Magnus Gottfried Lichtwer. Fabeln     Inhalt.         Biographie des Dichters Erstes Buch. Die beraubte Fabel Das Glück und der Traum Phyllis und der Vogel Das Wiesel und die Hühner Das Reiterpferd Der Fuchs Die Laster und die Strafe Boreas und die Erde Der Affe und der Bär Der Roßkäfer Der Strauß und die Vögel Das schlechte Tuch Der Löwe und der Wolf Das aus der Erde wachsende Lamm Der Mohr und der Weiße Phöbus und sein Sohn Der Riese und der Zwerg Der Wandersmann und der Kolibri Der Diamant und der Bergkrystall Die Schlange Die Katzen und der Hausherr Die Tulipane Der Hirte und die Heerde Der Vater und die drei Söhne Der Uhu und die Lerche Zweites Buch. Die Gartenlust Der Adler und der Schmetterling Die zwei alten Weiber Die zwei Weisen in Peru Der Bäcker und die Maus Der Hänfling Der Hühnerhund Die zwei Jupiter Der Vogel Platea und die Reiger Die wilden Schweine Der junge Kater Der Kapaun und das Huhn Der Esel und die Dohle Der Wandersmann und die Sonnenuhr Der Rhein Der Weise und der Alchymist Ein Collektivum zu Frankfurt a. M. Der Maler Die Fische Der Priester und der Kranke Jupiter und die Winde Der Maulwurf Der Satyrenschreiber Des Vulkan's drei Ehen Sokrates und der Wittwer Drittes Buch. Die Zauberin Die seltsamen Menschen Der Krokodil und das Meerpferd Der kleine Töffel Das Diebsgeschlecht Der Fuchs und der Adler Don Quixotte und Sancho Pansa Das Beil vor Gericht Der Löwe und der Affe Der Autor und der Mandarin Der Quell der Jugend Der Koch und der Herr Der Fuchs und das Eichhorn Der Affe und die Uhr Die Frösche und der Storch Der Apfelbaum und der Nelkenstock Die Rehe Der Krieg der Füchse und Wölfe Das Pferd und der Esel Der unschuldige Dichter Die gefangene Drossel Die Füchse Die Nachtigall, der Staar und der Stieglitz Der Uhrensaal Die zwei Hähne Viertes Buch. Der Mond und der Comet Die Hirsche Die Flinte und der Hase Der Fuchs und der Marder Der Hamster Die Mäuse Der Kobold Die Kinder Charon und Merkur Die zwei Kaninchen Die Nachtigall und der Gimpel Das Kameel Der Löwe und der Ziegenbock Die blinde Kuh Die Wespe und der Knabe Die Krähe und die Elster Mann und Frau Damon und Pythias Das Pferd Die ungestalte Tochter Die Eule unter den Vögeln Die Schnecke und die Grille Die wächserne Nase Die Kröte und die Wassermaus Vater und Sohn Der Bock und der Bär Der Springer Die Nachbarn Die Schwalbe und der Sperling Der Herr von Krehn An den Leser     Biographie des Dichters. Magnus Gottfried Lichtwer. Geboren 30. Januar 1719.   Gestorben 7. Juli 1783. Lichtwer , der berühmte Fabeldichter, ward am 30. Januar 1719 zu Wurzen geboren. Sein Vater, kursächsischer Beamter, ein vermögender, angesehener Mann, gab dem Knaben die sorgfältigste Erziehung; aber der Tod ereilte ihn zu frühe, sie zu vollenden. Lichtwer studirte in Leipzig die Rechte. Daneben trieb er fleißig neuere Sprachen und widmete einen bedeutenden Theil seiner Zeit der Lektüre der römischen und griechischen Dichter. Sorgfältig bewarb er sich schon damals um den Ruf eines gebildeten Weltmanns. Er versäumte nicht, Alles zu lernen, was dazu dienen konnte, sich bemerklich und bei der feinen Welt beliebt zu machen. Sein Umgang beschränkte sich fast ganz auf den mit vornehmen Familien; er war ein trefflicher Tänzer, Reiter und Fechter, und erschien nie anders, als im gewähltesten Kleide. Schon damals prägten sich die Hauptzüge seines Charakters vollkommen aus. – 1741 verließ Lichtwer die Universität und bewarb sich in Dresden um eine Anstellung. – Der Versuch mißglückte. Er wandte sich nach Wittenberg und setzte seine juristischen Studien eifrig fort. Er erwarb hier der Rechte und Philosophie Doktorwürde. Von Wittenberg riefen ihn Erbschaftsangelegenheiten nach Quedlinburg; er wurde bei dem Ordnen derselben in Prozesse verflochten, welche seine Anwesenheit an diesem Orte und in Halberstadt für mehre Jahre nothwendig machten. In diese Periode fällt die Dichtung seiner Fabeln. Sie wurden zuerst 1748 in Leipzig gedruckt; anfänglich ohne Lichtwer's Namen. Lichtwer bewarb sich von Neuem um einen Staatsdienst; aber eben so vergeblich in Berlin wie in Dresden. Nach vielen mißlungenen Versuchen kaufte er sich ein Kanonikat im Halberstädter Capitel, verheirathete sich (1749) bald darauf, und verlebte einige Jahre glücklichen Schlaraffenlebens. Doch ward er dessen bald genug müde. Er begann seine Bewerbungen wegen einer Anstellung von Neuem, und endlich gelang es ihm, durch die Verwendung einiger Freunde, als Referent der preußischen Regierung zu Halberstadt, anfangs ohne Gehalt, beigegeben zu werden. Später ward er zum Rath befördert. – 1757 gab Lichtwer seine Fabeln, die, auf Gottsched's Empfehlung, nachdem sie anfänglich ganz unbeachtet geblieben, sehr viele Leser fanden, in verbesserter Form in Berlin heraus. Jetzt erst nannte er sich als den Verfasser. Mendelssohn's scharfe Kritik derselben half nur, sie im großen Publikum, das sie mit dem größten Beifall aufnahm, noch mehr zu verbreiten, und Ramler's ungeschickte und unberufene Wiederherausgabe dieser Fabeln, in einer sie entstellenden Bearbeitung, wies das deutsche Volk mit Indignation zurück, und fachte Lichtwer's höchsten Zorn an, der sich in den derbsten Ausfällen gegen Ramler äußerte. Lessing suchte den Letztern, seinen Freund, zu entschuldigen – und daraus entspann sich eine Fehde, welche zur Celebrität Lichtwer's und seiner poetischen Produkte ungemein viel beitrug. 1760 machte Lichtwer mit seiner Familie (seine Gattin gebar ihm mehre Kinder) eine Reise nach Braunschweig und Wolfenbüttel; vermied aber geflissentlich eine Bekanntschaft mit Zachariä, Ebert, Gärtner, Schmidt und andern damaligen Stimmführern im Felde der Dichtkunst, wozu jene Reise so schöne Gelegenheit bot. – Ueberhaupt blieb er dem Umgang und Verkehr mit Geistesverwandten immer fremd. Sogar den trefflichen Gleim mied er in Halberstadt auf eine höchst sonderbare Weise. Von Charakter argwöhnisch, eifersüchtig und dünkelhaft, fand er sich am wohlsten in Umgebungen, die ihn als ein Wesen höherer Art betrachteten, und seiner bis zum Lächerlichen gehenden Eitelkeit, die Herkunft, Reichthum, Titel und äußere Ehre zu überschätzen stets bereit war, gefällig oder gutmüthig fröhnten. Zudem war Lichtwer gar ein trefflicher Hauswirth – und die Mehrung seines Vermögens war stets ein Hauptgegenstand seiner Sorgen und Mühen. Auch in dieser Beziehung sagte ihm Geselligkeit, die so manches Opfer von der Geldliebe fordert, nicht zu; – seine Berufsgeschäfte als Beamter wurden der gewöhnliche Vorwand, Besuche, die er scheute, von sich abzuweisen. Die Dichterlaufbahn verließ Lichtwer mehr und mehr – und endlich für immer. Er gab sich ganz dem Geschäftsleben hin, in dem sein ohnehin förmlicher Geist sich am meisten behagte. – Seinen Beruf als Richter erfüllte er mit der ängstlichsten Gewissenhaftigkeit, und gerieth darüber nur zu oft in unerträgliche Breite. Er saß ganze Nächte hindurch eingedämmt in Akten und arbeitete bis zur Erschöpfung. – Seine Gesundheit erlag diesen Anstrengungen, und ein unglücklicher Zufall – ein Verweis von einem Obern, dem Großkanzler Carmer , in Gegenwart des ganzen Kollegiums und der Subalternen Lichtwer's – den er sich durch eine auch die größte Geduld ermüdende Breite und Weitschweifigkeit zuzog, wurde ihm, dem Tiefgekränkten, der Nagel zum Sarge. Lichtwer starb in seinem Hause zu Halberstadt in der Nacht vom 6. zum 7. Juli 1783. Die Gruft unter der Moritzkirche ist seine Grabstätte. Eine Marmortafel bezeichnet die Stelle. Lichtwer's Charakter war, bei allen Schwächen, immer der eines Ehrenmannes , eines rechtschaffenen Christen , eines trefflichen Vaters und Gatten . Er war von mittler Statur, klein, von gutem Aussehen, immer sehr zierlich gekleidet. Sehr viel hielt er auf äußern Anstand und auf Bewahrung äußerer Würde. Darum erschien er Andern steif, stolz, kalt und abgeschlossen. – In spätern Jahren galt ihm der Geschäftsmann, der Beamte über Alles; und er wies jede nicht mit demselben in Beziehung tretende Annäherung gemeiniglich unsanft und schroff zurück. Sein einmal gegebenes Wort war ihm heilig; aber um so vorsichtiger war er auch mit seinen Versprechungen. Gegen seine Subalternen war er, ohne seiner Würde etwas zu vergeben, leutselig; kurz: unter der steifen Hülle verbarg er einen recht achtungswerthen, einen vortrefflichen Menschen .     Lichtwer's Fabeln . Erstes Buch.                       Muse! die du weißt, was Thier' und Bäume sagen, Wovon der Vogel singt, was Fisch und Wurm beklagen, Ich bitte, sage mir, wie reden Löw' und Maus? Wie drückt sich eine Gans, und wie ein Adler aus? Wovon schwatzt Schneck' und Frosch? wie sprechen muntre Pferde? Was denkt der volle Mond? worüber seufzt die Erde? Wie redet die Natur? Es läßt ja ungereimt, Wenn roher Sänger Witz von Wuth der Lämmer träumt, Die Löwen weinen läßt, die Hasen drohen lehret, Gewächsen Flügel dreht, und die Natur verkehret. Aesopus dichtete natürlich, ohne Zwang; Aesop, der von der Maus bis an den Löwen sang, Und ohne der Natur was Falsches aufzubürden, Die Thiere reden ließ, wie Thiere reden würden. Die Wölfe dürsteten nach feiger Lämmer Blut, Der Hirsch pries sein Geweih, der Uhu seine Brut, Der Panther drohete, der Stier sprach von dem Stalle, Der Sperling plauderte, der Fuchs belog sie Alle. So sang der Phrygier; Nichts so sich widersprach, Floß jemals in sein Lied, ihm sang ein Phädrus nach, Und Alle, die ihm nach das Fabelreich durchstrichen, Erhoben ihren Ruhm, so weit sie Jenen glichen. Mein Mund versucht ihr Lied. Wie, wenn es nicht gelingt? Wer zweifelt, hat gewählt. Es sey gewagt, er singt. Die beraubte Fabel.     Es zog die Göttin aller Dichter, Die Fabel, in ein fremdes Land, Wo eine Rotte Bösewichter Sie einsam auf der Straße fand.     Ihr Beutel, den sie liefern müssen, Befand sich leer; sie soll die Schuld Mit dem Verlust der Kleider büßen, Die Göttin litt es mit Geduld.     Mehr, als man hoffte, ward gefunden, Man nahm ihr Alles; was geschah? Die Fabel selber war verschwunden, Es stand die bloße Wahrheit da.     Beschämt fiel hier die Rotte nieder, Vergib uns, Göttin, das Vergehn, Hier hast du deine Kleider wieder, Wer kann die Wahrheit nackend sehn? Das Glück und der Traum.             Es lag und schlummerte in eines Hirten Laube     Das Glück, das müde Glück, den meisten Theil der Nacht. Wenn es ein Held gewußt, er hätt' es, wie ich glaube,     Mit hunderttausend Mann bewacht. Hier flog ein Traum vorbei und störte seinen Schlummer,     Ihm rief das halberwachte Glück: Du kömmst mir recht erwünscht bei meinem großen Kummer,     Doch sage mir, woher kömmst Du so spät zurück?                 Ich komme mit dem Morgenwinde, Versetzt der Schatten, aus der Stadt, Von einem wohlgestalten Kinde, Dem meine Gegenwart die Nacht verkürzet hat. Das Glück hob freundlich an zu lachen, Und sprach: wenn es Dir so gefällt, So sage mir, was Du für Sachen Ihm diese Nacht durch vorgestellt.     Er sprach: ich kam mit Kutsch' und Pferden, Die Thüren sprangen, als ich sprach, Mir trat mit sittsamen Geberden Ein Heer vergold'te Diener nach. Ich war Baron, und zwar kein neuer, Ich hatte Geld, ich wollte frein; Begütert, Herr Baron, und Freier, Die Wörter gehn durch Mark und Bein.     Geschenke folgten jedem Blicke, Du weißt, was ein Geschenke thut, Und dieser Sprache, liebes Glücke, Sind doch die Mädchen gar zu gut. Zuletzt fiel ich ihr selbst zu Füßen, Ich bat sie, und erhielt ihr Wort, Sie gab mir ihre Hand zu küssen, Da kam der Tag, und trieb mich fort.             Indessen wird mein Kind gewiß vergnügt erwachen,     Und sagt sie Niemand was von mir, So wird sie heimlich doch den ganzen Morgen lachen.     Mir geht es nicht so gut, wie Dir, Antwortete das Glück mit traurigen Geberden, Ich kam vor kurzer Zeit in eines Kaufmanns Haus,     Den ließ ich reich und edel werden,     Es ward ein halber Graf daraus.     Doch gestern wandt' ich ihm den Rücken,     Da hing er sich an einen Baum;     Warum muß es Dir besser glücken,     Bin ich nicht so wie Du ein Traum? Phyllis und der Vogel.             Es trug Damöt vor wenig Wochen Zu Phyllis, seiner Schäferin, Ein Thier, das er ihr längst versprochen, Ein abgerichtet Vöglein hin. Ach, sagte Phyllis, mein Damöt, Es ist recht schön, kann es auch singen? Ja, Kind, es singt, wie ein Poet; Ich werde dir nichts Schlechtes bringen.     Wie freundlich dankte sie Damöten! Wer wünschte nicht, Damöt zu seyn? Sie schloß den fliegenden Poeten In ein vergittert Häuschen ein. Sie knackt' ihm Hanf, sie gab ihm Brod, Das sie zuvor in Milch erweichte; Es hieß: der Vogel leidet Noth, So oft sie ihm das Futter reichte.     Der Vogel, dem dergleichen Fülle Nie vor Gesicht gekommen war, Genoß sein Futter in der Stille, Und unterließ das Singen gar. Ei, sagte Phyllis, sing' auch nun, Sieh', was ich Gutes dir erzeiget. Der Vogel hatte mehr zu thun; Sie häuft sein Futter: nichts; er schweiget.     Damöt, das will ich nicht vergessen, Rief Phyllis, daß ich dir geglaubt, Der Vogel hat so viel zu fressen, Und singt doch nicht, ist das erlaubt? Es blieb dabei. Hört, was geschah? Die Schäferin ging einst zum Schmause, Und blieb bis an den Abend da; Der Vogel hungerte zu Hause.     Ergötzt er gleich nicht Phyllis Ohren, So war ihr doch der Vogel lieb, Sie schätzt ihn dies Mal für verloren, Ach! sagte sie, du armer Dieb, Indem ich hier getanzt, wirst du Vielleicht schon mit dem Tode ringen; Sie eilt nach ihrer Wohnung zu, Da höret sie den Vogel singen.     So, rief nun Phyllis, kam dein Schweigen Von allzu vielem Futter her? Dein Futter soll im Preise steigen. Sie hält ihn knapp. Nun singet er. Der Vorsicht Weisheit zeiget sich Vom kleinsten Wesen bis zum größten; Sie nährt die Dichter kümmerlich, Warum? dann singen sie am besten. Das Wiesel und die Hühner.             Nach Recht und Urtheil, mit dem Prügel, Ward vor dem frohen Hausgeflügel Ein Dieb und andrer Tullian, Ein schlimmes Wiesel, abgethan. Ein Hof voll Hühner sah ihn leiden, Und gackerte dabei vor Freuden. Nur eine Henne blieb betrübt, Und sprach. Man bricht des Räubers Glieder; Allein die That ist schon verübt; Wer gibt mir meine Kinder wieder? Das Reiterpferd.         Ein jeder Weiser ist ein Held,     Er lässet sich den Tod nicht schrecken; Der Tod kömmt ja gewiß, er kömmt zu aller Welt,     Was sollt' er sich vor ihm verstecken?     Es bring' ihn Feuer, Wasser, Erde,     Es bring' ihn endlich Wind und Luft,     So ist's ein Tod und eine Gruft. Er zeigt sich überall mit einerlei Geberde,     Und ist ein unvermeidlich Ding, Man stürbe doch ein Mal, und wenn man ewig klagte . . . Merkt, was das Reiterpferd zu seinen Freunden sagte,     Als es nunmehr zu Felde ging,     Und bei dem Abschied die Befreund'ten,     Die alten Ackergäule, weinten, So sprach es: Ihr beklagt mich wirklich ohne Noth,     Ich geh' in einen edeln Tod, Und sterbe jung mit Ruhm; mich wird man einst besingen, Euch wird ein schnöder Tod einst auf den Anger bringen. * * *     Wie Manche schliefen jetzt mit Ehren, Wenn sie zu früh gestorben wären? Der Fuchs.                           Es fand der Fuchs ein Buch im Grase; –     Ein Buch im Grase? sagest du? Wie kam das Buch in's Gras? Mein Freund, laß mich in Ruh', Ich sag', er fand es da, und fand es mit der Nase,     So lautet, sag' ich, der Bericht,     Und fand er es im Grase nicht,     Wo hätt' er es denn sonst gefunden?     Das Buch, in Leder eingebunden,     Das Meister Fuchs im Grase fand,     War, o beweinenswürd'ger Schade!     Die weltberühmte Vulpiade,     Sonst Reinecke der Fuchs genannt. Es steckte zwar der Fuchs die Nase tief hinein,     Es schien, als hätt' er Lust, zu lesen;     Allein, wie konnt' es möglich seyn?     Er war auf Schulen nie gewesen.     Der gute Schlucker suchte hier     Ein Pflaster für den leeren Magen,     Er suchte Fleisch – und fand Papier.     Er wollte schon den Band zernagen, Als er im Buche selbst sein Bildniß hier und da     Nicht ohne Schrecken glänzen sah.     Sofort ward es von ihm durchbildert; Und seht! der Fuchs erstaunt. Er fand sich überall,     Bei manchem Glücks- und Unglücksfall,     Recht nach dem Leben abgeschildert.     Vor andern rührt' ihn die Gefahr,     Die ihn bis unter'n Galgen brachte,     Und gar zum armen Sünder machte,     Weil Alles so natürlich war.     Man sprach das Urtheil über ihn,     Der weiße Stab lag ihm zu Füßen;     Der Galgen stand vor ihm, und schien     Ihn schon als Hauswirth zu begrüßen;     Der Kater Hinz hielt einen Strick,     Und hieß ihn auf die Leiter treten,     Der Bär hub an, mit ihm zu beten, So nahe schien allhier sein letzter Augenblick.     Hier schimpft' und sprach der Hühnerdieb:     Entweder mein Gedächtnißkasten     Hat so viel Löcher als ein Sieb,     Wo nicht, so lügen die Phantasten,     Die dies gemalt, mit allem Fleiß;     Denn nach der Bilder Sinn zu rathen,     So stehn hier viel' von meinen Thaten,     Wovon ich keine Sylbe weiß. * * *     Was da der Fuchs sagt, würden wir Von hundert alten Helden hören, Wenn sie der Bücher, die wir hier Von ihnen lesen, kundig wären. Die Laster und die Strafe.             Die Kinder des verworf'nen Drachen, Die Laster, reis'ten über Land, Um anderswo sich satt zu machen, Weil sich zu Hause Mangel fand.     Das Gras erstarb, wo sie gegangen, Der Wald ward kahl, die Felder wild, Die Straße ward mit Molch und Schlangen, Die Luft mit Eulen angefüllt.     Jetzt sah'n sie ungefähr zurücke, Es folgte Jemand nach, und wer? Die Strafe hinkte mit der Krücke Ganz langsam hinter ihnen her.     Du holst uns diesmal, rief der Haufen, Gewiß nicht ein; doch diese sprach: Ei, fahrt nur immer fort zu laufen, Ich komm' oft spät, doch sicher nach. Boreas und die Erde.         Matt vom Blasen und vom Heulen Warf der wilde Boreas Sich bei Herkul's alten Säulen An dem Ufer in das Gras.     Kaum sieht ihn die Erde schlafen, Als sie bei sich selber spricht: Eile, deinen Feind zu strafen, Beß're Muße hast du nicht.     Er ist's, der in deinen Locken Oefters wie ein Wüthrich schwärmt, Und oft Häuser, Thürme, Glocken, An den Hals dir wirft, und lärmt.     Tellus war entzündet worden, Es entbrennt der alte Haß, Sie zerreißt von Süd' in Norden, Und verschlingt den Boreas.     Boreas erwacht mit Schrecken, Aufzusteh'n ist er bemüht, Als er sich mit Sand bedecken Und in Abgrund stürzen sieht.     Er ergrimmt vor Zorn und Rasen, Bläst sich auf, pfeift, saust und brüllt, Bis das Schnauben seiner Nasen Die verschloss'nen Grüfte füllt.     Also mag der Aetna brüllen, Wenn er, nach des Himmels Schluß, Erd' und Luft mit Gluth erfüllen Und die Welt erschrecken muß.     