Josef Ruederer Prinz Dschem Tragikomödie Personen: Rodrigo Borgia, jetzt Papst Alexander VI. Cäsar und Lucrezia, seine Kinder Vanozza, deren Mutter Giovanni Sforza, Herzog von Pesaro, Lucrezias erster Gatte Dschem, türkischer Prinz Marquis d'Estournelles, der Gesandte Frankreichs Graf Isetto, der Gesandte Neapels Kardinal Hipolyt, der Gesandte Ferraras Ben Ali Bey, der Gesandte des Sultans Ein jüdischer Arzt Päpstliche Kämmerer und Hellebardiere Diener des türkischen Gesandten Rom. Ausgang des fünfzehnten Jahrhunderts. Ein großer Saal im Vatikan mit durch Gewölbe gegliederter Decke. Die einzelnen Felder stellen in der reichen, mit Gold verzierten Malerei des Pinturicchio die Heimsuchung Mariae, das Martyrium des heiligen Sebastian, die Auferstehung Christi und die Flucht der heiligen Barbara dar. Rechts eine hohe Flügeltüre, an der linken Wand ein erhöhter goldener Thronsessel. In die linke Armlehne des Thronsessels ist, wie man es manchmal auf den Kanzeln italienischer Kirchen sieht, ein einfaches Holzkruzifix schief eingelassen, zu seinen Füßen steht eine goldene Schale mit weißen Rosen. Im Hintergrund führen mehrere Stufen auf eine Marmorestrade, die von zwei, in tiefe Nischen gegrabenen Bogenfenstern abgeschlossen wird. Dort in der Ecke links eine kleine Türe, in der Mitte ein sehr niederer Tisch, auf dem sich Speisen aller Art wie Pasteten, Geflügel, Schinken, Eier, Torten, große Früchte, in goldenen Schüsseln, sowie Wein in silberbeschlagenem Kristall befinden. Rechts in der Ecke der Estrade auf einem Schemel ein ausgestopfter großer Affe. Hinter dem Tische Prinz Dschem auf einem mächtigen rotseidenen Kissen, das nach rückwärts ein Ausstrecken des ganzen Körpers gestattet, mit überschlagenen Beinen. Er ißt und trinkt mit sichtlichem Behagen, ohne sich auch nur einen Augenblick um das zu kümmern, was um ihn vorgeht. Nach einer Pause erscheint von rechts Vanozza, von Lucrezia um die Hüfte gefaßt und an der Hand geführt. Die alte Frau trägt tiefe Trauer, einen langen Schleier, der zum Rücken herabfällt, sowie einen leichten Reisemantel; die junge ein hellbraunseidenes Gewand, das mit Goldbrokat durchwirkt ist. Lucrezia Ihr seid ermüdet von der Fahrt? Vanozza                                                   Ich bin's; Von Nepi braucht man volle sieben Stunden, Und dies im Sonnenbrand zurückgelegt, Will mir, die längst nicht mehr gerückt den Fuß, Die nur noch sieht die Mauern des Kastells, Durch Eures Vaters Gunst mir zugewiesen, Ein Stückchen Himmel und die Kirchenfenster, Gar schlecht bekommen. Lucrezia indem sie ihr den Mantel abnimmt:                                       Doch jetzt seid Ihr da Und bleibt bei mir, ja, Mutter, seht Euch um! Das ist der Saal, in dem Ihr selbst gewohnt, Die Bilder sind's, der Boden samt den Wänden, Und dort weilt er, von dem ich Euch geschrieben.     Sie hat nach rückwärts gewiesen. Vanozza Der Türkenprinz? Lucrezia                             Das Wunder Roms! Der Dschem! Vanozza Ein Muselman vollbringt im Vatikan An Seite Seiner Heiligkeit des Papsts, Was sonst nur Gott und Märtyrer vermögen? Lucrezia Nehmt dieses Wort nicht ganz im gläub'gen Sinn; Der Prinz zog aus von seiner Heimat Strand, Ein Flüchtling vor des Bruders Dolch und Gift, Des Sultans, der gebietet in Byzanz, Vor zwanzig Jahren und durchmaß die Welt, Wie jene Seele, die verdammt, zu wandern Von Ort zu Ort, bis sie Erlösung findet. Kaum gibt's ein Land, das er nicht schon betrat, Bestaunt, begafft, ein Unbegreifliches, Ein Märchen schier; dabei ein güt'ger Mann, Ein reicher Mann, oh, Mutter, er hat Steine, Brillanten und Smaragden und Saphire, So groß, schaut her, wie dieses Hühnerei, Das jetzt sein Mund voll übler Hast verschlingt. Vanozza Am selben Platz, ich weiß es noch, ließ einst Der Heil'ge Vater einen Gaukler tanzen; Der trug ein bunt' Gewand und schnitt Gesichter, Weil er bezahlt. Jetzt drängen sich schon Prinzen, Umsonst den Narrendienst zu tun, vor? Lucrezia Da rätst du falsch; auch diesen treibt die Not! Nur tut er's nicht um Geld, der Ärmste spielt Sich selbst was vor aus Kummer und Verzweiflung, Denn hört: Prinz Dschem ist ein gefangner Mann. Vanozza Gefangen, wie? Lucrezia                         Je nun, es winden Rosen, Von mir gepflückt, sich um die Ketten, Es grüßt ihn Rom, wie man den Vater grüßt, Den Papst, wenn das Sanctissimum er trägt, Es neigt verliebt sich jede Frau vor ihm, Und doch, das Ganze bleibt ein goldner Käfig, Ein Prachtgefängnis für den scheck'gen Vogel, Um den die Fürsten dieser Welt sich streiten Und jetzt aufs neue ihre Truppen senden. Vanozza Auf meiner Fahrt, da traf ich Söldner an; Die Hunderttausend zogen Kopf an Kopf Und Pferd an Pferd mit Lanzen und Geschossen Auf freiem Feld in gleicher Himmelsrichtung. Die wollten ihn? Lucrezia                   Nur ihn, des Sultans Bruder, Der als Gefangner eine Macht verkörpert, Den Islam bannt, das Heil'ge Grab uns sichert. Vanozza So klug Ihr sprecht als Eures Vaters Tochter, So weltgewandt, in Staatskunst wohlerfahren, Am stärksten scheint's wollt Ihr den Prinzen selbst! Lucrezia Und wenn ich's wollte, wär's mein gutes Recht, Drum sag' ich ja, ich hab's auf diesen Mann, Trotzdem Ferrara stündlich um mich wirbt, Und Hipolyt mich zur Entscheidung drängt. Vanozza Deshalb befahlt Ihr mich nach Rom? Nun denn, Da geh' ich lieber heimwärts ins Kastell, Das einsam liegt und in den Sümpfen modert. Lucrezia Nicht doch, Ihr steht mir bei als Frau und Mutter! Vanozza Ich altes Weib leb' einzig im Gebet, Was kann Euch, junge Fürstin, das wohl geben? Lucrezia Just im Gebete find' ich mich mit Euch; Jetzt habt wohl acht, ich zeige gleich, warum.     Zu Dschem: Mein Prinz, wie wär's ich sag' Euch langsam auf Ein Vaterunser und ein Credo? Vanozza                                           Was Ihr sprecht ihn an, er spricht mit Euch, Prinzeß? Lucrezia den Finger auf den Mund: Doch niemand ahnt's! Der Vater nicht, der Bruder; Im ganzen Vatikan, in Rom kein Mensch, Nur dieser Jud, sein Arzt, der weiß davon. Sie hat auf den Arzt gewiesen, der einige Worte vorher mit gesenktem Haupte durch die Geheimtüre eintrat, sich neben den Prinzen stellte und ihn jetzt mit bekümmerter Miene betrachtet. Vanozza Und solcher Heimlichkeit dient das Gebet? Lucrezia Am besten ja! Der Prinz, der liebt's wie den.     Sie hat auf den Affen gewiesen. Vanozza Den Affen da? Ihr lästert! Lucrezia                                           Hört doch selbst Nun, Dschem? Vanozza nach einer Pause:                         Mir scheint, er liebt es nicht. Lucrezia                                                               Geduld. Osmanenfürst, hört an; ein Handel droht, Ein neuer und gefährlicher dazu. Es geht um Euch, bald naht Don Cäsar sich, Bald kommen die Gesandten. Vanozza                                       Er bleibt stumm. Lucrezia Ich aber, seht, ich steh' an Eurer Seite Und fleh' für Euch, für den ich täglich flehe. Vanozza Noch einmal sagt, der Prinz liebt das Gebet? Er lacht darauf! Lucrezia                 Er schreckt davor zurück, Weil wohl er kennt die überird'sche Macht, Und doch, er wünscht's, wünscht nichts als dieses ein. Vanozza Prinzeß, Ihr spreizt Euch ganz umsonst vor ihm, Das kleinste Wort nicht hat er Lust zu geben. Lucrezia Doch einmal trifft's! Und dann – Vanozza                                                     Und dann? Lucrezia indem sie heftig abwinkt und zur Türe weist:   Pst, Mutter! Daß Ihr mich schont, kein Wort davon verratet! Sie hat Vanozza den Thron hinaufgeführt und setzt sich nun selbst auf die dem Prinzen zuneigenden Stufen, ohne ein Auge von ihm zu lassen. Es erscheinen von rechts: Cäsar Borgia mit Marquis d'Estournelles, Kardinal Hipolyt und Graf Isetto. Nachdem sich Cäsar, der ganz in Schwarz gekleidet ist und eine schwere goldene Kette trägt, vor Dschem tief verneigt hat, weist er die Gesandten, die mit dem Ausdruck unverhohlener Neugier ihm folgten, auf den Prinzen. Cäsar Wohlan ihr Herrn, hochwürd'ger Kardinal, Und Sohn des edlen Herzogs von Ferrara, Ihr, Graf Isetto, der nach Rom gesandt Vom übermächt'gen Königreich Neapel, Und endlich Ihr, mein Marquis d'Estournelles, Vertreter des Besiegers aller Sieger, Des allerchristlichsten Monarchen, der Sich nennen darf den König der Franzosen, Ihr steht vor Seiner Kaiserlichen Hoheit, Steht vor Prinz Dschem, das heißt vor jenem Manne, Um dessen Dasein sich Legenden bilden, Vor dessen Gold sich alle Welt verneigt, Und dessen Haupt – ich sag' durch Gottes Gnade – Vertrauensvoll sich unserm Schutz empfahl. d'Estournelles Wahrhaftig, dies Gesicht erkenn' ich wieder. Cäsar Ihr saht es schon? d'Estournelles                 Gewiß, erlauchter Herzog, Zu jener Zeit, da Dschem auf den Kastellen Als Gast der Johanniter hat gelebt. Hipolyt Sind zwanzig Jahre schon, da stülpt ein Mensch Wie allbekannt, Charakter um und Antlitz. d'Estournelles In einem Punkt nur scheint er mir verändert, Er schlingt wie toll, so daß man sagen kann, Was hier durch ihn ward ein geflügelt' Wort: Der Türk' haut ein als wie des Sultans Bruder. Cäsar Und wie des Sultans Sohn! Vergeßt es nicht, Sein großer Vater war der Mahomed, Der zu Byzanz das Christentum erobert', Und krumme Säbel niedersausen ließ Auf jeden, der sich hielt ans Kruzifix. Isetto lachend: Nun, da seid froh, der tut's nur mit den Zähnen; Die Pestilenz! Der Mensch frißt wie das Schwein. Cäsar Ihr habt, mein Graf, auch hier im Vatikan Die Ausdrucksweise Eures Volkes gewahrt. Isetto Ihr sagtet selbst, der Prinz versteht kein Wort. Hipolyt Er spräche einzig seine Muttersprache. d'Estournelles Und leicht Hebräisch mit dem Arzte. Cäsar                                                                         Nun, Wir sind nicht unter uns; auch meine Schwester –     Er hat nach links gewiesen. Hipolyt Was? Ihre Hoheit hier? Isetto                                         Und diese Dame?     