Levin Schücking Die Marketenderin von Köln Erstes Kapitel Ein Professor und ein Student der Universität Köln In einer der schmalen und düstern, aber dazumal nicht wie heute von Leben und Bewegung erfüllten, sondern sehr stillen, grasbewachsenen und schmutzigen Straßen der alten freien Reichsstadt, der heiligen dreigekrönten Colonia – an einer Ecke, welche durch eine noch viel schmälere, hier einmündende Gasse gebildet wurde, lag am Ende des 18. Jahrhunderts eins jener schönen malerischen alten Häuser, die heute das Entzücken eines kulturhistorisch gebildeten Menschen von künstlerischem Geschmack und die Verzweiflung dessen bilden, der verurteilt ist, in solch einem engen, schiefwinkeligen, dunkeln, zugigen, ungemütlichen Kasten zu wohnen. Wir verschweigen die Nummer des Hauses, lassen dem Leser die Wahl zwischen Hochstraße, Minoriten-, Buden- oder Rechtschulstraße und deuten als weitere Kennzeichen nur an, daß besagtes Haus, wie zu praktischem Gebrauche eingerichtete Häuser pflegen, unten eine Tür hatte und daneben zwei Fenster. Dasjenige, welches der Tür zunächst lag, zeigte hinter Scheiben von bescheidener Größe eine Ausstellung von sinnig geordneten Produkten ferner Länder und Völkerschaften, als da sind: einige Glasschalen voll grünlich-grauer Früchte des berühmten arabischen Kaffeestrauches; gelbe Kistchen, worauf für jedermann, der nur einigermaßen in der chinesischen Sprache und Schriftkunde bewandert war, mit großen Buchstaben deutlich zu lesen stand, daß darin der allerechteste Kaisertee enthalten; daneben Körbe mit jenen für jugendliche Phantasien gefährlichen getrockneten Früchten, die unter dem Namen Korinthen, Rosinen von Malaga und Feigen von Smyrna in den Handel kommen, und ferner eine kleine Pyramide der goldensten Äpfel von Siena. Neben diesen lachenden Produkten des Pflanzenreichs ferner Zonen zeigten sich die weit weniger idealen Gestaltungen, womit das Tierreich in solch einem Laden vertreten zu sein pflegt, so namentlich der unpoetische Hering, der häßliche Laberdan und der holländische Käse. Auch erblickte man symmetrisch in den Ecken aufgestellte Bündel jener dünnen irdenen Pfeifen, aus welchen der sanfte und vorsichtige Mynheer zu rauchen, ohne sie zu zerbrechen, das Geheimnis besitzt, und dazu Tabakpakete mit dem berühmten dreifach bekreuzten Wappen der Stadt Amsterdam; welche drei Kreuze ohne Zweifel von irgendeinem deutschen Kaiser oder Potentaten, der sich zu irgendeiner Zeit in irgendeinen Handel mit Holländern einließ, schließlich hinter ihnen her gemacht worden und alsdann zum ewigen Andenken in das Wappen der Hauptstadt gesetzt sind. Alle diese Gegenstände deuten hinreichend an, daß sich in unserm Hause ein Spezereigeschäft befand, und das Geklingel der Tür, welches sich oft genug, besonders im Laufe der Vormittagsstunden, darin hören ließ, bekundete, daß der Laden ein ziemlich besuchter war – wie das denn auch nicht wohl anders sein konnte bei der guten Lage zwischen Gassen und Gäßchen inmitten der Stadt, und obendrein ganz zu ebener Erde, durchaus gleich mit dem Straßenpflaster und ohne jede Treppe – ein wesentlicher Vorteil, lieber Leser, bei allen Spezereigeschäften, Bierstuben und ähnlichen Läden, wie du vielleicht, wenn du nicht selbst in etwas »machst«, noch nicht gewußt hast ... ein vielgeplagtes Küchenmädchen, das den Tag über genug in und außer dem Hause umherzurennen hat, liebt es nicht, ausgetretene glatte Treppenstufen zu erklimmen, um des Herings habhaft zu werden, nach welchem die Gebieterin spät nach der Abendsuppe noch ein Gelüsten bekommt, und noch weniger liebt es der intelligente nach einem Lot Kaffee ausgesandte Knabe, der bereits durch derartige minder wichtige Missionen in der Haushaltung nützlich gemacht wird. Es war um diejenige Zeit des Jahres, wann die Tage nach der Versicherung des Kalendermanns kürzer zu werden beginnen als die Nächte, an einem feuchten, nebelerfüllten Abende, als ein hoch und kräftig gebauter junger Mann, in einen Mantel gehüllt, mit sehr elastischem Schritt und doch lässig und langsam durch die Gasse daherging, zu deren namhaftesten Sehenswürdigkeiten unser eben beschriebenes Ausstellungsfenster gehörte. Der junge Mann kümmerte sich dabei wenig darum, an welchen Stellen seine Klappenstiefeln den festen Grund berührten; die Pegelhöhe des schlammigen, schwarzen Sumpfes, der infolge vorhergegangener Regentage die Straße füllte, war überall dieselbe. Er blickte nicht einmal auf seinen Weg, sondern trug das Haupt sorglos erhoben; vielleicht erfreute sich sein lebhaftes und fröhliches blaues Auge an dem phantastischen Bilde, welches die Straßenperspektive vor ihm darbot, an diesen merkwürdigen alten Häusern zu beiden Seiten, die mit ihren vorspringenden oberen Stockwerken und ihren Erkern aus dem Nebel, der alle Umrisse vergrößerte, höchst wunderbarlich und märchenhaft hervorschauten; während die an den Fronten angebrachten Figuren und Köpfe, vor allem die kuriosen Wahrzeichen von Köln, die alten Gesichter über den Torbogen und Eintrittstüren, dem Dahinwandelnden ganz eigentümliche Fratzen zu machen schienen, deren mimische Bedeutung bei der Dämmerung jedoch schwer zu enträtseln war. Als der junge Mann vor dem Hause mit dem Spezereiladen angekommen war, schlug er den Mantel auseinander, trat einigemal stark mit den Stiefeln auf die Schwelle, um sie des klebengebliebenen Schmutzes zu entledigen, und trat ein. Der Ladenraum bot nicht überflüssig viel Platz dar für eine kräftig ausgebildete Männergestalt, die, ihren Mantel auf die Schultern zurückgeworfen, von dem dreieckigen kleidsamen Hütchen durch einen kecken Schwung die Feuchtigkeit, welche sich darauf gesammelt hatte, abschütteln und dann mit einem Tuche das starke schwarze lockige Haar von den Tropfen befreien wollte, womit der Nebel es leicht überpudert hatte. Die Ellenbogen des jungen Mannes kamen dabei rechts in Berührung mit allerlei Matten, Bürsten, Kuhketten, Stuhlrohr, Stricken und dergleichen malerischen Draperien eines Ladenraumes; auf der andern Seite stießen sie an die aus dunklem Eichenholz geschreinerte Theke, über der eine Art von Triumphbogen sich erhob, gebildet von zwei kühn geschweiften und in der Mitte sich umschlingenden Schlangen und belastet mit glänzenden Wagschalen und dicken Packen grauer Tüten. Umschlossen von diesem sinnig erfundenen Rahmen stand hinter der Theke eine sanfte Männergestalt mit grauem Haar und einem mehr freundlichen und belebten als sorgfältig rasierten Gesicht, das, an den Schläfen stark eingedrückt, eine sehr gewölbte, hohe, kahle, höchst gelehrt aussehende Stirn zeigte; ein Gesicht, das viel mehr das eines gutmütigen spekulativen Weltweisen war als das eines Mannes, der geboren, sich mit dem Abwägen von Pfeffer, Kandis und Waschbläue zu beschäftigen. Es schien in der Tat, daß auch der eintretende junge Mann diese Bemerkung machte, denn nachdem er dem Manne hinter der Theke eine nicht unzeremoniöse Verbeugung gemacht hatte, sagte er mit einiger Überraschung im Tone: »Ei der Tausend, mein Herr Professor, ist dero Gelahrtheit wieder einmal zwischen die Öl- und Heringsfässer gebannt, so daß ein lernbegieriger Jünger, der kommt, zu den Füßen seines Lehrers zu sitzen, Gefahr läuft, dabei in den Tran zu geraten?« »Was soll man machen, Herr Bender, was soll man machen! Die werte Eheliebste liegt an einer kleinen febris intermittens rheumatischen Charakters danieder, die Magd ist mit den Angelegenheiten der hilfebedürftigen Jugend in der Kinderstube beschäftigt, und so muß denn der Hausvater wohl vom Kothurn der Wissenschaft auf den Soccus des Spezereigeschäfts herabsteigen. Treten Sie näher, Herr Bender, ich will nur noch einige Lot gemahlenen Kaffees in die respektiven Tüten verpacken, um diesen vorzugsweise beliebten Artikel bei vorkommender Nachfrage sofort fertig und ohne Zeitverlust verabreichen zu können. Wir wollen alsdann unverweilt unsere Vorlesung beginnen. Wir waren stehengeblieben bei ...« »Nehmen Sie sich nur Zeit, Herr Professor;, die Uhr ist noch nicht sechs, und Ihre beiden andern Zuhörer sind ja auch noch nicht da.« »Werden wohl wieder das Kollegium schwänzen, die Herren Zander und Elleschen; was uns aber nicht abhalten wird, heute zum Abschnitt von der spina dorsalis überzugehen.« »Ist denn Jungfer Traudchen Gymnich nicht zur Hand, um Ihnen das Geschäft abzunehmen? Sie ist ja sonst die hilfebereite Hausfreundin.« »Jungfer Traud«, versetzte der Gelehrte, »war heute noch nicht« – sichtbar, wollte er hinzufügen, als die Klingel der sich öffnenden Tür ihn unterbrach und der Laden durch das Erscheinen einer Kundschaft erfreut wurde, die sich in Gestalt eines etwa achtjährigen barhäuptigen Buben präsentierte und keck an die Theke trat, auf deren Rand der freundliche Kleine seine beiden Ellenbogen lehnte. »Wat eß, Kind?« sagte der Professor. »Gitt meer enß zwei Lut Angenis!« Der Professor wog zwei Lot Anis ab. »Wat koß et?« »Wat et koß ...«, sagte der Professur sinnend, »wat et koß ...«, er war offenbar nicht ganz im klaren über den Marktpreis von zwei Lot Anis, aber er wußte sich zu helfen. »Wies enß, Köbesje, we vill hann se deer metgegevve?« »'nen Albuß,« versetzte der Junge, eine seiner Hände öffnend und eine Münze von diesem Wert zeigend. »Et eß rääch, zwei Lut Angenis koß 'nen Albus,« sagte der Professor und ließ das Geld durch eine Ritze in der Theke in die darunter befindliche Geldlade fallen. »För 'nen Albus Seif!« sagte der Junge jetzt. »För 'nen Albus Seif!« wiederholte der Professor und zog aus einem Fache des Ladens eine Stange weißer Seife hervor, die er in Löschpapier einwickelte. Der Junge öffnete nun die andere Hand und ließ einige Kupfermünzen daraus fallen. »Es dat 'nen Albus?« sagte der Gelehrte verweisend; »dat sin sechs Heller.« Der Knabe schwieg einen Augenblick betroffen; dann sich sammelnd antwortete er mit der selbstbewußten Geistesgegenwart eines künftigen Reichsstadtbürgers: »Dann sin de Heller, förde Angenis, un der Albus eß för de Seif.« »Jo, du Lotterbov, wat sähß do dat nit glich! Nu eß et rääch, nu gang!« Der Knabe zog mit Anis und Seife ab; der Student, der unterdessen seinen Mantel und Hut an denselben Nagel gehängt hatte, woran die Kuhketten an der Mauer niederhingen, hatte lächelnd die Art, wie der Professor Geschäfte abschloß, beobachtet und schritt jetzt durch den Laden, um auf ein paar Stufen zu treten, welche aus demselben in ein dahinterliegendes Zimmer führten. »Professor Bracht,« sagte er dabei, »Sie werden Ihrer Frau Eheliebsten schöne Dinge im Laden anrichten! Wer verkauft denn zwei Lot Anis für einen Albus? Auch sehe ich an der Art, wie Sie jetzt den Kaffee abwägen, daß Sie mit den eigentlichen Finessen des Geschäfts in beklagenswerter Weise unbekannt sind! Ist das die rechte Art, wie man dem Zünglein in der Wage einen kleinen Schneller nach der Seite hin gibt, wo die Ware hängt? Ich wette darauf, den gestoßenen Zimt verkaufen Sie, ohne in Ihrer strafbaren Unbesonnenheit auch nur einen Blick daraufzuwerfen, ob er den gehörigen Zusatz von geraspeltem Zigarrenkästchenholz hat, und ob er lange genug im Keller lag, um durch die Feuchtigkeit sein Gewicht zu vergrößern; und wenn Sie im ungemahlenen Kaffee zufällig das Vorkommen auffallend vieler Kirschensteine bemerken, so ahnen Sie in Ihrer leichtsinnigen Unschuld wohl gar nicht, welche tiefere Bedeutung diese befremdlichen Gegenstände haben. Ist Ihnen jemals eingefallen, über das Geheimnis nachzusinnen, wie man durch einen einfachen Kunstgriff dem Schwefelholzpäckchen zu Nachkommenschaft auf dem Wege natürlicher Vermehrung verhilft, indem man die Päckchen unmerklich um einzelne Exemplare bemaust? Ich behaupte, die ganze Kipper- und Wipperschaft des Kleinhandels ist Ihnen fremd, und wenn man sagt: schicke kein Kind auf den Markt, so sollte man hinzusetzen: stell' aber auch keinen Professor hinter die Theke!« Herr Professor Anatomiae D. Laurentius Bracht lächelte still bei dieser Vorlesung, welche ihm sein Schüler hielt, und nachdem er seine Kaffeetüten zustande gebracht, ging er dazu über, eine in der Mitte des Triumphbogens von den Schlangenhälsen niederhängende Lampe zu entzünden. »Was soll man machen!« sagte er dabei achselzuckend, »jede Hantierung hat ihre kleinen Kunstgriffe, die Überlieferung der biedern und klugen Vorvordern, die sich dann auf die pietätvollen Enkel vererben. Wenn man aber nun einmal kein Enkel, das heißt, nicht innerhalb solcher achtbaren Traditionen aufgewachsen ist, sondern so wie ich nur ein Appendix des Geschäfts, aus Gnaden und vermittelst eines Ehebündnisses in reiferen Jahren aufgenommen, dann wird man immer ein hilfebedürftiger tiro bleiben, man mag in litteris prästieret haben, so viel und so Rühmliches man will. Und nun, mein treuester Herr Scholar,« fuhr der Professor fort, indem er ein Talglicht an der brennenden Lampe anzündete, »da es scheint, als sollten wir eine Weile Ruhe haben vor den Anis- und Seifebedürfnissen der lieben Nachbarschaft...« »Und da die Herren Zander und Elleschen ihrer löblichen Gewohnheit, zu schwänzen, getreu zu bleiben scheinen ...« fiel der Scholar ein – »So können wir beginnen,« sagte der Professor Bracht und schritt mit seinem entzündeten Licht in die Hintere Stube hinauf, an deren Schwelle Bender bisher Posto gefaßt hatte. Das Zimmer bot einen von dem davorliegenden Räume sehr verschiedenen Anblick dar. Es war unsers Professors Doctoris Medicinae et Artis obstetriciae Bracht Auditorium für seine öffentlichen und privaten Vorträge über Anatomie des Menschen, vergleichende Anatomie und Osteologie. Unsere Leser wissen, daß solche Vortrage gemeinhin auf anatomischen Theatern gehalten zu werden pflegen. Es fehlte auch an einem solchen Institut der alten und berühmten Hochschule zu Köln nicht; aber leider war es ein düsterer großer zugiger Saal, möglichst unzweckmäßig eingerichtet, und im Winter gar nicht zu erwärmen. Und da hinzukam, daß Professor Bracht in seinen Vorlesungen auf der wenig mehr besuchten Universität äußerst wenig Zuhörer hatte und sich gewöhnlich mit einem oder zweien dieser wißbegierigen Jünglinge in traulichem Gegenüber befand, so zog er vor, die offiziellen Hilfsmittel der Hochschule ihretwegen nicht in Anspruch zu nehmen. Die ohnehin auf der Anatomie neun Zehntel des Jahres hindurch fehlenden Leichen hatte er dabei in ausreichender Weise durch Tafeln mit Abbildungen ersetzt, welche auf Pappe gezogen die Wände seines kleinen Hörsaals hinter seinem oder vielmehr seiner Gattin Laden schmückten. In der Mitte des Zimmers, wohin sich der Professor mit seinem Lichte begab, stand ein Tisch mit einem halben Dutzend Stühle umher. Die übrige Einrichtung war nicht genau zu erkennen, denn die Talgkerze gab eine sehr unzulängliche Beleuchtung; aber man sah von den Wänden her die großen Tafeln mit den Bildern halber durchschnittener Menschen, die Gestalten von beklagenswerten Männern und Frauen, denen die Brust oder die Bauchhöhle aufs grausamste bloßgelegt war, und deren Köpfe dennoch in ungebeugter Haltung, mit rot illuminierten Wangen und frischen Augen herüberblickten, als ob sie sich gar nichts daraus machten, daß solch ein kleiner Querschnitt sie von oben bis unten gespalten hatte, wie der Schwerthieb des schwäbischen Ritters unter Kaiser Rotbart lobesam den Türken, und daß man ihnen ins innerste Herz blicken konnte. Daneben hingen ganz entsetzliche Abbildungen von Armen und Beinen, woran alle Sehnen und Nerven bloßlagen, und allerlei andere bildliche memento mori in Gestalt von Heizen, Lungen, Gehirnen und andern sensitiven Organen, die ein armer Sterblicher nun einmal verurteilt ist in dem künstlichen Organismus, der sein leibliches Kleid bildet, mit sich herumzutragen. Als der Professor das Licht auf den Tisch gestellt hatte, fiel der Schimmer desselben so, daß man im Hintergrunde einen in der Mitte geöffneten Vorhang wahrnahm, aus dessen Falten ein weißes Etwas hervorleuchtete, das sich bei näherer Untersuchung, als ein noch unheimlicherer Gegenstand wie alle vorigen darstellte – es war ein weißgebleichtes Gerippe mit einem großen grinsenden Schädel. Einige andere Schädel standen auf einem Bord daneben. Der Professor nahm eine der Tafeln, legte sie auf den Tisch, und nachdem er aus der Schublade desselben seine Hefte hervorgeholt hatte, setzte er sich seinem Schüler gegenüber, der unterdessen die Schreibmappe offenlegte. »Also wir standen bei dem Kapitel von den Halswirbeln,« begann der Professor. »Es gibt derselben sieben, und ihr Charakteristikon liegt in dem Loche ihrer Querfortsätze – foramen transversium . Durchbohrte Querfortsätze zeigen sich bei andern Wirbeln nicht. Ihre Gestalt« – der Zeigefinger des Professors fuhr deutend auf die Tafelabbildung, wo sich die Gestalt präsentierte – »ihre Gestalt ist niedrig aber breit, der horizontale Dornfortsatz ist an seiner Spitze in zwei Zacken gespalten. An den gelöcherten Querfortsätzen findet sich ein vorderer und hinterer Höcker – tuberculum ...« Draußen klingelte die Tür, und dann erhob sich eine helle weibliche Stimme mit dem stürmischen Begehren: »Gitt meer enß ä Pund Labberdohn un en Appeltaat.« »Waat, ehr Lück, ich kumme glich eruus!« schrie der aus seiner Gelehrsamkeit aufgeschreckte Dozent, und nachdem er seinem Zuhörer weiter diktiert hatte: tuberculum genannt; der Dornfortsatz heißt processus spinosus ; die Querfortsätze processus transversi – womit das nächste Alinea erreicht war, sprang er auf und eilte in den Laden, wo er eine kleine schwarzäugige Magd vorfand, ihres Laberdans harrend. »Wat brucht ehr Lück dann dis'en Ovend Fesch zo esse?« sagte der Professor verdrießlich zu der kleinen Magd, während er nach der Wagschale und dem Pfundgewicht griff. »Künnt ehr nit Kaffee drinken – ich hän ä Veedelpund avgewog he lige!« »Ich bruche keine Kaffee, ich bruche Labberdohn,« antwortete schnippisch die Magd. Der Professor befriedigte ihren Wunsch; währenddessen traten wieder neue Kunden ein, zwei zumal, und die Vorlesung schien von einer langen Unterbrechung bedroht. Da klingelte es aufs neue, und bald darauf ließ sich ein leiser Tritt auf der Treppenschwelle vor dem Auditorium vernehmen; Bender aber sah durch die halb offengebliebene Tür ein Paar sehr muntere hellblitzende Mädchenaugen blicken. »Ah, Jungfer Traud,« rief der Student, offenbar erfreut über diesen Wechsel der Dekoration, der ihm, nachdem er so lange ein ödes knöchernes Halswirbelsystem angeschaut, den Anblick eines so hübschen lieblichen Okularsystems gewährte, »Jungfer Traud – kommen Sie nur herein, es ist niemand da außer mir!« »Warten Sie, Herr Bender,« antwortete eine wohltönende, etwas tiefe, aber sehr angenehme Stimme, »ich will erst hier dem armen Professor helfen, mit den Kunden fertig zu werden. Damit verschwand Jungfer Traud aus der Türöffnung und schlüpfte in den Laden, aus dem sie den Professor zu seiner unsäglichen Genugtuung in seinen Hörsaal zurücksandte, um die Theorie von den Wirbeln wieder aufzunehmen und jetzt zum Atlas und zum Epistropheus überzugehen, wahrend Jungfer Traud die Kunden befriedigte. Als sie damit fertig war, kam sie leise und geräuschlos in das Zimmer, setzte sich auf einen neben dem Ofen im Hintergrunde stehenden Stuhl – sie wandte den Rücken dem unfern hinter ihr ausgestellten Gerippe zu – und holte dann ein Strickzeug hervor, an dem sie emsig arbeitete. Die Stunde der Vorlesung verging nun ohne weitere Störungen. Wenn draußen die Haustür klingelte, sprang Jungfer Traud auf und befriedigte das Verlangen der Kinder, Mägde, Handwerkerfrauen und Madamen, welche vor und nach eintraten. Der Professor analysierte ruhig seinen Epistropheus mit dem daransitzenden processus odontoideus – und der Student hörte zu, wenn auch nicht mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Denn sehr oft glitten seine Blicke über seine Schreibmappe und die Tafeln fort auf das junge Mädchen hinüber, wenn sie aus dem Laden zurückkam und für eine Weile wieder in dem Halbdunkeln Hintergrunde saß, wo ihre Züge in einem eigentümlichen rosigen Lichte strahlten, so oft sie sich niederbeugte, um eine gefallene Masche beim Schein der Flamme, der aus dem Ofentürchen hervordrang, wieder aufzunehmen. Jungfer Traud war freilich auch wohl danach geschaffen, die Blicke eines Studenten zu fesseln. Sie war ein schönes schlankes Kind von höchstens 20 bis 22 Jahren mit prächtigen großen Augen, einem ovalen Gesicht, dessen Farbe mehr frisch und gesund als gerade rosig blühend zu nennen war, einem seinen, etwas gebogenen Näschen und einem kleinen Munde mit keck aufgeworfenen Lippen. Ihr dichtes schwarzes Haar trug sie zu einem Nest aufgebunden über dem Scheitel, der schlanke Oberkörper war mit einem eng ihn umspannenden und hoch bis zum Halse hinauf schließenden Jäckchen mit Schößen bekleidet, aus schwarzem Stoffe mit oben engen, an den Ellenbogen weit offenen Ärmeln. Ein weiter Rock von grüner Serge vollendete das Kostüm eines Kölner Bürgerkindes aus den neunziger Jahren – von der schauderhaft geschmacklosen Modetracht von damals war der ehrsame Bürgerstand von Köln noch nicht entstellt. Traudchen Gymnich hatte eigentlich einige Ähnlichkeit mit dem einzigen Zuhörer des Professors Bracht. Auch er hatte solch eine offene kluge Stirn, solch helle Augen, auch er hatte einen Mund mit aufgeworfenen Lippen; dieses war aber bei ihm so stark der Fall, und harmonierte so mit dem ganzen kecken Ausdruck seiner Züge, daß in seinem von den dichten schwarzen Locken umschatteten Gesicht etwas Leidenschaftliches, fast Wildes lag, was aus den Zügen Traudchen's durchaus nicht hervortrat. Daß er stark und kräftig gebaut, haben wir schon gesagt. Man wurde dadurch verleitet, ihn für älter zu halten, als er in der Tat war. Auch er mochte höchstens 22 bis 23 Jahre haben. Der Professor spann seine Vorlesung ab und schloß, als es auf der nahen Kirche von Groß-Sankt-Martin halb acht Uhr schlug. Während er ging, seine Tafeln an ihren alten Platz zu bringen, trat der Student sofort zum Ofen, als ob er schon lange danach verlangt, seine Füße an dem Untersatz zu wärmen. »Traudchen, sind Sie denn gar nicht ängstlich?« fragte Bender, indem er »seine Blicke über sie fort auf den Gliedermann hinter ihr warf. Traudchen blickte nachlässig nach rückwärts. »Vor dem?« fragte sie gleichgültig. »Und den Schädeln, die danebenstehen? Wissen Sie nicht, daß der eine, der große dicke Schädel dort, von einem blutdürstigen Räuberhauptmann herstammt?« »Ein Räuberhauptmann?« fragte Traudchen – jetzt etwas scheu sich umblickend. »Ich habe das alles so oft hier gesehen, daß ich gar nicht daran denke.« »Sie haben recht, Traudchen, daß Sie sich nicht fürchten. Es ist sehr töricht, sich vor Toten zu fürchten, die Lebenden sind viel schlimmer. Vor Gespenstern habe ich auch nie Angst gehabt, aber wissen Sie, wann ich mich fürchten würde?« »Nun?« »Wenn ich selber ein Geist wäre, und es begegnete mir ein lebender Mensch. Denken Sie sich einmal, Traudchen, Sie wären ein stiller, aus Duft und Luft gewobener, irgendeine verlassene Bergschlucht oder eine Klostermine bewohnender Geist, der da ruhig und von der Welt unbelästigt seit vielen Jahren sein angenehmes bedürfnisloses Dasein weiterspukt: und nun begegnete Ihnen ganz unerwartet und plötzlich ein lebender Mensch, den Sie mit Ihren Geisteraugen natürlich durch und durch schauten! Sie sähen dieses schnaubende Ungetüm auf sich loskommen, umgeben von einer Wolke von Dunst, die aus seinem Körper aufsteigt; sähen, wie die Lungen keuchend auf und ab arbeiten, das Herz zischend und gurgelnd die Blutwellen ausstößt und wieder aufnimmt und dann aufs neue fortstößt, wie dabei eine Klappe sich schließt und die andere Klappe aufklafft, und wie der Magen gärt und reibt und arbeitet, und wie die Nerven sich schwingen und zittern und die Sehnen sich spannen und wieder abspannen, daß die Glieder ruckweise bald so, bald so sich rühren und spreizen; und so denken Sie sich nun die Maschine auf sich zuschreiten, die Augen rollend, das Gehirn vibrierend und arbeitend, alle Muskelfasern in voller Bewegung, dabei die zischenden und gurgelnden Töne, die durch die Stimmritze fahren – sagen Sie, Traudchen, könnte ein armes Gespenst nicht verrückt werden vor Entsetzen und Abscheu bei einem solchen Anblick?« »Hören Sie auf, Herr Bender, oder ich laufe Ihnen fort,« sagte Traudchen sich schüttelnd. »Habe ich Ihnen einen rechten Schauer gemacht?« fragte Hubert Bender neckend. Jungfer Traudchen schüttelte abermals ihre schön gerundeten Schultern. »Abscheulich!« sagte sie. »Nun, das wollte ich eben,« fuhr der Student fort. »Ich wollte Sie ein wenig in die Stimmung bringen, wo man auf Spukgeschichten kommt, und ich hoffe, die Jungfer wird uns dann einmal auch etwas von ihrem kuriosen alten Hause erzählen, über das Jungfer Traud sonst immer nur schnippische Antworten gibt, wenn man sie danach fragt.« »Vergebliche Mühe, Monsieur Bender. Von dem alten Hause erfahren Sie nun gerade nichts!« »Was ist mit dem alten Hause?« fragte Professor Bracht. »Ei, das wissen Sie nicht?« rief der Student aus – und Traudchen Gymnich dachte im stillen: man muß in der Tat solch ein Gelehrter sein, um nicht zu wissen, was jedes Kind weiß! »Das Haus«, fuhr Hubert Bender fort, »ist das, in dessen Vorbau Traudchen bei ihrem Ohm wohnt, und zu welchem dieser die Schlüssel hat, das große alte Haus hinter St. Georg...« »Und dieses Haus?« »Steht öde und verlassen,« antwortete der junge Mann; »man hat niemals gesehen, daß irgendein Mensch hineingegangen, noch daß einer herausgekommen wäre; auf der Treppe vor der Tür liegt ein Steinhaufen, der jedem unmöglich macht, die Tür zu öffnen. Und doch muß jemand darin wohnen, denn in der gestrigen Nacht habe ich deutlich Rauchwolken über das Dach aufsteigen sehen.« »Nachts?« warf der Gelehrte wie zweifelnd ein. »Ich habe scharfe Augen, Professor, und bei reinem Sternenhimmel ist es sehr wohl wahrzunehmen, wenn eine Esse Rauch gibt. Die Fenster meines Hinterstübleins gehen auf einen Haufen von allerlei kleinen Häusern und Hintergebäuden hinaus; unser altes Haus aber ragt hoch darüber weg, und ich sehe vortrefflich die Essen, das Dach und die oberste Fensterreihe seiner Hinterfronte, an deren Ende ein hoher stumpfer Turm sich erhebt. »Und was sagt Traudchens Ohm dazu?« fragte der Professor. »Traudchens Ohm«, versetzte der Student, »sagt, wenn er nüchtern ist, nichts, und wenn er getrunken hat, verflucht er seine Seele dem Satan und allen Höllengeistern darauf, es habe seit mehr als zehn Jahren keines Menschen Fuß die Schwelle überschritten, aber es spuke eine ganze Legion von Teufeln darin.« »So nehme Sie doch die Schlüssel, Jungfer Traud, und gehe morgen am Tag hinein, um nachzusehen, wer darin ist,« sagte der Professor. »Der Ohm hat die Schlüssel,« antwortete Traudchen, die des Studenten Erzählung von der rauchenden Esse überrascht und mit großer Teilnahme angehört hatte; »und«, fuhr sie fort, »ich glaube, er erwürgte mich, wenn ich davon anfinge und ihm die Schlüssel abverlangte.« »Ja, es gibt einige wunderliche Häuser!« hub der Professor nach einer Pause wieder an, »einige wunderliche Häuser. Zu meiner Zeit war ein altes Haus am Gereonsdriesch, das stand auch seit vielen Jahren leer und verlassen, denn niemand wollte hineinziehen; aber so oft in der nächsten Nachbarschaft jemand sterben sollte, sah man oben am Hause aus einem kleinen Treppenturmfenster einen grinsenden alten Bauer herausschauen, mit langem blonden Bart, einer roten Weste und weißen Hemdärmeln.« Traudchen Gymnich hatte bei dieser Erzählung ihr Strickzeug in den Schoß fallen lassen und sah gespannt, mit glänzenden Augen, den Professor an. Hubert Bender fand es jedoch nicht für gut, das Gefühl des Gespenstergrauens in ihr zu mächtig werden zu lassen. »Wenn wir die Geschichte anatomieren könnten, werter Herr Professor,« sagte er, »so würde sich als Kern wohl irgendein harmloser Kappesbauer herausschälen lassen, der einmal in das Haus geraten und die Treppe hinaufgestiegen ist ...« Der Professor schüttelte den Kopf. »Es ist nicht ein-, es ist zehnmal wahrgenommen worden!« »Traudchen,« fuhr der Student fort, »lassen Sie mich heute abend in das Haus ein. Sie können ja die Schlüssel sicherlich bekommen. Ich möchte gar zu gern herausbringen, wer drin ist.« Traudchen Gymnich schwieg eine Weile. Die Wahrheit war, sie hätte es auch gar zu gern gewußt, wer in dem verschlossenen rätselhaften Hause sein Wesen treiben könne. »Ich weiß Sie nicht hineinzulassen,« sagte sie jedoch kurz abweisend nach einer Pause. »Und wenn ich's auch wüßte, der Ohm Gymnich ...« »Der Ohm Gymnich stört uns nicht. Der opfert sich abends von sieben bis zehn im Wirtshause, wo er auf der harten Bank sitzen und den eiskalten Wein trinken muß, wie er sagt, dem öffentlichen Wohle und der Ordnung der städtischen Angelegenheiten auf.« »Wenn Ihnen nun der Spuk ein Leids antäte?« warf lächelnd Jungfer Traud ein. »Darüber würden Sie doch nicht trauern!« entgegnete neckend Hubert Bender, »Ich bin auch bereit, zur Vorsicht unsern würdigen Professor als Doktor mitzunehmen, um mir die Halswirbel wieder einzurichten, im Fall ich bei dem Abenteuer ein Unglück hätte und der Teufel mir das Genick ein wenig aus der Ordnung brächte.« »Allein lasse ich Sie jedenfalls nicht hinein!« sagte das junge Mädchen nachdenklich. »Wenn Sie also nicht etwa selbst Lust haben ...« »Und wer sagt Ihnen, daß ich keine Lust habe?« »Dann desto besser!« rief Hubert fröhlich aus. »Dann aber auch gleich und ohne Zeitverlust!« Traudchen Gymnich schien noch einige Unschlüssigkeit zu hegen. Dem Rätsel auf die Spur gekommen wäre sie freilich unbändig gern. Was sie aber abhielt, sich mit dem kecken Studenten nachts allein in ein dunkles, unheimliches Haus zu wagen, das war am Ende wohl weniger Gespensterfurcht, denn Traudchen war ein höchst resolutes und »kurz angebundenes« Kind; das bewies schon ihre Gleichgültigkeit gegen des Professors gelehrten osteologischen Apparat in ihrem Rücken. Nein, vielleicht hatte sie andere Bedenken, die eine stumme, Sprache in dem großen, offenen, fragenden Blicke fanden, welchen sie jetzt auf Hubert Bender richtete. Hubert Bender aber beantwortete diesen Blick mit einem andern, ebenso offenen, dessen Sprache Traudchen genügend scheinen mußte. Doch enthielt ihre Antwort nicht gleich eine Zusage. »Was in dem verschlossenen alten Hause eigentlich vorgeht, hätte ich schon lange gar zu gern gewußt«, sagte sie nur. »Von dem Ohm Gymnich bringt man nicht einmal heraus, wem es denn eigentlich zugehört. Ich denke mir aber, es muß eine große Herrschaft sein, denn einigemal habe ich gesehen, daß der Ohm Briefe mit großen roten Wappensiegeln darauf bekam. Und es war sonderbar, daß der Ohm dann jedesmal den Abend eine Stunde früher ins Wirtshaus ging und später daraus heimkehrte wie gewöhnlich, und jedesmal mit einem tüchtigen Haarbeutel, als ob er irgendeinen Ärger gehabt habe.« »Vielleicht auch eine besondere Freude!« meinte Hubert. »Oder eine Geldsendung!« bemerkte der Professor. »Wie oft«, fuhr Traudchen fort, »habe ich mich als Kind schon hinter ihn geschlichen, wenn er einmal an einem hellen, warmen Tage das Spind in seiner Schlafkammer aufschloß und die großen rostigen Schlüssel herausnahm und dann durch unsern Holzstall auf die wurmstichige kleine Bogentür zuschritt, die links zur Seite in das alte Haus führt! Aber so leise ich auftreten mochte, er hörte mich doch und mit einem drohenden: »Maach dich fott, do neuscheerige Krott!« wurde ich fortgejagt, und das Türchen schloß der Ohm, wenn er eingetreten, vorsichtig hinter sich zu ...« »Er betritt also zuweilen das Haus, der Ohm Gymnich?« fragte Hubert Bender. »Ein- oder zweimal im Jahre, an heitern Tagen; dann geht er um die Mittagszeit hinein und öffnet einige Fenster im ersten und zweiten Stock, um zu lüften.« »Und seit Menschengedenken hat nie jemand in dem Hause gewohnt?« fragte der Professor. »Wenigstens nicht, seit ich bei dem Ohm bin,« versetzte Traudchen, »und das ist nun schon lange her; denn ich war, ein ganz kleines Kind, als meine Eltern starben und der Ohm mich zu sich nahm.« »Aber jetzt wohnt jemand darin, verlassen Sie sich darauf, und wir wollen es untersuchen, es mag kosten, was es wolle. Brechen wir auf, Traudchen, kommen Sie,« sagte der Student drängend. »Ich wette, Sie kennen sehr wohl irgendeinen Schrank- oder Kistenschlüssel, womit wir des Ohms Spinde losmachen können und ...« »Oh, um alles in der Welt täte ich das nicht,« fiel Traudchen ein. »Wenn der Ohm dahinterkäme! ... Aber es ist noch eine Art Eingang in das Haus da ... und wenn der Monsieur Bender so gar groß Verlangen trägt, seinen Hals zu wagen ...« »Nun sehen Sie, daß ich recht hatte, wenn ich sagte, Sie würden schon ein Mittel wissen, hineinzukommen? Ich bitte Sie um alles, Traudchen, kommen Sie!« »Gehe Sie in Gottes Namen, Jungfer Traud,« sagte der Professor, »die Gefahr wird so arg Nicht sein; es gibt der verlassenen und leer stehenden Häuser leider mehr in unserer durch schlimme Zeitläufe entvölkerten Stadt, und wenn Sie Ihrem alten Bau nichts Schlimmeres nachsagen kann, als ich nun bisher angehört, so wird der Monsieur Bender den Hals nicht darin brechen. Morgen in der Früh', hoffe ich. kommt unsere liebe Hausfreundin und stillt unsere nicht unbeträchtliche Neugier, was aus dem kecken Monsieur Bender und seiner Entdeckungsfahrt in die nächtlichen und geheimnisvollen Regionen des alten Hauses geworden!" »Ja, bis morgen, Herr Professor!« rief Traudchen Gymnich aus, indem sie ihren Regenmantel umschlug und die Ladentür öffnete; und nachdem der Scholar sich von seinem Lehrer verabschiedet, folgte er dem jungen Mädchen mit seiner Laterne. Zweites Kapitel Was der Student und das junge Mädchen in dem alten Hause entdeckten Es schlug acht Uhr in dem verwitterten alten Domturme, es schlug acht Uhr auf Groß- und auf Klein-St.-Martin, und acht Schläge hallten in verschiedenen Pausen, bald dumpf, bald hell, bald nahe, bald fern, von allen den zahllosen Türmen, die zwischen St.-Kunibert und St.-Severin lagen. Es war ein seltsames Konzert, das durch den dichten Nebel schwirrend bis in die kleinsten Sackgassen, Durchgänge und Höfe drang. Acht Uhr! Es wäre genug gewesen, wenn es die große Domglocke mit ihrem mächtig dahinrollenden Klange gesagt hätte; denn jedermann, der hören wollte, konnte nicht den geringsten Zweifel darüber hegen, daß die großen Glockenhämmer in dem Turme der Kathedrale achtmal aushoben und achtmal niederfielen. Aber die andern wollten es auch sagen. St.-Maria im Kapitol, St.-Maria zu den Staffeln, St.-Maria in der Kupfer – und die in der Schnurgasse wollten es auch verkünden; und was St.-Maria behauptete, damit waren St.-Kunibert, St.-Andreas, St.-Gereon, St.-Ursula und St.-Pantaleon so sehr einverstanden, daß sie es ausdrücklich laut wiederholten; und dann kamen die kleinem Heiligen: St.-Alban, St.-Mauritius und St.-Columba; sie machten sich ein wahres Vergnügen daraus, ihre vollständige Übereinstimmung mit den großen an den Tag zu legen und ihr Stimmrecht zu wahren, und so verkündeten sie alle, daß nun abermals eine Stunde ins Meer der Ewigkeit versunken. »Bitte, gehen Sie voraus, Herr Bender,« sagte das junge Mädchen zu ihrem Begleiter, als sie den Laden des Professors verlassen hatten; »leuchten Sie mir.« Der Student schritt voraus und ließ das Licht seiner Laterne auf den Boden der Straße fallen. Jungfer Traud faßte herzhaft ihren Mantel und ihr Sergeröcklein hinter sich zusammen, und auf ihre festen Schnürstiefelchen vertrauend, ergab sie sich, dem raschen Schritte Benders folgend, in das Unvermeidliche. Ihr Weg mündete in eine Straße, wo der Schmutz noch unergründlicher war. Die beiden jungen Leute aber waren zu voll von ihrem Vorhaben, um sich viel daran zu kehren. Sie gingen der Hochpforte zu, über den Weltmarkt, dann links ab und eine Weile neben der düstern, niedern Georgskirche her, deren gewaltiger Turm noch massenhafter und breiter als bei Tage jetzt durch Nacht und Nebel dräute. Während in den Straßen, durch welche sie gekommen, hier und dort aus den Läden und aus den offenen Türen der Weinhäuser heller Lichtschein auf den Weg gefallen war, lag die ganze Gegend, in welche sie jetzt gelangten, durchaus in Dunkel und Finsternis. Doch glitt der enge Lichtkreis, den Huberts Laterne auf den Boden warf, rasch dahin, und innerhalb dieser Lichtsphäre bewegten sich ebenso rasch zwei männliche, mit Klappenstiefeln bewaffnete Beine und der untere Teil einer weiblichen Gestalt – denn von den Oberkörpern waren nur höchst unsichere zerflossene Umrisse zu unterscheiden. Entschlossen schritten sie vorwärts. Als sie die Kirche hinter sich hatten, gelangten sie auf einen kleinen viereckigen Platz, der allerdings vor dem unergründlichen Schmutz der Straßen den Vorteil darbot, daß man hier festen Boden unter den Füßen fühlte. Dafür aber war er durch Haufen von Kehricht und Schutt, die hier mit oder ohne obrigkeitliche Erlaubnis abgelagert waren, unwegsam gemacht, und die liebe Jugend, die, aus dem Zwinger der Bildungsanstalt entlassen, täglich hier ihre kindlichen Spiele aufzuführen Pflegte, hatte überall tiefe Löcher, wahre Schachtbaue angelegt, so daß Hubert Mühe hatte, in Schlangenlinien seinen Weg durch dieses schwierige Terrain zu finden. Endlich stand man am Ziele. Es war ein kleiner einstöckiger Vorbau, mit einem großen Einfahrtstore, über dem ein vorspringendes Schutzdach die Figur irgendeines nicht recht erkennbaren Heiligen schirmte. Traudchen zog einen Schlüssel hervor, um eine kleinere in das Tor eingeschnittene Einlaßtür zu öffnen. »Wenn jemand sähe, daß ich Sie mit hereinnähme, was würden die Leute denken!« sagte sie dabei ängstlich flüsternd; »verdecken Sie ja die Laterne,« »Dann, Traudchen, heirate ich Sie,« gab Hubert lachend zur Antwort, »und was ist dann dabei?« »Oh, ich danke schön,« versetzte das junge Mädchen, »da wär' die Medizin schlimmer als die Krankheit!« Sie standen jetzt unter einem gewölbten Torbogen; links lag der Eingang zur Wohnung Traudchens und des Ohms Gymnich, vor ihnen aber ein Hof, dessen hintere Seite ein hohes, in der Dunkelheit unbeschreiblich düster aussehendes Gebäude bildete; die linke Seite dieses Hofes schloß ein auf Holzständern ruhendes offenes Bauwerk, der Holzschuppen, von dem Traudchen geredet hatte, ab, von dem Vorbau bis an das Hauptgebäude reichend und beide verbindend. Rechts schloß eine hohe Mauer den Hof. Traudchen hieß den Studenten unter dem Durchgang des Vorbaues warten und verschwand dann im Innern ihrer Wohnung. Nach einer Pause kehrte sie zurück. Sie fand ihren Begleiter jetzt auf der Mitte des Hofes stehend und die Laterne noch immer unter dem Mantel verborgen haltend, aber angestrengten Blickes an dem allen Herrenhause hinaufspähend. »Von Rauch sehe ich nichts,« sagte er leise, als er Traudchens Schritte hinter sich hörte, »ich kann heute nicht einmal die Essen sehen, so dunkel ist es; aber blicken Sie einmal auf das dritte Fenster von links in der obern Reihe – das, welches sich gerade über dem Erker befindet – schimmert da nicht in der Mitte etwas wie ein ganz schmaler Lichtstreifen hindurch?« »In der Tat,« versetzte Traudchen, »es muß da oben Licht sein.« »Was haben Sie da, Jungfer Traud?« fragte Hubert, auf einen Gegenstand deutend, den das junge Mädchen in der Hand trug. »Ein paar alte Filzschuhe vom Ohm,« sagte sie. »Ziehen Sie das über die Stiefel an, damit Sie auf den Treppen kein Geräusch machen.« »Jungfer Traud denkt an alles!« versetzte Hubert, indem er die Filzschuhe nahm, sie auf den Boden setzte und in die weiten Fußgehäuse des Ohms Gymnich mit Leichtigkeit seine Stiefel schob. Das junge Mädchen, das ihren Mantel in ihrer Wohnung zurückgelassen hatte, bemächtigte sich jetzt der Laterne und schritt vorauf. Sie wandte sich zur rechten Seite des Hofes. Die Mauer, welche hier abschloß, stieß nicht unmittelbar an das Herrenhaus, in dessen Inneres die beiden jungen Leute eine Entdeckungsfahrt unternehmen wollten. Sie lief etwa vier oder fünf Fuß von der Seitenwand des Hauses abstehend mit dieser parallel fort, einen schmalen Durchgang bildend, der auf einen hintern Hofraum führte – im tiefsten Hintergrunde schienen da Stallungen oder ähnliche Nebengebäude angebracht, und in der Mitte des Raumes streckte ein uralter hoher Birnbaum seine Äste in den feuchten Nachthimmel auf. Traudchen, auf diesem Hofplatze angekommen, führte ihren Begleiter an der hintern Front des alten Hauses entlang. Hubert spähte dabei zu den Fenstern empor, ohne hier eine Spur von Lichtschimmer zu entdecken; sein Auge traf nur auf dunkle, dichtverschlossene Läden. Am Ende der hintern Front sprang ein achteckiger Turm in den Hofraum vor; als sie denselben erreicht hatten, wurde eine niedere Tür, die hineinführte, sichtbar. Traudchen legte ihre Hand auf den Arm ihres Begleiters. »Nehmen Sie sich hier in acht,« sagte sie, »es führen drei Stufen hinab, an die Türschwelle.« Zugleich hielt sie die Laterne dicht an den Boden, so daß die Stufen sichtbar wurden. »Also hier können wir hinein?« fragte Bender, die Stufen hinabschreitend. »In der Tat. die Tür ist nur angelehnt!« Er schob die Tür behutsam auf; es führten unter ihr noch einige Stufen in einen dunkeln gewölbten Raum, der, als Traudchen mit ihrer Laterne unten angekommen war und ihn beleuchtete, sich als eine Art von Keller oder Rumpelkammer erwies, worin alte Fässer, Kisten und Körbe, Kartoffel- und Rübenvorräte und eine Menge von Gartengerätschaften untergebracht waren, welche letztere in einer Ecke lehnten. »Der Ohm braucht dieses Gelaß, wie Sie sehen,« sagte Traudchen, »und er verschließt es gewöhnlich nicht; jetzt müssen wir in den Winkel dort links, und das wird Mühe kosten.« Es kostete allerdings einige Mühe, namentlich über einen großen Haufen von Kartoffeln wegzukommen, die unter den Füßen nicht standhielten, sondern tückisch fortkollerten, so daß Jungfer Traud einmal in die Knie sank und ein andermal, um nicht zu fallen, ihre Hand auf Huberts Schulter legte. Der Student schlang rasch und wie freundlich besorgt, sie im Gleichgewicht zu erhalten, seinen Arm um ihre Taille und drückte sie sanft an sich, indem er zugleich auf etwas verdächtige Weise sein Gesicht ihrer Wange nahe brachte. »Monsieur Bender!« rief Traudchen, sich ihm entziehend, aus, »wenn Sie unartig werden, laufe ich mit der Laterne davon und lasse Sie hier im Dunkel zurück. Sie mögen dann sehen, wie Sie wieder herauskommen!« »Unartig, Traudchen? Ich wollte Sie nur auf unserm gefährlichen Wege vor dem Fallen bewahren!« »Ich bewahre mich schon selber. Lassen Sie sich das gesagt sein, Monsieur Bender.« »Gut. Dann lassen Sie uns jetzt mit biederm Handschläge und einem herzhaften Kuß Frieden schließen.« Sie machte eine sehr entschlossen abwehrende Bewegung mit der Hand. »Glauben Sie, ich wäre mit Ihnen gegangen,« sagte sie schmollend, »wenn ich nicht gewußt hätte, daß ich jeden Augenblick mich davonmachen und Sie in einer verzweifelten Lage in dem alten Bau, wo Sie nicht ein noch aus wissen, zurücklassen kann?« »Ich dachte, Sie wären mitgegangen, weil Sie auf mein überaus redliches und lammfrommes Gemüt vertrauten.« »Was solch ein Student sich einbilden! Jetzt klettern Sie nur vorwärts; dort in die Ecke müssen wir hinein, und da müssen Sie die leere Tonne beiseiteschieben und die alten Spaten und Rechen fortstellen.« Hubert folgte ihrer Weisung und arbeitete möglichst rasch und möglichst geräuschlos, die Ecke freizuschaffen, welche Traudchen ihm andeutete. Als dies geschehen, zeigte sich bei dem Schimmer der Laterne eine in die Mauer eingelassene, wie diese Mauer selbst mit Kalk überweißte Tür. »Hier können wir hinein«, sagte Traudchen. Die Klinke im Innern ließ sich in der Tat mit Leichtigkeit heben, und leise in ihren rostigen Angeln knirschend, klaffte die Tür auf, während Staub und Spinnweben von oben auf den Rücken des hastig vorwärts schreitenden Studenten rieselten. Die beiden jungen Leute, Hubert, dem Traudchen die Laterne übergeben, voran, schritten jetzt eine steile Wendeltreppe empor. Als sie die Höhe des eisten Stockes erreicht hatten, zeigte sich ihnen zur Linken eine offene Bogenwölbung. Als Hubert den Schein der Laterne hindurchfallen ließ, wurde ein weiter Raum, ein Vorplatz, sichtbar, an dessen Wänden altergeschwärzte Bilder in dunkeln Rahmen hingen. Der Student drang leisen Schrittes in diesen Raum vor, während Traudchen auf der Schwelle der Bogenöffnung stehen blieb. Tief im Hintergrunde des Raumes wurde, als Hubert die Laterne erhob, eine breite Treppe mit dunkelm Holzgeländer sichtbar, wahrscheinlich die Haupttreppe des Hauses, die zu dem Portal in der Vorderfront führte. In der Wand rechts zeigte sich eine breite Flügeltür, deren Einfassung aus reichgeschnitztem Holzwerk bestand. Hubert winkte Traudchen heran, diese trat schüchternen Fußes leise zu ihm. »Sollten wir die Tür öffnen können, ohne Geräusch zu machen?« sagte er. »Versuchen wir's«, versetzte sie, indem sie leicht die Hand auf den Drücker des altertümlich ziselierten Schlosses legte. Der Drücker wich, die Tür begann sich zu öffnen, aber sie knarrte sehr vernehmlich in den Angeln. »Pst, Traudchen, lassen Sie mich das tun«, sagte der Student, und indem er den Türflügel faßte, stieß er ihn mit einem schnellen kräftigen Ruck auf. Die Tür stand jetzt weit offen, ohne auch nur einen Laut von sich gegeben zu haben. »So muß man das machen!« flüsterte Hubert, »und wenn wir an Stufen kommen, wo es hinabgeht, so denken Sie daran, immer nur mit den Fersen auf den äußersten Rand zu treten, dann bleibt alles still.« »Der Monsieur Bender scheint Übung darin zu haben«, sagte Traudchen spöttisch. »Oh, es lernt sich manches!« erwiderte Hubert lächelnd. Unterdessen waren sie in einen großen Saal getreten. Der Schein der Laterne fiel auf alte Sessel mit zerrissenen Überzügen, die an den Wänden gereiht standen, auf braune Ledertapeten, auf einen mächtigen Kamin mit schönem, weit in den Raum vorspringenden Rauchfang, den als Karnatiden zwei Steinfiguren trugen, welche den kölnischen Bauer und die kölnische Jungfrau, die Schildhalter des reichsstädtischen Dreikronenwappens, darstellten. Um die Stirn des Rauchfanges lief eine Reihe zierlich gearbeiteter kleiner Wappen, alles dick mit weißer Tünche überzogen. Ein größer ovaler Tisch stand in der Mitte des Saales, und über demselben hing ein mächtiger altfränkischer Kristallustre. Dem Eingang gerade gegenüber verlor sich der Blick in die dunkle Tiefe eines von dem Laternenlicht nicht erreichten Erkers. »Es riecht hier brandig,« sagte Hubert, der bis an den Tisch vorgeschritten war, während Traudchen an der Tür stehengeblieben »spüren Sie das nicht auch? Und da hier keine Spur von Kohlen öder Asche vorhanden,« fuhr Hubert fort, »so muß der Ruß im obern Stockwerke durch ein Feuer entzündet und den weiten Schlot hinab bis hierher niedergefallen sein.«. »Es muß also im obern Stock ein Feuer brennen«, fiel Traudchen ein. »Da, wo wir unten vom Hofe aus einen Lichtschein wahrzunehmen glaubten,« fuhr Hubert fort, »kommen Sie hinauf!« Jungfer Traud schien nicht mehr ganz den Mut zu haben, den sie anfänglich zu der Entdeckungsfahrt mitgebracht. Sie zögerte. »Nun, kommen Sie!« sagte Hubert. »Mir graut,« versetzte sie. »Lassen Sie uns machen, daß wir fortkommen.« »Woran denken Sie! Jetzt bin ich erst recht versessen auf die Entdeckung, was da oben, vorgehen kann.« »Mir fällt eine, greuliche Geschichte ein,« flüsterte Jungfer Traud, indem sich ihr glänzendes Auge erweiterte und aus ihren Wangen die Farbe wich, »eine Geschichte von einem, der nachts in ein altes Schloß gekommen ist, und da ist er in einen hellerleuchteten Saal geraten, in welchem Herren und Damen in altmodischer Tracht stumm um einen Tisch gesessen haben, essend und trinkend, und wenn sie getrunken haben, dann ist eine blaue Flamme aus dem Becher geschlagen, und es sind lauter längst, längst tote Menschen gewesen.« »Hören Sie auf mit Ihren Spukgeschichten, Jungfer Traud, mir graut schon so, daß ich aus lauter Angst mich dicht an Sie schmiegen werde, wie ein furchtsames Kind an seine Mutter«, sagte schelmisch Hubert, indem er noch einmal versuchte, Traudchen zu umschlingen. Sie entschlüpfte ihm leise lachend. Hubert fuhr fort: »Jetzt kommen Sie vorwärts, hinauf; nun müssen Sie schon mit mir aushalten bis ans Ende; ich gebe Ihnen die Laterne nicht zurück!