich habe dir's doch erst vorhin erzählt.« Aasel sagte nichts mehr. Ein langes Stück weit fuhren sie im Schritt dahin, obgleich es bergabwärts ging. Sie fuhren durch Birkenwald und durch Fichtenwald und an Mooren entlang und durch eine Talsenkung. Die Abendsonne lag über den Baumwipfeln. Berge und blaue Luft. Und immer stiller und stiller wurde es. – Es läutet wie eine große Glocke, dachte Astri; das halte ich nicht aus. Daß sie kein Wort mehr sagt! – Da raffte sie sich auf und zeigte dem Gaul die Peitsche: »Ja, ja, den Odin habe ich getroffen. Und immer noch ist es nicht unmöglich. Immer noch kann es mit uns beiden etwas werden.« »Ja, ist das dein Ernst, Astri?« Astri lachte leise trillernd und sieht in die Luft hinaus, sie ist glühend rot geworden: »Nichts ist unmöglich, sage ich. Wir sollen den Glauben nicht verlieren. Denn – – es steht nicht so um mich – – wie die Mina glaubt. Es war nur so merkwürdig für mich, wieder mit Menschen zusammenzukommen, ich mußte hinaus.« Aasel sah zu ihr auf, so daß Astri vor ihren Augen erschrak; denn so ungefähr mußte der ausschauen, dem Angst und Freude wie zwei Schwerter durchs Herz gegangen waren. So sah wohl die Großmutter aus, wenn sie froh war. Und dann endlich waren sie auf Haaberg. Astri umarmte die Mutter und weinte. »Das ist nun nicht zu früh!« sagte Aasel. Aber dann war wohl nicht mehr viel von Astri übrig, fürs erste, fürchtete sie. – – – Acht Tage später etwa fragte Andrea, was Astri dazu sage, daß nun sie sich verheiraten würde. Astri wurde seltsam eifrig. – »Das war es doch, was ich die ganze Zeit wollte, Mutter! Kannst du's denn nicht endlich glauben!« Der Segler 1 Odin tat sich wieder mit Lauris zusammen, der nach Norden fahren wollte, um Heringe zu kaufen. Es war nun das zweite Jahr, daß Lauris den Heringsaufkäufer machte. Das Geld dazu bekam er auf die eine oder andere Weise zu leihen, und die Galeasse mietete er. Odin wollte anfangs schon nein sagen, als Lauris mit ihm redete, er hatte sich bereits nach einem anderen Schiffer umgetan. Aber dann stach ihn die Lust doch wieder, und so hatte er, ohne lange zu bedenken, zugesagt. Denn wenn Lauris ihn mithaben wollte, warum sollte dann er vor ihm Reißaus nehmen? Zunächst fuhren sie nach Norden, segelten oder ließen sich bugsieren, und kamen als erste Käufer an den Platz, kauften gleich auf einmal eine volle Ladung und sandten sie mit dem Dampfer nach Süden. Andere, die es ebenso machten, verdienten riesig dabei, hörte Odin. Dann gingen sie wieder ein wenig südlicher, lagen vor Anker, kauften nur im kleinen und warteten ab. Lauris sagte in dieser Zeit selten ein Wort zu seiner Mannschaft. Endlich wurde südlich der Namdal-Gegend ein großer Fang gemacht. Lauris wartete, und andere kauften. Ein Fang nach dem anderen kam herein, und als der Preis auf etwa zwei bis drei Kronen die Tonne gesunken war, kaufte Lauris wiederum eine Ladung voll. Mit der wollten sie nach Drontheim segeln. Der Wind war ungünstig, und sie blieben in der Skarsbucht, außerhalb von Haaberg, liegen. Odin war ganz wirr und taumelig nach all dieser Arbeit mit den Heringen. – »Zum Teufel, wozu liegen wir hier?« sagte er ein paarmal zum Schiffer. – »Weil wir Gegenwind haben, glaube ich«, gähnte Lauris. »Was nimmt dich denn eigentlich so her?« fügte er hinzu. – »Ich wäre ja kein Mensch, wenn ich noch länger hier liegen könnte.« – »Ein Seemann soll kein Mensch sein, wie du das nennst.« – »Ich pfeife auf dich und deinen Kram, jetzt weißt du's! Zwei Dinge wünsche ich mir hier auf der Stelle, so wahr ich hier stehe. Erstens wollte ich, ich wäre wieder an Land und ein Mensch, und zweitens, wir segelten jetzt sofort und bekämen so viel zu tun, daß das ganze Deck von lauter Tagelöhnerinnen wimmelte und was du sonst noch willst. Aber du, du kannst ja nichts anderes, als nur Geld verdienen!« – »Ja, so ist es wohl, aber –. Ich werd's schon noch lernen.« Eines Tages war Lauris an Land und telephonierte in die Stadt. Er kam zurück mit einer telephonischen Nachricht von Haaberg an Odin, daß man dort mit ihm reden wolle. – »Haaberg?« sagte Odin; er sah mißvergnügt drein. Aber er ruderte doch an Land und telephonierte. Er traf Andrea am Apparat, und sie sagte, daß gerade sie mit ihm habe sprechen wollen. Sie lud ihn zur Hochzeit ein, zum kommenden Sonntag. – »Du sagst doch nicht nein, oder?« Die Stimme klang dicht an seinem Ohr. – Nein, er würde kommen. – »Ist es auch sicher?« – »Unbedingt«, lachte er. »Amen!« fügte er hinzu, als er das Hörrohr eingehängt hatte. Als Odin Lauris davon erzählte und sagte, er wolle einen Mann an seiner Stelle mieten, schüttelte Lauris den Kopf: Er wolle keinen Berglappen an Deck haben. Nein! Er schüttelte noch einmal den Kopf: »Nein, aber ich will dir etwas anderes sagen: wir bleiben hier über den Sonntag liegen und lassen die Heringspreise da unten im Süden steigen, und ich komme auch mit zur Hochzeit!« – »Ho–ho!« – »Ja, ich dränge mich mit Gewalt in das Reich Gottes ein, das sieht mir schon gleich. Und reiße es an mich, ja. Aber ich will dir nicht deinen Köder wegfressen. Ich habe hier in der Gemeinde mein eigenes Mädchen auf der Weide, auf Vennestad. Die Kristine, du kennst sie doch?« – »Hattest du nicht schon eine in der Stadt?« – »Versteht sich. In der Stadt auch eine, ja – die Weiber sind so auf mich versessen, ich kann mich ihrer gar nicht erwehren; sie sehen es mir schon von außen an, daß ich in diesem Punkt ein Narr und ein gutmütiger Kerl bin. Aber, wie gesagt – –« Sie standen vorn beim Gangspill, während sie miteinander redeten, mitten im Westwind und Regen. Odin durchzuckte eine Unruhe, und ihn dünkte, der Tag zeige ihm ein hartes Gesicht. Das Wetter tat ordentlich wohl, man konnte bis auf die Haut naß werden, und das brauchte man. Jetzt stand Lauris da und sah ihn von der Seite an. – »Die Sache ist die, Odin, und das weißt du schon von früher her, daß ich einmal ein großer Mann in der Gemeinde werden will, das ist nun mein Vogel. Der Tod auf der See ist ja auch ganz schön, das gebe ich zu, aber an Land sterben als ein Vater der Gemeinde, das ist das Höchste, nach meinem Geschmack. Und die Kristine wird einmal ein Prachtweib für einen Hof; sie kann Bürgermeisterin werden, wenn's sein muß. Odin, jetzt gehen wir hinunter in meine Bude und brauen uns einen Steifen – bist du mein Freund oder bist du es nicht? Ich habe einen feinen Branntwein, wenn ich mag, eine andere Sorte, wirst du sehen, als den Fusel, den ich den Fischern und den Heringsweibern einschenke – komm jetzt!« Odin schlenderte mit nach achtern und hinunter in die Kajüte, braunrot im Gesicht von Wetter und Salzwasser. – »Hast du schon eines beobachtet?« fragte Lauris; sie hatten gerade ihren ersten Schluck genommen. »Daß ich eine Arbeiterin nie auch nur mit einem Finger anrühre?« – »Was geht das mich an?« – »Sei doch nicht so widerborstig gegen einen Klotz wie mich. Wenn's dich auch nichts angeht, so kannst du dir's doch wenigstens merken, bis auf weiteres. Nie! Denke daran, Odin. Das kannst du mir bezeugen.« Odin blieb so lange, wie Lauris wollte. Es dauerte einige Zeit, ehe er die richtige Seite herauskehren konnte; später wurden sie dann lustiger. Am nächsten Tag sprang der Wind um, kam von Norden und verwandelte sich in die schönste Brise. Und so blieb es Tag für Tag, man fühlte förmlich, wie er einen mit sich reißen wollte. Odin stand da und sah immer wieder zum Himmel hinauf. – »Sollen wir nicht trotzdem fortsegeln?« fragte er den Schiffer. – »Weiß Gott, nein, das tun wir nicht!« Odin wanderte auf Deck umher, und der Nordwest frischte auf und blies, er pfiff und heulte allen um die Ohren und wollte sie mitnehmen. Kleine Böen flitzten an ihnen vorbei und stürmten ins Land hinein; die Wellen glucksten rings um das Fahrzeug, flüsterten und redeten mit ihm, man hätte doch auf sie hören sollen. Aber Lauris stand mit den Händen in den Taschen da und war zufrieden. – »Die auf Vennestad sind auch zur Hochzeit eingeladen, habe ich gehört. Und ein Schiffer ist wohl immer willkommen, das laß ich mir nicht nehmen! Ich freue mich, wie die Kuh auf den Klee.« Am Samstagmorgen ruderte Odin an Land und machte sich auf den Weg. Seine besten Kleider hatte er daheim beim Vater, und ohne ordentlichen Anzug ließ er sich nie bei der Kirche sehen. Der Vater war zu Hause, als er ankam, und sie blieben die Nacht über hier, aber am Sonntagmorgen gingen sie nach Haaberg, denn dort auf dem Hochzeitshof sollte das Frühstück gereicht werden, wie es der Brauch war. Er merkte, daß der Vater nicht recht zum Sprechen aufgelegt war, und ihm selber tat es leid, daß er gekommen war. Denn wenn einem hell und feierlich zumut ist, dann sollte man lieber allein sein. Sie hatten auf ihrem Weg einen tüchtigen Nordwest gegen sich. Große helle Wolkenballen segelten hoch oben dahin, und unten auf der Erde schoß ein Windstoß nach dem anderen wie ein Aal durch Moorgras und Heidekraut und Laubwald. Weiter draußen erblickte man gelbe Äcker, die unaufhörlich auf und nieder wogten; und hinter den Baumwipfeln sah man, wenn sie zur Seite schwankten, daß auf Haaberg bereits geflaggt war, es wehte und flatterte über den Häusern, leuchtend rot gegen die grauen Berge. – »Und das hier bin ich!« sagt Otte auf einmal. – »Ja, wir ziehen ja jetzt in die Stadt«, fuhr er nach einer kleinen Weile fort. – So, wollten sie das? – »Es wird wohl so kommen. Ich war den Sommer und den Herbst über auf Haaberg. Aber ich tauge nicht dazu.« – »Nein, der Hof macht einem schon zu schaffen.« – »Das ist es nicht. Aber ich bin zu feige. Wir sind heutzutage alle zu feige, ich kann es nicht anders nennen. Denn wenn man Bauer sein und auf Haaberg leben wollte, so müßte man – – sich gänzlich umändern. Man müßte weit zurückgehen in der Zeit – du verstehst, was ich meine?« – »Beinahe, glaube ich. Aber ich weiß nicht so recht – – man könnte doch ebensogut vorwärtsgehen? Ein Bauer von einer neuen Art werden, meine ich?« Odin war froh, daß sie jetzt etwas zu reden hatten. Sie redeten die ganze Zeit und wurden nicht einig. Es war keine große Hochzeit, und es gab weder Branntwein noch Tanz. Odin fühlte sich erleichtert, als die Trauung in der Kirche überstanden war. Er hatte die beiden oben beim Altar stehen sehen, so weit fort, zwei kleine Menschen, die dort zusammengegeben wurden. Er sah ihre Gesichter, als sie wieder herunterkamen, sie waren bleich und leblos; und die Leute traten unten an der Türe auf sie zu und gaben ihnen die Hand. Und er auch. Astri sah ihn ganz flüchtig an. Wie ein Nebel von verwunderter Scham lag es über ihren Augen, so furchtlos sie auch dreinblickten, und auf den Wangen brannte die Farbe, als hätte sie einer geschlagen. Er lächelte ihr zu, oder er glaubte es zu tun. »Was Gott zusammengefügt hat!« flüsterte er beim Hinausgehen dicht hinter ihr. Er glaubte zu sehen, wie sie bleicher wurde. Da sah er Lauris unter den anderen, im schönen blauen Anzug, lächelnd drängte er sich zu den Brautleuten vor und sagte ihnen irgend etwas Lustiges, lud sich gewiß selber ein, so freimütig, wie sich das nur machen ließ. Und jetzt begrüßte er Astri. Sie sah ihn nicht, hielt ihm nur eine kleine schwarzbehandschuhte Hand hin. Und dann stand er bei Kristine. Sie war fein heute, weiß gekleidet vom Scheitel bis zur Sohle, sie war Brautjungfer ! Als Lauris sie ansah, wurde sie zuerst weiß und dann rot. Da erst bemerkte Odin, daß Astri schwarz gekleidet war, in Trauer. – – – Die ganze Schar stand bei der Türe und sollte sich zu Tisch setzen. Da war Astri dicht bei Odin und wurde noch näher zu ihm geschoben und hingedrängt. Sie deutete mit dem Kopf zurück und zur Seite, und dort stand Lauris. – »Wie konntest du nur den mitbringen?« – »Er ist mein Schiffer«, lächelte er. »Und besser, als du glaubst.« – »Da gehört nicht viel dazu.« – »Und Hochzeit ist Hochzeit« – er sah sie ganz lustig an. Da wurde sie noch um eine Spur bleicher. Aber ihre Augen hielten seinen Blick ruhig aus, tiefgrau und groß. – »Ich redete ihnen zu«, sagte sie. »Ich redete ihnen zu!« – »Ja, gewiß. Ich höre es, aber –« Rings um sie drängten und schoben sich die Leute, denn alle wollten sich setzen, aber keiner wollte der erste sein, obgleich Ola Haaberg dort stand und sie lockte und rief und sie verhöhnte. Odin und Astri standen da, als wären sie allein mitten im dichtesten Wald. – »Hätte ich es etwa nicht tun sollen, Odin?« fragte sie, und jetzt klang ihre Stimme weicher. »So gib mir doch Antwort, Odin!« Odin wußte nicht, daß auch er erbleicht war, ebenso wie sie, trotz seiner wettergebräunten Farbe. Er stand da und betrachtete ihren Ring. Der war aus starkem Gold. – »Du hast sicher recht daran getan«, antwortete er. – »Und jetzt fahre ich nach Amerika.« – »Wenn ich dir dabei nur nicht zuvorkomme«, sagte er; er hätte sich jetzt gerne davongemacht, und den gleichen Wunsch hatte Astri; aber sie wurden wieder von neuem zusammengedrängt, irgendeiner bahnte sich in ihrer Nähe einen Weg; ganz eng wurde sie an ihn gedrückt. Da durchfuhr ihn eine wilde Freude, und seine Augen verschleierten sich, er konnte sie kaum mehr erkennen: »Vielleicht reisen wir alle beide!« Sie hatte zu Boden geblickt, ehe diese Worte fielen; das Haupt duckte sich unter dem Hieb. Sie sagte nichts weiter. Er wandte sich ab. Er glaubte, Tränen in ihren Augen gesehen zu haben, nur ganz kurz, und er fühlte, daß sie das nicht ertrug. Bald darauf gab es mehr Platz, die Gäste hatten sich ein Herz gefaßt und saßen nun rings um den Tisch. Astri geriet zwischen zwei, drei Frauen und war verschwunden. Es hieß, daß alle gleichzeitig essen könnten, da war es am besten, sich nach einem Stuhl umzuschauen. Am Abend gingen die Brautleute und die Jugend ein wenig ins Freie. Der Wind hatte nachgelassen. Nur dann und wann kam ein Lufthauch und fuhr über sie hin, übermütig. Lauris hatte an jeder Seite ein Mädchen, sie gingen Arm in Arm. Ihm war die Aufgabe zugefallen, Leben in die Gesellschaft zu bringen. Jetzt sangen sie sogar. Odin raffte sich auf und tat mit, sang und unterhielt sich. Nun, da er schon einmal hier war, wollte er auch mit allen plaudern, er war ja fast ein Menschenalter lang fortgewesen. – »Nein, wirklich, bist du auch da!« sagte er zu dem einen. – »Und du auch!« zum anderen. – »Jetzt sind wir ja bald alle beisammen. Hier geht's einem gut, man ist ja mitten unter den Leuten; lauter wirkliche Menschen. Wo ich mich herumgetrieben habe? Ich sei menschenscheu, sagst du? Ich, der findet, daß Menschen das Beste sind, was man um sich haben kann!« Aber ehe er sich's versah, fuhr der Wind durch das Espenlaub oder wogte über den Acker hin, eine hastige Bö im Halbdunkel: das, was gewesen war und nie wiederkam. Nach und nach nahm es Gestalt an und wurde zu Haaberg, das dalag und sie rings umgab. Und auf einmal sah er Astris Gesicht, auch aus ihm leuchtete das gleiche schwere Gefühl; ihre Augen blickten suchend zu ihm hin, als seien sie in Not, so oft das Flüstern anschwoll und wieder über den Äckern erstarb. Da kam Lauris hinzu. Wie der blanke frische Tag fuhr seine Stimme dazwischen: »Nein, wir dürfen doch nicht vergessen, daß Hochzeit ist! Laßt uns doch den Pelz schütteln und ein wenig froh sein oder gleichgültig, wollt ihr nicht, Leute? Der Odin, mit dem ist es etwas anderes; der ist alt und vernünftig geworden, und dann muß er denken, beständig – – schade, daß ich keine Drehorgel habe!« Odin sah, wie Astri bei dieser Stimme die Ohren spitzte, unwillig, über ihre Augen flog ein Erstaunen. – »Herumgehen und denken, das ist eine Arbeit für die Hunde!« fuhr Lauris fort, ohne Astri anzuschauen, aber dennoch galten seine Worte ihr. »Dazu habe ich noch genug Zeit, wenn ich wieder draußen liege, wenn ich allein bin mit dem Meer, wenn ich mein Sündenregister einmal überschlage.« – »Sündenregister?« Astri hätte beinahe gelacht. – »Ja, Gott steh mir bei. Ich muß es wohl so nennen. Ich will nicht anderen die Schuld zuschieben, wenigstens nicht, wenn ich allein bin; lieber will ich selber für den ganzen Spaß büßen. –« – »Aber ein Spaß war es also doch?« sie wandte sich gleichgültig ab und fing an, mit einem der anderen Mädchen zu reden. Lauris hielt gleichen Schritt mit ihnen, und auf dem Heimweg lud er Astri und Kristine und noch ein Mädchen ein, an Bord der Galeasse zu kommen, um zu sehen, wie sie es dort hätten. Dann wollte er sie in der Haabergbucht ein wenig spazierensegeln und sie wieder schön an Land bringen. – »Wir sehen doch nichts anderes als Heringsweiber an Bord, es wäre schön, auch einmal wirkliche Mädchen dazuhaben.« Sie sollten den Segler nicht verachten; er sei ein Lump, aber man müsse ihn doch fast mit einem Menschen vergleichen, in vielen Dingen. »Und Segler sind wir alle, auf dem Meer des Lebens.« Die Worte kamen ganz anders, als man sich erwartet hatte, aus einem anderen Lauris als dem, den sie kannten, einem Lauris mit einer innerlichen Wunde, die durch seine Tollheit verborgen werden sollte. – »So muß man mit den Frauenzimmern reden«, sagte Odin zu seinen Kameraden. Und Astri war die erste, die zu kommen versprach. Am Abend, als die Gäste fortgefahren waren, stand Odin im Dunkeln draußen. Er wollte dem entgegengehen, was da draußen war, es war besser so. Lange stand er da. Da sah er jemand drüben auf der Küchentreppe und wußte im selben Augenblick, daß es Astri war. Er ging zu ihr hin. – Ob sie schon lange hier stünde? – »Ich stehe hier genau so lange wie du.« – »Mir ist, als hätte ich mein Leben lang hier draußen gestanden, Abend für Abend, und der Stern hat über dem Dach gestanden, flimmernd, so groß und weißblau in seinem Licht, und dort im Osten über dem Bergsattel stand der andere. Und so redete das Meeresrauschen zu mir; und so haben die Häuser rings um mich gestanden. Es war gut, hier zu stehen. Aber jetzt hatte ich mich gerade davon abgewandt und wollte meiner Wege gehen.« – »Daran tust du recht, Odin!« sagte sie. Da sprach Odin in die Luft hinaus, es klang nicht, als rede er mit ihr: »Es war falsch, falsch! Daß es so ging, wie es ging – es hätte nicht geschehen dürfen!« Als er sich herumdrehte, war Astri weg. Er hörte, wie sie die Treppe hinauftastete und in den Dachraum trat. Er rief ihr noch »Gute Nacht« zu und machte sich auf den Weg, er wollte heim, in das Haus des Vaters, und die Kleider wechseln. Am Tag darauf kamen die Mädchen wirklich an Bord. Lauris selber stand an der Reling und half ihnen herauf. Er führte sie sofort in die Kajüte hinunter, sie sollten doch seine Höhle sehen; dort wohnten er und der erste Maat, der Bertinius. Die Mädchen bewunderten laut, wie schön alles sei, ja sogar blau angestrichen, und genau wie in einem Haus, und so sauber ! Es war also gar nicht so schlimm, ein Seemann zu sein. Er schenkte ihnen Schnaps ein, und sie mußten trinken, ob sie wollten oder nicht, und sogar Astri mußte lachen, denn Lauris war so treuherzig und verlegen, er wußte nicht, wie er alles am richtigsten machen sollte: müßte nicht eigentlich eine Serviette auf dem Brett liegen? Und aus welchem Geschirr sollten sie den Kaffee trinken, sie waren doch Frauen und waren Gäste an Bord? Ratlos sah er von der einen zur anderen, so froh darüber, daß sie doch gekommen waren – konnten sie ihm denn nicht helfen und sagen, wie alles sein sollte! »Ja, ja, lacht ihr nur über mich, da ist nichts zu machen!« Odin stand ungläubig dabei und sah und hörte zu. Merkten sie denn nichts? Aber er freute sich auch. Er trank einen Schnaps, und dann mußte er hinauf, sie waren schon dabei, die Segel zu setzen. Dann lichteten sie den Anker, und Bertinius stapfte nach achtern und übernahm das Ruder. Die Segel faßten Wind, und die Galeasse legte sich auf die Seite, mit einem schläfrigen kleinen Seufzer, und setzte sich in Schwung. Sie mußten ein paar Schläge machen, ehe sie von den Leinlandsufern frei kamen. Der Wind stand voll vom Westen her, gerade recht zum Kreuzen. Erst als sie die Schoten fierten und landeinwärts hielten, kam Lauris herauf, und hinter ihm die Mädchen. Er stand mit den Händen in den Taschen da, sah rasch zu Großsegel und Besanmast auf, sagte ein paar Worte zum ersten Maat und tat im übrigen so, als habe er nicht das geringste damit zu tun. Kristine leuchtete groß und weiß an Bord, hatte einen reichen kleinen Glanz in den Augen, wenn sie Schiff und Schiffer ansah. Solch hauchfeine Röte hatte Odin wohl einmal auf der Milch gesehen. Astri stand da und sah aufs Meer hinaus. Sie hatte den Mantel bis dicht unters Kinn zugeknöpft und war bleich, seltsam fein neben den anderen. Ihr Gesicht war müde und zart, und jeder Zug darin war klar und rein; und ebenso waren die Augen, sie erzählten jedem, wer sie war, ohne zu blinzeln. Lauris stellte sich in ihre Nähe, neben die Reling in Luv. Er stand nur da, sagte nichts. Dann aber schwenkte er sich lustig herum und schnippte mit den Fingern, pfiff und schaute ihr leuchtend stark in die Augen: »Ihr armen Frauen, sage ich! Die ihr immer daheim sitzen müßt, in der Stube, wo es still ist, wenn wir Hitzköpfe die Flügel ausbreiten und unserer Wege ziehen. Wenn es in der Gemeinde wenigstens einen gäbe, der ordentlich aufspielen könnte! Der den Federhaufen durcheinanderblasen könnte! Da muß schon ich erst kommen bis – –.« Aber trotzdem seid ihr glücklicher als die Segler!« fügte er hinzu. Astri zuckte zusammen, als habe er sie mit einer Nadel gestochen. Sie sah ihn an, konnte gleichsam nicht erfassen, wer er war. – »So?« sagte sie. Aber Lauris schwieg. Blieb noch eine Weile stehen; dann legte er die Hände auf den Rücken und ging. In ihren Augen lag noch ein leises Staunen, als sie sich Odin zuwandte. Sie trat näher und stellte sich neben ihn. – »Wann kommst du denn heim?« fragte sie. – »Heim?« lächelte er. – »Zu Weihnachten?« – »Ich glaube fast, ja.« Da sah er es in einem kurzen Nu vor sich: Gestern abend, als sie auf der Küchentreppe stand, da hätte er es tun sollen, da hätte er die Arme weit für sie ausbreiten sollen, das war es, was hätte geschehen müssen, dann wäre sie ihm um den Hals gefallen und bei ihm geblieben; sie war dagestanden und hatte es so dringend nötig gehabt. Ihm war dies ja auch bewußt gewesen. Statt dessen sagte er etwas, das ihr weh tat, er fühlte jetzt, wie armselig sie war, als sie hineinging und sich schlafen legte, nur eine Witwe. Er fühlte es wie Peitschenhiebe im Gesicht, und jetzt schlug seine Faust schwer auf die Nagelbank. »Ja, ich komme zu Weihnachten heim!« sagte er. Drinnen in der Haabergbucht schossen sie in den Wind auf und braßten die Segel, während die Mädchen an Land gebracht wurden. Sie standen auf der Brücke und winkten, und Lauris schwang seine Schirmmütze. Dann ergriff er das Steuer und richtete den Kurs nach Süden, hinaus aus der Bucht. – »Du siehst aus, als wärst du froh?« sagte er zu Odin. – »Ich, froh?« sagte Odin, er sah ihn erstaunt an. – »Bist du denn auch wirklich ein Segler? Denn der Segler bereut nichts. Verwünscht noch einmal, er ist ein sonderbarer Kauz!« Sie bekamen vollen Wind nach Süden, und kaum hatten sie das eine Leuchtfeuer hinter sich gelassen, als vor ihnen schon wieder ein neues auftauchte. – »Und ich bin doch ein Segler!'« sagte Odin zu sich selber. 2 Sie blieben lange in Drontheim liegen, ehe sie die Heringslast verkauften. Lauris war nie zufrieden mit dem Preis. – »Er wächst, irgendwo, ich fühle es an mir«, sagte er. »Ich telegraphiere und höre mich überall um, aber immer die gleiche Antwort, irgendwo muß ein Schweinehund sein, der auf dem Preis sitzt und ihn drunten hält. Aber auf die Dauer hilft ihnen alles nichts.« Dies klang so trocken und sicher wie nur möglich, aber Odin merkte, wie die Unruhe und das Fieber des Kartenspielers in ihm nagten; selbst eine Schifferseele mußte schließlich mürbe werden. Da blickte er rings um sich, betrachtete die Bollwerke und die Steinhäuser und all das Leben dort und lächelte, ihn dünkte, er lächle wie ein Teufel: er sah einen Mann vor sich, den er einmal beobachtet hatte, wie er einem toten Gaul die Haut abzog. Und ehe er sich's versah, hatte er zu Lauris gesagt: »Handel und derlei Sachen, das ist doch wohl das geringste, was man in die Hand nehmen kann, ich könnte das nicht aushalten.« – »Nein?« sagte Lauris. Im übrigen war das Stilliegen hier ein langer Feiertag für Odin. Das letztemal, als er hier war, fühlte er sich nicht wohl. Die Schule wie auch die Stadt widerstrebten ihm damals. In den Freistunden ging er zu einem Holzschnitzer und sah ihm zu, und manchmal ging er zu einem, der Kunstmaler war, da gab es großartige Dinge zu sehen, aber der Gedanke, daß er selbst seine Zeit wegwarf, ließ ihn nicht los. Einzig und allein im Theater konnte er sich vergessen. Lauris war oft den ganzen Tag fort, und die Nacht dazu, und wenn er an Bord war, zeigte er sich nicht besonders redselig. Wollte aber Odin abends ins Theater gehen, so kam er meistens mit. – »Da werde ich geradezu ein Mensch«, sagte er am ersten Abend. – »Ja, ja, so komm eben!« erwiderte Odin. – »Danke, Odin, du bist ein feiner Bursch! Ja, ich sah wohl, wie du dir gerade auf die Lippe bissest – so machen es die Leute, wenn sie ein böses Wort hinunterschlucken.« Lauris lachte gutmütig und schritt nach Leibeskräften aus, um nicht hinter Odin zurückzubleiben. – »Ich dachte nur, was du dort eigentlich zu suchen hättest.« – »Ja, Herrgott! Red' nicht davon!« Als das Theater zu Ende war, ging Odin sofort zum Schiff hinunter, ohne sich darum zu kümmern, wo Lauris sich noch herumtreiben würde. Der aber hielt sich dicht hinter ihm. Den Abend darauf mochte Odin nicht gleich heimgehen, und Lauris überredete ihn dazu, eine Gaststätte aufzusuchen, wo sie nicht nur Bier, sondern auch Leben finden würden, wie er sagte, und dort blieben sie sitzen, bis die Letzten gingen. Von da an hatten sie zwei Möglichkeiten: entweder sie trabten heim und legten sich schlafen, oder sie waren leichtsinnig, wie sie es nannten, und saßen irgendwo und tranken und redeten bis tief in die Nacht hinein. Sie suchten sich einen behaglichen Winkel und tranken gutes Bier. Odin hatte sich bisher nicht viel aus gekauftem Bier gemacht, jetzt aber, nach dem Theater, war dies etwas anderes; es schmeckte gut und tat noch besser. Das Leben und die Menschen rings um sie wirkten in der gleichen Art. Die Menschen traten oft so lebendig vor seinen Blick, die große Stube voller Leute, die schwiegen oder redeten, und keiner sah so aus wie der andere. Ehe er sich's versah, hatte er sein Bier ausgetrunken und bestellte ein neues. – »Ich bin ein Segler«, sagte er lachend, »ich bin durstig! Der Himmel weiß, ob ich zu Weihnachten heimkomme. So legt doch los! Lauter! Lauter!« rief er den Spielleuten zu. Eines Abends, als sie gerade anfingen, in Stimmung zu kommen, seufzte Lauris. – »Wenn ich inwendig nur auch so fein eingerichtet wäre wie du! Ja, das ist mein Ernst«, fuhr er fort – »ich lerne ja allerhand, wenn nicht noch mehr. Aber Schauspiel und Theater und Kunst und diese Dinge, soweit bringe ich's, glaube ich, im Leben nicht! Ich hasse die Heringe und mein ganzes Leben, wenn ich an das alles denke, aber weiter komme ich nicht. Ich bin nicht dazu geschaffen. Musik, ja, das ist etwas anderes, das ist auch etwas für den kleinen Mann, das kann auch einen verpfuschten Kerl wie mich aufmuntern. Am ersten Abend, als wir ausgingen, im Theater saßen und sie anschauten – freilich war es so fein, wie es nur sein konnte, nicht nur die Liebe und der Verrat, sondern auch alle anderen ergreifenden Stellen; ich sah, daß sie weinten, die Feinsten unter uns. Ich saß da, wie die Muschel auf ihrem Stein. Ich habe so etwas ja selber erlebt – das finde ich nun ganz großartig. Heute abend ging es um große Dinge, soviel begriff ich davon, du liebe Zeit, es waren Leute von irgendwo hoch droben, und die vergaben sich nichts, verflucht strenge Forderungen stellten sie an die Menschheit. Ich war einig mit ihnen, in allem und jedem, wenn ich doch schon einmal aufrichtig sein will. Aber so etwas sollte lieber der Pfarrer sagen und die Zeitungen, dafür halten wir uns ja solche Dinge. Ich schämte mich, wahrhaftig, wenn sie dort oben standen und blaß wurden und so taten, als meinten sie es im Ernst!« Odin machte immer größere Augen und richtete sich immer steiler und steiler auf seinem Stuhl auf, und jetzt sah es aus. als wollte er den Lauris unterbrechen. – »Verflucht noch einmal, da sitzt du und sagst mir das, was ich selber denke, mitten ins Gesicht! Oder was ich gedacht habe, richtiger gesagt.« – »Jetzt schmeichelst du mir aber, Odin?« – »Weiß Gott, das tue ich nicht! Ich? Nein! In dem Jahr, das ich hier zubrachte – – jeden Abend war ich im Theater, wenn sie etwas Gescheites spielten, ich konnte nicht ein einziges Mal wegbleiben – ich dachte aufs Haar genau so darüber wie du. Nur Geschwätz und Unsinn und Liebe, schien es mir. Und gab es wirklich einmal etwas, was ein wenig mehr taugte, dann zerstörten sie es mir, sie wollten es ganz besonders gut machen: es sollte wie das Leben selber sein! Pfui Teufel, sage ich! Nein. Aber es ist sicher sehr schwer.« – »Für uns, um es zu lernen?« – »Ach du, mit deiner ewigen Lernerei! Du bist wirklich eine Muschel, wie du selber sagst. Schwer, es so zu machen, wie es gemacht werden muß, meinte ich. Es zustande zu bringen. Draußen in Kjelvika, und zu jener Zeit, saß ich oft da und sah alles vor mir, mitten zwischen Büschen und Steinen, und wenn es auch nur Figuren aus Holz waren. Aber zwischen vier Wänden, und wenn es lebende Menschen sind, da gehört viel dazu. Doch allmählich komme ich jetzt übrigens dahinter. Ich sehe wenigstens Leben darin, manchmal, es geht oft mitten durch mich hindurch, s o ist es, s o leben wir und reden wir; ein Gesicht oder ein Wort kann oft das ganze Leben auf einmal erzählen, das ist ganz wunderbar, sag ich dir! Ja, und heute abend, obwohl sie den Ton so falsch trafen, ich hätte mich vergessen können und noch lange Zeit mit ihnen zusammenbleiben mögen. Ich sah die Menschen vor mir, so wie ich sie haben will, so wie ich sie selber geschaffen habe, ich saß da und formte sie in einemfort um – das ist das richtige, so muß es sein. Es muß ein seltsamer Kauz gewesen sein, der irgendwo herumgesessen und das alles zusammengeträumt hat, ein Einsiedler auf Patmos sozusagen – sahst du das Mädchen, das zum Schluß hereinkam und ein Engel war? Ich sage dir, Junge, ich weiß, solche gibt es – aber jetzt habe ich einen gewaltigen Durst bekommen!« Rings um sie herrschte ein wohltuendes Summen und Lärmen. Odin war nahe daran, aufzustehen und sich irgendwo zwischen fremden Leuten hinzusetzen, er sah viele, mit denen er gerne ein Glas Bier getrunken hätte. Da sagte Lauris: »Ja, sie hatte ein Paar schöne Beine am Leib, das Mädchen, da hast du recht. Aber hast du Astris Waden gesehen, als sie bei uns an Bord kletterte? Ich werde im Leben nicht mehr froh!« Odin hörte nicht zu. Er blies den Schaum von seinem Bier und trank, setzte ein wenig aus und trank bis zur Neige. – »Pfui Teufel, was reden wir da alles zusammen!« sagte er und stand auf. Er lachte: »Jetzt höre ich alles, was wir gesagt haben – – ja, gute Nacht also!« Er ging. Lauris folgte ihm nicht. Am Tag darauf ging Odin einen weiten Weg ins Land hinein, und als er wieder an Bord kam, machte er einen großen Bogen um Lauris. Aber immer und immer wieder ertappte er sich im Gespräch mit ihm. – »Du bist mir ein schöner Plagegeist«, sagte er. »Du bist wie eine Muschel, die an mir festsitzt.« Nach einiger Zeit sagte er: »Jawohl, aber du bist mir doch ganz nützlich; du bist ein so lebendiges und vielfältiges Geschöpf. Die Menschen haben viele Schichten; aber laßt mich in Frieden!« Ein paar Abende darauf waren sie aufs neue miteinander im Theater und gingen dann wiederum in den gleichen Bierkeller. – »Es ist doch immer wieder neu, jeden Abend, das hier«, sagte Odin, er saß da und lauschte der Musik und der Unterhaltung rings um sie, diesem seltsamen Surren sorgloser Menschenstimmen, wie das Surren in einer Mühle; es war ein so sorgloses Leben, das hier gemahlen wurde. – »Was meinst du, soll ich mein ganzes Leben hier sitzenbleiben? Soll ich abends im Theater sitzen und mir auf die Lippe beißen und innerlich weinen, so daß ich mich den ganzen folgenden Tag schämen muß, nur wegen eines schmerzlichen Wortes oder ein Paar betrogener Augen auf der Bühne oben, wie sie das nennen? Aber ich will nicht. Ich bin es, ich selber, der lieber sie zum Weinen bringen möchte!« Er schaute still in den Tabakrauch hinein. – »Aber sitz doch nicht so da und mal dir was aus!« bat Lauris. – »Ich sah vor mir die Gemeinde daheim; ich wurde sie oben im Theater gewahr: Da gehen die Menschen und recken sich hoch und fügen sich ineinander und haben nichts anderes zu denken, ganz bösartig werden sie davon: und dann drehen sie mir das Gesicht zu, mitten drin, und es ist ein neues Gesicht, es ist frisch und gut wie der Morgen über den blauen Bergen im Osten. Das Leben ist groß und herrlich, es gibt nur wenige , die das wissen! Und mein Vater und alle miteinander, die leben daheim und warten. Auf mich, so dünkt es mich, und über allem liegt lichter Morgennebel.« – »Nur Tabaksrauch, mein Lieber!« warf Lauris rauh dazwischen. – »Aber woher stammen sie denn, diese großen Dinge, die zu einem kommen und bei einem zu Gast sind? Keiner in unserer ganzen Sippe früher hat davon etwas gewußt!« An einem Tisch in der Nähe saßen ein paar junge Mädchen und tranken Kaffee. Es waren anständige Mädchen, sicher; Odin saß da und schaute zu ihnen hinüber. – »So, so«, sagte Lauris. »Jetzt siehst du wohl die Astri vor dir?« Odin nahm seine Blicke zurück und sah ihn ruhig an, sah mitten in dieses glatte Schelmengesicht. – »Ja«, antwortete er. Lauris schaute irgendwo anders hin. Er bekam kleine Augen, und seine Stirn zog sich in Falten: »O du Schwächling, der es zuließ, daß sie heirateten!« – »Ach, es findet sich schon ein Rat!« Odin fuhr sich durchs Haar und lachte leise. »Ich kann auf vieles verfallen, wenn's darauf ankommt.« – »Da irrst du dich, ich kann das, aber nicht du!« sagte Lauris schroff und trank einen Schluck aus seinem Glas. In diesem Augenblick standen die Mädchen auf und wollten gehen. Es waren drei Damen in Begleitung von zwei Herren. Odin erhob sich ebenfalls, und Lauris bezahlte und kam nach. Da hatte Odin sich bereits an eine von ihnen herangemacht, an die schönste. Er wollte sie heimbegleiten! Sie war entsetzt, das konnte er sehen, durch und durch entsetzt, und trotzdem war sie ein unverfälschtes Kind der Stadt – er wolle sie unbedingt heimbegleiten, sagte er. Der eine der Herren wurde aufgebracht, sah sich gewiß schon nach der Polizei um. Aber Odin legte die Hand auf seine Schulter und lachte so unwiderstehlich kindlich, daß sich die Herren zufrieden gaben. – »Ich bin noch nie in der Stadt gewesen«, sagte Odin, »mich muß man fast für einen Heiden ansehen, habe noch nie mit einem Stadtmädchen geredet. Einem Stadtfräulein !« Er lachte so laut, daß es zwischen den Wänden schallte – »nein, jetzt gehen wir!« Und sie gingen wirklich. Es stellte sich heraus, daß die Mädchen in einem Büro arbeiteten, und zwei von ihnen wohnten beisammen. Und mit einer von diesen ging Odin. – »Ich habe euch Stadtfräulein jeden Abend angeschaut«, sagte er, »ich habe euch Frauen in der Stadt viele Jahre angeschaut, es ist merkwürdig, eine von euch anzufassen!« Die übrigen entfernten sich von ihnen, und das Mädchen wurde wieder unruhig. – »Sie sind gewiß ein ganz gefährlicher Kerl«, sagte sie. – »O ja, manchmal schon. Ich bin ein Segler, ja. Und Sie sind ein Stadtfräulein!« Zweimal gingen sie vor der Haustür auf und ab, ohne daß es ihr gelang hineinzugehen. Zwar lag ihr auch nicht besonders viel daran. Aber sie küssen, als sie sich trennten, das durfte er doch nicht. Statt dessen versprach sie ihm, ihn am nächsten Abend zu treffen, nicht in dem Bierlokal, denn dorthin habe man sie einmal gelockt und nicht wieder, und auch nicht im Theater, auf keinen Fall – sie wollte lieber gegen neun Uhr in der und der Straße auf und ab gehen. Am nächsten Abend wanderte Odin dort unentwegt auf und nieder und sah in einemfort auf die Uhr. Es wurde halb zehn, und kein Mädchen war zu sehen. Aber sie würde kommen, er fühlte sich ganz sicher, sie war nur aufgehalten worden. Und sie kam wirklich, kam so rasch und scheu herangetrippelt, sah fast aus, als wollte sie vor ihm davonlaufen. – »Ich dachte nicht, daß Sie solange auf mich warten würden«, sagte sie. Sie gingen in irgendein besseres Lokal und tranken Kaffee, und später gingen sie am Fluß und am Meer entlang. An diesem Abend gab es viele Küsse. – »Sie sind so merkwürdig!« sagte sie, »ich kann nicht einmal böse werden. Aber sind denn nicht Sie der Schiffer?« – »Nein, ich sagte es doch!« Er redete und redete mit ihr, lauter lustige Sachen, aber von sich und dem, was ihn betraf, wollte er nichts erzählen. Ein paar Tage darauf durfte er nachts zu ihr hinaufkommen; das andere Mädchen war bei ihrem Liebsten, der in die Stadt gekommen war. Es ging so schief, wie es nur gehen konnte. Das Mädchen weinte sogar – Ragna hieß sie. Aber es war gut, daß es nicht noch schlechter ging, fand Odin. Denn so schön sie auch auf ihn einredete, so hatte er doch kein Wort zuviel gesagt, er hatte ihr nicht einmal versprochen, sie wieder zu treffen. Und jetzt sollten sie fortsegeln. Heutzutage ist nur der Segler der Herr. Sie war die Tochter eines Beamten, merkwürdig, wie es in der Welt zuging! Lauris hatte in diesen Tagen seine Heringe verkauft. Man sah ihm nichts an, aber er hatte seinen Schnitt dabei gemacht; Odin hörte es von anderen Schiffern, die über dieses Glück fluchten. Gleich nachdem sie gelöscht hatten, ging die Fahrt heimwärts – – als sie zum Fjord hinausfuhren, dachte Odin an Ragna. Der Sturm kam vom Land her, und es fror. Die Galeasse schien merkwürdig leichtbrüstig, nun, wie sie so dahinzog. Wenn Odin dastand und das Steuer führte, fand er oft, daß dies fast eine zu schöne Arbeit sei, das war nicht das Leben, wie es ihm bestimmt war, unmöglich. Das stand ebenso fest, wie daß er weder mit der Stadt noch mit den Frauen in der Stadt etwas zu schaffen hatte. – Feine Sachen sind das, wahrlich, aber nichts für dich! Am Abend des vierten Adventsonntags gingen sie in der Bucht ihrer Heimatstadt vor Anker. – – – Unterdessen waren Andrea und Otte hierher gezogen. Otte hatte eine kleine Schreinerwerkstatt aufgemacht. Andrea hatte Odin darüber geschrieben, und so suchte er sie nun auf. Zwei glückliche Geschöpfe, das sah er gleich, nachdem er zur Türe hereingekommen war. Er sah den Vater ein wenig genauer an, im Lauf des Abends. – Der dort ist sicher jünger als ich, lachte es in ihm. Wer sucht, der findet, glaube ich. – – – Daheim auf Haaberg hatte Astri den Kuhstall übernommen, als die beiden fortzogen. Aasel war mit ihr darin einig. Sie hatte sich mit vollem Eifer in die Arbeit gestürzt, hatte sich nur ein kleines Mädchen zur Hilfe genommen. – »Aber soviel brauchst du doch nicht zu arbeiten?« meinte Aasel nach einiger Zeit. – »Doch, gerade das brauche ich«, lachte Astri. – »Ja, ja, Kind. Ich kenne das. Solange man arbeitet, vergehen einem wenigstens die Gedanken und das Grübeln.« – »Ja, genau so ist es!« Aber Astri biß sich sofort auf die Lippe. »Ich hab übrigens keine Angst vor dem Nachdenken«, sagte sie. »Es gibt keinen ehrlichen Weg, der einem das erspart!« Sie stand auf und ging wieder hinaus. Sie fühlte die unruhigen Blicke der Großmutter auf sich, als sie in der Tür stand, und so waren sie immer hinter ihr her, früh und spät, so gut und so lästig. Und doch war es die Großmutter, mit der sie eigentlich redete, wenn sie allein war, wenn sie die Kühe molk oder sich einen Augenblick an den Heuhaufen lehnte und ausruhte. Aasel sah, wie es in ihr arbeitete, und sah, daß sie sich veränderte. Sie glaubte zu sehen, wie Astri heranreifte oder wuchs oder was es nun war; das Gesicht wurde frischer und jünger. Und eine richtige Ehe war es nicht gewesen, das konnte sie sehen, und dem Herrn sei Lob und Dank dafür. Sie betete zu Gott, er möge doch dem Mädchen helfen – sie nannte sie so. Sie erwartete nicht, daß Astri kommen und mit ihr reden würde. Als aber Astri dies merkte, tat sie es dennoch. Eines Tages fühlte Aasel sich nicht ganz wohl und blieb im Bett, und Astri saß in der Abenddämmerung bei ihr in der Kammer, ehe sie in den Stall mußte. – »Ihr seht mich so an, Großmutter?« sagte sie, sie hatte dagesessen und sich mit einer Näherei abgemüht. – »Tue ich das?« – »Tut Ihr es etwa nicht?« lachte Astri. – »Du brauchst deine Zeit und deinen Streit, Kind. Dann wird es schon nach und nach wieder heller.« – »Glaubt Ihr nicht, daß ich dem schon in die Augen gesehen habe? Daß ich es nicht wage? Ich habe es so klar gesehen wie den Tag. Es ist so gut im Stall, ich kann denken, an was ich will, es tut gar nicht mehr weh. Da sehe ich deutlich vor mir, was ich früher nur im Nebel schwach erkennen konnte.« »Ach ja, ja!« seufzte Aasel. »Ein Jammer, daß nicht ihr den Hof übernommen habt, du und der Odin!« »Ja, das war freilich schlimm, aber –. Das ist es, was ich immer denke, es war eben unser Schicksal –« »Und Glück«, fügte Aasel hinzu. »Ja.« Aber in dem Augenblick durchzuckte es sie schmerzlich scharf. Sie warf den Kopf zurück: »Übrigens, Glück? Danach habe ich mich nie gesehnt. Glück, was ist das eigentlich? Hat jemand es schon zu kosten bekommen?« Aasel sah sie mit glänzenden Augen an, schüttelte ein wenig den Kopf und lächelte: »Wie genau ich mich wiedererkenne, Kind! Nur – – daß ich nie den Mut hatte – es zu sagen. Das Glück, nein, dem habe ich nie nachgetrachtet, für mich selber.« – »Nicht? Nein, aber ich, ich hasse das Glück! So empfinde ich es. Es war viel zu leicht, damals, als ich und Odin – – als ich die Mutter bat, zu heiraten; es schmeckte beinahe süß, sie zu bitten, das Glück zu ergreifen. Und das andere, was ich dann im gleichen Atemzug tat, meine Heirat meine ich, ich habe später gesehen, daß auch das falsch war. Falsch, alles, was ich tat. Ich dachte, ich sei dazu verurteilt. Das war nur etwas, was ich gerne glauben wollte; es hatte schon von klein auf in mir gesteckt. Und trotzdem bin ich froh, daß ich es tat. Würde es auch heute noch tun, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich war glücklich, als ich dort bei ihm saß; denn er war es. Und jetzt habe ich auch keine Angst mehr, vor nichts. Und so habe ich doch gelebt, schien es mir. Schien es mir damals, ja.« Aasel griff nach Astris Hand, die auf dem Bett lag. Es blieb eine Zeitlang still. – »Daß ich der Mutter zuredete, zu heiraten, als ich wiederkam, wollt Ihr sagen?« – »Ja?« – »Ja, das tat ich. Denn ich war – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Ich war so reich, ich konnte ihr dieses Glück geben.« – »Hm! Hm!« seufzte Aasel. »Es war trotzdem falsch, Astri!« – »Genau so sagt der Odin«, erwiderte sie ruhig. – »Dachtest du denn gar nicht an ihn?« Astri schwieg eine Weile. – »Nein, nicht als ich der Mutter zuredete. Doch, ich tat es wohl auch, offen gestanden. Er sollte nicht eine Witwe haben, das war es, glaube ich, was ich dachte. Es sollte ihm erspart bleiben, später einmal so zu denken.« – »Ja, aber was denkst du denn jetzt?« – »Ja, jetzt ist es ja geschehen. Wenn ich mit meinen Gedanken soweit komme, dann mache ich halt; dann gebe ich's auf. Er hat sich nicht viel daraus gemacht. Aber jetzt muß ich in den Stall, hat nicht die Uhr sechs geschlagen?« »Und was soll ich mit dem Hof machen?« jammerte Aasel hinter ihr her. Es war das erstemal, daß Astri die Großmutter jammern hörte. – »Ach, der Hof« – sagte sie. Aber sie selber wußte auch nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie verzog den Mund zu einem Lächeln, ohne es zu wollen: An den Hof zu denken, das war, wie einer Kuh in die Augen zu schauen, die geschlachtet werden soll, es war am besten, sich abzuwenden. »Aber sagt er nur ein Wort und bittet mich, wenn er zu Weihnachten heimkommt, dann gehe ich mit ihm bis ans Ende der Welt!« Sie sprach das leise vor sich hin, als sie beim Melken saß, schloß die Augen und sagte es, so wie sie als Kind zu tun pflegte, und ehe sie sich's versah, konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ein Glück, daß sie allein im Stall war. – »Nein doch, nein doch!« redete sie der Kuh zu, aber im Grund sah sie Aasel vor sich – »du weißt ja, daß ich es nicht tue. Aber er könnte mich doch wenigstens fragen – –« In hellem Gefunkel standen die Sterne über ihr, als sie aus dem Stall trat, die ganze Welt war von einem großen weißen Flimmern erfüllt. Immer wieder blieb sie stehen und sah hinauf. Da legte sich eine tiefe Ruhe auf sie. Das Wunder, das konnte jederzeit geschehen, sobald Gott es nur wollte. Und er war gut. Und westlich vom Meer drüben antwortete es noch tiefer und friedlicher, ein langer seufzender Laut, der gutes Wetter verhieß. Es geschieht nichts anderes, als was geschehen muß; dachte sie. Sie lächelte: noch ist Odin beinahe ein Bub. Er ließ sich reichlich Zeit. Obgleich er so hoch flog, daß einem fast der Atem verging, wenn man ihm folgen wollte – es war wohl nicht die Absicht, ihn hier auf Haaberg wie einen Bauern leben zu lassen, konnte es nicht sein, so unerforschlich weit wie die Welt war! Noch einmal sah sie zu dem Sternengefunkel über sich empor. Mochte es gehen, wie es konnte. Es dauerte nicht mehr lange bis Weihnachten. 3 Als Odin am Tag vor dem Weihnachtsabend an Bord des kleinen Dampfers ging, war Lauris der erste, dem er begegnete. – »So, so?« sagten sie alle beide. Odin war es, als friere er, sowie er Lauris erblickte. Er fror innerlich, obgleich er ganz winterlich angezogen war, und irgend etwas in ihm sagte, daß er umkehren müsse, er sei nicht gesund. – »So, so?« wiederholten sie, es klang, als sei Lauris froh über die Begegnung. Odin lud ihn in die Kajüte hinunter ein, und dort leisteten sie sich ein paar Schnäpse vom Weihnachtsbranntwein. Sie wärmten nicht sehr, es hätten noch ein paar mehr sein müssen; aber Odin korkte die Flasche wieder zu und steckte sie ein. – »An Weihnachten will ich mich einmal richtig volltrinken«, sagte er. – »Merkwürdig, daß wir uns hier treffen mußten«, meinte Lauris, er war ernsthafter, als er sonst zu sein pflegte. »In der Stadt warst du mir ganz verlorengegangen; ich rechnete damit, daß ich dich draußen in der Nähe von Haaberg finden würde. Ich habe etwas mit dir zu besprechen, siehst du. Etwas, das juckt und kratzt. Der Lofot wartet nämlich auf uns, ja, auf uns beide, verstehst du. Wir müssen in diesem Winter hinaus und Fische kaufen, sie haben jetzt keinen Preis, aber bis zum Frühling oder Sommer klettert er hinauf wie das Thermometer; ich fühle das an mir, an meinem ganzen Körper!« – »Ja?« – »Ja, und nun kommt mein eigentlicher Plan. Wir sollten uns zusammentun, ein Kompaniegeschäft machen, Junge. Geld, red nicht davon, du kriegst es auf den Namen Haaberg, und wenn es dir lieber ist, kannst du es auch auf meinen Namen bekommen. Auf meinen Namen, ja, da habe ich es nun gesagt, denn bald muß ich es der Bank überlassen, für mich zu denken, sonst schwindet das Geld dahin; und auf die Weise brauchst du es nicht selbst einzutreiben, das gibt einem immer einen so faden Geschmack im Mund. Wir wollen würfeln, ein richtiges Würfelspiel, und schauen, ob wir Glück dabei haben – ich glaube, es ist im Anzug, wie gesagt. Ich habe Glauben für uns beide.« Odin hatte sich nach und nach immer lebhafter gezeigt und war bald warm und angeregt. Lauris rauchte heftig. – »Ich habe nämlich eines beobachtet«, lächelte er durch den Rauch. »Seit du an Bord kamst, habe ich Glück im Spiel gehabt. Allein würde ich es kaum mehr lange wagen. Aber wenn du mittust, dann ist es gleichsam ein neuer Anfang.« – »Ja, aber«, sagte Odin, »wenn du für mich bürgst, dann wagst du ja doch wieder alles allein?« – »Red doch keinen Unsinn, Junge, ich weiß, was ich tue. Ich bin nicht einer von denen, die immer nur alles zu zweit machen wollen, ich biete keine Teilung an, wenn es nicht notwendig ist. Aber dieses Mal, Odin, und wir beide miteinander, da kriegt die Sache ein anderes Gesicht! Ich muß an das glauben, was ich unternehme, sonst geht es schief. Und dann noch einen zweiten Fischzug, und wir können uns in der Gemeinde sehen lassen, hm?« Odin klopfte das Herz, er glaubte es fast hören zu können. – »Ja, ja, Odin, du bist nicht ganz abgeneigt, wenn mich nicht alles täuscht?« Lauris blies den Rauch zur Decke der kleinen Kajüte hinauf. Das Schiff legte bei einem Bollwerk an, und die Leute drängten sich auf dem Gang und an Deck, als sollte es schon untergehen. – »Nein, abgeneigt bin ich nicht, das mag Gott wissen. Und mich in der Gemeinde sehen lassen – das klingt ja wie ein Märchen. Obwohl ich nie daran gezweifelt habe, daß ich einmal zu Geld kommen würde.« Und zu sich selber sagte er: »Und das hier ist der wirkliche Lauris; da sitzt er, und so ist er. Meint's genau so, wie er sagt. Schon ein wenig mitgenommen, und einsam, soweit ich sehe.« Odin saß still da und wartete. Er tat so, als lausche er auf etwas Bestimmtes in dem Lärm draußen. – »Damals, als ich ein Kind war«, sagte er und lächelte vor sich hin. »Aber jetzt ist es anders. Das werde ich wohl nicht mehr erleben. Stillstehen und warten ist im Grunde keine Kunst. Aber manchmal ist doch gerade das die eigentliche Macht. – Und dann sitzenbleiben, ja? Ich danke schön! Wir segeln gleich nach Neujahr los – – du wirst dich doch wohl nicht sträuben, oder?« Odin pfiff ein paar Töne vor sich hin und sah durch das Bullauge aufs Wasser hinaus, das grau und hundekalt mit dem Ostwind dahinwogte. Nun war es da, worauf er gewartet hatte, was er das eigene Ich nannte. »Nein, ich kann nicht«, sagte er. »Es ist wider meine Natur. Handel und derlei – nein, laß gut sein! Ich danke dir, aber –« Lauris saß lange Zeit völlig schweigsam da, schob nur die Pfeife im Mund hin und her. »Man sollte sich nicht auf etwas freuen«, sagte er. »In Drontheim – – dort waren wir soviel beisammen.« »Aber wenn ich bei dir an Bord Heuer nehmen könnte, da hätte ich brennend Lust darauf.« »Ja, ja. Nun gut. Dann machen wir's eben so.« Lauris dankte für den Schnaps, und sie gingen hinauf. Auf dem Bollwerk von Segelsund trennten sie sich. Es war eine Menge von Leuten dort, viele, die von der Stadt kamen, und viele, die die Ankommenden abholten, und Odin war mit allen gut bekannt. Mit jedem kam er ins Gespräch, mit jung und alt, wie es sich gerade traf, er hatte in den letzten zwei Jahren so wenig mit Menschen gesprochen. Ein paar von den Jüngeren schienen sich geradezu zu freuen, daß sie ihn endlich einmal hier hatten, sie wollten wissen, wo er sich denn herumgetrieben habe, und fragten ihn nach tausend Dingen. Sie redeten sogar von Tanz zu Weihnachten und dann davon, ob sie nicht versuchen sollten, den Jugendverein wieder aufzufrischen, etwas, was er schon voriges Jahr angefangen hatte, sie wollten seine Meinung hören über ein Fest in diesem Verein und zugleich auch in der Schützengilde. Er überlegte, während sie so redeten. Doch, er habe jetzt Lust auf Feste und besonders auf solche, bei denen es ein wenig krachte, und warum sollte man es dann nicht machen? – Ja, ja, sie waren ganz seiner Meinung. – Doch wartet einmal, sollten sie es dann nicht lieber soundso halten, was meinten sie dazu? Die Zeit zu kurz? Ach, es ließe sich schon machen, er habe eben nicht länger Zeit, das wüßten sie ja! – Doch, doch, aber. Sie hatten gedacht – – die Sache sei eben die, daß hier jeden Abend eine Erbauungsstunde abgehalten würde, und außerdem müßten sie doch auch noch mit dem einen oder anderen darüber reden? – Ja freilich, das sollten sie nur tun! Doch wie gesagt, am Sonntag zwischen Weihnachten und Neujahr! – Aber könne nicht lieber er –? – Ja, das sei richtig! – Er überflog sie der Reihe nach in Gedanken, die, mit denen er reden und die er herumkriegen wollte, es würde eine lustige Hetzjagd werden! Denn der eine war so und der andere so, und ein paar unter ihnen sträubten sich immer, von welcher Seite man sie auch anpackte; Odin stand da, in Wind und Kälte, und lächelte. Mitten drin sah er Lauris' Gesicht vor sich – wo war er hingeraten? Er mußte doch gekränkt oder böse ausgesehen haben, als er ging. Was wollte er nur sagen: »Dieses Jahr wollen wir aber auch die Alten in Schwung bringen, wahrhaftig, sie sollen ihre Weiber nehmen und mittun! Ich übernehme den westlichen Teil der Gemeinde, und du die Leute im Norden bei euch, und du den Teil hier – ach, nur keine Widerrede! Und dann treffen wir uns am ersten Feiertag abends.« – »Am ersten Feiertag?« – »Ja, ich pfeife auf den Brauch, er ist zu alt für uns !« – »Hurra!« rief einer von den anderen, ein kleiner sommersprossiger und mutiger Kerl, »dann stürmen wir die Versammlung der Gläubigen und werfen die Teilnehmer hinaus, denn die sind mir am widerlichsten, die auf dem Bauch kriechen und Staub fressen!« Odin lachte auch, er hatte ein so frisches Gesicht, der Bursche dort, und die anderen stimmten mit ein. Da sagt Odin und schaut weg: »Die Gläubigen sind schon recht. Wir müssen einen Bogen um sie machen. Man darf es nicht so gering einschätzen, daß sie sich bekehren.« Er hatte früher nie beachtet, daß er seinen Kameraden voll und ganz gewachsen war. Inzwischen waren sie oben auf dem Hof von Segelsund angelangt, und als Odin gerade Abschied nehmen und gehen wollte, kam Arthur vom Laden heraus, um ins Haus zu gehen. Odin muß mitkommen. Er sollte Kaffee trinken, und dagegen hatte er nichts einzuwenden. Frau Mina trug keine Brille mehr. Und an der Wand hing eine Gitarre, und auf dem Tisch, noch auf der Bibel selber, lagen »Sulamiths Gesänge« und noch andere göttliche Dinge. Er sah wiederum Mina an. So hatte ihn schon die Neugier gepackt, als er noch ein kleiner Junge war. Zunächst aber fühlte er sich so durch und durch ausgefroren, daß er nicht einmal auf den Kaffee warten konnte, er fragte Arthur, ob er einen Schnaps trinken möge. – Nein, danke! so etwas wollte Arthur nicht haben. Und jetzt sah Frau Mina her, sie war glühend rot: Er solle sich doch schämen, den Leuten Branntwein anzubieten! – »Ich bin so erkältet!« entgegnete er lachend – es machte Spaß, jemand so aufgebracht zu sehen. – Und die Astri, dachte er im selben Augenblick, jetzt ist sie schon seit bald einem halben Jahr Witwe – wir haben ja ganz Australien für uns, Kind! Aber ich werde nicht gnädig mit dir umgehen, zu Weihnachten, du mußt selber auf dich aufpassen. – »Ich bin ein Segler, weißt du«, sagte er zu Mina. Er konnte nicht aufhören, ihr in die Augen zu schauen, denn es brannte ein Feuer in ihnen. Nach dem Kaffee fühlte er sich wiederhergestellt, aber Arthur sah ihn an, fühlte ihm den Puls und schaffte ihn zu Bett. – »Ein oder zwei Schnäpse« – dachte er, aber er ließ es doch sein, da sie es hier auf dem Hof mit solchen Dingen so genau nahmen. Am Tag darauf war er krank. Und am Weihnachtsabend mußte er im Bett bleiben. Mina kam zu ihm herauf und fragte, ob sie ihm etwas vorsingen oder vorspielen solle. Das wollte er gerne. Nach dem Gesang saß sie da, betrachtete ihn und seufzte – dann fragte sie ihn, ob er nicht an Jesus glauben wolle. Odin gab nicht sogleich Antwort. – »Hast du daran gedacht, was aus dir wird, wenn du nun sterben mußt, wie du bist?« – »Ja, aber ich sterbe diesmal noch nicht, ich bin nur erkältet, allerdings gut und gründlich erkältet, es hat mich richtig beim Kragen gepackt.« Minas Gesicht erstarrte: »Du weißt, was ich meine, Odin, und jetzt sollst du mir antworten!« – sie hielt eine lange Predigt. Odin tat der Kopf so weh, er folgte nicht recht mit; er lag da und betrachtete ihr Gesicht: Sie hatte einen glühend heißen Fleck auf jeder Wange, und die Augen blickten immer eisiger und eisiger drein, dies war das heilige Feuer, von dem er gehört hatte; aber es entschwand ihm mehr und mehr. Als ihm dann diese Frage noch einmal auf die Brust gesetzt wurde – ob er sich nicht bekehren und ein neuer Mensch werden wolle, ob er nicht Jesus die Sünde für sich tragen lassen wolle, da fühlte er deutlich, daß ein anderer für ihn antwortete: »Nein, ich mag nicht! Das – – schmeckt mir nicht.« Mina war erstaunt und entsetzt. Er selber war auch erstaunt, früher hatte er sie rings um sich gehabt, jene, denen er nachfolgen sollte, sie hatten ihn vom Wald und von der Weide und vom blauen Himmel aus angeblickt, alte und weise Menschen. Jetzt saß es in ihm, war beinahe wie eine Wunde, und doch auch eine Macht. – »Ich bin nun einmal nicht anders«, lächelte er. Mina fiel bei seinem Bett auf die Knie und betete laut und unter Tränen, Gott möge Odins Herz doch nicht so verhärten, sondern ihn wie ein brennendes Scheit aus dem Feuer reißen, wenn es möglich sei! – Ja, und wenn es keinen anderen Rat gäbe, so möge er ihm den Tod schicken. Odin schlummerte oder lag in Fieberträumen da, während dies vor sich ging. Im übrigen war es schön, daß ein Mensch sich um anderer Menschen willen so ereifern konnte, daß es so in einem Herzen brennen konnte. Als Mina sich jedoch wieder über ihn beugte, schüttelte er den Kopf. – »Es ist wider meine Natur!« flüsterte er. – »Ja, aber gerade deshalb, gerade deshalb!« Sie ergriff seine Hand, und die Tränen rannen über ihre schönen Wangen. »Nein, ich tue es nicht!« sagte er. »Das geschieht nicht!« Es war übrigens ein Jammer, daß sie so unglücklich aussah, als sie hinunterging. Und jetzt dachte er wieder an Lauris. – »Ich muß versuchen, ihnen einmal sonst irgend etwas Gutes zu tun!« seufzte er. Sich ihnen fügen, das war unmöglich. Mochte sie doch einen anderen für ihre Sünden büßen lassen, wenn sie das konnte. Wenn überhaupt einer das konnte. Er sehnte sich nach seinem Vater, den er so plötzlich verlassen hatte. Oder wenn er doch wenigstens auf Haaberg gewesen wäre. – »Soll ich denn nie etwas anderes werden als ein kleiner Bub!« klagte er. – – – Auf Haaberg hatten sie ihn jeden Tag erwartet. – »Wo er nur bleibt?« fragte Aasel. – »Wer denn?« – »Der Odin, meine ich.« Der Weihnachtsabend kam heran, und auf Haaberg und in der ganzen Gemeinde war es feierlich. – »Er kann doch immer noch kommen?« sagte Astri und sah auf die Uhr. – »Wer denn?« – »Der Odin.« Am vierten Tag telephonierte Aasel nach Segelsund, um zu erfragen, ob Odin am Morgen mit dem Dampfer dort angekommen sei. Da hörte sie nun, wie es stand, und am Abend fuhren sie und der Hüterbub hinüber. – »Morgen, denke ich, bringen wir ihn mit, wenn wir wiederkommen«, sagte sie. Während der Weihnachtstage hatte es abwechselnd geregnet und gefroren, ein fürchterliches Wetter war es gewesen, jetzt aber war Neuschnee gefallen, und alles lag weiß und freundlich da, wohin man auch blickte. Astri stand vor dem Haus und sah den beiden nach, als sie fortfuhren. Sie blieb noch eine Weile stehen. Die Schlittenglocken klingelten so schön über den Weg dahin, und das Land nahm den Ton tief und still auf, mit feierlichem Gesicht, fand sie. Aasel hatte Astri gebeten, mitzukommen. Die hatte nur den Kopf geschüttelt. Und jetzt stand sie da und hielt mit sich selber Abrechnung: Sie fuhr ihm nicht nach. Das sollte nicht geschehen. Wenn er aber morgen mitkam, dann wollte sie dies als ein Zeichen ansehen, daß sich irgend etwas ereignen würde. Etwas Großes. Wenn sie daran dachte, schwamm es ihr vor den Augen, denn noch sollte sich eigentlich nichts ereignen, um der Großmutter willen, für lange, lange Zeit noch nicht, aber es konnte sein, daß er jetzt Ernst machte und alles Bitten nichts helfen würde – und er gehörte ja auch nicht zu denen, bei denen das Bitten half, oder? Aber am besten wäre es, wenn er noch lange nicht käme. Und drüben am Westhimmel, über den Bergen am Meer, stand die Mondsichel so neu und schön, wie sie sie noch nie gesehen hatte; sie stand dort und war einig mit ihr: sie mußte Zeit haben. »Und wenn es auch nur um Arnes willen ist«, sagte sie. Und während sie so dastand, starrte sie seltsam vor sich hin und lachte leise: »Wenn ich nur wüßte, was die Großmutter meint! Wie denkt sie sich eigentlich, daß das hier gehen soll?« Da kam eine ganze Schar junger Leute geradeswegs von Vennestad oder Lauvset her, sie hatten einen Langschlitten und fuhren den Weg zum Sommerstall hinauf, Burschen und Mädchen drängten sich alle auf dem Schlitten zusammen, und hinunter ging es über die Haabergäcker, in unheimlicher Fahrt, über den letzten Rain hinaus und weit ins Moor hinein. Astri wollte sich umdrehen und ins Haus gehen, sie fühlte keine Lust, mit den anderen zusammen zu sein. Da kehrt sie sich gerade zweien zu, die auf den Hof zukommen – es sind Lauris und Kristine. Sie waren zuerst bei der Schlittengesellschaft gewesen, erzählten sie, und dann hatten sie diesen Weg hier gefunden. Und jetzt solle sie einmal mit ihnen auf dem Schlitten abfahren. Lauris nahm sie beim einen Arm und Kristine beim anderen. Ihr Übermut tat nicht weh, im Gegenteil, und ehe Astri ein Wort sagen konnte, hatte sie nachgegeben und ging mit. Zweimal fuhr sie mit auf dem Schlitten herunter, saß eingepreßt zwischen den anderen und sauste durch die Luft, daß es ihr um die Ohren pfiff, sie fühlte, wie der Schlitten zweimal in die Höhe geschleudert wurde, und alle schrien und johlten, soviel sie nur konnten. Kristine und Lauris brachten sie wieder zum Hof zurück, und sie überlegte, ob sie die beiden nicht ins Haus bitten und ihnen vom Weihnachtsbranntwein einschenken müßte. Kristine sah hinüber, wo der Schlitten gerade wieder hinuntersauste. Da legte Lauris seine Hand um Astris Nacken, zog sie an sich und küßte sie. Astri schrie nicht, so sehr sie auch erschrocken war. Sie hatte ihn wohl irgendwo ins Gesicht geschlagen. Lauris sah unglücklich drein. – »Ich werde es nie wieder tun!« seufzte er. Jetzt erfaßte Kristine, was geschehen war, und Astri warf den Kopf zurück vor dem brennenden Haß, der aus ihren Augen schoß; sie sah ihr offen in die Augen, ohne zu blinzeln. Dann drehte sie sich weg und ging wortlos hinein. Noch lange danach zitterte es in ihren Augenbrauen. Aasel kam ohne Odin zurück, am nächsten Tag. Er sei noch zu krank, um die Fahrt wagen zu können. Astri warf sich eifrig auf die Post, die wenigstens einen Brief von der Mutter brachte. Am Neujahrstag kam Odin auf einen Sprung nach Haaberg, aber er mußte noch am gleichen Abend nach Segelsund zurück, denn am nächsten Morgen sollte er zur Stadt und sich für die Lofotfahrt ausrüsten. Mit Astri konnte er nicht viele Worte wechseln. Und soviel Aasel erkennen konnte, waren sie alle beide ganz zufrieden damit. – »Vielleicht müßte ich es auch sein«, sagte sie zu sich selber. Lauris 1 Lauris segelte im Frühjahr nach Kristiansund und verkaufte die eingesalzenen Fische. Die Fische selber zu trocknen, traute er sich nicht, besonders wenn der Verdienst so über ihn hereinströmte wie jetzt, sagte er zu Odin. Und nun sollte dieser Handel einstweilen ein Ende haben – »man soll den Herrgott nicht versuchen, davor habe ich mich mein Leben lang gehütet, und darum waren wir auch immer gute Freunde. Jetzt will ich mein Glück auf der Mutter Erde versuchen. Hier sollte ich doch mit Recht noch einiges zugute haben.« Er kaufte ein Haus in der Haabergbucht und machte sich daran, es großartig herzurichten. Odin blieb in der Stadt, beim Vater. Er wollte dort sein; es gab irgend etwas, das ihn zu bleiben bat. Lauris war die ganze Zeit wie eine Last gewesen, wie eine Last, die andere von sich geworfen hatten und die er auf sich nehmen mußte. Es hatte Menschen gegeben, die mit solch einer Last durchs Leben gegangen waren – die der Meinung waren, daß so etwas getan werden müsse, weil sie es zuwege brachten; dies mußte vor langer Zeit gewesen sein, jetzt war das zu altmodisch, und Odin warf die Bürde ab. Es war nicht ganz sicher, ob der Vater nicht im Begriff stand, ihm wiederum ganz fremd zu werden. Er redete oft, als wollte er alles ausstreichen, was früher gewesen war, als sei er das Leben nun von einer anderen Seite gewahr geworden. Odin sagte zu Andrea: »Du mußt es sagen, wenn ich euch hier im Wege bin.« – »Nein, jetzt sei einmal lieb, Odin, und bleib in aller Ruhe hier!« – »Es tut mir so gut.« – »Was denn? Die Stadt?« – Odin wurde rot, sah aber zu ihr auf: »Der Vater. Ich brauche ihn, ich wachse durch ihn, dünkt mich.« Aber es war wirklich so, dachte er, als er fortging. Im Grunde wuchs er durch alles, was ihm begegnete. Die meiste Zeit las er, denn hier konnte er Bücher geliehen bekommen, so viel er wollte. – »Aber gerade die hast du doch früher verworfen?« fragte Otte. – »Kann schon sein, aber –. Es ist doch Leben in ihnen. Sie werden lebendig, wenn ich darüber nachdenke. Es ist nicht so neu, wie ich glaubte, das, was ich einmal bringen werde!« meinte er vor sich hin, aber gleich darauf lächelte er: ein Spiel sollte es nun doch werden, wie es auch gehen mochte! Eines Tages, es war ein blanker Westwindtag mit rauschenden Bäumen an den Hängen und weißen Schaumköpfen auf dem Fjord, stand er da und sah zu, wie der Vater mit einer neuen Birkenbeize Versuche machte. – »Ich muß wohl auch einmal wieder arbeiten«, sagte er. »Aber manchmal wundere ich mich: Die Arbeit wird ja doch getan? Auch wenn einer sich davon drückt.« – »Wenn ich faul bin, wundere ich mich auch immer darüber«, antwortete Otte, er richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf und lächelte. – »Denn getan wird sie doch«, fügte er hinzu. Er sah Odin an, und Odin fühlte, daß er sagen wollte, du darfst ja tun, wozu du Lust hast; und wenn du auch nur dichten willst; der Vater wußte alles über ihn. Aber die Unruhe in Odin wurde nur immer stärker. – »Nein«, sagte er, »es ist doch besser, ich fahre nach Haaberg hinüber und helfe ihnen bei der Ernte, hab's wohl auch so halb und halb versprochen – das andere geht nicht!« – »Nicht?« – »Nein. Wenigstens jetzt noch nicht.« Wer weiß, ob er seinen Vorsatz ausgeführt hätte und nach Haaberg gefahren wäre, wäre nicht noch etwas dazugekommen. Otte hatte eine kleine Wohnungseinrichtung nach Drontheim gesandt, es fand dort eine Ausstellung für derlei Dinge statt. Es waren die alten Namdalmöbel, die er wieder ausgegraben hatte, jedoch hatte er versucht, sie ein wenig leichter und handlicher zu machen und ihnen auch den Stempel seiner Hand aufzudrücken, das konnte Odin sehen. Er bekam zwar keine große Prämie dafür, aber man schrieb über ihn in der Zeitung und lobte ihn: dies sei doch endlich einmal einer, der den richtigen Weg zeige, und ein Künstler, das könne jeder sehen, der es nur sehen wolle. Eine von den Zeitungen daheim wiederholte diese Notiz und fügte noch ein paar Worte auf eigene Rechnung hinzu, nach verschiedenen Seiten boshafte Bemerkungen austeilend. Schon am Tag darauf brachte die andere Zeitung einen Artikel, in dem sie die ganze Sache verhöhnte: Hört, es sollte einen Mann in der Stadt geben, der genau die gleichen alten Stühle und Tische machen könne, wie man sie schon vor langer Zeit für unbrauchbar erklärt habe! Sie wollten darauf wetten, daß nun bald einer käme, der auch die guten alten Lehmböden wieder erfinde. Und vergeßt nur beileibe nicht, daß in den Wänden Gucklöcher sein müssen! Odin lachte, als er dies las, und er wußte, daß auch der Vater das tun würde. Nicht lange darauf ging er auf die Straße und blieb vor dem Schaufenster der betreffenden Zeitung stehen. Er hatte nur vorgehabt, einen kleinen Spaziergang zu machen. – »Ich schaue einmal hinein«, lächelte er. Er traf den Mann selber an. Es war ein dicker Kerl mit rotem Gesicht, der nicht wenig an Ola Haaberg erinnerte. In Odin stieg es gleich ganz heiß auf, als er ihn sah. Er sagte, wer er sei, und sagte auch, wie er über die Sache denke: es sei kleinlich, einen Mann, der einem nichts getan habe, so herunterzureißen, es müsse ihm doch bekannt sein, daß es Lüge sei, was sie hier verbreiteten? – »Mein Vater ist ein Künstler«, sagte er. »Sie haben offenbar nicht gesehen, was er gemacht hat!« Der Redakteur stemmte die flache Hand in die Hüfte und sah Odin mit kleinen Augen an: »Wir waren zu spät daran, will ich Euch sagen!« – »Zu spät?« – »Ja, die –« – er deutete mit dem Kopf über die Straße hinüber – »die waren früher daran mit ihrer Notiz.« – »Ja, aber –?« – »Nur zum Spaß und zum Vergnügen, nicht wahr? Wir können doch nicht mit der Gegenpartei einer Meinung sein, oder?« Odin schwieg eine Weile und sah den Mann von oben bis unten an. – »Ja, aber es ist trotzdem erbärmlich!« Der Redakteur legte ihm die Hand auf die Schulter, es war eine weiße und fette kleine Pfote, und dies machte Odin offenbar so wütend. – »Sie sind ein Vieh, wenn Sie es wissen wollen!« In dem Gesicht des Zeitungsmannes ging gar mancherlei vor sich, Falten verschwanden und neue tauchten auf, die Augen wechselten ununterbrochen die Farbe, so schien es Odin. – »Was? Was?« keuchte er, und dann brach es aus ihm heraus: »Hinaus, sage ich, hinaus mit dir, hinaus !« Der Zeigefinger zitterte in der Luft. »Du bist ein – Sie sind ein – du meinst, ich hätte den elenden Dreck nicht gesehen, den dein Vater gemacht hat, wie? Was? – Hinaus !« Hinaus? dachte Odin. Dieses Wort habe ich früher schon einmal gehört; er zog die Brauen hoch und grinste. Der andere stemmte ihm die Faust gegen die Brust und wollte ihn hinausschieben. Da schlug Odin zu, ein wütender Hieb irgendwohin, wahrscheinlich mitten auf die feiste Wange, und der Redakteur taumelte nach hinten und blieb erstarrt an die Wand gelehnt stehen. – »Ja–a!« sagte Odin, und dann ging er. Er ging weit vor die Stadt hinaus. Als er heimkam, erzählte er, was sich zugetragen hatte. Sie wurden alle beide still. – »Ja, ja, ja«, sagte Otte endlich und sah Andrea an: »Du wirst es am meisten büßen müssen!« Andrea versuchte zu lachen, so gut sie konnte: Das werde doch wohl er am meisten zu spüren bekommen! Odin erkannte innerlich, während er so dasaß, wie unvernünftig ihnen dies alles vorkam. Und sie, die geglaubt hatten, er sei nun erwachsen und verständig. – »Aber so ein Vieh sollte nicht leben!« sagte er still. Der Vater lächelte: »Da müßte man viele erschlagen. Lassen wir sie noch bis zum Herbst auf der Weide.« Am Tag darauf ging Odin in die Redaktion und wollte wieder mit dem Mann reden, er wurde jedoch von einem anderen hinausgewiesen. Weiter hörte er nichts mehr darüber, weder von der Polizei noch in der Zeitung. Dann reiste er nach Haaberg. Es gab viel Futter in diesem Jahr, und ein strahlendes Heuwetter, so daß sie alle Hände voll zu tun hatten. Aasel freute sich, daß Odin kam. Aber ihre Blicke waren hinter ihm her und fragten, wie sie es immer getan hatten, und das behagte ihm gar nicht. Es sah beinahe so aus, als bäten sie für sich. Gleich, als er standhielt und ihnen begegnete, wußte er. daß diese Unruhe eigentlich in ihm steckte; von dort kam die Frage. An den Abenden tauchte bisweilen Lauris auf. Er war ein willkommener Gast, obgleich man merken konnte, daß Aasel ihn nicht höher als einen Tagelöhner einschätzte, als einen von den Häuslerplätzen draußen. Er brachte Leben mit sich, stundenlang saß er da und erzählte lustige Geschichten, oder es genügte schon, wenn er sich nur sehen ließ, denn der ganze Kerl bestand aus lauter Späßen. – »Siehst du denn nicht«, sagte Astri zu Odin, »daß er in allem du sein will? Ja, denn er hat dich bald ganz gestohlen, es ist lauter Diebsgut, ob er nun schweigt oder das Haus auf den Kopf stellt.« Odin sah es, erkannte es manchmal flüchtig und fand dies lustig, aber im Grunde glaubte er doch nicht, daß es sich so verhielt. Eines Abends stand Odin am Brunnen und tränkte die Pferde, und Lauris war bei ihm und rauchte, um die Mücken zu vertreiben. Es war drückend still und heiß, wollte wohl bald regnen. Astri und die junge Magd kamen vom Sommerstall, sie schleppten drei schwere Milchkübel, einer wäre schon genug für sie gewesen; Odin pflegte ihnen sonst die Milch heimzufahren, ehe er die Gäule ausspannte. Da zieht Lauris den Schubkarren unter dem Vorratshaus hervor und läuft den Frauen entgegen, zwingt sie, die Eimer herzugeben, und fährt sie ihnen heim. Während er die Eimer vor die Milchkammer stellt, sieht Astri ihn an, lacht ein wenig und dankt für die Hilfe. Mehr war es nicht. Odin führte die Pferde weg und spannte sie vor die Mähmaschine, er wollte noch ein Stück abmähen. Nein, mehr war es nicht. Trotzdem sagte etwas in ihm, wenn er Astri haben wolle, so müsse er sie nehmen und mit ihr fortfahren. Die Worte kamen aus der Biblischen Geschichte, aber der Ton kam aus dem stillen schweren Abend ringsum, aus den blauen Wolken, die den Himmel umwoben, und von Wiesen und Äckern, die nun im Abendtau dufteten und auf Regen warteten: »Sieh nicht hinter dich, auch stehe nicht in dieser ganzen Gegend. Auf den Berg rette dich!« »Nein!« sagte er und schlug auf die Pferde ein. Sie sollte sich doch in Gottes Namen darauf besinnen, wer sie war. Später sah er gar mancherlei, was ihn in Erstaunen setzte, ein leichtes Erröten, ein Aufblitzen der Augen, ein übermütiges Zurückwerfen des Kopfes, wenn sie sich umwandte und die anderen stehenließ. Wie im Traum sah er die Berge, die mit steingrauen Häuptern über der Gemeinde standen, und das Meer, das draußen vor der Bucht dahinrollte. So ruhig sollte man es nehmen. Eines Abends waren sie, ein paar junge Leute, unten in Vaagen und sahen sich Lauris' Haus an, es sollte bald mit Tanz eingeweiht werden. Astri und Odin blieben ein wenig hinter den anderen zurück. Sie würde mit ihm gesprochen haben, das merkte er, aber jetzt war nicht die Zeit dazu, denn es konnte ja doch nichts anderes daraus werden, als daß sie sich einander in die Arme warfen und weinten oder lachten; er fühlte es ganz unumstößlich, daß die Zeit noch nicht gekommen war. Weiß und einsam standen die Strandblumen unten am Ufer und nickten unter dem Hauch des Westwindes, und die Strandvögel hüpften umher und nickten und pfiffen ebenso eintönig: Tjuhu-hu! – »Da draußen sind die Buchten, Odin«, sagte sie. – »Ja. Aber sie haben jetzt die Farbe gewechselt, nicht wahr?« Sie gab keine Antwort, sah nur nach Westen hinüber. Und dann waren sie bei den anderen unten. Odin wollte gerade heimgehen – es war schon spät am Abend und dunkel – da kam Astri herausgelaufen und sprang geradeswegs auf ihn zu, sie war völlig verändert. Die Tränen standen ihr in den Augen. Sie biß sich auf die Lippe, daß diese blaß wurde, aber der Mund zitterte trotzdem; sie nahm Odins Arm: »Komm, gehen wir, Odin!« Sie gingen die Anhöhe hinan, und die anderen folgten ihnen. – »Gehen wir doch, Odin!« – »Was ist denn jetzt wieder los?« – »Nein, nein; laß sie kommen. Aber er hat mich gekränkt!« Sie sieht ihn trotzig an. – »Was für ein er ?« – »Das weißt du, Odin, der Lauris.« Er sah, wie sie rot wurde, als sie seinen Namen nannte. Die anderen kamen nicht gleich nach, und so gingen die beiden einstweilen voraus. – »Sagst du denn niemals auch nur ein Wort, Odin?« – »Ich sage, daß du das nicht dulden sollst.« – »Dulden? Aber das ist es ja gerade, was ich nicht tue, hörst du!« Odin lächelte mit der einen Hälfte seines Gesichts: »Dann ist es nicht gefährlich. Dann vergeht es von selber wieder.« Sie wurde so böse, daß ihr Arm zitterte: »Darf ich denn nicht einmal mit ihm reden? Denn aus dir ist ja überhaupt nicht ein Wort, geschweige denn ein Satz herauszubringen, du bist bald wie die Großmutter. Und jemand aus dem Weg gehen, das tue ich nicht, daß du's nur weißt, denn das ist nicht nötig, ich habe keine Angst!« Jetzt riefen ihnen die anderen, sie sollten doch nicht so schnell gehen. Da blieben sie stehen und warteten. Angesicht in Angesicht und Auge in Auge standen sie da. Ihre Stimme klang nun leise und ruhig, aber der Zorn war jetzt in Hohn übergegangen. »Du sagst also gar nichts, Odin?« »Nicht heute abend, nein. Du weißt, es wäre eine Sünde gegen die Großmutter, wenn wir jetzt von ihr fortreisten.« »Ja, aber – –« »Wir müssen warten, Astri. Hm? – – Und dann ist es ja auch wegen der Leute.« Sie machte große Augen. In ihrem Gesicht zuckte es dann und wann – er hatte Pferdenüstern so beben sehen, wenn eine harte Hand am Gebiß zerrte. »Kümmerst denn du dich darum, was die Leute sagen?« »Ach ja; ein wenig. Um der Großmutter willen, zum mindesten.« »Dann bist du nicht der – dann bist du nicht einer von den unseren!« »Nein, nein; das ist vielleicht auch manchmal ganz gut.« Er schob die Hände in die Taschen und lächelte. Astri rief den anderen zu, sie sollten sich beeilen! Sie ging mit den anderen Mädchen weiter und redete mit ihnen, als sei nichts geschehen. Der Lauris hatte sie auf eine freche Art umarmt, als sie in seiner Küche stand und hinausgehen wollte, alle Leute hatten es sehen können, und als sie sich ihm entwand, küßte er sie mitten auf den Mund, ohne daß sie sich wehren konnte, und lachte ihr hinterher schamlos ins Gesicht. Und so war er im Grunde die ganze Zeit gegen sie gewesen, sie erkannte es jetzt deutlich, wenn sie nachdachte. Sie hatte die Wahrheit zu Odin gesagt, daß sie Lauris nicht aus dem Wege gegangen sei; einer, der sich um nichts kümmert, kann einen ja auch einmal neugierig machen. Und wie kam Odin dazu, das von Aasel zu sagen? Sie war doch selber schon genug damit geplagt! Er sollte sich nur nicht unterstehen und ihr etwa verbieten wollen, mit den Leuten zu reden! War es denn so sicher, daß sie auf ihn warten würde? – – – Das nächste Mal, als sie Lauris begegnete, gab sie sich den Anschein, als erinnere sie sich an nichts mehr. Er blieb ganz still, redete sie nicht einmal an. Es war so merkwürdig, einen dickfelligen Burschen zu sehen, der sich so züchtigen ließ. Nicht lange darauf kam Nachricht von Heringsschwärmen drinnen im Fjord, die Fischer schafften ihre Netze in die Boote und fuhren fort, und Odin mit ihnen. Der Knecht wurde leicht allein fertig auf Haaberg, und Odin mußte weg. Er fühlte sich nicht mehr wohl dort. Als er einige Zeit draußen gewesen war, sah alles anders aus. – »Mir scheint, du machst dir Gedanken über Haaberg?« lachte einer der Kameraden. – »Ach, woher doch! Ich wäre gerade der Rechte zum Hühnerhüten.« Es mußte doch noch etwas anderes in der Welt gehen als nur »liebst du mich?« und dergleichen. Außerdem machten sie einige kleine Fänge und verdienten Geld, und es war lustig, so von einer Bucht in die andere zu fahren, den Heringen nach; die Bootsmannschaften standen sich wie Feinde gegenüber, es war wieder ganz wie in der Kinderzeit und in Kjelvika, so daß es einem durch den ganzen Körper strömte. Astri wurde es seltsam zumute, als Odin fortfuhr. Sie war böse, hauptsächlich aber fühlte sie sich allein, so allein und weich, wie sie nie geglaubt hatte, daß man werden könnte. Aber sie würde warten, das wußte sie. Lauris ging sie aus dem Weg. Oft saß sie in der Stube drinnen und hörte, daß er in der Küche war; sie konnte hören, wie sie lachten, oder sie meinte es zu hören. Aber immerhin, es kam doch Leben ins Haus. Ein paarmal begegneten sie einander auf dem Hofplatz. Dann grüßte er nur und ging. – »Wie töricht du doch sein kannst, Odin«, sagte sie lächelnd. 2 Dann ging eines Abends im Spätherbst Astri von Skarsvaagen heim. Dunkel war's und ein unheimlicher Weg zwischen Felsen und Sandhängen und kahlen Hügeln. Das Meer donnerte im Westen, und der Wind pfiff dünn und klagend in den unbelaubten Büschen; und immer dunkler und dunkler wurde es. Da kam jemand hinter ihr her. Er räusperte sich und spuckte ein paarmal laut und herzhaft in dieser Wildnis, und jetzt hörte sie, wie er fest und unbekümmert auftrat, so daß die kleinen Steine nur so dahinrollten; sie war froh. Aber es war der Lauris. Ihr Herz begann wild zu schlagen, sie mußte sich steil aufrichten, ehe sie es zur Ruhe brachte. Er stieß einen derben Fluch aus, als er hörte, wer vor ihm war. – »Ja, jetzt wirst du mir wohl gleich davonlaufen«, sagte er. »Aber du darfst dich darauf verlassen, Astri, ich kann schon auch ein anständiger Kerl sein. Hier draußen in der Wildnis, und du mutterseelenallein mit mir – nein, ich bin doch schließlich auch ein Mensch, auf meine Art!