Er hat auf Vanozza gedeutet. Cäsar hastig: Erst seht Lucrezia! d'Estournelles                               Zu seinen Füßen? Cäsar Des Sultans Bruder stellt die Mode dar In unserer Stadt für Stutzer und für Frauen; Geht Ihr zum Kapitol, zum Lateran, Dann trefft Ihr Hunderte von dem Gelichter, Das ihm zulieb in türk'sche Schals sich kleidet, Pantoffeln schleift und einen Turban trägt, Ja, wetten möcht' ich fast den eignen Kopf, Daß mancher Geck in dieses Affen Haut Sich nähen möcht', weil er Prinz Dschem gehört. Isetto Ein seltnes Tier fürwahr, wo kommt es her? Cäsar Ihn hat der Finder ungeahnter Welten, Columbus aus Westindien gebracht; Jetzt steht er da, das Hirn mit Gras gepolstert, Und gleicht – wem gleicht er doch? — Ei sagt: Er sieht just aus als wie der Diplomat, Der heute, dreifach aufgelegt, nach Rom Gekommen ist, um uns Prinz Dschem zu stehlen. d'Estournelles Ein scharfes Wort! Isetto auf Hipolyt weisend:               Es geht auf Euch. Hipolyt sehr ruhig und gemessen wie immer:                 Wie das? Cäsar Nun gut, ich nehm's zurück und sag', er gleicht – Erlaubt, ich geh' ins Kirchliche hinüber – Dem Prediger, der von uns Tugend fordert. Hipolyt Fürwahr, so man Euch reden hört, versteht man, Weshalb an unsrer sturmbewegten Zeit Auf stets verzweifelte Savonarola. Cäsar Ehrwürd'ger Kardinal, in Eurer Mission, Lucrezias Hand zu werben für Alphonso, Der einst als Fürst Ferrara wird beherrschen, Nahmt Ihr, es scheint, den Weg auch nach Florenz. Hipolyt Man kommt nicht wohl daran vorbei. Cäsar                                                             So wenig Wie man vorübergeht an den Gesetzen Der Logik. Hipolyt             Wie? Was wollt Ihr damit sagen? Cäsar Daß wir die Staatsräson nicht mitverbrannten, Da wir des öden Priors von San Marco Verdorrte Knochen in das Feuer warfen. Hipolyt Don Cäsar, hört, ich bin und bleib' ein Priester! Cäsar Das bin auch ich; seit meinem zehnten Jahr Trag' ich die Würde eines Kardinals Und legte doch den Grund zum Scheiterhaufen. Isetto Verzeiht mir, Herzog, das versteh' ich nicht. Cäsar Dann zieht vom Fischmarkt Eures schmier'gen Hafens Nach Rom, um dort Historie zu lernen. Isetto Jetzt aber merkt . . . d'Estournelles                   Ihr seht in uns Gesandte! Cäsar Und Ihr in mir, ich hoff's, des Papstes Sohn! Hipolyt Gewiß. Isetto                 Indes – – d'Estournelles                   Erlaubt doch, daß wir reden! Cäsar Soviel Ihr wollt, doch nimmer geb' ich zu, Daß Ihr des Vaters heilige Gebote Mit frevlem Mund erklärt für Narrenstreiche. Hipolyt Wer tut das? Cäsar                         Ihr! Doch wahrlich, 's ist vergebens. Längst trug der Wind in alle Weltenteile Die Asche jenes geifernden Zeloten, Und was Prinz Dschem betrifft . . . d'Estournelles fällt ein:                         So hört ein Wort Im Namen meines hohen Souveräns, Im Namen Frankreichs und der Menschlichkeit! Cäsar Was bittet, was erfleht er von dem Vater? d'Estournelles Nicht kommt mein Fürst, wie sonst die Fürsten taten, Des Papstes Roß, den Bügel gar zu halten, Nicht küßt er in Sankt Peter seinen Fuß, Er naht sich an der Spitze seines Heers. Cäsar leichthin: Ich weiß, fünf Meilen hält er vor der Stadt. d'Estournelles In diesem Augenblick sind's nur mehr drei. Cäsar wie oben: In einer Stunde nur noch zwei und dann? d'Estournelles Dann fordert er . . . Cäsar                                             Ei was? Mein Freund, sagt an! d'Estournelles Zunächst Ferraras und Neapels Abzug. Isetto Ha, das ist gut, was meint Ihr, Kardinal? d'Estournelles Vor allem aber . . . Cäsar lachend auf Dschem weisend: Dschem! So nehmt ihn Euch! Isetto Don Cäsar, brav! Ich geb's dem Herrn noch besser, Spiel' Trumpf auf Trumpf: Den Prinzen will Neapel. Hipolyt Und glaubt ihn desto sicherer zu wahren? Isetto Viel besser noch als Ihr, denn Euer Sinn Geht nur drauf aus, die hochwillkommne Geisel, Die Henne, die da goldne Eier legt, Als schwere Mitgift für des Papstes Tochter Gar möglichst bald zu schleppen nach Ferrara. Cäsar Respekt, mein Graf, vor Eurer Zungenkraft, Jedoch, für solch ein schwieriges Geschäft Hat Euch der Teufel und kein Gott gesandt. Isetto Derselbe Teufel wohl, den Euer Gott, der Papst Zu sehen glaubt, wenn er zu Bette geht? d'Estournelles lachend: Ist er auch grob, der edle Herr Isetto, Soviel ich merk': entbehrt er nicht des Witzes. Cäsar Ihr edlen Herrn, bringt eure Disputation, Die Teufel, Dschem, und was noch sonst behandelt, Dem Heil'gen Vater vor in eigener Person. Der wird in seiner Huld und Weisheit Entscheiden dann, wo hier das Wahre liegt. Wird euch den Prinzen geben oder nicht. Vielleicht die Schwester nach Ferrara senden, Vielleicht auch hier im Vatikan behalten, Er wird, wer auf der Welt könnt' es verwehren? Ihn nach Sankt Peter tragen lassen, Nach San Giovanni oder Santa Prisca, Um dort aus ihm 'nen Heiligen zu modeln Und wird euch gern . . . Er wendet sich zur Türe.                                       Doch seht, da kommt er selbst. Unter dem Vorantritt von zwei Kammerherren und vier Hellebardieren erscheint Alxeander VI. in weißseidenem Gewande, den rotsamtenen, pelzverbrämten Kragen um die Schultern gelegt, ein Häubchen aus gleichem Stoffe auf dem Haupte. Er tritt in die Mitte des Saales, die Gesandten verziehen sich nach links, Cäsar nach rechts, das Gefolge nach dem Hintergrund, um dann geräuschlos zu verschwinden. Alles hat sich auf die Knie niedergelassen, auch Vanozza und Lucrezia. Dschem bleibt wie zuerst auf seinem Platze und legt die Arme einige Augenblicke quer über die Brust, indem er das Haupt leicht senkt, dann nimmt er sofort wieder die Gabel und ißt weiter. Hipolyt noch auf den Knien: Ferrara neigt sich Eurer Heiligkeit. Isetto ebenso: Nicht minder tut's der König von Neapel. d'Estournelles der im Gegensatz zu den andern sich nur auf ein Knie, und das auch nur widerstrebend, gesenkt hat: Auch Frankreich will den schuld'gen Gruß nicht lassen, Indes verlangt es, daß – Alexander winkt ernst ab:       Gemach, erst schaut Mit mir auf dieses wunderseltne Bild Und fragt Euch selbst, ob nicht des Jammers Kraft Weit über Haß und Krieg und Weltenschacher Ein friedlich Beispiel zur Versöhnung gibt.     Er hat mit beiden Händen auf Dschem gewiesen. d'Estournelles indem er sich mit den andern Gesandten wieder aufrichtet: Des Jammers Kraft? Alexander nickt:             Mit wohlerwogner Absicht Befahl ich Euch an diesen Ort, denn da Vergeht in blödem Fraße wie das Tier Vor Euerm Aug' des mächt'gen Sultans Sohn. d'Estournelles Das Mitleid, Herr, ist eine schöne Tugend . . . Hipolyt Jedoch . . . Isetto                     Was soll's mit der Gefühlsvergeudung? Der Prinz, der glaubt doch nicht, ist Muselman. Alexander Ihr redet, Graf, als wie der Maultiertreiber, Der zwecklos seine Bestie verprügelt, Und auf die Frage zur Entschuld'gung sagt: Das ist kein Christ, der hat ja keine Seele. Ich aber, merkt, umfaß' mit meinem Herzen Nicht nur, was Mensch sich nennt: Die Kreatur. d'Estournelles Wir wissen dieses Mitgefühl zu schätzen. Isetto Verdoppelt wohl bei Eurer Heiligkeit. Alexander Ungläubig, sagt: Wer überhaupt glaubt wahr? Hipolyt So redet der, der Gott vertritt auf Erden? Alexander So spricht ein Mensch, der siebzig Jahre zählt Und täglich sich bekreuzt vor dem Gewissen. d'Estournelles mit unzweideutigem Hohn: Rodrigo Borgia ist es, der so spricht! Alexander Graf, wollt Ihr bissig sein, dann meldet heim, Des Türken Gold, das Euer Herr erstrebt, Die fünfzigtausend jährlichen Dukaten, Die Steine, Perlen und die Kronjuwelen, Die uns der Sultan für den Bruder zahlt, Erhält er nie. Isetto lachend zu d'Estournelles:                       Das sitzt! d'Estournelles                       Es wär' mir leid, Wollt Frankreichs Absicht Ihr so nieder schätzen. Alexander lachend: Vortrefflich, Ihr verlangt noch mehr? Isetto                                                         Ha, ha! d'Estournelles Mein hoher Herr kämpft für die Christenheit; Der Halbmond auf der Hagia Sofia Verschafft ihm Pein und treibt ihn nachts vom Lager. Drum schrieb den Heiland er auf sein Panier Und trägt ihn vor, wie einst ihn Peter trug, Begeistert vor den Scharen seiner Ritter: Gott will es, Gott! So ist sein Spruch, und Dschem Verlangt er lediglich als Geisel. Isetto In diesem Sinne eint er sich mit uns. Hipolyt                                                         Und auch mit mir. Isetto Ei, Hipolyt, Ferraras ew'ger Werber, Was wollt Ihr denn? Ihr habt ja keine Macht, Kaum hundert Mann sind's, die mit Euch gekommen, Und was für welche? 's ist zum Schweißaustreiben: Bediente, Sattelknechte und Friseure, Doch keine Truppen. Hipolyt                             Die, mein werter Graf, Ersetzt ein ganz besondrer Trumpf. Isetto                                                       Der ist? Hipolyt Ich schweige und ich warte. Alexander                                         Immerzu! Das ist das Beste, was Ihr tun könnt. Gleichmäßig ziert Geduld die Menschenkinder. d'Estournelles Ganz wie's dem Kardinal beliebt. Ich aber wiederhol', was ich gefordert. Was sagt Ihr drauf? Alexander hat sich im Saale umgesehen und weist jetzt auf Lucrezia. Diese streut, ohne sich um die Anwesenden zu kümmern, aus der goldenen Schale die weißen Rosen auf die Treppe vor dem Prinzen, der bis jetzt gemächlich weiteraß, während der nun folgenden Szene sich aber auf das Kissen zurücklegt und langsam einzuschlafen scheint:                                   Was ich Euch sage? Schaut! Schaut auf Lucrezia! Ist sie nicht reich In ihrer Jugend Glanz und höchster Fülle, Geschaffen, zu beglücken und zu geben? d'Estournelles Sonst wißt Ihr nichts? Isetto                                                   Ihr wollt uns gar verhöhnen? Alexander Fern liegt mir Spott, wenn ich der Schönheit huld'ge. Cäsar Auf, auf, ihr Herrn, ergeht euch in Terzinen, Stimmt Herz und Sinne fröhlich zum Sonett, Singt doch der Papst in eigener Person Der Tochter Lob, als wie Petrarca sang, Wenn die Geliebte er begrüßte. Alexander                                         Sei's! Madonnenhaft steht in dem Bild vereint, Wozu als Vater und als Mann der Kraft, Der ungebrochnen, heiteren Gemütes Ich täglich richte mein Gebet als wie Zu Gott ich bete, daß er mich erleuchte. d'Estournelles Dies Eure Antwort, Papst, auf meine Frage? Alexander Ihr hörtet sie. Isetto                               Als Euer letztes Wort? Hipolyt Unmöglich, Heil'ger Vater. Alexander                                       Doch d'Estournelles                                           Nun dann, Dies Rom und ganz Italien ist reif, Fast überreif zum Untergang, drum hört: Nur eine Stunde noch, und Eure Stadt Soll eine Schlacht in ihren Mauern seh'n, Wie seit den Goten sie nicht ward erlebt. Isetto Bedenkt! Hipolyt               Ihr steht entblößt von jeder Hilfe. d'Estournelles Seid Papst gewesen, wenn Ihr Nein verkündet! Cäsar Uns solch ein Wort! Jetzt Vater, sprecht! Während dieser letzten Szene hat sich der Arzt, nachdem er sich vom Schlummer Dschems überzeugt hat, durch die Geheimtüre entfernt. Giovanni Sforza dagegen hat sich unbemerkt in zerlumpter Kleidung von rechts in den Saal geschlichen und im Hintergrund gehalten. Jetzt platzt er mit gellendem Gelächter los:                                                                     Ha, ha! Vanozza Allmächt'ger Gott! d'Estournelles                       Wer ist der Mensch? Isetto                                                                       Der Bettler? Sforza Ein Bettler? Ja, so sticht's wohl in die Augen. Jedoch vernehmt, ich bin Giovanni Sforza, Der thronentsetzte Herzog Pesaros, Der erste fluchbeladene Gemahl Von dieser da. Er hat auf Lucrezia gewiesen. Hipolyt                   Herr steh' uns gnädig bei! Sforza Und der Vanozza regelrechter Schwieger. Isetto Das ist die vielgenannte Frau? d'Estournelles                                     Die Mutter? Don Cäsars und Lucrezias? Hipolyt                                       Sie? Alexander Sind keine Wachen mehr im Vatikan, Die uns vor solch verwegnem Einbruch schützen? Cäsar Nein, er soll reden frei und ungestört; Kein Licht der Welt, das wir zu scheuen hätten. Sforza Dann will ich Tausende von Opferkerzen Entzünden vor der Krypta von Sankt Peter Bis hier herauf, damit ihr Glanz bestrahle Die grauenvollsten Taten des Jahrtausends. Cäsar Ihr nehmt den Mund gar voll. Sforza                                             