« Mit diesen Worten verließ Hubert den Saal, schritt hastig über den Vorplatz vor demselben, und als er sich wieder auf der Wendelstiege befand, auf der er bis hierher vorgedrungen, begann er mit verdoppelter Vorsicht emporzusteigen. Jungfer Traud, welche sich Wohl hütete, im Dunkel allein zurückzubleiben, hielt sich ihm dicht auf den Fersen. So kamen sie leise steigend bis an eine ganz ähnliche Bogenöffnung wie die, durch welche sie eben auf den Vorplatz im eisten Stock geschritten – nur mit dem Unterschiede, daß diese hier mit einer Tür, die aber weder Schloß noch Riegel zeigte, verschlossen war. Hubert drückte erst leise, dann stärker daran – aber sie gab nicht nach; stärkere Kraftanstrengungen dagegen zu versuchen, war nicht rätlich. Vielleicht war sie von innen fest verriegelt. Hubert stand einen Augenblick, wie sich besinnend, was zu tun. Dann legte er plötzlich den Finger auf den Mund und flüsterte, zu Traudchen sich niederbeugend: »Mir ist, als hörte ich reden ... Pst ... hören Sie nichts?« Traudchen antwortete nicht – aber sie wies mit ihrem Zeigefinger über Huberts Kopf fort in die Höhe. Hubert folgte mit den Augen der Richtung, in welcher sie deutete, die Treppe hinauf. Dann schlug er rasch einen Mantelzipfel um die Laterne, und nun wurde bei der um die jungen Leute entstehenden Dunkelheit doppelt sichtbar, was Traudchen eben bemerkt und worauf sie gedeutet hatte. Es drang ein schwacher Lichtschimmer von oben her die Wendelstiege herab. Der Schimmer lag bleich und dämmerig auf der Mauerfläche, die über der nächsten Wendung der Treppe sichtbar war. Hubert drang jetzt, ohne sich lange zu besinnen, keck vorwärts, weiter hinauf, Traudchen aber überkam eine unwillkürliche Angst. Sie blieb wie gefesselt stehen. Nach einer Pause, während deren das junge Mädchen die Schläge ihres eigenen Herzens hatte vernehmen können, erschien Hubert zurückkommend, oben auf der Treppe wieder – er winkte heftig mit der Hand. »Folgen Sie mir doch, kommen Sie, Traudchen – nur kühn vorwärts – kommen Sie rasch!« flüsterte er hinab. Traudchen ermannte sich und stieg empor. Nachdem die Treppe noch eine Wendung gemacht, zeigte sich dem jungen Mädchen eine kleine Fensteröffnung, die etwa anderthalb Fuß im Gevierte haben mochte und durch welche heller Lichtschein fiel. Das Fenster gingen das Innere des Hauses hinein. Hubert deutete Traudchen an, ihr Gesicht dem Fenster nahe zu bringen, und indem die letztere sich auf den Zehen erhob, gelang es ihr, in den Raum zu blicken, aus welchen der Lichtschein hervordrang. Sie zog sogleich das Gesicht wieder von den Scheiben zurück, um mit der Miene der äußersten Überraschung Hubert anzublicken. Dieser legte den Finger auf den Mund und brachte zu gleicher Zeit sein Ohr der Decke des Fensterchens nahe, wo eine der kleinen bleigefaßten Scheiben zerbrochen und ausgefallen war. Jungfer Traud dagegen war noch ganz Auge. Sie blickte mit weit aufgerissenen Lidern in ein Gemach von mittlerer Größe, das viel wohnlicher eingerichtet war, als der Zustand des übrigen Gebäudes es erwarten ließ. Den Boden bedeckte ein Teppich, die Wände, bis zur halben Höhe mit Holz getäfelt, zeigten oben blanken weißen Estrich, mit dem sie bis an das Gesimse belegt waren, und am oberen Ende, wo ein kleiner französischer Kamin sich befand, flackerte ein lustiges Holzfeuer, das einen hellen Schein in den Raum warf. Auf einem runden, dem Kamin nahegerückten Tische standen außerdem zwei altfränkische gewundene Leuchter mit brennenden Wachslichtern. Auf den Stühlen mit hohen Rückenlehnen von Rohrgeflecht, die sich an den Wanden zeigten, lagen Kleidungsstücke und allerlei Gegenstände, wie sie Personen um sich verbreiten, die eben von einer Reise einkehren und nun mit Mänteln, Hüten, Fußsäcken und Etuis die Räume füllen, welche sie betreten. Vor den tiefen Fensternischen zeigten sich dicht zusammengezogene Vorhänge von schwerem Stoffe. Vor dem flammenden Kamin aber saßen zwei Gestalten, in lebhafter Unterredung begriffen. Die eine der beiden Gestatten war eine Dame, die nachlässig auf der Hälfte eines Kanapees ruhte, welches, um einen fehlenden bequemen Fauteuil zu ersetzen, zwischen dem runden Tische und der Kammecke dem Feuer nahegerückt war. Ihr gegenüber an der andern Seite des Feuers, auf einem der Stühle mit den hohen Rückenlehnen, saß ein Mann, der seine Füße in bequemer Lage dem wärmenden Scheine der Flammen entgegenstreckte. Die Dame stand in reiferm Alter; ihr Gesicht hatte ernste, scharf ausgeprägte Züge, in denen sich mehr Klugheit und Entschlossenheit als Wohlwollen und weibliche Milde spiegelten. Die hohe Stirn war stark gerundet, die Nase gebogen, und so bildete das Profil eine Linie, die dem Segment eines Kreises zu nahe kam, als daß diese Frau je hatte von großer Schönheit sein können. Und doch hatte ihr Antlitz etwas Edles, Vornehmes, und ihre ruhige, selbstbewußte Haltung, ihre Bewegungen erhöhten diesen Eindruck. Obwohl, ihr Gesicht und ihre Haltung nichts von Spuren des Alters verrieten, zeigten doch ein paar grauschimmernde Locken, welche unter einer kleinen, mit Spitzen besetzten Haube hervortraten, daß sie über die Mittagshöhe des Lebens weit hinaus sei und an der Schwelle des Alters stehe. Sie war in eine Robe von schwarzer Seide gekleidet, über welcher sie einen dunkeln, mit braunem Pelz besäumten Überwurf trug, dessen weite Ärmel von den Ellenbogen an den Unterarm freiließen. Der Herr ihr gegenüber wandte den lauschenden jungen Leuten den Rücken zu. Sie konnten nur aus seiner kräftigen und in den Schultern breiten Gestalt schließen, daß auch er in reifem Jahren stehe. Er trug ein dunkelgrünes Kleid, über dessen Kragen ein starker Zopf niederhing; zu seiner Rechten auf dem Tische lag ein Hirschfänger mit breiter Koppel und ein dreieckiger, mit schmaler Goldborte besetzter Hut. Während Jungfer Traud mit ihren weit aufgerissenen Augen diese Beobachtungen machte, horchte Hubert Bender voll Spannung auf die Worte, welche die beiden fremden Menschen vor dem Kamin miteinander sprachen. »Davon kein Wort mehr, Gebharde!« sagte der Mann vor dem Kamin mit einer volltönenden, etwas rauhen Stimme, die durch Anstrengungen in Wind und Wetter von ihrem ursprünglichen Metall verloren zu haben schien, und mit einem etwas fremdländisch klingenden Akzent. »Davon kein Wort mehr! Als Capitaine des chasses zu Chantilly konnte ich dieses vermaledeite Frankreich erträglich finden. Seitdem aber der Herzog von Condé zum Teufel gejagt, Chantilly geplündert und meine Kapitanerie wie jede andere vernünftige Einrichtung, die den Pöbel in seinen Schranken hielt, von der Kanaille über den Haufen gestürzt ist, sprich mir von keiner Rückkehr dahin! Ich sage dir, das ganze schöne Frankreich ist ein Tollhaus geworden, in welchem die Narren frei find und die Vernünftigen zu Tode hetzen, die sich nicht haben beizeiten retten können. Ich gehe nicht dahin zurück.« Die Dame antwortete etwas, das nicht laut genug gesprochen wurde, um es verstehen zu können. »Sie überschätzen meinen Einfluß, Wilbrand,« sagte die Dame dann nach einer Pause. »Aber der Tolle ...« »Der Tolle haßt mich, weil ich zwischen ihn und eins seiner Opfer getreten bin.« »So tritt zurück aus dieser gefährlichen Position, und bedinge dir dabei aus, daß er dir deinen Willen tue.« Die Dame stützte ihre Stirn auf ihre Hand, so daß ihre grauen Locken über ihre Weißen schmalen Finger niederfielen; so blickte sie eine Zeitlang nachdenklich in die Flammen des Kamins. »Es wäre ein Seelenverkauf!« sagte sie endlich. Der Mann ihr gegenüber zuckte die Achseln. »Ah bah! Lassen wir es. Ich werde nach zwei oder drei Wochen mich dem Tollen vorstellen, und du wirst dann alles geordnet haben«, sagte er mit großer Bestimmtheit. »Es ist auch nicht das allein,« fuhr die Dame mit einem Seufzer fort, »es ängstigt mich der Gedanke ...« »Doch nicht etwa, daß man mich erkennen könnte?« »Und wenn es so wäre?« »Torheit! Die Zeit, das Leben und meine Schramme haben mich vollständig verwandelt. Und wieviel lebt denn noch von meinen alten Kumpanen und Bekannten dort? Es werden ihrer verzweifelt wenig sein! Dem alten Stier, dem Eggenrode kann ich aus dem Wege gehen. – – Der Gedanke, daß man mich erkennen könnte, ist es auch eigentlich nicht, was dich ängstigt«, fuhr der Mann nach einer Pause fort. »Es ist etwas anderes!« »Und was sollte es sein?« fragte sie mit resigniertem Tone. »Der Gedanke, mich in deiner Nähe zu wissen.« Sie antwortete nicht. »Gestehe, Gebharde, ist es nicht das?« »Wenn es Ihnen Vergnügen macht, es zu hören – nun ja, allerdings.« Der Mann legte die Arme auf der Brust übereinander, streckte behaglich noch weiter seine Füße aus und versetzte: »Ich kann es dir einmal nicht ersparen. Also mache deine Einleitungen. Du kennst meinen Willen. Du hast von einem Opfer gesprochen, das du dem Tollen bringen müßtest – welches ist das?« »Ein junges Mädchen.« »Natürlich!« »Die Tochter eines seiner Beamten. Ich habe sie in mein Haus aufgenommen, um sie vor ihm zu schützen.« »Laß sie unter ihr Dach zurückkehren, und das übrige geht ihn an!« Die ältliche Dame antwortete nicht, sondern legte sich tief in ihre Kanapeecke zurück. »Ist sie sehr hübsch?« fragte der Capitaine des chasses. »Mehr als das – sie ist schön!« »Und sonst?« »Sanft und harmlos, ein Wesen, das jedem Teilnahme einflößt; meinem Manne ist sie unentbehrlich geworden, und jedenfalls...« Sie endete nicht, und der Mann ihr gegenüber fiel ein: »Ich errate, was du sagen willst: jedenfalls zu gut, des Tollen Beute zu werden. Nun, es braucht ja auch nicht dahin zu kommen. Hast du sie in diese Gefahr gestürzt, um deine Verwendung für mich zum Ziele zu führen und mir die Stellung zu verschaffen, die ich begehre – dann werden sich schon Mittel ausfindig machen lassen, sie vor ihm zu retten. Die Sache wird nun einmal nicht anders zu machen sein; ohne daß du ihm solch einen Gefallen erzeigst, wird er freilich schwer darauf eingehen, etwas für mich, deinen Schützling, zu tun.« »Das ist leider nur zu wahr,« versetzte die Dame nach einer kleinen Pause, »und da auch ich fürchte, daß das junge Mädchen, wenn sie länger in meinem Hause bleibt, meinem Neffen Franz den Kopf verrückt, der ihr schon viel zu tief in die Augen geblickt zu haben scheint ...« »Nun, dann besinne dich nicht lange!« fiel der Mann lebhaft ein. Indem er diese Worte sprach, öffnete sich lautlos eine Tür im Hintergründe des Raumes, und ein düster blickender Mann in schwarzem Kleide, mit kleiner gepuderter Perücke trat ein, der mit gemessenen Schritten hinter den Sitz der Dame trat und ihr einige Worte zuflüsterte. »Mein Wagen erwartet mich jetzt,« sagte diese darauf, zu dem Manne in Jagduniform gewendet. »Soviel ich weiß, haben wir alles, was wir uns zu sagen hatten, gesagt und abgesprochen«, versetzte der Mann ihr gegenüber. »Nach drei Wochen etwa...« Die Dame unterbrach ihn hier, denn sie wandte ihre Aufmerksamkeit einem vierten Wesen zu, welches sich seit einigen Augenblicken in dem Gemache anwesend gezeigt hatte. Dieses Wesen war eine schöne, große Dogge mit langem zottigen Haar, der Gestalt nach an die Hunde vom St. Bernhard erinnernd, aber größer und schwerer. Auch war ihre Farbe eine andere als die jener berühmten vierfüßigen Philanthropen; der Hund war ganz weiß, bis auf einen schwarzen Flecken auf dem Oberkopf. Das Tier hatte bis jetzt unter dem runden Tische gelegen, an dem die Sprechenden saßen; bei dem Eintritt des schwarzgekleideten Mannes, der offenbar ein Diener war, hatte es sich erhoben, war dem letzteren entgegengekommen und hatte, wie um ihn zu begrüßen, seine Hand beleckt. Während der letzten Worte des Herrn und der Dame am Kamin hatte es sich gähnend gereckt, dann eine Runde durch das Zimmer zu machen begonnen, aber plötzlich stillstehend, hatte es seinen Kopf erhoben, das kleine Guckfenster, hinter welchem die Lauscher standen, ins Auge gefaßt, und jetzt, indem es sein Rückenhaar sträubte, stieß es ein dumpfes Knurren aus. Jungfer Traud sowohl wie Hubert waren bei dieser feindlichen Demonstration mit den Köpfen zurückgefahren. »Machen wir, daß wir fortkommen!« flüsterte der Student hastig in das Ohr seiner Begleiterin. Traudchen bedurfte dieser Aufforderung nicht. Aber vielleicht führte sie dieselbe zu eilig, mit zu wenig Vorsicht jedes Geräusch zu vermeiden, aus. Denn wahrend sie die nächsten Stufen hinabeilte und Hubert langsamer und gefaßter, dafür auch geräuschloser, ihr folgte, ließ drinnen der Hund ein paarmal ein tiefes, dumpftönendes Gebell hören. Als Hubert, der die Stufen jetzt dem trotz Nacht und Dunkelheit förmlich hinabfliegenden Traudchen nach – die Laterne hatte der Student unter seinem Mantel geborgen gehalten – als Hubert an der obersten, der verschlossenen Bogentür, die aus dem Stiegenturm ins Innere des alten Hauses führte, vorüberkam, hörte er drinnen das Auftreten rascher Schritte. Als er ein Stockwerk tiefer den Absatz erreicht hatte, wo die andere, untere Bogenführung ins Innere führte, vernahm er, wie in der Höhe über ihm die verschlossene Tür entriegelt wurde und aufflog – gleich darauf hörte er den Hund hinter sich her die Stiegen herabgeschossen kommen. Hubert Bender war ein mutiger junger Mann – es war jedoch sehr natürlich daß in diesem Augenblick etwas wie Schrecken und Angst ihn überkamen. Doch verlor er die Geistesgegenwart nicht; er hoffte, daß er den untern Kellerraum werde erreichen und dessen Tür hinter sich werde zuschlagen können, bevor ihn seine Verfolger eingeholt hatten; und für den Fall, daß dies nicht gelang, wickelte er im Hinunterstürzen einen Zipfel seines Mantels um den linken Arm ... er dachte vielleicht unwillkürlich an Hermann Gryn und die Art, wie er nach der alten kölnischen Sage seinen Löwenkampf bestanden. In der Tat gelang es ihm, bevor er eingeholt war, die Tür, die in das Kellergelaß führte, und durch welche Traudchen sich eben vor ihm gerettet hatte, zu erreichen; in dem Augenblicke jedoch, wo er über die Schwelle schritt, schoß der Hund dicht neben ihm her, ebenfalls in diesen Raum hinab, wandte sich dann mit Blitzesschnelle und stürzte sich zähnefletschend auf den Studenten, indem er ihm die Vordertatzen auf die Brust setzte und seine Zähne in den Hals des jungen Mannes schlug. Der Überfall war so heftig und unerwartet, daß Hubert rücklings zu Boden fiel und mit dem Kopfe auf die unterste der steinernen Stufen der Wendeltreppe aufschlug, während die Laterne zur Seite geschleudert wurde und erlosch. Das große zornige Tier hielt ihn so gefaßt, daß er an eine Verteidigung nicht denken konnte – eine abwehrende Bewegung hätte ihn in Lebensgefahr gebracht – es hing von der Gnade seines Siegers ab, wie tief er seine Zähne in die Gurgel des unglücklichen jungen Mannes eindrücken wollte. Auch fühlte dieser seine Sinne schwinden, es wirbelte und tanzte ihm vor den Augen – er sah nur noch in plötzlichem hellen Lichtschein ein häßliches, wildblickendes Männergesicht, dem ein Auge fehlte, und über dessen linke Wange eine breite Narbe lief, dicht über seinem eigenen Angesicht; aber es war ihm, als ob dieses fürchterliche Gesicht wie im Kreise sich über ihm bewege, dann, als ob es sich ins Riesige verzerre, und darauf zerfloß es wie ein Bild im Traume; und nun schlossen sich zugleich des unglücklichen Studenten Augen, und er sah nichts mehr. Unterdessen war Traudchen, über alle die Gegenstände, welche den Kellerraum erfüllten, fortstolpernd, ein paarmal in die Knie stürzend, und dann wieder in ihrer Angst jäh sich aufraffend, war Traudchen, sagen wir, glücklich aus dem Turm heraus und in den Hof gekommen. Sie flog über den Hofraum fort, um das alte Haus herum, über den zweiten größern Hof, unter den Torbogen des Vorbaues und hier die zwei Stufen hinauf, welche in ihre Wohnung führten. Erst als sie hier angekommen war und die Tür ihrer Wohnung aufgeworfen hatte, wagte sie es, tief Atem holend, sich umzusehen nach ihrem Fluchtgefährten. Sie erblickte ihn nicht – sie wartete eine Minute – zwei – der Student kam nicht. Traudchen fühlte jetzt all ihre Angst zurückkehren. Weshalb kam er nicht – war ihm ein Leids geschehen, hatte man ihn ergriffen, hielt man ihn zurück ...? Traudchen war ein zu entschlossenes Mädchen, um diese Fragen auf sich einstürmen zu lassen und dabei müßig stehen zu bleiben. Sie schritt zurück – leise und unhörbar schlich sie den Weg, den sie gekommen war, um das Haus, wieder auf den dahinterliegenden Hof. Sie hörte nichts – aber sie sah einen Lichtschimmer fallen aus einem der Fenster im obern Teile des Treppenturmes. Als sie den Fuß dieses Treppenturmes erreicht hatte, stand sie lauschend still. Dann rief sie leise: »Bender! Hubert – wo sind Sie?« Kein Laut kam zur Antwort. Die äußere Tür, welche in den Turm führte, stand offen, so wie eben, als Traudchen hindurch geflohen war. Wahrzunehmen war in der Dunkelheit des Kellergelasses nichts. Traudchens Angst verdoppelte sich. Ohne sich jetzt viel darum zu kümmern, ob sie Geräusch mache oder nicht, eilte sie abermals in ihre Wohnung zurück, um sich ein Licht zu holen. Was schadete es jetzt, wenn man sie wahrnahm! Sie konnte die Unwissende spielen und sagen, sie habe ein Geräusch gehört und wolle nachsehen, wie es entstanden. Mit einem flackernden Öllicht – die Laterne hatte ja der Student an sich behalten – kam sie bald nachher in den Turm zurück. Sie stieg hinab, sie hielt das Licht hoch in der Hand – es knisterte noch von der feuchten Nebelluft draußen, durch welche es getragen war, aber es beleuchtete keinen andern Gegenstand in dem düstern Räume als die Vorräte, Kisten und Geräte des Ohms Gymnich. Traudchen arbeitete sich darüber fort, bis an die Tür in der Ecke, die in den Turm hinaufführte. Diese Tür war jetzt verschlossen. Es war von innen der Riegel vorgeschoben. Traudchen versuchte ihn zu heben, wie es früher nach ihrer Anweisung Hubert gemacht; der Riegel leistete Widerstand; er mußte jetzt von innen irgendwie festgemacht sein. Traudchen legte nun das Ohr an die Tür; sie hörte oben im Turm noch eine Tür sich bewegen; dann hörte sie nichts mehr. Aber wie sie so lauschend den Kopf gesenkt dastand, erblickte sie etwas, das sie mit dem höchsten Schrecken erfüllte. Es war Blut. Eine Blutlache stand auf der untersten, in den Kellerraum vorspringenden steinernen Stufe der Wendeltreppe. Traudchen zitterte an allen Gliedern. Was war das? Hatten sie ihn ermordet?! Sie stand und stand, und wußte vor Schrecken und fürchterlicher Angst nicht zu Gedanken und Überlegung zu kommen. Was sollte sie tun, was beginnen? Zu den Nachbarn laufen und Lärm schlagen und die Menschen auffordern, mit Gewalt in das alte Haus einzudringen? . .. sollte sie davonstürzen und den Ohm im Weinhause aufsuchen und ihn zu Hilfe rufen für den Studenten? ... Sie konnte sicher sein, den Ohm jetzt trunken zu finden, und wenn sie ihm gestand, was sie mit dem Studenten zusammen gewagt, dann war sie vor Mißhandlungen nicht sicher. So entschloß sie sich für das erstere; sie stürzte davon und gedachte den ersten besten Nachbar herbeizurufen. Als sie so atemlos dahinflog und eben den Torbogen des Vorbaues erreicht hatte, öffnete sich von außen, von dem Platze her, das Einlaßtürchen, und eine Gestalt im Mantel, eine Laterne in der Hand, trat ein. »Der Ohm!« schrie Traudchen auf, »um Gottes willen, Ohm Gymnich ...« Der Mann hob seine Laterne empor, und sie dicht bis vor das Gesicht des jungen Mädchens bringend, das in allen Zügen Entsetzen ausdrückte, sagte er mit einer Zunge, die entweder von Natur oder unter dem Einflüsse jener Stoffe, welche mehr zur Erhöhung der Gesichtsfarbe als der Besonnenheit beizutragen Pflegen, etwas schwer Lallendes hatte: »Traud ... wat eß ...?« Traudchen erfaßte krampfhaft den Arm ihres Oheims und überschüttete ihn mit einer Mitteilung, welche der Alte, sie mit stieren, beinahe verglasten Augen anstarrend, vernahm. »Ohm, wenn Ihr nicht sogleich geht und dem jungen Menschen helft,« sagte sie entschlossen, »so laufe ich und rufe die Nachbarn herbei.« Ohm Gymnich sah sie zuerst wieder stier, wie verwundert an; dann brach er plötzlich in eine Flut von Flüchen aus; aber er ging in seine Schlafkammer, öffnete dort das Schlüsselspind, und nachdem er mit einem Bunde rasselnder alter Schlüssel zurückgekommen war, ergriff er seine Laterne, welche noch brennend dastand. Dann verließ er seine Wohnung und ging quer über den Hof, dem Holzschuppen zu ... Jungfer Traud hat uns früher gesagt daß der Ohm von dort aus in das alte Haus einzudringen pflegte, wenn er nach langen Zeitabschnitten es einmal betrat. Sie wollte ihm folgen, aber mit einer gebieterischen drohenden Bewegung befahl er ihr, zurückzubleiben. Drittes Kapitel Jungfer Traud Trotz des Befehls, in der Stube zurückzubleiben, hielt Traudchen es zwischen den engen vier Wänden natürlich nicht aus. Sie folgte dem Ohm leise bis auf den Hof. Zehn Minuten, vielleicht noch mehr mochten vergehen. Auf den Stadttürmen schlug es halb zehn. Aus dem Hintergrunde des Holzstalles blitzte ein Lichtschein auf; es war der Ohm, der zurückkam. »Um Gottes willen, was habt Ihr gesehen, Ohm?« sagte sie, zitternd vor Spannung. »Blohß de Lantän' uus!« versetzte der Ohm. »Gangk noh'm Bett. – Kömmer dich nicht drömm; ich sagen deer, et eß dien Unglöck, wann do e Woht dervun sprichs!« Ohm Gymnich sprach diese Worte nicht mehr in zornigem, kreischendem Tone wie vorher, sondern ruhig, halblaut. Seine Trunkenheit war mit einem Male verschwunden. Das braune, wettergepeitschte Gesicht zeigte viel mehr Spuren der Betroffenheit und Niedergeschlagenheit als des Zorns. Er nahm ein großes zerlesenes Buch, ein Leben der Heiligen, von der Fensterbank und schlug es vor sich auf; aber Traudchen bemerkte nicht, daß er die Blätter umwandte; er stierte darauf hin, offenbar mit andern Gedanken beschäftigt. Das junge Mädchen wußte nicht, was beginnen. Die Ruhe des Alten brachte sie zur Verzweiflung. Sie versuchte nach einer Weile, unbeachtet wieder hinauszuschlüpfen. Der Ohm bemerkte es jedoch und rief sie zurück. »Aber Ohm, so sprecht doch, so tut doch Euern Mund auf ... Was haben sie angefangen mit dem Studenten?« »Geiht et dich jet an?« »Sie haben ihn totgemacht!« schrie sie in ihrer Seelenangst auf, ohne ihre Stimme im mindesten zu dämpfen. »Dhudt! Mer mäht ene Minsch nit esu bahl dhudt! Wat hät dä Lotterbov en dem ahlen Huus zu dhunn gehat? Wat hät hä sich enzoschliche we 'nen Deev, dä Cujon?« Mit solchen Reden war Traudchen freilich nicht beschwichtigt, aber es gelang ihr nun einmal nicht, dem alten tückischen Manne mehr abzugewinnen. Sie mußte sich endlich zur Ruhe legen, ohne auch nur durch eine Silbe weiter von ihm beruhigt zu werden, und mußte noch obendrein ihrem Schöpfer danken, daß des Oheims Zorn sich nicht in hellen Wogen über sie ergoß, obwohl dies wieder ein neuer Grund der Angst für sie wurde. Hatte das, was er drinnen gehört oder gesehen, ihn so erschüttert, daß er darüber seinen Zorn gegen sie vergessen? Mußte es nicht etwas Fürchterliches sein, was ihn sofort nüchtern gemacht? Über was brütete er, daß er gar kein Verhör mit ihr anstellte, wie denn alles gekommen? – Daß Traudchen über alledem die ganze Nacht schlaflos zubrachte, brauchen wir nicht zu erwähnen. Mit dem frühesten war sie am andern Morgen wieder auf. Der Ohm schlief noch ... sie öffnete sacht die Tür zu seiner Kammer und überzeugte sich, daß er wirklich ruhig schnarchte. Sie machte ein absichtliches Geräusch, um ihn zu wecken. Sie wollte sein Ausgehen beschleunigen. Nach dem Frühstück ging der Alte zu einer Cichorienfabrik im Ferkulum, wo er die zahlreichen Mußestunden, die ihm sein Hausmeisteramt übrigließ, durch Teilnahme an dem Geschäft als eine Art Magazinverwalter verwertete. Gegen neun Uhr sah Traudchen ihn denn auch wie immer, in seinen Mantel gehüllt, richtig abziehen. Darauf nur hatte sie gewartet, um nun ihre weiteren Nachforschungen zu beginnen. Sie eilte in den hintern Hof zu den alten verfallenen Stallungen und Nebengebäuden, ob sich Hubert Bender dahin vielleicht gerettet. Aber sie waren verschlossen wie immer, der feuchte Boden vor denselben zeigte keine Spuren von Fußstapfen. In dem Raume unten im Treppenturme konnte sie dann mit Muße die große, jetzt schwarz geronnene Blutlache betrachten. Noch einmal versuchte sie die ins Innere führende Tür zu öffnen, aber vergeblich; auch als Traudchen unten, wo die Tür etwas aufklaffte, den Stiel eines von den alten Gartengeräten einschob und damit die Tür aufzusprengen versuchte, leistete diese hartnäckigen Widerstand. Dabei kam ihr der Gedanke, daß es noch einen Zugang zu dem geheimnisvollen Hause gebe. Er lag seitwärts an einer der nach dem Georgsplatz führenden Gassen. Zwei Häuser standen dort, die, mit den Hinterseiten an den alten Bau stoßend, ein ganz schmales Gäßchen zwischen sich freiließen. Das Gäßchen aber war mit einer Holzplanke, die nie geöffnet wurde, verschlossen. Doch eilte Traudchen dorthin. Sie fand, wie sie erwartet hatte, von dem verwitterten alten Brett den Zugang zum Gäßchen gesperrt. Durch eine Ritze an der Seite konnte sie jedoch wahrnehmen, daß der Gang, der eigentlich nur eine Gasse zwischen den beiden Häusern war, auf eine kleine spitzbogige Tür zulief, die in das Gebäude, in welches sie so gern eingedrungen wäre, führte. Draußen, da, wo sie jetzt spähend stand, befanden sich, dem Schmutze der Straße eingedrückt, Fußstapfen, auch Wagenspuren genug. Sie konnten aber von den Vorübergehenden, die an den vergleichungsweise trocknern Seiten der Straße ihren Weg gesucht hatten, gemacht sein. Im Innern der schmalen Gasse, die gepflastert war, suchte Traudchen vergeblich Fußstapfen zu erspähen. Nun wäre sie gern zu dem Hause gegangen, in welchem, wie sie wußte, Hubert Bender wohnte. Sie dürstete nach der Gewißheit, daß er nicht heimgekommen. Aber eine eigentümliche Scheu hielt sie ab. Es war ihr, als würde man den unglücklichen jungen Mann von ihr verlangen, als würde man sie verantwortlich machen für sein Mißgeschick! – – Es war um diese Zeit oder etwas früher, daß der Professor Anatomiae et Chirurgiae practicae D. Bracht von seinem gewöhnlichen ersten Morgengange aus der Messe in der Minoritenkirche nach Hause heimkehrte. Professor Brachts äußeres Erscheinen in der Öffentlichkeit war stets von einem gewissen Dekorum begleitet, und das Gepräge bürgerlicher Stattlichkeit, welches den Ehrenmännern des verflossenen Zeitabschnittes eigen war, wurde von diesem würdigen Mitglied einer gelehrten Zunft mit jenem Maße von Selbstbewußtsein zur Schau getragen, das freilich mehr Gelegenheit hatte, sich auf der Straße zu entwickeln, als in der mannigfach bedrängten Häuslichkeit. So sehen wir denn den Professor in sein Museum treten, auf dem gelehrten Haupt eine schöne Mütze von Fuchspelz, von der der lange weichhaarige Schwanz in anmutiger Bewegung auf den Rücken niederhängt; ein kurzer Radmantel von blauem Tuch fließt faltig von seinen schmalen Schultern herab und bedeckt den braunen Tuchrock mit großen Knöpfen von Glasguß; ein graues Beinkleid umhüllt seine bescheidene Lende und hält sich vorsichtig um die Breite einer Hand von den ledernen Teilen des Anzugs entfernt, welche die nicht beneidenswerte Bestimmung haben, den zunächst auf die Berührung mit dem Erdenschmutz angewiesenen Teil des Menschen zu schützen – beim Professor Bracht sind sie geschmückt mit schön glänzenden, gelblackierten Klappen. So, wie gesagt, tritt der gelahrte Herr durch den Laden in seinen Hörsaal und sieht sich alsbald umringt von einer kleinen Schar Kinder, die aus des Professors Studierstüblein hervorstürzt, das, hinter dem Museum oder Auditorium liegend, die eigentliche Tempelzella ist, welche Zeuge und Schauplatz seiner Anstrengungen im Priestertum der Wissenschaft. Die kleine Bande – es sind zwei Mädchen, so dünn und lang aufgeschossen wie wasserblaue Winden, und ein desto derber aussehender Knabe von sieben Jahren – beginnt damit, den Papa seiner überflüssigen Kleidungsstücke zu entledigen, und während Nieschen und Billchen ihm den Mantel von den Schultern ziehen, hat Drickeschen sich seines spanischen Rohrs bemächtigt; und nach des Vaters Hauptzierde begierig, jedoch nicht imstande, bis da hinaufzureichen, schiebt dies sinnreiche Kind von hinten her so ungestüm mit dem Stocke daran, daß die schöne Pelzmütze dem Papa auf die Nase rutscht. »Drickeschen, do Lotterbov!« ruft der Professor einigermaßen unwillig aus – »wat mähß do?« Und während Nieschen dem Kleinen den Stock zu entreißen sucht, den dieser mit lautem Schreien verteidigt, fragt der Papa Billchen, weshalb sie überhaupt hier und nicht oben bei der Mama seien. »Die Mama«, antwortet Billchen, »wollte Ruhe haben und hat uns herabgeschickt in dein Zimmer, da sollen wir bleiben und gut auf dich achtgeben, Papa, daß du das Zeug hängen lässest, das die Magd gestern gewaschen und um deinen Ofen aufgehängt hat.« Der Professor schreitet in sein Stüblein, aus welchem ihm ein Qualm von Hitze und Wäschedunst entgegenquillt; und in der Tat ist sein getreuer Freund, sein wärmespendender Kachelofen, mit einer Fülle weißer Leinwand umgeben, die an Anzahl der Quadratellen wetteifern kann mit der, womit ein Rangschiffer alle seine Masten bekleidet, wenn er mit günstigem Winde rheinabwärts gegen Emmerich fährt. Nieschen und Billchen wissen jedoch durch diese nassen Zeugwolken zu schlüpfen, um dem Papa seinen warmgehaltenen Kaffee aus dem Ofenloch zu holen; während Nieschen ihm einschenkt und Billchen die Milch in die Tasse gießt, reitet Drickeschen, die eroberte Pelzmütze auf dem blonden Kopf, das spanische Rohr zwischen den Beinen, in dem engen Stüblein mit einem ganz unnützen Aufgebot von Kräften und Geschrei umher. »Papa, do solls nit zo vill Zucker nemme, hät de Mama gesaht,« bemerkt Nieschen mit einigem nicht ganz kindlichem Vorwitz. »Nä, no süch enß, Niesche,« sagt Billchen, »no hät der Papa widder de Sonntagsstievvelen angetrocke, un nit de ahle!« »Et eß nicks met dem Mann anzofange!« bemerkt Nieschen, mit altklugem Schütteln des Kopfes eine Lieblingsredensart der Mama echoend, und setzt sich auf einen Stuhl ans Fenster, wo sich die fleißige Kleine mit einem Strickstrumpf beschäftigt. »Papa,« erzählt Billchen nun, »der Drickes well nit en de Schull gonn.« »Do unadige Jung ... wat geihß do nit en de Schull?« »Gangk en de Schull«, rät auch Nieschen dringend dem kleinen Mann. »Ich mag nit!« antwortet Drickes. »Maach dich av un fang de Möschen em Hohf!« schlägt Billchen nun resigniert dem tobenden Bruder vor. Aber Drickes ist nicht gewillt, das Feld, welches er zum Schauplatz seiner kindlichen Spiele erkor, zu räumen; im Gegenteil, wie um auch diejenigen Teile des Raums, in welchem sein holdes Selbst nicht weilt, mit dem Nachhall seines Daseins zu füllen, beginnt er jetzt eines jener sinnigen Sankt-Martins-Lieder: De Drifoß, wi heisch dat Huus, Et kohm ene Mann met Küchen eruus Uus dem selvige Mannshuus. Am Zint Määtens Ovend Dann maachen de Wiever de Woosch: Wann meer Geld em Rippet han, Dann läsche mer uns der Doosch! Der Professor hält sich vor Verzweiflung die Ohren zu bei den von gellendem Diskant vorgetragenen Ausbrüchen dieser gemütlichen Volkspoesie, als ihm plötzlich eine unerwartete Hilfe für seine gequälten Kopfnerven kommt. Die Tür des Stübleins öffnet sich, rasch aufgerissen, zwei entschlossene Arme fassen den geräuschvollen Drickes an den Schultern und spedieren ihn mitten in seiner Äußerung harmloser Lebensfreude zum Zimmer hinaus; und als Billchen und Nieschen mit dem frohen Ausruf: »Tante Traud – guten Morgen, Tante Traud!« dem jungen Mädchen entgegenhüpfen, werden auch sie jede an einem der respektiven Ärmchen gefaßt und Drickes nach in das Auditorium geschoben, wo sie lärmend protestieren mögen, solange sie wollen – denn Jungfer Traud ist so vorsichtig, sogleich die Tür zu verriegeln. »Jungfer Traud,« sagte Professor Bracht, erleichtert aufatmend, »setzen Sie sich, Traud, Sie sieht ja ganz aufgeregt aus ..., ist die Sache gestern nicht gut abgelaufen?« Traudchen erzählte ihm mit geflügelten Worten das ganze Abenteuer der vorigen Nacht. Der alte Mann sank bestürzt in seinen Sessel zurück. »Der arme junge Mensch, der arme Bender! Und das mitten in seinen Studiis, eben im neuen Semester!« Wir wissen nicht, ob es für Hubert angenehmer gewesen wäre, erst nach absolviertem Semesterkursus den Hals zu brechen – für den Professor schien die Tatsache von Erheblichkeit, denn er wiederholte: »Mitten aus seinen Studiis fort! Es ist ja entsetzlich, Traudchen! Sie müssen zum Gewaltrichter gehen und sich ein Paar Stockknechte mitgeben lassen und dann mit Gewalt in das Haus dringen ...« Traudchen machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. »Nur keinen Lärm gemacht und keine Gewalt gebraucht – der Ohm Gymnich stäche mich mit dem Brotmesser tot, den ersten Abend, wo er aus der Weinschenke nach Hause kommt. Auch glaube ich nicht, daß wir in dem schrecklichen alten Hause etwas finden würden. Ich glaube, es würde niemand mehr darin sein, und auch Hubert Bender nicht. Wenn ich den Studenten wiederfinden will, so muß ich andere Wege gehen!« Bei diesen Worten zog Traudchen ein abgerissenes Stück Papier, ein Fragment eines Briefumschlages aus ihrem Busen hervor; es war ein Wappen in grünem Lack darauf abgedrückt. »Kennen Sie das?« fragte sie. »Ich habe es vorlängst beim Zimmeraufräumen unter des Ohms Kleiderschrank gefunden.« Der Professor schüttelte den Kopf, als er das Wappen betrachtet hatte. Es waren drei Gegenstände darauf abgebildet, von denen sich nicht viel anders sagen ließ, als daß sie sehr eckig und stachelig aussahen. Osteologisch ließen sie sich auf keinen Fall fassen. »Ich verstehe nichts davon!« sagte Professor Bracht. »Aber Sie müssen doch jemand kennen, der es versteht und weiß, wem es gehört; jemand, an den ich mich wenden kann.« Der Professor besann sich. An der Hochschule zwar war das Fach der Genealogie und Heraldik nicht besetzt. Es mußte aber dennoch irgendein in solchen Dingen bewanderter Mann in der Stadt aufgefunden werden können. Und der Professor hatte in der Tat nicht lange zu suchen. Er kannte einen Maler, und dieser Maler war der rechte Mann, es auszulegen. »Ein Maler?« fragte Traudchen verwundert. »Maler Stevenberg«, versicherte Bracht, »wird es sagen können, wer so siegelt und wie die Person heißen muß, die dem Ohm Gymnich diesen Brief geschrieben hat – wenn irgend jemand in der Stadt etwas darüber zu sagen weiß, so ist er es. Maler Stevenberg macht die Stammbäume für jeden Kavalier im Lande, der sich irgendwo zu Kapitel, Landtag oder Stift aufschwören läßt – auch reist er auf den Gütern hüben und drüben im Lande umher, wenn er solch einen Auftrag hat, um die alten Pergamentscharteken, deren er dabei bedarf, zu betrachten – er ist der Mann für uns, Traud, wenn Sie glaubt, wir hätten den Hubert zu fordern von dem Mann oder der Frau, die ihr Siegel in dieses grüne Wachs gedrückt haben.« »Wo wohnt Maler Stevenberg?« fragte Traudchen. »Wollen Sie mich hinbegleiten?« Der Professor war dazu bereit. Traudchen Gymnich hätte nicht seiner Frau rechte Cousine und die tätige, teilnehmende Hausfreundin zu sein brauchen ... er wäre auch ohne das gern mit ihr gegangen, um seiner eigenen gespannten und aufgeregten Teilnahme für seinen verschwundenen Zuhörer willen, dessen verlängerte Abwesenheit seine Hauptvorlesung mit dem völligen Untergang bedrohte. Er stand rasch auf und nahm seinen Mantel; die Fuchspelzmütze mußte draußen Drickes aberobert werden, was mit überraschender Leichtigkeit gelang, da Traudchen diese Aufgabe übernahm. Billchen und Nieschen wollten sich dem Ausgehen des Vaters widersetzen, da die Mutter angeordnet hatte, daß er auf den Laden achtgeben solle, sobald Nettchen, die Dienerin, nicht länger in der Küche zu entbehren sei; aber Bracht schritt heldenmütig durch die beiden kleinen Vormünderinnen hindurch und eilte aufgeregt, wie er war, an Traudchens Seite zum Hause hinaus, um draußen die Richtung nach den »Kranenbäumen« einzuschlagen, wo der Maler wohnte. Am Lupuseck wurden sie aufgehalten. Dr. Heukeshoven, Professor Brachts Collega an der Hochschule und vielbeschäftigter praktischer Atzt, kam ihnen von einem Patientenbesuch entgegen und blieb begrüßend stehen, um dem Professor Mitteilung von einem seltenen klinischen Falle zu machen, von einem Falle ganz eigentümlicher Art, einer Entzündung nämlich infolge einer die Vena jugularis externa verletzenden Halswunde. Er war, erzählte er, gestern spät abends hinzuberufen worden zu einer durchpassierenden Herrschaft, die im Wagen vor dem weißen Falken in Deutz gehalten hatte. Es war ein Bedienter der Herrschaft gewesen, der von einem großen Hunde angefallen worden, bei welcher Gelegenheit die Jugularvene eine arge Verletzung erhalten hatte. Professor Heukeshoven teilte die Umstände genau spezifiziert seinem Kollegen mit. Bald blaß, bald rot werdend, stand das junge Mädchen daneben. Ängstlich blickte sie in das gebräunte Antlitz des Arztes – endlich hielt sie sich nicht länger und rief mit Heftigkeit aus: »Aber mein Gott, Sie sagen ja nichts, ob der junge Mensch gerettet ist oder sich verblutet hat!« Professor Heukeshoven sah sie verwundert an. »Ja, mein Kind, das weiß ich nicht«, sagte er mit einem Tone, der deutlich ausdrückte, daß ihm dies die weniger interessante Seite des Falles sei. »Ob er sich verblutet hat? Es ist wohl möglich, besonders da sie in Nacht und Nebel mit ihm davonfuhren. Ich habe ihn in dem Reisewagen, in den sie ihn gelegt hatten, verbinden müssen. Sie schienen große Eile zu haben ...« »Ein Herr und eine Dame?« fragte Traudchen, ohne ihre Aufregung bemeistern zu können. »Eine Dame; nur eine ältliche Dame war im Wagen, sonst außer dem Kranken niemand.« »Und der Wagen hielt vor dem Weißen Falken?« »In Deutz.« »Um welche Stunde?« »Um zehn oder halb elf etwa war es, als ich dahin gerufen wurde.« »Und wie hieß die Dame?« »Das weiß ich nicht, danach habe ich auch nicht gefragt,« versetzte der Professor, »es mußte aber eine vornehme Herrschaft sein, sie hatte außer dem kranken Menschen noch einen Kammerdiener bei sich und sechs Postpferde vor dem Wagen, was denn freilich bei jetziger Jahreszeit auch nicht zuviel ist. Als Deservitum gab mir der Kammerdiener einen Kronentaler.« »Und sie sagte Ihnen, der Kranke sei einer ihrer Bedienten?« »Sagte sie es ... oder sagte sie es nicht ... ich entsinne mich dessen nicht genau; aber mir schien es so. Doch nun Gott befohlen, Herr Collega, ich muß anitzo weiter zu meinen Patienten.« Damit schloß Professor Heukeshoven seine Mitteilungen und stapfte an seinem großen Rohr mit goldenem Knopf davon. Jungfer Traud und ihr Begleiter sahen sich mit betroffenen Mienen an. »Das ist niemand anders gewesen als Hubert Bender!« sagte Traudchen. Professor Bracht nickte. »Ganz ohne Zweifel«, versetzte er. »Und ihn so in Nacht und Nebel fortzuführen!« »Höchst unbesonnen bei seinem Zustande! Es mußte seinen Zustand doppelt bedenklich machen!« fiel Bracht ein. »Es hieß ihn töten, ihn in einem Wagen hin- und herstoßen zu lassen!« »Professor Heukeshoven hätte abraten sollen«, bemerkte der sanfte Gelehrte. »Er hätte sich widersetzen, er hätte zum Gewaltrichter laufen sollen«, rief leidenschaftlich Traudchen aus. »Es ist entsetzlich! Ihn wie einen Gefangenen mit sich schleppen... aber kommen Sie, Professor, kommen Sie zu dem Maler, wir wollen wissen, mit wem wir es zu tun haben; und wenn der Maler uns keine Aufschlüsse geben kann, zum Weißen Falken!« Der Maler konnte aber Aufschlüsse geben. Es war ein merkwürdiger alter Junggeselle, dieser Maler Stevenberg. Er wohnte in einem alten Hause »unter Kranenbäumen« in einem großen Zimmer oder einer Art Gartensaal, dessen Fenster er unten samt und sonders mit alten Tüchern und Bruchstücken ausgedienter Teppiche verhüllt hatte, als triebe er irgendein verbotenes Handwerk hier, bei dem ihn niemand belauschen sollte. So kam es wenigstens Traudchen vor, die nicht wußte, daß es geschehen, um dem Lichte den rechten Einfallwinkel zu geben; auch schien ihr nur natürlich, daß Herr Stevenberg ängstlich die Blicke fremder Menschen von dem schrecklich unordentlichen Wirrwarr auszuschließen suche, der in seinem Zimmer herrschte. Wie der Mann abends in das große Himmelbett komme, welches in der Ecke stand, war Traudchen vollends unbegreiflich. Das Bett schien ihm nämlich als Eßtisch und nebenbei als schicklichster Platz zum Farbenreiben zu dienen. Auf der Decke stand eine Platte mit Brot, Bier und Wurst, und daneben lag ein schwerer, farbebedeckter Reibstein, der tief in die weiche Unterlage eingesunken. Der Tisch, an welchem der Maler arbeitete, war bedeckt mit Pergamentrollen, alten Urkunden, Pinseln, Farbentöpfen, Mastix- und Terpentinflaschen, die einen ganz entsetzlichen Geruch verbreiteten. Über diesem Wust erhob Herr Stevenberg mit fragender Miene sein kahles Haupt, als der magere Professor der Osteologie und das hübsche blühende junge Mädchen bei ihm eintraten. Professor Bracht trug dem Maler – es war ein kräftig gebauter Mann mit starkem Unterkinn – sein Anliegen vor, und Herr Stevenberg betrachtete dann aufmerksam das grüne Siegel, welches Bracht ihm reichte. »Es sind drei goldene Pferdeprammen im grünen Felde mit einer Freiherrnkrone,« sagte der Wappenmaler mit sehr düsterm Ernst; »Pferdeprammen sind sehr häufig; es ist ein Stallmeisterwappen – ha, ha, ha, ha!« – Herr Stevenberg brach plötzlich in ein lautes, herzliches Lachen aus. Professor Bracht und seine Begleiterin waren weder durch den Ernst noch durch den Heiterkeitsanfall des Herrn Stevenberg viel klüger als zuvor geworden, und das junge Mädchen sagte: »Es käme uns darauf an, zu wissen, wem das Wappen gehört, wer es führt.« »Von Averdonk zu Dudenrode«, sagte er dann in einem Tone, als ob er das junge Mädchen fühlen lassen wolle, daß es unmoralisch sei, solche Worte wie: von Averdonk zu Dudenrode, sich vorsagen zu lassen. Plötzlich aber lachte er wieder hellauf, als er hinzusetzte: »Das sind wunderliche Leute! Ha, ha, ha, ha!« »Kennen Sie die Familie«, fragte Traudchen, »so seien Sie so gut, uns zu sagen, was Sie davon wissen – wir haben ein dringendes Interesse, es zu erfahren!« Das Gesicht des Malers überschattete wieder ein düsterer Ernst, der jedoch bald darauf der strahlenden Sonne der Heiterkeit wich, die ganz unerwartet über seine kahle Stirn und sein gutmütiges Gesicht leuchtete. Der seltsame Mann hatte sich offenbar vorgesetzt, dem Ernst des Lebens und dem heitern Scherz gleichen Anteil an seinem Dasein einzuräumen; und da es ihm nicht gegeben war, beide in einem angenehmen Humor zu vereinen, so stellte er getrost beide Farbentöne so grell dicht nebeneinander, wie die Tinkturen auf seinen Wappen. »Die Averdonk zu Dudenrode?« antwortete er also sehr ernst, »jawohl, kenn' ich die ...« und er gab die verlangte weitere Auskunft, bis Traudchen alles erfahren hatte, was er wußte: Die Reichsfreifrau von Averdonk zu Dudenrode war eine ältliche Dame von sehr energischem Charakter, die jenseit des Rheins im Süderlande auf einem Gute wohnte, auf welchem sie auch noch einem Reichsfreiherrn von Averdonk, ihrem Gatten, der aber nicht weiter in Betracht zu kommen schien, und einem Neffen, Franz von Ardey, zu wohnen und sich unter ihrem Zepter der süßen Gewohnheit des Daseins zu erfreuen verstattete. Sie war etwa fünfzig Jahre alt, sehr reich, und von ihr stammten die Güter her, ein Umstand, den sie ihrem Gemahl keinen Augenblick zu vergessen gestattete. »Und können Sie mir vielleicht auch sagen,« fragte Traudchen, »wer denn ›der Tolle‹ ist?« »Der Tolle?« versetzte Herr Stevenberg so düster, als sei er in seinen besten und reinsten Gefühlen verletzt, daß unsere Umgangssprache solche unmoralische Ausdrücke besitze, und daß er sie von dem Munde eines so jungen Mädchens vernehmen müsse: »Der Tolle? das weiß ich nicht – aber wenn Sie in die Gegend da« – und er machte eine Bewegung mit der Hand, als wolle er gen Osten über den Rhein hindeuten – »wenn Sie dahin kommen, werden Sie Tolle genug finden!« Und dabei brauste Herr Stevenberg in einem Gelächter auf, als wenn er jetzt plötzlich auch unter die Tollen gegangen und sich vor Vergnügen über diese Wendung der Dinge gar nicht zu lassen wisse! Traudchen begleitete den Professor bis an seine Wohnung zurück. Beide sprachen wenig. Das junge Mädchen wälzte Pläne in ihrem Geiste herum, zu deren Vertrauten sie den Gelehrten in diesem Augenblicke noch nicht machen konnte. Er hätte am Ende gar den tiefsten und eigentlichsten Grund, weshalb Traudchen so bewegt war, nicht verstanden, höchstens als hysterische Störung des Allgemeingefühls gelten lassen und diese zur Behandlung und Kur ad legem artis seinem Collega Heukeshoven überwiesen. An der Tür seines Ladens und Hauses erwarteten Professor Bracht seine beiden hoffnungsvollen Töchter, das Nieschen und das Billchen. Das Nieschen empfing ihn mit lauten Vorwürfen, daß er so lange ausgeblieben; das Billchen legte ihre Gefühle über des Papas unverantwortliches Vagabondieren durch schweigendes Schmollen an den Tag. Jungfer Traud überließ ihn nach herzlichem Dank für seine Begleitung seinem Familienglück und der Freude, welche ihm beim Wiedersehen mit seinem hoffnungsvollen Sohne Drickes bevorstand, welcher letztere ihn in seinem Studierzimmer erwartete, wo Drickeschen die ihm entzogene Fuchsschwanzzierde durch eine hohe Papiermütze ersetzt hatte, kunstreich gebildet aus Professor Brachts zuletzt ausgearbeiteten Vorlesungsbogen. Dann schritt das junge Mädchen rasch ihrer Wohnung hinter St. Georg zu. Als sie einsam durch die belebten Straßen dahinschritt, überlegte sie, ob sie jetzt nicht sogleich noch nach Deutz hinübergehen solle, um zu versuchen, im Weißen Falken mehr über die geheimnisvollen Reisenden in Erfahrung zu bringen. Auch auf der Post, wo sie Pferde genommen, war vielleicht über sie, über die Reiseroute, welche sie eingeschlagen, etwas zu erfahren. Aber Traudchen war zu ermüdet, sie sehnte sich zu sehr, mit ihren Gedanken eine Weile allein zu sein, und so setzte sie den Weg nach ihrer Wohnung fort. Als sie dieselbe erreicht hatte und damit beschäftigt war, die kleine Einlaßtür zum Vorbau zu öffnen, wurde sie plötzlich durch eine Berührung ihrer herabhängenden linken Hand erschreckt. Sich umwendend sah sie die abscheuliche Bestie, den großen Weißen Hund, der gestern die Katastrophe über sie gebracht, neben sich stehen und sie aus seinen braunen intelligenten Augen anschauen. »Sultan!« rief eine Stimme, wenige Schritte von ihr entfernt. Traudchen erzitterte heftig, sie erkannte diese rauhe Stimme, und aufschauend sah sie den Mann daherkommen, den sie gestern mit Hubert belauscht hatte, den Herrn im grünen Rock, der oben im alten Hause am Kamin der Dame gegenübergesessen. Vielleicht Wäre sie erschrocken über diese Erscheinung, hätte sie ihn an seiner Stimme auch nicht wiedererkannt. Sein Gesicht war nicht beschaffen, um einem jungen Mädchen, bei einsamer Begegnung wenigstens, großes Vertrauen einzuflößen. Ursprünglich mochte es regelmäßig, männlich und schön gewesen sein, aber jetzt zeigte es sich in hohem Grade entstellt; es fehlte ihm ein Auge; über die linke Wange lief von dem erstorbenen Auge herab eine starke Narbe bis zum Munde; das gesunde Auge hatte einen unheimlichen Ausdruck, weil es groß und stier war und sich jeden Moment unter einem breiten Augenlide barg, so daß es aussah wie das eines Raubvogels. Das Kinn war männlich breit, stark ausgebildet und glatt geschoren; der Mund war klein, edel geformt, aber die aufgeworfenen Lippen trugen ein Gepräge von Sinnlichkeit, zu dem noch ein Ausdruck von mürrischer Weltverachtung, der in den hängenden Mundwinkeln seinen Sitz hatte, hinzukam. »Erschrick nicht, mein Kind,« sagte der Mann mit etwas spöttischem Tone, als er neben Traudchen angekommen war und ihr zum Gruße nicht ohne Freundlichkeit zunickte, »erschrick nicht vor dem Hunde. Es ist das gutmütigste Geschöpf auf der Welt.« »Er sieht bös genug aus,« erwiderte Traudchen, die bald den Hund, bald den Fremden mit ihren großen, dunkeln, forschend von einem zum andern irrenden Blicken anstarrte; »er sieht sehr böse aus, und wenn er mir gehörte, so würde ich ihn lieber totschießen als leben lassen!« Und dabei fixierte Jungfer Traud die Bestie mit einem plötzlich so scharf aufflammenden Blicke, als wünsche sie nichts mehr und inniger, als daß sie ihn damit tot zu ihren Füßen hinstrecken könne. »Totschießen!« lachte der Fremde etwas gezwungen auf. »Du mußt wissen, schönes Kind, daß es ein Hund aus der Camargue ist, wenn du jemals von dieser Gegend gehört hast; und daß ich ihn nicht mit großen Kosten aus Frankreich mitgebracht habe, um ihn hier totschießen zu lassen. Aber genug davon. Wohnt hier ein Herr Gymnich?« »Der Ohm Gymnich ... kommt wohl vor Abend nicht zu Hause, und dann geht er bald wieder aus, in seine Gesellschaft ... Sie täten am besten, Herr, wenn Sie es mir auszurichten aufgaben, was Sie ihm sagen wollen.« »Das kann ich allerdings, mein Kind. Ich suche ein kleines Privatquartier in der Stadt, um es auf einige Wochen zu bewohnen, und dann suche ich eine Person zur Aufwartung, die meine Zimmer imstande hält und für mein Frühstück sorgt. Ich bin deshalb an deinen Ohm Gymnich von einer Person, die ihn kennt, gewiesen und empfohlen worden«. »Es steht hier ganz in der Nähe ein Quartier frei«, versetzte Traudchen nachdenklich und mit so gleichgültigem Tone wie möglich, während ihre Gehirnfibern in raschester und angestrengtester Tätigkeit waren, »und was die Aufwartung angeht, so bin ich bereit, die zu übernehmen, denn da der Ohm Gymnich den ganzen Tag in der Fabrik ist, so habe ich freie Stunden genug übrig.