« Sie lachte laut und übermütig auf: Er solle doch nicht glauben, daß sie Angst habe! – »Wenn du wüßtest, was ich für einer bin, dann hättest du Angst«, sagte er still. Es durchfuhr sie eiskalt bei diesen Worten. Die Stimme war ganz rauh vor lauter Wahrheit. Er wuchs in dem Abend und in der Einsamkeit hier zu einem großen und kalten Wesen heran, zu einem Heiden und Verantwortungslosen, der sie in der Gewalt hatte. Aber Angst fühlte sie nicht. Da fing er zu reden an. Es klang leise und rostig, es war wohl schon lange her, seit er mehr als nur ein paar Worte gesprochen hatte. Sie sollte wissen, daß er ein Vieh sei. Es würde auch kein Mensch aus ihm, wenigstens nicht mehr als nur äußerlich. Er könne nichts bereuen, selbst wenn er etwas ganz Schlimmes angestellt hätte. – »Alle die Mädchen, denen ich Schrecken eingejagt habe, und gegen die ich nicht gut war! Oder die ich unglücklich gemacht habe! Wie nun die eine hier, du weißt schon, welche ich meine. Du kannst es ja gerne wissen, weißt ohnehin schon die Hälfte, sonst sage ich zu keinem ein Wort, ich habe nie einen Menschen gefunden, mit dem ich reden konnte; mit der Zeit bin ich schlau geworden. Aber es ist schade um sie. Ich habe ihr gesagt, daß sie sich nie auf mich verlassen solle – niemand kann mir ein Zaumzeug anlegen, das ist ja gerade mein Unglück. Sie glaubt trotzdem an mich. Immer und immer wieder. Und sie ist nicht die einzige – – ich bin ein Vieh!« Er redete auf dem ganzen Weg. Bisweilen nahm der Wind seine Worte und warf sie in die Luft hinaus, bisweilen warf er sie ihr gerade zu. Sie kamen an den Bach, und der brauste über die kleine Brücke hinweg, genau wie Astri befürchtet hatte. Ohne ein Wort zu sagen, hob Lauris sie auf und trug sie hinüber, stand einen Augenblick da und sah sich nach einer trockenen Stelle um, und stellte sie still zur Erde. So! Er war schon wieder im Gehen, und Astri mit ihm. Entsetzt fühlte sie, wie schwach ihre Knie waren. Und solche Angst vor ihm wie jetzt, da sie über die Wiesen gingen, hatte sie noch nie verspürt. Dann muß ich die ganze Zeit Angst gehabt haben, dachte sie. Lauris blieb bei der Schmiede stehen, er wollte den kürzesten Weg westlich um Haaberg herum gehen. – »Ich glaube nicht, daß es gut ist, wenn man dich mit mir zusammen sieht«, sagte er. Sie wollte darauf erwidern, daß sie sich darum nicht schere, da aber legte er ihr die Hand auf die Schulter: »Du mußt noch einmal zu mir hinunterkommen. Damit ich dir zeigen kann, daß ich gegen dich anständig sein kann. Du kommst, nicht wahr?« – »Ich werde kommen«, erwiderte sie. – »Warten wir's ab. Du machst es wohl auch so wie ich, wenn ich etwas verspreche: ich halte es nicht.« Er wünschte gute Nacht und ging sofort. – »Nein, ich werde es nicht halten«, dachte sie. »Das hab ich nicht nötig.« Am Tag darauf konnte sie kaum glauben, daß sich das alles wirklich zugetragen hatte. Ein Hauch von Scham überflog sie ein über das andere Mal; sie wurde so wütend und zornig, daß sie am liebsten auf den Boden gestampft hätte. Gleich darauf kam das Entsetzen, wie das Geflatter schwarzbeschwingter Vögel am Abend: »Wer war es, der ihn gestern abend aussandte – der alles so fügte?« Gestern abend hatte sie nicht einmal ihr Abendgebet gesprochen, es war ihr nicht möglich gewesen, sich dazu aufzuraffen, es war ihr, als würde einer es hören und sich umdrehen und sie anschauen. Ja, ja, aber jetzt machte sie sich nichts mehr daraus. Zu ihm gehen, das würde sie nicht tun, außer man kam und zog sie mit. Ein paarmal ertappte sie sich dabei, daß sie sich selber auf dem Weg hinunter sah, sie wollte hingehen und ihn anspucken. Und am gleichen Abend bat Aasel sie, ihr in Vaagen etwas zu besorgen; es lebte eine Frau aus der Stadt dort, die einen kleinen Handel betrieb. Astri fühlte, wie ihr Kopf kalt wurde, aber im übrigen stand sie ruhig da. – »Zuerst muß ich in den Stall«, sagte sie. Sie wollte die Küchenmagd fragen, ob sie mit ihr käme, brachte jedoch die Frage nicht über die Lippen; denn die Augen einer Magd wollte sie nicht auf sich fühlen, sie wagte doch wohl allein zu gehen? Es regnete und stürmte, und sie mußte sich ganz für schlechtes Wetter anziehen, zu diesem Zweck hatte sie sich in Drontheim einen neuartigen Mantel angeschafft. Zuerst ging sie in den Laden. Sie hatte erwartet, dort eine Menge Menschen anzutreffen, aber er war leer. Sie mußte sich ordentlich zusammennehmen, so leer und kalt war es dort. In der Stube bei Lauris brannte Licht. Astri hielt nicht inne, um sich zu besinnen, sondern ging geradeswegs hinein, und jetzt war sie bis ins Innerste ruhig. – Dann hab ich's hinter mir, sagte sie. Lauris saß über einigen Rechnungen und ließ sich reichlich Zeit, ehe er sich auf seinem Stuhl herumdrehte. Es sah so aus, als wisse er, wer komme, habe jedoch viel zu tun. Seine Augen ruhten eine Weile auf ihr. Astri wußte nicht, ob dies lange oder kurz dauerte: sie waren wie die Augen eines Kindes. – »Bin ich etwa nicht gekommen?« sagte sie lachend. Er saß unverändert ruhig. – »Hat dich jemand hereingehen sehen?« – »Wieso das? Ich habe mich nicht danach umgeschaut!« – »Du hättest dich aber danach umschauen sollen.« Die Lampe leuchtete gelb auf seinem Gesicht und machte es noch bleicher. Er sah zu Boden. Dann nahm er sich zusammen und schenkte ein Glas Wein ein. – »Nun sei doch lieb und hab keine Angst«, bat er. »Nur dieses Glas hier!« Da mußte sie trinken. Danach fing sie an, sein Album durchzusehen. Es war voll von Mädchengesichtern, aber sie waren ihr alle fremd, aus der Stadt und aus Nordland oder sonstwoher. Schön waren sie alle. Lauris nahm ihr das Buch weg und warf es aufs Sofa. Da erst sah sie sich in der Stube um, sah, wie fein es hier war, es glich gar nicht einer Stube bei anderen Leuten. Zugleich sah sie auch, daß auf jeder Seite seiner Stirn ein roter Streifen entstanden war, bis dicht unter das schwarze, leicht gekräuselte Haar. – – Noch habe ich keine Angst vor ihm, dachte sie. Sie fühlte seine Augen im Rücken oder auf ihrem Nacken. – Und jetzt legt er seine Hand auf meine Schulter, durchfuhr es sie – aber ich werde schon hinauskommen. Er tat es nicht. Unbeweglich stand er mitten in der Stube, sah Astri an und sah dann wieder weg, während sie dicht um ihn herum und zur Türe ging. – »Gute Nacht also, und schönen Dank!« sagte sie. – »Gute Nacht, ja!« Er fuhr zusammen, als wache er auf, und folgte ihr still auf die Treppe hinaus. Draußen war kohlschwarze Nacht, nur der Regen fauchte zusammen mit dem Wind durch die Dunkelheit, und aus zwei, drei Häusern in der Nähe strahlte gelbes Licht. Den Hügel konnte sie wie etwas Großes und Zottiges vor sich erkennen. Die See rauschte wild unten am Strand, man konnte gegen die Dunkelheit einen weißen Rand unterscheiden, der stieg und fiel; ein Kampf im Finstern. »Traust du dich allein heimzugehen?« fragte er dicht hinter ihr. »Aber freilich.« Im selben Augenblick fühlte sie seine Arme, sie umschlossen sie und hoben sie auf. – »Sei gut!« seufzte sie. Da sagte er, es klang abgrundtief schwermütig im Heulen des Windes und im Wasserrauschen: »Und wenn ich dich jetzt nähme und dich hineintrüge, was meinst du?« – »Nein, sei gut, Lauris!« – »Das kann ich wohl auch«, sagte er, und nun stand sie neben ihm und konnte gehen, wenn sie wollte. »Du könntest mich doch ein kleines Stück weit begleiten – – an den Heidenhügeln vorbei?« Sie hatte nicht eher an diese alten Grabhügel gedacht, als bis sie jetzt davon sprach. Er nahm ihren Arm, und so gingen sie. Als sie an die Äcker von Haaberg kamen, blieb er stehen und wollte umkehren. – »Weißt du, an was du jetzt dachtest?« fragte er schroff. – »An nichts.« – »Daran, daß du verheiratet warst.« – »Nein!« – »Doch! Du dachtest daran, daß – – du verheiratet warst, ja, daß du eigentlich nicht verheiratet warst.« Es gab ihr einen Ruck: »Woher weißt du das?« – »Denk darüber nach, ob es nicht wahr ist, was ich sage.« Sie tat es. bis sie nicht mehr wußte, was sie glauben sollte. Er fuhr fort: »Ebenso wahr, Kind, wie es wahr ist, daß du – ja, laß mich sehen – Haken an deinem Mieder hast oder an deinem Schnürleibchen, oder wie man es nennt.« – »Das hab ich nicht! Ich habe Druckknöpfe.« – »Haken, sage ich .« – »Unsinn!« – »Du kannst es doch wohl zugeben?« Ihre Finger zitterten, und auch ihr ganzer Körper; sie zerrt ihr Oberleibchen zur Seite, und er fühlt nach.–»Haken, ja«, seufzte er. Ihr wurde fast schwindlig, sie brauchte ihre ganze Kraft, um sich zu fassen. – »Es ist wahr, ich zog mich heute um, aber du hast nur geraten, nur geraten , hörst du?« – »Ja, Herrgott noch einmal?« Sie sagte gute Nacht und ging rasch von ihm fort. Sie mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht zu weinen. – »Daß ich nicht davonlief!« schluchzte sie, »daß ich nicht davonlief !« Aasel sah sofort, als sie hereinkam, daß ihr irgend etwas widerfahren war. – »Du bist lange ausgeblieben?« sagte sie. – »Ja, ich wurde aufgehalten.« – »Daß du allein fortgingst, in der schwarzen Nacht?« – »Pah, was tut das!« Aber die Augen der Großmutter reizten sie. Sie begegnete ihnen trotzig und ehrlich, wie sie es gewohnt war: »Ich war beim Lauris drinnen. Wollte sein neues Haus anschauen. Dann ging er ein Stück weit mit mir. Nein, nein, er tat mir gar nichts!« Sie lachte. Aasel sah und sah sie an. – »Du siehst mir doch mehr so aus, als wenn das nicht so ganz sicher wäre?« – »Ich bereue nur, daß ich trotzdem hingegangen bin, das hätte nicht geschehen sollen. Denn er, er glaubte, er schone mich!« – Aber daß er es trotzdem tat? fragte sie sich selber, und sie fragte dies noch oft, ehe sie einschlief. – – – Die Woche darauf kam Odin heim. Er sah ziemlich bald, daß Astri nicht die gleiche war wie vorher. Sie versuchte ihn wie früher anzuschauen, aber da schlug er die Augen nieder, um ihretwillen. Er tat auch nicht, als habe er bemerkt, daß sie den Ring jetzt auf der linken Hand trug. Eines Abends waren sie und die Magd fort und kamen erst spät in der Nacht heim. Am Morgen darauf fragte er sie, – sie trafen einander im Gang: »Wo warst du gestern abend?« Sie antwortete nicht, ihre Augen betrachteten ihn beinahe gehässig, nie waren sie schöner gewesen, wenn er sie angesehen hatte. – »Aber bist du denn besessen, Astri? He? Ja, ja, ich kann ja nichts sagen, aber –« – »Nein, nein! Du nicht! Du, der nicht ein Wort zu sagen wagt! Im übrigen hat – hat sich nichts zugetragen, wenn du es wissen willst. Noch nicht!« Und damit ging sie an ihm vorbei und hinein. »Wagt?« lächelte er. In der darauffolgenden Samstagnacht tanzten sie die neue Stube von Lauris ein. Odin wollte sich nicht lumpen lassen und tanzte mit. Aber Astri war ganz verändert, das sah er, sobald Lauris kam und mit ihr redete. – »Das wird doch wohl vorübergehen?« sagte Odin einmal, als er mit ihr tanzte. Sie verstand ihn und wechselte die Farbe; er glaubte, sie sei dem Weinen nahe. Und das war sie. Denn jetzt war es zu spät, Lauris hatte noch nichts gesagt, er war merkwürdig still gewesen an dem letzten Abend, als sie draußen umhergingen, aber es war zu spät, trotzdem zu spät, was Odin jetzt auch sagen mochte. So oft Astri sich im Tanz drehte, sah sie Kristines Gesicht, weiß und fein unter seidengelbem Haar, mit tiefen Lachgrübchen an den Mundwinkeln, und im Tanz schwenkte sie sich leichter und weicher als irgendeine der anderen herum. Und ihre Blicke waren das reine Gift, wenn sie ihnen begegnete, Astris Nacken wurde steif, bis er schmerzte. – Schande, ja, es war so. daß man hätte sterben können, aber es tat gut. Lauris schenkte nicht oft ein, und keiner wagte, ihn daran zu erinnern. Er war auch nicht so ausgelassen lustig wie früher. Gegen Morgen, mitten im Tanz, hielt er inne und zog Astri mit sich in einen Winkel, während die anderen im wildesten Tanz sich drehten. Sie waren ganz allein, wie an jenem Abend, da sie zu ihm kam. »Weißt du, daß du jetzt mir gehörst?« sagte er. Sie glaubte fast, er schreie es. Aber keiner der anderen achtete darauf. Sie sah ihn böse an, wurde aber immer bleicher und bleicher. »Du weißt es, Astri, wenn du es wissen willst.« »Ja, ich weiß es.« »Aber weißt du auch, was ich für einer bin?« »Ich glaube, ich weiß auch das.« »Glaubst du, daß einmal ein Mensch aus mir werden kann?« Sie legte die Hand auf die seine und wurde blutrot. Stolz richtete sie sich auf: »Sonst – – wäre ich heute abend nicht hier.« Sie ging von ihm fort. – »Ich will jetzt heim, du sollst mich in Frieden lassen!« Sie mußte ihre ganze Kraft zusammennehmen, um nur aufrecht gehen zu können. Sie sah Odin an der Wand drüben stehen, ein großer bleicher Bursche, mit dem sie nichts zu tun hatte – von dem sie keine Hilfe brauchte; er hatte wohl gesehen, was sich eben zugetragen hatte. – »Ja, jetzt bin ich verraten und verkauft«, murmelte sie in dem Lärm des Tanzens und sah zu ihm hin. Sie stahl sich hinaus und heim. 3 Odins Gesicht, so wie er an der Wand stand, als sie ging, sah sie seither noch oft vor sich, besonders wenn er fort war. Und fort war er jetzt sehr häufig. Gurianna in Kjelvika lag im Sterben, und er blieb dort bis zu ihrem Ende und bis das Leichenbegängnis überstanden war, kam nur ein paarmal kurz nach Haaberg. Lauris kam auch nach Kjelvika und sah sich nach Gurianna um, denn er gehörte zu Bendeks Verwandtschaft. Odin und er begleiteten einander und redeten dabei, wie sie früher getan hatten. Auch Aasel wurde zum Leichenbegängnis eingeladen, sie entschuldigte sich jedoch damit, daß sie nicht gesund genug sei. Es kribbelte in Astri, wenn sie merkte, daß die Großmutter ihr nachsah: Wieviel sie wohl wissen mag? Was sie wohl zum Schluß sagen wird? Warum kann sie mich nicht fragen? Sie summte und sang leise vor sich hin. Zu Weihnachten wurde in Kjelvika Versteigerung abgehalten. Es kamen unglaublich viel Leute, denn die Wege waren jetzt gut, und das Wetter war schön, Barfrost und ganz windstill. Odin lächelte, als er sah, wie sie sich vordrängten und schauen wollten, was Bendek hinterlassen hatte. Es war mehr, als sie gedacht hätten, aber nichts von dem, was sie erwartet hatten, nicht ein Gegenstand, den sie von woanders her wiedererkannten, so daß sie sich hätten freuen können. – »Nein«, sagte Odin vor sich hin, »Diebsgut gibt's hier wenig. Das hier gehörte alles Bendek, mit der Zeit. Er hatte seine eigene Art, ehrlich zu sein – so gut, wie die andern die ihre haben.« Mitten unter den Leuten sah er Astri und Lauris. Sie hielten sich ein gutes Stück voneinander entfernt, man sah, daß sie zusammengehörten oder daran dachten. Am Abend, als die Versteigerung vorüber war, paßte er sie ab und machte sich mit ihnen auf den Heimweg, er rief sogar noch ein paar andere junge Leute hinzu, und zum Schluß waren sie eine ganze Schar. Als sie nach Haaberg kamen, tat Astri so, als merke sie es nicht, und ging mit Lauris weiter. Die anderen kamen langsam nach. Später, als sie endlich auf der Haustreppe standen und hineingehen wollten, sie und Odin, wandte sie sich ihm lachend zu und sagte: »Herrgott, wie bist du doch ganz die Großmutter! Wenn du nicht bald von Haaberg wegkommst, wird aus dir nichts anderes als nur sie – ich bin froh , wirklich, daß es so schlimm gekommen ist, wie es ist!« Sie hatte nicht vorgehabt, mehr zu sagen; aber Odin stand da und schwieg, und ebenso schwiegen die Häuser und der ganze Hof – ebenso schwieg der Wind hier auf Haaberg, selbst wenn es stürmte – sie ertrug das nicht! – »Ich bin dir keinerlei Rechenschaft schuldig, Odin, daß du's nur weißt, ich bin niemand Rechenschaft schuldig!« Sie hörte, daß ihre Stimme zitterte, und zwang sich zur Ruhe. – »Glaubst du nicht, daß ich dich heute abend verstanden habe; du wolltest nicht, daß die Leute sehen sollten, wie er und ich miteinander heimgingen? Im übrigen hatte ich schon ein paarmal vor, mit dir zu reden und dir alles zu erzählen, du solltest es zu tragen wissen, solltest nicht geringer sein. Aber da gingst du umher und fandest, ich hätte dir Unrecht getan, und das hatte ich nicht! Im Grund ist es mir ganz gleich. Denn was geschehen ist, ist so unwahrscheinlich, ich bin so weit, weit fort von euch allen, es gibt nur noch ihn und mich. Ich fühlte es, als ich mich mit Arne verheiratete, daß ich mich von meinen Leuten trennte.« Sie stand da und lehnte sich mit dem Rücken an den Türrahmen und sah über die Höhenzüge hin, sie schienen nackt und schwarz gegen den blaubleichen Himmel. Er hatte die Hände in den Taschen und sah sie an. Ihr Gesicht hob sich deutlich von dem Halbdunkel ab, ein einsames und stolzes Gesicht, und jetzt fuhr es wie ein warmer Hauch von Glück darüber hin: »Mein Schicksal will ich in meine eigenen Hände nehmen, daß ihr's nur wißt, alle miteinander!« Das Schicksal, dies dünkte ihn ein großes Wort, ein unbrauchbares Wort. Aber darüber gab es nichts zu lächeln, dieses Mal, selbst wenn er hätte lächeln können. – »Erkennst du denn nicht«, sagte er, »daß das Schicksal dich genommen hat? Erkennst du das denn nicht, Astri?« Aber sie lief schon die Treppe hinauf. Da ward ihm seltsam zumute. Jeder ihrer Schritte biß ihn wie eine Zange. Dies mußte das Unglück sein. Und da konnte er stehen und es auskosten, sowohl ihr Unglück als auch das seine, fühlen, wie unsäglich wehe es ihnen beiden tat, so daß es nie wieder heilen konnte – – er hätte ein Lied darüber machen können. Die Worte und der Takt standen so lebhaft vor ihm, so war es, ein Dichter zu sein! Eine elende und schamlose Sache. – »Der Teufel hole mich, dies alles ist deine eigene Schuld!« rief er sich grinsend zu. Am Tag darauf wußte er, daß dies nur zur Hälfte wahr war. Astri sah er in weiter Ferne leben, und so blieb es auch für ihn. Es war ätzend wahr, was sie sagte, sie freute sich, daß es so schlimm gekommen war. Aasel sah vom einen zum anderen. Eines Abends gab er nach und blieb bei ihr stehen, sie saß allein in der Stube und wartete auf ihn. – »Weißt du , wie es mit der Astri steht?« fragte sie. – »Ich glaube wohl.« – »Ist es also der Lauris?« – »Ja.« – »Nein, nein, nein. Ist es also wirklich wahr? Hast du mit ihr geredet?« – »Ach ja. Ein wenig.« – »Hättest du das nicht verhindern können, Odin?« – »Ich weiß nicht. Es sollte wohl nicht verhindert werden.« – »Ich verstehe nichts mehr! Du hast doch genug mit ihr geredet, du?« – »Ja, wer weiß, ob nicht gerade das daran schuld ist. Mit ihm redet sie kaum so. Sie will ihr eigener Herr sein, sagte sie. Sie will los von der Sippe und all dem. Es muß die Mutter Sippe selber sein, die sie dazu treibt – mich wundert das nicht!« Eine Weile steht er da und leidet namenlos, pfeift eine Melodie vor sich hin und überlegt, ob er jetzt nicht gehen kann. Aber er kann auch das nicht. Die Lampe brannte herunter und erlosch, aber von der Ofentüre her kam genug Licht. Aasel seufzt. Sie sitzt lange still da. Die Hände liegen wie welk in ihrem Schoß, sie leuchten weiß und kraftlos in der Dunkelheit. Dann endlich rafft sie sich auf und bewegt sie. Draußen rings um das Haus tobt der Schneesturm, es zischt und prasselt gegen die Scheiben, zornig, aber nicht schwermütig. – »Hm! hm!« seufzt Aasel. »Ja, so ist es wohl, Gott helfe uns!« Sie schloß die Augen: »Ja, ich sehe es jetzt. Ich sehe es jetzt: Wie ganz anders ich dagegen war! Ja, Hals über Kopf, auf Leben und Tod, und doch möchte ich fast glauben, ich sei es selber. Hm! hm! Aber es ist etwas Frisches darin, Odin! Trotzdem!« – »Ja–a«, lächelt er, »so muß man loslegen, wenn die Zeit da ist. Ich, ich war zu wenig gefährlich für sie. Da gab es weder Unglück noch Glück, das ist wahr.« Odin vernahm ein leises Geräusch an der Haustüre. Auch Aasel hatte es gehört. Irgend jemand stahl sich hinaus. Keines von ihnen sagte etwas, aber sie wußten, daß es Astri war. Und Astri wußte, daß die drinnen sie gehört hatten. Das Schneetreiben machte sie blind, kaum daß sie hinausgetreten war. Es umfaßte sie und schnürte sie ein, ein wirbelnder Tanz wilden und verrückten Schnees, so schien es ihr, aber es war trotzdem eine freundliche Macht, die mit ihr war und sie weitertrug. Sie wollte heute abend zu ihm. Sie hatte das Gefühl, als geschähe etwas, wenn sie nicht mit ihm reden könnte, und überdies war sie einsamer, als sie ertragen konnte, daheim. Drinnen sitzen und diesem heiseren Sturmesheulen lauschen, das war nicht auszuhalten – wovon sang es denn? Aber er, er hörte es nicht einmal, und sie selber wohl auch nicht, wenn sie sich nur in seiner Nähe wußte. Aber bei Lauris war alles dunkel und verschlossen. Astri stand lange da. Sie trat bei einem anderen Haus ans Fenster und sah dort nach der Uhr. Es war gleich zehn. Sie horchte wieder an seiner Wand. Drinnen war er nicht. Da hörte sie das Meer, himmelhoch über den Schneewolken, die rings um sie wirbelten, es erhob seine Stimme kalt und ruhig und sprach . Wie fürchterlich einsam man doch werden konnte, jetzt wußte sie es. Sie stand hier und war es bereits. Denn der Lauris kam heute abend nicht. – Und wenn er nie wieder kommt, dann geh ich ins Wasser, sagte sie; sie drehte sich um und ging zurück. Will er mich nicht haben, soll das Meer mich bekommen. Aber in der Stadt hatte er doch nichts zu tun? Heim ging sie nicht, sie folgte dem Weg weiter, kämpfte mühsam gegen den Oststurm an, bis ihr Gesicht brannte wie Feuer. Weiter drinnen im Land ließ das Wetter ein wenig nach. Hier wollte sie die ganze Nacht bleiben. Da hörte sie die beiden: Lauris und Kristine. Jäh hielt sie inne. Jetzt sah sie sie auch, sie kamen aus dem Schneetreiben hervor, umschlungen. Sie kamen von Vennestad und wollten nach Vaagen. Am liebsten wäre sie umgekehrt und davongelaufen, sie hätte weinen mögen, vor Scham darüber, daß sie hier stand, aber irgend etwas packte sie an und hielt sie fest. Sie sah sich selber, wie sie umkehrte und vor ihnen davonlief, ein kleines grauweißes Armeleutegeschöpf, das dahinstapfte und in Schnee und Dunkelheit vor ihnen verschwand. Niemals! Sie schlang den großen Schal um den Kopf und ging ihnen entgegen. Sie wandten nicht einmal den Kopf und sahen zur Seite, sie war also doch nichts anderes als ein Armeleuteweib mit einem Kopftuch. Sie ging weit nach Osten hinüber, kaum daß sie sich wieder zurückfand. Jetzt war sie wieder auf dem Weg nach Vaagen, blieb jedoch stehen und überlegte, kehrte dann um und ging heim. Am Abend darauf wurde das Wetter still. Dann und wann wirbelte der Schnee am Waldrand noch einmal in die Höhe und tanzte im Mondschein, aber Wiesen und Hügel lagen blankgefegt und braungrau da. Eine solche Öde hatte Astri noch nie gesehen. Es schien ihr, als könne auch das Unglück so aussehen; trotzdem mußte man es erdulden, wenn es einen traf. Sie ging ganz offen zu seinem Haus hin und trat ein. Mochte es doch sehen, wer wollte. Er lag auf der Bank und schlief. Als sie näher kam, erwachte er und sah sie an, hellwach, sagte jedoch nichts. – »Wo warst du gestern abend?« fragte sie. Er sah sie ruhig an, blinzelte ein paarmal. – »Ja«, sagte er. »Ich war es wirklich. Du weißt es, das sehe ich.« Sie stand da und schwieg. Ein Schatten von Grau verdunkelte ihr Gesicht. Lauris dehnte sich, hob die Hand und schlug hart gegen die Wand: »Gegen dich will ich ehrlich sein. Gegen einen Menschen ist man das. Es kam so, ich mußte zu ihr, ja. Es ging nicht anders; was ich auch denken mochte. Du weißt: Gleich und gleich gesellt sich gern, das muß wohl der Grund sein.« »Daß so etwas möglich sein kann?« kam es von Astri, sie wollte die Hand heben und sich an die Brust greifen. »Es ist so vieles möglich im Leben , wahrhaftig, davon weißt du nicht viel.« Er lag eine Weile da und sah zur Decke; dann sagte er: »Es ist eine große Sünde, daß du es erfahren mußtest. Das hätte ich dir ersparen sollen. Es war eben etwas anderes, was ich dir ersparen wollte, siehst du. Das, worum ich dich nicht bitten kann, du verstehst mich? Da ging ich zu ihr.« »Darin hast du recht getan. Aber du mußt mir nun auch ersparen, daß ich dir noch öfter begegne!« »Ja, ja, wenn du es sagst. Wie du willst.« Wie ein weißes Ungewitter zuckle es über ihr Gesicht: »Wie ich will? Du sollst die Kristine nehmen, du sollst sie nicht auch noch zum Narren halten!« »Die Kristine und ich, ja. Das ist etwas, auf das du dich nicht verstehst.« » Sie soll das hier nicht erleben! – – Daß so etwas möglich sein kann!« Lauris murmelte etwas von sich aufhängen, und daß dies das Gescheiteste wäre. – »Denn ich bringe den Menschen doch nichts anderes als nur Unglück.« Dann lächelte er vor sich hin, seine schmalen gelbbraunen Augen waren unerforschlich: »Heiraten, ja. Ich habe solche Angst vor der Macht der Frauen – ich bin zu weich! Nur ein Ding hätte mich zum Heiraten verlocken können. So sehr ich mich sonst davor fürchte. Und das Ding bist du.« Astri stand noch eine, oder zwei Minuten da; sie sah fast die ganze Zeit zu Boden. Dann drehte sie sich um und ging, ohne ein Wort. Das gleiche kahlbraune Land vor ihr und die gleichen Schneewolken, die sich am Waldesrand in die Luft hoben und dahinwirbelten; man hätte es fast lachen hören müssen. Und der Mond schien bis weit aufs Meer hinaus und tief zwischen die kahlen Berge hinein. Am Tag darauf blieb Astri zu Bett liegen. Aasel sah ein paarmal zu ihr hinauf. Das letztemal brachte sie ein wenig zu essen mit, etwas Gutes, das sie sich ausgedacht hatte, und so wehleidig bat sie, daß Astri ein paar Bissen hinunterzwang. – »Soll ich wirklich glauben, daß der Herrgott mich erhört hat?« sagte sie zu Odin, als sie hinunterkam. – »Daß es jetzt schon Schluß ist?« – »Kaum«, meinte er. Am Abend, als Odin mit der Arbeit draußen fertig war, faßte er sich ein Herz und ging hinauf. Er setzte sich zu Astri aufs Bett. – »Mir scheint, um dich steht's schlecht?« Er redete hell und alltäglich, erwartete jedoch mit Bestimmtheit, daß sie ihn hinausjagen würde. – »Du solltest trotzdem aufstehen, Astri! Du bist doch keine von denen, die sich wegen einer solchen Sache gleich hinlegen; so daß das ganze Haus Bescheid weiß. Fühlst du nicht, wie schlecht das aussieht?« Astri lag da und schwieg wie vorher. Plötzlich warf sie sich zur Wand herum und weinte laut. Odin stand auf und wollte gehen, nachdem er eine Weile gewartet hatte. – »Er kommt schon wieder zu dir zurück«, sagte er, denn irgend etwas mußte er doch sagen. Sie schluchzte, daß es ihr beinahe die Brust zerriß: »Das Schlimmste dabei ist – – ich könnte ihn trotz allem nehmen! – Kein Stolz – – keine Scham ist mehr in mir. Ich könnte ihn trotzdem nehmen, denn – – keiner hat mich so gekränkt und so vernichtet wie er.« Odin setzte sich wieder. Wenn sie das zu ihm sagen konnte, dann mußte es wirklich schlecht um sie stehen. Und was war er selber für einer, der hier saß und sich dies gefallen ließ? Aber wenn er dann dachte, was jetzt im Haus vor sich ging, so wurde das gering, was ihm widerfuhr. Am folgenden Tag war sie auf, und am Sonntag, als Aasel zur Kirche wollte, kam sie und ging mit ihr. Es schien, als sei sie über das Schlimmste hinweg, und Aasel wurde still und ernsthaft vor Dankbarkeit. Nach der Kirche kam Astri an Kristine vorbei. Sie sah, daß Kristine sich zurückzog, mit einem kleinen armseligen Weiberhaß unter den Brauen. Astri ging geradeswegs auf sie zu, mitten unter ihren Blicken. – »Du!« sagte sie, »ich wollte dir etwas sagen.« Kristine sah sie halb erschreckt an. – »Nichts weiter, als daß du mich nicht zu fürchten brauchst, denn ich steh dir nicht im Wege.« Kristine schlug die Augen zu Boden. Angst und Scham flogen über ihr Gesicht. Astri wartete ein wenig, ehe sie Lebewohl sagte und ging. 4 Aber Astri war krank. Odin hatte vorgehabt abzureisen, wußte nun aber nicht, ob es richtig war. Irgend etwas sagte ihm, daß er nicht geringer wurde, selbst wenn er jetzt hierblieb und sich klein fühlte. Und es sagte ihm auch, er müsse dies nun bis zum Letzten ergründen und auskosten, es war wie eine Nahrung in dieser Qual. Da kam er auf den Gedanken, ein Fest im Jugendverein zu veranstalten, ein Fest, das fürs ganze Jahr verschlug, wie er es nannte, denn zu Weihnachten war ja nichts daraus geworden, und noch waren die Leute nicht auf den Fischfang ausgefahren. Es reiste zu jener Zeit ein Mann in den verschiedenen Gemeinden umher, hielt für die jungen Leute Vorträge und arbeitete auf einen näheren Zusammenschluß der verschiedenen Vereine hin. Odin wollte, daß man sich mit den Nachbarvereinen zusammentun, den Redner einladen, eine Versammlung und ein Fest veranstalten sollte. Der Vorstand und die anderen murrten anfangs ein wenig, sie könnten kein Haus finden für ein so großartiges Unternehmen, wie dieses hier werden würde. Das Haus wollte Odin beschaffen, meinte er; es gäbe Platz genug auf Haaberg. – Er solle wohl eher nach einem Bethaus fragen, meinten sie. – »Sagt das nicht«, erwiderte er in vollem Ernst. »Wenn sie mir es auch an anderen Stellen abschlagen, die Großmutter tut das nicht.« Aasel blieb sitzen und sah ihn erstaunt und ungläubig an. – »Soll denn wirklich die Jugend zu mir kommen? Ja, ja, Odin: wenn du es jetzt fertigbringst, dich mit solchen Dingen abzugeben, dann weißt du – – – Soll denn auch getanzt werden?« – »Nein, diesmal müssen sie sich mit ein paar Spielen begnügen.« – »Da bin ich froh; ich glaube nicht, daß ich es aushalten könnte, ihnen beim Tanz zuzusehen, mein Kopf taugt gar nichts mehr.« Nach vielerlei Mühe und Arbeit kam die Sache zustande. Das Fest dauerte vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hinein, mit Reden und Liedern und Spielen, und dazwischen hinein gab es etwas zu essen, die Stube auf Haaberg war bis auf den letzten Platz voll. Die Tage vorher hatte Sturm und Schneetreiben und böses Wetter geherrscht, aber an diesem Morgen war es schön, sowohl zu Wasser wie zu Land. – »Es ist merkwürdig, zu sehen, wie die jungen Leute aufleben, wenn viele beisammen sind«, sagte Aasel; »es macht richtig Spaß, sie zu sehen. Zu meiner Zeit – – ja. da war es wohl auch so. Kann sein, daß wir ein klein wenig stärker waren, geeigneter waren, allein zu sein, ich erinnere mich nicht mehr so genau.« Astri half mit, die Gäste zu versorgen. Sie antwortete, wenn man sie anredete, und viel mehr hatte sie ja nie getan. Aber Odin merkte, daß ein paar von den jungen Leuten wußten, wie es um sie stand. Sie sahen oft zu ihr hin. Er ging auf den Hof hinaus und redete mit einigen Bekannten aus der Nachbargemeinde. Drinnen war gerade alles eifrig beim Kaffeetrinken und Essen. Da sieht er Lauris heraufkommen, mit der Büchse auf der Schulter, und zum Wald westlich von Haaberg hinüberschwenken. Er bleibt stehen und schaut ihn kurz an. – »Ja, da hilft nichts!« sagt Odin, wie er so dasteht, und dann setzt er sich in Bewegung, geht nördlich um die Häuser herum und trifft unten bei der Schmiede mit ihm zusammen. Lauris stellte die Büchse mit dem Schaft zur Erde und stützte sich mit der Brust gegen den Lauf. Er blinzelte Odin zu: sie sei geladen, ja. – »Aber du erschießt dich nicht«, sagte Odin. – »Nein, es ist zu früh. Erst muß ich noch mein Erbe von Kjelvika übernehmen – siehst du, der ganze Kram ist an mich gefallen, denn von meinen Geschwistern ist keiner mehr da.« – »Aber die Astri ist in diesen Tagen schlecht dran, das weißt du wohl?« – »Und in den Nächten?« Odin trat dicht an ihn heran, so daß er ihm in die Augen schauen konnte. Die Röte kam und ging auf seinem Gesicht. »Das sag ich dir, wenn du sie zum Narren hältst, dann werde ich uns beide noch unglücklich machen, dich und mich dazu!« – Lauris zuckte nicht. Er bekam nur einen anderen Zug um den Mund. Odin fuhr fort: »Ich weiß, daß du ein erbärmlicher Kerl bist. Aber etwas Gutes muß doch wohl auch in dir stecken?« Lauris grinste: »Aber Odin, Odin! Bittest du mich denn wirklich, sie zu nehmen?« »Ja, unbedingt!« »Unbedingt«, murmelte Lauris. »Verflucht noch einmal, dann nimm dich in acht, daß ich's nicht wahr mache, daß ich sie nicht trotzdem nehme! He?« »Diesmal reden wir ernsthaft, Lauris. Du sollst dich als der erweisen, der du bist!« »Das tu ich ja doch ohnehin. Als ein Lump und ein Segler auf dem Meer des Lebens.« »Nein, Lauris. Ich halte dich für besser. Ich vertraue auf dich« – Odin drehte sich um und ging fort. Lauris sah ihm nach. Er schüttelte den Kopf ganz leise, lächelte schwach. »Ach, du Odin! Es ist traurig, daß es so einen dummen Kerl geben muß. Aber dein Wille geschehe, denn es ist der meine.« Er streifte einmal durch den Wald, fand jedoch keine Schneehühner und schulterte dann die Büchse und ging geradeswegs nach Haaberg, mitten am hellichten Tag und vor aller Augen. Er fragte die Leute, ob er mit Astri reden könne. Sie kam, ohne ein Wort zu sagen. Sie war leuchtend bleich, als sie draußen stand. Die anderen sahen ihnen nach, es war ihnen seltsam zumute. Die beiden gingen den Weg nach Vaagen hinunter. Die Sonne schien zwar nicht, aber der Schnee leuchtete so hell, daß er die Augen blendete. Die Luft war leicht und mild unter den weißen Wolken, und wohin man auch sah, begegnete der Blick neuen Wäldern und neuen Bergen; die Hügel und die Ufer und das ganze Land waren nach dem Sturm und dem letzten Schnee neugeschaffen. Es war eine solche Weite im Tag, man fühlte an sich selber, wie die Ortschaften weit draußen im Land auch mit hellen Gesichtern dalagen. »Ja, ja, Astri, da gehen wir nun«, sagte Lauris. – »Du batest mich, die Kristine zu nehmen, aber das tu ich nicht. Ich bin der, der ich bin, aber diese Sünde will ich trotzdem nicht begehen. Ich kann es nicht, hörst du, ich habe es ja doch versucht. Sie ahmt dich nur nach, in allem und jedem – du sollst mich nicht zu dieser Strafe verurteilen, Astri. Denn dann ist es wirklich ein Jammer um sie.« Astri geht dahin und hört nicht. Von Zeit zu Zeit schaut sie um sich, kann es nicht begreifen, daß sie hier ist. Er nimmt ihre Hand, und sie läßt sie ihm. – »Seltsam auch«, sagt er, »daß du in diese Sache geraten mußtest, Astri. Daß auch du eine von denen werden mußtest, die ich unglücklich gemacht habe. Die Leute fangen jetzt an, dich zu bedauern.« Da bleibt sie plötzlich stehen. – »Mich bedauern: Pfui Teufel!« – »Ja, das sage auch ich. Aber es wird nichts anderes übrigbleiben, als daß ich außer Landes gehe – meinst du nicht, das wäre am besten?« »Du wirst doch jetzt nicht von mir fortreisen?« Sie hing schwer an seiner Hand, war wohl nahe daran, zusammenzubrechen. Doch, er hätte von ihr fortreisen sollen, sagte er. Denn mit ihm zusammen konnte es ihr doch nur schlimm ergehen. »Ich weiß es, Lauris. Ich fürchte mich nicht!« Wagte sie denn hier mit ihm zusammenzuleben? »Ja! Ich wage es.« Er blickte über das Meer hinaus, das still und fahl dalag, das Antlitz dem Wolkengewölbe zugewandt. Lachend sagte er: »Soll ich denn also wirklich meine Schute auf die Schäre segeln!« »Ja, jetzt kommst du nie wieder los!« »Nein, Gott steh uns bei!« »Eigentlich bist du schön!« erklärte sie fröhlich, wie sie so dastand und ihn ansah. – Hatte sie das früher nie bemerkt? – Nein! das hatte sie nicht gesehen! Dies war nicht der Grund, weshalb er so gefährlich war, nein, dies war nicht der Grund. Sie drückte seine Hand, so fest sie nur konnte. Das Glück durcheiste sie: »Ich möchte nur, daß du – – mich lieb haben sollst. Auch anders lieb haben als die anderen Mädchen!« Sie gingen den Weg hinunter und in sein Haus. Aber gleich nachdem sie eingetreten war, befiel Astri eine Last von Unruhe, sie wußte nicht, was sie mit sich anfangen sollte. Darum war sie froh, als er sagte, daß er hungrig sei. Sie machte sich daran, Kaffee zu kochen, und er kam herbei und half ihr, etwas zu essen aufzutragen; er besaß gar nicht so wenig Vorräte. Geredet wurde dabei fast nichts. – »Du richtest ja für zwei her?« sagte er. – »Ja, ich glaube, ich will auch kosten«, erwiderte sie. Sie sahen auf und lachten einander ein paarmal an, während sie beim Essen saßen: hier ging es ja ganz feierlich zu! – »Die Füße unterm eigenen Tisch«, sagte er. Danach, als er dastand und seine Pfeife anzündete, meinte er: »Du solltest wohl zum Fest heim?« Sie schüttelte den Kopf. Da entstand unter seinen Augen und über seinen Brauen ein Netz von winzig feinen Falten: »Traust du dich nicht, mich mit dorthin zu nehmen?« Es sah aus, als erwache sie im selben Augenblick, und es durchzuckte sie der Gedanke, daß es wirklich so sei; aber sie richtete sich auf und lächelte: er solle schleunigst seinen Sonntagsanzug anziehen! Niemand schenkte ihnen besondere Beachtung, als sie zum Hof kamen. Als das Fest sich nach Mitternacht auflöste, bemerkte Astri, daß Kristine an der Küchentüre stand und zu ihr hinüberschaute. Sie sah bleich und fahl aus, es war nicht viel mit ihr los. Astri verstand sie, kam näher und ging mit ihr hinaus. Kristine nahm ihren Arm und zog sie mit sich. Astri dünkte es, als ginge ein Leuchten von ihren Augen aus, und ebenso leuchtete es auch vom Himmel und über der ganzen Erde. – »Ich muß es dir erzählen«, sagte Kristine. »Ich muß dir erzählen, wie es steht. Ich bitte nicht darum, den Lauris wiederzubekommen, aber er und ich – ja, wir waren lange Zeit wie verheiratet, und da dachte ich, daß du dies wissen müßtest – –« »Erzähl mir nichts von deiner Schande!« sagte Astri und ließ sie los. Kristine begann zu weinen. – »Ja, Astri, ich erkenne es jetzt, ich sollte lieber schweigen – – ich wußte nur keinen Rat – – du bist so ganz anders als ich, du! Aber ich wußte nicht, wie es um mich stand – –« »Nein, nein!« bat Astri. – »Nein, es ist auch nichts, ich weiß es jetzt. Aber du solltest doch alles wissen, fand ich.« »Ich wußte es schon.« Kristine stand eine Weile da; dann kam es fast wie ein Hohngelächter: »Ja, wenn es sich bloß um mich handelte! Aber er hat in der Stadt auch eine, er soll sogar ein Kind mit ihr haben.« – »Das weiß ich schon!« erwiderte Astri, sie war so gleichgültig, daß sie sich selbst darüber wunderte. Sie sagte gute Nacht und ging hinein, und Kristine machte sich langsam auf den Heimweg. – »Verrat und Lüge!« sagte Astri vor sich hin. Auf dem Hof herrschte jetzt ein lautes Abschiednehmen, draußen wie drinnen. Aasel hatte sich bereits schlafen gelegt. – »Das war die reine Hochzeit, das hier!« seufzte sie. »Ein bißchen zahm sind sie ja, heutzutage –. Bei solchen Kindern ist es keine Kunst, Eltern zu sein.« Lauris half Odin und ein paar anderen beim Aufräumen und Instandsetzen der Stuben. Astri hatte nichts anderes vorgehabt, als ihm gute Nacht zu sagen, aber sie wurde immer unruhiger und unruhiger, und als er gehen wollte, begleitete sie ihn ein Stück weit des Weges. – »Hast du mit Kristine geredet?« fragte er. – »Nein, sie hat mit mir geredet. So weit kann eines herunterkommen.« – »Um meinetwillen also; ich weiß es.« – »Ja, ich weiß alles über dich, aber ich schere mich nicht darum. Ich glaubte, sie lüge, sie erzählte von sich selber und noch von einer in der Stadt. Aber das war Kristine , das, ein zermürbter Mensch, sie war nicht einmal imstand, an sich selber zu denken. Ich hoffte fast, ich würde aufwachen und erkennen, daß es nicht wahr sei.« – »Noch ist es Zeit zum Umkehren«, sagte Lauris. – »Du weißt, daß es nicht das ist, was ich meine! Wir reisen in die Stadt und heiraten, jetzt im Winter, dann ist es geschehen. Ich weiß, du wirst dann ein anderer Mensch, ich fühle es so gewiß. Ich will auf dich vertrauen, das ist das einzige, was ich will. Du kannst mir gerne das Leben nehmen!« Lauris seufzte: »Wohltat über Wohltat häuft sich auf mich! Und soll es dir wirklich vergönnt sein, diesen deinen Lumpen von einem Segler in den Hafen zu bringen, dann sei Gott Dank dafür!« – »Aber das ist doch nicht wahr, Lauris. daß du ein Kind in der Stadt hast? Ich glaube es nicht!« – »Ach. Gott helfe mir, ich kann gar viele haben!« – »Ich wußte es ja, daß es nicht wahr ist! Denn es hätte trotz allem so – – so weh getan. Du beschuldigst dich immer selber.« – »Aber daß ich in die Haabergsippe kommen sollte?« sagte er. »Das ist wie in einem Roman. Wie in einem Schauspiel , Kind! Allein das, daß es mir – daß es mir erlaubt sein soll, dich einmal zu küssen! Dich ! Es gibt auch Dinge, die man nicht verdient hat!« Astri sah im Weitergehen vor sich hin, es war fast, als ginge sie im Schlaf. – »Deine Stimme!« sagte sie. »Keiner kann hören, was wahr oder falsch an dem ist, was du sagst. Keiner kann auch dein Gesicht ergründen. Ich will nichts, als dir vertrauen.« Sie ging mit ihm hinein und saß dort, bis es draußen hell wurde, das dauerte gar nicht so lange. Sie saß im Schaukelstuhl, und er wanderte, die Hände auf dem Rücken, in der Stube auf und ab, ein wenig breitspurig und mit sicheren Schritten, wie ein Schiffer geht. Er redete von der Zukunft; er hatte viele Pläne. Astri hörte kaum, was er sagte. – »Die Großmutter glaubt, ich sei für die ganze Sippe verloren«, lächelte sie. »Wenn sie bloß lange genug lebt!« Er blieb ein paarmal stehen und sah sie an. Und jedesmal fror sie ein wenig ums Herz, aber es ging in ein frohes Erstaunen über: Daß er sie nicht anrührte. Daß es etwas gab, was ihm heilig war. Und das war sie. Aasel 1 Aasel fragte Odin eines Abends im Lauf des Winters, wieviel in Kjelvika auf ihn treffe, wenn man alles zusammenrechne. Er wußte das noch nicht so genau, aber soviel er gehört hatte, würden es wohl gut und reichlich ein paar Tausend werden. Wenn er es wirklich ausgehändigt bekäme. Bendek hat es niedergeschrieben, auf seine Weise, und Gurianna hatte es zu vielen gesagt. – »Aber der Lauris sagt, es gehöre ihm. Er ist verwandt mit ihnen, ziemlich entfernt.« Aasel blinzelte ein paarmal und rechnete nach. – »Das muß schon eine sehr weite Verwandtschaft sein. Dir steht es mit Recht zu, das wissen die Leute doch.« – »Ja. Aber ich muß es jetzt abwarten. Mir gehört es, aber –.« Sie saß da und schaute vor sich hin, warf ihm von Zeit zu Zeit einen Blick zu. – »Kannst du mir nicht sagen, Odin, was du nun weiterhin willst ?« Die Uhr sang ihre alte Weise, und die Wände hörten zu, wie sie das schon immer getan hatten. Odin schmerzte dies heute abend wie ein innerliches Nagen. Die gleiche Stimme hatte die Zeit selber, und der sollte man nicht zuhören. Der Winterabend leuchtete bei dem einen der Fenster herein und ließ die Stube erkennen, es lag ein bleicher und sanftäugiger Abglanz des Abends über den alten Wänden und den alten Dingen, die hier standen und die Zeit verstreichen ließen. – Das alles sieht mich an, und sie sieht mich an, dachte er; mögen sie doch. – »Ja, ich bin jetzt sozusagen ein freier Mann«, sagte er, und nun begegnete er ihren Blicken ganz ruhig, so ängstlich flehend sie auch waren. »Du weißt, daß du den Hof hier bekommst! Billig.« »Woher doch. Den soll die Astri haben.« Aasel sah ihn groß an. Er errötete, nahm jedoch seinen Blick nicht zurück. – »Nein, nein, ich bin nicht hochmütig, das bin ich nicht«, sagte er. »Und gutherzig bin ich erst recht nicht. Ich mag nur einfach nicht.« »Ich dachte, es stecke mehr in dir, Odin.« Da lachte er, laut und gut: »Das ist auch wahr! Warte nur – warum können die Leute nicht warten? Ich will etwas tun, was noch viel schwerer ist, als nur den Hof hier zu übernehmen. Seinen Hof sollte man wohl selber roden.« Aasel räusperte sich, für Odin klang es, als schnappe ein Schloß ein. – »Astri bekommt den Hof nicht. Hier soll mir kein Lauris sitzen, das weißt du denn doch wohl auch?« Odin wußte es. Aber nur, wenn ich mir vorstelle, ich sei Aasel, dachte er; und sie wird doch nicht in alle Ewigkeit leben! – »Darüber läßt sich gar manches sagen«, meinte er – »so ähnlich steht es in einem Buch, das ich habe!« Draußen nahm der Tag rasch und still ab, und Aasel sah einige Minuten lang ganz verwelkt aus. – »Aber der Lauris hat ein Kind mit der Karen-Anna in der Stadt, hast du das gehört, Odin?« – »Nein?« Er sah sie erschrocken an. Nun saß sie ruhig und stark da. – »Aber ich sage nichts zu ihr. Er weiß sich wohl selber zu helfen, den Eindruck macht er mir. Ich sage nichts zu ihr.« In diesem Augenblick hörten sie Astri singend in die Küche treten, und gleich darauf kam sie in die Stube, um etwas zu holen, da aber war Odin bereits bei der anderen Tür hinausgegangen. – »Kannst du nicht ein klein wenig hierbleiben?« bat Aasel. Astri setzte sich auf die Holzkiste. – »Hast du schon deinen Nachmittagskaffee getrunken?« fragte Aasel. – »Ja, schon lange.« – Aasel gähnte ein paarmal: »Ich bin auf einmal so müde, ich glaube wahrhaftig, ich brauche noch einen Tropfen.« – »Ja, gleich, Großmutter!« Astri war schon aufgestanden, aber Aasel bat sie, sich wieder zu setzen. »Du mußt nun also den Lauris haben?« »Ja, Großmutter, so wird's wohl kommen – aber wir reisen in die Stadt und heiraten dort.« »Hm! Hm! Ja, ich verbiete es dir nicht, Kind. In Gottes Namen denn! sage ich lieber; wie ich schon einmal sagte, als du von uns fortzogst. Und der Odin, der muß es eben überstehen. Ich sage, der Odin muß es eben überstehen, so gut er kann, nicht wahr?« »Der Odin, ja? Er wird sich kaum die Auszehrung dabei holen!« Ehe Astri sich's versah, standen ihr die Augen voller Tränen. Ihre eine Hand preßte die andere im Schoß. Aasel räusperte sich wieder. – »Aber der Lauris kriegt den Hof hier nicht. Daß du's nur weißt.« – »Den Hof, nein? Das habe ich nie gedacht; das möchte ich nicht einmal – das ist auch nicht der Grund, weshalb der Lauris mich haben will. Den Hof kann der Odin bekommen.« Aasel saß eine Weile da und schwieg. Astri hörte die Glut im Ofen drinnen pfeifen; es ging sie nichts an. – »Der Odin will ihn auch nicht haben«, sagte Aasel still. – »Will der Odin ihn nicht haben, was ist denn das für ein Unsinn?« – »Er sagt, du sollst ihn haben.« – »Ja, so. Ja, so, er glaubt also das .« – »Was denn, was meinst du?« – »Nein, nichts weiter. Daß der Lauris es auf den Hof abgesehen hat. Ich glaube nicht, daß er mich so hart verurteilen würde.« Es klang, als wollte das Weinen sie überwältigen, aber sie hielt sich tapfer. – Daß sie das so oft sagt! seufzte Aasel vor sich hin. »Ich hatte nicht vor, die Hand von dir abzuziehen, Kind«, sagte sie. »Aber Haaberg. das ist etwas anderes. Die Zeit ist von hier fortgegangen; ich erkenne es jetzt wohl, wenn ich es auch nicht sehen will. Wenn auch der Odin den Hof übernähme, es würde doch kein Haaberg bleiben. Nein, unmöglich. Ach Astri, es tut so weh, wenn die Zeit von einem fortgezogen ist, so daß man zurückbleibt und es nicht gemerkt hat. Bis man alt ist und sie nie wieder einholen kann. Aber so sitzen wir da. Es ist jetzt eine neue Zeit ins Land gekommen, wir aber sitzen hier. Und du und der Odin, ihr fliegt mit; es liegt schon viel Baum zwischen uns. Ich will dir nichts weissagen. Du kommst durch, wie es auch gehen mag – aber jetzt sei lieb und gib mir einen Schluck Kaffee.« Astri stand auf und ging in die Küche, aber sie ging förmlich im Schlaf. – »Das also meint der Odin«, murmelte sie. »Und ich, die ihn so hochhielt: Ich wollte nichts von ihm, als an ihn denken dürfen.« Als sie mit einem Licht hereinkam, sah, sie, daß die Großmutter geweint hatte, und das hatte sie kaum je gesehen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie hinaus. – Aber der Lauris, der sagt nichts Böses über den Odin, dachte sie. Obgleich er vieles besser weiß als ich; das habe ich ihm angesehen. Wie ein kalter Schauer durchlief es sie, daß Lauris alles wisse. Trotzdem schien ihr das alles nur wie eine Kleinigkeit dagegen, daß die Großmutter dasaß und weinte; das war eine Last, an der sie schwer trug. – »Um seinetwillen tue ich's«, sagte sie. »Es hätte nicht geschehen dürfen, aber ich tue es trotzdem.« Sie hatte an diesem Abend nicht vorgehabt, zu Lauris hinunterzugehen, konnte es jedoch nicht lassen. Sie erzählte ihm. was die Großmutter über den Hof gesagt hatte. Lauris hörte es nicht. Er saß da und dachte an etwas anderes. Sie erzählte von Odin, der sich sträubte und ebenfalls den Hof nicht nehmen wollte. Lauris' einer Mundwinkel zog sich in die Höhe, und das eine Auge wurde ein wenig kleiner. Dann vergaß er auch dies. Astri stand neben ihm am Tisch. Sie biß sich auf die Lippe und starrte geradeaus vor sich hin. Da sagte sie auf einmal: »Noch nie habe ich es so deutlich gesehen, wie arm ich für dich bin. Aber: so wollte ich sein!« Sie sank auf den Stuhl und weinte, beugte sich über den Tisch und barg das Gesicht in den Händen. Lauris saß da und sah einmal sie an und einmal zu Boden; er war zugleich erstaunt und ratlos. – »Frauen, die weinen, das ist zu hoch für mich«, sagte er. »Versuch doch aufzuhören!« Er bat sie ein paarmal darum. – – »Denn ich habe doch dich, weißt du, auf die ich mich freuen kann.« Er stand auf und ging hinter ihr in der Stube auf und ab. Als sie sich erhob und seinen Blicken begegnete, lagen diese wie eine Zaubermacht auf ihr. Sie besaß keine Kraft, und Gnade gab es keine, sie war ganz allein im Haus, zur Nachtzeit mit einem gefährlichen Mann; sie erstarrte in seligem Schrecken. Aber als er sie nahm und zur Kammer hinübertrug, gewann sie ihre Kraft wieder und riß sich los. Sie wußte kaum, was sie tat oder warum sie es tat, sie kämpfte nur für sich und gewann. Sie war entsetzt, als sie hörte, was sie selber sagte: »Das soll nicht geschehen! Denn dann – – dann reist du von mir fort!« Das hatte sie eigentlich nicht sagen wollen! »Nein, aber lieber Gott!« sagte er. »Ja, jetzt fehlt nicht mehr viel, und du jagst mich fort«, sagte sie und lächelte. »Aber lieber sollst du mich fortjagen.« Sie zog sich an und ging, und er kam ihr nach und begleitete sie. – »Jetzt sind wir bessere Menschen, als deine Großmutter glaubt«, sagte er. »Darüber bin ich froh. Ich habe es doch die ganze Zeit gewußt, daß du so wärst.« Sie blieb stehen und lauschte auf etwas. Die Nacht war still, mit grauem Himmel und grauer Erde. – »Wie es im Land draußen saust!« sagte sie. – »Gutwetterwind«, murmelte er. »Bald wird es Frühling sein.« 2 Kurz vor den Feiertagen reisten Astri und Lauris in die Stadt. Sie wollten sich bürgerlich trauen lassen. – »Das auch noch?« fragte Aasel. – »Ja, der Lauris ist nicht in der Staatskirche, er ist in der Freikirche geboren und außerhalb von allem aufgewachsen, sagt er. Nein, diesmal widerspreche ich nicht; es würde auch nicht viel nützen, glaube ich. Er ist gutmütig, das weiß ich wohl, aber er ist nicht der, für den Ihr ihn haltet. Ich habe Angst vor ihm!« – »Hoho!« – »Ja, Ihr versteht das nicht, das erwarte ich auch nicht.« – »Ja, die Zeit ist merkwürdig!« lächelte Aasel. Diese Worte kamen Astri wieder ins Gedächtnis, als sie von der Großmutter Abschied nahm. Alles war merkwürdig, alles miteinander. Odin rief sie nur quer über den Hof hin ein Lebewohl zu. er stand gerade in der Schmiede und hämmerte etwas zurecht, und er richtete sich auf und wünschte ihr Glück auf die Reise. Lauris war vorausgegangen, und sie kam mit dem Hüterbuben als Fuhrknecht nach. Odin mußte beinahe lachen, als sie fortgefahren war, denn hier stand er nun zum zweitenmal und sah zu, wie sie fortfuhr, um sich zu verheiraten. Sie hatte ihn zur Hochzeit eingeladen. Ganz unmerklich blitzte die Neugier in ihren Augen, das sah er, wie auch das letztemal: sie hätte gerne gewußt, wie ihm zumute war. – »Du nimmst es mir doch nicht übel, wenn ich nicht komme?« hatte er gesagt. Sie sah ihn an, halb in anderen Gedanken, und sagte nein, nein, freilich nicht, aber –. Den Abend zuvor war Lauris gekommen und hatte ihn das gleiche gefragt. – »Wenn dir ein Trauzeuge fehlt, so weißt du, daß ich komme«, hatte Odin gesagt. Lauris pfiff leise durch die Zähne, dann sagte er: »Wärst du einer von den Alten, dann würdest du kommen.« – »Dann brauchte ich nicht zu kommen, Junge, denn dann wärst du es, der auf meine Hochzeit käme.« Auch die Großmutter war von Astri eingeladen worden. Lauris hatte sie gebeten, dies zu tun. – »Soviel sollte ich noch wert sein«, seufzte Aasel. »Oder wenigstens so viel taugen, daß ich deine ganze Reise hätte aufhalten können.« Astri lächelte mit schmalen Augen. Sie mußte die Hand auf Aasels Schulter legen: »Das wäre doch wohl nicht so leicht gewesen, Großmutter?« Aasel ergriff ihre Hand und streichelte sie ein wenig. – »Was für schöne Hände du hast. Ja, ich hätte dich gerne im weißen Brautkleid gesehen, Astri, ich kann es nicht anders sagen, als daß ich mir – – diese Freude erwartet hätte. Aber es sollte also nicht sein. Ich tauge nicht dazu.« »Im Brautkleid könnt Ihr mich trotzdem sehen, wenn's sein muß, noch heute abend«, hatte Astri erwidert, und dann war sie schnell fortgegangen. Aasel hatte sie ein Stück weit begleitet, als sie fortfuhr. Sie wollten keine Hochzeit feiern, sondern nur ein Mittagessen für sechs bis sieben Leute in einem Hotel geben. – »Entweder so oder eine Großhochzeit«, hatte Astri erklärt. Sie wohnte bei der Mutter und Lauris drinnen in der Stadt bei einem Bekannten. Am Abend suchte er Otte auf, er wollte hören, ob sie sehr böse auf ihn seien, sagte er. Er dehnte die Worte ein wenig, Astri tat es weh. Da meinte Andrea, sie sah zu Otte hinüber: »Das würde wohl nichts helfen?« Andrea war so ruhig in ihrem Glück; an sie konnte von außen nichts Böses herangelangen. Lauris kam an den Tisch und setzte sich, er sollte Kaffee trinken. Er saß da und schaute auf die Straße hinaus. Auf einmal richtete er sich auf und schaute genauer hin, dort ging jemand, den er kannte. Dann saß er wieder wie vorher, ein stattlicher Bräutigam. – »Sie kommt hierher«, sagte er, er schaute Astri an und lächelte. Astri verstand ihn nicht, aber mitten im Staunen befiel sie eine leise Angst. Da kam jemand herein, ein Mädchen in grauem Mantel und schwarzem Hut und mit einem kleinen Jungen an der Hand. Als sie Lauris erblickte, blieb sie gleich an der Türe stehen. Ihre Augen wanderten von ihm weg und zu Astri und wieder zu ihm zurück. Die anderen baten sie, sich zu setzen. Sie hörte es nicht. – »Ich wollte ein paar Worte mit dir reden«, bringt sie stotternd hervor, und jetzt ist sie ebenso rot, wie sie vorher bleich war. – »Ja, hier sitze ich«, antwortete Lauris. Sie starrte ihn verlegen an. – »Unter vier Augen«, murmelte sie. – »Jawohl, aber wolltest du nicht eigentlich lieber mit der Astri reden?« Er sitzt noch ebenso zurückgelehnt auf seinem Stuhl wie zuvor. – »Ja, das ist wahr«, sagt sie, erschreckt. – »Ja, das hier ist die Karen-Anna«, wendet er sich an die anderen, »die Karen-Anna Jensen – sie stammt aus unserer Gemeinde, und wir kennen sie doch alle.« Astri hat am Ofen gestanden, mit herabhängenden gefalteten Händen, und so steht sie noch. Ohne sich zu bewegen, nur ein wenig bleich. – »Ja, das ist wahr«, sagte Karen-Anna wiederum. Astri sieht die Mutter an, und diese und Otte gehen hinaus; dann wendet sie sich Karen-Anna zu: »Es ist lange her, seit ich dich das letztemal sah.« – »Ja, und ich hatte auch nicht gedacht, hierher zu kommen – ich hatte es nicht gedacht !« Sie fing zu weinen an. – »Aber du bist also trotzdem gekommen?« sagte Astri. »Aber so setz dich doch! Und der Kleine dort, der ist von dir, vermutlich?« sie wandte sich zu Lauris. Lauris saß da und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. Er hob den Blick und verzog den Mund zu einem Lächeln: Das könnte wohl so ungefähr stimmen. Karen-Anna hatte sich jetzt ein wenig erholt, stand aber immer noch neben der Tür. Sie sah nur Astri an. – »Ich wußte nicht, was ich tun sollte – ich hörte erst gestern, daß du – – und da dachte ich, du wüßtest vielleicht nichts von dem hier.« Sie mußte den Buben festhalten, es war ein unruhiger kleiner Kerl, der davonlaufen und die Katze unter dem Stuhl hervorholen wollte. – »Ich wußte, daß er mich zum Narren gehalten hatte, aber ich dachte, du solltest es wissen – dich sollte er nicht zum Narren halten!« – »Mich?« sagt Astri. »Das hat er doch nicht getan; er hat mir alles erzählt, und morgen wollen wir heiraten.« Lauris blickt auf. Er ist zum erstenmal erstaunt und ist schon nahe daran, etwas zu sagen. Statt dessen aber erhebt er sich, richtet sich auf, geht dann hin und streichelt dem Jungen über das Haar: »Aber ein großartiger kleiner Kerl ist er doch, nicht wahr, Astri?« Er dreht sich zu Karen-Anna: »Ich habe an euch beide gedacht. Außer dem, was du bekommen hast, soll er noch mein Erbteil in Kjelvika kriegen, das wird immerhin ein oder zwei Tausender ausmachen.« – »Dein Erbteil?« fragte Astri. – »Ja–a. Ich bin der Nächste dazu. Ich muß auf meinem Recht bestehen, ich, der schon Erben hat. Sag einmal, brauchst du jetzt Geld? Nicht? Aber sag's ruhig. Ich bin wie andere gutmütige Leute, leicht um etwas zu bitten und schwer im Herausrücken.« Karen-Anna verabschiedete sich und ging fort. Der Bub drehte sich in der Türe noch einmal um und schaute nach der Katze. Er hatte braune, glänzende Augen, ein wenig ins Gelbliche hinüberspielend. Lauris wandte sich zu Astri. Sie stand immer noch mit hängenden Händen da. Sie sah zu Boden. – »Ach so, du wußtest das nicht?« fragte er lächelnd. Sie schüttelte den Kopf. Als einige Zeit verstrichen war, sagte sie: »Du glaubtest auch nicht, daß ich es wisse!« – »Da kannst du recht haben. Und jetzt sagst du wohl die ganze Herrlichkeit wieder ab, denke ich?« Sie gab keine Antwort. Durch ihre Schultern lief ein leichtes Zucken, aber ihr Gesicht war unverändert fest. Er sah es genau an. Zog dann die Uhr hervor und schaute nach der Zeit. »Ich sollte es eben heute abend noch wissen, verstehst du?« Da schlug Astri die Augen auf. Sie starrte ihn an, und der Ausdruck in ihrem Gesicht wurde ganz verändert; sie starrte auf die Uhr, mit der er dastand. Ihre Hände lösten sich voneinander, sie wankte zum Sofa und setzte sich. »Ich wußte ja, daß du mich nicht lieb hast! Ich wußte es so genau, aber –« Lauris lächelte: »Dann stünde ich wohl kaum hier. Oder?« Andrea kam in die Tür, sah sie beide an und trat ein. Lauris legte die Hände auf den Rücken und erzählte, was vorgefallen war. Ob sie auch nichts davon gewußt habe? fragte er. – Nein, sie redete so wenig mit den Leuten. – »Aber hat denn der Odin es dir nicht erzählt?« Er sah wiederum Astri an. – »Wußte denn er etwas?« – »Ich kann mir's nicht anders denken«, er lächelte. – »Ja – so. So–o!« Andrea setzte sich zu Astri. Lauris ging zur Tür, blieb dort stehen, die Hand auf der Klinke. – »Ja, ja«, sagte Astri. »Ich habe eben nur an mich selber gedacht. Die anderen müssen das wohl auch dürfen. Aber um eines bitte ich den lieben Gott – – er muß mir helfen, daß Lauris nicht noch andere ins Unglück bringt! Weiter – – erbitte ich mir nichts von ihm!« »Nimmst du ihn denn trotzdem?« Andrea sah verwirrt von Astri zu Lauris, der an der Tür stand und wartete. »Das werde ich wohl! Es wäre nicht schwer, könnte ich – –« Da überwältigten sie die Tränen. Sie drehte sich weg und weinte still. – » Großmutter !« hörten die anderen sie flüstern. Lauris ging hin und setzte sich. Dies hier brauchte seine Zeit. Astri hatte sich bald wieder gefaßt und saß nun aufrecht auf dem Sofa. Nicht ein Schluchzen kam mehr; nur rings um die Augen war sie ein wenig geschwollen. Sie sieht Lauris an; beinahe hätte sie lächeln müssen. – »Und du sitzt da so ruhig, als ginge dich das nichts an!« – »Ja, ich sehe mir keinen anderen Rat. So weit treibe ich's denn doch nicht, daß ich hier ein Theater machen möchte, bei fremden Leuten. Ich wartete eigentlich darauf, daß du herkämst und mich ins Gesicht schlügest.« So bleich hatten sie Andrea noch nie gesehen. – »Daß du gar nicht daran denkst, was die Leute sagen, Astri!« Da lächelte Astri, ein vieldeutiges Lächeln: »Das tue ich ja gerade, Mutter. Ich, die das nie bisher getan hat. Ich könnte ihn allein deshalb nehmen.« Sie steht auf und geht zu Lauris hin, legt die Hände auf seine Schultern und rüttelt ihn: »Kannst du denn nicht sagen, daß du mich wenigstens ein bißchen lieb hast?« »Nein, leider. Denn ich hab dich gehörig lieb. Und wenn du das Spiel wagst, dann – – packen wir es morgen an.« Sie begleitete ihn, als er fortging. Als sie in sein Zimmer traten, lag ein Brief von Odin da. Lauris durchflog ihn rasch und erzählte Astri, was drin stand: Odin verzichtete auf sein Erbteil. – »Vermutlich sein Hochzeitsgeschenk an uns«, sagte er. Astri stand betreten da. – »Verzichtet er?« – »Ja, ja, das ist klar. Er ist größer als ich, weißt du. Er will ›glühende Kohlen auf mein Haupt sammeln‹. Wenn sie nur nicht gleichzeitig auch dich verbrennen. Zwar – das Erbe gehört offen und ehrlich mir. Aber genug davon. Ich sage Dank und Ehre dem, dem sie gebühren, nicht mehr Theater in dieser Sache.« – »Du nimmst es nicht an?« sagte sie. – »Doch. Kein Theater mehr, hörst du. Und Geld kann ich brauchen. Und du, Astri, ja, du bist ja ein Heiligtum für mich, eine Bundeslade, in die ich nie hineinschauen darf, darum wohl mußte ich dich haben – aber du wirst wohl auch Geld brauchen, nicht wahr? Du hast doch allerhand Pläne? Doch, ich weiß es. Das hab ich auch. Pläne.« »Daß er auf sein Erbteil verzichtet!« Astri lachte höhnisch. »Er ist größer als ich, wie gesagt. ›Das hat ein Feind getan‹, steht geschrieben.« »Seiner wirst du immer noch Herr.« »Das wißt nur ihr beide, du und der liebe Gott; ich weiß es nicht, nein. Aber ich bin wirklich ein Tempelräuber. Im übrigen: ich kann unmöglich der Halunke sein, für den der Odin und die anderen mich halten: da ich dich bekommen konnte.« Sie griff nach seiner Hand und drückte sie. Sie wunderte sich, sie erschauerte bei dem Gedanken, daß er vielleicht mehrere Kinder hatte. Oben im Nordland hatten die Schiffer sicher viele Mädchen. Das Glück, dachte sie, ist seltsam kalt, wie eine Fahrt durch die blanke Winternacht; es muß wohl so sein, wenn es etwas wert sein soll. Sie dachte an die Großmutter und an Haaberg, und an Odin und an sich selber. » Der hungert nicht, der teuer kauft !« sagte sie. – – – Als sie aus der Stadt zurückkamen, stand Aasel vor der Türe von Haaberg und lud sie ein, hineinzukommen. Astri hatte vorgehabt, vorbeizufahren, ohne hineinzuschauen, oder vielleicht abzuspringen und sie rasch zu begrüßen, nur ganz kurz. Statt dessen kam es nun zu einer kleinen Hochzeitsfeierlichkeit. Odin war im Jugendverein oder sonst irgendwo. Immer und immer wieder begegnete sie den Augen der Großmutter. Sie warteten so still auf sie. Da wünschte Astri, sie wäre klein wie früher einmal vor langer, langer Zeit, dann hätte sie sich irgendwo hinterm Haus versteckt und gesagt: »Es wird schon gut gehen, Großmutter!« 3 Frau Mina auf Segelsund kam eines Abends im Frühling nach Haaberg. Odin fand sie recht gealtert seit dem letztenmal. Sie zwang sich, ruhig zu sein, das sah er, aber sie war es nicht, man erkannte an jeder ihrer Bewegungen, daß es ihr schlecht ging. Das Gesicht jedoch war noch schön, es hatte noch die gleichen stolzen und weichen Züge wie früher, die gleiche feine Haut, wie Aasel sie hatte, und die Augen konnten noch mit dem alten seltsamen Glanz strahlen. Etwas Junges und Übermütiges war noch da, aber das Alter lag darüber, und sie wußte darum; es tat weh, dies zu sehen. – Nein, so wie Astri war sie nie gewesen. Sie besaß nicht die Anmut und die Kraft wie sie; es war nichts Fremdes an ihr, das sie unentbehrlich machte; sie war nur fein und schön gewesen und stolz. Nicht diese Tiefe in den Augen, nein, und auch nicht all das andere – Odin stand plötzlich auf und ging durch die Stube. Er sah mitten in die Sonne, die beim westlichen Fenster hereinschien und lachte. Als Mina kam, hatte er eigentlich vorgehabt fortzugehen, er wollte ihr nicht im Wege sein. Aber irgend etwas in ihm gehorchte nicht, er mußte doch sehen, wie sie sich hielt, wenn sie sich an Aasel heranmachte. Ihr Anliegen wußte er sofort; denn so mußte sie aussehen, wenn sie sich demütigen und um etwas bitten mußte. Mina und Aasel redeten vom Wetter wie andere Leute. Man hatte ein spätes Frühjahr, auf den Feldern lag noch eine Menge Schnee. Es war gut, daß noch kein Futtermangel herrschte. Aber Gott ist gut, sagte Mina. Da blitzte es ein paarmal in Aasels Augen auf, eine milde und doch starke Bläue. Sie fühlte, wie schwer das Anliegen war, das die andere mit sich herumtrug. – »Aber mit dem Handel geht es auch dieses Frühjahr nicht so sehr gut?« – »Nein, wir haben nun schon zwei oder drei schlechte Jahre«, sagte Mina. »Die Leute borgen bei uns und reisen mit dem Geld in die Stadt; das ist jetzt bald ein fester Brauch.« Mina legte einen Fuß über den anderen, sie hat winzig kleine Schuhe mit blanken Schnallen. Die Hände liegen lang und weich im Schoß. Sie lacht ein wenig: »Bis jetzt hat noch keiner den Handel auf Segelsund auf die Beine gebracht; ich weiß nicht, was es damit auf sich hat. Und was man auch treibt und anfängt – es ist fast, als könnten die Leute den Handel und uns mit ihm nicht leiden.« Odin durchlief es heiß. In ihm reifte ein großes Gelöbnis, er wurde rot und konnte kaum stillstehen; aber jetzt war Mina in ihrem Fahrwasser: Sie hatten die Schuld bei diesem Verwandten in der Stadt aufgesagt, er war ein Blutsauger! Er wollte sie nur zugrunde richten durch seine Hilfe, und dabei wurde er immer hochmütiger und hochmütiger. Als sie dann sagte, daß sie ihn nicht mehr brauchten, blieb wenig und nichts mehr von ihm übrig. Wollten sie denn jetzt aufhören mit dem Handel? fragte Aasel. – Aufhören? Das konnten sie wohl kaum? Was sollte dann aus den Leuten werden? Sie würden doch wohl ein Bankdarlehen bekommen können, so gut wie andere, sie konnten ja ein Pfand hinterlegen, größer als notwendig. Odin war jetzt im Begriff hinauszugehen; in diesem Augenblick aber sah Mina ihn an, umfaßte ihn, so dünkte es ihn, mit dem verhexten Kinderglanz in den Augen. Sie ließ ihn wieder los, aber der warme Griff lag ihm noch ums Herz, und sie saß schmerzlich ratlos da. – »Wenn wir nur die Zinsen zum Termin hätten«, sagte sie, »etwa tausend Kronen, dann wäre uns geholfen, denn zum Sommer erwarten wir Geld von Amerika, es ist jetzt schon über drei Jahre her, seit die Mutter starb, und bald zwei seit Vaters Tod, wir bekamen kürzlich Nachricht von der Behörde, daß die Geschäftsbeteiligung aufgelöst und fast alles in Ordnung sei, nur ein paar Kleinigkeiten stünden noch aus.« Aasel fragte, ob denn eine Hinterlassenschaft vorhanden wäre? – »Freilich, und nicht wenig, du weißt, der Vater steckte zuletzt in einem großen Geschäft. Aber wie steht es denn mit dir, Odin, du hast wohl ein schönes Stück Geld von Kjelvika bekommen – kannst nicht du mir ein- oder zweitausend Kronen leihen? Gegen eine Hypothek auf den Hof oder auf das Geschäft?« Odin wurde rot wie eine Hagebutte. Ihre Augen strahlten über ihn hin, während er so dastand und sich zu fassen suchte. Er richtete sich auf und streckte beide Handflächen aus, lachte geradeheraus: »Das ist schon seiner Wege gegangen – der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, und so weiter! Der Lauris hat gemeint, er hätte ein Recht darauf, nach dem Gesetz, und so bekam er es denn.« »Nein, aber Odin, bist du denn verrückt?« Minas Wangen wechselten die Farbe, es gehörte so wenig dazu, aber sie hielt sich aufrecht und lachte mit: Ob er denn solch ein Leichtfuß in Geldsachen sei? Der gleiche Tollkopf wie auf der See? Ja, ja, ja, dann war ja nichts mehr darüber zu sagen. »Ja, es war dumm, ich sehe es jetzt ein.« Aasel räusperte sich nur. Sie hatte es wohl schon vorher gehört, von Astri. – »Die Jugend hat gar mancherlei Einfälle«, sagte sie endlich. »So ist es schon immer gewesen. Und jetzt, Mina, jetzt habe ich einen Gedanken, der, glaube ich, der rechte ist: Du sollst hierher nach Haaberg ziehen. Nein, nein, das ist nicht ein Geschenk; ich mache keine Geschenke mehr. Ich will den Hof verkaufen, und da bist du die Nächste dazu, so wie die Dinge jetzt stehen. Ich will ihn aufteilen, er ist zu groß.« Mina sah nicht erstaunt aus. Sie fragte nur, ob Aasel denn den Verstand verloren habe. – »Nein, nein. Nein, Gott sei Lob! Aber ich werde es so machen, und ich habe lange genug darüber nachgedacht; ich wußte schon immer, wie ich es machen sollte, und habe bis jetzt nie die Kraft dazu gefunden. Der Herrgott hatte seine Absicht damit, als er es mit Astri so kommen ließ, wie es kam. Denn dieser Weg war nun eben ihr Weg, die Ärmste; und hier auf Haaberg soll kein Lauris sitzen, solange ich noch über der Erde bin; das kann ich nicht mit ansehen. Die Astri kommt schon wieder in die Höhe; und mir gab dies die Kraft, das zu tun, was richtig ist. Er hat mich nicht vergessen, trotz allem. Sein Rat ist wunderbar, wie es geschrieben steht. Ja, ja, ich habe mir gedacht, den Hof in drei Teile aufzuteilen, dazu ist reichlich genug Land da. Man hat nicht das Recht, mehr zu besitzen. Das paßt auch nicht für die Zeit, die nun kommt. Du bist also willkommen hier. Mina. Du sollst dein Teil zu einem vernünftigen Preis kaufen können, habe ich gedacht.« Mina saß da und war weit weg. Jetzt räusperte sie sich und sagte: »Ja, und der Odin?« Aasel lächelte: »Er will nicht. Noch nicht. Er muß seine eigenen Wege gehen.« – »Ja, aber ich kann nicht, Muhme, das weißt du doch selber? Vom Laden und von Segelsund weggehen und hier mit einem Anteil am Hof anfangen – was glaubst du wohl, was die Leute da sagen würden?« Aasel lachte, ein ganz dünnes und gutes kleines Lachen: »Ja, das weiß ich freilich nicht – nein! Was die sagen würden, meinst du? Schau, daran haben wir so wenig gedacht, wir hier auf dem Hof. Zu wenig freilich, manchmal. Ich dachte, die Astri würde es vielleicht lernen. Sie sollte Haaberg in die Gemeinde hineintragen oder die Gemeinde nach Haaberg bringen, für mich geht das schon alles ineinander über.« – »Ja, sie hat sich ja was Schönes eingebrockt, sich selber und dir, und uns anderen auch.« Minas Stimme war noch ebenso weich, aber es klang ein Unterton von Ärger hindurch, den nur Aasel heraushörte. – »Nicht alle kämpfen ja nur den guten Kampf«, seufzte Aasel. »Vielleicht ist er auch nicht so gut, wie wir glauben.« – »Was sagst du da?« Mina wurde hart. – »Daß es vielleicht ganz gut ist, so wie es gegangen ist, dachte ich. Auf die Weise kam sie doch wenigstens ins Leben hinein, wenn ich mich nicht irre. Dorthin, wo sie hingehört, richtiger gesagt.« Mina zieht ihre goldene Uhr heraus, vergleicht sie mit der Wanduhr. – »Gleich kommt der Kaffee«, lächelte Aasel. – »Du willst mir nicht helfen, Muhme, mit einer Geldsumme?« – »Nein, wahrhaftig, das will ich nicht. Ich will dir zum halben Haaberg verhelfen, so weit gehe ich und nicht einen Schritt weiter. Und damit ist, glaube ich, dein Mann zufrieden.« – »Der?« Über Minas Gesicht zog sich ein weißer Streifen, sie hatte den Hieb gefühlt. – »Ja, mag sein«, fügte sie hinzu, und beruhigte sich. »Aber es ist unmöglich – im übrigen ist nichts mehr darüber zu sagen.« Der Kaffee kam und wurde getrunken, und Mina machte sich bereit und fuhr heim. Sie war jetzt ruhiger als vorher, da sie kam; Odin schien es, als habe sie einen großen Sieg gewonnen, wie sie so fortfuhr. Aasel lächelte vor sich hin, als sie sich umdrehte und wieder hineinging: »Daß die Welt und das alles – so stark in uns sein muß! Was sie auch predigen, und was sie auch beten, es nützt alles nichts; sie sind so. Hm! Hm!« »Ach, der Teufel hol mich lotweis!« kam es von Odin. »Aber still doch, Odin!« Aasel drehte sich in der Tür um und sah ihn entsetzt an. »Ja, daß ich so dumm sein mußte? Da kommt sie her und macht sich klein vor mir, und dann kann ich ihr doch nicht helfen! Und wie hoch sie wieder droben war, als sie von uns Abschied nahm, habt Ihr es gesehen?« Aasel leuchtete über das ganze Gesicht, während sie ihn ansah. – »Genau so warst du als Bub«, sagte sie. »Es wird sich schon ein Rat finden«, fügte sie hinzu. »Wenn ich nur verkaufen kann.« So, so, er sei also nicht stark genug, um zu widerstehen, wenn ihn jemand um etwas bäte? fing sie an, als sie wieder in der Stube waren. – »Ich?« Er blickte beschämt drein: »Ich blieb doch nur drinnen, um zu sehen, wie sie sich anstellen würde, wenn sie sich demütigen müßte und wenn sie ein Nein bekäme. Nach und nach – – tut es gut, Leute zu sehen, die in der Klemme stecken. Man wächst daran. Aber nur dann und wann einmal. Wäre das nicht, dann müßte man mit bleichem Gesicht und mit Tränen in den Augen dastehen, glaube ich, und ringsum vergeblich nach einem Weg suchen – – es gibt soviel Unmögliches ! Da lache ich lieber, wenn ich sie anschaue: Es ist, wie wenn einer im Kreis herumrennt und sich selber einholen möchte – – am liebsten möcht er sich in den Hintern treten. Wäre ich doch so ein Kerl, daß ich ihnen zeigen könnte, wie dumm das ist. Und dann der Lauris, der mich um dieses Geldes willen scheel anschaut. Der Teufel hol's!« Er schämte sich, als er seine eigenen Worte hörte, und ging hinaus. Draußen überraschte ihn alles, wohin er auch sah. Es war schon überall leuchtender Abend, die kleinen Wolken über ihm strahlten auf und verdunkelten sich im nächsten Augenblick wieder, und die Sonne fiel auf den schwarzen Acker oder auf den moosbraunen Wiesenrain, auf Birken und Moore, sie fiel irgendwo auf den Berg und brachte Felsen und Schluchten und Buschwerk nahe. So hatte alles hier gestanden und die Menschen gesehen, im Guten und im Bösen, hatte ihnen so treuherzig bezeugt, daß die Welt nicht anders ist. Aber vielleicht hatte es sich ihnen doch anders dargestellt, das konnte keiner wissen. Vielleicht hatte sich das keinem anderen offenbart als einem jungen Burschen, der hier umherging und nicht vom Fleck kam, bloß weil hier ein alter Mensch lebte und alles andere verloren hatte und nur noch auf ihn blickte – auf ihn, eine Mißgeburt vor dem Herrn, die dahinlebte und Qual und Sorge aufbewahrte, so wie andere Gold bewahren, bis sie einmal reich war. und es vor den Leuten hinaussingen konnte, daß die Tränen rollten. Sicherlich hatten sie ihn vom Hof gejagt, jene, die früher hier waren. Ja, da war nun auch der Ola Haaberg, der Küstertod, den hatten sie sich doch auf alle Fälle angesehen! So sanft konnten sie sein, gegen den, der weich und unnütz war. – »Ja, aber: so einer wie der werde ich nun doch nicht!« lachte Odin, »verflucht noch einmal! Ich erwarte mir doch mehr vom Leben als die alle miteinander?« Und jetzt ging er, er stand nicht mehr länger hier und redete oder dachte; es war ein so armseliger Anblick, sich am Tag darauf zu sehen, mit der Mütze im Nacken und die Augen irgendwo in der leeren Luft. Der Westwind kämpfte sich landeinwärts weiter, er fegte und blies und wollte alles auswischen, womit man sich hier abgeplagt hatte, mehr war es nicht wert. Oder war es der Sommer, der ihm im Gedächtnis lebte, eine Bläue vor den Augen, weit draußen, man konnte sich so leibhaftig darin erkennen. Denn das, was ist , das sieht man so vor sich, in einer Bläue; Odin fühlte, wie es dort stand und auf ihn wartete, viele, viele Dinge, die er kaum mehr sah oder deren Umrisse er nur schwach erkannte. Jetzt aber hörte er den Star auf dem Hausdach und die Lerche oben in der Luft, über den Ackerfurchen und den Wiesen, es war gut, daß man anpacken und irgend etwas tun konnte. Eigentlich war es die ganze Zeit Frühling gewesen, wenn er es recht bedachte. 4 Astri kam häufig zur Großmutter. Wenn sie sich so trafen, konnte man keine große Veränderung zwischen jetzt und früher bemerken. Die eine freute sich, die andere zu sehen. Gegen Odin war Astri ein wenig kürzer angebunden, und zwar immer mehr, je öfter sie ihn traf, aber die Augen schlug sie nicht vor ihm nieder. – »Was habe ich ihr nur getan?« sagte er zur Großmutter. – »Nun. ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll«, antwortete sie. Eines Tages ging Aasel mit hinunter nach Vaagen, und von da an kam sie öfters zu Astri; sie richteten alles schön her, dort unten, so nach und nach. Astri begleitete sie dann meist auf dem Heimweg. Während sie so eines Abends miteinander hinaufgehen, sagt Aasel, sie wolle sich nun vom Hof trennen. Sie kann nicht mehr länger damit zurechtkommen, nicht einmal Dienstboten findet man mehr, sie will ihn aufteilen! Und wenn Astri einen Teil haben wolle, so solle sie es gleich sagen. Dann könne sie den Teil bekommen, den sie wolle. – »Hier«, deutete Aasel, »dachte ich, daß die Häuser des einen Teiles stehen sollten. Nein, nein, ich will keinen Austrag. Das ist zu altmodisch. Zeit und Menschen sind nicht mehr so. daß man das noch machen könnte.« Astri blickte zu Boden. Dann sagte sie: »Ihr dürft nicht denken, daß ich es verschmähte, Großmutter; ich freue mich sogar, daß Ihr uns hier sehen wollt. Aber ich kann nichts sagen. Ich muß erst hören, was mein Mann dazu meint.« – »Ja, das gefällt mir«, erwiderte Aasel. »Ich wußte doch, daß er ein tüchtiger Kerl ist. Ja, ja. Und jetzt teile ich ihn auf, wie gesagt – den Hof. In drei Teile. Es ist ja sonderbar – – puh, wir gehen viel zu schnell! Und dann noch diese Mina. Ihr muß geholfen werden. Sie soll hierherziehen, solange ich noch lebe; ich erkenne das jetzt, So viel habe ich noch, daß ich auf anständige Weise ins Grab komme.« Sie stand eine Weile da und ruhte aus; ihr Atem ging mühsam. Sie sieht über die Äcker hin. – »Freilich, seltsam ist es wohl. Solche Äcker, Astri, und die schönen Wiesen dazu, hast du sie jemals richtig angesehen? Und dann die kleinen runden Hügel, sie liegen da und sind im Weg, beim Mähen wie beim Pflügen; aber schön sind sie doch, ich möchte sie nicht missen. Bald sehen sie aus, als wären sie geschmückt, bald, als wären sie von den Leuten hier abgenützt, und so ist es mit allem. Und jetzt hat es seine Zeit gehabt. Eigentlich gibt es keinen mehr, der das noch sieht. Aber der Odin erkennt, daß ich richtig handle – – das muß er doch wohl?« Es war der schönste Maientag. Über Wiesen und Wäldern leuchtete es grün nach dem Regen, und jetzt schien die Sonne darauf, und der Wind hatte heute eine so leichte Hand, wenn er darüberstrich. Die Sonne sank, und da schien es Aasel, als schlüge alles die Augen auf und sähe einen noch grüner an. Die Äcker von den anderen Höfen sahen noch welk aus, gleichsam als hätten sie sich von Krankheit und Winter noch nicht erholt. – »Das hier gäbe doch einen wunderschönen kleinen Hof, Astri, nicht wahr? Aber du findest, daß ich nicht recht handle, wahrscheinlich? Das wundert mich nicht. Aber der Odin, wie gesagt – – das stützt mich so!« Astri steht da und sieht die Großmutter eine Zeitlang an. – »Klein und armselig wäre, was ich gegen Euch vorbringen könnte«, sagt sie. Dann lacht sie ein wenig: »Es ist schwer genug, Euch in die Augen zu schauen. Jene, die wissen, daß Ihr auf dem rechten Weg seid – das muß übrigens seltsam sein!« Aber als sie auf dem Heimweg war, sah sie Lauris vor sich, so still, wie er in der letzten Zeit umherging und grübelte. Er war nicht dazu geschaffen, in einer Stube zu sitzen, und am Meer hatte er auch keine Freude, dort gab es jetzt doch nur noch Verluste. Sie erzählte ihm, was Aasel vorhatte. Er war auch hierin eigen, der Lauris, daß er nicht hörte, was man sagte. Darum freute sie sich jedesmal, wenn er sich ihr zuwandte und eine Antwort gab, es kam so von oben zu ihr herab, ein wunderbares Geschenk. Das tat er nun. – Er wachte auf und sagte: »Das ist eine Sache, die ihr miteinander ausmachen müßt, du und deine Kinder.« Astri wurde hellrot, und in ihre Augen trat ein tauiger Glanz. Dann beschattete ein Gedanke ihr Gesicht und machte es hart. – »Mit allem anderen könnte ich einverstanden sein«, sagte sie, »aber daß die Mina das Geld von Haaberg nach Segelsund tragen soll, das will ich mir erst noch überlegen.« – »Du sollst dich nicht gegen das Alter versündigen, Astri.« Er nannte sie bei ihrem Namen, das kam nicht oft vor. – »Wie alt mag sie jetzt sein? Deine Großmutter, meinte ich.« – »Sie wird bald siebzig.« – »Hm. Ja. Dann darf man sich von ihr nicht mehr viel erwarten. Ein wenig Freude muß ein alter Mensch doch noch haben; wenn auch der Verstand bei ihm nachläßt.« In Astris Gesicht entstand manchmal ein kleiner Knoten bei dem einen Mundwinkel, und der zeigte sich jetzt. Die Stirn stand steil und stark unter dem dichten braunen Haar. Die Augen waren grau und ohne Glanz, wie immer, wenn sie über etwas nachdachte. Da waren sie am schönsten, dünkte es Lauris. Sie war auch sonst schön, ja verflixt noch einmal, ein richtiges Mädchen, aber da erst war sie Astri . »Ich werde mit ihr reden«, sagte sie leise. Denn jetzt wußte sie, was er wollte. Er wollte Haaberg haben, nicht mehr und nicht weniger. Und darüber freute sie sich, jetzt . Soviel soll einer wollen, ja, wenn man das Zeug zu einem Mann in sich hat. Dann ist es eine Gnade, etwas für ihn tun zu dürfen. »Sie muß entmündigt werden!