Balduin Möllhausen Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas – Band 1 Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen von Preußen Friedrich Wilhelm Ludwig, Regenten, in tiefster Ehrfurcht   der Verfasser Inhalt 1. Kapitel Der große Colorado des Westens; Charakter des Flusses, seines Tals und der von ihm durchschnittenen Länderstrecken 2. Kapitel Reise nach New York – Untergang des Dampfbootes »Central-Amerika« – Abreise von New York – Havanna – Panama – Das Dampfboot »Panama« – Ankunft in San Franzisko – Aufenthalt daselbst – Aufbruch der Expedition 3. Kapitel San Pedro – Pueblo de los Angeles – Der Weinbau daselbst – Ankunft des Lieutenant Beale mit den Kamelen – Aufbruch von Pueblo de los Angeles – Die Mission San Fernando – General Pico – San-Fernando-Paß – Der texanische Grenzbewohner und seine Erzählung 4. Kapitel Der Santa-Clara-Fluß – San-Francisquito-Cañon – San-Francisquito-Paß – Der erste Schnee – Der Elisabeth-See – Spuren von Erdbeben – Das große Becken (Great Basin) – »Irish John« – Der Castecasee – Cañada de las Uvas – Fort Tejon – Ausflug nach dem Tularetal – Kern Lake – Kern River 5. Kapitel Der alte Pelzjäger – Gales Erzählungen – Nachrichten über den Colorado – Gales erstes Zusammentreffen mit den Mohave-Indianern – Die Jagd auf wildes Rindvieh – Ritt zu den Eingeborenen – Die Tejon-Indianer – Aufbruch zur Heimreise – Bishops Farm – Die Kamelkarawane – Ankunft in Fön Tejon 6. Kapitel Aufenthalt in Fort Tejon – Die Spechte – Die Gräber – Aufbruch von Fort Tejon – Reise nach Pueblo de los Angeles – Aufenthalt daselbst – Reise nach Fort Yuma – Temacula – Warner's Paß – San Felipe – Wallecito – Carizo Creek – Rand der Wüste – Die Wüste – Indian Wells – Alamo Mucho – Cook's Well – Ankunft am Colorado 7. Kapitel Der Rio Colorado – Pasqual, der Häuptling der Yuma-Indianer – Fort Yuma – Die Umgebung von Fort Yuma – Dome Mountains – Colorado City – Die Erdbeben – Die Schlammvulkane – Die Yuma-Indianer – Die Offiziere des Militärpostens – Das Leben im Lager auf dem Ufer des Colorado – Der Chimney Peak in den Rocky Mountains – Erzählung eines Abenteuers des Herzogs Paul Wilhelm von Württemberg am Nebraska 8. Kapitel Ankunft der Post – Depeschen für Lieutenant Ives – Weihnachten – Zahlreiche Wölfe – Vergiften derselben – Aufbruch des Dampfbootes »Jessup« nach dem oberen Colorado – Ankunft des Lieutenant Ives – Neues Organisieren der Expedition – Peacocks Ritt nach San Franzisko – Beschreibung der Strecke des Flusses zwischen Fort Yuma und dem Golf von Kalifornien – Das Dampfboot »Explorer« – Mr. Carrol – Mr. Robinson – Die letzte Nacht in Fort Yuma – Aufbruch der Expedition – Die beiden Dolmetscher – Charakter des Stroms – Zweites Lager auf dem Ufer – Kapitän Robinsons Erzählung 9. Kapitel Das Winden über Sandbänke – Der weiße Ansiedler – Purple-Hill-Paß – Die schönen Aussichten – Die Kieswüste – Biber im Colorado – Musik im Lager – Brechen des Steuerruders – Der ChimneyPeak – Reise um den ChimneyPeak – Angeschwemmtes Land – Der Schläferfelsen – Red Rock Gate – Light House Rock – Porphyrpaß – Kiesebenen – Lang Range und Short Range – Indianer am Ufer – Hohe Ufer – Uferschwalben – Lager auf der Sandinsel 10. Kapitel Erzählung der Abenteuer am Nebraska – Das Lager beim Yuma-Dorf – Besuch von Yuma-Indianern – Chimehwhuebe- und Mohave-Indianer auf dem Ufer – Benehmen der Indianerinnen – Der angeschwemmte Talboden – Gute Reise am 23. Januar – Chimehwhuebe-Indianer im Lager – Der Sandsturm – Die Sonntagsfeier – Änderung des Reiseplans – Gebirge nach allen Richtungen – Half Way Range – Riverside Mountains – Charakter der Schluchten in der Kieswüste – Zahlreiche Sandbänke – Der Ausflug den Fluß hinauf – Lager auf der Sandinsel 11. Kapitel Die ersten Mohave Indianer – Der Mohave-Bote – Briefe nach der Heimat – Chimehwhuebe Indianer – Wiederfinden eines bekannten Häuptlings – Nördliche Abhänge der Riverside Mountains – Das Tal vor der Monumentbergkette – Der Monumentberg – Die spielenden Indianer am Ufer – Maruatschas Verspielen seiner Sachen – Zusammentreffen mit dem Dampfboot »Jessup« – Nachrichten von Norden – Aufbruch der beiden Dampfboote – Der Sonntag auf der Insel – Die indianischen Fischer – Fortsetzung der Erzählung der Abenteuer am Nebraska 12. Kapitel Fortsetzung der Reise der »Explorer« – Schlucht vor dem Bill Williams Fork – Mündung des Bill Williams Fork – Entenjagd – Sandsturm – Unbequemes Lager – Fischfang im Bill Williams Fork – Der Mohave-Bote – Die Sägefelsen – Das Chimehwhuebe-Tal – Die Sandbänke – Langsame Reise – Formation der hohen Kiesebene – Maruatschas Neigung zur Umkehr – Chimehwhuebe-Indianer – Ruhetag auf einer Sandbank – Die Indianer als Naturaliensammler – Die verlassene indianische Hütte – Nördliches Ende des Chimehwhuebe-Tals – Die Nadelfelsen – Einfahrt in die Schlucht – Die Stromschnelle – Übergang der »Explorer« über diese 13. Kapitel Der Mohave-Cahon – Fahrt durch denselben – Erzählung aus meinem Jagdleben in Illinois – Ende des Mohave-Canons – Das Mohave-Tal – Die Mohave-Indianer – Erstes Lager im Mohave-Tal – Tauschhandel mit den Eingeborenen – Die Eingeborenen als Naturaliensammler – Handel mit Naturalien 14. Kapitel Weiterreise im Tal der Mohaves – Häuptling José – Die Mohaves sind beunruhigt durch Kriegsgerüchte – Verhandlung mit dem Häuptling – Über die allgemeine Behandlung der Eingeborenen von seiten der Vereinigten Staaten – Der indianische Dieb – Beschenken des Häuptlings – Verschiedenheit der Eingeborenen in den Gebirgen von denen im Tal des Colorado – Charakter des Stroms – Lager auf der Sandbank – Aufreihen von Perlen – Seichtes Wasser – Ausladen des Gepäcks – Spaziergang am Ufer – Weiterreise gegen Abend – Sonntagsruhe – Zusammentreffen mit Kairook und Iretéba – Gutes Benehmen der Eingeborenen 15. Kapitel Fortsetzung der Erzählung aus meinem Jagdleben in Illinois – Der Häuptling Kairook und seine Frau als Mitreisende – Charakter des Flusses – Bemalen der Eingeborenen – Der 35. Grad nördlicher Breite – Boundary Hill – Black Mountains – Beale's Crossing – Nördliche Grenze des Mohave-Tals – Wüste Umgebung – Die Felsenschlucht – Obelisk Mountain – Die Stromschnellen – Deren Überwindung mit dem Dampfboot – Jessup's Halt – Lager daselbst 16. Kapitel Maruatschas Rückkehr in seine Heimat – Fruchtlose Versuche, über die Stromschnelle zu gelangen – Der Ruhetag – Die Höhle im Ufer – Der Sandsturm – Umgehen der Stromschnelle – Ausflug nach der Hochebene – Wirkung des Wassers in derselben – Washingtons Geburtstag – Der Sandsturm – Endlicher Aufbruch – Nachricht vom Train – Sinken des Dampfbootes »Jessup« – Chimehwhuebe-Indianer – Öffnung im Gebirge – Einfahrt in ein Tal – Lager auf einer Sandbank – Fortsetzung der Erzählung der Abenteuer am Nebraska 17. Kapitel Das Cottonwood-Tal – Berg der Toten – Mount Davis – Painted Cañon – Aufenthalt auf Round Island – Bekehrungsversuche der Mormonen unter den Mohaves – Abbrennen von Signalraketen – Schwierige Reise – Black Cañon – Auflaufen des Dampfbootes auf einen Felsen – Landen im Black Cañon – Ende der Schiffbarkeit des Colorado – Das Leben in der Schlucht – Vergebliches Harren auf den Train – Formation der Felsen im Black Cañon – Prachtvolle Aussicht – Das Echo – Lieutenant Ives' Fahrt in die Schlucht – Opal im Gebirge – Iretébas Reise nach den Mohave-Dörfern und seine Rückkehr ohne Nachrichten – Eintreffen von Mohave-Indianern – Das Fischen des Mohaves 18. Kapitel Bad im Colorado – Sandsturm – Charakter der Black Cañon – Die Verbindung des Colorado mit der Mormonenstraße – Ausflug ins Gebirge – Nachricht vom Train – Vergleich zwischen den Indianerstämmen am Colorado und denen östlich der Rocky Mountains – Die Sage vom Manitu-Felsen – Aufbruch zur Reise stromabwärts – Absendung eines Boten nach der Mormonenstraße – Ruhetag und Weiterreise gegen Süden – Spuren von Mormonen – Lager unter den Cottonwood-Bäumen – Der Spion im Lager – Iretébas scheinbare Untreue – Nachricht vom Train – Peacocks Ankunft – Unerfreuliche Nachrichten über den Zustand der Maultiere 19. Kapitel Ankunft des Trains – Beschwerliche Reise des Trains am Colorado hinauf – Nachrichten über den Landstrich zwischen dem Colorado und der Mormonenstraße – Aufbruch gegen Süden – Beunruhigendes Benehmen der Eingeborenen – Ankunft an Beale's Crossing – Das letzte Konzert – Feindliches Auftreten der Mohaves – Erschießen von Maultieren – Peacocks Erzählung – Der Friedensschluß – Aufbruch der »Explorer« – Abschied von den Mohaves – Aufbruch der Landexpedition 20. Kapitel Die Schiffbarkeit und der Charakter des Rio Colorado – Die Eingeborenen an demselben – Deren Verteilung und mutmaßliche Verwandtschaft – Das nordamerikanische Zivilisationswesen Vorrede Folgender Brief, den Alexander von Humboldt am 21. Dezember 1857 an mich richtete, gelangte erst drei Monate später in meine Hände, und zwar am Colorado, weit oberhalb der Mohave-Dörfer, wohin er mir, von Fort Yuma aus, durch einen indianischen Läufer nachgesandt worden war. Derselbe bezieht sich auf Temperaturbeobachtungen des Meeres, die ich auf der Reise von Panama nach San Franzisko anstellte und von letzterem Ort aus zurück nach Berlin geschickt hatte; dann aber auch auf einige Fragen, betreffend die Völkerstämme am unteren Colorado. »Ich kann nur wenige Zeilen des Dankes und der innigen Freundschaft dem Briefe Ihrer liebenswürdigen Gattin beifügen. Ihre Temperatur-Beobachtungen haben mich um so mehr erfreut, als ich selbst genaue Register zwischen Callao und Acapulco vor einem halben Jahrhundert aufgezeichnet. Die warme Temperatur rührt gewöhnlich von der Richtung der Strömung her, von N.W. nach S.O. erkältend, von S.O. nach N.W. erwärmend wirkend. Sie haben leider eine sehr stürmische Ueberfahrt gehabt, aber Ihre glückliche Ankunft hat auch den kranken König, dem ich sie vorgestern erzählte und der sich Ihrer noch immer freundlich erinnert, sehr interessirt. Die Genesung des Königs macht Fortschritte; mögen unsere Hoffnungen sich nicht täuschen. Ich lege diesem Briefe, den Herr von Gerolt durch das Kriegsministerium besorgen wird, das bei, was ich heute gemeinschaftlich mit Ihrer recht schriftstellerischen Frau habe über Ihre Reise, theurer Möllhausen, in die Spenersche Zeitung setzen lassen. Ich bin stolz, daß da, wo Fort Yuma liegt, auf meiner 1804 gezeichneten Generalkarte von Mexico steht: Indios Yumas. Da ich vermuthe, daß Sie meine zwei großen Karten, aus dem in Paris, 1811, erschienenen Atlas de la Nouvelle Espagne nicht bei sich haben, so mache ich Ihnen ein wildes Croquis von meinem Rio Colorado, wie ich die Völkerstämme nach den in den Archiven von Mexico aufgefundenen Itinerarien des Padre Esc[x,]alanti von 1772 in meiner Karte habe eintragen können. Ich schreibe links von dem Flusse die geschätzten Breitengrade als Maaßstab ein. Die Indianer-Stämme haben seitdem gewiß viel ihre Sitze verändert. Das Faksimile dieses Teils des Briefes, zusammen mit der kleinen Karte, befindet sich im zwanzigsten Kapitel des ersten Bandes auf den Seiten 344/345. Mein Befinden ist, wie Sie mich verließen, an Kräften abnehmend, ich klage aber nie. Empfehlen Sie mich freundschaftlichst Ihrem Commandanten, Herrn Lieutenant Ives, und sagen Sie ihm, daß ich ihm dankbar bleibe für Alles, was er Ihnen Freundliches erweist. Ich rede nicht von Wiedersehen, weil ich nicht daran glaube und Sie nicht betrüben will. Gott segne Ihr Unternehmen! Ihr treuer aber unleserlicher Alexander von Humboldt Berlin, den 21. December 1857   Der vierte Band meines Kosmos (Magnetismus, Wärme, Quellen, Erdbeben und Geologie der Vulkane) ist eben erschienen. Ich habe ein Exemplar davon an Herrn von Gerolt geschickt ...« Ein zweiter Brief folgte mir noch tiefer in die Wildnis nach, und derselbe betrifft hauptsächlich ein Verfahren bei topographischen Darstellungen von Höhen, über das ich, kurz vor meinem Einschiffen in New York, an Alexander von Humboldt berichtet hatte. In diesem Brief heißt es: »... ein Brief von Jules Marcou, der ganz neuerlichst eine überaus wichtige geologische Arbeit über die Jura-Formation herausgegeben hat. Er schreibt mir aus Zürich in den freundlichsten Ausdrücken über Ihr Werk, mit dem er sehr zufrieden ist; Mitreisende pflegen gewöhnlich strenge zu urtheilen. Sie haben, glaube ich, in Ihrer Gesellschaft einen Topographen, E., von dem ich im Januar 1857 eine kleine Brochüre: New style of drawing from mountain models engraved in copper, erhielt. Der Mann bezeigt eine besondere Freundlichkeit für mich, schreibt mir aber zwei Dinge zu, die mir gar nicht gehören: ›B. v. H-t. was the first, who constructed photographic images of the moons surface, from which he calculated the heights of the mountains.‹ In dem dritten, ganz astronomischen Theile des Kosmos kann wohl nichts dieses Mißverständniß veranlaßt haben. Ich habe mich nie photographisch mit dem Monde beschäftigt, denn die Methode, die Höhe der Mondberge durch die Länge des Schattens zu messen, gehört dem Astronomen Schröter in Lilienthal und ist als sehr unvollkommen, von Olbers durch die Methode der Lichtgrenze ersetzt worden. Eine andere Behauptung von E. deutet aber geradezu auf das Entgegengesetzte der von mir seit 30 Jahren und jetzt geäußerten Meinung. Es steht als Inschrift über einem sehr saubern, sehr zu belobenden Kupferstich: Specimen of Topography, representing the moon and improved style, recently introduced by the Suggestion of Baron von Humboldt. Dies Specimen giebt den Bergen eine Seitenbeleuchtung und ist der senkrechten Beleuchtung der Lehmann'schen Methode, die ich in allen Karten meines Atlas seit 1817 befolgt habe, ganz entgegengesetzt. Mit senkrechter Beleuchtung habe ich herausgegeben in Paris 1817 den Vulkan von Pichincha No. 27, das Tafelland von Antisana No. 26, Jorullo No. 29 und 30, die Cordilleren am Ursprung des Magdalena-Flusses No. 24. Was Herr E. die neue Methode nennt, die der Seitenbeleuchtung, ist gerade die älteste französische, die vertikale Beleuchtung ist die neuere. Ich vertheidige diese letztere (die vertikale Beleuchtung) in Gemeinschaft mit Arago seit 30 Jahren, als die, allen Gebirgsabhängen gleichzeitig genügende Lehmann'sche Darstellung, bin aber nicht so intolerant, mit Männern feindlich zu hadern, welche die entgegengesetzte Meinung haben. Der kranke König hat sich bei mir mehrmals und immer auf das Freundlichste nach Ihnen erkundigt. Seine Genesung ist allerdings im Fortschreiten seit den letzten Wochen, aber die Fortschritte sind langsamer, als wir wünschen. Ich gehöre zu den wenigen Personen, die er oft (mehrmals in der Woche) sieht. Gott gebe seinen Segen Ihren Unternehmungen. Empfehlen Sie mich auf das Freundlichste dem Commandeur Ihrer Expedition, dem Herrn Lieutenant Ives. Meine Kräfte nehmen langsam ab. Mit inniger Anhänglichkeit und Freundschaft Ihr Alexander von Humboldt Berlin, den 18. Januar 1858« Wenn ich es nun wage, diese Briefe meinem Werk einzuverleiben und vertrauensvoll der Öffentlichkeit zu übergeben, so geschieht es, um darzulegen, wie Alexander von Humboldt, selbst auch dann noch, als eine merkliche Abnahme der Kräfte ihn beständig an sein nahes Ende mahnte, sich geistig an allen Forschungsreisen beteiligte und mit lebhaftem Interesse auch die Arbeiten der Colorado-Expedition verfolgte. Für mich selbst war diese Teilnahme wie ein freundlicher Schimmer, der auf meinen rauhen Pfaden durch die unwirtlichen Wildnisse des Fernen Westens ruhte. Durch die Vorrede, mit der Alexander von Humboldt mein erstes Reisewerk schmückte, halte ich mich berechtigt, die Beschreibung dieser meiner dritten Weltreise, die ich auf ausdrückliches Gutheißen meines erhabenen, dergleichen Unternehmen stets begünstigenden Königs, durch die Vermittlung Alexander von Humboldts und ausgerüstet mit dessen weitreichenden, mit dem edelsten Wohlwollen ausgestellten Empfehlungen unternahm, ebenfalls mit seinen eigenen Worten beginnen zu dürfen, um so mehr, als dieselben in so naher Beziehung zu der Reise selbst stehen. Obgleich Alexander von Humboldt, gemäß des ersten Briefes, »nicht an ein Wiedersehen glaubte«, so wurde mir doch das große Glück zuteil, nach dreizehnmonatiger Abwesenheit die Erfolge meiner Reise vor ihm niederlegen zu können und von ihm, nach Einsicht meiner reichhaltigen Sammlung von Skizzen und bildlichen Darstellungen, die wärmste Aufmunterung zu dieser Arbeit zu erhalten. Die Ausführung derselben betrachtete ich gleichsam als ein heiliges Vermächtnis des Dahingeschiedenen und seines königlichen Freundes. Schon am Schluß meines ersten Werkes habe ich mich über den Zweck und die einzuschlagende Richtung der Colorado-Expedition ausgesprochen; im Einleitungskapitel dieses Buches dagegen gebe ich in gedrängter Kürze eine übersichtliche Beschreibung der von der Expedition berührten Punkte und Territorien. Es bleibt mir also noch übrig, zu erwähnen, daß ich es mir zur Aufgabe gemacht habe, in den nachfolgenden Blättern Naturschilderungen sowie hervorragende Erlebnisse und Begebenheiten mit den Reiseberichten und Beobachtungen eng zu verflechten, ohne dadurch die dergleichen Werken streng gebührende Wahrheit und Genauigkeit zu beeinträchtigen. Ich hegte dabei den Wunsch, es dem Leser zu erleichtern, sich in Gedanken der Expedition nicht nur zuzugesellen, sondern sich auch in allen Lagen bei derselben heimisch zu fühlen, sei es nun, wenn beschäftigt mit ernsten Arbeiten und mühevollen Forschungen in starren Wildnissen oder auf der fröhlichen Wanderung durch grünende Landschaften, sei es inmitten einer das Gemüt erhebenden Naturumgebung oder im Kreise treuer Gefährten vor dem behaglichen Lagerfeuer. Bei wissenschaftlichen Erläuterungen und Zitaten habe ich, wo nur immer tunlich, die amerikanischen »Reports« zu Hilfe genommen; dieselben enthalten einesteils die neuesten und sichersten Nachrichten über jene Regionen. Dann aber auch geschah es in gerechter Bewunderung der riesenhaften Arbeiten, welche die Regierung der Vereinigten Staaten anordnet, leitet und ausführt, sowie in dankbarer Erinnerung an die fremden Mitarbeitern so liberal gewährten Erleichterungen und Vorteile. Bei der Wahl von Illustrationen, welche einer bedeutenden Anzahl größerer Zeichnungen entnommen werden mußten, habe ich vorzugsweise Szenerien berücksichtigt, die mehr den Charakter des betreffenden Landstrichs als das Malerische einzelner Punkte vor Augen führen; und ich kann mich nur mit größter Anerkennung darüber aussprechen, wie der talentvolle, namentlich als Tierzeichner hervorragende Herr Leutemann in Leipzig meine Ideen aufgefaßt und so getreu in verjüngtem Maßstab wiedergegeben hat. Potsdam, im Mai 1860 Balduin Möllhausen Erstes Kapitel Der große Colorado des Westens; Charakter des Flusses, seines Tals und der von ihm durchschnittenen Länderstrecken Unter den zahlreichen Expeditionen, welche die Regierung der Vereinigten Staaten in den letzten Jahren ausrüstete, um die unermeßlichen Länderstrecken zwischen dem Missouri und den Küsten der Südsee erforschen zu lassen, verdient gewiß besondere Erwähnung die im Spätsommer 1857 ausgesandte, der die Aufgabe gestellt wurde, ein genaueres Bild und bestimmtere Nachrichten über den Rio Colorado, der in den Meerbusen von Kalifornien mündet, zu verschaffen. Schon zur Zeit der ersten Kolonisierung der westlichen Küstenländer Amerikas durch die Spanier widmeten die frommen und energischen Missionare ihre Aufmerksamkeit dem Fluß, der unbekannten Regionen entströmte und der lange für ein Kalifornien vom Festland trennender Meeresarm gehalten wurde; eine Meinung, die Pater Kino erst im Jahre 1700 vollkommen widerlegte. Den Beschreibungen jener Zeit, die zuweilen ans Märchenhafte grenzten, begann man mehr Glauben beizumessen, als spätere Forscher, die den Gila und den unteren Colorado bereisten, diese teilweise bestätigten und die von den Pelzjägern über den oberen Fluß eingezogenen, freilich unverbürgten Nachrichten sich als übereinstimmend mit denen der Missionare auswiesen. Die Trapper, die von dort zurückkehrten, sprachen nämlich von meilentiefen, unzugänglichen Schluchten, was unzweifelhaft die Stellen gewesen sein müssen, die von den Spaniern mit dem Namen »Cajones profundisimos« belegt wurden und von denen es unter anderem heißt, daß dort der Spiegel des Flusses so tief läge, daß man von den Ufern abwärts schauend das Wasser nicht zu unterscheiden vermöge. Man kannte freilich die geographische Lage der Mündung des Colorado sowie auch einiger Punkte, wo Expeditionen denselben überschritten hatten; ebenso waren die Quellen des Grand-River und des Green River, welche unter dem 38. Grad nördlicher Breite sich vereinigend den Colorado bilden, teilweise astronomisch bestimmt worden; man wußte auch, daß der Colorado das Hochland zwischen dem Wasatch-Gebirge und den Rocky Mountains durchschneidet und die Wasser dieses ungeheuren Landstrichs aufnimmt; doch war man gänzlich im unklaren über den Fluß selbst von der Vereinigung der beiden Hauptarme bis hinunter zum 35. Grad n. Br., der Stelle, wo Captain Whipple im Jahre 1854 denselben überschritt. Im Vergleich nun mit den Anstrengungen, die es die in den folgenden Blättern beschriebene Expedition kostete, und im Vergleich mit den Entbehrungen und Gefahren, welchen sie viele Monate hindurch unterworfen war, sind die gewonnenen Resultate nur sehr gering zu nennen; doch liegt wenigstens die sichere Bestätigung der obenerwähnten Nachrichten vor, indem man weiß, daß vom Zusammenfluß von Grand River und Green River bis hinunter zur Mündung des Rio Virgin (36° n. Br.) der Colorado eine unzugängliche Felsenwüste durchströmt. Möglich ist es, daß auf der Westseite des Flusses erfolgreichere Forschungen hätten angestellt werden können, doch die offenen Feindseligkeiten der Mormonen und der ihnen verbündeten Indianer verhinderten unsere Expedition, nachdem das Ende der Schiffbarkeit mittels eines kleinen Dampfbootes erreicht war, anders als auf die Gefahr eines gänzlichen Untergangs hin das linke Ufer zu verlassen; während es doch gerade Mormonen gewesen waren, die bis kurz vor Ausbruch des schnell beendigten Krieges am meisten auf Erforschung des Colorado, als einer Emigrantenstraße nach dem großen Salzsee oder zurück nach dem Staat Sonora, bestanden hatten. Die Schiffbarkeit des Colorado reicht also, selbst bei dem günstigsten Wasserstand, nicht über die Mündung des Rio Virgin hinaus – eine Strecke, die von der Spitze des Golfs von Kalifornien bis zu diesem Punkt wenig über 500 engl. Meilen beträgt. Die zur dortigen Schiffahrt bestimmten Dampfboote müssen überdies von einer ganz besonderen Konstruktion sein, um überhaupt verwendet werden zu können, indem bei niedrigem Wasserstand zahlreiche Sandbänke das Fahrwasser bis auf wenige Zoll verstopfen, in nassen Jahreszeiten dagegen so unglaublich große Wassermassen durch die Felsentore schäumen, daß es unmöglich erscheinen muß, selbst mittels Dampfkraft ein Fahrzeug stromaufwärts zu schaffen. Wenn auch auf der ganzen als schiffbar bezeichneten Strecke der eigentliche Charakter des Flusses und seines Gebietes keine wesentlichen Veränderungen erleidet, so bietet sich dem Reisenden doch eine fortwährende Abwechslung der Szenerie. Bald sind es dürre Wüsten und Kiesebenen, die bis an die Ufer reichen, bald schmale, wenig fruchtbare Täler, die sich zu beiden Seiten hinziehen. Über diese hinweg erblickt man phantastisch ausgezackte Gebirgszüge, die sich vielfach dem Fluß nähern, denselben in enge Schluchten einzwängen und ihn an ihren abschüssigen Porphyr- oder Sandsteinwänden abprallen lassen, während in den schäumenden Wellen sich die wunderlichsten Formen von Schlössern und Obelisken spiegeln, welche die Natur aus festem sowie aus nachgiebigem Gestein auf den Höhen ausmeißelte. Überall vermißt man indessen die Baumvegetation. Hin und wieder ragen zwar einzelne Cottonwood-Bäume, an ihren malerischen Formen weithin erkennbar, über die schmalen Streifen der Weidengebüsche empor; dornenreiche Mesquitebäume drängen sich zu grün schimmernden, aber undurchdringlichen Gruppen zusammen, wie auch auf nahrungslosem Kies und in dürren Felsritzen riesenhafte Kakteen ihre Wurzeln schlagen, doch fehlt dem Stromgebiet des Colorado das, was den Menschen anlockt und liebreich zum Niederlassen einlädt; es fehlt ihm die Schönheit einer lebenden Natur, die sich in üppiger Vegetation kundgibt und die durch groteske Formationen der mächtigen, aber starren Gebirgsmassen nicht ersetzt werden kann. Die Täler, von denen selbst die größten nur geringen Umfang haben, bieten, abgesehen vom Holzmangel, weder den Flächenraum noch die Fruchtbarkeit des Bodens, welche die weiße Rasse bei der Gründung von Kolonien verlangt. Zahlreiche Stämme der Eingeborenen, die durch den Verkehr mit den Europäern noch nicht verdorben oder geschwächt sind, entnehmen allerdings dort ihren Unterhalt der Zeugungskraft des Bodens, doch reichen bekanntlich die Wünsche eines ganzen Indianerstammes lange nicht so weit als die Habgier eines einzigen der Kolonisation voraneilenden Landspekulanten. Es könnte daher von dieser Seite wenigstens die nächste Zukunft den Eingeborenen am Colorado vor den Eingriffen der sogenannten Zivilisation gesichert bleiben und die gewagte Behauptung des Majors der Vereinigten Staaten Emory, daß »die Zivilisation entweder umkehren oder die wilden Indianer ausgerottet werden müßten«, Report of William H. Emory, Major 1. cavalry, on the United States and Mexican Boundary survey, vol. I., pag. 64. After studying the character and habits of that class of Indians, called wild Indians, and bearing in mind the mild and humane government extended over them by the missionaries of the church of Rome, without producing any results, I have come to the deliberate conclusion, that civilisation must consent to halt when in view of the Indian camp, or the wild Indians must be exterminated. fürs erste vielleicht noch nicht an den dortigen Stämmen versucht werden. Der Rio Virgin, der, im Norden entspringend, da in den Colorado mündet, wo die Schiffbarkeit dieses Stroms beginnt, hat seine Quellen in den Wasatch-Gebirgen in der Nähe eines Passes, durch den eine alte spanische Straße in das Große Becken (Great Basin oder Utah territory) führt; es würde sich also eine vergleichsweise bequeme Verbindung zwischen dem Utah-Territorium und dem Staat Sonora herstellen lassen, indem Karawanen, die das Mormonengebiet verlassen und der Richtung des Rio Virgin folgen, den Colorado da erreichen könnten, von wo aus ihnen auf diesem Fluß selbst ein gefahrloser Weg gegen Süden offenstehen würde. Weit entfernt davon, meine Ansicht der meiner Reisegefährten voranstellen zu wollen, wage ich zu behaupten, daß diese Benutzung als Heerstraße der einzige Vorteil ist, der dem Colorado und seiner Lage abgewonnen werden kann. Wenn man nun eine kurze Strecke vor der Mündung des Rio Virgin, in der Absicht, die verworrenen vulkanischen Gebirgsmassen zu umgehen, welche die Landreise am Colorado hinauf unmöglich machen, den Fluß auf der Ostseite verläßt, so gelangt man tüchtig aufsteigend bald bis zu einer Höhe von 5000 Fuß Alle in diesem Werk vorkommenden Höhenangaben sind nach barometrischen Messungen bestimmt worden. über den Meeresspiegel. In dieser Höhe gelingt es noch zuweilen, Schluchten zu entdecken, die, dem Reisenden zugänglich, hinab an den Strom führen. Es ist dann immer ein langer und äußerst beschwerlicher Weg, doch findet man dort Gelegenheit, mächtige Felswände zu bewundern, welche sich bis zu 3000 Fuß hoch senkrecht über dem etwa 1000 Fuß hoch gelegenen Spiegel des Colorado erheben, der wild tobend über losgerissene Felsblöcke dahinstürzt. Zurück auf das Hochland führt anfangs die Hauptschlucht und später jede der wie ein Geäder einmündenden Nebenschluchten, die nicht durch herabgerolltes Gestein verstopft ist. Bei fortgesetzter Reise gegen Nordosten gelangt man endlich in den Winkel, der vom Colorado und dem aus Südosten kommenden Colorado Chiquito gebildet wird, und zugleich auf eine Höhe von 9000 Fuß über dem Meeresspiegel und etwa 7500 Fuß über dem Spiegel des Colorado. Dort nun beginnt das Hochland, das sich wie eine weite, ununterbrochene Fläche nach allen Richtungen hin ausdehnt und dessen Horizont selten von nebligen Bergkuppen, häufiger aber von spaltenähnlichen Einschnitten in der Ebene selbst unterbrochen wird. – Eine unbeschreiblich beängstigende Einsamkeit herrscht dort oben; verkrüppelte Zedern wechseln durch die Luftspiegelung scheinbar in der Ferne ihre Gestalt oder ragen, abgestorben und ihres dunkelgrünen Schmuckes beraubt, ähnlich verwitterten, riesenhaften Geweihen vorweltlicher Hirsche, empor; sengende Hitze erwärmt die felsige Fläche, dörrt die im einsamen Winkel keimenden Halme und reift die stacheligen Früchte saftreicher Kakteen. Eisiger Sturm, von heftigem Donner begleitet, wirbelt zu anderen Zeiten dichte Schneemassen über die Hochebene, Untergang drohend den dorthin verirrten Menschen und Tieren. Wenn man nun in der Absicht, den Großen oder den Kleinen Colorado wiederzufinden, seine Schritte gegen Norden lenkt, dahin, wo Spalten im Boden mächtige Türme und Mauern bilden, zugleich aber auch den Lauf großer Gewässer verraten, so gelangt man bald in ein Labyrinth von Schluchten, die durch ihre Tiefe um so mehr überraschen, als sie aus der Ferne kaum an einer geringen Senkung des Bodens zu erkennen sind. Einer solchen Schlucht nachzufolgen, gelingt nur teilweise, indem Abgründe von 50 bis 500 Fuß Tiefe den Weg in der Schlucht selbst bald abschneiden; und auf einer vorstehenden horizontalen Felsenlage wie auf dem äußersten Rand eines Dachs an grauenvollen Abgründen hinreitend, gelangt man auch nur dahin, wo selbst der sichere Huf des Maultiers keinen Halt mehr findet und der Weg zurück eingeschlagen werden muß; ein Weg, der über der furchtbaren Tiefe frei in der Luft zu schweben scheint; wo man sich gern die Augen beschattet, um die Felsmassen nicht zu erblicken, die sich scheinbar träge aneinander vorbeischieben; wo die unter den Füßen sich lösenden Steine nicht rollen, sondern unhörbar weite Räume durchfliegen, tief unten auf felsigem Boden zerspringen und der auf diese Weise erzeugte, durch die Entfernung aber gedämpfte Schall unheimlich in den Spalten und Klüften verhallt. Was mit Hilfe von Tieren nicht gelingt, das versucht der Mensch noch mit eigenen Kräften. Lange Stricke auf dem gefährlichen Pfad benutzend, gelangte unsere Expedition allerdings weiter, doch auch nur so weit, um die Unmöglichkeit einzusehen, den Höhenunterschied zwischen der Hochebene und dem Spiegel des Colorado, der über 7000 Fuß beträgt, ganz zu überwinden. Es blieb also nur noch übrig, zu versuchen, gerade dort die Höhe zu gewinnen, um einen Blick in diese abgeschlossene Welt zu werfen. Was man nun von dort oben erblickt, ist unbeschreiblich und überraschend. Wie ein Chaos verschwimmen ineinander tiefe Schluchten; Tausende von Fuß hoch liegen übereinander die Formationen verschiedener Epochen, deutlich erkennbar an den grellen Farbkontrasten; senkrecht stehen die Wände, als ob die geringste Erschütterung sie hinabzustürzen vermöchte; schwindelnd bebt man bei dem erhabenen Anblick und gewinnt eine schwache Ahnung von der Unendlichkeit bei dem Gedanken, daß der fallende Tropfen die Schlünde bildete, die dem Beobachter von allen Seiten entgegenstarren. Gegen 3000 Fuß tief waren die äußersten Schluchten, bis zu welchen unsere Expedition gelangte; trockener roter Sandstein bildete dort den Boden. Wenige Meilen weiter, noch 4000 Fuß tiefer, floß der Colorado, doch mehr als menschliche Kräfte wären nötig gewesen, dahin zu gelangen, von wo ein Blick hinab auf den Fluß hätte gewonnen werden können. Wir sahen den Colorado nicht wieder. So steht dort der Mensch nahe vor seinem Ziel, das ihm dennoch unerreichbar ist; gegenüber einer furchtbar erhabenen Natur fühlt er seine Ohnmacht; er beneidet die Weihe, die furchtlos über den Abgründen schwebt, er folgt ihr im Geist und schafft sich mit ahnungsvollem Grauen ein Bild von dem Felsental des Colorado des Westens, das vielleicht noch für kommende Jahrhunderte dem Menschen ein Geheimnis bleiben wird. Mehrfach versuchten wir weiter östlich und nördlich den Fluß, dessen Uferbänke wir vom Fuß der San-Franzisko-Berge aus zu unterscheiden vermochten, noch einmal wieder zu erblicken, doch undurchdringlich fanden wir überall die Felsenwüste. Selbst die freundlichen Moqui-Indianer schienen durch besonderen Widerwillen abgehalten zu werden, einen Pfad hinunter nach dem Colorado zu suchen oder zu zeigen. Der gänzliche Mangel an Lebensmitteln sowie die täglich lichter werdenden Reihen unserer ermatteten und halbverhungerten Maultiere zwangen uns endlich, von allen ferneren Versuchen abzusehen. Wir schieden mit Bedauern von diesem interessanten Feld und sahen also nichts von den Naturszenen, die ein Fluß aufweisen muß, der auf einer Strecke von etwa 300 engl. Meilen nahe an 3000 Fuß zu fallen hat. Dies nun ist eine kurze Beschreibung des Rio Colorado und seines Gebietes, zu dessen Erforschung unsere Expedition ausgezogen war. Ich stelle dieselbe voran, um allen denjenigen, die mich im Geist Tag für Tag auf meiner langwierigen und mühevollen Reise durch die Urwildnisse des Fernen Westens begleiten wollen, eine jedesmalige Orientierung zu erleichtern. Zweites Kapitel Reise nach New York – Untergang des Dampfbootes »Central-Amerika« – Abreise von New York – Havanna – Panama – Das Dampfboot »Panama« – Ankunft in San Franzisko – Aufenthalt daselbst – Aufbruch der Expedition Bei der großen Zunahme des Verkehrs zwischen den beiden Kontinenten, bei der auf überraschende Weise wachsenden Zahl der den Atlantischen Ozean von Osten nach Westen und zurück durchfurchenden Dampfboote, bei der sich noch immer steigernden Schnelligkeit und Bequemlichkeit, mit der Touristen wie Emigranten von einer Hemisphäre nach der anderen versetzt werden, ist es dem Reisenden möglich, besonders in günstigen Jahreszeiten, ohne erheblichen Zeitverlust an einem bestimmten Tag von Europa aus in New York und anderen Hafenstädten Nordamerikas zu landen. Um also gegen den 2. September New York zu erreichen, verließ ich Berlin am 12. August, und da die Hamburger Seedampfer von der englischen Regierung zu Truppenbeförderungen nach Ostindien gemietet waren, so änderte ich meinen ursprünglichen Reiseplan und schiffte mich infolgedessen am 18. August in Liverpool auf dem Postdampfschiff »Asia« ein. Obgleich meine Abreise von New York nach San Franzisko auf den 21. September festgesetzt war, so blieb es doch für mich von Wichtigkeit, noch vor dem 5. September in New York anwesend zu sein, indem an diesem Tage Lieutenant Ives, mein neuer Kommandeur, sich nach Kalifornien einzuschiffen beabsichtigte, während die letzten Mitglieder unserer Expedition, unter diesen ich selbst, vierzehn Tage später mit den meteorologischen und astronomischen Instrumenten nachfolgen sollten. – Dies war ungefähr alles die Expedition Betreffende, was mir außer der von derselben einzuschlagenden geographischen Richtung bekannt war, als ich am 1. September in New York landete. Näheres teilte mir Lieutenant Ives gleich bei unserer ersten Zusammenkunft mit. Ein kleines eisernes Flußdampfboot, eigens zur Beschiffung des Colorado in Philadelphia gebaut, war auseinandergenommen und stückweise schon früher nach Kalifornien befördert worden. Lt. Ives eilte daher voraus, um in San Franzisko die zur Ausrüstung unserer Expedition nötigen Einkäufe zu veranlassen, diese zugleich mit unserem Dampfboot auf einem Gouvernementsschoner verladen zu lassen und demnächst selbst mit einigen Assistenten in dem kleinen Fahrzeug um das Cap Lucas herum den Golf von Kalifornien hinauf an die Mündung des Colorado zu segeln, um dann von dort aus die Forschungen und Vermessungen zu beginnen. Auf welchen verschiedenen Wegen unsere geteilte Gesellschaft am Colorado zusammentreffen sollte, konnte erst in Kalifornien näher bestimmt werden, indem es ungewiß war, von welchem Militärposten dieses Staates wir eine für unsere Zwecke hinreichende Anzahl von Maultieren würden beziehen können. Lt. Ives verließ also New York am 5. September. Ich ging auf einige Tage nach Washington, wo ich Gelegenheit fand, Präsident Buchanan und dem Kriegssekretär Governor Floyd vorgestellt zu werden. Von beiden Herren wurde ich zu der bevorstehenden Arbeit auf eine Weise aufgemuntert, die nicht verkennen ließ, welches Interesse man allgemein in den Vereinigten Staaten an der Colorado-Expedition nahm und wie gespannt man die Resultate derselben erwartete. Die Zeit in Washington flog mir schnell dahin; ich erwiderte Besuche, die mir von dortigen Bewohnern in meiner Heimat gemacht worden waren; ich freute mich über das Gedeihen der Smithsonian-Institution; ich lächelte beim Anblick des noch immer unbeendigten Washington-Monuments, ich machte ein ernstes Gesicht zu den übertriebenen Rechnungen der Gastwirte und befand mich dann endlich am 17. September wieder in New York, um all die kleinen, zu einer Seereise aber fast unerläßlichen Vorbereitungen zu beenden. Das Passagierbillett, das mir auf der Agentur der Dampfschiffahrts-Gesellschaft eingehändigt wurde, lautete auf das Dampfboot »Central-Amerika«. Hier teilte man mir indessen zu gleicher Zeit Befürchtungen über das Schicksal dieses Schiffes mit, das schon mehrere Tage über die sonst gewöhnliche Dauer seiner Reise von Aspinwall nach New York ausgeblieben war. Nur zu begründet erwiesen sich diese Befürchtungen, denn zu den telegrafischen Depeschen aus den südlichen Hafenstädten über einen furchtbaren Orkan gesellte sich endlich die schreckenerregende Nachricht, daß die »Central-Amerika« mit 500 Passagieren im Sturm untergegangen sei. Von da ab liefen über das entsetzliche Unglück von verschiedenen Punkten an der Küste nähere und umständlichere, freilich oft genug sich widersprechende Berichte ein, die größtenteils von Passagieren herrührten, welche von anderen Schiffen aufgefischt und gerettet worden waren. Natürlich versäumte die Dampfschiffahrts-Gesellschaft nicht, in allen Zeitungen das mutige und umsichtige Benehmen des Kapitäns und seiner Leute mit Lobeserhebungen zu überschütten, doch war dies so zwecklos wie übel angebracht; denn ebensowenig wurden durch nachträgliche schöne Worte der brave Kapitän Herndon und alle mit ihm Verunglückten den trauernden Ihrigen wiedergegeben, als es der gewissenlosen, gegen alles außer dem Geld gleichgültigen Aktiengesellschaft gelang, den Schrei des Entsetzens und des Vorwurfs zu unterdrücken, der sich in den gesamten Vereinigten Staaten gegen sie erhob. Es stand fest, daß die »Central-Amerika« gesunken war, weil man notwendig gewordene Reparaturen nicht hatte sehen oder das Geld für Wiederherstellung der Schäden nicht hatte ausgeben wollen. Als das Dampfboot nämlich die gefürchteten Bahama-Bänke schon hinter sich hatte, wurde es während eines heftigen und anhaltenden Orkans leck, doch nicht so sehr, daß es nicht noch einige Tage über dem Wasser hätte gehalten werden können. Bei dem Versuch, die mit den Dampfmaschinen in Verbindung stehenden Pumpen in Bewegung zu setzen, stellte es sich indessen heraus, daß sich keine einzige derselben in brauchbarem Zustand befand. Das Wasser stieg daher schnell in den unteren Räumen und löschte die Feuer unter den Kesseln aus, worauf das Boot, der Dampfkraft beraubt, dem Steuer nicht mehr zu gehorchen vermochte und ein vollständiges Spiel des wütenden Orkans und der sich wild brechenden Wogen wurde. Stundenlang trieb das unglückliche Fahrzeug noch umher, ja es gelang einer Brigg noch, die Frauen und Kinder zu retten, worauf die »Central-Amerika« in die Tiefe sank und 480 Menschen, fast angesichts der Küsten ihres Heimatlandes, mit hinabriß. Für die Aktiengesellschaft war das Unglück von geringerer Bedeutung, denn das Dampfboot war versichert, das Überfahrtsgeld schon in Kalifornien von den Umgekommenen eingezogen worden, und auf das blühende Geschäft dieser Linie konnte der Unfall keinen besonders nachteiligen Einfluß ausüben, indem nach Eingehen der Tehuantepec-Linie für Passagiere und Güter außer der Straße um das Kap Hoorn allein die Panama-Route nach Kalifornien offen blieb. Inwieweit man aus diesem verschuldeten Unglück eine Lehre zog, beweist am besten, daß anstelle der »Central-Amerika« die »Northern Light«, ein früher zur Tehuantepec-Linie gehöriges Dampfboot, eingeschoben wurde, das während 27 Monaten zur Reparatur im Dock gelegen hatte und von dessen Sicherheit niemand überzeugt war. Wohl aber wußte man, daß von den vier Dampfkesseln nur zwei beheizt werden konnten und die übrigen sich in schadhaftem Zustand befanden. Der Gedanke vielleicht, daß höchst unwahrscheinlich zwei Schiffe hintereinander auf derselben Route untergehen würden, wohl mehr aber noch der Wunsch, durch eine eingestellte oder aufgeschobene Reise keine vorteilbringenden Kontrakte zu brechen, ermutigte die Gesellschaft. Die »Northern Light« wurde mit schnell trocknender Farbe überstrichen, Kohlen und Lebensmittel an Bord gebracht, und am 21. September verließ das schöne und sichere Schiff, wie die Zeitungen es nannten, mit Fracht und einer vollen Zahl von Passagieren den Hafen von New York. Die Äquinoktialstürme, die in diesem Jahr mit ungewöhnlicher Heftigkeit auftraten, sowie die Gewitter, die besonders zur Nachtzeit schnell aufeinander folgten, machten den ersten Teil unserer Reise sehr unangenehm. Wir erblickten in nebliger Ferne mitunter die Küste, wir sahen das von den Schiffern so gefürchtete Kap Hatteras, wir steuerten zwischen den Bahama-Bänken hindurch und nahmen überall die Trümmer von gescheiterten Schiffen wahr und vielleicht manche, an denen sich mit letzter Kraft ein Ertrinkender angeklammert hatte, ehe er sich zu den vielen Opfern gesellte, die das Meer in diesem Jahr forderte. Erst im Golf von Mexiko, wo ruhigeres Wetter unsere Fahrt begünstigte und dadurch die Passagiere die Seekrankheit abschüttelten, schwand die gedrückte Stimmung, die durch die neuesten Ereignisse bei allen mehr oder weniger aufgetreten war. Am 28. September in der Frühe näherten wir uns dem stolzen Hafen des palmenbeschatteten Havanna. Es war mir eine zu kurze Aussicht auf die Befestigungen an der Einfahrt vergönnt, um hier eine vollständige Beschreibung derselben geben zu können; ich stand auf dem Verdeck, mit den Augen die reizenden Bilder zu beiden Seiten gleichsam verschlingend, an denen ich wie im Flug vorübergetragen wurde. Die gelblichweißen Mauern, die zierlichen Türmchen, die langen Reihen der Schießscharten, die schwarzen Schlünde der Kanonen, die friedlich lächelnden Hügel, die sich feierlich wiegenden Kronen der Palmen – alles, alles bemerkte ich, jedem einzelnen Gegenstand schenkte ich einen Blick, bis mir ein Wald von Masten die Aussicht rückwärts entzog. Doch auch hier wurde ringsum die Aufmerksamkeit gefesselt, denn in dem geräumigen Becken des Hafens, gerade vor der Stadt, lagen wie schlafende Ungeheuer die schwerbewaffneten Schiffe der dort stationierten spanischen Flotte. Die »Northern Light« brauste vorbei an schwerfälligen Dreideckern, an scharfbugigen Fregatten und Kriegsdampfern; von den Masten wehte die spanische Flagge, und umfangreiche Baldachine waren zum Schutz gegen die senkrechten Strahlen der Sonne über den Verdecken ausgespannt. Nahe einem Steinkohlenmagazin hielt unser Dampfboot endlich in seinem Lauf inne, der Anker fiel, von der Flotte herüber schallte Trommeln und Pfeifen, es war 12 Uhr, und ich konnte lange Reihen weiß uniformierter Soldaten wahrnehmen, die sich im Paradeschritt auf den verschiedenen Verdecken bewegten. Gern wäre ich gelandet, ich hätte so gern in der großen Stadt mit den buntfarbigen Häusern und den sonnigen Dächern umherstreifen mögen, gern hätte ich mich unter die trägen, leichtbekleideten Spaziergänger auf dem Kai gemischt, doch donnerte von seinem hohen Standpunkt herab unser Kapitän: »Kein Passagier verläßt das Schiff!« Er hatte recht; denn drüben unter sonnigen Dächern und zwischen kühlen Mauern, auf den glühenden Straßen und im Schatten dunkelgrüner Bäume, unter den breiten Sombreros der Männer und unter den wehenden Rebosos der Frauen, überall grinste dem Fremden ein gräßlicher, ein erbarmungsloser Feind entgegen – das Gelbe Fieber. Meine Erfahrungen in Havanna mußten sich daher auf das beschränken, was ich oben vom Deck der »Northern Light« aus wahrzunehmen vermochte, und es erscheint mir daher Havanna in der Erinnerung wie ein schönes Bild, vor dem ich sinnend und bewundernd gestanden hatte. – Gegen 4 Uhr nachmittags wurden die von New Orleans kommenden Passagiere von der Quarantäne an Bord unseres Bootes geschafft, einige Salutschüsse weckten das Echo in den nahen Hügeln, und bald darauf wiegte sich die »Northern Light« auf den Wogen des falschen Karibischen Meeres. Am l. Oktober erblickten wir die Höhen von Porto Bello, und wenige Stunden später befanden wir uns vor der Bai, in der fast versteckt Aspinwall, der Landungsplatz der Dampfboote, liegt. Es war schon vollständig dunkel, als wir uns dem Hafen näherten, so daß durch Signalfeuer und Raketen unserem Kapitän die einzuschlagende Richtung angegeben werden mußte. Nach manchem Hin- und Herfahren lag die »Northern Light« endlich regungslos im Hafen, und ohne Zeitverlust begannen unsere Seeleute die Güter auszuladen, die von einer Anzahl farbiger Arbeiter in Empfang genommen und sogleich auf Eisenbahnwagen verpackt wurden. Ich benutzte den Abend zu einem Ausflug nach der Stadt, doch unbekannt mit der Örtlichkeit mußte ich bald davon abstehen, denn die Straßen waren durch die in jenen Breiten eingetretene Regenzeit so sehr aufgeweicht, daß an ein Durchkommen in der Dunkelheit gar nicht zu denken war, und der Lichtschein, der hin und wieder durch Fenster und geöffnete Türen auf die Straße fiel, diente mehr zum Blenden als zum Leuchten. Auch die nach dem Regen dick gewordene und mit giftigen Dünsten angefüllte Atmosphäre, die in geringer Höhe über dem marschigen Boden zu lagern schien, veranlaßte mich, früh mein Lager an Bord der »Northern Light« aufzusuchen. Die Morgennebel ruhten noch auf der spiegelglatten Bucht, als wir am folgenden Tag unsere Plätze im Eisenbahnzug einnahmen und die Lokomotive sich langsam der Südsee zu in Bewegung setzte. Der Tag war drückend heiß, selbst die durch die schnelle Bewegung der Wagen erzeugte Luftströmung hatte nichts Erfrischendes und glich mehr einem glühenden Hauch, vor dem man sich gern in einen Winkel rettete. Vier Stunden rollten wir auf der Eisenbahn dahin, einer Eisenbahn, die mit Recht als eine der schlechtesten und gefährlichsten bezeichnet werden kann; auch bewiesen die am Weg zerstreut umherliegenden Trümmer von Wagen, daß dort Unglücksfälle nichts Ungewöhnliches waren. Wie viele Menschenleben aber auf der Landenge von Panama durch Habgier, Spekulation und Gleichgültigkeit hingeopfert wurden, das läßt sich nur ahnen; denn wer auf Panama stirbt, der ist verschollen – sei es nun der vom grimmigen Fieber hingeraffte Eisenbahnarbeiter, dessen rückständigen Lohn seine Brotherren oder, besser gesagt, Käufer sich zueignen, oder sei es der durch unverantwortliche Fahrlässigkeit verunglückte Reisende, dessen Passagegeld sich schon in den Kassen der Dampfschiffahrts-Gesellschaft befindet. Die östliche Hälfte der Eisenbahn hatte ich schon im Jahre 1854 kennengelernt, als ich von San Franzisko kommend nach New York reiste; der westliche Teil erschien mir daher beinahe wie eine Wiederholung der ersteren. Überall erblickte ich dieselbe undurchdringliche tropische Vegetation, deren prachtvolle, frische grüne Schattierung, malerisch durchwebt von dem reizendsten Blumenflor, durch die Regen noch bedeutend gewonnen hatte. An den niedergestochenen Uferwänden zu beiden Seiten der Eisenbahn beobachtete ich auf der ganzen Strecke denselben farbigen Lehmboden, den vielfach Lagen fossiler Seemuscheln durchzogen, der zuweilen aber auch Sandstein durchblicken ließ, welcher wiederum auf den Höhen von Grünstein verdrängt wurde. Als ich in Panama den Wagen verließ, befand ich mich augenblicklich in einem dichten Gewühl von Passagieren, die auf die rücksichtsloseste Art gegen ihre Mitreisenden in wütender Eile dem Kai zustürzten. Dort nun lag ein Schleppdampfer, der dazu bestimmt war, Passagiere und Güter zum Dampfboot nach Kalifornien hinüberzuschaffen, das in der Entfernung von einigen Meilen in dem tiefen, ruhigen Wasser zwischen einer Felseninsel und dem Festland vor Anker lag. Es wäre zuviel, das Drängen und Stoßen beschreiben zu wollen, dem ich während einer Stunde ausgesetzt war und das mich mehr für unsere Barometer als für meine eigenen Glieder fürchten ließ. Auf der Landungsbrücke, die weit ins Meer hineinreichte, befand sich ein dichter Knäuel zankender, klagender und suchender Menschen, die sich zeitweise nach den Seiten des Bollwerks drängten, um den auf Eisenbahnschienen heranrollenden Gepäckwagen eine Straße zu öffnen. Das Gewühl auf dem Dampfboot meidend, begab ich mich auf einen der unförmigen Kasten, die, beladen mit Gütern und Lebensmitteln, ins Schlepptau genommen wurden. Ich saß dort ziemlich gut und hatte dazu eine freie Aussicht nach allen Richtungen hin, eine Aussicht, die mich reichlich entschädigte für die Unannehmlichkeiten, die ich während meines kurzen Aufenthalts in Panama erfahren hatte. »Alle an Bord!« rief endlich der Kapitän des Schleppbootes. »Alle an Bord!« brüllten wilde Stimmen am Ufer. Das Ventil, durch das der Dampf seinen Weg ins Freie fand, schloß sich, und langsam arbeitete das Fahrzeug mit seiner schweren Last ins offene Wasser. Das schöne Bild der altertümlichen Stadt, die, umgeben und halb versteckt von dunkelgrüner Vegetation, sich lieblich in dem ruhigen Wasser spiegelte, dehnte sich zu beiden Seiten in dem Maße aus, als die Entfernung bis zum Strand sich vergrößerte. Tiefblaue Bergkuppen tauchten im Hintergrund auf, die Felsvorsprünge schienen in der Ferne weiter ins Meer hineinzureichen, und zahlreicher wurden die Inselchen und Klippen, die sich allmählich in das Bild hineindrängten. Über dieser ganzen Landschaft nun hing der tropische Regenhimmel mit seinen schweren, lichtumsäumten Wolken, die sich träge dahinwälzten; und wie die Beleuchtung in einem Bild jedesmal den Eindruck desselben bestimmt, so schien auf der in Schatten gehüllten Landschaft von Panama eine melancholische Ruhe zu schweben, eine Ruhe, die unterbrochen wurde von einzelnen Sonnenstrahlen, welche durch kleine Öffnungen im Gewölk ihren Weg an die grünen Abhänge der Hügel fanden und langsam an denselben hinschlichen. Auf der anderen Seite befand sich das offene Meer; am fernen Horizont zeigten sich einzelne Segel; kleine Küstenfahrer kreuzten in allen Richtungen, und nicht weit von unserem Dampfboot lag, um mich eines dort gelernten Seemannsausdrucks zu bedienen, »leicht und zierlich aufgeschürzt wie eine Jungfrau« eine Kriegskorvette der Vereinigten Staaten, sich auf den Wellen nachlässig schaukelnd. – Seit den Unruhen, die zwischen den Kalifornienreisenden und den Eingeborenen auf dem Isthmus stattgefunden hatten, war nämlich vor Panama sowie vor Aspinwall ein bewaffnetes Fahrzeug stationiert worden, um den Reisenden nötigenfalls Schutz gegen die Eingriffe der dortigen Bevölkerung gewähren zu können. Mit einem gewissen Widerwillen ging ich an Bord der »Panama«, des Dampfbootes, das uns nach Kalifornien bringen sollte. Obgleich dasselbe kein unsicheres Fahrzeug war, so hatte man es doch seiner Langsamkeit wegen, mehr aber noch wegen fühlbaren Mangels an Raum auf demselben, durch ein größeres und schnelleres Dampfboot ersetzt und bereits drei Jahre lang unbenutzt im Hafen liegen lassen. Als sich nun plötzlich den Eignern Gelegenheit bot, das Fahrzeug zum Oregon-Verkehr auf vorteilhafte Weise verwenden zu können, schickten sie einen Kapitän und eine Mannschaft von San Franzisko, um das alte Schiff und in demselben die von New York angekommenen Reisenden nach Kalifornien zu bringen. Es sollten also die 600 Passagiere der »Northern Light« auf Räumlichkeiten beschränkt werden, die nur auf die Hälfte dieser Zahl berechnet waren. Eine Seereise, die statt der gewöhnlichen dreizehn oder vierzehn Tage volle drei Wochen dauert, wird durch diesen Umstand allein schon unangenehm; ist man aber in engem Raum mit so vielen fremden und dazu noch mit teilweise charakterlosen und unsauberen Menschen zusammengepfercht, so wird eine solche Reise fast unerträglich. Auf der »Panama« gesellte sich noch zu diesen Übelständen, daß wir während der ersten zehn Tage und besonders vor dem Golf von Tehuantepec mit den heftigsten Nordweststürmen zu kämpfen hatten und daß die anhaltenden Regen fast alles auf dem unvollkommen eingerichteten Verdeck durchnäßten. Erst von Acapulco aus, wo wir Kohlen einnahmen und wo wir die nördliche Grenze der Regenzeit überschritten, begünstigte uns wieder besseres Wetter. So arbeitete sich die »Panama« langsam an der Küste von Kalifornien hinauf, und aus vollem Herzen begrüßte ich endlich am 22. Oktober die Golden Gate und hinter dieser Felsenpforte den Hafen und die Stadt von San Franzisko. Dr. Newberry, ein Amerikaner, der als Arzt und Geologe der Colorado-Expedition angehörte, und Herr von Egloffstein, ein Bayer, der als Topograph mit uns demselben Ziel zueilte, waren schon von New York aus meine Gefährten gewesen. Beide waren alte Reisende, und wir hatten manche Stunde auf dem einsamen Ozean, inmitten einer geräuschvollen Umgebung, damit hingebracht, Erzählungen früherer Erlebnisse in den Urwildnissen gegenseitig auszutauschen, dann aber auch unsere verschiedenen Ansichten über das von uns zu durchforschende Terrain aufzustellen und zu verteidigen. Schon aneinander gewöhnt und geleitet von demselben Interesse, trennten wir uns auch in San Franzisko nicht und bezogen daher zusammen das uns empfohlene Metropolitan-Hotel, wo wir mit noch zwei anderen Mitgliedern der Expedition, Mr. Taylor und Mr. Booker, zusammentrafen. Beide Herren waren noch vollständig unbekannt mit dem Leben im Feld und schienen daher mit ganzer Seele für die kommenden interessanten Zeiten zu schwärmen, ohne zu ahnen, daß bei dergleichen Unternehmungen nur zu oft die gesammelten Erfahrungen und die Rückerinnerungen das einzige Angenehme sind; und letztere auch nur dann, wenn man nach einer glücklichen und erfolgreichen Reise nicht den Verlust eines guten Kameraden oder auch der eigenen Gesundheit zu beklagen hat. Die Vorbereitungen fanden wir so weit gediehen, daß unsere Gesellschaft, die durch Mr. Peacock, unseren Trainmaster, Der Trainmaster führt die Oberaufsicht über den ganzen Train und überwacht zugleich die Austeilung der Lebensmittel. und Herrn Bielawski, unsern Hydrographen, vervollständigt war, zu gleicher Zeit in den ersten Tagen des November von San Franzisko aufbrechen konnte. Lt. Ives beabsichtigte, in der Begleitung des Maschinenmeisters Mr. Carrol, eines Schmieds, eines Zimmermanns und einiger Bootsleute, in dem Schoner, auf dem sich unser Dampfboot, die Lagerequipage und Lebensmittel befanden, um Cap Lucas herum an die Mündung des Colorado zu segeln, dort sogleich das Dampfboot zusammenzufügen und dann in diesem und einigen Schleppbooten die ganze Fracht nach Fort Yuma, unserem Versammlungsort, hinaufzuschaffen. Seine Abreise war auf den 2. November festgelegt worden. Alle übrigen Mitglieder sollten sich am 3. November in einem nach San Diego abgehenden Dampfboot einschiffen, in zwei Abteilungen an verschiedenen Punkten der kalifornischen Küste landen und sich demnächst auf ihnen vorgeschriebenen Routen nach Fort Yuma begeben. Die erste Abteilung, bestehend aus Mr. Peacock und Mr. Taylor, erhielt den Auftrag, in San Pedro, dem Hafen von Pueblo de los Angeles, das Dampfboot zu verlassen, an letzterem Ort Packknechte und Maultiertreiber zu dingen und mit diesen in gemieteten Wagen nach Fort Tejon, einem Militärposten der Vereinigten Staaten im Innern Kaliforniens, zu reisen. Dort sollte sie 120 Maultiere in Empfang nehmen und mit diesen in mäßigen Märschen nach Fort Yuma gehen. Diesem Kommando wurde Herr von Egloffstein gewissermaßen als Lehrer des Mr. Taylor zugeteilt, so wie an mich die Aufforderung erging, mich als Naturaliensammler und Zeichner anzuschließen. Die andere Abteilung, bestehend aus Dr. Newberry, Mr. Bielawski, Mr. Booker und Lieutenant Tipton, dem Kommandeur unserer Eskorte, erhielt den Befehl, in San Diego zu landen, dort auf dem Militärposten die nötige Ausrüstung zu beziehen und in nächster Richtung unserem Vereinigungspunkt am Colorado zuzueilen. San Franzisko machte auf mich bei weitem nicht mehr denselben Eindruck wie im Jahre 1854, als ich von einer Expedition zurückkehrte und einige Tage hier verweilte. Schon auf der Fahrt vom Kai zum Gasthof vermißte ich das rege, geschäftige Treiben, das mich damals so sehr überraschte. Die Kaufläden erschienen mir nicht mehr so überfüllt; auf den Märkten und öffentlichen Plätzen konnte man gehen, ohne gedrängt zu werden, und es erforderte nicht mehr so große Gewandtheit, den schwerbeladenen Güterkarren, deren Zahl sich augenscheinlich verringert hatte, in den Straßen auszuweichen. Die Stadt hatte sich aber auch in den ersten Jahren nach der Entdeckung des Goldes in ihrem Wachstum überstürzt, und das Innere des Landes war noch nicht hinreichend bevölkert und organisiert, um ein solches Wachsen auf die Dauer zu gestatten und zu unterstützen. Hierzu kam noch, daß die Einwohner, von denen die meisten sich nur auf ungewisse Zeit in der neuen Weltstadt niedergelassen hatten, begannen, sich dem Strom der Einwandernden anzuschließen, tiefer im Lande neue Kolonien zu gründen und sich mehr auf den Ackerbau zu verlegen, was natürlich den plötzlichen Aufschwung der Stadt hemmen, aber in eine geregeltere und sichere Zunahme verwandeln mußte. Die Geschäfte in San Franzisko waren infolge der in allen Weltteilen fühlbaren Geldkrise von 1857 sehr gedrückt, und dort um so mehr, als der Konsum des Landes in keinem Verhältnis zu der Einfuhr stand und die Stadt im ersten Andrang so sehr mit Artikeln jeder Art überflutet worden war, daß in vielen Fällen die Preise noch unter die von New York herabsanken. Nur die Auswahl und die Pracht der auf den Märkten feilgebotenen Erzeugnisse des Landes schienen zugenommen zu haben, und so gewährte es mir auch diesmal eine besondere Freude, die Frühstunden auf den verschiedenen Märkten zuzubringen. Es war nicht allein der Wildmarkt, auf den Berg, Wald und Ebene ihr Bestes lieferten, was mich dorthin zog; es war nicht allein der Fischmarkt, auf dem das Schönste und Seltenste, was Meer und Fluß zu bieten hatten, vor dem Kauflustigen ausgebreitet lag, sondern es waren auch die langen Reihen der Tische, Buden und Wagen, in denen Gartenerzeugnisse, Blumen und Früchte feilgehalten wurden. Oft habe ich staunend vor riesenhaften Kürbissen, Melonen, Kartoffeln und Rüben gestanden und einzelne Wurzeln prüfend mit der Hand gewogen; öfter noch war ich versunken im Anschauen von Blumen und Früchten, die, geschmackvoll geordnet, die schönsten und prächtigsten Farben zeigten. Da waren Äpfel und Birnen von unglaublicher Größe, und dabei geschmückt mit so zarten Schattierungen, daß man fast zögerte, das schöne Farbenspiel auf der Rinde mit dem Messer zu zerstören. Auch Weintrauben und Südfrüchte wetteiferten gleichsam um den Vorrang in diesen täglichen Ausstellungen. Unter anderen Sehenswürdigkeiten interessierte mich besonders eine große Sammlung lebender Bären, die von einem alten Jäger in einem geräumigen Saal gezeigt wurden. Außer einem kalifornischen Löwen und einem 1500 Pfund schweren, kolossalen grauen Bären, die sich beide in Käfigen befanden, lagen an Ketten in einem abgesteckten Zirkus noch 18 Bären verschiedener Größe und unter diesen die prachtvollsten Exemplare der amerikanischen Spezies. Alle diese Tiere waren sehr zahm, und in ihrer Gesellschaft wohnte und lebte der in ein indianisches Lederwams gekleidete alte graubärtige Adams. Ein wissenschaftlicher Verein hat sich auch schon seit einigen Jahren in San Franzisko gebildet, und ich fand Gelegenheit, in dessen Lokal eine ziemlich vollständige Sammlung kalifornischer Mineralien sowie auch Proben von den zahlreichen dort vorkommenden Koniferen in Augenschein zu nehmen. Der deutsche Konzertchor verdient ebenfalls Erwähnung, sowohl wegen seiner Leistungen als auch wegen des riesigen, geschmackvoll eingerichteten Zeltes, das zu den Aufführungen bestimmt war und in dem ich manchen Abend bei dem wohlbesetzten Orchester und bei den lieben bekannten Musikstücken vergaß, daß mich Tausende von Meilen von der Heimat trennten. Es war am 2. November um die Mittagszeit, als wir Lieutenant Ives zum Kai hinunterbegleiteten, um dort von ihm auf zwei Monate Abschied zu nehmen und ihm Glück zu seiner langen Seereise zu wünschen. »Auf Wiedersehen am Colorado!« hieß es, als wir uns die Hand reichten; der kleine Schoner spannte seine schwingenartigen Segel aus und flog dahin vor einer scharfen Brise der Golden Gate zu. Am 3. November befanden wir uns abermals am Kai, doch diesmal mit unseren Sachen, um an Bord des Küstendampfers »Senator« zu gehen und in diesem, dem Schoner nach, gegen Südosten zu steuern. Schönes Herbstwetter begünstigte unsere Reise; schon am Abend desselben Tages erreichten wir Monterey, und am folgenden Morgen warfen wir Anker vor dem Landungsplatz des neun Meilen tiefer im Lande gelegenen Missionsdorfes San Luis Obispo. Nur bei günstigem Wetter können an dieser Stelle Passagiere mittels Booten ausgeschifft werden, und selbst dann bedarf das Steuer einer sicheren, erfahrenen Hand, um das Fahrzeug nicht in der Brandung am felsigen, klippenreichen Strand zerschellen zu lassen. Die ruhige See und der in Aussicht stehende zwölfstündige Aufenthalt veranlaßten mehrere von uns, zu landen, und während Herr von Egloffstein und Mr. Taylor sich auf einer Anhöhe mit Übungsarbeiten am Meßtisch beschäftigten, unternahm ich in Gesellschaft meines Freundes Dr. Newberry einen kleinen Ausflug in die nahen Berge. Was man gewöhnlich an felsigen Küsten sieht, fanden wir auch hier; wir sammelten Muscheln, Seesterne und Krabben, wir schossen Pelikane, Enten und Schnepfen und folgten dann dem Lauf eines Baches aufwärts, der uns anfangs zwischen lehmigen Hügeln hindurchführte, die von Tausenden von Erdeichhörnchen belebt waren, dann aber in eine Felsenschlucht einbog, in der wir uns an den malerischen Formationen und der gefälligen Abwechslung von Fels und Wald, von Wiesen und Wasserspiegeln ergötzten. Wir kehrten am Nachmittag an den Strand zurück, wo wir in einer Hütte vom Kapitän der »Senator«, einem fröhlichen, sorglosen Seemann, zu einem ländlichen Mahl und einem tüchtigen Seemannspunsch eingeladen wurden. Das Ausschiffen der Fracht hinderte uns, vor Einbruch der Nacht wieder an Bord zurückzukehren, dafür bot uns der Strand durch die eingetretene Ebbe die angenehmste Unterhaltung, denn wir entdeckten immer neue Gegenstände, die in den kleinen, mit Wasser angefüllten Felsenhöhlen zurückgeblieben waren und daher eine leichte Beute für unsere Sammlung wurden. Beachtenswert erschienen mir die zahlreichen Ströme von Erdpech, In den Küstengebirgen des südlichen Kalifornien befinden sich zahlreiche Stellen, an denen Erdpech (Bitumen) aus dem Boden quillt und, durch die Sonnenglut in halbflüssigen Zustand versetzt, sich über nicht unbedeutende Flächen ausbreitet. Ich bemerkte dergleichen Naphta-Quellen an den Abhängen der Küstengebirge, wie bei San Luis Obispo; ich sah sie in den Ebenen, wie bei Pueblo de los Angeles; ich beobachtete aber auch Massen dieses Bitumens, die in jenen Breiten auf dem Meer umherschwammen und aus der Tiefe emporgekommen zu sein schienen, in den meisten Fällen aber wohl den Küsten entführt worden waren. Bei umsichtiger Behandlung eignet sich dieses Bitumen, wenn es mit Erde und Sand vermischt wird, vortrefflich zu Asphaltwegen und wasserdichten Dächern; auch findet man in jenen Gegenden die Häuser vielfach auf diese Weise gedeckt, wodurch aber zur heißen Jahreszeit die Unannehmlichkeit für die Fußgänger entsteht, daß sie beim zu nahen Herantreten an die Häuser von der erweichten, niedertropfenden Masse besudelt werden. die, zur Zeit verhärtet, von den nahen Abhängen bis ins Meer hineinreichten; zu heißen Jahreszeiten dagegen, durch Quellen in den Spalten der nahen Küstengebirge genährt, in halbflüssigem Zustand ihren kaum merklichen Lauf fortsetzen. Am 5. November in der Frühe hielt die »Senator« kurze Zeit vor der Stadt Santa Barbara und ließ am Abend desselben Tages im Hafen von San Pedro den Anker fallen. Hier war es, wo Peacock, Egloffstein und ich uns von dem Rest unserer Gesellschaft trennen mußten. Wir blieben die Nacht über noch an Bord, ließen in der Frühe des folgenden Tages unsere Reiseeffekten in ein Boot schaffen, wechselten mit unseren nach San Diego reisenden Gefährten das bekannte: »Auf Wiedersehen am Colorado«, sprangen unseren Sachen nach, und in einigen Minuten befand ich mich am Strand auf derselben Stelle, wo ich mich im Jahre 1854, nach Zurücklegung einer langen und beschwerlichen Reise über den Kontinent, auf dem Dampfboot »Fremont« eingeschifft hatte. Drittes Kapitel San Pedro – Pueblo de los Angeles – Der Weinbau daselbst – Ankunft des Lieutenant Beale mit den Kamelen – Aufbruch von Pueblo de los Angeles – Die Mission San Fernando – General Pico – San-Fernando-Paß – Der texanische Grenzbewohner und seine Erzählung So waren denn endlich die Seereisen überstanden; vor mir lag ein langer, langer Weg durch unbekannte Wildnisse; ich befand mich am Beginn eines Unternehmens, dessen Ende nicht abzusehen war, um so mehr, als zu jener Zeit die offenen Feindseligkeiten zwischen den Vereinigten Staaten und den Mormonen ausgebrochen waren und der Lauf des Colorado uns allmählich in das Utah-Gebiet führen mußte, wo wir nicht ahnen konnten, welcher Empfang uns von den Mormonen selbst und den ihnen verbündeten zahlreichen Indianerhorden zuteil werden würde. Gedanken dieser ernsten Art finden indessen keinen Raum in einer neu organisierten Expedition, indem die Neulinge zu sehr von jugendlichem, nicht überlegendem Enthusiasmus geleitet werden, diejenigen aber, welche mit dem Leben im Feld schon vertraut sind, auch den Reiz desselben kennengelernt haben – einen Reiz, der den rüstigen Mann immer von neuem hinaustreibt, um zu sehen und zu lernen, den Greis aber so gerne sich in die Erinnerung der Tage seines Reiselebens versenken läßt. Es wurde uns nicht schwer, in San Pedro einige Wagen aufzutreiben, welche uns noch an demselben Tag nach Los Angeles brachten. Es ist keineswegs meine Absicht, hier Beschreibungen, die ich in meinem ersten Reisewerk »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 448. gab, zu wiederholen; ich will nur die Verschiedenheit der Eindrücke hervorheben, die der Reisende empfängt, wenn er die ihm im Frühlingsschmuck bekannten Gegenden und Landschaften im anderen Gewand wiedersieht, und zwar aschgrau gefärbt infolge jahrelanger Dürre und der vorgerückten Jahreszeit. Ja wie eine traurige Wildnis dehnte sich die wellenförmige, einst so grüne und blumenreiche Ebene vor uns aus, als unser Wagen leicht auf der felsenfest getrockneten Straße dahinrollte. Versengte Vegetation und verkümmerte Viehherden starrten mir überall entgegen, und da, wo ich mich früher an den Seen über das muntere Treiben einer ganzen Vogelwelt freute, erblickte ich jetzt vielfach geborstenen, lettigen Boden, während in der Ferne die Mirage ihre trügerischen Gewässer ausbreitete und diese mit wunderlichen Figuren und Bäumen schmückte. Nahe der Stadt, wo Kanäle die Gärten und Äcker vielfach durchschnitten und dem Los-Angeles-Fluß sein Wasser zur Befeuchtung des Bodens entführten, da wurde das Auge wieder erquickt durch grüne Weingärten, durch Obst- und Weidenpflanzungen, in denen sich der Herbst erst spärlich durch rotbraune und gelbe Blätter bemerkbar gemacht hatte. Das Dingen von Packknechten und Maultiertreibern (Koch und Diener waren uns schon in San Franzisko zugeteilt worden) erheischte einen viertägigen Aufenthalt ins Los Angeles. Denn wenn sich auch Leute in großer Anzahl zu unseren Diensten anboten, so mußten wir doch vorsichtig mit der Wahl unter denselben zu Werke gehen, um sicher zu sein, solche Arbeiter mit uns zu führen, die nicht die erste Gelegenheit ergreifen würden, während der Nacht mit einigen unserer Maultiere auf und davon zu gehen. Das Land wimmelte nämlich dort von Räubern, und erst kurz vor unserer Ankunft war es zwischen einer Räuberbande und der Miliz von Los Angeles zum offenen Kampf gekommen, in welchem zuerst der Anführer der Miliz erschossen, später aber die Räuber teils gehängt, teils versprengt wurden. In einer kalifornischen Stadt, in der das mexikanische Element noch vorherrschend ist, wird es dem Reisenden, den nicht Geschäftsbeziehungen an Ort und Leute fesseln, schwer, eine zusagende Unterhaltung zu finden. Zirkus und Wettrennen, wo der größte Teil der Geräusch und wilde Zerstreuungen liebenden Bevölkerung fast fortwährend versammelt war, dienten dazu, uns aus der Stadt zu vertreiben. Wenn uns daher die widerwärtigen Sand- und Staubstürme, die fast an jedem Nachmittag in der Richtung von der Küste her aufsprangen, den Aufenthalt im Freien nicht zu unangenehm machten, dann wanderten wir hinaus in die Weingärten, wo in der Entfernung von einigen Meilen Herr Fröhlich, ein deutscher Weingärtner, uns mit liebenswürdiger Gastfreundschaft erwartete und aufnahm. Derselbe zeigte uns alsdann seine großartigen Anlagen, belehrte uns über den dortigen Weinbau und bewirtete uns mit dem besten von ihm selbst gezogenen, aber in San Franzisko abgelagerten Wein. So herrliche Trauben man auch in der Umgebung von Los Angeles zieht, so ist doch allgemein wahrgenommen worden, daß der dort gekelterte Wein den Trauben nicht entspricht. Um nun dem Los-Angeles-Wein mehr Ruf auf den Märkten zu verschaffen, hatte Herr Fröhlich mit bestem Erfolg einen von ihm längst gehegten Plan in Ausführung gebracht. Er hat sich nämlich mit einem der besten Kellermeister in San Franzisko in Verbindung gesetzt und schickt alljährlich nicht nur den von ihm selbst gewonnenen, sondern auch den aufgekauften Wein, sobald es die erste Gärung erlaubt, in Segelschiffen hinauf nach San Franzisko. Dort muß er ein Jahr und darüber in guten Kellern liegen, ehe er für den Verkauf tauglich erklärt und zurück nach Los Angeles und anderen Städten verschifft wird. Ob nun den Seereisen, der Veränderung des Klimas oder den besseren Kellergewölben der gute Einfluß zuzuschreiben ist, wage ich nicht zu entscheiden; wohl aber entdeckte ich leicht den Unterschied zwischen den in Los Angeles und den in San Franzisko abgelagerten Weinen. Warum sollte ich es übrigens leugnen, daß ich manches Stündchen in der Gesellschaft meiner Kameraden »fröhlich mit dem Herrn Fröhlich«, wie wir scherzweise zu sagen pflegten, vor den vollen Fässern zubrachte? Es waren nur Stunden, doch gern erinnert man sich solcher in harmlosem, geselligem Zusammensein verlebter Stunden, die man, beschäftigt mit ernsten Aufgaben, der Zeit gleichsam entwenden muß. Ich erinnere mich noch recht oft des gastfreien Herrn Fröhlich; in Gedanken sehe ich ihn kniend auf seinen eisenbeschlagenen Fässern, ich sehe in seiner Hand den mit Rostflecken gezierten Heber und den goldenen Strahl, den wir so geschickt in unseren Gläsern aufzufangen wußten. Am 9. November zur späten Nachmittagsstunde geriet ganz Los Angeles in Aufregung, denn herein ritten in der Richtung von San Bernardino her auf Kamelen und Dromedaren eine Anzahl wettergebräunter Gestalten, welche in ihrem Äußeren die unverkennbaren Spuren einer langen Reise durch unwirtliche Gegenden zeigten. – Es war Lieutenant Beale, früher zur Marine der Vereinigten Staaten gehörend, der auf Befehl seiner Regierung den ersten Versuch einer Reise auf dem afrikanischen »Schiff der Wüste« durch die amerikanischen Steppen und Gebirge unternommen hatte. Die Vorbereitungen zum Aufbruch nahmen unsere Zeit so sehr in Anspruch, und Lieutenant Beale hatte so viel mit dem Entlassen seiner dort überflüssig gewordenen Leute zu tun, daß wir nur kurze Begrüßungen miteinander wechseln konnten. Da indessen unser beiderseitiges Ziel Fort Tejon war, wo am Rande des Tularetals bei einem kalifornischen Schafzüchter die zweiundzwanzig Kamele der Expedition überwintern sollten, so fand ich noch mehrere Male Gelegenheit, genauere Nachrichten über »die Einführung der Kamele in Amerika« Der »ehrenwerte« Jefferson Davis, zur Zeit, als er den Posten des Kriegsministers der Vereinigten Staaten bekleidete (1853-1857), unterstützte am meisten den Plan der Einführung des Kamels. Seinen ernstlichen Bemühungen, die schon in früheren Jahren ihren Anfang nahmen, ist es fast ausschließlich zu verdanken, daß der langgehegte Plan endlich zur Ausführung kam und die Aufmerksamkeit der Regierung, vorzugsweise aber des Kriegsdepartements, immer mehr darauf hingelenkt wurde. Bekannt ist, daß von den Vereinigten Staaten Offiziere nach Ägypten gesandt wurden, und zwar, um nicht nur eine Anzahl Kamele anzukaufen, sondern auch um die Natur und die Vorzüge der verschiedenen Rassen förmlich zu studieren. Die Zahl der im Staate Texas untergebrachten Kamele und Dromedare betrug im Jahre 1857 schon über achtzig. Die mehrfachen Versuche, unter denen die in diesem Werk oftmals erwähnte Expedition des Lieutenant Beale am meisten hervorragt, haben gelehrt, daß das Kamel auch bei der nordamerikanischen, teilweise sehr ungünstigen Bodengestaltung vortrefflich zu militärischen Zwecken verwendet werden kann, sich leicht akklimatisiert und sogar vermehrt. – Natürlich können nur langjährige Erfahrungen über das Resultat dieses Unternehmens entscheiden, doch unterliegt es wohl kaum noch einem Zweifel, daß bei einiger Energie und bei umsichtiger Behandlung der Tiere die unwirtlichen Regionen des nordamerikanischen Kontinents in Zukunft zugänglicher werden müssen. einzuziehen. Am Morgen des 11. November in aller Frühe waren wir reisefertig. Es hatte in der Nacht seit langer Zeit wieder zum erstenmal auf der Ebene geregnet, während die östlichen Gebirgszüge fast bis zu ihrer Basis hinunter in einer Schneedecke prangten. Der Morgen war kalt, aber klar, so daß wir uns kein besseres Wetter zur Reise wünschen konnten. Ein leichter viersitziger Wagen, von zwei kräftigen Pferden gezogen, war zu unserem eigenen Gebrauch gemietet worden, während unsere Leute – ein Koch, ein Diener und sechs Packknechte – ihre Plätze beim Gepäck auf einem großen vierspännigen Lastwagen fanden. Wir verließen Los Angeles, wohin wir nach vierzehn Tagen zurückzukehren gedachten, und schlugen die Straße ein, die in nordwestlicher Richtung über die Ebene führte und in der Entfernung von sechs englischen Meilen Wenn ich mich in diesem Werk bei Angabe von Entfernungen der Bezeichnung Meile bediene, so ist darunter stets die englische Meile zu verstehen, von der 4¾ auf eine deutsche gerechnet werden können. nördlich in einen niedrigen Gebirgszug bog, der sich in westlicher Richtung mit dem Küstengebirge vereinigte. Wir näherten uns wieder dem Ozean, und es war beim Aufsteigen in den Paß, wo ich zum letztenmal den Spiegel der Südsee erblickte und ihm wahrscheinlich auf ewig Lebewohl sagte. Diese Aussicht dauerte wenige Minuten, denn bald waren wir umgeben von Bergen und Felsen, die einen Kessel um uns herum bildeten und, mit der Basis zusammenstoßend, nur eine unbequeme Straße offenließen. Überall, wo niedriges Gestrüpp und Kakteen den Boden nicht bedeckten, war deutlich Sandsteinformation zu erkennen, doch nahm ich auch Proben von Eruptivgestein wahr, das indessen von den Gipfeln der Berge herabgerollt zu sein schien. Vier Meilen mochten wir wohl in dem Paß zurückgelegt haben, als bei einer Biegung der Straße die nackten Hügel sich öffneten und die Ebene von San Fernando vor uns lag. Diese Ebene hat in allen Richtungen eine Breite von ungefähr sechzehn Meilen, und die Mission, wo wir zu übernachten beabsichtigten, befindet sich am östlichen Rand derselben. Als wir den Paß verließen und am Fuß der Hügel den Los-Angeles-Fluß überschritten, wurden wir von Lieutenant Beale und seinem Assistenten, Lieutenant Torborn, auf ihren schnellen Dromedaren eingeholt; beide eilten nämlich ihrer Expedition voraus, um in Fort Tejon für die Unterbringung der Kamele ihre Vorbereitungen zu treffen, und sie wünschten wie wir noch vor Einbruch der Nacht die Mission zu erreichen. Es war ein langer und zugleich ermüdender Marsch auf dem sandigen Weg, und üppig wuchernde Kakteen, unter deren stachligen Blättern Tausende von Rebhühnern und Hasen eine sichere Zufluchtsstätte fanden, bedeckten den größten Teil der Ebene und verliehen ihr einen unfreundlichen, trostlosen Charakter. Die Sonne verschwand hinter den westlichen Bergen, die Dämmerung ging schnell in Dunkelheit über, und noch immer trennten uns Meilen von unserem Ziel. Der Himmel hatte sich mit schweren Regenwolken überzogen und verdichtete die nächtliche Dunkelheit so sehr, daß wir kaum gewahrten, daß wir auf einer langen Strecke in geringer Entfernung von einer Mauer, der alten Garteneinfriedung der Mission, hingezogen waren. Am Ende der Mauer schimmerte uns ein Licht entgegen, auf das wir zulenkten, und nach einigen Minuten wurden wir unter der langen Kolonnade der Mission von deren jetzigem Besitzer General Pico beim Schein von Laternen mit echt mexikanischer Gastfreundschaft willkommen geheißen. Unsere Leute und Tiere fanden bald ein bequemes Unterkommen in einem der vielen leeren Räume der Mission, meine drei Gefährten und mich dagegen führte der würdige Senor in einen geräumigen Saal, in dem er uns zwei mächtig große Betten zum Nachtlager anwies. Kruzifixe, aus dunkelfarbigem Holz geschnitzt, zierten die weißen Wände dieses altertümlichen Gemachs, dessen ganze Einrichtung noch von den Missionaren herzurühren schien; eine gewisse Einfachheit war in demselben vorherrschend, ohne jedoch den Bequemlichkeiten Abbruch zu tun, die dem müden Reisenden bei seinem Eintritt auf einladende Weise ins Auge fielen. Diese zu erhöhen, hatte der General eine ganze Reihe von Flaschen mit verschiedenen kalifornischen Weinen auf den roh gezimmerten Tisch gestellt, und wo andere vielleicht nach Namen, nach dem Woher und dem Wohin gefragt hätten, da trank der edle Don mit jedem von uns ein Glas von seinem Besten und führte uns dann in den Speisesaal. Dort trafen wir mit Lieutenant Beale und Lieutenant Torborn zusammen, die fast zu gleicher Zeit mit uns die Mission erreicht hatten und gleich uns vor allen Dingen durch die löbliche Zeremonie des Willkommenstrunks gegangen waren. Auch sie schienen sich ganz willig in den guten alten Brauch zu fügen, worauf wir um eine lange Tafel Platz nahmen, die unter einer Last wohlzubereiteter Speisen seufzte. Bis spät in der Nacht hinein saßen wir zusammen; der Wein war gut, die Unterhaltung kam nie ins Stocken, und wie wäre das auch anders möglich gewesen bei Reisenden des »Fernen Westens«, die sich im »Fernen Westen« begegnen. Mr. Peacock, Herr von Egloffstein, Mr. Taylor und ich befanden uns zwar erst am Anfang einer Expedition, Mr. Beale und Mr. Torborn dagegen hatten eben eine Reise, und dazu noch die Probereise auf den Kamelen, beendet, weshalb ihre Erzählungen von größtem Interesse für uns waren, und für mich um so mehr, als ich die von ihnen durchzogenen Landstriche auf meiner zweiten Reise schon teilweise kennengelernt hatte und daher manche Frage über verschiedene Berge und Flüsse, über einzelne Indianerstämme und deren Häuptlinge an die Erzähler richten konnte, die mir zu meiner größten Freude genügend beantwortet wurde. Nicht genug wußten sie die Sicherheit zu rühmen, mit der die Kamele auf gefährlichen Gebirgspfaden ihre Last getragen hatten; wie unschätzbar sie in dürren, wasserarmen Gegenden gewesen seien; mit welcher Leichtigkeit sie die Ströme durchschwömmen und mit welcher Genügsamkeit sie sich in den schrecklichen Kiesebenen und Felsenwüsten von übelriechenden Zweigen des Kreosotstrauchs und der Talgholzpflanze genährt hatten. Auf der ganzen Reise von Texas bis nach Kalifornien war kein einziges Tier zugrunde gegangen; im Gegenteil, die Kamele befanden sich in so gutem Zustand, wie man es nach einer so langen Reise voller Mühseligkeiten und Entbehrungen kaum hätte für möglich halten können. Die Zweifel, die man hegte ob die Kamele sich in Amerika akklimatisieren und fortpflanzen würden, waren schon vor dem Beginn von Beales Expedition geschwunden; nun aber war es auch erwiesen, daß die Idee des früheren Kriegssekretärs der Vereinigten Staaten, Mr. Jefferson Davis, »Kamele auf dem amerikanischen Kontinent zu militärischen Zwecken zu verwenden«, nicht nur ausführbar sei, sondern daß auch der durch die Weitläufigkeit der Militärposten und durch das Terrain erschwerte Dienst im fernen Westen durch die Einführung von Kamelen auf vorteilbringende Weise bedeutend erleichtert werden könne. Es war schon tief in der Nacht, als wir uns im Speisesaal des General Pico trennten und unsere Gemächer, die sich an verschiedenen Enden des langen Hauptgebäudes befanden, aufsuchten. Ich schlief vortrefflich; ich träumte von spanischen Kriegern und wilden Indianern, die Enthaltsamkeit bewiesen, weil es ihnen am Notwendigsten fehlte; ich träumte von weißbärtigen Mönchen und langhaarigen Kamelen, die in vollen Zügen tranken, weil es ihnen geboten wurde; ich träumte aber auch von der Heimat, denn ich glaubte dort zu sein, als Mr. Peacock mich heftig an der Schulter faßte und mir jubelnd ins Ohr sang: »I can't stay in this wilderness, but a few days...« Halb träumend rollte ich aus der knarrenden Bettstelle, ich rieb mir die Augen, und mechanisch griff ich nach dem gefüllten Becher, den mir der liebenswürdige Don Pico mit einem verbindlichen »Buenos dias« entgegenhielt. Es hatte während der Nacht geregnet, in den nahen Gebirgen dagegen geschneit. Der Morgen war kalt, heftiger Nordwestwind strich über die Ebene, doch hinderte mich das nicht, sobald es hell genug war, mit meinem Skizzenbuch hinauszueilen, um mir eine Zeichnung von der alten Mission zu sichern, die, umgeben von Trümmern und zerfallenden Hütten, einen eigentümlich malerischen Anblick bot. Ungefähr zwei Meilen vom Fuß der San-Bernardino-Bergkette erhebt sich zwischen umfangreichen Gärten die Mission San Fernando. – Die kleinen Baulichkeiten und massiven Einfriedungen, die einst den geräumigen, mit einer schönen, jetzt aber trockenen Fontäne geschmückten Hof vor dem Hauptgebäude bildeten, zeigen freilich nur noch Haufen von Schutt und Erde, doch sind überall die Spuren früheren Glanzes und Reichtums noch deutlich erkennbar. Das Missionshaus, der jetzige Wohnsitz des Generals, besteht aus einem langen, kolossalen, mit schwerfälliger Architektur verzierten Gebäude, vor dem sich von einem bis zum anderen Ende ein Säulengang hinzieht, dessen zwanzig Bogen dem vorstehenden Dach zur Stütze dienen. Der Boden der Säulenhalle ist zierlich gepflastert, und dadurch wird den Bewohnern nicht nur im heißen Sommer ein schattiger Aufenthaltsort, sondern auch bei unfreundlichem Wetter ein trockener Spazierweg geboten. Mauern sowie Pfeiler sind aus Adobes (an der Luft getrockneten Ziegeln) stark und massiv aufgeführt und erhalten durch den weißen Kalkanstrich ein überaus freundliches Ansehen. An die Nordseite dieses Gebäudes schließen sich von hohen Mauern umgebene Höfe, die jetzt wie früher den vielen häuslichen Arbeiten, welche eine so großartige Einrichtung erheischten, eingeräumt sind. Etwas weiter zurück liegt die alte Kirche; das Dach derselben ist teilweise eingestürzt, die Fenster sind aus den Öffnungen der Mauern verschwunden, und halb geöffnet hängen die schweren, windschiefen Türen in den rostigen Angeln, freien Eintritt gestattend den Ziegen, welche die nächste Umgebung reich bevölkern. Die Zeit erlaubte mir nicht, in die Gärten hineinzugehen, doch gewahrte ich Palmen, Oliven- und Orangenbäume, deren grüne Kronen weit über die Adobemauern hinausragten, und zwar mit einer Üppigkeit, die in strengstem Widerspruch mit dem winterlich kalten Klima stand. Nie sah ich früher auf dem amerikanischen Kontinent den Tropen eigentümliche Bäume so weit nördlich gedeihen; freilich befinden sich bei Pueblo de los Angeles ansehnliche Orangenbaumpflanzungen, doch ist auch wieder zwischen diesem Ort und der Mission San Fernando ein Höhenunterschied von beinahe tausend Fuß (letztere befindet sich in einer Höhe von 1048 Fuß über dem Spiegel der Südsee), was in dieser Breite (34°20' n. Br.) gewiß sehr bedeutenden Einfluß hat. Alexander von Humboldt hat indessen schon vor vielen Jahren den 34. Breitengrad auf dem amerikanischen Kontinent als die nördlichste Grenze der bisweilen vierzig Fuß hohen Chamaerops palmetto bezeichnet. Die Mission San Fernando wurde im Jahre 1797 gegründet und zählte schon im Jahre 1802 gegen 600 Einwohner. Im Jahre 1838 besaß sie noch 14 000 Stück Rindvieh, 5000 Pferde und 7000 Schafe. Die jährliche Ernte betrug zirka 8000 Fanegas Korn, 200 Fässer Wein und Branntwein (Aguardiente), und damals, also fünf Jahre nach der allgemeinen Säkularisierung der Missionen Kaliforniens durch das mexikanische Gouvernement, »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 446. befanden sich dieselben schon nicht mehr auf ihrem Glanzpunkt. Schneller noch verfiel das Missionswesen in den folgenden Jahren, und nur der aufopfernden Fürsorge des spanischen Missionars R.P. Blás Ordáz verdankte es die Mission San Fernando, daß sie im Jahre 1844 noch 400 Indianer, 1500 Stück Rindvieh, 400 Pferde und 2000 Stück Schafe zählte, bis sie dann endlich im Jahre 1849 als Staatseigentum an den mexikanischen General Pico verkauft wurde. Gebäude und Gärten blieben zu unserer Rechten liegen, als wir der Straße folgend uns dem östlichen Gebirgszug näherten. Wir erreichten bald einen kleinen Fluß, an welchem der Weg uns aufwärts durch die erste Hügelkette in ein langes, schmales Tal führte, von dessen nördlichem Ende uns das Flüßchen entgegenrieselte. Einige vereinsamte mexikanische Häuser lagen zerstreut umher; kleine Vieh- und Schafherden weideten in verschiedenen Richtungen und verrieten die Anwesenheit von Menschen in dieser wilden Gegend. Am nördlichen Ende des Tals, wo die Berge sich dicht zusammendrängten, bog die Straße gegen Osten in den San-Fernando-Paß, der über die Susannah Range, eine der nördlichen Verlängerungen der San-Bernardino-Kette, führt. Wir stiegen ab, um die steile Höhe vor uns zu erklimmen, doch nur langsam vermochten uns die Tiere mit den erleichterten Wagen auf dem stark ansteigenden Weg zu folgen. Obgleich der höchste Punkt des Passes (1940 Fuß über dem Meeresspiegel) mit bedeutendem Kostenaufwand durchstochen worden ist, so konnten unsere Wagen doch nur durch Vorspannen von dort zufällig bereitstehenden Ochsen auf die Höhe hinaufgeschafft werden. Dieselben auf der andern Seite wieder hinunterzubringen, kostete fast noch mehr Vorsicht und Mühe, indem die Lasten, je nachdem die Sandsteinstraten mit festen Lehmlagen abwechselten, gleichsam von Stufe zu Stufe hart am Rand eines Abgrunds niedergleiten mußten. Ich wartete nicht auf die Wagen, sondern meine Jagdgeräte ergreifend, folgte ich der Straße abwärts in eine breite, malerische Schlucht, wo im Schatten von Eichen, Platanen und Walnußbäumen zahlreiche Quellen aus dem steinigen Boden rieselnd sich zu einem Bach vereinigten, der in nördlicher Richtung dem Santa-Clara-Fluß zueilte. Große Scharen von gekrönten Rebhühnern schlüpften durch das dichte Unterholz und an den steilen Abhängen der Berge hinauf; ich folgte ihnen nach, und wenig auf die Umgebung achtend, befand ich mich plötzlich unvermutet vor einem eingefriedeten Gartenfeld, von dessen anderem Ende, halb versteckt von hohen Bäumen, mir ein an der Straße gelegenes Blockhaus entgegenschimmerte. Da die Ankunft der Wagen noch über zwei Stunden dauern mußte, so beschloß ich, bei den einsamen Ansiedlern – die, nach der Bauart des Hauses zu schließen, nur Amerikaner sein konnten – vorzusprechen und bei ihnen die Ankunft meiner Gefährten zu erwarten. Ich näherte mich der Hütte; mehrere große Hunde stürmten mir mit drohendem Gebell entgegen, doch wurden sie augenblicklich von zwei jungen, etwas wild aussehenden Burschen zurückgerufen, welche damit beschäftigt waren, die frische blutige Haut eines Grislybären zum Trocknen auszuspannen, während ein zweiter, gleich frischer Pelz in ihrer Nähe zusammengerollt auf der Erde lag. Die beiden Brüder, denn als solche erkannte ich sie auf den ersten Blick, reichten mir zum Gruß die fettigen Hände und luden mich ein, ins Haus zu treten und es mir vor dem Kaminfeuer bequem zu machen. Die Aufforderung war gewiß herzlich gemeint, denn eisigkalt heulte der rauhe Wind, begleitet von feinem Regen, durch die bewaldete Schlucht; ich zog es indessen vor, in der Gesellschaft der beiden Jäger zu bleiben, die mit ihren wettergebräunten und zugleich ehrlichen Gesichtern für mich eine so angenehme, wie in dieser Gegend seltene Erscheinung waren. Natürlich betraf unsere Unterhaltung fast ausschließlich die Jagd, und mit Interesse horchte ich auf die einfachen und zugleich scherzhaften Erzählungen der Brüder, wie sie ihre verschiedenen Kämpfe mit den Bären, ihr Verfolgen der Hirsche, Panther und Wölfe beschrieben. Nachdem sie ihre Arbeit vollendet hatten, trat ich mit ihnen ins Haus, wo in dem einzigen Gemach, das durch die ganze Hütte reichte, ihr Vater, ein alter, ergrauter Mann, auf einer roh gezimmerten Bank vor dem Kaminfeuer saß und seinem kurzen Tonpfeifchen dichte Rauchwolken entlockte. Derselbe sprach abwechselnd zu seinen beiden jüngsten Söhnen, Knaben von 14 und 16 Jahren, von denen der ältere sich emsig bemühte, einen Feuerstein an das Schloß einer Büchse zu schrauben, der jüngere aber in Decken gehüllt in einem Winkel am Feuer lag und laute Klagen über heftige Schmerzen in seinem Knie ausstieß. Ich vernahm noch die letzten Worte des Alten, der, den Rücken der Tür zugewandt, den Eintritt eines Fremden nicht bemerkte. »Ich sage dir, John«, sprach er in belehrendem Ton, »du kannst deine Hand noch nicht an einer wilden Katze oder einem Grisly versuchen, solange du noch den Fehler begehst, zwischen Stein und Schrauben einen Lappen anstatt eines Stückchens Leder zu klemmen. Sei ruhig, mein Sohn«, fuhr er in derselben Weise zu dem sich vor Schmerz krümmenden kranken Knaben fort, »sei ruhig, mein Knabe, es ist weiter nichts als ein Anfall von Rheumatismus, es sind die Folgen des Barfußlaufens; ich habe dir ja vorher gesagt, daß es so kommen würde. Da hängen deine Stiefel schon seit zwei Jahren und sind noch so gut wie neu, sie werden dir wohl schon zu eng geworden sein. – Ah, guten Tag, Fremder«, antwortete er mir jetzt auf meine Begrüßung, »laßt Euch nieder; John, gib mir die Flasche und ein Glas!« Mit diesen Worten reichte er mir seine schwielige Hand und rückte etwas zur Seite, um mir einen Platz auf der Bank vor dem Feuer einzuräumen. Absichtlich beschreibe ich umständlich, vielleicht zu umständlich, kleine Szenen wie diese, doch der Fehler, den ich dadurch begehe, entspringt aus dem natürlichen Wunsch, ein deutliches, getreues Bild aus dem Leben im »Fernen Westen« zu geben, dann aber auch aus dem vielleicht irrtümlichen Glauben, daß alles, was mich in der Wirklichkeit interessierte, auch in der Beschreibung Teilnahme erregen dürfte. Wenn die Ansiedler des Westens die Gesellschaft der Menschen nicht suchen und sich vor der eindringenden Zivilisation zurückziehen oder, vielleicht richtiger gesagt, derselben den Weg ebnen, so nehmen sie doch stets Wanderer und Reisende gastfreundlich auf und zeigen sich gegen diese gewöhnlich gesprächiger, als man es unter solchen Verhältnissen erwarten sollte. So war es auch mit dem alten Heart, mit dem ich mich bald in die eifrigste Unterhaltung vertiefte und den ich durch einige glückliche Wendungen im Gespräch dahin leitete, mir einiges aus seinem Leben mitzuteilen. »Ihr fragt mich«, hob er an, »warum ich nach langjährigem Aufenthalt in Texas noch auf meine alten Tage nach Kalifornien gewandert bin und eine wohleingerichtete Farm mit dieser Wildnis hier vertauscht habe? Ich könnte antworten, daß mich der Golddurst wie so viele Tausende dazu bewogen habe, doch ist dies nicht der Fall; ich würde ja auch sonst wohl meine Hütte näher den Goldquellen errichtet haben. Hier lebe ich mit meinen Söhnen nur von dem, was etwas Ackerbau und Viehzucht uns bieten und was wir durch Handel mit den Vorüberreisenden verdienen. Dies ist indessen hinreichend für uns alle, und meine Söhne, lauter gesunde Burschen, werden dereinst schon selbst für sich sorgen. Es ist schon viele Jahre her, als ich mit meiner Frau, die mir der Tod nur zu früh entriß und die ein so frommes, gutes Weib war, wie nur jemals eins die Prärien betrat, Illinois verließ, um für uns und unsere drei Kinder in Texas eine neue, sorgenfreie Heimat zu gründen. Unser ganzes Hab und Gut befand sich auf einem Wagen, der von zwei Stieren und zwei Pferden gezogen wurde; auf dem Vorderteil desselben, umgeben von zwei jungen Ziegen, Lämmern, Hühnern und einer Katze, saß meine Frau und lenkte das Gespann. Ihr jüngstes Kind saß beständig auf ihren Knien, während die beiden älteren einige Kühe und Schafe langsam nachtrieben. Ich selbst trug meine Büchse, unterstützte bald meine Frau, bald meinen Knaben in ihrer Arbeit und machte gelegentlich einen kleinen Umweg nach den bewaldeten Ufern der Bäche und Flüsse, wo es mir damals nicht schwer wurde, durch das Erlegen von Hirschen und Truthühnern reichlich für unsere Küche zu sorgen. Auf diese Weise zogen wir unsere Straße entlang und hielten uns soviel wie möglich in der Nähe der Ansiedlungen. Wir begegneten vielfach Indianern, doch ließen sie uns unbelästigt, sie scheuten sich vielleicht vor der Nähe der Kolonien; wahrscheinlich waren aber die Gegenstände, die wir mit uns führten, für sie nicht verlockend genug, denn wir legten eine Reise von wenigstens sechshundert Meilen, und dazu noch größtenteils durch unbewohnte Prärien, zurück, ohne irgendwie Verluste zu erleiden. Wochen und Monate hindurch ging uns ein Tag wie der andere hin, das Wild und die Milch unserer Kühe schützten uns vor Mangel, und wenn es regnete, fanden wir Obdach unter der Leinwand, die über dem Wagen aufgespannt war, wo meine Familie auch die Nächte zubrachte. Ich schlief gewöhnlich mit der Büchse im Arm auf dem weichen Rasen unter dem Wagen, von wo aus ich bequem unser an Pflöcken grasendes Vieh beobachten konnte. Wir gelangten endlich auf das Gebiet von Texas und reisten auf demselben noch eine weite Strecke gegen Süden, bis ich endlich den Rauch und den niedrigen Schornstein eines Blockhauses erblickte. Dort hielt ich an und schaute um mich: grüne Prärien wechselten mit kleinen Waldungen ab, kristallklare Bäche rieselten lustig durch die Niederungen, hohes, dunkelfarbiges Gras verriet die Fruchtbarkeit des Bodens – genug, die ganze Umgebung lächelte mir freundlich entgegen und schien mir alles, was ich wünschte, zu bieten. Kein Wunder also, daß ich eine Weile sinnend und überlegend dastand. Meine gute arme Frau mußte meine Gedanken erraten haben, denn auch sie blickte schweigend nach allen Richtungen und endlich mir ins Auge, wobei sie mir freundlich zunickte.« Hier stockte mein Erzähler, ich schwieg, und nach einigen Minuten trüben Sinnes fuhr er in seiner Erzählung fort: »Auch ich nickte, und ohne ein Wort gesprochen oder beratschlagt zu haben, waren wir übereingekommen, dort unseren Wohnsitz zu gründen. Mit Hilfe zweier Nachbarn, der einzigen weißen Menschen im Umkreis von dreißig Meilen, war bald ein geeignetes Plätzchen an einer nie versiegenden Quelle gefunden, und es dauerte keine drei Wochen, bis dort ein Blockhäuschen stand; freilich war es nicht so groß wie dieses, doch immer groß genug für mich, um mit meiner Familie, die sich im Laufe der Zeit noch um einige Söhne vermehrte, so recht glücklich und zufrieden zu leben. Mehrere Jahre gingen auf diese Weise dahin, nichts störte die Einigkeit zwischen mir und meinen Nachbarn, deren Zahl ebenfalls durch zwei neuangekommene Familien vermehrt wurde; mein Viehbestand nahm zu, und prächtig gediehen Weizen und Mais, bei deren Bestellung mich meine ältesten Söhne kräftig unterstützten. Alljährlich unternahm ich mehrere Male in Gesellschaft von Nachbarn eine Reise nach dem nächsten Städtchen, wo ich dann für eine Wagenladung Korn oder für einen jungen Stier Kleidungsstücke und sonstige zum Haushalt notwendige Gegenstände eintauschte. Während meiner Abwesenheit auf einer solchen Reise traf mich sowie mehrere andere Mitglieder unserer Kolonie, das erste Unglück: es wurden uns nämlich von den Indianern während der Nacht einige der besten Pferde geraubt. Der Verlust an sich selbst war, wenn auch fühlbar genug, doch nicht unersetzlich, dagegen war das Vertrauen auf unsere Sicherheit und die aus demselben entspringende glückliche Sorglosigkeit aus unserer kleinen Kolonie gewichen; denn nur zu wohl wußte jeder, daß da, wo Indianer einmal mit Erfolg geplündert haben, man zu jeder Zeit auf eine Wiederholung ihres Besuchs gefaßt sein müsse. Wir trafen infolgedessen solche Vorkehrungen, daß bei erneuten Räubereien wir wenigstens imstande waren, den Wilden ihre Beute abzujagen. Jeder trieb nämlich des Abends seine Herde in den an das Wohnhaus stoßenden, fest eingefriedeten Hof und band die schnellsten und sichersten Pferde dicht an die Haustür, wo auch die Hunde angekettet wurden und einer der Hausbewohner schlafen mußte. Die Jagd ist hinlänglich Ursache, einen Knaben, sobald er die Büchse zu heben vermag, mit dieser Waffe vertraut zu machen; unter solchen Umständen sorgten wir indessen auch dafür, daß nicht nur unsere Jungen, sondern auch unsere Weiber gute Schützen wurden und zur Zeit der Not alle bewaffnet werden konnten, was viel dazu beitrug, daß sich wieder ein Gefühl größerer Sicherheit bei uns einstellte. Ein Jahr verstrich, ohne daß sich ein Indianer blicken ließ, doch wurden keineswegs Vorsicht und Wachsamkeit, die uns schon zur Gewohnheit geworden waren, dadurch eingeschläfert. Doch was half es uns? Einst am hellen Tag stürzten einige der auf den Feldern Beschäftigten in die Häuser mit dem Ruf: ›Die Räuber!‹ Es dauerte nur wenige Minuten, und nach der Richtung hin, wo die Wilden bemerkt worden waren, liefen die mit ihren Büchsen bewaffneten Männer unserer Ansiedlung. Wir kamen zu spät, denn in weiter Ferne erblickten wir nur noch wie Punkte die Räuber, die in voller Jagd mit dem größten Teil unsere Pferde und Rinder davonjagten. Nur Kälber und schwerfällige Kühe waren zurückgeblieben, wo einige Stunden vorher noch unser irdischer Reichtum weidete. Sie wissen«, schaltete der alte Heart hier ein, »daß der Grenzbewohner sein Reitpferd immer in seiner Nähe oder doch wenigstens unter seinen Augen hat. Diese Gewohnheit gereichte uns damals zum Glück, denn wir wurden dadurch in die Lage versetzt, ein halbes Dutzend guter Schützen beritten zu machen und den Indianern nachzusenden. Ich war natürlich einer der ersten, die im Sattel saßen, doch sah ich zu meinem Leidwesen, daß mein ältester Sohn sich ebenfalls mit seiner Büchse aufs Pferd schwang. Mein Wunsch, er möge zurückbleiben, wurde unbeachtet gelassen; und wenn ich auch besorgt war um ihn, so konnte ich doch meine Freude über den ungestümen Mut des Jungen nicht ganz unterdrücken. Die Indianer mochten um diese Zeit einen Vorsprung von zehn Meilen haben; der Abend war nicht mehr fern, und wir konnten darauf rechnen, daß vor Mittag des folgenden Tages die Räuber nicht an ein Halten denken würden. Wir folgten daher langsam ihren Spuren; als aber die Kühle der Nacht sich einstellte, gebrauchten wir die Peitschen, und dahin ging es über die stille Ebene, als hätten wir ums Leben reiten sollen. Zweimal kamen wir an Rindern vorbei, die auf der wilden Flucht ermüdet waren und dafür von den boshaften Räubern einige Pfeile in den Leib erhalten hatten; wir ließen uns indessen dadurch nicht aufhalten, denn deutlicher schon vernahmen wir vor uns aus der Ferne den gellenden Ruf der Indianer, mit dem sie die geängstigte Herde vor sich her trieben. Wir wußten jetzt, daß wir mit Tagesanbruch die Wilden einholen würden, doch kannten wir nicht ihre Stärke und durften uns ihnen deshalb nur vorsichtig nähern. Vielleicht um zu tränken, vielleicht aber auch, um weicheren Boden für die Hufe des Rindviehs zu gewinnen, waren die Indianer von der Ebene hinab in das niedriger gelegene Tal eines Baches gezogen, wo sie den Lauf desselben zu ihrer Richtung wählten. Um unbemerkt zu bleiben, was in jedem anderen Fall bei dem anbrechenden Morgen unmöglich gewesen wäre, brauchten wir uns also nur auf der Höhe zu halten. Die Sonne war schon aufgegangen, als wir uns in gleicher Linie mit unseren Feinden befanden und sogleich bemerkten, daß sechzehn bis achtzehn Komantschen uns die Beute streitig machen würden. Ein Entschluß war schnell gefaßt; wir folgten einer vom Regen ausgespülten Schlucht, die hinab ins Tal führte, und in demselben angekommen, stürzten wir in vollem Lauf vor die Herde, die, erschreckt durch unser Dazwischenfahren und durch das Wutgeheul der Indianer, sich nach allen Richtungen zerstreute. Wenn auch die Indianer eine Verfolgung vorhergesehen hatten, so schienen sie diese doch nicht so früh erwartet zu haben, denn unschlüssig in ihrem Handeln und auch im Ungewissen über unsere Stärke, wendeten sich die meisten zur Flucht, während andere ihre Waffen ergriffen und den geängstigten Tieren Pfeile nachsandten. Um nicht die Rache dieser Wilden herauszufordern, war unter uns ausgemacht worden, nur im nötigsten Fall Blut zu vergießen und deshalb nur einige Schüsse über ihre Köpfe hinwegzufeuern; das Geschick wollte es indessen anders. Mein Sohn hatte einen Indianer erblickt, der vom Pferd herab mit Pfeilen nach einem Ochsen schoß und sich dann wie die übrigen aus dem Bereich unserer Büchsen über den Bach zurückzuziehen beabsichtigte. Entrüstet über das grausame und zugleich feige Benehmen, jagte der Junge sein Pferd dem Wilden nach, wobei er in drohender Weise sein Gewehr schwang. Ich wollte ihn zurückrufen, doch ein jäher Schrecken machte mich sprachlos, als ich aus dem Bett des Flüßchens, halb versteckt von Weiden, einen berittenen Indianer hervorragen sah, der, die Büchse an der Schulter, mit dem Auge den schnellen Bewegungen meines Sohnes folgte, der sich ihm mit jeder Sekunde näherte. Mir blieb keine Zeit mehr zum Rufen oder Denken, aber schneller als ein Gedanke sprang ich vom Pferd, und fast in demselben Augenblick krachte auch meine Büchse. Es war ein gewagter Schuß, doch das Glück hatte meine Kugel in ihrem Lauf gelenkt, denn die Waffe, welche das Leben meines Sohnes bedrohte, entglitt den Händen des Wilden und verschwand, sich im Fall entladend, in den Wellen des Baches. Der Indianer riß sein Pferd herum, und als dasselbe am jenseitigen Ufer hinaufsprang, wankte er im Sattel, griff mit den Händen in der Luft umher und stürzte dann lautlos auf die Erde. Der Tod eines der Ihrigen führte eine schnelle Entscheidung herbei; zwei Indianer ritten schleunigst zu ihrem gefallenen Gefährten, hoben ihn vor den einen aufs Pferd, der sich sogleich in größter Eile mit seiner Last entfernte, während der andere, ein alter, einäugiger Krieger, sich mir zuwandte und mit gräßlich verzerrten Gesichtszügen drohend die mit dem Tomahawk bewaffnete Faust zeigte. So weit es auch hin war, so vermochte ich doch den Rachedurst zu erkennen, der aus seinem einzigen Auge glühte; ja ich gestehe es, ich fürchtete mich vor dem Menschen, der mir auf seine Weise zu fluchen schien, und ich zweifle nicht, daß der erschossene Indianer der Sohn dieses alten Kriegers war. Vor meinem Gewissen fühlte ich mich vollständig gerechtfertigt über meine Tat, denn mein rasches Handeln hatte ja meinem Sohn das Leben gerettet; doch der Fluch des Wilden ist an mir in Erfüllung gegangen, und zwar in höherem Grade, als er es selbst jemals ahnen konnte. Als dieser letzte wie seine Gefährten auf der weiten Ebene verschwunden war, begannen wir sogleich unsere Herde zu sammeln; mit dem Aufbruch zögerten wir indessen, um den ermatteten Tieren einige Ruhe zu gönnen, bis gegen Abend. Mit raschem Schritt begaben wir uns alsdann auf den Heimweg und kamen bald an den getöteten Rindern vorbei, welche von den Wölfen und Geiern in einen solchen Zustand versetzt worden waren, daß wir das Fleisch als unbrauchbar zurücklassen mußten. Gegen Morgen rasteten wir abermals einige Stunden und erreichten endlich gegen Abend unsere Kolonie, wo wir mit unbeschreiblichem Jubel von den Unsrigen empfangen wurden, die während unserer Abwesenheit in Verzweiflung und Besorgnis geschwebt hatten. Von nun an wurde unsere Wachsamkeit womöglich noch verstärkt; Blut war vergossen worden, und mit Sicherheit konnten wir auf die Rache der Indianer rechnen. Der Winter verstrich indessen, ohne daß uns Grund zu größerer Besorgnis gegeben worden wäre; der Frühling kleidete Wiesen und Felder in neues Grün, und nur durch die Aufrechterhaltung der Vorsichtsmaßregeln wurden wir an die früheren Unfälle erinnert. Mit froher Zuversicht bestellten wir unsere Äcker, und mit Stolz beobachteten wir das Gedeihen unserer Herden. Außer einigen Feldmessern und Kettenträgern bekamen wir weder rote noch weiße Menschen zu Gesicht, und von diesen erfuhren wir, daß das Staatseigentum, auf dem wir uns angebaut hatten, nunmehr bald in die Hände der Spekulanten übergehen würde, wenn wir es nicht vorziehen sollten, als zuerst Berechtigte den Boden unserer Ansiedlung direkt vom Staat für den gewöhnlichen Preis von 1-1/4 Dollar für den Morgen käuflich an uns zu bringen. Geringe Sorgen entsprangen uns aus dieser Nachricht, denn soviel Geld oder Geldeswert hatte jeder von uns schon erübrigt, um sich einen gültigen Besitztitel über 80 oder 120 Morgen Land verschaffen zu können, und die Aussicht auf eine dichtere Bevölkerung in unserer Nachbarschaft konnte nur erfreulich und erwünscht sein. – Ich komme jetzt zu dem traurigsten Teil meiner Geschichte und zugleich zu dem, was mich zur Auswanderung nach Kalifornien veranlaßte«, fuhr der Erzähler mit gedämpfter Stimme fort. »Ein neuer Ansiedler war wieder bei uns angelangt, und es verstand sich von selbst, daß wir alle ihm bei der Errichtung eines Blockhauses hilfreiche Hand leisteten. Bei der Anzahl von kräftigen Armen, die wir schon zu stellen vermochten, kostete es uns nur die Arbeit von einigen Tagen, um der angekommenen Familie ein Obdach zu verschaffen. – Da jeder Zuziehende sich nur an der äußersten Grenze unserer Farmen anbauen konnte und dabei auch auf die Lage des Bodens und die Nähe des Wassers Rücksicht zu nehmen hatte, so befanden sich die letzten Häuser schon in ziemlicher Entfernung vom Mittelpunkt oder vielmehr von den ältesten Wohnungen unserer Kolonie. Um daher beim Bau eines neuen Hauses Zeit und einen weiten Weg zu sparen, übernachteten die meisten der Arbeiter im Freien zwischen den gefällten Baumstämmen, während ein anderer Teil abends dem heimatlichen Herd zueilte. Es war am Abend des zweiten Tages harter Arbeit, als ich, die Axt auf der Schulter, begleitet von meinem ältesten Sohn, den nächsten Weg durch die Wiesen nach unserer Hütte einschlug. Wie immer freute ich mich auch an diesem Abend auf den Empfang meiner Familie und beschleunigte deshalb meine Schritte. Ungefähr die Hälfte des Weges hatte ich zurückgelegt, als einer meiner jüngeren Söhne, der mit den anderen Knaben den Tag bei den Herden zugebracht hatte, mir atemlos entgegenkam und ausrief: ›Die Mutter ist krank, und die beiden Pferde sind von den Indianern geraubt worden!‹ Anfangs stand ich wie versteinert, ich fürchtete, dem Kind Fragen vorzulegen, sammelte mich aber gleich wieder und lief, so schnell mich meine Füße zu tragen vermochten, meiner Wohnung zu. In wenigen Minuten war ich dort, sprang an der Stelle vorbei, wo meine besten Pferde, die ich nie zur Herde ließ, zu stehen pflegten – sie waren verschwunden. Dies nicht beachtend, stürzte ich in die Stube, wo ich mich durch einen Blick überzeugte, daß keiner der Meinigen fehlte. Ohne ein Wort zu sprechen, aber innig beglückt, reichte ich meiner Frau, die den jüngsten, zweijährigen Sohn auf ihren Knien hielt, die Hand, und dann erst gewahrte ich die schreckliche Blässe, welche ihre sonst so lebensfrischen Gesichtszüge bedeckte. Ich war tiefbewegt und beobachtete sie traurig, als sie mir mit leidender Stimme die Erlebnisse des Tages erzählte. Als nämlich nach Beendigung der Mittagsmahlzeit die größeren Knaben, jeder von ihnen ausgerüstet mit einem tüchtigen Stück Brot, der ältere auch noch mit einer Büchse bewaffnet, fröhlich lärmend wieder zu den Herden geeilt waren, hatte sich meine Frau in den ans Haus stoßenden Garten begeben, um dort Unkraut auszujäten. Unseren jüngsten Sohn hatte sie in den Schatten einiger junger Maisstauden gelegt, wo derselbe bald in Schlaf verfiel. Nach Verlauf einer kurzen Zeit ging die fleißige Hausfrau in die Hütte, um auch dort ihre Arbeiten nicht zu vernachlässigen, und da sie den fest schlummernden Kleinen nicht wecken wollte, die Stelle aber, wo er schlief, vom Haus aus vollständig übersehen konnte, so ließ sie ihn ungestört auf seinem schattigen Lager. Plötzlich rief ein leises Schnauben der Pferde sie ans Fenster, und einen Blick durch dasselbe werfend, gewahrte sie zu ihrem namenlosen Schrecken den Kopf eines Indianers, der kaum zehn Schritte von dem schlafenden Kind aus dem Maisfeld kroch. Was die arme Frau bei diesem Anblick empfand, brauche ich Ihnen wohl nicht zu beschreiben, sie blieb indessen vollkommen im Besitz ihrer Überlegung. Um das Versteck des Kindes dem Wilden, dessen Absicht sie nicht kannte, nicht zu verraten und es ihm dadurch preiszugeben, hütete sie sich wohl, ihre Wachsamkeit durch die geringste Bewegung kund werden zu lassen; ja noch mehr, sie schlich leise in den Winkel, wo unsere Hunde schnarchten, und fesselte diese an einen Block, worauf sie meine Büchse ergriff und sich hinter der Tür so aufstellte, daß sie das Kind überwachen konnte. Der Indianer war unterdessen kriechend bis in die Mitte des Hofes gelangt, wo dichte Klettenbüsche ihn verbargen, als ein zweiter Kopf sich aus dem Maisfeld schob, der, nach dem Haus hinüberblickend, meiner Frau ein gräßlich bemaltes einäugiges Gesicht zeigte. – Da sie mein früheres Zusammentreffen mit einem auf diese Weise gezeichneten Indianer kannte, so wurde ihr Entsetzen jetzt noch gesteigert; doch mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft vermochte es die treue Mutter, ihre Gefühle zu unterdrücken. Es war ihr nicht fremd, daß das Erwachen des Kindes dieses in die Hände der Räuber liefern mußte, die sich an diesem Tag freilich nur das Stehlen von Pferden zur Aufgabe gemacht zu haben schienen, aber auch gewiß nicht die Gelegenheit versäumt haben würden, ein weißes Kind mit zu ihrem Stamm zu bringen. In Todesangst also bewachte meine Frau mit der Büchse in der Hand den schlummernden Knaben, wobei sie durch den Türspalt die Bewegungen der Wilden beobachtete oder leise den Hunden drohte, die unruhig zu werden begannen. Die beiden Indianer hatten sich vorsichtig den Pferden genähert; diese schnaubten anfangs wild und ungefügig, ließen sich dann aber ruhig den Lasso um den Hals schnüren und folgten willig den Räubern, die geräuschlos in das Bett des nahen Baches glitten und samt ihrer Beute hinter dem dichten Buschwerk verschwanden. Um nicht durch voreiliges Geräusch die Gefahr zurückzurufen oder die Aufmerksamkeit von vielleicht noch in der Nähe weilenden Indianern zu erregen, veränderte meine Frau nicht eher ihre Stellung, als bis das Kind erwachte und nach ihr rief. Die Büchse fallen lassend, stürzte sie zu demselben hin, und schnell wie ein Gedanke war sie mit ihm ins Haus zurückgekehrt, hatte die Tür hinter sich verschlossen, und nun erst stellten sich die Folgen der Todesangst ein, der meine Frau so lange ausgesetzt gewesen war. Eine schmerzhafte Lähmung befiel ihren ganzen Körper, doch schleppte sie sich mit dem Kind und den Waffen noch auf den Hausboden, von wo aus sie durch die Öffnung im Dach die nächste Umgebung genau übersehen konnte. Erst gegen Abend, als das Vieh und hinter diesem unsere mutwilligen Söhne, um die sie ebenfalls in größter Sorge geschwebt hatte, heimkehrten, hielt sie die Gefahr für abgewendet; sie stieg hinab, öffnete das Haus und sandte mir sogleich den Knaben entgegen. Trotz unserer großen Vorsicht waren mir und einigen meiner Nachbarn also wieder Pferde geraubt worden. Diesmal schloß ich mich den Nachsetzenden – und wie sich auswies, den vergeblich Nachsetzenden – nicht an; der Zustand meiner Frau bekümmerte mich zu sehr. Die Angst um ihr Kind hatte den Keim einer tödlichen Krankheit in ihre Brust gelegt, wodurch sie auf mehrere Wochen ans Bett gefesselt wurde; sie erholte sich zwar wieder etwas, doch nach vier Monaten ging der Fluch des Wilden an mir in Erfüllung, ich stand mit meinen fünf Söhnen am Sarg meiner braven, getreuen Lebensgefährtin. Ich begrub sie auf einer Schwellung der Prärie, die ich von meiner Haustür aus übersehen konnte. Um das Grab zog ich aus starken Pfosten eine Einfriedung, befestigte an derselben ein Brett, und da ich selbst nicht gut schreiben kann, so zeichnete ein Nachbar den Vor- und Zunamen meiner Frau auf dasselbe. Auch den Tag ihrer Geburt und ihres Todes ließ ich aufschreiben sowie einen schönen Spruch aus der Bibel. Ich bin kein Meister im Lesen, doch wenn ich jeden Morgen von meiner Hütte aus die Blicke nach der Ruhestätte meiner so braven Frau hinübersandte, dann las ich wie in einem Buch die Beschreibung der glücklichen Tage, die ich mit ihr verlebte, aber auch der Einsamkeit, in die ich durch ihren Tod versetzt war.