Leberecht Hühnchen als Großvater von Heinrich Seidel.     Leipzig. A. G. Liebeskind. 1890. Hans Hoffmann                 zugeeignet. Aus Hass und Hader, Tageslärm und Mühn Komm mit mir, wo die stillen Blumen blühn! Inhalt. 1.  Vorbereitungen 2.  Polterabend 3.  Hochzeit 4.  Hochzeitsreise nach Tegel 5.  Neugarten 6.  In der neuen Wohnung 7.  Es kommt Besuch 8.  Es kommt noch mehr Besuch 9.  Allerlei von Kindern 10.  Dunkle Stunden 11.  Ein neues Haus und neues Leben     1. Vorbereitungen. Ueber zehn Monate waren vergangen seit jenem denkwürdigen Johannistage in Tegel, da Hühnchen's liebliches Töchterchen Frieda meine Braut wurde. Die Hochzeit stand nahe bevor und sollte am 14. Mai stattfinden. Ich hauste schon seit Ostern in der Frobenstrasse in Berlin, wo wir eine Parterre-Wohnung von fünf Zimmern gemiethet hatten. Hühnchen fand unser zukünftiges Heim »äusserst opulent,« obwohl das eine dieser Zimmer nur eine schmale Ritze darstellte, indem ich mit den Fingerspitzen der ausgestreckten Arme die gegenüberliegenden Wände berühren konnte. Ein anderes, neben der Schlafstube belegenes, war von dreieckiger Form und so winzig, dass eben gerade ein Bett, ein Schrank und ein Waschtisch darin stehen konnten. Dieser merkwürdige kleine Raum, der mit dem stolzen Namen Fremdenzimmer getauft war, gereichte Hühnchen zu besonderem Vergnügen, er freute sich darauf, später einmal darin zu schlafen und war überzeugt, er würde darin wegen der dreieckigen Grundform die ganze Nacht von den vier Kongruenzsätzen und allerlei trigonometrischen Problemen träumen. Das grösste Entzücken aber empfand er über die Aussicht aus den Vorderfenstern auf die hohe, mit weissem Kalkputz beworfene Mauer, die als Hinterseite der Stallungen für die Omnibus-Gesellschaft sich auf der anderen Seite der Strasse endlos hinzieht. »Wie angenehm«, sagte er, »dass ihr kein Vis à vis habt und dass Niemand vermag euch unverschämt in die Fenster zu starren. Diese fensterlose Mauer betrachte ich als ein wahres Glück.« Ich bin überzeugt, hätten dort Häuser gestanden, so würde er geschwärmt haben von den Reizen, die es gewährt, die Bewohner der gegenüberliegenden Seite in ihrem Leben und Treiben zu beobachten. Zuerst war es ziemlich öde gewesen in den leeren Räumen, wo das Geräusch meiner Schritte klingend von den Wänden widerhallte. Nur vorne in den beiden Zimmern, die ich bewohnte, befanden sich die nothwendigsten Möbel. Aber allmählich füllte sich die Wohnung. Mit Schaudern kam mir zum Bewusstsein, mit welch' einer endlosen Menge von Gegenständen der Kulturmensch seine Häuslichkeit belastet. O, das waren noch schöne Zeiten, als unsere biederen Vorfahren sich begnügten mit einem Speer, einem Steinbeil, einem Bogen, einer Hand voll von Pfeilen, etwas Schmuck von Thierzähnen und Bernstein und einem umgehängten Fell. Dazu ein Paar Töpfe, roh mit der Hand geformt und eine Erdhütte, klein aber behaglich und schon damals ebenso geräumig für die Liebe eines glücklichen Paars, wie später zu den Zeiten Schillers. Aber jetzt war das ein anderes Ding. Orient und Occident wurden in Thätigkeit gesetzt, nur damit wir uns ein Nest bauen konnten. In China spannen die Seidenwürmer, in Schlesien schnurrten die Webstühle, in Solingen hämmerten die Schmiede und an verschiedenen Orten glühten die Porzellan- und Glasöfen für uns. Hölzer aus den fernsten Welttheilen schleppte man herbei, unsere Möbel zu schmücken, der Elephant lieferte seine Zähne, der Wal sein Fischbein, das Pferd sein Haar, das Schaaf seine Wolle, Palmen ihren Bast, die Thiere aller Zonen ihre Häute, Hörner und Knochen, nur weil wir heirathen wollten. Die Bergwerke Nevada's gaben ihr Silber her, Australien sein Gold, Britannien sein Zinn, Schweden sein Kupfer und Westfalen sein Eisen. Alles für uns. Wahrlich, wenn man sich eine Vorstellung machen will von dem subtilen Räderwerk der modernen Kultur und von dem weit verzweigten Spinnennetze, das Handel und Verkehr über die ganze Welt gesponnen haben, da braucht man sich nur auszumalen, welch' einen verwickelten Mechanismus ein einziges anspruchsloses Paar in Thätigkeit setzt, nur um sich ein bescheidenes Heim zu gründen. Bei Hühnchen's herrschte schon seit lange eine geradezu unheimliche Rührigkeit, und Männer fühlten sich dort nur mässig behaglich. Denn den ganzen Tag rasselte die Nähmaschine und was da an Gesäumtem, Gebauschtem, Gefälteltem und mit Spitzen Besetztem im Laufe der Zeit zu Tage gefördert wurde, war einfach erschreckend. Es war mir wirklich manchmal zu Muthe, als hätte ich mich auf eine Sache eingelassen, deren Tragweite und deren nothwendige Folgen ich mir doch nicht genügend klar gemacht hatte. Das kleine Wörtchen »Ja« ist ein Keim, aus dem die merkwürdigsten Bäume hervorwachsen. Sah ich aber dann mein rosiges Mädchen in glühendem Fleisse und mit strahlendem Eifer in all dieser emsigen Thätigkeit mit dem hoffnungsvollen Leuchten ihrer Augen, so erfreute ich mich des blühenden Rosengartens, der auch aus diesem kleinen Wörtchen aufgeblüht war, und wir beide gedachten mit Wonne der Zeit, da wir ganz in ihm wohnen sollten. Zu einer vollständigen Ausstattung meiner zukünftigen kleinen Frau gehörten nun auch jene zarten Gedichte aus Blumen, Federn und Bandwerk, die in den Schaufenstern der Putzläden eine so unerlöschliche Anziehungskraft auf weibliche Augen auszuüben pflegen, obgleich man schon im nächsten Jahre mitleidig zu lächeln pflegt über das, was vor Kurzem noch »entzückend« war. Man sah sich im Hühnchen'schen Hause dafür nach einer Hülfe um und Frieda schrieb desswegen an eine Schulfreundin, die sich in Berlin viel in Gesellschaften bewegte und sogar schon einmal einen Subskriptionsball mitgemacht hatte. Diese wies ihr auch ein geeignetes Fräulein nach und nun schrieb Frieda noch einmal um die näheren Bedingungen, denn man wusste im Hühnchen'schen Hause nicht, wie eine solche Künstlerin zu behandeln sei, da dergleichen Priesterinnen des Luxus noch niemals über diese Schwelle gekommen waren. Darauf erhielt sie folgenden Brief: »Liebe Frieda! Die erste Bedingung Fräulein Siebentritt gegenüber ist grosse Freundlichkeit, die zweite: Kaffee mit Brödchen und Butter bei'm Antritt, die dritte: Frühstück, bestehend aus belegtem Butterbrod, einem Ei, einem Glase Wein und einer Tasse Kakao, recht süss, die vierte: Mittagessen reichhaltig, jedoch ja keinen Sauerkohl. Pudding muss unbedingt dabei sein, ein Gläschen Wein darf nicht fehlen. Die fünfte Bedingung: Kaffee wie am Morgen, jedoch jetzt mit Kuchen, die sechste: gegen Abend ein Stück kalten Pudding, die siebente Abendbrot: Eier sehr beliebt, dazu auch Butterbrod mit Braunschweiger Wurst und Hamburger Rauchfleisch angenehm, Bier darf nicht fehlen, die achte: fünfzig Pfennige mehr geben, als sie verlangt. So, nun weisst Du Alles, bemerken will ich nur noch, dass das Abendbrod sehr reichlich bemessen sein muss. Sie selbst zwar pflegt nur davon zu nippen, denn sie hat den Tag über schon so viel gepambst, dass ihre Kraft erschöpft ist, allein sie erwartet die Aufforderung, das Uebrige einzupacken und mit nach Hause zu nehmen. Sie verlangt viel Unterhaltung und ausserdem eine Apfelsine für ihre Mutter. Mit herzlichen Grüssen Deine Mathilde. Ps. Sie tritt Morgens gegen zehn Uhr an. D. O.« An einem Sonntage, kurze Zeit nach Ankunft dieses Briefes, traf ich in Steglitz ein und fand die Damen des Hauses in ziemlich gedrückter Stimmung bei dem Studium dieses Schriftstückes. Hühnchen kam darüber zu und las den Brief mit grosser Sorgfalt und vielem Ernste. »Bei'm Lukull,« sagte er, »das wird ein Tag des Wohllebens und der Schlemmerei werden, wenn dieses Fräulein unsere niedere Hütte mit ihrer Gegenwart beehrt. Und wir werden uns eine Miene erhabener Gleichgültigkeit einüben müssen, um so zu thun, als ginge es immer so bei uns zu. Und Lore, ich fürchte, mit unserem Sauren wird es nichts sein. In der griechischen Weinhandlung bei Mentzer aus Neckargemünd giebt es eine »Milch der Greise«, »Nestor« genannt. Süss und kräftig. Davon werde ich mir ein Fläschchen einthun für diesen grossen Tag.« Dann fuhr er zu mir gewendet fort: »Je älter man wird, theurer Freund, je mehr Blätter flattern welk herab vom Baume unserer Illusionen. Ich habe mir bis jetzt immer eingebildet, eine Putzmacherin sei eine Art von ätherischem Wesen, das in der Weise eines Vögelchens von irdischer Speise nur nippt, fortwährend Liedchen trällert und dazu mit unerschöpflichem Fleisse und mit wunderbar geschickten Fingern zierliche Gebilde formt. Aber darf ich von dem Einzelfalle, den dieser Brief darstellt, auf die Allgemeinheit schliessen, so kann ich mich der Ueberzeugung nicht erwehren, dass sehr irdische Geschöpfe unter dieser Menschenklasse gefunden werden.« Doch die niedergedrückten Geister der Familie Hühnchen richteten sich bald wieder auf. Es wurde nach reiflicher Ueberlegung beschlossen, auf die Hülfe dieser anspruchsvollen Dame zu verzichten, da man allgemein der Ansicht war, sie sei zu schwierig zu ernähren, auch möchte der Rahmen des Hühnchen'schen Hauses keine geeignete Fassung für dieses Juwel sein. Frau Lore brachte dann später auch mit ihren geschickten Händen alles Nöthige zur Befriedigung der Kenner zu Stande. Es war ein sonniger Tag am Ende des April, Fenster und Thüren waren geöffnet und eine köstliche Frühlingsluft wehte durch alle Zimmer. Gegen zwölf Uhr Mittags fiel es mir besonders auf, wie ungemein sonnig die Wohnung war, ja als ich näher zusah, bemerkte ich die auffallende Thatsache, dass das himmlische Gestirn sowohl in die Nord- als die Südfenster hineinglänzte. Diese beiden Sonnenscheine begegneten sich in der Mitte und brachten in dem breiten Gange, der die beiden Zimmer verband, strahlenden Glanz hervor. Als ich Hühnchen auf diese merkwürdige astronomische Thatsache aufmerksam machte, da leuchteten seine Augen ganz besonders und mit fast prahlerischem Tone begann er: »Ja, mein lieber Freund, diesen neuen Vorzug dieser merkwürdigen Wohnung kanntest Du noch garnicht. Was wir zuerst als ein Unglück beklagten, hat eitel Vortheil mit sich gebracht, denn einem Glücksvogel wie mir, müssen alle Dinge zum Besten dienen.« Dann deutete er aus den Nordfenstern auf die blinkenden Spiegelscheiben einer grossen Miethskaserne, die dort vor Kurzem erst aus dem Boden gewachsen war und fuhr fort: »Du weisst doch, welches Vergnügen wir früher immer an der Aussicht aus diesen Fenstern hatten, als dort noch das kleine ländliche Haus stand. In dem eingezäunten Hofraume trieb sich ein stattlicher Hahn mit seinen Hühnern herum, dort watschelten Enten, und im Herbst auch Gänse, ja zuweilen liessen sich dort veritable Schweine sehen, die sich stilgemäss in Pfützen wälzten. Wir hatten dort eben immer eine ächt ländliche und höchst anheimelnde Aussicht. Nun kriegen die Leute hier aber im vorigen Jahre das Bauen und stellen dort eine himmelhohe Kaserne hin mit Karyatiden und Balkons und Obst und Südfrüchten. Die Aussicht ist fort und unser Nordzimmer sollte, wie wir meinten, noch dunkler werden, als es schon war. Aber was geschieht? Ganz das Gegentheil, wie Du siehst. Denn nun spiegelt sich die Sonne dort in den grossen Scheiben und wir haben sie von beiden Seiten, dass wir uns in ihrem Scheine baden können. Eine förmliche Sonnendouche haben wir jetzt. Mich dünkt, die Wohnung hat unermesslich gewonnen dadurch. Und noch eins Theuerster. Die Grundstücke hier in der Gegend sind durch die eingetretene Bausucht gewaltig im Preise gestiegen. Gestern war ein Bauunternehmer bei mir mit einem Burgundergesicht und drei Unterkinnen. Sein glattes Bäuchlein erschien mir wie ein Grabhügel von vielen Austern, Fasanen und Gänseleberpasteten und war geziert mit einer goldenen Uhrkette im Werthe eines kleinen Bauerngutes. Er wollte mir mein Grundstück abkaufen und bot schliesslich sechsmal mehr als es mir, den Neubau mit eingerechnet, im Ganzen gekostet hat. Einstweilen habe ich der Versuchung widerstanden, obwohl er sagte: »Gott, was wollen Sie? Für das, was ich Ihnen zahle, bau'n Sie sich in 'ner anderen Gegend wieder an und da können Sie haben eine Villa. Was haben Sie hier? Niedrige Räume, kleine Löcher. Ziehen Sie weiter hinaus auf das neue Villenterrain, da können Sie haben für das Geld, was ich Ihnen zahle, grosse Räume und alle Zimmer mit Schtuck, so viel Sie wollen. Hier haben Sie keinen Schtuck und Schtuck wünscht man doch jetzt allgemein. Und Sie können haben auf dem Flur die Wände von Schtuckmarmor und können haben Butzenscheiben und Alles altdeutsch in der schönsten Renaissance und mit Cuivre poli. Oder wollen Sie nicht Renaissance, so können Sie's haben in Gothisch oder Rokoko oder was Sie wollen, unsere Baumeister bauen Ihnen in jedem Geschmack. Aber ich blieb fest und zuletzt sockte er zornig ab. Das aber muss ich Dir sagen: diesen Boden betritt jetzt mit Achtung, denn Du wandelst auf Gold.« Und Hühnchen ging mit Storchenschritten, wie zwischen Eiern im Sonnenschein herum, der ihn von beiden Seiten beleuchtete, und lachte und glänzte selber wie die Sonne. Wie es möglich werden sollte Polterabend und Hochzeit in den beschränkten Räumen des Hühnchen'schen Hauses stattfinden zu lassen, war mir unerfindlich, allein mein zukünftiger Schwiegervater hatte sich nun einmal darauf versessen und seinem Genie musste es überlassen werden, diese Frage zu lösen. »Einer Hochzeit in einem Gasthause fehlt jegliche Weihe,« sagte er. »Das ist ein Geschäft, aber kein Fest. Wir laden so viele ein, als hineingehen in die Bude und dann soll's fidel werden. Was, alter Freund und Schwiegersohn? Und unser Freund Bornemann soll uns eine Maibowle ansetzen. Das zu sehen ist allein schon ein Festgenuss, wenn er wie ein Hoherpriester seines Amtes waltet. Die Zuthaten besorgt er selber aus den geheimnissvollsten und besten Quellen, die nur Gott und ihm bekannt sind.« Auch die Gäste von auswärts sollten im Hause untergebracht werden. Das war nun allerdings so schlimm nicht, denn ausser meiner Mutter erwarteten wir nur noch Herrn Nebendahl, einen Onkel von Hühnchen, der in Mecklenburg ein Pachtgut hatte. Da nun die Zimmer oben, die ich bewohnt hatte, leer standen, so machte dies weiter keine Schwierigkeiten. Unterdess hatte unsere neue Wohnung in der Frobenstrasse sich allmählich gefüllt, es duftete dort nach Lack, Politur und frischen Polstermöbeln und Alles sah unbeschreiblich neu und ungebraucht aus. Auch die Küche war schon vollständig eingerichtet, an den Wänden hingen Löffel, Kellen, Siebe, Trichter und andere Geräthschaften, deren Gebrauch mir ein düsteres Geheimniss war. Blanke Messingkessel blitzten über dem Heerde mit einem Mörser aus gleichem Stoffe um die Wette, und am Rande des Rauchfanges entlang hing eine Reihe von Bunzlauer Töpfen: Papa, Mama und sieben Kinder, eins immer kleiner wie das andere. Auch auf den Brettern der Speisekammer war allerlei Geschirr aufgestapelt, und stattliche Porzellantonnen waren dort aufmarschirt mit schönen deutlichen Inschriften. Alles war da, nur das Beste fehlte noch. Doch der Tag, der es bringen sollte, nahte heran, ob auch die Zeit schneckengleich dahinkroch, und endlich war der Polterabend da. Unsere auswärtigen Gäste waren eingetroffen, meine Mutter, die von der Familie Hühnchen mit unvergleichlicher Liebe und Ehrfurcht aufgenommen ward, und Herr Nebendahl, ein stattlicher, wohlbeleibter Herr mit einem rothbraunen Gesicht, einer Stimme, gleich der Posaune des Gerichts, und einer grossen Neigung zur Heiterkeit, die sich durch donnerndes Lachen kundthat und das Haus in seinen Grundfesten erschütterte. »Na, Du hast dir da ja 'n gelungenes Vogelbauer eingerichtet Lebrecht,« sagte er, als er mit gewichtigen Schritten durch die kleinen Zimmer wandelte wie ein Löwe durch einen Menageriekäfig, »und 'n Garten is da ja auch. Den muss ich sehn.« Hühnchen schmunzelte und steckte schnell einige Papiere zu sich, die auf seinem Schreibtische lagen. So etwas wie dieser Garten, war Herrn Nebendahl noch nicht vor Augen gekommen und als er den Kartoffelacker von vier Quadratmetern und alle die unglaublich winzigen Zwiebel-, Mohrüben-, Erbsen-, Bohnen-, Kohl-, Sellerie- und Erdbeerbeete sah, und als ihm nun gar die Bebauungspläne in ihren verschiedenen Jahrgängen vorgelegt wurden, da schallte der Donner seines Gelächters durch ganz Steglitz. »O du mein Schöpfer!« rief er, »zu Haus' hab' ich 'n paar Erdbeerbeete, die sind zusammen mal so gross als dieser ganze Garten. Un meine Frau hat 'n Karnaljenvogel in so 'n klein Drahthaus, der kriegt jeden Tag sein Grüns, und wenn ich den seh' Lebrecht, denn werd' ich von nu ab immer an dich und dein Haus und deinen Garten denken!« Als er nun das Kartoffelfeld näher in's Auge fasste, wo eben das grüne Kraut aus der Erde hervorgedrungen war, erwachte seine Lustigkeit aufs Neue: »Junge, Junge,« sagte er, »wenn in 'n Herbst das Kartoffelracken losgeht, den musst Du dir doch woll 'ne Hülfe annehmen, oder könnt Ihr's allein zwingen. Die Kartoffeln steh'n aber gut. Was is es denn für 'ne Sorte?« »Magnum bonum, länglich runde, nierenförmige,« antwortete Hühnchen schlagfertig. »Hier in diesem Garten werden nur edelste Sorten kultivirt, und die Samen sind von einer berühmten Firma in Erfurt bezogen. Wenn Du glaubst, dass diese Zwiebeln hier ganz gewöhnliche Wald- und Wiesenzwiebeln sind, da bist Du sehr im Irrthum, ich darf sie Dir vorstellen als die »grosse runde, gelbe, feinschmeckende Zittauer Riesenzwiebel.« Auch bei diesen Bohnen siehst Du nichts Gewöhnliches vor dir, es ist die »frühe, grosse, lange, extra breite, weisse Schlachtschwert-Bohne.« Und wenn Du glaubst, hier siehst Du nur so Erbsen schlechthin, da bist Du wieder betrogen. Nein sie nennt sich »grosse, weisse, frühe, krummschotige Säbel-Erbse.« Hier erblickst Du den »sehr grossen, zarten, gelben Non-plus-ultra-Salat und dort, wo Du noch nichts siehst, wird sich bald in ungeahnter Ueppigkeit die »längste, grüne Goliath-Schlangen-Gurke« entfalten. Doch wenn Du erst ahntest, was auf diesem Komposthaufen der Zukunft entgegenkeimt, da würde Ehrfurcht dein Herz erfüllen, denn dort ist angesäet der »Riesen-Melonen-Zentner-Kürbis,« der gegen hundert Kilogramm – denke nur zwei Zentner – schwer wird. Ich muss gestehen, vor diesem Gemüse habe ich einige Angst. Ich fürchte, es wird zu geräumig ausfallen für unseren Garten und eine erdrückende Wirkung ausüben.« Herr Nebendahl hatte bei dieser ganzen Erklärung mit beiden Händen seinen Bauch gehalten, der wie von einem gewaltigen Erdbeben erschüttert ward – nun brach er endlich in ein donnerndes Gelächter aus. Als er sich endlich wieder erholt hatte, rief er: »Ne, Lebrecht, nu hör auf. Wenn das so weiter geht, denn werd' ich krank, das kann ja kein Deubel aushalten. Du bist der putzigste Kerl, der mir mein lebtag vorgekommen is.« Der Rabe Hoppdiquax in seinem vergitterten Kasten an der Hauswand hatte sich dieser neuen und geräuschvollen Erscheinung gegenüber bis dahin mäuschenstill verhalten und sie nur mit dem forschenden Blicke des gewiegten Menschenkenners aufmerksam von der Seite betrachtet. Jetzt, da eine kleine Pause in der Unterhaltung eingetreten war, hielt er offenbar seine Zeit für gekommen, denn im tiefsten Bass sagte er plötzlich: »Da ist der Graf!« Herr Nebendahl schrak zusammen: »Na, was is das?« rief er. »Sitzt da wer in dem Kasten. »Was is das?« Hoppdiquax hüpfte drei Schritte seitwärts, wodurch er mehr in's Licht kam und indem er theils pfiffig, theils boshaft auf Nebendahl hinblickte, sagte er wie zur Erklärung: »Ein räthselhafter Vogel!« Denn diese Redensart, die von Hühnchen schon so oft auf ihn angewendet worden war, hatte er sich im Laufe der Jahre zu eigen gemacht. Herr Nebendahl lachte nicht wie es wohl sonst seine Gewohnheit bei so auffallenden und sonderbaren Ereignissen war, sondern ward ein wenig blass und sah Hühnchen mit weit geöffneten Augen und gerunzelter Stirn an. »Du, Lebrecht,« sagte er, »das is ja ein graugeliges Thier, da kann Einen ja ganz angst vor werden.« »Quatschkopp!« rief Hoppdiquax mit ungeheurem Nachdruck, sträubte die Nackenfedern und hüpfte in die hinterste Ecke seines Kastens, wo er scheinbar in gewaltigem Zorn auf einen längst abgenagten Knochen loshackte. »Ne, sowas!« sagte Herr Nebendahl und ging ganz bedrückt mit Hühnchen wieder in das Haus zurück.     2. Polterabend. Am Abende dieses Tages füllten sich die Zimmer mit Gästen. Da kam der Major Puschel mit seiner Frau. Sie war köstlich in violette Seide gekleidet und klirrte und bimmelte von allerlei Schmuck, wenn sie sich bewegte. Er aber war in Uniform und strahlte festlich in militärischem Glanze unter all' den gewöhnlichen Sterblichen. Da war Doktor Havelmüller mit dem Ausdrucke freundlicher Wehmuth, der ihn immer zierte, wenn er auch noch so sehr den Schalk im Nacken hatte, da war unser Freund Bornemann mit seinem bartlosen lächelnden Vollmondsgesicht, den breiten Schultern und der üppigen Fülle sämmtlicher Gliedmassen. Er hatte sich mächtig in Wichs geworfen, seine Stiefel schossen glänzende Blitze und oben war er mindestens zu sieben Achteln Vorhemd. Wenn er so dastand, den Chapeau claque elegant gegen das Bein gestemmt, so sah er aus wie der aufgegangene Teig eines Gesandtschafts-Attaché's. Da war Onkel Nebendahl in seinem Hochzeitsfrack, der leider dem leiblichen Wachsthume seines Besitzers nicht gefolgt war und dessen Arme einzwängte, dass sie zwei stattlichen Mettwürsten glichen, während er vorne weit auseinanderklaffte und einer mit einer ungeheuren weissen Weste bedeckten imposanten Hügellandschaft Raum gab. Da waren ausser anderen Freunden und Freundinnen des Hauses, deren Aufzählung zu weit führen würde, einige von Hans Hühnchen's jüngeren Genossen, die entweder sich schüchtern in den Ecken herum drückten oder wie der junge angehende Kunstgelehrte Erwin Klövekorn sich den Anschein gaben, als seien alle Genüsse dieser Welt bereits Schall und Rauch für sie, mit blasirter Miene an einem Thürpfosten lehnten und in der Schnurrbartsgegend an etwas Unsichtbarem drehten. Von den jungen Mädchen, den Freundinnen Frieda's, war noch nicht viel zu sehen, nur aus dem Zimmer, das ihnen als Garderobe diente, schallte Lachen und Gezwitscher und zuweilen sah man dort ein phantastisch aufgeputztes Köpfchen hervorlugen, das aber, wenn es bemerkt ward, sofort kichernd wieder verschwand. In dem grössten Zimmer des Hauses, wo wir damals das Weihnachtsfest gefeiert hatten, war ein erhöhter Sitz für das Brautpaar gebaut und rings an den Wänden standen Stühle, so dass in der Mitte ein Raum für die Aufführungen frei blieb. Als dort die ganze Gesellschaft sich niedergelassen hatte, ergriff Hühnchen mit ungemeiner Wichtigkeit eine Tischglocke und läutete heftig. Auf dieses Regisseur-Zeichen öffnete sich die Thür und herein traten fast zugleich zwei hübsche Mädchen, die erste, eine blonde, war weiss gekleidet, die andere war schwarz von Haar und dunkelroth angethan. In den Händen trug jede eine flache runde Schachtel. Zum Verständniss des Folgenden muss ich einfügen, was ich bis jetzt schamhaft verschwiegen habe, dass nämlich schon vor einigen Jahren ein Bändchen Gedichte von mir unter dem Titel »Kornblumen« erschienen war, dessen Exemplare »zu scheusslichen Klumpen geballt« in dem Magazine des Verlegers ein unbegehrtes Dasein führten. Beide Mädchen betrachteten sich anscheinend mit Verwunderung und Eifersucht und die Schwarze begann: S.               »Woher des Wegs? Was bringst Du dort getragen? B. Ei was Du fragst! Dasselbe darf ich fragen! S. Zeig' her! Was, eine Schachtel rund wie meine? Was birgst Du drin? B.                               Ei nun, was birgt die deine? S. Was Rundes! B.                       Nun, was Rundes hab' auch ich! S. Zu gleichem Zwecke kommst Du sicherlich. Das merk' ich wohl und brauche nicht zu fragen, Denn einen Kranz bringst Du wie ich getragen. B. Ich kam zuerst und Du musst vor mir weichen! S. Auch meinen Kranz denk' ich zu überreichen! B. Der meine ist der schönste in der Welt! S. Und meinen kaufst Du nicht um vieles Geld! B. (nimmt ihren Kranz hervor) Der schönste Kranz von allen die sich zeigen, Er ist gefügt aus zarten Myrthenzweigen. Das schönste ist ein hold erröthend Haupt Am Hochzeitstage myrthenzweigumlaubt! S. Den ersten Kranz von allen, die wir kennen, Muss ich des Lorbeers stolze Rundung nennen, Den man dem Sieger auf die Stirne drückt, Und dem Poeten, der die Welt entzückt. B. Verzehrend sind der Ruhmsucht wilde Flammen Und nur die Liebe hält die Welt zusammen! S. Zusammen hält die Liebe wohl das Leben, Doch einzig vorwärts bringet nur das Streben! B. Lass uns nicht streiten. Jeder schätzt das Seine. Meins gilt der Braut, dem Bräutigam das deine! S. (öffnet die Schachtel. Verwundert) : Welch' seltsam Ding – fürwahr, was muss ich seh'n? Verwunderliches ist allhier gescheh'n!         (Zieht einen Kornblumenkranz hervor) : Was ich als grünen Lorbeer eingehandelt, In blaue Sterne hat es sich verwandelt. Die zarte Blume, die das Kornfeld schmückt, Sei statt des Lorbeers auf dein Haupt gedrückt. B. (zur Braut) : Dir reiche ich des Myrthenkranzes Rund, In dem Du schliessest den ersehnten Bund, Das Holdeste, das diese Erde hegt, Das Lieblichste, das eine Jungfrau trägt. Mag Andern auch ein andrer Kranz gefallen, Er ist und bleibt der herrlichste von allen!« So waren wir denn beide bekränzt zur grossen Ergötzung der Zuschauer über diese neue Form der Ueberreichung des Brautkranzes, die, wie ich nachher erfuhr, von unserem Freunde Havelmüller erdacht war. Aber zum zweiten Male ertönte Hühnchen's Glocke und herein schwebten singend und im Reigen sich drehend die vier Elemente in eigener Person. Auch diese sprachen nach einander sinnige und freundliche Worte, indem sie zwischendurch immer wieder zu ihrem eigenen Gesange zierliche Reigentänze aufführten. Da war die Erde, ein Mädchen in grünem geblümtem Gewande und einen Rosenkranz im schwarzen Haar tragend. Sie wolle uns nähren und kleiden und ihre besten Schätze für uns hergeben, sagte sie, und zum Zeichen dessen überreichte sie Brod und Salz in einem schönen Korbe. Dann kam das Wasser in blauem Gewande mit Wasserrosen geziert und versicherte uns, schon die alten Griechen hätten gesagt, es sei von Allem das Beste. »Mit 'n guten Schuss Rum mang,« murmelte Onkel Nebendahl dazwischen. Aber da kam er schön an, denn nachdem das Wasser seine Vorzüge dargelegt hatte, förderte es allerlei spitzfindige Bemerkungen zu Tage über gewisse andere Getränke, durch die nicht allein verwerfliche Junggesellen, sondern auch leider junge und alte Ehemänner bewogen würden, ihre Nächte ausser dem Hause zu verschwärmen, während die armen Frauen in Trübsal und Trauer zu Hause sässen. Als Aufmunterung zur Tugend überreicht es dann eine Wasserflasche mit zwei Gläsern. Darauf meldete sich die Luft, weiss wie eine Sommerwolke und überall mit Schmetterlingen besetzt, die auch über dem hellblonden Haare sich schwankend wiegten. Sie hielt einen zierlichen kleinen hygienischen Vortrag über den Nutzen der Ventilation und sztiess dabei ein wenig mit der Szunge an, gleichsam als wolle sie das Ssäuseln des Szephirs dadurch andeuten. Ihr Geschenk war ein Blasebalg. Das Feuer ward dargestellt durch ein zierliches Persönchen in rothem Gewande und trug eine wirkliche brennende Flamme auf dem Haupte. Die niedliche junge Dame hatte, wohl durch den Charakter ihrer Rolle verführt, eine etwas heftige Art zu deklamiren an sich, rollte beträchtlich mit den hübschen braunen Augen und in gemessenen Zwischenräumen flammte ihr rechter Arm wie von einem unsichtbaren Drahte gezogen zum Himmel empor, wobei gewöhnlich auch die etwas zu sehr angestrengte Stimme in die zweite Etage hinaufschnappte. Sie sprach mit vielem Ausdruck von der heiligen Flamme des häuslichen Heerdes und von dem Feuer der Liebe, das nie erlöschen solle und uns wärmen bis in die spätesten Tage. Dazu überreichte sie ein Feuerzeug in Gestalt eines bronzenen Amors mit einer Butte auf dem Rücken. Als sie geendet hatte, hörte ich einen Seufzer hinter mir, wo Hans Hühnchen an die Wand gelehnt stand und als mein Blick ihn streifte, bemerkte ich, wie er das zierliche Mädchen mit den Augen verfolgte. Es machte mir den Eindruck, als sei er von diesem Feuer etwas angesengt. Als die vier Elemente sich nun wieder im Reigen gedreht hatten und singend zur Thür hinaus gezogen waren, sagte Onkel Nebendahl befriedigt: »Das war mal nüdlich. Das haben die kleinen Dirns nett gemacht.« »Ja sehr niedlich,« sagte der Major, »und erinnert mich merkwürdig an einen anderen Polterabendscherz auf der Hochzeit meines Kameraden Hauptmann von Beselow. Damals waren es aber die vier Temperamente. Da passierte eine sonderbare Geschichte, denn die junge Dame, die das Phlegma darstellte, blieb ganz elend stecken, ich sage Ihnen so furchtbar stecken, dass sie nicht aus noch ein konnte. Sie musste wahrhaftig ihren Zettel aus der Tasche kriegen und Alles ablesen. Sie war eine Gutsbesitzerstochter aus der Gegend von Thorn – heirathete später meinen Kameraden Leutnant Dempwolf. Der Schwiegervater kaufte ihnen ein Gut und dann bekamen sie dreizehn Kinder. Sind alle noch am Leben. Ja!« Onkel Nebendahl, der an die pointelosen Geschichten des Majors noch nicht gewöhnt war, sah ihn erwartungsvoll an und fragte endlich als weiter nichts kam: »Und?« Der Major blickte mit den hellen Augen etwas verwundert auf ihn hin und drehte an seinem Schnurrbart: »Der älteste Sohn dient bereits als Einjähriger, ja,« sagte er dann, »bei'm zweiten Garderegiment. Ja!« Nebendahl kratzte sich hinter den Ohren und versank in Nachdenken. Doch konnte er sich dem nicht lange hingeben, denn Hühnchens Glocke ertönte wieder und während vom Klaviere her die Melodie des Liedes ertönte: »Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken hin,« wandelte, in einen langen silberglänzenden Talar gekleidet, unser Freund Bornemann als Mond herein. Sein grosses rothes gutmüthiges Gesicht schaute aus einer mächtigen goldenen Scheibe hervor, wahrhaftig, das war ein Mond, so ähnlich wie er es nur sein konnte. »Da kommt dein Freund!