« »Du selbst?« fragte der Fremde lächelnd und, wie es schien, etwas überrascht. »Weshalb nicht?« »Nun, offengestanden, mein Kind, es ist mir schon vorgekommen, daß so hübsche junge Mädchen, wie du eins bist, sich ein klein wenig vor mir fürchteten!« Dabei nahmen seine Züge ein faunisches Lächeln an, welches sie sehr häßlich machte. »Ich fürchte mich vor niemand!« versetzte Jungfer Traud mit eisiger Kälte. »Aber doch vor Hunden?« »Ja, vor Hunden. Man hat Fälle, wo sie Menschen umgebracht haben.« »Hm!« räusperte sich der Capitaine des chasses, und es war auffallend, wie plötzlich er den scherzhaften Ton fallen ließ, den er angeschlagen hatte. »Umgebracht haben! Das wäre ja schrecklich. Sultan ist dazu nicht imstande. Er ist nichts als ein großes Kalb, nur mit einem zottigern Pelz, als gewöhnlich Kälber ihn haben. Aber um bei der Sache zu bleiben – ich werde dir wöchentlich einen Taler zum Lohn geben – wird dir das genügen?« »Vollständig!« »Gehen wir«, versetzte er. »Aber weißt du, Kind, daß. du dich mir als Dienerin verdungen hast, ohne nur meinen Namen zu kennen?« »Ist das nötig?« fragte sie gleichmütig. »Nötig? Nun, du mußt doch wissen, wie du mich zu nennen hast!« »Wie heißen Sie denn?« »Ripperda... Herr von Ripperda hast du mich zu nennen.« »Ich will es mir merken.« Vor einem gutaussehenden Bürgerhause an der Ostseite des Georgsplatzes hielt sie an und hieß den Fremden in die offene Haustür eintreten. Eine reinlich gekleidete Bürgerfrau kam ihnen aus der Küche entgegen. »Ich bringe Ihr einen Mietsherrn für Ihre leeren Zimmer, Frau Zappes!« sagte Traudchen, und Frau Zappes war augenscheinlich sehr zufrieden damit. Auch der Fremde erklärte sich befriedigt mit der Wohnung und dem Preise. »Hat Sie nichts von Herrn Bender gehört, Jungfer Traud?« fragte Frau Zappes, als der Herr das Haus verlassen. »Nichts!« versetzte Traudchen, das errötende Gesicht abwendend. »Er ist die Nacht nicht nach Hause gekommen und macht doch sonst keine Übernächtigen Studentensuiten mit!« Traudchen zuckte die Achseln und spielte die Unwissende. Dann eilte sie, von der gesprächigen Frau sich loszumachen und heimzukehren. Viertes Kapitel Ein Opfer der Nemesis Der Capitaine des chasses, oder, da wir jetzt den Namen des einäugigen Herrn mit der Schmarre kennen, Herr von Ripperda, entfernte sich unterdes mit seinem großen Hunde von dem Hause der Frau Zappes, um sich mit gemächlichem Schritt in das Innere der heiligen Stadt zu vertiefen. Er hielt das Haupt etwas gesenkt und den Blick auf den Boden geheftet, seine Blicke fesselte weder das Marktgewühl auf dem Weidmarkt, wo die Weiber der Kappesbauern ihren Gemüsehandel trieben und durch obligate Zungenübung dabei den Beweis führten, daß rhetorische Kunst noch immer, wie schon zu Ciceros und Demosthenes' Zeiten, ein schönes Eigen freistädtischer Gemeinwesen sei – noch die malerische Gruppe der »Funken«, jener berühmten reichsstädtischen Krieger in roten Röcken, die plaudernd und schmauchend ihren militärischen Pflichten vor dem Wachthäuschen oblagen. Auch die merkwürdigen düstern Häuser mit Erkern und Zackengiebeln, die Stirn gegen Stirn dicht und drohend einander gegenüber standen und ihre menschenfeindliche Gesinnung dadurch an den Tag legten, daß sie sich langgestreckte steinerne Ungeheuer, fabelhafte Drachen und unglaublich dünnbäuchige Löwen angeschafft hatten, die bei Regenwetter ganze Wassermassen auf den unglücklichen Wanderer ausspien, den der Mangel eines Bürgersteigs in die Mitte der Straße trieb – auch diese merkwürdigen alten Häuser gewannen ihm kein Interesse ab; und noch weniger taten dies die schönen, aber unbeschreiblich verwitterten Kirchen, an deren Portalen eine fürchterlich zudringliche Rasse von Bettlern saß, die von wohlgekleideten Fremden mit einer ganz rücksichtslosen Härte ihren Zoll eintrieben, erbarmungslos wie indische Zemindars, und ebenso geneigt wie diese, die Unglücklichen, die nicht zahlten, ein wenig zu foltern oder ans Kreuz zu schlagen. Für alle diese schönen Merkwürdigkeiten der heiligen Stadt zeigte der Fremde, wie gesagt, keine Teilnahme. Auch schien es, daß er von früher her wohl bekannt sei mit dem Gassenlabyrinth um ihn her. Er fand sicher und ohne zu fragen seinen Weg durch die Sternengasse über Cäcilienkloster zum Neumarkt. Als er in der Nähe der schönen Apostelkirche angekommen war, die mit ihren Kuppeln und Türmen wie eine verkleinerte Aja Sophia sich vor ihm erhob, fragte er einen Vorübergehenden nach der Wohnung des Kanonikus Klevesahl. Der Mann deutete auf eine hohe Mauer und ein Gartentor, hinter welchem die Wohnung des »Knünchs« liege. Ripperda schob mit einiger Mühe das schwere Tor auf und sah sich in einem geräumigen Garten, in dessen Mitte ein nicht großes, aber freundliches, unten von Reben umkleidetes Haus von drei Stockwerken lag. Am Mittelfenster über der Haustür sah er die Gestalt eines Mannes in reifen Jahren, mit einem runden blühenden Gesicht, das mit einem Ausdruck von großer Gutmütigkeit und neugieriger Freundlichkeit auf den durch den Gartenpfad Heranschreitenden niederblickte. »Ich muß wünschen, Sie unter vier Augen zu sprechen, mein Herr Kanonikus Klevesahl«, redete ihn Herr von Ripperda an, als er die schmale hölzerne Wendelstiege emporgeschritten und von einem jungen Burschen in das Wohnzimmer geführt war. »Sie haben mir und einer gewissen andern Person einmal, als wir uns kannten, nicht ohne eigene Gefahr einen sehr großen und angenehmen Dienst geleistet; und da Sie die Wohltaten, die Sie erzeigen, vermutlich ganz vergessen, muß ich es Ihnen wohl sagen welchen; Sie waren damals noch nicht zum Kanonikus in der Stadt befördert, Sie waren noch Pfarrer einer weitentlegenen Landgemeinde; es war in der Kapelle zu Wolfshagen ...« »Mein Himmel... Sie sind doch nicht...Herr von Walrave?« rief der Kanonikus erschrocken aus und fuhr einen Schritt zurück. »Richtig,« versetzte der Fremde, mit seinem einen Auge den Geistlichen spöttisch fixierend, »ganz richtig!« »Leben Sie noch?! Sie leben noch?!« »Ich bitte sehr um Entschuldigung, wenn ich Sie dadurch inkommodiere!« »Ich glaubte, Sie wären tot, lange schon!« »Unkraut vergeht nicht, wissen Sie, lieber Klevesahl! Als Walrave bin ich aber eigentlich auch tot; der, den Sie vor sich sehen, ist ein Herr von Ripperda – wollen Sie die Güte haben, das zu beachten?« »Ripperda? Nun, wie Sie wollen. Aber die ...« »Ganz richtig, die ... nun, wir verstehen uns. Es war eben für sie nichts anderes zu machen. Eggenrode brauchte Gewalt! Sie kannten ihn ja auch, den Stierkopf!« Der Geistliche ließ sich auf das schmale, mit schwarzer Serge überzogene Kanapee nieder, welches hinter seinem runden Tische stand, und starrte den Gast mit Augen an, welche zu verraten schienen, daß er immer noch nicht recht gewiß sei, ob er einen Lebenden oder ein Gespenst vor sich sehe. »Beruhigen Sie sich,« fuhr der Fremde fort, »ich sage Ihnen ja, der Walrave, den Sie kannten, ist tot, und was Sie jetzt sehen, ist ein ganz anderer, ein durch das Leben gewitzigter, alter Mensch, der nur das Unglück hat, die unangenehmen Erinnerungen jenes Walrave, welcher sich in seiner Jugend etwas leichtsinnig aufgeführt haben soll, mit sich herumschleppen zu müssen. Die französische Revolution führt mich zurück.« »Das heißt?« »Ich bin Emigré.« »Also in Frankreich hielten Sie sich bisher auf?« »So ist es. Nachdem ich hier in Deutschland gestorben war, führte ich mein schattenhaftes Dasein in Frankreich weiter, und da ich in diesem Lande endlich bei der edlen Jägerei in Chantilly angestellt wurde – als Capitaine des chasses des Herzogs von Condé – so habe ich, wie Sie sehen, das Dasein des Wilden Jägers geführt, der auch tot ist und dennoch auf die Jagd geht, und zwar sehr leidenschaftlich, wie man sagt.« »Wie der sehen Sie in der Tat beinahe aus! Und wie haben Sie diese entsetzliche Schmarre über der Wange bekommen?« fragte der Geistliche. »Wie man so etwas bekommt«, antwortete achselzuckend der ehemalige Capitaine des chasses. »Man begleitet seinen Herrn auf kleinen Abenteuern, steht wohl gar Wache dabei, wird von tugendhaften Leuten, die ihre Degen ziehen und unvorsichtig damit umgehen, in eine Unterhaltung verwickelt... und hat eins weg, ehe man sich's versieht. Doch man hat ja auch auf der Jagd mancherlei Zufälle; ein wütender Eber bricht durchs Garn, ein brünstiger Hirsch erinnert sich, daß er ein Geweih hat... Sie dürfen immerhin annehmen, daß ich einem dieser Umstände ein solches Glück verdanke.« »Glück? Sie sagen das mit einem Ausdrucke, als wenn es keine Ironie wäre!«. »Ist's auch nicht. Es ist ein Glück für mich, daß ich, was ein zerfetztes Gesicht angeht, den berühmten Balafré aussteche. Denn da ich hinüber will auf den Schauplatz meiner frühern rühmlichen Taten, so müßte ich sonst gefaßt darauf sein, daß man mich dort einfinge, mir eine eiserne Maske vors Gesicht schnallte und mich damit in die Kerkerzellen von Dudenrode würfe... Es gibt Leute, welche dafür sorgen würden, mein lieber Kanonikus, Sie begreifen das! Jetzt aber, in diesem Zustande, bin ich harmlos; es ist unmöglich, mich wiederzuerkennen.« Der Geistliche schüttelte den Kopf. »Aber was wollen Sie denn drüben?« »Meine Dienste dem Tollen anbieten; der Tolle wird mir höchstwahrscheinlich eine Stellung verleihen.« »Das ist eine unheilvolle Geschichte!« sagte der Geistliche mehr wie für sich als laut. »Und sie,« fuhr er dann lauter fort, »ahnt sie ...?« »Sie denken, Sie müßten sofort, wenn ich dieses Zimmer verlassen haben werde, eine Stafette an sie abschicken, um ihr einen Wink zu geben, welche Freude ihr bevorstehe ... aber beruhigen Sie sich, Klevesahl, und sparen Sie sich diese Auslage. Sie ist von allem unterrichtet. Wir haben uns bereits gesprochen, haben uns in den letzten Jahren schon einigemal Rendezvous hier in Ihrem alten heiligen Köln gegeben, und sie hat es jetzt über sich genommen, die Unterhandlungen zu führen, welche mir eine neue Anstellung vermitteln sollen. Aber ich bin gezwungen, Sie inzwischen mit einer Bitte zu belästigen.« »Was soll ich für Sie tun?« »Nichts, als mir ein kleines Attest ausstellen, daß Sie mich kennen und eine gewisse moralische Bürgschaft für mich übernehmen.« »Eine moralische Bürgschaft ... für Sie?!« rief der Kanonikus fast erschrocken aus. Herr von Ripperda lächelte bitter. »Ihr Erschrecken hat etwas sehr Schmeichelhaftes für mich«, sagte er. »Aber ich entschuldige es, weil es Ihnen immer noch nicht geläufig geworden ist, zwischen dem frühern Walrave und dem jetzigen Ripperda zu unterscheiden. – Sie wissen, Ihre Stadtregierung ist dem Aufenthalte von Emigranten innerhalb ihrer von St. Ursula beschützten Mauern abgeneigt. Man hat mir erklärt, nur wenn ich ein Zeugnis eines achtbaren und bekannten Bürgers beibringe, daß ich unverdächtig und wirklich ein geborener Deutscher sei, so werde mein Aufenthalt hier gestattet. Um eines solchen Zeugnisses wegen komme ich nun zu Ihnen, hochwürdiger Klevesahl, Sie werden es mir ausstellen.« Der geistliche Herr seufzte. »Wie soll ich denn das aufsetzen?« sagte er. »Um Ihnen alles Kopfzerbrechen dabei zu ersparen, habe ich selbst es aufgeschrieben«, versetzte Herr von Rippeida, und bei diesen Worten zog er ein gefaltetes Papier aus der Brusttasche hervor und legte es vor den Geistlichen auf den Tisch. Der Kanonikus suchte unter seinen Büchern und Schriften nach seiner Brille, und nachdem er diese glücklich gefunden, las er die Schrift, welche ziemlich auf der Mitte eines Folioblattes stand, halblaut vor sich hin: »Um eine Anstellung in Frankreich zu suchen, verließ Herr von Ripperda das teutsche Vaterland, wurde Capitaine des chasses des Herzogs von Condé und kehret anitzo, weil der Herzog sich hat flüchten müssen, zurück. Ich bitte deshalb, ihme, als mir wohlbekanntem und respectablem Manne, kein Hinderniß in den Weg zu legen, wenn er hiesigen Ortes zu verweilen wünschet.« »Hm,« sagte der Geistliche, als er dies gelesen hatte, »es ist kurios gesetzt: ›Um eine Anstellung zu suchen, verließ‹ ... es wäre doch besser, wenn man setzte: ›Herr von Ripperda ist gebürtig aus Gelderland, wie ich demselben hiermit‹ ...« »Mein lieber Klevesahl, es kommt gar nicht darauf an, wie es gesetzt ist,« fiel Herr von Ripperda ihm in die Rede, »es ist ja keine wichtige Urkunde, sondern nachdem der fürsichtige und wohlweise Ratsherr einen Blick darauf geworfen hat, wird er es dazu gebrauchen, seine holländische Pfeife damit anzuzünden. Darum habe ich's so aufs Papier geworfen, ohne mich lange zu besinnen, und nun unterschreiben Sie's nur kecklich, damit ich die Angelegenheit erledigen kann.« Der Kanonikus las noch einmal die paar Zeilen durch. Dann sagte er gewissenberuhigt: »Unterschreiben kann ich's ... nur was da steht von Capitaine des chasses ... davon ist mir doch eigentlich nichts bewußt ...« »Ungläubiger Thomas!« rief Ripperda aus und zog ein anderes Papier aus einer großen Brieftasche hervor, »da ist mein Brevet!« Es erfolgte eine abermalige Prüfung von seiten des Geistlichen; Kanonikus Klevesahl war jetzt völlig beruhigt und trat an einen Nebentisch, wo sein Schreibgerät stand. Er unterschrieb mit großen festen Zügen die Schrift Ripperdas. Dann holte er aus einer Lade seines Schreibtisches ein großes Siegel hervor, und nachdem er sich mit Stahl und Zunder selbst zu Licht verholfen, untersiegelte er damit das Zeugnis. Herr von Ripperda verbarg es in seiner Brusttasche und verließ den Geistlichen mit so wenig Umständen wie beim Kommen. Wir wissen nicht, auf welche Weise und wo Herr von Ripperda und sein Hund die nächsten Stunden des Tages zubrachten. Als Traudchen Gymnich am Nachmittage zur Frau Zappes hinüberging, um zu sehen, ob ihre Dienstleistungen begehrt würden, war der neue Mieter noch nicht in sein Quartier heimgekehrt. Traudchen brauchte nicht lange stehenzubleiben, um noch mit der lebhaften Frau zu plaudern, als diese, wie es das junge Mädchen erwartet und jetzt gewünscht hatte, aufs neue von dem noch immer ausbleibenden Studenten begann. »Weshalb gehen Sie nicht auf sein Zimmer und sehen da nach, ob er etwa einen Zettel für Sie zurückgelassen hat? Als er fortging, waren Sie vielleicht nicht da, und er hat es schriftlich hinterlassen, wann er zurückkehrt,« bemerkte Traudchen, um eine Gelegenheit zu bekommen, Huberts Stube zu betreten. »Die Magd ist oben gewesen und hat aufgeräumt,« antwortete Frau Zappes, »von einem Zettel hat sie nichts gesagt.« »Kann sie denn lesen?« versetzte Traudchen. »Lassen Sie uns doch selbst zusehen.« Frau Zappes ging die Treppe hinauf, und Traudchen folgte ihr. Der Schlüssel hing an einem Nagel neben der Tür. Die Hauswirtin öffnete diese; mit einer eigentümlichen Beklemmung trat das junge Mädchen hinter ihr über die Schwelle. Das erste, was sie durch das der Tür gegenüberliegende Fenster erblickte, war die düster und schwarz herübersehende Front des alten Hauses mit dem Stiegenturm an der Ecke, wie es sich über allerlei kleinere Ställe und Hinterbauten erhob und ein spitziges Doppeldach mit hohen Essen trug ... die Essen, aus denen Hubert nächtlicherweile Rauch glaubte hervordringen gesehen zu haben, und die dadurch schuld an allem geworden. – Das Zimmer des Studenten selbst war freundlich, obwohl klein, und für die Wohnung eines Studiosen war es sehr rein und ordentlich gehalten. Frau Zappes trat in das kleine Schlafzimmer nebenan und schloß hier das Fenster, das die Magd am Morgen offengelassen. Während sie sich dabei an den Schubriegeln mühte, hatte Traudchen einen Gegenstand ins Auge gefaßt, der in hohem Grade ihre Aufmerksamkeit fesselte; ihr Arm zuckte danach, fiel dann wieder nieder, und dann erhob er sich aufs neue, und die Finger streckten sich aus, wie in unwiderstehlicher Begehrlichkeit ... es war ein sauberes rotes Portefeuille, das auf dem Tische Huberts unter Büchern und Heften lag ... und jetzt hatte Traudchen es mit zitterndem Griffe gefaßt und hastig in ihre Tasche geschoben. »Ich will es ihm aufbewahren,« sagte sie sich, »es wäre unvorsichtig, es liegenzulassen«; und damit war ihr Gewissen beruhigt, und mit dem Tone großen Gleichmuts konnte sie jetzt Frau Zappes, die eben wieder eintrat, fragen: »Hat denn der Herr Bender vielleicht seine Verwandten hier in der Nähe, zu denen er gegangen sein kann?« Frau Zappes schüttelte den Kopf. »In der Nähe?« sagte sie ... »Denk' nicht daran ... er ist weit her, von jenseit des Rheins... er ist der Sohn eines Chirurgus da im Lande, glaub' ich, aber seine Eltern leben nicht mehr. – Schließen Sie zu, Traudchen!« Traudchen eilte, in ihre Wohnung heimzugelangen. Und als sie endlich in dieser war, die Tür wohl verschlossen hinter sich – mit welcher Aufregung zog da das junge Mädchen die Brieftasche aus den Falten ihres grünen Sergerockes hervor, und mit wie zitternden Händen öffnete sie die roten Korduandeckel! Es lagen ein paar alte Quittungen darin, auf die eingebundenen Pergamenttafeln waren allerlei Notizen geschrieben, kleine Ausgaben notiert, Adressen, Büchertitel, lange lateinische Namen verzeichnet... auf einem der Blätter stand oben ein großes, sauber in Frakturschrift gemaltes T, und darunter ein zweites, und dann ein drittes; und neben dem dritten stand in höchst zierlichen, aber fast unlesbar kleinen Buchstaben noch raudchen dazugeschrieben und umher waren schöne, höchst kühne und schwungvolle Schnörkelzüge gezogen ... es war wirklich ein Meisterstück von Kunst, und außerordentlich schön anzusehen; und wenn es im allgemeinen der Zweck der Kunst ist, zu erheben und zu erfreuen, so können wir in Wahrheit sagen, daß sie hier in einem ganz schrankenlosen Umfang ihren Zweck erreichte. Denn Traudchens Auge flammte förmlich, als ihr Blick darauf traf, und dann haftete es sicherlich ebensolange darauf, als die Augen des Schreibers auf diesem Pergamentblatt gehaftet hatten, während seine Hand mit so viel Fleiß die Buchstaben gemalt hatte. Nach langer Pause erst untersuchte Traudchen Gymnich weiter den Inhalt des Portefeuille. Sie nahm noch ein versiegeltes Papier heraus, es fühlte sich an wie ein kleines Päckchen, es führte auch eine Aufschrift; und als Traudchen auf diese blickte, zuckte es plötzlich in ihrer zitternden Hand. Die Aufschrift bestand aus einem Kreuz und den Worten darunter: Rattengift , präpariert von mir aus Datura Stramonium. Welche Gedanken gingen mit einem Male durch Traudchens Haupt, als sie diese Worte gelesen hatte und die Brieftasche hastig schloß, um sie wieder in die Falten ihres Kleides zu verbergen, aber das Päckchen mit dem Gift neben sich auf den Tisch legte? Sie versank in ein unruhiges Sinnen; bald erhob sie sich und schritt auf und ab in dem kleinen Wohnzimmer, bald setzte sie sich wieder und nahm das Spinnrad, welches neben dem Ofen stand, vor sich, und ihr kleiner Fuß legte sich so energisch auf das Trittbrett unten, daß das Rad sich umzuschwingen begann, als ob es den Verstand verloren habe, und daß die Spindel schnurrte, als wolle sie dem großen Rade zeigen, sie, die kleine Spindel, könne, wenn es auf Verrücktheit ankomme, noch tausendmal mehr leisten als solch ein großes ungeschlachtes Rad. Und dabei griffen Traudchens Hände wie fieberhaft in den Flachswocken und zogen den Faden mit einer Hast heraus, daß derselbe sehr bald zerriß und dann abermals riß, und dann zum drittenmal riß; und dann schob Traudchen das Spinnrad so heftig von sich, als sei es irgendein abscheulicher, widerwärtiger Mensch, der sich an sie gedrängt habe, und sprang empor und schritt wieder auf und ab in steigender Unruhe. – Dann, ehe sie zu ihrer Dienstleistung in die Wohnung des Herrn von Ripperda herüberging, machte sie sich eine Weile in der Küche vor dem Schranke, welcher die Speisevorräte aufbewahrte, zu schaffen. Als Traudchen am andern Tage um die bestimmte Stunde – es war aber eigentlich schon ein Bedeutendes darüber – wiedererschien, klopfte sie erst an das kleine Fenster, das, mit roten Kalikovorhängen bedeckt, aus Frau Zappes' Wohnzimmer auf den Hausflur ging. Die geschäftige Matrone erschien denn auch sogleich, aber noch lebhafter war sie heute, als sie alle Tage war, und mit aufgeregter Stimme rief sie Traudchen entgegen: »Jungfer Traud, denke Sie sich, was wir für eine Nacht gehabt haben ... das hat einen Lärm gegeben – der Hund, der große Hund von dem neuen Zimmerherrn... der Mann ist außer sich ...« »Was ist denn mit dem Hunde, Frau Zappes?« fragte Traudchen mit stammelnder Zunge totenblaß. »Der Hund ist tot ... mitten in der Nacht ist das arme Tier gestorben, der Herr sagt, es müßte vergiftet sein.« »Das ist ja unglaublich!« stotterte Traudchen, »wer sollte das getan haben?« Und mit einer heroischen Anstrengung sich fassend und zusammennehmend, ging sie die Treppe hinauf. Als sie die Tür zu dem Zimmer Ripperdas öffnete, war es ihr, als müsse das Klopfen ihres Herzens sie ersticken. Ihr Auge scheute sich, die Blicke umherzuwerfen, und doch flogen ihre Blicke, wie magnetisch gezogen, mit scheuem Flattern in jeden Winkel des Zimmers. Aber sie trafen nicht auf das, was sie suchten und wovor sie doch bangten. Die Leiche des Hundes war nicht da, man mußte sie schon entfernt haben. Aus der offenen Tür des Schlafzimmers hörte Traudchen Ripperdas Stimme. Er lag noch im Bett. Er rief ihr mit einem mürrischen, zornigen Tone einige Aufträge zu, kleine Ankäufe, die sie ihm besorgen solle; sie flog hinaus und davon, es auszurichten, während er mit einem zwischen den Zähnen gemurmelten Fluche sich auf die andere Seite warf. Als sie draußen war, atmete sie tief auf, so tief, als könne sie damit eine ganze Last von der Brust fortwälzen, und dann ging sie weiter, und als sie an den Seiteneingang der St.-Georgs-Kirche, an die immer offene Vorhalle kam, wo zu jeder Tageszeit arme Menschen vor einem großen schwarzen Kruzifix knien und Kerzen opfern – da trat Traudchen hinein und kniete auf die letzte Bank nieder. Nicht um zu beten. Das konnte sie nicht. Nein, um ihr Antlitz zu verbergen, über das Tränen herabrollten; um ihr Gesicht mit den Händen zu bedecken, damit niemand das Schluchzen sehe, von dem sie übermannt worden. Ihr war zumute wie einer Mörderin. Aber sie hatte Hubert Rache gelobt; die Liebe hatte den Schwur geleistet, die Leidenschaft ihn besiegelt, und von diesem Augenblicke an wurde ihr eigenes Schicksal, ihr eigenes Wohl und Wehe ihr gleichgültig. Um die Nachmittagsstunde kehrte, gegen seine Gewohnheit, der Ohm Gymnich nach Haufe zurück, nahm die Schlüssel zu dem alten Hause aus dem Spind und begab sich damit über den Hof an das Hauptportal, wo er die Steine und andere Gegenstände, die auf den Treppenstufen lagen, wegräumte und dann die große Tür aufschloß. Traudchen erinnerte sich der Zeit nicht, wo dies geschehen. Er trat dann ins Innere ein; das junge Mädchen nahm sich ein Herz und folgte ihm. Sie fand ihn beschäftigt, Läden und Fenster zu öffnen; als er sie erblickte, vertrieb er sie nicht, sondern sagte kaltblütig: »Das Haus soll vermietet werden. Wenn Leute kommen, die es besehen wollen, so rufe mich aus der Fabrik!« Fünftes Kapitel Der Reichsfreiherr von Averdonk und sein Schloß Dudenrode Die Mitteilung, welche Dr. Heukeshoven dem Professor Bracht und Traudchen Gymnich auf ihrem Wege zu dem Wappenmaler gemacht, war in ihrem ganzen Umfange richtig gewesen. Hubert Bender hatte einen völlig erschöpfenden Blutverlust aus einer zerrissenen Halsvene erlitten und da ihn gleich anfangs der Sturz mit dem Hinterhaupte auf die steinerne Treppenstufe betäubt gemacht, so war es für seine Verfolger in dem geheimnisvollen Hause, den einäugigen Capitaine des chasses und den Menschen in schwarzer Dienertracht, nicht schwer gewesen, ihn wie willenlos aufzunehmen und die Stiegen hinaufzutragen, wo man ihn zum Bewußtsein zurückzurufen gesucht. Was jedoch mit ihm geschehen, wie man nachher ihn durch die schmale Hintergasse weggeführt, in deren Bereich Traudchen Gymnich am andern Morgen ihre spähenden Blicke gesandt hatte, dessen entsann Hubert sich später fast gar nicht mehr; er hatte sich, als er seine Besinnung wiederfand, in einem Wagen liegen gefühlt, der ihn bald in einen schweren beängstigenden Halbschlummer schaukelte – in einen sonderbaren Zustand, in welchem er sich wach und bei Besinnung wußte und dennoch träumte, und zwar schreckliche und seltsame Träume, die ihn so befangen hielten, daß er gar nicht dazu kam, sich über seine Lage Rechenschaft zu geben. Endlich hatten ihn heftige Schmerzen am Halse aus diesem Taumel erweckt; er hatte nun wahrgenommen, wie er in einem großen, rings verschlossenen Reisewagen lag, auf dem Vordersitz ausgestreckt und ziemlich bequem und warm gebettet, denn sein Haupt ruhte auf einer weichen Unterlage, eine wollene Decke war über ihn gebreitet. Bei ihm im Wagen war nur eine Person, eine Frauengestalt, die im Fond ruhte, das Haupt zurückgelehnt, als ob sie schliefe. Es war dieselbe, die er am Abend zuvor belauscht, die er Gebharde hatte nennen hören. Hubert machte diese Beobachtungen bei dem dämmernden Lichte der Sterne. Bei demselben Lichte sah er auch, daß der Wagen sich durch eine bergige Gegend fortbewege; rechts und links war der nächtliche Horizont durch waldige Höhen geschlossen. Hubert war sich sehr wohl bewußt, daß er gegen seinen Willen wie ein Gefangener fortgebracht werde. Aber dennoch stieg der Gedanke, sich zu widersetzen, dem Zwange zu entfliehen, nicht in ihm auf. Er fühlte sich zu krank dazu. Er lag in heftigem Fieber; sein Kopf fiel schwer und dumpf zurück, wenn er ihn erhob; sein Hals schmerzte ihn unerträglich; wenn er die Augen schloß, tanzte wie ein scheußliches Schreckbild eine dämonische Fratze vor ihm, ein großer, schwarzer Kopf mit wutverzerrten Mienen, der bald der eines einäugigen Menschen, bald der eines zähnefletschenden Hundes und bald beides zugleich war; und das letztere war dann weitaus das Greulichste. Es wurde Dämmerung, es wurde rosig hell über den Gipfeln der fernen Berge, es wurde Tag. Der Wagen hatte einmal während der Nacht gehalten; man hatte frische Pferde vorgelegt; als die Sonne über die Bergrücken im Osten emporstieg, wurde noch einmal gewechselt, und dann bewegte sich der Wagen, schwer und langsam wie früher, fortwährend heftig gestoßen, in den unergründlich schlechten Wegen weiter. Wenn Hubert seine Augen öffnete, was jetzt oft geschah, da das Rütteln des Wagens jedesmal seine Schmerzen erhöhte, und ihn hinderte, sich dem dumpfen Fortträumen hinzugeben, das immer aufs neue über ihn kommen wollte – sah er die Blicke der Dame ihm gegenüber auf sich gerichtet: es waren Blicke aus eigentümlichen, stahlblauen und stahlscharfen Augen, die von keinen Wimpern beschattet waren und mit einem Ausdruck auf dem Kranken ruhten, in welchem ebensowenig wie in den scharf ausgeprägten Zügen ihres Angesichts irgendeine erkennbare Regung oder eine bestimmte Sprache lag; weder Zorn oder Drohung, noch Mitleid oder Wohlwollen. Sie blickte auf den kranken Studenten gerade so, wie sie, die Augen von ihm erhebend, durch die Scheiben des Wagens über ihm fortblickte, um das allmähliche Höhersteigen der Sonne zu beobachten.. Nur einmal, als er bei den Schmerzen, die ein heftiges Stoßen des Wagens ihm erregte, zu stöhnen begann, sagte sie: »Geduld – hab' Er Geduld. Wenn wir angekommen sind, wird Er gute Pflege und ärztlichen Beistand erhalten.« Hubert war nicht in der Lage, etwas zu antworten. Die Stunden vergingen; man wechselte endlich wieder die Pferde; es mußte bald Mittag sein. Die Dame verließ den Wagen nicht; sie führte einige Erfrischungen darin bei sich. Die Sonne, die heute mild und klar schien, senkte sich; es ging gegen Abend; man kam in immer höhere Berggegenden hinein. Da, gegen das Einbrechen der Dämmerung, nahm Hubert wahr, daß der Wagen über eine hölzerne Brücke rollte, dann durch einen Torbogen und nun über einen gepflasterten Hof; und dann hielt er vor einem hohen dunkeln Gebäude still. Der Schlag wurde geöffnet, und die Dame stieg aus. Draußen sagte sie einige Worte zu Leuten, welche sie dort in Empfang genommen haben mußten, und alsbald wurde der Schlag wieder geschlossen, und der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Hubert bemerkte, daß man über den Hof zurück und linkshin nach einem Gebäudeflügel fuhr, bis man abermals hielt, abermals den Schlag öffnete und nun ein Mann einstieg, der den Kranken bei den Schultern anfaßte, während draußen ein anderer seine Füße ergriff; so wurde er aus dem Wagen gehoben und über einen kleinen, dunkeln, von hohen Tannen beschatteten Platz getragen, welcher, durch die Giebelseite eines Flügelbaues und eine im rechten Winkel daranstoßende hohe Gartenmauer gebildet wurde. Hubert fühlte sich in das Innere dieses Flügelbaues getragen, über Gänge, Treppen, Korridore, durch größere und kleinere Gemächer – endlich auf ein Bett gelegt, und dann fing man an, ihn zu entkleiden. Er war durch die entsetzlich lange Fahrt bis aufs äußerste erschöpft, deshalb verlor er, während alles dies mit ihm vorgenommen wurde, den Rest von halbem Bewußtsein, der ihm noch geblieben war, und fühlte nichts mehr von dem, was man weiter mit ihm begann. Er wußte auch nicht, wie lange dieser Zustand gedauert hatte, als er wieder zum Bewußtsein erwachte. Nachdem er seine Sinne gesammelt und sich allmählich Rechenschaft darüber gegeben hatte, was mit ihm vorgegangen und wie er in seine gegenwärtige Lage geraten, begann er seine Umgebung zu mustern. Er sah sich in einem großen Gemache, das Fenster nach zwei Seiten hatte; an der einen Seite blickte ein beinahe schon kahler, seines rotgelben Laubes fast schon beraubter Bergwald durch die beiden Fenster in das Gemach. Das Bett, in welchem Hubert lag, stand mit dem Kopfende an der diesen Fenstern gegenüber befindlichen Wand, so daß man rechts und links an das Bett herantreten konnte. Es hatte einen Himmel und Vorhänge von verschossenem Baumwollenzeug, das mit großen roten Blumen auf braunem Grunde bedeckt war. Die Fenster dagegen waren ohne Vorhänge, und die Decke des Gemachs ruhte ohne weitern Verputz als einen Kalkanstrich auf massivem, ganz überflüssig dickem Gebälk. Die Wände waren mit dunkeln braunen Ledertapeten, die sich im Laufe der Jahre von ihrem Rahmen losgespannt hatten und in Falten und Bäuchen herabhingen, überzogen, und ihre dunkle Farbe trug dazu bei, dem ganzen Räume etwas sehr Düsteres und Unfreundliches zu geben, das noch dadurch erhöht war, daß man die Fenster in der Wand zur Linken des, Bettes mit Läden verschlossen hatte. Rechts befand sich ein Kamin, dessen Öffnung jedoch mit einem Brett verschlossen war; ein davorgestellter Kachelofen diente zur Erwärmung des Zimmers. Ein lebendes Wesen fand Hubert, als er diese Beobachtungen machte, nicht in dem Raume. Er war völlig allein, Wenn er einen häßlichen alten Mann mit einem schweren Harnisch und einem roten darübergeworfenen Mantel nicht als Gesellschaft betrachten wollte, der in Lebensgröße sehr schlecht gemalt über dem Kamin hing. Es kam auch niemand – er vernahm auch draußen kein Geräusch – es war so still ringsumher wie in einem verzauberten Schlosse. Daß man ihn jedoch nicht ohne Wartung und Pflege ließ, sah Hubert an den Gegenständen, welche den Nachttisch neben seinem Bette bedeckten. Hier waren Medizinflaschen, Kompressen und Salbentöpfe in erklecklicher Anzahl aufgestellt;... er durfte keinen Augenblick daran zweifeln, daß irgendein ihm unbekannter Kunstgenosse des Doktors Heukeshoven seine Experimente mit ihm machte. Und da augenscheinlich auch etwas wie eine Apotheke in der Nachbarschaft sein mußte, so war damit wenigstens eine tröstlichere Beruhigung, daß Hubert sich in einem zivilisierten Lande befinde, gegeben, als sie einst der reisende Voltaire empfand, wie er einen Galgen erblickte. Hubert Bender lag lange, wie er glaubte, wohl stundenlang, ohne daß er jemand kommen hörte. Endlich – das abnehmende Licht kündigte bereits den nahenden Abend an – wurde draußen ein sacht auftretender Schritt vernehmbar; die Tür am obern Ende des Raumes öffnete sich leise, und ein Mann in schwarzer Kleidung mit gepuderter Perücke trat herein und näherte sich dem Bette. Hubert erkannte in ihm den einen der drei Menschen, welche er in dem geheimnisvollen alten Hause erblickt hatte, den Diener, der zu den zwei andern hereingetreten war. Als der Mann mit der Perücke sein breites und glattes Gesicht, aus dem ein paar stechende und unheimliche kleine Augen hervorleuchteten, über den Kranken beugte und diesen hell wach fand, sagte er: »Ah ... sind wir endlich ruhig geworden? Sind wir endlich besser? Zwei Tage haben Sie nichts getan als phantasieren.« »Ich sehe ein, daß dies sehr sträflich von mir war!« bemerkte Hubert. Der sanfte Krankenwärter reichte ihm einen Löffel voll bitter und widrig schmeckender Medizin, den Hubert, während der andere ihm das Haupt stützte, geduldig hinunterschluckte. »Wünschen Sie nun noch etwas?« fragte der Mann darauf. Wünschen ... ob Hubert etwas wünschte! Es war eine grausame Frage, gestellt an einen hilflosen Kranken in seiner Lage, von einem Manne, der eben im Begriff stand, eilig wieder das Zimmer zu verlassen ... freilich wünschte Hubert Bender etwas, und vor allen Dingen zuerst Aufklärung über sein Schicksal; und dann wünschte er – aber bevor er sich noch besonnen, wie zu beginnen, war der Mann allbereits verschwunden; nur die Worte: »In einer Stunde wird der Doktor kommen,« sprach er noch, während er fortging, und dann warf er ziemlich laut die Tür hinter sich zu. Es wurde dunkler und dunkler; die Minuten, die Viertelstunden verrannen, und Hubert fühlte sich unsäglich schwach, mutlos und gebrochen. Er wartete und wartete auf den Doktor, aber der Doktor kam nicht; aus der einen Stunde, von der sein Krankenwärter gesprochen, schienen ihm mindestens drei geworden. Es ward vollständig dunkle Nacht; niemand brachte ihm Licht; draußen vor seinen Fenstern begann eine Eule zu heulen; erst leise in längern Zwischenräumen, dann immer lauter und lauter, als ob sie gleich einem heranschreitenden Verderben immer näher komme, bis sie ganz dicht neben dem Schloßflügel in einem der alten Tannenbäume sitzen mußte, und nun ein entsetzliches Jammergeheul erhob. Zu Huberts weiterer Unterhaltung knusperten und pfiffen Mäuse unter seinem Bette ... es schien eine erkleckliche Anzahl davon vorhanden, und zuweilen trieben sie ihren straflosen Übermut so weit, daß sie an den Bettvorhängen oder Pfosten in die Höhe liefen und über Huberts Decke den Schauplatz ihrer heitern Spiele ausdehnten. Es war eine trübselige Lage, in welcher unser armer Student sich befand, und ganz gewiß würde er darüber in Verzweiflung geraten sein, wenn er nur die Kraft gehabt hätte, zu verzweifeln. Endlich, endlich ... Hubert glaubte, es müsse acht oder neun Uhr sein ... ließen sich draußen wieder Schritte vernehmen, und zwar lautere, raschere Schritte als vorher; ein Lichtschimmer drang durch die Spalten der alten Tür, gleich darauf wurde die Tür geöffnet, und der schwarzgekleidete Mann von vorhin trat ein, eine brennende Talgkerze auf einem gewundenen Silberleuchter in der Hand. Hinter ihm kam ein kleiner, schmächtiger Mann mit dünnem Zopf, gekleidet in einen braunen Frack mit großen übersponnenen Knöpfen und schmalem, stehendem Kragen, in eine überaus lange grüne Weste und in schwarzstoffene Kniehosen. »Da ist der Doktor«, sagte der andere, indem er das Licht ohne weiteres schonungslos dem Gesichte Huberts nahe brachte. »Sagen Sie mir, Herr Doktor,« sagte Hubert, während ihm der Arzt schweigend den Puls fühlte, »wo bin ich hier ... ich weiß weder, wo ...« »Sie dürfen sich mit solchen Fragen nicht aufregen, mein lieber Herr«, antwortete der Doktor mit einem herablassenden Lächeln. »Sie müssen erst zu Kräften kommen, dann werden Sie es schon erfahren. Man hat Sie in sehr hilflosem Zustande gefunden und aus Mitleid hierher gebracht, um Sie zu pflegen. Halten Sie sich deshalb ganz ruhig und still ...« »Aber wie soll ich ruhig ...« »Sie dürfen nur die notwendigsten Worte reden, mehr nicht. Sie müssen vor allem die Halsorgane schonen. Ich verlasse Sie jetzt und komme morgen in der Frühe wieder.« »Lassen Sie mir wenigstens Licht hier.« »Herr Baptist wird Ihnen Licht lassen; er wird Ihnen zu essen bringen und dann das Nachtlicht anzünden. Aber suchen Sie zu schlafen. Mit der Medizin fahren wir fort, Baptist. Wenn er zu trinken verlangt, so geben Sie Limonade. Und nun gute Nacht, junger Freund. Seien Sie ohne Unruhe, man sorgt für Sie.« Damit nickte der kleine Doktor seinem Patienten einen stillfreundlichen Gruß zu und verließ mit sachten Schritten das Zimmer. Baptist begleitete ihn mit dem Lichte hinaus und leuchtete ihm. Hubert war wieder allein und in der schrecklichen Dunkelheit; aber nach etwa einer Viertelstunde kam Baptist zurück und brachte auf einer Platte ein wenig eingemachtes Obst, Brot, Zwieback und eine Karaffe mit Limonade. Nachdem er Hubert behilflich gewesen, von den Erfrischungen zu nehmen, und als dieser über die Mäuse klagte, ging Baptist in seiner Humanität sogar so weit, ihm zu versprechen, daß er eine Katze holen wolle, um dem Übel gründlich abzuhelfen; und in der Tat brachte er nach einiger Zeit ein großes, dämonisch aussehendes Individuum dieser nützlichen Tierrasse, mit grünfunkelnden Augen und höchst martialischem Schnurrbart, dessen Anblick für Hubert etwas außerordentlich Beruhigendes hatte. Und dann, nachdem er ein Nachtlicht entzündet, ging Baptist. Und Hubert lag wieder einsam mit gebrochener Kraft, ein Mensch, der in den Händen ihm unbekannter, feindseliger Mächte war, welche eigenwillig über sein Schicksal zu bestimmen sich anmaßten; er lag verlassen von aller Welt, von jedem seiner Mitgeschöpfe da, denn er hatte nicht eins auf dieser weiten Welt, nicht ein einziges Wesen, an das er denken konnte mit einem ermutigenden, Zuversicht und Vertrauen einflößenden Gedanken. Er hatte nur Freunde unter leichtsinnigen Studenten; Bekannte nur unter Professoren von sehr gründlicher, aber in vorliegendem Falle sehr wenig zweckentsprechender Gelehrsamkeit, und unter Bürgersleuten, die gewiß nicht geneigt waren, sich in fremde Händel zu mischen. Es war niemand unter ihnen allen, der ihm beistehen, der Nachforschungen nach ihm anstellen und ihn verteidigen würde wider Unrecht und Gewalt; sicherlich war Professor Bracht nicht der Mann, seinetwegen eine kriegerische Expedition in ein rauhes Bergland zu unternehmen; noch war Frau Zappes so unternehmender Natur, um Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, bis man ihr ihren Studenten herausgegeben. Und Verwandte, Menschen, die das gemeinsame Blut aufrief zu seiner Verteidigung ... Hubert hatte sie nicht, kannte sie nicht. Er hatte seit vielen Jahren verwaist allein gestanden in der Welt. Ein Geistlicher, der Pfarrer seines Heimatdorfes, sandte ihm die Mittel zu seinen Studien, und, wie er annehmen mußte, zum Teil aus Beiträgen wohlhabender Gemeindemitglieder. Ein Wesen freilich war auf Erden, von dem er daß Gefühl hatte, daß es sich um ihn grämen und härmen werde ... aber dieses Wesen war ein schwaches, hilfloses Weib – es war Traudchen Gymnich. Sie sicherlich war nicht imstande, ihm irgendeinen Beistand zu leisten; und dennoch war ihr Bild das, was von allen Dingen, womit er sich beschäftigt, ihn allein mit einer gewissen Zuversicht erfüllte, ihm allein wie ein Trost war. Und dazu kam etwas, das Hubert in glücklichster Weise Hilfe leistete, um endlich nach einigen Stunden Wachens wieder in einen tiefen und kräftigenden Schlummer fallen zu können. Dies war eine unverhofft eintretende völlige Stille. Der Uhu schien sich besonnen zu haben, daß sein entsetzliches Klagelied über die Nacht, das erbärmliche Menschenschicksal, den Tod, oder was er sonst alles bejammern mochte, nichts helfe, um es besser zu machen. Und was die Mäuse anging, so erfüllte der schnurrbärtige Kater in ausgezeichneter Weise seine zivilisatorische Mission unter ihnen. Es war wirklich merkwürdig, mit welchem tiefen Respekt die gesamte zahlreiche kleine Bevölkerung des weiten Gemachs die Anwesenheit dieses kriegerischen Individuums aufnahm; so laut und lustig ihre harmlosen Spiele früher gewesen, sie waren jetzt tot und erstorben, und nur ein paarmal deutete ein leiser Sprung und ein tiefer Kehllaut des Katers an, daß er ein vorwitzig aus der von der Natur ihm angewiesenen Sphäre der Verborgenheit hervorgedrungenes Subjekt beim Kragen ergriffen habe und daß durch summarische Exekution der Gerechtigkeit Genüge geschehen. Hubert Bender schlief bis tief in den Morgen hinein. Und dann sah er den liebreichen Herrn Baptist eintreten, um ihm Medizin zu reichen und seinen erwachenden Appetit durch Nahrungsmittel, wie sie der Arzt erlaubt, zu befriedigen. Und dann kam der Arzt selber und zeigte sich erfreut über seines Patienten Fortschritte in der Genesung. Und so verging der erste Tag, und ähnlich vergingen der zweite und der dritte: und Huberts Kräfte wuchsen, und die Klarheit seiner Gedanken wuchs, und sein Mut und seine Entschlossenheit kehrte zurück; aber weder der Arzt noch Baptist erwiderte seine immer dringender werdenden Fragen mit andern Antworten als sie am ersten Tage gehabt. Am dritten Tage hatte ihm der Arzt erlaubt, aufzustehen und eine Stunde außerhalb des Bettes zu verweilen, nachdem Baptist dazu Feuer in dem Kachelofen gemacht haben werde. Hubert nahm diese Erlaubnis lächelnd auf – er hatte sich bereits am Nachmittage vorher selbst die Erlaubnis genommen, aufzustehen und in seine Decken gehüllt an den Fenstern entlang zu schwanken, um von ihnen aus zu erkunden, wo in der Welt er sich befinde. Er hatte auf einer Seite ein Stück von einem gepflasterten Hofe wahrgenommen, dann ein langes Ökonomiegebäude mit einem viereckigen Turm in der Mitte, durch welchen eine große gewölbte Durchfahrt führte; links füllte eine Mauer den Raum zwischen diesem Bauwerk und dem Gebäudeflügel, in welchem Hubert sich befand, und aus dessen an der Giebelseite angebrachten Fenstern erblickte er die verfallene Front eines alten, dem Ruin überlassenen Speichergebäudes. Jenseit des Ökonomiegebäudes mit dem Durchfahrtturm erblickte der Student eine Berghöhe, bis zur Mitte mit Ackerländereien bedeckt, oben mit Laubholz bestanden; in das Tal hinabzusehen verhinderte ihn das lange rote Dach des Gebäudes; aber es war offenbar, daß ein Tal da unten sein müsse, vielleicht eine von einem Gewässer durchrauschte Schlucht. An der andern Seite des Zimmers waren die Fenster durch Läden geschlossen, aber Hubert nahm durch die Spalten derselben so viel wahr, daß sich unten ein Garten befinde, jenseit desselben eine hohe Mauer, und jenseit dieser, nach einem Zwischenraume, der ebenfalls auf das Vorhandensein eines Tales deutete, wieder Berghöhen. Die Fenster lagen zwei Stockwerke hoch über dem Boden. So viel war gewiß, Hubert befand sich in einem aus mehreren Teilen bestehenden großen Baue, der auf einer isolierten Berghöhe zu liegen schien. Zu derselben Zeit, als der Arzt dem Rekonvaleszenten erlaubt hatte aufzustehen, hatte er ihm täglich ein paar Gläser alten Weins und kräftigere Speisen verordnet; und Hubert fand sich am Abend dieses Tages davon so gestärkt, daß er bereits Fluchtpläne zu entwerfen begann. Zunächst beschloß er, sich in den Besitz eines Messers zu setzen – wenn Baptist ihm wieder Speisen bringe, wollte er das Messer zurückbehalten und irgendwo verbergen. Nach der Hofseite hinaus zu fliehen, schien nicht rätlich – aber sich in den Garten hinabzulassen, das konnte nicht unausführbar sein; es mußte nur einer der Läden vor den Fenstern der Gartenseite erbrochen werden. Diese Gedanken ließen ihn heute später einschlafen. Als er endlich in Schlummer gefallen, wurde er nach einiger Zeit wieder erweckt – wie er glaubte durch den Schlag der Uhr in dem nahen Torturme, auf den er in den letzten Tagen zu achten gelernt hatte; sie schlug zwölf grell nachhallende Schläge durch die Nacht. Als er die Augen öffnete, fiel ihm auf, daß das Zimmer erhellt war ... in der vorigen Nacht hatte Baptist für gut gefunden, ihm das Nachtlicht als überflüssig zu entziehen – hatte er es heute nachträglich gebracht? Hubert schlug den Bettvorhang zurück, hob den Kopf, um sich davon zu vergewissern, und – fuhr plötzlich erschrocken zurück. Der Anblick, der sich ihm dargeboten, als er in dem dämmerig erleuchteten Räume die Augen umhergeworfen, war allerdings höchst überraschender Art. Baptist hatte keineswegs ein Nachtlicht angezündet. Das Licht, welches das Zimmer erhellte, kam, ohne daß die Quelle desselben wahrzunehmen gewesen wäre, lediglich hinter einer ganz eigentümlichen Gestalt her, die hoch aufgerichtet, leise mit dem Kopfe nickend, in einem der altfränkischen schwarzen Rohrsessel vor dem hohen Kachelofen saß. Die Gestalt war die eines himmellangen, magern Mannes in rotgeblümtem Schlafrock und mit einer hohen Zipfelmütze auf dem Haupte. Er saß kerzengerade aufrecht vor dem Ofen, die Arme auf die beiden Seitenlehnen des Sessels stützend; und das Licht, welches Hubert diese Gestalt in allen Umrissen sichtbar, so deutlich sichtbar wie seine eigene Hand machte, umfloß dieselbe, zeichnete sie klar und scharf gegen die hinter ihr liegende dunkle Wand ab, und dann verdämmerte es allmählich abnehmend in dem weiten Räume. Nachdem Hubert eine Weile vor Überraschung seinen Atem stocken gefühlt, dann die Augen geschlossen, dann sie wieder geöffnet und nun aufs neue ganz dieselbe Erscheinung wahrgenommen hatte, sagte er, sich leise auf seinen Arm stützend, halblaut zu sich selbst: Entweder bin ich in meine Phantasien zurückgefallen, oder dies ist wirklich ein Gespenst, das sich durch meine Anwesenheit nicht abhalten lassen will, seine spukhaften Ansprüche an diese wüste alte Kammer geltend zu machen. Während Hubert dies sagte, bewegte sich das Gespenst plötzlich, beugte sich zu der Ofentür hinab, öffnete dieselbe, und dann schob es einige mächtige Scheite hinein; Hubert hörte das Prasseln des Feuers; das Gespenst hatte offenbar schon länger sich damit beschäftigt, die am Abend vernachlässigte Flamme neu zu beleben. Ein Gespenst, welches einen Ofen heizt, verliert aber, wie nicht in Zweifel gezogen werden kann, viel von seiner Furchtbarkeit; auch Hubert fühlte sich bei diesem Anblick um vieles beruhigter, hob sich höher in seinem Bett auf und räusperte sich, wie um die Anwesenheit noch eines zweiten lebenden Wesens in diesem Räume anzudeuten. »Ist man wach?« sagte jetzt das Gespenst mit einer eigentümlich hohen, fast weibisch lautenden Diskantstimme, während es sich ganz wie früher wieder steif in dem Sessel aufrichtete. Hubert säumte nicht zu antworten. Es war kein Grund da, einem Gespenst, welches in anständiger Weise eine Frage stellte und dadurch andeutete, daß es eine vielleicht sehr belehrend werdende Unterhaltung wünschte, nicht freundlich zu antworten. »Man ist wach!« erwiderte der Student. Das Gespenst erhob sich: es band den Gürtel seines Schlafrockes fester um seine unglaublich dünne Taille; es beugte sich nieder, um einen Leuchter mit brennender Kerze aufzunehmen, der hinter ihm auf dem Boden gestanden und den eigentümlichen Lichteffekt hervorgebracht hatte, als ob das Licht die Gestalt umfließe; und dann kam das Gespenst auf das Bett Huberts zugeschritten, und die himmellange, dünne Gestalt mit dem langen Gesicht, den eingefallenen Wangen, dem weißen, sehr vernachlässigten Stoppelbart, der dräuend nickenden weißen Zipfelmütze, beugte sich über den Kranken und leuchtete ihm ins Gesicht, während ein Paar erstaunlich großer runder Augen in seine Züge spähte. »Wer sind Sie? Was wollen Sie?« fragte Hubert jetzt, dem etwas von seiner früheren Beklommenheit zurückkehrte, bei diesem kuriosen Betragen des Mannes ... obwohl er sich eingestehen mußte, daß es mit dem gewöhnlichen Betragen von Gespenstern in ganz beruhigender Übereinstimmung war. Das Gespenst stellte sein Licht auf den Nachttisch zu Häupten des Bettes, rückte den Sessel, der zu den Füßen desselben stand, näher heran, und nachdem es bequem darin Platz genommen, zog es ein Spiel Karten aus der Tasche seines Schlafrocks und sagte: »Spielen Sie Karten?« »Allerdings ... wenn ich weiß ...« »Rabuge?« »Auch Rabuge, wenn ich weiß, mit wem ich die Ehre habe zu spielen ...« »Mit wem? Kennen Sie mich nicht?« Hubert schüttelte den Kopf. »Ich bin der Reichsfreiherr Lactantius von Averdonk zu Dudenrode.« »Der Reichsfreiherr Lactantius von Averdonk zu Dudenrode?« wiederholte Hubert, dem wieder auf einen Augenblick zumute war, als phantasiere oder träume er. »Aber,« sagte er dann, »wenn Sie die Frage nicht übelnehmen, ich darf doch voraussetzen ...