Selbst die Erde seufzt und zittert, Bis der Nordwind stärker drängt, Einen halben Wald zersplittert, Und das Herz der Erde sprengt.     Boreas fuhr ohne Schonen Ueber Berge, Wald und Stadt, Nach dem Lande der Ciconen, Wo er seine Wohnung hat.     D'rauf bekam die Erd' ein Zucken Und erbebte dann und wann. – Niemand wolle mehr verschlucken, Als was er verdauen kann. Der Affe und der Bär.               Ein Aff' und Bär, zween nahe Vettern, Gleich groß, gleich näschig und gleich alt, Auch gleich geschickt im Steig' und Klettern, Durchstrichen eifrig Feld und Wald, Um ihrer Magen Zorn zu stillen. Der Bär ging langsam, traurig, krumm, Gleich einem Schuldner, und fing Grillen, Der Affe sah sich munter um. Der Hunger macht ihm leichte Glieder, Ein Luftsprung kostet ihm nicht viel, Jetzt sieht er auf, jetzt vor sich nieder; Ein Affe lebt und stirbt im Spiel. Was nützen diese Fleischergänge, Rief hier der Affe mit Verdruß, Wenn ich auf einen Baum mich schwänge, Worauf sich Alles zeigen muß, So dürften wir nicht länger suchen. Sofort bemerkt' er einen Baum, Die Königin der hohen Buchen, Er kroch hinauf, man sah ihn kaum. D'rauf setzt' er sich, beroch das Wetter Guckt endlich wieder in den Wald; O Vetter, schrie er, lieber Vetter, Du bist ja wie ein Zwerg gestalt't. Was ist dir immer widerfahren, Du bist noch einer Erbse groß, Da wir sonst gleicher Länge waren. O Vetterchen, dich hör' ich bloß, Antwortete der Bär erbittert, Und nun ward das Gezänke scharf, Bis, da sie endlich ausgewittert, Der Affe sich herunter warf. Wie nun? rief Petz, sobald er drunten: Wie nun? versetzt der Pavian, Warst du denn oben? und du unten? Sie sahen sich verwundernd an. Du bist ein Bär! Und du ein Affe, Fiel Aff' und Bär einander ein, Hier ist nichts, das uns Nutzen schaffe, Die Buche muß bezaubert seyn. * * *     Wenn du einmal zu Ehren steigst, Und deinen Freunden und Verwandten, Die dich als ihres Gleichen kannten, Ein fremd und stolzes Auge zeigst, So geh' in dich, und untersuche Der Fabel Sinn, er weist auf dich; Denn, glaube mir nur sicherlich, Du bist das Aeffchen auf der Buche. Der Roßkäfer.             Im innern Theil des Fabelreichs, Wohin, kraft ewigen Vergleichs, Nur Dichteraugen sich erstrecken, Liegt eine trefflich große Stadt, Die Käfer zu Besitzern hat, Die sie wie schwarze Wolken decken.     Hier war, wo ich nicht irrig bin, Vor Zeiten eine Käferin. Das Wort scheint neu; doch dort ist Käfer Und Käferin so sehr gemein, Als etwa Schäferin und Schäfer Auf dem Parnaß gewöhnlich seyn.     Rubin und Gold wich ihrem Spiegel, Der Pfauen Pracht dem bunten Flügel, Das Sittiggrün der schönen Brust; Die Käfer sahen sie mit Lust. Vor andern Einer, schwarz vom Leibe, Begehrte sie für sich zum Weibe,     Der letzte Zweig von seinem Stamm; Er führte, sagt man, einen Rappen In seinem angebornen Wappen, Ein sehr verliebter Bräutigam.     Was half's? Das allzu spröde Kind War taub, und ließ sich nicht erbitten, Sie hielt der Maienkäfer Sitten, Die Feinde von den Schwarzen sind.     Sie sprach: hör' auf, mir liebzukosen, Dich reizt ein Stall, ich liebe Rosen, Ich suche Gärten, Du das Feld; Du wirst mir nimmer beigesellt.     Verschiedner Sinn, ungleiche Triebe, Lust, Unlust, gatten sich nicht fein; Wenn Du verabscheust, was ich liebe, So wollen wir geschieden seyn. Der Strauß und die Vögel.         Die Völker der Lüfte, das leichte Geschlechte, Die Vögel, verglichen die streitigen Rechte,     Und setzten, als sie sich in Sicherheit sahn,     Zum Reichstag den ersten des Maimonats an. Kaum wichen die Schatten dem steigenden Lichte, Kaum zeigte sich Phöbus mit heitrem Gesichte,     Als tausend Geschlechter vom bergigen Hain     Erschienen, um bei der Versammlung zu seyn. Die Adler, die Fürsten der fliegenden Schaaren, Die mächtigen Condors erschienen bei Paaren,     Der Phönix kam, den Heliopolis kennt;     Der Vogel, der vom Paradiese sich nennt. Dann ließen sich Uhu's, mit Kranich und Pfauen, Dann ließen sich Geier und Habichte schauen,     D'rauf kamen die Reiger, der reinliche Schwan,     Die Kropfgans, der Falke, der indische Hahn, Die Sperber, die Raben, der Kuckuck, die Störche, Und endlich die Kleinen, darunter die Lerche,     Der Gimpel, die Wachtel, der schwätzige Staar,     Der Finke, der Grünitz, die Nachtigall war. Wer möchte die mancherlei Tausende kennen? Wer könnte die mancherlei Tausende nennen?     Das Heer des Geflügels, so selbigen Tag     Zum Reichsrath zusammen gekommen seyn mag? Es ward auch bei solcher unzähligen Menge Beinahe der Raum der Versammlung zu enge;     Indessen erhob sich ein plötzlich Geschrei,     Daß außer den Schranken ein Reisender sey, Der zwar seinen Stand nicht bescheinigen könne, Und sich einen Straußen aus Afrika nenne.     Gleich machten sich einige Vögel hinaus,     Und fragten den Reisenden eigentlich aus. Was? ließ sich der Fremde mit Unwillen hören, Will man einem Reichsstand den Zutritt verwehren?     Verlangt man von Straußen unnöth'gen Beweis?     Bin ich nicht ein Vogel? beseht mich mit Fleiß. Mein Ursprung berechtigt mich, Federn zu tragen, Was brauch' ich von Schnabel und Klauen zu sagen?     Ich habe ja Flügel, dies schützt mich genug.     Verwarf man den Vogel, der Fittiche trug? Die Vögel versetzten nach kurzem Bedenken, Du gleichst einem Vogel, das will man dir schenken     Doch kann auch dein Einlaß nicht eher geschehn,     Bis wir zu den Wolken dich fliegen gesehn; Denn das ist kein Vogel, den muntere Schwingen Empor von der Erd' in die Lüfte nicht bringen.     So sagten die Vögel dem trotzigen Strauß.     Doch dieser schlug ihre Bedingungen aus, Und ging von den Vögeln zum Reiche der Thiere. Was helfen dem Edelmann Helm und Paniere,     Was nützen ihm Feder, und Wappen und Geld,     Wenn ihn seine Trägheit zum Pöbel gesellt? Das schlechte Tuch.               Wer kauft ein neues Modetuch?     Ihr Herren, sagt, wer kauft drei Ellen zum Versuch?     Gefällt mein Tuch wohl Euer Gnaden?     So rief von Morgen bis zur Nacht Ein Kaufmann, der das Tuch vom Jahrmarkt mitgebracht,     Und rief sich heisch in seinem Laden. Was ruft Ihr? sagte man, das Tuch mögt Ihr vergraben,     Und der ist auf sein Geld ergrimmt,     Der es Euch einst vom Halse nimmt;     Ich möcht' es nicht geschenket haben.     Der Kaufmann fitzte das Gesicht, Geht, sprach er bei sich selbst, ich laß Euch diesmal laufen;     Allein ihr müßt die Tücher kaufen,     Ihr mögt sie wollen, oder nicht.     In einer Zeit von vierzehn Tagen     Bringt es der Kaufmann selbst so weit,     Daß von des Ortes Obrigkeit Dem Volk verboten wird, dergleichen Tuch zu tragen;     Ja, die Verordnung ist so scharf, Daß man es nicht einmal im Hause haben darf.     Kaum ward es kund, so kamen Alle     Und foderten vom Tuch' etwas.     Dem Kaufmann nützte dieser Spaß. Er sprach: er dürfte nicht! – das war die rechte Falle.     Man bot zwei Thaler baares Geld Für einen kleinen Rest; als er sich furchtsam stellt,     Kömmt es in einem Athemholen     Erst zu Dukaten, dann Pistolen. So ward dies schlechte Tuch ein Heiligthum der Stadt, Man wies es Reisenden; hört, sprach man, im Vertrauen, Hier könnt Ihr von dem Tuch ein echtes Stückchen schauen,     Das unser Rath verboten hat. Der Löwe und der Wolf.             Am Fuß der wüsten Parther-Felder Schlug König Löw' und Meister Bär Den Richtstuhl auf; das Volk der Wälder Stand nach der Ordnung um sie her.     Die Kuh erschien zuerst, und klagte Der Thiere strengem Oberhaupt, Ihr Kind, das Kalb, hab', eh' es tagte, Ein unbekannter Dieb geraubt.     Der Löwe sah umher, zu hören, Wem sonst davon was wissend sey. Ich, sprach der Wolf, kann heilig schwören, Herr König, ich war nicht dabei.     Und wer verklagt dich? sprach der König; Verleumder, fiel ihm Jener ein; Ich bin jetzt krank, und esse wenig, Und kann es nicht gewesen seyn.     Schweig'! rief der Löwe, das Gewissen Läßt einen Buben nirgends ruhn; Du hast der Kuh ihr Kalb zerrissen, Der Bär soll dir desgleichen thun.     So starb der Wolf, und wie man saget, Verrieth sein Bauch, was er gethan. Wer sich entschuldigt, eh' man klaget, Der gibt sich selbst zum Thäter an. Das aus der Erde wachsende Lamm.                 Als die Natur einst Pflanz' und Thieren Das Daseyn gab, fiel es ihr ein, Von Zwitterart eins aufzuführen, Halb sollt' es Thier, halb Pflanze seyn.     Um dieses Unding auszubrüten, Wuchs aus der Erd' ein kurzer Stamm, Der Frühling gab ihm Laub und Blüthen, Der Herbst anstatt der Frucht ein Lamm.     Nichts war an ihm vom Kopf zum Schwanze, Das nicht dem Wollenviehe glich, Von unten blieb es eine Pflanze, Doch Haupt und Hals bewegten sich.     Es zeigte sich die Lust zur Weide, Zwei Feldgewächse standen da, Das Schaf ergriff und fraß sie beide, Daß man auch ihre Spur nicht sah.     Vernimm, daß es dich reuen werde, Rief ihm das nächste Kohlhaupt zu, Sind wir nicht Kinder einer Erde, Und wurzeln, wachsen, blühn wie du?     Genieße mäßig uns'rer Blätter, Nur friß uns nicht mit Stumpf und Stiel. Das Schaf war taub, es fraß den Vetter, Den Vetter, der ihm auch gefiel.     Was um ihn stand, ward rings verheeret, Die Strafe folgt auf seinen Schmaus, Als es das Land um sich verheeret, So dorrt' es selbst vor Hunger aus. * * *     Man sollte ja beinahe schwören, Daß die Tyrannen Lämmer wären. Der Mohr und der Weiße.             Ein Mohr und Weißer zankten sich, Der Weiße sprach zu dem Bengalen: Wär' ich, wie du, ich ließe mich Zeit meines Lebens niemals malen.     Besieh' dein Pechgesichte nur, Und sage mir, du schwarzes Wesen! Hat dich die spielende Natur Nicht uns zum Scheusal auserlesen?     Gut! sprach der Mohr, hat denn ihr Fleiß Sich Deiner besser angenommen? Die Tafel ist bei dir noch weiß, Der Maler soll erst drüber kommen.     Die Welt, worin wir Menschen sind, Gleicht einem ungeheuern Baume, Darauf bist du, mein liebes Kind, Unstreitig die unreife Pflaume.     Sie zankten sich noch lange Zeit, Und weil sich Keiner geben wollte, Beschlossen sie, daß ihren Streit Ein kluger Richter schlichten sollte.     Als nun der Weiße Recht behielt, Da sprach das schwarze Kind der Mohren: Du siegst; ich habe hier verspielt, In Tunis hättest du verloren. * * *       So manches Land, so mancher Wahn! Es kömmt bei allen Nationen Der Vorzug auf den Ort mit an: Schön ist, was da gilt, wo wir wohnen. Phöbus und sein Sohn.             Der Mond trat zwischen Sonn' und Erde, Sein Schatten deckte Höh' und Grund, Und auch die Trift, wo bei der Heerde Ein Hirt und Sohn des Phöbus stund.     Der Hirte rief voll Furcht und Zagen: Mein Vater, du verlierst den Schein; Wie kann der heitern Gottheit Wagen Des Lichtes Quell, und dunkel seyn?     Du irrst, sprach Phöbus, deine Hürden Sind blos der Ort, der dunkel ist, Du suchst mir Fehler aufzubürden, Womit du selbst umnebelt bist. * * *     Zwischen Gott und unsern Sinnen Steht die Menschheit mitten innen, Und verbirgt vor uns sein Licht; Wir sind dunkel, Gott ist's nicht. Der Riese und der Zwerg.             Es traf auf seinem Gange Ein Ries' ein Zwerglein an, Und sprach: ich suchte lange So was für meinen Zahn.     Dies ist ein seltner Bissen, Der Lust zum Trunk erweckt, Und der, auf mein Gewissen, Auch ohne Tunke schmeckt.     Herr! sagte hier der Kleine, Ich bin in deiner Hand, Was hilft's mir, wenn ich weine? Wer thut dir Widerstand?     Doch eh' ich armer Knabe Dein Abendessen sey, So stelle mir zur Gabe Nur eine Bitte frei,     Und schwör', sie zu erfüllen. Er schwört, der Kleine spricht: So höre meinen Willen, Ich bitte, friß mich nicht!     Der Zwerg ging schon zurücke, Und eilte durch das Land, Als er an dem Genicke Des Riesen Faust empfand.     Ach! schrie er, Wald und Wiese, Ihr Zeugen meiner Noth, Hier schwur mir dieser Riese, Hier gibt er mir den Tod.     Der Ries', ein schlimmer Spötter, Sprach: Das bin ich gewohnt; Der fürchtet keine Götter, Der keinen Menschen schont. Der Wandersmann und der Kolibri.         Ein Mensch, der sich die Welt nie überdrüssig sah,     Der hinter Nubien, zu London und Surate,     In Lappland, Tripoli und Japan Brüder hatte,         Kam endlich nach Amerika. Dergleichen lange Fahrt pflegt Schiffer abzumatten,     Er warf sich unter einen Baum,     Um unter dessen kühlen Schatten Ein wenig auszuruhn; allein er schlummert kaum,     Als ihn ein stark Geräusch erwecket,     Wovon er keinen Grund entdecket. Indem er um sich sieht, so fliegt ein Vögelein Aus dem belaubten Ast, in dessen bunten Flügeln     Sich Gold und Iris Farben spiegeln.     Der Vogel selbst war wunderklein,     Und kaum von Maienkäfers Dicke.     Kannst du so rauschen, o du Mücke. Rief hier der Wandersmann: Ja, sprach der Kolibri,     Hierüber darfst du dich nicht härmen,     Es heißt bei Menschen wie bei'm Vieh:     Der Kleinste macht den größten Lärmen. Der Diamant und der Bergkrystall.               Ein heller Bergkrystall, und roher Diamant,     Die ein verfolgter Dieb verloren,     Geriethen auf ein Häufchen Sand, Und warteten, für wen das Schicksal sie erkoren. Der Demant war getrost: Ich denke, sprach er, hier     Gewiß nicht allzu alt zu werden;     Ich habe meinen Werth in mir, Der Erste, der mich sieht, entrafft mich von der Erden. Ja, sagte der Krystall, den Werth räum' ich dir ein,     Allein dabei befürcht' ich immer,     Du werdest Niemand sichtbar seyn, Denn, unter uns gered't, es fehlt dir noch der Schimmer. Jetzt fiel der Bergkrystall schon Einem in's Gesicht,     Der ihn mit Sorgfalt zu sich steckte,     Den guten Demant sah er nicht,     Den kurz darauf der Sand bedeckte. * * *     Der Weltmann steigt empor, und der Pedant bleibt sitzen; Denn Sitten können mehr als die Gelahrtheit nützen. Die Schlange.             In Afrika war eine Schlange, Die alle Thier' ohn' Ursach' biß, Und was sie biß, das trieb's nicht lange, Die Wunde schwoll, es starb gewiß.     Dies ging ihr lange Zeit von Statten, Bis, da sie einst im Grase spielt, Sie endlich ihren eignen Schatten Für eine fremde Schlange hielt.     Da biß sie, weil sie es nicht wußte, Mit einer solchen Wuth nach sich, Daß sie davon selbst sterben mußte. Daran, Verleumder, spiegle dich. Die Katzen und der Hausherr.             Thier' und Menschen schliefen feste, Selbst der Hausprophete schwieg, Als ein Schwarm geschwänzter Gäste Von den nächsten Dächern stieg.     In dem Vorsaal eines Reichen Stimmten sie ihr Liedchen an, So ein Lied, das Stein' erweichen, Menschen rasend machen kann.     Hinz, des Murners Schwiegervater, Schlug den Tact erbärmlich schön, Und zwei abgelebte Kater Quälten sich, ihm beizustehn.     Endlich tanzten alle Katzen, Poltern, lärmen, daß es kracht, Zischen, heulen, sprudeln, kratzen, Bis der Herr im Haus erwacht.     Dieser springt mit einem Prügel In dem finstern Saal herum, Schlägt um sich, zerstößt den Spiegel, Wirft ein Dutzend Schalen um,     Stolpert über ein'ge Späne, Stürzt im Fallen auf die Uhr, Und zerbricht zwei Reihen Zähne: Blinder Eifer schadet nur. Die Tulipane.               Ein Beet, der Farben Wunderspiel, In dem der Lenz sich selbst gefiel, Trug eine Tulipane, Ihr Schmuck wies Iris Farbenstrich, Und ihr erhöhter Purpur glich Dem Mund der Mariane.     Der West hielt selbst den Hauch zurück, So oft er dieses Meisterstück Zu küssen sich erkühnte, Sie stahl des Gärtners Herz und Sinn, Der sie als seine Königin Mit Zärtlichkeit bediente.     Nichts mag so schön, so kostbar seyn, Das Schicksal reißt es wieder ein; Warum? das ist die Frage. Die Tulpe war kaum aufgeblüht, Als sich der Himmel schwarz umzieht An einem heißen Tage.     Der Nordost brüllt und mehrt die Nacht, Das Wetter rauscht, der Donner kracht; Kaum aber schweigt er wieder, So fällt ein Hagel, scharf, wie Glas, Schlägt Zweig' und Pflanze, Laub und Gras, Und auch die Tulpe nieder.     Der Gärtner läuft nunmehr herbei, Und findet Graus und Wüstenei, Den Grund gerechten Schmerzens; Er sieht sein Unglück ein und schweigt, Bis sich der Tulpe Leichnam zeigt, Der Blume seines Herzens.     Hilf, Flora! hilf, wie lärmt der Mann, Und thut die Schlossen in den Bann, Daß sie die Tulp' erschlagen, Grimm und Verzweiflung zeigt sein Blick, Er schilt halb kindisch auf das Glück, Und hört nicht auf, zu klagen.     Ein Birnbaum, den des Wetters Macht Um Knospen, Blüth' und Laub gebracht, Konnt' es nicht mehr verdauen. Ein Blümchen, rief er, bricht dein Herz, Wie? rührt dich nicht ein größ'rer Schmerz, Uns Bäum' entblößt zu schauen? Wie? daß du nicht in Thränen rinnst, Daß uns're Knospen, dein Gewinnst, Dein Brod zu Wasser worden? Uns klagst du nicht, und hast es Fug; Um eine Blume, die nichts trug, Willst du dich gar ermorden. * * *       So war der Mensch zu allen Zeiten, So ist er jung, so bleibt er alt: Heiß ist er gegen Kleinigkeiten, Und gegen große Dinge kalt. Der Hirte und die Heerde.             Der Wolf naht sich von dem Gebirge, Auf, Hirte. laß die Hunde los, Daß er nicht Damon's Heerde würge, So riefen ängstlich Klein und Groß.     Der Hirte ließ die Heerd' im Stiche, Und lief an einen sichern Ort, Mit ihm, gewohnt der alten Schliche, Lief eine Kuppel Hunde fort.     Der Wolf fiel in die arme Heerde, Und mancher Bock gab Haare her, Was er nicht fraß, fiel wund zur Erde; So zog er fort, vom Raube schwer.     Der Hirte kam nunmehr geschlichen, Als weiter nichts zu fürchten war. Warum bist du von uns gewichen? Schrie die zurückgeblieb'ne Schaar.     Der Hirte sprach. Ich wollte bleiben; Allein der Wolf schien damals mir Viel größer, als es zu beschreiben. Wie groß denn? – wie ein junger Stier.     Pfui! sagten die betrübten Thiere, Schämst du dich nicht, verzagter Thor? Die Furcht stellt Wölfe groß als Stiere, Geschwader groß, wie Heere vor. Der Vater und die drei Söhne.             Von Jahren alt, an Gütern reich Theilt' einst ein Vater sein Vermögen, Und den mit Müh' erworb'nen Segen Selbst unter die drei Söhne gleich. Ein Demant ist es, sprach der Alte, Den ich für Den von euch behalte, Der mittelst einer edlen That Dazu den größten Anspruch hat. Um diesen Anspruch zu erlangen, Sieht man die Söhne sich zerstreun; Drei Monden waren schon vergangen, Da stellten sie sich wieder ein.     Drauf sprach der Aelteste der Brüder: Hört! es vertraut' ein fremder Mann Sein Gut ohn' ein'gen Schein mir an, Dem gab ich es getreulich wieder. Sagt, war die That nicht lobenswerth? Du thatest, Sohn, wie sich's gehört, Ließ sich der Vater hier vernehmen, Wer anders thut, der muß sich schämen, Denn ehrlich seyn heißt uns die Pflicht. Die That ist gut, doch edel nicht.     