« sagte ich zu Frieda. Sie lächelte und sah mich glücklich an. Sie ward nämlich immer ein wenig geneckt mit ihrer Vorliebe für den Mond und sagte gerne, wenn er so durch die Zweige der Gartenbäume auf sie hinblicke, sei es ihr als schaue ein guter Freund auf sie. Dieses kleine Verhältniss war zwar ohne die übliche Sentimentalität, doch seit ihrer Kinderzeit schon hatte sie, wenn sie abends allein und unbelauscht am Fenster sass, und das freundliche Gestirn zu ihr hereinsah, ihm all ihre kleinen Leiden und Freuden anvertraut. Das musste nun Bornemann wohl bekannt geworden sein, denn er stellte sich vor als Freund der Braut, der eigens herabgestiegen sei, um an diesem schönen Tage ihr seine Glückwünsche zu bringen. Er wisse wohl, dass er schon seit lange ihr erster und eigentlich auch ihr einziger Geliebter sei. Da sie nun aber eingesehen habe, dass seine himmlischen Berufsgeschäfte und seine Verpflichtungen gegen die Liebenden der ganzen Welt eine nähere Verbindung nicht zuliessen, habe sie sich endlich unter den Menschen nach einem Ersatze umgesehen, und da sei alsbald ihre Wahl auf mich gefallen, einzig und allein um meines schönen Mondscheins willen, der sie zart und sinnig immer an ihren ersten und liebsten Freund erinnere. (So ein Schuft! Wenn ich das nicht gleich geahnt hatte!) Er könne diese Wahl nur billigen, denn gestehen müsse er ja, ihm sei ein steter Wechsel eigen, bald sei er schwarz, bald eine schmale Sichel, bald zu-bald abnehmend und nur selten zeige sich sein voller Glanz. Der von ihr erwählte Mondschein aber würde an Grösse, Pracht und Schimmer im Laufe der Jahre immer nur zunehmen und eine dauernde Quelle ungetrübter Freuden für sie sein. Damit nun auch ich an der Beobachtung dieses vergnüglichen Wachsthums und dieser steten Veredlung theilzunehmen vermöge, so überreiche er hiermit diesen feingeschliffenen und in Bronze gerahmten Spiegel. Dann schloss er: »Mein Schein ist Wechsel, deiner nicht, Er strahlt in stets vermehrtem Licht Und bleibt dir bis ans Ende treu! Nun lebet wohl! – Ich werde neu!« Er machte plötzlich links um kehrt und nun zeigte sich, dass seine ganze Hinterseite schwarz wie Pech war, nur auf dem breiten Rücken war ein sichelförmiger Mond mit Profilgesicht dargestellt, der mit zwei gewaltigen Händen eine ungeheuer »lange Nase« machte. Der Donner des Gelächters auf meine Kosten war unbeschreiblich. »Na, warte nur,« dachte ich, »du wandelndes Bierfass, wenn einmal deine Stunde schlägt und Du auf demselben Verwunderungsstuhle sitzest, dann soll meine Rache furchtbar sein!« Es würde zu weitläufig werden, wollte ich Alles anführen, was an diesem denkwürdigen Abend von ernst- und scherzhaften Vorträgen noch dargebracht wurde und wieviel liebenswürdige Freundlichkeit sowohl als scherzhafte Bosheit wir noch auszustehen hatten. Als dann nach Beendigung aller dieser Aufführungen die Gesellschaft in den beiden anderen kleinen Zimmern herumwimmelte, weil nun der Tisch zum Abendessen im »Saal« gedeckt wurde, kam Hühnchen sehr vergnügt zu mir und sagte: »Du, willst Du mal sehen wie jetzt Bornemann als Oberpriester am Altare des Bacchus waltet? Es ist ein erhabener Anblick.« Er führte mich in die Küche und dort stand Bornemann in seinem silberglänzenden Talar und hatte seine goldene Mondesscheibe nun wie einen Heiligenschein aufgesetzt. Vor ihm befand sich ein riesiges mit Blumen bekränztes Gefäss in einer mächtigen mit Eis gefüllten Schüssel. Hans Hühnchen entkorkte fortwährend Flaschen und reichte sie dem Meister zu, während ein anderer Jüngling ein grosses mit Waldmeisterkraut gefülltes Sieb über die Bowle hielt. Nur war es bemerkenswerth zu sehen mit welcher Kennermiene Bornemann zuvor an jedem Korke roch, ehe er die Flasche verwendete. Wie er sie dann geschickt zwischen den Händen wirbelte, wodurch der Inhalt eine kreisende Bewegung erhielt und die Luft in der Mitte eindringen konnte, so dass der Wein in hohlem Strahle ohne zu blubbern schnell aus der Flasche herausschoss und durch das mit Waldmeister gefüllte Sieb in die Bowle plätscherte. So ging es fort Flasche für Flasche, ohne Ende wie es uns dünkte. Hühnchen wurde ganz ängstlich und sagte: »Bornemann, du denkst wohl an eine Herrengesellschaft, bedenke es sind über die Hälfte Damen dabei.« Bornemann erwiederte mit dem Ton eines Mannes, der sich nicht in seine Angelegenheiten reden lässt: »Leberecht, das verstehst Du nicht. Wenn ich eine Bowle ansetze, dann saufen die Menschen schrecklich und es bekommt ihnen.« »So«, sagte er dann, als Hans ihm die letzte Flasche aus dem Eiskühler hingereicht hatte und nur noch zwei übrig waren, die abgesondert standen, »so«, sagte Bornemann, »Champagner ist nicht nöthig, er ist nur für die Illusion und verfliegt bald, aber hier habe ich zwei Flaschen ganz alten Rauenthaler. Zu trinken ist er nicht mehr, weil er viel zu firn ist, aber er ist durch und durch Blume. Der wird diesem Getränk wohl thun.« Es war ein weihevoller Moment, als er den Inhalt dieser Flaschen dazu goss, und der Duft des edlen Weines sich mit dem gewürzigen Hauch des Waldmeisters mischte. »So«, sagte Bornemann, »Zucker ist schon dran, nun kommt die letzte Weihe.« Er nahm aus einem Briefumschlag mit grosser Feierlichkeit ein einziges Blatt der schwarzen Johannisbeere und hielt es am Stiele etwa dreissig Sekunden in die Flüssigkeit. »Es ist vielleicht ein Aberglaube,« sagte er, »aber so habe ich es von meinem Meister gelernt. Er schrieb diesem einen Blatte eine wahre Zauberkraft zu. Zwei würden Alles verderben, sagte er. Ich kann diesen Glauben nicht ganz theilen, aber aus Pietät versäume ich es nie, denn ich habe gefunden, dass es nichts schadet.« Nun war das grosse Werk beendet, Bornemann füllte ein Glas, hielt es mit nachdenklicher Miene gegen das Licht und probirte dann sorgfältig. Er stand eine Weile mit gerunzelter Stirn und sah, wie in tiefste geistige Arbeit versunken, starr vor sich hin, während er die Lippen langsam kostend bewegte. Sodann nickte er befriedigt und schlürfte langsam den Rest des Getränkes. Seine Züge erhellten sich und sein glattes rothes Gesicht leuchtete in verklärtem Schimmer. »Es stimmt!« sagte er, indem er Hühnchen das aufs Neue gefüllte Glas darreichte. Als dann die beiden jungen Leute unter der Anleitung ihres Chefs das mächtige Gefäss keuchend in den Festsaal schleppten, kehrten wir beiden zu der Gesellschaft zurück. Unterwegs sagte Hühnchen geheimnissvoll zu mir: »Du, ich fürchte, diese Bowle wird ein schauderhaftes Loch in den Gemeindeseckel reissen. Aber, es schadet nichts, wir wandeln ja auf Gold.« Und damit machte er wieder ein Paar von seinen komisch vorsichtigen Storchschritten und strahlte vor Vergnügen. Allgemeines Behagen herrschte dann bald an der mit allerlei Salaten und kalten Schüsseln besetzten Tafel und grosses Lob ward auch hier Bornemann und seinem mit Blumen bekränzten Werk gespendet. »Ne feine Bool,« sagte Nebendahl, »den Rezept möcht' ich woll haben.« Bornemann verbeugte sich darauf, etwa wie Goethe, wenn man seinen Faust lobte. Allmählich ward die Stimmung der Gesellschaft lebhafter, die Wogen der verschiedenartigsten durcheinandergehenden Gespräche erzeugten eine Art Brandung, über der wie Schaum das helle Gelächter der jungen Mädchen schwebte. Hans Hühnchen hatte glücklich einen Platz neben dem »Feuer« erwischt und war von einer hinsterbenden Zuvorkommenheit gegen das junge Mädchen. Herr Erwin Klövekorn entäusserte sich seiner jungen Kunstweisheit gegen das »Wasser« mit grosser Zungengeläufigkeit. Er hatte das »Cinquecento« vor, war eben bei den »Eklektikern« angelangt und belehrte seine junge Nachbarin über die verschiedenen Carracci's und wodurch sich Lodovico Carracci von Agostino Carracci und dieser wieder von Annibale Carracci unterscheide und dass mit Antonio Marziale Carracci und Francesco Carracci nicht viel los sei, und dass diese Künstlerfamilie in moderner Zeit nur mit den Meyerheims verglichen werden könnte, die in ähnlich unheimlicher Weise sich vermehrt hätten und mit demselben Erfolge, ewig mit einander verwechselt zu werden. Der jungen Dame waren die Carracci's zwar so gleichgültig wie die Spectral-Analyse oder wie die Philosophie des Unbewussten, allein sie hörte aufmerksam zu, denn nichts geht über die Bildung. Die Frau Majorin belehrte meine Mutter über Hofgeschichten mit jener innigen Kammerzofenfreude kleinlich angelegter Naturen an den Schwächen hochgestellter Leute, der Major erzählte dem geduldig lächelnden Bornemann endlose Geschichten ohne Pointe, und Hühnchen ward vom Onkel Nebendahl über den grossen Nutzen der Stallfütterung und die unglaubliche Wirkung des Guanos unterrichtet, während Doktor Havelmüller Frau Lore etwas vorschwärmte von seinem neuerworbenen Waldgrundstück in Tegel mit den einundvierzig numerirten Bäumen, und andere wieder andere Gespräche führten. Es war sonderbar wie die Bruchstücke aus allen diesen Unterhaltungen durcheinander wirbelten: »O ich kann sehr boshaft sein,« sagte das »Feuer« mit einer übermüthigen Miene. »Unmöglich!« flötete Hans Hühnchen. »Die Eklektiker,« dozierte Klövekorn, »wollten die Vorzüge der grossen Maler ihrer Vorgänger mit einander verbinden, es gelang ihnen aber nicht.« – Aber was das für'n feinen Dung gab, Lebrecht,« donnerte Nebendahl, »das glaubst Du garnich, nichts ging verloren«. – »Denken Sie sich,« tönte nun die scharfe Stimme der Majorin, »sie legt Schminke auf – so dick!« – »Guano wirkt aber noch dausendmal besser, Lebrecht,« rief Nebendahl wieder. – »Da sagte der Kerl Puschel zu mir,« krähte der Major, »einfach Puschel und kannte meinen Titel doch ganz gut. Einfach unverschämt! Was?« – So rauschte die Brandung des Gespräches weiter bis endlich Bornemann die ewigen pointenlosen Geschichten des Majors satt kriegte und verkündete, er wolle nun auch einmal etwas erzählen und zwar die schöne Geschichte von der Peitsche. Da zufällig eine Pause in all den vielen Gesprächen eingetreten war, so begann Bornemann unter allgemeiner Aufmerksamkeit: »Der Bauer Stövesand fuhr in die Stadt, um ein Paar Sack Kartoffeln abzuliefern und führte dabei zum ersten Male seine wunderschöne neue Peitsche. Es war eine herrliche Peitsche, den Stiel hatte er selber aus Knirck geflochten und die beste Schnur dazu gekauft, die zu haben war. Sie lag so schön und leicht in der Hand und knallen konnte man damit wie mit einer Pistole. Eine bessere Peitsche, meinte der Bauer, könne auch des Königs Kutscher nicht haben. Als er nun in der Stadt seine Kartoffeln abgeliefert hatte, regte sich der Hunger, und er fuhr zum Bäcker und kaufte sich eine schöne grosse Semmel. Er holte die weiche Krume mit dem Finger hervor und verzehrte sie und als er dann bei dem Kaufmann angelangt war, wo er gewöhnlich einkehrte, liess er sich die Semmel mit Sirop füllen, kaufte sich einen gesalzenen Hering dazu und hielt eine leckerhafte Mahlzeit. Dazu trank er ein Gläschen »Mulderjahn«, eine Sorte von Malaga, die der Kaufmann selber aus Schnaps, Wasser, Sirop und Rosinenstengeln kunstreich herstellte und für ein Billiges an seine Kunden abliess. Nachdem er sich so köstlich erquickt hatte, begann er an die Besorgung seiner Geschäfte zu denken. Er fuhr zum Posamentier Spieseke und kaufte für seine Frau zwei Dutzend Haken und Oesen und drei Ellen Schnur, dann zum Schnittwaarenhändler Abraham, woselbst er fünf Ellen rothen Flanell einhandelte, darauf zum Cigarrenfabrikanten Michelsen und erstand sich dort drei Pfund Schiffer-Tabak von dem besten, das Pfund zu dreissig Pfennigen, denn in dieser Hinsicht war er ein Leckermaul. Hierauf hielt sein Gefährt vor dem Hause des Böttchers Maass, weil ein neuer Milcheimer nöthig war, und zuletzt fuhr er zur Apotheke, woselbst er für einen Groschen Mückenfett verlangte, welches gut ist gegen das Reissen, und ganz ungemein wenig Schweineschmalz in einem winzigen Döschen erhielt. Da er nun aber nach dem ungewässerten Heringe einigen Durst verspürte, so kehrte er noch einmal bei dem Gastwirth Kaping am Ziegenmarkt ein, trank einen Krug »Lüttjedünn« nebst einem Gläschen »blauen Zwirn« dazu und machte sich dann vergnügt auf den Rückweg. Er war schon längst aus dem Thore und bei der nächsten Ortschaft angelangt, als ein infamer Dorfkläffer den Pferden zwischen die Beine fuhr und die Thiere fast scheu machte. Der Bauer Stövesand wollte nach seiner Peitsche greifen, aber siehe da, seine schöne neue Peitsche war fort. Er musste sie in der Stadt irgendwo haben stehen lassen. Auf der Stelle wendete er um und fuhr zurück, denn seine schöne Peitsche wollte er nicht im Stiche lassen. An dem Orte, wo er die Kartoffeln abgeliefert hatte, fand er sie nicht vor, auch der Bäcker wusste nichts von ihr. Bei'm Kaufmann suchte man sie vergebens und auch bei dem Posamentier war sie nicht zu finden. Der Schnittwaarenhändler Abraham bedauerte sehr, und der Cigarrenhändler Michelsen desgleichen. Die Hoffnung des Bauern ward immer geringer, denn auch der Böttcher Maass wusste nichts von der Peitsche. Endlich kam er zur Apotheke und kaum war er in den Laden getreten, da – wie merkwürdig – da stand die Peitsche. In der Ecke am Fenster bei dem Receptiertisch. Er sah sie gleich auf den ersten Blick Ja!« Als nun Bornemann schwieg und sich mit einer Miene, die deutlich sagte, dass seine Geschichte zu Ende sei und er den Tribut des Beifalls erwarte, in den Stuhl zurücklehnte, da erhob sich ein halbunterdrücktes Murmeln und Gekicher, denn alle, die den Major und seine Geschichten ohne Pointe kannten, verstanden die kleine Satire. Dieser aber selbst sah den Erzähler gross an und fragte verwundert: »Aus?« »Jawohl,« sagte Bornemann, »ganz aus.« »So, so?« sagte der Major, »aber da muss ich offen gestehen, die Pointe dieser Geschichte ist mir entgangen. . . . Vollständig entgangen. Ja!« Dem vulkanischen Heiterkeitsausbruche, der nun folgte, sass der Major rathlos gegenüber und ebenso Nebendahl. »Ich weiss garnich,« sagte dieser, »was die so furchtbar lachen über die alte dumme Geschicht'. Sie hat ja garkein' Sinn nich. Un wenn man denkt, nu kommt's, denn is sie aus.« Hühnchen, in der Furcht, es könne hierdurch eine Missstimmung in die Gesellschaft kommen, legte sich in's Mittel und sagte: »Hör' mal Bornemann, ich habe auch schon bessere Geschichten von dir gehört.« Dieser schien durch solch hartes Urtheil garnicht geknickt, sondern schmunzelte im Gegentheil sehr geschmeichelt. »Aber,« fuhr Hühnchen fort, indem er sich an Doktor Havelmüller wendete, »da wir nun mal bei'm Erzählen sind, lieber Emil, da musst Du mir heute Abend einen grossen Gefallen thun. Ich bitte dich um die Geschichte von der Wanze.« Doktor Havelmüller sträubte sich, es sei eigentlich keine Geschichte für Damen, was diese natürlich erst recht neugierig machte, auch habe er sie lange nicht erzählt und fürchte, die kleine Geschichte, die auf das Wort gestellt sei, zu verderben. Allein Alles half ihm nichts und obwohl die Frau Majorin bedenklich ihre lange Nase kräuste und ungemein steif aussah, begann er endlich: »Am Ende meiner Studienzeit war ich einmal genöthigt, mir eine neue Wohnung zu suchen. Ich hatte schon viel Zimmer vergeblich besichtigt, da kam ich endlich zu einer freundlichen sauberen Wittwe, wo es mir ausnehmend gefiel. Ich ward bald mit ihr einig und that zum Schluss eigentlich nur der Form wegen noch die Frage: »Es sind doch keine Wanzen in der Wohnung?« »O, wie werden hier Wanzen sein!« sagte die alte Dame fast beleidigt. Das hat nun allerdings nicht viel zu sagen, denn wenn eine Wohnung auch so viel Wanzen hätte, als es Chinesen in China giebt, so würde eine Zimmervermietherin dies doch niemals zugeben, selbst wenn man sie auf die Folter spannte. Ich sagte also: »Nun das ist gut, denn in dem Augenblicke, wo ich diese verhassten Thiere spüre, ziehe ich sofort aus.« Dann gab ich meinen Miethsthaler und die Sache war abgemacht. Am ersten Abend, als ich eingezogen war, konnte ich nicht einschlafen. Ein fieberhafter Zustand überkam mich, und noch andere Symptome, die ich hier nicht näher schildern will, machten einen furchtbaren Verdacht in mir rege. Ich steckte Licht an, konnte aber nichts finden, und nachdem ich einen gewaltigen Schwur gethan hatte, am nächsten Tage sofort wieder auszuziehen, schlief ich endlich spät nach Mitternacht ein. Am anderen Morgen, als ich finster brütend auf dem Sopha sass, brachte meine Wirthin den Kaffee und es schien mir, als ob sie mich mit sorgenvollen Blicken betrachte. »Frau Mohnicke,« rief ich, »noch heute zieh' ich aus, hier sind Wanzen.« »O, du mein Schöpfer,« sagte die Frau, »sei'n Sie doch nur nicht so hitzig, es ist ja nur eine!« Ich lachte höhnisch. »Ja, Sie lachen,« rief sie, »aber es ist doch wahr. Lassen Sie sich nur erzählen. Ihr Vorgänger hatte in seiner letzten Wohnung so viel von diesen eckligen Thieren zu leiden, dass er eine kannibalische Wuth auf sie kriegte. Er fing, so viel er konnte, lebendig und sperrte sie in eine Schachtel mit Insektenpulver, um sich an ihren Qualen zu weiden, wie er sagte. Aber was hatten diese Thiere zu thun? Sie fühlten sich ganz wohl in dem Insektenpulver und lebten vergnügt weiter. Als nun Ihr Vorgänger dort auszog, setzte er alle Wanzen wieder sauber in das Zimmer zurück, denn er hatte 'n rachsüchtiges Gemüth, und nur eine nahm er mit als Merkwürdigkeit und weil er sehen wollte, wie lange sie es in dem Insektenpulver wohl aushielte. Gleich den zweiten Tag zeigte er sie mir und da sagte ich: »Das ist doch sehr Unrecht, mein Herr, denn wenn das Geschöpf ausbricht und kriegt hier Junge, dann haben wir den Salat.« »Das hat nichts zu sagen,« sagte er, »es ist ein Bock.« Dabei beruhigte ich mich denn, er aber trug seine Schachtel immer bei sich und zeigte das gräuliche Thier allen Leuten, er hatte es ordentlich lieb gewonnen. Am letzten Tage, als er ausziehen wollte, war ein Freund bei ihm, der ihm packen half und dem zeigte er auch gerade seinen Liebling, da zieht plötzlich draussen das zweite Garderegiment mit voller Musik vorbei. Die beiden jungen Leute liefen natürlich sofort an's Fenster und als sie wieder zurück kamen, war die Wanze aus der offnen Schachtel ausgeritscht. Ich bin nun seitdem hinter ihr her gewesen mit Scheuern und Petroleum alle Tage, aber das muss eine von den ganz geriebenen sein, denn wie Sie ja bemerkt haben, noch hat es nichts geholfen.« Diese verrückte Geschichte erheiterte und beruhigte mich soweit, dass ich beschloss, die Sache noch eine Weile mit anzusehen. Da die Blutgier dieses Geschöpfes nun einstweilen gestillt war, so liess es mich eine Zeit lang in Ruhe, nur nach acht Tagen etwa, machte es mir wieder eine böse Nacht, so dass ich am Morgen sehr verdriesslich aufwachte und mich mit finstern Plänen trug. Da ich aber eine wichtige Arbeit vorhatte, die mich sehr ernsthaft beschäftigte, so vergass ich schnell diese kleine Unannehmlichkeit und stand bald in meine Berechnungen vertieft vor meinem Pulte. Als ich dann in tiefes Nachdenken versunken durch das Zimmer schritt, blieb ich zufällig vor meiner grossen Wandkarte von Europa stehen, auf der auch ein Stück von Afrika und Asien mit dargestellt war. Während ich nun in grübelndem Brüten auf die Karte hinstarrte, fiel es mir allmählich auf, dass in der Gegend von Palästina was krabbelte. Zuerst beachtete ich es nicht sehr, aber endlich kam doch der Gedanke bei mir zum Durchbruch: »Was krabbelt denn da in der Gegend von Palästina?« Ich trat näher und sah mit Jauchzen, es war die Wanze. Sie sass ganz nahe bei Jerusalem auf dem Oelberg. Ob sie dorthin eine Wallfahrt zur Busse für ihre Sünden gemacht hatte, das weiss ich nicht, genug sie war da. Ich nahm meine Feder hinter dem Ohre hervor und zielte mit der Spitze sorgfältig auf das stattliche Thier. Da aber erkannte es die Gefahr, stürzte sich eilend in das Jordanthal und floh mit grosser Geschwindigkeit gen Norden. Ich mit der Feder immer hinterher. Bei'm See Genezareth schien es, sie wolle auf Damaskus zu und in Syrien und Mesopotamien ihr Heil versuchen, allein sie änderte ihren Plan, rannte um den See herum und zwischen Libanon und Antilibanon hindurch bis zur Küste des Mittelländischen Meeres und an dieser entlang, bis sich ihr das Taurusgebirge in den Weg stellte. Aber das findige Thier nahm den Kurs wieder nach Norden zwischen Taurus und Antitaurus hindurch, gewann dann in westlicher Richtung die grosse Salzwüste und holte nun so mächtig aus, dass ich ihr mit meiner Feder kaum zu folgen vermochte. So rannte sie in einer Tour immer westwärts, bis sie in der Gegend von Hissarlick wieder die See erreichte. Hier irrte sie verzweiflungsvoll am Rande des Hellespontes hin und her. Allein sie wagte den Sprung über diese Meerenge nicht, wandte sich nun östlich, bürstete mit ausserordentlicher Geschwindigkeit um das Marmorameer herum und erreichte auch glücklich etwas nördlich von Skutari den Bosporus. Die Verzweiflung gab ihr Riesenkräfte, sie setzte an und in gewaltigem Sprunge erreichte sie glücklich das europäische Ufer. Von diesem Erfolge scheinbar frisch gestärkt rannte sie in genau westlicher Richtung quer durch ganz Rumelien und ihre Züge schienen mir von neuer Hoffnung frisch belebt. Doch meine Geduld war nun zu Ende, ich setzte ihr schärfer nach und endlich in Mazedonien, sieben geographische Meilen nördlich von Saloniki kriegte ich sie gefasst. Ich sage Ihnen meine Herrschaften, ihr Blut – es war eigentlich mein Blut – spritzte über den Balkan hinweg bis nach Bukarest!« Der grössere Theil der Gesellschaft sass in einiger Erstarrung da über diese verdrehte Geschichte und wusste nicht, ob er lachen oder »Au« sagen sollte, während nur Hühnchen und Bornemann an diesem barocken Humor eine unbändige Freude hatten. Die Mahlzeit war unterdessen beendet und nun erschienen die vier Elemente wieder, die von Hühnchen mit einer neuen Aufgabe betraut worden waren. Die »Erde« bot die Zigarren herum, während die »Luft« ein Messer zum Abschneiden der Spitzen darreichte. Wenn die Herren sich nun bedient hatten, so liess sich das »Feuer« zierlich auf ein Knie nieder und bot das auf seinem Kopfe neu wieder entzündete Flämmchen zum Gebrauche dar. Da nun für das »Wasser« bei diesem Geschäfte kein Posten übrig blieb, so ging es einfach mit und lächelte freundlich zu Allem, was geschah. Dies machte Onkel Nebendahl ungeheuren Spass. »Das is hier ja grad' wie bei so'n türk'schen Pascha!« sagte er. »Du hast auch zu putzige Einfälle Lebrecht!« Als nun aber die vier Elemente zu Hans Hühnchen kamen, sah ich, wie er in Verwirrung gerieth und in dem Augenblicke, wo das »Feuer« vor ihm niederknieen wollte, sprang er schnell empor und rief fast beschämt: »O das kann ich ja gar nicht verlangen!« und zündete sich, sehr roth im Gesicht, unter hastigem Paffen an dem stehenden »Feuer« die Zigarre an, während dieses die braunen Augen niederschlug und auch ein wenig anglomm, indess die übrigen drei Elemente schalkhaft dazu lächelten. Die ganze Gesellschaft begab sich nun wieder in die anderen Zimmer, da die Tische fortgeräumt werden mussten, weil man im »Saal« tanzen wollte. Doch um mit der Beschreibung dieses lustigen Abends zu Ende zu kommen, will ich nur noch sagen, dass die nun folgende Polonaise alle Räume des Hauses, sowie des Gartens ausnutzte, was allerdings nicht viel sagen wollte, dass meine Mutter mit Herrn Nebendahl unter allgemeinem Beifall einen langsamen Walzer prästirte und dass schliesslich das Kunststück geübt wurde in diesem engen Raume zwei Quadrillen auf einmal zur Ausführung zu bringen, die Onkel Nebendahl, der als junger Inspektor ein Hauptvortänzer gewesen war, in einem fabelhaften plattdeutsch angestrichenen Französisch kommandirte mit einer Stimme, dass die Wände zitterten. Diese Quadrillen boten einen Anblick, als hätte man beabsichtigt, die Verwirrung plastisch darzustellen. Ich sehe noch immer Hühnchen, der von der edlen Tanzkunst nur eine sehr geringe Ahnung hatte, wie er strahlend und hüpfend seine Kometenbahnen verfolgte und mit dem freundlichsten Lächeln von der Welt in die Nachbar-Quadrille gerieth und überall zu sehen war, nur nicht dort, wo er sein sollte. Jedoch seine ungemein taktfeste Partnerin, die Frau Majorin, holte ihn mit säuerlichem Lächeln stets an einem Fittig wieder zurück und drehte ihn an seinen Ort, worüber er denn immer sehr dankbar und ungemein vergnügt war. So ging denn dieser Abend unter allgemeiner Heiterkeit zu Ende.     3. Hochzeit. Die kirchliche Feier war vorüber und wir befanden uns wieder in den festlich geschmückten Räumen der Hühnchen'schen Wohnung. Dreimal hatten wir Spiessruthen laufen müssen auf dem Wege zur Kirche. Einmal vor dem Hause, wo ein Haufe von Kindern, Dienstmädchen, alten Weibern und solchen Müssiggängern sich angesammelt hatte, die überall stehen bleiben, wo es was zu sehen giebt, sei es ein umgefallenes Droschkenpferd, die Durchfahrt eines Kahnes unter einer Brücke, oder sonst irgend etwas. Das andere Mal blühte uns dieses Glück vor der Küche und dort schlugen einige Bemerkungen an mein Ohr, die ich nicht unterdrücken will, obwohl Manches nicht schmeichelhaft für mich war. »Ach so eenfach,« sagte ein aufgedonnertes Dienstmädchen. »Bloss Kaschmir!« Dann wieder eine andere Stimme: »Vor zwee Jahr' is sie erst injesegent. Mit meine Hulda zusammen.« »Ach so jung!« flötete bedauernd eine ältliche Jungfrau. »Und nimmt so'n Ollen!« krächzte eine scheussliche Megäre. Als wenn man nicht mit neununddreissig Jahren heutzutage noch geradezu ein Jüngling wäre. In der Kirche selbst sassen nun ausser den wenigen Leuten, die ein Interesse an der Familie Hühnchen nahmen, erst die wahren Kennerinnen, gewisse Stammgäste, die solchen Schauspielen eine nie erlöschende Theilnahme beweisen und keines versäumen. Aber die Heiligkeit des Ortes dämpfte ihre Stimme zu leisem Flüstern, so dass ihre gewiss tief einschneidenden Kritiken uns nicht vernehmlich wurden. Die Trauung verlief ohne jeden Zwischenfall. An keinem Pfeiler des Hintergrundes stand ein bleicher junger Mann mit der tiefen Falte des Grams zwischen den Augenbrauen, keine verschleierte Dame brach auf dem Chore bei'm Ringewechsel ohnmächtig zusammen, kein gebräunter junger Mann, soeben aus fernen Welttheilen mit Schätzen reich beladen zurückgekehrt, trat zufällig in die Kirche und sah erbleichend und mit zusammengebissenen Zähnen wie der Traum seiner Jugend einem anderen die Hand reichte, kein geheimer Kriminalschutzmann legte mir nach vollendeter Trauung die Hand auf die Schulter und sprach: »Mein Herr, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes,« nein Alles ging ganz ungemein wenig romanhaft und so nüchtern zu, wie man es sich nur wünschen kann. Die Hühnchen'sche Wohnung war festlich geschmückt mit Blumen, Guirlanden und Grün, und Hühnchen's grösster Stolz war, dass Alles aus seinem kleinen Garten stammte. »Zwar,« sagte er, »kann man nicht leugnen, dass dieser Garten zur Zeit ein etwas abgerupftes Aussehen hat, allein die unverwüstliche Schöpferkraft der Natur wird das Alles schon wieder ersetzen.« An der ebenfalls mit Blumen schön ausgezierten Tafel versammelte sich nun die Hochzeitsgesellschaft in ihrem höchsten Staat. Da war mir zur Seite Frieda in schimmerndem Weiss, mit dem langen, wallenden Schleier und dem zarten Myrthenkranz im Haar, demüthig und schön, da war meine Mutter in perlgrauer Seide sehr stattlich anzuschauen, da war Herr Nebendahl, dessen weisses Westenvorgebirge heute noch erhabener schimmerte als gestern und dessen Frack von den ungewohnten Strapazen in allen Näthen krachte, da war der Major in äusserstem militärischem Glanze und seine Frau in Purpur und köstlicher Leinwand, wenn man ihr dunkelrothes, mit Spitzen besetztes Kleid also bezeichnen darf, da zeigten sich die Trauführer neben ihren in schimmerndes Weiss gekleideten Damen, Freund Bornemann, heute fast noch mehr Vorhemd als gestern, Herr Erwin Klövekorn, der zur Feier des Tages so blasirt aussah, als hätte er alle Freuden dieser Welt bereits in der Windel ausgekostet, und Hans Hühnchen, der von Liebesgöttern umspielt neben seiner Brautjungfer, dem »Feuer«, sitzend, seinen Platz mit keinem König getauscht hätte. Den Beschluss machten Doktor Havelmüller und Fräulein Dorette Langenberg, die mir einst von Hühnchen zugedachte Zukünftige. Ein Zug weltschmerzlicher Entsagung, der ihr sehr gut stand, hinderte sie nicht, gegen ihren Nachbar alle Wasser der Unterhaltung spielen zu lassen. Wir hatten noch nicht lange bei Tisch gesessen, als Hühnchen sich erhob und eine kleine Rede hielt: »Meine lieben Freunde,« sagte er, »man pflegt im Leben von Glückspilzen und Pechvögeln zu reden, das ist mir immer falsch erschienen, ich für mein Theil bin immer geneigt gewesen: Pechpilz und Glücksvogel zu sagen. Einen solchen Glücksvogel seht Ihr in mir. Denn mir ist Alles geglückt, was ich mir vorgenommen habe, ja über meine Wünsche hinaus ist mir liebliche Erfüllung zu Theil geworden. Meine Eltern waren zwar sehr arm, aber liebevoll und gut gegen mich, kann man wohl in der Kindheit ein besseres Glück finden? Sie liessen mir eine gute Bildung zu Theil werden, ich konnte das Gymnasium besuchen, doch weiter reichten ihre Mittel nicht. Als ich mich später dann dem Maschinenbau zuwendete, da war es mein höchster Wunsch, auf einer technischen Hochschule mich weiter für meinen Beruf auszubilden, und auch dies ward mir nach Jahren fleissiger Arbeit endlich zu Theil. Dort auf dem Polytechnikum zu Hannover fand ich einen Schatz, der seltener ist als mancher weiss und denkt. Dort ward mir ein Freund zu Theil, ein Freund für's Leben, ein solcher, bei dem, wie der Dichter sagt: »Verständniss zu Verständniss sich gesellt, Und was in Einem tönt, im Andern klingt Und wiederhallt.« Und was noch mehr ist, nicht lange darauf gewann ich noch einen grösseren Schatz, ein liebes getreues Weib, das ich nicht anstehe eine Perle ihres Geschlechtes zu nennen.« Frau Lore ward roth wie eine Purpurrose, und Hühnchen fuhr fort: »Diese meine liebe Frau schenkte mir zwei blühende gesunde Kinder, die ich weiter nicht loben will, denn das würde mir als Vater nicht wohl anstehen. Aber ich darf wohl sagen, dass sie mein Glück, mein Stolz und meine Hoffnung sind. Auch in den geringeren Dingen hat mich das Glück begünstigt, meine lieben Freunde. Nur eins will ich anführen. Schon ein Traum meiner Jugend war es, einmal ein eigenes Häuschen zu besitzen und in der eigenen Gartenlaube mein Abendpfeifchen zu rauchen. Ihr Freunde, die Ihr versammelt seid in diesen festlich geschmückten Räumen, Ihr wisst es, wie bald auch dieser Wunsch meines Herzens in Erfüllung ging und wie lange schon ich mit Dankbarkeit dies kleine Stück unserer grossen Mutter Erde mein eigen nenne und mit welcher Freude ich in meinem Gärtchen die Gaben entgegennehme, die mir die Natur aus ihrem unerschöpflichen Schoosse Jahr für Jahr auf's Neue spendet. Aber die Ursache, weshalb Ihr heute hier versammelt seid, lieben Freunde, stimmt mein Herz zu besonderer Dankbarkeit und gerührter Freude. Denn die Berechtigung, mich einen Glücksvogel zu nennen, darf ich auch wohl daraus ableiten, dass mir ein Glück zu Theil ward, das nicht alltäglich ist in diesem Leben. Ich durfte die Hand meiner einzigen geliebten Tochter legen in die Hand jenes vorhin genannten Freundes, den ich kenne seit früher Jugend, den ich liebe, schätze und verehre, ich durfte es thun mit Zuversicht und freudigem Vertrauen. Das ist bis jetzt der Gipfel meines Glückes, und keinen besseren Wunsch glaube ich desshalb heute aussprechen zu können für meine lieben Kinder, als den: »Seid glücklich wie wir es bis jetzt gewesen sind. Seid glücklich, glücklich, glücklich!« Hühnchen schwieg eine Weile, da ihm die Stimme versagte, dann fügte er rasch und leise hinzu: »Und darauf wollen wir unsere Gläser leeren!