« Hier seufzte der alte Mann, rieb sich mit der Rückseite der gebräunten Hand die Augen und fuhr dann fort: »Nur noch einmal sah ich die Prärieblumen auf dem Grab blühen. Besorgt um meine Söhne, die schon anfingen, ihre Rachepläne zu schmieden, den Komantschen ewige Feindschaft gelobt hatten und dadurch sehr leicht hätten zugrunde gehen können, verkaufte ich eines Tages mein Eigentum an einen einwandernden Geistlichen. Die Sachen, von denen ich mich ungern trennen mochte, packte ich auf einen von vier tüchtigen Pferden gezogenen Wagen und trat dann auf der Gila-Straße die lange Landreise nach Kalifornien an. Seit Jahren bin ich nun schon hier, doch kann ich nicht verhehlen, daß ich vor meinem Ende noch gern einmal das Grab meiner Frau wiedersehen möchte; wahrscheinlich aber sind schon Häuser auf demselben und um dasselbe herum gebaut worden«, schloß mit rauher Stimme der alte Grenzbewohner seine Erzählung. Der kranke Knabe, der, den Worten seines Vaters lauschend, so lange ruhig gelegen hatte, begann nun wieder zu klagen; ich untersuchte ihn und fand, daß von starkem Rheumatismus Knie und Lende angeschwollen waren. Ich riet daher zu einem Hausmittel, nämlich heiße Steine an die schmerzenden Teile zu legen, was auch wirklich etwas Linderung zu bewirken schien. Viertes Kapitel Der Santa-Clara-Fluß – San-Francisquito-Cañon – San-Francisquito-Paß – Der erste Schnee – Der Elisabeth-See – Spuren von Erdbeben – Das große Becken (Great Basin) – »Irish John« – Der Castecasee – Cañada de las Uvas – Fort Tejon – Ausflug nach dem Tularetal – Kern Lake – Kern River Die Wagen langten endlich an, und herein traten meine vom kalten Wind durchwehten Gefährten, denen sogleich Platz vor dem Kaminfeuer gemacht wurde. Unsere Leute schickten wir mit dem Gepäckwagen voraus, mit der Weisung, im San-Francisquito-Cañon am ersten Wasser das Nachtlager aufzuschlagen. Wir selbst brachten noch einige Stunden in dem Blockhaus zu, und erst kurz vor Abend verließen wir Hearts Farm, von wo wir zuerst in ein breites, sandiges von Gebirgsketten eingeschlossenes Tal gelangten. Massenhaftes Treibholz auf der Ebene sowie in trockenen, sandigen Betten von Bächen bezeichnete uns den oberen Santa-Clara-Fluß, der an dieser Stelle nur beim Schmelzen des Schnees in den Gebirgen oder nach heftigen Regengüssen Wasser führt, zu anderen Zeiten aber, auf das Wasser zahlreicher Gebirgsquellen beschränkt, dasselbe streckenweise auf unterirdischem Weg der Südsee zuträgt, während auf der Oberfläche, in dem wirklichen Flußbett und den einmündenden aufgewühlten Furchen, der Wind trockenen Sand und Staub umherwirbelt. In raschem Trab eilten unsere Pferde mit dem leichten Wagen über die acht Meilen breite Fläche gegen Norden; die Gebirgsketten rückten uns zu beiden Seiten näher, und bald befanden wir uns in dem Schatten einer sich schnell verengenden Schlucht, umgeben von nächtlicher Dunkelheit. Fast bereuten wir es, so lange bei dem alten Ansiedler gesäumt zu haben, denn zu der schwarzen Finsternis gesellte sich noch ein heftiger Sturm, der uns feinen Sand in die Augen trieb und die Pferde unlenksam machte. Wir fuhren an einer verlassenen Hütte vorbei und dann an einer anderen, aus der uns Licht entgegenschimmerte; doch hielten wir uns nicht auf, indem wir wußten, daß wir den rechten Weg nicht verfehlt hatten und im San-Francisquito-Cañon unmöglich an unseren Leuten vorbeifahren konnten. Endlich bog das enge Tal gegen Osten ab, ein fließender Bach durchschnitt mehrfach die Straße, die unebener und steiniger wurde, und bald darauf erblickten wir in geringer Entfernung vor uns die Kronen der Bäume sowie die nahen Felswände rot erleuchtet, während dichtes Unterholz das Feuer selbst noch verbarg. Wir erkannten indessen die fröhlichen Stimmen der Mexikaner; einzelne Lichtstrahlen brachen verstohlen durch das Gebüsch, und plötzlich befanden wir uns vor einem mächtigen Scheiterhaufen, um den sich unsere Leute gelagert hatten. Es war dies die erste Nacht, die wir im Freien zubringen sollten, und es gab daher manches zu suchen und zu fragen; auch die ungewohnte Arbeit des Aufrichtens der Zelte nahm längere Zeit in Anspruch, und so wurde es denn ziemlich spät, ehe wir uns in unsere Decken wickelten und vielleicht noch ein Weilchen das Geräusch in unserer Umgebung vernahmen, bis der Schlaf uns endlich alles vergessen machte. – Das trockene Holz in den Lagerfeuern knisterte, die harten Maiskörner knackten und krachten zwischen den zermalmenden Zähnen der Pferde, der Ziegenmelker ließ seine melancholischen Ruf ertönen, hoch oben im Gebirge aber heulte der Sturm seine wilde Melodie, im heftigen Andrang schmetterte er morsche Baumstämme zu Boden und fegte niedrig hängende Wolken über diese hin, während unten in der Schlucht die belaubten Bäume sich leise wiegten und die vom Herbst getöteten Blätter zitternd und lispelnd zu Boden sanken. Am folgenden Morgen, dem 13. November, in aller Frühe rüsteten wir uns zur Weiterreise. Der Wind hatte sich gelegt, das Wetter war so schön, so klar, die Kuppen der Berge schwammen in Sonnenschein, und im Schatten der Felsen und Bäume führte die Straße dahin, die der San Francisquito Creek mit seinen Schlangenwindungen immer von neuem durchschnitt. Verlockt durch den schönen Morgen, eilte ich dem Wagen voraus und ergötzte mich bald an der malerischen Umgebung, bald an dem Treiben der kleinen Tierwelt, welche die Schlucht vielfach belebte. Es war dies das erstemal, daß ich mich seit dem Antritt meiner Reise wieder von Herzen glücklich fühlte, zum erstenmal, daß ich mich wieder ungestört einem Genuß hingeben konnte, den allein die Natur liebreich ihren warmen Verehrern zu gewähren vermag. Mit inniger Freude denke ich an jenen Morgen zurück, wo ich in der Krone jedes Baumes, in jedem hervorragenden Felsen, in jedem Spiegel und jedem kleinen Fall des klaren Baches einen Gruß für mich zu finden meinte. Ich horchte auf den lauten Flügelschlag der auffliegenden Tauben, auf das ernste Schnarren der zänkischen Häher und auf das tausendfache Locken der reizenden Rebhühner, die eben ihren Frühtrunk genommen hatten und spielend ins Gebirge eilten. Ich sah flinke Wiesel und neugierige Eichhörnchen, die bei meiner Annäherung scheu flohen und sich hinter Steinen oder in Höhlen verbargen; ich beobachtete sie, wie sie aus ihrem Versteck mit gerecktem Hals und klugen Augen zu mir herüberschauten und dann, sobald ich an ihnen vorbei war, schnell hervor- und auf einen erhöhten Gegenstand sprangen, sich aufrecht hinsetzten, mir gleichsam verwundert nachguckten und endlich in drolligen Sprüngen sich wechselseitig jagten. Ich sah alles, und von allem nahm ich eine freundliche Erinnerung mit; ich sah auch einen Wolf, aber nur in weiter Ferne; er schien dort nicht hinzugehören. Meile auf Meile legte ich zurück auf dem vielbefahrenen Weg. Es war dies nämlich die Emigrantenstraße, die von Pueblo de los Angeles durch den Tejonpaß nach den Tularetälern und den Goldminen am San-Joaquin-Fluß führt. Zu beiden Seiten erblickte ich Sandstein und Granitfelsen, doch schien höher hinauf letzterer vorherrschend zu sein. – An den Basen der Berge und auf den Ufern des Baches erkannte ich außer Cottonwood-Bäumen auch Platanen und Eichen, während an den Abhängen der Berge sich in Gruppen der bekannt schöne Manzanitastrauch und der Sägebusch zusammendrängten, zu denen nahe den Gipfeln noch verkrüppelte Zedern kamen. Als ich tiefer ins Gebirge gelangte, wurde die Straße unwegsamer, denn wie die Zähne einer Säge faßten die Basen der Berge ineinander, und in diesem Zickzack tobte der kleine Bach über losgerissene Felsblöcke mir entgegen. Nur langsam folgten die Wagen, die an den abschüssigen Ufern kaum im Gleichgewicht zu halten waren. Schon in einer Höhe von 1500 Fuß lag Schnee, doch herrschte in der Schlucht die angenehmste Temperatur, hervorgerufen durch die Sonnenstrahlen, welche die Felsen erwärmten, sowie durch den Schutz, den die Gebirgszüge gegen den rauhen Wind gewährten. Vier Meilen von dem höchsten Punkt des San-Francisquito-Passes erweiterte sich die Schlucht zu beiden Seiten und bildete ein malerisches kleines Tal. Zahlreiche Quellen entrieselten dort fruchtbarem Boden, was einige vorüberreisende Familien wahrscheinlich angelockt hatte, sich dort anzusiedeln; ich erblickte nämlich zwei Gehöfte, die von eingefriedeten und wohlbestellten Feldern umgeben waren, auf denen stattliches Vieh träge umherschritt. Dort nun, unter einer knorrigen, weitverzweigten Eiche, hielten wir an, um die Nacht hier zuzubringen. Es war zwar noch früh, doch kannten wir nicht genau die Entfernung bis zum nächsten Wasser; und auch der Widerwille gegen ein Nachtlager im Schnee hielt uns ab, eine so bequeme Stelle zu verlassen und an diesem Tag noch weiter hinaufzureisen. Gleich Herrn von Egloffstein benutzte ich daher die Zeit, um die nächsten Höhen zu ersteigen und von dort aus einen Blick auf die vor uns liegende Schneelandschaft zu werfen, durch die am folgenden Tag unser Weg führen sollte. Am 14. November, nach Zurücklegung der ersten zwei Meilen, befanden wir uns schon in winterlichen Regionen; zwar anfangs nur in geringem Maße, doch als wir den höchsten Punkt des Passes (3437 Fuß ü. d. M.) erreichten, wurde das Geräusch der nun wieder abwärts rollenden Wagen durch zwei Zoll tiefen Schnee gedämpft. Die Baum- und Strauchvegetation schien hier ihr Ende erreicht zu haben; kahle Hügel drängten sich dicht aneinander und bildeten die östliche Grenze des vor uns liegenden Elisabethtals, während es die von uns überschrittene Gebirgskette (San Bernardino Range) im Süden sowie eine unbedeutendere gegen Norden einfaßten. Westlich, in weiter Ferne, schienen diese beiden Bergketten zusammenzustoßen und ein langes, schmales Becken zu bilden. Wir gelangten bald ins Tal hinab, wo wir in einem roh gezimmerten Haus von den mexikanischen Bewohnern desselben frisches Fleisch erstanden und dann unsere Reise ohne weiteren Zeitverlust in nordwestlicher Richtung fortsetzten. Hier fanden wir die ersten Spuren des Erdbebens, das im Jahre 1856 diesen Teil Kaliforniens so sehr erschütterte und im ganzen Staat bis hinunter nach Fort Yuma gefühlt wurde. Es war eine ungefähr sechzehn Fuß breite Furche, die sich, soweit das Auge reichte, von Osten nach Westen erstreckte und die anscheinend dadurch entstanden, daß der Boden sich weit geöffnet und dann wieder mit unwiderstehlicher Gewalt geschlossen hatte. Nach den Aussagen der Bewohner der Hütte erstreckte sich diese Furche viele Meilen weit. Einige Tage später hatte ich Gelegenheit, in der Nähe des Tularetals, also noch fünfzig Meilen weiter, über die Wirkungen dieser furchtbaren Erderschütterung zu staunen. Als wir die östliche Spitze des Elisabethsees erreichten, teilte sich unsere Straße, indem ein Weg geradeaus zwischen dem See und der nördlichen Bergkette hinführte, der andere dagegen in einen nördlich gelegenen Paß einbog. Wir wählten den letzteren und waren bald von Höhen umgeben, deren Felsen, wo sie der Schnee nicht bedeckte, hauptsächlich Sandsteinformation zeigten. Die Zurücklegung der nächsten zwei Meilen, auf welcher Strecke die Straße sich stark senkte, brachte uns an das Ende des Passes und zugleich wieder aus dem Schnee. Nach einer kurzen Fahrt zwischen runden, kahlen Hügeln gewannen wir endlich eine weite Aussicht über den westlichen Winkel des Großen Beckens (Great Basin), Das Utah-Territorium oder Great Basin, von Col. Frémont zuerst so benannt (im Jahre 1845; »Frémont's report of the exploring expedition to the Rocky mountains, and to Oregon and to North California, House Doc. No. 166«, 1845), weil die Wasser in demselben keinen Abfluß nach außen haben, umfaßt die ungeheuren Länderstrecken zwischen der Sierra Nevada im Westen und den Wahsatch-Gebirgen im Osten sowie zwischen den San-Bernardino-Gebirgen im Süden und dem Snake River im Norden mit einer durchschnittlichen Breite nach allen Richtungen hin von 500 bis 700 Meilen. Die Erscheinung dieses vollständig abgeschlossenen Beckens ist um so auffallender, als seine Oberfläche sich zu der bedeutenden Höhe von 4000 bis 6000 Fuß über dem Meeresspiegel erhebt (nach Frémont). Die Oberfläche ist indessen nicht, wie man vielleicht vermuten sollte, eine ununterbrochene Ebene, sondern Gebirgszüge erheben sich mauerartig auf derselben und fassen kesselförmig umfangreiche Täler ein, in deren Mitte langgestreckte Gebirgsabhänge, schiefe Ebenen bildend, auslaufen. Ähnliche Täler und schiefe Ebenen hatte ich Gelegenheit im Stromgebiet des Colorado zu beobachten. Die Trockenheit des Great Basin kann wohl mit Recht in Zusammenhang mit der langen Kette der Sierra Nevada gebracht werden, die sich wie ein Wall zwischen ersterem und der Südsee hinzieht und mit ihren hohen Gipfeln den Niederschlag der Feuchtigkeit bewirkt, welche die Seewinde sonst landeinwärts treiben würden. das die ungeheuren Länderstrecken zwischen der Sierra Nevada und den Wahsatch-Gebirgen beinhaltet. Gegen Westen, wohin unser Weg führte, reichte das scheinbare Seebett noch 30 Meilen, und zwar bis dahin, wo die südwestlichen Ausläufer der Sierra Nevada sich mit den nordwestlichen Verlängerungen der San-Bernardino-Gebirge berührten und den Winkel bildeten. Nördlich von uns, auf der andern Seite der Ebene, erstreckten sich die südlichen Abhänge der Sierra Nevada weithin gegen Nordosten, sich allmählich in nebligen Duft hüllend und endlich der ununterbrochenen Fläche des Großen Beckens Raum gönnend, aus der am fernen Horizont, ähnlich der Mirage, die unbestimmten Linien von abgesonderten Berggipfeln auftauchten. Wir befanden uns 3219 Fuß über dem Meeresspiegel, also niedriger als am frühen Morgen. Unsere Straße, die sich an der Basis der südlichen Gebirge hinzog, war von hier ab wieder sanft ansteigend; dagegen rechts von uns, nach der Mitte der Ebene zu, senkte sich das Land in einem stärkeren, aber durchaus gleichmäßigen Grad. Dort zieht sich das fast beständig trockene Bett eines Flusses hin, das sich nach der Mitte des Großen Beckens zu erstreckt, vielleicht auch in einiger Entfernung ganz verschwindet. Die Gebirge waren, soweit man zu unterscheiden vermochte, an den Abhängen der Schluchten und in den Schluchten selbst mehr oder weniger mit Zedern und Tannen bewachsen, auf der Ebene hingegen suchte das Auge vergebens nach Vegetation. Nur der Yucca- oder spanische Bajonettbaum schien der wüstenähnlichen Sandfläche eigentümlich zu sein, denn mehrfach sah ich ihn förmlich kleine Wälder bilden, häufiger aber in Gruppen und vereinzelt in der Ferne emporragen. In letzteren Fällen hatte dieser Baum gewöhnlich eine auffallende Ähnlichkeit mit Menschen oder Viehherden, so daß es gewiß oftmals schwer gewesen sein würde, richtig zu unterscheiden, wann die Gegend überhaupt auf diese Weise belebt gewesen wäre. Ganz ohne Leben war indessen diese Sandwüste nicht; schön gezeichnete Antilopen beobachteten uns scheu aus weiter Ferne; Scharen leichtbeschwingter Sandpfeifer liefen emsig hin und her, wobei sie gelbe Raupen aus dem dürren Boden suchten; und als ich für unsere Küche sorgend einigemal unter diese Vögel schoß, erschienen plötzlich, herbeigelockt durch den Knall, zwei Wölfe, die mit gespitzten Ohren meine Bewegungen bewachten und nach meiner Entfernung vielleicht die Überreste einer Antilope zu finden hofften. Der Weg war ausgezeichnet, leicht rollten die Wagen auf dem tennenähnlichen Boden dahin, in raschem Trab wurde die letzte Hälfte unseres Tagesmarsches zurückgelegt, und nur wenn wir durch eine aus dem Gebirge nach der Mitte der Ebene zu auslaufende Schlucht setzten, trat einige Verzögerung ein. Ungefähr acht Meilen von der Stelle, wo runde Hügel dem westlichen, spitzen Winkel des Großen Beckens abschneiden, liegt auf einer kahlen Fläche, die tief ins südliche Gebirge hineinreicht, ein einsames Blockhaus. Dieses ist von einem fest eingefriedeten Hof umgeben, in dessen äußerster Ecke sich ein kleiner Pferdestall befindet. Eine Quelle dicht bei dem Gehöft hat Veranlassung zur Errichtung desselben gegeben, denn außer gutem Wasser mangelt es dort an allem, was sonst zum Leben nicht nur bequem, sondern was auch notwendig ist. Das nächste Holz ist nämlich vier Meilen weit von der Quelle entfernt, den Hof umgibt unfruchtbarer, kiesiger Boden, und zum Überfluß ist die ganze Lage so, daß jeder Sturm mit Leichtigkeit seinen Weg zu der einsamen Wohnung findet. Diese Stelle nun sowie ihr Besitzer sind weit und breit unter dem Namen »Irish John« bekannt. Die Straße führt hart an der Tür vorbei, und fast jeder, der dort vorüberreist, ist durch die Umstände gewissermaßen gezwungen, beim »Irish John« einzukehren; der eine, um zu übernachten, der andere, um eine Mahlzeit für sich selbst und Futter für seine Tiere zu erstehen, viele aber auch, um den schlechten Whisky des Irländers zu prüfen. Natürlich müssen für alles höchste Preise gezahlt werden; wie könnte auch sonst ein einzelner Mensch in dieser öden Wildnis sein Leben dahinschleppen, wenn ihm nicht auf irgendeine Weise Vorteil daraus erwüchse? Und daß »Irish John« Geschäfte zu machen versteht, geht am besten daraus hervor, daß ihm drei Monate vor unserer Ankunft achthundert Dollar, die er noch nicht sicher angelegt hatte, geraubt werden konnten, bei welcher Gelegenheit ihm noch, als er sich zur Wehr setzte, durch einen Pistolenschuß die halbe Nase und die halbe Backe weggerissen wurden. Dieser Raubüberfall hatte ihn denn endlich dazu bewogen, noch einen Menschen zu sich ins Haus zu nehmen. Die achthundert Dollar waren indessen fort, die entstellenden Wunden dagegen wieder geheilt, und so bin ich denn wirklich unfähig, zu entscheiden, was dem Irländer mehr Kummer verursacht: ob nämlich der Verlust des Geldes, die tiefen Narben in seinem Gesicht oder der Umstand, daß es ihm nicht gelungen ist, dem Räuber einen tüchtigen Messerstich mit auf den Weg zu geben. Der Nähe der Quelle wegen schlugen wir also beim »Irish John« unser Nachtlager auf. Holz mußten wir natürlich von dem berechnenden Iren kaufen – was keine geringe Ausgabe verursachte –, da die kalten Abend- und Morgenstunden ein tüchtiges Lagerfeuer wünschenswert machten und der »ehrliche« John es angemessen fand, Gouvernementsausgaben, für die er die unsrigen erkannte, doppelt zu berechnen. »Uncle Sam ist reich und kann zahlen«, bemerkte er in wohlwollendem Ton, als er das empfangene Geld in seine Tasche schob. Auf den Rat unseres »ehrlichen« Wirts verließen wir am 15. November die Hauptstraße und schlugen eine mehr östliche Richtung ein, die uns auf kürzerem, wenn auch nicht besserem Weg nach Fort Tejon bringen sollte. Nach einem mühseligen Marsch durch die sandige Ebene erreichten wir die Sierra Nevada und lenkten auf dem wenig befahrenen Weg in eine weite Schlucht, die stark ansteigend auf die Höhe der nächsten Bergkette führte. Eine angenehme Überraschung gewährte mir dort der veränderte Charakter der Umgebung. Es war nicht mehr das Wüstenähnliche, welches das Auge so leicht ermüdet, sondern eine Vegetation, die durch Kraft und malerische Verteilung die ansprechendste Unterhaltung gewährte. Mächtige Eichen standen verstreut umher, hier mit den weitverzweigten Kronen sich berührend, dort den Sonnenstrahlen Öffnungen lassend, durch welche diese ihren Weg zu den rotblätterigen Sumachstauden und Brombeerranken fanden, deren dichte Gruppen eigentümlich gegen den gebleichten Rasen kontrastierten. Auf der Höhe entdeckten wir in dem schwindenden Schnee frische Spuren von Wagen und zahlreichen Maultierherden, welche auf die Nähe des Militärpostens deuteten und zugleich den von uns einzuschlagenden Weg bezeichneten, der in einer schroffen, engen Schlucht gegen Norden abwärts führte. Wir befanden uns dort oben in einer Höhe von 4256 Fuß über dem Meeresspiegel. Vor uns, jedoch 1000 Fuß tiefer, lag die Cañada de las Uvas Diese Schlucht windet sich in nördlicher Richtung durch das Gebirge dem Tularetal zu. Die schroffen, spärlich mit Zwergeichen geschmückten Seitenwände zeigen die Formation der Sierra Nevada, freilich nur im kleinsten Maßstab, nämlich granitisches und metamorphosiertes Gestein, das am südlichen Ende der Cañada in erhöhtem Grad mit der tertiären Formation bedeckt ist. und in derselben versteckt Fort Tejon, unser Bestimmungsort. Ohne Unfall gelangten wir auf dem abschüssigen, für Wagen so gefährlichen Pfad hinab in das Castecatal, das eine reizende, von hohen Bergen eingeschlossene und mit kräftigen Eichen eingefaßte Grasebene bildet. Das Tal hat von Osten nach Westen eine Länge von ungefähr zwei Meilen, ist vielleicht halb so breit und nach einem kleinen See benannt worden, von dem zur Zeit unserer Ankunft nur das flache, ausgetrocknete und mit einer dicken Salzkruste überzogene Bett sichtbar war. Wir fuhren quer durch das Salzfeld des Casteca Lake Das Salz in dem Seebett ist augenscheinlich bei der Verdunstung des Wassers zurückgeblieben, das sich dort zu nassen Jahreszeiten ansammelt. Dasselbe bildet eine mehrere Zoll starke, weiße Kruste, die, einem kleinen Schneefeld nicht unähnlich, einen eigentümlichen Kontrast zu der grünenden Umgebung bildet. Die Winde entführen in Wolken oder Wirbelwindsäulen den Salzstaub und bestreuen die Nachbarschaft in weitem Umkreis mit dem weißen Pulver, das dann zu anderen Zeiten von dem niederströmenden Wasser wieder in das Seebett zurückgewaschen wird. Das Salz rührt wahrscheinlich von den tertiären Aufschwemmungen her, die sich zahlreich in jener Gegend befinden, und ist von der niederschlagenden Feuchtigkeit oder von Quellen durch Filtrierung ausgeschieden. Da der See eine umfangreiche Strecke dieser Formation entwässert und keinen Abfluß hat, so unterliegt es keinem Zweifel, daß die Masse des Salzes von Jahr zu Jahr langsam im Zunehmen bleibt. Süßwasserseen können also allmählich salzig werden, indem sie das Salz einer älteren Seeformation und nicht, wie in den meisten Fällen, der Verdunstung von Gewässern entnehmen, welche im Laufe der Zeit vom Ozean getrennt wurden. – Das Salz des Castecasees ist bitter und widerlich, wahrscheinlich infolge des Vorhandenseins von Chlormagnium. Auch Pflanzen, die dem Strand des Ozeans eigentümlich sind, wachsen in der Nähe des Castecasees. und gelangten am nördlichen Rand der Ebene wieder in unsere gute alte Straße, der wir, auf den Rat des Irländers, eine kürzere, dagegen viel unwegsamere, vorgezogen hatten. Das San-Amédio-Gebirge Diese hervorragende Gruppe bildet gewissermaßen das südwestliche Ende der Sierra Nevada oder vielmehr die Scheidewand zwischen letzterer und den Küstengebirgen. Jedenfalls aber gehört sie mit zum System der Sierra Nevada und zeigt wie diese granitisches und metamorphosiertes Terrain, umgeben von tertiärer Formation. Bedeutende Massen von Schwefelantimonerz befinden sich in den Schluchten dieses Gebirges. mit seinen beschneiten Kuppen (7000 Fuß ü. d. M.), das die nordwestliche Grenze des eben beschriebenen Tals bildet, wurde unseren Blicken entzogen, als wir in die Cañada de las Uvas einbogen, welche nunmehr als eine breite, sich gegen Norden verengende Schlucht vor uns lag. Zu beiden Seiten erhoben sich, bis zu einer Höhe von 3000 Fuß über ihrer Basis, Berge, die nur eine spärliche, verkrüppelte Baumvegetation trugen, dafür schmückten die Niederungen doppelt der üppige Graswuchs sowie die riesenhaften Eichen. – Die ganze Umgebung war ansprechend und einladend und nahm an Schönheit zu, als wir auf dem ebenen Weg tiefer in die Cañada hineinfuhren. Ein klarer Bach schlängelte sich durch die Wiesen und Gärten; Häuser, Ställe und Einfriedungen traten allmählich hervor; Pferde und Kühe weideten an den Abhängen, und arbeitende wie müßige Leute, größtenteils in der Uniform der Armee der Vereinigten Staaten, bewegten sich in allen Richtungen. Etwa zwei Meilen von Castecatal, wo durch das Einmünden von Nebenschluchten die Cañada erweitert wird, liegt unter den westlichen Abhängen auf einer sanft ansteigenden Fläche der junge Militärposten Fort Tejon, doppelt geschützt durch die zu beiden Seiten und im Rücken aufstrebenden Berge. Man kann sich kaum einen freundlicheren Anblick denken als den, der dem Reisenden geboten wird, wenn er, der Hauptstraße folgend, dem Fort gegenüber angekommen ist. – Graue, von Adobes zierlich aufgeführte Häuser mit langen Verandas bilden den Hof in Form eines länglichen Vierecks, und außerordentlich große Eichen, von der Natur selbst in gleichmäßigen Zwischenräumen gepflanzt, beschatten und verstecken die Gebäude nur so weit, als notwendig ist, um dieselben auf anmutige Weise durchschimmern zu lassen. Ordnung und Reinlichkeit sind weithin auf dem Hof und in der nächsten Umgebung erkennbar und verraten militärische Einrichtungen, selbst auch dann, wenn die nachlässig auf und ab schreitenden Schildwachen sich den Augen zeitweise entziehen oder die Kronen der hohen Bäume den in der Mitte des Hofs aufgestellten Flaggenstock verbergen. Hinter dem Fort führt eine bewaldete Schlucht in die Berge, welche, wie ein zusammenhängender Wall, die ganze westliche Seite der Cañada abschließen und ein Bild vervollständigen helfen, auf das ich lange und mit inniger Freude schaute. Freundlich wie das Bild war auch der Empfang, der uns von den Offizieren des Postens zuteil wurde, und mit Recht kann ich sagen, daß ich den Aufenthalt in Fort Tejon und dessen Umgebung mit für den fröhlichsten Teil meiner ganzen Reise halte und daß freundlich wie das Bild auch die Rückerinnerungen sind, die sich an jene Zeiten knüpfen. Nachdem der kommandierende Offizier, der Dragonerleutnant Mercer, mit den Aufträgen, die uns dorthin führten, bekannt gemacht war, begleiteten er selbst sowie die übrigen Beamten und Offiziere des Postens uns weiter abwärts in die Schlucht an eine Stelle, die sich vorzüglich zum Lagerplatz eignete. Während nun dort der sorglose Peacock und der schüchterne Taylor den Leuten nähere Anweisungen hinsichtlich ihres Dienstes gaben, die in Los Angeles angenommenen Fuhrleute ablohnten und zurücksandten, gingen Egloffstein und ich mit den Offizieren zurück nach ihren Quartieren, wo wir alle auf das Zuvorkommendste eingeladen wurden, während unserer Anwesenheit in dortiger Gegend im Fort selbst zu wohnen. Natürlich nahmen wir das Anerbieten mit Freuden an und verteilten uns, wie es der Zufall gerade fügte. Dr. Ten Broek, der Arzt der Station, eröffnete mir mit soldatischer Freimütigkeit seine Ansicht, wobei es an derben Versicherungen nicht fehlte, daß er es als eine Beleidigung ansehen würde, wenn ich mein Zelt oder jede andere Wohnung seinem Quartier vorzöge; ich beeilte mich daher, meine Hand herzlich in seine dargebotene Rechte fallen zu lassen, und sogleich wurden Leute abgeschickt, um meine Sachen, unter denen sich auch eine Gitarre befand, vom Lager heraufzuholen. Auch meine drei Kameraden hatten bald Obdach gefunden; Lieutenant Mercer teilte nämlich seine Wohnung mit Peacock und Egloffstein sowie Lieutenant Dehart mit Taylor. Außerdem gehörten noch zu der lebenslustigen Gesellschaft Mr. Alexander, der Sutler Sutler = Militärbeamter, der vom Gouvernement kontraktlich verpflichtet ist, für einen bestimmten Preis Waren an Offiziere und Mannschaft zu verkaufen. Er steht im Rang eines Seconde-Lieutenant. der Besatzung, Mr. Hinchmann, ein Rechtsanwalt aus Pueblo de los Angeles, der sich dort besuchsweise aufhielt, und Mr. Kennedy, der Baumeister des Postens. Als es dunkelte, saßen wir alle in der geräumigen Stube des Doktors vor der Glut eines tüchtigen Kaminfeuers; wir unterhielten uns wie Leute, die sich schon seit langen Jahren kennen, denn nirgends werden Bekanntschaften schneller geschlossen als im »Fernen Westen«, und es gab ja nichts, was die allgemeine Fröhlichkeit hätte stören können, wohl aber manches, was sie erhöhte, ja auf ihren Gipfel brachte, und um Mitternacht saßen wir noch an derselben Stelle und berieten uns darüber, auf welche Weise die nächste Zeit am angenehmsten zu verbringen sei. Egloffstein und ich hatten mit dem Aussuchen und der Übernahme der Maultiere nichts zu schaffen, dagegen lag es in unserm Interesse, soviel wie nur irgend möglich von Kalifornien zu sehen und kennenzulernen; wir nahmen daher mit Freuden den Vorschlag von Lieutenant Mercer entgegen: ihn in Gemeinschaft mit Mr. Hinchmann und Mr. Kennedy auf eine Fischexpedition zum Kernsee und zum Kernfluß im Tularetal zu begleiten. Unser Aufbruch war auf den folgenden Tag festgesetzt worden, und als wir uns am 16. November zum gemeinschaftlichen Frühstück versammelten, stand schon ein mit sechs Maultieren bespannter Wagen bereit, um den einige Soldaten sowie Lieutenant Mercers Neger damit beschäftigt waren, Lebensmittel, Zelte und Fischgerätschaften zu verpacken. Wie eine sorgsame Mutter überwachte Mr. Alexander diese wichtige Arbeit, wobei er gelegentlich dem lebhaften Negerburschen, der uns als Koch begleiten sollte, weise Ratschläge erteilte: »Louis, sind die Flaschen gut gekorkt? Sind die Eier sicher verpackt? Wickle Stroh um die Blechbüchsen, schwarzer Sünder, damit sie nicht entzweigestoßen werden. Stell das Fäßchen aufrecht, Louis, und die Körbe mit den Flaschen so, daß die Herren sie zu jeder Zeit fassen können. Tritt mit deinen Zentnerfüßen nicht so auf dem Mehlsack herum, oder dein dicker Schädel soll mir dafür büßen!« So redete und brummte der gemütliche Mr. Alexander zu dem Neger. Louis nun, entzückt über die in Aussicht stehende Reise und über die Scherze des Mr. Alexander, lachte dermaßen, daß seine Augen sich wie zwei Billardbälle aus ihren Höhlen drängten, dicke Tränen über seine blauschwarzen Wangen rollten und die Mundwinkel sich fast mit den Ohren vereinigten, wobei er es an witzigen Gegenbemerkungen nicht fehlen ließ. Unter den Glückwünschen der Zurückbleibenden kletterten der wohlbeleibte Hinchmann, Egloffstein und ich auf den Wagen; Lieutenant Mercer, Mr. Kennedy, zwei Dragoner und der Neger schwangen sich auf ihre Pferde, die Peitsche knallte, die Hunde bellten, und fort ging es dem nördlichen Ende der Schlucht zu. Der Weg führte stark abwärts; an den gefährlichsten Stellen desselben war gebaut und verbessert worden, doch konnte wegen der überhängenden Bäume und Felsblöcke sowie wegen der kurzen Windungen des unterwühlenden Sturzbachs nur langsam und mit größter Vorsicht gereist werden, und dies noch um so mehr, als zwischen den dicht zusammengerückten Bergen, die sich über 3000 Fuß hoch über ihrer Basis erhoben, ein Ausweichen vollständig unmöglich war. Die Felsen zeigten hier denselben Charakter wie weiter oberhalb; ich bemerkte nämlich überall Granitformation, und im Bett des Bachs lagen durcheinander mächtige Bruchstücke von Granit, Syenit und metamorphosiertem Gestein; auch Sandstein fand ich hin und wieder, und zwar angefüllt mit fossilen Muscheln. Auf den Höhen bildeten spärlicher Graswuchs und niedrige, kränkelnde Eichen die einzige Vegetation; unten in der Schlucht dagegen schien der aus aufgelöstem Granit und anderem verwitterten Gestein bestehende Boden dem Wachstum der Eichen besonders förderlich zu sein, denn kräftig ragten empor manche der schönen kalifornischen Arten. Doch auch verschiedene Arten von Tannen erblickte ich, vorzugsweise aber die an westlichen Abhängen der Sierra Nevada so häufig vorkommende Pinus ponderosa und die so merkwürdige Zuckertanne (Pinus Lambertiana), Pinus Lambertiana oder die Zuckertanne ist fast durchgängig in allen Gebirgsgegenden von Kalifornien verbreitet, ohne indessen Wälder zu bilden. Dieselbe erreicht nicht selten einen Durchmesser von 10 Fuß und eine Höhe von 200 Fuß und kann mit Recht nach der Wellingtonia-gigantea als die Königin der Tannen bezeichnet werden. Der Name Zuckertanne rührt von dem merkwürdigen Umstand her, daß aus dem Holz und den Wurzeln, vorzugsweise angebrannter und beschädigter Stämme, zuckerähnliches Harz quillt, das in seinen Eigenschaften dem Manna gleicht und von den Minenarbeitern sehr gesucht wird. Diese Substanz ist in dortigen Regionen unter dem Namen Pinite bekannt. deren Harz, besonders bei angebrannten Bäumen, an Süßigkeit dem Zucker fast gleichkommt, und auch vielfältig an dessen Statt gebraucht wird. Gegen Mittag erreichten wir das Ende der Canada, und das Tularetal lag in seiner ganzen Ausdehnung vor uns. Wir befanden uns noch ungefähr 800 Fuß über der Basis der südwestlichen Spitze der Sierra Nevada, die auch Tejon Mountains genannt wird und durch die der Weg uns auf eine plateauähnliche Abflachung der äußersten Hügel geführt hatte. Links von uns, in schwer zugänglicher Tiefe, rieselte der Bach der Canada de las Uvas; derselbe versinkt nach kurzem Lauf im Tal und bezeichnet zugleich das nördliche Ende der Canada, das unter 34º 54' 40'' n. Br. fällt. Von diesem Punkt aus genoß ich eine weite Aussicht, die im Westen die dunkelblauen Küstengebirge, im Osten die schimmernde Sierra Nevada, im Norden aber wie auf dem endlosen Ozean der Horizont begrenzte. Eine wüstenähnliche Stille und Einförmigkeit, die in nebliger Ferne nur von zwei glänzenden Wasserspiegeln unterbrochen wurde, ruhte auf der weiten Ebene; doch das Tal, die duftige Ferne, die zackigen Gebirgszüge und die gegen Nordosten über diese emporragenden weißen Schneekuppen der Sierra Nevada vereinigten sich zu einem schönen erhabenen Ganzen, von dem der Reisende sich nicht trennt, ohne einen Eindruck fürs ganze Leben mitzunehmen. In stiller Verwunderung hielten wir einige Minuten, bis Lieutenant Mercer uns zur Eile trieb und einen Punkt an dem ersten See bezeichnete, den wir vor Einbruch der Nacht erreichen müßten. Er nannte die Strecke bis dorthin zwanzig Meilen, also noch ein starker Marsch, doch bewirkten die Klarheit der Atmosphäre und der günstige Standpunkt, daß mir die Entfernung kaum halb so weit erschien. Wir leisteten indessen seiner Aufforderung Folge und wanden uns langsam an den Abhängen der abschüssigen Hügel hinunter. Das Tularetal, das seinen Namen von der mexikanischen Bezeichnung »Tule« für die an den Seen massenhaft wachsenden Binsen herleitet, kann in mancher Beziehung als die südliche Fortsetzung des großen Tals angesehen werden, das Kalifornien, fast der ganzen Länge nach, zwischen der Sierra Nevada und den Küstengebirgen durchschneidet und das der San Joaquin und der Sacramento von ihren Quellen bis zu ihrer Mündung durchströmen. Bei genauer Untersuchung stellt es sich indessen heraus, daß das Tularetal durch eine geringe Erhebung des Bodens von dem Flußgebiet des San Joaquin getrennt wird. Die Flüsse und Seen im Tularetal haben ihr eigenes System, wodurch allein schon die Absonderung bestimmt wird, wenn auch wirklich in sehr nassen Jahreszeiten der San Joaquin Wasser aus den überfließenden Seen in sich aufnimmt. Das Tularetal würde demnach mit Recht ein Becken genannt werden können, dessen nördliche Grenze mit dem 37. Breitengrad zusammenfällt und das sich von dort gegen Süden bis zum 35. Grad oder den Tejon-Gebirgen erstreckt. Die Breite wechselt zwischen fünfzig und siebzig Meilen, wodurch ein Flächenraum von ungefähr 7500 Quadratmeilen hergestellt wird. Diese weite Ebene ist indessen keineswegs eine horizontale Fläche, denn die Erhebung der Talränder nahe der Basis der Gebirge wechselt zwischen 1400 und 1600 Fuß über dem Meeresspiegel, während der Spiegel des Kern Lake, des südlichsten der Seen, nur 398 Fuß hoch liegt. Selbst ohne diesen Höhenunterschied zu kennen, der sich gleichmäßig auf so weite Strecken verteilt, ist doch die allmähliche Senkung des Bodens nach der Mitte zu dem bloßen Auge wahrnehmbar. Eine Reihe flacher Seen durchzieht von Norden nach Süden dieses Tal; die bedeutendsten sind der Tularesee, der Buena Vista und der Kern Lake, die in dortiger Gegend auch unter den indianischen Namen Tache, Cholam und Tolumne bekannt sind. Alle stehen durch natürliche Kanäle miteinander in Verbindung und empfangen ihr Wasser durch zahlreiche, nie versiegende Bäche und Flüsse, besonders aus der schneebedeckten Sierra Nevada. Der Charakter aller Seen ist immer derselbe, die Ufer sind niedrig und morastig, und weithin ist das Gebiet des Wassers an den dunkelgrünen, schlanken Binsen, die eine Höhe von 10 bis 15 Fuß erreichen, erkennbar. In trockenen Jahreszeiten bieten diese dichten Binsenwälder dem Elk sowie dem schwarzschwänzigen Hirsch Diese beiden verschiedenen Arten sind lange und vielfach für eine und dieselbe gehalten worden, wozu die Ähnlichkeit in der äußeren Erscheinung Veranlassung gegeben hat. Es bedarf auch in der Tat einer genauen Untersuchung, um diese beiden schwarzschwänzigen Hirsche mit gleicher Geweihbildung voneinander zu trennen. Professor J. S. Baird in Washington hat nach langem Forschen die beiden Spezies als abgesondert voneinander hingestellt, und zwar als Mule deer und Black-tailed deer. einen sicheren Zufluchtsort, wohin ihnen der Jäger nur schwer nachfolgen kann. Unglaubliche Wassermassen werden den Seen während des ganzen Jahres zugeführt, und es ist auffallend, wie stark die Verdunstung Die schnelle Verdunstung des Wassers in den Tulareseen beträgt in den Sommermonaten durchschnittlich an jedem Tag [1/4] Zoll der ganzen weiten Wasserflächen. Da diese Seen keinen Abfluß haben, dagegen durch zahlreiche, schnelle Flüsse und Bäche genährt werden, so kann man annehmen, daß zur heißen Jahreszeit die Masse des verdunstenden Wassers den durch den schmelzenden Schnee vermehrten Zufluß weit übersteigt und ein Fallen der Wasserspiegel erzeugt. Die Ursachen für diese auffallende Erscheinung liegen nahe: Die Seewinde, die fast beständig landeinwärts wehen, setzen ihre Feuchtigkeit in den Küstengebirgen ab, und erst nachdem sie über weite, erhitzte und Wärme ausstrahlende Flächen hingeeilt sind, erreichen sie die von keinen erhöhten Ufern geschützten breiten Wasserspiegel. Die Temperatur der sehr flachen Gewässer, die Tag für Tag den glühenden Strahlen der vom wolkenlosen Himmel niederscheinenden Sonne ausgesetzt sind, trägt auch zur ungewöhnlich schnellen Absorbierung bei, und hier mag auch der von den Ebenen senkrecht aufsteigende warme Luftstrom, der die Dunstbläschen hindert, sich zu zersetzen, Grund der verhältnismäßig geringen Vegetation in der nächsten Umgebung sein. durch die Luft dort sein muß, da nur bei anhaltendem Regen oder im Frühling beim Schmelzen des Schnees in den Gebirgen die Gewässer austreten, dann aber bei der Niedrigkeit der Ufer weite Flächen des Tals überschwemmen und dasselbe auf kurze Zeit mit dem Flußgebiet des San Joaquin verbinden. Von diesen Überschwemmungen rühren auch die Süßwassermuscheln her, die in weiter Entfernung von den Seen den Boden bedecken. Fröhlichen Mutes zogen wir unsere Straße weiter; Meile auf Meile legten wir zurück, doch schienen wir uns dem See nicht zu nähern. Wir unterhielten uns, wir sangen, aber der Weg wollte dadurch nicht kürzer werden; wir wechselten jeden Augenblick unsere Stellung, um den heftigen Stößen des schnell rollenden, federlosen Wagens zu entgehen, doch vergeblich; Louis pfiff mit eigentümlicher Negerfertigkeit Hunderte von Melodien, und auch diese nahmen trotz unserer Lobeserhebungen ihr Ende. Nur die Flaschenkörbe, die Louis fast zu nahe in unseren Bereich gestellt hatte, schienen gleichgültig gegen alles zu bleiben und sich jede beliebige Handhabung gern gefallen zu lassen. Die armen Flaschen – wenn sie Gefühl hatten, mußten sie empfinden, daß sie leichter wurden, denn der Staub des Weges machte die Gaumen trocken. Der tiefblaue Himmel hatte sich mit seinem funkelnden Sternenheer überzogen, und ein rötlicher Schimmer am nördlichen Horizont erinnerte nur matt an den hellen Sonnenschein des Tages, als wir am Kern Lake nahe einer Öffnung in den Binsen anhielten und unser Nachtlager aufschlugen. Louis, unser sorglicher Louis, den Mangel des Holzes vorhersehend, hatte sich vom Fort aus einen Vorrat mitgenommen, wodurch er in die Lage gesetzt war, uns an diesem Abend schon seine Kunstfertigkeit als Koch zu beweisen; er pflegte uns vortrefflich, wofür er von allen Seiten mit Lobeserhebungen überschüttet wurde, die er auf seine eigentümlich herablassende Weise hinzunehmen wußte. Es war schon zu spät, um den herrlichen Abend noch lange genießen zu können; ein früher Aufbruch am folgenden Morgen war verabredet worden, weshalb denn auch jeder sich zur nächtlichen Ruhe bald in seine Decken wickelte. Die Stimmen im Lager verstummten, die gesättigten Tiere standen regungslos umher, einige Kohlen glimmten noch matt in der Asche, und leise spielte der Wind mit den beweglichen Binsen. Tiefe Ruhe herrschte überall, nur vom See herüber schallte mitunter das abgebrochene Geschnatter einer träumenden Ente oder der heisere Ruf eines wachsamen Kranichs, wenn vielleicht vertrocknete Binsen unter dem schleichenden Tritt raubgieriger Wölfe kaum hörbar knackten. In vollster Pracht entstieg am 17. November die Sonne den eisgekrönten Gipfeln der Sierra Nevada; belebend schossen die ersten Strahlen hinter den geröteten Gebirgszacken hervor und eilten, Wärme verkündend, über die weißbereifte Ebene. Tausende von Stimmen wurden laut und erfüllten mit ihrem Jubelruf die Atmosphäre, die wie ein duftiger Schleier über der ganzen Landschaft zu schweben schien. Lange Reihen von Gänsen erhoben sich von dem breiten Wasserspiegel und eilten den grasreichen Ufern zu, Scharen von Enten kreisten mit pfeifendem Flügelschlag über dem See, während weißgefiederte Pelikane und Schwäne majestätisch die stille Flut durchschnitten und kurzbeschwingte, schwerfällige Taucher wie neidisch zu dem regen Leben in den Lüften emporschauten. Ich feuerte einen Schuß durch die Öffnung in den Binsen auf eine Herde der harmlosen Schwimmer; der Schall rollte in Schwingungen über die weite, glatte Fläche und vermischte sich mit dem lufterschütternden Geräusch, das durch Tausende von Vögeln erzeugt wurde, die sich in dichten Schwärmen nach allen Richtungen hin erhoben und je nach ihren Eigentümlichkeiten kleine oder große Kreise über dem See beschrieben. Nur kurze Zeit dauerte diese Aufregung, die Schwärme senkten sich, das Wasser mit den Flügeln peitschend glitten die verschiedenartigen Vögel eine kurze Strecke auf demselben fort, ließen sich dann nieder, schauten sich wie verwundert um und putzten und ordneten ihre Federn, als ob nichts vorgefallen wäre. Ich gab nach dem ersten Versuch diese Art von Jagd auf, denn vergeblich spürte ich auf dem sumpfigen Boden nach einer festen Stelle, um zu meiner Beute zu gelangen; und so blickte ich denn traurig zu den Geschöpfen hinüber, denen ich aus Laune das Leben geraubt hatte. Ein verwundeter, schön gefiederter Pelikan wurde langsam vom Wind der Mitte des Sees zugetrieben; einige seiner Gefährten schwammen wie teilnehmend um ihn herum, und als sie sich augenscheinlich von dem Sterbenden nicht trennen wollten und dieser, wie Hilfe erflehend, den langen Hals seinen Freunden entgegenreckte, da war es mir, als hätte ich einen Mord begangen, und unwillkürlich gedachte ich der schönen Worte unseres Dichters: Die Welt ist vollkommen überall, Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual! »Alles bereit!« rief der Neger, als er die dampfenden Schüsseln auf den Feldtisch stellte. »Alles bereit!« rief bald nachher auch der Kutscher. Wir nahmen unsere Plätze ein, und fort ging es in östlicher Richtung am Ufer des Sees hin, dessen glänzender Spiegel uns fortwährend hinter den hohen Binsenwaldungen verborgen blieb. Die Reiter hatten sich von uns getrennt, nur Louis auf seinem kleinen weißen Klepper hielt gleichen Schritt mit unserem Wagen. Ich kann es nicht leugnen, daß in dem Land, wo der Wert des Menschen vor allen Dingen nach der Hautfarbe bestimmt wird und wo die afrikanische Menschenrasse nur den Rang von brauchbaren und nützlichen Tieren einnimmt, ich mich immer ganz besonders für die Sklaven interessierte. Der Gedanke, daß der Mensch, das Meisterwerk einer schöpferischen Natur, zu einer verkäuflichen Ware herabgewürdigt sei, weil, wie der Indianer es bezeichnet, die Sonne der heißen Zone seine Haut schwarz brannte, erweckte bei mir das tiefste Mitgefühl. Sowohl aus Neigung als auch um den Andersdenkenden meine Nichtachtung, ja Verachtung ihrer unwürdigen Gesinnungen hinsichtlich der Neger vor Augen zu legen, begegnete ich daher dem Sklaven stets mit derselben Freundlichkeit wie dem freien Weißen. Die natürliche Folge hiervon war, daß erstere ihre Dankbarkeit gegen mich zur Schau trugen, wofür ich dann nicht selten auf unangenehme Weise mit letzteren verwickelt wurde. Auf der Reise zum Tularetal war es anders; meine Gefährten waren lauter liebenswürdige Leute, die freilich meine Meinung nicht ganz teilten, jedoch die persönlichen Ansichten – aber auch nur als die eines weißen Menschen – zu hoch achteten, als daß dieselben zu einer Streitfrage hätten werden können. Es verstand sich also von selbst, daß Louis mein guter Freund wurde, mit dem ich mich vielfach beschäftigte und unterhielt. Seine einfältigen Ideen, mehr aber noch sein komisch linkisches Benehmen ergötzten mich, doch stimmte es mich auch wieder trübe, in ihm einen offenen Kopf zu entdecken, dessen geistige Fähigkeiten systematisch unterdrückt und in eine Richtung geleitet waren, die aus ihm nichts als einen guten Sklaven werden ließ; das heißt einen Menschen, der nicht imstande ist, selbständig zu handeln. Louis war freilich seinem Äußeren nach kein Muster von Schönheit, doch ein so gesunder, kräftiger Negerbursche, wie man ihn nicht besser finden kann. Er ritt also neben dem Wagen, pfiff und sang und gab mir durch Zwinkern mit den Augen sowie durch sein merkwürdiges Lachen zu verstehen, daß er sich gern mit mir unterhalten möchte. Ich wandte mich zu ihm mit der Frage: »Nun, Louis, was hast du auf dem Herzen?« Louis drehte sich auf dem Sattel, warf beide Beine nach der einen Seite hinüber, zeigte alle seine elfenbeinartigen Zähne und antwortete: »Master, ich kann's nicht sagen!« »Warum denn nicht?« rief ich ihm zu. »Nur heraus mit der Sprache!« »Well, ich habe die halbe Nacht nicht geschlafen!« »Weshalb nicht?« fragte ich wieder. »Weil – weil – weil Sie mir gestern gesagt haben, daß ich der hübscheste Negerjunge sei, den Sie in Ihrem Leben gesehen haben; ich möchte wissen, ob das wahr ist und was Sie eigentlich schön an mir finden.« Als er geendigt hatte, stieß er ein wieherndes Gelächter aus, in das ich auf meine Weise mit einstimmte und dann dem eitlen Burschen erwiderte: »Allerdings bist du hübsch, Louis; wir wollen bei deinen Füßen anfangen. Sieh dir dieselben an, sind sie nicht wenigstens dreimal so groß wie der größte Fuß des größten weißen Mannes? Und stehen deine Hacken nicht so weit nach hinten, daß du dir an deine nackten Füße Sporen schnallen kannst, ohne diese zu verlieren?« Louis sah wohlgefällig vor sich nieder, schüttelte die mit schweren mexikanischen Sporen bewaffneten Fersen und bemerkte ruhig: »Ja, meine Füße sind wirklich nicht schlecht!« »Und dein Mund nun erst, ist er nicht so groß, daß Millionen von Liedern ihren Weg aus demselben finden können? Sind deine Lippen nicht so dick gepolstert, daß du nur stärker zu atmen brauchst, um die kunstvollst gepfiffenen Tänze in die Welt zu senden? Sind deine Zähne nicht so weiß wie Elfenbein? Sind deine abstehenden Ohren nicht auf scharfes Hören eingerichtet? Und vermagst du mit deinen kugelförmigen Augen nicht die halbe Welt auf einmal zu sehen? Und dann denke nur, welche Riesenkräfte erforderlich wären, dir deinen mit feinster Wolle gezierten Schädel entzweizuschlagen!« Louis hatte mir aufmerksam zugehört, seine Augen leuchteten vor Glückseligkeit, und als ich seinen Kopf erwähnte, da rief er aus: »Ja, Herr, mein Schädel ist hart wie ein Felsen, und um keinen Preis der Welt möchte ich einen anderen haben.« Dieser Art waren die Gespräche, die ich mit Louis führte; der arme Junge hatte keine Ahnung davon, daß ich ihn bedauerte und zugleich in Gedanken die Sklavenzüchter des Verbrechens der gräßlichen Verstümmelung des menschlichen Geistes anklagte. – In weitem Bogen gelangten wir auf die Ostseite des Kernsees; die Luft war unvergleichlich, Sonnenschein lag auf der Ebene und ließ die Atmosphäre kaum merklich zittern. Große Schafherden folgten langsam ihren indianischen Hütern nach den grasreicheren Stellen am See, während Wölfe die verlassenen Schäferhütten und Ställe gleichsam bewachten und hungrig nach Überresten von gefallenem Vieh umherspürten. Wir folgten einer wenig befahrenen Straße gegen Norden und näherten uns einer Reihe von Baumgruppen, die Lieutenant Mercer als unser Ziel auf dem Ufer des Kernflusses bezeichnete. Fünftes Kapitel Der alte Pelzjäger – Gales Erzählungen – Nachrichten über den Colorado – Gales erstes Zusammentreffen mit den Mohave-Indianern – Die Jagd auf wildes Rindvieh – Ritt zu den Eingeborenen – Die Tejon-Indianer – Aufbruch zur Heimreise – Bishops Farm – Die Kamelkarawane – Ankunft in Fön Tejon Der Kern River, der auch unter dem Namen Posuncula bekannt ist, entspringt im Walkers Paß in der Sierra Nevada und ist der südlichste und zugleich einer der bedeutendsten Ströme, die mit den Tulareseen in Verbindung stehen. Der Fluß und der See führen ihren Namen nach dem unglücklichen Herrn Kern, der im Jahre 1853 zusammen mit dem Captain Gunnison von den Utah-Indianern erschlagen wurde. »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 429. Die Benennung stammt vom Jahre 1846 her, von dem Umstand nämlich, daß Kern und Walker lange Zeit im Walkers Paß, der ebenfalls zu damaliger Zeit seinen Namen erhielt, auf die Rückkehr ihres Kommandeurs, des Colonel Fremont, harrten, der, um Lebensmittel anzuschaffen, sich mit einem Teil seiner Leute schon weiter nördlich von der Expedition getrennt hatte. a. a. O., S. 288. Ungefähr vier Meilen von der Mündung des Kern River liegt auf dem südlichen Ufer, beschattet von hohen Cottonwood-Bäumen, ein einsames Blockhaus; ein kleiner, roh umzäunter Garten stößt an dasselbe; einige Pferde und Kühe weiden in der Nähe, und zwischen diesen tummeln sich mehrere kräftige, schwarzgelockte Kinder umher. In der Hütte erblickt man, gewöhnlich mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, eine Indianerin, die schon in vorgerückten Jahren ist, doch noch immer die Spuren früherer Reize zeigt; in ihrer Nähe befindet sich stets ein wunderschönes, schüchternes Mädchen von vierzehn oder fünfzehn Jahren – ihre Tochter, die durch die hellere Hautfarbe ihre Verwandtschaft mit der weißen Rasse verrät. Frau, Kinder, Haus, Garten und Vieh sind Eigentum eines alten amerikanischen Trappers, eines gewissen Gale, der, wenn ihn die Jagd nicht fesselt, im Schatten der Bäume der Ruhe pflegt, seinem ältesten Sohn, einem schlanken Halbindianer von ungefähr siebzehn Jahren, Ratschläge erteilt oder vereint mit diesem im nahen Fluß angelt. Obgleich schon über ein halbes Jahrhundert hinter dem alten Gale liegt, so zeugen seine Figur sowie seine raschen Bewegungen noch immer von ungebrochener Kraft und Rüstigkeit. Seine Gesichtsfarbe ist so braun wie die eines Indianers, ebenso Brust und Hände, doch lugt unter den aufgestreiften Hemdärmeln die weiße Haut hervor, die in Verbindung mit den braunen Haaren und dem langen, zottigen, schon etwas ergrauten Bart eine Verleugnung der Rasse unmöglich macht. Dies ist das Bild eines alten Pelzjägers, der nach einem vieljährigen, gefahrvollen Leben in den Gebirgen, wo ihn seine braune Gattin mit ihren Kindern auf Weg und Steg begleitete, sich endlich ein Fleckchen ausgesucht hat, wo er in Ruhe und Frieden seine alten Tage verleben und dabei ungestört die Viehzucht, die Jagd und den Fischfang betreiben kann. Früher, wenn ich zuweilen in meinen Erzählungen der Zeiten gedachte, die ich selbst als Pelzjäger in der Wildnis verlebte, und dabei noch immer für dieselben schwärmte, wurde ich von jungen, tatkräftigen Gemütern um den Vorzug meiner Erfahrungen beneidet, während manche frommen, klug überlegenden Menschen die Behauptung aufstellten, daß in einem Leben unter solchen Verhältnissen die wahre Empfindung und die begeisterte Verehrung für eine wilde, aber ungekünstelte Natur und ihre heilige, belebende Kraft allmählich einschlummern, ja sogar verlorengehen müßten, weil die von Menschen geregelte Anleitung fehle. Hier nun, bei dem alten Gale, der nahe an die vierzig Jahre die Wildnisse des Fernen Westens mühevoll durchzogen hatte, fand ich abermals einen Beweis, daß Mangel an Schule und Umgang den Keim nie vollständig zu ersticken vermag, den die Natur in die Brust ihrer Lieblingskinder legte. Wie hätte es sonst der rauhe Jäger vermocht, eine so anmutig gelegene Stelle zu seiner Heimat zu wählen, da doch in nicht allzugroßer Entfernung sich tausendfach Gelegenheit bot, Reichtümer mit verhältnismäßig geringer Mühe zu erwerben? Doch besser wie Reichtümer gefielen ihm das von hohen Bergen eingeschlossene Tal, das milde Klima, der kristallklare Fluß mit den Baumgruppen auf seinen Ufern, die fetten Weiden, die ergiebige Jagd und vor allem die friedliche, ungestörte Ruhe in der ganzen Umgebung. In der Nähe des einsamen Blockhauses, unter hohen Bäumen, hart am Rande einer kleinen Weidenwaldung, schlugen wir also unser Standquartier auf, und noch ehe Louis den Tisch vor unserm Zelt geordnet hatte, saßen wir in Reihe auf dem erhöhten Ufer des Flusses, beobachteten schweigend die ausgeworfenen Angeln und ergötzten uns an dem munteren Treiben der zahlreichen Forellen, deren geringsten Bewegungen wir bei der Klarheit des Wassers bis auf den Boden zu folgen vermochten. Wir verbrachten den ganzen Nachmittag auf diese Weise, Fisch auf Fisch zogen wir aus den schnell eilenden Fluten, so daß selbst Louis seine Zufriedenheit zu erkennen gab, indem er meinte, daß ein Neger kaum besser mit der Angel umzugehen wisse als wir. Als es dämmerte, saßen wir in Eintracht an unserem Feldtisch, um den gefangenen Forellen die letzte Ehre angedeihen zu lassen; Gale war unser Gast, und zwar ein lieber, freundlicher, unterhaltender Gast. Egloffstein suchte seine Flöte und ich meine Gitarre hervor, wir musizierten nach besten Kräften und wurden so tapfer von den fröhlichen Stimmen der ganzen Gesellschaft unterstützt, daß der Gesang weithin über die stille Ebene schallte und der alte Gale bei so ungewohnten Klängen förmlich gerührt wurde. Die prachtvolle Gesellschaft, wie Gale uns nannte, dazu der feurige Wein, hatten ihre Wirkung auf den alten Jäger ebenfalls nicht verfehlt und ihn ungewöhnlich gesprächig gemacht, so daß er sich, nachdem das Konzert beendet war und wir im Kreis ums Feuer lagen, ganz willig herbeiließ, einiges aus seinem Leben zu erzählen. »Wenn ich mit jungen Leuten zusammentreffe«, hob er an, »namentlich mit solchen, die schon einen Blick in die Rocky Mountains geworfen haben und daher die Vorliebe begreifen können, die ein verständiger Mensch (ich bediene mich hier Gales eigener Worte) für das Leben in der Wildnis fassen muß, dann wird immer der Wunsch in mir rege, wieder jung zu sein, um die letzten dreißig Jahre noch einmal durchleben zu können. Auch meine alte Cheyenne-Squaw, die drüben im Haus mit den Kindern gewiß voller Verwunderung auf eure Musik gehorcht hat, möchte ich wohl wieder jung sehen; so wie damals, als sie die Lieblingstochter eines großen Häuptlings und zugleich die Schönste ihres Stammes war, und mich mit ihren glänzend schwarzen Augen, die sie heute noch aufzuweisen hat, dazu bestimmte, ihren Verwandten auf Jagd- und Kriegszügen zu folgen. Mancher junge Krieger der Cheyenne-Indianer so wie auch benachbarter Stämme hegte feindliche Gefühle gegen mich, als das Mädchen mich bevorzugte. Doch als sie erst meine Frau war, mit mir in unserem eigenen Zelt wohnte, mich auf meinen Jagdzügen begleitete, die von mir gewonnenen Häute weich wie Samt gerbte, schöne Mokassins für mich nähte und meinen Anzug auf das prächtigste mit den gefärbten Stacheln des Porcupine verzierte, da stellte sich auch die alte Freundschaft wieder ein, und alle waren stolz, mich als zur Nation gehörig betrachten zu können. Ich war aber auch ein Jäger und Fallensteller, der sich vor keinem anderen zwischen dem Missouri und Kalifornien zu schämen brauchte. Da war keiner, der so viele Otter- und Biberfelle zum Tausch zu den Handelsposten brachte, und keiner, dessen Squaw sich eines so großen Reichtums hätte rühmen können wie die meinige. Sie besaß nur lauter rote Decken, und sie und ihre Kinder waren immer rot gekleidet; Die unter den Indianern lebenden Weißen gewöhnen sich allmählich an den indianischen Geschmack. ganze Ladungen von Perlenschnüren hing ich ihr um den Hals, und alle Säume an ihren Kleidungsstücken besetzte ich mit kleinen Messingschellen. Dafür gewährte meine Familie aber auch einen Anblick, der das Herz eines Jägers erfreute; ja, es waren schöne, schöne Zeiten! Jetzt bin ich alt und träge; wenn ich etwas verdiene, so lege ich es zurück für meine Töchter; meine Söhne können auf dieselbe Weise anfangen, wie ich es getan habe, das heißt, mit weiter nichts als mit einer guten Büchse. Vieles, vieles hat sich in dieser langen Zeit geändert; Berge und Flüsse, die wir nur bei ihren indianischen Namen kannten, sind längst umgetauft worden, und Eingeborene, die wir durch den bloßen Knall unserer Büchsen fernhielten, führen jetzt so gute Feuerwaffen, wie sie die Fabriken in den Vereinigten Staaten nur zu liefern vermögen.« Auf meine Frage, ob er den oberen Colorado kenne, erwiderte der alte Gale in seiner erzählenden Weise: »Den oberen Colorado kenne ich nicht, auch glaube ich nicht, daß eure Expedition denselben kennenlernen wird. Meilentiefe Cañons bilden dort sein Bett, und meilentiefe Cañons werden euch hindern, an den oberen Colorado zu gelangen. Einmal bin ich vor vielen Jahren in jener Gegend gewesen, bin aber auch nie wieder dahin zurückgekehrt. Doch laßt mich erzählen. In der Hoffnung, eine einträgliche Biberjagd zu machen, hatten wir Freitrapper, ungefähr 150 an der Zahl, eine Kompanie gebildet und den bekannten Fitzpatrick, der nun auch schon hinüber ist, zu unserem Anführer gewählt. Um nämlich die Einigkeit aufrechtzuerhalten, fügen sich alle Teilnehmer einer solchen Expedition pünktlich den Befehlen eines von ihnen selbst gewählten Häuptlings, dessen Aufgabe es ist, die Leute je nach ihren Fähigkeiten zu den verschiedenen Arbeiten und Dienstleistungen zu bestimmen, zugleich aber auch nach Beendigung der Expedition die gerechte Verteilung der gewonnenen Beute zu überwachen. Unser Ziel war der obere Colorado, den noch nie ein Trapper erreicht hatte. Auch wir erreichten ihn nicht, indem, wie ich schon sagte, meilentiefe Schluchten uns den Weg völlig abschnitten. Wir gaben jeden Versuch, hinunterzugelangen, auf; was hätten wir auch in den Spalten finden sollen, da Otter und Biber ja nicht zwischen Felsen leben? Wir entschlossen uns daher, mehr südlich zu gehen, und machten einen weiten Umweg, auf dem wir einen kleinen Bergstrom erreichten, der uns, wie sich später erwies, an den Colorado führte. Auf unserer ganzen Reise hatten wir keinen einzigen Eingeborenen erblickt, was uns zu der Meinung bestimmte, daß die dortige wüste Gegend gänzlich unbewohnt sei. Am Colorado erhielten wir indessen die untrüglichsten Beweise, daß wir schon seit langer Zeit von Indianern umgeben waren und beobachtet wurden, und zwar von solchen, denen weiße, bärtige Menschen eine vollkommen neue Erscheinung waren. An dem Tag nämlich, an dem wir den großen Strom erreichten, ermattete eins von Fitzpatricks Pferden, und ich erhielt den Auftrag, dieses nachzubringen. Das Tier war indessen so ermüdet und abgetrieben, daß ich es durch gar kein Mittel von der Stelle zu treiben vermochte. Ich gab dasselbe daher auf und eilte meinen Gefährten nach, mit denen ich am Colorado erst wieder zusammentraf. Auf meinen Bericht über das verlorene Pferd ließ mich Fitzpatrick hart an und bestand mit allem Eigensinn darauf, daß ich ihm das Tier unter allen Umständen wiederschaffen müsse. Dasselbe war vielleicht nur fünf oder sechs Meilen von unserem Lager entfernt, ich entschloß mich daher, noch vor Einbruch der Nacht zu Fuß zurückzukehren und es noch einmal mit ihm zu versuchen. Ein gut berittener Kamerad bot mir seine Begleitung an, die ich mit Freuden annahm, um so mehr, als wir an diesem Tag die ersten Fußstapfen von Eingeborenen im Sand des kleinen Bergstroms entdeckt hatten. Wir verließen das Lager und befanden uns bald zwischen den Felsen, die das Flüßchen an beiden Seiten einfaßten. Die Hälfte des Weges hatten wir ungefähr zurückgelegt, als mein Kamerad, in der Absicht, vorauszueilen und das zurückgelassene Tier mir entgegenzubringen, sein Pferd rasch antrieb und hinter der nächsten Biegung verschwand. Langsamen Schrittes folgte ich nach, der Hufschlag wurde schwächer, verhallte endlich ganz in den Schluchten, und lautlose Stille umgab mich. Plötzlich erblickte ich auf einer nahen Felswand eine Anzahl riesenhafter Gestalten, die ich, trotz der schon eingetretenen Dämmerung, leicht für vollständig unbekleidete Indianer erkannte. Sie winkten mir, umzukehren, und wahrscheinlich würde ich ihrer Aufforderung auch Folge geleistet haben, wenn mich die Sorge um meinen Freund nicht zurückgehalten hätte. Als ich auf die erneuten Drohungen meine Schritte noch beschleunigte, sprangen eine kurze Strecke vor mir zwei der Wilden in das sandige Flußbett hinab, worauf der vorderste derselben, mit einer kurzen Keule bewaffnet, mir kühn entgegenschritt. Ich hob meine Büchse und gab ihm zu verstehen, daß ich ihn beim nächsten Schritt erschießen würde; er achtete indessen nicht meiner Drohung, sondern näherte sich schnell mit seiner geschwungenen Waffe. Ungern tötete ich den armen Menschen, der allem Anschein nach die Wirkung des Feuergewehrs noch nicht kannte und sicherlich glaubte, sich mit mir in ein ehrliches Handgemenge einlassen zu können. Ich gab ihm noch Zeit bis zum letzten Augenblick, als er aber seine Keule zum tödlichen Streiche schwang, streckte ich ihn mit der Kugel zu Boden. Die übrigen Wilden, die gleichsam unbesorgt um ihren Gefährten dem Kampf neugierig zugeschaut hatten, erhoben bei dem Knall ein fürchterliches Geheul, und als sie den wilden Krieger, der in ihren Augen von keiner Waffe berührt worden war, dennoch tot zu Boden stürzen sahen, ergriffen alle schleunigst die Flucht und verschwanden in den nächsten Klüften. Mein Kamerad brachte wirklich das Pferd, das sich etwas erholt hatte, mit sich zurück und war nicht wenig erstaunt über das Abenteuer, das ich auf eine für mich so glückliche Weise mit den Wilden bestanden hatte. Dies sind die Erinnerungen, die sich an meine Colorado-Reise knüpfen; wenn ich jünger wäre, würde ich wieder mit euch ziehen, um euch das Gebirge zu zeigen, in dem so reiche Silberminen verborgen sein sollen; ich habe freilich schon mehrere Male vergeblich nach denselben gesucht, doch könnten wir möglichenfalls vom Glück begünstigt werden und als reiche Leute aus dortiger Gegend heimkehren.« In dieser Weise unterhielt uns der alte Gale mit seinen Erzählungen; er sprang freilich fortwährend von einem Gegenstand zum anderen über, doch wüßte ich keine Unterhaltung, die den Umständen angemessener gewesen wäre als gerade diese. Mitternacht war schon vorüber, als der alte Jäger sich nach seiner Hütte begab und wir in unser Zelt gingen. Den folgenden Tag verbrachte ich, indem ich mit der Flinte in der Umgebung umherstreifte und Vögel für meine Sammlung schoß, während meine Gefährten fast ununterbrochen mit der Angel am Fluß saßen. Es war abermals einer der schönen warmen Herbsttage, an denen man so gern geneigt ist, sich jeder Beschäftigung mit einer gewissen Gemächlichkeit hinzugeben, um über der Arbeit nicht unempfindlich gegen den Genuß zu werden, den der Aufenthalt im Freien dann besonders gewährt. Nur geringe Beute lieferte mir die Jagd, einige Enten und Rebhühner wanderten in die Küche, und wenig glücklicher war ich hinsichtlich meiner Sammlung. Am 19. November in aller Frühe erschien Gale bei uns im Lager, um einer Verabredung gemäß Mr. Kennedy und mich zur Jagd abzuholen. Wir waren schnell bereit, bestiegen unsere Pferde und folgten Gale nach, der nahe seiner Wohnung durch den Fluß ritt und eine nordöstliche Richtung durch das Tal einschlug. Mehrere Stunden ritten wir unseres Weges, bis wir einen fast ausgetrockneten See erreichten, dessen Binsenwaldung Gale zu durchstöbern beabsichtigte. Die Jagd war indessen so mühsam und wegen der vielen sumpfigen Stellen auch so gefährlich für unsere Pferde, daß wir es bald aufgaben, an diesem Tage einen Elkhirsch zu erlegen, und uns darauf beschränkten, den schmalen Waldsaum an einem nahen Flüßchen abzusuchen. Wir spürten und sahen Hirsche genug, doch wollte es keinem von uns gelingen, zum Schuß zu kommen. Gale, dem es ebensosehr wie uns um frisches Fleisch zu tun war, schlug uns darauf vor, wildes Rindvieh zu schießen, was ich mit um so größerer Bereitwilligkeit annahm, als mir diese Art von Jagd noch neu war. Mit einer Gewandtheit, die man von dem alten Mann nicht erwartet hätte, kletterte Gale auf den nächsten hohen Baum, von wo aus er die Ebene übersehen konnte, und erfreute uns nach einigem Umherspähen durch die willkommene Nachricht, daß in geringer Entfernung eine kleine Herde wilder Kühe weide. Nach wenigen Minuten befand sich Gale wieder im Sattel, und Kennedy sowohl als ich folgten, uns ganz seiner Führung überlassend, dem alten Mann im Galopp über die dürre Ebene. Ehe wir indessen in schußgerechte Nähe gelangten, hatte die Herde uns gewittert, stürmte in wilder Eile davon und bezeichnete durch eine dichte Staubwolke den Weg, den sie genommen hatte. Langsam ritten wir nach und entdeckten bald neue Herden, die, anscheinend noch nicht beunruhigt, dem Wasser träge zuschritten. Auf Gales Rat trennten wir uns nun voneinander, um auf verschiedenen Wegen den Kühen unbemerkt näher zu schleichen, wobei uns die vom Wasser ausgewaschenen Vertiefungen sehr zustatten kamen. Mein Pferd am Zügel nehmend, gelang es mir allerdings, die Entfernung zwischen mir und den Kühen zu verringern, doch immer nicht in dem Maße, daß ich von meiner Waffe mit Erfolg hätte Gebrauch machen können. Das Mißtrauen des wilden Rindviehs übertrifft nämlich noch bei weitem die Scheu der Antilope, und dabei kommt nichts der blinden Wut gleich, welche bei demselben durch den Geruch von frischem Blut, manchmal sogar auch durch das Erscheinen eines harmlosen Fußgängers, hervorgerufen werden kann. Mehrere Male hatten sich schon kleine Rudel vor mir geflüchtet, und der Erfolg begann mir schon zweifelhaft zu scheinen, als ich, im Begriff, die grabenähnliche Vertiefung zu verlassen, plötzlich in einer bis dahin von mir unbeachteten Richtung zehn bis zwölf Kühe erblickte, die ruhig grasten und von einem kleinen schwarzen Stier gleichsam bewacht wurden. Ich band mein Pferd an einen nahen Strauch und kroch hinauf auf die Ebene. Ich könnte nicht sagen, daß die Kühe in ihrem Äußeren etwas Schreckliches für mich gehabt hätten; und also durch nichts beunruhigt, zielte ich vorsichtig auf den jungen Stier und gab Feuer. Auf den Knall der Büchse sprang er hoch auf, kam indessen wieder auf seine Füße zu stehen, und ich konnte aus der Ferne erkennen, daß er an allen Gliedern wie von Todesangst gepeinigt zitterte und bebte. Die erschreckten Kühe, die sich zur Flucht gewandt hatten, kehrten schnell wieder zu ihrem Anführer zurück und gerieten, als sie um denselben herumschritten und das Blut witterten, in die rasendste Wut. Dumpf brüllend scharrten sie mit den Hufen und trafen im vollen Sinn des Wortes Anstalt, den verwundeten und schon wankenden Stier mit ihren langen, spitzen Hörnern anzugreifen. Ich hatte mich aufgerichtet und gerade das Laden meiner Büchse beendet, als die ergrimmten Kühe mich gewahrten; mit gehobenen Köpfen schienen sie zu lauschen, dann aber senkten sie die Hörner und stürzten in vollem Lauf auf mich zu. Solch wütenden Angriff hatte ich nicht erwartet; ich warf die Büchse über die Schulter, sprang zu meinem Pferd hin und eilte nach wenigen Augenblicken auf demselben in größter Eile über die Ebene. Ich glaubte dadurch die Kühe zu veranlassen, wieder zu ihrem verwundeten Kameraden zurückzukehren, doch hatte ich mich getäuscht. Meine Flucht schien im Gegenteil ihre Wut noch zu steigern, denn rückwärts schauend erblickte ich in einer Staubwolke die gespreizten Hörner, die meinem Pferd und auch mir gefährlich zu werden drohten. Mein Pferd mit den Sporen stachelnd, ergriff ich darauf meine beiden Revolverpistolen und feuerte Schuß auf Schuß unter meine Verfolger, die sich mit jeder Minute näherten. Ratlos blickte ich nach den nächsten Bäumen, hinter denen ich mich zu retten gedachte, als in geringer Entfernung von mir der Kopf des alten Gale aus einer trockenen Regenschlucht wie aus dem Boden auftauchte und mir zuschrie: »Hierher, um Gottes willen!« Ich riß mein Pferd herum, setzte in die Schlucht hinab, und im nächsten Augenblick stürmten die Kühe vorüber. Schnell wie ein Gedanke sprang Gale dann nach der Ebene hinauf, schoß seine Büchse ab und erhob ein so durchdringendes, wildes Geheul, wie ich es sonst nur von den Indianern gehört hatte. Der alte Mann erreichte dadurch übrigens seinen Zweck vollkommen, denn der Grimm der Kühe verwandelte sich in Furcht, und unaufhaltsam rannten sie einer anderen Herde zu, die ebenfalls von panischem Schrecken ergriffen das Weite suchte. Gale blickte ein Weilchen den Flüchtlingen nach, wandte sich dann mir zu und brach in ein so unauslöschliches Gelächter aus, daß ich trotz meiner Atemlosigkeit zuletzt mit einstimmen mußte. »Sie sind wohl noch nie vom Rindvieh gejagt worden?« rief er mir zu. »Es war ein köstlicher Anblick«, fuhr er neckend fort, »Ihr Brauner auf dem Gipfel seiner Eile; Sie selbst rückwärts gewendet mit dem Revolver nach Herzenslust puffend, und hinter Ihnen her, mit aufrecht stehenden Schweifen die erbitterten Kühe.« Hier brach er abermals in ein Gelächter aus und fügte mit fast erstickter Stimme zu: »Wenn Sie sich hätten selbst sehen können! Das Schauspiel war viel Geld wert!« Ich erzählte ihm alsdann den ganzen Verlauf meines Abenteuers, worauf der alte Jäger nur die Bemerkung machte: »Wenn Sie sich gleich anfangs hinter dem Busch verborgen hätten, so hätten Sie wahrscheinlich die ganze Gesellschaft totschießen können.« Ich entschuldigte mich mit der Abneigung, die ich bei dem Gedanken gefühlt hätte, eine Anzahl Kühe zu schlachten. »Und doch scheint es mir«, schaltete Gale ein, »als wenn Sie sich nicht viel Zeit zum Denken genommen hätten; aber lassen Sie sich das nicht leid sein; wenn man erst einmal von wildem Rindvieh in die Enge getrieben worden ist, so vergißt man die Rücksichten, die man gern mit den Abkömmlingen unserer Haustiere nimmt, und erblickt in ihnen ebensogut Wild wie in jedem Büffel oder Bären.« Mr. Kennedy hatte sich unterdessen wieder zu uns gesellt, und vereint ritten wir hinüber zu dem verwundeten Stier, der noch immer wankend dastand und gar keinen Versuch mehr machte, vor uns zu fliehen. Eine Pistolenkugel machte seinem Leben ein Ende, worauf wir ihn zerlegten, die besten Stücke an unseren Sätteln befestigten und den Rest den Wölfen überließen. Es war schon spät, als wir im Lager anlangten und mit Lobeserhebungen für unsere erfolgreiche Jagd überhäuft wurden. An dem Fleisch befand sich nämlich nichts, was seine Abstammung hätte verraten können, weshalb wir uns denn auch keine Gewissensskrupel daraus erwachsen ließen, von unserer Beute als von einem »feisten Elkhirsch« zu sprechen. Alles ging nach Wunsch; die Leber, die Louis sogleich zubereitete, wurde als eine vortreffliche Elkleber gepriesen, und alle begaben sich mit dem Gedanken zur Ruhe, am folgenden Morgen auch die Beefsteaks aus Elkfleisch zu prüfen. Gale befand sich in aller Frühe des 20. November schon wieder bei uns im Lager. Guter Dinge saßen wir um unseren Tisch und harrten des frischen Wildbratens, als wir des Negers Stimme vernahmen, der, mit sich selbst sprechend, laut die Meinung äußerte, daß er noch nie von einem schwarzen Elkhirsch gehört habe und das Fleisch doch mit schwarzen Haaren übersät sei. Ein allgemeiner Ausbruch des Lachens verkündete hinlänglich, daß das Geheimnis nun verraten sei, und zwar zur größten Befriedigung des alten Gale, der keinen Anstand mehr nahm, mit den komischsten Ausschmückungen die Szene zu beschreiben, wie ich von den Kühen verfolgt wurde. Natürlich gab dies zu mancherlei Neckereien Veranlassung, die selbst in Fort Tejon ihr Ende noch nicht erreichten, aber immer dazu beitrugen, die fröhliche, ausgelassene Stimmung der ganzen Gesellschaft zu erhöhen. Lieutenant Mercer, Mr. Kennedy und ich, geführt von Gales ältestem Sohn, machten an diesem Tag noch einen kleinen Ausflug zu den Tejon-Indianern, die sich an der Nordseite des Kernsees gelagert hatten. Ein Ritt von drei Stunden brachte uns in den Winkel, der vom Kernsee und dem natürlichen Kanal gebildet wird, welcher ersteren mit einem weiter nördlich gelegenen See verbindet. Dort, an einer offenen Stelle, befanden sich die aus Binsenbündeln zusammengefügten Hütten der Eingeborenen. Die kleinen, unsauberen Gestalten, die träge umherlagen und sich sonnten oder im Schatten saßen und Karten spielten, riefen durchaus keinen günstigen Eindruck hervor. Ihre Gesichter hatten einen falschen, finsteren Ausdruck, was vielleicht dadurch mehr ins Auge fiel, daß keiner bei unserer Ankunft die geringste Überraschung und Neugierde verriet oder uns auch nur zu bemerken schien. Die Hütten umgab eine widerliche Atmosphäre, erzeugt durch die Haufen von Muscheln, die teils ihres Inhalts beraubt waren, teils noch gefüllt umherlagen, sowie durch die Überreste des Vogelwilds, auf die man bei jedem Schritt stieß. Die Anzahl der Eingeborenen war gering, und sie hatten sich dort nur zeitweise niedergelassen, um Fisch- und Vogelfang zu betreiben. Sie schienen in einer gewissen Art von Überfluß zu leben, denn vor jeder Hütte erblickte ich große Bündel von Enten und Gänsen sowie auch Massen von frischen Muscheln, die ebenfalls zur Nahrung bestimmt waren. Unter ihren Hausgeräten fielen mir besonders die Schüsseln und Töpfe auf, die so kunstvoll und fest aus starken Grashalmen und zähen Weiden geflochten waren, daß sie nicht nur undurchdringlich für jede Flüssigkeit waren, sondern daß diese auch durch Hineinwerfen von glühenden Steinen in denselben zum Sieden gebracht werden konnte. So wie sich diese Indianer der Binsen zur Anfertigung von Fischkörben bedienen, so liefert ihnen dieselbe Pflanze auch das zum Vogelfang notwendige und geeignete Material. Sie fügen nämlich die einzelnen Halme in Gitterwerk, ähnlich großen Falltüren, zusammen und stellen diese in den vorher sorgfältig gesäuberten Gängen der Binsenwaldungen in horizontaler Lage so auf, daß Enten und Gänse bequem unter denselben fortschwimmen können. Die auf dem breiten Wasserspiegel befindlichen Vögel werden dann beunruhigt, jedoch nur gerade so viel, daß sie schwimmend ihre Zuflucht in der Binsenwaldung suchen und, den bequemeren Weg in den Gängen vorziehend, in großer Anzahl unter die dicht aneinandergereihten Falltüren geraten. Plötzlich werden die Tiere zum Auffliegen veranlaßt, sie verwickeln sich in das grüne Gitterwerk und werden dann von den hinzuspringenden Indianern getötet. Die Eingeborenen der südlichen Spitze des Tularetales sind fast allgemein unter dem Namen Tejon-Indianer bekannt. Die Bezeichnung ist dem Tejonpaß entnommen, einem Gebirgspaß, der weiter östlich ähnlich der Canada de las Uvas vom Tularetal in das Great Basin führt. Ob nun der Name indianischen Ursprungs ist oder vom spanischen »Tejon«, d. h. Dachs, hergeleitet werden muß, vermag ich nicht zu entscheiden. Jedenfalls aber ist die allgemeine Bezeichnung Tejon-Indianer dadurch entstanden, daß die amerikanische Regierung im Tejonpaß eine Agentur zum Schutz und zur Zivilisierung der Eingeborenen gründete und infolgedessen den Namen auf alle dort verkehrenden Stämme übertrug. Wenn ich hier von Stämmen spreche, so verstehe ich darunter nur noch die letzten Überreste zahlreicher kleiner Nationen, von denen einige durch wenige Familien, andere sogar nur durch ein einziges Mitglied vertreten sind, während von noch anderen nichts als der Name übriggeblieben ist. Die Agentur ist im Jahre 1853 gegründet worden, und zwar durch Lieutenant Beale, der im Auftrag seiner Regierung handelte und den Tejonpaß am geeignetsten für solche Zwecke fand. Er zog alle Indianer der Umgegend hier zusammen, versah sie mit Ackergerätschaften und gab ihnen – mit viel Erfolg, wie mir versichert wurde – Anleitung zum Ackerbau und zur Viehzucht. Die Indianer werden indessen dadurch nicht gehindert, zu günstigen Jahreszeiten ihre Jagd- und Fischexpeditionen auch fernerhin nach den Seen zu unternehmen. Das Fort, das in der ganz abgesonderten Cañada de las Uvas, aber ein Jahr später, gegründet wurde, erhielt ebenfalls den Namen der Agentur, hauptsächlich wohl aus dem Grund, weil es zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Reservation Die den Indianern als unantastbar eingeräumten Ländereien werden in den Vereinigten Staaten »Indian reservation« genannt. und zum Schutz der weißen Ansiedler des Tejonpasses errichtet war. Wenig erbaut von den dortigen Eingeborenen kehrten wir nach unserem Lager zurück. Wir trafen an demselben Abend noch unsere Vorkehrungen, um am folgenden Morgen in aller Frühe aufbrechen zu können, und als am 22. November die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne den leichten Reif berührten, der auf der weiten Ebene lag, trabte unsere kleine Karawane schon lustig dem Tejonpaß zu. Da wir nämlich den Militärposten nicht in einem Tag erreichen konnten, so beabsichtigten wir an einer Gebirgsquelle zu übernachten und wichen deshalb etwas östlich von unserer Richtung ab. Gegen Mittag gelangten wir an den Fuß der Gebirge, die das Tularetal gegen Südwesten abschließen, und dort an einem Bach, der einer Felsenschlucht entströmt, rasteten wir einige Stunden. Von hier führte unser Weg über eine Reihe von Hügeln an der Mündung des Tejonpasses vorbei, und als es dunkelte, hielten wir vor dem Haus des Mr. Bishop, des Schafzüchters, der die Überwinterung der Kamele kontraktlich von der Regierung übernommen hatte. Unter dem waldigen Abhang der abschüssigen Tejonberge liegt das lange, einfache Blockhaus. Echt kalifornischer Geschmack und Einrichtungen verraten sich überall; da sind die mit leichten Bretterdächern versehenen, wändelosen Schuppen und Remisen, die auch als Werkstätten benutzt werden; da sind umfangreiche Einfriedungen, auf zahlreiche Schafherden berechnet, die zugleich als Ställe dienen; da sind große Haufen von wohlriechendem Heu, die durch Wagenladungen von Zweigen und Baumstämmen gegen den Andrang des Viehs geschützt sind – kurz, alles deutet darauf hin, daß der Eigentümer es verstand, auf sinnreiche Weise, ohne Aufwand an Zeit und Kosten, sogar am Rand der Wildnis eine bequeme und zugleich einträgliche Heimat zu gründen. Dabei entbehrt Bishops Farm keineswegs der Vorzüge, die anmutige Umgebung und Lage gewähren; denn wie man im Tal aus weiter Ferne das mit weißem Anstrich versehene Wohnhaus zu erkennen vermag, so bietet sich dem Bewohner desselben die Aussicht über das Tularetal bis dahin, wo der Horizont mit der bläulichen Ebene zusammenfällt, und mittels eines Fernrohrs vermag er seine Herden zu beobachten, die, auf viele Quadratmeilen verstreut, gleichsam eine unbegrenzte Freiheit genießen und dadurch um so besser gedeihen. Wenige Schritte von der Wohnung rieselt im Schatten hoher Eichen eine klare Quelle aus dem steinigen Boden, und um diese herum erblickt man stets Pferde, Kühe, einige verzogene Ziegen und Schafe, Hühner, Truthühner und zwischen allen Haustieren, und ebenso zahm wie diese, zwei mutwillige Elkhirsche. An dem Abend, an welchem wir anlangten, wurde der Charakter der Farm auf eigentümliche Weise durch die von Lieutenant Beale und Lieutenant Torborn zurückgelassenen Dromedare verändert, die mit stoischer Ruhe in der Mitte des Hofs der Ruhe pflegten und für weiter nichts als die unterhaltende Arbeit des Wiederkauens Sinn zu haben schienen. Die beiden Fremdlinge fühlten sich augenscheinlich ganz heimisch in der fremden Umgebung, welche dagegen durch deren Anwesenheit etwas von dem heimatlichen Aussehen eingebüßt hatte. Mr. Bishop empfing uns auf seinem Hof und lud uns sogleich ein, bei ihm zu übernachten. Die Anwesenheit seiner Frau aber, einer jungen, hübschen Amerikanerin (beiläufig, wenn auch nicht gerade zart, gesagt, in dortiger Gegend und zu damaliger Zeit eine fast ebenso seltene Erscheinung wie die Dromedare), veranlaßte uns, die gastfreundliche Aufforderung nur insoweit anzunehmen, daß wir unsere Gesellschaft für den ganzen Abend zusagten, zum nächtlichen Aufenthalt dagegen das Zelt in einem geeigneten Winkel aufschlagen ließen. Nach den ersten Begrüßungen, die gemäß eines sehr lobenswerten Brauches von zeremoniellen, gefüllten Bechern begleitet waren, mußten vor allen Dingen die Dromedare in Augenschein genommen werden, die bei unserer Annäherung ihre Unzufriedenheit über die in Aussicht stehende Störung zu erkennen gaben, indem sie auf mürrische Weise gurgelnde Töne ausstießen. Wie sich nicht anders erwarten ließ, mußten die Tiere, wie gewöhnlich bei der Ankunft von Fremden, ihre Gelehrigkeit dadurch beweisen, daß sie sich auf Befehl niederlegten und wieder aufstanden, wobei es natürlich nicht an der entsprechenden Bewunderung fehlte. Ich kann es nicht leugnen: die Anwesenheit der ägyptischen Lastträger auf dem amerikanischen Boden gewährte mir viel Freude, doch unterhielt unseres Negers Erstaunen mich an diesem Abend mehr als alle Kunststückchen, zu denen die armen Tiere fortwährend gequält wurden. Sprachlos vor Erstaunen schritt Louis um die Dromedare herum und besah sie genau von allen Seiten; endlich fand er Worte: »I want to know«, rief er aus, »ich möchte wissen, ob des Niggers Vaterland wirklich das Vaterland dieser schrecklichen Tiere ist.« »Natürlich, Einfaltspinsel!« antwortete Lieutenant Mercer. »Wenn in Afrika ein Neger geboren wird, so setzt man ihn auf ein Kamel, und dann muß er sein ganzes Leben hindurch auf demselben sitzen bleiben!« »Mighty strange, mighty strange«, bemerkte Louis, »sehr merkwürdig, aber ich kann's nicht glauben.« Nach einer Pause fuhr er fort: »Ich möchte wohl der erste Nigger sein, der in Amerika auf einem Kamel gesessen ist!« »Das kannst du haben, Freund«, rief Bishop, indem er das größere Dromedar zum Niederknien zwang. »Jetzt stell dich nur hinter dieses, und schwing dich hinauf!« Louis machte sich bereit, das Tier aber, nicht gewohnt, sich auf diese Art besteigen zu lassen, wandte seinen Kopf rückwärts, zeigte Louis die langen Zähne und schnob ihn verdrießlich an. Louis zauderte, fragte, ob ihn das »Monster« beißen würde, und als man ihm die Frage verneinte, sprang er hinauf und versuchte sich mit seinen langen Armen an dem breiten Höcker festzuklammern. Kaum berührte er aber den Rücken des Tieres, als dieses, noch ehe er Zeit gewann, sich ins Gleichgewicht zu bringen, wie ein Blitz emporschnellte und durch die ungestüme Bewegung den armen Neger hoch in die Luft schleuderte. Louis' Schädel kam, als Schwerpunkt der knochigen Gestalt, natürlich zuerst mit der Erde in Berührung, und zwar mit einer Heftigkeit, daß der feste Kiesboden dadurch erschüttert wurde und ich nichts anderes glauben konnte, als daß der lustige Junge nie wieder aufstehen würde. Louis stand aber dennoch auf, rieb sich vergnügt mit der Hand über das wollige Haupt und bemerkte wohlgefällig: »Jedes weißen Mannes Schädel würde bei dieser Gelegenheit zu Scherben geworden sein; wenn ich auch nicht der erste Nigger bin, der in Amerika ein Kamel geritten hat, so bin ich doch wenigstens der erste, der von einer solchen ungestalten Bestie abgeworfen worden ist.« Die Quälerei der Dromedare erreichte hier ihr Ende, wir schritten dem Haus zu, wo wir von der freundlichen Mrs. Bishop an einem mit duftenden Braten beladenen Tisch erwartet wurden. Erst spät in der Nacht begaben wir uns zu unserem Lager. Es war hell genug, um die endlose Fläche unterscheiden zu können, die in erhabener Ruhe wie in tiefem Schlummer vor mir lag; ich setzte mich auf einen bemoosten Felsblock und lauschte. Es war mein letzter Abend im Tularetal, und wie Abschied nehmend, blickte ich zum Kern-River hinüber, wo ich so fröhliche Tage verlebt hatte. Ich betrachtete die schwarzen zackigen Gebirge zu beiden Seiten, auf denen das Himmelsgewölbe sich zu stützen schien; ich wandte meine Blicke gegen Norden, wo die ewigen Sterne gleichsam auf der Ebene lagen und verstohlen blitzten, ich schaute aufwärts zu dem schimmernden Firmament, wo Millionen von Welten sich in Sternbilder zusammendrängten und einzelne verirrte Meteore ihre Feuerlinien zeichneten. Eine feierliche Ruhe schwebte über dem Tal, und deutlich vernahm ich aus weiter Ferne den Gesang von Kinderstimmen; es waren junge indianische Hirten, die, bei ihren Herden wachend, die melancholischen, einfachen Melodien ihrer wilden Lieder durch die Nacht erschallen ließen; leise und unheimlich klang es, wie Geisterruf; ich kroch auf mein Lager, und selbst im Schlaf noch glaubte ich die eigentümliche Musik zu hören. Nachdem wir am 22. November das Frühstück bei Mr. Bishop eingenommen hatten, bestiegen wir den Wagen und befanden uns nach kurzem Marsch vor der Canada de las Uvas, an derselben Stelle, wo wir sie sechs Tage früher verlassen hatten. Der Weg war steil, wir erleichterten daher den Pferden ihre Last, soviel in unseren Kräften stand, und eilten, uns auf unsere eigenen Füße verlassend, voraus. Wir befanden uns ungefähr in der Mitte der Schlucht, als wir der Kamelkarawane begegneten, die, wie schon oben bemerkt, nach Bishops Farm geführt wurde. Sie bestand aus einem stattlichen Train von zweiundzwanzig Dromedaren und Kamelen verschiedener Rassen; alle schwer bepackt, und in langer Reihe folgte eines dem anderen in sicherem, gemessenem Schritt auf der unebenen, felsigen Straße. Sie beendeten mit diesem Tag eine lange, sehr mühselige Reise durch die Felsenwüsten zwischen Kalifornien und Neu-Mexiko, und doch könnte ich nicht sagen, daß auch nur eines derselben hervortretende Spuren von Ermattung gezeigt hätte; die sie begleitenden Maultiere dagegen befanden sich in einem solchen Zustand, daß es gewiß längerer Zeit und guten Futters bedurfte, um sie wieder zu dergleichen Arbeiten verwendbar zu machen. Wir ließen die Karawane bei uns vorüberziehen, worauf wir uns wieder in Marsch setzten, und in den ersten Nachmittagsstunden wurden wir von allen unseren Bekannten auf dem Hof des Forts unter lautem Jubel empfangen. Sechstes Kapitel Aufenthalt in Fort Tejon – Die Spechte – Die Gräber – Aufbruch von Fort Tejon – Reise nach Pueblo de los Angeles – Aufenthalt daselbst – Reise nach Fort Yuma – Temacula – Warner's Paß – San Felipe – Wallecito – Carizo Creek – Rand der Wüste – Die Wüste – Indian Wells – Alamo Mucho – Cook's Well – Ankunft am Colorado Unser Aufenthalt in Fort Tejon dauerte noch bis zum 27. November, also im ganzen acht Tage länger, als es ursprünglich unsere Absicht gewesen war. Taylor, dessen Schüchternheit sich allmählich in ein ungeduldiges Wesen verwandelte, geriet freilich dadurch in Verzweiflung, doch die Aussicht, in dem der Sandstürme wegen verrufenen Fort Yuma noch einige Wochen auf die Ankunft von Lieutenant Ives harren zu müssen, veranlaßte uns übrige, den Aufbruch immer noch einen Tag weiter hinauszuschieben. Am Montag waren die Maultiere noch nicht gezählt, am Dienstag mußten die Papiere geordnet werden, am Mittwoch gaben wir unser Abschiedsfest, am Donnerstag durften wir aus Höflichkeit nicht abreisen, weil die Offiziere des Postens uns ein Abschiedsessen gaben, am Freitag war eben Freitag, an dem bekanntlich ein echter Seemann nie in See sticht, am Sonnabend brachen wir auf und verlegten unser Lager, das sich fünfhundert Schritt unterhalb des Forts befand, ebensoweit oberhalb desselben und reisten dann endlich am Sonntag ab. Wenn ich nun beschreiben soll, auf welche Weise wir die Zeit hinbrachten, so ist dies mit wenigen Worten geschehen: Wir lebten in der besten Gesellschaft und waren fortwährend guter Dinge. Ich wurde indessen durch nichts abgehalten, forschend die nächste Umgebung zu durchstreifen sowie manches Interessante zu beobachten und zu sammeln. So habe ich oft lange unter den großen Eichen gesessen und dem munteren Treiben einer Art Buntspechte zugeschaut, deren merkwürdige Gewohnheiten mir die angenehmste Unterhaltung gewährten. Diese schönen Vögel teilen ihre Zeit gleichsam zwischen Spiel und Arbeit. In beidem scheinen sie unermüdlich zu sein, denn stundenlang sah ich zwei oder mehrere derselben um einen modernden Baumstumpf »Verstecken und Suchen« spielen, wobei es natürlich nicht an ausgelassenem Lärm fehlte. Zierlich hüpften sie hinauf und hinunter, nach der einen Seite und dann nach der anderen hin um den Baum herum, dessen vielfach geborstene Rinde ihnen so gute Stützpunkte für die steifen Schwanzfedern und die scharfen Krallen bot. Vorsichtig lugten sie um die Ecke, verrieten durch neckenden Ruf ihre Gegenwart und wechselten dann blitzschnell ihr Versteck; und wenn sie, sich gegenseitig meidend, dennoch unvermutet einander in die Augen schauten, dann schien das Gelächter kein Ende nehmen zu wollen, und fort hüpften sie wieder, um das Spiel von neuem zu beginnen. Die Spielstunde war endlich vorüber, die kleine Gesellschaft versammelte sich, beratschlagte auf lärmende Weise hin und her, kam endlich zum Entschluß, und fort flog sie nach der ersten Eiche, deren korkige Rinde schon vielfache Spuren ihrer Arbeit trug und wo sie nun wieder ihren Fleiß und ihre Kunstfertigkeit beweisen wollten. Jeder suchte sich eine passende Stelle, krallte sich da fest, stützte den Körper auf die stumpfen Schwanzfedern und begann dann zu hämmern, daß die Späne umherflogen. Sie arbeiteten lange und emsig, allmählich entstanden unter den bildenden Schnäbeln in der Rinde Höhlen, deren Durchmesser dem einer Eichel gleichkam. Immer tiefer wurde gemeißelt und gehackt, doch ohne die Symmetrie der runden Öffnung zu verletzen. Geruht wurde auch zuweilen, und dann flogen die reizenden Tiere zueinander hin, beschauten mit prüfenden Blicken eines des anderen Arbeit und gingen dann wieder mit erneuter Kraft ans Werk. Endlich waren die Öffnungen tief genug; mit lautem Schrei wurde es verkündet, und fort flogen die Spechte zu einer anderen Eiche, wo sich jeder eine schöne, gesunde und vor allen Dingen trockene Eichel suchte, mit derselben im Schnabel schleunigst zurückkehrte und in seiner Werkstätte sich wieder auf den alten Platz begab. Die Eichel wurde alsdann mit dem dünneren Ende in die Öffnung geschoben; sie ging zwar schwer hinein, doch die korkähnliche Rinde gab nach, als die keilförmige Frucht Schlag auf Schlag von dem festen Schnabel erhielt, und nach wenigen Minuten wurde die Arbeit für beendet erklärt, denn die Eichel saß fest und ragte nur so weit über der Rinde hervor, als nötig war, um sie im Winter mit Bequemlichkeit verspeisen zu können. So sorgen diese Vögel für ihren Wintervorrat. – Wer nun solche Geschöpfe mit Aufmerksamkeit beobachtet, ihren Bewegungen folgt, ihre Sinne zu erraten und sich zu verdeutlichen strebt, der muß hingerissen werden zu tiefer Bewunderung und Verehrung einer gewaltigen Macht, die mit unbegreifbarer Weisheit den Millionen der verschiedenartigen lebenden Wesen verschiedene, aber entsprechende Gesetze vorzuschreiben vermochte. Die meisten starken Bäume um Fort Tejon waren auf diese Weise mehr oder weniger von den Spechten mit Eicheln übersät worden, und zwar in vielen Fällen so dicht, daß es nicht schwerfiel, auf der Fläche eines Quadratfußes bis zu zweiundzwanzig solcher kleiner Magazine zu zählen. Auffallend erschien es mir, daß die Eicheln so fest eingeklemmt waren, daß es mir nur selten gelang, ohne Werkzeug eine derselben aus ihrem Behälter zu entfernen. Die Gegenwart der Menschen ertrugen diese Vögel mit einer gewissen Zutraulichkeit, weshalb es mir auch gelang, ihre Gewohnheiten so genau kennenzulernen. Wenn sich aber ein mutwilliges Eichhörnchen oder eine räuberische Krähe ihren Vorratsbäumen näherte, dann verteidigten sie ihr Eigentum mit einer Tapferkeit und einem Grimm, den man in den kleinen, harmlosen Tierchen nicht zu finden erwartete. Übrigens habe ich aber auch Gelegenheit gehabt, das gute Einvernehmen zwischen einigen dieser Vögel und einem Eichhörnchen zu beobachten; ich war lange vertieft im Anblick ihrer drolligen Spiele und der lieblichen Szenen, wenn sie sich voreinander zu verstecken trachteten, sich gegenseitig suchten, fanden und zwischen Ästen und Zweigen herumjagten. Der kleine Vierfüßer, auf dem höchsten Punkt wilder Ausgelassenheit, schien dann gleich seinen gefiederten Spielkameraden zu fliegen und mischte sein kläffendes Stimmchen mit deren neckendem Geschnarre. Auch zwei Gräber wurden mir in Fort Tejon gezeigt, zwei Gräber, die in ihrem Alter nur zwanzig Jahre auseinander sind, dabei aber verschiedenen Zeitaltern anzugehören scheinen. Das erste Grab befindet sich mitten auf dem Hof des Forts, im Schatten einer riesenhaften Eiche. Der schöne Baum vertritt die Stelle des Leichensteins, und auf seinem Stamm liest man an einer Stelle, wo die Rinde entfernt wurde, die mit einem Beil tief eingemeißelten Worte: »Peter le Beck, killed by a bear, Octbr. 17.1837 (Peter le Beck, getötet von einem Bären am 17. Oktober 1837).« Die Rinde ist schon wieder über einige Buchstaben hinweggewachsen, so daß man die Worte nur noch mit Mühe zu entziffern vermag. Dort also, in der Urwildnis, scharrten einst kühne kanadische Trapper ihren verunglückten Kameraden in die fremde Erde und schrieben mit Eisen seinen Namen auf grünendes Holz. Zwanzig Jahre später stand, einige hundert Schritt davon, eine den gebildetsten Ständen angehörige junge Amerikanerin am Grab ihres Gatten, eines Offiziers der Besatzung, der einer Krankheit erlegen war und nach kurzem Aufenthalt in dem neuerrichteten Posten ebenfalls in die fremde Erde gesenkt wurde. Ein weißes Gitter umgibt den kunstvoll behauenen Grabstein mit der vergoldeten Inschrift; die Inschrift habe ich vergessen, aber nicht die Worte, welche die scheidende Gattin mit Bleistift auf eine der weißen Latten schrieb; sie schienen eine Welt voll Kummer und Schmerz zu enthalten. Als die trauernde Witwe in ihre Heimat zurückkehren wollte, bat sie die Offiziere des Postens, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, ihr ein Bild vom Grab ihres Gatten zu verschaffen. Ein Jahr war seitdem verflossen. Eingedenk ihres Versprechens forderten die Offiziere mich auf, eine Skizze von der einsamen Ruhestätte zu entwerfen. Mit Freuden übernahm ich den Auftrag, zeichnete nach besten Kräften das gewünschte Bild und fügte demselben noch eine Ansicht des Militärpostens mit all seinen Häusern und Eichen bei. Nach abermals zwanzig Jahren steht wohl schon eine große Stadt dort, und die marmorne Gedenktafel des Soldaten befindet sich vielleicht im Fundament desselben Hauses, zu dem die Grabeiche des Jägers die Balken hergegeben hat. Der Bau des Forts ist immer noch nicht ganz beendet; zur Zeit meiner Anwesenheit daselbst hatte er schon über ein halbes Jahr vollständig geruht, und es schien sehr ungewiß, ob er überhaupt wieder in Angriff genommen werden würde. Die furchtbare Erderschütterung des vorhergehenden Jahres, durch die fast alle Gebäude mehr oder weniger beschädigt wurden, hatte die erste Veranlassung dazu gegeben, und die leichteren Stöße, die sich fast wöchentlich wiederholten, dienten gewiß nicht dazu, die Furcht vor größeren Unfällen dieser Art ganz einzuschläfern. Allerdings waren die dortigen Bewohner schon an Erdbeben gewöhnt, doch erinnere ich mich noch ganz genau, einst während des Mittagessens, als sich eine leise Schwingung des ganzen Speisesaals bemerkbar machte, eine Anzahl verstörter Gesichter gesehen zu haben, zu denen auch wohl das meinige gehört haben mag. Über das mehrmals erwähnte starke Erdbeben im Frühling 1857 ging mir von Augenzeugen folgende Beschreibung zu: Ein dumpfes, donnerähnliches Rauschen näherte sich in der Richtung von Süden nach Norden, und diesem folgte eine förmliche Erhebung des Bodens, die sich gleich einer starken Woge fortbewegte. Felsen stürzten von den Abhängen, die Häuser schwankten und bekamen Risse, die sich weit öffneten, aber wieder schlossen, Menschen und Vieh wurden zu Boden geworfen und konnten sich nach einigen Sekunden erst wieder erheben, nachdem die Woge vorbeigerollt war. – So übertrieben mir auch diese Beschreibung erschien, so wurde sie mir doch auf dieselbe Weise von mehreren Seiten mitgeteilt. Namentlich glaubte ich an der Erhebung des Bodens zweifeln zu müssen, obschon ich, wie ich früher erwähnte, die untrüglichsten Beweise fand, daß der Boden sich wirklich geöffnet und demnächst wieder geschlossen hatte. Der Abschiedstag war endlich da, Peacock schickte die Mexikaner mit den 106 Maultieren voraus, so daß wir uns mit unserem Aufbruch nicht zu übereilen brauchten, und wir verließen denn in Gesellschaft der Offiziere der Garnison, die uns zu Wagen und zu Pferde begleiteten, die Cañada de las Uvas zur späten Vormittagsstunde. Die Natur hatte schon ein winterliches Aussehen angenommen, heftige Stürme wehten in den schneebedeckten Gebirgen, preßten die Wolken nieder in die engen Schluchten und jagten die dichten Nebelmassen in geringer Höhe über dem Boden wild dahin. Wir hatten die besten Maultiere der Herde zu unserem eigenen Gebrauch ausgewählt, und im Galopp folgten wir dem vorangeeilten Train, den wir nach einigen Stunden wieder einholten. Wir befanden uns diesmal auf der Straße, die wir früher auf den Rat des »Irish John« verlassen hatten, und erreichten gegen Abend nach Zurücklegung von zehn Meilen in dem spitzen Winkel des Great Basin ein verfallenes Blockhaus. Mit wenigen Worten erzählte Alexander die Geschichte dieses Hauses; es war seit einigen Jahren zusammen mit den angrenzenden Wiesen sein Eigentum, und er hatte es gewöhnlich des Heuertrags wegen verpachtet gehabt. Seit dem großen Erdbeben aber, bei welcher Gelegenheit das Haus teilweise einstürzte und eine Frau erschlagen wurde, hatten keine Menschen mehr hier gewohnt. Alexander lud uns also ein, die Nacht in seinem verödeten Haus zuzubringen, und sagte uns ebenso wie die übrigen Tejoner Freunde seine Gesellschaft für die Nacht zu. Wir fanden alle hinlänglich Raum in der zerfallenen Hütte, der Kamin war noch in brauchbarem Zustand, das alte Bauholz trocken, und so kostete es uns nur geringe Mühe, dem staubigen Gemach ein ganz wohnliches Aussehen zu geben. Wütend heulte der Nordoststurm zwischen den morschen Sparren und in dem wankenden Schornstein; wir aber saßen vor dem flackernden Feuer und unterhielten uns von der Vergangenheit und von der Zukunft; dabei ließen wir aber auch die Gegenwart nicht unberücksichtigt, sondern reichten fleißig unsere leeren Blechtassen dem würdigen Mr. Alexander hin, der mit gerötetem Gesicht den Flammen am nächsten saß und aufmerksam einen eisernen Kessel mit duftendem, siedendem Inhalt beobachtete. In aller Frühe des 28. November schüttelten wir den Staub aus unseren Decken; die Tiere, die während der Nacht Schutz in einer nahen Schlucht gefunden hatten, standen gesattelt und gepackt da, und ein weiter Weg lag vor uns. Wenn jemals Reisenden aufrichtige Segenswünsche mitgegeben wurden, so erhielten wir sie von unseren Tejoner Freunden; wenn jemals eine Hand herzlich gedrückt wurde, so geschah es, als wir unsere Tiere bestiegen und uns ein kurzes Lebewohl sagten. »Schwerlich werden wir alle einander wiedersehen«, hieß es; »ebenso unwahrscheinlich ist es, daß wir in regelmäßigen Briefwechsel miteinander treten werden, doch etwas bleibt uns bis zum letzten Atemzug, und das ist die Erinnerung an die goldenen Tage jugendlichen Frohsinns sowie der Gedanke, Freunde gewonnen zu haben und Freund geworden zu sein. Und sollte eine unter den angenehmsten Verhältnissen, unter Lust und Freude geschlossene Freundschaft nicht auch nachhaltig fürs ganze Leben bleiben können?« Wir trennten uns; am letzten Felsvorsprung schwenkten wir die grauen Filzhüte, drückten die Sporen in die Weichen unserer Tiere und eilten dahin über die Ebene der einsamen Wohnung des »Irish John« zu. Unter unseren Packknechten befand sich ein junger Mexikaner, der die dortige Gegend schon mehrfach durchreist hatte und ziemlich bekannt mit den verschiedenen Wegen war. Auf seinen Rat zogen wir an der dürftigen Stelle des »Irish John« vorbei, lenkten in die westlichen Gebirge und gelangten bald in eine Schlucht, wo eine Quelle, Gras und Holz uns zum Lagern bestimmten. Egloffstein hatte sich am Morgen von uns getrennt, um das San-Amedio-Gebirge zu ersteigen und von dessen Höhen einen Überblick über die ganze Gegend zu gewinnen. Er stieß des Abends und auch während der folgenden Nacht nicht wieder zu uns, wodurch wir nicht wenig beunruhigt wurden, um so mehr, als wir nicht in die alte Straße zurückkehren konnten und gezwungen waren, am Morgen des 29. November unsere Reise fortzusetzen. Wir hofften indessen, im San-Francisquito-Paß wieder mit ihm zusammenzutreffen und folgten daher dem Mexikaner, der uns auf unbequemen Pfaden durch die wilden Gebirgsschluchten führte. Gegen Mittag erreichten wir die westliche Spitze des Elisabethsees, und da ich dort so viel Wild spürte, so blieb ich hinter dem Train zurück und vertiefte mich in die Verfolgung eines Hirsches. Ich näherte mich demselben bald so weit, daß ich glaubte, ihn mit der Kugel erreichen zu können, und gab Feuer. Schwer verwundet sank das Tier zu Boden, raffte sich aber wieder auf und begann die nächste Bergkette zu ersteigen, wo es dichtes Gebüsch fast fortwährend verbarg. Ich band mein Maultier schleunigst an den nächsten Baum, ergriff meine Büchse und folgte dem Flüchtling zu Fuß nach. Wie ich aus der Bewegung des Gesträuchs vor mir entnehmen konnte, näherte ich mich ihm augenscheinlich und geriet im Eifer der Verfolgung in eine solche Aufregung, daß ich, weder der Hindernisse auf dem steilen Abhang noch der eigenen Atemlosigkeit achtend, in ununterbrochener Eile bergan lief. Jetzt erreichte der Hirsch den Kamm des Berges, ich sah ihn nur einen Augenblick, worauf er wieder verschwand; eine Minute später stand ich auf derselben Stelle und erblickte in einer abschüssigen Felsschlucht vor mir das zusammengebrochene, verendende Tier. Ich war im Begriff, mich meiner Beute zu bemächtigen, als ich eine solche Lähmung in meinem ganzen Körper fühlte, daß ich gezwungen war, mich niederzusetzen. Das Atmen verursachte mir Schmerzen, das Blut schien mir in den Adern zu stocken, und mit Schrecken wurde ich gewahr, daß ich mir in törichter Weise eine Krankheit zugezogen hatte. Die von der Sonne erwärmte Luft in der nach allen Seiten geschützten Schlucht, mehr aber noch der angestrengte Lauf, hatten nämlich eine furchtbare Erhitzung hervorgerufen, und als ich nun in diesem Zustand den Gipfel des Berges erreichte, war ich plötzlich dem scharfen Nordwind ausgesetzt, der mich bis aufs Mark erkältete. Verstimmt saß ich da und blickte auf den bewegungslos daliegenden Hirsch, den ich zurücklassen mußte; nach einer Weile erhob ich mich und schleppte mich mühsam den Abhang hinunter zu meinem Reittier, stieg auf und folgte den Spuren des Trains. Der scharfe Ritt schien mir wohlzutun, denn als ich bei der Hütte vor dem San-Francisquito-Paß meine Kameraden einholte, fühlte ich mich schon wieder beruhigt über mein unbesonnenes Handeln am Morgen und sprach mit Bedauern von meiner zurückgelassenen Beute. Egloffstein war auch wieder eingetroffen und zwar glücklicher als ich, mit einem feisten Stück Wild. Er war hoch oben im Gebirge von einem Schneesturm überfallen worden, in welchem er unvermutet so nahe an ein Rudel Hirsche geriet, daß es ihm gelang, einen derselben mit der Pistole zu erlegen. Als er in die Ebene zurückkehrte, hatte er unsere Spur verloren und deshalb in dem erstbesten Gehölz die Nacht bei einem tüchtigen Feuer und einem gerösteten Stück Fleisch zugebracht. Vereint zogen wir über den Gebirgspaß, lagerten an einer geeigneten Stelle am San-Francisquito-Paß und erreichten am Abend des 30. November die Farm des alten Heart, in deren Nähe wir unser Nachtlager aufschlugen. Wenn ich mich auch am vorhergehenden Tag schon krank fühlte, so war ich doch imstande gewesen, ohne große Unbequemlichkeiten zu reiten; am 1. Dezember aber hatten die Schmerzen in meinen Gliedern so zugenommen, daß ich kaum mein Maultier zu besteigen vermochte. Ich ritt indessen noch zu dem alten Heart, nahm Abschied von ihm und seinen Söhnen und befand mich gegen Mittag auf der Mission San Fernando. Der gastfreundliche General Pico gab sich die größte Mühe, meine schwindende Gesundheit durch ein ausgesuchtes Frühstück wieder aufzurichten; ich schlug es aber aus, trank nur einige Gläser Wein, der wie Feuer in meinen Adern brannte, drückte dem General für seine aufrichtigen Wünsche herzlich die Hand und schlug dann den nächsten Weg nach Pueblo de los Angeles ein, wo ich mit meinen vorangeeilten Gefährten zusammentreffen mußte. Pechschwarze Nacht umgab mich, als ich die ersten Lichtschimmer von Los Angeles erblickte, so daß ich es meinem Maultier überließ, von den vielen Wegen denjenigen zu wählen, der in geradester Richtung nach der Stadt führte. In der Stadt wurde es mir nicht schwer, den bekannten Gasthof wiederzufinden; ich übergab mein Tier einem der Hausdiener, ließ mir sogleich eine geräumige Stube anweisen und begab mich zur Ruhe. Der teilnehmende Egloffstein zog es vor, mit mir in demselben Gemach zu wohnen, anstatt mit unseren anderen Gefährten das Lager vor der Stadt zu beziehen. Peacock besuchte mich ebenfalls noch an demselben Abend; als echter Kalifornier hatte er sich einige Erfahrung in der Arzneikunde erworben, wodurch er in die Lage versetzt war, meine Krankheit zu beurteilen. Es ist wahr, ich fühlte mich sehr krank, doch glaubte ich am folgenden Tag die Reise wieder fortsetzen zu können. Peacocks Meinung lautete aber anders; auf wohlwollende Weise teilte er mir seine Ansicht mit, indem er sagte: »Vor allen Dingen beunruhigen Sie sich nicht, wenn Sie mehrere Tage das Bett hüten müssen; ich bin als Kommandeur des Trains angestellt worden, und ich verspreche Ihnen, trotz Taylors Eile nicht eher aufzubrechen, als bis Sie, ohne Unbequemlichkeiten zu fühlen, mitreisen können. Ferner muß ich Ihnen sagen, daß Sie sich in einem starken Fieber befinden, schneller ärztlicher Hilfe bedürfen und daß ich eilen werde, einen mir schon bekannten Arzt hierherzubringen.