« sagte sie. als sie wieder hinaufging. Das war am Tag darauf. Aasel sah nicht weiter erstaunt auf, als Astri eintrat. Sie sah den Knoten beim Mundwinkel, und die Augen waren eine Tiefe von Liebe und Wille, so seltsam grau in der Farbe; Astri war dorthin gekommen, wo sie hinwollte. Man konnte froh werden, sobald man sie nur sah. Nein, danke, Astri wollte sich nicht setzen. »Aber ich habe ein wenig über das nachgedacht, was Ihr mir gestern erzähltet – das kann doch nicht Euer Ernst sein, oder? Den Hof zu zerstückeln, und ihn an Per und Paal wegzuwerfen – das kann doch nicht die Absicht sein, nicht wahr? Und die Mina soll Geld bekommen? Sonst wißt Ihr wohl gar nichts mehr?« Aber Aasel saß am Fenster und lächelte in die Abendsonne hinaus, die jetzt nach Nordwesten hinübergewandert war und sich soeben hinter dem Skarshügel verstecken wollte; dann drehte sie sich mit dem gleichen Lächeln Astri zu: »Nein, mein Kind, jetzt tue ich, was recht ist, jetzt; endlich einmal, ja. Du veränderst mich nicht, Astri, dazu bin ich zu schwerfällig, ich fühle mich wie die Sonne und der Wind. Es ist lange her, seit ich mich so gefühlt habe.« »Ihr könnt doch Eure fünf Sinne nicht beieinander haben!« »Doch, mein Kind, die habe ich beieinander.« »Ja, aber, Ihr müßt es Euch doch überlegen , Großmutter!« Astri bat jetzt, mit einem kleinen Bruch in der Stimme. Aasel legte eine Hand fest auf die andere: Sie hatte es überlegt. Schon viel zu lange. Jetzt sollte es geschehen, ja. – »Es ist nicht so herrlich, einen großen Hof zu erben, wie du glaubst, und der Lauris. Mit dir hat's ja keine Gefahr, sage ich. Der Lauris soll sich selber vorwärtsbringen, dazu ist er geschaffen, er ist ein Segler und ein Schiffer, ob er nun zu Land oder zu Wasser lebt. Gibt es nicht etwas, was man einen Schiff ergriff nennt? So soll er zugreifen, für dich und die Deinen.« Astri war es, als kämpfe sie mit dem schwersten Unwetter. Sie mußte alles mit Aasels Augen sehen. – »Aber die Mina soll nichts von dem Haus hier haben!« sagte sie, und jetzt stieg der Groll wieder in ihr hoch. »Ich bin doch wohl die Tochter meines Vaters, das könnt Ihr nicht leugnen! Sie soll nicht herkommen und einen ums Erbe bringen, so war es doch noch nie der Brauch auf Haaberg? Und die Kinder von der Elen? Und der Odin?« »Es ist zu Ende mit Haaberg jetzt. Schon seit vielen Jahren. Das Erbe, Kind, das hast du, das trägst du in dir, und ebenso der Odin. Haaberg kann im ganzen Land wieder aufgebaut werden, wo du nur willst, merke dir das! Aber es muß gebaut werden. Die Juwikleute reichten dem eine hilfreiche Hand, der es nötig hatte; und du hast es nicht nötig. Ja, so ist es, Astri.« Astri wußte kaum, wie sie hinausgelangt war. Sie wußte nur, daß sie verloren hatte und daß sie Odin finden mußte. Er kam in diesem Augenblick vom Ackern heim, mit den jungen Gäulen im Geschirr, und sie waren alle drei erschöpft, er und die Tiere. – »Hast du mit der Großmutter geredet?« fragte sie. – »Doch, freilich.« – »Aber ist sie denn noch bei Verstand, sag mir, ist sie nicht närrisch, was meinst du?« – »Sie ist sicher noch bei gutem Verstand. Und mich geht das alles nichts an; aber ich habe darüber nachgedacht, das muß ich gestehen. Und zusagen tut's mir nicht.« »Sie muß entmündigt werden!« ruft Astri, sie bebt wie ein junges Fohlen. Odin freut sich über sie; sie ist so stolz und schön. Das ist endlich sie, in allem Ernst, jetzt, da sie einen Mann hat, für den sie kämpfen kann, wenn die Welt gegen sie ist. Er hört die Stimme und sieht das Gesicht, sie hat alles miteinander dem Lauris gegeben. – »Kannst nicht du in die Stadt reisen, Odin, und mit dem Rechtsanwalt oder dem Vogt sprechen, kannst du das nicht tun, Odin? Ja, ja, dann reise ich eben selber. Ich wußte ja schon, daß mit dir nicht viel los ist. Ich reise selber.« – »Wie wäre es, wenn du mit dem Ola auf Segelsund reden würdest?« – »Ich reise selber, denn das hier soll nicht geschehen. Sie muß abgesetzt werden, ehe es zu spät ist.« Am Tag darauf ging der Dampfer nach der Stadt, und Astri fuhr mit ihm. Aasel bat Odin, nach Segelsund zu fahren und Mina auszurichten, daß ihr auf alle Fälle geholfen werden sollte. – Davon möchte er am liebsten verschont bleiben, sagte er. Nicht um seiner selbst willen, sondern um Astris willen. – »Dann mußt du mir die braune Stute einspannen«, sagte sie. »Ich habe Angst, ich könnte zu spät kommen. Du meinst, ich handle nicht recht hierin, Odin?« – »Ja, ich finde, es geht den falschen Weg.« – »Ja, aber mit dem anderen Plan, daß ich den Hof aufteile, darin hältst du doch zu mir? Oder nicht, Odin?« – »Nein, das – das kann ich nicht sagen. Nein, das will mir nicht in den Kopf. Es ist falsch, Großmutter!« Er sieht zu ihr auf. Aasel stand da und sah ihn an. Sie blinzelte leer und gedankenarm. Dann sammelte sie sich in einem schweren Seufzer: »Nein, nein, nein! Ist es wirklich wahr, Odin? Soll ich zum Schluß so allein bleiben?« Odin wußte nichts mehr zu sagen, und so ging er hinaus und spannte die Pferde an. Und sie fuhr davon, mit dem Bankbuch in der Tasche. In der gleichen Woche standen drei Hofanteile zum Verkauf ausgeschrieben. »Näheres beim Besitzer, Anfragen an die Expedition des Blattes.« Den Leuten aus der Gemeinde, die der Weg schon vorher nach Haaberg geführt hatte, war es von Aasel selber erzählt worden, so daß sie die Zeitung nicht brauchten. Gleich darauf war ein Anteil verkauft, an einen Burschen von Skarsvaagen draußen, der eine Zeitlang mit Lauris auf den Fischfang gefahren war und später Geld durch Heringshandel verdient hatte. Die östliche Hälfte des Hauses gehörte mit zum Grundbesitz. Später kamen noch ein paar Männer von den östlich gelegenen Gemeinden und sahen sich die anderen Anteile an. Aasel wunderte sich, was aus Astri geworden sei, man höre nichts mehr von ihr. Odin konnte nicht darauf antworten. An diesem Abend aber kam sie herauf. Lauris hatte gelächelt, an jenem Tag, da sie heimkam und erzählte, daß sie nichts ausgerichtet habe. Der Rechtsanwalt, Peter der Große , wie er genannt wurde, hatte ihr gesagt, daß sie Aasel in Frieden lassen müßten. – »Das hat sie doch wohl verdient?« sagte er; Astri vergaß seine Augen nicht. Sie glänzten sie durch einen Nebel von Tabaksrauch und Gutmütigkeit an und machten sie ganz hellwach. Sie sah sich selber, wie sie dasaß, ein kleines verirrtes Ding, das nie wieder heimfand. Und vor ihr saß ein schlauer Teufel, der ihre innersten Gedanken lesen konnte – der ihr nicht einmal böse wollte! Überdies entsann er sich, so dünkte es sie, daß sie mit dem Lauris verheiratet war. Da schien es ihr ganz unmöglich, zu Lauris heimzukehren, und als sie auf die Straße hinauskam, wußte sie bestimmt, daß dies nicht geschehen würde. – »Und auf keinen Fall jetzt, da die Dinge so stehen«, sagte sie. Aber als das Schiff ging, war sie an Bord. Nur sie allein wußte, wer Lauris war, und das konnte doch schließlich genug sein, um dafür zu leben? Aber es tat gut, daß Lauris so lächelte. Sie war dem Weinen nahe, nun aber lächelte sie doch, die Augen zu Boden geschlagen: »Lach du mich nur aus; ich ertrage viel von der Art.« – »Ja, dem Geld von der Aasel wollen wir nicht nachtrauern«, sagte er. »Ich für mein Teil bin froh, wenn ich es nicht habe. Du würdest mich doch immer mit der Nase darauf stoßen. Aber weißt du, was ich möchte – mit der Hausmutter auf Haaberg möchte ich verheiratet sein. Und dahin bring ich's auch noch.« – »Aber nicht ohne meine Hilfe«, hatte sie geantwortet. – »Nein, das ist klar – umsonst bist du nicht so hochmütig. Geh jetzt hinauf und kauf den einen Hofanteil, den, zu dem das halbe Haus gehört, jetzt gleich, ehe ihr diese Berglappen, die schon da waren, zu nahe rücken«, befahl er lachend. »Den anderen Teil hab ich schon.« – »Den anderen?« – »Nein, den ersten, wollte ich sagen. Der Lausbub von Skarsvaagen hat ihn für mich gekauft. Den dritten, den muß uns wohl der Herrgott geben? Das erwarte ich von ihm. Wenn du ihn darum bätest?« Astris Gesicht wurde grau, wie jedesmal, wenn Lauris vom Herrgott sprach. – »Kannst du denn das Spotten nicht sein lassen?« bat sie. – »Ich spotte nicht, nein.« – »Nein, nein, aber es wird so kalt , wenn du von so etwas sprichst.« Sie zog sich an und ging nach Haaberg hinauf und trat lächelnd ein. – »Ich muß nachgeben, Großmutter«, sagte sie: »macht alles so, wie Ihr wollt.« Nicht lange darauf hatte sie den westlichen Teil der Haabergäcker und den westlichen Teil des Hauses gekauft. Der Preis war schon vorher von Aasel festgesetzt worden. Dazu behielt sie sich noch zwei Kammern im oberen Stockwerk vor. Aasel nahm Astri bei der Hand und wünschte ihr Glück. Astri erwiderte ihren Blick und hielt ihm stand; sie war sogar entsetzt darüber, daß es so leicht ging. – »Aber der Odin, der wird sich jetzt von mir abwenden!« Aasel griff sich an die Brust und jammerte. »Und ich, die glaubte, er würde mir dafür danken – – daß er es einsehen würde, zum mindesten!« Später schritten sie die Grenze ab und schrieben Vertrag und Kaufbrief. Sie sollten nicht vor dem Frühjahr übernehmen. – »Wenn nicht etwas dazwischen kommt«, sagte Aasel. 5 Aber es kam etwas dazwischen. Aasel wurde krank. Krank war sie noch nie gewesen, sie war nur in den letzten Jahren von Kurzatmigkeit geplagt worden und hatte ein wenig Husten gehabt. Aber darüber hatte sie nur gelächelt; es sei ein Altweiberhusten. Jetzt packte es sie mit Frost und Hitze und mit Krankheit durch und durch, so daß sie zu Bett mußte. Da lächelte sie wiederum. Sie lag da und erkannte, was dies war. Im Lauf der Nacht mußte sie sich erbrechen, und da war es lauter Blut. Sie klopfte an die Wand, kaum daß sie dies noch fertigbrachte. Odin erwachte mit einem Ruck, hatte er nicht im Schlaf ein seltsames Klopfen gehört? Als er eine Weile aufrecht gesessen hatte, fuhr er in die Kleider und ging hinunter. Aasels Wangen waren blaßblau und die Lippen weiß; aber die Augen sahen ihn ruhig und lebendig an. Sprechen konnte sie zunächst noch nicht recht. Er legte sie besser zurecht und wusch ihr das Blut vom Kinn. Dann setzte er sich still neben das Bett. Sie schlummerte ein paarmal ein, während er dasaß. Als sie die Augen zum drittenmal aufschlug, war ihr Blick ein wenig lebhafter, und sie ergriff sogar seine Hand. – Ob er nicht eine von den Mägden wecken, und ob er nicht zum Doktor fahren sollte? fragte er. Sie schüttelte den Kopf, ganz schwach, so gut sie konnte: das solle er nicht, nein. – »Nein, dann nicht«, sagte er. »Etwas Gefährliches kann es ja nicht sein, das hier.« – »Nein. Nichts Gefährliches«, flüsterte sie. »Aber etwas Ernstes, Odin!« Als es Tag wurde, schickte er trotzdem jemand nach dem Doktor, der dann gegen Abend kam. Er untersuchte sie sehr genau, und Aasel widersetzte sich nicht. Wie Odin, sagte auch er, daß es nichts Gefährliches sei, sie habe sich an einer Bronchitis krank gehustet; sie könne wieder gesund werden, wenn sie nur lang genug im Bett liegen bleibe. Darauf antwortete sie nichts. Als er aber fortgefahren war, sah sie Odin wieder an und lächelte wie in früheren Zeiten: »Nein, Kind, jetzt wird es Ernst. Er sieht es, Er, daß ich zu nichts mehr tauge. Er hat keine Verwendung mehr für mich. Nein, nein.« Astri war heraufgekommen, und in dieser Nacht schlief sie in der Kammer im anderen Bett. Aasel wollte nicht, daß man bei ihr wachte, man sah ihr an, wie sie das quälte; sie hielt es für eine Schande; gegen Morgen bekam sie einen neuen Hustenanfall, und nun erbrach sie noch mehr Blut als vorher. Danach wußte sie lange Zeit nichts von sich, und Astri stand da und dachte schon, dies sei der Tod. Immer wieder wollte sie schnell fort und Odin holen, dann aber hielt sie sich zurück und ließ es sein. Jetzt hörte sie übrigens leise Atemzüge. Da wurde sie ihn in der Tür gewahr. Sie ging mit ihm in die Stube hinüber. Die Sommernacht leuchtete herein – draußen war klares, stilles Wetter, und der Himmel rötete sich schon von der aufgehenden Sonne. – »Hast du mich nicht einmal geweckt«, flüsterte er. »Nein. Ich tat es nicht. Ich durfte wohl – – allein mit ihr sein.« Er begegnete ihren Blicken und sah weg. – »Ja«, sagte er. Auf Zehenspitzen gingen sie wieder in die Kammer hinein. Aasel erwachte und erkannte sie. Sie war wohl immer noch bei klarem Bewußtsein. Astri fiel vor ihrem Bett auf die Knie nieder und weinte. Odin blieb eine Weile stehen, dann ging er still wieder in die Stube zurück. Aasel legte die Hand auf ihren Kopf. »Sag's nur, du«, flüsterte sie. Astri schluchzte auf und kämpfte noch schwerer mit dem Weinen. »Ja, ja, Kind, ich weiß es schon. Aber du irrst dich. Du hast mir nie – wehgetan.« Im Lauf des Tages fühlte Aasel sich wieder ein wenig frischer. Odin saß bei ihr. Er bat sie ein paarmal, sie solle doch nicht reden, sie aber lächelte nur dazu. Der Tod war über ihr, das sah er, hätte aber Odin die Macht dazu gehabt, so hätte er sie gezwungen, stillzuliegen. Die Gedanken kamen und gingen bei ihr, und von Zeit zu Zeit murmelte sie etwas. – »Die Alten, Odin, die lagen da und dachten an ihr Leichenbegängnis. Das tue ich auch. Ein großes Leichenbegängnis – trotzdem. Nicht wahr? Sie kommen ja zum letztenmal hierher. An den Herrgott denken, sagst du? Ja. Aber es ist zu spät. Das ist schon vorher geschehen. Ich glaube fast, ich sehe ihn, Odin. So, wie sie ihn sehen werden. Irgendwann in der Zukunft: Ein guter Gott. Ein Geist sozusagen.« Sie schlief schon wieder, noch ehe er es gewahr wurde, kaum aber nahm er die Blicke von ihr weg, war sie hellwach und fuhr dort fort, wo sie aufgehört hatte. – »Daß sie ihn nicht sehen sollten! Und auch ich nicht, nein. Da muß ich an den Vater denken. Hier in der Kammer saß er. Saß da und sah, so blind er war. Vieles und vielerlei. Und sich selber und uns alle miteinander. Aber Ihn wurde er nicht gewahr, nein. Trotzdem glaube ich, daß wir uns begegnen werden. Ich bin so müde, Odin!« Sie schlief schon wieder, erwachte aber gleich darauf und sah ihn unruhig an. – »Noch etwas, Odin. Ich las etwas von einem – Altersheim – sag mir: was ist das?« Odin erzählte, was er darüber wußte. – »Ja, siehst du!« jammerte sie. »Ich wußte es doch. Mit mir wurde nichts daraus. Ich hätte doch etwas tun können, siehst du. Aber nun kommt Er und nimmt mich fort – ich bin so durstig, Odin!« Er gab ihr Wasser, und sie dankte und schlief sofort wieder ein. Einige Zeit verstrich, dann war sie wieder wach, und jetzt wollte sie Elens Kinder sehen. – »Und du, Odin, du kaufst den dritten Hofanteil hier – das tust du.« In diesem Augenblick kam Astri. – »Du hast es auch gehört«, sagte Aasel zu ihr. »Ich möchte, daß ihr beide hier seid.« Sie sahen einander kurz an und nickten alle beide. Über ihre Gesichter legte sich eine fremde Schwere. Auf Aasels Antlitz aber leuchtete ein Lächeln auf: »Daß ich keines von deinen Kindern erleben durfte, Astri!« Am Abend kam Mina von Segelsund. Sie kam in die Stube hereingesegelt, so dünkte es Odin. Es war ein so mächtiges Gefühl, das sie trug, und in die Kammer trat sie wie mit einer Botschaft . Odin hielt den Atem an. Aber sie kam fast nicht dazu, etwas zu sagen. Aasels Wesen ließ das nicht zu; sie lag da und sah wie aus großer Höhe auf Mina herab. Mina sagte einen Spruch aus der Bibel her, zwei-, dreimal, und Aasel nickte dazu: so stehe es geschrieben, ja. Dann sagte Mina, sie komme morgen wieder, und wünschte gute Nacht. Odin sah Astri an. Die beiden wußten, daß es die letzte Nacht sein würde. Sie wachten alle beide. Aasel wehrte sich nicht dagegen. Es war eine seltsame Nacht. Der frühe Sommer blühte in den Gärten und auf den Wiesen, über Waldrand und Mooren lag eine tiefe glückliche Bläue. Wolken zogen friedlich über die Berge im Osten. Der erste Wachtelkönig rief in den Wiesen; sonst schlief jetzt alles draußen, in hellem Glück. Ein ums andere Mal mußten sie ans Bett treten, denn das Blut kam stoßweise herauf und wollte Aasel ersticken. Sie wußte nicht viel von sich; sagte sie jedoch ein Wort, so geschah dies mit vollen Sinnen. – »Die Kühe, Astri?« fragte sie. »Die Stallmagd – – verschläft wohl?« Sie standen wieder am Fenster. Das Land wandte ihnen das Gesicht im Schlaf zu, weite Äcker und lange Wiesenraine, dunkelgrünes Gras und vielfarbige Blumen überall. Das konnte man sein Lebtag nicht vergessen. Da wachen sie durch einen seltsamen Atemzug auf. Sie drehen sich gleichzeitig herum, ihre Blicke begegnen einander flüchtig, und dann treten sie ans Bett. Jetzt hört man keinen Atemzug mehr, nur noch Röcheln und Kämpfen. Aasel sieht sie ganz kurz an. Sie wissen, es ist ein Abschiednehmen und ein Danken. Ehe sie sich besannen, war es überstanden. Odin kam dadurch zu sich, daß eine Hand die seine losließ und er nur noch den Druck derselben fühlte. Astri und er hatten, ohne es zu wissen, dagestanden und einander an den Händen gehalten. Astri beugte sich über die Großmutter und wollte ihr die Augen zudrücken, aber dies war nicht notwendig. Und der Mund war fest und still geschlossen. Odin öffnete das Fenster. Astri sah ihn an und wunderte sich, und da erst wurde er sich seiner Handlung bewußt und wunderte sich selber darüber. Still schloß er es wieder und sah sich in der Kammer um. Ihm war, als kehre er von einer hundertjährigen Fahrt durch die Zeiten heim. – »So machten sie es wohl früher?« sagte er verlegen. In Astris Augen war kein Schatten von dem zu lesen, was einstmals hier auf dem Hof gewesen war. Groß und mild sahen sie ihn an. Sie legte die Hände der Großmutter zusammen und breitete das Laken über ihr Gesicht. Dann gingen sie. Odin ging mit Astri den Weg hinunter. – »So sind wir wohl schon einmal in einer Nacht gegangen?« sagte sie. Er hob den Blick; auf Gras und Wald lag taublanker Morgen, es strich ein leichter Seufzer darüber hin, nun, ehe die Sonne aufging. – »Ja«, sagte er. »Und jetzt ist es zu Ende auf Haaberg .« – »Ja, jetzt ist es das letztemal.« Sie verhielt den Schritt und sah Odin an, sie blinzelte fast nicht. Ihre Augen standen voller Glück, aber voll eines so tiefen Glückes, daß er nur Freude und Trauer, Freude und Trauer sah, soweit sein Blick in sie hineinreichte. Da sagte sie: »Aber du bist mein Bruder, du Odin, das wußten wir früher nicht.« Sie standen Angesicht in Angesicht, und der eine streckte sich ein wenig, und der andere beugte sich ein wenig, und dann küßten sie einander. Aber als sie sich wieder auf sich besannen, hielten sie sich dicht umschlungen, und alle beide waren rot und verlegen. »Es war doch nicht wahr!« lachte Odin. »Nein. Es war nicht wahr.« Astri blinzelte ein paarmal, gleichsam als denke sie nach. Dann ging sie rasch fort. Das Leichenbegängnis §§§ Astri und Odin standen einander zur Seite, als die Vorbereitungen zum Leichenbegängnis getroffen werden mußten. Es gab viel zu tun, denn es mußte schnell gehen, jetzt bei der Sommerhitze. Andrea und Otte kamen aus der Stadt, aber sie waren mehr zur Last als zur Hilfe. – »Es hätte alles gut geklappt hier, wären wir nicht im Wege gewesen«, sagte Otte zu Ola Haaberg, der herkam und alles leiten und den Wirt machen sollte. Er mußte die Einladungen übernehmen. Es sollten nicht viele gebeten werden, fand er, denn es gab jetzt nicht mehr viele, die sich an Aasel erinnerten. Doch Odin sagte, es sollten trotzdem alle kommen, eine Menge Menschen, wie in alter Zeit; sie sollten ihrer gedenken, ob sie wollten oder nicht. Ola lachte, aber er schüttelte den Kopf. Da griff Astri ein. – »Entweder ein großes Leichenbegängnis oder gar nichts. So hat es die Großmutter gewollt, nicht wahr. Odin?« – »Ja, gewiß; daran zweifelt niemand.« Da lachte Ola wieder: »Die ziehen am gleichen Strick, die beiden, Schwester und Bruder, wahrlich – – kein Wunder, wenn es so gegangen ist!« Sie wurden beide gleichzeitig rot, kamen jedoch rasch darüber hinweg. Dies war das einzige Mal, daß der eine merkte, der andere denke daran, was an jenem Morgen zwischen ihnen vorgefallen war. Mitten in der Geschäftigkeit, am Tag vor dem Begräbnis, traf Odin der Gedanke, so wie einen manchmal eine kleine Stille mitten im heulenden Sturm trifft: Und du, du mußt ja vortreten und eine Rede an der Bahre halten! Er fühlte sich ein wenig beklommen, war gleichzeitig ängstlich und erstaunt. – »Ja, ja, das soll nun nicht geschehen«, sagte er. »Ich werde doch wohl beim Leichenschmaus für die Großmutter nicht die Leute so aufschrecken?« Aber der Stachel blieb doch sitzen, wie seinerzeit, als er noch ein kleiner Bub war und sah, wie sich die Schlange unter dem Erdhügel verbarg. Am Sonntagmorgen zu früher Stunde schon trafen die Gäste allmählich ein, an die hundert Menschen etwa. Sie sollten ein Frühstück auf Haaberg erhalten. In großer Feierlichkeit kamen sie an. Es war nicht so wie sonst, und die Leute waren in dieser Zeit wenig an Gastgelage gewöhnt. Selbst das Wetter war heute feierlich. Zwar gab es weder Sonne noch Schatten, sondern es schlief ein sanfter blauer Hauch zwischen den Bergen, über den Hängen und den Wiesen und wohin man sah; man hätte glauben können, man sei in einer anderen Gemeinde. Nicht ein Lufthauch rührte sich. Und rings um sie war Haaberg, und Haaberg war ein großer und stiller Hof, ein fremder Hof für sie alle sozusagen, er sah jeden an, der kam, sprach mit ihm und legte sich schwer auf ihn. Odin stand da und betrachtete die Leute. Er kannte alle und jeden, und jede neue Falte in ihrem Gesicht wurde er gewahr. Sie waren seine Leute. Endlich hörte er einen, der sich aufraffte: »Ja, nun ist also die Aasel fort.« – »Ja–a«, wurde bestätigt. – »Hm; sie war ja auch alt. Und gleichsam eine aus der früheren Zeit, oder wie ich es nennen soll.« Darauf kam keine Antwort, sie hatten jetzt angefangen, vom Wetter zu reden. Odin ging in die Kammer hinaus, wo Ola Haaberg seine Hilfskräfte regierte und das Essen überwachte. Er lächelte: »Hast du sie gesehen, du?« »Wen denn?« »Die Leute. Sie sehen mir fast so aus, als hätten sie erst kürzlich schlecht über die Großmutter geredet. Sie schämen sich, daß sie trotzdem von ihr hierher geladen worden sind, siehst du das nicht?« Ola lachte irgendwo tief drinnen, es klang wie ein Bach unter dem Schnee. Da wurde Odin über den Augen hart: »Du lachst doch auch über alles, du!« Ola lachte immer noch, aber er war doch auch ganz ernst: Odin solle für seine Worte bedankt sein, so habe er es sich von ihm erwartet, ja! Und kurz darauf fügte er hinzu: »Ich glaubte wahrhaftig schon, du bliebest solange hier, bis du genau so einer würdest wie ich. Hm, hm! Aber du hast es trotzdem wie ein Dummkopf angefangen, wie es auch sein mag! Oder ich bin hundert Jahre zu früh auf die Welt gekommen. Aber steh nicht da und halt mich auf, heute habe ich, Gott sei Dank, anderes zu denken.« Odin sah durch die Kammertür hinaus, nach den Leuten in der Stube drinnen. Da drehte er sich schaudernd zu Ola zurück und deutete mit dem Kopf in der Richtung der Stube: »Ich glaube, ich bin zu denen dort verurteilt. Zu den Menschen.« »Ganz richtig, Junge!« meinte Ola lächelnd. Er leuchtete vor lauter Bosheit. Er hatte noch das gleiche Lächeln, als er in die Stube trat und zu Tisch bat. Keiner wollte sich als Erster setzen, und keiner an den obersten Platz, es war das alte Lied; aber die Zeit war schon vorgeschritten. Da rief Ola über die Leute hin und brachte sie alle in Bewegung: »Per Lines, hier ist dein Platz! Arthur und Mina setzt euch hierher, und Otte und du, Andrea, und du, Iver Vennestad, da her! Und Kal Lauvset hier, und wenn du dein Weib bei der Hand hast, setz sie neben dich!« So nahm er sie Mann für Mann vor, mit sicherer Hand, nach Alter und Sippe, und was man sonst noch rechnen mußte, ihr Platz war da, und immer war es der rechte. Dies kam so überraschend für die Gäste, daß sie an ihre Plätze gingen, ehe sie sich's recht überlegten, und Ola stand mit der Uhr in der Hand da. Odin saß weit unten und freute sich über die Leute: dieses Mal waren sie auf Haaberg. So sollte es sein, aber so konnte es nie mehr werden. – »Wer doch vor hundert Jahren gelebt hätte!« sagte er zu seinem Nachbarn. – »Ja, meinst du?« – »Nur eine kurze Zeit, nicht lange, meinte ich. Ich glaube, es war ein anderer Zug in den Menschen, damals.« – »Hm, ja.« Im übrigen ging das Frühstück still vor sich, und still trugen sie den Sarg herein. Ola Haaberg sollte die Leiche hinaussingen, denn der neue Küster war verreist. Als er mit dem Vaterunser fertig war, trat Odin an den Sarg heran. Die Leute achteten dessen nicht sonderlich, und auch Ola nicht, sie wollten nun endlich zu singen anfangen, irgendeine Kleinigkeit hielt sie noch davon ab, und jetzt sahen sie Odin dort stehen und wußten sofort, daß er etwas sagen, daß er reden wollte. Er sah aus wie sonst, war nicht einmal bleich, und seine Blicke glitten rasch über sie hin, betasteten sie und flogen wieder weg; er war durchaus nicht von Sinnen, aber reden wollte er. Jetzt fing er an! Astri war bleich geworden und packte Lauris bei der Hand. Sie sah, wie die Gesichter der Leute schimmerten, aber die Augen darin waren erloschen, so wunderten sie sich, und so schämten sie sich für ihn. Einzig und allein Ola Haaberg stand als der da, der er zu sein pflegte. Odin legte die Hände um sein Gesangbuch und sprach laut und ernsthaft: »Lebwohl, Großmutter! Ich sage dir Dank von Haaberg. Du weißt, was ich damit meine. Ich konnte es dir nicht sagen, solange du lebtest. Ich sage dir Dank von allen hier. Auch sie konnten es dir nicht sagen. Und du hast es keinem verargt. Dafür wollen wir dir am meisten danken, dafür, daß du keinem etwas verargt hast. Du warst älter als die anderen; ein Menschenleben warst du älter, und trotzdem warst du jünger als die Jüngsten von uns, wenn es darauf ankam. Du warst die Letzte, die die Ruhe in sich selber hatte; du konntest hier sitzen und die sein, die du warst; du verglichst dich mit niemand. Und trotzdem warst du viel mehr voller Unruhe für die Zukunft als irgendein anderer, du sahst sie stets vor dir. Oder ich will es anders sagen: Du sahst das, was gewesen war, und du sahst das, was werden sollte. Es war ein Staunen, das von dir ausging. Hast du uns verlassen, damit du nicht mehr zu sehen brauchtest, wie klein hier alles wird? Ich glaube das nicht, keiner von uns glaubt das, denn da würden wir gegen dich sündigen.« Jetzt sahen sie alle einen Augenblick lang, daß Odin bleich geworden war. Aber ein Gesicht nach dem anderen löste sich auf und war wieder so, wie es immer zu sein pflegte. Nicht viel anders, als sei irgendeine Qual über sie hingegangen und habe sie nun losgelassen. Jetzt hörten sie ihm zu. Das eine oder andere Gesicht in der Stube bestätigte sogar seine Worte, und einige dachten über das nach, was er sagte, und wogen es ab; und da und dort war einer, der frei und offen wünschte, Odin möchte sich ganz verrennen und sich nicht mehr zurechtfinden. Astri sah sie alle, wie sie so dastanden. Ihr war, als sehe sie die Menschen im Traum. Odin fühlte sie nur an sich, wie etwas, das ihn innerlich emportrug. Er räusperte sich so zuversichtlich: – »Wir aber sind hier zurückgeblieben. Uns dünkt, wir sollten sagen, daß dein Volk mein Volk und dein Gott mein Gott sein solle. Aber wir können es nicht; noch lange nicht. Doch das eine oder andere versprechen wir, so wie wir hier stehen; für geringer halte ich keinen von uns. Und deine Blicke werden mit uns sein – mit vielen von uns, ja. Sie sind mild und gut, aber sie folgen uns und fragen. Sie fragen, was wir wollen, und sie wundern sich darüber, daß wir uns zufrieden geben. Du warst so klein, und warst so bekümmert und ungewiß, wenn du uns nachsahst: ein Mensch warst du. Du wußtest es nicht einmal, daß die Gemeinde kleiner wurde, als du fortgingst. Du saßest außerhalb der Gemeinde, aber es wird trotzdem leer nach dir. So gönnen wir dir den Frieden, den du dir selber nie vergönnt hast. Und uns wünschen wir die Unruhe, die du für uns hattest. Lebewohl!« Odin hatte seine Farbe wiedergewonnen. Jetzt schlug er die Augen zu Boden. Eifrig begannen die Leute zu singen und dann den Sarg aufzuheben. Viele sangen laut. Und viele weinten, jetzt, da man die Tote hinaustrug. – »Mein Gott, war das ein Geschwätz«, hörte Odin hinter sich sagen, als sie draußen im Gang standen. Aber die anderen sangen. Sie gaben sich, so gut sie konnten, der alten Melodie des Leichengesanges hin, das sah er; und Astri mit ihnen. Draußen aber hatte sich strahlendes Wetter aufgetan. Die Wolken waren nur noch kleine weiße Federn, die in der blauen Luft über den Bergen dahinsegelten und schimmerten. Der Laubhang stand in der Sonne da und schlief. Schlummerndes Grün glänzte überall. Dann kam der Wind. Baum für Baum erwachte und raschelte, schlief ein und wurde wieder geweckt; in aufleuchtenden Wogen zog der Wind nach Osten dahin. Odin fragte sich, während er dies sah: Ist es wirklich so, oder gehen die Wogen nur in mir? Ist es nur ein Traum, was ich da sehe? – Warum waren die Leute alle miteinander so winzig klein, jetzt, da er sie ansah, und so weit weg? Denn sie hatten doch vorher nicht so ausgesehen; sie hatten ihren Wert gehabt. Jetzt wurde der Sarg um die Hausecke herumgetragen. Da drehte er sich weg und hielt Umschau, nach Astri oder Ola, aber die waren bemüht, nachzukommen. Es gab niemand, dem er es hätte sagen können, und schließlich war es auch gleichgültig, aber so war es also: weder die Häuser noch der Hof noch sonst irgend etwas schaute Aasel nach, wie sie so dahinfuhr, wußten nicht einmal etwas davon. Nur der Sommerwind war da, der im Laub unten im Garten raschelte, und die Leute, die sich anschickten, mit zur Kirche zu gehen. Ein einziges Gesicht war unter allen, das einen kleinen Traum für sich hatte, ein Jungmädchengesicht; es war bleich und fein, so daß es Odin entgegenleuchtete, und jetzt erkannte es ihn. Und er erkannte es; er fühlte einen leisen Stich in der Brust. Es war sie , aber er konnte sich nicht darauf besinnen, wer es war. Und sie war es, die ihn angesehen hatte und vor der er erbleicht war, als er neben dem Sarg stand, jetzt erinnerte er sich. Sie war es, von der er als kleiner Bub träumte, dann und wann, den seltsamsten Traum von allen Träumen, die er je geträumt hatte, und da bekam der darauffolgende Tag immer so ein merkwürdiges Gesicht. Ja, ja, aber nun mußte er zur Kirche. Still ging es dahin, den Hang hinan und den weiten Bogen zum Kirchhof hinauf, eine lange, lange Reihe schwarzgekleideter Menschen im Sonnenschein. Odin durchfuhr ein Beben, als die Glocke sie empfing. Er schaute um sich, ob auch die anderen dies fühlten. Aber er konnte nichts bemerken. Einen Augenblick dünkte ihn, er sei wieder draußen auf freiem Feld und mitten im Abenteuer, unendlich weit fort und ohne Weg zur Gemeinde und zu christlichen Menschen; sie waren von ihm fortgegangen und hatten ihn dort vergessen, mitten im Sonnenschein und im Reichtum. Da sah er, daß sie dort ging. Sie hob die Augen und sah ihn an, und nun waren es sie beide, die darum wußten. Und im übrigen: wenn er der Glocke eine Weile zuhörte, so war ihre Stimme nicht so schlimm. Sie hatte einen schönen Klang, wie die Menschen ihn brauchten, wenn es feierlich werden sollte. Es konnte auch einmal die Zeit kommen, daß man sie nicht mehr hörte, nicht auf die richtige Art – daß einer so sagte, wie der alte Heide, von dem sie immer erzählten, der von Juwika: »Jetzt schlagen sie wieder auf das Erz in der Kirche, da ist's Zeit, daß ich einen Schnaps trinke!« So zottig war dieser Kerl gewesen. Und so mager konnte die Gemeinde einen machen, vielleicht? Und zur Gemeinde war er verurteilt. Der Pfarrer sprach am Grabe, er machte seine Sache gut, und die Leute standen ruhig da, ruhig und Gott hingegeben, und hörten zu. Es nahm sich prächtig aus, wie sie so dastanden. Und so gingen sie auch wieder von der Kirche weg und nach Haaberg zurück. Dort aber löste sich bald einer nach dem anderen aus der Schar, viele Gesichter wurden munter, die ganze Stube lebte auf, bis es wie in einem Wirtshaus summte, als sie bei Tisch saßen. – »Na, du läßt dir's wohl auch gut gehen, scheint mir?« sagte Ola Haaberg, er kam herbei und schlug Odin auf die Schulter. Odin blickte auf: »Kann schon sein. Ich muß an das denken, was König Olav einmal sagte: › Hier sind viele und schöne Leute versammelt. ‹ War das nicht schön?« – »Doch, doch, das ist wahr! Du sollst auch dafür bedankt sein! Denn Appetit auf Menschen, das ist es gerade, was einer haben muß. Ja, und danke für die Rede! Du sprachst fast wie ein Hüterbub von der Weide draußen, das ist wohl wahr, aber es tat doch gut.« Odin hörte nicht zu, denn am untersten Tischende saß sie. Er hatte sie über den Leuten rings um sich vergessen, es waren ihrer so viele und so gute Bekannte, jetzt aber fühlte er wieder den harten Griff an der Brust. Im selben Augenblick erkannte er sie. Es war die Kleine vom Nordland, mit der er damals auf jener Fahrt zum Markt segelte und dabei ins Wasser fiel. So fein mußte dieses Gesicht werden, ja, das hatte er die ganze Zeit gewußt; so fremd würde sie einmal aussehen. Sie hatte braune und glänzende Augen. Die ganze Welt spiegelte sich darin und wurde neu dadurch. Jetzt schaute er nicht mehr dorthin, wo sie saß, er sah sie trotzdem, auch ohne daß er das tat, und überdies empfand er es für ungehörig gegen sie, beinahe wie einen Raub. Da hörte er jemand auf seiner anderen Seite sagen: »Was siehst du denn an der Wand dort, Odin?« Es war Astri; er hatte vergessen, daß sie bei Tisch neben ihm saß. – »Was ich dort sehe?« sagte er. »Ich sehe meine Meerfrau, wenn du's unbedingt wissen willst.« – »An der Wand?« – »Nein, dort !« er deutete mit dem Kopf zum Ende des Tisches hinunter. »Ich wußte ja, daß sie einmal kommen würde«, fügte er hinzu. »Aber beinahe hätte ich es doch vergessen, manchmal.« – »Ja; die ist schön, die dort.« Er merkte, daß Astri sie eingehend betrachtete und daß sie gleichzeitig auch ihn überflog. Er drehte sich herum und sah ihr in die Augen. Sie schauten einander so lange an, bis sie lächelten, und hielten auch dann noch stand, zwei Kinder, die sich gut vertragen. Ihm war, als höbe sich eine Wolke von Astris Gesicht. – »Ja –« sagte er; »jetzt haben wir uns wohl ausgesprochen und miteinander abgerechnet, nicht wahr?« Sie nickte und ließ ihre Blicke weder ans Tischende schweifen. – »Laß mich's erleben !« sagte sie. »Daß einmal Ernst daraus wird.« – »Ja, aber nicht heute. Bei mir hat es nie Eile, in keiner Sache. Die anderen, die knien sich immer hinein, das sehe ich, jeder auf seine Art, und bald werde auch ich es wohl einmal tun müssen, aber Eile hat es nicht damit.« Er merkte, daß Astri ihm nicht mehr zuhörte. Sie redete mit Lauris. Als sie fertiggegessen hatten, forderte Lauris Odin auf, mit ihm in eine der Dachkammern hinaufzugehen. Er wollte ihm einen Schnaps einschenken. Denn das gab es bei diesem Leichenschmaus nicht. Es wurden übrigens zwei daraus, zwei gehörige. Da schaute Odin den Lauris an und lachte: »Du gehst umher und tust, als wärst du ein Feind, du. Aber ich glaub' nicht daran.« – »Nein, über so etwas glaubst du dich erhaben?« Er hat Schlangenaugen, dachte Odin; aber er hielt ihren Blick aus, ohne zu blinzeln. Sie saßen noch eine Weile da, brachten aber kein Gespräch zustande. – »Jetzt will ich wieder hinunter und mit den Leuten reden«, sagte Odin. »Es ist auch ein Mädchen darunter, das ich begrüßen möchte eine Staatsschute, will ich dir sagen. Mit seidenen Segeln und seligen Stunden, wie es heißt.« Lauris suchte Astri auf. – »Hast du jetzt mit ihm geredet?« fragte sie. – »Nein, es wurde nichts daraus, ich glaube, es ist besser, wenn du das tust, wenn du auf die richtige Art mit ihm redest, dann geht es. Denn was will er eigentlich mit dem Hofanteil? Und wenn wir diesen nicht haben, dann können wir mit den beiden anderen auch nicht viel anfangen, das weißt du, das gibt kein richtiges Haaberg – du mußt dich lieb Kind bei ihm machen!« Astri biß sich auf die Lippe und schwieg. – »Kannst du mir's nicht ersparen?« bat sie nach einiger Zeit. »Denn ich habe keine rechte Lust dazu.« – »Nun, du bist doch diejenige, die weiß, was Haaberg wert ist! Ich, ich bin nur ein Heringsfischer und ein Landstreicher für ihn, das hast du wohl gemerkt?« Zuerst flog ein Schatten über ihr Gesicht, und der Mund verzog sich, als müßte sie etwas Übles hinunterschlucken. Dann sah sie Lauris erstaunt an: »Für ihn , sagst du? Für ihn, der dich in allem und jedem nachahmt? Ja, ja, ich werde es tun. Wenn du mich bittest, Haaberg – – muß ich dir doch wohl verschaffen können«, murmelte sie. Unterdessen ging Odin von einer Gruppe zur anderen und redete mit den Leuten. Sie wußten nicht, was sie sagen sollten, das aber wußte er, das war ihm nun so nach und nach beschert worden, dünkte ihn. Nur ein, zwei Scherzworte, und ein kurzes Lachen, dann war er mitten unter ihnen: »Ich sollte eigentlich vom Wetter reden, ich auch, aber ich weiß nicht, was ich darüber sagen soll. Wird es zu trocken oder wird es zu naß? – – Und jetzt wollen wir Haaberg also kleinbeißen. Damit Ihr von nun an der größte Bauer in der Gemeinde seid. Ja, das Haus soll stehenbleiben, aber es soll jetzt zwei Besitzer aufnehmen. Der dritte Bauer? Der werde ich.« Dann fragte er ernsthaft und bekam auch ernsthafte Antworten: »Hab' ich zuviel bezahlt für meinen Anteil?« – »Nein, woher doch.« Drei oder vier waren da, die ihm mehr dafür geben wollten, wenn er verkaufte. Da sagte auf einmal einer: »Aber war es nicht falsch von deiner Großmutter, daß sie den Hof so aufteilte?« Und die anderen stimmten mit ein: »Es war falsch. Sie war zu alt. Ganz und gar verkehrt hat sie's gemacht.« Odin wurde blaß, als er dies hörte. Dann schaute er auf und betrachtete einen jeden rings um ihn, und nun waren seine Augen leuchtend hell, er war froh : »Nein, es war recht, das war es! Es war recht, so wie sie es machte, unbedingt! Wie konnte ich das nur nicht früher sehen! Sie war so allein, als sie starb – – ich hätte ihr ein Wort sagen sollen!« Er wurde gewahr, daß rings um ihn alle verstummten, und da hielt er nach ihr Umschau. Sie saß bei der Tür, so schien es ihm, denn dort sah er ein Kleid, ganz anders schwarz als die anderen, es ging förmlich ein Leuchten von ihm aus. Aber ihr Name war ihm entfallen, und sein Herz hämmerte, als wäre er im Begriff, Gott zu versuchen, durch verrücktes Segeln oder irgendeine andere Tollheit. Er sah hinunter und lachte: »Nein, schaut doch. Die feine Dame dort! Nichts als lauter Seide und Alabaster! Zu der muß ich jetzt hin und sie begrüßen.« – »Ja, was ist denn das für eine Seidenpuppe?« – »Das mag der wissen, der sie erschaffen hat!« Und nun ging er. Der Ausdruck in ihrem Gesicht veränderte sich, als er kam, ohne daß sie aufblickte, und sie stand auf. Ganz kurz nur sah sie ihn an und grüßte. – »Und Dank für's letztemal!« fügte sie hinzu, wie es der Brauch war. »Ja, das war nun eine nasse Geschichte, das letztemal!« erwiderte er lachend, und es lag ihm ein ganzes Gewebe von lustigen Worten auf der Zunge, aber er sagte nichts weiter. Statt dessen sah er sie an, denn jetzt konnte er nicht anders. Mina war da, er merkte es kaum, und die Leute rings um sie waren wie ein Wald, der alles still und gut machte. »So, so, du bist nun also doch nach Süden gekommen?« sagte er. Er ging hinaus. Er mußte unter den offenen Himmel. Viele waren schon draußen. Es litt einen nicht in der Stube drinnen. Das Wetter war fast zu gut. Die Luft schmeckte süß von lauter Blüten und Laub, und drunten im Garten und über allen Wiesen lag der brummende Ton der Hummeln. Große Wolken standen über den Bergen im Süden, blaugrau und mit Rändern wie aus sonnenvergoldetem Schnee. Das Land lag still und schlafend darunter. Es war ein Tag, so schön, als sei er unter vielen ausgesucht. Aber Odin kehrte um; er wollte ins Haus und sie herausholen. In diesem Augenblick kam Astri. Er sah sofort, daß sie etwas von ihm wollte, und ließ sich Zeit. – »Willst du dich jetzt hier niederlassen?« fragte sie. – »Ja, es kommt darauf an.« – »Das darfst du nicht, Odin!« Sie wurde rot, kaum daß sie es gesagt hatte, und ihre Augen wollten seinem Blick nicht standhalten, sie blinzelte schnell ein paarmal, faßte sich dann wieder und lächelte: »Ja, ich sage ganz offen, wie es ist, Haaberg – – das will ich haben! Und Haaberg, darunter verstehe ich den ganzen Hof. Aber es ist auch wirklich wahr, Odin, du sollst hier nicht festwachsen. Sollst du's dahinbringen, wozu du ausersehen bist, dann mußt du hinaus.« – »Über ›die hohen Berge ‹ wohl, oder –?« – »Du weißt es ja selber auch, Odin!« – »Ja, ja. Aber wozu bin ich denn eigentlich ausersehen, wenn wir offen reden wollen?« Sie sah ihn erstaunt und höhnisch an: »Sprich doch keinen Unsinn! Du, als ein Dichter; denn das bist du doch, und du weißt es auch.« – »Ich weiß es wohl. Aber es ist so merkwürdig: Ich bin mehr als das.« – »Mehr?« – »Ja, so sagte ich. Ich will sie um dichten; – die Gemeinde hier, verstehst du. Ich will die Gemeinde dichten . Ich will mich hier festkrallen und auf sie losgehen, ich will sie anders haben. Mein ganzes Leben lang bin ich herumgegangen und habe gedichtet. Dichten, so wie du es meinst, ist nichts anderes als träumen, ich aber will lieber leben – ja, schweig still und hör' mir jetzt zu! Einer muß doch mit ihr anfangen, mit den Menschen und allem – hast du je schon einmal soviel ordentliche Leute beieinander gesehen? Und doch bringen sie nichts zuwege. Ich will jeden auf seine Stelle weisen. Und dann will ich leben, wie gesagt; auf alles andere verzichte ich!« »Bist du denn verrückt, Odin?« »Ja, jetzt bin ich besessen. Jetzt werfe ich den Würfel, jetzt gehe ich über den Bach, heute noch!« Und als sie nur stillstand und ihn ansah, fügte er hinzu, ernsthaft mitten im Lachen: »Ich bin verurteilt.« »Ja so, ja, Das bist also du . Du wirst immer weniger und weniger. Weniger und weniger.« Odin sieht sie an und zieht belustigt die Stirne kraus. Übermütige Gedanken kommen und gehen auf seinem Gesicht, lassen es aufleuchten und dunkel werden. Dann sagt er: »Hast du jene Nacht vergessen, du, als wir beide allein auf dem Weg dort gingen – nachdem die Mutter gestorben war? Wie nahe uns damals der Tod war, hm? Nur ein kleines Stück weit bis zu ihm. Da wolltest du leben. Mir lag damals nicht soviel daran. Aber jetzt will ich zugreifen; jetzt ist das Leben hier, hörst du nicht die Menschen und den Sommer und alles miteinander? Es war nicht leicht für mich, früher einmal, hier einen Halt zu finden, oder wie ich es nennen soll, denn unsere Sippe hatte ihn verloren. D u warst dir deines Weges sicherer, das habe ich die ganze Zeit erkannt.« Auch ihr kamen die gleichen Züge ins Gesicht, es leuchtete ein junger Mut in den Augen auf, und der weiche Nacken reckte sich empor – schon früher einmal hatte er empfunden, daß die Freude ihn wie eine Woge durchzog, nur weil sie lebte. Astri aber drang durch alles dies hindurch, stand da und sah ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. – »Sollen wir wirklich den Hof zerreißen?« – »Es wird uns wohl nichts anderes übrigbleiben.« – »So kläglich wirst du denn doch nicht sein. Odin? Daß du auf das Geschwätz einer Frau hörst, die zu alt war, die als vom Tod Gezeichnete sich noch ein letztes Mal aufbäumte. Du könntest uns doch trotzdem deinen Anteil verkaufen?« Er konnte die Blicke nicht von ihr abwenden, sie war ein zu wunderbares Geschöpf, wie sie so dastand. – »Ich erkenne jetzt, Astri, um wieviel es sich für dich handelt. Und um deinetwillen hätte ich es auch tun können. Hätte ich gar vieles tun können. Aber die Großmutter hat es uns verboten.« »Ach, sie ist ja nicht mehr da!« – »Sie ist schon noch da. Sie ist hier. Sie ist in mir und in dir und wo du nur willst.« Astri schüttelte den Kopf, es war, als höre sie einem Kind zu. Eine Weile stand sie da und blickte zu Boden. Dann wurde sie rot: »Hast du mich denn nicht so lieb gehabt – – daß es nun schwer für dich ist, hier zu sein?« »Doch, aber –. Doch, das soll Gott wissen. Darüber könnte ich ein Gedicht schreiben, ja. Habe es auch schon getan; gar manch einen schönen Vers. Aber das genügt nicht. Ich muß es ertragen .« »Ach so, dann soll es also Krieg geben?« – sie ging von ihm fort. Ein schmaler Rücken, ein wunderbar weiches und liebliches Geschöpf, aber sie sah wie ein Feind aus, als sie fortging; er hätte ihr den Nacken oder den Rücken streicheln mögen. – »Die sitzt nicht da und träumt«, sagte er. »Ich liebe jene, die nicht träumen.« Ja, freilich, eine saß da und träumte, und zwar gleich hier neben der Tür, aber sie träumte von ihm, und wenn sie es nicht tat, so sollte sie es doch bald tun – er fuhr sich hastig durchs Haar, denn er war barhaupt. Ich will hinein und sie zu fassen kriegen, jawohl! Im Vorraum und im Gang begegnete er der ganzen Schar, sie hatten Kaffee getrunken und wollten jetzt hinaus. Er stieß sie vor den Magen oder bahnte sich mit aller Gewalt einen Weg durch sie, ihm war, als sei er die Freude selber, die sich durch bedrückte Leute hindurchkämpfte. – »So, so, du willst mich aufhalten, Ola Engdalen? Nimm dich in acht, mein Lieber, denn hier komme ich!« – »Wie könnt Ihr nur so satt sein!« lachte er einem Mann von Vika zu. – »Satte Leute sind nur im Weg. – Wißt Ihr, was ein Altersheim ist, Petter Ramset? Freilich nicht, nein, aber Ihr sollt mir helfen, eines zu errichten.« – »Heute abend noch? Nein!« – »Nein, so sagt Ihr immer, da werden wir schon einig werden.« – »Ja, du schwimmst mit dem Strom, du«, sagte er zu einem Gleichaltrigen, »mir scheint, das ist deine Natur.« So trieb er es auf dem ganzen Weg und war oft ziemlich grob, aber doch nie so, daß es wirklich traf, sie fanden alle, er sei ein junger und lustiger Kerl: Sagt weiter nichts über den Odin! Denn er meint nichts damit, sagten einige. Und dann ist es doch wieder, als meine er etwas damit, fanden wiederum andere. – »Wenn er nur auf dem richtigen Weg bleibt«, sagte der alte Helmer Hagan. – »Was für ein Weg ist das denn? Der deine oder der seine?« lachte einer von den Männern auf Paalsnes. Als Odin eintrat, waren nicht viele Leute in der Stube. Die Frauen hatten sich in die Oststube hinüber verzogen, die meisten wenigstens. Odin ging zum Tisch und trank seinen Kaffee. Die Mädchen, die die Gäste versorgten, liefen aus und ein, mit roten Wangen und weißen Schürzen, sie rochen ganz erhitzt. Von ihr sah er nichts, aber nun glaubte er sich zu erinnern, daß sie Ingri hieß. Da kam Ola auf seinem Rundgang zu ihm. – »Mir scheint, du stehst da und denkst; du stehst wohl da und kommst auf irgend etwas ?« Odin schaute erstaunt auf: »Ja, ich stand gerade da und kam auf etwas, das ist wahr. Aber ich muß bis ganz zurück, bis nach Kjelvika und in jene Zeit, wenn ich den nötigen Schwung in mich kriegen will.« Er schämt sich bei diesen Worten, wird rot und will fortgehen. Dann lacht er: »Nein, ich höre nur den Sonnenschein und die Vögel, und dann noch den Bendek – da aber ist kein Verlaß mehr auf mich!« Er wollte schon wieder seiner Wege gehen, aber Ola stellte sich vor ihn hin: »Du redest so dumm daher. Denn du bist keiner von den Alten, das weiß ich denn doch. Die sind irgendwo zurückgeblieben. Die blinde Fahrt, weißt du, die blinde Fahrt: von der hast du nichts in dir. Hm! Du siehst die ganze Gemeinde vor dir, Mann für Mann.« – »Ja, genau so ist es!« – »Ja«, sagte Ola, »aber du fühlst doch, wie es weitertreibt. Du sollst , heißt es jetzt; das ist ein neues Wort. Aber trink jetzt, Bursche, darum bin ich hergekommen. Ich, hörst du, ich bin schon mitten im Gastgelage. So, ja! Portwein. Dich selber besiegen, heißt es jetzt. – Glaubst du, der Vater wäre der richtige Mann dazu gewesen? Kaum, denn das gab es damals noch nicht. Aber, aber –« Ola legte ihm die Hand auf die Schulter, wie betrunkene Männer tun, »– – wenn du dem Trieb in dir folgst, wenn du der Odin selber bist, durch und durch, dann gebrauchst du seine Kraft, jetzt weißt du's. Dann tust du das, wovon er nichts wußte – du mußt gut darauf aufpassen, Junge! Du mußt – – verflucht noch einmal, du mußt – –« »Amen!« sang Odin, so wie der Küster es singt. Ola trank noch ein Glas und wischte sich den Schweiß ab. – »Ein Jammer, daß ich nicht doch Pfarrer geworden bin. Ich hätte schön auf den Herzen der Leute gespielt, so!« Er trommelte mit den Fingern auf der Flasche, die er in der Hand hielt. »Aber der Lauris, mit dem wirst du noch deine liebe Not haben. In dem steckt gar vielerlei; er ist ein anderes Prinzip als du. Und ein Lump obendrein. Eine ganze Gemeinde von Lumpen sozusagen. Ja!« Odin wachte auf und sah Ola an, mit glänzenden Augen, wie ein kleiner Bub, es blitzte blau unter den dunklen Brauen: »Aber es steckt auch etwas Gutes in ihm; ich fühle es. Ich mag ihn gern. Er und ich, wir werden wohl – –« Ola schüttelte den Kopf: »Das ist jetzt zu hoch für mich. Wird noch einmal ein Laienprediger oder ein Storthingsmann aus dir, was meinst du wohl? Oder sollen wir glauben, in einer festlichen Stunde, daß du eine Kinderkrankheit nach der anderen überwinden wirst?« Odin erzählte, was Aasel über ein Heim für alte arme Leute in der Gemeinde gesagt hatte. Das war es, was ihm heute abend eingefallen war: sein Hofanteil sollte dazu hergenommen werden, zu einem Armenhof, wenn sie es so nennen wollten. Er wollte die Sache gleich in Angriff nehmen und bat Ola, ihm zu helfen, es gab dabei so viele Dinge, von denen er nichts verstand. Ola tat so, als höre er kein Wort, aber Odin wußte, daß er sehr wohl achtgab. – »Wir können ja morgen über die Sache reden«, knurrte Ola und wollte gehen. – »Nein, ich will noch heute abend mit den Leuten darüber sprechen, die sollen jetzt gleich etwas zwischen die Zähne bekommen. Mir wär's am liebsten, wenn du reden wolltest, das nimmt sich besser aus.« Aber Ola schüttelte den Kopf und schaute grau vor sich hin. – »Ja, ja, dann tu ich's also selber, du kannst es ja sein lassen!« Odin wurde brennend rot im Gesicht. – »Meinetwegen«, sagte Ola. »Daß du sogar beim Leichenschmaus für deine Großmutter Dummheiten machen magst! Nun, von mir aus«, fügte er für sich selber hinzu, »aber ich dachte, hier gäb's andere Dinge aufzuräumen.« Er sah Odin ernsthaft an: »Also damit ist's nichts!« – »So gewiß, wie ich hier stehe!« erwiderte Odin und ging fort, und er merkte, wie Ola hinter ihm herlächelte, gleichsam als habe er schon nachgegeben. Jetzt aber zu ihr ! Er wäre krank geworden, hätte er noch länger warten müssen. Ola tappte durch die Stuben, bis er Astri fand. Er ließ sich nicht anmerken, daß er mit ihr reden wollte, sondern wartete nur, bis sie sich an ihm festsaugte. – »Ja, meine Liebe, ich weiß es«, sagte er, »ich weiß es, Kind, und wenn wir's schlau anfangen, dann kriegen wir ihn doch noch herum. Den Hof wollen wir auf alle Fälle wieder zusammenleimen – ›so war sie einmal!‹ sagen die Weiber bei einer zerschlagenen Tasse. Deine Mutter und auch der Otte stehen auf unserer Seite, die beiden müssen ihn wieder zur Vernunft bringen. Du brauchst nicht zu seufzen, meine Goldpuppe, du wirst schon noch einmal Hausmutter auf Haaberg, verlaß dich drauf! Wenn er wieder einmal von diesem Altersheim redet oder was das ist, dann lassen wir die ganze Menschheit auf ihn los. Ihm widersprechen ist so gut, wie ihn aufstacheln. Wir wollen nichts anderes tun, als einfach lächeln, dann kommt er schon so nach und nach wieder zur Erde herunter. Du liebe Zeit!« Kaum war dies gesagt, als Odin kam, denn in der Oststube hatte er sie nicht gefunden, und jetzt wollte er durch die Küche und hinaus. Er hatte ein Gefühl, als seien die beiden hier gegen ihn, sie schwiegen so seltsam, aber er vergaß es gleich wieder, denn dort im Gang zur Küche stand sie und blickte hinaus. Hier ging fast nie jemand aus und ein. Als er kam, drehte sie sich um, als habe sie ihn erwartet. Sie hatte die Hand in die Seite gestemmt auf eine merkwürdig zarte Art. »Komm und geh ein wenig mit mir ins Freie!« sagte er und faßte im Vorbeigehen nach ihr. Er war so atemlos, daß ihm das Reden schwerfiel. Sie gingen nach Osten hinüber, die Blicke der Leute im Rücken und die Sonne schräg von links im Gesicht. Beim Vennestadweg bogen sie ab und wandten sich dort zu den Mooren in der Richtung zum Bergeinschnitt hinauf. Der Himmel weitete und weitete sich immer mehr vor ihnen, während sie dahingingen, Himmel und Himmel und kein Land, unergründliche Bläue nach Norden zu. – »Ach!« sagte sie. – »Das ist das Merkwürdigste, was ich je gesehen habe!« Dort endlich kam Land, nördlich vom Fjord, länglich und graublau, mit Inseln und Landzungen und Sunden, und dort erstreckte sich der Fjord meilenweit nach rechts und nach links, bis man ganz weit draußen die Inseln wie eine Luftspiegelung aus der Meeresfläche emporsteigen sah, weit, weit entfernt, dort, wo man es nicht mehr für möglich hielt. Und da endlich, unten vor ihnen, war der Strand. Ein seltsam vergessener Strand, eine ganze kleine Welt für sich. Felsbuchten und Muschelsand am Wasser, kurzgeschorene Wiesenflecke und runde Büsche davor, es war so merkwürdig, die hier zu sehen. Die Möwen lockten über den Fischgründen, die Großmöwen schrien weiter draußen über dem Heringszug; jeder Laut drang einem bis ins innerste Mark. Und die Abendsonne schien auf alles, als habe sie keinen anderen Gedanken als nur dieses Land hier. Das Meer spiegelte die Berge wider, es gab kein größeres Glück. »Wie ich auf dich gewartet habe!« sagte Odin. Sie gab keine Antwort. Auf einer kleinen Wiese zwischen großen runden Wacholderbüschen setzten sie sich hin. Er erzählte, daß er hier als kleiner Junge gewohnt habe, draußen am wilden Strand. Über ihr Gesicht rann ein kleines Lächeln, Odin dünkte es, als sei ein Stolz darin, fremd und unerwartet. – »Ich weiß«, sagte sie. – »Hättest du nicht hier wohnen mögen?« – »Doch!« – »Ja, das weiß ich . Aber es kommt nicht dazu. Du sollst bei mir sein, und ich muß mitten in der Gemeinde wohnen – ja, darüber werde ich dir später mehr erzählen. Es ist dort übrigens genau so merkwürdig; wenn man erst einmal dahinterkommt.« Sie sah ihn an. Es waren viele Tiefen in ihren Augen, und unerwartet vieles bebte und zuckte bis zu ihren Brauen hinauf, er kam sich nicht viel anders vor als wie ein junger Bub, der dasaß und prahlte. Aber er schaute ihr fest in die Augen, bis sie ihre Blicke abwenden mußte. Jetzt zog sie wieder die Mundwinkel hoch, es war ein schweres und allwissendes Lächeln. »Aber wenn ich nun nicht wollte?« Und ihre Stimme sang für ihn auf eine neue Art. Da war er gleich wieder der alte: »Darüber werden wir uns wohl einigen müssen! Ich habe lange genug auf dich gewartet.« Ihm war es, als käme von überallher Antwort und Zustimmung, vom ganzen Land rings um sie und weit draußen vom blinkenden Meer her. – »Nein, jetzt gehörst du mir, das ist nun einmal nicht anders – – und wenn ich so mache, was dann?« Er umfaßte sie und zog sie zu sich herüber. Er sah die Angst, die in ihren Augen aufleuchtete, die Röte und den stolzen Mut, es zerbrach und gab nach, alles miteinander, es gab nichts weiter mehr als nur das Land und sie beide, und er war Odin. – »So, so, meine Meerfrau! Nein, ich will dir nichts tun; ich bin wohl gefährlich, aber ich werde dich nicht anrühren, nein! Aber lange – warte ich nicht.« Sie mußte nicht weinen, nur ein wenig bleich war sie geworden. Sie schaute weg, zum Strand hinaus. Es war nicht zu glauben, daß er hier saß, so nahe bei ihr. – »Ingri!« sagte er. Aber sie antwortete nicht. Sie schüttelte den Kopf. Ihre Augen wanderten hin und her. – »Es ist so seltsam hier«, sagte sie. »Mir ist, als hätte auch ich hier gelebt.« – »Ja? Aber zum Herbst, da sind wir zu zweit, und dann – ja, wir werden zwar unter den anderen leben, aber du glaubst doch auch nicht, daß es mit uns so gehen wird wie mit anderen Leuten, daß wir nichts als nur die graue Gemeinde und lauter Werktage vor uns haben?« – »Nein, aber – mit uns zweien wird's nichts.« – »Doch, unbedingt !« Sie schüttelte wiederum den Kopf, und Odin dünkte es, als habe er nie früher jemand dies tun sehen. – »Unmöglich!« sagte sie. – »Mag sein, aber daraus mache ich mir nichts, es war auch unmöglich, daß ich dich wiederfinden sollte, und es ist doch so gekommen. Du brauchst mir gar nicht zu erzählen, wie unmöglich es ist – und wärest du auch ein Lappenmädchen , ich würde dich doch nehmen. Ich würde dich darum nicht fortjagen, nein, und wenn auch die ganze Gemeinde mit Fingern auf mich zeigen würde!« Er fuhr zusammen, als er sah, wie diese Worte auf sie wirkten. – »Ja, ja, Ingri, ich bin ein bißchen zu derb für dich, ich weiß es; das soll später schon besser werden. Und jetzt muß ich wohl wieder heim zu den Leuten vom Leichenschmaus und muß sie mir vornehmen, das wird noch ein Kampf, Ingri. Es ist das erstemal, daß wir aneinandergeraten. Aber sie müssen nachgeben, wahrhaftig. Sie sollen mir helfen, das zu tun, was die Großmutter wollte. Aber eines noch: jetzt mußt du mir einen Kuß geben, und dann gehen wir; du und ich.« – »Den hast du dir vorhin schon genommen.« – »Nein, d u sollst mir einen geben, ich sitze ganz still da und warte, und dann kommst du von selber – in diesem Punkt will ich doch richtig geträumt haben.« Sie zögerte eine Weile; dann tat sie es. Aber sie kam, so schien es ihm, als ginge sie dem Unglück entgegen. Ihr Mund fühlte sich seltsam klein und weich an. – »Das Merkwürdigste, was ich je gespürt habe!« sagte er. »Und jetzt gehen wir heim, du und ich. Ich werde sie mir fein hernehmen, heute abend, du sollst schon noch hören. Wenn du hier bist. Heute bei der Kirche, als du dort standest: Gottesfurcht und diese Dinge – – das alles war keine Schande mehr. So bist du.« Ingri sah noch einmal über den Fjord hin, ehe sie fortgingen. – »Ja –« sagte Odin, »jetzt liegt er still da; der reine Feiertag. Aber du sollst ihn einmal sehen, wenn er Ernst macht. Da ist er wie ein ganzer Mann.« Die Sonne stand schon weit drüben im Nordwesten, aber hoch am Himmel, sie dachte noch nicht so bald ans Untergehen. – – – Unterdessen ging Ola Haaberg umher und redete mit den Leuten. Zuerst und hauptsächlich mit Lauris, und später mit jedem einzelnen der Häusler und guten Nachbarn. Rund und voll war er, und gutmütig, so daß sein Gesicht leuchtete: »Der Teufelsbub, der Teufelsbub!« – Ja, sie mußten gestehen, die Rede, die er da hielt –? – »Ja, die auch, ja; die auch. Trotzdem, die tat euch nur gut. Aber jetzt will er uns etwas ganz Neues zeigen. Er nimmt den Hofanteil hier und verwandelt ihn in eine – ja, in eine Anstalt . Hier soll die Gemeinde ihre Armen unterbringen; wir sollen ihnen ein Schloß herbauen. Ja! weiß Gott, es ist ihm Ernst damit! Und du und ich und wir anderen, wir sollen nach seiner Pfeife tanzen« – Ola puffte sie in den Bauch. »Ja, ja, ja, wir müssen gehorchen, wir müssen gehorchen! Wir sind alt und zu nichts mehr nutz, nach seinem Kopf. Werden wir ihm das Geld versprechen, hm?« »Das glaub' ich mein Lebtag nicht«, murrte einer. – »Daraus wird nichts, soviel ich weiß«, lächelte ein anderer. – »Er steckt uns alle miteinander ein, da ist nichts zu machen«, seufzte Ola und setzte seinen Weg fort, von Freund zu Nachbar. Aber mit Andrea redete er ganz offen. – »Wir dürfen nicht zulassen, daß er Haaberg zerreißt, wir müssen an sie denken, die wir heute hinausgetragen haben. Er ist verrückt!« – »Ja, aber war es nicht ihr Wille –?« – »Woher doch! Er hat ihr den Kopf verdreht, zuletzt; du mußt mit seinem Vater reden, du bist die einzige, die das kann.« Nach und nach gingen alle umher und hielten Ausschau nach Odin. Zum Schluß warteten sie sehr auf ihn. Und endlich kam er, kam aus dem Wald mit einem Mädchen und ging geradeswegs auf den Hof zu. Auch Mina ging umher und hielt nach ihnen Ausschau, als sie nun wiederkamen. Sie sah nicht sonderlich zufrieden aus. Ingri ging hinein. – »Wir waren nur ein wenig fort und haben uns verlobt«, sagte Odin. »Das ließ sich hier beim Haus nicht so abmachen – heißt sie nicht Ingri?« Mina wurde ernstlich böse. – »Du solltest nicht solchen Unsinn reden, Odin, und besonders nicht heute abend!« – »So?« – »Du weißt doch wohl, was für ein Abend es ist?« – »Sonntagabend, ja? Und Gastgelage und gutes Wetter? Ach so, du denkst an die Großmutter! Sie war sicherlich bei allem dabei; ich glaube sogar, sie hat vor sich hingelacht. Du weißt, sie wollte es so schrecklich gerne, daß zwei Leute zusammenkamen.« – »Und außerdem, Odin: die Ingri ist nichts für dich. Sie ist ein feines kleines Ding, und nichts als lauter Staat, wenn ich es schon sagen soll.« – »Staat hab' ich gern; darum hab' ich ja auch dich oft gern gehabt.« In Minas Augen flackerte es sofort auf, sie war noch keine zwanzig Jahre alt, wie sie so dastand. Aber als er gehen wollte, hielt sie ihn zurück und trat dicht an ihn heran. – »Und das eine sollst du wissen«, flüsterte sie, »denn sie selber wird dir das kaum erzählen: ihr Vater ist nur ein armer Tropf, er sitzt im Loch! Hat Konkurs gemacht und Namen gefälscht, jetzt weißt du's!« »Lappenblut ist keines in ihr?« Odin sah enttäuscht aus. »Ja, ja, aber ihn werden wir schon wieder freibekommen!« Mina ließ ihn stehen. Es knisterte in ihrem Bock, so von Herzen erzürnt, sie war sicher von außen bis innen in Seide gekleidet! – »Meinetwegen hätte sie gern Lappin und Sklavin sein können; ich hätte sie trotzdem mitten unter euch gepflanzt!« fügte er hinzu. »Das hätte ich wahrhaftig fertiggebracht. Und wenn es heute abend gut geht – – – wenn ich heute abend siege – – –« Als die Gäste nach dem Abendessen hinausgegangen waren, dastanden und rauchten und das gute Wetter genossen, trat Odin auf die Vortreppe hinaus. Sie sahen ihn alle miteinander, und sie wußten: nun kam er. Aber nicht ein einziger in der ganzen Schar fing an zu murmeln; sie rauchten nur ein wenig heftiger und unterhielten sich weiter; sie schielten zu ihm hinüber, ob er nicht bald anfangen würde. Er sah doch nicht so aus, als ob er Angst davor hätte. So, jetzt legte er los. Er brauchte nicht viele Worte. Es sei Aasels Wille gewesen, hier ein Heim für alte und arme Leute zu errichten, so wie man es in vielen anderen Gemeinden schon getan hätte. Sie sei nicht weiter gekommen mit ihrem Plan, und nun habe er sich die Sache so und so gedacht. Sein Hofanteil hier war gerade recht zu diesem Zweck, und so hatte auch Aasel sich's gedacht. Den Preis hatten sie wohl alle schon gehört, es sei der gleiche, den er selber bezahlt hatte. Die übrigen Kosten sollten sie ausrechnen. Die Armenpflege würde nicht teuerer werden, als sie jetzt war, er nannte verschiedene Zahlen; und daß sie besser werden würde, konnte wohl keiner leugnen. Er machte nun den Vorschlag, daß sie sich heute abend zusammentun und darüber reden sollten und daß jeder in eine Liste einzeichnen sollte, wieviel er geben wollte, denn ohne Herzensgüte und Hilfe käme man nicht vom Fleck. Einige hätten Geld, die meisten hätten Bauholz, und an Arbeitskräften fehlte es wohl keinem. Später wollte er sich dann an die jungen Leute wenden. Es klang leicht und froh, was er da sagte, und es fehlte nicht viel, dann hätte er die ganze Schar angesteckt. Da puffte Ola Haaberg Petter Ramset in die Seite, und Petter räusperte sich und schob ein Stück Kautabak in den Mund. Die anderen beachteten dies wohl, denn Petter hatte ein loses Mundwerk. – » Ist es denn auch dein Hofanteil, von dem du da redest?« sagte er. – »Ja, ich denke doch wohl.« Ola pfiff vor sich hin, ohne Ton, und Petter sah in die Luft hinaus. – »Wieviel hast du dafür bezahlt?« – »3000 Kronen, rund gerechnet, und für das gebe ich ihn auch wieder her.« Aber im selben Augenblick wurde Odin rot: »Du hast recht, er ist noch nicht bezahlt, ich hatte noch keine Zeit, das Geld herzuschaffen, aber deswegen gehört er mir doch. Und der Preis ihr wißt selber, daß dies ein Preis unter Brüdern ist. Den Hof also hätten wir.« Ola Haaberg war ein wenig weiter vorgetreten, er hatte die Daumen in die Armlöcher der Weste geschoben, stand so da wie Odin. – »So sollt ihr's machen, liebe Leute!« lachte er, »den Hof verkaufen, der euch nicht gehört. Fortschritt, nicht wahr?« – »Darüber können wir später noch reden«, sagte Odin ruhig, »aber heute abend handelt es sich um die Armen und um alles andere, was wir vorhaben. Denen geht es nicht allzu gut, den meisten wenigstens, das weiß ein jeder. Ich bin zu jung, um hierin voranzugehen, ich weiß dies und weiß auch noch mehr; aber ich dachte, wenn ich es im Namen der Großmutter sagte, so würdet ihr selber anpacken und es zu Ende führen.« – »Arme Leute sind wir alle miteinander!« warf Ola Engdalen lachend ein, und alle lachten mit, einer wie der andere. Odin sah, wie gar mancher unter ihnen ein breites Gesicht bekommen hatte; sie standen da und machten sich lustig. Da huschte ein schmerzlicher Zug über sein Gesicht. Er wartete eine Weile und betrachtete sie. Ging dann zu ihnen hinunter und redete eindringlich mit jedem einzelnen. Sie gaben ihm recht, bis zu einem gewissen Punkt, wenn er aber dann weiter wollte, so hatte er die ganze Schar und nicht nur den einzelnen Mann gegen sich: sie wollten nicht glauben, daß sich das machen ließe! Ein zähes Lächeln gab ihm zu erkennen, daß, so wie die Zeiten jetzt waren und besonders heute abend, sie lieber von etwas anderem reden wollten. Ola Engdalen lachte ihm breit und derb ins Gesicht, so daß alle es hörten: »Was redest du da eigentlich für Zeug, du kleiner Bengel, du? Geh hinein und leg dich schlafen und werd erst einmal trocken hinter den Ohren!« Odin sah Ingri mit ein paar anderen Frauen an der Hausecke stehen. Sie sah nicht recht froh aus, wenn die anderen lachten. Er drehte sich weg und erblickte seinen Vater. Ging zu ihm hin. – »Was sagst du nun, Vater?« – »Ich? Ich habe nichts damit zu schaffen. Aber um den Hofanteil hier sollst du dir keine Mühe geben.« – »Wenn doch die Großmutter es wollte?« – »Ja, ja, schon recht – aber gib es auf! Du kriegst ihn ja nicht einmal. Und dann noch dazu das Geld.« – »Ich hatte vor, dich um Hilfe zu bitten?« Otte Setran schüttelte den Kopf. Er sah zu Boden. – »Nicht für den Hof hier, nein.« Odin sah ihn an. – »Es ist nicht mehr viel von ihm übrig!« seufzte er und ging seiner Wege. »Und dort steht der Lauris«, – Odin lächelte. – »So, so, stehst du hier? Abseits von der ganzen Geschichte. Ja, du hältst es doch mit mir, nicht wahr?« – »In welcher Sache denn?« Odin ließ ihn stehen. Einige hatten angefangen, von anderen Dingen zu reden, sie hielten sich nicht lange bei solchem Kindergeschwätz auf; sie redeten laut. Andere wieder wurden lebhafter, als Odin in die Nähe kam, sie lächelten und fragten: »Nun, wie ging es? Und was hat eigentlich der Ola Engdalen gesagt? Ja, so, er würde sich Geld leihen und dann ein Haus hier bauen, wenn er heute abend nicht verkaufen könnte? So, so, ja.« Ehe er sich's versah, hatte der Zorn ihn erfaßt, er hörte seine Stimme hart und trocken zwischen den Häusern und über die Leute hin klingen: »Ist denn kein Mut und keine Männlichkeit in euch, Leute?« »Still doch, Junge!« sagte Ola Haaberg, »hier gibt es jedenfalls keinen, der dir zuhört.« »Ja, wartet nur ein bißchen«, sagte einer hinter ihnen. Es war Iver Vennestad, der dort stand, und jetzt trat er ein wenig vor, so verwittert, wie er war. – »Ich halte es mit dem Odin. Wir sollten es uns wirklich überlegen. Und wenn du eine hilfreiche Hand brauchst, um den Hof hier zu kaufen, dann wollen wir uns die Sache einmal näher anschauen. Und für den Rest wollen wir später sorgen.« Es war ihm peinlich, daß er so laut zwischen all den Menschen geredet hatte und nun alle Augen auf sich gerichtet fühlte, aber jetzt war es geschehen, und so reckte er sich noch einmal auf und fügte hinzu, mit unsicherer Stimme: »Ich weiß, die Aasel meinte es so. Das weißt du auch, Ola Haaberg, du solltest dich schämen!« Dies kam so unerwartet, von dieser Seite, daß sie alle plötzlich schwiegen. Dann drehten sie sich um und hatten nichts gehört. Odin stand da und sah Iver mit leeren Augen an. – »Ja, ja, ich danke dir schön«, sagte er. »Ich muß mir's einmal überlegen. Für heute abend hab' ich verloren, da ist kein Zweifel. Aber daß der Vater –?« Dann lachte er: »Verloren hab' ich, Junge, daß es nur so krachte!« Die gleichen Worte sagte er zu Ingri. Sie erwiderte nichts darauf, aber es war offensichtlich, daß es ihr wehgetan hatte. – »Ich glaubte fast, ich hätte gleichzeitig auch dich verloren«, sagte er. – »Der Tag wird wohl auch noch kommen.« – »Ja, wird kommen, davon reden wir nicht! Was noch in der Zukunft liegt, das – –« Sie blickte auf und mußte lächeln, sie fand, er sähe so unvernünftig aus. Jetzt stand er da und ließ die Blicke über die Gäste hinschweifen, kam mehr und mehr wieder zu sich. »So sind sie nun also!« lächelte er. »Da geht er, der Oheim Ola; eine Tüte voller Zuckerzeug und Gift; der hat, scheint's, die Hosen voll. Da segelt die Mina dahin, sie hat keinen Ballast im Boot. Wenn sie sich trauten, die anderen, dann würden sie's genau so machen. Astri läßt sich nicht sehen; sie ist ganz verschwunden; ich möchte sie fast einen Instinkt nennen. Dort sehe ich den Vater und sein Goldkind vor mir. Nur ein Ehepaar, sag' ich dir. Ach nein, ich denke mir so: wer nicht auf seinem Recht besteht, der steht nicht; aus dem wird ein Ehemann. Du siehst mich an, ja, ja, Ingri, aber du sollst das Spiel dennoch wagen, im Blinden, jetzt mitten in der Jugend , es geht nicht anders; niemals, du darfst mir's glauben! Ich meine doch, daß es noch ein Staat mit uns beiden werden wird. Aber so sind sie also«, er deutete mit dem Kopf zu den andern hinüber. »Fein haben sie's aufgenommen, hm? Sie gönnen sich nicht einmal ein richtiges Lachen. Wäre ich doch bloß zwanzig Jahre älter gewesen!« Er stand still, wie er öfters zu tun pflegte, und ließ die Zeit vor sich aufleben, das, was gewesen war, oder das, was kommen sollte, je nachdem wie es sich ihm am liebsten zeigte. Und dies erkannte er wie sein eigenes Leben wieder: Licht und Schatten wechselten über dem Land, tief aber still. Der Tag öffnete sich und schloß sich wieder ringsum. Es war die Weisheit, die dem Toren zulächelte. Odin wandte sich Ingri zu. Sie stand da und sah hinaus, ebenso wie er. – »Bisweilen verstummt es so seltsam in mir, wenn ich das hier sehe, verstummt und lauscht: denn irgendwo weit draußen hat es nach mir gerufen, im Schatten und in der Stille drinnen. Ich möchte am liebsten aufstehen und antworten: ›Rede, Herr, dein Knecht höret!‹ Gleich darauf ist es wieder hell, und ein Ding nach dem anderen tritt hervor und lächelt einem zu, Gesicht an Gesicht. Dann habe ich es wie eine alte trockene Stimme gehört, von irgendwoher: ›Ich rief dich nicht, geh und leg dich wieder schlafen!‹« Odin stand da und lächelte, zu den taublauen Mooren und den sonnenvergoldeten Bergen hinüber, er war hoch über allem: »Und trotzdem hat es mich gerufen. Und wenn nicht, so soll es noch rufen müssen!« Drittes Buch. Im Sturm Unruhe im Meer 1 Odin hatte irgend etwas in der Fabrik auf Sörstranda drüben zu tun gehabt und war nun auf dem Heimweg. Er ruderte das kleine Stück über die Flußmündung zum Bollwerk in der Haabergbucht hinüber, auf die Weise brauchte er nicht oben herumzugehen, denn es war weit bis zur Brücke hinauf. Dämmerung lag über dem Land, und mildes Wetter und Neuschnee, ein stiller, zarter Abend; Odin glaubte fühlen zu können, daß es Samstag und Feierabend war ringsum. Der Schnee war unerwartet früh gekommen, so daß die Leute schon überlegten: sollte das am Ende ein gutes Zeichen sein? Lange würde er wohl kaum liegenblieben. Das Tageslicht hing noch in der Luft, im Norden und Westen. Ganz allmählich verblich es und ließ die Nacht kommen. Die Mondsichel zeigte sich weit drüben am westlichen Himmel, es war erst kürzlich Neumond gewesen. Aber mitten in diesem Frieden war Odin unruhig. Irgend etwas aus früheren Zeiten, aus seinen Knabenjahren, quälte ihn und zerrte an ihm. An solchen Abenden war es nicht still im Meer. Er hätte mit den Heringsnetzen draußen sein sollen. Aber das ging nicht, denn es war Samstagabend. Und diese Fabrik verschlang fast seine ganze Zeit – er schaute zurück, während er ruderte. Es war eine Heringsfettfabrik drüben am Strand, ein niedriges Haus mit Blechdach, das noch viel weißer leuchtete als der Schnee; mit der Zeit sollte es größer werden! Aber viel Mühe hatte es gekostet und kostete es noch – – würde es denn nie von selber gehen? »Neuschnee und Heringsschwarm«, murmelte er, als er das Boot an Land gezogen hatte, er blieb stehen, hielt den Vordersteven fest und schaute hinaus. »Neuschnee und Heringsschwarm, sagte man früher, ja.« Das Meer blinkte bei den Landzungen am Nordufer und verblaßte mit dem Tag über die ganze Bucht hin. Ein leichtes Gekräusel kleiner Wellen versuchte den Mond anzublitzen, kaum daß man es sehen konnte. Da hört Odin Ruderschläge, irgendwo draußen. Ein Boot kommt. Leute, die auf dem Fischfang draußen gewesen waren, vermutlich; die Schläge folgen nun ziemlich rasch aufeinander. Odin bleibt stehen und wartet auf die Männer, ohne darüber nachzudenken. Jetzt erkennt er sie auch, es sind die Pettersenbuben, und sie rudern stramm. Er geht zur Bootslände vor und begrüßt sie. – »Habt ihr Gespenster gesehen, in der Bucht draußen, weil ihr so rudert? Ist was los draußen?« – »Der Heringsschwarm!« antworten sie, »dick wie Grütze steht er von der äußersten Bucht bis an die Landzunge hier, ja, wirklich!« Sie erzählen noch mehr davon und werden ganz eifrig dabei, denn das war ein ernst zu nehmender Schwarm. Odin steht still da und lauscht hinaus, während sie erzählen. Jetzt hörte er es, ein feines Rieseln im Wasserspiegel, wie leises Plätschern am Strand, dann wieder wie ein heftiger Regenguß, und Unruhe und Schaudern überlaufen ihn, bis er nur noch ein kleiner Bub ist: das ist der Schwarm! – Ob sie im Sinn hätten, jetzt mit den Netzen hinauszufahren? fragt er. – Ja, freilich, sie würden ihre Fetzen herausholen, die Heringe könnten noch etwas erleben heute nacht! »Nein, jetzt will ich euch etwas sagen, Burschen: Wir rufen die Leute zusammen und schaffen das Großnetz ins Boot; dann kreisen wir morgen früh den ganzen Schwarm ein. Das gibt einen Fang, sag' ich euch!« Sie waren sofort dagegen, dies und jenes stand im Weg, aber er hörte nicht auf sie, schob das Boot wieder ins Wasser und ruderte hinaus. – »Ihr nehmt die Burschen aus der Gegend hier«, ruft er, »dann hole ich die oben von den Höfen!« – »Ja, ja!« Der Schwarm stand mitten in der Bucht, der ganzen Breite nach. Odin konnte ihn im Meeresleuchten sehen, kaum daß die Fische dem Boot auswichen, und er sah sie über das ganze Wasser hin, wie sie die Oberfläche ritzten oder sich in die Höhe schnellten. Große Heringe, ja, und sie standen ziemlich dicht. Er konnte nicht bemerken, daß sie von Raubfischen gejagt wurden, der Schwarm stand mit seiner ganzen eigenen Schwere da. Odin ruderte rasch und still zurück und machte sich auf den Heimweg. Von Vaagen nach Haaberg hinauf brauchte er nie lange, aber heute abend fand er, daß das Gehen so wenig verschlage, man hätte ein junger Bub sein und schnell laufen müssen. Er sah seine Häuser dort, die heute abend genau so waren wie an einem anderen Abend, sie lächelten ebenso jung und wohlzufrieden, hatten nicht vor, alt für ihn zu werden, so hatten sie ihn schon gar viele, viele Male zum Hof heimlaufen sehen. Er verlangsamte seine Schritte, ohne es zu wissen, und kam still heim wie gewöhnlich. Aber Ingri sah trotzdem, daß irgend etwas los war. Sie merkte ihm alles so rasch an. – »Hast du wieder Verdruß in der Fabrik gehabt?« fragte sie. Nie waren ihre Augen so schön, wie wenn dieser Schimmer von Unruhe oder Angst über sie hinfuhr, und nie auch kam sie ihm so nahe wie in solchen Augenblicken. – »Nein, jetzt fahre ich hinaus und werde reich, Ingri, ich habe diesen Wohlstand des kleines Mannes satt, und du, weißt du, du hättest dein Lebtag lang reich sein sollen, das gehört zu dir. Wir – wir wollen mit den Netzen hinaus, denn die Bucht ist voller Heringe – ist es nicht schön vom Herrgott, daß er das Fischgerät noch hier liegen ließ, obwohl es verkauft ist? Ja, jetzt heißt's: lebt wohl, ihr armen Leute!« Ingri lachte selten so, daß man es hörte, sie taute nur auf und lächelte ganz leise, und mit diesem Lächeln ging sie noch lange danach umher. – »Glaubst du denn, daß du Leute mitbekommst?« – »Leute? Die kommen wie die Hühner, wenn das Futter ausgestreut wird, sag' ich dir!« Er hatte schon angefangen, die Kleider zu wechseln, und dann saß er am Tisch und schlang das Essen hinunter. – »Streich mir ein paar Butterbrote, bis ich wieder hereinkomme!« Er nahm die Mütze und war schon bei der Tür. Der kleinste Bub, der Per, machte sich fertig und wollte mitkommen. Er müsse noch warten, sagte Odin, wer zum Fischen mitkommen wolle, müsse mindestens über vier Jahre alt sein; er könne später einmal hinuntergehen und sich die Heringe anschauen. Anders, der Älteste, stand am Tisch und räusperte sich. Der Vater verstand ihn: Der Junge war jetzt vierzehn Jahre alt und hielt sich für voll. – »Und du mußt daheim bleiben und der Mutter helfen, ja«, fügte er hinzu. – » Mitkommen !« schrie Per und stampfte auf. – »Die Rute liegt hinter der Holzkiste!« lachte Odin, und schon war er draußen, und Per mußte aufpassen, daß ihm nicht die Finger eingeklemmt wurden. Odin ging zuerst zu Lauris. Sie suchten einander nicht oft auf, die Haabergbauern, aber sie taten sich doch gerne zusammen, wenn es darauf ankam. Er traf Astri auf der Küchentreppe draußen, auch sie wollte gerade ins Haus und blieb nun stehen und wartete. – »So, so, du kommst wohl, um unseren Neubau anzuschauen?« sagte sie und deutete dabei auf die Veranda vor der anderen Tür. »Bis jetzt hast du dir ja noch nichts daraus gemacht, ihn zu sehen.« – »Na, ganz so schlimm ist es doch auch nicht, gesehen habe ich ihn schon.« Odin stand da und schaute hinüber, und sie stand da und wartete. »Du findest wohl, es sei nichts Gescheites?« – »Ich? Das weiß ich nun nicht. Ich verstehe so wenig davon. Früher gefiel mir das Haus besser, das muß ich zugeben.« – »Du findest, daß es zu großartig ist, nicht wahr? Du, der eine Art Prophet für die kleinen Leute in der Gemeinde geworden ist.« – »Ja, du weißt, der kleine Mann kommt bei mir immer wieder zum Vorschein«, lachte er, »das schmeckt mir wie dem Fuchs die Vogelbeeren.« Astri lachte mit. – »Ja, sei's wie's sei, die Veranda wirst du immerhin ertragen müssen«, sagte sie. – »Ich ertrage gar vieles, Kind. Aber eigentlich hätte ich mit dem Lauris etwas auszumachen.« – »Da mußt du drinnen suchen.« Lauris saß in der Stube und las Zeitungen, die eben erst gekommen waren. – »Nun, was steht drin?« fragte Odin. – »Ach, wir haben bald lauter Frieden, überall.« – »Ist es wahr, haben die Leute noch wirklich soviel Vernunft, daß noch einmal Frieden wird. Worüber sollen die Blätter denn dann schreiben? Aber da wir schon vom Frieden reden, jetzt ist's zu Ende mit dem Frieden, der Hering ist da.« Odin erzählte, was notwendig war, und wollte Lauris zum Mitkommen überreden: »Wir brauchen ja auch einen Bas, weißt du.« Lauris tat ein paar Züge aus seiner Pfeife, ging durch die Stube und spuckte in den Ofen. – »Das Großnetz?« sagte er. »Ich hab' ja doch kein Gerät, hab' es voriges Jahr verkauft. Du mußt erst in die Stadt und um Erlaubnis fragen.« – »Erlaubnis? Wir nehmen es ohne Erlaubnis – wir werden den Kerl in der Stadt reich und zufrieden machen, ohne seine Erlaubnis – – ja, du tust also mit?« Lauris sah Astri an und sie ihn. – »Nein, ich mache mir nichts daraus. Außerdem haben wir morgen Kindstaufe; und was wollt ihr denn jetzt mit dem Hering anfangen? Gibt es denn Leute, die kaufen?« – »Aber freilich, freilich, nicht nur die Fabrik, sondern auch andere.« – »Die Fabrik, ja, hm – hm! Futter für die Fabrik. Nein, aber im Ernst, ich habe aufgehört mit dem Heringsfang. Ich mache es jetzt so, wie du immer gepredigt hast, halte mich in allem Ernst an die Erde, für sie und von ihr muß man leben, hat es nicht so geheißen?