« »Nun was?« »Daß Sie diesem unserm Säculo und nicht etwa einem etwas weiter hinter uns liegenden ...« »Ich weiß nicht, was Sie sagen wollen,« bemerkte der Mann, als Hubert nicht fortfuhr, sondern ihn nur verwundert anstarrte, »ich bin der Freiherr von Averdonk.« »Sind Sie denn,« fuhr Hubert nun fort, »sind Sie denn der Herr dieses alten Eulennestes von Kastell, worin man mich gefangen hält?« Der Freiherr Lactantius legte die Karten auf das Bett Huberts, fixierte den Studenten eine Weile und dann sagte er: »Allerdings bin ich der Herr in meinem Schloß Dudenrode. Aber weshalb sagen Sie: gefangen hält? Man hält Sie nicht gefangen, man verpflegt Sie nur, weil Sie krank sind.« »So, hat man mich etwa nicht gegen meinen Willen hierher geschleppt?« Der Reichsfreiherr Lactantius von Averdonk schaute auf den Studenten mit Blicken, welche nichts anderes zu sagen schienen als: Dieser junge Mensch ist allem Anscheine nach wahnsinnig! Augenscheinlich ist dieses lange Gespenst verrückt! dachte unterdes der Student, während er den Ausdruck der großen vortretenden wasserblauen Augen beobachtete, die auf sein Gesicht starrten. »Sie waren wider Ihren Willen hierher geschleppt, wie Sie sich ausdrücken?« Hub der Freiherr nach einer Pause wieder an. »Nun, sicherlich! Wie wäre ich sonst hier?« »Aber weshalb, zu welchem Ende sollte ...« »Das möchte ich eben von Ihnen wissen, der Sie sagen, daß Sie der Herr hier im Hause sind!« »Ja so!« sagte der Freiherr, indem er mit der Fläche seiner großen magern Hand über sein Gesicht fuhr. »Aber«, fuhr er fort, »bleiben wir bei der Sache stehen. Sagen Sie mir erst, wo hat man Sie denn eigentlich aufgefunden?« »Nun, in Köln.« »In Köln? ..., also nicht in einem Graben am Wege, wo Sie krank niedergesunken waren?« »In Köln, sage ich Ihnen, in dem verwünschten alten Hause, wo man mich erst durch eine infame Bestie von Hund hetzte und halb ermorden ließ ...« Die Augen des Freiherrn, Lactantius von Averdonk wurden während dieser Worte immer größer. »Fahren Sie fort, fahren Sie fort!« sagte er jetzt mit augenscheinlich großer Spannung. Hubert Bender fuhr jedoch nicht fort. Schweigend beobachtete er das Gesicht des alten Mannes, und die unverkennbaren Symptome, daß dieser gerade ebenso gespannt auf seine, Huberts, Geschichte war, wie er, der Student selber, auf eine Aufklärung über seine Umgebung und seine Lage, entgingen ihm keineswegs. Hubert Bender beschloß augenblicklich, aus diesem Umstände Vorteil zu ziehen. »Mein gnädiger Reichsfreiherr,« sagte ei, »ich meine, es wäre zunächst an mir, Aufklärung über die Behandlung, die ich erfahren habe, zu verlangen. Beantworten Sie zunächst mir einige Fragen, dann will ich Ihnen erzählen.« »Ich Ihnen Fragen beantworten? Nein, nein, nein, das ist meine Sache nicht«, versetzte der Reichsfreiherr wie erschrocken. »Was wollen Sie von mir erfahren? Ich weiß nichts, gar nichts!« »Man bringt Ihnen Menschen ins Haus, die man wie Gefangene hält, und Sie wissen nichts davon? Sie, der Herr im Hause?« »Ja, sehen Sie,« erwiderte der alte Mann, und dabei flog ein eigentümliches, halb wehmütiges, halb verschmitztes Lächeln über seine Züge, »das hat seine besonderen Gründe; ich habe alle meine Zeit wissenschaftlichen und sehr tiefgehenden Studien gewidmet, und um dabei ungestört zu bleiben von allen Lappalien des Hauswesens, überlasse ich die gänzlich meiner Frau. Ein Gelehrter darf sich um die Haushaltungsangelegenheiten nicht kümmern ... das begreifen Sie ... meine liebe Frau nimmt mir alle Sorgen in dieser Beziehung ab ...« »Und das ist eine Haushaltungsangelegenheit, eine Lappalie des Hauswesens, wenn man einen Menschen behandelt, wie man mich ...« »Nun ja, wissen Sie,« fiel der Reichsfreiherr ein, »ich rechne dahin alles, was so im täglichen Leben vorkommt? die Aufsicht über das Gesinde, das Justizwesen, das Einsperren der Knechte und Bauern in den Spanischen Kragen, wenn sie faul oder frech werden, die Abstrafung der Vagabunden... meine teuere Frau besorgt das alles.« »Eine vortreffliche Frau!« rief Hubert Bender aus. »Aber sagen Sie mir, verehrter Reichsfreiherr, wenn Sie sich um nichts, was im Hause vorgeht, kümmern, weshalb kamen Sie denn zu mir, und das um diese nicht gerade gewöhnliche Stunde?« »Nun, ich war des Studierens müde geworden bei meinen großen Büchern. Es fiel mir ein, daß ich ja einmal nach dem kranken Fremden schauen könnte. Ich liebe sehr, so dann und wann zu meiner Erholung ein Spielchen zu machen; und da ich dachte, daß Ihnen auch die Zeit lang werden könnte, so kam ich durch die verborgene Tapetentür dort, zu der ich den Schlüssel habe, ohne daß meine Frau und Baptist...« der Freiherr unterbrach sich und endete den Satz mit den nicht ganz logisch sich anschließenden Worten: »Ja wohl! Aber«, fuhr er fort, wie ist es mit dem Spiele?« »Nun, ich bin bereit dazu, ich habe ja zum Schlafen den lieben langen Tag!« »Rabuge?« »Rabuge, wenn es sein muß.« Der Reichsfreiherr zog ein winziges linnenes Beutelchen hervor, löste den Bindfaden, mit dem es oben umwunden war, und kramte mit seinen knöchernen Fingern in einer mitleidswürdig kleinen Summe von allerlei Pfennig-, Albus- und Groschenstücken hemm. »Ich habe kein Geld!« sagte der Student. Der Freiherr machte ein Gesicht, als ob ihn dieser Umstand sehr unangenehm überrasche. »Kein Geld?« fragte er, indem er sein Beutelchen hastig zurückzog und die Mundwinkel verdrießlich hangen ließ, »auch nicht einige Groschen?« »Geben wir unser Spiel darum nicht auf«, fuhr der Student fort, ohne die Frage, welche er mit gutem Gewissen nicht ganz verneinen konnte, zu beantworten. »Spielen wir um etwas anderes als Geld.« »Um was?« »Um unsere Geheimnisse!« »Das soll heißen?« »Wer von uns gewinnt, soll jedesmal dem andern eine Frage vorlegen dürfen, und der Verlierende beantwortet sie ihm genau der Wahrheit gemäß, auf sein Ehrenwort.« Der Reichsfreiherr Lactantius lächelte; er schien eine Weile zu schwanken, ob er den Vorschlag annehmen solle oder nicht. »Ich denke,« bemerkte Hubert, »unser beiderseitiges Vermögen hält sich bei einem solchen Spiele ungefähr die Wage. Das, was Sie von mir erfahren möchten, scheint mir nicht viel geringer als das, was ich brenne, von Ihnen zu erfahren.« »Nun meinethalb!« sagte der Freiherr, indem er die Karten nahm und sie mischte, »um Fragen also statt um Geld...« »Und um ehrliche Antworten!« »Das versteht sich«, erwiderte der Freiherr. Beide begannen zu spielen. Anfangs war der Freiherr Lactantius in auffallendem Vorteil. Bei dem Buben hörte sein Glück auf. »Hier ist der Bube, hier die Dame und hier der König«, sagte Hubert; »der erste Stich ist mein – ich darf die erste Frage stellen!« »Fragen Sie!« versetzte der Freiherr, die Arme über der Brust ineinander schlingend und sich lang in seinem Sessel ausstreckend. »In welchem Verhältnisse steht Ihre Frau – Gebharde heißt sie – zu dem einäugigen »Capitaine des chasses?« »Capitaine des chasses? Wer ist der einäugige Capitaine des chasses« fiel Lactantius von Averdonk ein. »Sie vergessen, daß Sie zu antworten haben!« »Wenn ich keine Antwort geben kann?« »Dann stelle ich eine zweite Frage. Sie sind mir eine Antwort schuldig! Ich frage so lange, bis ich eine erhalten habe.« »Zugestanden. Also?« »Wer ist ›der Tolle‹«?« Hubert bereute im nächsten Augenblicke, nachdem er diese Frage gestellt, sie getan zu haben. Der Tolle ist dieser Reichsfreiherr Lactantius am Ende selber, sagte er sich – und er wird jetzt zornig darüber werden. Aber der Freiherr war keineswegs zornig. Mit dem verschmitzten Lächeln, welches zuweilen über sein Gesicht flog, antwortete er: »»Der Tolle« ist ein vertraulicher Ausdruck, mit welchem man, ohne seinen ausgezeichneten Qualitäten nur im mindesten zu nahe treten zu wollen, Seine Erlaucht den Herrn Grafen von Ruppenstein, unsern Gebietsnachbar, bezeichnet.« »Und weshalb heißt er »der Tolle«?« »Halt, junger Mann,« sagte der Freiherr, seinen spukhaften Kopf schüttelnd, »man hat sich mit einer Antwort zu begnügen!« »Nun, wohl; so spielen wir weiter. Ich habe hier ein Aß und lege einen neuen Stich an.« »Und hier sind zwei und drei«, versetzte der Freiherr, indem er zwei Karten auf das Aß legte. »Hier ist die Vier«, fiel Hubert ein; »Sie haben die Fünf nicht – sie ist hier!« Und in dieser Weise wurde das sehr einfache Spiel fortgesetzt, bis der Reichsfreiherr triumphierend ausrief: »Der König!« und mit dem König den Stich vollständig machte, so daß er dadurch gewann. »Jetzt fragen Sie, verehrtester Reichsfreiherr!« rief der Student; »die Antwort soll Ihnen augenblicklich prompt und bar ausgezahlt werden.« »Was für ein Haus ist das, von welchem Sie sprachen, in welchem man einen Hund auf Sie hetzte und sich Ihrer bemächtigte?« »Das will ich Ihnen genau beschreiben, gnädiger Reichsfreiherr Lacantius von Averdonk«, antwortete der Student, den das Spiel aufzuregen anfing und dem, je mehr er die Harmlosigkeit seines Partners zu erkennen glaubte, desto mehr seine ganze Lage im Lichte eines gewissen Humors zu erscheinen begann. »Kennen Sie den Georgsplatz oder ›Driesch‹ in der landesüblichen Ausdrucksweise, gelegen in der heiligen Stadt Köln am Rhein?« Der Freiherr fuhr mit der Hand über die Stirn, wie um sich zu besinnen, dann sagte er: »Ich glaube nicht, daß ich ihn finden würde, wenn ich einmal wieder hinkäme; aber mir ist, als hätte ich schon früher gehört, daß wir ein Haus in Köln besitzen.« »Nun wohl, wenn es, wie nicht zu zweifeln, dieses Haus ist, so gratuliere ich Ihnen zu diesem schönen Besitz; es ist gar nicht möglich, daß sich in irgendeiner Stadt der Christenheit ein wüsterer, unheimlicherer, spukhafterer alter Kasten von einem Hause finde. Er ist seit Jahren verschlossen, niemand betritt ihn, und niemand hat eine Ahnung, wem er gehört...« »Wie kamen Sie denn hinein?« fragte der Reichsfreiherr von Averdonk. »Durch eine Hintertür; ohne Ahnung, daß ich meine Neugier so schwer büßen würde ...« »Und Sie fanden ...« »In einem obern Gemache, behaglich an einem Kaminfeuer ruhend, fand ich eine Dame dort, des Namens Gebharde, und ihr gegenüber einen schauderhaft aussehenden Räuberhauptmann aus den Abruzzen oder vom Hunsrück, wenn Sie wollen, aus dessen Gespräch hervorging, daß er Capitaine des chasses bei irgendeinem französischen Prinzen oder Großen – der Name ist mir entfallen – gewesen sei.« »Sie lauschten also?« »Ich lauschte.« »Und man entdeckte Sie?« »Und fing mich, wie einen flüchtigen Neger, mit einem Bluthund ein. Dann schleppte man mich in einem geschlossenen Wagen hierher; mir gegenüber saß in diesem Wagen dieselbe Dame Gebharde ... aber ich beantworte Ihnen statt einer Frage ein halbes Dutzend, das ist gegen den Vertrag.« »Und mir sagte sie, daß sie in Köln ihre kranke Cousine, die Stiftsdame im Kapitol, besuchen wolle, und daß sie auf der Rückreise diesen Menschen krank und wund im Graben am Wege gefunden habe!« Diese Worte sprach der Reichsfreiherr nicht laut aus, er murmelte sie vor sich hin, während er mit seinen großen Kirchenfensteraugen den Studenten anstarrte; der Student aber schwieg, da er sah, daß der Alte, in Gedanken versunken, ihm nicht mehr zuhörte. Der Reichsfreiherr nahm nach einer Weile die Karten wieder auf und sagte: »Spielen wir jetzt weiter.« »Ja, fahren wir fort; hoffentlich kommt die Reihe zu fragen jetzt an mich.« Das Spiel begann wieder; der Freiherr wurde wieder vom Glück begünstigt... Hubert Bender stieg der Verdacht auf, daß der Alte ihn betrüge, so auffallend war dessen Glück ... am Ende hatte Lactantius den Stich. »Ich frage«, sagte er. »Und ich muß antworten«, versetzte Hubert. »Wer sind Sie eigentlich?« »Wer ich bin? Ein Student der Medizin im dritten Semester; rite immatrikuliert auf der Hochschule zu Köln.« »So, so; aber damit ist meine Frage nicht erschöpfend beantwortet; wie heißen Sie, woher sind Sie?« »Sie sollen vollständige Auskunft haben. Ich bin der Sohn eines Chirurgus, der in einem großen Dorfe, in einer menschenarmen Gebirgsgegend an dem obern Teile der Ruhr wohnte. Ich muß wenigstens annehmen, daß ich sein Sohn bin, obwohl mir nie in seinem kleinen Hause eine Spur aufgestoßen ist, daß dieser brave und gutmütige Mann jemals etwas wie eine Frau besessen; neben welchen Umstand als zweiter Gegenstand nachdenklicher Überlegung für mich der tritt, daß der gute Gregorius, wie ihn unser Dorf nannte, mir niemals eigentlich väterliche Gefühle bewies, sondern mich wild und roh unter den barfüßigen Buben aufwachsen ließ. Ich will ihm nichts Übles nachreden; er war ein guter, weichherziger redlicher Mann, und vielleicht glaubte er, daß sein Beispiel hinreichen würde, mich zum Fleiße, zur Schonung meiner Beinkleider und zu allen übrigen Tugenden anzuleiten; aber gewiß ist, daß etwas strengere Aufsicht mir nicht geschadet haben würde. Als ich nun ein ziemlich wilder Taugenichts geworden, ließ mein Vater sich eines Tages verleiten, bei keiner dringendern Veranlassung als dem Beinbruch eines Bauern in Sturm und Regen stundenweit über die Berge zu gehen, um sich auf diese mühsame Weise von so weit her eine Erkältung zu holen, aus der bald eine tödliche Krankheit wurde, an welcher der arme Gregorius Todes verblich. So jung, kindisch und roh ich war, machte doch dieses Ereignis einen tiefen Eindruck auf mich; und zwar am meisten deshalb, weil einige wohlwollende Seelen sich fanden, die mir die eigentliche Bedeutung der Sache dahin aufklärten, daß der liebe Gregorius aus dem Grunde in den weiten Himmel gegangen, weil ich ihm in seinen engen vier Wänden zu viel Lärm gemacht und zu viel Ärger verursacht, als daß er es länger darin habe aushalten wollen. Sie können sich denken, welche beruhigende Wirkung dies auf die Phantasie eines, wenn auch lebhaften, doch gutmütigen Knaben ausüben mußte; aber gottlob! diese Wirkung ist mir doch eigentlich zum Heile ausgeschlagen, denn ich bin von jenem Zeitpunkte an ein im ganzen ziemlich solider Mensch geworden.« »Und was geschah mit Ihnen?« fragte der Reichsfreiherr. »Der Pfarrer des Dorfes nahm mich zu sich. Er behauptete, ich könne, wenn man das Häuslein meines Vaters verkaufe, von dem Ertrage studieren, was wegen meines ›offenen Kopfes‹ in hohem Grade wünschenswert sei; er ließ sich obendrein Beiträge von seinen wohlhabendern Pfarrkindern versprechen und nahm mich zu sich. Man verkaufte also das Haus, übergab dem geistlichen Herrn das Geld, und der Pfarrherr, nachdem er mich ein paar Jahre selbst unterrichtet, sandte mich gen Köln auf das Montaner Gymnasium. Von diesem bin ich mit erträglichen Zeugnissen auf die Universität übergegangen.« »Und Medizin studieren Sie?« »Die Disziplinen der edlen Heilkunst.« »Haben Sie denn gar keine Verwandten?« »Nein.« »Gar keine?« wiederholte der Freiherr und sah den Studenten dabei an, als ob er sich im stillen mit dem Problem beschäftige, wie ein Mensch gar keine Verwandten haben könne. Bald darauf aber zeigten seine Mienen, daß er es aufgegeben, eine so schwierige Frage zu lösen; er stand auf, und seine lange Gestalt wandelte dem Ofen zu, an den er sich stellte, wie um den Rücken zu wärmen, die Arme auf der Brust verschlungen, das Haupt mit der hohen Zipfelmütze niedergesenkt, als ob es sich unter der Last eines neuen und sehr bedrückenden Gedankens beuge. »Wenn ich Verwandte besitze,« sagte Hubert jetzt, dem daran gelegen war, den langen Reichsfreiherrn festzuhalten, »dann müssen sie wenigstens sehr geringe Sorge um mich haben. Es hat sich nie einer bei mir gemeldet! Ich habe unter meinen Sachen daheim ein kleines goldenes Kreuz, auf dessen Rückseite der Name Walrave eingraviert steht. Es wird vielleicht der Hausname meiner Mutter sein. Ich weiß es jedoch nicht. Ich habe einen Menschen, der alle Familiennamen und Zusammenhänge im Lande kennen soll, einen Maler in Köln, gebeten, mir Auskunft darüber zu verschaffen, was Walrave sei. Er hat mir auch versprochen, danach zu forschen. Aber bis heute habe ich nichts weiter von ihm gehört. ›Es gab Edelleute,‹ sagte er, ›die so hießen‹. Mit ihnen habe ich schwerlich etwas zu tun!« Der Freiherr Lactantius erhob sein sinnendes Haupt bei diesen Worten, als ob der Name Walrave ihn betroffen mache; er antwortete jedoch nicht. »Sie sind mir aber jetzt Revanche schuldig, Reichsfreiherrliche Gnaden«, hub der Student nach einer Weile wieder an. Der Freiherr schüttelte schwermütig den Kopf. »Morgen, morgen, mein Freund,« sagte er; »teilen Sie niemand mit, daß Sie mich gesehen haben. Morgen spielen wir weiter.« Damit trat er an Huberts Bett heran, ergriff seine Karten, nahm seinen Leuchter vom Nachttisch, und indem er ein Stück der alten Ledertapete, das lose an der Wand niederhing, aufhob, verschwand die lange Figur ganz in derselben lautlosen, gespenstischen Weise, wie sie gekommen war, und überließ Hubert Bender den aufregenden Gedanken, worein ihn diese Erscheinung und ihre Mitteilungen versetzen mußten. Sechstes Kapitel Worin dem Studenten Aussichten in die Zukunft eröffnet werden Am nächsten Morgen trat der liebenswürdige Krankenwärter Huberts mit einem besonders scharf ausgeprägten menschenfreundlichen Zug um seine verdrießlich hängenden Mundwinkel ein. Nachdem er das Frühstück auf den Nachttisch gestellt, setzte er sich auf den Stuhl, den während der Nacht der Reichsfreiherr Lactantius eingenommen hatte, und sagte: »Man ist endlich wieder bei Kräften, will mich bedünken?« Hubert Bender fühlte sich nicht versucht, durch eine bejahende Antwort den teilnehmenden Gefühlen Baptists eine kleine Freude zu machen. Er sah ihn schweigend an. »Daß man Ihn ruhig Seines Wegs heimgehen lasse, daran ist nicht zu denken«, fuhr jener fort. »Man hat Ihn zu nachtschlafender Zeit in einem fremden Hause umherschleichend betroffen. Was hat Er da anders beabsichtigt, als zu stehlen?« Hubert zuckte zusammen; er richtete sich entrüstet empor, und seine Hand machte eine Bewegung, als ob er dem hämischen und mürrischen Menschen für diese Beleidigung den Teller an den Kopf schleudern wolle, den er just gefaßt hielt ... »Nur gemach,« sagte Baptist, der mit einem Seitenblick die Wirkung seiner Worte auf den Studenten beobachtete, »man erhitze sich nicht! Wir haben noch länger zu verhandeln und haben unser ruhiges Geblüt dazu nötig.« »Ich bin kein Dieb!« versetzte Hubert zornig und Baptist den Rücken zuwendend. »Man ist als solcher ertappt worden und würde nunmehr, sobald man kuriert ist, auch als solcher zu behandeln sein. Wir haben peinliche Gerichtsbarkeit hier auf Dudenrode, einen Justitiarium, einen Gefängnisturm und ...« »Einen Galgen am End' auch?« fiel Hubert ein, indem er sich wieder herumwarf und den freundlichen Mann vor seinem Bette nicht ohne den Ausdruck einer gewissen Beunruhigung anstarrte. »Nein, einen Galgen haben wir nicht; die hohe Justiz und der Blutbann in der Herrlichkeit Dudenrode gehört dem Grafen von Ruppenstein an; aber wir haben ein Halseisen und einen Pranger.« »I, das ist ja sehr hübsch! Sehr angenehme Besitztümer! Ich gratuliere dazu!« »Gratuliere Er sich, wenn er denselben entgeht!« »Und am Ende«, sagte Hubert, »blüht auch das edle Institut der peinlichen Frage oder die Folter noch hier?« »Sie wird nur noch selten bei denen ruppensteinischen Gerichten angewandt.« »Immer besser! Das ist ja eine überaus beruhigend eingerichtete Gegend hier, wo die ›Tollen‹ Folter und Galgen zu ihrer Erheiterung haben und böse alte Weiber Halseisen und Pranger so gut wie ihre Kochtöpfe als Haushaltungsangelegenheiten betrachten!« Er schloß diesen Ausruf mit einem herzhaften Studentenfluche, den Baptist mit den Worten unterbrach: »Kommen wir zum Ende! Will man sich nunmehr der kriminalistischen Abwandelung, der Verurteilung zu langer Gefängnishaft und andern Unanehmlichkeiten entziehen, so entschließe man sich. Nimmt man Raison an, so habe ich den Auftrag, Ihn nach Bremen zu begleiten und dort auf das nächste Schiff zu bringen, welches nach einem Hafen Nordamerikas abfährt. Er erhält freie Überfahrt und Wechsel für die Summe von 300 Talern auf Neujork, sobald Er an Bord ist! Damit läßt sich etwas anfangen!« »Äußerst großmütig!« »Ist man entschlossen?« »Höre Er, lieber Mann,« versetzte Hubert, »daß Ihr hier einen Gefängnisturm und Halseisen und ähnliche juristische Kneifzangen habt, scheint mir für Euch eine ganz erfreuliche Einrichtung; für den Rest der Menschheit wäre es aber entschieden beruhigender, wenn auch ein kleines Tollhaus mit den nötigen Zwangsjacken in der Nähe wäre, wo man Euch selber unterbrächte.« Baptist zuckte mit den Achseln. »Man wähle!« sagte er mürrisch, »statt schlechte Späße zu machen. Ich muß eine Entscheidung haben.« »Nun, vielleicht erhält Er sie morgen. Ich will mir's überlegen.« »Dann wohlan! Jedoch länger als bis morgen wird Ihm keine Frist zur Überlegung verstattet.« Baptist erhob sich und stellte sich an den Ofen, um Hubert sein Frühstück beendigen zu lassen. Dann nahm er die Platte mit dem geleerten Gerät und ging, ohne ein Wort weiter zu äußern, fort. Hubert sprang aus dem Bett, sobald er seine letzten Schritte draußen hatte verhallen hören. Er zog seine Kleider an und suchte die Tür, durch welche in der Nacht der Reichsfreiherr Lactantius gekommen sein mußte. Er brauchte nur das niederhängende Leder aufzuheben, um sie zu finden; eine kleine schmale Tür von braunem Eichenholz; aber leider war diese kleine Tür fest verschlossen, und keinerlei Versuche brachten sie dahin, sich zu öffnen. Hubert mußte sich in Geduld ergeben; er mußte warten, bis der Freiherr selber zu ihm kam, um mit diesem überlegen zu können, was er tun solle in der schlimmen Alternative, die man ihm gelassen. Der Reichsfreiherr Lactantius war jetzt plötzlich des Studenten nächste Hoffnung geworden. Der Mann mochte so seltsam und wunderlich sein, wie er wollte, er war doch am Ende der Hausherr. Und war nicht mehrmals in Hubert der Verdacht aufgestiegen, daß des Mannes Wunderlichkeiten etwas von einer Maske hätten, daß er schlauer und scharfblickender sei, als er den Anschein haben wollte? Daß er ihn einmal beim Spiele durch geschicktes Eskamotieren einer Karte betrogen habe, darüber war Hubert kaum mehr zweifelhaft. Kurz, je mehr er über ihn nachsann, desto mehr wuchs seine Hoffnung, Schutz und Schirm bei dem langen Freiherrn zu finden; und gelang das nicht, so mußte er baldmöglichst seine Flucht zu bewerkstelligen suchen. Aber Geduld hatte er nötig, zähe, nicht zu ermüdende Geduld, einen ganzen, bleiern schleichenden Tag lang. Er vertrieb sich die Zeit, so gut es gehen wollte, indem er umherging, aus dem Fenster schaute oder in einem Lafontaineschen Roman las, den ihm der Arzt gestern mitgebracht hatte. Um die Mittagstunde kam Baptist zurück, mit seinem Mahle, ohne mit einer Silbe des Gesprächs vom Morgen zu erwähnen; am Nachmittage war, wie immer unter Baptists Obhut, der kleine stille Arzt da, um seine Zufriedenheit mit dem raschen Verlaufe, den die Genesung des kräftigen jungen Mannes nehme, zu äußern. Dann kam der Abend, die Dunkelheit der Nacht, endlich das Nachtmahl, und dann ging Baptist, schloß seinen Gefangenen draußen mit ungewöhnlicher Sorgfalt ein und entfernte sich. Hubert versuchte zu schlafen. Daß es ihm nicht gelang, brauchen wir nicht zu sagen. Seine Spannung und Aufregung stieg mit jeder Viertelstunde; sie wäre unerträglich geworden, hätte der Freiherr seinen versprochenen Besuch heute um dieselbe Stunde gemacht wie in der vorigen Nacht. Zum guten Glücke war das nicht der Fall. Es mochte neun Uhr sein, dreiviertel hatte es auf dem alten Torturm längst geschlagen, als Hubert ein Geräusch hinter der Tapete hörte; wie vom Zugwind bewegt hob sie sich – dann wurde sie zur Seite geschoben, und der Freiherr stand im Zimmer, ganz wie gestern angetan, im großblumigen Schlafrock, die hohe Zipfelmütze auf dem grotesken Haupt, ein brennendes Licht in der Hand. »Können Sie aufstehen und sich ankleiden, junger Mann?« sagte er, an Huberts Bett tretend. »Ganz gut«, versetzte Hubert. »Ich war heute bereits den ganzen Tag über außerhalb des Bettes.« »So machen Sie sich rasch heraus. Ich will Ihnen heute zu Ihrer Aufmunterung ein kleines Vergnügen bereiten, in meinem Zimmer drüben. Sie sollen mit mir gehen. Wir spielen heute mit einem Partner, der Ihnen gefallen wird.« »Mit einem Partner?« fragte der Student, während er sein Bett verließ. »Sie werden sehen.« Nach einigen Minuten war Hubert fertig. Der lange Freiherr schritt nun voran; die Tapetentür führte zunächst in einen schmalen Gang, der als Rumpelkammer benutzt schien, denn eine Menge alter verstaubter Möbel stand an der Wand, und auf den Möbeln lag noch eine größere Menge alten Geräts, Kisten, ausgediente Spinnräder, alte mißhandelte Gemälde, außer Dienst gesetzte Vogelkörbe und hundert andere abenteuerlich aussehende Dinge, über welche der Lichtschein fortflackerte, als der Freiherr mit langen Schritten rasch hindurchging. »Gehen Sie behutsam, lassen Sie Ihre Schritte nicht lauter hören, als es nötig ist«, sagte der Reichsfreiherr. Hubert gehorchte ihm. Er trat so leise auf, wie es ihm möglich war, während Lactantius sorglos in weichen Pantoffeln vor ihm herschlurfte. So kamen sie ans Ende des Ganges, wo eine Tür, die nur angelehnt war, die beiden nächtlichen Wanderer in einen großen, wüsten Raum, der nichts als hohe geweißte Wände zeigte, einließ. »Das ist meine Bibliothek!« sagte der Reichsfreiherr. »Ihre Bibliothek? Wo sind denn die Bücher?« »Stoßen Sie sich nicht an den Kisten!« Die Warnung war nicht überflüssig; in der Mitte des Raums stand wirr durch- und übereinander eine kleine Anzahl schwerer alter Kisten, vernagelt und bestäubt ... wenn sie es waren, welche die Bibliothek enthielten, so mußte man einräumen, daß die Bücher auf eine mehr sichere als für den unmittelbaren Gebrauch zweckmäßige Weise untergebracht waren. »Als ich mich verheiratete,« sagte der Freiherr, »habe ich sie hierhin transportieren lassen – ich bin noch nicht dazu gekommen, sie aufzustellen, aber ich will nächstens damit beginnen.« »Als Sie sich verheirateten? Sie reden davon, als ob es im vorigen Monat gewesen ...« »Im vorigen Monat waren es vierundzwanzig Jahre«, versetzte der Reichsfreiherr lächelnd. Damit öffnete er eine Flügeltür, aus welcher Hubert ein heller Lichtschimmer entgegendrang, verbunden mit einer höchst angenehmen Wärme. Es war ein großes, wohnlich eingerichtetes Gemach, mit Fenstern nach zwei Seiten, mit Gemälden in verblichenen Goldrahmen, mit gepolsterten Möbeln, deren geschweifte Füße und altfränkische Formen in schönster Übereinstimmung standen mit den etwas rohen Stuckverzierungen der Decke, von der ein höchst altmodischer Kristallustre herabhing. Rechts stand in einer Nische ein großer Kachelofen, welcher eine hinreichende Wärme ausstrahlte, um den großen Raum behaglich zu machen; dahinter erblickte Hubert einen Tisch mit brennendem Armleuchter darauf, und daneben ein Spiel Karten; hinter dem Tische aber stand ein Sofa, und auf diesem Sofa saß eine weibliche Gestalt, welche beim Eintritt des Studenten dessen Gruß mit einer anmutigen kurzen Verbeugung erwiderte. »Da ist der wunderliche Mensch, von dem ich Ihnen erzählt habe, Marie,« sagte der Reichsfreiherr – »er heißt Gregorius, glaub' ich ...« Hubert errötete bei dieser sonderbaren Einführung, und noch mehr vielleicht bei den forschend auf ihn gehefteten Blicken der jungen Dame, deren Erscheinung etwas höchst Überraschendes für ihn hatte. Sie war nämlich von einer Schönheit, wie Hubert Bender sich nicht erinnerte, jemals ein weibliches Wesen gesehen zu haben, wenigstens nicht von dieser zarten, lilienhaften, seelengewinnenden Art von Schönheit; ihr Gesicht war länglich oval, mit feinen, regelmäßigen Zügen und sinnig blickenden, großen blauen Augen, umwallt von einer Fülle blonder Locken; dabei lag ein eigentümlich anziehender Ernst auf diesen Zügen, und die Weise, wie das junge Mädchen Hubert mit einer leichten Bewegung des Kopfes und Oberkörpers begrüßte, hatte etwas unendlich Anmutiges. Hubert war vollständig geblendet von dieser Erscheinung, und deshalb stotterte er ziemlich verwirrt hervor: »Ich heiße nicht Gregorius, Herr von Averdonk, ich glaube nicht, daß es Ihnen umständlicher sein kann, wenn Sie mir meinen ehrlichen Christennamen Hubert Bender geben, als jeden andern. Und was dann den Namen dieser Dame angeht, so muß ich umso mehr bitten, darin eingeweiht zu werden, weil ich mir nicht erlauben würde, sie bei dem bloßen Taufnamen anzureden, den ich eben gehört habe –« »Sagen Sie ihm nichts, Marie, sagen Sie ihm nichts«, fiel der Freiherr lebhaft ein. »Wir spielen uns, wie gestern, wieder unsere Geheimnisse ab. Er hat kein Geld einzusetzen – wir spielen darum, ob er Sie fragen darf, wer Sie sind!« Lactantius rieb sich aus Vergnügen über diesen Scherz die Hände. »Soll die junge Dame ihren Namen aufs Spiel setzen, Herr von Averdonk?« fragte Hubert. Der alte Reichsfreiherr lachte; es sah höchst merkwürdig aus, wie er lachte: es sah aus, als ob es bloß zufällig und infolge besonderer Umstände ein Lachen geworden, und als ob es ursprünglich auf nichts anderes als ein lautes Weinen angelegt sei. »Da der gnädige Herr mich Ihnen nicht nennen will,« fiel jetzt errötend die junge Dame ein, »so nenne ich mich Ihnen selber; ich heiße Marie Stahl –« »Genannt die Lilie von Elfen!« fiel der lange Freiherr ein. »Und wohne hier im Schlosse, weil meine Eltern wünschen, daß ich einen größern Haushalt kennen lerne und Erfahrungen darin sammle. Und nun, da wir uns kennen,« setzte sie mit derselben ernsten Freundlichkeit hinzu, »können wir zum Spiele übergehen, welches der Freiherr so liebt, daß er jeden Abend mit einer so unachtsamen und vergeßlichen Schülerin, wie ich es bin, sich die Mühe gibt, sie darin zu vervollkommnen.« »Wir könnten zum Spiele übergehen,« fiel Hubert ein, »wenn ich nicht leider bitten müßte, mich erst von etwas anderm, weniger Angenehmem reden zu lassen: mir ist in der Tat das Herz viel zu voll, um den Karten meine Aufmerksamkeit zuwenden zu können.« »Und wovon ist Ihnen das Herz voll, Gregorius?« fragte der Reichsfreiherr. »Davon, wie man mit mir umgeht, in Ihrem Schlosse, Reichsfreiherr!« Der Reichsfreiherr fuhr mit seiner großen Hand von hinten her über seinen Kopf, so daß er die Zipfelmütze bis auf seine buschigen weißen Brauen herabdrückte. Dann fragte er mit einem sehr verdrießlichen Gesicht: »Können Sie denn das nicht auf ein paar Stunden vergessen, um einem alten Manne, der sich nach einer Erholung sehnt, gute Gesellschaft zu leisten? Sie haben mir in der vorigen Nacht den Kopf schwer genug gemacht mit Ihren Geschichten; der Teufel hole Sie mit allen Ihren Querelen, ich will nichts davon hören! Helfen kann ich Ihnen doch nicht. Nehmen Sie die Karten.« »Aber Sie können doch nicht vergessen haben ...« »Ich habe alles vergessen! – alles!« »So geben Sie mir einen schlechten Trost, mein Herr von Averdonk; doch wenn meine Geschichten Ihnen plötzlich so uninteressant geworden sind, daß Sie nichts mehr davon hören wollen, so bin ich weit entfernt, Sie damit zu belästigen. Dies wird mich aber nicht hindern, meine Geschichte dieser jungen Dame zu erzählen und ihren Rat ...« »Zum Henker, das sollen Sie bleiben lassen ... was gehen Ihre Geschichten die Marie an? Wollen Sie meine Frau zur Fabel der Gegend machen mit dem Geschwätz von dem alten Hause und ihrem Liebhaber darin? ...« Der lange Reichfreiherr unterbrach sich, wie plötzlich sich erinnernd, daß er indiskret werde. »Ich will mir den Mund nicht verschließen lassen ... ich will von diesem jungen Mädchen, in deren Augen ich lese, daß sie die Wahrheit sprechen wird, zu erfahren suchen, welche Räuberhöhle denn eigentlich dieses Haus – ja, Ihr Haus ist, Herr von Averdonk, wo man unschuldige Menschen mit Kerker und Pranger bedroht, wenn sie nicht vorziehen, sich nach Amerika schicken zu lassen.« »Was ist das? Was soll das heißen?« sagte der Freiherr, weit die Augen aufreißend und Hubert anglotzend, während, wie erschrocken über des Studenten ausbrechende Heftigkeit, das junge Mädchen aufgestanden war und Miene machte, das Zimmer zu verlassen. Aber Hubert trat ihr in den Weg. »Gehen Sie nicht,« sagte er, »gehen Sie nicht, ich bitte Sie darum – auch Ihnen habe ich etwas mitzuteilen, was von der äußersten Wichtigkeit für Sie ist!« »Was reden Sie von Gefängnis und von Amerika ... erklären Sie das!« fuhr der Freiherr fort. »Man will mich nach Bremen transportieren und dort auf das Verdeck eines nach Amerika segelnden Schiffes bringen ...« »Sie? ... weshalb?« »Es scheint, daß man großen Wert darauf legt, mich zu beseitigen, nachdem ich die Unterhaltung der Frau Gebharde mit dem Capitaìne des chasses in dem alten Hause zu Köln behorcht habe; ich soll ohne Zweifel unschädlich gemacht werden, entweder durch Güte oder durch Gewalt. Ein böser alter Mensch, den ich von dem Arzte Baptist nennen höre, hat mir heute morgen die Reise als mein unabwendbares Schicksal in Aussicht gestellt.« Der lange Reichsfreiherr stand auf und verschwand plötzlich völlig den Blicken der beiden jungen Leute. Er war nämlich hinter einen großen herabgelassenen Fenstervorhang getreten, der seine Gestalt vollständig verbarg. Es blieb für Hubert ein Rätsel, was er da mache, ob er dort einen aufkochenden Zorn hinunterwürgen oder unbeobachtet dem Studenten eine Zähre des Mitgefühls weihen, oder nur durchs Fenster nach dem Wetter sehen wolle. Hubert Bender verlor jedoch mit der Lösung dieses Rätsels keine Zeit. »Demoiselle Stahl,« sagte er zu dem jungen Mädchen gewandt, »es bedroht auch Sie ein großes Unglück.« »Mich? ... o mein Gott, was kann das sein!« »Nicht wahr ... Sie sind den Verfolgungen eines Menschen ausgesetzt gewesen, den man den ›Tollen‹ nennt und der ein Graf von Ruppenstein sein soll?« Marie Stahl antwortete nicht – aber die Leichenblässe, welche ihre Züge überzog, reichte hin, um Hubert zu zeigen, daß seine Voraussetzung die richtige sei. »Nun wohl,« fuhr er fort, »die Frau, die hier im Hause vollständig unumschränkt zu herrschen scheint, hat beschlossen, Ihnen den Schutz zu entziehen, den die Mauern dieses Gebäudes bis jetzt Ihnen gewährten. Sie sollen von hier fortgeschickt werden, damit Sie dem ›Tollen‹ in die Hände fallen.« Marie Stahl traf diese Mitteilung wie ein Donnerschlag. Sie sank, die Hände mit einem Ausruf des Schreckens faltend, in das Sofa zurück. Der Reichsfreiherr trat jetzt plötzlich hinter seinem Vorhang hervor. »Was sagen Sie da ... woher wissen Sie das?« rief er aus. »Wenn Sie nicht, wie Sie vorhin beteuerten, alles vergessen hätten, was ich Ihnen in der gestrigen Nacht erzählte, so würde es Ihnen leicht begreiflich sein, woher ich das weiß!« »Sie haben es ...« »Mit meinen eigenen Ohren gehört«, versetzte Hubert. »Marie ... wenn man Sie von hier fortsendet, wenn ich niemand, gar niemand mehr habe, der mit mir spielt und mir diese langen Winterabende, die jetzt kommen, vertreiben hilft, dann halte ich es hier nicht mehr aus, dann bin ich ein unglücklicher Mensch!« wehklagte der Reichsfreiherr, indem er plötzlich in eine Tonart des tiefsten Jammers überging. Hubert sah ihn mit einem Gesicht an, von dem es schwer zu sagen war, ob sich darin mehr Verwunderung oder mehr Zorn malte. Ein so naiver, so unglaublicher Egoismus war ihm noch nicht vorgekommen. »Aber zum Teufel, mein Herr von Averdonk,« rief er aus, »es handelt sich hier viel darum, wer Ihnen die Abende verkürzt und sich von Ihnen im Kartenspiel übers Ohr hauen läßt! es handelt sich um schändliche Frevel, die in Ihrem Hause, unter Ihren eigenen Augen vorgehen und denen Sie entgegentreten würden, wenn Sie ein Mann wären!« Statt sich über diese derbe Apostrophe beleidigt zu zeigen, blickte der Freiherr mit melancholischen Blicken Marie Stahl an und sagte: »Es ist wahr, es ist wahr – ich muß der Sache ein Ende machen! Was meinen Sie, wenn ich einen meiner Wutanfälle bekäme, Marie? Sollte es nicht das Beste sein? Sie wissen, das letzte Mal ... nein, Sie wissen es nicht; Sie waren damals noch nicht hier; aber es schlug durch; sie bekam Angst vor mir und zitterte wie ein Espenlaub; ja, sie zitterte, Marie, sie zitterte vor Schrecken; sie wurde ganz kreideweiß; oh, es war eine Freude, es anzusehen, eine wahre Freude ... Ich hätte sie um den kleinen Finger wickeln können, damals; wenn Sie dabei gewesen wären, würde es Ihnen noch sein, als ob es gestern gewesen wäre!« Und dabei schritt der lange Freiherr im Zimmer auf und ab, rieb sich die Hände vor Vergnügen bei dieser Erinnerung und rief einmal über das andere: »Ich will einmal wieder in Wut geraten, ich will sofort in Wut geraten ... in eine schreckliche Wut!« Hubert sah fragend nach dem jungen Mädchen hin, diese aber hatte ihren Kopf auf die Lehne des Sofas gelegt, verbarg ihr Gesicht daran und schien zu weinen. Lactantius von Averdonk blieb jetzt mitten im Zimmer stehen: er sah sich nach allen Seiten wie suchend um; endlich fuhr er hastig nach dem Holzkasten hinter dem Ofen und holte einen Arm voll großer Scheite daraus, die er einzeln mit einem schrecklichen Gepolter gegen die Möbel in dem Räume, warf. Dann nahm er einen Stuhl und schleuderte ihn wider den an der Wand hängenden Spiegel; mit einem furchtbaren Krachen und Klirren stürzten die Glasscherben, der Rahmen, die Bruchstücke des zerschmetterten Stuhls auf eine darunterstehende Kommode mit chinesischen Porzellanvasen nieder, und von dort, durch die Trümmer der Vasen vermehrt, auf den Boden. Dann ging er dazu über, mit den Holzscheiten ein lebhaftes Bombardement gegen den Kristallustre, der von der Decke niederhing, zu eröffnen, daß die Scherben davon nach allen Seiten stoben, klirrten und rasselten. »Wir wollen einmal in Wut geraten!« schrie Lactantius von Averdonk dabei in einem fort, mit den Zähnen knirschend, mit puterrot aufflammendem Gesicht und immer lauter und toller, und mit den Waffen, welche er ergriffen hatte, um sich fahrend, daß im ersten Augenblick weder Hubert noch viel weniger Marie es wagte, in seinen Bereich zu treten, um ihn an diesem unsinnigen Benehmen zu hindern. Doch sammelte Hubert sich bald und wollte ihm von hinten her den Arm festhalten. Es wurde ihm dazu aber keine Zeit gelassen. Denn während der lange Freiherr so im besten Zuge war, sich mit außerordentlicher Anstrengung in eine gehörige Wut hineinzuarbeiten, und als er just durch einen wohlgezielten Wurf den Kronleuchter so getroffen hatte, daß die Scherben und Splitter wie ein Hagelschauer niederrasselten und nach allen Seiten umhersprühten – wählend das zu Tode erschrockene junge Mädchen sich zu flüchten im Begriff stand und, um nicht von den herumfliegenden Holzscheiten getroffen zu werden, sich an die Mauer drückte: währenddessen öffnete sich plötzlich und rasch aufgerissen eine Flügeltür in der dem Sofa gegenüberliegenden Wand und zwei Personen traten mit einer Hast und den Zeichen von Aufregung herein, welche allerdings in hohem Grade gerechtfertigt waren, wenn sie, wie nicht anders möglich, in irgendeinem nahen Räume des Hauses den Hexensabbat vernommen hatten, den Freiherr Lactantius anstellte. Die eine dieser beiden Personen war Hubert nur zu wohl bekannt; ja, er kannte dieses Frauenantlitz mit den scharfen Zügen, den harten Blicken unter wimperlosen Lidern her; diese hohe zurückliegende Stirn, gelbfleckig und von leichten Runzeln durchfurcht; diese gebogene Nase, dieses ganze von ergrauenden Locken umrahmte Gesicht; aber freilich, als er es zum ersten Male sah, lag ein anderer Ausdruck, ein Gepräge von Leiden und Kummer und einer gewissen bittern Ergebung darauf; und während sie dann später im Wagen ihm gegenübergesessen, hatte dieses Antlitz nichts verraten als eine eisige Fassung, welche durch nichts in der Welt schien erschüttert werden zu können. Heute aber, in diesem Augenblicke zeigten diese Züge einen andern Ausdruck, den hellsten Zorn. Zorn funkelten diese Augen, Zorn sprach aus den zuckenden Mundwinkeln. Ihr zuvorgeeilt war ein kräftiger, hochgebauter junger Mann, der Huberts Alter, vielleicht etwas mehr haben mochte; er hatte ein schönes, aristokratisches Gesicht, dem der Dame ähnlich, freiwallende und ungepuderte braune Locken, und trug eine bequeme Haustracht, ein grünes Wams mit kurzen Schößen – man sah, daß er zur Intimität der Dame vom Hause gehörte. Das erste, was er tat, als er den Schauplatz der Wutanstrengungen des Freiherrn erreichte, war, an diesen dicht heranzutreten und den Versuch zu machen, die Arme des tobenden Mannes festzuhalten. Aber Freiherr Lactantius schien nicht gewillt, sich in seinem Vorhaben stören zu lassen, das dahin ging, durch einen grenzenlosen Lärm unzweifelhaft zu beweisen, daß er in Wut geraten sei ... er suchte den jungen Mann abzuschütteln, während er zugleich das Holzscheit, welches er in der Rechten gefaßt hielt, schwang, als wolle er damit seinem Angreifer den Schädel zerschmettern. »Lactantius! Lactantius!« rief in diesem Augenblick eine Stimme dazwischen – eine helle, schneidende Stimme, in der zwar genug Zorn, Entrüstung, Staunen und Verachtung, zu ganz gleichen Teilen gemischt, lag, deren plötzliche Wirkung auf den Wütenden jedoch darum nicht weniger merkwürdig und zauberhaft war. Der Reichsfreiherr ließ den erhobenen Arm sinken; es war, als habe der Ruf seines Namens von den Lippen dieser Frau ihn durchzittert von dem Scheitel bis zur Sohle, als habe er seine Kraft gelähmt und ihn gebändigt wie die Hand eines Tierbändigers, die sich auf die Mähne eines brüllenden Löwen legt, wie das Flüstern eines »Wisperers« der ein unbändiges Roß sich dienstbar macht. Es war eine seltsame Erscheinung, welche der Freiherr in diesem Augenblicke darbot. Sein Gesicht flammte, seine Augen glühten rotunterlaufen, sein Haar sträubte sich in dünnen weißen Strängen um den entblößten Schädel, von dem die hohe Zipfelmütze gefallen war. So stand er wie völlig bezwungen und bezähmt da – aber nicht lange; er schien sich ermannen zu wollen, er erhob die Hand geballt seinem Weibe gegenüber und dann beide Hände und schrie, ihr um einen Schritt entgegentretend: »Ich bin in Wut, Gebharde! Ich bin in Wut ... Wut ... Wut!« »Und du glaubst, du könntest mir Furcht einjagen mit dem, was du deine Wut nennst? Du glaubst, ich würde fliehen vor deiner ›Wut‹!« erwiderte die Frau mit einer unsäglichen Verachtung und einer verzweiflungsvollen Kaltblütigkeit. Und dabei schritt sie, ohne ihm weitere Beachtung zu schenken, auf den Tisch vor dem Sofa zu, stützte ihre Hand darauf und blickte mit drohendem Stirnrunzeln auf Hubert, der als stummer Zeuge dieser Szene mit untergeschlagenen Armen zur Seite stand. »Wie kommt dieser Mensch hierhin?« sagte sie, und Hubert glaubte annehmen zu dürfen, daß die gleichmütige Ruhe, womit sie diese Frage stellte, etwas Erheucheltes habe; er bemerkte, daß ihre Stimme ein klein wenig zitterte, ihre Farbe um ein kaum Merkliches bleicher wurde, als sie ihn erblickte und fragte. »Das wirst du dir am besten selbst beantworten, wie er hierhin kommt«, schrie der Freiherr fast freudig auf, als ob er durch diese Frage wieder einen neuen Strom Wassers auf das Mühlwerk seiner »Wut« bekommen, als ob er es nun plötzlich wieder tosend und brausend von neuem in Gang setzen könne. »Warum hast du diesen Menschen verwunden, überwältigen und gefangen hierher schleppen lassen ... Warum verfolgst du ihn und willst ihn in die Fremde, ins Elend hinausjagen? Warum belügst du mich und gibst an, du habest ihn ...« Frau Gebharde wandte sich zu ihm. Sie legte ihre Hand um seinen Unterarm, und, wie es schien, mit festem, wie eisernem Griff. »Lactantius!« sagte sie mit ihrer schneidenden Ruhe. »Was willst du mir?« entgegnete der Freiherr, indem er einen schwachen Versuch machte, sie abzuschütteln. »Lactantius, es scheint, der Augenblick, den ich lange gefürchtet habe, ist eingetroffen. Du bist wahnsinnig geworden. Ich muß dich für geisteskrank erklären lassen und für deine Unterbringung in einer Anstalt, wo man die Narren zu bändigen weiß, Sorge tragen. Du weißt, daß ich leider seit langem habe vorbereitet sein müssen auf das Eintreten eines solchen Ereignisses ...« Statt über diese Worte in neue Entrüstung zu geraten, verlor der Freiherr bei ihnen plötzlich seine hochrote Farbe; er ließ seine Arme schlaff niedersinken und sah mit Blicken, die anfingen, nur noch Schrecken und Furcht auszudrücken, seine Gattin an. »Dein Verstand hat offenbar gelitten«, fuhr diese fort. »Du begreifst die einfachsten Dinge nicht mehr. Gestehe es, in deiner Seele verwirrt sich das Klarste und Offenbarste, und du vergissest, was du noch am vorigen Tage hörtest, oder läßt es aufs abenteuerlichste mit deinen kranken Träumereien sich vermengen.« »Nein, nein!« rief Lactantius entsetzt dazwischen, »ich begreife alles ...« »Tu vergaßest, daß ich diesen Menschen dort auf meiner letzten Reise verwundet, bewußtlos, im heftigsten Fieber unter einer Hecke am Wege liegend fand und ihn mit mir nahm, aus bloßer Barmherzigkeit, um ihn zu pflegen, daß ich ihn abgesperrt halten ließ, weil seine Krankheit eine ansteckende sein konnte ...« »O nein, nein, ich weiß es, ich weiß es, Gebharde«, rief der Reichsfreiherr, sich matt auf einen Stuhl werfend und dann flehentlich seine Hände erhebend, aus. »Du vergaßest aber, daß ich deshalb verboten hatte, sich ihm zu nähern und sich um ihn zu kümmern ... er ist hier ... du mußt ihn aufgesucht haben!« »Ja, das vergaß ich allerdings, Gebharde; ich führte ihn hierher, um einen Spielpartner an ihm zu haben ...« »Ist Marie Stahl nicht bei dir? ...« »Marie Stahl ... ja, aber du willst sie von hier fortsenden ... willst sie wegschicken, damit ...« Frau Gebharde fiel ihm ins Wort. »Beginnt dein Wahnsinn wieder?« »Er sagt's«, wagte Lactantius schüchtern mit einer Kopfbewegung nach Hubert hin einzuwerfen. »Also ein Wort dieses auf der Straße aufgelesenen Menschen, der die Phantasien seiner Fieberträume hier für Wahrheit auszugeben scheint, reicht hin, dich glauben zu lassen ...« »Nichts, nichts ...«, rief der Reichsfreiherr dazwischen, »du hast recht, Gebharde, er hat phantasiert und geträumt, du hast recht. Vergib mir!« »Dir will ich vergeben,« versetzte Frau von Averdonk, »aber nicht denen, die dich in diesen Zustand versetzt haben, die dir Dinge vorschwatzten, welche bei dir zu so verhängnisvollen Anfällen führen ... Marie Stahl!« wandte sie sich an das junge Mädchen, »ich weiß nicht, welchen Anteil du daran hattest, wieviel du tatest, diese abscheuliche Szene hervorzurufen, aber damit ich sicher bin, daß so etwas nicht wiederkehret, verlässest du morgen mein Haus!« »Tante ... ich bitte Sie, Tante ...« fiel hier entsetzt der junge Mann ein, der sich während des Vorigen Marien genähert und, wie nur Hubert bemerkt, dieser rasch ein paar Worte zugeflüstert hatte. Die zürnende Frau wandte sich zu ihm; sie maß ihn von oben bis unten mit einem stolzen und kalten Blicke, der die volle Gewalt zu haben schien, jedes weitere Wort auf seiner Lippe ersterben zu machen. Dann richtete sie ihr drohendes, gebieterisches Antlitz Hubert zu. »Er«, sagte sie, »wird sich sofort dahin zurückbegeben, wohin ich Ihn habe weisen lassen. Für die Lügen, welche Er hier vorgebracht zu haben scheint, werde ich Ihn strafen zu lassen wissen ...« »Lügen ... strafen?« rief jetzt Hubert mit von Zorn flammendem Gesichte aus und trat der hochmütigen Frau kühn einen Schritt entgegen. Diese aber wandte ihm den Rücken, und mit den Worten an ihren Neffen: »Franz, rufe augenblicklich Baptist und den Jäger herbei ... augenblicklich ... du, Lactantius, folgst mir!« rauschte sie stolz und heftig zur Tür hinaus. Der junge Mann folgte ihr, um ihren Befehl zu erfüllen, der lange Freiherr aber schritt gebeugt und wie gebrochen hinter ihr drein. Nur noch Marie Stahl und Hubert standen im Zimmer. »Dem ist die Komödie, die er aufführen wollte, schlecht bekommen!« rief Hubert mit einem bittern Lächeln des Hohns und der Verachtung aus, als der Freiherr verschwand. »Adieu, Demoiselle Marie – ich hoffe, es ist dies erste nicht das letzte Mal, daß wir uns sehen – ich wäre glücklich, wenn ich denken dürfte, wir sind Freunde von nun an, nach dieser Szene, die wir zusammen erlebten! Daß meine Warnung für Sie nur zu begründet war, haben Sie jetzt gesehen. Adieu, Adieu!« »Wohin wollen Sie?« fragte zitternd vor Aufregung das junge Mädchen. »Irgendwohin, wo ich vor der Rachsucht dieses gereizten Weibes sicher bin – zu irgendeiner Tür oder einem Fenster hinaus ...« Hubert eilte bei diesen Worten zum nächsten Fenster und öffnete es hastig, um einen Blick hinauszuwerfen; Regen und Nachtwind schlugen ihm entgegen; dunkle Wolkenmassen, die über den Mond fortgepeitscht wurden, verdoppelten die Schatten der Nacht; es war weiter nichts zu erkennen, als daß unter dem Fenster sich ein Garten befinde. »Läuft nicht ein Spalier an der Wand hinauf, mir scheint es!« flüsterte er Marien zu, die hinter ihn getreten war. »Ein Spalier läuft allerdings an der Mauer entlang; aber es reicht nicht bis an diese Fenster.