« Es war eine merkwürdige gedämpfte Stimmung, in die hinein nun die Gläser klangen und in manchen Augen schimmerten Thränen, deren sich diesmal keiner zu schämen schien. Doch diese Stimmung machte bald wieder allgemeiner Heiterkeit Platz, zumal als nach einiger Zeit der Major an sein Glas schlug und eine Rede begann, die voll von den merkwürdigsten Pointen war. »Meine sehr verehrten Herrschaften,« begann er. »als ich an dem vergangenen Fastnachtsdienstage von meinem Bureau nach Hause kam, da fiel mir der Laden des bekannten Bäckermeisters Bredow in die Augen und da ich nicht wusste, ob meine Frau für diesen Abend bereits die obligaten Pfannkuchen besorgt hätte, so trat ich hinein und erstand mir eine Tüte voll von diesem in Berlin so ausserordentlich beliebten Gebäck, ohne das man sich einen Sylvester- oder Fastnachts-Abend nicht wohl vorzustellen vermag. Als ich aber nach Hause kam, da hatte meine Frau bereits von dem berühmten Konditor Westphal ebenfalls eine Anzahl dieser festlichen Backwerke mitgebracht. Da wir nun dadurch in der Lage waren, Vergleiche anzustellen, so mussten wir konstatiren, dass die Pfannkuchen des Bäckermeisters Bredow nicht allein grösser, sondern auch bedeutend besser und wohlschmeckender waren als die des berühmten Konditors Westphal. Ja! – Hieran anknüpfend möchte ich mir die Bemerkung erlauben, dass ich vermöge meiner gesellschaftlichen Stellung« – hier richtete sich die Frau Majorin noch gerader empor als sonst und ein Abglanz ihrer ebenfalls vornehmen Vergangenheit verklärte ihr Antlitz wie der Abendsonnenschein eine Burgruine – »dass ich vermöge meiner gesellschaftlichen Stellung die Gelegenheit hatte, in adligen und hochangesehenen Kreisen zu verkehren. Ja! Aber ich muss konstatiren, dass es mir dort gegangen ist wie mit den Pfannkuchen, dass ich mich in allen diesen Kreisen nicht so wohl gefühlt habe als in dem, welchen der einfache bürgerliche Ingenieur, Herr Leberecht Hühnchen, um sich versammelt hat. Ja! – Apropos Ingenieur! Nicht von allen Vertretern dieser Berufsklasse kann man sagen, dass sie einer gleichen Geistes- und Herzensbildung sich erfreuen. Ich habe dabei einen jungen Menschen im Auge, der auf dem Bureau, wo ich die Plankammer verwalte, wegen Mangel an Platz auf kurze Zeit zu mir hineingesetzt wurde in mein Zimmer, um dort zu arbeiten. Der junge Mensch hatte in Zürich studirt und war voll von umstürzlerischen Ideen, so dass, als wir binnen Kurzem in ein politisches Gespräch geriethen, wir natürlich bald konstatirten, dass sich unsere Ansichten diametral gegenüberständen. Ich sage di–a–me–tral! Nun, das hätte nichts zu bedeuten gehabt, denn wenn ich die Meinung eines ehrlichen Gegners auch nicht theile, so kann ich sie doch achten, allein der junge Mensch liess sich zu einer Bemerkung hinreissen, die mich förmlich in Erstarrung versetzte, so dass ich vorzog zu schweigen, weil die mir zu Theil gewordene Erziehung es nicht zuliess, die Antwort zu geben, welche allein am Platze war. Dieser »Ingenieur« behauptete nämlich, dass es unter den Offizieren, besonders unter der älteren Generation, doch manche gebe, denen es an allgemeiner Bildung mangele. Ich war, wie gesagt, starr! Aber als ich desselbigen Abends auf dem Sopha lag und las wie gewöhnlich, da fiel mir zufällig ein Roman in die Hände, der mir die richtige Antwort in den Mund legte, und am anderen Tage redete ich den jungen Menschen folgender Maassen an: »Hören Sie mal, Herr Hannemann,« sagte ich mit einem gewissen Nachdruck, »es beliebte Ihnen gestern, einige inkrojable Bemerkungen fallen zu lassen über Offiziere und allgemeine Bildung. Darauf kann ich Ihnen nur erwidern, dass ich gestern Abend zufällig einen Roman gelesen habe, in dem ein Ingenieur vorkam, der sich über alle Begriffe ungebildet und roh benahm. Ich sage Ihnen, er benahm sich sozusagen fast gemein. Sie sehen also, dass auch in Ihrem Stande die allgemeine Bildung nicht so durchweg verbreitet ist, wie Sie anzunehmen scheinen. Ja!« – Da war der junge Mensch, wie man so zu sagen pflegt, »baff« und erwiderte kein Wort. – Aber meine verehrten Herrschaften, Sie werden fragen, warum ich diese Geschichte erzähle in einer Gesellschaft, in der, wie ich wohl weiss, sich drei Ingenieure befinden und einer, der es werden will. Ich erzähle sie, weil dieser junge, vorhin erwähnte Mensch eine der Ausnahmen bildet, die die Regel bestätigen, denn alle anderen Ingenieure, die ich sonst kennen lernte, erwiesen sich als liebenswürdige und fein gebildete Leute. Insbesondere unser hochverehrter Brautvater und Gastgeber, Herr Leberecht Hühnchen, der in so mancherlei Gebieten des Wissens zu Hause ist, gehört gewiss zu den seltenen Menschen, die keine Feinde haben und von allen geliebt werden, die sie kennen. Und was mich betrifft, so habe ich in den freundlichen Giebelzimmern dieses Hauses fröhliche und friedliche Jahre verlebt und mich am Verkehr mit dieser liebenswürdigen Familie erfreut, denn was Herr Leberecht Hühnchen in seiner vorigen Rede über seine Frau Gemahlin und seine Kinder zu äussern beliebte, das kann ich nur voll und ganz unterschreiben. Und was ferner mich betrifft, so bin ich diesem Hause ganz besonderen Dank schuldig, denn hier lernte ich meine jetzige hochverehrte Gattin kennen« – wieder fiel ein Strahl der Abendsonne auf die Burgruine – »ja ohne das Haus Hühnchen wären meine sinkenden Tage wohl niemals von der Sonne ehelichen Glückes vergoldet worden.« Hier machte der Major eine Pause der Rührung, weil ihm diese letzte Redewendung wohl ganz besonders gelungen erschien, und fuhr dann fort: »Und so, getrieben von den Gefühlen der Dankbarkeit und der Verehrung, fordere ich Sie auf, hochgeschätzte Anwesende, mit mir auf das Wohl des Hauses Hühnchen ein Glas zu leeren. Es lebe hoch, dreimal hoch! Dieser Aufforderung kamen natürlich Alle mit ganz besonderer Freude nach. Sodann nahm in dieser redelustigen Gesellschaft die endlose Reihe der Trinksprüche ihren Lauf, denn an diesem Nachmittage wurde Alles leben gelassen, was nur leben zu lassen war, sogar der Rabe Hoppdiquax zu Nebendahl's grosser Entrüstung. Auch dieser brave Onkel hielt seine Rede und zwar eine solche, dass ihr wegen ihrer merkwürdigen Kürze und Schlagkraft allgemein der Preis zuerkannt wurde. Er klopfte mächtig an sein Glas und erhob sich dann feierlich. Sein weisses Vorgebirge strahlte über den Tisch hin, sein rothes Antlitz glänzte. Er hob langsam sein Glas in Augenhöhe, dass der bejahrte Hochzeitsfrack in allen Fugen krachte und beschrieb damit unter verbindlichem Lächeln einen Bogen über den ganzen Tisch hin, wobei er mit jeder Dame gleichsam mit den Augen anstiess. Dann, indem er sein Glas schnell senkte und hob, wie man mit einer Flagge salutirt, donnerte er die einzigen zwei Wörter hervor: »Die Damen!!!« Gewaltiger Beifall und endloses Gläserklingen folgten dieser Rede. Hühnchen nannte sie »lapidar« und Bornemann »monumental«. Ja selbst auf Herrn Erwin Klövekorn's Antlitz zeigte sich ein schwaches Lächeln, etwa wie wenn der Geist eines Nachtschmetterlings um eine welke Blume schwebt. Onkel Nebendahl hatte diesen jungen Mann, der ihm gegenüber sass und seine Tischnachbarin mit lauter unverständlichen Dingen unterhielt, schon öfter prüfend in's Auge gefasst. Nun redete er ihn endlich an: »Sagen Sie mal, Herr Klövekorn, was haben Sie eigentlich für ein Geschäft?« Der junge Mann sah die Nase entlang und zog die Mundwinkel ein wenig nach unten, denn der Ausdruck »Geschäft« sagte ihm nicht zu. Dann antwortete er: »Ich habe mich dem Studium der Kunstwissenschaft ergeben.« »Du meine Zeit,« sagte Nebendahl, »was heutzutag' auch alles studirt wird. Früher da studirten die Leute Pastohr, oder Advokat, oder Schulmeister, oder Dokter un damit war's aus. Nu aber wird alles Mögliche studirt, schliesslich wohl noch gar Nachtwächter. Der eine studirt Maschinenbauer, so als wie Hans Hühnchen zum Beispiel, der andere Zahnbrecher, der dritte sogar Landmann. Na, was bei so'n ökonomisches Studium rauskommt, das seh ich bei meinem Nachbar Schmeckpeper. Das führt immer erhabene Redensarten in 'n Munde von Agrikulturchemie un Superphosphat un Stickstoff un sowas, wenn das aber seine Leute anstellen soll, denn laufen sie ihm durcheinander wie die Ameisen, wenn einer mit 'n Stock in ihren Haufen purrt. Un wenn das nachher seinen Weizen einfährt, so is es ein Jammer. Also Kunstwissenschaft studiren Sie, Herr Klövekorn? Da kann ich mir garnichts bei denken.« »O Herr Nebendahl,« sagte der junge Mann, »das ist in neuerer Zeit eine Wissenschaft von so grosser Ausdehnung geworden, dass Einer sie nicht mehr beherrschen kann und eine Menge von Spezialisten entstanden ist. Da giebt es welche, die sich nur mit Raphael abgeben und mit dem, was diesen angeht. Ein anderer ist wieder der grosse Dürerkenner, ein dritter beschäftigt sich nur mit Rembrandt, ein vierter hat sich wieder auf einen bisher ganz unbeachteten Maler geworfen und macht ihn noch dreihundert Jahre nach seinem Tode berühmt, was er bei Lebzeiten garnicht einmal gewesen ist. Ja denken Sie sich, vor einigen Jahren ist einer auf die Idee gekommen, hauptsächlich die Ohren und die Hände zu beachten auf den Bildern der alten Meister. Darüber hat er ein dickes Buch geschrieben voll von den wichtigsten Entdeckungen.« »Also die alten Museumsbilder studiren Sie un was sie für Ohren un Snuten un Poten haben?« sagte Herr Nebendahl unter donnerndem Lachen, »das muss ja hundemässig langweilig sein. Ich geh ja ganz gern mal in's Museum, jedesmal wenn ich nach Berlin komm', aber länger wie 'ne Stund' halt' ich's bei den alten Bildern nicht aus. Schon von wegen dem süsslichen Geruch nich. 'N paar Bilder sind da, die mag ich woll leiden. Da is so'n alter Herr mit 'ner Pelzmütz', der hat 'ne Nelke in der Hand, den seh ich mir immer so lang' an, bis ich graulich vor ihm werd', denn er wird immer lebendiger, je länger man ihn ansieht und zuletzt denkt man, nu fängt er an zu reden. Dann is da so 'ne alte Hex' mit 'ne Eul' auf der Schulter, über die muss ich jedesmal bannig lachen un denn sind da auch so 'n paar hübsche Dirns abgemalt, zwarst 'n bischen kurz im Zeug, aber nüdlich zu sehen. Aber das muss ich sagen, es bleibt doch immer dasselbe, un auf die Dauer muss es doch höllisch langweilig werden. Un da erinner' ich mich besonders an einen nackten Menschen, auf den sie mit Pfeilen schiessen, dass er schon ganz gespickt ist – ich weiss nich wie sie ihn nennen.« . . . Hier fiel Bornemann plötzlich ein: »Wer stets gespickt und nie gebraten wird, heisst Sebastian, wer dagegen stets gebraten und nie gespickt wird, nennt sich Laurentius.« »Schön also,« fuhr Nebendahl fort, »dieser Sebastian steht nun Jahr für Jahr in derselbigten Positur, immer wenn ich ihn wiedersah, un thut so als wenn es ein liebliches Vergnügen wär', mit Pfeilen nach sich schiessen zu lassen, un hat immer noch denselbigten Klax Oelfarbe auf der Nas', über den ich mich schon vor zwanzig Jahren geärgert hab', denn da hat der Maler sich nach meiner Ansicht einfach vermalt. Es bleibt wie gesagt immer dasselbe. Da kommen Sie doch mal zu mir raus auf's Land. Ich bin nu doch schon Landmann seit fünfunddreissig Jahr, aber das kann ich Ihnen sagen: Ich hab noch keinen Schlag Weizen gesehen, der ebenso ausgesehen hätt' wie der andere. Un wenn Sie denken 'n Schaf is 'n Schaf, da sind Sie sehr im Irrthum. Da fragen Sie doch mal meinen Schäfer, der kennt alle seine achthundert Schafe persönlich an ihrer Fisionognomie.« Herr Erwin Klövekorn hatte, während Nebendahl seine schnurrigen Anschauungen über Kunst vorbrachte, nur etwas in seinen zukünftigen Bart gemurmelt, das beinahe klang wie »Idiotische Banause«, nun aber zog er vor sich in erhabenes Schweigen zu hüllen und mit kränklichem Lächeln seinen Kneifer zu putzen. Herr Nebendahl aber war in's Feuer gekommen und fuhr fort: »Na, und überhaupt. Wie man das Leben in solcher grossen Stadt wie Berlin auf die Dauer aushalten kann, das begreif ich nich. Hier draussen geht's ja noch, un Lebrecht hat hier ja sogar seinen sogenannten Garten, worüber ich mich gestern halb dodt gelacht hab'. Aber is es nich'n Jammer, dass solch'n Finzel Land 'n Garten vorstellen soll. Ich hab heut' schon zu Lebrechten gesagt, an seiner Stell' würd' ich mir nu auch noch 'ne kleine Landwirthschaft anlegen. 'N Stamm Hühner un 'ne Flucht Tauben könnt' er sich ganz gut halten, un an der Stell', wo das alte graugeliche unfruchtbare Rabenvieh in seinem Kasten sitzt, da würd' ich mir 'n kleinen nüdlichen Sweinskoben hinbauen. Da könnt er sich alle Jahr sein Swein in fett machen un daran sein liebliches un nahrhaftes Vergnügen haben. Aber er will ja nich. Ich glaub' es is ihm nich poesievoll genug. – Na, also, wie gesagt, hier draussen geht es ja am Ende noch, aber nu in Berlin selbst. Wenn ich da mitten in der Stadt wohnen sollt' in so'n grossen Häuserkasten, da bleibt mir die Luft weg, wenn ich da bloss an denk'. Un denn, was haben die Menschen auf der Strass' immer zu rennen un zu kribbeln wie die Ameisen. Immer als wenn n' Theater, oder 'ne Kirch' oder 'ne Volksversammlung aus is, oder als ob's einerwo brennt. Un denn das ewige Gefahr! Wissen Sie wie mir das vorkommt, wenn ich da 'ne Zeit lang mitten in bin. Als wenn das All' eigentlich ganz überflüssig wär' un die Leute bloss all' 'n Rapps hätten. Na, amüsieren kann man sich ja am End': in's Theater gehn, in's Konzert oder in'n Tingel-Tangel oder in 'ne gute Restauratschon. Aber schliesslich is es doch auch wieder immer Alles dasselbe. Acht oder höchstens vierzehn Tag' halt' ich's woll aus, aber denn krieg' ich ein barbarisches Heimweh. Un denn kommt es mir vor, als wenn mein Konzert bei mir zu Haus' dausendmal schöner is, als Alles, was sie da in Berlin zusammenfiedeln, tuten und streichen. Nämlich wenn ich mit meinem Nachbar Diederichs an so'n schönen Juniabend vor der Hausthür sitz' unter meinem grossen alten Lindenbaum bei 'ner Zigarr' un 'ner guten Buddel Rothspohn. In meinen Garten singen denn die Nachtigallen un in's Feld schlagen die Wachteln, welche ganz nah un welche ganz weit ab. Un aus der Wies' ruft mannigmal der Snartendart un ganz weit vom Neumühler See her quarren die Frösch'. Sehen Sie, das is mein Konzert.« Herr Klövekorn hatte unterdess seinen Kneifer fertig geputzt, setzte ihn wieder auf und sagte mit einem Tone nachlässiger Ueberlegenheit: »Ich denke mir doch die Beschäftigung mit der Landwirthschaft sehr monoton und geistig ausserordentlich wenig anregend.« Herr Nebendahl zog die Stirn kraus und ward noch röther wie gewöhnlich: »Was sagen Sie da, junger Mann«, rief er, »na, hören Sie mal, da muss ich Ihnen zuerst eine kleine Geschicht' erzählen. Ich kam mal mit dem Weinhändler Friebe in ein Gespräch über sein Geschäft, und da nahm er sein Glas un witterte so mit der Nas' darüber hin un sagte: »Wissen Sie,« sagte er, »bei'm Weinhändler ist die Nase die Hauptsache. Mir können Sie die Augen verbinden und halten Sie mir dann eine Rose vor, so sage ich, es ist eine Rose, und halten Sie mir ein Veilchen vor, so sage ich, es ist ein Veilchen, und halten Sie mir eine Nelke vor, so sage ich, es ist eine Nelke, und halten Sie mir alten Käse vor, so sage ich, es ist alter Käse. Glauben Sie ja nicht, dass das Jeder kann mit verbundenen Augen. Nun, wenn ich einen neuen Lehrling bekomme, so prüfe ich ihn zuerst. Finde ich dann, dass der junge Mensch keine Nase hat, so schreibe ich an seine Eltern : »Lassen Sie den jungen Mann studieren, zum Weinhändler ist er zu dumm!« Sehen Sie, ganz so is es mit der Landwirthschaft, nur dass da noch'n bischen mehr zugehört. Studieren hilft da nich, un Nase auch nich, aber ein Schenie muss man sein. Un warum es leider Gotts weniger gute Landmänner giebt, als wir brauchen könnten in dieser Welt, das will ich Ihnen sagen. Das kommt davon, weil die Schenies überhaupt selten sind!« Hühnchen, welcher fürchtete, diese Unterhaltung möchte in einen unerquicklichen Streit auslaufen, wollte schon wieder vermittelnd eingreifen, allein er wurde dessen enthoben, denn meine kleine Frau, welche sich vor Kurzem von meiner Seite geschlichen hatte, kehrte nun in einem zarten grauen Reisekleide zurück. Die Abenddämmerung war hereingebrochen, und vor der Hausthür knallte der Kutscher des bestellten Wagens mit seiner Peitsche. Ueber den Abschied will ich schnell hinweggehen. Er war gerührt und feierlich, obwohl das Ziel unserer Reise nicht in der weiten Welt, sondern in der engen Nachbarschaft lag. Als wir dann endlich im Wagen sassen, waren Hühnchens letzte Worte, während er uns beide an den Händen hielt: »Seid glücklich, glücklich, glücklich!« Frau Lore stand daneben, hatte das andere Paar unserer Hände erfasst und die Thränen liefen ihr unablässig die Wangen herab.     4. Hochzeitsreise nach Tegel. Ja nach Tegel ging unsere Hochzeitsreise und nicht weiter. Dort an dem Orte, wo wir damals uns gefunden hatten, wollten wir die ersten vierzehn Tage unserer Ehe verbringen, und zwar in einem Häuschen, das im Orte unter dem sonderbaren und wenig verlockenden Namen »die fröhliche Flunder« bekannt ist. Den Grund dieser Bezeichnung habe ich niemals entdecken können, und so schlagend sonst manchmal dergleichen Namensgebungen des Ortswitzes sind, so wenig zutreffend war mir diese immer erschienen. Die »fröhliche Flunder« ist ein niedliches Fachwerkhäuschen, das zwischen dem Wirthshaus »Seeschlösschen« und dem Eisenhammer liegt in einem kleinen noch erhaltenen Theile der Tegeler Gemeindeheide, die sich früher bis in diese Gegend erstreckte. Es steht sehr freundlich unter den sorglich geschonten Kiefern und zwischen diesen ist allerlei Gebüsch- und Blumenwerk angepflanzt. Von dem kleinen Hause steigt man auf einigen Terrassen zum Seeufer hinunter, wo das aus feuchtem Grunde üppiger aufschiessende Gebüsch über den leichten Zaun hinüber hängt und überall an passenden Stellen sind lauschige Sitze oder trauliche Lauben angebracht, von denen aus man durch die Lücken im Buschwerk auf den schimmernden See, seine lieblichen Inseln und die in der Ferne bläulich dämmernden Waldufer hinblickt. Der Weg von Steglitz nach Tegel beträgt in der Luftlinie gemessen schon zwei Meilen, und unsere Fahrt dauerte deshalb eine ziemliche Weile. Als wir dann endlich über Friedenau, Schöneberg und Berlin die langweilige Tegeler Chaussee erreicht hatten, da war es schon dunkel, der Mond goss sein Licht über die Welt und verzauberte die dürftige Kiefernheide in einen Märchenwald mit schwarzen phantastischen Zacken, liess die ärmlichen Häuser, die fast den ganzen Weg begleiten, mit freundlichem Schimmer aus der Finsterniss leuchten und hob die staubige Chaussee wie einen silbernen Streifen hervor, so dass wir über die freundliche Verwandelung dieses sonst so hässlichen Weges fast in Verwunderung geriethen. Doch mochte auch wohl in unserm Innern etwas sein, das liebliche Verklärung über alle Dinge dieser Welt ausgoss. Als wir nach zweistündiger Fahrt in Tegel anlangten und am Seeschlösschen vorüber kamen, da glaubte ich aus einer Laube des Wirthsgartens Jemanden lauschen zu sehen, dessen Anwesenheit mich sehr verwunderte, da er bei unserer Abfahrt noch in Steglitz zugegen gewesen war. Ich hätte darauf schwören mögen, dass Doktor Havelmüller dort hervorschaute, als das Rasseln unseres Wagens vernehmlich ward. Möglich war es ja bei Benutzung der Stadtbahn und der Pferdebahn unsere gemächlichen Miethsgäule zu überflügeln, aber welchen Zweck konnte dies haben. Doch ich zerbrach mir darüber nicht weiter den Kopf, zumal uns bald noch weitere Ueberraschungen begegneten. Wir fanden die Thüre unseres kleinen Häuschens sehr schön mit Blumengewinden geschmückt, in denen farbige Lämpchen freundlich glühten. Auch das Hauptzimmer in der Mitte, das sich auf die Veranda nach der Seeseite zu öffnet, war hell erleuchtet, als hätten Heinzelmännchen dort ihr Werk gethan, überall schimmerte es von Blumen, deren feine Glöckchen und Kelche sich gar zierlich im Glanze der Lichter abzeichneten, und Maiblumenduft durchhauchte alle Räume. Ja noch eine grössere Ueberraschung stand uns bevor, denn der Tisch vor dem Sopha zeigte sich mit einem schneeweissen Tuche gedeckt, das mit blauem Zierrath schön gerändert war, und darauf stand in funkelnagelneuen fein geblümten Porzellangeschirren ein Abendimbiss für zwei Personen. Der Theekessel summte, Alles war bereit, doch keine Menschenseele liess sich sehn, wahrhaftig, gerade wie in einem Märchen. Wir liessen uns diesen freundlichen Zauber gern gefallen und setzten uns in vergnüglicher Rührung an unser Tischlein-deck-dich. Aus dem Essen ist aber nicht viel geworden, wie man sich wohl denken kann. Wir traten bald hinaus auf die dunkle Veranda und sahen an einander gelehnt, während wir uns umschlungen hielten, in die Nacht hinaus. Der Mond war hoch in's Blau gestiegen, durch die finsteren Kiefernstämme schimmerte der See wie glattes Silber, und traumhaft verschwommen lagen die Insel Hasselwerder und die gegenüberliegenden Waldufer in weisslichem Dunste. Ringsum war es still, nur vom Garten des Seeschlösschens her hörte man das Stimmengemurmel der wenigen Gäste und im Park des Eisenhammers sangen die Nachtigallen. Da wurden neue Töne vernehmlich, das taktmässige Rucksen von Rudern, und das Geplätscher des rückfliessenden Wassers, und nach einer Weile glitt in den unbewegten Silberspiegel vor uns der schwarze Schattenriss eines Kahnes. Wir hörten wie die Ruder eingezogen und an Bord genommen wurden und bald lag das Fahrzeug, in dem dunkle Gestalten sich bewegten, regungslos da. Nach einer Weile ertönte von dort ein schöner vierstimmiger Gesang und nun wusste ich mit einem Male, dass ich vorhin recht gesehen hatte und wem wir alle diese kleinen Ueberraschungen zu danken hatten. Ja etwas wie Rührung ergriff mich, denn was dort klang, war mein Lieblingslied, jenes Volkslied aus dem Bergischen mit der seltsam schönen Melodie, das Ludwig Eck in seiner bekannten Sammlung vorangestellt hat: Verstohlen geht der Mond auf! Blau, blau Blümelein! Durch Silberwölkchen führt sein Lauf. Rosen im Thal, Mädel im Saal, O schönste Rosa! Er stieg die blaue Luft hindurch, Blau, blau Blümelein! Bis dass er schaut auf Löwenburg. Rosen im Thal, Mädel im Saal, O schönste Rosa! O schaue, Mond, durch's Fensterlein, Blau, blau Blümelein! Schön Trude, lock' mit deinem Schein! Rosen im Thal, Mädel im Saal, O schönste Rosa! Und siehst du mich, und siehst du sie, Blau, blau Blümelein! Zwei treu're Herzen sahst du nie! Rosen im Thal, Mädel im Saal, O schönste Rosa! Nach Beendigung dieses Liedes setzte der Kahn sich wieder in Bewegung und fuhr langsam ein grosses Stück weiter in den See hinaus. Aus dieser Ferne klang dann ein anderes Lied in lieblicher Weise über die silberne Fluth zu uns her. Dann wieder nach längerer Stille schallte es noch einmal ganz fern aus der geheimnisvollen Mondesdämmerung wie der Gesang seliger Geister über den Wassern. Wir lauschten noch einige Zeit, doch nichts weiter mehr ward vernehmlich, nur der Gesang der Nachtigallen tönte lauter und sehnsuchtsvoller durch das Schweigen der mondhellen Nacht. * * * Für Tegel haben wir beide, meine Frau und ich, eine kleine Schwärmerei. Das kann man sich wohl denken, denn wir haben dort die lieblichsten Tage unseres Lebens verbracht. Und noch jetzt, da diese sonnigen Frühlingswochen längst entschwunden sind und wie eine freundliche Zauberinsel im Meere der Vergangenheit liegen, da gedenken wir oft an sie und kein Frühling vergeht, dass wir nicht an einem schönen Tage uns nach Tegel aufmachten, um dort auf unsern eigenen Spuren zu wandeln und alle die idyllischen Orte wieder aufzusuchen. Denn eine Gegend, die an und für sich schon lieblich und voll Anmuth ist, wird es doppelt, wenn freundliche Bilder der Erinnerung mit ihr verknüpft sind. Wir sehen uns dann wieder unter der herrlichen Eiche im Park, nicht der grössesten aber der schönsten, die ich kenne, deren Aeste so mächtig weit ausladen und bis in die höchste Spitze begrünt sind mit üppigem Epheu und deren Kuppel sich wölbt so gleichmässig wie die eines gewaltigen Domes. Wir gedenken dann jenes Maimorgens, als wir dort sassen, während die goldenen Schmetterlinge um uns spielten und die Vögel jubilierten, dass man es fast einen Lärm nennen konnte. Und wie die blanke frische Luft erfüllt war mit Sonnenschein, dem würzigen Dufte der jungen Blumen und Kräuter und lauter Sang und Klang, so war Alles dies auch in unserem Innern. Wir sprachen nicht und sassen aneinandergelehnt still Hand in Hand und fühlten, dass wir ein Theil waren dieser unermesslichen Frühlingswonne. Ja überall grüsst uns liebliche Erinnerung, wenn wir diesen für uns geweihten Boden betreten. Schon am Eingang in den Park, wo die mächtigen Platanen, Ulmen und Silberpappeln aufragen und eine grüne kühle Dämmerung verbreiten. Wie oft haben wir gemeinsam aufgeschaut zu der gewaltigen Höhe ihrer Wipfel und sind dann wieder niedergetaucht in die Tiefe unserer Augen. Wie oft sind wir an dem kleinen sauberen Schlösschen vorbei gewandelt zu der Höhe, wo wir damals in der Mondnacht dem Gesange des Doktors Havelmüller lauschten, während die funkelnden Glühwürmchen unsere Häupter umspielten. Dort an der Stelle, wo wir uns damals gefunden hatten, liessen wir jetzt an den schönen Frühlingstagen die Blicke in der Ferne weiden, wo hinter grünen Wiesen und jungaufschiessenden Rohrwäldern der blanke Spiegel des waldumdämmerten Sees blitzte und in der weiten Ferne aus blaulichem Dufte die Thürme, von Spandau und die mächtige Kuppel von Westend emporstiegen. Doch immer kehrten die Blicke wieder zurück                     »aus aller Wunderferne In deiner Augen heimathliche Sterne,« Wie oft wanderten wir durch den feierlichen Kreis der dunklen Fichten, welche die Grabstätte der Familie Humboldt umrahmen, und weiter durch Feld, Wiese und Wald. Wie oft sassen wir am Fusse jener uralten mächtigen Kiefer am Ufer des Sees in ungestörter Einsamkeit. Nur ein Gartenlaubvogel sang zu unsern Häupten, fern rief der Kukkuk und mit leisem Geplätscher schlugen die Wellen des leicht bewegten Sees an das Ufer. Oft nahmen wir auch ein Boot und fuhren nach Hasselwerder, einem ganz mit Haselbüschen und anderen Sträuchern bewachsenen Eilande von länglicher Form und geringer Grösse, gerade ausreichend, um sich dort ein Häuschen zu bauen und einen hübschen Garten anzulegen. Diese Insel betrachteten wir als die unsrige und obwohl wir keine Ahnung hatten wie es geschehen sollte und wir wussten, dass sie unverkäuflich war, so stand es uns doch ganz fest, dass wir uns dort einmal ansiedeln und uns sehr behaglich einrichten würden. Einstweilen beschäftigten wir uns im Geiste damit, sie zu bebauen und zu bepflanzen und sie mit allerlei Gethier zu bevölkern. Damit konnten wir uns stundenlang beschäftigen und in grossen Eifer dabei gerathen. Ja, diesen aussichtslosen Projekten hatten wir sogar den ersten kleinen Streit unserer Ehe zu verdanken. Zwar, wo das Haus stehen und wie es beschaffen sein sollte, darüber waren wir uns einig, aber wegen des Gartens kamen wir aneinander. Ich wollte ihn zum grössten Theile durch Anpflanzung von dichtem Buschwerk wie Weissdorn, Schlehen, wilden Rosen, Liguster, Teufelszwirn, Hollunder und dergleichen in ein Vogelparadies verwandeln. insonderheit den von Rohrwald umgebenen Theil der Insel nahm ich in ganzer Ausdehnung für meine Pläne in Anspruch, während Frieda ihn durchaus zur Hälfte mit zum Gemüsegarten ziehen wollte, denn in dem kleinen väterlichen Anwesen hatte sie viel Neigung zu solchen Dingen gewonnen. Umsonst entwarf ich verlockende Schilderungen von dem entzückenden Gewirr der Vogelgesänge, das dort im Frühjahr herrschen würde, wenn Rohrsänger, Grasmücken, Laubvögel, ja vielleicht sogar Nachtigallen und Blaukehlchen dort mit einander wetteiferten, und welche Fülle idyllischer Freuden uns erblühen würde aus der Beobachtung des Familienlebens dieser zierlichen Geschöpfe, allein Frieda entwickelte plötzlich einen eminent praktischen Sinn und wollte den grössten Theil dieser zukünftigen Poesie für die Prosa des Kopfsalates, der Mohrrüben und Stangenbohnen geopfert wissen. »Bedenke doch,« so rief sie eifrig, »wir wohnen dann auf einer Insel und das Mädchen kann nicht wie in Berlin um jede Hand voll Suppengrün nebenan in den Gemüsekeller hüpfen, nein wir müssen unsern nothwendigsten Bedarf selber bauen und dazu brauche ich diesen Raum ganz unbedingt.« »Aber liebe Frieda,« rief ich, »soll ich denn die Erfüllung eines Lieblingstraumes für ein paar Kohlrabiköpfe hingeben!« »O,« sagte sie, lief hinzu und zog mit ihrem Sonnenschirm einen energischen Strich in den Ufersand, »sieh doch nur, Dir bleibt ja dieses ganze grosse Stück. Da kannst Du furchtbar viel Büsche pflanzen, Du musst sie nur recht dicht an einander setzen. Und den ganzen Uferrand bekommst Du auch noch. Rings herum um die ganze Insel. Bedenke doch, Du willst das Land doch nur für eine Spielerei haben, ich aber gebrauche es für höchst nöthige Dinge. »Spielerei?« wiederholte ich fast etwas unwillig, denn ich muss gestehen, dass auch ich nicht frei bin von der Schwäche der meisten Männer, die stets geneigt sind, ihre Liebhabereien für geheiligte Dinge zu halten. »Ja,« sagte Frieda und vertiefte den Strich im Sande durch energisches Nachziehen, »ich kann es nicht anders nennen. Und ganz gewiss es geht nicht, es geht wirklich nicht. Hier musst Du nachgeben.« Und damit sah sie mich fest an und suchte sich einen Anstrich von entschlossener Energie zu geben, der zu ihren sanften Zügen garnicht passen wollte. Ich war schon im Begriff etwas Thörichtes zu erwiedern, als mir plötzlich, gerade noch im rechten Augenblicke, die grosse Komik dieser Situation zum Bewusstsein kam, und dass wir im Begriff waren, uns um das Fell des Bären zu zanken, den wir noch garnicht hatten und höchst wahrscheinlich auch nie im Leben bekommen würden. Diese Ueberlegung musste sich wohl sehr deutlich auf meinem Gesicht abspiegeln, denn alsbald fing auch Frieda an zu lachen, wir eilten uns in die Arme und küssten uns und konnten uns lange Zeit nicht von einem stets erneuten Gelächter erholen. »O, wie schrecklich,« sagte Frieda dann, »wir hätten uns ja beinahe gezankt.« »Und um Luft,« erwiderte ich. »Aber Recht hab' ich doch!« rief sie schnell. Als ich sie dann etwas befremdet anblickte, lief sie rasch fort, zog an einer andern Stelle einen kräftigen Strich in den Sand und sagte: »Weil Du aber so vernünftig und brav gewesen bist, so sollst Du Alles haben, was Du verlangst, und dieses Stück schenke ich Dir noch dazu, Du lieber Brummbär.