Der Andre sprach: Auf meiner Reise Fiel einst ganz unachtsamer Weise Ein armes Kind in einen See, Ich aber zog es in die Höh', Und rettete dem Kind das Leben; Ein Dorf kann davon Zeugniß geben. Du thatest, sprach der Greis, mein Kind! Was wir, als Menschen, schuldig sind.     Der Jüngste sprach: Bei seinen Schafen War einst mein Feind fest eingeschlafen An eines tiefen Abgrunds Rand, Sein Leben stand in meiner Hand. Ich weckt' ihn, und zog ihn zurücke. O! rief der Greis mit holdem Blicke, Der Ring ist dein. Welch edler Muth, Wenn man dem Feinde Gutes thut! Der Uhu und die Lerche.               Es saß ein Uhu lange Zeit Im Schatten einer hohlen Eiche, Der höchsten in dem deutschen Reiche, In einer öden Traurigkeit.     Hoch über ihm ließ sorgenfrei Sich eine muntre Lerche hören, Und meldete der Sänger Chören, Daß jetzt der Frühling nahe sey. Ihr Lied dringt aus den heitern Lüften In's grüne Thal, belebt die Triften. Der Uhu horcht, und ächzt dabei, Daß er nicht auch so fröhlich sey.     Die Ungeduld ermuntert ihn, Sich aus dem Neste zu bemühen; Die feige Lerche wollt' entfliehen, Sie wollt' es noch, als er erschien. Doch war der armen Lerche bange So dauerte die Angst nicht lange, Als sie zu ihrem Trost vernahm, Daß er in Friede zu ihr kam.     Es schien dem Uhu zweifelsfrei Das Lerchenfleisch noch nichts zu taugen, Er schwur bei seinen großen Augen, Daß er für jetzt nicht hungrig sey. Die Neugier, sprach er, dich zu fragen, Hat mich an diesen Ort getragen. Bekenne, was die Ursach' ist, Daß du beständig fröhlich bist?     Monarch der Eulen, sagte sie, Wer stets gesunde Tage zählet, Und fliegen kann, wohin er wählet, Wie kann der trauren? Fragst du, wie? Fiel ihr der Uhu in die Rede, Du scheinst ja sonst mir ziemlich blöde, Gedenkst du niemals an den Tod, Noch was dir Herbst und Winter droht?     Ich denke, sprach sie, wohl daran, Allein der Tod ist unvermeidlich, Die Herbst- und Winternoth oft leidlich, Und jetzt geht ja der Frühling an. Ich leb' indessen nach der Lehre, Die ich von jenem Schäfer höre, Der dort im Grünen vor uns liegt, Ein Weiser sey nie mißvergnügt.     Geh' nur, du kleine Närrin du, Fiel der Bescheid aus, das sind Lehren, Die für die Lerchen nur gehören; Die Lerche flog dem Schäfer zu, Und sang ganz heimlich auf der Reise: Wer fröhlich seyn will, der sey weise. * * *       Merkt, Freunde, was die Lerche spricht, Und kehrt euch an die Uhu's nicht.     Zweites Buch.           Reizt dich ein edler Trieb, nach Art der alten Weisen, Dem menschlichen Geschlecht die Tugend anzupreisen,     So flöß' ihm, soll dein Fleiß nicht ohne Wirkung seyn,     Zu guten Thaten Lust, für böse Abscheu ein. Soll ich die Thorheit flieh'n, und mich zur Weisheit neigen, So muß dein kluger Mund davon mich überzeugen,     Wie vor des Narren Thür verdiente Strafen ruhn,     Und Menschen selig sind, die Gutes willig thun. Du hast allhier die Wahl von zwei verschied'nen Wegen, Der eine Weg ist lang, und schwer zurück zu legen,     Dem Pöbel ganz verhüllt, und Weisen nur bekannt,     Dem leuchtete Vernunft, der hier den Ausgang fand. Der andre Weg ist kurz, bequem und Jedem helle, Erfahrung heißt der Weg. Sie führt zur Wahrheitsquelle,     Von ihr wird, was Natur und ihr Gesetz begehrt,     Durch wirklichen Erfolg, von Zeit zu Zeit, bewährt. Weil aber oft Geschicht' und wahres Beispiel fehlen, So stand Aesopus auf, uns Fabeln zu erzählen,     Aesopus, Samos Schmuck, und Phrygiens Sokrat,     Der mehr als eine Schaar von sieben Weisen that. Er fand zuerst die Kunst, durch ein Gespräch von Thieren Das menschliche Geschlecht im Scherz zu überführen.     O Menschen! flieht den Geiz, ruft Thales warnend aus,     Wer goldne Schlösser sucht, verscherzet oft sein Haus. Wer allzu viel begehrt, hat Alles oft verloren, So spricht der Philosoph, und predigt tauben Ohren,     Er bringt Beweise vor, und Niemand achtet drauf;     Jetzt aber tritt Aesop, der Fabeldichter auf, Hört, hebt er an, ein Mensch, der Vieh zu halten pflegte, Hatt' einst ein seltnes Huhn, das täglich Eier legte;     Allein es legte stets von reinem Gold sein Ei.     Er meinet, daß ein Schatz in seinem Leibe sey, Und würgt das gute Huhn. Wie kurz war seine Freude? Das Huhn war andern gleich an Fleisch und Eingeweide.     Jetzt bist du überzeugt, der Geiz sey nimmer satt!     Und da er mehr begehrt, verlier' er, was er hat. Nicht Kindern gibt Aesop blos Fabeln anzuhören, Er predigt Männern auch, gibt auch den Greisen Lehren:     Und wenn er lächelnd schon der Thiere Thun erzählt,     So redet er von uns und zeiget, was uns fehlt. Er gibt uns Bös und Gut begreiflich anzuschauen, Er redet frei mit uns, und sucht uns zu erbauen;     Hier malt ein redend Bild die Folgen unsers Thuns,     Das Beispiel rührt das Herz, und überzeuget uns Mehr, als nicht Gründe thun, die in verknüpften Schlüssen Nur die, die sie verstehn, spät überführen müssen. Die Gartenlust.             Ein Knabe, der die Welt und was darauf geschah,     Nur durch das Stubenfenster sah,     Und niemals aus dem Hause kam, Empfand so große Lust, ein wenig auszugehen,     Daß ihn auf wiederholtes Flehen, Der Vater endlich mit in einen Garten nahm. O wie erstaunt das Kind, als es ein Beet erblicket,     Darauf der Flora Wunderhand     Des Frühlings größten Schatz verwandt,     Und Alles göttlich ausgeschmücket; Der Knabe machte sich in die belaubten Gänge,     Auf denen eine ganze Menge     Verirrter Nachtigallen sang; Er kam an einen Fels, allwo von allen Ecken     Das Wasser in ein Marmorbecken     Mit silberhellen Wirbeln sprang. Der Knabe sieht, und meint ein Paradies zu schauen,     Ach, Vater. spricht er, laßt mich hier,     Das ist der Götter Lustrevier, Ich wünsche Lebenslang dies Gartenfeld zu bauen.     Wen rührt nicht frommer Kinder Flehn?     Der Vater mußte weiter gehn,     Und ließ den Sohn vergnügt zurücke,     Ihm kürzte Lust und Fröhlichkeit     Die angenehme Sommerszeit,     Er lobte täglich sein Geschicke.     Bald band er einen Blumenstrauß     Von Rosen, bald von Nelken wieder, Bald las er sich zur Kost die schönsten Aepfel aus, Und legte sich sodann auf grünen Rasen nieder. Indessen wuchs das Jahr, die Tage wurden klein, Der angenehme West zog seinen Odem ein, Des Gartens schönster Schmuck, die Rosen und die Nelken,     Begannen endlich zu verwelken; Der Nordwind zog dem Baum die Sommerkleidung ab; Der Winter kam heran, mit ihm die weißen Flocken,     Der Schnee, des grünen Laubes Grab; Die Vögel zogen heim, der Quell hob an zu stocken, Und unser Knab' empfand des Frostes Grausamkeit.     Bei dieser kalt- und rauhen Zeit,     Da ihm schon Hand und Fuß erstarrten,     Schien ihm der eh'mals schöne Garten     Ein Höllenort, ein Ort der Pein,     Er wünschte schon heraus zu seyn. Indem er nun betrübt und schwach herumspazierte, Da kam der Vater an, der ihn nach Hause führte. * * * Dieser Garten ist die Welt, Die im Frühling junger Jahre Uns mit ihrer bunten Waare So ausnehmend wohlgefällt. Aber, wenn wir älter werden, Wenn der Reif das Haupt umzieht, So verfliegt die Lust der Erden, Und zerstiebet in die Luft. Drum so danke Gott mit Freuden, Wenn er dich aus diesem Leiden Wiederum nach Hause ruft. Der Adler und der Schmetterling.             Ein Sonnenadler, den sein Flug     Bis an die höchsten Wolken trug,     Ward durch den Wald von tausend Zungen     Als aller Vögel Fürst besungen.     Lob zeugt den Neid. Ein Schmetterling,     Ein kleines, aber stolzes Ding, Vermaß sich ohne Scheu, dem Adler gleich zu fliegen,     Wo nicht, ihm dennoch obzusiegen.         Der Adler nahm den Wettstreit an,     Als man ihm solches kund gethan,     Und ließ dem Molkendiebe sagen,     Es morgen früh mit ihm zu wagen.     Der Adler war schon lange da, Eh' sein Bestreiter kam, der auf der kurzen Reise Auf manches Blümchen flog, und da und dorthin sah,     Nach aller Schmetterlinge Weise.     So kam er an, und gleich darauf Erhob der Adler sich zu den sapphirnen Höhen, Der kleine Harlekin rafft sich nun gleichfalls auf,     Und läßt die bunten Flügel gehen. Allein er war nicht weit, als schon ein Wirbel kam,     Der ihn vor aller Augen nahm,     Und rücklings mit herunter brachte:     Es war kein Vogel, der nicht lachte. * * *         Ihr kleinen Dichter, merkt's, und wagt euch nicht zu viel,     Gebietet eurer Eigenliebe;     Sonst geht's euch, wie dem Molkendiebe:     Aus einem Bav wird kein Virgil. Die zwei alten Weiber.         Die Uhr that in der Nacht eilf Schläge, Da ging ein altes Weib in einem hohlen Wege,     Ein andres altes Weib kam in den Weg' heran:     Die Thoren sahen sich für zwei Gespenster an,     Und standen starre da, als ob sie Säulen wären.         Sie standen bis der Morgen kam,         Da jede brummend Abschied nahm. * * * Wir hindern in der Welt einander mit Chimären. Die zwei Weisen in Peru.             Es sah Peru dereinst zwei Lehrer, Der Sonne brünstige Verehrer, Den Ausbund strenger Heiligkeit. Ihr Ruhm war gleich im ganzen Süden, Ihr Eifer wenig unterschieden, Ihr Lehrgebäude himmelweit.     Der Eine sah, trotz ihrem Lichte, Der Gottheit kühn in's Angesichte, Sein Auge ging ihr immer nach, Die Thränen strömten von den Wangen, Und das Gesichte war vergangen, Eh' er sein Schauen unterbrach.     Der Andre glaubt, daß Menschenaugen, Gott auch im Werk zu schaun, nicht taugen, Noch wie ihn die Natur verklärt, Weil die Vernunft im Schließen wanke, So sey der witzigste Gedanke, Den man von Gott macht, tadelnswerth.     Um nun die Sonne nicht zu schauen, So ließ er eine Höhle bauen, Wohin die Sonne niemals kam. In dieser ward, bei langer Weile, Der finstre Heilige, die Eule, Der Welt, sich, und der Sonne gram.     So wurden diese theuren Männer, Der Sonne widrige Bekenner, Durch Dunkelheit und Vorwitz blind, Und lehren, daß in Glaubensdingen So Dummheit als verwegne Schwingen, Zwei Mittel der Verblendung sind. Der Bäcker und die Maus.             Ein Mäuschen, das an einer Semmel In eines Bäckers Laden fraß, Versah's und nahte sich dem Schemmel, Darauf der Meister lauschend saß.     Und sieh'! da hatt' er sie bei'm Felle. So, so! Herr Mausekopf, rief er, Bist du mein Dieb? wohlan, Geselle, Holt unsern schwarzen Kater her.     Ich? sprach die Maus, ein Dieb? das wäre Ein Schimpf für mich und mein Geschlecht! Gott Lob, ich halte noch auf Ehre; Beleidigt nicht das Völkerrecht!     Ich bin ein Fremder, lieber Bäcker; Was Völkerrecht! warf dieser ein, Du hast den Tod verdient, du Lecker, Du magst Frank oder Schwabe seyn.     Wie? sprach die Maus, wenn ich euch sage, – Und was? – was hier geschehen ist. Der Knecht hat – Rede! – dieser Tage Dein Weib – was hat er sie? – geküßt.     Der Bäcker geht dem Knecht zu Leibe, Er schäumt, er flucht, der Knecht erschrickt, Die Maus entwischt, Gott helf' dem Weibe. * * * Wer leicht sich zürnt, wird leicht berückt. Der Hänfling.             Ein Hänfling, den der erste Flug Aus seiner Aeltern Neste trug, Hob an, die Wälder zu beschauen, Und zeigte Lust, sich anzubauen; Ein edler Trieb, denn eigner Herd Ist, sagt das Sprichwort, Goldes werth.     Die stolze Gluth der jungen Brust Macht ihm zu einem Eichbaum Lust. Hier wohn' ich, sprach er, wie ein König, Dergleichen Nester gibt es wenig. Kaum stand das Nest, so ward's verheert, Und durch den Donnerstrahl verzehrt.     Es war ein Glück bei der Gefahr, Daß unser Hänfling auswärts war, Er kam, nachdem es ausgewittert, Und fand die Eiche halb zersplittert. Da sah er mit Bestürzung ein, Er könne hier nicht sicher seyn.     Mit umgekehrtem Eigensinn Begab er sich zur Erde hin, Und baut' in niedriges Gesträuche, So scheu macht ihn der Fall der Eiche. Doch Staub und Würmer zwangen ihn, Zum andern Mal davon zu ziehn.     Da baut' er sich das dritte Haus, Und las ein dunkles Büschchen aus, Wo er den Wolken nicht so nahe, Auch nicht die Erde vor sich sahe, Ein Ort, der in der Ruhe liegt; Da lebt er noch, und lebt vergnügt. * * *             Vergnügte Tage findet man, Woferne man sie finden kann, Nicht auf dem Thron und nicht in Hütten; Kannst du vom Himmel es erbitten, So sey dein eigner Herr und Knecht, Dies bleibt des Mittelstandes Recht. Der Hühnerhund.                 Des kranken Mopses gutes Leben Begehrt der neidische Bellin, Bellin, vor dem die Hasen beben, Das Rebhuhn fällt, die Füchse fliehn.     Da sieht man, wem das Glücke grünet! Seht, spricht er, diesen Broddieb an, Zeit Lebens hat er nichts gethan, Doch wird er wie ein Abt bedienet.     Das Brod vom schönsten Weizenkorne Und Lerchenbrüste nähren ihn; Seht, wie sich Herr und Frau bemühn, Da ist Mops hinten, Möpschen vorne.     Ich bin gesund. Was ist mein Dank, Wenn ich Feld, Busch und Thal durchkrochen? Des Tages Prügel, Abends Knochen. Warum bin ich nicht gleichfalls krank?     Es hat, nach des Fontaine Lehren, Das Glücke zu gewisser Zeit Die grausame Gefälligkeit Der Thoren Wünsche zu erhören.     Bellin ward krank, und Mops gesund. Sobald der Hausherr es vernommen, Ließ er gleich seinen Jäger kommen, Und sprach: Erschießt den Hühnerhund.     Der arme Hund erschrak nun heftig, Als er den Todesspruch empfing, Und dieser Schrecken war so kräftig, Daß ihm sein ganzes Weh verging. Er säumte nicht, davon zu scheiden. * * *       Sieh, Neid! wie thöricht du verfährst! Du kannst im Elend uns beneiden, Worin du längst versunken wärst. Die zwei Jupiter.                 Ein reicher Heide wurde Herr     Von einem irdenen und goldnen Jupiter.     Der thönerne hob an, sich heftig zu beschweren,     Man woll' ihn nicht genug verehren.     So lang' ich in dem Hause bin,     So hab' ich, prüfe dein Gewissen,     Von kalter Küche zehren müssen. Ein wenig Salz und Mehl ist alle mein Gewinn. Hingegen Jenes Herd wird fett vom Opferblute, Die Rosen schmücken ihn, der Wein fließt um ihn her,     Mir aber thust du nichts zu Gute;     Bin ich nicht Jupiter wie er, Ein Fürst der Sterblichen, und Vater aller Götter? Hab' ich nicht ebenfalls den Donner in der Hand? Weßwegen wird der Kern dem stolzen goldnen Vetter,     Und mir die Hülse zugewandt?         Herr Thongott! haltet mir's zu Gnaden, Versetzt der Heide d'rauf; was habt ihr mir genützt?     Verhütet ihr den kleinsten Schaden,     So lang' ihr auf dem Herde sitzt?         Hat denn der goldne mehr gethan?     Hob hier der Götze wieder an. Gar wenig, sprach der Mann, allein das Gold ist theuer,     Sein Werth ist groß, und bleibet mir;     Doch eures Gleichen kauf' ich hier,     Herr Thongott, zwei um einen Dreier. Es ward der arme Zevs hierdurch so aufgebracht,     Daß die Glasur an ihm zerborste. * * *                 O, wer doch sein Verdienst erforschte, Eh' er durch Bettelstolz sich zum Gelächter macht. Der Vogel Platea und die Reiger.             Der Vogel Platea, nach Andern Pelikan, Nach Andern Löffelgans, (das Thier hat viele Namen,)         Griff einst zwei volle Reiger an,         Die aus dem nächsten Wasser kamen, Und jagte diesen Herr'n die Fische wieder ab,         Die sie im Teiche weggefangen, Und strafte sie dabei, daß sie den Raub begangen,         Da denn ein Wort das andre gab.         O, rief ein Reiger, das ist schnöde,         Wir fangen uns're Kost mit Müh',         Ein fauler Schlemmer speiset sie. Hier fiel der Platea ihm trotzig in die Rede:         Wie? du begehrst noch ungescheut         Gestohlne Sachen zu behalten?         Eh' soll man euch die Köpfe spalten;         Es lebe die Gerechtigkeit! Es ward der Raub hierauf von ihm sofort verzehret. * * *             Dergleichen Vogel wohnt noch jetzt in mancher Stadt, Der ebenfalls, wie der, verschied'ne Namen hat, Und die Gerechtigkeit zu seinem Vortheil ehret;         Man klagt darüber hier und da,         Wer zweifelt, frage nur die Leute, Er straft die Dieberei, und nährt sich von der Beute,         Als wie der Vogel Platea. Die wilden Schweine.                 Ein ungeheures wildes Schwein,     Das oft die Winzer rasend machte,     Ging auf den Raub, und brach bei Nachte     In einen reichen Weinberg ein. Es ward der Berg durchwühlt, da ging in einer Stunde     Der Schweiß des ganzen Jahrs zu Grunde.     Der Eber fand hierauf für gut Sich weiter umzusehn. Seht, was der Zufall thut,     Des Winzers Hütte stehet offen,     Der Winzer selber schlief besoffen, Ein neues Glück für ihn. Der Trunk schmeckt auf die Kost.     Der Eber fand ein Faß voll Most, Er tunkt den Rüssel ein, o, das sind Göttersäfte,     Hilf, Bacchus hilf, wie schlürft das Schwein,     Und schluckt das Oel der Trauben ein,     Schluckt, und versäuft Gehirn und Kräfte. Es taumelt hin und her, fällt zu der Thür' hinaus, Kömmt wieder in den Wald, stößt sich an alle Bäume, Es stolpert, grunzt und schnaubt, und thut, als ob es träume. Es hört's sein Weib, die Sau, und läßt ihr sumpficht Haus, Die ganze Freundschaft folgt; das Schwein wühlt in der Erde,     Haut nach der Mutter und dem Sohn. Flieht, Kinder, sprach die Sau, eh' Eins beschädigt werde.     Die Schweine folgten ihr und flohn.     Der Trunkenbold fiel ohne Sorgen     In Schlamm, und schlief bis an den Morgen,     Vom Morgen bis den Mittag d'rauf;     Da stand er ganz gelassen auf, Und wollte, wie zuvor, sich seiner Freundschaft nahen: Da kömmt das tolle Schwein, schrie die erschrockne Schaar, Sie flohn das gute Schwein, ob es schon nüchtern war,     Sobald sie es von Weitem sahen. * * *         Ihr dummen Eber, ihr, wie, daß ihr euch nicht schämt?     O, wenn ihr unter Menschen kämt,     Ihr würdet, ohne weit zu gehen,     Dergleichen Tolle häufig sehen. Der junge Kater.             Der Ausbund eines schönen Katers, Den Muth und Alter mündig sprach, Bekam die Würde seines Vaters, Und stellte Mäus' und Ratten nach. Er folgte der gemeinen Weise; Des Räubers Sohn wird gern ein Dieb, Das Wölfchen fühlt des Wolfes Trieb, Ein junger Kater wünscht sich Mäuse.     Es that der junge Herr so keck, Als wie ein andrer Scanderbeg, Sein Hirn war voller Mäus' und Ratten, Die seine Klauen noch nicht hatten. Wer ihn gesehen haben mag, Der hätte wirklich sollen schwören, Dies sey der Mäuse jüngster Tag, Die sich auf Deutschlands Boden nähren.     Die dunkle Nacht bezog das Land, Der Thau wusch die bestaubten Fluren, Als unser Held noch keine Spuren Des längstgesuchten Wildprets fand. Das Warten löschte sacht und sachte Des Katers erstes Feuer aus, Er sah und hörte keine Maus. Ein Ding, das ihn verdrießlich machte.     Er saß und putzte sich das Kinn, Da schlich ein Wiesel zu ihm hin. Was suchst du? sprach der Kater leise; Ich suche, war die Antwort, Mäuse. O weh! soll ich mein Bißchen Brod, Fing Murner heimlich an zu heulen, Mit einem schlimmen Wiesel theilen, So leid' ich endlich selber Noth.     