« Der Arzt kam und bestätigte alles, was ich schon von Peacock vernommen hatte; ich lag an einem gefährlichen, hitzigen Gallenfieber darnieder, zu dem die giftige Atmosphäre auf Panama den ersten Grund gelegt hatte, und ich glaubte nicht anders, als daß meine Reiselust hier ihr Ende erreichen würde. Ich äußerte gegenüber dem Arzt noch den Wunsch, daß er die stärksten ihm zu Gebote stehenden Mittel anwenden möge, um mich nach Verlauf von drei Tagen wieder in den Sattel zu bringen und überließ mich dann vollständig ihm und meinen treuen Kameraden Egloffstein und Peacock. Taylor schien eine besondere Abneigung gegen Patienten zu hegen, es wurden mir wenigstens einige verletzende Beweise hiervon zuteil, die ich indessen nicht beachtete und mehr seiner gänzlichen Unerfahrenheit zuschrieb. Nach drei Tagen verließ ich wirklich wieder das Bett, doch war ich durch starke Blutentziehungen sowie durch gifthaltige Arzneien (Quecksilber) so furchtbar geschwächt, daß ich mich nur mit der größten Mühe von der Stelle zu bewegen vermochte. Des längeren Harrens und der quälenden ärztlichen Behandlung überdrüssig, machte ich endlich meinen Entschluß bekannt, unter allen Umständen am 5. Dezember die Reise anzutreten. Freilich wurde mir von allen Seiten abgeraten, doch ich blieb unerschütterlich; sogar den Wagen, der mir angeboten wurde, schlug ich aus. Ich schnallte einige zusammengerollte Decken so auf den Sattel, daß ich mich während des Reitens mit dem Rücken anlehnen konnte; Egloffstein, der mir nie von der Seite wich, war mir behilflich beim Aufsteigen, und dahin ritten wir der Mission San Gabriel zu, in deren Nähe unser Weg vorbeiführte. Das rauhe, kalte Herbstwetter sowie mehr noch mein schlechtes Befinden verursachten, daß ich teilnahmslos durch eine Gegend reiste, die mir bei einer früheren Gelegenheit so überaus interessant erschien. Die weiten Ebenen, die durch jahrelangen Mangel an fruchtbarem Regen den Charakter dürrer, verbrannter Wüsten angenommen hatten, die zahllosen Gerippe von Pferden und Rindvieh, die namentlich in der Nähe ausgetrockneter Teiche massenhaft umherlagen, wirkten niederdrückend auf mein Gemüt, und fast mechanisch folgte ich meinen Gefährten. Da war nichts, was mich hätte erfreuen können, gleichgültig schaute ich hinüber nach dem San-Gorgoñio-Gebirge mit seinen malerischen Außenlinien und nach den kleinen Seen, die von Scharen von Wandervögeln bedeckt waren; ihr fröhlicher Ruf berührte unsanft mein Ohr, die hellen Sonnenstrahlen waren meinen Augen zuwider, und schmerzhaft fühlte ich im ganzen Körper jeden Schritt meines geduldigen Tieres. Meinen Gefährten, deren Zahl in Los Angeles noch um zwei Mitglieder, Mr. Brakinridge und Mr. King, früher Assistenten in Lieutenant Beales Expedition, vermehrt worden war, konnte ich gewiß kein angenehmer Gesellschafter sein, doch wurde mir die Reise durch die Gefälligkeit von allen erleichtert. Die Lebensmittel, die ich von Los Angeles mitgenommen hatte und die meinem Zustand mehr angemessen waren als die gewöhnliche derbe Feldkost, sagten mir indessen zu, und nach drei qualvollen Tagen konnte ich mein Maultier schon wieder ohne Hilfe besteigen. Mit den neuen Kräften stellte sich auch frische Lebenslust wieder ein, und als wir die Seen südlich vom Santa-Anna-Fluß erreichten, da führte ich schon wieder mein Gewehr, und obgleich jeder Schuß meinen Kopf schmerzhaft erschütterte, richtete ich doch einige Verwüstungen unter den zahllosen Enten und Gänsen an, die das Land an manchen Stellen dicht belebten. Nachdem wir an der Mission San Gabriel vorbeigezogen waren, blieben wir nur noch eine kurze Strecke auf der Straße, die zu den Mormonenansiedlungen im San-Bernardino-Tal und durch den Cajonpaß führt. Wir wandten uns gegen Süden und blieben also auf der Westseite der Coast Mountains (Küstengebirge), doch reichte die Ebene, auf der wir uns fortbewegten und die sich weithin gegen Südosten erstreckte, keineswegs bis an die Küsten des Meeres, sondern unbedeutendere Gebirgszüge erhoben sich fortwährend zwischen uns und der Südsee. Soviel Abwechslung auch die Außenlinie der fernen Gebirgszüge boten, so entdeckte ich doch während der ersten vier Tage unserer Reise keine wesentliche Veränderung in dem eigentlichen Charakter des Landes. Erst am fünften Tag, als wir die Indianerstadt Temacula erreichten, verließen wir das umfangreiche tertiäre Gebiet und bogen in einen Gebirgspaß ein, der uns in südwestlicher Richtung zwischen gigantischen und metamorphosierten Felsmassen hindurch in ein abgeschlossenes Tal führte, wo unser Weg sich bei Warner's Rancho (Warners Gehöft) mit der San-Diego-Straße vereinigte. Warners Tal, nach einem Ansiedler so benannt, ist seiner Lage, seines Umfangs und des graserzeugenden Bodens wegen als eine willkommene Anhalte- und Ruhestelle der zahlreichen Viehherden, die von Sonora und Neu-Mexiko nach Kalifornien getrieben werden, bezeichnet worden. In der Tat ist es auch die erste wirklich einladende Gegend, die der Reisende, der den Colorado verlassen und die bekannte Wüste (Desert) überschritten hat, findet. Die Farm liegt an einem kleinen See, fast in der Mitte, und zugleich auf der niedrigsten Stelle des Tals, die sich doch noch immer 2911 Fuß über dem Spiegel der Südsee erhebt. Hohe Granitfelsen von grauer Farbe, mit Eichen und Tannen reich geschmückt, schließen das Tal von allen Seiten ein, und es führen nur unbequeme und enge Pässe in dasselbe und wieder hinaus. Die heißen Schwefelquellen, die sich an der Nordostseite des Tals befinden und unter dem Namen »Agua caliente« bekannt sind, verdienen gewiß besondere Erwähnung. Das Wasser kocht dort nämlich an fünf oder sechs Stellen aus den Spalten der Granitfelsen, doch ist die Temperatur der Adern nur wenig verschieden voneinander und wechselt zwischen 130° und 145° Fahrenheit (51-64° R). Die Indianer dortiger Gegend schreiben diesen Quellen Heilkräfte zu und haben unterhalb derselben das Wasser zum Zweck des Badens gedämmt. Unser Weg führte also an Warners Rancho vorbei; stark ansteigend gelangten wir auf der Ostseite des Tals in Warners Paß, dessen höchster Punkt sich 3780 Fuß über dem Meeresspiegel erhebt und wo wir uns zugleich auf der Wasserscheide des Küstengebirges befanden. Von dort folgten wir der Straße, die an einem kleinen Bach hinführte, abwärts. Der Paß öffnete sich allmählich zu beiden Seiten, und nach Zurücklegung von ungefähr fünfzehn Meilen schlugen wir unser Lager in der Mitte des Tals von San Felipe auf (2176 Fuß ü. d. M.). Schon hier begann die Vegetation bedeutend abzunehmen, denn statt der kräftigen Tannen und Eichen, die ich in Warners Paß und an den Abhängen der Berge wahrnahm, wucherten hier die Fouquieria splendens, die Agave americana und vereinzelte Mesquitebüsche. Aus dem Tal San Felipe führte ebenfalls eine enge Felsenschlucht nach Wallecito, einer Erweiterung des Tals des Carizo Creek, dessen Lauf wir bis dahin zu folgen hatten, wo derselbe sich in dem trockenen Wüstensand verlief. Von Wallecito bis an das letzte fließende Wasser des Carizo waren zwei Tagesmärsche, und wir erreichten diesen Punkt am Abend des 14. Dezember. Dort nun hielten wir am Rande der wasserlosen Wüste, die uns vom Colorado trennte. Unsere Maultiere befanden sich in gutem Zustand, und es war daher keine so schwere Aufgabe für uns, in einigen Eilmärschen die von den Reisenden so gefürchtete »Desert« hinter uns zu legen. Wenn man die geographische Lage der Coloradowüste Die unter dem Namen »Colorado Desert« allgemein bekannte Ebene erstreckt sich in nordwestlicher Richtung vom Golf von Kalifornien bis an die San-Bernardino-Berge oder vom 32. bis zum 34. Grad nördlicher Breite. Begrenzt wird dieselbe im Süden und Westen von den Küstengebirgen und dem Gebirgszug Altkaliforniens, während im Norden und Nordosten von den San-Bernardino-Bergen aus sich nackte Felsenketten in weitem Bogen gegen Süden, bis über den Colorado und den Gila hinaus, nach Sonora hineinziehen und die Grenze bestimmen. Die ganze Lage der Wüste kann, sogar mit ihrer unregelmäßigen westlichen Grenze, als parallel mit der Küste bezeichnet werden. Die größte Länge derselben beträgt 180 Meilen, die größte Breite nur 75 Meilen. einer genaueren Prüfung unterwirft, dabei Rücksicht nimmt auf die geringe Erhebung derselben über den Meeresspiegel und darauf, daß sie zum großen Teil niedriger liegt als der gewöhnliche Spiegel des Colorado auf derselben Parallele, so gelangt man leicht zu der Ansicht, daß der Golf von Kalifornien einst die San-Bernardino-Gebirge bespülte oder – vielleicht richtiger bezeichnet – daß die ganze Fläche der Wüste in einer Länge von 140 Meilen und in einer durchschnittlichen Breite von 50 Meilen, also ein Flächenraum von 7000 Quadratmeilen, das Becken eines weiten Sees bildete, der mit dem Kalifornischen Meerbusen in Verbindung stand. Diese Meinung wird zur Überzeugung, wenn man die in den letzten Jahren gemachten Forschungen und Beobachtungen, die jenen Landstrich betreffen und unter denen besonders die des Herrn William P. Blake (»Pacific railroad report«, Vol. V) obenan gestellt werden müssen, miteinander vergleicht. Ich beginne zuerst mit der Oberfläche des Bodens; diese ist nicht aus tiefem Sand gebildet, wie man aus dem Namen »Desert« schließen sollte, sondern sie besteht größtenteils aus fest getrockneter, bläulicher Lehmerde und Schlamm. Manche Abstufungen (es finden sich nämlich in dieser Wüste viele etagenähnliche Erhebungen von geringer Höhe) sind dicht mit kleinen, glattgespülten Kieseln besät, deren Äußeres ganz darauf hindeutet, daß sie lange ein Spiel des Wassers gewesen sein müssen. Auf dieser Ebene befindet sich feiner Flugsand, der abhängig von jedem Wind bald Hügel (bis zu 60 Fuß Höher) bildet, bald in langen Streifen die glatte Fläche bedeckt, je nachdem Mesquitebüsche oder andere zufällige Hindernisse die erste Ursache zu Anhäufungen des treibenden Sandes gewesen sind, und es ist überall eine äußere Ähnlichkeit mit zusammengewehten Schneemassen gar nicht zu verkennen. Der Charakter der Oberfläche der Wüste ist also genau derselbe wie in den meisten ausgetrockneten Fluß- oder Seebetten. Die zahlreichen Süßwassermuscheln, die in der ganzen Ausdehnung des Beckens gefunden werden, lassen keinen Zweifel darüber aufkommen, welche Art Wasser zuletzt diese Regionen bedeckte. Die Lage des Colorados aber, die oberhalb Fort Yuma höher ist als die der Wüste, ferner die trockenen Flußbetten in der Wüste selbst, die bei Überschwemmungen noch teilweise mit Coloradowasser angefüllt werden, geben uns bestimmt an, woher das Wasser stammte, das zuletzt diesen umfangreichen See bildete. Betrachtet man nun den Colorado selbst, der Unmassen von Sand und anderen festen Bestandteilen mit sich führt und an seiner Mündung absetzt, so findet man es leicht erklärlich, daß der alte Meeresarm, die jetzige Wüste, allmählich von dem Golf durch Anschwemmungen des Colorado und des Gila getrennt wurde, daß die Wasser dieser Flüsse und zahlreicher Bergströme das Salzwasser verdrängten und das ohnehin seichte Seebett mit den dem Süßwasser eigentümlichen Bestandteilen ausfüllte. Hiernach müßten unterhalb der Anschwemmungen in der Wüste, in denen schon eine fossile Salzwassermuschel vorkommt, noch deutlichere Spuren des Meeres zu finden sein. Die alten Traditionen der dortigen Eingeborenen sind fast übereinstimmend mit diesen Erklärungen, indem diese erzählen, daß Wasser den ganzen Landstrich bedeckt habe und nach und nach sehr langsam zurückgewichen sei. Übrigens gewinnt man noch jetzt bei starken Überschwemmungen ein Bild von dem früheren Charakter dieser Wüste. Außer diesen Schlüssen, die man fast gezwungen ist, aus den genauen Beobachtungen der äußeren Bodengestaltung und ihres Charakters zu ziehen, finden sich noch andere untrügliche Beweise für die oben aufgestellte Behauptung. Ich erwähne hier die Wasserlinien, Nach angestellten Beobachtungen befinden sich diese Wasserlinien nur sehr wenig über dem jetzigen Spiegel der Südsee. Berücksichtigt man, daß die Küste bei San Pedro und entlang des Santa-Barbara-Kanals in nicht gar zu ferner Zeit eine Erhebung von 30 Fuß erfahren hat (wie durch die Fossilien in den Ufern bewiesen wird), und gedenkt man der heftigen Erdbeben, die noch jetzt diesen Teil Kaliforniens so vielfach erschüttern, so liegt es sehr nahe, den Höhenunterschied zwischen den bezeichneten Wasserlinien und dem Spiegel der Südsee, wo überhaupt ein solcher existiert, eben den Ursachen einer solchen Bodenerhebung zuzuschreiben. Ich spreche also von der Coloradowüste als von dem Bett eines alten Sees. Das Wasser dieses Sees enthielt aber außerordentlich viel kohlensauren Kalk, den es an den Ufern, vorzugsweise aber an den Felsen, krustenartig absetzte, und zwar nicht nur beim allmählichen Fallen des Wassers, sondern unter demselben, was aus dem Umstand hervorgeht, daß dieselben spiralförmigen Muschelarten, die in Unzahl an manchen Stellen den Boden bedecken, auch in der zerbrechlichen Kruste enthalten sind. Felsblöcke im Becken des alten Sees, die einst vom Wasser bedeckt waren, sind ebenfalls in eine solche Kruste eingehüllt. Merkwürdigerweise befinden sich in den Spalten und Rissen der nahen granitischen Gebirgszüge Ansammlungen dieses kohlensauren Kalks, so wie das Wasser mehrerer Quellen in dortiger Gegend mit diesen Stoffen stark geschwängert ist. Es ist also nicht schwer zu erraten, woher dem früheren See der Kalk zugeführt wurde, mit dem er seine Ufer überkrustete. die an verschiedenen Punkten der Felsen bemerkt worden sind, die die Wüste einfassen. Blake beschreibt diese Wasserlinien als besonders hervortretend am Fuß der Gorgoño Mountains, die über hundert Meilen von der Spitze des Golfs von Kalifornien entfernt sind. Ich bediene mich hier seiner eigenen Worte: »Als ich um die nächste Felsenecke bog, erblickte ich eine veränderte Farbe der Felsen, die sich in einer horizontalen Linie weithin an den Abhängen der Berge auszeichnete. Bei meiner Annäherung entdeckte ich, daß die weiße Färbung von einer kalkigen Überkrustung herrührte, die sich über die ganze Oberfläche und in jede Aushöhlung und Spalte erstreckte. Diese Kruste hatte sich augenscheinlich unter dem Wasser gebildet, und in der Entfernung von wenigen Ellen gesehen, schien die obere Grenze die genaue Linie der Höhe des früheren Wasserstandes zu bezeichnen ... Diese Beweise einer früheren Flut waren so deutlich und entscheidend, daß jeder in unserem Zug davon überzeugt wurde, daß wir in dem trockenen Bett eines alten Sees oder einer Bai reisten.« Nach all diesem glaube ich nicht, daß es schwerfallen wird, den früheren Charakter der jetzigen Wüste in nächster Zukunft vollkommen festzustellen und zu bestimmen, ob die Verdrängung des Wassers allein den Anschwemmungen oder auch einer Erhebung des Bodens durch Erderschütterungen zugeschrieben werden muß. Letzteres erscheint möglich, wenn man der häufigen, jetzt noch vorkommenden Erdbeben im südlichen Kalifornien gedenkt und das Vorhandensein von Schlammvulkanen in der Wüste in Betracht zieht. Leider weiß man bis jetzt nur wenig mehr als das wirkliche Vorhandensein dieser merkwürdigen Naturerscheinung in dortiger Gegend. Wir erreichten also am Abend des 14. Dezember den Rand der Wüste nahe der Stelle, wo der Carizo Creek im Sand versinkt. Den größten Teil des folgenden Tages brachten wir an dieser Stelle zu, einesteils, um unserer Herde vor Beginn der langen Märsche einige Ruhe zu gönnen, dann aber auch, um die erste Nacht mit zu Hilfe nehmen zu können. Die Sonne verschwand hinter den westlichen nackten Felsmassen, als wir das trockene, sandige Bett des Carizo verließen. Wir befanden uns dort nur noch 431 Fuß über dem Meeresspiegel; etwas ansteigend wanden wir uns zwischen niedrigen Sandsteinhügeln hindurch, und als die Nacht vollständig hereingebrochen war, betraten wir die Wüste selbst, die in geringer Entfernung vor uns in der Dunkelheit verschwamm. Die Nacht war empfindlich kalt, so daß wir häufig abstiegen, um uns durch die Bewegung des schnellen Gehens zu erwärmen, doch wurde dadurch der eilige Schritt der Tiere nicht gehemmt, die, umgeben von unseren lärmenden, wachsamen Mexikanern, keine Zeit gewannen, sich in der Dunkelheit von der Herde zu entfernen. Stunde um Stunde zogen wir auf der ebenen Straße dahin; Mitternacht war längst vorüber, und wir begannen schon nach unserem ersten Haltepunkt – der Big Lagoon, einer kleinen Wasserpfütze – zu spähen, als ein Feuer in weiter Ferne vor uns diese Stelle bezeichnete. Frisch trieben wir unsere Tiere zur Eile, doch je mehr wir uns dem Feuer näherten, desto stärker schlug ein summendes Geräusch an unser Ohr, das Peacock, der erfahrene Kalifornier, sogleich als tausendfältiges Geblöke einer Schafherde erkannte. Wir hätten es nicht unglücklicher treffen können, denn die Hoffnung auf Wasser und Gras auf der ersten Station mußten wir vollständig aufgeben. Wir eilten daher voraus, um soviel wie möglich Unordnungen zu verhüten, die beim Zusammenstoßen von verschiedenen Herden in der Dunkelheit fast unvermeidlich sind. Bei dem Feuer trafen wir acht bis zehn wild aussehende Mexikaner, die teils beschäftigt waren, ihre ewigen Tortillas zu bereiten, teils ihre Zigarillos rauchten und dabei die Fragen, die wir an sie stellten, höflich beantworteten. Sie kamen mit einer Herde von 20 000 Schafen, die in Kalifornien verkauft werden sollten, von Neu-Mexiko. Eine zweite, ebenso starke Herde folgte ihnen in der Entfernung von einigen Tagereisen nach, und wir konnten also darauf rechnen, auch dieser zu begegnen. Die Wasserpfütze hatten sie schon trocken gefunden, doch rieten sie uns, noch einige Meilen weiterzureisen bis dahin, wo wir in einem trockenen Flußbett dicht an der Straße eine tief ausgescharrte Wasserhöhle, die sogenannten Indian Wells, bemerken würden. Auch erkundigten wir uns, ob sie in Fort Yuma, wo ihr Weg vorbeigeführt hatte, nicht von der Ankunft des Schoners des Lieutenant Ives an der Mündung des Colorado Nachricht erhalten hätten, worauf sie uns mitteilten, daß man in Fort Yuma die größte Besorgnis über den Verbleib des Schoners hege, der schon vor dem 1. Dezember erwartet worden sei. Unser Train erreichte uns endlich, und ich muß gestehen, daß es eine schwierige Arbeit für uns alle war, einen Weg zwischen den vielen Tausenden von Schafen hindurchzubahnen, die sich ringsum gelagert hatten, fast unter den Hufen der Maultiere aufsprangen und sich seitwärts drängten. Die hellen Wachfeuer der Hirten blendeten unsere Augen so sehr, daß wir den Boden von den dichten Massen der Schafe nur dadurch zu unterscheiden vermochten, daß wir uns von dem näheren oder entfernteren betäubenden Geschrei der klagenden Tiere leiten ließen. Nach vieler Mühe gelangten wir endlich aus dem Gewirr wieder auf die Straße und erreichten gegen drei Uhr in der Frühe die Indian Wells. Wir hatten dreißig Meilen zurückgelegt, Menschen und Tiere waren erschöpft nach dem nächtlichen Ritt, wir überließen daher letztere der Freiheit, wickelten uns in die Satteldecken und schliefen fest auf dem weichen Sand, der noch zum Überfluß von einem frischen Wind fortwährend in wirbelnder Bewegung um uns her gehalten wurde. Bei Tagesanbruch untersuchten wir zuerst die »Indianischen Brunnen« und fanden zu unserem Leidwesen nur eine tiefe Höhle in dem alten Flußbett, in der sich allerdings Wasser angesammelt hatte, doch bei weitem nicht genug, um jedem Maultier auch nur einen halben Eimer desselben verabreichen zu können. Ferner war es auch so schwierig, in den sandigen Schacht hinabzusteigen und die gefüllten Eimer an den einstürzenden Wänden hinaufzuschaffen, daß wir beschlossen, nur die beladenen Tiere zu tränken und sodann unsere Reise ohne weiteren Verzug wieder fortzusetzen. Es mochte daher kaum acht Uhr sein, als wir die Indian Wells verließen und über die Ebene dahineilten, die sich wie endlos nach allen Richtungen hin erstreckte. Wir waren seit dem vorigen Abend immer abwärts gezogen, und zwar so weit, daß wir uns nur noch 70 Fuß über dem Spiegel der Südsee befanden; hier nun umgab uns eine anscheinend horizontale Fläche, auch stellte es sich heraus, daß wir am nächsten Abend noch immer auf derselben Höhe waren. Solange der Wind schwieg; was nur während der ersten Morgenstunden der Fall war, hatten wir sehr angenehmes Reisen; dann aber begann die gelbe Fläche, die in dem hellen Sonnenschein für das Auge auf unangenehme Weise flimmerte, ihren Glanz zu verlieren; der wilde Sand, der anfangs nur in der Höhe von wenigen Zoll über dem Boden dahinstäubte, stieg allmählich vor dem wachsenden Nordwind und umgab uns schon zur Mittagsstunde wie eine dichte Wolke. Die auf dem festen Lehmboden eingedrückten Spuren leiteten uns auf dem Weg, dessen Richtung wir nur auf eine kurze Strecke vor uns zu erkennen vermochten, denn feine Sandteile erfüllten die Atmosphäre in dem Maße, daß wir nicht ohne Schwierigkeit atmeten und die Augen und den Mund fast fortwährend geschlossen halten mußten. Gegen Abend legte sich der Wind allmählich, und die Sonne, die während des ganzen Tages ungetrübt von dem wolkenlosen Himmel auf den Sandsturm niedergeblickt hatte, tauchte endlich in die verdichtete Atmosphäre, die trotz der sich einstellenden Ruhe noch immer bis zu einer Höhe von sechzig Fuß die graue Farbe des feinen Wüstensandes trug. Nie sah ich eine merkwürdigere Beleuchtung als an diesem Abend; die eilenden Staubwolken, nicht dicht genug, um die Sonne ganz zu verbergen, raubten ihr dafür die Strahlen und ließen sie als eine rotbraune Scheibe erscheinen, deren Färbung sich in dem Maße verdunkelte, als sie dem Horizont näher trat. Wie eine matt erleuchtete, blutrote Glasglocke schimmerte die letzte Hälfte des untergehenden Gestirns durch den Sandnebel zu uns herüber, als wir in ein trockenes Flußbett hinabritten und bei dem Brunnen, der unter dem Namen Alamo Mucho bekannt ist, abstiegen. Wir befanden uns nunmehr fast in der Mitte der Wüste und hatten seit dem vorhergehenden Abend zweiundfünfzig Meilen zurückgelegt. Der Mangel des Wassers war durch den Sandsturm doppelt fühlbar geworden; traurig standen unsere schmachtenden Tiere umher oder suchten auf dem dürren Sand vergeblich nach Grashalmen und Pflanzen. Auch an dieser Stelle sollten sie den brennenden Durst noch nicht stillen, denn bei unserer Ankunft trafen wir mit einem kleinen Kommando Soldaten zusammen, die von Fort Yuma aus dorthin gesandt worden waren, um den halb versandeten Brunnen zu reinigen. Diese Arbeit hatten sie freilich gerade beendet, doch fanden wir statt des ersehnten Wassers nur dicken Schlamm und schätzten uns glücklich, daß wir zu unserem eigenen Gebrauch etwas von dem Vorrat der Soldaten beziehen konnten. Der Name »Alamo mucho«, was soviel bedeutet wie »Überfluß an Cottonwood-Bäumen«, paßt jetzt durchaus nicht mehr für jenen Punkt, indem die wenigen Bäume, nach denen die Benennung geschah, schon längst gefällt wurden und nur noch die morschen Stumpfe sichtbar sind. Diese sowie der Brunnen befinden sich also in einer Vertiefung, die von einem alten Wasserlauf herzurühren scheint und ungefähr dreißig Fuß niedriger liegt als die Oberfläche der Ebene. Der Brunnen hat eine Tiefe von achtzehn Fuß, die Wände desselben sind durch Bretter gegen das Einstürzen geschützt, so wie auch die Öffnung von einem rohen hölzernen Kasten umgeben ist; ein Beweis, welche Wichtigkeit der Erhaltung dieses kleinen Wasservorrats beigelegt wird. Wie wenig ausreichend derselbe aber ist, das erkennt man leicht an den zahlreichen Gerippen und, ich möchte sagen, ausgedörrten Mumien von Tieren, die nicht nur auf der ganzen Straße, sondern auch in der unmittelbaren Nähe des Brunnens umherliegen. Am folgenden Morgen, dem 18. Dezember, hatte sich schon Wasser gesammelt, doch nicht ausreichend für unseren Bedarf, und wiederum wurden nur die Reit- und Packtiere getränkt. Die Herde litt augenscheinlich sehr, und unter diesen Umständen konnte uns allein die größte Eile vor Verlusten schützen, denn vor unserer Ankunft am Colorado, von dem uns noch zwei Tagereisen trennten, durften wir nach Aussage der Soldaten nicht auf das Ende dieser Not rechnen. Nachdem wir also bei Alamo Mucho wieder zur Ebene hinaufgestiegen waren, gebrauchten wir Sporen und Peitschen; der Wind belästigte uns nicht so sehr wie am vorhergehenden Tag, und in raschem Schritt ging es abwechselnd über glattgefegten Lehmboden und über tiefe Sandschichten. Der Eindruck, den diese tote, einfarbige Wüste auf den Reisenden macht, läßt sich kaum beschreiben; fast ohne es zu gewahren, wird man durch den gänzlichen Mangel an organischem und animalischem Leben traurig und düster gestimmt, man erblickt wohl einzelne abgestorbene Mesquitebüsche, irgendein glänzender Laufkäfer eilt mitunter über den sandigen Weg, und einige wohlgenährte Krähen ruhen sich träge auf einem gefallenen Stück Vieh aus; doch der Charakter der Wüste bleibt unveränderlich derselbe, sie liegt vor dem Menschen da in ihrer ganzen schreckenerregenden Öde wie das Bild eines grausigen Todes, das vorsichtig von einer belebenden Natur umgangen wurde, und voll Sehnsucht haftet der Blick auf den Kuppen blauer Gebirgszüge, die in der Ferne auftauchen. An manchen Stellen bildeten die Mesquitegebüsche kleine Waldungen, die aber größtenteils nur ein gewisses Alter erreicht hatten und durch irgendeinen mir unerklärlichen Einfluß plötzlich getötet und verdorrt waren. Gegen Abend, nach Zurücklegung von zweiundzwanzig Meilen, erreichten wir Cook's Well, die letzte Station vor dem Colorado. Der Brunnen an dieser Stelle, der ebenfalls von den Soldaten gereinigt worden war, unterschied sich von Alamo Mucho nur durch die in geringem Maße veränderte Umgebung, und hier wie dort litten wir unter dem schrecklichsten Wassermangel. Seit achtundvierzig Stunden hatte die Mehrzahl unserer Tiere sich nicht einmal die Zunge benetzen können, der fürchterlichste Durst peinigte sie daher in so hohem Grade, daß sie nicht mehr nach gewohnter Weise unter den dornigen Gebüschen nach vereinzelten Grashalmen umhersuchten, sondern sich von uns zu trennen und den Rückweg einzuschlagen trachteten. Unsere Mexikaner blieben die ganze Nacht hindurch in Bewegung, und trotz ihrer Wachsamkeit war es einigen Tieren gelungen, sich in der Dunkelheit davonzuschleichen, und zwar in entgegengesetzter Richtung von der, die uns an den Colorado führte. Als wir am 19. Dezember aufbrachen, ritten zwei Mexikaner zurück, den Flüchtlingen nach, während wir mit dem übrigen Train der alten Straße folgten. Vor uns lag der Pilot Knob, Das Äußere der Felsen dieses abgesonderten Berges zeigt eine schwarze Farbe und eine Glätte, als wenn sie mit Firnis überzogen wären, weshalb die Sonne, zwischen dem nackten Gestein sich spiegelnd, auf merkwürdige Weise blitzt und schimmert. Der Berg besteht aus Granit, der von dunklem, vulkanischem Gestein (Basalt) mauer- und pfeilerähnlich durchzogen zu sein scheint. ein abgesonderter Berg, an dessen östlicher Basis der Colorado vorbeifließt und an dessen südlicher Seite die Straße den Fluß berührt. Der Berg ist weithin in der Wüste sichtbar, und weil sich Reisende desselben bequem als einer Landmarke bedienen können, so ist ihm der Name »Pilotenknauf« beigelegt worden. Der Weg führte auf der südlichen Seite einer hohen Uferbank hin, die sich bis an den Pilot Knob erstreckte, deren eigentlichen Charakter ich indessen nicht zu erkennen vermochte, weil Hügel von Flugsand sich an dieselbe anlehnten und auch teilweise über sie hinausragten. Nur an einer Stelle nahm ich wahr, daß sie aus horizontalen Schichten von Lehm, Sand und grobem Kies bestand. Als wir uns dem Colorado näherten und vielleicht noch acht Meilen von demselben entfernt waren, verschwanden die Gruppen der Mesquitebüsche mehr und mehr, wurden aber durch Weiden und Cottonwood-Bäume ersetzt, die sich allmählich verdichteten und eine Waldung bildeten. Zwei Meilen vom Fluß ritten wir an dem ersten Indianerdorf vorbei; es bestand aus wenigen Hütten, die von Yuma-Indianern bewohnt waren; auch erblickte ich hier kleine Felder, die mit Bohnen, Mais und Kürbissen bestellt waren. Wir hielten uns indessen nicht auf; unsere Tiere, die, geleitet vom Instinkt, die Nähe des Wassers ebensogut kannten wie wir selbst, drängten unaufhaltsam vorwärts, ihre Lasten schienen sich zu erleichtern, ihre Augen gewannen wieder etwas Feuer, der schleppende Schritt war verschwunden, und in der ganzen langen Reihe hörte man ein ununterbrochenes Schnauben – das Zeichen der Maultiere, wenn sie sich am Ende ihrer Arbeit wähnen. Endlich öffnete sich der gewundene Pfad, die Aussicht wurde frei, und vor mir erblickte ich den breiten Spiegel des Colorado, mit dem ich in den nächsten Monaten eine genauere Bekanntschaft schließen sollte. Ich begrüßte den stolzen Strom aus vollem Herzen, kniete nieder, um seit beinahe vier Jahren zum erstenmal wieder aus seinen Fluten zu trinken. Siebentes Kapitel Der Rio Colorado – Pasqual, der Häuptling der Yuma-Indianer – Fort Yuma – Die Umgebung von Fort Yuma – Dome Mountains – Colorado City – Die Erdbeben – Die Schlammvulkane – Die Yuma-Indianer – Die Offiziere des Militärpostens – Das Leben im Lager auf dem Ufer des Colorado – Der Chimney Peak in den Rocky Mountains – Erzählung eines Abenteuers des Herzogs Paul Wilhelm von Württemberg am Nebraska In meinem ersten Reisewerk »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 405-408. habe ich mich schon über die ältesten Nachrichten, die den Rio Colorado des Westens betreffen, ausgesprochen; ebenso erwähnte ich die Namen von Reisenden, die es zuerst wagten, bis in die nördlichste Spitze des Golfs von Kalifornien und demnächst in den Colorado selbst vorzudringen. Im Begriff, die neuesten, an Ort und Stelle gewonnenen Nachrichten niederzuschreiben, ist es vielleicht angemessen, wenn ich noch einmal auf die ersteren zurückkomme. Nachdem Fernando Cortez sich im Jahre 1521 vom Vorhandensein und von der Nähe der Südsee überzeugt hatte, gab er sich der Hoffnung hin, auch eine Durchfahrt oder vielmehr eine Verbindung der beiden Weltmeere zu entdecken. Welche Wichtigkeit er auf die Verwirklichung seiner kühnen Hoffnung legte, geht aus einem Brief hervor, den er an Kaiser Karl V. schrieb, in dem es heißt: »Ew. Majestät werden selbst einsehen, daß diese Unternehmungen Ihnen mehr Ehre machen und unendlich mehr nutzen werden als alle bisherigen Forschungen in Indien.« Die Forschungen nach der gehofften Durchfahrt, die in beiden Meeren auf Befehl des Kaisers unternommen wurden, waren also gewissermaßen die erste Ursache, daß man so bald genauere Kenntnisse von den Küsten von Sonora und der kalifornischen Halbinsel erhielt. Die immer aufs neue ausgesandten Schiffe, die bald an der Westküste, bald an der Ostküste der Halbinsel, häufig aber auch an der Küste von Sonora hinaufsegelten, gelangten erst im Jahre 1540 Fernando Alarchon erforschte im Jahre 1540 auf Befehl des Vizekönigs von Neu-Spanien, Antonio de Mendoza, den Golf von Kalifornien. wirklich bis an die Mündung des Colorado, ohne indessen den Fluß für etwas anderes als eine Verlängerung des Meerbusens zu halten. Die ersten Entdecker hatten dem Golf den Namen »Rotes Meer« beigelegt, wozu vielleicht die Ähnlichkeit mit dem arabischen Meerbusen, vielleicht aber auch die gelbliche Farbe desselben Veranlassung gegeben hat; später war er auch unter dem Namen »Cortezisches Meer« bekannt, bis er endlich allgemein als Golf von Kalifornien bezeichnet wurde. Erst durch die Jesuiten, die im Jahre 1697 anfingen, zahlreiche Missionen in Kalifornien zu gründen, erhielten diese fast zweihundert Jahre alten Entdeckungen einigen Wert und verbreiteten sich auch glaubwürdigere Nachrichten über Länderstrecken, die man bis dahin fast unbeachtet, oder auch für unzugänglich gehalten hatte. Zu den letzteren gehört das Gebiet des Rio Colorado. Schiffer hatten es mehrfach versucht, in den Fluß hineinzusegeln, doch war ihr Vorhaben stets an der heftigen Brandung gescheitert, die an der Mündung durch Ebbe und Flut verursacht wird. Pater Kino (Kühn) war der erste, der es unternahm, von Sonora aus an den Gila und den Colorado zu gelangen, und von ihm stammen die ältesten wichtigen Nachrichten über den Colorado. »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 407. Seinem Beispiel folgten später Pater Sedelmeyer und Pater Gonsago. Nachdem man sich endlich davon überzeugt hatte, daß der Colorado von unwirtlichen Wüsten eingefaßt sei, schien der Strom, dem man soviel Aufmerksamkeit zugewendet hatte, plötzlich seine Bedeutung verloren zu haben; man stand von ferneren Unternehmungen, den Colorado weiter nördlich kennenzulernen, vollständig ab, und die bis dahin gewonnenen Nachrichten wurden in den nächsten hundert Jahren nur durch einige astronomische Bestimmungen von Punkten nahe der Mündung bereichert. Die Mormonen, die in einem kurzen Zeitraum die kulturfähigen Ländereien am Großen Salzsee verhältnismäßig dicht bevölkerten, richteten endlich ihr Augenmerk wieder auf den Colorado. Der Grund hierfür liegt sehr nahe; das Mormonengebiet wird ringsum durch ungeheure Wüsten und Steppen von allen zivilisierten Ländern getrennt; der Weg dahin ist also ein langer und beschwerlicher. Ferner ist dort nicht hinreichend tragbarer Boden vorhanden, um eine so starke Bevölkerung, wie die des Mormonenstaates zu werden verspricht und die hauptsächlich auf Ackerbau und Viehzucht angewiesen ist, gestatten zu können. Für diese beiden so fühlbaren Übelstände konnte der Colorado im günstigsten Fall eine Aushilfe bieten. Erwies sich dieser Strom als schiffbar, so konnte das südliche Utah-Gebiet in direkte Verbindung mit den Hafenstädten der ganzen Erde gebracht werden; waren die Täler des Flusses umfangreich und fruchtbar genug, so konnte das Mormonentum langsam, aber zugleich fest einwurzelnd, sich gegen Süden, und zwar bis in den Staat Sonora, ausdehnen. All dies hatten die Mormonen im Auge, als sie bei der Regierung in Washington um die Erforschung des Colorado einkamen. Die beste Unterstützung fanden sie bei der Regierung selbst, die von dem eifrigen Wunsch beseelt ist, jeden unbekannten Winkel auf dem amerikanischen Kontinent erforschen zu lassen. Zum Unglück brachen aber offene Feindseligkeiten zwischen den Vereinigten Staaten und den Mormonen aus, und anstatt von letzteren unterstützt zu werden, wurden unserer Expedition unüberwindliche Hindernisse in den Weg gelegt. Schon in Pueblo de los Angeles erging an mich durch einige Mormonen die Aufforderung, mich als Ausländer von der Expedition zu trennen, wenn mir mein Leben lieb sei. Es wurde also einem Unternehmen, das rein wissenschaftlicher Art war, ein militärischer Zweck untergeschoben, und als bewaffnete, feindliche Macht sollten wir am oberen Colorado von den Mormonen empfangen werden. Ich bestreite übrigens keineswegs die Möglichkeit, daß die Orders, die später unsere Expedition teilweise in eine militärische umwandelten, schon lange vorher beabsichtigt waren. Wir erreichten also am 19. Dezember den Colorado und schlugen an der Stelle, wo wir den Fluß zuerst erblickten, unser Lager auf. Unsere Lebensmittel waren erschöpft, kein Gras in der Nähe sichtbar, weshalb Peacock noch an demselben Tag hinauf nach dem Fort ritt, dort unsere Ankunft meldete und mit dem kommandierenden Offizier ein Übereinkommen hinsichtlich der Weide für unsere Herde und Lebensmittel für uns selbst traf. Gegen Abend füllte sich unser kleines Lager mit Yuma-Indianern, lauter schönen, großen Leuten, die durch ihr ganzes Benehmen zeigten, wie sehr sie sich schon an den Umgang mit den Weißen gewöhnt hatten. Besonders hervorragend war unter diesen der Häuptling Pasqual mit seiner Familie; er überreichte uns seine Empfehlungsschreiben, die von verschiedenen Offizieren des Militärpostens ausgestellt waren und die ihn als ersten »Capitano« der Yumas und zugleich als einen zuverlässigen Indianer schilderten. Wie die Indianer gewöhnlich dergleichen »sprechende Papiere« für die besten Mittel zum Betteln halten, so geschah es auch hier; Senor Pasqual schien daher bitter enttäuscht, als er keine Geschenke von uns erhielt, und dabei ermüdete er nicht, uns zu wiederholen, wie anständig frühere Reisende ihn immer bedacht hätten. Seine Gattin mit ihrem dicken Bastrock und den ungekämmten Haaren gab ihren Unmut über den Mangel an Freigebigkeit, dem diesmal nur augenblickliche Armut zugrunde lag, auf deutlichere Weise zu erkennen; sie setzte sich zu den Packknechten ans Feuer und schickte von dort einen solchen Schwall von Schmähungen und Verwünschungen zu uns herüber, daß wir nicht umhin konnten, über den Beweis der indianischen Unermüdlichkeit ihr die größte Bewunderung zu zollen. Übrigens bestanden die Vorwürfe in sieben bis acht englischen und spanischen Worten, die nur den niedrigsten Menschenklassen eigentümlich sind und die hinlänglich bewiesen, daß die edle Häuptlingsfrau sich ihre Kenntnis fremder Sprachen in der Gesellschaft amerikanischer Soldaten angeeignet hatte und daß sich diese eben nur auf diese wenigen unwürdigen Worte beschränkte. In aller Frühe des folgenden Tages stieß Peacock wieder zu uns; wir hatten uns schon gerüstet und traten daher ohne Zeitverlust die Reise nach Fort Yuma an. Es waren noch zehn Meilen bis dahin, und der Weg führte von unserem Lager aus dicht am Pilot Knob vorbei, dessen Basis vom Colorado bespült wird; hinter dem Pilot Knob öffnete sich ein umfangreiches Tal, das wie der Fluß eine starke Biegung gegen Osten machte. Die dichten Mesquitewaldungen, die Weiden und Cottonwood-Bäume benahmen uns fast fortwährend die Aussicht, und nur wenn wir uns dem Fluß näherten, gewannen wir einen Blick auf die blaue Gebirgskette im Norden, die sich nicht durch ihre Höhe, wohl aber durch ihre phantastischen Formen auszeichnete, denen sie auch den Namen »Dome Mountains« verdankt. An einigen indianischen Farmen und an zwei größeren Gehöften weißer Ansiedler zog sich die staubige Straße vorbei, und als endlich die dichte Weidenwaldung sich öffnete, erblickten wir vor uns auf einem kahlen Felsenhügel die Baracken und Gebäude des Militärpostens Fort Yuma. In kurzer Zeit waren wir oben; das Quartier des Dr. Newberry fanden wir leicht, und unsere Gefährten, die sich in San Pedro von uns getrennt hatten, bewillkommten uns herzlich. Hier nun erfuhren wir, daß Lieutenant Ives schon am 1. Dezember an der Mündung des Colorado gelandet sei, daß die Zusammenstellung des Dampfbootes gut vonstatten gehe und daß wir der Ankunft des Restes der Expedition in den ersten Tagen des Januar entgegensehen könnten. Wir hatten also noch wenigstens vierzehn Tage vor uns, die wir auf beliebige Art in Fort Yuma verwenden konnten; es war daher unsere Hauptaufgabe, uns in irgendeinem heimlichen Winkelchen so bequem und häuslich wie nur immer möglich einzurichten und dann der Dinge zu harren, die da kommen sollten. Die zu der Militärstation gehörigen Herden hatten die nächste Umgebung, die an sich schon arm an Gras war, so kahl abgeweidet, daß wir gezwungen waren, alle unsere Tiere über den Colorado zu setzen und nach einer acht Meilen weit entfernten Wiese am Gila zu senden. Zum Schutz derselben schickten wir alle unsere Mexikaner mit, die dort ihr Standquartier aufschlugen und ihre Lebensmittel vom Fort bezogen. Wir selbst behielten nur einen Koch und einen Diener bei uns, begaben uns mit diesen und unserer Lagerequipage an das Ufer des Flusses und wählten zu unserem Aufenthalt eine Lichtung, die ringsum von hohen, dicht bestandenen Weiden und Pappeln eingeschlossen war und nur eine Aussicht auf den Colorado offen ließ. Dort schlugen wir unser geräumiges Zelt auf, breiteten aus grünen Zweigen einen weichen Teppich auf den staubigen Boden und auf diesen unsere einfachen Feldbetten; in einem schattigen Winkel unter den überhängenden Bäumen wurde der Speisesaal hergestellt, in einem anderen die Küche; und als wir dann endlich mit unserer Arbeit zu Rande gekommen waren, da blickten wir sie wohlgefällig an und fanden, daß wir in keinem Palast zufriedener und bequemer hätten unterkommen können als auf dem erhöhten Ufer des stattlichen Colorado. Wenn man an einer unbekannten Stelle eben frisch zugezogen ist, namentlich in einer Wildnis wie am Colorado, so sucht man gern, ehe man sich nützlichen Arbeiten zuwendet, mit der Umgebung vollständig vertraut zu werden, zugleich aber auch die Menschen, auf die man zunächst angewiesen ist, kennenzulernen. – Unsere Nachbarschaft war bald durchforscht; fast undurchdringliche Weidengebüsche dehnten sich von unserem Lager weithin über die Niederung aus; hundert Schritte hinter unserem Zelt führte die Landstraße vorbei, einige Pfade verbanden dieselbe mit unserer Häuslichkeit, und dicht vor unserer Tür rauschte ununterbrochen der wilde, sandführende Strom. Was dann zunächst unsere Aufmerksamkeit am meisten in Anspruch nahm, das waren der Militärposten und seine Lage. Gegenüber der Mündung des Gila, auf einem abgesonderten vulkanischen Hügel von granitischem Porphyr, dessen Höhe kaum hundert Fuß übersteigt, liegt Fort Yuma. Der Hügel findet seine Fortsetzung auf der Ostseite des Colorado, wo er sich auf geringe Entfernung ins Land hinein erstreckt, und es hat ganz den Anschein, als ob der Strom absichtlich den Weg um die kurze Felsenkette herum aufgegeben habe, um sich ein Tor durch diese zu bahnen. Obgleich der Posten auf viele Meilen im Umkreis der einzige hervorragende Punkt ist, der die weiten Ebenen gleichsam zu beherrschen scheint, so bietet die Lage doch nichts, was das Auge irgendwie ansprechen könnte. Kahl und dürr sind die Felsen, auf denen die einfachen Gebäude sich erheben; nur die anspruchslose Euphorbia, deren Wurzel die Eingeborenen als Heilmittel gegen den Biß der Klapperschlangen anwenden, keimt hin und wieder zwischen dem Geröll, und dann auch nur so lange, bis die Junisonne, welche die Atmosphäre bis auf 120° Fahrenheit erhitzt, sie wieder versengt und tötet. Die Gebäude und Kasernen, die den Hof in Form eines länglichen Vierecks bilden, sind von Adobes zierlich, aber fest aufgeführt, doch muß der Aufenthalt dort oben während des ganzen Jahres mehr als peinigend sein, denn wenn die sengende Hitze ihre Qualen nicht ausübt, so sind es wieder die furchtbaren Sandstürme, welche die Besatzung heimsuchen. Solche Stürme springen fast allwöchentlich, manchmal auch einen Tag um den anderen, in der Richtung von der kalifornischen Küste her auf; sie fegen dann über die breite Wüste und führen wahre Sandwolken mit sich, vor deren feinen Bestandteilen weder Türen noch Fenster und dichte Vorhänge schützen; ja die Werke in den Uhren bleiben, wenn die Kapseln nicht mit besonderer Genauigkeit gearbeitet sind, nicht von den kaum sichtbaren Sandkörnchen verschont. Mehrmals war ich während eines solchen Sturms in den Baracken, und zwar hinter verhangenen Fenstern und Türen, doch wagte ich dann kaum zu sprechen, aus Furcht, die sandigen Zähne auf empfindliche Weise aneinander zu reiben. Niemand litt mehr bei solchen Gelegenheiten als unser guter Dr. Newberry; derselbe hatte eben erst eine schwere Krankheit überstanden und war infolgedessen genötigt, noch auf dem Fort zu wohnen, während wir übrigen uns in unserem geschützten Lager den quälenden Stürmen einigermaßen entziehen konnten. Die Besatzung schien sich an dergleichen Unbequemlichkeiten gewöhnt zu haben oder verstand es auch, auf gebührende Weise den sich im Gaumen ansammelnden Staub hinunterzuspülen. So wie damals behaupte ich auch jetzt, daß das Beste an Fort Yuma die Aussicht ist, die man bei günstigem Wetter von seinen Höhen aus genießt. Wie in einem großartigen Panorama erblickt man ringsum Gebirge, Wüsten und Wasserspiegel, die miteinander abwechseln. Den Lauf des Colorado vermag man weithin zu verfolgen; gegen Norden, bis ihn eine neidische Hügelkette dem Auge entzieht, gegen Süden bis dahin, wo sich der Horizont auf sein flaches Tal senkt. Gegen Osten begrenzt eine ferne Bergkette die Aussicht, und von dieser schlängelt sich der Gila dem Colorado zu. Im Norden und Westen endlich erblickt man die riesenhaften Säulen und Türme der Dombergkette, deren wunderliche Formationen eine entfernte Ähnlichkeit mit den Außenlinien der Mirage in der Wüste zeigen. Das höchste dieser merkwürdigen Gebilde ist der Chimney Peak oder Schornsteinfelsen, von den Indianern »A-melle-e-quette« genannt. Vom Fort aus gesehen erscheint er in der Entfernung von ungefähr fünfundzwanzig Meilen als eine Säule, die nach oben an Umfang verliert, doch hatte ich später Gelegenheit, ihn von einer anderen Seite als eine wunderbar prachtvolle Felsmasse wieder zu beobachten, die sich aus der Ferne mit den Ruinen eines mächtigen Schlosses vergleichen ließ. Am auffallendsten wegen seiner Formen ist der Felsen, der unter dem Namen »Capitol Dome« oder »Ar-with-a-que« bekannt ist. Die Wände desselben sind so senkrecht und so regelmäßig gerundet, daß man aus der Ferne einen Turm von riesigem Umfang vor sich zu sehen glaubt. Zahlreiche kleinere und größere Gebilde dieser Art zieren die Bergkette, die sich in weitem Bogen von Osten nach Westen erstreckt und das Rundgemälde gegen Norden hin abschließt. Innerhalb der hier angegebenen Grenzen nun erblickt man flaches Land, das mit vollem Recht als eine dürre Wüste bezeichnet werden kann, denn der Colorado und der Gila, deren Ufer reich mit grünschimmernden Weiden bewachsen sind, befruchten nur einen geringen Teil der vielen Quadratmeilen, die man vom Fort aus zu übersehen vermag. Gerade unterhalb der Mündung des Gila sind die Fähre und der Landungsplatz der Dampfboote angelegt worden. Es klingt sonderbar, und doch befindet sich hier nicht nur ein Landungsplatz, sondern es gibt auch zwei große, sehr hübsch angestrichene Flußdampfer, deren einzige Arbeit vorläufig ist, die für die Truppen des Forts bestimmten Güter von der Mündung des Flusses heraufzuschaffen. Die Ländereien nahe am Zusammenfluß der beiden Ströme sind schon in die Hände der Spekulanten übergegangen, und da infolgedessen auch schon Städte vermessen und ausgelegt wurden, so kann es den Eigentümern wohl kaum verdacht werden, daß sie alles aufbieten, Einwohner dorthin zu ziehen. Zu diesem Zweck heißt es unter anderem in den Zeitungen: »Merkwürdig günstige Gelegenheit, in kurzer Zeit ohne Arbeit reich zu werden.« Der Titel hat schon sehr viel für sich, denn nicht nur in Kalifornien, sondern auch in anderen Ländern gibt es Menschen genug, die recht gern auf dergleichen Anerbieten eingehen. Doch weiter: »In dem paradiesischen Landstrich, der vom Colorado und dem Gila, zwei Strömen ersten Ranges, zugleich bewässert wird, bietet sich Emigranten sowie schon ansässigen Geschäftsleuten willkommene Gelegenheit, sich für ein Geringes einen unantastbaren Besitztitel über Baustellen in der aufblühenden Stadt ›Colorado City‹, und über ausgedehnteres Grundeigentum zu erwerben. Zur Bequemlichkeit der Zuziehenden sind zwei prachtvoll eingerichtete Dampfboote bei Fort Yuma stationiert worden, die zu jeder Stunde bereit sind, Güter von der Mündung des Flusses nach Colorado City und ebenso von der Stadt zurück an die Mündung zu schaffen, wo der weitere Verkehr durch Segelschiffe und später durch Seedampfer aufrechterhalten wird. Das Klima in dortiger Gegend ist überaus gesund, der Winter ist mild und die fast täglich aufspringenden Seewinde bringen einige Veränderung in die warme Sommerzeit.« Es läßt sich nicht leugnen, daß durch dergleichen prahlerische Anzeigen mancher verlockt wird, einen Blick auf diesen sogenannten paradiesischen Landstrich zu werfen, seltener gerät indessen jemand in die Versuchung, sich einen Besitztitel zu kaufen, denn es gibt am Colorado in dieser Beziehung doch mancherlei zu überlegen und zu bedenken. So bestand zur Zeit meiner Anwesenheit in Fort Yuma die regelmäßig angeführte »Colorado City« aus einem einzigen Zelt, und zwar dem unsrigen, das wir zufällig in der Hauptstraße am Fluß aufgeschlagen hatten und das also nicht lange eine Zierde der aufblühenden Stadt bleiben sollte. Bei der Anzeige von der Bequemlichkeit der Dampfboote war es verabsäumt worden, die sehr unbequemen Frachtpreise mit hinzuzufügen, dagegen hatte es mit dem »weiteren Verkehr durch Segelschiffe« seine Richtigkeit, denn alle zwei Monate landete an der Mündung des Colorado ein kleiner Schoner. In der Beschreibung des Klimas hatte man nur der Sandstürme nicht gedacht oder auch dieselben auf mildernde Weise in angenehme Seebrisen umgewandelt, die es allerdings nicht an Veränderungen fehlen lassen. Dies ist aber der Anfang fast aller neu zu gründenden Ansiedlungen in Amerika, Scharlatanerie spielt die Hauptrolle; sollten aber an dem oberen Colorado einst reiche Silber- und Goldminen entdeckt werden, was gar nicht unwahrscheinlich ist, so würde der Landstrich, dessen Mängel ich eben mit grellen Farben hervorzuheben suchte, bald das Bild eines regen Weltverkehrs zeigen. Wie das ganze südlichere Kalifornien vielfach von heftigen Erdbeben erschüttert wird, so scheinen besonders Fort Yuma und seine Umgebung den Störungen unterworfen zu sein. Ohne der zahlreichen Stöße und Schwingungen gedenken zu wollen, die sich oft Monate hindurch täglich wiederholen, gebe ich hier nur die Beschreibung des großen Erdbebens vom 9. November 1852, wie es von dem damaligen Kommandeur des Postens, Major Heintzleman, beobachtet worden ist. »Die erste Erschütterung stürzte einen Teil des Chimney Peak hinunter und öffnete große Risse und Spalten in den Lehmschichten nahe der Wüste. Zur selben Zeit wurde in der Entfernung von ungefähr vierzig Meilen in der Wüste eine Dampfsäule sichtbar. Als ich einige Wochen später diese Stelle besuchte, fand ich daselbst einen neu entstandenen Schlammvulkan in voller Tätigkeit. Wolken von Dampf, untermischt mit schwarzem Schlamm, wurden fortwährend bis zu einer Höhe von dreißig bis vierzig Fuß emporgeschleudert. Der Krater befand sich in einem seichten Becken, das teilweise mit Wasser angefüllt war und einen Teich von der Größe einiger Morgen bildete. Das Wasser hatte eine Temperatur von 108° Fahrenheit und wurde bei jeder neuen Explosion mit Heftigkeit in Wellen zurückgetrieben. Zahlreiche kleine Kegel warfen, ähnlich den Lokomotiven, in kurzen Absätzen Dämpfe aus, und in einem dieser letzteren, wo auch Gas hervorbrach, war die Temperatur 170° Fahrenheit. Ein anderer Schlammvulkan wurde zu derselben Zeit im nordwestlichen Teil der Wüste sichtbar, und Staubwolken erhoben sich während der Haupterschütterung an vielen Stellen der Ebene.« Die Bevölkerung um Fort Yuma besteht, wie es sich nicht anders erwarten läßt, noch größtenteils aus Eingeborenen, und es sind namentlich die Yuma-Indianer, die man dort noch häufig in großer Anzahl zusammenfindet. Das eigentliche Gebiet dieses Stammes ist das Tal des unteren Colorado; es beginnt ungefähr achtzig Meilen oberhalb der Mündung des Gila und erstreckt sich von da bis nahe an den Golf von Kalifornien, wo die Nation der Cocopa-Indianer beginnt. Diese letzteren bildeten früher zusammen mit den Maricopas, die jetzt unter den Pimos am Gila leben, einen Stamm, bis bei Gelegenheit der Wahl eines Häuptlings Zank unter ihnen ausbrach, der sich allmählich in tödliche Feindschaft verwandelte. Die Cocopas haben sich seit jener Zeit mit den Yumas und den weiter nördlich wohnenden Stämmen des Coloradotals verbündet und leben fortwährend in einem blutigen Krieg mit den Gila-Nationen. Als wir den Colorado erreichten, herrschte noch tiefe Trauer unter den Yumas, veranlaßt durch eine empfindliche Niederlage, die ihnen und ihren Verbündeten durch die Pimos – und noch dazu im Feindesland – beigebracht worden war. Unter den Colorado-Stämmen war nämlich lange vorher ein Einfall in die Dörfer der Pimos verabredet und vorbereitet worden. Alles schien nach Wunsch zu gehen; die blutdürstige Bande gelangte – wie sie glaubte, ohne entdeckt zu werden – ans Ziel und stürzte sich förmlich siegestrunken auf die feindlichen Wohnungen. Nur einzelne Frauen flüchteten bei ihrem Herannahen, und als sie in blinder Wut denselben nachsetzten oder in die verlassenen Hütten eindrangen, wurden sie ihrerseits plötzlich aus einem Hinterhalt von den Pimos und Maricopas überfallen und bis auf wenige, denen es gelang, in ihre Heimat zu entkommen, niedergemacht. Der Plan der Yumas war nämlich verraten oder ausgekundschaftet worden, und infolgedessen hatten ihre Feinde ihnen eine Falle gestellt, die gemäß der dortigen, freilich wenig begründeten Aussagen allein 86 Yuma-Krieger das Leben gekostet haben soll. In Sitten und Gebräuchen sowie auch in ihrem Äußeren unterscheiden sich die Yuma-Indianer wenig oder gar nicht von ihren nördlichen Nachbarn, den Chimehwhuebes und Mohaves. Die Männer sind groß, stark und wohlgebaut, die Frauen dagegen klein und untersetzt, doch nicht ohne Anmut in ihren Bewegungen. Die Kleidung der letzteren, die aus einem kurzen, dicken Rock aus herabhängenden Baststreifen besteht, dient dazu, ihre üppigen Figuren in noch vorteilhafterem Licht erscheinen zu lassen, und unter den schwarzen Scheitelhaaren hervor, die in gleicher Höhe mit den Brauen abgeschnitten sind, blitzen Augen so klar, daß man sie mit Diamanten vergleichen möchte. Hände und Füße sind bei beiden Geschlechtern klein und die Gelenke so zierlich, als wenn sie gemeißelt wären. Die einzige Bekleidung der Männer bildet ein schmaler, langer Schurz von weißem Baumwollzeug, ihr Hauptschmuck dagegen sind die langen, starken Haare, die, mittels nasser Lehmerde in Rollen gedreht, bis tief aufs Kreuz herabhängen und in gleicher Länge stumpf abgeschnitten sind. Als Waffen führen sie den langen Bogen aus Weidenholz nebst Rohrpfeilen, die mit Steinspitzen versehen sind; darüber hinaus aber auch noch die kurze Keule und in vielen Fällen auch das Messer. Ihre Vorliebe für grelle Farben beweisen sie durch die Malereien auf ihrem Körper, doch ist ihnen auch das Tätowieren nicht fremd; dieses wird indessen mehr von den Frauen angewandt, die sich die Mundwinkel und das Kinn mit blauen Punkten und Linien schmücken. Der Eindruck, den die Yuma-Indianer als eine schöne Menschenrasse machen, wird leider verwischt, wenn man die gesunkenen Geschöpfe erblickt, die sich in großer Anzahl im Fort selbst und in der nächsten Umgebung aufhalten und die in ihrem Äußeren die unvertilgbaren Spuren aller nur denkbaren Laster zur Schau tragen. Man möchte sich dort fast der eigenen Hautfarbe schämen, wenn man bedenkt, daß diese Entwürdigung des Menschen der weißen Rasse allein zur Last gelegt werden muß; ich spreche hier nicht von der Politik, die es gestattet, daß der Auswurf der Menschheit mit in die Reihen der Soldaten aufgenommen werden kann und dieser dann als der erste Lehrer der Eingeborenen auftritt, sondern ich spreche von denjenigen, welche die Macht zur Besserung der Umstände in Händen halten und dabei schweigen, ja lächeln, wenn die heiligsten Rechte der Menschheit auf verbrecherische Weise mit Füßen getreten werden. Wenn ich in der Nähe von Fort Yuma einem betrunkenen Soldaten begegnete, dann ließ ich stets den Revolver in meine Hand gleiten, um eine brutale Beleidigung sofort bestrafen zu können; betrunkenen Indianern ging ich stets aus dem Wege und bedauerte tief die Erbarmungslosigkeit von Leuten, die sich in der Wildnis vor einer strafenden Kritik sicher wissen und daher ihrem Vaterland so wenig Ehre machen. Außer den Yumas, Cocopas und den anderen Nationen im Tal des Colorado findet man in Fort Yuma auch einzelne Mitglieder von kalifornischen Indianerstämmen, die einst von den Jesuiten unterworfen und belehrt wurden. Diese mögen mit den Cohuilla-Indianern Der Name dieses Stammes kann nicht in Verbindung gebracht werden mit der Provinz Coahuila im nördlichen Mexiko; er dürfte – auf der mutmaßlichen Straße der Völkerwanderung – mit den Azteken in Zusammenhang stehen. der Gebirge, die bekanntlich teilweise den Missionaren entgingen, verwandt oder auch eine Nebenlinie der Yumas sein, als welche Captain A. W. Whipple namentlich die Diegeno-Indianer bezeichnet. Alle diese Eingeborenen, wenn auch zuweilen dieselbe Mundart redend, legen sich in der Regel den Namen ihres Geburtsortes bei, welchem Umstand es zuzuschreiben ist, daß man auf der Straße von San Diego nach Fort Yuma so vielen kleinen Indianerstämmen zu begegnen vermeint, während Namen für Stämme wie »Pasqual, Santa Isabella, San Felipe« usw. doch nur das einzige sind, was den Eingeborenen von dem segensreichen Einfluß der Jesuiten geblieben ist. Was nun die Offiziere der Garnison betrifft, so kann ich nur sagen, daß wir abermals in ihnen lauter freundliche, aufmerksame Leute kennenlernten. Zu gleicher Zeit beobachtete ich aber auch die Eifersucht, die in der Armee der Vereinigten Staaten zwischen den Offizieren der Linienregimenter und denen vom Ingenieurcorps herrscht und die einen so verderblichen Einfluß, besonders auf Unternehmungen wie die unsrige, ausübt. Ich bin überzeugt, daß uns als den Mitgliedern der Expedition manche Unannehmlichkeit und dem Lieutenant Ives mancher Ärger erspart worden wäre, wenn letzterer bei einem Linienregiment oder die Offiziere der Fort-Yuma-Besatzung beim Ingenieurcorps gestanden hätten. Nach dieser flüchtigen Berührung von Verhältnissen, die einen leicht zu beseitigenden Schatten auf das Militärwesen der Vereinigten Staaten werfen, meine Hochachtung vor den einzelnen Persönlichkeiten dabei aber nicht im geringsten erschütterten und den freundschaftlichen Gefühlen, die ich für meine dortigen Bekannten hege, durchaus keinen Abbruch tun, begebe ich mich wieder in das Geleise meiner Erzählungen und in diesem auf das Ufer des lehmfarbigen Colorado noch unserem zwischen herbstlich gefärbten Baumgruppen versteckten Lagerplätzchen. Wenn ich alsdann beschreibe, wie wir dort einen Tag unter dem wolkenlosen Himmel zubrachten, so ist auch zugleich ein Bild von der ganzen Zeit unseres Aufenthalts gegeben, und es ist mir dadurch erleichtert, auf verständliche Weise kleine herausragende Begebenheiten, die uns während des einfachen Lagerlebens als von größter Wichtigkeit erschienen, ohne genaue Angabe des Wie, Wo und Warum zu schildern. Ich beginne mit Grizzly: Grizzly war ein Hund, halb Dachs- und halb Wolfshund und zugleich das häßlichste Exemplar seiner Rasse, das ich jemals gesehen habe. Der Umstand, daß mein Freund Mr. King ihn sich in Pueblo de Los Angeles nach Bezahlung seiner Rechnung von unserem gemeinsamen Wirt ausborgte, ohne indessen vorher darüber Rücksprache genommen zu haben; ferner, daß das erst vier Monate alte Tier auf der Reise von Los Angeles nach Fort Yuma ermüdete und einen großen Teil des Weges von uns abwechselnd vorn auf dem Sattel mitgeführt wurde; besonders aber das tragische Ende, das es später in den Felsenwüsten am oberen Colorado fand, dient vielleicht zur Entschuldigung, daß ich einem Hund, der aber ein treuer Reisegefährte war, soviel Raum und Worte in meinen Beschreibungen gönne. Grizzly hatte allmählich den Körper eines kleinen Kalbes bekommen; seine Beine, obgleich nur wenige Zoll hoch, entsprachen in der Stärke vollkommen der kräftigen Gestalt, nur daß sie, ähnlich einem Pfropfenzieher, einige Windungen zeigten. Die Form des Kopfes war die eines Bärenschädels, auch die kleinen, schielenden Augen des Gebirgsbären fehlten nicht; und um den eigentümlichen Ausdruck des Tieres noch mehr hervorzuheben, war ihm in der frühesten Jugend ein Ohr viel kürzer als das andere weggeschnitten worden. Sobald die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne in den wirbelreichen Fluten des Colorado glitzerten und verstohlen durch die kleinen Ritzen des Zeltes spielten, schüttelte Grizzly, von der kalten Morgenluft geweckt, seinen betauten Pelz, warf noch einen triumphierenden Blick nach den dichten Weidengebüschen hinüber, zwischen denen er während der Nacht zahlreiche diebische Wölfe in die Flucht geschlagen hatte, und kroch zu uns ins Zelt, wo wir uns noch alle im tiefsten Schlaf befanden. Gewissenhaft machte er dann die Runde bei allen Schläfern, und seiner kalten Schnauze sowie seiner warmen Zunge gelang es leicht, in kurzer Zeit die schnarchende Gesellschaft zu wecken und in Bewegung zu bringen. Nach einigen rauhen Begrüßungen, die Grizzly mit ewig freundlichen Mienen hinnahm, begab er sich in die Küche, um dort gleichsam die Zubereitung des Frühstücks zu überwachen. Unsere Toilette war in der Regel schnell beendet, denn da wir uns des Abends nicht entkleideten, so waren wir auch der Mühe des Ankleidens in der Frühe überhoben; doch lange ehe wir fertig waren, rief schon unser Aufwärter zu uns herüber: »Breakfast is ready.« Das Leben in der freien Natur ist reich an Genüssen; oft sprachen wir dies aus, wenn wir uns an dem damals noch reich besetzten Tisch niederließen; nur scherzweise erwähne ich hier die Genüsse, welche die Erhaltung eines ungeschwächten Körpers bedingt, und erinnere mich noch lebhaft der schönen frischen Morgenstunden, wenn noch kein Lufthauch die sterbenden Blätter erzittern machte, wenn die verschiedenartigsten Vögel um uns herum jubelnd ihr Morgenlied zwitscherten oder scharenweise dem Fort zuflogen, um auf dem geräumigen Hof und in der Umgebung ihren Lebensunterhalt zu suchen; wenn die fleißigen Spechte an den morschen Baumstümpfen laut hämmerten und die schönen Rebhühner sich auf dem Sand des Ufers sonnten oder lieblich spielend leise Locktöne ausstießen. Es waren schöne Morgenstunden, und wenn wir an unserem Tisch uns einer lauten Fröhlichkeit hingaben, so war diese Stimmung, bei manchem freilich unbewußt, hervorgerufen worden durch die Natur, die selbst in der Mitte einer traurigen Wildnis in einem verstohlenen Winkelchen anmutig zu lächeln wußte. Nach Beendigung des Frühstücks trennten wir uns gewöhnlich, um unseren verschiedenen Beschäftigungen nachzugehen; Egloffstein wanderte zum Fort hinauf, wo man ihm eine Stube zu seinen topographischen Arbeiten eingeräumt hatte; Peacock unterrichtete sich vom Zustand der Maultierherde oder veranstaltete als echter Kalifornier Wettrennen und Preisschießen; King beobachtete die Barometer und baute zu gleicher Zeit einen Damm ins Wasser hinein, der Toilettenzimmer getauft wurde; Taylor beschäftigte sich mit Nichtstun, wobei ihm Brakinridge getreulich half; ich selbst ergriff meine Jagdgerätschaften und durchforschte die Umgegend nach Exemplaren zu meinen Sammlungen. Die reichste Ausbeute boten mir die Vögel, und ich war überrascht, hier die meisten Arten wiederzufinden, die ich vier Jahre früher weiter nördlich an Bill Williams Fork beobachtet und gesammelt hatte. Des Nachmittags gegen fünf Uhr fanden wir uns wieder im Lager zusammen. Jeder hatte sein Tagwerk vollbracht, und ein wohlbesetzter Tisch erwartete uns. Nach dem Essen wanderten wir gemeinschaftlich nach einer lichten Stelle der Waldung, wo Massen von trockenem Treibholz umherlagen, beluden mit demselben unsere Schultern und schleppten einen solchen Vorrat vor unser Zelt, daß wir nicht nur den ganzen Abend, sondern auch noch während eines Teils der Nacht ein tüchtiges Feuer unterhalten konnten. Wenn dann die Schatten der Bäume sich mit zunehmender Geschwindigkeit auf dem unruhigen Spiegel des Colorado verlängerten und endlich auf dem östlichen Ufer mit den unbestimmten Umrissen der Weidengebüsche ineinander verschwammen, dann rückten wir um unseren Scheiterhaufen zusammen und unterhielten uns wie Menschen, die noch nie in ihrem Leben Sorge kennengelernt haben. Wir musizierten, wir sangen, wir schmiedeten Pläne für die Zukunft; und wenn die Kühle der Nacht uns auf der einen Seite zu sehr belästigte, auf der anderen dagegen die Flammen uns durchglühten, dann kochten wir mitunter, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, einen starken, heißen Punsch und ließen fröhlich die Becher kreisen. Der eine oder der andere erzählte noch eine Geschichte, die übrigen horchten, rauchten ihr Pfeifchen und schürten dabei das Feuer, und zwar geschah alles mit einem Ernst, als ob das Wohl von Nationen davon abhängig gewesen wäre. Da ich mich jetzt der eigenen Erlebnisse besser entsinne als der von anderen vorgetragenen Erzählungen, so lasse ich hier ein kurzes Bruchstück meiner ersten Reise nach den Rocky Mountains folgen, und zwar in derselben Weise, wie ich es an einem dieser gemütlichen Abende meinen Kameraden mitteilte. »Wenn ich jetzt den Colorado so vor mir sehe, dabei der Flüsse gedenke, die ich zwischen dem Mississippi und den Rocky Mountains kennengelernt habe, dann fällt mir immer mehr die Verschiedenheit des Charakters auf, der die Ströme östlich und westlich der ungeheuren Wasserscheide auszeichnet. Natürlich wird diese Verschiedenheit durch das Land bestimmt, das diese durchschneiden, und ich würde mich vielleicht richtiger ausdrücken, wenn ich von dem Charakter der Ländereien diesseits und jenseits der Rocky Mountains spräche. Sowenig Ähnlichkeit auch immer die endlosen Grasfluren zwischen den Quellen des Missouri und den texanischen Küstenstrichen mit den Wüsten und nackten Felsenketten, von denen wir hier umgeben sind, haben mögen, so gibt es doch in beiden Regionen Punkte, bei deren Anblick man lebhaft an Stellen erinnert wird, von denen man durch Tausende von Meilen und durch das majestätische Rückgrat des nordamerikanischen Kontinents, die Rocky Mountains, getrennt wird. Ich beziehe mich hier auf die Dom-Berge und den Chimney Peak, die in so hohem Grad unsere Bewunderung erregt haben. Über 1500 Meilen von hier, am östlichen Abhang der Rocky Mountains, liegt Fort Laramie (42° 12' 38" n. Br., 104° 31' 26" w. L.). Wenn man diesen Militärposten verläßt und auf vielbefahrener Emigrantenstraße die Richtung am nördlichen Arm des Platte River oder Nebraska hinunter einschlägt, so gelangt man nach einem tüchtigen Marsch durch eine weite Ebene in eine niedrige Bergkette, wo dem Reisenden die Aussicht auf die in Nebel verschwimmenden Kuppen der Felsengebirge entzogen wird. Nach einem zweiten Marsch erreicht man die Ostseite dieser Bergkette, die den Namen Scott Bluffs führt. Dort nun befindet man sich angesichts eines Chimney Peak, eines Courthouse Rock Chimney Peak und Courthouse Rock, diese beiden herausragenden Felsen, die dem Reisenden, der sich auf der Laramiestraße nach dem großen Salzsee den Scott Bluffs von Osten nähert, schon auf mehrere Tagereisen weit sichtbar sind, verdanken ihre phantastischen Formen den äußeren Einflüssen der Atmosphäre und sind augenscheinlich Überreste des übereinandergeschichteten Hochlands, das sich jetzt in Form von einer Reihe schroffer Hügel westlich von denselben erhebt. Der Chimney Peak hat als Unterlage einen konischen Hügel von ungefähr 100 Fuß Höhe, dessen Abhänge einen Winkel von 45° mit dem Horizont bilden. Auf dem Gipfel dieses Kegels nun erhebt sich die 40 Fuß hohe Säule, die zu dem bezeichnenden Namen »Schornsteinfelsen« Anlaß gegeben hat. Der Schaft hat eine runde Form und zeigt vertikale Seiten. Nach dem Zeugnis vieler noch lebender »Voyageurs« (kanadische Trapper und Pelzjäger) ist er früher bedeutend höher gewesen und vor etwa 25 Jahren durch einen Blitz oder eine Erderschütterung teilweise hinabgestürzt worden. Gutes Gras und mehrere klare Quellen haben die Nachbarschaft des Chimney Peak zu einem beliebten Lagerplatz der Kalifornienemigranten gemacht. und zahlreicher merkwürdiger Felsgebilde, die an phantastischen Formen unseren Dom-Bergen hier nichts nachgeben, ja ich möchte fast behaupten, daß der Chimney Peak an der Laramiestraße mehr Ähnlichkeit mit einem hohen Schornstein hat als der hiesige. So ähnlich in ihrer äußeren Erscheinung Teile der beiden Felsregionen einander sein mögen, so verschieden voneinander ist wieder ihre Formation. Die Scott Bluffs mit ihrer ganzen Reihe wunderlicher Gebilde bestehen nämlich aus festem Lehm und Schichten von Sand- und Kalkstein und verdanken ihre äußeren Formen der Einwirkung des Wassers und der Atmosphäre, während die hiesigen Bergketten rein vulkanischen Ursprungs sind und fast unempfindlich gegen alles außer gegen die Erdbeben bleiben. Viele Jahre sind nun schon verflossen, seit ich die nördlichen Felsengebirge zum letzten Male sah; es geschah, als ich den geistreichen und unternehmenden Herzog Paul Wilhelm von Württemberg auf seinen Reisen begleitete und mich mit ihm auf der Heimkehr von Fort Laramie befand. Schnell und ungestört hatten wir den langen Weg vom Missouri nach den Rocky Mountains zurückgelegt; auf der Heimfahrt waren wir dagegen weniger begünstigt, denn diese glich im vollen Sinn des Wortes nur einer Reihe von Abenteuern und Unglücksfällen. Ich will hier eine kleine Probe davon geben – eine Probe, die in der Erzählung komisch genug klingen mag, die aber damals der bitterste Ernst für uns war. Versetzen wir uns also im Geist noch drei Tagereisen weiter östlich von den Scott Bluffs an die Stelle, wo die Straße den Nordarm des Nebraska verläßt, in einer wilden Schlucht, Ash Hollow, aufwärts auf die hochgelegene Ebene hinauf und über diese hinweg an den südlichen Arm des eben genannten Flusses führt. Es war im Spätherbst; der Herzog, der auf solchen Reisen mit an Tollheit grenzender Kühnheit selten mehr als zwei Begleiter bei sich hat, zählte in seinem Gefolge nur meine Wenigkeit, indem wir unseren dritten Gefährten, einen ebenso unerfahrenen Präriewanderer, wie auch ich damals noch war, auf unbegreifliche Weise auf der Hinreise schon verloren hatten. Welche Stütze ich für den Herzog bildete, läßt sich daraus entnehmen, wenn ich anführe, daß dies mein erster Besuch in den Grassteppen war und ich also mit vollem Recht die bei alten Reisenden gebräuchliche Bezeichnung eines ›Grünen‹ verdiente. Trotzdem ein heftiges Fieber mich täglich schüttelte, verlor ich doch keineswegs meinen guten Mut, der durch das Benehmen des gegen Gefahren und Entbehrungen gleichgültigen Herzogs noch gesteigert wurde. Wir hatten also vor der Mündung der Ash Hollow die Nacht zugebracht, kamen aber mit unserem beabsichtigten frühen Aufbruch nicht zu Rande; einesteils, weil wir noch einen Besuch von dem in unserer Nähe lagernden Fitzpatrick und mehreren Oglala-Indianern erhielten, dann aber auch, weil uns die kunstgerechte Verpackung einiger Stücke frischen Büffelfleisches etwas Zeit raubte. Es war mithin schon spät, als wir in die Ash Hollow einlenkten, wo wir abermals Zeit verloren, indem wir angesichts einiger grasender Büffel unsere Jagdlust nicht zu zügeln vermochten. Auf diese Weise erreichten wir also gegen Mittag erst die Hochebene, und dann blieben uns noch ungefähr fünfzehn Meilen bis zum nächsten Wasser, dem südlichen Arm des Flusses, zurückzulegen. Der Herzog fuhr in einem leichten, mit zwei Pferden bespannten Wagen, während ich ein sehr kräftig gewesenes Pferd ritt und meine Aufmerksamkeit zugleich einem Maulesel zuwandte, den wir zur Aushilfe mitgenommen hatten. Trotz der großen Eile, mit der wir gereist waren, stellte sich die Dämmerung schon ein, als wir uns dem Fluß näherten. Meinen Vorschlag, auf dem linken Ufer zu übernachten, verwarf der Herzog aus dem natürlichen Grund, weil sich kein Gras für die Tiere dort befand; ich mußte also vor dem Wagen hinab in den Fluß reiten, um die Richtung der Furt zu halten, was bei der sich schnell einstellenden Dunkelheit keine geringe Mühe kostete. Alles ging gut, bis wir in die Mitte des Stroms gelangten; verfehlte ich nun hier die Richtung, oder standen die Pferde einen Augenblick still – ich weiß es nicht; kurz, ich sah nur, daß die Räder so tief in den losen Treibsand sanken, daß nur der Kasten des Wagens noch über der Oberfläche des Wassers blieb und die Pferde mit Aufbietung ihrer ganzen Kräfte ihre Last nicht mehr zu bewegen vermochten. Wir steckten in einer schlimmen Lage, denn zu der Finsternis gesellte sich noch ein feiner Regen, der gewiß nicht dazu diente, das Unglück erträglicher zu machen. Wir verloren indessen keine Zeit mit nutzlosen Versuchen; von meinem Pferd herab spannte ich die Wagenpferde aus, der Herzog reichte mir aus dem Wagen das Leder eines indianischen Zeltes und ein Beil, worauf ich mit den Tieren meinen Weg ans Ufer suchte. Er selbst beabsichtigte, trotz der Gefahr, vollständig zu versinken oder fortgewaschen zu werden, die Nacht im Wagen zuzubringen. Ich erreichte ohne weiteren Unfall das Ufer, entledigte die Pferde sogleich ihrer Geschirre, überließ sie der Freiheit und schaute dann zurück nach dem Herzog und seinem Wagen. Pechschwarze Nacht lagerte auf dem Fluß, der Regen fiel in feinen Tropfen, aber sehr dicht; die Verbindung zwischen uns war abgeschnitten, ja wir konnten einander nicht einmal zurufen. Die durch die Nässe verursachte Kälte weckte mich aus meinem Sinnen, ich wickelte mich in das Zeltleder, warf mich auf den nassen Boden, umklammerte mit der rechten Hand den Griff meiner einzigen Waffe, des Beils, und schlief ungeachtet des Regens, der Kälte und des Hungers bald ein. Es begann schon zu tagen, als ich erwachte; meinen ersten Blick sandte ich hinüber zum Fluß, und zu meiner größten Freude stand der Wagen noch so da, wie ich ihn am Abend verlassen hatte; mein zweiter Blick galt den Pferden – auch diese waren noch vorhanden, sie weideten ruhig in der Entfernung einer halben Meile; ich faßte dann meinen eigenen Zustand ins Auge und fand, daß mich furchtbar fror; es regnete zwar nicht mehr, dafür sauste aber ein kalter Nordwind über die Ebene, der mich bis ins Mark erbeben machte. Um mich daher zu erwärmen, zog ich die Lederhülle dicht um mich zusammen, ließ nur eine kleine Öffnung für die Augen und versuchte weiterzuschlafen. Als ich so lag und meine Blicke in die Ferne, und zwar am Strom hinauf, richtete, glaubte ich auf der Ebene eine Bewegung wahrzunehmen; ich täuschte mich nicht, denn nach einiger Zeit bemerkte ich deutlich mehrere Punkte, die sich mir augenscheinlich näherten. Lange blieb ich im unklaren, ob es Wölfe, Büffel oder Indianer seien, bis ich endlich berittene Männer erkannte; daß es Indianer waren, bezweifelte ich alsdann keinen Augenblick und sah ebensowohl ein, daß wir in hilfloser Lage uns gänzlich in ihrer Gewalt befanden und nur ruhig zusehen konnten, wenn sie sich mit unseren Pferden entfernten, und von Glück noch sagen mußten, wenn sie überhaupt unser Leben schonten oder, was beinahe ebenso schlimm war, uns nicht vollständig ausplünderten und dann dem Elend überließen. Über all dies dachte ich nach, als ich, ohne meine Stellung zu verändern, die zehn oder zwölf Cheyenne-Krieger beobachtete, die auf mich zusprengten. In der Entfernung von etwa dreißig Schritt hielten sie plötzlich an und schauten aufmerksam zu mir herüber, wobei sie laut miteinander sprachen und nach dem Wagen im Fluß hinüberdeuteten. Ich kann es nicht leugnen, daß mir das Blut etwas schneller in den Adern kreiste, doch nahm ich meinerseits Zuflucht zu einer Art Kriegslist und stellte mich, um nicht aus der Ferne totgeschossen zu werden, schlafend, während ich mit der rechten Hand das Beil und mit der linken mein langes Schlachtmesser fest umklammerte. Die scharfen indianischen Augen entdeckten indessen bald, daß mein Schlaf ein verstellter war, denn als ich kaum merklich mit dem einen Auge nach ihnen hinblinzelte, fing der eine wilde Krieger laut zu lachen an, wies mit der Hand nach mir hin und sprang nachlässig vom Pferd. Ich richtete mich schnell auf und schritt auf die wilden Gestalten zu, wobei ich ihnen als Zeichen des Friedens meine Hand entgegenreichte. Jeder einzelne von ihnen erwiderte meinen Händedruck, und sie schienen meine Absicht auch vollkommen zu verstehen, als ich sie durch Zeichen dazu aufforderte, uns beim Herausschaffen des Wagens aus dem Wasser behilflich zu sein. Sie sagten mir ihren Beistand zu, drückten aber dabei den Wunsch aus, noch vor dem Beginn der Arbeit durch eine ›Tasse warmen Kaffee mit sehr viel Zucker‹ gestärkt zu werden. Ich war gezwungen, die Forderung zu bewilligen; ich bestieg daher ein Pferd und ritt zu dem Herzog in den Fluß, um zu beraten, welches Benehmen unter solchen Umständen am besten einzuschlagen sei. Den Herzog fand ich ganz wohlbehalten in seinem Wagen sitzen, den er förmlich in eine kleine Festung umgewandelt hatte; um ihn herum lagen Büchsen, Doppelflinten und Pistolen, und er selbst schien ganz und gar nicht geneigt, sein Eigentum ohne Kampf aufgeben zu wollen oder auch nur jemand außer mir bis in seine Nähe gelangen zu lassen. Ich erzählte ihm mein Übereinkommen mit den Wilden, und er fand dieses den Umständen angemessen; darauf reichte er mir Kaffee, Zucker und Kessel, und als ich dem Ufer wieder zuritt, rief er mir noch nach: ›Trauen Sie keinem Indianer, sondern seien Sie auf Ihrer Hut.‹ Als ich wieder bei den Wilden anlangte, brannte schon ein Feuer aus Büffeldung bei ihnen, und einige Minuten nachher waren alle Vorbereitungen zu einem wärmenden Kaffee getroffen. Es gibt überhaupt keine dienstfertigeren und gefälligeren Menschen wie die Indianer, wenn es ihrem eigenen Interesse gilt. So hatten sie auch bald den Mangel eines schützenden Zeltes empfunden, und als sie das alte Zeltleder da liegen sahen und erfuhren, daß auch Stützen dazu im Wagen vorhanden seien, ritt einer von ihnen in den Fluß und forderte diese vom Herzog in meinem Namen, der dann auch so freundlich war, die Bitte zu gewähren. Mit geübter Hand schlugen die unverschämten Wilden das Zelt über dem Feuer auf; bald darauf saß ich mit einem halben Dutzend der braunen Krieger in dem engen Raum zusammengedrängt und fühlte mich sehr wohl vor der wärmenden Glut und dem duftenden Kaffee; die Friedenspfeife kreiste, fand ihren Weg aus dem Zelt, wo diejenigen zusammengekauert saßen, die innerhalb des Obdachs keinen Raum mehr fanden, dann kehrte sie zurück und machte wieder die Runde, bis der Kaffee endlich fertig war. Alle fanden Geschmack an dem schwarzen Getränk; eine neue Auflage wurde gewünscht und verabreicht, worauf ich mit der Verhandlung über die in Aussicht stehende Arbeit begann. Auf ganz verbindliche Weise gaben mir die Indianer indessen zu verstehen, daß es noch viel zu früh sei, an dergleichen zu denken, und daß ich nur vorher jedem von ihnen eine Handvoll Kaffee und zwei Handvoll Zucker geben möge; eine Forderung, die zu erfüllen unser ganzer Vorrat nicht ausreichend gewesen wäre. Ich versprach indessen mein Möglichstes zu tun, wenn der Wagen erst auf dem Ufer stehe, doch fand das wenig Anklang bei meinen Gästen; mit unerschütterlicher Ruhe blieben alle in der gemächlichen Lage, und als sie meinen wachsenden Unmut bemerkten, hielten sie mir, um mich zu trösten, einigemal außer der Reihe die Pfeife hin. So schmeichelhaft diese Ehrenbezeigung auch war, so beruhigte mich diese doch nicht im geringsten, und immerfort klangen mir des Herzogs Worte in den Ohren: ›Trauen Sie keinem Indianer.‹ Wären wir nicht so viele hundert Meilen von den ersten Ansiedlungen entfernt gewesen, so hätte ich die komische Seite unserer Lage vielleicht mehr ins Auge gefaßt, denn da saß ich gleichsam als Gast im eigenen Zelt bei der wilden Rotte, trank Kaffee und wärmte meine Glieder, während der Herzog mitten im Fluß hielt und seine Geduld über die lange Verzögerung erschöpfte. Allerdings machte ich zweimal den Versuch, einen Indianer mit einem Gefäß voll des wärmenden Trankes zu ihm hinüberzusenden; der Auftrag wurde auch mit der größten Bereitwilligkeit übernommen, jedoch nur insoweit ausgeführt, daß der Bote aufstand, mit den Zeichen des größten Wohlbehagens den Kaffee austrank und mir mit freundlicher Miene die leere Schale zurückgab. Ich muß gestehen, daß soviel Unverschämtheit und grobe Rücksichtslosigkeit meinen Unmut in eine Art Verzweiflung verwandelte, denn nirgends sah ich einen Ausweg aus dieser peinigenden Lage. Ich stieß die mir dargebotene Pfeife zurück, zu welcher Beleidigung man nur lachte, begab mich aus dem Zelt und stellte abermals mit den ernstesten Gebärden meine Forderung an die Wilden. Infolge davon entstand eine kleine Bewegung unter ihnen, die indessen nur den Zweck hatte, daß einer der außerhalb kauernden Burschen ins Zelt kroch, dort meinen Platz einnahm und es mir überließ, mich im Freien, so gut wie es mir beliebte, einzurichten. Jetzt war ich aufs höchste erbittert, ich schmähte die ganze Gesellschaft in deutscher, französischer und englischer Sprache, doch auch dadurch entlockte ich nur einzelnen ein beifälliges Kopfnicken, der beste Beweis, daß ich nicht verstanden wurde. Einmal glaubte ich schon zu meiner größten Genugtuung, daß es mir gelungen sei, mich in gutem Deutsch verständlich zu machen, denn einer der Wilden bemühte sich mit dem lächerlichsten Ausdruck, den ihm beigelegten Titel ›Flegel‹ zu wiederholen, doch bemerkte ich zu meinem Leidwesen, daß ihm nur der fremdartige Laut des Wortes besonders gefallen habe und er denselben seinem Gedächtnis einzuprägen suchte. Ich verwünschte den Fluß, die Prärie und alle Indianer und blickte in meiner Ratlosigkeit zum Wagen hinüber. Plötzlich fesselte ein Reiter, der sich auf den Höhen des jenseitigen Ufers zeigte, meine Aufmerksamkeit; bald tauchten noch mehrere hinter den Hügeln auf und endlich zu meiner unaussprechlichen Freude auch ein mit sechs Maultieren bespannter Wagen, den ich sogleich für die von Fort Laramie zurückkehrende Post der Vereinigten Staaten erkannte. Wie durch einen elektrischen Schlag verschwand jetzt meine Niedergeschlagenheit, und nie sah ich einen mutigeren Menschen als mich selbst, da ich die Hilfe der Weißen so nahe wußte. Ich sprang zu dem Zelt hin, riß den Vorhang auf und gab den Wilden durch unzweideutige Zeichen zu verstehen, daß sie jetzt mein Haus räumen sollten. Als sie nicht sogleich Folge leisteten, hielt ich ihnen mit lauter und gewiß recht kriegerischer Stimme eine Rede in deutscher Sprache, deren Inhalt ungefähr folgender war: ›Wenn ihr rohes Gesindel nicht augenblicklich an die freie Luft kommt, so haue ich die Stützen des Zelts um und begrabe euch unter seinen brennenden Trümmern!‹ Wenn die Wilden auch meine Worte nicht verstanden, so errieten sie doch den Sinn meines geschwungenen Beils, mehr aber wohl noch, daß irgend etwas Ungewöhnliches im Anzug sein müsse, was mich plötzlich so mutig gemacht habe, denn einer nach dem anderen wühlten sich die ungebetenen Gäste aus dem rauchigen Raum hervor. Das war meine erste Heldentat unter den Indianern; stolz blickte ich auf die wilde Bande, die sich gehorsam vor meinem Willen beugte, und wie so mancher Held des Tages dachte ich: ›Wenn doch nur ein tüchtiger Künstler hier wäre, der mich in dieser Stellung malen könnte‹; im geheimen aber wünschte ich mich von ganzem Herzen zurück zu den Fleischtöpfen östlich vom Missouri. Als die Indianer die kleine Karawane der Weißen erblickten, eilten sie zu ihren Pferden, um durch Herausschaffen des versandeten Wagens den versprochenen Lohn zu verdienen, ich schlug indessen ihre Hilfe aus, und dieselbe Antwort wurde ihnen vom Herzog zuteil, als sie zu ihm hinritten und ihre Dienste anboten. Die Post nebst den Reitern gelangte unterdessen mit geringer Mühe durch den Fluß; der Fuhrmann, die ihm vom Herzog zugesagte Belohnung im Auge, ritt mit vieren von seinen Mauleseln zurück, spannte dieselben vor unseren Wagen, und bald darauf lagerten wir uns mit den neuen Ankömmlingen zum gemeinschaftlichen Frühstück um ein tüchtiges Feuer. Die Indianer waren durch die Ankunft der Fremden um vieles bescheidener geworden und hielten sich etwas entfernt von uns; wir sorgten aber auch dafür, daß wir mit der Post, die nur einige Stunden rastete, zugleich aufbrachen. Der Weg war fest und eben, und in raschem Trab eilten die Pferde mit ihrer Last dahin. Nach kurzer Zeit hatten wir die Wilden aus den Augen verloren, bald darauf aber auch die Post, die um vieles schneller reiste als wir, und als es dunkelte und wir an der Straße unser einsames Lager aufschlugen, umgaben uns auf viele Meilen im Umkreis nur noch Scharen von hungrigen Wölfen und kleine verspätete Büffelherden.« Achtes Kapitel Ankunft der Post – Depeschen für Lieutenant Ives – Weihnachten – Zahlreiche Wölfe – Vergiften derselben – Aufbruch des Dampfbootes »Jessup« nach dem oberen Colorado – Ankunft des Lieutenant Ives – Neues Organisieren der Expedition – Peacocks Ritt nach San Franzisko – Beschreibung der Strecke des Flusses zwischen Fort Yuma und dem Golf von Kalifornien – Das Dampfboot »Explorer« – Mr. Carrol – Mr. Robinson – Die letzte Nacht in Fort Yuma – Aufbruch der Expedition – Die beiden Dolmetscher – Charakter des Stroms – Zweites Lager auf dem Ufer – Kapitän Robinsons Erzählung Infolge einer Aufforderung von Lieutenant Ives, der an der Mündung des Flusses bei seinen Beobachtungen noch einiger Hilfeleistungen bedurfte, begaben sich Bielawski und Booker nebst zwei Dienern am Tag unserer Ankunft in Fort Yuma in einem Ruderboot stromabwärts zu dem bezeichneten Punkt. Es war also von dieser Abteilung nur noch Dr. Newberry zurückgeblieben, der sich infolge einer sorgsamen Pflege sehr bald wieder erholte. Wir brachten zuweilen einen Abend im Fort zu, die Offiziere der Besatzung besuchten uns im Lager, und wir erfreuten uns auf diese Weise eines geselligen Verkehrs, so gut ihn die Gegend eben zu bieten hatte. Die Ankunft der Post auf den abgesonderten Militärstationen wird immer als ein großes Ereignis betrachtet und nicht geringe Aufregung dadurch hervorgerufen. Zivilpersonen, Offiziere und Gemeine drängen sich nach der Stelle hin, wo Briefe und Zeitungen ausgeteilt werden, und selbst diejenigen, die nichts an ihre eigene Adresse erwarten oder auch zufällig leer ausgehen, finden dort Gelegenheit, ihre Neugierde zu befriedigen, indem der eine oder der andere, den das Glück mit einer größeren Anzahl von Zeitungen bedacht hat, immer gern bereit ist, von seinen Schätzen mitzuteilen. Nachdem die Feindseligkeiten zwischen den Vereinigten Staaten und den Mormonen zum offenen Ausbruch gekommen waren, wurden die Posten mit um soviel größerer Sehnsucht erwartet, denn noch über die Neuigkeiten aus der Heimat, sogar von der eigenen Familie, schienen die Berichte vom Kriegsschauplatz fast allgemein vom »Jungen Amerika« gestellt zu werden. Wer nie durch Tausende von Meilen vom heimatlichen Boden getrennt war und sich dabei in einer Lage befand, daß er trotz der Regelmäßigkeit der Postverbindung über den ganzen Erdball die Ankunft eines Briefes als ein besonderes Glück ansehen mußte, der kann sich kaum eine Vorstellung von dem Gefühl machen, dem man anheimfällt, wenn man durch liebe, bekannte Schriftzüge, durch aufrichtige, herzliche Worte an die unzerreißbaren Bande erinnert wird, mit denen die Vorsehung den Menschen an die kleine Scholle Landes fesselte, die er in frühester Jugend als seine einzige große Welt zu betrachten gewohnt war. In dem Maße nun, wie ein vorwärtsstrebender Geist allmählich die Überzeugung gewinnt, daß für den mit eisernem Willen ausgerüsteten Menschen kein Teil der Erde unerreichbar bleibt, in dem Maße wächst auch die Liebe zu einer glücklichen, stillen Heimat, und diese Liebe wird zur sorgsamen Führerin in fremden Ländern auf unwegsamen Pfaden. An einer einsamen Stelle, wo man gegen jede Störung gesichert ist, liest man die Briefe, die durch ihren Verfasser und durch ihren Inhalt von unbezahlbarem Wert geworden sind; man vergißt, daß schon wieder Monate seit ihrer Absendung verflossen sind, und in solchen Augenblicken werden vergangene Zeiten zur frohen, oft aber auch zur wehmütigen Gegenwart. Die Briefe, die ich in Fort Yuma erhielt, waren reich an freudigen Nachrichten, doch auch nicht frei von solchen, die tiefen Schmerz verursachten; mein treuer, väterlicher Freund und Wohltäter, der Geheimrat Lichtenstein in Berlin, war gestorben; er, der mit soviel Teilnahme mir im Geist auf meinen Reisen folgte; er, der sich zu meiner glücklichen Heimkehr ebenfalls gefreut haben würde, lebte nicht mehr. Schon seit Monaten war er tot, doch an seinem Grab hätte ich ihn nicht tiefer betrauern können als unter den dichten Weiden auf dem Ufer des Colorado. Kurz vor Weihnachten und um die Weihnachtszeit herum bot das Lesezimmer auf Fort Yuma, wie immer gleich nach der Ankunft einer Post, einen ungewöhnlichen Anblick durch die in diesem fortwährend versammelte Gesellschaft, die sich in die zwei Monate alten Tagesneuigkeiten vertieft hatte. Man hörte nichts als das Knittern der riesenhaften amerikanischen Zeitungsblätter, zuweilen einen Ausruf der Verwunderung, dem alsdann gewöhnlich die Vorlesung eines wichtigen Artikels folgte. Zum Beispiel: »Der Vereinigte-Staaten-General Johnson steht mit fünfzehnhundert Mann in der Nähe des Salzsees; Gouverneur Young von den Mormonen hat den General aufgefordert, sich zurückzuziehen, widrigenfalls er ihn mit seiner ganzen Macht angreifen würde.« – »Ein Train von sechsundachtzig Wagen, die mit Provisionen für den General Johnson beladen waren, ist von den Mormonen abgeschnitten und verbrannt worden.« – »Die Mormonen beabsichtigen eine starke Heeresabteilung den Colorado hinunterzuschicken, um eine Verbindung mit dem Staat Sonora offen zu erhalten.« – »Es wird angenommen, daß die Mormonen, im Falle sie vom Utah-See vertrieben werden, sich nach Sonora zurückziehen werden.« Dieser Art waren die Nachrichten, die uns alle so sehr interessierten, und vorzugsweise deshalb, weil wir nicht wissen konnten, inwieweit dieselben Glauben verdienten. Ich kann es nicht leugnen, daß wir an dem wirklichen Aufbruch unserer Expedition, oder wenigstens an der glücklichen Beendigung derselben, zu zweifeln begannen, und dies noch um so mehr, als mit derselben Post wichtige Depeschen von der Regierung in Washington für Lieutenant Ives angekommen waren, die ihm, wo er sich auch immer befinden möge, unter allen Umständen nachgesandt werden sollten. Lieutenant Ives befand sich aber noch an der Mündung des Flusses, weshalb wir auf die Lösung unserer Zweifel nicht vor seiner Ankunft in Fort Yuma rechnen konnten. Eins der beiden bei Fort Yuma liegenden Dampfboote wurde sofort dem Kommandeur des Postens, Lieutenant Winder, von den Eigentümern zur Beförderung der Depeschen zur Verfügung gestellt, und wie sich von selbst versteht, wurde das Anerbieten nicht zurückgewiesen. Lebensmittel wurden schnell an Bord gebracht, und schon am folgenden Tag nach dem Eintreffen der Post verließ der Dampfer »Colorado« Fort Yuma, um an die Mündung des Flusses zu eilen. Wir alle waren sehr gespannt auf die Ankunft des Lieutenant Ives, doch konnten wir, selbst im glücklichen Fall, derselben nicht vor Ablauf von vierzehn Tagen entgegensehen. Unser häusliches Stilleben, wie wir jene Zeit scherzweise nannten, wurde daher für lange durch nichts Außerordentliches unterbrochen. Der 24. Dezember war endlich da; Dr. Newberry hatte zur Feier des Weihnachtsabends zu einer Bowle eingeladen; da aber meine kaum überstandene Krankheit die größte Vorsicht von meiner Seite erforderte, um nicht abermals durch einen Rückfall ans Bett gefesselt zu werden, so mied ich die Gefahr und blieb zurück, während meine Gefährten sich alle zum Fort begaben. Koch und Aufwärter ließ ich ebenfalls ruhig ihrem Vergnügen nachgehen, und ich befand mich auf diese Weise mit Grizzly allein in dem einsamen Lager. Es war ein Abend, so still und so schön, daß ich ihn nie wieder habe vergessen können. Über den schwarzen Massen der Weidengebüsche, deren dunkle Schatten einen schmalen Streifen des Spiegels des Colorado bedeckten, hing, hell wie eine schüchterne Sonne, die runde Scheibe des Mondes, mit mildem Licht das tiefblaue Firmament überziehend und den Glanz der Mehrzahl der Gestirne gleichsam verdrängend. Es war eine schöne, eine prachtvolle Verteilung von unbestimmtem Licht und Schatten; wie matte Versilberung schimmerten die beleuchteten Punkte und Gegenstände, während auf der anderen Seite nur die Umrisse der dunklen Massen sich auszeichneten und es der Phantasie freistellten, sich mit Bildern reicherer Zonen zu umgeben. – Der Wüsten einziger Schmuck ist die Sternennacht, wohltätig kleidet sie in Schatten, was das Auge unsanft berühren könnte, und zieht den Blick aufwärts, wo ein weises Walten sich kundgibt in der genauen Befolgung streng vorgeschriebener Gesetze. An diesem Abend erschien mir der Colorado nicht wie ein Wüstenstrom, sondern wie ein Fluß, der sich mutwillig zwischen üppig bewaldeten Ufern dahindrängte. Die Ruhe, die auf der ganzen Gegend lag, wurde nur selten von dem heiseren Ruf eines einsamen Uhus oder von dem Geheul fern jagender Wölfe unterbrochen; dagegen verriet der Colorado unausgesetzt durch verstärktes und schwindendes Gemurmel das eigentümliche Wirken in seiner Tiefe. Wie spielend bauten die sandreichen Fluten kleine Bänke auf und rissen sie im nächsten Augenblick wieder mit sich fort, wodurch auf der Oberfläche des Wassers mit plätscherndem Geräusch trichterförmige Wirbel entstanden, die ihre Wellen nach allen Richtungen sandten, den glatten, beweglichen Spiegel weithin kräuselten und in demselben den bleichen Widerschein des Mondes zittern machten. Wie die Weihnachtstage die ersten Jahrestage sind, welche das Kind seinem Gedächtnis einzuprägen vermag, so hält auch der Mann dieselben noch immer gern fest, und zwar weniger aus Gewohnheit, als um auf denselben wie auf den Sprossen einer Leiter im Geist von Jahr zu Jahr in längst vergangene Zeiten zurückzuwandern. So saß auch ich stundenlang vor dem Zelt und versuchte traumähnliche Bilder entschwundener Jahre mir zu vergegenwärtigen; ich achtete weder auf die Wölfe noch auf Grizzlys tapfere Angriffe gegen sie; ich saß und sann, bis aus der Ferne jubelnde Stimmen zu mir drangen und die Rückkehr meiner heiteren Gefährten verkündeten. Die Zahl der Wölfe hatte in der nächsten Umgebung unseres Lagers so sehr zugenommen, und dabei hatte sich ihre angeborene Scheu in eine solche Frechheit verwandelt, die sie vorzugsweise zur nächtlichen Stunde durch kühne Diebstähle bekundeten, daß unser Hund ihnen nicht mehr gewachsen war und ich daher beschloß, die lästigen Tiere auf einen Schlag aus unserer Nachbarschaft zu vertreiben. Wie gewöhnlich auf solchen Reisen führte ich auch damals ein Fläschchen mit Strychnin bei mir, und ich wählte dieses schnell tötende Gift als Mittel zu meinen Zwecken. Ich nahm fünf kleine Stücke Fleisch, vergiftete diese stark, befestigte sie an kleinen Stäbchen und stellte diese in einiger Entfernung vom Lager an verschiedenen Punkten auf. Als ich am folgenden Morgen die für die Wölfe so gefährlichen Stellen wieder in Augenschein nahm, überzeugte ich mich, daß zwei Stücke Fleisch verschwunden waren, daß die Tiere aber noch Kraft genug besessen hatten, sich im Dickicht zu verkriechen. Die drei übrigen Bissen ließ ich den Tag über stehen, wodurch das Gift sich wahrscheinlich mehr auflöste und die Wirkung desselben noch beschleunigte, denn als ich am darauffolgenden Morgen die Runde machte, fand ich vor jedem Stäbchen einen toten Wolf liegen und verjagte noch einen vierten, der eben angefangen hatte, einen seiner verunglückten Kameraden anzufressen. Da ich mir an diesem Tag einen weiten Spaziergang vorgenommen hatte, der mich nach dem schon längst ausgekundschafteten Lieblingsaufenthalt einer großen Ohreule führen sollte, so bat ich King, bei den Wolfsleichen zu lauern, und derselbe war auch glücklich genug, bei dieser Gelegenheit noch einen der frechen Räuber zu erlegen. Das Töten von sechs Wölfen verschaffte uns einige Ruhe, doch nur für die ersten Tage; denn als wir acht Tage später das Lager verließen, schien sich die volle Zahl derselben wieder angesammelt zu haben. Ich darf wohl nicht vergessen, einen Umstand zu erwähnen, der damals eine Art Mißstimmung in unserer Expedition hervorrief. Es hatte sich nämlich unter den Indianern das Gerücht verbreitet, daß die Mormonen schon bis zu den Dörfern der Mohave-Indianer gedrungen seien. Unter dem Vorwand, die ersten Ursachen dieser Nachrichten zu ergründen, rüsteten die Eigentümer der dortigen Dampfschiffe das in Fort Yuma zurückgebliebene Boot »Jessup« aus, bezogen vom Kommandeur des Postens Waffen und Soldaten und begaben sich in den ersten Tagen des Januar auf den Weg, um den oberen Colorado zu erforschen. Natürlich mußte ein solcher Schritt, der in größter Eile vor der Ankunft des Lieutenant Ives und unseres eigenen Dampfbootes getan wurde, Unwillen und Mißtrauen erregen, denn außer dem Umstand, daß wir von der Regierung ausgeschickt waren, nur wenige Tage später ebenfalls aufbrechen sollten und dennoch nicht imstande waren, die ersten Nachrichten über den noch so unbekannten Strom einzuziehen, ging uns auch der Reiz verloren, während der Reise selbst denken zu können, daß wir einer Straße zogen, die nie vorher von einem Europäer erforscht worden sei. Ob nun die oben erwähnte Eifersucht zwischen den Offizieren der Linie und denen vom Ingenieurcorps Veranlassung zu solchem Benehmen gab, ob der Spekulationsgeist einzelner, die am oberen Colorado das Dorado des Westens zu finden und für sich beanspruchen zu können hofften, oder der Umstand, daß Lieutenant Ives ein Dampfboot von Philadelphia mitgebracht und die Hilfe der bei Fort Yuma liegenden Dampfer ausgeschlagen hatte, Ursache war oder ob der uneigennützige Wunsch, die sich unserem Unternehmen entgegenstellenden Schwierigkeiten für uns kennenzulernen, zugrunde lag, wage ich nicht zu entscheiden. Ich weiß nur, daß die Mitglieder der Colorado-Expedition mit sehr unangenehmen Gefühlen dem Boot »Jessup« nachblickten, als es seinen Weg stromaufwärts einschlug und gerade nicht die besten Segenswünsche mit sich nahm. Mit jedem Tag wuchs unsere Sehnsucht nach dem ersten Anblick unseres Dampfbootes. Wir fingen in der Tat schon an, besorgt zu werden, wenn wir den niedrigen Wasserstand des Colorado beobachteten und das fortgesetzte Fallen des Stroms wahrnahmen. Selbst die dortigen Eingeborenen behaupteten, den Fluß noch niemals so niedrig gesehen zu haben; und wenn es auch manches für sich hat, die Schiffbarkeit eines noch unbekannten Stroms zu einer ungünstigen Jahreszeit festzustellen, so wären wir doch gewiß auf das unangenehmste enttäuscht worden, wenn wir schon kurz nach dem Beginn unserer Fahrt auf einer Sandbank das Steigen des Flusses hätten abwarten müssen. Endlich am Abend des 6. Januar erschien Lieutenant Ives unvermutet in Fort Yuma. Er hatte die Nachricht von der Abfahrt der »Jessup« erhalten und war hierdurch sowie auch durch die Depeschen von Washington veranlaßt worden, dem Dampfboot, das fortwährend mit den Sandbänken zu kämpfen hatte, vorauszueilen. Von einem Ansiedler, der einige Meilen südlich vom Pilot Knob lebte, hatte er ein Pferd geborgt, und es gelang ihm dadurch, in zwölf Stunden die Strecke zurückzulegen, zu der das nachfolgende Dampfboot beinahe noch drei Tage brauchte. Der ursprüngliche Plan unserer Reise war folgender: Zugleich mit dem Dampfboot sollte von Fort Yuma auch unsere Landexpedition aufbrechen, und beide Teile sollten soviel wie möglich immer in Verbindung miteinander bleiben. Die Befehle, die Lieutenant Ives von seiner Regierung zugegangen waren, machten indessen eine Änderung notwendig. Es hieß nämlich in den Depeschen: Das Personal der Expedition soll auf angemessene Weise verringert werden; ferner soll Lieutenant Ives das Dampfboot so stark bemannen, als zur Sicherheit desselben notwendig ist, in größter Eile den Colorado bis ans Ende der Schiffbarkeit desselben hinaufgehen, ohne Zeitverlust nach Fort Yuma zurückkehren und von dort aus seine Berichte über den Strom, mit Rücksicht auf die Benutzung desselben als Militärstraße, ausfertigen und sogleich nach Washington einsenden. Nach Beendigung dieser Arbeit soll die Expedition wieder nach dem zuerst verabredeten Plan aufgenommen und zu Ende gebracht werden. Ungefähr dieser Art waren also die neuen Befehle, die augenscheinlich in Beziehung zu dem Mormonenkrieg standen. Ich gebe übrigens zu, daß mir der Inhalt der Depeschen keineswegs genau bekannt war, daß Lieutenant Ives uns dieselben nur so weit mitteilte, als er es durfte, ohne eine Indiskretion zu begehen, und daß, wenn hier eine Abweichung von wirklichen Tatsachen stattfinden sollte, dieselbe dem Umstand zuzuschreiben ist, daß ich von dem späteren Verlauf der Expedition auf die gegebenen Verhaltungsbefehle geschlossen habe. Die Zeit bis zur Ankunft unseres Dampfbootes benutzte Lieutenant Ives also dazu, die Expedition aufs neue zu organisieren; er begann damit, unsere beiden Gefährten Brakinridge und King zu entlassen und zurück nach den Vereinigten Staaten zu senden. Zu Teilnehmern an der Dampfbootreise wählte er Bielawski, Egloffstein, Dr. Newberry und mich, wogegen Taylor und Booker Auftrag erhielten, bis zu unserer Rückkehr in Fort Yuma zu bleiben. Unserem Freund Peacock wurde die schwerste Aufgabe zugeteilt; er sollte nämlich mit Depeschen nach San Franzisko reiten, und zwar mußte er noch vor dem Abgang des nächsten Postdampfers, also vor dem 18. Januar, an jenem Ort sein. Die Aussicht, 900 englische Meilen in neun Tagen zurückzulegen – denn mehr als neun Tage waren es nicht mehr bis zum achtzehnten – , machten den fröhlichen Kalifornier fast trunken vor Wonne; er pfiff und sang und wiederholte fortwährend: »Jetzt werde ich euch zeigen, ob ein Kalifornier reiten kann.« Er löste übrigens seine Aufgabe vortrefflich, wobei ihm natürlich die genaue Kenntnis des Landes zustatten kam, die ihn in die Lage versetzte, sich mit frischen Pferden versehen zu können. Die ersten 170 Meilen ritt er, ohne den Sattel von seinem Pferd zu entfernen, und er war kaum nach Warner's Rancho gelangt, als auch sein Pferd unter ihm zusammenstürzte. Von dort ab schlug er den Weg über Los Angeles nach dem Tularetal und dem San-Joaquin-Fluß ein und erreichte San Franzisko am neunten Tag seiner Reise, nachdem er nur zwei Pferde zuschanden geritten hatte. Von San Franzisko begab er sich nach Erledigung seiner Aufträge zu Wasser zurück nach Los Angeles und kam in Fort Yuma rechtzeitig an, um das Kommando über den uns nachfolgenden Train wieder übernehmen zu können. Lieutenant Ives hatte an der Mündung des Colorado das bestätigt gefunden, was schon in früheren Jahren über diese gesagt worden ist. Ich bediene mich hier seiner eigenen Worte: »Die Region an der Mündung des Colorado besteht aus einer flachen Anhäufung von Morast. Die Uferlinien und die Kanäle, zwischen denen Schiffe aus dem Golf in den Fluß gelangen, sind einer fortwährenden Veränderung unterworfen, und Bänke, Untiefen und Inseln, die aus einer halbflüssigen Masse bestehen, befinden sich in einem beständigen Wachsen und Schwinden. Auf dreißig Meilen oberhalb der Mündung ist die Schiffbarkeit des Stroms zeitweise durch die Stärke und Größe der Flut sehr gefährlich. Diese hat eine Erhebung und einen Fall von fünfundzwanzig bis dreißig Fuß und eine außerordentlich reißende Strömung. Der Flut vorauf eilt eine mächtige Woge, die eine Höhe von vier bis sieben Fuß erreicht, und der Andrang derselben ist in einzelnen schmalen Biegungen furchtbar stark und heftig, doch verliert sie ihre Gewalt in dem Grad, wie sie sich stromaufwärts bewegt, und ihre Wirkung ist in der Entfernung von dreißig Meilen kaum noch wahrnehmbar. An den breiteren Stellen des Flusses befinden sich Einschnitte im Ufer, in denen der gewaltige Andrang des Wassers nicht so sehr gefühlt wird, und an diesen Stellen können Boote so lange versteckt liegen, bis die gefährliche Woge vorbeigerollt ist. Auf den Untiefen verursacht der plötzliche Widerstand, den das hereinstürzende Wasser findet, daß es in hohen, rasch aufeinanderfolgenden Wellen übereinanderrollt. Dampfboote, die während der Flut sich der Mündung nähern, müssen sich mit der Ebbe ganz hinabbegeben und zwei bis drei Stunden nach Eintritt der Flut zurückkehren. Die taube Flut steigt und fällt mit geringer Schnelligkeit nur zehn Fuß. Zwischen dem Flutwasser und Fort Yuma sind die Haupthindernisse für die Schiffahrt die Sandbänke. Weiter aufwärts werden diese zahlreicher und hinderlicher. Der Kanal ist außerordentlich gewunden und wechselt beständig seine Richtung. Die durchschnittliche Tiefe des Flusses beträgt auf dieser Strecke ungefähr zehn Fuß, doch verstopfen Sandbänke denselben vielfach bis auf zwei Fuß. Nur durch Erfahrung allein kann man sich die Fähigkeit verschaffen, diesen Teil des Colorado mit Erfolg zu beschiffen. Eine genaue Kenntnis von der Richtung des Kanals sich anzueignen ist unmöglich, da es vorkommt, daß während einer einzigen Nacht das Wasser seinen Kanal von dem einen Ufer nach dem anderen hinüberverlegt. Von der Gestaltung der Ufer, von der äußeren Erscheinung des Wassers, von den Wirbeln, dem schwimmenden Treibholz und von den sichtbaren Inseln und Sandbänken vermag ein geübtes Auge ziemlich genau auf die einzuschlagende Richtung zu schließen; doch legen Dampfboote selten den Weg zwischen den oben genannten Punkten zurück, ohne mehrere Male des Tages auf den Grund zu laufen. Die Entfernung Fort Yumas von der Mündung des Colorado beträgt hundertsechzig Meilen.« Aus dem Umstand, daß Lieutenant Ives gezwungen wurde, die Reise des Dampfbootes zu beschleunigen, war ein Nachteil für uns erwachsen, der namentlich gegen das Ende der Expedition auf empfindliche Weise fühlbar für uns wurde. Da nämlich der kleine Dampfer bei weitem nicht imstande war, den in dem Schoner mitgeführten Proviant und die Ausrüstungsgegenstände zu fassen, so hatte Lieutenant Ives zwei große, flache Boote bauen lassen, die dazu bestimmt waren, die ganze Ladung aufzunehmen und demnächst von dem Dampfer stromaufwärts geschleppt zu werden. Infolge der empfangenen Depeschen mußten die beiden Frachtboote mit dem größten Teil ihrer Ladung zurückgelassen werden. Was man nach einer flüchtigen Übersicht für am unentbehrlichsten hielt und was auf dem kleinen Fahrzeug untergebracht werden konnte, wurde natürlich mitgenommen, alles übrige dagegen der Überwachung eines Maricopa-Häuptlings und der spätere Transport sowie die Unterbringung der Dampfschiffahrts-Gesellschaft und dem Kommandeur des Postens übergeben. Diese Leute nun suchten nach besten Kräften das Eigentum der Expedition zu retten, doch stand es nicht in ihrer Macht, die vom Wasser verdorbenen Gegenstände zu ersetzen oder die Indianer und einzelne Soldaten von der schamlosen Unterschlagung unseres Eigentums abzuhalten. Genug, es gingen uns bei dieser Gelegenheit einige wertvolle Sachen verloren, und wir betrauerten am meisten Gegenstände und Instrumente, die beim Sammeln von Naturalien durch nichts ersetzt werden konnten. Das Dampfboot »Explorer«, dessen Rauchsäule wir schon am 8. Januar in der Ferne zu unterscheiden vermochten, langte endlich am Vormittag des 9. bei Fort Yuma an, und sogleich wurde alles in Bewegung gesetzt, die Ladung, die nicht weiter mitgeführt werden sollte, in einem der Lagerhäuser der Station unterzubringen. Der Aufbruch der Flußexpedition wurde auf den 11. Januar festgesetzt, und da die Ladung der »Explorer« so leicht wie nur möglich sein sollte, so herrschte bei uns allen die größte Geschäftigkeit, von unseren Sachen diejenigen auszusuchen, die wir nicht entbehren zu können glaubten. Kleidung und Schuhzeug beachteten wir am wenigsten, da unsere Abwesenheit von Fort Yuma nicht über sechs Wochen dauern sollte, für welche Zeit auch nur ein Vorrat von Lebensmitteln für die ganze Bemannung berechnet und eingelegt wurde. Die »Explorer«, ein niedliches kleines Fahrzeug, schien den Zwecken vollkommen zu entsprechen, zu welchen es von Philadelphia bis zu diesem Punkt gebracht worden war. Der Rumpf hatte eine Länge von fünfzig Fuß, eine Breite von zehn Fuß, war vier Fuß hoch und aus starken Eisenplatten sicher zusammengefügt. Ein Verdeck hatte natürlich nicht angebracht werden können, und nur am Hinterteil befand sich ein kleiner Bretterverschlag, der sechs Fuß lang und ebenso breit und hoch war, so daß er höchstens drei mit Schreiben beschäftigten Personen hinlänglichen Raum gewährte. Diesen Bretterverschlag beehrten wir mit den Namen Kajüte. Den größten Teil des Raums in dem Boot nahm der Dampfkessel ein; dieser befand sich ungefähr in der Mitte und stand vollständig frei, nur gehalten von starken eisernen Stützen. Von dem Dampfkessel führten in der Höhe, so daß man bequem unter denselben durchschreiten konnte, zwei Dampfröhren nach den beiden Seiten der Kajüte zu den Maschinen, die das einzige große Rad in Bewegung setzten. Dadurch, daß sich das Rad am Hinterteil oder Stern des Schiffes befand, erhielt das ganze Gebäude eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Schubkarre, doch lernte ich sehr bald einsehen, daß diese Bauart von Dampfbooten auf flachen und hindernisreichen Flüssen wie dem Colorado im höchsten Grad den Vorzug verdient. Das Dach der Kajüte stand nach allen Seiten hin drei Fuß vor, wodurch eine bequeme Plattform hergestellt wurde, die in Verbindung mit dem schmalen Radkasten stand, der wiederum als Bank für Leute diente, die sich dort oben aufhielten und arbeiteten. Die Ruderstange, welche die zwei sich gleichzeitig bewegenden Steuerruder zu beiden Seiten des Rades regierte, ragte ebenfalls aus der Plattform hervor; der Steuermann hatte dadurch eine verhältnismäßig bequeme Arbeit und gewann durch seinen hohen Standpunkt einen Überblick über den sich weithin erstreckenden falschen Wasserspiegel, der nur zu viele Hindernisse barg. In den Raum zwischen dem Kessel und der Kajüte teilten sich der Heizer und der Maschinenmeister, und zwischen diesen wurden auf einem schmalen Gang, der über die ganze Breite des Bootes reichte, die Lagerequipage und den Proviant aufgestapelt. Vorn im Boot stand eine leichte Feldhaubitze; also blieb für das Heizungsmaterial nur noch der schmale Raum zu beiden Seiten des Dampfkessels übrig. Im Anfang schien es mir kaum möglich, daß unsere ganze Gesellschaft, die sich auf achtundzwanzig Mann belief, untergebracht werden könnte; doch stellte es sich später heraus, daß das Fahrzeug nicht zu überfüllt war, um zuweilen noch einige neugierige indianische Passagiere mitzunehmen. Die beiden Hauptpersonen der »Explorer« waren der Maschinenmeister Carrol und Kapitän Robinson, denn ihnen allein verdankte das jungfräuliche Fahrzeug, daß es trotz der tausendfachen Hindernisse und Gefahren, von denen es ständig umgeben war, wohlbehalten das Ende der Schiffbarkeit des Colorado erreichte und glücklich wieder zurück nach Fort Yuma gelangte. Mr. Carrol, ein ganz junger Mensch, war anerkannt tüchtig in seinem Fach, außerdem aber ein guter Gesellschafter. Als eingefleischter Amerikaner war er natürlich voll krasser Vorurteile, wodurch er während der vielen Stunden, die wir auf irgendeiner unerwünschten Sandbank zubrachten, reichen Stoff zur Unterhaltung lieferte. Er bestritt die Möglichkeit, daß unter einer schwarzen Haut eine Seele wohnen könne; er bewies das Naturwidrige einer Verbindung der weißen mit jeder farbigen Rasse und handhabte dabei seine Maschinen sowie seine Flöte, als wenn er mit beiden zusammen auf die Welt gekommen wäre; und wenn das eine oder das andere seinem Schrauben und Hämmern nicht sogleich Folge leistete, so nahm er seine Zuflucht zu derben Verwünschungen, was in seinen Augen eine gute Wirkung zu haben schien, ihm von uns dagegen den Namen »Captain Iron« (»Kapitän Eisen«) eintrug. Er war übrigens in das Stadium gelangt, in dem man sich so gern necken läßt, und stets genügten einige Bemerkungen über die schönen Bewohnerinnen von Philadelphia, um seinen Zorn, den er an leblosen Gegenständen ausließ, zu besänftigen. Philadelphia war nämlich seine Vaterstadt; er hatte von dort aus unsere kleine »Explorer« nie aus den Augen verloren und endlich die Zusammenstellung derselben an der Mündung des Colorado geleitet. Kapitän Robinson, der schon seit einigen Jahren an der Mündung des Colorado in einer Hütte lebte, war das Bild eines biederen, ruhigen Seemanns. Auf den zahlreichen Reisen, die er als Kapitän auf den Dampfbooten zwischen Fort Yuma und dem Golf zurückgelegt hatte, erwarb er sich eine so genaue Kenntnis des Charakters dieses Flusses, daß es ihm vollkommen gelang, die »Explorer« auf der gefährlichen Straße ohne Unglücksfall hin und zurück zu steuern. Er war beliebt bei der ganzen Gesellschaft, und ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß der glückliche Erfolg der Flußexpedition hauptsächlich der Ruhe, der Umsicht und der Energie des braven Kapitän Robinson zugeschrieben werden muß. Zwei Bootsleute, ein Schmied der zugleich Heizer war, und ein Zimmermann, bildeten die übrige Bemannung des Dampfbootes, das dazu bestimmt war, mit dem Stöhnen einer Dampfmaschine zum ersten Mal das Echo in den geheimnisvollen Schluchten des Colorado zu wecken. Die beiden letzten Tage in Fort Yuma waren für uns also Tage der Arbeit; niemand wollte sich mit entbehrlichen Sachen beschweren, aber auch nichts zurücklassen, was auf der Reise von Wichtigkeit hätte sein können. Es wurde gepackt, wieder umgepackt, manches zurückgelegt, manches hinzugefügt, und die Dämmerung schlich herbei, ehe man es gewahrte. Den Abend verbrachten wir im fröhlichen, geselligen Zusammensein, bei welcher Gelegenheit etwas mehr wie gewöhnlich getrunken wurde, was ich aber lediglich auf Rechnung der Sandstürme schreibe, die während des Tages den Gaumen förmlich dörrten und die Zunge fast unbrauchbar zur Unterhaltung und noch mehr zum Gesang machten. Ja, man sang auch, und zwar melancholische Heimatlieder, die eine Träne der Wehmut ins Auge lockten; man sang aber auch das Lob auf den Rheinwein, wodurch der Gedanke an die Tausende von Meilen, die uns von der Heimat trennten, weit zurückgedrängt wurde. Den Gesang begleiteten Egloffstein und Carrol auf ihren Flöten, Dr. Newberry auf der Violine und Lieutenant Ives und ich auf Gitarren – lauter Instrumente, die wir noch auf der »Explorer« unterzubringen wußten und die uns später in der leblosen Wildnis manchen heiteren Abend verschafften. Auf die Gesänge folgten Tänze, und was für Tänze! Bärtige Männer umschlangen sich mit nerviger Faust und stampften mit schweren Absätzen nach unserer taktlosen Musik, dem ewigen Yankee-doodle und dem schottischen Hornpipe. – Der Atem ging zuletzt aus, die Finger erlahmten, hoch schwang einer der im Fort Zurückbleibenden den vollen Becher, indem er uns zurief: »Wenn die Mohave-Indianer euren Skalp lüften, dann denkt an uns!« »Wenn die Mormonen euch mit eurem Fort niederbrennen, dann denkt an uns«, erhielt er zur Antwort, und der Chor fiel jubelnd mit lautem Gesang ein: »I can't stay in this wilderness, but a few days ...« Die Hände wurden gereicht, kühle Luft strömte durch die plötzlich geöffneten Türen, und jeder schritt seiner Wohnung oder seinem Lager zu. Das war die letzte Nacht in Fort Yuma. Am folgenden Morgen, dem 11. Januar, in den Frühstunden war an der Fähre die ganze weiße und indianische Bevölkerung von Fort Yuma und Umgegend versammelt; schwarzer Rauch entstieg dem Schornstein der »Explorer«, feine weiße Dampfwölkchen zischten aus den Fugen der zugedrehten Ventile, ungeduldig, in kurzen Absätzen peitschte das große Rad die lehmigen Fluten, und schrillend rief die am Kessel sinnig angebrachte Dampfpfeife: »Alle Mann an Bord!« Ein schwankendes Brett bildete die Verbindung zwischen dem Ufer und dem Boot, und über diese schwache Brücke eilten mit ihren Bündeln und Musketen die Soldaten und Arbeiter unserer Expedition. Wir standen noch auf dem Ufer und wechselten die letzten Abschiedsworte mit unseren Freunden, beobachteten das geschäftige Treiben der gedrängt stehenden Bemannung, die auf beste Weise ihre Glieder wegzustauen trachtete, und spendeten Lobsprüche der kleinen »Explorer«, die wie ein mutiges Streitroß ungeduldig an dem fesselnden Tau riß und ihre Flagge, die lustigen Sterne und Streifen, stolz im Wind flattern ließ. »Auf Wiedersehen«, hieß es endlich; der langbärtige Kapitän Robinson ergriff das Steuerruder; die Kommandos »Alle Mann an Bord!« und »Los das Tau!« erschallten; die Strömung führte das Fahrzeug vom Ufer der Mitte des Flusses zu, Mr. Carrol öffnete auf des Kapitäns Befehl die Ventile der Dampfröhren, das Rad tauchte seine Speichen der Reihe nach in die Fluten, wälzte sich schneller und schneller um die drehende Achse, weißer Schaum bildete sich vor dem Bug des Schiffes, und dahin zogen wir einem unbekannten Ziel entgegen. »Hurra!« riefen die am Ufer Versammelten; »Hurra!« antwortete die Expedition, und dreimal wurde auf beiden Seiten der Gruß wiederholt, ehe der Fort-Yuma-Felsen sich zwischen uns und unsere früheren Gefährten drängte. Als wir um den Felsen bogen, hatten wir die lange Strecke des Flusses vor uns, die man von der Höhe des Forts zu übersehen vermag und die scheinbar aus einer Reihenfolge von Sandbänken besteht, zwischen denen sich das Wasser schmale Kanäle hindurchgewühlt hat. Unser Wunsch, noch vor Abend den Blicken der vom Fort aus Nachschauenden entzogen zu werden, schien sich nicht erfüllen zu wollen; denn noch keine zwei Meilen hatten wir zurückgelegt, als der Bootsmann, der fortwährend die Meßstange in die Fluten tauchte, ausrief: »Dreieinhalb Fuß! – Drei Fuß! – Zweieinhalb Fuß!