« Da aber wurden auch in mir die nobelsten Gefühle wach, wir suchten uns nun gegenseitig zu überbieten und unter fröhlichem Lachen und in den Regungen wetteifernden Edelmuthes schwang dies erste winzige Steinchen, das in den klaren Spiegel unseres Glückes gefallen war, seine Kreise aus. An demselben Nachmittage fuhren wir auch nach der Liebesinsel, jenem winzigen Eilande, wo wir im vorigen Jahr am Johannistage die höchst merkwürdigen Ausgrabungen vorgenommen hatten. Da das schöne Wetter erst seit Kurzem eingetreten war, so hatte das Inselchen in diesem Jahre wahrscheinlich noch gar keinen Besuch von Berlinern gehabt und lag scheinbar noch ganz so unberührt da, wie es aus dem Schnee des Winters hervorgeblüht und gegrünt war. Auf dem Sande des Landungsplatzes war noch keine Fussspur abgedrückt, kein Hälmchen war geknickt und keine Blume gebrochen, wir konnten uns einbilden das winzige Eiland sei eben zuerst von uns aufgefunden worden. Das thaten wir denn auch und stellten sofort eine Entdeckungsreise an in das Innere, welches nach etwa zehn Schritten auch glücklich erreicht wurde, und begannen nach ächter Forscherweise alle bemerkenswerthen Punkte mit Namen zu versehen. Den von einer Gebüschgruppe umgebenen einzigen Baum der Insel, welchen Hühnchen damals in liebenswürdiger Uebertreibung ein Wäldchen genannt hatte, tauften wir »Leberechts Hain«, die kleine mit Blumen und jungem Grase bewachsene Landspitze »Kap Frieda« und die grösseste Erhöhung, welche mindestens einen Meter über das Wasser und somit zweiunddreissig Meter über den Spiegel der Ostsee hervorragte, »Havelmüllers Höhe«. Der Landungsplatz aber wurde, eben weil dort gar keine Bucht vorhanden war, dem Major zu Ehren die »Pointen-Bucht« getauft und so hatten wir bald »die Rollen ausgetheilt und Alles wohl bestellt«, so dass wir uns nach dieser Arbeit auf eine kleine natürliche Rasenbank setzen und uns dem Genuss dieser freundlichen Einsamkeit hingeben konnten. Sonderbar war es, wie in den tiefen Frieden des spiegelglatten Sees, den kein Lüftchen bewegte und der im Kranze seiner besonnten Uferwälder in träumerischer Stille dalag, der mahnende Donner des Krieges und das emsige Gehämmer rastloser Arbeit hineintönte. Denn auf dem Schiessplatz in der Jungfernhaide donnerten unablässig die Kanonen und wir fühlten deutlich die leise Erschütterung der Luft, die jeden dumpfen Knall begleitete. Vom Eisenhammer her aber tönte ganz aus der Ferne das Brummen der Ventilatoren, und emsiges Gehämmer, während die Schornsteine dieser Fabrik sowohl, als die der Wasserwerke hohe schwärzliche Rauchsäulen in die fast unbewegte Luft empor sendeten. Doch Alles dieses schien uns hier so fern und ging uns ja garnichts an, es trug nur dazu bei, die holde Abgeschiedenheit dieses kleinen Inselchens so nahe bei dem Brausen einer Riesenstadt und deren geschäftiger und geräuschvoller Umgegend noch mehr hervorzuheben. Doch der Abend nahte, das ferne Gehämmer verstummte und die Kanonen schwiegen, so dass die herrschende Stille uns nun doppelt schweigsam erschien. Nur das liebliche Geschwätz der Dorngrasmücke, die auch in diesem Jahre wieder das Inselchen bewohnte, tönte aus dem Buschwerk und in fernen Rohrwäldern lärmten die Drosselrohrsänger. Die Sonne versank hinter dem Walde und in der grossen goldenen Gluth, die ihr folgte, sah man zuweilen den Flügelblitz eines Vogels, der über die Wipfel dahinzog. Wir bestiegen nun wieder unser Boot, und während ich es im Rudertakte durch die immer rosiger sich färbende stille Fluth dahintrieb, summte Frieda die holde Weise eines kleinen Liedes vor sich hin, das ihr durch die Stimmung dieses Abends wohl in den Sinn gekommen war:         »Sinkt der Tag in Abendgluthen, Schwimmt das Thal in Nebelfluthen. Guten Abend, guten Abend! Heimlich aus der Himmelsferne Blinken schon die goldnen Sterne. Guten Abend, guten Abend! Flieg' zu Nest und schwimm zum Hafen! Gute Nacht, die Welt will schlafen! Gute Nacht, gute Nacht!«     5. Neugarten. Das Glück war uns günstig in diesen Wochen, wir hatten Tage, von denen es im Liede heisst: »Blauer Himmel, sonn'ge Tage Ziehn in goldner Pracht vorbei: Ja, noch ist es keine Sage, Was der Dichter singt vom Mai.« Ach, selten nur spendet sie dieser berühmte Monat, dann aber sind sie so schön, dass man sie niemals wieder vergisst und sie seinen zweifelhaft gewordenen Ruf auf lange wieder befestigen. Denn man weiss nun doch wieder, dieser Monat kann herrlich sein, wenn er will, doch leider will er nur allzu selten. Da wir nun aber ganz ungemein viel Sonnenschein in uns selber trugen, so hätten wir so vieles äusseren garnicht einmal bedurft und als mal ein trüber Regentag dazwischen fiel, da fanden wir auch diesen wundervoll. Wie behaglich war es da auf der geschützten Veranda zu sitzen, während der Regen auf das junge Laub trommelte, Blumen und Kräuter aromatischen Duft aushauchten, und Alles dankbar und erfolgreich die laue Feuchtigkeit trank, so dass Wiesen und Bäume zusehends grüner wurden. Wie erfreulich war es unter sicherem Schutze hinzusehen auf das wimmelnde Gehüpfe der Tropfen, die mit sanfter Musik auf die Fläche des Sees niederrieselten und sie wie mattgeschliffen erscheinen liessen, während die fernen Ufer und Inseln in feuchte Schleier gehüllt waren. Am andern Tage glänzte wieder heller Sonnenschein und die Welt erschien uns noch einmal so blank und strahlend als vorher. Am Abende dieses letzten Tages unserer Anwesenheit geschah es, dass wir zum ersten Male unser Inkognito brachen und Herrn Doktor Havelmüller auf seinem neuen Grundstücke besuchten. Denn hier wird es nun hohe Zeit einzufügen, dass wir uns eigentlich gar nicht in Tegel befanden, sondern am Rhein und in anderen schönen Gegenden. Mein Urlaub war mir ertheilt worden zum Zwecke meiner Verheirathung nebst anschliessender Reise nach Kassel und an den Rhein, und nur die nächsten Freunde wussten, dass wir heimlich in Tegel steckten. Doktor Havelmüller, der in dieser Zeit täglich des Abends herüberkam, um in seinen beiden Gärten zu arbeiten, achtete unser Inkognito auf das strengste, und wir hatten uns bis jetzt kaum begrüsst. Jetzt aber, da mein Urlaub ablief und wir aus unserer behaglichen Zweisiedelei unter die Menschen zurückkehren mussten, beschlossen wir uns zu erkennen zu geben und Doktor Havelmüller in »Neugarten«, wie er sein neues Grundstück nannte, zu besuchen. Er hatte nämlich schon im Anfang des vorigen Jahres gegenüber dem Parke des Eisenhammers einen halben Morgen Kiefernheide gekauft und trug sich mit Plänen, sich dort ein Häuschen zu bauen. Da er sich jedoch durchaus nicht für irgend einen Stil entscheiden konnte und fortwährend zwischen einem tiroler oder schwarzwälder oder sächsischem Bauernhause, oder einer gothischen oder romanischen oder Renaissance-Villa hin- und herschwankte, dann auch den Kajütenstil der Schifferhäuser an der Ost- und Nordsee in Betracht zog, so hatte er einstweilen sich dort eine Erdhütte errichtet und den niedrig gelegenen Theil des Grundstückes in Gartenland verwandelt, während er den höheren, der mit einundvierzig wirklichen Kiefern geziert war, seiner »natürlichen Wildheit« überlassen hatte. Als wir durch die kleine Pforte in den eingezäunten Raum traten, sahen wir den Doktor beschäftigt, wie er mit mächtigem Eifer Wasser pumpte, das durch blecherne Röhren in hölzerne Tonnen lief, die an verschiedenen Stellen in die Erde versenkt waren. Der Boden war sorglich umgegraben und in Beete getheilt, auf denen zum Theil ein freundliches Grün schimmerte. Im übrigen leuchteten sie in dem schönen weisslichen Gelb des unverfälschten märkischen Sandes. Als der Doktor uns bemerkte, hielt er die Hand über die Augen und sah eine Weile scheinbar befremdet auf uns hin. Dann ging etwas wie freudiges Wiedererkennen durch seine Züge. »Ha, willkommen,« rief er. »Schon zurück vom schönen Rhein? Willkommen in Neugarten!« Wir lachten ein wenig über die schauspielerische Kunst, mit der er Ueberraschung heuchelte, da wir uns doch fast alle Tage von ferne gesehen hatten, und dann zeigte er uns die Wunder seiner neuen Besitzung. »Stosst Euch nicht, lieben Freunde, an dem weisslichen Aussehen dieses Bodens,« sagte er, »auf dem märkischen Sande wächst Alles, was man verlangt, wenn er nur Dung und Wasser bekommt. Und ausserdem ist es Urboden. Seit Menschengedenken war hier Kiefernheide und es ist nicht anzunehmen, dass es früher anders gewesen ist. Ich bin der erste Mensch, welcher dieses Land den Zwecken höherer Kultur dienstbar macht. In Folge dessen sind hier im vorigen Jahre schon kannibalische Kartoffeln gewachsen.« Dann führte er uns dem höher gelegenen Theile zu auf einem schmalen Steige, der an dem niedrigen Abhang empor ging. Als ich nun hier den »Wald« musterte, fand ich, dass an allen Kiefern ein Stück der Rinde entfernt war und sie an dieser Stelle mit fortlaufenden Nummern gezeichnet waren. Auf meine Frage nach der Bedeutung dieses Verfahrens, drehte Doktor Havelmüller wehmüthig lächelnd seinen Kinnbart und sagte: »Ja, lieber Freund, es könnte doch einmal vorkommen, dass hier Holz gestohlen wird. Da wäre es mir doch sehr tröstlich zu wissen, welche Nummer es gewesen ist.« Wir hatten uns unterdess auf eine sehr ursprüngliche Bank gesetzt, die zwischen dem Park des Eisenhammers und dem der Wasserwerke hindurch eine Aussicht auf den im Sonnenlichte flimmernden See gewährte und nun zog der Doktor ein in Halbleder gebundenes Buch hervor, schlug es auf und deutete mit einem gewissen Stolz auf seine erste Seite. Ich las: »Grundstück »Neugarten« bei Tegel. Seine Geschichte, Grösse und Bedeutung, seine Bodenbeschaffenheit, seine Flora und Fauna nebst sonstigen Merkwürdigkeiten.« »Lieben Freunde,« sagte Doktor Havelmüller, »als ich die Idee zu diesem Buche fasste, war ich so glücklich, als hätte ich den Stein der Weisen gefunden. Der Augenblick ist mir noch deutlich in der Erinnerung. Es war im vorigen Juni. Ich lag hier oben auf dem Rücken und schaute mit dem unvergleichlichen Gefühl, auf meinem eigenen Grund und Boden zu ruhen, durch die von der sinkenden Sonne röthlich angestrahlten Kiefernwipfel in das schöne Blau des unermesslichen Weltraums. Es war ein idyllischer Abend, mein Buchfink, der in Kiefer Nr. 29 sein Nest hatte, sang unablässig, meine Goldammer – sie wohnte unter dem kleinen Dornbusch dort hinten in der Ecke – sass auf dem Zaun und zwirnte ihr einförmiges Lied, das zu vergleichen ist einem feinen Sonnenstrahl, der durch eine Blattlücke fällt, meine siebenzehn Ameisenlöwen dort an dem Sandabhang brüllten« . . . . . »Brüllen die wirklich?« fragte Frieda plötzlich ganz unschuldig dazwischen. »Ungemein!« erwiderte Havelmüller mit eiserner Stirne und fuhr dann fort: »Also meine Ameisenlöwen brüllten, meine Heuspringer wetzten, meine Fliegen summten, meine Schmetterlinge wiegten sich um meine Blumen und ich sonnte mich in dem wunderbar behaglichen Gefühle, das in dem Worte »Mein« liegt. »Mein, so weit das Auge reicht,« sagte ich stolz vor mich hin und das durfte ich, denn man wird sich erinnern, dass ich auf dem Rücken lag. Um mich herum natürlich und auch unter mir hatte mein Grundstück seine Grenzen, in der Tiefe ging es nur bis zum Mittelpunkt der Erde, wo es in einen Punkt zusammenschwand. Das war jedoch der Punkt, wo auch alle Königreiche dieser Welt zu Null werden. Zog man aber von diesem Punkte aus Linien an die Grenzen meines halben Morgens und verlängerte sie bis in die Unendlichkeit, so war es klar, dass sich mein Grundstück kegelförmig in das Weltall hineinstreckte und immer grösser und grösser wurde, je weiter die Entfernung war. Der Rechenteufel fing an mich zu plagen, ich nahm mein Taschenbuch hervor und ermittelte zunächst den Flächeninhalt meines Grundstückes, den es einnehmen würde in der Entfernung gleich der unserer Sonne. 1300 Quadratmeter war es gross hier auf der Erde. Rechnete man nun die Entfernung der Sonne rund zu 24000 Erdhalbmessern, so ergab sich nach dem Satze, dass der Flächeninhalt eines Kegelquerschnittes sich vergrössert, mit dem Quadrat der Entfernung von der Spitze also in Sonnenweite folgender Inhalt: 24000 × 24000 × 1300 = 748,800,000,000 Quadratmeter oder = 748 800 Quadratkilometer. Das sind über 200,000 Quadratkilometer mehr als die Grösse von Deutschland. Was mache ich mir aus 200,000 Quadratkilometern bei solchem Reichthum? Weg damit! Wir nehmen also an, dass der Inhalt meines Grundstückes in Sonnenweite gleich dem Flächenraum von Deutschland ist. Erhabenes Gefühl, nicht wahr? Aber es kommt noch viel schrecklicher. Einer der uns am nächsten liegenden Fixsterne ist der Sirius , seine Entfernung von der Erde beträgt rund eine Million Sonnenweiten. Ergiebt für mein Grundstück in der Entfernung des Sirius eine Grösse gleich einer Billion Deutschländer. Eine Billion ist eine furchtbare, entsetzliche, grauenhafte Zahl, welche mit zwölf Nullen geschrieben wird und deren Grösse kein Mensch sich mehr klar machen kann, selbst der ewige Jude nicht. Weiter habe ich nicht mehr gerechnet, denn ich fühlte bereits wie der Grössenwahn an meinem Gehirn pickte.« Hier unterbrach sich Doktor Havelmüller plötzlich und rief: »Sehen Sie dort den schlanken Vogel, rasch! Er hat eben die Luft über meinem Grundstück durchschnitten. Kennen Sie ihn?« Ich folgte schnell seiner zeigenden Hand und sah eben noch, wie blitzschnell ein Sperber um die Waldecke bog. Ich nannte ihm den Vogel. »Schön,« sagte Havelmüller befriedigt, schlug sein Buch auf, unterstrich darin etwas und sah nach der Uhr. Dann sagte er: »Astur nisus, festgestellt am 30. Mai, Abends 6 Uhr 7 Minuten.« Darauf fuhr er fort: »Das war nämlich der Gedanke, der mich an jenem Tage so fröhlich stimmte und der sich einfand, nachdem ich jene ungeheuerliche Berechnung angestellt hatte. Ich sagte mir: Was willst du in die Ferne schweifen in den unfruchtbaren Aether und in die unermesslichen Sternenweiten? Aber dieses kleine Fleckchen Erde, das dir gehört, das willst du kennen lernen nach jeglicher Richtung, seine Geschichte, seine Bodenbeschaffenheit, seine geologischen Verhältnisse, seine Flora und seine Fauna. In der Beschränkung zeigt sich der Meister. Ich will mich auf einen halben Morgen beschränken, den aber will ich kennen. Meine verehrten Freunde, Ihr glaubt garnicht, was ich seitdem schon Alles gelernt habe. Die Formation meines Grundstückes gehört dem Diluvium an und im Diluvium weiss ich jetzt Bescheid wie ein Geologie-Professor. Was nun die Flora und die Fauna betrifft, so habe ich in der Pflanzenkunde die meisten Fortschritte gemacht. Denn hier hat man mit einem sesshaften Geschlechte zu thun, das weder mit Beinen noch Flügeln in der Welt herumschwietisirt und nur in seiner Anfangsform als Same einige Beweglichkeit entwickelt. Kinder, ich sage Euch, ein reiches Gebiet. Allein, was ich im vorigen Herbste mit meinem Freunde Johannes hier für Moose und Flechten festgestellt habe, das sollte man kaum glauben. Auf dem Boden an den Rinden der Bäume, an den verwitterten Zaunpfählen, lauter verschiedene Arten. Ja, vertieft man sich in's Einzelne, da sieht man erst, wie unerschöpflich reich die Natur ist. Auch der Vorrath an einjährigen Pflanzen, den wir auf diesem Grundstücke festgestellt haben, ist sehr bedeutend. In diesem Augenblicke ertönte über uns ein leises Sit, sit! und als wir schnell aufblickten, bemerkten wir gerade noch ein sonderbares Vögelchen, das wie ein Armbrustbolzen mit etwas zu dickem Kopfe anzusehen, mit schnurrendem Fluge durch die Luft hüpfte und in den Laubwipfeln des gegenüber liegenden Parkes verschwand. »Ha,« rief Doktor Havelmüller, »wieder was Neues!« »Die Schwanzmeise,« sagte ich. Havelmüller schmunzelte sehr befriedigt, schlug sein Buch auf, sah nach der Uhr und notirte, nachdem er den bereits vorläufig eingetragenen Namen unterstrichen hatte: »Parus caudatus, festgestellt den 30. Mai, Abends 6 Uhr 11 Minuten.« Wir gingen nun umher, um die übrigen Merkwürdigkeiten dieses Grundstückes anzusehen. »Ich muss Sie doch mit meinen Miethern bekannt machen,« sagte der Doktor mit seinem gewöhnlichen wehmüthigen Ernst. »Allerdings eine merkwürdige Sorte, denn ausserdem, dass sie keine Miethe bezahlen, machen sie noch Ansprüche auf Ernährung aus den Erträgnissen meines Bodens. Hier also zunächst in diesem Jahre auf Kiefer Nr. 31 wohnt vier Treppen hoch Familie Buchfink, der Mann ist Sänger. Sein Schlag wird aber leider von Kennern unter die Klasse der »Putzscheeren« gerechnet, taugt also nicht viel. Die dritte und die zweite Etage sind zu meinem Leidwesen unbesetzt. Dagegen im ersten Stock wohnen dort in meinem grössten Wachholderbusch seit diesem Frühjahr Hänflings. Ich würde Sie gern mit dieser liebenswürdigen Familie und ihrer niedlichen Häuslichkeit bekannt machen, allein die gnädige Frau sehen bereits zum zweiten Male in diesem Jahre einem frohen Familienereigniss entgegen und sind angelegentlichst mit Brüten beschäftigt. Ich möchte nicht stören.« Dies sagte der Doktor mit einer Zartheit, die nicht zu übertreffen war. Dann fuhr er fort: »Derselbe Grund verhindert mich, Sie mit der Familie Goldammer bekannt zu machen, die sichtlich mit ihrem Quartier zufrieden, wiederum ihre Parterrewohnung unter dem kleinen Dornenbusch dort in der Ecke auch in diesem Jahre bezogen hat. Ausserordentlich zufrieden aber bin ich mit der Vermiethung meiner Kellerräume, Diese sind am meisten begehrt, zuweilen aber finden sich unter den Bewohnern auch manche zweifelhafte Existenzen. So wohnt in diesem ansprechenden und geräumigen Erdloche unter Kiefer Nr. 13 ein verdächtiges Individuum, das ein liederliches Leben zu führen scheint, denn es pflegt nur Nachts auszugehen und es gilt von ihm, was von Peter Gottfried Rempel gesagt wird: »Ach, er sank noch immer tiefer, Sumpfte Nachts – am Tage schlief er.« Nach einer vorgefundenen Visitenkarte ist dies Geschöpf von einem thierkundigen Freunde für einen Iltis erklärt worden. Wahrscheinlich wegen solcher unliebsamen Nachbarschaft ist dieser benachbarte Kaninchenbau von seinen ursprünglichen Bewohnern verlassen worden, man munkelt sogar von Mord. Dafür hat sich eine alte freundliche Kröte dort eingemiethet, die Abends in ihrer Hausthür zu sitzen und mit goldenen Augen in's Wetter zu schauen pflegt. Wir wollen doch gleich mal sehen.« Damit wies er uns an, leise näher zu treten und bald sahen wir auch das stattliche Reptil in der Oeffnung des Kaninchenloches ganz behaglich sitzen. »Das gute Wesen ist fast zahm und frisst beinahe aus der Hand,« sagte Havelmüller. Er zog eine kleine Dose aus der Tasche, in welcher einige Mehlwürmer krabbelten und warf einen dieser Leckerbissen dem Thiere vor die Nase. Die Kröte ward aufmerksam, richtete sich etwas auf und starrte mit den goldenen Augen eine Weile auf den schönen gelben Wurm hin. Dann ein plötzlicher Vorstoss mit dem Kopfe, man sah wie die dicke klebrige Zunge kräftig vorschnellte, um die Beute anzuleimen und dann war der Mehlwurm verschwunden. »Ja, meine liebe Rosaura,« rief jetzt Doktor Havelmüller, »das glaub' ich wohl, das schmeckt! – Sie heisst nämlich Rosaura,« sagte er dann, während er seine Stimme zu einem geheimnissvollen Flüstern dämpfte, »und sie ist eine Seele, aber man weiss ja, wie so alte Damen sind. Von Zeit zu Zeit muss ich ihr eine kleine Aufmerksamkeit erweisen, sonst kündigt sie.« »Von den Miethern meiner Kellerwohnungen will ich nur noch die vornehmsten erwähnen,« sagte Havelmüller, »denn ihre Zahl ist Legion und so nenne ich nur noch eine Familie Waldmaus und zwei desgleichen Landmaus, welche trotz reichlichen Familiensegens in behaglichen Verhältnissen leben. Ferner einen unheimlichen Gesellen in schwarzem Pelzrock, der wühlerischen Tendenzen huldigt und fortwährend auf Umsturz bedacht ist. Ich habe ihm desshalb bereits im vorigen Jahre die Wohnung gekündigt, allein was soll ich machen, der Kerl geht nicht.« Doktor Havelmüller zuckte die Achseln und sah sehr melancholisch aus. In diesem Augenblicke kam ein sonderbares Individuum an dem Garten vorüber, ein Mann mit etwas zu kurzen Hosen, die unten ausgefranst waren und mit einem Rocke, der in den Tagen, »da Bertha spann«, wohl einmal braun gewesen sein mochte, jetzt aber überall in ein unbeschreibliches Grün hinüber schielte, sowie mit einem Hute aus der Konfliktszeit, der ihm zu klein war. Der Mann lehnte sich über den Zaun und sah mit seinen etwas verschwommenen Aeuglein eine Weile theilnahmsvoll auf den Garten hin: »Bei die Witterung wachst et,« sagte er dann. »Jawohl,« antwortete der Doktor. »Een zu scheener Maimonat,« sagte dann wieder der Mann, »wie er in's Gedicht steht.« »Gewiss,« erwiderte Havelmüller. »So'n Dichter kriegt zuletzt doch immer Recht!« äusserte der sonderbare Fremdling wieder. »Natürlich,« erwiderte der Doktor, »denn wie singt schon Friederike Kempner: »Die Poesie, die Poesie, Die Poesie hat immer recht!« »Scheen gesagt!« sagte voller Anerkennung der Fremde. Dann druckste er eine Weile zögernd vor sich hin und schoss endlich mit der Frage hervor: »Kennen Sie den Dichter Liebig?« »Meinen Sie den, der den Fleischextrakt erfunden hat?« fragte unser Freund. »Nee,« antwortete jener, »nich mal mit ihn verwandt.« Dann nahm er langsam seine runzlige Hand hervor und nachdem er damit eine Weile nachdenklich die achttägigen Bartstoppeln an seinem Kinn gerieben hatte, begann er wieder: »An den hat sick die Menschheit ooch versündigt.« »Wieso,« fragte der Doktor. »Na,« antwortete er, »Schillern und Kotzebue'n und Quida'n kennt jeder, wer aber kennt Liebig'n? Sie ooch nich. Und ick weess doch, dat Sie 'n Doktor sind und haben Bildung gelernt. Aber det macht der Brodneid heitzudage. Sie lassen Eenen nich uffkommen. Et is 'ne heuchlerische Krokodillenbrut, sagt Kotzebue. – Kennen Sie Kleisten sein Grab bei Wannsee? – Den haben se verkannt und er hat sick dodtgeschossen. Haben Sie neilich in die Zeitung gelesen von Lindnern? Den haben se ooch verkannt und er is verrückt geworden. Ebenso verkennen se Liebig'n und wie 's mit den noch mal kommen wird, det weess ick nich. Mahlzeit die Herrschaften.« Damit wandte er sich energisch ab und schob, allerlei Unverständliches vor sich hinmurmelnd, gesenkten Hauptes weiter. »Kinder, Kinder,« sagte Doktor Havelmüller dann, als der Mann ausser Hörweite gekommen war, »mir ist vorhin, als dieses Individuum seine letzte Rede hielt, eine Erleuchtung gekommen. Das war nämlich der Dichter Liebig selber. Ich habe bereits von ihm gehört. Er betreibt neben dem beschaulichen und nachdenklichen Gewerbe des Topfbindens auch die Kunst, einige kümmerliche Scherben alter gebrauchter Reime durch den dünnen Draht fadenscheiniger Gedanken zu sogenannten Gedichten zu verbinden. Seht, lieben Freunde, nun habt Ihr zum Schluss auch noch ein verkanntes Genie hiesiger Gegend kennen gelernt, nun könnt Ihr in Frieden nach Hause fahren.'' Wir verabschiedeten uns nun und wanderten noch einmal, während die Sonne immer näher den Wipfeln des Tegeler Forstes zusank, durch das freundliche Dorf zu all den geliebten Plätzen, welche die glücklichsten Stunden unseres Lebens gesehen hatten. Wir nahmen Abschied von ihnen und von einer Zeit, in welcher es uns vergönnt war, das Glück des Lebens zu kosten, rein und ohne jede Trübung, in einer Weise, wie sie wohl nie wiederkehren wird. Wir nahmen Abschied von Tagen, die voller Sonne gewesen waren in uns und ausser uns und deren wärmender Glanz durch unser ganzes Leben leuchten sollte. Ich ging wieder entgegen meiner alten Arbeit und wir beide einem neuen unbekannten Leben, durch das wir wandeln wollten treu verbunden Hand in Hand. Erst als die Dunkelheit gekommen war und nur über den Wipfeln des Waldes ein leises Roth noch träumte als letzte Spur der versunkenen Sonne, kehrten wir in unser kleines Häuschen zurück.     6. In der neuen Wohnung. Als am Nachmittage des folgenden Tages zu der bestimmten Zeit unser Wagen in die Frobenstrasse einbog, sahen wir Hühnchen und Frau Lore am offenen Seitenfenster des Erkervorbaues unserer Wohnung stehen, und alsbald erhob sich dort ein heftiges Winken mit weissen Taschentüchern. »Heil! Heil! Heil!« rief Hühnchen mit so gewaltiger Kraft, dass die Leute auf der Strasse stehen blieben, und ein vorüber gebender Schutzmann aus dem Auge des Gesetzes einen finstern Blick auf ihn warf. Aus der bekränzten Thür kamen sie uns entgegen, und eine Begrüssung fand statt, als kämen wir nicht nach vierzehntägiger Abwesenheit von einem nahegelegenen Nachbarorte, sondern nach langjähriger Reise aus dem Innern von Afrika, wo es uns gelungen war, unter fürchterlichen Gefahren den letzten weissen Fleck auf der Karte zu beseitigen. Frau Lore schluchzte, als sie ihren Liebling, von dem sie sich bisher in ihrem Leben noch keinen Tag getrennt hatte, wieder in den Armen hielt, und Hühnchen suchte wie gewöhnlich seine Rührung durch allerlei ausschweifende Redensarten zu verdecken. »Kinder,« rief er, »eure Wohnung ist ein Paradies. Alles glänzt von Sauberkeit und Ordnung, Neuigkeit und Frische. Es ist ordentlich schade, darin zu wohnen. Und die letzten Blumen und das letzte entbehrliche Grün hat sie heute meinem Garten gekostet. Er sieht jetzt aus wie die Pfauen des Advokaten Wulf, als ihnen der berühmte Affe die sämmtlichen Schwanzfedern ausgerupft hatte. Aber es schadet nichts. Und wie meine Frau und Lotte hier in den letzten Tagen gearbeitet, gescheuert, geklopft, geputzt, gewischt und gewüthet haben, das entzieht sich jeder Vorstellung. »Das Unbeschreibliche hier ist's gethan« und »das ewig Weibliche« hat sich hier ausgetobt nach jeder Richtung. Apropos Lotte. Ihr habt ja Lotte noch garnicht begrüsst.« Jetzt erst wurden wir auf etwas frisch gewaschenes Weibliches aufmerksam, das im Hintergrunde stand und über das ganze rosige stumpfnasige Gesicht hinweg aus Leibeskräften lächelte. Es war Lotte, unser Dienstmädchen, das uns meine Mutter aus Mecklenburg besorgt hatte. Sie war eine rundliche und saubere Person und hatte in ihrem gutmüthigen Gesichte nur einen Fehler, der mich störte, so lange sie unsere Wohnung durch ihre Gegenwart verschönte. Sie trug nämlich einen ganz kleinen zierlichen Leberfleck auf der Nasenspitze, doch dieser sass nicht in der Mitte, sondern etwas seitwärts. Das hatte etwas durchaus Peinigendes für mich, denn da ich in meinem Fache als Ingenieur gewöhnt war, überall auf Symmetrie und Gesetzmässigkeit zu sehen, so konnte ich nie von diesem Leberfleck abkommen, wenn ich mit ihr sprach und musste ihn stets mit den Augen in die Mitte rücken, welches aussichtslose Unternehmen auf die Dauer etwas Nervenangreifendes hatte. Sonst gefiel sie uns wohl, zumal der Drache noch in ihr schlief und die Genien des Wohlwollens und dienstwilliger Freundlichkeit ihre stattlichen Lippen umschwebten. Dann besahen wir die Wohnung. Wir waren ihre ersten Miether in diesem neuerbauten Hause und dies kam dazu, den Eindruck des Funkelnagelneuen noch zu erhöhen. Die Fussböden glänzten, die Decken schimmerten in unberührtem Weiss, die Gardinen glichen dem frischgefallenen Schnee, die Oefen leuchteten, und die Möbel blitzten. Im berliner Zimmer war mit nie gebrauchtem weissen Leinenzeuge der Tisch gedeckt und darauf befand sich Geschirr, das noch Niemand je benutzt hatte, Messer, mit welchen noch niemals geschnitten worden war und Gabeln, die Keiner je zum Munde geführt hatte. Die Schlafzimmer machten den gleichen Eindruck und in der Küche nun gar hatte Lotte ihr Uebrigstes gethan. Die Messingkessel glänzten wie die Sonne, der Mörser blitzte wie der Helm des Mambrinus und die Bunzlauer Töpfe, Papa und Mama, und sieben Kinder, trugen alle an derselben Stelle auf ihrem satten Braun ein sanftes Glanzlicht zur Schau. Es herrschte dort geradezu ein unnatürlicher Schimmer und Glanz. In der Speisekammer kam Ueberraschendes zum Vorschein, denn Frau Lore hatte sie ein wenig für uns eingerichtet. Hühnchen versenkte sich bewundernd in ihren Anblick und nannte sie ein Füllhorn der Ueppigkeit. Dort war die Eierbrettpyramide angefüllt mit schimmernden Eiern, denen man es ansah, dass Lotte sie alle einzeln mit der Bürste schneeweiss gescheuert hatte, dort waren alle Porzellantonnen gefüllt und trugen ihre stattlichen Aufschriften nicht mehr umsonst, dort stand Eingemachtes in Büchsen und Gläsern und wer weiss was sonst noch für gute und nützliche Dinge. Zudem hatte Onkel Nebendahl seine Frau veranlasst, in die Schätze ihrer Rauch- und ihrer Vorrathskammer zu greifen und am Tage vorher war ein mächtiger Korb aus Mecklenburg für uns angelangt mit einem Inhalt, als gelte es, eine Schwadron ausgehungerter pommerscher Kürassiere zu versorgen. Aus ihm war ein Megatherium von Buttertopf hervorgekommen und ein Lederkäse, dessen riesenhafter Anblick uns fast mit Entsetzen erfüllte. Dazu hingen dort in einem Florbeutel ein ganzer Schinken, sowie zwei Mettwürste, so gross wie die Schlachtkeulen der Eingeborenen von Nukahiwa, nebst einer halben Speckseite, die wir mit ehrfurchtsvollem Schauer betrachteten, denn es dünkte uns, sie stamme von einem Schweine-Goliath. Wir dachten fast mit Zittern daran, dass wir uns durch dieses Schlaraffenland durchessen sollten. Doch das sind Schrecknisse, die sich ertragen lassen. Wir streckten sodann zum ersten Male in unserem Leben die Beine unter den eigenen Tisch und bewirtheten unsere ersten Gäste, wobei grosse Fröhlichkeit herrschte. Doch diese wurde ein wenig gedämpft durch eine Mittheilung von Hühnchen, die eigentlich hätte geeignet sein sollen, das Gegentheil zu bewirken. Aber wir hingen alle so sehr an dem kleinen Häuschen in Steglitz, mit dem so viele frohe und freundliche Erinnerungen verknüpft waren, dass der Gedanke, wir sollten uns von ihm trennen, uns wehmüthig stimmte. »Der Mann mit den drei Unterkinnen und dem Austern-Begräbnissplatz,« sagte Hühnchen, »hat die Axt an meine Wurzeln gelegt und so mächtige Hiebe darauf geführt, dass ich meinen Wipfel wanken fühle. Er hat sein Gebot für Haus und Garten noch erhöht und ich bin nun einmal nicht reich genug, um auf Gold wandeln zu dürfen. Bis morgen habe ich Bedenkzeit und ich bin gesonnen, das Gebot anzunehmen, obwohl es mir ausserordentlich schwer wird. Ich sage, der Mammon stiftet doch nichts als Unheil in der Welt. Wenn man bedenkt, unser kleines freundliches Häuschen mit seinem niedlichen Garten soll diesem Götzen zu Liebe vom Erdboden verschwinden, um von so einem modernen Mammuthsungethüm von Miethskaserne übergeschluckt zu werden wie ein unschuldiges Kaninchen von einer Boakonstriktor, da möchte man weinen. Sieh mal, Freund und Schwiegersohn, um das Haus thut es mir so leid, als ob es ein Mensch wäre. Und wenn man bedenkt, dass unser braver Gravensteiner Apfelbaum im vorigen Jahre nahezu einen ganzen Scheffel und der Napoleonsbutterbirnbaum über einen Scheffel getragen hat in freudiger Vergeltung liebevoller Pflege, erscheint es nicht da wie himmelschreiender Undank, wenn man sie in die Hand der Mörder verkauft und sie der todtbringenden Axt ausliefert. Denke nur, im Spätsommer soll der Bau schon beginnen und wenn dann im nächsten Frühjahr unser Fliegenschnäpper-Pärchen zurückkehrt, um dort nach gewohnter Weise sein Nest in das Weinspalier zu bauen, dann wird es dort weiter nichts finden, als Gräuel der Verwüstung, Sand und Mauersteine, und durch die kleinen Vogelseelen wird ein Schwert gehen.« »Aber Papa, warum thust Du es denn,« sagte Frieda fast ein wenig weinerlich, »warum verkaufst Du denn unser liebes Haus?