« Da war nichts zu machen, und Odin wünschte gute Nacht und ging fort. Auf den anderen Höfen brachte er alle Mann auf die Beine, und gegen Mitternacht waren sie im Netzschuppen unten und in voller Arbeit, um das Großnetz herzurichten. Das Boot war leck, aber immerhin schwamm es, und ebenso die kleinen Boote. Alles ging unter Lachen und Munterkeit vor sich, und selbst die Gottesfürchtigen taten mit und lachten zu den derbsten Spaßen. Ein Südländer war dabei, namens Kjeld, ein kurzer kleiner Stumpen, und Kjeld Stump wurde er auch genannt. Er war ein tüchtiger Fischer, aber er stolperte und fiel in einemfort, und einige von den jungen Burschen fielen genau so hin, sobald sie sich nur rührten. Herrgott, war das lustig in dieser Nacht. Als es an der Zeit war, war das Netz in Ordnung gebracht, und die Männer gingen an Bord. Dunkel war es nicht, und gleich würde es im Osten hell werden. Da mußte es ja gut gehen! – »Daß doch der Lauris nicht mitkam«, sagte Odin, »zum Teufel auch, wen sollen wir jetzt als Netzmeister nehmen? Vierzehn Fischer und kein Bas?« – »Red doch keinen Unsinn!« sagte Kal Stranda, der Älteste der Schar. »Der Odin, der die Gemeinde regiert, der wird auch das hier regieren. Schlimmer kann das auch nicht werden.« – » Schlimmer , nein, schlimmer nicht!« lachte Odin. Und er nahm wirklich das Lot und stieg ins Leichtboot. Still und blank lag die Bucht da, und ringsum war das Land weiß und still; – und die Burschen blieben schweigsam, während sie dahinfuhren. Es dauerte nicht lange, da fühlte Odin den Schwarm am Lot, und sein Hosenhintern wurde immer länger und länger, wie es bei einem Netzmeister sein soll, ehe er das Kommando zum Auswerfen gibt. – »Gleich wird's losgehen!« sagten die Männer im Netzboot. Sie ruhten auf ihren Riemen aus. Aber Odin ruderte weiter hinaus, es sah aus, als rudere er durch lauter Heringe, und die anderen folgten nach. Endlich drehte er sich um und hielt Umschau, bat die Leute, weiterzurudern. Die Männer, die das Netz auslegen sollten, schoben die Mütze in den Nacken, und kaum fiel das Kommando, so sauste das Netz hinunter – das Spillboot mit dem Zugtau ruderte an Land. Sie sperrten die ganze Haabergbucht ab, soweit das Netz reichte. Dann fingen sie sofort an, in die Bucht hineinzuziehen, sie zogen und schafften, bis der helle Tag über ihnen stand. Stiller friedlicher Sonntag – die Männer sahen auf, achteten jedoch kaum darauf, blanker Himmel und blanke See, und weiße Hügel und Berge, überall Feiertag. Aber man kann ein Großnetz nicht einfach so im Wasser hängen lassen, hier draußen, dem Meer vor dem Maul; sie zogen und sangen, zogen und sangen, es war auch dies eine Art Feier, fanden sie. Ein junger Kerl, kaum aus den Kinderschuhen, schaute auf und grinste über das ganze kleine breite Gesicht: »Nein, schaut doch nur die Gottesfürchtigen an, wie die am Sonntag arbeiten!« Sie lachten alle miteinander, was war da zu machen. – »Im übrigen«, sagte Odin, »jetzt noch kurze Zeit fest geschafft, und dann gehen wir heim und machen ein paar Stunden Feiertag. Dann schlagen wir die Bucht ins Netz und machen Schluß heute abend.« Sie vertäuten Netz und Boote und gingen, als gerade die Kirchenglocken anfingen, zwischen den Bergen zu tönen. – »Die dort, die meinen es nicht böse«, sagte Odin zu den Bekehrten. »Die sind erleuchtet genug, um uns verstehen zu können.« – »So etwas kann auch nur der Odin ihnen ins Gesicht sagen«, meinten ein paar andere. »Er bringt's auch noch fertig, daß sie ihm das glauben.« – »So hat sich's angehört, ja.« Um drei Uhr waren sie wieder da. Man kann sich nicht Zeit lassen, bis schlechtes Wetter kommt und alles verdirbt, wenn es sich um den Wohlstand handelt. Odin und der Unterbas ruderten mit dem Lot ein wenig ins Netz hinein. – »He?« fragten die Männer. – »Doch, sie sind schon noch da.« – »Dick?« – »Ja, das glaube ich fast, Leute.« Mitten unter der Arbeit schauten sie zu Odin auf: Sollten sie das Netz wirklich zum Südufer einschlagen? – Ja–a. – Sollten sie denn nicht ans Haabergufer damit? – »Ach, ihr denkt ans Strandrecht!« lachte er. »Ihr glaubt, ich wollte meinem Nachbarn einen Streich spielen? Ich spiel' mir ja selber den gleichen Streich; wir besitzen hier das Ufer gemeinsam, der Lauris und ich. Aber das Netz hält nicht, wenn wir's hier bei den Felsen hereinziehen, und dort drüben ist der feinste Strand, den man sich denken kann – seid ihr denn noch nie mit dabei gewesen und habt ein Netz ausgelegt, Burschen?« – »Doch, doch, aber – Und Recht soll Recht sein«, ließen sie hören. Dann war also alles in Ordnung. Wenn er es so wollte. – »Und außerdem hat der Lauris ja das Netz dem Odin richtig vor der Nase wegverkauft«, sagten sie untereinander. Odin merkte, daß sie ihn nicht nur mißverstanden, sondern ihm auch mißtrauten, und er sagte dies zum Unterbas: »Das sind tiefsinnige Leute! Merkwürdig, daß sie sich nicht schneller umdrehen können und keine schärferen Krallen haben, wenn doch das Zeug dazu in ihnen steckt! Daß sie die Krallen nie gebrauchen, wenn sie's doch andern zutrauen?« – »Na«, sagte der andere, »es haben eben nicht alle soviel Glück wie du. Nicht jeder kann sich ein Lachsrecht für beinahe nichts pachten. Und dann fischen, daß es unheimlich ist, den Fisch außer Landes schicken und die Mütze voller Gold kriegen, während die anderen in ihren alten Verkaufsrechten feststecken und wenig oder gar nichts bekommen. Und dann dieses Heringsglück, das du hast? Nein, da kann nicht jeder mittun.« Odin lachte. Die Leute waren so lustig, wenn sie mit solchen Dingen kamen. »›Wenn es kommt, dann kommt es‹, sagte der Mann, als ihm das Haus über dem Kopf einfiel. Aber hier haben wir Heringe, Albert, und jetzt gibt's ein Leben und Treiben. Ein wenig Leben ist nicht schlecht, he?« – »Nein, das soll wohl wahr sein!« – »Na, ich weiß nicht, ob das so ganz wahr ist. Aber lustig ist es. Die Leute werden wieder mehr aufgekratzt, es rührt sich wieder etwas in der Gemeinde. Selbst wenn der Verdienst nicht so großartig ist.« Albert seufzte, ein junger und nachdenklicher Mann. – »Nein, man weiß nicht – – man weiß nicht, was daraus werden kann.« »Ja, ganz recht, Albert, damit hast du's getroffen. Gerade das ist das Lustige, daß man nie weiß, was daraus werden kann. Aber irgend etwas wird es, dieses Mal, das fühle ich an mir.« 2 Am gleichen Tag fand die Kindstaufe bei Lauris Haaberg statt und danach des große Taufessen. Sie hatten lange auf dieses Mädchen gewartet; die drei ersten Kinder waren Buben, und der Älteste zählte jetzt schon sechzehn Jahre. Astri trug ihr Kind selber zur Taufe. Das hatte sie auch bei den drei anderen getan. Alle sagten es, alle bei der Kirche, daß Astri noch unverändert jung und aufrecht sei. Das gleiche konnten sie von Lauris sagen, der überdies noch ordentlich rund geworden war, er war nun ein stattlicher Mann. Und die Gevattern waren lauter ausgesuchte Leute und ebenso alle anderen Gäste: Ola Engdalen und seine feine Frau, der Lensmann mit seiner Madam, die Leute von Grönset und die Jungen auf Nesse, Frau Mina und Arthur auf Segelsund und so weiter. Aus den Obersten selber aber, wie aus dem Doktor und dem Tierarzt, hatten sie sich nichts gemacht, das sah man. Sie war nicht von der Art, die Astri. Sie sagte es selber, daß sie ihrer Meinung nach mit denen nichts zu tun habe, die gehörten auf eine andere Seite. Auch der alte Ola Haaberg war da. Er hatte sich sozusagen selber eingeladen – »ich will auch dabei sein und die Prinzessin einweihen, und außerdem möchte ich so gern wieder einmal Haaberg sehen; ich muß mir doch mein Heim noch ein letztes Mal anschauen, wißt ihr.« Ola war jetzt richtig alt, weit über siebzig; aber doch war er manchmal noch jung und lustig wie früher. – »Wenn du es nur aushältst, auf den harten Wegen so durchgeschüttelt zu werden?« hatte Mina gesagt, ehe sie abfuhren; denn sie mußten den Wagen nehmen, der Schnee war auf der Straße nicht liegengeblieben. – »Ich hätte gehen können, weißt du«, sagte er, »wäre ich nicht so schlecht zu Fuß.« Und jetzt war er da, und er war es, der die Leute auftauen und in Schwung bringen mußte. – »Heutzutage wird viel mehr geredet als zu meiner Zeit, aber nie dann, wenn geredet werden soll«, meinte er lachend; »da haben sie es so eilig mit dem Schweigen, jeder einzelne. Und am schlimmsten ist es, wenn man nicht weiß, was man mit sich anfangen soll, drinnen in der Stube, und auch mit seinen Händen; früher habe ich nie bemerkt, daß einer daran dachte. Ja–a«, sagte er, nachdem alle eine Zeitlang draußen auf dem Hofplatz gestanden hatten und keiner als erster hineingehen wollte. »Ja–a, hier stehen wir. Und hier ist deine Veranda. Astri. Ja, ja. Du bist nicht für die Katz. So sieht es hier nun also aus. Hm! Hm! Hm! Der Hof wird kleiner, aber das Haus wächst, sagen wir.« Astri hörte nicht zu, sie hatte anderes zu tun, mußte sich um das Kind bekümmern und war schon drinnen, kam dann wieder heraus und bat noch einmal die Gäste, einzutreten. Ihr Gesicht war ein ganz klein wenig starr, glaubte er zu sehen. Und Ola lächelte, dieses so seltsame Lächeln aus tausend kleinen Runzeln und Falten im ganzen Gesicht; nicht einer verstand ihn, und nicht einer konnte ihn leiden. Da drehte er sich herum und nahm sich ihre zwei ältesten Buben vor, die gerade im Begriff waren, die fremden Pferde in den Stall zu führen. Peder, der Älteste, war klein und gedrungen und seinem Vater am ähnlichsten, ein stiller Bursche und in jeder Beziehung erwachsen. Der andere hieß Arne, und er war hell und groß, größer als der Bruder, obgleich zwei Jahre zwischen ihnen lagen. Er steckte voller Kinderstreiche; auch jetzt wieder kam er mit einem wildgewordenen Pferd dahergerast, es sah fast aus, als sollte es glatt über Ola Haaberg weggehen; aber er machte nur Spaß. Im letzten Augenblick wurde er des Tieres Herr und brachte es in den Stall. Er lachte zu Ola hinüber, so daß ihm der Schelm aus den blauen Augen leuchtete: »Ihr habt keine Angst gehabt, he?« Ola droht ihm mit dem Finger: »Her mit der Rute, damit ich dir ein paar über den Hintern ziehen kann!« Dann ging er ins Haus hinüber und schalt dabei vor sich hin: »Diese Kinder heutzutage, es ist wirklich ein Jammer, daß man von ihnen wegsterben muß. Weiß Gott, ich will noch nicht!« Man hatte übrigens in der letzten Zeit wenig von ihm zu hören bekommen. Er las die Zeitungen und mischte sich nie in die Gespräche der anderen; manche meinten, er vertreibe sich die Zeit mit Trinken. Heute aber war er sprühend lebhaft. Er ist wie die Schlange, die bei gutem Wetter auftaut, sagten die anderen. Astri und er waren immer wie gute Freunde gewesen. Sie sah, daß er wohl auch heute Leben in die Stube bringen würde; aber sie konnte sich doch nicht dazu überwinden, ihn gern zu haben. Er gehörte nicht hierher, hätte wohl nicht hier sein dürfen. Lauris merkte dies sofort, als sie ihn ansah, und zuckte mit den Achseln. Er redete quer durch die Stube hinüber zu den Leuten, mit denen Ola sich gerade unterhielt, sagte irgend etwas und erreichte bald, daß sie sich von Ola abwandten. Ola gab gar nicht acht darauf, er fühlte sich immer wohler und wohler, und noch ehe sie sich zu Tisch setzten, hatte er sie alle durch Politik und andere Sachen aufeinander losgelassen. Gerade als hätte er erst kürzlich mit ihnen geredet und wüßte von jedem, auf welcher Seite er stand, der eine da und der andere dort: der eine hielt es mit den Franzosen, der andere mit den Deutschen, und ein Dritter haßte sie alle miteinander, der eine stand auf der rechten Seite, der andere auf der linken, und nun waren die Meinungen ausgesprochen und mußten nach besten Kräften verteidigt werden. Nach dem Essen schlief der Disput ein wenig ein. Man trank Kaffee und spielte auf dem Harmonium, und Ola saß drüben in der Oststube und hielt einen kleinen Mittagsschlaf. Es wurde immer friedlicher und friedlicher. Sie waren alle der Meinung, einer wie der andere, daß man eine Sache sehr wohl von mehreren Seiten aus betrachten könne. Aber wie sie so beieinander saßen, kam Ola auf einmal wieder angestiefelt. – »Ach, schau, schau!« lächelte er, »euch geht es ja wie den Hühnern in der Sandgrube beim schönen Wetter. Aber wo steckt denn der Odin?« Astri sieht ruhig auf: »Er hat noch mit den Netzen zu tun, sie haben doch heute nacht hier in der Bucht den Schwarm eingeschlossen.« – »Und deswegen konnte er nicht herkommen? Ja, ja, es ist wohl so. Ja, es ist wahr, er plagt sich und schafft, und hier sitzen sie alle miteinander, und für jeden von ihnen fallen ein paar Schillinge ab, Strandrecht und Netzrecht und so überall ein bißchen.« Es gab ihnen einen kleinen Ruck. Man hörte die Uhr an der Wand. Da sagte Astri, so laut, aber auch so ruhig, wie es oft ihre Art war: »Auf uns trifft kein Strandrecht, und Gott sei Dank dafür. Er hat das Netz am anderen Ufer eingeholt.« Dann wurde es wieder so still wie zuvor. – »Und das Gerät haben wir zur rechten Zeit verkauft!« lachte Lauris. Dies kam im gleichen Ton wie Astris Worte, hier regte sich niemand über Kleinigkeiten auf. Ja, das sei doch merkwürdig, daß Odin das getan habe, fand einer. Das sei doch sonst nicht seine Art. Lauris rauchte nur, und Astri mußte schnell zu der Kleinen hinaus. – »Es gab sich wohl so«, sagte Lauris. – »Aber wie steht es denn jetzt mit den Heringspreisen?« fragte der Grönsetbauer. – Ja, wie steht es damit? Sie erwarteten sich Antwort von Lauris. – »Hm?« sagt auch Astri. Sie tritt dicht an ihn heran und klopft ihm auf die Schulter. Lauris schüttelte den Kopf; er wußte nichts darüber. – »Nein, er ist ja jetzt Bankchef«, lachte Ola, »fragt ihn doch nicht nach Heringen. Er hat hier an Land seine Schute festgefahren, er steht auf festem Grund. Und der Odin, der ihm vorbeigesegelt ist und Bürgermeister in der Gemeinde ist und für uns alle wie ein Vater und Vormund sorgt, he? Ist das nicht ganz tüchtig von so einem jungen, dummen Kerl? Ja, ein paar haben ihm wohl dabei geholfen, er hat euch alle miteinander schön herumgekriegt! Ach ja, ich will nichts gesagt haben. Bald ist wieder Wahltag, kann ich mir denken – ja, du hast doch auch für ihn gestimmt, du, Ola Engdalen? Denn es war doch so richtig, was er sagte!« Ola Engdalen war stets derjenige, der am wenigsten sprach. Er war besser gestellt als die meisten anderen, hatte eine Doktorstochter zur Frau und war überdies faul und langsam im Denken. Er rückte nur ein wenig auf seinem Stuhl hin und her. Der neue Bauer auf Vennestad fing allmählich an, sich aufzurichten und räusperte sich. – »Es sieht jetzt nach Frieden aus, in der Welt draußen, ja«, sagte er. »Aber hier im Lande und hier in der Gemeinde scheint es nun Krieg zu geben; so sieht es wenigstens für mich aus.« Er blickte die anderen ringsum an, und diese stimmten ihm zu: so sähe es aus, ja! Aber er für sein Teil wolle folgendes sagen, wenn er mutterseelenallein dastünde – »Sag's lieber nicht, du!« warf Ola dazwischen. Doch, er wolle es sagen, nun brauchten sie Frieden, und nun sollten sie sich rüsten, und zwar gehörig, alle, die wüßten, was sie wollten, und dann sollten sie zuschlagen ! – »Den Krieg um des Friedens willen, ja!« wieherte Ola, er strahlte vor guter Laune. »Und der Odin, und alles, was sich kleine Leute nennt, die rüsten sich ihrerseits auch, und dann geht es los – es ist ein Jammer, von all dem wegzusterben! Seltsam, daß die Leute sich am liebsten um des Friedens willen bekämpfen. Aber – hm: Die Fabrik geht gut? Und Aktien habt ihr, und Geld habt ihr verdient?« »Die Fabrik steht«, sagte Lauris trocken und stand auf. – »Streik und alles, was dazu gehört«, fügte er hinzu. »Wir halten Schritt mit der Zeit, so eilig sie's auch haben mag.« – »Es muß eine neue Leitung ernannt werden«, sagte der Grönsetbauer ernsthaft. »Der Odin ist nicht die ganze Gemeinde, nur deswegen, weil er uns in diese Geschichte hineingelockt hat. Fabrik und Verdienst, das kann alles schön und gut sein, aber, aber, ich sage euch –!« Jetzt wurde alles wieder lebhaft, der eine meinte dies und der andere jenes, darüber aber waren sie sich alle einig, daß die Zeit vollkommen verrückt sei. – »Man sollte sie abschaffen!« lachte Ola und lehnte sich zurück. – »Ja, der Odin, der hat es fertiggebracht. Zuerst das große Armenhaus auf Vennestad, dann einen neuen Weg und die Bank, und zum Schluß noch die Fabrik über allem und über euch allen miteinander – ja, und dann noch all das, auf was ich mich jetzt nicht besinnen kann. Und ihr habt's mit ihm gehalten!« – Mit ihm? Sie mußten lachen. Sie hatten es nicht nur gesehen, sondern auch offen gesagt, welchen Weg dies nehmen würde! – »Nein, nein, nein!« lachte Ola. »Und trotzdem ist es nicht besser gegangen? Ja, der Odin, der Odin! Jetzt aber müssen sie sich ordentlich zusammennehmen, die Burschen, denn bald kommt der Lauris. Ja, es ist etwas Wahres daran, Lauris; es wird schon noch so weit kommen. Du hast doch die Bank von ihm geerbt und auch noch anderes und noch mehr, vergiß das nicht! Sie werden dich mit Gewalt zum König machen, du wirst schon sehen.« Es war für die anderen so ungewohnt, zu hören, wie einer es mit dem Lauris aufnahm, sie wußten nicht, was sie anfangen sollten. So etwas tat sonst nur der Odin, aber bei dem war das eine andere Sache; und mit dem ließ Lauris sich nie ein. Dies tat er auch jetzt bei Ola nicht, sondern er stand nur da und schaute in eine Zeitung. Dann sagt er: »Wäre es so wie früher – so, wie es sein sollte – dann könnte ich euch jetzt ein Glas Punsch anbieten.« – Er solle doch so etwas nicht sagen, solle diesen wunden Punkt nicht berühren! Und im übrigen sei es wohl ganz gut so. Die Männer fingen an, Karten zu spielen, und Ola Haaberg unterhielt sich mit den Frauen, die bisher für sich geblieben waren. – »Wir überlegen gerade, ob wir nicht den Odin und seine ganze Wirtschaft absetzen sollen«, sagte er. »Wir rüsten uns. Und wenn ihr den Schaft halten wollt, dann will ich den Hieb schon führen. Jawohl, hier soll die Luft einmal reingefegt werden, wartet nur. Bisher hat er nichts als lauter Sommerwetter gehabt, aber so soll es nicht mehr weitergehen. Ja!« Sie lachten und sahen ihn an. Er war ein lustiger alter Kauz. Aber Astri hatte nicht auf ihn achtgegeben. Nach und nach wurde es still in der Stube. Nur noch Kartenspiel und dann und wann ein halblautes Wort waren zu hören, und Ola saß da und schaute um sich, unglaublich alt wirkte er auf seinem Stuhl. Von Aasels Hausgerät sah man nicht mehr viel, an dessen Stelle waren schönere Sachen gekommen, feine Dinge geradezu, gewiß, und die Stube war frisch gestrichen und hergerichtet worden, daß man sie kaum mehr wiedererkennen konnte. Ola ließ die Blicke darüber hinwandern. Stück für Stück: hm! hm! – seine Daumen kreisten umeinander, bis er das nächste Stück betrachtet hatte. Dann setzten sie sich zum Abendessen, und dann kam der Augenblick, da die Gäste sich verabschiedeten. Die kleine Aashild schlief. – »Sie sieht aus, als wüßte sie, was für Taufgeschenke sie bekommen hat«, sagte Ola. Ola fuhr nicht mit nach Segelsund. – »Ich seh es euch an, daß ihr mich hier über Nacht behalten wollt«, sagte er; »und der Weg ist mir auch zu lang. Möchte auch fast noch morgen zu Odin hinüberschauen, da ich doch schon einmal unterwegs bin. Es macht Spaß, den anzusehen, der vor dem Sturz steht.« Es war ein schöner Sternenabend über allen Bergen, so ein richtiges Wetter, um im Freien zu sein. Und irgendwo hörte man jemand arbeiten und reden. – »Ach, das sind die Fischer unten bei Vaagen«, sagten sie untereinander. Lauris und Ola blieben noch auf, als die anderen sich schlafen legten. – »Du siehst auch nicht viel müder aus, als ich bin«, sagte Ola. – Nein, Lauris war nicht müde. – »Und wenn du einen Tropfen in der Flasche hast, dann hol ihn jetzt her«, sagte Ola ernsthaft. Er zog die Unterlippe ein, und dadurch wurden seine Augen noch glänzender. Lauris stand auf und ging hinaus; kam dann mit einer Flasche zurück. Ola wurde ganz aufgeregt: »Aber sieht das denn so aus? So klar ist das, laß mich schmecken, Junge!« Er kostete, und seine Augen wurden ganz klein und blickten selig. Dann machte er sie weit auf. »Mein Gott, Lauris, das ist ein Tropfen! Aber ich hätte sehen mögen, wie er zustande kam! Wie du ihn zusammen laboriert hast.« Er sieht Lauris genauer an: »Du bist ein Meister und ein vielseitiger Bursche!« Er sagte es immer und immer wieder, je öfter er einen Schluck genommen hatte und je munterer er geworden war. Lauris lachte geduldig. – »Und ich verstehe gut, daß die Astri dich haben wollte. Wagemut, siehst du, unser alter Wagemut, und der Opferwille und all das. Sie ist Mutter, sie: sie braucht einen solchen Vater für ihre Kinder – nein, sie wußte es nicht, aber –; sie wußte es trotzdem. Für dich ist sie auch Mutter, sie hat einen Mann aus dir gemacht. Auf ihre Art. So gut es sich machen ließ – da habe ich nun ein paar tiefe Worte gesagt, hm? So gut es sich machen ließ«, wiederholte er. Lauris gab ihm recht. Da kam Ola auf ein anderes Gespräch. »Aber daß der Ola das Netz unerlaubterweise genommen hat?« – »Ist das denn so schlimm?« – »Nein, nein. Aber das hat nur er sich getraut. – Was wollte ich doch eigentlich sagen?« Ola fuhr sich mit der Hand über den Schädel, fühlte alle die seltsamen Falten ab: »Na, es ist ja gleich. Ein bißchen Geld, das wir beide vergessen haben – du und ich – – dein Wohl, Lauris!« Lauris sah immer wieder auf die Uhr, und endlich ließ Ola ihn los und ging schlafen. Lauris fühlte sich sehr erleichtert, es war, als sei er untergetaucht gewesen und käme nun wieder an die Luft empor. Vorsichtig trat er in die Kammer ein. Sie schliefen alle beide, Astri und die Kleine. Aber Astri schlug die Augen auf und sah ihn an, das tat sie immer, wenn er in der Nacht hereinkam, wenn sie auch noch so tief schlief. – »Bist du ihn jetzt losgeworden?« murmelte sie. – »Endlich, ja.« Astri schlief schon wieder fest. Lauris blieb stehen. Dann stahl er sich hinaus, still wie ein Dieb, zog die Windjacke an und ging fort. Draußen auf dem Hofplatz blieb er stehen und lauschte. Es war jetzt überall still. Nur das Meer rauschte leise bei dem guten Wetter. Er schlägt den Weg zum Strand hinunter ein, lauscht immer wieder und geht dann weiter. Unten am Bollwerk liegt ein Leichtboot, das andere ist in einiger Entfernung an Land gezogen. – »Sie haben also keine Wache aufgestellt, die dummen Burschen!« sagt er; steigt dann ins Boot, löst die Vertäuung und rudert hinaus. Kein Ruderschlag ist von ihm zu hören. Drüben am Südstrand findet er den eingeschlossenen Schwarm, ein großes Netz mit vielen Lägeln. Er hält sich eine Weile dort fest, lauscht nach der einen Seite und späht nach der andern. Dann drückt er das Netz mit dem Ruder unter dem Boot durch und rudert in den Heringsschwarm hinein. Der Hering hat seinen Kreislauf noch nicht aufgenommen, er springt über die Ruder, und er schießt gegen das Netz, daß er weit darüber hinausspritzt. Große Heringe, fette Fische, soviel er sehen kann. Fünftausend Tonnen, sagst du? Wart ein wenig, ich habe mehr Erfahrung als du. Die Hälfte von fünftausend wäre auch schon nicht wenig. Zehn Kronen die Tonne mindestens, der Teufel hol ihn, das kriegt er. Es ist so still, daß die Felsen ihm fast antworten: die Stille ragt senkrecht zum Himmel empor; Lauris hört es und lächelt. – Nein, nein, hier soll nichts Schlimmes geschehen, heute nacht. Solche Leute sind nicht unterwegs. Ich will nur nachsehen. Ich will dir nur zeigen, du Weibsbild, das du bist, daß ich dir heute nacht einen schönen Streich hätte spielen können. Und daß ich es nicht tue, wie du siehst. So bin ich nicht, was du auch sonst von mir glauben magst. Er fährt wieder über das Netz hinweg und rudert heim, so ruhig, wie er gekommen war. – »Wir rechnen schon noch einmal miteinander ab!« sang er vor sich hin, eine kleine leise Melodie, die in der klaren Nacht versickerte. Astri wachte auch jetzt auf, noch ehe er sich ausgezogen hatte. – »Warst du draußen?« es klang fast unruhig. – »Ja, nur einen kurzen Augenblick.« Er zieht sich im Dunkeln aus. – »Ich will dir übrigens erzählen, wie es ist: ich war draußen bei Odins Heringsschwarm, wollte sehen, mit was sie dicktun können.« – »Nun?« – »Ja, es ist ganz schön. Er hat noch einmal ein Mordsglück gehabt.« – »Hm. Aber daß du dir die Mühe machen mochtest, hinauszufahren!« – »Ja, du hast wohl recht, aber –. Ich hätte selber nicht gedacht, daß ich mich je mit so kleinen Sachen abgeben würde. Es ist wohl der Fischer, der in mir steckt.« – »Ja. Und wenn dich nun jemand gesehen hat?« – »Woher doch! Und das Netz hab' ich ja nicht angerührt, weißt du.« – »Das weiß ich wohl. Wärst du von der Art – – dann hätte er schon vor langer Zeit einpacken können. Das weiß er auch.« – »Kaum«, gähnte Lauris, »und schließlich ist es ja auch gleich.« – »Für uns ja. Aber es war doch merkwürdig, die Leute heute abend zu hören, gerade als stecke ein Wille in ihnen.« – »Sie haben sich nur so im Schlaf einmal gestreckt«, sagte Lauris – und gleich darauf schlief er auch schon selber. Er schlief, und Astri lag da und sah hinaus. Nie war es so schön draußen wie mitten in der Nacht, wenn man so dalag und zwischen den Vorhängen hinausblickte. Ein Stern kam herbei und zog groß und still über die Scheiben hin. Ein anderer kam, mit einem anderen Licht, und ging den gleichen Weg. Eine seltsame Wanderung. Da hörte sie Ola Haaberg oben in seiner Dachkammer husten. Beinahe hätte sie Lauris geweckt, denn jetzt gehörte nicht viel dazu, sie ängstlich zu machen. Was wollte er denn eigentlich hier im Haus, dieser Alte? Aber Lauris hatte sie nie ängstlich gesehen und sollte sie auch jetzt nicht so sehen. – Ja, ja, der Fischer in ihm hat ihn hinausgelockt. Sie kannten ihn nicht. 3 Am Tag darauf nahm Ola Abschied und tappte zu Odin ins Haus hinüber. Odin war nicht daheim, und Ingri hatte keine Magd und war daher sehr beschäftigt, so daß Ola viel allein blieb. Er saß da und hielt Umschau, wie bei Lauris. – »Hier ist es, wie wenn man früher zu jemand in die Stube kam«, sagte er zu sich selber. »Halt, nein, übrigens: hier ist der Otte mit seiner Kunst dagewesen, und da. und dort auch. Aber wohnen kann man hier wohl, das sehe ich, im Guten wie im Bösen. Aber war denn der Odin soviel daheim, daß er die Stube so herrichten konnte?« sagte er zu Ingri. Ingri zuckte ganz leicht zusammen, so oft er sie anredete, sie bekam so schöne rote Wangen, und der Mund verlor diesen schwermütigen Zug von Glück, mit dem sie meistens umherging. Dann kehrten ihre Gedanken wieder zurück, sie blinzelte ein paarmal vergnügt und lächelte: »Ach ja, doch.« – »So, so, ist er also doch einmal in die Stube hereingekommen? Ja, dieser Junge! Aber richtig« – Ola räusperte sich und rieb sich das Knie –: »Ich soll dich von deinem Vater grüßen; er hat es mir aufgetragen.« Wiederum flackerte die Röte über ihr Gesicht, es war so schmal und fein – man konnte sehen, wie es durch Augenlider und Brauen zuckte, so lebendig; es tat gut, dies zu sehen. – »Danke!« sagte sie nur, sie war schon wieder auf dem Weg hinaus. – »Ja, er kommt nicht allzuoft nach Haaberg«, lachte Ola. »Wir haben auch nicht viel miteinander gesprochen, in den paar Monaten, die er auf Segelsund war. Er hat das Regiment im Laden, und er führt ein strenges Regiment. Ich glaube wahrhaftig, er bringt die ganze Sache dort noch in Gang. Wie gesagt, ich soll dich von ihm grüßen. Und den Odin dazu.« Ingri kam jetzt lange Zeit nicht mehr herein. Ola schüttelte den Kopf, seufzte ein wenig und lächelte ein wenig. Da kehrte Odin heim und wollte zu Mittag essen, und Anders kam vom Acker her, die Hosen noch voller Erde. Ola saß da und zog schnuppernd die Luft ein. – »Ja–a, da kommen sie, die Burschen, gut gelaunt und mitten aus der Arbeit heraus; Vater und Sohn, ja. Ich fühle förmlich den Schwung in ihnen, selbst wenn sie stillsitzen. Es riecht nach Vorwärtskommen hier. Ein starker Geruch, puh, da muß ich niesen!« Zwischen Ola und Odin kam es nie zu einem langen Gespräch, und heute hatten Odin und Anders besonders wenig Zeit. Ola ging auf dem ganzen Hof herum und sah sich alles genau an, Äcker und Häuser und alles, was es gab: Ja, es war gut gehalten. Odin und Ingri begleiteten ihn einmal. Da sagte Ola, es pfiff aus seiner Brust: »Aber weiter kommst du doch auch nicht, Odin, als wir und der Herrgott es zulassen. Was tust du dann, wenn dir der Weg einmal verschlossen ist? Das Allergrößte, vielleicht?« Odin hörte nicht darauf, Ingri aber betrachtete Ola, und jetzt fühlte sie nicht die geringste Furcht. Am Abend fuhr Anders den Ola heim. Ingri kam zu ihm heraus, als er abfuhr. – »Grüß den Vater«, sagte sie. – »Nur keine Angst, Kind, ich werde ihn schon grüßen. Soll ich ihn also nur grüßen? Ja, ja.« – – – Am gleichen Tag kam ein Heringsaufkäufer in die Haabergbucht herein, und am nächsten Tag noch einer. Sie hatten von dem Fang gehört. Im übrigen taten sie nicht so, als ob sie auf die Heringe sehr erpicht wären. Die Fischer versammelten sich bei der Fabrik drüben, es sollte ein Entschluß gefaßt werden, wie die Fische verkauft werden sollten. Untereinander meinten die Männer, wenn sie die Fische jetzt gleich verkaufen könnten, so wäre ihnen das am liebsten, denn es wären ebensogut ihre Fische wie die des Netzmeisters, und von einer Besserung der Preise zu reden, sei reiner Unsinn. Sie standen da und warteten auf Odin, er kam wohl über die Bucht herüber. – »Er pflegt doch sonst der Erste zu sein?« – »Vielleicht war es ihm nicht Ernst mit dem, was er gestern sagte, daß er an die Fabrik verkaufen wolle? Jetzt, da die Fabrik im Streik ist?« – »Doch, doch, das war schon sein Ernst. Sonst hätte er das Netz wohl kaum an diesem Ufer eingezogen. Die Fabrik, das ist so gut wie er selber.« – »Da hast du schon recht!« Es dauerte nicht lange, bis sie alle einer Meinung waren, und das kam nicht jeden Tag vor. Die Fabrik stand still, und mit der Bezahlung war es auch ungewiß; hier unten in der Bucht lagen die Schiffer und wollten Heringe haben. – »Wir verkaufen sie selber, wenn's notwendig ist, etwas ist besser als gar nichts! Die Fischer sind heute keine Sklaven und Hunde mehr, so wie früher.« Da stand Odin plötzlich bei ihnen. Mit lauter und heller Stimme begrüßte er die Männer und trat mitten unter sie, drehte sich herum und sah zu den schönen Aufkäuferschiffen hinunter. Sie waren hoch in den Riggen. Und ihr Bug und ihre Linien so ausgesucht fein, Wohlstand und Unternehmungslust in eigener Person. – »Ja–a, Leute, jetzt müssen wir uns also fertigdividieren, wie der Anton sagt.« Er sah den Anton an, und Anton trat von einem Fuß auf den anderen und lächelte leise – lächeln, das taten sie alle. – »Ich habe mit dem Disponenten der Fabrik gesprochen, und er ist mit mir darin einig, daß man zehn Kronen für die Tonne bezahlen kann, übrigens nicht um einen Ör mehr. Dann wird es wohl am besten sein, wir machen es so. Sie taugen nicht alle zum Einsalzen, das wißt ihr. Die dort«, er deutete mit dem Kopf hinunter, »boten mir gestern acht Kronen. Vielleicht können wir sie noch bis auf zehn hinauftreiben, ich habe nichts dagegen.« Die Männer erwiderten kein Wort und kauten. Endlich sagte einer: »Wenn sie das geben, dann ist es wohl am besten – –?« Odin sah ihn rasch an und betrachtete dann einen nach dem anderen in der Schar. Er fühlte den Widerstand hinter all den Gesichtern, und in seinen Augen leuchtete es ein paarmal rasch auf. – »Am besten, sagst du?« – »Nein, nein, aber –.« – »Nein, du meinst nicht am besten; du meinst am sichersten. Am besten ist es, die Fabrik wieder in Gang zu bringen. Ihr seht die Arbeitslosigkeit genau so wie ich. Wir müssen doch auch an uns selber denken.« »Aber das Geld?« wandten gleich drei, vier auf einmal ein. – »Dafür habe ich schon einen Ausweg.« – »Und der Streik?« – »Wir erhöhen den Lohn, um gar nicht so wenig, dann kommt alles wieder in die Reihe. Weiter ist darüber nichts zu sagen. So ist es am richtigsten, von welcher Seite man es auch ansieht, ja. Diesmal sind wir es, die der Gemeinde helfen. Und im übrigen gibt es hier auch noch genug Heringe für die Schiffer, wenn euch die so am Herzen liegen. Zuerst tausend Tonnen für die Fabrik, wir fangen gleich morgen an; und heute abend fahren wir hinaus und holen die kleinen Netze herein, wir stehlen uns ein Boot hier und rudern hinüber, wir stehlen das deine, Anton?« Sie waren schon im Gehen, er voran und sie hinterdrein, und alle miteinander hatten einen leichten Schritt. – »Jetzt glauben sie sicher, sie jagen mich«, lachte Odin innerlich. »Ach ja, ja, ich bin zu gar vielem gejagt worden.« Den Schiffern schenkten sie nicht einen Seitenblick. Die Arbeit ging ihnen willig von der Hand, alt und jung hatte den gleichen Eifer. Odin sah dies nicht, dazu war er selber viel zu sehr beschäftigt, aber so war es, und so sollte es sein. Das war es, was die Zusammenarbeit mit den Leuten so leicht machte: daß einer den anderen wärmte. Odin schob den Hut in den Nacken und holte Atem, sah dort und da nach, vergaß sich alle Augenblicke und überlegte und wandte sich dann wieder seiner Arbeit zu. So war es wohl die ganzen Jahre hier gewesen, seit er mit ihnen arbeitete: er brachte das Lied in ihnen zum Klingen, und der Rest gab sich von selber. Als sie das andere Großboot zu Wasser lassen, kommt Lauris dahergeschlendert, er scheint irgend etwas zu suchen, das er verloren hat. Odin redet ihn an, dämpft nach all dem Lärm die Stimme zum gewöhnlichen Gesprächston herab: »Du wolltest nicht mittun, hast du gesagt?« – »He! Nein, Geld will ich keines verdienen. Wenn er zu alt wird, dann ist er nicht mehr jung genug, sagte das Weib.« – »Das wäre nur ein Nimmersatt von einem Weib.« – »Ja, da hast du recht!« Lauris seufzte, friedlich und nachbarlich. – »Ja, richtig«, sagte Odin, »ich habe heute mit dem Besitzer des Netzes gesprochen, am Telephon.« – »So?« – »Alles in Ordnung! Er hatte übrigens schon davon gehört, hatte wohl auch ein wenig Angst gehabt. Aber nun ist's gut!« Ein kleiner Schatten, kaum zu sehen, fuhr Lauris über das Gesicht. – »Der hat den Mund nicht halten können«, sagten die Männer untereinander. – »Und jetzt hat er eins abgekriegt«, fügten sie hinzu. Odin hörte das nicht, aber er ging mit seinen Bubenaugen dahin, sie wechselten in einemfort die Farbe. Gleich darauf kamen Johan Grönset und Ola Engdalen und noch ein paar andere, im Sonntagsanzug und gleichsam, als hätten sie etwas vor. – »Da sind sie ja alle beieinander«, sagte einer. – »Die ganze Fabrikleitung, ja. Die Männer, die bei uns das Wetter machen«, lachten die anderen. Odin grüßte, Gesicht und Stimme voller Arbeitseifer: »Ja, ich habe nach euch geschickt, aber ihr kamt zu spät, ihr könnt nur noch den Sand auf die Tinte streuen. Wir haben an die Fabrik verkauft, zunächst einmal tausend Tonnen. Ja, seid ihr einverstanden? Zehn Kronen die Tonne. Fette Heringe, seht ihr, lauter Fett, alles miteinander, wir schmieren die Fabrik so ein, daß sie eine Zeitlang von selber geht, hm? Da füttern sich die Burschen selbst, solange dies dauert.« Er lehnte sich ans Boot und sah sie an, bis sie so wollten wie er. – Ja, sie könnten zwar nicht anders sagen, als daß dies wohl ganz gut bedacht sei, aber –. – »Na?« lachte Odin – »wenn es richtig bedacht ist, dann ist es wohl nicht so gefährlich, wenn auch ein oder zwei Aber dabei sind.« – »Aber der Disponent meinte gestern, daß – –« »Das war gestern, Junge. Heute sieht die Sache anders aus. Ein neuer Tag, ein neues Gesicht, das wißt ihr doch?« Die Fischer hatten den Atem angehalten. Aber jetzt war es überstanden. Die Leitung war der gleichen Meinung wie sie und Odin. »Diesmal haben sie sich umsonst in ihren Sonntagsstaat geworfen«, lachte einer und schlug eine Ruderdolle ein. Na, der Odin könne sich ja schließlich auch einmal verrennen, murrte einer. Trotz seinem Selbstvertrauen und seinem Mundwerk und allem miteinander. Ja, ja. Man würde ja sehen. In diesem Augenblick kam Odin zurück, er hatte die Männer ein Stück weit begleitet, und kaum war er wieder da, sah alles ganz anders aus. War es richtig bedacht, so war es auch richtig gemacht. Und etwas mußte man ja auch wagen. Die vier Männer, die heimwärts gingen, nahmen es auf die leichte Achsel. Sie waren doch erwachsene Leute. Odin hatte recht, das war das eine, und daß er ein wenig voreilig war, Herrgott, er war nun einmal so. »Das war mir eine schöne Beratung, zu der man uns da geladen hatte! Und du, Johan, du hast doch geschworen – –« »Ich, geschworen? Nein, jetzt lügst du! Und im Grund waren wir doch dabei und stimmten auch mit ab.« Sie lachten alle vier. Lauris schlenderte hinter ihnen her, am Ufer entlang, dann bog er ab und hielt auf ein Haus zu, das kürzlich errichtet worden war. Dort wohnte einer von den Fabrikarbeitern. Lauris erwähnte, daß sie nun bald Arbeit bekämen; er erzählte, was er wußte. – »Das wollen wir uns erst einmal überlegen«, meinte der andere. »Da müssen sie uns das geben, was wir verlangen. Oder es bleibt alles bis zum Frühjahr liegen und auch noch länger. Zu Weihnachten machen wir uns gründlich frei.« – »Woher doch! Ihr werdet das nicht zu bestimmen haben.« – »So–o?« – »Das werden der Odin und der Disponent entscheiden, wartet's nur ab!« – »Der Odin? Ja, ja, er ist zwar unser Mann . Aber trotzdem.« – »Ihr trottet doch dort hinterdrein, wo er vorangeht«, lachte Lauris. »Wie sich's auch gehört«, fügte er hinzu. – »Diesmal werden wir's uns aber doch überlegen. Wir lesen ja auch die Zeitung und wissen Bescheid; Schafe sind wir denn doch nicht.« – »Ja, Weisheit soll Reich und Land regieren, so steht es in der Heiligen Schrift. Ihr aber seid doch wie die Schafe, meistens. Bäh, bäh!« grinste Lauris. »Aber ich wollte ja etwas anderes sagen. Bäh, bäh«, meckerte er vor sich hin, wie er dasaß und überlegte. – – – Die Fabrik kam wieder in Betrieb, und die Heringe, die sie nicht verarbeiten konnte, wurden für neun Kronen die Tonne an die Schiffer verkauft. Die ganze Woche über wurde fest gearbeitet, so wie Odin es sich wünschte, vom frühen Morgen an bis in die späte Nacht hinein, und nie auch nur eine Stunde Stillstand. Ingri lächelte hinter ihm her, wenn er fortging, und lächelte ihm entgegen, wenn er kam, und einmal meinte sie, ob er sich denn ganz zu Tode arbeiten wolle. »Hältst du's denn daheim gar nicht mehr aus?« sagte sie. Er blieb stehen und lachte vor sich hin. »Ich hab' dir's ja schon einmal gesagt, Ingri, es ist nicht leicht, mit mir verheiratet zu sein; du hättest auf mich hören und mich in Frieden lassen sollen.« Sie lachte mit, aber sie hatte es nicht gern, wenn er in solchen Dingen Spaß trieb. Sie war so schlank, wie sie dastand, so fein und zart, man konnte fast nicht glauben, daß sie noch das Ende der Woche erleben würde; aber so war sie die ganzen fünfzehn Jahre gewesen, seit sie zusammenlebten. Sie ist von einer feineren und stärkeren Art als wir anderen, sagte er gerne. Und immer noch war es da, dieses junge scheue Blinken in den Augen, das er nie zu fassen bekommen konnte; oft stand sie vor ihm, als erwartete sie, daß er sie jetzt schlüge. – Man hatte sie bekommen, damit man behutsam mit ihr umging. – »Nein, du weißt doch, Ingri, bald werde ich mich aus dem ganzen Betrieb zurückziehen, und dann endlich wollen wir beide miteinander leben, du und ich. Aber ausruhen und feiern schmeckt so seltsam, wenn man so mittendrin steckt wie ich jetzt. Und dann muß es ja auch getan werden! Aber nächste Woche bleibe ich daheim. Du mußt eben den Anders bitten, daß er Holz für dich klein hackt, und mußt lieb und brav sein.« – »Das tut er schon von selber, er hackt schon das Holz, wenn er daran denkt.« – »Ja, ja, ja«, sagten sie alle beide, und so war es jeden Tag das gleiche, er eilte wieder hinaus. Mitten in all dem wurde ihm auf einmal bewußt, daß der Tag für sie lang wurde, wenn sie auch das Gegenteil behauptete, und da fühlte er brennend heiß, wie fremd sie einander doch waren. So sollte es sein, zwischen ihnen beiden; aber es fehlte nicht viel, dann wäre er auf einen Sprung nach Haus gelaufen. So war es die ganzen Jahre her gewesen, er hätte daheim sein mögen und wissen, wie es ist, sie zu sein. Endlich kam der Samstagabend, so daß er alles abwaschen konnte, was Hering und Arbeit hieß, er wollte nicht nur den Leib, sondern auch die Seele waschen, sagte er. Der Disponent kam zu ihm und wollte ihn auf dem Heimweg aufhalten, es gab wieder Unstimmigkeiten mit den Arbeitern, aber Odin wies ihn nur mit einem Lachen ab: er solle tun, was ihn gut dünke, fieren und wieder einholen, wie man es bei der Heilbutte machte, und gute Nacht und viel Glück dazu! 4 Am Sonntag war er zeitig auf, erledigte rasch ein paar Schreibereien und andere Dinge, die ihm als Bürgermeister oblagen, und dann wollte er seine freie Zeit ausnützen. Es hatte in der Nacht geregnet, so daß die Erde jetzt wieder schneefrei war, und Odin ging einen Sprung fort, auf sein Land hinaus, wie er es nannte, und sah sich dort um. Ingri hatte keine Zeit mitzukommen. Sie tat es sonst immer, obgleich sie sagte daß sie sich nichts aus dem Acker mache, es sei nur lustig zuzusehen, wie er alles anschaue. Rasch war der Hof nicht gewachsen, aber er war schön so. Und nun lag ein Moor da draußen und wartete auf den Frühling, hier konnte einer nach Westen zu die ganze Welt gewinnen, ohne Schaden an seiner Seele zu nehmen. Wenn Odin hier draußen war, drehte er sich gerne zum Hof um und betrachtete eine Weile die Häuser. Das Wohnhaus war klein im Vergleich zu vielen anderen in der Gemeinde, und namentlich im Vergleich zur alten Haabergstube, aber er hatte es ganz hübsch gemacht: es lächelte. Und die anderen Häuser lagen ringsherum und gehörten dazu, es konnte nicht anders sein. So mußte er es immer wieder sehen, sonst setzte sich in ihm der Gedanke fest, daß er ein Ungetreuer sei, daß er in der Gemeinde herumgewandert sei und sich mit unnützen Dingen abgegeben habe. Hier stand es und zeugte für ihn, blank und glaubwürdig. Er war wieder auf dem Weg nach Hause. Dort mußte doch der Sonntag zu finden sein. – »Willst du heute rauchen?« fragte Ingri. – »Ja, das will ich meinen, jetzt zünde ich mir die lange Pfeife an, die du mir geschenkt hast, und dann bin ich einmal eine Zeitlang ein richtiger Bauer. Ich habe meinen Hof angeschaut. Ich begreife jetzt, wie man ansehen kann, was man gemacht hat, und wie man sehen kann, daß es gut getan war. Jetzt will ich mich in die Stube setzen und Sonntag feiern wie andere Leute auch. Nichts denken und nichts tun, nur Zeitung lesen.« »Wenn du das nur könntest«, sagte sie. »Für dich bedeuten doch sonst Menschen und Lärm und Arbeit das Leben.« – »Nein, Ingri, Leben, das ist hier sein, allein hier, mit dir – – die Sorge solltest du dir sparen.« – »Ich?« – »Du, ja. Immer siehst du mir nach, gleichsam als solltest du mich verlieren, glaubst du nicht, daß ich das bemerke?« – Sie schüttelte den Kopf; dann lachte sie ein wenig vor sich hin; dann war sie wieder weit von ihm fort. – »Ich habe nie gewünscht, daß du anders sein möchtest, als du bist, Odin.« So klang ihre Stimme oft, als höre man sie hinter einer Wand oder als träume man. Er mußte die ganze Zeit doch verflucht weit von ihr weg gewesen sein. Und sein Leben hatte darin bestanden, all die Dinge zusammenzudichten, die hier in der Gemeinde geschehen sollten. – »Aber heute, Ingri, heute ist unser Tag. Wir haben doch viele gehabt, nicht wahr?« Sie errötete und sah ihn rasch und strahlend an: »Doch. Das haben wir.« Sie sah sich in der Stube um, betrachtete die Möbel, die Odin angefertigt hatte, und alles andere. Sie hatte mit den Dingen gelebt, Tag für Tag. Da hörte man etwas draußen auf dem Gang, irgend jemand, der eine Weile zögerte, ehe er anklopfte. Es war der Lehrer in der Gemeinde und der vorläufige Küster, der Silberfuchs , wie er genannt wurde. Er hieß Vikesylt und stammte aus dem Westland im Süden; seit einem Jahr war er hier oben. Lächelnd strich er sich über das dichte silbergraue Haar und grüßte breit und sanft: Er sei eben draußen umhergegangen, in diesem gesegneten schönen Wetter, und nun habe er sich die Freiheit genommen und sei hergekommen, obgleich er keinen besonderen Anlaß habe und auch nicht gut bekannt sei. Er sei nun einmal der Ansicht, daß er den Bürgermeister der Gemeinde in seinem eigenen Haus begrüßen müsse. »Und dann ist doch auch ein so herrliches Wetter, gerade als wollte einen die Natur aus all der qualmigen und ungesunden Stubenluft zu sich herauslocken.« – »Und dann zu mir herein?« lachte Odin. – »Ja, du machst ja immer einen Spaß« – ungebeten setzte er sich hin, und Ingri und Odin beeilten sich, ihn zum Platznehmen aufzufordern. Der Silberfuchs hatte sich in kurzer Zeit zu einem großen Mann in der Gemeinde gemacht. Anfangs waren die Leute ein wenig erstaunt über ihn, sie lachten und äfften ihn nach, er aber schritt groß und sicher und sanftmütig unter ihnen einher, hatte seine Berufung zu erfüllen, und das war keine geringe. Er wollte die Jugend erwecken. Odin war geradeswegs zu ihm hingegangen, um sich zu erkundigen, wozu die Jugend erweckt werden sollte. Der Mann sah ihn tiefsinnig an, mitleidig und erstaunt zugleich, und fing geduldig an, ihn aufzuklären. Soweit Odin aus der langen Antwort klug wurde, sollte die Jugend zu fast allem erweckt werden, angefangen bei der Liebe zur Erde, bis zur Verachtung alles dessen, was von der Erde gekommen ist. Odin hatte sich nicht weiter damit abgegeben. Der Lehrer war ein seltsamer Kauz, und irgend etwas Gutes war sicherlich an ihm. Am liebsten aber ging Odin ihm aus dem Weg. Er war ihm zu fremd. Ingri ging mit einem verschmitzten Lächeln in die Küche, denn Odin sah aus, als habe er sich in die Zunge gebissen. Und der Silberfuchs redete. Nach und nach erfaßte Odin sein Anliegen, denn daß er eines haben mußte, war doch klar, so einer suchte jemand doch nicht ohne jeden Grund auf. Es handelte sich um die Fabrik. Ja–a, das sei nun schön und gut, daß sie wieder in Betrieb sei, und noch besser, daß die Leute wieder etwas zu tun bekämen, denn Müßiggang sei aller Laster Anfang, ohne Zweifel. Man war Odin großen Dank dafür schuldig. Und er für sein Teil gehöre auch zu den Arbeitern. »Genau so wie du«, fügte er hinzu, »aber die Bauern, der norwegische Bauer, der sie sozusagen bezahlen muß – ich habe mit mehreren gesprochen, die der Meinung waren, daß es recht hart sei in diesen schweren Zeiten, diese letzte Lohnerhöhung.« – »Ja, richtig, du hast ja bereits Aktien, wie ich hörte?« – »Aktien, sagst du? Nein, was Aktien betrifft, so weiß ich mich frei von aller Schuld.« Odin saß da und betrachtete ihn und hatte seine kleine Freude dabei: – Den Sonntag hast du mir genommen, Mikkel Mikkel: Reineke Fuchs. , aber nicht meine Sonntagslaune. – »Du hast also nur eine Aktie?« sagte er. »Ja, gleichgültig, was ich habe oder nicht habe, so verkenne ich doch durchaus nicht, daß man weit vorausschauen muß, daß man alle Dinge gleichsam mit Fernblick und mit Weitblick in Betracht ziehen muß. Aber davor haben sie Angst, viele in der Gemeinde, und ich kann mir nicht verhehlen, daß, wenn wir so weitermachen wie bisher und den Arbeitern eine Zulage um die andere bewilligen und wer weiß, was noch alles –« »Du bist ein schlauer Kerl. Aber du solltest dich lieber um die Verkündigung der Heiligen Schrift und um Erweckung und solche Dinge kümmern.« »Ja, spotte du nur! Ja, mein geringes Werk ist nicht groß, nach außen hin; aber das wage ich offen zu sagen, daß ich nach meiner Überzeugung wirke und in der Richtung, die mir meine Lebensanschauung vorschreibt – – ja, du hast auch eine Lebensanschauung, oder eine Lebensauffassung? Du sollst mir Antwort darauf geben, Odin! Denn die Jugend verlangt Klarheit in allen Dingen, so daß wir also wissen dürfen, wo du stehst. Die Jugend und die Zeit verlangen Klarheit. Der klare Gedanke ist es, der die Welt regiert.« »Ja, das glaube ich gern. Da doch alles so gut geht.« »Ja, gut ist ja nun ein relativer Begriff, das heißt, es ist so, wie man es nimmt. Aber du verstehst mich –« Ingri kam wieder herein, und Vikesylt wandte sich ihr zu: »Ich habe so großes Vertrauen zu deinem Mann. Daß er ein Idealist ist, gleichgültig, was er tut und was er sonst sagt – innerlich gleichsam.« – »Ja, meinst du, das wüßte ich nicht«, erwiderte sie lächelnd. Odin konnte sehen, sie wunderte sich darüber, daß er diesem Burschen nicht die Tür wies, er hatte doch schon gar manchen hinausgeworfen, der auch nicht schlimmer war. Da überfiel sie das Lachen, packte sie, ohne daß sie sich wehren konnte: »Idealist, innerlich, haben Sie nicht so gesagt?« Vikesylt lachte mit, schlau und verlegen. Die Wangen hingen ihm wie leere Beutel an den Mundwinkeln herab, die Augen verloren den Glanz und zogen sich in den Kopf zurück. Nach und nach kam das Kind in allen Zügen zum Vorschein. Jetzt erst war er der Silberfuchs. – »Ach richtig: ich sollte dich ja von deinem Vater auf Segelsund grüßen, ich war gestern dort.« Ingri wurde rot, und ihren Nacken durchlief ein leises Zucken. – »Dein Vater ist ja eine große Stütze und Hilfe auf Segelsund geworden, seit er dorthin kam! Wie lange ist es nun her, seit er dort ist? Ich glaube, bald ein Jahr. Die Zeit vergeht so rasch, ist einfach nicht aufzuhalten. Ja ja, ja ja, so ist es. Ja–a. Und jetzt gedenkt er wohl, sich hier niederzulassen, nicht wahr? Ja, er hat bereits eine gute Position, ist sich wohl ganz klar über seinen Weg.« Odin fragte, ob Vikesylt mit ihm gesprochen habe? – Doch, ganz richtig, er habe mit ihm gesprochen und noch dazu gar nicht so wenig. Auf einmal wird er munterer und fragt: »Er ist im Süden unten gewesen, so hat er, glaub' ich, gesagt?« Ingri sieht ihn starr und wehrlos an. Vikesylt ist die reine Treuherzigkeit: »Mir war's, als hättest du das einmal gesagt? Oder hat er das vielleicht gesagt?« »Ja, er war eine Zeitlang im Süden.« »Geschäftlich, war es nicht so?« »Ja.« In demselben Augenblick sah sie Odin an. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht, rann fort und überflutete sie wieder. Odin lächelte ihr zu, die Brauen lustig hinaufgezogen, und wandte sich an den Silberfuchs: »Er war Geschäfte halber in der Hauptstadt.« Wiederum schoß die Blutwelle über Ingri hin. Sie mußte sich an den Tisch lehnen, und so blieb sie stehen, bis Vikesylt ausgeredet hatte und endlich Abschied nahm und ging. »Daß er wirklich soviel Verstand hatte und fortging«, sagte Odin lachend, als er draußen war. »Das war so richtig eiserner. Es gibt viele solche, Ingri. Die Welt ist trotzdem rund. Hm?« Da fragte sie: »Hast du das die ganze Zeit gewußt, Odin? Daß der Vater eine Strafe abgesessen hat? Und nie hast du davon geredet?« »Nein, warum sollte ich auch? Es ist trotzdem unsere gemeinsame Sache – – es geht uns doch beide an.« »Aber daß ich es sagen konnte, Odin, daß ich log!« »Ach: es war ja nur der Silberfuchs .« »Du hättest die Wahrheit sagen sollen, du, Odin! Um deiner selbst willen.« »Du warst so seltsam, wie du dastandest, ich konnte nicht anders, als dir helfen. Und dann war's ja auch nur der Silberfuchs!« Er umfaßte sie und zog sie mit sich hinaus ins Freie. – »Die Wahrheit sagen«, meinte er, »das ist wohl ganz schön und gut, aber es gibt doch größere Dinge, die man verteidigen muß. Denken wir nicht mehr daran, Ingri. Bei mir kommt's oft vor, daß ich so ein bißchen lüge, und das schlimmste dabei ist, daß ich eigentlich nicht immer dazu gezwungen bin – nun, jetzt habe ich das wohl beinahe überwunden.« »Wenn es nur nicht am Vater ausgeht!« Sie hing ihren eigenen Gedanken nach und hatte seine Worte kaum gehört. – »So glücklich, wie er jetzt ist!« sagte sie. »Und ist doch früher unglücklich genug gewesen – er war immer so gut gegen mich. Glaubst du, daß es aufkommen wird, Odin? Denn das darf es nicht, hörst du!« Nur die Mina auf Segelsund wisse darum, und mit der wolle er reden. »Denn dann habe ich nicht nur den Vater, sondern auch dich in Schande gebracht – – und das könnte ich nicht aushalten!« »Pah! Dafür werden wir wohl immer einen Rat finden. Siehst du nicht, wie schön es hier ist? Ringsum!« »Nein. Nein, dazu bin ich jetzt nicht imstande, Odin. Für mich hat jetzt alles seine Farbe verloren.« Er tröstete sie und nannte sie ein kleines dummes Ding, und es sah fast so aus, als käme sie wieder zur Ruhe. Und dann standen die Berge da und lächelten ihnen mit verschneitem Gesicht zu, und ebenso schauten der Waldrand und die Wiesen und der See und die hellen Wolken sie an. – »Nie ist der Tag so weit, Ingri, als wenn du mit mir draußen bist.« Er nahm ihre Hand und stand eine Weile still. Da sagte sie: »Aber daß ich es sagen konnte! – – Ich hätte nie heiraten dürfen. Ich wußte doch, daß es falsch war.« 5 Gegen Abend zog Odin sich an und ging nach Segelsund. Er sah ein Aufleuchten in Ingris Gesicht, als er sich auf den Weg machte, und da erst wurde er sich voll und ganz bewußt: mit dieser Sache hier mußte er zurechtkommen, er mußte sie darüber hinwegtragen, sonst ging ihnen alles schlecht hinaus. Na ja, er würde bei Mina schon bis zu ihrem wahren Menschen vordringen, und dann war er ja gerettet. Das war es ja im Grunde, was er stets getan hatte, er war immer bis zum Menschen in den Menschen vorgedrungen; hatte er sie erst einmal so weit, dann konnte er sich auf sie verlassen. Er mußte erst dasitzen und Kaffee trinken, ehe er Mina unter vier Augen sprechen konnte, und dann war sie es, die ihn mit sich zu kommen bat. So war es häufig, wenn er von jemand etwas wollte, das hatte er schon oft beobachtet. Drinnen im Arbeitszimmer saßen sie einander gegenüber. Sie hatte den Zwicker aufgesetzt. – »Du weißt, um was es sich handelt«, sagte sie – »und deshalb bist du auch gekommen, mach mir nur nichts anderes weis.« – »Ihr meint den Konsumverein?« – »Ja, mach du jetzt nur keine Geschichten, Odin, dazu bist du zu gut. Der Konsumverein, es war doch nicht deine Absicht, hierherzukommen und uns zu bitten, mit dem Handel aufzuhören?« – »Nein, nein; wir können ja den Fäustling hinwerfen, wißt Ihr, oder den Handschuh; wir können ja alle Handelsleute hier in der Gegend wegkonkurrieren. He?« Mina wuchs in die Höhe, mit heißen Wangen und sprühenden Augen: »Um keinen Preis! Niemals! Du hast sie alle miteinander auf deiner Seite, und klein sind sie, aber das hier? Nein !« Er sitzt da und sieht sie ganz offen an. Ab und zu lächelt er ein wenig, mit den Augen oder mit dem Mund, ihr ist, als durchschaue er sie ganz und gar, und dies noch dazu, obwohl er an vielerlei Dinge denkt. So muß sie ihm schon einmal eine peinliche Minute lang gegenüber gesessen haben. – »Nein, das war die Muhme Aasel!« sagte sie auf einmal. – »Aber kannst du es denn nicht hinausschieben, Odin? Noch ein paar Jahre?« – »Das kann ich nicht, nein. Es liegt hier und wartet.« – »Das wirst du uns doch nicht antun, so bist du doch nicht, Odin?« – »Nein, nein. ›Ich bin geneigt, dies zu glauben‹, wie der Silberfuchs sagt.« Er sah auf die Uhr und dachte dabei sogar daran, daß dies eine Bürgermeistergewohnheit sei, so auf die Uhr zu sehen, wenn man sich etwas überlegen wolle. – »Nein, diesmal hatte ich eigentlich etwas anderes vor. Es handelt sich um Euren Mann.« – »Ja?« – »Ja? sage ich auch.« – »Du siehst es jetzt doch ein, Odin, daß er Disponent der Fabrik sein sollte?« – »Nein, im Gegenteil! Laßt uns nicht vom Weg abkommen. Ihr glaubt doch selber nicht, daß er der richtige Mann dazu wäre.« Er sah, wie ihre Wangen grau wurden und wie sie ihm innerlich recht gab; er lachte, aber er war seiner selber herzlich überdrüssig: »Ja, es ist hart, auch ein Mensch zu sein, manchmal. Aber es macht trotzdem Spaß. Nein, ich wollte mich erkundigen, ob er nicht die Leitung des Konsumvereins übernehmen wollte, wenn er zustande käme.« Mina saß da und ließ sich Zeit. – »Ja, so«, sagte sie. »Ja, ja. Ich werde einmal mit ihm darüber reden.« – »Tut das, seid so gut. Aber laßt mich die Wahrheit sagen, dann lüge ich nicht. Ich hatte heute abend ein anderes Anliegen: ich wollte Euch um Ingris willen um etwas bitten. Sie würde es sich verflucht zu Herzen nehmen, wenn die Geschichte mit ihrem Vater in der Gemeinde herauskäme.« – »Glaubst du, daß ich ein Klatschweib bin?« – »Nein, dann säße ich nicht hier. Aber ich dachte, wenn die Leute Euch ausfragen? Nun, ihr beide seid ein wenig aus der gleichen Sippe; wenn auch entfernt, und Ihr wißt, wie empfindlich Ingri ist.« Mina streichelte ihre Hände und sah sie an. Sie waren immer noch so jung wie früher, lang und schmal und weiß. Dann blickt sie auf und weiß keine Antwort. – »Könnte man es nicht so hinstellen«, meinte Odin, »daß er Geschäfte halber in der Hauptstadt war?« – »Es wird wohl nichts anderes übrigbleiben. Aber sie wird das nicht wollen.« – »Ich erst recht nicht!« lachte Odin. »Das ist es, was mir das ganze Leben so verekelt, daß man so vieles tun muß. Daß man um das Schlimmste herumgehen muß, bisweilen. Aber um ihretwillen tue ich es gern.« – »Ach ja, das Leben!« seufzte Mina. – »Nein, sagt nichts über das Leben! Denn das Leben ist das beste, was wir haben. Das Leben soll so sein, wie es ist. Aber Ihr wißt ja, wie empfindlich Ingri ist, was für ein merkwürdiges Verhältnis zwischen ihr und dem Vater besteht.« Odin erhob sich und Mina stand gleichzeitig mit ihm auf und gab ihm die Hand: »Auf mich kannst du dich verlassen.« – »Danke! Ich weiß es.« – »Dann kommt er wohl schon bald zustande, dieser Konsumverein?« – »Nein, so schnell geht es mit solchen Dingen nie. Da muß ich erst noch vieles erledigen.« – »Ja«, seufzte sie, »es ist nicht leicht, viele Köpfe unter einen Hut zu bringen.« – »Ja, aber es ist doch auch wieder lustig, oft, hm?« – »Für dich, ja. Für dich ist die ganze Geschichte nur ein Tanz.« Sie sah müde aus, eine kleine verwitterte Blüte. Er fühlte Lust, ihr über die dünnen Wangen zu streicheln, wo die krausen Haare ganz leicht grau wurden. Er tat es, ehe er sich's versah: »Nur Mut! Auf einmal wendet sich das Blatt wieder, Ihr werdet sehen!« »Ja, du Odin!« In der Stube drüben trafen sie Ola Haaberg, der gerade kam und seinen Kaffee haben wollte, und Bonsach Arnesen, Ingris Vater. Arnesen war immer der gleiche, wenn Odin kam, er stand da und wollte fortgehen, kam aber nicht vom Fleck; kaum drehte Odin sich weg, sah Arnesen zu ihm hin, und erst nach und nach versuchte er ihm in die Augen zu schauen. Er war ein großer und feingebauter Mann, mit scharfen Gesichtszügen, aber weichen Augen. Als Odin mit ihm über Ingri redete, wurde er rot wie ein Kind, und gleich darauf ging er hinaus. Ola trank seinen Kaffee aus und wollte wieder in seine Kammer gehen, und Odin verstand dies so. als sollte er mitkommen. Drinnen blinzelte Ola ihm verstohlen zu: er habe etwas anzubieten. Keinen hausgebrannten Schnaps, nein, woher doch, sondern rechtfertige Dinge – »nein, wahrlich, mich haben sie mit ihrem Gesetz nicht wie einen Dieb in der Nacht überfallen, ich habe rechtzeitig vorgesorgt! Aber trinkst du wirklich solches Zeug, Odin?« – er sprach leise, damit niemand es hören sollte. – Ja, Odin konnte dies nicht leugnen. Mochte doch der neue Küster statt seiner enthaltsam sein, wenigstens eine Zeitlang. – »Ah, du bist ein schlauer Kerl, Odin, hm, hm! Du bist mir allzu schlau.« Sie saßen eine Weile beieinander und unterhielten sich. Da klopfte es an die Tür, und schon war die Flasche verschwunden. Es war der Vorstand des Arbeitervereins, Engelbert Olsen, er hatte gehört, daß Odin hier sei. Engelbert hatte nacheinander ein paar Höfe besessen, hatte dann den Kramladen in der Haabergbucht geführt, und jetzt arbeitete er in der Fabrik. Glück hatte er nicht viel gehabt, aber er besaß einen guten Kopf und einen frischen Mut. Er und Odin waren gute Kameraden gewesen, und Odin hatte ihm verschiedentlich geholfen. – Auf einmal stand die Flasche wieder auf dem Tisch. – Nein, danke, Engelbert wollte nichts haben. – »Aber so etwas!« – Nein, er sei enthaltsam, um der Arbeiter willen, denn die hätten es nötig. »Ich mache es nicht so wie der Odin«, fügte er hinzu. – »Ja, dann kriegst du auch nichts mehr, Odin«, lachte Ola, »ihr könnt ja mit eurer Politik dasitzen. Die Menschen werden so schlau! Ich ziehe jetzt bald meine Schuhe aus und schleiche mich ins Wasser. Ich bin schon überall herumgegangen und habe Abschied genommen. Dann könnt ihr dasitzen und schlau sein, zum Wohl!« Odin schaute auf die Uhr, er wollte heim. Es war ihm nicht recht, daß er jetzt hier saß. In diesem Augenblick fiel Ola auch schon über ihn her: »Wie kannst du nur immer so von deiner Frau weggehen? Abend für Abend bist du weg! Sie ist doch auch ein Mensch!« – »Ja, hätte ich sie nicht!« lachte Odin – »um ihretwillen könnte ich noch zum Dieb und Spitzbuben werden!« – »Warum hast du ihren Vater nicht zum Disponenten in der Fabrik gemacht?« sagte Ola, »ach richtig, er war ja noch nicht aus dem Süden heimgekommen, hm, hm!« Engelbert wachte auf und fragte, was denn dieser Arnesen für ein Mann sei und was er denn im Süden unten getrieben habe? Ola ließ seine Blicke auf ihm ruhen, tat aber so, als habe er seine Frage nicht gehört. Er wandte sich wieder Odin zu und taute immer mehr und mehr auf: »Oh, ich weiß, mein Junge, ich weiß gar vieles. Aber ich schweige; ich bin stark wie ein Bär. Du sagst, du könntest deiner Frau zuliebe zum Dieb und Spitzbuben werden? ›Auch deine Seele soll ein Schwert durchbohren‹, hab nur keine Angst. Ihr Vater, zum Teufel, was willst du denn mit ihm?« wendet er sich an Engelbert. »Frag die Mina, die weiß es!« – Odin wurde es immer unbehaglicher zumute, bei jedem Wort, das hier gesagt wurde, ihm war, als stünde ihm noch mancherlei bevor. Jetzt aber versuchte er Engelbert von Ola abzulenken; er sprach vom Konsumverein. – »So nach und nach tröpfelt es jetzt herein.« – »Das ist wohl ganz schön und gut«, meinte Engelbert, »aber es kommt eben doch sehr darauf an, von welcher Seite es kommt. Wenn die Arbeiter mittun sollen, dann müssen sie die Macht haben. Der Leiter muß aus ihrer Mitte gewählt werden, das ist die erste Bedingung.« Engelbert versuchte Odin in die Augen zu sehen, immer und immer wieder, und schließlich wurde er ganz böse auf ihn, weil es ihm so schwer fiel. – »Den Leiter, den habe ich bereit, aber wozu sitzen wir hier und reden«, er stand auf und schlug Engelbert auf die Schulter, so daß er zusammenknickte: »Jetzt gehen wir!« Engelbert kam mit. Ola trank sein Glas aus und kam an die Türe nachgestolpert, versuchte die anderen um jeden Preis aufzuhalten. – »Wie kann man die Leute nur so stramm halten!« sagte er, »ja, ich meine nicht nur dich«, – er versetzte Engelbert einen Stoß in die Seite – »er hält sie doch alle am Zügel. Wie hast du es zum Beispiel mit den Heringen gemacht? Du selber hast verkauft, und gekauft hast du auch selber, und trotzdem stieg der Preis so blödsinnig hoch.« »Kindergeschwätz!« sagte Odin. »Überall kleine Kinder, wo man sich hinwendet.« Dann fügte er einige Worte hinzu, daß die Fabrik die Schiffer gezwungen habe, das zu bezahlen, was sie bezahlen sollten, dies hielt er für ein gutes Werk. Ein paar Kronen mehr für die Tonne. Ola tat, als sei er entsetzt. »Wenn du jetzt lügst, dann ist es schlimm. Lügst du aber nicht, dann ist es noch schlimmer. Und der Lauris, der ist der Allerschlimmste von allen miteinander – – ich will einen Brief hinterlassen zum Schluß. Einen, der dir helfen soll, wenn sie deiner Herr werden wollen, Odin, hihihi!« Sie verabschiedeten sich und machten sich ans Fortgehen. Engelbert wollte zum Jugendheim auf Lauvset gehen, so daß sie ein Stück weit den gleichen Weg hatten. Odin schritt rasch aus, und es wurde nicht viel geredet zwischen den beiden. Die Luft war kühler geworden und strich dem Gesicht mit einem ruhigen frischen Zug entgegen. In ihr war kein Verrat. So konnte es einem manchmal entgegenwehen, mit neuer Luft über der ganzen Gegend und mit einem neuen Atemzug. Und Sterne und Himmel und Berge und Felder stimmten bei. – »Mögen sie doch reden und sich gebärden, soviel sie wollen«, sagte er, ohne sich dessen bewußt zu sein, – »es kann uns nichts anhaben. Es kann uns nichts anhaben, außer wir wollen es, Ingri – na! – Gehe ich zu rasch? Ja, du mußt dich dazuhalten, ich will jetzt heim. Und so feines Wetter jetzt, nicht wahr – man spricht von dem, was ewig jung ist! So, du willst heute nacht tanzen? Ja, freilich; ich sollte eigentlich auch dabei sein. Nun ja, gute Nacht also und viel Vergnügen!« Odin fühlte, als er dem anderen die Hand reichte, daß er Engelbert noch auf seiner Seite hatte, fühlte es wie eine klare und gute Wahrheit. So daß ihn fast die Lust zum Singen überfiel. Anders stand draußen, als er heimkam. Er stand still auf dem Hofplatz, so wie junge Menschen manchmal stehen können, Odin aber war es, als würde es dadurch doppelt still zwischen den Häusern. – »Wartest du auf mich?« sagte er. Nein, das tat Anders nicht. Er blickte auf. Tief und ruhig war sein Blick, Odin schrak fast darüber zusammen. So hatte einen auch die Großmutter angesehen. »Die Mutter wartet wohl auf mich?« »Ich weiß nicht. Sie meinte vielleicht, du seist ins Jugendheim gegangen.« »Ach du, Anders!« lachte Odin, er ging rasch hinein. »Das hast du nicht geglaubt!« sagte er zu Ingri, »daß ich zum Tanzen hinübergegangen sei?« »Nein«, lächelte sie, die Augen voller Glück, – das Glück, das auf der Angst schwimmt, dachte er. »Hast du den Vater gesehen?« fragte sie. »Freilich, ich soll dich grüßen, und auch von der Mina. Und die Mina hat mich verstanden, du kannst ruhig sein, Ingri. Ach, ich wünschte, es wäre schwer, dich trockenen Fußes hinüberzutragen – aber warte nur ab!« Einen Augenblick flog Angst über sie hin, eine große glückliche Unruhe: »Sag so etwas nicht, Odin!« 6 Als Vikesylt aus Odins Stube hinaustrat, stand er eine Weile da und hielt leise witternd Umschau. Dann nahm er den Stock und ging und kehrte bei Lauris ein. Hier trat er noch stiller auf und ließ die Augen noch ehrfürchtiger über die Wände gleiten: »Ach, wie gemütlich!« seufzte er. »Nein, ich fühle mich jetzt so, wie ich mich immer gefühlt habe, und wie ich auch zu euerm Nachbarn sagte: Ich bin ein Bauer, sagte ich. Bauer. Es liegt viel in diesem Wort, und noch viel mehr, je tiefer man sich hineingräbt und grübelt. Selbstverständlich. Denn darüber muß man sich klar sein und darf es nicht übersehen, daß eine Kluft ist, sozusagen, zwischen Bauer und Arbeiter, sie sind zwei Gegensätze, geradeheraus gesagt, ja, das ist nun also meine geringe Meinung über die sozialen Verhältnisse hier im Lande.« Er redete lange und über viele Dinge, und mitten drin geriet er in Erstaunen über den Konsumverein: sollte nicht der Arnesen dort Leiter werden? Odins Schwiegervater? Denn der war ja Geschäfte halber in Kristiania gewesen, soviel seine Tochter erzählt hatte – er war wohl lange dort, nicht wahr? Und er war ein ordentlicher Mann, es war Christenpflicht, dies zu glauben. Dann redete er von den Bauern und der Fabrik und dem ganzen Lohnkampf dort, es sei kein kleinerer Kampf als der zwischen Aristokrat und Demokrat, so daß jeder sich dorthin stellen müsse, wo er hingehöre. »Und da wäre dein Mann so ungefähr der Führer der Bauern und der Vertreter der aristokratischen Lebensanschauung!« sagte er und gab Astri die Hand zum Abschied. Er löste sich in blanke Hochachtung auf und ging. »Tölpel!« murmelte Lauris. – »Ja«, sagte Astri. Aber sie blieb lange in Gedanken versunken, stand da und strich mit der Hand über den Stuhlrücken. – »Ja, ja, so ist es wohl«, meinte Lauris. – »Was?« fragte Astri. – »Ja, ich bin ganz deiner Meinung.« – »Daß nun eine Versammlung einberufen werden muß? In der Fabrik?« – »Generalversammlung, ja, eine außergewöhnliche: verflucht noch einmal! Wie der alles verfahren hat.« – »Du mußt vorher erst ein wenig mit ihnen reden. Es ist nicht zu früh, wenn sie merken, daß du auch noch da bist. Aber darüber, daß er das Netz am anderen Ufer eingezogen hat, darüber darfst du nichts sagen.« – »Ah! Glaubst du, ich bin ganz auf den Kopf gefallen?« – »Und von der Geschichte mit Ingri und ihrem Vater sagst du auch nichts – wir wissen es nicht, Lauris. Denn du sollst den Leuten genau so in die Augen schauen können wie er, sollst einem jeden in die Augen schauen können, dem du begegnest.« – »Ja, hör jetzt nur auf, ich weiß, was ich will und was nicht! Weibergeschwätz.« – »Still doch, Lauris. So etwas sagt man nicht. Aber ich muß offen gestehen, das hätte ich nicht von der Ingri geglaubt. Nun, es ist wohl auch nicht so leicht für sie. Wenn die beiden es unbedingt so weit in der Gemeinde bringen wollen.« Astri ging umher und biß sich dabei auf die Lippe, sie rückte die Blumen am Fenster zurecht und schob auch sonst alles auf einen anderen Platz. – »Da ist nichts zu machen«, sagte sie ein paarmal. – »Was meinst du damit?« – »Man kann zu so vielem gezwungen werden. Sich in dieses Geschwätz hineinzumischen – ich glaubte, damit würden wir verschont werden. Aber daß dieser Disponent fortwährend seine rechte Hand sein soll! Daß Odin auch so blind sein soll?« – »Ja, du hast recht.« – »Ja, meinethalben können sie uns ja gerne von allem ausschließen, was in der Gemeinde vor sich geht. Aber wenn sie gar nicht sehen wollen, wohin das führt, wenn sie sich alle miteinander zu Pack und kleinen Leuten machen!« – »Ja, er hat gearbeitet, der Odin«, lachte Lauris. Er ging gleich nach Mittag fort und kam noch später heim als Odin. Er war an vielen Plätzen gewesen. Auf dem Heimweg kam er an Lauvset vorbei, und dort traf er Engelbert und ging ein Stückweit mit ihm. Engelbert redete immer ganz offen, man sollte hören, was er meinte, und dann auch mit der eigenen Meinung herausrücken, und am liebsten hatte er, wenn sie sich's überlegten und ihm recht gaben. Auf Lauris war er böse, denn der war in allem Bauer und Gegner, und es war selten eine ordentliche Antwort aus ihm herauszubringen. Heute abend zog Engelbert schwer gegen die Bauern los. Die Bauern seien vieles, was nicht gut sei. Vor allem aber seien sie Wursthäute, in die die Arbeiter unentwegt hineinstopften, und doch würden sie nie voll, denn man hätte vergessen, sie unten zuzubinden. Sie seien zehnmal schlimmer als die großen Herren in der Stadt. Jetzt aber würden die Bauern bald selber ihre eigenen Würste stopfen, sagte Lauris. »Täten wir, wie sich's gehört, dann würden wir jetzt die Fabrik niederreißen und die Gemeinde von dem ganzen Gesindel säubern.« Engelbert wunderte sich über solche Worte von Lauris. Er freute sich. – »So, so, da bläst jetzt wohl ein frischerer Wind? Gott gebe es! Dann wollen wir uns um die Wurst raufen. Aber du, Lauris, du bist nur eifersüchtig auf den Odin. Du weißt ja, nun ist er Bürgermeister geworden, und – ja, das Strandrecht hat er dir auch weggeschnappt. Und die Fabrik im Betrieb, mitten vor deinen Augen – mit ihm wird man schwer fertig! Außerdem hätte er nicht mehr als sieben Kronen für die Tonne mit Heringen erreichen können, wäre nicht die Fabrik gewesen. Das ist ärgerlich, nicht?« – »Ach Unsinn!« sagte Lauris. – »Nein, kein Unsinn, es ist wahr; er hat es selber heute abend gesagt.« »Wenn's darauf ankommt, werden wir ja sehen, ob du dich noch daran erinnerst.« »Ich glaube fast, der Odin steht schon für sich selber ein, jetzt wie früher.« Lauris räusperte sich ein paarmal; dann sagte er, der Odin habe es gut verstanden, die Leute an der Nase herumzuführen. – »Fängst auch du damit an?« erwiderte Engelbert, er war ganz verdutzt. »Glaubst du wirklich, er führt mich auch an der Nase herum?« – »Nein, bist du verrückt?« grinste Lauris. »Im übrigen, Engelbert, es macht Spaß, mit dir zu reden. Wir werden uns schließlich noch ganz gut vertragen.« Still und verdrossen ging Engelbert weiter. Lauris' Worte verfolgten ihn, von einem Baumwipfel zum anderen, von einem Erdhügel zum anderen; er war höchst unzufrieden mit sich. – In der Zwischenzeit saß Astri daheim. Sie dachte nicht, so schien es ihr, sie sah zurück, gar manches kam ihr in den Sinn und zeigte sich ihr und stand bis auf den heutigen Tag noch lebendig vor ihr. So konnte es in letzter Zeit oft mit ihr geschehen und besonders, wenn Lauris weg war. Oft, wenn sie so dasaß, konnte sie ihn sehen, von allem Anfang an, zuerst sein verschlossenes Gesicht und dann den ganzen Mann. Dann durchlief sie wieder dieses Beben, so wie sie es früher durchlaufen hatte; sie wußte, sie hätte es ebenso empfunden, wenn sie ein Kind gewesen wäre und sich mitten in der Nacht im Wald verirrt hätte und wenn sie gerade den Weg, vor dem sie sich am meisten fürchtete, hätte gehen müssen. – Sie riß sich los und sah ihre ältesten Buben vor sich. Peder und Arne, der eine so wie er und der andere so wie sie, und trotzdem waren sie etwas anderes und noch mehr als das, jeder für sich. »Sie waren es, die ich liebte«, sagte sie; »ich wußte doch, daß ich sie bekommen würde.« Es tat gut, dies sagen zu können, es so sehen zu können, wie es wirklich war. Mitten drin tauchte Odin auf, ein junges und lächelndes und starkes Gesicht. Sie sah ihn ruhig und genau an, und bisweilen lächelte sie zurück: »So ist's recht, so ist's recht, mach nur so weiter, vorwärts, immer vorwärts! Bald verrennst du dich und steckst fest. Dann erst kommt meine Zeit, dann kommt unsere Zeit!« Dann war Lauris wieder da, und jedesmal war er mehr so, wie sie ihn haben wollte. Und stets war er so, daß sie dieser kalte Schauer überlief. War der Mann, den sie haben mußte. – Aber jedesmal stand er hinter Odin, und anders konnte es wohl nicht sein. Jetzt sah sie Odin, wie er seinerzeit hier baute. Er hatte eine unerhörte Arbeit auf sich genommen, aber er brachte sie doch zuwege; und je schwieriger es ging, desto froher wurde er. Oder vielleicht: ihm wurde nichts schwer, es gab sich alles von selber. Und in jener Zeit war Lauris nicht mehr wert, als daß er sich ihm in den Weg stellte. Odin wußte darum, und trotzdem nahm er die Hilfe an, als sie kam, und war froh; Astri zuckte heute noch zusammen, wenn sie daran dachte. Dann kam der Streit hier in der Gemeinde, wegen des Altersheims und der Bank und der Aufteilung des Kreises und des Weges und allem miteinander, und nun zum Schluß die Fabrik, und Odin, der junge Kerl, der wie ein Sturmwind darüber hinfegte und alles zuwege brachte. Aber den Lauris kannte keiner. Und jetzt kam er. Sie saß da und sah ihn still an, als er eintrat und als er seine Joppe über den Stuhl warf; sie konnte es ihm nicht abgewöhnen; jedesmal machte er es so, wenn er hereinkam; sie sah ihn an, während er sich an den Tisch setzte und zu essen anfing. Er blickte sie an, ein paarmal, und dachte an seine Angelegenheiten, unerschütterlich, wie er zu sein pflegte. – »Was sagen sie nun also, die Leute?« fragte sie endlich. – »Wo sind denn die Buben?« – »Sie sind schlafen gegangen. Peder war einen Sprung im Jugendverein.« – »Was die Leute sagen?« murmelte er. »Ach, sie fangen allmählich an, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, einige unter ihnen.« – »Das ist auch nicht mehr zu früh. Haben sie irgendeine Zeit festgesetzt? Für die Versammlung, meine ich?« – »Ach ja, das auch. Mittwoch abend soll sie sein, wurde verabredet.« Astri wurde schimmernd rot. Sie war sonst meistens blaß. Ein paarmal zuckte es in ihren Brauen, wunderbar fein, und die Augen bekamen einen starken, freien Glanz: »Dann sollst du vortreten und zuschlagen, daß es einmal ausgibt!« Lauris tat einen Zug aus seiner Milchschüssel, war mit dem Essen fertig und suchte sein Rauchzeug hervor. – »Soviel braucht's diesmal gar nicht«, sagte er. – »Nein, wenn den Leuten nur einmal die Augen aufgehen würden«, meinte sie. Das aber sei seine Sache. Länger dürfe man es nicht mehr anstehen lassen. »So?« Er drehte sich um und sah auf die Uhr, murmelte etwas vom Stall und von den Pferden. Astri nahm einen Anlauf: »Denn sie haben ein Recht darauf, sich das von mir zu erwarten, die ganze Gemeinde. Und – – soviel Rückhalt müssen unsere Buben doch haben; sie brauchen es. – Die haben nicht die Sippe hinter sich.« »Nein, Gott sei Lob und Dank dafür!« summte er leise vor sich hin. 7 Am Mittwochabend herrschte Oststurm. Der Fjord toste laut, und die steilen Felsen standen da und sangen im Sturm. Odin lächelte oft diesem Wind zu, und er lächelte auch heute abend, als er zur Versammlung in die Fabrik ging. »Ja, freilich, wir sind doch zu zweit; ich höre dich ganz genau, höre dich schon, auch wenn du nicht so laut bist!« Brausend jung und übermütig kam der Wind über Moore und Wälder her, und von Zeit zu Zeit warf er sich von den Hängen und Bergsätteln herab und schüttelte die Häuser und warf den Menschen Sand und Steinchen in die Augen. Man mußte sich mit dem vollen Gewicht nach vorne legen, wenn er einem gerade entgegenstand, und die Füße gehörig einstemmen, hatte man ihn von der Seite her. »Heute abend ist er schlecht aufgelegt«, sagten die Leute. Der Abend wuchs unter hohem, bleichem Himmel heran, unter einem nackten Winterhimmel, der sich jetzt mit einem grüngelben Schimmer in weiter Ferne und einem rotgelben Sturmrand am Meer sehen ließ. Still und grau lag die Gemeinde zwischen den Bergen da, sie ließ den Abend kommen und den Wind toben, es tat merkwürdig gut, dies zu sehen. Alles will seine Zeit haben. Nach und nach kamen die Leute herbei, da ein Mann und dort zwei oder drei, und manchmal sah man mehrere, die sich zusammengetan hatten. Beinahe jeder Häusler besaß eine Aktie, das hatte Odin durchgesetzt. Da kamen sie. Es dünkte Odin, und dies war ihm schon oft widerfahren, er sähe die Gemeinde, und das Wetter, wie es durch sie wurde: Grau und öde lag der Abend zwischen den Felsen, grau und öde war alles miteinander, und der Himmel kalt und trostlos, und der Wind kam wie ein Feind oder ein verjagter Geist; so empfand er ihn für sie. Und so war es, wenn man einherschlich und zur Versammlung mußte: es mußte eben geschehen, da half nichts. Und er sollte ihr Vertreter sein, durch dick und dünn. Einige waren bereits vor Odin gekommen, andere langten gleich nach ihm an, und er ging umher und redete mit ihnen. – »Was meint ihr, gibt's schlechtes Wetter, Leute?« fragte er. Sie lachten und fanden, daß das Wetter doch ohnehin schon schlecht genug sei. Da ging er wieder fort. Er wußte, sie gaben ihm immer recht, solange es ihrer so wenige waren. Er ging hinaus und redete mit den Arbeitern, hauptsächlich mit Engelbert. – »Nur ein kleiner Regenschauer«, sagte er zu allen. »Aber was ich eigentlich sagen wollte, das Wetter ist nicht mehr recht sicher, und wenn es zu heftig wird, dann müssen wir ein wenig fieren – ihr seid doch alle miteinander Segler?« Sie waren darin ganz seiner Meinung. Wenn es jetzt, in der dunklen Winterzeit, nur so einigermaßen ging, dann mußte man schon zufrieden sein. – »Nein,« sagte Odin, »nicht zufrieden gerade; wir warten nur auf eine bessere Brise.« Als Odin wieder hineinging, war die Stube voll. Er setzte sich auf seinen Platz als Versammlungsleiter, nahm das Buch und schrieb etwas hinein. Dann lehnte er sich auf seinem Stuhl ein wenig zurück und sah sie alle an, lächelte und bat sie, ihm zu sagen, weshalb sie hierhergekommen seien. Ein Mann vom Osten drüben legte einen Brief auf den Tisch. Er war von Ola Engdalen, der darum bat, von seinem Posten in der Leitung zurücktreten zu dürfen. – »Er muß bis nach Neujahr warten, bis zur Jahresversammlung«, sagte Odin und legte den Brief in die Protokollmappe. Endlich erhob sich der neue Vennestadbauer und bat um das Wort. Er stammte nicht aus der Gemeinde hier und war unbefangener als die anderen. – »Die Fabrik, das sind wir«, sagte er und schaute um sich. »Wir, die das Geld dazu hergegeben haben.« Er kaute ein paarmal an diesem Satz und nahm dann wieder einen neuen Anlauf. »Die Fabrik ist ins Stocken geraten, und so, wie die Zeiten jetzt sind, ist darüber nichts zu sagen. Jetzt aber ist sie wieder in Betrieb gesetzt worden, mit Hilfe von teueren Einkäufen und Erhöhungen des Lohnes, eines Lohnes, der schon vorher zu hoch war.