Ja, Bluthund, du! Wer hat geschändet Gottes Thron auf Erden Mit seinem Namen, der zum Himmel schreit, Mit seinem Gold, das er der Not erpreßt, Mit seinem Wort, das eitel Lüge heißt? Dein Vater tat's, und wer, so frag' ich weiter, Ließ abgeschlachtet wie das Vieh, den Bruder Don Gandia, des Papstes Lieblingssohn, Zu nächt'ger Stunde in den Tiber schleudern? Vanozza immer noch an dem Thron, verhüllt ihr Haupt: Giovanni, nicht! Sforza                       Wer hat den zweiten Gatten, Den Herzog von Biseglia mit eigner Hand Im Ehebett erdrosselt, und wer hat Giovanni, mir, dem unbesiegten Manne, Vor dessen Kraft der Malatesta floh, Und jedes Eisen brach im Griff entzwei, Den schlimmsten Schimpf auf Haupt und Haus geschleudert, Daß kein Gebet ihn wieder heben kann? Du warst es, du und sie, die Engelgleiche, Er hat auf Lucrezia gewiesen. In deren Haut sich nicht ein Fältchen zeichnet, Wenn rings herum die Scheiterhaufen lodern, Und dicke Ströme des vergoßnen Blutes Herniederstürzen auf ihr seidnes Kleid, Sie, die noch täglich meinen Schlaf umgaukelt, Trotzdem ich täglich sie zur Hölle fluche. Dies Weib, das, hört es wohl, die Dirne ist Des eignen Vaters wie des eignen Bruders. Isetto Daß Euch die Zunge nicht verfaule! d'Estournelles                                             Wie? Hipolyt Was lästert Ihr? Sforza                             Ihr wißt's genausogut Wie jeder Mensch und ich. Cäsar                                         Seid Ihr am End? Dann laßt von mir Euch einen Rat erteilen. Vor Eurer Kraft, so meint Ihr, brach das Eisen Zu Nichts entzwei, als wie der Malatesta? Belegt, beweist uns das vor allem Volk, Holt nach, was in der Brautnacht Ihr versäumt, Mit einer Jungfrau, die's nach Euch gelüstet; Und ich, mein hoher Vater samt der Schwester Sind gern bereit, voll Buße zu bereuen, Vorausgesetzt, Ihr leistet, was wir wünschen. Sforza Fluchwürd'ger Hohn! Cäsar                                       Bei Ihr, der Unbefleckten, Beschwör' ich's, wie's Lucrezia beschwört. Da, diese Herren sollen Zeugen sein! Isetto finster: Sucht andere! Hipolyt                                 Gewiß, wir sind nicht hier, Um Eideshelfer abzugeben. d'Estournelles                           Nein. Deshalb zum letztenmal an ihn, den Papst: Gebt Ihr ihn her, den Prinzen, oder nicht? Sforza Er tut's, jedoch zuvor muß Dschem das Gift Der Borgia nehmen, jene grause Mischung, Die schmeckt am ersten Tag wie süßer Schaum, Gemengt mit köstlichem Falernerwein, Um dann am dritten unter Höllenqualen Die Brust, die Därme jählings zu zerreißen. d'Estournelles Die Antwort uns! Isetto                                           Die gültige! Cäsar indem er auf Alexander weist:                   Vernehmt! Alexander ringt nach Worten, während er langsam die Stufen zum Thron hinaufsteigt: Ihr meint, jetzt sei der rechte Augenblick, Von uns zu fordern, weil's den Anschein hat, Als stünden klein, erniedrigt wir vor Euch, Als ob der Biß getroffen hätte tödlich, Mit dem die Natter unser Sein bedroht? Nein, Herr Gesandter, Euer König komme, Er reite durch das ganze Rom zu mir, Die Brücke her bis zu der Engelsburg; Ich will dort oben auf der Zinne stehen Und ihm entgegenschleudern als sein Gott: Den Kreuzzug predigst du, jedoch in Wahrheit Kommst du, zu morden und zu stehlen. d'Estournelles                                             Was? Alexander weist auf das Kruzifix beim Throne: Hier, den Gekreuzigten trug Urban vor, Und mit ihm zog zum Heil'gen Grab der Glaube. Das war der Papst, den Gottes Hand erkor, Und seinem Wort entsproß die junge Saat, Das war der Papst, er gab die neuen Schwingen Dem Adler des Apostels übers Meer; Das ist der Papst, er heiße wie er wolle, Der neu befiehlt, wenn's ihm gemessen scheint, Und einzig sagt, wann Ihr zum Grabe pilgert. d'Estournelles Den Kreuzzug? Ihr? Isetto                                               Das stünd' Euch wahrlich gut. Hipolyt Dies, Heil'ger Vater, nicht! Sforza                                               Er predigt ihn, Zuvor jedoch, ich künd' es noch einmal, Ermordet und verschachert er den Türken. Cäsar Wenn's daraufging', das könnt' er heute noch! Ihr fragt? Ihr staunt? Nun denn, ich bin bereit, Euch den Beweis mit voller Kraft zu geben. Alexander Mein Sohn, du willst? Cäsar                                             Mich ekelt dies Gezeter, Drum überzeugt Euch selbst. Er hat hinausgewunken. Vier türkische Diener tragen in gemessenem Schritt einen Sarg mit einem Glasdeckel herein, den sie der Länge nach vor die Stufen der Estrade stellen. d'Estournelles                             Ein Sarg? Isetto                                                             Für wen? Cäsar Für Dschem! Sforza                       Was sagt' ich Euch! Isetto                                                         Ein Mord? Lucrezia die bis jetzt um alles Rosen gestreut und dem Prinzen zugelächelt hat, fährt leicht in die Höhe:                                                                                 Wer spricht? Cäsar Schön Schwesterchen, hab' keine Angst um ihn, Es ist ein Spiel, sonst nichts. d'Estournelles                               Komödie! Cäsar Sehr gut, Marquis, doch gebt mir freundlichst zu, Auf dem Theater wie im Leben gibt's Ein Hin und Her, ein stetes Auf und Nieder. Drum horcht auch hier recht sorgsam auf die Fabel: Legt da der Papst den Prinzen Dschem hinein Und sendet ihn, von Kopf zu Fuß verpackt, Mit Spezereien vollgepfropft dem Bruder, In Glas und Seide sorgsam eingebettet, Dann mag Neapel, Frankreich und Ferrara Auf allen vieren nach Sankt Peter kriechen, Der Bajazid, der Sultan geht mit uns! d'Estournelles Mit Euch? Hipolyt                             Ihr scherzt! Isetto                                                   Ein Bündnis mit dem Türken? Cäsar Zum Schluß und Trutz geschlossen gegen jene, Die um ein Büchschen Salz ihr Vaterland Italien dem Fremden schnöd' verkaufen. Hipolyt Das uns? Cäsar                   Das Euch, denn Ihr kämpft gegen Rom! Isetto Ihr nennt Italien Euch und handelt mit Byzanz? Cäsar Ein Spiel, ihr Herrn, wie könnt's auch anders sein? Der Prinz bleibt unser hochgeschätzter Gast, Er ißt, er schläft, er trinkt, ganz nach Belieben, Doch noch einmal: Ein Wink von uns, und morgen Verankern sich in Ostia die Galeeren, Vom Halbmond nach Italien gesendet. Isetto zum Papst: Und was sagt Ihr? Alexander                     Ich weiß von nichts. Cäsar                                                       Von nichts? Zu alledem dreihunderttausend Pfund In barem Gold ist man bereit zu geben, Schafft Ihr den läst'gen Bruder aus der Welt. Das nennt Ihr nichts? Ihr seid sehr unbescheiden! d'Estournelles Oh, Höllenschmach, wie nie sie ward erlebt! Hipolyt zu Alexander: Der Sultan wagt's? Er bietet Euch das Geld Wie dem Banditen, der da lauern soll? d'Estournelles Rechtfertigt Euch! Hipolyt                                         Sagt nein! Isetto                                                             Und widerruft! Alexander Glaubt was ihr wollt, ich schließ' die Audienz. Isetto So schreit denn Mord! Hipolyt mit erhobenem Zeigefinger: Auch ich erheb' die Stimme! d'Estournelles Genug! Von dieses Alexanders Macht Wird morgen, wenn er Frankreich widerstrebt, Kein Marmorstein mehr auf dem andern stehn. Er eilt mit gezücktem Degen hinaus, Isetto und Hipolyt folgen erregt. Cäsar wendet sich laut lachend zu Sforza: Mein lieber Vetter, hocherlauchter Herzog, Euch dank' ich einzig, daß die Krämerseelen, Die widerwärt'gen, endlich Reißaus nahmen, Daß sie das eigne Bild verzerrt im Spiegel Des andern mit Entrüstung wiederfanden, Und nun, so wünsch' ich, alle drei vereint, Sich fressen wie die Schlange das Kaninchen. Drum kommt zu mir, ich nenn' Euch einen Mann, Und obendrein Verbündeten und Bruder. Sforza Ihr seid ein fürchterlicher Mensch. Cäsar                                                         Warum?     Auf Lucrezia weisend: Fragt diese da, die sagt's Euch auf den Kopf, Don Cäsar kann auch zärtlich sein und lieben; Gelt du? Steh' nicht so steinern an dem Sarg, Tanz' oder sing', mach', was du willst, lieb Schwester, Nur keine tragische Grimasse. Lucrezia                                         Geh! Vanozza Ja, geht. Ihr beide geht, du und der Papst. Alexander Giovanni, Herzog, sprecht, warum das mir? Sforza Ihr traft mich stets mit unfehlbarem Hieb, Jetzt wollt' auch ich beizeiten sichergehn. Er strebt zur Türe. Cäsar indem er ihm entgegentritt: Laßt Euch, bevor Ihr scheidet, noch erzählen Ein fein' Histörchen, wie man's selten hört, Im Stile des Boccaccio. Alexander                             Wie, du willst? Vanozza In diesem Augenblick? Cäsar                                           Vielleicht gefällt's auch Euch, Vielleicht Lucrezia und auch der Mutter, Denn die Geschichte münzt sich nicht auf ihn, Auf ihn allein, sie ist nicht eng begrenzt, Sie hat vom Weltgeist was, drum hört mich an! Es war ein junger unerzogner Bursch, Ein frisch ernannter Kardinal des Papstes, Der hatt's auf eins der süßesten Geschöpfe Der ganzen Stadt, ein Wesen zart und jung, Mit goldnem Haar und wundervollem Aug', So schön, na, seht Euch meine Schwester an, Dann habt Ihr gleich das volle Ebenbild, Und stellt Euch weiter vor, dies Kind vermählt, Vermählt mit Gott, dem Herrn, wie eine Nonne, So treu, so dienend und so fromm. Was tun? Der junge Bursch, der Kardinal, er trug Zu jener Zeit noch was in seiner Brust, Was man so glatthin dumme Ehrfurcht nennt, Vor einer Schwester und dem Kind zugleich. Drum nahm er seine Zuflucht zu 'nem Freunde, Der ihm so nah als wie der eigne Bruder, Ja, Bruder, fassen wir das Wort beim Kopf; Den weiht' er ein und bat um Beistand ihn, Denn, Ihr versteht, er wollte sichergehn. Sforza Was soll das im Vergleich auf mich? Alexander sehr unruhig:                                 Don Cäsar! Vanozza Entsetzlich' Bild, was werden wir vernehmen? Cäsar Geduld, jetzt fängt erst die Geschichte an. Denn, stellt Euch vor, der Bruder, nein, der Freund Nahm an, doch während um das Weib er warb, Vergafft' er sich in dieses Himmelswesen So stark, so rettungslos und blind, Daß er den Freund aufs niedrigste verriet. Was soll ich sagen, das er alles tat und log? Er stellt' ihn dar als schrecklich Ungeheuer, Als einen Fant, der jeden Meineid schwört, Als aller Menschheit Auswurf und Betrüger. Der Kardinal jedoch, verfemt, geschmäht, Geächtet, wie er war, griff zu dem Schwert, Und als in einer schwülen Sommernacht Die beiden er so fand, wie er's geträumt, So wild verschlungen wie ein Pantherpaar, Erschlug er ihn, wie Kain den Abel schlug, Denn, Ihr versteht . . . Sforza fällt hastig ein:         Ihr wolltet sichergehn. Alexander Mein Sohn! Vanozza mit zitternden Händen:                                 Da ist's, da habt Ihr's!     