« und das Schiff, das mit seiner schweren Ladung zweieinhalb Fuß Tiefgang hatte, gleich nachher auf einer Sandbank festsaß. Der Fluß wurde darauf mittels eines leichten Ruderbootes untersucht, und als sich in geringer Entfernung wieder tieferes Wasser zeigte, wurde der Anker ungefähr zweihundert Fuß weiter nach vorn ausgeworfen und die »Explorer« über das Hindernis hinübergewunden. Es war eine schwere, langwierige Arbeit; die mehrere Stunden und alle Kräfte erforderte; dafür gewannen wir aber Zeit, uns einigermaßen auf dem Dampfboot zu orientieren und uns auf dem sehr beschränkten Raum, der für Monate unser täglicher Aufenthalt bleiben sollte, etwas bequemer einzurichten. Der größte Teil des Dachs der Kajüte wurde von Kapitän Robinson in Anspruch genommen, dessen eiserne Ruderstange in einer für unsere Füße gefährlichen Weise über die ganze Breite der Plattform hin und her fegte. Auf dem Radkasten, also hinter der Ruderstange, befand sich eine Art von Bank für vier Personen, die von dem Hydrographen Bielawsky, von Egloffstein dem Topographen, von Lieutenant Ives und zuweilen von Lieutenant Tipton, dem Kommandeur unserer Eskorte, eingenommen wurde. Vor dem Revier von Kapitän Robinson befand sich ein fünf Fuß breiter freier Raum, der ebenfalls über die ganze Breite reichte; diesen nun erklärten Dr. Newberry und ich für unser Reich. Dort lagen und standen außer den Waffen der Soldaten und einigen Instrumenten die Apparate und Koffer, die zu unseren Sammlungen bestimmt waren. Wir selbst fanden bequemen Platz auf den Kisten und hatten dort stets unsere Zeichen- und Jagdgerätschaften in der Nähe; und bei der freien Aussicht, die sich uns von dort aus bot, hatten wir fast unausgesetzt Gelegenheit, von dem einen oder dem anderen Gebrauch zu machen. Unten im Boot selbst, auf dem angehäuften Brennholz, auf den Wänden des Fahrzeugs und sogar oben auf dem Dampfkessel, saßen, lagen und kauerten die Soldaten, Bootsleute, Diener und Indianer. Alle außer den wackeren und gewandten Bootsleuten zeigten in ihren Mienen unverkennbare Zufriedenheit darüber, daß es ihnen vergönnt war, den größten Teil der Zeit in süßem Nichtstun hinzubringen. Die auffallendsten Gestalten in diesem Haufen waren ein Diegeno- und ein Nyma-Indianer, die uns als Dolmetscher auf der abenteuerlichen Fahrt begleiteten. Maruatscha, der Nyma, war ein hochgewachsener, stämmiger Yuma, der vertraut war mit allen Mundarten der am Colorado lebenden Eingeborenen und daher imstande, zwischen diesen und uns zu vermitteln, indem er sich mit dem Diegeno-Indianer Mariando in der Yuma-Sprache einigte und letzterer sich wieder der spanisch-mexikanischen Sprache bediente, um sich uns verständlich zu machen. Maruatscha stand unter den Eingeborenen im Ruf eines großen Redners, eines talentvollen Sängers und vor allem eines gefürchteten und anerkannten »Löwen«, dem keine Indianerin am Colorado zu widerstehen vermochte. Die Reise mit uns schien ihm sehr gelegen zu kommen, indem er schon längst, wie Mariando versicherte, den Entschluß gefaßt hatte, zwei seiner weiter nördlich lebenden Frauen zu besuchen. Mariando, ein stiller, freundlicher Indianer, der schon den gesetzteren Jahren angehörte, verband mit der seiner Rasse eigentümlichen Schlauheit eine gewisse Ehrlichkeit und Empfänglichkeit des Gemüts, die ihn bald bei allen beliebt machten und weit über sämtliche dortigen Eingeborenen, in unseren Augen aber auch über die rohen amerikanischen Soldaten, stellten. Beide Indianer hielten treu zu uns und leisteten uns durch ihre genaue Verdolmetschung die wesentlichsten Dienste. Endlich gelangte die »Explorer« wieder in tiefes Wasser und glitt mit voller Dampfkraft dahin. Doch nur von kurzer Dauer war unsere Freude; nach Zurücklegung von etwa zwei Meilen erschallte abermals das verhängnisvolle »Two feet and a half!«, und wir saßen auf einer neuen Sandbank fest. Das Winden und Heben wollte gar kein Ende nehmen, und erst gegen Abend erreichten wir gutes Fahrwasser am rechten Ufer, wo wir anhielten, um zum letzten Mal nahe dem Fort zu übernachten. Zelte und Lagergeräte wurden ans Ufer gebracht, trockenes Treibholz lag in Massen umher, und als es dunkelte, beleuchteten helle Feuer die schwarzen Umrisse der ruhenden »Explorer« und die in Gruppen beisammen sitzenden Leute. Die Erfahrungen des ersten Tages unserer Reise konnten nur sehr gering genannt werden, denn wir befanden uns in der Mitte der Landschaft, die wir so oft von den Höhen des Forts aus übersehen hatten, und in gerader Richtung, kaum vier Meilen vom Fort selbst; wir waren umgeben von feuchtem, schlammigem Boden, dessen Einförmigkeit allein von den Haufen des Treibholzes unterbrochen wurde. Auf dem linken Ufer erblickten wir den ebenso einförmigen Streifen einer Weidenwaldung, vor uns dagegen lag, uns gleichsam lockend, die tief gekerbte Reihe der Dome Mountains. Die Nacht war klar, aber kalt, und tüchtiges Feuer war erwünscht, als wir uns am frühen Morgen des 12. Januar zur Weiterreise rüsteten. Glücklicher als am vorhergehenden Tag, legten wir, ohne auf Hindernisse zu stoßen, eine bedeutendere Strecke zurück, und die »Explorer« wollte eben das rechte Ufer verlassen und, dem Hauptkanal folgend, sich nach dem linken Ufer hinüberziehen, hinter dem uns zum ersten Mal die Aussicht auf Fort Yuma entzogen worden wäre, als ein junger Indianer aus dem dichten Weidengebüsch brach und uns unter lautem Schreien ein kleines Paket zeigte. Das Ruderboot wurde bemannt, der Indianer an Bord gebracht, und es stellte sich zu aller Freude heraus, daß unvermutet am vorhergehenden Abend eine Post auf der Station eingetroffen war, die einen reichen Schatz von Briefen und Zeitungen für uns mitgebracht hatte. Den indianischen Boten behielten wir bei uns, um ihn am gleichen Tag noch wieder mit Briefen zurücksenden zu können. Die »Explorer« verfolgte unterdessen ihre Straße, und kaum eine Stunde nach Empfang der Briefe saßen diejenigen, welche nicht durch besondere Arbeiten gefesselt waren, an verschiedenen Punkten auf der Plattform und schrieben, trotz des Zitterns und Bebens, das die unermüdlichen Maschinen erzeugten, die ersten Briefe auf den lehmfarbigen Wellen des Colorado. Um die Mittagszeit wurde an einer geeigneten Stelle Holz eingenommen, der Indianer zu gleicher Zeit entlassen, und die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich wieder der Umgebung zu, die sich indessen nur wenig von der am vorhergehenden Tag unterschied. Die Wüste in Form einer sich nach dem Fluß zu senkenden Kiesebene engte das Tal abwechselnd ein und verriet schon durch ihre Vegetation die Beschaffenheit ihres Bodens. Artemisien, Kreosotpflanzen und Greasewood oder Talgholzpflanze – so genannt wegen der Schnelligkeit, mit der sie vom Feuer verzehrt werden, und die vorzugsweise auf nahrungslosem Boden gedeihen – bildeten kleine Gruppen auf der Ebene selbst, während in den vom Wasser ausgehöhlten Spalten die höheren Kronen der Mesquitebäume und blätterarmer Dornbäume emporragten und Weiden strichweise den einzigen Schmuck der Ufer des Stroms bildeten. Schöngefiederte Pelikane sonnten sich träge auf den Sandbänken; weiße Reiher saßen wie sinnend auf den zahlreichen Treibholzklippen (Snags) umher, Kraniche segelten in langen Reihen durch den klaren Äther und erfüllten die Lüfte mit ihrem durchdringenden Geschrei, während die blauen Reiher regungslos im seichten Wasser auf ihre Beute lauerten und grünschillernde Kormorane vor dem heranbrausenden Dampfer aufflogen, in einiger Entfernung vor diesem sich wieder auf dem Wasserspiegel niederließen, um sich nach kurzer Zeit von neuem verscheuchen zu lassen. Wir legten an diesem Tag fünfzehn Meilen zurück und stießen erst zur späten Nachmittagsstunde auf Hindernisse ernsterer Art, die uns veranlaßten, früher, als es unter günstigeren Umständen geschehen wäre, unser Tagewerk für beendet zu erklären. Das rechte Ufer war uns am nächsten, das Wasser an diesem tief, der Kapitän steuerte daher die »Explorer« darauf zu, und bald darauf waren unsere Leute damit beschäftigt, zwischen den gedrängt stehenden Weiden eine Stelle zu unserem Lager zu säubern. So klar und schön das Wetter war, so machte sich doch der Januar auch schon in diesen Breiten sogar während des Tages bemerkbar. Tüchtige Feuer, welche die Annehmlichkeiten des Lagerlebens erhöhen, knisterten daher vor jedem Zelt, und diese zu unterhalten wurde uns nicht schwer, da uns ein wahrer Überfluß an leichtbrennendem, trockenem Holz umgab. Kapitän Robinson, der während des Tages stets so wortkarg war und für nichts als für die sichere Fahrt unseres Dampfbootes Sinn zu haben schien, taute förmlich auf, wenn er mit uns im Kreise saß; er wurde fröhlich und gesprächig, und gern ließ ich mich mit ihm in eine Unterhaltung ein, die bei seinem klaren Urteil und bei seiner Kenntnis des dortigen Landes nur belehrend für mich sein konnte. Wir sprachen an diesem Abend von den dortigen Eingeborenen und verglichen die Indianer des Gila- und des Coloradotals mit einzelnen Stämmen des Ostens, die schon längst von den Weißen verdrängt wurden und die jetzt gleichsam die Schutzmauer gegen die wilden Prärie-Indianer bilden. Natürlich fiel das Urteil zugunsten der letzteren aus, doch wurde auch hervorgehoben, daß es bis jetzt noch nicht möglich sei, genau zu entscheiden, was für Fähigkeiten in den zuerst erwähnten Nationen schlummern. »Ganz abgesehen davon«, sagte Robinson, »daß auch unter einer roten Haut ein Gentleman verborgen sein kann, glaube ich doch kaum, daß jemals ein Yuma- oder Mohave-Indianer ein weißes, wohlerzogenes Mädchen so weit zu fesseln imstande wäre, daß sie ihn zu ihrem Gatten wählte, was doch besonders in neuerer Zeit mehrfach in den Vereinigten Staaten am Missouri und Mississippi vorgekommen ist. Freilich sind auch dort Fälle bekannt, die man am Anfang für unglaublich hätte halten müssen; doch die Liebe vermag viel«, fügte er mit einem vielsagenden Lächeln hinzu, als ob er diese Behauptung ganz bequem durch Mitteilung eigener Erlebnisse bekräftigen könne. »Es ist nun schon eine Reihe von Jahren her«, fuhr er fort, »als das Arkansas-Territorium als Staat in die Union aufgenommen wurde. Schon vor dieser Zeit lebten eine Menge Ansiedler in der Gegend von Little Rock, dem jetzigen Gouvernementssitz dieses Staates. Diese Leute waren nicht nur einfache Ackerbauer, die im Schweiße ihres Angesichts den Boden bestellten, sondern es befanden sich auch Familien unter ihnen, die Mittel genug besaßen, sich mit einem gewissen Luxus zu umgeben und zugleich ihren Kindern eine sorgfältige Erziehung und Ausbildung angedeihen zu lassen. Ein solcher Mann war Mr. Jones. Im Wald, wo hochstämmige Bäume ihn von allen Seiten umgaben, hatte er eine Sägemühle angelegt, die seinen Erwerbszweig bildete, doch floß ihm sein Reichtum auch noch aus anderen Quellen zu; er hätte es sonst gewiß nicht vermocht, sich so viele Sklaven zu halten und ein so schönes Haus zu bauen, in dem er still und zufrieden mit seiner Frau und seinen drei Töchtern lebte. Die Chickasaw-Indianer, damals noch eine wilde Nation, bewohnten ebenfalls jene Gegend; sie jagten, fischten, bekriegten ihre Feinde, und außer einigen Diebstählen kam nichts vor, was eine größere Feindschaft zwischen den Ansiedlern und ihren Nachbarn hätte veranlassen können. Mr. Jones, mehr aber noch seine Frau genossen bei den Eingeborenen ein gewisses Ansehen, nicht allein für die Geschenke, die sie an die Wilden austeilten, sondern auch für die Nachsicht, mit der sie ihnen erlaubten, ihr Haus und den Hof zu betreten. Eine natürliche Folge hiervon war, daß sich ein gegenseitiges Zutrauen einstellte, das so weit gedieh, daß einzelne der indianischen Sprößlinge mit den Kindern des Mr. Jones, dessen älteste Tochter kaum das zehnte Jahr erreicht hatte, verkehren durften. Unter der dunkelfarbigen Gesellschaft, die man am häufigsten in harmlosen Spielen mit den kleinen Mädchen erblickte, zeichnete sich besonders ein schlanker Bursche von etwa fünfzehn Jahren aus, dem man, seiner außerordentlichen Gewandtheit wegen, den Namen ›Wiesel‹ beigelegt hatte. Er übernahm gleichsam die Rolle eines Beschützers seiner kleinen weißen Gespielinnen und wachte mit einer solchen zuverlässigen Sorgfalt über diese, daß, wenn die Kinder sich vom Hof entfernt hatten, jeder im Haus sich beruhigt fühlte, wenn er Wiesel in ihrer Nähe wußte. In dem Grad, in dem Wiesel durch seine Zuverlässigkeit und durch Einbringen von Wild seine Anhänglichkeit an die jungen Mädchen zu erkennen gab, bewiesen ihm diese, und besonders das älteste, ihre Zuneigung dadurch, daß sie ihn nicht nur gut englisch sprechen, sondern auch lesen lehrten, eine Arbeit, der sich der junge Indianer mit außergewöhnlicher Geduld unterwarf. Es war ein schönes Bild, wenn man den Burschen, der sich in seinem Äußeren nur durch einen schlanken Wuchs und regelmäßigere Gesichtsbildung von den meisten seiner Stammesgenossen unterschied, in der Mitte der zarten Kinder erblickte, deren Haut neben den bronzefarbigen Zügen ihres Gefährten nur noch reiner und weißer erschien und deren sanfte, hellblaue Augen in so grellem Kontrast zu den feurigen, schwarzen Pupillen des Indianers standen. Alle bunten Bänder und kleinen Schmucksachen, deren die Mädchen habhaft werden konnten, hingen sie ihrem Liebling um, der ihnen dafür die schönsten Blumen und Vögel des Waldes zurückgab. Diese völlige Umgestaltung eines der Ihrigen rief unter Wiesels Verwandten allerdings Mißvergnügen hervor, da jedoch niemand seinen starren Sinn zu brechen vermochte und der stets phantastisch gekleidete junge Mann gewissermaßen eine Zierde des Stammes wurde, so ließ man ihn gewähren und hoffte, daß er dereinst von selbst wieder zu Gewohnheiten und Verhältnissen zurückkehren würde, für die er geboren und ursprünglich bestimmt war. Die Zeit verging unter solchen Umständen; Wiesel erreichte sein siebzehntes Jahr und verstand schon ebensogut mit der Feder wie mit der Büchse und dem Bogen umzugehen, als sich ein Umstand ereignete, der plötzlich über die ganze Zukunft des jungen Indianers entschied. Die Nation der Chickasaws beabsichtigte einen Kriegszug in das Gebiet eines feindlichen Stammes zu unternehmen, und Wiesels Verwandten schien dies die beste Gelegenheit, ihn durch Teilnahme an diesem wieder in einen vollständigen Indianer umzuwandeln. An allen Tänzen und Festlichkeiten, die, um einen guten Erfolg des verabredeten Unternehmens zu sichern, von den Chickasaws aufgeführt wurden, mußte Wiesel sich beteiligen, und der wilde Enthusiasmus der alten, erfahrenen Krieger sowie die Aussicht, durch eine kühne Tat in ihre Reihen aufgenommen zu werden, verfehlten nicht ihren Einfluß auf den Burschen, dessen indianisches Blut mit aller Wildheit zu kochen begann. Gräßlich bemalte er seit langer Zeit wieder erstmals sein Gesicht, die entblößte Brust und die Arme, und auf diese Weise kriegerisch geschmückt, eilte er zu seinen kleinen weißen Gespielinnen, um ihnen von kommenden großen Taten zu erzählen und mit seiner Kraft, seiner List und seiner Tapferkeit zu prahlen. Erschrocken wichen die jungen Mädchen vor dem entstellten Wiesel zurück, und als er sich stolz aufrichtete und mit indianischer Beredsamkeit mitteilte, daß er jetzt statt der Blumen nur noch blutige Skalpe seiner erschlagenen Feinde mitbringen würde, da wendeten die Kinder sich von ihm und riefen ihm weinend zu, daß sie nie seine blutige Hand berühren und ihn sogar nie wiedersehen wollten. Bitter enttäuscht schaute Wiesel auf seine trauernden Freundinnen, lange kämpfte er mit sich selbst und schritt dann schweigend zum nächsten Wasser, wo er seine kupfrig glänzende Haut von den entstellenden Farben reinigte. Niedergeschlagen kehrte er zu den Wigwams seines Stammes zurück, doch kaum hatte man dort seine Züge erblickt, auf denen die kriegerische Malerei fehlte, als der von Natur mutige Wiesel laut der Feigheit angeklagt und von allen Seiten beschimpft und verhöhnt wurde. Die Zauberer und Medizinmänner des Stammes erklärten indessen, daß ein böser Geist in den jungen Indianer gefahren sei und daß sie einen Versuch machen würden, denselben wieder auszutreiben; selbst Wiesel schenkte den Behauptungen der weisen Männer Glauben und unterwarf sich willig den ihm angeordneten Kuren. Er gebrauchte Dampfbäder, indem er in einen kleinen, dicht verschlossenen Behälter kroch, in welchem mittels glühender Steine und Wasser heißer Dampf erzeugt wurde; im Zustand der größten Erhitzung stürzte er sich dann ins kalte Wasser. Die Zaubertrommel wurde fortwährend in seiner Nähe gerührt und von wildem Gesang begleitet, doch nichts vermochte den kriegerischen Mut des Jünglings wieder anzufachen; der Tag des Aufbruchs der Krieger rückte heran, doch Wiesel blieb ernst und verschlossen. Endlich erklärte er seine Absicht, den Erfolg des Fastens zu versuchen, und ohne Lebensmittel oder Waffen mit sich zu führen, schritt er dem Wald zu. An diesem Abend erschien Wiesel im Haus des Mr. Jones, wo er mit der gewohnten Freundlichkeit aufgenommen wurde. Ohne Rückhalt teilte er dem Ansiedler seine ganze Lage mit und fügte zugleich die Bitte um seine Beihilfe hinzu, da er gesonnen sei, ein weißer Mann zu werden und eine Gegend zu verlassen, in der er von seinen nächsten Verwandten nur mit Spott und Hohn behandelt werde. Es bedurfte keines großen Zuredens von seiten der Mrs. Jones und ihrer Kinder; Mr. Jones hatte schon längst die Anlagen und Neigungen des jungen Indianers erkannt, und menschenfreundlich, wie er war, gewährte es ihm große Freude, einen Versuch mit den Talenten eines Abkömmlings der unglücklichen, verfolgten Rasse der Urbewohner des amerikanischen Kontinents machen zu können. Am folgenden Morgen in aller Frühe wanderte Wiesel, der den Namen Johnson angenommen hatte, am Arkansas River hinunter; er war mit Geld und Briefen versehen, und nachdem er den Mississippi erreicht hatte, wurde es ihm nicht schwer, auch seinen Weg nach Philadelphia zu finden, wohin er von Mr. Jones an einen seiner Freunde empfohlen worden war. Ich überspringe jetzt einen Zeitraum von acht Jahren«, erzählte Robinson weiter. »Acht Jahre vergingen, während dieser Zeit Wiesel beständig in brieflichem Verkehr mit seinem Wohltäter und dessen Familie blieb. Die Geldsummen, die er von dort alljährlich erhielt, wurden auf seinen ausdrücklichen Wunsch verringert und in den letzten drei Jahren endlich ganz von ihm zurückgewiesen. Manches hatte sich unterdessen geändert; die Bevölkerung im Arkansasgebiet war dichter geworden, die Chickasaws waren weiter westlich auf die Nordseite des Arkansas gezogen und begannen Viehzucht und Ackerbau zu treiben; Mr. Jones' Reichtum hatte sich noch bedeutend vergrößert, und aus der ältesten Miss Jones war eine ehrbare Frau geworden. Doch auch in Philadelphia war nicht alles beim alten geblieben, trotzdem Wiesels Briefe an seine Jugendgespielinnen und deren Antworten auf dieselben noch immer den harmlosen, kindlichen Charakter früherer Jahre trugen; denn eines Abends erschien im Haus des Mr. Jones ein feingekleideter Herr, in dessen dunkler Gesichtsfarbe die indianische Abkunft nicht zu verkennen war, dessen Wesen und Benehmen aber durchaus den gebildeten Gentleman verriet. ›Doktor Johnson‹, sprach Mr. Jones, als er den Herrn seiner Familie vorstellte, und ›Wiesel!‹ schallte es freudig zurück, als die Damen des Hauses ihren alten Bekannten herzlich begrüßten. Ein Blick überzeugte beide Teile, daß die Zeit der kindlichen Spiele längst vorüber sei, doch niemand empfand Schmerz darüber, denn da saß der einst wild geschmückte, angehende indianische Krieger als ein edel wirkendes Mitglied der zivilisierten menschlichen Gesellschaft. Dr. Johnson ließ sich in dortiger Gegend als praktischer Arzt nieder und erwarb sich bald großen Ruf. Wie lange er um die zweite Tochter des Mr. Jones freite, weiß ich nicht, mir wurde nur mitgeteilt, daß gar nicht so sehr lange nach der Ankunft des Dr. Johnson eine schöne Amerikanerin einem indianischen Gentleman ihre Hand gereicht habe. Glauben Sie nun«, wandte sich Robinson an mich, »daß einer der hiesigen Indianer jemals die Rolle des ›Wiesels‹ spielen könnte?« »Allerdings!« gab ich ihm zur Antwort. »Ich will zwar nicht von den Apachen sprechen, doch bin ich überzeugt, daß der eigentliche Charakter der ackerbauenden Stämme im Tal des Colorado im allgemeinen ebenso viele und vielleicht mehr gute Eigenschaften birgt, als die meisten Eingeborenen östlich von den Rocky Mountains aufzuweisen haben. Es ist nur ein Unglück, daß bei der ersten Bekanntschaft der Indianer mit den Weißen ihnen gewöhnlich ein schlechtes Beispiel gegeben wird und daß, wenn bessere Elemente erst dorthin gelangen, die Übel schon so tief Wurzel geschlagen haben, daß das Verdrängen derselben fast zur Unmöglichkeit geworden ist. In der Brust jedes Menschen – seine Farbe mag sein, welche sie will – liegt ein Keim zum Guten und ein Keim zum Bösen; was den einen weckt und emportreibt, tötet den anderen; nur mit dem Unterschied, daß der letztere weniger Nahrung bedarf und unter gleich starken Einflüssen üppig wuchert, während ersterer nur verstohlen langsam fortwächst.« »Sie mögen recht haben«, antwortete Robinson, »doch glaube ich kaum, daß Sie in Amerika viele finden werden, die hinsichtlich der Indianer Ihre Meinung teilen.« Neuntes Kapitel Das Winden über Sandbänke – Der weiße Ansiedler – Purple-Hill-Paß – Die schönen Aussichten – Die Kieswüste – Biber im Colorado – Musik im Lager – Brechen des Steuerruders – Der ChimneyPeak – Reise um den ChimneyPeak – Angeschwemmtes Land – Der Schläferfelsen – Red Rock Gate – Light House Rock – Porphyrpaß – Kiesebenen – Lang Range und Short Range – Indianer am Ufer – Hohe Ufer – Uferschwalben – Lager auf der Sandinsel Der Morgen des 13. Januar wurde mit Holzeinnehmen begonnen; ich benutzte daher die kurze Zeit, einen Spaziergang zu unternehmen, um mich von dem Charakter einer Reihe niedriger Felsenhügel zu überzeugen, die in geringer Entfernung über dem Schilf und den Weiden emportauchten. Der Weg dorthin war indessen so schwierig, und dichtes, verworrenes Gestrüpp hinderte dermaßen meine Schritte, daß ich nur langsam vorwärtskam und die Pfeife der »Explorer« mich zurückrief, noch ehe ich den bezeichneten Punkt erreicht hatte. Ich erkannte indessen aus der Ferne, daß die Formation, ähnlich der des Pilot Knob, vulkanischer Art war, welche Meinung Dr. Newberry, unser Geologe, bestätigte. Als ich wieder auf dem Ufer anlangte, war das Dampfboot zur Abfahrt bereit; Dr. Newberry und ich, die anerkannten Nachzügler der Expedition, nahmen unsere Plätze ein, und kurze Zeit darauf befand sich die »Explorer« vor der Sandbank an derselben Stelle, an der wir am vorhergehenden Abend aufgelaufen waren. Der Anker wurde wieder ausgeworfen, die langweilige Arbeit des Windens begann, und ich präparierte einige Vögel, die ich in der Frühe auf dem Ufer geschossen hatte. Die Seichtigkeit des Flusses erschwerte das Winden so sehr, daß Kapitän Robinson auf Erleichterung des Dampfbootes drang und die ganze Bemannung, mit Ausnahme der bei der Winde Beschäftigten, im Ruderboot ans linke Ufer sendete. Auch hier weckten einige Felsenhügel in der Ferne unsere Neugierde, so daß Dr. Newberry und ich aufbrachen, um über die mit Weiden bewachsenen Ebenen zu diesen hinzueilen. Wir gerieten indessen bald zwischen eine große Anzahl langgestreckter Lachen und morastiger Teiche, so daß wir in dem hohen Schilf nicht nur voneinander getrennt wurden, sondern uns auch glücklich schätzten, unseren Weg wieder aus dem gefährlichen Labyrinth herausgefunden zu haben; geduldig warteten wir daher auf dem sandigen Ufer auf das Flottwerden unserer Expedition. Nach harter Arbeit gelangte das Boot endlich wieder in tiefes Wasser, und während mehrerer Stunden hinderte uns trotz der vielen Krümmungen des Flusses nichts in unserer Fahrt. Wir erblickten zahlreiche Herden von Gänsen, doch gelang es uns nicht, einen der so erwünschten Braten zu erhalten, indem das Stöhnen der Maschinen die Scheu dieser vorsichtigen Vögel noch vergrößerte. Auch Indianer sahen wir hin und wieder auf dem Ufer; es waren kleine, wild aussehende Gestalten, die man auf den ersten Blick als Fremdlinge in dieser Gegend erkannte. Sie gehörten nach Mariandos Aussage zum Stamm der verräterischen Apachen, und beide Dolmetscher rieten uns, stets vor ihnen auf unserer Hut zu sein, da diese Wüstenbewohner nur zum Rauben an den Colorado gekommen seien. Zu unserer rechten Seite näherte sich die Kieswüste immer mehr dem Fluß, so daß sich zwischen derselben und den trüben Fluten nur noch ein ganz schmaler Uferstreifen befand, der spärlich mit schlanken, aber durch einen alten Brand versengten und getöteten Weidenbäumen und niedrigem, noch lebendem Gestrüpp bewachsen war. Zu unserer Linken dehnte sich der fruchtbare Boden des Tals weiter aus, und wir erblickten dort sogar Spuren einer neuen Kultur sowie am Abhang eines kleinen Hügels die flüchtig zusammengefügte Hütte eines weißen Ansiedlers. Holstedt ist der Name des Mannes, der jene Strecke kulturfähigen Bodens zu seinem Eigentum ausersehen hat und zu jener Zeit eine Anzahl von Arbeitern damit beschäftigte, Kanäle und Wasserrinnen zu ziehen, um mittels derselben auch in trockenen Jahreszeiten seinem Acker eine befruchtende Feuchtigkeit erhalten zu können. Es gehört gewiß eine bedeutende Selbstverleugnung und sichere Aussicht auf späteren Gewinn dazu, sich in so tiefer Wildnis eine Heimat zu gründen; denn es ist nicht anzunehmen, daß sich dorthin jemand zurückzieht, der mit sich und der ihn umgebenden Natur allein zu sein trachtet und in letzterer gleichsam Ersatz sucht für das, was er in der zivilisierten Heimat hinter sich zurückließ. Amerika ist aber das Land greller Widersprüche; blendende Schätze birgt die leblose Wüste; paradiesische Landstriche bleiben unbeachtet, und über dieselben hinweg zieht gleichgültig der goldgierige Mensch, um in jener sein einziges, aber verführerisches Ziel zu verfolgen. Doch auch auf dem rechten Ufer wurde das Tal allmählich verdrängt, und zwar nicht durch Kiesebenen, sondern durch hohe, imposante Felsmassen, die steil und majestätisch emporragten. Die Vegetation verschwand mehr und mehr und beschränkte sich zuletzt auf kleine Weidenwaldungen in den Mündungen der Schluchten und auf den sandigen Inseln, während die buntfarbigen Trachyt- und Porphyrmassen den eigentümlichen Anblick riesenhafter Kakteen zeigten, die teils kandelaberförmig oder einsamen Schildwachen nicht unähnlich über dem kahlen Gestein emporragten, teils wie runde Auswüchse gleichsam an den Abhängen klebten und aus der Ferne kaum von den Felsen selbst zu unterscheiden waren. Der gewöhnlich klare Himmel hatte sich an diesem Tag mit einem dichten, grauen Wolkenschleier überzogen; eisiger Wind sauste uns aus den wilden Schluchten entgegen und kräuselte das gelbe Wasser des Stroms, der sich im wilden Andrang schaumerzeugend über verborgene Felsen und Holzklippen dahinstürzte und dem Steuermann die gefährlichen Stellen verriet. Da wir auf der geringen Räumlichkeit des Dampfbootes uns weder durch Bewegung noch durch andere Mittel der empfindlichen Wirkung des eisigen Windes zu entziehen vermochten, so war es uns fast erwünscht, als wir schon gegen vier Uhr nachmittags, nach Zurücklegung von etwa zehn Meilen, durch zahlreiche Sandbänke gezwungen wurden, auf dem rechten Ufer zu landen. Wir schlugen daselbst unser Lager auf, und fanden in den ausgewaschenen Höhlen am Fuß der Berge Schutz vor der rauhen Witterung und Holz genug, um eine angenehme, wärmende Temperatur um uns zu verbreiten. Die Nacht war stürmisch und kalt; der Regen schlug schauerweise an die straffen Wände unserer Zelte; doch als ich in der Frühe des 14. Januar ins Freie trat, schwamm das ganze westliche Ufer des Colorado in Sonnenschein, während auf der Ostseite bläuliche Schatten sich lagerten und zackige Gebirgszüge phantastische Linien auf dem glänzenden Spiegel des Stroms zeichneten. Die hellroten und violetten Felswände, noch feucht vom nächtlichen Regen, schienen mit frischer Farbe überstrichen zu sein und verliehen der Landschaft durch die grellen Kontraste einen überaus lieblichen Reiz. Ich erstieg die nächste Höhe, um mir von dort aus eine Ansicht des Felspasses zu verschaffen, durch den am vorhergehenden Tag unser Weg geführt hatte und den wir, auf Veranlassung der schönen Färbung des Gesteins, mit dem Namen »Purple-Hill-Paß« belegt hatten. Wir brachen endlich auf, und es wurden, nachdem wir kaum die Mitte des Stroms erreicht hatten, die ganzen Kräfte unserer Mannschaft in Anspruch genommen, um die »Explorer« über eine Reihe von Sandbänken zu schaffen. Welcher Verlust an Zeit mit diesen rasch aufeinanderfolgenden Hindernissen verbunden war, geht daraus hervor, daß wir uns in der Frühe des vierten Tages unserer Reise erst fünfundzwanzig Meilen von Fort Yuma befanden, doch hofften wir noch immer, weiter nördlich besseres Fahrwasser zu finden, um die Reise in der uns bestimmten Zeit zurücklegen zu können. Hatte sich mir von den Höhen des Ufers aus eine herrliche Aussicht gegen Süden geboten, so stand das Bild, das sich, als wir auf den Sandbänken hielten, in nördlicher Richtung vor uns ausdehnte, demselben in keiner Weise nach. Werke von Menschenhänden, welche die getreueste Nachahmung einer bildenden Natur sind, werden als Meisterwerke bewundert; wo die schaffende Natur in ihren Formen gleichsam an den Kunstsinn ihrer edelsten Geschöpfe erinnert, da steigert sich oftmals das Erstaunen teilnahmsvoller Beschauer. Dieser Art nun war das Panorama, in das uns hineinzudrängen wir eben im Begriffe standen. Weithin dehnte sich der glanzreiche Spiegel des Stroms mit all seinen schäumenden Wirbeln und schwarzen Baumstämmen vor uns aus. Ähnlich kunstreich und sinnig geordneten Kulissen, schoben sich wilde Felsmassen, jedesmal Vorsprünge bildend, weit in die Fluten hinein und spiegelten in denselben ihre hoch aufstrebenden Wände und Türme in der ganzen Pracht einer schönen Beleuchtung. Ein schmaler Waldstreifen trennte die Felsen von den trügerischen Bildern im Wasser und umsäumte gleichsam die ausgedehnte, glatte Fläche, die durch den Widerschein des wolkenlosen Himmels im reinsten Lichtblau prangte. Durch die vergrößerte Entfernung veränderte sich stufenweise die Farbe des Gesteins der sichtbaren Punkte und ging von schönem Rot in ein unbestimmtes Violett und ein duftiges Blau über. In weiter, nebeliger Ferne tauchten neue Gebirgszüge vor uns auf, wie um uns vorzubereiten auf die beständige Abwechslung in der uns umgebenden Szenerie. Nachdem wir die Sandbänke überwunden hatten, erfreuten wir uns auf längere Zeit guten Fahrwassers und einer Umgebung, die unausgesetzt unsere Aufmerksamkeit fesselte. Erst in den Nachmittagsstunden traten die Felsen weiter zurück, und den Raum zwischen diesen und dem Fluß füllten zu beiden Seiten wieder die hohen Kiesebenen aus. Wo das Wasser der Gebirge in wildem Sturz die Wüste aufgerissen und nahe dem Strom kleine, unfruchtbare Täler gebildet hatte, erblickte man vielfach turmähnliche Überreste der Ebene, die mit ihren horizontalen Lagen von Sand, Kies und Lehm aus der Ferne kaum von künstlichem Mauerwerk zu unterscheiden waren. Nur gegen acht Meilen legten wir an diesem Tag zurück und bezogen unser Lager auf dem rechten Ufer, am Fuß der Hochebene, wo auf einem schmalen Streifen angeschwemmter Erde junge Schößlinge dicht gedrängt unter hohen, schwarzgebrannten Weiden wucherten. Den alten Brand bemerkte ich übrigens zu beiden Seiten des Colorado mit wenig Unterbrechung auf der ganzen Länge des Stroms; mir schien er absichtlich von den Eingeborenen angelegt gewesen zu sein. Ich hegte anfangs die Vermutung, daß dies geschehen sei, um die Ufer des Flusses für die indianischen Reisenden, die dort nur auf ihre eigenen Füße angewiesen sind, wegsamer zu machen; doch überzeugten mich die Pfade, die in gewisser Höhe an den Abhängen der Hügel und über diese sowie über die Gebirge hinwegführten, vom Gegenteil. Ich schließe daher, daß, wenn der Brand sein Entstehen nicht dem Zufall verdankte, die Anlegung desselben durch die Jagd veranlaßt worden ist. Zur heißen Sommerzeit bieten nämlich die Ufer des Colorado zahlreichen Hirschen einen schattigen Aufenthalt, und das Feuer kann möglicherweise als Mittel angewendet worden sein, das auf weite Strecken zerstreute Wild an gewissen Punkten zusammenzutreiben. Vor Eintritt der Dunkelheit stieg ich nach der etwa sechzig Fuß hohen Ebene hinauf; ein kurzer Marsch auf dieser entfernte den Fluß und seine Bäume aus meinem Gesichtskreis, und ich war überrascht durch die furchtbare Öde und Einsamkeit, welche dort oben um mich herrschte. Kein Strauch, kein Pflänzchen war weit und breit zu erblicken, nur eine gleichmäßige, sanfte Erhebung des Bodens gegen Westen bemerkbar, der sich als eine ununterbrochene Ebene nach allen Richtungen hin ausdehnte. Am merkwürdigsten erschien mir indessen die Oberfläche des Bodens, die sich in ihrem Äußeren kaum von einem Konglomerat unterschied. Kiesel von der Größe einer Walnuß bis zum Umfang einer Faust lagen dicht verstreut nebeneinander, und zwar nicht, als ob sie ihre Lage dem Zufall verdankten, sondern als wenn sie mit Fleiß mosaikartig aneinandergefügt und danach mittels einer schweren Walze in den Boden gepreßt wären, über den sie in gleicher Höhe emporragten. Erdreich war in den Fugen nicht sichtbar, und nur wenn man einzelne Kiesel entfernte, was in den meisten Fällen nicht ohne Mühe gelang, erblickte man feinen Sand, in dem die Form des aufgehobenen Steins genau ausgeprägt war. Die Steine selbst bestanden aus Bruchstücken von Porphyr, Basalt, Grünstein, Quarz, Achat, Jaspis, Karneol und Obsidian in den schönsten Farben, und durch den Einfluß des treibenden Sands und des waschenden Regens war das Äußere derselben so schön abgerundet und hatte eine so glänzende Politur angenommen, daß die untergehende Sonne sich in ihnen wie auf einer Wasserfläche spiegelte und die dadurch hervorgerufenen Blitze das Auge blendeten. Als ich ins Lager zurückkehrte, traf ich Kapitän Robinson damit beschäftigt, am sandigen Ufer nahe einer runden Höhle eine Biberfalle aufzustellen. Der Colorado ist nämlich reich an Bibern, doch leben sie dort nicht gesellig in Dörfern Beschreibung eines Biberdorfes siehe »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 368. wie an kleineren Strömen, sondern graben sich Höhlen in den Ufern, von denen einzelne Röhren oberhalb und andere unterhalb des Wasserspiegels ausmünden. Auf langen Strecken bemerkte ich vielfach an den steilen Lehmwänden solche einfache Biberbaue, auch zahlreiche Pfade sowie Spuren an abgenagten Bäumen und Zweigen, welche mich die Anwesenheit einer sehr großen Zahl dieser Tiere in dieser Gegend erraten ließen. Der Abend war mild und angenehm, und bis tief in die Nacht hinein saßen wir beisammen und übten uns leichte Musikstücke auf unseren Instrumenten ein. Es lag für uns ein eigentümlicher Reiz in dieser Beschäftigung, der wir mit soviel Eifer oblagen. Wir waren ja die ersten, welche geregelte Musik in diese Wildnis brachten und zum erstenmal die stumme Wüste und den verschwiegenen Fluß zu Zeugen der Ergüsse einer frohsinnigen Laune wählten. Heimatliche Klänge in der Heimat sind schön, doch im fernen, fremden Land dringen sie zum Herzen, und jeder Akkord berührt eine lang nachhallende Saite der Erinnerung. Selbst unsere rohen Soldaten schienen nicht ganz unempfindlich gegen die Musik in einer solchen Umgebung zu bleiben, denn wenn die Flammen unseres Feuers hoch aufschlugen, dann beleuchteten sie mehr als eine wilde, bärtige Gestalt, die sich lauschend hinter uns auf dem dürren Rasen ausgestreckt hatte. Der Morgen des 15. Januar war schneidend kalt, weshalb wir uns auch nicht eher zwischen unseren warmen Decken rührten, als bis Wigham, unser gelbhaariger irischer Aufwärter, den Kopf in unser Zelt steckte und mit voller Kraft seiner Stimme ausrief: »Das Frühstück steht auf dem Tisch!« Schnell rollten wir aus unseren Feldbetten ins Freie und eilten in das Ruderboot, um dort den Hauptteil der Morgentoilette zu beendigen. Kapitän Robinson sah indessen nach seiner Biberfalle und fand, daß er nicht nur einen Biber gefangen hatte, sondern daß es den Anstrengungen des gefangenen Tieres auch gelungen war, die Kette vom Pflock zu lösen und mit der Falle, die sich an dem einen Fuß desselben festgeklemmt hatte, zu entkommen. Dieser Verlust wurde um so fühlbarer, als die Stelleisen und Fallen, die ich zu meinem Gebrauch von San Franzisko aus in dem Schoner um Kap Lukas herumgeschickt hatte, an der Mündung des Flusses zurückgeblieben waren. Der Zwischenfall hatte indessen keinen Einfluß auf unseren Appetit, wir waren fröhlich und guter Dinge, und eine Stunde, nachdem wir unser Zelt verlassen hatten, bebte die »Explorer« schon wieder unter den heftigen Erschütterungen der arbeitenden Maschinen. Die Felsenketten, die sich zu beiden Seiten vom Fluß entfernten, näherten sich scheinbar in weitem Bogen wieder nördlich von uns und schlossen ein wüstes Tal ein, durch das der Strom sich uns entgegenwand. Absichtlich gebrauche ich das Wort »scheinbar«, denn die Gebirgszüge waren keineswegs zusammenhängend, und wenn auch ihre Ausläufer sich hin und wieder berührten, so glaubte ich doch abgesonderte Joche zu erkennen, die in der Richtung von Nordwesten nach Südosten ihren Weg über den Colorado nahmen. Wir legten den Weg durch das Tal, das ganz den oben beschriebenen Charakter trug, verhältnismäßig schnell zurück. Die merkwürdigen Formationen der Felsen, denen wir allmählich näher rückten, nahmen unsere Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch, daß wir weniger dem Eindruck unterworfen waren, den die Naturumgebung, die im vollen Sinne des Wortes ausgestorben schien, hervorrufen mußte. Nach einer Reise von ungefähr fünf Meilen gelangten wir endlich wieder zwischen Felsen, die den Strom stark einzwängten und daher seinen Lauf beschleunigten. Außer vereinzelten Cottonwood-Bäumen hatten wir im Laufe des ganzen Vormittags kein Holz auf den Ufern wahrgenommen; als sich daher hinter einem Felsvorsprung eine Gruppe halb verbrannter Weidenbäume zeigte, steuerte der Kapitän auf diese zu, um einen neuen Vorrat von Brennholz einzunehmen. Das Dampfboot landete gerade vor der Mündung einer Schlucht, und ich benutzte daher die Gelegenheit, einen kurzen Spaziergang ins Gebirge zu unternehmen. Ich folgte der Schlucht in ihrem sandigen Bett aufwärts, doch rückten die Felsenmassen, die teils aus metamorphosierten Konglomeraten, teils aus Porphyr und Trachyt bestanden, so dicht zusammen, daß ich zuletzt nur noch durch Springen von Stein zu Stein vorwärtskam. Ich erblickte daselbst auch große Massen von Glimmerschiefer, hin und wieder kupferhaltiges Gestein und starke Quarzadern. Die Spuren von Bären und Bergschafen fand ich im Sand frisch abgedrückt, doch blieb mir nicht Zeit genug übrig, mich jagend weiter zu entfernen. Ich beschränkte mich darauf, einigen Vögeln für meine Sammlung nachzustellen, und bereicherte sie an dieser Stelle durch mehrere schöne Finkenarten. Wir verließen den Holzplatz, und mutig arbeitete die kleine »Explorer« in dem tiefen Wasser gegen die starke Strömung. Wir hatten kaum eine Meile zurückgelegt, als bei einer Biegung des Flusses plötzlich die prachtvollen Formen des Chimney Peak vor uns lagen. Nur durch die Lage des Felsens und durch Mariandos Zeugnis konnten wir überzeugt werden, daß die ungeheuren Felsmassen, die sich kühn wie Ruinen eines turmreichen, stolzen Schlosses erhoben, wirklich der Chimney Peak seien, den wir von Fort Yuma aus als einzelne Säule wahrgenommen und bewundert hatten. Der Peak lag nicht unmittelbar am Fluß, sondern etwa fünf oder sechs Meilen weiter zurück, umgeben von vulkanischen Gebirgsmassen, die teils als runde Hügel, teils in Zuckerhutform oder als Türme und Mauern bis zu achthundert Fuß hoch über dem Spiegel des Colorado emporragten. Ich war mit dem Zeichnen der merkwürdigen Szenerie beschäftigt, als heftiges, erschütterndes Aufschlagen des Rades uns davon in Kenntnis setzte, daß ein Unfall unser Boot betroffen hatte. Das eine Steuerruder war gebrochen, und so wurden wir denn genötigt, auf dem linken Ufer zu landen und den Rest des Tages mit der Ausbesserung des Schadens hinzubringen. Ein unbequemeres Lager als an diesem Tag hätten wir kaum finden können, denn das Boot lag an einer zwölf Fuß hohen, steilen Lehmwand, nach der unsere Lagerequipage hinaufzuschaffen keine geringe Mühe kostete, und auf dem Ufer wucherte hohes Schilf mit einer solchen Üppigkeit, daß es fast undurchdringlich war und ein Weg durch dasselbe erst geschnitten werden mußte. Auf der anderen Seite der Schilfwaldung erhoben sich schroffe Felshügel, so daß wir das Gepäck und die übrigen Gegenstände eine Strecke am Fuß derselben hintragen ließen, bis sich endlich eine offene Schlucht fand, die sich einigermaßen zum Lagerplatz eignete. Etwa dreihundert Schritt oberhalb des Lagers erweiterte sich das von Felsen eingeschlossene Tal bedeutend, und ich lenkte meine Schritte dorthin, um nach Wild und Exemplaren für meine Sammlung zu suchen. Guter, zeugungsfähiger Boden bildete ursprünglich die Oberfläche dieses kleinen Winkels, doch hatten die Regengüsse nach allen Richtungen hin so tiefe Furchen gezogen und so weite Strecken mit den aus dem Gebirge herabgespülten Kieseln und Bruchstücken der Felsen bedeckt, daß das Tal für den Ackerbauer dadurch jeden Wert verlor. Ungewöhnlich kräftige Mesquitebäume beschatteten einen Teil der Ebene, deren lockerer Boden, arm an Pflanzen und Grasvegetation, hin und wieder von den weitkriechenden Ranken wilder Kürbisse bedeckt gewesen war, die, in den meisten Fällen vertrocknet, nur die gelben, apfelsinenförmigen Früchte in langen, regelmäßigen Reihen zurückgelassen hatten. Wild erblickte ich gar nicht, obgleich ich vielfach die Spuren großer und kleiner Hasen auf dem Sand wahrnahm. Ich kehrte gegen Abend ins Lager zurück und unternahm noch in Gesellschaft von Dr. Newberry und Herrn von Egloffstein die Ersteigung eines der nächsten Felsen, von dem wir eine Aussicht auf die entferntere Umgebung gewannen. Die Sonne war eben untergegangen, in orangegelbem Licht prangte der westliche Abendhimmel, und vor diesem erhoben sich, dunkelblau und scharf abhebend wie eine kunstvoll ausgeschnittene Bleiplatte, die zackigen Formen des Chimney Peak. Weithin nach Süden und nach Norden erstreckten sich die phantastischen Gebilde, während im Osten rosenfarbige Dämmerung die verworrenen Felsmassen halb verschleierte. Es war ein schöner, ein herrlicher Anblick, diese grausige Wildnis, auf der die nächtlichen Schatten mit dem letzten Abendrot gleichsam um den Vorrang zu kämpfen schienen, und wohl hatte Dr. Newberry recht, als er mit der ihm eigentümlichen Vorliebe für schöne Naturszenen ausrief: »Wie lohnt doch ein solcher Genuß für überstandene Beschwerden und Mühen, und wie schnell vergißt man, daß die Aussicht, die jetzt unser Auge entzückt, nur eine tote, starre Felsenwüste ist.« Wir stiegen wieder in die Schlucht hinab, wo Wigham schon längst ungeduldig mit dem Anrichten des Abendbrotes auf uns harrte und mürrisch versicherte, daß es nicht seine Schuld sei, wenn wir mit kalter Kost vorliebnehmen müßten. Es war dies übrigens nur ein Schreckschuß von unserem gern zankenden Iren; der Kaffee, ohne den im westlichsten Amerika und besonders in der Wildnis keine Mahlzeit denkbar ist, war siedend heiß, das den Kaffee stets begleitende fette Schweinefleisch knisterte noch am Feuer, und das frische Brot war, dank der Sorge unseres deutschen Kochs, auch noch nicht ausgekühlt. Wir speisten, wir rauchten und wickelten uns infolge des Holzmangels früher als gewöhnlich in unsere Decken. Das Steuerruder war wieder ausgebessert worden, und zur frühen Stunde rief die Pfeife der »Explorer«: »Alle Mann an Bord!« Im weiten Bogen führte der Fluß um den Chimney Peak herum, so daß wir von allen Seiten einen Blick auf ihn gewannen. Es würde mir schwerwerden, einen Punkt zu bestimmen, von dem aus der Anblick vorzugsweise einen tieferen Eindruck auf mich gemacht hätte. Ich saß auf dem Verdeck und schaute unverwandt nach den majestätischen Felsmassen hinüber, die scheinbar in jedem Augenblick ihre Gestalt veränderten oder auch sich aneinander vorbeischoben. Obgleich wir die rotbraune Farbe des Chimney Peak zu unterscheiden vermochten, so kamen wir doch nicht nahe genug, um den Charakter des Felsens genau bestimmen zu können, doch glaube ich kaum, daß nach der Beobachtung der jenen hervorragenden Punkt einschließenden vulkanischen Gesteinsarten ein Zweifel über die Formation des Chimney Peak bestehen kann. Das Wasser des Colorado war in dieser Region tief und sehr reißend, Felsblöcke ragten vielfach aus den Fluten hervor oder befanden sich so weit unter dem Spiegel des Stroms, daß ihre Anwesenheit durch Wirbel verraten wurde, und es erforderte daher die größte Aufmerksamkeit und Umsicht unseres Kapitäns, die »Explorer« sicher zwischen den vielen gefährlichen Stellen hindurchzubringen. Wir gelangten ohne weiteren Unfall durch diese Kette der Dome Mountains in ein kleines Tal, das, wie das auf der Südsee, ebenfalls eine von nackten Felsen eingeschlossene Wüste war. Mit den niedrigen Ufern begannen auch wieder die Sandbänke und das zeitraubende Winden über dieselben. Nur langsam ging deshalb unsere Reise vonstatten, und wenn wir seit unserem Aufbruch von Fort Yuma auf dem Fluß auch nahe an die fünfzig Meilen zurückgelegt hatten, so betrug die Entfernung von diesem Punkt in gerader Linie kaum halb soviel. Der Aufenthalt auf dem Dampfboot wurde durch die rauhen West- und Nordwinde keineswegs angenehm, und obgleich erst seit einigen Tagen unterwegs, blickten wir doch oft sehnsüchtig nach den Ufern hinüber, und nie mehr, als wenn wir auf dem Sand stundenlang festsaßen und der aufmunternde Ruf der beschäftigten Leute mit dem Geräusch der in kurzen Absätzen arbeitenden Maschinen abwechselte und die Kommandoworte des Kapitäns dazwischenschallten: »Turn her back! Stop her! Go ahead! Slow!« Kommandos für den Maschinenmeister: »Laß die Maschine rückwärts arbeiten! Laß sie stillstehen! Vorwärts! Langsam!« Wir kamen indessen immer wieder los und auch von der Stelle, doch konnten wir häufig des Abends von unserem Lager aus noch den Punkt übersehen, den wir am frühen Morgen verlassen hatten. Am Abend des 16. Januar schlugen wir auf dem linken Ufer unser Nachtlager auf. Ein schmaler Waldstreifen, hauptsächlich aus Weiden und Pfeilholz So genannt, weil die geraden Zweige dieses weidenähnlichen Strauchs von den Eingeborenen zu Pfeilschäften verwendet werden. bestehend, trennte die sandige Ebene, die sich weithin gegen Osten ausdehnte, von dem hohen, sandigen Ufer. Der Colorado hatte die Merkmale seines verschiedenen Wasserstandes deutlich an der nachgiebigen Uferbank zurückgelassen und diese treppenförmig ausgewaschen; ohne Mühe konnten daher die Zelte auf einer Stelle gerichtet werden, die durch den Schutz der Bäume und den trockenen Boden den Vorzug verdiente. Ich nahm meine Jagdgerätschaften, drängte mich durch den schmalen Saum der dicht verwachsenen Weiden und Ranken und eilte auf die Ebene hinaus, um noch einen Hafen für unsere Küche zu suchen. Ganz verschieden von den Kieswüsten, die ich schon oben beschrieb, fand ich diese mit Artemisien und niedrigen Dornen dicht bedeckt; der Boden schien angeschwemmtes Land zu sein, auf dem die losen und leichteren Bestandteile in kleine Hügel zusammengeweht waren, während die eigentliche Fläche, aus festem Schlamm und fetter Erde bestehend, zahlreiche Risse – die untrüglichen Beweise neuerer Überschwemmungen – zeigte. Auf einigen der Hügel fand ich Topfscherben, doch erkannte ich diese leicht als Überreste einer Art Gefäße, deren sich noch heute die Indianer des Tals des Colorado zum Aufbewahren ihrer Kornvorräte bedienen. Es ist wohl anzunehmen, daß auf derartigen Stellen die Eingeborenen sich nach den Frühjahrsüberschwemmungen auf einige Zeit niederlassen, um, ähnlich den Bewohnern des Niltals, Wenn ich mich zu diesem Vergleich veranlaßt fühlte, so bezieht sich derselbe eben nur auf die Handlungsweise der verschiedenen Völker; denn die unerschöpfliche Fruchtbarkeit des Nilschlamms gestattet keinen Vergleich mit dem sandigen Absatz des Colorado, der, ungeheuren, größtenteils nackten Felsenregionen entströmend, nur wenig mehr befruchtende Bestandteile mit sich führt, als das aufgelöste Gestein bietet. auf dem frisch befruchteten Boden schnelle und sichere Ernten zu erzielen, wobei die aufgeweichte Erde den die Bequemlichkeit liebenden Kindern der Wildnis bei ihrem Mangel an zweckmäßigen Ackergerätschaften bedeutend zu Hilfe kommt. Der Erfolg meiner Jagd war nur sehr gering, ich erlegte einige Rebhühner, außer diesen einen Spottvogel und einen Neuntöter. Auch Wildspuren erblickte ich, doch rührten diese von Bergschafen her, die nur an den Fluß und wieder zurück ins Gebirge geeilt waren. Der Morgen des 17. Januar war kalt und unfreundlich, der Himmel trüb, und trüb nahm sich die schattenlose, einfarbige Wüste aus; kräftig arbeitete die kleine »Explorer« stromaufwärts, Meile auf Meile legte sie in dem auffallend guten Fahrwasser zurück und führte uns bald wieder zwischen Felsen, die durch ihre Formen die Aufmerksamkeit eines jeden fesselten. Schwarze Basaltmassen ragten anfänglich nur in geringer Höhe über den Pappeln und Weiden des Ufers empor, doch schienen sie zu wachsen in dem Maße, als wir uns nördlich bewegten, bis sie sich an die hundertundfünfzig Fuß hoch über den Spiegel des Stroms erhoben. Dort befand sich eine Gruppe in so merkwürdige Form zusammengedrängter Hügel, daß wir bei deren Anblick einen Ausruf des Erstaunens nicht zu unterdrücken vermochten. Da lag nämlich auf felsigem Ruhebett, Kopf und Rücken auf bequeme Weise anlehnend, die furchtbare Gestalt eines fest schlummernden Riesen. Sein Haupt bedeckte scheinbar wolliges Haar, die Augen waren dicht geschlossen, und mit dem Zeichen der größten Behaglichkeit neigte sich das Kinn auf die hohe Brust. Er lag auf dem Rücken mit auf der Brust gefalteten Händen, die Knie waren etwas erhoben, und aufwärts zeigten die Spitzen seiner Füße. Ein weites Gewand oder eine Decke schien den trägen Schläfer zu verhüllen, doch konnte man gleichsam durch diese Hülle hindurch den riesenhaften, aber regelmäßigen Bau der Glieder erraten. So lag der Riese da und schlief, so hatte er dagelegen und geschlafen seit Tausenden und aber Tausenden von Jahren, und so wird er ruhen, bis ein mächtiger Wille ihn dereinst zertrümmert. Voller Verwunderung schaute ich auf das merkwürdige Gebilde von leblosem Stein, und unwillkürlich versank ich in Betrachtungen. »Ist dieser Schläfer das Bild einer am Colorado noch schlummernden Zivilisation? Nein, gewiß nicht, denn die Zivilisation wird auch dort, und zwar mit den Geißeln eines ewig hadernden Menschengeschlechts, geweckt werden, der Riese aber wird ruhig weiterschlafen! Oder ist er vielleicht das Bild der Urbesitzer des Landes, die nationenweise einem ewigen Schlaf in die Arme geschleudert werden und kaum in der Geschichte der Völker einen Platz finden? Ja, was die meisten der jetzigen Bewohner des großen Kontinents für entwürdigend halten, das scheint hier die Natur selbst getan zu haben: sie schaffte in dem ewig schlafenden Riesen ein vielsagendes Denkmal einer bald vollständig untergegangenen Rasse. Auf den Trümmern hingeopferter Nationen entstehen neue Geschlechter, vielfach die Fähigkeiten und Neigungen ihrer Vorgänger entstellend!« So dachte ich, als das Boot sich immer weiter entfernte, das Bild des Schläfers sich verschob und zum formlosen Steinhaufen entstellt wurde. Eine kurze Strecke hinter dieser Stelle wurde das schwarze Gestein wieder durch rote Felsmassen, vorzugsweise Porphyr, ersetzt, welche sich bis zu einer Höhe von 130 Fuß senkrecht aus dem Wasser erhoben. Dieser Punkt erhielt den Namen »Red Rock Gate«, doch bildeten die Felsen, wie man vielleicht aus dem Namen »Rotes Felsentor« schließen könnte, keineswegs zusammenhängende Mauern, sondern imposante Gruppen standen, durch kurze Zwischenräume getrennt, einander gegenüber, und zwischen diesen hindurch wand sich der schäumende Strom. Dadurch, daß der Fluß sich mit voller Gewalt auf die unerschütterlichen Felsen stürzte, von diesen abprallte und, in entgegengesetzter Richtung weitereilend, auf ähnliche Hindernisse stieß, wurde die Strömung so verstärkt, daß förmliche Stromschnellen entstanden und die Bemannung ans Ufer gesetzt werden mußte, um durch Ziehen an einem vom Boot aus dorthin geleiteten Tau den mit voller Dampfkraft arbeitenden Maschinen zu Hilfe zu kommen. Gegen Mittag, nachdem wir mehrere Meilen durch ödes Wüstenland gereist waren, brach die Sonne hinter dem grauen Wolkenschleier hervor und überschüttete mit ihrem Glanz eine zackige Gebirgskette, die uns den Weg zu versperren schien. Eine enge Pforte oder Schlucht wurde indessen bald erkennbar, und in derselben, genau in der Mitte des Stroms, stand wie ein riesenhafter Wächter ein von schäumendem Wasser umspülter Felsenturm. Seine Höhe betrug annähernd 80 Fuß, und der schlanke, massive Kegel zeigte eine merkwürdig regelmäßige Zuckerhutform. Auf dem linken Ufer ragten die hohen, nackten Felsen empor, zu denen der Kegel einst gehört zu haben schien, während das rechte Ufer noch auf einer kurzen Strecke das Bild einer Sandwüste zeigte, dann aber auch von steilen Felsen gebildet wurde, welche die wilde Schlucht vervollständigten. Dem Felsenturm wurde der Name »Light House Rock« beigelegt, und ich muß einräumen, daß mich dieser Felsen wirklich an die Leuchttürme, wie ich sie vielfach am Erie- und am Michigansee gesehen habe, lebhaft erinnerte. Versengte Weidenbäume auf der rechten Seite, und zwar an der Mündung einer Schlucht, wo das Fahrwasser des Stroms bis dicht an das Ufer reichte, veranlaßten uns zu landen, um uns zur Fahrt durch den Paß mit einem ausreichenden Holzvorrat zu versehen. Kaum war die Laufplanke ans Ufer geworfen und das Ventil dem überflüssigen Dampf geöffnet worden, als auf dem entgegengesetzten Ende der talförmig auslaufenden Schlucht ein Rudel Bergschafe, durch das ungewöhnliche Geräusch gestört, an dem steilen Abhang des nächsten Berges hinaufeilte und, flüchtig von Stein zu Stein springend, hinter dem nächsten Vorsprung verschwand. Es war ein schöner Anblick, diese starkgehörnten Tiere, wie sie anmutig an den Abgründen hinschwebten und den Boden kaum mit ihren leichten Hufen zu berühren schienen. Einige unserer Gesellschaft folgten ihnen noch mit Büchsen nach, doch ebenso leicht hält der vom steilen Abhang niederrollende Felsen in seinem Sturz inne, als das aufgescheuchte Bergschaf auf den verfolgenden Jäger wartet. Nach kurzem Aufenthalt setzten wir unsere Reise fort, und Kapitän Robinson lenkte das Boot zwischen dem Leuchtturmfelsen und dem linken Ufer hindurch. Gefährliche Felsen, unter dem Wasserspiegel verborgen, umgaben uns vielfach, doch waren die Fluten tief, und es gelang dem kundigen Auge unseres Kapitäns stets, freilich nicht ohne Mühe, einen sicheren Kanal zu entdecken. Die Felsenkette, durch die der Paß uns führte, war nur schmal, und schon bei der nächsten Biegung gewannen wir eine Aussicht durch die nördliche Öffnung desselben. Das Gestein selbst bestand größtenteils aus fleischfarbigen und grauen Porphyrmassen, die sich zu beiden Seiten hoch übereinander türmten; nach diesen wurde, auf den ausdrücklichen Wunsch von Dr. Newberry, dem Paß der Name »Porphyrpaß« gegeben. Als wir die Schlucht verließen, befanden wir uns am Rande einer weiten Ebene, die vorzugsweise gegen Norden von bedeutenderen Gebirgszügen begrenzt wurde, während gegen Osten und Westen nur einzelne niedrige Felshügel und blaue Bergkuppen die Einförmigkeit der wüstenähnlichen Fläche unterbrachen. Die Kiesebene reichte fast überall bis unmittelbar an den Fluß und war an manchen Stellen schroff abgewaschen worden, wo dann die verschiedenen Schichten von Sand, Lehm und Kies deutlich zutage traten. Elf Meilen hatten wir zurückgelegt, als wir am linken Ufer landeten, und dort befanden wir uns im ganzen erst fünfzig Meilen auf dem Flußweg von Fort Yuma entfernt. Es gibt kaum eine unheimlichere Naturumgebung als die, in welche man gerät, wenn man einer der Schluchten in dieser Kiesebene aufwärts folgt. An den schrägen Abhängen der Seitenwände schimmert in bunten Farben leicht beweglicher, trockener Kies, während der Boden der spaltenähnlichen Schluchten dicht mit glattgespülten Felsblöcken bedeckt ist, die zu schwer sind, um vom Andrang der Regenwasser, die zeitweise als Gießbäche über dieselben hinwegstürzen, mit fortgerissen zu werden. Selten nur erblickt man eine verkrüppelte Kreosot- oder Talgholzpflanze, die wie trauernd hinter einem größeren Felsblock hervorlugt, wo sie vielleicht der nächste Sturm oder der Regen entwurzeln wird. Interessantere Formen – wenn auch denselben starren Charakter – boten die Felshügel, welche sich in der Entfernung von zwei Meilen hinter unserem Lager auf der Ebene erhoben, und meine Aufmerksamkeit erregte besonders eine sehr große, weiße Quarzader, die, in der Stärke von etwa vier Fuß, einen massiven Felshügel von oben bis unten fast senkrecht durchzog. Ich kann es nicht leugnen, daß ich in den gelben Rissen und Sprüngen des weißen Gesteins nach Gold forschte; doch vergeblich – ich sah weiter nichts als die schönen Quarzblöcke, und diese waren umgeben von formlosen Massen von metamorphosiertem Konglomerat. Selbst in dieser traurigen Wüste fand ich Spuren von Wild, und als ich in der Dämmerung dem Lager zuschritt, vernahm ich vielfaches Locken von Rebhühnern, die sich bei Annäherung der Nacht unter den Schutz der niedrig hängenden Äste der Mesquitebäume in ein kleines Tal zurückgezogen hatten und die dornenreichsten Zweige zu ihrem nächtlichen Aufenthalt wählten. Dort saßen sie in Klumpen zusammengedrängt, so daß sie kaum von den nestartigen, besonders den Mesquitebäumen eigentümlichen, Parasiten zu unterscheiden waren; ich ließ die reizenden Vögel ungestört, denn wenn ich auch Gelegenheit hatte, viele von ihnen zu töten, so wäre es mir doch schwer geworden, durch das dichte Dornengestrüpp bis zu ihnen durchzudringen. Gutes Fahrwasser schien uns in der Frühe des 18. Januar zu begünstigen, als wir unsere gewundene Straße gegen Norden verfolgten; doch schon nach einer Reise von drei Meilen traf uns abermals ein Unfall, der einen Aufenthalt von mehreren Stunden verursachte. Die eiserne Ruderstange war nämlich gebrochen, und das Ausnehmen und Einhängen derselben raubte fast ebensoviel Zeit wie die Schmiedearbeit. Glücklicherweise befanden wir uns in der Nähe eines kleinen ausgewaschenen Tals, wo gutes Brennholz im Überfluß vorhanden war; unsere Leute konnten daher, während der Schmied das sprühende Eisen auf dem Amboß zusammenfügte, mit leichter Mühe einen Holzvorrat an Bord bringen, der für den ganzen Tag ausreichte. Ich vertiefte mich bald in die Verfolgung zweier Hirsche, die langsam das Tal verließen und in eine der vielen Wasserrinnen einbogen; sie waren nicht scheu, doch auch bei der größten Vorsicht gelang es mir nicht, auf dem mit losen Kieseln übersäten Boden geräuschlos fortzuschreiten. Die Tiere – obgleich sie nicht flüchtig waren – hielten sich daher immer aus dem Bereich meiner Büchse und lockten mich durch ihr scheinbar zutrauliches Wesen immer tiefer in das Labyrinth der zahlreichen Schluchten. Ich gab endlich meine Jagd als fruchtlos auf und wandte mich wieder dem Fluß zu, wo ich dem fühlbaren Mangel an frischem Fleisch wenigstens durch einige Rebhühner etwas abzuhelfen suchte. Um die Mittagszeit war das Steuerruder wieder in brauchbarem Zustand, und wir brachten bis zum Abend die Zahl der an diesem Tag zurückgelegten Meilen auf 1 ½. Auf der ganzen Strecke hatten wir uns fortwährend in der Mitte zwischen zwei parallellaufenden Gebirgsketten fortbewegt; die Richtung derselben war anscheinend von Norden nach Süden, doch ließ sich dies nicht so genau bestimmen, da ihre Basen zu weit vom Colorado entfernt waren. Ihr äußerer Charakter unterschied sich fast gar nicht voneinander, und so wurden ihnen denn nach der Verschiedenheit ihrer Ausdehnung die Namen »Long Range« und »Short Range« beigelegt. Seit einigen Tagen erblickten wir zum erstenmal wieder Indianer am Ufer. Nach Mariandos Aussage gehörten diese zu dem Stamm der Yumas, und ihre Anwesenheit mit Weib und Kind deutete auf kulturfähigen Boden, der sich hinter der dichten Cottonwood-Waldung des Ufers befinden mußte. Jedenfalls war er nur von geringem Umfang, denn selbst an den lichten Stellen des Gehölzes vermochten wir keinen Blick auf ihn zu erhaschen. Wir waren dem Ufer nahe genug, um das große Erstaunen der Eingeborenen beobachten zu können, das sie über unser Dampfboot kundgaben; und es schien ihnen unbegreiflich zu bleiben, daß ein so großes Kanu wie das unsrige, imstande sei, ohne gezogen zu werden, stromaufwärts zu fahren. Die Kraft der Belebung des Eisens – denn das Eisen lebte ja sichtlich – schrieben sie übrigens allein dem Kapitän Robinson zu, weil derselbe nach ihrer Ansicht der einzige war, der unmittelbar mit der eisernen Ruderstange und dadurch auch mit der Maschine in Verbindung stand, während alle übrigen an Bord müßig umhersaßen oder -lagen. Ein riesenhafter Yuma, der auf einem Vorsprung unsere Ankunft erwartete, schien mit den Eigenschaften des »feuerfressenden Kanus« vertraut zu sein, denn furchtlos ließ er durch Maruatscha und danach durch Mariando die Bitte an Lieutenant Ives stellen, ihn eine oder zwei Tagereisen weit mitzunehmen. Natürlich wurde seinem Wunsch entsprochen, und zwar um so mehr, als es von größter Wichtigkeit für uns war, ein freundliches Verhältnis mit den Eingeborenen aufrechtzuerhalten; wir konnten durch dergleichen kleine Gefälligkeiten in der Meinung der zu Mißtrauen so leicht hinneigenden Wilden nur gewinnen. Der Abend rückte heran, Tausende von Kraniche versammelten sich zur nächtlichen Ruhe auf den nackten Sandinseln, kleine Trupps von Pelikanen begaben sich unter den Schutz der von ihren hochbeinigen Gefährten ausgestellten Schildwachen, und auch wir landeten an einer geeigneten Stelle auf dem linken Ufer, um hier den kommenden Tag zu erwarten. Dichtes Gehölz, und in diesem vorzugsweise schön gewachsene Cottonwood-Bäume, beschatteten den lehmigen Boden, auf dem unsere Zelte standen, und hinter dem schmalen Waldstreifen begannen wieder die sandigen Niederungen und die hochgelegenen Kieswüsten. Der Abend war mild, die Nacht pechschwarz, und malerisch beleuchteten die flackernden Lagerfeuer die glatten Stämme und die blätterlosen Kronen der nahen Bäume, das verworrene Gestrüpp, die weißen Zelte und die verschiedenen Gestalten vor diesen. Von der Wüste herüber schallte das Gekläff der Kojoten, Kojote = mexikanische Bezeichnung für den Präriewolf, wahrscheinlich vom aztekischen »Coyotl«. von den Sandbänken das behagliche, heisere Gekrächz der Kraniche, im Lager aber gesellte sich fröhlicher Gesang zu den Klängen wohlgestimmter Instrumente. Verstohlen blitzten am 19. Januar erst einige Strahlen der Sonne durch das herbstlich entblätterte Dickicht, als wir uns an Bord begaben. Die regsamen Kraniche hatten schon längst unter wildem Jubelruf ihre Weiterreise angetreten, die gemächlicheren Pelikane saßen dagegen noch auf ihrer alten Stelle, sie reckten ihre breiten Schwingen, putzten ihr schönes Gefieder und saßen noch immer da, als wir schon längst an ihnen vorübergefahren waren und drei Meilen oberhalb unserer Lagerstelle die »Explorer« über eine Sandbank wanden. Auch Eingeborene zeigten sich am Ufer, sie beobachteten neugierig unser seltsames Treiben und gaben zuweilen durch gellenden Ruf ihre Verwunderung zu erkennen. Glücklicher als bei früheren Gelegenheiten, gelangten wir bald wieder in tiefes Wasser und legten dann eine bedeutende Strecke zurück, ohne auf Hindernisse ernsterer Art zu stoßen. Die Umgebung blieb fast ganz dieselbe wie am vorhergehenden Tag; flaches Land dehnte sich nach allen Richtungen hin weit aus und stieg sanft und gleichmäßig an, in dem Grad, wie es sich vom Fluß entfernte und den Basen der blauen Gebirgszüge näher trat. Die Ufer waren höher oder niedriger, je nachdem der Strom mehr oder weniger an der Kiesebene genagt hatte, und die rechte Uferwand erhob sich auf der Strecke von einer Meile sogar bis zu einer Höhe von sechzig Fuß, wo dann über dem Wasserspiegel eine graue Sandsteinlage sichtbar wurde, auf der abwechselnd Kies- und Lehmschichten ruhten. Die Sandschichten schienen ein Lieblingsaufenthalt der kleinen Höhlenschwalbe zu sein, denn ich nahm zahlreiche runde Öffnungen wahr, die sich reihenweise am Ufer hinzogen und so angebracht waren, daß sie den befiederten Erdbewohnern vollständigen Schutz gegen die Zudringlichkeit der Schlangen und kleinen Nagetiere gewährten. Die Schwalben selbst befanden sich aber noch im wärmeren Süden, ich erhielt also kein Exemplar dieser reizenden Verkünder des Frühlings. Den weißköpfigen Adler sah ich hier seit langer Zeit zum erstenmal wieder, er war aber sehr scheu und hielt sich stets in einer für ihn sicheren Entfernung. Zahllose Kraniche erfüllten die Lüfte mit ihrem durchdringenden Geschrei; blaue und weiße Reiher flüchteten sich fast in jedem Augenblick beim Herannahen des Dampfbootes; Kormorane, Gänse und Enten mancher Art schwammen auf dem stillen Wasser in den von den Sandbänken gebildeten Winkeln und gaben mir mitunter Gelegenheit, mich vom Verdeck aus mit der Jagd zu beschäftigen, was mir eine angenehme Unterhaltung auf der Fahrt durch die einförmige Wüste gewährte. Long Range und Short Range blieben hinter uns zurück, ein neuer Gebirgszug tauchte im Westen auf, und deutlicher wurden die Linien und Formen der mächtigen Felsmassen, die gegen Norden den Horizont einfaßten und die schon am vorhergehenden Tag die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatten. Sechzehn Meilen waren überwunden; wir nannten es eine gute Tagereise und schauten nach einer zum Landen geeigneten Stelle aus. Beide Ufer mit dem dichten Gehölz schienen uns gleichsam zum Rasten einzuladen, doch neidische Sandbänke versperrten uns überallhin den Weg, so daß wir genötigt waren, auf einer großen, vegetationslosen Sandinsel beizulegen, auf der nur mit knapper Not die Zelte zum Stehen gebracht werden konnten. Treibholz war genug vorhanden, es fehlte uns also nicht an einem gemütlichen Lagerfeuer; Stoff zur Unterhaltung boten zum Überfluß die Erlebnisse eines jeden von uns, und der Zufall fügte es, daß ich die Rolle eines Erzählers übernahm und einiges über meine Abenteuer am Nebraska mitteilte. Zehntes Kapitel Erzählung der Abenteuer am Nebraska – Das Lager beim Yuma-Dorf – Besuch von Yuma-Indianern – Chimehwhuebe- und Mohave-Indianer auf dem Ufer – Benehmen der Indianerinnen – Der angeschwemmte Talboden – Gute Reise am 23. Januar – Chimehwhuebe-Indianer im Lager – Der Sandsturm – Die Sonntagsfeier – Änderung des Reiseplans – Gebirge nach allen Richtungen – Half Way Range – Riverside Mountains – Charakter der Schluchten in der Kieswüste – Zahlreiche Sandbänke – Der Ausflug den Fluß hinauf – Lager auf der Sandinsel Ich schloß meine Erzählung in Fort Yuma damit, daß durch die Hilfe der Post der Vereinigten Staaten der Wagen des Herzogs Paul von Württemberg aus den Fluten des Nebraska aufs Trockene gebracht worden war und daß wir uns beeilten, aus der unsicheren Nähe der Indianer zu gelangen. Ich fahre also fort: »Wir folgten auf dem südlichen Ufer des Nebraska der breiten und ebenen Emigrantenstraße. Wenn die Nächte auch schon empfindlich kalt waren, so begünstigte uns doch immer trockenes, gutes Wetter, so daß wir noch gar nicht bezweifelten, daß wir vor dem Beginn der Schneestürme die Ansiedlungen am Missouri erreichen würden. Zwei Tagereisen mochten wir ungefähr vom Übergangspunkt des Nebraska entfernt sein, als gutes Gras uns veranlaßte, schon um die Mittagszeit unseren Tagesmarsch für beendet zu erklären. Wir überließen die Pferde der Freiheit und befanden uns bei dem schönen, warmen Herbstwetter recht glücklich und zufrieden in der stillen Einsamkeit der endlosen Prärie. Als wir gegen Abend auf dem trockenen Rasen lagen und uns über das Eigentümliche unserer Lage, über die Vergangenheit und über die nächste Zukunft unterhielten, dabei eine Büffelherde beobachteten, die auf uns zuschritt und von der wir ein Mitglied zu erlegen hofften, näherte sich uns von Westen her ein kleiner Trupp Reiter, die wir sogleich für Weiße erkannten, die aber auch leider unsere Büffel verjagten. Als sie unserer ansichtig wurden, lenkten sie auf uns zu, begrüßten uns freundlich und teilten uns mit, daß sie Mormonen seien und sich auf der Reise vom Großen Salzsee (Utah Lake) nach dem Missouri befänden. Sie ritten am gleichen Abend noch einige Meilen weiter und schlugen ihr Lager so auf, daß wir während der Nacht den Schein ihres Feuers vor Augen hatten. Fast zu gleicher Zeit brachen wir am folgenden Morgen auf, die Mormonen behielten also einen Vorsprung vor uns, der durch ihre besseren Pferde von Stunde zu Stunde vergrößert wurde. Wellenförmiges Land entzog sie bald ganz unseren Blicken, und wieder allein auf der weiten Fläche, zogen wir, so schnell es die schwindenden Kräfte unserer Tiere nur erlauben wollten, unsere Straße weiter. Plötzlich erschallten einige Schüsse in der Richtung, wo die Mormonen verschwunden waren; wir wurden indessen dadurch nicht weiter beunruhigt, sondern lebten in der Meinung, daß die vor uns Reisenden Jagd auf Büffel gemacht hätten, und wir freuten uns darauf, unseren schwachen Fleischvorrat wieder durch einige frische Büffelrippen vermehren zu können. Es ist nämlich ein alter Präriebrauch, daß jeder Vorüberziehende sich von einem frisch erlegten Büffel soviel abschneidet, wie ihm beliebt, ohne sich weiter mit dem Jäger über einen Preis zu verständigen. Wir näherten uns allmählich der Stelle, wo die Schüsse gefallen waren, und ich erblickte endlich von der Höhe einer Schwellung des Bodens über die folgende Schwellung hinweg in der Niederung eine Gruppe von Menschen, die anscheinend einen Gegenstand betrachteten, der auf dem Boden lag. Wir beide wurden dadurch noch in unserem Glauben bestärkt, und der Herzog gab mir infolgedessen den Auftrag, hinüberzureiten, von dem Büffel ein tüchtiges Stück abzuschneiden und demnächst mit ihm weiter oberhalb in der Straße wieder zusammenzutreffen. Ich spornte meinen armen Schimmel an, und nach einigen Minuten befand ich mich auf der nächsten Höhe, von der ich die Szene vor mir übersehen konnte. Wider alles Erwarten erblickte ich aber keinen einzigen weißen Menschen, wohl aber zwanzig bis dreißig Indianer, die, nach ihrem wilden Schmuck zu urteilen, sich auf dem Kriegspfad befanden. Welcher Art meine Überraschung war, wird jeder leicht erraten können, denn das Zusammentreffen mit einer indianischen Kriegsabteilung wird für nicht ganz ungefährlich gehalten, und man geht daher einer solchen, wenn man ihr nicht an Stärke überlegen ist, gern aus dem Weg. Indem ich dies berücksichtigte, wandte ich mein Pferd und eilte dem Herzog nach, um ihn von der unwillkommenen Neuigkeit in Kenntnis zu setzen. ›Wenn es eine Kriegsabteilung ist‹, antwortete der Herzog, indem er mir meine Doppelbüchse aus dem Wagen reichte, ›so werden wir sie bald genug zu sehen bekommen; halten Sie sich bereit, für Ihr Leben zu kämpfen, schießen Sie aber nicht ohne Not, und wenn Sie schießen, so fehlen Sie nicht Ihren Mann.‹ Das war gewiß ein sehr schöner, wohlgemeinter Rat, doch leugne ich nicht, daß es mir etwas mehr Freude gemacht hätte, wenn die Veranlassung zu demselben gar nicht vorhanden gewesen wäre. Ich untersuchte indessen meine Pistolen und legte das Gewehr vor mir quer auf den Sattel, während der Herzog sich mit einem ganzen Arsenal scharf geladener Büchsen, Flinten und Pistolen umgab. Nach diesen Vorkehrungen setzten wir unseren Weg fort, waren aber kaum zweihundert Schritt weitergezogen, als zu Pferd und zu Fuß ein ganzer Trupp der wilden Steppenbewohner auf dem nahen Hügel erschien und vor uns in die Straße eilte. Es waren Oglala-Indianer, ein Nebenstamm der Dakotas, und so schöne Krieger, wie man sie nur auf der anderen Seite der Rocky Mountains irgend finden kann. Alle waren mehr oder weniger mit den buntfarbigsten Stoffen bekleidet; Gesicht, Brust und Arme hatten sie sich auf eine wahrhaft teuflische Weise bemalt und ihr Haar an den Schläfen in lange Zöpfe gedreht, während die eigentliche Skalp- oder Wirbellocke auf den Rücken herunterfiel. An Waffen fehlte es ihnen auch nicht, denn außer Bogen, Pfeil, Tomahawk und Messer führten sie auch noch Karabiner und Lanzen. Solcherart also war die Gesellschaft, die uns entgegenrückte. Als sie sich bis auf fünfzig Schritt genähert hatte, hielten wir still und legten unsere Gewehre auf die vordersten der ungebetenen Gäste an, wobei der Herzog ihnen zu verstehen gab, daß wir bei der geringsten Bewegung schießen würden. Auf unsere Vorsichtsmaßregeln antworteten die Indianer mit den gewöhnlichen Friedenszeichen, worauf wir ihnen gestatten, zu uns heranzukommen. Es ist eigentümlich, wie diese Wilden ein bestimmtes Auftreten und den Beweis persönlichen Mutes achten, denn nachdem wir uns vollständig in der Gewalt dieser Oglalas befanden, rührten sie unser Eigentum nicht an, sie fragten wohl nach Whisky, doch nahmen sie nichts, wo sie es hätten ungestraft tun können, und begnügten sich hinsichtlich des Feuerwassers auch sehr bald, als der Herzog einem von ihnen die Essigflasche reichte und dieser nach einem derben Zug daraus mit den Zeichen des größten Abscheus die genossene Flüssigkeit wieder ausspie. Wir warteten nur so lange, bis ein Indianer, der auf des Herzogs Frage nach Fleisch ins Lager geeilt war, mit einem tüchtigen Braten zurückkehrte und denselben in den Wagen warf; der Herzog bot als Gegengeschenk ein Tischmesser, dasselbe wurde aber ausgeschlagen, die Indianer entfernten sich, und wir zogen unsere Straße weiter. Kaum hatten wir uns voneinander getrennt, als ich inne wurde, daß ein Oglala dicht hinter mir ritt, ich lenkte zur Seite, doch folgte er allen meinen Bewegungen in einer so auffallenden Weise, daß ich mich mit fragender Miene zu ihm wandte. Es war ein großer, schöngewachsener Mann, der sein starkes, mutiges Pferd mittels einer einfachen Lederleine so leicht regierte und dabei so fest in dem hohen indianischen Sattel saß, als wenn Roß und Reiter aus einem einzigen Stück bestanden hätten. Die Züge seines Gesichts waren unter der dicken Lage roter und gelber Farbe kaum zu erkennen, und unter der vorstehenden Stirn blitzten ein Paar Augen so schrecklich wild und ernst, daß ich diese nie wieder habe vergessen können. Er war bekleidet mit einem Jagdhemd von hellblauem Baumwollzeug und langen, hirschledernen Gamaschen, die ebenso wie seine Mokassins dicht mit Perlenstickerei, seinen Riemen und schöngeordneten Skalplocken seiner erschlagenen Feinde geschmückt waren. Um den Hals trug er außer weißen und blauen Perlenschnüren einen Kragen von Bärenkrallen, die mittels Streifen von weichem Otterfell dicht aneinandergefügt waren, und eine Anzahl großer messingener Ringe beschwerten die durchstochenen Ohren Dergestalt war also das Äußere des wilden Oglala, der mich alsbald aufforderte, ihm für seinen Lasso meinen Zaum zu geben er gab mir zu verstehen, daß er im Begriff sei, die Pawnee-Indianer zu bekämpfen und daß er zu diesem Zweck ein besseres Lenkmittel für sein Pferd benötige. Ich machte natürlich ein verneinendes Zeichen, worauf er sich wieder hinter mich begab und mir überallhin nachfolgte. Ich muß gestehen, daß mir der Mensch, mehr aber noch seine Bewegungen, recht unbequem wurde, so daß ich des Herzogs Aufmerksamkeit daraufhinlenkte. »Reiten Sie nur vor mir«, riet mir der Herzog zu »damit ich, wenn er seine Waffe gegen Sie erhebt, ihn vom Pferd schießen kann.« Der Trost war wiederum sehr kaltblütig gegeben worden, doch unterlag es keinem Zweifel, daß ein solcher Schritt unser beider Ende herbeiführen mußte. Ich nahm indessen die gewünschte Stellung ein und brachte also den Indianer zwischen des Herzogs Büchse und mich. Nicht weit waren wir in dieser Ordnung fortgezogen, als der Wilde plötzlich an meine Seite sprengte, seine unbewaffnete Hand hinter mir ausstreckte und, ehe ich seine Absicht erraten konnte, mir mein langes Bowiemesser, das ich auf dem Rücken im Gürtel trug, aus der Scheide riß. Trotzdem ich augenblicklich mein Pferd herumriß, hätte er mich ganz bequem niederstoßen können, doch lag das nicht in seiner Absicht, das Messer allein schien seine Raublust erregt zu haben, denn nachdem er es in seinen Besitz gebracht hatte, eilte er zurück zu seinem Lager. »Ihr schönes Messer!« rief der Herzog aus. »Womit sollen wir jetzt unsere Büffel zerlegen? Reiten Sie doch dem Menschen nach, und lassen Sie es sich wiedergeben.« »Wenn er es mir aber nicht wiedergeben will?« fragte ich zurück. »Nun, dann nehmen Sie es ihm ab,« lautete die Antwort. »Wenn ich aber skalpiert werde?« »Dann räche ich Sie!« »Wenn Sie dann auch skalpiert werden?« »Dann brauchen wir nicht mehr an den Missouri zu reisen.« Das ist alles sehr schön, dachte ich, doch schien mir mein Skalp, so wild und verworren er auch aussehen mochte, etwas mehr als das Messer wert zu sein und gern würde ich dieses vergessen haben, wenn ich nur meine Kopfhaut sicher gewußt hätte. Freilich war es sehr schmeichelhaft für mich, daß der Herzog mir soviel Mut zutraute, doch wünschte ich damals von ganzem Herzen, daß er selbst etwas weniger desselben besessen hätte und wir ruhig unserer Straße gezogen wären. Ich hielt mich indessen nicht lange mit philosophischen Betrachtungen auf, sondern reichte dem Herzog mein Gewehr in den Wagen und ritt somit unbewaffnet über den nächsten Hügel auf das Lager der Oglalas zu. So interessant sich die wilde Bande in ihrem kriegerischen Schmuck auch ausnahm – es war nämlich die erste indianische Kriegsabteilung, die ich sah – , so fehlten doch auch nicht einzelne Sachen, die mir sehr mißfielen, z B ein geschlachtetes Pferd, an dem einzelne Krieger wie wilde Tiere herumschnitten und -zerrten, besonders aber der Umstand, daß bei meiner Annäherung fünf oder sechs derselben aufsprangen und ihre Karabiner auf mich anlegten. Ich machte, so gut es gehen wollte, meine Friedenszeichen, die Indianer nahmen ihre Gewehre zurück, und ich ritt nun in den Kreis. In der ganzen Bande befand sich nur ein Krieger, der eine Adlerfeder – die Auszeichnung von Häuptlingen – auf dem Scheitel trug, diesem näherte ich mich jetzt, reichte ihm sehr höflich die Hand, und da mir die Mittel zur Verständigung fehlten, so zeigte ich ihm meine leere Messerscheide wie auch den Dieb, und ich sagte zu ihm auf gut Deutsch (Englisch und Französisch hätte er ebensowenig verstanden), daß ich ihm unendlich verbunden wäre, wenn er mir das Messer wieder zustellen ließe. Was der Häuptling nicht verstand, das erriet er, denn er sprach zu einem seiner Leute, der sogleich eine lange Lanze ergriff und mit derselben auf mich zuschritt. Die Spitze der Lanze bestand aus einer Degenklinge und an derselben war ein runder, weißer Schild befestigt, auf den eine blutige Hand und ein blutiger, abgehauener Arm gemalt waren. Später erfuhr ich, daß dieser ein Zauber- oder Medizinschild gewesen sei, der vor mich hingestellt wurde, um mich der indianischen Freundschaft zu versichern, zu jener Zeit aber erwartete ich nichts anderes, als daß der menschenfreundliche Indianer mir mit der langen Klinge zwischen die Rippen fahren würde. Dergleichen geschah aber nicht, man ließ mich unangetastet, und was noch mehr war: der Messerdieb wurde vom Häuptling gezwungen, mir mein Eigentum zurückzuerstatten, was aber nicht ohne einiges Widerstreben von selten des Diebes vor sich ging. Wieder im Besitz meiner Waffe, wünschte ich so bald wie möglich zum Herzog zurückzukehren, ich drückte dem Häuptling die Hand und versicherte ihm, daß ich mich zwar sehr glücklich in seiner Gesellschaft fühle, daß ich mich aber an jeder anderen beliebigen Stelle noch viel glücklicher fühlen würde – ein Kompliment, das der Krieger mit einem sehr ernsten, bedächtigen »Hau« beantwortete. Noch mehreren der nahe stehenden Indianer reichte ich zum Abschied die Hand, doch als ich mich dem näherte, der mir das Messer zurückgegeben hatte und der, auf sein Gewehr gelehnt, mit finsteren Blicken dastand, würdigte mich dieser keiner Antwort und wandte mir als besonderes Zeichen seines Ärgers den Rucken zu. Nur wenig berührt von dieser Unhöflichkeit verließ ich langsam das Lager, doch behielt ich den letztgenannten Indianer fortwährend im Auge. Dreißig Schritt mochte ich wohl schon geritten sein, als der erbitterte Wilde plötzlich sein Gewehr hob, den Hahn spannte und auf mich anlegte, ich wollte ihm schon winken, von dem schlechten Spaß abzulassen – denn für Scherz hielt ich seine feindliche Bewegung –, als ein Rauchwölkchen und ein Blitz sich vor der Mündung seines Gewehrs zeigten und in demselben Augenblick mir durch eine Kugel die Mütze vom Kopf gerissen wurde. Vorbei ist vorbei, ob nun weit oder nahe vorbei. So dachte ich, als ich meinen Schimmel anhielt – eine Bewegung, die das gute Tier am besten verstand –, meine Mütze aufhob, mich wieder in den Sattel schwang und, die Indianer zum letztenmal grüßend, von dannen ritt. Als ich beim Herzog anlangte, fand ich diesen mit der Büchse in der Hand neben dem Wagen stehen, der Schuß hatte ihn um mich besorgt gemacht, und dies um so mehr, als die für mich bestimmte Kugel auch über ihn hinweggesaust war. Meine Geschichte war bald erzählt, doch anstatt nun ohne weiteren Zeitverlust unseren Weg fortzusetzen, beschloß der Herzog, ebenfalls den Indianern einen Besuch zu machen um sich zu erkundigen, was eigentlich Veranlassung zu dem Schuß gegeben habe. Trotz meiner Bitten und Vorstellungen beharrte er auf seinem Willen, er hing die Büchse über die Schulter und schritt davon, wahrend ich bei den Pferden zurückblieb. Ich wartete lange, und meine Geduld war fast schon erschöpft, als der Herzog endlich wieder wohlbehalten auf dem Hügel erschien und noch ein mächtiges Stuck Pferdefleisch mit sich schleppte. Er war von den Indianern ganz höflich aufgenommen worden, und diese hatten angegeben, daß der Schuß nur eine Art Ehrenbezeigung habe sein sollen – eine Erklärung, über die wir beide recht herzlich lachten. Beim Abschied hatte er sich noch das beste Stück Fleisch von dem geschlachteten Pferd abgeschnitten, und diese Vorsorge erwies sich als durchaus glücklich, denn während der drei oder vier folgenden Tage gelang es uns nicht, einen neuen Vorrat von Büffelfleisch anzulegen. »Jetzt sind Sie kein Grüner mehr«, sagte der Herzog lachend, als wir die Nachbarschaft der wilden Oglalas verließen und munter auf der Emigrantenstraße dahineilten. »Sie waren doch nahe daran, totgeschossen zu werden«, bemerkte Kapitän Robinson, als ich meine Erzählung schloß. »Ja, gewiß,« fügte Mr. Carrol hinzu. »Ich begreife aber auch gar nicht, was einen weißen Menschen veranlassen kann, sich bloß zum Vergnügen unter das rothäutige Gesindel zu mischen, da bleibe ich doch lieber bei der Mutter zu Hause.« Wir alle lachten über Mr. Carrols Bemerkung und begaben uns einer nach dem anderen in unser Zelt. Am 20. Januar verließen wir die Sandinsel und steuerten nach alter Weise gegen Norden. Ebenes Land dehnte sich zu beiden Seiten des Flusses aus, und blaue Gebirgszüge faßten das weite Tal wie in einen ungeheuren Kessel ein, aber eine traurige Öde ruhte auf dem ganzen Land, und zwar viel weiter, als das Auge zu reichen vermochte. Wenn es auf der Erde Punkte, ja ganze Länderstrecken gibt, welche die Natur wie im Übermut tändelnd mit ihren reichsten Schätzen überschüttete, so gibt es auch wieder andere, die von ihr völlig vernachlässigt und vergessen scheinen. Solcherart blieb an diesem Tag fast ständig unsere Umgebung, nackt war die Ebene, starr waren die zackigen Gebirge, und nur unmittelbar am Strom selbst erhoben sich Cotton-wood-Bäume, an ihren malerischen Formen weithin erkennbar, und dicht mit Weiden bestandene Streifen, welche kleine Waldungen bildeten, denen hin und wieder Rauchwolken, die Anwesenheit von Menschen verratend, entstiegen. Zehn Meilen legten wir zurück und landeten dann auf dem rechten Ufer, wo wir Holz im Überfluß fanden. Ich nahm meine Jagdgerätschaften, und mich vom Strom entfernend, gelangte ich auf einen vielbetretenen Indianerpfad, der in Schlangenwindungen durch das Dickicht führte. Ich folgte ihm nach, doch war ich noch nicht weit gegangen, als ich aus der Ferne kurzes, abgebrochenes indianisches Jauchzen vernahm, das aus einer fröhlichen Laune zu entspringen schien. Dieses näherte sich schnell, und bald darauf unterschied ich das heftige, aber regelmäßige Stampfen vieler Männerfüße. Nach einigen Schritten trat ich aus dem hohen Holz, und dort nun, über dem niederen Gestrüpp, das sich weithin ausdehnte, bot sich mir ein ebenso merkwürdiger wie schöner Anblick. Es kamen mir nämlich auf dem Pfad etwa dreißig Eingeborene in vollem Lauf entgegen, das Gebüsch reichte ihnen nur bis an die Hüften, so daß ich ihre nackten Oberkörper alle zugleich überschauen konnte, und da die einzelnen Leute durch gleiche Zwischenräume voneinander getrennt waren und mit größter Geschwindigkeit sich vorwärts bewegten, so hatte ich das Bild einer riesenhaften Schlange vor mir, die, den Krümmungen des Pfades folgend, sich mir entgegenwand. Der vorderste dieser wilden Gesellen hielt bei mir an und reichte mir zum Gruß die Hand, der zweite auch noch – doch neugierig, wie alle waren, das Dampfboot zu sehen, stürzten die übrigen in tollem Laut wie aufgescheuchtes Wild an mir vorüber. Es gewährte mir eine wahre Freude, diese schönen, wohlgebauten Gestalten zu beobachten, die ihre unbekleideten Glieder mit einer angeborenen Anmut bewegten, ähnlich den Hirschen über alle Hindernisse hinwegsetzten und in den wilden Ausbrüchen einer fröhlichen Laune die unverdorbenen Kinder der Natur verrieten. Ich blickte der langen Reihe nach, bis sie im hohen Holz verschwand, und begab mich dann ebenfalls zurück ins Lager, wo die Eingeborenen schon in großer Anzahl eingetroffen waren und ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Dampfboot schenkten, dessen Schlot noch schwach rauchte. Wir befanden uns nach Maruatschas Aussage in einiger Entfernung von einem Dorf der Yuma-Indianer, jedoch so weit, daß die weibliche Bevölkerung Abstand genommen hatte, an diesem Abend noch die Reise zu uns anzutreten, denn nur Männer und junge Burschen erschienen im Lager und blieben bis tief in die Nacht um unsere Feuer versammelt. Es war eine harmlose, lebhafte Gesellschaft, sie schien nur für Scherz und Neckerei zu leben, und ich bemerkte bei dieser Gelegenheit eine besondere Ähnlichkeit der Yumas mit den Mohave-Indianern, nur daß letztere im allgemeinen doch noch kräftigere Gestalten zeigen. Mit gutem Willen entfernte sich unser Besuch, als er von den Schildwachen dazu aufgefordert wurde, doch begab sich keiner der sorglosen Menschen nach der heimatlichen Höhle, sondern im nahen Dickicht, auf weichem, sandigem Boden, krochen sie wie Kaninchen in Knäuel zusammen und suchten, sich auf diese Weise gegenseitig erwärmend, die nächtliche Ruhe. – Kaum schürten in der Frühe des 21 Januar unsere Köche die Feuer, als sich auch die Indianer wieder einstellten. Die kalte Morgenluft fiel empfindlich auf ihre nackten Gestalten, denn zitternd und bebend kauerten sie vor den Flammen nieder und ergriffen mit den Händen glimmende Feuerbrände, die sie über die Schultern, nahe den frierenden Körperteilen, hielten, um sich auf diese Weise von allen Seiten zugleich zu erwärmen. Allmählich füllte sich das Lager auch mit Weibern und Kindern, deren Freude grenzenlos war, als sie einige Glasperlen geschenkt erhielten. Allerliebst nahmen sich die kleinen Säuglinge aus, deren volle Gesichtchen mit den kohlschwarzen Augen neugierig aus den von Weiden geflochtenen Behältern schauten und die gar nicht unzufrieden darüber zu sein schienen, daß man ihnen Arme und Beine so mit Baststreifen umgeben und festgeschnürt hatte, daß sie weder das eine noch das andere zu rühren vermochten. Allgemeines Mitleid erregte ein Knabe von acht bis zehn Jahren, der ebenfalls angehinkt kam und an seinem Körper die gräßlichsten Brandwunden zeigte, die, bei der unter den Eingeborenen herrschenden Unsauberkeit, schon einen bösartigen Charakter angenommen hatten. Alles, was für das kranke Kind geschehen konnte, war, daß Dr. Newberry durch unsere Dolmetscher das Waschen und Reinigen der wunden Stellen anordnen ließ und der Mutter etwas Salbe mit Gebrauchsanweisungen übergab. Ein Stück Baumwollzeug, mit dem Lieutenant Ives die Arznei begleitete, schien indessen mehr Freude zu verursachen als die Medizin, indem man den Vorteil eines Kleidungsstücks schon kannte, dagegen die Wirkung der heilenden Salbe erst versuchen sollte. Wir waren endlich zum Aufbruch bereit, und um der Anwesenheit der ganzen Mannschaft gewiß zu sein, ließ Mr. Carrol wie gewöhnlich die schrillende Dampfpfeife erschallen. Die Indianer, die in einem dichten Haufen nahe dem Ufer standen, vernahmen indessen kaum den ersten Ton derselben, als sie mit dem Ausdruck des größten Entsetzens ins Gebüsch stürzten und von dort aus zurückschauten. Sie waren sprachlos vor Erstaunen über das durchdringende Geschrei, welches das eiserne Schiff nach ihrer Meinung ausgestoßen hatte, doch wie sie das unbändige Gelächter vernahmen, in das unsere ganze Bemannung über den drolligen Anblick ausbrach, kehrten sie wieder um und schienen dann selbst ihre scherzhaften Bemerkungen über den so plötzlich hervorgerufenen Schrecken und ihre Flucht zu machen. Mit dem wirklichen Aufbruch ging es an diesem Morgen nicht so schnell, denn die »Explorer« lag vor einer Sandbank, über die sie hinwegzuschaffen keine geringe Mühe verursachte. Wir befanden uns jedoch dem Ufer noch so nahe, daß wir statt des gewöhnlichen Windens unsere Leute aussetzen konnten, um diese an einem langen Tau ziehen zu lassen. Als sie sich nun in langer Reihe aufstellten und die Indianer den eigentlichen Zweck eines solchen Verfahrens erkannten, legten sie alle mit Hand an den Strick und den vereinten Kräften der Menschen und der Maschine gelang es bald, das Dampfboot wieder flottzumachen. Der gute Erfolg, den ihre Hilfe gehabt hatte, steigerte die Fröhlichkeit der Eingeborenen aufs höchste, und selbst alte, grauköpfige Männer – sonst eine Seltenheit unter der indianischen Rasse – gaben durch die Worte »Very good! Bueno! Achot ka« ihre freundschaftlichen Gesinnungen zu erkennen. Es mußte dies die nördlichste Ansiedlung der Yuma-Indianer sein, denn die nächsten Eingeborenen, die wir erblickten, waren schon Chimehwhuebes Wir stießen an diesem Tag wieder auf einige Hindernisse und wurden besonders durch die Seichtigkeit des Flusses aufgehalten. Dieser war nämlich über vierhundert Schritt breit, und durch die zahlreichen Arme, die Inseln umflossen und mitunter tief in die Ebene hineinreichten, wurde den Hauptkanälen so viel Wasser entzogen, daß wir nur sehr langsam vorwärts kamen. Als wir des Abends auf dem rechten Ufer landeten und unsere Vorkehrungen zum Lagern trafen, rechneten wir nur sieben Meilen zu den siebenundneunzig, die uns im ganzen auf dem Flußweg von Fort Yuma trennten Der 22 Januar war dem vorhergehenden Tag in jeder Beziehung so ähnlich daß ich beide miteinander verwechseln könnte. Die Strecke unserer Reise betrug 6 ¼ Meilen, und da wir nur sehr langsam durch die weite Ebene zogen, so veränderten sich die Außenlinien der fernen Gebirgszüge nur in geringem Grad. Wir hatten stets denselben vielfach gekrümmten, seichten Fluß vor uns, die Baum- und Strauchvegetation auf den Ufern erfuhr keine Abwechslung, und hinter derselben dehnte sich ununterbrochen die graue Wüste aus, die das Auge so sehr ermüdete. Auch Indianer erblickten wir wieder in großer Anzahl, sie unterschieden sich in ihrem Äußeren nur wenig von den zuletzt beschriebenen Yumas, doch gehörten sie zu den Stammen der Chimehwhuebes und Mohaves. Das Fahrwasser führte zufällig dicht an dem rechten Ufer hin, auf dem sich die Eingeborenen befanden, und diese harmlosen Menschen gewährten uns durch ihr Wesen die angenehmste Unterhaltung. Ich erinnere mich, oftmals bewundernd vor einem Trupp junger Pferde, die man eben der Freiheit überlassen hatte, gestanden zu haben. Die Schönheit der Tiere trat doppelt hervor durch ihr Bewußtsein, keine Fesseln zu tragen, und dasselbe verriet sich in allen Bewegungen auf die anmutigste Weise. Ohne nur einen Augenblick in den Wilden ihre Würde als Menschen, mithin als edelste Geschöpfe der Natur, zu übersehen, beschlichen mich beim Anblick des ausgelassenen Benehmens dieser ungebundenen, freien Kinder der Wüste ähnliche Gefühle wie früher beim Anblick der Tiere, das heißt ich stand, bewunderte und freute mich. Das Dampfboot fuhr, wie ich eben bemerkte, langsam an dem sandigen Ufer hin, auf dem sich eine bedeutende Anzahl von Eingeborenen umhertummelte und in zwei besonderen Trupps gleichen Schritt mit der »Explorer« hielt. Die Männer stellten sich an einem vorstehenden Punkt des Ufers auf und ließen das Dampfboot an sich vorüberziehen, worauf sie in langen Sätzen zum nächsten Vorsprung eilten, um das Schauspiel immer wieder von neuem zu genießen. Die Weiber dagegen, lauter Mädchen von zwölf bis achtzehn Jahren, blieben in gleicher Höhe mit dem Dampfboot und reckten uns die Hände mit einem rührend bittenden Ausdruck entgegen, dem wir nicht zu widerstehen vermochten und ihnen Perlen und kleine Zeugstücke zuwarfen. Es war ein reizender Anblick, diese schönen, vollen, abgerundeten Figuren mit ihren dicken Baströckchen, die bis an die Knie reichten, mit ihren dichten schwarzen, langen Haaren, die um die bemalten Gesichter flatterten, und mit den dunklen, feurigen Augen, um die sie manche die farbigen Rassen verachtende hochgebildete Schöne beneidet haben würde. In tollem Lauf sprangen sie durch den tiefen Sand dahin, stürzte eine zu Boden, so riß sie mehrere mit sich nieder, doch wie der Blitz standen sie wieder auf ihren Füßen und suchten durch vergrößerte Eile das Versäumte alsbald nachzuholen. Wenn dann eine Perlenschnur zwischen ihnen auf den Boden fiel, dann entstand ein kurzer Kampf, und man erblickte ein dichtes Knäuel kupferfarbiger Glieder, flatternder Baststreifen und wirbelnden Sandes, im nächsten Augenblick war es aber schon wieder entwirrt, und mit anmutigen Bewegungen sprangen die tollen Mädchen dahin und baten jauchzend und lachend um neue Geschenke. Die indianischen Männer und Burschen lächelten auf eigentümliche Weise zu dem Benehmen ihrer Stammesgenossinnen, sie gaben unverhohlen ihre Freude zu erkennen, wenn dieselben übereinanderstürzten, doch schienen sie es unter ihre Würde zu halten, sich unter sie zu mischen oder auf so geräuschvolle Weise die Fremden um Geschenke anzusprechen. Ein altes tiefes Flußbett, das von Westen her in den Colorado mündete und dessen bewegungsloses Wasser mit den Fluten des Stroms zusammenstieß, hielt unsere indianische Begleitung endlich zurück. Da standen denn auf dem spitzen Winkel der von den beiden Gewässern gebildet wurde, die braunen Schönen bis an die Knie im Wasser und streckten flehend ihre runden Arme nach uns aus, die unbarmherzige »Explorer« brauste aber weiter, als wolle sie uns gleichsam mit Gewalt aus der gefährlichen Nahe der hübschen Indianerinnen bringen, deren schwarze Augen trotz der sie umgebenden blauen und roten Farbe mit einem gewissen Liebreiz auf uns gerichtet waren. Wir winkten den niedlichen Töchtern der Wildnis zu, uns nachzufolgen, sie suchten uns auf dieselbe Weise zur Umkehr zu bewegen, und als wir uns dennoch immer weiter von ihnen entfernten, sprangen sie schmollend aufs Ufer zurück, griffen mit ihren kleinen, kurzfingrigen Händen in den Sand und schleuderten unter dem wildesten Jubel uns ganze Ladungen desselben nach. Es war dies eine harmlose indianische Neckerei, zu der wir ebensowohl wie die auf dem Ufer versammelten Krieger herzlich lachten. Wir landeten gegen Abend auf dem linken Ufer. Dichtes Holz und Gestrüpp verbarg den eigentlichen Charakter der Bodengestaltung, doch als ich mich, um das Ende des Tals zu erreichen, in östlicher Richtung durch das Gebüsch drängte, erkannte ich, daß die ganze Niederung bis zur Kieswüste hin in einer Breite von zwei bis drei Meilen aus angeschwemmtem Erdreich bestand, auf welchem Pappeln und Weiden und näher dem Rand der Wüste auch Mesquitebäume mit einer besondern Üppigkeit gediehen Zahlreiche Seen und Teiche, von dichten Schilfstreifen eingefaßt, bezeichneten die alten Betten des Stroms, der hier, gleichsam unzufrieden mit seiner Umgebung, ständig zwischen der Kiesebene hin und her schwankt und, nach dem Alter der Bäume zu urteilen, in dem einen halben Jahrhundert fortreißt, was er in dem anderen allmählich zusammentrug und mit den Keimen einer einfachen, aber sehr dichten Vegetation besäte. Die Teiche waren bedeckt mit unzähligen Wasservögeln, die besonders zur Zeit der dort so häufigen Sandstürme hier einen geschützten Zufluchtsort fanden. Dr. Newberry und ich hatten daher Gelegenheit, uns am Abend sowohl wie am folgenden Morgen auf erfolgreiche Weise mit der Jagd zu beschäftigen, und da wir bei dem Mangel an frischem Fleisch die Quantität mehr als die Qualität des so gewünschten Nahrungsstoffs im Auge behielten, so schätzten wir uns besonders glücklich, als es dem Doktor gelang, einen großen Kranich zu erlegen, der unserem von sechs gesunden jungen Männern besetzten Tisch wenigstens eine Mahlzeit versprach. Auch ein weißer Reiher fand seinen Weg in unsere Küche, ebenso schossen wir einige Enten, von denen wir leider mehrere des moorigen Ufers wegen zurücklassen mußten. Da wir am vorhergehenden Abend schon einen tüchtigen Vorrat von Brennholz an Bord hatten schaffen lassen, so stand am 23 Januar einem frühen Aufbruch nichts entgegen. Kalter Wind fegte über den breiten Spiegel des Colorado, kräuselte die lehmfarbigen Fluten und erschwerte es, die seichten Stellen von dem guten Fahrwasser zu unterscheiden. Wir waren indessen glücklich, Meile auf Meile legte die »Explorer« zurück, ohne auf Hindernisse zu stoßen, die Felsenketten, die uns von allen Seiten umgaben, rückten näher, so daß wir die Granitformation einzelner Gebirgszüge zu erkennen vermochten. Nur die Ausdehnung des angeschwemmten Teils der Niederung mit der sie schmückenden Vegetation blieb unverändert und erstreckte sich bald weiter auf dem rechten, bald auf dem linken Ufer, je nachdem es dem unruhigen Strom in seinen Launen gefallen hatte, seine Windungen nach der einen oder nach der anderen Seite hinüberzulenken. Als wir unser Lager auf dem linken Ufer aufschlugen, fanden wir dieselbe Umgebung, dieselben Bequemlichkeiten und auch dieselben Unbequemlichkeiten wie am vorhergehenden Abend. Der Gedanke, sechzehn Meilen zurückgelegt zu haben, der schöne Kranichbraten – der, nebenbei gesagt, eine Geduldprobe für unsere Zähne war –, die auf verschwenderische Weise genährten Lagerfeuer – all dies diente dazu, eine fröhliche Stimmung hervorzurufen. Mr Carrol kletterte daher noch in der Dunkelheit an der steilen Lehmuferwand hinunter und kehrte bald darauf mit unseren Instrumenten zurück, und das Konzert begann. Wir musizierten bis tief in die Nacht hinein und sangen von gutem alten Rheinwein, auch von Champagner, wobei wir uns den Gaumen mit sandigem Coloradowasser benetzten. Klar und sonnig begannen die Frühstunden des 24 Januar, es hatte gelinde gereift, kein Lüftchen regte sich, es war Sonntag, und wir glaubten schon, daß auch die Natur einen recht schönen Sonntag durch angenehmes Wetter feiern wolle Ein Haufen Eingeborener näherte sich unserem Lager – sie gehörten zum Stamm der Chimehwhuebes und brachten Mais, Bohnen und getrocknete Kürbisstreifen, die sie uns zum Tausch anboten. Wir nahmen alles und zahlten in Glasperlen und Baumwollzeug Preise, die, an sich sehr gering, doch die Erwartungen der Indianer zu übertreffen schienen. Es war überhaupt ein Glück für uns, daß Lieutenant Ives eine große Menge von Tauschartikeln mitgenommen hatte, für die wir von den Eingeborenen Lebensmittel beziehen konnten, denn bei der großen Langsamkeit, mit der wir stromaufwärts zogen, war es leicht vorherzusehen, daß der von Fort Yuma aus mitgeführte Proviant bei weitem nicht ausreichend war und daß wir zuletzt unsere Zuflucht gänzlich zu den Vorraten der Wilden wurden nehmen müssen. Die uns besuchenden Chimehwhuebes schienen, im Vergleich mit den am vorhergehenden Tag beobachteten, einige in Dürftigkeit lebende, heruntergekommene Familien zu sein, denn außer daß sich die Weiber und Kinder durch Unsauberkeit und selbst mangelhafte indianische Kleidungsstücke auszeichneten, vermißte ich auch die schönen, wohlgebauten und kräftigen Figuren unter den Männern. Nur das Oberhaupt der kleinen Bande prangte in absonderlichem Schmuck, und es kam mir vor, als ob der ganze Reichtum seiner wenigen Untertanen dazu verwendet worden wäre, ihm selbst ein stattliches Äußeres zu verschaffen. Er trug nämlich ein rotes, wollenes Hemd und über diesem einen schmalen blauen, wollenen Überwurf. Sein Haupt umgab ein breiter, feuerfarbiger Tuchstreifen, und in seinen Haaren steckte ein dicker Busch von Eulenfedern. Um seinen Hals hatte er sich eine wahre Last von weißen Porzellanperlen gehängt, die seinen phantastischen, grellfarbigen Anzug noch bedeutend hoben. Er sah nicht übel aus, der alte runzlige Krieger, was er übrigens recht gut wußte, denn seine Genossen würdigte er gar keines Blicks, viel weniger noch der Worte, und daß ihm von unseren Leuten nicht die vielleicht erwartete Ehrerbietung und Bewunderung gezollt wurde, schien ihn sehr zu verletzen. Das schöne Wetter war nur von kurzer Dauer, zwar blieb der Himmel klar und unbewölkt, doch sprang ein heftiger Nordwestwind auf, dessen unangenehme Wirkung wir schon fühlten, als wir kaum das Ufer verlassen hatten. Mit Rücksicht auf die Sonntagsfeier ließ Lieutenant Ives schon um zwölf Uhr nach Zurücklegung von drei Meilen am linken Ufer landen. Obgleich nicht sehr erfreut über den Zeitverlust, nahmen wir doch sehr gern mit einigen Stunden der Rast vorlieb, denn immer dichter erfüllte der heftige Sturm die Atmosphäre mit Sand, und die Räumlichkeiten auf dem kleinen Dampfer waren zu sehr beschränkt, als daß wir imstande gewesen wären, uns der durchdringenden Kälte und den ebenso durchdringenden Staubwolken zu entziehen. Auf dem hohen Lehmufer dagegen, unter dem Schutz eines schmalen Streifens dichten Gehölzes, befanden wir uns recht behaglich, der Sturm brauste über uns weg, ohne uns zu berühren oder auch nur eine Falte in die Vorhänge der Zelte zu schlagen, die Sonne schien warm auf uns nieder, und bald nachdem wir uns häuslich eingerichtet hatten, feierte jeder den Sonntag auf seine eigene Art. Die meisten legten sah hin und schliefen, andere waren emsig damit beschäftigt, sich blätterreiche Zweige des Pfeilholzes zu brechen und dieselben lagenweise unter den Decken auszubreiten, um auf dem weichen Sandboden noch weicher zu schlafen. Wieder andere hackten eisenhartes, trockenes Mesquiteholz, um sich am Abend eines angenehmen Feuers erfreuen zu können, noch andere bemühten sich, die von den Indianern eingetauschten Lebensmittel auf eine für Europäer genießbare Weise zuzubereiten, und wieder andere, doch nur sehr wenige, saßen im Schatten der Zelte und schrieben. Sie richteten ihre Worte an die Lieben in der Heimat und gaben ihnen auch wohl die Beschreibung eines Sonntags in der Wildnis. Als die Sonne sich den zackigen Gipfeln der westlichen Gebirge zusenkte, wurden die Briefe geschlossen, versiegelt und adressiert und zur sofortigen Absendung bereitgehalten. Nach der Aussage einiger Indianer, die sich zuweilen vom Ufer aus mit unseren Dolmetschern unterhielten, befand sich das Dampfboot »Jessup« bereits wieder auf dem Rückweg, und wir durften erwarten, ihm schon in den nächsten Tagen zu begegnen, auf diese Gelegenheit nun harrten wir, um die Briefe zurück nach Fort Yuma zu senden. Die letzten Zweifel, die wir noch hinsichtlich der längeren Dauer unserer Stromfahrt hegten, waren endlich geschwunden. Auf achtunddreißig Tage hatten wir uns von Anfang an mit Lebensmitteln versehen, zwei Wochen waren seit dem Antritt unserer Reise schon verflossen, und nach Verlauf von drei weiteren Wochen konnten wir nach menschlicher Berechnung kaum erst unser Ziel erreicht haben. Unsere Rückkehr nach Fort Yuma und der abermalige Aufbruch von dort mit einer Landexpedition wäre daher ein unersetzlicher Verlust an Zeit und Mitteln für unser ganzes Unternehmen gewesen. Um nun diesen zu vermeiden, änderte Lieutenant Ives auf sehr verständige Weise seinen ursprünglichen Plan. Er beabsichtigte nämlich, den Kommandeur der Eskorte, dessen Anwesenheit auf dem Dampfboot überhaupt nur von sehr geringer Wichtigkeit war, auf der »Jessup« mit Anweisungen für Peacock nach Fort Yuma zurückzusenden. Peacock, der zu der Zeit schon wieder von San Franzisko eingetroffen sein mußte, sollte demgemäß mit dem ganzen Maultiertrain und dem zurückgelassenen Proviant die Reise am Colorado hinauf sogleich antreten, auf der ihn Lieutenant Tipton nebst der Eskorte und den beiden in Fort Yuma zurückgebliebenen jungen Leuten begleiten sollten. Da wir sodann der uns nachfolgenden Hilfe versichert waren, so konnten wir ohne Gefahr unsere Reise so weit fortsetzen, bis die Gestaltung des Flusses selbst uns zum Halten zwang. Von dort aus sollten dann die Forschungen mit dem Train zu Lande weiter fortgesetzt werden. So lauteten die Pläne des Lieutenant Ives, sie reichten, wie sich später erwies, zu weit in die Zukunft und mußten noch oft geändert werden, ehe der richtige Plan reifte, der wirklich zur Ausführung gelangte. Wir verließen am 25. Januar zur gewöhnlichen Stunde die Stelle unseres nächtlichen Aufenthalts. Der Sturm hatte während der Nacht ausgetobt, denn spiegelglatt erschienen die Fluten des Stroms, nur an den schwarzen Treibholzstämmen, die ihre mit dürrem Gras und Weiden behangenen Zweige hoch über die Fluten emporreckten, bemerkte man schmale Schaumstreifen und Wellenlinien, auch strudelähnliche, kreisende Flächen über den Untiefen zeugten von dem heimlichen Wirken des falschen Colorado. Der Gebirgszug im Norden, an dem unser Weg vorbeiführen mußte und der den Namen »Riverside Mountains« erhielt, schien mit jeder Meile, die wir ihm naher rückten, zu wachsen, seine Formen und Linien wurden deutlicher, und bald trennte sich eine Felsenkette von den Hauptmassen, die sich ebenso wie diese in der Richtung von Westen nach Osten erstreckte und ein ganz abgesondertes Joch bildete, letztere wurde »Half Way Range« getauft. Rechts und links von uns erhoben sich, wie schon bemerkt, unbedeutendere Gebirge, deren Richtung scheinbar einander parallel von Norden nach Süden war. Gegen Nordwesten schienen letztere mit den Riverside Mountains zusammenzuhängen oder sich dicht an ihnen vorbeizuschieben, während östlich vom Fuß der beiden genannten Felsenketten sich niederes Land bis zu den östlichen Gebirgszügen erstreckte und eine Aussicht auf zackige Bergreihen offenließ, die fern im Norden hinter den Riverside Mountains auftauchten. Je weiter vom Fluß, desto höher lagen auch die Basen der Gebirge über dem Spiegel desselben, und gleichmäßig senkte sich die Kiesebene von den entferntesten Punkten den spärlich bewaldeten Ufern zu. Die eigentümliche Lage und Formation der ausgedehnten schiefen Flächen gestatteten uns, die Blicke weit über diese hinwegzusenden, und ich glaube das Verhältnis der nackten Gebirge zu der sie umgebenden Wüste nicht besser beschreiben zu können, als wenn ich sie mit Auswüchsen vergleiche, die, ohne die geraden Linien der Ebenen gestört zu haben, aus diesen einst hervorbrachen. Nach Zurücklegung von einigen Meilen hatten wir zu unserer linken Seite die schroff abgewaschenen Uferwände der Kiesebene und zu gleicher Zeit felsigen Flußboden. Ich zweifle nicht daran, daß wir uns auf der grauen Sandsteinlage befanden, auf der der Kies sich schichtweise erhebt und von deren Vorhandensein mich zu überzeugen ich einige Tage früher Gelegenheit fand, und zwar an einer Stelle, wo der Strom tiefer in die ansteigende Wüste hineingespült hatte. Die des felsigen Flußbodens wegen nötig gewordene Vorsicht vergrößerte die Langsamkeit unserer Reise. Eine Strecke von 6 ¾ Meilen hatte fast den ganzen Tag in Anspruch genommen, der Abend war indessen noch fern, als der Strom plötzlich durch Inseln und Sandbänke für unsere Weiterreise abgesperrt zu sein schien. Nach manchen vergeblichen Versuchen, einen Kanal zu entdecken, führte Mr. Robinson die »Explorer« nach dem rechten Ufer hinüber, wo sogleich alle Anstalten zum Übernachten getroffen wurden, während er selbst nebst einigen Leuten sich im Ruderboot auf den Weg begab, um nach einer Durchfahrt zu spähen. Wir befanden uns auf einer angeschwemmten Sandfläche, wo zwar junge Weidenschößlinge genug wucherten, aber sonst außer wenigen modernden Treibholzstämmen kein Brennholz, weder für die Maschine noch für unsere Lagerfeuer, vorhanden war. Einige hundert Schritt vor uns erhob sich die Kieswüste, die auf eine lange Strecke das ungefähr sechzig Fuß hohe rechte Ufer des Stroms bildete. Schluchten und Spalten führten zu ihr hinauf, und nach diesen hin lenkte ich in der Gesellschaft des Dr. Newberry meine Schritte. Ein eigenes Gefühl beschleicht den Menschen, wenn er in eine Umgebung tritt, in der jede Unregelmäßigkeit in der Gestaltung des Bodens, jeder Stein, jeder verkrüppelte Strauch und jede kümmernde, sieche Pflanze das Gepräge einer starren, tötenden Wüste zeigt. Als ich in den wilden Schluchten umherwanderte, suchte ich auf den glattgewehten Sandflächen nach Spuren von Wild und kleineren vierfüßigen Tieren, doch nichts verriet die Anwesenheit von lebenden Wesen. Turmähnliche Überreste der Ebene erhoben sich wie ernste, graue Riesen nach allen Richtungen hin, wie in einem Stundenzeiger entrannen, Korn auf Korn, die feinen, trockenen Bestandteile den Sandschichten in ihnen, langsam, aber sicher das Gleichgewicht der wunderlichen Kolosse untergrabend. Blöcke und Haufen von Kies bezeichnen die Stellen, wo einst solche leicht zu erschütternde Säulen standen, und Spalten und Hohlen in den Wänden ließen deutlich die Strebepfeiler erkennen, die in nicht allzulanger Zeit die verwitterten Gebilde zu ersetzen bestimmt waren. An tiefer gelegenen Punkten, in den trockenen Betten der Gießbäche, hatten Mesquitebäume ihre Wurzel geschlagen, ihre Kronen waren nicht hoch, aber weit verzweigt, und wie träumend stützten sie ihre dornigen Zweige auf den sandigen Boden. Wo nun die Beschaffenheit des Erdreichs derart war, daß die niederschlagende Feuchtigkeit nicht sogleich wieder verdunstete oder im lockeren Sand versank, da standen zerstreut umher Pflanzen, und zwar Pflanzen mit Knospen und Blüten. Ich kann es nicht beschreiben, mit welch inniger Freude ich die reizenden blauen Glöckchen und blauen Sternchen begrüßte, die sich furchtlos in dieser grausigen Wildnis zu entfalten gewagt hatten. Wenn wir auf einem Blumenteppich wandeln, das Auge in den prachtvollen Anordnungen einer weisen und erhabenen Naturkraft schwelgt und das Gemüt zur innigsten Verehrung und Bewunderung hinreißt, dann gedenken wir kaum der einzelnen Blumen, die sich zu einem schönen Ganzen vereinigen. Werden wir in scheinbar toten Wüsten plötzlich durch den Anblick eines zarten organischen Lebens überrascht, dann neigen wir uns unwillkürlich zu ihm hin, und was wir inmitten einer aufs verschwenderischste geschmückten Naturszene empfanden, das fühlen wir vor einer einzigen zarten Blüte, die das im dürren Sand so unerklärlich verborgene Leben in eine so schöne Gestalt zu kleiden vermochte. Wir pflückten von den Blumen, die vom nächsten Südwind getötet und gedorrt werden sollten, sie hatten ja ihren Zweck schon erfüllt, indem sie zwei vorüberziehende Menschen erfreuten. Als wir zurückkehren wollten, scheuchten wir eine Eule und eine Herde Rebhühner auf, erstere flog mit unhörbarem Flügelschlag tiefer in die verworrenen Schluchten, die Rebhühner dagegen flatterten nach der Ebene hinaus, und so verrieten beide Teile in ihrer Flucht ihre verschiedenen Neigungen. Kurz vorher, ehe wir das Lager erreichten, begegneten wir einem Eingeborenen, er schien beunruhigt durch die Anwesenheit der Weißen, und sich ihrem Anblick entziehend, folgte er dem tiefgelegenen Bett eines ausgetrockneten Gießbachs. Wir forderten ihn auf, uns nach dem Lager zu begleiten, doch winkte er verneinend mit der Hand, begab sich an den Strom, befestigte Bogen und Pfeile auf seinem Kopf und eilte dann schwimmend dem jenseitigen Ufer zu. Trotz aller Bemühungen war es Kapitän Robinson nicht gelungen, eine Durchfahrt zu entdecken, es blieb also nur übrig, die »Explorer« über die breite Sandbank hinüberzuwinden. Das Mißlichste blieb aber der Mangel an Brennholz für die Maschine, und weithin mußte das Ruderboot gesendet werden, um von oberhalb den nötigen Bedarf herbeizuschaffen. In aller Frühe des 26 Januar wurde also die Arbeit begonnen. Es war nicht anzunehmen, daß das Boot vor Mittag wieder flott werden würde. Um daher die Zeit nicht müßig zu verbringen, begaben Dr. Newberry und ich uns auf den Weg, um noch mehr von dem Charakter der Kieswüste kennenzulernen und demnächst an einem vorstehenden Punkt des Ufers die Ankunft der »Explorer« zu erwarten. Anstatt wie am vorhergehenden Tag den Schluchten nachzufolgen, erstiegen wir sogleich die Höhe und schritten auf dieser rüstig fort. Der Weg der über Mosaikboden – wie ich denselben schon früher beschrieb – hinführte, eignete sich vortrefflich zum Gehen, doch wurde derselbe so oft von tiefen Wasserrinnen mit abschüssigen Ufern unterbrochen, daß wir uns dem Fluß wieder zuwandten und dort einem Indianerpfad folgten, der in halber Hohe an den Abhängen der Hochebene hinführte. Wir behielten dort beständig eine Aussicht auf den Fluß und seine Ufer, sowie auf den schmalen Waldsaum, der sich unter uns, zwischen dem Strom und den Kieshügeln, hinzog und der in den Morgenstunden förmlich belebt von kleinen Vögeln war. Um die Mittagszeit begaben wir uns zu dem verabredeten Punkt, von wo aus wir die Stelle, die wir am Morgen verlassen hatten, überblicken konnten. Die »Explorer« hatte freilich die erste Sandbank schon hinter sich, doch befand sie sich, kaum eine halbe Meile oberhalb derselben, auf einer zweiten, und wir nahmen deutlich wahr, daß die ganze Bemannung auf das angestrengteste arbeitete. Wir erwarteten jeden Augenblick das Dampfboot in tieferes Wasser gleiten zu sehen und beabsichtigten daher auf der kleinen Halbinsel die Zeit bis zur Ankunft desselben hinzubringen. Dr. Newberry ordnete seine gesammelten Pflanzen und Mineralien, ich präparierte meine Vögel, worauf wir beide unsere Tagebücher zur Hand nahmen. Auch mit diesen wurden wir fertig, und die »Explorer« rührte sich noch immer nicht von der Stelle. Auf dem unbequemen Wege zurückzukehren, mangelte uns die Lust, wir verschoben es wenigstens bis auf den letzten Augenblick und unterhielten uns auf der kleinen Scholle Land so gut, wie es eben gehen wollte. Die Kühle des Abends stellte sich endlich ein und mahnte uns ernstlich an die Heimkehr ins Lager, wir hingen daher die Gewehre und Taschen über die Schulter und kletterten langsam am Ufer hin, als wir plötzlich den Kapitän sahen, der uns mit einem Bootsmann im Ruderboot entgegengekommen war. Er hatte die Absicht gehabt, das Fahrwasser bis zu uns hin zu untersuchen, und wir wurden nicht sehr angenehm durch die Nachricht berührt, daß wir die Nacht auf einer kahlen Sandinsel zubringen sollten, daß an einen sofortigen Aufbruch am folgenden Morgen nicht zu denken sei und noch einige Stunden zu dem zeitraubenden Winden verwendet werden mußten. Reise dreiviertel Meile! schrieben wir in unsere Tagebücher, als wir vor dem sehr sparsam genährten Lagerfeuer saßen. »Wir haben schlechte Aussichten«, bemerkte Mr. Robinson, als er hinter der Zelttür verschwand, »sehr schlechte Aussichten«, wiederholte die ganze Gesellschaft, und einer nach dem anderen verfügte sich früher als gewöhnlich zwischen seine Decken. Elftes Kapitel Die ersten Mohave Indianer – Der Mohave-Bote – Briefe nach der Heimat – Chimehwhuebe Indianer – Wiederfinden eines bekannten Häuptlings – Nördliche Abhänge der Riverside Mountains – Das Tal vor der Monumentbergkette – Der Monumentberg – Die spielenden Indianer am Ufer – Maruatschas Verspielen seiner Sachen – Zusammentreffen mit dem Dampfboot »Jessup« – Nachrichten von Norden – Aufbruch der beiden Dampfboote – Der Sonntag auf der Insel – Die indianischen Fischer – Fortsetzung der Erzählung der Abenteuer am Nebraska Schönes, mildes Wetter erfreute uns am 27. Januar, als wir untätig auf der Plattform umhersaßen und voll Mißmut irgendeinen hervorragenden Stein oder ein versandetes Stück Treibholz beobachteten, an dem sich die »Explorer« Zoll für Zoll schwerfällig vorbeischob. Abwechselnd arbeiteten die Maschine und die Leute, erstere drehte das Rad rückwärts, um den losen Sand unter dem Kiel fortzuwaschen, worauf die Männer mit den Handspeichen die Last wieder um einige Zoll vorwärts bewegten, Stunden gingen auf diese Weise dahin, man hörte nur das Knarren der Winde sowie das Stöhnen des Dampfzylinders und, lauter noch als dieses, die rasch aufeinanderfolgenden Kommandoworte des Kapitäns »Halt die Maschine! – Vorwärts an den Winden! – Halt die Winden! – Rückwärts die Maschine!