« Nach und nach wurde er immer ruhiger, und mit starken und sicheren Worten legte er dar, wie es nun weiterhin gehen würde: niedrigere Preise für Heringsfett, Zinsverlust und Betriebsverlust – er nannte lauter Zahlen – und schließlich ernstliche Arbeitsstockung, wenn die Besitzer ausgesaugt waren und mit leerem Geldbeutel dastanden. Mit anderen Worten: Dies hier sei der Tod für die Fabrik, und nun frage er die anderen um ihre Meinung. Da und dort schon hatten die Leute gebrummt, sei seien einig mit ihm, und jetzt löste sich die Stille, und in der ganzen Stube wurde eifrig gesprochen. Ja, so verhielte es sich, dies bedeute den Tod für die Fabrik, und nun wollten sie erklären – Wäre es eine andere Fabrik, betonte er weiter, handelte es sich um auswärtige Leute und auswärtiges Geld, ja, und wären es Geschäftsleute, dann wäre es etwas anderes, dann würde er sagen – – Aber er konnte es nicht mehr sagen, der Faden war ihm abgerissen, und er setzte sich. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Odin saß ruhig da. Er hatte diese Männer schon oft so gesehen. Mochten sie doch erst eine Zeitlang durcheinanderreden, das schadete nichts. Dann nahm er sich zusammen und bat sie, einer nach dem anderen zu sprechen, nun aber hatten sie auf einmal nur noch wenig zu sagen. Endlich klopfte er auf den Tisch und erhob sich. Er wandte sich dem Vennestadbauern zu: Wer ihm denn eigentlich alle diese Zahlen ausgerechnet habe? Der Mann läßt seine Blicke durch die Stube wandern, ebenso Odin, und viele schauen in der gleichen Richtung; sie treffen auf Lauris. »Nun, Lauris?« sagt Odin. »Red doch lieber selber!« er wendet sich lachend an ihn. Sie lachten mit, wenn Odin lachte; so war es schon immer gewesen. Es machte eine Sache nicht schlechter, wenn man sie von dieser Seite her anpackte. Lauris stand auf. Er redete gleichgültig, auch er behielt die eine Hand in der Hosentasche. – »Daß du uns in diese Fabrikgeschichte hineingehetzt hast, darüber wollen wir nicht mehr reden.« – »Warum hast du dann überhaupt Aktien gekauft?« warf Odin ein. – »Wir wollten es doch wenigstens versuchen«, fuhr Lauris fort. »Aber jetzt sehen wir den Weg vor uns: Es geht schief. Der sogenannte Disponent und der Vorsitzende, es scheint fast, als könne es ihnen nicht schnell genug schief gehen. Wegen der Fischer, die um ihren Kaufpreis kamen, will ich nichts weiter sagen, sie hätten selbst Halt rufen können. Aber wohl tut es ihnen nicht. Wir aber, wir sind Bauern und müssen uns steif machen, wir können uns doch nicht lebendigen Leibes auffressen lassen oder zusehen, wie die ganze Gemeinde ins Verderben kommt, – wir können unser Geld nicht zum Fenster hinauswerfen, denn wir haben keines. Und außerdem handelt es sich ja doch um mehr, als man zunächst denken sollte. Wenn wir stets und immer nachgeben, dann reißen sie ihr Maul nur noch weiter auf, die sogenannten Arbeiter, wir haben auch in diesem Punkt eine Verantwortung, wir zerstören uns selber die Arbeitskraft; sie verschlingen einem ja bald den ganzen Hof, wenn man gezwungen ist, mit ihnen zu arbeiten.« Odin lächelte noch, sah sie alle an und hörte ihnen zu. In der Stube saßen lauter brave Leute, und nun durften sie wieder loslegen. Die Worte Bauer und Arbeiter flogen überall umher. Er stand auf und klopfte auf den Tisch, um sich Gehör zu verschaffen. »Wir sind doch alle miteinander Arbeiter, lassen wir doch lieber dieses Wort fort bei unserem Kampf. Zunächst und vor allem sind wir Menschen.« »Nein! Nein!« erklangen Gegenrufe. »So, also nicht? Dann sollten wir vielleicht versuchen, es zu werden?« Noch lachten sie mit; als er aber im Ernst fragte, ob sie wirklich im Sinn hätten, die Fabrik stillstehen zu lassen, schwoll es wie ein Sturm gegen ihn an: »Ja! Ja! Jetzt soll Schluß sein – – reißt den ganzen Dreck nieder – lieber verkaufen wir den Schund – zum Frühjahr ist es doch wieder das alte Lied!« Es war nicht möglich, durch dieses Stimmengewirr hindurchzudringen. Odin sah erstaunt aus. Dann wurde er ernst, er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und befahl Ruhe. Sie gehorchten, aber sie sahen ihn feindselig an. Zornig waren sie oft gewesen, dieser Zug aber war neu: und dort drüben an der Wand saß Ola Haaberg und machte sich über die ganze Sache lustig. – Meine Sippe, dachte Odin. Eigentlich müßte doch die ganze Gemeinde von ihr abstammen? Ein moosbewachsenes Geschlecht von Fjord zu Fjord. – »Überlegt's euch!« rief er, »geht heim, Leute, und überlegt's euch, ihr wißt ja noch gar nichts von Preisen und derlei Dingen. Laßt uns doch vernünftig sein wie erwachsene Menschen, so haben wir's früher auch schon gemacht. Laßt uns noch eine Woche zuwarten und dann die Fettpreise hören; das kann unter Umständen die ganze Rechnung umwerfen, die ihr heute abend aufgestellt habt. Ihr müßt bedenken, das hier ist kein Spaß und keine Kleinigkeit. Glaubt ihr denn, ich wollte etwas, was der Fabrik zum Schaden gereicht? Oder ich möchte euch etwas Böses antun? Glaubt ihr das schon lange?« In diesem Augenblick erkannte Odin, daß er wieder die Macht über sie besaß, es fuhr ein frischer Strom quer durch ihn hindurch. Ein ganz leiser Stich folgte mit, daß es ihm im Grunde ganz gleich war, welchen Weg die Leute wählen wollten, aber die Freude lag darüber, sie sollten den richtigen Weg einschlagen, mochte es gehen, wie es wollte. Da fängt Lauris an, und seine Stimme durchschneidet die Stille: »Du sagst, wir wüßten die Preise nicht. Wir wissen aber immerhin, daß du die Fabrik dazu benützt, die Preise bei den anderen in die Höhe zu treiben – daß es teuere Heringe sind, die du uns verschafft hast. Ein paar Kronen zuviel für die Tonne, hm? Und das sollen wir bezahlen?« Odin sieht zu Engelbert hinüber, der dort bei der Tür steht. Der hatte erst kürzlich durch Odin eine Aktie bekommen. Er sieht zu gleichgültig und zu unbeteiligt aus, wie er dort steht, er hat es wohl dem Lauris gesteckt. Odin schweigt. Er denkt an verschiedenes, aber mitten drin durchzuckt es ihn auf einmal, daß sie ihn wiederum feindselig anschauen. Bin ich wirklich irgendwo verwundbar? Er lacht innerlich. Nun hat die Stimmung in der Stube umgeschlagen. Mitten in den Lärm hinein ruft einer: »Wir haben kein Vertrauen mehr in die Leitung! Wir wählen uns eine neue Leitung!« – Alle rufen das gleiche. Die drei anderen Männer der Leitung waren bleich geworden und standen sofort auf: Sie würden mit Freuden ihre Sachen nehmen und gehen. Aber Odin ruft: »Sie sollen uns doch lieber hinauswerfen!« Er fing bereits an, Zettel auszuteilen. Lauris und der Vennestadmann wurden mit allen Stimmen gewählt, dann kamen Ola Haaberg und der Bauer von Juwika – die beiden besaßen viele Aktien – und der Fünfte wurde Odin, nachdem zwischen ihm und einem anderen gelost worden war. Da schlug er sich auf die Schenkel und lachte laut: Jetzt müßten sie ihn wahrhaftig wieder zum Vorsitzenden wählen! Die Leute hatten sich beruhigt, und viele stimmten bei: »Nur zu! Dann fangen wir die gleiche Geschichte wieder von vorne an!« Lauris sagte, es sei am besten, wenn die Leitung jetzt gleich einen Vorsitzenden wähle, so daß man besser Klarheit darüber gewinne, was die Versammlung wolle und was nicht. Lauris wurde gewählt, mit allen Stimmen. Odin sah auf, die Stirn voll lustiger Falten, ringsum lachten die Leute, und Lauris sah sie an und nickte: er wollte die Sache schon auf sich nehmen. Sie machten eine kleine Pause. Odin hatte Kaffee kochen lassen. – »Wie jener sagte, der sich mit zwei Polizisten abraufte: ›Wenn ich jetzt nicht bald verschnaufen kann, dann schaff ich's nicht mehr länger!‹« sagte er, als der Kaffee kam. Er hörte, wie über ihn geredet wurde. – Begreifst du, daß er verlor? – Einmal muß der Anfang gemacht werden. Ola Haaberg kam zu ihm und hielt sich den Bauch. »Jetzt bist du aber ordentlich auf den Hintern gefallen, ha, Odin?« – »Woher doch! Aber hingefallen, das bin ich wohl. So geht es, wenn man sich nicht festklammert. Aber daß es mich nicht mehr angreift?« wunderte er sich selber. Im übrigen war die Stube nun mit gemütlichem Kaffeegeschwätz erfüllt. Mitten in all dem Reden hörte Odin, wie Lauris und der Disponent aneinandergerieten und mehrere zu Lauris hielten. Odin versuchte in die Nähe zu kommen, aber noch ehe er verstehen konnte, worum es sich handelte, sprang der Disponent auf, kreideweiß im Gesicht, und fragte, ob dies so zu verstehen sei, das Lauris ihn loswerden wolle? »Schweig still und setz dich hin, Mann!« sagte Lauris, so gebieterisch, wie nur ein Schiffer das zuwege bringt. – »Ich lasse mir nichts befehlen!« erwiderte der andere. – »Nun, das hast du nicht allein zu bestimmen.« Und einer der anderen warf dazwischen: »Du wirst es doch wohl noch aushalten, auch wenn du nicht mehr den Odin als Amme hast.« – »Eines will ich dir sagen«, erklärte Lauris, »und zwar dies: du bist nicht unentbehrlich , vergiß das nicht, von nun an.« Odin und ein paar andere versuchten ein gutes Wort einzulegen, aber der Disponent war schon so aufgebracht und wurde durch Lauris' Grinsen immer wütender, daß die Worte fielen, ehe sich's einer versah: »Jawohl, ich kündige meine Stellung, jetzt noch, in diesem Augenblick! O nein, ich schlucke das nicht hinunter, nimmermehr!« – »Aber mein lieber Freund, das verlangt ja auch keiner vor dir«, lachte Lauris, er war jetzt freundlich und sanft. »Jetzt, da die Fabrik ohnehin stillgelegt werden soll«, meinte er lächelnd zu den anderen. Der Disponent stammte von irgendwo im Westland. Er war ein ruhiger und stiller Mensch. Aber hatte er erst einmal etwas gesagt, so stand es wie festgenagelt. Er bahnte sich einen Weg durch die Schar und ging hinaus. Odin sah seine hohen, breiten Schultern in der Türe. Was geschehen ist, ist geschehen. Ja, was sie nun machen wollten? fragte Odin, als einige Zeit verstrichen war. Lauris rauchte, und die anderen beobachteten ihn und warteten: Was sie nun machten? Lauris hatte endlich gehört. – »Machen?« meinte er fragend. – »Ja, ohne Disponenten?« Er rauchte wieder, bis die anderen innerlich ganz mürbe waren. – »Wir brauchen doch keinen Disponenten, wie ihr das nennt, wenn die Fabrik stillgelegt werden soll.« Zuerst schwiegen sie eine Weile. Dann kam einer mit der Frage, und nach ihm fragten sie alle: »Soll denn die Fabrik wirklich stillgelegt werden? Wenn wir die Sache genau betrachten?« Odin erkannte die Unsicherheit in allen Gesichtern, bald zuckte und zog es nach der einen Richtung, bald nach der anderen, nun waren sie in etwas hineingeraten, was ihnen nicht behagte; ohne sich dessen bewußt zu sein, wünschten sie sich einen, der herginge und sie wieder auf den richtigen Weg stellte. Sie sahen zu ihm hinüber, viele, wohl aus alter Gewohnheit. Sie waren Bauern, so nannten sie sich, und hätten sich daran halten sollen – er war es, der sie in diese Geschichte hier hereingelockt hatte. Er puffte Lauris in die Seite, daß der nun seinen Platz einnehmen und eine Entscheidung treffen solle. Lauris blickte tatsächlich auf, wollte aber erst noch ein paar Züge rauchen. Als dies geschehen war, trat er an den Tisch vor und legte die Hand auf den Stuhlrücken, sah über die Versammlung hin und bat sie, auf ihn zu hören. – »Nun ist die Frage, wollen wir die Fabrik stillstehen lassen, oder trauen wir uns, den Betrieb aufrechtzuerhalten.« Sie sollten sich darüber aussprechen, bitte schön, jeder habe das Wort! Odin ergriff das Wort. – »Ich kann nicht anders sagen, als daß ich die größte Lust habe, meiner Wege zu gehen«, erklärte er. »Wir sind heute abend doch ein wenig zu – kindisch. Die Wahrheit ist wohl die: wir haben uns hier etwas aufgetan, wovon wir wenig oder gar nichts verstehen. Aber so ist es ja im ganzen Land, das weiß jeder, der heutzutage eine Zeitung liest. Wir brauchen uns deshalb nicht zu schämen, denn so ist es in der ganzen Welt, nur daß wir weniger geschickt sind, das alles auszuglätten. Und hier stehe ich, der für die ganze Sache verantwortlich ist, ihr könnt mich hängen, wenn sich das lohnt. Diese ganze Fabrik –, wir hätten lieber gar nicht damit anfangen sollen. Und nun meine ich«, – er richtete sich auf und verlieh seinen Worten ihr ganzes Gewicht, aber er stand mit einem ruhigen Lächeln da: »Ich meine folgendes: legen wir den Betrieb jetzt still, so machen wir doch lieber gleich richtig Schluß damit. Geld haben wir verdient, und noch können wir den ganzen Krempel verkaufen, wir können ja zugeben, daß wir uns nicht mehr weitertrauen oder daß es ein Fehlgriff war. Wir haben es eben mit der Angst bekommen, und nun – –« Es wurde totenstill. Einer nach dem anderen sah zu Lauris hinüber um ein rettendes Wort. Der räusperte sich und stand auf. – Nein, die Fabrik wolle er nicht ganz aufgeben und auch nicht den Betrieb stillegen, jetzt, nachdem der Mißgriff getan sei. Er habe sich folgendes zurechtgelegt: Man solle den Betrieb aufrechterhalten, aber die letzte Lohnerhöhung für die Arbeiter müsse zurückgenommen werden; dann könnten sie sich bis zum Frühjahr umtun; sie hätten sich die Sache noch nicht genügend überlegt. Einen Disponenten? Ja, wenn sie einen brauchten, so würden sie wohl immer einen finden; er glaube, ein Mann wie Arthur Ween auf Segelsund würde seine Sache hier gut machen. Die Worte über die Fabrik fielen auf guten Boden. Einer nach dem anderen stand auf und erklärte sich einverstanden mit dem Vorschlag des Vorsitzenden. So war diese Sache entschieden, und Odin lächelte. Er ergriff das Wort und warnte sie, trotz allem, sie sollten nicht vergessen, daß man bei solchen Dingen immerhin verlieren könne , und nun hätten sie es ja, wie gesagt, mit der Angst bekommen. Er sagte dies ganz unbeschwert, denn er wußte, daß er seine Gewalt über sie verloren hatte. Ja, das war nun vorbei; sie hörten nicht auf ihn. Odin lächelte wiederum. Arthur saß an der Wand, ihm gerade gegenüber. Er versuchte zu Boden zu blicken, aber er mußte doch wieder aufschauen und Odins Augen begegnen. Er wechselte ein paarmal die Farbe. Schließlich, als es einen Augenblick still war, stand er auf und sagte, er wage nicht, den Posten eines Disponenten zu übernehmen. Er suchte ein wenig nach Worten, sah Odin noch einmal an, nur mit einem ratlosen Augenaufschlag, und sagte dann, wenn sie für die erste Zeit einen Mann brauchten, der die Sache übernehmen könnte, so wüßte er einen, und sie vielleicht auch. Es sei Bonsach Arnesen. – »Er ist mit meiner Frau verwandt«, sagte er, »aber ich erwähne ihn trotzdem, dann könnt ihr machen, was ihr wollt; er hat schon öfter solche Posten innegehabt, sowohl im Norden wie im Süden.« Lauris sah Odin an, ein kleines böses Grinsen fuhr aus den schmalen Augen über ihn hin. Die Leute meinten, wenn sie Arnesen bekommen könnten, so wären sie gerettet. Einstweilen ja, fügte Lauris hinzu. Und so war das abgemacht. Sie unterhielten sich noch untereinander und waren sehr zufrieden: im Grunde hatten sie alle miteinander ihren Willen durchgedrückt. Odin ergriff zum letztenmal das Wort und sagte, er wolle nicht mehr in der Leitung bleiben, nachdem der Lohn herabgesetzt worden sei. »Es fiel uns ein wenig schwer, das gebe ich zu, aber ich habe ihnen diese Zulage versprochen und mag nicht davon abgehen.« Da steht Engelbert in der Türe. Er möchte darauf vorbereiten, daß es nun wieder Streik gäbe. Es kam zu einem scharfen Wortwechsel dort bei der Türe, der sich zu einem richtigen Geschrei steigerte, aber Engelberts Stimme war über ihnen allen. Odin arbeitete sich bis zu ihm vor und bekam ihn zu fassen, schob ihn ein wenig aus der Menge heraus und legte ihm die Hand auf die Schulter. – »Du mußt nachgeben, auch wenn du recht hast, so gescheit bist du doch selber. Der Lohn wird steigen, ganz von selber, laß es nur erst einmal eine oder zwei Wochen unter den Kesseln brennen. Ich habe mit den meisten von deinen Kameraden gesprochen, und sie sind der gleichen Ansicht wie ich.« »Niemals!« rief Engelbert. »Diesmal fieren wir nicht um einen Finger breit!« Odin lachte, wie es so seine Art war, und schüttelte ihn ein wenig: »Du hast recht, aber du mußt trotzdem ein wenig fieren.« Engelbert sah ihn wütend an, auf einmal, hatte gleichsam vorher nicht erkannt, wen er vor sich hatte: »Und das sagst du, Odin! Du? Dann wissen wir also, daß du unser schlimmster Feind bist. Da gehst du her und schmeichelst dich ein und machst dich gut Freund mit uns – du, nimm dich in acht!« Jene von den Männern, die unterschrieben hatten, drängten sich nun herbei, wollten hinaus, und einige mischten sich jetzt in diesen Streit. Odin verabschiedete sich und ging, er vergaß Unterschrift und alles andere. Es hatte keinen Sinn, einem Wütenden Vernunft zuzureden, das war das Schlimmste, was man tun konnte. Odin tat sich mit einer ganzen Schar zusammen, die in der gleichen Richtung gehen sollte wie er. Der Wind blies zu scharf, es war unmöglich, miteinander zu reden. Aber Odin war es leicht zumute, er hätte am liebsten mit dem Wind geredet und ein Lied gesungen, denn dies war der Ton eines freien Mannes, eines alleinstehenden und freien Mannes, den sie nie zu fassen kriegen konnten. Und der Himmel und der Saum der Berge und alles rings um ihn war ihm vertraut und lieb, war so, wie es immer gewesen war, und hielt zu ihm wie auch schon früher. Ingri war nicht sehr erfreut darüber, daß man den Vater als Disponenten eingesetzt hatte. Sie sagte nichts, aber ihr Gesicht zuckte, so wie ein Haus, wenn ein richtiger Windstoß darüber hinfährt. Als Odin jedoch erzählte, wie er auf der Versammlung verloren hatte, sah sie ihn mit einer tiefen, verborgenen Freude an und lachte: »Da hast du's endlich einmal!« – »Ja«, gab auch er lachend zu, »und das Schlimmste ist, daß ich die ganze Geschichte noch hätte drehen und wenden können , aber ich tat es nicht. Es hätte sich weiß Gott wohin drehen können. Und dann drehte es sich doch noch nach der richtigen Seite. Einige waren ganz böse, ich kannte sie gar nicht mehr wieder. Aber es kam mir so gering vor, über sie zu siegen. Und schließlich drehte es sich doch nach der richtigen Seite! – Und all das nur wegen dieser Heringe, die hierher kamen und Unruhe ins Meer brachten!« schloß er gähnend. »Empor und vorwärts!« 1 Am Sonntagabend wurde ein großes Jahresfest im Jugendverein gehalten. Es war der Jahrestag der Entstehung des Vereins und auch der des Hauses. Odin, der am meisten dafür gearbeitet hatte, dieses Haus zu errichten, war gebeten worden, die Festrede zu halten, hatte dies jedoch nicht versprochen, sondern nur gesagt, daß er kommen würde. Es gab jetzt so viele, die gerne für die Jugend sprechen wollten. So kam es, daß Vikesylt die Hauptrede halten sollte. Der Landwind hatte sich gelegt. Das Wetter war still und kalt, die Erde aper und am Himmel ein wenig Mondschein. Von allen Seiten aus der Gemeinde kamen die jungen Leute herbei, und mit ihnen viele Eltern. Ruhig und anständig kamen sie den Weg herauf, höchstens daß ein paar von den Fabrikleuten leicht angeheitert waren, so daß man hörte, wo sie gingen. – »So war es anfangs nicht, Odin«, sagte Ingri unterwegs. – »Nein, es ist wirklich besser geworden. Das habe ich dir ja immer gesagt, man sollte nur warten, nach und nach würde es schon anders werden.« – »Du hast auch nicht wenig darum gekämpft. Und jetzt, jetzt bereue ich es nicht, Odin!« Er drückte ihre Hand, die sie in seine Rocktasche geschoben hatte. So ging er eine Weile schweigend weiter; dann sagte er: »Und trotzdem, Ingri, ich weiß nicht recht. Zu tiefst drinnen in mir ist es fast, als vermisse ich etwas, wenn ich so sehe, wie sie kommen und hineingehen und sich hinsetzen.« – »Was denn?« – »Es ist eine Schande, es zu sagen. Aber früher war doch Leben in ihnen; sie waren so voller Leben, schrien und riefen oft vor lauter Jungsein und Übermut, erinnerst du dich nicht mehr? Nein, ich wünsche das nicht wieder zurück, es soll schon so bleiben, wie es jetzt ist. Aber sie sind zahm, die Menschen. Ich fühle mich bisweilen fremd – ist es denn etwas Großartiges, über solche Menschen einen Sieg davonzutragen? Ich hätte mit ihnen fertig werden können auf der Generalversammlung kürzlich – – nein, nein, ich prahle nicht, im Gegenteil. Im Gegenteil! ›Gib acht, sonst komme ich!‹ sagte der Mann, als der Nordwind ihn davontrug.« Vikesylt stand schon auf dem Rednerstuhl, als sie eintrafen. Der ganze Saal war voller Festlichkeit, und Vikesylt fühlte sich auf seinem richtigen Platz. Odin setzte sich bei der Tür hin und nahm Ingri auf den Schoß, saß da und folgte der Rede. Es waren schöne und wahre Worte. Bisweilen flossen sie ruhig dahin wie ein Strom, und bisweilen stiegen sie an wie der Wasserfall oder wie die schwere See, mit Macht und gebietender Gewalt; dann und wann hielt Vikesylt inne und suchte in sich selber nach neuen Gedanken oder vor sich nach neuen schönen Bildern, er suchte, und er fand. Die jungen Leute saßen hingerissen da. Sie hatten nie etwas Schöneres gehört. Dann ging's aufs Ende zu, und jetzt war der Redner von Glut erfaßt, der ganze große Mann: »Empor und vorwärts!« mahnte er, »empor und vorwärts! Aus der Welt hinaus zu jenem anderen Heim, von dir selber zu Gott! Das ist die Losung der Zeit !« Die Versammlung atmete mit einem Sturm von Beifall auf. Danach saßen sie noch lange da, ehe sie sich wieder erholten. Gar manches Gesicht fiel in sich zusammen und wurde leer oder verwirrt, so angespannt war es vorher gewesen. Odin konnte sehen, wie der eine vom anderen abfiel und wieder er selber wurde, ein einzelner kleiner Mensch, allein mit sich und dem Seinen. Aber viele hielten sich die ganze Zeit auf der Höhe, waren himmelweit fort mit den Blicken. »Empor und vorwärts!« gemahnte es sie. Der Vorsitzende kam und fragte, ob Odin nun gleich hinterher reden wolle. Nein, er wollte lieber warten. Einen Augenblick durchfuhr es ihn, daß es nun genug sei für heute, daß er Ingri nehmen und mit ihr heimgehen müßte, denn dort gehörten s i e hin. Nun aber trat der Sängerchor auf, den mußte er noch hören; und als dies vorüber war, mußte er den Rednerstuhl besteigen. Ingri gab ihren Platz frei, ging zu ihrem Vater und stellte sich dort hin. Sie war immer blaß, wenn Odin vortreten und reden sollte. Odin hatte sich gar viele Dinge überlegt, über die er reden konnte. Wie er nun so dastand, durchfuhr ihn der Gedanke: sollte er nun im Ernst reden, so würde er nie fertig werden, und dann wäre es auch kein Fest, es wäre wie eine Last, die er von sich werfen und anderen aufbürden müßte, und es gab hier niemand, der diese Last hätte tragen können oder mögen. So begann er denn und redete von dem Zusammenhang zwischen dem Alten und dem Neuen hier in der Gemeinde, zwischen dem, was war, und dem, was ist. Er fand, Leben sei, seine Wurzeln bis zu dem zurückgehen zu lassen, was war, und bis dorthin vorzustreben, was noch nie war, was aber trotzdem von alters her in uns gelegen hat. Denn dort müssen wir das finden, was werden soll, sonst wird es nur ein ewiges Finden und Verwerfen, Finden und Verwerfen, und man darf nie die Wahrheit erleben, die uns erkennen läßt, was das eigene Ich ist. – »Ich habe das Gefühl«, sagte er zum Schluß, »als sei ich ein Heide aus alten Zeiten, als müsse ich von damals sprechen, wenn ich das richtige Wort über die heutige Zeit sagen soll!« – – Er sprach vom Menschentum. – »Das ist die Losung der Zeit«, sagte er. »Oder sollte es wenigstens sein.« Während dieser ganzen Zeit hatte Bonsach Arnesen dagestanden und ihn angestarrt, nicht gerade verwundert und nicht so mitgerissen, daß man es ihm ansehen konnte. Odin sah nur ein Paar Augen, die ihm groß und fest entgegenblickten – die wußten, daß es wahr war, was er hier sagte. Und immer wieder tauchte in Odin die Frage auf, warum er eigentlich hier stünde und dies sagte. Denn es war doch nicht seine Meinung, daß die anderen die Dinge genau so sahen wie er oder reicher heimgingen, wenn sie sie so sahen? Nein. Aber er wollte mit ihnen reden, wollte sie packen, denn er fühlte stärker denn je, daß er zu ihnen gehörte. Er wollte fühlen, daß sie ihn verstanden, daß sie mit ihm waren, wenn er selber in weiter Ferne die Wahrheit erspähte. Menschentum, heißt das, das Leben für eine Herzenssache opfern? Jawohl. Aber es ist mehr, und es soll nicht einmal schwerfallen: es heißt Herzenssache und was immer sonst opfern, wenn es gilt, das Leben zu retten, das Innerste in uns, das nicht geopfert werden kann! Sie waren einer Meinung mit ihm, auf eine eigene Art. Er hörte es, als sie ihm Beifall klatschten, es war anders, als da sie Vikesylt zuklatschten. Und für Ingri war es seltsam, das sah er. Über ihrem Gesicht leuchtete es, eine große Sorge oder ein großes Glück; und so stand auch ihr Vater dort. Nach dem Kaffee stieg Engelbert auf die Tribüne und sprach, denn es sollte auch einer aus dem Arbeiterlager zu Wort kommen. Jung und streitlustig stand er da, wie es seine Art war, mit hellen Haaren und heller Gesichtsfarbe, die Nase ein wenig nach oben gerichtet und die Augen in kaltem Blau. Odin fühlte Lust, ihm zuzuklatschen, noch ehe er ein Wort gesprochen hatte. – Engelbert griff das auf, was die beiden anderen gesagt hatten, und zerpflückte es: Es sei schön, verteufelt schön, aber unwahr und auch ungesund, ein Garn, um die Jugend darin zu fangen und zum Sklaven zu machen. Sie alle redeten von Fragen und redeten von Dingen. Hier gäbe es nur eine Frage, und dies sei die Nahrungsfrage. So sähe die Wahrheit aus, vorläufig noch; sie sei wie der Wintertag, und man müsse sich dementsprechend anziehen. – »Wie lebt ihr denn, Leute!« rief er. »Denn so, wie ihr lebt, so seid ihr. Wollt ihr denn so weitermachen – wollt ihr euch nie von der Bauerngrütze und der Bauernsprache und all dem hier freimachen? Wollt ihr nie aus der Sklaverei des kleinen Mannes herauskommen und das werden, wozu ihr geschaffen seid, freie und reiche und gebildete Menschen? Denn das ist die wirkliche Losung der Zeit, und das wißt ihr alle miteinander!« Seine Kameraden hatten die ganze Zeit Gut so und Hört, hört gerufen, und jetzt rissen sie viele andere mit sich. Einige versuchten, sie niederzuzischen. Ein paar Junge und einer der Älteren baten um das Wort, erhielten es jedoch nicht. Es lag Kampf in der Luft, heute aber sollte doch ein Fest gefeiert werden. Von verschiedenen Seiten hörte man ein Murren. Odin ging mit Ingri vor die Tür hinaus, denn sie mußte jetzt heim. Dann trat er zum Rednerstuhl vor und ergriff das Wort, ohne zu fragen. Mit einem Schlag war es still. – »Es freut mich«, sagte er, »daß die Jugend uneinig ist. Das, finde ich, ist ein Fest. Den Streit selber mögen sie ein anderes Mal austragen, oder viele andere Male. Ihr sagt, wenn ich recht gehört habe, wir leben in einer schlechten Zeit. Findet ihr das? Ihr findet wie ich, daß wir in einer hoffnungsvollen Zeit leben. Streit gibt es und Erbärmlichkeit und Unrecht, aber was wäre, wenn es das nicht gäbe? Wenn ihr nichts als grauen Frieden und Wohlbehagen überall vor euch haben würdet? Habt ihr schon einmal einen zwanzig Meilen langen Weg vor euch gehabt ohne einen Berg darin und ohne daß er einen Bogen machte? Und habt ihr dann gewußt, daß ihr verurteilt wart, diesen Weg zu gehen? Gott bewahre uns davor!« Er ließ die Blicke über sie hinschweifen, und er merkte, daß auf ihre Gesichter das gleiche Lächeln gekommen war wie jenes, das er innerlich fühlte. »Aber die Losung der Zeit? Die Losung der Zeit ist gar vieles. Das jedoch weiß ich nicht, ob wir uns dadurch versklaven lassen sollen. Wir sind es, wir sind die Losung der Zeit, und empor und vorwärts will jeder – und den gleichen Weg wollen wir doch nicht alle gehen? In ganz Europa steht die Jugend heute genau so wegunkundig da wie wir, Hoffnungen sind zerbrochen, und Hoffnungen quälen sich ans Tageslicht – und auch sie müssen wohl zerbrechen und zu Erde werden für wiederum neue – – jetzt aber wollen wir die Stube räumen wie in alten Tagen, wie in der alten Zeit, und spielen wie in der neuen Zeit, los, Burschen!« Engelbert stand auf und wollte reden, und jetzt war er hitzig. Aber die meisten waren schon dabei, die Bänke beiseitezurücken, so daß nur wenige übrig blieben, die auf ihn hörten. – »Odin ist mein Freund und Verwandter, darum erkläre ich freimütig: Er ist für uns der Schlimmste!« – »Bravo!« rief Odin, und fast alle stimmten mit ein. Engelbert ging im Lärm unter, wie er so da oben stand. Odin wurde gegen die Wand beim Rednerpult gedrängt, und ähnlich an die Wand gedrückt, standen sie alle jetzt ringsum, ehe das Spiel in Gang kam. Da tauchte Vikesylt neben ihm auf, der Silberfuchs, er kam herbei, schüttelte ihm die Hand und dankte für die Rede: Unvergleichlich! Aber eine Kleinigkeit habe er vermißt, das könne er mit dem besten Gewissen nicht verschweigen, und zwar den christlichen Standpunkt . – »Und das nennen Sie eine Kleinigkeit?« sagte Odin. – »Ja, aber jetzt sollst du einem alten und einfältigen Mann antworten, ich wende mich im Namen der Jugend an dich und frage: Wie ist dein Verhältnis – das heißt dein Standpunkt – zum Christentum? Wir wenden uns an dich und fordern Klarheit.« Das sei wohl zu hoch und zu tief, um darüber zu reden, fand Odin. – Mit dem Christentum sei es so wie mit der Kultur: es ist selten dort daheim, wo man am meisten darüber spricht. Die Leute drängten sich herzu und wollten hören. Klar und deutlich stand in Odin der Gedanke auf: Hierher komme ich wohl kaum mehr. Ihm wurde dabei seltsam zumute, er hielt nach Ingri Ausschau, fand sie jedoch nicht – ach richtig, sie war ja gegangen. Sie saugen mich ganz und gar aus, seufzte es in ihm. »Aber du hast doch eine Lebensanschauung, soviel ich weiß? Eine Lebensauffassung, verstehst du?« »Ich glaube doch wohl.« »Glauben, sagst du? Die Zeit aber schreit nach Klarheit, das mußt du dir merken! Die Zeit will nicht Spiel und Tanz und Tand, sie will Ernst. Ernst und Klarheit, wie gesagt. Nicht Scherz und Spiel.« »Und doch – weiß der Teufel, das Leben ist ein Spiel, wenn man es richtig nimmt. Lebensanschauung, haha!« Odin lachte mit blauen, schmalen Augen: »Ich müßte mein ganzes Leben noch einmal leben, so wie ich hier stehe, wollte ich über meine Lebensanschauung Rechenschaft ablegen, und noch ehe ich fertig wäre, hätte die ganze Sache ein neues Gesicht für mich bekommen, es wäre eine neue Lebensanschauung geworden. Aber jetzt wollen wir spielen.« Unterdessen waren ein paar Burschen hereingekommen und fragten nach Arthur; es bildete sich eine Gruppe bei der Tür, und plötzlich verbreitete es sich von Mann zu Mann, daß etwas Schlimmes geschehen sei auf Segelsund: Ola Haaberg ist tot, er war an diesem Abend ins Wasser gegangen; der kalte Schauer lief an allen Wänden entlang. Vikesylt sah Odin an. »Da hörst du's und da siehst du's! Was ein Mensch ist?« »Ach, wir sehen gar nichts, keiner von uns!« Odin arbeitete sich zu Arthur vor und sagte, er begleite ihn, bekam dann noch Arnesen zu fassen und bat ihn, nach Haaberg zu gehen, zu Ingri. 2 Es verhielt sich, wie er befürchtet hatte, Mina und die anderen auf Segelsund waren vor Schrecken halb von Sinnen. Die Männer waren fort, auf dem Fest oder irgendwo auf den Nachbarhöfen. Mina hatte Ola zum Kaffee vermißt und war hinausgegangen, um ihn zu suchen. Da erinnerte sie sich, daß er die letzte Zeit etwas sonderbar gewesen war, und plötzlich durchfuhr sie ein Schrecken; wie ein nasses Tuch auf den bloßen Leib war es, der Gedanke, daß er nicht mehr lebte. Trotzdem ging sie noch zu den Scheunen hinüber, sie glaubte, sie würde ihn dort liegend oder hängend finden, und sie war gezwungen, hinzugehen und nachzusehen. Da war es ihr, als sollte sie lieber zum Meer hinunterschauen, denn dort beim Bollwerk oder unterhalb der Schiffshütte hatte sie ihn manchmal stehen sehen; sie lief den Weg hinunter, konnte nicht gehen. Sie suchte die ganze Landzunge ab und fand seine Schuhe an der Stelle, wo die Fahrzeuge vertäut wurden. Da rief sie laut seinen Namen, ein paarmal. Die Schuhe wagte sie nicht anzufassen. Da sah sie gleich in der Nähe einen langen Haken, es war der Bootshaken eines Fahrzeuges vermutlich, man hatte ihn zum Aufhängen der Netze gebraucht. Den nahm sie und begann damit im Wasser zu suchen, sie wußte so bestimmt, daß er dort unterhalb der Klippen lag. Nicht lange darauf fühlte sie etwas am Grund und zog es herauf. Er war es. Einen Augenblick war sie wie bewußtlos, nur eines sah sie klar vor sich, daß die Leute ihn nicht ohne Schuhe finden sollten, denn das wußte sie von früher her, daß Menschen, die sich selbst umbrachten, vorher das Schuhwerk auszogen. Die Klippen fielen beim Bollwerk dort steil ab, trotzdem gelang es ihr, die Leiche so weit heranzuholen, daß sie in eine Rinne der Klippen zu liegen kam. Dann kletterte sie mit den Schuhen herunter, watete ins Wasser hinaus und zog sie der Leiche an, so einigermaßen. Dies hatte ihr so zugesetzt, daß Berge und Erde vor ihren Augen tanzten, als sie sich wieder aufrichtete. All dies erzählte sie Arthur und Odin, als die beiden unten standen. Sie zogen die Leiche ans Ufer herauf und legten ein altes Segel darüber, holten dann Wagen und Pferd und fuhren den Toten hinauf, trugen ihn ins Haus und legten ihn in seine Kammer – ein paar Frauen kamen hinzu und halfen. – »Es sieht so aus, als hätte er vorgehabt, die Schuhe auszuziehen?« sagte eine von ihnen. »Dummes Zeug!« sagte Mina. Ihre Stimme klang scharf: er sei oft so herumgegangen, ohne die Stiefel zuzuschnüren; und die anderen besannen sich darauf, daß dies richtig war. Minas Gesicht war grau wie Lehm geworden, und als Arthur einen Augenblick hinausging, sagte sie zu Odin: »Daß er uns das antun mußte!« »Ja, es ist nun einmal nicht anders«, sagte Odin. Merkwürdig, daß er es nicht schon früher getan hat, dachte er. »Aber eines, Odin: Wir sagen nichts davon – – daß seine Schuhe auf der Klippe standen.« Er blickte zu ihr auf. In diesem Augenblick sieht er, wie sie sich der Zeit erinnert, da sie bekehrt war, und sieht, daß sie sich entdeckt fühlt. Er wird rot und weiß nicht, was er sagen soll. Seine Blicke fallen auf einen Brief auf dem Tisch, zwischen Büchern und Zeitungen. Er geht hin und nimmt ihn. – An Mina, stand darauf, und es war Olas runde, zierliche Schrift. – »Den kannst du später lesen«, sagte er. Aber als er ihn aus der Hand gegeben hatte, dünkte ihn, daß er falsch gehandelt habe, sie hätte ihn nicht bekommen sollen. Als er im Begriff war fortzugehen, sagte er zu ihr: »Wir sagen es so, wie es ist. Daß es ihm auf der Erde nicht mehr gefallen hat und er deshalb ins Wasser gegangen ist – ein alter unnützer Kerl. Und im übrigen sollt ihr euch nicht umschauen, denn da werdet ihr zur Salzsäule. Obgleich ihr stärker seid, als ihr selber wißt.« – » Mußt du denn heute abend heim, Odin?« – Ja, er mußte. Er ging rasch. Der Laut seiner Schritte hing mit ihm im Wald und in den Hängen, lag wie ein munteres kleines Lied hinter ihm in der stillen Luft. Da und dort oben in den Berggipfeln brauste die Luft so tief, das brachte wohl wieder Sturm. Und in ihm antwortete es, mit dem gleichen Ton, daß es so auch manchmal über einem Menschen brauste. Und nun wartete Ingri sehnlich auf ihn. – – – Sie tat dies wirklich um diese Zeit, sah in einemfort auf die Uhr, und wenn sie mit dem Vater redete, war sie in Gedanken weit weg. Sie war bei Arnesens Kommen erschrocken. Ihr Gesicht veränderte sich ganz, und sie gab keine Antwort, als er guten Abend wünschte. – »Wo ist er, der Odin?« fragte sie nur. – Ach, sie solle keine Angst haben, er käme gleich. Nach und nach gewann die Freude wieder Macht über sie und zog leuchtend über ihr Gesicht: »Ja, bist du's wirklich, Vater. Bist du hierhergekommen?« – »Ja, der Odin bat mich, herzugehen. Im übrigen hatte ich es schon selber vor, als du fortgingst. Wußte nur nicht, ob ich willkommen wäre – – es ist lange her, seit ich mit dir gesprochen habe.« – »So etwas darfst du nicht sagen, Vater! Aber warum – – ist denn was passiert, Vater? Sag mir's sofort, sei gut!« Er erzählte, was er wußte. – »Ah, Gott sei Dank!« sagte sie. »Ich dachte schon, es sei etwas mit dir!« – – »Nein, nein, mit mir hat's keine Gefahr. Wenigstens nicht weiter, als daß man mich in die Leitung der Fabrik gewählt hat, vorläufig.« – »Ja, ich freute mich so, als ich es hörte. Aber trotzdem – du solltest es lieber nicht tun, Vater. Ich habe solche Angst. Ja, denn die Menschen sind gefährlich, du kennst sie nicht! Nein, den Odin haben sie nicht klein gekriegt, aber –« Arnesen lächelte: »Glaubst du, daß sie gefährlich sind, du? O nein. Und ich, siehst du, ich gehe jetzt einer besseren Zeit entgegen. Bis jetzt war alles gegen mich. Von nun an wird es anders. Ich brauche mir jetzt auch um nichts mehr Sorge zu machen, außer um deinetwillen – daß ich auch hier einen Schatten über dich werfen könnte. Aber ich mußte hierher, ich weiß, daß du mich verstehst; du wirst sehen, es geht jetzt ganz gut.« – »Traust du dich das zu glauben, Vater?« – »Jawohl, ich traue mich. Und jetzt sehe ich, daß ich hier etwas tun kann, sowohl für Odin als auch für die anderen. E r soll recht bekommen, verlaß dich darauf! Der Odin. Aber du mußt mit ihm reden, du: Er kann steinreich werden, heute noch, wenn er will. Er könnte Geld aufnehmen und die ganze Fabrik kaufen, siehst du, bis zum Sommer bekäme er alles doppelt herein! Ich wollte, ich könnte ihm den Gefallen tun, und dir mit!« Ingris Augen und ihr ganzes Gesicht leuchteten auf, während er so sprach, erloschen aber sofort, als er schwieg. – »Nein!« lächelt sie. »Er läßt sich auf keine Spekulationen mehr ein. ›Das kann der Lauris machen!‹ wird er nur sagen. Wir verkaufen vielleicht den Hof hier, wenn die Preise am höchsten stehen, und kaufen Kjelvika; darauf freuen wir uns. Ja, denn weißt du, Vater, mich dünkt es bisweilen, als sei die Gemeinde arg. Sicher ist das nur Unsinn, aber –« – »Nur Unsinn, ja! Und von dir noch dazu, als Odins Frau!« – »Ja, wir haben bisher nur so mit dem Gedanken gespielt. Aber wenn wir dort wären –!« Ingri ging in die Küche und richtete irgend etwas her, kam aber bald wieder herein. – »Dieser Engelbert, mit dem Odin soviel zusammen ist?« sagte sie. – »Ja, was ist der eigentlich für ein Mensch?« – »Er soll mit Odin entfernt verwandt sein, ist übrigens in der Stadt geboren. Odin hat ihm ein wenig geholfen, denn er setzt solches Vertrauen in ihn, hat ihn sogar dazu gebracht, mit dem Trinken aufzuhören. Odin sagt, er sei ein ordentlicher Kerl.« Sie lächelte und setzte hinzu: »Aber das sagt er wohl von allen?« – »Ja, es soll besser sein, allen zu vertrauen als keinem, weißt du. Und ein starker Mensch kann es sich leisten, allen zu vertrauen. Der Odin, ja, siehst du – – ich bin aufgelebt, seitdem ich hierherkam. Und mit dem bist du verheiratet!« – »Ja, glaubst du, daß ich das begreife? Dann wäre es wohl nicht – so merkwürdig zwischen uns, wie es ist! Jetzt ist er wohl bald auf dem Heimweg, glaube ich.« Sie merkten alle beide, daß sie in einemfort geredet hatten, daß sie sich ferngehalten hatten von dem, was gewesen war und worüber nicht gesprochen werden sollte. – – – Als Odin an Lauris' Haus vorbeikam, hörte er ein Geschrei von der Wiese bei den Scheunen. Er hörte Anders' Stimme, und gleich darauf unterschied er die Stimmen der beiden ältesten Laurisbuben. Sie rauften gerade miteinander. Das war schon früher vorgekommen; sie wurden lieber handgreiflich, als daß sie dastanden und einander mit Schimpfworten bewarfen. Peder war meist derjenige, der die Lunte anzündete, und Anders fuhr sofort auf ihn los. Meistens bekam er die Prügel, denn die anderen waren fast immer zu zweit gegen ihn. Auch diesmal erging es ihm so, schien es. Odin stand still und ließ den Dingen ihren Lauf. Ein paarmal hatten die Burschen den Anders unter sich und gaben es ihm gehörig, so daß Odin schon hingehen und sagen wollte, es sei nun genug. Da riß Anders sich von ihnen los und lief über die Wiesen heimwärts, er war flinker als der Wolf, und mitten auf dem freien Feld blieb er stehen und rief ihnen zu: »Wenn ihr noch mehr Prügel haben wollt, Buben, dann kommt, aber schnell, denn jetzt geh' ich heim!« Die beiden anderen lachten, das hörte Odin, keine Rede von Feindschaft. So konnten sie oft miteinander raufen und sich gegenseitig verprügeln, wenn sie die Lust anpackte. Aber Freunde waren sie und blieben sie, und sie hielten das ganze Jahr durch zusammen, im Ernst wie im Scherz, und Anders mußte die Laurisbuben dabei haben, gleichgültig, was sie auch im Sinn trugen. Odin wußte nicht, warum er gerade jetzt darüber so froh wurde, aber es wärmte ihn wie eine Hoffnung. Wie etwas, auf das man vertrauen konnte, er hätte vor lauter Freude sie alle drei hernehmen und gehörig verklopfen mögen, – die dort, die hatten wohl eine Lebensanschauung? Und ringsum war es still, weit und frei, wohin man sich auch wandte; die Flanke des Berges versuchte ihm im Mondlicht zuzulächeln, so schwach dies auch leuchtete, und ebenso der Waldrand und das Moor. Aber ganz oben an den Hängen und rings um die Berggipfel hörte man das Rauschen eines Windes, es kam und ging, von Zeit zu Zeit. Odin glaubte fast, so sei es sein ganzes Leben gewesen, ebenso warnend, nur daß er nicht darauf geachtet hatte. Der eine oder andere hörte es vielleicht, heute abend so gut wie an einem anderen Abend, wunderte sich ein wenig darüber und wandte sich davon ab, es war ja nur der Wind. »Empor und vorwärts!« lächelte Odin, und dann ging er ins Haus. Heute abend wurde in der Stube gegessen, wie immer, wenn Gäste da waren. Anders schaute auf seinen Teller hinunter, als er jedoch merkte, daß der Vater ihn beobachtete, hob er das Gesicht und lachte ihn offen an: »Wenn wir eben einmal anfangen, dann –! Ich dachte übrigens nicht, daß jemand in der Nähe wäre und zusehen könnte!« Arnesen und Odin wußten auch jetzt nicht viel miteinander zu reden. Sie sprachen ein wenig über die Fabrik und ein wenig über andere Dinge, aber keiner von ihnen war mit seinen Gedanken bei der Sache. Von Zeit zu Zeit trafen sich ihre Blicke. Da dünkte es Odin, als nicke Arnesen ihm zu, so ungefähr, als wollte er sagen, warte nur, du wirst sehen, es geht schon! Außerdem war es wohl so mit ihnen beiden bestellt, dachte er, daß sie einander verstanden. Jeder von seiner Seite her. »Und daß er noch hier war und Abschied nahm!« sagte Ingri auf einmal. »Der Ola? Ja, du hast recht. Und jetzt ist er ausgefallen, wie ein Zahn aus einem alten Mund.« Aber Ingri war bleich geworden. – »Er hat sich doch nicht selber umgebracht, oder?« »Wie man's nimmt. Er war fertig und tot, noch lange vor meiner Zeit. Er ist wohl nie richtig am Leben gewesen.« 3 Schon ein paar Tage darauf ging das Gerücht um, Arnesen habe von neuen Fettpreisen gehört, und gleich darauf erhielten sie die Bestätigung, daß dies auf Wahrheit beruhe. Hier gab es Geld zu verdienen. Die Leute blieben sofort stehen, fragten noch einmal, ob es wirklich so sei, und damit gaben sie sich wieder zufrieden. Eigentlich, wenn sie so sagen wollten, hatten sie daran nie gezweifelt. Herrgott, es gab doch so vieles, was noch stieg, da würden wohl auch diese Preise steigen, und sie hatten ja nicht dafür gestimmt, daß der Betrieb niedergelegt würde. Aber der Odin, der Bürgermeister in der Gemeinde, er war aufgestanden und hatte in allem Ernst davon geredet, den Betrieb einzustellen. Lauris war der erste, der davon erfuhr. Er erzählte es Astri auf seine gewohnte Art, so etwa, wie man sagt, daß es sieben Uhr sei. – »Sei froh, Lauris!« sagte sie; und wie schon so manches frühere Mal zuckten Jugend und Mut über sie hin. »Ist das nicht ein gutes Zeichen, Lauris?« – »Auf Zeichen verstehe ich mich so wenig.« – »Ja aber, dies ist nun das erste Ereignis, seit du Vorsitzender geworden bist – warum kannst du nicht auch endlich einmal froh sein?« – »Ich bin immer froh, ich. So einigermaßen. Aber jetzt heißt es erst recht, Lohnerhöhung für diese Hungerleider, was sagst du dann dazu?« – Nein, das sollten sie sich doch nicht erzwingen dürfen, sagte sie in Gedanken. Aber daran sei doch nur der Odin schuld. »Er hat sie nur mit sich gelockt; er hat nie über sie geherrscht. Das Herrschen wartet auf dich.« Lauris sah ein wenig betroffen aus, einen Augenblick; dann war er wieder der Lauris. – »Ich weiß das alles. Aber der, der dies bedenken muß, muß vieles bedenken. Er muß zunächst einmal diesen Engelbert Olsen auf seine Seite kriegen. Er ist die Kurbel dort. Aber schau, den kannst du nun einmal nicht leiden.« – »Nein, ich muß schon sagen, –« Astri lächelte und biß sich auf die Lippe, »ich begreife auch nicht, was du mit ihm willst, er gehört geduckt!« – »Es gibt etwas, das Pläne heißt«, sagte Lauris ernsthaft. – »Ja, ja, Lauris, ich will's versuchen. Wir dürfen vielleicht nicht mehr ganz so – so feinfühlig sein in Zukunft. Und schließlich hast ja du zu bestimmen, das weißt du.« Am selben Tag noch traf sie Ingri. Astri war beim Bach und spülte dort Wäsche, denn das Wasser daheim reichte nicht dazu aus. Und Ingri ihrerseits wusch ein paar Holzgefäße. Sie blieben eine Weile beieinander stehen und redeten, und Astri erzählte die Neuigkeiten aus der Fabrik. Ingri sah sie fast erschreckt an; sie fragte, ob es wahr sei. – Doch, wahr sei es, und nun ginge es bald wieder vorwärts mit der Fabrik. »Es sieht aus, als bringe er das Glück mit, dein Vater«, sagte sie. Die Sonne kam hinter den Wolken hervor und schien Ingri mitten ins Gesicht, so daß sie die Farbe wechselte und das Haar funkelnd aufleuchtete; dies dauerte nur einen oder zwei Augenblicke, dann war es wieder erloschen. Der Himmel war mit kleinen hellen Wolken überzogen. Ingri konnte nie die Blicke von Astri abwenden, mit weiten, offenen und dunklen Augen sah sie sie an, kaum daß sie die Lider niederschlagen konnte. So wehrlos und ohne Falsch waren diese Augen, daß nun Astris Blick an ihnen hängen blieb. – »Und daß Lauris Odins Platz eingenommen hat, das nimmst du dir doch nicht so sehr zu Herzen, nicht wahr? Ja, ich meine: es ist nun einmal so auf der Welt, daran kann keiner viel ändern?« – »Nein«, sagte Ingri. – »Nein, uns bleibt nichts übrig, als zuzusehen, wie sie miteinander fertig werden.« – Astri nahm ihren Trog und ging heim. Sie war unzufrieden mit sich, denn nun hatte sie wiederum ein paar Worte zuviel mit Ingri geredet; – man stieg immer so zu ihr herab, gleichsam, als wäre man selbst ein Erwachsener und sie nur ein Kind, und ehe man sich's versah, stand man da und wurde mit ihr zum Kind, ja, und trotzdem war sie doch immer so himmelweit von einem entfernt. Dies mußte daher kommen, daß man fühlte, wie leicht es war, Ingri wehzutun, und daß man froh war, weil man nicht zu denen gehörte, die so etwas taten. Die Fabrik ging weiter, es war fast, als mache sich alles von selber. Arnesen unterhandelte mit den Arbeitern, versprach ihnen das, was sie forderten, redete mit der Leitung und brachte alles ins reine. Es zeigte sich bald, daß die Sache sich großartig anließ, denn die Heringe waren fetter, als man je geglaubt hätte. Arnesen brachte gehörigen Schwung hinein, ließ viel mit Überstunden arbeiten. Es hieß, er habe eine besonders gute Art, mit den Leuten umzugehen. Da berief Lauris die Aktienbesitzer zu einer neuen Versammlung ein. Sie hatten im vorhergegangenen Sommer angefangen, die Fabrik zu vergrößern, es war schon eine Grundmauer aufgestellt worden, weiter aber waren sie nicht gekommen, sie fanden, die Arbeiter gingen in ihren Forderungen zu weit. Nun gab es viele, die wollten, daß sofort gebaut werde. Es seien genug Heringe vorhanden, und Arbeitslose gebe es für den Winter ebenfalls genügend in der Gemeinde, sie müßten einen ordentlichen Schlag machen. Hier war Leben und Fortschritt, die Leute ahmten den Silberfuchs im Spaß nach, aber sie meinten es im vollsten Ernst: »Es muß empor und vorwärts gehen!« Die Frage war nun die, ob sie sich den Zimmerleuten und Bauarbeitern beugen sollten. Odin kam zur Versammlung und sprach. Wenn gebaut werden sollte, so müsse man auch bezahlen. Er zog schwer über die Bauern los, wies auf die Preise hin, zu denen sie alle ihre Waren verkauften, sagte, es sei alles miteinander hundemäßig teuer, sagte sogar etwas davon, daß es nichts helfe, die halbe Welt zu gewinnen, wenn man Schaden nehme an seiner Seele. Die Leute murrten, er aber war schon wieder über ihnen, und das Ende vom Lied war, daß sie nachgaben; sie wollten ihn sogar als Vorsitzenden der Bauleitung haben. Odin lachte und bat sie, zu bedenken, daß er ihnen von dieser Erweiterung abrate. »Ich habe Angst bekommen«, sagte er. »Ich habe nie Angst vor dem Spiel gehabt, wenn es auch noch so gefährlich war, das wißt ihr; jetzt aber sollten wir aufhören, solange das Spiel noch lustig ist. Ja, ich sehe, daß euch dies schwerfällt. Ich erkenne mich selber wieder«, – er schaut vor sich hin und lächelt, halb Knabe und halb alter Mann: »Es hat wohl oft so ausgesehen, als handle ich in einem Rausch. Ja, ich bereue das nicht. Aber diesmal – bin nicht ich es, der im Rausch handelt.« Sie hörten nicht weiter auf ihn, von früher schon daran gewöhnt, daß er irgend etwas Seltsames vorbrachte. Sie wählten ihn zum Vorsitzenden, und die Arbeit wurde so rasch, wie es sich nur machen ließ, in Angriff genommen. Das Wetter war so besonders gut. An Lauris dachten sie so gut wie gar nicht. Er hatte weder zugeredet noch abgeredet; – so schlau war er. Mitten in all dem wurde das Leichenbegängnis auf Segelsund gefeiert. Odin hatte Mina noch nie so bedrückt gesehen, sie ging wie im Schlaf umher und war verquält und wußte kaum, was sie antwortete, wenn sie gefragt wurde. Odin hatte ihnen verboten, Vikesylt einzuladen, und das fanden die Leute begreiflich, denn nach und nach war es doch durchgesickert, welch einen Tod Ola erlitten hatte. Sie fanden, wenigstens viele von ihnen, daß man sich für Ola kein anderes Ende hätte erwarten können, als der Eigenbrötler und Bücherwurm, der er war, und als ein Gottesleugner obendrein. Odin sang die Leiche hinaus. Und die Kirchenglocke tönte ebenso schwer und von Herzen kommend über Ola wie über irgendeinem anderen Mann in den blauklaren Herbsttag hinaus. Ein Berg nach dem anderen fing den Ton auf und hielt ihn eine Weile fest. Am Grab blickte Odin einen um den anderen an, er fühlte selber, daß er bleich geworden war: Der gleiche Gesang über jenem, den man schwer vermißte, und über dem, der unnütz auf der Welt gewesen war! Sah denn der Herrgott dies von so hoch oben her an? Odins Augen begegneten Astris Blicken; sie aber schlug die ihren rasch nieder. Da lagen die Wimpern wie blaue Schatten auf ihren Wangen. Sie hatte ihn verstanden, und ihr war, als habe sie sich einer Sünde oder einer Schande schuldig gemacht. Der Pfarrer aber sprach: »Und aus der Erde sollst du wieder auferstehen.« Da fühlte Odin Ingris Hand in der seinen. Er ergriff sie, und so blieben sie stehen. – » Wann werden wir Menschen den Tod überwinden?« tönte es rings um ihn. Zunächst aber war das Leben da und sollte überwunden werden. Es galt, sich wieder in den Strom zu werfen, gegen ihn oder mit ihm, mit den Fischern und den Bauleuten und vielem anderen, und alles miteinander tat doch gut. Die Menschen waren wunderbar seltsam. Selten zufrieden und noch seltener einig, und stets tiefernst wegen jeder Kleinigkeit, die sich ihnen entgegenstellte, man hätte glauben können, daß es sich um ihr Leben und noch mehr handle; Odin stellte sich oft mitten vor sie hin und lachte laut und aus vollem Herzen ihnen ins Gesicht. Da löste sich der Knoten meistens, sie hatten nicht viel Begabung zum Bösesein. Oft war auch der eine oder andere unter ihnen, der die Dinge ruhig betrachtete und voll einer alten Weisheit lächelte. Und dann ein Wort sagte, das Wunden heilen konnte. Ingri sah ihn manchmal an, besonders wenn er gerade fortgehen wollte. Sie hatte ihm vielleicht in all den Jahren so nachgesehen, aber erst jetzt kam ihm dies zum Bewußtsein, und eines Tages – er war gerade im Begriff fortzugehen – drehte er sich zu ihr um, mit kleinen Falten über den Brauen: »Ob das hier das Leben sei, meinst du? Ja, Ingri; für mich ist es das. Eine Zeitlang noch! Eine Zeitlang noch, ja!« Später einmal sagte er dann, er strich ihr sanft und behutsam über das Haar: »Es soll schon einmal anders werden, Ingri. Gewiß. Ich weiß, wie und wo du mich haben willst. Ich werde schon noch mit dir dorthin steuern. Sei nun ein gutes Mädchen und warte. Aber du weißt doch, es gibt etwas, das Geheul des Stammes heißt? Wenn das nach mir ruft, dann muß ich fort, so wie jetzt; nun, ich komme ja wieder. Wer die Stimme seines Volkes nicht hört, der hört auch sonst nichts.« Sie wollte seine Hände ergreifen, in tiefster Freude. In diesem Augenblick aber kam die Sonne herein und fiel auf ihn, wie er dastand, ein bebender, lustiger Strahlenflaum. Sie konnte ihn kaum wiedererkennen. Nachdenklich lächelte sie: »Jetzt nahm dich das Licht und trug dich weit von mir fort. So wird es wohl einmal sein, wenn du wirklich das hörst, wovon du vorhin sprachst.« – »Ja. Aber ich gehöre dennoch dir und den Deinen, mitten in allem anderen, – und nun guten Morgen, kleine Großmutter.« 4 Astri reiste gleich nach dem Leichenbegängnis in die Stadt. Sie hatte dort vielerlei zu erledigen, hauptsächlich aber wollte sie nach ihrer Mutter sehen. Nicht etwa, weil die beiden einander viel zu sagen gehabt hätten, sie waren sich eher immer fremder geworden mit der Zeit. Als Astri das meiste erledigt hatte, erinnerte sie sich an Karen-Anna Jensen aus Jörnstranda. Bei ihr hatte sie jedesmal vorgesprochen, so oft sie in der Stadt war, zwar reute es sie meistens hinterher, aber sie konnte es doch nicht sein lassen. Dieses Mal fiel ihr ein, daß sie gehört hatte, Karen-Anna sei krank, und auch, daß ihr Sohn bei der Säge verunglückt sei und nun der Mutter zur Last falle. Sie ging hin. Karen-Anna wohnte am Rande der Stadt, in einer kleinen Kammer. Es war sauber und ordentlich hier, aber unglaublich eng. Karen-Anna war bleich und mager und nicht gut angezogen, nichts als Armut und Krankheit, das sah Astri. Als Astri kam, huschte der anderen ein verlegenes Lächeln über das Gesicht – dies geschah jedesmal, wenn Astri da war, fast als erblicke Karen-Anna irgend etwas Schönes, das sie vergessen hatte; nach und nach aber schlich sich das Grau wieder in ihre Augen. Auf der Bank drüben saß der Sohn, er war wohl in den Zwanzigern, rechnete Astri nach. Er hatte jetzt nicht mehr viel Ähnlichkeit mit Lauris, das konnte sie sehen. Sein Gesicht war sehr hager, und er hatte matte Augen, es mußte schlecht um ihn stehen. Neben ihm lag die Krücke. Astri erzählte allerlei, und Karen-Anna wurde zusehends munterer und antwortete mehr, als man sich erwartet hätte. Sie sei krank gewesen, ja, und sei noch krank, eine Art Schwindsucht, wie der Doktor sagte, und nun dringe er in sie, daß sie fortfahre, die Stadt sollte ihr einen Aufenthalt in einem Sanatorium oder wie sie das nannten, zahlen. – »So?« sagte Astri, auf einmal merke sie, daß sie ihr Herz klopfen hörte. – »Nein, aber es wird nichts daraus.« – »Warum nicht?« – »Nein. Ich halte so wenig von solchen Sachen. Und außerdem – – habe ich keine Lust.« Der Bursche auf der Bank drüben sah scharf auf, und die Mutter bekam auf jeder Wange einen roten Fleck. Dann mußte sie husten. Danach stand sie auf, jammerte ein wenig und sah ihn an; er saß da und las in einer Zeitung. Als er merkte, daß auch Astri ihn anblickte, versuchte er sich hinter der Zeitung zu verbergen. Aus Astris Wangen wich die Farbe, so daß sie einen Augenblick ganz grauweiß war, dann kehrte die Röte wieder und überflutete das ganze Gesicht. Karen-Anna redete von etwas anderem, fragte, wie die Leute auf dem Land draußen lebten. Astris Gedanken waren ganz fern, als sie antwortete. Sie lebten eben. »Hier muß ein Ausweg gefunden werden«, sagte sie. Sie trat zu Karen-Anna hin: »Hier muß ein Ausweg gefunden werden«, sagte sie wiederum und legte ihr die Hand auf die Schulter. – »Ja wieso denn?« – »Doch, ich sehe ja, du kannst von dem Buben nicht wegreisen. Ich weiß nicht, ob er mit mir kommen mag oder nicht, ich will nicht einmal fragen. Aber irgend etwas muß hier geschehen. Du mußt wieder gesund werden, das ist klar, es hilft wirklich, wenn man fortreist«, – sie erzählte von mehreren, die dadurch ihre Gesundheit wiedererlangt hatten. »Du heißt Ludvik, nicht wahr? Ja, dein Vater, weißt du, der würde nicht dulden, daß so etwas geschieht. Du sollst mit mir kommen, du. Nach Haaberg, du gehörst doch schließlich dorthin!« Ihr war es, als redete sie mit zwei Schatten. Sie ging hin, packte Ludvik beim Arm und rüttelte ihn: »Du begreifst doch, nicht wahr, daß deine Mutter niemals wegreist und gesund wird, wenn du nicht mit mir kommst? Ja. Und du sollst ihn schon wiederbekommen, Karen-Anna!« Es dauerte eine geraume Weile, ehe die beiden sich entschlossen, aber Astri setzte sich hin und wartete ruhig ab. Sie ging nicht fort, ehe sie nicht ihren Willen durchgesetzt hatte. Ein ums andere Mal schoß es in Ludvik auf, so daß er am liebsten aufgefahren wäre und etwas Böses gesagt hätte, aber Astri merkte, wie er durch sie im Zaum gehalten wurde. Endlich lachte er und warf die Zeitung weg: »Ja, nur zu, mir ist alles recht!« – »Jetzt kenn' ich dich wieder«, sagte Astri. Sie ging in die Stadt und kaufte neue Kleider für ihn. Es war nicht lustig, zu sehen, wie armselig er dasaß und sich gar nicht zu helfen wußte, aber schließlich erlebte sie doch die Freude, daß er sie ansah und überlegt und aufrichtig antwortete – es sei nichts anderes zu machen, nein, wenn man die Mutter wieder zusammenflicken wolle. Plötzlich aber sah er von der Seite her zu ihr auf, er mußte ihre Gedanken gelesen haben: »Wer weiß, ob ich willkommen bin auf Haaberg, aber –. Es soll möglich sein, der Schande den Kopf abzubeißen, habe ich gehört.« Er lächelte wirklich, und da sah er dem Lauris ein ganz klein wenig ähnlich, dem Lauris aus früheren Zeiten. »Doch, du sollst willkommen sein, dafür stehe ich dir gut!« Andrea sah sofort, daß Astri etwas zu erzählen hatte. Astri setzte sich anders hin, als es sonst ihre Gewohnheit war, und ihre Augen blickten sie nicht so stark an und hielten sie nicht fern. Sie schlug ein Bein über das andere und legte die Hände ums Knie, saß da und wiegte den Oberkörper leise vor und zurück. Ab und zu biß sie sich auf die Lippe. Die Stirn zuckte, und die Augen wurden immer glänzender und glänzender, und als sie dann endlich sprach, klang es fast lächelnd: »Ich war bei der Karen-Anna. Sie muß fort und gesund werden. Und ihr Sohn, erinnerst du dich an ihn? Den habe ich übernommen. Morgen wird er mit mir heimkommen – – er soll doch wohl auch einen Vater haben? Wenn er bloß bei uns bleiben würde!« Andrea blieb erstarrt stehen, oder sie ging wohl rückwärts zur Wand hin. Munter und mit kleinen Augen lächelte Astri ihr zu. Da versuchte Andrea den gleichen Ton zu finden: – »Das ist mir ja ein schönes Mitbringsel aus der Stadt!« – »Ja–a, Mutter!« – »Du hättest es lieber nicht tun sollen. Um Lauris willen.« – »Der?« meinte Astri. »Er war es ja gerade, der das wollte.« – »Ist das wahr? Wollte er das wirklich?« Astri wurde rot, sah die Mutter jedoch fest an – »Nein, es ist nicht wahr; in einer Weise. Aber ich tue es doch um seinetwillen. Er soll sich als der erweisen, der er ist, er soll zeigen, daß er ein Mann ist, ja. Denn das ist er, Mutter, ob du es glaubst oder nicht. Er ist es geworden«, fügte sie hinzu, ein wenig gedämpfter. Sie saß da und sah die Mutter an, so daß diese die Augen ein paarmal niederschlagen mußte. So hatte Andrea sich nicht gewünscht, daß Astri ihr näherkommen sollte. Und jetzt lächelte Astri, mit einem Gewirr von kleinen Falten rings um die Augen, lauter Jugend und Übermut durch und durch: »Du denkst an den Odin, Mutter. Du und alle die anderen. Jetzt wär's aber an der Zeit, daß ihr damit aufhörtet.« Sie lachte, als sie sah, wie die Mutter zusammenschrak. – »Nein, jetzt hör mir zu, Mutter; ich werde doch auch noch einmal offen reden dürfen. Ich war wütend auf den Odin, das gebe ich zu, weil er nicht kam und mich mit Gewalt nahm. Denn so lieb hätte er mich doch haben sollen; so lieb, daß er das Leben für mich geopfert hätte. Da mußte ich mich opfern, für einen anderen. Und jetzt sehe ich es deutlich vor mir, und du solltest es auch sehen; daß alles andere falsch gewesen wäre; es war recht, wie es ging. Denn der Lauris und ich: es war die ganze Zeit ein Kampf darum, ob ich gewinnen würde. Ich habe gewonnen. Hast du ihn nicht gesehen? Und meine Buben? Es ist so gegangen, wie es gehen sollte, und das tut es gewiß öfter, als die Leute glauben, – würden sie das erkennen, so wäre das Dasein leichter für sie; es kommt soviel aufs Sehen an. Ich sitze oft da und sehe – nein, nein, du brauchst keine Angst zu haben, ich werde nicht so dasitzen wie die Großmutter.« Sie stand auf, ohne selber darum zu wissen, breitete die Arme aus, dem Tageslicht entgegen, das durch das linke Fenster hereinströmte, stand jung und stark da und sah es vor sich: »In Blindheit vorwärts – und bis hierher!« Zu einem Mann, der nichts war ohne mich, durchfuhr es sie. Der Mutter waren Tränen in die Augen getreten. Dazu gehörte nicht viel, vielleicht, Astri wurde weich bei diesem Gedanken, sie hätte nicht dastehen und so reden sollen. Aber noch ehe sie mit diesem Gedanken zu Ende gekommen war, befand sie sich wieder mitten darin. – »Du denkst an die Gemeinde, du, daran, was man dort dazu sagen wird. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Zuerst muß man «das tun, was man soll. Dann kann man sich's später immer noch zusammenreimen. Und der Lauris, wie gesagt, er war es ja – – ja, er wird sich freuen, wenn er es erfährt, er soll sich freuen!« Sie blieb eine Weile stehen, dann sagte sie: »Das hier, siehst du, das ist ein Dankopfer dafür, daß er – – mir die ganze Zeit treu war. Ja, und außerdem noch dafür, Mutter, daß es uns die ganze Zeit so gut gegangen ist, obwohl – –« Bei diesen Worten hielt sie plötzlich inne, bekam kalte Wangen und vergaß zu blinzeln. – »Ich habe mir so vieles erwartet«, murmelte sie. »Es gibt manches, das uns vergolten werden könnte – – ich kenne den Lauris nicht – – ich meine, daß wir dafür büßen müßten.« Aber sie riß sich davon los und sah die Mutter wieder ruhig an. – »Ich weiß ja wohl, daß ihr, du und auch der Otte, zum Odin haltet, denn ihr seht nicht, daß er sich verkauft hat, daß die kleinen Leute ihn regieren und nicht er sie; ihr könnt nicht begreifen, daß es zweierlei Arten von Leuten gibt und geben muß – daß alles andere mir zuwider ist. Wir müssen Halt sagen, wir, die die Verantwortung haben, da hilft nichts – ja, es hat keinen Sinn, daß ich darüber Predigten halte.« Andrea sprach von der Seuche, die jetzt in der Stadt wütete. Unaufhörlich starben Menschen, und ansteckend war sie, sie sollte sich in acht nehmen. – »Ich mich in acht nehmen? Nein. Ich habe mich noch nie in acht genommen. Da würde man ja doch ängstlich werden, oder? Die Großmutter, die war nie ängstlich. Aber richtig: Ist der Otte krank?« – Ja, er fühlte sich nicht ganz wohl. Aber es sei nicht die Seuche, er habe irgend etwas im Magen; vielleicht ein Magengeschwür. Jetzt erst fühlte Astri, daß ein schwerer Druck über der ganzen Stube lag. Sie fand, es ginge nicht an, mehr zu fragen, ginge nicht an zu trösten. Sie konnte sich nicht einmal dazu aufraffen, zur Mutter hinzugehen und ihre Hände zu ergreifen. – – – Am Morgen darauf, als sie zum Dampfer hinunterging, fühlte sie sich ein wenig beunruhigt. Denn wenn Ludvik nicht dort war, so würde das bedeuten, daß sie zu weich gewesen war, daß sie nicht die war, für die sie sich selbst gehalten hatte, und was sollte dann werden? Es würde vielsagend sein, wenn er nicht dastünde. Auf einmal aber drang ihr das Blut mit aller Gewalt zum Herzen, denn dort, mitten unter den anderen, die sich und ihre Siebensachen einbooten wollten, sah sie ihn, sah die Krücken und das bleiche Gesicht, er stand da und hielt nach ihr Ausschau. Sie gab ihm die Hand und dankte ihm. Dann zog sie ihn mit sich fort – nach achtern. Das Boot schwenkte in die Haabergbucht ein. Es waren viele Leute unten auf dem Bollwerk, sie sahen sowohl Lauris als auch Odin dort stehen. Das Meer lag still und glänzend da, so daß sie innehalten und es ansehen mußte: ein herrlich gutes Wetter von den blauen Bergen herunter bis ganz aufs Meer hinaus. Es blitzte und schimmerte weiß von den Möwen, die über den ausgelegten Netzen kreisten, es schimmerte oben in den weißen Wolken, alles erschien ihr morgenblank erstaunt, wie der Tautropfen am Zweig. Sie hielt Ludvik die Hand hin und wollte ihm an Land helfen. Er aber war mit seiner Reisetasche schon unterwegs, drehte sich um und sah sie flüchtig an, als wollte er sagen, nun müsse man sich eben in Gottes Namen dreinschicken. Lauris mußte den Burschen bereits gesehen und erkannt haben, er hatte alles in einem Augenblick erfaßt, vielleicht, denn ihr schien, als käme er ihr so entgegen. – »Bist du mit dem Pferd da?« sagte sie. – »Ja. Es war doch abgemacht, daß ich dich mit dem Pferd abholen sollte.« – »Das ist gut. Und da haben wir den Ludvik, den kennst du wohl nicht wieder. Du mußt ihn aufsitzen lassen.« Ludvik trat vor und grüßte. Lauris gab ihm ruhig die Hand und sagte sogar noch: »Willkommen hier auf dem Land!« Vielleicht machte Lauris ein etwas langes Gesicht, aber er redete trotzdem, als sei nichts vorgefallen. Ein paarmal betrachtet er sich den Burschen sehr genau. Daheim, als er und Astri einen Augenblick allein sind, kneift Lauris das eine Auge zu und lächelt leise vor sich hin und ihr ins Gesicht: »Ja, du, Astri, du bist eine!« »Ja–a. Nun bist du also sein Vater; vor der ganzen Gemeinde, ja.« »Meinethalben. Wenn du mir soviel zutraust.« Dann grinst er wieder und schüttelt den Kopf: »Herrgott, du verstehst's aber, dem Odin zu helfen!« »Nein, Lauris, diesmal tust du etwas, was er wohl kaum je fertiggebracht hätte.« »Ja, mich geht's ja nichts an, im übrigen.« »Soviel Verstand werden die Leute wohl haben –« »Der Verstand ist es ja gerade, der sie rettet, weißt du. Denn den gebrauchen sie nie. Vergiß das nicht, wenn du jetzt dem armen Teufel Mutter sein willst.« Sie hatte irgend etwas in der Speisekammer zu tun und ging dorthin. Was nun auch der Grund sein mochte, jedenfalls bückte sie sich zu der großen Kiste hinunter, die dort stand, und wahrhaftig, von dort her kam dieser fremde Geruch, den sie bemerkt hatte. Sie wollte die Kiste öffnen, aber sie war verschlossen. Astri richtet sich auf und sieht, daß Lauris in der Tür steht; er ist heimtückisch wie das Eis unter dem Neuschnee: »Ich dachte, ich könnte diese Kiste eine Zeitlang benützen, sie war fast leer.« Astri steht da und sieht ihn an. – »Ja, so nimm es doch nicht so gräßlich schwer«, bat er. »Ich gebe zu, wie es ist, daß ich die Zeit ausnützte und mir einen Tropfen Weihnachtsschnaps brannte, während du fort warst, – hast du dich nicht ein wenig über mein sogenanntes Bier gewundert?« Sie schüttelte den Kopf: »Ich glaubte wirklich, daß es Bier werden sollte. Aber das hier ist doch verboten, Lauris?« – »Angeblich ja. Du mußt also den Mund halten.« Astri war blutrot geworden, sah zu Boden und biß sich auf die Lippe. – »Ja, den Mund halten kann ich immerhin. Und in seinem eigenen Haus sollte man doch Herr sein. Ich höre nicht auf Odin und seine Engel. Aber eines mußt du wissen, ich mache mich deswegen nicht zum Lügner, für den Fall, daß ich gefragt werden sollte. Mit solchen Dingen geben wir uns nicht ab.« – »Ja«, meinte er, »aber schließlich weiß ja niemand, was man treibt und was nicht.« Sie schlug die Augen zu ihm auf und hielt sie fest auf ihn gerichtet: »Kannst du dir denn das nie abgewöhnen? Diese kleinen Lügen und Kniffe? Halt doch lieber stand, wenn der Stoß kommt. Ich habe solche Angst, manchmal: ich weiß nie, was du getan hast oder was dir einfallen kann zu tun oder nicht zu tun.« »Der Stoß? Dem hielt ich doch erst vorhin stand, unten beim Bollwerk. Und habe noch mehr von der Art zu erwarten, nicht wahr?« Er schob die Hände in die Taschen und ging hinaus. 5 Es dauerte nicht lange, dann kam die Seuche auch aufs Land hinaus. Sie hatten sie vielleicht schon lange, wenn sie genau nachdachten, gar mancher war todkrank gewesen, es war wohl die spanische Krankheit. Aber meistens kam dann die Pest selber hinterdrein, und das war nun also eingetroffen. Ein junger Bursche drüben auf den Häuslerhöfen von Segelsund war gestorben, noch ehe man die Schwere seiner Krankheit erkannt hatte, und gleich darauf noch einer, es war, als verlösche ein Licht. Es hieß, die Lunge habe zu arbeiten aufgehört. Und in den Nachbargemeinden wanderte der Tod von einem Hof zum anderen, wenn man den Erzählungen glauben durfte. Konnte man den Doktor noch rechtzeitig holen, so war immer noch Hoffnung, oder wenn man Branntwein hatte, aber diese beiden Dinge waren schwer zu haben. Die Leute waren ängstlich geworden, und viele von ihnen wagten sich nicht einmal zum Nachbarhof hinüber, so ansteckend war diese Krankheit. Sie lasen darüber in den Zeitungen, es war ein Unglück, das auf der halben Welt lastete, eine Sündenstrafe, meinten viele. Manche wurden so ängstlich, daß sie nicht einmal die Milch zur Schweizerei bringen wollten. Wenn das so weiterging, würden die Arbeiter in der Fabrik dies zu spüren bekommen, denn die bezogen ihre Milch und Butter von dort. Um diese Zeit fuhr Odin von einem zum anderen und wollte Aktien für den Konsumverein zeichnen lassen. Jetzt mußte er sich die Leute Mann für Mann vornehmen, bis ihm ein jeder versprach, die Lieferung an die Schweizerei nicht einzustellen. Es ging auf diese Weise, aber leicht war es nicht. Und mit dem Konsumverein ging es auch nicht viel leichter. Er merkte, auf welcher Seite er viele von ihnen finden würde, gleich nachdem er zu Lauris kam. Ihn selber traf er übrigens nicht, aber aus Astris Antworten hörte er heraus, daß sie ihn erwartet hatte. – »Nein, mit solchen Dingen geben wir uns nicht ab«, sagte sie. »Wir wollen nicht zu denen gehören, die irgend jemand das tägliche Brot wegnehmen – du hättest doch eigentlich gleich an Mina denken können.« – »Für die wird sich schon ein Rat finden, habe ich gedacht.« – »So–o?« – »Wie wäre es, wenn du mit dafür stimmtest, Arthur zum Leiter des Vereins zu machen? Denn das liegt ihm.« – »Ja, so, so ist das zu verstehen? Ja, ja, aber erkundige dich bei denen, die deine Leute sind. Wir sind dagegen.« – »Daß du dich so ganz und gar verrennen solltest!« lachte er. – »Man muß doch wohl noch seine Meinung sagen dürfen?« erklärte sie.– »Ja, meinst du?« Ähnlich ging es ihm bei vielen, aber er war strahlender Laune, war zornig und froh zugleich. Gar mancher hatte nachgegeben, ehe ihm die Sache recht klar geworden war. Und ließen sie sich nicht von der einen Seite nehmen, so gab es immer noch eine andere, von der aus man es versuchen konnte. Er kannte sie besser als sich selber und betrachtete sie von allen Seiten, wie er es mit seinen Fichten im Wald machte. Er mußte dies schon einmal geträumt haben, als er noch ein kleiner Junge war, denn oft, mitten im ärgsten Gefecht, erkannte er nicht nur sie, sondern auch sich selber wieder. Dann aber fürchteten sie, er könnte ihnen die Krankheit ins Haus bringen. – »Ja, bleib du nur in der Tür, dann stell' ich mich hierher«, sagte er, und da fiel meistens die Angst von ihnen ab. – »Dich als Freidenker ficht das natürlich nicht an«, sagte einer von ihnen. – »Ja, bin ich das, glaubst du?« – »Wir haben es doch gehört.« – »Vom Silberfuchs, ja. Und im übrigen habe ich Angst genug vor dem Tod; aber die Sachen da muß ich noch erledigen, ein ganzes Fuder muß noch übern Berg empor und vorwärts, da vergeht einem die Angst.« Bei den Fabrikleuten ging es besonders schwierig. Die fürchteten, es könnte eine Gesellschaft aus lauter Bauern sein. Doch da hatte er bereits so viele Aktien in der Hand, daß er die Fabrikleute entbehren konnte, und das half. Aber einige Tage darauf erklärte Engelbert, sie hätten sich's überlegt. Sie wollten nicht mittun und einem verhungerten Kaufmann das Brot backen. – »Ja, aber, du solltest ja nicht Leiter sein?« sagte Odin. – »Nein, nein, aber –. Wir geben nicht nach. Wir unternehmen etwas auf eigene Faust.« – Odin versuchte ihn zu überreden und glaubte ihn bereits auf seiner Seite zu haben, sie hatten schon gar manchen kleinen Kampf miteinander ausgefochten. Engelbert aber zeigte diesmal ein anderes Gesicht, er hatte einen bösen Blick und ein böses Maul. – »Du bist einer!« sagte er. »Zuerst schmeichelst du dich bei den Bauern ein, und dann schmeichelst du dich bei uns ein, glaubst du nicht, daß wir den Schwindel merken?« – »Nein, nein, nein!« bat Odin, »jetzt nimm einmal deinen Verstand zusammen, du weißt selber, daß das, was du da sagst; nicht wahr ist.« Engelbert schoß sofort das Blut in den Kopf, es sah aus, als bereue er, dann aber packte ihn die Scham, und nun legte er noch derber los: Er würde Odin und jedem, der es sehen wolle, zeigen, daß die Fabrik und die ganze Arbeit am Bau nur so lange weitergehe, als er wolle, und nicht einen Tag länger! »Jetzt nimm dich aber in acht!« Odin sagte es ernsthaft; er war noch nicht zornig, aber die Farbe in seinem Gesicht wechselte. So trennten sie sich. Als Odin am Abend heimkam, war er ebenso müde und froh wie immer. Aber Ingri merkte trotzdem, daß ihm irgend etwas fehlte. – »Nein, nichts, nur daß du Sägemehl ins Brotmehl gemischt hast«, er sah vom Essen auf. – »Nein, nein, Odin! Du weißt doch, daß es Bauernmehl ist.« – »Du hast recht, ja. Und es schmeckt auch gut. Nein, es ist der Engelbert, der mir den Weg versperren will. Mit dem werde ich mich noch gründlich abraufen müssen, ehe ich ihn so hab', wie ich ihn haben will. Oh, aber – es ist Erz in den Leuten, wenn man nur richtig draufschlägt.« – – – Am gleichen Abend trafen Engelbert und Lauris unten in Vaagen zusammen, in einem Haus, wo sie oft alle beide hinkamen. Es handelte sich darum, daß Lauris die Leute das Schnapsbrennen lehren sollte, denn es gab viele, die sich daran versuchten, aber nur wenige, die es zuwege brachten. Einzig und allein Lauris konnte es auf die richtige Art. Er hatte den Apparat in einem Sack mitgebracht, und eine Flasche voll gebrannten Wassers. Sie tranken ein wenig, und es schien ihnen zu schmecken; und dann redeten sie über allerhand. Engelbert kam nur durch einen Zufall hinzu. – »Du zeigst uns wohl an, du?« sagte Lauris. – »Ja, das hängt nun von mancherlei ab«, lachte Engelbert. Lauris sah ihn an, seine Augen wurden immer schmaler und schmaler. – »Schade, daß du so ein dummer Kerl bist!« sagte er. »Ja, ich meine nur in einer Sache, weißt du; ich hab's dir schon einmal gesagt. Denn sonst bist du ja verflucht tüchtig.« – »Du meinst den Odin, daß ich nach seiner Pfeife tanze? Ich will dir eines sagen, Lauris, ich habe ihn heute abgeschüttelt, und zwar gehörig.« – »Ja, da hin ich nicht mit dir einig«, erwiderte Lauris, »denn der Odin war dir bisher recht nützlich.« – »Ja, ich weiß es; gib dir keine Mühe! Aber heute abend trinken wir, und morgen ist Krieg. Es wird Streik geben, und du bist Vorsitzender in der Leitung – dein Wohl!« Lauris lachte, daß es ihn schüttelte: »Weiß Gott, es ist ein Vergnügen, es mit so einem aufzunehmen wie mit dir! Ja, denn du bist ein ehrlicher Kerl«, fügte er hinzu. »Ein Charakter , möchte ich es nennen. Ich bin nun einmal so altmodisch, daß ich auf den Charakter sehe; der geht über all unser Zanken und Streiten. Aber wie kommt es, daß du trinkst? Du ?« – »Darüber mußt du mit dem Odin reden«, hustete Engelbert. Die beiden waren einen Augenblick allein in der Stube, und da beugte Lauris sich über den Tisch vor und sah den anderen verzehrend schlau an: »Du weißt, daß ich Bankkassierer bin, nicht wahr? Ja, und du hast ein Papier, auf dem der Odin für dich gebürgt hat?« – »Ja, ein Papier auf dreitausend Kronen, es war der Handel, den ich damals abschloß.« – »Und der Tölpel hat für dich gutgesagt, blanko! Du brachtest es blanko auf die Bank, ein ums andere Mal, zum Prolongieren. Das beweist, was für ein Mann du bist: Du hast es jedesmal nur prolongieren lassen. Obgleich du Fünf- und Sechstausend auf den Tisch hättest bekommen können, auf seinen Namen, ja, das weißt du selber genau so gut. Du hast die Versuchung überwunden, ja. Du hast auch nie davon gesprochen, daß sein Schwiegervater im Loch gesessen hat. Nein. Aber ich danke dir nicht dafür, ihr seid Freunde und alles miteinander.« Engelberts Augen waren ein wenig gläsern. In diesem Augenblick kam der dritte Mann wieder herein. – »Du hast Streik gesagt?« fing Lauris an. – »Ja, so, wie die Fabrik jetzt verdient! – – aber darüber können wir ja morgen reden.« – »Da wirst du wohl auch den Odin mit hineinziehen müssen. Und da kannst du froh sein. Ich bin schon nahe daran, krank zu werden, will ich dir sagen. Und der Odin, der weiß sich mit euch zu helfen. Ihr bekommt einen Anteil am Ertrag. Ja, du wirst sehen !« – »Ja, wir wollen sehen, ganz gehörig!« Engelberts einer Mundwinkel zog sich hoch hinauf. Lauris wurde wirklich krank. Nicht gerade schwer, aber doch immerhin so, daß er das Bett hüten mußte. Man hatte Odin zum zweiten Vorsitzenden gewählt, man wollte ihn nicht geradezu absetzen, und nun mußte er einstweilen die Stelle des ersten Vorsitzenden einnehmen. Der Streik war das erste, womit er zu tun bekam, und der Kampf wurde beinahe ausschließlich zwischen ihm und Engelbert ausgefochten. Odin bat ihn, die Arbeiter zu einer Versammlung zusammenzurufen, er wolle mit ihnen reden. Dies geschah. Odin sagte, er sei in vielen Dingen mit ihnen einig, jetzt wie auch bisher: Jetzt, da alle Waren im Preise stiegen, müsse auch der Lohn steigen; er habe sich das aber in der Form gedacht, daß jene Arbeiter, die zur Fabrik gehörten, Anteil am Verdienst haben sollten. »Denn das ist der Weg, das sehe ich vor mir«, sagte er, »und wir sind nicht die ersten, die diesen Weg gehen.« Er sprach ruhig, aber bestimmt, nur gerade so viel, daß man immer auf ihn hörte, erzählte Beispiele aus anderen Ländern und löste das Rechenexempel für sie; soundso viele Prozente für soundso viele Arbeitsstunden, da könnten sie bis zu zwei Kronen mehr im Tag verdienen. Er versprach, diese Lösung durchzusetzen, denn er habe sozusagen freie Hand. Sie sollten sich's überlegen. Sie überlegten sich's und schwiegen. Die Ungewißheit fraß sich von einem Mann zum anderen durch, das konnte er sehen. Noch nie hatten sie einen besseren Köder vor Augen gehabt; sie sahen zu Engelbert hinüber. Der stand da und grinste. Dann räusperte er sich und sagte: »Bürgst du dafür, daß es soviel wird, wie du versprichst? Daß der Gewinn der Fabrik anhaltend ist, den Winter hindurch?« Alle Blicke wanderten wieder zu Odin. Und er bekam das alte leichtlebige Lachen in die Augen: »Ja, könnte mir einfallen! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, das ist ein altes Sprichwort.« »Da hört ihr's!« warnte Engelbert. »Er ist uns zu schlau. Wir müssen uns in acht nehmen vor ihm.« So war die Schlacht verloren. Aber schließlich einigten sie sich auf eine kleine Lohnerhöhung. Jetzt kamen die Bauleute an die Reihe. Ihnen machte Odin einen Vorschlag, daß sie halb im Akkord und halb im Tagelohn arbeiten sollten, er machte ihnen klar, wie er sich das gedacht hatte. Es schien, als seien sie bereit, darauf einzugehen; sie meinten untereinander sogar, wenn sie so eifrig weiterarbeiteten wie bisher, so würde das keinen schlechten Tagelohn geben. – »Ja, nicht wahr?« sagte Odin, »man könnte sich etwas Schlimmeres denken.« Da war Engelbert wieder da, und das gleiche höhnische Lächeln klang in seiner Stimme: »Seid doch nicht so dumm, Leute! Begreift ihr denn nicht, daß es das Kapital ist, das auch hier wieder verdient? Ja, laß mich einmal reden, Odin! Hier ist Krieg, und wir sollen die Waffen für die Gegenpartei schmieden, das ist es doch, was du willst? – Darauf lassen wir uns nicht ein!