Gegen Lucrezia:                                       Was sagt die? Cäsar mit gellendem Gelächter. Die? Ha, ha, ha, erst geht's um mich! Alexander                                                 Hör' auf! Cäsar Blut ward geleckt, jetzt wurd' es mir zum Trank, Zum täglichen, und in der Gier, dies Weib, Dies sinnlos angebetete zu küssen Und mein zu nennen, stier vor Eifersucht, Zerbrach ich jeden, der ihr nahe kam, Kaum daß vom Rand der Lippen er genippt, Zerbrech' ich jeden, der ihr nahe kommt. Sforza Dann gebt auch mir den Rest; ich kann nicht leben, So niederträchtig es erscheint, so klein, Bin ich von diesem Weibe fern. Cäsar indem er sich erst gegen den schlafenden Dschem wendet:                                                   Um Euch ist's nicht, Ich denk' an einen andern, denk' an ihn, Der jetzt vor uns in sel'gen Schlaf versunken, Auch denk' ich an die sonderbare Mischung, Die Ihr so gut, so kenntnisreich geschildert, Doch nicht zuletzt denk' ich an Euch, mein Vater, Und frag': Wo ist's, das vielgerühmte Gift? Wann endlich hat es die erhoffte Wirkung? Alexander ringt die Worte schwer heraus: Mensch, Sohn, was rollst du auf in mir? Vanozza                                                         Bist Kain! Alexander Don Gandia, dein Bruder, dieser Mord! Und dann, welch' Wahnsinn, dieses Spiel, der Sarg? Ich bin nicht schuld, will nicht den Tod des Prinzen. Cäsar Wollt wie der Heiland nicht den Tod des Sünders, Wollt, daß er lebe, sich als Christ bekehre, Und doch, er geht nicht aus dem Sinn, der Spruch: Um dann am dritten unter Höllenqualen Die Brust und Därme jählings zu zerreißen. Alexander Noch einmal, ich hab' nichts gemein mit dir, Und was du tust, es fällt auf deine Rechnung. Cäsar Das trüg' ich noch, denn wahrlich, dort steht viel! Indes, Ihr spracht doch mit Ben Ali Bey, Dem türkischen Gesandten einen Tag, Berietet schwer und jetzt – ein altes Weib, Steht Ihr vor Eurem Sohne wie Vanozza. Alexander Dies mir! Cäsar                         Ja, dir und der, Lucrezia, Die nur noch schielt nach diesem Prinzen. Alexander                                                         Geh! Cäsar Geht Ihr herab von Gottes Thron, ich bleib' Und weiß nach meinem eigenen Gesetz An Eure Statt mich heute noch zu stellen. Alexander Du willst? Cäsar                           Mir ist's um Macht, nicht um den Prunk. Nur wer zu handeln weiß, das merkt, bleibt oben. Alexander Nun denn: Bis die Gesandten wiederkehren, In einer Stunde steh' ich Red' und Antwort.     Er tritt langsam vom Thron herunter und geht zu Lucrezia. Leb' wohl, mein Kind. Lucrezia schmiegt sich an ihn: Mein Vater! Alexander                                                     Keine Furcht! Cäsar Macht's mit dem Abschied nicht zu lang, und dann Reicht, eh' Ihr geht, auch diesem Sünder da Noch einmal Eure Rechte, reicht sie ihm! Alexander zu Sforza: Ihr habt uns weh getan, es sei verziehn.     Er macht das Zeichen des Segens über Sforza und geht ab. Lucrezia Auch ich vergeb' Euch, wie es Christenpflicht. Sforza Was soll das sein? Vanozza                             Mir ist's, als läute eine Glocke. Cäsar Die ruft mich ab, kommt, Freund und Schwager, mit. Sforza Wozu? Cäsar               Der Vatikan ist weit gedehnt, Ein Riesenbau voll brütender Verstecke; Steigt Nebel hoch vom Tiber, kann es sein, Daß auf so manchem Flur das andre Ende In Dunst vergeht, gleich einem Spiegelbild, Auch huschen Ratten, Mäuse auf und nieder Im Dämmerschein, man weiß nicht, wo man tritt, Drum reich' ich Euch den Arm, Ihr zieht mit mir Erhobnen Haupts; ich sag', Ihr sollt nicht fallen, Ihr sollt so sicher wie Don Cäsar gehn. Sforza Laß los! Cäsar                 Voran, sie warten schon auf dich.     Er zerrt den Widerstrebenden hastig zur Türe hinaus. Vanozza ihnen nachschauend: Der muß mit ihm geraden Wegs zum Tod Und nicht einmal die Hostie darf er nehmen. Lucrezia hat sich hastig Dschem genähert: Prinz, sie sind fort, jetzt laßt uns wirklich reden. Dschem streckt sich: Ach, uff, ich schlief gar fest und weiß von nichts. Wie meintet Ihr, Prinzeß? Lucrezia mit zärtlichem Ausdruck: Wir wollen schwärmen. Dschem Geht's nicht um das Gebet, dann ist mir's recht. Lucrezia Gebannt die Not; so braucht's nicht des Gebetes. Doch sagt, was zittert Ihr davor? Dschem                                               Ich zittern? Lucrezia Ihr tut's! Dschem                 Ich wüßte wahrlich nicht, warum! Wollt Ihr mit Eurer Andacht mir zu Leib, Dann müßt Ihr's besser machen als bisher, Denn glaubt und hört: So stark Ihr Euch bemüht, Noch zog's mich nicht in Eure Himmelssphären. Lucrezia nachdem sie sich vorsichtig umgesehen: Mein Freund, habt acht und gebt Euch nicht zu laut, Nur flüsternd naht Euch meinem Ohr und sagt: Ihr also schlieft, schlieft wirklich ein? Dschem                                                       Ganz köstlich. Und sah im Traum, denkt Euch, ein närrisch Bild, Den Affen da, der sprang von Tisch zu Tisch, Von Bank zu Bank, treppauf, treppab, Und hielt dabei was in den Armen, ja, Ein Frauenbild, ein köstlich' Weib, kurz Euch, Der riß er aus so langsam alle Haare. Lucrezia O pfui! Dschem               Bedenkt, dies wunderschöne Haar, Das Ihr zu färben wißt wie keine Frau Italiens mit seltenen Essenzen. Lucrezia Zu färben, wie? Mein Haar ist echt. Dschem                                                           Ihr sagt? Lucrezia Jedweder Faden aus dem reinsten Gold. Da, seht doch selbst, ergötzt Euch, Prinz, daran So oft Ihr wünscht, nur fleh' ich eine Gunst: Wenn Ihr vermögt, dann laßt vor meinem Aug' Das Ungetüm, den Affen, aus dem Spiele. Dschem Er ist ja tot. Und doch, wer weiß es wohl, Es lebt mehr Geist vielleicht in diesem Schädel Als mancher hat, der hier den Großen spielt. Lucrezia Ich hasse dies Gespenst und fürchte fast, Es springt mir katzenartig an den Leib. Dschem Schon möglich, daß der Teufel in ihm schlummert, Von dem der Laffe, der Gesandte, sprach. Lucrezia Hört auf! Dschem                   Warum? Das war' doch wunderhübsch! Und obendrein so neu, so lächerlich, Wenn dieses kluge Tier, mein bester Freund, Auf mein Geheiß das Christentum verschlänge, Den Papst, Don Cäsar samt den Kardinälen. Lucrezia Sagt noch ein Wort, ich halt' die Ohren zu. Noch besser gleich, ich geh'. Dschem                                         Ein Spiel, ein Scherz, Komödienspuk, wie dieser Sarg. Lucrezia                                             Ihr wißt? Ich dacht', Ihr schlieft? Dschem                               So halb und halb. Lucrezia Dann außer Sorg', Lucrezia wacht, Und duldet nimmer, daß Euch Leids geschieht. Dschem Ihr seid sehr gütig. Lucrezia                               Nochmals, fürchtet nichts. Dschem Wen sollt' ich fürchten? Euern Bruder? Nein. Gewiß, er ist ein Redner vor dem Herrn, Und noch etwas: Er hat die rechten Augen, Die Nachdruck geben, hat die Handbewegung Des Imperators, der zu winken weiß. Doch sonst, sein Gift, sein Dolch, die Folterkammer, Und was er nebenbei noch führt im Wappen, Vermag nur dem die Stirne zu befeuchten, Der täglich für sein ew'ges Seelenheil Vor der Madonna, den Aposteln winselt. Lucrezia Ihr seht es so? Habt Dank! Gibt ihm die Hand. Dschem indem er die Hand streichelt: Wie schön Ihr seid, Wie weich faßt Eure weiße Haut sich an, Wie schlank der Arm, die goldbereiften Finger, Wie hebt von diesem Alabasterhals Sich stolz und fest die Linie der Brüste, Wie setzt das Haar so zart sich an die Stirn! Lucrezia Und alles dies für Euch, mein Herr und Prinz, Bestaunt es, freut Euch meiner Glieder, seht! Ich wende mich vor Euch wie vor dem Vater, Wenn ich vor ihm und seinem ganzen Hofe Den Reigen wiege, den er liebt. Dschem                                               Das tut, Von Jugend auf sah gern' ich Weiber tanzen. Lucrezia Doch gebt mir zu, noch keine konnt's wie ich. Dschem Musik! Wo bleibt die Zimbel, bleibt die Laute? Lucrezia Es geht auch so; ich halt' in kurzem Takt, Nach rechts das Bein und dann nach links geschoben, Die Arme hochgeschwungen wie zum Gruß, Den Körper ganz zu Euch zurückgelehnt, Und jetzt ein Sprung weit in die Luft hinaus. Dschem Wird immer besser, immer päpstlicher! Lucrezia                                                               Wie das? Dschem Ich klatsch' Euch gern und freudig Beifall, seht! Lucrezia ganz bei ihm: Wenn's Euch gefällt, dann sprecht es aus, das Wort, Nach dem ich lechze wie die Pilgerin, Die wochenlang zum Heil'gen Grabe zieht, Nach dem ich schreie in durchwachten Nächten, Seit jenem Tag, der Euch nach Rom geführt. Dschem immer behaglich: Nun gut, ich geb' mich willig Euch gefangen Und sag' mit dem, der Euch am besten kennt: Don Cäsar hat mit Recht für Euch geschwärmt Nicht minder tat's der Heil'ge Vater. Lucrezia Auch davon drang's zu Euch? Nun, das vergeßt, Sagt besser mir, wie Ihr mich selber findet. Dschem Ein feines Spielzeug für gefangne Türken. Lucrezia Sonst nichts? Dschem                         O doch, das auserwählte Weib, Das Jungfrau blieb im Kampfe mit den Männern, Den angetrauten, wie den anverwandten. Lucrezia reißt sich los: Jetzt merk' ich, Ihr betrogt mit Eurem Schlaf Die Welt noch stärker, wie mit Eurer Kunst, Euch taub zu stellen, wenn gesprochen wird. Dschem Was willst du denn? Dir hab' ich mich entdeckt, Ich sprach mit dir viel mehr, als gut für mich Und die gesegnete Verdauung. Lucrezia                                         Wie? Dschem Gewiß, mein Kind! Doch weil wir uns gefunden, In Eurem Ausdruck wie die Zwillinge, Die schon im Mutterleib sich unterhielten, Vom Bau des Menschen und des Weltenalls, Gesteht mir ein, hat Sforza wahr gesprochen? Lucrezia Was quält Ihr mich? Dschem                                     Und tat er's nicht? Dann schnell Das Wichtigste; log Euer Bruder wohl? Bei seinem Eide zu der Unbefleckten? Lucrezia die ihm bis jetzt sehr unruhig gefolgt ist, lacht plötzlich hell auf: Ha, ha. Dschem       Ihr lacht? Lucrezia                       Ob solcher Dinge muß ich's. Dschem Weshalb? Lucrezia                       Je nun, Ihr seid ein Türk', ein Heid', Habt jedesmal zu Speis und Trank gegriffen, Wenn ich gefleht, Ihr solltet Euch bekehren. Und jetzt, welch unbegreifliches Geschehn, Bekümmert Ihr Euch um Mysterien, Als sei's Euch doch darum, die schwarze Seele Dem wahren Gotte reuig zuzuwenden? Dschem Der Glaube schert mich nicht, mir ist's um Euch. Lucrezia bedeutungsvoll: Ich aber, merkt es wohl, ich bin der Glaube! Ja, Prinz, ich leb' durch ihn, ich bete viel, Und wie man sagt, sehr schön, so wunderschön, Daß jüngst ein Erzbischof, ein alter Mann, Behauptete, sein Aug' sei naß geworden, Als hingestreckt er mich in seiner Kirche fand, Der Welt entrückt, und aufgelöst in Gott. Wollt Ihr mich selber einmal beten sehn? So recht von Herzensgrund, aus tiefster Not? Wollt Ihr mit mir zum Dom hinab, Bekehren Euch zu uns, zu mir, zum Glauben? Dschem Nein, nein! Lucrezia                   Ihr tut's ja doch, und legt dort ab Vor meinem Vater das Confiteor, Den Kardinälen und dem ganzen Rom! Ach, kam' erst dieser große Tag, wo Ihr Von diesem Lager plötzlich Euch erhebt, Der erste Laut von Euern Lippen rauscht, Wo im Triumph ich Euch zu unserm Gott Und dann zu mir, zu Euerm Engel führe, Wo mit dem Sohn des grimmen Mahomed Ich knieend pilgre zum Altar Sankt Peters, Daselbst mit ihm das Abendmahl zu nehmen, Prinz, malt Euch selber dieses Wunder aus! Dschem Ich hab' noch ein viel größres in Bereitschaft, Ein Wunder, das die Gläubigen springen