« Hühnchen versuchte wie einen erhobenen Ernst in seine Züge zu legen, was ihm nur mässig gelang, und antwortete: »Erstens, weil ich, wie gesagt, nicht reich genug bin, um auf Gold wandeln zu dürfen, zweitens, weil ich ein schwacher Mensch bin und auf die Dauer den Verlockungen des Mammons nicht zu widerstehen vermag, drittens, weil ich Kinder habe, um deretwillen ich dies vortheilhafte Gebot nicht ausschlagen darf und viertens, weil sie mich sonst einbauen werden. Seht, liebe Kinder, dies ist das Ausschlaggebende. Nehme ich das Gebot nicht an, dann wird um mich herumgebaut. Ein Jahr lang werde ich leben in einer Atmosphäre von Kalkstaub und Maurerflüchen und dann werden um mich herum nach Süden, Osten und Westen himmelhohe Wände entstanden sein und nur nach Norden, nach der Strasse zu, wird es offen sein, Ich werde dann wohnen auf dem Grunde eines feuchten Loches, das weder Licht noch Luft, noch Sonne hat und wenn meine Bäume und Pflanzen es noch nicht während des Baues gethan haben, so werden sie es jetzt thun, sie werden Feierabend machen und ausgehen. Und ich werde dasitzen wie der berühmte Lohgerber, als ihm die Felle weggeschwommen waren und werde keinen Mammon haben, aber auch keine Gravensteiner, und keine Napoleonsbutterbirnen, und das Hohngelächter des Mannes mit den drei Unterkinnen und dem Erbbegräbniss für Austern und Fasanen wird schallen vom Aufgang bis zum Niedergang. – Ja Kinder,« fügte er dann ganz bedrückt hinzu, »es ist mir manchmal, als sei ich garnicht der Alte mehr. Die Sorgen des beginnenden Wohlstandes lasten auf mir und meine stille Sympathie für Johann den munteren Seifensieder wächst täglich.« Am Abend verliessen uns meine guten Schwiegereltern, um vergnügt wieder nach Steglitz zu fahren und am nächsten Tage ward ich wie ein Rad, das man zur Reparatur gegeben hat, wieder in die Maschine der täglichen Arbeit eingefügt und der gewohnte tägliche Kreislauf begann aufs Neue. Aber als ich jetzt zum erstenmale heimging, kam ich in mein eigenes Nest und das war wunderbar behaglich. Frieda wehte zart mit einem kleinen weissen Tüchlein, als sie mich um die Ecke kommen sah und gestand mir nachher, sie hätte schon seit einer Stunde am Erkerfenster gestanden und auf mich gewartet. Zu Mittag gab es Koteletten. Ich habe mir sagen lassen, dass es in jedem jungen Ehestande der zivilisirten Welt zum ersten Mittagessen Koteletten giebt. Sie waren ein wenig angebrannt und an der Suppe war das Salz vergessen, trotzdem fand ich Alles herrlich. Nach Tisch, als Lotte das Geschirr abnahm, bemerkte ich ein starkes Mittheilungsbedürfniss an ihr und die Neigung einem Landsmanne gegenüber sich auszusprechen. Ich entfesselte desshalb den Strom ihrer Rede, der nun eine Weile unaufhaltsam floss, während meine Augen mit seltsamem Bann immer wieder zu dem kleinen Leberflecken auf ihrer Nase gezogen wurden: »Ich kann das hier noch garnich an werden,« sagte sie, »das is hier all so anders. Un denn, dass sie hier alle hochdeutsch sprechen, die Strassenjungs un die Arbeitsleut' un die Leut' in'n Keller, das is mich zu schnurrig. Ich fang' noch immer auf platt mit sie an und denn verstehn sie mir nich un lachen sich. Un die Leut' mit ihr Hoch versteh' ich auch nich immer. Denn hier haben sie immer für Alles ganz andre dwatsche Nams. Zu grüne Erbsen sagen sie Schoten un zu gelbe Wurzeln Mohrrüben, un Senf heisst hier Mostrich un Zwiebeln die nennen sie Bollen. Un denn mit das Geld. Das is ja nu sonst grad wie bei uns, aber fünf Fennig das is hier 'n Sechser un fünfunzwanzig Fennig da sagen sie zwee Jute zu un zu fufzig Fennig vier Jute. Da soll nu einer aus klug werden. Un so kommt immerzu was Neus, ich glaub ich werd' das hier garnich an.« Und sie schüttelte melancholisch den Kopf. Es erschien mir angemessen, diesen niedergedrückten Geist wieder ein wenig aufzurichten und so sagte ich denn: »Aber Lotte, das kommt Ihnen nur zuerst so vor. So'n kluges Mädchen wie Sie, die lernt das in acht Tagen.« Lotte war so geschmeichelt, dass sie fast die Teller hätte fallen lassen, aber einstweilen rutschten nur die Messer und Gabeln zu Boden und als sie sich danach gebückt hatte und sich wieder erhob, da war sie hochroth im Gesicht, strahlte wie ein blankgeputzter Kupferkessel und lächelte sehr. »Na, ich will mal seh'n,« sagte sie. »Wenn ich mir Müh' geb'.«     7. Es kommt Besuch. Der achtundzwanzigste August des nächsten Jahres war ein bemerkenswerther Tag, denn als ich am Nachmittage von meinem Bureau nach Hause kam, war unterdessen ganz plötzlich Besuch angekommen. Frau Lore, die sich schon am Vormittage zufällig eingefunden hatte, um sich nach ihrer Tochter umzusehen, kam mir strahlenden Angesichts mit dieser Nachricht entgegen. Dieser Besuch stellte sich dar als ein höchst sonderbarer kleiner Herr mit mangelhaftem Haarwuchs und einem ältlichen, verdriesslichen Gesichte, das so roth war wie eine Schlackwurst. Sein Benehmen war ein höchst anspruchsvolles, und seine erste That bei der Ankunft in unserer Häuslichkeit war gewesen, mit ungemein lauter Stimme und mit grenzenloser Rücksichtslosigkeit sein allerhöchstes Missfallen mit Allem und Jedem auszusprechen. Drei Frauenzimmer, meine Schwiegermutter, Lotte, und eine fremde weise Frau von behäbigem und freundlichem Aussehen hatten sich bemüht, allen seinen Wünschen gerecht zu werden, sie hatten ihm die schmeichelhaftesten Dinge gesagt, sie hatten ihm ein Bad bereitet, sie hatten ihn in köstliche weiche Leinwand gekleidet, ihn sanft in Kissen gehüllt und ihn in einen schönen funkelnagelneuen Wagen gelegt, der sonderbarer Weise schon seit einiger Zeit im Hause bereit stand. Dies hatte ihn endlich soweit beruhigt, dass er in einen tiefen Schlaf gefallen war. Man sagte mir, dass Schlafen und Trinken die einzigen Beschäftigungen des kleinen Herrn wären, die nur unterbrochen würden durch Aeusserungen kräftigen Unwillens und andere sehr wichtige Thätigkeiten, die fortwährend Veranlassung zu kleinen Wäschen geben. Trotz aller dieser wenig empfehlenden Eigenschaften des neuen Gastes herrschte Glück und Freude über ihn in der ganzen Wohnung und auch ich muss gestehen, dass ich über seine Ankunft ausserordentlich vergnügt war, und dass ein ungekanntes Gefühl von Würde mich durchströmte wegen der Standeserhöhung, die mir durch diesen Besuch zu Theil geworden war. Am glücklichsten aber war wohl Frieda, die zwar etwas blass, aber mit seligem Lächeln in ihrem Bette lag, den Kopf immer ein wenig nach jener Seite hingewendet, wo der kleine Mann in seinem Wagen ruhte. Nach einer Weile klingelte es und als ich hinging, um zu öffnen, stand Hühnchen vor der Thür. »Ich weiss Alles,« rief er, »Lore hat mir eine Pustkarte geschickt. Hurrah!« Dann ging er eilig in das grosse Vorderzimmer und zog mich geheimnissvoll an der Hand nach sich. Er öffnete die Thür des Berliner Zimmers und sah vorsichtig hinein. »Sie sind Alle hinten, was?« fragte er dann. Ich bejahte dies. »Theuerster,« sagte er dann, »Du siehst mich jetzt an der Schwelle des Greisenalters stehen. Ich bin zwar erst sechsundvierzig Jahre alt und habe noch kein graues Haar, aber die Thatsache ist nicht zu leugnen: Ich bin Grossvater, ein richtiger veritabler unanfechtbarer Grossvater. Das freut mich ganz unmenschlich und ich muss, theuerster Schwiegersohn, ich muss, und wenn es mein Leben kosten sollte, ich muss in diesem feierlichen Augenblicke einen Indianertanz loslassen, sonst gehe ich zu Grunde. Es soll meine letzte Jugendthorheit sein, und keine Handlung sollen deine Augen ferner von mir sehn, die nicht eines Grossvaters würdig wäre und als solche nicht im Panoptikum ausgestellt werden könnte. Hurrah! Hurrah! Hurrah!« Und damit tanzte er los ohne Gnade und schwang sein Bein wie ein Jüngling, und, ich will es nur gestehen, ich tanzte mit, dass die Möbel zitterten, die Uhren klirrten und die ganze leicht gebaute Miethskaserne ins Wackeln kam und am andern Tage in der Zeitung stand, Falb's Theorie der kritischen Tage habe sich wiederum bewährt, denn in dem Hause Frobenstrasse No. 36 habe Herr Doktor Ramann (der über uns drei Treppen hoch wohnte) am 28ten August Nachmittags vier Uhr fünfundfünfzig Minuten die Spuren eines leichten Erdbebens bemerkt. »So,« sagte Hühnchen, indem er nach Beendigung dieser Orgie doch ein wenig schnaufte, »nun ist mir wieder ganz wohl, sonst wären mir die versetzten Grossvaterfreuden am Ende in die Glieder gefahren. Tanzen in solchen Fällen ist furchtbar gesund. Schon in alten Zeiten that man das. Denk' nur an David.« Dann aber hob er den Zeigefinger auf und sprach mit grosser Wichtigkeit: »Nun aber, lieber Schwiegersohn, kommt eine Frage von ungeheurer Bedeutung und diese lautet: Wie soll dieser Sohn heissen?« »Ja,« sagte ich, »wir schwanken. Ich bin für Werner, Frieda für Konrad und deine Frau für Gottfried.« Nun hätte man aber das pfiffige Gesicht sehen sollen, das Hühnchen machte und den Ausdruck erhabenen Triumphes hören, mit dem er sagte: »Ja, hättet ihr Grossvatern nicht!« Dann nahm er mich an den Schultern, schob mich vor sich her in mein Zimmer vor den Abreisskalender und rief: »Nun, was steht da: August, 28. Donnerstag. W. v. Goethe geb. 1749. Merkst Du was? O, Du bist doch so ein halber Literaturmensch und musst Dir das von mir erst sagen lassen. Wie also soll dieser Sohn heissen?« »Wolfgang!« antwortete ich. »Gut!« rief Hühnchen, »setz Dich einen 'rauf.« In diesem Augenblick ertönte vom Schlafzimmer her ein krähendes Geschrei und Hühnchen spitze die Ohren. »Ha,« sagte er, »das ist Musik, das ist noch mehr werth als Wachtel sein hohes C, das ist Nachtigallensang in meinem Ohre. Wolfgang schreit, mein Enkel meldet sich. Die Gelegenheit ist günstig. Auf zur Besichtigung!« Ich muss hier nun offen gestehen, dass ich, was die Bewunderung neugeborener Kinder betrifft, ein Barbar bin wie die meisten Männer. Es war mein Sohn, es war sogar mein erster Sohn dieses froschartige röthliche Etwas mit dem merkwürdigen Faltenwurf an den Beinen, und ich liebte ihn und war stolz auf ihn, ganz gewiss. Auch konnte er wundervoll durchdringend schreien, bei welchem Geschäft er mit Leib und Seele war und beträchtlich zappeln mit seinen kleinen Gliedmassen, aber schön war er durchaus nicht. Er hatte, wie überhaupt alle Neugeborenen, wenig Menschenähnliches an sich. Die Augen der Frauen sehen darin anders und als Frau Lore ihn ausgebündelt hatte, sah sie ihn mit schwärmerischem Gesichtsausdruck von der Seite an und sagte mit dem Ausdruck tiefster innerlicher Ueberzeugung: »Ein schönes Kind, ein wahrer Engel, und ganz der Vater!« »Ganz der Vater!« wiederholte Lotte, die ihn von der anderen Seite ebenso schwärmerisch betrachtete. »Ganz der »Vater,« fuhr Hühnchen fort, indem er mich etwas schalkhaft dabei ansah. Als ich dann einen schüchternen Versuch machte, meine gegentheiligen vorhin geäusserten Ansichten zum Ausdruck zu bringen, kam ich schön an. »Aber Männchen!« sagte Frieda und: »O pfui!« Frau Lore. »Rabenvater!« rief Hühnchen. Lotte sagte nichts, aber ich merkte, sie raisonnierte inwendig und unterdrückte Majestätsbeleidigungen. Als ich nachher mit Hühnchen wieder allein war, sagte er zu mir: »Lieber Schwiegersohn und junger Vater, ein Mann von Erfahrung, ein Grossvater spricht zu Dir Worte der Weisheit. Merke wohl, was ich Dir sage: Neugeborne Söhne sind immer schön, sie mögen aussehen wie sie wollen. Sie sind immer »ganz der Vater« und darüber hat dieser glücklich zu sein. Seine Opposition hat er zu unterdrücken, selbst wenn es ihm noch so sauer wird. Denn nützen wird sie ihm niemals etwas, ebensogut könnte er gegen Naturgesetze ankämpfen und die Schwerkraft leugnen oder die Thatsache, dass zwei mal zwei vier ist. Und dass das weibliche Geschlecht so denkt und mit andern Augen sieht als wir, das musst Du achten, denn das ist ein Ausfluss jener herrlichsten Eigenschaft, die Gott in die Seele des Weibes gelegt hat, jener Kraft, die höher ist als Berge und tiefer als die See, – man nennt sie Mutterliebe.« Ich schwieg ein wenig beschämt. Frau Lore liess es sich nicht nehmen, bei uns zu bleiben und die erste Pflege des Kindes zu übernehmen, und ich siedelte für die nächste Zeit in das kleine dreieckige Fremdenzimmer über. Hühnchen, der nun so lange einsam in Steglitz hauste, ass Mittags bei uns, ehe er in sein neues Heim zurückkehrte. Denn im vorigen Jahre bereits hatte er sein kleines Haus verkauft und sich einstweilen ein anderes ebenso kleines mit einem etwas grösseren Garten gemiethet mit der Absicht, später, wenn er ein passendes Grundstück fände, sich anzukaufen und sich dort ein ganz wunderbares Haus zu bauen. »Eine Dichtung soll es werden,« sagte er, »zwar ganz einfach und ohne jeglichen »Schtuck«, aber sinnig durchgearbeitet wie eine Novelle von Theodor Storm. Zweckmässigkeit und Behaglichkeit sollen wie ein sanfter Schimmer von ihm ausstrahlen, man soll die Empfindung haben, Alles in diesem ganzen Hause könne gar nicht anders sein als wie es ist. Aber das ist eine ganz besonders schwierige Aufgabe,« schloss er dann mit sorgenvoller Miene und gerunzelter Stirn. In seiner freien Zeit sass er denn auch regelmässig am Reissbrett und »dichtete«, wie er es nannte, das heisst er entwarf Grundrisse von Häusern mit dazu gehörigen Gartenplänen. Er hatte schon eine ganze Mappe vollgedichtet. Oder er streifte mit Frau Lore auf Nachmittagsspaziergängen durch Steglitz und Umgegend und besah sich Grundstücke, wodurch er fortwährend wieder zu neuen Plänen angeregt wurde. In solcher Beschäftigung des steten Projektmachens gefiel er sich so wohl, dass eigentlich Niemand mehr an den Ernst dieser Sache glaubte. Frieda erholte sich rasch und blühte bald wieder wie eine Rose und die kleine Knospe an ihrer Brust nahm ebenfalls zu an Weisheit und Schönheit und ward jeden Tag ein wenig menschenähnlicher. In der letzten Hälfte des Oktober wollten wir taufen und Hühnchen, Onkel Nebendahl, Bornemann und Doktor Havelmüller sollten Gevatter stehen. Frieda betrieb die Vorbereitungen zu diesem kleinen Feste mit grosser Wichtigkeit, denn bis jetzt hatten wir wohl zwei oder drei Freunde des Abends bei uns gesehen, doch noch niemals so viel wie diesmal zu Mittag und obwohl nur, uns mit eingeschlossen, sieben Personen zu bewirthen waren, so bangte sich ihr kleines Hausfrauenherz doch ein wenig. Die ersten, welche kamen, waren Hühnchen und Frau. Hühnchen zog, als er kaum eingetreten war, eine kleine Schachtel aus der Tasche und holte daraus einen einfachen silbernen Becher hervor. »Mein Angebinde für den Sohn,« sagte er. »Dieser Becher hat Zauberkraft, denn trinkt man daraus hundert Jahre lang jeden Morgen regelmässig, ganz einerlei welches Getränk, so wird man unfehlbar uralt. Möge er daraus Kraft und Gedeihen saugen und möge ihm wie seinem grossen Geburtstagsgenossen ein Leben voller Glück und segensreicher Arbeit zu Theil werden.« Bald hernach fand sich Doktor Havelmüller ein, zog mit geheimnissvoller Miene etwas in Seidenpapier Gewickeltes hervor und sagte: »Denkt Euch nur, lieben Freunde, mein Grundstück Neugarten in Tegel ist unerschöpflich in Ueberraschungen. Seit Ihr im vorigen Mai dort wart, habe ich seine Fauna um einundzwanzig Species und seine Flora gar um neununddreissig bereichern können. Und unter der Gruppe der Raubthiere befindet sich etwas ganz Grossartiges, nämlich ein Bär, ein unzweifelhafter wirklicher Bär, Ursus arctos. Der ist aber auch mit einem dicken rothen Strich ausgezeichnet. War seinem Führer, einem braven Polacken, weggelaufen, hatte sich durch eine Zaunlücke gezwängt, hatte mir sämmtliche Johannisbeeren abgefressen und sonst noch schauderhafte Verwüstungen angerichtet. Und ich geniesse das Glück darüber zuzukommen. Sie sagten nachher Alle, ich könne Entschädigung von dem Kerl verlangen. »Was Entschädigung,« sagte ich, »ich bin ja selig. Soll ich dem armen Vagabunden, der seine kümmerliche Nahrung aus diesem hungrigen Thiere zieht, seine paar Groschen abzwacken? Nein, meine Entschädigung steht hier,« sagte ich und zeigte auf mein Buch, wo es angemerkt war, wie gesagt, schön dick roth unterstrichen: Ursus arctos, festgestellt am 16ten Juli Abends 7 Uhr 3 Minuten. – Mit den Pflanzen ist es aber scheinbar nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen. Ich hege einen düsteren Verdacht gegen meinen Freund Johannes, der im vorigen Jahre, wenn wir Pflanzen bestimmten, sich oftmals dort in höchst verdächtiger Weise zu thun gemacht hat. Denn in diesem Jahre zeigte sich eine ganz merkwürdige Bereicherung der Flora mit Pflanzen, die hier garnicht vorkommen, wie z. B. rother Fingerhut, Cymbelkraut und ähnliches. Da ich nun weiss, dass er sich allerlei Samen von seinen Reisen mitbringt oder aus Erfurt bezieht, um ursprünglich wild wachsende Pflanzen in seinem Gärtchen zu ziehen, so vermuthe ich hier schändlichen Betrug. Doch dies Alles nur nebenbei. Denn was ich eigentlich erzählen wollte, ist noch viel merkwürdiger. Als ich aufgefordert wurde, hier Gevatter zu stehen, da sagte ich mir, was schenkst du deinem Pathchen? Da ich nun, wie Ihr wisst, des Gebrauches der Wünschelruthe kundig bin, so dachte ich: »Wer weiss, ob mir nicht mein Grundstück Neugarten, das so unerschöpflich reich an Merkwürdigkeiten ist, auch hier aushilft. In der letzten Vollmondnacht machte ich einen Versuch mit der Ruthe und richtig nach einigen Hin- und Widergängen schlug sie mächtig, ganz in der Nähe von Kiefer Nr. 11. Ich grub und grub nun in fieberhafter Aufregung ein fürchterliches Loch so tief, dass ich fast schon die Antipoden Hurrah schreien hören konnte und endlich, endlich stiess ich auf was Hartes. Es war ein Stein von der Grösse eines Kinderkopfes. Unter diesem Stein aber – wer beschreibt mein Staunen, meine Wonne, meine Ueberraschung – fand ich dies hier, verehrten Freunde.« Damit beseitigte er rasch das Papier und bot einen Becher von sogenanntem oxydirten Silber dar. »Offenbar römische Arbeit,« sagte Havelmüller und betrachtete das Gefäss wohlgefällig von der Seite. »Jedenfalls zur Zeit der Völkerwanderung dort vergraben.« Merkwürdige Ahnungen beschlichen mich, als nun Bornemann, roth und leuchtend wie der Vollmond beim Aufgange, ebenfalls mit einem Packet von höchst verdächtigem Aussehen in der Hand eintrat. Dieser machte nicht viel Worte, sondern wickelte sein Papier auseinander und zog daraus, wie das bei seiner durstigen Gemüthsart ja auch garnicht anders zu erwarten war, ebenfalls einen Becher hervor und zwar einen, der gegen die anderen ein Riese war. »Geräumiges Lokal, was?« sagte er wohlgefällig. »Daraus soll dein Sohn immer trinken.« Ich bedankte mich natürlich herzhaft und stellte den Becher zu den übrigen. »Warum,« dachte ich seufzend, »hast du nicht sieben Pathen geladen? Bei so seltener Einmüthigkeit hätte dein Sohn für jeden Tag der Woche einen Becher gehabt und reizvolle Abwechselung hätte bereits die Tage seiner frühesten Jugend verschönt.« Dann kam der Pastor mit seinem würdevollen Adjutanten und die feierliche Handlung nahm ihren Anfang. Mein Sohn benahm sich während dieser sehr angemessen und sämmtliche Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes rechneten ihm das hoch an und betrachteten dies als einen schlagenden Beweis seiner frühzeitigen Klugheit und Bildung. Nachdem nun der kleine neue Christ, der ganz grell aus seinen weissen Spitzen und rosa Schleifen hervorschaute, genügend gelobt und bewundert war – selbst Bornemann liess sich hinreissen, ihn für ein »ganz manierliches Würmchen« zu erklären – verabschiedete der Geistliche sich, und der Täufling zog sich unter Aufsicht einer Frau aus den unterirdischen Regionen, die Frieda für diesen Tag angenommen hatte, wieder in seine Gemächer zurück. Wir aber »erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle.« Es war natürlich, da wir alle seit jener Zeit zum ersten Male wieder vereinigt waren, dass wir des Polterabends, der Hochzeit und ihrer lustigen Zwischenfälle gedachten und Hühnchen sagte dann ganz traurig: »Alle die kleinen behaglichen Räume, wo wir damals so lustig waren, sind nicht mehr. Bald nachher musste ich mein Häuschen verkaufen, wie ihr wisst. Es wurde abgebrochen und in wahnsinniger Hast ein grosser Kasten dort aufgeführt. Jetzt ist er schon bewohnt und gerade dort, wo mein kleiner Garten sich befand, hat ein Materialwaarenhändler sich eingemiethet. Ich war heut Morgen dort, um mir eine Kleinigkeit zu kaufen und bei dieser Gelegenheit mit wehmüthigen Gefühlen die schaudervolle Veränderung zu betrachten, welche dort stattgefunden hat. Ach, wo sonst an dem Weinspalier unser Fliegenschnäpper-Pärchen sein Nest zu bauen pflegte, war jetzt die Backpflaumen-Schiebelade. Wo mein Springbrunnen seinen feinen Strahl in die Lüfte sendete, lief jetzt die Essigtonne. An der Stelle, wo meine Rosen blühten in üppiger Pracht, dufteten Berliner Kuhkäse, Limburger und andere liebliche Sorten, und an dem Orte meines Napoleonsbutterbirnbaums stand ein fettglänzender Commis und verkaufte mit einem Lächeln wie Sirop für 'n Sechser Essig und für 'n Sechser Oel. Sic transit gloria mundi.« In diesem Augenblicke schallte draussen die Hausthürglocke und der Postbote brachte ein Packet an mich von Onkel Nebendahl, dem vierten Pathen. Zu meiner Beruhigung war es ziemlich umfangreich und gab desshalb zu einer von uns bereits gehegten stillen Befürchtung keine Veranlassung. »Auspacken!« hiess es allgemein. Obendrauf lag ein Brief und nachdem ich ihn durchflogen hatte, musste ich unwillkürlich auflachen. Ich las die Stelle vor, welche diese Wirkung auf mich gehabt hatte. »Meine Frau hat ein Paar fette junge Hähne eingepackt, davon soll Frieda sich ordentlich stärken und von mir ist das andere kleine Packet. Aus dem silbernen Becher, der darin ist, soll Euer Wolfgang – warum habt Ihr ihm aber so einen schnurrigen Namen gegeben, der gar keine Mode mehr ist – daraus soll er also viele schöne fette Milch trinken, dass er strebig und stämmig wird und ein tüchtiger Jung'.« Das war nun der vierte Becher und ich stellte ihn unter dem donnernden Gelächter der Anwesenden zu den übrigen. »Sie wollen deinen Sohn mit Gewalt zu einem Saufbold machen,« sagte Bornemann, dem diese Sache offenbar eine gewaltige Freude bereitete. Wir hatten die Suppe, den Zander und die Hammelkoteletten mit Gemüse hinter uns, und nun erschien ein Gericht, das Hühnchen zu kühnen Vergleichen mit den schwelgerischen Gastmählern der alten Römer anfeuerte, nämlich Krammetsvögel, die mit den Füssen durch die Augen gespiesst und mit Speckschürzchen angethan, stilvoll zugerichtet, bräunlich und schön eine grosse Schüssel füllten. Alle sahen mit Wohlgefallen auf dieses Gericht, nur Frieda schien mir es mit einer scheuen Aengstlichkeit zu betrachten, was ich auf den Umstand schob, dass sie sich bisher noch nie mit der Zurichtung dieser wohlschmeckenden Thierchen befasst hatte. »Sehr schön!« sagte Hühnchen, nachdem er den ersten Vogel zerlegt und gekostet hatte. »Vorzüglich!« rief Havelmüller. »De–li–kat!« schmunzelte Bornemann. Doch alle diese schmeichelhaften Urtheile reichten nicht hin, Frieda's Unruhe zu beseitigen, die immer grösser wurde und es schien mir, als wenn ihre Blicke angstvoll von Teller zu Teller schweiften. Hühnchen war mit dem zweiten Vogel beschäftigt und es herrschte eine Weile Schweigen, nur das geschäftige Klappern der Messer und Gabeln war vernehmlich. Da sagte Hühnchen plötzlich mit einem Ausdruck leichten Schauers vor dem Geheimnissvollen und Unerklärlichen: »Die Wunder der Natur sind doch unerschöpflich. Dies ist nun schon der dritte Magen, der aus diesem Krammetsvogel hervorkommt.« »Mir dagegen,« sagte Havelmüller, »ist es höchst angenehm aufgefallen, dass der Krammetsvogel, den ich soeben zerlegte, zwar durchaus keinen ungeniessbaren Magen, dagegen eine Fülle von delikaten Lebern und zwei Herzen enthielt.« »Da muss meiner sehr gefrässig gewesen sein,« rief Hühnchen. »Und meiner sehr gefühlvoll,« sagte Havelmüller. Frieda aber sass da hochroth und mit einem Ausdruck zwischen Weinen und Lachen und rief nun endlich: »Ja nun ist es heraus! Es ist nämlich ein Unglück geschehen. Lotte hat die Dinger noch niemals zurecht gemacht und als ich nun heute im Berliner Zimmer mit Tischdecken zu thun hatte, da fiel mir mit einem furchtbaren Schreck ein, dass ich ihr garnicht gesagt hatte, sie dürften nicht ausgenommen werden. Fast in demselben Augenblicke war ich auch schon in der Küche. »Lotte,« sagte ich, »sind die Krammetsvögel schon gerupft?« »Jawoll,« sagte sie, »und ausgenommen hab ich ihr auch schon.« Ich dachte der Boden sollte unter mir wegsinken. »O Lotte,« rief ich, »was hast du gemacht, die dürfen ja nicht ausgenommen werden.« »Ja, wo kann ich das wissen,« sagte Lotte, »ich hab' das Eingethüm da all in die Schaal' gemacht.« Das war ein Hoffnungsstrahl. Ich holte zwei Theelöffel und nun sassen wir und füllten das »Eingethüm« sorgfältig wieder hinein und dachten, es sollte Niemand was merken. Zuletzt war noch was übrig, das haben wir vertheilt, wo Platz war. Zuletzt banden wir sauber die kleinen Speckschürzchen darüber und gaben uns den schönsten Hoffnungen hin. Aber Papa ist zu schlau, der lässt sich nichts vormachen.« »Anatomische Kenntnisse, mein Kind!« warf Hühnchen dazwischen und schmunzelte pfiffig dazu. Frieda war aber noch immer dem Weinen nahe und sagte nun in rührend kindlichem Tone: »Nicht wahr, es schadet doch nicht so sehr, es ist doch nicht so unverzeihlich schlimm.« Ich nickte ihr freundlich zu, und während Hühnchen und Lore sie von beiden Seiten streichelten, legte Bornemann seine mächtige Hand auf diejenige Stelle seines ungeheuren Vorhemdes, wo er sein Herz vermuthete und strahlte voller Wohlwollen auf sie hin. Havelmüller aber sagte: »Sie haben die Anziehungskraft dieses an und für sich schon köstlichen Gerichtes nur vermehrt, indem Sie ihm durch das eingeschlagene Verfahren alle Reize des Glücksspiels verliehen haben. Wäre ich ein Kochbuchschreiber, so würde ich diese Zubereitungsweise unter dem Namen Krammetsvögel à la Lotte in mein Werk aufnehmen.« Diese Wendung, welche Havelmüller der Sache zu geben verstand, ward mit Zustimmung begrüsst und wir alle priesen den Geist unseres Freundes, der es so geschickt verstanden hatte, die Nessel des Irrenden in den Lorbeer des Erfinders zu verwandeln.     8. Es kommt noch mehr Besuch. Ich will einen hohen Preis aussetzen für den, der mir ein Dienstmädchen nachweisen kann, das einen Vetter hat und bin überzeugt, dass ich mein Geld behalten werde. Einen »Cousin« dagegen haben sie alle ohne Ausnahme und sollten sie ihn aus der Erde graben. Diese liebliche verwandtschaftliche Beziehung dient ihnen gern zur Entschuldigung, wenn sie in einem vertraulichen Umgange mit männlichen Wesen betroffen werden und ist natürlich sehr geeignet, die Herrschaft zu entwaffnen, denn wer wollte wohl ein solcher Barbar sein, mit rauher Hand in den Verband einer Familie zu greifen und nahe Verwandte am Verkehr mit einander zu hindern. Unter Umständen aber tritt für den Cousin auch der »Landsmann« ein, der von ihnen ebenfalls wie eine Art Verwandter, etwa im Sinne der schottischen Clanschaft betrachtet wird. Lotte war merkwürdiger Weise schon über zwei Jahre bei uns und hatte sich noch immer sowohl ohne Cousin als auch ohne Landsmann beholfen, als Frieda einmal gegen Abend ganz blass aus der Küche kam und zu mir sagte: »Du, ich habe mich sehr erschrocken, denn eben als ich in die Küche kam, war bei Lotte ein Mann. Sie hatten mich wohl nicht gehört, weil ich auf Hausschuhen ging und als ich plötzlich in die Küche trat, da war es mir, als führen sie auseinander. Lotte war hochroth und that, als ob der Mann garnicht da wäre und klapperte mit den Ringen auf dem Feuerheerd, obgleich es heute Abend garnichts zu kochen giebt. Der Mann aber stand da und wusste nicht, wo er mit seinen Händen und seinen Augen bleiben sollte und that ebenfalls, als ob er garnicht da wäre. Und in der ganzen Küche roch es nach Pferden. Ich war so erschrocken, dass ich garnicht wusste, was ich sagen sollte und nahm nur schnell ein Sahnetöpfchen, als sei ich darum gekommen, und ging wieder hinaus. – Was macht man nun dabei? Es geht doch nicht, dass fremde Männer Lotte in der Küche besuchen.« »Die noch dazu nach Pferden riechen,« sagte ich. »Ach scherze doch nicht,« erwiderte Frieda, »es ist mir sehr ernst.« »Na, ich will mal hingehen,« sagte ich. »Aber werde nur nicht so heftig,« bat sie. »Sieh' mal, Du bist ja sonst immer so ruhig, aber wenn Du aussergewöhnlicher Weise mal aus Dir heraus gehst, dann wirst Du gleich so furchtbar wild.« »Sei nur ohne Sorge,« sagte ich, »ich will sein wie ein Lamm, aber wie ein energisches Lamm.« Als ich in die Küche kam, befand sich der Mann dort nicht mehr, und Lotte putzte mit verzehrendem Eifer irgend ein Geschirr. »Lotte,« sagte ich, »was hatten Sie eben für Besuch?« »Das war ja man bloss mein Landsmann,« sagte sie und hörte auf zu scheuern, denn arbeiten und zugleich sprechen, das überschritt ihre geistige Befähigung. Dann fuhr sie mit einer gewissen Entschlossenheit fort, indem sie zwischendurch immer ein Stückchen putzte: »Er is mit mich aus ein Dorf. – Er kennt mir schon lang'. – Wir sind zusammen eingesegent. – Er is bei die Anibusgesellschaft bei die Perde. – Er verdient sich sein schönes Lohn.« – »Ja,« sagte ich, »das ist Alles ganz gut, aber Sie wissen doch, was wir gleich zu Anfang ausgemacht haben, dass Sie Bräutigamsbesuch in der Küche nicht haben dürfen.« Nun fing sie aber an ganz mächtig zu kichern und rief: »Er is ja garnich mein Bräutigam, er is ja bloss mein Landsmann.« Da ich nun auf diese feinen Unterschiede nicht eingearbeitet war, so beruhigte ich mich dabei und es ward nun ausgemacht, dass ein fernerer Austausch heimathlicher Erinnerungen und landsmannschaftlicher Gefühle abends nach gethaner Arbeit und nach vorher eingeholter Erlaubniss vor der Hausthüre stattzufinden habe und somit ward diese Angelegenheit zu allgemeiner Zufriedenheit erledigt. Wir sahen denn die Beiden später auch manchmal um die Zeit der Abendröthe in spärlichem Gespräche nebeneinander wandeln oder zusammen vor der Hausthüre stehen. Da diese sich neben meinem kleinen Zimmer befand, so fing ich bei geöffnetem Fenster zuweilen drollige Bruchstücke ihrer Gespräche auf. Einmal unterhielten sie sich über die Titel des Grossherzogs von Mecklenburg-Schwerin. »Ja,« hörte ich Lotte sagen, »unser Grossherzog hat auch zu un zu viele Titels.« »Wie heissen sie doch man all noch?« fragte der Pferdemensch, »Grossherzog von Mecklenburg, Fürst zu Wenden, Schwerin und Ratzeburg, auch Graf zu Schwerin, der Lande Rostock und Stargard Herr . . . ich krieg's garnich all mehr zusammen, es is noch 'n ganz Theil mehr.« »Wo Sie das all auswendig wissen!« sagte Lotte bewundernd. »Ja,« fuhr der Pferdemensch fort, »un nu könnt' er sich ja noch mehr Nams geben nach seine Güter un was ihn sonst noch gehört. Er könnt' sich ja noch nennen: Herr zu Ludwigslust und Herr von Raben-Steinfeld un so. Aber das thut er nich, das is ihn viel zu klein.