« Er redete lange und heftig, und mehrere andere ergriffen noch das Wort und erklärten sich mit ihm einig. Während dies vor sich ging, saß Odin da, als träume er. Er erwachte erst, als alle über ihn herfielen und riefen, über den Lohn könnten sie sich ein anderes Mal einigen, aber sie wollten nichts von einem Sklavenaufseher oder von einem Drängen des Disponenten oder der Leitung wissen, sie wollten als freie Leute arbeiten, daß er's nur wüßte. Odin wurde brennend rot. Wer ihn kannte, erwartete jetzt, daß er auffahren würde. Aber seine Stimme klang ruhig: »Ihr mögt recht haben, das leugne ich nicht. Ich bin ein kleiner Mann, genau so gut wie ihr. Aber trotzdem werde ich in dieser Sache nicht nachgeben, nein, das geschieht nicht. Es – – es ist etwas in mir, das mir das verbietet. Wollt ihr daraufhin in den Streik treten, dann meinetwegen. Aber ich warne euch!« Diese Worte fielen gar manchem schwer aufs Herz. Hier standen sie vor einem Entweder – Oder. »Jetzt geh ich meiner Wege«, sagte Engelbert, und er ging wirklich. Viele schlossen sich ihm an. »Ja, ich gehe auch!« lachte Odin. Er ging nicht sofort heim, sondern ließ sich erst noch in ein Gespräch ein, mit mehreren, die er draußen traf, mit guten Bekannten und anderen. So zu zweien oder zu dreien gaben sie ihm recht, in fast jedem Punkt: aus allem, was sie sagten oder nicht sagten, hörte er heraus, daß es nur auf Engelbert ankam. – Da machte er sich rasch los und ging schnell dahin, denn ein Stück weiter vorne hörte er Engelbert, dort fand ein lauter Wortwechsel statt. Der Mondschein schwamm über der ebenen Landschaft und auch auf dem Meer, eine Weile, dann kamen die Wolken und tauchten alles wieder in Schatten, so daß nur noch eine Glut zu sehen war, dort, wo der Mond segelte, eins war so schön wie's andere. Odin dünkte es, er habe noch nie einen so tiefen Abend gesehen. Man konnte fast jede einzelne Schäre draußen vor den Ufern seufzen hören. Irgendwo, weit drüben bei den Höfen, bellte ein Hund und zerriß die Abendluft. Auf dem Weg hörte man überall Leute miteinander sprechen. – »Aber ich muß ihn einholen und mit ihm reden!« sagte Odin im Weitergehen vor sich hin. »Er muß doch wohl noch – –« Endlich war er mit Engelbert unter vier Augen. Er hatte noch nie so ernsthaft mit ihm geredet. – »Ich kann es nicht glauben, daß du das hier bist!« sagte er, und seine Stimme war von Kummer und Ärger erfüllt. – »Nein, das glaube ich gern«, antwortete Engelbert. »Du glaubtest, du hättest mich in der Tasche, dachtest, ich sei dein Sklave – – war dies der Grund, daß du mir im Anfang halfst? Ich bin nicht zu kaufen, nein.« – »Pfui, schäm dich, Engelbert!« – »Ach, woher doch! Das greift mich nicht an; ich bin vom gleichen Schlag wie du. Und jetzt will ich dir die allerletzte Neuigkeit erzählen: ich sage dir, wenn du es jetzt noch ärger treibst, dann gibt's Unannehmlichkeiten, nicht nur für dich, sondern auch für deinen Schwiegervater. Du meinst, ich wüßte nicht, daß er gesessen hat? Du glaubst nicht, daß ich oder irgendein anderer nach Norden geschrieben und sich erkundigt hat? Und dann du selber, der sein armes einfältiges Weib dazu verleitet hat zu lügen. Jetzt bin ich es, der dich warnt!« Odin war jäh stehengeblieben. Der Mond ließ erkennen, wie verändert sein Gesicht war. »Jetzt fehlte nicht viel, und dann hätte ich zugeschlagen!« sagte er. Einen Augenblick stand er da und brachte kein Wort heraus. »Ich hätte es wohl tun sollen, – gründlich.« Nach und nach beruhigte er sich wieder, aber seine Stimme war trocken und rostig: »Bildest du dir wirklich ein, mir Angst einzujagen? Hm? Nein, geh du nur zu allen Leuten und erzähle es, du, dann werden wir dich los. He! He! Nein, nein, nein! Daß du so bist!« Auf einmal aber brach der Zorn in ihm durch, er hob die rechte Hand: »Marsch, vorwärts, du Saukerl, geh, sag ich! Geh !«, er jagte ihn vor sich her, kreuzte die Hände auf dem Rücken und kam nach. – »Das Schlimmste ist, daß man jetzt heimkommen muß«, seufzte er laut. »Zu ihr, die alles merkt. He! He!« Er kam leidlich damit zurecht. Ingri fragte, wie es gegangen sei, und hörte ihm zu, wie es ihre Art war, mit einem Schimmer von Unruhe und Angst in den Augen; – nie war sie so schön wie in solchen Augenblicken. – »Nein, ich habe kein Glück mehr«, sagte er und lachte ihr ein wenig zu. »Dies kann ja auch ganz lustig sein. So ist es, wenn man ein Mensch ist, nur gut, daß ich es nie für leicht gehalten habe. Nach Kjelvika, meinst du? Ja, Gott segne dich, mit der Zeit werden wir schon noch dorthin kommen. Aber ich habe so wenig von dem erledigt, was ich hätte tun sollen, siehst du, ich habe die ganze Gemeinde in diese Geschichte hineingeritten und möchte nun alles in Ordnung bringen. – Es ist so vieles, was ich tun sollte. Und fortjagen, das lassen wir uns nicht, Ingri!« »Nein«, sagte sie. »Aber es bringt einen fast um!« seufzte er eine Weile später. »Daß Menschen so werden können?« Am Tag danach hatten sie eine Direktionsversammlung, und dabei einigten sie sich darauf, nachzugeben, so daß alles seinen Gang gehen konnte. Gleichzeitig wurde Engelbert gekündigt, es hieß, man könne ihn hier nicht brauchen. Der Disponent steckte den Brief in seine Tasche. – »Wenn sie jetzt nur nicht trotzdem noch in den Streik treten«, sagte Arnesen. – »Ja, soll es gehen, wie es mag«, meinten die anderen. Odin begleitete den Schwiegervater ein Stück weit. Und als sie dann dastanden und jeder in seiner Richtung weitergehen wollte, sah Arnesen Odin wieder an. Er war ergriffen, so daß es um seine Mundwinkel zitterte. – »Es ist so merkwürdig, Odin, daß du an mich glaubst.« – »So?« – »Gerade du, der alles über mich weiß. Ich bin so froh darüber, fast könnte mir Angst werden. Daß ich dazu verdammt sein sollte, Unglück über dich und deine ganze Arbeit zu bringen! Und ich, der ein so eisernes Vertrauen hatte, daß es gut gehen würde; für uns alle miteinander.« – »Man muß nur einen kleinen Kniff anwenden«, sagt Odin lustig. »Wir müssen es außen um uns herumgehen lassen, das, was sich uns entgegenstellt, wenn es uns zu schwer wird, in einem großen Bogen um uns herum. Oder hineinwachsen, wenn es sich so fügt. Wenn der Hund beißen will, muß man ihm den Holzfuß hinhalten, das ist für beide Teile das beste.« – »Ja, du weißt, ich habe es so machen müssen, ich. Aber daß jemand an mich glaubt? Und daß jemand so glauben kann, wie du es tust? Aber all dieser Streit, Odin – warum gibst du dich mit so etwas ab? Denn sie werden nie zufrieden sein, keine von den Parteien.« – »Ja, so grundgescheit werde ich nie werden«, erklärte Odin. »Ich könnte eher mit der Mistgabel dreinfahren – das wäre ihnen vielleicht am liebsten. Aber der Engelbert, ja! Kannst du es fassen und begreifen, daß einer so werden kann? Wenn der Streit sie alle miteinander so macht, dann ist es freilich teuer erkauft, alles das, wofür wir uns jetzt plagen. Ich kann es nicht glauben; bei Gott, das kann ich nicht! Aber das ist ja gleichgültig: Ich muß hindurch. Ich habe nichts anderes, an das ich mich halten kann, als das, was in mir ist; ich fühle, es wäre eine Sünde, wollte ich jetzt den ganzen Schwung in mir aufhalten. Die Mistgabel nehmen, ja. Aber heutzutage sind wir wohl nicht mehr so aus einem Guß? Wie nun aber auch alles steht, so mußt du doch auf jeden Fall auf deinem Posten aushalten, das mußte der Urias auch.« Sie lachten alle beide und trennten sich. – – – Die Arbeiter antworteten augenblicklich, daß sie die Arbeit nicht aufnehmen würden, ehe Engelbert wieder eingestellt sei. Odin war zur Stelle und redete mit ihnen, sagte, daß er im Prinzip mit ihnen einig sei und sich darüber freue, welch gute Kameradschaft sie untereinander hielten, hier aber handle es sich um Dinge, von denen sie nichts wüßten und die sie nicht absehen könnten. – Was das für Dinge seien? Er schob die Mütze auf dem Kopf zurecht, ein paarmal. – »Er hat mir gedroht, das ist das eine, und das andere sollt ihr wissen und erkennen: er ist euer ärgster Feind! Er hat sich vollkommen verrannt, ihr werdet keinen Frieden zur Arbeit haben, solange er hier ist. Ich kann nicht zusehen, wie ein Mann für die anderen alles verdirbt, selbst wenn er es noch so gut meint. Und sich durch Drohung Geltung verschaffen? – nein!« – Sie sagten nicht ja und nicht nein dazu, sahen zu Boden und wieder zu ihm auf und fühlten sich unbehaglich, aber irgend etwas Bestimmtes brachte er nicht aus ihnen heraus. Am Abend darauf hatte Engelbert sich mit Branntwein versorgt, und er und noch ein paar andere sprachen ihm so lange zu, bis sie betrunken waren. Was sie getrunken hatten, wurde nicht erzählt, aber sie waren vollkommen aus dem Häuschen, schrien und johlten die halbe Nacht hindurch, und schließlich zogen sie los und rissen das Gerüst am Neubau ein. Sie wurden angezeigt, und der Disponent schlug eine Kundgebung an, im Namen der Leitung: wenn die Leute nicht am nächsten Tag zur Arbeit anträten, so sei ihnen allen miteinander gekündigt, – zwei oder drei Facharbeiter waren nicht darin einbegriffen. Keiner rührte die Arbeit an. Odin beriet sich mit der Leitung und machte sich auf den Weg und stellte neue Leute ein. Es war nicht schwer, welche zu bekommen, denn Fabrikarbeit, das war etwas, was sie gerne machten. Vorläufig, hieß es. An dem Tag, an dem sie zur Arbeit erschienen, kamen auch die anderen und sagten Halt. Hier müsse alles stillstehen. Odin war da und wollte sagen, daß sie im Grunde auch hierin recht hätten, er gab nach, es sei so eine Sache, ihnen ihre Arbeit zu nehmen und sie an andere abzugeben; er konnte die Last von sich abwerfen und wie vorher gut Freund mit ihnen sein. Ehe er aber erriet, was in ihm vorging, war er ein anderer Mann: der Schweiß trat ihm auf der Stirn hervor, und das Blut schoß ihm zum Herzen, er konnte kaum mehr etwas vor sich sehen. Ihm war, als bedecke sich sein ganzer Körper mit Stacheln, er war ein wilder und zottiger Kerl, den sie binden und fesseln wollten, diese kleinen Kreaturen, sie wollten ihm das Fell abziehen und gründliche Arbeit mit ihm machen. Später dachte er dann, sie seien ihm wohl zu nahe gekommen, unerlaubt nahe. Er blieb stehen und sah sie vor sich wie minderwertige Menschen, sah ihnen ins Gesicht und durch und durch, und dies tat verflucht weh. Er wartete, bis er wieder wußte, was er wollte, obgleich er fühlte, daß gerade dies ein Fehler war, einer neuer und großer Fehler. »Soll ich denn nicht das Recht haben, die Arbeit wieder in Gang zu bringen?« Er fragte leise, und seine Stimme war heiser. Sie riefen alle durcheinander, er möge dies bleiben lassen, jetzt sollte es hier aus einem anderen Ton gehen. Betrunken waren sie nicht, und keiner überschritt die Grenzen. Odin trat einen Schritt vor, sein Gesicht war dunkel, und er kam ihnen bedrohlich nahe mit den Augen. »Nein, verflucht noch einmal, jetzt nehmt euch in acht! Nehmt euch in acht, sage ich!« Er schlug die Hände zusammen, daß die Zunächststehenden zurückfuhren, er ihnen nach, noch einmal rufend, noch wilder. Sie erinnerten sich, daß er schon früher einmal so in die Schar hineingefahren war, da aber hatte er ganz anders ausgesehen. Dann drehte er ihnen den Rücken. Rings um ihn schwieg alles still, stand ihm mit eisiger Drohung entgegen. Man hörte nur die Möwen, die draußen über der Bucht umherschossen. – »Steckt in euch ein Funken Mut oder nicht?« wandte er sich an die Neuangekommenen. Die richteten sich ein wenig auf, husteten ein paarmal, sie waren alles andere als ängstlich. Dann gingen sie hinein und schlossen die Türen. Der Disponent sollte ihnen die Arbeit anweisen. Odin sah sich die Draußenstehenden noch einmal an. Einen nach dem anderen betrachtete er, sagte kein Wort und sah so aus, als habe er vergessen, was sich soeben zugetragen hatte. Auch sie sagten kein Wort; sie standen nur da. – Unrecht? dachte er. Was ist Unrecht? Ich weiß es nicht. Ein kleiner Mann, was ist das? Auch das weiß ich nicht. Und was weiß man denn eigentlich? Was soll man damit? Das ist es nicht, wonach man sich richtet, wenn man einmal das Richtige tut. Habe ich sie denn erdichtet, sie alle, die hier stehen, oder sind sie wirklich so? Jetzt erwachte er und sagte, es war ein Schimmer der alten guten Laune in seinen Augen: »Geht jetzt heim, Burschen, und macht keine Geschichten! Wenn einer die Macht gebrauchen will, dann muß er sie auch haben. Und noch kann alles sich wenden und wieder gut werden, wir haben noch einen weiten Weg vor uns!« Er drehte sich um und ging hinein. Die Fabrik kam so nach und nach wieder in Betrieb. Sie war beinahe wie ein Tier, das dalag, Wartung und Pflege verlangte und zufrieden brummte, wenn es das alles bekam. Sie war ein Sklave, der die ganze Gegend zum Sklaven machte; sie war der Teufel, den der Mann auf den Nacken genommen hatte und nun weitertragen mußte. »Zum Teufel, das war schwer!« sagte der Mann, als er den anderen wieder hinstellte. Draußen schien die Sonne in der klaren Luft, und alles lächelte ihr entgegen. Blaublankes Meer und bereifte Wiesen, Waldränder und Moore und kahle Berge weit nach Osten hinüber. Nur die Möwe war über all dem mit ihrer traurigen Stimme, sie lachte und klagte, sie konnte es nicht besser. 6 Und so blieb Odin sowohl an diesem wie auch am nächsten Tag voll hohen Mutes und großen Staunens, Ingri konnte kaum an ihn herangelangen, um mit ihm zu sprechen. Die Brauen zogen sich zusammen, und bei den Mundwinkeln entstand ein Knoten, und von Zeit zu Zeit strich er sich hart über das Gesicht und durchs Haar hinauf. Die Augen aber waren ungefähr wie immer, und daran konnte sie erkennen, daß er doch der Odin und nicht ein fremder Mann war. Dann blieb er oft stehen, mitten in der Stube oder wo es sich gerade traf, und schaute vor sich hin und lächelte ungläubig irgendeinem zu, den er noch nie gesehen hatte. Wurde er dann sie gewahr, so zwinkerte er erst ein wenig mit den Augen, seine Blicke waren so weit fort gewesen. Am merkwürdigsten aber war der Anders, fand sie. Er war schon immer am liebsten mit dem Vater zusammen gewesen, kannte nichts Schöneres, ließ sich dies jedoch nie so richtig anmerken. Jetzt kam er alle Augenblicke dorthin, wo der Vater stand, ließ seine scheuen Blicke über ihn hingleiten, zauderte ein wenig und ging – da war es, als sähe sie das Gesicht des Vaters. Kam sie dann einige Zeit später zu ihm und bat ihn um etwas, begegnete sie der gleichen Falte zwischen den Brauen und dem gleichen Staunen in den graublauen Augen. Sie mußte lächeln, so wenig ihr auch sonst danach zumute war. Die Gedanken wandten sich wieder Odin zu. Sie hatte ihn schon früher ähnlich gesehen, aber nie so, daß es Furcht in ihr erweckt hatte. Er hatte über allem gestanden, war höchstens mit jedem Mal ein wenig größer geworden. – Es war alles nur ein Spiel gewesen, früher, schien es ihr zu sagen. So begegnete er Astri, als sie mit der Nachricht kam, daß sein Vater im Sterben liege. Andrea hatte aus der Stadt telephoniert und gesagt, daß er den Odin gerne sehen möchte, und sie glaubte, daß er nicht mehr lange zu leben hätte. Astri hatte Peder gebeten, zu Odin zu gehen. – »Ich weiß nicht recht«, hatte der geantwortet. Da erkannte sie, daß dies ihre Bürde war. Sie band eine frische Schürze um und ging. Odin sah sie hart an, aber trotzdem mit dem Hauch eines Lächelns irgendwo im Gesicht. Es dauerte lange, schien es ihr, bis er erfaßte, was sie erzählt hatte. – »Danke!« sagte er nur. Er stand im Küchenhaus und schmierte gerade seine Seestiefel, denn er mußte wieder mit den anderen zum Fischen hinaus. Astri war schon im Begriff zu gehen. – »Ja, ich danke dir!« fügte er hinzu. – »Sag mir: du kommst nicht in die Stadt?« Aber noch ehe er ausgesprochen hatte, sah er, daß sie verlegen war und am liebsten wieder daheim säße. – »Hast du es schon gewußt, du, daß es so schlecht um ihn stand?« fragte sie, und nun war sie wieder die alte. – »Ach, ich hab' mir's gedacht. Darmtuberkulose, dachte ich.« – »Ja, ich glaube. Ja, ja, sag also auch von mir viele Grüße, du fährst wohl noch heute abend?« Sie hörte nicht mehr darauf, was er antwortete, das merkte er, sie hatte sich schon zum Gehen gewandt. – »Ja, so warte doch noch ein bißchen!« bat er. Sie blieb stehen und wartete. Sie war einen Augenblick blaß und wurde gleich darauf wieder rot, aber die Augen blickten ihn voll und fest an. – »Ich wollte nur fragen, ob ich von uns beiden grüßen sollte und ob ich sagen könnte, daß wir, du und ich, miteinander versöhnt seien. Dies würde ihn froh machen.« – »Aber eine Feindschaft hat doch nie zwischen uns bestanden?« erwiderte sie, »dagegen ist es wohl so, daß der eine rechts und der andere links will, das wird sich kaum ändern, glaube ich; du mußt sagen, wie es ist. Und im übrigen weiß er dies schon längst.« Eine Weile stand sie noch da. Als er jedoch nichts antwortete und nur zu Boden blickte, sagte sie Lebewohl und ging. – »Es war, als sei sein Kopf ganz leer«, sagte sie zu sich selber. »Wer weiß, vielleicht überlegt er sich's noch, mit der Zeit, und nimmt sich in acht. Wenn er sich doch selber erkennen könnte!« – »Das Schlimmste ist, daß das hier Leben sein soll«, sagte Odin, wie er so dastand. »So wahr du ein Weißer bist und kein Neger, mußt du heraus aus der Wildnis und unter die Leute, und bist du ein Mann, so mußt du einer Partei angehören, und dort sollst du stehen, das Joch auf dem Nacken, Herrgott noch einmal, denn du bist ein freier Mensch. Jawohl, wir sind nicht anders geschaffen, es ist gescheiter, ich richte meine Stiefel ordentlich her.« Als einige Zeit verstrichen war, rief er aus, so daß er danach seine eigenen Worte hörte: »Wenn ich den Engelbert nicht retten kann, was will das im Grunde besagen? Und schließlich habe ich mich ja nicht selber geschaffen, das weiß ich. Die Verantwortung will ich trotzdem tragen.« Er ging zur Bucht hinunter und traf dort einige Anordnungen, dann nahm er den Dampfer zur Stadt. Es war alles voll an Bord, aber niemand trat zu Odin hin und störte ihn. Um Otte stand es schlecht, Odin saß lange neben seinem Bett, ehe er die Kraft fand, etwas zu sagen. – »Es geht dir wohl schlecht?« sagte er endlich. Otte lächelte so schwach, daß man es kaum sehen konnte. Nach einiger Zeit gelang es ihm, Odins Hand zu ergreifen und sie festzuhalten; er lag die ganze Zeit da und sah ihn an. Odin glaubte, er kenne seine Gedanken. – »Nein, die Astri konnte nicht kommen«, sagte er. »Sie hat mir Grüße aufgetragen. Wir sind Freunde und ganz ausgesöhnt, wenn wir auch nicht immer einig sind.« Später am Abend fühlte Otte sich frischer als sonst, er ergriff Odins Hand und hielt sie fest umschlossen. – »Bist du noch so stark«, sagte Odin. – »Ich spüre es, ja. Aber du sollst jetzt aufhören, Odin; mit diesen Streitereien in der Gemeinde.« – »Um das kämpfe ich ja, nach besten Kräften; mitten ins Feuer bin ich gesprungen. Ich glaube, jetzt sind wir bald am Ende, ich sehe es so vor mir.« – »Du solltest aufhören, Odin. Das Spiel kommt dich zu teuer. Du verlierst alles, was du hast – wie steht es mit der Ingri?« Odin schrak zusammen und sah den Vater mit halboffenem Mund an. Es zog ein blasserer Ton über das verwitterte Gesicht. – »Warum fragst du danach, Vater? Mit ihr steht es doch gut?« – Otte seufzte und bewegte den Kopf: »Du sollst sie recht behalten lassen, die Astri und den Lauris.« – »Das kann ich versprechen. Sie sollen ihr Recht kriegen.« – »Alles Recht, Odin! Vielleicht – – sehen sie – – weiter in die Zukunft als du.« Odin saß da und betrachtete den Vater, unter seinen Augen entstanden kleine Falten und zogen sich zusammen, halb in Trauer und halb in Jugend. Dann sagte er: »Sieht es so für dich aus?« – »Ja, ich glaube fast. Ich sehe den Frieden vor mir.« – »Es muß seltsam sein, so dazuliegen und nach vorwärts zu schauen; mir ist das noch nie widerfahren. Ich sähe wohl nicht das geringste; ich muß rückwärts schauen, ich, wenn ich den Weg wissen will. So scheint es mir nun, ja. Ich muß meinen Weg finden, siehst du.« Otte hätte gern geantwortet, wurde aber plötzlich von Schmerzen befallen, und danach war er zu müde, schlummerte sogar ein wenig, immer Odins Hand in der seinen. Andrea bedeutete Odin durch Zeichen, daß er kommen und Kaffee trinken solle, er aber schüttelte den Kopf. Ihn dünkte, er redete mit dem Vater, wie er so dasaß, über eine unergründliche und hoffnungslose Tiefe hinweg. Oder vielleicht war er selber der, mit dem er redete – es tat gut, trotz allem, er hatte so wenig Zeit dazu gehabt. – »Du hast getan, was du solltest, Odin!« – der Vater hatte die Augen aufgeschlagen und war hellwach. »Mehr als genug, Odin. Mehr als genug. Du kommst nicht weiter.« – »Ja«, sagte Odin, sein Gesicht leuchtete auf, »es ist unglaublich gegangen, von einer Sache zur anderen. Die Leute in der Gemeinde, es waren immer sie und ich, sie und ich, und gutes Wetter haben wir gehabt und schlechtes Wetter, so richtig lustig war es, wie es immer wieder abwechselte, und vorwärts ist es gegangen. Doch, Sieg auf Sieg habe ich errungen, aber das, was ich eigentlich hätte vollbringen sollen, die Tat selber, bis dorthin konnte ich nie gelangen. Und das ist das Glück, glaube ich, es wie eine Bläue vor sich zu haben, da glänzt es hell! – Ja, das wußten die in früheren Zeiten auch, ich habe es sicher bei irgendeinem weisen Mann gelesen. Es sollte etwas Gutes sein, das, was ich tat, so ungefähr wie ein Geschenk an die Leute, dachte ich.« Der Vater drückte seine Hand: was er da sagte, war richtig. »Ja, Vater, aber ich bin nicht so geschaffen, ich muß etwas – muß etwas auf dem Nacken haben, du verstehst mich, Vater. Da sitze ich und entdecke das nun. Ich trage die ganze Gemeinde auf dem Nacken, es gibt viele, die ein großes Land tragen, – das muß wohl schwer sein? Aber es ist unmöglich, die Last abzuwerfen. Der Kampf ist vergeblich, vielleicht, aber es ist nicht vergeblich, ihn trotzdem zu führen.« »Nein«, sagte Otte, er lächelte sogar. »Nein, man könnte Lust fühlen –« »– Lust zu vielem, ja!« fiel ihm Odin ins Wort, und die Jugend spielte hell und glänzend in jedem Zug seines Gesichtes. »Ich weiß nicht, ist es über oder hinter uns, das, was uns anschiebt und uns lenkt; – ich glaube, es ist in mir selber. Aber dort, wo ich stehe, muß ich stehen – ich glaube, Luther sagte das zum erstenmal!« »Du solltest Bauer werden, Odin!« Otte schlug mit der flachen Hand gegen die Wand. »Bauer?« Odin saß da, verwundert, und lächelte vor sich hin. »Bauer? Bittest du mich darum? Ja, ja; ich will es versuchen. Die Ingri und ich, weit weg von allem Trubel, ja! Aber Bauer? Was ist das im Grunde? Ein seßhafter Mann nur? Ein stiller Mann auf einem stillen Hof, mit den Äckern und dem Herrgott als Rückhalt, und gute Nachbarn und anderes? Oder ist es ein freier und wilder Kerl aus einem Guß? Der das glaubt, was er glaubt, und das ist, was er ist? Ich muß zugeben, daß mich das trifft, was du sagst. Bauer, ich habe die ganze Zeit gemeint, einer zu sein, hm! Aber Bauer sein, wenn keiner mehr weiß, was ein Bauer ist? Und jetzt, Vater, jetzt dünkt mich, ich sehe es: wollte ich aus meinem innersten Mark heraus Bauer sein, dann wäre ich manchmal grob und gefährlich, ich nähme die Mistgabel und jagte das ganze Gesindel zur Gemeinde und zum Land hinaus, daß man nur noch die Schuhsohlen von ihnen sähe. Denn sie sind böse, viele, ich habe sie jetzt erkannt. Nein, nein, Vater! Du brauchst keine Angst zu haben, ich tue es nicht, es wohnt noch vieles andere in mir außer dem hier. Und dann habe ich die Ingri. Ich will versuchen, rechtzeitig aus dem wirren Knäuel in der Gemeinde herauszukommen. Das verspreche ich dir zum Abschied!« Odin hatte leise gesprochen und mit kleinen Pausen von Zeit zu Zeit, trotzdem stand ihm der Schweiß auf der Stirn, und als er nun seine Hand zurückzog, sank er fast auf dem Stuhl zusammen, Otte lag mit einem tiefen, dankbaren Glanz in den Augen da. Sie hatten einander Lebewohl gesagt, aber das war es nicht, was Odin angegriffen hatte, er wunderte sich darüber. Er hatte sich davor gefürchtet, solange er hier saß und ihm in die Augen sah. Der Vater griff tastend umher und bekam wieder Odins Hand zu fassen. Er lag wohl da und fühlte die Gedanken durch die Hand, so schien es Odin, denn als einige Zeit vergangen war, sagte er mit jenem verschleierten Lächeln, das Kranke oft an sich haben: – »Du und ich, Odin. Es ist nicht viel Unterschied zwischen uns. Nicht jetzt.« – »Nein«, sagte Odin, »es ist so, wie die Großmutter immer sagte, man ist nie der, der man zu sein glaubt.« Da aber war Otte schon eingeschlafen. Odin mußte hinaus. Er mußte den Himmel und die Erde sehen, mußte sehen, wie sie jetzt waren, in dieser Stunde. Rings um die Stadt lag alles in weißgrauer Dämmerung, und darüber war das weißgraue Wolkengewölbe. Es war Nacht; er stand hier allein, ihr mitten gegenüber. Die nächtliche Kühle hauchte ihn an, und jetzt hörte er den Windzug, der zur Nachtzeit oben zwischen den Bergen wanderte und dem Seinen nachging. Der Mond stand am Himmel, aber verborgen; ab und zu leuchtete es auf, irgendwo, man unterschied die Baumwipfel gegen den Himmelsraum weit draußen, und Ufer und Äcker lagen mit schlafendem Antlitz da. So hatte er schon früher gestanden und gewartet, nie aber war es so zu ihm gekommen wie jetzt. – »Ich weiß es, ich weiß es!« sagte er zu allem hinaus. »Ich werde kommen, wenn es an der Zeit ist!« »Kjelvika!« sagte er plötzlich. – »Man lebt nur einmal. Es kommt wieder, dann aber ist es ein neuer Himmel und eine neue Erde – man könnte reich sein, wenn man dies sähe. Heute nacht ist es weit bis zu den Menschen. Empor und vorwärts, habe ich sie sagen hören. Herrgott, was wissen denn sie! Bauer, sagen sie wohl. Ist das ein Hofbesitzer im Thing und im Rat des Königs? Sie reden vom Leben und sie reden vom Tod!« Er wachte in der Nacht beim Vater, und am Morgen nahm er noch einmal Abschied von ihm, da aber war es nicht viel mehr als ein toter Mann, dem er die Hand reichte und in die Augen sah. Erst draußen, in der Morgenluft und im Tag, merkte er den großen Unterschied, der zu ihm sprach und das Leben zu einer fremden Sache machte. Kaum daß er Frau Mina von Segelsund erkannte, sie kam ihm auf der Straße entgegen. Sie war gestern abend mit dem Dampfer hierhergekommen. Da hatte sie noch nachdenklicher ausgesehen als seinerzeit bei dem Leichenbegängnis für Ola Haaberg, sie konnten alle miteinander erkennen, wie schlecht es um sie stand. – Sie fragte, ob sie hineingehen und mit dem Otte reden könne. – Das könne sie wohl, ein paar Worte wenigstens, aber was wollte sie eigentlich? Odin trat dicht an sie heran. Ihre Blicke flackerten über ihn hin und zur Seite. – »Ich hätte mit ihm reden müssen.« – »Ja, ich verstehe das. Aber das sollt Ihr nicht. Denn das darf man ihm nicht zumuten.« – »Nein, Odin, es ist nicht das , was du meinst, es ist nicht das! Denn darüber kann ich mit keinem Menschen reden. Es ist etwas anderes, es handelt sich um einen Brief, den wir nach Olas Tod fanden; er hat mir eine Last auferlegt, die ich nicht zu tragen vermag. – – Ich muß mit dem Otte reden, Odin, kannst du mir nicht helfen!« – »Kommt zu mir nach Haaberg und redet lieber mit mir. Sollten war beide nicht einen Berg tragen können, wenn's sein muß?« – »Ja, wenn ich mit dir rede, dann sieht alles so aus, wie es für dich aussieht. Wenn ich aber dann wieder allein bin! Wenn ich allein bin, Odin? Es handelt sich um die Astri, siehst du, es ist etwas wegen ihr oder dem Lauris, und ich gebe doch soviel auf die Astri, es sollte ihr immer und überall gut gehen; ich glaube, dein Vater müßte einen Rat wissen.« Odin lächelte schwermütig, redete zu sich selber und nicht zu ihr: »Nein, nein! Ein Sterbender ist ein schlechter Ratgeber. Du sollst niemand fragen; dann zeigt sich's dir, was du tun sollst und was nicht. Glaubt mir das, Mina!« Er ging mit ihr wieder hinein und wartete, bis sie fertig war. Sie hatte nur Abschied von Otte genommen. Dann fuhren sie gemeinsam mit dem Dampfer heimwärts. Odin aber wollte nicht fragen, was sie plagte. Soviel er sehen konnte, reiste sie leichteren Herzens heim, als sie gekommen war. 7 Aber schon am nächsten Tag fuhr sie über den Fjord und zum Pfarrer. Der Pfarrer war ein junger Mann und neu im Amt, es hieß, er sei ein tiefer und wortkarger Mann. Er sah sofort, daß etwas auf ihr lastete und sie zu Boden drückte, aber sie erzählte nicht so, daß er hätte verstehen können, was dies war, und er wußte auch nicht, wie er sie zum Sprechen bringen sollte. Er hörte, daß es sich um einen Brief handle, und dieser Brief befahl ihr, etwas bekanntzugeben, was einen anderen Menschen nicht nur aller Güter, sondern auch der Ehre berauben würde, und zwar einen Menschen, der schon genug zu kämpfen hatte und der ihr sehr nahestand. In tiefstem Mitleid sah er sie an, wurde immer ratloser und ratloser, wollte nicht einmal wissen, was es war; er sagte nur: – »In dieser Sache weiß ich kein Wort zu sagen.« Er schwieg eine Weile, dann wiederholte er die gleichen Worte – wurde rot und fügte hinzu: »Den Menschen zu predigen und ihnen den Weg zu zeigen, das kann einer lernen. Mit ihnen zu reden, über solche Dinge, das – – ist schwierig.« – »Ja, aber was soll ich dann tun?« jammerte sie. – »Sie müssen versuchen, ob Sie nicht mit Gott darüber reden können. Ob Sie nicht vor ihn hintreten und – – mit ihm reden können, ja. Wollen Sie das nicht versuchen?« Diese Worte kamen so hilflos und tastend, daß Mina den Mann ansehen mußte. So ehrlich bis ins Innerste hatte sie erst einen gesehen, und das war der Odin, und so wehrlos hatte sie noch keinen gesehen; denn der Odin, dem wuchs nie etwas über den Kopf. – »Ja, ich werde es versuchen«, sagte sie und gab sich sogar Mühe zu lächeln. Als sie aber aufstehen wollte, überwältigte sie das Weinen, eine Welle, so schwer, daß sie darunter zusammenbrach. – »Hätte ich doch nur den Mut!« klagte sie. »Aber ich habe – – die Gnade mit Füßen getreten, ich habe etwas getan, was noch schlimmer ist, ich bin ohne Gott in der Welt – ich bin allein !« Der Pfarrer wußte sich nicht anders zu helfen, er wollte sie bei der Hand nehmen, dann müßten ihm doch die Worte einfallen, die er brauchte! Aber in diesem Augenblick ertrug sie Trost noch weniger als irgend etwas anderes; sie stand auf und nahm sich zusammen, bat den Pfarrer, sie zu entschuldigen, verabschiedete sich und ging fort. Sie dankte ihm sogar. – »Denn er sah so aus, als brauchte er ein gutes Wort, der arme Kerl von einem Pfarrer«, lächelte sie vor sich hin, als sie draußen war. Alles da draußen stand ihr entgegen: Der sonnige Tag und die Bläue des Himmels waren ein Hohn gegen sie, und auch der blinkende Fjord, über den sie herübergerudert war; er hatte sogar ihre Spur verwischt. Und diese kleinen weißen Wolken hoch droben, die hatte sie Ewigkeitswolken genannt, als sie noch ein Kind war. Die taten überhaupt nicht mehr, als sähen sie sie noch. Aber nach und nach richtete sich ihr Rücken immer straffer auf. – »Hat er sich von mir abgewandt, so tue ich, was ich will«, sagte sie, und zwar so laut, daß die Leute, die in der Nähe arbeiteten, es leicht hätten hören können; sie bemerkte es und vergaß es gleich wieder. »Die Muhme Aasel hätte es getragen, als wäre es nichts – es ist nur eine Prüfung, eine Prüfung!« Trotzdem kam sie am Abend darauf nach Haaberg und wollte mit Astri reden. Astri war gerade drüben gewesen und hatte mit Odin gesprochen, sie wollte etwas von seinem Vater hören und zugleich auch von ihrer Mutter. Als sie heimging, wunderte sie sich, daß Odin keine Trauer anzumerken war, weit eher lag es wie eine Erleichterung über dem ganzen Mann. Als etwas Beunruhigendes, als einen Druck auf der Brust empfand sie es, wie fremd Odin war, so groß und so weit fort, und gegen sie würde es sich wenden, gegen sie und gegen alles, was ihr gehörte. Sie hatte nur das Recht auf ihrer Seite, und das war gering, wenn es zum Treffen kam, so fürchtete sie. Auf der Küchentreppe drehte sie sich um und blieb einen Augenblick stehen. Die Sonne stand im Westen und brannte hinter den Hügeln. Und auch das Meer und die Berge brannten von ihrem Schein. Und die Röte nahm ab, und eine Weile lag das Land ohne Licht da. Astri wußte nicht, weshalb sie hier stand; es war nicht ihre Art, so stehenzubleiben und sich von etwas erfassen zu lassen. Jetzt aber zeigte sich das Land nackter und lebendiger als vorher. Die Moore und die kleinen Hügel traten so deutlich hervor, braungrau im Frost, in tiefster Armut. Bis die Dämmerung sich ihrer annahm und sie wieder verbarg. Astri sah auf. Und dort droben hatte sie den Himmel, und er war so blau, daß es in ihm sang. Da schüttelte sie sich, fühlte mit einem leisen Stich, daß es andere Dinge gab, denen sie begegnen mußte, und ging hinein. Drinnen saß Mina und erwartete sie. Astri sah sofort, daß sie nicht aus einem gewöhnlichen Anlaß kam – sie hatte sich erhoben und blieb stehen. – »So, so, bist du auch unterwegs!« sagte Astri. – »Ja, ich muß mit dir sprechen, Astri!« – »Ja, bitte!« Astri ging zur Tür und bat Mina, mit ihr in die Oststube zu kommen. Mina blieb gleich hinter der Tür stehen. – »Ich ertrage es nicht mehr!« brach es aus ihr heraus. »Ich habe hier einen Brief, von Ola Haaberg, er schrieb ihn erst, kurz bevor er – – bevor er starb. Er sagt, er habe nach Aasels Tod eine Schuld eingefordert, für Fischgerät, das sie verkaufte, – sie glaubte nie, daß sie das Geld bekommen würde. Fünftausend waren es, und sie sollten ans Altersheim gehen; und dieses Geld lieferte Ola vor fünf Jahren an Lauris ab, schrieb er. Aber es ist nie an seinen Bestimmungsort gelangt, sagt er, und es gibt auch nichts Schriftliches darüber. Bei mir ist es nicht, das können alle sehen, sagt er, aber der Lauris zahlte nicht lange darauf fünftausend Kronen auf der Bank in der Stadt ein; und diese Summe hat der Lauris bei der Steuer niemals angegeben. Und nun, Astri, gibt Ola mir den Auftrag, damit zur Obrigkeit zu gehen – ich kann nicht mehr darüber schweigen! Kannst du mir nicht sagen, Astri, was ich tun soll? Vielleicht habe ich gegen den Heiligen Geist gesündigt, das mag sein, wie es ist; und wenn es auch mit uns einmal schief geht, ich will uns schon wieder auf die Beine bringen, so wahr ich hier stehe. Aber so ist es unmöglich, Astri, denn der Ola ist über mir, Tag und Nacht, ich traue mich nicht mehr auf Segelsund zu sein, ohne daß ich seinen Willen tue, wir müssen weg – – wenn bloß der Arthur Disponent an der Fabrik werden könnte! Ja, ich möchte nicht den Bonsach von dort wegjagen, aber mit ihm werde ich schon reden können. Denn dieser Konsumverein, wenn aus dem etwas wird, so wird er auf Segelsund gegründet. Ich wünsche dir nichts anderes als nur alles Gute, Astri, aber wenn wir noch länger auf Segelsund bleiben, dann rede ich, ich kann nicht anders.« Astri hatte dagestanden und wie ein Stein geschwiegen, obgleich Mina ein paarmal fragte und Antwort von ihr erwartete. Jetzt fing sie an, mit trockener Stimme, wie es manchmal ihre Art war. »Hat der Odin dir das versprochen?« – »Ja, das mit dem Konsumverein wohl, aber ich glaube, wenn du wolltest und auch der Lauris, dann würde mein Mann Disponent werden, denn ich weiß, der Odin würde mir so viel helfen, als er nur kann.« – »So–o? Das wird er wohl kaum umsonst tun. Soviel habe ich doch gelernt, daß die Menschen nichts umsonst tun, einerlei, wer es auch ist. Aber es ist alles miteinander Lüge, was du da erzählst, darauf will ich einen Eid leisten!« Mina war so entsetzt, daß sie ganz weiß im Gesicht wurde, Astri konnte dies sehen, trotzdem es schon dämmerig war. »Das wirst du nicht tun, Astri. Das wirst du nicht tun, du bist doch nicht von Sinnen?« »Ich schwöre einen Eid darauf, daß dies erlogen ist. So sollen sie uns denn doch nicht vernichten dürfen, das soll nicht geschehen.« Dann murmelte sie vor sich hin, in kalter grauer Not: »Ich fühlte es doch vorhin – – ich hatte solche Angst, ins Haus zu gehen.« Mina brachte kein Wort heraus. Sie starrte Astri nur an, die Hände ineinander verschlungen. Da sagt Astri wiederum ruhig: »Aber Olas Geld möchtest du wohl gerne haben?« – »Sprich nicht davon!« bat Mina. »Du weißt nicht, wie bitter notwendig wir's brauchen, und der Ola hat es doch aufgeschrieben und hat bestimmt, daß es uns gehört, wenn ich es bei der Obrigkeit melde, er hat es auf den gleichen Bogen geschrieben, es sind nur ein paar tausend Kronen – – du sollst nicht glauben , Astri, daß ich deshalb – –« Sie sank auf einen Stuhl und weinte. Auch Astri setzte sich. Sie merkte es wie etwas ganz Unglaubliches, daß sie dasaß und lachte. – »Ach so, die verlierst du sonst?« sagte sie. »Hm, hm, hm!« »Ach, wollte Gott, du hättest recht, Astri! Daß der Lauris das Geld nicht bekommen hat!« »Darauf kannst du dich verlassen. Zerreiß das Papier und verbrenn es. Ein paar tausend Kronen werden sich immer beschaffen lassen. Und Disponent? Warum sollte der Arthur es nicht werden? Es geschieht gegenwärtig so vieles – wer heutzutage leben will, darf nicht alles so genau nehmen, das habe ich schon immer gemerkt.« »Wenn du nur nicht hingehst und ein Unglück anrichtest!« »Nein, nein, woher doch!« Gleich darauf fügte sie hinzu, leise vor sich hinlachend, das hätte sie wohl tun können , wenn man sie dazu gezwungen hätte. Wenn es sich darum handelte, alles zu verteidigen, was man war und besaß. »Und wenn ich die Einzige in der Gemeinde wäre, Mina, jetzt weißt du es.« Sie solle nicht so reden! bat Mina. – »Du mußt bedenken, der Herrgott ist ein gefährlicher Mann, und die Ewigkeit ist – –« – – »ist lang, ja«, lachte Astri. »Nein, ich glaube nicht so übermäßig an den Herrgott wie du. Aber ich glaube, er hält zu uns, er will uns nicht ganz in Grund und Boden hinein züchtigen – wie würde es da in der Gemeinde ausschauen? Hast du schon daran gedacht?« »Nein, aber ich habe solche Angst, Astri, daß du nicht die Wahrheit sagst? Solche Angst, daß du verhärtet bist?« »Ich habe noch nie gelogen«, – Astris Stimme klang kalt, als sie sich nun erhob. Auch Mina stand auf, trat näher und legte die Hand auf ihre Schulter: »Gerade das ist mein Trost, Astri. Denn einen aufrichtigeren Menschen als dich weiß ich nicht, und der Lauris tut nichts, worüber du nicht Bescheid weißt, dies ist so wahr, daß es in der Dunkelheit leuchten kann, so dünkt mich, ich muß auf das vertrauen, was du sagst, Astri. Ich habe sonst nichts, an das ich mich halten kann!« – Draußen im Gang sagte sie gute Nacht und trat vors Haus, verwirrt, und machte sich auf den Heimweg. Sie hatte heute abend nicht einmal daran gedacht, mit Wagen und Pferd zu kommen. – »Du mußt deinen Verstand zusammennehmen«, rief Astri ihr nach. – »Ach ja, lieber Gott, Verstand! Wenn es weiter nichts wäre. Aber daß das Leben so sein muß!« – »Ja, ja, so ist es.« Astri tat, als sei nichts geschehen, als Lauris heimkam. Erst als sie in der Schlafstube waren und er von allem Möglichen erzählte, fragte sie, wie es sich denn mit dem Geld verhielte, das Aasel auf dem Fischgerät stehen gehabt habe. Er blieb mitten im Wort stecken, und sie sah ihm gleichmütig in die Augen. Er zuckte nicht zusammen, kniff nur das eine Auge ein wenig zu. Es dauerte nicht lange, dann hatte er sie alle beide wieder offen und lächelte sie schamlos an, mitten ins Gesicht: »So, so, das hat sie also heute gewollt, die von Segelsund?« – »Ja. Sie hat ein Papier gefunden, das Ola hinterlassen hat. Was sagst du dazu?« – »Ein Papier? Da gibt's kein Papier, Kind, das weiß ich. Und was dieses halb närrische Weib zu ihrem halb närrischen Bruder gesagt hat, das weiß i c h nicht. Aber daß der Ola Haaberg uns böse gesinnt war, das weißt du, wenn du willst. Und daß das Geld eigentlich dir gehörte. Was sagst du dazu?« Astri setzte sich still aufs Bett. Sie zog Stück für Stück aus und sah dabei zu Boden; sie wurde immer blasser und blasser. Lauris betrachtete sie von der Seite her. »Ja, jetzt ist es zu spät«, sagte sie. »Jetzt habe ich es abgeleugnet, und jetzt mag es dabei bleiben. Am schlimmsten ist die Sache mit der Selbstangabe bei der Steuer!« »Damals gab es noch keine Selbstangabe.« »Aber man würde das Geld in der Stadt finden, auf der Bank dort, stand in dem Brief.« »Keine Angst, Kind. Das ist ausgezogen.« »Ja ja, aber –. Es bleibt nichts anderes übrig.« »He?« »Ich muß es eben auf mich nehmen. Muß sagen, daß es mein Geld war. Und daß ich es in Empfang nahm und auf die Bank brachte, ohne daß du etwas davon wußtest. Alles miteinander muß meine Schuld sein.« »Du weißt, dies wäre am schlauesten, aber –. Den Leuten gegenüber, ja, meine ich.« Astri sagte nichts mehr. Still und wach lag sie da, hörte, wie der Lauris einschlief, und hörte den Wind draußen. Bisher hatte er nur alles mögliche angerührt und sich eine kleine Weise gepfiffen, sie hatte ihn in weiter Ferne vernommen, jetzt aber war er dicht neben ihr. Und jetzt stimmte er den Ton herab, er wurde derb, redete sogar im Ernst. Er hörte sich gut an. Hätte sie außerdem noch den Laut von allem vernommen, was draußen war, von jedem Berg und jedem Hügel und von den Mooren und den Wiesen ringsum, so hätte es wohlgetan. Am liebsten hätte sie alles gesehen , im glaubwürdigen Tageslicht, sie hätte die Häuser hier und alle miteinander sehen mögen. Aber dazwischen sah sie einen, den sie kannte, einen armen Kerl von der Landzunge draußen, Jörgen Langaune hieß er. Er hatte einen falschen Eid geschworen. Er hatte drei Finger in die Höhe gehoben und eine Lüge beschworen, das hatte sie schon als Kind immer gehört. Und so mußte er dann sein Leben lang herumlaufen: drei Finger steif ausgestreckt und zwei zusammengekrümmt; als sie klein war, meinte sie, er schwöre immerzu. Meistens steckte er die Hand in die Tasche; jetzt sah sie ihn so deutlich. »Ich tue es trotzdem!« sagte sie laut. Sie hörte, wie Lauris sich räusperte und wach wurde. Dann lag sie wieder still da und lauschte auf den Wind. Der aber hatte sie vergessen und war seiner Wege gegangen. – – – Vikesylt kam oft nach Segelsund. Der Arthur war ein Mann, mit dem man so gut reden konnte, ein intelligenter Mann, durfte man geradezu sagen, denn es war unglaublich, wie groß er die Dinge ansehen und wie er einem recht geben konnte. Die anderen Leute hier in der Gegend, ja, sie waren tüchtig, alle miteinander, so betrachtet, aber wie zu erwarten war, verstanden sie wenig von dem, was einem so eingegeben wurde, und namentlich fehlte ihnen der Blick für das Höchste der heutigen Zeit; sie hätten am liebsten dagegengearbeitet. – »Der Arthur«, sagte er, »mit dem ist es etwas ganz anderes.« Aber ebensooft redete er mit Frau Mina, obgleich man ihr anmerken konnte, daß sie eher ein wenig hochmütig war, sie hatte noch nicht so klar erkannt, daß die höchste Eigenschaft darin liegt, vor sich selber gering zu sein. Hinter diese Weisheit kamen die Menschen nie so rasch, das hatte er schon erfahren. Er kam nach Segelsund am Tag, nachdem Mina auf Haaberg gewesen war, und in dieser Nacht hatte sie nicht geschlafen. – »Du siehst so krank aus in letzter Zeit«, sagte er. »Gerade, als drücke dich eine Last oder sonst irgend etwas Schweres nieder; etwas Innerliches möchte ich es fast nennen.« – »So?« erwiderte sie, ein wenig scharf, sah ihn jedoch nicht an. – »Ja, ich habe das nun so an mir, ich, der seit vielen Jahren Witwer ist und verheiratet war und alles miteinander, ich sehe mitten in die Frauen hinein, und dir habe ich nun schon seit langer Zeit angesehen, daß du etwas mit dir herumträgst. Du tust mir so leid, ach ja, ja!« Sie gab keine Antwort. Seine Augen wurden dadurch noch blanker. – »Die anderen fangen auch schon an, es zu beobachten und auf dich aufmerksam zu sein – du solltest dein Herz erleichtern, bei einem, der alt und erfahren ist und das Frauenherz kennt. Denn sonst, siehst du, kommst du noch um vor lauter Angst und Sorgen und all dem Kummer; vergiß nicht, daß der da droben alles sieht und weiß und alle Dinge kennt! Und dann die Erleichterung, du! Diese befreiende Erleichterung, wenn das Herz die bedrückenden Lasten abgeladen hat! Wenn die Hoffnungen in dir wieder hervorsprießen wie Gras und grünes Wachstum!« Mina ließ ihn stehen und ging hinaus. Sie kam nicht mehr herein. Aber er hatte gesehen, daß ihr Gesicht grau geworden war – wie ein grauer Hauch hatte es sich über ihre Wangen gelegt. Seine Worte, so gering sie waren, mußten doch Frucht getragen haben, so wahr ein großer Gott im Himmel ist! dachte er. Mina ließ das Pferd einspannen und fuhr zum Lensmann. Lensmann Mörk war früher Lehrer in der Gemeinde gewesen, damals aber hatte er es ziemlich wild getrieben, so daß er sich einen anderen Beruf hatte suchen müssen. Jetzt war er ein stiller Mann, mischte sich nie in Politik und Streit, die Leute jedoch hatten große Achtung vor ihm. Mina schien es, als sitze er da, der große ruhige Mann, und ziehe sie zu sich hin, und das war der richtige Weg. Wortlos hörte er sie an, er wurde weder rot noch blaß. Er nahm den Brief und überflog ihn. – »Ich kann nicht anders!« sagte sie. – »Ich kann nicht anders!« wiederholte sie. – »Nein, nein«, erwiderte er. »Und wenn Sie nun hergekommen sind und mir alles dargelegt haben, so gibt es für mich nur einen Weg. Aber wir wollen uns nicht übereilen. Und wir wollen schweigen, einstweilen. Schweigen und uns umhören, nicht wahr?« Jetzt lächelte er ihr zu, er hatte ein großes und ruhiges Lächeln: »Es ist nie so, wie wir glauben, entweder ist es schlimmer, oder es ist besser. Ich neige gerne zu dem Glauben, daß es besser ist. Und ich bekomme gar nicht so selten recht.« Er umschloß ihre Hand fest, als sie sich verabschiedete, sie war völlig zu nichts geworden; und auch das tat gut. Höher empor und weiter vorwärts 1 Nicht lange darauf klingelte Bonsach Arnesen Odin an und bat ihn, in die Fabrik zu kommen, es sei jemand da, der mit ihm reden wolle. Odin war nicht daheim, Anders nahm die Nachricht ab und richtete sie dem Vater aus, als dieser nach Hause kam. Hätte Ingri einen Peitschenhieb ins Gesicht erhalten – sie hätte nicht jäher erbleichen oder Odin nicht hilfloser ansehen können. – »Jetzt ist es aufgekommen!« sagte sie. – »Was denn?« – »Du weißt schon. Was ich einmal sagte.« – »Ach das! Woher doch. Und wenn auch, da wüßte ich schon einen Rat, Ingri. Damit würde ich schon fertig werden! Du solltest auf mich vertrauen!« – »Ja, ich habe ja keinen anderen, auf den ich vertrauen kann.« Anders war noch in der Stube, er hatte dagesessen und in einem Buch gelesen, hatte nicht aufhören können, jetzt erhob er sich, las im Stehen noch die letzten Zeilen, ehe er das Buch weglegte und an die Arbeit ging. Er blickte auf, von einem zum anderen, stutzte ein wenig, als er sah, wie aufgeschreckt die Mutter war, wurde rot und ging hinaus. Odin stand da und sah zur Türe; dann wandte er sich zu Ingri: »Hast du den Buben beobachtet, wie beschämt er aussah? Du darfst so etwas nicht mehr sagen – daß du keinen anderen hättest, auf den du vertrauen könntest, als mich, nicht, wenn er es hören kann.« Odin machte sich auf den Weg. Er fürchtete, Arnesen könnte wieder ein neues Gerücht über sich selber zu Ohren gekommen sein und er wolle nun sofort seinen Posten aufsagen, denn davon hatte er ohnehin erst gesprochen. Es mußte sich doch eine Möglichkeit finden, ihn zum Bleiben zu überreden, und auch eine Möglichkeit, die anderen zum Schweigen zu bringen. Nun aber begegnete er einer Schar jener Arbeiter, denen gekündigt worden war. Sie hatten mit Arnesen geredet, und danach hatten sie versucht, Lauris zu erreichen, der jedoch lag krank, so daß nun Odin die Sache abmachen sollte: Sie erklärten sich bereit, gegen die zuletzt festgesetzte Bezahlung zu arbeiten, wenn Engelbert wieder aufgenommen würde. Arnesen hatte erzählt, daß hier jetzt eigentlich mit Tag- und Nachtschicht gearbeitet werden müßte. Nun wollten sie also Bescheid haben. Odin stand da und sah sie an, beinahe ohne es zu wissen, pfiff leise vor sich hin und dachte an verschiedenes. – »Wir müßten mit zwei Schichten arbeiten, ja«, sagte er. »Wenn wir erst einmal richtig im Schwung sind. Wir sollten nicht nur empor und vorwärts, wir sollten höher empor und noch weiter vorwärts, wißt ihr –« er wechselte den Ausdruck und sah sie an als der Schelm, der er war – »wir hätten das Geld einfahren sollen, solange es noch im Lande war. Hm, hm, wahrhaftig! Ja, ihr versprecht also, zu arbeiten ? Wie richtige Männer, ohne daß man euch jagt und antreibt? Ja–a, so kenne ich euch wieder, und was den Engelbert betrifft, so will ich sehen, ob sich mit ihm reden läßt. Aber ich kann das nicht auf eigene Faust machen, ich muß mit der Leitung sprechen, ihr wißt ja, ich hab' mir die Finger ein wenig verbrannt; ja, ich glaube nicht, daß sie sich sehr spreizen werden, ihr sollt heute abend oder morgen Bescheid bekommen.« Er wandte sich von ihnen ab, sobald es sich nur machen ließ, und ging zu Arnesen hinein. – »Sie sind so merkwürdig, ich mag fast nicht mit ihnen reden«, sagte er. »Und nun habe ich doch vergessen, sie an ihren Unfug von neulich zu erinnern; das mußt du tun. Es ist mir doch schon früher vorgekommen, daß Leute hergegangen sind und sich klein vor mir gemacht haben, wenn man sie gezüchtigt hatte. Das tat mir weh und machte mich weich, für einen Augenblick. Aber sind sie wirklich so klein und dankbar geworden? Sind sie schon lange so? Denn ich habe nichts davon gemerkt.« – »Ach«, meinte Arnesen, »es steckt doch noch ein guter Kern in ihnen, wenn es ihrer bloß genug sind und sie den Wind mit sich haben. Du kennst das doch von der See her?« lächelte er. – »Oh, die Schot fieren, das ist etwas anderes«, sagte Odin, und seine Augen waren grau vor lauter Ernst. »Aber trauen sie sich wirklich nicht – – sagen sie einem denn wirklich nie die Wahrheit ins Gesicht, ohne daß sie die Oberhand haben?« Ja, dann weiß ich nicht. Aber ist es wirklich so?« Später ging Odin umher und holte sich Bescheid bei den anderen Männern in der Leitung. Sie gaben ihm freie Hand, meinten sogar, daß dies Sache des Disponenten sei. – »Wir müssen Fahrt in die Geschichte bringen«, sagten sie, »alles andere ist gleichbedeutend mit einem Umkehren auf halbem Wege.« – »Das Lied kenne ich«, es war Odin, der dies sagte. »Es ist ein schlimmer Text, aber eine gute Melodie.« Engelbert konnte er nicht finden, und das war schließlich auch gleichgültig. Engelbert war nicht schlechter, als daß er Gutes mit Gutem lohnte, wenn es darauf ankam; wenn man ihn von der richtigen Seite anpackte. Was tat es da, wenn er auch jetzt eine Zeitlang bockte. Es war sogar gut, daß es noch jemand gab, der das Herz dazu hatte, zu bocken! Auf dem Heimweg kam er am Bethaus vorbei und hörte die Leute dort singen. Es ging gerade wieder eine schwere Woge der Erweckung über die Gemeinde hin, Odin hatte gar mancherlei darüber gehört. Es war diese Krankheit, die die Leute zu Kreuz kriechen ließ, und ein großer Prediger war aufgestanden, der eine eigene Art hatte, die Schlafenden zu erwecken. Odin war schon seit undenklichen Zeiten nicht mehr ins Bethaus gekommen. Jetzt, meinte er, wäre es ein Zeichen von Angst, wenn er nicht hineinginge, und diesen Redner wollte er doch auch hören. Denn es war herzlich lange her, seit er einen gehört hatte, den der Geist zum Reden antrieb. Wer weiß, vielleicht war auch Engelbert da; ihn konnte man häufig dort finden, wo Menschen versammelt waren. Er ging hinein und setzte sich bei der Tür hin. Das Haus war voll, und Odin merkte auf einmal, daß hier alle zu einem Ganzen zusammengeschmolzen waren; – jetzt nach der Rede sangen sie. Der Mann saß vor dem Pult. Er war ein ganz junger Mensch, hätte noch einige Zeit die Priesterschule besuchen müssen, hatte jedoch aufgehört, als er erkannte, daß dies der Weg zur Hölle war. Er saß mit gefalteten Händen da und sah starr vor sich hin, ein feiner und schöner Mann mit großen blauen Augen. Nach dem Lied standen ein paar auf und bezeugten, und in den Bänken saßen viele und schluchzten oder weinten laut; und viele von den Bekehrten gingen von Bank zu Bank und wirkten auf die ein, die es brauchten, nahmen sie bei der Hand oder legten ihnen die Hand auf die Schulter. Für Odin war dies neu und unglaublich. Er sah mehrere seiner Bekannten darunter, sie waren schon weit drüben auf der anderen Seite. Jetzt erhob sich der Redner wieder. Gleich nachdem Odin ihm in die Augen geschaut und den Brand darin erkannt hatte, wußte er, daß dies die Augen eines Verrückten waren. Odin achtete wenig auf das, was der andere sagte, er hörte nur, daß jetzt der Herrgott sich auf den Weg gemacht habe und durch die Gemeinde gehe wie der Mörderengel durch Ägyptens Lande; vernahmen sie denn nicht die Kirchenglocken, hörten sie nicht, wie es zum Jüngsten Gericht läutete. Odin beobachtete die Leute, wie sie außer sich gerieten. So hatte auch er an die Saiten in ihnen gerührt, vielleicht hätte auch dieses nicht geschehen dürfen? Sollten die Menschen vielleicht lieber so wie in alten Zeiten aufwachsen und so werden, wie sie werden konnten? Als der Redner aufhörte, stand Odin auf und bat um das Wort. Sie drehten sich auf ihren Sitzen um, sie konnten schon ihren Ohren nicht mehr recht trauen. – »Ich höre, ihr redet hier vom Herrgott«, sagte er. »Mir scheint, als seien viele von euch schon verängstigt, und als würden noch mehr es werden; das ist es, worüber ich ein paar Worte sagen möchte, denn heute bin ich hier, ein anderes Mal kann es zu spät sein. Ihr solltet lieber den Herrgott selber reden lassen, wenn er sich wirklich aufgemacht hat und auf dem Weg ist. Sicherlich hat er uns etwas zu sagen, aber da muß er auch selber das Wort bekommen – habt ihr eure Bibeln fortgeworfen, gute Leute? Ihr solltet Respekt haben vor dem Herrgott! Vielleicht wäre es am besten, ihn nicht zu nennen. Das hier ist eine Seuche und noch dazu eine gefährliche Seuche; ich erinnere mich, es sind viele solche Seuchen über die Gemeinde hingezogen, und danach war nichts weiter mehr übrig als nur ein Haufen Asche. Das Herz ist den Menschen im Leib verbrannt, das beste, was sie hatten, umsonst verbrannt, ja, laßt mich ausreden! Beim einen oder anderen schien es, als stecke Leben in ihm, die aber sind nicht erschrocken und haben sich nicht in Angst vor der Hölle bekehrt. Sie müssen wissen, Sie als ein gelehrter Mann, daß man den Herrgott nicht mit Kunststücken und Kniffen betrügen kann, Sie wissen, was in der Bibel steht, wenn Sie wollen. Sie müssen doch an sich selber fühlen, daß dies hier zu billig und zugleich zu teuer ist.« Die Tränen waren bei den Zuhörern versiegt. Gar manches ausgeweinte Gesicht wandte sich Odin zu, und viele sahen ihn bleich und gehässig an, sie riefen, ein paar, daß sie für ihn beten wollten. Schritt für Schritt war der Prädikant durch den Mittelgang herabgekommen, und nun bat er sie alle, ein Lied zu singen. Sie stürzten sich in das Lied hinein, von Wand zu Wand, es war nicht mehr möglich, ein Wort zu sagen. Der Prädikant kam und legte eine Hand auf Odins Schulter. Der zuckte zusammen und machte eine Handbewegung, als wolle er ihn gleichsam mit Gewalt abschütteln. Statt dessen blieb er aber stehen und lauschte dem Gesang. – »Hörst du den Ton von dem neuen Zion?« fragte der Redner. – »Ja, Herrgott, ich stehe gerade da und höre es. Ist das die Freude, die das Volk empfindet? Ist das die Freude? Können wir Menschen so arm werden?« – »Du solltest hören , mein lieber Mann!« – »Nein, schweigen Sie! – Ich hörte einmal die Neger, es war eine Schar, die sich für Geld sehen ließ, und sie sangen so, die gleiche beißende Armut, die gleiche Armutsfreude. Ja gewiß, da muß einem das Sterben leicht sein. Aber waren die Menschen jemals so tief unten? Um sich das Sterben leicht zu machen? Ich fürchte, so wahr ich hier stehe, ich fürchte, daß es nie so kläglich um die Menschen bestellt war wie jetzt.« Das Lied war nun zu Ende, und Odins Worte waren durch das ganze Haus vernehmbar: »So glücklos – hat noch keiner das Volk bisher gemacht. Und hier stehe ich und habe die Verantwortung und habe nichts getan. Das Lied erstirbt und das Lachen und die Freude und alles andere mit! – Da weiß ich nichts anderes als den Tod, mit dem wir uns trösten können – – ich aber widersetze mich all dem! Denn ich liebe euch, ich gönne euch alles Gute.« »Du sollst einmal sterben, du auch, nicht wahr?« sagte der Redner. »Das ist etwas anderes, etwas, worüber wir schweigen, du mußt dich ja schämen!« Der andere glühte groß und fest: »Hast du nicht gesehen, daß Gott hier ist? Daß er in dieser Krankheit ist, die in der Gemeinde wütet? Daß er kommen und dir dein Liebstes erschlagen kann, oder dich selber, zu jedem Tag, und zu jeder Stunde?« – »Sonst würde ich mich wohl nicht in dies hineinmischen?« sagte Odin. – »Du hast gemerkt und gesehen, daß Gott alle Dinge lenkt?« – »Das habe ich. Das habe ich deutlicher gesehen als Sie. Aber ich glaube, ich hätte ihn auf meiner Seite, wenn ich heute abend euch alle miteinander zum Haus hinausjagte, ich habe so mancherlei gesehen, ich. Und das war es, was ich sagen wollte: nun muß Schluß sein mit diesem Spiel hier, bis die Seuche ausgetobt hat. Ich werde den Doktor bitten, das Haus zu schließen. Geht heim, liebe Leute, und nehmt eure Bibel und lest selber darin, dann kriegt ihr reines Mehl in den Sack!« – Odin nahm seinen Hut und ging. Ein paar junge Leute und ein alter Mann kamen ihm nach. Der alte Mann war Iver Vennestad. Odin hatte heute abend keine Lust, mit ihnen zu reden. Irgendwo in seinem Innern tat es weh, in einer Art, wie er es früher nie gefühlt hatte, oder nur ganz leise. Iver Vennestad holte ihn ein. Odin sagte: »Ich habe über Dinge geredet, über die man schweigen sollte. Man kränkt dadurch nicht nur sich, sondern auch andere. Nie habe ich es so deutlich erkannt wie jetzt: Was die anderen entbehren, das entbehre auch ich. Nur daß ich weiß, es könnte anders sein. Denn wenn das nicht wäre, dann möchte man sich von allem abwenden und seiner Wege gehen, so wie der Vater es machte; man kann es gern auch sterben nennen.« Daheim saß Vikesylt und wartete auf ihn. Odin nahm einen Anlauf und machte den Sprung bis zu ihm hinüber, das hatte er schon so oft getan, von einer Welt in die andere. Leicht fiel es ihm heute abend nicht, aber hinüber mußte er doch, und Ingri sah ihn an, gleichsam, als reiche sie ihm die Hand zur Hilfe. – »So so, sind Sie sozusagen wieder einmal unterwegs?« begrüßte er den Silberfuchs mit dessen eigener Redensart und hängte seine Jacke auf. – Ja–a, es sei nicht anders, er habe sich wieder einmal auf den Weg gemacht. Und jetzt möchte er mit Odin unter vier Augen sprechen. – »Tod und Teufel, das sollen Sie nicht!« lachte Odin. »Wenn Sie über Dinge sprechen wollen, die meine Frau nicht hören darf, dann will auch ich lieber nichts damit zu tun haben; ich komme vom Bethaus.« Vikesylt gehörte nicht zu denen, die sich gleichsam einschüchtern lassen. Odin konnte sehen, daß er den Fluch vermerkte und sich gleichzeitig anders besann, und jetzt hatte er sich wieder gefaßt: er lächelte dem jungen Mann zu, alt und weise, legte dann sein Gesicht wieder in ernste Falten, es gehorchte seinen Gedanken so willig; er wurde tief und nachdenklich. – »Das Bethaus, ja«, sagte er. »Ja, du hast recht. Aber spotten wir nicht darüber, wir, die sozusagen darüber stehen und versucht sein könnten – wenn wir wollten, darauf herabzusehen. Aber es ist so, wie du sagst, Odin, es fragt sich, ob sie es nicht übertreiben? Ob sie nicht zu weit gehen.« Er schickte sich an, tief in diese Dinge einzudringen, Odin aber kam ihm zuvor, er wollte ein neues Gesicht an diesem Burschen sehen. – »Sie wollten doch etwas von mir, war es nicht so?« Nach vielen Fragen und manchem Drehen und Wenden brachte Odin endlich aus ihm heraus, worauf der andere abzielte. Es handelte sich um diese Zerstörung an der Fabrik drüben: Die Leute waren betrunken gewesen! Ja, so erzählte man sich. – Ja, das wußte Odin. – Aber es sei doch merkwürdig und sozusagen unbegreiflich, woher sie die starken Sachen, diese berauschenden Getränke, bekommen hätten? – Nein, Odin wußte es nicht. Da hellte sich das Gesicht des Silberfuchses auf, und die Stimme hob sich und schmolz dahin, floß wie der sanfteste Gesang von seinen Lippen: Sie hatten es selber gebrannt. Schändlich, ja, aber das hatten sie getan! Odin wachte auf, ungläubig aber lustig, fast erfreut anzusehen: »Ist das wahr?« – »Ja, Odin, es ist nicht anders, Gott sei's geklagt! Möchte einem da nicht alle Hoffnung schwinden?« – »Aber sind sie wirklich so fix? Daß sie das fertigbringen, meine ich? Ja, die Leute, die Leute – – –!« Vikesylt wurde verschlossen. – »Ich dachte, du seist immer noch Abstinenzler«, meinte er. – »Davon haben sie mich schon vor langer Zeit wieder abgebracht. Aber gebrannt habe ich nicht, und werde es auch nicht tun, ich als Bürgermeister der Gemeinde, ja, und außerdem kann ich es auch gar nicht. Aber die Leute sind – – – sie haben doch noch Leben in sich, auf ihre Art!« Hm! Nun aber wollte Vikesylt fragen: ob Odin wisse, wer ihnen den Schnaps gebrannt habe! – »Nein, aber erzählt es mir, den möchte ich gerne kennen lernen!« Vikesylt verzog das Gesicht; es dauerte lange, ehe es herauskam. – »Du siehst ihn jeden Tag. Ich muß sagen, was wahr ist, es ist dein Nachbar. Dein Feind, wenn ich so sagen darf.« – »Was fällt denn dir ein, der Lauris? Hahaha! Ja, der Lauris, der Lauris, in dem steckt allerhand! Du bist mir ein Feind – hahaha!« Vikesylt aber stand tiefernst da. »Und nun hast du die große Verpflichtung, Odin, du, den die Leute zu ihrem ersten und größten Vertrauensmann erwählt haben, diese Sache in deine starke Hand zu nehmen und sie nach Recht und Gesetz ihren strengen Weg gehen zu lassen. Mit anderen Worten: Du meldest es! Ich habe Zeugen hinter mir, nicht nur einen, sondern zwei und drei.« »Und Sie?« lachte Odin. »Nein, ich will hinter der Gefechtslinie stehen. Aus vielen Gründen. Und außerdem ist es auch mein Platz, hinter dir zu stehen und lieber im stillen zu wirken. Immerdar in nächster Berührung mit allen neuen Richtungen der Zeit, aber in aller Stille, wie gesagt, denn das ist meine Natur.« »So ist es wohl, ja. So ist es wohl nur allzusehr. Gott sei's geklagt.« Odin überlegte, und seine Augen blickten immer jünger und übermütiger drein. – Herrgott, das müßte ein Spaß sein, Junge, dem Lauris einen Schrecken einzujagen und zu sehen, wie er ihm in die Glieder fährt! Sport, nicht wahr? Im selben Augenblick aber bekam er Vikesylts Gesicht zu sehen. Darin war nichts als die Gemeinde und nackte und schamlose Teuflischkeit zu lesen. Von Odin fiel sofort alle Jugendlichkeit ab. »Nein, pfui Teufel noch einmal, das tue ich nicht! So wie Sie hier stehen und aussehen, nein!« Vikesylt blinzelte Odin ununterbrochen an. Dann wandte er sich zum Gehen. »Wir wollen hoffen, daß es nicht aufkommt.« »Was denn?« »Das, worüber wir beide jetzt gesprochen haben.« »So? Soll es nicht aufkommen?« »Für den Bürgermeister – – würde dies bloßstellend wirken, fürchte ich, kompromittierend , verstehst du?« »Ja ja, Gott sei mit Euch, und schweigt nun still über das, was Ihr wißt! Gute Nacht!« Odin hatte sich, gleich nachdem er hereingekommen war, über das Abendessen hergemacht, jetzt, da er fertig war, legte er sich aufs Sofa und lachte von Zeit zu Zeit. Er lachte auch Ingri zu, sie ging aus und ein und fühlte sich sehr wenig wohl, wegen dieses fremden Mannes; – wie konnte man wagen, seinen Scherz mit einem zu treiben, der so gefährlich war? – »Nein, nein doch«, sagte er, »hier ist niemand gefährlich, niemand weit und breit, es ist keiner da. Die Menschen sind nur so lustig. Ich habe bisher im Grunde noch keine Zeit gehabt, sie mir anzusehen. Und selbst diese Lehrerseele hier – er meint doch immerhin etwas Gutes mit dem, was er da treibt. Man möchte weinen über sie, ich war heute abend schon nahe daran, warum aber sollen wir nicht ebensogut lachen?« Odin sah auf die Uhr. Er mußte noch einen Sprung zum Meer hinunter. 2 Astri sah, daß Vikesylt an diesem Abend zu Odin ging. Es legte sich ihr so schwer auf die Brust, sie mußte sich setzen. Es war ihr unmöglich gewesen, noch einmal mit Lauris über das Geld zu reden und darüber, was sie tun sollten, sie hatte ihn kaum oder gar nicht anzusehen vermocht, und wenn er in die Stube kam und sich irgend etwas zu schaffen machte, legte sie meist ihre Arbeit weg und ging in die Küche. Er nahm die Zeitung und setzte sich zum Lesen hin, überflog sie ein paarmal, die wichtigsten Dinge darin, und Astri blieb sitzen und sah ihn an. – »Wie du es nur fertigbringst, all das Zeug zu lesen!« sagte sie und stand wieder auf. Lauris blickte auf, höchst erstaunt: sie hatte sich doch sonst nie mit einem Wort in seine Angelegenheiten gemischt? – Er griff wieder zur Zeitung. Einige Zeit verstrich, da mußte er zu ihr hinschauen, ob er nun wollte oder nicht. Sie stand hinter dem Tisch und schnitt ein Stück Stoff zurecht. Ihr Gesicht war starr, man konnte sie kaum wiedererkennen. Und so mager, wie sie nun wurde. »Hast du Zahnweh?« sagte er. Da sah sie ihn an. – »Ja, kann sein«, erwiderte sie und fuhr mit der Zunge an den Zähnen entlang. »Aber hast du den Neuküster vorhin vorbeigehen sehen?« fragte sie. – Ja–a, Lauris hatte einen Zipfel von ihm gesehen. – »Er bleibt lange da drüben. Was hat er denn jetzt wieder vor?« Sie wurde rot, kaum daß sie die Worte ausgesprochen hatte; und als Lauris aufblickte, schämte sie sich noch mehr, aber sie sah ihn offen und kampflustig an: »Du weißt, es ist nicht meine Art, auf die Leute aufzupassen, die hier vorbeigehen; meistens sehe ich sie kaum. Du sollst auch nicht sagen, daß ich dir in den Ohren liege, wenn es sich um etwas Ernsthaftes handelt. Ich mußte es nur so sagen – ich habe ja nicht viele, mit denen ich reden kann. Ich fühlte so gewiß, daß er nichts Gutes im Sinn habe, als er vorhin vorbeiging. Ja ja ja, mag es nun sein, wie's will!« – sie beugte sich wieder über ihre Arbeit. Eine Zeitlang blieb es still. Drückend still war es auch draußen. Auf einmal aber richtete sie sich von ihrer Arbeit auf und sah zum Fenster hinüber, die Arme hingen ihr schlaff herab. Lauris gab es einen kleinen Stich. »Der Lensmann kann morgen schon hier sein«, sagte sie. Lauris blickte nicht auf, er las in seiner Zeitung weiter. Er fragte, ob Mina es denn angezeigt habe. »Nein, aber sie wird es tun! Sie kann es bereits getan haben! Es wird so kommen, ich fühle es an mir.« Dann fügte sie hinzu, als sie ihre Stimme wieder etwas besser in der Gewalt hatte: »Die einzige Rettung wäre, wenn der Arthur Disponent in der Fabrik werden könnte, so daß sie von Segelsund wegkäme – – das ist wohl nicht möglich, oder?« Sie sieht ihn mit brennenden Blicken an. Lauris' Augen werden immer größer und größer. So hatte er Astri noch nie gesehen. – »Disponent?« sagte er. »Herrgott, wenn das ihrem Gewissen helfen kann, dann soll sie ihren Willen haben.« – »Ja, aber sag nichts von Arnesen, Lauris, das können wir nicht machen. Um Ingris willen hauptsächlich. Es ist unmöglich.« – »Gratis bekommt man nur wenig hier in der Welt. Aber diesmal glaube ich fast, wir sollten es ohne Unkosten erreichen können.« – »Glaubst du das, Lauris?« Astri wurde bleich vor lauter Spannung. »Du meinst, es könne gehen? Ein wenig rasch? Denn es muß schnell geschehen, sonst könnte die Mina – –« Noch einmal versuchte sie sich zu bezwingen und zu schweigen. Sie nahm wieder ihr Schnittmuster und die Schere. Nach einiger Zeit entfuhren ihrem Herzen die Worte: »Ach, Herr, mein Gott, wenn es mir doch erspart bliebe, einen Meineid schwören zu müssen!« Sie warf die Arbeit weg und ging in die Kammer. Das Letzte, was Lauris von ihr sah, war der gebeugte Rücken, es war jetzt nicht sonderlich gut um sie bestellt. Ihn dünkte, die Wände stünden da und hörten und sähen. Mochten sie doch; sie waren keine Kirchenwände. Und die Astri, die wird sich schon wieder erholen, lächelte er vor sich hin. Er zog sich an und ging nach Vaagen hinunter. Wie für den kältesten Wintertag hatte er sich ausgerüstet. Engelbert mußte nach seiner Berechnung irgendwo dort unten sein. Unter irgendeinem Vorwand schaute er bei zwei, drei Höfen vorbei, aber Engelbert war nicht zu finden. Jawohl, da wußte Lauris, daß der Bursche bei den Schiffern an Bord war, denn dort gab es etwas zu trinken. Geradezu nach ihm fragen wollte er nicht. Eben stand er da und überlegte, ob er eines der Leichtboote nehmen und hinausrudern sollte. Da kam Odin herbeigeschlendert. Sie grüßten gleichzeitig, Lauris alltäglich und gleichgültig, Odin laut und erstaunt: »Bist d u so spät noch unterwegs? Und so warm angezogen – willst du noch hinausrudern?« – »Ich war ja krank, du weißt doch«, sagte Lauris. – »Ja, richtig, wie geht es dir denn?« – »Du meinst wohl, ich hätte mich nur krank gestellt?« lachte Lauris, »damit in deinem Namen große Dinge geschehen können?« – »Darüber habe ich wirklich nicht nachgedacht. Aber was ich sagen wollte: du hast nicht den Engelbert hier irgendwo gesehen? Ich hätte gerne mit ihm gesprochen.« – Nein, Lauris hatte ihn nicht gesehen. – »Wenn du ihn vor mir triffst, dann sag ihm, daß er wieder in die Fabrik aufgenommen ist, unter einer Bedingung, und diese soll er noch von mir zu hören bekommen, ja, wir haben uns darauf geeinigt in der Leitung, verstehst du.« – »Das war ja eine große Geschichte, während ich krank lag«, grinste Lauris. – »Ja, du solltest nicht so leichtsinnig sein und krank werden, Lauris. Kampf und Streit, ja, und Geschwätz und Lügen und Unsinn, man könnte fast Lust kriegen, von Zeit zu Zeit krank zu werden oder sich sonstwie davon zu drücken.« – »Na, ganz so schlimm war es wohl nicht«, meinte Lauris, er brach sich ein Stück Kautabak ab. – »Schlimm?« sagte Odin und sah ihn groß an. »Ich glaube nicht, daß die Leute wissen, was schlimm ist und was nicht, die haben die Peilung verloren.« Odin stand da und wollte gerade gute Nacht sagen, er sah zum Sternenhimmel auf und lauschte auf das Meeresrauschen draußen bei den Schären; da wandte er sich Lauris scharf zu. – »Eines sollst du dem Engelbert sagen, wenn du ihn triffst, und zwar, daß er seinen Mund halten soll, er weiß schon, was ich meine.« – Das versprach Lauris zu tun. – »Ja, und dann noch, Lauris, wenn du brennst, gib acht, daß es nicht unter die Leute kommt, hm? Vergiß nicht, Menschen und Menschen, das ist zweierlei.« Lauris brach in ein lautes Gelächter aus. Er meinte, Odin solle sich nicht weiter darum kümmern. Als Lauris gewiß war, daß Odin heimwärts ging, band er das Boot los, um hinauszufahren. Da vernahm er, daß jemand von den Schiffen draußen hereinruderte; es lagen viele Fahrzeuge in der Bucht. Er wartete, bis er hörte, daß Engelbert mit im Boot war, ging dann hinauf zu den Schuppen und wartete dort. Aber Engelbert war betrunken und vollführte einen Heidenlärm, mit ihm war heute abend nicht viel anzufangen, und es gelang auch nicht, ihn von den Kameraden wegzulotsen. Lauris konnte ihm nur gerade sagen, daß er ihn morgen abend hier wieder treffen wolle. Dann mußte er heimgehen. Astri lag wach, als er heimkam. – »Nun, du schläfst nicht?« sagte er. – »Nein; nicht recht. Konntest du etwas ausrichten?« – »Ach ja doch. Ich habe es wenigstens einmal in Schwung gebracht, der Rest kommt morgen abend.« – »Morgen abend, ja. Es ist lange bis dahin.« – »Hab keine Angst; es ist immerhin in Schwung jetzt. Warum schläfst du nicht?« – »Schlafen?« sie hatte sich im Bett aufgesetzt. »So sitze ich nun schon manche Nacht im Bett; während du schläfst.« – »Hm, hm! Ist es denn so gefährlich, meinst du? Dann sollen sie sich aber in acht nehmen, noch ganz andere als wir. Soll man sich wirklich in allem Ernst verteidigen müssen? Ich habe verflucht Angst, daß sie verlieren«, murmelte er zwischen den Zähnen. Er schlief nicht eher, als bis er glaubte, daß auch Astri schlafe. Kaum jedoch war er eingeschlummert, als er auch schon wieder aufwachte, denn auch sie war wach. – »Mir scheint, du schläfst auch nicht?« sagte sie. – »Ach, ich ! Aber du sollst das nun mit Vernunft und Verstand nehmen, Astri!« Sie setzte sich wieder im Bett auf; es fiel ihr wohl schwer zu atmen. – »Wenn die Buben auf sind, möchte ich immer, daß sie im Bett liegen und schlafen«, sagte sie. »Sind sie aber dann hinaufgegangen und haben sich hingelegt, dann wird es hier so still; dann möchte ich immer, daß sie doch noch auf wären. Drei unschuldige Buben, die nicht das Geringste über ihre Mutter wissen. Und hier ist die Stube und das ganze Haus, das alles sieht einen an, ob es nun hell oder dunkel ist, auch die wissen nichts von mir. Und manchmal ist es die Großmutter – sie ist nun schon so viele Jahre fort. Ich weiß nicht, ob sie zu mir hält oder was sie tut.« »Ach, laß mich doch mit dem alten Weib in Ruhe!« – Lauris schlug mit der Faust gegen die Wand. »Ja, das sagst du !« Sie saß eine Weile still und wiegte den Oberkörper hin und her. – »Nein, ich weiß, ich sollte nicht darüber reden. Denn es gibt niemand, mit dem man über so etwas reden kann. Aber es erleichtert, es zu sagen. Und du mußt mich doch verstehen, meine ich. Daß ich das Schwerste vollbringe, was ich vollbringen kann, kein Mensch hat etwas Schwereres auf sich genommen, ich soll lügen, hörst du nicht? Ich soll mich vor der ganzen Gemeinde zu einem Hehler und einem kleinen Menschen machen – – glaubst du, daß ich das zum Vergnügen tue?« Sie beugte sich über ihre Hände vor und weinte. – »Kein Mensch versteht mich!« jammerte sie still. »Wenn es doch keinen anderen Weg gibt! Es gibt keinen!« Geweint hatte sie schon seit vielen Jahren nicht mehr, sie schämte sich und war zugleich erschreckt, daß sie es konnte. Trotzdem linderte es innerlich, wenn sie sich so der Schmach und dem Elend hingab. – »Auch er versteht mich nicht«, sagte sie. »Daß ich es um seinetwillen tue, damit er über ihnen stehen kann und nicht gefällt wird – er handelte recht, was sie auch sagen mögen!« Lauris hatte sich auf die Seite gedreht und tat so, als schlafe er, und als er eine Weile so gelegen hatte, schlief er wirklich. Da jammerte sie noch weicher: »Aber daß er es tun konnte! Daß er es tun konnte! Daß er nicht einmal einsieht, was das hier für mich bedeutet! O mein Gott, es ist wahr, wie es geschrieben steht, daß alles miteinander eitel ist!« Kraftlos fiel sie zurück und blieb liegen. So aufgelöst dazuliegen war schlimmer als alles andere, doch sie konnte nicht anders. – »Aber es ist gleich«, sagte sie und löschte das Licht aus, »ich tue es trotzdem. Denn es ist richtig, für mich!« Am Tag darauf redete sie nicht mit Lauris. Es war schönes Wetter, so richtig ausgesucht schön; – man konnte glauben, die Sonne stünde still am Himmel und scheine in die Menschen hinein, und der Himmel machte sich ungewöhnlich blau, sobald man ihn ansah, mit weißgelben Wolken über den Berggipfeln, hoch droben und in weiter Ferne. Manchmal war es Astri, als sei es der Mond, der zu ihr hereinscheine. Ab und zu blieben sie stehen, die Buben, wenn sie in ihre Nähe kamen, sahen sie rasch einmal an und schlenderten dann wieder weiter; auch Ludvik machte es so. Endlich ging auch dieser Tag zu Ende, jetzt kam Lauris und wollte zu Abend essen, er wollte heute früher essen. Er aß, ohne aufzublicken, zog sich dann an und ging fort. Da hätte sie gern mit ihm geredet, wußte jedoch nicht recht, was; er aber war still und verschlossen und ganz in anderen Gedanken – so hatte sie ihn immer am liebsten gemocht. Engelbert war auch an diesem Abend betrunken, nicht zuviel und nicht zuwenig, sagte er zu Lauris; doch er wurde gleich nüchtern, als Lauris ein paar Worte mit ihm geredet hatte. – »Der Odin ist, der Teufel hol mich, nicht für die Katz!« sagte er und sah Lauris ernsthaft an. »Was du ihm auch antust, ihn greift nichts so an wie andere Leute.« – Lauris schwieg. – »Unter einer Bedingung, ja«, fuhr Engelbert fort, »ich weiß, was er meint, und du weißt es auch. Und darauf kann ich eingehen. Arnesen soll meinetwegen Disponent sein, so lange er mag, ich kann ja auch einmal ein guter Kerl sein, wenn ich will. Im übrigen! – mein Lieber, ich werde meine Meinung noch einmal gründlicher sagen denn je. Sie sollen was von mir zu hören bekommen, das sag ich dir. Ich gebe nicht nach, ich, bis wir uns nicht bei der Organisation angemeldet haben; und dann wird ein neuer Takt in den Walzer kommen.« – »Aber wenn du nun selber Disponent wirst?« warf Lauris ein. – »Ich?« – »Ja, kannst du denn deine Muttersprache nicht mehr? Arnesen ist bald reisefertig, und an dem Tag, an dem er fortgeht, bist du untergebracht; dir wird die Krone aufs Haupt gesetzt, ehe du dich umdrehst. Denn jetzt bin ich wieder gesund, das merkst du doch wohl?« Er hielt ein wenig inne, nahm ein Stück Kautabak und sah auf die Uhr. Engelbert stand da und sah allen seinen Bewegungen zu, aber halbwegs, als sähe er es nicht, mit schlaffen Wangen. Lauris lächelte breit: »Ich will dir sagen, wie die Geschichte ist: Die Fabrik hier kann meinetwegen zum Teufel gehen, sie zieht nur lauter Arbeitsameisen oder wie ich es nennen soll in unsere Gemeinde, und ich meine, wir würden sie schneller los werden, je eher du ans Ruder kämst und etwas zu sagen hättest. Sie sollen einmal sehen, was du taugst, verstehst du. Und außerdem ist es nicht recht, daß d u hier umhergehst und von Odins Gnaden lebst.« – »Odins Gnaden, was ist denn das für eine Dummheit?« – »Ja, ich nenne es so. Denn du bist ein Charakter, wie ich schon immer sagte; einer von den Meinen, gleichsam.« Der andere stand da und wurde wieder betrunken. Seine Stimme klang dick. – »Genau das dachte ich heute, als ich die Neuigkeit hörte, daß ich wieder aufgenommen sei. Jetzt will ich's ihm aber heimzahlen, dem Odin, dachte ich. Ich werde verkünden, daß ich mich nicht unter einen Sträfling beugen werde. Hätten sie zugegeben, wer er ist, wäre es etwas anderes gewesen, warum aber mußten sie lügen?« – »Ja, warum?« grinste Lauris. »Es ist dem Odin eben noch nie leicht geworden, die Wahrheit zu sagen.« – »Du mußt wieder gesund werden, Lauris, damit man mich nicht wieder davonjagt. Diesmal soll der Odin keine glühenden Kohlen auf mein Haupt sammeln dürfen, mir langt's jetzt allmählich.« »Es muß ihm ein wenig Hals über Kopf kommen«, sagte Lauris. »Ja, Hals über Kopf!« wiederholte Engelbert. Aber gleich darauf wurde er nachdenklich: »Am schlimmsten wird es für die Ingri, und von ihr habe ich eigentlich nur Gutes gesehen. Sie ist ein halber Engel, Lauris, du kennst sie nicht.« – »So, meinst du? Ich sag dir, Mann, ich war es ja, der sie zuerst gekannt hat. Hast du nichts davon gehört?« – »Nein.« – »Ich hatte gar manche Sommerbraut da oben im Nordland, weißt du, sie aber war mein Herzblatt. Nein, nein, ich will sie nicht ins Gerede bringen; arm bin ich, aber nicht gemein. Aber wie gesagt, ich war der Erste, ich bin nun einmal so, daß ich lieber der Erste bin als der Letzte. Oh, wenn der Odin wüßte –« Sie tranken nicht viel, aber immerhin so viel, daß es Lauris mit einemmal in den Kopf stieg. – »Du meinst wohl, es ist nur lauter Herrlichkeit, ich zu sein?« sagte er. »Daß ich ein verfluchtes Schwein habe? Jawohl, ich bin Herr in meinem Haus. Aber: Ich bin eben doch nur der Lauris. Hm? Und der Odin, der geht umher und ist der Odin. Und steht himmelhoch über mir und über dir. Nein, die Astri schaut ihn kaum an, aber kannst du glauben, daß es ihr nicht ganz leicht fällt? Die Weiber brauchen ihre Kraft nie nötiger, als wenn sie sich nicht zum Narren halten lassen von einem Lügner – und was ist er denn anderes, zu innerst? Nun ja, das wissen wir alle beide. Aber er ist ein Prinzip, sozusagen. Entweder bist du für ihn oder gegen ihn, pfui Teufel! Die Astri, siehst du, die hat ihn von sich abgetan – – ist das nicht merkwürdig? Ich kann mir das nur so auslegen, daß sie sah, wer er war. Dann sieht sie auch, wer ich bin, willst du sagen. Laß sie doch, soviel sie mag. Aber die Ingri, mein Lieber – –« Trotz all seinem Reden gab er doch gut darauf acht, daß Engelbert nicht zuviel trank. – »Die Kugel mußt du selber gießen«, sagte er, »und sie ins Schwarze schicken. Von mir sagst du nichts. Ich kann das nicht leiden, alle diese Sachen. Es ist nur eben so, daß es geschehen muß – – er soll uns doch nicht bis aufs Hemd ausziehen, der Lump, den er uns da aufgehängt hat, nein, Teufel noch einmal. Und dann wird also die Zeit kommen, Engelbert, wo du uns zeigen mußt, ob du noch mehr kannst als nur dein Maul aufreißen und dich auf die Hinterbeine stellen. Ob du den Odin ein wenig kleinkriegen kannst; denn ich bringe das nicht zuwege, in drei Teufels Namen, ich kann es nicht. Aber die Ingri, Junge, damals, als sie noch blühte!