läßt, Gebirge hebt und Euch erschauern macht, So überstark erscheint's. Lucrezia                                 Ein Wunder, Ihr? Dschem nickt: Nach allen Regeln der erhabnen Kirche. Lucrezia Dann schenkt es mir, der Freundin gebt's! Dschem                                                                     Noch nicht! Doch kommt heraus, was in der Brust mir schlummert, In Bauch und Rippen seit drei vollen Wochen, Das unvergleichlich süßeste Geheimnis, Das ich mit Stolz und hoher Fassung trage, Gleichwie die Mutter mondelang ihr Kind, Dann werdet Ihr, ich weiß und bau' darauf, Den Prinzen Dschem erst recht mit Grund bestaunen, Denn wahrlich, Fürstin, diese Offenbarung Wirkt stärker noch als die von Sankt Johannis, Sie legt die Hand an Dogmen und Gesetze, Sie lacht der Wissenschaft, der Medizin. Lucrezia Vertraut sie jetzt mir an und ich gelobe, Daß ich sie treulich wahre in der Brust wie Ihr. Dschem lächelnd: Das möcht' Euch wohl nicht gut bekommen, Fürstin, Denn dies Geheimnis ist ein scharfes Schwert, Das einzig hält vor meiner starken Haut. Lucrezia Ich fass' es nicht. Dschem                               Auch Euer Bruder und der Papst, Sie werden Augen machen, wenn sie's hören! Und erst der Koch, der Arzt, der Apotheker! Am Galgen baumeln werden die Begriffe Von alters her und die von übermorgen, Denn was noch gestern oben war, liegt heute, Durch mein Rezept gebändigt mir zu Füßen. Lucrezia Die Neugier bringt mich schier zum Rand, Verheißungsvoll dringt's her zu mir von Euch, Deshalb, wenn dieser Schleier sich einst lüften wird, Dann hoff ich, wird was Gutes draus erstehen, Und Ihr steigt nieder wie vom Himmelreich. Dschem indem er wieder zur Gabel greift: Ich halt' zunächst mich an die ird'schen Dinge, An Früchte, Wein, und was es sonst noch gibt. Lucrezia Das alte Spiel! Doch ich gewinn's mit Glück, Ja, Dschem, in diesem Kampfe bleib' ich Siegerin. Vanozza Die Siegerin! Lucrezia                         Wie Mutter, du noch da? Vanozza nickt: Noch da, noch hier, solang es Eurem Vater Auf dieser Statt, und dem Allmächtigen Im Jenseits so gefällt. Lucrezia                           Dann frisch heraus. Was sagst du jetzt zu ihm? Vanozza                                   Das fragt Ihr mich? Lucrezia Noch mehr als das: Was ist's mit dem Geheimnis? Vanozza Erlauchte Herzogin, um solches Spiel Hat Frau Vanozza sich nicht mehr zu kümmern. Lucrezia Doch früher, gelt, da tatest du's? Vanozza                                                     Mir das von Euch? Doch nein, ich staune nicht. Lucrezia                                     Was habt Ihr denn? Vanozza Vergebt, ich hielt Euch einen Augenblick Für meine Tochter.   Lucrezia                       Nun, bin ich das nicht? Vanozza Ihr seid des Papstes Kind. Lucrezia                                           Gewiß, das auch. Doch sag', warum stets Ihr? Vanozza                                     In solchem Tone, Ward mir von Seiner Heiligkeit befohlen, Als wieder ich betrat den Vatikan, Mit Euch, Ferraras neuer Herzogin, An jedem Ort, zu jeder Stund' zu reden. Lucrezia Du hörtest doch, ich geh' nicht nach Ferrara. Vanozza Ein gottesfürcht'ges Haus, das dort regiert. Lucrezia Gewiß, man rutscht darin mit Rosenkränzen Von früh bis spät die Treppen auf und nieder, Man trägt vom Baldachin die goldnen Quasten, Die neben dem Sanctissimum sich ringeln, Man geht zur Wallfahrt, büßt in Sack und Asche, Jedoch man lacht nicht, nein, man lispelt, Verdreht die Augen in dem Heiligenkult, Und macht selbst noch im Liebesrausch ein Kreuz. Ich, wahrlich, denk' mir Beßres aus als dies, Ich seh' den Himmel leuchtend vor mir liegen, Und seid Ihr klug, dann denkt Ihr, Frau, wie ich. Vanozza Ich hab' die fünfzig Jahre, die ich zähle, Auf röm'schem Boden und in diesem Haus' An Wahnwitz so viel Schreckliches erlebt, Daß ich das Denken längst verlernt. Lucrezia leichthin:                                   Wie das? Vanozza Da thront als Erster hier der große Papst. Ich sah ihn stets, sah anders ihn als sonst Die Welt ihn sieht, am Fest der Heiligen Ostern, Da ist Don Cäsar, der sich selbst beschuldigt, Daß er es war, der jenen totgeschlagen, Den dieser Leib neun Monde trug wie ihn, Da seid auch Ihr mit Euerm ew'gen Lächeln, Mit dem Ihr all dies Gräßliche betrachtet, Und da ist endlich . . . Lucrezia                             Was? Vanozza                                         Ihr fragt? Die Sünde! Lucrezia Von der lass' jeden Sonntag von der Kanzel Herab ich mir vom Geistlichen erzählen, Und büße sie mit soviel Paternostern, Als mir im Beichtstuhl dafür auferlegt. Vanozza Indes, bedenkt, mit mir hat jener Mann, Der Gott, den Herrn, vertritt auf dieser Welt, Gezeugt die drei, die fluchbeladnen Kinder. Lucrezia lächelnd: Gewiß, das hat er. Vanozza                                               Geht, Ihr seid zu jung, Zu leichten Sinnes, um es ganz zu fassen, Das, was ich meine, das Entsetzliche. Lucrezia Was meint Ihr denn? Vanozza                                   Nie sprech' ich's aus. Jedoch, war's wahr, was Euer Gatte sagte, Und was der Heide selbst, der Prinz nicht faßte, Daß Ihr, Don Cäsar und der Papst . . . Lucrezia                                                     Geduld. Die Antwort geh' ich einzig Dschem. Vanozza                                                   Sie lautet? Lucrezia langsam und eindrucksvoll: Für Euch, Vanozza, daß wir alle drei, Der Vater, Bruder und Lucrezia, Nur denkbar sind, wenn wir zusamm'gehören. Vanozza Auch zum Verbrechen? Lucrezia lachend:                         Nennt Ihr's so? Vanozza                                                                 Mein Gott So weit, so tief seid Ihr gesunken, Frau, Daß Euch das Blut die Adern nicht zerreißt, Wenn's wütend pocht, vom eigenen geschändet? Lucrezia rasend: Ein Wort noch und ich meld's dem Papst. Vanozza winselnd:                                                               Das nicht! Lucrezia Nun gut, dann redet nicht mehr Weibern nach, Die Fisch und Kohl verkaufen auf dem Markte.     Da Vanozza eine Bewegung machen will: Zum letztenmal, ich duld' es nicht von Euch, Und obendrein, sagt an, was wollt Ihr denn? Don Cäsar tat's dem Prinzen kund und Euch: Ich bin ja rein und keusch, ich bin Virago, Trotzdem ich zweimal am Altar vermählt Und küssend einst mit Eurem ältsten Sohne Dem Herzog Gandia des Nachts hinab Zum Tiber durch Zypressenhaine schritt. Vanozza mit einer plötzlichen Bewegung: Laßt mich zurück in das Kastell! Lucrezia                                             Warum? Vanozza Laßt wieder mich in meine Welt versinken Des Grabs und der Vergessenheit. Lucrezia                                               Du bleibst! Vanozza Mir schwirrt der Kopf, ich halt' mit beiden Händen Die Schläfe fest, um all dies Für und Wider Aus diesem grausen Labyrinth der Nacht Auf einen Rettungspfahl zu bannen. Lucrezia faßt sie zärtlich an:                   Nein. Nicht weinen, Mutter. Lachen sollst du, komm! Ich werf mich in mein kostbarstes Gewand Für diese Stunde, die die Würfel rollt, Gewißheit schafft und die Entscheidung bringt, Wem Dschem gehört und wer ihn ganz verliert. Vanozza Da spielt Ihr mit? Lucrezia in höchstem Feuer: Ja, Frau, da spiel' ich mit! Ich setz' mein Leben ein, Gebet und Tanz, Die Seele wie den Körper will ich geben, Von Kraft das Letzte, was ein Weib vermag, An Höllenkunst und himmlischer zu bieten. Dann wird der Freund nicht länger widerstehn, Als Christ mit mir zur heil'gen Kirche pilgern, Und offenbaren, was ihn so bewegt.     Sie eilt nach rechts ab, von Vanozza gefolgt. Der Arzt ist während der letzten Szene durch die Geheimtüre wieder leis eingetreten und hat sich Dschem genähert:                                                           Mein Prinz, Ihr eßt zu viel, hört auf, zu hastig! Dschem Den Schinken noch! Arzt                                       Ich sag' Euch, nein. Dschem                                                                   Wohlan! Den Pfirsich da. Arzt                           Jedwede Haftung lehn' ich ab. Dschem Ging' es nach dir, verbissener Asket, Ich müßte wahrlich leben von der Luft. Arzt Je nun, der Magen, seht, das ist ein Ding, Ein regelrechter Sack, etwa so groß Wie ich jetzt zeige; stopft Ihr da hinein Tagaus, tagein, daß nichts entwischen kann, Sagt, was dann wird? Dschem                             Der Sack platzt auseinander. Arzt Nun ja! Dschem         Nun ja, dann platzt er halt! Arzt                                                           Ach geht! Dschem Du bist ein Jud', nicht wahr? Kennst meinen Glauben? Arzt Soviel zur Not, daß ich noch eben weiß, Der Koran untersagt Euch streng den Wein. Dschem Um Paragraphen hab' ich nie gefeilscht, Ich bete einzig zu dem Fatum – höchstens zum Affen gewendet: Zu diesem noch. Arzt                           Und diese Gottheit lehrt? Dschem Dschem, halte dich an Speis' und Trank, noch mehr: An erster Stelle an den Heil'gen Vater. Arzt Versteh' ich nicht. Dschem                         Dann will ich dir's erklären. Wieviel bezahlt mein Bruder Bajazid, Der edle Sultan, jährlich an Dukaten Für meinen Unterhalt im Vatikan? Arzt Ihr hörtet selbst, die Fünfzigtausend sind's. Dschem Doch zwanzigmal soviel erhält der Papst, Bringt er mich um. Nun gut, was macht man da? Man sucht, solang' man lebt, den geiz'gen Filz Nach Möglichkeit aufs Trockene zu legen. Zuerst, na, ja, weil's ganz vortrefflich schmeckt, Und dann, mein Jud', jetzt kommt der größte Schlag: Es geht auf Kosten seiner Heiligkeit, Zieht seiner Kirche Würmer aus der Nase Und nimmt, – ach was, die lump'gen Krämerseelen – Sie haben's längst gemerkt und feilschen Um Pfauenzungen in Burgundersauce, Und was ich sonst vergeblich hab' bestellt. Arzt Das also, Prinz, ist Euer ganzer Trumpf? Dschem Der letzte, der mir noch geblieben. Arzt                                                               Traurig! Dschem Verklag' das Schicksal, edler Salbenmischer, Das spielt mit mir; nun laß dir sagen, wie: Einst riß der große Mahomed, mein Vater, Der Mann, vor dessen Urgewalt erlagen Zwei Kaisertümer und zwölf Königreiche, Nachdem er eingezogen in Byzanz, Das Kreuz herab von der Sofienkirche, Um drauf im vollsten Strahlenglanz den Halbmond Als wucht'ges Zeichen seiner Macht zu setzen. An diesem Tag', es war ein Frühlingsmorgen, Da hab' ich mich zum erstenmal geregt, So sagt' man mir, in meiner Mutter Leib. Und weil der Sultan das als Zeichen nahm, Als glückliches, bestimmt' er mich als Erben. Als jenen, der die Krone tragen sollt'. Arzt Ihr ward der Auserkorene, nicht er, der Bajazid? Dschem lachend: Der nahm es krumm und tobte wie besessen, Er hetzte gegen mich die Janitscharen, Das ganze Heer samt Volk und Gassenjungen, So daß es hieß, dem Dolch erliegen oder – Auf einer Barke übers Meer entweichen. Arzt nickt: Ihr gingt nach Rhodus zu den Johannitern? Dschem Zu Christen, ja; das tut der Heide stets, Wenn ihm das Wasser bis zum Halse reicht. Arzt Der Jude auch. Dschem lachend:       Nur, daß der oben bleibt! Ganz oben, wie die aufgedunsne Blase, Dem Fettaug' gleich, das auf der Suppe schwimmt. Arzt mit entsprechender Gebärde: Gott hört . . . Dschem               Gewiß, mich aber zog's hinab, Durchs tiefste Joch, das je die Christen spannten. Ja freilich, erst, da sang man ein Te Deum Zur Rettung Dschems, darauf ein Halleluja, Dann zelebrierte man ein Amt und dann – Verschacherte man mich – wohin? Ja, weiß ich's selbst? In alle Welt, nach Ungarn, England und Florenz, Bis mich das Papsttum als das Kalb erstand, Das golden thront im Herzen seiner Kirche. Arzt Ein Handel, wie kein Jud' ihn machen konnte! Dschem Drum sag' ich ja, ich halt' mich schadlos d'ran.     