Auf bess're Kundschaft sich zu legen, Kroch er bis auf das Scheuerndach, Da flog ihm Jungfer Eul' entgegen, Schatz! fragt' er, bist du auch noch wach? Ja! sprach das schlei'richte Gesichte, Ich warte hier auf ein Gerichte, Auf einen guten Abendschmaus. Auf was denn, Kind? . . . Auf eine Maus.     Die Antwort ärgerte den Kater, Er steigt herab, sieht auf den Mist, Da ist ein Igel, der was frißt. Viel Glück zur Mahlzeit, alter Vater! Was schmeckt dir denn allhier so gut? Ein Mäuschen, sprach er, ist mein Essen. Ei, daß du müßtest Kohlen fressen, Gedachte Jener voller Wuth.     Hier, seufzt' er, ist nichts mehr zu naschen, Fort, auf das Feld! vielleicht kann ich Noch eine dicke Feldmaus haschen; Mit dieser Hoffnung stärkt' er sich. Er kam auf's Feld, und traf im Gehen Den Fuchs voll Zorn und Rachgier an. Aus Neugier blieb der Kater stehen, Und sprach: Wer hat dir was gethan?     O! ließ der Fuchs sich fluchend hören, Ich wußt' ein volles Mäuseloch, Und dachte diesen Abend noch Es mit Vergnügen auszustören. Doch, als ich in dem Walde bin, So geht der Schelm, der Sperber, hin, Und leert, so geht's mir, das Geniste – Daß er davon zerbersten müßte!     Sobald der Kater mit Verdruß Des Fuchses letzte Worte hörte, So wandt' er traurig Kopf und Fuß, Damit er stracks nach Hause kehrte. Ach! sprach er, wenn so Viele sind, Die nach dem Mäusefleische streben, Was hoff' ich noch, ich armes Kind, Von diesem Handwerk auch zu leben?     Indem er also bei sich dachte, So fing er eine Maus im Gehn, Die ihn auf die Gedanken brachte, Den Mäusen dennoch nachzustehn. Er that im Kurzen Heldenthaten, Die Praxis macht' ihn dick und fett, Es ging ihm, unter uns gered't, Als wie den jungen Advocaten. Der Kapaun und das Huhn.                       Es machte sich ein junges Huhn     Und ein Kapaun, bei großer Hitze,     Zu einer nah' geleg'nen Pfütze,     Um einen guten Zug zu thun. Es hatte der Kapaun die Schwachheit des Narcissen, Daß er, sich zu besehn, gern an das Wasser ging.     Ein Spiegel ist ein köstlich Ding,     Wie Junggesell und Jungfer wissen.     Die Pfütze war so ziemlich klar,     Und Alles, was am Ufer war, Erschien und malte sich auf ihrer glatten Fläche. Auf dieser konnte sich der prächtige Kapaun     In seinem vollen Putze schaun;     Hier sah und liebt' er seine Schwäche.         O Jungfer, seht ein Bißchen her,     So sprach der Stutzer zu der Henne,     Und saget mir nur ungefähr,     Ob ich nicht artig heißen könne? Herr! sprach das lose Huhn, das muß ich euch gestehn,     Ihr seyd geputzt, und wunderschön; Die Federn stehn euch gut, ihr seyd so schlank vom Leibe,     Nichts fehlt euch weiter, als ein Kamm,     Dann nähm' ich euch zum Bräutigam;     Ihr habt zu viel von einem Weibe. Der Esel und die Dohle.                 Ein Esel mochte lüstern seyn,     Und wollt' auf öffentlichen Gassen     Sein lieblich Stimmchen hören lassen,     Er hob abscheulich an zu schrein.     Die, so daselbst vorüber gingen,     Verwünschten, schimpften ihn dafür.     Pfui, sagte man, das garst'ge Thier,     Es brüllt, daß uns die Ohren klingen.         Nur eine Dohle saß dabei,     Die das ertödtende Geschrei,     Das alle Welt mit Recht verfluchte, Allein bewunderte, und nachzumachen suchte. * * *         Ein Narr trifft alle Mal noch einen größern an,     Der ihn nicht g'nug bewundern kann. Der Wandersmann und die Sonnenuhr.             Bei einer Sonnenuhr blieb einst ein Wandrer stehn, Die Morgensonne schien, die Uhr wies auf halb Achte, Der Mann sprach: Es ist früh, ich will bis Mittags gehn;         Indem er sich darauf bedachte,         So kam ein dickes Wolkenheer, Die Sonne ward verhüllt, der Wandersmann sah wieder Nach seiner Sonnenuhr, und rieb die Augenlider;         Die Uhr wies keine Stunden mehr. * * *             O, sprach er, falsches Ding, das an das Glück sich bindet.         Hinweg mit einem solchen Freund, Der mich so lange kennt, als mir die Sonne scheint,         Und wenn sie nicht scheint, mir verschwindet. Der Rhein.                 Der alte Rhein beschloß, der Wehrmann deutscher Grenzen,         Die Zahl der Männer zu ergänzen,         Und suchte sich ein Eh'gemahl.         Die schönste Nymphe traf die Wahl,         Ein Reis aus einem edlen Hause, Der graue Bodensee, die Mosel und die Aar, Der Neckar nebst dem Main, der Bräut'gamsführer war, Erschienen nach Gebühr, und tanzten auf dem Schmause. Das Schilf ward ungefähr zum dritten Male grün,         Als die beglückten Ehegatten         Ein Kleeblatt schöner Kinder hatten. Der Vater sparte nichts, sie löblich zu erziehn, Und liebte sie mit Recht als seines Hauses Säulen. Die Liebe gab ihm ein, sein großes Wasserreich         Mit seinen Söhnen gleich zu theilen;         Sein Herz ward ihm vor Freude weich,         O Ehre! drei erwachs'ne Söhne, Die aus des Vaters Schooß mit brüllendem Getöne         In's Meer als große Ströme ziehn, Ein Reiz, der unserm Rhein unüberwindlich schien.             Er macht die Jünglinge zu Flüssen,         Gibt jedem seinen Landesstrich,         Den sie mit Macht durchströmen müssen,         Er gibt, schenkt, und erschöpfet sich, Bis daß sein eigner Strom dadurch so abgenommen, Daß er mit großer Noth sich an die Weiher schlich,         Allwo er einem Graben glich. * * * Es ging dem guten Rhein, wie Ludewig dem Frommen. Der Weise und der Alchymist.                     Gesund und fröhlich, ohne Geld,         Lebt' einst ein Weiser in der Welt.     Ein Fremder kam zu ihm, und sprach: auf meinen Reisen         Hört' ich von deiner Redlichkeit;         Du bist ein Phönix uns'rer Zeit.         Nichts fehlt dir, als der Stein der Weisen. Ich bin der Trismegist, vor dem sich die Natur Stets ohne Schleier zeigt; ich habe den Merkur, Durch den wir schlechtes Blei in feines Gold verkehren,         Und diese Kunst will ich dir lehren.             O dreimal großer Trismegist! Versetzt der Philosoph, du magst nur weiter reisen; Der ist kein Weiser, dem das Gold so schätzbar ist. Vergnügt seyn ohne Gold, das ist der Stein der Weisen. Ein Collektivum zu Frankfurt a. M.                       Der Thiere Häupter machten Friede,         Des nimmersatten Krieges müde, Doch mit Bewilligung des thierischen Geschlechts         Und Vorbehalt jedweden Rechts. Ein Reichsgerichte soll, was streitig blieb, entscheiden.         Man willigte darein mit Freuden. Die Schlang', ein kriechend Thier, ward, weil ihr Witz bekannt,         Zum Reichs-Schultheißenamt ernannt.         Beisitzer waren Murmelthiere,         Wenn Einer wachte, schliefen Viere,         Schildkröten von bewährter Treu'         Verwalteten die Kanzelei,         Die Schnecken wurden Advokaten,         Die hundertjähr'ge Fristen baten. Man sagt, daß dies Gericht nie Jemand Unrecht that, Und daß von ihrem Spruch nie Jemand appellirte; Denn eh' der Reichsschultheiß ein Urtheil publicirte,         Verschied Partei und Advokat. Der Maler.                     Ein alter Maler ward halb blind,         Und wie die alten Maler sind, So mocht' er dennoch gern Gemälde sehn und richten; Denn den gewohnten Trieb kann blos der Tod vernichten.         Einst sah' er in dem Vatikan Raphaël a représenté le Père Eternel dans le dernier tableau de la première Loge, avec une majesté au-dessus de l'humaine. Il n'inspire pas une simple vénération, il imprime une terreur respectueuse. Réflexions critiques sur la poësie et la peinture, par l'Abbé du Bos, Tom. II. Sect. V. Das Kunststück Raphael's, das Bild des Schöpfers, an, Wo uns die Majestät deß, der die Welt regieret,         Mit einem heil'gen Schauder rühret. Der Maler sah es an, und schüttelte den Kopf; Euch um mich Stehenden muß ich doch was entdecken, Der Raphael, sprach er, das war ein schlechter Tropf;         Sein Kunststück hat zwei große Flecken.         Nein, Freund, wir werden nichts gewahr, Antwortete man ihm, du aber hast den Staar,         Die Flecken sind in deinen Augen; Des Blinden Urtheil kann von Farben gar nichts taugen. Die Fische.                     Der Hochmuth kam einmal in's Meer,     Und fuhr den Fischen in die Köpfe,     Es war vom Blackfisch bis zum Stör     Kein so geringes Seegeschöpfe, Es wünschte, was zu seyn. Des Fischmonarchen Haus     War damals voller Supplikanten, Die meisten wirkten sich besondre Titel aus,     Worin sie selber sich verkannten. Dem Stockfisch kam der Rang zu allerletzt in Sinn, Er schwamm zum Wallfisch hin, und klagte nach der Länge,     Daß Stockfisch schlechtweg künftighin     Ein wenig zu verächtlich klänge.     Nein, Stockfisch sollst du ferner seyn,     Fiel ihm der Fische König ein, Doch hast du dich des Rangs noch über Stör und Hayen     Auf ewig künftig zu erfreuen. Vergnügt schwamm er davon. Der Ruf durchdrang das Meer, Und kurz darauf erschien ein Supplikantenheer;     Die Fische drängten sich bei Haufen,     Den Stockfischtitel zu erkaufen. * * *             Räumt erst dem Esel Würden ein, Und lasset ihn den Sack zum Ehrenzeichen tragen,     So will ein Jeder Esel seyn;     Man wird sich um die Säcke schlagen. Der Priester und der Kranke.                 Es ras'ten Pest und Tod in einer großen Stadt, Die Priester wurden heisch, die Todtengräber matt, So wuchs der Kranken Zahl, so häuften sich die Bahren, Geschlechter starben aus, viel Junge vor den Jahren,     Viel Alte, doch nicht gern; das sah erbärmlich aus.     Einst kam ein Ordensmann in ein gewisses Haus, Hier lag ein kranker Greis, und stritt mit seinem Ende, Sein Pfühl war mürbes Stroh, sein Hüter kahle Wände, Zwei Sägen und ein Beil sein ganzes Hab' und Gut. Mein Freund! hob Jener an, o, fasset frohen Muth, Der Kerker dieser Welt wird euch nun aufgeschlossen, Wo ihr des Wermuths viel, und wenig Lust genossen.     Verzeiht, antwortete der arme kranke Mann,     Ich habe gut gelebt, so lang' ich denken kann. Mich quälten weder Neid, noch Haß, noch Nahrungssorgen, Mein Werkzeug, das hier liegt, erwarb mir alle Morgen     Des Tages Unterhalt, von Schulden war ich frei,     Gesund, mein eigner Herr; was fehlte mir dabei? Der Pfarrer wußte nicht, was er gedenken sollte, Doch fragt' er, ob er denn auch gerne sterben wollte?     Warum nicht? sprach der Greis, da, wie ihr sehen könnt,     Mir Gott so lange Zeit des Lebens Lust gegönnt? * * * O, möchten Groß und Klein des Alten Lehre fassen! Wer sich begnügen läßt, lebt fröhlich, stirbt gelassen. Jupiter und die Winde.             Dem Jupiter fiel ein, zu reisen; Wohin? wohin, als in die Welt, Er sprach, der Augenschein mag weisen, Wie die Natur mein Recht bestellt. Kein Schwanenkleid verbarg die Glieder, Kein goldner Thau fiel mit ihm nieder, Kein Nebel macht' ihn unsichtbar. Er zeigte sich so, wie er war.     Aus seiner Rechten strahlen Blitze, Die Linke schmückt ein goldner Stab, Ein Adler dienet ihm zum Sitze, So fährt er auf die Erd' herab. Es hob sich Alles an zu regen, Die Nymphen sangen ihm entgegen, Die Faunen tanzten vor ihm her, Die Erde jauchzt, es horcht das Meer.     Ihr Brüder, rief ein Fürst der Winde, Der Götter Haupt kehrt bei uns ein, Und Alles liegt voll Staub, geschwinde! Die Straßen müssen sauber seyn. Wohlan, laß uns die Backen füllen, Hob Bruder Sturmwind an zu brüllen, Es merke Zevs, daß auch kein Heu In einem klugen Windkopf sey.     Sie fahren stracks, wie wilde Drachen, Durch Süd und Nord, durch Ost und West, Um Bahn und Wege rein zu machen, Durch die der Gott sich fahren läßt; Ihr Blasen füllt die Luft mit Staube, Mit Dünsten, Sand und dürrem Laube, Ein schwarzer Dampf bezog das Land, Es wurde Nacht, und Zevs verschwand. * * *             Seht doch der falschen Weisheit Früchte! Rief der erzürnte Zevs allhier, Eh' ihr erschient, war Alles lichte, Wer macht den Staub, als eben ihr? Er winkt und droht den tollen Winden, Und Staub und Finsterniß verschwinden. Zur Bess'rung schreite mit Bedacht, Weil Sturm oft Uebel ärger macht. Der Maulwurf.                 Ein Maulwurf, der durchaus ein Weiser heißen wollte, Warf vor Betrachtungen, worin er sich verlor, Fast keinen Haufen auf; er schloß auch noch zuvor Die Augen zu, daß ja ihn nichts zerstreuen sollte. Die Nachbarn nöthigten einst diesen Sonderling,         Mit ihnen einmal auszufahren, Und da geschah's, als ihm die Augen offen waren, Daß er ein Quittchen fand, das noch am Zweige hing. Er rief dem Einen zu, der ihm erklären mußte, Was dieses Ding wohl sey, und hörte den Bericht     Verächtlich an, und sprach. Man wundre sich nur nicht,         Daß ich es nicht zu nennen wußte.     Ein weiser Denkender, der sich in sich vergißt, Kann so gemeines Zeug nicht in dem Kopfe tragen; Doch will ich euch dafür jetzt eine Wahrheit sagen,         Die Allen ein Geheimniß ist. Was hilft's, daß ihr den Koth stets durch einander werfet?         Glückselig ist, wer in der Ruh'         Die Kräfte des Verstandes schärfet.         Jedoch genug hiervon; hört zu. Der runde Kloß, den ihr mir eine Quitte nennet,         Hängt selber an des Zweiges Fuß, Der Zweig hat einen Riß, wie ihr hier sehen könnet, Drum folgt, daß er an was gehangen haben muß.         Der Zweig ist stark, das Ding hingegen,         Daran er hing, muß stärker seyn,         Sonst hätt' es ihn nicht tragen mögen, Dies Stärk're hängt vielleicht an einem Andern fest, Was noch viel stärker ist, wie sich leicht schließen läßt,         Dies hängt vielleicht an einem Dritten, Das stärker, als die Zwei zugleich sammt Zweig und Quitten. Hieraus mach' ich den Schluß: es können Zweige seyn, Die noch viel dicker sind, als unser Drei vom Leibe. So warte, bis man Dir, fiel ihm ein Andrer ein,         Die Schuppen von den Augen reibe;         Du Wurm, machst Du so großen Wind,         Und weißt noch nicht, daß Bäume sind? Der Satyrenschreiber.             Es setzte sich ein Dichter hin,     Und schrieb ein ganzes Buch Satyren; Der Pöbel sprach davon nach seinem Eigensinn, Es hieß: ein jeder Thor will jetzt philosophiren;     Seht diesen neuen Elihu.     Er wird die Türken noch bekehren,     Das Strafamt kömmt dem Priester zu, Man wird's zu rechter Zeit schon von der Kanzel hören,     Wer sich an seiner Pflicht versäumt.         Hört, sagte der Poet, was thut Ihr denn so spröde? Der Priester predigt Euch in ungebundner Rede,     Und meine Predigt ist gereimt. Zum Lehramt steiget man durch unterschiedne Stufen,     Ich durch die Poesie, ein Andrer neben mir Durch seine Redekunst. Wer hat Dich denn berufen? Ach, Ihr bedenkt es nicht, Ihr guten Kinder, Ihr.     Wer den Beruf erwarten wollte, Ich glaube, daß er wohl Zeitlebens warten sollte. * * *     Der Trieb, den Gott in Jedem schuf, Ist sein natürlicher Beruf. Des Vulkan's drei Ehen.         Vulkanus traf den Mars daselbst von Neuem an,     Wo er ihn ehedem in einem Netze haschte,     Als er verbotne Früchte naschte; Nie hatt' ihm, wie man sagt, der Kopf so weh gethan. Beim Styx! rief er nun aus, ich will das Ding nicht leiden.     Man stellt' ihm Höll' und Himmel vor,     Umsonst! der Grimm verschloß sein Ohr,     Er ließ sich von der Venus scheiden.     Ein Gott der Schmiede kann nicht lange Wittwer seyn,     Die Eris trat an Venus Stelle,     Vulkanus fiel zu seiner Pein     Vom Fegefeuer in die Hölle; Der Eris Antwort fing sich stets mit Aber an,     Nein! war das Schlußwort ihrer Rede, Aus ihrem Munde wuchs der Zwiespalt und die Fehde,     Nichts war ihr möglich, zu bejah'n. Er hatte kaum gered't, so strafte sie ihn Lügen, Er schwur, daß er's gesehn; sie sprach: die Sinne trügen,     Er sagte Ja, sie Nein; das schadet; immerhin.     Das war ein rechter Eigensinn.         Vulkanus ward des Dinges müde,     Und als sie ihm das Widerspiel Einst allzu heftig hielt, nahm er den Hammerstiel,     Und jagte sie aus seiner Schmiede.         Der guten Dinge gibt es drei, Die Echo ward von ihm zur dritten Frau erlesen, Die ihrer Jungferschaft schon lange gram gewesen;     Vulkanus war vergnügt dabei, Was er für gut nur fand, das lobte sie zur Stunde,     Kein Aber kam aus ihrem Munde, Sie wiederholte nur, was ihr Vulkan befahl.     Er pfiff, sie auch, er fluchte, und sie fluchte, Ich dächte, sprach der Mann, ich dächte, rief sie nach; Ja! rief er, ja! rief sie. Kurz, wie er's auch versuchte, So sprach die Echo stets, was ihr Vulkanus sprach. O, seufzt Vulkan zuletzt: Kind! sprichst du denn zu Allen Sonst weiter nichts, als Ja? Ja, fiel die Antwort, ja!     Hilf, Himmel! sitzt der Knoten da,     Das heißt aus Hitz' in Frost gefallen.     Die Eris quälte mich mit Nein,     Und die will mich mit Ja vergeben; Geh' fort, du Affe, du! ich will alleine leben; Du Affe, sagte sie, und ließ den Mann allein. * * *             So fügt das Glück sich nicht den Freiern überall: Der zeugt mit seiner Frau nicht Kinder seines Leibes, Der freit ein böses Weib, und Mancher, statt des Weibes,     Nur einen schönen Wiederhall. Sokrates und der Wittwer.             Das frömmste Herz, der schönste Leib, Das inniglich geliebte Weib, Wird ihres jungen Mannes Küssen Durch einen frühen Tod entrissen. Untröstlich über den Verlust Zückt er den Dolch auf seine Brust. Gehindert von getreuen Händen, Zerstößt er sich die Stirn an Wänden. Kaum zähmen Bande seine Wuth, Daß er sich nichts zu Leide thut. Auf Bitte wird er losgebunden, Allein, vom Schmerz ganz überwunden, Sah man zum Sokrates ihn gehn, Um seinen Rath sich zu erstehn.     Ach! sprach er, Weisester auf Erden, Kann meiner Noth geholfen werden? Ich soll nicht sterben, da das Licht Mir dennoch tausend Geißeln flicht.     Der Weise schlug die Augen nieder; Kommt, sagt' er, nach acht Monden wieder. Ja! nach acht Monden, welche Zeit! Da hatt' er wiederum gefreit.     Drittes Buch.                 Wer klüglich Fabeln schreibt, der folgt Aesopus Spur, Er bessert durch ein Bild, und lehrt durch die Natur, Singt von unglaublichen und nie gescheh'nen Dingen, Um, was wir täglich sehn, im Gleichniß vorzubringen,     Er greift das Laster an, und schont der Thorheit nicht,     Macht diese lächerlich, straft jenes in's Gesicht. Er geht von Stand zu Stand, warnt beiderlei Geschlechte, Steigt zu den Fürsten auf, und nieder zu dem Knechte,     Er lehret Kind und Greis, den Bürger und den Held,     Schätzt Klugheit Kronen gleich, die Tugend über Geld, Und manche Wahrheit wird von ihm an's Licht gezogen, Die Alle längst gewußt, und Keiner recht erwogen. Die Muse, die ihn führt, haßt Stolz und Niedrigkeit,     Strotzt nicht von Flittergold, und trägt kein Lumpenkleid, Sie flieht der Fürsten Pracht, und meidet Frost und Blöße, Sie lärmt und donnert nicht, tritt nicht in Riesengröße,     Jedoch als Göttin auf, und läßt die Thoren gehn,     Die ohne Phöbus Geist sich stolz als Dichter blähn, Und bald von kindischen und eiteln Mährchen träumen, Bald Meistersängern gleich nur eine Rede reimen. Die Zauberin.             