« – Er lachte und schüttelte den Kopf. Engelbert lachte mit und konnte sich schließlich gar nicht mehr fassen: »Und der Odin, der mir Bedingungen stellen möchte!« »Hm, hm! Jetzt zielst du hoch, Engelbert.« Lauris begab sich auf den Heimweg, und Engelbert begleitete ihn. – »Die Astri«, sagte Lauris immer wieder vor sich hin, »die könnte gern ein wenig mehr auf mich vertrauen. Ich gehe nicht schnell, aber ich gehe g u t. Morgen werde ich einmal nach Segelsund schauen, Astri.« – »Mir scheint, da haben wir den Odin«, sagte Engelbert und sah den Weg entlang. »Er kommt, als hätte ich ihn gerufen.« – »Nein, warte ein wenig, wir gehen an ihm vorbei und tun so, als kennten wir ihn nicht; dieses Mal. Denn es ist mir gerade etwas eingefallen.« 3 Es war wirklich Odin. Er hatte am Abend daheim gesessen, mit dem Gefühl, daß er noch einmal zur Fabrik hinüberschauen müsse, und hatte dies zu Ingri gesagt. Sie sah fast entsetzt drein: »Doch nicht heute abend, oder?« – »Doch, und dann hab' ich ja auch mit dem Engelbert zu reden.« – »Aber nicht heute abend, Odin!« – »Warum nicht? Ich sollte auch mit deinem Vater reden, es kann sich dort schon vieles zum Schlechten verändert haben; mir ist so, als wollte er etwas von mir.« Er und Anders waren oben auf dem Acker beim Sommerstall gewesen und hatten dort Steine gefahren, sie hatten sich so ins Zeug gelegt, daß er jetzt schwitzte und fror und eigentlich wenig Lust fühlte, wieder fortzugehen. Ingri sah dies und sagte es ihm auch, – die Abende waren kalt. Er saß da und blickte sie an und hörte ihr zu, während er rauchte. Aber er ließ sich doch nicht abhalten, zog sich an und ging. Ingri kam ihm bis vors Haus nach. Es war noch das gleiche schöne Wetter: ein blaßgelber Himmel westlich über dem Meer, dunkelblau im Osten über den Bergen, still in den Hängen oben und still ringsum am Ufer, die Äcker lagen strohgelb in der Dämmerung da, und der Waldrand und das Moor schimmerten in blaubrauner Dunkelheit dahinter. – Stille überall. – »Doch, Ingri, ich will zur Fabrik hinüber«, sagte er. »Ich muß, das fühle ich. Vielleicht wird dann endlich einmal ein Ende mit diesem ewigen Hin- und Herlaufen, vielleicht werde ich dort fertig und kann mich freimachen, meine ich.« Er wandte sich ihr zu, ein wenig heftig: »Stehst du wirklich da und hast Angst um mich?« – »Nein, nicht Angst, aber –. Nur ein ganz klein wenig. Und manchmal bin ich so nachtscheu. Aber kannst du nicht heute abend daheimbleiben? Bis morgen warten?« – »Ich hab' so wenig Zeit, bei Tag; er ist mir immer zu kurz.« – »Ich hab' diesen Herbst einmal einen so bösen Traum gehabt, habe geträumt, daß sie dich erstechen.« – »Unsinn! Und dann weißt du doch auch, was ich geträumt habe, als ich klein war? Ich träumte, daß, wenn ich nicht über dich, meine Meerfrau, die Oberhand behielte, alles schief für mich gehen würde – – ich bin abergläubisch genug. Darum tue ich genau das Gegenteil von dem, was du sagst, und nun gute Nacht einstweilen!« – »Ja, ja, Odin!« Sie lächelte zu ihm auf und gab nach; diesem Lächeln konnte er nie ganz auf den Grund kommen. – »Du bleibst doch nicht lange aus, Odin? Und dann, grüß mir den Vater!« – – »Ja! Ja! Freilich!« – Er küßte sie, und dann ging er fort. Er war schon wieder in anderen Gedanken, als er die beiden Männer am Ufer unten traf. Er grüßte und ging vorbei, hinterher aber fiel ihm ein, daß der eine von den beiden der Engelbert gewesen war; den anderen kannte er nicht, es mochte vielleicht ein Schiffer sein, der an Land gekommen war. Odin nahm das Boot und ruderte über die Flußmündung hinüber, ging dann am Strand entlang zur Fabrik. Engelbert begleitete Lauris hinauf. – »Teufel noch einmal, der hat's eilig gehabt, der Kerl«, sagte er. – »Hm, hm! Wie wär's, wenn du nun hineingingst und ein paar Worte mit seiner Madam reden würdest?« meinte Lauris. »Die Sache ist die, weißt du, daß in dem Brief nichts darüber steht, warum der Alte sitzen mußte. Du holst es sicher aus ihr heraus. Und dann könntest du ihr sagen, sie solle ihren Odin warnen, daß er seine Nase nicht in unsere Branntweinbrennerei hineinstecken möge, er könnte sich dabei die Finger verbrennen.« – »Selber hast du keinen Mut, ihm das zu sagen, ja!« lachte Engelbert. Lauris hörte nicht darauf. – »Du mußt es nicht zu grob machen«, ermahnte er ihn. »Nicht sie soll Angst kriegen, sondern er.« Engelbert stand noch eine Weile da, sah noch einen Augenblick dem Lauris nach, wie er heimwärts schlenderte, dann raffte er sich auf und ging hinein. Er fragte nach Odin. In der Stube waren nur Ingri und der kleinste Bub, der Per. Anders saß oben in seiner Kammer, mit einem Buch oder was es war. Engelbert redete von allem möglichen, und Ingri hörte ihm kaum zu. Er sah in einem fort auf die Uhr, und Ingri betrachtete ihn; sie meinte zu sehen, daß er ein paarmal die Farbe wechselte. Dann ging er unmittelbar auf sie los: »Sagt einmal, wofür ist er denn eigentlich bestraft worden, Euer Vater?« Ingri blieb sitzen und sah ihn an. Ihrem Gesicht war nicht viel anzumerken, höchstens daß ihre Augen das Blinzeln vergessen hatten. Da hörte er, daß sie auch nicht atmete, und sah, daß sie schneeweiß geworden war – sie würde doch wohl nicht in Ohnmacht fallen? Er ging zu ihr hin und legte die Hand auf ihre Schulter, es tat ihm herzlich leid. Da fuhr sie mit einem leisen Schrei zusammen. – Sie solle es doch nicht so auffassen, sagte er; es sei alles andere als böse gemeint, er habe vielmehr daran gedacht, ihren Vater zu verteidigen. »Jetzt, seit ich und der Odin wieder ausgesöhnt sind«, sagte er. »Denn das Leben ist nun einmal so, ich will Euch sagen, heutzutage hat alles scharfe Zähne, eh' man sich's versieht, kann man böse werden, aber Euch will ich nicht – –« »Ist es jetzt aufgekommen?« fragte sie. Es war fast keine Stimme mehr in ihr. »Ja, aber daran ist der Odin schuld, er hat ein bißchen gelogen, ein ganz klein bißchen.« Wiederum war sie nahe daran, ohnmächtig zu werden. – Ich hätte nicht hierherkommen sollen, das sehe ich nun, sagte er zu sich selber. – »Ist es also aufgekommen«, jammerte sie. – »Ihr wißt, hier ist Krieg in der Gemeinde, ja im ganzen Land und auf der ganzen Welt. Aber jetzt will ich dieses Gerücht niederschlagen, Ihr könnt Euch auf mich verlassen. Denn es ist nicht wahr, er hat doch nicht die Post beraubt? Nur eine kleine Unterschlagung in der Abrechnung, so glaube ich wenigstens, eine kleine Unterbalance , nicht wahr?« Ingri schwieg. Engelbert sah wieder auf die Uhr, blieb stehen und dachte nach: ging dann zur Tür. »Die Post beraubt?« rief sie und fuhr auf, – »das ist Lüge, Engelbert, das ist eine Lüge!« Er wußte es ja, und jetzt wollte er gehen und mit diesem Gerücht aufräumen. Nur ein kleiner Kassenbetrug, nicht wahr? »Ja. Etwas anderes war es nicht.« Engelbert nickte. Er war kaum er selber, wie er so dastand, mit Mühe brachte er es fertig, aufzuschauen. Auf einmal, ehe einer es verhindern konnte, kam der kleine Per mit einem Holzscheit in der Hand durch die Stube gelaufen und schleuderte es nach dem fremden Mann, daß es in der Türe dröhnte: »Sauhund! Hinaus –!« Seine Augen loderten im Lampenlicht, und das Gesicht war ganz schief vor Zorn, noch einmal schrie er »Sauhund« und »Hinaus«. Engelbert war ganz erschrocken, aber er lachte, so gut er konnte und faßte sich nach und nach wieder. – »So, so, das hier ist also offene Feindschaft«, lachte er. »Ja, ja. Gute Nacht!« Er erzählte es Lauris, als er den auf der Wiese drüben traf, und sagte, diese Geschichte hätte er lieber nicht machen sollen. – »Nein, wenn du dich dumm dabei angestellt hast, dann nicht«, antwortete der, »glaubst du etwa, daß mir das recht ist?« – »Nein, nein«, sagte Engelbert, und geschehen sei geschehen, und der Odin müsse sie eben wieder trösten, aber das sei das letztemal gewesen, daß er für seinen Teil unehrliche Waffen und Schleichwege im Krieg benützt hätte, das solle Lauris nicht vergessen. – »Ja, freilich«, sagte Lauris, und nun, meinte er, wäre es am besten, wenn sie wieder hinuntergingen und eine Herzstärkung nähmen, sie hätten sicher noch einen Tropfen in der Flasche. – Nein, Engelbert wollte nicht. Er sagte gute Nacht. – »Schlimm, schlimm, schlimm!« murmelte er im Weitergehen vor sich hin. Lauris kam hinter ihm hergeschlichen; Engelbert hörte ihn, ging aber weiter. Engelbert trat in den Laden. Er war anders als sonst, bald betrunken, fanden sie, und bald wieder nüchtern, er redete von Osten und von Westen und kümmerte sich nicht im geringsten darum, ob die anderen ihm antworteten oder nicht. Er fragte ein paarmal, ob sie gehört hätten, daß er wieder in die Fabrik aufgenommen sei, und ob sie gehört hätten, daß Bonsach Arnesen Geschäftsmann in Kristiania gewesen sei. – Das hatten sie natürlich. – »Ja, sie hat es erzählt, seine Tochter, da muß es wohl wahr sein? Aber im Nordland, wo er herstammt, da wissen sie nichts davon. Als er von dort fortfuhr, sagt man, da sollte er ins Zuchthaus, ins Gefängnis. Nein, nein, er hat keinen erschlagen, nichts Derartiges, es fehlte nur eine kleine Geldsumme in seiner Bank, damals, als er sich mit seinem Geschäft verspekuliert hatte; so erzählt man sich, ja. Vielleicht erinnert sie sich falsch, die Ingri?« – Die Leute taten so, als hörten sie nicht weiter auf ihn, und einer nach dem anderen ging hinaus und machte sich auf den Heimweg, denn es war schon spät. Engelbert redete noch lauter und wurde unruhig: Hielten sie ihn etwa für einen, der unwahre Gerüchte ausstreue? Meinten sie, er wolle sich rächen? Nein, halt! Sie sollten sich's überlegen, er sei der Engelbert und ein ehrlicher Kerl, sein Lebtag lang – paßt auf, Leute! Als er hinauskam, sah er Lauris irgendwo zwischen den Bootsschuppen, aber er wollte nicht mit ihm zusammentreffen. – »Wozu treibt denn der sich hier herum?« murmelte er. – »Laß mich in Frieden! Denn heute abend war ich ein richtiger Dummkopf; weiter kriegst du mich nicht, du Bauer, der du bist!« – – – Unterdessen war Odin in der Fabrik gewesen und hatte mit Arnesen gesprochen, und Arnesen hatte seine Stellung gekündigt. – »Ich kann es nicht mehr aushalten«, sagte er. »Auch um Ingris willen ist es am besten, wenn ich gehe; für sie und auch für dich. Ich habe eine Jacht gekauft. Bekam ein wenig Hilfe im Norden droben. Ich werde schon zurechtkommen.« Er sah Odin so ernsthaft an, daß er mit keinem Wort widersprechen konnte. Nur Ingri hatte ihn bisher dann und wann einmal so angesehen. – »Ja, du mußt so handeln, wie du es für richtig hältst«, sagte er. »Ich will nicht leugnen, daß ich das gleiche gedacht habe, um ihretwillen. Ja, ich sehe jetzt, so allmählich, daß es leichter für sie sein wird, wenn du fortgehst. Ich wollte nur nicht, daß sie dich fortjagen sollten. Es ist am besten, du schreibst deine Kündigung noch heute abend. So daß ich den Brief mitnehmen kann; dann bringe ich ihn noch dem Lauris hinüber.« Odin lächelte vor sich hin: »Das wird der Lauris nicht begreifen können; aber begreifen muß er es, sonst kann er nicht schlafen vor lauter Kopfzerbrechen. Hm, hm! Unverständlich, warum es so gehen mußte. Ich möchte wissen, ob aus dem Engelbert ein tüchtiger Kerl würde, wenn er die Verantwortung hier bekäme?« – »Das ist nicht ganz ausgeschlossen«, meinte Arnesen. – »Ja, wir wollen's versuchen. Aber daß es nun zu Ende sein muß mit unserer Zusammenarbeit hier?« – »Ja, so ist es nun einmal. Und daß ich euch nicht mehr sehen soll! Ach nein, schade, schade!« – Er sah Odin an, blickte von ihm fort zur Wand hinüber und verzog den Mund zu einem Lächeln. Als Odin über die Flußmündung gerudert kam und beim Netzsteg anlegte, kam Engelbert herbeigeschlendert und grüßte. – »Ah, du bist's?« sagte Odin. »Auch unterwegs? solltest du sagen, wie's der Brauch ist. Ja–a, du kommst mir gerade recht, ich habe ein paar Worte mit dir zu reden, verstehst du, nicht wahr? Du kannst also jederzeit in der Fabrik anfangen. Aber was ich noch sagen wollte, dein Gerede über den Arnesen muß jetzt ein Ende haben. Denn das bringt mir die Ingri noch um – – und nützt keinem etwas. Ja, ich kann mich doch darauf verlassen, Engelbert, du wirst doch nicht unschuldigen Menschen etwas Böses zufügen? So sehr habe ich mich doch nicht in dir getäuscht?« »Nein, du weißt – – ich dachte nicht – –« »Du gibst mir die Hand darauf, her mit der Flosse!« Engelbert gab ihm wirklich die Hand. »Ja?« sagt Odin. »Aber du bist so still?« Da räuspert sich jemand hinter dem Schuppen, und Engelbert erkennt, daß es Lauris ist. Der hatte dort gestanden und alles gehört. Engelbert reckte sich auf, versucht Odin in die Augen zu schauen. Es war zu dunkel dazu, hier im Schatten der Häuser und der Hügel. Aber doch fühlte der eine die Blicke des anderen. »Machst du mich zum Disponenten?« sagte Engelbert hart. »Bist du für mich, meine ich?« »He? Disponent? – Ist das so zu verstehen?« »Ja, wäre das denn so unmöglich? Ich werde den Arbeitern gehörig das Fell striegeln, du sollst sehen, es ist mir Ernst damit.« »Nein, aber, bist das wirklich du, Engelbert?« Odin verschlug es fast die Stimme. Dann redete er wieder: »Freilich, du taugst schlecht dazu, den Hafersack zu hüten, und kaufen tue ich dich erst recht nicht, mußt du wissen – – glaubst du, ich habe jemals mit Bestechungen gearbeitet? Es kann sein, daß wir es mit dir versuchen, das ist eine andere Sache, aber dich kaufen? Nein! Du sollst es mir trotzdem versprechen, Engelbert, dann bist du klug.« »So–o! So steht die Sache. Das soll heißen, daß ihr doch daran denkt, mich zu kaufen, daß ihr mich auf eure Seite kriegen wollt? Ja, gewiß, ja, und du willst dabeistehen wie ein hehres Denkmal, hoch über mir und allen anderen. Nein, wahrhaftig, Odin. Nimm dich in acht, Junge, oder es kommt zum Krachen! Dein Schwiegervater muß weg, jetzt weißt du's, morgen noch werde ich den Brief aus dem Norden öffentlich anschlagen, ihr sollt gezeichnet sein, du sowohl wie er, ja! Na, was sagst du dazu?« »Da bist du zu spät aufgestanden, mein Lieber. Er hat gekündigt, hier ist sein Brief. Was sagst jetzt du dazu?« »Hol's der Teufel!« murrte Engelbert. Nach einer Weile sieht er auf und lacht: »Aber ein Lügner bist du doch, jawohl, und samt deinem Weib, und das soll die ganze Gemeinde erfahren.« – »Hoho!« lachte Odin. »Das laß ich mir gefallen, so unverfälschte Bosheit zu hören, das ist eine seltene Kost. Aber im Ernst: du sollst dich in acht nehmen. Denk daran, daß sie es ist, die ich verteidige, es könnte sein, daß ich eine schwere Pranke habe, um sie geht es und nicht um mich! Ja–a?« »Um sie, ja? Um dein Nordlandsluder, hahaha! Das der Lauris schon benützt und weggeworfen hat! Hast du noch nie was von jenem Abend gehört oben in – –« Da aber war Odin schon über ihm und schlug zu, daß es in der Luft pfiff. Engelbert stand nicht mehr da, er hatte Fersengeld gegeben. – »Gut, daß ich ihn nicht getroffen habe, sonst hätte ich ihn erschlagen«, sagte Odin, er lächelte sogar, aber kein sanftes Lächeln. Beherrschen jedoch konnte er sich auch nicht, gab sich auch keine Mühe, er setzte dem anderen nach und kam derartig in Schuß, daß Engelbert geradeswegs in den Fluß springen mußte. Odin hinter ihm her, bis ans Wasser. Dort kam er wieder so weit zu sich, daß er ihm nicht nachsprang; er schüttelte die Faust und schrie heiser: »Ersaufen sollst du, du Hundevieh!« Jetzt während der Flut war der Fluß hier breit, aber trotzdem sie ihm vom Meer herein entgegenstand, hatte er eine ziemlich starke Strömung, nun im Herbst, man konnte Engelbert im Rauschen des Wassers nicht schwimmen hören. Auch wenn einer hier ohne Kleider hinüberkommen wollte, mußte er ein guter Schwimmer sein, kam es Odin in den Sinn. Er wollte es nicht, tat es aber trotzdem, rief noch einmal, – er fühlte sich zottig wie ein Tier am ganzen Körper: »Ersauf und komm nie wieder herauf!« Er rannte schon wieder weiter, am Strand entlang und zum Bollwerk hin, machte ein Boot los und ruderte zur Sandbank hinüber, dort, wo das Wasser über steinigem Grund floß, denn dorthin mußte einer kommen, war er nun lebend oder tot, wenn er nicht schon vorher untergegangen war. Doch dort war kein Engelbert zu finden. Odin watete bis an das südliche Ufer hinüber und dann noch ein Stück weiter hinauf, bis er sich oberhalb der Stelle befand, wo Engelbert ins Wasser gesprungen war. Nirgends ein Lebenszeichen. – Er muß wie ein Heusack ins Meer hinausgetrieben sein, sagte sich Odin. Ja, ja, geschehen ist geschehen. Er sagte es noch einmal, zum Himmel hinauf und der ganzen Welt entgegen: »Geschehen ist geschehen und soll so sein!« Er ruderte zurück, zuerst ein Stück weit hinaus, und suchte dann noch, bis er ans Bollwerk kam. – »Nein, so hatte ich es nicht gedacht, das ist wahr. Aber ich wünschte es. Das will ich vor der ganzen Gemeinde verantworten.« Noch während er dies sagte und das Boot festmachte, fiel ihm ein, was Ingri an diesem Abend gesagt hatte, sie hatte solche Angst, als er fortging. – »Ja–a, Ingri, die Menschen sind gefährlich«, lachte er; »aber ich bin auch gefährlich!« Oben beim Schuppen stieß er auf Lauris, der zum Ufer hinunterging; Odin sagte nichts; Lauris fragte nach Engelbert. – »Der Engelbert?« – »Ja, er ging doch erst vorhin zur Bootslände hinunter?« Odin stand eine Weile da. Er nahm die Mütze ab und trocknete sich den Schweiß. »Pack gibt es hier genug in der Gemeinde!« sagte er, so laut, daß es Lauris durchzuckte. »Aber jetzt sollst du dich vorsehen, Tod und Teufel, du auch. Wenn du es bist, der diese Geschichte ausgeheckt hat – – heut steh' ich nicht für mich ein!« »Ich, sagst du? Bist du denn verrückt, Odin?« Er verzog sich nach rückwärts. »Fahr zur Hölle, verrückt bin ich, ja, und der Herrgott mag wissen, wie das hier geht. Ich glaube, ich werde die Gemeinde bald säubern!« Lauris schlich sich davon, zum Strand hinunter, Odin blieb eine Weile stehen und sah ihm nach. Raffte sich dann auf und ging seiner Wege. 4 Als er so hinaufging, war ihm leicht und wohl zumute. Besonders nachdenklich war er nicht. Er wunderte sich nur darüber, daß er es war, der hier ging. Immer und immer wieder brauste es ihm durch den Kopf, dies sei einer aus der alten Zeit und aus der Dunkelheit, einer von denen, die das taten, was ihnen einfiel. – »So ist es diesen Burschen damals gegangen«, lächelte er. Es war nicht so ganz leicht, so zu sein, ja. Als er daheim angelangt war und hineingehen wollte, wurde ihm kälter zumute, und die Knie waren nicht so wie früher, er zauderte ein wenig, ehe er nach der Türklinke griff. – »Ach nein, ich bin nicht einer von ihrer Art«, murmelte er; »da fehlt viel, wahrlich. Aber ich muß doch tun, was notwendig ist.« In der Küche war niemand und auch nicht in der Stube, aber die Lampe hing da und brannte. In der Kammer lag Per im Bett der Mutter und schlief – also war Anders scheinbar draußen. Odin ging in die Dachkammer hinauf. Das Bett war leer. Das ganze Haus stand leer. Da ging er rasch hinaus, um die anderen zu suchen. Es war bereits Nacht, auf den Höfen schlief schon alles, und der Mond schob die Stirn im Süden über die Berge herauf; auf einmal war das ganze gelbe Gesicht da. Er war übrigens im Abnehmen, hatte ein schiefes Gesicht, und der Lichtschimmer, den er spendete, war weich und ungewiß, aber wunderbar schön. Die Haabergäcker kamen so nahe an Odin heran, ihn dünkte, sie wären tagsüber noch nie so gewesen, und genau so verhielt es sich mit den Bergen, er war hier umhergegangen und ein Blinder gewesen, der nichts sah. Schroffe Hänge und Schluchten und Waldstreifen sah er, in einem milden und hellgrauen Licht, und die Moore lagen so öde und nachdenklich und dennoch so lebendig da; und dort war das Meer, so war es, wach und blank im Blick. Aber was geht mich das eigentlich an? dachte er ungeduldig. Heute abend nicht mehr als an irgendeinem anderen Abend! Er hatte recht, er, der dies schuf, daß alles miteinander sehr gut war, aber später mußte er es anders erkennen, als die Menschen heranwuchsen; da bereute er es, er auch. Und dort im Süden führte der Weg zur Brücke. Auch der hatte sich heute abend aufgemacht und ließ sich sehen, kam Odin einsam und grau entgegengeschlängelt, fast ein lebendes Wesen. Odin schritt aus und ging rasch bis zur Brücke hinunter. Nein, es stand niemand dort, wie zu erwarten war. – »Ingri!« sagte er klagend ein paarmal vor sich hin. »Ich bin noch da, Ingri!« Nun ja, Reue nützte jetzt wenig, heute war nicht der Abend dazu. Er ging am Fluß entlang, ging dahin und dorthin, er erinnerte sich jener Christnacht, da er den Weg nach Vennestad gesucht hatte, es war damals nicht viel besser gewesen. – »Sie findet mich früh genug«, sagte er, »findet mich früh genug«, lief aber trotzdem unvermindert rasch weiter, an einer Stelle sprang er freihändig über einen Zaun. – »Und was geschehen ist, ist geschehen. Du, Ingri, du verstehst mich. Aber was ist denn aus dir geworden? Du weißt ja doch nichts von dem, was vorgefallen ist, du?« Rund um alle Hütten und Schuppen und um alle Häuser in Vaagen rannte er, war einen Sprung unten beim Fluß, an der Stelle, wo es geschehen war, und lief dann immer rascher landeinwärts, so daß die Nachtluft ihm um die Ohren pfiff, sie war wie fließendes Wasser, dünkte ihn –, nicht ein einziger von den Alten war jetzt bei ihm – Dreckskerle! Oben, wo die Äcker von Haaberg anfangen, holte er Ingri und Anders ein. Er erzählte, soweit sein Atem es zuließ, daß er überall herumgelaufen sei und sie gesucht habe. Die beiden sagten, genau das gleiche hätten sie getan. Ingri habe sich zuerst auf den Weg gemacht, allein, und dann sei Anders heimgekommen, habe das Haus leer gefunden und sei ihr nachgegangen, habe sie unten bei der Brücke eingeholt. »Sie war ganz außer sich vor Angst«, sagte Anders. – »Ja, aber warum denn?« fragte Odin. Ingri ergriff seine Hand, sie vermochte nichts zu sagen. – »Du hast wohl geglaubt, sie hätten mich erstochen?« lachte er. »Stechen, das tun sie«, fuhr er fort, »jetzt aber wird es sich zeigen, ob ich ihnen nicht das Handwerk gelegt habe, fürs erste, du sollst etwas zu hören bekommen, was du dir nicht erwartest, morgen. Ich habe recht gehandelt; ich habe fast ein Gefühl, als sei mir das bisher noch nie gelungen.« Anders ließ seine Blicke ein paarmal über den Vater gleiten. Odin merkte dies, doch berührte es ihn nicht, nicht heute nacht. Es gab viele, viele Dinge, die ihn nicht mehr berührten. »Morgen aber sieht es anders aus«, murmelte er. – Ingri sah zu ihm auf und holte tief und schwer Atem. »Unerforschlich«, sagte er. Als sie beide allein in ihrer Kammer waren, sagte er: »Wenn ich nun gezwungen wäre, einen Halunken ins Meer hinauszujagen, Ingri, und er würde mir den Streich spielen, zu ersaufen?« – »Nein, nein, Odin! Sag so etwas nicht!« – »Nein, nein, und du weißt auch: so etwas tut man heutzutage nicht mehr. Die Leute erschlagen die Kreuzotter, wenn sie's so weit bringen – du erschlägst nicht einmal die, du? Nein, ich weiß es. Ach ja, ja, wahrlich; es ist leicht reden.« Er bemerkte, daß sie bleicher und weicher wurde denn jemals zuvor. – »Was ist denn, Ingri?« wollte er wissen. Sie schüttelte den Kopf, wagte Odin nicht anzusehen. Er versuchte ihr Gesicht zu sich herüberzudrehen, da aber schlug sie die Augen nieder. – »Nun hat dein Vater gekündigt«, sagte er. »Er hat gekündigt und will von hier wegziehen, hörst du?« – »Oh?« sagte sie nur. Dann war es gleichsam, als käme sie zu sich. Sie blickte erstaunt auf: »Ach, Gott sei Dank!« flüsterte sie. »Wir ziehen auch von hier weg, Odin, nicht wahr?« »Ja, du weißt – –« »Sie wissen alles! Sie sind gefährlich!« brach es aus ihr heraus. »Menschen gibt's überall, wo wir auch hingehen, mein Goldkind. Aber jetzt wollen wir schlafen. Morgen – ist auch ein Tag.« Sie wollte bei ihm liegen. Darum hatte sie ihn noch nie gebeten, soweit er sich zurückerinnern konnte. Odin durchlief ein Schauer, wenn er daran dachte, daß sie nicht die geringste Ahnung hatte von dem, was an diesem Abend vor sich gegangen war; aber er schlief ziemlich bald ein, wie es seine Art war. Als er gegen Morgen aufwachte, merkte er, daß sie wach dalag, und er begriff, daß sie die ganze Nacht so gelegen hatte. Er dachte sofort daran, was Engelbert gesagt hatte, schüttelte es wieder ah wie Eiter und Gift und erinnerte sich an das, was geschehen war. – Da sagt Ingri: »Der Engelbert war hier.« – »War er hier ? Jetzt, nachdem ich ihn davongejagt habe?« Odin fuhr auf. Sie erzählte, daß er gekommen sei, gleich nachdem Odin fortgegangen war. – »Ach, da !« sagte er vor sich hin. – »Es ist alles aufgekommen«, sagte sie. » Alles miteinander, Odin. Er sagte es hier!« – Ihren Körper durchlief ein Beben. – »Ja, ja, ja«, murmelte Odin. – »Ein wahres Glück, Odin, daß der Anders nicht daheim war – da wäre es schlimm gegangen!« Odin hatte einen schmerzlichen Stich in sich gespürt, als sie die Worte » alles miteinander« sagte, so daß er noch lange danach fast betäubt liegenblieb. Das erste, was er dann wieder merkte, war, daß Ingri zitterte. »Bist du krank?« fragte er. – »Es überfiel mich nur so ein Zittern, als er hier war. Und dann auch noch, als wir dich suchten. Aber es geht bald vorüber, wenn nur der Vater erst einmal von hier fort ist, denn wir, Odin, wir kommen immer darüber hinweg.« – »Jetzt hast du mich froh gemacht!« sagte er, unnötig laut, und sie hörte seiner Stimme an, daß irgend etwas in ihm kämpfte. – »Aber daß du um meinetwillen in diese Sache geraten mußtest«, fuhr sie fort. »Das war es, was ich kommen sah, als wir heirateten!« »Du hast mir doch damals alles erzählt, Ingri, oder nicht?« – »Ich glaube doch wohl nicht? Du fragtest nicht, du.« – »Nach deinem Vater, nein! Nein, und etwas anderes hattest du ja nicht zu erzählen, das weiß ich ja. Aber Herrgott, wie merkwürdig es doch ist, daß es den Menschen so schwerfallen muß, miteinander zu reden. Aber du und ich, wir – –« Er holte tief Atem, stützte sich auf die Ellbogen auf und stieß die Worte stöhnend aus: »Ich danke dir dafür, daß du mich jetzt so angesehen hast, Ingri!« Nach einer Weile sagte er: »Und den Engelbert, den habe ich heute abend ins Meer hinausgejagt, gestern abend, richtiger gesagt. Hörst du, Ingri?« Sie schwieg lange. – »Ja, ja«, sagte sie endlich. »Ja, denn – – es mußte geschehen, du weißt nicht, was er sagte!« Es durchlief sie ein neues und starkes Beben, ihm war, als sei es das Leben, das seiner Wege ging; er merkte es und vergaß es wieder. Er fing an zu reden. Er sah alles vor sich, worüber er redete, aber er dachte nicht darüber nach, daß er dalag und es aussprach. – »Wir brauchten einen Besen hier in der Gemeinde! Kleine Leute, heißt es. Ich habe es schon oft gesagt: Ich hasse dieses Wort. Es ist ein häßliches Wort. Jetzt aber hat sich das Blatt gewendet, jetzt muß ich es selber gebrauchen. Alles hat sich gewendet, und ich stehe auf der anderen Seite. Die Astri und der Lauris, die sehe ich auf der Seite der kleinen Leute, ich glaube fast, ich sehe die ganze Gemeinde dort. Da aber will ich lieber die Flucht ergreifen. Es täte not, daß man sie alle an die Kette legte. Ich sehe es jetzt deutlich: so ist es im ganzen Land. So ist es nun für einige Zeit. Wer hätte gedacht, daß es für mich je einmal so ausschauen würde!« »Nachts sehen alle Dinge schlimm aus«, sagte Ingri still. Darin hätte sie allerdings recht, gab er lächelnd zu, in der Nacht sieht alles schwarz aus. »Und dann wird es ja besser, Ingri, warte nur ab. Wenn es auch nicht gerade für uns besser werden wird. Einsam, sagst du: Ja, so weit muß einer kommen, daß er einsam wird. Der Kämpfer ist immer einsam, die anderen haben es gut, wie man so sagt. Nur wenn er in den Krieg geht, dann wird es ein wenig hart für sie, – du hast sie doch gesehen, Ingri? Ich, siehst du, ich sehe sie erst jetzt. Sie waren ziemlich bleich, viele unter ihnen. Astri, ja, die ist eine Aristokratin. Sie schaut nicht nur empor, sondern auch vorwärts, sie ist die geborene Mutter für ein großes Geschlecht. Aber den Mutterinstinkt, den haben auch die kleinen Leute, der ist plebejisch, habe ich gelesen, der zieht herab. Ich fürchte, es geht immer mehr und mehr abwärts mit ihr. Aber daß es für mich je so ausschauen würde!« Ingri lag da und schwieg. Dann schlief sie ein, denn Odin redete zuletzt nur mehr in Gedanken. Dann schlief auch er ein. Er war der erste, der wach wurde. Er hörte Anders oben im Dachraum aufstehen. Ingri lag neben ihm und schwitzte. Wer weiß, vielleicht wurde sie jetzt krank. Er sah durch die Stube hin. – Merkwürdig, fand er, daß er nicht gleich ans Meer dachte. Daß er sich nicht förmlich davon angezogen fühlte. Und das bin ich, sagte er; und dort liegen meine Kleider. Ich muß hineinschlüpfen, heute wie immer. – – – Lauris war zum Ufer hinuntergegangen, das war das letzte gewesen, was Odin am Abend noch von ihm gesehen hatte, und seitdem dachte er nicht mehr an ihn. Lauris wartete, bis er hörte, daß Odin auf dem Heimweg war. Dann begann er am Fluß entlangzugehen, er glaubte fast, irgendwo ein Plätschern zu hören. Und er fand Engelbert. – »So, du bist's?« grinste er. »Mir scheint gar, du bist naß geworden?« Engelbert schlugen die Zähne aufeinander, er konnte nicht antworten. – »Ist der Odin fort?« war das erste, was er herausbrachte. – »Ja, aber er ist noch nicht weit gekommen, willst du mit ihm reden?« – »Nein, nein!« – »Hm! Ich glaubte übrigens, er hätte dich umgebracht. Ja, was sagst du jetzt, Engelbert Olsen?« – »Ins Zuchthaus soll er!« brachte Engelbert schlotternd hervor. Lauris lachte ins Land hinein. Dort war alles still. Er nahm Engelbert zu sich heim, es war nicht weit bis dorthin. Lauris flüsterte, sie sollten sich still verhalten, wegen der Leute im Stockwerk darüber. Als Engelbert die Kleider gewechselt hatte und wieder warm geworden war, sagte Lauris: »Jetzt wollen wir Odin das einzige antun, was verschlägt. Du sollst verschwunden bleiben, untergegangen. Morgen früh stiehlst du dich heimlich an Bord des Dampfers, still, kein Wort! Dann fährst du mit dem Schnelldampfer nach Süden weiter – es ist wohl nicht schlimm, wenn er mit deiner Schuld zurückbleibt? Du nahmst das Reisegeld auf seinen Namen zu leihen, erst kürzlich, dümmer warst du nicht. Du reist fort, bist nicht mehr da; denn hier bist du fertig, das siehst du wohl selber ein.« Engelbert sah Lauris an. Sie hatten nur eine ganz kleine Lampe angezündet. – »Du bist ein Schädling«, sagte er. – »Wie man's nimmt, mein Sohn. Aber jetzt helf ich dir jedenfalls. Guter Rat ist teuer. Aber ich werde mich schon auf anderer Seite bezahlt machen. Ich will den Odin die ersten paar Tage einmal beobachten. Schade, daß du ihn nicht auch sehen kannst. Du mußt schreiben, Junge, und von dir hören lassen, dann will ich dir antworten und dir allerhand erzählen. Ein Mörder, siehst du. Unser Bürgermeister ist jetzt ein Mörder, du hast ihn schön besiegt.« Es ging leichter, als zu erwarten war, Engelbert ließ sich zu diesem Plan überreden, und Lauris wartete und sah zu, wie der andere sich reisefertig machte. Am Morgen darauf war der Dampfer, noch ehe es hell wurde, in der Bucht, und Lauris ruderte selber mit Engelbert zum Bollwerk hinüber und schaffte ihn heimlich an Bord, an der Außenseite des Dampfers, es ging gut, wie ausgerechnet. Lauris glaubte nicht, daß auch nur eine Katze die Rockzipfel des Ausreißers gesehen hätte, und er selbst hielt sich im Dunkeln zwischen den Fahrzeugen und kam ungesehen wieder an Land. Und während er so zur Bootslände bei den Haabergschuppen ruderte, dachte er daran, daß auch dies Odins Werk war: der Dampfer legte nicht mehr hier an, sondern drüben bei der Fabrik. Odin hatte dies nicht eigentlich veranlaßt, es kam von selber, sozusagen, aber es war ein Span im Fleische eines guten Nachbarn. – »Und heute wirst du selber den Span im Fleische haben«, murmelte er. »Und außerdem sind wir den Kerl los, der dort davonfährt; da habe ich der Gemeinde und mir einen wirklichen Dienst geleistet. Und summa summarum , Odin!« 5 An diesem Tag telephonierte der Lensmann nach Haaberg. Astri nahm den Hörer ab, hatte dies beinahe jedesmal getan, in letzter Zeit. Der Lensmann wollte nur hören, ob sie am nächsten oder übernächsten Tag daheim wären. Er habe etwas mit ihnen zu besprechen – sie brauchten keine Angst zu haben, wenn er komme. – »Der Lensmann«, sagte sie nur, als sie den Hörer einhängte. Lauris saß am Tisch und aß, sie sah ihn nicht an, aber sie merkte genau, daß er erschrocken war. Da mußte sie ihn trotzdem ansehen, sie mußte ihn einmal erschrocken sehen. Es war so, wie sie sich gedacht hatte, sein Gesicht war mit einem unheimlich graugelben Schimmer überzogen. An sich selber fühlte sie nur, daß ihr die Augen ein wenig starr im Kopf standen, denn sie hatte in den letzten Nächten so wenig geschlafen. – »Wolltest du nicht eigentlich in den Wald gehen?« fragte sie. – »Die Buben sind schon fort, ich weiß nicht, ob ich heute mittue, ich habe mich noch nicht recht erholt seit meiner Krankheit«, fügte er hinzu. Er wurde eifrig, als er glaubte, sie höre ihm zu, und redete von verschiedenem, doch er merkte bald, daß sie gar nicht auf ihn achtete. Da ermannte er sich im Ernst: »Ist es denn wirklich so gefährlich, diese Geschichte? Es war doch um deinetwillen? Ja, freilich war es schlimm von mir, aber Herrgott –!« Sie sah ihn rasch an. – – »Schlimm?« sagte sie. »Es war ein Mißgriff , hörst du!« Nach und nach beruhigte sie sich und war wieder so wie in den letzten Tagen, sanft und von stillem Wesen und ein gutes Stück weit entfernt von allem rings um sie; kaum daß sie die Kinder sah, wenn die in ihre Nähe kamen, fiel aber ihr Blick auf sie, so konnte es geschehen, daß sie den jüngsten Buben oder die kleine Aashild an sich zog und lange Zeit so stehenblieb. »Es war ein Mißgriff, Lauris, und jetzt ist es geschehen. Ein Mißgriff ist noch nicht das Schlimmste. Wer es fertigbringt, keinen Mißgriff zu tun, und das womöglich sein ganzes Leben lang, aus dem mache ich mir nichts. Und jetzt ist es geschehen, wie gesagt. Geschehen ist nicht ungeschehen, das hab' ich nun gelernt.« »Will er heute kommen?« erkundigte Lauris sich zahm. – »Der Lensmann? Nein, morgen, sagte er, glaube ich. Was geht das mich an! Mag es gehen, wie es will«, sagte sie vor sich hin. »Ich weiß, was ich tun muß. Ich tu's um unserer Kinder willen. Hauptsächlich um ihretwillen, ja. Ich hab' ja gewußt, daß es einmal kommen würde.« »Das hier? Hast du denn darum gewußt?« Lauris sah sie mit messerscharfen Blicken an. »Ach, Unsinn! Dann wäre es nicht dahin gekommen. Aber daß es schwer sein würde – – mit dir verheiratet zu sein. Und daß ich es tragen müßte, was auch kommen würde.« »Mir scheint, du bereust es doch, daß du mich genommen hast?« – Ihm war, als könne er den Ton in ihrer Stimme nicht mehr länger ertragen. Ruhig drehte sie sich von ihrer Arbeit am Ofen weg und sah Lauris still an. Der lachte: »Jetzt hast du keine schönen Augen gemacht!« »Bereuen!« sagte sie verächtlich und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. »Du redest wie ein kleines Kind.« Er ging hin und wollte sie umarmen, das brauchte es, manchmal, erinnerte er sich. Sie aber schüttelte ihn sofort ab, es schauderte sie wohl bis ins Innerste. – »Daß dieses Mistvieh von einer Mina wirklich hingehen und uns anzeigen mußte«, sagte er und schob die Hände in die Taschen. – »Red nicht schlecht von der Mina, sei gut!« Ihre Stimme klang jetzt wieder weich. – »Nein, nein. Aber das weiß doch jeder Mensch, der es nur wissen will, daß der Ola halb närrisch war, wenn nicht noch mehr, zum Schluß, so dumm werden sie denn doch nicht sein?« – »Sie werden nichts wissen, ganz bestimmt nicht«, sagte sie leise, »ja, der Odin vielleicht, denn er sagte einmal etwas Ähnliches wie – – nein, das geschieht nimmermehr!« – »Was denn? Was soll nicht geschehen?« – »Daß ich zu ihm gehe und ihn um Hilfe bitte. Lieber beschwöre ich tausend Lügen, wenn's darauf ankommt, ich bin mein eigener Herr. Bin es mein Lebtag gewesen.« Lauris kniff das eine Auge ein wenig zu, pfiff leise und lächelte; dann sagte er: »Der Odin, ja, möchte wissen, wie's dem heute geht. Recht großartig kann es nicht um ihn bestellt sein. Der ist hingegangen und hat einen Mißgriff gemacht, der; gestern abend. Hat einen Mann ins Meer hinausgejagt. Hat ihn umgebracht, so gut er eben konnte; es war der Engelbert, wenn du's wissen willst, sein eigener Freund und Waffenträger.« – »So, so«, sagte sie, nahm ihre Arbeit und ging in die Küche hinaus. – Wie kann er nur so dastehen und reden und mich dabei anschauen! dachte sie. Wie kann er nur mich hingehen und das tun lassen. »Zum Teufel noch einmal, ich geh' ihr nicht nach!« sagte Lauris vor sich hin. »He! He! Ich war dumm !« Nach einiger Zeit tat er es trotzdem, denn er sah Odin herüberkommen, auf die Küchentüre zu. Odin grüßte wie immer, mit heller und frischer Stimme. Lauris konnte sehen, daß auch Astri heute darüber stutzig wurde. Ja, er wolle mit dem Lauris sprechen. Es handelte sich darum, daß Arnesen seine Stellung als Disponent gekündigt habe, hier sei der Brief. – »Jetzt schon?« sagte Lauris, mit hochgezogenen Brauen. Astri sah von einem zum anderen, wacher, als sie seit langem gewesen war: »Wozu soll das gut sein?« – »Ihr wißt, er übernahm den Posten, sozusagen gegen seinen Willen«, sagte Odin. – »Ja, du, Lauris, weißt ja, daß er eigentlich keine Lust dazu hatte; und jetzt hat er sich eine Jacht gekauft, er meinte, es sei mehr damit zu verdienen.« Astri steht da und sieht ihn unverwandt an. – »Ja«, fährt er fort und hält ihrem Blick stand, »rein herausgesagt: da die Leute es nicht sein lassen konnten, auf ihn zu hacken und ihm Böses zu tun. Das ist dir doch nicht ganz unbekannt, nicht wahr?« – Er drehte sich Lauris zu und betrachtet ihn von oben bis unten. Lauris steht trocken und hart wie ein Pfahl da, Odin wendet sich wieder zu Astri, wird sie gleichsam gewahr und sieht sie genau an: »Aber was ist denn mit dir los? Du wirst doch wohl nicht auch noch spanisch werden, oder?« – »Woher doch!« – »Hm. Ihr seht alle so abgeschabt aus, viele von euch – genau so geht auch die Mina auf Segelsund umher. Hat euch am Ende der Ola einen Schrecken eingejagt – nein, das kann ich mir nicht denken!« Astri sah scharf und höhnisch drein. – »Ja, er ging ins Wasser, das ist nun einmal so«, sagte Odin. »Er fand wohl, er tauge zu nichts anderem mehr. Schön war das nicht, das ist wahr, aber –.« »Er war närrisch zum Schluß, so ein wenig verdreht im Kopf, nicht wahr?« fragte Lauris. Nun, närrisch, darüber wußte Odin gerade nichts. »Aber zu alt! Einfach zu alt, ja.« Astri sah einmal Odin an und einmal Lauris, so ruhig, daß es unheimlich war, ging dann in die Stube hinein. Und nun müsse eben eine neue Versammlung einberufen werden, so bald wie möglich, meinte Odin. Und das solle Lauris veranlassen, jetzt, nachdem er wieder gesund sei. Die Bücher lägen in der Fabrik. Lauris gab keine Antwort, denn Odin stand auf einmal in Gedanken versunken da; Lauris räusperte sich ein paarmal, und endlich raffte Odin sich auf, verzog den Mund zu einem Lächeln und ging zur Türe. – »Er ist eben übernächtigt«, dachte Lauris. Odin ging geradeswegs zur Fabrik. Ingri war noch nicht aufgestanden, Anders arbeitete im Stall, und schließlich war es ja auch am besten, sie in Ruhe zu lassen, meinte er. – »Wenn ich es doch nur fertiggebracht hätte, mit ihr zu reden«, sagte er sich. Sie sei wieder gesund, hatte sie erklärt. Was er in der Fabrik wollte, wußte er nicht; er blieb ein paarmal stehen und sah um sich, betrachtete die Höfe und die Gegend und sah übers Wasser hinaus: hatte man je ein so schönes Wetter gesehen? Warum mußte es gerade jetzt so besonders schön sein? Oder kam dies nur daher, daß den ganzen Sommer und Herbst hindurch beinahe nur schlechtes Wetter gewesen war? Er blickt über die Gegend hin und nimmt alles in sich auf und fühlt es im selben Augenblick so ganz und glücklich in sich, ein Teil seiner selbst: Die Bucht mit den kleinen Wellen, die der Sonne entgegensprangen und glitzerten, die Strömung im Fluß, die so sicher zum Meer hinaustrug, das Ufer mit seinen Landzungen und Buchten, das alles wandte sich ihm alt und vertraut zu; und dann die Fabrik, dieser Plagegeist, und die anderen Häuser drüben am Südstrand, sie standen da und wußten von ihm. Während sie Licht und Luft auskosteten. Alles miteinander war sehr gut . – »Und ich wage all dem in die Augen zu sehen, heute so gut wie jeden anderen Tag«, sagte er, er nickte sich selber zu. Die Fabrik ging ihren Gang, und die Bauarbeiter waren bei ihrer Arbeit. Ein Engelbert war nirgends zu sehen. Nein, und sollte er denn da sein? Odin lächelte. Aber sie schauen mir nach, dachte er, es ist beinahe, als sähen sie mich zum erstenmal. Ein oder zwei schienen mit ihm reden zu wollen. – »Nur Geduld, Leute!« knurrte er innerlich. »Nur Geduld, ihr werdet schon sehen. Glaubt nur nicht, daß ich ausreiße.« Er schritt ein paarmal um den Neubau herum und wollte dann ins Haus gehen. In dem Augenblick aber, da er nach der Tür griff, um sie aufzumachen, hört er hinter sich ein Weib den Namen Engelbert aussprechen. Es waren zwei Frauen, die miteinander redeten. – »Heute?« sagte eine. »Aber nein, ich kam doch heute mit dem Dampfer aus der Stadt, ging hier auf dem Bollwerk drunten an Land, – ich sah ihn nicht.« – »Ja, ja, glaub's nur, er ist durchgebrannt, es war sogar der Lauris Haaberg, der ihn zum Dampfer gebracht hat; unsere Buben waren unten und haben es gesehen. Er wollte auf eine lange Reise, das konnten sie ihm anmerken. Ja, ja.« – »Ich hab's ja immer gesagt, der Engelbert, hab' ich gesagt, der ist auf der einen Seite zu gut zum Arbeiter und auf der anderen Seite zu schlecht dazu. Wenn er nur nicht etwas Schlimmes ausrichten soll da unten – wenn es nur nicht bald Krieg und Brand gibt!« – »Es kommt noch zum Krachen, ehe der Winter aufhört!« flüsterte die andere. »Und Glück zu!« fügte sie hinzu und kicherte höhnisch; sie nahm ihren Eimer und ging. Odin drehte sich in der Tür um und ging zu der Frau, die noch dastand. Er fragte, was sie da erzählt habe, ob der Engelbert wirklich fortgereist sei? Er bekam die ganze Geschichte noch einmal aufgetischt. – »Er stahl sich förmlich an Bord«, sagte die Frau. Für Odin bekam der Tag kein anderes Gesicht, und auch an sich selber merkte er kaum einen Unterschied. Das einzige war, daß er ein paarmal lange gähnte, er war so müde. – »Man taugt nicht viel, wenn man übernächtigt ist und kalte Knie hat«, lachte er dem Weib und sich selber zu. Er ging zum Bollwerk hinunter und redete mit den Männern, die dort Heringe herauftrugen. Es war heute Liefertag, Dann nahm er ein Leichtboot und ruderte zu den Schiffern hinüber, denn mit denen gab es vielerlei zu besprechen. Die Schiffer waren ordentliche Leute, dort gab's keine Reibereien, dafür aber Kaffee und zu essen, soviel man wollte. Aber drunten in der Kajüte war er schon wieder nahe am Einschlafen. Einer von den Männern kannte Lauris und erkundigte sich nach ihm. Odin fragte, ob Engelbert kürzlich hier gewesen sei. – Das sei noch gar nicht so lange her. Er sei oft hier gewesen, doch, ja. Odin glaubte zu sehen, wie das Lächeln hinter den ernsthaften und gleichmütigen Gesichtszügen auf der Lauer lag; an was erinnerten sie sich nur?– »Der Engelbert ist seiner Wege gegangen«, sagte er und sah sie dabei genau an. Sie waren sehr erstaunt. Das war es also nicht, woran sie gedacht hatten, durchfuhr es ihn wie ein scharfer Stich. Er hatte ein paar Schnäpse zum Kaffee bekommen, und die waren ihm offenbar zu Kopf gestiegen, denn jetzt merkte er, daß er sich nicht mehr in der Gewalt hatte. Er lachte laut und hieb mit der Faust gegen den Deckenbalken, daß es nur so dröhnte: »Er ist hier gewesen, das sehe ich, er ist hier gewesen mit seinem Mundwerk, leugnet's nur nicht ab! Und jetzt, wenn ihr mich nur seht, müßt ihr daran denken, was er euch erzählt hat, das merk' ich, – – aber das sind Lügen, hört ihr! Ich habe ihn deswegen ins Meer hinausgejagt, aber er kam zu billig davon, die Ingri ist dadurch nicht reingewaschen worden.« Eine Zeitlang starrte er sie mit leeren Blicken an. – »Nein«, sagte er leise, »man kann einen nicht reinwaschen, der so besudelt worden ist. Im übrigen: wenn es nun wahr wäre? He? Das tut mir nicht viel weher, als wenn man totes Fleisch zusammennäht; ich habe das einmal versucht, mit Nadel und Faden, Burschen! Habt ihr nicht vorhin vom Lauris geredet? Ich sage euch, er ist der Lügner, ja. Sie hat ihn nicht früher gesehen, als bis sie hierherkam.« Die Schiffer saßen alle drei verdutzt da und sahen ihn an, warfen einander dann und wann einen Blick zu, sie fühlten sich so unbehaglich wie nur möglich, um seinetwillen. Ja, ja, der Teufel mochte sie holen. Als er wieder an Land kam, ging er zu Arnesen hinauf. Dort blieb er sitzen und redete davon, daß er heimgehen müsse, daß er schon längst daheim sein sollte. Doch er kam nicht vom Fleck. – »Nein, aber ich hätte mich daheim umschauen sollen«, sagte er in einem fort. »Ich hätte mich nach der Ingri umschauen sollen.« Arnesen war mit Schreibereien beschäftigt, jetzt aber sah er auf und blieb so sitzen. – »Was starrst du mich denn so an, ist etwas an mir?« Arnesen antwortete nicht. – »Ich hätte nachschauen sollen, wie es ihr geht, meinte ich; ich hätte vieles sehen sollen!« – »Sie ist doch nicht krank, oder?« – »Ob sie krank ist? Nein, aber –. Es ist schlimm, von daheim weg zu sein, schlimm, schlimm, wenn es Dinge gibt, die man nicht weiß.« Es ging auf Mittag zu, und Arnesen fragte, ob er nicht mit ihm zusammen essen wolle. – Doch, Odin war nicht abgeneigt. »Essen, ja!« sagte er, »zuerst etwas zu essen, und dann heim, meistens sieht alles ganz anders aus, wenn man gegessen hat«, – er war jetzt wieder wie ein junger Bub. Während des Essens wurden nicht viele Worte gewechselt. Danach legte Odin sich auf die Bank und schlief sogleich ein, obwohl die Bank viel zu kurz für seine Länge war. Als er aufwachte, dämmerte es bereits, das Licht draußen war schon im Begriff, von der Welt Abschied zu nehmen, so schien es ihm. Er bekam Kaffee, und jetzt machte er sich wirklich auf den Heimweg. Er bereute, daß er Arnesen nicht die Hand gegeben hatte, ehe er ging. Der hatte dagestanden und darauf gewartet. Als er ein Stück weit gekommen war, fühlte er auf einmal, daß jemand hinter ihm ging. Odin hatte dies so an sich, wenn jemand hinter ihm herging, mit dem zusammenzutreffen er eigentlich wenig Lust hatte, so schritt er immer schneller aus, bis der andere laufen mußte, um ihn einzuholen. So hatte er schon gar manchen Redseligen, der ihn begleiten wollte, hinter sich hergehetzt. Jetzt war es der Silberfuchs selber, das konnte er hören, man vernahm keinen Schritt auf dem Weg, es tappte nur. Vor dem Kerl wäre er heute abend am liebsten ausgerissen, ließ es aber dann sein; er ging langsamer. Und der andere schritt mächtig aus, so alt er war, und kam heran, man hörte schon seinen Stock auf dem Weg, der war es, der den Schritt beschleunigte; Odin hörte die flachen Füße. Jetzt war der andere auf gleicher Höhe mit ihm und war ganz erstaunt darüber, wirklich Odin zu treffen. Ja, Vikesylt war in seiner Eigenschaft als Küster bei dem Leichenbegängnis drunten auf Breitstranda gewesen. Es war wirklich traurig mit allen diesen Todesfällen. Sie sprachen ihre schicksalsschwere Sprache zu den Menschen. – »Du solltest dich in acht nehmen«, sagte Odin, »du versuchst ja den Herrgott geradezu, wenn du bei dieser Seuche von Hof zu Hof rennst.« Der andere wollte stehenbleiben, aber Odin ging weiter. – Vikesylt wollte nur so viel sagen, daß er sowohl mit sich selber als auch mit dem da droben sein Haus bestellt habe: Er wollte auf dem ihm zugewiesenen Posten ausharren, bis er zusammenbrach. Er redete von diesem und jenem und kam endlich dorthin, wo er hinzielte. »Daß du der Jugendbewegung so fernstehst, Odin? Dies ist bei dem gegenwärtigen Zeitpunkt ein großer Verlust, nicht nur für dich, sondern namentlich auch für die Gemeinde.« – »Ich, der mitten darin steht?« fragte Odin erstaunt. »Aber hören Sie doch zu, Mann: Glauben Sie denn, daß ich dazu geschaffen bin? Daß ich wirklich der Mensch bin, der zu solchen Bewegungen taugt? Nein, nun sollen Sie antworten!« – Ja, Vikesylt wollte sagen, nach seinem Einblick und seinem bescheidenen Urteil, so – – Er redete lange. Da unterbrach Odin ihn: »Sie glauben wohl, wenn nur erst Sie und die Ihren die Macht über mich bekämen, dann würde ich inwendig gleich heller werden? Dann könnte ich nie mehr schwarz werden und irgend etwas anstellen? Wenn ich das glauben würde, dann sagte ich sofort Lebewohl. Ich will nicht so anständig und schlau werden, nein, hören Sie!« Vikesylt hob den Stock, und auch die Stimme: »Du bist jetzt bedrückt, das höre ich, und aufgeregt und mitgenommen, und das wundert mich nicht nach all dem, was man sich erzählt. Ich habe viel erfahren im Leben, Odin, viel, sage ich dir. Wenn es sich um die eigene Frau handelt, oh, Odin, ich kann mich gut hineinversetzen. Aber du sollst vergeben. Vergeben, siehst du, das ist das Größte in der Welt, meiner Meinung nach. Selbst wenn sie in ihrer Jugend sich betören ließ, im lockenden Netz der Jugend, und einen Fehltritt machte, Odin, du sollst ihr vergeben, sage ich dir!« Odin merkte, daß sein ganzes Gesicht steif geworden war, steif wie Rinde, aber er versuchte sich aufrechtzuerhalten. »Hat die Ingri einen Fehltritt begangen, sagen Sie? Wissen Sie das bestimmt?« Er sah Vikesylt in die Augen. »Ja, du weißt – – ja, es war ja schließlich auch dies als ein Fehltritt anzusehen, was sie über ihren Vater erzählte, obwohl dies zu den Dingen gehört, über die man milde urteilen soll, sie wollte ja das verbergen, was ihren Vater entehrt hätte.« Odin sagte: »Sie haben eine widerliche Art, zu klatschen. Früher kannte man das in der Gemeinde hier nicht, ehe Sie hierherkamen, die Leute waren die reinsten Holzklötze; abgesehen von dem einen oder anderen Weib.« »Das andere möchte ich kaum glauben, wenn ich meine persönliche und aufrichtige Meinung sagen soll.« »Gibt es noch mehr?« »Nein, ich sage ja eben gerade, eigentlich gibt es nicht mehr. Ja, ich meine das, weshalb du Engelbert Olsen ins Meer hinausgejagt hast; das ist es, woran ich denke. Ich mische mich da nicht hinein. Ich verschließe meine Ohren, wenn solche Dinge erzählt werden. Man muß vorsichtig sein mit dem Glauben an Lügen und Verleumdungen.« Odin packte ihn beim Arm, hart, aber er lachte noch: »Sagen Sie es doch offen! Heraus damit!« »Au, aber ich glaube es ja nicht, hörst du!« Odin lockerte den Griff nicht, und Vikesylt mußte damit herausrücken: daß sie etwas mit dem Lauris gehabt habe, im Nordland, es sei bei dem Leichenbegängnis erzählt worden. »Ich glaube nicht einen Schimmer davon, Odin!« Odin ließ los und sagte ziemlich ruhig: » Sie sollten es glauben; und noch viele andere. Eine so blutige Lüge muß euch doch wunderbar eingehen.« Er blieb stehen und beschäftigte sich mit seiner Pfeife: »Sagt einmal, wo kommt denn der Wind eigentlich her? Ich kann meine Pfeife nicht anzünden, und doch ist es vollkommen windstill! So, jetzt brennt sie.« Vikesylt räusperte sich: »Aber was ich eigentlich heute abend sagen wollte, Odin, das war folgendes: du sollst dich darüber hinwegheben. Über alles, was dir an Widerstand, getäuschten Hoffnungen und ähnlichem auf deinem Lebensweg begegnet!« Odin stand da und sah ihn an und vergaß zu rauchen. »Unschuldig!« brach es aus ihm heraus. »Weiß Gott, er ist unschuldig wie ein Kind. Aber mit ihm reden, das ist, wie wenn man auf eine Hacke tritt und sich den Stiel gegen das Maul schlägt.« Er sagte Lebewohl und ging heim. Vikesylt sieht ihm nach, nimmt dann den Stock und geht seinen Weg. 6 Odin schaut sich nicht um, aber er sieht Vikesylt vor sich, wie er seinen Rücken rundet und weitergeht, in die Gemeinde hinaus, um zu erzählen. Er sieht jene, die ihn erwarten, einer nach dem anderen steht helllebendig vor ihm: arme Leute in jedem Gesichtszug. Die glauben es, ja. Er geht zuerst zum Stall hinüber, er gesteht sich selber ein, daß er noch nicht die Kraft hat, ins Haus zu treten. »Lüge, Lüge!« sagt er dort drinnen im Dunkeln. »Aber wenn du erst die Lüge gehört hast, wo willst du dann hin?« Er bleibt noch eine Weile stehen, weiß kaum, wo er ist; dann seufzt er und lehnt sich gegen die Wand: »Es nützt nichts – – nach so etwas zu fragen!« Er geht wieder hinaus, bleibt stehen und sieht sich um, und seine Blicke bleiben an einer Holzlast hängen, die noch nicht abgeladen ist. Da löst er den Knoten des Seiles und macht sich daran, das Holz bei der Wand des Schuppens aufzuschichten, und als dies getan ist, sieht er sich um, ob schon genug Holz kleingehackt ist. Nur ganz wenig ist da, ja, so war es meistens bei Anders, – er konnte ebensogut gleich die Säge nehmen und ein oder zwei Prügel kleinsägen. »Nein, so geht das nicht«, sagte er auf einmal, ließ den Prügel auf dem Sägebock liegen und ging hinein. Er sah nur Ingri drinnen, fühlte aber deutlich, daß auch Anders und Per anwesend waren. Und Ingri wich an die Wand zurück, es wurde ihm kaum bewußt, und bleich war sie wie die gekalkte Mauer. Sie standen still und sahen einander an, Auge in Auge. Odin wurde immer mehr und mehr grau. Da hörte er Anders, er erzählte gerade etwas von dem Pferd, das ihm oben beim Nordhang in den Fluß gestürzt war; er mußte es mit einer Schlinge um den Hals würgen, bis der Körper Auftrieb bekam. Und das ging, es war eigentlich keine Kunst; Anders erzählte immer lauter und lauter, denn jetzt hörte ihm der Vater zu, endlich einmal. – »Jawohl«, sagt Odin und blinzelt dabei, »ein Pferd würgen, es auf diese Weise retten, ja, ich habe davon gehört, eine gefährliche Sache, Junge, eine gefährliche Sache! Beim Nordhang oben, ja?« Er zog die Brauen zusammen. Dort oben, da war die Stelle, an der einmal die Steinlaue abging, in früherer Zeit, beim Meer draußen. Dort ging die Laue, ja. Und tat ihr Werk, ja. »Etwas zu essen? Nein, danke, aber ein wenig Kaffee, glaube ich.« Das bekam er, aber Ingri zitterten die Hände stark, als sie ihm die Tasse hinstellte. Nachdem er den Kaffee getrunken hatte, ging er wieder hinaus. Draußen war eine frischere Luft, und dann konnte er sich mit dem Sägen abgeben, konnte alles mögliche tun, da draußen. Er sägte, daß ihm der Schweiß herunterlief. Dann wollte er alles kleinhacken, was er gesägt hatte, aber es wurde zu dunkel dazu, und ein Licht wollte er nicht holen, das erschien ihm zu unmöglich, auch war die Stallampe nicht in Ordnung. – »Nein, mehr bringe ich nicht fertig!« sagte er laut. Er blieb auf dem Hackstock sitzen. So waren wohl früher schon jene Menschen auf dem Hackstock gesessen, die mit irgend etwas nicht zurechtkamen, da mußte man wohl landen. Anders kam heraus, fragte, ob er noch ein wenig Holz hacken könne, oder ob er vielleicht einen Sack Torf holen solle? Dann fiel ihm ein, daß er ja einen Brief zur Post tragen sollte, es handelte sich um diese Bewerbung um einen Platz auf der Volkshochschule. – »Hast du also vor, dort hinzugehen?« sagte Odin. – »Ja! Darauf haben wir uns doch geeinigt, nicht wahr?« – »Ja, ja, es wird wohl so sein. War schon so, ja.« Anders ging. Groß und aufrecht, und ein stolzer Bursche heute abend, er hatte ein Pferd auf die alte Art gerettet. Odin legte den Kopf in seine Hände. – »Nein, nein, Ingri«, murmelte er. »Warum warst du so, als ich hereinkam?« Per fragte die Mutter ein paarmal, ob denn der Vater nicht käme. – »Doch, er kommt jetzt bald«, sagte sie. »Er kommt bald, armer kleiner Kerl.« Sie raffte sich auf und ging hinaus, um die Abendmilch durchzuseihen. Auf einmal stand Odin auf. – »Es muß geschehen!« sagte er. Er hieb die Axt in den Hackstock, hängte die Säge an ihren Nagel, schloß die Türe der Holzlege. Seine Hände zitterten so, daß er es kaum zuwege brachte. – »Ich sah es ihr vorhin an, und alle anderen haben es auch gesehen ich jage sie zum Haus hinaus!« Er sagte dies trocken und ruhig, so, wie man ein altes Haus zum Abreißen verurteilt. Und jetzt war er auf dem Weg. Im Gehen murmelte er vor sich hin, es war irgend etwas aus der vorhergegangenen Nacht. »›Es ist alles miteinander aufgekommen‹ hat sie gesagt. ›Alles miteinander‹, hat sie gesagt.« Gleichzeitig durchlebte er es wieder, dieses Beben, das sie durchfuhr, als er erzählte, daß Engelbert häßliche Dinge über sie gesagt habe, – jetzt ging er mit großen Schritten weiter. »›Die der Lauris benutzt und weggeworfen hat‹, hat er nicht so gesagt? Die müssen schon lange darum gewußt haben. Haben sich wohl über mich gewundert – wundern sich wohl auch jetzt! Sie kann mit ihrem Vater nach Norden reisen.« Aber auf der Schwelle blieb er stehen. Erstaunt betrachtete er die Stube und dann einen Gegenstand nach dem anderen. »Lappin?« sagte er. »Lappin? Ah, jetzt weiß ich es: Es gab einmal einen, der eine Lappin fortjagte.« Odin griff sich verwirrt an die Stirn. »Die Gemeinde!« stammelte er. »Die Gemeinde, die ihn so lange plagte, bis er es tat. Aber ich? Ich gehorche nicht ! Und wenn sie von Lappen und Gesindel abstammte.« Er blieb stehen, wo er war, die Hand im Nacken, und fühlte sogar, daß er hier stand und wie ein Tölpel aussah. – »Das Gesicht der Gemeinde, ja«, nickte er. »Das hat schon manchen dazu gezwungen, eine Mannestat zu verrichten, – hat einen einmal gezwungen, eine Lappin aus seinem Haus zu jagen. Ein klägliches Mannsbild, man hätte ihn selber hinterdreinjagen sollen. Die blinde Fahrt, he? Einer aus einem Guß? Red keinen Unsinn heute abend. Es gab vieles, was sie früher nicht wußten. Ich weiß zehnmal mehr. Und wenn ich jetzt zu weich bin, dann laßt mich eben zu weich sein.« Er drehte sich herum. Er sah die Scheunendächer gegen den Himmel und die Schultern der Berge, die so eisig hoch und schroff sind am Abend – er ballte die Faust und rief: »Aber wenn der Herrgott ein Herrgott ist, dann muß er mir jetzt helfen, in dieser Not hier, und zwar gehörig! Sonst sag' ich ganz offen – –« Es kam nur zu einem leisen Stöhnen, und dann ging er hinein. Er fragte Per, der bei der Lampe saß und zeichnete, wo die Mutter wäre. – »Sie hat sich hingelegt«, antwortete der Junge, die Zunge im Mundwinkel, über seine Figuren gebeugt. »Es ist ihr so schlecht geworden«, fügte er hinzu und machte mit dem Bleistift einen großen Schwung: »So, jetzt hat er auch eine Büchse, gleich wird er schießen und umbringen, sag ich dir!« Als Odin sah, wie schlecht es Ingri ging, blieb er stehen, die Klinke in der Hand. Ingri war jetzt glühend heiß im Gesicht, und die Wangen leuchteten feuerrot; und die Augen brannten wie Glut in ihr. Der Mund war halb offen und trocken. Odin ging hin und setzte sich auf ihr Bett, sie aber bemerkte es gar nicht. Lange saß er da und sah sie an. – »Nein, aber Herrgott«, sagte er endlich. »Soll es so ausgehen? Bist du denn so krank?« Dann richtet er sich auf, sucht nach einem Halt für seine Augen. Er ist bleich geworden vor Angst. »Er hat mich doch wohl nicht erhört ?« flüsterte er. Doch, der Herrgott, oder wer er nun war oder nicht, der nahm jetzt die Ingri. – »Und dann habe ich also trotzdem verloren«, sagte Odin vor sich hin. »Verloren, ja. Wie es ihnen in früheren Zeiten erging. Wie es den Menschen allezeit ergeht. Es wird ihnen gewährt, worum sie bitten, damit sie sehen können, wie klein sie sind – sogar die Steinlaue kommt ins Rollen, manchmal.« Er stand heftig auf. »Aber: Ich gebe noch nicht nach, du kennst mich so einigermaßen. Ich will keine Hilfe haben!« Er ging in die Küche hinüber und kam mit einem kalten Umschlag zurück, den er Ingri auf die Stirne legte. Als sie eine Weile so gelegen hatte, wurde sie frischer, das konnte er sehen; ihm war sogar, als käme nach und nach neues Leben in ihre Augen. Die Röte verschwand, und ganz allmählich wurde sie bleich. Immer wieder redete er sie an, konnte es nicht lassen. Sie antwortete, aber so leise, daß er es nicht verstehen konnte. Es sollte wohl nur heißen, daß sie sich jetzt besser fühle. Später in der Nacht sah er, daß sie fror, und deckte sie besser zu. Als er sich wieder aufrichtete, brach es aus ihm heraus: »Daß man doch nicht einen einzigen Menschen hat, mit dem man reden kann, wenn man es braucht!« Als dies aber gesagt war, dünkte ihn, er könnte trotzdem mit ihr reden. Er setzte sich hin und ergriff ihre Hand. – »Daß du mir das nicht erzählt hast, Ingri! Warum sagtest du mir nicht – – daß du den Lauris von früher her kanntest? Nicht mit einem Wort hast du das erwähnt.« Es gab ihr einen Ruck, ihre Augen sanken ein. »War es denn das, was er sagte?« »Ja. Er sagte noch mehr als das. Daß es mehr als nur eine Bekanntschaft gewesen sei, sagte er.« Sie nahm ihre Hand an sich und starrte ihn entsetzt an, wurde immer wacher und wacher. »Das war es also, was du geglaubt hast?« flüsterte sie, »als du heute abend hereinkamst und mich ansahst?« Odin fiel ganz zusammen. Seine Gesichtszüge waren wie ausgelöscht. Auch die Stimme klang leblos. »Ja, so. Ja, so, er – – er hat gelogen, ja.« »Ich traf ihn eines Abends auf einem Tanz. Er jagte mir einen Schrecken ein. Mehr war es nicht, Odin.« Als er sich wieder gefaßt hatte, sank er vor ihrem Bett auf die Knie. Ingri nahm alle ihre Kraft zusammen und fuhr ihm über das Haar. Er beugte sich in Qual unter jeder Berührung. 7 Als er am Morgen erwachte, schlief Ingri, aber er sah und hörte, daß sie krank war. Draußen war es blaugrau und still, das gleiche gute Wetter, es lag Odin förmlich schwer auf der Brust. Im Osten drüben über den Bergen begann der Tag bleich, aber zart zu leuchten, durch Hellrot und Hellgelb hindurch, im Westen rauschte die See leise, man konnte es kaum hören. Anders kam vom Stall. – »Dem Pferd geht's wieder gut«, sagte er. – »Ja, dem Pferd «, erwiderte Odin. »Der Bursche wird's schon überstehen.« – »Aber sollten wir nicht den Doktor holen, Vater, für die Mutter, meine ich – sie ist doch krank?« – »Wenn man nur wüßte, wo man den jetzt suchen muß.« – »Wir holen den aus der Stadt, der ist tüchtiger«, meinte Anders; »ich nehme das Motorboot und fahre hin.« Odin sagte nichts. Nur eines war heute so merkwürdig, zu wissen, daß Anders dastand und erwachsen war, es lag schwer auf ihm wie eine Freude, aber es tat auch weh. Dann stürmten die anderen Gedanken wieder auf ihn ein, die ganze Schar, sie wollten ihm ans Leben. Er mußte zu Ingri in die Kammer. Da stand er und sah ihr ins Gesicht, vergaß sie jedoch auf einmal. – »Es gibt keine Macht, die die Wehrlosen schützen kann«, murmelte er. »Wozu plagen wir uns dann? Ja, sag mir einer, was soll das alles?« Nach dem Frühstück saß er da und schaute in die Zeitung. Er durchflog sie nur ganz flüchtig, sah nichts. Da fiel sein Blick auf eine Überschrift, und dieses Stück, so dünkte ihn, müsse er genauer lesen, er wußte nicht, weshalb. Es war hier die Rede von einem Mann im Ausland, der den Parteiführer am hellichten Tag mitten auf der Straße erschoß und sich sofort darauf verhaften ließ. Der Führer hatte ihre Sache verraten, so fand er; da hatte er ihn verurteilt und das Urteil selbst vollstreckt. Man glaubte, daß er demnächst hingerichtet werden würde. Odin blieb mit der Zeitung in der Hand sitzen. – »Merkwürdig!« sagte er. »Merkwürdig, daß ich dies gerade jetzt lesen mußte!« Und jetzt auf einmal stand er blank und kahl vor ihm, der Gedanke, der im Wirbel aller anderen Gedanken Kern und Antrieb gewesen war: Was jetzt, Odin? Er saß lange da, ihn dünkte, die Zeit streiche und streiche an ihm vorüber, so daß es schon bald Abend war. Er saß mitten in der grauen Vorzeit: er konnte tun, was er wollte! Jetzt sah er es vor sich, groß und erstaunt, und glücklich: Ich bin einer von denen, ja. Ich bin alles, was ich will. Er lächelte, wie er so dasaß, und das Lächeln lag noch auf seinen Lippen, lange, nachdem er innerlich erloschen war. Seine Stimme klang wie aus dem dunkelsten Ernst heraus: » So verurteilten sie einen solchen !« Als er sich erhob, hatte er Lauris zum Tode verurteilt. Mit der Büchse in der Hand wollte er hingehen, ihn herausholen und ihn erschießen wie einen Hund oder einen alten Gaul. Wollte es dann der ganzen Gemeinde erzählen. Diese Sache stand fest, darüber gab es nicht einmal ein Nachdenken. – »Im Grunde habe ich es schon mein ganzes Leben lang gewußt, daß ich es tun muß«, sagte er, als er in der Küche draußen war. – »Was denn?« fragte Anders. – »Ach, irgend etwas!« Er sah Anders an, und das eine Auge war kleiner als das andere. »Und daß ich es auch ertragen würde«, fügte er hinzu. »Was dann später wird, das ist eine Sache für sich.« – »Ja, wir müssen wohl den Doktor holen?« sagte Anders. – »Den Doktor? Ja, richtig. Hm!« Und dann die Ingri, die gerade jetzt krank wurde. Man mußte warten; es hatte keine Eile. Nein, jetzt wußte er es: Er wollte den Lauris mit in die Stadt nehmen, und dabei wollte er ihn ins Meer schmeißen. Das war nicht ganz so großartig, aber, mein Gott! Was er dann machen würde, wenn die Ingri stark genug war, das wollte er erst abwarten. Es war unmöglich, so weit vorauszusehen. Am schlimmsten war es für die Buben. Als er ins Freie trat, strömte ihm zu Herzen, daß die Gemeinde voller braver Leute sei, jetzt wie früher; ein klein wenig Bosheit steckte in jedem, ja, und ein wenig Geschwätz und Lüge und etwas vom Silberfuchs, da und dort, das tat nichts. Aber der Lauris, der saugte das Böse in sich ein und gab es als unverdünntes Gift von sich, solche Burschen forderte man früher in der Heidenzeit zum Zweikampf auf dem Holm heraus, auf die Weise wurde die Gemeinde vom Allerschlimmsten gereinigt, für eine Zeitlang. – »Die Juwikinger«, sagte er, und jetzt lächelte er wieder. »Keiner erinnert sich an sie, außer mir. Ich gehöre nicht einmal zu ihnen. Eines aber tut not, das sehe ich: man muß einen Strich unter alles machen und wieder in die Wildnis ziehen.« Und während er zu Lauris hinüberging, sagte er vor sich hin, man konnte glauben, es sei ein Stück aus einem Lied: »So verurteilten sie einen solchen.« Lauris begegnete ihm draußen. – »Ich bitte dich, nicht hereinzukommen«, sagte er, »du bist in der Gemeinde herumgegangen und hast den Krankheitsstoff aufgelesen. Aber du selber bist gesund?« Lauris sah ihn genau an. Und Odin wunderte sich, daß sich ihm die Faust nicht in der Tasche ballte und herausfahren wollte. Lauris hatte keine Lust, mit dem Boot in die Stadt zu fahren. Er fühlte sich noch nicht recht gesund. Es sei zwar ein Aufbau auf dem Boot, ja gewiß, aber Odin sollte nicht vergessen, daß man reichlich drei Stunden rechnen müsse, von der Bucht hier bis in die Stadt. – »Und du fährst doch auch nicht von daheim fort, von deiner Frau, – können denn nicht unsere Buben fahren?« Odin lächelte, er konnte nicht anders. Er fürchtet mich, dachte er. Er liest wohl sein Urteil in meinen Augen, der Halunke? Im übrigen eilt es ja nicht. – »Es war auch noch das«, sagte er, »daß ich eine leise Hoffnung habe, den Vater noch am Leben anzutreffen; ich habe nichts mehr gehört. Ja, ja, dann lassen wir also die Buben fahren. Ich muß zuerst den Doktor anrufen.« Während sie noch an der Hausecke stehen und über die Sache sprechen, kommt der Lensmann gefahren. Odin erkennt sofort, daß er heute nicht nur zum Vergnügen unterwegs ist, es scheint ihm sogar ziemlich unbehaglich zumute zu sein. Lauris ist nichts anzumerken. Er ruft einem der Buben, er solle herkommen und das Pferd abnehmen, bittet dann den Lensmann, ins Haus zu gehen, denn er habe doch wohl hierherkommen wollen? Der Lensmann aber hat mit Odin ein Gespräch angefangen, es handelt sich um Gemeindeangelegenheiten. Lauris steht eine Weile da und wartet, dann dreht er sich um und geht hinein. Astri und er haben seit gestern um diese Zeit so gut wie kein Wort mehr miteinander gesprochen. Sie hat das Fuhrwerk des Lensmannes gesehen, aber den Lauris schien sie nicht zu beachten. – »Ja–a, jetzt gilt es also, festzubleiben«, sagt er. »Damit wir uns nicht im Nebel verirren und auf Grund segeln.« Sie geht umher, rückt die Stühle zurecht und wischt da und dort ein wenig Staub. »Ja, ich habe heute nacht mit mir Abrechnung gehalten«, sagt Astri. »Ich will auch dieses Mal die Wahrheit sagen.« »Bist du nicht recht bei Trost?« »Doch, aber ich war nicht recht bei Trost.« »Ja, ja, dann tu eben, was du willst.« »Es wird so, wie ich will, ja.« Dann geht sie näher zu ihm hin. In ihrer Stimme ist eine Erinnerung an jene tiefe Wärme von früher: »Ich meinte, ich müsse es tun, um – ja, um deinetwillen und auch um unserer Kinder willen. Aber die Mutter unserer Kinder soll nicht so etwas getan haben. So etwas Schlimmes geschieht nicht mehr. Ich habe es in Gedanken getan, vor dem Herrgott, mag er mich darum verurteilen, wie ihn gut dünkt. Aber wie gesagt, ich tue es nicht. Die Großmutter, glaubst du, die hätte das getan?« – »Nein nein.« Lauris stand da und sah vor sich zu Boden. – »Ja du!« sagte sie, und jetzt flackerte ein hartes Licht in ihren Augen auf, – »du läßt mich ja immer tun, was ich will, du.« Lauris ging wieder hinaus. Der Lensmann und der Bürgermeister standen mitten auf dem Hofplatz, sie redeten sicherlich von etwas, was niemand hören sollte. Endlich trennten sie sich, und als der Lensmann ins Haus trat, sah er um viele Jahre jünger aus, er bückte sich sogar und streichelte die Katze. Wenn Lensmann Mörk in amtlicher Angelegenheit zu den Leuten kam, war er meist von stillem Wesen. Aber dann und wann, wenn er so richtig guter Laune war, konnte er auch wie der Dampfer einherstürmen, brausend und mit aufgezogener Flagge, wie man so sagte, und so kam er auch jetzt zu Astri herein. Er zerdrückte ihr fast die Hand, und seine Stimme dröhnte in der Stube, so daß die kleine Aashild zu weinen anfing. – »Schau, schau, man hat Respekt vor mir!« lachte er. Ja–a; das war das eine, und nun konnte er erzählen, daß er aus einem bestimmten Anlaß gekommen sei, daß er aber diesen Anlaß unterwegs verloren habe: die Vögel kamen und fraßen ihn auf. Er hatte mit Odin Setran draußen gesprochen, und der schwor darauf, daß Ola Haaberg in der letzten Zeit närrisch gewesen sei und daß er seinen Leuten gern noch einen Streich hätte spielen wollen. Nun konnte er also ebensogut seinen Hut nehmen und gleich wieder heimfahren. Ja, es gab da nämlich einen Brief von ihm, – nein, er mußte verrückt gewesen sein! Der Lensmann hatte dies selber schon so halb und halb gedacht, und nun konnten Odin und noch ein paar andere dies bezeugen, so daß das also festgenagelt war. – »Ach ja ja ja«, lachte er, »wir kriegen gar manch eine lange Nase, und manchmal ist es recht gut, verflucht gut sogar.« Lauris hob die Achseln und wuchs nach und nach wieder in die Höhe. Astri hatte dagestanden und zu Boden gesehen. Ununterbrochen war die Röte über ihre Wangen geflattert. Jetzt sah sie auf, sah zuerst den Lauris und dann den Lensmann an. Sie räusperte sich ein paarmal. »Es handelte sich um eine Geldsumme für den Armenhof, war es nicht so?« »Ja? So etwas Ähnliches war es, ja.« »Jawohl. Ja, es ist so, wie er schrieb, das glaube ich. Närrischer war er nicht.« Sowohl der Lensmann als auch Lauris sahen sie starr an. »Und das Geld sollen sie bekommen, die, für die es bestimmt war, habt keine Angst; sie sollen auch die Zinsen bekommen. Wir haben – – darüber geredet, und jetzt soll es wahr werden.« »Ja, so, dann ist also doch etwas Wahres daran?« wunderte sich der Lensmann. »Es war der Wille der Großmutter, ja. Aber macht keine große Geschichte daraus, Lensmann, wir wollen kein Geschwätz haben.« Nein, Herrgott, er sei doch schließlich auch kein Wolf, lachte der Lensmann. E r könnte es sich nicht anders denken, als daß sich dies gut ordnen lassen müsse. – »Wenn Ihr es nicht bereits dem Odin erzählt habt«, sagte Lauris. – »Wo denkt Ihr hin! Da hat's keine Gefahr, nein, ich war listig wie die Schlange; und der Odin ist ja auch nicht gefährlich. Er wurde ganz eifrig, als er hörte, der Ola hätte etwas geschrieben, was Euch Unannehmlichkeiten bereiten würde, erst da erinnerte er sich daran, wie alt und närrisch der Ola zum Schluß war.« Der Lensmann lachte, so daß er husten mußte, hielt jedoch jäh inne, als er merkte, daß er allein lachte. – »Dann noch die Geschichte mit der Steuer«, sagte Astri. »Das aber sehe ich von einer anderen Seite her: Es ist unser Geld, im Grunde. Und jetzt hat es auf der Bank gelegen und ist das Geld des Armenhofs geworden, und der bekommt die Zinsen davon; so, glaube ich, daß es recht sein wird.« – »Ohne Zweifel, ohne Zweifel!« stimmte der Lensmann bei. Er machte sich fertig und fuhr ab, er hatte nur wenig Zeit; hart und aufrichtig schüttelte er ihnen die Hand. Ludvik kam herangehinkt und holte sein Pferd aus dem Stall, half ihm beim Einspannen. So bereitwillig war Ludvik nach und nach geworden, konnte beinahe nicht rasch genug laufen, um alles zu tun, was es zu tun gab. Am liebsten aber half er Astri; ihr kam es vor, als überwache er sie wie ein Hund. Sie wandte sich ihm jetzt zu, als der Lensmann abfuhr. – »Kannst du denn wirklich einspannen?« Er sah sie blinzelnd an, als sehe er in die Sonne: Oh, so einigermaßen. Und jetzt könne er ihr gut einen Arm voll Holz in die Küche tragen, wenn es ihr recht sei. – »Noch nicht«, lächelte sie. »Du mußt dich erst noch ein wenig mehr erholen. Die Kleine magst du wohl nicht mehr hüten, kann ich mir denken? Möchtest gerne ein wenig mehr sein als nur Kindsmagd, he?« – »Aber nein!« Er sah sie voll und fest an. »Aber nein, ich will gerne gleich wieder hineingehen«, – er hatte sich schon abgewandt. – »Daß es so leicht gehen würde!« sagte sie vor sich hin, nachdem er fort war. Lauris hatte in einiger Entfernung dagestanden und in die Luft geschaut. Jetzt wandte er sich Astri zu: »So, nun ist das da überstanden. Und leicht ging es, ja, du hast recht gehabt, auf deine Art.« Sie antwortete nicht. – »Und die ganze Qual, die hättest du dir sparen können«, lachte er. – »Die hättest lieber du mir sparen können, wenn wir schon davon reden wollen. Aber glaube nicht, daß ich dies für etwas Lächerliches ansehe. Deswegen, weil der Herrgott uns unerwartet zu Hilfe kam.« – »Auf so etwas verstehe ich mich so wenig«, sagte er. – »Ja, das ist wohl wahr und gewiß. Und im übrigen ist das Lied damit ja noch nicht zu Ende. Aufkommen wird es, und die Leute werden glauben, was sie gerne glauben. Man muß es gehen lassen, wie es geht.« – »Aber der Odin, der nun also den Ola als einen Narren hingestellt hat!« Lauris lachte wieder. – »Die Hilfe brauchten wir nicht, und das ist gut.« – »Nun, ich bin nicht so ganz sicher, daß dies gerade als eine Hilfe gedacht war, er dachte wohl so, er, jetzt könntest du hingehen und leugnen, soviel es dich gelüstet; dann aber käme seine Zeit. Ich kenne mich jetzt bald aus mit dem Burschen.« Astri hörte nicht auf ihn, sie ging hinein. – – – Der Doktor in der Stadt war nicht zu erreichen, aber Odin bekam nach langem Hin und Her den Distriktsarzt zu fassen, und Anders und einer von den Laurisbuben fuhren über den Fjord hinüber und holten ihn. Er glaubte nicht, daß es etwas Ernstliches sei bei Ingri, sie sollte nur stilliegen, bis sie sich wieder stark fühlte; es seien die Nerven, die sie im Stich gelassen hätten. Astri kam am Abend herüber. Sie wollte ins Haus und Ingri besuchen. Odin wußte nicht recht, was er tun sollte. Ingri war noch schwach, vertrug das Reden noch nicht und sollte Ruhe haben; aber er sah es Astri an, daß es ihr diesmal schwerfallen würde, unverrichteter Dinge wieder heimzugehen. Eigentlich hätte lieber er mit ihr reden sollen, über allerlei; – dann forderte er sie trotzdem auf, in die Kammer zu gehen. Sie war schon auf dem Weg zur Türe, blieb aber stehen und wandte sich wieder Odin zu. – »Ich glaube, ich sollte lieber mit dir reden«, sagte sie. – »Das glaube ich fast auch, ja.« – »Aber daß du dir keine Hilfe fürs Haus verschafft hast?« – »Wir helfen uns leicht selber. Die Krankenschwester war erst vorhin da, aber ich habe sie nicht angestellt; ich sagte ihr, sie solle dorthin gehen, wo sie nötig sei, ich weiß, daß man sie an vielen Orten braucht.« Astri hörte nicht darauf, sie war in anderen Gedanken. – »Sag mir, was fehlt eigentlich der Ingri«, fragte sie. – »Das will ich dir sagen, ja, wenn du es nicht weißt. Sie leidet an bösem Gerede. Man hat versucht, sie mir umzubringen.« »Ist es doch wirklich so?« Astri starrte ihn entsetzt an. »So ist es, ja. Es glückte ihnen nicht, dieses Mal. Ein nächstes Mal – – soll nicht mehr vorkommen. So habe ich gedacht, ja. Das soll nun für eine Weile aufhören.« »Hm! Hm! Ich habe so eine leichte Furcht in mir, ja, hm! hm! Und du glaubst, es sei der Lauris, der dahintersteckt?« Odin wurde dunkel im Gesicht, beinahe blau, so schien es ihr. Aber sie begegnete seinem Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. »Darüber werde ich ein anderes Mal mit dir reden«, sagte sie. »Heute abend bin ich nicht dazu imstande.« Sie drehte sich bei der Tür um und stand eine Weile da; dann sagte sie: »Du sollst nicht alle Schuld auf andere Leute schieben, Odin. Und dann mußt du die Ingri von mir grüßen. Ich werde alles tun, was ich kann, um dem Gerede in der Gemeinde ein Ende zu machen – – du mußt sie von mir grüßen!« Odin murmelte etwas, wie: daß er dies tun wolle, und Astri nahm Abschied und ging. 8 Am Tag darauf war Sonntag. Gleich zu Beginn der Telephonstunde erhielt Odin die Nachricht vom Tode seines Vaters. Er wußte nicht weshalb und ärgerte sich auch hinterher, aber er war nahe daran, zu sagen »Gott sei Dank«, als er es hörte. – »Dies kommt mir wie ein Zeichen«, sagte er. »Ich habe immer darauf gewartet. Aber bin ich denn abergläubisch geworden?« Und als er um sich blickte, war alles so ganz anders für ihn geworden, als es früher gewesen war. Weit fort war alles und winzig klein das meiste, und gleichgültig, woran er auch dachte, an die Menschen und an das Leben in der Gemeinde und an alles, was geschah, es lag jetzt ein anderes Licht darüber, war nicht mehr für ihn da. So war auch das Wetter, es hatte einen anderen Ton bekommen, einen tiefen und schweren Ton, der seine eigene Meinung hatte, es mußte schon seit mehreren Tagen so sein: Nicht ein Windhauch rührte sich, überall war diese unbewegliche Stille, mit blauen Bergen und dem noch blaueren Meer, und über den ganzen Himmel zogen blaugraue Wolken. Aber als Odin eine Weile draußen gestanden hatte, hörte er den Wellenschlag bei den Schären und über den seichten Stellen im Wasser. Die See hatte eine Stimme bekommen. – »Ja, ich höre dich«, sagte Odin. »Ich weiß, was du willst.« Bald würde sie wohl im Sturm mitspielen – – wenn sie es bloß tun wollte! Der Sturm, ja, der würde jetzt gut tun. Der Gedanke an Ingri weckte ihn ein ums andere Mal. Dann mußte er hinein und nach ihr sehen. Sie freute sich jedesmal darüber. Viel zu sagen, war nicht ihre Art, auch war sie noch nicht so kräftig, daß sie es gekonnt hätte. Aber sie war auf dem Wege der Besserung, das sah er, sie würde sich wohl rasch erholen. Sie versprach ja auch, bald wieder gesund zu werden. – Ja, und dann ? durchfuhr es ihn. Dann werde ich das tun, wozu ich geboren bin, gab er sich selbst zur Antwort. Vor der Mittagszeit wuchs der Landwind zum Sturm an. Er war da, als Odin einmal hinauskam, strich brausend und derb an den Hängen entlang. Der war es, der mich einmal mitnehmen wollte, lächelte Odin. Damals war ich noch ein Bub, ich sollte zum Markt, und die Ingri war mit. Das ist jetzt lange her – – und doch ist es beinahe, als sei es erst vor ein paar Tagen gewesen! Im Lauf des Nachmittags kam Mina, sie war in der Kirche gewesen. – »Und heute waren viele Menschen da«, sagte sie. Und das hätte man ihm zu verdanken. – »Mir zu verdanken?« Er sah sie ungläubig an. – Ja, sie sei hierhergekommen, um mit ihm darüber zu sprechen; sie war entsetzt über das, was er an jenem Abend im Bethaus gesagt hatte. »Das ist es, was in den Leuten nachgewirkt hat«, sagte sie. – »So, so.