Er nimmt ein Kristallgefäß und trinkt hastig. Arzt Zum letztenmal: So treibt Ihr's nicht mehr lang. Dschem Heraus damit, wie viele Monde noch? Arzt Was, Monde? Wißt, ich geb' Euch nur noch Tage. Dschem ist leicht zusammengefahren und setzt das Gefäß ab: Nur noch – dann freilich ist's wohl an der Zeit. Arzt Das eben sag' ich. Dschem                           Nein, nein, nicht dies. Komm' her. Er winkt ihn näher.                     Du bist des Papstes Arzt, siehst ihn im Bett, Im Hemd, ja nackt, wie ihn sein Gott erschuf. Kennst seine Seufzer, seine Schlingbeschwerden, Weißt auch das Allermenschlichste von ihm, Und doch, du hassest ihn. Arzt                                         Ich bitt' Euch, Herr, Im Vatikan hört jeder Heilige, Der an die Wand gemalt, jedweder Ritter, Der in den seidnen Teppich ist gewoben, Was hier gesprochen wird. Dschem                                       Dir, Jud', vertrau' ich's doch: Ich lieb' das Pfaffenkind, das hier gekniet, Ich lieb' Lucrezia. Arzt                             Wie, seid Ihr toll? Dschem reißt aus seiner Brusttasche ein Pergament: Da, hier, Ghaselen, von mir selbst gedichtet. Auf ihre Schönheit, ihren Sinnesreiz. Arzt Und die, mein Prinz, soll ich ihr geben? Dschem                                                           Narr! Das könnt' ich selber doch! Nein, diese Verse – Verbrennen sollst du sie, sobald ich tot. Arzt Warum, mein Prinz? Warum? Dschem                                         War' ich ein Mann, Wie Mahomed, der Vater, einer war. Kam' ich daher mit ungemeßnen Scharen, Und könnt' ich setzen auf die Peterskirche Den goldnen Halbmond statt des Kruzifixes, Dann packt' ich dieses Weib in meinen Harem Als allererste meiner Odalisken. Sie aber, die die heilige Madonna Herabnahm von der Kirche des Apostels, Und drauf die Venus hat gesetzt, sie soll Sich nimmer rühmen dürfen, einen Türken Bei sich zu bergen, nicht 'mal einen toten. Arzt Ich tu', wie Ihr befahlt, indes, ich fass' es nicht. Was fragt Ihr überhaupt nach diesem Weib? Dschem Ein Scheusal, eine Dirne, weiß es wohl, Ein Mörderweib, so schlimm fast, wie der Bruder, Das heut' mich opfert, wenn's Gewinn verspricht. Doch rings aus diesem riesigen Palast, Von dem die Fama sagt, er habe Tausende Und Abertausend gähnender Gemächer, Rings aus den ungemeßnen Höfen, Gängen, Wo jeder Schritt sich scheu verliert im Winde, Aus allen Flügeltüren weht ein Hauch Von Heiligkeit, mit Weihrauch überflutet, So still hinweg die greulichsten Verbrechen; Und diese Heiligkeit, verstehst du jetzt? Herr über Tod und Leben, diese fürcht' ich. Arzt Was, Ihr als Muselman? Dschem                                 Ich sag' es ja, Sie mag mir tanzen, wie sie will, halbnackt, Nein, hüllenlos im wilden Wirbeltanz, Sie mag sich lagern neben mich des Nachts Und streicheln meine aufgedunsnen Wangen, Nur beten soll sie nicht, nur niemals beten, Niemals aus tiefstem Herzensgrunde beten! Arzt Im Ernst, Ihr könntet Euch versündigen Am streng gehaltnen Glauben Eurer Vater? Dschem Das nicht, doch an mir selbst. Ja, Jud' und Arzt, Wenn sie die Hände hebt, bin ich imstand', Ich glaub' an ihre Unschuld. Arzt                                             Seid Ihr toll? Dschem nickt grimmig: An jene, die Don Cäsar falsch beschwört', Und sink' mit ihr zu Füßen der Madonna. Arzt Nein, nein! Dschem               Ja, ja! Noch eh' sie mich verschachern. Arzt ganz verzweifelt: Mein Prinz! Dschem               Halt! Hörst du nichts? Es ist schon Zeit, Bald nahen sie gewappnet, die Gesandten; Wer mag mich holen, wer von dannen führen? Wohin auf Erden diesmal geht der Kurs? Nach Nord? Nach Süd? Nach Ost? Nach West? Wohin? Und doch, es gibt nur dieses eine Ziel, Lucrezia, wie treib' ich von ihr weg? Wie halt' ich zwischen Szylla und Charybdis? Arzt Da lieber noch den Tod durchs Gift der Borgia. Dschem lachend: Ja, wenn das ging'! Arzt                                                     Wie das? Nehmt Euch in acht, Ich fürchte diese Weine, diese Speisen, Schau jedes Neue mit Entsetzen an. Dschem Zu spät, mein Freund! Arzt                                           Zu spät? Dschem                                                     Ei, das Geheimnis, Das wunderbare, das Lucrezia reizt, Nimm's endlich auf mit Schaudern und mit Lachen! Arzt Versteh' ich Euch? Dschem                           Der Borgia grause Mischung, Wie sagte er, der Jammermensch, der Sforza? Die schmeckt am ersten Tag wie süßer Schaum, Gemengt mit köstlichem Falernerwein, Um dann am dritten unter Höllenqualen Die Brust, die Därme jählings zu zerreißen. Arzt Nun denn? Dschem               Bei mir schlug's fehl! Drei Tage, nein, Ich trag's drei Wochen jetzt mit mir herum Und spür' noch nichts von der gerühmten Wirkung. Arzt Man hat Euch Gift . . .? Dschem nickt:                       In allerfeinster Form! Gewickelt war's in leckere Pasteten Von Butterteig, mit Sauce übergossen; Ich schmeckt's sofort und hielt beim Essen ein, Dann biß ich zu, daß mir die Zähne krachten, Ich hoffte, von der Erde zu entschweben, Das weite Rom als Vogel zu betrachten, Und so die Borgias noch einmal zu segnen, Von oben her, wo aller Segen kommt. O schöner Trug, ich hielt es wie der Igel Das süße Gift im festgepackten Brei; Der volle Magen ließ das Zeug nicht durch, Auch wenn man preßte wie auf dicke Schläuche. Jetzt sitz' ich da und schmatze fröhlich weiter Und freu' mich stets am läppischen Gesichte, Das Cäsar und sein Vater täglich schneiden, Wenn sie mich grinsend fragen, wie mir's geht. Arzt läuft verzweifelt hin und her: Schon recht, indes, es muß etwas geschehn, Ein Gegengift! Dschem mit vollem Gewicht: Das ist Lucrezia! Die laß mir, Jud', sie treibt das andre weg. Als wie der Christen Schreck, der Beelzebub Den Teufel jagt aus seinem Lager. Arzt                                                       Nein! Dschem Doch, großer Arzt, so hab' ich nichts zu fürchten, So kann ich ruhig dem Tod . . .     Er fährt zusammen und weist auf die rechte Türe.                                                 Halt, wer ist da? Arzt Ben Ali Bey, der türkische Gesandte. Ben Ali Bey der lautlos eintrat: Ich grüße Euch, erhabne Majestät, Und neig' mich tief dem Kaiser der Osmanen. Arzt Ich bitt' Euch, geht, es spricht der Prinz kein Wort. Ben Ali Bey Nicht vor den andern, doch er wird's vor mir, Dem's wohl vergönnt als erstem Untertan, Zu rufen: Heil dem auserkornen Herrn, Des Islams rechtgebornem Herrscher, heil! Arzt Noch einmal, geht! Dschem                           Er bleibe! Ben Ali Bey                                       Dank Euch, Herr, Dank, großgewalt'ger Kaiser und Gebieter. Dschem ohne ihn aus den Augen zu lassen: Der Kaiser ist mein Bruder Bajazid. Ben Ali Bey Er war's! Jetzt heißt es: Platz für Dschem den Ersten. Dschem Mit solchem Wort schickt dich der Heilige Vater? Ben Ali Bey Zum Heiligen Vater ward ich selbst gesandt Mit schwerem Gold und Gaben von Byzanz, Jedoch zu dir, den Mahomed bestimmt, Schickt mich die Liebe eines ganzen Volks, Der Halbmond, Herr, so weit er strahlt und leuchtet. Er will näher kommen. Dschem richtet sich auf: Bleib', wo du bist, und wirf dich in die Kniee! Ben Ali Bey Ich tu's! Dschem                       Jetzt auf den Boden! Ben Ali Bey stemmt die Hände flach auf die Erde: So? Dschem                                                                         Nein, ganz. Der Länge nach als wie der Regenwurm, Just so, wie vor dem Grabe des Propheten. Ben Ali Bey Ihr wollt es, Herr! Dschem auf den Affen weisend:     Und er, der mächt'ge König, Der mitregiert und die Gesetze macht. Ben Ali Bey liegt jetzt der Länge nach: Vor ihm und Euch im Staub. Dschem                                       So ist es recht. Und jetzt sprich nach mir Wort für Wort, Und Schlag auf Schlag, was ich von dir verlang': Ich, Bajazids Gesandter, bin ein Schurke. Ben Ali Bey Ein Schurke. Dschem lachend zum Arzt: Schau, wie trefflich er doch lernt!     Zu Ben Ali Bey gewandt: Nicht wert, daß mich der Sonne Licht bescheint. Ben Ali Bey wie oben: Nicht wert, daß mich der Sonne Licht bescheint. Dschem Denn ich kam her in eines Heuchlers Larve, Ben Ali Bey Denn ich kam her in eines Heuchlers –     Er reißt sich hoch.                                           Nein! Dschem Und will erdrosseln, den ich Kaiser nannte. Ben Ali Bey Reißt mir das Herz in abertausend Fetzen, Das sprech' ich nicht. Arzt                                   Erbarmt Euch, Prinz, der Mann Scheint redlich. Dschem                     Scheint? Wie? Oder ist er's wirklich? Ben Ali Bey zum Juden: Arzt, Freund, hört Ihr auf mich an seiner Statt, Gebt ihm ein Pulver, das ihm Schlaf verleiht, So fest, so tief, daß dreimal tot er scheint, Und dann verlad' ich ihn in diesem Sarg Aufs Schiff zu seinem Volke nach Byzanz. Dschem In diesem Sarg? Ben Ali Bey                     Ja, Herr, so fahrt Ihr hin, Und heller Jubel schmettert Euch entgegen. Dschem Ich soll? War's möglich? Noch einmal zurück? Ben Ali Bey Sie warten nur auf Euch. Dschem                                               Soll thronen dort Als Fürst am blauen Meer, am Goldnen Horn, Den Blick hinaus auf Asien gerichtet! Und er, der edle Bajazid, der Bruder, Statt meiner dann als seltnes Stück verkauft, Von Hand zu Hand, von Tisch zu Tische wandernd, Als Kettenlast die Rosenkränze tragend, An Hohen Tagen schwere Weihrauchfässer, Sag', Jud', und du, Gebieter, großer König, Du Sinnbild eines Imperators, sag, Was meinst du wohl mit ihm zu solchem Spaß? Arzt Viel besser Flucht, als hier den Tod! Ben Ali Bey auf den Sarg weisend:             So folgt! Dschem ist die Estrade schwerfällig hinuntergegangen: Laß sehen mal, da liegt sich's gut und weich, Man kann durch feingeschliffenes Kristall Den Himmel küssen und das Glas zugleich, Kann drehen sich und wenden wie man will, Ja, fast vermut' ich, man hat Platz zu zweien. Arzt Mag sein. Dschem             Doch halt, wie lange kann's noch dauern Mit mir? Nur Tage noch? Arzt                                         Je nun, bedenkt, Daß neue Spannkraft neues Leben gibt. Dschem lachend: Und vorher läßt er mich von dir zerschneiden, Der Heilige Vater, wie ein Stachelschwein, Er bohrt herum in meinen Eingeweiden, Wie der Augur beim Opferfest. Nein, nein, Ben Ali Bey, das ist kein Plan. Und doch, Ich denk' mir's wunderschön, in diese Pracht – Ein toller Spuk, wie komm' ich nur darauf? – Des Papstes Tochter neben mich zu betten Und dann mit mir als Braut sie nach Byzanz, Als neuvermählte Kaiserin zu nehmen.     Er ist jetzt ganz nahe getreten und hat sich in den Anblick des Sarges versenkt. Ben Ali Bey mit furchtbarem Nachdruck: Viel besser ist's, Ihr liegt allein da drin!     