O Fotis! lebe wohl, ich sterbe, Mein Schatz ist dieses Zauberbuch; Das ist mein Gut, du bist der Erbe, Du bist es ohne Widerspruch. Nimm es und lies: Die Welt wird zittern, Der Abgrund fliehn, der Himmel wittern, Sprach Pamphile, die Zauberin, Zu ihrer Magd, und fuhr dahin.     Und Fotis nahm die Zauberschriften, Und ward dadurch bald fürchterlich; Sie rief die Leichen aus den Grüften, Sie trieb die Ströme hinter sich, Durch ihren Spruch versetzt sie Berge, Macht Stein' aus Volk, aus Riesen Zwerge; Thessalien sang ohne Scheu, Daß Fotis eine Göttin sey.     Der Ruf erhebt sie zur Sibylle, Man glaubt, vor ihr sey nichts versteckt, Der Menschen Thun, der Götter Wille Sey vor ihr klar und aufgedeckt. Vom Nil und Ganges, von den Meeren Kömmt Volk, der Fotis Spruch zu hören; Der Stuhl, darauf die Weise sprach, Gab Delphens Dreifuß wenig nach.     Was ganze Völker göttlich nannten, Schien einem einz'gen Schäfer nichts, Olint, den sieben Heerden kannten, Hielt es für Blendwerk des Gesichts. Verweg'ner Schäfer! bleib' in Schranken, Denn Fotis straft auch die Gedanken, Die ihrer Ehre schädlich sind; Schlägst du der Zaubrer Zorn in Wind?     Umsonst, Olint ist nicht zu zwingen, Der Fotis Langmuth macht ihn kühn, Er will sie um die Ehre bringen, Und es gelingt ihm sein Bemüh'n. Es sey nun ein betrübt Geschicke, Es sey, daß dieses Schäfers Tücke In Fotis Buch vergessen war, Die Kunst ward endlich offenbar.     Dort, wo in Tempe's Lustgehölzen Zwölf Bäche sich in gleicher Eil' Von Pelions Gebirgen wälzen, Entdeckt sich einer Höhle Theil, Die Felsen stützten sie, wie Mauern, Sie war des Klügsten der Centauern, Des weisen Chirons, Aufenthalt, Und viel Olympiaden alt.     Hier lag und schlief in dunkler Stille Die allzu sichre Zauberin, Ihr Buch, das Leibbuch der Sibylle Warf sie unachtsam vor sich hin. Sie schläft, Olint wacht ihr zum Schaden, Kömmt im Gesicht der Oreaden, Durchsucht der Fotis ödes Haus, Und holt das Zauberbuch heraus.     Es sammeln sich der Hirten Töchter Aus Neugier all' um den Olint, Und dieser zeigt mit Hohngelächter, Wie eitel Fotis Künste sind. Man machte mit dem Zauberbuche Sofort selbst allerlei Versuche, Und fand, daß es theils Gaukelei, Theils Wirkung der Naturkunst sey.     Die Wahrheit besser zu ergründen, Wird Fotis endlich selbst besucht, Man siehet sie die Hände winden, Man hört, daß sie dem Glücke flucht. Man lacht, und sie beschwört die Götter Umsonst zur Tilgung ihrer Spötter; Sie ward der Kinder Zeitvertreib, Ein Spott des Volks, ein schwaches Weib. * * *           Dies sag' ich allen kleinen Geistern; Auch ihr sucht durch gelehrten Dunst Der Welt die Augen zu verkleistern, Als wär't ihr Zaubrer in der Kunst. Excerpta, Lexika, Register, Die Concordanz bei manchem Priester, Das ist der Quell des großen Lichts, Nimmt man euch die, so könnt ihr nichts. Die seltsamen Menschen.             Ein Mann, der in der Welt sich trefflich umgesehn,     Kam endlich heim von seiner Reise;     Die Freunde liefen schaarenweise, Und grüßten ihren Freund; so pflegt es zu geschehn. Da hieß es alle Mal: Uns freut von ganzer Seele     Dich hier zu sehn, und nun: Erzähle. Was ward da nicht erzählt! Hört, sprach er einst, ihr wißt, Wie weit von unsrer Stadt zu den Huronen ist;     Eilf hundert Meilen hinter ihnen     Sind Menschen, die mir seltsam schienen,     Sie sitzen oft bis in die Nacht     Beisammen fest auf einer Stelle,     Und denken nicht an Gott, noch Hölle. Da wird kein Tisch gedeckt, kein Mund wird naß gemacht, Es könnten um sie her die Donnerkeile blitzen, Zwei Heer' im Kampfe stehn; sollt' auch der Himmel schon     Mit Krachen seinen Einfall drohn,     Sie blieben ungestöret sitzen. Denn sie sind taub und stumm; doch läßt sich dann und wann Ein halbgebrochner Laut aus ihrem Munde hören, Der nicht zusammenhängt, und wenig sagen kann, Ob sie die Augen schon darüber oft verkehren. Man sah mich oft erstaunt zu ihrer Seite stehen;     Denn, wenn dergleichen Ding geschieht,     So pflegt man öfters hinzugehen,     Daß man die Leute sitzen sieht. Glaubt, Brüder, daß mir nie die gräßlichen Geberden     Aus dem Gemüthe kommen werden, Die ich an ihnen sah; Verzweiflung, Raserei,     Boshafte Freud' und Angst dabei,     Die wechselten in den Gesichtern.     Sie schienen mir, das schwör' ich euch, An Wuth den Furien, an Ernst den Höllenrichtern,     An Angst den Missethätern gleich. Allein, was ist ihr Zweck? so fragten hier die Freunde, Vielleicht besorgen sie die Wohlfahrt der Gemeinde? Ach nein! So suchen sie der Weisen Stein? Ihr irrt! So wollen sie vielleicht des Zirkels Viereck finden?     Nein! So bereu'n sie alte Sünden? Das ist es Alles nicht. So sind sie gar verwirrt,     Wenn sie nicht hören, reden, fühlen,     Noch seh'n, was thun sie denn? . . . Sie spielen. Der Krokodil und das Meerpferd. Ich habe das Meerpferd, Hippopotamus genannt, statt des Stören erwählt, weil jenes, aber nicht dieser in dem Nil gefunden wird.       Die Bosheit herrscht auf diesem Runde, In Wassern, wie auf trocknem Grunde, Was Berg und Thal und Wald beklagt, Das geht im Fluß und Meer nicht besser; Man sieht die Kinder der Gewässer Gedrückt, verfolgt und wohl geplagt. Es stieg aus den verborgnen Tiefen Manch Ungeheuer in die Höh', Es naht' der Erde, Riesen liefen, Es wich, und es erschrak die See. Die Ufer wissen nebst den Höllen Von ihrem Grimme zu erzählen, Des aufgesperrten Rachens Kluft Ist so der Fisch' als Menschen Gruft. Zu seinem Ruhm, der Welt zur Plage, Erschuf der älteste der Tage Den ungeheuren Krokodil, Des Meeres Furcht, der Erde Schrecken, Den feste Panzerschuppen decken, Den Wüthrich in dem breiten Nil.     Einst lag das Unthier an dem Strande Des Stroms gestreckt, und dörrte sich Den feuchten Ranzen säuberlich In der Aegypter tiefem Sande. Ein armes Kind, das noch nicht viel Von diesem Ungeheuer wußte, Und sich dem Flusse nähern mußte, Kam aus Versehn zum Krododil. Sofort war dieser auf den Beinen, Und biß ihm das Genick entzwei. Doch glaubt ihr, daß es möglich sey? Der Krokodil fing an zu weinen.     Ein Meerpferd, das seit langer Zeit, Entfernt von aller Eitelkeit, In seiner Höhle ruhig lebte, Und sich der Eitelkeit bestrebte, Kam gleich dazu, und sah mit Lust, Wie dieser Mörder sich betrübte.     Ach, dieses hab' ich längst gewußt, Daß dich der Himmel jetzt noch liebte, Hob dieser Meerapostel an, Mein Bruder, das ist wohlgethan, Bedaure du nur dein Verbrechen, Und weine ferner Tag und Nacht, Daß du dies Kindlein umgebracht, So wird die Vorsicht es nicht rächen.     Da wär' ich so ein Thor, wie du, Schrie ihm der Neubekehrte zu, Erspare künftig deine Lehren; Der Junge macht mich noch nicht satt, Weil er kein Fleisch am Kopfe hat, Das ist die Ursach' meiner Zähren. * * *   Ihr frommen Seelen, traut des Heuchlers Thränen nicht;         Denn was er mit dem Munde spricht,         Das läugnet er in seinem Herzen: Sein Auge weint, und die Gedanken scherzen. Der kleine Töffel.         In einem großen Dorf, das an die Mulde stieß, Starb Grolms, ein Bauersmann. Die Wittwe freite wieder,     Und kam mit einem Knaben nieder,     Den man den kleinen Töffel hieß. Sechs Sommer sind vorbei, als es im Dorfe brannte, Der Knabe war damals gerade sechzehn Jahr, Da man, wiewohl er schon ein großer Junge war,     Ihn noch den kleinen Töffel nannte. Nunmehr drosch Töffel auch mit in der Scheune Korn, Fuhr selber in das Holz; da trat er einen Dorn Sich in den linken Fuß; man hörte von den Bauern     Den kleinen Töffel sehr bedauern. Zuletzt verdroß es ihn, und als zur Kirchmeßzeit Des Schulzen Hadrian, ein Zimmermannsgeselle, Ihn: Kleiner Töffel! hieß, hatt' er die Dreistigkeit,     Und gab ihm eine derbe Schelle. Die Rache kam ihm zwar ein neues Schock zu stehn,     Denn Schulzens Hadrian ging klagen, Und durch das ganze Dorf hört man die Rede gehn: Der kleine Töffel hat den Hadrian geschlagen. O, das that Töffeln weh, und er beschloß bei sich,     Sich in die Fremde zu begeben. Was? sprach er, kann ich nicht ein Jahr wo anders leben, Indessen ändert sich's, und man verkennet mich.     Gleich ging er hin, und ward ein Reiter. Das höret Nachbars Hans, die Sage gehet weiter,     Und man erzählt von Haus zu Haus: Der kleine Töffel geht nach Böhmen mit hinaus.     Der Töffel will vor Wuth ersticken!     Indessen kriegt der Sachsen Heer     Befehl, in Böhmen einzurücken. Nunmehr ist Töffel fort, man spricht von ihm nicht mehr. Die Sachsen dringen ein, gehn bis nach Mähren hinter, Und Töffel gehet mit. Es geht ein ganzer Winter, Ein halber Sommer hin, man senkt den Weinstock ein, Als man den Ruf vernimmt: Es sollte Friede seyn. Da meint nun unser Held, daß man die Kinderpossen,     Die ihn vordem so oft verdrossen, Vorlängst schon ausgeschwitzt. Er wirkt sich Urlaub aus,     Und suchet seines Vaters Haus. Schon hört' er das Gebrüll der nahen Bauerkühe, Ein altes Mütterchen, das an den Zäunen kroch,     Ersah ihn ungefähr, und schrie:     Je kleiner Töffel, lebt Ihr noch? * * *             Das Vorurtheil der Landesleute Verändert nicht der Oerter Weite, Tilgt weder Ehre, Zeit, noch Glück; Reis't, geht zur See, kommt alt zurück, Der Eindruck siegt, da hilft kein Sträuben, Ihr müßt der kleine Töffel bleiben. Das Diebsgeschlecht.                           Ein Mitglied von der finstern Bande,             Die grober Pöbel Diebe nennt, Erzählte seiner Braut von seinem hohen Stande; Denn, sprach er, es ist Zeit, daß Ihr die Freundschaft kennt. Mein Vater, hob er an, ein Meister im Vergiften,             Schwang sich durch seine Kunst auf's Rad; Mein theurer Großpapa, der lauter Wunder that,             Herrscht, seit ich jung ward, in den Lüften; Und meiner Mutter Ruhm ist aller Welt bekannt.             Man hat an ihrem Todestage             Auf zwanzig Klafter Holz verbrannt. Erlaubt mir, sprach die Braut, daß ich Euch gleichfalls sage,             Wer meine lieben Aeltern sind,             Ich bin nur eines Kaufmanns Kind, Er reichte freilich nicht an Eures Hauses Helden;             Zwar hat er, ohne Ruhm zu melden, Auf zwölf Familien zum Bettelvolk gemacht,             Und noch den Ruhm in's Grab gebracht,             Daß er ein halbes Land betrogen.             Sein Vater war ein Advokat,             Die Pest und Geißel seiner Stadt,             Der ganze Dörfer ausgesogen,             Und seine Frau hielt wirthlich Haus,             Und lieh auf Zins und Pfänder aus, Und ließ vom Thaler sich in ihrem ganzen Leben             Die Woche nur neun Pfennig' geben;             Doch dieses muß ich Euch gestehn, Daß diese Leute nicht an jene Väter reichen,             Die Eures Stammbaums Glanz erhöh'n,             Nein! an Geburt muß ich Euch weichen.                 Vergebt mir, sprach der Bräutigam,             Was fehlet Eurer Aeltern Stamm? Ihr müsset das Verdienst nicht mit dem Lohn vermengen:             Sie waren alle werth zu hängen. Der Fuchs und der Adler.             Es lebt' aus Reineckens Geschlechte Ein jung' und eitler Abkömmling, Der oft, mit größerm Glück, als Rechte, Der schnellen Hunde Spur entging.     Da lag er nun vor seinem Loche, Und lachte bei sich der Gefahr, Der er noch in vergangner Woche Durch einen Sprung entronnen war.     Sagt, rief er, Höfe, Wiesen, Ställe, Ihr Zeugen meiner Tapferkeit! Wer stiehlt, wie ich? wer sieht so helle? Wer läuft so schnell? wer riecht so weit?     Vertieft in solchen Wunderdingen Bemerkt er eines Adlers Flug, Wie ihn mit ausgestreckten Schwingen Das stille Meer der Lüfte trug.     O, könnt' ich fliegen, wie die Vögel! Den Neid, erseufzt er, macht' ich stumm, Euch aber kahl, ihr Bauerflegel; Mit Lust gäb' ich ein Ohr darum.     Jetzt legt ein Schuß den Adler nieder, Der Fuchs nimmt es mit Schrecken wahr, Zu fliegen wünscht er nimmer wieder. * * * Je höh'rer Stand, je mehr Gefahr. Don Quixotte und Sancho Pansa.             Versehn mit Harnisch, Helm und Speer, Kam einst von Montiels Gefilde Der Held von Mancha muthig her, Sein Sancho folgte mit dem Schilde.     Welch Abenteuer steht bevor, Und bringt ihm neue Lorbeerreiser? Ist's eine Windmühl'? Ist's ein Mohr? Ein Eseltreiber, oder Kaiser?     Sie ritten lange hin und her, Eh' sie ein Abenteuer hatten, Doch endlich sah von ungefähr Der Ritter seinen eignen Schatten.     Mein Sohn, rief er, hier ist Gefahr, Sieh einmal nach der linken Seite: Wie, Sancho, wirst Du nicht gewahr, Daß neben mir ein Geist hier reite?     Er stieg vom Roß, der Schatten auch, Er zieht das Schwert, der Geist desgleichen, Er haut und sticht auf Kopf und Bauch, Der Geist vergilt ihm Streich mit Streichen.     Er balgte sich noch lange Zeit, Bald wich der Geist, bald kam er wieder, Der Abend endigte den Streit, Der Sieger setzt sich müde nieder.     Herr, fragte Sancho, ist er todt, So kommt, daß wir den Rumpf begraben? Thor! sprach der Ritter, und ward roth, Wer sagt, daß Schatten Leiber haben?     Ein Schatten? sagte Sancho, gut! Mit Schatten habt Ihr Euch geschlagen? * * *     Wer eine Thorheit wissend thut, Was soll man von dem Manne sagen? Das Beil vor Gericht.         Vordem erstreckte sich Athens Gerichtsbarkeit     Sogar auf unbelebte Dinge; Der Mann Pausanias In Atticis lib. I. sagt solches ungescheut.         Einst ward ein Beil davor gezogen,     Das einer Frau an Kopf geflogen. Ein Redner bot sich an, dem Beile beizustehn.     Der Herr der Axt war es zufrieden. Der Redner gehet heim, bestiehlt den Demosthen, Schlägt das Gesetze nach, wie Solon es entschieden;     Er sitzt, er sinnt, er schwitzt, er schmiert     An einer Rede von zwölf Seiten,     Mit vielen Blumen ausgeziert,     Die für der Holzart Wohlfahrt streiten. Nun tritt er kühnlich auf, die Richter gähnen schon, Er hält die Rede nun, sie rühret das Gerichte,     Der Schweiß tritt Allen in's Gesichte, Kurzum, das Beil kömmt los. Es fragt sich um den Lohn. Der Redner martert sich, dem Herrn der Axt zu zeigen, Wie künstlich er's gemacht, der Richter Sinn zu beugen, Was er an Zeit gebraucht. Gut, fiel ihm Jener ein,     Das ganze Beil soll dein nun seyn. * * *         Jetzt würde dieses schwerlich gelten.     Die Sache selbst geschieht nicht selten. Eh' ihr was unternehmt, so überlegt dabei,     Ob's auch der Mühe würdig sey. Der Löwe und der Affe.                   Der Thiere Großsultan, der Löwe, wollte sich     Auf langes Bitten seiner Bassen     Zum Trost der Nachwelt malen lassen. Ein Affe ward geholt, der keinem Dürer wich,     Den Pinsel nach der Kunst zu führen.     Er war ein Maler und Poet,     Und ganz vollkommen im Schattiren.     Er malt die rauhe Majestät     In vollem Harnisch, auf dem Throne;     Zu Füßen lagen Schild und Speer,     Karthaunen standen um ihn her,     Und hinter ihm Mars und Bellone.     Wer ist das? sprach der Großsultan, Als er das Bild bekam. Der Kaiser aller Thiere.     Wer? Ich? was geht dies Bild mich an? Ich bin ja nicht von Erz, wo siehst du, daß ich's führe? Erz ist der Helden Tracht, war Maler Affens Wort. Wer ist der wilde Kerl, fuhr d'rauf der Großherr fort,     Der dort die Augen so verkehret? Das ist der Kriegsgott Mars. Wer? fragt er noch ein Mal, Gott Mars! hab' ich doch nie vom Kriegsgott Mars gehöret.     Wer ist das dicke Mensch von Stahl? Die Göttin alles Kriegs, Bellona, kurz zu melden,     Der Helden Schutz und Führerin.     Du bist ein Narr mit deinen Helden, Mit deinem Kriegsgott Mars, und deiner Kriegerin. Laß, sprach der Großsultan, das Erz herunter schaben.     Ich will ein Löwenbildniß haben. Der Autor und der Mandarin.         In China war ein Mann, den seine Neigung trieb,     Durch eine Menge neuer Schriften     Ein Denkmal seines Ruhms zu stiften:     Unsterblichkeit ist Jedem lieb. Es führte dieser Mann in allen seinen Werken Ein'n Haufen Schriften an: der Vortheil war dabei,     Wie groß sein Büchervorrath sey,     Gelegentlich mit anzumerken.         Des Mannes Ruf erscholl gar bald. Ein alter Mandarin, der viel bei Hofe galt,     Ließ sich ausdrücklich einst verlauten, Daß seine Bücher ihn vor andern sehr erbauten. Der Autor hört's. Der Fall war schmeichelhaft für ihn,     Er geht, und dankt dem Mandarin,     Und schwört mit knechtischer Geberde, Daß er für solches Lob sein Sclave sterben werde.     Nachdem er sich genug bedankt,     So fragt er endlich im Vertrauen,     Wodurch er denn das Glück erlangt,     So einen Gönner zu erbauen? Herr! sprach der Mandarin, das muß ich euch erklären: Wenn ich die Schriften seh', die ihr in großer Zahl An Rand gesetzet habt, so denk' ich alle Mal:     Wie manches Buch kann ich entbehren? Man zweifelt, ob der Schluß dem Autor bündig schien,     Doch könnte dieser Mandarin     Gewisser Deutschen Schriften schauen,     Wie würde sich der Mann erbauen. Der Quell der Jugend.             Man sagt, daß einst ein Quell entsprang, Wo? will ich sagen, wenn ich's finde, Genug, wer aus dem Brunnen trank, Der wurde wiederum zum Kinde. Was kriechen konnte, zog dahin, Manch altes Weibchen kam am Stabe, Und manch mit Reif bedecktes Kinn Erschien daselbst und ward ein Knabe. Die Greise stürmten fast den Ort, Sie hatten stets den Quell umringet, Und ritten, wenn sie sich verjünget, Auf Steckenpferden kindisch fort.     Viel Tausend' wurden wieder jung, Bis das Verhängniß, eh' man's dachte, In einer Erderschütterung Den ganzen Brunnen trocken machte. Der Quell war hin, als man vernahm, Daß doch die Kraft des Quells von Allen, Die ihn besucht, eh' er verfallen, Auf ihre Leibeserben kam. Zwar sie behielten die Gestalt, Die Runzeln blieben an der Stirne, Sie wurden kindisch am Gehirne, Und ihre Leiber blieben alt.     D'rum, wenn ein Alter spielt und flucht, Verliebt ist, oder andre Ränke Der Jugend unternimmt, so denke: Sein Ahnherr hat den Quell besucht. Der Koch und der Herr.                         Es schalt ein Herr bei einem Schmaus             Auf seinen Koch, daß er das Essen Nicht gar genug gekocht, das Salz daran vergessen, Und kurz! nicht recht gemacht. Ei! fuhr der Koch heraus: Ihr Gnaden irren sich; ich habe nichts verbrochen,             Ich weiß wohl, wie ich kochen soll. Nichts weißt du, schrie der Herr; der Koch ward endlich toll,             Und sprach: Er sollt' es besser kochen.             Hiermit sprang er als wie ein Pfeil             Zur Thür hinaus, das war sein Heil; Des Hausherrn Hand war schon zur Antwort ausgestrecket.                 Seht, sprach der Herr, den klugen Schluß, Damit ich sagen kann, was gut und übel schmecket,             Folgt es, daß ich ein Koch seyn muß? Der Fuchs und das Eichhorn.             