« Wenn dann endlich das am Anker befestigte Tau schlaff wurde und die »Explorer«, nur von der Kraft des Dampfes getrieben, gegen den Strom zog, dann lauschten wir gespannt auf den Ruf des Mannes, der sich mit der Meßstange vorn im Boot aufgestellt hatte und die Tiefe des Fahrwassers angab »Fünf Fuß! Acht Fuß! Drei Fuß! Zweieinhalb Fuß!« Der Sand knirschte unter dem eisernen Kiel, und die »Explorer« saß wieder fest, nachdem sie kaum auf einer Strecke von zweihundert Schritten den Vorteil eines guten Fahrwassers empfunden hatte. Die Arbeit begann von neuem, und hoffnungslos blickten wir nach dem Ufer hinüber, wo so manche Gegenstände uns lockten, die wir gern genauer untersucht und besichtigt hätten. Am meisten interessierten mich die grellen Farben der Riverside Mountains, die besonders ins Violette ins Blaue und ins Rote spielten, und Dr. Newberry glaubte, bunten Schiefer, Glimmerschiefer, Quarz und Konglomerate zu erkennen. Die Half Way Range zeigte anscheinend dieselbe Formation, nur daß Granit in größeren Massen deutlich hervortrat. Drei Meilen überwanden wir an diesem Tag, und zwar nach sehr schwerer Arbeit. Das linke Ufer war sandig und nur wenig über dem Spiegel des Colorado erhoben, Holz mangelte hier gänzlich, obgleich niedrige Weiden ausgedehnte Flächen bedeckten. Von dem bewaldeten rechten Ufer wurden wir durch Sandbänke getrennt, weshalb wir auf ersterem das Lager errichteten. Wir erhielten hier Besuch von Mohave-Indianern, und zwar reihten sich dieselben in bedeutender Anzahl um unsere Feuer. Es waren lauter schön gewachsene, große Leute; durchaus furchtlos verkehrten sie mit uns, zeigten aber dabei nichts von der störenden Zudringlichkeit, zu der die Urwilden so gern hinneigen, wenn ihnen ein freundlicher Empfang zuteil geworden ist. Von ihnen erhielten wir auch neuere Nachrichten über das Dampfboot »Jessup«; dieses befand sich nach ihrer Aussage allerdings schon auf dem Rückweg, doch noch weit oberhalb; dieselben Umstände, die uns zur langsamen Fahrt zwangen, wirkten auch hindernd auf seine Reise, und so konnten wir immer noch nicht hoffen, vor Ablauf mehrerer Tage mit diesem zusammenzutreffen. Um nun die bereitgehaltenen Briefe und Depeschen früher an den Ort ihrer Bestimmung gelangen zu lassen und zugleich Peacock früher von der Änderung des Reiseplans in Kenntnis zu setzen, traf Lieutenant Ives mit einem Indianer, der sich bereit erklärte, mit Briefen nach Fort Yuma zu laufen, ein Übereinkommen. Der Bote verpflichtete sich nämlich, nicht nur die Briefe an jenem Ort zu übergeben, sondern auch mit den für uns angekommenen Postsachen wieder zu uns zurückzukehren. Für diese Dienste wurde ihm ein dreifacher Lohn, der in Decken, buntem Zeug und Perlen bestand, zugesagt, und zwar so, daß er den ersten Teil bei Übernahme des Auftrags erhielt, das zweite Drittel in Fort Yuma von dem kommandierenden Offizier bezog und der Rest, der gemäß seiner Schnelligkeit gesteigert werden sollte, ihm nach seiner Rückkehr mit den Briefen gezahlt wurde. Der Indianer richtete, wie sich später auswies, seine Aufträge auf das gewissenhafteste aus, und ich erwähne hier nur, daß es ans Unglaubliche grenzt, mit welcher Schnelligkeit diese Eingeborenen lange Strecken in den unwegsamen Gebirgen zurücklegen. Wir unterhielten uns an diesem Abend wieder mit Musik, und dies geschah hauptsächlich, um den Eindruck zu beobachten, den die noch nie gehörten Klänge bei den Wilden hervorrufen würden. Alle waren natürlich erstaunt, doch äußerten sie ihre Verwunderung nicht in dem Grad, wie wir es erwartet hatten, und anfangs schienen ihnen die Bewegungen der Arme und Finger viel mehr Freude zu gewähren als die Musik selbst. Erst nachdem sich ihre Augen an das ungewöhnliche Schauspiel gewöhnt hatten, neigten sie ihre Ohren den Klängen zu und gaben unverhohlen ihr Wohlgefallen an diesen zu erkennen. Ich hatte es schon an unserem Dolmetscher Mariando beobachtet, daß der Indianer mehrfach Musik gehört haben muß, ehe er dieselbe nach seinem Geschmack findet, denn sowenig Anteil der gutmütige Diegeno auch an unseren ersten musikalischen Abendunterhaltungen nahm, so sehr schwärmte er später für diese, denn wir brauchten nur unsere Instrumente zu stimmen, um Mariando an unser Feuer zu locken. Als die Schildwachen die indianischen Besucher aufforderten, der nächtlichen Sicherheit wegen das Lager zu verlassen, bezeigten diese sehr wenig Lust, Folge zu leisten; als wir aber die Instrumente zur Seite legten, gingen sie schon von selbst. Männer, Weiber und Kinder waren in der Frühe des 28. Januar auf dem Ufer versammelt, als der Mohave-Bote seine letzten Anweisungen und mit diesen einen Teil seines schimmernden Lohns erhielt. Alle schienen sehr befriedigt mit der Art und Weise zu sein, auf welche die weißen Fremdlinge mit ihnen verkehrten; die Männer leisteten hilfreiche Hand beim Einladen des zusammengesuchten kleinen Holzvorrats und waren überrascht, als ihnen für den guten Willen einige Perlenschnüre verabreicht wurden; die Weiber und Mädchen standen etwas weiter zurück, beobachteten mit ihren fröhlichen, schwarzen Augen neugierig alle unsere Bewegungen, und dabei zeichneten sich besonders die jungen Mädchen durch ein so schüchternes Benehmen, einen so natürlichen Anstand und zierende Verschämtheit aus, die man nur zu oft in zivilisierten und selbst in gebildeten Kreisen vermißt. Der Aufbruch begann mit Winden, die Indianer saßen auf dem Ufer und schauten uns zu, und wir wurden mitunter durch Mr. Carrol belustigt, der anfangs zum Schrecken, dann aber zum größten Ergötzen der braunen Gesellschaft die schrillende Dampfpfeife erschallen ließ. Das durchdringende Geräusch, zusammen mit dem schwarzen Rauch, der in Wolken dem eisernen Schornstein entstieg, lockte die Eingeborenen von nah und fern herbei, denn in dichten Gruppen lugten schwarzbehaarte Köpfe aus dem Gebüsch oder dehnten sich braune Gestalten behaglich auf dem weichen Sand des Ufers. Wir reisten mit derselben Geschwindigkeit wie am vorhergehenden Tag, das heißt, unsere Fahrt war, mit wenig Unterbrechungen, ein unausgesetztes Bugsieren. Wir befanden uns um die Mittagsstunde an der östlichen Basis der Half Way Range, und der Strom zog sich von dort ab in einem weiten Bogen gegen Osten um die Riverside Mountains herum, die also, wie die Half Way Range, westlich von uns liegenblieben. Der Raum zwischen dem Fluß und den ersten aufstrebenden Felsen war angeschwemmtes Land und dicht mit Mesquitebäumen bewaldet. Der Kanal führte uns hart an diesem Ufer hin, weshalb Robinson die Gelegenheit benutzte, das Boot mit einem tüchtigen Vorrat von Brennholz versehen zu lassen. Zur Heizung von Dampfkesseln nehmen die Eigner der Colorado-Dampfboote nur im äußersten Notfall ihre Zuflucht zum Holz der Mesquitebäume. Die außerordentliche Hitze, die dieses Holz im brennenden Zustand entwickelt, greift nämlich das Eisen der Feuerröhren und des Kessels in dem Maße an, daß bei täglichem Gebrauch schon nach einem halben Jahr das Eisen der Wände bis zur Untauglichkeit verbrannt ist, während bei ausschließlicher Benutzung von Weiden- und Pappelholz dasselbe zwei oder drei Jahre länger seine Zwecke erfüllt. Da wir nicht nötig hatten, dergleichen Umstände zu berücksichtigen und schon vollkommen zufriedengestellt waren, wenn Boot und Maschine bis ans Ende unserer Expedition zusammenhielten, so sahen wir lieber Mesquiteholz als Cottonwood-Zweige in der geräumigen Ofenhöhle verschwinden. Der Rauchfang der Maschine war nämlich unvollkommen eingerichtet, und da die Glut mit einer furchtbaren Gewalt durch die gewundenen Züge trieb, so konnte es nicht verhütet werden, daß leichte Stücke der Rinde und besonders des Bastes ihren Weg mit aus dem Schlot fanden und als feuriger Regen wieder herabsanken, dem wir besonders im Hinterteil des Schiffes ausgesetzt waren. Wir alle trugen daher mehr oder weniger die Folgen dieses Übelstandes an unserem Äußeren, denn Hüte und Röcke waren vielfach durchlöchert und in manchen Fällen über die Hälfte verbrannt, ehe der Besitzer selbst es gemerkt hatte. So störend auch manchmal solche durch das Feuer verursachten Nachteile besonders für den davon Betroffenen waren, so fehlte es doch wiederum nicht an komischen Ereignissen und Szenen, die indessen nur sehr schwach für dergleichen Unannehmlichkeiten entschädigten. »Jemand brennt!« ruft z. B. einer, dessen Nase zuerst von dem Duft versengter Wolle berührt wird; alle springen auf, untersuchen sich von oben bis unten und von allen Seiten, der üble Geruch wird schärfer, und schärfer suchen die prüfenden Augen in den Falten der Kleidungsstücke. Plötzlich ruft einer mit lautem Lachen dem zu, der den ersten Feuerlärm schlug: »Sie brennen ja selbst auf Ihrem Kopf!« Jener fährt erschrocken nach seinem Hut, reißt ihn ab und findet, daß die einzige Kopfbedeckung, die er mit sich führt, in vollem Sinn des Wortes bodenlos geworden ist. Das Feuer wird gelöscht, die Ruhe wiederhergestellt, und emsig beugt sich jeder über Zeichnungen und Tagebuch. Leise wiegen sich glimmende Flocken in der Luft, sie senken sich allmählich, und einer derselben gelingt es, sich auf dem Knie eines in der Arbeit Vertieften anzuklammern. Plötzlich springt der Heimgesuchte von seinem Sitz, Zirkel und Bleistift entfallen seiner Hand, und wütend schlägt er auf seine Beine, um den Brand, der durch den gleichsam schadenfrohen Luftzug schnell an Ausdehnung gewann, zu ersticken. Dergleichen Auftritte reizen natürlich eine verzeihliche Lachlust und Schadenfreude, wenn sie sich aber zu oft wiederholen, so werden sie langweilig und unangenehm. Aus solchen Gründen war es uns lieb, wenn auf Kosten des Dampfkessels statt des verräterischen Cottonwood festes Mesquiteholz gebrannt wurde und wir uns dann gegen Feuergefahr gesichert wußten. Wir setzten unsere Reise in der Nähe des rechten Ufers fort, als plötzlich ein starker Trupp Chimehwhuebe-Indianer durch das dornige Gestrüpp brach und uns winkte, anzuhalten. Voraus schritt ein kleiner Mann, der in seiner Rechten ein Papier schwang und zu verstehen gab, daß er wünsche, an Bord genommen zu werden. In der Meinung, daß es ein von Fort Yuma abgesandter Bote sei, legten wir an, der Indianer sprang an Bord; doch mußten wir uns beeilen, wieder abzustoßen, indem die ganze wilde Gesellschaft sich herandrängte und nicht übel Luft verriet, ebenfalls eine kleine Spazierfahrt auf der »Explorer« zu machen. Der Indianer zeigte seine Schriften, und es stellte sich dann heraus, daß es nur zwei Empfehlungsschreiben waren, von denen eins der frühere Kommandeur vom Fort Yuma, das andere Captain Whipple ausgestellt hatte. Letzteres lautete auf den 22. Februar 1854, und als ich den Eigner desselben genauer betrachtete, erkannte ich allmählich seine Züge wieder und erinnerte mich genau, daß ich zu jener Zeit, als ich mit der Expedition des Captain Whipple den Colorado überschritt, ein Porträt von diesem Wilden angefertigt hatte. Er war klein und muskulös, und sein Gesicht hatte einen freundlichen, gefälligen Ausdruck; er erinnerte sich auch meiner noch und hatte besonders den Umstand nicht vergessen, daß ich damals »mittels eines Stäbchens sein Gesicht auf Papier legte«. Die Fahrt auf der »Explorer« schien ihn zu entzücken, er fand gar nicht Zeit, sich niederzusetzen, sondern stand fortwährend da mit verschränkten Armen und versuchte so sehr eine imponierende Haltung anzunehmen, daß er darüber ganz einsilbig in seinem Gespräch mit unseren Dolmetschern wurde. Er nannte sich Häuptling der Chimehwhuebe-Indianer, die Captain Whipple in seinem Report als einen Nebenstamm der großen Nation der Pai-Ute-Indianer Pai-Ute-Indianer. In alten spanischen Manuskripten ist dieser Name »Payuches« geschrieben worden. In der Tat klingt er, wenn er von den Eingeborenen ausgesprochen wird, »Payutsches«. Der Name »Pay-Utah« ist erst in neuerer Zeit geschaffen worden, wahrscheinlich weil man eine Beziehung zu der weiter nördlich lebenden Nation der Utah-Indianer entdecken wollte. Unter den zahlreichen Vokabularien, die Captain Whipple veröffentlichte, befindet sich auch eins der Chimehwhuebes, das deutlich macht, daß dieser Stamm, obgleich zwischen den Yumas und Mohaves lebend, doch in keiner Weise verwandt mit diesen Nationen ist. bezeichnet. Von unseren Dolmetschern wurden die zahlreichen Eingeborenen, die das rechte Ufer des Stroms belebten, ebenfalls Chimehwhuebes genannt. In ihrem Körperbau unterschieden sie sich bedeutend sowohl von den Yumas als von den Mohaves; sie waren im allgemeinen nicht so groß und auch nicht so muskulös, doch muß ich zugeben, daß ich unter ihnen schönere Gesichter als bei irgendeinem anderen Stamm entdeckte und einzelne Profile erblickte, die nicht die Spur vom indianischen Typus zeigten, sondern in Regelmäßigkeit mit einem echt römischen wetteiferten. Die Sonne war schon hinter den Riverside Mountains hinabgesunken, und noch immer befand sich die »Explorer« in der Mitte des Flusses auf einer Sandbank. Um daher das Boot zu erleichtern, zugleich aber auch, um den Leuten nicht zuviel von der nächtlichen Ruhe zu entziehen, wurden zuerst die Köche mit ihren Gerätschaften mittels des Ruderbootes ans linke Ufer gesetzt, denen dann bald die Lagerequipage und die bei den Winden überflüssigen Leute nachfolgten. Die Lagerordnung war schon hergestellt, als die »Explorer« endlich flott wurde, eine Viertelmeile oberhalb anlegte und die ganze Bemannung zu den verschiedenen Feuern eilte, wo die Köche ihrer schon mit den zubereiteten Speisen harrten. Es war ein schwerer Tag für alle gewesen, und doch belief sich der ganze Erfolg nur auf drei Meilen, die wir vom frühen Morgen bis zum späten Abend zurückgelegt hatten. Wir durften indessen in nächster Zeit nicht auf günstigeres Fahrwasser rechnen, denn der Stand des Wassers war schon so niedrig, wie Mariando und Maruatscha es nie vorher gesehen zu haben behaupteten, und ein schwaches Fallen des Stroms war immer merklich. Die Entfernung des Dampfbootes vom Lager und der Umstand, daß alle Sachen im Ruderboot zu diesem hinaufgeschifft werden mußten, verzögerten am 29. Januar etwas unseren Aufbruch. Wir gelangten indessen sogleich in gutes Fahrwasser und begegneten auf einer Strecke von ungefähr vier Meilen keinem sonderlichen Hindernis; dort aber erreichte unsere Tagereise wieder ihr Ende. Schon die erste Meile brachte uns vollständig auf die Nordseite der Riverside Mountains, denn so wie der Fluß auf der Südseite einen fast westlichen Weg verfolgte, so strömte er hier auf einer kurzen Strecke beinahe in entgegengesetzter Richtung. Die Farben der Gebirge, um die wir eben herumgezogen waren, wiederholten sich ständig, je nachdem durch die stets wechselnde Aussicht auf diese ihre äußeren Formen und Linien verschoben wurden. Die schroffen, nackten Abhänge spielten gleichsam in allen nur denkbaren Schattierungen, doch nicht schichtweise geordnet, sondern im wildesten Durcheinander, bald in großen Flächen miteinander abwechselnd, bald in kleinen Feldern ineinander verschwimmend oder als bewegliches, heruntergestürztes Geröll und farbiges Erdreich sich pfeilerähnlich an die fast senkrechten Wände anlehnend. Wiederum befanden wir uns in einem weiten, abgesonderten, durch zackige Gebirge begrenzten Tal; der Umfang desselben erschien mir nämlich zu bedeutend, als daß ich mich hier der Bezeichnung »Felskessel« bedienen möchte. Die durchschnittliche Entfernung von einer Grenze bis zur anderen betrug nach allen Richtungen ungefähr dreißig bis vierzig Meilen, doch überstieg die Breite des eigentlichen Flußtals an keiner Stelle fünf bis sechs Meilen. In diesem nun drängte sich in vielfachen Windungen der Colorado dahin. Überall erblickte ich zugeschwemmte und versandete Kanäle, in denen sich trotz des niedrigen Standes des Flusses noch kleine Wasserspiegel gehalten hatten, die darauf hindeuteten, wie oft der unruhige Strom sein Bett wechselt. Bei einer genauen geographischen Aufnahme des Colorado würde es also hauptsächlich darauf ankommen, die Grenzen des Tals zu bestimmen; denn nur in den Cañons (Schluchten), wo unerschütterliche Felswände sich dem wilden Strom hemmend entgegenstellen, ist es möglich, die Richtung des Flußbetts für kommende Zeiten anzugeben, während in den Niederungen die Dauer eines Jahres genügt, die Umgebung so sehr zu verändern, daß man eine ganze Gegend kaum wiederzuerkennen vermag. Denn da, wo man sich auf trockenem, lehmigem Boden befindet, beobachtete man vielleicht früher die Strudel des Colorado, und die gelben Fluten bedecken einen Strich, den vor kurzer Zeit noch weitverzweigte Cottonwood-Bäume beschattet haben. Besonders merkwürdig an diesem Tal erschien mir der Gebirgszug, der dasselbe gegen Norden abschloß und, wie sich bald auswies, auf dem rechten Ufer lag. Eine plateauähnliche Felsmasse mit senkrechten Wänden bildete dort nämlich das östliche Ende einer tief gekerbten Kette, und in geringer Entfernung von dieser erhob sich zu derselben Höhe ein schlanker, obeliskähnlicher Felsturm, der, mit der Basis der Hauptmasse zusammenhängend, der ganzen Gruppe das Aussehen einer mächtigen Brennerei verlieh. Ich hatte besondere Gründe, für diesen hervorragenden Punkt den Namen Destillationsfelsen vorzuschlagen, doch wurde dieser verworfen; glaubte man nun eine Anspielung auf die eigentümliche Vorliebe eines Teils der amerikanischen Nation für den Whisky darin zu entdecken, ich weiß es nicht; genug, ein edlerer Name wurde gewählt, und Monument Mountain heißt jetzt der eben beschriebene schöne Felsen. Größere indianische Ansiedlungen schienen hinter den Weidenwaldungen versteckt zu liegen, denn auf den sandigen Ufern, die bankähnlich weit in den Fluß hineinreichten, tummelten sich Eingeborene jeden Alters und Geschlechts fröhlich umher oder lagen, sich sonnend, auf dem weichen Boden. Die Männer führten fast alle lange Stangen mit sich und waren unermüdlich in ihrem Ringspiel. Dort erfuhr ich auch zum erstenmal, daß das Spiel, in dem zwei Männer in vollem Lauf mit Stangen nach einem rollenden Ring werfen, keineswegs allein zur Unterhaltung und Leibesübung dient, sondern daß auch Gewinn und Verlust mit diesem Spiel verbunden sind. Maruatscha nämlich, unser Dolmetscher, dem für seine geleisteten Dienste stets ein kleiner Vorrat von unseren Perlen und sonstigen glänzenden Gegenständen zu Gebote stand, verlangte diese, sooft ihm nur Gelegenheit geboten wurde, um sich im Spiel mit seinen Landsleuten am Ufer zu messen, und jedesmal kehrte er ohne diese an Bord zurück – ein Beweis, daß er an Geschicklichkeit, besonders von den Mohave-Indianern, übertroffen wurde. Die Windungen des Stroms, denen wir nachfolgen mußten, sowie auch die zahlreichen Hindernisse, die uns soviel Zeit raubten, gestatteten es Maruatscha, oft tagelang seiner Lieblingsbeschäftigung am Ufer nachzugehen, und es wurde ihm danach nicht schwer, das Dampfboot auf kürzerem Pfad wieder einzuholen. Gewöhnlich hielt er gleichen Schritt mit uns, und wenn wir vom Fluß aus einige Indianer spielend erblickten, so sahen wir auch ein rotes Flanellhemd unter ihnen hin- und hereilen – ein sicheres Zeichen, daß sich der auf diese Weise bekleidete Dolmetscher dort befand und seiner eigentümlichen Spielwut frönte. Eines Tages aber war, zur größten Belustigung des ehrbaren Mariando, das rote Hemd verschwunden, und Maruatscha kehrte vollständig unbekleidet zu uns an Bord zurück; er hatte sein ganzes Eigentum bis auf den Schurz und einen kleinen Nasenring verspielt. Er war augenscheinlich verstimmt, doch weniger über den Verlust selbst als über die erlittene Niederlage und das Gespött, dem er für einige Tage ausgesetzt blieb. Gegen zwölf Uhr mittags erreichten wir eine große Insel. Der Kanal, der diese auf der Westseite vom Ufer trennte, war, trotzdem er nicht von der Richtung des Stroms abwich, fast ganz zugeschwemmt, dagegen hatte sich das Wasser auf der Ostseite in weitem Bogen sein Bett um die Insel herum gewühlt, und dort befand sich auch das Fahrwasser für die »Explorer«. In dem Winkel nun, in dem wir uns östlich wenden mußten, versperrten Kies- und Sandanhäufungen den Strom dergestalt, daß es uns erst beim Eintritt der Dunkelheit gelang, wieder hinreichend tiefes Wasser zu gewinnen. Wir landeten daher auf dem linken Ufer, wo dicht begraste, offene Stellen sich vorzüglich zum Nachtlager eigneten und Massen umgeknickter und vertrockneter junger Weidenbäume uns gutes Holz zu den Lagerfeuern boten. Ein Haufe Mohave-Indianer war in der Frühe des 30. Januar auf dem Ufer versammelt und beobachtete neugierig unsere Bewegungen, als wir langsam und vorsichtig stromaufwärts zogen; langsam, weil wir mehrfach gegen starke Strömungen zu kämpfen hatten; vorsichtig, weil dort Holzklippen in größerer Zahl unter der Oberfläche des Wassers verborgen lagen. Nach Zurücklegung von etwa der Hälfte des Weges um die Insel befanden wir uns östlich von der Monumentbergkette, und wir hatten in dieser abermals die schönen zackigen Gebirgsformen vor uns, die den Colorado gleichsam charakterisieren und der ganzen Landschaft, ohne die beängstigende Öde derselben zu unterbrechen, einen eigentümlichen Reiz verleihen. Vom Monumentberg erstreckten sich mehr oder weniger zusammenhängende Felsketten gegen Norden, wo sie mit den aus dem Osten kommenden Bergjochen zusammenstießen. Die Formation derselben schien, soweit wir aus der Ferne zu beobachten vermochten, durchaus vulkanischer Art zu sein und auf einer langen Strecke keine Veränderung zu erleiden, und ich glaube wohl, daß das Gutachten, das Mr. Marcon in Captain Whipples Report über die Formation der Felsen an der Mündung der Bill Williams Fork und der nächsten Umgebung abgibt, auch ziemlich genau zu der Monument Range passen wird. Wir hatten überdies den 34. Grad schon überschritten und befanden uns ganz in der Nähe der Bill Williams Fork oder des Hawilhamook, wie das Flüßchen von den Indianern genannt wird. Ungefähr zwei Meilen waren wir gereist, als wir in nicht allzugroßer Entfernung vor uns eine schwarze Rauchsäule erblickten, die sich uns näherte, und bald darauf vernahmen wir auch eine Dampfpfeife, deren schriller Ton wie grüßend zu uns herüberklang. Es war das Dampfboot »Jessup«, und kaum hatten wir Gewißheit darüber, als auch Mr. Carrol die Pfeife der »Explorer« auf eine Art erschallen ließ, daß kein anderes Geräusch mehr vor dieser zu hören war. Die beiden Dampfboote näherten sich einander schnell und begegneten sich ungefähr drei Meilen oberhalb der Stelle, wo wir übernachtet hatten. Dort wurde am linken Ufer beigelegt; und wenige Minuten später mischten sich die Mitglieder der verschiedenen Expeditionen untereinander, um sich gegenseitig über die neuesten Erlebnisse auszufragen. Die »Jessup« war nicht weit über die großen Mohave-Dörfer hinausgekommen, wo starke Stromschnellen sie zur Umkehr zwangen. Die Stelle ihres Halts hatte man durch einen Steinhaufen bezeichnet, und dieselbe wurde auch später von uns gefunden und von Lieutenant Ives astronomisch bestimmt. Die Eingeborenen hatten eine durchaus friedliche Stimmung an den Tag gelegt, obgleich die Gerüchte vom Mormonenkrieg auch schon bis zu ihnen gedrungen waren und sie gewissermaßen beunruhigt hatten. Über den Strom selbst erhielten wir nur sehr unbefriedigende Nachrichten; die Hindernisse nahmen gemäß der uns gemachten Beschreibungen zu, und wir konnten uns daher noch auf eine sehr langwierige Reise gefaßt machen. Am meisten überraschten mich die Grüße von Lieutenant Mercer, mit dem ich so fröhliche Stunden in Fort Tejon verlebte und mit dem die Gesellschaft der »Jessup« in den Mohave-Dörfern zusammengetroffen war. Derselbe hatte nämlich Lieutenant Beale, der zurück nach den Vereinigten Staaten reiste, mit einem Kommando Dragoner bis an den Colorado eskortiert und danach wieder den Weg zurück nach seinem Posten eingeschlagen. Unsere Hoffnungen, am Colorado zusammenzutreffen, waren also nicht verwirklicht worden, und zwar, weil unsere Expedition vierzehn Tage später, als wir es ursprünglich beabsichtigten, die Flußreise angetreten hatte. Die »Jessup« war mit Lebensmitteln noch schlechter versehen als die »Explorer« und hatte schon seit mehreren Tagen nur indianische Bohnen und Mais an Bord gehabt. Trotzdem nun ihre Gesellschaft bedeutend auf Aushilfe von unserer Seite rechnete, so mußte doch jede Bitte um Proviant abgeschlagen werden, indem wir selbst einer sehr ungewissen Zukunft entgegengingen, die »Jessup« aber schon nach zwei Wochen Fort Yuma und die vollen Fleischtöpfe erreicht haben konnte. Nur kurze Zeit verkehrten wir miteinander, Lieutenant Tipton verließ uns, um mit den nötigen Instruktionen versehen an Bord der »Jessup« zu gehen, die Hände wurden, ob nun bekannt oder unbekannt, zum Abschied gereicht, auch Glück zur ferneren Reise wünschte man sich; die Dampfpfeifen betäubten die Ohren, und stolz durchschnitten beide Boote die Fluten in entgegengesetzter Richtung. Die milde, angenehme Temperatur, die am frühen Morgen geherrscht hatte, war allmählich durch einen kalten Sturm verdrängt worden, der auf tolle Weise mit dem trockenen Sand spielte und den Aufenthalt auf dem Dampfboot fast unerträglich machte. Dies sowie der Umstand, daß zahlreiche Indianer am Ufer uns von ihren Lebensmitteln zum Tausch anboten, veranlaßte uns nach kurzer Zeit wieder zu landen. Wie bei einer früheren Gelegenheit, fanden wir Schutz hinter dem Waldstreifen auf dem Ufer und eröffneten alsbald den Markt, auf dem die Eingeborenen für ihre kleinen Quantitäten von Bohnen und Mais die gewöhnlichen weißen Porzellanperlen erhielten. Das Geschäft wurde mit Ruhe und Ordnung betrieben, und keine Stunde war nach unserem Landen verstrichen, als die Indianer, augenscheinlich sehr zufrieden, unser Lager verließen und den Weg nach ihren Wigwams einschlugen. Am 31. Januar war Sonntag, es sollte daher nur eine ganz kurze Reise gemacht werden, um den Leuten den übrigen Teil des Tages zur Ruhe zu überlassen. Das Wetter hätten wir uns nicht besser wünschen können: Der Sturm des vorigen Tages war eingeschlummert, und nur leichte Windstöße kräuselten hin und wieder kleine Flächen auf der spiegelglatten Flut; heller Sonnenschein erwärmte die Atmosphäre, schaffte das schönste Schattenspiel zwischen den Zacken und Klüften der Monumentberge und erweckte bei uns ein Gefühl des Wohlbehagens, als wir stromaufwärts zogen. Vier Meilen waren schnell zurückgelegt, und als wir eine große, zum Teil bewaldete Insel erreichten, wurde das Tagwerk für beendet erklärt. Wir landeten an einer geeigneten Stelle, errichteten die Zelte auf dem erwärmten Sand, die Köche zündeten ihre Feuer an, und jeder im Lager beschäftigte sich auf eine Weise, die seinen Neigungen am meisten entsprach. Infolge einer Aufforderung, die wir an die Indianer hatten ergehen lassen, nämlich uns mit Fischen zu versorgen, stellte sich an diesem Tag ein kleiner Trupp Eingeborener mit einem Netz bei uns ein, und es gewährte mir eine angenehme Unterhaltung, diese Leute zu begleiten und bei ihrer Beschäftigung zu beobachten. Das Netz war weitmaschig, aus feinen, aber sehr starken Bastfäden geflochten, vier Fuß hoch und ungefähr dreißig Fuß lang. Von vier zu vier Fuß befanden sich lange Stäbe an diesem, mittels derer es im Wasser, zugleich aber auch auf dem Boden und aufrecht gehalten wurde. Dies waren die ganzen Gerätschaften, mit denen unsere Fischer sich versehen hatten. Das Netz aufgespannt haltend, stiegen fünf oder sechs Leute in den Fluß und bewegten sich langsam rückwärts mit der Strömung, bis sie sich einem Einschnitt im Ufer gegenüber befanden, der ihnen für ihre Zwecke geeignet schien. Einen Bogen beschreibend, näherten sich alsdann die beiden Fischer, welche die Enden trugen, vorsichtig der Uferwand und zogen gemeinschaftlich mit den übrigen das Netzt nebst seinem Inhalt aus dem Wasser. Die kleineren Fische entschlüpften leicht durch die weiten Maschen, doch wurden große genug gefangen, um unsere ganze Gesellschaft mit einer tüchtigen Mahlzeit erfreuen zu können, was von um so größerer Wichtigkeit war, als der beständige Genuß des Salzfleisches sowie der gänzliche Mangel an vegetabilischen Nahrungsstoffen den Ausbruch des Skorbuts unter uns befürchten ließ. Unter den gefangenen Fischen bemerkte ich nur zwei verschiedene Arten, nämlich Gila elegans und eine andere noch unbeschriebene pezies, die sich durch einen starken Höcker auf dem Rücken auszeichnete; von beiden steckte ich einige Exemplare in meine Spiritusbehälter. Das kleine Gehölz auf der Insel war belebt von Vögeln, und auch diese lieferten mir Exemplare für meine Sammlung, doch bemühte ich mich vergeblich, einige der größeren Wasservögel, besonders der Gänse, zu erlegen, die scharenweise auf den Sandbänken der Insel von ihren langen Reisen auszuruhen schienen. Der Abend stellte sich ein, und mit ihm die gewöhnliche Unterhaltung, bei der wir friedlich um unser flackerndes Lagerfeuer saßen und die uns weit fort in andere Regionen führte, wo der Erzähler oder ein Bekannter des Erzählers inmitten einer wilden Umgebung die wildesten Abenteuer und Szenen erlebt hatte. Der Zufall fügte es, daß ich an diesem Abend wieder auf meine Reisen am Nebraska zu sprechen kam; und wie es mir damals eine gewisse Befriedigung gewährte, mich als einen alten erfahrenen Präriewanderer darzustellen, so kann ich mich auch jetzt nicht von einer leicht verzeihlichen Schwäche freisprechen, die ich fühle, indem ich kleine Abschnitte aus meinem früheren, vielbewegten Reiseleben beschreibe. »Wenige Tage waren erst seit unserem Abenteuer mit den Oglalas verflossen«, begann ich meine Erzählung, »und mißmutig zogen wir angesichts des Nebraska dahin. Es fehlte uns an allem, was uns Erleichterung verschaffen oder zur geringsten Annehmlichkeit hätte dienen können. Unsere armen Pferde litten die schrecklichste Not, denn das Gras war von den Büffeln bis auf die Wurzeln abgenagt worden, und dennoch schienen die Büffelherden plötzlich aus unserem Bereich wie verschwunden, woher uns denn auch sogar der Trost einer nahrhaften Speise versagt blieb. Ja, wir waren oft sehr hungrig, und es stellten sich die gewöhnlichen Folgen des Hungers auch bei uns ein, das heißt, wir wurden einsilbig in unserer Unterhaltung und in dem Maße, als unsere körperlichen Kräfte abnahmen, auch zuweilen recht niedergeschlagener Stimmung. Der Weg, der vor uns lag, schien endlos zu sein und nicht kürzer werden zu wollen, obgleich wir unsere matten Tiere Tag für Tag auf der öden Straße weiterquälten. Immer farbloser wurde unsere Umgebung, winterliche Kälte zerriß die Haut an unseren Gliedern, und immer drohender jagten sich die schweren Schneewolken am Himmel, uns gleichsam das Ende unserer Reise verkündend. Es war eine traurige Zeit, und noch immer begreife ich nicht, wie es uns damals gelang, mit einer so grauenhaften Zukunft vor uns doch mit soviel Ruhe und Überlegung den Stand der Dinge zu betrachten und zu besprechen. Der Herzog war indessen ein zu alter, gediegener Reisender, als daß er den Mut hätte verlieren können, und ich selbst war noch unbekannt mit den Schneestürmen der Prärie, vermochte also nicht die drohende Gefahr vollständig zu übersehen. Eines Morgens also, nachdem wir kaum erst zwei Meilen zurückgelegt hatten, wurde unsere Aufmerksamkeit durch zwei Punkte gefesselt, die sich anscheinend bewegungslos in weiter Ferne vor uns in der Straße befanden. Die den Prärien eigentümliche Atmosphäre zeigte uns, trotz des bewölkten Himmels, die Gegenstände bei jeder Bewegung in so veränderter Gestalt, daß wir nicht wußten, was wir aus denselben machen sollten. Bald glaubten wir zwei ruhende Büffel, bald zwei Raben, bald Indianer, bald Wölfe vor uns zu haben, und lange stritten wir darüber hin und her, bis wir endlich das erkannten, was wir am wenigsten zu finden wünschten, nämlich Indianer. Als wir uns ihnen näherten, erhoben sie sich von der Erde und schritten uns entgegen. Es waren zwei junge Männer und so wild und unsauber aussehende Gesellen, wie nur je über die Prärie trabten. Ihre Gestalten hatten sie in wollene Decken gehüllt, die ursprünglich weiß gewesen waren, jetzt aber die Farbe des dürren Grases trugen; eine Art Kapuze von demselben Stoff bedeckte teilweise ihr Haupt, ihre Füße und Beine dagegen waren durch die gewöhnlichen hirschledernen Mokassins und Gamaschen geschützt. In den Händen trugen sie lange Dragonersäbel, die sich, nach ihrem Glanz zu schließen, noch nicht lange im Besitz der beiden Wilden befinden konnten und jedenfalls auf einem neueren Raubzug erbeutet waren. Als sie uns erreichten, begannen sie sogleich auf die unverschämteste Weise zu betteln und nach Whisky zu fragen. Natürlich wiesen wir sie zurück, und da sie Miene machten, die Pferde anzuhalten, drohten wir ihnen mit unseren Waffen, worauf sie sich hinter den Wagen begaben und uns in der Entfernung von ungefähr fünfzig Schritt augenscheinlich nicht in der besten Absicht folgten. Ich kann es nicht leugnen, die Anwesenheit der beiden Räuber – denn anders kann ich diese Art von Eingeborenen nicht bezeichnen – begann mir sehr lästig zu werden, so daß ich den Herzog um seine Zustimmung ersuchte, diese zur Abschreckung vor den Kopf schießen zu dürfen. Meine Absicht entsprang aus einer sehr großen Unerfahrenheit, dann aber auch aus einem tiefen Haß, den ich, auf den Grund hin, daß ich die Indianer für schuldig an unserem ganzen Unglück hielt, vorschnell gegen diese gefaßt hatte, ohne daran zu denken, daß die arme, verfolgte kupferfarbige Rasse auf ihrem eigenen Grund und Boden, den sie frei von ihren freien Vätern übernommen hat, tausendfaches Unrecht von den fremden, bleichen Eindringlingen erduldet hatte. Natürlich erblickt der Indianer in jedem Weißen einen Unterdrücker und betrachtet ihn mit einem schwer zu besiegenden Mißtrauen, und eingedenk der erfahrenen Unbilden sucht er sich zu rächen, wenn die Gelegenheit sich dazu bietet. Wer nun der indianischen Rache flucht, der vergißt der fluchwürdigeren Rache der Weißen, der vielfach für ein gestohlenes Pferd zahlreiche Leben zum Opfer fallen. ›Du sollst nicht stehlen!‹ sagt der zivilisierte Weiße zu dem Menschen im Urzustand, indem er ihm seine Heimat raubt, den Keim zum Guten in seiner Brust erstickt und dafür die bösen Leidenschaften weckt und anstachelt. ›Du sollst nicht töten!‹ ruft er ihm wieder zu, indem er, für einen begangenen Mord strafend, ganze Nationen in den Staub tritt.« »Nirgends wird der Wert des Menschen mehr verkannt und von seiner Farbe abhängig gemacht als in unserem Land!« unterbrach hier der Doktor meine Erzählung. »Die Leute, die sich in rohen Ausbrüchen gegen die indianische Rasse ergehen, ihr frevelnd jede Bildungsfähigkeit absprechen und gleichsam auf deren Ausrottung beharren, denken nicht daran, daß sie auf die schamloseste Weise ihr eigene Unwissenheit zur Schau tragen und nicht imstande sind, die eigentlichen Ursachen zu erkennen, die zuerst die Übel veranlaßten, die jetzt so tief, ja ich möchte sagen, fast unheilbar eingerissen sind.« Ich fuhr in meiner Erzählung fort: »Den Plan, die beiden Indianer zu erschießen, wies der Herzog mit Unwillen zurück, indem er mich fragte: ›Wer gibt Ihnen das Recht, Menschen zu töten, denen Sie durch Ihre Waffen so weit überlegen sind?‹ ›Das Recht des Stärkerem, antwortete ich gelassen, ›und der Wunsch, uns von der unheimlichen Gesellschaft zu befreien.‹ ›Selbst in der Wildnis‹, fiel der Herzog ein, ›wo das Recht des Stärkeren freilich anerkannt wird, soll man doch nur in der Selbstverteidigung Blut vergießen; glauben Sie übrigens, daß diese beiden Wilden die einzigen in unserer Nähe sind? Und glauben Sie, daß wir den Tod derselben, wenn er durch uns veranlaßt wurde, vierundzwanzig Stunden überleben würden?‹ Ich schwieg und ritt mürrisch neben dem Wagen her, überlegte zugleich, ob es unter solchen Umständen wirklich ein so großes Unglück wäre, auf anständige Art skalpiert zu werden. Die beiden Indianer folgten uns von ferne. Nicht weit waren wir so fortgezogen, als wir eine Schwellung in der Ebene erreichten, von deren Höhe aus man die nächste Niederung zu übersehen vermochte. Dort nun erblickten wir, zu unserer sehr geringen Freude, einen Trupp von etwa achtzehn Eingeborenen, die sich an der Straße gelagert hatten, bei unserer Annäherung aber aufsprangen und uns entgegeneilten. Sie glichen in ihrem Äußeren vollkommen den beiden zuerst beschriebenen, nur führten sie als Waffen statt der Dragonerschwerter Karabiner und Bogen. Wie bei einer früheren Gelegenheit, so geboten wir ihnen auch jetzt wieder Halt und gestatteten ihnen, nach Auswechslung der Friedenszeichen heranzutreten. Die Zusammenkunft schien anfangs ein friedliches Ende nehmen zu wollen, als plötzlich einer der uns Folgenden seinen Gefährten einige Worte zurief, worauf diese mit der Schnelligkeit eines Gedankens ihre Decken zurückwarfen, ihre Waffen ergriffen und sich mit wildem Geschrei auf uns stürzten. Der Angriff geschah so plötzlich und von allen Seiten, daß wir von unseren Waffen keinen Gebrauch machen konnten und nur versuchten, mit unseren Pferden durchzubrechen. Kaum bemerkten sie aber unsere Absicht, als einer der wilden Gesellen vor den Wagen sprang und dem Handpferd mit dem Hammer des Tomahawks einen Hieb über dem Auge an den Kopf versetzte, daß es betäubt auf die Knie sank. Es hob sich zwar gleich wieder empor, doch war es für den Augenblick unfähig, weiterzugehen, und es starb auch nach einigen Tagen infolge des furchtbaren Schlages. Wir befanden uns also vollständig in der Gewalt dieser Wilden, und zwar so, daß wir uns nicht zu rühren vermochten. Vor jedem von uns standen nämlich sechs oder sieben der Räuber, die uns auf äußerst unbequeme Weise ihre gespannten Karabiner vors Gesicht hielten oder die Sehne mit dem befiederten Pfeil ans Ohr zogen und mehr als zu genau nach unserer Brust zielten. Der Herzog hatte seine Doppelflinte ergriffen, doch kaum befand dieselbe sich in seinen Händen, als sie ihm entrissen, aufgezogen und mit der Mündung vor den Kopf gehalten wurde, so daß ich nichts anderes erwarten konnte, als daß das Doppelgewehr sich in den ungeübten Händen entladen und des Herzogs Gehirn zerschmettern würde. Als er dann nach einer Pistole griff, wurde diese ebenfalls seiner Hand entwunden, er selbst halb aus dem Wagen gerissen, die mexikanische Decke, die er um seine Schultern trug, über seinen Kopf gezogen und das Beil gehoben, das seinem Leben ein Ende machen sollte. Ich selbst hatte in meinem Halstuch die Faust eines Indianers, der meine Kehle recht empfindlich zusammenschnürte, und hing nur noch auf dem Pferd, das ebenfalls gehalten wurde, während die Pfeile und die Karabiner, die mich umgaben, keinen Augenblick ihre gefährliche Richtung veränderten. So standen also die Sachen, ich hatte mit dem Leben abgeschlossen und konnte nichts anderes glauben, als daß mir einige Pfeile, deren Federn recht sorglich mit der Zunge benetzt waren, durch den Leib fahren würden. Diese ganze Szene hatte bei weitem nicht so lang gedauert, als ich Zeit brauche, sie zu schildern, und ebensoschnell waren auch meine Satteltaschen ihres Inhalts entledigt und einige Gegenstände aus dem Wagen gerissen worden. Unter den mir geraubten Sachen befand sich auch mein Tagebuch, das mit Skizzen von Indianern angefüllt war, und ich vermute, daß der Anblick der Zeichnungen einen uns rettenden Einfluß auf die Wilden ausübte. Ich kann es mir nämlich nicht anders erklären, als daß in dem Augenblick, der unser letzter zu sein schien, die Indianer sich gegenseitig etwas zuriefen und nicht nur plötzlich von uns abließen, sondern auch den größten Teil der geraubten Sachen wieder in den Wagen warfen. Nur eine einfache Pistole des Herzogs behielten sie, überreichten ihm aber statt dieser einen sechsläufigen Revolver, den sie natürlich bei einer früheren Gelegenheit geraubt hatten und von dem sie wahrscheinlich keinen Gebrauch zu machen verstanden. Mein Skizzenbuch bekam ich nie wieder zu sehen, ebenso blieb mein Halstuch in der Hand desjenigen zurück, der mich auf so zweideutige Weise liebkost hatte. ›Die dummen Kerls!‹ rief der Herzog ärgerlich aus, als er sich von den mörderischen Griffen befreit fühlte. ›Tumme Kel! Tumme Kel!‹ wiederholten die Indianer, welche die Bezeichnung nachzusprechen versuchten und dabei auf die Seite traten. Kaum fühlten wir, daß wir frei und noch im Besitz unserer Waffen waren, als wir unsere Pferde antrieben und, ohne uns weiter um die wilde Bande zu kümmern, ruhig unsere Straße weiterzogen. ›Diesmal hätten wir unseren Skalp noch gerettet‹, rief mir der Herzog lachend zu, indem er sich mit der Hand durch die verwirrten Haare strich; auch ich faßte unwillkürlich nach meiner Kopfhaut, die sich ganz gegen mein Erwarten noch auf ihrer alten Stelle befand, und schaute zurück nach der Bande, die sich da, wo wir sie verlassen hatten, niedersetzte und einen Gegenstand aufmerksam zu betrachten schien. Ich untersuchte meine Satteltasche, und jetzt wurde ich erst gewahr, daß mir mein Tagebuch fehlte. Ich bezweifelte nun nicht mehr, was die Veranlassung zu unserer fast wunderbaren Rettung gegeben hatte. Der Aberglaube dieser Leute hatte sie in den Bildern Zauberei erkennen lassen, und da diese Zauberei von uns ausgegangen war, konnten wir natürlich nur Medizinmänner sein, deren Leben geschont werden mußte. Der Verlust meiner Zeichnungen und Notizen war mir sehr schmerzlich, doch fühlte ich mich getröstet bei dem Gedanken, daß dieselben wenigstens zu unserer Rettung mit beigetragen hatten. Ich glaubte schon, der Herzog würde mich, wie früher nach dem Messer, jetzt nach dem Buch zurücksenden, und ich darf nicht leugnen, daß ich mich diesmal gewiß etwas mehr gegen eine so naive Aufforderung gesträubt haben würde, denn die feindliche Kugel war noch in zu frischem Andenken bei mir. Von meinen Zeichnungen habe ich nie wieder gehört, sie befinden sich jetzt wohl in irgendeinem Zauberbeutel der Kiowas, denn zu diesem Stamm gehörte nach des Herzogs Ansicht die Gesellschaft, die sich bei unserem Zusammentreffen für Cheyenne-Indianer ausgegeben hatte. Wir befanden uns kaum dreihundert Schritt von den Indianern, als wir nicht weit von der Straße einen toten Büffel erblickten; ich ritt hinüber und überzeugte mich, daß er noch ganz warm war und kaum seit einer Stunde erlegt sein konnte; es hatte sogar den Anschein, als ob die Jäger in der Arbeit des Zerlegens durch unser Eintreffen gestört worden wären. Auf meine Mitteilung bog der Herzog vom Weg ab, fuhr seinen Wagen dicht an den Büffel heran, worauf wir ohne Zögern die unterbrochene Arbeit der Indianer fortsetzten. Wohl selten handhabten zwei Leute Messer und Axt mit einem größeren Eifer als wir, die wir ein Stück nach dem anderen vom zottigen Riesen herunterschnitten und in den Wagen warfen. Glücklicherweise hatten die Indianer die besten Teile noch unberührt gelassen, und so waren wir denn imstande, uns nicht nur einen tüchtigen, sondern auch einen sehr schmackhaften Vorrat von saftigem Fleisch anzulegen. Die Wilden saßen unterdessen noch immer auf der alten Stelle, wie mit ernsten Dingen beschäftigt. Sie schienen nicht geneigt, uns weiter zu belästigen, und daß wir keine sonderliche Lust verspürten, sie zu inkommodieren, brauche ich wohl nicht weiter zu versichern. Wir entfernten uns, nachdem wir vom Büffel soviel genommen hatten, als wir bequem unterbringen konnten, und würden ganz guter Dinge gewesen sein, wenn das verwundete Pferd nicht deutliche Zeichen seiner gänzlichen Erschlaffung gegeben hätte. Wir reisten bis spät am Abend und vergaßen dann beim duftenden Braten das Hoffnungslose unserer Lage.« Zwölftes Kapitel Fortsetzung der Reise der »Explorer« – Schlucht vor dem Bill Williams Fork – Mündung des Bill Williams Fork – Entenjagd – Sandsturm – Unbequemes Lager – Fischfang im Bill Williams Fork – Der Mohave-Bote – Die Sägefelsen – Das Chimehwhuebe-Tal – Die Sandbänke – Langsame Reise – Formation der hohen Kiesebene – Maruatschas Neigung zur Umkehr – Chimehwhuebe-Indianer – Ruhetag auf einer Sandbank – Die Indianer als Naturaliensammler – Die verlassene indianische Hütte – Nördliches Ende des Chimehwhuebe-Tals – Die Nadelfelsen – Einfahrt in die Schlucht – Die Stromschnelle – Übergang der »Explorer« über diese Zur gewöhnlichen Stunde rief am 1. Februar die Dampfpfeife zum Aufbruch. Wir verließen die anmutige Insel und befanden uns bald wieder zwischen den hohen Ufern, die durch die Kiesebene gebildet wurden und nur ganz spärliche Vegetation am Rand des Wassers duldeten. Ein Felsvorsprung gleich hinter der Insel auf dem linken Ufer, der sich bis zu einer Höhe von ungefähr dreißig Fuß erhob und tief in den Strom hineinreichte, verdient besondere Erwähnung. Der Fluß bildet hier einen Winkel, infolgedessen wir diesem Punkt den Namen Corner Rock (Eckfelsen) beilegten. Der Felsen selbst steht mit der Kiesebene in Verbindung oder scheint vielmehr eine Verlängerung dieser zu sein. Deutlich erkennbar waren, als wir dicht vorbeifuhren, zwei Lagen von Konglomerat, auf welchen Kiesschichten ruhten. Die Decke bestand aus einer starken Lage Basalt, und dieselbe hatte ebenso wie die unteren Schichten eine geringe Senkung von Westen nach Osten. Eine kurze Strecke hinter dem Corner Rock drängten sich die hohen Felsmassen zu beiden Seiten mehr dem Fluß zu, bis sie einen Cañon bildeten, aus dem uns der Colorado entgegenströmte. Wir befanden uns bald in dem Felsentor, dessen Wände anfangs zwar weniger bedeutend waren, aber an Höhe und Ausdehnung in dem Grad zunahmen, als wir uns stromaufwärts bewegten. Die prachtvollsten Formationen umgaben uns endlich von allen Seiten; das Fahrwasser – obgleich reißend und wegen der verborgenen Klippen gefahrvoll – war gut, und nur zu schnell, um den Anblick einer erhabenen Szenerie vollständig genießen zu können. Wir traten, den kurzen Windungen des Stroms folgend, von einem Becken in das andere ein. Zu mächtigen Wällen und Mauern türmten sich die buntfarbigen vulkanischen Massen hoch übereinander oder bildeten mit ihren zusammengeschobenen Basen spitze Winkel, in denen das schnell strömende Wasser sich schäumend brach, während an anderen Stellen die Räume zwischen dem Gestein mit Sand ausgefüllt waren, die in den meisten Fällen siechende Weiden und Cottonwood-Bäume spärlich schmückten. Wir landeten an einer solchen Stelle, um etwas Holz an Bord zu schaffen, und fanden dort Gelegenheit, die Felsen näher in Augenschein zu nehmen, die eine so große Verschiedenheit der Farbe trugen. Wir entdeckten Kupfer, Eisen, Granit und Quarz; die Basen der Berge dagegen zeigten vielfach roten Sandstein und Konglomerat, auf denen die verworrenen Massen basaltartiger Lava hoch übereinanderlagen. Nachdem wir den Holzplatz verlassen hatten, steuerte Kapitän Robinson die »Explorer« vorsichtig zwischen den zahlreichen Klippen und durch die wilden Strudel dahin. Bis zu fünfhundert Fuß hoch ragten einzelne senkrechte und zum Teil überhängende Felswände aus dem Wasser empor, und da, wo diese weiter zurücktraten, erblickten wir die wunderlichsten Gebilde, die um so mehr überraschten, als sie aus festem, vulkanischem Gestein bestanden, das, unempfindlich gegen äußere Einflüsse, die unveränderten Formen seiner ersten Entstehung beibehalten hatte. Hier krönte ein Schloß mit regelmäßiger Architektur und terrassenförmig übereinanderliegenden Wällen und Mauern den Gipfel eines verwitternden Berges, dort ragte ein einsamer Wartturm oder eine freistehende, rechtwinkelige Mauer hoch empor, und wenn auch nicht gänzlich zusammenhängend, so waren diese Naturbauwerke doch durch lange Mauern miteinander verbunden, die wiederum Pfeiler und Türmchen reich schmückten. Die verschiedenen Lagen des Basalts und der Lava, die mit einer geringen Senkung gegen Osten bald säulenähnlich, bald schichtweise aufeinander folgten, vermochte man weithin an den parallelen Linien zu erkennen, die an den schroffen Seitenwänden deutlich hervortraten, und eben dadurch erhielten die merkwürdigen Gebilde noch mehr das Aussehen künstlicher Bauwerke. Es lag etwas Wild-Romantisches in unserer ganzen Umgebung, doch fehlte auch nicht der beängstigende öde Charakter, den starre, vegetationslose Gebirgsmassen stets zur Schau tragen; denn die Kakteen, die wie mächtige Kandelaber oder einsame Schildwachen an den Abhängen und auf den Wällen zerstreut umherstanden, hoben eher das Leblose der ganzen Szenerie, als daß sie einige Veränderung in dieselbe hineingebracht hätten. Mit voller Dampfkraft arbeiteten die Maschinen, als sie die »Explorer« gegen die starke Strömung schoben; schwarze Rauchwolken entstiegen dem eisernen Schlot, weißer Schaum bildete sich vor dem scharfen Bug des Fahrzeugs, und das regelmäßige Ächzen und Stöhnen der entfesselten Dämpfe weckte laut hundertfaches Echo in den dunklen, unheimlichen Klüften. Die Felsen schoben sich gleichsam in drohender Weise aneinander vorbei und neigten sich über uns hin; scheinbar bebten mächtige Blöcke und Kuppen, wir aber saßen in stiller Bewunderung auf unserer Plattform und ließen, geleitet von den verschiedenen Ausrufen des Erstaunens, unsere Blicke bald auf dem rechten, bald auf dem linken Ufer haften. Eine Indianerfamilie begegnete uns mitten in der Schlucht; sie kauerte auf einem aus Binsen zusammengefügten Floß und ließ sich gemächlich stromabwärts treiben. Mit dem Ausdruck furchtsamer Besorgnis schauten die armen Leute auf unser »feuerspeiendes Kanu«; auch wir blickten zu ihnen hinüber und gedachten des eigentümlichen Kontrastes, den der Zufall hier zusammengeführt hatte: auf der einen Seite die Schiffahrt in ihrer allerersten Kindheit und Menschen wie Fahrzeug dem Willen des Elements untertan; auf der anderen Seite die Schiffahrt auf dem höchsten Punkt der Vollkommenheit und die Elemente gehorsame Werkzeuge in der Hand des Sterblichen, um das eine mit dem anderen erfolgreich zu bekämpfen; um beide Teile aber eine großartige, erhabene Natur, die anscheinend leblos ist, doch sich nur leise zu regen braucht, um den Menschen im Urzustand und den eitlen Jünger der Zivilisation mit all seinen Werken und den Erzeugnissen seines Geistes spurlos verschwinden zu lassen. Vorbei schnaubte der Dampfer an dem gebrechlichen Binsenfloß, das sich willenlos auf den schäumenden Wellen hob und senkte; der nächste Vorsprung entzog es unseren Blicken, und wir befanden uns wieder allein in dem mächtigen Felsenkessel. Nur hoch oben, zwischen den Gipfeln der Berge, schwebte majestätisch ein weißköpfiger Adler; zwei Krähen versuchten es mit lautem Gekrächz, den König der Lüfte anzugreifen, der unbekümmert und gleichgültig gegen seine gehässigen Verfolger nach wie vor seine weiten Kreise beschrieb. Etwa sechs Meilen reisten wir in dem Cañon, als die Gebirge auf dem linken Ufer, ein Tal bildend, weiter zurücktraten und wir uns der Mündung des Bill Williams Fork näherten. Der niedrige Wasserstand des Colorado, dessen Spiegel bedeutend unter dem seines Nebenflüßchens lag, war Ursache, daß letzteres nur in einem schmalen Strahl hinabstürzte. Da nun bei meiner früheren Anwesenheit an jener Stelle der Bill Williams Fork als ein fünfundzwanzig Fuß breiter Fluß in den Colorado strömte, so vermochten weder Lieutenant Ives, der ebenfalls an der Forschungsexpedition des Captain Whipple teilgenommen hatte, noch ich, diesen Punkt wiederzuerkennen, und nur hervorragende Gebirgsformen, die ich damals behutsam abzeichnete, überzeugten uns endlich vollständig, daß wir auf dem Colorado bis dahin gelangt waren, wo wir diesen vier Jahre früher zum erstenmal erblickt hatten. Wir landeten eine kurze Strecke oberhalb der Mündung des kleinen Flusses auf dem linken Ufer, ungefähr an demselben Punkt, den Captain Whipple astronomisch bestimmte, also unter 34° 23' 10" 10''' nördlicher Breite und 114° 06' 24'' 90''' westlicher Länge von Greenwich. Nach einer früheren Berechnung des Captain Whipple liegt Fort Yuma, oder vielmehr der Vereinigungspunkt des Gila und des Colorado, unter 32° 43' 32'' 3''' n.Br. und 114° 32' 51'' 61''' w.L. Wir befanden uns also nach einer zwanzigtägigen Reise und nach Zurücklegung von wenigstens 170 Meilen nur 26' 27'' östlich von der Länge von Fort Yuma und noch nicht ganz zwei Grad nördlich von dem obengenannten Punkte. Der Abend war noch ziemlich weit entfernt, als die Lagerordnung hergestellt war; ich rüstete mich daher zu einem kleinen Jagdausflug den Bill Williams Fork hinauf, der bei mir wegen des zahlreichen Vogelwildes, das ich einst dort erbeutete, in besonders frischem Andenken stand. Als ich über den festen und lettigen Boden dahinschritt, entdeckte ich die Spuren von Wagenrädern und die deutlichen Abdrücke von Maultier- und Schafhufen; sie waren bereits vier Jahre alt, doch schien es, merkwürdig genug, als ob erst ebenso viele Wochen seit ihrem Entstehen vergangen wären – ein Zeichen, wie wenig die übrige Oberfläche des Bodens im Tale des Colorado, die nicht vom Fluß selbst berührt wird, einer Veränderung unterworfen ist. Die Zeichen, die mich so lebhaft an längst vergangene Tage erinnerten, waren besonders gut erhalten an solchen Stellen, wo dicht wucherndes Gestrüpp, vorzugsweise Talgholz, dieselben vor dem Flugsand geschützt hatte. Ich erreichte bald das Flüßchen; wie damals scheuchte ich bei meiner Annäherung eine Herde Enten auf, und wie damals schoß ich einige derselben herunter. Ich blickte um mich; blätterlose Bäume und Sträucher hatten dieselben Formen und Farben wie vor Jahren; unverändert standen im Hintergrund die imposanten Felsmassen, deren zackige Linien ich einst mit soviel Genauigkeit auf dem Papier wiederzugeben trachtete; je länger ich auf diese hinblickte, desto bekannter erschienen mir ihre Formen; war es mir doch, als ob ich meiner ganzen Umgebung ebenfalls nicht fremd geworden sei, denn wie grüßend schauten die blauen Berge, die kühn aufstrebenden Felsgipfel und die einsamen Pitahajas zu mir herüber, gleichsam erfreut, einen alten Bekannten aus fernen Landen wiederzusehen. Auch ich freute mich; freilich war es bis auf einen ganz schmalen Strich nur eine Wüste, die mich umgab, aber eine Wüste, in der ich einst hungernd und nur noch mit Lumpen bekleidet stand, von der ich mit dem Gedanken, sie nie wiederzusehen, schied und in die ich mich plötzlich wie durch Zauberschlag versetzt fand. Kaum ein Tag schien mir seit jener Zeit verflossen zu sein, in Gedanken aber stürmten die Ereignisse von Jahren an mir vorüber und erinnerten mich an die Wirklichkeit; ich gedachte meiner schönen Heimat und alles dessen, was ich in derselben zurückgelassen, und – ergriff schnell mein Gewehr, um weiter zu jagen. Ich folgte dem Flüßchen aufwärts, bis die Dämmerung mich an die Rückkehr ins Lager mahnte. Ich hatte eine gute Jagd gemacht, denn große und kleine Enten beschwerten meinen breiten Ledergürtel, und doppelt willkommen wurde ich daher von meinen fröhlichen Kameraden geheißen, als ich aus der Dunkelheit plötzlich ans flackernde Lagerfeuer trat. Der mit düsteren Wolken verschleierte Himmel klärte sich zur nächtlichen Stunde allmählich wieder auf, zugleich erhob sich aber auch ein Wind, der mit verstärkter Gewalt an unseren Zelten rüttelte und gegen Morgen in einen förmlichen Sturm ausartete. Trotz des Wunsches von Kapitän Robinson, an jener Stelle günstigeres Wetter oder vielmehr einen glatten Wasserspiegel abzuwarten, bestand Lieutenant Ives auf der Weiterreise. Wir verließen daher am 2. Februar zur gewöhnlichen Stunde das Ufer und gelangten bald in die Mitte des Stroms, wo die »Explorer« so sehr durch Bänke von Geröll, die nur wenige Zoll unter der Oberfläche des Wassers lagen, eingeengt wurde, daß sie zuletzt kaum noch vorwärts oder rückwärts gebracht werden konnte. Wir waren froh, das rechte Ufer ohne Unfall zu erreichen, wo am Fuß schroffer vulkanischer Felsen nun eine kleine, mit Dornen dicht bewachsene Fläche zu unserem Aufenthalt diente. Der Sturm brauste unterdessen mit ununterbrochener Gewalt fort, wild kreiste der Sand in den Winkeln der Felsen, und selbst mit der größten Mühe gelang es uns nicht, eine geschützte Stelle zu schaffen, auf der wir uns hätten unterhalten können, ohne knirschenden Sand zwischen unseren Zähnen zu fühlen. Stundenlang lagen wir zwischen den Felsen und sonnten uns; sich auf vorteilhafte Weise zu beschäftigen war nicht möglich, und so schlich denn die Zeit träge und langsam dahin. Da der Sturm gegen Mittag etwas in seiner Heftigkeit nachgelassen hatte, an einen Aufbruch mit dem Dampfboot aber noch nicht gedacht werden konnte, so entschloß ich mich, zurück zum Bill Williams Fork zu gehen, um dort nach Exemplaren für meine Sammlung zu fischen. Ich fand leicht einige Leute, die sich bereit zeigten, mich in dem Ruderboot über den Fluß zu setzen und dann in meiner Arbeit zu unterstützen. Auch Dr. Newberry beteiligte sich an der kleinen Expedition, und so erreichten wir denn nach einer kurzen Zeit sehr angestrengter Arbeit wieder das linke Ufer des Stroms, ungefähr eine halbe Meile oberhalb des erwähnten Flüßchens. Ich hatte mich mit engmaschigen Netzen versehen, und diese an Stellen gebrauchend, wo das klare Wasser die Ufer unterwühlte, gelang es mir leicht, eine hinreichende Anzahl von kleinen Fischen zu erbeuten. Als wir zu dem Ruderboot zurückkehrten, trafen wir dort mit einigen Mohave-Indianern zusammen, die uns kleine Säckchen mit Bohnen und Mais zum Verkauf anboten. Da wir keine Tauschartikel bei uns führten, das Boot aber des aufgeregten Wassers und des noch immer sehr starken Windes wegen nicht zu sehr beschwert werden durfte, so wiesen wir sie zurück. Die Indianer nun, die Gründe wohl einsehend, die uns zu solchem Benehmen veranlaßten, legten ihre Waren in den Hinterteil des Fahrzeugs und schwammen dann durch den Fluß. Sie waren schon längst auf dem jenseitigen Ufer angekommen, als wir noch gegen die heftige Strömung kämpften, und auf dieselbe Weise kehrten sie zurück, nachdem sie ihre Lebensmittel für einige Schnüre Perlen hergegeben hatten. Unser Lager war sehr unbequem, denn kaum vermochten wir bei den starken Windstößen unsere Zelte auf dem losen Sand stehend zu erhalten. Das Wetter beruhigte sich indessen während der Nacht, und als wir in der Frühe des 3. Februar unsere Reise fortsetzten, erblickten wir den breiten Strom wieder mit einem glatten Spiegel vor uns. Obgleich die Gebirge, besonders auf dem linken Ufer, weit vom Fluß zurücktraten, so zogen sich doch nur schmale Streifen fruchtbaren, angeschwemmten Bodens zu beiden Seiten hin, während die gewöhnlichen Kiesebenen den übrigen Teil des umfangreichen Tals bildeten. Diese Fläche, die nach allen Richtungen hin vielleicht zehn Meilen im Durchmesser haben mochte, schien nur spärlich bewohnt zu sein oder vielmehr nur zeitweise den Eingeborenen zum Aufenthalt zu dienen; ich erblickte nämlich mehrere indianische Hütten, die aber von ihren Bewohnern verlassen waren. Die Formation der zackigen Gebirge, die uns von allen Seiten umgaben, war teilweise granitisch, doch erkannten wir an den Ausläufern derselben, die zuweilen bis in die Nähe des Flusses reichten, auch lavaartigen Basalt, Porphyr und Gneis. Im Norden war das oben beschriebene Tal von einer Felsenkette begrenzt, deren gekerbte Außenlinien eine entfernte Ähnlichkeit mit der Schneide einer Säge trugen, und es befand sich auf der anderen Seite derselben das fruchtbare und verhältnismäßig reichbevölkerte Tal der Chimehwhuebes. Vielfache Hindernisse hemmten an diesem Tag die »Explorer« in ihrem Lauf, denn bald waren es Sandbänke, bald die gefährlichen Anhäufungen von scharfem Geröll im Bett des Stroms, über die das Fahrzeug hinübergewunden werden mußte, und so schlugen wir denn am Abend, nur 2 ½ Meilen oberhalb unserer letzten Lagerstelle, die Zelte auf dem linken Ufer auf, wo zwei halb verdorrte Cottonwood-Bäume uns einen geringen Vorrat von Holz für die Nacht versprachen. Außerdem befanden sich noch am Rand des Wassers junge Schößlinge von Weiden, während die festgetrocknete schlammige Ebene, die hier kaum eine halbe Meile breit war, reich mit Talgholzbüschen und einzelnen verkrüppelten Mesquitebäumen bedeckt war. Nicht ohne Mühe gelang es mir, durch das dichte Gestrüpp hindurch den Fuß der Kiesebene zu erreichen, und ich wurde dort überrascht durch die schmalen, schachtähnlichen Gänge, die allmählich durch niederströmende Regen in dieser Ebene ausgewaschen waren. Mehrere hundert Schritte vermochte ich denselben nachzufolgen, bis sich diese zuletzt so sehr verengten, daß ich zur Umkehr gezwungen wurde. Außer kleinen Vögeln, die sich in der Nähe von Mesquitebäumen aufhielten, entdeckte ich kein lebendes Wesen auf meinem Spaziergang. Freilich war der Boden vielfach von kleinen Nagetieren durchwühlt und untergraben, doch mangelte mir die Zeit, ihnen nachzustellen. Später fand ich Gelegenheit, diese zu einem Handelsartikel bei den Indianern zu machen und erhielt infolgedessen für eine Anzahl von Perlenschnüren eine überaus reichhaltige Sammlung sowohl von Nagetieren als von Eidechsen. Als ich ins Lager zurückkehrte, erfuhr ich sogleich, daß unser Mohave-Bote von Fort Yuma mit Postsachen zurückgekehrt sei, und meine Freude war unbeschreiblich, als Dr. Newberry, der ebenfalls mit Nachrichten aus seiner Heimat beglückt worden, mir einen Brief überreichte. Ich verschlang gleichsam den Inhalt desselben und war so glücklich über diese unverhoffte Freude, daß ich gar nicht wußte, wie ich dem Indianer meine Dankbarkeit beweisen sollte, und ihm ein Drittel meiner Wäsche, die nebenbei gesagt überhaupt nur noch aus drei Stücken bestand, mit einem tüchtigen Händedruck reichte. Dies war übrigens der letzte Brief, den ich während der Expedition erhielt, die nächsten Nachrichten von den Meinigen gingen mir erst wieder in den letzten Tagen des August in New York zu. Der Indianer, der sich als ein so gewissenhafter Bote ausgewiesen hatte, wurde von allen Seiten reich beschenkt und geriet durch die Freigebigkeit des Lieutenant Ives in den Besitz eines solchen Reichtums von Glasperlen und buntfarbigem Zeug, wie er sich gewiß nie hatte träumen lassen; auch die beiden Eingeborenen, die ihn bis zu uns begleitet hatten, gingen nicht leer aus; und augenscheinlich sehr zufrieden, schied die kleine Gesellschaft am folgenden Morgen von uns. So weich und angenehm wir auch auf dem sandigen Ufer schliefen, so unangenehm war aber auch wieder die Gesellschaft, mit der wir während der Nacht unsere Betten geteilt hatten. Als wir nämlich am Morgen unsere Decken zusammenrollten, erblickten wir mehrfach große, hellgrüne Skorpione, die, aus den wärmenden Falten kommend, sich unangenehm von der kalten Morgenluft berührt fühlten und drohend ihre bewaffneten Schwänze emporreckten. Unser Koch ergriff eines dieser widerwärtigen Tiere, und es auf einer freien Stelle beim Feuer niederlegend, umgab er es mit einem Ring glühender Kohlen, die er immer dichter zusammenschob. Hier nun wurde ich Zeuge, daß das so furchtbar gequälte Geschöpf sich den eigenen Giftstachel mehrmals tief in den Leib bohrte. Die Zeit mangelte uns, die Folgen dieser Selbstvergiftung abzuwarten; ich begnügte mich daher mit dem einmaligen grausamen Schauspiel und machte nie wieder einen ähnlichen Versuch, obgleich der Mensch mir versicherte, daß diese Tiere, auf solche Weise geängstigt, jedesmal ihre Waffe gegen sich selbst anwendeten. Der 4. Februar war hinsichtlich der Reise im Vergleich mit den früheren Tagen ein glücklicher zu nennen, denn wir legten vierzehn Meilen zurück und gelangten gegen Abend bis in die Nähe der obenerwähnten sägeförmigen Felsenkette. Der Charakter der Gegend, durch die wir hingezogen waren, zeigte keine wesentlichen Veränderungen, und wie am vorhergehenden Tag erblickten wir hauptsächlich Eruptivformationen, die teilweise auf Straten von rotem Sandstein und metamorphosiertem Konglomerat ruhten. An einer Stelle auf dem rechten Ufer, wo wir anhielten, um Holz einzunehmen, erstieg ich die nächsten lavaartigen Hügel; diese waren fast unzugänglich wegen ihrer scharfen Kruste, deren messerähnliche Auswüchse beim Gehen darauf große Stücke aus den festen Sohlen der Stiefel rissen. Das Gestein war nach allen Richtungen hin geborsten und gesprungen, und es schienen Tausende von Nagetieren in diesen Höhlen einen sicheren Zufluchtsort zu finden. Große Haufen von dürren Reisern, die mühsam an den unwegsamen Abhängen hinaufgeschleppt worden waren, bezeichneten jedesmal den Wohnsitz der kleinen Vierfüßler. Von einem der hohen Standpunkte aus gewann ich auch den ersten Blick in das Chimehwhuebe-Tal und auf die dasselbe gegen Norden abschließenden merkwürdigen Felsen, welchen Capt. Whipple den bezeichnenden Namen Needle Rocks (Nadelfelsen) beigelegt hat. Unter den verworrenen Gebirgsmassen, die sich in geringer Entfernung vom Fluß auf dem rechten Ufer hinzogen, war ein mächtiger, fast abgesonderter Felsen besonders ins Auge fallend, sowohl wegen seiner Höhe (ungefähr 1200 Fuß), als auch seiner schönen, kühnen Außenlinien wegen; diesen benannte Lieutenant Ives zur Erinnerung an Capitain Whipple, unseren früheren gemeinsamen Kommandeur, Mount Whipple. Ein anderer Felsen, der weiter oberhalb als Insel bootförmig aus dem Strom hervorragte, wurde Boat Rock genannt, doch glaube ich kaum, daß die Sägefelsen, in deren Nähe wir auf dem rechten Ufer die Nacht zubrachten, getauft worden sind. Durch die glückliche Reise des vorhergehenden Tages glaubten wir uns schon zu den kühnsten Hoffnungen berechtigt, und dies um so mehr, als der erste Teil der Reise uns noch zwischen zusammengedrängten Felszügen hinführen mußte, wo wir gewohnt waren, verhältnismäßig gutes Fahrwasser zu finden. Noch sahen wir aber die weißen Rauchwölkchen, die unseren niedergebrannten Lagerfeuern entstiegen, da rief plötzlich der Mann, der die Meßstange führte: »Zweieinhalb Fuß!«, und gleich darauf nagten scharfe Steine an den eisernen Planken des Schiffes. Der Kapitän kratzte sich hinter den Ohren, murmelte einen derben Seemannsfluch, und es folgten dann die gewöhnlichen Arbeiten, um das Boot wieder flottzumachen, was den größten Teil des Tages in Anspruch nahm. Erst in den Nachmittagsstunden begann die Last den vereinten Kräften nachzugeben, und Zoll für Zoll bewegten wir uns auf den krachenden Kieseln vorwärts. Was wir während dieser Zeit auf unserer kleinen Plattform empfanden, läßt sich kaum beschreiben; Langeweile war es nicht, denn gegen diese hätten wir uns durch jede Unterhaltung schützen können. Aber der Gedanke, an einer Stelle wie festgebannt zu liegen, die Ungeduld endlich, wieder loszukommen, und das Beobachten der fruchtlosen Arbeit – das war es, was uns den Aufenthalt an Bord fast unerträglich machte und den Wunsch erregte, landen zu können. Doch wir mußten ausharren. Kaum drei Meilen reisten wir an diesem Tag, und diese Strecke brachte uns aus den Felsenschluchten an den Rand des umfangreichen Chimehwhuebe-Tals. Daß wir uns einer mehr bevölkerten Gegend näherten, war uns schon durch die Indianer kund geworden, die sich in Gruppen auf den Felsvorsprüngen versammelt hatten, von denen sie neugierig auf uns und unser Treiben niederschauten und zuweilen auch in ihrer gellenden Weise Gespräche mit unseren Dolmetschern führten. Der erste Anblick des Chimehwhuebe-Tals war der einer mit Weiden reich bewachsenen Niederung; weit gegen Norden tauchten die phantastisch geformten Gipfel der Nadelfelsen empor, welche die nördliche Grenze des Tals bezeichneten, während die blauen Gebirgszüge im Westen und im Osten weiter zurücktraten und scheinbar gegen Norden ganz verschwanden. Die Kiesebenen, die auf diese Weise bedeutend an Umfang zunahmen, blieben auch in ihrer Verlängerung gleichmäßig ansteigend, bis sie sich endlich am Fuß der Berge über dreihundert Fuß hoch erhoben. So weit entfernt diese letzteren Punkte auch von uns waren, so vermochten wir doch an den weißen horizontalen Streifen, die sich in gewisser Entfernung über die schiefen Flächen erstrecken, deutlich zu erkennen, daß Konglomerate, Sandstein und Kies in den verschiedenen Schichten abwechselnd übereinanderlagen und die sich dem Fluß zu senkenden Flächen durch den Einfluß niederströmender Wasser entstanden waren. Wir übernachteten auf dem rechten Ufer und begannen mit dem Winden, als wir am 6. Februar unsere Reise fortsetzten. Zahlreiche Eingeborene jeglichen Alters und Geschlechts beobachteten uns vom Ufer aus; es waren Chimehwhuebes und die Bewohner des Tals. Ihre Ansiedlungen und Dörfer mußten aber in einiger Entfernung vom Fluß liegen, denn soweit wir von Bord der »Explorer« aus die Gegend zu übersehen vermochten, erstreckten sich die dichten, aber noch jungen Weidenwaldungen ins Tal hinein und schienen die Flächen, auf denen diese, ähnlich geringelten Anpflanzungen, wucherten, keineswegs Kürbis und Melonen erzeugender Boden, sondern nur ältere, vom Strom zurückgelassene Sandanhäufungen zu sein. Ich erinnere mich übrigens, auf meiner früheren Reise von den Höhen aus zahlreiche Hütten und kultivierte Felder, vorzugsweise auf dem rechten Ufer, wahrgenommen zu haben. Nicht wenig wurden wir an diesem Tag überrascht, als Maruatscha uns durch Mariando davon in Kenntnis setzen ließ, daß er beabsichtige, heimzukehren. Unter anderem gab er auch als Vorwand an, daß er Nachrichten vom schlechten Befinden seiner Frau erhalten habe und dringend zu ihr eilen müsse. Mariandos ungläubiges Lächeln, als er dies verdolmetschte, bestärkte uns in dem Glauben, daß Maruatscha die bei Indianern gewiß ungewöhnliche liebende Sorgfalt für eine seiner Gattinnen nur erheuchle, um von uns loszukommen oder den Preis für seine Dienste, die jetzt erst anfingen, in Anspruch genommen zu werden, etwas höherzuschrauben. Ohne die zärtlichen Gefühle Maruatschas weiter zu berücksichtigen, wurde er daher zurückgehalten, um so mehr, als mit seiner Entfernung auch das Mittel, uns mit den Mohaves zu verständigen, verlorengegangen wäre. Er tröstete sich übrigens leicht über die Zurückhaltung, denn nie sah ich einen lebhafteren und glücklicheren Indianer wie unseren Dolmetscher, als wir einige Tage später mit den Mohaves und besonders mit deren jungen Mädchen zusammentrafen. Drei Meilen legten wir noch gegen Abend zurück, nachdem wir uns den ganzen Tag über fast auf derselben Stelle befunden hatten. Wir landeten auf dem rechten Ufer und wählten zu unserer Lagerstelle, um gegen etwaige Überfälle der Indianer, deren Stimmung wir nicht kannten, gesichert zu sein, eine offene, hohe Sandbank, die aber in Verbindung mit dem weidenbewachsenen Ufer stand. Ein Trupp Chimehwhuebes empfing uns, als wir das Dampfboot verließen, und sie gaben unverhohlen ihre freundliche Gesinnung zu erkennen, indem sie uns beim Herbeischaffen von trockenem Treibholz hilfreiche Hand leisteten. Die harmlose Art, mit der diese Eingeborenen mit uns im Lager verkehrten und sich um unsere Feuer reihten, veranlaßte uns zu dem Wunsch, auch auf sie einen guten Eindruck zu machen. Wir holten daher unsere Instrumente und begannen ein Konzert, so gut wir es imstande waren, und ergötzten uns nicht wenig über das Schauspiel, das uns die Indianer in ihrer Verwunderung boten. Beim ersten Ton, den sie vernahmen, legten sie voll Erstaunen die Hände auf den Mund und stießen langgedehnte Töne aus, als sie sich aber einigermaßen an die Musik gewöhnt hatten und dann auch den Gesang kennenlernten, äußerten sie ihr Wohlgefallen auf verschiedene Weise. Einzelne schlugen Takt mit kleinen Stäbchen, andere nickten mit dem Haupt, und wieder andere versuchten leise mitzusummen. Wir baten sie vielfach, auch ihre Stimmen erschallen zu lassen, doch war unsere Mühe vergeblich, wir erhielten nur verneinende Zeichen, als ob sie nicht zu singen verständen; zugleich forderten sie uns auf, mit unserer Musik nicht innezuhalten, die ihnen so schön in die Ohren klinge. Ich glaube, wir hätten während der ganzen Nacht in den Eingeborenen aufmerksame Zuhörer gefunden, wenn wir es nicht vorgezogen hätten, gegen elf Uhr die Instrumente beiseite zu legen und erquickenden Schlaf in unseren Betten zu suchen. Wo die Eingeborenen übernachteten, als sie der allgemeinen Sicherheit wegen aus dem Lager gewiesen wurden, weiß ich nicht. Ihre Wohnungen waren zu weit entfernt, wie sie uns selbst zu verstehen gaben, um dahin zurückzukehren; doch erschienen sie am folgenden Morgen in aller Frühe wieder bei uns. Der 7. Februar war ein Sonntag und wurde daher zum Ruhetag bestimmt. Uns allen war ein solcher gewiß sehr willkommen, denn die vielen Stürme, denen wir in letzter Zeit ausgesetzt gewesen waren, hatten unsere Feldbetten und sonstigen Gegenstände so voll Sand geweht, daß wir uns von Herzen danach sehnten, endlich einmal eine Hauptreinigung halten zu können. Der Morgen war mild und klar, und wie emsige Bienen bewegte sich unser ganzes Personal auf der Sandbank durcheinander. Jeder schien mit ernsten und wichtigen Dingen beschäftigt, denen er seine ungeteilte Aufmerksamkeit widmete. Da wurden Decken geschüttelt, geklopft und demnächst gesonnt; da wurde genäht, gestickt und gestopft; da wurde gewaschen und getrocknet, Gewehre sowie Revolver abgeschossen, geputzt und frisch geladen, Äxte, Beile und Messer wurden geschliffen, die Haare geschnitten, alte Briefe und Zeitungen gelesen, frische Tabakvorräte aus den verschlossenen Koffern hervorgeholt, Angeln in den Fluß gelegt und tausend andere kleine Arbeiten vorgenommen, deren Ausführung man sich eigens für den Ruhetag aufgespart hatte. Doch auch die Indianer vernachlässigten wir nicht, denn außer daß Lieutenant Ives Mais, Bohnen und Weizenmehl, soviel sie nur immer bringen mochten, von ihnen erstand, suchte auch jeder von uns noch auf eigene Faust Delikatessen für seinen Tisch einzuhandeln, zu welchem Zweck Lieutenant Ives ebenfalls die von der Regierung gelieferten Tauschartikel zur Verfügung stellte. Vor allen Dingen kauften wir Fische, dann aber auch Hasen, welche die Eingeborenen in Fallen fingen, sowie getrocknete und frische Kürbisse. Hier belehrte ich die Indianer zum erstenmal, daß ich auch Perlen für Ratten, Mäuse, Eidechsen und Schlangen zahlen würde. Da nun die dortigen Eingeborenen dergleichen Tiere für besonders schmackhaft halten, so begriffen sie meine Unterweisungen sehr leicht und äußerten nur ihre Verwunderung, als ich nach dem Empfang einiger Mäuse diese nicht sogleich beim Feuer zubereitete und verzehrte, sondern in eine mit Alkohol gefüllte Zinnflasche warf. Die Nagetiere und Eidechsen wurden mir zuzeiten von den Eingeborenen in so großer Anzahl gebracht, daß mir nur soviel Zeit blieb, dieselben in Alkohol zu verpacken. Ich bin daher außerstande, alle verschiedenen Spezies, die ich auf diese Weise erhielt, namhaft zu machen, denn verpackt, wie sie waren, gingen sie nach Washington und dort in die Hände von Professor Baird zur Bearbeitung über. Sehr erfreut war die ganze indianische Gesellschaft, die wegen der weiten Entfernung ihrer Wohnungen nur aus Männern und jungen Burschen bestand, als ihr junger Häuptling mit einer Decke und einigen grellfarbigen Schmucksachen beschenkt wurde, während alle übrigen dergleichen Gegenstände nur als Bezahlung für abgelieferte Waren erhielten. Sie sahen in solchem Benehmen gleichsam eine Anerkennung ihrer nationalen Einrichtungen und fühlten sich dadurch nicht wenig geschmeichelt. Was nun die äußere Erscheinung der Chimehwhuebe-Indianer betrifft, erblickte ich unter ihnen durchgehend schöne, wohlgebildete Gestalten, die indessen an Stärke und Größe denen des Mohave-Stammes bedeutend nachstanden. Ebenso wie diese neigten auch sie zu einer harmlosen, fröhlichen Sorglosigkeit, die, wenn sie mit Überlegung von den Förderern der Zivilisation ausgebeutet wird, wohl segenbringend für diese armen Kinder der Wüste werden könnte. Der Wind, der gegen Mittag wieder aufsprang und ausgelassen mit dem beweglichen Sand spielte, verdarb uns die zweite Hälfte des Rasttags, und nur gegen Abend, als Ruhe sich auf die weite Landschaft senkte und die untergehende Sonne die scharfen Gipfel der Nadelfelsen mit einem purpurnen Duft übergoß, konnten wir uns wieder ungestört einem Genuß hingeben, den der Aufenthalt in der freien, wenn auch einer stiefmütterlich behandelten Naturumgebung so gern gestattet. Am jenseitigen Ufer auf den Sandbänken saßen Herden weißgefiederter Pelikane und schritten Kraniche mit stolzer Haltung umher, ihr durchdringender Ruf schallte zu uns herüber – sie freuten sich ihres Daseins; auch wir waren froh und gaben unsere fröhliche Stimmung durch manches bekannte Lied und durch manche heimatliche Melodie auf unseren Instrumenten kund. Der Morgen des 8. Februar war kalt und windig, und ungeduldig lagen wir auf dem kleinen Verdeck umher, als das Dampfboot sich oft stundenlang vergeblich bemühte, über die rasch aufeinanderfolgenden Untiefen zu gelangen. Anhäufungen von Treibholz ragten nach allen Richtungen hin aus dem seichten Wasser hervor, und da uns jede andere Beschäftigung mangelte, so versuchten Dr. Newberry und ich, unter den verwitternden Stämmen und Ästen der Snags die verschiedenen Holzarten zu erkennen, und es war von Interesse für uns, starke Fichten- und Zedernstämme zu entdecken, die nur aus den Regionen der in solchem Schmuck prangenden San Francisco Mountains in Neu-Mexiko ihren Weg bis hierher gefunden haben konnten. Als wir landeten, um Holz einzunehmen, erblickte ich eine indianische Hütte, die erst neu errichtet und in letzterer Zeit bewohnt, aber nun verlassen zu sein schien. Sie bestand aus neun starken abgeschälten Baumstämmen, die in Form eines Vierecks in den Boden gesenkt waren, über den sie fünf Fuß hoch emporragten. Oben wurden die Stämme durch starke Balken zusammengehalten, und auf diesem Gestell ruhte ein einfaches, aus Zweigen und Ästen sehr fest zusammengefügtes Dach. Es fiel mir auf, daß dieses rohe Gebäude mit soviel Mühe aufgeführt war, denn an den Enden der Balken konnte ich wahrnehmen, wieviel Arbeit das Fällen eines einzigen Baums den Indianern mit ihren unvollkommenen Werkzeugen gekostet haben mußte, und doch würden schwache Stangen die schweren Balken vollkommen ersetzt haben. Die Wohnung war aber ersichtlich auf eine lange Reihe von Jahren berechnet. Maruatscha, der beim Holzeinladen mithalf, fand die Balken der Hütte sehr gelegen und begann schon seine zerstörende Hand an diese zu legen, als ich ihn von seinem Vorhaben zurückhielt. Er war sehr verwundert darüber und lachte über meine ihm unbegreifliche Achtung vor fremdem Eigentum. Als sich bald darauf Eingeborene mit Waren zum Tausch bei uns einstellten, bemerkte ich, daß Maruatscha ihnen mitteilte, wie ich die verlassene Hütte in meinen Schutz genommen hatte; statt aber billigende Blicke über meine Handlung wahrzunehmen, wurde ich durch schallendes Gelächter und Mienen belohnt, die mir deutlich sagten, daß die Eingeborenen, und vielleicht sogar die Eigentümer der Hütte selbst, mich nicht für den klügsten weißen Mann hielten. Nur um zwei Meilen hatten wir uns den Nadelfelsen genähert, als die untergehende Sonne uns zwang, unser Tagewerk zu beenden. Mit schwachen Hoffnungen traten wir am 9. Februar die Reise an, denn weithin dehnte sich das niedrige Land noch aus, und vielfach war der breite Spiegel des Stroms durch sichtbare Sandbänke unterbrochen. Doch besser, als wir erwartet hatten, fanden wir das Fahrwasser; ein ziemlich tiefer Kanal, leicht erkennbar an der glatten Oberfläche des Stroms, wand sich zwischen den Inseln hindurch, und diesem folgend, gelangten wir ohne Unterbrechung schnell vorwärts. Abwechselnd berührten Weidenstriche, fruchtbares Land und Kiesebenen die eilenden Fluten, und ich erblickte in letzteren Fällen häufig Türme der übereinanderliegenden Sand- und Kiesschichten, so wie diesselben allmählich durch den Einfluß des Wassers und der Atmosphäre von der Ebene getrennt und gebildet worden waren. Die Bevölkerung im nördlichen Ende des Tals erschien mir weniger zahlreich, denn die Ufer blieben öde und leer, und seltener wurden die schmalen, fruchtbaren Landstreifen, die sich zum Ackerbau geeignet haben könnten. Die ganze Länge des eigentlichen Chimehwhuebe-Tals beträgt ungefähr zehn Meilen, und die Breite desselben übersteigt wohl an keinem Punkt sechs bis sieben Meilen, das heißt, wenn man die Kiesebene als die Grenzen betrachtet. Nachdem wir ungefähr sieben Meilen gereist waren, gestaltete sich unsere Umgebung wilder und trauriger; bis zu hundert Fuß hoch erhoben sich die schroffen Uferwände, und wir hatten in dieser die Formation der hohen Wüste vor uns, die ich oben erwähnte. Einer Indianerfamilie begegneten wir dort; diese befand sich auf einem großen Binsenfloß, das ihr ganzes Hab und Gut trug. Ein kleines Feuer war sinnig auf dem schwankenden Fahrzeug angelegt worden, und um dasselbe herum kauerten die kleinen nackten, braunen Gestalten von vier indianischen Kindern. Der Umstand, daß die Eingeborenen auf einem Floß den Weg durch die Schlucht der Nadelfelsen zurückgelegt hatten, hob den größten Teil der Besorgnis, die wir hinsichtlich der Schiffbarkeit des Stroms im Ca[~n]on hegten; und als bei einer plötzlichen Biegung die hohen Kiesufer weiter zurücktraten, die wunderlich geformten Türme und Kuppen der Needles dicht vor uns lagen, begrüßten wir freundlich die südliche Grenze des Mohave-Tals. Wir erreichten bald die Einfahrt in diese gigantischen Felsmassen, doch wurde gerade dort unser Fortschreiten durch eine Stromschnelle gehemmt. Das Wasser stürzte nämlich mit einem auf zwanzig Fuß verteilten Gefalle von vier Fuß schäumend und tobend über eine Geröllbank, die selbst für unser eisernes Dampfboot gefährliche Klippen barg. Wir legten daher hinter einer Kiesbank in ruhigem Wasser bei, und während Kapitän Robinson mit seinen Bootsleuten nach einer Übergangsstelle forschte, gewannen wir Zeit, uns in den prachtvollen Anblick zu versenken, den uns die malerische Szenerie bot. Ich konnte mich kaum eines beängstigenden Gefühls erwehren, als ich auf die Einfahrt blickte und den Strom plötzlich hinter überhängenden vulkanischen Felsen verschwinden sah; die Gipfel der Berge, die mit Türmen, Brücken, Mauern, Bogenfenstern und Toren – wie sie die Natur in ihren Bauten schuf – reich geschmückt waren, drängten sich in einem so wilden Durcheinander empor, daß es zur Unmöglichkeit wurde, die Richtung zu erraten, in welche die breite Wasserstraße uns führen würde. In stiller Bewunderung und harrend der Dinge, die ich kennenlernen sollte, saß ich auf der kleinen Plattform und zeichnete, und nur zu schnell für mich vernahm ich des Kapitäns Kommando: »Los das Boot!« Nicht ohne Mühe gelangten wir über die Stromschnelle; unsere ganze Bemannung wurde ausgeschifft, ein Tau vom Vorderteil des Dampfbootes zu ihnen hingeleitet, und langsam glitt die »Explorer« in die Strömung. Mit voller Dampfkraft arbeiteten die Maschinen, die Wellen bäumten sich hoch auf vor dem scharfen Bug des Fahrzeugs und warfen weißen Schaum auf den zischenden Kessel; die Leute hielten aber mittels des Taus das Boot in seiner Richtung, und schnaubend wie ein ungeduldiger Renner schob sich die »Explorer« Zoll für Zoll durch das wild bewegte Wasser und schoß, nachdem sie endlich den glatten Spiegel erreicht hatte, mit doppelter Schnelligkeit dahin. Die Leute sprangen wieder an Bord, und da es erst drei Uhr nachmittag war, so wurde an diesem Tag noch die Fahrt durch den Cañon unternommen. Dreizehntes Kapitel Der Mohave-Cahon – Fahrt durch denselben – Erzählung aus meinem Jagdleben in Illinois – Ende des Mohave-Canons – Das Mohave-Tal – Die Mohave-Indianer – Erstes Lager im Mohave-Tal – Tauschhandel mit den Eingeborenen – Die Eingeborenen als Naturaliensammler – Handel mit Naturalien Den Landweg durch die Nadelfelsen hatte ich schon früher kennengelernt, und ich habe diesen auch in meinem ersten Reisewerk »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 389. ausführlich beschrieben. Ich war schon damals hingerissen von den prachtvollen Formationen, die ich zeitweise tief unter mir erblickte; doch der Umstand, daß ich mich auf den Höhen befand, der Strom selbst größtenteils meinen Blicken verborgen blieb und daß ich vorsichtig auf jeden meiner Schritte achten mußte, um nicht von dem gefährlichen Pfad hinab in die Tiefe zu stürzen, schwächte den Eindruck, den eine erhabene Naturumgebung auf den beobachtenden Reisenden zurücklassen muß. Jetzt aber, an Bord des Dampfers, wo ich meine ungeteilte Aufmerksamkeit der so überaus schönen Szenerie ungestört zuwenden konnte, war es anders; und laut bedauerte ich es, daß wir gerade hier von gutem Fahrwasser begünstigt wurden und nicht einige Hindernisse uns längere Zeit aufhielten. Als wir in das Felsentor einbogen, verschwanden plötzlich die sandigen Uferstreifen mit ihrer spärlichen Vegetation, und unmittelbar aus dem heftig strömenden Wasser erhoben sich die schwarzen Massen der lavaartigen Basaltfelsen. Anfangs erschienen diese in Bergform, um die der Fluß sich in kurzen Windungen seinen Weg herumsuchte, doch bald rückten sie näher zusammen, und als klippenreiche Wände bildeten sie hohe, senkrechte Ufer. Hinter diesen nun lugten kastellähnliche Kuppen entfernter Berge hervor, die ihre phantastischen Außenlinien in dem Maße, in dem unser Standpunkt durch den eilenden Dampfer verändert wurde, auf wunderliche Weise verwandelten. Bogenfenster öffneten sich und ließen den sonnigen Abendhimmel durchblicken; Brücken wurden entstellt durch die hinter diese rückenden Mauern; scheinbare Tore rissen auseinander und zeigten sich als zwei abgesonderte Pfeiler, die sich weit überneigten oder, sich in entgegengesetzter Richtung aneinander vorschiebend, auf kurze Zeit die Form eines Kreuzes bildeten. Endlich erreichten die kurzen Windungen des Stroms ihr Ende, und vor uns lag, wie ein Gang von riesenhaftestem Umfang, der Mittelpunkt des Cañons in seiner ganzen Erhabenheit, in seiner ganzen Pracht. Über eine Meile dehnte sich der breite Spiegel des Stroms in gerader Richtung vor uns aus; senkrecht erhoben sich mächtige, übereinanderliegende rote Sandsteinlagen bis zu einer Höhe von 500 Fuß, und dadurch, daß sich diese langen, zusammenhängenden Mauern gegen Norden senkten und näher zusammenrückten, war man geneigt, die Schlucht für doppelt so lang zu halten, als sie eigentlich war. Überhaupt schienen alle Dimensionen zu wachsen, denn die Spiegelbilder in dem ruhigen Wasser glichen vollständig einer Fortsetzung des überhängenden Gesteins, und da der wolkenlose Himmel die Mitte des Stroms mit einem transparenten Lichtblau überzog, glaubte man über einem unendlichen Abgrund zu schweben. Wir glitten in die Schlucht hinein; die Sonne hatte sich schon tief gesenkt, in duftigem, nebelgleichem Schatten lag vor uns der Colorado, und während die Sonne noch einzelne Blicke zwischen den Felszacken hindurch auf die westliche Uferwand sandte und die grellfarbigen Kuppen und Gipfel der Höhen mit rotem Licht übergoß, fühlten wir unten schon die nächtliche Kühle, als wenn wir in ein dem Licht verschlossenes Gewölbe hineingefahren wären. Unvergeßlich ist mir dieser Abend geblieben. Laut und regelmäßig stöhnte die schwer arbeitende Maschine, lauter noch und hundertfach antwortete in derselben Weise das Echo in den Klüften und Nebenschluchten, und doch wie klein und winzig erschien die »Explorer« mit ihrer ganzen Kraft und ihrer ganzen Bemannung gegenüber einer so majestätischen Naturumgebung! Weiße Reiher, die in großer Anzahl auf den unzugänglichen Felsen horsteten, die als abgesonderte Pfeiler aus den Fluten hoch emporragten, verließen bei dem ungewöhnlichen Geräusch in allen Richtungen ihre Ruheorte; ängstlich schwebten sie wie schutzsuchend von der einen Seite nach der anderen hinüber; und doch waren sie vor uns bevorzugt, denn eine einzige verborgene Klippe konnte den Untergang von uns allen herbeiführen, und Schwingen wären nötig gewesen, um in einem solchen Fall einem Ort zu entrinnen, wo das Wasser tiefe Abgründe deckte und die starren Felsen keinen Haltepunkt für die Hand und keine Rast für den Fuß boten. Wir fuhren vorbei an dunklen Höhlen und unzugänglichen Nebenschluchten, an turmähnlichen Klippen und schön geäderten Felswänden; der Fluß sah so ruhig und friedlich aus, doch weiße Schaumstreifen an den Vorsprüngen des Gesteins verrieten den heftigen Andrang der Strömung, und spielende Wirbel auf der Oberfläche des Wassers warnten das kundige Auge des Steuermanns vor verstecktem Unheil. Gegen Norden wurde die oben beschriebene Schlucht wieder durch vulkanische Berge abgeschlossen, und es erschien für längere Zeit, als ob das Wasser den Felsen entfließe. Selbst als wir uns schon in der Nähe dieses Punktes befanden, vermochten wir nicht genau zu unterscheiden, nach welcher Seite unsere Straße uns hinführen würde. Endlich schossen wir an einem Felsvorsprung vorbei und befanden uns gleich darauf dicht am rechten Ufer des Stroms, der dort in einem scharfen Winkel gegen Osten abbog. Auch die »Explorer« änderte sogleich ihre Richtung unter der lenkenden Hand des Kapitäns, die Schlucht hinter uns schloß sich, eine andere, weniger bedeutende, öffnete sich vor uns, und als wir das östliche Ende derselben erreichten, gewannen wir bei einer kurzen Biegung gegen Norden einen Blick auf offenes, niederes Land. Die Aussicht dauerte nur lange genug, um das Ende der Felskette zu erkennen, und nackte Gebirgsmassen umgaben uns dann wieder von allen Seiten. Ein schmaler Streifen sandiges Uferland, der sich am Rand des Wassers hinzog und wo wir einige versengte Bäume und Buschwerk entdeckten, wurde alsbald zur Lagerstelle bestimmt; das Dampfboot legte bei, und einer nach dem andern sprang ans Ufer. »Was sagen Sie zu dem Cañon?« fragte ich Kapitän Robinson, als ich mein Gewehr zu einem Spaziergang zu dem nahen Berg ergriff. »Der Cañon?« fragte er zurück. »Ich sah nur Wasser und gefahrdrohende Wirbel und schätze mich glücklich, den Weg bis hierher gefunden zu haben, ohne daß die ›Explorer‹ sich dabei die Nase an irgendeinem unsichtbaren Felsblock gestoßen hat.« Dreizehn Meilen hatten wir an diesem Tag auf dem Colorado durchlaufen und uns während der letzten fünf Meilen unausgesetzt in der Felsenwildnis befunden. Ungefähr zwei Meilen weiter erstreckte sich die Schlucht noch, welcher der Name »Mohave-Cañon« beigelegt wurde, und wir rechneten auf diese Weise die ganze Länge des Cañons – oder vielmehr die Breite der Needles auf dem Wasserweg – sechs bis sieben Meilen. Ich erstieg noch vor Einbruch der Nacht die nächsten Höhen, von wo aus ich einen Teil des Mohave-Tals zu übersehen vermochte, das sich scheinbar endlos gegen Norden erstreckte. Nach allen übrigen Richtungen hin haftete der Blick auf den schlanken Berggipfeln, nach denen die Nadelfelsen benannt waren und die in ihrer Höhe zwischen dreihundert und tausend Fuß wechselten. An der Stelle, wo ich die steilen Abhänge hinaufkletterte, nahm ich ungeordnete Schichten von basaltischen Mandelsteinen (Amygdaloid) wahr, auf denen Lagen von Konglomerat ruhten; auch erblickte ich wieder den roten Sandstein, den ich bei der Beschreibung des Cañons erwähnte, sowie kalkartigen Lehm, roten Porphyr, Trapp, Gneis und Granit. Wie bei einer früheren Gelegenheit fand ich die Sprünge und Borsten in dem harten Gestein ebenfalls von zahlreichen Ratten und Mäusen bewohnt. Ich versuchte einige derselben aus ihrem Versteck zu treiben, indem ich Feuer an die trockenen Reiser legte, die vor den Öffnungen angehäuft waren, und erzeugte darauf durch das Verbrennen von grünen Artemisien und Talgholzzweigen übelriechenden Qualm, der wie in einem Windofen polternd von den hellen Flammen in die Röhren hineingetrieben wurde. Soviel Rauch in die unterirdischen Gänge auch eindrang und so aufmerksam ich die nächsten Öffnungen beobachtete, so bemerkte ich doch nicht, daß ein lebendes Wesen denselben entschlüpfte; und was mich am meisten überraschte, war, daß selbst der Rauch seinen Weg nicht wieder hinauszufinden schien. Ich gab daher diese Art von Jagd auf, und als ich um den Hügel herumkletterte, erblickte ich plötzlich den gegenüberliegenden Abhang desselben in Rauch gehüllt; leicht erkannte ich dann, daß die Gänge und Röhren in dem lavaartigen Gestein über die ganze Breite des Hügels reichten und daß, während ich auf der einen Seite den Brand schürte, die Tiere ihre Wohnungen ungestört auf der anderen Seite verlassen hatten. Wie gewöhnlich fand uns der Abend um unser Lagerfeuer versammelt, der schöne Cañon, in dessen nördlicher Mündung wir uns befanden, war hauptsächlich ein Gegenstand unserer Unterhaltung, doch schweiften wir auch ab nach dem felsumsäumten Tal des majestätischen Hudson und den rebenbekränzten Bergen des alten Vater Rhein; wir sprachen von den weißen Häuserreihen, die sich in Amerikas Flüssen spiegeln, von den grauen Burgen des alten Kontinents, die von den eilenden Wolken begrüßt werden, und von den steinernen Schlössern am Colorado; wir gedachten auch der stillen Blockhäuser und ihrer Bewohner, und fast unwillkürlich begann ich meinen Erinnerungen, die durch letztere angeregt waren, Worte zu geben: »Ehe ich den Herzog Paul von Württemberg auf seiner kühnen Forschungsreise nach den Rocky Mountains begleitete und ehe ich dann das gefährliche Handwerk eines Pelzjägers ergriff, lebte ich als Wildschütz in Illinois, in dem paradiesischen Landstrich, der sich östlich von St. Louis über Belleville, Massacontah und weit über den Kaskaskia-Fluß hinaus erstreckt. Es waren nur Monate, die ich auf diese Weise verbrachte, doch knüpfen sich so reiche Erinnerungen an diese Zeit, daß ich mich oft gern in diese versenke, über einzelne Erlebnisse lächle, in anderen dagegen eine ernste und weise Fügung erkenne. Wenn ich jetzt hier, wo wir von undurchdringlichen Wüsten umgeben sind, mir in Gedanken die lieblichen Prärien ausmale, die, mit hohen Baumgruppen anmutig geschmückt und von klaren Flüßchen und Bächen vielfach durchschnitten, dem Menschen alles bieten, was in den Grenzen eines zufriedenen Gemüts liegt, dann erscheinen mir dieselben doppelt schön, und es regt sich auch wohl der Wunsch, diese Wildnis noch einmal mit solchen Gegenden vertauschen zu können. In der Nähe des Kaskaskia-Flusses, dessen Name das letzte ist, was von einem einst mächtigen Indianerstamm übrigblieb, dehnte ich also meine Jagdzüge nach allen Richtungen hin aus. Wild war reichlich vorhanden, es wurde mir daher nicht schwer, selbst bei geringer Mühe mehr zu erwerben, als zu meinem Unterhalt notwendig war, und da ich allein und unabhängig dastand, also auch niemandem über mein Tun und Lassen Rechenschaft abzulegen brauchte, so entsprach diese Lebensweise vollkommen meinen Neigungen und meiner Lage. Auch wenn ich auf der Jagd nicht glücklich war, fand ich doch stets reichen Genuß auf meinen Streifereien, einen Genuß, den mir die gleichsam im Festkleid prangende Natur gewährte und der mich nie fühlen ließ, daß sich niemand um mich gekümmert haben würde, wenn ich irgendwo mein Ende gefunden hätte; denn ich nannte ja außer meiner Büchse nur sehr wenig mein Eigentum. Es war im Spätsommer und ein Tag so schön und sonnig, wie sie nur in jenen Breiten während dieser Jahreszeit vorkommen. Meine Jagd hatte ich beendet, einige Präriehühner beschwerten meine Tasche, und mein Stückchen Brot und geröstetes Fleisch während des Gehens verzehrend, schritt ich langsam am Kaskaskia hinauf. Oft wurde mein Pfad durch umgefallene, morsche Baumstämme unterbrochen, doch kleine Umwege beschreibend, gelangte ich immer wieder an den Fluß, dessen glatter Spiegel mich erfreute, dessen malerische Einfassung und zahlreiche Holzklippen ich immer mit neuem Wohlgefallen betrachtete und zuweilen auch in meinem Taschenbuch – meinem beständigen Gefährten – skizzierte. Unmerklich hatte sich der Abend eingestellt; in der Hoffnung, auf eine Farm zu stoßen, verfolgte ich so lange die eingeschlagene Richtung, bis die dichter werdende Dunkelheit mich zwang, den Schatten des unwegsamen Waldes zu verlassen und mich der Prärie zuzuwenden, die sich in geringer Entfernung vom Fluß hinzog. Sie alle wissen aus Erfahrung, wie auf den müden Wanderer, der ein Obdach sucht, das Gebell eines wachsamen Hundes aufmunternd wirkt. Ich fühlte dies so recht an jenem Abend, als ich fast die Hoffnung schon aufgegeben hatte, irgendwoanders als unter einem grünen Laubdach übernachten zu können, denn kaum vernahm ich in weiter Ferne die gedämpften Laute, welche mir die Nähe eines Gehöfts verrieten, als ich den lieblichen Gesang eines Spottvogels, dessen sanften Melodien ich aufmerksam gelauscht hatte, nicht mehr beachtete, schleunigst meine Richtung änderte und rüstig dahineilte, wo ich ohne Zweifel mit Menschen zusammentreffen mußte. Nach einem kurzen Marsch über grasreiche Wiesen versperrte eine rohe Einfriedung mir endlich den Weg; ich kletterte hinüber, und auf der anderen Seite auf einem abgeernteten Stoppelfeld hinschreitend, erreichte ich eine zweite Einfriedung, die einen Garten abschloß. Am entgegengesetzten Ende desselben erblickte ich, halb versteckt von dunklen Laubmassen, ein Blockhaus, durch dessen geöffnete Tür mir auf das einladendste Licht entgegenschimmerte. Ich war im Begriff, über den Gartenzaun hinwegzusetzen, als einige Hunde sich mir mit wütendem Gebell entgegenstellten und mir standhaft den Eintritt verweigerten. Zugleich verdunkelte aber auch die Gestalt eines Mannes die erleuchtete Türöffnung, und ich vernahm die barsche Frage: ›Wer ist da?‹ ›Ein Fremder, der Obdach sucht!‹ gab ich zur Antwort, und im nächsten Augenblick wurden die Hunde zurückgerufen. Ohne Zögern sprang ich in den Garten, und wenige Augenblicke darauf stand ich in der Tür, wo ich von einem alten Mann willkommen geheißen, von zwei jungen Burschen mittels brennender Holzscheite von oben bis unten beleuchtet und von einem allerliebsten jungen Mädchen neugierig betrachtet wurde. Mit wenigen Worten berichtete ich, was mich eigentlich dorthin geführt hatte und knüpfte dann die Bitte um ein Nachtlager. ›Ein Nachtlager sollt Ihr haben, Fremder‹, antwortete mir der Ansiedler, ›doch nicht eher, als bis Ihr gehörig gespeist und danach etwas von dem erzählt habt, was da draußen in der Welt vorgeht.‹ Glückliche Menschen, die eine zehn Meilen entfernte Stadt schon ›draußen in der Welt‹ nennen! dachte ich und trat in das von einem schwachen Kaminfeuer erhellte Gemach. Außer den eben genannten Personen erblickte ich in diesem auch noch eine ältliche Frau; sie war die Gattin des alten Farmers und zugleich die Mutter des jungen Mädchens und des einen jungen Burschen, während der andere als gemieteter Arbeiter dort in Dienst stand. Mit einer wahren Herzlichkeit wurde ich von allen Seiten wie ein alter Bekannter begrüßt, man drückte mir die Hand, man nötigte mich zum Sitzen, doch nach meinem Namen fragte niemand. Aber auch ich erkundigte mich nicht, von wem mir so freundliche Aufnahme zuteil wurde; ich nahm alles an, wie es gegeben wurde, und nur, als die Mutter bald darauf dem jungen Mädchen einige Anweisungen hinsichtlich eines schnell zu bereitenden Mahls erteilte, erfuhr ich, daß dieses Susanna hieß. Die übrigen Namen lernte ich auch noch im Laufe des Abends kennen, doch habe ich sie längst wieder vergessen. Ich warf also meine Präriehühner in die Ecke neben dem Kamin, der zugleich als Küche diente, setzte mich zu den beiden Alten und befand mich bald mit ihnen in der lebhaftesten Unterhaltung, die ich durch unschuldige Scherze so würzte, daß der Hausmutter vor Lachen die Tränen über die Wangen rollten, der Vater wohlgefällig mit dem Kopf nickte, die jungen Burschen näher rückten und die fröhliche Tochter mehrmals den bratenden Speck in Flammen geraten ließ. Bei Ansiedlern, die so abgesondert leben, daß ihnen der gesellige Verkehr mit anderen Menschen fast gänzlich abgeschnitten ist, sind Reisende und Fremde immer gern gesehen; gelingt es aber einem solchen, einen guten Eindruck auf seine Gastfreunde zu machen, dann wissen diese nicht, was sie ihrem Besuch Gutes und Liebes erweisen sollen. So erging es auch mir in jenem Blockhaus, denn noch keine Viertelstunde hatte ich mich dort befunden, als die Frau aufstand, ein kleines Schränkchen öffnete und aus demselben der schönen Susanna sechs Eier mit der Weisung überreichte, diese für den Fremden sorgfältig zu backen. Der Farmer blieb übrigens nicht hinter seiner Frau zurück, denn er nahm von einem Brett die bekannte große Korbflasche herunter und goß erst für sich und dann für mich ein Gläschen Branntwein ein, während von den jungen Leuten der eine mir die gefüllte Tonpfeife und der andere den brennenden Span hinhielt. Wie glücklich und zufrieden leben doch diese einfachen Leute, dachte ich, als ich beides annahm und zugleich nach der schönen Susanna hinüberblickte, die mit ihrem von der Glut geröteten Gesicht ein überaus liebliches Bild zeigte. Ihre großen blauen Augen hatten einen so fröhlichen und doch so milden Ausdruck, ihr Mund und ihre Nase waren so edel geformt, ihre Haut so weiß, ihre Wangen so frisch, und wie ein dicker Turban legte sich das starke braune Haar um ihre blaugeäderten Schläfen; die kleinen Hände und Füße, die schlanke Gestalt, kurz alles schien hier vereinigt zu einem schönen Ganzen.« »Sie beschreiben ja das junge Mädchen merkwürdig genau«, unterbrach brach mich hier Mr. Carrol. »Warum sollte ich auch nicht?« fragte ich zurück. »In der Erinnerung erscheint mir alles, was ich hier erzähle, wie ein schönes Bild, in dem Susanna den Mittelpunkt bildete und das mich damals um so mehr ansprach, als ich mich erst seit kaum einem Jahr gewissermaßen als heimatloser Fremdling auf eurem Kontinent befand. Ja, ich wiederhole es noch einmal: Susanna war sehr schön, und mit doppeltem Appetit setzte ich mich an den gedeckten Tisch, als das junge Mädchen mich freundlich zum Essen nötigte. Es gab, wie gewöhnlich auf den Ansiedlungen, Kaffee und Maisbrot, gebratenen Speck, Sirup und dann noch zum Schluß die Eier, die ich für ganz besonders meisterhaft zubereitet erklärte; und zur größten Genugtuung meiner Gastfreunde aß ich wie ein hungriger Jäger. Nachdem ich meine Abendmahlzeit beendet hatte, wurde die Unterhaltung wieder aufgenommen, und da die guten Leute unerschöpflich im Fragen und unersättlich im Zuhören waren, so erzählte ich bis tief in die Nacht hinein und sprach besonders viel über mein schönes Heimatland und über meine Reisen, die in den Augen der gutmütigen Menschen ans Wunderbare grenzten. Kurz vor Aufbruch der Gesellschaft wandte ich mich noch mit der Frage an den alten Mann, in welcher Richtung er mir am folgenden Tag meine Jagd fortzusetzen rate. ›Wenn Ihr Enten schießen wollt‹, antwortete er mir, ›so braucht Ihr gar nicht so sehr weit zu gehen; es befindet sich nämlich in der Entfernung von zwei bis drei Meilen von hier ein See, der stets mit Vogelwild bedeckt ist ...‹ ›... von dem Ihr aber nichts erbeuten werdet‹, schaltete sich Susanna hier ein. ›Mein Bruder und noch mehrere andere Jäger haben dort oft genug gejagt, sind aber stets ohne Wild zurückgekehrt.‹ ›Schießen mögt Ihr wohl etwas‹, bemerkte der erwähnte junge Mann, ›doch die sumpfigen Ufer und das tiefe Wasser des Sees gestatten Euch nicht, Eure Beute zu holen.‹ ›Und dann‹, fiel der Alte wieder ein, ›scheint es mir, als ob Euer kurzes Gewehr, das halb Büchse, halb Vogelflinte ist und eigentlich keines von beiden sein kann, nicht dazu geschaffen wäre, das Blei bis nach der Mitte des Sees hinzutragen.‹ ›Wenn nur Enten dort sind, bringe ich auch welche trotz des Sumpfes und trotz des kurzen Gewehrs‹, erwiderte ich, etwas verletzt durch den Zweifel an meiner Flinte. ›Ich wette nein!‹ rief mir Susanna lachend zu. ›Ich wette ja!‹ antwortete ich. ›Was gilt die Wette?‹ fragte das fröhliche Mädchen. ›Ich werde es morgen bestimmen!‹ ›Nein jetzt!‹ rief sie wiederum, indem sie mir herausfordernd ihre kleine Hand entgegenhielt. Natürlich gab ich nach, indem ich meine Hand in die ihrige legte und scherzend die Hälfte der Wette sogleich und die andere Hälfte am folgenden Tag festzustellen versprach. Alle erklärten sich damit einverstanden, und ich begann: ›Erbeute ich eine oder mehrere Enten, so kehre ich morgen abend wieder hierher zurück und genieße noch auf einen Tag Eure Gastfreundschaft, gehe ich aber leer aus, so lasse ich mich nicht mehr blicken, und in Eurem Andenken mag ich dann als ein schlechter Jäger fortleben, was für mich gewiß keine geringe Strafe ist.‹ ›Angenommen!‹ hieß es von allen Seiten. Wir wünschten uns gegenseitig gute Nacht, ich drückte allen die Hand, der schönen Susanna aber, wohl aus Versehen, zweimal, und folgte dann den beiden Burschen auf der Leiter nach, die uns auf den Hausboden führte. Ein hartes, aber sonst bequemes Bett nahm meine müden Glieder auf, doch lange noch, als die jungen Leute schon laut schnarchten, lag ich schlaflos; ich grübelte und dachte hin und her; der Gedanke, mir eine Heimat zu gründen, wollte mich gar nicht wieder verlassen, und immer beneidenswerter erschien mir das Los eines Ansiedlers. Dazwischen tauchte dann vor mir das freundliche Bild der offenen, ehrlichen Tochter des Hauses, in dem ich mich als Gast befand, auf. Mit dem Gedanken an diese schlief ich ein; ich träumte auch von ihr ...« »Mit einem Wort, Sie waren verliebt«, unterbrach mich abermals Mr. Carrol. »Das gerade nicht«, antwortete ich, »denn meine Träume waren nur die Fortsetzung der wirren Bilder einer aufgeregten Phantasie, die mich schon vor dem Einschlafen beschäftigt hatten. Als ich mich am folgenden Morgen von meinem Lager erhob, hatten die männlichen Bewohner des Hauses sich schon in den Wald an ihre Arbeit begeben, wo sie Bäume fällten und zu ihren Einfriedungen zurichteten. Ich stieg hinab und wurde alsbald von Mutter und Tochter auf eine unbeschreiblich einfache und dabei herzliche Weise begrüßt und zum Frühstück eingeladen. Ich saß zwischen beiden und teilte meine Zeit zwischen Essen und Plaudern, und lange würde ich noch dagesessen haben, wenn die Wette nicht gewesen wäre. Als ich im Begriff stand, das Haus zu verlassen, schob mir die Mutter noch Lebensmittel in die Tasche, worauf ich Susanna bat, mir den Weg nach dem See zu beschreiben, und nach einigen freundlichen Abschiedsworten, die ich an die alte Frau richtete, schritt ich in Gesellschaft des jungen Mädchens der Gartenpforte zu, von wo aus sie mir die Richtung nach dem See anzugeben beabsichtigte. ›Und nun zum zweiten Teil unseres Wettpreises‹, wandte ich mich zu Susanna, als wir an der Pforte angekommen waren. ›Das hätte ich beinahe vergessen‹, antwortete das Mädchen, indem es mich fragend mit ihren schönen Augen anschaute; ›nun, was ist es?‹ ›Wenn ich keine Ente schieße‹, hob ich an, ›dann seht Ihr mich nicht wieder; gelingt es mir aber, einige hierherzubringen, dann bitte ich, als Strafe für Euer Zweifeln an meiner Erfahrenheit als Jäger, für jede Ente um einen Kuß von Euren schönen Lippen.‹« »Dacht' ich's doch«, unterbrach mich abermals der unverbesserliche Carrol. »Kann wohl ein junger, sorgloser Mann, der kaum vierundzwanzig Jahre alt ist, ein junges Mädchen von vielleicht achtzehn Jahren, das obendrein noch schön ist, um etwas Geeigneteres bitten?« fragte ich. »Nein, gewiß nicht«, antwortete mit Enthusiasmus Carrol, der selbst ungefähr vierundzwanzig Winter zählen mochte; »doch was sagte Susanna zu Ihrem Vorschlag?« »Nun, sie benahm sich auf eine Weise, die mancher vornehmen, empfindsamen Lady Ehre gemacht haben würde. Weit davon entfernt, Entrüstung zu zeigen oder zu heucheln, brach sie zuerst in ein herzliches Gelächter aus, besann sich dann einen Augenblick und reichte mir demnächst zum Zeichen des Einverständnisses ihre Hand, indem sie neckend sagte: ›Ja, das gehe ich ruhig ein, denn Enten bekommt Ihr doch nicht.‹ Sie bezeichnete mir darauf die Richtung, die ich einzuschlagen hatte, ich bat um die Vorauszahlung für eine Ente, was mir aber abgeschlagen wurde, wir drückten uns zum Abschied die Hand, und ich wandte mich um, um zu gehen. ›Werden Taucher mit zu den Enten gerechnet?