« Immer noch saß Odin da und war grau über den Augen, hatte kaum gehört, was sie sagte. – »Beinahe die Hälfte strömte aus dem Bethaus hinaus, kurz nachdem du gegangen warst«, fuhr sie fort. »Und heute waren sie in der Kirche. Ich habe mit vielen von ihnen gesprochen – – ist das denn nicht schlimm, Odin? Trotzdem? Und wenn du sie nun vom Herrgott wegziehst?« Odin saß da und schaute vor sich hin, er schüttelte leise den Kopf und lächelte. – »Nein, ich begreife es auch nicht«, sagte Mina, »aber so ist es, es wird so, wie du es haben willst. Es liegt eine große Verantwortung darin, Odin, dies ist eine teure Gabe.« Er nahm seinen Blick an sich und sah sie rasch an. – »Eine teure Gabe, daß ich es so bekomme, wie ich es wünsche? Kommt vielleicht teuer zu stehen, ja.« – »Aber jetzt komme ich und bitte dich um eines, Odin, und du sollst nicht nein sagen. Du sollst zur Astri gehen und mit ihr reden, denn sie ist ganz außer sich geraten, sie will einen falschen Eid leisten.« Mina erzählte die Sache mit dem Brief von Ola und allem übrigen. »Astri hat es auf sich genommen, damit der Lauris frei ausgehen soll. Du mußt mit ihr reden!« bat sie. – »Nein, das müßt Ihr tun. Ihr habt mehr Einfluß als ich. Im übrigen glaube ich nicht, daß sie einen Eid zu leisten braucht, und wenn ich mir's genau überlege, so glaube ich, daß die Sache bereits so gut wie eingeschlafen ist. Aber Ihr müßt mit ihr reden, mit ihr reden und hören. So, so, hat er sie also so weit gebracht. Hm, hm, das sind Sachen! Daran werde ich ihn auch erinnern, ja, wenn ich das letzte Wort mit ihm rede. Im übrigen ist es doch so, daß sie so etwas wohl für ihren Mann hätte tun müssen; sie kaufte ihn gar reichlich teuer. Ja, und bis an den Rand des Abgrundes mußte sie ja gehen und hinunter sehen , wir sind ja verwandt, sie und ich. Aber weiter kann sie nicht, soll auch nicht weiter. Es hilft dir nichts, Lauris. Aber Ihr müßt mit ihr reden, noch heute abend, damit sie nicht ganz allein damit ist.« Mina sagte, heute abend könne nichts daraus werden, sie sei vorhin auf dem Hof drüben gewesen, ehe sie hierherkam, und Astri sei krank, heute nacht habe es sie überfallen, sie habe wohl die spanische Krankheit, und zwar ernstlich, nach allem, was die Magd erzählte. – »Was sagst du da?« fragte Odin, als einige Zeit verstrichen war. »Ist die Astri krank? Wozu soll denn das gut sein?« – »Wozu das gut sein soll?« – »Ich meine nur –« Er stand auf und ging durch die Stube; er suchte nach Zündhölzern, brauchte sie jedoch nicht. Ging dann zu Ingri in die Kammer hinaus. Sie hatte ein paar Worte von ihrem Gespräch gehört und fragte nun, ob Astri krank sei. – »Ja«, sagte er und sah geistesabwesend in die Luft hinaus. – »Müßt ihr da nicht den Doktor holen?« meinte sie. – »Ja, das ist klar. Aber denk du jetzt nicht daran. Bleib schön still liegen und tu so, als schliefest du.« Sie schloß die Augen, und er küßte sie auf die Stirn und ging wieder hinaus. Der Sturm fauchte vor den Fenstern, und aus den Wäldern und aus den Bergen kam tosender Lärm. – »Ein frisches Wetter«, sagte Odin. – »So, so, die Astri gedachte es auf sich zu nehmen. So ist es, eine Mutter zu sein, ja. Aber: sie richtet sich wohl schon wieder auf. Irgend etwas hat sie immer vorwärtsgetrieben, das erkenne ich jetzt. Schicksal nennen sie es, habe ich gehört. Ein blindes Weib auf einer blinden Mähre; aber es geht doch ganz schön vorwärts, dorthin, wo's hin soll. Oder wo es hin muß, ich weiß das nicht so genau. Bauer, sagen die Leute. Aber ein Bauer, das war einer, der in der Dunkelheit lebte, in der zottigen, stillen Dunkelheit; jetzt hat sich wohl der Letzte den Schlaf aus den Augen gerieben, der Letzte von allen, und da ist er kein Bauer mehr. Sie glauben mir nicht, sehe ich. Nein, nein, einen Namen muß das Kind ja haben. Aber wer weiß, ob es nicht deswegen so verwinkelt zugeht, hier im Lande, weil einer nach dem andern auf seinem Hof erwachte? Ja, und wurden sie jemals hellwach? Sie fingen zu denken an, ja. Aber das ist ein kalte Arbeit, ich möchte wissen, ob sie das nicht besser hätten sein lassen?« Er rauchte, während er redete, bis der Qualm dicht über ihnen hing, und blickte mit einem Schimmer seines knabenfrohen Lächelns auf Mina, und sie saß unsicher und benommen da und starrte ihn an. – »Hört nicht auf mich, ich bin nur so müde! Und außerdem darf ich jetzt eine schwere Arbeit noch eine Zeitlang hinausschieben – da wird man redselig. Mich dünkt, ich hätte vortreten und sie ein wenig erschrecken müssen hier im Land, sie ein wenig zum Aufblicken bringen müssen. Vielleicht war es dumm, daß ich mich weigerte, Storthingsmann zu worden, hm?« – »Ja, Odin, das war dumm von dir.« – »Nein, Ihr wißt nicht, wovon ich jetzt rede. Und soll ich mich denn an Händen und Füßen binden lassen? – Das kommt mir vor wie ein Weg, der abwärts führt, mir wenigstens. Ich hätte mich trotzdem auf den Weg machen müssen. Das sehe ich. Vielleicht hätte ich dann einen Halunken von einem Mann herausgefunden, das Eitergeschwür selbst, das das Land vergiftet, oder vielleicht auch nur einen Maulwurf, der unter der Erde wühlt – dann hätte ich ihn als Beispiel vornehmen und erschlagen können, so daß alle Leute es gesehen hätten, was sagt Ihr dazu?« – »Uff, Odin, du redest so schrecklich, was ist denn heute abend mit dir?« – »Ich rede schrecklich, ja. Aber ich rede nur. Ich wie alle anderen. Ja, du glaubst nicht, daß ich hingehe und das tue? Nein. Wir glauben so etwas nicht mehr. Aber darauf sollten sich die Leute bei mir lieber nicht verlassen. Es ist nicht gesagt, daß ich aus dem gleichen Holz gemacht bin wie die anderen.« Ein Windstoß nach dem anderen kam um die Hausecke gejagt, und das Heulen oben in den Hängen wurde immer lauter und lauter, und die See versuchte es mit ihrem Brüllen zu übertönen, damit man auch sie hören sollte. Odin lauschte und lächelte Mina zu: »Der sagt jetzt seine Meinung, weiß Gott, das tut er. Eindeutiges Wetter. Das ist etwas anderes als dieses Brausen, das wir hier an den Abenden und in den Nächten kaum hören konnten.« Er saß still da und sah mit weitem Blick vor sich hin, wiegte den Kopf leise im Takt mit dem Sturm. Dann sagt er zu sich selber: »So merkwürdig kann es gehen, ja, daß ich jetzt wieder dort bin, wo ich anfing, ein Heide draußen in der Wildnis. Es gibt wohl manchmal keinen anderen Weg für Menschen und Geschlechter. Er ist nicht zu beneiden, der, den dieses Los trifft; aber man braucht auch nicht über ihn zu weinen. Vielleicht durchzuckt ihn das Glück stärker als andere Menschen, was wissen die davon? Er, der so hoch hinaufgekommen ist, daß er sowohl sieht als auch weiß.« Er wandte sich wieder Mina zu. Sie sah auf die Uhr, er aber machte eine Handbewegung, so daß sie die Uhr gleich wieder einsteckte. Er war ein wenig blaß, hatte aber nicht die Augen eines blassen Mannes, so tröstete sie sich, die seinen waren aufmerksam hell wie bei kleinen Buben manchmal. Trotzdem wäre es ihr lieber gewesen, sie hätte heute abend nicht hier gesessen. – »Jetzt sollt Ihr hören, was ich geträumt habe, oder was mir von alten Leuten erzählt worden ist«, sagte er. »Der Mensch ist so geschaffen, daß er verstehen will, zuerst die ganze Welt und dann sich selber. Wenn einer sich dann den Kopf gegen die Wand gerannt hat und doch nicht das geringste versteht, dann gelangt er zum Innersten in sich selber: daß er an das Unergründliche glauben will. Das war es, dem er nachlief. Dennoch ist nicht der der Klügste, der den kürzesten Weg einschlägt, um dahin zu gelangen.« Er stand auf, breitete die Arme aus, halb gähnte er, und halb lachte er: »So haben sie gesagt, jene, die dies erfahren haben. Aber ich, das dürft Ihr nicht vergessen, ich stürme nicht blindlings dahin und tue das, was ich soll. Ich lenke mich selber; in einer Weise wenigstens.« Mina ging auf ein anderes Gespräch über, sobald sie eine Gelegenheit dazu fand. – »Und der Engelbert, der so schnell seiner Wege ging. Und du, der nun wiederum für ihn gebürgt hat? Für das Reisegeld vermutlich?« – »Habe ich gebürgt? Davon weiß ich gar nichts?« – »Ja, so sagte der Arthur, er war gestern auf der Bank. Eine neue Anleihe, sagte er. Das wird dir hart werden.« Odin überlegte. – »Jawohl!« sagte er. »Das war zu erwarten. Es wird ein wenig hart, ja. Hart, gutgläubig zu sein, das sehe ich.« »Aber was machst du mit dem häßlichen Geschwätz, das der andere aufgebracht hat?« fragte sie. Odin zog die Brauen hoch. – »Ja, richtig, das hätte ich beinahe vergessen, mitten unterm Drandenken. Es ist so lange her, seit ich's gehört habe –« Er schüttelte den Kopf, tat so, als lächelte er. Aber er wurde nochmals um einen Schatten bleicher und sah sie starr an; dann sagte er: »Ich weiß bald nur noch das eine, daß niemand einen Wehrlosen verteidigen kann. Aber versucht muß es werden!« »Ja, so, die Astri ist krank?« sagte er bald darauf. »Das kommt mir unglaublich in die Quere, Mina. Hier stehen Zeichen gegen Zeichen, kann man sagen. Ja, aber ich werde nicht auf Zeichen achtgeben.« Er sah, wie sie zusammenfuhr und sitzenblieb und ihn unverwandt anstarrte. – »Du bist überanstrengt, Odin.« – »Nein, nein, das ist es nicht. Ich bin stärker, als ich jemals war. Wacher und – – ich will hingehen und die ganze Gemeinde erwecken. Fertig wurde ich nicht in der Gemeinde, keiner wird mit seiner Arbeit fertig – – ja, jetzt wurde Euch angst, das sehe ich. Wie der Totengräber sagte, als der Tote ihn beim Fuß packte: ›Schäm dich, wer wird denn die Leute so erschrecken!‹« Mina machte sich bereit und wollte heim. Es stürmte so sehr, als sie das Pferd vor den Wagen spannten, daß ihnen Sand und kleine Steine um die Ohren flogen, man konnte fast meinen, der Sturm wolle sie aufheben und davontragen. Odin lachte: »›Dir gehör' ich mit Haut und Haar!‹ sagte der Mann, als ihn der Nordwind über die Bergwand hinaustrug. Gegenwind, ja? Schau die Vögel an und alles, was in die Luft hinauf will: Gegenwind, das ist günstiger Wind. Ich habe viel günstigen Wind gehabt.« Odin wollte, daß Anders sie ein Stückweit begleite, aber der Junge war nirgends aufzutreiben, steckte vermutlich auf dem anderen Hof bei den Buben dort. – »Wenn er bloß nichts erfährt«, sagte Odin. »Damit nicht etwa er hingeht und irgend etwas tut – – das darf nicht geschehen!« – –»Was sagst du da, Odin?« fragte Mina und nahm seine Hand. – »Was du tust, das tue bald, sagte ich. Nein, nein, ich sagte nur, daß die Buben wahrscheinlich ins Raufen kommen werden'', lachte er. Aber dieses Lachen gefiel ihr ebensowenig wie seine Rede, das war nicht der Odin, der so lachte. Als sie fortgefahren war, stand er lange Zeit da, barhäuptig im Wind draußen. Dann sagte er: »Was hat denn der Sturm anderes zu tun, als mir zu helfen? Er ist ein merkwürdiger Mann, er, der die ganze Geschichte lenkt: Drängt einen dazu, Mörder zu werden, und läßt einen dann doch nie dazu kommen. Ich halte mich an den Sturm, ich.« Es wurde ihm ein wenig schwindlig. – »Ja–a, da stehe ich nun so klein und nachdenklich wie irgendeiner von den jungen Leuten in der Welt draußen. So ist es, einer von ihnen zu sein; ich fühle das an mir. Nein, aber warte jetzt: Ich bin doch einer von den alten Juwikingern, ich kann die Mistgabel packen und das Gesindel zum Teufel jagen. Das gibt sich ganz von selber. Was aber will der Juwiking in unserer heutigen Zeit? Ich sage dir, das ist gefährlich, mein Lieber! Nein, ich halte mich an den Sturm, ich!« Im Sturm Ziemlich früh am Montagmorgen ging Odin zum anderen Hof hinüber, um Lauris zu treffen. Der Landwind hatte über Nacht ein wenig nachgelassen, jetzt aber frischte er wieder auf, so daß es über Land und Meer hin pfiff und heulte. Graues Windgewölk hatte den Himmel wie ein Gewebe überzogen, mit dunklen Bändern weiter unten zum Meer hin. Es war Westwetter und Regen, wogegen der Sturm ankämpfte. Man konnte es auch am Rauschen des Meeres hören. Die Laurisbuben standen bei der Scheunenbrücke. Sie grüßten Odin schon, noch ehe er ganz in der Nähe war, und sahen auf, wie sie zu tun pflegten. Er und sie waren stets ein wenig mehr als nur gute Nachbarn gewesen. Aber er konnte sehen, daß es heute nicht großartig um sie bestellt war. Sie berieten sich über den Göpel für die Dreschmaschine, sie hatten bemerkt, daß er nicht ganz in Ordnung war. – »Mit euerer Mutter geht es wohl nicht gut?« fragte Odin. – »Nein; aber es geht ihr auch nicht schlechter.« Sie sahen in die Luft hinaus und lauschten dem Sturm. – »Ja, ja, Buben, der bläst «, lächelte Odin. Odin fand Lauris in der Stube drinnen, er kam gerade aus Astris Kammer. Ein leises Staunen trat in Lauris' Augen, gleich, als er Odin erblickte. Im übrigen war das Gesicht still wie die Stube rings um ihn – die Krankheit war im Haus. »Danke, ich glaube nicht, daß es ihr schlechter geht«, sagte er. Raffte sich dann vor Odin zusammen und dachte an andere Dinge. – »Ich glaube fast, ich weiß, weshalb du kommst: du denkst an die Geschichte bei der Bank, an Engelberts Anleihe. Ich sah, daß die Mina bei dir war. Ich merkte nicht eher etwas, als bis der Arthur davon sprach, daß man dich eigentlich hätte fragen müssen; und da war es zu spät. Ich glaubte dem Engelbert, ich muß sagen, wie es wahr ist; glaubte, es sei eine neue Anleihe. Aber darüber können wir ja später einmal sprechen. Es handelt sich auch noch um andere Gelder, um deretwillen ich mit dir reden wollte, um ein paar Schillinge, die Aasel hinterlassen hat. Von uns aus können sie gerne dem Altersheim zukommen, es heißt, sie habe sich das so gedacht; aber da sind noch die Kinder von der Elen? Wir dachten dich erst zu fragen, was du dazu meinst?« – »Hm. Ich glaube, wir verschieben auch diese Frage auf einen anderen Tag. Wir müssen wohl eher daran denken, wie wir den Doktor hierherbekommen für die Astri? Es kann sich auf die Lunge schlagen, weißt du; damit ist nicht zu spaßen!« Lauris erstarrte über den Brauen und blinzelte rasch ein paarmal, warf Odin einen kurzen Blick zu und sah dann wieder weg: »Ja, wenn es das nur nicht schon getan hat? Sie ist so merkwürdig. Aber den Doktor, jetzt, meinst du? Das ist unmöglich.« – »Ah, so steht es also«, sagte Odin. »Hm! Da ist nur eines zu machen. Du mußt telephonieren und dich erkundigen, wo er ist. Verdammt noch einmal, daß der Dampfer ausgerechnet heute nicht hierher fährt! Ein – ein seltsamer Zufall, wahrlich.« Lauris fährt sich hart über die Stirn und durchs Haar. Er sieht Odin an, vermag gleichsam nicht zu denken. – »Nein, nein, ich habe schon telephoniert«, sagte er. – »Nun, und?« – »Ja, aber es nützt nichts, der Sturm nimmt immer mehr zu, was meinst du?« Der Sturm antwortete selber: Er ließ heute keinen über den Fjord. Den beiden schien es, als ducke das Haus sich zusammen vor ihm, bei den ärgsten Stößen. Odin und Lauris sahen einander an. Der Ausdruck in ihren Augen und Gesichtern wechselte in einem fort; Odin war einmal sogar nahe daran, zu lächeln. – »Da gibt es nur das eine«, sagte er, »wir machen uns auf den Weg, wir beide.« – »Ja, meinst du wirklich?« – »Sollen wir's etwa sein lassen? He? Schlimm ist nur, daß die Buben in der Nacht auf Grund aufgefahren sind, als sie den Doktor heimbrachten, sie haben die Schraube und das Steuer vom Motorboot verbogen, soviel ich hörte. Nun, wir nehmen eben meinen Sechsruderer!« Lauris waren die Wangen wieder grau geworden: Nachdenklich kaute er auf der Lippe. – »Oder eines von den Fischerbooten, wäre das nicht besser? Und ein wenig mehr Mannschaft?« meinte er. Odin schüttelte den Kopf. – »Die haben keinen ordentlichen Segelfetzen mehr, für dieses Wetter hier – nein! Du kennst den Sechsruderer. Ich bin schon bei genau dem gleichen Wetter damit über den Fjord gefahren, es gibt kein besseres Boot.« – »Ja, das ist wahr. Das ist wohl wahr, aber –. Wir sollten doch drei Mann sein, trotz allem.« – »Nein, zwei. Der Doktor wird der Dritte auf dem Heimweg – wo ist er eigentlich?« – »Er sollte nach Omunstranda und in die Gegend dort, im Lauf des Nachmittags.« – »Halbwind, sowohl her wie hin, oder vielmehr richtiger hin und zurück. Und schlimmer wird er heute nicht bis zum Abend, das höre ich ihm an. Dann also wir beide!« – Odin sieht Lauris an, er ist nichts als lauter Jugend und Mut, da hilft es nichts, nein zu sagen. Lauris versucht durch ihn hindurchzusehen. – »Ja, ja, du hast ja schließlich recht«, sagt er endlich, und dann wird er rot: »Sollte nicht lieber einer von meinen Buben –? Ich meine fast, ich sollte nicht von daheim fort, so wie es jetzt steht.« »Nein, Lauris. Heute fahren wir zwei. Unsere Buben, die bleiben heute daheim, ja.« Dann fügt er hinzu, und seine Stirn zuckt dabei leise: »Es handelt sich ja nicht nur ums Hinfahren, siehst du, wir müssen auch wiederkommen , mit dem Doktor.« Diese Worte machen Lauris mit einem Schlag zu einem anderen Kerl. Jetzt war er ganz Seemann. »Ja, so, du meintest, wir würden nicht wiederkommen?« lachte Odin. »Das wollen wir doch hoffen. Kann schon sein, daß der Tag auch einmal kommt, an dem wir nicht mehr heimkehren.« Dann fragte er, ob er zu Astri in die Kammer hinüberschauen dürfe. – »Ja, wenn du willst !« sagte Lauris. »Und sag mir dann, ob du es für gefährlich hältst.« Astri hatte so glänzende Augen, daß es Odin gleich einen Ruck gab. Es stand gewiß nicht zum besten mit ihr, nein. Sie sah ihn an und atmete ein paarmal schwer auf. Dann verloren ihre Augen den Glanz, versanken hinter den Lidern. Er wartete, bis sie wiederkamen. »Fahr nicht fort, Odin!« bat sie. »Wir wollen sehen, wie sich das Wetter anläßt, weißt du.« Odin glaubte zu bemerken, daß sie immer unruhiger wurde, je länger sie ihn ansah. – Sie ist doch wohl nicht s o krank, daß sie erkennt, wer ich bin? dachte er. Denn dann hilft alles nichts mehr. Dann weiß ich nicht, was ich tue. Er wandte sich zu Lauris, der hinter ihm stand: »Hast du nicht einen Tropfen Branntwein im Haus?« – »Sie will nichts nehmen.« – »Sie muß.« Er legte Lauris die Hand auf den Arm, so daß dem die Knie einsanken: »Hier ist's Ernst, sage ich dir! Wenn du noch einen Tropfen hast, so soll der nicht umsonst gebrannt sein.« Der Branntwein kam hervor, klar wie Wasser, und Odin zwang ihn ihr über die Lippen. Dann nahm er Abschied und ging heim, – unter der Tür drehte er sich um und grüßte noch einmal. Sie sah Lauris steif an, als er wieder hereinkam. – »Der Odin ist wohl nicht sehr erfreut über diese Fahrt über den Fjord?« meinte sie. – »Ich auch nicht«, antwortete er. – »Du solltest lieber nicht fahren. Er ist so – – er war so merkwürdig.« – »Davon drücken kann ich mich auch nicht, das habe ich schon gemerkt.« – »Nein, du hast recht. Du mußt mit ihm fahren, ja!« Sie atmete in großer Qual. Das Windgewölk am Himmel war noch grauer geworden, und schwarze kleine Wolkenfetzen kamen über die Berge im Osten und jagten übers Meer hinaus. Dieser Anblick durchfuhr Odin, so daß er kein Wort mehr sagen konnte, als er auf der Schwelle draußen stand. Und als er aufblickte, lag über dem ganzen Land die gleiche Stimmung, etwas erstaunlich Bekanntes, aber Vergessenes und weit Entferntes. Ein so ernsthaftes Gesicht hatte der Tag schon früher einmal für ihn gehabt; das aber war damals und nicht jetzt. »Damals und nicht jetzt«, sagte er, ohne sich dessen bewußt zu sein. Der Einschnitt oben im Gebirge stand grau und klaffend da, diesseits von allem anderen. Eine nackte Wahrheit, und sie wollte nicht vergessen werden. Aber es gab niemand in der Gegend, der diesen Einschnitt sah, außer ihm, und das auch nur in dieser Stunde. Ein Ding nach dem anderen war da, das gesehen werden wollte, er aber wandte sich davon ab und Lauris zu. – Dann wollten sie also gegen drei Uhr abfahren, etwa? – So würde es wohl passen, glaubte der andere. Odin ging rasch heim. Ihm kam es vor, als sei er viel zu lange von daheim weggewesen, von Ingri, – und wie sollte er nun mit ihr über diese Sache sprechen können? Er ging geradeswegs zu ihr hinein, achtete weder auf Anders noch auf Per, obgleich er mit einem Stich fühlte, daß sie hier waren und ein Wort von ihm erwarteten. Ingri aber stützte sich auf den Ellbogen auf, als er hereinkam. Schmal und fein leuchtete es ihm entgegen, ihr Gesicht, und ihre Augen hingen sich schwer an die seinen. So lächelte sie wohl stets, wenn er kam, versuchte von dem Ihren herüberzugelangen und dicht bei ihm zu sein, sie war wohl meist froher gewesen, als man ihr anmerken konnte. »Es kommt also doch so weit, daß du den Doktor für die Astri holst?« »Ja. Und ich werde auch wiederkommen, hab keine Angst, Ingri. Ich komme wieder, Kind, das sag' ich dir!« Sie fragte, ob es Astri sehr schlecht ginge. Gleich darauf sah sie ihm in die Augen und fragte, ob Lauris mitkommen würde. – Ja, sie müßten heute zwei Seeleute sein, erklärte er, – er verzog das Gesicht zu einem Lächeln, doch rings um den Mund war er welk. »Warum fragst du danach, Ingri?« – Sie lag nur da und sah ihn an. – »Wir müssen mit dem Doktor wiederkommen, siehst du, das verstehst du doch?« – »Ja.« Aber der Schatten kam und ging über sie hin. Sie war so schwach, lag da, als schlafe sie wieder ein. »Ich muß doch wohl einen Engel verdient haben, da ich ihn bekommen habe«, sagte Odin, als er hinausging. »Und sie kann mir sicher weit nachfolgen; wenn der Tag einmal kommt«, fügte er hinzu. »Selbst wenn er bald käme. So weit weg von mir ist sie, und trotzdem weiß sie im Grunde alles miteinander.« »Aber heute?« Er sah starr vor sich hin und in ein Antlitz, das dunkler war als die Nacht und tiefer als der Himmel zur Nachtzeit; furchtlos blickte er hinein. »Nein, heute doch nicht!« bat er. In der Küche traf er die Krankenschwester, sie war gerade gekommen und wollte sich nach Ingri umsehen. – »Bist du denn schon wieder da?« sagte er. – »Ja, nur für einen Sprung. Kann ich gar nicht ein wenig helfen?« – »Nein, nein, du sollst lieber dort bleiben, wo du bist, gehörst auch eher zur Astri hinüber.« Das Mädchen konnte den Blick nicht von ihm abwenden, so war es wohl stets, wenn sie einander begegneten, erinnerte er sich nun, vergaß es jedoch gleich wieder. Es war ein bleiches, schmächtiges kleines Ding, halb nur ein Kind, aber sie hatte ein Paar unsagbar schöner Augen, und fast alle Burschen sahen ihr nach. Odin war es gewesen, der sie zum Lernen fortgeschickt und ihr dann diesen Posten in der Gemeinde hier verschafft hatte. Er folgte ihr mit den Blicken, und sie drehte sich in der Tür um. – »Ich muß heute fortfahren«, sagte er. – »Ja, ich – – weiß es, – aber das Wetter ist nicht danach!« – »Ach, das Wetter ist gut genug – vielleicht schaust du heute abend einmal herüber. Für den Fall, daß es etwas spät wird. Es kann sein, daß wir auch morgen noch nicht wieder daheim sein können.« – Ja, das wollte sie tun! Sie wurde ganz froh dabei, das arme Ding. »Jetzt ist es der Sturm, der das ganze Spiel entscheidet, will ich dir sagen«, – er zog die Brauen hoch hinauf, drehte sich um und ging hinaus. Er hatte noch mit Anders zu reden. Lange Zeit stand er bei Anders draußen auf dem Acker, aber er redete nicht viel mit ihm. Er lobte nur seine Arbeit. – »Jetzt hat er bald ausgelernt, der Bursche!« sagte er vor sich hin. »Da fehlt's nicht mehr weit!« – – – Dann machten sie sich auf die Fahrt. Die Bucht hinaus segelten die Männer mit gerefftem Großsegel. Aber längs dem felsigen Ufer nach Süden waren die Windstöße so heftig, daß sie die Segel bergen und die Ruder auslegen mußten. Der Wind fiel hier quer vom Land ein. Dann und wann, im Schutz der Klippen, was es so still, als käme man in ein Haus, nur manchmal fauchte ein Windstoß oben in der Luft über sie hin und warnte sie; aber draußen in den kleinen Buchten und von den Bergsätteln oben fegte er peitschend herab, und immer härtere Stöße schlugen herein und wollten ihnen die Ruder wegreißen. Der Sechsruderer war nach Art der Listerboote gebaut und als Kutter getakelt, Odin hatte ihn im Süden unten gekauft und ihn nach seinem eigenen Kopf aufgeriggt. Es war das beste Seeboot von allen kleineren Booten in der Gegend und ließ sich überdies ungemein leicht rudern. – »Das geht ja großartig«, sagte Lauris, er wollte gern irgend etwas sagen. »Aber warum hast du solche Dollen und Weidenringe, obgleich es kein Nordlandboot ist?« – »Ja, warum wohl? Mir fiel es eben so ein. So wie der Bursche sagte, als er freite. Damit wir die Ruder nicht verlieren, wenn wir kentern«, fügte er hinzu und schaute Lauris lustig über die Schulter an. – »Spott nicht mit solchen Sachen, bei einem Wetter wie heute«, warnte Lauris. »Ich habe nie gespottet, wenn ich auf dem Meer draußen war!« – »Auch nicht bei gutem Wetter? Nein, übrigens, ich habe das selber nie getan, bis auf heute.« – »Es kann ein Zauber in den Worten sein.« – »Das sind schlechte Worte, in denen kein Zauber steckt!« lachte Odin. Von Zeit zu Zeit ruhten sie aus und sahen über das Wasser zum anderen Ufer hinüber. Hier, wo der Fjord nach Norden umbog und der Wind quer herüber stand, sah es nicht so arg aus, sie sahen nur einen weißen Schaum, der an den Klippen beim Juwikufer hinaufbrandete. Erst als sie südlich der letzten Landzunge waren und den Fjord von der Ostseite her bekamen, sahen sie ihm in die Augen. Er war schlimm. Sie hielten das Boot auf der Stelle und schauten sich dies an, eine Weile lang. Dann sagt Lauris: »Herrgott noch einmal, der ist grob!« »Ja, er spuckt weiß.« Odin begegnete Lauris' Blicken. Die waren ratlos und furchtlos zu gleicher Zeit und bohrten sich forschend in Odin hinein. So glühen zwei Tiere sich an, ehe sie aufeinander losgehen, fuhr es Odin durch den Sinn. »Du meinst, es geht an, über den Fjord zu fahren?« Odin schüttelte den Kopf und lachte: »He! Nein! Nicht für die Leute im allgemeinen! Aber für uns beide, weißt du. Und besser wird es heute nicht mehr. Das siehst du jetzt.« Sie müßten mit wenig Tuch segeln, meinte Lauris. – Ja, das sei ein guter Rat, aber er könnte teuer zu stehen kommen, bei diesem Wellengang. Lauris könnte ja das Steuer nehmen? – »Nein, danke, du segelst selber.« Sie refften jetzt sowohl Fock wie Großsegel, und dann nahmen sie es mit dem Fjord auf. Ein nasser Tanz wurde es, und schön sah es nicht aus, aber sie kamen hinüber, und dies noch dazu, ehe sie sich recht darauf besinnen konnten. Erst als sie unterhalb der Inseln waren und in ruhigem Wasser, so daß sie die Augen wieder richtig aufmachen konnten, merkten sie, wie lange es gedauert hatte, eine Sturzwelle schlimmer als die andere, und ein Windstoß schwerer als der andere, es konnte nicht mehr gehen; aber nun war es doch gegangen. Sie sahen das Schlimmste schon weit hinter sich liegen. »Sie hat sich gut gehalten, die Kiste«, sagte Odin, als sie am Ufer standen und hinaufgehen wollten, er sah einmal den Lauris an und einmal auf den Fjord hinaus. »Ein gutes Boot, nicht wahr?« »Ja, solange es hält.« »Das genügt schon, Lauris.« Der Doktor war gerade im Begriff heimzufahren, als sie auf dem Omunstrandhof anlangten. Nachdem er gehört hatte, wie es um Astri stand, stieg er, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Wagen und machte sich bereit, mit ihnen zu kommen. Als er jedoch ans Ufer hinunterkam und den Fjord erblickte, blieb er stehen, und als er ihr Boot sah, drehte er sich zu ihnen um. – Es könne doch nicht ihre Absicht sein, mit diesem Boot hinüberzufahren? Er habe schon auf schlimmeren Fjorden gesegelt und in schlimmerem Wetter als heute, aber dann hätte er auch ein anderes Boot gehabt. – Sie drangen in ihn, er solle doch mitkommen, das Boot sei ausgesucht gut, und sie glaubten sogar zu sehen, daß der Landwind allmählich nachlasse; sie drangen hart auf ihn ein. Er sah Lauris an. – »Ihr glaubt ja selber nicht, daß es ratsam ist?« sagte er. »Seid aufrichtig – ich sehe es euch doch an!« Lauris sah Odin an. Der stand mit den Händen in der Tasche da und sah hinaus, seltsam fern und ohne Verantwortung. Das Wasser rann aus seiner Schirmmütze, – er trug nie eine andere Kopfbedeckung auf dem Meer, – und das Gesicht war vom Salz mit einer weißen Kruste überzogen. Jetzt wandte er sich dem Doktor zu, halb lächelnd, konnte man fast glauben: »Ja, kommt jetzt, wir müssen den Doktor mitbringen!« Aber der Doktor ließ sich nicht überreden. Er schüttelte den Kopf und richtete die Blicke streng auf sie: »Und ihr bleibt heute nacht hier, alle beide«, sagte er fest. »Soviel versteht ihr doch selber als Seeleute.« – »Dann gebt Eure Medizin her!« sagte Odin. »Her damit, wir haben keine Zeit, dazustehen und zu schwätzen, es ist schon bald Abend.« Der Doktor ging mit seinem Arzneikasten hinein, kehrte dann mit einer Flasche zurück und gab sie Lauris. Er käme dann morgen mit dem Dampfer nach, fügte er hinzu. Noch einmal sah er auf den Fjord hinaus, schwieg und dachte nach und sagte Lebewohl, – es warteten noch an anderen Orten Kranke auf ihn. Odin räusperte sich hinter ihm her, es klang fast erfreut. Er ging voran zum Wasser hinunter, Lauris kam nach, blieb von Zeit zu Zeit stehen und setzte sich dann wieder in Bewegung. – »Kommst du endlich?« sagte Odin, er sprang ins Boot. – »Ja doch. Aber: Er hatte schon recht, der Doktor. Der ist kein Hasenfuß, das wissen wir.« Odin legte die Ballaststeine zurecht. – »Runde Steine?« fragte Lauris. – »Ja, mein Lieber. Dann rollen sie hinaus, sollten wir wirklich umschmeißen.« Er sah Lauris ins Gesicht, so daß der ganz flach und bleich wurde. »Sollen wir wirklich fahren, Odin?« »Jetzt fahren wir, ja. Ich fahre, und du kommst mit; so machen wir es, sage ich dir. – – Sie erwarten uns«, fügte er hinzu. »Ja, ja, du hast recht. Der Herrgott – – steh uns bei!« Lauris versuchte zu lächeln, so ging es leichter. »Er muß doch wohl wissen, daß es der Astri ums Leben geht?« »Nein, jetzt halt endlich einmal dein Maul – – du Dreckskerl.« Odin hatte dies leise und grob gesagt und voller Zorn, er war schon fast im Begriff, an Land zu springen, um den Lauris hereinzuholen. So blieb er stehen. Es währte nicht lange, aber das, was ihn durchfuhr, kam ihm wie das halbe Leben vor. Der Gedanke an den Herrgott hatte ihn getroffen, als er Lauris' Worte hörte. Diesen Gedanken hatte er im Grunde nicht mehr gehegt, seitdem er erwachsen war, er hatte ihn nur wie einen leeren Raum rings um sich empfunden oder wie ein Saugen im Innern, daß es irgend etwas gab, das er nicht imstande war, mit sich selber abzumachen. Diese Qual hatte mit zum Leben gehört, war ein Teil des Lebens, vielleicht war es das, aus dem alles andere hervorwuchs. Und so kamen sie, ein Geschlecht nach dem anderen, nach uns und ins Licht empor, sahen aber doch nichts, sahen nur zurück und hierher, daß wir so dunkel lebten, daß wir Heiden waren, aber Heiden ohne Lachen und Freude – nicht wußten, woran wir zweifelten, und nicht wußten, weshalb wir uns zu sterben fürchteten. Wohl wollte der eine oder andere ein wenig zur Seite stehen; um sehen zu können: daß es immer vorwärts und vorwärts brauste, auf dem gleichen Fleck, ja, und darüber lachte er? Wie war es denn wohl, für die Menschen, ins Grab zu steigen, durch alle Zeiten hindurch? Und wie würde es sein, von heute an in tausend Jahren, zu sterben? – Und was geht mich das jetzt alles an? erwachte Odin. »Kommst du?« rief er. Auch Lauris raffte sich auf, ließ die Hoffnung fahren und kam. Und dann fuhren sie los. Die Omunstrandbucht ist schmal und gekrümmt, und aus ihr mußten sie zuerst hinausrudern. Als sie unter Segel gehen wollten, sagte Odin: »Jetzt wird es wohl am besten sein, wenn du segelst.« – »Ich?« sagte Lauris. »Ein Jachtschiffer kann kein kleines Boot segeln. Es heißt, ich segle eine Jacht wie ein Boot, da werd' ich wohl ein Boot wie eine Jacht segeln.« – »Du sollst aber trotzdem segeln. Ich bin so merkwürdig, will ich dir sagen, ich bin heute so gleichgültig; die Menschen haben mich so gemacht.« So viele Worte hatte Lauris bei solchem Wetter noch nie von einem Mann gehört, er sagte nur: »Dann also meinetwegen«, und kroch nach achtern. Es wurde die gleiche nasse Geschichte. Zwar war der Wind anfangs ein wenig zahmer, und sie nützten dies aus und machten einen Schlag im Schutz des Südufers, es konnte trotzdem noch schwierig genug werden, die Landzunge auf der anderen Seite zu erreichen, wenn der Wind nun zur Abendzeit eine Spur östlicher ging. – Noch ehe sie in der Mitte des Fjords waren, warf er sich mit voller Wucht über sie, und das Schlimmste war, daß er so gänzlich ungleichmäßig blies. Odin wußte, daß Lauris nicht einer der besten Bootssegler war, aber er wußte auch, daß er selber sich erst recht nicht dazu zählen durfte, sie waren beide nicht die Männer, die sich bei solchem Wetter über den Fjord stehlen konnten, ohne ein tüchtiges Sturzbad zu bekommen, – sie bekamen viele. Aber er wußte und sah es auch, daß Lauris ein Seemann war, mutig und zugleich ein wenig ängstlich, und schnell wie der Blitz. Es war ein Spaß, ihm zuzusehen, wenn sich ein Augenblick Zeit dazu fand: im einen Nu wie eine Otter, der die Wellen ins Gesicht spülen, und gleich darauf ein Mann, der sein Leben liebte und um jeden Preis gut aus dieser Geschichte heraus- und heimkommen wollte, es war ihm von außen anzusehen, wieviel er zu verlieren hatte. Sie bekamen zwei, drei Sturzseen, die kaum zu nehmen waren, wie ein wilder Wasserfall brausten sie heran, und so hoch und so hohl, daß sie durch und durch weißlichgrün leuchteten. An den zwei ersten schmiegte das Boot sich vorbei, die dritte mußten sie nehmen, und Lauris steuerte geradeswegs in sie hinein. Sie wurden tief eingetaucht, so daß die Bretter im Boot schwammen, aber Lauris griff zu und schöpfte. Im selben Augenblick fegte eine rauchende Bö herein. Odin fiert die Fockschot, und Lauris geht mit dem Boot wieder in den Wind, er will die Bö durchschneiden, sie aber dreht sich im selben Augenblick mehr nach Süden und füllt die Segel mit aller Gewalt. Lauris wirft die Großsegelschot los und läßt sie hinauslaufen, da aber hat sich das Boot schon mit der Leeseite ins Wasser eingebohrt und schlägt um; dies war geschehen, ehe sie sich recht besinnen konnten. Als sie wieder heraufkamen und Atem holen konnten, lag das Boot kieloben und hatte seinen Ballast ausgeleert, und beide Männer hielten sich am Schiffsrumpf fest, Lauris an der Großschot und Odin an der Wante auf der anderen Seite. Die Wogen gingen lustig über sie hin, in einem fort. Odin raffte ein Ruder auf, das unter dem Boot hervorkam, und hielt es zwischen den Knien fest; er griff weit aus mit der linken Hand und konnte auch noch das andere Ruder an sich reißen. Dann arbeitete er und mühte sich, bis er sie alle beide wieder unter dem Bootskörper verstaut hatte. Während er noch damit beschäftigt war, hatte Lauris sich auf den Kiel hinaufgerettet. Odin stemmte sich auf und kletterte von seiner Seite aus hinauf. Aber der Bootsrumpf lag schon vorher schwer genug im Wasser, wollte kaum mit einem Mann schwimmen, und jetzt schlugen die Wellen erst recht über ihnen zusammen. Dies war keine Zuflucht für zwei Männer, gar nicht daran zu denken, sie erkannten das alle beide zu gleicher Zeit und starrten einander in die Augen. – »Der Anker«, sagte Odin, – »er steckt fest unter dem Boot – – da hilft nichts! – Wir müssen schreien«, sagte er, als er den Kopf wieder einen Augenblick über Wasser hatte. Er schrie mit voller Stimme hinaus. Der Wind nahm den Ruf auf und schmiß ihn in den Gischt hinein, und eine Sturzwelle ging über Odin hin und raubte ihm den Atem. »Ich glaube, ich laß los«, sagte er spuckend. Es überfiel ihn auf einmal so seltsam, daß dies noch das einzige war, was noch einen Sinn habe, das ganze Leben war nicht einen Griff mehr wert. Kleine Leute und Unzufriedenheit und Zänkerei alles miteinander, es wurde doch nie anders. Er sagte noch einmal Tui. Und es war nicht die See, die er meinte. Immer und immer wieder fuhr es an ihm vorbei: Das Leben. Ein Rennen nach nichts! Trotzdem war er doch noch so weit bei Sinnen, um sich darüber wundern zu können, daß es sich jetzt so zeigen sollte. Da fühlte er einen Griff an seiner Hand. Es war Lauris. Das war er , ja; er wollte seine Fäuste vom Kiel losreißen und ihn vom Boot wegstoßen. Odin schlug die Augen wieder auf und sah ihn an. Lauris war grau im Gesicht, und die Lippen entblößten die Zähne auf der einen Seite. – So ist es, ja, Zahn gegen Zahn, überall, durchfuhr es Odin. Dies tat so brennend weh, daß er aufstöhnte. Ab er nein!« knurrte er. »Nein, Lauris!« rief er und spuckte nun das Salzwasser allen Ernstes aus. Er fühlte selber, daß auch er die Zähne zeigte. »Wenn einer loslassen muß, dann bist du es!« Lauris versuchte, ihm auf die Fäuste zu schlagen, und dies schien Odin willkommen: jetzt war es keine Sache mehr, ihn den Weg zu senden, den er gehen sollte. Da versuchte Lauris zu beißen. Odin riß Lauris' Hände mit einem wütenden Ruck vom Kiel los und versetzte ihm einen Stoß vor die Brust: »Weißt du nicht – – daß ich der Stärkere bin?« Lauris hing da und klammerte sich an der Reling fest, tastete sich mit der rechten Hand wieder zum Kiel hinauf. Es war jetzt stiller im Wasser, der Wind mußte ein wenig nachgelassen haben. Lauris sah Odin in die Augen. Kein Hund, der erschossen werden sollte, konnte jämmerlicher für sich bitten. »Ja, du mußt jetzt sterben. Ich habe dich schon früher verurteilt. Aber ich hatte eigentlich vorgehabt, dich zu erschlagen, mitten vor der ganzen Gemeinde – – du weißt selber, was du getan hast.« – Er mußte fast seine ganze Kraft anwenden, um den anderen drunten zu halten. »Mitten vor dem ganzen Land, ja! Du Hund !« So liegen sie eine Zeitlang da. Odin ruft ein paarmal um Hilfe; schon beginnt er Hoffnung zu schöpfen: ließ nicht der Wind bald wirklich nach? Er sieht nach Osten hinüber. – Ach nein, so war es also nicht gemeint, murmelte er, denn jetzt kam der Gischt einhergejagt, weiß wie Schneesturm, und am Omunstrandufer ist ja kaum ein Erwachsener auf den Füßen, krank sind sie alle miteinander, und von der anderen Seite kann niemand herüberschauen. Nein, gut, was geschehen mußte, würde jetzt geschehen. Er blieb liegen und sah Lauris an, während er ihn ins Wasser hinunterhielt. Das Boot schwamm auf diese Weise ganz leidlich. So hatte er ihn wohl lange angesehen. Ein Mensch ! durchfuhr es ihn. Ein Mensch, auch er. »Umbringen könnt' ich dich«, ruft er heiser. » Die Last wollt' ich gern mein Leben lang mit mir herumtragen.« Dann weiß er wieder eine Zeitlang fast nichts mehr von sich, denn das Meer und der Gischt sind über ihnen, schlimmer denn zuvor. Er ist jetzt allein auf dem Schiffsrumpf, so dünkt ihn, er geht hinauf vom Meeresufer, er kommt heim und packt das Leben wieder an – – es ist eine seltsame Sache, weit fort in einer anderen Welt. Und in seinen Ohren singt eine laute und derbe und alte Stimme, sie kommt von draußen aus der Wildnis: » Das Herz des Menschen, Odin !« »Ja«, ruft er. » Das ist böse von Jugend an !« Ihn schwindelte, nun, da er dies erkannte . »Aber das ist nicht alles!« ruft er. »Das ist nicht alles , hörst du!« Die Welt hatte sich gedreht, um hundert Jahre oder mehr, er war weit, weit zurück in der Zeit. Dunkelheit und Wildnis. Es war gut, zu sein. Herr und Hund. »Aber nein, sag' ich, ich bin nicht einer, der sich das Leben erkauft. Er ist auch ein Mensch, er. – – Lauris!« schrie er. »Ja, Odin!« kam es aus tiefster Not. »Wenn du nun das Leben bekämst?« »Ja! Ja!« Odin griff unter das Boot hinunter und zog ein Ruder heraus, griff wieder hinunter und zog noch eines heraus. – »Die Ruder!« rief er, und Lauris tauchte auf seiner Seite unter und holte die anderen hervor. – »Ich will mich nicht so einfach ins Meer hinauswerfen, ich will noch eine Chance haben, wie man es nennt.« Er läßt die ärgsten Wellen vorüber, nimmt alle vier Ruder an sich, zwei unter jedem Arm. »Grüß daheim! Du verstehst mich?« »Ja.« Aber Lauris sah ihn ängstlich an, kroch auf den Kiel hinauf, wurde jedoch nach und nach immer ängstlicher; er wurde zu einem kleinen Buben und schob die Zunge in den Mundwinkel. »Beiß dich fest, Kerl! Und sei ein Mann!« »Wir kommen nicht heim, keiner von uns«, murmelte Lauris, als eine Sturzsee über ihn hinwegspülte. »Bet zum Herrgott, du – – für dich gibt's nichts anderes! Und ruf um Hilfe!« Odin hielt noch das Ende der Fockschot fest und hing daran. Er lag so im Wasser, daß er gerade noch zwischen den ärgsten Sturzseen aufatmen konnte. Aber er merkte, daß sein Körper steif wurde. Da sagte er zu sich selber: »Zum Mörder bin ich also nicht geworden.« Jetzt ließ er los. Lauris lag steif da und sah ihn an, dann ermannte er sich und rief um Hilfe. Es war eine mächtige Stimme in ihm. – So bleibt man liegen, wenn man ums Leben segelt, dachte Odin, – warum ruft er denn nicht lauter, er, der's behalten soll? »Grüß sie alle miteinander!« schrie er über den schäumenden Gischt hinweg. »Alle miteinander! Du erreichst die Juwikbucht.« Er blickte zum Himmel auf. Rings über ihm war das weite blaue Gewölbe; aber im Westen dort schimmerte es grün und gelb; und mitten darüber zog sich ein graues Band – morgen war es wieder still. Helles Wetter, morgen, ja. Er versuchte die Berge zu sehen, aber die ließen sich nicht blicken; man ahnte nur einen blaugrauen Schimmer zwischen den Wellen. Dann nahm er sich zusammen und machte ein paar Schwimmzüge mit den Füßen, aber die wollten ihm nicht gehorchen, sie waren groß und dick und so, als gehörten sie ihm nicht. Einen Augenblick krümmten sie sich doch unter ihm zusammen: er dachte an die grausigen Tiere am Meeresgrund unten, er hatte gesehen, wie entsetzlich sie die Fische im Netz aussaugten. Nein, ich hab' doch das Glück auf meiner Seite, versuchte er zu sagen, ich sinke sicher auf felsigen Grund. Eine Weile später jammerte er und rief nach Ingri, wo blieb sie denn? Aber du hast den Anders und den Per, du, schien er ihr zu sagen. Es geht, es geht, Ingri! Red mit dem Lauris, du. Hier gab es keinen anderen Ausweg. Als er wieder zu sich kam, waren ihm die Arme über den Rudern erstarrt. – Rufen sie jetzt wieder Hurra? wunderte er sich. Wissen sie denn, warum sie rufen? Und jetzt sind sie auf einmal ganz still? Nur Mut, Burschen! Morgen scheint trotzdem wieder die Sonne! Und der Lauris, der – Es mußte lange, lange danach sein. Er wachte auf und wunderte sich. Aber lebe ich denn noch? Und dann Sommer und Sonnenschein, an allen Ufern ringsum? Und diese Bläue vor mir, ja! »Unbedingt!« sagte es. Die anderen 1 Lauris behielt den anderen mit den Rudern in den Augen, während er immer wieder rief und sich dabei festklammerte. Die Dunkelheit sank nach und nach herab, und der Wind trieb das Boot gegen Westen, die Strömung aber zog den anderen ein wenig mehr nach Süden; schließlich kam er auch nicht so rasch vorwärts, so daß es Lauris bald schwerfiel, sich zwischen den Sturzseen nach ihm umzuschauen, noch sah er ihn, auch jetzt noch; dann aber verschwand alles grau in grau. Als er nicht mehr zu schreien vermochte und dennoch das Juwikufer noch so weit weg war, daß er es nur wie etwas Schwarzes mit einem weißen Strich darunter ahnte, gab er die Hoffnung auf. Er merkte, daß er sich nicht mehr lange würde festhalten können, manchmal wußte er kaum etwas von sich. Er ließ den Glauben an eine Rettung fahren, so war es leichter. Da aber hörte er ein Klatschen in der Luft, es flatterte und schlug. Er kannte diesen Laut, und sofort durchfuhr ihn wieder ein Gefühl von Wärme; es war ein Segel, das im Winde knatterte. Jetzt hörte er es deutlich klatschen, von Segeln und auch von einem Boot in den Wellen. Er richtete sich auf und schrie, bis ihm die Stimme zerbrach. Gleich darauf schoß ein großes Fahrzeug neben ihm in den Wind auf, so daß der Gischt aufspritzte, ein großes Nordlandboot mit zwei Masten. Es war noch ein Kampf, bis sie ihn an Bord brachten, aber schließlich wurde er doch gerettet. An das gekenterte Boot konnte man nicht mehr denken. Sie holten die Fock ein und fuhren wieder weiter. Sie dachten irgendwo am Ufer bei Omunstranda vor Anker zu gehen. Da lief Lauris, so steif er war, zum Bootsführer hinter. – »Dort draußen liegt noch einer!« stammelte er. Sie hielten den Kurs, den er ihnen zeigte, wendeten ein paarmal, dahin und dorthin, sahen aber nichts im Wasser schwimmen. Auch zu hören war nichts außer dem brausenden Fjord und dem Wind in den Riggen. – »Wir müssen wenden!« sagte Lauris. – »Unmöglich«, meinte der Bootsführer, ihre Segel seien zerrissen und das Boot leck, sie könnten es kaum über Wasser halten, und nun hätten sie doch nur Nacht und Unwetter vor sich. Lauris packt die Ruderpinne, schießt das Boot in den Wind auf und brüllt – heiß wie Feuer durchzuckt es ihn, daß auch Odin es so gemacht hätte: »Ree!« Das Boot gehorchte, und die Mannschaft gehorchte, sie wendeten, daß das Wasser hoch über ihnen aufspritzte. Sie machten noch einen Schlag, mit flatternden Segeln und geringer Fahrt. Aber Odin blieb verschwunden. – »Dann halten wir auf die Haabergbucht zu«, sagte Lauris, »auf der Südseite finden wir heute abend keinen Hafen.« Sie ließen ihn, dem es am meisten nottat, in den Hafen zu kommen, befehlen. Trotzdem wären sie nicht in die Bucht hineingelangt, hätte nicht schließlich der Wind so einigermaßen nachgelassen. Als der Anker Grund gefaßt hatte, ging Lauris in den Aufbau und machte dort Feuer. Dann entkleidete er sich vollkommen, wand seine Kleider aus und zog sie wieder an, und schüttete eine große Kanne mit kochend heißem Kaffeewasser hinunter. Noch während er dies tat, fragte er die anderen, wie sie ihn denn bemerkt hätten und warum sie um diese Zeit unterwegs gewesen seien. Sie erzählten, daß sie vorgehabt hätten, irgendwo in Luv einen Hafen zu suchen, noch lange, ehe sie hierhergekommen waren, als sie jedoch den Motor in Gang setzen wollten, um unter Land zu kommen, versagte er, und so mußten sie die Segel setzen. Der Wind nahm zu, und sie fuhren weiter, dachten an die Skarsbucht oder an die Haabergbucht, aber der Sturm war so heftig, daß es aussichtslos war, dorthin zu gelangen. Als sie im südlichen Teil des Fjords lagen und reffen wollten, hörten sie Notrufe in nächster Nähe. Lauris sagte kein Wort. Dann erwachte er gleichsam, nahm Abschied und dankte und versprach, am nächsten Morgen, ehe sie fortfuhren, noch einmal herzuschauen, jetzt müsse er rasch heim. Er packte das Landtau und wollte das Boot näher ans Bollwerk heranziehen, aber in seinen Armen war keine Kraft, er mußte um Hilfe bitten. Den Heimweg legte er in kleinen Sprüngen zurück. Er fühlte nach, ob er die Medizinflasche noch heil in der Tasche habe. Ja. Auch sie war gerettet. Ja. – »Du wirst sehen, die Astri wird wieder gesund!« murmelte er im Laufen vor sich hin. »Merkwürdig! Merkwürdig!« Die Krankenschwester und die Magd waren in der Küche, Lauris aber achtete ihrer nicht, er ging in die Stube, stand dort einen Augenblick lang und trat dann in die Kammer. Astri wurde ein anderer Mensch, sobald sie ihn sah, sie sagte jedoch nichts, und auch er sprach kein Wort. Unbeweglich still lag sie da und sah ihn an, während er die Medizin herausholte und für sie einschenkte. – »Da!« sagte er. »Wohl nur Branntwein, aber nimm es nur. Wie geht es dir?« »Aber daß du bei solchem Wetter kommst?« Sie ließ seinen Blick nicht mehr los. Er richtete sich auf und sah sie offen an. Er nickte ernsthaft: »Ja–a, ich bin durchweicht. Naß war's heute abend auf dem Meer draußen.« Sie blinzelte mit den Augen, wie er es noch nie an ihr gesehen hatte. Da gab er sich nach: »Und er – – er ist nicht mit heimgekommen, nein.« Immer noch nahm sie den Blick nicht von ihm weg, aber doch sah sie ihn kaum. »Wo sind sie denn, die Buben?« fragte er. »Habt ihr – – ist das Boot gekentert?« »Ja. Das ist es.« »Und er wurde nicht gerettet?« »Nein, er wurde nicht gerettet.« Endlich ließ sie ihre Blicke von ihm abgleiten. Sie flatterten dahin und dorthin. Wie tief ihre Augen sein können, dachte er. Die Krankenschwester kam herein, und da ging Lauris fort, um sich umzuziehen. – »Ich glaube, es geht Euch jetzt besser?« sagte sie und fühlte Astri den Puls. Aber er war ebenso schlecht wie vorher. Astri sah sie an, zog die Augenbrauen ein wenig hinauf und grübelte. Sie wollte irgend etwas sagen, ließ es aber sein. Nach einiger Zeit nahm sie die Hand der Krankenschwester und sah ihr wieder in die Augen. – »Wart Ihr drüben – beim Odin – – bei der Ingri, vorhin?« – Ja, sie käme jetzt von dort. Mit Ingri habe es wohl keine Gefahr mehr. Nur Ruhe, das sei das einzige, was sie brauche. Astri legte ihr ganze Kraft in ihr Gesicht, dann sagte sie: »Wenn sie nun aber erfährt – – daß der Odin nie mehr heimkommt?« Schwester Else stand lange da, ehe sie sich gefaßt hatte. – »Das ist doch nicht wahr?« kam es, armselig und bittend. »Es ist doch nicht wahr?« Damit sank sie auf dem Stuhl zusammen, blieb schlaff sitzen und starrte Astri eine Weile an, drehte sich zur Stuhllehne herum und verbarg das Gesicht. Ihren Rücken durchlief ein leises Zucken. Astri nahm einen Schluck aus der Flasche. Ihr war, als erleichtere dies die Brust; jetzt konnte sie atmen, so einigermaßen. Sie wartete eine Zeitlang, ehe sie etwas sagte. »Es trifft Sie, hinüberzugehen und es der Ingri zu sagen, hören Sie?« Die andere fuhr auf und starrte sie mit großen Augen an, noch entsetzter: »Mich? Mich?« »Ja, da hilft nun nichts«, sagte Astri. »Es ist niemand sonst da.« – »Das ist doch nicht Ihr Ernst?« – »Es muß geschehen, jedenfalls morgen.« – »Ja, aber ich? Ich, die – – ich, die – –« Sie brach wieder auf ihrem Stuhl zusammen. Jammerte laut. »Wenn ich Euch doch nur erzählen könnte – – aber ich kann nicht. Denn der Odin – – ich wage nicht mehr, die Ingri zu sehen!« Astri schwieg eine Weile. Ihre Stimme klang ungewöhnlich sanft, als sie wieder sprach. »Ihr habt den Odin ein wenig zu gern gehabt, ja. Das tut nichts, Kind. Das ist mehreren so gegangen. Jetzt gilt es, an die Ingri zu denken.« Einige Zeit später fügte sie hinzu: »Der Anders und unsere Buben sind sicher unten und halten Ausschau nach dem Boot; sie sind den ganzen Abend unten gewesen.« Astri wollte noch etwas sagen, hatte jedoch keine Kraft mehr dazu; und jetzt kam der Lauris vom Dachboden herunter und trat wieder in die Kammer. Astri lag still da, mit starren Augen, vielleicht merkte sie, daß er da war, vielleicht auch nicht. Von Zeit zu Zeit netzte sie die Lippen mit der Zunge, sie waren so trocken. So still und nachdenklich und abwesend konnte sie manchmal sein, – Lauris stand da und wartete. Schwester Else zog sich ans Fenster zurück. »Jetzt kommen sie wohl, die Buben?« sagte Astri auf einmal, sie sah unruhig von einem zum anderen. – »Ja, das waren sie – – jetzt wissen sie es bald! Ist der Anders bei ihnen, er auch? – ja!« Die Krankenschwester stand da und biß sich auf die Lippe, damit ihr Mund nicht zittere; sie wandte den Blick nicht von Astri ab. – »Die Ingri sollte es heute abend nicht mehr erfahren«, brachte sie endlich heraus. – »Nein, das sollte sie nicht. Du sagst dem Anders nur, sie seien noch nicht heimgekommen und würden wohl auf der anderen Seite des Fjords übernachten.« Das Mädchen ging hinaus. Astri bekam einen Anfall und konnte nicht atmen. Lauris gab ihr von der Medizin, und da ließ es sofort nach, aber er konnte hören, wie der Schleim in ihrer Brust röchelte. »Bitte den Anders – – herzukommen!« flüsterte sie. »Hm! Soll ich, meinst du?« Sie nickte, und Lauris mußte fortgehen. Er traf ihn draußen auf der Küchentreppe. Einen Augenblick stand der Knabe unbeweglich still, versuchte wohl, in Lauris' Gesicht zu lesen; dann kam er und ging mit hinein. Die Laurisbuben sahen ihn an, als er durch die Küche ging, aber er beachtete sie nicht. Ruhig und still trat er in die Kammer. Ein wenig bleich war er vielleicht. Astri streckte die Hand aus, und Anders kam näher und ergriff sie. Es zuckte ein paarmal auf seiner Stirn, als er Astri in die Augen sah, so wie es auch bei Odin oft gewesen war, und es dünkte sie, er sehe sie auch mit den gleichen Augen an, sie lagen so überaus stark und voller Jugend unter den hohen und kräftigen Brauen, spiegelten alles wider, was sie sahen. »Du weißt es vielleicht?« sagte Astri. Es überlief ihn ein leises Zucken, in der Hand und im Gesicht, oder vielleicht war es mehr wie ein Ruck, wenn ein großer Kerl von hoch oben herunterspringt und zu stehen kommt, so schien es Astri. Jetzt durchfährt es ihn hart, so daß das Gesicht ärmlich und wehrlos wird, – dann zieht er seine Hand zurück und blickt feindselig um sich, bleibt stehen und starrt Lauris an. Lauris ist rotbraun vom Wetter draußen, ein Seehund mit einem Kupfergesicht. Anders dreht sich wieder zu Astri herum. Sie erzählt ihm, so gut sie vermag, daß das Boot gekentert sei, daß Lauris wie durch ein Wunder gerettet worden sei und daß er, Anders, nun stark sein müsse und der Mutter zunächst noch nichts erzählen dürfe, daß er noch ein oder zwei Tage warten müsse, bis sie kräftig genug sei. – »Du hörst den Sturm«, sagte sie. »Ich glaube fast, ich wußte es schon, ehe sie fortfuhren.« Er sah weg, während sie redete, dann aber nahm er sich noch einmal zusammen und schaute ihr ins Gesicht. Es war so hoch über allem, was er wußte, dieses Antlitz, und als er ihre Tränen gewahr wurde, wandte er sich ab und ging. Er hörte, wie die Buben in den Dachraum hinaufstiegen, ehe er wieder durch die Stube und in die Küche kam; sie wollten ihm nicht gerade jetzt begegnen. Astri sagte, Schwester Else könne gehen und sich schlafen legen und die kleine Aashild mit sich nehmen, dann bleibe Lauris bei ihr in der Kammer. Er saß im Armstuhl, im Stuhl des alten Anders, und hielt sich wach. Auch Astri schlief nicht, hatte wenig oder gar nicht geschlafen, seit sie krank war. Manchmal lag sie da und sah mit brennenden Augen zur Decke hinauf, manchmal schloß sie die Augen wieder. Der Sturm lärmte ums Haus, dann und wann packte er an und rüttelte es. Weiter draußen mahlte er, gleichmäßig und singend, Berge und Äcker und Meer in eins zusammen zu einem großen Ton, der die ganze Nacht hindurch Himmel und Erde erfüllte. Er wurde zur tiefsten Stille, wenn man nicht darauf lauschte. Und jetzt war der Anders wohl schon seit langer Zeit daheim. Spät in der Nacht sagte Astri: »Jetzt mußt du es mir erzählen, Lauris.« »Ja, das will ich gerne.« Wie ein Verurteilter kam er herbei und setzte sich auf den Bettrand. Sie sah ihn nicht an. »War es denn unmöglich, daß alle beide gerettet wurden?« fragte sie, als eine Weile verstrichen war. »Unmöglich, ja.« »Und dann –?« »Ja, dann – –« »– – dann ließ er wohl los?« »Ja. Das tat er. Und dann wurde ich gerettet. Es kam ein großes Boot.« »Und dann wurdest du gerettet, ja.« Einige Zeit später sagte sie: »Du brauchst es dir nicht zu Herzen zu nehmen, wenn du ihm nicht gewachsen warst.« »Ach nein.« Er hob den Blick, atmete ein paarmal schwer auf und sank wieder zusammen. »Ach nein, du hast recht. Ich habe mir nie – – etwas anderes erwartet. Er schenkte mir das Leben. Und ich nahm es an. Zu mehr taugte ich nicht, nein.« Da ergriff sie seine Hand. Das Fieber brauste ihr in den Ohren, sie wußte zunächst wenig von sich. Dann fing es wieder an, in ihrer Brust zu röcheln und ihr den Atem zu beklemmen. Lauris mußte aufstehen und ihr etwas aus der Flasche geben. Sie lag im Fieber da und redete leise mit sich selber, aber nicht lange darauf kam sie zu sich und wurde wieder frischer. Da sagte sie mit einem lauten Stöhnen, hob den einen Arm und ließ ihn wieder fallen: »Das ist eine schwere Last, die er uns da zum Schluß noch auferlegt hat.« Aber es klang auch jetzt nicht mutlos. Nach und nach leuchtete neues Leben in ihren Augen auf, und ihre Gesichtszüge schienen jung und unbezwinglich. »Von nun an wird alles anders werden, ja«, sagte Lauris, er saß da und biß die Zähne zusammen. »Aber der Anders, hast du ihn gesehen?« »Ich habe ihn die ganze Zeit gesehen«, seufzte Lauris. »Wenn er nur die erste Nacht darüber hinschlafen könnte!« »Wenn wir ihn nur morgen fänden, den Odin, meine ich. Er schwamm auf den Rudern, als ich ihn zuletzt sah. Schwamm auf den Rudern – es war noch Leben in ihm.« »Ja, ja. So trug es sich also zu?« – Diese Worte waren wohl nicht so sehr an Lauris gerichtet. »Weiter kann es wohl keiner bringen.« 2 Anders versuchte mit ruhigen Schritten heimzugehen, aber die Windstöße waren so hart und rissen einen mit sich, daß man streckenweise springen mußte. Ingri saß im Bett und hörte ihn kommen. Sie rief ihm und sagte, er solle noch in die Kammer zu ihr schauen. Er sah aus, als plage sie ihn nur. »Du hast nichts vom Boot gesehen, nicht wahr?« »Bei dem Wetter? Du bist wohl nicht recht bei Trost!« »Ich glaube, er kommt doch noch. Ich hörte ihn vorhin so deutlich, habe ihn noch nie so deutlich gehört.« »Aberglaube!« sagte Anders; er versuchte sogar zu lachen. Ingri zog sich in sich selber zurück, verschloß sich und fiel in Gedanken, wie sie es häufig tat. Ein paarmal schüttelte sie den Kopf; die Lippen bewegten sich, als rede sie. Jetzt ist sie dort, wo sie zu sein pflegt, dachte Anders. In solchen Augenblicken wandte er sich meistens von ihr ab und ging, ein wenig rasch manchmal. Jetzt blieb er stehen. Da auf einmal tat er einen Schritt vorwärts, der Mund öffnete sich und wollte reden. Beide Wangen waren starr und bleich. Er legte nur die Hand auf ihre Schulter: »Gute Nacht nun, Mutter!« Dann ging er. »Und die Astri, zu der heute abend der Doktor nicht mehr kam«, sagte sie hinter ihm drein. »Ach, die – – « Am Tag darauf herrschte noch der gleiche Sturm. Er drehte mehr nach Süden, im Lauf des Tages, und der ganze Himmel sah drohend nach Regen aus. Am Abend brach er auch schon los, und da ließ der Sturm ein wenig nach, so daß man hören konnte, wie das Meer donnerte. Anders hegte nur die eine Angst, daß das Wetter nachlassen könnte, solange noch Tageslicht war. Ein ums andere Mal fragte die Mutter, ob das Wetter denn nicht bald besser sei, so daß man über den Fjord fahren könne. – »Nein, damit sieht es noch schlecht aus.« – »Hast du denn nicht nach Omunstranda telephoniert?« – »Das haben sie bei Lauris schon getan.« – » Waren sie dort?« – »Ja, freilich!« – »Warum haben sie denn heimwärts nicht den Dampfer genommen?« wunderte sie sich. Anders traten die hellen Schweißtropfen auf die Stirn. – »Den Dampfer? Bei solchem Wetter geht doch wohl kein Dampfer?« – »Nein, du hast recht.« – »Jetzt sollst du dich nicht mehr beunruhigen«, ermahnte er sie; »denke daran, was der Vater dir gesagt hat.« Sie lächelte und schloß die Augen; sie wollte folgsam sein. Früh am Morgen darauf kam er zu ihr herunter. Sie hatte beinahe die ganze Nacht geschlafen und erwachte auch jetzt nicht, als er hereinkam; sie wachte erst auf, als er eine gute Zeit dagesessen hatte. – »Ich wußte doch, daß du hier seist«, sagte sie. Und nach und nach wurde sie graubleich im Gesicht. »Jetzt sollst du mir sagen, wie es ist, Anders! Hörst du nicht, Anders – – du bist so seltsam?« »Ja, er kommt nicht mehr heim. Das Boot ist gekentert.« »Ich wußte doch, daß es so war. Wußte es schon gestern. Wollte es nur nicht wissen.« Anders stand mit den Händen in den Taschen da. Er sah sie immer mehr und mehr erstaunt an. »Und der Lauris auch?« fragte sie, als eine Weile verstrichen war. »Nein, er wurde gerettet. Er ist jetzt daheim.« Sie saß still im Bett. – Entweder hat sie alles vergessen, dachte Anders, oder ich kenne mich überhaupt nicht mehr aus. Lange danach sagte sie zu sich selber: »Wir lebten doch länger miteinander – – als ich erwartet hatte.« Anders ging hinaus, und Ingri stand auf und zog sich an. Noch ehe es hell war, ging sie zu dem anderen Hof hinüber und zu Astri hinein. Beinahe wollte ihr schwindelig werden, als sie in der Kammertüre stand. »Ich habe dich erwartet«, sagte Astri. »Gott sei Dank, daß du kommst!« Sie waren allein, aber sie sagten nicht viel. – »Laß mich nur eine Weile hier sitzen«, bat Ingri. Als sie aufstand und wieder gehen wollte, sagte Astri: »Der Odin wird für dich nie verloren sein. Vielleicht auch nicht für die anderen, so bald.« Ingri lächelte nur. »Du hättest wohl kaum mit mir tauschen mögen, Ingri. Hättest nicht gewollt, daß er wiederkam, und – –« »Nein, nein, nein!« Ingri wehrte mit den Händen ab und tastete zur Türe zurück. »Ja, einer von ihnen mußte es sein, Ingri. Und jetzt weißt du, daß der Odin den Sieg gewann – – er ließ los.« Ingri rannen ein paar Tränen über die Wangen, aber sie stand ruhig da und merkte es nicht. »Es war wohl so«, versuchte Astri zu erklären, »war wohl so gemeint, daß in unserer Sippe wieder ein Sieger sein sollte. Es gab wohl viele früher, aber die – – zähle ich nicht mit. Ein Mann über allen anderen.« Jetzt war Ingri weit weg, das sah Astri. Und wenn einer dort war, konnte man wohl stark sein, sie hatte eine ganz leise Ahnung davon. Eine Weile später sagte sie vor sich hin: »Vielleicht sah das Leben in der letzten Stunde so für ihn aus, daß es nicht so kostbar war, es wegzuwerfen. Es ist doch armselig und trostlos, finde ich manchmal – so hat er es wohl auch gesehen. Daß wir nur lauter kleine Leute sind, rings um ihn? Daß er sein Teil geschafft hat, will ich lieber sagen. Denn du weißt: Von dir ging er nicht fort, wie auch alles sein mag.« Sie sah Ingri lange an, die dastand und ihr halb zulächelte, und blickte dann zum Fenster hinüber. »Ja, ja, ja, wahrlich. Es wird anders, gar vieles, von nun an. Umsonst ist es nicht, daß ich den Lauris wiederbekam – umsonst ist es nicht, daß der Odin losgelassen hat. Ich glaube, er wußte das.« Einen Augenblick sah sie, daß Ingri nahe daran war, zu ihr zu kommen, beim Bett niederzufallen und dazuliegen und zu weinen. Statt dessen aber sagte sie nur: »Ich muß jetzt heim. Ich mußte nur hierhersehen. Lebewohl!« »Möge Gott uns beistehen!« sagte Astri vor sich hin. »Aber gab es denn keinen anderen Ausweg? Wächst denn nie etwas Neues aus einem Geschlecht?« – – – Lauris und die Buben waren draußen und suchten. Das Boot fanden sie am Juwikstrand, es war dort an Land gezogen worden und ziemlich unbeschädigt. Zwei Männer von Juwika setzten ein Boot aus und kamen mit ihnen. Sie fuhren am ganzen Ufer entlang, aber hier war nichts mehr zu finden. Dann ruderten sie mit einem Dregganker in den Fjord hinaus. Es war vollkommen still, so blank, wie das Meer nur irgend sein kann, und eine Zeitlang spiegelten sich die Felswände ganz lebendig schwarz und grau im Wasser. – Sie suchten den ganzen Tag. Lauris sagte kaum ein Wort, außer dem, was gesagt werden mußte. Gegen Abend, als der Fjord fahl wurde und nur noch den Himmel widerspiegelte, der leuchtend bleich war, fanden sie ihn. Er lag auf dem felsigen Grund vor dem Schwarzfelsen. Auf einer Seite hatte er die Ruder verloren. – »Man sollte nicht glauben, daß das hier eine Leiche ist«, sagte Lauris, und das gleiche meinten die anderen. Es war dunkel, als sie mit der Leiche nach Vaagen kamen. Anders begegnete ihnen beim Hof. Er holte ein Licht aus dem Haus und zeigte ihnen den Weg zur Scheune. Dort hatte er aufgeräumt, das konnte man sehen. Ruhig beleuchtete er das Gesicht des Vaters. Dann drehte er sich zu Lauris um: Man müsse jetzt wohl zum Pfarrer und zum Lensmann schicken? Und zur ganzen Behörde? – »Das will ich übernehmen«, sagte Lauris. Er war der letzte, der von dem Toten wegging. Später am Abend stand Anders mit Ingri in der Scheune drüben, er war irgendwo abseits gewesen und hatte geweint, das konnte sie sehen, aber jetzt standen sie nebeneinander da und schwiegen, und es rührte sich kein Zug in ihren Gesichtern. Dann sagte Ingri, nun müßten sie wieder hineingehen. – Ja, sie müßten nun gehen, sagte er, ging jedoch nicht. Eine gute Weile stand er noch da; dann drehte er sich zur Mutter herum, ein erwachsener und nachdenklicher Mensch. »Ich begreife das nicht. Daß der Lauris gerettet werden sollte. Hat er denn das verdient ?« Ingri war kaum imstande, etwas zu sagen, sie mußte sich an die Wand lehnen. »Hat er denn das verdient, frage ich?« »Das fand er wohl, dein Vater.« »Ja, so. Ja, so, ist es so? Ich dachte mir's übrigens. Ja, dann – – ist nichts mehr darüber zu sagen.« Er wandte sich ab und ging. – »Das mußte – – schwer sein!« hörte sie ihn murmeln. Immer und immer wieder war er nahe daran, von ihr wegzugehen, konnte sich wohl kaum mehr lange halten, aber er blieb stehen und wartete auf sie und ging mit ihr ins Haus hinein. Kam dann mit ihr in den Stall hinüber und half ihr bei der Arbeit dort. Als sie aus dem Stall kamen, begegneten sie Lauris. Sie blieben alle drei stehen. – »Mich dünkte, ich müsse hierherschauen«, sagte er. »Ich wußte ja nicht, ob ich es sollte, aber –. Du siehst mich so an, Anders.« – »Ja, das tu ich.« – »Ach ja, das wundert mich nicht. Ihr wißt alles, das merke ich. So brauche ich nichts mehr darüber zu sagen. Vielleicht später einmal – –« Sie gingen ins Haus, und er folgte ihnen in die Küche, setzte sich auf die Holzkiste dort. – »Es mag wohl nicht lustig für euch sein, mich zu sehen«, sagte er. »Aber ich versprach dem Odin, euch zu grüßen. Das mußte ich also tun. Und mit dir, Ingri, hätte ich noch mehr zu reden. Vielleicht wird das die Astri übernehmen müssen. Ich tauge nicht zum Reden, wenn geredet werden muß . Wir haben gedacht, euch nach besten Kräften zu helfen, jetzt vor dem Leichenbegängnis, aber das war es nicht, was ich eigentlich sagen wollte. Nein«, – er sah auf die Uhr – »ich kann ebensogut gleich wieder heimgehen. Eines begreifst du vielleicht – daß es auch nicht so ganz leicht ist, an meiner Stelle zu sein. Könnte ich doch das ungeschehen machen, was ungeschehen sein sollte, und das ungesagt, was ungesagt hätte bleiben müssen. Nein, nein, gute Nacht also!« – Er griff nach seiner Mütze und ging zur Tür. Anders trat in die Stube. Da richtete Ingri sich von ihrer Arbeit auf und ging auf Lauris zu. Sie war bebend bleich und streckte ihm die Hand hin, ihre Finger lagen brennend über seiner Hand. »Ich danke dir, daß du hierherkamst!« sagte sie. In diesem Augenblick trat jemand in den Gang. Es war ihr Vater, der zu ihr kam, er hatte von dem Unglück gehört. 3 Die Nachricht wanderte von Haus zu Haus. Jeder Winkel lebte auf, erwachte, wurde gerührt und nahm teil, bis die Gemeinde ein neues Gesicht erhalten hatte. Zug für Zug zeigte sich und wechselte, vom Durchschauern über das unheimliche Geschehnis, durch Erleichterung und Ungewißheit und Trauer und vieles andere bis zu der erstaunten Feierlichkeit, die alle umfängt, alle in einem Gedanken. Nach und nach gewann der Gedanke neue und feste Form und löste sich in Worten aus. Das Leichenbegängnis. Das mußte groß werden. Dies war eine Angelegenheit der ganzen Gemeinde. Bauer oder Arbeiter, das war jetzt ganz gleich, und war es dies nicht im Grunde die ganze Zeit gewesen, solange Odin lebte? Als sie zu Ingri kamen, um darüber zu sprechen, arbeitete sie sich rasch aus ihrem Traum heraus und ihnen entgegen. Schnell ließ sie ihre Blicke über sie hingleiten, blieb dann stehen und biß sich auf die Lippe. – »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Muß erst hören, was der Anders dazu meint.« Sie ging von ihnen fort und suchte ihn. »Ja?« sagte er. »Ist das etwa zuviel?« »Nein, aber –. Es kommt mir so seltsam vor. Daß sie das wirklich wollen ? Nach all dem übrigen?« »Laß sie tun, was ihnen gefällt – – wozu sind sie sonst da? Sie meinen es ja gut.« Sie mußte lächeln, denn er war so herrlich haßerfüllt, wie er so dastand. Er hatte die Leute seit langer Zeit erkannt: sie konnten nicht anders sein. Vielleicht mochte er sie gerne, im Innersten, so wie Odin dies getan hatte? Astri war unerwartet rasch gesund geworden. Bleich war sie noch und taugte noch wenig, aber das merkte sie nicht, und ehe die anderen sich's versahen, war sie fort und ging zu Ingri hinüber. Sie gingen in die Scheune und sahen die Leiche an, und dann saß sie noch lange drin in der Stube. Das, worüber sie hätten sprechen sollen, ließen sie unberührt; sie redeten vom Leichenbegängnis. Astri schlug vor, es auf ihrem Hof zu feiern, denn dort war Raum genug, für die ganze Gemeinde, und die war diesmal wohl nicht zu umgehen. – »Wenn es dir nicht wehtut?« fügte sie hinzu. – »Ach nein«, sagte Ingri. »Dazu gehört mehr als das, jetzt.« – »Du mußt nicht meinen, daß ich die Leute zu uns ziehen will«, sagte Astri. »Herr, mein Gott, das liegt nun so weit hinter uns. Ein alter Traum nur. Aber du, Ingri, du verstehst mich: erst jetzt kommt seine Zeit. Wir haben uns ergeben, es soll wie ein kleines Zeichen dafür sein. Ja, ja, ich kann es nicht anders sagen, aber du verstehst mich, nicht wahr? – Ach ja, wenn ich nur erreiche, daß der Anders es auch versteht.« Ingri saß da, als höre sie nicht zu. Nur über die Wangen lief dann und wann ein leiser Hauch von Röte. Sie stand auf, ging einmal durch die Stube, trat wieder zu Astri hin, und auf einmal legte sie ihr die Hand aufs Haar. Sie leuchtete über das ganze Gesicht. Die Stimme klang bebend hell und ganz fern: » Jetzt ist der Lauris wohl ein anderer Mann, Astri?« Astri erbleichte. Sie vermochte kaum sitzenzubleiben. Einen Augenblick lang zuckte der Groll in ihr auf, aber sie gab ihm nicht nach, sie sank auf dem Stuhl zusammen und sah zu Ingri auf. »Er ist es«, sagte sie still. »Ein anderer Mann, ja. So wahr, wie ich ein anderer Mensch bin.« Und das sah man dem Lauris an, fanden die Leute. Er ging still umher, wie er immer getan hatte, aber er war anders, wenn er einen ansah, und anders, wenn er redete; er war ein anderer Mann. Und das war gut so, fanden die Leute, denn sie konnten nicht leugnen, daß er ein hinterlistiger und finsterer Bursche gewesen war. Astri konnte froh sein, daß ihre Buben so wenig vom Lauris hatten. Es mußte wohl so sein, wie Odin immer gesagt hatte, daß auch in Lauris etwas Gutes steckte. – »Ja, die Menschen werden zahm«, sagte der alte Iver Vennestad, als er die Leute darüber reden hörte. Den Rest murmelte er nur, er murmelte und murrte fast den ganzen Tag, seitdem er von dem Unglück gehört hatte. – »Wer weiß, wie lange es anhält«, konnten sie ihn manchmal sagen hören. »Zucht und Zähmung!« brummte er, er hatte als junger Mensch Pferde gezähmt. Astri kam vor dem Leichenbegängnis jeden Tag einen Sprung zu Ingri hinüber. Eines Abends, sie stand gerade da und war im Begriff heimzugehen, sagte sie: »Du hast von Lauris gesprochen. Jetzt haben wir bald das Leichenbegängnis. Da wird er aufstehen und erzählen – ich glaube, er wird alles erzählen, vom Anfang bis zum Ende. Bis dorthin, wo Odin ihm das Leben schenkte, ja.« »Nein, nein, nein, Astri!« rief Ingri. »Nein, das darf nicht geschehen, hörst du!« »Ja, sagst auch du das? Ich habe das gleiche gedacht, aber er fand, er müsse es tun?« »Der Odin hätte das nie geduldet – – und der Anders – er wird mitten dreinfahren, ich fühle das!« »Du hast recht, ja«, sagte Astri vor sich hin. – »Wir haben übrigens heute abend noch einen schwereren Gang vor uns.« Als Astri heimkam, ließ sie Lauris holen und bat ihn zu sich in die Kammer herein. Sie sah sofort, daß er wußte, was sie wollte. – Nun sei es wohl an der Zeit, daß sie sich auf den Weg machten? – meinte sie. – Ja, wolle sie denn mitkommen? – Sie fand, daß sie dies tun müsse, ja. Sie seien zu zweit in dieser Sache, er habe doch das Geld abgeholt? – Ja, er hatte es bereitliegen; mit Zinsen und allem, ja. Er habe auch gleichzeitig Engelberts Schuld bezahlt; dies sei also geschehen. Sie zogen sich an und fuhren fort. Sie nahmen den Wagen und saßen nebeneinander wie zwei alte Leute. Sie fuhren fast den ganzen Weg nach Engdalen im Schritt, durch die ganze Gemeinde. – »Ich glaube, sie wissen, was wir vorhaben, alle, denen wir begegnen«, sagte Astri. »Sie sehen so aus.« – »Ach ja. Und wenn sie es nicht wissen, so werden sie es zu wissen bekommen.« – »Wenn wir doch wenigstens nicht gerade dorthin müßten.« – »Wenn wir nur überhaupt nicht müßten, das ist es. Aber es geht, es geht! wie der Odin sagt, – wie er sagte, meine ich.« Ola Engdalen war Vorsitzender in der Leitung des Altersheims, so daß er es war, der das Geld in Empfang nehmen mußte. Er hatte sein Leben lang so merkwürdig von Lauris zu Astri hinübergesehen, ihr war gar manches Mal gewesen, als schüttle er den Kopf, und dies hatte sie gezwungen, über ihn hinwegzusehen. Da lächelte er in seinen dunklen Bart hinein. Aber im Grund steckte seine Frau dahinter, denn sie war eine Doktorstochter und hielt sich für besser als alle anderen in der Gemeinde; und gegen Astri war sie stets ein wenig zu freundlich gewesen, von oben her gleichsam, mit schmalen Augen, und doch war sie nicht größer gewesen, als daß alles, was zu ihr kam, in die ganze Gemeinde hinausdrang. Und die Gemeinde bereitete sich zur Feier vor. Es war ein großes Zeichen, daß sie Schnee bekamen. Eines Abends fiel er vom Himmel, so bebend fein und dicht, die ganze Luft war von weißer Herrlichkeit erfüllt, und am Tag darauf war die schönste Fahrbahn und unerwartet gutes Wetter. Aber Odin wurde doch nicht von Haaberg aus hinausgesungen. Es war die Gemeinde, die das Leichenbegängnis feierte, und sie mußte es im Haus der Jugendvereinigung abhalten. Dies war sozusagen sein Haus gewesen, und er selber war ja auch die reine Jugend gewesen, hatte sich nie zu etwas anderem gerechnet, dort gehörte er also hin. Aber die Älteren sollten es sein, die ihn zu Grabe trugen. Man kam zu Lauris und forderte ihn dazu auf. Er sagte nein. Astri nahm ihn sich unter vier Augen vor – ob er denn wirklich zu nichts mehr tauge? Im Grunde sei er doch ein Freund und nicht ein Feind gewesen. Lauris blinzelte trocken und müde. – »Ich tauge nicht dazu, Astri. Ich bin nicht der, der du geglaubt hast, nein.« – »Ich wundere mich nicht über dich«, sagte sie. Aber in der Tür wandte sie sich um und sah ihn an; dann ging sie fort, ohne noch ein Wort zu sagen. Lauris kam ihr nach und sagte schließlich, er müsse es wohl trotzdem tun. Am Tag vor dem Leichenbegängnis blieben die Leute auf dem Weg stehen und staunten. So gut war das Wetter. Es war ganz still, nicht eine Feder rührte sich, blinkendes Meer und sanftblauer Himmel und unberührter Neuschnee auf allen Bergen und Wäldern und ringsum auf dem ganzen Land; so tief hatte der Himmel noch nie darüber geblaut. Und ebenso spiegelte er sich in den Augen der Menschen, so tief und zugleich so hell, sie wußten es selber nicht. Anders war der einzige, der es sah. Er betrachtete sie alle, denen er begegnete, still und mit kleinen Augen. – Sie bereiten sich zum Feiertag vor, sagte er vor sich hin. Als aber die Leute am Tag des Leichenbegängnisses erwachten, waren Himmel und Erde ein einziges Schneetreiben. Weißestes und blindestes Gestöber empfing sie. Da lächelte Anders, von der Mutter zu Astri und zu den anderen, die noch da waren. – »Was sagst du dazu, Anders?« – Es war Astri, die fragte. – »Laßt es blasen, sage ich.« Sie stutzten zuerst, so, wie sie bei dem Wetter draußen gestutzt hatten; dann aber entspannten sich ihre Gesichter, und ein Lächeln leuchtete darüber hin, auch bei ihnen, denn sie fühlten es so, wie er es fühlte, daß es heute so sein mußte: Nur jene, die es dazu drängte, sollten kommen und Odin geleiten. Sie kamen und kamen, gefahren und gegangen, von Osten und von Westen, sie kämpften sich vorwärts und strömten herbei, so daß das Haus zu klein wurde. – »Ich wußte, daß sie kommen würden«, sagte Astri zu Ingri. Sie gingen Arm in Arm vor und setzten sich. Der Pfarrer sprach, und der Lensmann legte die ersten Kränze nieder, dann traten die anderen vor, Mann für Mann, und ein jeder wollte ein paar Worte sagen. Der Sarg wurde von den Kränzen ganz zugedeckt, und trotzdem gab es immer noch viele. – Nur gut, daß die Leute nicht noch dicker auftragen, dachte Anders. Sie sehen wahrlich so aus, als ob sie das meinten , was sie sagen. Die Kirchenglocke kämpfte einen hoffnungslosen Kampf gegen Wind und Schneetreiben. Manchmal war sie erstickt und nicht mehr zu hören, aber immer und immer drang sie wieder durch und sang über das lange weißgraue Gefolge hin, es klang, als öffneten sich ihr neue Pforten, es mußte heraus, alles, was sie bezeugte. Anders stand still und verschlossen da und starrte ins Grab hinab. Von Zeit zu Zeit lehnte sich die Mutter schwer auf seinen Arm. Astri brach in Tränen aus und mußte sich auf Ingri stützen, die ihr am nächsten stand, aber sie richtete sich bald wieder auf. Lauris stand ein Stück weiter hinten. Er trat fortwährend von einem Fuß auf den anderen, aber bis zum Grab vor kam er nicht. Einer der letzten war Iver Vennestad. Zerzaust und verwittert arbeitete er sich vor, nahm die Mütze ab, blieb stehen und versank in Gedanken, während der Schnee ihm auf Gesicht und Bart schmolz und in Tropfen herablief. Dann bewegte er die Lippen; er sagte etwas. Aber nur Anders stand so nahe, daß er es hören konnte. Mit alter, dünner Stimme sagte er: »Ruhe in Frieden!« Er war der letzte, der das Grab verließ. Im Fortgehen stieß er mit der Fußspitze einen Erdklumpen, der übriggeblieben war, zu dem zugeschaufelten Grab hin. Die anderen waren schon weit voraus. Das Wetter nahm sie mit sich, dünkte es Anders. Der Gemeinderat, die Fabrikarbeiter und alle Vereine, die es in der Gemeinde gab, hatten sich zusammengetan und feierten das Begräbnis im Haus der Jugendvereinigung; dort stand das Mittagessen schon bereit und wartete. Astri sagte zu Ingri: »Bist du stark genug, um mitzukommen, glaubst du?« – »Ich muß es wohl sein«, erwiderte diese. »Ich hab' nie etwas anderes gehört, als daß er stark genug war. Und dann habe ich ja – – alles vorausgewußt. Von Anfang an. Daß ich ihn verlieren würde, meine ich.« Das Haus war voll langer Eßtische und eßlustiger Menschen. Und die Leute redeten, und die Leute aßen, und das Wetter toste rings um das Gebäude. Anders ging von seinem Platz neben der Mutter oben weg und zwängte sich am unteren Tischende zwischen Per, seinem Bruder, und die Laurisbuben hinein. Er merkte, daß die Leute ihm nachsahen und daß dies der Mutter weh tat, aber er konnte es nicht anders aushalten.– »Ich wollte nicht dort wie ein Bräutigam sitzen«, sagte er; »es ist doch keine Hochzeit, oder? Oder vielleicht ist es doch eine, es sieht mir beinahe so aus. Fehlt nur noch, daß sie wieder Reden halten.« Nicht lange danach stand ein Mann auf und ergriff das Wort. Es war der Bürgermeister aus der Nachbargemeinde, ein großer und stattlicher alter Kerl. Es sei ihm nicht möglich gewesen, an der Bahre viele Worte zu sprechen, er wollte nur hier sagen, was ihm am Herzen läge. Allmählich brachte er eine schöne Rede zustande; nur wenige saßen mit trockenen Augen da. Anders wurde bleich, einen Augenblick lang, er stemmte den Messergriff hart auf die Tischplatte, wollte schon aufstehen und sich hinausschleichen. Da sieht Per ihm ins Gesicht und fragt: »Schmeckt dir das Essen nicht, Anders?« – Anders schaut groß und forschend alle rings am Tisch an, nimmt dann den Blick wieder an sich und sagt: »Es scheint, daß ihnen das Essen schmeckt, den Leuten«, – sein Mund ist schief, und auf der Stirne zuckt es. Eine Weile sitzt er still da und hört zu, und nach und nach hat er wieder die gleichen Züge; er murmelt, über seinen Teller gebeugt: Eine neue Zeit, sagt er? Soll jetzt wieder eine neue Zeit kommen? Eine neue Ansicht, sagt er, eine neue Welt – das ist nicht wenig. Neue Geschlechter ? Was ist das? Neue Geschlechter hat es wohl auch früher gegeben. Und dann das Lebenswerk des Vaters, ja, ich habe ja darauf gewartet. Was reden sie da für dummes Zeug – was wissen die darüber? Er sah wieder auf, über den ganzen Tisch hin. Die Leute bis auf den Letzten waren ergriffen, ehrliche Gesichter überall. So sind sie heute, dachte er. Aber er mußte bis zum obersten Tischende hinaufschauen, ehe seine Augen einen festen Halt fanden. Die Mutter versuchte wohl, ihm zuzulächeln, aber sie war nicht imstande dazu. Astri sah ihn an und hob die Brauen, öffnete ihm ihr Antlitz, so dünkte ihn, sie verstand ihn und hielt zu ihm. Lauris sah ihn nur an, aber es fehlte nicht viel, so wäre Anders aufgestanden und hätte ihm die Hand gegeben; er hätte ihn wohl am liebsten gebeten, trotz allem noch ein wenig zu essen. Da sah er, daß die Mutter es nicht mehr lange ertragen würde, hier zu sitzen. Er ging rasch zu ihr hin, half ihr das Haus zu verlassen und ging mit ihr heim. – »Nein, du mußt dich festhalten an mir, sonst nimmt dich der Wind mit«, sagte er.