Er reißt hastig den Dolch hervor und sticht nach Dschem. Bastard, verdammter! Arzt indem er abstürzt:       Hilfe, Wachen, Mord! Dschem hat den Dolch gepackt und ringt mit Ben Ali Bey. Sie zerren sich, beide kämpfend, die wenigen Stufen der Estrade hinauf: Ist das der Herrscher, den in mir du siehst? Na, warte, Bursch, da bin ich schon noch echter, Und geht's auch hart bei meinem Fett und Wanst, Ich mach' mich doch zum Kaiser der Osmanen!     Er hat Ben Ali Bey mit letzter Kraft die Treppe hinabgeschleudert. Arzt wieder hereinstürzend: Ihr geht zugrund', hetzt Euch zu Tod! Dschem                                                     Noch nicht! Erst ruf ich durch den Vatikan: Kommt her, Schaut an, hier ist der Sohn des Mahomed, Der auserkorne Herr und Gott! Arzt                                                 O Wahnsinn! Dschem Dem ihr zu dienen seid bestimmt, Vasallen, So weit ihr lebt auf diesem Erdenrund. Denn mir kann auf der weiten Welt nichts an, Ich lach' des Gifts, ich biete Trotz den Dolchen, Noch mehr: Ich spott' des Heil'gen Vaters Tochter.     Er bricht erschöpft zusammen. Arzt Wenn Ihr Euch nicht verraten wollt, dann schweigt! Den Gang herauf hetzt schon der ganze Hof, Der Papst mit seinen Kindern an der Spitze, Und durch die Gassen Roms zieht auch das Heer, Der Vortrab von Neapel und von Frankreich!     Er bemüht sich um den Prinzen. Alexander, Cäsar, Lucrezia eilen der Reihe nach herein, gefolgt von Wachen, die sich ohne Verzug auf Ben Ali Bey stürzen und ihn fesseln. Nach allen naht sich langsam Vanozza. Lucrezia ganz in silberdurchwirkte, weiße Seide gekleidet, eilt die Estrade hinauf: Prinz! Prinz! Alexander in großem Ornat, einen goldenen Mantel um die Schultern:                       Ein Mordanschlag! Cäsar                                                   Vor unserm Aug'! Alexander ruft zum Arzte hinauf: Wie steht's um ihn? Arzt                               Scheint unverletzt, nur fürcht' ich, Der Schreck! Sein Herz! Alexander                               O niedre Büberei! Cäsar Und dieser war's! Alexander                       Ja, der! Ben Ali Bey trotzig nickend:           Ben Ali Bey! Alexander Wahrhaftig, Ihr habt Mut, mein Großwesir, Ihr tretet ein für das, was Ihr getan. Doch sagt, wie wär's, wenn wir die hohe Würde Des Botschafters in Euch mit Füßen treten, Wenn gegen Euch, der Ihr gehandelt habt Entgegen Sitte, Treu' und Glauben, Wir gleichfalls zeigen Mut, und Euch das Letzte Aus diesem heuchlerischen Munde reißen, Vielleicht auch noch die lügnerische Zunge? Ben Ali Bey Tut's, Papst, macht, was Ihr wollt. Alexander                                                           Ihr seid gefaßt, Doch wenn dazugelegt wird Eure Hand, Die weggeschlagne, schwurbereite Rechte, Und beides fest zusamm'gebunden wandert An Euren Herrn? Ben Ali Bey               Dann wird der große Sultan Auf solche Art am allerbesten sehn, Daß ich als sein getreuer Knecht und Sklav' Gehandelt hab', wie mir befohlen ward. Alexander Und die Galeeren, Truppen und das Gold! Was sollten wir bekommen gegen Dschem? Meineid'ger Schuft, sprich selbst sie aus, die Zahl! Ben Ali Bey Sie zu ersparen, ward ich hergesandt. Alexander ganz rasend: O du! Er winkt den Wachen.           Zum Tod mit ihm! Ben Ali Bey                             Seid mir nicht bös. Mir schien durch Euch der Handel nicht ganz glatt. Die dritte Woche ist's, die wir paktieren Mit eitlem Schwatz, doch nicht mit frischer Tat, Ihr zieht mich hin, Ihr wißt nicht, was Ihr wollt, Vertröstet mich von Stunde zu Minute Und haltet nimmer, was Ihr halten müßt; Drum griff ich ein, jetzt schleppt mich eilig fort. Alexander Zum Tod! Cäsar                         Zum Tod! Dschem der sich während dieser Szene wieder zu Atem gefangen hat:                                               Nicht doch, was seid Ihr dumm! Alexander Was soll das sein? Der Prinz, er spricht? Lucrezia                                                                     O Dschem! Alexander Durch welches Wunder, sagt? Cäsar                                                       Je nun, der Mann, Ben Ali Bey, so scheint's, lehrt auch das Sprechen. Alexander Was der? Cäsar                         Vielleicht erklärt's die edle Schwester. Sie schaut nicht so verwundert drein wie Ihr. Lucrezia Ich soll . . .? Cäsar                           Sag' offen 'raus, du wußtest gut, So gut wie ich, der Prinz verstand das Letzte Von jedem Wort, das vor ihm ward gesprochen. Alexander Und das kam wie? Gebt Antwort, ich verlang's! Dschem Ich sag's Euch selbst, es war ein langer Traum, Vielleicht ein Rausch, ein wundersames Brüten, Emporgeleitet von den Weihrauchwolken Der Christenheit, was mich gefangen hielt. Kann sein, es stieg auch jener seltne Duft, Die Sinne störend in die Nasenlöcher So Braten und Pasteten überliefern, Wenn frisch bereitet sie vom Mundkoch nahn, Und endlich grinst der Affe zu mir her, So daß ich frag', ob diese Majestät, Mir lieber noch als Weihrauch oder Fraß, Nicht meinen Mund verband, dieweil sie größer, Ja, weltumfassender, allmächtiger Mir heut' erscheint, als jeder Fürstenthron, Und jener des gesalbten Alexander. Alexander Was soll das sein? Lucrezia                                   Ich bitt' Euch nicht zu fragen. Cäsar Der Prinz erscheint als Humorist. Dschem                                                   Mag sein. Doch ich bin schon am End' mit meinem Witz. Ich seh' mich um in diesem edlen Kreis, Und wen entdeck' ich frohen Sinn's? Don Cäsar! Das heißt, in Eure Sprache richtig übertragen, Soviel als wie der klügste Mann der Welt. Cäsar Ein Schmeichler und ein Schelm zugleich. Alexander                                                             Wer faßt es? Dschem Und Alexander ist die hohe Gnade Auf Gottes Thron, und die Gerechtigkeit, Die nie versiegende, wenn Gold ihr winkt, Das die Gerechtigkeit bezahlt. Lucrezia                                           Hört auf! Dschem Jedoch Lucrezia, das ist das Weib, Vom ganzen Okzident das einzige, Das wirklich beten kann, wenn's ihr gefällt. Cäsar Fürwahr, ein lust'ger Bursch! Alexander                                         Fast scheint mir's selbst. Doch sagt, mein Prinz, was war's mit einemmal, Das Euch gelöst die langverschloßne Zunge? Dschem Hm, der Salat da stieß mir greulich auf, Er schmeckt', wie schmeckt' er doch? Wie Wagenschmier', Und scheint gemacht aus Öl, das ranzig. Drum sagt dem Koch, er sei ein Stümper. Alexander                                                       Wie? Dschem Auch fragt ihn, wo die Pfauenzungen bleiben, Wonach mein Herz sich schon seit Jahren sehnt. Lucrezia O blut'ger Hohn! Dschem auf Ben Ali Bey weisend: Dem aber gebt zu fühlen, Er reist noch heute nach Byzanz zurück, Von Euch geführt und huldvoll zugeleitet, Um dort in eigener Person zu melden, Wie schändlich er den Herrn verriet. Ben Ali Bey                                               Wer, ich? Dschem Wie dem Gelächter schamlos preisgegeben Vor aller Welt der Islam steht durch ihn. Ben Ali Bey Durch mich? Dschem                             Wie er mir Kron' und Szepter bot, Um mich zum Gott des Halbmonds abzustempeln. Ben Ali Bey Aus List! Dschem                       Was, List? Der Sultan ist ein Schurke, So sagtest du. Ben Ali Bey           Nein, nein! Dschem                                     Jetzt geh' und grüß' Von mir in aller Herzlichkeit den Bruder. Ben Ali Bey Ich bitt' Euch, Herr, nicht solchen Teufelsplan! Dschem Doch, deine Martern soll ein Türk' ersinnen, Der Borgia Hirn erscheint dafür zu schwach. Ben Ali Bey fällt auf die Knie: Die Glieder reißt mir Stück für Stück vom Leib, Doch nicht verleumdet mich bei meinem Herrn. Dschem zu Cäsar und Alexander: Da, schaut ihn an, jetzt liegt er auf der Erde, Gehorcht Euch blind und zahlt Euch, was Ihr wünscht. Alexander Wofür? Dschem lachend:     Nun ja, Ihr wollt mich doch vergiften! Cäsar Wir wollten . . . Alexander                     Was? Dschem                                     Noch richtiger gesagt, Ihr habt es schon getan! Lucrezia rasend:                   Wer tat's? Die? Die? Dschem Ja, Täubchen, du, das ist mein groß' Geheimnis, Mein Stolz und Glück: Ich trag' seit zwanzig Tagen Das Gift der Borgia in den Speicheldrüsen, Hol's auf und nieder, halt' ihm trefflich stand, Und fühl' mich überwohl dabei. Lucrezia                                           Du hast? Du bist? Mir wankt der Boden unterm Fuß, Vor meinen Augen tanzt es grün und blau, Im Herzen drin will sich kein Schlag mehr regen.     Auf Cäsar und Alexander losfahrend: Ah, diese beiden da! Ich reiß' die Maske ab, Ich ruf hinaus zum Fenster eure Taten, Ich schrei' vor aller Welt, ihr seid Verbrecher! Alexander Lucrezia! Dschem                       Nur ruhig, ich sag', ich fühl' mich wohl! Lucrezia Der Borgia Gift trägst du im Leib, ja Mensch! Weißt du, was das bedeuten will? Es kocht Die Adern auf, vom Teufel selbst geschürt, Es lodert durch den Vatikan wie Brand, Von Neros Faust gelegt, es reißt dich um, Es bringt dich in das Grab! Dschem lachend:                         Nein, eben nicht! 'ne Sehenswürdigkeit, 'ne Rarität Für Jahrmarktsbuden und für Wandertruppen: Des Türken Magen wird dem Übel Herr! Cäsar platzt nach einer Pause versteinernder Verblüffung mit gellendem Gelächter los: Ha, ha, ha, ha, der Spaß ist gut! Alexander                                         Fürwahr, Jetzt lach' ich selbst am Schluß, ha, ha. Lucrezia                                                       Ihr lacht? Ihr lacht . . .? Alexander             Kind, sprich es aus, was soll man sonst? Betrogen sind wir durch Ben Ali Bey, Und dieser ward betrogen durch den Prinzen, Der Prinz durch uns und wir dafür durch ihn, Drum wenn der Sinn für Witz dir nicht erlosch, Dann lach' doch mit! Cäsar                               Ja, freilich, mach's wie wir! Denn jetzt kommt erst das Allerlustigste: Was rings um dich betrogen ward, betrügt Gemeinsam die verbündeten Gesandten.     