‹ rief ich zurück. ›Gewiß soll das geschehen, wenn Ihr versprecht, auch ohne Wild heute abend wieder bei uns einzukehren‹ antwortete Susanna, als sie fröhlich dem Blockhaus zueilte. Was ich alles dachte, als ich dem Waldsaum zuschritt, wo sich der See befand, weiß ich jetzt nicht mehr, ich glaube, es waren Gedanken, welche die schöne Susanna ebensoviel betrafen wie mich – Gedanken, die meinem Alter und meiner Lage ganz angemessen waren; jedenfalls mußten sie sehr interessant sein, denn ehe ich es noch gewahrte, befand ich mich am See und sah auf den ersten Blick, daß der junge Mann in seiner Beschreibung vollkommen recht gehabt hatte, daß es keine geringe Mühe kosten würde, über den moorigen Boden bis ans Wasser zu gelangen, und daß es alsdann, nach Erlegung einiger Enten, meiner ganzen Fertigkeit als Schwimmer bedurfte, um meine Beute von dem mit rankigen Wasserpflanzen reich bedeckten Spiegel des Sees herunterzuholen. Sinnend schritt ich mehrmals um die trübe Pfütze, verlangend schaute ich nach den zahlreichen Enten hinüber, die, sich vollständig sicher wähnend, ihre harmlosen Spiele trieben, ausgelassen untertauchten, das Wasser mit ihren Schwingen peitschten oder kleine Strecken dicht über der glatten Fläche hinflatterten. Auch nach der Richtung, wo sich die schöne Susanna befand, blickte ich gelegentlich, und so verging denn wohl eine Stunde, ohne daß ich den Enten um einen Schritt näher gerückt wäre. Endlich kam ich zum Entschluß, ich legte das Gewehr zur Seite und begann mit meinem Jagdmesser Zweige von den nächsten Bäumen zu hauen, worauf ich diese nach einer Stelle hintrug, wo hohe Binsen und dichtes Schilf mich den scharfen Augen der Enten verbargen. Dort nun baute ich von den laubreichen Ästen über den moorigen Boden hinweg, nach der Mitte des Sees zu, eine Art Brücke, die stark genug war, daß ich bei einiger Vorsicht, ohne Gefahr, durchzubrechen, auf dieser hinschreiten konnte. Es war eine mühsame und langwierige Arbeit, doch nach Verlauf von einer bis zwei Stunden, und nachdem ich einige Male bis über die Hüften im Sumpf gesteckt hatte, war sie so weit gediehen, daß ich zwischen den Binsen hindurch den Wasserspiegel nach allen Richtungen hin zu übersehen vermochte. Dort errichtete ich, ebenfalls aus Zweigen, ein floßähnliches Gerüst, auf dem ich mich, ohne mit dem Wasser in Berührung zu kommen, hinstrecken konnte. Meine Arbeit war jetzt beendet, doch glaube ich kaum, daß ich bei derselben so standhaft geblieben wäre, wenn mir das Bild des jungen Mädchens nicht vorgeschwebt hätte. Es mochte um die Mittagszeit sein, als ich mich auf meinen Posten begab. Zu meinem größten Leidwesen nahm ich aber wahr, daß alles Wild, mit Ausnahme einiger Taucher, wahrscheinlich infolge der Bewegung, die ich während meiner Arbeit im Schilf erzeugte, sich nach dem jenseitigen Ufer hinübergezogen hatte; es blieb mir also nur noch übrig, ruhig auf meinem Posten auszuharren und auf eine günstigere Wendung der Dinge zu hoffen. Zum Glück war es sehr warm, meine Kleider, die ich mir dem Bau der Brücke durchnäßt hatte, trockneten allmählich wieder, und durchaus nicht unzufrieden mit meiner Lage, beobachtete ich die Enten, welche keine Lust zu hegen schienen, sich den Binsen zu nähern, in denen ich verborgen war. Stunde auf Stunde verstrich, es wurde vier Uhr, und noch hatte ich keinen Schuß getan; mißmutig gedachte ich des kommenden Abends und beabsichtigte schon, einen Taucher, der harmlos in meiner Nähe herumschwamm, zum Ziel für meine Büchse zu machen, als ich den eigentümlich pfeifenden Flügelschlag in der Luft vernahm und gleich darauf zwei kleine, blau geflügelte Enten sich in geringer Entfernung vor mir auf dem See niederließen. Meine Freude war unbeschreiblich; da ich indessen nur das eine Rohr meines Gewehrs mit Schrot geladen hatte, so übereilte ich mich nicht, sondern regungslos im Anschlag liegenbleibend, harrte ich wachsam auf den Zeitpunkt, zu dem ich beide auf einen Schuß würde erlegen können. Zufällig blinzelte ich nach dem jenseitigen Ufer hinüber und glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen, als ich die ganze geflügelte Gesellschaft, aus mehr als hundert Mitgliedern der verschiedensten Arten bestehend, in gerader Linie auf mich zuschwimmen sah. Es war ein Schauspiel, wie ich es in jener Zeit zu häufig sah, als daß es mich hätte besonders aufregen können; daß hier aber mehr als Enten auf dem Spiel stand, das merkte ich an dem ungestümen Kreisen des Blutes in meinen Adern. Atemlos wartete ich auf den Augenblick, in dem sich die vordersten der Schar, die ein stattlicher Erpel anführte, in meinem Bereich befinden würden, und schaute zugleich nach den beiden ersten Ankömmlingen hinüber, die verlegen ihre Hälse ausreckten und verkürzten, gleichsam unentschlossen, ob sie die Ankunft des zahlreichen Besuchs abwarten oder davoneilen sollten. Endlich schwammen die eiligsten Enten schon in Schußweite, und immer neue Scharen rückten heran, als die beiden Blauflügel sich plötzlich aus dem Wasser hoben und davonflogen. Diesen Augenblick hatte ich zu meinem Angriff gewählt; ich richtete mich auf, schoß meine Büchse ab und veranlaßte dadurch ein gleichzeitiges Heben der erschreckten Vögel, und als sich der dicht flatternde Haufen ungefähr zwei Fuß über der Wasserfläche befand, schickte ich die tödliche Ladung des Flintenrohrs in denselben. Sonst gewiß kein Freund von dem Anblick der Todeszuckungen selbst der kleinsten Tiere, beobachtete ich doch mit innigem Behagen die mörderische Wirkung meines Schusses, denn wie ein Regen prasselte es aufs Wasser nieder, und nachdem sich die leicht Verwundeten und Flügellahmen entfernt hatten, erblickte ich noch acht Enten, die regungslos dalagen. Vollkommen zufrieden mit dem Erfolg meiner Jagd, handelte es sich jetzt zunächst darum, auch in den Besitz meiner Beute zu gelangen. Es blieb mir nur ein Weg offen, und der war, selbst hinzuschwimmen und wie ein abgerichteter Hund die Enten zu apportieren. Ich entschloß mich schnell, traf meine Vorbereitungen und kroch dann, um nicht im Sumpf steckenzubleiben, ähnlich einer Schlange ins offene Wasser; kaum befand ich mich aber darin, als ich meinen voreiligen Schritt fast bereute, denn anstatt in tiefer Flut zu schwimmen, wie ich erwartet hatte, fühlte ich mich nur schwach getragen von seichtem, warmem Wasser, und unmittelbar unter mir war halb flüssiger Schlamm, der die Bewegung meiner Glieder auf erschreckende Weise hemmte. Zu diesem Übelstand gesellte sich noch, daß sich die rankenähnlichen Stengel von Sumpfpflanzen um meine Hände und Füße legten und mich so fesselten, daß ich kaum von der Stelle rücken konnte. Ich behielt indessen mein Ziel im Auge und arbeitete unter Aufbietung meiner ganzen Kräfte, bis ich endlich, nach Zurücklegung von ungefähr dreißig Schritt, die erste Ente erreichte; ich ergriff diese und schleuderte sie dem Ufer zu, worauf ich mich zur zweiten hinarbeitete und diese der ersten nachsandte, eine dritte, vierte und fünfte erreichte ich noch, als ich meine Kräfte so abnehmen fühlte, daß ich die übrigen aufgeben und den Rückweg einschlagen mußte. Mehr als einmal verwünschte ich mein Unternehmen, als ich in dem durch meine ersten Bewegungen verdickten schleimigen Wasser das Ufer wieder zu erreichen versuchte. Ich befand mich eigentlich nicht mehr im Wasser, sondern steckte in einem beweglichen Schlamm, der eisig kalt und übelriechend aus der Tiefe hervorzuquellen schien. Wie eine Schnecke kroch ich dahin, die Sehnen an den Knien und Armen begannen zu erschlaffen, ich fühlte ein krampfhaftes Zittern meines Körpers, und unerreichbar erschien mir das Ufer, von dem ich doch nur wenige Fuß entfernt war. Ich kann nicht leugnen, daß ich etwas von Todesangst empfand, doch trotz dieser vergaß ich nicht meine Enten. Bis auf eine, die ich aus meiner Richtung geworfen hatte, schleuderte ich diese, sooft ich sie erreichte, von neuem dem Ufer zu, und seufzend dachte ich dabei jedesmal: Wenn doch auch mich jemand so durch die Luft befördern wollte. Als meine Beute dann auf dem Trockenen lag und ich fast ohnmächtig noch mit Schlamm und Schlingpflanzen kämpfte, wie beneidete ich da die toten Tiere um ihren sicheren Platz. Glücklicherweise hatte ich beim Hineinkriechen ins Wasser einige lange Binsen umgeknickt und in meinen Weg hineingeschleppt; diese nun erreichte ich, als ich schon an meiner Rettung zu zweifeln begann; Zoll für Zoll an den zähen Halmen mit den Händen weiterfassend, gelang es mir endlich nach unsäglicher Mühe, meinen Körper auf den schwankenden Boden zu schleppen, wo sich mein Laublager befand. Ich warf mich auf dasselbe hin und lag wohl eine halbe Stunde, ehe ich mich soweit erholt hatte, daß ich wieder ruhig an die schöne Susanna. an die Enten und die Wette denken konnte. Ich entfernte dann die Spuren des Schlammbades von meinem Körper, rüstete mich zur Heimkehr, befestigte meine vier erbeuteten Enten an der Jagdtasche, warf einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf die zurückbleibenden, und als ich endlich meinen Fuß wieder auf trockenen, festen Boden setzte, verschwand die Sonne hinter den hohen Bäumen des nahen Waldes. Rüstig und fröhlich schritt ich dem bekannten Blockhaus zu, die Beschwerden des Tages hatte ich vergessen, dafür dachte ich aber um so lebhafter an meine gewonnene Wette und die frischen, roten Lippen der schönen Susanna. – Fortsetzung folgt«, sagte ich jetzt zu meinen Zuhörern, indem ich mich von der Erde erhob; auch meine Gefährten verließen das niedergebrannte Feuer, und eine halbe Stunde später lagen wir alle im tiefsten Schlaf zwischen unseren Büffelhäuten und Decken. Prächtig beleuchtete am Morgen des 10. Februar die aufgehende Sonne die stolzen Gipfel der Needles. Im Schatten lag die »Explorer«, leise sang das kochende Wasser in dem schweren Kessel; mit ernster Kennermiene prüfte Carrol die Kraft des Dampfes, und als er diese hinreichend fand, lockte er mittels der schrillen Pfeife die ganze Bemannung an Bord; Kapitän Robinson ergriff das Steuer; das Kommando zum Aufbruch erschallte, und dahin zog das Dampfboot im Schatten der Felsen; aber die Luft war voll Sonnenschein, und prächtig beleuchtete die emporsteigende Sonne die Gipfel der Needles. Auf einer Strecke von zwei Meilen befanden wir uns noch in der Schlucht, doch begannen die Felsen an Umfang zu verlieren, der Fluß erweiterte sich, die Berge traten ganz zurück, und vor uns öffnete sich das weite Tal der Mohave-Indianer. Die Eingeborenen schienen uns schon erwartet zu haben, denn auf dem letzten Felsvorsprung, der gleichsam das Tor zu der Ebene bildete, wurden wir mit gellendem Ruf von einem Haufen Mohaves begrüßt, die, als sich das Boot gegenüber befand, ihren erhöhten Standpunkt verließen und, in langer Reihe einem gewundenen Pfad folgend, gleichen Schritt mit uns hielten. Auf beiden Ufern drängten sich aus dem dichten Weidengebüsch zahlreiche Weiber und Kinder, die sich in Gruppen aufstellten und bewunderungsvoll zu dem Dampfer herüberschauten; die Männer dagegen schlossen sich der Reihe ihrer Gefährten an und verlängerten diese so sehr, daß wieder die Ähnlichkeit mit einer mächtigen Schlange hergestellt wurde, die in vielfachen Windungen durch hohes, dürres Gras und niederes Gebüsch glitt. Einen überaus schönen Anblick gewährten die unbekleideten, kriegerischen Gestalten, die mit aufrechter Haltung und regelmäßiger Bewegung ihrer kraftvollen Glieder dahineilten. Durch den vollständig gleichmäßigen Schnitt ihrer schwarzen Haare, die tief aufs Kreuz herabfielen, ferner durch den weißen Schurz, der die einzige Bekleidung jedes einzelnen ausmachte, und durch die fast gleiche Bemalung der bronzefarbenen Glieder wurde man lebhaft an uniformiertes Militär erinnert, und ich weiß, daß Egloffstein die Bemerkung fallenließ, daß diese riesenhaften Männer gewiß eine stattliche Gardekompanie bilden würden. Ich konnte mich nur einverstanden mit der Ansicht des früheren preußischen Offiziers erklären, denn schwer würde es halten, auf irgendeinem Teil der Erde wohlgeformtere Figuren zu finden, als sie die Nation der Mohave-Indianer aufzuweisen hat. Mit den niedrigen Ufern begannen wieder die Sandbänke und das zeitraubende Winden des Bootes über diese, doch schneller als früher flog uns die Zeit dahin, denn reiche Unterhaltung boten die Ufer, wo sich die Eingeborenen bald zu Hunderten versammelten und durch ihr ausgelassenes, harmloses Benehmen aufs deutlichste darlegten, wie friedlich ihre Stimmung gegen uns war und wie sehr sie unsere Anwesenheit erfreute und ergötzte. Schauten wir dann zurück, so hatten wir die ganze Kette der Nadelfelsen mit ihren spitzen Türmen und scharfen Zacken vor Augen, während vor uns Cottonwood-Bäume und Weiden sich in Wälder zusammendrängten und weithin die Breite des fruchtbaren Teils der Ebene erkennen ließen. Rauchsäulen entstiegen in allen Richtungen den Waldstreifen und verrieten eine verhältnismäßig starke Bevölkerung des schönen Tals, das, von allen Seiten durch schreckliche Wüsten von der übrigen Welt getrennt, gleichsam dazu bestimmt scheint, vor den Eingriffen des anmaßenden Teils der Zivilisation bewahrt zu bleiben. Doch was sind Wüsten, Gebirge und Meere im Weg des forschenden Reisenden anderes als neue Aufmunterungen zum mutigen Verfolgen seines Zieles; und was sind sie in den Augen der goldwitternden Habsucht anderes als Hindernisse, die den Gewinn größer und den Genuß süßer erscheinen lassen; gleichviel, ob der Weg über die Gräber von Nationen oder durch einen Pfuhl von Lastern führt, die von ihr selbst ausgesät und mit Vorbedacht genährt wurden! Die Zeit, während der das Dampfboot auf einer Sandbank hielt, benutzten unsere Dolmetscher zu Gesprächen mit den Eingeborenen, und wir erfuhren auf diese Weise, daß sich schon viele mit ihren Bodenerzeugnissen eingestellt hatten und diese zum Tausch anboten. Natürlich wurden sie nicht zurückgewiesen, doch erging der Rat an alle, sich weiter oberhalb gegen Abend in unserem Lager einzustellen, was die Eingeborenen gern annahmen, denn sehr wohl sahen sie ein, daß wir jede Stunde des Tages zu unserer Reise verwenden mußten. Wir waren an diesem Tag wieder außergewöhnlich glücklich, denn als wir am Abend auf dem linken Ufer nahe einem indianischen Dorf unsere Zelte aufschlugen, hatten wir nach Egloffsteins genauer Rechnung neun Meilen zurückgelegt und befanden uns daher sieben Meilen oberhalb der nördlichen Mündung des Mohave-Cañons. Die Stelle, wo wir landeten, gehörte mit zu dem fruchtbarsten Teil der Niederungen, die in jener Breite den Colorado einfassen, doch nahm ich keine Spuren wahr, die auf eine neuere Benutzung derselben hingedeutet hätten. Der fette, schlammige Boden, der zu jener Zeit etwa vierzehn Fuß hoch über dem Spiegel des Stroms lag – mithin nur einer zeitweisen, kurzen Überschwemmung ausgesetzt sein konnte –, war dicht mit verworrenem Gestrüpp bewachsen, und über dasselbe empor ragten vereinzelte runde Mesquitebüsche und zahlreiche stattliche Cottonwood-Bäume – es war mithin alles vorhanden, was die Gründung einer indianischen Ansiedlung hätte veranlassen können. Doch gerade diese Nichtbenutzung des bei weitem größten Teils des guten, kulturfähigen Bodens ließ mich den Schluß ziehen, daß der Stamm der Mohave-Indianer nicht so zahlreich ist, wie man allgemein vermutet, und daß eine Vermehrung desselben weniger bemerkbar ist, als man beim Anblick der kräftigen und gesunden Menschen glauben würde. Es erscheint fast wunderbar, daß eine Nation, die seit Jahrhunderten im ungestörten Besitz eines in jeder Beziehung begünstigten Landstrichs lebte, gegen die Eingriffe der weißen Rasse durch endlose Wildnisse und gegen räuberische Einfälle von Nachbarstämmen durch die eigene überwiegende Stärke geschützt blieb, dennoch nicht die Grenzen eines Tals ausfüllte, das keineswegs einen so sehr großen kulturfähigen Flächenraum bietet. Nach den eigenen Beobachtungen, die ich während meiner Reise durch die Mohave-Länder unausgesetzt anstellte, kann ich nur der Ansicht von Captain Whipple beipflichten, der die ganze Kopfzahl der Mohave-Nation auf 4000 und die Zahl der Krieger auf 600 angibt. Die Stärke der Chimehwhuebes wird auf 1500 Seelen mit 300 Kriegern, die der Yumas auf 3000 mit 500 Kriegern angeschlagen, was, mit Hinzurechnung von 3000 Cocopas (an der Mündung des Colorado) und 2000 Yampais (nördlich von den Mohaves), die ganze Bevölkerung des Coloradotals auf 13 500 Köpfe bringen würde. Gemäß eines alten spanischen Manuskripts vom Jahre 1799 von Don José Cortes belief sich die Bevölkerung des Coloradotals zu jener Zeit auf 17 000 Eingeborene, nach welchen Angaben die Zahl der Bewohner im letzten halben Jahrhundert bedeutend abgenommen haben müßte. Jedenfalls beruhen alle diese Angaben nur auf oberflächlichen Schätzungen, doch kann wohl kein Zweifel darüber herrschen, daß in dem genannten Zeitraum wenigstens keine Vermehrung der Colorado-Indianer stattgefunden hat. Die Wohnungen der Eingeborenen befanden sich etwa eine halbe Meile von unserem Lager, und zwar nicht unmittelbar am Fluß, sondern einige hundert Schritt von demselben entfernt, an einer Stelle, wo sich ein Ansteigen des Bodens bemerklich machte. Wir erhielten daher auch Besuch von zahlreichen Männern, Weibern und Kindern, und da die meisten von ihren Waren mitgebracht hatten, so wurde bald nach unserem Landen der Markt eröffnet, der wie immer die buntesten und lebhaftesten Szenen bot. Lieutenant Ives befand sich mit seinen Artikeln an Bord der »Explorer«, die durch ein schmales Brett mit dem Ufer in Verbindung stand, über dieses schritten die Indianer einzeln der Reihe nach mit ihren Körben und Säckchen und kehrten auf dieselbe Weise nach Beendigung des Geschäfts ans Ufer zurück. Nur für weiße Porzellanperlen und weißes Baumwollzeug wollten sie ihren Mais und ihre Bohnen hergeben, und es erschien mir merkwürdig, daß die grellfarbigsten und glänzendsten Gegenstände durchaus nicht ihrem Geschmack entsprachen; sie weigerten sich sogar, diese auf dem Weg des Handels anzunehmen, obgleich sie dabei erklärten, daß sie ihnen als Geschenke willkommen sein würden. Bis zum Einbruch der Nacht dauerte dieser Verkehr, bei dem die Eingeborenen soviel ausgelassenen Humor und wirkliche Gutmütigkeit entwickelten; wir sahen nur fröhliche Gesichter unter ihnen, und gellendes Lachen erschütterte die Luft, wenn es einem wilden Burschen gelungen war, einige seiner Stammesgenossen und -genossinnen unvermutet von der sandigen Uferbank hinabzustoßen oder ihnen auch andere hinterlistige Streiche zu spielen. Gleich als wir ans Ufer sprangen, waren wir zu unserer größten Verwunderung von einem jungen Indianer in geläufigem Englisch angeredet worden; dieser stellte sich uns als »Captain Jack« vor, und zwar mit einer Miene, als ob er der Befehlshaber des ganzen Mohave-Tals sei. Als er die Soldaten erblickte, begrüßte er dieselben als alte Bekannte; auch einzelne von diesen erkannten ihn wieder und teilten uns mit, daß »Captain Jack« einige Jahre auf Fort Yuma in Gesellschaft der Besatzungsmannschaften zugebracht habe und daß von dieser Zeit sein Beiname sowie auch seine Kenntnisse der englischen Sprache herrührten. In welchen Zirkeln der Indianer seine Ausbildung genossen hatte, erkannte man sogleich an seiner Rede, die beständig von den widerwärtigsten und wirklich erniedrigendsten Ausdrücken begleitet war; und daß er in moralischer Beziehung von seinen Lehrern nicht die besten Eindrücke empfangen hatte, das bewies sein späteres verräterisches Benehmen, das uns beinahe in einen Kampf mit der ganzen Mohave-Nation verwickelte. Welch eigentümliche Erscheinung! – »Captain Jack« war dort der einzige Indianer, der die Sprache eines zivilisierten Volkes verstand, aber auch der einzige unter Tausenden, der wirklich böswillige Absichten gegen uns hegte und auch teilweise in Ausführung brachte. Dieses Indianers bediente ich mich also auch an jenem Abend, um den Eingeborenen meine Wünsche und Versprechungen hinsichtlich des Sammelns von Naturalien mitzuteilen, und ich erhielt von ihnen die Gegenversicherung, schon am folgenden Morgen reichlich damit versehen zu werden. Auch übersetzte »Captain Jack« mir die Rede eines alten, ergrauten Kriegers, der auf dem hohen Ufer stand und mit schreiender Stimme und wilden Handbewegungen zu den Seinigen sprach. Der Inhalt der Rede war ungefähr folgender: »Die Amerikaner sind einmal hier gewesen, sie haben uns für Korn ihre Perlen und Decken gegeben und sind als Brüder der Mohaves fortgezogen. Jetzt sind sie wieder hier und bringen viel Perlen und viel Decken; die Mohaves sollen ihnen viel Korn bringen, nichts stehlen und Brüder der Amerikaner sein. Die Amerikaner werden als Brüder der Mohaves fortziehen und als Brüder der Mohaves wiederkehren!« So fuhr der Alte fort zu schreien, bis ihm die Stimme fast versagte. Wie mir »Captain Jack« erzählte, beabsichtigte der Redner durch seine Bemühungen Geschenke zu erzielen; ich nahm auch wahr, daß kein einziger der Eingeborenen auf den alten Mann achtete und daher die Rede nur uns allein gelten konnte. Ich ging deshalb an Bord und holte einige Perlen, mittels derer es mir gelang, das unleidliche Geschrei zu Ende zu bringen. Durch unsere Dolmetscher wurde den Indianern mitgeteilt, daß die Amerikaner gewohnt seien, des Abends auf einem Horn zu blasen, und daß dies das Zeichen zur Entfernung aller Fremden aus dem Lager sei. Als daher der Hornist das Signal gab, erhoben sich die Indianer, die sich um unsere Feuer gedrängt hatten, und verschwanden unter lauten Scherzen nach allen Richtungen in der Dunkelheit. Selbst »Captain Jack«, den Mr. Ives als dritten Dolmetscher angenommen hatte, verließ uns mit dem Versprechen, sich am folgenden Morgen wieder einzustellen. Obgleich die Eingeborenen sich als freundliche, friedliebende Menschen gezeigt hatten, so wurde doch keine Vorsichtsmaßregel verabsäumt, die zur Sicherheit der Expedition beitragen konnte. Die Büchsen der Arbeiter, die solange immer an Bord des Dampfbootes – wenn auch zum augenblicklichen Gebrauch bereit – geblieben waren, wurden den Leuten nebst Munition übergeben, und der Befehl wurde erteilt, daß jeder seine Waffe stets bei sich behalten solle; doppelte Wachtposten wurden ausgestellt, die besonders die Verbindung zwischen dem Boot und den Zelten zu überwachen hatten, und so verfügten wir uns denn mit dem Gefühl einer behaglichen Sicherheit auf unsere Feldbetten. Der Himmel war bewölkt, die Luft mild, große Regentropfen schlugen prasselnd auf die straffen Zeltwände und erzeugten das eigentümliche einschläfernde Geräusch, bei dem man, wenn nicht durch die Pflicht gebunden, beim besten Willen nicht imstande ist, die Augen lange offenzuhalten. Kaum verkündete am 11. Februar das erste Morgenrot an dem wieder klaren Himmel das Herannahen des neuen Tages, als die Eingeborenen gleichsam aus der Erde zu wachsen schienen und in kurzer Zeit das Lager und die nächste Umgebung dicht anfüllten. Fast alle führten statt der Waffen die bekannten kleinen Säckchen und Körbchen bei sich, in denen sie uns Lebensmittel zutrugen. Auch einige Ratten, Mäuse und Eidechsen bemerkte ich in ihren Händen, und mir die Taschen voll Perlen steckend, machte ich mich nun ebenfalls bereit, meine Ernte zu halten. Nach Beendigung des Frühmahls begann also wieder das Tauschen, und mit der größten Geduld unterwarf sich Lieutenant Ives dieser ermüdenden Arbeit. Jeden Vorrat, der ihm angeboten wurde, auch wenn er noch so gering war, tauschte er ein, freilich in vielen Fällen nur, um die Handelslustigen nicht zu entmutigen. Dabei bemerkte ich, daß einige Indianer einen größeren Korb mit Bohnen oder Mais auf dem Ufer stehen hatten, das Ganze aber nicht auf einmal anboten, sondern nach Verkauf eines kleinen Säckchens voll immer wieder zurückeilten, um dasselbe von neuem anzufüllen und demnächst den bestimmten Preis, »drei Perlenschnüre«, dafür in Empfang zu nehmen. Wahrscheinlich handelten sie in dieser Weise, um gewiß zu sein, daß sie nicht übervorteilt würden, vielleicht aber auch, um einen höheren Preis zu erzielen. Wir lachten herzlich über die kaufmännischen Anlagen dieser Urwilden, mehr aber noch über die wichtige, echt kaufmännische Miene, die sie aufzusetzen verstanden. Dr. Newberry und ich hatten unseren Laden oben auf der Plattform aufgeschlagen; dort saßen wir vor den geöffneten Spiritusbehältern und nahmen an Tieren in Empfang, was nur immer heraufgebracht wurde. Auch wir hatten unsere festen Preise gestellt, je nachdem uns die Exemplare wichtig oder selten erschienen. Ratten, besonders Springratten mit Backentaschen, Känguruhratten genannt, und Buschratten wurden für sechs Perlenschnüre das Stück gekauft. Für Mäuse, Feldmäuse oder California-Mäuse bezahlten wir willig das Exemplar mit drei Perlenschnüren. Hornfrösche und Eidechsen galten zwei Perlenschnüre das Stück, doch stiegen letztere, je nach ihrer Größe, auch im Preis, und wir gaben mehrmals für uns ganz unbekannte Exemplare bis zu zehn Schnüre der beliebten Ware. Allgemeines Gelächter erregte es, als ich für eine schöne Eidechse, der aber der Schwanz fehlte, nur eine halbe Perlenschnur verabreichte, doch diente es dazu, die eifrigen Jäger etwas vorsichtiger im Ergreifen dieser flinken Tiere zu machen. Solange die »Explorer« am Ufer lag, wurden wir auch beschäftigt gehalten, denn die Eingeborenen, von dem lebhaften Wunsch beseelt, soviel Perlen wie nur immer möglich zu verdienen, wühlten mit ihren Händen weite Strecken des sandigen Bodens auf, und es erschien mir merkwürdig, daß in diesem eine so große Anzahl von lebenden Wesen verborgen war. Das letzte Körbchen Mais war endlich in den bereitstehenden Kasten ausgeleert worden, die letzte Eidechse in den Spiritusbehälter gewandert, als auch sogleich das Zeichen zum Aufbruch gegeben wurde. Die Dampfpfeife erschreckte im ersten Augenblick zwar die wilde Gesellschaft, doch gewöhnte sie sich leicht an den schrillen Ton, denn wir vernahmen bald darauf die ohrenzerreißenden Versuche der mutwilligen Menschen, das durchdringende Geräusch nachzuahmen, was sie noch lange fortsetzten, als sie in gleicher Höhe mit uns am Ufer hinschritten. Vierzehntes Kapitel Weiterreise im Tal der Mohaves – Häuptling José – Die Mohaves sind beunruhigt durch Kriegsgerüchte – Verhandlung mit dem Häuptling – Über die allgemeine Behandlung der Eingeborenen von seiten der Vereinigten Staaten – Der indianische Dieb – Beschenken des Häuptlings – Verschiedenheit der Eingeborenen in den Gebirgen von denen im Tal des Colorado – Charakter des Stroms – Lager auf der Sandbank – Aufreihen von Perlen – Seichtes Wasser – Ausladen des Gepäcks – Spaziergang am Ufer – Weiterreise gegen Abend – Sonntagsruhe – Zusammentreffen mit Kairook und Iretéba – Gutes Benehmen der Eingeborenen In den nächsten Tagen verloren wir die Eingeborenen fast nie aus den Augen, denn nicht allein die in der Nähe wohnenden strömten dem Fluß zu, sobald das Dampfboot sichtbar wurde, sondern auch ganze Banden von Männern und jungen Leuten folgten uns am Ufer nach und durchreisten auf diese Weise zugleich mit uns das ganze Gebiet der Mohaves von Süden nach Norden. Da nun diese letzteren bei unserem jedesmaligen Landen sich schon unter die dort versammelten Bewohner gemischt hatten, so machte es natürlich den Eindruck, als ob die Zahl der Männer im Vergleich mit dem weiblichen Teil der Bevölkerung bedeutend überwiegend sei. Auch würde uns die Kopfzahl überhaupt stärker geschienen haben, wenn wir nicht einzelne Gesichter und Gestalten, die wir schon früher gesehen hatten, wiedererkannt hätten. So war uns unter anderen ein junger Mohave-Indianer von etwa sechzehn Jahren schon von den letzten Yuma-Dörfern aus gefolgt; dieser verließ uns nicht, solange wir uns im Tal der Mohaves befanden; und wenn wir ihn auch auf einige Tage aus dem Gesicht verloren, so konnten wir doch mit Gewißheit darauf rechnen, ihn an irgendeiner Stelle, wo wir landeten, wiederzufinden. Zu verkennen war der junge Mensch nicht, denn außer daß uns seine offenen Gesichtszüge schon vertraut geworden waren, trug er auch in seinem Äußeren ein untrügliches Kennzeichen: er war nämlich in den Besitz einer beschnürten, kurzen Dragonerjacke gekommen, die seine einzige Kleidung bildete und die er ihrer besonderen Kostbarkeit wegen nie ablegte. Weithin zeichnete sich die bunte Jacke aus, und wer von uns diese am Ufer erblickte, machte gewiß darauf aufmerksam und sagte: »Da geht unser junger Mohave-Freund.« Dem Umstand nun, daß sich die dortigen Eingeborenen von nah und fern um Reisende scharen und diese gewissermaßen durch ihre Territorien begleiten, kann es wohl zugeschrieben werden, daß die Zahl der Indianer im Coloradotal gewöhnlich überschätzt und bei etwaigen oberflächlichen Zählungen ein Drittel derselben zwei- und dreimal mit hinzugerechnet wird. Eine kurze Strecke befanden wir uns erst oberhalb des letzten Lagers, als unsere Aufmerksamkeit durch einen großen Haufen Eingeborener auf dem linken Ufer erregt wurde. Durch »Captain Jack« erfuhren wir, daß sich dort José, einer der ersten Häuptlinge des Stammes, mit seinen Untertanen befand und uns zu sprechen wünschte. Lieutenant Ives, dessen Augenmerk darauf gerichtet sein mußte, mit den Eingeborenen – zumal mit einem so mächtigen Stamm, der schon durch die Nachrichten von dem Mormonenkrieg beunruhigt war – in gutem Einverständnis zu bleiben, ließ daher landen und den Häuptling an Bord nehmen, während die übrigen Indianer die Weisung erhielten, uns gegen Abend mit ihren Tauschartikeln im Lager aufzusuchen. Wir reisten nur drei Meilen, es war also keine schwere Arbeit für sie, uns zu folgen; sie behielten uns übrigens auch fortwährend im Auge, und in dichten Haufen lagerten sie auf dem sandigen Ufer und schauten zu, wenn wir uns abmühten, die »Explorer« über eine Sandbank zu winden. Obgleich »Captain Jack« auch mit zur Verständigung zwischen uns und Häuptling José beitragen mußte, so gingen die wichtigeren Gespräche doch immer durch den Mund Mariandos, denn außer daß »Captain Jack« ein sehr wenig Zutrauen erweckendes Benehmen zeigte, wurden wir auch durch unseren ehrlichen Diegeno noch besonders vor demselben gewarnt. José eröffnete also bei seiner ersten Unterredung mit Lieutenant Ives, daß er über den Zweck unserer Expedition einigen Aufschluß zu erhalten wünsche. Der ganze Stamm der Mohave-Indianer befinde sich in Unruhe über die Gerüchte, welche ihnen von den Mormonen zugekommen seien, gemäß derer die Amerikaner die Mohaves zu verdrängen und sich ihr Land anzueignen beabsichtigten. Ferner sagte er, daß die Mohave-Indianer mit den Mormonen in Freundschaft zu leben wünschten, daß sie aber auch die Brüder der Amerikaner bleiben wollten und deshalb das Verlangen trügen, daß die Mormonen in ihrem eigenen Land bekämpft würden und der Krieg ihrem friedlichen Tal fernbleibe. Sie wären von den Mormonen aufgefordert worden, den Amerikanern den Zutritt in ihr Tal mit Gewalt zu verweigern, doch sei es ihr Wille, die Amerikaner als Brüder aufzunehmen und von ihnen dafür wie Brüder behandelt zu werden. Dies war ungefähr der Inhalt von Josés Rede. Die Mormonen hatten also schon ihre indianischen Emissäre (vom Stamm der Utahs) so weit hinuntergesandt und das Mißtrauen dieser armen Wilden aufgestachelt. Natürlich war es geschehen, um diesen kräftigen Stamm durch einen Bruch mit den Amerikanern als Verbündeten zu gewinnen und den Colorado als Heerstraße nach dem Staat Sonora offenzuhalten. Jedenfalls aber entsprang der Plan aus einer unverantwortlichen Politik, indem die Mormonen unmöglich blind dafür sein konnten, daß Indianerstämme, die einmal in Krieg mit den Amerikanern verwickelt werden, immer dem Untergang geweiht sind, gleichviel, ob die ersten Feindseligkeiten durch wirklich bösen Willen oder durch unglückliche, aber zu entschuldigende Zufälligkeiten hervorgerufen wurden. Die Mohave-Indianer beachteten – wie aus Josés Rede deutlich hervorging – das beste und klügste Benehmen, das heißt, sie wollten es mit keinem verderben und den ausbrechenden Krieg anderer Nationen nur fern von ihrem geliebten Tal wissen. Des Häuptlings Befürchtungen wurden daher ganz niedergeschlagen, denn außer daß Lieutenant Ives ihn durch die Dolmetscher von den besten Absichten der Amerikaner in Kenntnis setzen ließ, dienten auch Mariandos eigene Versicherungen nicht wenig, und vielleicht noch am meisten, zur Beruhigung Josés. Der verständige Diegeno hatte nämlich während seines langjährigen Verkehrs mit den Weißen einen ziemlich klaren Begriff von manchen Verhältnissen gewonnen, und gerade in diesem Fall war er fähig, aus eigener, freilich nicht ganz richtiger Überzeugung den Mohaves das Törichte ihrer Befürchtungen zu beweisen. Die Mitteilungen eines Vertreters der eigenen Rasse wurden selbstverständlich mit größerem Vertrauen entgegengenommen, und so weit war unser guter Mariando noch nicht gelangt, daß er die Indianer vor einem allzu innigen Verkehr mit den Weißen hätte warnen können; er selbst hatte ja nur Augen für die Vorteile der Zivilisation und vermochte noch nicht zu unterscheiden, daß gänzliche Demoralisation der Eingeborenen die gewöhnliche Folge ihres Umgangs mit den neuen Herren des Landes ist. Besonders günstig wurde es von José und auch von den anderen Häuptlingen gedeutet, daß jeder einzelne von uns ihnen riet, den Mormonen ebensowenig wie den Amerikanern feindlich zu begegnen. Sie hatten nämlich nichts anderes erwartet, als daß wir, ähnlich den Mormonen, sie zu Bundesgenossen zu gewinnen wünschten, und so konnte unser Warnen vor Verwickelungen ernsterer Art nur den günstigsten Eindruck auf diese einfachen Naturkinder erzeugen. Sie begriffen daher auch leicht, daß unsere Expedition durchaus nicht zu kriegerischen Zwecken bestimmt war, und bezeugten infolgedessen, wo sie nur immer konnten, besonders aber durch allgemeines Achten unseres Eigentums und Befolgen unserer Anordnungen, wie sehr zufrieden sie mit unserer Anwesenheit waren und wie sehr sie unser Benehmen erfreute. Ich kann mich hier nur in anerkennender Weise darüber aussprechen, wie Lieutenant Ives sich den Indianern gegenüber stellte. Er folgte nämlich genau den Ansichten und dem Beispiel meines geehrten Freundes, des menschenfreundlichen Captain Whipple, der dafür bekannt ist, überall, wo er nur mit den Eingeborenen in Berührung gekommen ist, Freunde unter denselben zurückgelassen zu haben. Weit entfernt davon, die Wilden durch Geschenke für sich zu gewinnen, die als eine freiwillige Tributzahlung hätten angesehen werden können, die späteren Reisenden vielleicht mit Gewalt abgefordert worden wäre, gab Captain Whipple solche nur im Weg des Handels. Er verfolgte dabei einen doppelten Zweck: nämlich einerseits die Eingeborenen auf eine menschliche Weise ihre Abhängigkeit von dem Gouvernement der Vereinigten Staaten fühlen zu lassen, andererseits den Erzeugnissen der Wilden in ihren eigenen Augen einen höheren Wert zu verleihen und sie dadurch zur Arbeit und zu größeren Anstrengungen aufzumuntern. Er suchte, um mich Captain Whipples eigener Worte zu bedienen, die Indianer mit sich selbst, aber auch mit den Amerikanern zufriedenzustellen. Nur den Häuptlingen machte er Geschenke, und dies geschah in einer Weise, daß der ganze Stamm sich immer geschmeichelt fühlte, auch von den Weißen seine staatlichen Einrichtungen anerkannt zu sehen. Es ist zu bedauern, daß die Verwaltung der indianischen Angelegenheiten in den Vereinigten Staaten nicht ausschließlich Männern wie Captain A.W. Whipple übergeben wird, das heißt Männern, die den indianischen Charakter jahrelang auf praktischem Weg studiert haben und die, mit einer genaueren Kenntnis der beiderseitigen Fehler und Mängel, auch noch die Achtung vor der indianischen Rasse, welche diese als ein Teil der menschlichen Gesellschaft verdient, verbinden. Entstellungen der Verhältnisse, Besonders stark im »Entstellen von Verhältnissen« hat sich William A. Emory (Major in der Kavallerie der Vereinigten Staaten) in seinem »Report on the United States and Mexican boundary survey«, Bd. I., gezeigt, wo er unter anderem auf S. 64 die indianische Rasse zum Gegenstand seiner unverständigen Folgerungen macht, wie er im selben Werk auf S. 44 zu seinem eigenen Nachteil es sogar wagt, auf ungeziemende Weise den Namen Alexander von Humboldt zu mißbrauchen und dessen unsterbliche Arbeiten zu kritisieren! wie sie jetzt so häufig vorkommen und die nur dazu dienen, die Gefühle gegen die arme verfolgte Rasse einzunehmen, und die von den selbst mit dem besten Willen ausgerüsteten, aber zum größten Teil vollständig unerfahrenen und falsch geleiteten Beamten nicht durchschaut werden können, würden dann seltener werden, und die Grundidee des liberalen Gouvernements der Vereinigten Staaten, »segensreich auch unter den hinschwindenden Urbewohnern des Landes zu wirken«, langsam, aber sicher zur Ausführung kommen. Lieutenant Ives behandelte also in den meisten Fällen die Indianer im Sinne des Captain Whipple, und diesem Umstand kann es wohl mit zugeschrieben werden, daß die feindseligen Bemühungen der Mormonen, die nichts Geringeres als unseren Untergang bezweckten, sich als erfolglos erwiesen. Leider wird nur zu schnell der gute Eindruck, den eine Expedition bei ihrer Zusammenkunft mit den wilden Völkerstämmen zurückläßt, durch andere nachfolgende, besonders aber durch ungeordnete Privatexpeditionen, verwischt. Abermals schlugen wir auf dem linken Ufer unser Lager auf und befanden uns dort in einer ähnlichen Umgebung wie am vorhergehenden Abend. Da waren dieselbe hohe sandige Uferwand, derselbe lehmige Boden, dasselbe Gestrüpp und dieselben schönen Cotton-wood-Bäume. Auch Eingeborene waren anwesend und in weit größerer Anzahl; teils brachten sie von ihren Kornvorräten, teils kamen sie nur als müßige Zuschauer; und weil die Gesellschaft fortwährend im Zunehmen blieb, glaubten wir gegen Diebe auf unserer Hut sein zu müssen, denn es war kaum anzunehmen, daß unter einem Haufen von mehreren hundert Wilden sich nicht auch einige befinden sollten, die die Gelegenheit benutzen würden, einzelne von den umherliegenden Gegenständen verschwinden zu lassen. Es war dies übrigens der einzige Abend, an dem Versuche dieser Art gemacht und ein Diebstahl wirklich ausgeführt wurde. Als ich nämlich auf meinem zusammengerollten Bett vor dem Zelt saß und noch das letzte Tageslicht benutzte, um einige Bemerkungen in mein Taschenbuch niederzuschreiben, bemerkte ich, daß ein großer junger Indianer, dessen Oberkörper in einen von Mäusefellen geflochtenen Mantel eingehüllt war, sich in meiner Nähe niederkauerte. Die Aufmerksamkeit von fast allen Anwesenden war dem Dampfboot zugewandt, wo der Tauschhandel aufs eifrigste betrieben wurde, und so glaubte denn der junge Mann, von allen Seiten unbeachtet zu sein. Der Gegenstand seiner Wünsche war eine Axt, die mir zu Füßen lag. Die Absicht des Indianers erratend, schrieb ich dennoch ungestört weiter, ohne ihn indessen außer acht zu lassen. Plötzlich gewahrte ich, wie sich eine braune Hand leise unter dem Mantel des scheinbar gleichgültig dasitzenden Burschen hervorschob, ebenso leise den Griff der Axt faßte und diese mittels unmerklicher Bewegungen unter seinen Mantel zu ziehen begann. Ohne den Blick vom Papier zu heben, zog ich meinen Revolver aus dem Gürtel, spannte den Hahn desselben, legte ihn auf meine Knie und schrieb ruhig weiter, wobei ich aber den Indianer fortwährend mit versteckten Blicken beobachtete. Ich konnte mich kaum eines Lachens erwehren, als ich in den Zügen des Diebes das grenzenloseste Erstaunen wahrnahm. Ohne Zweifel lebte er in der Meinung, daß ich seine Absicht aus dem Buch herausgelesen und -geschrieben habe, denn mich furchtsam von der Seite betrachtend, stand er auf und schlich leise von dannen. Der arme Mensch, er glaubte sich in Gefahr und ahnte nicht, daß ich von meiner Waffe keinen Gebrauch gemacht haben würde, selbst wenn er mit der Axt davongesprungen wäre. Von mir begab er sich nach einer der Küchen, auch dort gelang es ihm nicht, seine Absicht auszuführen, denn der Koch ertappte ihn, als er vor dem Feuer, ohne seine Stellung zu verändern, mit eigentümlicher Gewandtheit ein daliegendes Messer mit den Zehen ergriff und, den Fuß dann rückwärts emporhebend, dasselbe in die unter dem Mantel verborgene Hand schieben wollte. Ein drohend geschwungenes Beil trieb ihn von dannen, doch sah ich ihn kurze Zeit darauf eilig im Gebüsch verschwinden, ein sicheres Zeichen, daß es ihm dennoch geglückt war, etwas zu erbeuten. Es stellte sich auch sogleich heraus, daß er mit einem alten Rock davongegangen war; der Gegenstand an sich war gering, doch mußte der Diebstahl gerügt werden, um der Wiederholung solcher Übergriffe vorzubeugen. José sowie Maruatscha hielten deshalb Reden an die ganze Versammlung, und besonders letzterer zeichnete sich hinsichtlich seiner Beredsamkeit aus. Mit lauter Stimme ermahnte er die Mohaves, nichts von dem Eigentum der Amerikaner zu entwenden, und wenn sie stehlen wollten, so möchten sie vorher sein–Maruatschas–Leben nehmen. Mariando übersetzte die glänzenden Phrasen und gab durch sein heimliches Lachen zu verstehen, daß er die Bereitwilligkeit bezweifle, mit der Maruatscha, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, sein Leben hingeben würde. Ohne Wirkung war die Rede freilich nicht, denn die Indianer, die so lange aufmerksam zugehört hatten, äußerten am Schluß, daß ihnen solche Worte wohl gefielen, und sie erklärten sich als nicht einverstanden mit dem Benehmen des Diebes. Der Einbruch der Nacht machte dem Tauschhandel ein Ende; diejenigen, die ihre Waren noch nicht abgesetzt hatten, wurden auf den folgenden Morgen vertröstet, das Hornsignal ertönte, und friedlich verließ uns die ganze Masse des indianischen Besuchs. Undurchdringliches Dunkel ruhte auf den Fluten des Colorado und seiner Umgebung, ein schwarzer Wolkenschleier verbarg die Gestirne; durch die transparente Leinwand der Zelte aber schimmerte noch bis tief in die Nacht hinein schwaches Licht. Dort saßen noch einige von unserer Gesellschaft mit Schreiben beschäftigt; sie schrieben Briefe nach der Heimat, denn Häuptling José hatte versprochen, einen Boten nach Fort Yuma zu senden, und am folgenden Tag schon sollte dieser aufbrechen. Der 12. Februar. Wer an diesem Morgen die »Explorer« und ihre Umgebung unvermutet und als unbeteiligter Zuschauer aus der Ferne hätte beobachten können, der wäre gewiß lebhaft an ein Volksfest erinnert worden, in so dichten Haufen und mit so ausgelassenem Lärm drängten sich die Eingeborenen am Ufer zusammen. Nach dem Boot zu und auf diesem selbst standen die schlanken Gestalten der Männer sowie die üppigen Figuren der kleinen, aber schön gewachsenen Frauen und harrten darauf, daß auch an sie die Reihe kommen würde, mit dem »Capitano« zu handeln, während auf dem Ufer beide Geschlechter in sehr malerischen Gruppen durcheinanderlagen und die eingetauschten Perlen zum wohlkleidenden Schmuck auf lange Fäden reihten. Hin und wieder trennten sich auch wohl ein paar junge Leute von dem regsamen Haufen, um sich an einer ebenen Stelle in dem beliebten Ring- und Stangenspiel die eben erhaltenen Schätze gegenseitig abzugewinnen. Freude und Lust glänzte aus allen Augen, Jubelgeschrei erschütterte die Luft, so daß die auf dem jenseitigen Ufer Versammelten nicht zu widerstehen vermochten und in den kalten Strom hinabstiegen, um mit ihren auf dem Kopf befestigten Bündeln schwimmend zu uns zu eilen. Doppelt willkommen hießen wir diese letzteren, denn sie brachten uns Fische, große, schöne Fische, und in solcher Anzahl, daß unserer ganzen Expedition soviel, wie zu zwei Mahlzeiten nötig war, verabreicht werden konnte. Da wir schon seit einigen Tagen nur halbe Mehlrationen und noch kleinere Schweinefleischrationen bezogen hatten, so ist es wohl verzeihlich, daß wir uns herzlich darüber freuten, die Bohnen, die jetzt unsere Hauptnahrung bildeten, endlich einmal mit Fischen vertauschen zu können. Die Tauschgeschäfte waren beendet, Carrol rüstete die »Explorer« zum Aufbruch, und Häuptling Jose war im Begriff, mit dem Boten, der schon Briefe, Instruktionen und einen Teil seines Lohns erhalten hatte, Abschied zu nehmen, als Lieutenant Ives im Auftrag des »Großen Großvaters aller Indianer« (des Präsidenten der Vereinigten Staaten) dem Häuptling für sein gutes Benehmen einige Geschenke übergab, die aus blauen und roten wollenen Decken, baumwollenem Zeug und einer großen Menge von Perlen bestanden. Ohne zu danken, jedoch mit Zeichen der Befriedigung, nahm Jose die dargereichten Gegenstände, stellte sich auf den Rand des Dampfbootes, zerriß die Decken in lauter drei Zoll breite Streifen und warf diese dann nach allen Richtungen unter die am Ufer versammelte Volksmenge, welche jedes einzelne Stück mit unermeßlichem Jubel begrüßte. Den Decken folgten die übrigen Gegenstände in ähnlicher Weise nach, so daß der Häuptling gar nichts für sich behielt, und nur durch vieles Zureden brachte ihn Lieutenant Ives dazu, einen noch hinzugefügten buntfarbigen Schal als Kopfputz auf seinem Haupt zu befestigen. Auffallend erschien es mir, daß unter den vielen Leuten, die sich die kleinen Gaben zu teilen hatten, nie Zank ausbrach und daß diejenigen, welche leer ausgingen, ebenso fröhlich und zufrieden waren wie die, welche das Glück mehr begünstigt hatte; doch wen der Wurf des Häuptlings zufällig traf, der war und blieb immer der anerkannte und rechtmäßige Eigentümer des aufgefangenen Gegenstandes. Ich muß gestehen, daß Jose, den in seinem Äußeren nichts von den Mitgliedern seines Stammes auszeichnete, sich mit einer Würde und einem Ernst benahm, wie man sie kaum in dieser Wildnis zu finden erwartete, denen aber der große Einfluß, den er auf seinen Stamm ausübte, zugeschrieben werden konnte. Herzlich drückten wir daher dem Häuptling zum Abschied die Hand, er sprang ans Ufer, die Laufplanke wurde eingezogen, und stromaufwärts arbeitete das Dampfboot, begleitet von wildem Jubelgeheul der Eingeborenen. Unsere Reise ging gut vonstatten, und gegen Mittag erreichten wir den Punkt, wo im Jahre 1854 Captain Whipple mit seiner Expedition über den Strom setzte. Ich erkannte die Stelle an einem Sumpf wieder, der etwas weiter oberhalb fast an den Fluß stieß; sonst entdeckte ich nichts, was mich an die damaligen Zeiten hätte erinnern können, denn nach der Sandinsel mitten im Fluß, die wir einst als Übergangspunkt »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 400. gewählt hatten, schaute ich vergeblich aus, dagegen waren neue Sandbänke zutage getreten, so daß, wenn die Gebirge und der Sumpf nicht gewesen wären, nach denen ich mich leicht orientierte, ich schwerlich »Whipple's Crossing« wiedererkannt haben würde. Dort nun befanden wir uns, nach Whipples Beobachtungen unter 34° 52' 15'' 60 nördlicher Breite und 114° 31' 43'' 20 westlicher Länge von Greenwich, 430 Fuß über dem Meeresspiegel. Eine kurze Strecke oberhalb dieses Punktes bog unsere Straße stark gegen Osten und behielt diese Richtung bei, bis sie die ganze Breite des Tales durchschnitten hatte und den Fuß der Kiesebene berührte, worauf sie sich wieder in weitem Bogen gegen Westen zog. Von dort aus vermochten wir deutlicher die östliche Gebirgskette zu überblicken, auf der während der Nacht Schnee gefallen war, der wie mit einer weißen Decke die Kuppen der Berge verhüllte und in grellem Widerspruch mit der sonnigen, warmen Atmosphäre des Tals stand. Wir landeten kurz vor jenem Winkel, um Holz einzunehmen, und trafen auch dort wieder mit einem starken Trupp Mohaves zusammen, in deren Gesellschaft wir einige Gebirgsindianer vom Stamm der Wallpays erblickten. Ein auffallenderer Kontrast ist wohl kaum denkbar, als der, den uns die Bewohner der verschiedenen und doch benachbarten Regionen hier boten. Auf der einen Seite die unbekleideten, riesenhaften und wohlgebildeten Gestalten der Mohaves, mit ihren vollen, abgerundeten Gliedern, sorgfältig geordneten Haaren und dem offenen, freien Blick; auf der anderen Seite dagegen die im Vergleich dazu zwergähnlichen, hageren, in zerfetzte Lederkleidung gehüllten Figuren der Wallpays mit ihren verwirrten, struppigen Haaren, den kleinen, geschlitzten Augen und dem falschen, gehässigen Ausdruck in ihren Zügen. Regungslos wie lauernde Wölfe beobachteten uns die auf Jagd und Diebstahl angewiesenen Wüstenbewohner, während die Repräsentanten des Ackerbau treibenden Stammes frei von jedem Mißtrauen sich scherzend herandrängten und sich mit knabenhafter Ausgelassenheit unter unsere Leute mischten. Aufmerksam verglich ich beide Stämme miteinander; ich entdeckte nur Ähnlichkeit in ihrer Hautfarbe, und es erschien mir kaum glaublich, daß ich hier Menschen von einer und derselben Rasse vor mir hatte, so sehr hatte die verschiedene Lebensweise in einer Reihe von Generationen auf die physische Beschaffenheit, zugleich aber auch auf die geistigen Anlagen und Neigungen von Menschen gewirkt, denen derselbe Ursprung zugeschrieben wird. Bald darauf gelangten wir in den Winkel, wo wir uns wieder nördlich wenden mußten, und hatten hier abermals das interessante Bild eines festlich geschmückten Indianerstammes vor uns, der aus Hunderten von Mitgliedern bestand und mit Sehnsucht unserer Landung entgegensah. Der Häuptling rief uns zu, daß er sich vorstellen wolle und daß seine Leute Lebensmittel zu verkaufen wünschten; da aber das Fahrwasser günstig war und Lieutenant Ives befürchtete, Zeit zu verlieren, so wurden, zu Dr. Newberrys und meinem größten Leidwesen, die auf uns Harrenden unberücksichtigt gelassen; wir fuhren vorbei und konnten uns sagen, daß wir bei Hunderten von Menschen Gefühle einer gewissen Zurücksetzung angeregt hatten. Solange wir die nördliche Richtung beibehielten, befand sich zu unserer linken Seite eine bedeutende Sandfläche, die sich augenscheinlich erst in den letzten Jahren durch den Strom dort gebildet hatte. Man konnte gleichsam die Jahrgänge des angeschwemmten Bodens an den Weidenschößlingen erkennen, indem dieselben in der Nähe des Flusses ganz fehlten, weiter zurück binsenähnlich und spärlich aus dem Sand hervorragten und in dem Maß an Höhe und Stärke zunahmen, als die Entfernung zwischen ihnen und dem Strom sich vergrößerte. Zu unserer Rechten erblickten wir das Uferland, das in geringer Entfernung vom Fluß an die Kiesebene stieß, dicht mit kräftigen Weiden und einzelnen Cottonwood-Bäumen bewachsen. Das Wasser spülte mit heftigem Andrang an dem nachgiebigen Erdreich hin, und da die Vegetation gleichmäßig und ununterbrochen bis an den äußersten Rand des Ufers reichte und umgefallene Bäume ihre Kronen in die Fluten tauchten, während die noch mit Erde beschwerten Wurzelenden am hohen Ufer hafteten oder frei emporragten, erkannten wir leicht, daß der unruhige Strom ebenso schnell das linke Uferland mit sich fortriß, als er an dem rechten durch Absatz von festen Bestandteilen weiterbaute. Als wir den Punkt erreichten, wo unsere breite, schimmernde Straße fast im rechten Winkel gegen Westen bog und diese Richtung quer durch das Tal bis an die westliche Kiesebene beibehielt, nahm ich deutlich wahr, daß der Strom sich um einen ähnlichen angeschwemmten Landstrich des linken Ufers herumwand wie kurz vorher auf der entgegengesetzten Seite – nur mit dem Unterschied, daß noch ein schmaler, seichter Kanal die niedrige Ebene vom Festland trennte und also eine Insel bildete. Die Insel war reich mit hohen Weiden bewachsen, an denen das Alter des Bodens annähernd berechnet werden konnte. Der Strom selbst, dessen Wasser hier ungewöhnlich breite Flächen bedeckte (bis zu 1000 Fuß breit), war infolgedessen nur sehr flach; die letzten Stunden des Tages verbrachten wir daher mit erfolglosem Winden und landeten endlich auf dem rechten Ufer, wo wir auf der oben beschriebenen Sandfläche ausgetrocknetes Treibholz in hinlänglicher Masse zu unserem eigenen Gebrauch sowie auch für die Maschine vorfanden. Auch auf der unwirtlichen Sandbank, wo der kalte Wind ungehindert über den dürren Boden hinwehte, suchten uns die Eingeborenen auf. Sie kamen mit Waren aus ihren abgelegenen Wigwams; sie scheuten weder das kalte Wasser des Stroms noch den rauhen Wind, und fröhlich traten sie ihren Heimweg an, wenn es ihnen gelungen war, einige Schnüre der beliebten Porzellanperlen einzuhandeln. Lieutenant Ives hatte mehrfach versucht, zerrissene Schnüre und auch lose Perlen im Handel mit anzubringen, doch glaubten die Wilden merkwürdigerweise, daß ein Betrug dahinterstecke, und weigerten sich standhaft, diese anzunehmen; selbst auch dann, wenn sie ihnen in doppelter Masse geboten wurden. Er beschloß daher, sich für kommende Zeiten vorzubereiten und diesen gangbaren Artikel so einzuteilen und zu ordnen, daß die eigensinnigen Menschen nichts mehr daran auszusetzen haben sollten. Eine Einladung erging infolgedessen an uns, ihm bei dieser Arbeit behilflich zu sein. Wir sagten alle zu, und als die Abendmahlzeit beendet war, versammelten wir uns in der kleinen Kajüte, wo wir nach vielem Hin- und Herrücken um den Tisch Platz fanden, auf dem Massen von Perlen aufgehäuft lagen. Auch ein Glas stand vor jedem, und bedeutungsvoll winkte eine große Korbflasche, welche den Ehrenplatz oben an der Tafel einnahm. Da saßen denn sieben bärtige, wettergebräunte Gesellen, die zu ernsten und schwierigen Aufgaben bestimmt waren, wie junge Mädchen in einer Spinnstube beisammen und reihten friedlich Perlen auf. Es war für uns alle eine ungewohnte Arbeit, doch kamen wir mit ihr zu Rande; und wenn die Unterhaltung ins Stocken geriet oder die Fäden sich als zu schwach auswiesen, dann wurde ein voller Becher zu Hilfe genommen, und unverdrossen wühlten aufs neue die unkundigen Finger zwischen den schimmernden Glasperlen. So unbedeutend diese Beschäftigung an sich auch war, so unterschied sich der Abend eben durch diese von allen übrigen, die wir schon auf der Reise zugebracht hatten. Es war wieder etwas Neues, und wir kamen uns selbst so überaus komisch vor, daß wir dabei vergaßen, daß wir uns an Bord der »Explorer« befanden, und manchmal bebte die ganze Kajüte von dem herzlichen Gelächter, das durch irgendein »Stückchen Garn« , das Mr. Carrol abspann, hervorgerufen wurde. Und so glaubte ich denn, daß jeder, der an jenem Abend Perlenschnüre ordnete, dabei trank, scherzte und lachte, zuweilen an jene Zeit zurückdenkt; denn die geringfügigsten Umstände wachsen, sobald sich besondere Rückerinnerungen an diese knüpfen; sie wachsen manchmal so sehr, daß man sie für wichtig genug hält, sie in Beschreibungen und Erzählungen mit hineinverflechten zu dürfen. Nur zu leicht vergißt man aber dabei, daß allein die wirklichen Teilnehmer imstande sind, sich froh verlebte Stunden in Gedanken zu vergegenwärtigen und gleichsam noch einmal zu durchleben, während der Leser wie der Zuhörer die Mitteilung von unbedeutenden nackten Tatsachen vielleicht mit Recht tadelt. Es war um die Mitternachtsstunde, als wir uns ans Ufer begaben; alles im Lager schlief, nur die Schildwachen schritten auf dem weichen Sand geräuschlos auf und ab; auch der Wind war eingeschlummert, doch der stark fallende Tau ließ die Luft kühl erscheinen; wir schürten daher ein niedergebranntes Feuer, daß die Flammen hoch aufloderten, erwärmten uns zuerst das Gesicht, dann den Rücken, machten noch einige Bemerkungen über das unheimliche Rauschen des wilden Stroms, über das sternenbesäte Himmelsgewölbe und krochen dann, höchst zufrieden mit unserer Lage, zwischen die Decken. In der Frühe des 13. Februar steckte unser irischer Aufwärter seinen gelbbehaarten Kopf zwischen die Falten des Zeltes hindurch und rief mit Anwendung aller Kräfte seiner gesunden Lungen: »Frühstück ist fertig!« Wir drehten uns um und – schliefen weiter; bald darauf donnerte dieselbe Stimme durch die Türfalte: »Frühstück steht auf dem Tisch!« Die Nachricht, daß wir überhaupt Frühstück, und zwar trockene Bohnen, erhalten sollten, hatte uns noch ziemlich gleichgültig gelassen; die Aussicht aber, die Bohnen kalt essen zu müssen, erschreckte uns in dem Maße, daß wir nach Verlauf von kaum zwei Minuten um unseren Feldtisch saßen und bei der Musik des singenden Dampfkessels unser mehr als kärgliches Mahl in Angriff nahmen, wobei wir laut des Wechsels der Zeiten gedachten. Die wärmenden Strahlen der höher steigenden Sonne hatten den schweren nächtlichen Tau auf den lichtgrünen Weidenblättern noch nicht vollständig aufgesogen, als der Tauschhandel mit den Eingeborenen sein Ende erreichte und wir uns zur Weiterreise an Bord begaben. Leider waren wir einer breiten Sandbank wegen genötigt, eine Strecke zurückzufahren und einen anderen Kanal zu suchen; wir entdeckten einen solchen nahe dem linken Ufer, doch gelangten wir in diesem nur einige hundert Schritt weiter als in dem ersten, wo wir dann auf ähnliche Hindernisse stießen. Mr. Robinsons genaue Forschung ergab, daß in gleicher Höhe mit uns, dicht am rechten Ufer, das Fahrwasser wieder begann, daß aber eine Sandbank mit fünfzehn Zoll Wasser uns von diesem trennte. Die »Explorer« mußte also über die ganze Breite des Stroms hinübergewunden werden, und weil es in Aussicht stand, daß diese Arbeit den vollen Tag in Anspruch nehmen würde, so ließ der Kapitän, um den Tiefgang des Fahrzeugs zu vermindern, die ganze Fracht nebst den überflüssigen Leuten mittels des Ruderbootes nach dem rechten Ufer hinüberschaffen, wo ich gleich nach unserem Landen in der Gesellschaft des Doktors einen Jagdausflug nach der nächsten Umgebung unternahm. Dichtes Stangenholz – größtenteils schlanke, pappelähnliche Weiden – erschwerte anfänglich das Vordringen sehr, doch gelangten wir bald auf einen Indianerpfad, der uns in vielen Windungen weitab vom Fluß führte. Die Weiden wechselten dabei strichweise mit den beiden Arten der Mesquitebäume ab oder faßten lichte, grasreiche Flächen ein, auf denen die anmutigen Formen der Cottonwood-Bäume hoch emporragten. Obgleich man fast überall den Schmuck der Blätter vermißte, obgleich herbstlich graue Farbe die abgestorbene Vegetation nur wenig von den unbedeckten sandigen Stellen des Bodens auszeichnete, so beschlich uns doch bei der veränderten Umgebung ein Gefühl der innigsten Freude, das durch den vorhergegangenen ständigen Aufenthalt auf dem Wasser noch gesteigert wurde. Die Sonne schien so warm auf uns hernieder, und wenn wir die dürren Grasbüschel auseinanderbogen oder die kahlen Zweige der Sträucher aufmerksam betrachteten, dann entdeckten wir die zarten, aber lebensfrischen Keime, die, wie aus tiefem Schlaf erwachend, schüchtern in die Welt hinausblickten und verlangend nach Licht und Wärme sich dem Schatten zu entziehen suchten. Die Luft war so still; ein Frosch hatte seine sumpfige Winterwohnung verlassen und prüfte nach langem Schweigen zum erstenmal wieder seine krächzende Stimme; er schien aus der Übung gekommen zu sein, denn heiser klangen die kurzen, abgebrochenen, aber mit aller Gewalt ausgestoßenen Töne zu uns herüber. In den Bäumen aber saßen mancherlei Vögel; diese hatten ihre Lieder noch nicht verlernt, denn sie sangen und zwitscherten, jeder nach seiner Weise, und zwar mit einem solchen Ausdruck der Glückseligkeit, daß wir immer glaubten mitsingen zu müssen. Und warum sollte der Mensch nicht mit einstimmen in den Jubel einer erwachenden Natur? Er bezeugt dadurch ja nur die verehrende Anerkennung einer erhabenen Macht und ihrer weisen Gesetze, von denen der Mensch sowie alle übrigen Schöpfungswerke in jeglichem Grad abhängig sind. Planlos durchstreiften wir Wald und Wiese, da gab es manches zu sehen, manches zu beobachten; und Stunden verstrichen, ehe wir uns dem Fluß wieder näherten. Auch an einer unbewohnten Indianerhütte kamen wir vorbei. Diese war von kleinen Feldern umgeben, und alles deutete darauf hin, daß jene Stelle von den Eingeborenen nur während der Wintermonate verlassen blieb. Übrigens unterschied sich die Hütte in nichts von den anderen Mohave-Wohnungen, deren ich schon einige in näheren Augenschein genommen hatte. Auf Pfosten, die in Zwischenräumen von drei bis vier Fuß in die Erde getrieben sind und wie gewöhnlich ein Viereck, zuweilen aber auch einen Kreis von zehn bis sechzehn Fuß Durchmesser bilden, ruht in der Höhe von ungefähr fünf Fuß ein Dach, das aus Zweigen und Schlamm fest und dicht zusammengefügt ist. Wie das Dach, so werden auch die Zwischenräume zwischen den Pfosten verstopft, und man läßt nur eine kleine Öffnung, die zugleich als Fenster und Tür dient. Oberhalb der Tür befindet sich gewöhnlich eine Verlängerung des Daches, die ebenfalls auf starken Stützen ruht, wodurch eine Art von Korridor hergestellt wird, der zum Sommeraufenthalt der Bewohner dient, während das finstere, abgeschlossene Gemach in kalten Tagen zum Zufluchtsort gewählt wird. In vielen Fällen, wo die Gestaltung des Bodens es zuläßt, ist das Gemach in einen Hügel oder eine feste Sandbank hineingegraben, doch fehlt dann niemals der schattige Korridor. Zum Aufspeichern von Kornvorräten und Mesquitebohnen dienen kleine, runde, turmähnliche Magazine, die aus Weiden und im Boden haftenden Stäben sehr sorgfältig geflochten und mit einem guten Dach versehen sind. Diese haben einen Durchmesser von drei bis vier Fuß und eine Höhe von fünf bis sechs Fuß. Auch sehr große irdene, krugähnliche Gefäße werden zur Aufbewahrung von Lebensmitteln verwendet. Kleinere Gefäße von derselben Konstruktion sowie aus Binsen und Weiden wasserdicht geflochtene Schüsseln bilden die einzigen Hausgeräte. Fügt man zu diesem noch einige zugespitzte Stäbe, die zur Bestellung des Ackers dienen, so ist alles vorhanden, dessen der Mohave-Indianer bedarf, um sich und seiner Familie eine sorgenfreie und glückliche Existenz zu sichern. Die Lebensmittel werden auf die einfachste, für den Europäer aber nicht schmackhafte Weise zubereitet. Dicker Brei oder auch geröstete Kuchen aus Mais und Weizenmehl, gekochte Bohnen und Mais bilden die Hauptnahrung, doch wird auch von zerriebenen Mesquitebohnen Brot in Form von großen Kugeln gebacken, das aber für einen verfeinerten Gaumen einen sehr widerlichen Geschmack hat. Zu den Delikatessen der Mohaves gehören unter anderem Melonen, Wassermelonen und Kürbisse, die teils roh, teils gebraten oder als Brei zubereitet verzehrt werden. Auch die gerösteten Kerne der Kürbisse werden von ihnen als Leckerbissen betrachtet, und diese fanden bei uns ebenfalls Liebhaber. Überhaupt scheint die Lieblingsbeschäftigung der dortigen Eingeborenen das Essen zu sein, denn wenn wir zuweilen den einen oder den anderen mit an Bord nahmen, so führte er gewiß eine große Schüssel mit gekochten Bohnen oder Maisbrei bei sich. Gegen Mittag erreichten wir wieder das Ufer und erblickten die »Explorer« mit allen, die sich darauf befanden, in voller Arbeit, doch war sie nur eine kurze Strecke von der Stelle bewegt worden, auf der wir sie am frühen Morgen verlassen hatten. Langsam begaben wir uns nach der Landungsstelle hin, wo unsere Fracht ausgeladen worden war, und ich wurde dort von einigen Indianern erwartet, die mir eine Sammlung lebender Mäuse zum Verkauf anboten. Ich konnte mich eines Lachens kaum erwehren, als ich sah, auf welche eigentümliche Art sie die armen Tiere gefesselt hatten. Diese waren nämlich mit den Schwänzen an Stäben festgebunden, und zwar so, daß sechs oder sieben von ihnen dicht hintereinander saßen und angstvoll den Stock mit ihren vier Füßen umklammert hielten. Einige Perlenschnüre, die ich zu solchen Zwecken immer bei mir führte, genügten, die Sammlung an mich zu bringen, worauf ich die Tiere sogleich von ihren Qualen befreite. Stunden vergingen uns noch am Landungsplatz aufs langweiligste, ehe die »Explorer« endlich in tiefes Wasser glitt und bald darauf anlegte. Schnell wurde alsdann eingeladen, und tief senkte sich schon die Sonne gegen Westen, als wir uns wieder stromaufwärts bewegten. Noch immer hatten wir eine westliche Richtung zu verfolgen, und dadurch, daß der breite Spiegel des Flusses scheinbar regungslos zwischen dicht und hoch bewaldeten Ufern lag und sich weithin bis an den Fluß der westlichen Gebirge erstreckte, deren umgekehrte Bilder zusammen mit dem klaren Himmel auf den glänzenden Fluten zu schwimmen schienen, erhielten wir eine so reizende Aussicht, wie wir sie seit längerer Zeit nicht genossen hatten. Hierzu gesellte sich noch die milde Abendluft, die sich, gleichsam Ruhe verkündend, auf Berg und Tal senkte und der ganzen Umgebung einen so friedlichen Schimmer verlieh; leichter Nebelduft erfüllte die Atmosphäre in geringer Höhe über dem Boden, während die oberen Luftschichten im reinsten Licht schwammen und kleine Herden von Schafwolken in rosenroter Beleuchtung erglänzten. Lange hätte ich noch an diesem Abend reisen mögen, es war ja alles um mich her so schön; doch die Sonne war unerbittlich, sie verschwand hinter den zackigen Berggipfeln und ließ nur eine flammenähnliche Röte zurück, die uns noch lange leuchtete, als wir auf dem rechten Ufer in einem malerischen Winkel des Waldes unsere Zelte aufschlugen. Zwei Meilen hatten wir noch gegen Abend nach unsäglicher Mühe zurückgelegt. Der folgende Tag, ein Sonntag, wurde wieder zur Ruhe bestimmt; einesteils um unseren Leuten nach so anhaltender, schwerer Arbeit einige Erholung zu gönnen, dann aber auch, um zwei bekannte Mohaves zu erwarten, von denen wir einigen Aufschluß über die nördlichen Territorien sowie auch über den Fluß selbst zu erhalten hofften. Der Häuptling Kairook und der Krieger Jretéba waren schon alte Bekannte von Lieutenant Ives und von mir und dieselben beiden Indianer, welche die Expedition des Captain Whipple im Jahre 1854 so sicher in gerader Richtung vom Colorado bis an das fließende Wasser des Mohave-Flusses führten. »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 410. Sie hatten sich damals schon nicht nur als redliche und verständige Männer ausgewiesen, sondern auch nicht wenig dazu beigetragen, daß die Expedition, ohne sonderlichen Verlust zu erleiden, den schrecklichen Weg durch die wasserlose Wüste fand. Mitleid mit meinem Reittier veranlaßte mich zu jener Zeit, die Reise in Gesellschaft der beiden indianischen Führer zu Fuß zu machen, infolgedessen sich ein gewisses freundschaftliches Verhältnis zwischen ihnen und mir bildete. Von meiner Seite der Wunsch, die alten Freunde wiederzusehen, und die Absicht des Lieutenant Ives, sich womöglich der Dienste der beiden als zuverlässig bekannten Indianer zu versichern, veranlaßten uns, schon am ersten Tag unserer Ankunft in den Dörfern der Mohaves nach Kairook und Iretéba zu fragen. Wir erfuhren dort, daß beide noch wohl und munter seien, aber weiter oberhalb am Fluß lebten. Jeden Tag zogen wir Erkundigungen über unsere alten Bekannten ein, und nicht wenig schien es den Eingeborenen zu behagen, daß einige der Ihrigen eine solche Berühmtheit erlangt hatten und die besuchenden Weißen nicht nur deren Namen kannten, sondern sie auch zu sehen wünschten. Bereitwillig sandten sie ihre Läufer mit Nachrichten für Kairook und Iretéba stromaufwärts, und ebenso bereitwillig bezeichneten sie uns den Punkt, an dem die beiden Helden des Tals uns erwarten würden. In dichten Haufen versammelten sich am 14. Februar in aller Frühe die Eingeborenen bei uns im Lager, und während des ganzen Vormittags umgaben uns die merkwürdigsten Gruppen neugieriger, spielender und handelnder Menschen. Ein gewisser Frohsinn brach überall durch und artete sowohl bei den Weißen wie bei den braunen Menschen oftmals in eine wilde, aber dabei harmlose Ausgelassenheit aus. Alle erwarteten den berühmten Häuptling Kairook, und die Eingeborenen schienen besonders darauf gespannt, welcher Empfang demselben zuteil werden würde. Ich hatte eben eine große Anzahl frisch eingehandelter Ratten und Mäuse verpackt und war im Begriff, mich aufs Ufer zu begeben, als Lieutenant Ives mir zurief und, auf einen baumstarken Indianer zeigend, mich fragte, ob ich denselben wohl kenne. Ich schaute zu dem Wilden hinüber; doch bedurfte es bei uns beiden keiner Fragen und Erkennungszeichen, denn vor mir stand Iretéba, mein alter Reisegefährte, der mir mit seinem eigentümlichen, sanften, ich möchte sagen, kindlichen Lächeln, das gleichsam im Widerspruch mit der kolossalen Gestalt stand, die Hand darreichte. Lange hatte ich keinem Menschen so herzlich die Hand gedrückt wie diesem Indianer, der mit dem Ausdruck ungeheuchelter Freude mir ins Auge blickte. Ich hätte viel darum gegeben, wenn ich fähig gewesen wäre, mit dem ehrlichen Iretéba zu sprechen; doch leider mußten wir uns darauf beschränken, uns durch Zeichen miteinander zu verständigen. Zu meinem größten Bedauern bemerkte ich, daß Iretéba Trauer um einen Dahingeschiedenen angelegt, das heißt, seine übermäßig starken und langen Haare abgeschnitten hatte. Als ich ihn nach dem Grund seiner Trauer fragte, teilte er mir mit, daß sein Bruder sich von Yuma-Indianern habe verleiten lassen, an dem unglücklichen Kriegszug gegen den Stamm der Coco-Maricopas teilzunehmen, und von diesen erschlagen und skalpiert worden sei. Es war schon über ein halbes Jahr seit jener Zeit verflossen, doch lag noch so viel aufrichtiger Schmerz in den Zügen Iretébas, als er mir durch Zeichen den ganzen Umfang seines Verlustes zu verdeutlichen suchte, daß es mich fast gereute, ihn daran erinnert zu haben. Iretéba blieb für lange Zeit als Führer in unserer Gesellschaft, und oft, wenn ich scherzweise vom Pferd herab meine Hand auf sein halb krauses, buschiges Haar legte, bemerkte ich, wie eine Wolke von Trübsinn über sein braunes, redliches Gesicht zog. – Iretéba, der den Weißen so vielfach große Dienste leistete, Iretéba, der soviel Gefühl offenbarte und nie auch nur einen Schimmer von Unredlichkeit zeigte, war ein Mitglied der wilden Stämme, von denen einzelne Amerikaner behaupten, daß sie ausgerottet werden müßten, um der Zivilisation einen Weg zu eröffnen. Wenn man einem Indianer freundschaftliche Gesinnungen zu beweisen wünscht, so erfreut man ihn durch kleine Geschenke, daher beeilte ich mich denn auch, einige Perlen und vor allen Dingen etwas Tabak in die Hand Iretébas zu legen und ihm danach meine brennende Pfeife darzureichen. Mit unbeschreiblichem Wohlbehagen sog der braune Krieger den Rauch in seine Lungen und ließ ihn dann in langen Zwischenräumen seinen weitgeöffneten Nasenlöchern in Wolken entströmen. Das Rauchen machte ihn übrigens mitteilsamer, denn mehrmals wies er mit der ausgestreckten Hand nach den westlichen Gebirgen hinüber, als ob er mich an die Zeit erinnern wollte, in der wir vereint in jeder Richtung reisten; er verdeutlichte mir ferner, daß er gesonnen sei, sich dieser Expedition wieder als Führer anzuschließen. Eine herzliche Freude gewährte es mir, wahrzunehmen, daß ich nicht der einzige blieb, der sich zu dem braven Indianer hingezogen fühlte; von allen Seiten, selbst von den Soldaten, wurde er mit Freundlichkeit behandelt, und je länger er mit uns verkehrte, desto größer wurde das Vertrauen, das jeder einzelne unserer Expedition in seine Redlichkeit setzte. Es war gleich nach Mittag, als auf dem jenseitigen Ufer ein neuer Trupp Eingeborener eintraf und uns mitgeteilt wurde, daß Kairook und der schon bekannte José im Anzug seien. Bald darauf schoben die ankommenden jungen Leute ein Binsenfloß in den Strom, und auf dieses stellten sich die beiden Häuptlinge, während die übrige Gesellschaft in die Fluten stieg und teils schwimmend, teils watend das Floß mit seiner Last durch den Fluß zu uns herüberlenkte. Es gewährte einen überaus interessanten Anblick, als diese Wilden unter durchdringendem Jubelgeheul wie im Triumph durch das Wasser arbeiteten und Kairook und José, wie ihrer Würde und ihres Ansehens bewußt, mit gespreizten Beinen und verschränkten Armen auf dem zerbrechlichen Binsenfahrzeug standen. José erschien in seiner gewöhnlichen Kleidung, die aus dem bunten, wollenen Schal und dem weißen Schurz bestand; Kairook dagegen prangte in einem roten Flanellhemd, das mittels eines breiten Lederriemens um seine Hüften zusammengehalten wurde. Als Zeichen seines Ranges trug er auf dem Bauch an seinem Gürtel eine große Glocke, wie man sie den Leittieren starker Viehherden wohl umzuhängen pflegt, und im Nasenknorpel einen Riemen, an dem eine große, weiße Perle und ein blauer Türkisstein befestigt waren. Kairook hatte ebenfalls eine mächtige, kraftvolle Gestalt, dabei waren aber seine Bewegungen doch leicht und ungezwungen, und auf seinen Zügen spielte ein beständiges Lachen, der Ausdruck eines angeborenen Frohsinns. Die Häuptlinge, von ihren wilden Untergebenen gezogen, erreichten endlich das Ufer, und bald darauf befanden wir uns bei ihnen, um sie zu begrüßen. Ich kann wohl sagen, daß es einen mehr wie angenehmen Eindruck auf mich machte, als ich bemerkte, daß Kairook mich wiedererkannte. Mit beiden Händen faßte er mich an den Schultern und drückte seine Nägel so tief ein, daß am folgenden Tag noch die Spuren davon auf meiner Haut sichtbar waren. Ich glaubte daher meine Freude des Wiedersehens nicht besser darlegen zu können, als daß ich ihn auf dieselbe Weise liebkoste, und ich preßte die Muskeln seiner Oberarme so lange und so fest, bis er sich sanft dem herzlichen Griff entzog und mir durch Streicheln der Brust und Schultern seine große Freude bewies. Er wandte sich dann zu seinen Leuten, und wie ich aus seinen Mienen und Bewegungen schloß, erzählte er ihnen von unserer ersten Bekanntschaft und von dem bösen Weg, den wir zusammen gewandert waren. Durch unsere Dolmetscher ließ Lieutenant Ives nun auch Kairook den Zweck unserer Reise auseinandersetzen und forderte ihn schließlich auf, seinem Stamm und überhaupt allen Bewohnern des Coloradotals mitzuteilen, daß die Amerikaner die Freundschaft aller Eingeborenen wünschten und jedem abrieten, sich an dem bevorstehenden Krieg zwischen ersteren und den Mormonen in irgendeiner Weise zu beteiligen, woran sich noch die gewöhnlichen Beteuerungen schlossen, welch reichen Segen die Eingeborenen von der sich Bahn brechenden Zivilisation zu erwarten hätten. Kairook trat sodann als Redner auf, und vermutlich hielt er eine Rede, die gut aufgenommen wurde, denn nach allen Richtungen hin beobachteten wir beifälliges Nicken und zustimmende Ausrufe unter den buntbemalten Zuhörern; selbst wir, die wir kein Wort verstanden, konnten nicht umhin, uns über den natürlichen Anstand und das Fließende seiner Sprache zu wundern. Nach Kairook hielt Maruatscha eine Ansprache an die fröhlichen Mohaves, wobei er es, wie uns Mariando versicherte, nicht an Ermahnungen zur Ehrlichkeit fehlen ließ. Lieutenant Ives befand sich während der ganzen Verhandlung mitten im dichtesten Gewühl, und obgleich er auf die freundlichste Weise mit seiner Umgebung verkehrte, so konnten wir in seinen Mienen zu unserer größten Belustigung doch zuweilen den Ausdruck des Mißbehagens entdecken, das er notwendigerweise in dem stark ausdünstenden Haufen empfinden mußte. Nach Beendigung der Reden wurde Kairook aufs freigebigste durch Lieutenant Ives mit Geschenken vom »Großen Großvater in Washington« bedacht, und wir waren darauf abermals Zeugen, wie der Häuptling nichts für sich behielt, sondern alles bis auf die letzte Kleinigkeit an seine Untertanen verteilte. Kairook behauptete indessen keinen so feierlichen Ernst wie Häuptling José, sondern begleitete jeden Streifen Zeug und jede Schnur Perlen, wie er diese hinwarf, mit einigen Scherzworten; ich glaubte dies nämlich daraus schließen zu können, daß seinen Bemerkungen stets ein unauslöschliches Gelächter folgte, an die sie gerichtet waren. Die Zusammenkunft schloß damit, daß eine Aufforderung an alle erging, sich am folgenden Morgen mit Lebensmitteln, besonders aber mit Mehl, zum Tauschhandel im Lager einzustellen. Manche führten schon dergleichen bei sich, und in solchen Fällen wurde immer dafür gesorgt, daß ein für beide Teile befriedigender Tausch zustande kam. An Naturalien und an Fischen fehlte es auch nicht, und besonders letztere trugen dazu bei, daß wir mit größerer Bereitwilligkeit Folge leisteten, als wir zum Abendessen gerufen wurden. Und so blieb denn unser Lager während des ganzen Tages der Sammelplatz handelnder, spielender und lärmender Indianer. Bei Einbruch der Nacht entfernte sich gemäß unseren Anordnungen die ganze wilde Gesellschaft, Kairook versprach, am folgenden Tag wieder bei uns zu sein; Iretéba erklärte, einen Freund aufsuchen und gemeinsam mit diesem die Rolle als Führer auf der späteren Landreise übernehmen zu wollen; Maruatscha verließ uns ebenfalls, um, wie Mariando uns mitteilte, einem Gesangsfest der Mohaves beizuwohnen. Er war nämlich berühmt als Sänger und wurde seines Talents wegen von denen, die ihn zu dem Fest eingeladen hatten, mit ganz besonderer Achtung behandelt. So war denn unser alter verständiger Diegeno der einzige Indianer, der an diesem Abend bei uns am Feuer saß und sich mit uns der stillen Ruhe erfreute, die auf das wirre Treiben des Tages gefolgt war. »Wie wär' es«, redete mich Carrol an, indem er mir wie zur Aufmunterung einen Pappkasten mit feingeschnittenem Tabak hinreichte, »wie wär' es, wenn Sie heute abend Ihr Garn von der schönen Susanna weiterspännen?« »Ich denke, das wär' nicht so übel«, gab ich zur Antwort, ergriff den dargereichten Tabakskasten, füllte mein Tonpfeifchen bis an den Rand voll, rückte und schob dann so lange auf dem Rasen hin und her, bis ich eine bequeme Stelle gefunden hatte, ließ gleich meinen Kameraden die kräuselnden Dampfwolken in der milden Nachtluft emporsteigen und – begann. Fünfzehntes Kapitel Fortsetzung der Erzählung aus meinem Jagdleben in Illinois – Der Häuptling Kairook und seine Frau als Mitreisende – Charakter des Flusses – Bemalen der Eingeborenen – Der 35. Grad nördlicher Breite – Boundary Hill – Black Mountains – Beale's Crossing – Nördliche Grenze des Mohave-Tals – Wüste Umgebung – Die Felsenschlucht – Obelisk Mountain – Die Stromschnellen – Deren Überwindung mit dem Dampfboot – Jessup's Halt – Lager daselbst »Ich befand mich also auf dem Weg nach dem Blockhaus. Ein eigenes Gefühl der Zufriedenheit beschlich mich, als ich durch die Fluren dahinschritt, deren überaus liebliches Grün infolge der eintretenden Dämmerung und des fallenden Taus in einer dunkleren und frischeren Farbe prangte. Anmutige Baumgruppen ragten hin und wieder empor, und nach dem Fluß zu, wo die schöne Susanna weilte, dehnte sich, so weit das Auge reichte, der majestätische Wald mit seinen dunklen Schatten aus. In stiller Bewunderung blickte ich wieder von dem einen zum anderen hinüber. Alles sah so freundlich still, so einladend aus, als wenn die ganze Landschaft nur zur Wohnung des Glücks und der Zufriedenheit geschaffen wäre; und dabei verriet die üppige Vegetation eine solche Zeugungskraft des Bodens, daß ein Blick genügte, um den verborgenen Reichtum des ganzen Landstrichs zu erkennen, der dem arbeitsamen und genügsamen Ackerbauer winkte. Hier möchte ich leben und sterben, dachte ich, und zum erstenmal seit langer Zeit vergaß ich, wie sehr ich immer für ein freies Wanderleben geschwärmt und welches Ziel ich mir nach manchen fehlgeschlagenen jugendlichen Hoffnungen endlich gesteckt hatte. »Hier möchte ich leben und sterben«, sagte ich laut vor mich hin, als das Blockhaus hinter den Bäumen sichtbar wurde und das liebliche Bild der unschuldigen Susanna mir vor die Seele trat. Langsam schritt ich auf die Hütte zu, allerlei Gedanken von Ansiedeln, Heiraten und Glücklichsein jagten wie toll an mir vorüber, bis mich plötzlich die Stimme des alten Farmers barsch aus meinen jugendlich-phantastischen Träumen weckte, der mir von seiner Haustür aus laut zurief: ›Da seid Ihr ja wieder, Fremder!‹ ›Ja, da bin ich‹, gab ich zur Antwort, ›und zwar mit Enten, wobei ich die vier Vögel dem alten Mann entgegenschüttelte. Augenblicklich füllte sich die Tür mit Bewohnern des Hauses, die mir alle freundlich grüßend die Hände entgegenreichten. ›Ihr kommt gerade zur rechten Zeit, um an unserem Mahl teilzunehmen‹, sagte die alte Frau und nötigte mich darauf, einzutreten. ›Nein‹, erwiderte ich, nicht eher überschreite ich die Schwelle Eures gastfreundlichen Hauses, als bis ich weiß, daß ich wirklich meine Wette gewonnen und daher gerechten Anspruch auf Obdach habe.‹ Ich wandte mich hierauf zu dem jungen Mädchen mit der Frage: ›Susanna, erklärt Ihr die Wette für gewonnen?‹ Das Mädchen errötete, weil ihm nicht fremd war, um was es sich eigentlich handelte, und fragte dann schalkhaft zurück: ›Womit beweist Ihr, daß diese Enten vom See sind?‹ ›Mit meinen Gliedern‹, antwortete ich, indem ich die Ärmel aufstreifte und die von dem Schilf zurückgelassenen Schnittwunden zeigte; ›und mit meinen Kleidern‹, fuhr ich fort, ›die sich jetzt gewiß in einem anderen Zustand als heute morgen befinden!‹ ›Ja, ja, die Enten sind vom See‹, bekräftigte der alte Mann. ›Und die Wette ist redlich gewonnen‹, fügte Susanna hinzu und verschwand im nächsten Augenblick hinter der Tür. Ich trat in die einfache Wohnung, die ich zu jener Zeit mit keinem Marmorgebäude hätte vertauschen mögen, und schwelgte gewissermaßen in dem Anblick meiner Umgebung, die mir so heimisch und friedlich entgegenlächelte. Die roh behauenen Balken, welche schwer aufeinanderliegend die Wände bildeten, verliehen dem Gemach den Anstrich einer überaus einladenden Gemütlichkeit, welche durch den breiten, von Feldsteinen aufgeführten Kamin noch gehoben wurde. Die Septembertemperatur machte freilich den Gebrauch des Kamins zur Erzeugung von Wärme überflüssig, doch blickte ich wohlgefällig zu der Glut hinüber, bei der verdeckte Gefäße mit zischendem und duftendem Inhalt standen und aufmerksam von der geschäftigen Hausfrau bewacht wurden. Zahlreiche Pflöcke hafteten in den hölzernen Wänden, und beim flatternden Licht der Flamme konnte ich erkennen, daß jeder derselben zu einem besonderen Zweck bestimmt war. Auf einigen ruhten lange Missouribüchsen, an anderen hingen Pulverhorn und Kugeltasche, getrocknete Hirschhäute, Hüte oder Kleidungsstücke, und trotz der Unregelmäßigkeit, mit der alles angebracht war, blickte doch wieder eine gewisse Ordnungsliebe und vor allen Dingen die größte Reinlichkeit durch. Behaglich dehnte ich mich auf dem knarrenden Stuhl, dessen Sitz, aus roher Ochsenhaut geflochten, gleichsam für die Ewigkeit berechnet war, und begann meine Unterhaltung mit folgenden Worten: ›Ich möchte wohl Euer Nachbar sein, und ebensolch Haus, Hof und Garten wie Ihr besitzen!‹ ›Ist's weiter nichts?‹ fragte der alte Farmer, indem er mich wohlwollend ansah. ›Der Wunsch kann leicht in Erfüllung gebracht werden!‹ ›Wenn ich Geld hätte‹, antwortete ich, ›dann würde es natürlich leicht genug sein; doch was soll wohl ein armer Ausländer, der nur über seine gesunden Glieder und seine Büchse zu verfügen hat?‹ ›Und sind gesunde Glieder nicht genug, um sich eine Heimat zu gründen?‹ fragte der Alte wieder. ›Ich setze den Fall, Ihr wäret entschlossen, mein Nachbar zu werden, so könntet Ihr ganz in unserer Nähe Eure achtzig Morgen Land kaufen, ohne einen Pfennig in der Tasche zu haben, und ich bin überzeugt, daß es Euch bei einiger Ausdauer gelingen würde, innerhalb von fünf Jahren den Kaufpreis vollständig abzuzahlen. Zu einem Blockhaus wollten wir und einige entfernter lebende Nachbarn Euch bald verhelfen, eine Frau sucht Ihr Euch selber, und wenn Ihr dann nur fleißig arbeitet, so werdet Ihr nach kurzer Zeit so schön eingerichtet sein wie ich hier und Euch doppelt über Euer Eigentum freuen, weil Ihr es nächst Gott nur Euren eigenen Anstrengungen zu verdanken habt.« Ich kann nicht leugnen, daß mir die Ratschläge des ehrlichen Farmers bis auf die schwere Arbeit sehr zusagten, doch auch der Gedanke an das Mühevolle des Farmerlebens nahm eine mildere Färbung an, wenn ich zu der schönen Susanna hinüberblickte, die aus dem einzigen Nebengemach ein weißes Tischtuch hervorgeholt hatte und mit wohlkleidender Geschäftigkeit die Vorbereitungen zu einem frugalen Abendbrot traf. Immer ansprechender malten mir der alte Mann und seine Frau das einsame Leben aus, und immer lieblicher erschien mir das junge Mädchen, das keine Ahnung davon hatte – und auch nie erhielt –, daß es in der Wahl meiner künftigen Lebensweise den Ausschlag geben sollte. So kam ich denn endlich zu dem festen Entschluß, mich dort anzusiedeln, vorausgesetzt, daß mich die schöne Susanna nicht verschmähen würde, und dadurch, daß sie mir ohne Zaudern den Preis für die Wette zugesagt hatte, glaubte ich mich zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Wir nahmen endlich um den Tisch Platz, und wie sich von selbst versteht, setzte ich mich zu dem jungen Mädchen. In harmloser, gemütlicher Unterhaltung saßen wir lange beisammen, und die Mitternachtsstunde konnte nicht mehr fern sein, als der Hausvater daran erinnerte, daß es Zeit sei, aufzubrechen und den übrigen Teil der Nacht zur Ruhe zu verwenden. Ehe wir uns trennten, teilte ich meinem freundlichen Wirt mit, daß es meine Absicht sei, noch einige Tage in dortiger Gegend zu jagen und dann gemäß einer Verabredung an einem gewissen Punkt am Fluß mit einem Farmer zusammenzutreffen, der mich mit dem etwa erbeuteten Wild nach der Stadt fahren sollte; ich schloß aber damit, daß ich in nächster Zeit wieder vorsprechen würde, um weitere Erkundigungen, mein Ansiedeln betreffend, einzuziehen. In herzlicher Weise wünschten wir uns gegenseitig eine gute Nacht, und bald darauf befand ich mich wieder auf dem bekannten Lager und schlief nach wenigen Minuten so fest, daß ich sogar unzugänglich für Träume war. Am folgenden Morgen verzehrte ich mein Frühstück wieder in der Gesellschaft von Mutter und Tochter. Die übrigen Bewohner der Blockhütte hatten sich schon längst in den Wald begeben und die Nachricht für mich zurückgelassen, daß ich sie bei ihrer Arbeit besuchen und, für den Fall, daß ich gesonnen sei, weiterzureisen, dort von ihnen Abschied nehmen möchte. Ich übereilte mich nicht mit meinem Aufbruch, denn ich wäre ja so gern für immer dageblieben, doch die Aussicht, bald wiederzukehren, erhielt mich bei fröhlicher Laune. Ich dankte endlich der alten Frau für die genossene Gastfreundschaft wie auch für den Imbiß, den sie mir wieder in die Tasche schob, sagte ihr ein herzliches Lebewohl und bat darauf das junge Mädchen, mir den Weg nach dem Arbeitsplatz im Wald zu zeigen. Bereitwillig trat Susanna an meine Seite, und schweigend durchschritt ich mit ihr den kleinen Garten; der Schall der Äxte drang deutlich herüber und hätte mir bequem als Führer dienen können, doch in jener Zeit hatte ich für weiter nichts mehr Sinn oder Gedanken als für das liebliche, junge Wesen, das, ein Bild der reinsten Unschuld, neben mir herschritt. Endlich stand Susanna still. ›Ich muß jetzt heimkehren‹, redete sie mich an, ›den Weg zu meinem Vater könnt Ihr nicht mehr fehlen.‹ Sie reichte mir die Hand zum Abschied, und jetzt erst wagte ich es mit einer gewissen Schüchternheit, sie an die gewonnene Wette zu erinnern. Tiefe Röte bedeckte für einen Augenblick ihre reizenden Züge, und in ihr gewöhnliches klangvolles Lachen ausbrechend, rief sie mir zu: ›Die Wette habt Ihr redlich gewonnen, doch verlangt Ihr wohl nicht, daß ich geben soll, was Ihr Euch höchstens nur nehmen dürft?‹ Im nächsten Augenblick hielt ich sie in meinen Armen und drückte einen langen Kuß auf ihre roten, frischen Lippen. ›Der gilt für zwei‹, sagte Susanna, indem sie sich lachend meinen Armen entwand, denn für einen dauerte er doch zu lange.‹ Ich ließ indessen nicht mit mir handeln, sondern raubte ihr den zweiten, dritten und vierten und wollte mir noch einen fünften als Zugabe erbitten, als sie wie ein Aal meinen Händen entglitt und, sich einige Schritte von mir hinstellend, mir auf die mutwilligste Weise auseinandersetzte, daß die Wette redlich gewonnen, aber auch redlich bezahlt worden sei! ›Dann reicht mir wenigstens Eure Hand zum Abschied‹, erwiderte ich nähertretend und ihr in die schönen Augen blickend. Susanna ließ mich gewähren, ich legte meine Hand auf ihre züchtig bedeckte Schulter und war eben im Begriff, weit auszuholen und ihr in der mir damals noch sehr unbequemen englischen Sprache mein ganzes Herz zu eröffnen und einen recht poetischen Heiratsantrag zu machen, als sie plötzlich einen Schritt zurücksprang und sich fast zu gleicher Zeit eine knochige Faust in so unbequemer Nähe vor meiner Nase zeigte, daß ich ebenfalls durch einen kühnen Sprung mich aus der gefährlichen Nachbarschaft zu entfernen trachtete. Mein erster Gedanke war der alte Farmer, doch wider Erwarten erblickte ich ein ganz fremdes Gesicht, das einem jungen, schlanken Burschen gehörte, der mit der Miene eines beleidigten Wüterichs vor mir stand. »Ich werde Euch lehren, anderer Männer Bräute zu küssen«, rief er mir zu, indem er den Rock auszog und mich dadurch veranlaßte, das Gewehr fallen zu lassen und die Hand ans Messer zu legen. Ehe der Fremde indessen mit seinen Vorbereitungen zum Kampf fertig wurde, hing die fröhlich lachende Susanna an seinem Hals und rief einmal über das andere Mal: »John, mach doch keinen Narren aus dir, und höre mir nur eine Minute zu.« Wer hätte solchen Bitten wohl widerstehen können? Sogar der wilde John, der übrigens das Muster eines jungen kräftigen Farmers war, gab nach, und alle Feindseligkeiten für den Augenblick einstellend, horchte er aufmerksam, als das Mädchen ihm von meiner ersten Ankunft im elterlichen Haus, von der Entenjagd und von der Wette erzählte. Das Gesicht des jungen Menschen erheiterte sich bei jedem Wort mehr und mehr, und als Susanna geendet hatte, reichte er mir treuherzig die Hand, wobei er mit einer gewissen Eitelkeit bemerkte: »Ihr würdet wohl keine Enten von dem See geholt haben, wenn Euch nicht das Mädchen dazu veranlaßt hätte?« »Nein, gewiß nicht!« bekräftigte ich, und zwar aus vollem Herzen, wobei ich dem jungen Farmer ebenfalls die Hand drückte, obgleich ich ihn wer weiß wohin wünschte. Meine Lust, mich dort anzusiedeln, war plötzlich verschwunden; Susanna erzählte wohl, daß ich beabsichtige, der Nachbar ihrer Eltern zu werden und daß sie sich um so mehr darüber freue, weil ja in einigen Wochen ihre Hochzeit sei und sie dann die geliebte Blockhütte verlassen müsse, um in einer anderen, weiter oberhalb am Fluß, ihr Regiment als Hausfrau zu beginnen. Der junge Mann sprach sich ebenfalls anerkennend über meinen Entschluß aus, so daß ich glaubte, nicht klüger handeln zu können, als allem beizupflichten und von der Änderung meiner Pläne nichts durchblicken zu lassen. Als ich Miene machte, meiner Wege zu gehen, ergriff mich der junge Mensch bei der Hand und sagte: »Nein! Jetzt, da wir uns kennengelernt haben, lasse ich Euch nicht fort; ich bin eben zum Besuch hierhergekommen und will einige fröhliche Tage mit dem künftigen Nachbar meiner Schwiegereltern verleben.« Wenn die beiden Leutchen nicht soviel mit sich selbst zu tun gehabt hätten, so wäre ihnen schwerlich der Ausdruck getäuschter Hoffnung in meinen Zügen entgangen, den ich beim besten Willen nicht unterdrücken konnte. Ich erinnerte mich daher plötzlich, daß die allernotwendigsten Geschäfte meine Gegenwart in der Stadt verlangten; was hätte mich auch nun noch an das Blockhaus fesseln können? Doch versprach ich wiederzukehren und reichte beiden die Hand zum Abschied. ›Also auf Wiedersehen‹, rief mir Susanna zu; ›und jetzt, da mein John hier ist, gebe ich Euch aus freien Stücken die Zugabe, die ich Euch vorhin verweigerte.‹ Und mit diesen Worten trat sie zu mir heran und drückte ihre Lippen fest auf meinen Schnurrbart. Der junge Mann lachte, das mutwillige Mädchen ebenfalls, und auch ich lachte; mein Lachen aber entsprang aus einem versteckten Wehgefühl. Wir trennten uns; das junge Paar schritt Arm in Arm dem Blockhaus zu; ich blickte ihnen, solange sie mir sichtbar blieben, nach, aber nicht ein einziges Mal schauten sie sich nach dem einsamen Fremdling um. Ich wischte eine Träne aus meinen Augen, wandte mich dem Wald zu und pfiff ein munteres Liedchen; in meinem Herzen aber war ich traurig und wiederholte mir ständig das einzige Wort: ›Heimatlos!‹ Als ich bei den fleißigen Holzhauern anlangte, erkundigte ich mich nur nach dem Hochzeitstag des Mädchens, dankte für die freundliche Aufnahme und schied mit den Worten: ›Auf Wiedersehen!‹ Noch einmal bin ich in jene Gegend zurückgekehrt, doch die schöne Susanna sah ich nie wieder. Drei Wochen später nämlich und gerade einen Tag vor der Hochzeit, in der Mittagsstunde, als alle Bewohner sich in der Blockhütte befanden, hing ich an einen Baum nahe der Gartenpforte, so daß es bald bemerkt werden mußte, den Rücken eines feisten Hirsches und entfernte mich dann unbeobachtet. Auch ein Briefchen ließ ich an jener Stelle zurück, und in demselben stand: ›Viel Glück dem jungen Brautpaar! Morgen ziehe ich nach den Rocky Mountains! Auf Wiedersehen.‹ Jahre sind nun schon seit jener Zeit verflossen. Susanna ist gewiß eine recht brave Farmersfrau. Auch ich bin schon lange aus einem verwilderten Abenteurer ein gesetzter Familienvater geworden, und zwar so, daß ich mich der drohenden Faust des Farmers John oft recht dankbar erinnere. Wenn ich nun in meiner glücklichen Heimat im trauten Familienkreis sitze, dann erzähle und beschreibe ich gerne – wie auch hier in der Urwildnis – Szenen aus meinem früheren Leben, die sich in meiner Erinnerung wie lauter lächelnde Bilder aneinanderreihen.« Hier schloß ich meine Erzählung, doch noch lange saßen wir vor unserem Feuer, der Abend war zu einladend, als daß wir ihn hätten zwischen unseren Decken verträumen mögen. Kein Lüftchen regte sich, und deutlich drang aus weiter Ferne, von der anderen Seite des Waldes her, zu uns herüber das Geheul der Indianer, die sich dort zu ihrem Gesangsfest versammelt hatten. Am 15. Februar bei Tagesanbruch erschien Kairook wieder bei uns im Lager, und ihm folgten Männer, Weiber und Kinder in großer Zahl nach. Da durch den Tauschhandel mit den Eingeborenen und durch die nötig gewordene Ausbesserung des Ruderbootes mit dem Aufbruch noch einige Stunden gezögert werden mußte, so benutzte ich die Zeit zu einem Ausflug und schlug eine Richtung ein, die bald den Fluß und das belebte Ufer meinen Blicken entzog. Ich befand mich dort zwischen hohem Schilf, das die Einfassung von ausgetrockneten Seen und Lachen bildete, und ich wurde weit abgelockt durch Herden von Kranichen, die sich aber trotz des bergenden Gestrüpps stets meinen Nachstellungen zu entziehen wußten. Ganz leer ging ich indessen nicht aus, denn es gelang mir, meine Sammlung durch kleinere Vögel zu bereichern, und unter diesen waren besonders bemerkenswert eine Bekassine, ein rotgeflügelter großer Specht und ein Neuntöter. Als ich an den Fluß zurückkehrte, war alles zum Aufbruch bereit. Außer Kairook und Iretéba hatte sich auch noch ein weiblicher Passagier eingefunden, und zwar eine der vier Frauen des Häuptlings, die erste ihres Geschlechts, die den Versuch einer Spazierfahrt auf der »Explorer« wagte. Es war eine Frau von ungefähr achtundzwanzig Jahren, und sie hatte so einnehmende Züge, wie ich sie noch nie unter den Eingeborenen wahrgenommen habe, ja es fehlte ihrem Gesicht vollständig der indianische Typus, so daß man sie hätte für eine braun geschminkte Europäerin halten mögen, wenn man nicht auf ihre übrige Erscheinung achtete. In ihrer Tracht und Haltung unterschied sie sich nicht von den anderen Indianerinnen; das schwarze, starke Haar reichte auf der Stirn nur bis an die Augenbrauen, während es hinten lang auf die Schultern herabhing. Die Unterlippe sowie die unteren Augenlider waren dunkelblau tätowiert, und Streifen und Punkte von derselben Farbe zierten das Kinn zwischen den Mundwinkeln. Der üppige Oberkörper entbehrte der Kleidung sowie auch der Farbe, und von den Hüften fiel bis auf die Knie herab der dicke Rock von Baststreifen, der den dortigen Indianerinnen ein so zierliches, ich möchte sagen malerisches Ansehen verleiht. Wir nahmen die Häuptlingsfrau zu uns auf die Plattform, und es überraschte uns alle aufs höchste, als wir den ungekünstelten Anstand wahrnahmen, mit dem sich diese wilde Schöne benahm. Vollkommen frei und unbefangen saß sie zwischen uns und bewunderte mit leuchtenden Augen das ihr unbegreifliche Arbeiten der Maschinen, und trotzdem sie mit uns lachte und ihrem Gemahl scherzhafte Bemerkungen zurief, verriet sie in allen ihren Bewegungen ein so züchtiges Wesen, daß es unsere größte Bewunderung erregte. Kairook schien mit besonderer Liebe an dieser Frau zu hängen, denn es war ihm unverkennbar schmeichelhaft, daß seine Ehehälfte von den Weißen mit soviel Achtung behandelt wurde. So zogen wir also stromaufwärts und erreichten bald die westliche Grenze des Tals, die von der ansteigenden Kiesebene gebildet wurde und an welcher der Fluß auf einer Strecke von fünf Meilen in gerader Richtung von Norden nach Süden hinfloß. Auf unserer rechten Seite hatten wir fortwährend das mit Weiden bewaldete, angeschwemmte Land, das ich früher als eine umfangreiche Insel erwähnte. Dasselbe schien unbewohnt zu sein, denn während der ganzen Reise, die uns ohne Unterbrechung neun Meilen weit brachte, erblickten wir weder auf dem linken noch auf dem rechten Ufer Eingeborene. Erst nach Zurücklegung dieser Strecke, an dem Punkt, wo die Windung des Stroms uns wieder gegen Osten führte und wo wir, um Holz einzunehmen, am Fuß der Kiesebene auf dem rechten Ufer landeten, strömten die Eingeborenen in großer Anzahl zusammen. Um einen besseren Überblick zu gewinnen, erstieg ich die Hochebene, die sich ungefähr fünfzig Fuß über dem Spiegel des Colorado erhob. Die Aussicht von dort war ähnlich der, die ich während des ganzen Vormittags vom Boot aus genossen hatte; denn sie reichte nur bis an die nackten Gebirge, die im Osten und Westen das Tal begrenzten und gegen Norden in geringer Entfernung – etwa fünfzehn Meilen – dasselbe scheinbar abschlossen. Nur bei genauer Beobachtung vermochte ich an der Richtung der Gebirgszüge sowie an der Senkung der Kiesebenen den mutmaßlichen Lauf des Flusses und seinen Paß durch das Hochland zu erkennen. Die Gebirge trugen in ihren Formen sowie in ihren Außenlinien ganz den Charakter von denen, die ich schon früher beschrieb. Überall zeigten sich die kastellähnlichen Erhebungen, die schlanken, abgesonderten Zacken und Pfeiler, die zusammen mit der vegetationslosen Oberfläche des Gesteins und den angrenzenden dürren Kieswüsten das Wilde, Unwirtliche der Umgebung hervorhoben; das einfach geschmückte Tal mit dem vielfach gewundenen Spiegel des Stroms dagegen erschien durch den grellen Kontrast als ein paradiesischer Garten. Das nördliche Ende des unteren Tals der Mohaves vermochte ich also zu übersehen; ich lebte nämlich anfangs in der Meinung, daß die Dörfer der Mohave-Indianer nicht weiter hinaufreichten, und wurde darin bestärkt durch die Anwesenheit vieler Pai-Ute-Indianer, die sich zuweilen unter den Mohaves bemerkbar machten. Iretéba überzeugte mich indessen vom Gegenteil, indem er mich davon in Kenntnis setzte, daß nördlich von den Gebirgen ein zweites Tal beginne, das ebenfalls von den Mohaves bewohnt sei, und daß die Pai-Ute-Indianer sich nur zu Besuch unter den Mohaves aufhielten. Nachdem ein hinreichender Vorrat von Holz an Bord geschafft war, lenkte Kapitän Robinson das Boot nach dem linken Ufer hinüber, wo die Frau unseres Häuptlings zu landen wünschte. Ein großer Haufe junger Mädchen und Weiber nahm die kühne Reisende dort in Empfang, und an den eifrigen Gestikulationen sowie am Erzählen, Fragen und lauten Lachen der Indianerinnen vermochte ich zu erkennen, daß die Reise der Madame Kairook als ein außerordentliches Ereignis betrachtet wurde. Überhaupt schienen die harmlosen Menschen stolz und hochmütig zu werden, sobald sie nach ihrer Ansicht von uns bevorzugt wurden; ich beziehe dies namentlich auf die jüngere Klasse der dortigen Eingeborenen. So hatten wir z.B. den jungen Burschen in der Dragonerjacke, der uns schon seit Wochen gefolgt war, einst mit an Bord genommen, und da mir während des Haltens auf einer Sandbank gerade eine bessere Beschäftigung fehlte, so schmückte ich ihn aufs prachtvollste, indem ich meine Wasserfarben in Fett auflöste und diese mittels eines feinen Pinsels in den wunderlichsten und buntesten Arabesken seinen braunen Zügen auftrug. Es gewährte einen komischen Anblick, als der eitle Mensch mir regungslos sein Gesicht darhielt und sich von Zeit zu Zeit mit dem Ausdruck der größten Zufriedenheit in einem kleinen Handspiegel betrachtete. Doch komischer noch war die Szene, die sich uns bot, als er landete und keinen der Seinigen mehr kennen wollte. Ohne auf die an ihn gerichteten Fragen zu antworten, schritt er stolz an allen vorüber, stellte sich auf einen erhöhten Punkt hin und drehte dort sein Gesicht steif von der einen nach der anderen Seite, so daß jeder Gelegenheit hatte, ihn nach Herzenslust bewundern zu können. Auch die jungen Mädchen waren eitel genug, sich das Gesicht und den Oberkörper mit bunten Farben anstreichen zu lassen, und rührend war es mir fast, als eine junge Mutter schüchtern zu mir herantrat und mir ihren Säugling zur Bemalung entgegenhielt. Das kleine grelläugige Wesen steckte bis an den Hals in einer steifen Hülle von Bast, so daß mir nur das runde, samtweiche Gesichtchen zur Ausübung meiner Kunst blieb. Ich malte ihm denn auch die Stirn grün, die Augenlider gelb, die Wangen blau, Ohren sowie Nase rot und das Kinn violett und freute mich dabei über den Ausdruck der innigsten Zärtlichkeit, mit dem die Mutter auf das Kind schaute, während ich dasselbe allmählich in ein kleines Chamäleon verwandelte. Als ich die Arbeit beendet hatte, stürzte die eitle Frau zu ihren Gefährtinnen, wo ihr Liebling ein Gegenstand allgemeiner Bewunderung wurde. Solchen Geschmack nennt die Zivilisation barbarisch, doch sah ich schon vielfach in zivilisierter Gesellschaft Lagen bunter Farbe auf alternder, gelber Haut. Ich nenne solchen Geschmack kindisch und verdamme nicht am Urwilden, was ich an der weißen Rasse gutheißen soll, denn der einzige Unterschied besteht am Ende doch nur darin, daß der eine die Haut als Farbe, der andere die Farbe als Haut möchte erscheinen lassen. Wir landeten eine kurze Strecke oberhalb der Stelle, wo uns Kairooks Frau verlassen hatte, und zwar nachdem der ganze Nachmittag auf einer Sandbank mit erfolglosem Winden hingegangen war. Es dämmerte schon, als wir zurückgingen und danach auf dem linken Ufer unser Lager aufschlugen. Die Eingeborenen hatten sich nach ihren Wohnungen begeben, und zum erstenmal seit unserer Ankunft im Tal der Mohaves fehlten vor unseren Feuern die wilden, braunen Gestalten, an die wir uns schon gewöhnt hatten. Wir nahmen am 16. Februar unsere Arbeit da wieder auf, wo diese am vorhergehenden Tag durch die Dunkelheit unterbrochen worden war. Nach langem und angestrengtem Winden gelangten wir endlich in tiefes Wasser und erreichten dann bald die östliche Kiesebene, deren Fuß vom Strom bespült wurde. Das eigentliche Tal, das schon bedeutend an Umfang verloren hatte, befand sich nunmehr auf dem rechten Ufer, und während die gewöhnlichen Weiden- und Cottonwood-Waldungen uns die Aussicht gegen Westen verbargen, vermochte gegen Osten das Auge ungehindert über die ansteigende Wüste hinzustreifen, bis dahin, wo zusammenhängendes Gebirge, das auf einer längeren Strecke den Charakter einer Hochebene trug, das Ende derselben bestimmte. Die Ebene selbst hatte die ewig graue Farbe, die infolge der Bodenbeschaffenheit kein Frühling in lichtes Grün, kein Sommer in lieblichen Blumenflor zu hüllen vermag. Wie das Bild des Todes dehnte sie sich weithin aus, immer mehr eine unbestimmte Schattierung annehmend, bis sie endlich mit den blauen Gebirgsmassen zusammenfiel. Auf dem schmalen Sandstreifen, der sich zwischen dem Strom und der Wüste hinzog, drängten sich in anmutigen Gruppen zusammen die verschiedenen Arten von Weiden, und über diese ragten hoch hinaus vereinzelte Cottonwood-Bäume mit ihren phantastisch geformten Kronen, die, auf nackten Stämmen ruhend, aus der Ferne fast den Eindruck von künstlich gezogenen und beschnittenen Zierbäumen machten. Der Frühling war hier schon weiter vorgeschritten, denn harzig glänzende Blättchen schmückten dicht die verschlungenen Zweige und halfen die Außenlinien der Strauch- und Baumgruppen vervollständigen, die nunmehr als grünschimmernde, undurchsichtige Masse doppelt gegen das dürre Wüstenland kontrastierten. Gemäß der Beobachtungen, die Lieutenant Ives am vorhergehenden Abend angestellt hatte, überschritten wir gegen Mittag den 35. Breitengrad und fanden, merkwürdig genug, die Linie gleichsam von der Natur selbst bezeichnet. Östlich von uns und abgesondert von der mauerähnlichen Felsenreihe erhob sich nämlich in der Mitte der Ebene ein runder Felskegel von etwa fünfhundert Fuß Höhe, der, weithin sichtbar, sich vortrefflich zur Landmarke eignete. Weil nun der 35. Grad denselben berühren oder doch ganz in der Nähe an demselben vorbeiführen mußte, so wurde dem Kegel der Name »Boundary Hill« oder »Grenzhügel« beigelegt. Nur auf einige Meilen fuhren wir an der östlichen Talgrenze hin, denn eine neue Biegung des Stroms führte uns wieder nach der entgegengesetzten Seite hinüber, wo abermals die Bevölkerung eines Indianerdorfes, unserer Ankunft entgegensehend, versammelt war. Wir hielten dort nur lange genug, um uns mit einem neuen Holzvorrat zu versehen, und setzten dann unsere Reise in nördlicher Richtung fort. Die Eingeborenen waren übrigens nur aus Neugierde dort zusammengeströmt, und ich bemerkte keinen einzigen unter ihnen, der Tauschartikel bei sich geführt hätte. Mit einer geringen Abweichung gegen Osten behielten wir für den Rest des Tages fast beständig die nördliche Richtung bei. Die Reise war verhältnismäßig gut zu nennen, denn elf Meilen legten wir noch bis gegen Abend ohne erhebliche Unterbrechung zurück. Auf dieser ganzen Strecke durchschnitt der Strom das baumreiche Tal ziemlich in der Mitte, und wir erfreuten uns auf diese Weise einer lebhafteren Naturumgebung; wir kamen sogar an Punkten vorbei, die wegen der malerischen Verteilung von Wasser, Wald und fernen granitischen Gebirgszügen wahrhaft schön genannt werden konnten. Die merkwürdigste Aussicht genossen wir kurz vor Abend, als wir schon nach einer passenden Lagerstelle ausschauten. Der breite Spiegel des Stroms dehnte sich nämlich auf einige Meilen vor uns aus und war dann plötzlich durch die quer vorliegende Kiesebene gerade abgeschnitten; von beiden Ufern reichten bewaldete Vorsprünge und Sandbänke tief in den Strom hinein, wodurch es ganz den Anschein gewann, als ob der Fluß sich vor der schiefen Fläche in zwei Arme teile. Die Täuschung war übrigens so groß, daß wir lange nicht zu unterscheiden vermochten, aus welcher Richtung uns der Strom entgegenfließe. Die Kiesebene, die dem Wasser unmittelbar bis zu einer Höhe von ungefähr dreißig Fuß entstieg, erstreckte sich stark ansteigend etwa zehn Meilen weit gegen Norden, wo dann eine der den Colorado charakterisierenden zackigen Felsketten diese krönte. Obgleich der Boden vom Fuß dieser Berge aus sich auf nächstem Weg zum Fluß hin senkte, so hatte das Wasser der Höhen sich doch seine Bahnen in einer Richtung gewühlt, welche die zuerst bezeichneten kürzeren Linien fast in einem rechten Winkel durchschnitt, und die sich nach Westen zu senkenden Wasserrinnen waren bis an den entferntesten Punkt hin leicht zu unterscheiden. Als wir zum erstenmal eine volle Aussicht auf die merkwürdige Felsenreihe gewannen, ruhte der Schatten einer Wolke auf ihr, während die Strahlen der scheidenden Sonne die dürre Wüste erhellten, und der auf diese Weise erzeugte Farbkontrast gab Veranlassung zu dem Namen »Black Mountains« (Schwarze Berge). An den folgenden Tagen zeichneten diese Berge sich hinsichtlich ihrer Farbe kaum vor allen anderen dort ebenfalls sichtbaren aus. Wir landeten auf dem linken Ufer und errichteten unser Lager unter schönen Cottonwood-Bäumen, die sich in einen Wald zusammendrängten. Wir befanden uns hier in geringer Entfernung von dem Punkt, an dem Lieutenant Beale mit der Kamelexpedition den Übergang über den Colorado bewerkstelligt hatte. »Captain Jack«, dem die Fahrt auf dem Dampfboot besonders zusagte und der hauptsächlich deshalb wohl in unserer Gesellschaft ausharrte, beschrieb uns ziemlich genau den Übergang der »großen, langhalsigen Pferde«, dem er von Anfang bis Ende beigewohnt hatte. Später, als wir vom oberen Colorado zurückkehrten, schlossen wir uns am Beale's Crossing mit unserem Maultiertrain zusammen, sandten von dort aus das Dampfboot nach Fort Yuma zurück und setzten auf dem Landweg unsere Forschungen in Richtung Norden und Nordwesten fort. Eine Ausbesserung an der Maschine nahm fast den ganzen Vormittag des 17. Februar in Anspruch. Erst gegen halb zwölf Uhr waren wir reisefertig. José, der uns auch hier noch einmal aufgesucht hatte und der noch immer nicht seine Besorgnisse hinsichtlich des Mormonenkrieges unterdrücken konnte, nahm Abschied von uns, ebenso Kairook und »Captain Jack«; dafür gesellte sich Iretébas Freund Navarupe, ein ehrlicher, braver Mohave-Bursche, zu uns, der wegen seiner Gutmütigkeit und seiner Gefälligkeit bald der Liebling der ganzen Gesellschaft wurde. Wir erreichten die Stelle, an welcher der Strom sich in zwei Arme zu teilen schien, und erkannten, daß das Wasser, das uns von Westen entgegenströmte, in heftigem Andrang tief in das linke Ufer hineingespült hatte und von dort zurückprallend die Täuschung verursachte. Nur auf einige Meilen noch behielten wir auf unserer linken Seite fruchtbare Talgründe; als dann der Strom wieder kurz gegen Norden bog, fuhren wir zwischen den traurigen Ufern hin, die von dem Steppenkies gebildet wurden. Menschen zeigten sich gar nicht mehr am Ufer, dafür aber erblickten wir hin und wieder Wölfe, die auf den Sandbänken nach dürftiger, vom Fluß angeschwemmter Nahrung umherspähten. Wie verwunderungsvoll schauten diese tückischen Bewohner der Wüste zu dem Dampfboot hinüber, bis eine bei ihnen einschlagende oder sie auch verwundende Kugel sie vom Gefahrvollen eines zu blinden Vertrauens belehrte und zur schleunigsten Flucht veranlaßte. Die nackten Gebirge, welche uns in dem Maße, wie wir uns vorwärts bewegten, von allen Seiten näher rückten, blieben nunmehr wieder das einzige, dem wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden konnten. Leider aber kamen wir immer nicht nahe genug, um ein sicheres Urteil über die geologische Formation derselben fällen zu können, wenn auch ihr Ursprung größtenteils vulkanischer Art zu sein schien und stellenweise Granitmassen nicht zu verkennen waren. Nach Zurücklegung von sieben Meilen landeten wir auf dem linken Ufer und befanden uns dort inmitten einer vegetationslosen Umgebung, in der wir kaum soviel Holz fanden, als zur Zubereitung unserer Speisen notwendig war. Ein Lager ohne lustig flackernde Feuer ist selbst in milder Jahreszeit nur wenig ansprechend. Wir alle fühlten dies an jenem Abend, und frühzeitig begaben wir uns zur Ruhe. Am 18. Februar in der Früh waren wir schon unterwegs und verfolgten unsere alte Straße gegen Norden. Auf den ersten beiden Meilen war keine wesentliche Veränderung im Charakter der Landschaft bemerkbar; nur die Strömung, gegen die wir ankämpften, verstärkte sich mehr und mehr, und so näherten wir uns nur langsam der niederen Felskette, die sich quer über den Fluß zog. Mit Aufwendung ihrer ganzen Kräfte gelang es der »Explorer«, in das finstere Tor einzubiegen, aus dem der reißende Strom uns mit voller Gewalt entgegentobte. Die Schlucht, die sich dort vor uns öffnete, konnte in keiner Beziehung mit dem Mohave-Cañon verglichen werden, doch war der Anblick derselben immer großartig, denn senkrecht erhoben sich die schwarzen Felswände aus den schäumenden Fluten bis zu einer Höhe von zweihundert Fuß und engten den Strom so sehr in das kurz gewundene Bett ein, daß es unseren Kapitän die größte Mühe kostete, das Fahrzeug zwischen den zahlreichen Klippen hindurchzulenken. Es war dies – die späteren Stromschnellen abgerechnet – eine der gefährlichsten Stellen des Flusses, der wir auf der ganzen Reise begegneten; denn dadurch, daß die Wassermassen auf die Felsen stürzten und in gewaltigem Andrang wieder abprallten, entstand ein unregelmäßiger, aber schmaler Kanal, in dem die Fluten im Zickzack mit verderbenbringender Geschwindigkeit dahineilten. Auf die Gefahr hin, von der Strömung an die Seitenwände geschleudert zu werden, mußte die »Explorer« den eben bezeichneten Kanal vielfach durchschneiden, doch unter der kundigen Hand des Kapitäns gelang das Wagstück jedesmal vollkommen, und es war eine Freude, zu beobachten, wie das schwerbeladene Fahrzeug mit voller Dampfkraft durch die schäumenden Wirbel hindurch- und an gefährlichen Klippen vorbeischnaubte, danach auf der anderen Seite in ruhigem Wasser, wie neue Kräfte sammelnd, fast ganz still lag und gleich darauf von neuem den Kampf mit dem aufgeregten Element begann. Eine Herde Gänse, die wir an der Mündung der Schlucht aufscheuchten, zeigte uns gleichsam den Weg; ebenso wie wir rasteten die Vögel auf ruhigem Wasser und eilten fliegend über den Kanal hinweg, dessen gefahrdeckende Wirbel durch die Schaufeln des Rades in weißen Schaum verwandelt wurden. Trotz der romantischen Schönheit der hohen Ufer, die im höchsten Grad unsere Aufmerksamkeit fesselte, bedauerte doch keiner von uns, daß die Schlucht nicht länger war und die turmähnlichen Überreste der Kiesebene sehr bald das Ende derselben bezeichneten: Die vulkanischen Felsmassen verschwanden indessen keineswegs ganz, sondern auf eine weite Entfernung noch wechselten sie mit dem Kies ab und bildeten zuweilen auf beiden Seiten schroffe Ufer, welche dann mehrfach die bekannten pfeilerähnlichen Gebilde zur Schau trugen. Unter den letzteren war eines seiner Regelmäßigkeit wegen so hervorragend, daß wir ihm den Namen »Obelisk Mountain« gaben. Der Felsen hatte auch in der Tat, von Süden gesehen eine auffallende Ähnlichkeit mit einem solchen Denkmal, doch glaube ich, daß, wenn wir diesen Punkt zuerst von der Nordseite erblickt hätten, der Name »Turmfelsen« bezeichnender gewesen wäre, denn es gehörte nur ein geringer Grad von Phantasie dazu, den runden Pfeiler in einen Wachtturm mit halb geöffnetem Tor umzuwandeln. Mit jeder Meile, die wir zurücklegten, erschienen beide Ufer trostloser und wüstenähnlicher; Lagen von Konglomerat, Haufen von Geröll und Berge von losem Kies wechselten mit Anhäufungen von Flugsand ab, und kein grünender Baum oder Strauch unterbrach die ewig gelbe Färbung des Stroms und seiner Einfassung. Weiter zurück haftete der Blick auf terrassenförmigen Abflachungen der hohen Kiesebene, und hinter diesen tauchten dann die blauen Gebirge auf, welche nach allen Richtungen hin den Horizont begrenzten. Westlich von uns reichte die Basis eines hohen granitischen Bergrückens bis an den Strom und bildete auf eine kurze Strecke das niedrige Ufer, auf dem beim Zurücktreten des Flusses nach einem hohen Wasserstand große Massen von Treibholz zurückgeblieben waren. Wir landeten dort, und während die Arbeiter und Soldaten Holz an Bord brachten, erstiegen einige von uns den Berg bis zu einer gewissen Höhe, von wo aus wir einen Teil des Flusses vor uns übersehen konnten. Schon als das Geräusch der Maschinen verstummte, vernahmen wir ein dumpfes Brausen, das auf die Nähe von Stromschnellen deutete; von der Höhe erblickten wir eine ganze Reihe solcher Hindernisse, mit denen wir in nächster Zeit zu kämpfen hatten. Diese Schnellen folgten in Zwischenräumen von einer viertel bis zu einer halben Meile aufeinander und zeichneten sich aus der Ferne nur als braune Streifen aus, die über die ganze Breite des Stroms reichten. Die dunklere Färbung entstand lediglich aus dem Schatten, den die hohen, lehmfarbigen Wellen aufeinanderwarfen; und so harmlos diese sich auch von weitem ausnahmen, so verrieten doch wieder die feinen, glitzernden Schaumstreifen sowie das unheimliche Getöse, das deutlich an unser Ohr schlug, den Charakter dieser Erscheinungen. Kapitän Robinson war zu der ersten Stromschnelle hingewandert, um sich mit der Beschaffenheit derselben vertraut zu machen und gleichsam seinen Angriffsplan zu entwerfen. Er kehrte mit zufriedener Miene zurück und sprach sich dahin aus, daß, wenn wir auf keine schwierigeren Hindernisse stoßen sollten, diese der Reise der »Explorer« noch lange kein Ziel stecken würden. Er gab darauf Anordnungen, das Feuer unter dem Dampfkessel soviel wie möglich zu verstärken, und als dann der eingepreßte Dampf aus jeder Fuge laut kreischend sich seinen Weg zu erweitern drohte, glitt das Boot langsam in die Mitte des Stroms und zog dann ebenso langsam aufwärts. Da die Maschinen vorläufig nur mit halber Kraft arbeiteten, häufte sich der Dampf natürlich immer mehr in dem Zylinder, und Mr. Carrol harrte nur auf das Zeichen, um die trägen Umwälzungen des Rades zu vervierfachen. Die ersten Wellen brachen sich endlich am Bug der »Explorer«, und »Go ahead strong!