In sich'rer Höh' gerader Eichen Sah Reinecke, von ungefähr, Ein braunes Eichhorn hin und her Ringfertig durch die Gipfel streichen. O, mein Herr Vetter! rief der Dieb, Es ist mir ja von Herzen lieb, Dich unverhofft hier zu begrüßen; Ich brenne seit geraumer Zeit Vor Sehnsucht und vor Zärtlichkeit, So einen nahen Freund zu küssen.     Das muß ich wohl mit Dank erkennen, Versetzt das Eichhorn, daß du mich So heftig liebst, ich bitte dich, Kannst du mir deinen Namen nennen? Zu dienen, Eichhorn heißet er, Dein Vater, tröst' ihn Jupiter, Und meiner waren rechte Brüder, Vollbürt'ge Brüder, und wir sind Im andern Grad gesippt, mein Kind! O, steige doch geschwind hernieder.     So! sind wir zwei so nahe Vettern, Antwortete das Eichhorn d'rauf, So werd' ich, nimm's nicht übel auf, Nur noch ein wenig höher klettern. Denn meine Mutter lehrte mich, Daß unter nahen Vettern sich Die Eintracht allzeit stärker nähre, Je weiter hier auf dieser Welt, Wo Mein und Dein uns Fallen stellt, Der Eine von dem Andern wäre.     Der gute Fuchs ging seine Straße, Und dachte, daß der Unterricht Von seiner alten Muhme nicht Auf all' und jede Fälle passe, Nur dieses fiel, mit alle dem Dem alten Heuchler unbequem, Daß sein Gewissen ihn belehrte, Daß unter die, bei denen man Die Lehre wirklich brauchen kann, Er und sein Vetter auch gehörte. Der Affe und die Uhr.                 Ein Herr, genöthigt auszugehen, Vergaß, aus großer Eil', die Sackuhr an der Wand,     Wo sie sein zahmer Affe fand, Und that, was er gar oft von seinem Herrn gesehen.     Er machte sie mit einer Binde     Sich um den Leib, und gleich darauf Sah er darnach, und sprach: die Uhr geht zu geschwinde;     Er zog sie gleich von Neuem auf, Eröffnete das Glas, und stellte sie zurücke.     Doch in dem andern Augenblicke Zog er sie wieder vor. Seht, spricht das kluge Thier,     Sie will nunmehr zu langsam gehen.     Das wäre recht! Wie helf' ich ihr?     Er rückt am kleinen Zifferblättchen,     Hält sie sodann mit Fleiß an's Ohr. Der ganze Schlag ist falsch. Er nimmt sie nochmals vor,     Und künstelt unten an dem Kettchen, Stößt in die Räderchen. Der Affe rückt und dreht,     Bis daß das Uhrchen stille steht. * * *     Ach, großer Gott! behüt' uns nur Vor unerfahrner Pfuscher Stricken, Die so an unserm Körper rücken, Als wie der Aff' an dieser Uhr. Die Frösche und der Storch.         Das Froschgeschlecht beschloß ein großes Fest zu feiern,     Und unter sich zugleich ihr Bündniß zu erneuern;     Es schlief die sämmtliche Natur, Als der erwachte Schwarm aus den Morästen fuhr.     Das war ein Blöcken und ein Quaken,     Ein solcher Lärmen, ein Geschrei,     So grob, so klar, so mancherlei,     Daß Berg und Thal davor erschraken. Ganz oben auf dem Sumpf saß ein entsetzlich Thier,     Das schrie so stark, als ihrer Vier,     Und orgelte recht mit der Kehle, Sein Bauch ward groß und klein, als wie ein Blasebalg, Bisweilen stellte sich der abgefeimte Schalk     Als ob ihm Geist und Athem fehle. Durch dieses Lärmen ward der Frösche Prätendent,     Der ihnen wenig Gutes gönnt,     Der Storch, aus seinem Schlaf erwecket,     Davon er gleich den Grund entdecket. So. sprach er, kann man denn nicht eine Stunde ruhn?     Unfehlbar gibt's dort was zu thun     (Die Störche schlafen angezogen).     Er ließ sein warmes Federnest,     Und kam unangemeld't zum Fest     Als wie ein Pfeil herzu geflogen,     Und ehe sich's ein Frosch versah,     So war der Prätendente da,     Und ließ ihr Fleisch sich trefflich schmecken. * * * D'rum merke, daß du bei der Lust Nicht allzu sicher jauchzen mußt, Du möchtest deinen Feind erwecken. Der Apfelbaum und der Nelkenstock.             Ein großer Apfelbaum, der immer Durst empfand, Ward einem Nelkenstock, der ihm zur Seite blühte, Gar aus der Weise gram, weil ihm des Gärtners Hand Bisweilen Wasser gab, wenn er vor Hitze glühte.     Nein! sprach der Neidhart einst mit Hohn,     Du bist wohl eines Junkers Sohn, Den Andre Tag vor Tag aus Pflicht bedienen sollen;     Doch gib es mir nur sicher zu, Es läßt recht lächerlich, wenn kleine Herr'n, wie du,     Als große Fürsten leben wollen. Ich dächte wohl, mein Stamm, den stets die Sonne sengt, Sey zehnmal eher werth, daß er einmal besprengt, Und aus des Gärtners Krug vor dir getränket werde. O, sprach der Nelkenstock, dich tränkt ja schon die Erde,     Dich tränkt die feuchte Witterung, Die geben dir genug zu deiner Sättigung; Was mir Erquickung gibt, das würde dich verderben, Die viele Feuchtigkeit nützt deiner Wurzel nicht,     Genug, wenn sie ihr nicht gebricht,     Von mehrern würde sie ersterben. * * *     So strebt der Neid nach fremder Ehre, Die öfters sein Verderben wäre. Die Rehe.         Mein Kind! du wagest dich so kühnlich in den Wald,     Als ob kein Tiger um uns wohne, – Ersieht er dich, so bist du kalt;     So sagt ein Reh zu seinem Sohne.         Wohl, sprach der Rehbock, saget mir,     Was ist der Tiger für ein Thier?         O Sohn! das ist ein Ungeheuer, Ein Scheusal von Gestalt; sein blitzend Angesicht Verräth den Mörder gleich, sein Rachen raucht vom Blute,     Der Bär ist so erschrecklich nicht, Und bei dem Löwen ist mir nicht so schlimm zu Muthe. Gut! unterbrach der Sohn, nun kenn' ich diesen Herrn.     Er ging hinweg, sein Unglücksstern Trieb ihn zum Tiger hin, der in dem Grase ruhte. Der Rehbock stutzte zwar; doch er erholte sich, Und sprach: das ist er nicht; der Tiger raucht vom Blute,     Und ist abscheulich fürchterlich. Hingegen dieses Thier ist schön, geputzt und freundlich,     Sein Blick zwar feurig, doch nicht feindlich,     O, solchen Tigern geh' ich nach,     Hob er mit Kühnheit an zu schreien;     Doch mocht' es ihn zu spät gereuen, Als ihm das Tigerthier d'rauf das Genicke brach. * * *             Man thut gar wohl, daß man der Jugend     Der Laster Häßlichkeit entdeckt; Jedoch man warne sie auch vor dem Schein von Tugend, Und vor dem süßen Gift, das in den Lastern steckt;     Sonst macht der falsche Glanz von diesen, Daß sie die Laster oft für Tugenden erkiesen. Der Krieg der Füchse und Wölfe.             Füchse stallen nicht mit Wölfen, Und sie sind sich, wie es scheint, Von Natur so spinnefeind, Als ein Ghibellin den Guelphen.     Einst gebar ein todtes Pferd Einen Zwiespalt unter Beiden; Güte wollte nichts entscheiden, Also griff man nun zum Schwert.     Reinecke that Heldenthaten, Reinecke, der Füchse Haupt, Schlägt die Feinde, beißt und raubt, Bis sie selbst um Frieden baten. Selbst der Feldherr bat für sie, Füchse, sprach er, sollen nie Lange mit den Wölfen kriegen; Ein noch dummer Feind wird fliehn, Langes Kriegen lehret ihn Widerstehn und endlich siegen.     Reinecke ward ausgelacht, Und man kriegt noch viele Jahre; Wolf und Füchse ließen Haare, Dennoch kam es nicht zur Schlacht.     Nebst der Last des schweren Krieges Ward die Zeit den Streitern lang, Und, in Hoffnung eines Sieges, Wagte man den andern Gang. Mancher Kopf ging hier verloren, Mancher Krieger lag gestreckt, Und die Wahlstatt war mit Ohren, Schwänzen, Pfoten, Blut bedeckt.     Reinecke braucht Löwenstärke, Isegrimm stritt wie ein Bär, Und der Sieg wankt hin und her; Jeder Theil that Wunderwerke. Endlich ließ der dicke Wald Einen starken Hinterhalt Frischer Hammelfresser sehen.     Hier verschwand der Füchse Glück, Mancher ward ein Raub der Krähen, Mancher ließ den Balg zurück, Andre flohn mit blut'gen Hälsen In die Höhlen, auf die Felsen, Reinecke nach Malepart, Wo ihm erst geglaubet ward. * * *     Die, so über Barbar'n siegen, Sollen nicht zu lange kriegen, Rom erfuhr das Ding genug. Erst durch Schaden wird man klug. Das Pferd und der Esel.                         Ein sattes Pferd ging von der Krippe,             Und fiel vor Wollust auf die Streu,             Ein dürrer Esel stand dabei,             Kein Esel, sondern ein Gerippe. Den redete der Hengst mit diesen Worten an: Wie es geht, guter Greis! du scheinst mir ziemlich hager; Bist du nicht recht gesund? macht dich der Gram so mager? Ach! sprach das Müllerthier, der hat es nicht gethan;             Der Hunger und das viele Tragen,             Des Treibers Fluchen, Stoßen, Schlagen, Mit einem Wort, mein Freund, die Noth ist Schuld daran. O, käme nur der Tod, das Ende meiner Plagen.             Ob es dir schon so elend geht, Erwiederte der Gaul, so sollst du doch nicht klagen, Ein Weiser trägt die Noth, die nicht zu ändern steht. Du leidest nicht allein, und kurz, was willst du machen?             Das Schicksal thut, was ihm gefällt, Dem wird das Leben süß, und dem wird es vergällt,             Das Weinen nützt oft mehr, als Lachen. Da sprach das graue Thier: dein Bauch ist voll und satt, Und deine Weisheit stammt aus dem gefüllten Magen. * * * Der hat gut predigen, und von Verleugnung sagen,             Der selber keine Sorgen hat. Der unschuldige Dichter.             Ein König stellte sich selbst die Nativität,     Und fand, daß seine Majestät Dereinst vom Gähnen sterben sollte; Und weil der gute Herr nicht gerne sterben wollte,     (Denn auch die Großen schreckt der Tod)     So gab er ein Gesetz, das denen,     Die um ihn waren, alles Gähnen     Und alle Schläfrigkeit verbot. Wie wachsam ward der Hof! Ein aufgeräumtes Wesen     Belebt das Land, beseelt die Stadt, Geberde, Rede, Gang war munter, niemals matt. Nur rasche Jugend ward zum Hofdienst auserlesen. Ein Dichter, dessen Witz des Königs Huld erwarb, Kam an den Hof, und las, o klägliche Geschichte! Vor seiner Majestät ein tragisches Gedichte –     Er las, der König gähnt' und starb. Man zieht den Dichter ein, er soll den Kopf verlieren,     Weil er der Königsmörder sey,     Und um ihn selbst zu überführen,     Holt man sein Trauerspiel herbei. Hier, um vor dem Gericht erst den Versuch zu machen, Verliest er auf Befehl selbst das fatale Blatt,     Wobei der Fürst gegähnet hat;     Er liest – und alle Richter lachen. Nein, sagten sie, das ist ein lustiges Gedicht.     Unschuldig sprach ihn das Gericht. Die gefangene Drossel.             Eine Drossel, die sich fing, Als sie nach den Beeren ging, Ließ die Thorheit sich gereuen. Wär' ich, sprach sie, wieder frei, Wie wollt' ich die Leckerei Aerger, als den Geier scheuen!     Eine Jungfer, die sich flink An die jungen Näscher hing, Die sie um ihr Kränzchen brachten, Schrie in der Gewissenspein: Möcht' ich wieder Jungfer seyn, Wollt' ich keinen Kerl mehr achten. Die Füchse.             Zwei Füchse, Sohn und Vater, schlichen, Als kaum die Mitternacht verstrichen, Um ein entschlaf'nes Dorf herum, Voll böser Absicht, leis' und stumm.     Sie nahten eines Hofes Ställen, Da hörten sie die Hunde bellen, Die Thüren knarren, Hähne krähn; Der alte Fuchs sprach: laß uns gehn!     Hier wird der Angriff nicht gelingen, Daher sie sachte weiter gingen. D'rauf stellt ein andrer Hof sich dar, Darinnen Alles stille war.     Nur hört der Sohn, nicht ohne Schaudern, Viel Gänse mit einander plaudern. Der Alte sprach: dies schadet nicht, Hier bellt kein Hund, ich seh' kein Licht.     Sie brachen ein mit gutem Glücke, Und aßen sich an Gänsen dicke. * * * Nicht leicht droht Unfall einer Macht, Sobald der Pöbel schweigt, und die Regierung wacht. Die Nachtigall, der Staar und der Stieglitz.             Pfui! rief einst eine Nachtigall Aus ihrem Käfich, riecht's doch immer Um uns und in dem ganzen Zimmer So übel, als in einem Stall. Wer mag mit so verdorbnen Düften Um uns die reine Luft vergiften?     Das macht der Rauch, versetzt ein Staar, Von Kräutern, die man Knaster nennet, Und unser Herr fast stündlich brennet, Den Dampf davon verschluckt er gar, Und rühmt, man sollte fast erschrecken, Er pfleg' ihm wunderschön zu schmecken.     Was? rief der Sprosser, träumest Du, Er labet sich an diesem Kraute? Wenn er noch Ameiseier kaute, Und äße klein Gewürm dazu, So möcht' er rühmen, was zu haben, Das werth ist, Könige zu laben.     Vergebt mir, warf der Staarmatz ein, Er würde, wollt' er ja nichts sparen, Mit altem Käse besser fahren.     Mit altem Käse? Geh', du Schwein! Ich rieth' ihm lieber Holz zu essen, Als ein so ekelhaftes Fressen.     Ein kluger Stieglitz pfiff sie aus, Und sprach: Ihr Herr'n! Ihr irret beide Mit Eurer schlechten Schnabelweide, Ich weiß wohl einen bessern Schmaus. Er sollte Distelköpfe kosten, Das ist ein Essen für Starosten. * * *         Wenn Du jedwedem Urtheil trauen Und Dich nach Allem richten willt, Was Diesem schmeckt, und Jener schilt, So mußt Du endlich Disteln kauen. Der Uhrensaal.             Es trat in den vergang'nen Zeiten Ein Phönix in der Kunst hervor, Ein Mann, vor dessen Seltenheiten Der Künstler Werk den Preis verlor. Ihm lösten sich der Wahrheit Siegel, Sein Witz zerbrach des Irrthums Riegel, Und drang auf der entdeckten Spur Zum Heiligthume der Natur.     Ein Saal, den Marmorbögen banden, War es, wo dieses Meisters Hand Durch Uhren, die nie stille standen, Ein neues Wunderwerk erfand. Ihr Lauf beschrieb verschied'ne Kreise, Und keine wich aus ihrem Gleise, Obschon das Uhrwerk, das sie trieb, Den Augen ein Geheimniß blieb.     Da Alle hellen Kugeln glichen, So war ihr Glanz doch mancherlei, Die, der an Schönheit kleine wichen, Kam größern an der Pracht nicht bei. Die Klügsten mußten es bekennen, Und jede was Vollkommnes nennen, Nur merkte man mit Achtsamkeit Die Stufen der Vollkommenheit.     Dies Kunsthaus widerstand den Jahren, Es priesen Alle, die gereist, Und Alle, die im Lande waren, Den unnachahmlich großen Geist. An allen diesen Wunderuhren Sah Niemand einer Aend'rung Spuren, Und jede lief an ihrem Ort' In der gekrümmten Bahne fort.     Doch wird des Künstlers scharfes Auge Zuletzt an einer Uhr gewahr, Daß sie im Grunde nichts mehr tauge, Und sein Entschluß ist sonderbar: Er scheinet wegen Einer schlimmen Nun über Alle zu ergrimmen, Verderbt sie selbst, und ziert sein Haus Mit lauter neuen Uhren aus.     Viel sind, die diesem widersprechen; Sollt' er den Fehler einer Uhr An den vollkommnen Werken rächen? Er ist von edlerer Natur. Will er den Uhrensaal behalten, Warum verheert er denn die alten, Die so vollkommen, so geschwind, So wunderbar, so herrlich sind?     Nein! sagten sie, das ist erdichtet, Der Augenschein hat Euch bethört, Da er das böse Werk vernichtet, Als sey der Uhrbau selbst zerstört. Doch kaum sank die verworf'ne nieder, So zeigten sich die andern wieder, Und wurden, da der Fall gescheh'n, Für neue fälschlich angeseh'n.     Wer hat nun Recht von beiden Theilen? Entscheidet, Menschen! diesen Streit. Ihr müßt Euch hier nicht übereilen, Wenn Ihr vielleicht der Meinung seyd, Daß Gott bei dem Gericht der Erde Das Weltall selbst vernichten werde, Weil der so oft genannte Mann, Der große Künstler, Gott seyn kann. Die zwei Hähne.             Zwei Hähne hoben an zu kriegen, Und schimpften sich ganz ungesund. Der Eine schrie: Heraus, Du Hund! Ich, oder Du, muß todt hier liegen.     Sie rücken auf einander los, Den Zweikampf muthig anzuheben: Wer gibt, wer kriegt den ersten Stoß? Wer unter Beiden läßt das Leben?     Kopf gegen Kopf, Hahn gegen Hahn, Sieht man in kurzem Lager stehen, Sie sehn sich ein halb Stündchen an, Als sie still aus einander gehen.     Sie blieben ehrlich nach wie vor. Die kurze Thorheit ist die beste; Wer Zweikampf sucht, der ist ein Thor, Und wer sich schlägt, der ist der größte.     Viertes Buch.         In Fabeln spricht das Meer, die Elemente hören, Der harte Fels gebiert, die Thier' und Vögel lehren,     Es reden Baum und Stein, der Wurm, die Fliege spricht,     Und jedes Wesen gibt uns Lehr' und Unterricht; Die Wahrheit wird zum Traum, man siehet Drachen fliegen, Ein ganzes Kranichheer mit den Pygmäen kriegen;     Hier gilt, was Menschenwitz von einer andern Welt     Nur jemals im Gehirn sich möglich vorgestellt. Glaubt nicht, als ob der Zweck nur das Vergnügen wäre; Der Fabelzucker deckt oft eine bittre Lehre.     Der Leser sieht das Bild, er lacht des Fuchses List,     Merkt aber schamroth oft, daß er getroffen ist. Die Fabel, die nicht lehrt, kehrt sich in leere Dünste, Und füllt das Haupt mit Rauch; das sind der Perser Künste.     So träumt ein wilder Kopf, erhitzt vom Sonnenbrand,     Der, wo er nur hin sah, Gespenst und Riesen fand. Aesop, der häßlichste von Xantus Sudelknechten, Lehrt in zwei Stunden mehr, als sie in tausend Nächten,     Und Reinecke der Fuchs gibt, wie ein Morhof sprach, ^     Dem göttlichen Homer an Weisheit wenig nach. Der Mond und der Comet.             Die Zeit verbarg des Tages Schein, Die Nacht schwang ihre feuchten Flügel Schon über die bethauten Hügel, Und schlummerte den Erdkreis ein; Ihr Schatten wich dem Sternenlichte, Der Mond streckt' sein verhüllt' Gesichte Mit silberfarb'nen Hörnern an. Nicht weit von ihm stand ein Comete, Der seinen Schweif in schiefer Bahn Nach dem bestirnten Süden drehte. –     Weißt Du auch, Nachbar, sprach der Mond, Wie schrecklich von Dir auf der Erde Von manchem Volk geredet werde, Das ihr verdunkelt Rund bewohnt? Man sagt, Du sey'st ein Unglücksbote, Der Hunger, Pest und Würgen drohte, Dein Anblick schreckt, was sterblich ist; Ja, es besorgt der Mensch nicht selten, Wenn Du am Himmel sichtbar bist, Den nahen Umsturz aller Welten.     Wie, ich? o Mond! wo denkst Du hin? Rief der erstaunende Comete, Ich sey ein Pest- und Kriegsprophete? Weiß denn die Erde, daß ich bin? Ja! fiel die Antwort. Alle Schritte, Die Du gethan, und alle Tritte, Die Du noch thun sollst, sind bestimmt. Man hat das Maß von Deinem Gange, Und wenn Dein Strahl den Rückweg nimmt, Weiß man es auf der Erde lange.     So wissen, fiel der Schwanzstern ein, Vermuthlich auch die Erdenleute Die zwischen uns gesetzte Weite, Wie kann ich ihnen schrecklich seyn? Warum nicht? sagte der Planete, Man hat gemerkt, wenn ein Comete Sich unserm Erdenball genaht, Daß Theurung, Seuchen, Krieg entstunden, Und da es Niemand andrer that, Ward der Comete Schuld befunden. Wahr ist's, man hört genug von Pest, Von Theurung und von Kriegsgetümmel, Wenn auch Dein Stern im obern Himmel Der Erde sich nicht sehen läßt. Hier wurde der Comet entrüstet: O, wenn Ihr meinen Ursprung wüßtet, Verleumdrisches Geschlecht, sprach er, Was mögt Ihr Euch für Fallen graben! Da nicht einmal die Sterne mehr Vor Euch am Himmel Friede haben! Die Hirsche.               Es ging ein starker Hirsch, der sein Gehörne nur     Vor kurzem abgesetzt, auf Wermsdorf's fetter Flur,     Mit seinen Weibern, Kindern, Vettern, Und kam zu einer Saat; allein, wie stutzt die Schaar, Da zwischen Wald und Saat ein Sumpf vorhanden war, Voll von geschmolznem Schnee und dürren Birkenblättern. Ihr Kinder! sprach der Hirsch, folgt mir nur Schritt vor Schritt,     Sonst werdet Ihr Euch sehr bespritzen. D'rauf ging er durch den Pfuhl, die Kleinen liefen mit,     Und kamen glücklich aus der Pfützen.     