« Hubert antwortete nicht; er trat an den Tisch zurück und riß die lange grüne Tuchdecke, welche darauf lag, herab, während Marie rasch genug herbeisprang, um einen der beiden brennenden Leuchter zu retten, daß er nicht fortgeschleudert werde, wie die Trümmer des Kronleuchters fortgeschleudert wurden, die auf der Decke lagen. Dann eilte Hubert ans Fenster zurück, wo er in dem geschlossen gebliebenen Flügel eine Scheibe einstieß, sodaß er den Zipfel der Decke an diesen Flügel festknoten konnte. Er schwang sich ins Fenster. »Mein Gott, mein Gott, was tun Sie?« rief Marie Stahl aus. »Sie werden umkommen ... nehmen Sie sich in acht ... nehmen Sie sich Zeit... ich werde die Tür schließen«, und zugleich flog sie der Flügeltür zu, um den Nachtriegel vorzuschieben. Hubert hing bereits mit seinem ganzen Körper frei in der Luft. Er ließ sich an der Decke niedergleiten; sie war lang genug, daß er, ans Ende gekommen, immerhin sich hätte fallen lassen können, ohne sicher zu sein, den Hals zu brechen. Daß seine Füße jedoch in diesem Augenblick die Latten eines Spaliers berührten, war desto beruhigender und erfreulicher für ihn. Er konnte daran niederkletternd den Boden erreichen, ohne sich irgend verletzt zu haben. Die Folgen seiner Flucht trafen bloß einen Spalierbaum, dessen Äste er zerbrach. Als er sicher auf festem Boden stand, blickte er empor. Er sah, wie Marie die Decke wieder hereinzog, das Fenster schloß und dann die Vorhänge dicht vorzog. »Das schöne Geschöpf hat Geistesgegenwart«, sagte er sich dabei. »Sie will mir den Rücken decken; vielleicht ist sie auch so klug, die Verfolger auf eine unrichtige Fährte zu schicken. Desto besser. Aber nun – wohin?« Die Frage war allerdings nicht leicht zu beantworten, in einer Nacht, so dunkel wie diese. Hubert entfernte sich fürs erste mit langen Schritten durch den nächsten Gartenpfad, den er auffand, von dem Schlosse, das bald in breiter umfangreicher Masse hinter ihm lag. Als er ein paar hundert Schritte weit gekommen war, sah er plötzlich eine hohe Mauer vor sich. Die Mauer wollte nicht aufhören; umsonst schaute Hubert ängstlich zu den Obstbäumen auf, welche ihr zunächst standen und deren Kronen sich am Nachthimmel abzeichneten; aber es war keiner da, der einen starken Ast so über die Mauer gestreckt hätte, daß er dem Studenten eine Möglichkeit geboten, den Mauerrand zu erreichen. Und doch wurde es mit jeder Minute dringlicher, da hinüberzukommen. Sicherlich suchte man Hubert Bender jetzt noch im Gebäude selbst – es irrten Lichter hastig an den Fenstern vorüber, in dem Gebäudeflügel, an dessen Ende seine Krankenstube lag. Wenn man jedoch von dem vergeblichen Suchen, da oben abließ, wenn man anfing, die Umgebung des Schlosses zu durchsuchen und dazu die Hunde entfesselte – Hubert hörte jetzt schon vom Hofe und von den Vordergebäuden her Hunde anschlagen und es klang ihm durch Mark und Bein ... er hatte vor diesen Bestien einen ganz eigentümlichen Respekt bekommen – dann war es um seine Freiheit geschehen. Schon zum zweiten Male war er beinahe die ganze Länge der Mauer entlang gelaufen; er hatte nichts gefunden, als dicht am Schloßgebäude eine schwere Tür von Eichenbohlen, an welcher er bereits beim eisten Rundlauf an dieser verzweifelten Mauer entlang gerüttelt hatte. Sie schien den einzigen Ausgang aus dem Garten zu bilden, mit Ausnahme einer nicht weit davon entfernten; in das Gebäude selbst führenden Glastür, durch welche Hubert jedoch nicht denken konnte zu dringen. In der Nähe dieser Glastür glaubte er jetzt einen dunkeln Gegenstand wahrzunehmen, der mit einem auf der Lauer stehenden menschlichen Wesen eine höchst beunruhigende Ähnlichkeit hatte. Und in der Tat, er hatte sich nicht getäuscht ... Die Gestalt bewegte sich, sie mußte ihn ebenfalls wahrgenommen haben, denn sie kam einige Schritte näher auf ihn zu. Hubert nahm die Flucht. Er lief davon, er lief so schnell, wie seine Glieder ihn tragen wollten. Leider waren diese Glieder geschwächt von der Krankheit; leider waren sie bald ermattet, um so mehr, als für ohnehin zusammenbrechende Knie der Lauf über weiche, vom Regen durchtränkte Gartenbeete eine höchst lähmende Aufgabe ist. Er hörte mit Schrecken, wie der Verfolger ihm immer näher kam. »Um Gottes willen,« rief er halblaut hinter ihm, »stehen Sie doch! Ich will Ihnen ja helfen ... stehen Sie doch und vertrauen mir!« »Wenn das wahr ist, warum sagten Sie es nicht gleich?« versetzte Hubert, der jetzt, an der Stimme zumeist, den jungen Mann erkannte, welcher vorhin mit Frau von Averdonk zugleich in das Zimmer des Freiherrn getreten war. »Weil ich erst wissen wollte, ob es nicht einer von unsern Leuten sei, der nach Ihnen spähe. Ich habe keine Lust, mich zu verraten, daß ich mich hierhin geschlichen habe, um Ihnen mit einer Leiter über die Mauer zu helfen. »Mit einer Leiter?« »Sie steht dort hinten in der Ecke. Kommen Sie, aber machen Sie rasch, ich höre Stimmen, man kommt ...« In der Tat wurden jetzt jenseit der Mauer, in der Gegend eben jenes Tores Stimmen laut, dazu Geheul und Gekläff von Hunden, und ein Lichtschimmer fiel über die Mauer herüber. Der Fremde zog Hubert hastig nach dem nächsten Winkel der Gartenmauer fort. »Hier habe ich die Leiter aufgestellt,« sagte er, als sie dort angekommen waren. »Aber warten Sie noch, nehmen Sie dies erst.« Und mit diesen Worten warf der Fremde Hubert einen leichten Radmantel, den er trug, um die Schultern, setzte ihm seine eigene Jagdmütze auf und indem er flüsterte: »In der Tasche des Mantels ist etwas Geld ... flüchten Sie zum Vogt von Elsen, verbergen Sie sich bei dem, bis Sie weiter können, vertrauen Sie sich ihm an«, unterstützte er den Studenten, bis dieser den Mauerrand erklommen hatte; dann schob er ihm die Leiter nach, die, oben von Hubert gefaßt, rasch von ihm nach der äußern Seite hinabgelassen wurde. »Wohin, sagten Sie, soll ich gehen?« flüsterte Hubert jetzt von oben herunter. »Zum Vogt von Elsen, Mariens Vater; sagen Sie ihm, das junge Mädchen habe Sie an ihn gewiesen!« antwortete der Fremde und entfernte sich rasch. Wenn er bei seinem Rettungswerke nicht ertappt sein wollte, so war es freilich hohe Zeit, daß er sich aus dem Staube machte. Durch das Gartentor waren eben mehrere dunkle, von dem Schein einer Laterne beleuchtete Gestalten eingedrungen, und eine Anzahl wüster Rüden stürzte sich in toller Aufregung daher. Hubert dankte seinem Schöpfer, daß er geborgen sei. Er war die Leiter jenseits hinabgestiegen, er stand am Fuße der Mauer, und jetzt lag zwar eine dunkle Tiefe vor ihm, eine Art Abgrund; als er aber ohne sich lange zu besinnen, diesen Abgrund hinunterstieg, nahm er wahr, daß nichts Gefährliches und Schreckliches an demselben sei; wenn auch der Boden, aus losem Geschiebe und Steingeröll bestehend, unter seinen Füßen wegkollerte, so war doch Gestrüpp und Holzaufschlag genug da, um sich daran festhalten zu können, und so kam der flüchtige Student wohlbehalten in der Tiefe an, übersprang hier einen schmalen Bach, einen höchst bescheidenen Wasserfaden, in welchem er auf keinen Fall hätte ertrinken können, wenn er auch das Unglück gehabt hätte, mitten hineinzufallen, und klomm an der andern Seite eine von Hochwald bedeckte Hügelwand empor. Siebentes Kapitel Frau Gebharde und ihr Neffe Der Retter Huberts trat nach einer Weile, wie von einer ganz andern Seite des Gartens herkommend, den heraneilenden Leuten mit den Hunden und der Laterne entgegen. »Ihr werdet nichts von ihm entdecken,« sagte er zu den Leuten, »im Garten ist er nicht, ich habe überall gesucht – ist das Baptist, der da die Laterne trägt? Leuchte Er mir, Baptist, ich will ins Haus zurück.« Er stieg die Treppe hinauf und ging oben über einen Korridor; dann öffnete er eine Flügeltür und trat in ein ovalrundes großes Zimmer, das mit einem hohen Schirm an der Tür vor dem Luftzug geschützt war. Als der junge Mann um den Schirm herum trat, sah er die Freifrau Gebharde vor sich, die in einem bequemen Lehnsessel ruhte, zwischen dem Ofen und einem großen Tische, der mit Büchern, Papieren, Aktenheften und allerlei andern auf eine männliche Beschäftigung deutenden Gegenständen bedeckt war. Im Hintergrunde des Zimmers schritt der lange Freiherr auf und ab, bewehrt mit einer frischen, steilrecht in die Luft ragenden Zipfelmütze, welche, da der große Raum von einer Schirmlampe nur sehr unvollständig beleuchtet war, bald in den dunkeln Hintergründen des Gemachs wie ein untergehender Mond erblich, bald, wenn die lange Figur sich dem Lichtkreise der Lampe wieder nahte, aufs neue blendend auftauchte. Dame Gebharde fixierte den Eintretenden eine Weile; sie sah ihm scharf und mißtrauisch forschend ins Gesicht. Der junge Mann zeigte alle Spuren, daß dieser Blick ihm drückend und unangenehm sei; er wechselte unter demselben die Farbe und warf seine Augen im Zimmer umher, als ob er irgendeinen Gegenstand suche, auf dem er sie mit einem wenn auch nur schwachen Anschein von Interesse haften lassen könne. »Franz!« sagte die gestrenge Freifrau endlich. »Meine Tante?« »Solltest du denn nicht recht gut wissen, wer eigentlich Marie Stahl von hinnen sendet? Solltest du in der Tat verblendet genug sein, mir Vorwürfe darüber zu machen, daß ich etwas tue, was ich keinen Tag länger aufschieben darf? Soll ich Marie Stahl etwa hier lassen und still zusehen, wie sie meinem Neffen den Kopf verdreht, wie die stille Unschuld ihn mit kleinen koketten Manövern in ihr Netz einfängt, bis er umstrickt ist und ...« »Meine Tante, was sagen Sie da ... welche Behauptung, welcher Vorwurf ...« Der lange Freiherr Lactantius hatte seinen maschinenhaften Wandelgang im Gemache auf und ab unterbrochen; er stand hinter dem Rücken des Neffen still, schaute ihm mit seinem langen blassen Gesicht, seinen runden Augen, seiner hohen Zipfelmütze wie ein Gespenst über die Schulter, und warf einen Blick auf seine Gattin, in welchem diese etwas von schadenfroher Schlauheit hätte aufblitzen sehen können, wenn sie überhaupt es der Mühe wert gefunden, nach ihm zu sehen. So aber würdigte sie keinen der beiden einer weitern Beachtung, weder den bleichen Gatten noch den hochroten Neffen, und fuhr mit derselben eisigen Kälte fort: »Sie soll mir nicht die Pläne zunichte machen, welche ich für deine Zukunft habe und in kurzer Zeit ausgeführt sehen will!« Der Neffe wandte sich mit einem Achselzucken des Unwillens ab und warf sich wieder in seinen Sessel, ohne ein Wort zu entgegnen. »Darf ich fragen, welches die Entschlüsse sind, welche meine gnädige Tante, wie Sie eben andeuteten, für meine Zukunft gefaßt hat?« bemerkte er dann mit großer Bitterkeit. »Es ist kein Grund da, sie dir vorzuenthalten«, versetzte die Dame. »Lactantius,« wandte sie sich an diesen, »es wird gut sein, wenn du dich in dein Schlafzimmer begibst. Nach deinem Anfall von vorhin haben deine aufgeregten Nerven der Ruhe nötig. Begib dich zu Bett.« Lactantius von Averdonk nahm schweigend wie ein wohlerzogener Knabe, den man zum Zimmer hinausschickt, einen Leuchter von einem Spiegeltisch und zündete ihn an der Schirmlampe seiner gestrengen Gebieterin an. Dann murmelte er ein demütiges »Gute Nacht« zwischen den Zähnen und verschwand durch eine Nebentür. »Ich meine,« hub, nachdem sich die Tür hinter dem abziehenden Gatten geschlossen hatte, die gestrenge Dame wieder an, »deine Erziehung könnten wir, nachdem du dich mehrere Jahre auf den Universitäten und nun noch zwei auf Reisen umhergetrieben hast, so ziemlich als vollendet betrachten. Über die Früchte dieser Erziehung will ich nicht reden, obwohl sich manches darüber sagen ließe; deine lange Abwesenheit von hier, wo noch die gute alte Zucht und Sitte herrscht, hat wenigstens nicht dazu beigetragen, dich vernünftiger und einsichtiger zu machen. Aber das gehört nicht gerade jetzt zur Sache. Zur Sache gehört, daß es jetzt Zeit ist, dich zu vermählen, Zeit, daß du dir eine Häuslichkeit schaffst, und daß du dich in den Stand setzest, an der Verwaltung unserer Güter teilzunehmen, die dir nach meinem Tode, wenn du dir meine Zufriedenheit erhältst, zufallen sollen.« »Das heißt, ich soll Hedwig von Wrechten heiraten und mit ihr Amelsborn beziehen, um es zu verwalten.« »Das heißt es!« »Meine teuerste gnädige Tante!« sagte Franz von Ardey ruhig, »ich bin von Herzen gern bereit, in dem tristen alten Kastell zu Amelsborn zu wohnen und es Ihnen auf Probe zu verwalten; ich würde es tun, wie nur der gewissenhafteste Rentmeister es kann... es wäre mir jedoch lieber, unendlich lieber, wenn ich es allein beziehen könnte, ohne Hedwig Wrechten mitnehmen zu müssen!« Dabei stieß der junge Mann einen tiefen Seufzer aus und blickte, die Arme verschränkend, äußerst melancholisch zu Boden. »Daraus wird nichts,« sagte die Tante sehr bestimmt, »der Aufenthalt –« Sie unterbrach sich, denn draußen auf dem Korridor wurden Schritte laut, und nachdem die Tür sich geöffnet, trat Baptist hinter dem verdeckenden Schirm hervor. »Habt ihr ihn gefunden? Habt ihr seine Spuren?« rief ihm Gebharde von Averdonk mit leidenschaftlichem Eifer zu, indem sie aufsprang und ihrem Diener zwei Schritte entgegenging. Baptist zuckte die Achseln: »Ihn nicht – Spuren wohl, gnädige Frau! Er ist über die Gartenmauer entkommen.« »Die Pest über ihn!« sagte die Dame, indem ein Blick wilden Zornes aus ihren Augen flammte. »Hat der Bursche denn Flügel?!« »Die hat er nicht gebraucht, er hat eine Leiter im Garten gefunden und ist damit an einer Seite hinauf-, an der andern bequem wieder hinuntergestiegen.« »Eine Leiter? So wird der Andres, der nachlässige Schlingel, sie draußen haben stehen lassen. Er läßt immer die Gartengerätschaften und was er am Tage braucht, über Nacht im Garten umherliegen; kommt es noch einmal vor, so soll er weggejagt werden. Hat man den Menschen verfolgt?« »Der Jäger und der Andres sind ihm mit den Hunden in den Wald nach. Aber sie werden ihn schwerlich drin finden. Es ist eine Nacht, so dunkel ...« »Nun ja, ihr wißt euere Dummheit und Faulheit immer zu entschuldigen. Geh!« Baptist wandte sich, und während er abging, sagte er in mürrischem Tone: »Wir haben getan, was wir gekonnt haben!« und dabei schnitt sein häßliches Gesicht mit den hängenden Mundwinkeln eine höchst respektwidrige höhnische Fratze. Franz vernahm seine Erwiderung sehr wohl, Tante Gebharde schien sie völlig zu überhören; sie stützte den Kopf auf die Hand und schien ganz mit der Nachricht beschäftigt, welche Baptist ihr eben gebracht hatte. »Sie wollten mir sagen, weshalb ich nicht allein auf Amelsborn wohnen darf,« nahm der junge Mann nach einer Weile das abgebrochene Gespräch wieder auf – »während ich doch unendlich lieber allein dort wäre als mit all den Ballkleidern, den Kapricen und den Hofdamenerfahrungen Hedwig Wrechtens. In der Tat, meine gnädigste Tante, Hedwig hat mir viel zu lange Zeit am Hofe des tollen Philipp gelebt, als daß ich je eine wünschenswerte Gattin darin sehen könnte, wenn ich überhaupt daran dächte, zu heiraten.« »Das sind deine Vorurteile, an die ich mich nicht kehren kann. Du weißt auch lange genug recht wohl, daß du Hedwig heiraten wirst, um dich mit dem Gedanken daran vertraut gemacht zu haben. Es ist unnütz, weiter davon zu reden. Und weshalb du nicht allein in Amelsborn wohnen sollst? Weil es nicht gut ist für dich!« Der junge Mann schwieg, in seinen Zügen den unverkennbaren Ausdruck eines tiefen zornigen Verdrusses. »Weshalb«, begann er nach einer Pause wieder, »haben die Tugenden Hedwigs nicht während meiner langen Abwesenheit größere Anerkennung gefunden und ihr einen andern Mann verschafft? Ich habe ihr lange genug Zeit gegeben, sich einen zu erobern!« »Da es bekannt ist, daß sie für dich bestimmt, wäre es seltsam gewesen, wenn ein anderer Mann sich ihr genähert haben sollte!« Franz schwieg wieder eine Weile. »Meine Tante,« sagte er dann, »ich bin bereit, in allem Ihren Willen zu erfüllen und auch die Partie mit Hedwig Wrechten in Überlegung zu ziehen; ich will gleich morgen nach Amelsborn übersiedeln – aber dann lassen Sie Marie Stahl hier! Wenn ich fort bin, liegt ja für Sie kein Grund mehr vor, das arme Geschöpf zu verstoßen. Der junge Mann brachte diese Worte mit dem Tone der äußersten Bitterkeit vor. »Ihr werdet nach Amelsborn ziehen, wenn ihr vermählt seid«, versetzte Gebharde streng und bestimmt. »Und das wird geschehen, sobald die nötigsten Einrichtungen dort getroffen sind. Ich werde sie beschleunigen lassen, damit alles in Ordnung ist, bevor vielleicht die Kriegsstürme über uns hereinbrechen, die schwarz und dunkel genug über uns hangen. Die Franzosen drängen, wie nur heute geschrieben wird, dem linken Rheinufer zu, und wenn sie erst so weit sind, werden wir sie leider bald genug auch hier haben.« »Sie wissen ja,« bemerkte Franz ironisch, »der tolle Philipp rüstet!« Frau Gebharde antwortete nicht darauf. Sie begnügte sich, ihrem Neffen anzudeuten, daß sie mit ihm an einem der nächsten Tage nach Ruppenstein fahren werde, um dort am Hofe mit ihm einen Besuch zu machen. Da Franz hierauf schwieg, erstarb das Gespräch. Die Gebieterin von Dudenrode versank eine Weile in tiefe Gedanken; dann erhob sie sich, um sich in ihre Gemächer zurückzuziehen. Sie befahl Franz, ihrer Jungfer zu klingeln, und verabschiedete ihn dann, indem sie ihm die Hand zum Kusse reichte. Franz entfernte sich. Es mochte etwa zehn Uhr sein, als er die Zimmer betrat, welche ihm in dem alten Gebäude zu seiner Wohnung angewiesen waren. Er stellte das Licht auf den Tisch im ersten Zimmer, dann verließ er es wieder, horchte lange auf den düstern und stillen Gang hinaus, der sich bis an das Ende des ganzen Flügels hinabzog, und schritt endlich so geräuschlos, wie es ihm möglich war, diesen Gang hinunter. Es war allerdings viel zu dunkel ringsumher, als daß ein Fremder hier noch irgend etwas hätte wahrnehmen können; aber Franz von Ardey schien hier eben kein Fremder zu sein, sondern selbst bei äußerster Dunkelheit ganz bewunderungswürdig genau Bescheid zu wissen; und so sah er denn auch zu seiner Linken eine Tür, wo ein anderer jetzt gewiß nichts von einer Tür bemerkt haben würde. Sie war aber doch da, so gewiß und richtig, daß, als Franz daran klopfte, ein »Herein« hinter derselben erscholl, und daß der junge Mann durch sie in ein wohnliches, guterleuchtetes, guterwärmtes und mit außerordentlich vielen Gegenständen erfülltes Zimmer treten konnte, welch letztere darauf deuteten, daß hier so etwas wie die oberste Zentralstelle und das Generaldirektorium eines ausgedehnten Haushalts sich befinde. Namentlich zeigten sich an den Wänden außerordentlich viel Schlüssel, die, mit Etiketten versehen, in drei langen Reihen auf einem großen schwarzen Brett hingen; außerordentlich viel ineinander geschachtelter Waschkörbe, aus deren oberstem ein Haufe blendend weißer Wäsche hervorschimmerte; außerordentlich viel schwerer, schwarzer Plätteisen, welche in einer Reihe auf einer Fensterbank standen und aussahen wie kleine dunkle Kriegsschiffe mit kriegerisch drohendem Schnabel, die, nachdem sie den Tag über in einer heißen Aktion gewesen, hier in Schlachtlinie vor Anker gegangen. Den Mittelpunkt dieses ganzen häuslichen Verwaltungsapparats bildete jedoch eine große Kaffeekanne von blaugeädertem Porzellan, die auf einem runden Tische in der Mitte der Stube stand und vor allen andern Kaffeekannen in der Welt die besondere Eigenschaft voraushaben mußte, daß sie sich durchaus nicht von ihrem Ehrenplatze auf dem Tische in der Mitte des Gemaches verdrängen und in irgendeinen Schrein einschließen ließ; wenigstens war es allen Bewohnern von Haus Dudenrode bekannt, daß sie den lieben langen Tag von morgens früh bis abends spät just hier und nirgendwo anders stand. An dem Tische mit dem hartnäckigen Kaffeegeschirr saßen zwei Frauen; die eine ist unsern Lesern bekannt; denn wenn auch ihre Züge einen andern Ausdruck tragen als in dem Augenblicke, wo wir sie zum ersten Male erblickten, wenn auch ihr Antlitz von einer tiefen Trauer überschattet ist und die Linien um ihren Mund und ihre schöne Stirn das Gepräge eines nagenden Kummers tragen, so ist das Antlitz Marie Stahls doch eins von denen, die, wenn man sie einmal im Leben erblickt hat, sich unauslöschlich dem Gedächtnis einprägen. Als Franz von Ardey eintrat, erhob sie das Haupt, welches sie auf ihren Arm gestützt gehalten; ein Blick voll tiefer Trauer und Wehmut flog ihm entgegen und senkte sich dann wieder; der junge Mann trat an sie heran, reichte ihr die Hand und sagte: »Gottlob! daß ich Sie allein finde, Marie!« Allein war sie nun freilich nicht; es war noch ein ganz stattliches, in seinen äußern Umrissen keineswegs derart und also, daß man es hätte allenfalls übersehen können, angelegtes weibliches Wesen da; und dieses Wesen zögerte auch keinen Augenblick, seine Gegenwart geltend zu machen. »Baron Franz,« sagte es, »Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie voraussetzten, wir wären vielleicht nicht allein? Gott soll mir beistehen, Baron Franz, wenn ich ihn jemals abends spät noch hier in meine Stube kommen lasse, den gottlosen Menschen, den Baptist; bei Tage, wenn er einen Auftrag von der gnädigen Frau hat, kann ich ihm meine Schwelle nicht verbieten, dann kommt er freilich ab und zu ...« »Und macht Ihnen den Hof, Frau Eckenscheid ... räumen Sie's nur ein ...« »I du liebe Zeit,« versetzte die korpulente Dame, »darauf bin ich nicht stolz – na, genieren Sie sich nicht und reden Sie nur mit der Marie, was Sie ihr noch zu sagen haben, vielleicht ist sie aufrichtiger gegen Sie, wie sie es gegen mir war, denn gegen mir war sie es nicht, und wenn ich eine Silbe davon verstehen tue, was das eigentlich für Geschichten sind, die da oben beim Baron Lactantius vorgefallen und wo die Marie doch dabei war, als es ausgebrochen ist, und wo der kranke Student, wie Baptist sagte, die gnädige Frau mit einem Holzscheid hat schlagen wollen, und wo der verwegene Mensch geblieben sein kann, wenn er nicht wie 'n Rauch zum Schornstein hinausgeflogen ist, so will ich nie nicht selig werden; aber ich bin eine alte Frau, Baron Franz, und Eckenscheid seliger sagte immer: »Deine Eltern haben dir einfach erzogen, Margareth, schlicht und recht, und viel gelernt, außer was das Hauswesen und die Kindererziehung und was die Leinewand angeht, hast du nicht, aber dir bescheiden stille halten, Margareth, das kannst du«, und was das anbetrifft, so hatt' er wohl recht, und wenn Sie jetzt der Marie noch etwas anzubefehlen haben, da sie ja morgen am Tage nach Hause reisen soll, weil ihr Vater, der arme Mensch, krank geworden ist, was immer eine Schickung des Himmels ist, besonders wenn einer mit die Getränke und die Herzstärkungen einen unvorsichtigen Lebenswandel führt, so will ich mir in meinen Eckstuhl setzen, und dann sind Sie ungeniert, Baron Franz.« »Tun Sie das, gute Eckenscheid«, sagte der Baron Franz, und ließ sie unbehindert ihren Vorsatz ausführen, sich mit einem wollenen Wamsungeheuer, an dem sie strickte, in eine Ecke zurückzuziehen, er hatte unterdes Mariens Hand in die seine gefaßt und seine Blicke tief in die ihren gesenkt. »Was tun wir, Marie?« sagte er jetzt mit einem tiefen Seufzer. »Was tun!« versetzte sie mit zitternder Lippe. »Was tun ... wie können Sie noch so fragen, Franz ... Wir müssen scheiden und uns vergessen!« Dabei barg das junge Mädchen ihr schönes Antlitz in ihren Händen und helle Zähren perlten durch ihre schmalen weißen Finger hindurch. »Marie,« sagte Franz, indem er eine ihrer Hände von ihrem Antlitz zog und einen leisen Kuß auf die rosigen Fingerspitzen drückte, »Marie, ich bitte Sie, sprechen Sie nicht so ... Vergessen – das ist ein frevelhaftes, sündliches Wort, das gegen Ihre Pflicht ist, denn Sie haben Pflichten gegen mich, Marie, Sie sind meine Braut, und Ihre heiligste Pflicht ist, niemals von mir zu lassen!« Marie schüttelte den Kopf. »Es war ein kindischer Traum, dem wir uns hingaben, welche Kraft haben Sie, Franz, die Welt anders zu machen wie sie ist? Der Graf ist unser Herr, und mein Vater ist sein Beamter, der ihm gehorchen muß, will er nicht den Hungertod sterben. Wenn ich heimkehre, wird er mich an seinen Hof bringen müssen, weil der Graf es befohlen hat, daß ich eine Dienststelle dort einnehme; und wenn mein Vater nicht gehorcht, so wird er seinen Willen mit Gewalt durchsetzen. Und bin ich dort gewesen, dann ist mein guter Ruf dahin! Ein Asyl habe ich nicht, keins, keins in der Welt! So bleibt mir nichts übrig, als ohne Ziel und Hoffnung die Flucht zu ergreifen. Und Sie, Franz, was können Sie wider den Willen Ihrer Tante? Sie sind so arm wie ich, so verlassen wie ich, wenn die harte, herrschsüchtige Frau ihre Hand von Ihnen abzieht. Sie sind ihr Geschöpf; sie hat Sie erziehen, studieren, reisen lassen. Sie haben kein Recht auf ihr reiches Erbe; Ihrer Tante freier Entschluß wird es Ihnen, dem Sohne einer Halbschwester, die keine Ansprüche hatte, nur übertragen, wenn Sie ihren Willen tun. Wollen Sie sich in traurige, unermeßliche Kämpfe, in Not und Elend stürzen meinethalb?« »Ja, Marie,« rief Franz, die Hände ballend und aufspringend, leidenschaftlich aus, »ja, das will ich; mit allen diesen bösen Mächten, mit diesen verhärteten Herzen, diesen Seelen, die der Dämon der ruchlosesten Selbstsucht treibt, will ich kämpfen. Trotz wider Trotz und Härte wider Härte. Bleiben uns nicht Wege zur Rettung? Ich will dich zu deinem Vater begleiten. Wir werden ein Mittel ausfindig machen, dich zu verbergen. Wir werden diesen Studenten dort finden, dem ich auf deine Bitte den Weg zur Flucht wies. Es waltet ein Geheimnis über den Beziehungen meiner Tante zu ihm; weißt du, welche Macht es uns verleihen wird, wenn wir uns dieses Geheimnisses bemächtigen? Es liegt ein Dunkel über der Vergangenheit meiner Tante, das ich nie habe ergründen können; es muß eine Geschichte voll Leidenschaft und vielleicht auch Schuld und strafbarer Verirrung sein. Wer weiß es, ob nicht dieser fremde Mensch, den ich zu deinem Vater gewiesen habe, den Faden dazu in der Hand hält? Es ist zwar nichts, was mich berechtigt, es zu glauben; und doch ist es möglich.« Aber auf das junge Mädchen schienen seine Worte keinen ihre Trauer lindernden Eindruck zu machen. Laß mich büßen,« sagte Marie nach einer Pause, »büßen, daß ich töricht war. Daß ich meine Augen verschloß wider das, was sie sehen mußten und nicht sehen wollten. Daß ich hörte, was du mir sagtest, und meinem Herzen nicht gebot, als es begann, in einer wahnsinnigen unglücklichen Leidenschaft zu schlagen. Es ist zu spät; ich kann es mir nicht aus dem Busen reißen; aber vielleicht kann ich es ersticken nach und nach; vielleicht besiegen es meine Vorsätze; vielleicht auch bricht mein Herz darüber, und darum will ich zu Gott bitten!« »Marie,« fuhr hier Franz von Ardey fast zornig auf, »du brichst mir das Herz durch deine Reden; du bist feig, Marie; du bist kleinmütig; du betrachtest mich wie einen schmachvollen Menschen, der seine Schwüre vergessen und treulos fortwerfen kann, was einst sein Höchstes und Heiligstes war. Du hängst selbstsüchtig deinem Kummer nach, und an meinen denkst du nicht ...« In diesem Augenblick wurde das Zwiegespräch der beiden Liebenden durch einen Ausruf der Frau Eckenscheid unterbrochen. Die würdige alte Dame hatte ihre Behauptung, daß sie es verstehe, bescheiden still zu sitzen, aufs glänzendste gerechtfertigt. Sie war nämlich, wenn es anders nicht die barste Verstellung und Heimtücke war, was jedoch bei einer so harmlosen Seele nicht im entferntesten wahrscheinlich, über ihrem großen wollenen Wams eingenickt, und in ihrem Schlummer hatte sie allerhand Töne gemurmelt und gegurgelt, die man mit dem nächtlichen Raunen und Gackern bekannter Wasservögel, wenn sie schlummern, hätte vergleichen können. In diesem Augenblicke aber wachte sie auf und rieb sich die Augen, und dann rief sie verwundert aus: »Aber, Baron Franz, Sie bringen ja das arme Kind, die Marie, zum Weinen! Sie machen ihr das Herz schwer, Baron Franz, und das sollen Sie nicht, denn das leide ich nicht, und jetzt weise ich Ihnen, mit allem Respekt zu sagen, die Tür, daß Sie sich schlafen legen, und die Marie auch, die es nötig hat, von wegen der Reise morgen, wo noch so viel zu tun ist, und die Kragen und Röcke noch nicht einmal gebügelt sind, und es alleweile elf Uhr ist ...« »Ich gehe schon, ich gehe schon, Frau Eckenscheid«, unterbrach Franz von Ardey die Springflut von Worten, welche ihn bedrohte; und nachdem er Marien die Hand gedrückt und nachdem Marie zu ihm aufgeblickt mit einem Blick voll unbeschreiblicher Innigkeit und Trauer, verließ er rasch das Zimmer. Achtes Kapitel Der Vogt zu Elsen und seine Häuslichkeit Hubert Bender, der entflohene Student, war unterdes, so rasch ihm seine Kräfte es erlaubten, in den Bergwald hinaufgestiegen. Die Finsternis war so vollständig, daß sie die unbescheidensten Anforderungen, welche ein romantisches Gemüt an eine poetische Waldesnacht machen kann, zu befriedigen imstande war. Man sah auf vier Schritt Entfernung die Stämme der Tannen und Buchen nicht mehr. Man sah überhaupt nichts, gar nichts, mit Ausnahme der Umrisse der Wipfel, die, wenn Hubert in die Höhe blickte, sich allerdings am Nachthimmel abzeichneten, und mit Ausnahme fürchterlich schwarzer, gigantenhaft über denselben Nachthimmel daherziehender Wolken, die mit einer entsetzlichen Eile einander jagten. Lebende Geschöpfe schien der Wald nicht zu beherbergen. Es waren weder Wölfe, noch Räuber, noch Bären darin – diese Beruhigung konnte unser Flüchtling sich geben. Nur ein paarmal schien etwas wie ein Wild vor ihm aus dem Gestrüpp aufzubrechen und sich angstvoll zu flüchten ... das arme Tier lief offenbar ebenso erschrocken vor dem Studenten davon, wie dieser vor Frau Gebharde von Averdonk davonlief. Und dann war eine Eule da, die ganz entsetzlich hohle, dumpfe und unangenehme Interpellationen an den einsamen Wanderer richtete und immerzu von Wipfel zu Wipfel vor ihm herflog; Hubert glaubte darin seine alte Freundin zu entdecken, die ihn vor dem Fenster seiner Krankenstube so angenehm unterhalten hatte – es mußte dieselbe sein, denn unmöglich konnte es noch ein zweites Wesen in der Welt geben, das imstande, so fürchterliche Töne auszustoßen. Es war, als sei sie die Hüterin des Waldes und wolle den Studenten durchaus nicht weiter hineinlassen, sondern lieber alle Toten aus ihren Gräbern aufschreien, als zugeben, daß solch ein Menschenkind in ihren stillen Forst dringe. Der Weg durch den Wald – wenn von Weg die Rede sein konnte, wo Hubert nur immer aufs Geratewohl vorwärts eilte, bald durch Hochwald, bald durch Unterholz, doch zumeist unter hohen Stämmen her – der Weg also führte anfangs eine gute Strecke aufwärts; dann in ebener Richtung fort; dann bergab. Hubert überfiel, als er so weit gekommen war, das Gefühl einer fürchterlichen Ermüdung. Es ging nämlich bergab über steile Hänge, über Geröll und Geschiebe, das unter seinen Füßen wegkollerte – mehr als einmal fiel er rückwärts nieder und rutschte eine Strecke hinab; mehr als einmal geriet er in eine unentwirrbare Wildnis von Geisblatt- und Brombeerranken und anderm Gestrüpp; und dann waren da scharf zutage tretende Felskanten; feuchte moosige Stellen, wo der Fuß wie in einen Morast einsank. Mit einem Wort, es war eigentlich eine völlige Unmöglichkeit, den Berg hinunterzukommen. Niemand wäre auch hinuntergekommen, der nicht so gewichtige Gründe, vorwärts zu eilen, gehabt hätte wie unser armer flüchtiger Student. Zum Glücke waren an dieser Seite des Berges die Bäume viel dünner und sparsamer gestellt als vorher jenseits; sie wechselten ab mit niederm Holzaufschlag, und deshalb war die Dunkelheit nicht von so ganz verzweifelter, den Aberglauben eines Türken beschämender Schwärze; Hubert sah jetzt wenigstens so weit, wie sein Arm reichte, ja wohl einige Schuh darüber hinaus; und so erblickte er endlich einen breiten hohen Gegenstand, der für einen Baum zu breit, für ein Haus zu schmal und für einen Haufen aufgeklaftertes Holz zu hoch war. Indem er ihm so nahe trat, um tastend die Hand danach ausstrecken zu können, überzeugte er sich, daß er ein kleines Mauerwerk vor sich habe, welches hier einsam auf dem Bergabhange stand, Hubert nahm an, daß es etwas wie ein Heiligenhaus, ein Kapellchen sei, und als er um die Ecke bog, sah er wirklich eine runde Bogenöffnung vor sich: er trat darunter und befand sich in einem geschützten, gedeckten Raume; mit dem Fuße stieß er an eine Kniebank, todmüde setzte er sich darauf, wickelte sich in den ihm geschenkten Mantel und lehnte sich mit dem Rücken an die nächste Wand. Es war in der Tat eine kleine Kapelle, hier in der verlassenen Waldeinsamkeit vielleicht zum Andenken an irgendein Jagdunglück, einen beim Baumfällen erschlagenen Bauer, einen Raubmord, oder doch sonst als Denkmal eines Unglücklichen errichtet ... aber Hubert kümmerte sich wenig um die Toten, die ihn hier etwa stören konnten, vorausgesetzt, daß ihn der Wind, der Regen und die Lebendigen in Ruhe ließen. Er suchte zu schlafen, und seine Ermüdung kam ihm dabei so zu Hilfe, daß sich bald der Schlummer seiner Glieder bemächtigte. Er hörte den Wind um die Mauerkanten und das Dach der Kapelle noch eine Zeitlang fortheulen und so melancholisch pfeifen, als ob er ihm eine alte, ganz entsetzlich klägliche Geschichte von dieser Kapelle erzählen wollte; er hörte noch, weit aus der Ferne jetzt, die große Eule wehklagen, als ob sie zum Abschiede ihm ein ganz erschrecklich jammervolles Schicksal in dieser trübseligen Zeit prophezeien wolle; und dann hörte er das alles nur noch ganz gedämpft, wie aus immer größerer Ferne, und endlich hörte er nichts mehr. Die Sonne stand am Himmel, als er erwachte. Er fühlte sich durch und durch fröstelnd und sprang auf, sobald der Anblick seiner Umgebung ihn zum vollen Bewußtsein zurückgerufen hatte. Die Kapelle, in welcher er sich geborgen, lag, wie er jetzt wahrnahm, nicht über hundert Fuß hoch über einem schmalen Tale, in welchem ein ziemlich wasserreicher Bach dahinschoß und ein betretener Fußweg, den Bach entlang, sich abwärts wand. Hubert stieg zu ihm hinab und folgte dem Wege nach links hin; denn hier wurde, weitab in der Ferne, eine breite Tallandschaft sichtbar, zwischen der Wand des Berges, an welchem er in der Nacht heruntergeklettert war, und der nächsten, ihr jenseit der Schlucht gegenüber aufsteigenden. Nach einer Viertelstunde Gehens lag diese Ebene, von Bergzügen nach allen Seiten umgeben, offen vor ihm. Der Weg führte jetzt beständig abwärts. In der Ebene wurden einige Dörfer sichtbar; auch ein paar schloß- oder kastellartige Gebäude auf den Vorsprüngen der jenseitigen Bergzüge. Aber vergebens blickte Hubert aus nach irgendeinem Menschen, bei dem er sich durch Fragen Rats erholen konnte, wo in der Welt eigentlich er sich befinde. Zu seiner Freude hörte er endlich zu seiner Rechten auf einer waldbedeckten Halde die regelmäßigen Schläge einer arbeitenden Axt. Es war eine unangenehme Aufgabe für einen Menschen, der sich so ermüdet und noch mehr innerlich matt als ermüdet fühlte wie Hubert, aufs neue einen Hang hinanklettern zu sollen – aber er hatte keine Wahl und arbeitete sich langsam empor, bis er der Stelle, woher die Axtschläge schallten, nahe war. Niederes Unterholz verdeckte ihm den Stand des Holzfällers. Er brach sich einen Weg hindurch und sah nun auf einer Lichtung einen Mann im grauen Zwillichkittel, die Axt hoch über seinem Haupt erhoben, um einen mächtigen Schlag zu führen – aber in demselben Moment auch ließ der Mann die Axt zu Boden fallen und griff nach einem neben ihm im dürren Laub liegenden Etwas, das er mit Blitzesschnelle in eine höchst beunruhigende Lage an seiner rechten Schulter brachte; Hubert sah die Mündung eines Flintenlaufs auf sich gerichtet. Der Student machte unwillkürlich eine Bewegung zur Seite. Dann winkte er mit beiden Händen, um seine friedliche Absicht an den Tag zu legen, und sah zu seiner großen Genugtuung, daß der Holzfäller seine Flinte sinken ließ. Hubert schritt ihm näher. »Weshalb wollt Ihr mich denn totschießen?« sagte er, »ich will weiter nichts, als Euch nach dem Wege fragen.« »So ... nach dem Wege fragen?« versetzte der andere aufatmend, »ich glaubte, es sei der Averdonksche Jäger, und war teufelsmäßig erschrocken. Wohin wollt Ihr? Woher kommt Ihr so früh?« »Ihr stehlt wohl Holz?« fragte Hubert, statt zu antworten, den Mann, einen Burschen von etwa fünfundzwanzig Jahren, mit einem schmalen intelligenten Gesicht und kleinen, pfiffig blinzelnden schwarzen Augen darin. »Wenn man's nicht hat, muß man's eben nehmen, wo man's findet!« antwortete er, sich auf den Lauf seiner Flinte stützend. Aber wohin will der Herr eigentlich?« »Nach Elsen.« »Elsen ... ja, das liegt da unten – eine Stunde Wegs, nach Ruppenstein zu.« »Gottlob!« sagte Hubert, »ich bin also in der Richtung geblieben.« Der Bursche schritt vor ihm her über die Lichtung und durch das Gebüsch, um einen Punkt zu erreichen, wo man den Weg und das Tal überblicken konnte. »Da unten liegt Elsen!« bemerkte er nach einer Weile, auf einen Ort nach der Mitte des Tales deutend. »Ich danke Euch«, versetzte Hubert; dann reichte er dem Burschen von dem sehr bescheidenen Sümmchen, das er in seiner Manteltasche gefunden, eine kleine Münze als Trinkgeld und begann den Hang vor ihm hinabzuschreiten. Er war bald unten, wieder auf demselben Fußwege, den er gekommen und der in ziemlich gerader Richtung durch Ackerfluren auf den Ort zuführte. Elsen lag hoch, auf einer Hügelwellung, und überragte so einen Teil der Talsohle. Es war allerdings nicht viel weiter als eine Stunde; aber der Student brauchte fast zwei, bis er das Dorf erreicht hatte. Es hatte ein verwahrlostes, schmutziges und verarmtes Aussehen. Was er von Einwohnern bemerkte, sah zerlumpt und bettelhaft aus. Ein Junge mit bloßen Füßen wies ihm den Weg zum Hause des Vogtes. Erst ging es eine verwitterte Treppe hinan; dann durch einen Torbogen in einer zerfallenden Mauer, die einen hochliegenden, von alten Linden beschatteten Kirchhof umschloß; dann vorüber an einer anscheinend uralten Kirche mit grauen Bruchsteinmauern und einem dicken stumpfen Turme, der es vorzuziehen schien, sein altersgraues Haupt in die Lindenwipfel zu bergen, statt darüber hinaus auf die elenderfüllten Hütten seiner Gemeinde rings um seinen Fuß zu blicken. Hinter dem alten Gotteshause lag ein großes Gebäude, das mit dem Chore der Kirche zusammenstieß; es sah herrschaftlich aus, große Wappen prangten über dem Portal, aber es zeigte Vernachlässigung und Verfall wie alles ringsumher. »Da wohnt der Vogt«, sagte der Junge und lief dann spornstreichs davon, als ob der Vogt hinter einem der Leichensteine auf dem Kirchhofe lauere und nun hervorspringen und ihn grimmig strafen werde, daß er seine Wohnung einem Fremden verraten. Hubert schritt eine Treppe hinan; die Tür war halb geöffnet und ließ unsern Wanderer in einen breiten Flur treten, auf den rechts und links Türen gingen, während im Hintergrunde eine breite hölzerne Stiege nach oben führte. An der ersten Tür links trug eine Karte die groß geschriebenen Worte: Vogtei Elsen. Die Tür ihr gegenüber zur Rechten war bezeichnet: Parteienstube. Hubert zog vor, an beiden vorüberzuschreiten; hinten, unterhalb der Stiege öffnete sich eben eine dritte Tür, aus der eine große blasse Frau in ziemlich anständigem, reinlichem Morgenkostüm trat; sie trug eine Platte mit Kaffeegeschirr und schritt quer über den Flur, offenbar in der Absicht, die »Vogtei Elsen« in ihrer obrigkeitlichen Tätigkeit durch ein kleines Frühstück zu unterstützen. »Wir geben nicht an der Tür; geht mit Gott!« sagte die Frau, als sie den Studenten erblickte; sie sprach auffallend leise und hielt ihre Augen auf die Platte in ihren Händen gerichtet. »Ich möchte den Vogt sprechen«, versetzte Hubert, »oder seine Frau ... ich komme nicht zu ›fechten‹, wie Sie vorauszusetzen scheinen!« »So kommen Sie herein«, antwortete die Frau, ohne aufzublicken, mit derselben leisen Stimme. Sie öffnete die Tür, hinter welcher sich die Vogtei Elsen befinden sollte, und Hubert folgte ihr hinein. Es war ein großes, von der Hand des Tünchers geweißtes und von der Hand der großen Farbenkünstlerin Zeit braungrau überzogenes Zimmer; Aktengestelle erhoben sich an den Wänden, ein langer Tisch stand in der Mitte, und in einem Armstuhl zwischen dem Tische und dem Ofen, aber das Gesicht dem Ofen und den Rücken dem Tische mit seinen Aktenbündeln und Tintenfässern zugewandt, saß ein kleiner dicker Mann in einer gestrickten Jacke, ein schwarzes Käppchen auf dem Kopf. Er stieß aus einer langen Pfeife dicke Rauchwolken von sich, die das ganze Gemach mit einer keineswegs duftigen und angenehmen Atmosphäre füllten. »Bringst du nun endlich den Kaffee, Lise?« sagte der Mann mit einem mürrischen Tone. »Ist Schilling da?« »Es ist nicht Schilling, es ist ein Fremder!« antwortete schüchtern die Frau. »Ein Fremder? Was will der denn jetzt schon?« »Er will dich sprechen.« Erst jetzt wandte der Vogt sich so viel, daß sein Profil über seiner rechten Schulter auftauchte. Das Gesicht war das eines ältlichen Mannes mit kleinen grauen Augen, einer Flaschennase und sehr dicken Lippen, von denen die untere wie ein breites Symbol ewigen Mißvergnügens tief herniederhing. »Kommt hierhin, an den Ofen,« sagte der Vogt, »soll ich mir Euretwegen den Hals verrenken? Was wollt Ihr mir sagen?« Hubert trat ihm näher und warf sich dann, ohne eine Einladung abzuwarten, auf einen in der Nähe des Ofens stehenden Stuhl. »Erlauben Sie, daß ich mich setze,« sagte er tief aufatmend; »ich kann nicht mehr! Ich bin müde wie der Ewige Jude!« Der Vogt heftete eine Weile seine kleinen grauen Augen auf ihn; das Resultat seiner prüfenden Beobachtung schien kein sehr günstiges zu sein; wenigstens erhellten sich seine mürrischen Züge nicht. In der Tat sah Hubert Bender nicht sehr vertrauenerweckend aus. Die Flucht durch den nächtlichen Wald hatte seinen Anzug ebenso gründlich ruiniert, wie die Krankheit und die jetzige Erschöpfung seine Züge entstellt hatten, die auffallend bleich und leidend aussahen; dazu kam, daß sein jugendlicher Bart seit mehreren Tagen nicht geschoren war und daß sein dichtes Haupthaar einem unzivilisterten wilden Gestrüpp so ähnlich sah, wie nur irgend nötig, um den Eindruck einer vollständigen Verwilderung hervorzubringen. »Nun, schenk doch den Kaffee ein, Lise ... die Frau ist zu dumm!« sagte der Vogt, seine Blicke von dem Fremdling abwendend, und zwar mit einem Ausdruck, der andeutete, als habe er vollständig begriffen, wie er mit diesem Menschen daran sei, »schenk den Kaffee ein, und dann sende hinüber zu Schilling, er solle kommen.« Nachdem er dann schweigend einige Züge aus seinem Pfeifenrohr getan, wandte er sich wieder an Hubert mit der Bemerkung: »Sie sind aus irgendeinem Gefängnisse entwischt! Was wollen Sie bei mir?« »Es geht doch nichts über den richtigen Instinkt eines Polizeibeamten!« erwiderte Hubert mit mattem Lächeln. »Es ist in der Tat beinahe so, mit dem Unterschiede nur, daß mein Gefängnis bis jetzt eine Krankenstube war. Eine Krankenstube auf Haus Dudenrode. Ich bin am gestrigen Abend daraus entflohen. Ihre Tochter Marie hat mir dabei geholfen; sie hat mich hierhin gewiesen. Der Vogt schlürfte, während Hubert so sprach, seinen Kaffee und schaute über den Rand der Tasse fort den Fremden mit höchst bedeutsamen Blicken an. Hubert hatte seinen Mantel zur Erde niedergleiten lassen; er stützte den Arm auf die Stuhllehne und das blasse Haupt auf die Hand; in der stark geheizten Stube fühlte er sich in der Tat plötzlich ganz unsäglich matt und elend, und jedes Wort, welches er sprechen mußte, kostete ihm eine Anstrengung. »Also meine Tochter hat Sie hierher geschickt?« fragte der Vogt. »Ja, sie wird selbst kommen, vielleicht heute noch, und es Ihnen bestätigen. Sie wird das Haus der Frau von Averdonk verlassen. Sie wird zu Ihnen zurückkehren.« »Zurückkehren?« rief der Vogt aus. »Und weshalb?« Hubert schwieg, er machte nur eine Handbewegung, wie um anzudeuten, daß er keine Rechenschaft darüber geben könne. »Frau, hörst du das?« wandte sich der Vogt an die stille blasse Frau, die schweigend an der andern Seite des Tisches stand und zuhörte, »Marie soll zurückkommen ... da haben wir die Bescherung!« »Dann will ich ihr Zimmer in Ordnung bringen,« sagte die blasse Frau leise. »Ihr Zimmer in Ordnung bringen! Als ob damit alles gut sei! Die Frau ist zu dumm!« setzte der Vogt murmelnd hinzu, und die Hände ineinander verschränkend, den Oberkörper vorbeugend, blickte er mit einem zornigen Gesicht den Ofen an. »Ich werde sogleich nach Dudenrode gehen müssen«, hub er nach einer Weile wieder an; »ich werde der gnädigen Frau Raison beibringen. Sie muß die Marie bei sich behalten. Was soll das geben, wenn die Marie hierher kommt! Es gibt ein Unglück, Lise ,.. nein, ich meine Schilling – da ist endlich Schilling, ja – es gibt ein Unglück, Schilling!« Diese letzten Worte waren gerichtet an ein grobknochiges, langes, mageres Individuum, das ein abgeschabter Rock mit stehendem, hellblauem Kragen und ein rundes, silbernes Schild auf der linken Brust als irgendein Anhängsel und dienendes Glied der vogteilichen Gewalt in dem Dorfe Elsen bezeichneten. »Was ist denn vorgefallen, Herr Vogt?« fragte Schilling, der eine scharfe Diskantstimme und ein Leichenbittergesicht mit tiefeingefallenen Wangen hatte. »Schilling, meine Tochter soll zurückkommen!« »Das geht nicht, Vogt«, sagte Schilling sehr bestimmt, den Kopf schüttelnd. »Freilich geht es nicht. Darum will ich sogleich nach Dudenrode und es der Frau von Averdonk vorstellen. Er kann mitgehen, Schilling.« »Das geht auch nicht, Vogt. Es ist heute morgen Termin.« »Termin, ja, es ist Termin; und vor drei Uhr ...« »Werden wir nicht fertig«, fiel Schilling ein. Der Vogt schob sein Käppchen in die Höhe und kratzte sich ratlos den Kopf. »Wer ist der fremde Mensch da?« fragte Schilling, auf Hubert deutend. »Ja, wer ist er? Lise, hast du ihn nicht einmal gefragt, wer er ist? Die Frau ist zu dumm! Wer ist man?« wandte sich der Vogt jetzt plötzlich barsch an Hubert. Hubert antwortete nicht; er schien in völlige Teilnahmlosigkeit für alles, was um ihn her vorging, versunken. »Er ist krank, Schilling«, wandte sich der Vogt an seinen Diener. »Hat er denn die Nachricht gebracht?« »Ja, die Marie hat ihn hergeschickt.« »So bringen Sie ihn in ein Bett.« »Es wird das beste sein; Lise, bringe ihn in die Fremdenkammer; laß ihn sich zu Bett legen.« Die stille Frau nahte sich Hubert, und seine Schulter berührend sagte sie leise: »Kommen Sie mit mir; Sie müssen sich legen. Ich will für Sie sorgen.« Hubert erhob sich mühsam und folgte schwankenden Schrittes der Frau. Sie führte ihn durch das Akten- und Geschäftszimmer zu einer Tür im Hintergrunde, die sie öffnete; in einer freundlichen kleinen Kammer, die Hubert dann betrat, stand ein Bett, zwar ohne Vorhänge, mit dunkelm Kattun überzogen, aber für jemand, der sich so todmatt fühlte wie unser Student, immerhin eine Anstalt von unermeßlicher Wohltätigkeit. »Wollen Sie etwas genießen?« fragte die Frau; »ich will Ihnen Tee bringen und Brot.« Hubert nickte mit so freundlicher Miene, wie er sie zu machen vermochte, und die Frau verließ die Kammer wieder; der Student aber begann sofort sich zu entkleiden, um möglichst bald der Ruhestätte froh zu werden. »Schilling,« sagte unterdes der Vogt in der Amtsstube, »können wir den Termin nicht verschieben? Gegen wen steht er an?« »Geht nicht, Vogt. Er steht gegen den Krämer Reinerz an, der in den herrschaftlichen Weiden gehütet und die alte Schnat weggepflügt hat. Es sind viele Zeugen geladen, und der Reinerz sagt, er wolle jetzt partout ein Ende mit den Geschichten haben... er hat die große Rechnung an Sie, Vogt«, bemerkte Schilling. Der Vogt schüttelte schweigend den Kopf. »Die Untersuchung gegen den Kirchbauer wegen der Schlägerei im Samterholz werden wir jetzt auch unter den Tisch fallen lassen müssen«, fuhr Schilling fort. »Weshalb denn, Schilling?« fragte der Vogt. »Er hat dem Beer-Isaak den Wechsel abgekauft, den Sie dem Juden im vorigen Jahre unterschrieben haben.« Der Vogt seufzte und trank seine Tasse aus. »Will Er eine Tasse mittrinken, Schilling?« fragte er dann. »Danke, ich bin fertig«, versetzte der Amtsdiener, sich auf den Stuhl setzend, den Hubert verlassen hatte, und eine kurze Pfeife hervorziehend, die er sofort, ohne sich durch die Gegenwart seines Vorgesetzten beirren zu lassen, durch eine aus dem Ofen geholte Kohle in Brand setzte. »Was machen wir aber nun?« fragte der Vogt nach einer stummen Pause. »Mit dem Reinerz?« »Mit der Marie!« Schilling gab keine Antwort. Er setzte seine Füße auf den Ofenrand und begann große Rauchwolken auszustoßen. »Den Reinerz müssen Sie laufen lassen,« bemerkte er dann nach einer Pause, »er verklagt Sie sonst und bringt Exekution aus – es ist ein rabiates Subjekt.