« erschallte Robinsons Kommando. Die Dampfröhren öffneten sich vollständig und zitternd unter der heftigen Erschütterung stürzte sich das Boot wie mit einem Anlauf in die heftige Brandung. Es hob und senkte sich, als der furchtbare Andrang seinen Bug herumzuwerfen drohte, und schwankte, als die Bootsleute mittels langer Stangen dasselbe in der eingeschlagenen Richtung hielten; hoch auf spritzte der Schaum unter den toll arbeitenden Schaufeln des Rades, das seine Last nur noch kaum merklich von der Stelle schob. Es war ein prachtvolles Schauspiel, doch wurde der volle Genuß derselben geschwächt durch ein beängstigendes Gefühl, dessen man sich kaum zu erwehren imstande war bei dem Gedanken, daß eine einzige verborgene Klippe oder das Herumschwingen des Bootes die ganze Expedition auf eine traurige Weise unterbrechen konnte. Abgesehen davon, daß manche der des Schwimmens unkundigen Leute dort ihr Grab gefunden hätten, umgab uns eine solche Wildnis, daß uns nach Verlust der Lebensmittel und Equipage nur noch übriggeblieben wäre, uns den Eingeborenen auf Gnade oder Ungnade in die Arme zu werfen. Der Fall des Wassers betrug ungefähr vier Fuß, die sich auf eine Strecke von zehn Fuß verteilten; der Fall an sich war also von keiner so großen Bedeutung und wurde nur dadurch gefährlich, daß das Wasser, von Felsblöcken eingeengt, sich auch noch über Geröll hinstürzte. Letzteres lag indessen so tief, daß der Kiel des Bootes nicht mit ihm in Berührung kam, und so gelangten wir denn allmählich, ohne anzustoßen, bis in die Mitte der Schnelle. Dort nun schien es eine Zeitlang, als ob die Kraft des Wassers überwiegend sei, denn trotz des heftigen Arbeitens der Maschine bewegten wir uns nicht von der Stelle. Die trockensten Holzscheite wurden darauf hervorgesucht und in die prasselnde Glut des Ofens geschoben, so daß die wilden Flammen polternd durch die gewundenen Züge schlugen. Der Dampf vermehrte sich, langsam neigte sich die »Explorer« nach vorn, und als der Bug sich erst wieder auf dem oberen Wasserspiegel befand, stieg auch die Geschwindigkeit der Bewegung. Bald darauf schossen wir auf ruhiger Flut dahin und hatten somit die erste bedeutende Stromschnelle glücklich überwunden. Auch über die zweite gelangten wir noch an diesem Tag, doch wurden wir vor der dritten, welche die beiden ersten an Größe bedeutend übertraf, von dem Andrang des Wassers zurückgetrieben. Da es hier augenscheinlich noch anderer Vorkehrungen bedurfte, der Abend auch nicht mehr fern war, so verschob der Kapitän die erneuten Versuche auf den folgenden Tag und lenkte das Boot nach dem linken Ufer hinüber, wo es in ruhigem Wasser hinter einem Vorsprung sicher lag, während wir selbst uns weiter oberhalb eine passende Stelle zum nächtlichen Aufenthalt wählten. Die Reise des Tages betrug elf Meilen, und wir hatten den Punkt erreicht, vor dem das Dampfboot »Jessup« einige Wochen früher umgekehrt war. Eine von Geröll aufgebaute kleine Pyramide, aus deren Spitze ein Pfahl hervorragte, bezeichnete die Stelle, der wir den Namen »Jessup's Halt« beilegten. Daß wir alle das eifrigste Verlangen trugen, »Jessup's Halt« so weit wie möglich hinter uns zurückzulassen, ist wohl leicht erklärlich, und ebendieser Wunsch trieb noch vor Beginn der Dämmerung die meisten von uns nach den nächsten Höhen hinauf, von wo aus wir den Fluß einige Meilen aufwärts übersehen konnten. Leider waren die Aussichten, die sich uns dort oben eröffneten, nicht sehr tröstlicher Art, denn so weit der Fluß sichtbar war, traf das Auge immer auf neue Stromschnellen, die von jetzt ab eine schwierigere Reise androhten. Kapitän Robinson, der den Fall des Wassers aufmerksam beobachtete, gleichsam studierte und seinen Plan danach entworfen hatte, begann in der Frühe des 19. Februar damit, daß er das Dampfboot mit der ganzen Mannschaft und Ladung nach dem rechten Ufer hinübersteuerte. Eine feste Sandbank, die sich zu seinen Zwecken eignete, hatte ihn dazu veranlaßt, und er ließ, sobald das Fahrzeug dicht unterhalb der Schnelle am Ufer lag, sogleich die ganze Fracht bis auf das Brennholz ausladen, wodurch das Boot über acht Zoll an Tiefgang verlor. Die größtmögliche Masse von Dampf wurde darauf erzeugt, die Mannschaft an ein langes Tau gespannt, das am Vorderteil des Bootes befestigt war; und nachdem sie auf diese Weise im Gleichgewicht gehalten wurde, glitt die »Explorer« in die schäumenden Strudel. Der Andrang der Wellen war furchtbar, doch schob der kleine Dampfer zu unserer größten Freude langsam vorwärts, und nach einem kurzen, aber harten Kampf erreichte er glücklich das ruhige Wasser oberhalb des Falles. Es gewährte uns eine gewisse Beruhigung, sagen zu können, daß wir wirklich schon etwas weiter als die »Jessup« vorgedrungen seien; selbst unsere Leute äußerten ihre Freude darüber und legten doppelt rüstig Hand ans Werk, als es galt, die Fracht einige hundert Schritt am Fluß hinaufzutragen und danach wieder einzuladen. Bei fortgesetzter Reise stießen wir kurz hintereinander auf drei Stromschnellen, von denen wir nur die beiden ersten ohne außergewöhnliche Vorkehrungen besiegten; vor der dritten wurden wir aber wieder gezwungen, das Fahrzeug zu erleichtern, denn obgleich der Andrang des fallenden Wassers von nicht unbedeutender Stärke war, so lag doch die Hauptschwierigkeit für unser Vordringen in der Seichtigkeit des Stroms. Dadurch aber, daß statt der früheren Sandbänke hier wieder Geröll unter der schäumenden Oberfläche des Wassers verborgen lag, entstanden sogar für den eisernen Boden unseres Dampfbootes Gefahren. Die mancherlei Versuche, die noch an diesem Tag unternommen wurden, erwiesen sich als fruchtlos; der Anker wurde daher ausgeworfen, worauf wir mittels des Ruderbootes landeten und dicht oberhalb der Schnelle unser Lager bezogen. Wir befanden uns dort kaum drei Meilen von »Jessup's Halt« entfernt. Sechzehntes Kapitel Maruatschas Rückkehr in seine Heimat – Fruchtlose Versuche, über die Stromschnelle zu gelangen – Der Ruhetag – Die Höhle im Ufer – Der Sandsturm – Umgehen der Stromschnelle – Ausflug nach der Hochebene – Wirkung des Wassers in derselben – Washingtons Geburtstag – Der Sandsturm – Endlicher Aufbruch – Nachricht vom Train – Sinken des Dampfbootes »Jessup« – Chimehwhuebe-Indianer – Öffnung im Gebirge – Einfahrt in ein Tal – Lager auf einer Sandbank – Fortsetzung der Erzählung der Abenteuer am Nebraska Maruatscha hatte endlich erklärt, daß es seine feste Absicht sei, wieder nach Fort Yuma zurückzukehren. Durch Iretébas und Navarupes Anwesenheit war der Yuma-Indianer entbehrlich geworden, und da Mariandos Sprachkenntnisse genügten, um durch Iretéba zwischen uns und den Eingeborenen zu vermitteln, und wir alle eine Gelegenheit herbeiwünschten, Nachrichten zurücksenden zu können, so wurde Maruatschas Plan nichts entgegengestellt, und Lieutenant Ives beeilte sich, ihn in der Frühe des 20. Februar abzufertigen. Beschwert mit Geschenken, Depeschen und Briefen, verließ uns der alte Reisegefährte, er versicherte, schon nach zwölf Tagen in seiner Heimat am Gila zurück zu sein, doch fand Mariandos Behauptung, daß Maruatscha nicht eher an die Heimreise denken würde, als bis er seine ganzen Habseligkeiten bei den Mohaves verspielt habe, mehr Glauben. Wie ein guter Freund schied der Indianer; von seiner Ankunft in Fort Yuma und von der gewissenhaften Ausrichtung seiner Aufträge erhielt ich später Nachricht, doch Maruatscha selbst sah ich nie wieder. Fruchtlose Versuche, das Dampfboot über die Stromschnelle zu bringen, füllten den ganzen Tag aus. Jeden Augenblick glaubten wir dasselbe vorwärts gleiten zu sehen, um von neuem seine Ladung einzunehmen und die Reise fortzusetzen; doch wie festgeschmiedet ruhte der eiserne Kiel auf den glattgewaschenen Steinen und Felsblöcken, während das Wasser mit seinem ewigen Getöse lustig an ihm vorüberrauschte und wie mutwillig seine schwarzen Seiten netzte. Wir befanden uns am Ufer und schauten mißmutig hinüber, wo die »Explorer« regungslos lag, und als der Abend sich einstellte, bereuten wir es, die Zeit nicht zu einem Ausflug in die zerklüftete Hochebene benutzt zu haben, deren Abhänge bis in die Nähe des Flusses reichten. Den Raum zwischen dem Hochland und dem Strom füllte unfruchtbarer, sandiger, angeschwemmter Boden aus, der sich gegen sechzehn Fuß über dem Wasserspiegel erhob, und nur ein ganz schmaler Streifen des Flußbettes, der durch das Zurücktreten des Stroms trockengelegt war, diente zu unserem Aufenthalt. Nicht ohne Mühe gelang es uns, zwischen dem Geröll genug Raum für die Zelte zu finden, und auch dann noch waren wir genötigt, durch Anhäufung von Sand und Zweigen den Boden zum Ausbreiten unserer Decken zu ebnen. Die Steine, die teils fest im Sand hafteten, teils lose umherlagen, bildeten gleichsam eine reichhaltige Mineraliensammlung sowohl ihrer Verschiedenheit als auch ihrer Schönheit wegen. Es fanden sich grellfarbige Granitstücke, mehr oder weniger reich an blitzendem Glimmer-, Quarz-, Trachyt- und Porphyrgeröll, und besonders letzteres zeigte eine solche Mannigfaltigkeit an Farben, daß man mit leichter Mühe aus den Bruchstücken die schönsten Schattierungen zusammenstellen konnte. Dr. Newberry sowohl wie ich brachten auch in der Tat die meisten unserer müßigen Stunden damit hin, die rundgewaschenen Steine zu zertrümmern, demnächst nach den Farben zu ordnen und teilweise unseren Sammlungen beizufügen. Auch Proben von Kalkstein entdeckten wir sowie einige fossile Muscheln, doch waren letztere kaum noch zu erkennen, und ihr Äußeres verriet, daß sie einen sehr weiten Weg zurückgelegt haben mußten, um bis dorthin zu gelangen. Am Sonntag, dem 21. Februar, war Ruhetag; die »Explorer« lag ruhig vor ihrem Anker, und gemächlich ruhten die Leute nach der schweren Arbeit auf dem sandigen Ufer. Der Himmel war unbewölkt, in vollem Glanz strahlte die Sonne auf die Wüste und den Wüstenstrom nieder und beleuchtete die einfarbige, trostlose Umgebung auf eine Weise, welche die Augen blendete und schmerzte. Schon in der Frühe begann der Flugsand umherzuwirbeln und verkündete einen der lästigen Sandstürme, gegen deren peinigende Wirkung man vergeblich nach einem sicheren Zufluchtsort späht. Einige Schritte unterhalb des Lagers hatte ich in dem hohen Ufer eine Höhle entdeckt, die durch das von der Ebene zeitweise niederströmende Wasser gebildet worden war. Diese lag fast ganz versteckt hinter Ranken und Wurzeln und versprach einigen Schutz gegen den aufspringenden Sturm, dem die auf sandigem Boden errichteten Zelte unmöglich widerstehen konnten. Mittels einer Axt säuberte ich die Höhle von hinderndem Gestrüpp und ließ von Wurzeln und Ranken nur soviel zurück, als erforderlich war, um notdürftig das Dach zu ersetzen. Meine Kameraden halfen mir darauf, den Boden zu ebnen und mit einer dicken Lage von Weidenzweigen zu bedecken; und so entstand nach kurzer Zeit unter unseren Händen eine vergleichsweise bequeme Hütte, die geräumig genug war, unsere aus sieben Mitgliedern bestehende Gesellschaft aufzunehmen. Dort nun saßen und lagen wir während des größten Teil des Tages; der Sturm tobte, trieb dichte Staubmassen vor sich her und machte den Aufenthalt im Freien fast unerträglich; sogar in unserer Hütte empfanden wir die unangenehme Wirkung desselben, denn dicke Staublagen sammelten sich auf unserer Kleidung, und wo ein Sonnenstrahl in unsere Zufluchtsstätte hineinzitterte, da blitzten Millionen von kaum sichtbaren Bestandteilchen, welche die Luft erfüllten und sich leicht mit dem Atem vermischten. Doch nicht allein die Luftröhren wurden schmerzhaft angegriffen, sondern auch die Zähne, denn die Speisen, die nur im Freien zubereitet werden konnten, waren mit einer solchen Masse von Sand versetzt, daß es trotz eines an Hunger streifenden Appetits noch immer einige Überwindung kostete, Zähne und Gaumen mit ihnen in Berührung zu bringen. Der Abend rückte allmählich heran, der Sturm legte sich, so daß wir, ohne von Rauch belästigt zu werden, ein kleines Feuer in der Höhle unterhalten konnten, und dieses trug nicht wenig dazu bei, daß die Unannehmlichkeiten des Tages vergessen wurden und man nur der Gegenwart lebte, ohne dabei Besorgnis für eine unsichere Zukunft aufkommen zu lassen. Sehr oft auf meinen Reisen erlebte ich Szenen, bei deren Anblick der Wunsch sich regte, diese als ein Bild, kunstvoll ausgeführt, zu besitzen, und zwar so, wie sie noch immer deutlich und lebendig meinen Gedanken vorschweben. Es ist nicht jedesmal die ungebundene Aussicht auf die erhabenen Werke einer schöpferischen und weise ordnenden Naturkraft oder eine besondere Wichtigkeit des Moments, die solchen Wunsch laut werden läßt, sondern auch zuweilen eine zufällige, malerische Zusammenstellung von Personen und Gegenständen in einer entsprechenden Umgebung, wo dann eine eigentümliche Beleuchtung das Bild vervollständigt und charakterisiert. Empfänglichen Gemütern prägen sich solche Szenen tief ein, und selbst lange Jahre vermögen den auf diese Weise gewonnenen Eindrücken und Rückerinnerungen ihre Lebensfrische nicht zu rauben. Ich saß nahe am Ausgang der Höhle, nur wenige Fuß von mir tobte der Strom in seiner ewigen Weise über Felsengeröll; in jeder tanzenden Welle spiegelte sich die halbe Scheibe des Mondes, und mattes Licht ruhte auf Strom, Wüste und Berg. Regungslos lag das schwarze Dampfboot in der Brandung, regungslos wie die hohen Felsmassen, die sich auf dem rechten Ufer erhoben; der Fluß aber rauschte und plätscherte, und erfüllte mit seiner lauten, eintönigen Musik die stille Abendluft. Vom flackernden Feuer erhellt, lag auf meiner anderen Seite die Höhle. Die überhängenden Seitenwände, gehalten von zähen Wurzeln und blätterlosen Ranken, erschienen rotglühend, und rastlos spielte der aufsteigende Rauch mit den niederhängenden Zweigen und Moosgeweben der durchbrochenen Bedachung. In gedrängtem Kreis lagen um das Feuer bärtige Europäer und bemalte Indianer; die farbige, wollene Decke fehlte keiner einzigen Gestalt und verbarg teilweise die kurzen Waffen, die in jedem Gürtel blitzten, während Büchsen, Bogen und Köcher an vorstehenden Wurzelenden hingen oder angelehnt an den Wänden herumstanden. Die Unterhaltung war lebhaft, die kurzen Tonpfeifchen rauchten und schienen den Ausdruck der Zufriedenheit zu erhöhen, der auf den verschiedenen Gesichtern ruhte. Abhängig von den lodernden Flammen wechselte die glühende Beleuchtung der Züge, der faltenreichen Decken und der verbrannten und zerrissenen Kleidungsstücke, und aus denselben Ursachen wuchsen und schwanden auch die Schatten, die ähnlich einem Heer mißgestalteter Kobolde auf den Wänden umhersprangen. So reihen sich die Bilder aus meinem Reiseleben aneinander; in Gedanken verweile ich gern vor ihnen, und nur zu gern versuche ich es – vielleicht mit Unrecht –, diese Erinnerungen auf verständliche Weise zu beschreiben. Ich fehlte nicht lange in der Reihe meiner Gefährten, und erst spät in der Nacht entfernten sich unsere drei Indianer, um sich halb in Sand zu vergraben, während wir selbst unsere Betten in der Höhle auseinanderrollten. Die Versuche, das Dampfboot über die seichte Stromschnelle hinüberzuschaffen, wurden am folgenden Tag nicht weiter fortgesetzt. Es befand sich nämlich uns gegenüber eine lange Insel, die nur durch einen schmalen, unscheinbaren Kanal vom rechten Ufer getrennt war. Dort hatte Robinson hinreichend tiefes Wasser entdeckt, um mit Sicherheit auf Erfolg rechnen zu können. Ohne daher die Ladung wieder an Bord zu nehmen, ließ er die »Explorer« vorsichtig von der Stromschnelle hinuntergleiten, und dann, einen Umweg beschreibend, gelangte er bald in den Kanal. Dort hatte er Gelegenheit, Leute auf der Insel sowie auf dem rechten Ufer auszusetzen, welche mittels langer Taue das Fahrzeug zugleich von beiden Seiten halten und gegen die starke Strömung schleppen konnten. Ohne Schwierigkeit war diese Arbeit nicht, sie nahm sogar den ganzen Tag in Anspruch, und den längeren Aufenthalt vorhersehend, unternahm ich in Gesellschaft meines Freundes Newberry den schon längst beabsichtigten Ausflug nach der Wüste. Wir folgten einer der zahlreichen trockenen Wasserrinnen, die talähnlich in die Hochebene hineinreichte, sich aber sehr bald zu einer Schlucht verengte. Nebenschluchten mündeten von Zeit zu Zeit in sie, doch wurde es uns nicht schwer, den Hauptweg festzuhalten, da derselbe durch die Wirkung größerer stürzender Wassermassen deutlich bezeichnet war. Die Seitenwände erhoben sich größtenteils senkrecht bis zu einer Höhe von sechzig Fuß, von wo dann schräge Abhänge bis ganz nach dem Plateau hinaufführten, dessen Erhebung bis zur Basis der östlichen Gebirgsketten ununterbrochen in gleichmäßigem Steigen blieb. Schichten von festem Konglomerat und Kies türmten sich hoch aufeinander, und wo dieselben durch Sandstreifen voneinander getrennt waren, hatte sie das Wasser untergraben, und wir erblickten vielfach riesenhafte Blöcke von zusammengebackenem Kies, die durch ihr eigenes Gewicht von der Ebene losgetrennt und in die Tiefe hinabgeglitten oder, in Trümmer zerspringend, gefallen waren. Bei unserem weiteren Fortschreiten rückten die Wände der Schlucht mehr und mehr zusammen, und dieselbe erschien zuletzt nur als eine vielfach gewundene Spalte, in der wir nicht mehr nebeneinander hinschreiten, sondern nur noch mit Mühe einer dem anderen folgen konnten. Die Breite der Öffnung nahm nach oben hin keineswegs zu, sondern verengte sich in vielen Fällen so sehr, daß nur ein schwacher Lichtstrahl bis zu uns niederdrang, der uns kaum gestattete, die Merkmale zu erkennen, die das zeitweise dort niederschäumende Wasser zurückgelassen hatte. Wir gelangten bis ans Ende der Schlucht, das heißt bis dahin, wo wir uns nicht mehr weiter hindurchzudrängen vermochten; das wirkliche Ende der Spalte lag vielleicht noch fern und war nur zugänglich für Wölfe und Füchse, die zahlreiche Spuren auf dem glattgewaschenen, sandigen Boden zurückgelassen hatten. Auch Spuren von Bergschafen entdeckten wir hier, sowohl auf dem Boden als auch an den Wänden, in die sie beim Vorübergehen tiefe Furchen mit ihren starken gespreizten Hörnern hineingerissen hatten. Die Tiere selbst hielten sich stets fern von uns, und es war ihnen leicht, sich in dem Labyrinth von Gängen und Spalten unserem Anblick zu entziehen, um so mehr, als das Geräusch sogar sehr leiser Tritte sich im Echo verstärkte und weithin den lauschenden Ohren des scheuen Wildes vernehmbar wurde. Auch hier fehlte die Vegetation fast gänzlich; einzelne Blümchen hatten sich wohl verstohlen unter dem Schutz zerstreuter Artemisien und Talgholzbüsche zu entfalten gewagt, doch ließ sich von dem dürren Sand kein langes Leben derselben erwarten. Nur in den feuchten Winkeln, gebildet von den überhängenden Wänden, prangte im anmutigsten Grün wilde Kresse. Freudig begrüßten wir diese Pflanzen, sie nahmen sich ja so schön aus auf dem grauen Boden; und mehr noch als dies: sie versprachen uns eine würzige Speise, von der wir hoffen konnten, daß sie dem Ausbruch des Skorbuts, dessen Symptome sich schon mehrfach unter unseren Leuten zeigten, vorbeugen würden. Doch leider blieb dies der einzige Punkt, an dem wir Kresse in größerer Masse entdeckten, und unsere Hoffnung auf einige Milderung der Leiden, verursacht durch dürftige und ungesunde Nahrungsstoffe, ging also nicht in Erfüllung. Weit zurück mußten wir wandern, um eine Stelle zu entdecken, an der wir zur Ebene hinauf gelangen konnten, und auch dort noch bedurfte es unserer größten Anstrengung und Vorsicht, um diese Absicht ungefährdet auszuführen. Nach langem Klettern und vielfachem Hin- und Herwandern erreichten wir endlich das Plateau, dessen mosaikähnliche Oberfläche sich scheinbar ununterbrochen bis an die entferntesten Grenzen ausdehnte. Die Aussicht dort oben hatte durchaus nichts Ansprechendes, und das Vordringen wurde erschwert, ja oftmals unmöglich gemacht durch tiefe Schluchten und Spalten, welche zwar alle dem Colorado zuführten, aber in den meisten Fällen unzugänglich für uns waren. – Wir schlugen daher den Heimweg ein und befanden uns endlich nach einem ermüdenden Marsch auf den äußersten Abhängen der Hochebene, von wo aus wir einen Teil des Stroms, unser Lager und die »Explorer« überblickten. Das Dampfboot war wirklich um die Insel herum und auf der Ostseite derselben zurückbugsiert worden und lag nunmehr dicht oberhalb der Schnelle gegenüber unseren Zelten. Die Mannschaft hatte schon begonnen, die Fracht wieder einzuladen, doch geschah dies nur, um am folgenden Morgen einen zeitigen Aufbruch zu ermöglichen, denn der Abend war nicht mehr fern, und noch eine dritte Nacht mußte unsere Expedition notwendigerweise an jener Stelle zubringen. Der 22. Februar ist in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ein Tag der allgemeinen Freude. Es ist der Geburtstag George Washingtons, des Gründers der großen Republik, und dieser wird überall, wo sich nur Amerikaner befinden, auf die gewöhnliche geräuschvolle Weise gefeiert. Paraden werden abgehalten, Festessen gegeben und vor allen Dingen unzählige Reden in die Welt hineingeschickt, die stets der furchtbarste Applaus belohnt. Getrunken wird an diesem Ehrentag natürlich mehr als zu anderen Zeiten, woran sich zuweilen auch etwas Boxen und Schießen reiht; Illumination und Feuerwerke beschließen den Abend, und die tollsten Gelage füllen die Nacht aus. Auch unsere Expedition wünschte Washingtons Geburtstag in der Wildnis am Colorado würdig zu begehen, doch stand uns leider nur das zu Gebote, was wir am leichtesten entbehren konnten und was wir gern gegen andere, die Festlichkeit erhöhende Gegenstände vertauscht hätten. – Wir besaßen nämlich Signalraketen, die sich vortrefflich zu einem Feuerwerk eigneten; auch Bohnen und Mais sowie eine kleine Quantität salziges Schweinefleisch zu einem Festessen waren vorhanden, doch gab es für den allgemeinen Durst weiter nichts als lehmiges Coloradowasser. Und so feierten wir denn den großen Tag nach besten Kräften, wir nahmen vorlieb mit dem, was die Küche und der Fluß uns boten, sparten die Reden bis auf bessere Zeiten, das Boxen und Schießen bis zu einer etwaigen Zusammenkunft mit feindlichen Mormonen und Eingeborenen und ergötzten uns an dem Feuerregen, der jedesmal dem Platzen der emporgesandten Raketen folgte. Fünfzehn Raketen wurden abgebrannt, und fünfzehnmal vernahmen wir die Ausrufe der Verwunderung unserer Indianer über das Schauspiel, an dessen Wirklichkeit sie zu zweifeln schienen. – »Haben wir keinen Wein, so haben wir doch Musik«, hieß es darauf; das Feuer in der Höhle wurde geschürt und um dasselbe herum vereinigten sich kräftige Stimmen zum fröhlichen Chorgesang, begleitet von den Akkorden staubiger, aber wohlgestimmter Instrumente. Schon in aller Frühe des 23. Februar machten wir uns reisefertig; die Lagerequipage wurde an Bord geschafft, das Wasser im Dampfzylinder siedete, und das Kommando zum Aufbruch sollte gegeben werden, als plötzlich der Sturm mit voller Wut losbrach. Sand und Staub verfinsterten die Luft, der Spiegel des Stroms kräuselte sich, und somit war die Möglichkeit einer gefahrlosen Weiterreise vollständig abgeschnitten; Feldbetten, Waffen und Küchengeräte wurden wieder ausgeladen, und jeder einzelne der Expedition suchte sich darauf nach besten Kräften gegen das Unwetter zu schützen. Wir lagen in der Höhle zwischen unseren Decken und wünschten die Nacht herbei; doch der Tag verging, der Abend stellte sich ein, und mit ungeschwächter Gewalt wehte der wütende Nordweststurm die Sandanhäufungen des rechten Ufers nach dem linken hinüber. Langsam verstrich die Nacht; erst gegen Morgen legte sich das Wetter und gestattete uns, an die Weiterreise zu denken. Wie aus Schneebänken wühlten sich nach und nach die Leute unter dicken Sandlagen hervor; um sich an ihre verschiedenen Beschäftigungen zu begeben, und erst an diesem Morgen, dem 24. Februar, kam der schon seit zwei Tagen beabsichtigte Aufbruch wirklich zustande. Stromschnellen und starker Wind waren indessen während des ganzen Tages wieder gegen uns, und kaum eine Meile hatten wir zurückgelegt, als wir am Abend auf einer kleinen Sandscholle am Fuß einer niedrigen Gebirgskette unseren Aufenthalt für die Nacht wählten. Die Nacht war mild, und das herrlichste Wetter begünstigte uns, als wir am 25. Februar das Ufer verließen und langsam stromaufwärts zogen. Mit Freude begrüßten wir an diesem Tag wieder einmal Baumgruppen. Diese standen freilich sehr spärlich zerstreut umher, doch vermag ich nicht zu beschreiben, welch wohltuenden Eindruck der Anblick von frischem, organischem Leben inmitten der starren Felswüste allgemein hervorrief. Bäume, die in gesegneteren Landstrichen kaum bemerkt worden wären, wurden hier aufmerksam betrachtet und bewundert, und wenn der Blick über die vulkanischen Felsmassen hinstreifte, die uns von allen Seiten umgaben, dann kehrte er immer schnell wieder zu den einsamen Bäumen und Sträuchern zurück, deren frische, grüne Frühlingsfarbe so lieblich hervortrat. Schon in der Frühe stieß ein indianischer Bote zu uns, der von Peacock, der mit dem Train die Mündung der Bill Williams Fork noch nicht erreicht hatte, abgesandt worden war. Gemäß dieser Nachrichten hatten die Maultiere auf den gefährlichen Gebirgspfaden bei dem großen Futtermangel schrecklich gelitten, und da infolgedessen nur kurze Märsche gemacht werden konnten, so durften wir in den ersten Tagen noch nicht auf eine Vereinigung mit dem Train rechnen. Unangenehm wurden wir durch die Mitteilung überrascht, daß das Dampfboot »Jessup« in der Nähe des Lighthouse Rock auf einen Felsen gestoßen und gesunken sei. Dasselbe lag zwar so, daß es später wieder flottgemacht werden konnte, doch war die ganze Bemannung durch diesen Unfall in die Notwendigkeit versetzt worden, den Rest des Weges nach Fort Yuma zu Fuß zurückzulegen, was trotz der geringen Entfernung auf den Gebirgspfaden von um so größerer Schwierigkeit war, als ihr jede Art von Lebensmitteln mangelte. Wieder stießen wir bei fortgesetzter Reise auf böse Stromschnellen, die uns sowohl durch die Heftigkeit der Strömung als auch durch ihre Seichtigkeit viel Zeit raubten. An einer Stelle, wo wir durch die Beschaffenheit des Stromes gezwungen wurden zu landen, trafen wir mit einer Anzahl von Eingeborenen zusammen. Es waren nach Iretébas Aussage Chimehwhuebes und schlechte Indianer. Sie schienen außer dem Namen nichts mit dem südlich lebenden Stamm der Chimehwhuebes gemein zu haben und bildeten eine so unsaubere Gesellschaft, wie wir sie außer den Apachen noch nicht am Colorado zu Gesicht bekommen hatten. Ihre Gestalten waren schlank, aber sehr hager, und entbehrten der natürlichen Anmut, welche die Mohaves, Yumas und südlichen Chimehwhuebes auszeichnet. Auch ihr Blick war nicht so offen, sondern finster und Mißtrauen erweckend, und es überraschte mich gar nicht, als Iretéba uns vor ihnen als vor einer verräterischen Bande warnte. Zackige Gebirge umgaben uns von allen Seiten; Sandbänke wechselten mit felsigem Flußboden ab, doch gelang es unserem Kapitän, stets gutes Fahrwasser zu entdecken, und ohne erhebliche Unterbrechung verfolgten wir während des letzten Teils des Tages unsere Straße. Allmählich entstand in dem nördlichen Gebirgszug eine Öffnung, und als wir uns dieser näherten, gewannen wir einen Überblick über ein weites, holzreiches Tal, durch das sich der Colorado seinen Weg gebahnt hatte. Wie das Tal der Mohaves, so war auch dieses ringsum von blauen Gebirgszügen begrenzt, von deren Basis die schiefe Kiesebene bis hinunter an den angeschwemmten Talboden führte. Wir erblickten dieselbe Baum- und Strauchvegetation wie früher auf den Niederungen; auf den Höhen aber sahen wir verschiedene Kakteen und andere Gewächse, die wir aus der Ferne an ihren Formen leicht zu erkennen vermochten. Noch mehrere Meilen reisten wir in das Tal hinein, kleine Trupps von Eingeborenen näherten sich dem Ufer und schauten neugierig zu uns herüber, doch schienen sie nicht geneigt, uns ihren Besuch abzustatten, als wir ihnen gegenüber auf dem linken Ufer unser Lager aufschlugen. Wir befanden uns dort auf einer breiten Sandbank, die durch kleine Lachen teilweise von der hohen Kiesebene getrennt war, an deren Basis sich ein schmaler, aber sehr dichter Waldstreifen hinzog. Ich lenkte sogleich, nachdem wir gelandet waren, meine Schritte nach dem Gehölz und den Teichen hin, doch fand ich dort statt der Enten, die ich erwartet hatte, nur eine einzelne Schnepfe, einige Turteltauben und einen Ziegenmelker, der mir aber in den Schluchten entwischte. Wiederum erfreute uns ein schöner Abend; in mildem Licht blickte der Mond auf uns nieder; wie ein Schneefeld schimmerte die weiße Sandbank, und leise plätscherte das eilende Wasser unter dem scharfen Bug des regungslosen Dampfbootes. Es war einer von den Abenden, an denen man den Aufenthalt im Freien gern einem künstlichen Obdach vorzieht; ein Abend, der dem Reisenden Genuß gewährt, den traurigen Charakter der Wüsten mildert, der regen Phantasie einen weiten Spielraum eröffnet und den Wanderer zur geselligen Unterhaltung aufmuntert. Manches wurde an diesem Abend wieder vor unserem Scheiterhaufen besprochen und erzählt; jeder hatte da etwas mitzuteilen, auch an mich kam die Reihe, und was ich damals meinen Gefährten vortrug, das lasse ich hier als Fortsetzung einer früher unbeendet gelassenen Erzählung folgen. Es betrifft wieder meine Reise mit Herzog Paul von Württemberg, sowie die Leiden, die wir auf jener abenteuerlichen Fahrt erduldeten. »Wir waren also den Kiowa-Indianern glücklich entronnen und setzten unsere Reise in der Nähe des Nebraska nach besten Kräften fort. Ich will hier nicht davon reden, auf welche Weise wir uns zur nächtlichen Stunde durch Abbiegen von der Straße gegen ein zufälliges und unwillkommenes Zusammentreffen mit den Eingeborenen zu wahren suchten, und erwähne nur, daß wir uns Tag für Tag mühsam mit unseren matten Pferden etwas weiterschleppten. Wir erblickten endlich Fort Kearney, die Militärstation, die von der Regierung der Vereinigten Staaten zum Schutz der Emigrantenzüge gegen die räuberischen Nationen der Pawnee-Indianer errichtet worden ist. Statt auf das Fort zuzulenken, das eine Strecke von der Straße entfernt liegt, kehrten wir bei einem Grenzer ein, der dicht an der Straße einen kleinen Handelsposten angelegt hatte. Recht niedergeschlagen trat ich in die Hütte, und zwar niedergeschlagen, weil ich nur einige Stunden unter dem sicheren Obdach verweilen durfte, das Präriefieber mich heftig schüttelte und mich das Bewußtsein peinigte, in solchem Zustand noch über 250 Meilen in der winterlichen Steppe zurücklegen zu müssen. Ich warf mich vor dem Kaminfeuer nieder und versuchte, unbekümmert um die mich umgebenden weißen und roten Menschen, zu schlafen. Es gelang mir nur halb, denn fortwährend vernahm ich die Worte, die zwischen dem Herzog und dem Grenzer gewechselt wurden, und folgte den Erzählungen des letzteren, mit denen er seine Umgebung unterhielt. So sprach er auch von zwei jungen Büffeln, die er eingefangen und gezähmt hatte, und beschrieb ausführlich, wie er sie in einen Pflug eingespannt und eine einzige Furche gezogen habe und wie dann die Tiere, anstatt umzukehren, mit dem Pflug davongelaufen und nicht wieder zurückgekehrt seien. Er sprach auch von den Indianern, die sich nicht mehr so fügsam zeigen wollten und einer scharfen Lehre bedürften, und als schon alle schliefen, glaubte ich noch immer murmelnde Stimmen zu hören, die stets dieselben Geschichten wiederholten. Der Tag brach endlich an, der Herzog erstand noch einige Lebensmittel, und bald darauf befanden wir uns wieder auf der Straße und verfolgten die Richtung nach dem Missouri zu. Fort Kearney blieb links von uns liegen, und noch hatten wir es nicht aus dem Gesicht verloren, als wir ein indianisches Lager von mindestens hundert Zelten erblickten, an denen unser Weg in der Entfernung von einer Meile vorüberführte. Indianische Jäger durchstreiften nach allen Richtungen hin die weite Ebene, und bald genug bemerkten wir auch einige davon, die direkt auf uns zueilten. Die Nähe des Forts ließ in uns allerdings keine Besorgnis um unser Leben aufkommen, doch war es uns nicht fremd, daß wir außer anderen Unannehmlichkeiten auch einer Beraubung ausgesetzt waren. Um dergleichen zu entgehen und sich unter den Schutz der Häuptlinge zu stellen, lenkte der Herzog gerade auf das Lager zu, doch waren wir erst eine kurze Strecke von der Straße entfernt, als wie durch Zauberschlag plötzlich alle Zelte verschwanden und wir an deren Stelle ein wildes Durcheinander von Menschen, Pferden und Hunden erblickten. Augenscheinlich war die Bande eben im Begriff, aufzubrechen, doch änderten wir unsere Richtung nicht eher, als bis ein ganzer Trupp wild aussehender Gesellen uns den Weg vertrat. Die Räuber – denn als solche kann ich sie nur bezeichnen – begriffen unsere Absicht sehr wohl, doch schien diese ihren Wünschen wenig zu entsprechen, und wenn sie sich der Ausführung derselben auch nicht mit Gewalt widersetzten, so verstanden sie es doch, auf die unverschämteste Weise uns so lange aufzuhalten, bis das ganze Lager, welches das Dorf der verräterischen Wolf-Pawnees bildete, sich auf dem Rücken der Packtiere befand und, eine lange Reihe schließend, in einer entgegengesetzten Richtung davoneilte. Es blieb uns also nur noch übrig, entweder zum Fort zurückzugehen oder wieder in die Straße einzubiegen. Wir wählten das letztere, und hatten dabei die Ehre, von unseren Peinigern eskortiert und des größten Teils unserer Kleidungsstücke und Lebensmittel beraubt zu werden. Mit ohnmächtiger Wut blickten wir der Gesellschaft nach, als sie sich hohnlachend entfernte; wir waren zwar im Besitz unserer Waffen, doch was hätten wir gegen eine solche Übermacht beginnen können? Wir freuten uns, noch so davongekommen zu sein, und gewiß nicht in der besten Stimmung setzten wir unseren Weg gegen Südosten fort. Wir verließen nämlich an jener Stelle das Tal des Nebraska und hatten demnächst einen langen Winkel abzuschneiden, der von diesem Fluß und dem Missouri gebildet wird. Am zweiten Tag nach diesem Vorfall machten wir eine neue Entdeckung, die nichts weniger als aufmunternd wirkte. Eine schwarze Rauchwolke faßte nämlich den ganzen nordwestlichen Horizont ein – ein untrügliches Zeichen, daß die Pawnees die Prärie angezündet hatten; und da der Wind zwar nicht heftig, doch unausgesetzt aus jener Richtung blies, so konnten wir mit Sicherheit darauf rechnen, von dem zerstörenden Brand eingeholt zu werden. Wenn nun auch keine augenblickliche Lebensgefahr mit diesem Übelstand verbunden war, so drohte doch das entfesselte Element, das sich immer weiter nach beiden Seiten hin ausdehnte, das letzte kärgliche Futter für unsere Pferde vollständig zu vernichten. Mit einem gewissen Schrecken beobachteten wir daher die Rauchwolken, die sich langsam über uns hinwälzten, gleichsam als Vorboten des schrecklichsten Feindes, dem wir bis jetzt begegnet waren. Es dauerte fast vierundzwanzig Stunden, ehe wir die ersten Flammen erblickten; diese glitten langsam an den Abhängen der grasreichen Hügel hin; als aber in den Nachmittagsstunden des zweiten Tages der Wind sich verstärkte, beschleunigte auch der verheerende Brand seine Eile, und in kurzer Zeit vernahmen wir das dumpfe Dröhnen und Knistern, das Menschen und Tiere mit Grausen zu erfüllen vermag. Es blieb uns allerdings ein Mittel, die Gefahr von uns abzuwenden, nämlich dicht am Weg Feuer an das dürre Gras zu legen und eine Stelle zu unserer Zuflucht freizubrennen, doch sahen wir dies als die letzte Rettung an und eilten einer tiefen Schlucht zu, deren nackte Wände dem Feuer keine Nahrung boten und die zugleich so breit war, daß der Brand nicht über sie hinwegspringen konnte. Gerade zu rechter Zeit erreichten wir den sicheren Winkel, und von unserem kleinen Lager aus beobachteten wir das wütende Element, wie es mit Windeseile der Schlucht zutrieb, an dem nackten Ufer noch einmal hoch aufloderte und dann zusammensank. Zu unserem Glück wuchs der Wind gegen Abend zu einem Sturm an, der den Brand in gerader Linie über die gedörrten Grasfluren peitschte und den wilden Flammen, wo dieselben die Schlucht übersprungen oder umgangen hatten, nicht gestattete, sich seitwärts in der für uns gefährlichen Richtung auszudehnen. Sicher fühlten wir uns indessen keineswegs, denn lange noch saßen wir da und bewachten und bewunderten eine Naturszene, die mit Recht als eine der erhabensten bezeichnet wird. Um dergleichen Szenen in vollem Maß genießen zu können, bedarf es eines heiteren Gemüts, das nicht von Sorgen um die Gegenwart – der Zukunft gar nicht zu gedenken – beschwert ist. Der Haupteindruck ging daher bei uns verloren, denn wir waren hungrig, und wie unsere Pferde sich mit der kärglichen Nahrung begnügen mußten, die das dürre Gras ihnen bot, so durften auch wir nur unsere gewissen Rationen von den übriggebliebenen Lebensmitteln verzehren, die sogar im glücklichsten Fall höchstens noch drei bis vier Wochen ausreichen konnten. ›Alles vereinigt sich, um uns einen schrecklichen Untergang in der Steppe zu bereiten‹, wandte ich mich zum Herzog, dessen bewundernde Blicke den Bewegungen der Flammen folgten, die auf zauberische Weise die Nacht erhellten. ›Der Brand ist freilich ein Unglück für uns‹, erwiderte der Herzog, ›doch wer weiß, wozu er gut ist.‹ ›Ich weiß, wozu er gut ist‹, antwortete ich mürrisch; ›er ist gut, um unsere Pferde Hungers sterben zu lassen, er ist gut, um uns erst die Knochen der Pferde abnagen zu lehren und danach unsere Gebeine neben denen unserer Tiere bleichen zu lassen.‹ Der Herzog lachte, ich lachte; wir verfügten uns auf unser Lager, doch war gewiß keinem von uns beiden so leicht ums Herz, daß dieses Lachen als Wahrheit hätte aufgenommen werden können. Als wir uns am folgenden Morgen auf den Weg begaben, wehte der Sturm noch mit ungebrochener Wut. Weit östlich von uns erblickten wir die abwärts treibenden Rauchwolken, doch schlimmer noch als diese waren die Wolken von Staub und Asche, die der heftige Wind mit sich führte, die uns das Atmen erschwerten und das Sehen kaum erlaubten. Wir zogen durch die Schlucht an einer Stelle, die vom Feuer verschont geblieben war und wo mehrere Nebenschluchten in diese einmündeten. Ich ritt in der Entfernung von etwa hundert Schritt hinter dem Wagen, und in der Tiefe angekommen, wohin der Sturm seinen Weg nicht finden konnte, hielt ich an, um frischen Atem zuschöpfen. Ich schaute um mich, doch wer vermag das Entzücken zu beschreiben, das ich empfand, als ich in einer der Nebenschluchten die zottige Gestalt eines ruhenden Büffels erblickte. Ich glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen, denn die Regionen der Büffel lagen weit hinter uns, und Wochen waren vergangen, seit wir die letzten Nachzügler der großen Herden gesehen hatten. Ich täuschte mich aber nicht, denn deutlich erkannte ich den riesenhaften Gesellen, als er seinen mähnigen Kopf etwas zur Seite neigte. Alle meine Leiden waren plötzlich vergessen, ich eilte dem Herzog nach, um ihm die glückliche Nachricht mitzuteilen und zugleich meine Büchse aus dem Wagen zu nehmen. Auch der Herzog zweifelte anfangs, hier noch auf Büffel zu stoßen, und gab als einzige Möglichkeit zu, daß vielleicht ein abstreifender Stier vor den Präriebrand geraten sei, von diesem bis hierher gehetzt war und endlich in der Schlucht einen Zufluchtsort gefunden habe. Wir ließen die Pferde also ruhig stehen, ergriffen unsere Büchsen und begaben uns nach der Richtung hin, wo ich unser Opfer ausgekundschaftet hatte. Als wir den Rand der Tiefe erreichten, erblickten wir den Büffel gerade unter uns; er befand sich in guter Büchsenschußweite, und um ihn nicht durch unzeitige Bewegung zur Flucht zu veranlassen, beschlossen wir, von der Höhe herab auf ihn zu schießen. Der Wind war furchtbar und erlaubte uns kaum, fest zu stehen und zu zielen, doch der Hunger und die Aussicht auf frisches Fleisch kräftigten unsere Arme; die Schüsse krachten, der Büffel sprang auf und schritt schwer getroffen von dannen. Wir folgten ihm auf der Höhe nach, und zwei Kugeln schossen wir ihm noch durch den Leib, ehe wir ihn zum Stehen brachten. Es war ein trauriger Anblick, den kraftvollen Stier zu beobachten, wie er seine Füße spreizte und sich vor dem Zusammenbrechen zu wahren suchte, doch die Kugeln waren tödlich gewesen, geronnenes Blut floß aus seinem Hals und seinen Nüstern, der Koloß wankte, und bald darauf dehnte er sterbend seine Glieder auf dem ausgedörrten Rasen. ›Gott sei Dank!‹ rief ich unwillkürlich aus, als ich das feiste Tier regungslos daliegen sah. ›Gott sei Dank!‹ sagte auch der Herzog, doch fügte er noch hinzu: ›Wenn der Präriebrand nicht gewesen wäre, den Sie gestern und auch heute noch so verwünschten, so hätten wir uns den Gurt noch bedeutend fester schnüren müssen, anstatt daß wir jetzt gegen Hungersnot gesichert sind.‹ Wir holten darauf die Pferde in die Schlucht hinab und begaben uns an die Arbeit, soviel Fleisch von dem Stier herunterzuschneiden, wie wir nur irgend unterbringen und mit uns führen konnten. An demselben Abend reisten wir noch einige Meilen und lagerten dann an einer Stelle, wo wir etwas Futter für unsere Pferde fanden. Durch den neuen Vorrat von Lebensmitteln war unsere Not indessen keineswegs behoben, denn sichtbar schwanden von Tag zu Tag die Kräfte unserer armen Tiere, und nur ganz kurze Strecken vermochten wir von einem Lager bis zum anderen zurückzulegen. Immer drohender zogen sich die Wolken zusammen, und mehrfach fanden wir uns des Morgens mit einer Lage Schnee bedeckt, der zwar während des Tages wieder zerging, dafür aber den Boden aufweichte und unwegsam machte. Das erste Unglück ernsterer Art traf uns, als wir an einem sumpfigen Bach rasteten, um die Pferde zu tränken. Eins der Wagenpferde trennte sich nämlich bei dieser Gelegenheit von den übrigen und geriet in eine morastige Pfütze, aus der wir es mit Aufbietung aller unserer Kräfte nicht wieder herauszubringen vermochten. Wir beschäftigten uns mit ihm bis zum Einbruch der Nacht und waren dann gezwungen, das arme Tier in seiner Qual hilflos liegen zu lassen. Eine schwache Hoffnung, es am folgenden Morgen vielleicht noch retten zu können, hielt uns ab, sogleich seinen Leiden ein Ende zu machen, und voller böser Ahnungen suchten wir die nächtliche Ruhe. Als wir bei Tagesanbruch ins Freie traten, lag tiefer Schnee; ich eilte sogleich zu dem verunglückten Pferd hin und fand es, wie sich kaum anders erwarten ließ, tot und kalt; mit einem Seufzer wandte ich mich von dem armen Schimmel und schritt der Stelle zu, wo ich am Abend vorher unsere beiden letzten Pferde und den Maulesel hinter einer Gruppe dichten Gestrüpps untergebracht hatte. Den Esel erblickte ich zuerst; er war guter Dinge und nagte emsig an den jungen Weiden, auch das kleine indianische Pony, das der Herzog von einem Pelztauscher bei Fort Laramie erstanden hatte, schien in der winterlichen Nacht nicht sehr gelitten zu haben; als ich aber zu dem letzten Pferd hintrat, das mich so manche Meile durch die Wüste getragen hatte, traf ich dieses zusammengekauert im Schnee liegen und tot. Ich konnte mich kaum einer Träne erwehren, als ich den Verlust des treuen und stets freundlichen Reisegefährten erkannte; ich untersuchte das arme Tier und überzeugte mich leicht, daß es nicht durch die Wirkung des Schneesturms, sondern infolge des Tomahawk-Hiebes gestorben war, den ihm der verräterische Kiowa-Indianer beigebracht hatte. Niedergeschlagener als je verzehrten wir an diesem Morgen unser kärgliches Mahl; die Sonne blitzte auf der weißen Ebene und sah so freundlich auf uns nieder; doch sogar die Strahlen der Sonne brachten uns Verderben; denn von dem ungewohnten Schimmer entzündeten sich unsere Augen, und in wenigen Stunden waren wir beide schneeblind, der Herzog auf beiden und ich auf dem linken Auge. Wir hatten zwar nicht vollständig den Gebrauch der leidenden Organe verloren, doch hing es wie ein schwarzer Flor vor unseren Blicken, so daß wir unfähig waren, die Entfernung zu berechnen oder zu erkennen, die uns von den Gegenständen trennte. Der Herzog schrieb damals unseren unglücklichen Zustand der Wirkung von giftigem Holz zu, das wir zufällig verbrannten und dessen Rauch zu einer Zeit unser kleines Lederzelt bis zum Ersticken angefüllt hatte; doch bin ich wirklich nicht imstande, genau anzugeben, was am meisten unsere Blindheit veranlaßte, ob nun das schimmernde Schneefeld oder der scharfe, ätzende Rauch. Wir befanden uns jetzt in der trostlosesten Lage; doch durften wir an jener Stelle nicht bleiben, da es uns hier sowohl an Holz als auch an trinkbarem Wasser fehlte. Wir machten uns daher nach einer Rast von zwei Tagen wieder reisefertig, spannten die beiden letzten uns gebliebenen Tiere vor den kleinen Wagen; der Herzog, der durch die Krankheit seiner Augen unfähig war, den Weg zu erkennen, setzte sich hinein, ich ging mit den Zügeln in der Hand nebenher, und so schleppten wir uns wieder einige Meilen auf dem morastigen Weg weiter. Als es dunkelte, hielten wir an und verbrachten die Nacht auf der kahlen Steppe ohne andere Erwärmungsmittel als die, welche unsere Decken gewährten, und ich erinnere mich, daß wir trotzdem so fest schliefen, als ob es für uns weder Sorgen noch Gefahren gegeben hätte. Ich glaube, es war ein Schlaf der Erschöpfung, denn an unseren krankhaften Zustand sowie an den Gedanken, auf der Steppe unterzugehen, hatten wir uns schon zu sehr gewöhnt, als daß uns dergleichen auch nur eine halbe Stunde Schlaf hätte rauben können. Am meisten bedauerten wir die armen Tiere, und mit einem gewissen Wehgefühl spannten wir dieselben am folgenden Morgen vor den Wagen. Der Schnee war wieder verschwunden, doch eisig kalt heulte der Nordsturm über die verbrannte Wüste; tiefhängende Wolken trieben eilig gegen Süden, und matt zogen unsere Tiere ihre Last Schritt vor Schritt in derselben Richtung. Es war dies der letzte Tag unserer Reise; der Weg führte größtenteils bergab, und diesem Umstand kann es vielleicht zugeschrieben werden, daß es uns gelang, noch vor Abend ein kleines Flüßchen, den Sandy Hill Creek, zu erreichen. Seit langer Zeit hatten wir keine Stelle gesehen, die sich so gut zu einem Lager eignete wie die bewaldeten und dabei tiefliegenden Ufer dieses Baches. Der Brand hatte dort große Flächen unberührt gelassen, wodurch wir hoffen konnten, unsere Tiere nicht nur am Leben zu erhalten, sondern auch im Verlauf von einigen Tagen ihre Kräfte etwas erfrischt zu sehen. Der Herzog entschloß sich daher, eine kurze Zeit am Sandy Hill Creek zu verweilen, und wir errichteten zu diesem Zweck an einer geeigneten Stelle das kleine indianische Zelt. Das Pferd und der Maulesel fanden ihr Unterkommen in einem geschützten Winkel des Waldes, und auf diese Weise für den Augenblick gesichert, verstrich uns die erste Nacht auf verhältnismäßig erträgliche Weise. Am folgenden Tag begann es zu frieren, so daß wir uns kaum gegen die Kälte zu schützen vermochten, und einige Tage darauf stellte sich der Schneesturm mit all seinen Schrecken ein. Unser letztes Pferd starb, die Wölfe zogen sich in Rudeln um uns zusammen, eine schmerzhafte Krankheit befiel uns beide und machte uns fast unfähig zum Gehen und Stehen. In diesem gräßlichen Zustand suchten wir doch noch immer mit ungebrochener Energie und mit den letzten Kräften für die Erhaltung des Lebens zu sorgen, und getreulich einander helfend und unterstützend, blieben wir nie ohne Feuer, Wasser oder Nahrung. Wenn nun auch im wachen Zustand die Willenskraft den Körper beherrschte, so sank er dafür während des Schlafes vollständig unter dem Druck der Krankheit dahin, und oft weckten wir uns gegenseitig durch schmerzhaftes Stöhnen und unbewußtes Sprechen, das doppelt grausig klang, wenn der Sturm wütend an dem Zelt rüttelte und die hungrigen Wölfe uns heulend umkreisten. Den Aufenthalt am Sandy Hill Creek nenne ich die schrecklichste Zeit meines Lebens, denn nur wenige Tage noch blieb ich in der Gesellschaft des Herzogs. Der Zufall trennte uns, und mir war es vorbehalten, noch sechs Wochen an jener verhängnisvollen Stelle zuzubringen, sechs Wochen eines beständigen Kampfes gegen Krankheiten, Elemente, Menschen und Tiere. Wir retteten uns beide auf verschiedene Weise und trafen später wieder in New Orleans zusammen; die Wüstenreise aber hatten wir nicht vergessen, und sehr oft noch wurde das Lager am Sandy Hill Creek der Gegenstand unserer Unterhaltung.« Die Fortsetzung dieser Erzählung befindet sich in meinem ersten Reisewerk, »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, unter dem Titel »Erzählung der Abenteuer am Nebraska«. Siebzehntes Kapitel Das Cottonwood-Tal – Berg der Toten – Mount Davis – Painted Cañon – Aufenthalt auf Round Island – Bekehrungsversuche der Mormonen unter den Mohaves – Abbrennen von Signalraketen – Schwierige Reise – Black Cañon – Auflaufen des Dampfbootes auf einen Felsen – Landen im Black Cañon – Ende der Schiffbarkeit des Colorado – Das Leben in der Schlucht – Vergebliches Harren auf den Train – Formation der Felsen im Black Cañon – Prachtvolle Aussicht – Das Echo – Lieutenant Ives' Fahrt in die Schlucht – Opal im Gebirge – Iretébas Reise nach den Mohave-Dörfern und seine Rückkehr ohne Nachrichten – Eintreffen von Mohave-Indianern – Das Fischen des Mohaves Nicht uns allein erfreute am 26. Februar der sonnige Frühlingsmorgen, sondern auch Tausende von Vögeln, die mit ihrem Gesang die Luft erfüllten, bald fröhlich auf dem glatten Sand umherhüpften, bald in dem Waldstreifen von Zweig zu Zweig flatterten. Das Dampfboot lag vor einer Untiefe, um hinübergewunden zu werden, und glücklich schätzte ich mich, dadurch einige Stunden Zeit zu gewinnen, die ich meinen Neigungen gemäß verbringen konnte. Wie sich bei Reisenden eine gewisse Anhänglichkeit, ich möchte sagen Zuneigung zu dem Tier bildet, das ihn Tag für Tag geduldig und sicher auf seinem Rücken trägt, so war auch bei den meisten von uns eine Liebe zu der kleinen, mutigen und kraftvollen »Explorer« entstanden, mit deren Geschick das unsrige nun schon seit Monaten so eng verkettet war. Dies hinderte uns indessen nicht, mit einer Art von Sehnsucht der kommenden Landreisen zu gedenken und freudig jede Gelegenheit zu ergreifen, der geliebten »Explorer« oder dem »Leviathan«, Jetzt würde es heißen »Great Eastern«. wie wir das Schiff auch scherzweise nannten, den Rücken zuzuwenden. Oft, wenn ich mich weitab vom Fluß entfernt hatte und mit innigster Teilnahme die Gewohnheiten und Neigungen kleiner lebender Wesen beobachtete oder versuchte, die mich umgebenden Szenerien, einzelne hervorragende Bäume oder Sträucher als Skizzen in mein Tagebuch einzutragen, dann erschien mir das schrille Pfeifen, mit dem Freund Carrol »alle Mann an Bord« lockte, als eine wahrhaft grausame Störung. So war es auch an jenem Morgen, als das Dampfboot früher, als ich erwartet hatte, von der Sandbank hinunterglitt und ich aus dem dichten Waldstreifen zurückgerufen wurde. Ich eilte über die sandige Fläche, sprang an Bord, und während ich noch meinen Unmut über die nach meiner Ansicht unzeitige Störung aussprach, erreichte das Fahrzeug das rechte Ufer, wo von neuem gehalten und Holz eingenommen wurde. Trotz der niedrigen Lage des Talbodens und trotz der zahlreichen, aber sichtbaren Sandbänke wurden wir doch von gutem Fahrwasser begünstigt, und es gelang uns, nach einer Reise von ungefähr sieben Meilen das nördliche Ende des fruchtbaren Teils der Ebene zu erreichen. Das Tal dehnte sich von dort ab freilich noch weit gegen Norden aus, doch war es nur noch eine Sandwüste, die den Strom einfaßte und von der die schon vielfach erwähnte Kiesebene ringsum gleichmäßig anstieg. Einen merkwürdigen Anblick gewährten eine Reihe schwarzer vulkanischer Hügel, die sich namentlich auf dem rechten Ufer, zwischen den farbigen Felsenketten und dem Fluß, auf der schiefen Fläche erhoben. Sowohl ihrer Farbe als auch ihrer äußeren Form wegen standen sie im grellsten Widerspruch mit ihrer ganzen Umgebung. Sie schienen gleichsam dort nicht hinzugehören, und ich glaube diese eigentümlichen Erscheinungen nicht verständlicher beschreiben zu können, als wenn ich sie mit den Rücken und Schultern kolossaler Elefanten und Mastodonten vergleiche, die eben im Begriff stehen, aus der ungestörten Fläche aufzutauchen. Lieutenant Ives und seinen Ingenieuren waren diese Berge nicht wichtig genug, um sie mit einem Namen zu belegen, weshalb Dr. Newberry und ich uns veranlaßt fühlten, sie Elefantenberge zu taufen. Wir übernachteten auf dem linken Ufer unter einer prachtvollen Gruppe grüner Cottonwood-Bäumen. Während des ganzen Tages hatte uns diese schon auf das einladendste entgegengeschimmert, und als die Sonne einzelne Bäume mit ihrem vollsten Glanz übergoß, andere dagegen in den Schatten ersterer verhüllte, da war es, als ob ein edler Stein in der grauen Wüste leuchte und mit unwiderstehlicher Gewalt die Blicke anziehe. Unser Wunsch ging also in Erfüllung; wir erreichten die schöne Baumgruppe gegen Abend, und mit einer wahren Wollust trafen wir unsere Vorkehrungen, endlich wieder einmal unter grünenden Bäumen zu schlafen. Einfacher Art sind oft die Freuden, welche die Natur dem Reisenden gewährt, doch wo spärliches organisches Leben die Aufmerksamkeit fesselt, da lernt der Mensch, sich andächtig vor der erhabenen Macht zu neigen, die sich in dem kleinsten entfaltenden Blättchen, in den zartesten Keimen der Halme offenbart, und geregelt wird seine Verehrung, die er fast unbewußt beim Anblick einer aufs verschwenderischste geschmückten Naturumgebung empfindet. Den schönen Bäumen zu Ehren wurde das Tal Cottonwood Valley genannt; hätten wir mit der Benennung bis zu unserer Rückkehr gezögert, so würde vielleicht der Name »Tal des Überflusses« entstanden sein, denn nachdem wir das Ende der Schiffbarkeit des Stroms erreicht hatten, langsam stromabwärts trieben und hungrig und krank abermals unter den freundlichen Bäumen lagerten, wurden wir von unserem Train gefunden, der uns wieder mit einem Überfluß von guten und nahrhaften Speisen versah. Nur einige Mohave-Familien bewohnten das Cottonwood-Tal; ebenso wie die südlicher lebenden waren sie den Weißen freundlich gesinnt und bewiesen es hinlänglich dadurch, daß sie uns mit Fischen versahen. Selbst als wir uns weiter oberhalb tief im Gebirge befanden, folgten sie uns mit ihren Netzen nach und bezogen manche Schnur Glasperlen von uns für die Erfolge ihrer Fischerei. Nicht ohne ein Gefühl des Bedauerns verließen wir am 27. Februar die gartenähnliche Baumgruppe, denn so weit wir das Land vor uns übersehen und zu beurteilen vermochten, sollten wir es von nun ab nur noch mit starren Gebirgsmassen und dürren Sandstrichen zu tun haben. Stromschnellen hemmten anfangs unsere Reise, ebenso umfangreiche Inseln, um die herum jedesmal erst der für das Fahrzeug hinreichend tiefe Kanal gesucht werden mußte. Auf solche Weise zurückgehalten, brachten wir unseren Tagesmarsch nur bis auf drei Meilen, doch war dies weit genug, um uns mitten in die Wüste hineinzuführen, in der nicht soviel Holz gedieh, wie zur Heizung unserer Maschine notwendig war. Eine sehr schöne Aussicht erhielten wir an diesem Tag auf das hohe Gebirge hinter uns, an dessen Fuß wir eine Woche früher Jessup's Halt überschritten. Dasselbe bot, von Norden aus gesehen, eine hervorragende Gruppe mit durchaus malerischen Linien und Formen. Iretéba, dem es nicht entging, daß wir unsere Aufmerksamkeit den mächtigen Gebirgsmassen zuwandten, teilte uns bereitwillig mit, daß dieser Berg für die Eingeborenen des Colorado Tals eine besondere Bedeutung habe, da er der Aufenthaltsort aller Seelen der dahingeschiedenen Mohaves sei; sein von den Coco-Maricopas erschlagener Bruder befinde sich schon dort, und er selbst würde dereinst auch in diesen Berg einziehen. Daraus, daß der gutmütige Indianer seinen Bruder an jenen Ort versetzt glaubte, zog ich den Schluß, daß der Berg nur den guten Menschen als letzte Heimat angewiesen sei; jedenfalls war dies das einzige Mal, daß ich von einem der dortigen Eingeborenen eine aus freien Stücken gegebene Anspielung auf das Fortleben der Seele vernahm. Lieutenant Ives legte dem Gebirge den Namen »Berg der Toten« zu. Ein anderer, unbedeutenderer, aber auch abgesonderter Berg, dessen Fuß wir gegen Abend erreichten, wurde nach Jefferson Davis, dem früheren Kriegsminister der Vereinigten Staaten, Mount Davis genannt. Mehrfach suchte ich Lieutenant Ives zu überreden, zu indianischen Namen seine Zuflucht zu nehmen, doch erklärte er sich entschieden gegen so heidnische Bezeichnungen, die niemand weder zu buchstabieren noch auszusprechen vermöge; sogar als ich die Namen Iretéba und Kairook aus Pietät für die bald dahinschwindenden Nationen als Denkmal auf Berge zu übertragen wünschte, machte er Einwände, die mir damals sowenig wie jetzt einleuchteten. Gegen Mittag erreichten wir eine Schlucht, die nicht durch zusammengedrängte Felsmassen gebildet war, sondern wo sich der Strom seinen Weg durch einen felsigen Teil der Hochebene hindurchgewühlt hatte. Die Wände erhoben sich ebenfalls senkrecht aus dem Wasser, doch nur bis zu einer Höhe von etwa sechzig Fuß, und sie bestanden nicht wie bei früheren Gelegenheiten aus horizontalen Schichten von Konglomerat und Kies, sondern im wildesten Durcheinander wechselten zu beiden Seiten blauschwarze Lava- und Trachytmassen, grellfarbige Porphyrsäulen, graue Konglomerate und bunter Sandstein. Wir hatten überhaupt auf der Strecke von einer halben Meile oder der ganzen Länge des Cañons ein so merkwürdiges Farbenspiel vor Augen, wie wir es nur an den Riverside Mountains zu beobachten Gelegenheit fanden, und mit Rücksicht darauf wurde jenem Punkt der Name »Painted Cañon« oder »Gemalte Schlucht« beigelegt. Mit einer kurzen Biegung gegen Osten endete die Schlucht; die niedrige Sandeinfassung war wieder vorherrschend, und wir hatten an dieser Stelle das eigentümliche Schauspiel eines scheinbar schiefen Wasserspiegels vor uns. Die Täuschung entstand wohl teils infolge der Strömung, indem, durch die kurzen Windungen des Flußbettes veranlaßt, das Wasser von den Felsen zurückprallend einen zweiten Kanal bildete, der sich mit dem ersten zu einer breiten Fläche vereinigte, jedoch in entgegengesetzter Richtung an diesem hineilte. Dann aber auch spiegelte sich die schiefe Ebene in den Fluten, und zwar in einer Weise, daß die Fläche des Stroms als eine Fortsetzung des sich gegen Westen zu senkenden Bodens erschien. Beim ersten Anblick traute ich kaum meinen Augen, doch erhielt ich Beweise genug, daß unsere Gesellschaft dem Eindruck dieser Täuschung unterworfen war. Bald darauf fuhren wir westlich am Mount Davis vorbei, dessen lavaartige Abhänge bis an den Fluß reichten, und wiederum schlug das Brausen starker Stromschnellen an unser Ohr. Ehe wir indessen einen Blick auf die sich laut verkündenden Hindernisse gewannen, wurden wir gewahr, daß sich der Strom in zwei Arme teilte, aus denen beiden uns das Wasser mit gleicher Heftigkeit entgegeneilte. Auch in der Breite war kein wesentlicher Unterschied bemerkbar, und so ließ sich denn Kapitän Robinson in der Wahl der einzuschlagenden Richtung von der äußeren Erscheinung des Wassers leiten und steuerte das Boot in den östlichen Arm, wo sich trotz der bald sichtbaren Schnellen tieferes Fahrwasser verriet. Nur eine kurze Strecke zogen wir noch an dem rechten Ufer dahin; durch das heftig andringende Wasser arbeitete sich die »Explorer« zwar noch hindurch, doch über die gefährliche Bank von Kies und Geröll, die den Flußarm in seiner ganzen Breite verstopfte und die an den tiefsten Stellen von kaum zehn Zoll Wasser bedeckt war, sahen wir keine andere Möglichkeit, hinüberzugelangen, als nach Erleichterung des Fahrzeugs. Wir landeten daher und befanden uns dort, wie sich bald erwies, auf einer großen runden Insel, deren Sand- und Kiesanhäufungen mit großen Massen von Treibholz bedeckt waren; hin und wieder wucherten kleine Gruppen von Weidengesträuch auf den feuchteren Stellen, drei oder vier mißgestaltete Cottonwood-Bäume am Rand des Wassers neigten ihre halbverdorrten Kronen den eilenden Fluten zu, doch im übrigen verdiente die Insel ebenso wie die angrenzenden Ländereien den Namen einer dürren, beängstigenden Wildnis. Wir waren nunmehr schon im Bereich der Payute- oder Pai-Ute-Indianer. Die neuesten Zeichen von Eingeborenen, die wir auf der Insel entdeckten, waren schon mehrere Monate alt, doch warnten Iretéba sowohl wie Mariando uns wiederholt, indem es wohl anzunehmen sei, daß viele dieser wilden Gebirgsbewohner uns von ihren Schlupfwinkeln aus beobachteten und nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, um ihre verräterischen Absichten an uns oder einzeln umherstreifenden Mitgliedern der Expedition auszuführen. Wir verdoppelten daher unsere Wachsamkeit, und außer unseren Soldaten, deren Zahl sich nur auf fünfzehn Mann belief, erhielten auch die Arbeiter und Bootsleute Befehl, sich an den nächtlichen Wachen zu beteiligen. Für den Rest der Reise wurden diese Vorsichtsmaßregeln nicht wieder vernachlässigt, und wenn uns auch raubgierige Horden umschwärmten, was ich jetzt bei ruhigem Nachdenken und Zusammenstellen von Umständen nicht mehr bezweifle, so wagten dieselben sich doch nie in unsere Nähe, wo ihnen bei der Wachsamkeit unserer Leute gewiß ein verderblicher Empfang zuteil geworden wäre. Der Abend hatte sich allmählich eingestellt, die Insel war nach allen Richtungen hin durchforscht worden, und mit einem gewissen Gefühl der Sicherheit lagen wir am Rand des sandigen Ufers und ergötzten uns an der überaus schönen Beleuchtung des vollen Mondes, welche dieser Wüste sogar einen so eigentümlichen Reiz verlieh. Auf meinen einsamen Wanderungen – die mich vielfach in die ödesten und unwirtlichsten Winkel im Innern des amerikanischen Kontinents führten, habe ich häufig empfunden, daß besonders zur nächtlichen Stunde die Umgebung dann am unheimlichsten erscheint, wenn kein Geräusch, weder das Geheul beutesuchender Tiere noch das kaum vernehmbare Lispeln des Windes zwischen Blättern und Halmen, die allgemeine Stille unterbricht. Es ist wie das Bild des Todes, und gespannt lauscht man auf das geringste Lebenszeichen der Natur; selbst das Gekläff der Füchse und Kojoten wird mit einer Art Freude begrüßt, und es raubt schon viel von dem Gefühl, dem man durch den Gedanken an eine unendliche Einsamkeit leicht anheimfällt. Befindet man sich in solchen Wüsten in der Gesellschaft von Menschen, und dazu noch in der Mitte fröhlicher Kameraden, so schwindet allerdings der Eindruck, den eine scheinbar leblose Naturumgebung auf den einzelnen zurücklassen würde. Eine ähnliche Stille ruhte auch an jenem Abend auf der ganzen Landschaft; das Brausen des fallenden Wassers drang wohl deutlich an unser Ohr, doch waren wir an ein derartiges Brausen schon so sehr gewöhnt, daß uns deshalb auch nicht das leiseste Geräusch entgangen wäre. Auf eine andere, lieblichere Weise als durch den heiseren Ruf des Uhus oder das Geheul der wilden Bestien offenbarten sich uns in dieser feierlichen Ruhe inmitten der schrecklichen Wüste Leben und rastloses Wirken der Natur. Vor uns lag der Mount Davis; schwarz und scharf zeichneten sich seine unregelmäßigen Außenlinien auf dem monderleuchteten Himmel ab, während der Mond selbst, noch tief verborgen hinter den dunklen Felsmassen, sich langsam ihrem oberen Rand näherte. Westlich von uns in der Ferne erhoben sich hohe Gebirgszüge; in bläulichem Licht schwammen die Kuppen, die über den Mount Davis hinwegzuschauen vermochten, während schwarze Schatten die Abhänge und die Kiesebene verhüllten. Auch wir befanden uns in tiefem Schatten und beobachteten mit Aufmerksamkeit die milde Beleuchtung der Höhen, die das Dunkel verdrängend an den Abhängen hinunterglitt und, auf der Ebene angekommen, mit verdoppelter Schnelligkeit auf uns zueilte. Deutlich traten die Senkungen und Unregelmäßigkeiten des Bodens hervor; Schatten verschwanden, neue Schatten entstanden; die Büsche auf dem rechten Ufer des Stroms kleideten sich in unbestimmtes Licht, hell schimmerten die langen, gebleichten Treibholzstämme, und fast mechanisch wandten sich jetzt die Blicke nach dem Gipfel des Mount Davis, wo ein milchweißer Dunstkreis die Stelle bezeichnete, an der uns zwischen zerklüftetem Gestein der Mond sichtbar werden sollte. Wie ein strahlender Stern drängte er sich jetzt aus einer Spalte hervor, er wuchs schnell, und bald trennte sich die volle Scheibe des Mondes von den schwarzen Felsen, sich tausendfach spiegelnd in den Wellen des bewegten Colorado. Die Abhänge des Mount Davis aber blieben im tiefsten Schatten liegen, und spät erst, als wir uns in die Zelte zurückzogen, begann der höher steigende Mond die Schluchten und Klüfte zu erhellen. Der 28. Februar, ein Sonntag, wurde wiederum zur allgemeinen Rast bestimmt und würde gewiß durch die Wärme, die bis auf 80° Fahrenheit stieg, ein angenehmer Tag gewesen sein, wenn sich nicht ein starker Wind erhoben hätte, der auf die mutwilligste Weise den leichten Flugsand gleichsam aus allen Winkeln zusammensuchte und wie toll auf der Insel umherwirbelte. Die Wassergrenze, die uns von allen Seiten umgab, schnitt uns größere Ausflüge ab, und so waren wir denn gezwungen, in unseren Zelten der trägen Ruhe zu pflegen. Unsere Indianer gingen von einem zum anderen, und indem sie sich selbst die Zeit zu verkürzen suchten, verschafften sie auch uns einige Unterhaltung, die um so willkommener war, als Sand und Staub uns von ernsteren Beschäftigungen abhielten. So teilte uns unter anderem Iretéba mit, daß die Mormonen auch schon bei den Mohaves mit ihren Bekehrungsversuchen den Anfang gemacht und mehrere dieses Stammes – unter ihnen Kairook und Navarupe – getauft hätten. Mariando übersetzte uns Iretébas Erzählungen Wort für Wort, und beide schienen aus dem Lachen nicht herauskommen zu können, als sie uns umständlich die Szene beschrieben, in der die neuen Anhänger des Mormonentums von ihren Bekehrern mit dem Kopf im fließenden Wasser untergetaucht worden waren. Navarupe kauerte in unserer Mitte, hörte mit halb verschämten Gesicht die Unterhaltung an und versicherte, daß er trotz des mehrfachen Untertauchens noch lange kein Mormone sei. Überhaupt schien dieses Verfahren, das den Getauften jedesmal zum Gegenstand allgemeiner Verspottung bei seinem Stamm machte, den Mormonen bei der Verbreitung der neuen Lehre eher nachteilig als fördernd gewesen zu sein, denn ich erinnere mich nicht, einen einzigen getauften Eingeborenen gesehen zu haben, der an diese Zeremonie anders, als an einen groben Scherz gedacht hätte. Angenehm war es uns, zu bemerken, wie besorgt unsere Dolmetscher für unsere Sicherheit waren, denn obgleich sie selbst bei einem Überfall keine sonderliche Gefahr liefen, hörten sie doch nie auf, uns vor den Pai-Utes als den Verbündeten der Mormonen zu warnen. Gemäß einer Verabredung, die Lieutenant Ives mit Lieutenant Tipton getroffen hatte, ließen wir an diesem Abend zur bestimmten Stunde zum erstenmal in Abständen von zehn Minuten drei Signalraketen steigen. Wir alle schauten zu derselben Zeit gegen Süden, doch vergeblich – keine Antwort zeigte sich am nächtlichen Horizont, und wir mußten daher annehmen, daß der Train das Tal der Mohaves noch nicht erreicht hatte und wir noch längere Zeit auf Bohnen und Mais als unsere nunmehr fast einzige Nahrung angewiesen bleiben würden. Die Folgen dieser Lebensweise, die besonders durch den Mangel an Salz widerwärtig wurde, zeigten sich immer deutlicher unter unseren Leuten, denn nicht nur Magenkrankheiten stellten sich ein, sondern auch der Skorbut begann das Zahnfleisch einzelner anzugreifen und sich auf der Haut des Körpers in Flecken auszuprägen, und diesem Umstand ist es allein zuzuschreiben, daß wir so großen Wert auf Gegenstände legten, deren wir unter anderen Verhältnissen wohl kaum gedacht haben würden. In der Frühe des folgenden Tages begannen unsere Leute damit, die Fracht mittels des Ruderbootes einige hundert Schritt stromaufwärts zu schaffen und am Ufer aufzustapeln. Auch das Wasser wurde aus dem Dampfzylinder gepumpt, wodurch der Tiefgang des Bootes auf fünfzehn Zoll zu stehen kam. Doch trotz dieser Erleichterung nagten die scharfen Kiesel an dem eisernen Boden, und der ganze Tag verging, ehe es gelang, die ihrer Dampfkraft beraubte »Explorer« wieder in tiefes Wasser zu bringen. Unsere Reise beschränkte sich daher auf etwa zweihundert Schritt und unsere Erfahrungen auf das, was wir eben auf unseren Spaziergängen auf der Insel zu beobachten imstande waren. Ein Paar Spechte hatte sich dorthin verirrt, und ich war so glücklich, das männliche Exemplar für meine Sammlung zu erbeuten. Sonst erblickte ich nichts von lebenden Wesen, selbst Mäuse und Eidechsen schienen dort selten zu sein, was ich mit der niedrigen Lage der Insel und den häufigen Überschwemmungen in Zusammenhang brachte. Wie am vorhergehenden Abend sandten wir, nachdem die Dunkelheit eingetreten war, drei Raketen empor, und wie an beiden vorhergehenden Abenden beobachteten wir zur späteren Stunde den prachtvollen Aufgang des Mondes, und zwar immer mit derselben bewundernden Andacht; denn ein Naturschauspiel, sooft es sich auch wiederholen mag, bleibt für den fühlenden Menschen ewig neu, frisch und anziehend. Am 2. März in der Frühe verließen wir endlich die Insel Round Island, und da wir nur auf solche Stromschnellen stießen, die uns eine freie Bewegung gestatteten, legten wir sogleich sieben Meilen ohne erhebliche Unterbrechung zurück. Der Mount Davis blieb rechts von uns liegen, buntfarbige Felsmassen von geringerer Höhe drängten sich zu beiden Seiten bis an den Strom und wechselten mit den hohen, wallförmigen Überresten der Kiesebene ab, die, solange und vielfach wir diese auch beobachtet hatten, nicht die geringste Veränderung in ihrem äußeren Charakter zeigte. Seltener wurden aber die grünen Weidenbüsche, die sich wenige Meilen unterhalb noch reihenweise in den Fluten spiegelten, und trostloser erschien die nackte Wildnis mit ihren phantastisch geformten Gebirgszügen, den dürren Flächen und dem lehmfarbigen Strom, der bald wild schäumend, bald kaum merklich fließend die größte Aufmerksamkeit unseres kundigen Steuermanns erforderte. Sieben Meilen waren wir also schon gereist. »Wenn es so fortgeht, dann befindet sich das Ende der Schiffbarkeit des Stroms noch ferne von uns.« So sprachen wir, und gleich darauf, bei einer Biegung, lag unser Fahrzeug wieder regungslos auf einer Kiesbank, und wiederum ging der Rest des Tages mit Ausladen, Winden und Einladen dahin. Viel Schwierigkeit machte es uns jetzt schon, einen hinreichenden Vorrat an Brennholz zu erhalten, und oft war Kapitän Robinson genötigt, Leute im Ruderboot ans Ufer zu senden, um einen einzeln stehenden Baum oder einige Stücke Treibholz herbeizuholen. Wir landeten auf dem linken Ufer an einem schmalen Sandstreifen, der sich am Fuß der 200 Fuß hohen Kiesberge hinzog. Die Sonne stand noch ziemlich hoch, und neugierig, etwas von dem Terrain, das vor uns lag, kennenzulernen, begaben sich mehrere von uns auf den Weg, die nächsten Höhen zu ersteigen. Ich folgte einem alten Indianerpfad, der mich an einer Stelle auf das Hochland führte, wo sich eine weite Aussicht auf die verworrenen Gebirgszüge bot und zugleich auch der Fluß auf eine Strecke sichtbar blieb. Unbeschreiblich ist die Einsamkeit, die dort oben herrschte; alles ringsum war tot und starr, die trachytischen Gebirge mit ihren domähnlichen Auswüchsen wie die graue, ansteigende Ebene mit ihren Rinnen und tiefen Einschnitten; und über dies alles hin wölbte sich der lichtblaue, mit Abendrot geschmückte Himmel in seiner unvergleichlichen Klarheit. Die scheidende Sonne sandte ihre Strahlen nach dem Gipfel der Berge hinüber, wie glühend schimmerten die Lichtreflexe, doch die Landschaft belebten sie nicht. Ist es möglich, daß hier Menschen leben? dachte ich, als ich auf dem kaum sichtbaren Pfad dahinschritt und eine kleine, im Halbkreis roh aufgeführte Mauer entdeckte. Die etwa zwei Fuß hoch übereinanderliegenden Steine schlossen einen Raum ein, auf dem zwei zusammengekauerte Menschen notdürftig Platz finden konnten, und das Ganze war augenscheinlich als Versteck und zum Spähen hergestellt worden. Im Inneren des nestähnlichen Mauerwerks hatten die Erbauer sorgfältig alle kleinen scharfen Steine vom Boden entfernt, um ihren nackten Körpern dadurch eine bequemere Lage zu verschaffen. Als ich in die nächste Schlucht hinabstieg, traf ich mit meinen Kameraden zusammen, die emsig beschäftigt waren, Blumen in den feuchten Ritzen und Spalten des Gesteins zu suchen. Ich gesellte mich zu ihnen; auch auf mich machten die Blumen, die, von nur wenig grünen Blättern umgeben, dem unfruchtbaren Boden entsproßten, einen angenehmen Eindruck, und wie jene botanisierte ich bis zum Einbruch der Dunkelheit. Am 3. März legten wir fünf Meilen zurück und verbrachten die Nacht auf dem linken Ufer. Nur wenig Gelegenheit fanden wir, die Tagebücher durch Notizen über Beobachtungen zu bereichern. Wir erblickten hart am Wasser wiederholt die merkwürdigen Kieswälle, die zuweilen lebhaft an die grauen Ruinen mittelalterlicher Bauwerke erinnerten. Im Hintergrund dagegen ragten die prächtigsten vulkanischen Bergformationen empor, reich an malerischen Linien und an schönen Farben; im Spiegel des Stroms aber, wie auch in der Wirklichkeit, lagen die stets wechselnden Bilder einer wüsten, in ihrer Wirkung auf das Gemüt indes erhabenen Natur vor uns. Mit vieler Mühe gelangten wir am 4. März zweieinhalb Meilen weiter, und am 5. beschränkte sich unsere Reise sogar auf eine halbe Meile; als wir dagegen am 6. zur gewöhnlichen Stunde das Ufer verließen, befanden wir uns sogleich in gutem Fahrwasser, und mit voller Dampfkraft arbeitete sich die kleine »Explorer« stromaufwärts. Wir saßen auf der Plattform und richteten unsere Blicke auf die furchtbaren Felsmassen, die sich bis zu tausend Fuß hoch senkrecht erhoben und die uns den Anfang des vielfach besprochenen und verschrienen Cañons bezeichneten. Das Strombett verengte sich bedeutend, und an dem dumpfen Getöse, mit dem die Schaufeln des Rades in die Fluten tauchten, vermochten wir die ungewöhnliche Tiefe zu erkennen, über die wir hinglitten. In dem Maß, in dem die Felsen zu beiden Seiten näher zusammenrückten, verstärkte sich auch die Strömung, die zu bekämpfen größere Dampfkraft erzeugt werden mußte. Äußerst willkommen war es uns daher, als wir in einem von Felsen gebildeten Winkel mehrere abgestorbene Bäume erblickten, die uns einen reichen Vorrat an Brennholz lieferten; eine Aushilfe, auf die wir in der sich vor uns öffnenden Schlucht nicht rechnen durften. Wir landeten, und ich benutzte die dadurch gebotene Zeit, um mir eine Skizze von dem Felsentor zu sichern, das in der Entfernung von einigen hundert Schritt vor uns lag. Die ersten Felswände überstiegen kaum die Höhe von dreihundert Fuß, doch hinter diesen hoben sich immer neue, überhängende Massen schwarzen, vulkanischen Gesteins, die, von der Morgensonne beleuchtet, dunkle Schatten weithin über den Strom warfen. Zwei Meilen hatten wir schon zurückgelegt, doch aufgemuntert durch die Tiefe des Stroms, glaubten wir noch weit in den Cañon eindringen zu können, ehe die einbrechende Nacht uns zum Halten zwingen würde. Nachdem das Holz eingeladen war, nahmen wir voll der besten Hoffnungen unsere Plätze ein. Egloffstein und Bielawski thronten nach alter Weise auf dem Radkasten, Robinson fegte mit seiner Steuerstange fast über das ganze Dach der Kajüte, und Dr. Newberry, Lieutenant Ives und ich saßen auf Kisten, hart am Rand der Plattform, so daß wir eine freie Aussicht auf die Szenerie vor uns behielten, zugleich auch den Kapitän nicht in seiner wichtigen Arbeit hinderten. Hell beschien uns noch die Sonne; ein kühler, feuchter Luftzug strömte uns aus der schattigen Schlucht entgegen und kräuselte die Fluten, welche durch die Spiegelung der schwarzen Felswände eine dunkle Farbe angenommen hatten. Immer neues trockenes Holz wurde in den Ofen geschoben, der Dampf zischte, und mit voller Gewalt wälzte er das Rad um, das im Kampf gegen die heftige Strömung den gelben Schaum hoch emporspritzte. Wir erreichten endlich das Tor; eine Stromschnelle hemmte dort den Lauf der »Explorer«, doch auf den tiefen Stellen sich hin und her windend, überwand sie glücklich das Hindernis, und gleich darauf vernahmen wir von dem Mann mit der Meßstange die Worte: »Kein Boden!« »Bravo!« hieß es von allen Seiten; das Boot glitt weiter. »Kein Boden!« erschallte es wieder; die Schatten der hohen Felswand bedeckten uns, weithin vermochten wir die Stromesfläche zu überblicken, und uns zur Fahrt durch den Cañon Glück wünschend, beobachteten wir mit festem Vertrauen den Mann, der vorn auf dem Rand des Bootes stand und unablässig die Tiefe des Wasser untersuchte. »Kein Boden!« hieß es nochmals, doch kaum war das letzte Wort verhallt, als ein furchtbarer Stoß das in seinen Fugen krachende Dampfboot erschütterte und zugleich die grenzenloseste Verwirrung folgte. Von dem, was in den nächsten Augenblicken vorging, sah ich nichts, und ich erzähle hier nur das, was ich den Mitteilungen jedes einzelnen entnahm. Das Boot war mit voller Gewalt auf einen verborgenen Felsen gerannt, und der Mann mit der Meßstange war durch den Stoß über Bord geschleudert worden. Die Leute neben dem Dampfzylinder hatte die Erschütterung samt dem Brennholz übereinandergeworfen; der Heizer, eben im Begriff, die Glut zu schüren, war mit dem Kopf ins Ofenloch gefahren; Dr. Newberry, Lieutenant Ives und ich, die wir nebeneinander saßen, hatten unsere Stellung insoweit verändert, daß wir uns in ähnlicher Ordnung wie oben, aber mit dem Kopf nach unten und die Kisten auf uns, an dem Boden des Fahrzeugs wiederfanden; Egloffstein und Bielawski waren vom Radkasten hinunter auf die Plattform geschleudert worden, und in der Mitte lag der ebenfalls niedergestürzte Kapitän Robinson. »Rette sich, wer kann!« hieß es jetzt, denn einzelne Teile der Maschinen hatten sich verbogen, heißer Dampf entströmte den geöffneten Fugen, drohte die beschädigten Röhren vollständig zu sprengen und alle sich in der Nähe Befindlichen aufs gräßlichste zu verbrühen. Wir drei, die wir von oben heruntergestürzt waren, lagen gerade unterhalb der gefährlichsten Stellen; doch schnell wie ein Gedanke sprangen wir unter Kisten und Koffern hervor, kletterten an der Außenseite des Bootes herum, und kaum fünf Sekunden nach dem Stoß befanden wir uns wieder auf der Plattform und suchten von unseren Sachen soviel wie möglich zu retten, weil wir jeden Augenblick erwarteten, das Fahrzeug in die Tiefe sinken zu sehen. Kapitän Robinson hatte indessen seine Kaltblütigkeit nicht verloren, und nachdem er sich durch einen Blick überzeugt hatte, daß das Boot nicht sogleich sinken würde, versuchte er es nach einer etwa fünfundzwanzig Schritt weit entfernten Sandbank hinüberzusteuern, die in Verbindung mit dem felsigen Ufer stand. Die Maschinerie war indessen in Unordnung geraten, denn als Carrol die zischenden Dampfröhren öffnete, drohte das aus seiner Lage gerissene Rad die ganze Kajüte zu zerschmettern. Dem Dampf wurde daher schleunigst ein Weg ins Freie gebahnt und die ganze Aufmerksamkeit dem Ruderboot zugewandt, in denen auf den Befehl des Kapitäns ein Teil der Bemannung mit Stricken ans Ufer geeilt war, um das Dampfboot in seichteres Wasser und wenn möglich ganz in Sicherheit zu bugsieren. Langsam folgte die »Explorer« den vereinten Anstrengungen der Leute, und während der Kahn zwischen dem Ufer und dem Dampfer hin und her flog, um die des Schwimmens unkundigen Leute zuerst zu retten, trafen wir auf der Plattform schnell Vorkehrungen, um dem gänzlichen Verlust unserer Sammlungen vorzubeugen. Wir schnürten nämlich Fischleinen mit dem einen Ende an die gefüllten Kisten und versahen das andere Ende mit einem leicht schwimmenden Stückchen Holz, um dadurch Mittel an der Hand zu haben, die etwa versinkenden Gegenstände wiederfinden zu können. Tagebücher und Zeichnungen befestigten wir an unserem Körper, etwas Munition wurde unter den Hut geschoben, und mit der Büchse in der Hand standen wir am Rand der Plattform, um im entscheidenden Augenblick das Weite zu suchen. Doch die »Explorer« hielt sich über Wasser; Zoll für Zoll näherte sie sich dem Ufer, und mit einem gewissen Wonnegefühl hörten wir endlich den Sand unter den eisernen Planken knirschen. Mochte das Boot auch zur ferneren Reise unbrauchbar geworden sein, so hatten wir doch keinen Verlust an Menschenleben oder an unseren Sammlungen erlitten, und noch im Besitz von Lebensmitteln, waren wir imstande, die Ankunft des Trains zu erwarten. Anders würde es für uns ausgesehen haben, wenn das Boot in 16 bis 20 Fuß Wasser gesunken oder der Unfall uns tief in der Schlucht zugestoßen wäre, wo sich schwerlich eine rettende Sandbank zu unserer Aufnahme gezeigt hätte. Für den Augenblick hatten wir nur den Doktor zu beklagen, der mit der Brust auf die Dampfröhre gefallen war und eine innere Verletzung befürchtete. Glücklicherweise bestätigten sich unsere Besorgnisse nicht, und in einigen Tagen hatten wir die Freude, unseren Doktor wieder von den schmerzhaften Folgen des Sturzes befreit zu sehen. Wir befanden uns also auf der sandigen Fläche, die einen Winkel in den verworrenen Felsmassen des rechten Ufers ausfüllte. Es war ein trostloser Aufenthaltsort, den der Zufall uns angewiesen hatte, denn wo nicht tiefer Sand unsere Schritte hemmte, da lag scharfes, vulkanisches Geröll, und wo festerer Boden das Gehen einigermaßen erleichtert hätte, da wucherten dornige Mesquitebäume. Brennholz fehlte ganz, und von Glück konnten wir sagen, vor der Einfahrt in die Schlucht noch einen Vorrat desselben eingenommen zu haben, der uns jetzt trefflich zustatten kam. Unsere Weiterreise war nunmehr vorläufig abgeschnitten, und so mußten wir denn mit allem so vorliebnehmen, wie es uns geboten wurde, und uns mit der Hoffnung auf bessere Zeiten begnügen. Kaum lag die »Explorer« an dem sandigen Ufer und kaum hatte sich die erste Aufregung etwas gelegt, als auch wieder rüstig ans Werk geschritten wurde, vorläufig den eigentlichen Umfang des Unglücks kennenzulernen. Kapitän Robinson ließ vor allen Dingen die ganze Fracht sowie alle losen Gegenstände aus dem Dampfboot entfernen und es stellte sich dann nach einer genauen Untersuchung heraus, daß einige Fugen sich allerdings dem Wasser geöffnet hatten, daß aber unbegreiflicherweise der Rumpf nicht so beschädigt war, daß er nicht hätte mit Leichtigkeit ausgebessert werden können. Anders verhielt es sich mit der Maschine, denn es bedurfte bei dieser Carrols ganzer Geschicklichkeit, um sie wieder in brauchbaren Zustand zu versetzen. Weitere Arbeiten wurden an diesem Tage nicht mehr vorgenommen, und nur mit viel Mühe gelang es uns, bei dem heftig wehenden Wind die Zelte auf dem sandigen Boden zum Stehen zu bringen. Der Abend rückte heran, und deutlich trat bei der ganzen Expedition eine Verstimmung zutage, die wohl hauptsächlich aus dem krankhaften Befinden der meisten entsprang und durch den Gedanken, längere Zeit in dem abgeschlossenen Winkel ausharren zu müssen, bedeutend gesteigert wurde. Am folgenden Tag aber, dem 7. März, war dieser Gedanke schon wieder zur Gewohnheit geworden; das milde Wetter mochte dazu beitragen, vielleicht mehr aber noch eine angemessene Beschäftigung, der diejenigen, die es nicht vorzogen, den ganzen Tag über ruhig auf dem erwärmten Sand liegenzubleiben, sich ganz nach Wohlgefallen hingeben konnten. Dr. Newberry und ich, die wir reichlich mit Fischgerätschaften versehen waren, teilten nämlich Angeln und Schnüre an die Leute aus, und in der Tat erblickten wir auch bald nachher vielfach Gestalten, die wie versteinert auf dem Ufer standen oder saßen und unermüdlich ihre Blicke auf die Angelschnur gerichtet hielten. Leider erfreuten sich die Fischer nur eines geringen Erfolgs, was nach einigen Tagen ein teilweises Einschlafen der künstlich hervorgerufenen Leidenschaft bewirkte. Die Wachsamkeit, zu der unsere Indianer beständig mahnten, wurde übrigens keinen Augenblick vernachlässigt, im Gegenteil noch gesteigert, denn wenn wir wirklich an jenem Punkt von den Mormonen und den von ihnen geführten Eingeborenen angegriffen wurden, so steckten wir in einer äußerst bedenklichen Lage, indem wir als einzige Deckung nur die umherliegenden Felsblöcke und die eisernen Wände des Dampfbootes sowie der Maschine besaßen, während unsere Feinde imstande gewesen wären, mit wenigen guten Büchsenschützen die Zacken und Klüfte der nahen Felsen in Festungen umzuwandeln und von dort aus mit Sicherheit auf uns zu schießen. Wir stellten daher unsere Haubitze an geeigneter Stelle auf, legten einige Dutzend Kartätschenpatronen in deren Nähe, und auf diese Weise mit der ganzen uns zu Gebote stehenden Macht gerüstet, blickten wir, auf unser gutes Glück bauend, furchtlos in die Zukunft. Lieutenant Ives' nächster Plan war, die Schlucht vor uns, die den Namen »Black Cañon« erhielt, mittels des Ruderbootes untersuchen zu lassen. Wenn wir auch wirklich das Ende der Schiffbarkeit des Colorado schon erreicht hatten, woran niemand mehr zweifelte, so war ein solches Unternehmen von um so größerer Wichtigkeit für unsere Expedition. Da nun Lieutenant Ives sich selbst an der Fahrt zu beteiligen beabsichtigte und stündlich auf Nachricht von Peacock und dem Train hoffte, so wurde die Ausführung dieses Plans noch einige Tage verschoben. Obgleich warmes Wetter uns begünstigte und wir vielfach kleine Ausflüge in die nahen Felsregionen unternahmen, so schlich uns die Zeit doch über alle Beschreibung träge dahin. Solange die Schatten der über achthundert Fuß hohen Felsen die Sandbank bedeckten, herrschte auf dieser eine empfindliche Kälte; wenn dann in den Mittagsstunden die Sonne mit voller Kraft in unseren abgeschlossenen Winkel hineinstrahlte und ringsum das Gestein erwärmte, dann wurde die Hitze drückend, und zwar so, daß wir zuweilen Bücher und Zeichenmappen zur Seite legten und nach kühlen, schattigen Höhlen zwischen dem zerklüfteten Gestein suchten. Gleich am ersten Tag hatte ich unter einer überhängenden Felswand eine derartige Stelle entdeckt und zugleich auch gefunden, daß diese von den dortigen Eingeborenen benutzt worden war. Die ganze Einrichtung bestand aus dünnen Weidenzweigen, die lagenweise den Boden bedeckten und bei weitem nicht soviel Sorgfalt verrieten, wie ein wildes Tier beim Bau seines Lagers verwendet. Ich war sehr gespannt darauf, einige Exemplare dieser von Grassamen und Wurzeln lebenden Menschen kennenzulernen, doch wurde mein Wunsch erst später erfüllt, als wir den Colorado schon längst verlassen hatten und uns in der Wildnis zwischen dem großen und dem kleinen Colorado befanden. Unsere Umgebung, die aus Felsen von dreihundert bis tausend Fuß Höhe bestand, war durchgehend vulkanischer Art. Die senkrechten Wände, die, aus dem Fluß hoch emporragend, das linke Ufer bildeten, zeigten ungeheure Trapp- und Trachytmassen; auf dem rechten Ufer dagegen reihten sich aneinander in mannigfaltigen Schattierungen buntfarbige Porphyrfelsen und grünlich schimmernder Obsidian; über diese hinaus ragten dann wieder die schwarzen, stufenförmig übereinanderliegenden Schichten von lavaartigem Basalt und Trapp. Auch Granit erblickte ich hin und wieder sowie Quarz in geringen Mengen und in den Bruchstücken des auf der Sandbank umherliegenden Trachytgerölls zahlreiche braune, aber nicht durchscheinende Granaten (Melanit). Nach gewöhnlicher Weise brannten wir des Abends zur bestimmten Stunde die drei Signalraketen ab und spähten zugleich von den Höhen aus nach einer Antwort, doch vergeblich; nichts verriet uns die Nähe der längst erwarteten Hilfe, und etwas beunruhigt über das Geschick derselben, suchten wir die nächtliche Ruhe zwischen unseren mit Sand beschwerten Decken. 8. März. Den Versuch, den ich am frühen Morgen unternahm – zwischen den Felsen und dem Strom tiefer in die Schlucht hineinzuwandern –, mußte ich bald wieder aufgeben. Ich gelangte zwar um den nächsten Vorsprung herum, was ungefähr eine halbe Meile oberhalb des Lagers war, doch erreichte dort die Sandbank, die meinen Weg bildete, ihr Ende, und auf beiden Seiten erhoben sich die Felsen wieder unmittelbar aus dem Wasser, jedes weitere Vordringen auf dem Landweg abschneidend. Aber auch auf dem Wasserweg erblickte ich Schwierigkeiten und Hindernisse, die für die »Explorer« wohl zu mächtig gewesen wären und höchstens nur in einem leichten Ruderboot überwunden werden konnten. An der letzten Ecke, von wo aus ich die südliche Öffnung des Cañons übersehen konnte, setzte ich mich nieder, um eine Skizze des als »Head of the navigation« (Ende der Schiffbarkeit) so wichtigen Punktes zu entwerfen, und wohl war es ein schönes Bild, das dort vor mir lag. Die majestätischen Felsformationen am Colorado habe ich in diesem Werk schon so vielfach zu schildern versucht, daß ich es kaum noch wage, mich in Darstellungen zu ergehen, die notwendigerweise zuletzt als Wiederholungen erscheinen müssen. Wenn auch in der Wirklichkeit der Eindruck, den einander gleichende, ja sich scheinbar wiederholende Naturszenen auf das Gemüt zurücklassen, stets den Reiz der Frische und der Neuheit behält, so sind doch Worte zu arm, um von diesen auch nur annähernd ähnliche Wirkung erwarten zu dürfen. Und wenn es mir auch gelingt, die bis in den blauen Äther hinaufreichenden kolossalen Felswände, die, sich gleichsam zueinander hinneigend, dem wilden Strom ein enges, aber unerschütterliches Tor öffnen, zu verbildlichen – wie sollte ich wohl auf verständliche Weise die Gefühle beschreiben, die durch einen solchen Anblick geweckt werden? Es ist ja nicht nur das regungslose, aber majestätisch übereinandergetürmte Gestein, das zur Bewunderung hinreißt, sondern auch der sonnige Himmel, der sich darüber wölbt und grell kontrastiert mit den tiefen Schatten der Klüfte und senkrechten Abhänge. An jenem Morgen, als ich zeichnend auf der Sandbank saß und die Blicke auf die Öffnung des Cañons richtete, wurde die schöne Aussicht auf liebliche Weise durch den Hintergrund vervollständigt, indem der weithin sichtbare Spiegel des Stroms, strahlend im Sonnenglanz und eingefaßt von lichtgrünen Weidenstreifen, sich in das von hohen Felsen umrahmte Bild hineindrängte; in weiter Ferne erhob sich, eingehüllt in duftiges Blau, der »Berg der Toten« mit all seinen Zacken und Türmen, und gerade unter demselben, auf falscher Flut, lag die kleine »Explorer«. Das Dampfboot verschwand gleichsam in seiner Umgebung, und wie ein Pünktchen erschien es gegenüber so gewaltigen Naturwerken. Als ich meine Arbeit beendet hatte und mich zur Heimkehr ins Lager rüstete, schoß ich meine Büchse ab und erfreute mich an dem Echo, das anfangs den Knall mehrfach wiederholte, dann aber wie ein langgedehnter und allmählich schwindender Donner über dem Wasser hinrollte und den Windungen des Cañons sowie der Nebenschluchten folgte. Sechs kurz hintereinander abgefeuerte Schüsse des Revolvers verstärkten die Wirkung des Echos auf zauberische Weise, doch als wir im Lager einen Schuß aus der Haubitze in die Schlucht hineinsandten, da schien es, als ob die Felsen in ihren Grundfesten erbebten und über uns hinstürzen wollten; Donner folgte auf Donner, je nachdem der Schall immer neue Schluchten erreichte und an den verschiedenen Felswänden abprallte. Auch mit Musik und Gesang versuchten wir es am Abend dieses Tages, den Widerhall zu wecken, und trotz unserer rauhen Stimmen klang es von der anderen Seite des Colorado nach jeder Strophe wie leiser Geisterruf zu uns herüber. Wir alle freuten uns, und mehrfach wurde die Bemerkung laut: »Wie schön wär' es hier, wenn wir nicht so hungern müßten!« Am 9. März brach Lieutenant Ives endlich zu seiner Reise in den Cañon auf; wir alle hätten ihn gern begleitet, doch der Kahn war zu schwach und konnte überdies nur mit zwei Ruderern bemannt werden, weshalb es sich von selbst verstand, daß Lieutenant Ives als Kommandeur der Expedition die Fahrt allein unternahm. Mit etwas Lebensmitteln, Sextanten, Chronometer und Barometer versehen, von Kapitän Robinson und einem Bootsmann begleitet, empfahl sich also Lieutenant Ives. Wir wünschten ihm Glück zur Reise, und bald darauf verschwand das Boot hinter dem nächsten Felsvorsprung. Das schöne Wetter, mehr aber noch der Wunsch, frisches Fleisch herbeizuschaffen, hatte bei den meisten unserer Leute die Jagdlust angeregt, doch erhielt wegen der Sicherheit nur ein kleiner Teil die Erlaubnis, sich zu entfernen. Daß dort von der Jagd nicht viel zu erwarten sei, hatten uns Iretéba und Navarupe schon mitgeteilt; sie selbst wanderten freilich auch zuweilen ins Gebirge, doch nur, um Eidechsen und große, fleischige Molche zu fangen, die sie mittels kleiner Stäbchen geschickt aus den Felsenritzen hervorzutreiben wußten. Sie brachten mir jedesmal ihre Beute, und ich zahlte ihnen für das, was mir wertvoll erschien, die beliebten weißen Perlen; die Tiere dagegen, die ich verschmähte, rösteten sie auf Kohlen und verzehrten sie danach als ganz besondere Leckerbissen. Unsere Indianer befanden sich überhaupt bei der ganzen Expedition am wohlsten, denn während wir alle mehr oder weniger erkrankten, schien ihnen die Lebensweise vortrefflich zu behagen, und diese wich ja auch nicht von ihren eigenen Bräuchen und Gewohnheiten ab. An Vogelwild erbeutete ich an jener Stelle nur eine schöne Tauchente, doch beobachtete ich hin und wieder kleine Flüge von anderen Enten, die mit der Schnelligkeit eines Pfeils dicht über dem Spiegel des Stroms hinflogen, sowie auch rötlich gefärbte Falken, die hoch oben zwischen unzugänglichen Felsenzacken horsteten. Die Jäger kehrten gegen Abend, wie vorherzusehen war, ohne die geringste Beute zurück, ja sie hatten nicht einmal Spuren von Wild erblickt und wußten nur von einer schrecklichen Felsenwildnis zu erzählen, in der sie während des ganzen Tages umhergeirrt waren. Nur der Schiffszimmermann, der überall nach Gold und Edelsteinen umhersuchte, brachte uns Proben von Gestein mit, die unsere Aufmerksamkeit erregten und die sowohl den Doktor wie mich veranlaßten, einige Tage später in derselben Richtung das Gebirge zu durchstreifen. Es waren dies nämlich Opale, wie sie in trachytischen Trümmern vorkommen, und Quarzkristalle, die bald als strahlenreiche Sterne, bald in Nestform lose an den Abhängen umhergelegen oder noch fest an dem vulkanischen Gestein gehaftet hatten. 10. März. Die Unruhe, die wir darüber empfanden, daß unsere Signale noch immer unbeantwortet blieben, vergrößerte sich mit jedem Tag. Uns allen war es nämlich nicht fremd, daß Lieutenant Tipton, der Kommandeur der Eskorte, trotz seines besten Willens hinsichtlich seiner Erfahrung der Stellung nicht gewachsen war, in der er sich zu jener Zeit befand. Zwar wußten wir den sehr erfahrenen und braven Peacock an seiner Seite, doch war nicht anzunehmen, daß der junge Offizier, der die in der Schule gewonnenen Vorurteile noch nicht abgestreift hatte, sich dem Rat einer ihm in mancher Beziehung weit überlegenen Zivilperson fügen würde. Was wir daher am meisten befürchteten, war ein durch Unvorsichtigkeit herbeigeführter Bruch der Soldaten mit den Eingeborenen, was besonders zu jener Zeit, wo alle Gemüter durch den Mormonenkrieg aufgeregt waren, notwendigerweise den Untergang der ganzen Expedition herbeiführen mußte. Wie nahe ein solcher Bruch mehrmals bevorstand, erfuhren wir später aus zuverlässiger Quelle, und es kann gewiß nicht gutgeheißen werden, daß zum Beispiel mit einer Pistole – glücklicherweise ohne zu treffen – auf mutwillige, ja ich gehe weiter und sage böswillige Indianer geschossen wurde, wo festes und wohlüberlegtes Einschreiten jedem ernsten Zusammenstoß am sichersten vorgebeugt hätte. Da wir nicht lange in jener Lage bleiben durften, vor der Ankunft des Trains aber kein Entschluß gefaßt werden konnte, so sandten wir unseren dienstfertigen Iretéba zurück nach den Mohave-Dörfern im Cottonwood-Tal, um dort die neuesten Tagesereignisse für uns kennenzulernen. Bei der Schnelligkeit, mit der nämlich Nachrichten, sogar unter verstreut lebenden Eingeborenen, teils durch Läufer, Der Brauch, wichtige Nachrichten durch Läufer zu befördern, hat sich bei den eingeborenen Stämmen von Nordamerika sowohl als von Südamerika aus dem grauesten Altertum bis auf den heutigen Tag erhalten. Je nach der Stufe der Kultur, aber auch der Bodengestaltung, finden wir die Art der Beförderung von Nachrichten bei den verschiedenen Völkern ausgebildet und organisiert. Während vor Jahrhunderten der erschöpfte peruanische Läufer auf der Kunststraße des Inkas dem an der Station harrenden Weiterbeförderer schon aus der Ferne die betreffenden Nachrichten zurief, wandert jetzt der Bewohner des Coloradotals mühsam auf gefährlichen Pfaden über zackige Gebirge oder benutzt, ähnlich den schwimmenden Postboten des unteren Rio de Guancabambo in Südamerika, den Strom als seine Straße. Bündel leicht schwimmender Binsen unterstützen den Coloradoboten, wie der leichte Holzblock den südamerikanischen Schwimmer. teils durch Signalfeuer verbreitet werden, glaubten wir jedenfalls erfahren zu können, ob und wann unser Train das südliche Tal der Mohave-Indianer erreicht habe. Iretéba, ein tüchtiger Fußgänger, legte die Reise zu den nördlichsten Dörfern in achtzehn Stunden zurück und überbrachte uns die Nachricht, daß unsere Gefährten noch nicht eingetroffen seien und daß man dies so genau wisse, weil am vorhergehenden Tag ein Läufer von Kairooks Dorf angelangt sei, der weder von Soldaten noch von langohrigen Pferden (Maultieren) etwas gewußt habe. Keine Nachricht war in diesem Fall auch eine Nachricht, und zwar eine solche, die etwas niederschlagend auf uns wirkte. Daß der Train wirklich Fort Yuma verlassen hatte, wußten wir schon seit geraumer Zeit, sogar der Tag der Abreise war uns durch Lieutenant Tipton in einem Brief von der Monumentbergkette aus bekanntgemacht worden; um so unerklärlicher mußte es uns also erscheinen, daß weder Train noch Nachrichten von diesem eintrafen. Zugleich mit Iretéba langten noch vier andere Mohaves bei uns an; sie führten Fischergerätschaften mit sich und waren dieselben Leute, welche uns schon bei einer früheren Gelegenheit im Cottonwood-Tal mit Fischen versorgt und später nachzufolgen versprochen hatten. Da mir Lieutenant Ives zum Tauschhandel mit den Eingeborenen die von dem Gouvernement zu solchen Zwecken bestimmten Artikel zur Verfügung gestellt hatte, so wurde es mir nicht schwer, durch einige Streifen von weißem Baumwollzeug die Indianer zu immer erneuten Anstrengungen aufzumuntern, und es herrschte infolgedessen auf einige Tage ein Überfluß an Fischen in unserem Lager. Ich bemerkte indessen stets nur die beiden Spezies, die ich schon früher erwähnte, und erhielt ein Exemplar von solcher Größe, daß dieses allein schon reichte, unsere ganze Mannschaft mit einer Mahlzeit zu versorgen. Diese Abwechslung auf unserem Tisch war besonders dem menschenfreundlichen Doktor willkommen, der seine antiskorbutischen Mittel fast ganz erschöpft hatte und daher jede Gelegenheit, die sich zu einer Veränderung in unserer Lebensweise bot, begrüßte. Achtzehntes Kapitel Bad im Colorado – Sandsturm – Charakter der Black Cañon – Die Verbindung des Colorado mit der Mormonenstraße – Ausflug ins Gebirge – Nachricht vom Train – Vergleich zwischen den Indianerstämmen am Colorado und denen östlich der Rocky Mountains – Die Sage vom Manitu-Felsen – Aufbruch zur Reise stromabwärts – Absendung eines Boten nach der Mormonenstraße – Ruhetag und Weiterreise gegen Süden – Spuren von Mormonen – Lager unter den Cottonwood-Bäumen – Der Spion im Lager – Iretébas scheinbare Untreue – Nachricht vom Train – Peacocks Ankunft – Unerfreuliche Nachrichten über den Zustand der Maultiere In den Frühstunden des 11. März war das Wetter so angenehm und mild, daß sich viele dadurch verleiten ließen, ein Bad in den eisigkalten Fluten des Colorado zu nehmen. Als die Sonne indessen höher stieg, sprang abermals einer der peinigenden Sandstürme auf, vor dem wir uns auf der kleinen Sandscholle nicht anders zu retten wußten, als daß wir uns in die Zelte zurückzogen und den größten Teil des Tages zwischen den Decken verträumten. Ich versuchte zwar zu zeichnen und zu malen, doch dicke Lagen von feinem Sand, die sich in wenigen Minuten auf dem Papier bildeten, machten derartige Arbeiten unmöglich. Eine angenehme Unterbrechung verschaffte daher Lieutenant Ives, der gegen Abend wohlbehalten zurückkehrte und gemeinsam mit Kapitän Robinson alles mitteilte, was er in dem Cañon gesehen und beobachtet hatte. Da uns die Möglichkeit abgeschnitten wurde, noch einmal vereinigt durch das Cañon oder am Rand desselben hinzureisen, somit niemand außer Lieutenant Ives dieses sah, so bediene ich mich hier seiner eigenen Worte: »Die Cañons, gebildet von dem Durchbruch des Stroms durch einzelne dieser Bergketten, übertreffen an Schönheit und Erhabenheit jede andere Formation. Im Black Cañon fließt der tiefe und schmale Strom zwischen mächtigen Felswänden dahin, die sich unmittelbar aus den Fluten über tausend Fuß hoch erheben und sich in der schwindelnden Höhe zu begegnen scheinen. Der gewundene Lauf des Stroms, der sich durch diese geheimnisvollen Tiefen, die selten durch einen Strahl der Sonne erhellt werden, dahindrängt, zeigt beständige Abwechslung in den majestätischen Außenlinien der überhängenden Massen, die sich zu einem Ganzen verbinden, dessen kolossale Verhältnisse und phantastische Erhabenheit weder dargestellt noch beschrieben werden können.