Er hat auf die Fenster gewiesen, durch die auf einen Augenblick dumpfer Lärm dringt. Dschem Wohlan! Cäsar                   Habt acht! Dschem                                   Es geht wohl auf Tod und Leben? Cäsar Ums Eure ganz gewiß, so leid mir's tut. Ja, Prinz, Ihr seid von Haus ein muntrer Vogel Und habt auf unsre Kosten viel gescherzt. Doch jetzt erlaubt, daß wir's auf Eure tun, Scherz gegen Scherz, Ihr müßt die Koffer packen, Müßt ungesäumt ins Jenseits wandern. Dschem Ei, ei, Ihr meint? – Cäsar                                   Ja, zürnt uns nicht darob, Ben Ali Bey verlangt von uns Bescheid, Ihr seht es selbst, er kann nicht länger warten. Alexander Jetzt davon nicht, mein Sohn. Cäsar                                                       Warum? Lucrezia hat sich aufgerichtet und kommt, die Augen starr auf Cäsar gerichtet, die Treppe herunter:                                                                           Du Bruder! Ich kenn' mich nicht, ich weiß nicht, was ich tu', Rührst du den Prinzen an, dann geht's um dich, Um euch, um Rom und um den Vatikan! Cäsar reißt seinen Degen heraus: Ums letzte Sein? Dann mach' ich's lieber kurz. Alexander tritt ihm entgegen: Bei meinem Zorn! Cäsar                           Ha, ha, bei deinem Zorn! Höchst heil'ger und höchst weltlicher Herr Vater, Wann jemals sahst du mich, seit ich von dir gezeugt, Vor solchem Scherz in bleicher Furcht erbeben? Alexander Entsetzlich wahr, du schrecktest nicht zurück, Dein eigner Mund verriet es ja der Welt, Den Sohn, den heißgeliebten, mir zu töten. Cäsar im höchsten Ausdruck: Euch selber, Papst, erschlüg' ich heute noch Mit kaltem Blut und zielbewußter Faust, Ertappt' ich Euch, wo ich den andern traf: Bei ihr! Lucrezia       Du lügst! Alexander                     Er lügt! Nicht wahr, er lügt? O Herzenskind, Geschöpf, geliebtes, sprich, Kein Makel sitzt auf dir, nicht durch die Welt, Nicht durch des Vaters Schuld. Lucrezia in der Umarmung des Vaters, die Augen immer auf Dschem gerichtet:                                                   Den Prinzen laßt mir! Cäsar Er stirbt. Alexander mit geballter Faust: Eh' nehm' ich selbst das Kreuz zur Hand Und zieh' voran den sturmbereiten Kriegern, Eh' du dich machst zum Herrn des Vatikan. Cäsar weist wieder hinaus, wo der Lärm auf einen Augenblick stark anschwoll: Dort ist die Bahn! Es tobt, sie nahen schon! Lucrezia Sie kommen? Ei! Dann wünsch' ich ihnen Sieg. Glorreichen Sieg den Truppen unserer Feinde. Alexander Lucrezia! Lucrezia                     Was all da brüllt und wettert, Soll über Eurem Haupt zusammenbrechen, Ich aber geb' mich willig nach Ferrara. Cäsar O Schimpf und Schmach, du bist nicht meine Schwester, Bist eine Dirn' vom niedren Gassenkot, Doch nicht vom königlichen Stamm der Borgia! Vanozza Von diesem Stamm! O blutgetränkter Himmel Erbarm' dich sein'! Lucrezia                       Ein Wort von Euch, mein Vater! Alexander Zeig' einen Ausweg mir, allmächt'ger Gott, Ich selbst vermag ihn nimmermehr zu finden. Cäsar Den lieben Gott laßt aus dem Spiel; verfügt! Alexander fällt vor dem Kruzifix auf die Knie: Erleuchtung, Herr! Vanozza schlägt das Zeichen des Kreuzes: Der Heilige Vater kniet! Alexander Kniet auch, die Augen hebt zu ihm empor, Und wer da reinen Herzens ist, soll beten. Lucrezia indem sie sich langsam und feierlich niederläßt: Ich bete, Herr. Cäsar                     Was, du? Für ihn, den Türken? Lucrezia Ja gnäd'ger Gott, ich fleh' zu dir! Ich fleh' für Dschem und für sein Leben. Dschem richtet sich langsam auf:                     Wie? Lucrezia Fleh' daß er Gnade senke in sein Herz, Und neu ihn stärke, wenn Gefahr ihm droht. Alexander Mein Kind, so nicht! Lucrezia                                     Oh, doch! Dschem                                                         Sie betet! Sie betet wirklich? Hebt die Hände hoch? Ei, Jud', so halt' mich, daß ich aufrecht bleibe. Während der letzten Worte sind die Gesandten eingetreten und an der Schwelle stehen geblieben. Sie schauen erstaunt auf das merkwürdige Bild. Isetto Da seht Lucrezia auf den Knieen! d'Estournelles                                         Was? Hipolyt Sie betet, wie? Isetto                             Zu wem? Zu Gott? Lucrezia immer stärker:                               Zu Gott, Zum blutbefleckten Heiland aller Wunden, Auf daß vom überird'schen Glanz und Schimmer Ein kleiner Strahl sich senke auf mein Haupt. Hipolyt Bei Ihm, zu dem es fleht, das Weib ist schön! Isetto stößt d'Estournelles an: Sagt selbst! d'Estournelles schneidend: Es tut mir leid, die Truppen warten. Lucrezia Mein Gott, ich fleh'! d'Estournelles                           Zum letztenmal, Lucrezia                                                               Ich fleh'! d'Estournelles Gebt Ihr den Prinzen oder nicht? Lucrezia am stärksten:                                         Ich fleh'! Dschem indem er sich zur Treppe bewegt: Das halt' ein andrer aus! Hipolyt                                   Wer spricht? Isetto                                                           Der Prinz! d'Estournelles Er spricht? Hipolyt                               Auf einmal jetzt? d'Estournelles                                                 Ein Zufall? Alexander mit Donnerstimme:                                             Nein. Kein Zufall mehr, ein Wunder tut sich kund! Vanozza schlägt das Kreuz: Ein Wunder ist's? Dann horcht, ihr Gläubigen! Dschem Ein Wunder? Schön, doch ist mir wirr zumut, Es dreht das Hirn sich wie ein Wagenrad, Es stürmt auf mich mit ungezählten Fragen: Kann sein, kann sein auch nicht, ich bin ein Türk', Kann sein, kann sein auch nicht, ich werd' ein Christ. d'Estournelles nähert sich ihm und legt die Hände auf ihn: Ihr geht mit mir, mein Prinz! Isetto ebenso:                               Mit mir! d'Estournelles                                             Kommt! Isetto                                                                           Kommt! Dschem Auch das mag sein, mag sein auch nicht, wie dies, Nur fürcht' ich, wahrlich, eins, was fürcht' ich denn? Ich fürcht', ich bleib' auf stets bei ihr im Vatikan. Cäsar zu den Gesandten gewandt: Was sagt ihr Menschenfreunde und Erlöser? d'Estournelles Ihr wollt? Isetto                                 Zum Henker was geschah? Hipolyt                                                                   Ja, sprecht! Cäsar Versteht ihr jetzt noch nicht? Alexander                                         Genug, Der Glaube hat, der Göttliche, gesiegt, Der Himmel zeugt in Flammenschrift für uns! Getauft wird Dschem, er bleibt in meiner Hand! Das, Frankreich, melde deinem Herrn und König. Lucrezia immer noch auf den Knien: Mein Gott, ich fleh'! Dschem steht jetzt dicht bei ihr: Nein, hör' zu beten auf! Ich trag' es nicht, und doch, ich will es wieder hören, Es kitzelt mich, es juckt mich schier zu Tod, Das eine Wort: Giovanni Sforza lügt, Du bist die Reine, bist die Unbefleckte, Der Jungfrau gleich, zu der du täglich pilgerst. Isetto So flennt ein Türk'? Alexander                           Bedenkt, ein Gottbekehrter! Dschem Die Hand empor! Isetto                                 Verdammt, sie tut's! Vanozza                                                             Ihr wollt? Dschem Jetzt oder nie! Cäsar                             Lucrezia! Vanozza                                         Verflucht! Verloren du, verdammt, unsel'ges Kind, Vermehrst du deiner Schreckenstaten Zahl Um ihrer Sünden grauenvollste noch, Verflucht der Vater und der Bruder, weh!     Sie verhüllt ihr Haupt und eilt rechts hinaus. Dschem Noch einmal sag . . . Lucrezia langsam und feierlich: So heb' ich meine Hand zu Gott. Dschem auf den Affen weisend: Nein, hier, zu dem, dem Fürsten aller Fürsten. Lucrezia Bei dem? O pfui des Ekels, Prinz! Dschem                                                         Schwör', schwör'! Lucrezia Das kann ich nicht! Dschem indem er sich wieder zur Estrade wendet: Kannst nicht? Dann ist es gut, Dann bin ich Muselman als wie zuvor, Dann nehm' ich Fraß und haue wieder ein. Hipolyt Was soll das nur? Dschem greift in wilder Hast herum: Den Schinken da! Arzt                                                                               Laßt ab! Dschem Den Pfirsich, die Melone noch, es eilt! Für weiten Weg muß ich den Magen rüsten, Zusammenfassen, was zu fassen ist. Er greift nach dem Herzen. Doch nein, es geht nicht mehr. Er sinkt auf das Kissen. Lucrezia hastig zu ihm hinauf:         Mein teurer Prinz! Dschem mit verklärtem Lächeln: Ja, komm' zu mir und laß dir treulich danken, Ein letztes Wort ins zarte Ohr dir flüstern, Das tönen soll noch übers Grab hinaus: Lucrezia, du hast mich umgebracht. Lucrezia Ich dich? Alexander               Was sagt er da? Isetto                                                 Horcht auf! Dschem wie oben, indem er Lucrezia festhält: Ja, du! Was Gift und Dolch niemals vermocht, Hat dein Gebet voll Seligkeit erzaubert Und mir die Bahn ins Jenseits freigeschaufelt, Den Kuß dafür! Ich seh' die Heil'gen tanzen, Das Firmament erschlossen vor mir liegen, Doch nicht dahin! Nein, in des Affen Reich Zieht Dschem – jetzt streitet weiter um sein Gold.     Er streckt sich und stirbt. Lucrezia wirft sich mit einem wahnsinnigen Schrei auf die Leiche: Dschem! Dschem! Cäsar                           Ist weg! Alexander                                   Ist tot? Lucrezia                                                   Tot, tot durch mich! Arzt Das nicht, zerrissen hat es ihm den Leib. Cäsar in finsterm Ernst, stier vor sich hinblickend: Geplatzt ist er; wir machen's bald ihm nach. Ben Ali Bey der bis jetzt gebeugt, knechtisch und lauernd, von den Wachen gehalten, dagestanden hat, reißt sich frohlockend los: Tot, dreimal tot, doch nicht durch Euch, Herr Papst, Er starb durch sich, und mir gehört die Leiche. Er klatscht in die Hände, sofort erscheinen die vier türkischen Diener durch die Türe, an der sie zunächst stehen bleiben. Lucrezia ganz rasend: Durch mich, ich hab' ihn umgebracht! Hipolyt tritt zu ihr und legt ihr die Hand auf die Schulter: Prinzessin! Lucrezia Hab' ihn zu Tod gebetet und war feig, Ach, hätt' ich doch zu dem Gespenst geschworen! Cäsar nach einer schweren Pause zu den Gesandten: Was wollt ihr noch, ihr Herrn? Das Spiel ist aus, Kein Gold, kein Prinz, kein Vorteil mehr zu holen, Geht fort von Rom und holt zurück die Truppen. d'Estournelles Nicht war es uns um Goldeswert und Ruhm, Wir suchten einzig die Gerechtigkeit; Der Streit ist aus, es mag der Papst die Schuld Abwägen vor dem eigenen Gewissen, Mag prüfen, wer ihn in den Tod gejagt, Wir rufen unsre Heere nach Byzanz. Ben Ali Bey mit großem Hohn zu Alexander: Und Ihr, Ihr bleibt zurück und fischt aufs neu' im Dunkeln? Alexander indem er sich wie verjüngt aufrichtet: Nicht doch, mein Türk', ich geh' voran! Die Gesandten durcheinander:                       Wie, was? Alexander Der Islam glaubt, er hätte mich geschlagen, Ich wende Rom zum Kampfe gegen ihn, Den Heiland her, ich stell' mich an die Spitze!     Er hat das Kruzifix vom Thronsessel genommen und hebt es hoch in die Luft. d'Estournelles Ein Scherz in solcher Stunde? Hipolyt                                                           Was? Ihr wollt? Alexander Wo sind die Truppen? Laßt sie salutieren, Gott will es, Gott, ich bin sein erster Knecht, Ich heb' das Kreuz als wundertät'ges Zeichen, Und ruf die ganze Welt zum Heil'gen Grabe!     Er geht voran, die Gesandten folgen in höchster Verblüffung. Cäsar Viel Glück damit! Und du, Lucrezia? Lucrezia wendet sich mit festem Entschluß zu Hipolyt: Kommt, Kardinal, ich geh' mit Euch. Cäsar                                                         Du gehst? So weit wohl wie der Heil'ge Vater geht, Auf neue Art den Islam zu bekämpfen, Zur Engelsburg, doch weiter keinen Schritt, Nur um die Truppen schnell aus Rom zu führen Und die Gesandten noch einmal zu höhnen? Lucrezia nachdem sie die Tränen niedergekämpft hat, sehr fest: Ich geh' auf stets! Cäsar sieht sie starr an: Dann, Schwester, hab dich wohl! Lucrezia geht mit Hipolyt langsam ab. Ben Ali Bey winkt den Dienern. Diese springen wie losgelassen die Estrade hinauf, um die Leiche in den Sarg zu legen. Vorhang