« »Mit dem Kirchbauer ist auch nicht zu spaßen!« sagte seufzend der Vogt. »Lassen Sie mich nur machen, Vogt«, flüsterte nach einer Weile Schilling. »Was will Er tun, Schilling?« »Wenn er nicht verurteilt sein will, soll er den Wechsel auf Sie herausgeben«, antwortete der Amtsdiener in demselben Tone. Der Vogt sah mit einem eigentümlichen Blicke, der etwas von der Dankbarkeit eines Geretteten ausdrückte, zu seinem Amtsdiener hinüber, ohne jedoch durch ausdrückliche Worte auf dessen Vorhaben einzugehen. Nach einer Pause sagte er indes mit einem tiefen Seufzer: »Ist das nun eine Art, die Gerechtigkeit zu handhaben? Ist das Unparteilichkeit? Kann ich so die Obrigkeit in Respekt halten? Schilling, es ist eine Schande!« Schilling schwieg zu diesem Ausbruch entrüsteten moralischen Gefühls in seinem Vorgesetzten. »Da soll ich mit zweihundert Talern Gehalt jährlich, freier Wohnung und acht Klaftern Holz, und was das bißchen Sporteln ausmacht, hier den Vogt spielen und die Gerechtigkeit verwalten. Was ist das für eine Gerechtigkeit, die ich für zweihundert Taler Gehalt liefern kann! Es ist eine jämmerliche Gerechtigkeit, es ist gar keine Gerechtigkeit, Schilling!« Schilling begnügte sich damit, den Ofen anzuspucken. »Der Pastor hat auch nicht mehr!« bemerkte er nach einer Pause. »Der Pastor – was braucht der viel? Und wenn der tauft, so ist's getauft, dabei ist kein Unterschied; wenn ich aber ein Urteil spreche – dabei ist immer ein Unterschied!« »Leider!« sagte Schilling. »Zu seinem Vergnügen, für seinen Champagner, für seine Soldaten hat unser Gnädigster Geld,« fuhr der Vogt fort, »aber für seine Beamten nicht, die hungern. Wir sollen die Herren machen; sollen die ersten sein im Ort; sollen Recht sprechen ohne Ansehen der Person – und zweihundert Taler Gehalt – Die Frau ... wollte sagen: die Welt ist zu dumm!« »Lassen Sie die Marie doch in Gottes Namen in den Hofdienst nach Ruppenstein gehen,« bemerkte Schilling mit einem sarkastischen Lächeln, »eine Gehaltserhöhung werden Sie dann schon mit der Zeit herausbringen, Vogt!« Ich will's nicht, und ich will's nicht«! rief der Vogt aus. »Ich habe nur das eine Kind, Schilling!« »Sie sind mitunter recht gern da«, fuhr der Amtsdiener, ohne sich durch des Vogts Beteuerungen stören zu lassen, fort, »Sie haben allerlei Kurzweil! Es wird Ihnen auch, wie es scheint, der Abschied jedesmal recht schwer. Ich habe noch keine gekannt, die zurückgekommen wäre, ohne recht verweint und recht erbärmlich traurig auszusehen!« Schillings langes Totengräbergesicht nahm bei diesen Worten einen Ausdruck boshaften Hohns an. Der Vogt seufzte, wandelte auf und ab und stieß qualmige Rauchwolken aus. »Ich kann noch immer nicht glauben, daß die Frau von Averdonk sie von sich läßt,« sagte er nach einer Weile. »Der alte Freiherr hatte ja recht einen Narren gefressen an der Marie; der Mann konnte ja nicht ohne sie sein. Es muß doch einer sein, der für den alten Narren sorgt und ihm die Zeit vertreibt.« »Er kann ja endlich mal seine Bücherkasten aufschlagen, um Zeitvertreib zu haben«, sagte Schilling spöttisch. Der Vogt wandte sich, ohne zu antworten, jetzt mißmutig seinen Akten zu; Schilling klopfte seine Pfeife aus und ging, um noch vor Beginn des Termins eine Ladung, die ihm der Vogt übergab, fortzubringen. Daß unterdes in der Angelegenheit Mariens nichts von dem Vogt ohne ihn, Schilling, beschlossen werden würde, darüber konnte er beruhigt sein: der Vogt liebte es, höchst energische Entschlüsse zu verkünden; zur Ausführung pflegte es aber nicht zu kommen. Unterdes hatte Hubert ein wenig von dem Tee und dem Brot genossen, welches ihm die Hausfrau gebracht hatte. Sie stand dabei und sah mit einem Ausdruck von gutmütigem Mitleid zu, wie er sich daran erquickte. Fragen richtete sie nicht an ihn. Aber sie bemerkte, daß es kaltes und stürmisches Wetter sei, daß die Wege sehr schlecht seien, daß Tee eine rechte Herzstärkung sei, wenn man sich unwohl fühle, daß sie seine Kleider trocknen und reinigen lassen werde. Das alles brachte sie in ihrer stillen sanften Weise, mit einer wahren Duldermiene als seien es höchst bedauerliche Dinge, vor. Hubert wäre, wenn ihm sein Zustand viel Teilnahme für andere Gegenstände übriggelassen hätte, imstande gewesen, darüber gerührt zu werden; so aber erinnerte er sich nur an des Vogts Refrain: die Frau ist zu dumm; und dann dachte er an Marie, deren schönes Gesicht allerdings das ihrer Mutter widerspiegelte, aber so merkwürdig idealisiert und verklärt und vergeistigt; und dann umschwebte ihn dieses Gesicht, wie das Antlitz irgendeines schützenden Engels, der den Schlaf zu hüten kam, zu welchem er jetzt die Augen schloß; es mischte sich in seine Träume, in unruhige, ängstliche, fieberhafte Träume, die ihn mehrmals erschrocken auffahren ließen; in wirre Bilder und Visionen, unter deren Einfluß er aufstöhnte und mit den Armen um sich schlug, bis sein oft unterbrochener Halbschlummer nach und nach in einen tiefen erquickenden Schlaf überging. Dieser Schlaf war so fest, daß die schweren Nagelschuhe, die nach ein paar Stunden in der Nebenstube auftraten und hin- und hergingen, die eifernden, sich zankenden Stimmen, die aus rauhen Kehlen hier laut wurden, die den Tumult überschreienden Rufe des Vogts, wenn er Ruhe und Stille gebot – kurz, der ganze Lärm eines vom Vogt zu Elsen abgehaltenen Polizeigerichts, das nur durch eine Tür von Hubert getrennt war, nicht vermochte, ihn aufzuwecken. Es war mehrere Stunden nach Mittag, als er erwachte, die Augen rieb und sich mit erquickten Kräften und erfrischtem Mut in dem Stübchen umsah, in welchem er sich befand. Das Wetter hatte sich aufgeklärt, die Sonne schien freundlich in die kleine Kammer. Die Zweige schon halb entblätterter Obstbäume pochten leise, vom Winde bewegt, an die Fensterscheiben. In Huberts Stube stand eine alte geschweifte Kommode dem Bett gegenüber; ein altmodischer Spiegel in schwarzem Holzrahmen hing darüber; zwischen Spiegel und Kommode ein Bild in ovaler Medaillonform. Hubert ließ sein Auge darauf haften; es stellte den Kopf und die Brust eines Mannes in jugendlichem Alter dar, mit gepuderten Ailes-de-Pigeon-Locken an den Schläfen, in einem graublauen Rock und mit einem niedern, aber breitrandigen Hute – kurz, in einem Kostüm, wie man sie auf Bildern aus, der Zeit Chodowieckis sieht. Die Züge des Mannes zogen Hubert eigentümlich an – sie hatten ihm etwas Bekanntes; endlich stand er auf, nahm das Bild von seinem Nagel herunter, und nachdem er dann in sein Bett zurückgeschlüpft, hielt er es vor sich auf der Bettdecke, um es genauer zu betrachten. Die Rückseite trug einen Namen. Er war oben an den Rahmen geschrieben. Der Name lautete: »Christoph Eberhart Bender. Anno 1763.« »Mein Vater!« rief Hubert aus. »Das ist seltsam! Und wie kommt das Bild hierher?« Nachdenklich stützte sich Hubert auf den Arm, nachdem er das Bild vor sich hingelegt hatte, um seine sinnenden Blicke darauf zu heften. So beobachtete ihn ein Paar freundlicher Augen, die nicht zehn Minuten später durch die behutsam ein wenig geöffnete Tür in die Kammer spähten. Als Hubert nach einer Pause aufblickte, bemerkte er sie. Es waren die Augen der Frau des Vogts. Nur ihr Kopf war sichtbar und die Hand, welche in Brusthöhe etwa die Tür angefaßt hielt, um sich in der vorgebeugten Stellung zu stützen. Ein eigentümlich mildes, freundliches Lächeln schwebte auf dem blassen Gesicht der Frau, etwas wie eine stille innere Freude. Sie trat jetzt herein. Unhörbar, als wenn sie schwebe. Sie hatte ihr Morgenkostüm mit einem reinlichen grauen Überrock vertauscht und trug darüber ein grünes Tuch, das auf dem Rücken in einen Knoten zusammengeschlungen war. »Ich habe schon ein paarmal nach Ihnen gesehen«, sagte sie. »Ich schlief wohl sehr lange?« »Sehr lange und sehr fest – es wird Ihnen gut tun«. »Es hat mir gut getan – in der Tat. Ich bin sehr krank gewesen und war noch lange nicht ganz genesen, als diese böse Frau von Averdonk mich zwang, durchzugehen und die Nacht im Freien zuzubringen. Hoffentlich wird es mir nicht schaden und mich nicht zwingen, Ihnen länger lästig zu fallen. Es tut mir leid, daß ich es heute muß.« »Erholen Sie sich nur recht!« sagte die Frau tonlos und ohne alle Wärme, die bewiesen hätte, daß sie mit Freuden die Pflege ihres kranken Gastes übernommen; aber ihr Auge zeigte denselben freundlichen Blick, und dieser leuchtete noch wohlwollender auf, als sie, auf das Bild deutend, sagte: »Es ist recht fein und schön gemacht! Es ist ein Kunstwerk!« Hubert war nicht ganz dieser Ansicht. Ihm schien von Kunst nicht viel darangewandt. Aber er widersprach nicht. Es war offenbar, sie hatte Freude an dem Bilde. Sie hatte mit Freude den Blick eines Fremden solange darauf geheftet gesehen. Es mußte ein Zusammenhang da sein zwischen diesem ehrlichen »Gregorius« und der stillen Vogtin von Elsen, ein Zusammenhang, der in dieser sanften Frau irgendeine Seite des Gemüts berührte. »Es war einmal ein Maler hier, der hat gesagt, daß es sehr fein gemalt sei«, fuhr sie fort. »Kannten Sie den Mann, den es darstellt?« fragte der Student. »Ja, ich kannte ihn«, antwortete sie, tonloser noch, als sie gewöhnlich sprach. »Er ist schon lange tot.« Sie nahm das Bild und hängte es an seine alte Stelle. »Wohl ein Verwandter von Ihnen oder von Ihrem Manne?« »Nein, verwandt war er uns nicht. Aber ich kannte ihn.« »Ich kannte ihn ebenfalls.« »Sie?« »Nun, wie man sich so kennt, wenn man Vater und Sohn ist.« »Sohn?« »Ich heiße Hubert Bender.« Die Frau öffnete weit ihre feuchten hellblauen gutmütigen Augen. »Hubert Bender? Sie?« So ist es. Ich bin sein Sohn.« Sie schüttelte lebhaft den Kopf. Sie stand auf, als ob sie hastig fortgehen wolle, und dann wandte sie sich zurück und richtete noch einmal ihre Augen fragend auf Hubert. Sie war offenbar in einer Aufregung, die in einem lebhafteren Gemüte sich laut und entschieden kundgetan hätte, die bei ihr jedoch sich nur in einem Zucken der Gesichtsmuskeln und einem unruhigen Hin- und Hergehen verriet. »Er war nie verheiratet!« sagte sie mit größerer Bestimmtheit, als Hubert noch irgendein Wort von ihrem Munde gehört. »Wenn Sie das so gewiß wissen,« versetzte Hubert, »so kann ich als Sohn nur dazu sagen, daß ich es von dem alten Mann sehr leichtsinnig und sträflich finde, nicht verheiratet gewesen zu sein. – Aber vielleicht war er zu arm, um für eine Frau und einen Sohn zu sorgen, und begnügte sich deshalb mit einem Sohne.« Die Frau sah still auf den Boden; nur zuweilen warf sie unter den blonden Wimpern her auf den Studenten einen Blick, der jedesmal wie verstohlen flüchtig seine Züge streifte. »Sie gleichen ihm auch nicht«, sagte sie endlich. »Ich habe früher nicht den Ehrgeiz besessen,« erwiderte Hubert, »ihm zu gleichen; so wie ich mich seiner erinnere, war er nicht schön ...« Das Auge der Frau richtete sich mit einem Blick von eigentümlicher Innigkeit auf das Medaillonbild über der Kommode. »Obwohl«, fuhr Hubert fort, »jenes Bild dort ganz angenehme Züge zeigt. Aber schön oder häßlich, es würde mir in diesem Augenblicke lieber sein, ich gliche ihm. Die Frau antwortete nicht. Sie stand noch eine lange Weile in Gedanken versunken, und dann ging sie schweigend, den leeren Teller fortzutragen. Neuntes Kapitel Der Reichsvorfechter in sächsischen Landen Hubert hatte sich am Abende des ersten Tages, den er in der Vogtei zu Elsen zugebracht, noch in hohem Grade matt und hinfällig gefühlt, trotz seines langen erquickenden Schlummers; desto frischer und gestärkter erwachte er spät am folgenden Tage; seine jugendlich kräftige Natur hatte, schien es, alle Krankheit endlich überwunden. Die stille Hausfrau, die ihn mit Speise und Trank versorgt, sah mit ihrer ruhigen Teilnahme zu, wie er sein Frühstück mit einem wahren Löwenappetit vertilgte; dann sagte er ihr, daß er aufstehen und sich anschicken wolle, seinen Wanderstab wieder zu ergreifen, um ihre Gastlichkeit nicht zu mißbrauchen. Nur wünschte er vorher Marien noch zu sprechen – sie hatte ihm nämlich mitgeteilt, Marie sei zurückgekommen, schon am gestrigen Abend. Marie schien – das hatte er am vorgestrigen Abend zu bemerken geglaubt – Gegenstand der Neigung des jungen Mannes, der ihm über die Gartenmauer von Haus Dudenrode geholfen. Hubert mußte auch annehmen, daß er diese Hilfe nur einer Fürbitte Mariens verdanke, was allerdings für ein Einverständnis der beiden jungen Leute sprach. Dies letztere aber konnte hier nicht schwer ins Gewicht fallen. Der Neffe der Frau von Averdonk war keinesfalls ein ernstlicher Freier, der das arme Geschöpf rasch unter die Haube bringen und so vor den Nachstellungen retten konnte, welche sie bedrohten. Da aber Marie sehr schön war, da schönen jungen Mädchen gegenüber in jungen Männern der Gedanke, den Freier zu machen, sehr nahe liegt, so würde es anormal und wider die moralische Natur eines Studenten verstoßend gewesen sein, wenn Hubert Bender nicht sehr bald auf einen Ideengang gekommen wäre, der sich mit der Möglichkeit, diesen redlichen Leuten zu helfen, beschäftigte. Dieser Gedanke hatte mehrere andere zur Folge, welche sich in nachstehender Reihe aus ihm entwickelten: Wenn du dich mit Marie verlobtest, so würdest du sie mit dir nach Köln führen und dort in ein anständiges Bürgerhaus aufnehmen lassen, bis deine Studien nach einem oder anderthalb Jahren vollendet sind und du sie als seßhafter Arzt in irgendeinen anmutigen Winkel des deutschen Vaterlandes heimführen kannst, wo sie dir das irdische Dasein versüßt, das sonst, lediglich mit dem edeln Berufe eines ländlichen Quacksalbers ausgefüllt, jeglichen idealen Lebenselementes bar werden dürfte. Aber ... aber ... was würde Traudchen Gymnich dazu sagen? Nun, vielleicht das Beste! Hat sie dir je gezeigt, daß sie auch im entferntesten an dich denkt? Vielleicht bist du ihr sehr gleichgültig! Vielleicht würde Traudchen Marie bei sich aufnehmen, und sie würden leidenschaftliche Freundinnen werden, denn ihre Charaktere scheinen mir recht gut zueinander zu passen; Marie scheint sehr schüchtern und etwas weichherzig, Traudchen ist dafür desto entschlossener und mutiger; ja, vielleicht würde Traudchen eine große Freude haben, wenn ich ihr eine so wunderbar schöne Person als meine Braut zuführte. Aber wahrhaftig, es würde mich doch ganz grauenhaft ärgern, wenn sie sie hätte! Ich würde wütend auf sie werden ... ich würde mich an ihr vergreifen können, glaub' ich, wenn sie sich freute. Mit solchen Gedanken beschäftigt, erhob er sich und legte seine Kleider an, die ihm die Frau des Vogts sorgsam gereinigt in seine Kammer geschickt hatte. Als er beinahe fertig war, trat er zufällig an das Fenster und warf einen Blick in den vor demselben liegenden Garten hinab. Man konnte nichts Hübscheres und Malerisches sehen als diesen Garten. Der Rückseite des Hauses entlang lief eine steinerne Balustrade, mit schönen steinernen Urnen geschmückt, von denen ein Teil freilich jetzt unten im Grase lag und die andern so verstümmelt und beschädigt waren, daß sie auf eine bedauerliche Nichtachtung künstlerischer Formen im Dorfe Elsen deuteten, während sich alle gleich moosbedeckt und verwittert zeigten. Aus der Mitte der Balustrade herab führte eine breite Steintreppe nieder, denn der Garten bedeckte den Abhang einer Hügelwand, die sich hinter dem Amtshause niedersenkte. Im Grunde unten floß ein Bach, über den eine kleine Zugbrücke in ein Gehölz führte, welches sich über die jenseitige Bodenerhebung ausdehnte. Obwohl nun Obstbäume und Taxuswände in dem Garten waren, auch wildwuchernde Ziergesträuche nicht fehlten, so hatte doch der Herbst, der sie zu entlauben begonnen, dem Auge die Möglichkeit geschaffen, bis auf den Bach da unten in der Tiefe hinabzublicken und wahrzunehmen, was an lebendiger Staffage in dem schön gelegenen und romantisch verwilderten Garten vorhanden; und eine solche war vorhanden – sie bestand aus zwei Gestalten, einer männlichen und einer weiblichen. Hubert erkannte sehr bald, daß es Franz von Ardey und Marie waren. Franz von Ardey trug einen grünen Pelzrock, Marie stand vor ihm in einem schwarzen Kleide, ohne Tuch und Mantel – eine so schlanke, liebliche Gestalt, daß der Student in diesem Augenblicke die menschenfreundlichen Gedanken, die er in seinem redlichen Herzen einen Augenblick genährt, wieder zu sich zurückkehren fühlte. Aber er sah, daß Marie – die beiden jungen Leute standen auf der kleinen Brücke unten – daß Marie ihre Hand auf die Schulter Franzens gelegt hatte, und so, wie bittend, sehr eifrig zu ihm zu sprechen schien; daß Franz jetzt ihre andere Hand erfaßte und dieselbe an seine Brust drückte; und dann ... ja, dann kam etwas, was den Studenten plötzlich über den Einfall, in diesem Hause der Erlöser aller Verwickelungen, der Glück und Ruhe bringende Wohltäter werden zu wollen, sehr beschämt erröten ließ, was ihn in einem einzigen Augenblicke zur Besinnung zurückführte, und was ihm doch einen Anflug von Ärger zuzog. Und doch hatte er unrecht – sehr unrecht, ärgerlich zu werden. Es konnte niemand kränken; es war gar nicht denkbar, daß irgendeinem vernunftbegabten und welterfahrenen Menschen dadurch ein Ärgernis gegeben würde. Marie und Franz nämlich sanken einander an die Brust, und nachdem Marie sich flüchtig umgesehen, wie, um sich zu vergewissern, daß sie unbelauscht sei, küßte sie ihn, und Franz küßte sie wieder. Sie lagen eine Weile Brust an Brust; dann riß Marie sich los – und dann eilte sie den mittlern Gartenpfad hinauf; und dann blieb sie stehen und schaute nach Franz zurück, der immer noch auf der Brücke stand und ihr nachblickte; und dann eilte sie weiter, dem Hause zu, und Hubert sah nun, wie ihr hinreißend schönes Gesicht gerötet war und wie rasch sie atmete, während sie den steilen Pfad heraufgesprungen kam; und wie sie darauf noch einmal umblickte und mit den Augen Franz verfolgte, der eben jenseit des Baches in dem Gehölz verschwand und, bevor er verschwand, mit seinem Tuche ihr zuwinkte – das alles sah Hubert, und ein wenig mißvergnügt mit sich selber und ein wenig gedemütigt fuhr er jetzt in die Ärmel seines Rockes und trat in die Amtsstube ein, entschlossen, sobald als möglich seinen Rückzug aus diesem Lande, wo ihm nun einmal kein Glück zu blühen schien, anzutreten. Freilich vorher war noch eine Frage zu lösen, welche gleich brennender als unangenehmer Natur war. Er bedurfte Geld zu der Reise und er hatte nicht mehr bei sich als wenige Groschen, die er eben im Augenblicke seiner Entführung in der Börse gehabt, und ein höchst unzureichendes Stipendium, womit ihn Franz von Ardey im Augenblick seiner Flucht versehn. Er mußte also schon bei dem gestrengen Vogt selber den »armen Studenten« machen. Der Vogt begrüßte ihn mit einem eben nicht freundlichen Kopfnicken; Schilling, der an der andern Seite des Ofens saß, sah ihn mit großen verwunderten Augen an, schien aber nach einigem Besinnen es für seine offizielle Stellung in diesem Räume passend zu finden, ihm einen Stuhl zu bringen. »Marie hat mir von Ihnen erzählt, was sie wußte,« sagte der Vogt, »aber es war nicht viel... « »Ich will Ihnen Rechenschaft darüber geben, wie ich hierhin gekommen bin«, antwortete Hubert und begann, seine Geschichte zu erzählen. Der Vogt wie Schilling hörten ihm aufmerksam zu; der Vogt mit einem Gesicht, in welchem sich die bloße Neugierde ausdrückte; Schillings Leichenbittergesicht dagegen verriet, daß er höchst gespannt auf die Entwicklung war. »Und nun?« wandte sich der Vogt, als er geendet hatte, an Hubert. »Nun,« versetzte Hubert, indem er mit einiger Beklommenheit daran dachte, daß der Augenblick da sei, auf den Punkt seiner Erzählung zurückzukommen, den er, seinem Vorsatze getreu, bereits durch sehr deutliche Winke eingeleitet hatte – den Punkt nämlich, der die Reisemittel betraf – »nun wage ich es kurz und gut, Ihnen eine Bitte auszusprechen, Herr Vogt ... Ihre Tochter hat mir einmal den Mut gemacht, mich an Sie zu wenden ...« »Er hat eine Bitte wegen meiner Tochter, Schilling!« sagte der Vogt halblaut, indem er mit großen Augen, in denen etwas wie eine freudige Erwartung aufglimmte, sein Faktotum anschaute. »Ich bin Ihnen so unbekannt und wildfremd,« fuhr Hubert fort, »daß ich sehr wohl fühle, wie kühn es ist, wenn ich Ihnen zumute, mir zu vertrauen ...« Der Vogt zog aus seiner Pfeife dicke Rauchwolken, die er gegen den hohen Kachelofen ausstieß, als wolle er ihn damit umblasen und in die Luft sprengen; Schilling aber nickte dem Studenten mit einer süßsauren Miene zu, als wolle er sagen: »Nur zu – du bist im rechten Fahrwasser!« »Es ist aber eine Sache von großer Wichtigkeit für mich, und da ich Ihnen über meine Verhältnisse alle Auskunft gegeben habe ...« Der Vogt qualmte fürchterlich, und jetzt Hubert zugewendet und ihn wie eben den Ofen in eine Wolke hüllend, sagte er: »Also mit der Marie haben Sie geredet, und sie hat Sie an mich gewiesen?« »Wie ich Ihnen erzählte; hat sie es Ihnen nicht selbst gesagt ...« »Es kommt darauf an,« versetzte der Vogt, »ob Sie sich hier als Arzt niederlassen wollen, wenn Sie Ihre Studien gemacht haben?« »Hier? hier im Lande?« antwortete Hubert überrascht, und den Zusammenhang nicht fassend. »Nun ja ... dann habe ich nichts dagegen. In die Fremde laß ich das Kind nicht ziehen. Ein Arzt findet hier recht gut sein Brot. Wollen Sie mir das versprechen, und sind Sie sonst ein ordentlicher, fleißiger Mensch, so können Sie sie bekommen ...« »Sie reden von Ihrer Tochter, von Marie ...« »Nun freilich – von wem sonst?« Huberts Augen drückten so viel Verwunderung aus, wie es nur möglich ist, durch Blicke an den Tag zu legen. Die Wendung, welche das Gespräch genommen, war ihm so unerwartet, daß er nicht wußte, was er sagen sollte. Am wenigsten fiel ihm ein, rasch eine offene Berichtigung des Mißverständnisses auszusprechen und den ehrlichen Vogt dadurch einer tiefen Beschämung auszusetzen. Schilling, der Amtsdiener aber, der sehr scharf in Huberts Zügen gelesen hatte, beugte sich unterdes weit mit seinem langen Oberkörper zu seinem Vorgesetzten hinüber, und mit einem wahrhaft spitzbübischen Ausdruck von List und Spott flüsterte er ihm ins Ohr: »Er will die Marie gar nicht – er wollte Ihnen bloß Geld abborgen.« »Geld abborgen? – mir? ... Geld? Schilling, ist er toll?« antwortete der Vogt ebenso leise, aber höchst überrascht. Das hatte er nicht voraussetzen können. Die stumme und verlegene Pause, welche im nächsten Augenblick eingetreten war, wurde durch den Eintritt der stillen Hausfrau unterbrochen. Sie stand einen Augenblick und schaute auf die Männer; und da sie wahrzunehmen glaubte, daß sie diese drei jetzt gleich tief schweigenden Gestalten nicht störe, so schritt sie weiter durch die lange Amtsstube; aber indem sie an Hubert vorüberging, gab sie ihm einen Wink, ihr zu folgen, und dann verschwand sie in der Tür von Huberts Schlafzimmer. Dieser stand rasch auf, der Unterbrechung, die ihm Zeit sich zu besinnen gewährte, froh, und eilte ihr in das Gastzimmerchen nach. Hier fand er die Vogtin mit einem Papier in der Hand dastehend, das sie ihm, nachdem sie sorgfältig die Tür geschlossen, darreichte. Es war ein alter vergilbter Brief. »Ich weiß nicht, ob ich recht tue, es Ihnen zu geben«, sagte sie, indem sie sich auf das Fußende des Bettes niedersetzte und die Hände im Schoße faltete. »Es hat niemand auf Erden je etwas davon erfahren. Aber es ist eine Stimme in mir, die sagt: Gib es ihm! Du mußt es ihm geben, daß er es erfährt! Es ist jetzt alles eins, was die Welt dazu sagt!« Hubert öffnete und überflog den Brief. Er war unterschrieben: Christoph Bender. Sein Inhalt sprach von Schmerz und Herzenskummer und viel von Entsagung und Christenpflicht und dem Himmel. Es waren Stoßseufzer eines Mannes, der gezwungen ist, auf Lebens- und Liebesglück zu verzichten. Hubert fand es sehr rührend, sehr herzbrechend und sehr unorthographisch geschrieben; je weiter er las, desto mehr ergriffen ihn diese einfachen Klagen eines redlichen, still duldenden und in Verlassenheit verkümmernden Mannes von ungewöhnlicher Weiche des Gemüts. Höchlichst überrascht aber wurde der Student, als er an die folgende Stelle kam: »Meine Ehre und Reputation vor den Menschen habe ich jetzo auch unnützlich in die Schanze geschlagen. Ich habe ein fremdes Kind zum Auferziehen angenohmen, welches mir im Geheim ein Herr von Walrave durch unsern Herrn Pastohr hat übergeben lassen, nebst Versprechung einer ansehnlichen Pension jährlichen zu Maria-Verkündigung und Michaeli zu bezahlen, wofür der Herr Pastohr caviret. Die Leute glauben nun alle, es sei mein Kind. Hab ihm ja freilich auch meinen Namen zu führen erlaubnüß versprechen müßen. Bedachte mich nicht lange, dieweil ich calculirte, daß die Pension mich in den Stand setzen würde, einen Hausstand mit meiner vieltausendmal geliebten Liesabeth zu gründen. Nun ist alles umsonsten, weil die grausamen Aeltern meine Liesabeth an einen Andern, an einen Mann in festem Brodt und Stand dahingegeben haben ...« Hubert sah betroffen die Frau an. Sie saß regungslos da, die Augen auf den Boden geheftet, die Hände im Schoß. »Es ist ein Geheimnis – sagen Sie ja niemand etwas davon und geben Sie mir den Brief zurück«, flüsterte sie jetzt. »Der Brief bleibt mein!« sagte Hubert, »begreifen Sie denn nicht, daß das hier etwas wie ein Geburts- oder Taufzeugnis für mich ist?« »O nein, den Brief muß ich zurückhaben – niemand auf Erden darf den Brief sehen!« erwiderte sie erschrocken. »Es tut mir leid, daß ich Ihren Wunsch nicht erfüllen kann; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß er nicht mißbraucht werden wird – aber sagen Sie mir, haben Sie sonst je etwas von diesem Walrave gehört ... auf den mein geheimnisvoller Stammbaum zurückzugehen scheint?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe den Namen wohl sonst vernommen«, sagte sie. »Ich glaube, es war kein guter Mann; es kam vor vielen Jahren solch ein Herr hier im Lande ums Leben, und die Menschen sagten, es sei gut, daß er tot sei. Aber nun geben Sie mir den Brief zurück!« setzte sie flehend hinzu. Hubert steckte den Brief zu sich. »Es mag unrecht sein,« sagte er, »daß ich mich weigere, ja, es ist unrecht – aber Sie müssen mir dieses Unrecht verzeihen; ich werde den Brief behalten.« Sie brach in Tränen aus, die arme Frau. Ihr ganzes Herz, schien es, hing an dem Briefe. Aber sie machte weiter keine Versuche. So saß sie still weinend da; Hubert streckte ihr gerührt die Hand hin, wie um seinen Frieden mit ihr zu machen und ihre Verzeihung für sein eigenmächtiges Handeln zu erhalten – sie schien die Bewegung seines Armes nicht zu bemerken, wenigstens nahm sie die dargebotene Hand nicht. Da wurde seine Aufmerksamkeit plötzlich von einem großen Geräusch in der vordern Stube, in dem vogteilichen Amtslokal, abgezogen – sporenklirrende Schritte, helle Stimmen wurden dort laut, es mußte dort etwas Ungewöhnliches vorgehen, und während die stille Frau erschrocken aufhorchte, öffnete Hubert neugierig rasch die Tür und trat auf die Schwelle. Seinen Augen zeigte sich zunächst eine höchst merkwürdige und auffallende Figur, welcher in diesem Augenblicke der Vogt in demütigster Haltung, sein Käppchen in der Hand, den eigenen alten Ledersessel neben den Ofen schob, worauf der Fremde sich niederließ und bequem ausstreckte, die beiden in arg beschmutzte Klappenstiefel mit großen silbernen Sporen steckenden Beine weit auseinander streckend, die Arme über der Brust verschlingend. Es war ein gar stattlicher Herr, wie er so in gebieterischer Haltung dasaß. Mit bedeutendem Leibesumfang hatte ihn die gütige Natur versehen und mit einem schönen breiten Stierkopf, der um so mehr geeignet war, einen tiefen Eindruck zu hinterlassen, als die dunkelrote Farbe desselben einen eigentümlichen Kontrast bildete mit den buschigen starken und offenbar schwarzgefärbten Brauen und mit den blauen, flach liegenden, unstät bewegten großen Augen. Heftigkeit und noch mehr Härte sprachen aus diesem ganzen Angesicht; und doch mußte dasselbe einmal mit einem Gegenstande zusammengetroffen sein, der ihm an Härte um vieles noch überlegen gewesen war; durch irgendeinen unglücklichen Fall oder durch einen Stoß war nämlich das Nasenbein in der Mitte zerschlagen und plattgedrückt – ein Umstand, der weit mehr dazu diente, das Charakteristische als Schönheit dieses Gesichts zu erhöhen. Der Mund zeigte dicke aufgeworfene Lippen; und wenn die Umgebung dieser Lippen auch nicht ganz ohne einen Zug war, der eine gewisse derbe und mürrische Gutmütigkeit verriet, so waren sie doch keineswegs geeignet, das zu ersetzen, was dem Übrigen an der gewöhnlichen Wohlgestalt eines ordinären Menschengesichts abging. In Summa – es hätte diesem seltsam ausdrucksvollen Kopfe nur ein recht struppiges, nach allen Seiten der Windrose auseinanderfahrendes langes und pechschwarzes Haar gefehlt, um die ganze Erscheinung irgendeiner noch unbekannten Waldteufelrasse zuzurechnen, der Fremde trug aber weder schwarzes noch wirres und unkultiviertes Haar, sondern eine Perücke, aufs sauberste geglättet, pomadisiert und gepudert; und seines Zeichens und Standes war er niemand Anderes und niemand Geringeres als unseres Vogtes Amts- und Landesherr, Seine Erlaucht, von Gottes Gnaden Philipp III., zubenannt der Tolle, des Heiligen Römischen Reiches Graf zu Ruppenstein, Edler Herr zu Brunskappel, desselben Heiligen Römischen Reiches Vorfechter in sächsischen Landen und Erbpanier des hohen Erzstifts Köln. Gewandet hatten Ihre Erlaucht sich in ein dunkelgrünes, mit schmalen Goldborten umsäumtes, für ihre ansehnliche Leibesgestalt nachgerade zu knapp werdendes Leibröcklein, eine mächtige und höchst majestätisch ausgerundete Weste von gelbem Stoff, und silbergraue Kniehosen; und auf dem Haupte trugen sie ein dreieckiges Hütlein mit Galon und Federgarnitur, so ihren ausdrucksvollen und Ehrfurcht gebietenden Zügen recht vorteilhaft zu Gesichte stund. Einen hochgewachsenen Mann in mittleren Jahren und in Militärtracht sah Hubert in einiger Entfernung im Hintergrunde stehen; durch das Fenster konnte er ein paar Reitknechte wahrnehmen, welche ihre und ihrer Herrschaft Pferde auf dem Kirchhofe vor dem Vogteigebäude spazieren führten und die Tiere nach Herzenslust die Gräber zertreten und die Blumen fressen ließen, welche hier und da eine dieser Ruhestätten der Dorfbewohner schmückten. Die ersten Worte, womit Seine Erlaucht ihren Besuch bei dem Vogt eingeleitet, waren Hubert entgangen. Als der Student eintrat, fixierte ihn der Gewaltige und fragte, mit der Reitpeitsche, die er in der Hand hielt, auf ihn deutend: »Wer ist das?« »Ein armer Student aus Köln, dem ich ein Nachtquartier gegeben habe, Erlaucht«, antwortete der Vogt. »Ein Student ... so? Was braucht Er für solche Leute Herberge zu halten, Vogt? Hernächst heißt's, das Gehalt langt nicht. Auf die Art langt's freilich nicht! Der Bursche sieht ja aus, als ob er krank wäre ... komm' Er einmal näher, Er!« Und dabei winkten Seine Erlaucht Hubert gebieterisch heran und geruhten, als der Student ihnen näher trat, gnädigst hinzuzusetzen: »Teufel, ja ... wie ein von Motten zerfressener Pelzhandschuh sieht er aus – was fehlt Ihm – das kalte Fieber?« Hubert hatte einige Augenblicke nötig, um sich in das Wesen dieses Mannes und die Art, wie er ihn behandelte, zu finden; da er aber, ohne lange zu fragen, aus allem schließen konnte, daß er vor dem souveränen Gebieter und Landesherr stehe, so fügte er sich in das Los, für eine Zeitlang der Gegenstand der gräflichen Herablassung zu werden, und antwortete ruhig: »Ich litt allerdings an einem Fieber, aber an keinem Wechselfieber, sondern ...« »Tut nichts, tut nichts, Fieber ist Fieber, komm' Er noch näher und knie Er da hin.« Damit wies der Fürst auf eine Stelle zwischen seinen beiden ausgestreckten Beinen dicht vor sich am Boden, und da er dabei mit einer höchst gebieterischen Bewegung der Hand, in welcher er seine große Reitpeitsche hielt, auf diese Stelle deutete – so antwortete Hubert halb verlegen und betroffen lächelnd, halb errötend von beginnendem Zorn: »Sie halten mich wohl nicht zufällig für einen hoffnungsvollen jungen Hühnerhund, der nur noch etwas Nachhilfe in der Dressur bedarf?« »Knie Er dahin, sag' ich Ihm!« schrie der Graf, dunkelrot werdend. Der in der Entfernung stehende Mann in Militärtracht, der Adjutant des Grafen, sprang herbei, faßte Hubert an der Schulter, und indem er ihm zuflüsterte: »Gehorche Er, gehorche Er, man will Sein Bestes!« drückte er ihn vor dem Gebieter in die Knie nieder. Graf Philipp hatte unterdes seinen Handschuh abgezogen und seine Reitpeitsche dem Vogt zu halten gegeben. Er streckte jetzt mit großer Grandezza seine Rechte aus und legte sie auf des Studenten Haupt. Hubert fühlte, daß, während die übrige Hand schwer und wuchtig auf seinem Schädel liegen blieb, der kleine Finger derselben ohne Aufhören die Bewegung des Kreuzes darauf machte. Graf Philipp murmelte nun eine Minute lang unverständliche Worte zwischen den Zähnen; dann stemmte er seine Faust auf seinen Schenkel und sagte: »Steh' Er nur auf jetzt. Jetzt ist Er kuriert! ... Er glaubt's nicht, he?« »In der Tat, Erlaucht, ich glaube es nicht. Ich glaube überhaupt nicht an sympathetische Kuren.« »So ... Er glaubt nicht an sympathetische Kuren? Wer sagt Ihm, daß es Sympathie ist? He? Es ist der Graf von Ruppenstein, der Ihn durch Händeauflegen kuriert. Die von Ruppenstein heilen durch Händeauflegen.« »Wie die Könige von Frankreich mit ihrem: Roi te touche. Dieu te guérisse (der König berührt dich – möge Gott dich heilen)?« fragte Hubert mit einer Ironie, auf welche Graf Philipp viel zu wenig zu stoßen gewohnt war, als daß er sie bemerkt hätte. »Weiß Er das? Ja, so ist es. Es ist brav, daß Er was Tüchtiges gelernt hat. – Hat Er kein Zahnweh?« »Ich bedauere, daß ich nicht damit aufwarten kann ...« »Vogt,« fuhr der Graf fort, »Sein Weib hat zuweilen Zahnweh; hat sie jetzt keins?« »Seit Erlaucht sie das letzte Mal kuriert haben, hat sie nie wieder davon etwas verspürt.« »Sieht Er wohl«, wandte sich der Graf an Hubert. »Wie lange ist es her, Vogt?« »Mögen bereits drei bis vier Jährlein sein, hochgräfliche Erlaucht.« »Sieht Er wohl?« rief der Graf abermals aus. »Und wie ist es mit Seinem langen Amtsdiener, dem Groschen oder Schilling, oder wie heißt der Mensch, der immer Zahnweh hat ...? Komm' Er einmal her. Er Storchbein!« Schilling trat aus dem Winkel hinter dem Kachelofen, wo er sich bis jetzt möglichst unsichtbar gemacht hatte, vor, mit einer kläglichen Miene, die nicht in dem leisesten Zuge den Schalk, der sich dahinter versteckte, verriet; und indem er mit seinen langen behaarten Fingern ohne Unterlaß über die untere Kinnlade fuhr, sagte er: »Erlaucht, hier sitzt es – hier, es ist ganz erschrecklich ...« »Hinknien!« geruhten Seine Erlaucht zu befehlen. Schilling kniete an derselben Stelle, von der Hubert sich eben erhoben hatte. »Mund auf!« fuhr der Graf fort. Schilling öffnete mit Hast wie eine weite Flügeltür den Zugang zum verborgenen Innern seines physiologischen Systems. Der Graf fuhr mit dem Zeigefinger hinein und machte sich damit an den Zähnen zu schaffen, auf welche Schilling gedeutet hatte. Dieser stieß dabei tiefe, tiefe Seufzer aus, wie die eines Menschen, der eben erleichtert aufatmet beim allmählichen Verschwinden eines unleidlichen Schmerzes. Der Graf murmelte unterdes seinen mysteriösen Spruch; als er fertig war, sagte er: »Er spürt's schon – das tut Ihm gut, nicht wahr? Nun geh' Er, bleiben Ihm in Gnaden gewogen.« »Ich bin wie im Himmel!« sagte Schilling und ging zu seinem alten Platz zurück, »wie im Himmel!« Wie im Himmel, sagte Schilling. Es war ein kühner Vergleich; er war zu kühn. Denn gesetzt auch, Schilling hätte, was wir bezweifeln dürfen, vorher einen ganz entsetzlichen Schmerz an seinen Zähnen empfunden und ihn schwinden gefühlt, so konnte doch nur eine ganz überschwengliche und krankhaft gereizte Phantasie sich in dieser Amtsstube und dem Antlitze Philipp III. von Ruppenstein gegenüber in den Himmel träumen. Der Graf zog seinen Handschuh wieder an. »Vogt,« sagte er, »was wir Ihm sagen wollten, wir haben mißfällig bemerkt, daß die Pöngelder und Brüchten aus Seiner Vogtei mit jedem Jahre geringer werden. In den Kameralregistern figuriert die Vogtei Elsen immer mit dem geringsten Item. Wie kommt das? Will Er mir weismachen, daß das Volk in Seiner Vogtei weniger Kontraventionen mache und etwa redlicher sei als in den andern? Larifari! Was tu' ich mit der Redlichkeit! Er paßt dem Volke nicht auf die Finger! Wie ist's mit den Scortengeldern? Seit zwei Jahren ist aus Seiner Vogtei kein Scortengeld mehr eingelaufen. Wie kommt das? Kann Er sich dawider verdefendieren?« »Wir haben, Gott sei Dank, seitdem keine Gefallene mehr in unsern Gemeinden gehabt, hochgräfliche Erlaucht, keine einzige«, antwortete der Vogt schüchtern. »Keine Gefallene? In fünf Dörfern? Seit zwei Jahren? Wahrhaftig, es sollte mir leid tun! Ist Er ein Kind, Vogt, oder glaubt Er, ich sei eins? Weiß Er was, wir werden der Renitenz wider diese Abgabe ein Ende machen; wir werden Ihm mit nächstem ein Dekret zufertigen lassen, daß Er von nun an das Scortengeld jährlich ohne Ausnahme von jedem Hause in Seiner Vogtei zu erheben hat!« »Das ist allerdings der sicherste Modus!« sagte der Vogt nach einer Pause, deren er bedurfte, um sich über diese erstaunliche Idee zu fassen. Schilling rieb sich mit boshaftem Lächeln im Hintergrunde die Hände. Er dachte an die Widerspenstigkeit der Bauern und die Not des Vogts mit ihnen, wenn Seiner Erlaucht geniale Maßregel wider Schuldige wie Unschuldige zur Ausführung kommen würde. »Hat Er etwas dawider?« fragte Philipp III. »Euer Erlaucht sind der Herr!« Die Erlaucht nickte mit dem Jupiterhaupt. »Und nun wollen wir uns erheben und heimreiten«, fuhr der Graf und Reichsvorfechter in sächsischen Landen fort. »Apropos, Seine Tochter ist ja jetzt zurück, wie ich von Frau von Averdonk höre. Laß Er sie jetzt ihren Hofdienst bei uns antreten, wie ich schon lange befohlen habe. Ich will's, daß es jetzt einmal dazu kommt. Versteht Er mich? Bis Samstag abend muß sie da sein!« »Erlaucht verzeihen,« stammelte der Vogt erblassend, »ich, ich ... Euer hochgräfliche Erlaucht werden zu Gnaden halten –« »Nun, was hat Er? Er wird meinen Befehlen nicht widersprechen wollen?« rief Philipp III. zornig aus. »Will Er etwa neue Regeln und Ordnungen hier im Lande einführen?« Der Vogt stammelte niedergeschmettert etwas von einer andern Bestimmung für seine Tochter. »Andere Bestimmung – Larifari – was geht mich ihre Bestimmung an! Will Er ein böses Beispiel im Lande geben, Vogt, und zeigen, daß man meinen landesherrlichen Befehlen nicht zu obtemperieren braucht? Will Er ein Ärgernis geben? Will Er mir meine Untertanen demoralisieren? Kein Wort weiter! Er weiß: was ich befohlen habe, das geschieht auch; wenn's sein muß, mit Gewalt. Weiß Er was: ich werde eine Hofkutsche herüberschicken am Samstag. Richte Er sich danach.« Hubert hatte bis jetzt dieser Szene in schweigender Zurückgezogenheit zugeschaut und zugehört. Im Anfange hatte ihn das Wesen und Gebaren dieses Landesvaters höchst betroffen und stutzig gemacht, dann mit einer gewissen Heiterkeit erfüllt, jetzt aber, wo er den Vogt völlig hilf- und ratlos dastehen sah, trat er mit seiner ganzen jugendlichen Keckheit vor, und aus innerer Empörung über und über rot, sagte er: »Die Hofkutsche, Erlaucht, können Sie sich sparen – das junge Mädchen wenigstens wird keinen Gebrauch davon machen.« Der Graf wandte sich. Er war bereits auf dem Wege zur Tür; aber bei diesem kecken Widerspruche blieb er stehen, fixierte eine Weile mit großen Augen den Studenten, und dann kehrte er zu seinem Stuhle zurück, auf den er sich wieder niederließ, als ob er das wunderbare und ganz neue Schauspiel eines Menschen, der ihm kühn ins Gesicht zu widersprechen wage, in völliger Gemächlichkeit und bequemer Ruhe genießen wolle. Endlich sagte er barsch: »Was hat Er hier zu reden? Was weiß Er davon? Was geht Ihn die Sache an? He? Antworte Er!« »Was mich die Sache angeht, Erlaucht?« entgegnete Hubert, dem funkelnden Auge Philipp III. mit freiem Blicke mutig begegnend; »nun, sie geht mich an, denn« – Hubert fühlte, daß er mit bloßen Redensarten hier keinen Sieg erfechten werde, daß er sich mit einer schlagenden Tatsache waffnen müsse, kurz, daß ihm nichts übrig bleibe, als auszurufen: »Nehmen Sie an, sie sei meine Braut – ich hätte mich um Marie Stahl beworben, der Vogt sie mir zugesagt – es kann dann für sie keine Rede mehr davon sein, ein Jahr lang an Ihrem Hofe in einen Dienst zu treten!« »Was?« sprudelte der Graf hervor, »das sind mir ja ganz neue Dinge! Seit wann verloben sich unsere Beamtentöchter ohne unsern landesväterlichen Konsens? He, Vogt,« wandte er sich an diesen, »seit wann? Will Er das etwa neu einführen? Er Jakobiner, Er – ihm soll ja das Wetter auf den Kopf fahren – und der Musje, den Er sich da angeschafft hat, um unserer landesherrlichen Würde und Gewalt eine Nase zu drehen, das ist auch wohl so ein Kujon, so ein Nichtsnutz, der bei den Sansculotten drüben in die Schule gegangen ist und das Revolutionieren gelernt hat – aber ich will Euch beibringen, Gott und sein Gebot ehren und Euerm Herrn untertänig sein!« Und nachdem er diese Drohung hervorgesprudelt, tobte Philipp III. noch eine den Styx an dunkler Höllenschwärze übertreffende Flut von Verwünschungen aus, während er seine schwere Reitpeitsche in der drohend erhobenen Faust schüttelte. »Wenn der Vogt Sie nach den Landesgesetzen um den Konsens bitten muß,« erwiderte Hubert fest, aber aus dem Bereich der gräflichen Reitpeitsche sich zurückziehend, »so wird er diesen Konsens einholen. An der Sache ändert das aber nichts. Ich werde das junge Mädchen zu vertreten und zu schützen wissen!« »Ich gebe den Konsens nicht, ich gebe den Konsens nicht!« schrie der Graf in steigender Wut. »So werde ich das Mädchen ohne Konsens heiraten und dann mein Hausrecht zu wahren wissen!« »Was ... Er ... das ist Rebellion, offene Rebellion – – Schilling, Amtsdiener, verhafte Er diesen Menschen da ... schließe Er ihn krumm – Wrechten,« wandte sich Philipp der Tolle dann an den ruhig und beinahe wie teilnahmslos in der Entfernung stehenden Adjutanten – »Wrechten, es ist Rebellion ... es ist Majestätsfrevel – werfe Er sich aufs Pferd, Wrechten, hole Er ein halb Dutzend von meinen Kammerhusaren her – bei Gott im Himmel ...« Der Adjutant entfernte sich rasch. Philipps weitere Befehle wurden aber unterbrochen durch eine Erscheinung, die so plötzlich und unbeachtet dicht vor ihn getreten war, daß sie etwas von dem Überraschenden einer Geistererscheinung hatte; wie ein Geist stand sie in der Tat vor ihm – eine große, todesernste, totenblasse weibliche Gestalt, in weißem Morgengewand, mit großen blauen Augen ihn anstarrend, ihre lange magere Hand auf seinen Arm legend. Nur die zitternde Lippe verriet ihre innere Bewegung; aus ihrem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen; aber dieses marmorbleiche, marmorkalte Gesicht war schön und Ehrfurcht gebietend wie das eines zürnenden Engels. Es war vollkommen jetzt das Gesicht Mariens, das erkannte Hubert in diesem Augenblicke, aber es war das Gesicht Mariens in einem eigentümlich verklärten Abglanze. »Halt, Graf Philipp,« sagte die Frau, in ihrem leisen Tone, »ich habe viel, viel geduldet in diesem Hause und habe es geschehen lassen, weil ich es nicht ändern konnte; aber eins will ich nicht dulden unter meinem Dache, und das ist, daß Gott darin gelästert werde. Sie rufen Gott an ... Sie ... das ist Lästerung. Ich will Sie nicht reden hören von Gott! Was Sie tun und reden, das ist vom Bösen. Es stehen die bösen Teufel hinter Ihnen, die Teufel des Zorns der Gewalt, der Hoffart und der Fleischeslust. Und weil Sie nur die bösen Geister hören und niemand, der Ihnen die Wahrheit sagt, so will ich sie Ihnen sagen. Denn ich fürchte mich nicht vor Ihnen, weil ich das Leben nicht liebe und den Tod nicht scheue. Lassen Sie mich auf einen wilden Hirsch binden, wie Sie's einmal dem armen Zigeuner getan haben, weil er seiner Leibesnahrung nachging und seinen Hunger stillen wollte an Ihrem Wild – ich sage Ihnen doch die Wahrheit. Sie sind ein böser Mensch und ein grausamer Herr. Gott hat Ihnen Land und Leute gegeben, auf daß Sie sorgen dafür und einst davon Rechenschaft ablegen, wie Sie Gottesfurcht und Gottes Ehre darunter gemehrt haben; denn es steht geschrieben: Sehet zu, was Ihr tut, denn Ihr haltet das Gericht nicht den Menschen, sondern dem Herrn...« Der Graf war aufgesprungen bei der unerwarteten Erscheinung, die er anfangs stier angestarrt hatte ... jetzt wich er, wie sich vor ihr fürchtend, langsam einen Schritt nach dem andern vor ihr zurück – sie aber folgte ihm, die Hand drohend gegen ihn ausstreckend, wie eine mahnende, strafende Prophetin. »Sie können die, deren Herr Sie sind,« fuhr sie in demselben leisen Tone fort, »in den Tod treiben, wie Sie mein Kind in den Tod treiben wollen – aber Sie sind nicht unsterblicher als wir alle, und Gott wird nicht warten bis zum jüngsten Tage, Sie zu strafen. Der Herr wird wider Sie sprechen, was er gesprochen hat wider Pharao: Siehe, ich will an dich, du König in Ägypten, du großer Drache, der du in deinem Wasser liegest und sprichst: Der Strom ist mein, und ich habe ihn mir gemacht! So wird er auch Sie vor seinen Richterstuhl rufen; jede Stunde kann der Tod Ihre Stirn berühren, kann der Schlag Sie treffen inmitten Ihrer Lüste, dann werden Sie vor dem stehen, den Sie auf Erden durch Ihr Leben gelästert haben, als der Schlechtesten einer unter den Schlechten!« Der Graf und Reichsvorfechter war bei den letzten Worten der Frau aschfahl im Gesicht geworden. Wenn irgendein Wort in der Welt geeignet war, auf ihn einen niederschmetternden Eindruck zu machen, so war es das Wort: »der Schlag«. Am Schlage waren seine glorreichen Väter seit drei Generationen gestorben. Vor dem Schlage zitterte das Mark in seinen Gebeinen. Selbst seine Ärzte wagten nicht, das Wort vor ihm auszusprechen. »Dies ist eine schreckliche Verschwörung«, sagte er deshalb kleinlaut und gedemütigt, sich immer mehr zurückziehend. »Diese Frau ermordet mich, Wrechten. Führen Sie mich fort, wo sind Sie, Wrechten? führen Sie mich fort«, und dabei machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand, und die Worte stammelnd: »Die Frau ist mein Tod!« nahm er, rückwärts gehend, das verglaste Auge auf die zürnende Mahnerin geheftet, seinen Rückzug aus der Amtsstube und sofort spornstreichs aus dem Hause. Als er fort war, als er draußen, von seinen Leuten mühsam geschoben, glücklich im Sattel saß und an den Gräbern, die rechts und links an seinem Wege lagen, entlang, hinter den Strebepfeilern der Kirche verschwand – da sank die Flamme der Erregung, die in der armen Frau aufgelodert war, zusammen. Ein Strom von Tränen quoll über ihre Wangen. Sie hörte, sie bemerkte gar nicht, daß endlich der zu Tode erschrockene Vogt sich von seinem nicht zu beschreibenden Entsetzen, das ihn bis jetzt hatte starr dastehen lassen, erholte und die vom Schreck versiegelten Lippen öffnete, um einen Strom von Klagen, Vorwürfen, Verwünschungen über sie zu ergießen, einen Strom, der mit dem aus tiefster Seele hervorbrechenden Jammerruf endete: »Nein, die Frau ist zu dumm!« »Ich fürchte, das kostet uns allen hier den Hals!« sagte Schilling und zeigte seine Leichenbittermiene von tödlicher Blässe bedeckt. Auch Hubert hatte während des Vorigen wie von Überraschung an den Boden gefesselt gestanden; jetzt aber war er längst auf die Frau zugeeilt, in die Knie war er vor ihr gefallen, und so drückte er ihre beiden Hände stürmisch an seine Lippen, während er ausrief: »Weinen Sie nicht, weinen Sie doch nicht – es war groß, es war heldenmütig von Ihnen – Sie sind ja wie eine Heilige – Sie haben wie der Engel mit dem feurigen Schwert den Feind in die Flucht geschlagen, Sie haben uns alle gerettet!