« Oberhalb des Cañons, in der Nähe der Mündung des Rio Virgin, beginnt die verworrenste und wüsteste Region, die ich jemals sah. Nackte Felsanhäufungen, im wildesten Chaos durcheinandergeworfen, ohne die geringste Vegetation auf ihren breiten Flächen, dehnen sich meilenweit nach allen Richtungen hin aus. Die vulkanischen Felsmassen, die dort ihre nördliche Grenze erreichen, scheinen in jener Region die mächtigsten Erschütterungen erlitten zu haben ... Es war also nun festgestellt, daß wir uns wirklich am Ende der Schiffbarkeit des Colorado befanden, denn auf der Strecke von 20 bis 25 Meilen, die Lieutenant Ives noch in dem Kahn zurücklegte, folgten nach seiner Angabe so viele Stromschnellen, und zwar so gefährlicher Art, daß der Black Cañon als unzugänglich für Dampfboote bezeichnet werden mußte. Die Mündung des Rio Virgin – dessen Quellen in den Wahsatch-Gebirgen nahe einem Paß, der ins Utah-Territorium führt, liegen – befindet sich nach Lieutenant Ives' Berechnung unter 36° 06' n. Br. und auf dem Flußweg 525 englische Meilen oberhalb der Mündung des Colorado. Dadurch nun, daß der Flußweg durch den Black Cañon sich als sehr gefährlich und schwierig erwies, erlitt die Grundidee, das Utah-Gebiet mit dem schiffbaren Teil des Colorado durch eine Straße am Rio Virgin entlang zu verbinden, einen Stoß. Es kam nun noch darauf an, von unserem Lager oder von einem noch südlicheren Punkt aus, in nordwestlicher Richtung einen Paß durch die Black Cañon-Berge zu entdecken und also durch Umgehung der gefährlichen Schlucht dennoch eine Verbindung zwischen dem Colorado mit dem Great Basin – oder zunächst mit dem Rio Virgin – herzustellen. Die Suche nach einem solchen Paß, oder vielmehr die Erforschung der Möglichkeit, eine Wagenstraße durch das eben genannte Gebirge zu legen, machten wir uns zur Aufgabe, als wir später, um mit dem Train zusammenzutreffen, langsam stromabwärts trieben. Die südliche Öffnung des Black Cañon erhielt also den Namen »Head of the navigation«. Es ist wahr, wir hatten während unserer Stromfahrt unzählige Hindernisse zu bekämpfen gehabt; doch größtenteils Hindernisse, die mit dem Steigen des Flusses schwinden mußten und die bei einem richtig konstruierten Boot nicht zur Sprache kommen konnten. Gemäß Kapitän Robinsons Ansicht war die »Explorer« zur Beschaffung des Colorado zu klein und infolgedessen von zu großem Tiefgang. Um den gefährlichen Strom mit Erfolg und regelmäßig befahren zu können, würde nach der Meinung des erfahrenen Robinson ein eisernes Dampfboot von 100 Fuß Länge, 22 Fuß Breite und mit ganz flachem Boden erforderlich sein, das unbeladen nur zwölf Zoll Tiefgang hätte. Als geeignete Maschine bezeichnete er die Hochdruckmaschine mit sehr umfangreichem Dampfzylinder und als Fortbewegungsmittel das am Stern angebrachte große Schaufelrad. Am 12. März unternahm ich mit meinem Freund Dr. Newberry und begleitet von Iretéba, Navarupe und dem Zimmermann den beabsichtigten Ausflug ins Gebirge. Schon in aller Frühe verließen wir das Lager, und in die erste Schlucht einbiegend, folgten wir dieser etwa sieben bis acht Meilen aufwärts. Nicht ohne Mühe war unsere Wanderung, denn abgesehen davon, daß unsere Füße oft tief in losen Sand und Kies einsanken und wir ebensooft an stufenförmig ausgewaschenen Felsen hinaufklettern mußten, überwanden wir auf der ganzen Strecke einen Höhenunterschied von wenigstens 1200 Fuß. In der uns umgebenden Formation entdeckten wir nichts Neues, denn wir befanden uns ständig in der vom Wasser zerrissenen Kiesebene, die vielfach von vulkanischen Felsen durchschnitten und von Geröll gleichen Ursprungs bedeckt war. An Vegetation fanden wir nur, was man auf dem dürren, unfruchtbaren Boden erwarten konnte; spärlich wuchsen in den alten Wasserrinnen die grauen Stauden des Talgholzes, seltener noch erblickten wir einen verkrüppelten Strauch der stachligen Larrea Mexicana; dagegen prangten, zwar zerstreut stehend, aber in Fülle, rotblühende und mit kleinen Knospen geschmückte Kakteen. An lebenden Wesen erblickten wir nur Eidechsen verschiedener Art, die regungslos auf den von der Sonne erwärmten Steinen umherlagen und wollüstig die heiße Luft einatmeten, bei unserer Annäherung aber mit unglaublich schnellen Bewegungen davoneilten. Durch die Hilfe der Indianer gelang es mir, mehrere aus ihren Verstecken hervorzuholen; diese waren mir neu und zeichneten sich ebensowohl durch die Länge ihrer Gestalt als durch schönes Farbenspiel aus; auch einzelne Hornfrösche erbeutete ich dort, doch interessierten mich am meisten die schon früher erwähnten schwarzen, lichtscheuen Molche, deren Verstecke ich hier zum erstenmal kennenlernte. Mein Freund Iretéba machte mich nämlich auf einen solchen aufmerksam, indem er mich zu zwei übereinanderliegenden Felsblöcken hinrief und mit der Hand auf die einen Zoll weite Öffnung wies. Ich schaute nach der angedeuteten Richtung hin, vermochte indessen anfänglich in der dunklen Spalte nichts zu erkennen, wohl aber vernahm ich ein Geräusch, das dem Rasseln einer Klapperschlange glich, aber dadurch entstand, daß sich das mit kurzen, aber festen Schuppen gepanzerte Tier zwischen den Steinen rückwärts bewegte. Iretéba war mit seinen Stäbchen zur Hand, und diese so anbringend, daß dem Tier nur ein schmaler Weg nach außen offen blieb, trieb er es von einer anderen Seite nach dieser Richtung hin, bis er es mit der Hand zu erreichen vermochte. Er ergriff es, hauchte ihm einige Male in den geöffneten Rachen und steckte es dann in seinen Gürtel, wie man wohl Messer oder Pistolen anzubringen pflegt. Der Molch, ein Exemplar von ungewöhnlicher Größe, war einen Fuß lang, hatte eine Körperlänge von sieben Zoll, während der stumpfe, ungestalte Schwanz kaum fünf Zoll maß. Der Kopf war in seiner Form der eines Frosches, der Körper sowie die Beine unförmig plump und fleischig, und wohl konnte ich es mir erklären, daß in der an Fleisch so armen Gegend die Eingeborenen dieses Tier trotz seines widerlichen Äußeren für einen Leckerbissen hielten. Wir erreichten endlich die Region der Opale und Kristalle, und lange beschäftigten wir uns damit, an den Abhängen der vulkanischen Hügel nach wertvollen und interessanten Exemplaren dieser Art umherzusuchen. Obgleich wir einzelne, sehr schöne Opale fanden, die mitunter trauben- und schwammähnlich aus dem Gestein hervorgequollen zu sein schienen, so hatten diese doch nur für unsere Sammlung einigen Wert. Ebenso verhielt es sich mit den Kristallen, die in ihren Formen die reizendsten Abwechslungen zeigten. Besonders schön waren die mancherlei Sterne, deren regelmäßige Strahlen, die aus lauter feinen Kristallsäulen bestanden, wie ebenso viele Diamanten funkelten und blitzten. Doch nicht allein das tote Gestein erfreute uns dort oben, sondern auch die Aussicht, die wir von unserem hohen Standpunkt aus gewannen; diese reichte gegen Süden noch über das Cottonwood-Tal hinaus und gestattete sogar einen Blick auf das in Nebelduft gehüllte Tal der Mohaves. Wie klein und winzig erschien der Umfang des fruchtbaren Talbodens in der endlosen Wildnis, die ihn umschloß, und wie gewunden erschien der glänzende Spiegel des Stroms, dessen Lauf wir weithin zu übersehen vermochten! Die Aussicht war schön, doch überall verriet sich der beängstigende Charakter einer schrecklichen Wüste. Um uns herum, besonders aber gegen Osten, Norden und Westen, erhoben sich dichtgedrängt die wild verworrenen, felsigen Gebirgsmassen mit ihren wunderlichen Gipfeln und Kuppen. Die furchtbare vulkanische Revolution war deutlich ausgeprägt in den kleinsten Teilen dieses wunderbaren Ganzen, das den Eindruck zurückließ, als ob die allgemeine Bewegung nur für den ersten Augenblick gehemmt worden sei, um zu jeder Zeit wieder mit erneuter Gewalt beginnen zu können. Bei den unzähligen Linien, die vor meinen Augen ineinander verschwammen und dennoch so streng geschieden waren, wagte ich es nicht, eine Darstellung mit dem Bleistift zu versuchen, denn den unveränderten Charakter einer solchen Landschaft wiederzugeben, ist nur mittels der Maschine möglich, in der auf der präparierten Fläche das sich spiegelnde Bild haften bleibt und sich also jede Linie, jede noch so kleine Hebung und Senkung genau ausprägt. Wir schlugen am Nachmittag den Rückweg ein, und obgleich ermüdet von dem Steigen und beschwert mit unseren gesammelten Exemplaren mancher Art, eilten wir doch schnell vorwärts auf dem sich stark senkenden Pfad. Im Lager erwartete uns eine angenehme Überraschung. Wir fanden nämlich bei unserer Rückkehr, daß ein indianischer Bote von Fort Yuma eingetroffen war, der nicht nur Briefe und Zeitungen von dort, sondern auch Nachrichten von unserem Train mitgebracht hatte. Leider blieben Dr. Newberry und ich ganz ohne Nachrichten aus der Heimat; die für uns bestimmten Briefe waren nämlich nicht rechtzeitig in Fort Yuma eingetroffen, um mit dieser letzten Gelegenheit an uns befördert zu werden, und unbekannt mit diesem Umstand, erfüllte es uns mit einer gewissen Trauer, als wir unsere Gefährten mit ihren geöffneten Briefen umhersitzen sahen, wofür uns der ganze Haufen von Zeitungen nicht entschädigen konnte. Der Indianer, der den Weg sehr schnell zurückgelegt hatte, war erst vor acht Tagen an Bill Williams Fork mit Peacock und dem Train zusammengetroffen, und die Tiere hatten sich dort schon in so schlechtem Zustand befunden, daß infolgedessen nur kurze Tagesmärsche gemacht wurden. Unter solchen Umständen noch länger im Black Cañon auf den Train zu harren, wäre die größte Torheit, zugleich aber auch von Nachteil für unsere Expedition gewesen, indem sich dort auf Quadratmeilen mitunter nicht hinreichend Gras vorfand, um ein einziges Maultier zu sättigen. Um also der Herde die beschwerliche Reise durch die letzten Gebirge zu ersparen, wurde beschlossen, wenigstens bis zum Cottonwood-Tal zurückzugehen, wo wir auf einen guten Vorrat von Gras rechnen konnten und wo wir also bei unseren Vorbereitungen zur Landreise in keiner Weise weder gedrängt noch gestört wurden. Lieutenant Ives' Plan war noch immer, die Landreise am Black Cañon hinauf fortzusetzen; da ich indessen das umliegende Terrain genug kennengelernt hatte, um einzusehen, daß jeder Versuch, durch diese schreckliche Wildnis hindurchdringen zu wollen, den Untergang jeder selbst mit kräftigen Tieren ausgerüsteten Expedition herbeiführen mußte, so beschloß ich, im Fall dieses Vorhaben wirklich zur Ausführung kommen sollte, mich von der Landexpedition zu trennen und der stromabwärts reisenden Dampfbootexpedition anzuschließen. Dr. Newberry trat meiner Ansicht bei, denn auch er hielt es für erwiesen, daß ein Maultiertrain, ohne einen Futtervorrat mit sich zu führen, wohl in diese nackte Felsenwüste hinein-, aber nie wieder aus ihr herausgelangen würde. Unser Aufbruch wurde also schon auf den folgenden Tag festgesetzt, und mit einer gewissen Befriedigung darüber, endlich die unwirtliche Sandbank verlassen zu können, versammelten wir uns gegen Abend um unsere reich mit Bohnen versehene Tafel. Der indianische Bote kauerte in unserer Nähe, und obgleich ihm schon Lebensmittel in hinreichender Masse verabreicht worden waren, blickte er doch lüstern auf unseren Tisch, wo Bohnen mit pulverisiertem spanischem Pfeffer – nach seiner Ansicht aber mit schöner, roter Farbe – bestreut und danach mittels der Löffel zum Mund geführt wurden. Als der Mensch unausgesetzt mit den Augen jeder unserer Bewegung folgte, richtete ich durch Zeichen die Frage an ihn, ob er von einem Teller zu speisen wünsche, und reichte ihm dann auf seine Bejahung meinen eigenen, noch halb gefüllten Teller nebst Löffel hin, ohne indessen weiter daran zu denken, daß ich die Speise für jeden, dessen Gaumen nicht an spanischen Pfeffer gewöhnt war, auf ungenießbare Weise gewürzt hatte. Mit allen Zeichen der Erkenntlichkeit nahm der Indianer das Dargebotene in Empfang, setzte sich gemächlich auf dem Sand nieder und begann sogleich zu essen. Kaum befand sich aber der erste Löffel Suppe in seinem Mund, als er wie vom Blitz getroffen emporschnellte, Teller und Löffel fallen ließ, die Brühe, die nach seiner Meinung nur flüssiges Feuer sein konnte, wieder von sich gab und mit dem Ausdruck des größten Schreckens an den Strom sprang. Dort nun warf er sich nieder und suchte durch Trinken und Ausspülen des Mundes den heftigen Brand von der Zunge zu entfernen. Die Bewegungen des armen Burschen hatten trotz der Schnelligkeit, mit der er diese ausführte, etwas so überaus Komisches, daß unsere ganze Gesellschaft zugleich in ein unauslöschliches Gelächter ausbrach, und zwar so, daß sogar der am Wasser liegende Indianer uns sein Gesicht zuwandte und die merkwürdigste Zusammenstellung von lachenden Augen und bis zum Zerplatzen voll Wasser gefüllten Wangen zeigte. Als er sich wieder erhob, luden wir ihn ein, an unserem Tisch Platz zu nehmen, und stellten ihm eine Schüssel mit ungewürzten Bohnen hin, doch das Mißtrauen des Indianers war rege geworden, und um keinen Preis hätte er an einer Mahlzeit teilgenommen, die nach seiner Überzeugung flüssiges Feuer enthielt. Es ist wohl natürlich, daß die Sitten und Bräuche sowie auch das Benehmen der Eingeborenen am Colorado vielfach zum Gegenstand unserer Unterhaltung gemacht wurden. Uns allen waren die Indianerstämme östlich der Rocky Mountains mehr oder weniger bekannt, und es lag daher sehr nahe, daß wir häufig Vergleiche zwischen den verschiedenen Nationen anstellten, manche Meinungen bestritten und die eigenen Ansichten durch Erzählungen von Tatsachen zu bekräftigen suchten. So glaube ich auch behaupten zu dürfen, daß die Eingeborenen am Colorado, obgleich mit mehr natürlichen Anlagen zum Guten oder – vielleicht richtiger gesagt – noch weniger durch den Umgang mit Weißen verdorben, bei weitem nicht so sehr den Eindrücken von Naturszenen unterworfen seien als die Stämme der Grasfluren und der Urwälder östlich der Felsengebirge, bei denen infolgedessen eine gewisse Hinneigung zur Poesie unverkennbar ist. Schon in der bilderreichen Redeweise, in der Vorliebe für phantastische, aber sinnig gewählte Ausschmückungen von Erzählungen sowie in der bestimmten Vorstellung von den lieblichen, wildreichen Jagdgefilden der Seligen – was alles aus der unbewußten Verehrung einer schönen, vollkommenen Natur entspringt – zeigt sich nicht nur Hinneigung, sondern auch Anlage zur Poesie. Ohne mich nun auf die Zergliederung von Umständen einlassen zu wollen, welche allmählich im Laufe der Zeit eine solche Verschiedenheit unter Menschen von derselben Rasse bewirken konnten, hebe ich nur hervor, wie sich diese Verschiedenheit in den Sagen äußert, die schon vor Jahrhunderten dieselben gewesen sein müssen und sich unverändert bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Hervorragende Punkte in der Naturumgebung haben auf beiden Seiten die erste Veranlassung zu dergleichen Traditionen gegeben. Doch während ich bei meinem vielfachen und langen Verkehr mit den Colorado-Stämmen nur die einzige Sage vom Berg der Toten kennenlernte, fand ich, daß im Osten überall, wo die Natur dem forschenden Reisenden Ungewöhnliches, den Kindern der Wildnis aber Unbegreifliches vor Augen legte, letztere stets bereit gewesen waren, auf ihre eigentümliche Weise, gleichsam als Erklärung, Sagen zu schaffen. Am Missouri, etwas südlich von der Mündung des Kansas in diesen, wird auf eine kurze Strecke das linke Ufer von steil anstrebenden Felsen gebildet. Diese erscheinen als eine mächtige Felsenlage, die aus dem Boden emporgetrieben wurde; der Fluß rauscht am Fuß derselben hin, und laut antwortet das Echo, wenn die riesenhaften Missouridampfer dort geräuschvoll vorbeischnauben. Jener Punkt ist bei Europäern und Indianern als der Manitufelsen bekannt. Wenn die Weißen dort auf ihren Dampfbooten vorüberziehen, dann freuen sie sich der schönen Szenerie; Indianer aber, die im schwankenden Kanu leise unter jenen Abhängen hingleiten, halten dort wohl mit Rudern inne, blicken zu den Felsen hinauf, denken an längst vergangene Zeiten und erzählen ihren Söhnen, was sie einst vom eigenen Vater erfuhren. Vor vielen, vielen Wintern, Absichtlich bediene ich mich hier an Stellen, wo das Verständnis dadurch nicht beeinträchtigt wird, der indianischen Konstruktion und Redeweise. zur Zeit, als die Bleichgesichter die Rothäute noch nicht aus ihren Jagdgründen verjagt hatten, als noch keine großen, steinernen Wigwams sich auf den Gräbern weißer Krieger und Häuptlinge erhoben und die roten Kinder des Manitu noch zahlreicher waren als die Blätter an den Bäumen, da lebte in der Nähe des jetzigen Manitufelsen ein junger Krieger vom Stamm der Missouris mit seiner jungen Squaw. Er zählte noch nicht viele Winter, doch saß er mit im Rat der weisen Männer und rauchte mit ihnen das Kalumet; er war ein großer Jäger, denn die Schnelligkeit seiner Lenden übertraf die einer Antilope, und mittels seines Bogens von Elkhorn vermochte er den befiederten Pfeil mitten durch den Leib des laufenden Büffels zu senden. Er war ein großer Krieger, denn seinen Tomahawk zierte stets das Blut seiner erschlagenen Feinde; seine Stimme erschallte am lautesten im Kampf, wenn das sausende Kriegsbeil sich tief in feindliche Schädel grub oder wenn sein blitzendes Messer feindliche Herzen traf, und am lautesten ertönte sein wilder Gesang, wenn die Zahl der siegreichen Krieger den festlichen Tanz um die rauchenden Skalpe der gefallenen Feinde aufführte, deren Körper bestimmt waren, von den Wölfen gefressen zu werden. Die Squaw des jungen Oto-Kriegers war eine Häuptlingstochter vom Stamm der Omahas; sie hatte Augen, die noch schwärzer waren als die Nacht; geschmeidig wie der Bogen eines Kindes und treu wie der Stamm des Nußbaums folgte sie ihrem Gebieter auf allen seinen Jagdzügen; sie gerbte die Häute des erlegten Wildes weicher als das feinste Blatt einer Prärieblume, und aus denselben verfertigte sie Mokassins für die Füße ihres Herrn; mit reichem Schmuck versah sie sein Jagdhemd und seine Leggins, und auf den Nähten befestigte sie künstlich schmale Streifen von Skalplocken, die ihr Gatte von den Kriegszügen heimbrachte. Dafür liebte aber auch der junge Krieger seine Squaw, und Überfluß herrschte stets in seinem Wigwam. Er gab ihr zur Bekleidung die reichsten Otter- und Biberfelle und zu ihrem Lager die Haut eines weißen Büffels. Große Haufen gedörrten Fleisches befanden sich in seinem Zelt, und Fische und Wild schaffte er mit jedem kommenden Tag heran. Eines Abends, als der Oto-Krieger ermüdet von der Jagd vor seinem Wigwam lag, zu Ehren des Großen, Guten Geistes süßen Schumach rauchte und seine Squaw ihm die Mokassins von den Füßen löste, erblickte er einen fremden Krieger, der, von Abend kommend, gerade auf ihn zuschritt. Der Fremde war bestaubt wie von einer weiten Reise, und Hunger und Durst lagen auf seinen Zügen. Nie ging ein Fremder ungesättigt aus dem Zelt des Otos, und auch diesem reichte er, obschon er ihn als einen wilden Pawnee-Krieger erkannt hatte, die brennende Pfeife zum Willkommen. Der Fremde ergriff das dargebotene Kalumet, ließ sich neben dem Oto auf das weiche Gras nieder, und ohne nutzlose Worte zu verlieren, sog er in langen Zügen den süßen Rauch. »Mein Bruder ist weit gewandert«, begann der Oto, »seine Mokassins sind zerrissen, und Staub liegt in seinen Augenwinkeln.« Der Pawnee neigte zustimmend sein Haupt, wies mit der Hand gegen Sonnenuntergang und antwortete: »Dreimal hat mein Bruder geschlafen, seit ich meinen Wigwam verließ.« »Ich sehe kein Fleisch im Gürtel meines Bruders«, fuhr der Oto fort, »mein Bruder ist auf kein Wild gestoßen und ist hungrig, er soll essen in meinem Wigwam.« Doch als er sich nun nach seiner Squaw, seiner Prärieblume, umschaute, war diese im Inneren der Hütte verschwunden. Er rief ihr zu, und bald darauf trat sie vor ihren Gebieter hin und reichte ihm Speisen für ihn und für den Fremden, ohne die Augen aufzuschlagen. Der Pawnee aber betrachtete sie mit finsteren Blicken; er hatte die junge Squaw schon früher gesehen und ihrem Vater, dem großen Omaha-Häuptling, vier der besten Pferde für sein Kind geboten, doch das Kind hatte sich geweigert, dem fremden Krieger zu folgen, es hatte schon den schnellfüßigen Oto gesehen. Jetzt kannte die junge Squaw den Fremden nicht wieder, doch furchtsam bebte sie unter seinen Blicken wie ein Frühlingsblatt unter den Strahlen der Sonne. Die beiden Krieger aßen lange und viel, sie verzehrten die Hälfte eines jungen Hirsches, und von neuem rauchten sie die Pfeife des Friedens. Felle von schwarzen Bären breitete der Oto darauf für seinen Gast auf dem Boden aus, er warf ihm eine Büffelhaut hin, sich damit zu bedecken, und bald schliefen die beiden Krieger, aber die junge Squaw wachte. Als der Tag anbrach, zog der fremde Krieger seines Weges, der Oto gab ihm das Geleit und kehrte abends mit Beute beladen zu seiner Prärieblume heim. Doch nicht wie sonst eilte ihm diese entgegen, um die Last von seinen Schultern zu nehmen, sondern er fand sie, in eine Decke gehüllt, sitzend und mit leiser Stimme den Totengesang singend. »Warum singt meine Prärieblume den Gesang der Sterbenden?« begann der Krieger. »Vierzehn Winter sind erst über ihr Haupt dahingezogen, und viele, viele Winter wird es dauern, ehe die erste Schneeflocke in ihren schwarzen Haaren haften bleibt; ein großer Krieger ist ihr Herr und Beschützer, ein großer Krieger jagt und fischt für sie und umgibt sie mit Reichtum! Warum beugt sich die Mutter vieler großer Krieger wie geknicktes Schilf und singt Worte der Sterbenden?« »Ich bin die Dienerin eines großen Kriegers, aber werde nie die Mutter von Häuptlingen«, klagte die junge Squaw; »andere Squaws werden die Mokassins von den Füßen meines Herrn streifen, und ich werde hingehen und ihn in den ewigen Jagdgefilden erwarten.« Da schwirrte ein Pfeil aus dem nahen Gebüsch, und tief grub sich die steinerne Spitze durch das strahlende Auge in das Gehirn der jungen Squaw. Lautlos stürzte sie zusammen; der Oto sprang auf, er erkannte den Pfeil des fremden Kriegers, der mit ihm geraucht, in seinem Wigwam geschlafen und an seiner Seite gesessen hatte. Der Wolf war verschwunden, aber vor ihm lag die Beute des Wolfs; die schöne Prärieblume war tot, ihr Sterbegesang war verklungen, der Große, Gute Geist hatte ihr einen Traum gegeben, und durch den Traum war sie auf ihr Ende vorbereitet. Der Oto zog den Pfeil aus der Wunde, hüllte seine verwelkte Blume in die weiße Büffelhaut und setzte sich klagend an ihre Seite; Brust, Gesicht und Haare bedeckte er sich mit genäßter Asche, und drei Tage und drei Nächte saß er ohne Speise und sang Lieder der Rache. Am vierten Tag grub er eine tiefe Höhle, und dahinein legte er seine Freude und alles, was ihr gehörte. Er gab ihr auch Speisen mit, und zwar gedörrtes und frisches Fleisch, auch vergaß er nicht die Gerätschaften, die sie brauchte, um in den friedlichen Jagdgefilden Mokassins und Leggins für ihn zu verfertigen und mit reichem Zierat zu versehen. Aber auch die Gastfreundschaft warf er zu der jungen Squaw ins Grab, und als er es mit Erde, Steinen und mit Zweigen bedeckt hatte, da war er nur noch im Besitz von indianischer Wut und von indianischer Rache. – Er entfernte die Asche von seinem Haupt und von seinem Körper, und statt dessen umgab er sich mit schönen Farben in einer Weise, daß seine Feinde vor ihm zittern mußten und zu Weibern wurden. Bewaffnet mit Bogen, Tomahawk und Messer verließ er darauf seinen Wigwam, um nicht eher zu ruhen, nicht eher zu essen und zu trinken, als bis er den Skalp des verräterischen Pawnee-Hundes an seinem Gürtel befestigt haben würde. Er zog gegen Sonnenuntergang, er zog viele Tage und viele Nächte; seine Füße bluteten, sein Magen trocknete zusammen, doch seine Wut blieb dieselbe, und wie ein beutegieriger Luchs spähte er mit seinen Augen in die Ferne. Endlich kreuzte er die Spuren seines Feindes, doch sein Feind war nicht mehr allein, eine zweite Spur begleitete den kaum sichtbaren Abdruck seiner Mokassins. Wie der hungrige Wolf nicht von der Fährte des verwundeten Hirsches weicht, so folgte der Oto-Krieger den Spuren seines Feindes. Er wanderte Tag und Nacht, und endlich erblickte er die beiden Pawnees, die beratend am Rand eines Waldes standen. Unhörbar wie die Schlange im feuchten Gras wand er sich durch Holz und Büsche hindurch, näher rückte er seinen Feinden; jetzt zog er die Sehne mit dem scharfen Pfeil ans Ohr, die Adlerfedern am Schaft sausten, und die Waffe fuhr dem einen Krieger durchs Herz. Doch nicht den Mörder hatte er getroffen, denn in dem Augenblick, als die Sehne den Pfeil sandte, war der Gefährte des Mörders vor diesen hingetreten und war dadurch als erstes Opfer gefallen. Kaum merkte der wilde Pawnee, daß ihm die Rache des schrecklichen Oto-Kriegers drohte, als er mit der Schnelligkeit des Windes davoneilte. Doch der Oto folgte ihm nach im wilden Lauf durch den dichten Wald, über die grüne Prärie. Der Raum zwischen ihnen verkleinerte sich indessen nicht, denn des Otos Kräfte waren geschwunden vom langen Fasten, und Stunde auf Stunde verrann, ohne daß der Pawnee in seiner Schnelligkeit nachgelassen hätte. Die Sonne versank in der Ebene, die beiden Krieger aber stürmten weiter, immer dem Missouri zu. Die Sonne ging wieder auf, und unermüdlich verfolgte der Oto seinen Feind; ohne Unterlaß eilte dieser dem Strom zu, dessen jenseitiges Ufer er zu erreichen trachtete. Die Sonne stand über ihren Häuptern, als der Pawnee hinab in den Missouri setzte und leicht wie ein Salm das gelbe Wasser durchschnitt. Auch der Oto sprang in den Fluß, doch seine Kräfte waren erschöpft, und immer weiter entfernte sich von ihm der schwimmende Pawnee. Da bat der Oto in größter Angst, daß ihm das Opfer entschlüpfen würde, seinen Manitu um die Zurückhaltung des Mörders, der die Gastfreundschaft auf so verräterische Weise vergolten hatte und nun wie ein Weib feige vor der Rache floh. Die Ohren des Großen, Guten Geistes waren offen, und sie vernahmen jedes Wort des Otos; denn als der Pawnee im Begriff stand, aufs Ufer zu springen, öffnete sich der Boden vor ihm mit furchtbarem Krachen, und daraus hervor drang eine Felsenmauer, die sich höher und höher hob und weithin dem Pawnee den Weg ans Ufer versperrte. Der junge Oto-Krieger aber fürchtete sich nicht vor dem Zorn des Manitu, er schwamm zu dem verräterischen Pawnee hin, mit dem Tomahawk zerschmetterte er sein Gehirn, und mit dem scharfen Messer trennte er die Kopfhaut von dem gespaltenen Schädel. Den Krieger ließ er den Fischen zur Speise, den Skalp aber nahm er mit heim, befestigte ihn an einer rot gefärbten Stange, stellte diese auf das Grab seiner verwelkten Prärieblume und sang dann Lieder der Klage und der befriedigten Rache. Der Oto-Krieger ging in hohem Alter als ein großer Häuptling zu den ewigen Jagdgefilden ein. Er fand dort seine ungealterte Squaw auf ihn harrend. Über das Grab derselben wuchs der frische, grüne Rasen hin, die Felsen aber blieben unverrückbar stehen als ein Zeichen der Liebe des Manitu zu seinen roten Kindern. So lautet die Sage vom Manitufelsen; doch nicht vereinzelt steht diese da. Die meisten derartigen Traditionen gerieten mit den verdrängten Nationen schon längst in Vergessenheit, und nicht immer gelingt es, Erzählungen zu erfahren, die mit einer gewissen Pietät der Vater dem Sohn als Erbteil übergibt und die von diesem in gleicher Weise bewahrt werden. – 13. März. Der Himmel war bewölkt, die Luft warm, der Wind schwieg, und wir wurden also vom Wetter begünstigt, als wir die Mündung des Black Cañon verließen und den Weg zurück und rückwärts einschlugen. Ich sage rückwärts, denn um in den Stromschnellen das Fahrzeug mehr in der Gewalt zu behalten und den durch ihre Seichtigkeit gefährlichen Stellen besser ausweichen zu können, ließ Kapitän Robinson die »Explorer« in dieser Stellung langsam mit dem Strom gleiten, und nur auf Strecken, die wir aus Erfahrung als ganz sicher wiedererkannten, vergrößerten einige Schläge der breiten Schaufeln die Geschwindigkeit, mit der wir reisten. Glücklich gelangten wir über die nächsten Stromschnellen, und kaum die Hälfte des Tages war verflossen, als wir nach Zurücklegung von ungefähr sechs Meilen die seichte Stelle erreichten, an der wir den 4. und den 5. März zugebracht hatten. Wie damals, wurde auch jetzt wieder das Fahrzeug erleichtert und danach über die Kiesbank hinübergeschafft; doch ehe wir noch zum Einladen der Fracht schritten, begannen inzwischen heraufgezogene Wolken sich in einem starken Regen zu entladen. Da auf dem Boot weder unsere Sachen noch wir selbst Schutz gegen Unwetter fanden, so schlugen wir alsbald auf dem linken Ufer die Zelte auf, brachten unsere Sammlungen, die durch Feuchtigkeit hätten leiden können, ins Trockene und erwarteten, auf kleine Räumlichkeiten zusammengedrängt, geduldig eine Änderung des Wetters, die sich auch gegen Abend einstellte. Gewiß war es von großer Wichtigkeit für unsere Expedition, die Möglichkeit einer Verbindung zwischen der von uns erforschten Wasserstraße und dem Rio Virgin dargelegt zu sehen. Weil nun die Gebirge auf dem rechten Ufer nicht denselben Charakter des Undurchdringlichen trugen wie weiter oberhalb am Black Cañon, so ging Lieutenant Ives auf Egloffsteins Vorschlag ein, von diesem Lager aus nach einem Paß durch das Gebirge forschen zu lassen. Einer unserer Köche, ein Deutscher, der sich durch die in der Heimat genossene Erziehung, aber auch durch einen unbesiegbaren Hang zum Abenteuerlichen zu einer solchen Aufgabe besonders eignete, bot sich zu diesem Unternehmen an, und es wurde daher beschlossen, ihn in Begleitung eines unserer Indianer auf dem Landweg an den Rio Virgin und die Emigrantenstraße zu senden. Gemäß den früher von uns eingezogenen Nachrichten, die von den Eingeborenen bekräftigt wurden, sollte sich an dem Punkt, wo die von San Bernardino zum Utah-Gebiet führende Straße den Rio Virgin berührt, eine Mormonensiedlung befinden. Aus denselben Quellen war uns kund geworden, daß jener Punkt von der Stelle, wo wir lagerten, nach unseren Berechnungen nicht über vierzig Meilen entfernt sein konnte. Den Weg nach der Ansiedlung kannte Navarupe genau, es kam also nur darauf an, dem Indianer einen zuverlässigen Mann beizugeben, der imstande war, betreffs der Anlage einer Wagenstraße das Terrain richtig zu beurteilen. Der Koch hatte seine Vorbereitungen sehr schnell getroffen, und auch Navarupe erklärte sich bereit zu dem Unternehmen, vorausgesetzt, daß man ihm etwas starkes Leder zu einem Paar Sandalen gebe. Sein Wunsch wurde natürlich erfüllt, und schon am folgenden Morgen, also in der Frühe des 14. März, ließ Kapitän Robinson die beiden mit Lebensmitteln und Waffen ausgerüsteten Abenteurer in dem Ruderboot nach dem jenseitigen Ufer übersetzen, von wo aus sie ihre einsame Wanderung durch die Gebirge antreten sollten. Es war Sonntag, das Wetter unfreundlich und trüb, und um nicht einen zu großen Vorsprung vor den beiden zurückgesandten Boten zu gewinnen, brachten wir den Tag im Lager zu. Die meisten von uns beschäftigten sich mit Schreiben von Briefen, denn zugleich mit uns sollte auch der von Fort Yuma heraufgekommene Läufer aufbrechen und seine Rückreise zu Lande antreten. Am 15. März setzten wir unsere Reise stromabwärts wieder fort. Diese war nach dem Ausspruch von Kapitän Robinson gefährlicher als die Fahrt aufwärts, doch gelangten wir nichtsdestoweniger bedeutend leichter als früher über die Hindernisse hinweg, und eine Strecke, auf der wir beim Hinauffahren, die Ruhetage abgerechnet, drei Tage zubrachten, legten wir jetzt in einem Tag zurück. Nicht wenig überraschte es uns, als wir, um Holz einzunehmen, auf dem rechten Ufer landeten und dort die frischen Spuren von zwei Pferden und zwei Maultieren entdeckten. Die genaue Untersuchung, die wir anstellten, ergab, daß die beiden Pferde und ein Maultier von Weißen geritten wurden, während das andere Tier ziemlich schwer bepackt, lose nebenher gelaufen war. Die Hufeisen der Pferde, die Art, in der die Tiere einander gefolgt oder hindernden Gegenständen ausgewichen waren, bewiesen hinlänglich, daß wir die Spuren von weißen Steppenreisenden, und zwar sehr erfahrenen, vor uns hatten, und keineswegs, wie einige in unserer Gesellschaft schon glaubten, die Merkmale räuberischer Indianer, die sich mit erbeuteten Pferden auf der Heimkehr befanden. Unsere ersten Gedanken fielen natürlich auf die Mormonen, und für nur zu wahrscheinlich hielten wir es, daß, während wir uns im Black Cañon befanden, einige Emissäre dieser fanatischen Sekte an uns vorbeigezogen seien, um hinter unserem Rücken die Indianer zum Aufstand zu bewegen. Doch wer sie auch sein mochten – wir hatten sie jetzt zwischen uns und unserem Train, wir mußten also jedenfalls von ihnen hören oder sehen; und nicht weiter darüber beunruhigt, setzten wir unsere Reise gegen Süden fort. Wir begrüßten die bekannte Insel und den Mount Davis und sahen rasch hintereinander die gefürchteten Stromschnellen; leise, ohne anzustoßen, glitten wir mit der Strömung über diese hinweg, und die Sonne war noch nicht weit über den Zenit hinaus, als wir das Cottonwood-Tal erreichten und Kapitän Robinson das Dampfboot nach der schönen Baumgruppe hinlenkte, deren junges Laub während unserer Abwesenheit an Ausdehnung gewonnen und eine dunklere, kräftigere Färbung angenommen hatte. Wir sprangen ans Ufer, und mit Freude erfüllte es uns, daß wir gerade dort unseren Train erwarten sollten; denn doppelt reizend erschienen uns die lieben alten Bäume mit ihren schattigen Kronen, nachdem wir so lange Zeit in der schrecklichen Wüste zugebracht hatten. Die Strahlen der Sonne waren noch nicht kräftig genug, um den Schatten so sehr wünschenswert zu machen, doch beeilte sich jeder, unter einer laubenähnlichen Verdichtung der herabhängenden Zweige für die nächsten Tage seine Heimat zu wählen, denn es lag ja etwas Ungewöhnliches für uns in dem Gedanken, im Schatten von Bäumen zu ruhen. Die Dämmerung stellte sich allmählich ein, und mit dieser verstärkte sich der rauhe Westwind; die Wellen im Colorado plätscherten, das Laub der Bäume rauschte, die biegsamen Zweige schwankten, und wo sich zwei Äste oder Stämme aneinander rieben, da knarrte es, als wenn das Holz durch den Frühlingssaft doppelt belebt worden wäre. Plötzlich erschallte vom jenseitigen Ufer eine Stimme, die in gutem Englisch die Worte rief: »Hol über!« Das Ruderboot wurde sogleich bemannt und hinübergesandt, und als es zurückkehrte, führte es uns einen einzelnen Mann zu, dessen ganzes Äußeres den Mormonen verriet. Es war eine hagere, wettergebräunte Gestalt, und obgleich der Mensch noch keine dreißig Jahre zählen konnte, so lagen doch ein eigentümlicher Ernst und eine an Fanatismus grenzende Energie in seinen Zügen. Er war bekleidet mit einem bunten, baumwollenen Hemd, das mittels eines Gürtels um seine Hüften zusammengehalten wurde; ferner trug er hirschlederne Beinkleider und Mokassins, und ein grauer, abgetragener Filzhut ruhte auf seinen schlichten, dunkelblonden Haaren, die wie sein Bart von ungewöhnlicher Länge waren. Als Waffe führte er nur ein kurzes Messer bei sich, das er auf dem Rücken im Gürtel trug. Dieser Mensch trat mit kaltem Gruß und ebenso kalt begrüßt unter uns. »Ich wünsche zu erfahren«, redete er uns an, »ob die Mohave-Indianer den Weißen freundlich gesinnt sind; es ist nämlich meine und meiner beiden Gefährten Absicht, nach Fort Yuma und von dort nach den kalifornischen Ansiedlungen zu reisen.« »Die Eingeborenen sind uns freundlich entgegengekommen«, hieß es zurück, »trotzdem die Mormonen versucht haben, sie zu Feindseligkeiten gegen die Amerikaner zu verführen. Was führt Euch aber hierher, und zwar auf solchem Weg? Denn wie aus den Spuren Eurer beiden Pferde und der beiden Maultiere zu entnehmen ist, kommt Ihr zu dritt mit einem bepackten Tier oben aus den Gebirgen.« Nicht im geringsten überrascht darüber, daß wir soviel über ihn und den von ihm eingeschlagenen Weg wußten, gab er uns zur Antwort, daß er vom Großen Salzsee komme und auf dem sichersten Weg die Ansiedlungen der Amerikaner zu erreichen wünsche; er bestritt, daß er ein Mormone sei, gab aber zu, daß er mehrere Jahre unter ihnen gelebt und sich nur von dort entfernt habe, weil die Mormonen keinen, der nicht ihres Glaubens sei, dort emporkommen ließen und jetzt, nach den Verwicklungen mit den Vereinigten Staaten, nur noch Bekenner der neuen Lehre unter sich dulden wollten. Auf die Frage, warum er nicht die nähere und sichere Richtung nach San Bernardino anstatt des gefährlichen Weges am Colorado hinunter eingeschlagen habe, gab er den Bescheid, daß die Straße nach San Bernardino durch die von den Mormonen dorthin gesandten Utah-Indianer zu unsicher geworden sei. Trotz der schönen Redensarten, die der Mensch vortrug, zweifelte niemand, daß wir einen Spion vor uns hatten, der in einer für uns verderblichen Absicht zu den Mohaves zu ziehen beabsichtigte. Soviel Schlauheit er auch zeigte und es vorsichtig vermied, sich durch ein unbedachtes Wort zu verraten, so entgingen uns doch nicht die Blicke eines tiefgewurzelten Hasses, mit denen er uns, wenn er sich unbeobachtet glaubte, betrachtete und die vollkommen im Einklang standen mit seinen großen weißen Zähnen, die er während des Sprechens fortwährend wie ein fletschender Wolf zeigte. Wir luden den Fremden ein, an unserer Mahlzeit teilzunehmen, was er nach besten Kräften tat; auch die Pfeife reichten wir ihm hin, aber auf das Verlangen, ihm Salz und Tabak zu seiner weiteren Reise mitzugeben, erfolgte eine abschlägige Antwort, und zwar aus dem einfachen Grund, weil wir selbst nichts mehr hatten. Ziemlich spät saßen wir noch auf und ergötzten uns an dem Spion, wie er sich mit heftigen Worten über die Mormonen äußerte, während wir selbst ihnen Gutes nachsagten und nur gelegentlich eine sarkastische Bemerkung fallenließen, die er mit einem erkünstelten lauten Lachen lohnte, hinter dem aber so viel giftiger Haß hervorlugte, daß man sich unwillkürlich von dem Verräter zurückgestoßen fühlte. Die Nacht war zu finster, um den Mormonen über den Fluß zu setzen, wir behielten ihn daher bei uns im Lager und versorgten ihn mit einigen Decken, stellten aber eine Schildwache bei ihm auf, die ihn während der ganzen Nacht nicht aus den Augen lassen durfte. Am 16. März in aller Frühe begab sich unser Gast in den Kahn, der ihn nach dem anderen Ufer hinüberbringen sollte; er nahm weder Abschied noch dankte er für die empfangene Gastfreundschaft, und wahrscheinlich fluchte er uns noch in seinem Herzen. Doch auch von unserer Seite folgten ihm gerade keine Segenswünsche, denn mehrfach vernahm ich Äußerungen, die darauf hindeuteten, daß man ihn lieber an einem Baum hängend als in unserem Kahn gesehen hätte. Ich kann nicht leugnen, daß auch nach meiner Ansicht der Mensch ein solches Los wohl verdient hätte, denn wenn die Eingeborenen uns später nicht mit Stumpf und Stiel ausrotteten und ihr feindliches Auftreten nur bis auf das Erschießen von einigen unserer Maultiere gedieh, so war das nicht Schuld der Mormonen. Angelegt waren ihre Pläne listig genug, doch verloren sie ihren künstlich erzeugten Einfluß wieder, als sie bei unserer Annäherung flüchteten und eine Verständigung zwischen uns und den Eingeborenen – freilich nur mit knapper Not – zustande gekommen war. Die indianischen Fischer erfreuten uns an diesem Tag wieder durch ihren Besuch, und wie immer brachten sie uns einen Vorrat von Fischen. Auch Nachrichten von unserem Train erhielten wir durch sie, jedoch keine sehr erfreulichen. Nach ihrer Ansicht befand sich dieser nur noch zwei Tagereisen von uns entfernt, und die Tiere waren so ermattet und heruntergekommen, daß sie kaum noch ihre Last zu tragen vermochten. Von Iretéba erzählten sie auch; dieser hatte uns nämlich zwei Tage früher verlassen, um, vor seiner Abreise mit uns, seine Familie zu besuchen; er war aber mit den Mormonen zusammengetroffen, und diese hatten ihn durch Versprechungen dazu bewogen, sie vorläufig zu Mesikehota, einem der ersten Mohave-Häuptlinge, zu führen. Sosehr wir auch darüber staunten, daß uns der treue Iretéba scheinbar hinterging, so mußten wir es auch von der anderen Seite wieder natürlich finden, daß ein Eingeborener, der keinen Unterschied zwischen weißen Menschen verschiedener Religionen zu machen wußte und dem wahrscheinlich der eine als unser Gast bezeichnet wurde, Leuten Dienste leistete, die ihm selbst Vorteil brachten und in seinen Augen von keinem Nachteil für uns sein konnten. Am meisten aber wunderten wir uns darüber, daß drei einzelne Menschen es wagten, hier gegen unsere ganze Expedition aufzutreten, und daß diese ferner Kenntnis davon erhalten hatten, daß wir an Mesikehotas Gebiet vorbeigezogen waren, ohne zu landen, und daß sie die aus jener Zurücksetzung entsprungenen Gefühle jetzt schlau auszubeuten strebten. Uns allen war es übrigens bekannt, welche Gabe die Mormonen besitzen, die Eingeborenen für ihre Pläne zu gewinnen; ebenso wußten wir, daß sie unter den damaligen Verhältnissen keine Mittel scheuen würden, um in den Besitz unseres Dampfbootes und unserer Papiere zu gelangen. Wir hatten also die besten Gründe, uns etwas beunruhigt zu fühlen. Der Wind hatte sich während des Tages allmählich verstärkt, und als die Nacht sich auf die Landschaft senkte, wehte ein heftiger Sturm, der ununterbrochen die ganze Nacht hindurch anhielt. Die Zelte waren geschützt von dem niederen Strauchwerk, aber laut rauschte es in den Kronen der hohen Bäume, und dazwischen erschallte mitunter der Schrei einer wilden Katze. Bald vom Boden, bald aus den Lüften vernahmen wir die winselnden Töne, je nachdem das raubgierige Tier zwischen undurchdringlichem Gestrüpp oder zwischen hohen Ästen seiner Beute nachstellte. Als wir nach ungestörter Nachtruhe am 17. März unsere Zelte verließen, fegte der Sturm noch immer mit derselben Gewalt über den getrübten, welligen Spiegel des Colorado; dürre Blätter und Funken von den Küchenfeuern wirbelten im Lager umher, auch Sand und Staub belästigten uns wieder, doch fanden wir gegen diese Schutz in dem dichten Weidenstreifen, der sich hinter der Baumgruppe vorbeizog. Dort säuberten wir mittels Axt und Messer eine hinreichend große Stelle von hinderndem Gestrüpp, und um ein kleines Feuer, dessen Flammen nicht vom Wind gepeitscht wurden, verstrich uns die Zeit auf verhältnismäßig behagliche Weise. Eine sehr angenehme Unterbrechung in unserer trägen Ruhe verschaffte uns ein Indianer, der von Lieutenant Tipton abgesandt war und der uns davon in Kenntnis setzte, daß der Train endlich am folgenden Tag bestimmt eintreffen würde. Als aber kurz vor Abend unser Freund Peacock persönlich anlangte, da verwandelte sich unsere Freude in Ausgelassenheit, und unmöglich war es dem vom scharfen Ritt ermüdeten Kalifornier, all die Fragen zu beantworten, die auf ungestüme Weise an ihn gerichtet wurden. Vor allen Dingen bestätigte Peacock die schon von dem Indianer überbrachten Nachrichten, gemäß derer der Train sich nur sechs Meilen südlich von uns befand; er selbst, da er wußte, daß es uns am Allernötigsten mangelte, hatte ein Säckchen Mehl, etwas Fleisch, Salz, Branntwein und Tabak an seinem Sattel befestigt und war, geführt von einem Eingeborenen, vorausgeeilt und glücklich zu uns gestoßen. Die Befürchtungen, die wir so lange hinsichtlich des Schicksals unseres Trains gehegt hatten, waren durch Peacocks Ankunft größtenteils behoben. Die weniger erfreulichen Umstände, von denen er sprach, erschienen uns daher, nachdem wir eine tüchtige Mahlzeit gehalten und einen kräftigen Trunk dazu genommen hatten, nicht halb so schlimm, als wenn wir dergleichen Mitteilungen wie früher mit hungrigem Magen hätten vernehmen müssen. So klagte Peacock besonders über den Zustand der Tiere, die einen über alle Beschreibung schrecklichen Weg am Colorado hinauf zurückgelegt hatten und die auf der ganzen Strecke von Fort Yuma aus kein einziges Mal auf erträgliche Weide gestoßen waren. Größtenteils hatten sie mit dem vorlieb nehmen müssen, was ihnen junge Pappelschößlinge oder die unfruchtbare Wüste boten; oft hatte ihnen trotz der Nähe des Stroms, zu dem sie nicht hinuntergelangen konnten, das Wasser gemangelt, öfter noch waren sie gezwungen gewesen, bei der Umgehung von Gebirgen sich so weit vom Fluß zu entfernen, daß sie diesen in mehreren Tagen nicht wieder zu erreichen vermochten. Zu all diesen Übelständen hatte sich noch die Beschaffenheit des Pfades gesellt, der beim Übergang über die Gebirge an Abgründen vorbeiführte, auf dem sogar einzelne der sonst so sicheren Maultiere das Gleichgewicht verloren hatten und mit ihrer Last in die Tiefe hinabgerollt waren. Mehrere waren auf diese Weise untauglich zur weiteren Arbeit geworden, andere hatten die Yuma-Indianer geraubt, und es waren dadurch fühlbare Verluste in der Herde, auf die wir uns von nun ab gänzlich verlassen sollten, entstanden. Auch an Lebensmitteln brachte der Train nicht soviel mit, als wir erwartet hatten, denn manches war doch von den Eingeborenen sowie auch von der Besatzungsmannschaft schon in Fort Yuma entwendet oder durch Vernachlässigung unbrauchbar geworden. Kaffee- und Mehlsäcke waren in den dichten Mesquitewaldungen beim Hindurchdringen der Packtiere zerrissen und ihres Inhalts entledigt worden, kurzum, unser Train befand sich in jeder Beziehung in einer traurigen Verfassung. Am meisten berührte es uns, daß die Zahl der Lasttiere zur Aufnahme der ganzen Equipage nicht ausreichend gewesen war und infolgedessen eine Menge Gegenstände, die zwar für die Expedition von keiner Wichtigkeit, dem Betroffenen aber fast unentbehrlich waren, hatten zurückbleiben müssen. So fehlte zum Beispiel mein Koffer ganz; das Zeug, besonders aber die Stiefel begannen schon infolge des schweren Dienstes vom Körper zu fallen, und ich besaß also nichts, wodurch ich bei fortgesetzter Reise das Fehlende hätte ersetzen können. Dr. Newberry erging es nicht besser, denn auch er war Strumpf- und stiefellos geworden; daß aber unser Tabak nicht mitgekommen war, das war der härteste Schlag. Nur wer viele Monate lang hintereinander in unwirtlichen Wüsten zubrachte und dort allmählich kennenlernte, daß Gewohnheiten, die im Alltagsleben nur als übel und der Gesundheit nachteilig bezeichnet werden, auch unter Umständen nutzbringend sein können, und wer je bei einer brennenden Pfeife den nagenden Hunger und den peinigenden Durst vergaß sowie beim Hinblick auf die zergehenden blauen Wölkchen des glimmenden, narkotischen Krautes die Sorgen der Gegenwart, die mitunter schwer selbst auf dem leichtherzigsten Reisenden lasten, dahinschwinden ließ, nur der vermag sich eine Vorstellung von unseren Gefühlen zu schaffen, als wir uns plötzlich so ganz verarmt wußten. Der Unmut im Feld ist gewöhnlich von kurzer Dauer; auch bei mir währte er nur so lange, bis ein Übereinkommen zwischen uns allen getroffen war, gemäß dessen die vom Glück mehr Begünstigten uns von ihren Schätzen etwas abgeben sollten. Als die Nacht weiter vorrückte, übergab jeder von uns an Peacock eine Decke, um dem sorglichen Freund zu einem warmen Lager für die Nacht zu verhelfen. Neunzehntes Kapitel Ankunft des Trains – Beschwerliche Reise des Trains am Colorado hinauf – Nachrichten über den Landstrich zwischen dem Colorado und der Mormonenstraße – Aufbruch gegen Süden – Beunruhigendes Benehmen der Eingeborenen – Ankunft an Beale's Crossing – Das letzte Konzert – Feindliches Auftreten der Mohaves – Erschießen von Maultieren – Peacocks Erzählung – Der Friedensschluß – Aufbruch der »Explorer« – Abschied von den Mohaves – Aufbruch der Landexpedition In der Gesellschaft des Doktors begab ich mich in der Frühe des 18. März auf die Jagd, und zwar schlugen wir die Richtung ein, aus der wir den Train erwarteten. Es stand fest bei uns beiden, daß wir unsere letzte Entscheidung vom Zustand der Lasttiere abhängig machen wollten. Beharrte Lieutenant Ives darauf, in der unzugänglichen Wildnis am Black Cañon hinauf weiter vorzudringen, und die Tiere waren wirklich so stark aufgerieben, wie es uns von allen Seiten beschrieben wurde, so lautete unser Entschluß: »Heimkehr auf der ›Explorer‹.« Entschied unser Kommandeur sich indessen dafür, gegen Osten abzubiegen, egal, ob nun im Cottonwood-Tal, im Tal der Mohaves oder an der Mündung von Bill Williams Fork, so waren wir bereit, bis auf den letzten Mann bei der Expedition auszuharren. So wanderten wir unseren Weg langsam weiter, ich erzählte dem Doktor von den Gebirgsketten, die wir fern im Osten erblickten und die ich vier Jahre früher durchreist hatte, ich sprach von den vulkanischen Wüsten der Regionen der San Francisco Mountains und von den Tieren, die diese beleben, und überhaupt von dem interessanten Feld, das sich dort für unsere Arbeiten eröffnen würde; wir schauten auch nach Wild aus, doch die zahlreichen Rebhühner zogen sich bei unserer Annäherung in das für uns unzugängliche Dickicht zurück, und die auffallend wenig ergiebige Jagd am Colorado wurde der Gegenstand weiterer Unterhaltung. Endlich erreichten uns die ersten Reiter, es waren Tipton, Taylor und Booker, ihnen nach folgten einige Soldaten, kalifornische Packknechte und ein altes Pferd, dessen einzige Arbeit darin bestand, mittels einer an seinem Hals befestigten Glocke die Zahl der Packtiere zusammenzuhalten und den etwa im Gebüsch verirrten Tieren das Auffinden der Herde zu erleichtern. Die Menschen sahen recht wohlgenährt aus, und die Reise schien sie nicht sonderlich angegriffen zu haben, dagegen boten das Pferd und die schwer bepackten Maultiere, die keuchend, eins hinter dem andern, in dem frisch gebrochenen Pfad nachfolgten, einen traurigen Anblick. Wir ließen den ganzen Train an uns vorüberziehen, und als zuletzt noch einige kranke, halbverhungerte und deshalb unbeschwerte Tiere von einem dunkelfarbigem Mexikaner vorbeigetrieben wurden, waren wir vollständig überzeugt, daß eine Reise am Cañon hinauf unmöglich für uns sein würde. Wir kehrten ins Lager zurück und fanden dort alle damit beschäftigt, die angekommenen Gegenstände zu prüfen und zu ordnen. Vergeblich suchten wir unter den Säcken und Kisten nach unserem Privateigentum und schätzten uns überglücklich, als wir noch etwas Papier für das Herbarium und zwei Fäßchen Spiritus zu unseren Sammlungen fanden. Leichter verschmerzten wir nun den eigenen Verlust, um so mehr noch, als unter den gegebenen Verhältnissen wir selbst bald in Fort Yuma zurück zu sein rechneten. Nachdem der Bestand der Tiere und des Proviants ermittelt war und es sich herausgestellt hatte, daß sich für das ganze Personal auf keine zwei Monate mehr Lebensmittel vorfanden, beschloß Lieutenant Ives, durch die Notwendigkeit gezwungen, die Expedition zu teilen und nur mit der Hälfte derselben die Reise zu Lande fortzusetzen. Infolgedessen sollte Kapitän Robinson, begleitet von Bielawski, Taylor, Booker, den Bootsleuten und einigen Soldaten – im ganzen mit 32 Mann –, sich auf der »Explorer« zurück nach Fort Yuma begeben und zu dieser Reise mit so vielen Lebensmitteln ausgerüstet werden, wie für die mutmaßliche Dauer derselben als notwendig erachtet wurde. Lieutenant Ives, Dr. Newberry, Peacock, Egloffstein, Tipton und ich sollten die Landexpedition bilden, die dazu bestimmt war, mit 25 Soldaten, einigen Dienern und den Packknechten – was unsere Gesellschaft auf 45 Mann brachte – und mit etwa 160 Maultieren den oberen Colorado zu erforschen. Dr. Newberry sowohl als ich gaben unseren Plan, nach Fort Yuma zurückzugehen, auf, als Lieutenant Ives uns mitteilte, daß er von Beale's Crossing aus in nordöstlicher Richtung dem oberen Colorado sich zu nähern beabsichtigte. Auch für etwas Wäsche, Kleidungsstücke, Schuhzeug und Tabak vermochten wir jetzt zu sorgen, indem die stromabwärts reisenden Kameraden uns mit der größten Bereitwilligkeit das überließen, was sie auf der Stromfahrt entbehren und in Fort Yuma leicht ersetzen konnten. Besser, als wir nach den zahlreichen Unfällen erwarten durften, hatten sich nunmehr die Aussichten für die Zukunft gestaltet, sogar mit unserem Proviant sah es nach Hinzufügen von einigen Säcken mit indianischen Bohnen und Mais wieder besser aus, und eine fröhliche Gesellschaft bildeten wir, als wir an jenem Abend um unser Lagerfeuer saßen und beim vollen Blechbecher mit den neuangekommenen Freunden die Erzählungen der verschiedenen Reiseerlebnisse austauschten. Auch Grizzly drängte sich in unsere Reihe und gab unverhohlen seine Freude über die Wiedervereinigung von uns allen zu erkennen. Nicht genug wußte Mr. Peacock von der schrecklichen Wüste zu erzählen, in der er sich während der letzten zwei Monate ununterbrochen bewegt hatte. Er war ein alter Reisender, der von seiner frühesten Jugend an zwischen dem Missouri und den Rocky Mountains gelebt hatte, doch solche trostlose Umgebung und solche Felsenpfade waren ihm noch nicht vorgekommen. Über hohe Bergrücken hatte er oft mit seinen Leuten mühevoll einen schmalen Weg bauen müssen; täglich waren einzelne Tiere vollständig ermattet und durch Hunger oder Sturz auf längere Zeit unbrauchbar geworden, und der Mangel an Wasser hatte Menschen und Tiere hart betroffen. Von dem Dampfboot aus war es uns freilich nicht entgangen, daß die Beschaffenheit des Bodens und der gänzliche Mangel an Gras und Kräutern einer Landexpedition unzählige Hindernisse bieten würden, doch in so hohem Grade, als Peacock es beschrieb, hatten wir es nicht erwartet. Im Tal der Mohaves nun, wo sich nahrhafteres Futter für die Herde fand, war die Expedition wieder durch einen kleinen Trupp Eingeborener, den der verräterische »Captain Jack« anführte, auf alle mögliche Weise belästigt worden, so daß der Sicherheit wegen die grasenden Tiere sich nicht nach Willkür zerstreuen durften. »Captain Jack« war nämlich augenscheinlich von den Mormonen zu Störungen aufgefordert worden, um dadurch einen feindlichen Zusammenstoß herbeizuführen; und daß dieser nicht erfolgte, kann nur der ruhigen Überlegung des braven Trainmeisters zugeschrieben werden. »Captain Jack« und seine Genossen hatten zum Beispiel einst, um die Herde zu erschrecken und zu zerstreuen, beim Einbruch der Nacht ringsum Feuer an das dürre Gras gelegt; Peacock, der das Unglück, das daraus entstehen konnte, vorhersah, vertrieb die bösen Gesellen durch Drohungen, während Lieutenant Tipton sich von seinem Eifer zu weit führen ließ und mit seinem Revolver auf die fliehenden Räuber schoß, ohne daran zu denken, daß eine einzige Verwundung, die nicht durch einen vorhergegangenen wirklichen Angriff der Eingeborenen herbeigeführt wurde, uns Tausende von unerschrockenen Kriegern auf den Hals bringen konnte. Der nach dem Rio Virgin entsandte Bote war zusammen mit Navarupe wieder zu uns gestoßen, und deshalb wurde der allgemeine Aufbruch auf den folgenden Tag festgelegt. Die Nachrichten, die uns über eine Verbindung des Colorado mit der Mormonenstraße zugingen, lauteten: »Die Anlage einer Wagenstraße von der südlichen Mündung des Black Cañon nach dem nächsten Punkt der Emigrantenstraße, die ins Utah-Gebiet führt, ist möglich. Auf der Strecke von sechzehn Meilen, zwischen Kieshügeln und Schluchten hindurch, welche die östlichen Abhänge des Gebirgszuges bilden, ist das Terrain schwierig, und es bedarf zum Zweck der Eröffnung einer Kommunikation mit Wagen einiger Arbeit; vom Gipfel der Wasserscheide des Gebirgszuges eben ist es leicht, Wagen an den westlichen Abhängen hinunter- und hinaufzuschaffen. Die Entfernung eben beschriebener Strecke beträgt annähernd vierzig Meilen.« Der Morgen des 19. März war trüb und kalt; Schnee war auf den westlichen Gebirgszügen gefallen und bedeckte bis zu einer gewissen Höhe sogar einen Teil der grauen Kiesebenen. Einen eigentümlichen Anblick gewährte dadurch diese ansteigende Fläche, auf der in der Entfernung weniger Meilen vom Fluß die horizontale Schneelinie so scharf kontrastierte. In alter Ordnung begaben wir uns an Bord der »Explorer«; was von dem mitgebrachten Gepäck nur irgend hatte untergebracht werden können, befand sich ebenfalls auf dieser, und auf einige Tage von den berittenen Gefährten Abschied nehmend, glitten wir langsam in die Strömung. Als wir der langen Windung des Stroms folgten und um den nächsten Vorsprung bogen, gewannen wir noch einen Blick auf Peacocks Lager, wo man sich ebenfalls zum Aufbrach rüstete. Schon nach einigen Stunden gelangten wir bis zur Insel oberhalb von Jessup's Halt, und der Abend fand uns noch damit beschäftigt, das Boot an dieser vorbeizubringen. Wir übernachteten ungern auf der Insel, die sich nicht hoch genug über dem Wasserspiegel erhob, um uns trockenen Boden gewähren zu können, und nur nach mühevoller Arbeit gelang es erst, die Zelte auf einer von Geröll gesäuberten Stelle aufzurichten. Ohne Unfall glitt die »Explorer« am folgenden Morgen über Jessup's Stromschnelle, und bald darauf befanden wir uns im Obelisk Cañon. Ein heftiger Sturm, der sich indessen in den Vormittagsstunden erhob, nötigte uns zu landen und bis gegen Abend stillzuliegen. Erst als die Schatten der westlichen Gebirge sich verlängerten und den Spiegel des Colorado bedeckten, setzten wir unsere Reise fort und fuhren noch bis ans südliche Ende des Cañons, wo wir ganz in der Nähe von Peacocks Lager übernachteten. Schon in den Frühstunden des 21. März gelangten wir zwischen zerstreute Ansiedlungen der Mohaves, und mehrfach hatte unser getreuer Mariando Gelegenheit, sich mit den Eingeborenen zu unterhalten, die teils gruppenweise auf dem weichen Sand umherlagen, teils sich mit dem beliebten Ringspiel die Zeit verkürzten. Auffallend erschien es, daß auf beiden Ufern, sobald der Dampfer sichtbar wurde, sich einzelne Krieger schnell erhoben und voraus gegen Süden eilten. Auch befremdete es uns, daß die Eingeborenen, die einige Wochen früher uns stets mit Jubel begrüßten, jetzt von fern stehenblieben und mißtrauisch unsere Bewegungen beobachteten. Es war augenscheinlich, daß die Mormonen unter den Mohaves falsche Gerüchte über den Zweck unserer Reise verbreitet hatten, denen nur zu willig Glauben geschenkt worden war. Mariando bestärkte uns in dieser Meinung sehr und gab zu verstehen, daß nach seiner Ansicht ein Angriff der Mohaves zu befürchten sei. Um die aufgeregten Gemüter zu beruhigen, sandte Lieutenant Ives Navarupe mit Aufträgen an Kairook und Mesikehotah und ließ beide einladen, zu uns zu stoßen, um sie persönlich zu beruhigen und sie von den durchaus friedlichen Absichten der Amerikaner zu überzeugen. Navarupe verließ uns und richtete, wie wir später erfuhren, seine Aufträge gewissenhaft aus. Mit der Absendung des Friedensbotens war natürlich die Besorgnis vor einem feindlichen Zusammenstoß noch nicht behoben. Um daher auf alle Fälle vorbereitet zu sein, erging der Befehl an die Mannschaft, die Waffen zu prüfen und stets zum augenblicklichen Gebrauch bereitzuhalten. Wir auf unserer Plattform rüsteten uns ebenfalls, und außer den Büchsen und Revolvern legten wir auch noch alle Doppelflinten zur Hand, nachdem wir diese, statt mit unschuldigem Schrot, mit einer entsprechenden Anzahl starker Rehposten geladen hatten. Wir bildeten eine Kompanie von nur 28 Mann, doch doppelt und dreifach bewaffnet, wie wir waren, hätten wir die »Explorer« ganz leicht in eine für Indianer gewiß uneinnehmbare Festung verwandeln können, wobei uns die Berghaubitze trefflich zustatten gekommen wäre. Anders verhielt es sich mit dem Train, wo im Falle eines Angriffs die Leute nicht nur sich, sondern auch die Tiere und die Lebensmittel verteidigen mußten. Sehr erfreut waren wir daher, als wir bei unserem Landen auf dem linken Ufer an Beale's Crossing Peacock und Tipton daselbst schon gelagert fanden; mehr erfreute es uns aber noch, daß wir zahlreiche Eingeborene erblickten, die sich mit Weibern und Kindern harmlos im Lager bewegten. Es ist wahr, daß einige Krieger uns anfänglich mißtrauisch von fern beobachteten, doch als sie gewahr wurden, daß wir Tabak und Pfeifen hervorholten, mit jedem, der zu uns herantrat, rauchten, auch wohl hin und wieder etwas Tabak verschenkten, da verschwand augenscheinlich jedes künstlich hervorgerufene feindliche Gefühl, und nach alter Weise bot unser Lager wieder das bunte Bild verschiedener Rassen, die friedlich miteinander verkehrten. Keinen Augenblick wurden indessen auf der Seite die Waffen aus der Hand gelegt, denn die Mohaves waren den Yuma-Indianern in ihrem Äußeren zu ähnlich, als daß wir ihnen nicht auch ähnliche Gefühle und ähnliche Kriegslist zugetraut hätten; und dann wußten wir ja auch die Mormonen in unserer Nähe, die es so gut verstanden, selbst harmlose Indianer zu ihren verderblichen Zwecken zu verwenden. Man nimmt allgemein an, daß die Anwesenheit von Weibern und Kindern unter solchen Verhältnissen stets ein untrüglicher Beweis der friedlichen Absichten der Eingeborenen ist. Wie verderblich indessen ein zu blindes Vertrauen auf dergleichen Regeln werden kann, das haben die Yuma-Indianer schon mehrfach bei ihren Zusammenkünften mit den Weißen bewiesen. Eine Gesellschaft von Europäern, die einst auf der Reise nach Kalifornien das Gebiet der Yuma-Indianer berührte, wurde im Lager von einem Trupp Eingeborener besucht. Der Umstand, daß die Männer unbewaffnet erschienen und von Weibern und Kindern begleitet waren, veranlaßte sie, die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln außer acht zu lassen und sich unbesorgt ihrer Unterhaltung hinzugeben. Die Indianerinnen, die zusammen mit ihren Männern um die Weißen herumstanden, fanden unterdessen Gelegenheit, die unter ihren Baströcken verborgenen Keulen unbemerkt hervorzuholen und den Kriegern hinzureichen, die dann plötzlich auf ein gegebenes Zeichen mordend über ihre Opfer herfielen, während die Weiber und Kinder schleunigst davoneilten. Einem so unvorhergesehenen Angriff mußte die Gesellschaft natürlich unterliegen, und nur wenige derselben entkamen, um das Los ihrer erschlagenen Gefährten verkünden zu können. Zu einer anderen Zeit erhielt eine ähnliche Gesellschaft, die in der Nähe der Gila-Mündung über den Colorado gesetzt war, Besuch von einer Bande Eingeborener, die ebenfalls unbewaffnet waren und die, da sie vollständig unbekleidet waren, daher auch nicht heimlich Waffen bei sich führen konnten. Die Wilden zeigten sich freundlich und zuvorkommend gegen die Fremden und waren emsig bemüht, das Lagerfeuer mit schweren Pfählen und Holzscheiten zu nähren. Es war also scheinbar kein Grund zu Mißtrauen oder Verdacht vorhanden, und wiederum bemerkten die Reisenden zu spät, daß die wilden Krieger die schweren Feuerbrände ergriffen, um sich derselben als Waffen zu bedienen. Nur ein einziger entkam von den sieben oder acht Europäern, und auch der entrann nur mit knapper Not dem Untergang und mußte noch lange in der Wildnis umherirren, ehe er wieder in Berührung mit weißen Menschen kam. Wenn man nun bekannt mit dergleichen Begebenheiten ist und dafür Sorge trägt, daß jeder im Lager diese erfährt, und wenn man bei Erzählung derselben womöglich noch einige Ausschmückungen und Beschreibungen von indianischen Martern und Lebendig-skalpiert-Werden hinzufügt, so wird es bedeutend erleichtert die allgemeine Wachsamkeit aufrechtzuerhalten, denn es gibt doch manche, und zwar vorzugsweise unter den amerikanischen Soldaten, die durch den Tod nicht zu erschrecken sind, dagegen den Gedanken an ausgesuchte körperliche Qualen nicht ertragen können. Im Lager an Beale's Crossing gewährte es mir förmlich eine Freude, unsere Leute zu beobachten, wie jeder auf seiner Hut war und sogar während des Schlafens die Waffen nicht aus der Hand legte. Der Abend rückte heran, die Indianer wurden aufgefordert, das Lager zu verlassen, starke Wache umgab die Herde, Schildwachen standen im undurchdringlichen Schatten der hohen, weitverzweigten Bäume, und so gesichert gegen jede Überraschung, streckten wir uns gemächlich vor den Lagerfeuern hin, und da wir die Instrumente auf der Landreise nicht mehr mit uns führen konnten und unser zweiter Flötist, Mr. Carroll, sich von uns trennen mußte, so versuchten wir gewissermaßen noch im letzten Augenblick, eine musikalische Abendunterhaltung zustande zu bringen. Ewig frisch wird mir in der Erinnerung das Bild bleiben, das an jenem Abend aufgerollt vor mir lag. Es war nicht allein der beständige Wechsel der dunklen Schatten unter den dichten Bäumen und der von vielen Lagerfeuern ausströmenden Beleuchtung, sondern auch die Figuren, die in den verschiedenartigsten Kostümen und Stellungen das Ganze belebten. Die blanken Waffen ruhten im Arm der meisten oder lagen ihnen zur Seite; die mahagonifarbigen Züge, die grauen Filzhüte, die langen Bärte und die verstaubte, zerrissene Kleidung – alles deutete auf langen, schweren Dienst; und wenn auch manche in tiefem Schlaf umherlagen oder träge in die lodernden Flammen schauten, so waren doch auch wieder Gesichter zu sehen, auf denen die Freude zu wohnen schien. Bis tief in die Nacht hinein erschallten Lieder und Musik, und mit einem gewissen Widerstreben legten wir endlich die Instrumente zur Seite, von denen wir uns auf ewig trennen sollten. Ich sage auf ewig, denn kaum glaublich ist es, daß einer von uns jemals nach Fort Yuma zurückkehren wird, wo die Violine und die Gitarre in irgendeinem Winkel auf ihre Eigentümer harren. Doch wunderbar sind oftmals die Wege, auf denen der Mensch geführt wird; als ich die Rocky Mountains zum erstenmal erblickt hatte, sandte ich einen nach meiner damaligen Ansicht letzten Scheidegruß nach ihren stolzen Gipfeln hinüber, und doch habe ich mehrfach seit jener Zeit diese Gebirgskette von verschiedenen Seiten überschritten. Heftiger Nordweststurm sauste über die lehmigen Fluten des Colorado, als wir in der Frühe des 22. März aus unseren Zelten ins Freie traten. Ein Trupp Mohaves befand sich bei uns im Lager, doch vermißten wir Weiber und Kinder; zwar erblickten wir einige derselben in der Ferne, doch verschwanden auch diese, als Häuptling Manuel mit etwa vierzig bewaffneten Kriegern bei uns im Lager erschien, um Geschenke für sich und die Seinigen in Empfang zu nehmen. Es ist ein alter Brauch unter Reisenden, daß bewaffnete Eingeborene stets aus dem Lager gewiesen werden; leider geschah dies an jenem Morgen nicht, und ein übermütiges Benehmen der indianischen Gesellschaft, das zu einem ernsten Konflikt zu führen schien, zeigte sich als die nächste Folge davon. Es waren nämlich nicht Manuel und sein Trupp allein, die sich in unserer Nähe aufhielten, sondern zu Hunderten erblickten wir wilde, bemalte Krieger mit langen Bogen und Pfeilbündeln, die an den Abhängen der nahen Hügel umherlagen und nur auf ein Zeichen zu harren schienen, uns mit einer Ladung von steinbewaffneten Pfeilen zu überschütten. Auch das Gebüsch, das uns von allen Seiten umgab, wimmelte von Indianern, die in Trupps zu dreien und vieren sich der Maultierherde zu nähern suchten, so daß den Hütern eine Verstärkung geschickt werden mußte. Kairook befand sich bei uns im Lager, und mit den Zeichen der Mißbilligung gewahrte er, daß sich die Mohaves immer dichter um uns zusammenzogen; er gab sich die größte Mühe, dem Kampf, der jeden Augenblick auszubrechen drohte, vorzubeugen; er sprach zu seinen Stammesgenossen, doch blieben seine Bemühungen angesichts der anderen Häuptlinge fruchtlos; er sprach zu uns, doch auch hier stieß er auf lauter ernste, entschlossene Gesichter, und mehrfach wurde ihm durch Mariando auseinandergesetzt, daß nicht eher an eine Erneuerung unseres Verkehrs gedacht werden könne, als bis die indianischen Krieger ihre Waffen beiseite gelegt und statt diesen ihre Weiber und Kinder ins Lager gebracht hätten. Kairook war in größter Verlegenheit, als sich sein Einfluß nicht hinreichend zeigte, um dies zu bewirken; er ließ darauf seine eigene Frau rufen und veranlaßte sie, sich mit ihm zwischen den feindlichen Parteien zu bewegen und so das Schlimmste zu verhüten. Die Angst des Häuptlings bewies deutlich, daß er die Wirkung unserer Waffen wohl kannte und deshalb mehr für seinen Stamm als für uns fürchtete, trotzdem viele Hunderte von Eingeborenen uns umgaben und die Aufmerksamkeit unseres kleinen Häufchens zwischen der Herde, dem Lager und dem Dampfboot geteilt werden mußte. Plötzlich eilte einer der mexikanischen Hüter ins Lager und überbrachte die Nachricht, daß die Eingeborenen begonnen hätten, mit Pfeilen unter die Herde zu schießen, und daß er besonders »Captain Jack« erkannt hätte. Lieutenant Tipton begab sich sogleich mit neun Mann Soldaten an Ort und Stelle und fand wirklich zwei Maultiere verwundet, von welchen dem einen der Pfeil zwischen den Rippen tief im Körper haftete. Nur mit Mühe gelang es Lieutenant Ives, den jungen, eifrigen Offizier davon zurückzuhalten, das Feuer auf die Eingeborenen zu eröffnen, denn daß gerade »Captain Jack« die Feindseligkeiten begonnen hatte, löste hinlänglich das Rätsel des so plötzlich veränderten Benehmens der Mohaves, und wir konnten nunmehr annehmen, daß die Wilden noch immer von den in der Nähe weilenden Mormonen beeinflußt wurden. Lieutenant Ives ließ daher durch Mariando den Indianern kundtun, daß es keinem von ihnen gestattet wäre, das Lager zu betreten, ehe man nicht den Übeltäter zur Bestrafung herbeigeschafft hätte; ferner, daß der nächste Schuß auf ein Maultier mit einer Ladung aus der Kanone beantwortet werden würde und daß alle Indianer, bis auf die Häuptlinge, sich augenblicklich aus dem Bereich unseres Lagers entfernen sollten. Dieses entschiedene und dabei doch verständige Auftreten blieb nicht ohne Wirkung, und bald befanden sich außer Manuel, Kairook nebst seiner Frau und Yuckeye, einem Yuma-Indianer, der Peacock von Fort Yuma aus begleitet hatte, keine Eingeborenen mehr in unserer Nähe. Zwar erblickten wir in der Ferne noch große Haufen von ihnen, doch hatten wir nunmehr hinlänglich Raum und Ruhe gewonnen, um die Gegenstände, die nach Fort Yuma oder für die Landexpedition bestimmt waren, voneinander abzusondern und alle Vorbereitungen zu einem baldigen Aufbruch zu treffen. Auch Briefe wurden an diesem Tag noch geschrieben – es waren die letzten; denn nachdem das Dampfboot sich von uns getrennt und wir die Wüste betreten hatten, war jedes Mittel einer Kommunikation mit der zivilisierten Welt auf die Dauer der Reise abgeschnitten. Die gänzliche Nichtachtung von unserer Seite schien die erhitzten und aufgeregten indianischen Gemüter etwas abzukühlen, und es trat der Wunsch auch bei ihnen zutage, sich uns wieder zu nähern und das alte, gute Einvernehmen herzustellen. Es begann damit, daß die Häuptlinge erklärten, wie die Verwundung der Maultiere ganz gegen ihren Willen stattgefunden habe, wie die Übeltäter geflohen seien und später von ihnen selbst bestraft werden sollten. Wenn letzteres auch etwas zweifelhaft blieb, so nahm Lieutenant Ives doch, zum besten der Expedition, die Entschuldigung an und ließ ihnen mitteilen, daß, wenn sie am folgenden Morgen wieder erschienen – und zwar unbewaffnet und begleitet von ihren Weibern und Kindern –, ferner uns einige Führer zur Reise durch die Wüste – unter diesen Iretéba – stellten, alle eine freundliche Aufnahme bei uns finden und sogar noch mit einigen Geschenken vom »Großen Großvater in Washington« bedacht werden sollten. Die Häuptlinge versprachen ihr Bestes, und als es zu dunkeln begann, entfernten sich alle Eingeborenen aus unserer Nähe; nur Kairook, der seinen eigenen Leuten und ihrer Friedfertigkeit nicht recht traute, blieb während der Nacht bei uns im Lager, um jederzeit zwischen uns und den Mohaves vermitteln zu können. »Mr. Peacock! Spinnt uns ein Garn!« hieß es, als wir um unser Lagerfeuer versammelt waren und die meisten ihr gewohntes Nachtpfeifchen anzündeten. »Nur Seeleute spinnen Garn«, antwortete Mr. Peacock. »Ihr habt ja so vielfach das Grasmeer von Missouri durchsegelt«, hieß es zurück, »da werdet Ihr doch gelernt haben, ein Stückchen Garn abzuwickeln.« Peacock schmunzelte zu der Schmeichelei, denn einem alten Präriereisenden ist nichts angenehmer, als wenn er an seine Irrfahrten und Heldentaten erinnert wird, und nach kurzem Besinnen hob er an: »So gern ich auch den Indianern immer aus dem Weg gehe und einen Kampf, in dem so wenig Ehre zu gewinnen ist, stets zu vermeiden suche, so habe ich doch den ganzen Tag darüber nachgedacht, welch allerliebstes Gefecht es hier mit den Mohaves hätte werden können, und ganz besonders hier unter den Bäumen, die so hübsch beieinander stehen, als wenn sie zum Zweck eines Gefechts gepflanzt worden wären. Um ein Ziel für unsere Büchsen wären wir bei der Menge von Wilden, die uns umgaben, wohl nicht in Verlegenheit geraten, doch es ist besser, wie es jetzt ist; um so mehr, als die Wilden keine Büchsen hatten und es von unserer Seite doch nur ein Abschlachten geworden wäre. Anders ist es, wenn man Krieger von den Stämmen der Sioux, Arapahoes oder Cheyennes sich gegenüber hat, Männer, die teilweise mit echten Missouribüchsen bewaffnet sind und sich auch auf die Führung derselben verstehen. Major Bridger ist Ihnen gewiß dem Namen nach bekannt, ich brauche also nur hinzuzufügen, daß er einer der besten Indianerbekämpfer, Viehzüchter und Tauschhändler ist, die jemals die Rocky Mountains überschritten. Seit wenigstens sechsunddreißig Jahren hat er nunmehr schon an den Quellen des Missouri sowie des Columbia mit den Eingeborenen verkehrt. An Blacks Fork, einem Arm des Green River, dessen Wasser also hier im Colorado an uns vorüberfließt, gründete er schon vor vielen Jahren zum Schutz seiner Leute und seiner Waren einen größeren Handelsposten, der nach ihm Fort Bridger genannt wurde. Die Emigrantenstraße zum Großen Salzsee und nach Kalifornien führt dort vorbei, und wenn jemand in Fort Bridger einkehrt, so erfreut er sich dort immer der größten Gastfreundschaft. Fort Bridger ist also der Mittelpunkt, von dem aus der alte Major die kleineren Nebenposten, die nach allen Richtungen hin verstreut umherliegen, unterhält und von wo aus er zugleich seine Tauschhändler und Pelzjäger zu den verschiedenen Indianerstämmen entsendet. So war es wenigstens vor sieben Jahren, als ich das letztemal dort einkehrte, und ich hoffe, daß bis jetzt noch keine Änderung in dem Etablissement stattgefunden hat. Es mögen jetzt wohl fünfzehn Jahre seit der Zeit verflossen sein, als Bridger einen gewissen Henry Frappe zu seinem tätigsten Mitarbeiter und Partner zählte. Frappe hatte das Kommando einer Kompanie Freitrapper, gegen vierzig an der Zahl, übernommen und durchzog mit diesen, die in Verbindung mit ihren indianischen Frauen und Herden keine unbedeutende Karawane bildeten, jagend und tauschend nach allen Richtungen das Land zwischen den Quellen der südlichen Zuflüsse des Green River. Er hatte nicht weit von der Stelle, wo später Fort Bridger errichtet wurde, sein Lager zu einem längeren Aufenthalt gewählt, dieses daher roh befestigt, und sich vor den Angriffen der Wilden sicher wähnend, begab er sich mit dem größten Teil seiner Männer zur Büffeljagd. Kaum hatte er sich aber entfernt, als eine Bande von ungefähr vierhundert Sioux und Arapahoes das Lager überfiel, Männer und Weiber, die sich nicht schnell genug durch die Flucht retten konnten, tötete und mit hundertfünfzig Stück Vieh davonzog. Major Bridger, der gerade im Begriff stand, am Green River einen Handelsposten zu errichten, erhielt die Nachricht von diesem Unglück fast ebenso schnell wie Frappe, und einen zweiten Überfall befürchtend, sandte er diesem den Rat, sein Lager aufzugeben und mit seiner ganzen Kompanie zu ihm zu stoßen. Frappe, der in einem erneuten Überfall nur die Gelegenheit erblickte, sich für die erfahrenen Unbilden rächen zu können, vielleicht auch ganz an einem solchen zweifelte, beeilte sich nicht mit seinem Aufbruch, sorgte aber dafür, daß jeden Abend nach Sonnenuntergang sich alle zu seiner Kompanie gehörenden Menschen und Tiere innerhalb der roh zusammengefügten Palisaden befanden. Zehn Tage vergingen, ohne daß eine Störung vorgefallen wäre, und Frappe begann wirklich an seine Abreise zum Green River zu denken, als in den Vormittagsstunden plötzlich eine Abteilung von mehreren hundert Indianern vor dem Lager erschien und sich sogleich ohne Zögern mit wildem Kriegsgeheul auf dieses stürzte. Obgleich der Angriff zu solch ungewöhnlicher Stunde nicht erwartet worden war, so befand sich Frappe mit seinen Leuten, noch ehe die Wilden die Palisaden erreicht hatten, auf den verschiedenen Posten, und Schuß auf Schuß krachte zwischen dem Pfahlwerk hindurch den Feinden entgegen. Ein indianischer Kriegshäuptling fiel als erstes Opfer, ihm nach sanken die angesehensten Krieger, die in ungestümer Wut vorangeeilt waren; und so in ihrem weiteren Vordringen zu große Gefahr erkennend, gaben die Wilden den Angriff auf, und sich schnell um die Palisaden herum verteilend, suchte jeder ein Versteck zu gewinnen, von wo aus er mit Überlegung auf die weißen Jäger schießen konnte. Es begann jetzt eine andere Art von Gefecht, und zwar eine weniger geräuschvolle, weil jeder sich gegen feindliche Kugeln nach besten Kräften hinter Bäumen und Steinen deckte; dafür fiel aber auch selten von seiten der Trapper ein Schuß, ohne sein Ziel zu treffen. Wo ein indianischer Arm sich zeigte oder ein bemalter Kopf sich hob, da machte eine Kugel ihn zurücksinken, und wo ein ledernes Jagdhemd oder ein Filzhut die Öffnungen zwischen den Pfählen verdunkelte, da schlugen ringsum Kugeln und Pfeile zu Dutzenden ein, und gar manche Kugel fand ihren verderblichen Weg zwischen dem Holzwerk hindurch, nicht nur einzelne der mutigen Jäger verwundend, sondern auch tötend. Frappe, obgleich schon verwundet, handhabte seine Büchse, als wenn es einem Preisschießen gegolten hätte; seinen Hut auf den Ladestock hängend, hielt er denselben vor eine größere Öffnung, und als eine ganze Ladung von Kugeln und Pfeilen auf diesen hereingeprasselt war, steckte Frappe blitzschnell seine Büchse zwischen den Pfählen hindurch, und ein unvorsichtiger Indianer sank mit zerschmettertem Gehirn hinter einem Baumstumpf zusammen. Viermal glückte Frappe dieser Kunstgriff, und viermal stürzte ein Wilder schwer getroffen zu Boden; doch als er zum fünften Mal seine Büchse hob, drangen zwei Kugeln auf einmal in seine Brust und machten seinem letzten Kampf ein Ende. Die Bewegung, die innerhalb der Palisaden durch den Fall Frappes entstand, war den Indianern nicht entgangen, und plötzlich aus ihren Verstecken hervorspringend, unternahmen sie einen weiteren Angriff auf die Einfriedung. Doch die Jäger waren auf ihrer Hut, denn noch waren die Wilden nicht bis zu dem Punkt gelangt, wo sie beim ersten Angriff ihre vordersten Krieger verloren hatten, als sie durch die von sicherer Hand entsandten Kugeln zur Rückkehr gezwungen wurden. Der Kampf hatte schon Stunden gedauert, doch mit neuer Erbitterung wurde er, nachdem die Indianer sich eiligst in ihre Verstecke zurückgezogen hatten, wiederaufgenommen; die Wilden kämpften jetzt nur noch, um ihre gefallenen Krieger zu rächen, die Weißen aber um ihr Leben. Die Sonne neigte sich bereits dem Untergang zu, als die Wilden abermals einen Versuch wagten, in die Umpfählung einzudringen; sie bewiesen dabei eine seltene Kühnheit und Todesverachtung, ja sie drangen sogar bis an die Palisaden vor, doch wiederum wurden sie mit großen Verlusten zurückgeschlagen, denn wo eine Hand sich nach dem Pfahlwerk ausstreckte, um den Körper an diesem hinaufzuziehen, da war ein Beil bereit – oft nur von Weibern geführt –, diese abzuhacken, während unten, zwischen den Palisaden hindurch, ununterbrochen Kugeln in den dichten, anstürmenden Haufen gesandt wurden. Schnell wie der Angriff war auch der Rückzug, und bis in die Nacht hinein wurde das Feuern von beiden Seiten fortgesetzt. Obgleich die weißen Jäger ungefähr vierzig indianische Leichen zählen konnten, die bei den verschiedenen Angriffen gefallen waren, und die Zahl der Kampfunfähigen die der Gefallenen wohl bei weitem überstieg, so befand sich dennoch eine wenigstens fünffache Übermacht ihnen gegenüber, und nicht ohne Besorgnis gedachten sie der kommenden Nacht, in der sie einen letzten und entscheidenden Angriff der Wilden erwarteten. Auch die Jäger hatten empfindliche Verluste erlitten, denn außer Frappe lagen noch acht der Ihrigen in der Umzäunung, die in dem grimmigen Kampf gefallen waren. Der Mut verließ indessen keinen Augenblick diese abgehärteten Menschen; konnten die Toten auch nicht mehr an der Seite der Lebenden kämpfen, so waren ihre Waffen doch noch in brauchbarem Zustand, und jedes Gewehr geladen und zum augenblicklichen Gebrauch bereithaltend, verbrachte die Besatzung die Nacht auf ihren Posten hinter den Palisaden. Gegen alle Erwartung erfolgte kein nächtlicher Angriff, man vernahm wohl mehrfach Bewegungen unter den Feinden, doch als der Tag anbrach und es hell genug war, entferntere Gegenstände unterscheiden zu können, sahen die Jäger, daß die Wilden unter dem Schutz der Dunkelheit ihre gefallenen Gefährten bis auf diejenigen, die am Fuß der Palisaden lagen, zu sich herangeholt und sich mit diesen entfernt hatten. Ob nun der Verlust ihres Kriegshäuptlings oder der Mangel an Munition den Rückzug der Indianer veranlaßt hatte, das erfuhren die Jäger nie. Sobald sie sich aber gegen einen neuen Angriff gesichert wußten, beeilten sie sich, Frappe und die anderen weißen Gefallenen zu beerdigen, worauf sie den Posten vollständig aufgaben und dem Green River entgegenzogen, um sich dort mit Major Bridger und seinen Männern zu vereinigen. Mein Garn ist zu Ende«, schloß Mr. Peacock seine Erzählung. Wir alle lobten ihn wegen seines Talents und fanden nur auszusetzen, daß das Stückchen so kurz gewesen, doch Peacock war unerbittlich, er erklärte, daß er für heute ausgesponnen habe, und streckte sich vor dem Feuer hin, um vor dem – wie er sich ausdrückte – Zu-Bett-Gehen sich noch ein halbes Stündchen auszuruhen. Die Nacht verstrich ohne Störung, und mit dem Frühesten begannen wir uns reisefertig zu machen. Die nach Fort Yuma bestimmten Gegenstände waren am vorhergehenden Tag schon an Bord gebracht worden, und daher konnte der Aufbruch der »Explorer« zuerst bewerkstelligt werden. Die Eingeborenen, die jetzt erkannten, daß es wirklich unsere Absicht war, ihr Tal auf immer zu verlassen, hatten plötzlich alles Mißtrauen verloren, denn in großer Anzahl strömten sie mit Weibern und Kindern herbei und zeigten dasselbe harmlose, fröhliche Benehmen, wie wir es früher an ihnen wahrgenommen hatten. Auch Manuel stellte sich wieder mit seinen Kriegern vor, die diesmal ihre Waffen zurückgelassen hatten, und sie erhielten daher von Lieutenant Ives die versprochenen Geschenke. Mesikehotah, der erste Häuptling der Mohaves, wurde ebenfalls auf freigebige Weise bedacht, so wie mehrere Krieger, die sich stets zurückhaltend und bescheiden gezeigt hatten. Den verräterischen »Captain Jack« erblickte ich in einem Haufen seiner Gefährten. Er hielt sich etwas entfernt von uns und wollte augenscheinlich nicht erkannt sein, denn Gesicht und Körper hatte er mit einer Farbe überzogen, die ihm eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einer glattgefeilten eisernen Statue verlieh. Die Farbe war durch die Vermischung von feingeriebenem Bleierz mit Fett hergestellt worden, und ich kann wohl sagen, daß ich auf all meinen Reisen nie eine ähnliche und auffallendere Bemalung beobachtet habe. Ich redete den Burschen an und hielt ihm zugleich die Faust unter die Nase, doch suchte er mir durch Zeichen zu verdeutlichen, daß er ebensowenig »Captain Jack« sei, als daß er Englisch verstehe. Eine angenehme Erscheinung war unser getreuer Iretéba, der sich eingestellt hatte, um, soweit es in seinen Kräften lag und ihm das Land bekannt war, den Posten eines Führers zu übernehmen. In seiner Begleitung befanden sich Colhokorao und Hamotamaque, zwei prachtvolle Mohave-Burschen, die ebenfalls einen Ausflug in das Innere des Landes zu machen wünschten und sich viel Vergnügen von diesem Unternehmen versprachen. Beide waren zur Reise gerüstet, das heißt in der einen Hand führten sie den langen Bogen und ein Dutzend Rohrpfeile, in der anderen einen Maiskuchen, und ein Paar Sandalen steckten im Gürtel. Ihre Kleidung war der gewöhnliche weiße Schurz, und nur Colhokorao trug als Schmuck eine ihm viel zu kurze rote Livreeweste, die sich in der Farbe kaum von den rot angestrichenen Gliedern unterschied. Die Pfeife der »Explorer« rief endlich alle Mann an Bord, und alsbald versammelte sich unser ganzes Personal auf dem Ufer, um die letzten Grüße miteinander auszutauschen. – Es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn man mitten in der Wildnis von alten, treuen Reisekameraden scheidet und jeder auf verschiedenen, ungewissen Pfaden einem fernen Ziel entgegenzieht. Wohlgemeintere, herzlichere Wünsche, wenn auch gehüllt in rauhe Formen, können wohl kaum zwischen Menschen ausgetauscht werden, die einander nur kurze Zeit kennen und in den meisten Fällen sich auf Nimmerwiedersehen voneinander trennen. Die Pfeife der »Explorer« erschallte zum zweiten und dritten Mal, und noch immer befanden sich Leute auf dem Ufer, die sich gegenseitig die Hände drückten; selbst die Eingeborenen drängten sich heran und reichten ihre Hände mit den Worten: »Hau do« (How do you do) hin, bis die letzten der Fort-Yuma-Passagiere – und unter diesen unser freundlicher Mariando – an Bord sprangen und das Dampfboot langsam der Mitte des Stroms zuglitt. Die Strömung entführte schnell unsere Freunde aus dem Bereich unserer Stimmen, die Maultiere wurden ins Lager getrieben, und bald darauf war jeder emsig beschäftigt, das ihm zugeteilte Maultier zu satteln und sich zum Aufbruch bereitzuhalten. Unsere Packknechte bestanden aus Mexikanern und Kaliforniern – lauter Männer, die bei dieser Art von Arbeit aufgewachsen waren –, und mit einer unglaublichen Gewandtheit wurde daher das Gepäck auf den Rücken der geduldigen Tiere befestigt, die, aus den Händen der Leute entlassen, vergeblich versuchten, ihre Bürden in dem dichten Buschwerk wieder abzustreifen. Nach Verlauf einer Stunde war alles zur Reise bereit. Ehe ich indessen den Colorado verließ, stieg ich noch einmal den Fluß hinab, um zum letzten Mal von den Fluten zu trinken, mit denen ich so lange in innigem Verkehr gestanden hatte; auch der Colorado kam mir jetzt wie ein alter, lieber Freund vor; ich blickte nach der dürren, wasserlosen Wüste hinüber, wo kein Colorado dem trockenen Gaumen Labung bot, ich schaute auch nach der »Explorer« hin, die in weiter Ferne ruhig auf einer Sandbank lag und schwerfällig den Kraftanstrengungen der Maschine und der Leute Folge leistete. Leb wohl, kleine »Explorer«, und fahre besser wie die »Jessup«! so dachte ich, als ich einen letzten Blick nach dem fernen Dampfboot hinübersandte und die schwarze Rauchsäule beobachtete, die wolkenähnlich dem Schlot entstieg. Ich füllte darauf meine Reiseflasche mit Wasser, trank noch einen letzten, langen Zug aus dem Strom selbst und sprang dann nach dem Ufer hinauf, wo unsere Expedition eben im Begriff stand, die Landreise anzutreten. Wiederum folgte das Abschiednehmen, und zwar ein langes Abschiednehmen, denn es waren gar viele der braunen Hände, die uns entgegengehalten wurden, und unter diesen kleine, niedliche Mädchenhände, die in unseren Fäusten fast verschwanden und die trotz der Farbe und des Fettes, das sie umgab, immer noch hübsch blieben und mit größter Herzlichkeit gedrückt wurden. Auch in schöne, schwarze Augen blickten wir, Augen, die uns verführten, dem Händedruck mitunter eine Umarmung folgen zu lassen; und ich glaube, wenn die runden Gesichter und leider vorzugsweise die niedlichsten Indianerinnen nicht mit einer so dicken Lage von roter und blauer Farbe bedeckt gewesen wären, so würden die einfältigen Mädchen allmählich das Gefahrlose eines Kusses kennengelernt haben. Ich sah nämlich, wie ein lustiger Mexikaner seine bärtigen Lippen auf den blau tätowierten Mund einer Mohave-Schönen drücken wollte und wie diese, in der Meinung, daß der Mensch sie zu beißen beabsichtige, sich von ihm losriß und zum allgemeinen Gelächter wie eine Antilope davonsprang. Wir begnügten uns also damit, einen Teil der Farbe von den üppigen Körpern der braunen Schönen auf unsere Kleider übertragen zu haben, bestiegen unsere Maultiere, legten die Büchsen vor uns auf den Sattel, und hinauf ging es dann nach der Kiesebene, so schnell uns unsere Tiere nur tragen wollten. Zwanzigstes Kapitel Die Schiffbarkeit und der Charakter des Rio Colorado – Die Eingeborenen an demselben – Deren Verteilung und mutmaßliche Verwandtschaft – Das nordamerikanische Zivilisationswesen Wir hatten also die Flußexpedition beendet. Ehe ich indessen mit der Beschreibung unserer Landreise beginne, berühre ich hier noch einmal in gedrängter Kürze die Resultate unserer Forschungen und Arbeiten. Schon im Eingang dieses Werks sprach ich mich genauer über die uns gestellte Aufgabe, über die Wichtigkeit der Schiffbarkeit des Colorado sowie auch über den Eindruck aus, den der Reisende empfängt, der diesen Strom auf dem Wasserweg zu erforschen trachtet. Ich gab bereits eine ausführliche Beschreibung der Strecke vom Golf von Kalifornien bis nach Fort Yuma. Auf 180 Meilen oberhalb Fort Yuma ist der Charakter des Stroms fast derselbe wie unterhalb. Nur da, wo das Wasser sich einen Weg durch Hügel und Bergketten hindurch gebahnt hat und deshalb Schluchten und enge Cañons entstanden sind, kann der Kanal des Stroms in bezug auf Schiffbarkeit im allgemeinen als günstig bezeichnet werden. Auf den nächsten 100 Meilen bieten Kiesbänke und Stromschnellen vielfach Hindernisse, die alle früheren an Schwierigkeit übertreffen, doch erleichtern dafür die Strecken, die zwischen diesen liegen, die Schiffahrt mehr als der untere Colorado. Die nächsten 50 Meilen, also die letzte Strecke vor dem Black Cañon, ist der seichten Stellen, der verborgenen Felsen und der sehr starken Stromschnellen bei weitem die gefährlichste, doch sind die Hindernisse, die sich dort aneinanderreihen, nicht derart, daß sie einem wohlkonstruierten Dampfboot es unmöglich machten, mit einer gewissen Regelmäßigkeit zwischen dem Black Cañon und dem Golf von Kalifornien zu vermitteln. Inwieweit nun eine Verbindung zwischen dem Golf und dem Großen Salzsee der Mormonen auf dem Fußweg hergestellt werden kann, habe ich in einem früheren Kapitel dargelegt. In den Monaten April, Mai und Juni beginnt der Fluß zu steigen, und diese Zeit ist, solange keine neuen Sandbänke entstehen, die günstigste für die Schiffahrt. Bei niedrigem Wasserstand ist die Geschwindigkeit der Strömung zweieinhalb Meilen in einer Stunde, im Juli dagegen und einige Wochen später, wenn der Fluß um zehn Fuß steigt, vergrößert sich die Geschwindigkeit bis auf sechs Meilen. Der schiffbare Teil des Colorado behält die Richtung von Norden nach Süden bei, und der Umfang des kulturfähigen Bodens, den er bewässert, steht in keinem Verhältnis zu dem Strom. Das größere Tal der Mohave-Indianer ist wohl das einzige, das durch seine Lage und Fruchtbarkeit in den Augen der weißen Ansiedler einigen Wert erhalten könnte. Wir befanden uns dort im Monat Februar, also im Frühling jener Breiten; das Klima erschien uns wunderbar günstig und gleichsam wohltätig die reine, milde Atmosphäre. Wie ein blauer, zarter Duft lag es auf Berg und Tal, kräftige Bäume mit schwellenden Knospen faßten den Strom ein, Fruchtfelder schimmerten aus den Öffnungen in der Baum- und Strauchvegetation hervor, und am Ufer tummelten sich zahlreiche Eingeborene umher, deren wohlgenährte, kräftige und schöne Gestalten auf ein gesundes Klima und auf ein Leben des Überflusses deuteten. Die furchtbar sengende Hitze des Sommers in diesem weiten Felsenkessel sowie das ewige Schwanken des Strombettes zwischen den Talufern werden indessen manchen weißen Ansiedler von dort fernhalten, und eine genauere Untersuchung des Talbodens wird ergeben, daß bedeutende Flächen desselben zu sehr mit alkalischen Substanzen geschwängert sind, als daß sie sich zum vorteilbringenden Ackerbau eignen könnten. Der Mineralreichtum der Bergketten, die den Colorado berühren, kann indessen die Ursache einer Bevölkerung des Coloradotals durch die Weißen sein, denn die Gebirge, die zu demselben System wie die von Kalifornien und Sonora gehören, bergen auch wie diese unberechenbare Schätze. Gold und Quecksilber entdeckten wir unter der Leitung unseres Geologen, des Dr. Newberry, in geringeren Massen, dagegen fanden wir reiche Silber-, Kupfer- und Bleilager, Eisen aber in unglaublichen Anhäufungen. Da nun in der Nähe der mineralreichen Gebirge der kulturfähige Boden ganz mangelt, mithin die Erhaltung von Bergleuten und Minenarbeitern nur mittels einer lebhaften und zugleich regelmäßigen Kommunikation auf dem Colorado bewerkstelligt werden könnte, so glaube ich die im Eingang dieses Werkes ausgesprochene Behauptung wiederholen zu können, nämlich, daß die Benutzung als Heerstraße der einzige Vorteil ist, der dem Colorado und seiner Lage abgewonnen werden kann. Die eingeborenen Stämme nun, die das Tal des Colorado bevölkern, sind jetzt unter den Namen Cocopa-, Yuma-, Chimehwhuebe-, Cutchana- und Mohave-Indianer bekannt und erst in neuerer Zeit wieder ein Gegenstand von Forschungen geworden. Seit einer langen Reihe von Jahren blieben diese Urwilden unbelästigt von der weißen Rasse, doch waren sie in früheren Zeiten vielfach von den spanischen Missionaren besucht worden, und man hatte damals schon auf Karten die Namen vieler Stämme mit den geographischen Angaben ihrer Wohnsitze verzeichnet. Vergleicht man die Resultate früherer Forschungen mit dem, was der jetzt dort Reisende zu beobachten imstande ist, so muß es auffallend erscheinen, daß eine weit größere Anzahl von verschiedenen Stämmenamen am Colorado gesammelt wurden. als wir jetzt wieder aufzufinden imstande sind. Als Grund hierfür glaube ich mit anführen zu können, daß es den Missionaren durch kundige Dolmetscher und durch längeren Verkehr erleichtert wurde, genauere Nachrichten von den Eingeborenen selbst einzuziehen und auf diese Weise Kenntnis von den Namen aller kleineren Stämme zu erhalten, in die größere Nationen gewöhnlich eingeteilt sind. Neuere Reisende dagegen, die, des kurzen Aufenthalts wegen, ihre Aufmerksamkeit den Eingeborenen nicht in so hohem Grad zuwenden konnten, mußten sich mit dem allgemeinen Namen der ganzen Nation begnügen. Die Namen der kleinen Stämme entstanden teilweise durch Anhängen eines bezeichnenden Wortes an den Namen der Nation, und es ist anzunehmen, daß durch allmähliches Weglassen des Hauptnamens diese große Anzahl von verschiedenen Stämmen nicht nur am Gila und am Colorado, sondern in ganz Neu-Mexiko als vorhanden betrachtet wird, deren Auffindung aber jetzt soviel Mühe verursacht. So finden wir in einem alten spanischen Manuskript von dem Ingenieur-Lieutenant Don José Cortez Bei genauer Prüfung der Beschreibung der Tamajabs in diesem Manuskript muß jeder Zweifel darüber schwinden, daß die als Tamajabs bezeichneten Eingeborenen die jetzigen Mohaves sind. Captain Whipple erklärt den Namen Mohaves als entstanden aus dem zusammengesetzten Wort »Ahmokhave«, von »Hamook« = drei und »habec« = Berge oder Gebirge, also »drei Gebirge«. Leider ist er aber bis jetzt noch nicht mit dem Vorschlag durchgedrungen, die drei Gebirge, von welchen der Name Ahmokhave oder Mohave zweifelsohne entnommen ist, weil sie das Mohave-Gebiet begrenzen und durchkreuzen, ebenfalls mit indianischen Namen zu belegen. Demnach würde die Hauptbergkette auf dem linken Colorado-Ufer des Tals der Mohaves »Hamook-habi«, die Needles »Ascientic-habi« und das westliche Gebirge »Havic-habi« heißen. vom Jahre 1799 den Stamm der Yavipais (jetzt Yampais) erwähnt, und zwar als zwischen dem Gila und dem Colorado lebend und in viele kleine Stämme zerfallend. Besonders bemerkt finden wir folgende: Yavipais-Mucaoraive, Yavipais-Tepia, Yavipais-Abema, Yavipais-Cuernomache, Yavipais-Caprala. Von all diesen Namen vermochte ich auf meiner Reise, die vorzugsweise durch die eben angegebenen Landstrecken führte, nur den Namen Yampais oder Yavipais wiederzuentdecken, und dann vielleicht noch den Beinamen Mucaoraive, der möglicherweise den Stamm der Mok-haves oder Mohaves bezeichnen soll. Ich bin um so eher geneigt, dies zu glauben, als in demselben Manuskript bei Erwähnung der Colorado-Indianer von den Mohaves nicht die Rede ist. Dasselbe mag auch von den eben daselbst angeführten Chemeque-Caprala, Chemeque-Sabinta, Chemequaba und Chemeque gelten, womit unstreitig die zerstreut lebenden Familien der Chimehwhuebes gemeint sein sollen. Außer den umfangreichen Tälern der Mohaves und Chimehwhuebes und weiter südlich der Cutchanas, Yumas und Cocopas befinden sich am Ufer des Colorado und nahe den verborgenen Gebirgsquellen kleine Bodenflächen, die zu unbedeutend sind, als daß ihnen die Bezeichnung Tal beigelegt werden könnte, die aber von einzelnen Familien obengenannter Stämme bewohnt werden. Solchen abgesonderten Banden ist der leichteren Unterscheidung wegen von den benachbarten Dörfern, wie es der Zufall gerade fügte, zu ihrem Stammnamen auch noch der Name eines Familienoberhauptes oder eine von der Naturumgebung abgeleitete Bezeichnung hinzugefügt worden, und so entstanden wohl die zahlreichen Namen von Volksstämmen, die im Laufe der Zeit dort gesammelt wurden. Das Versiegen der Quellen, eine in jenen Regionen häufige Erscheinung, oder das Fortreißen der kleinen angebauten Landstrecken durch den unruhigen Strom vertrieb die dort hausenden Familien oder Banden und veranlaßte sie, sich ihrem Stamm wieder zuzugesellen. Der Name, den sie früher führten, wurde dadurch wieder überflüssig und geriet in Vergessenheit unter den Eingeborenen, während er in der zivilisierten Welt, nachdem er seinen Weg auf geographische Karten gefunden hatte, für spätere Zeiten aufbewahrt blieb. Diesem Umstand glaube ich es zuschreiben zu dürfen, daß wir jetzt so vielfach vergeblich nach Völkerstämmen suchen, von deren Vorhandensein wir die untrüglichsten Beweise in Händen zu haben meinen, und daß wir andere zuweilen da finden, wo wir sie infolge früherer Angaben nicht suchen. Auf diese Veränderung der Wohnsitze von Indianerstämmen weist Alexander von Humboldt in einem Brief hin, den er am 31. Dezember 1857 an mich nach dem Colorado richtete. In diesem heißt es: »Ich bin stolz, daß, wo Fort Yuma liegt, auf meiner 1804 gezeichneten Generalkarte von Mexico steht: Indios Yumas. Da ich vermuthe, daß Sie meine zwei großen Karten aus dem 1811 in Paris erschienen Atlas De la Nouvelle Espagne nicht bei sich haben, so mache ich Ihnen ein wildes Croquis von meinem Rio Colorado, wie ich die Völkerstämme nach den, in den Archiven von Mexiko aufgefundenen Itinerarien des Padre Escalanti von 1772 in meine Karte habe eintragen können. Ich schreibe links von dem Flusse die geschätzten Breitengrade als Maßstab hin. Die Indianerstämme haben seitdem gewiß viel ihre Sitze verändert ...« Die Ansichten, welche ich oben ausgesprochen habe, beruhen auf Eindrücken, die ich an Ort und Stelle empfing und die ebensowohl von dem Charakter des Landes und von der Bodengestaltung als auch von der individuellen Erscheinung der verschiedenen Indianerstämme geleitet wurden, und ich bin also weit entfernt davon, diese als maßgebend für andere aufzustellen. Als unmittelbar am Colorado lebend, habe ich während meines mehrfachen und längeren Aufenthalts daselbst nur folgende Ackerbau treibende Stämme kennengelernt: 1. An der Mündung des Colorado oder von 32° 18' n. Br. nordwärts die Cucapas oder Cocopas; 2. von 33° nordwärts die Nation der Yumas; 3. von 34° nordwärts die Pai-Utes, Chimehwhubes und Cuchans; 4. von 34° 36' nordwärts bis zum Black Canon den Stamm der Mohaves und einige wenige Chimehwhuebe-Familien kurz vor dem Ende der Schiffbarkeit des Stroms. Der Stamm der Ta-majabs, dessen Sitz auf älteren Karten genau in das Gebiet der jetzigen Mohaves, Mokhaves oder Mojaves fällt, ist demnach ohne Zweifel identisch mit letzterem, und die Abweichungen in der Schreibart können vielleicht dem Umstand zugeschrieben werden, daß verschiedene Indianerstämme die Namen ihrer Nachbarn stets verschieden aussprechen, daher Ta-majabs, Mojaves, A-Mokhaves, Mohaves und Mucaorawes. Schwieriger ist es wohl, eine Identität zwischen Cajuenches und Cuchans zu beweisen, die Captain Whipple ebenfalls für möglich hält, aber doch bezweifelt, denn einesteils fehlt uns zum Zweck eines Vergleichs der Sprachen wie bei den Ta-majabs ein Wortverzeichnis der früheren Cajuenches, und dann müßte auch dieser Stamm, dessen Gebiet als unter 32° n. Br. liegend bezeichnet wird, seinen Sitz weiter nördlich verlegt haben. Obgleich nämlich, gemäß der Angaben der Eingeborenen, sich nahe der Gila-Mündung noch Cuchans befinden sollen, so hatte ich doch nie Gelegenheit, mich von der Anwesenheit von Mitgliedern dieses Stammes südlich vom 33. Breitengrad zu überzeugen. Den Namen Talchedum, den wir in fast allen älteren Nachrichten als Volksstamm erwähnt sehen, habe ich am Colorado nicht wiedergefunden, wohl aber traf ich in dem den Talchedums zugesprochenen Gebiet mit Chimehwhuebes, Cuchans und Mohaves zusammen. Nach Whipple gehören die Cuchans, Cocomaricopas, Mohaves und Diegenos ursprünglich zur Nation der Yums, und diese Behauptung ist durch den Vergleich der Sprachen, in denen nur ein Dialektunterschied zu erkennen ist, wohl hinlänglich bewiesen. Auch die Yavipais oder Yampais am oberen Colorado, auf die ich im Laufe meiner ferneren Beschreibung zu sprechen kommen werde, hält Whipple, aber mit weniger Bestimmtheit, für Verwandte dieser Nation. Bei dem Eifer, mit dem die Regierung der Vereinigten Staaten ihre Aufmerksamkeit auf alle noch unerforschten Länderstrecken richtet, und bei der Freigebigkeit, mit der sie stets ihre dorthin gesandten Expeditionen ausrüstet, kann wohl sicher angenommen werden, daß in nicht ferner Zeit alle vorhandenen, bis jetzt noch unbekannten Materialien gesammelt sein werden, die dazu dienen können, einiges Licht über den Ursprung, die Verwandtschaft und die Verteilung der Indianerstämme zwischen den Rocky Mountains und den Küsten der Südsee zu verbreiten. Jedenfalls halte ich die Stämme der Eingeborenen in den Tälern des Gila und des Colorado, wenn auch unter sich verwandt, doch jetzt streng geschieden von den zahlreichen Stämmen der Apachen und der städtebauenden Indianer, die den umfangreichen Landstrich zwischen dem Rio Grande, dem Rio Gila und dem Rio Colorado bevölkern; mag auch ihr Ursprung, wenn wir in das graueste, für uns zurzeit aber undurchdringliche Altertum hinaufsteigen, immer derselbe bleiben. Sollten sich aber noch welche von den Erbauern der Casas Grandes am Gila Elemente unter den jetzt dort lebenden Pimos und Maricopas befinden, so sind diese so sehr mit letzteren verschmolzen, daß sie als nicht vorhanden betrachtet werden können. So hat sich denn die Idee bei mir gebildet, daß die oben aufgezählten Indianerstämme, die jetzt am Gila und am Colorado leben, auf demselben Weg wie die altmexikanischen Völker eingetroffen sind, und zwar kurz vorher, ehe diese ihre Sitze am Gila und an dem von dort aus bevölkerten Rio San Francisco und Colorado Chiquito aufgaben und gegen Süden zogen. Im Jahre 1539 nämlich, als der Padre Marco de Niça auf seiner Forschungsreise nach dem Königreich Cibola den Gila berührte, stieß er dort auch auf volkreiche Städte und Ansiedlungen (Casas Grandes), die nicht mit den damals schon im Tal des Colorado anwesenden Yuma-Stämmen in Verbindung standen, über welche die ersten Nachrichten von Alarchon vom Jahre 1540 herrühren. Ich sage auf demselben Weg, denn ob nun von Norden oder Westen – aus beiden Richtungen steht einem wandernden Volk nur der eine direkte Weg über die Halbinsel von Kalifornien nach diesen Flüssen hin offen, indem wasserlose Sandwüsten und unzugängliche, tief gespaltene, felsige Hochebenen Neu-Mexiko in einem weiten Bogen von Westen nach Norden so einsäumen, daß, wie ich im Verlauf meiner weiteren Beschreibung beweisen werde, jeder Gedanke an eine Einwanderung von dort her sogleich aufgegeben werden muß, wenn nicht, was bei einem Hinblick auf jene Territorien kaum denkbar ist, eine selbst den jetzigen Eingeborenen verborgene Straße entdeckt wird. Der Umstand, daß die Eingeborenen am Gila in ihren freilich nicht weit hinaufreichenden Erinnerungen und Traditionen nichts von den Erbauern der Casas Grandes wissen und die Gebäude selbst nur als Ruinen kennen und gekannt haben; ferner daß – wie Albert Gallatin, der nordamerikanische Sprachforscher, über den Gila redend bemerkt, »No trace of the Mexican language has been discovered in any part of that region«, und wie Buschmann in seinem Werk »Über die aztekischen Ortsnamen« ausdrücklich bekräftigt – in der Sprache der Gila-Stämme keine Ähnlichkeit mit der altmexikanischen Sprache entdeckt werden kann, spricht vielleicht für jene Idee, nach der die einander fremden Völkerstämme auf demselben Weg, ohne miteinander in Berührung zu kommen, an den Gila und den Colorado gelangten, und deshalb ist die an Ort und Stelle gewonnene, möglicherweise irrtümliche Auffassung verzeihlich. Da ich bei fortgesetzter Reise vielfach auf Überreste alter Bauwerke stieß, die im Zusammenhang mit den alten, wandernden Völkerstämmen stehen müssen, so behalte ich mir ein weiteres Eingehen auf diesen Gegenstand bis zur Beschreibung jener Ruinen vor und begnüge mich hier damit, meine Ansichten über die Verteilung, die Verwandtschaft und das mutmaßliche Einwandern der Colorado-Stämme, mit denen ich in Berührung kam, dargelegt zu haben. Nicht ohne Interesse wird es sein, wenn ich hier zwei Karten beifüge, die von den Eingeborenen selbst herrühren und die sich der eifrig forschende und stets bedachtsame Captain Whipple von einem Yuma- und einem Pai-Ute-Indianer im Sand aufzeichnen ließ. Beide geben Bilder vom Colorado, die in geographischer Beziehung einander ähnlich sind, in der Verteilung und Benennung der Indianerstämme aber voneinander abweichen. Die Karte des Pai-Ute deutet auf eine genauere Kenntnis des Landes, da auf dieser der Lauf des New River in der Colorado Desert, den ich auf Seite 93 erwähnte, unter dem Namen Ha-withl-met-heih sowie der Mohave River als Pah-sa-wa-ga-re niedergelegt ist, welch letzterer Fluß sich nach einzelnen, aber nicht unbestrittenen Angaben auf unterirdischem Weg dem Colorado zugesellen soll. Auffallend erscheint es bei beiden, daß der Name »Yuma« ganz fehlt und statt dessen der Name »Cuchans« angewendet worden ist. Wenn hier die Bezeichnung Cuchans gleichbedeutend mit Yuma sein sollte, so wäre das ein neuer Beweis, wie durch die verschiedene Benennung eines und desselben Stammes ebenfalls bei Forschern der Glaube an mehr Stämme entstanden sein kann, als in der Tat sich finden und gewesen sind. Es bleibt mir nur noch übrig, der Chimehwhuebes zu gedenken, des einzigen Stammes im Tal des Colorado, der in keiner Beziehung zu der großen und weitverzweigten Nation der Yumas zu stehen scheint. Nach den vom Captain A. W. Whipple gesammelten und von William W. Turner geordneten und erläuterten Materialien gehören, wie oben bemerkt, die Cuchans, Cocomaricopas, Mohaves und Diegenos zur Nation der Yuma-Indianer. Aus denselben Quellen entnehme ich die Behauptung, daß die Chimehwhuebes, Comanches und Cahuillos, also Stämme, die zwischen den Küsten der Südsee und Texas verbreitet sind, als Nebenstämme der Nation der Schoschones oder Schlangenindianer betrachtet werden können. Turner bemerkt ausdrücklich am Schluß der unter diesen Stämmen gesammelten Vokabularien, zwischen denen untereinander ich nur selten schwache Ähnlichkeiten zu entdecken vermag: »Alle Eingeborenen, die diese Mundarten sprechen, gehören zu der großen Familie der Schoschones oder Schlangenindianer. Dieselbe umfaßt die Schoschones im südlichen Oregon, die Utahs in der Nachbarschaft des Großen Salzsees und dann, sich gegen Süden und Westen erstreckend, die Pah-Utahs westlich vom Colorado sowie die Indianer der Missionen im südlichen Kalifornien, wie die Kizh (von San Gabriel), die Netela (von San Juan Capistrano) und die Kechi (von San Luis Rey). Gegen Südosten endlich die Comanches der Prärien, auch Hietans und Paducas genannt ... Die Chimehwhuebes sind eine Bande der Pah-Utahs (genannt Payutes, Pai-Utes, Piutes, Piuches etc.), d. h. Fluß-Utahs, von deren Sprache durch den Häuptling des Stammes ein Wortverzeichnis gewonnen und zum erstenmal veröffentlicht worden ist. Dasselbe stimmt sehr nahe mit Simpsons Utah- und Haies Ost-Schoschone-Wortverzeichnis überein.« Über die Stärke der Bevölkerung im Tal des Colorado sprach ich bei einer früheren Gelegenheit (Seite 230), und ich wiederhole hier, daß die ältesten Angaben über diese ebenso unsicher erscheinen wie die neueren, denn beide beruhen nur auf oberflächlichen Schätzungen. Ich glaube nicht an eine wesentliche Verminderung der Zahl der dortigen Eingeborenen, die durch aufreibende Krankheiten, durch Hungersnot oder durch verderbliche Kriege bewirkt worden wäre. Die kräftigen Gestalten, die nur durch günstiges Klima, durch gesunde Bewegung, besonders durch Schwimmen, und durch ein Leben des Überflusses eine solche physische Ausbildung erhalten konnten, sprechen allein schon gegen die Annahme einer Verminderung. Ebensowenig ist es wahrscheinlich, daß in neuerer Zeit eine Vermehrung stattgefunden hat, denn nach den Beobachtungen, die ich dort anstellte, reichte der junge Zuwachs nur gerade so weit, um die auf gewöhnlichem Weg Absterbenden zu ersetzen. Eine Frau mit drei Kindern scheint zu den Seltenheiten zu gehören, da aber die Männer im Besitz von bis zu fünf Frauen sind, so entstehen dadurch doch ziemlich starke Familien. Im Verlauf der Beschreibung der Flußreise sowie in meinem ersten Reisewerk habe ich so vielfach und ausführlich unseren Verkehr mit den Eingeborenen zu schildern gesucht, daß es wohl keiner weiteren Beschreibung der Sitten und Bräuche der Indianerstämme im Tal des Colorado bedarf. Ebenso glaube ich dargelegt zu haben, daß diese Ackerbau treibenden Stämme als ein harmloser, friedliebender Menschenschlag bezeichnet werden können. Es ist wahr, diese Wilden sind dazu geneigt, die sie besuchenden Fremden mit einem gewissen Mißtrauen zu betrachten, jedoch wohl nur aus dem Grunde, weil sie ihre Freiheit bedroht glauben, denn die Gerüchte, welche der weißen Rasse immer vorangehen und ihren Weg bis zu den im abgesondertsten Winkel lebenden Eingeborenen finden, sind gewiß nicht vertrauenerweckend. Deshalb wurden auch die Missionen San Pedro und San Pablo, welche die Spanier vor einem Jahrhundert an der Mündung des Gila gründeten, nur kurze Zeit von den Yumas geduldet. Spanische Abenteurer, die fünfzig Jahre später dort eine Kolonie anlegten, fielen ebenfalls als Opfer des tief gewurzelten Mißtrauens. Als später im Jahre 1849 der Golddurst Emigranten auf der Gilastraße nach Kalifornien führte, hatten diese wiederum von den Feindseligkeiten der Yumas zu leiden. Als man indessen, wie Captain Whipple ausführlich beschreibt, der Sache auf den Grund ging, stellte es sich heraus, daß die Wilden den Weißen beim Übergang über den Colorado wesentliche Dienste geleistet hatten und diese zum Dank dafür den armen Eingeborenen von ihrem Mais raubten, was dann die erste Veranlassung zu feindlichem Auftreten gab. Dorthin gesandte Truppen der Vereinigten Staaten stifteten während eines kurzen Aufenthaltes Frieden, und das wahrscheinlich mit Waffengewalt. Später errichtete eine Bande verworfener Menschen, an denen die westlichen Grenzen der Vereinigten Staaten reich sind, nahe der Gilamündung eine Fähre und mißhandelte auf die frechste Weise die mit ihnen verkehrenden Eingeborenen. Diese, sich Herren ihres eigenen Landes wähnend, erschlugen die räuberischen Eindringlinge, befreiten die Welt von einer Rotte Missetäter, luden aber die Unzufriedenheit der Vereinigten Staaten auf sich. Mit Waffengewalt wurde abermals der Friede hergestellt; es entstand zum Schutz der Weißen gegen die Eingeborenen Fort Yuma, und somit wurde, freilich ohne Absicht der Regierung, der Grundstein zur vollständigen Verderbtheit eines mit vielen und schönen Fähigkeiten ausgerüsteten, aber wilden Menschenstamms gelegt. Denn – ich wiederhole es abermals, und mögen meine Worte einen weiten Weg und an rechter Stelle Eingang finden – wo reguläre Truppen der Vereinigten Staaten von Nordamerika sich unter den Eingeborenen des Landes hinwenden, da befinden sich in ihrem Gefolge alle nur denkbaren Laster, und wo man früher nur wilde, ich füge hinzu grausame Krieger und hart arbeitende Squaws erblickte, da zeigen sich tierisch betrunkene, feige rothäutige Männer und träge, durch ihren Umgang mit den Soldaten erkrankte Weiber, die mit ihren lasterhaften Lehrern im Genuß des Feuerwassers wetteifern. Der noch unverdorbene Mohave ist nicht blind für den sogenannten Segen der Zivilisation, er sieht seinen Bruderstamm unter dem Einfluß dieser Zivilisation immer tiefer sinken, er sieht ihn herabgewürdigt unter das Tier, er sieht ihn als Sklaven in seinem eigenen Land und erkennt, daß eine dunkel gefärbte Haut die Ansprüche auf Gerechtigkeit vernichtet, die der Indianer wie der Neger vor seinen weißen Unterdrückern erheben könnte. Wie ich nach meiner Rückkehr in Europa erfahren habe, weigern die Mohaves sich standhaft, die Errichtung eines Militärpostens in ihrem Tal zu gestatten; sie erklären, daß Reisende stets unbelästigt ihr Territorium betreten können, daß sie sich aber mit aller ihnen zu Gebote stehenden Macht der Gründung eines Forts entgegensetzen würden; sie sind noch einfältig genug, zu glauben, daß der Boden, der mit der Asche ihrer Väter vermischt ist und den sie als ein freies Eigentum von ihren Vorfahren übernahmen, der Boden, auf dem ihre Wigwams stehen und dessen Zeugungskraft sie auf friedliche Weise ihren Unterhalt entnehmen, auch von fremden Menschen heiliggehalten wird; sie sind noch kurzsichtig genug, zu glauben, daß Nationen, deren Länder sie nicht plündernd und raubend heimsuchen, auch bei ihnen nur besuchsweise erscheinen werden. Doch das Geschick des schönen und freien Stammes der Mohaves ist besiegelt, sein kräftiger Geist wird mit Waffengewalt gebrochen werden, und wie wir an Tausenden von Beispielen kennengelernt haben und wie der Mohave es an seinem Yuma-Nachbarn jetzt täglich wahrnehmen kann, wird auch hier der dem Elend preisgegebene, rechtmäßige Besitzer des Landes sich bettelnd der Tür seines Unterdrückers nahen und von diesem mit Füßen fortgestoßen werden. Es sind keine Phrasen, die ich hier einschalte, sondern nur Aufzählungen von Tatsachen, deren Augenzeuge ich war. Das Geschick einer jetzt noch freien Nation ist besiegelt, und ein neuer Fluch gesellt sich bald zu den unzähligen, die auf denjenigen ruhen, welche es verstanden, sich durch eine verbrecherische Politik der sie hindernden Eingeborenen zu entledigen und die sich stolz »Natives« nennen. Ohne in die Rolle eines Weltverbesserers fallen zu wollen, wage ich es doch, hier eine Frage aufzustellen, eine Frage an alle diejenigen, die mit frommen Mienen überall eine Fügung der Vorsehung zu erkennen glauben, an diejenigen, die mit dankbarem oder undankbarem Gemüt sich, soviel ihnen beliebt, von den lebenden oder leblosen Schätzen der freigebigen Natur zueignen, an diejenigen, die in dem menschlichen Geist einen göttlichen Funken, in dem Menschen selbst das edelste Werk einer weisen, schöpferischen Hand erblicken; aber auch an diejenigen, die den Wert des Menschen nach seiner Farbe und danach nach seiner Stellung oder nach seinem Reichtum bestimmen und das edelste Werk der Schöpfung mitsamt dem göttlichen Funken um blitzendes Gold veräußern – an alle, alle richte ich die Frage: Wurde die indianische Rasse geschaffen, um mit Überlegung ausgerottet zu werden? Wurde der Neger zum Verkauf auf die Erde gestellt? Doch wozu Fragen, die sich jeder auf die ihm bequemste, vorteilhafteste Weise beantwortet und die sogar von den Lehrern des Christentums in Fällen, wo es ihnen Schaden bringen könnte, vorsichtig umgangen werden. Auf den Gräbern hingeopferter Nationen erheben sich Bethäuser und Kirchen, und in denselben, wo der Farbige nur verstohlen und streng geschieden von der eifernden, weißen Rasse belehrende Worte zu erhaschen strebt, wagt man es, sich vertrauensvoll vor dem Gott zu beugen, vor dem es keinen Unterschied der Farbe gibt. Ich fragte einst einen Delaware-Indianer, ob er keine der vielen christlichen Kirchen besuche, die wie Pilze in seiner Nähe aus der Erde wüchsen. Mit eigentümlichem Lächeln antwortete mir der halbzivilisierte Jäger: »Zuviel Lügen in weißen Mannes Bethaus; sagen: selbst nicht stehlen, stehlen aber Indianers Land; sagen: liebe deinen Nächsten, wollen aber nicht zusammen mit Neger beten. Viel Kirchen hier; Methodisten, Katholiken, Protestanten, Presbyterianer; alle sagen: selbst allein gut, andere Kirchen falsch und lügen. Alle Kirchen lügen; Indianers Kirche, Wald und Prärie, ist gut, Wald und Prärie nur eine Zunge.« So antwortete mir der Indianer, aber er richtete auch eine Frage an mich, und zwar lasse ich dieselbe hier Wort für Wort folgen: »Du kommen von großes Land, möchten da auch gerne Indianer plündern, Neger verkaufen, können aber nicht, kein Indianer, kein Neger da! Hat dein Land viel Kirchen?« Und als ich dies bejahte, fragte der Indianer weiter: »Sagen in Kirchen in dein Land schwarzgekleidete Menschen: Meine Kirche allein gut? Und sagen für Geld viel glatte Worte und lehren Gutes, was sie selbst nicht tun? Und sagen: Armer Indianer schlecht, armer Neger schlecht, und Blaßgesicht ohne Geld schlecht?« So lautete des Delawaren Frage. Ich war verwundert, wußte darauf nicht zu antworten und begann verlegen von anderen Dingen zu sprechen. Der Delaware aber lachte und rief mir zu: »Ich verstehe, dein Land auch nicht besser; wo Menschen sein, da Unterdrückung und Unrecht.« Dieses Gespräch schalte ich hier bloß als die Erzählung einer Tatsache ein, um darzulegen, welchen Begriff die Eingeborenen von der ihnen vorgespiegelten Zivilisation im Verkehr mit zivilisierten Menschen gewinnen. Leider und in den meisten Fällen richten sich die neuen Jünger der Zivilisation nicht nach den Worten, sondern nach den Handlungen der Träger derselben, und da dem Indianer als Verbrechen ausgelegt wird, was der Weiße ungestraft tun darf, so kann der Versuch der Zivilisierung der Eingeborenen auch als der Anfang ihres Untergangs angesehen werden. Die indianischen Stämme, die, obgleich sie durch weite Zwischenräume voneinander getrennt sind, doch einen gewissen Verkehr unter sich aufrechterhalten, müssen irre werden, wenn man ihnen so viele verschiedene Religionen vorpredigt, die sich alle christlich nennen, dabei aber als erste Lehre aufstellen, daß jede andere Form der göttlichen Verehrung, die mit ihrer eigenen nicht übereinstimmt, zur ewigen Verdammnis führt. Wem soll der wilde Eingeborene nun glauben? Er wählte den einfachsten Weg: er traut niemandem und gesellt sich scheinbar dem zu, der ihm die bequemsten Mittel zu seinem Unterhalt an die Hand gibt. Das böse Beispiel nun empfangen die Eingeborenen von zahlreichen Vorläufern der Zivilisation, die mit Recht als der Auswurf der Menschheit bezeichnet werden können und die nur den einzigen Zweck vor Augen haben, sich ungestraft mit dem Eigentum anderer, sogar auch mit dem letzten der armen Wilden zu bereichern. Die grauenerregenden Vorfälle, welche vor einigen Jahren der ersten Kolonisierung der Territorien am Nebraska und am Kansas folgten und die heute noch in jenen Gegenden an der Tagesordnung sind, geben das beste, aber ein sehr trauriges Bild von dem Verfahren, das in den Vereinigten Staaten eingeschlagen wird, den Eingeborenen ihr Besitztum zu entwinden. Hochgestellte Männer befinden sich gewöhnlich an der Spitze solcher Bewegungen, und wo noch ein mitleidiges Herz beim Anblick der Leiden der zurückgedrängten Rasse und der verlockten ersten Einwanderer schlägt, da schweigt es bald beim Hinblick auf den reichen Gewinn, den die kluge, aber gewissenlose Landspekulation eintrug. Doch zurück zu unseren Mohave-Indianern. Oftmals hörte ich von Leuten, von denen ich es am allerwenigsten erwartete, daß diese für die Zivilisation unfähig wären. Auch Major Emory, den ich am Eingang dieses Werkes erwähnte und der sich in seinem »Report on the United States and Mexican Boundary survey« die heftigsten Angriffe auf Leute, die ihn weit überragen, aber seine Ansichten und Meinungen nicht teilen, zuschulden kommen läßt, spricht den Indianern jede Bildungsfähigkeit ab. Ich behaupte hier das Gegenteil. Wenn das Militär der Vereinigten Staaten, das jetzt zum Schutz der Weißen unter die Indianer gesandt wird, dazu bestimmt wäre, die Rechte der Indianer gegen die Weißen zu wahren; wenn ferner die aus aller Herren Länder zusammengewürfelten Soldaten – anstatt ihre Zeit mit Trinken, Spielen und anderen verächtlichen Leidenschaften hinzubringen – dazu angehalten würden, gleichsam als Lehrer der Indianer Kolonien zu gründen, Ackerbau zu betreiben und als Polizei gegen die räuberischen Spekulanten aufzutreten; wenn der Branntwein – der Fluch der westlichen Bevölkerung – Eingeborenen sowie Soldaten gänzlich entzogen würde und wenn man bei den Wilden den Glauben an die Straflosigkeit der sie in ihren Rechten etwa beeinträchtigenden Individuen erschütterte, dann würde das tief gewurzelte Mißtrauen allmählich schwinden; der wilde Wüstenbewohner würde sich ebensowohl zu den guten Sitten und Gewohnheiten hingezogen fühlen wie jetzt zu den tadelnswerten. Aufsteigend von Stufe zu Stufe der Gesittung, geleitet von duldsamen und verständigen Missionaren würde er bald eine Stelle unter den Nationen einnehmen, auf die der amerikanische Kontinent wohl Ursache hätte stolz zu sein. Doch gewiß ist es leichter, Sünden und Übel an Völkern zu entdecken und zu tadeln, als den kleinsten eigenen Fehler abzulegen. Wo man indessen die Überzeugung gewonnen hat, daß keine Versuche zur Besserung von Zuständen, die wie ein eiterndes Geschwür einen ganzen Erdteil verunzieren, unternommen werden, oder wo bei solchen Versuchen die Leitung unkundigen, ja untreuen Händen anvertraut wird, da gewinnt jeder, der eines gesunden Urteils fähig ist, das Recht, rügend und tadelnd aufzutreten. Die Sklavenzucht und der Sklavenhandel in Amerika werden einst in sich selbst eine furchtbare, aber gerechte Strafe finden. Doch leider bleibt ungestraft das verbrecherische, systematische Verfahren, das man dort einschlägt, um eine ganze Menschenrasse bis auf die letzte Spur auszurotten.