« Das Gespräch ward für eine Weile durch das Rollen eines Wagens übertönt und desshalb verlor ich den Uebergang zu der nächsten Unterhaltung, die sich, wie es schien, um gesalzene Heringe drehte. Denn ich hörte nur noch wie der Landsmann den grossartigen Ausspruch that: »Ja, das muss ich nu sagen, so 'n rechten schönen weichen Matjeshering, der is mich viel lieber als 'n schlechten.« Nun waren aber die beiden guten Leute bei'm Essen angelangt, eine Unterhaltung, bei der jedem echten Mecklenburger ganz besonders das Herz aufgeht, und damit kamen sie in flottes Fahrwasser und steuerten alsbald auf die Gans los. Als mein Freund Bornemann einmal gefragt wurde, welcher Vogel den grössten poetischen Reiz auf ihn ausübe, antwortete er ohne Zögern: »Die Bratgans.« Aehnlichen Anschauungen huldigten auch Lotte und der Landsmann. Sie sprachen von diesem Vogel mit Hochachtung, Sachkenntniss und Liebe und zeigten sich wohl bewandert in den verschiedenen Formen seiner Zubereitung. Als sie aber auf das heimathliche Schwarzsauer kamen, nahmen ihre Stimmen einen elegischen Klang an und ich merkte, es war ihnen zu Muthe, wie dem Schweizer, wenn er in der Fremde das Alphorn hört. »Ja hier kennen sie das nich,« sagte Lotte in mitleidigem Tone, »un all so 'n schönes Essent, als wie Apfel un Getoffel un rothe Grütz' un Mehlgrütz' un Mehlbutter un Musgetoffel mit Buttermilch un all so was, das kennen sie hier auch nich.« »Ja, in Mäkelburg is 's schön,« sagte nun der Landsmann elegisch, »un was 'n richtigen Mäkelbürger is, der wird 's in die Frömde nie recht an.« »Jawoll,« erwiderte Lotte, »das muss ich Beifall geben. Un was ich sonst noch sagen wollt, nu denken Sie sich bloss mal an: Was hier in 'n Keller den Schuster seine Frau is, die is aus Dräsen, un die hat mich erzählt, in Sachsen da füllen sie die Gäns' mit Beifuss. Haben Sie woll sowas mal gehört?« »Ne, wo is 's einmal möglich!« rief der Landsmann, und die unglaubliche Thatsache, dass man für diesen Zweck anstatt der uralt geheiligten Aepfel und Backpflaumen ein bitteres Unkraut nehmen könne, das an Feldwegen wächst, musste unendlich viel Komisches für die beiden haben, denn sie brachen in ein anhaltendes Lachduett aus. Derartig harmloser Art waren die Unterhaltungen dieser beiden Landsleute und da auch der Pferdemensch uns in seinem Wesen sehr wenig von einem Don Juan zu haben schien, so sahen wir diesem Verkehr bald mit Beruhigung zu. Als unser Wolfgang schon bald zwei Jahre alt war und fleissig auf seinen kleinen Beinchen im Hause herumpuddelte, kam plötzlich wieder Besuch und zwar diesmal in Gestalt eines niedlichen Fräuleins, das ebenfalls nach Aussage aller weiblichen Wesen übermenschlich schön und »ganz die Mutter« war. Hühnchen liess sich durch dieses Ereigniss sogar zu Versen hinreissen, die lauteten: »Welch wundervolles Märchen! Hurrah, hurrah! Ein Pärchen!« In der Taufe sollte dieses kleine Mädchen den Namen Helene erhalten und zu dieser feierlichen Handlung hatten wir ausser anderen auch Tante Lieschen eingeladen, eine alte Dame, die früher eine kleine Stellung im grossherzoglichen Schlosse zu Schwerin innegehabt hatte und nun von ihrer Pension und den Zinsen eines kleinen Vermögens in derselben Stadt ganz behaglich lebte. Es hatte ihr einen grossen Entschluss gekostet, die Reise nach Berlin anzutreten, einem Orte, den sie sich vorzugsweise von Mördern, Dieben, Einbrechern, Bauernfängern, Falschmünzern, Betrügern und Angehörigen ähnlicher interessanter Geschäftszweige bewohnt dachte, die nur darauf lauerten, sie sofort beim Betreten dieses Gomorha's um das Ihrige zu bringen. »Mein lieber Neffe,« hatte sie geschrieben, »hole mich doch ja vom Bahnhofe ab, ich sterbe sonst vor Angst, wenn Du nicht da bist.« Nun ich fand mich auch zur rechten Zeit dort ein und hatte das Glück, gerade neben dem Wagen zu stehen, wo von rückwärts etwas sehr bekanntes, eingemummeltes Weibliches, in der einen Hand eine Reisetasche, in der anderen einen Pompadour, hinausstieg. Ich nahm ihr leise, ohne ein Wort zu sagen, die Reisetasche aus der Hand und sah im nächsten Augenblick in ein von Angst versteinertes Gesicht. Doch ihre Züge verklärten sich, als sie mich erkannte und sie rief: »Gott sei Dank, Du bist es! Gott sei Dank! Ich dacht' es ging' schon los.« Dann als wir mit dem Strom der Menschen dem Ausgange und der Gepäckausgabe zustrebten, fielen ihre Augen auf eine Tafel, auf der stand: »Vor Taschendieben wird gewarnt!« »O wie schrecklich, wie schrecklich!« flüsterte Tante Lieschen, »sieh mal, was da steht! Und ich habe über hundert Mark bei mir. Wo ist denn mein Portemonnai? Gott sei Dank, ich hab' es ja noch!« Dann blickte sie sich scheu um und flüsterte mir wieder zu: »Du hinter uns geht einer, der hat solche Diebesaugen.« »Liebe Tante,« sagte ich, »das ist ein harmloser Arbeiter, Taschendiebe sehen vornehmer aus.« Ich setzte sie nun in eine Droschke und liess sie zu ihrem Entsetzen allein, um das Gepäck zu besorgen. Der Zug war stark besetzt gewesen und es dauerte etwas lange, bis ich mit einem Gepäckträger und dem stattlichen Korbe zu dem Wagen zurückkehrte. Sie hatte unterdessen sichtlich wieder entsetzliche Angst ausgestanden und ihr Gesicht klärte sich sehr auf, als sie sich wieder unter meinem Schutze befand. »Du, dem Kutscher trau ich nicht, er sieht so veniensch aus!« sagte sie. »Wenn er uns nur richtig fährt. Und denk' mal, unterwegs bin ich, weil das Damenkoupee besetzt war, »für Nichtraucher« gefahren, mit drei Männern zusammen, die waren ganz gewiss Bauernfänger. Denn, stelle dir nur vor, sie spielten Karten. Es war gewiss das fürchterliche »Kümmelblättchen,« denn sie brauchten ganz schreckliche Ausdrücke dabei, wie zum Beispiel »der grüne Junge« und der »rothe Junge,« und »Null auf 'n Bauch«, und sprachen eine Art Gaunersprache, wovon ich kein Wort verstand. Denk' dir meine Angst. Wenn sie mich nun aufgefordert hätten zum Mitspielen, was hätt' ich da machen sollen?« Ich lachte laut auf. »Aber Tantchen,« sagte ich, »das waren drei harmlose Philister, die Skat spielten.« Tante Lieschen war aber schon wieder auf neue Angstgedanken gekommen. »Du,« sagte sie, »der Kutscher fährt und fährt und biegt in immer neue Strassen ein, passt Du denn auch auf, wo er uns hinfährt. Wenn er nun.....o du mein Schöpfer, wo ist meine Handtasche?« »Hier Tantchen, es ist ja Alles da!« Wir kamen nach Hause zu einer früheren Zeit, als man uns erwartet hatte, und als ich die Thür aufschloss, fand ich inwendig die Kette vorgehängt. Klingeln konnte ich nicht, weil dieser Mechanismus, einer Lieblingsgewohnheit von ihm folgend, einmal wieder nicht in Ordnung war und auf mein Klopfen ward mir nicht aufgethan. Pauline, das neue Kindermädchen, war mit Wolfgang nach den Schöneberger Wiesen, Frieda schien von nothwendigen Besorgungen noch nicht zurückgekehrt, und Lotte konnte dies Klopfen, wenn sie hinten in ihren Regionen sich befand, nicht hören. Die vorgehängte Kette, und die Schwierigkeiten, in die Wohnung zu kommen, beunruhigten Tante Lieschen sehr. »Ach, da sieht man ja, wie ihr euch einschliessen und einriegeln und einketten müsst!« jammerte sie. »Bei uns in Schwerin ist das nicht nöthig. Wenn ich da ausgehen will, da schliesse ich zu und hänge den Schlüssel auf die Thürangel. Dann weiss Jeder, der mich besuchen will, dass ich nicht zu Hause bin und Diebe giebt's da nicht.« Wir mussten uns zur Hinterthür der Wohnung begeben und als wir über den Hof gingen, sah ich Lotten's Kopf am Fenster des Fremdenzimmers. Sie lugte, durch das Geräusch unserer Schritte aufmerksam gemacht, dort aus und kam dann, wie es mir schien, mit sehr rothem Kopfe und in einer seltsamen Verwirrung, um uns die Hinterthür zu öffnen. Ich schickte sie fort, damit sie den Reisekorb von der Droschke hole und als Tante Lieschen und ich dann bei dem kleinen Fremdenzimmer vorbeikamen, führte ich sie hinein und überliess sie dort eine Weile sich selber. Schrecken über Schrecken stürzten auf die arme Tante ein, seit sie den Fuss in das fürchterliche Berlin gesetzt hatte, und die zufällige Zukettung der Thür war ein wichtiges Glied zu einer Verkettung von Umständen, wie sie bei der Gemüthsart von Tante Lieschen nicht schrecklicher ausgedacht werden konnte. Denn kaum war sie kurze Zeit in dem kleinen Zimmer gewesen, als sich Fürchterliches ereignete. Sie hatte ihre Reisebekleidung abgelegt und ordentlicher Weise wollte sie diese gleich in den Kleiderschrank hängen. Als sie aber die Thür dieses Möbels öffnete, stand darin – o Grauen und Entsetzen – ein Mann, ein Mann, der, wie sie auf den ersten Blick hätte sehen müssen, fast noch mehr Angst hatte als sie, der an allen Gliedern zitterte und vor entsetzlicher Verlegenheit nicht vermochte, den Mund aufzuthun. Dafür aber hatte Tante Lieschen kein Auge. Sie sah nur, dass es wirklich so zuging in dem entsetzlichen Berlin, wie sie es sich gedacht hatte, und dass der erste Schrank, den sie öffnete, gleich einen schauderhaften Einbrecher enthielt. Sie war so entsetzt, dass sie nicht einmal einen Schrei auszustossen vermochte. Aber sie nahm sich zusammen, denn hier, so sagte sie sich, ging es um's Leben. Mit zitternder Hand grub sie ihr Portemonnaie hervor und hielt es dem entsetzlichen Manne entgegen. »Nehmen Sie, nehmen Sie lieber Herr Einbrecher und schonen Sie mein Leben. Es ist Alles, was ich habe!« »Ich bin ja man bloss der Landsmann von das Mädchen,« stotterte der vermeintliche Einbrecher, »von die Lotte. Die Herrschaften haben uns ja übergerascht un da hab' ich mir in das Schrank verstochen. Ach verrathen Sie mir nich un lassen Sie mir gehn.« »Nehmen Sie Alles, nehmen Sie meine Reisetasche, aber gehn Sie doch!« jammerte Tante Lieschen, die in ihrer Aufregung und Angst garnicht verstand, was der Mann sagte. »Ach, verrathen Sie mir nich un lassen Sie mir doch geh'n!« wimmerte der Landsmann wieder in seiner Angst und so lamentierten sie eine Weile in gegenseitiger Furcht gegen einander an. Die Thür des geöffneten Schrankes verdeckte nämlich zum Theil den Ausgang des engen Zimmers und in der Lücke stand die zitternde Tante, welche nicht zu fliehen wagte, aus Furcht, sowie sie den Rücken wendete, den Mordstahl im Nacken zu haben. So konnte der unglückselige Landsmann nicht hinaus, ohne meine Tante bei Seite zu schieben, und das wagte er nicht. Nun aber kam ein Umstand hinzu, der ihn alle Rücksicht vergessen liess, denn ich war aufmerksam geworden auf die seltsamen jammernden Stimmen, welche sich dort vernehmen liessen, und das Geräusch meiner nahenden Schritte brachte den Landsmann zur Verzweiflung. Er fasste einen furchtbaren Entschluss, stürzte aus dem Schranke hervor, schob meine Tante zur Seite auf einen Stuhl und entfloh. Ich hörte einen furchtbaren gellenden Schrei und dann das Geräusch polternder Schritte über den Korridor nach der Küche hin, und als ich nun schnell hinzustürzte, fand ich die gute Tante bleich und zitternd in einer entsetzlichen Verfassung. »Ist er fort?« flüsterte sie fast tonlos. »Wer?« fragte ich. »Der Räuber, der Einbrecher, der schreckliche Mörder!« wimmerte sie. »Er fuhr auf mich los und wollte mich umbringen. Er machte Augen wie ein Tiger!« Ich wollte zur Küche eilen, doch Tante Lieschen schrie: »O Gott, er lässt mich allein!« Sie klammerte sich krampfhaft an meinen Arm und ich musste sie mitnehmen. In der Küche fand ich Lotte mit schlotternden Knieen, bleich und von Thränen überströmt. »Herr du meines,« jammerte sie, »es war ja doch man bloss mein Landsmann. Er bimmelte an die Küchenthür un wollte mich bloss mal was sagen, un indem dass ich keine Zeit hätte, indem dass ich doch die Fremdenstub' zurecht machen müsst', da hab' ich ihn gesagt, er sollt' man 'ne Momang bei mich reinkommen. Un da is gleich der Herr über'n Hof gekommen un da verfehrte ich mir ganz fürchterlich, indem dass der Herr das doch verboten hätte un in mein Angst un meine Biesterniss verstach ich ihm in das Schrank!« Die letzten Worte brachte sie nur noch mühsam hervor und brach dann in ein schluchzendes Geheul aus. Ich hatte Mühe, mir das Lachen zu verbeissen, nahm aber gewaltsam alle meine Würde zusammen und hielt Lotten eine schöne Standrede. Dann kehrte ich mit Tante Lieschen in die vorderen Zimmer zurück und hier sagte diese mit finsterer Entschlossenheit: »Du, wann geht der nächste Zug nach Schwerin?« »Das weiss ich nicht, liebe Tante!« antwortete ich. »Aber ich muss es wissen!« sagte sie, »denn Du kannst nicht verlangen, dass ich noch eine Stunde in diesem fürchterlichen Orte bleibe. Muss ich noch einmal so etwas erleben, so ist es mein Tod. Ich fühle schon so ein Ziehen im Rücken, ich glaub' ich krieg' meine Zustände.« Ich wandte alle Mittel der Beredsamkeit an, doch anfangs wollte es mir garnicht gelingen, sie zu beruhigen. Dann kam Frieda nach Hause und half mir Oel auf die aufgeregten Wogen der Tantengefühle zu giessen und als dann endlich Wolfgang erschien und ihr rosig freundlich und zutraulich entgegenlief, da sah man, wie sie schwankend ward. Nachdem wir sie endlich glücklich am Esstisch hatten und es uns gelungen war, ihre zerrütteten Nerven mit Beefsteack und Bratkartoffeln zu kräftigen und ihren gesunkenen Lebensmuth durch ein Gläschen süssen Weines wieder aufzurichten, da entschloss sie sich wenigstens, einen Versuch zu machen, wie es sich in dieser Mördergrube leben liesse. Als dann am Abend Hühnchen und Frau Lore erschienen, und ihr mit sonniger Gutherzigkeit freundlich entgegen kamen, da schien das Spiel gewonnen, denn sie musste sich doch wohl im Stillen sagen, dass ein Ort, wo so harmlose und gute Leute friedlich und fröhlich lebten, doch nicht ganz von Gott verlassen sein könnte. Trotzdem war die Nacht, welche diesem Tage folgte, für sie und uns keine ruhevolle. Ich hatte ihr kleines Zimmer am Abend sorgfältig abgeleuchtet, um festzustellen, dass nirgendwo ein Mörder sich verborgen halte, ja sogar die Waschtisch-Schiebelade hatte ich scherzweise aufgezogen und untersucht, ob sie nicht etwa einen einbrecherischen Däumling berge, doch trotzdem liess ihre rege Phantasie die arme Tante nicht ruhen und ein jedes unbekannte Geräusch schreckte sie aus kurzem Schlafe wieder empor. Das erste Mal klopfte sie leise aber eindringlich etwa um Mitternacht. Ich sprang aus dem Bett und sie flüsterte durch das Schlüsselloch: »Hörst Du denn nicht, da draussen bohrt immer was.« Ich beruhigte sie so gut ich konnte. Nach einer Stunde etwa erschreckte sie das Stampfen der Pferde, die ihren Stall auf dem Hofe hatten, und ich musste wieder hinaus und sie durch das Schlüsselloch aufklären. Dann gab's eine Weile Ruhe, bis endlich gegen fünf Uhr ein neues Entsetzen sie erfasste. »Hörst Du denn nicht,« flüsterte sie durch das schon mehrfach benutzte Sprachrohr, »wie es arbeitet im Keller? Dort brechen sie durch die Decke.« Und ich merkte, wie ihre Stimme vor Angst zitterte. »Ach, theuerste Tante, so schlafe doch,« sagte ich fast ein wenig unmuthig, »das ist ja nur die Wasserpumpe.« Das Haus war nämlich noch nicht an die Leitung angeschlossen und wurde durch eine im Keller stehende Pumpe versorgt, die einen Behälter auf dem Boden füllte und früh Morgens in Betrieb gesetzt wurde. Das allergrösste Entsetzen aber erfasste sie, als kurz vor sechs Uhr Lotte vorne in der Wohnung die Rolljalousien der Fenster nach der Strasse zu aufzog. Dieses fürchterliche und unbekannte Geräusch brachte sie mit einem Satze aus dem Bette und an das Schlüsselloch. »Hörst Du denn wieder nicht,« rief sie, »das sind Brecheisen!« Ich musste natürlich wieder hinausklettern, sie zu beruhigen und so ging es die ganze Nacht bettaus, bettein, Policke, Polacke, und meine gute Tante verfuhr wie Mackleth gegen mich, sie mordete den Schlaf. Jedoch trotz alledem verlor sie ihre Furcht vor dem entsetzlichen Berlin in einiger Zeit, und als wir, nachdem unsere kleine Helene getauft war, einmal mit ihr in's Panoptikum gingen, war sie merkwürdiger Weise nicht davon abzuhalten, sich die Schreckenskammer anzusehen und schien zwischen all den scheusslichen Puppen mit den starren wächsernen Mördergesichtern ein wundervolles Grausen zu empfinden. Zwar fuhr sie alle Augenblicke entsetzt zusammen, wenn so ein ausgestopftes Scheusal hinter ihr stand und es ihr dann vorkam, als rege es sich, zwar sagte sie bei Betrachtung der Folterinstrumente und der Richtschwerter, auf denen sie noch Spuren von Verbrecherblut zu sehen glaubte: »Igittegittegitt, wie gräulich!«, zwar huddelte sie sich sehr vor dem Massenmörder Thomas, der trotz seiner schwarzen Seele so friedlich aussieht wie ein Brauereibesitzer, und dennoch war sie nicht eher wegzubringen, bis sie die letzte aller dieser Scheusslichkeiten in sich aufgenommen hatte. Wir sind stark geneigt zu glauben, dass der Besuch dieses Tempels der Gräulichkeit den Glanzpunkt ihrer Berliner Erinnerungen bildet. Wenn Tante Lieschen in unserer Wohnung sich aufhielt, so ging ein bestimmter Prozentsatz des ganzen Tages damit verloren, dass sie ihre Brille suchte, ein Sport, an welchem sich das ganze Haus eifrig zu betheiligen pflegte mit Einschluss des kleinen Wolfgang, der mit grossem Eifer an den unmöglichsten Orten nach ihr forschte. Mir ist in meinem Leben kein optisches Instrument dieser Art bekannt geworden, das eine so geringe Anhänglichkeit an seine Herrschaft und eine solche Abneigung gegen einen ständigen Wohnsitz gezeigt hätte, als dieses. Nun hatte unser Kindermädchen Pauline zwei- oder dreimal das verloren gegangene Seheisen mit grosser Geschwindigkeit wieder aufgefunden und war desshalb bei Tante Lieschen in den Geruch einer guten Spürnase gekommen, so dass sie gleich bei Beginn der Suche zu rufen pflegte: »Pauline, Pauline, haben Sie meine Brille nicht gesehen? Ach, suchen Sie doch mal, Sie können ja so schön finden!« Und merkwürdiger Weise entdeckte mit wenigen Ausnahmen Pauline den Flüchtling an den unglaublichsten und verstecktesten Orten mit grosser Schnelligkeit. Wir waren darüber einigermassen verwundert, denn auf Pauline passte sonst treffend der Ausspruch aus Hermann Marggraff's »Fritz Beutel,« der etwa so lautet: »Denn sie war damals noch sehr dumm, fast dümmer noch als sie aussah, obwohl sie ihrem Aussehen nach immer noch dümmer hätte sein können, als sie war.« Dieser Dummheit ward nur von ihrer Unordnung die Wage gehalten und wie Fritz Reuter mal von einem polnischen Wirthshause sagt: »Dor streden sick nu Hiring, ollen Kes' un Fuselbramwin, wer am düllsten stinken wull,« so waren auch jene beiden oben genannten Eigenschaften bei Paulinen in einem steten Wettstreit begriffen und noch jetzt, nachdem sie lange schon unser Haus verlassen hat, vermögen wir nicht zu entscheiden, ob sie unordentlicher als dumm oder dümmer als unordentlich war. Heruntergefallene Haarflechten, ausgerissene Rockfalten, Löcher in den Hacken, oder zwei verschieden farbige Strümpfe, irgend ein solches Kennzeichen, oder auch manchmal alle zugleich, waren immer an ihr bemerklich. Mir ist sie besonders erinnerlich geblieben durch das einzige Lied, das sie kannte und dem kleinen Wolfgang und der noch kleineren Helene unermüdlich vorsang. Aber auch davon weiss ich nur noch den ewig sich wiederholenden Refrain, welcher lautete: »Grünkohl, Grünkohl Ist die beste Pflanze!« Darf man von diesem Bruchstück auf das Ganze schliessen, so kann man wohl annehmen, dass sein Dichter von den vielen Stufen, welche zum Gipfel des Parnasses führen, eine der untersten bewohnt hat. Ich für mein Theil habe Liebig'n in Verdacht. Das war also Pauline, und um so mehr fiel es uns auf, dass sie bei dieser einen besonderen Gelegenheit eine so grosse Findigkeit und Geschicklichkeit bewies. Wir glaubten schon, es läge hier ein Fall vor, der öfter in der Natur vorkommt, wo ganz besonders bornirten Persönlichkeiten oft einzelne sehr hervorragende Fähigkeiten verliehen sind, zum Beispiel, die Geige zu streichen, oder Wortwitze zu machen, oder im Schachspiel sich auszuzeichnen. Ich kannte auch mal einen Mann, der weiter nichts verstand, als auf zehn Schritte durch ein Schlüsselloch zu spucken, aber das auch unfehlbar. So glaubten wir denn, die Natur habe sich bei Pauline erschöpft, indem sie ihr einzig und allein die Fähigkeit ertheilt hatte, verloren gegangene Brillen mit unfehlbarer Sicherheit wieder aufzufinden. Jedoch damit ging es uns wie jenem Junggesellen, der seinen seit Kurzem verheiratheten Freund antraf, wie er sich einen Knopf annähte. »O, was machst Du da?« rief er, »ich denke, Du bist verheirathet!« »Ja, glaubst Du,« rief der Ehemann, »dass meine Frau dazu Zeit hat?« »O weh,« sagte der andere ganz betrübt, »nun fällt das auch noch weg!« Denn angeregt durch ihre ersten wirklichen Erfolge in dem Auffinden dieser Brille, hatte Pauline, wie später herauskam, um dieses Ruhmes noch öfter zu Theil zu werden, mit der bekannten Dummpfiffigkeit, welche öfter den Beschränkten eigen ist, das der Tante unentbehrliche Instrument an allen möglichen Orten versteckt, um es nachher mit scheinbar wunderbarer Spürkraft wieder aufzufinden. Tante Lieschen aber versank fast in Tiefsinn über ihre zunehmende Zerstreutheit und Vergesslichkeit, die sie veranlassten, ihre Brille auf dem Grunde von Papierkörben, in Ofenröhren, unter Tischdecken und an anderen wunderlichen Orten zu deponiren, ohne dass ihr nachher eine Erinnerung davon blieb. An die Gräuel von Berlin, welche bei näherer Besichtigung in Nichts versanken, hatte sich die Tante, wie gesagt, bald gewöhnt, doch wurde sie zuletzt durch ein anderes Schreckniss vertrieben, das ihr in ihrem Heimathorte ebenso gut drohte als hier. Tante Lieschen war nämlich mit einer entsetzlichen Gewitterfurcht behaftet und als es eines Tags zu blitzen und zu donnern begann, zog sie sich in den finstersten Winkel der Wohnung zurück und hörte nicht auf zu lamentiren und zu klagen. Da ich nun nicht wünschte, dass Wolfgang dadurch mit derselben Gewitterfurcht angesteckt würde, die mir die eigene Kindheit verbittert hatte, so hielt ich ihn möglichst von ihr fern und liess ihn mit Pauline vorne sich aufhalten, während Frieda und ich der Tante Gesellschaft leisteten, denn allein gelassen unter solchen Umständen, wäre sie vor Angst gestorben. »Ach,« sagte Tante Lieschen, »in meiner jetzigen Wohnung in Schwerin, da geht es ja, aber als ich noch auf 'm Schloss wohnte, da waren die Gewitter viel stärker. – O du mein Schöpfer, das war ein Blitz, das hat eingeschlagen. Hör doch den Donner!« Es kam aber dennoch eine kleine Pause, und nur der Regen strömte stärker und rauschender herab. Ich suchte sie zu trösten damit, dass es in Berlin eigentlich nie einschlüge und dass sogar des Nachts wegen eines Gewitters Niemand aufstände, sondern ruhig weiter schliefe, wenn er es vor dem Lärm könnte. Doch das erregte nur ihren Zorn und sie fand es barbarisch und unchristlich. »Sieh mal, liebe Tante,« sagte ich, »hier sind so viele hohe Häuser und Giebel und Zacken und Eisenspitzen und Fahnenstangen und Telephonleitungen, da weiss das Gewitter vor lauter Auswahl garnicht, wo es hineinschlagen soll und lässt es lieber ganz.« Das wollte ihr aber nicht einleuchten und sie fand meine Rede sehr frivol. Als dann die Blitze sich wieder mehrten und der Donner stärker rollte, rief sie mit einem Male: »O Du hast ja wohl Stiefel an!« »Ja, warum nicht, liebe Tante?« »Da sind doch Nägel drin!« rief sie, »und Eisen zieht doch den Blitz an. Das wissen ja sogar die drei Realschüler, welche bei dem Schuster in Pension sind, wo ich meine Wohnung gemiethet habe. Sie sind sonst Bambusen, wie alle Jungs in diesem Alter, aber wenn ein Gewitter ist, dann leisten sie mir Gesellschaft und ich geb' ihnen 'n bischen Kuchen und 'n klein' Glas Wein, denn solche Jungs können ja essen und trinken, wenn auch Pech und Schwefel vom Himmel fällt. Aber als sie in der Schule gehabt hatten, dass Eisen den Blitz anzieht, da haben sie sich immer draussen die Stiefel ausgezogen und sind auf Socken zu mir gekommen.« Ich konnte ihr nun nicht wohl sagen, dass dies ein alberner Schülerstreich gewesen sei, und dass die Bengels sie sicher zum Besten gehabt hätten und musste wahrhaftig hinaus, um mir die Stiefel auszuziehen, damit mir der Blitz nicht in die Beine führe. Das Gewitter nahm aber mehr und mehr an Stärke zu, und Pauline graute sich in dem Vorderzimmer, mit dem kleinen Wolfgang allein zu sein. Ich liess sie desshalb nach hinten gehen, nahm den Jungen auf den Arm, blieb dort, damit er das angstvolle Lamentiren der Tante nicht hören sollte, und zeigte ihm, am Erkerfenster stehend, die Blitze als ein schönes Schauspiel. Wenn dann so ein recht starkes Himmelsfeuer sein verzweigtes Flussnetz über den regengrauen Himmel schoss, so sah der kleine Wolfgang mich an und sagte: »Vater, der war doch schön!« Das Gewitter nahm jedoch fortwährend an Stärke zu, die Blitze häuften sich und wurden rasch von einem kurzen Donner gefolgt, der klang, als wenn ein ungeheures Eisengerüst plötzlich zusammenstürze. Dann plötzlich ein blendend heller Schein, als ob die Luft in Feuer stände, und damit zugleich: »Rack!« ein furchtbarer Knall. Das war dem kleinen Wolfgang denn doch ein wenig zu viel. Er schlug beide Händchen vor die Augen und sagte mit etwas schüchternem Tone: »Vater, das war wohl sehr schön?« »Ja, mein Kind,« sagte ich, »das war sehr schön!« obgleich mir doch ein wenig blümerant zu Muthe war. Jedoch nun schien sich die Macht des Gewitters erschöpft zu haben, allmählich vergrollten die Donner in der Ferne, der Regen verrauschte und bald schien die Sonne durch die letzten funkelnden Tropfen, während die überschwemmte Strasse sich mit unternehmenden Jünglingen füllte, welche mit nackten Beinen in den trüben Wasserlachen jauchzend herumwateten. Tante Lieschens Verfassung kann man sich denken. Bei dem entsetzlichen Schlage war sie emporgefahren und hatte sich einige Male um sich selbst gedreht. Da sie sich aber nicht entscheiden konnte, aus welcher der drei Thüren des Zimmers sie fliehen sollte, so war sie kraftlos wieder auf den Stuhl zurückgesunken, hatte die Hände vor's Gesicht geschlagen und stöhnte. Nach einer Weile liess sich das Bimmeln der Feuerwehr vernehmen. »Was ist das, was ist das?« rief Tante Lieschen. »Das ist die Feuerwehr!« sagte Frieda ganz ruhig. »Mein Gott,« rief Tante Lieschen nun, »findest Du nicht auch, dass es hier so sengerich riecht? Wie kannst Du nur so ruhig sein? Wo ist denn das Feuer?« »Das weiss ich nicht,« sagte Frieda, »aber es scheint mir, als wenn die Wagen hier ganz in der Nähe halten!« Das war nun Tante Lieschen ausser allem Spass, und da das Gewitter so plötzlich nachgelassen hatte, wagte sie sich in das Vorderzimmer, wo ich mit Wolfgang stand und den Arbeiten der Feuerwehr, die einige Häuser weiterhin vor einem Hause hielt, zuschaute. »Da stehst Du so ruhig und guckst!« rief Tante Lieschen, »packt Ihr denn nicht eure Werthsachen zusammen.« Und sie fingerte mit zitternden Händen an ihren Ohrringen herum, zog ihre beiden Ringe ab, löste ihre Amethystbroche vom Halse und steckte in ihrer Verwirrung Alles säuberlich in die Tasche. »Aber liebe Tante,« rief ich lachend, »es ist ja drei Häuser weit ab. Und hier kannst Du es, wer weiss wie oft, sehen, dass, wenn ein Dachstuhl brennt, die Leute drei Treppen hoch im Vertrauen auf ihre Feuerwehr ruhig aus dem Fenster sehen!« »O wie entsetzlich!« sagte Tante Lieschen. »Und ausserdem handelt es sich hier garnicht um Feuer,« fuhr ich fort. »Bei der Ueberschwemmung durch den Platzregen ist ein Keller voll Wasser gelaufen und die Feuerwehr pumpt es nun wieder heraus.« Das wirkte sehr beruhigend auf die Tante und sie bemerkte nun mit einem Male, dass ihre Ringe fehlten. »Du mein Schöpfer,« rief sie, »wo sind meine Ringe? Und meine« . . . . Hier ward sie plötzlich dunkelroth, ging ganz kleinlaut vor den Spiegel und that sich ihre Schmucksachen wieder an. Damit war die Sache aber noch nicht abgethan, denn den ganzen Nachmittag über fürchtete sie sich vor der Rückkehr des Gewitters. »Diese Art Gewitter kenn' ich,« sagte sie, »die kommen immer wieder und, wenn's nicht eher ist, in der Nacht.« Und obwohl sie damit nicht recht behielt, kamen wir wiederum diese ganze Nacht nicht zur Ruhe. Denn bald hielt sie das Rollen eines Wagens für fernen Donner, bald das Laternenlicht des Kutschers, der über den Hof ging, nach seinen Pferden zu sehen, für einen Blitz, bald schien es ihr sengerich zu riechen und so spielten wir wiederum bis zum Morgen Policke, Polacke, und die letzte Nacht, die sie in unserem Hause zubrachte, war ebenso unruhig als die erste. Denn diese war wirklich ihre letzte Nacht in Berlin, und das entschied sich am nächsten Morgen, als die Zeitung kam. Dort fand sich folgende Notiz: »Ein Gewitter, das in den gestrigen Nachmittagsstunden, begleitet von einem gewaltigen Platzregen, über Berlin niederging, hat mannigfachen Schaden angerichtet und in den verschiedensten Stadtgegenden ward die Feuerwehr zu Hülfe gerufen, um das in die Kellerräume gedrungene Wasser zu entfernen. Auch schlug ein Blitz in das Haus Frobenstrasse Nr. 37 und zertrümmerte einen Schornsteinaufsatz, ohne zu zünden oder sonst weiteren Schaden anzurichten.« »Du meine Zeit,« jammerte Tante Lieschen, »das ist ja das Haus nebenan. Und das kriegen wir erst heut' aus der Zeitung zu wissen. O, welch' eine entsetzliche Stadt! Nun frag' ich aber: Wann geht der nächste Zug nach Schwerin?« Sie liess sich durchaus nicht mehr halten und am Nachmittage dampfte sie ab. Den Eindruck, den der vermeintliche Einbrecher auf sie hervorbrachte, hatte sie überwunden, aber dies ging über ihre Kräfte. An einem Orte, wo man erst am anderen Tage aus der Zeitung erfuhr, dass im Nebenhause der Blitz eingeschlagen hatte, da konnte sie nicht länger leben. Es hiess auch ferner bei ihr: »Einmal und nicht wieder!« Berlin hat sie nie wiedergesehn.     9. Allerlei von Kindern. Hühnchen als Grossvater zu sehen, war eine wirkliche Freude, und obwohl er in sehr jugendlichem Alter zu dieser Würde gelangt war, so musste man doch sagen, er war dazu geboren. Die Mischung von grossväterlichem Ernst und kindlicher Vertraulichkeit in seinem Wesen war bewunderungswürdig und ward nur durch die Geduld übertroffen, mit der er sich den phantastischen Launen seiner Enkelkinder fügte. Er war Alles, was sie wollten, ein Elephant, ein Pferdebahnwagen, ein Kameel, eine Dampfmaschine, ein Hottehühpferd, ja sogar scheussliche Lindwürmer darzustellen gab er sich her. Denn einst, als er bei uns war und sich mit den Kindern auf dem Teppich balgte, während ich in meinem kleinen Zimmer noch eine nothwendige Arbeit zu erledigen hatte, ward ich gerufen, um ein lebendes Bild in Augenschein zu nehmen, das die drei darstellten und das an die Phantasie des Beschauers die ungeheuerlichsten Anforderungen stellte. Es betitelte sich: »Der Ritter St. Georg mit dem Drachen.