« Zehntes Kapitel Unters Militär! Die stille Frau hatte sich erhoben und war zum Zimmer hinausgewankt. Der Vogt raufte sich in seiner Verzweiflung das Haar, während Schilling ihn stumm beobachtete und im Anblick dieses Kummers nach und nach die Befriedigung fand, die ihm über sein eigenes innerliches Entsetztsein hinweghalf. Denn Schilling war zwar das allmächtige Faktotum seines Vorgesetzten und lenkte ihn in allen amtlichen Geschäften, wie der Herr die Wasserbäche. Das hinderte aber nicht, daß Schilling seinen Vogt mit denselben Augen betrachtete wie alle übrigen Mitgeschöpfe, welche mit ihm die Luft dieses stillen und abgeschiedenen Tales voll idyllischer Ruhe und Frieden atmeten, nämlich mit entschiedener Mißgunst und Schadenfreude. Ja, er war eine boshafte, schadenfrohe Seele, der Amtsbote von Elsen. Dafür war er ein armer, vielgeplagter Schelm. Er mußte hinaus in Wetter und Wind. Er mußte den Bauern Ladungen, Strafurteile, Mahnzettel und andere angenehme Eröffnungen bringen, bei welchen der Gelassenste und Sanftmütigste den Boten, so unschuldig dieser daran ist, doch mit aller Intensität seines Begehrungsvermögens zum Henker wünscht. Er war der Vermittler aller Drangsale, welche eine arme Bevölkerung heimsuchten, und es schien, er hatte früh instinktartig gefühlt, daß dies ein entsetzlicher Lebensberuf sein würde, wenn man ihn mit Teilnahme und Wohlwollen für die Betroffenen ausübte. Die Sache erleichterte sich nur dann ganz bedeutend, wenn man sich dabei ein gewisses Behagen anlernte und sorgfältig die zarten Keime der Schadenfreude ausbildete und großzog, welche in jedem Menschen liegen, und die auch Schilling gar nicht ungewöhnlich tief versteckt in seiner Brust vorfand. Er hatte auch gar keine Mühe mit der Entwicklung so glücklicher Anlagen; sie wuchsen von selber, sie wuchsen mit jedem Tage, an welchem er müde, durchnäßt und hungrig in seine Hütte zurückkehrte; mit jedem Tage, an welchem er aus Ungeduld über seines Vogts unbehilfliche, endlos schleppende, nie zum Ende kommende Behandlung der einfachsten Geschäfte, die ihn warten, stehen, rennen und mit Warten, Stehen, Rennen immer aufs neue beginnen ließ, hätte aus der Haut fahren mögen; mit jedem Tage, an welchem er sich den bittern Erfahrungssatz wiederholte, daß ein armer, von einem Jammersold zehrender Unterbeamter zu dem Leben eines Hundes verdammt sei. Schilling also beruhigte sich jetzt alsbald über seine eigene Sorge, indem er schadenfroh die Verzweiflung seines Vorgesetzten beobachtete. Er überließ diesen darauf sich selber und wandte Hubert seine Aufmerksamkeit zu. »Mache der Herr Student, daß er fortkommt,« sagte er, »je eher, desto besser!« Hubert blickte eine Weile auf den Vogt, als ob er eine Meinungsäußerung von diesem erwarte. Der Vogt aber war so tief in seine eigene Ratlosigkeit versunken, daß er sicherlich nicht daran dachte, mit seinem Rat jemand anderm beizustehen – er beschäftigte sich in diesem Augenblick damit, in erschrecklicher Trostlosigkeit mit beiden flachen Händen unaufhörlich auf seine Knie zu schlagen. »Ich muß zuerst mit Marie reden«, sagte Hubert nach einer Pause; »wo ist sie? Führen Sie mich zu ihr!« Als Hubert in die Wohnstube eintrat, stand Marie auf; mit bleichen Zügen, die ihre innere Bewegung verrieten, aber unbefangenen Blicks trat sie ihm entgegen und reichte ihm lebhaft ihre Rechte. »Ich habe von meiner Mutter gehört,« sagte sie, »was Sie für mich getan haben. Ich danke Ihnen aus voller Seele dafür – mein ganzes Leben hindurch wird die Dankbarkeit für Ihre Hochherzigkeit nicht in mir erlöschen.« Hubert schüttelte einen Augenblick schweigend die Hand, welche ihm mit so warmem Druck entgegenkam. »Ich wollte, die Gefahr wäre größer gewesen«, antwortete er dann: »ich würde Ihnen zuliebe größern Gefahren trotzen als dieser, die mich freilich zu einer weitern Flucht zwingt, sobald wir uns gegenseitig ausgesprochen und darüber verständigt haben ... daß ...« »Nun daß ...« Marie blickte fragend zu ihm auf. Sie begegnete einem Blicke, der sie plötzlich über und über erröten machte. Rasch entzog sie ihm die Hand, welche er noch immer gefaßt hielt, und trat ein paar Schritte zurück. Huberts Verlegenheit stieg. Es ging ihm eine Ahnung auf, daß er Mariens Herzlichkeit vollständig mißverstanden. Stotternd sagte er endlich: »Glauben Sie nicht, Marie, daß ich Vorteile aus unserer Lage ziehen will, die Sie ... vielleicht nicht ... mir einräumen wollen ... ich habe wirklich nicht im entferntesten gedacht ...« Marie wandte sich ab und nahm rasch ihren vorigen Platz hinter dem kleinen Nähtische wieder ein, hinter welchem sie gesessen, als ob sie etwas wie einen Schutz dahinter suche. »Wie könnt' ich von Ihnen etwas Unehrenhaftes glauben,« sagte sie dann, »ich meine, wir haben uns verstanden und können dies Gespräch fallen lassen.« Die stille Frau hatte unterdes die beiden jungen Leute aufmerksam beobachtet und offenbar nicht verstanden. »Meine Tochter«, sagte sie leise, »hat, wie ich fürchte, eine andere Neigung. Es kann aber niemals etwas daraus werden. Sie wird es bald einsehen und sich besinnen. Lassen Sie ihr Zeit dazu. Mir werden Sie willkommen und lieb sein. Sie sind erzogen von einem guten und redlichen Manne. Ich vertraue Ihnen. Aber Ihres Bleibens ist nicht länger hier, Sie müssen sich retten.« »Also auch Sie, die so mutig den Feind in die Flucht geschlagen, Sie glauben noch an Gefahr? – Gut denn; aber ich gehe nicht eher, als bis ich auch Marien in Sicherheit weiß!« Die stille Frau schwieg eine Weile. Dann sagte sie: »Nun wohl, ich will Sie beruhigen über Marie. Ich will sie zu jemand bringen, unter dessen Dach ihr kein Haar gekrümmt werden wird. Zu einem Ehrenmanne, an dessen festen Schloßmauern die Stirn des Gewaltigen sich brechen wird. Noch in der kommenden Nacht werde ich mein Kind in seine Obhut bringen. Er wird mir seinen Schutz nicht versagen,« »Gott gebe es«, antwortete Hubert; »aber es ist ein wunderliches Land hier, wo die Menschen sich hinter feste Mauern flüchten müssen, weil die, welche die Macht haben, bei ihren Leidenschaften sich weder um Gesetz noch Recht scheinen kümmern zu brauchen. Es ist wahrhaftig schade, daß auf diesen öden und rauhen Bergkuppen nicht die alte heilige Feme mehr in voller Blüte steht; solch einem Herrn wie diesem Philipp wünscht man von ganzer Seele den Weidenstrick um den Hals. Man begreift aber auch, warum diese kurze und handliche Manier, Ruhe und Frieden zu stiften, just hier im Lande erfunden wurde! – Wollen Sie mir nicht den Namen des Mannes anvertrauen, zu dem Sie Marien bringen werden?« Die Frau des Vogts schüttelte mit dem Kopfe. »Sie soll dort in Sicherheit und in Ruhe sein vor allem, was sie bedrängen kann«, entgegnete sie. »Ich will seinen Namen niemand nennen. Es ist ein Herr, den Sie ohnehin nicht kennen. Ich war einst als junges Mädchen ein Jahr lang in seinem Hause. Meine Eltern hatten mich dahin gegeben, damit ich das Hauswesen lerne. Seitdem ist er mir gewogen geblieben. Er ist auch gütig gegen Marie gesinnt; er hat mehreremal bei uns vorgesprochen, wenn ihn sein Weg in diese Gegend führte ... Er hat ebenfalls Leid und Kummer um sein Kind getragen, in frühem Jahren, und hat viel erlebt und ist rauh geworden und hart, daß die Menschen ihn fürchten. Aber ich weiß, daß er gut ist. Er wird mich nicht zurückweisen in meinem Elend!« »So bleibt mir nichts übrig als zu gehen«, sagte Hubert. »Zögern Sie jetzt nicht länger zu fliehen«, sagte die Frau des Vogts. Die Zeit drängt. Lassen Sie von Schilling sich führen; er wird Ihnen den Weg zeigen, um die nächste Grenze zu erreichen. Kommen Sie, ich will es Schilling selbst auftragen.« Rasch hatte Hubert sich reisefertig gemacht und stand schon auf dem Flur, und Schilling trat neben ihn, um den Wegweiser zu machen. Sie gingen über den Kirchhof, dann rechts um die alte Kirche herum, eine Stiege hinab und durch eine lange Dorfgasse. »Nehmen wir einen Weg,« bemerkte Hubert, »der uns nicht durch die Dudenrodische Hovesaat führt... Gott weiß es, daß ich ein unschuldiger Mensch bin, aber ich habe es hier in wenigen Tagen schon dahin gebracht, daß ich zweier Herren Länder vermeiden muß.« Sie schritten weiter. Als sie dem Ausgange des Dorfes nahe waren, fragte Hubert: »Wie weit werde ich zu gehen haben, bis ich an die Grenze komme?« »Eine starke Stunde, das heißt, wenn Sie so weit kommen«, fiel Schilling ein, indem er sich umwandte und stehen blieb. Auch Hubert wandte sich; er vernahm in diesem Augenblick den Hufschlag eines galoppierenden Pferdes, das hinter ihnen drein die Dorfgasse herunterkam. Es war ein Reiter in blauer Uniform, der sich näherte und um den allerlei gelbes Schnür- und Riemenwerk flatterte, als er in voller Hast dahergesprengt kam. »Das wird doch mir nicht gelten?« rief Hubert erschrocken aus. Schilling schob mit einer schnellen, unvermuteten Bewegung seinen Arm unter den Huberts, erfaßte diesen und sagte: »Wir werden es ja sehen – der Mann winkt und danach scheint es beinaheso ...« »Alle Teufel, so lassen Sie mich doch –« »Damit ich um meinen Dienst bin, wenn ich Sie durchbrennen lasse!«, versetzte Schilling kühl: »daraus wird nichts – nur still gestanden!« Hubert wollte ihn gewaltsam von sich schleudern, aber Schillings Hand war wie eine eiserne Klammer. »Nur ruhig!« sagte er mit einer höhnischen Kaltblütigkeit. »Ein schöner Führer, den man mir mitgegeben hat«, dachte Hubert und war versucht, zornig in des Vogts Redensart: die Frau ist zu dumm! einzustimmen, als der blaue Reiter auf schweißbedecktem Pferde neben ihnen hielt. »Ist das der Student?« fuhr er Schilling an. »Ja, Herr Kammerhusar – das ist er; er wollte durchgehen, ich habe ihn festgehalten.« »Brav von ihm,« fuhr der Husar fort, »jetzt kann er helfen, ihn eskortieren.« »Wohin?« »Nach Ruppenstein! Er soll unters Militär. Vorwärts!« Der Mann wandte sein Pferd und zog zugleich ein Pistol aus der Satteltasche hervor, dessen Hahn er spannte. »Vorwärts, vorwärts!« wiederholte er dann barsch. Hubert begriff zu gut, daß ihm Einwände und Worte hier nicht helfen würden; so schritt er jetzt voran, den Weg, den er gekommen, zurück. Ungefähr eine Viertelstunde vor dem Dorfe begegnete ihm eine schwerfällige alte Karosse, mit einem Kutscher in abgetragener Livree, mit zwei alten, mühsam den schlechten Weg daherkeuchenden Rappen bespannt. In dem Wagen saß eine seltsam und altfränkisch aufgeputzte Dame mit hoher gepuderter Frisur, die sich beim Anblick des Gefangenen aus dem Wagenschlag vorbeugte und mit ihren kleinen blinzelnden Augen neugierig auf den Studenten blickte. Schilling und der Kammerhusar grüßten sie ehrerbietig, was die Dame mit einer Art stolzer Herablassung erwiderte. »Wer ist die alte Person?« fragte Hubert, der bis jetzt keinen seiner Begleiter einer Anrede gewürdigt hatte. »Das ist die Mamsellen-Mutter vom Schloß,« versetzte Schilling, »die besorgt unserer Erlaucht das ganze Hauswesen und hat einen großen Stein bei ihm im Brett. Jetzt wird sie die Mamsell Marie abholen; hab' mir's gedacht, daß es das Ende von der Geschichte sein würde.« Hubert antwortete nicht. Er fühlte einen dämonischen Zorn, einen unsäglichen Groll in sich aufsteigen, in welchem er etwas wie einen Mord hätte begehen können. Seine jugendfrische offene Natur hatte noch nicht gelernt, sich wie eine feige und sklavische Welt um ihn her fügsam mit dem schreiendsten Unrecht zu vertragen. Der Gewalt gegenüber zuckte in ihm jeder Nerv im Drange nach Vergeltung durch Gewalt. Er dachte an Franz von Ardey; er dachte sich an die Stelle dieses Menschen, der so ruhig sich in die Herrschaft eines bösen Weibes zu fügen schien ... er, in dessen Lage, hätte lieber seine Knechte bewaffnet, alles Gesindel der Gegend angeworben, die Zigeunerdörfer aufgewiegelt und mit ihnen dieses Ruppenstein überfallen, niedergebrannt, vom Erdboden vertilgt, den »Tollen« an langsamem Feuer geröstet, und dann den Karl Moor in den fernen Gebirgen, die mit ihren rauhen baumlosen Kuppen im Osten und Süden vor ihm den Horizont schlossen, gespielt. Hubert hatte einmal den Karl Moor von einer wandernden Schauspieltruppe aufführen sehen. Er hatte darüber gespottet. Das Stück war ihm vorgekommen wie ein Zerrbild. Er hatte nirgends eine Welt gesehen, wohin es paßte; nirgends Menschen in Fleisch und Blut erblickt, an welche die Ausgeburten des Poeten ihn erinnert hätten. Heute begriff er den Karl Moor und begriff den Poeten! Noch eine Weile und Ruppenstein lag vor dem Gefangenen und seinen Häschern. Die alten, aus Bruchstein aufgeführten Häuser des Städtleins zogen sich einen Berghang hinan, der in der Mitte zwischen zwei tief in die Bergwände eingeschnittenen Schluchten lag; wenn etwas in dem dürftigen Neste hätte die Habgier eines Feindes oder einer Bande, wie wir vorhin Hubert eine in seinen zornigen Gedanken organisieren sahen, reizen können, so würden jene Schluchten ein Verteidigungsmittel von großem Wert gewesen sein. Jenseits des Orts, auf der halben Höhe des Berges, erhob sich ein massiver mächtiger Steinbau, das Schloß Ruppenstein, die Residenz Philipps des Tollen. Es stand so breit, stolz und selbstbewußt da, als sei der Eckstein der Gerechtigkeit selber hineingemauert, als bärgen sich moralische Schätze in seinem Innern, mehr als irdische im Turme des Rhampsinit, als sei jeder Tag seiner ruhmvollen Geschichte bezeichnet mit einem neuen Verdienst um das Glück derer, die sich vertrauend im Schatten seiner Mauern da unten angesiedelt; als ruhe auf jeder seiner Zinnen das Andenken an eine glorreiche Tat des Geschlechts, das sie aufgebaut; eine Tat des Sieges und des Schutzes für das Wohl und den geistigen Frieden der Menschen. So sah es aus, Schloß Ruppenstein, von weitem. Nach der Talseite hin, von welcher Hubert kam, war das Städtlein mit einer verfallenden, aber hohen, hier und da neugeflickten Mauer geschützt. In der Mitte hob sich ein alter Torbau mit verwitterten Zinnen und verwitterten Wappen. Ein Soldat in grauer Uniform und mit dunkelgrünen Aufschlägen ging mit geschulterter Muskete davor auf und ab. Der Kammerhusar ritt an ihm vorüber, durch das Tor, und hielt vor einem Häuschen still, das an der innern Torseite links angebaut war. Es war die Wachtstube. Hubert wurde hier dem Gefreiten übergeben, der mit drei Mann den Posten inne hatte. Der Kammerhusar ritt weiter, um seinen Fang im Schlosse zu melden und die weitern Befehle des Gebieters einzuholen. Schilling trabte hinter ihm drein, vielleicht um eine Gelegenheit zu erspähen, dem Herrn seine geleisteten Dienste rühmen zu lassen. Hubert warf sich ermüdet auf die Pritsche im Hintergrunde des kleinen, dunkeln, räucherigen Nachtlokals, um unterdes mit Muße über sein Schicksal nachzudenken. Wenn es wahr war, was der Kammerherr gesagt, daß er unter das Militär gesteckt werden sollte – und die Ablieferung in die Hände der Torwache schien dafür zu sprechen – so mußte dieses Schicksal trübselig sein. Wie unglücklich sahen die vier alten, magern, verwitterten Menschen in den knappen, erstickenden, abgetragenen Monturen aus, die in dieser Höhle eine von einer giftigen Tabaksorte verpestete Atmosphäre atmeten! Mt ihnen in Reihe und Glied gestellt, mit ihnen gedrillt, gescholten, mißhandelt zu werden, aus jeder Anrede eines Unteroffiziers die offizielle Versicherung heraushören zu müssen, daß man als ehrlos und für jede Beleidigung wie vogelfrei betrachtet werde ... es war ein schauriger Gedanke, und es gehörte des Studenten unerschütterlicher Mut, seine elastische Geisteskraft dazu, in dieser Lage nicht zu verzagen. Elftes Kapitel Enthüllungen. Der Österreicher weicht, der Franzose rückt ein, und der Preuße erfreut sich des Schauspiels Während der gefangene Student dem Schicksal entgegenharrt, welches der zornige Reichsgraf über ihn zu verhängen geruhen wird, wollen wir uns nach Köln zurückversetzen, um uns nach unsern dortigen friedlichen Freunden umzusehen. Es war um die Stunde der Dämmerung. Professor Bracht saß in seinem Studierstüblein hinter dem Auditorium bei seinen Büchern, die Frau Professorin überwachte von der Küche aus das Ladengeschäft. Professor Bracht war aber in seinem Studio nicht allein. Traudchen Gymnich war gekommen, aber die sonst immer tätige, mit irgendeiner Arbeit Beschäftigte, ließ heute ihre Hände müßig im Schoß ruhen und blickte nachdenklich in die Flamme des Lichts. »Ach,« sagte sie nach einer langen Pause mit einem schmerzlichen Seufzer, »wäre ich nur ein Mann – dann wäre alles gut!« Des Professors Miene drückte nicht aus, daß er für Traudchen viel gewonnen glaube, wenn sie ein Mann gewesen wäre. Es ist möglich, daß, obwohl er ein alter Professor war, sie ihm so besser gefiel. »Ich bin immer noch der Ansicht,« sagte er, »man wendet sich an die Obrigkeit. Da der Studiosus Hubert Bender nunmehro nach allbereits vierzehn Tagen immer noch nicht heimgekehrt ist, so wäre es auch schon unsere Pflicht, geziementlich dem Rektor und Senat unserer Hochschule von seinem Verschwinden Anzeige zu wachen. Und weil wir seine Spur auch in der Tat gefunden, so würden Rektor und Senat sicherlich mit ihrer Autorität dazwischentreten.« »Ach, Herr Professor, die würden viel ausrichten!« rief Traudchen unwillig aus. »Sie würden schreiben, beraten, dann wieder schreiben und wieder beraten, endlich an irgend jemand, den es angehen könnte im Lande da drüben, einen langen Brief in sehr schönem Lateinisch erlassen, worauf sie nach einem Vierteljahr die Antwort erhielten, man fände drüben nichts von dem verlorenen Studenten in den Akten ... Damit wäre viel geholfen! Nein, nein – so nicht! Lieber ziehe ich selber die Kleider eines Mannes an und wandere ihnen nach, diesen bösen Menschen, bis ich sie finde, und schmettere sie zu Boden mit dem, was ...« Sie vollendete nicht, sondern verschwieg das Ende ihres Satzes. »Was wollte Sie sagen, Jungfer Traud?« fragte der Professor. »Nun, mit dem, was ich weiß!« stieß Traudchen wie zornig heraus. Professor Bracht zuckte die Achseln. »Es sind Phantasmata, Kind«, sagte er. »Sie ist nun einmal kein Mann, und wenn etwas für den armen Menschen geschehen soll, so muß es anders angefaßt werden.« Traudchen schwieg wieder. Nach einer Pause, während deren ihre Gedanken eine ganz andere Richtung schienen eingeschlagen zu haben, sagte sie plötzlich: »Glauben Sie denn auch, was die Leute reden, daß wir die Franzosen nächstens hier haben würden? Wenn der Ohm Gymnich abends aus dem Weinhause kommt, so schwört er Stein und Bein darauf, sie würden am andern Tage vor dem Hahnentore stehen.« »Nun, es ist möglich genug, und gewiß ist, daß sie nicht davor stehen bleiben, vor dem Hahnentore, Traud. Der Ohm Gymnich! Er ist auch einer von der schlimmen Bande, die sich das tausendjährige Reich und alle Herrlichkeit von ihnen verspricht. Sie werden es bereuen, bitter bereuen, wenn wir diese edlen Krieger, deren jeder den Tornister voll Brüderlichkeit, Gleichheit und Heil für die ganze Welt hat, mehr in der Nähe zu sehen bekommen ... sie werden's bereuen!« »Der Ohm Gymnich«, fuhr Traudchen fort, »kommt alle Tage trunken heim, und dann schwatzt er alles aus, was sie in dem Weinhause ausgemacht haben. Auf dem Neunmarkt wollen sie den Freiheitsbaum errichten, und den Magistrat, sagte er, und die Vierundvierziger könnten er und seine Freunde jetzt schon um den kleinen Finger wickeln.« Professor Bracht nickte trübselig mit dem Kopfe. »Wenn er das im Rausche sagt, so ist es leider darum nicht minder die Wahrheit. Seit der Preuße in Basel mit den Republikanern Frieden gemacht und Österreich im Stich gelassen hat, kann uns der Kaiser nicht mehr schützen. Der österreichische General Graf Baillot hat wenigstens den Schatz, den die Stadt in ihrem Zeughaus besitzt, retten und aufs andere Rheinufer bringen lassen wollen. Es sind eine Fülle guter Geschütze und Waffen darin. Aber die Schreier, wie Ihr Ohm Gymnich, gönnen sie lieber den Franzosen als den Österreichern, und daher hat der Rat es dem General abgeschlagen. Heute nachmittag ging die Nachricht durch die Stadt, man hätte vor dem Ehrentore und dem Hahnentore draußen in der Ferne eine Kanonade gehört. Vielleicht haben wir morgen die ganze österreichische Armee hier auf dem Rückzuge. Und dann kommen schlimme Zeiten über uns – schlimme Zeiten, Traudchen!« Die Sorgen und ängstlichen Voraussagungen des alten Mannes schienen Traudchen nicht sehr zu rühren. »Und wohin würden sich die österreichischen Heere wohl wenden, wenn sie sich vor den Franzosen zurückziehen und auf die andere Rheinseite hinüber müßten?« fragte sie ruhig. »Wohin? Nun, ins Bergische hinein, nach dem Süderland und so weiter, durch Hessen ins Fränkische.« Traudchen Gymnich schien diese Rückzugslinie der Österreicher allerhand zu denken zu geben. »Wenn ich ein Mann wäre,« sagte sie nach einer Weile, »so zöge ich mit ihnen!« »Mit den Österreichern? Sie?« Traudchen antwortete nicht. Nach einer Pause fragte sie: Ist keiner unter Ihren Bekannten, der den General Baillot kennt?« »Niemand«, versetzte der Professor. »Und wenn es der Fall wäre?« Bevor Traudchen geantwortet hatte, wurden draußen Stimmen und Schritte laut. Man hörte in dem Auditorium des Professors die Stimme der Hausfrau, welche einen Fremden zurechtwies, und gleich darauf klopfte es an des Professors Stüblein. Auf Brachts: Herein! öffnete sich die Tür und eine wohlbeleibte Gestalt trat ein; niemand anders als unser guter Bekannter, Herr Stevenberg, der Künstler und Heraldikus. Der Gelehrte bot ihm einen Stuhl. Herr Stevenberg setzte sich und sah mit düsterer, gerunzelter Miene, seinen Hut zwischen die Knie geklemmt und die Hände auf seine Schenkel stützend, zuerst den Professor, dann Traudchen Gymnich und sodann das bescheiden bürgerlich eingerichtete Stübchen an, in welchem er sich befand. Nach dieser Rundschau stürzte er mit einer merkwürdigen Hast die Frage hervor: »Ist der Studiosus Bender nicht hier? ... hat mir gesagt, er wäre um diese Stunde hier zu finden ... damit ich nicht so weit zu laufen habe, bis ... ha, ha, ha ,.. bis hinter St. Georg ...« »Kennen Sie den Studenten Bender? Was wollten Sie ihm sagen?« fragte eifrig Traudchen, die bei dem Namen hoch aufgehorcht hatte. »Kennen? ... den Studiosus Bender? Wie sollt' ich ihn kennen! Er ist nur einmal vor mehreren Wochen bei mir gewesen. Hat mich um einen Gefallen gebeten.« »Und worin bestand der Gefallen?« fragte Traudchen Gymnich, welche aufgestanden war, sich vor den Tisch gestellt hatte, an dem die beiden Männer saßen, und, indem sie ihre Hand darauf stützte, gespannt in das Antlitz des Wappenmalers blickte. »Worin er bestand? ...« versetzte Herr Stevenberg; »er wollte wissen, ob ich ihm nichts sagen könne über eine Familie Walrave von drüben her, aus dem Süderlande ...« »Walrave?« rief Traudchen Gymnich höchst überrascht aus. »Nun ja, Walrave«, fuhr Herr Stevenberg fort, und es war augenscheinlich, daß der Klang dieses Namens das Gepräge einer tiefen Melancholie auf seine Züge drückte ... »Ich habe erfahren,« sagte er dann, »und wenn Sie den Studenten sehen, so sagen Sie's ihm ... daß die Walrave ausgestorben sind. Schon seit vielleicht zwanzig Jahren oder noch länger. Der letzte von ihnen ist Wilbrand Goswin von Walrave gewesen, ein ruchloser Patron, der in seiner Jugend drüben im Lande auf eine für andere friedfertige Leute höchst unbequeme Art seinen Mutwillen ausgetobt hat. Zuletzt«, fuhr der Wappenmaler fort, »hat er aus lauter Übermut sich ... ha ha ha ... das Vergnügen gemacht, sich aufzuhängen!« Herr Stevenberg mußte erst einem Anfall seiner Lachlust nachgeben, bevor er fortfahren konnte: »Es ist das eine wunderliche Geschichte, von der man nicht recht weiß, wie sie zusammenhängt. Es ist ein Fräulein von Stovelar zu Equordt und Dudenrode da im Lande gewesen, eine reiche Erbtochter, nach der hat ein Baron von Averdonk gefreit.« »Das sind ja die Leute, von denen Sie uns gesprochen haben, als wir Ihnen das Siegel mit dem großen Wappen brachten«, fiel hier der Professor ein. »Ganz dieselben«, sagte Herr Stevenberg, mit einer Miene, als ob die Erinnerung an diesen Umstand etwas tief Schmerzliches für ihn habe, und dann setzte er hinzu: »Sie sind auch schon verlobt gewesen, da ist dieser Wilbrand von Walrave dazwischengekommen und hat das Erbfräulein für sich gewonnen, und man hat gesagt, der Bräutigam, der Herr von Averdonk, habe die Angst vor dem tollen Walrave bekommen und sich gar nicht mehr außerhalb seines Hauses – ich meine, Amelsborn muß sein Gut heißen – sehen lassen. Das hat nun eine Weile allerlei Hader und Span gegeben zwischen dem Erbfräulein von Stovelar und ihren Eltern, die den Walrave sich nicht haben über die Schwelle kommen lassen wollen, und dem Averdonk – bis eines schönen Tages gar plötzlich und unvermutet der alte Herr von Stovelar auf Dudenrode, der Vater des Erbfräuleins, gestorben ist. Nun hat jedermann geglaubt, der Walrave werde jetzt seinen Willen durchsetzen und das reiche Fräulein heimführen; aber die Mutter hat darauf angetragen, daß ihres seligen Mannes Freund, ein alter Herr von Eggenrode, zum Vormund ihrer Tochter gesetzt werde, und der hat gewußt, der Sache auf irgendeine Weise ein Ende zu machen; der Walrave hat weichen müssen und nach kurzer Zeit ist er, wie man gesagt hat, im Walde gefunden worden, an einem Eichbaume aufgehängt. Anfangs hat es geheißen, er habe sich selber ums Leben gebracht, denn sein Hab und Gut sei verzehrt und verschleudert gewesen, und seine Juden hätten nicht Lust gehabt, für seinen weitern standesmäßigen Unterhalt zu sorgen. Später aber hat man gesagt, der alte Eggenrode sei noch einer von den alten Wissenden und Freischöffen da aus der Gegend, der hätte mit einigen seiner Bauern Gericht über ihn im Walde gehalten und ihn an die Eiche gehängt, um seiner vielen Missetaten willen! Daran ist nun freilich nicht zu glauben; ich habe, so oft ich drüben im Lande gewesen bin, niemals eine Silbe mehr von dem alten Wesen gehört; und es ist auch gesagt worden, es sei alles nicht wahr, der Walrave sei gar nicht tot gefunden worden, sondern habe sich still aus der Gegend verzogen. Dem sei nun wie ihm wolle, mag der Walrave an der Eiche gehangen haben oder nicht, genug, das Erbfräulein hat den Averdonk heiraten müssen, und auf dem Schlosse Dudenrode wohnen sie noch heute, und das ist, was ich mir habe erzählen lassen, und wenn der Studiosus damit nicht zufrieden ist, so muß er sich an den Herrn Kanonikus Klevesahl an St. Aposteln wenden, der, wie mir gesagt worden ist, vor Jahren als Pfarrgeistlicher im Süderlande, in derselben Gegend, gestanden hat und vielleicht Genaueres weiß!« Professor Bracht versicherte ihm, daß er zwar nicht wisse, welches Interesse sein abwesender fleißiger Zuhörer und Scholar an dieser Geschichte gehabt haben könne, daß sie aber jedenfalls merkwürdig genug sei, um sie sich einzuprägen, und daß er sie dem Studenten getreulich berichten wolle, sobald er ihn wiedersehe; und da ihm Herr Stevenberg nicht der Mann schien, von dem in der Angelegenheit Huberts eine besonders praktische Auffassung zu erhoffen, noch irgendein guter Rat einzuholen, so ließ er es bei diesen Worten bewenden, was den Wappenmaler dann veranlaßte, ohne weiteres Zürnen oder ferneres Gelächter seinen Aufbruch einzuleiten und sich endlich zu verabschieden. Als der Professor ihm über den Vorsaal geleuchtet hatte und zurückkam, fuhr das junge Mädchen wie aus einem Traume auf – sie legte hastig die Hand auf den Arm des Professors, und indem sie mit der andern Hand ein Papier aus ihrem Busen hervorzog, sagte sie in einem Tone, durch den etwas wie ein lauter Jubel klang: »Jetzt weiß ich alles, alles ... diese Menschen sind in meine Hand gegeben ... Professor, lesen Sie das – lesen Sie ...« Der Professor sah sie betroffen an, dann nahm er das Papier, schlug es auseinander und las, indem er es der Lampe nahe brachte, die folgenden Zeilen, die auf einem von oben an beschriebenen Folioblatt standen: »Demnach mir mitgeteilt ist, daß hiesigen Orts obrigkeitlich dem vorübergehenden Aufenthalt des Herrn Wilbrand von Walrave, jetzo genannt von Ripperda, Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden wollen, so bezeuge ich demselben auf sein Ansuchen, daß selbiger, obwohl anitzo Emigrant, doch von teutscher Herkunft und aus dem Gelderland daheim ist. Derselbige ist mir als solcher seit vielen Jahren von Person wohl bekannt, und traute ich selbsten ihme Anno 1777 mit dem hochwohlgebornen Freifräulein Gebharde Josephe von Stovelar zu Equordt und Dudenrode. Solches geschah am 13. Augusti adcitirten Jahres in der Pfarrkirchen zu Wolfshagen. Nachderhand um eine Anstellung in Frankreich zu suchen, verließ Herr von Ripperda das teutsche Vaterland, wurde Capitaine des chasses des Herzogs von Condé und kehret anitzo, weil der Herzog sich hat flüchten müssen, zurück. Ich bitte deshalb, ihme, als mir wohlbekannten und respectabeln Manne kein Hindernuß in den Weg zu legen, wenn er hiesigen Ortes zu verweilen wünschet. Augustin Klevesahl, Canonicus ad S. S. Apostolos Nachdem der Professor dieses seltsame Instrument halblaut für sich hin gelesen hatte, sah er verwundert zu Traudchen auf. »Das ist eine verwunderliche Sache!« rief er aus. »Herr Hubert Bender spürt einem Herrn von Walrave nach, Walrave ist Ripperda, Ripperda ist getraut mit Fräulein Gebharde von Stovelar, die wieder, wie Stevenberg behauptet, mit dem Freiherrn von Averdonk verheiratet ist; und diese selbe Frau von Averdonk entführt den Herrn Bender – höre Sie, Traud, mir steht der Verstand still ...« »Und der meine bekommt Flügel wie ein Falke dabei ...« fiel Traudchen Gymnich ein. »Aber da hätte ja die Frau von Averdonk zwei Männer zur Ehe genommen ... das heißt, sie hätte, wenn dieser Maler Stevenberg die Wahrheit angibt ... aber es ist ganz unglaublich, Traudchen!« »Unglaublich? Herr Professor« – rief das junge Mädchen in höchster Aufregung aus – »weshalb unglaublich? Wenn sie ein gutes Gewissen hätten, diese Leute, so würden sie nicht das Tageslicht scheuen und nicht heimlich bei nächtlicher Weile in einem alten, von keinem Menschen besuchten Hause zusammenkommen; noch weniger würden sie jemand, der sie belauscht, behandeln, wie sie Hubert Bender behandelt haben, und sich seiner bemächtigen, um ihn unschädlich zu machen, auf daß er ihre verbrecherischen Geheimnisse nicht verrät.« Der Professor wiegte nachdenklich das Haupt. »Um Gottes willen, woher hat Sie das Papier, Jungfer Traud? Sie hat es unter den Sachen des Herrn von Ripperda gefunden?« »Ich habe es gefunden«, versetzte das junge Mädchen. »Und Sie hat es ihm fortgenommen?« Jungfer Traud bejahte durch ein ruhiges Nicken des Kopfes. »Aber«, sagte der Professor ... Traudchen sah ihn so an, daß er seine Worte für sich behielt. »Wenn man Krieg führt, Krieg auf Tod und Leben, darf man seinem Feinde doch die Waffen nehmen!« sagte sie. »Sie ist in seinem Dienst ... Sie muß seine Sachen durchstöbert und durchkramt haben ...« Traudchen hörte gar nicht mehr auf diese Gewissensskrupel des alten Mannes. Sie war zu sehr von einem Gedanken beherrscht, zu ausschließlich mit aller Energie ihrer Seele einem Ziele hingegeben, als daß sie ein Organ für solche Bedenken gehabt hätte. »Es ist seltsam gefaßt«, sagte der Professor, indem er noch einmal die Schrift überflog. »Wie eine Rekommendation bei dem Bürgermeister sieht es aus ... weshalb der Kanonikus aber die ganze Lebensgeschichte dieses Ripperda hineingesetzt hat, und besonders daß er ihn getraut habe ... das ist auffallend, das begreife ich nicht.« »Welche Absicht er auch gehabt haben mag,« antwortete Traudchen, »so viel ist gewiß, diese Menschen sind dadurch in meine Hände gegeben, und ich werde mit ihnen ins Gericht gehen, und wehe ihnen, wenn sie an Hubert Bender so gefrevelt haben, daß es nicht mehr in ihrer Macht steht, es vollauf wieder gut zu machen!« »Traudchen, was will Sie tun?« fragte der Professor erschrocken. »Wenn Sie es durchaus wagen will, von diesem Papier da Gebrauch zu machen, so wende Sie sich im geheim an einen tüchtigen Advokaten. Lasse Sie den seine Maßregeln ergreifen.« »An einen Fremden?« erwiderte das junge Mädchen – – »nein, nein, einem Fremden gebe ich dieses Blatt nicht in die Hände. Er könnte es sich von den Leuten, welche es angeht, für eine große Summe Geldes abkaufen lassen! Die Versuchung ist zu groß. Nein – ich selbst muß handeln. Und bald, bald ... sonst wird es zu spät. Hubert Bender ist jetzt seit vielen Tagen fort, und es ist kein Lebenszeichen von ihm da – ich ertrage das nicht länger«, setzte sie halblaut hinzu und barg ihr Gesicht in beiden Händen. In diesem Augenblick wurde das Tête-à-tête des Professors mit seiner jungen Freundin unterbrochen. Die Frau Professorin kam eilig durch das Auditorium dahergeschritten und riß rasch die Tür auf. »Bracht,« rief sie mit einer hohen, eifernden Stimme, »wo steckst du? – Um Gottes willen, da sitzt der Mann und schwatzt und kümmert sich um die Welt nicht – und draußen auf der Gasse laufen bereits alle Leute zusammen.« »Die Leute werden schwerlich bemerken, daß ich unter ihnen fehle!« entgegnete Bracht, indem er sein gelehrtes Haupt ruhig seiner zürnenden Gattin zuwandte. »Nun seh' Sie, Traud,« eiferte die aufgeregte Dame weiter, »das sind so seine Redensarten, womit er einen zur Verzweiflung bringt – es ist nicht auszuhalten mit dem Mann! – Ei, so steh' doch auf und geh' hinaus und geh' aufs Rathaus und höre zu, was es denn eigentlich gibt. Sie sagen draußen, die Österreicher seien wieder von den Franzosen geschlagen und seien auf dem vollen Rückzuge von Jülich und Düren her, und zwischen hier und Düsseldorf gingen sie über den Rhein, und nun würden wir die Franzosen hier haben, vielleicht in dieser Nacht noch ... Gott steh' uns und allen Christenmenschen bei!« Bracht war aufgestanden und nahm seine schöne Pelzmütze mit dem Fuchsschwanz und sein spanisches Rohr. »Es wird so arg nicht sein,« sagte er, »wenn es auch arg genug sein wird. Ich will zum Rathause gehen. Sie geht wohl mit hinunter, Traudchen?« »Ja, ich gehe mit Ihnen«, sagte Traudchen und warf ihr Umschlagetuch um. Dann verließen sie beide das Haus. Auf der Straße, wo in der Tat eine ungewöhnliche Bewegung herrschte, ging das junge Mädchen schweigend neben dem Professor her. Dann bot sie ihm plötzlich eine gute Nacht, um in eine nach rechts sich abzweigende Straße einzubiegen. »Wohin will Sie, Traudchen?« fragte Bracht. »Nach dem Blankenheimer Hof.« »Nach dem Blankenheimer Hof?« fragte der Professor verwundert. »Doch nicht zu dem österreichischen General?« »Zum Grafen Baillot«, entgegnete Traudchen entschlossen und verschwand eiligen Schrittes in der dunkelnden Nebengasse. Bracht blickte ihr kopfschüttelnd nach; dann setzte er sorgenerfüllt seinen Weg fort. Der Professor fand die Hiobsposten seiner Gattin nur zu bald bestätigt; als er in die Nähe des Rathauses gelangte, begegneten ihm Bekannte, welche durch ihre Beziehungen zu den regierenden Herren der Stadt imstande waren, die genauesten Nachrichten zu geben, und es zu bekräftigen, daß die Österreicher unter Clairfayt, bei Aldenhoven zurückgedrängt, ihren Rückzug über den Rhein in der Gegend von Neuß nähmen. Aus den fernen Gassen schallte Trommelwirbel herüber, die österreichischen Marschtrommeln, die andeuteten, daß die Truppe, welche die Stadt trotz ihres Widerstrebens hatte als Besatzung aufnehmen müssen, im Abziehen begriffen sei. Die freie Reichsstadt hatte sich aus Leibeskräften gesträubt, sich von andern deutschen Truppen als von ihrer eigenen Soldmiliz beschützt zu sehen; dumpfe Gärung war durch die Reihen ihrer tapfern und ausgezeichneten Funken gegangen, als zum ersten Male nach dem Ausbruch des Krieges österreichische Korps in die Tore gerückt waren. Und jetzt – – wo diese Österreicher abzogen, wo eine unberechenbare, fremde, durch den Sieg trunken gemachte, von entfesselten Leidenschaften beherrschte Macht ihnen auf den Fuß zu treten drohte ... wie gern hätten da die ängstlich erregten, auf die kommenden Ereignisse voll Sorge gespannten Gemüter der auf ihre »Neutralität« so eifersüchtigen Bürger diese Österreicher zurückgehalten! Diese gutmütigen Österreicher, die sich so viel gefallen ließen, mit denen man um jedes Quartier, jede Ration, jede Gewährung sich gezankt und gefeilscht, bis man sie in kärglichem Maß den unvergleichlichen Truppen zugestanden ... den Truppen, welche, wenn sie einen ihrer würdigen Führer wie Clairfayt hatten, sich stets mit Ruhm bedeckten, die jetzt aber, wo alles sie verließ, das linke Rheinufer Deutschland nicht retten konnten. Die nach ihnen kamen, traten anders auf; denn sie kamen in der Tat; kamen schon am andern Tage. Schüchtern und demütig bot ihnen eine Abordnung des Magistrats, die ihnen eine halbe Stunde weit entgegen gegangen, die Schlüssel der freien deutschen Reichsstadt dar. Ein jugendlicher General, ein hochgewachsener schöner Mann mit anmutigen Bewegungen und dunkeln Feueraugen, der seine Tagesbefehle mit dem Namen Championnet unterzeichnete, nahm diese Schlüssel entgegen. Er ließ es nicht fehlen an schönen Verheißungen. Dann begann der Einmarsch der Avantgarde des französischen Heeres durch die dunkeln Torwölbungen der alten heiligen Stadt, die so lange ein Kernpunkt echt deutschen Lebens, ja, die Metropole der deutschen Kulturentwicklung gewesen war, seitdem es ein Reich deutscher Nation gegeben. Es war eine seltsame Bande, diese siegreichen Truppen der französischen Republik, welche kamen, das deutsche Kaiserreich über den Haufen zu stürzen. Zuerst rückten Jäger ein; sie sahen aus wie Mannschaften, welche einen harten Feldzug mitgemacht haben, auszusehen pflegen: abgerissen, von Wind und Wetter mitgenommen; aber sie sahen aus wie geschulte Soldaten; sie waren uniformiert, gleichmäßig bewaffnet, sie marschierten, wenn nicht in geschlossenen Gliedern, doch in einer gewissen Ordnung, ihre Hornisten vorauf. Verwundersam aber war anzuschauen, was hinter ihnen drein marschierte; lange Züge von seltsamen Menschenkindern. Es war, als ob alle Zigeuner der Welt sich auf die Wanderschaft begeben und als ob sie sich dazu ausgerüstet, indem sie alle Trödlerläden des Erdenrundes vorher ausgestohlen. Die meisten waren kleine, schwarzäugige, gelbe Gesellen; der eine mit einem dreieckigen Hut und Federbusch auf dem unternehmend dreinschauenden Spitzkopf, der andere bedeckt mit einer grauen Filzkappe; der eine in der Stallmütze, der andere mit der blauen Radmütze des baskischen Hirten; der eine im Kittel, der andere im erbeuteten blauen Uniformrock, dessen Schöße sich auf dem Marsche verspätet zu haben und erst mit einem folgenden Korps nachrücken zu wollen schienen. Kleidungsstücke, welche im bürgerlichen Leben für so unentbehrlich gehalten werden, wie Hemden, Strümpfe, Schuhe, schienen bei dieser Soldateska für abgelegte Vorurteile zu gelten; und was beibehalten, das war zerlumpt, zerrissen und geflickt. Ebenso war ihre Bewaffnung, wie der Zufall sie ihnen zugeführt, und ihr Marsch ein regelloses Durcheinander. Und doch, wenn sie auch nebeneinander liefen, wie es jedem Einzelnen gefiel, schwebte über ihren Reihen ein gewisser unsichtbarer Geist der Disziplin und Ordnung – man ahnte, daß diese nachlässig einherschlendernden Haufen auf ein ernstes Kommando im Augenblick der Gefahr sich in Blitzesschnelle ordnen und zu festen Gliedern zusammenschließen würden. Die Bevölkerung der Stadt hatte sich in den Straßen zusammengedrängt, um dem Einmarsch dieser Heersäulen zuzuschauen. Ängstliche Spannung lag auf fast allen Gesichtern, auf einigen wenigen Freude und Triumph; noch seltener waren in dem allgemeinen Schweigen die vereinzelten Rufe: Vivent les Français! – Vive la liberté! – Vive la République! obwohl sie hier und dort vernommen wurden. Die einmarschierenden Truppen achteten nicht darauf; höchstens schienen diese Rufe die Heiterkeit zu erhöhen, welche in einzelnen Gruppen herrschte, wo die Spaßmacher und witzigen Köpfe des Zugs ihre Scherze über irgendein ihnen auffallendes Ding, die Physiognomie eines Zuschauers, das Aussehen eines schwarzen baufälligen Hauses, oder was sonst ihren Spott hervorlocken mochte, zum besten gab. An der Ecke des Neumarkts, da, wo die Schildergasse beginnt, hatte sich eine Gruppe von Zuschauern gebildet, von denen uns einige bekannt sind. Während nämlich die Professorin Bracht mit ihren zwei lieblichen Töchtern Haus und Laden überwachte, hatte der Professor den Auftrag bekommen, die Hut seines hoffnungsvollen Söhnchens Drickeschen zu übernehmen, der durchaus auf die Gasse hinaus und dem merkwürdigen Schauspiel beiwohnen wollte; und Drickeschen hatte den nachgiebigen Mann dem Strome nach bis zum Neumarkt gelockt. Hier hatten beide zuerst die Spitze der einmarschierenden Truppen wahrgenommen, aber die dem Professor gestellte Aufgabe, seinen unruhigen und unbotmäßigen Sohn vor Beschädigung zu hüten und in heilem Zustand nach Hause zurückzubringen, war auch hier in bedenklicher Weise erschwert worden. Drickeschen nämlich, dessen kindliche Statur nicht ausreichte, über die Köpfe der drängenden Menge fort das Schauspiel zu übersehen, welches in so hohem Grade sein Interesse in Anspruch nahm, hatte den Entschluß gefaßt, auf das Dach einer an dem Eckhause befindlichen Pumpe zu klettern. Gewiß war dieses Auskunftsmittel kein an und für sich unzweckmäßiges – es trat ihm nur der Umstand in den Weg, daß besagtes Dach bereits von einem an Körperkräften dem Brachtschen Sprossen jedenfalls überlegenen jungen Reichsbürger eingenommen war, der nicht gewillt schien, sein Recht der »frühern Okkupation« aufzugeben. Drickes kletterte wie eine Katze neben ihn, aber eine energische Armbewegung des andern warf ihn sofort wieder hinunter. Drickes schrie, der andere bohrte ihm einen Esel; Drickes eilte zu einem erneuten Sturmangriff der Position; der Professor warf sich abmahnend zwischen die Kämpfenden – da kam eine starke Männergestalt, faßte den kleinen Mann am Kragen und setzte ihn mit einem kräftigen Schwung sich auf die Schulter. »Nu halt dich an mingem Kopp faß und setz stell«, sagte der Mann in einem vorwurfsvollen, zürnenden Tone. »Ah, Herr Stevenberg,« rief der Professor aus, als er erkannte, wer ihm so als Helfer in seiner Not gekommen, »ich danke Ihnen von Herzen!« »Das junge Volk will auch etwas sehen!« entgegnete der Wappenmaler und brach in ein lautes Gelächter über diese komische Eigenschaft der Jugend aus. »Ha, der Franzos kütt, der Franzos kütt!« schrie Drickeschen jetzt laut von seiner Höhe herab, während er den kahlen Schädel des Herrn Stevenberg umklammerte und nun zum ersten Male den vollen Anblick der vorübermarschierenden Truppen hatte. In diesem Augenblick wandte sich ein Soldat in sehr knapper und enger blauer Husarenuniform, der unter den Zuschauern vor dem Professor stand, um, und indem er diesem ein wettergebräuntes mageres Gesicht mit großem blonden Schnurrbart zeigte, sagte er: »Wat dieses jugendliche Individuum da für einen jebildeten Dialekt besitzt! Ja, betrachte dich man den ›Franzos‹, dat du in deinen ollen Dagen davon erzählen kannst; denn dieses is nu eine höchst weltgeschichtliche Bejebenheit: der Österreicher Holter hat sich uf die Beene jemacht und looft davon, der Franzose rückt in, und hier steht der Preuße und kuckt sich mit Jemütsruhe det Schauspiel an.« Die Köpfe der Umstehenden wandten sich sämtlich dem Sprecher zu, und der Professor fragte verwundert: »Woher kommt Er denn, guter Freund?« »Ick? Woher ick komme? Nu, von meine Schwadron. Von die dritte Schwadron von det siebente Husarenregiment von Zitzewitz mit'n Dodtenkopp, det in Wesel steht; ich bin mit einem Befehl an unsere Werbekommandos in dat Bergische un weiter hinuf abgesandt, un da habe ick im Vorüberreiten eenmal die Nase in dieses merkwürdige olle Nest gesteckt, um mich mal anzukucken, wie der Franzose denn eigentlich aussieht. Mit die Haltung und dat Ajustement von diese Mannschaften bin ick aber nich zufrieden. Kreuzmillionenschockdonnerwetter, wenn unser olle Oberste von Zitzewitz mit'n Dodtenkopp diese Bande zu sehen kriegte – wat würde der fluchen!« Die Umstehenden begannen über den Ton und den Dialekt, worin diese Bemerkungen gemacht wurden, laut zu lachen; als der Husar wahrnahm, daß er der Gegenstand der Aufmerksamkeit geworden war, fuhr er mit großer Zungengeläufigkeit fort, seinen Zuhörerkreis durch seine Glossen über die vorbeimarschierenden Truppen zu unterhalten. »Et is aber ooch eene janz von Jott verlassene Bande!« sagte er. »Det will Militär sind? Wenn mich solch ein Patron, wie die meesten sind, in die Straßen der berühmten Stadt Hameln bejegnete, so sagte ick: ›Dieses is also der berüchtigte Rattenfänger!‹ Hat doch der kleene schwarze Kerl da, hol' mir der Teufel, wieder eene jelbe Katze hinten uf den Tornister sitzen! Nu habe ick ihrer schonst achte jezählt von diese Tiergattung! Wat se nur dun mit det Katzenzeug! Is det 'ne Ordnung? Na, vielleicht sollen diese Beester ihnen bei det Mausen behülflich sind. Ooch jut. Und da kommt eener anjerückt, der hat eene dodige Jans uf det Bajonett jesteckt! Diese Erfindung is so übel nich – sie jefällt mich und könnte ooch bei det preußische Militär anjemessene Anwendung finden. Aber doch is et eene betrübende Tatsache, dat sich alle Zucht un Ordnung so uflösen kann ... aber nu ufjeschaut, Plantebitzel, da kommt die Kavallerie anjerückt, da kann der Unteroffizier von det siebente Husarenregiment seine Kenntnisse bereichern!« Der Unteroffizier vom siebenten Husarenregiment hatte jedoch noch nicht drei Züge dieser neuauftretenden Waffengattung an sich vorüberziehen sehen, als er in einen Anfall ganz unbändiger Heiterkeit geriet. »Ne, det is ja der janz richtige Templower, wie er wegen ungebührlichen Betragens an der Berliner Hauptwache uf den hölzernen Esel reitet. Det is nu wirklich eene Ergötzlichkeit anzusehen. Und diese Pferde! Det arme Biesterzeug! Na, bei diese Schwadron sollte ick Rittmeister sind ... da würden die Haselstöcke un Karbatschen im Lande deuer werden ... ick würde euch zeigen, wat striegeln is! Un da dervor looft nu der Österreicher! Ick habe immer Achtung jehabt vor diese Menschengattung, denn wat dat Riemenzeug angeht, so haben sie et immer blank und fleißig jewichst, un die Haltung is nich übel, man sieht, dat se von det preußische Militär wat gelernt und profitiert haben – aber vor diese Männekens auszukneifen, det wäre doch meiner militärischen Ehre zu nahe, det is eene unüberlegte Handlungsweise, wofür se alle miteinander ...« »Papa, Papa, süch enß!« rief in diesem Augenblick Drickeschen von seinem erhöhten Standpunkte aus, »de Jungfer Traud!« »Wo ist die Jungfer Traudchen?« fragte der Professor. Drickeschen glitt behende von der Schulter des Herrn Stevenberg herab, der sehr bereitwillig seiner ersten leisen Andeutung, von dem Hochsitz herunter zu wollen, nachgegeben hatte, denn dem Wappenmaler begann die Last nachgerade schwer zu werden – und behende wie ein Kobold wand Drickeschen sich durch die dicht stehenden Menschen, um nach wenig Augenblicken Traudchen, die er am Kleide gefaßt hielt, herbeizuzerren, obwohl sie wenig Lust zu haben schien, ihm zu folgen. Das junge Mädchen sah aufgeregt und wie von Eile gerötet aus. »Traudchen,« rief der Professor, »wohin so eilig?« »Ich will fort, Herr Professor!« »Fort? Wohin? War Sie bei dem General?« erwiderte Bracht, indem er seine Stimme zum Flüstern dämpfte. Ich konnte nicht mehr zu ihm gelangen«, antwortete sie in demselben Tone. »Er stand im Begriff, den abgezogenen Truppen nach abzureisen.« »Und der Ripperda ...« »Gott sei Dank,« fiel Traudchen tief atmend ein, »er ist in der vorigen Nacht auch auf und davon – der Frau Zappes hat er gesagt, die Franzosen schössen jeden Emigranten tot, den sie trafen, darum hat er es so eilig gehabt.« »Und Sie, Traudchen, will nun wirklich fort, um Hubert Bender aufzusuchen?« »Ich will, noch heute«, antwortete sie lebhaft und entschlossen. »Ich habe eine vortreffliche Reisegesellschaft getroffen, eine zuverlässige Frau, die den österreichischen Truppen nachzieht und mich mit sich nimmt – als Marketenderin. In Deutz wartet sie auf mich – ich bin im besten Schutz – wir reisen zusammen ins Süderland ...« »Herjes, rief hier der preußische Husar, der das hübsche Mädchen mit großem Wohlgefallen und seinen Schnurrbart streichelnd betrachtet hatte ... »von Reisen ins Süderland redet diese charmante Demoiselle, na, da nehmen Sie mir man als ufmerksamen und galanten Chapeau mit, da will ick ja justement ooch hin!« Traudchen warf einen flüchtigen Blick auf ihn, dann reichte sie Bracht die Hand und sagte: »Leben Sie wohl, Herr Professor, ich muß eilen und den Augenblick benutzen, der Ohm Gymnich ist drüben auf dem Neumarkt in voller Tätigkeit, mit seinen Genossen einen Freiheitsbaum aufzupflanzen. So kann ich ungestört von ihm meine wenigen Sachen zusammenpacken. Leben Sie wohl – haben Sie keine Sorge um mich!