Jedoch so rein lief es nicht ab,     Daher es viel zu spotten gab.     Ein Schmalthier, das zurück geblieben, Rief ihnen hämisch nach und sprach: Ihr Herr'n, mit Gunst,     In Koth zu gehn ist keine Kunst. Ihr seyd ja voller Schmutz, und glänzet gleich den Sauen,     Seht her, ihr sollt was Andres schauen;     D'rauf that der Spötter einen Sprung, Daß Alles um ihn pfiff; allein, wie ging's dem Thoren,     Meint Ihr, daß ihm der Satz gelung?     Er fiel in Schlamm bis an die Ohren. * * *     Jeder prüfe seine Stärke. Eh' Du Andre höhnest, merke: Ob du nicht dem Orte nahst, Wo du Jene straucheln sahst. Die Flinte und der Hase.             Ein Jäger schlief im Haferschwaden, Und stützte sich auf seine Hand, Sein Rohr, mit grobem Schrot geladen, Lag ihm zu Füßen aufgespannt. Ihn sah und floh ein blöder Hase, Der doch die Furcht bald fallen ließ, Und näher kam und mit der Nase An die gelad'ne Flinte stieß.     Verwegner! geh', hob hier die Flinten Mit drohenden Geberden an, Wie? weißt du nicht, daß ich von hinten Dich nach der Hölle schicken kann? Vor meinem Blitz erschrickt der Tiger, Der Löwe, Bär, das Schwein und Rind, Die Alle muthiger und klüger, Als ein verzagter Hase sind.     Mein Freund! Du irrst in Deinem Satze, Warf ihm der Langohr lachend ein, Vor Deinem Droh'n läuft keine Katze, Dein Herr ist's, den wir Alle scheu'n, So lange dessen Augen wachen, So fürchtet Dich auch jedes Thier; Allein, wenn sie sich dunkel machen, Dann hat es keine Noth allhier. * * *     Was hilft Gesetz, was helfen Strafen, Wenn Obrigkeit und Fürsten schlafen? Der Fuchs und der Marder.             Ein Fuchs, der manches Huhn den Bauern abgenommen,     Ließ Nachbar Mardern zu sich kommen.     Freund! hob er an, ich bin betagt,     Und, wie Du siehst, nicht weiter tüchtig Den Hühnern nachzugehn; mein Fuß ist zwar noch flüchtig,     Allein der Schnupfen, der mich plagt, Benimmt mir alle Kraft, das Wildpret aufzuspüren,     Deswegen könntest Du mich führen;     Es mangelt Dir nicht an der Spur. Zu dienen! sprach der Freund, mein Herr befehle nur,     Vor mir mag sich kein Raub verkriechen,     Ich kann ihn auf die Meile riechen,     Es sey Huhn, Tauber, oder Hahn. Indessen sah der Fuchs des Führers Rüssel an,     Und sieh', es guckt auf allen Seiten     Das Zahnfleisch durch die Schnauze vor.     Was ist das? sprach der Fuchs, der schon den Muth verlor; Ach, nichts, versetzte der. Wie? gar nichts? Kleinigkeiten, Doch aber? Je, mein Herr! sing Nachbar Marder an,     Der Dorfhund Greif hat es gethan,     Der Bube hat mich so gebissen,     Und mir das Maul mit aufgerissen. O! seufzte Reinecke, wenn diesem also ist,     So werd' ich keine Feder rupfen;     Dir fehlt die Nas', ich schwimm' im Schnupfen. * * *     Wer Schwache leiten will, der sey Von ihrer Schwachheit selber frei. Der Hamster.         Es zog der schnöde Geiz bei einem Hamster ein,     Nie mag ein Thier so karg, wie er, gewesen seyn. Er schwatzte stets von Korn, und träumte nur von Garben; Sein Abgott war Gewinnst, sein Zweck, sich reich zu darben.     Der Bissen that ihm weh, den er des Tages aß,     Die Früchte schmeckten ihm, die er nicht selbst besaß, Und endlich ließ der Filz sein Weib vor Hunger sterben; Er that es, o des Schimpfs! um mehr von ihr zu erben.     Er ward im Hamsterrath auch peinlich angeklagt,     Die Mordthat im Verhör von Zeugen ausgesagt, Und von dem Thäter selbst in den verjährten Banden, Vielleicht aus Ueberdruß, freiwillig eingestanden.     Man ließ, was fehlte mehr? den Rechten ihren Lauf,     Und Viele knüpften ihn schon in Gedanken auf, So sicher schien sein Tod. Allein das Urtheil wollte, Daß er sofort der Haft entlassen werden sollte,     Und weil, so schloß es sich, Beklagter selbst bekannt,     Daß seine Frau den Tod durch seine Kargheit fand, So werden ihm von uns, sich besser zu verpflegen, Zwei Scheffel Korn geschenkt, und das von Rechtes wegen.         Die ganze Hamsterwelt ward auf die Richter toll;     Wer ist des Todes werth, wenn Dieser leben soll? Macht man den Frauenmord zu einem Mitteldinge, Beschenkt man einen Schelm, der noch zu gnädig hinge?     So sagte Jedermann; der Geizhals läßt sie schrein,     Er scharret das Geschenk in seine Speicher ein, Er ißt vor Geiz nicht mehr, die Furcht wehrt seinem Schlafe, Er starb bei seinem Schatz, und das war seine Strafe. Die Mäuse.             Es sprach unlängst im Rath der Mäuse Ein junger Rathsherr von der Reise, Die er vollbracht, und was dabei Ihm selber zugestoßen sey. Was unter finstrer Dächer Höhlen Er hörte, schmeckte, sah und roch, Berührte, speis'te, fand, bekroch, Das wußt' er deutlich zu erzählen.     Ja, fuhr er fort, auf manchen Böden Sind Thiere, die wie Mäuse reden, Sie sehn uns gleich vom Kopf zum Bauch, Sie sind geöhrt, wie wir, und rauch. Doch, hört, ich sage keine Lügen, Sie hüllen sich, so groß als klein, In dünne, braune Mäntel ein, Darinnen sie wie Vögel fliegen.     Da riefen zwei erfahrne Greise: Du Narr, das waren Fledermäuse, Die man hier täglich sehen kann; Um dieser willen durfte man Dich nicht in fremde Länder senden. * * *     Und so verreisen viel ein Lehn, Um in Paris ein Ding zu sehn, Das sie umsonst zu Hause fänden. Der Kobold.                 Die Zeit zermalmet Stahl und Stein, Thron, Schönheit, Schwert und Buch zerstiebt durch ihre Feile,             Sie stürzt auch Mausoleen ein,             Ihr Zahn vertilgt die Vorurtheile.             Jetzt ist nichts unter'm Himmel leer, Jetzt darf die Erde sich trotz Ketzermachern drehen,             Jetzt brennt man keine Hexen mehr, Jetzt kann ich ohne Furcht auf Gegenfüßlern stehen. Ich lobe mir die Zeit, in der wir jetzo sind,             Wenn unsre Väter, wie wir lesen,             Der Eitelkeit mehr feind gewesen,             So sind wir Kinder nicht so blind. Als noch der böse Nix die Wöchnerinnen schreckte,             Der Kobold hübsche Mädchen neckte, Die weiße Frau dem Knecht das Deckebette nahm, Und der verwünschte Mönch des Nachts zur Köchin kam, Ließ auch auf einer Burg ein Poltergeist sich sehen,             Klein wie ein Zwerg, vom Ansehn alt,             Als Greis in runzlichter Gestalt,             Gekleidet wie die Pilger gehen.             War je ein Kobold lobenswerth, So war es dieser hier: er stand vor Stall und Herd, Doch durfte man durch Spott es nicht mit ihm verderben,             Sonst folgten Schläge, Beulen, Scherben. Dabei besaß er auch die Kunst zu prophezei'n, Nie fiel ein Sterbetag bei seiner Herrschaft ein             Da man nicht, eh' der Fall geschehen,             Den Zwerg in Boy verhüllt gesehen. So suchte dies Gespenst durch Dienst und guten Rath             Dem Geisterpöbel vorzudringen.             Ich will nur einen Streich besingen, Den allerklügsten Streich, den je ein Kobold that!             Es sah das Schloß nicht ohne Schauer             Ihn plötzlich in der tiefsten Trauer, Ein abgekrempter Hut, der fast den Mann verbarg, Ein ungeheurer Flor, der sich nicht enden wollte, Dies Alles wies, daß bald ein Großer sterben sollte. Die Meisten deuteten es auf des Burgherrn Sarg,             Viel riethen auf den Sohn und Erben,             Ja, Mancher sah sie beide sterben.             Man rieth sich endlich ungesund;             Indessen starb des Burgherrn – Hund. Hier hörte man den Herrn auf seinen Kobold schmälen: Was? willst du einen Hund zu meiner Freundschaft zählen?             Nur nicht zu hitzig, rief der Geist, Wer ward von dir geküßt, aus deiner Hand gespeist? Wer lag an deiner Brust? Wer schlief in deinen Armen? Wer war dein Augentrost, und fand bei dir Erbarmen? Wer anders, als dein Hund? Es fiel mir also ein,             Daß er vielleicht dein Bruder wäre. * * *         Hier schämte sich der Herr. Du, merke dir die Lehre: Wer Thier' als Menschen liebt, der scheint kein Mensch zu seyn. Die Kinder.       Zwei Kinder spielten einst hart an des Piko Piko , der höchste Berg in der Welt, auf der Insel Teneriffa. Fuß,             Und faßten kühnlich den Entschluß,             Um ihre Fertigkeit zu zeigen,             Des Berges Gipfel zu ersteigen.             Sie mochten kaum zehn Schritt hoch seyn,             Da hörte man sie jauchzend schrein:             O, welch entzückendes Vergnügen!             Wir haben schon den Berg erstiegen. * * *                     Es blies sich Einer auf, und sprach:             Ich gehe der Gelahrtheit nach; Ein And'rer rief: Vernehmt, daß ich nach Weisheit reise;             Kaum hatten sie fünf Schritt gethan,             So schrie'n sie: Menschen! seht uns an,             Ich bin gelehrt, und ich bin weise. Charon und Merkur.             Der Fährmann jener Unterwelt, Herr Charon, war sehr reich; in vier-, fünftausend Jahren     Kann sich ein Fährmann viel ersparen, Zumal ein Wirth, wie er, der kein Gesinde hält, Der weder ißt, noch trinkt, nicht in die Schenke gehet, Und keinen Rock gebraucht, seit er im Amte stehet.     Es faßte Charon den Entschluß, Sich in Elysium ein Grundstück anzukaufen,     Wozu gut Geld man haben muß; Hingegen war sein Sold in Kupfer eingelaufen. Einst, als er auf dem Styx nach frischen Seelen fuhr,     Wandt' er sogleich sich zu Merkur, Und bat ihn, einen Theil von seinen großen Schätzen Auf uns'rer Oberwelt in Silber umzusetzen.     Der Gott des Handels und der Diebe     That es dem Charon auch zu Liebe, Er nahm den Plunder an und wandte seinen Flug Nach Deutschlands Grenzen hin, woselbst er einst bei Nachte Den Scheidemünzenwust in die Gewölber trug, Und lauter Silbergeld dafür dem Charon brachte. Seit dieser schlimmen Nacht hat sich das Kupfergeld     Zu Millionen eingefunden,     Die Drittel aber sind verschwunden,     Und wuchern in der Unterwelt. Die zwei Kaninchen.         Unter eines Kirschbaums Schatten Hielten zwei Kaninchen Rast, Zwei Kaninchen, Wirth und Gast, Und, als sie geruhet hatten, Scherzten sie im Gras herum, Treten manches Blümchen krumm, Das erst gestern aufgeblühet, Hüpfen hin und hüpfen her, Bis der Gast von ungefähr Ueber sich was Fremdes siehet.     Gleich hebt er den Kopf empor, Macht ein Männchen, spitzt das Ohr, Und erblicket einen Schützen, Zwar von Stein (ihm unbekannt), Seine Flint' auf ihn gewandt, Um ihm auf den Pelz zu blitzen. Unserm Häschen wird so heiß, Daß es nicht zu bleiben weiß.     Endlich merkt es sein Geselle: Freund! rief er, was soll das seyn? Jagt dir etwas Schrecken ein? Freilich grauet meinem Felle Vor dem Jäger, der dort liegt.     Ach! sprach Jener, sey vergnügt, Der hat Keinen ausgerottet. Wisse, dieser böse Mann Zielt, so lang' ich denken kann. * * * Zorn mit Ohnmacht wird verspottet. Die Nachtigall und der Gimpel.             Der Menschen Lust, der Vögel Zierde, Die Nachtigall, floh, voll Begierde Nach fremder Luft, ihr Vaterland; Der Wald schien leer, da sie verschwand, Die Zahl der Trauernden unzählig, Nur ihre Neider waren fröhlich.     Ein junger Gimpel, schön vor andern, Entschloß sich, willig mit zu wandern, Sein Ansehn war ihr wohl bewußt, Ein feurig Roth brannt' auf der Brust, Der Kopf war schwarz, und grau der Rücken; Mag sich ein Vogel schöner schmücken?     Es trugen sie die leichten Flügel Bald über Seen, bald über Hügel, Sie flogen endlich manchen Tag, Bis einst ein Wald vor ihnen lag. Was kann die Vögel mehr vergnügen? Sie säumten nicht, herab zu fliegen.     Sie senkten sich noch fliegend Beide, Als schon den Bürgern dieser Haide Der Ruf von ihnen Nachricht gab. Indessen flogen sie herab, Und fanden ganze Vögelschaaren, Die, sie zu sehn, gekommen waren.     Des Schiffes Lauf bestimmt das Segel, Ein bunter Schmuck den Ruhm der Vögel, Des Menschen Werth gar oft ein Kleid. Man pries des Gimpels Kostbarkeit; Ei, sprach man, was für inn're Gaben Mag nicht ein solcher Stutzer haben?     Die Nachtigall fand wenig Ehre, Es hieß, daß sie der Diener wäre; Man schloß, wie viele kleine Herr'n, Blos von den Schalen auf den Kern. Der Gimpel wird ersucht zu singen; Man glaubt, es würde himmlisch klingen.     Der Gimpel sang, die Vögel lachten, Als sie nicht fanden, was sie dachten; Er sang, wie ein Dompfaffen-Sohn, Langweilig, stets in einem Ton. Hier sah man nun mit Mißvergnügen, Daß Putz und Schönheit öfters trügen.     Jetzt läßt sich Philomele hören, Es wechseln in den Vögel-Chören Verwund'rung, Lust und Achtsamkeit. Ihr Lied bezaubert selbst den Neid, Die Stärk' und Göttlichkeit des Klanges Rührt alle Töchter des Gesanges.     Die Schönheit, rief man, deiner Lieder Beschämt, o Fremdling, dein Gefieder! * * * So mehrt des Körpers schlechtes Kleid Erhab'ner Geister Trefflichkeit, Anstatt daß wir in schlechten Seelen Die Schönheit zu den Fehlern zählen. Das Kameel.         Es ließ sich ein Kameel, das mit gebog'nem Knie Vor seinem Meister lag, mit Waaren stark belasten; Man brachte Sack und Pack, und manchen schweren Kasten,             Dies Alles litt das gute Vieh. Es seufzte nicht einmal, bis es bei sich verspürte,             Daß es die volle Ladung führte. Da stand es wieder auf, allein des Meisters Hand             Zwang es, sich abermals zu bücken,             Der auf das arme Thier noch viele Lasten band; Er band, und sieh'! es warf die ganze Fracht vom Rücken. * * *                     Gebt Achtung, wenn ihr Kinder lehrt, Daß ihr auf ein Mal nicht sie allzu starr bescheert.             Es geht den Jungen, wie den Alten, Wer Alles fassen soll, wird endlich Nichts behalten. Der Löwe und der Ziegenbock.             Der Löwe war nicht aufgeräumt, Und hatt' ihm nicht vom Alp geträumt, So war ihm sonst was widerfahren; Der Fuchs und Bär verkrochen sich, Weil sie dabei gemeiniglich Des Lebens wenig sicher waren.     Es hörte damals ganz allein Der Geißbock, ohne sich zu scheu'n, Den Löwen poltern, schmälen, wittern. Trotz manchem Fluch, er mußte d'ran, Und sollte stracks vor seinem Zahn Der Wald und alle Thiere zittern.     Nachdem er sich recht satt geflucht, Wandt' er jetzt seine Donnerstimme Zum Bock, und fragt' im halben Grimme, Weßwegen er ihn jetzt besucht?     Der arme Geißbock war zur Stunde Mit einer guten Antwort da, Sie hatte Noth und Recht zum Grunde; Doch da hieraus der Wüthrich sah, Daß dieses nichts verfangen wollte, So sprang er gählings auf ihn zu, Und schrie, als ob er bersten sollte: Du Bösewicht, du Bube, du! Wie hast du dir das Herz genommen, Mit einem Bart zu uns zu kommen, Da du schon längst berichtet bist, Daß uns ein Bart zuwider ist? O himmelschreiendes Verbrechen! So große Bosheit muß ich rächen. Was? einen Bart? das ist zu viel! Der Tod des Bocks beschloß das Spiel. * * *             Der Narren Zorn entbrennt noch mehr, Wenn er nichts hat, ihn anzublasen. Und blos darüber raset er, Daß er nicht Ursach' hat, zu rasen. Die blinde Kuh.         Thoms, Merten, Görge, Hans, vier abgefeimte Jungen,             Des Unfugs Vorlauf, tanzten, sprungen In einem Bauerhof. Thoms rief den Andern zu: Kommt her, und spielet blinde Kuh.             Man warf das Loos, das Loos traf Görgen, Und Görge wird sogleich verbunden vorgeführt, Und sucht die Andern auf, die sich geschwind verbergen. Hört, rief die blinde Kuh, thut auch, was euch gebührt,             Sobald mein Fußwerk irre gehet, Und sich dem Pfeiler naht, der bei der Thüre stehet, So ruft mir zu: Es brennt! Ja, riefen Alle, ja, Und Görge taumelt fort, ruft endlich: hört ihr, Brüder,             Und sagt: bin ich dem Pfeiler nah? Du bist noch weit davon, erschallt die Antwort wieder. Nun haspelt Görge sich im Traume weiter fort, Geht rückwärts, wie ein Krebs, und nahet schon dem Ort Daran der Pfeiler stand; er fragt: ist hier der Pfeiler?             Noch nicht, schrie'n die verlog'nen Mäuler,             Und Görge, der betrogne Tropf,             Springt zu, und rennet mit dem Kopf Derb an den Pfeiler an, daß ihm die Ohren klungen.                 Die Peitsche lohn' euch, falsche Jungen!             Rief Görge mit gebläutem Haupt,             Ein Narr, der euch jetzt weiter glaubt! * * *                         Mensch! dieser Görge bist auch du,             Du spielst mit dir selbst blinde Kuh. Du bist, und weißt es nicht, auf deinem Todesgange,             Jetzt ruft der Geiz: du lebst noch lange; Jetzt stimmt die Ehrsucht ein: du stirbst so bald noch nicht; Noch lange, lange nicht, hörst du die Wollust singen,             Du traust dem trügenden Bericht, Läufst blindlings in den Tod, und oft in vollen Sprüngen.             Wenn Wollust, Ehr' und Geiz noch ruft,             So stürzest du schon in die Gruft. Die Wespe und der Knabe.             Eine kühne Wespe stach Hänschen, als es Aepfel brach, In die Hand, eh' er es dachte. Hänschen, das erbärmlich schrie, War so glücklich, daß es sie Auf der Flucht noch habhaft machte.     Gnade! rief die Thäterin, Weil ich gar nicht strafbar bin; Willst du Blutschuld auf dich laden? Meinen Stachel, der dich kränkt, Hat mir die Natur geschenkt, Und ich muß gezwungen schaden.     Mußt du's? fragt der kleine Mann. Ja, da ich's nicht ändern kann. Eben d'rum, versetzt der Knabe, Weil dir das unmöglich fällt, Schaff' ich dich auch aus der Welt, Daß man Friede vor dir habe. Die Krähe und die Elster.                     Zwei abgelebte Lügenschwestern,         Sibyllen in der Kunst zu lästern,         Die Elster und die Kräh', ein auserles'nes Paar,         Verplauderten das ganze Jahr,         Und lachten über andre Leute,         Bis sie ihr Handwerk selbst entzweite, Und die erhitzte Kräh', jähzornig von Natur,         Der Elster ew'ge Feindschaft schwur. Die Elster blieb beherzt, ob ihr gleich Viele riethen,         Bei guten Zeiten auszuziehn,         Und anderswo sich einzumiethen.         Wie? sagten sie, du willst nicht fliehn, Die Krähe drohet dir die Augen auszuhacken. Das ist die Folge nicht, deßwegen einzupacken, Versetzt die Elster d'rauf, habt ihr nur Acht auf sie,         Je grimmiger sie scheint zu wüthen,         Je leichter kann ich mich auch hüten. Der Mond war wieder neu, als eines Morgens früh         Man uns'rer Elster wieder sagte,         Der Krähe Zorn sey meist vorbei. Warum? weil sie nicht mehr sich wie zuvor beklagte,         Und von der Elster stille sey.             Nein? ließ sich Diese wieder hören,         Jetzt muß sich meine Sorge mehren,         Dies schreckt mich ärger, als ihr Zorn.         Es ward nunmehr der Elster bange. Sie flog behutsam aus, und blieb nicht allzu lange.         