« Hühnchen wand sich als Lindwurm am Boden, während der vierjährige Wolfgang, auf den Knieen liegend, das Pferd darstellte. Auf ihm sass die kleine zweijährige Helene als Ritter Georg und zielte mit einem Spazierstock auf den furchtbar aufgesperrten Rachen des gräulichen Ungethüms, während dieses mit seinen Krallen mächtig ausholte. Sogar zu Dichtungen regten ihn seine Enkel an. Als der kleine Wolfgang zwei Jahre alt war, spielte er vorzugsweise mit zwei wolligen Holzthieren, einem Lamme und einem Hunde, deren Fell er mit einem Kamme und einer kleinen Bürste eifrig bearbeitete, an welchem seltsamen Spiele er ein unerschöpfliches Gefallen fand. Dazu machte Grosspapa ein kleines Märchen, das später zum eisernen Bestande der Kinderstube gehörte und allen unseren Kindern, wenn sie in gleichem Alter waren, nicht oft genug erzählt werden konnte. Es lautete: »Es waren einmal ein Wauwau und ein Mählamm, und es waren einmal ein Kamm und eine Bürste. Da sagte das Mählamm zur Bürste: »Komm Bürste, bürste mich!« Da sagte aber der Wauwau zur Bürste: »Nein Bürste, bürste mich!« Nun sagte das Mählamm zum Kamm: »Komm Kamm, komm, kämme mich!« Aber gleich sagte auch der Wauwau zum Kamm: »Nein Kamm, komm, kämme mich!« Da thaten Kamm und Bürste sich in ihr Futteral und sprachen: »Alles zu seiner Zeit! Geduld, Geduld verlass mich nicht!« Von den vielen Versen, welche er auswendig konnte und den Kindern zu ihrem Jubel vorsang und vorsagte, will ich nur ein kleines Gedicht mittheilen, das mir bemerkenswerth ist, weil es mir vorkommt, als müsste der Verfasser Hühnchen's gekannt und sie unter dem Bilde dieser Vogelfamilie dargestellt haben. Es lautete: Bei Goldhähnchen's.       Bei Goldhähnchen's war ich jüngst zu Gast! Sie wohnen im grünen Fichtenpalast, In einem Nestchen klein, Sehr niedlich und sehr fein. Was hat es gegeben? Schmetterlingsei, Mückensalat und Gnitzenbrei, Und Käferbraten famos – Zwei Millimeter gross. Dann sang uns Vater Goldhähnchen was: So zierlich klang's, wie gesponnenes Glas. Dann wurden die Kinder beseh'n: Sehr niedlich alle zehn! Dann sagt' ich: »Adieu!« und: »danke sehr!« Sie sprachen: »Bitte, wir hatten die Ehr', Und hat uns mächtig gefreut!« Es sind doch reizende Leut'! Und was konnte Grosspapa nicht Alles machen! Das erste war, wenn er kam, dass ihm alle Invaliden gebracht wurden, an denen es in einer Kinderstube nie fehlt, und dass er sich den Fischleimtopf holte. Hühnchen brachte sie alle zurecht, er setzte den Pferden neue Beine an und den Wagen gab er die Räder wieder. Soldaten, die höchst unmilitärischer Weise ihre Gewehre verloren hatten, bewaffnete er aufs Neue und kein Thier in der Arche Noah's gab es, das nicht schon einmal in seiner Kur gewesen wäre. Wolfgang hatte aber auch einen solchen felsenfesten Glauben an die unfehlbare Kunst seines Grossvaters, dass einst, als ein kleiner Knabe bei einem wilden Strassenspiele das Bein gebrochen hatte und die Mutter darüber weinte und lamentirte, er auf diese zuging und sagte: »Nich weinen Frau! Grosspapa mit Fischleim wieder heil machen!« Schon als Wolfgang vier Jahre alt war, baute Hühnchen ihm einen gewaltigen Drachen, und als wir ihn einst in Steglitz besuchten, liessen die beiden ihn steigen. Nachher sagte Hühnchen zu mir: »Eigentlich habe ich hier nicht ganz ehrlich gehandelt, denn der Junge ist für dieses Vergnügen noch viel zu klein und hat sehr wenig davon. Ich will dir nur offen gestehen, dass mich schnöde Selbstsucht geleitet hat, denn obwohl ich Grossvater bin: Drachen steigen lassen, macht mir noch ganz ungeheuer viel Spass!« Unter Hühnchen's Fingern ward jedes Stückchen Papier zum Spielzeug und nahm hunderterlei Form und Gestalt an, und was für komische Männchen, Thiere, Mützen und sonstige Dinge er aus einem Taschentuch gestalten konnte, war einfach unglaublich. Gab man ihm eine Anzahl schwedischer Streichholzschachteln, ein wenig steifes Papier, ein bischen Zwirn, einige Streichhölzer, etwas Siegellack und eine Scheere, so machte er daraus die halbe Welt. Zum Beispiel eine schöne Waage mit Schaalen aus Streichholzschachteln, oder ganze Güterzüge mit Achsen aus Streichhölzern und Rädern von steifem Papier, die sich zur grossen Wonne der Kinder »ordentlich drehten,« oder den Palankin der Prinzessin von China, den Staatsschlitten des Kaisers von Russland, Mühlenräder, die mit Sand getrieben wurden, und wer weiss, was sonst noch. Jedes Weihnachtsfest und jeder Geburtstag brachte ein neues Bilderbuch seiner Fabrik, wozu er die Bilder aus illustrirten Journalen, Anzeigen und dergleichen sammelte und sorgfältig in einen Band aus steifem Papier klebte. Komische Unterschriften oder kleine selbstgemachte Verse bildeten den Text zu diesen Bilderbüchern. Im Hühnchen'schen Hause kam überhaupt nichts um. Jedes Stückchen Staniol, jedes Stück buntes Glas, jeder blanke Knopf, jedes Gummibändchen und was sonst an Werthlosigkeiten und Abfall im Hause vorkommt, wurde aufbewahrt und fand gelegentlich eine manchmal geradezu geniale Verwendung. Am ersten Ostertage fuhren wir alle stets nach Steglitz und in Hühnchen's Garten wurden Eier gesucht. Er musste wohl ein besonders gutes Verhältniss mit dem Osterhasen haben, denn in Hühnchen's Garten legte dieser räthselhafte Vierfüssler, der seinen einzigen Kollegen in der Eierproduktion, das wunderliche Schnabelthier sowohl in der Reichhaltigkeit als auch der Massenhaftigkeit seiner Erzeugnisse so fabelhaft übertrifft, die herrlichsten Eier. Da gab es goldene und silberne und solche, die in allen Farben des Regenbogens glänzten. Da gab es welche, die nach der Methode, die im Spreewald angewendet wird, mit den herrlichsten Ornamenten geziert waren, und einige sogar hatte ihr Erzeuger mit seinem eigenen Bildniss geschmückt und mit deutlicher Pfote darunter geschrieben: »Z. fr. Erg. Der Osterhase.« Grosspapa Hühnchen war natürlich in Folge so trefflicher Eigenschaften der Liebling aller meiner Kinder und selbst der kleine Werner, der zwei Jahre nach Helene geboren war, streckte ihm schon, wie er noch ganz klein war, vom Arme seines Mädchens die Händchen entgegen und krähte vor Vergnügen. Sein besonderer Liebling aber war Helene. Unsere Kinder hatten alle etwas Sonniges in ihrem Wesen, das mochte wohl eine Erbschaft von ihrem Grossvater sein, aber Helene hatte diese Eigenschaft im höchsten Grade. Wir nannten sie nur das Sonnenkind oder Grosspapas Sonnenschein. Von ihrem freundlichen Gesichte ging stets ein heller Schimmer aus und auf ihrem braunen Haare lag es wie ein goldiger Glanz. Sie hatte auch mit dem Sonnenschein ein besonderes Verhältniss und spielte sogar mit ihm. Als das Kind fast vier Jahre alt war, rief mich meine Frau einmal um die Mittagszeit, als die Sonne zwischen den Vorhängen hindurch einen breiten Strahl in das Schlafzimmer sendete, und zeigte mir ein holdes Bild. Dort kniete Helenchen vor einem Stuhle, auf den das himmlische Licht mit ganzer Kraft funkelte und griff mit den zarten Händchen in den hellen Sonnenschein und versuchte ihn mit zierlicher Bewegung der Finger in die dunklen Ecken zu streuen. Ausser dem Sonnenschein liebte sie die Blumen, welches seine Kinder sind und oft rührte es mich tief, wenn sie bei unseren Spaziergängen das kleine dürftige Blumenwerk, das an den staubigen Wegen wuchs, mit heller Freude begrüsste und die kümmerlichen Glöckchen und Sterne sorglich in der kleinen warmen Hand nach Hause trug. Wie arm sind doch die Kinder einer so grossen Stadt gegen die auf dem Lande. Wir waren in dem Sommer, da Wolfgang sechs Jahre alt wurde, und nun zum Herbst die Schule besuchen sollte, von Onkel Nebendahl auf sein Pachtgut eingeladen und ich werde nie vergessen, wie ich mit den beiden älteren Kindern das erste Mal im Felde spazieren ging. Wir gelangten auf einem Fusssteige durch Kornfelder zu einem wenig befahrenem Landwege, der über und über mit Blumen bewachsen war und weithin in schimmernder Farbenpracht vor uns lag. Die Kinder betrachteten dieses Paradies anfangs mit einer heiligen Scheu und Helene sagte nur wie überwältigt: »O Blumen, Blumen, Blumen!« Dann stellte Wolfgang mit zaghafter Schüchternheit die Frage: »Dürfen wir uns hier wohl ein paar pflücken?« Ich sagte: »Sie gehören euch alle! Pflückt so viele ihr wollt!« Dies erschien ihnen wie ein Märchen, denn sie waren nur an die staubigen Wegränder der nächsten Berliner Umgegend und an das Nolimetangere des Thiergartens gewöhnt und so unzählig viele herrenlose Blumen hatten sie noch niemals beieinander gesehen. Sie stürzten sich nun wie zwei jauchzende Schwimmer in diesen Blumenstrom und geriethen in einen förmlichen Rausch über die Fülle dieser Reichthümer. Bald tauchten sie unter zu den rothen Blüthen des Klees, bald erhoben sie sich wieder und stürzten zu den goldenen und weissen Tellern der Wucherblume, bald wurden sie gelockt von den grossen hellblauen Blüthensternen des Wegewarts, bald von den rothen Büscheln der Flockenblumen oder den goldenen Knöpfen des Rainfarrens. Als sie nun aber im angrenzenden Kornfelde die purpurnen Köpfe des Mohns, die leuchtenden Raden, den dunkelblauen Rittersporn und vor Allem die Kornblumen, nach ihrem Sinne die Königin dieser ganzen Gesellschaft, erblickten, da glaubten sie sich in einem Zauberlande. Das sind nun allerdings wieder Freuden, welche ein Landkind, das mit dergleichen als gemeinen Dingen gross geworden ist, niemals kennen lernt. So rauften und rupften sie, bis sie so viel von der schimmernden Farbenpracht dieses Ortes zu grossen Büscheln vereinigt in den Händen trugen, dass diese den Reichthum nicht mehr zu fassen vermochten. Ich band ihnen die Sträusse mit Binsen zusammen und wie grosse Schätze trugen sie sie nach Hause. »Vater,« sagte Wolfgang dann, nachdem er eine Weile still und ernsthaft nachgedacht hatte: »Onkel Nebendahl ist wohl sehr, sehr reich?« »Warum meinst Du das, mein Kind?« »Weil er so furchtbar schrecklich viele Blumen hat!« Onkel Nebendahl und seine Frau, welche ebenso behäbig, rundlich und glänzend aussah als ihr Mann, hätten unsere Kinder in aller Gutmüthigkeit fast umgebracht, wenn wir nicht stets auf der Hut gewesen wären. Wie so manche Landleute geneigt, das städtische Leben als ein Hungerleben anzusehen, waren sie stets darauf aus, sowohl während als ausserhalb der regelmässigen Mahlzeiten, deren es täglich fünf gab, unsere Kinder bis oben hin voll gute Sachen zu stopfen. Insonderheit Onkel Nebendahl war der Ansicht, ein ordentlicher Junge auf dem Lande müsse stets, wie er sich ausdrückte, »mit den Vorderfüssen im Fliegenschrank stehen,« so habe er es auch gemacht und er sei darum auch stets ein »Bostbengel« gewesen. Als Mittel, solches Ziel auch bei Wolfgang zu erreichen, empfahl er die reichliche Vertilgung von Butterbroten in der Zwischenzeit und zwar von dem groben Landschwarzbrot, dessen Scheiben ohngefähr einen halben Quadratfuss Oberfläche haben. Ein einziges solches Ungethüm, ohngefähr zwei Zentimeter dick und mit einem halben Zentimeter Butter und dessgleichen Lederkäse darauf, hätte meinen Sohn, der an so schweres Geschütz nicht gewöhnt war, auf der Stelle niedergeworfen. Helene, obwohl sie ihn im Punkte des Essens ebenfalls nicht befriedigte, war auch sein Liebling. »Die kleine Dirn',« sagte er, »is immer vergnügt un so fix zu Bein wie 'n Brummküsel, un tanzt un singt un springt den ganzen Tag. Wenn ich manchmal so sitz un grätz' mich un ärger' mich über die Wirthschaft, un die kleine Dirn' kommt rein, un so drat sie man in der Thür is, da is sie auch schon bei mir un sitzt mir auf 'n Schooss un kuckt mich an mit 'n Gesicht, als wenn die Sonn' in 'n goldenen Becher scheint – ja denn is aller Aerger gleich weg. Un alle Kreatur is ihr gut, das mit Wasser werd' ich mein lebtag' nich vergessen.« »Wasser« hiess nämlich ein ungemein böser Kettenhund, der einzig und allein nur vor dem Onkel und dem Manne, der die Kühe fütterte und auch ihn mit Nahrung versorgte, Achtung hatte, die übrige Menschheit aber ohne alle Ausnahme in die Waden biss, wenn er ihrer habhaft werden konnte. Diese bösartigen Naturanlagen hatten ihm, nachdem er eine genügende Anzahl von Kindern und grossen Leuten in unverantwortlicher Weise geschädigt hatte, eine dauernde Anstellung als Kettenhund eingetragen, und die ewige Gefangenschaft, die solcher Beruf mit sich brachte, hatte sein Gemüth natürlich nur noch mehr verdüstert. So lebte er denn in seiner geräumigen Hütte einsam als ein Sonderling und Menschenfeind, keine andere Freude kennend, als, sobald ein fremder Mensch den Hof betrat, an der rasselnden Kette einem Teufel gleich herum zu toben und zu rasen und seinem sinnlosen Zorn und Ingrimm durch ein fanatisches Gebell und durch Beissen in Steine Luft zu machen. Wegen der oftmaligen Wiederholung dieses Manövers war rings um seine Hütte ein tief ausgetretener Kreis beschrieben und in diesen wagte sich weder Mensch noch Thier, mit Ausnahme der frechen Sperlinge, die vor nichts in der Welt Respekt haben. Nun ward am zweiten Tage unserer Anwesenheit auf dem Gute bald nach Tisch bemerkt, dass Helene verschwunden war. Man suchte und rief sie im Hause und im Garten, allein es kam keine Antwort. Endlich sah Jemand zwei zierliche Kinderstiefel neben dem Kopf des bösen Kettenhundes, der scheinbar tückisch brütend in seiner Hütte lag. Ein tödtlicher Schreck befiel uns Alle, als dies bekannt wurde, Frieda ward leichenblass und selbst Onkel Nebendahl verfärbte sich. Er ging allein auf die Hütte zu, indem er uns anwies, im Hintergrunde zurückzubleiben. Der Hund richtete sich auf, als er seinen Herrn sah, fletschte die Zähne und knurrte bedenklich. In diesem Augenblicke vermochte sich Frieda nicht mehr zu halten und sie rief mit lauter Stimme: »Helene! Helene!« Da rappelte sich in der Hütte etwas empor und neben dem zottigen Kopf des Hundes erschien das rosige Angesicht des kleinen Mädchens. Es rieb sich anfangs ein wenig verschlafen die Augen und sah dann von Glück strahlend auf uns hin. Frieda wagte nicht mehr zu rufen, sondern winkte nur eindringlich mit der Hand. Da sagte die kleine Helene zu ihrem Nachbar: »Adjö Hund, nun muss ich wieder zu meine Mama,« und dabei tätschelte sie ihm den zottigen Kopf, während der Köter gerührt winselte, ihr die Hand zu lecken versuchte und mit dem Schwanz wedelte, wie man aus dem Klopfen gegen die Wand der Hütte vernehmen konnte. Dann, als sie ruhig und seelensvergnügt zu uns ging, folgte ihr der Hund bis an den Kreis, der die Grenzen seines Reiches bezeichnete, und winselte und günste nach ihr und stellte ein Bild dar, unter welches man gleich hätte schreiben können: »Die Sanftmuth in Hundegestalt.« Nachher erzählte sie: »Ich war so traurig von den Hund, dass er immer so allein is und an der Kette und kann garnich rumspringen wie Karo und Fips und Bergmann. Und da bin ich hingegangen und hab' ihm viele schöne Blumen gepflückt. Die mocht' er aber garnich leiden und hat sich garnich gefreut. Und da war seine Wasserschale ganz leer und er hatte immer die Zunge raus und den Mund auf und machte immer so.« Sie ahmte das Jichern eines Hundes nach. »Und da bin ich an den Trog gegangen und hab' ihm Wasser in seine Schale gemacht. Und das hat er all' ausgetrunken und seine Zunge wie einen Löffel dabei gemacht und es hat immer schlapp, schlapp, schlapp gesagt. Und da sind wir beide in sein Haus gegangen und da hab' ich ihm die Geschichte von dem Wauwau und dem Mählamm erzählt. Die mocht' er woll gern leiden und hat immer mit 'n Schwanz an seine Hütte geklopft. Und dann haben wir beide 'n bischen geschlafen. Und dann hat mich Mama gerufen. Und nun ist die Geschichte aus.« Dies war das letzte Jahr, da wir die Zeit unserer Sommerfrische uns selber auswählen durften, denn im nächsten Herbste kam Wolfgang in die Schule und von dieser Zeit an gerieth natürlich das ganze Haus unter den Zwang dieser öffentlichen Einrichtung. Mir kommt es nach meinem bescheidenen Verstande manchmal so vor, als wenn der Schule eine Wichtigkeit beigelegt wird, die nicht ganz der Uebertreibung ermangelt. Eine mir bekannte Dame ward kürzlich von einer Freundin gefragt, warum sie so niedergeschlagen aussähe. Da rief jene aus: »O die Schande, die Schande! Ich weiss nicht, wie ich es ertragen soll! Ich kann Niemandem mehr gerade in die Augen sehen!« Und so lamentirte sie noch eine ganze Weile weiter. Nachher kam es heraus, dass weiter sich nichts ereignet hatte, als dass ihr ältester Junge nicht versetzt worden war und sich nun mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder in einer Klasse befand. Und man glaube ja nicht, dass eine solche Anschauung so vereinzelt dasteht. Die Menschen scheinen ganz vergessen zu haben, dass man das Beste im Leben erst nach der Schule lernt. Die Schule, wie sie heute besteht, ist eine Art von Forstkultur, und die einzelnen Klassen bedeuten Schonungen verschiedenen Alters. Sieht man eine Kiefer, die sich frei nach allen Seiten hat entwickeln können, so wird man erfreut durch die kraftvolle Eigenart dieses Baumes, den man dann gar wohl der südlichen, um so Vieles berühmteren, Pinie vergleichen kann. In der Schonung aufgewachsen aber werden alle Stämme gleich, lang und schlank und ebenmässig und sind oben mit einem öden grünen Büschel versehen, aber sie geben ein vortreffliches Nutzholz. Das Gleiche erzielt auch die Schule. Sie drückt die Begabten herab zur schönen goldenen Mittelmässigkeit und zerrt die minder Begabten zu dieser begehrenswerthen Stufe empor. Und wie das Auge des Forstmannes lacht, wenn er so eine gut bestandene Schonung betrachtet, wo ein Baum aussieht wie der andere, so freut sich auch der richtige Schulmeister, wenn er seine schöne gleichmässige Waare an die nächste Klasse abliefern kann. Dieses Forstmeister-Prinzip mag wohl ganz gut und nützlich sein, aber richtige Kiefern sind das nicht mehr, die man dort erzielt, sondern Bauholz-Kandidaten. Und wenn nicht manchmal trotz alledem ein solcher Baum durch günstige Umstände Luft und Licht um sich bekäme, dass er sich entwickeln kann nach seiner zwar etwas knorrigen Eigenart zu kraftvoller und eigenthümlicher Schönheit, so wüssten wir am Ende garnicht einmal mehr, wie eine Kiefer wirklich aussieht. Es war ein wichtiger Tag, als ich hinging, um meinen jungen Pflänzling in diese grosse Baumkultur einzureihen. Er ging frisch gewaschen und gekämmt und sauber angezogen gar fröhlich und erwartungsvoll mit, denn er wusste ja nicht, dass die schönste Zeit seines Lebens, da er im Sonnenscheine fröhlich wachsen und seine jungen Zweige nach allen Seiten breiten konnte, nun vorüber sei. Von nun an galt es, in Reihen zu stehen unter dem Zwange einer unerbittlichen Dressur. Ein Saal nahm uns auf, in dem die feierliche Stille nur durch gedämpftes Flüstern unterbrochen und jedes unschuldige helle Kinderstimmchen, das sich erhob, gleich wieder zur Ruhe getuscht wurde. In der Mitte dieses Saales stand ein ungeheurer grüner Tisch und um diesen herum sassen die Mütter, eine jede mit ihrem ebenfalls wohlgekämmten und säuberlich angezogenen Sprössling zur Seite. Die in weit geringerer Anzahl versammelten Väter standen mit den ihrigen an den Wänden herum. Dann ward die Thür nicht schüchtern und vorsichtig, sondern mit herrischem Ruck geöffnet und unter erwartungsvollem Flüstern erschien der Herr Direktor und begab sich mit raschem Schritt an das oberste Ende des Tisches. Zu beiden Seiten von ihm nahmen zwei Unterlehrer Platz und die Sache wurde feierlich. Für diesen Tag hatte der Gewaltige einen Theil seiner erhabenen Grösse abgelegt und indem er mit beiden Händen seinen grauen Backenbart auszog, blickte er wie ein wohlwollender und gut aufgelegter Monarch über die zukünftigen kleinen Schüler dahin, deren unschuldige Kinderaugen alle auf ihn gerichtet waren. Dann wurde der erste Name aufgerufen und alle die kleinen Menschenkinder nach einander in die neue Fessel eingeschmiedet. Der Gewaltige schien guter Laune zu sein und machte allerlei kleine Scherze, die mit beifälligem Gemurmel aufgenommen wurden, und schien sehr verwundert, als eins dieser Knäblein trotzdem von der Feierlichkeit dieses Momentes so ergriffen wurde, dass, als es seinem zukünftigen Oberherrscher die Hand reichen sollte, es in lautes Schluchzen ausbrach. »Du ahnungsvoller Engel du,« dachte ich, während andere dieser Knirpse im Bewusstsein ihrer stärkeren Männlichkeit lächelnde Blicke auf ihre Mütter oder Väter warfen. Dann ward ein neuer Name aufgerufen und eine blühend aussehende Dame trat, hervor, die dem Direktor schon bekannt zu sein schien. »Der wievielte ist denn das, den Sie uns bringen?« fragte er wohlwollend. »Der fünfte!« sagte die Dame und ein leichtes Roth stieg ihr in das blühende Antlitz. Der Direktor nickte wohlwollend und legte wie segnend dem Kleinen die Hand auf das Haupt, während in der Korona ein murmelndes Geflüster des Beifalls und der Bewunderung laut wurde und die glückliche Mutter mit unterdrücktem Stolze vor sich hin blickte. Der Zufall wollte es dann, dass auf ein zwerghaftes kleines Männlein, das kaum über den Tisch blicken konnte, ein Enackssohn folgte, ein Riesenkind, das die meisten seiner Genossen um mehr als Haupteslänge überragte. Der Direktor legte sich in den Stuhl zurück und mass den Jungen mit bewundernden Blicken. »Wie alt bist Du mein Sohn?« fragte er. »Sechs Jahr!« ertönte ein festes aber dünnes Stimmlein. »Alle Achtung!« rief der Direktor, »Du bist ja ein Riese!« Wieder allgemeines Vorbeugen und bewunderndes Geflüster rings im Umkreis und possirlich war es zu sehen, wie alle Mütter und alle Väter die ihrigen mit den Augen massen, um sie dann mit jenem Riesenkinde zu vergleichen, während der zu diesem gehörige Vater sich grosse aber vergebliche Mühe gab, Gleichmuth zu heucheln. Endlich kamen auch wir an die Reihe und im Nu war mein kleiner Wolfgang aus einem freien Spielkinde in einen Schüler der dritten Vorschulklasse verwandelt und in die grosse Schonung eingereiht. Wir waren zu derselben Zeit aus der Frobenstrasse fortgezogen und hatten eine neue Wohnung in der Flottwellstrasse, nahe dem Karlsbade. An dieser Wohnung fand Hühnchen ganz besondere Vorzüge. »Dergleichen,« sagte er, »kann man doch nur in einer Grossstadt haben. Aus den Vorderfenstern schaut Ihr auf den Güterbahnhof der Potsdamer Bahn und habt das brausende Treiben des Weltverkehrs vor Augen, aus den Hinterfenstern blickt Ihr aber in das Idyll friedlicher, blühender und ausgedehnter Gärten, wo lauter Grün und Vogelgesang ist, wo junge Mädchen in hellen Kleidern auf den Steigen wandeln und fröhliche Kinder spielen. Da ist für jede Stimmung gesorgt.« Von dieser Wohnung aus machte Wolfgang seinen ersten Schulbesuch, und da der Weg zu meinem Bureau ebenfalls in dieser Richtung lag, so begleitete ich ihn des Morgens, während das Mädchen ihn nachher wieder abholte. Doch nach einigen Tagen kam der grosse Moment, wo er zum ersten Male allein gehen sollte und dieses Unternehmen erfüllte ihn mit grosser Wichtigkeit. Ich hatte mir vorgenommen, ohne sein Wissen hinterher zu gehen, um zu sehen, wie die Sache abliefe, denn wir trauten seinem Ortssinne nicht so recht. Ich sehe das kleine tapfere Männchen noch immer vor mir, wie es mit dem Ränzel auf dem Rücken so wichtig und zuversichtlich in die mächtige Riesenstadt hineinstapfte. Zuerst unter der Ueberführung der Potsdamer Bahn hindurch, dann am Kanal entlang, immer vorwärts, ohne sich umzusehen. Bei der Schöneberger Brücke musste er links abbiegen, das that er aber nicht, sondern tüffelte immer muthig weiter. Nun, er konnte auch über die Möckernbrücke gehen, obwohl es etwas weiter war; vielleicht hatte das Mädchen mit ihm schon einmal diesen Weg gemacht. Aber auch an der Möckernbrücke ging er ohne Zaudern vorüber und immer weiter den Kanal entlang. Mich überkam etwas wie Rührung, als der kleine Mann so unverdrossen und zuversichtlich auf seinem falschen Wege fortpilgerte, immer gerade aus in die weite Welt hinein. Denn wenn er auf diesem Wege fortfuhr, dann kam er wohl schliesslich über Südrussland und Westsibirien nach China, aber niemals in seine Schule. Nun wollte ich die Brücke an der Grossbeerenstrasse noch abwarten, nur um zu sehen, ob ihm auch dann noch keine Bedenken kämen, allein auch hier schickte er sich an, ohne Zaudern weiter zu wandern, immer in schnurgerader Richtung auf China los. Doch nun beschleunigte ich meine Schritte und holte ihn ein. »Junge, wo willst Du denn eigentlich hin?« fragte ich. Er wunderte sich natürlich garnicht darüber, dass ich plötzlich da war, sondern sagte ganz ruhig: »Ich will in meine Schule, Vater!« »Aber, was gehst Du denn für einen Weg?« fragte ich und er antwortete: »Ich geh' doch so lange, bis das Wasser alle ist, und dann kommt doch der Platz, wo all' die Kohlen sind und dann der, wo immer die Pferde reiten, und dann der grosse Thorweg« – er meinte den Tunnel, der unter der Anhalter Bahn durchführt – »und dann bin ich gleich da.« Nun war es heraus. Er hatte niemals beachtet, dass wir stets über die Schöneberger Brücke nach links abgebogen waren, und dass aus diesem Grunde dann das Wasser »alle« geworden war und wartete nun, immer geduldig weiter schreitend, dass diese Erscheinung endlich eintreten sollte. Ach, der Kanal mündete in die Spree und das Wasser wäre ihm immer zur Seite geblieben bis nahe der böhmischen Grenze, wo dieser Fluss entspringt, da endlich erst wäre es »alle« geworden. So unbedeutend dies kleine Erlebniss auch ist, so werde ich es doch nie vergessen und so lange ich lebe, werde ich es vor mir sehen, wie der kleine Mann mit seinem Ränzel auf dem Rücken so unverdrossen und voll kindlichen Vertrauens in die weite Welt hinauswandert.     10. Dunkle Stunden. Es giebt Wege, von welchen Kinder und grosse Leute nicht zurückkehren, wenn sie einmal sie gewandert sind. In diesen Blättern, die von Leberecht Hühnchen und seinen Nachkommen handeln, hat bisher eitel Sonnenschein geherrscht und sie waren angefüllt mit der Schilderung des bescheidenen Glückes harmloser und friedfertiger Menschen. Darum scheue ich mich fast fortzufahren und möchte einhalten vor der finsteren Unbegreiflichkeit, mit welcher das Schicksal seine Loose streut. Doch nicht vollkommen wäre dieses Lebensbild, wollte ich verschweigen, was ferner geschah. Auch vermag ich es jetzt, niederzuschreiben, was mir vor Kurzem noch unmöglich erschien. Denn also ist das menschliche Gemüth von einem gütigen Schöpfer eingerichtet, dass das Düstere und Traurige im Laufe der Zeiten verblasst und sich verschleiert, das Liebliche und Holde aber stets in helleren Farben glüht. Und so mag es denn niedergeschrieben werden! Ich war einst an einem schönen Novembertage – denn auch dieser Monat hat solche, die voll künftiger Frühlingsahnung sind – mit meinen beiden ältesten Kindern zum ersten Male hinausgegangen bis zum Kreuzberg, der damals noch nicht wie jetzt mit Anlagen, Wasserfällen, Teichen und Felsgruppen bedeckt war, sondern seinen geböschten sandigen Abhang kahl zur Schau trug und den beliebtesten Spielplatz der Kinder in der Umgegend darbot. Es ist sehr leicht, über den Kreuzberg zu spotten und zu lachen, aber bei Bergen und Menschen kommt es ganz darauf an, in welcher Umgebung sie sich befinden, wenn man sie nach ihrem Werthe schätzen soll. Der Bürgermeister von Kuhschnappel ist bei sich zu Hause ein grosser Mann, in Berlin aber ein ganz kleiner Provinziale, und einer von ungeheuer Vielen. Ebenso sinkt der Brocken neben dem Gaurisankar zu einem Maulwurfshaufen zusammen und vergleicht man den Brocken wieder mit dem Kreuzberg, so darf man diesen kaum einen Erdkrümel nennen. Aber der Gaurisankar liegt in Asien und der Brocken ist weit und da nun in der unmittelbaren Nähe des grossen Präsentiertellers, auf den Berlin gebaut ist, keine grössere Erhebung sich vorfindet, als der Kreuzberg, so muss er mit seinen 36 Metern, welche er über den niedrigsten Punkt dieser Stadt emporragt, für einen sehr vortrefflichen Berg gelten. Und ich glaube fast, dass weder der Gaurisankar noch der Brocken meinen Kindern ein solches Vergnügen bereitet haben würde, wie dieser behagliche Sandhaufen, auf dessen sanfter Böschung sie eilig in die Tiefe rennen konnten, um sie alsbald wieder mit glühendem Eifer emporzuklettern. Und sie erkannten ihn an und bewunderten ihn. »O so hoch, so hoch!« sagte Helene, als wir an seinem Fusse standen, und Wolfgang rief aus: »Vater, ich hätte nie gedacht, dass es so hohe Berge giebt!« Als wir aber von diesem Spaziergange gegen Abend wieder nach Hause kamen, wollte Helene nichts essen, legte sich auf das Sopha und klagte über Schmerzen. Wenn sonst sehr lebhafte und muntere Kinder sich auf das Sopha legen und theilnahmslos werden, ist immer etwas Bedenkliches im Anzuge, und wir liessen noch an demselben Abende unseren alten guten Arzt kommen. Dieser machte ein bedenkliches Gesicht, verordnete etwas und versprach, am nächsten Morgen wieder zu kommen. Die Nacht war schlaflos und voller Schmerzen für das Kind. Rührend war es, wie das kleine tapfere Mädchen sein Wimmern zu unterdrücken versuchte, um das jüngste kleine Brüderchen nicht zu wecken. Am andern Morgen kam der Arzt und war sichtlich erschrocken über die Fortschritte der Krankheit. Ich glaube, er hatte schon damals keine Hoffnung mehr. Er verordnete Eisumschläge und Opium gegen die Schmerzen. Als ich vom Bureau nach Hause kam und mein Kind sah, in hohem Fieber liegend, und mit von Angst und Schmerzen verzerrten Zügen, da fiel es mir plötzlich wie eine schwere Last auf's Herz. Frieda war rastlos thätig in der Pflege und voller Hoffnung, ich liess ihr diesen Anker. Hühnchen und Frau, die benachrichtigt waren, kamen und sprachen tröstliche Worte. Sie wussten eine Menge von glücklichen Fällen der Errettung aus solcher Krankheit, aber es schien mir, sie glaubten selbst nicht daran. Als sie spät am Abend gingen, konnte Hühnchen weiter nichts sagen, als: »O lieber, lieber Freund! Wir wollen beten zu Gott!« Und dann kam die Nacht, die lange furchtbare Nacht, von der ich ganz gewiss zu wissen glaubte, es sei die letzte. Wir gingen nicht zu Bette, Frieda sass im Schlafzimmer und wachte und ich wanderte meist ruhelos in der Wohnung umher. Es war eine dunkle, wolkenverhangene Novembernacht und an dem dunstigen Himmel kein Stern zu schauen. Und wie ich so wanderte und wanderte, immer von den hinteren zu den vorderen Räumen und wieder zurück, und bald aus dem Küchenfenster in die nächtlichen Gärten starrte, bald auf der Strassenseite auf die verschwommenen Lichtschimmer des ausgedehnten Bahnhofes, da sprach es in mir unaufhörlich: »Warum, warum? – Warum diese liebliche unschuldige Menschenblüthe? Was hat sie denn gethan? Warum, warum?« Und eine andere solche ruhlose entsetzliche Nacht fiel mir ein, als vor einem Jahre Wolfgang schwerkrank danieder lag und ich allein bei ihm wachte, weil er wegen der Ansteckung abgesperrt war. Es war der Höhepunkt der Krankheit, und als ich mich gerade mit den Kleidern ein wenig aufs Bett gelegt hatte, begann der Junge zu phantasiren. Plötzlich lag er auf seinen Knien und spielte eifrig mit eingebildeten Dingen. Er legte etwas, das man nicht sah, bald hier hin, bald dort hin, und dann huschte er schnell mit der Hand hinterher, als entliefe es ihm. »Wolfgang, was machst Du denn?« fragte ich. »Ich spiele doch mit meinem Kaufladen!« sagte er, »aber es läuft mir ja immer Alles fort, da . . da . . da . . . .« »Kind,« sagte ich, »Du träumst!« und drückte ihn sanft wieder in die Kissen. »Ach ja!« sagte er dann und legte sich geduldig auf die Seite. Aber nach einer Weile trieb er wieder dasselbe Spiel. Da ergriff mich dieselbe Unruhe wie heute und ich fing an zu wandern, immer leise im Zimmer auf und ab. Und als ich dann einmal am Fenster stand und in die neblige Nacht hinausstarrte, die ebenso hoffnungslos ausschaute wie die heutige, da sah ich etwas oder glaubte etwas zu sehen. War es ein Bild, das meine aufgeregte Phantasie mir vorlog? Dort zwischen den Büschen des Vorgartens stand es wie eine lange hagere, zugeknöpfte Gestalt schemenhaft, aber erkennbar. Es war, als warte sie auf Jemanden. Und nun schien es mir, dieses schattenhafte Wesen nähme eine Uhr hervor und blicke forschend darauf hin, und dann aus finstern Augenhöhlen zu dem Fenster empor, wo ich stand. Und dann nickte sie, als wollte sie sagen: »Es ist Zeit.« Da sprach es in mir, inbrünstig, obwohl ich keinen Laut auf meine Lippen brachte: »O geh, geh, du Entsetzlicher, Grausamer, Erbarmungsloser, geh fort und lass ihn mir. Ich flehe dich an aus den Tiefen meiner Seele. Es sind ja so viele, die sich sehnen nach dir, denen du kommst als ein Erlöser, als ein lieblicher Bote des Friedens. Dorthin wende deinen Schritt und lass ihn mir, lass mir mein Kind!« Und mir war, als zaudere er, der grausige Schatten. Bückte er sich nicht und pflückte ein dürftiges Blümchen, das dort zwischen spärlichen Halmen stand und schwand dann hinweg wie Rauch, dass nur der einsame traurige Nebel dort blieb. Vom Bette meines Sohnes hörte ich ruhige Athemzüge zum ersten Male in dieser Nacht. Er schlief. Am anderen Morgen kam der Arzt und seine Augen leuchteten, als er das Kind sah. »Gott sei Dank!« rief er, »nun sind wir durch!« Es kam etwas wie Trost aus dieser Erinnerung. War ich nicht auch damals so tödtlich verzagt gewesen, und mein Herz war doch so bald wieder leicht und fröhlich geworden. Aber ich sehnte mich nach einem Zeichen. Und so wanderte ich wieder ruhelos durch die ganze Wohnung und sah bald hier, bald dort aus dem Fenster in die dunstige, wolkenverhangene Novembernacht und suchte nach einem Stern. Wenn ich nur einen fände, ein ganzes, kleines, winziges Himmelslicht, nur ein Pünktchen, dann sollte es ein Hoffnungszeichen sein. Ueberall war aber nur das einförmige, schwimmende Grau und so starrte ich, bald hier, bald dort sehnsüchtig suchend, in die düstere, trostlose Wolkennacht, bis der trübe Morgen heraufdämmerte. Dann kam der letzte entsetzliche Kampf. Wir sassen zu beiden Seiten des Bettchens und mussten sehen, wie unser holder Liebling mit dem Entsetzlichen rang. Dann wieder schien sie schmerzlos zu sein und schöne holde Bilder zu schauen, vielleicht schon aus einer besseren Welt. In den Augen lag ein überirdischer Glanz und mit rührendem Stimmchen sang sie ihre kleinen Lieder. Dann pflückte sie Blumen, bald hier, bald dort, von der Decke und vom Bettrande, und ordnete sie zierlich in der Linken, beschaute sie und sagte »Ah!« dazu in einem holden Tone. Dann wieder waren es Früchte, sie führte sie zum Munde, machte »Ei!« und klopfte sich mit dem Händchen die Brust. Und zuletzt schlief sie ein, das Köpfchen ein wenig zur Seite geneigt und die Augen halb geschlossen. Immer langsamer und seltener wurden die Athemzüge, zuletzt hob sich die Brust noch einmal kaum merklich – ein zarter, leiser Hauch, und es war zu Ende. – Ich legte ihr die Hände zusammen und drückte ihr die Augen zu. Wir beide hatten in diesem Augenblick dieselbe unerwartete Empfindung. Unsere Herzen waren leicht, als sei eine schwere Last von ihnen genommen, und eine wunderbare, fast selige Ruhe kam über uns. So sehr überwog das Gefühl, dass unser Kind den Frieden gefunden, und die Erlösung von furchtbaren Leiden in diesem Augenblicke den Schmerz über seinen Tod. Bald darauf kamen Hühnchen und Frau, doch ich verzichte darauf, ihren Schmerz zu schildern. Zum ersten Male in meinem Leben sah ich Hühnchen ganz gebrochen. »Grausam, lieber Freund, grausam, grausam!« sagte er und rang die Hände umeinander. Die nothwendigen Verrichtungen lenkten meinen Geist wohlthätig ab davon, mich in den nach der kurzen Ruhe um so heftiger ausbrechenden Schmerz zu vertiefen. Und während ich all' das Nothwendige bei der Polizei, bei dem Standesamte, bei dem Prediger, dem Leichenwagenfuhrmann, dem Todtengräber, dem Buchdrucker, und was sonst erforderlich war, besorgte, umgaukelten meine aufgeregte Phantasie fortwährend wechselnde Bilder. Ich sah mein holdes Kind immer wie es noch lebte und zu allen diesen Vorstellungen gingen mir tönende Worte durch meinen Sinn, es war ein Kampf, den mein innerer Mensch auf eigene Hand unternahm, um alle die schrecklichen Eindrücke des Leidens und des grausamen Todes zurückzudrängen. Ich sah sie, wie sie mit dem Sonnenschein spielte, o so deutlich erblickte ich den schimmernden Kranz loser Härchen um ihr liebliches Haupt und die zierlichen Finger vom himmlischen Lichte rosig durchleuchtet. Dann war sie wieder um mich her wie bei unseren Spaziergängen, leicht wie eine Elfe und flink wie eine Eidechse. Ich sah die Fingerchen hinabtauchen in das staubige Gras der Wegeränder und sah und hörte das zierliche Mädchen, wie es mir mit leuchtenden Augen drei kümmerliche Blümchen entgegen hielt und dazu rief: »O Vater, sieh wie schön!« Und dann wieder sah ich sie jauchzend untertauchen in die unerschöpfliche Blumenfülle des Landweges, oder schaute sie am Rande des Kornfeldes, das hoch über ihr Haupt ragte, wie sie zierlich und vorsichtig die blauen Sterne der Kornblumen und die feurig leuchtenden Köpfe des Mohnes hervorholte. Ach es war ja garnicht zu glauben, dass dies Alles dahin war und statt dessen ein blasses, starres und kaltes Bild. »Du lebst, du lebst in mir!« sagte ich unwillkürlich vor mich hin. Vom anderen Tage ab kamen die Blumen, herrliche und kostbare Kränze von Freunden und Bekannten in reicher Fülle. O, so viel schöne Blumen hatte sie nie gehabt, als sie noch lebte. Und doch, wie viel kostbarer waren sie damals gewesen, die drei armen kleinen Blümchen in ihrer lebenswarmen Hand. Als Helene schon im Sarge lag, kam ein kleines, fünfjähriges Mädchen, armer Leute Kind, aus der Nachbarschaft und brachte ein dürftiges Sträusschen, das sie sich wohl bei'm Gärtner erbettelt hatte. Helene hatte öfters mit diesem Kinde gespielt und da mich diese Gabe rührte, so gab ich der Todten die halbverwelkten Blumen in die starren Hände. Später aber kam von Freundeshand ein herrlicher Strauss des Schönsten, das in dieser ungünstigen Jahreszeit zu haben war. Als ich nun darauf dachte, ihn unterzubringen, da erschien mir das andere Sträusschen doch gar zu vertrocknet und hässlich, und ich beschloss, dafür meinem Kinde die neuen Blumen in die Hände zu geben. Doch wie durchschauerte es mich, als ich den sanften Versuch machte, ihr das Sträusschen zu entziehen, denn ich hob die Hände mit auf; sie hielt es fest. »Ja,« rief ich, »Du sollst sie behalten, mein Kind!« und legte die anderen Blumen daneben. Dann kam das Begräbniss; und was an diesem Tage geschah, steht wie ein Traum vor meinen Augen. Sie kamen alle, die guten Freunde und Bekannten, und sprachen tröstliche Worte, wenn sie es vermochten, oder drückten die Hand, wenn ihnen dies nicht gegeben war. Aber was sind tröstliche Worte für einen frischen Schmerz, den auch die Zeit nicht heilen, sondern nur lindern kann. Und als der Prediger sprach, sah ich nur Frieda's bleiches Gesicht und ihre starren Augen, die noch keine Thränen gefunden hatten. Dann kamen die vier schwarzen Männer und hoben den mit Blumen über und über bedeckten Sarg empor. »In Gottes Namen!« sprachen sie dabei und gingen im Taktschritt davon. »Sie nehmen mir mein Kind!« rief Frieda plötzlich, trat einen Schritt vor und blickte mit irren Augen auf die Männer hin. Man umringte sie und sprach ihr Trost zu und ich eilte mit Hühnchen hinab zu dem Wagen. Ein paar andere Freunde folgten in einem zweiten Gefährt. Es war ein grauer, trüber Novembertag; zuweilen stäubte ein wenig Regen. Das Grab auf dem Zwölfapostelkirchhofe hatte Hühnchen ganz mit Blumen und Grün ausschmücken lassen und so in lauter Blumen haben wir unseren Liebling begraben und mit Blumen haben wir ihn zugedeckt. Als ich mit Hühnchen wieder zurückfuhr, fasste er meine beiden Hände und sagte: »O Du mein lieber, guter, beklagenswerther Freund! Nun bin auch ich kein Glücksvogel mehr. Sieh' mal, als meine guten Eltern starben, da waren sie alt und müde. Sie fielen ab vom Baume des Lebens wie eine überreife Frucht an einem stillen dämmernden Herbstabend, wenn kein Luftzug geht. Es war der Lauf der Natur. Dies aber ist anders. Dies Kind war die schönste Wunderblume, die am Wege meines Lebens geblüht hat. Wie gerne mochte ich mir ausmalen, zu welch' herrlicher köstlicher Frucht sie noch einmal ausreifen würde, zu einer solchen, die ihre ganze Umgebung mit lieblichem Dufte erfüllt und allen Menschen wohlgefällig ist. Und nun ist Alles dahin, mit grausamer Hand plötzlich vernichtet. Ja, lieber Freund, nun bin ich kein Glücksvogel mehr!« Und er drückte beide Hände vor's Gesicht, seine Brust ward von heftigem, mühsam zurückgekämpftem Schluchzen erschüttert und die Thränen liefen ihm unter den Fingern hervor. * * * Von nun ab hatten wir in den folgenden Jahren ein neues Ziel für unsere Spaziergänge. Das war der kleine Epheuhügel auf dem Zwölfapostelkirchhofe. Zu Häupten liegt darauf ein weisser Marmorstein und ein wilder Rosenstrauch ist in seine Mitte gepflanzt. Um diesen herum tauchen im ersten Frühling die hellblauen Sterne der Scilla und die farbigen Becher des Krokos aus dem dunklen Epheulaube hervor mit lieblichem Schimmer, und im Juni steht der üppig wachsende Rosenstrauch in blassrothen Blüthen. Um diese Zeit war ich erst kürzlich mit meinen beiden Knaben dort. Es war ein schöner, sonniger Junitag und auf dem von Epheuranken fast verdeckten Steine, gerade auf dem Namen, sass eine schön gestreifte Eidechse und sonnte sich. Regungslos, mit etwas erhobenem Kopfe, blickte sie mit den goldenen Augen auf uns hin. Die Kinder sahen mich schweigend an und der kleine Werner, der jetzt sechs Jahre alt ist, forderte mich nicht auf, wie er sonst unfehlbar gethan haben würde, sie zu greifen, sondern sagte zuletzt halb fragend und halb überzeugt von der Richtigkeit seiner Anschauung: »Das ist Helenchen's Eidechse!« »Ja,« antwortete ich, »das ist Helenchen's Eidechse!« und ein holder Schauer durchrieselte mich, da ich gedachte, wie im Leben dies Kind gerade so zierlich und flink gewesen war, wie diese Eidechse, die auf seinem Grabe sass und uns mit geheimnissvollen Augen anblickte.     11. Ein neues Haus und neues Leben. Hühnchen hätte nicht er selber sein müssen, wenn nicht in kurzer Zeit der unverwüstliche Sonnenschein seines Innern wieder zum Durchbruch gekommen wäre, nur mit dem Unterschiede, dass unter den Saiten seines Gemüthes nun eine sich befand, die wehmüthig nachklang, so oft sie auch nur leise berührt wurde. Im nächsten Sommer nach dem Tode unseres Kindes kam er, nachdem er sich fast acht Tage lang garnicht hatte sehen lassen, in der freudigsten Aufregung zu uns. »Theuerster Freund,« sagte er, als er kaum das Zimmer betreten hatte, »vor Kurzem habe ich eine Idee gehabt, die mich förmlich berauschte. Du weisst, wie glücklich ich war damals über den Einfall, dich zu bitten, zu uns zu ziehen, als hätte ich damals schon ahnen können, wie viel Liebes und Holdes daraus für uns alle erwachsen würde. Aber diese neue Idee ist noch viel glanzvoller. Wie ein Blitz aus blauer Luft kam sie mir plötzlich und sie lautet so: Warum baue ich mir eigentlich kein Haus, in dem für uns alle Platz ist, für euch und uns. Ich frage dich, giebt es was Einfacheres und Gesünderes als diesen Einfall und doch hat es über fünf Jahre gedauert, bis er mir kam. Nun weiss ich endlich, wesshalb mir alle meine vielen Pläne bis jetzt nicht gefielen, denn ich dachte dabei immer nur an uns zwei einsamen Leute. Und denke dir, kaum hatte ich diese Idee gefasst, da kam Einer und bot mir ein Grundstück an. Ein Fingerzeig des Himmels! sagte ich mir. Als ich aber dies Grundstück sah, da dachte ich bloss: »O Isis und Osiris!« Denke nur, den schönsten Traum meines Lebens sah ich vor mir verkörpert, denn es war ein Teich darin. Verstehst Du? Ein ganz unzweifelhafter, veritabler Teich mit Wasserrosen, Schilf und Rohrbomben. Ich fing fast an zu zittern vor Angst, ich könnte meine Begier nach diesem Grundstücke zu deutlich verrathen. Ich sage dir, mit wahrhaft übermenschlicher Anstrengung habe ich Gleichgültigkeit geheuchelt, während die verlockendsten Phantasiebilder von Gondelfahrten im Mondschein, von Entenzucht und Fischerei-Vergnügen mich umgaukelten. Was meinst Du, wenn ich in der Mitte eine Insel anschütte mit einem Schwanenhäuschen darauf. Für Schwäne ist der Teich allerdings nicht recht geräumig genug. Aber deine Kinder könnten auf der Insel Robinson spielen. Und wie denkst Du über Karpfen? Oder bist Du mehr für Karauschen? Und ich will nur gleich damit herausschiessen – ich hab' es schon. Das Grundstück nämlich. Obwohl es über einen Morgen gross ist, war es garnicht so sehr theuer, weil es nämlich ziemlich weit vom Bahnhofe liegt. Eine gute halbe Stunde zu gehen. Aber für Menschen wie wir, die eine sitzende Lebensart führen, ist die nothgedrungene Bewegung, welche diese Entfernung mit sich bringt, ja Goldes werth. Ich kann dies nur für einen weiteren Vorzug dieses Grundstückes halten. Nicht? Was?« In mir war die Befürchtung aufgestiegen, Hühnchen hätte sich durch diesen, nach seiner Meinung so überaus werthvollen Teich die Augen verblenden lassen und ein Grundstück erworben mit zwar manchen wässrigen, aber wenig irdischen Vorzügen und dieser Ansicht gab ich schüchtern Ausdruck. »Thomas!« sagte Hühnchen vorwurfsvoll und dann entrollte er strahlenden Auges ein Papier, das er in der Hand trug: »Sieh her und bleibe deiner Sinne Meister!« rief er dann emphatisch, indem er zwei Bücher auf die Ränder legte, um die Rolle am Zurückschnellen zu verhindern. »Hier erblickst Du bereits Alles, das Haus, den Teich, die Gartenanlagen, ich habe bis gestern nach Mitternacht daran gearbeitet im Feuer der Begeisterung. Siehst Du das Haus? Seinen Grundriss halte ich für ein Meisterwerk, und jeder Architekt würde mich um die Lösung beneiden. Hier in diesem Flügel hat die Familie Hühnchen drei niedliche Zimmerchen. Sie begiebt sich dort aufs Altentheil, oder wie man in Baiern sagt, in's Austragstüberl. Siehst Du hier meinen Schreibtisch? Wenn ich die Augen erhebe, fallen meine Blicke auf den Teich und seine romantischen Ufer. Und dort wohnt Ihr. Siehst Du wohl das kleine Vogelstübchen neben deinem Arbeitszimmer ? Was sagst Du dazu? He? Dort in jener, von aussen mit Rosen überrankten Erkernische hat Frieda ihren Nähtisch stehn und ihre Blumen. Dort wird sie sitzen wie eine Madonna im Grünen. Oben sind die Schlafzimmer, Kinder- und Fremdenstuben und Sonstiges. Ahnst Du, was dieser kleine Raum bedeutet? Das ist die Apfelkammer, denn in diesem Garten werde ich unermessliches Obst bauen. Hier, das grosse Gebüsch in der Ecke, zwischen dem Gartenzaun und dem Teich, das ist der Nachtigallenwinkel. Dort wird eine Laube von wilden Rosen sein, deiner Lieblingsblume, und sonst undurchdringliches Buschwerk. Dort wirst Du Nachtigallen und sonstiges vergnügliches Gefieder ansiedeln und an schönen Frühlings- und Sommerabenden 'n bischen auf deinem geliebten Pegasus reiten.« »Was ist denn das dort in der anderen Ecke?« fragte ich. »Da steht ja: »Der Weinberg.«« »Ja,« sagte Hühnchen und sah ganz ungemein schlau aus, »das ist eben der Weinberg. Aber keiner von gewöhnlicher Art, sondern dort werde ich eine riesige Johannisbeerplantage anlegen. Die Beeren werden wir keltern und alljährlich ein Fass köstlichen Weines in unseren Keller einthun. Dann, wenn wir unseren Gästen davon vorsetzen, werden sie fragen: »Ei, wo habt Ihr denn diesen herrlichen Tropfen her?« Und stolz und schmunzelnd werden wir antworten: »Hm, eigenes Gewächs.« – Von Nachbarschaft werden wir einstweilen nicht belästigt werden, denn in der ganzen Gegend hat sich noch kein Mensch angebaut. Wir werden dort hausen als die äussersten Pioniere der Kultur. Doch was schadet das, Berlin wird uns schon nachkommen. Wenn sich einer mal erst so weit hinaus gewagt hat, so wirkt das, als sagte diese Ansiedelung fortwährend zu den weiter zurückliegenden: »Tuck, tuck, mein Hühnchen!« und bald lassen sie sich locken und kommen ihm nach die Häuser und Häuserchen, und, siehe da, in ein paar Jahren ist man eingebaut, fühlt einen erheblichen Stolz als »ältester Ansiedler« und erzählt der erstaunt horchenden Jugend wunderbare Geschichten, »wie es früher war.« Als nach dieser Unterredung zwei Jahre vergangen waren, wohnten wir wirklich dort und fanden unser Heim über die Maassen wohnlich und schön, besonders die Kinder, die in dem ländlichen Aufenthalte herrlich gediehen. In dem Teich befand sich wirklich eine Insel von drei Meter Durchmesser und eine zierliche Gondel schaukelte auf seinen Wellen. Er ward bewohnt von sieben Fröschen und fünfunddreissig Karauschen, deren reichliche Vermehrung wir mit Spannung erwarteten. Die Reusen, um diesen Nachwuchs der wohlschmeckenden Fische einzufangen und der Bratpfanne zuzuführen, lagen schon bereit. Der Garten war vollständig bepflanzt, und, wer Augen hat zu sehen, sagte Hühnchen, der blickt in seine Zukunft wie in ein üppiges Füllhorn. Das einzige, was ihm mangelte, war Schatten, das aber ist ein Uebelstand, sagte wiederum Hühnchen, dem die unverwüstliche Schöpferkraft der Natur mit jedem Jahre mehr abhelfen wird. Wir hatten dort einen Weingang, auch »der Poetensteig« genannt, an dessen Drahtwänden eine Anzahl von jungen Reben ihre ersten Kletterversuche machten. Wenn Hühnchen durch diesen Steig ging, so blickte er meist andächtig nach oben, wo nichts zu sehen war als Draht und Himmel, und als ich ihn einmal fragte, warum er das thäte, sagte er: »O, ich sehe im Geiste schon dort die Sonne durch das grüne Weinlaub schimmern und dazwischen die schwellenden Trauben niederhängen. Ein herrlicher Anblick!« In dem Garten befand sich eine Jelängerjelieber-Laube, die besonders eingerichtet war zum Genuss der Abendröthe, wenn sie sich in den »Fluthen« des Teiches spiegelte. Sie hiess darum auch die »Abendlaube.« Der »Jelängerjelieber« machte jedoch seinem Namen noch wenig Ehre und die Laube bestand zumeist aus Latten und Hoffnung. In einer Ecke, welche menschlicher Berechnung nach im Laufe der Jahre noch einmal die Aussicht hatte, recht schattig zu werden, stand in einem Kreise düsterer Nadelhölzer die »Philosophenbank.« »Ein nachdenklicher Winkel,« sagte Hühnchen, »hast Du einmal schwierige Probleme auszugrübeln, so verrichte dies Geschäft hier, des Orts Gelegenheit ist günstig.« Auf Wasserkünste hatte Hühnchen in diesem Garten verzichtet, »denn,« sagte er, »wo die Natur selber in verschwenderischer Fülle für Wasser gesorgt hat, da würden solche Künste kleinlich wirken.« * * * Und wiederum vergingen zwei Jahre. – Damit bin ich zu der Grenze gelangt, wo Vergangenheit und Zukunft sich scheiden, und die Gegenwart beginnt, in der ich diese geringen Erlebnisse niederschreibe. Da nun die Zukunft ein unbekanntes Land ist, in dem nur Hoffnungen und Entwürfe wohnen, so ist damit von selber dieser Geschichte ein Ziel gesetzt. Wir sind eben an den grossen Zaun gelangt, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist. Da bleibt mir denn zum Schluss nichts übrig, als zu berichten, wie es den mannigfachen Leuten, die in dieser harmlosen Geschichte vorkommen, bis dahin ergangen ist, und die Billigkeit erfordert, dass ich zuerst desjenigen gedenke, der nicht mehr ist und ihn voranstelle, obwohl er kein Mensch war, sondern nur der Rabe Hoppdiquax. Dieses menschenfeindliche alte Ungethüm war ebenfalls mit nach der neuen Behausung übergesiedelt und wohnte dort in einem eigens für ihn hergerichteten Käfig, den Hühnchen auf dem Bauplan stets mit dem Ausdruck »Zwinger für wilde Thiere« bezeichnet hatte. Mochte ihm nun die Luftveränderung nicht bekommen sein, oder war es die Folge hohen Alters, er wurde hier nach kurzer Zeit blind, und es ging mit ihm eine Veränderung vor, die auf den, der den Stolz und das hochfahrende Wesen des früheren Hoppdiquax gekannt hatte, einen kläglichen Eindruck machte. Sobald er einen Schritt in der Nähe seines Käfigs vernahm, so sass er mit etwas erhobenen Flügeln und halb geöffnetem Schnabel da und bettelte unter heiserem Krächzen, wie die jungen Vögel zu thun pflegen. Steckte man ihm dann etwas geweichte Semmel in den Schnabel, so liess er das wenig geschätzte Nahrungsmittel zuerst fallen und sagte nachdrücklich aber kläglich: »Quatschkopp . . . Quatsch . . . Quatsch . . . Quatsch . . . Quatschkopp!« Dann nahm er es mit dem Schnabel tastend wieder auf und verschluckte es mit verächtlicher Geberde. Gab man ihm dagegen ein Stück Fleisch, da verklärten sich sichtlich seine Züge. Aus der tiefsten Kehle kam es wohlgefällig: »Da ist der Graf!« und alsbald verschlang er es. Allmählich aber ward er immer kümmerlicher, seine Füsse wollten ihn nicht mehr recht tragen und nun sass er oft eine lange Weile auf den Schwanz gestützt, mit gesträubten Federn und brütete vor sich hin. Dazwischen sagte er dann manchmal wie sinnend und in kläglichem Tone: »Ein räthselhafter Vogel! Ein räthselhafter Vogel!« Zuletzt ward er ganz elend, zitterte selbst im warmen Sonnenschein und bekam zuweilen Krämpfe. Als es zu Ende mit ihm ging, nahm Hühnchen ihn heraus und da er vor Frost zu beben schien, wickelte er ihn in ein wollenes Tuch und legte ihn auf das Sopha in eine Ecke. Zuweilen reichte er ihm ein Stückchen zartes Fleisch, das der Vogel mühsam herunter würgte. Zuletzt verweigerte er auch dies. Als er dann mit aufgesperrtem Schnabel nach Luft rang und Hühnchen ihn mit sanfter Hand im Nacken kraute, da raffte der Rabe Hoppdiquax sich noch einmal auf, nahm alle seine Kraft zusammen, und biss Hühnchen in den Finger. Dann mit dem Ausruf: »Quatschkopp . . . Quatsch . . «. hauchte er seine schwarze Seele aus. Bei der Philosophenbank liegt er begraben und eine Eibe ist auf sein Grab gepflanzt. »Er war ein altes räthselhaftes Ungethüm,« sagte Hühnchen später einmal, »aber wer weiss, ob er etwas dafür konnte. Vielleicht haben trübe Schicksale, die wir nicht kennen, schon in früher Jugend sein Herz verbittert. Und wie er auch war, er fehlt mir, wenn ich an ihn denke. Ich hatte mich nun einmal an ihn gewöhnt. Mein alter Hoppdiquax!« Von Hans Hühnchen ist nur zu sagen, dass er nach längerem Harren sein geliebtes »Feuer« heimgeführt hat und mit ihm in Westphalen wohnt, wo er an einem grösseren Eisenwerke sich eine gute und dauernde Stellung erworben hat. Das »Feuer« hat ihm bereits zwei kleine Flämmchen verschiedenen Geschlechtes geschenkt, welche nach dem allgemeinen Urtheil ebenfalls ganz der Vater und ganz die Mutter sind. Der Major ist sehr weiss geworden und sein Schnurrbart leuchtet wie Silber. Trotzdem hält er sich sehr stramm und schlägt noch mit derselben Verve die Hacken zusammen und erzählt mit derselben schnarrenden Stimme seine Geschichten, welche durch ihr ehrwürdiges Alter nicht pointenreicher geworden sind. Seine Frau ist noch immer das feierliche Lineal mit der vornehmen Vergangenheit, als welches wir sie zu Anfang kennen gelernt haben, und wenn ihr Haupt nicht im Silberschimmer steht wie das ihres Gemahles, so flüstern böse Zungen im Geheimen viel von den Fortschritten der Chemie und den Geheimnissen des Droguenladens. Die Stunde, wo ich Rache hätte nehmen können an meinem Freunde Bornemann für seine Mondscheingeschichte am Polterabend, ist noch immer nicht gekommen. Es scheint, wir haben es hier mit einem eingefleischten und unverbesserlichen Junggesellen zu thun, denn allen Schlingen und Fallstricken, welche dem wohlsituirten Manne von weiblicher Seite bis jetzt gelegt wurden, ist er mit grosser Schlauheit entgangen. Jedoch betreibt er nicht mehr mit demselben Eifer und Opfersinn wie früher das Studium der Getränke Deutschlands und der umliegenden Länder, denn allzueifrige Forschungen auf diesem Gebiete haben ihn kürzlich einer Schweningerkur in die Arme geführt, über deren höchst merkwürdigen Verlauf ich wohl ein anderes Mal berichte. Doktor Havelmüller theilt noch immer seine Zeit zwischen dem aufgeregten Treiben der Weltstadt und seiner Einsiedelei in Tegel. Er hat sich noch immer nicht für den Stil seines zu erbauenden Hauses entschieden, hat aber die Flora und Fauna seines Grundstückes wieder beträchtlich vermehrt und dieses selbst durch angestrengte Arbeit in einen üppigen Garten verwandelt. In Folge dessen hat er in einer dichten Gebüschgruppe einen Miether bekommen, auf den er sehr stolz ist. Dort wohnt nämlich Hochparterre eine Nachtigallfamilie. Wenn Doktor Havelmüller an diesem Buschwerk vorbeigeht, verfehlt er nie, den Hut zu ziehen und in verbindlichem Tone zu sagen: »Ich habe die Ehre!« Von Onkel Nebendahl und Frau kann man sagen, dass es ihnen nur allzu gut geht und sie blühen und gedeihen, besonders was die Breitenausdehnung betrifft. Sie müssen desshalb in jedem Frühjahr nach der Saatzeit beide nach Marienbad und wenn sie auf der Rückreise durch Berlin kommen, so sprechen sie mit Genugthuung von dem Viertelzentner, den jedes von ihnen dort gelassen hat. Anzusehen ist es ihnen freilich nicht, denn sie opferten ihn aus der Fülle reichlichen Besitzes. Von Tante Lieschen weiss ich, dass, trotzdem sie nie zu bewegen gewesen ist, noch einmal nach Berlin zu kommen, doch ihr Besuch des grossen Babels eines der werthvollsten Juwelen ihrer Erinnerung bildet, und wenn sie zu der Strübing »im Thee« geht, wie sie zu sagen pflegt, und dort ihre andere beste Freundin, die Rönnekamp trifft, da erzählt sie gern von ihren schrecklichen Erlebnissen und von den schauderhaften ausgestopften Verbrechern, den Richtbeilen und Schwertern, und den entsetzlichen Folterinstrumenten, welche sie gesehen hat, Die alten Damen fühlen dann ein schönes wohlthätiges Gruseln und nicken mit den Hauben und freuen sich, dass sie bei'm freundlichen Summen des Theekessels sicher und wohl aufgehoben an einem Orte sitzen, wo dergleichen nicht vorkommen kann. Was nun Lotte betrifft, so hat sie bereits vor längerer Zeit den Landsmann geheirathet und beide haben mit ihren Ersparnissen einen Obst- und Grünkramkeller aufgethan, mit dem ein schwungvoller Handel in Breslauer Ammenbier, Perleberger Glanzwichse und ähnlichen Spezialitäten, sowie der Betrieb einer Drehrolle verknüpft ist. Sie bedienen ihre Kunden in einem wundervollen Gemisch von Berliner Jargon mit ihrem schon aus Mecklenburg mitgebrachtem trefflichem Hochdeutsch und erfreuen sich in ihrer Strasse grosser Beliebtheit. Es sind auch schon zwei flachshaarige Jungen da von vier und drei Jahren, und es darf nicht verschwiegen werden, dass der älteste, dessen Pathe ich bin, merkwürdige Eile hatte, auf die Welt zu kommen. Als ich kürzlich mal vorbeikam, sassen diese beiden rothbackigen Flachsköpfe auf der Kellertreppe und jeder hatte einen kleinen zierlichen Leberfleck auf der Nase, der eine links, der andere rechts. In den Händen trug jeder ein grosses Pflaumenmusbrod, in das er sich bereits bis über die Ohren hineingegessen hatte und man sah es ihnen ordentlich an, wie ihnen solche gedeihliche Nahrung bekam. Lotte und ihr Mann sind es jetzt in Berlin vollständig »an« geworden, besonders seit sie ihren eigenen Herd haben, und sie ihm in anmuthiger Abwechslung, »Apfel un Getoffel, un Mehlgrütz', un Mehlbutter, un Musgetoffel mit Buttermilch un all solch schönes mäkelburgsches Essent« kocht. Um die Schlachtzeit aber, da giebt es Schwarzsauer mit Backbirnen und Klössen, und sie finden, dass es in Berlin ebenso gut schmeckt als in »Mäkelburg.« Pauline ist verschollen. Sie schweifte, als sie von uns abging, in schneller Folge durch eine Reihe von Familien, unter grossem Aufwand von Täuschung und Zerwürfniss auf beiden Seiten, und entschwand dann unseren Augen. Bornemann behauptet, er habe sie einmal wieder gesehen und sie sei mit einem »Naturforscher« verheirathet, den sie bei seinen mühseligen Forschungen nach Alterthümern auf den Feldern um Berlin, wo Müll abgeladen werden darf, unterstütze. Er habe an einem Zaun in einer abgelegenen Gegend vor der Stadt einen Mann gesehen, der seine gesammelten Schätze sortirt habe, die Lumpen für sich, die Knochen für sich und die leeren Flaschen ebenfalls für sich. Neben ihm habe ein noch jugendliches, aber sehr schlumpiges, Weib gesessen und ihren schreienden Säugling in Schlaf zu singen versucht mit einem Liede, dessen Endreime gelautet hätten: »Grünkohl, Grünkohl Ist die beste Pflanze!« »Wenn das nicht Pauline war«, so schloss Bornemann, »dann will ich ewig Wasser trinken!« Der junge Kunstgelehrte Erwin Klövekorn ist jetzt als Assistent an irgend einem Museum angestellt und hat ein ungemein »fleissiges« Buch über die Behandlung der Fingernägel auf den Bildern der italienischen Maler des Quatrocento geschrieben. Das Buch ist stellenweise so tiefsinnig, dass er es selber nicht versteht. Als Doktor Havelmüller es kürzlich bei uns liegen sah, denn der Verfasser hat dem Vater seines Freundes Hans Hühnchen ein Exemplar geschenkt, da schlug er es auf und betrachtete es mit leuchtenden Augen. »Die Literatur,« sagte er dann, »gewährt uns doch Genüsse der verschiedensten Art. Zum Beispiel, wenn ich dies Buch nur sehe, da durchrieselt mich gleich mit sonderbarem Wohlbehagen der Dank gegen die Vorsehung, dass ich nicht nöthig habe, es zu lesen.« Da nun aller der wichtigeren Personen, die in den Geschichten von meinem Freunde Leberecht Hühnchen eine Rolle spielen, gedacht worden ist, so möchte ich zum Schluss noch Jemand erwähnen, der nun erst eintritt und dessen Geschicke noch von jenem Dämmer umhüllt werden, mit dem eine unbekannte Zukunft unseren Blick verschleiert. Als ich ganz kürzlich von einer kleinen Geschäftsreise zurückkehrte, kam mir Hühnchen schon an der Gartenpforte entgegen und ich sah es ihm gleich an, dass sein ganzes Wesen verhaltene Freude war. Er schlang seinen Arm um mich, zog mich in den Weingang und sprach im Weitergehen: »O lieber Freund, die Vorsehung ist gnädig gegen uns gewesen. Es ist Jemand angekommen, und was wir alle so innig wünschten, hat sich erfüllt: Es ist ein kleines Mädchen. Gesund, schön und kräftig!« Dann liess er mich los, ergriff meine Hand und etwas wie Wehmuth ging über seine Züge. »Wir tanzen nicht mehr,« sagte er dann, »wir tanzen alle beide nicht mehr. Das ist vorbei. Aber wir freuen uns still und herzinniglich. Und nun komm und begrüsse dein Kind!«