Indessen reifte schon das Korn,         Da fanden sich die Freunde wieder;         Getrost, wirf Furcht und Schwermuth nieder, Die Krähe schenket dir die alte Zärtlichkeit, Und zum Beweis: sie hat nur vor vergang'nen Wochen         Mit vielem Ruhm von dir gesprochen.             Nun, sprach die Elster, hab' ich Zeit, Sie lobt mich, ach, wie schlau! die offenbaren Feinde Sind arg, noch ärger die, die still und heimlich gehn; Doch wißt, die Lobenden sind ärger, als die zween.         Ich geh' von hier, lebt wohl, ihr Freunde. Mann und Frau.                     Ein Mann, in dessen Blute sich         Die Mücken um die Wette tränkten,         Und ihm des Nachts so manchen Stich,         So manche dicke Beule schenkten,         Schlug in den Aerzten nach, und fand, Daß das Cypressenholz das Mückenvolk verjage,         Ob's wahr auch sey? ist nicht die Frage. Genug! der Alte nahm das Mittel gleich zur Hand,         Legt' einen grünen Zweig auf's Bette, Und schlief der Frau darauf so sanft im Arm jetzt ein,         Als ob er nichts zu fürchten hätte. Indessen mit der Nacht kam auch die alte Pein, Der klein' und arge Feind schlug ihm mit seinen Pfeilen         So viele Wunden, Löcher, Beulen,         Daß er sich fast nicht ähnlich sah. Ei, lieber Eheschatz! ist denn kein Mittel da, Daß man das Mückenpack dir von dem Leibe banne?         Sprach früh die Frau zu ihrem Manne. Was, Mücken? sprach der Mann, das sind die Mücken nicht, Hier liegt Cypressenholz, das hat sie längst vertrieben, Allein das ist Geschwulst, die aus dem Innern bricht, So sprach der Mann, und war dabei geblieben. * * *             Was sich ein Narr in Kopf gesetzt, Das hält, wie eine Schrift, die man in Marmor ätzt. Ich glaube, saget er, was große Männer sagen, So lehret ein Cujaz, ein Gerhard, ein Cornar, Und ein Cartesius: deßwegen ist es wahr,     Ich lasse mich dabei erschlagen. Damon und Pythias.                 Wer hat den größten Schatz auf Erden,         Und wo mag er gefunden werden? So frug, wenn man es glauben soll, Der Grieche Damon einst den delphischen Apoll. Des Gottes Antwort war: Du hast ihn längst besessen,         Und weißt es nicht, vor deiner Thür         Wirst du ihn finden, traue mir. Wie schnell fliegt Damon fort! Jetzt geizig, erst vermessen, Wie? denkt er, scherzt Apoll? Nein! Göttern ziemt kein Spaß. Jetzt sieht er schon sein Haus; da steht sein Pythias.         Mein Theurer! ruft er ihm von Weitem,         Ein Schatz, der größte Schatz liegt hier,         Komm eilends, halb gehört er dir.         Sie waffnen sich mit Grabescheiten, Der Ort wird umgewühlt; sie graben in die Nacht,         Kein Feierabend wird gemacht. Kein Schatz erscheint. Doch seht! mit lächelnder Geberde Wirft Damon unverhofft sein Werkzeug auf die Erde:         O, rief er, bin ich nicht ein Thor?         Freund! den die Tugend mir erkor,         Komm, Pythias! laß dich umfangen, Du bist der größte Schatz! kann Damon mehr verlangen?         Ich billige des Griechen Satz: * * * Ein treu erfund'ner Freund, der ist der größte Schatz. Das Pferd.             Ein aufgezäumtes Roß stand länger als zwei Stunden Vor einer Hausthür angebunden, Die Fliegen stachen es, ihm fiel bei dieser Pein Die Härte seines Schicksals ein.             Hat wohl ein andres Thier mehr Plagen? Bald muß es seinen Herrn und sein Gepäcke tragen,             Bald den belad'nen Wagen ziehn, Und mehr als möglich thun, der Peitsche zu entfliehn. Nie thut es einen Schritt, als mit des Reiters Willen,             Oft läßt sein Meister ihm nicht Zeit, Mit einem Trank den Durst zu stillen. Der Jugend Kraft verfliegt in steter Dienstbarkeit. Was ist sein Lohn dafür? Die kurze Ruh' im Stalle,             Ein wenig Hafer, Heu und Stroh,             Des Lebens wird es nimmer froh.             Hier regte sich des Pferdes Galle;             Es riß im Grimm den Zaum entzwei, Setzt über Fels und Fluß, und sprang mit schnellen Füßen Dem dicken Walde zu. Nun war es endlich frei, Doch eine Stunde d'rauf ward es vom Wolf zerrissen. * * *         Des Dieners Stand ist hart, doch besser jederzeit, Als Freiheit ohne Sicherheit. Die ungestalte Tochter.                   Ein armer Bauersmann zog unter sieben Kindern Nur eine Tochter groß, von häßlicher Gestalt. Wer wollte solche frein? Geduld! es wies sich bald, Die Freier ließen sich durch die Gestalt nicht hindern. Ein Bärenführer kam, und wünschte sie zur Braut. Der Vater war ein Mann von altem Schrot und Korne, Herr! sprach er, deutsch gesagt, mein Kind ist schlecht gebaut. – Ach! dieses irrt mich nicht. – Der Rückgrath steht ihr vorne, –             Gar wohl! – die Haut ist wie ein Sieb             Voll Löcher! – O, das ist mir lieb –             Die Nase fehlt ihr. – Immer besser! – Sie ist vier Schuh hoch, und nicht größer. – Vortrefflich! – Aber hört, die Beine stehn ihr krumm, Sie hat die Wassersucht, ist grindicht, taub und stumm. – Was? ihr entzücket mich, erwiederte der Freier,             Ich suche längst ein solches Weib,             Dergleichen ungeschaff'ner Leib             Ist dieser Zeiten ziemlich theuer. – Allein, was nützt sie euch? Sie ist ja lahm und krumm? – Gar viel, ich ziehe fast in aller Welt herum, Und zeige, doch für Geld, dem Volke fremde Thiere,             Das bringt mir manchen Thaler ein; Wenn ich nun dieses Mensch im Kasten mit mir führe,             Wie reich will ich in Kurzem sein? * * *     Nichts ist so häßlich zu ergründen, Und doch wird es Verehrer finden. Die Eule unter den Vögeln.                             Als vor Kurzem Jungfer Eule                 Vor Verdruß und langer Weile                 Unter andre Vögel kam,                 Wurde sie als ungeschliffen                 Von den Andern ausgepfiffen, Bis sie ihren Rückweg endlich wieder stracks nach Hause nahm.                 Ei, da schimpft sie auf die Zeit,                 Lobt und rühmt die Einsamkeit. * * *         Liebe zur Geselligkeit ist uns von Natur gegeben;                 Wer mit Niemand Umgang hält,                 Schilt auf die verdorb'ne Welt. Sagt es doch nur deutsch heraus: Herr'n! ihr wisset nicht zu leben. Die Schnecke und die Grille.         Recht langsam, Schritt vor Schritt, mit viel Behutsamkeit,                 Kroch eine wohl belad'ne Schnecke                 Zu einer nahgeleg'nen Hecke. Der Weg, so kurz er war, war für die Schnecke weit, Ein Zeiger an der Uhr kann nicht so sachte gehen. Sie zieht die Hörner ein, sie streckt die Hörner aus,                 Jetzt bleibt sie eine Weile stehen,                 Nun drückte sie das Schneckenhaus.                     Hier pries sie das Geschick der Grille,                 Die an dem Wege saß, und sang:                 Wie leicht ist sie, wie schnell ihr Gang!                 Sie lebt und singt in edler Stille,                 Ein Sprung setzt sie in Sicherheit; Wenn meine Wohnung mich verbindet auszuhalten,                 Und in der Sorge zu veralten.                     Die Grille nahm sich hier die Zeit,                 Die Schnecke heimlich zu belauschen, D'rauf zwitscherte sie ihr zum Trost die Worte zu:                 Wie gerne wollt' ich mit dir tauschen! Plagt mich die Witterung, so liegst und ruhest du                 Bequemlich, zugedeckt, verschlossen; Oft such' ich in der Nacht, kalt, hungrig und verdrossen, Die Ruhe, die dich längst mit sanften Flügeln deckt; Wenn mich der Winterschnee mit Tod und Krankheit schreckt,                 Wenn ich mich mit dem Hunger quäle,                 So nährst du dich in deiner Höhle.                       Nun ist die Grille fortgehüpft.                 Ich schließe so aus ihrer Klage:                 Wer ledig ist, hat seine Plage, Und mancher Eh'stand ist auch oft mit Noth verknüpft. Die wächserne Nase.                         Das Unglück traf einst einen Alten,                 Daß er um seine Nase kam; Was für ein Zufall sie ihm nahm,                 Hat uns die Zeit nicht aufbehalten.                 Ein Dach, das keine Traufe hat, Ein Kolben ohne Hals, ein Antlitz ohne Nase, Sind alle mangelhaft! Man macht' an ihrer Statt Dem Manne Nasen an von Pappe, Holz und Glase, Doch eine wächserne behielt zuletzt den Preis, Sie schien die Ungestalt am meisten zu vermindern.                 Er ging damit zu seinen Kindern, Und sprach: Was dünket euch? Betrachtet mich mit Fleiß, Steht mir die Nase nicht? Sie steht noch nicht gerade,                 Antwortet Kunz, der ältre Sohn, Er drückt sie etwas ein. Nein! sagte der Pompon, Mein Bruder drückt zu stark, ich will sie rücken. Gnade!                 Rief hier der Vater, laßt mich gehn,                 Ihr wollt die Nas' in Stücken drehn.                 O! haltet nur ein wenig stille,                 Rief hier sein Töchterchen Lucille, Die Nase steht euch schief, Herr Vater! kommt zu mir, Ich will sie besser drehn. D'rauf hob sie an zu rücken,                 Und brach die Nase gar in Stücken. Ihr Tölpel, rief der Mann mit gräßlichem Gesicht,                 Nichts könnt ihr Alle, sagt' ich's nicht?                 Flieht, oder seyd des Stocks gewärtig!                 Da hieß es: Allzu scharf macht schärtig. Die Kröte und die Wassermaus.             Von dem Ufer einer See Krochen einst noch Abends späte Eine Wassermaus und Kröte An den Bergen in die Höh'. Aber mitten in dem Wandern Rollt die Eine mit der Andern Plötzlich in den See herab, Und wie sehr die Kröte rang Und den Leib zum Schwimmen zwang, Fand sie doch allhier ihr Grab. Also ging's der armen Kröte. Ihr Gesell, die Wassermaus, Machte sich nicht viel daraus; Sie treibt ihr Gewerb' in Flüssen, Wenn es auf der Erde ruht. * * * Also, sag' ich, ist es gut, Mehr als eine Kunst zu wissen. Vater und Sohn. Vid. Joh. Flitneri Joces. Nequit. Censura. Od. 3. pag. 17.                   Des reichen Pachters Kind, der hoffnungsvolle Sohn, Studirt und promovirt im dritten Jahre schon,     Und kömmt von Erfurt, o welch' Glücke!     Mit einem großen D zurücke.     Der beste Schöps muß an den Spieß,     Und wer im Städtchen Vetter hieß,     Der lief, als er das Ding vernommen,     Und schrie: Herr Doctor, seyd willkommen!     Der Ruhetag folgt auf den Schmaus,     Da packte der Herr Doctor aus, Und zog ein Buch hervor; vor dessen Größ' und Schwere     Der Vater fast entlaufen wäre.         Ei, rief er, Kind! ich bitte Dich,     Was hält dies dicke Buch in sich? Dies Buch, versetzt der Sohn, und seines Körpers Bürde     Ist Schuld an meiner Doctorwürde, O, dies Buch ist ein Buch, denn, lieber Vater! wißt,     Daß es das Corpus Juris ist. Die großgedruckte Schrift, im Mittelpunkt der Seiten, Heißt Euch der Text, und hat gar wenig zu bedeuten; Allein der kleine Druck, am Rande hier und da,     Das sind die Glossen, Herr Papa,     Die von Juristenkünsten handeln, Der Kern des ganzen Rechts, das Ränk' und Kniffe lehrt,     Wodurch sich Recht in Schuld verkehrt, Dadurch wir Schwarz in Weiß, und Weiß in Schwarz verwandeln.     Der Vater merkte sich das Ding, Bis Nachmittags der Sohn zu seinen Freunden ging;     Er hatte kaum die Thür in Händen, Da gürtete daheim der Vater seine Lenden,     Fiel, ohne Scham und Scheu vor dem Justinian, Mit einer Scheer', o Trotz! das Corpus Juris an, Und schnitt mit einer Wuth, auf die ich selber fluche,     Die Glossen aus dem ganzen Buche,     Da hatte keine Gnade Statt,     Die Scheere schnitt von Blatt zu Blatt. Jetzt kömmt der Sohn zurück; er tritt in seine Stube, Und glaubt, er sehe sich in einer Mördergrube: Da lag der halbe Rumpf von dem Acursius, Und dort des Baldus rechter Fuß,     Das Aug' entdeckte hin und wieder     Zerstümmelter Legisten Glieder.     Ach Vater! hob er endlich an,     O sagt, was hab' ich Euch gethan?     Wär' ich nicht Kind, bei meiner Ehre! –         Gemach! versetzt der Alte, höre, Du handelst wunderlich, wenn Dich das Ding verdrießt.     Durch diese Deine feinen Glossen,     Juristen-Künste, Ränk' und Possen, Hab' ich ein schön' Stück Feld vor Kurzem eingebüßt. Hätt' ich die Scheere nicht für jetzt zur Hand genommen, Wir wären noch zuletzt um Haus und Hof gekommen. Der Bock und der Bär.             Ein junger Bock, schnell wie ein Reh, Verließ aus Lüsternheit die Heerde, Und stieg mit witziger Geberde An den Gebirgen in die Höh'.     Hier fand sich eine tiefe Höhle, In diese wagte sich der Thor, Und plötzlich fuhr ein Bär hervor. O, wie erschrak des Geißbocks Seele!     Was thust Du hier? so sprach der Bär. Ich lief, versetzt der Bock, voll Schrecken, Mich vor dem Löwen zu verstecken, Und seht, da kömmt er selber her.     Der Bär erschrak und lief zurücke. So schüchtern ist ein Bösewicht! Der Geißbock lief mit gleichem Glücke In's Thal. . . . Nothlügen schadet nicht. Der Springer.             Dem Angesicht der muntern Britten Stellt sich mit kühn' und schnellen Schritten Ein unbekannter Springer dar, Es überrascht, o, wie verwegen! Sein Umschwung über bloße Degen Die vor Verwund'rung stumme Schaar.     Gewiß! der Sprung ist wohl gerathen, Schrie'n Edle, Bürger und Prälaten, Der Mensch springt in der That recht gut, Es scheint, als ob er Flügel hätte; Hört, rief ein Lord, was gilt die Wette, Daß er noch bess're Sprünge thut?     Jetzt wirft er sich schnell in die Höhe, Hilf, Gott! mir schwindelt, wenn ich sehe, Wie kühn er durch die Lüfte fährt. Jetzt senkt er sich mit leichten Gliedern, Der Sprung ist, hieß es, unter Brüdern Zwei hundert Pfund und d'rüber werth.     Er überschlug in einem Kreise Sich sechsmal wunderbarer Weise, Und übersprang gar oft das Ziel. Das Volk, nicht müd', ihn hoch zu schätzen, Folgt taumelnd den verweg'nen Sätzen, Und jauchzend, weil er niemals fiel.     Hart an der Bühne Vordertheile Erhob durch Kraft der Zimmerbeile Ein stolzer Bau sich in die Luft. Der Springer steigt auf das Gerüste, Man wünscht, als ob er springen müßte, Ihm Glück zu der gewissen Gruft.     Jetzt zeigt der Jüngling sich von oben, Man hört nicht auf, die That zu loben, Durch die er sich verew'gen wird. Doch, horcht! er hat was vorzubringen, Ich, ruft er, soll herunter springen, Das denkt Ihr, Britten, doch Ihr irrt.     Nicht wahr, dann thät' ich Euch Genüge, Wenn ich mir Arm und Bein zerschlüge? Doch dies soll heute nicht geschehn; Ich bin auf diesen Ort gestiegen, Um hier allein und mit Vergnügen Der andern Kämpfer Kunst zu sehn.     Mit Murren hört man seine Rede, Dem schien er klug, und Jenem blöde, Das ist der Welt bekannter Lauf. Singt schön, singt feurig, munt're Dichter! Erzwingt das Lob der strengsten Richter, Doch hört auch, wenn es Zeit ist, auf. Die Nachbarn.         Ein Mann hatt' einen Baum, der goldne Früchte trug.     Sein Nachbar hieb aus Neid bei Nachte Viel' Aeste von dem Baum; allein er war nicht klug, Weil er das Jahr darauf dreifache Früchte brachte. * * *     So nützlich ist uns oft ein Feind; Er dient, wenn er zu schaden meint. Die Schwalbe und der Sperling.               Die Schwalbe sann, nach alter Weise, Im späten Herbst auf ihre Reise. Ein Sperling sprach: Das thut mir leid, Daß wir Dich jetzt verlieren müssen, Indessen möcht' ich dennoch wissen, Wo Ihr des Winters über seyd?     Freund! war die Antwort, Deine Frage Ist kühn, doch höre, was ich sage: Kaum ist der Winter vor der Thür, So sterben wir, und unsre Leichen Die Schwalben liegen des Winters in Klumpen über einander in den Seen und Teichen, und in den hohlen Bäumen. Ruh'n in den Bäumen, in den Teichen, Und mit dem Lenz erwachen wir.     So soll ich denn nach wenig Tagen, Versetzt' er, Deinen Tod beklagen? Armselige! Du stirbst zu früh, Denn für die Hoffnung, aufzuleben, Möcht' ich nicht eine Mücke geben, Nein! wieder aufstehn wirst Du nie.     Wohl! sagte sie, jetzt muß ich schweigen, Der Frühling soll Dich überzeugen, Allein, da war der Spatz nicht mehr. O, möchte dies dich, Freigeist, rühren, Der Tag kommt, dich zu überführen, Allein zu spät, das fürcht' ich sehr. Der Herr von Krehn.                   Ein armer Edelmann, mit Namen: Herr von Krehn, Ererbte mit der Zeit ein Lehn, Ein Rittergut mit öden Feldern; Die Krähen herrschten in den Wäldern; Der Rittersitz war groß und alt, Der Mäus' und Eulen Aufenthalt, Mit runden Thürmen, finstern Sälen, Und Allem, was man Gothisch heißt. Dies Alles erbt von Krehn, der aufgeklärte Geist, Hier soll er seinen Wohnplatz wählen. Er kömmt auf's Schloß, besieht's und spricht: Nein, unter Eulen wohn' ich nicht, Er fordert Künstler her. Das Schloß wird umgerissen, Mit allen seinen Finsternissen, Die Eulen flogen heulend fort, Und suchten einen sichern Ort. Ein neues Schloß mit hellen Zimmern, Darin Geschmack und Reichthum schimmern, Steigt aus dem düstern Schutt empor. Indessen nimmt von Krehn die öden Felder vor, Die seit der Aelterväter Tagen, Es hab' es Faulheit oder Wahn, Denn dieses weiß ich nicht, gethan, Meist ungebaut und wüste lagen. Die Sträucher werden ausgehau'n, Anbauer werden hier verschrieben, Die mit dem Pflug zu Felde trieben. Bald wirst du, o von Krehn! davon die Früchte schau'n. Doch auch der Wald ward hier nicht übersehen, Man säubert ihn von allen Krähen, Es ward der grüne Hain, den Krehn vor andern schätzt, Mit Sängern edler Art besetzt, Man hört das Lied der Nachtigallen Von allen Gipfeln froh erschallen, O du gesegneter von Krehn! Sieh' deiner Felder Pracht, dein Schloß, wie hell und schön! O, leb' auf ewig, Mann der Männer, So riefen alle wahren Kenner. Vergebner Wunsch! von Krehn, mein Held, Der echter Weisheit Schätze kannte, Er stirbt, sein schönes Landgut fällt Auf weit entfernte Lehnsverwandte; Und seht, man stößt die Künstler aus, Das neue Schloß wird umgeschmissen, Ein gothisches, nach alten Rissen, Wird wieder hergestellt, das öde, finst're Haus. Der Colonist muß fort, er klagt, wer will ihn hören? Man nimmt ihm trotzig seinen Pflug, Das Feld, das jetzt schon Früchte trug, Soll in sein Nichts zurücke kehren. Auch euch, ihr angenehmen Sänger, Gehört nunmehr der Wald nicht länger, Man räumt ihn wiederum den alten Krähen ein. So sah man wieder Wüstenei'n, Wo man vor Kurzem noch ein Paradies erblickte. * * *     Daß Barbarei die Völker drückte, Und daß es helle Zeiten gab, Hing oft nur von zwei Augen ab. An den Leser.                 O Leser! also hat die Muse mir erzählet, Die ich mir dieses Mal zur Führerin erwählet, Dies war es, was der Mund der Thier' und Bäume sprach, Sie wiederholt' es mir, ich schrieb es treulich nach. Vielleicht war ich zu schwach, der Muse Sinn zu fassen, Vielleicht hab' ich verhört, und Manches ausgelassen; Der Wille war doch gut; nur dem gebührt das Lob; Denn Jeder höret nicht so leise wie Aesop.