« Bracht erwiderte warm den Druck ihrer Hand und schaute ihr bewegt nach, als sie rasch im Gedränge verschwand. Zwölftes Kapitel Der neue Jägermeister Wir haben unsern Lesern bereits in einigen Worten eine allgemeine Vorstellung von Schloß Ruppenstein mit dem zu seinen Füßen liegenden Städtchen gegeben. Was den Charakter der ganzen Gegend betrifft, so sah diese vor mehr als hundert Jahren jedenfalls dergestalt aus, daß es schien, als habe sie der liebe Gott mit besonderer Berücksichtigung der Bedürfnisse von Falken, Habichten und wilden Schweinen gemacht, weniger in der Absicht, daß sich Menschen hier ansiedeln und wohlfühlen sollten. Rauhe Berge, oben nackt und kahl und frostig anzusehen, schlossen den Hintergrund in Osten und Süden. Mit dichten Waldungen, mit dunkeln und melancholischen Tannen bedeckte Hügel nahmen den Mittelgrund ein, wahrend irgendein schäumender, rauschender Gebirgsbach durch eine der schmalen Schluchten dieser Hügel hervorbricht, und dann talwärts so rasch und keck daherschießt über Geröll und Felsgeschiebe, daß man sieht, das wilde Gebirgskind hat keine Furcht, da unten seine Freiheit zu verlieren; keine Furcht, in diesem Tale würden Menschen kommen, schlaue betriebsame Menschen, und beuten seine Wasser aus, um ihn zum Mahlen ihres Korns, zum Drehen von großen Rädern an Drahtrollen und Eisenhämmern, oder zum Bewässern magerer, unfruchtbarer Wiesen zu mißbrauchen: und deshalb zeigt sich der Sohn des Gebirges so mutwillig und unbändig, er schlägt Bogen wie ein Aal, den ein Fischer am Kopf gepackt hat; und je nachdem ihn die Laune erfaßt, rieselt er zuweilen durch die einzelnen Rinnen in so dünnen Wasserfaden, als könne kein aus den Wäldern niedersteigendes Reh seinen Durst in ihm löschen; und zu andern Zeiten schwemmt er Wassermassen und Güsse daher, als wolle er eine Welt überfluten; immer aber läuft er mit der Hast eines Schelms, der sich nicht fangen lassen will. Für die Falken und die Eber nannten wir diese Gegend geschaffen. Sie sind auch gekommen, sich darin anzusiedeln: Falken, deren wilder Schrei einsam um den nackten Felsgrat gellt, und andere Raubvögel, deren Nester auf den Vorbergen aufgebaut sind, fest aus Steinen gefügt, mit Mauern, Giebeln und runden Türmen; Eber, deren Rüssel den Boden der mastreichen Eichenwälder aufwühlen, und andere, deren Hauer einst von Eisen und Stahl waren wie die der »Eber der Ardennen«. Ein wildes Geschlecht, von Jagd und Fehde und Kampf gestählt, freiheitsdurstig wie der Falke und gewalttätig wie der Eber, hat Besitz von diesen einsamen Tälern und Halden genommen, wo es, von der Welt abgeschieden, ungehindert seinen Instinkten nachhängen und sich den Leidenschaften hingeben konnte, zu denen sein Naturell es führte. Und was die andern Menschen betraf, die, welche sich »im Schutze« der Schlösser und Burgen angebaut hatten, so konnten sie wenigstens darüber nicht klagen, daß ihnen das Schicksal die Gelegenheiten versagt habe, sich Ansprüche auf eine besondere Berücksichtigung bei der letzten Ausgleichung aller irdischen Dinge zu verdienen; es waren ihnen vollauf dazu Mittel geboten. Sie hatten um sich her eine sterile Natur, die ihnen zähe vorenthielt, was ihr nicht durch die äußerste Anstrengung entrissen wurde; sie hatten um sich her Wälder, welche nicht ihnen gehörten, und Wild darin, das sie nicht erlegen, in den Bächen hatten sie Fische, welche sie nicht fangen durften: sie hatten Steuern von allen Arten, und hatten in den Tagen, von denen wir reden, als Schützer und Hort und Landesvater – Philipp den Tollen! Und doch lebten sie, und wenn sie arm waren, so bewahrte sie doch eine zähe Ausdauer, eine nicht zu erstickende Energie vor dem äußersten, unmenschlichen Elend, dem ein Stamm von geringerer Widerstandskraft, von geringerer Hartnäckigkeit vielleicht verfallen wäre. In ältern Zeiten hatten sie sich nachdrücklich zu schützen gewußt, wenn die Falken gar zu keck aus ihren festen Nestern hervorgekommen waren, um auf ihre Beute zu stoßen; wenn die Eber gar zu wild geworden und in ihre Hürden gebrochen, als Brecher des Friedens und des Gesetzes. Was da noch das Bewußtsein der uralt vererbten Freiheit besessen, das hatte sich nach dem altfreien Väterbrauch zusammengetan und in schlichter derber Kürze sich sein Recht genommen gegen femwrogige Mannen. An irgendeiner alten Malstätte, unter einer Eiche, oder einem Holunderstrauch saß dann eine Gruppe von Bauern mit derben Armen und schwieligen Fäusten, im Flieswams oder im Zwillichkittel; die tauschten eine kurze Weile allerlei Sprüche und aus verschollenen grauen Urzeiten bewahrte Reime, und darauf ihre Meinungen und Gedanken über die Sache, um derentwillen sie zusammengetreten, aus; und danach gingen sie und hängten einen gefangenen Mann mit einem Weidenstrick an den nächsten passenden Waldbaum. Oft auch war der Missetäter nicht gekommen; es war ein mächtiger Herr, den Mauer und Bellfried seiner Burg schirmte: aber Tor und Riegel und Waffen halfen ihm nichts, wenn der freie Bauer sein Urteil gesprochen; es waren der helfenden Arme der »Wissenden« zu viele, und die Stunde kam, wo er »baumelte«. Diese Zeiten waren nun freilich vorüber. Aber die Sitten hatten sich gemildert, das Leben war erträglicher, vor Friedens- und Rechtsbruch gesicherter geworden; und mit welchen Gedanken und Vorstellungen auch diese stillen Gebirgstäler den Wanderer erfüllen, er wird gestehen müssen, daß sie eine großartige Natur vor ihm enthüllen; er wird diese waldigen Gebirge, diese alten Burgen, diese einsamen Flußtäler als ein bleibendes Bild in seine Seele aufnehmen; und wo er in den bevölkertern, mildern Teilen des Landes den emsigen Fleiß und die Betriebsamkeit des in seinen Eisenhämmern, seinen Steinbrüchen, seinen Drahtrollen oder auf seinen bergigen Äckern hart werkenden Volks wahrnimmt, wird er Respekt vor einem Menschenschlag bekommen, der es verstand, seinem eigenen Wesen treu zu bleiben und eine Art von derber Poesie an seinen Herd zu fesseln, an dem noch heute der Väter patriarchalische Sitte, die alten Traditionen und der Brauch der Vorzeit walten. Er wird einen Menschenschlag ehren, der mit seinem hohen Wuchs und seinen breiten Schultern die echten blonden Söhne der alten Marsen oder Sigambrer darstellt, welche in diesen Waldschluchten den Gedanken der römischen Weltherrschaft verhöhnten und mit ihren Fäusten die Adler der Cäsaren zerbrachen; die Söhne jener Sachsen, deren harte Schädel man mit dem Schwerte taufen mußte, ehe die Sonne des fränkischen Christentums wie aus einem Meer von Blut über diese Welt aufging. – – Schloß Ruppenstein, wie wir sagten, lag, eine ziemlich ausgedehnte Tallandschaft beherrschend, auf der mittlern Höhe einer sanft ansteigenden Bergwand; einst bloß eine wehrfeste Burg, war es durch allmählichen Ausbau einzelner Flügel zu etwas geworden, was einen mehr schloßartigen Charakter trug. Doch waren seine hohen Ringmauern hinter trockenen, in das feste Berggestein gehauenen Gräben aufrecht erhalten, und ein mächtiger Torbau mit gewölbtem Durchgang und einem praktikabeln Fallgitter verteidigte es. Hinter dem Fallgitter rechts war in diesem Vorbau der Eingang in ein Wachtlokal, welches der gräflich Ruppensteinsche graue Grenadier mit dem Qualm seines fürchterlich schlechten Tabaks und dem Lärm über seine noch schlechtern Spaße füllte. Der Hof, in welchen man gelangte, wenn man an der Wache vorübergekommen war und sich zur Zufriedenheit des kommandierenden Unteroffiziers über Stand, Namen und Absicht des Kommens ausgewiesen, war von einem großen, altersgrauen, sehr hohen Gebäude im Hintergrunde abgeschlossen, das unten noch spitzbogige Fenster zeigte und auch ein breites Eingangsportal mit einer Spitzbogentür hatte. Über diesem letztern zeigten sich mächtige Wappenschilder mit zahlreichen Quartieren, in denen mehrfach der auf die Abstammung von dem Sachsenherzog Wittekind und den alten Grafen im Westfalenlande zu Werl und Altena beutende Silberadler zu sehen war. Zur Rechten dieses, den Kernpunkt der ganzen Gruppe von Gebäulichkeiten bildenden massiven Schloßbaues, der mit seiner Wucht, seinen starken Quadern, seinen breiten und schwerfälligen Verhältnissen für eine Persönlichkeit wie Philipp III. wie geschaffen schien, erhob sich, halb verdeckt von einer mächtigen, uralten Linde, ein zierlicher, schlank aufstrebender Bau in gotischem Stil, die Schloßkapelle. Gebäulichkeiten für Dienstleute und zur Unterbringung des Hofpersonals füllten die übrige rechte Seite des Hofes aus. Zur Linken dagegen zog sich von dem Hauptbau bis an das Ende der linken Seite des Hofs ein ziemlich langer, im blühendsten Rokokostile erbauter Flügel von zwei Stockwerken und mit einer Reihe Mansardenfenster versehen. Da, wo dieser Flügel an den alten Haupt- oder sogenannten »Wiprechtsbau« anstieß, zeigte sich ein gewölbter Durchgang, der auf einen zweiten, von Remisen, Pferde- und Hundeställen gebildeten Hof führte. Aus dieser Gegend der Schloßgebäude pflegte zu den verschiedensten Tageszeiten ein überaus mißtönendes Geheul herüberzuschallen, das namentlich gegen die mittäglichen und abendlichen Fütterungsstunden ganz entsetzlich wurde; es waren Serenissimi Koppelhunde, Solofänger, Teckel und Windspiele, die so für die einzige Musik sorgten, welche innerhalb der Mauern von Schloß Ruppenstein Übung und der Herrschaft geneigtes Gehör fand. Im vordern Hofe pflegte an sonnigen Tagen als Zeremonienmeister und angenehmer Bewillkommner der Fremden, namentlich der schüchtern mit Bitten und Klagen nahenden Untertanen, ein großer alter Bär umherzuspazieren, dem zwar Zähne und Krallen genommen waren, der aber darum nicht minder ganz entsetzlich zornig grunzte, wenn er irgendeinen verwegenen Sterblichen, der ihm nicht als hoffähig bekannt war, sein Gebiet betreten sah. In einem Gemache dieses alten ehrwürdigen Väterschlosses ist seit einigen Tagen Herr von Rippersa als seiner Dienstwohnung installiert. Was Traudchen Gymnich im vorigen Kapitel dem Professor Bracht erzählt hatte, daß Herr von Ripperda sich vor den anrückenden Franzosen eiligst geflüchtet, war völlig richtig gewesen. Ein paar lakonische Zeilen ohne Unterschrift von Gebhardens Hand hatten ihm zwei Tage vorher gesagt, daß sie sein Verlangen erfüllt habe, daß er kommen dürfe. Sein Wunsch ist jetzt erfüllt: er ist in den Dienst des Grafen von Ruppenstein aufgenommen. Das Gehalt, welches dem neuen Jägermeister ausgeworfen, ist freilich außerordentlich klein; aber Herr von Ripperda hat eine Wohnung im fürstlichen Schlosse, die Annehmlichkeiten einer guten Tafel, die er nach ihrem ganzen Umfange zu schätzen weiß, eine ihm zusagende Beschäftigung, und die Ehre, einem Herrn zu dienen, unter dessen landesväterlicher Obhut und Fürsorge das edle Weidwerk blüht wie kein anderer Zweig des öffentlichen Dienstes im Lande Ruppenstein. Eines Tages, als er von einer Streiferei heimkehrend durch die Hauptstraße des Städtleins schritt, erblickte er einen jungen Mann, in die graue gräfliche Montur steif eingeknöpft, auf der Bank vor einem sehr bescheiden aussehenden Bürgerhause sitzend – und diese Gestalt mußte ihm wie die eines Bekannten erscheinen oder sonst eine anziehende Kraft auf ihn üben, denn er lenkte plötzlich von seinem Wege ab, schlenderte lässig, die Hände aus dem Rücken, darauf zu und ließ sich dann ohne Gruß und schweigend neben derselben nieder. Der junge Mann blickte erstaunt zu dem Jägermeister auf und fixierte ihn mit Blicken, in welchen nichts weniger als der Ausdruck einer freudigen Überraschung lag, diesem schmarrenentstellten Gesicht mit der schwarzen Binde über dem Auge wieder zu begegnen. »Wenn mir recht ist, so müssen wir uns kennen, mein lieber junger Mann«, begann Ripperda. »Allerdings,« versetzte der andere – »es ist nicht das erstemal, daß wir uns begegnen, und Leute, welche aussehen wie Sie, vergißt man so leicht nicht wieder ...« »Es ist sehr freundlich von Ihnen, mir dies zu versichern – und um so mehr, als es sonst der Lauf der Welt ist, diejenigen zu vergessen, gegen welche wir eine gewisse Pflicht der Dankbarkeit haben, weil sie freudig eine Gelegenheit ergriffen, uns zu verpflichten ...« »Sie werden doch nicht andeuten wollen, daß Sie – Sie mich jemals in meinem Leben verpflichtet hätten?« rief Hubert überrascht aus. »Nun – ich meine denn doch – und zwar in nicht ganz gewöhnlichem Maße, mein junger Freund. Brauche ich Sie daran zu erinnern – an jenem Abend in Köln, wo Sie den beklagenswerten Unfall hatten –« Hubert Bender unterbrach den Redenden, indem er ausrief: »Ja, Ihnen dank' ich's, wenn ich hier endlich in die Gewalt des tollen Philipp geraten bin – unter sein Militär gesteckt, zu seinem Feldscherer und etatsmäßigen Quacksalber gepreßt – als Studenten der Medizin hat er geruht, mich dazu zu bestellen, was ich noch als eine große Gnade betrachten soll – Ihnen, mein Herr ...« »Von Ripperda, wenn Sie erlauben.« »Ihnen dank' ich's ... und es kann mir nur sehr angenehm sein, Sie endlich hier vor mir zu sehen, ich weiß jetzt, wo ich mir Genugtuung holen kann für alles das, was man sich gegen mich erlaubt hat! Wenn ich auch für den Augenblick und bis es mir gelungen ist, diesen Sklavenrock abzustreifen, kein würdiger Gegner für den Herrn von Ripperda bin, so kommt doch die Stunde, wo Sie mir, dem Studenten Bender, schon die Ehre erweisen werden, einige Kugeln mit mir zu wechseln – ich habe Mittel, Sie dazu zu zwingen.« »Und welche sind dies, wenn ich fragen darf?« »Sie sind sehr einfach. Ich habe in Köln mit meinen eigenen Ohren vernommen, daß Sie ein anderer sind, als wofür Sie sich ausgeben ... daß Sie sich scheuen, von den Leuten hier wiedererkannt zu werden, namentlich von einem Herrn von Eggenrode ... daß Sie in einem ganz eigentümlich innigen Verhältnis zu der Frau von Averdonk stehen – daß diese, um Ihnen zu dem Jägermeisteramt zu verhelfen, sich von Ihnen hat zu einer niederträchtigen Handlungsweise bewegen lassen – das alles weiß ich, und werde laut und offen von dem allen reden, vor jedermann, der es hören will, wenn Sie ...« »Wie Sie das ohne Zweifel bereits schon ausreichend getan haben?« fiel Nipperda mit einem spähenden Seitenblick in Huberts Züge, aber mit anscheinend völlig ruhigem Tone ein – »Sie sehen, daß mir bis jetzt aus diesem Gerede, welches unsereiner verachten kann, nicht viel Verdruß erwachsen ist!« »Sie irren ... ich habe bis jetzt keine Veranlassung gehabt, von diesen Dingen zu reden – ich habe auch nicht gewußt, daß der Herr von Ripperda sich allbereits in Ruppenstein befinden und die Früchte des höchst ehrenhaften Handels genießen, welchen die Frau von Averdonk mit dem Tollen hat abschließen müssen, um dem Herrn von Ripperda dahier eine angenehme, ihren Mann nährende Hofstellung und eine ihm zusagende Beschäftigung zu verschaffen. Jetzt aber, wo dies abscheuliche Komplott wirklich ausgeführt ist, der Herr von Ripperda sich des Erfolges erfreut und sich hier befindet, so daß man vor aller Leute Augen mit den Fingern auf ihn deuten kann ...« »Wird die Waffe, womit Sie drohen, bedenklicher, meinen Sie, mein junger Freund!« unterbrach ihn Ripperda mit großem Gleichmut. »Es freut mich, daß Sie es einsehen: und machen Sie sich gefaßt darauf, daß ich sie gebrauche, diese Waffe; ich selbst bin ja das Opfer Ihrer Intrigen geworden, indem ich Marie Stahl vor dem Unglück schützen wollte, das Opfer derselben zu werden – wir sind es nun beide, sie wie ich... aber was rede ich weiter mit Ihnen davon ... während das junge Mädchen in der entsetzlichsten und marterndsten Lage ist, während ich hier in dieser grauen Züchtlingsjacke stecke, währenddes mögen Sie die Vorteile Ihrer Stellung, die damit erkauft ist, daß wir zertreten werden, genießen und auskosten ... aber schonen Sie sich nicht dabei, denn lange wird die Herrlichkeit nicht währen, dafür sorge ich, mein Herr Jägermeister von Ripperda!« Hubert stand auf und wandte sich mit allen Zeichen einer tiefen Verachtung in den Zügen zum Gehen. »Junger Mann, bleiben und hören Sie noch,« sagte Ripperda mit etwas bewegterer Stimme wie bisher – »wir sind noch lange mit diesem Gespräch nicht zu Ende ... und zu Ende möchte ich es doch führen, denn es beginnt ein hohes Interesse für mich zu bekommen – nicht gerade wegen seines Themas, aber deshalb, weil Sie mir darin Ihr offenes unverdorbenes Jünglingsgemüt enthüllt ... kann es ein interessanteres Schauspiel geben, als solch eine naive Natur, welche einem Feinde gegenüber alles ausplaudert, was sie denkt, und ihm alles enthüllt, was sie gegen ihn vorzunehmen beabsichtigt? Ist das Besonnenheit, junger Mann? Wenn ich nun meine Stellung bei Seiner hochgräflichen Erlaucht mißbrauchte, um Sie wegen gefährlicher, sowohl Sie, Seine höchstgedachte Erlaucht, als dero verdienten wohlbestallten Jägermeister und unterschiedliche andere Respektspersonen schwer kompromittierender Reden in irgendeinen Narrenturm stecken zu lassen? Glauben Sie, das kostet mich viel mehr als einige Worte?« »Mag es!« versetzte Hubert kaltblütig. »Nun, ich will Sie nicht beim Wort halten,« fuhr Ripperda fort; »denn«, sagte er, plötzlich aus dem bisherigen spöttischen und ironischen Tone fallend – »mich soll der Teufel holen, wenn Sie nicht eigentlich in dem, was Sie sagen, recht haben – verdammt recht! Ich habe das Mädchen, von dem es sich in unserer Geschichte handelt, nicht gesehen, die Mamsellen-Mutter im Schlosse hält sie, wie man mir erzählt, sorgfältig unter Schloß und Riegel, damit sie nicht davonläuft; ich weiß also nicht, inwiefern ich sie meiner Teilnahme für würdig halten darf: Sie kecker und verwegner Student jedoch, der weiter nichts verbrach, als daß er wohl nur aus Neugier und Fürwitz oder um einer Wette mit lustigen Kameraden willen in ein merkwürdiges altes Haus einstieg und darin umhertappte – Sie flößen mir Mitleid ein, und ich bin ganz bereit, Ihnen meine Hilfe anzubieten, um ...« »Ich bedarf weder Ihres Mitleids noch Ihrer Hilfe!« fiel Hubert stolz ein. »Nun wohl, wenn denn nichts mit Ihnen anzufangen ist,« rief Ripperda sich ebenfalls erhebend aus, »dann will ich mich in des Teufels Namen mit Ihnen nächstens schießen, hauen oder stechen, was Sie wollen – vorausgesetzt, Sie halten bis dahin reinen Mund und schweigen! Ich ersuche Sie darum, als einen ehrlichen und ritterlichen Gegner!« »Dazu bin ich bereit, vorausgesetzt, daß Sie in kürzester Frist Ihr Wort wahr halten!« »Verlassen Sie sich darauf!« versetzte Ripperda. »Dann, meine ich, haben wir nichts mehr zusammen zu verhandeln«, entgegnete Hubert, nickte stolz mit dem Kopfe und schritt ins Haus. Ripperda wandte sich und schlenderte, die Hände auf dem Rücken, zum Schlosse heim. So gleichmütig ruhig er dem Anschein nach sich mit Hubert unterhalten hatte, so wenig angenehm war ihm die Entdeckung des jungen Mannes in seiner nächsten Nähe gewesen, und so wenig gleichgültig waren ihm die Drohungen desselben geblieben. Sich mit dem kecken Burschen zu schlagen, hatte er keine Lust; weder sich von ihm erschießen zu lassen, noch ihn zu erschießen, was jedenfalls ein Aufsehen gemacht hätte, das er fürchten mußte. Er fühlte dazu auch eine gewisse Teilnahme für den unglücklichen jungen Menschen. Die unumwundene Weise des Studenten gefiel ihm. Das Beste, sagte er sich, wäre, wenn man den kecken Studiosen nur erst wieder in seinem Köln hätte; dort wäre er unendlich weniger gefährlich als hier ... und dann gab er der Versuchung nach, über einem Plane zu brüten, wie er seinen erlauchten Dienstherrn um das neugewonnene Mitglied seiner militärischen Streitkräfte bringen könne, indem er diesem zur Desertion verhelfe. Das war das beste Mittel, Hubert zu beseitigen und ihn zu veranlassen, sich für immer möglichst weit vom Ruppensteinschen Gebiet entfernt zu halten. Mit diesen Gedanken war Herr von Ripperda beschäftigt, als er am Nachmittag desselben Tages beschloß, einmal nach Dudenrode hinüberzureiten und die Bekanntschaft des Herrn von Ardey zu machen. Er führte sofort diesen Entschluß aus. Franz kam auf dem Wege von Dudenrode dem Fremden höflich, doch sehr gemessen und ein wenig zerstreut entgegen – es war augenscheinlich, daß sein Gemüt von andern Dingen eingenommen blieb als von dem, was Ripperda in geläufiger Rede ihm auseinandersetzte, um seinen Besuch zu erklären ... daß er so glücklich gewesen, bei dem Grafen von Ruppenstein eine Anstellung zu bekommen und dessen Jagden jetzt auf einen andern großartigen Fuß setzen wolle. Zum Schlusse setzte er hinzu, daß er sich im allgemeinen Auftrage der Erlaucht erlaube, den Herrn von Ardey einzuladen, an den nächsten Treibjagden teilzunehmen. Franz von Ardey fuhr hierbei mit einer Lebhaftigkeit, welche einen merkwürdigen Gegensatz zu Ripperdas einschmeichelnder Höflichkeit bildete, auf: »Ich soll an den Vergnügungen des Tollen teilnehmen, mein Herr?« rief er aus. »Was muten Sie mir zu? Dieser Mann erlaubt sich Handlungen ...« »Die«, fiel Ripperda flüsternd und mit einem scharf fixierenden Blicke auf Franz ein, »allerdings ihm keine Freunde machen können bei Leuten von edler und geradsinniger, Denkungsweise.« Franz von Ardey sah ihn überrascht an. Über Ripperdas häßliche Züge aber ging es wie ein rasches Wetterleuchten. Es war, als ob eine Idee, ein Plan in ihm auftauchte – und in demselben flüsternden Tone fuhr er fort: »Ich sehe, daß ich mich bei Ihnen offen aussprechen kann, und das ist mir eine Wohltat. Ich höre da in Ruppenstein allerlei munkeln von einer schnöden Gewalttat, welche sich der Reichsgraf gegen die Familie eines seiner Beamten erlaubt hat ...« Franz von Ardey warf einen prüfenden Blick auf ihn. »Ich sehe,« sagte er dann, »Sie sind bereits sehr genau in die Lage der Dinge eingeweiht – und wahrhaftig, ich bin nicht in der Stimmung, Komödie zu spielen und mich zu verstellen – mögen Sie es immerhin wissen, und die ganze Welt mag es wissen ... meinethalb ... und mag ich zugrunde gehen darüber ... aber ich will dies Mädchen aus seiner entsetzlichen Lage retten und sollte ich zehnmal zu einem Mörder an einem Menschen wie dieser Philipp darüber werden! Aber«, fügte er, ruhiger werdend, nach einer Pause hinzu, »welches Interesse haben Sie ...« »Interesse habe ich keins – aber Teilnahme ... empörtes Rechtsgefühl ... den Drang, eine edle Handlung zu unterstützen ...« Franz von Ardey schwieg – er schien das rasch in ihm aufgestiegene Mißtrauen zu bekämpfen. »Wahrhaftig,« sagte er dann, sich in seinen Stuhl werfend, »ich bin so verlassen und ohnmächtig in dieser Sache, daß ich nicht lange untersuchen kann, von welcher Seite mir Hilfe geboten wird, wenn sie nur kommt – wenn Sie mir wirklich redlich beistehen, will ich Ihnen zeitlebens dankbar und Ihr Schuldner sein ...« »Nun wohl,« fiel Ripperda ein, »so ist unser Bund geschlossen – aber ich verlange Geduld, um mich erst über die Dinge noch genauer zu unterrichten; ich muß vorher die Leute, die mich umgeben, kennen lernen; muß die Örtlichkeiten studieren ...« »Und wie lange Zeit verlangen Sie dazu?« »Würden Sie mich morgen mit Ihrem Besuch in Ruppenstein beehren können?« Nun wohl, so könnten wir alsdann uns weiter besprechen; in diesem Augenblick bin ich nicht imstande, Ihre Frage zu beantworten. Aber vertrauen Sie mir, daß ich nicht müßig sein werde!« »Ich vertraue Ihnen – ich werde kommen!« Ripperda brach auf. Franz von Ardey wollte ihn eine Strecke heimbegleiten, um noch mit dem schnell gewonnenen Bundesgenossen zu reden, aber Ripperda bat ihn, zurückzubleiben. »Es ist nicht nötig, daß wir in vertrauter Unterredung zusammen gesehen werden«, sagte er ... »Sie begreifen, daß ich Rücksichten zu nehmen habe ...« damit drückte er Franz die Hand und entfernte sich rasch, um in den Ställen selber sein Pferd zu suchen – vor Franz von Ardey verschwand er so schnell, daß diesem war, als hätte ihm ein Traum die ganze merkwürdige Erscheinung, mit der er in kurzer Zeit verbündet wurden, gebracht; aber freudig aufatmend rief der junge Mann, in sein Zimmer zurückkehrend, aus: »Der kommt wie vom Himmel gesendet, wie ein Bote, daß der alte Gott noch lebt!« Weit weniger laut und nicht gerade so freudig waren die Betrachtungen, welchen sich Ripperda hingab, während er in gemessenem Schritt nach Ruppenstein heimritt; doch waren sie immerhin so, daß sie ihn mit einer an Freude streifenden Genugtuung erfüllten. »Die Dinge nehmen eine ganz gute Wendung,« sagte er sich ... »wir verhelfen diesem äußerst verliebten und unbesonnenen jungen Manne zu seiner Demoiselle Marie Stahl oder wie sie heißt... und weshalb in aller Welt sollten wir uns ein Gewissen daraus machen, sie zusammenzubringen? Weshalb sollte ein so hübscher junger Mann nicht ein so hübsches junges Mädchen heiraten? ... aber ein unversöhnlicher Zwist entbrennt dann zwischen Tante Gebharde und Neffe Franz – von Übertragung der Güter ist keine Rede mehr – Franz von Ardey ist unrettbar verloren und vernichtet bei der Gnädigen ... nun, das ist seine Sache; und was sie angeht, die stolze Gebieterin, so ist ja jetzt glücklicherweise ihr diensteifriger Freund, der gute, langerprobte, in allen Dingen erfahrene, mit allen Hunden gehetzte Ripperda da, um ihr beizustehen in der Verwaltung ihrer Güter – Herr von Ripperda, der, nebenbei gesagt, durchaus keine Lust hat, den Rest seines bewegten Lebens damit zuzubringen, daß er diesem widerwärtigen und unvernünftigen Philipp III. die Jagdstiefel sauber hält und seinen Blitzableiter abgibt, wenn der tolle Mensch auf eine Wildsau fehlschießt. Beim Teufel, ein ehrenvolles Amt für einen Capitaine des chasses eines französischen Prinzen von Geblüt ... Frau Gebharde ist sehr harmlos, wenn sie damit die höchste Staffel meiner Wünsche erklommen glaubt! Sie wird mir noch ganz andere Wünsche zu erfüllen haben, wenn ich erst Faktotum und der eigentliche Herr auf Dudenrode bin. Ich hoffe, es soll das ein höchst heiterer Abend für den stürmisch bewegten Tag meines Daseins werden. Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, zuerst den verehrungswürdigen und schmählich mißhandelten Lactantius in seine Herrenrechte einzusetzen! Lactantius ... es wird ein Schauspiel für die Götter werden, wenn ich diesen pauvre Sire zu meinem Strohmann mache, und wenn die harte stolze Gebieterin ihr Haupt wird unter Lactantius' Autorität beugen müssen!« In natürlicher Gedankenfolge aber dachte Ripperda, während er dies Bild einer heitern Zukunft vor sich heraufbeschwor, zugleich an den eigentümlichen Umstand, daß ihm etwas abhanden gekommen war, was er mit großer Schlauheit sich zu verschaffen gewußt hatte, um eine recht nachdrückliche Schlagwaffe gegen Gebharde von Averdonk und im Notfall – man konnte nicht voraussehen, was kommen konnte – auch gegen Lactantius in der Hand zu haben ..., jenen Schein, den der gute »Knünch« so harmlos unterschrieben und der ihm von niemand anders als der wunderlichen Dirne in Köln entwendet sein konnte. Es war das nun freilich ein verdrießlicher Gedanke, daß dies Blatt in fremde Hände gekommen ... verdrießlich und beunruhigend zugleich, obwohl Ripperda sich zum Troste sagte, daß er sein Ziel auch ohne es werde erreichen können. Und dann kehrten seine Gedanken zu dem kecken rachsüchtigen Studenten zurück – dem einzigen, wie er sich gestand, der ihm durch seine entschiedene Weise und seine ruhige Entschlossenheit gefiel unter den Menschen, mit denen er in dieser Gegend in Berührung gekommen; dessen Energie ganz ohne Zweifel sich in viel glänzenderer Weise bewahren würde, als der in seiner leidenschaftlichen Erregung unberechenbare und unzuverlässige Franz von Ardey; und der bei dem Wagstück, was Ripperda unterstützen wollte, sicherlich ein viel besserer Gehilfe war als der letztere. Und weshalb – sagte sich Ripperda, plötzlich erfreut über eine so gute Idee – weshalb sollten wir den jungen Feldscherer nicht bei dieser romantischen Entführungsgeschichte als den Mann der Tat gebrauchen und den Herrn von Ardey dabei im Hintergrunde lassen? Es wäre wahrhaftig die allerbeste Weise, den Studenten für uns unschädlich zu machen ... wenn er diese kleine Heldentat vollführt, wenn er diese bedrohte Unschuld aus der Höhle des Drachen gerettet hätte, würde er die Notwendigkeit einsehen, sich aus dem Staube zu machen und ganz sicherlich nie mehr in die Grafschaft Ruppenstein und deren Nachbarlande zurückkehren, um uns hier lästig zu werden ... Der Gedanke ist vortrefflich ... es ist doch merkwürdig, wie eine gute Tat sich sofort belohnt – ich hoffe, aus dem Edelmut, womit ich mich jetzt für diese arme Demoiselle Stahl opfern werde, wird mir gleich eine ganze Fülle von Glück erblühen – wahrhaftig, die Moralisten und Philosophen haben recht, es ist barer Profit dabei, ein edler Mensch zu sein! – Dreizehntes Kapitel Die Geheimnisse von Schloß Ruppenstein Es war an einem Nachmittage, zwei Tage nach dem von uns erzählten Ausfluge Ripperdas nach Dudenrode, als der letztere behaglich in einem breiten hölzernen Lehnstuhl ruhte, vor sich eine rundbauchige Flasche und zwei feingeschliffene Gläser. Sein Antlitz ist mehr als gewöhnlich hoch gerötet und der Blick seines einzigen Auges lebhafter und feuriger noch als sonst. Ihm gegenüber, das Haupt wie sorgenschwer auf den Tisch gestützt, sitzt die schlanke Jünglingsgestalt Franz von Ardeys. Er ist in sorgfältigstem Gesellschaftsanzuge, im feinen dunkelbraunen Rock mit goldenen Knöpfen, in chamoisgelben Kniehosen und seidenen Strümpfen mit Schnallenschuhen; das Haar ist zurückgestrichen und in einen Zopf gebunden und läßt so die hohe gerundete Stirn, das ganze feine, vornehme Gesicht frei. Ripperda steckt in einem Anzuge, der sich nicht wesentlich von dem, worin wir ihn früher auftreten sahen, unterscheidet. Es ist die grüne, mit goldenen Tressen galonierte reichsgräflich Ruppensteinsche Jagduniform für Galatage und Hofgesellschaften. »Es ist so, wie ich sage, mein lieber junger Freund«, sagte er, indem er aus seiner halb liegenden Stellung sich aufrichtete, um sein Glas zu leeren. »Der Tolle hat den verwegenen Burschen unter sein Militär stecken lassen, und Marie Stahl ist hier irgendwo in einem Kämmerlein dieses Schlosses untergebracht, wo unser gnädigster Herr sich bestrebt, ihr seine zärtliche landesväterliche Gesinnung klar zu machen!« »Es ist eine unselige Geschichte!« brach jetzt Franz von Aidey aus. »Mag nun mit ihrer Einwilligung oder ohne sie dieser unglückliche Student seine Erklärung gemacht haben, wir müssen endlich handeln, wir müssen Marien befreien, lieber heute noch als morgen!« »Ganz richtig,« versetzte Ripperda, »aber ich habe keine Lust, mich von meinem gestrengen Gebieter hängen, rädern oder köpfen zu lassen, was sicherlich seine gnädigste Verordnung sein würde, wenn Sie bei der Unternehmung scheiterten und dabei ertappt würden; denn alsdann würde unser auffallend häufiger Verkehr in den letzten Tagen für Leute, die nicht halb blind sind, hinreichend auf meine Mitschuld deuten. Ich knüpfe meine Mitwirkung an die Bedingung: nur sacht, vorsichtig und besonnen, und vor allen Dingen nur so, daß weder auf mich, noch auf Sie irgend der Schatten eines Verdachts fällt. Ich habe meinen Plan. Ich will sie aus dem Schlosse befreien. Ich will sie nach Ihrem Gute Amelsborn bringen lassen, das, wie Sie sagen, außerhalb des reichsgräflich Ruppensteinschen Gebiets liegt. Sie soll dort eine Zuflucht finden, und Sie, Herr von Ardey, sollen bei der ganzen Geschichte nicht die mindeste Gefahr laufen – aber ich verlange dafür, daß Sie meinen Anordnungen folgen, und zum Lohne für meine Hilfe verlange ich nachher von Ihnen – – – Ihren vollen Undank!« »Ich verstehe Sie nicht!« »Es ist leicht erklärt. Ich verlange, daß Sie den Umgang mit mir abbrechen. Ich will nicht, daß man sage, Sie hätten tagtäglich mit mir verkehrt während der Zeit, wo Sie die Torheit begangen, ein armes bürgerliches Mädchen zu heiraten, oder was Sie sonst mit ihr vorhaben. Ist Gras über die Geschichte gewachsen, so können wir unsere Freundschaft, auf die ich in der Tat nur mit Schmerzen verzichten würde, wieder anknüpfen. Nehmen Sie diese Bedingungen an, so schlagen Sie ein.« Franz von Ardey legte seine weiße schmale Hand in die breite gebräunte Faust Ripperdas. »Ich kann ja nicht anders«, sagte et. »Nun wohl – also von diesem Augenblicke an unterwerfen Sie sich ohne Widerspruch meinen Anordnungen?« fuhr Ripperda fort. »Ja.« »Gut, so sage ich Ihnen denn, daß wir den Studenten aus Köln dazu benutzen werden, die gefährliche Rolle in dem Drama zu übernehmen. Er wird Marie aus dem Schlosse führen ...« »Er?« fuhr Franz auf – »unmöglich, das kann ich nun und nimmer zugeben!« »Und doch werden Sie es.« »Ei, der sich für Mariens Verlobten hält ...« »Possen!« »Wenn er es nicht täte, würde er bereit sein zu dem, was Sie ihm zumuten wollen?« »Dafür lassen Sie mich sorgen.« »Ich kann nicht zugeben, daß dieser Student ...« »Ich weiß, was Sie sagen wollen; Ihr eifersüchtiges Herz empört sich gegen den Gedanken, daß der Student sich auf die unauslöschliche Dankbarkeit Mariens so große Rechte erwerbe. Aber ich kann Ihnen nicht helfen. Entweder so wird es geschehen oder gar nicht.« Ripperdas Energie und Entschiedenheit hatten sich in der kurzen Zeit seines Umganges einen solchen Einfluß auf den Charakter des aufgeregten, zwischen den verschiedensten Empfindungen stürmisch hin und hergeschleuderten jungen Mannes errungen, daß der letztere beinahe verstummte. Er warf nur noch ein: »Aber ob der Student oder ich selber Marien rettet, kann Ihnen das nicht einerlei sein?« »Keineswegs. Der Student gilt in den Augen des Tollen als Mariens Verlobter. Er selbst ist gewaltsam unter das Militär gesteckt. Wenn er mit ihr flieht, so ist das kein Wunder, eine Tat, bei der man nicht lange untersuchen wird. Scheitert die Sache, so hat er die Folgen allein zu tragen – auf mich kann kein Verdacht fallen, der Mensch ist mir völlig fremd. Und dann habe ich noch einen Grund: der Student ist nicht verliebt wie Sie, also ist er kaltblütiger, ruhiger, besonnener –« »Aber gewiß nicht mutiger und entschlossener!« fuhr Franz auf. »Aber praktischer! Darum ergeben Sie sich darein«, versetzte Ripperda. »Und nun genug! Das Nähere bereden wir morgen vormittag. Jetzt begeben Sie sich in den Wiprechtsbau zur Gesellschaft zurück. Machen Sie Fräulein Helene von Wrechten den Hof.« »Ich bin in der rechten Stimmung dazu!« »So zeigen Sie sich wenigstens dort. Ihre lange Abwesenheit fällt auf. Ich folge Ihnen in einer Viertelstunde.« Franz von Ardey nahm seinen Hut mit den schmalen Goldborten und dem Federsaum, der damals noch zur Tracht eines Kavaliers, welcher bei Hofe erscheint, gehörte, und schickte sich an, Ripperda zu verlassen; er ging jedoch erst einigemal in dem Zimmer auf und ab, sich zu fassen, und dann schritt er gesenkten Hauptes über den Schloßhof dem großen Portal zu, das in den Wiprechtsbau führte. In einer Flucht Zimmer im ersten Stockwerk dieses Baues war eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft versammelt. Graf Philipp III. hatte einige Adelsfamilien der Nachbarschaft zu seinem heutigen Diner eingeladen. Die Gesellschaft hatte eben den Kaffee eingenommen und war jetzt in mehr oder minder lebhafter Unterhaltung begriffen; zerstreut in den einzelnen Räumen, hatte sie sich abgesondert zu verschiedenen Gruppen. Einige »Spitzen« der gräflichen Behörden hielten sich zumeist in dem vordersten Zimmer auf; sie politisierten ziemlich lebhaft untereinander, durch die drohenden Zeitereignisse und das immer näher kommende Kriegswetter zu einer Art der Unterhaltung angeregt, welche sonst, wie billig, in den Räumen, wo ein souveräner Herr weilt, vermieden wird. Aber man wußte, daß man Philipp III. nicht mißfiel, wenn man von den Mißgeschicken der österreichischen Waffen sprach. Österreich war die einzige Macht in Deutschland, welche in dem alten Reichskörper eine gewisse Widerstandskraft nach außen hin lebendig erhielt; ohne Österreich wäre das liebe Heilige Römische Reich eine moderige oder gallertartige Masse gewesen, die jedem Fußtritt, den ihr ein hochmütiger Nachbar versetzt, nachgegeben hätte. Solch ein Zustand aber war einem Souverän wie Philipp III. unendlich willkommener als das, was er die »österreichischen Intrigen« nannte, um die Mitglieder des Reichskörpers in ewiger Unruhe und Not und Aufregung zur Bekämpfung des Franzosen zu erhalten. Auch hatte Philipp III. seit Jahren schon manches Hühnchen zu rupfen bekommen mit einem paar ganz fataler, chikanöser und in jeder Beziehung verderblicher und unmoralischer Institute, die Österreich, seiner Ansicht nach bloß aus Tücke und Frevelmut, zur Unterdrückung der Souveränitätsrechte der deutschen Reichsstände aufrecht erhielt. Dies waren das Kammergericht und der Reichshofrat. Der Reichshofrat und das Reichskammergericht waren so etwas wie eine letzte Zuflucht für alle, welche unter dem Zepter irgendeines kleinen Reichstyrannen keine Hilfe und keinen Rechtsschutz mehr fanden. Sie waren die Organe, wodurch sich von Zeit zu Zeit zeigte, daß noch immer eine schirmende Kaisergewalt da sei, welche den Unterdrückten beisprang und die Kleinen gegen die Großen in Schutz nahm. Die österreichischen »Kostbeutel« also, wie man damals sich ausdrückte, waren dem regierenden Landesherrn in der Seele zuwider, und er hätte nichts gegen das gehabt, was seine Beamten, diese arme, vielgeplagte Menschenrasse, politisierend und kannegießernd wider sie vorbrachten, wenn er es hätte hören können. Das jedoch war ihm unmöglich, denn zwischen dem Raum, in welchem sie sich aufhielten, und dem, worin die höchsten Herrschaften sich befanden, lag ein zweiter Salon, in welchem einige mehr oder minder junge Damen, ein paar »Hofchargen« und ein paar Offiziere sich sehr lebhaft unterhielten. Im Vorübergehen streift unser Blick eine dieser Damen, die auf einem Taburet in einer Fensternische ruht; ein blühendes, von Gesundheit und Fülle strotzendes Geschöpf. Es ist Hedwig von Wrechten, die Nichte des Hofmarschalls und des gräflichen Adjutanten. Sie bildet eben den Mittelpunkt einer höchst belebten Unterhaltung, denn die beiden Offiziere und ein paar andere junge Herren, die dem Adel der Nachbarschaft angehören, machen ihr sehr eifrig den Hof. Und Hedwig von Wrechten ist immer sehr liebenswürdig, sehr heiter und sehr graziös, wenn man ihr den Hof macht. Wenn dies nicht geschieht und Fräulein von Wrechten folglich sich langweilt, so ist jenes weniger der Fall. Sie schlendert dann languissant umher oder streckt sich auf einem Sofa und ist der vollendete Typus jener liebenswürdigen und achtungeinflößenden vornehmen jungen Damen, deren ganzes Sein und Wesen sich zu dem bewunderungswürdig logischen Programm ihrer Existenz zuspitzt: zwar ich verstehe und weiß nichts, aber man soll mich verehren; ich tue und leiste nichts, aber ich will bewundert sein; ich bin in jeder Beziehung nichts, aber mich zu lieben und anzubeten ist Pflicht jedes Sterblichen von gutem Geschmack, und wer es nicht tut, ist nicht wert, daß ich Notiz von ihm nehme. Also Hedwig von Wrechten ließ sich eifrig den Hof machen, und darüber vergaß sie ihren stillen, blöden und wortkargen Verehrer Franz von Ardey, den ihr die Frau von Averdonk in Eintracht mit ihrem Oheim, dem Hofmarschall, und dem regierenden Herrn zum Gemahl bestimmt hatte, weil sie von tadelloser Herkunft und die Erbin eines ansehnlichen Vermögens war. Sie entbehrte seinen heute besonders ernst aussehenden blonden Kopf mit den mehr Unmut als Mut ausstrahlenden blauen Augen ganz und gar nicht unter den belebten, geröteten Gesichtern der Männer, welche sie umgaben und über die mehr heitern und kindlich albernen als sinnvollen Einfälle lachten, die sie zum besten gab. Im dritten Raume, sagten wir, befanden sich die höchsten, Herrschaften ... es waren ihrer zwei, Graf Philipp und ein nur um ein Jahr jüngerer Bruder – ein harmloser dicker Mann, an dem die Natur offenbar genug getan zu haben glaubte, daß sie ihn zum Grafen von Ruppenstein gemacht; ja, als ob ihm damit bereits zu viel Ehre geschehen, schien sie nun auch jede weitere Gabe für überflüssig gehalten zu haben. Wie aber jedes individuelle Leben, welchem man eine ungehinderte und freie Entwicklung läßt, sich zu Besonderheiten, die es in seiner Art beachtenswert machen, ausbildet, so war Graf Rupprecht von Ruppenstein auch zu einer Individualität geworden, die ihren bestimmten Charakterzug hatte. Er leistete Erstaunliches darin, eine ruhig diskutierende Gesellschaft gerade im richtigen Moment durch irgendeine schreckliche Störung, z. B. durch das plötzliche wütende Schmerzgeheul eines unglücklichen Hundes, dem er auf den Schwanz trat, zu erschrecken; auch war es seine Spezialität, jemandem, der sich eben setzen wollte, so geschickt unversehens den Stuhl fortzureißen, daß er sicher auf den Boden fiel. Niemand war ferner geübter darin, Löcher durch Türen und Wände zu bohren, die einen Einblick in irgendeinen verschlossenen Raum verstatteten, namentlich dann, wenn er von Damen bewohnt war; und sein Kopf war äußerst fruchtbar an Einfällen, wenn es galt, irgendeinen Nebenmenschen um seine Nachtruhe oder seine Bequemlichkeit zu bringen, und dies besonders, wenn dabei Anstand und Reinlichkeit in ganz erstaunlicher Weise verletzt werden konnten. Philipp steht in der Mitte des Salons, mit dem Rücken an eine große runde Tafel mit schwerer Marmorplatte gelehnt, und neben ihm steht der Freiherr Lactantius von Averdonk, der seine lange Figur heute in einen Staatsrock von dunkelblauem Samt mit silbernen Knöpfen und silbernen Borten gehüllt hat, und dessen Toilette wohl ohne Zweifel so tadellos ist, weil seine Gattin selbst sie einer Prüfung und letzten Nachhilfe zu unterwerfen für gut fand. Daneben zeigt sich ein großer, kräftig gebauter Mann in einer absonderlichen, altmodischen Ritterschaftsuniform, die durch ihre Falten und ihren verblichenen Glanz andeutet, daß sie sehr lange nicht mehr aus dem Kasten gekommen ist, und die dem Träger fortwährend ein Gefühl von Unbehagen zu erwecken scheint, das sich auf den mißmutigen Zügen des alten Mannes abprägt. Gegen die Sitte der Zeit trägt dieser Herr keine Perücke, sondern über seiner enorm hohen kahlen Stirn ruht ein aus seinen grauen Haaren gebildetes Toupé, welches da oben thront wie die Arche auf dem Berge Ararat; unter den merkwürdig dichten buschigen weißen Brauen rollt ein Paar schreckeneinflößender großer Augen, und der größte Teil des übrigen Gesichts ist in einen Wald von grauem Barthaar versteckt. Diese merkwürdige Figur, die aussieht, als habe sie in verschiedenen Perioden der Geschichte sich durch viele notable Taten ausgezeichnet und noch in reifern Jahren um die Welt große Verdienste erworben, sei aber zu stolz, sich in dieser Richtung weiter zu bemühen, gehört einem Freiherrn Burkard Mordian von Eggenrode zu. Den Kreis, welcher sich um die Erlaucht gebildet hat, schließt ein Herr in österreichischer Uniform, ein Stabsoffizier, der auf der Durchreise begriffen ist, da er die Mission hat, die Wege in den Gegenden zu inspizieren, durch welche das österreichische Heer seinen Rückzug nach Franken zu bewerkstelligen beabsichtigt. Der Offizier war mit Philipp III. wegen der Herstellung einer fahrbaren Straße durch sein kleines Land in Unterhandlung getreten, hatte dabei jedoch den entschiedensten Widerstand gefunden. Philipp III. behauptete, es sei kein Weg in seinem Gebiet, auf welchem er selbst, wenn er sich zu Pferde setze, nicht recht wohl vorwärts käme, und wenn andere Leute das nicht vermöchten, so sei es offenbar Mangel an Geschick und gutem Willen. Die Verhandlung hatte sich etwas erhitzt; der österreichische Offizier hatte sich dabei, wie man in Wien sagt »gegiftet« und im stillen vorgenommen, seinerzeit womöglich Rache an der Erlaucht zu nehmen. Für den Augenblick schien der Hader vergessen; der Offizier erzählte mit großer Lebhaftigkeit von dem letzten Feldzuge in den Niederlanden, und Graf Philipp III. machte seine von mehr oder minder gesunder Urteilskraft zeugenden Bemerkungen dazu, während die beiden anderen Herren sich zu den Dingen, die ihnen im Geiste, vorgeführt wurden, in auffallender Verschiedenheit verhielten. Lactantius von Averdonk hörte mit der gespannten Neugier eines Kindes zu, und schien ganz hingerissen von der Bewunderung jener männlichen Tapferkeit, die sich in den Schilderungen des Österreichers malte, wenn dieser von den letzten Waffentaten seiner Kriegsgenossen unter dem Erzherzog Karl und Clairfayt erzählte. Schwärmerei für männliche Tapferkeit, das ging aus allem hervor, war des Freiherrn von Averdonk schwache Seite, und wenn man sein leis gerötetes Gesicht, seine aufleuchtenden großen Augen betrachtete, so war man versucht, sich besorglich nach seiner treuen Gattin Gebharde umzusehen, ob sie auch in der Nähe und bereit sei, ihn von dem voreiligen Entschluß abzuhalten, sich sofort auf den Schauplatz des Kampfes zu begeben und sich ins dichteste Handgemenge zu stürzen. Ganz anders der Freiherr von Eggenrode; er ließ mit einem Ausdruck des höchsten Unwillens seine dicken Brauen arbeiten und, die Mundwinkel so tief und mürrisch herabhängen, daß sein Gesicht eine auffallende Ähnlichkeit mit einer menschenfeindlich gesinnten Dogge erhalten hatte. Es war, als ob er den ganzen französischen Jakobinerschwindel und den ganzen österreichischen Leichtsinn, der sich mit ihm eingelassen hatte und ihn nun ins Land zog, wie eine persönliche Beleidigung gegen sich, den Freiherm von Eggenrode, aufnahm, dessen Rechte, Ansprüche, Meinungen und Privilegia als westfälischer Baron so gar nicht berücksichtigt und bedacht worden waren, bevor man solch einen unverantwortlichen Lärm in der Welt angefangen. »Es ist doch ganz etwas anderes, wenn man das so lebendig von einem Kriegsmanne, der mit dabei war, erzählen hört,« sagte Lactantius, wie der Offizier eine Pause machte, »als wenn man es aus den Zeitungen oder aus den Büchern liest.« »Und das ist Euer Fall, Averdonk,« fiel der Graf spöttisch ein, »hockt immer über den Büchern, wie?« »Ich muß es leider bekennen,« entgegnete der lange Freiherr, »daß ich wohl etwas mehr als billig mich durch meine Studia von den Dingen dieser Welt abziehen lasse... aber was soll man machen, wenn man einmal sein Steckenpferd hat!« Die meisten Anwesenden kannten sehr wohl des guten Lactantius Marotte, ein Bücherwurm sein zu wollen. Eggenrode allein aber schonte sie nicht, indem er mit seiner tiefen Baßstimme einfiel: »Du hast recht, Lactantius, daß du dir zum Reiten ein Steckenpferd genommen hast. Das hohe Pferd in deinem Hause reitet ohnehin deine Eheliebste! Was aber den Bücherkram angeht, so wäre es meine Passion nicht. Die Bücher sind mir zu sehr unterschiedlich!« »Ja, ja,« bemerkte Philipp III. kopfnickend, »sie sind unterschiedlich, aber die meisten sind schlecht. Und das ist auch ganz natürlich. Denn wer macht sie? Arme Teufel, Leute, die nichts zu sagen haben. Und wer nichts zu sagen hat, was wird der viel Gescheites schreiben können? Man tut deshalb am besten, sich nicht damit abzugeben. Was aber diesen Krieg angeht, so danke ich Gott, daß er uns nicht ins Land kommen kann; ich habe mich für neutral erklärt.« »Und wenn die Franzosen nun doch kommen?« warf Lactantius besorglich ein. »Dann fragt es sich immer noch, ob sie die Geschicklichkeit haben, auf Seiner Erlaucht Wegen vorwärts zu gelangen«, bemerkte kaustisch der Offizier. »Werden's schon bleiben lassen,« entgegnete Philipp III., indem er dem Österreicher einen ungnädigen Blick zuwarf; »wenn's aber nicht anders ist, nun, dann wird man sich schon zusammen vertragen müssen.« »Freilich,« sagte der Offizier, »das verstehen ja die Herren hier im Reich bewundernswürdig, sich in die Franzosen zu fügen und mit dem Reichsfeind zu vertragen! – –« Währenddessen hatte Gebharde von Averdonk so geschickt manövriert, daß sie im vordersten Zimmer neben Ripperda in einer tiefen Fensternische stand, ohne beobachtet zu sein, und namentlich ohne die Aufmerksamkeit der Gruppe von jungen Leuten erregt zu haben, welche so laut ihre Huldigungen Hedwig von Wrechten darbrachten. »Was wollen Sie mir sagen, Ripperda?« fragte sie flüsternd, nachdem sie einige unverfängliche Reden über die Lage von Ruppenstein, das gute Aussehen der Erlaucht und ähnliche, allen beiden gleich sehr am Herzen liegende Gegenstände laut vorausgesandt – »Sie machten mir ein Zeichen.« »Ich wollte dir Vorwürfe machen, Gebharde«, versetzte Ripperda in demselben Tone, aber sie unterbrach ihn rasch und ängstlich: »Um Gotteswillen, hier nicht das Du und Gebharde!« »Sie haben unsern Beschluß wegen des unglücklichen Studenten so schlecht ausgeführt, den Menschen so schlecht gehütet, daß wir in der größten Gefahr seinetwegen schweben.« »Leider ... die Existenz dieses Menschen, sein Aufenthalt hier läßt mir keine ruhige Stunde! Ich bin in einer innern Aufregung seitdem, die mich krank macht, die mir den Tod antun wird, wenn ...« »Es gibt einen Ausweg aus den Schwierigkeiten, ma chère.« »So reden Sie ... wir können nicht lange mehr dieses Flüstergespräch fortführen, ohne aufzufallen.« »Sie wissen,« sagte Ripperda, »daß der Student sich mit der Person verlobt hat, die unser Toller seitdem hier eingesperrt hält, während er in dem Studenten eine vortreffliche Erwerbung als Wundscherer für seine Armee gemacht zu haben glaubt.« »Freilich weiß ich das!« »Nun wohl – da der Student demnach ohne allen Zweifel auch in das hübsche Lärvchen dieser Marie verliebt ist, so meine ich, man kann ihn zu allem bewegen, ihn von hier fort in jede fernste Himmelsgegend schicken, wenn man sie ihm verspricht!« »Aber wie kann man das, da der Reichsgraf ...« »Man kann alles, wenn man's nur geschickt einfädelt«, fiel Ripperda ein. »Ich nehme den Studenten vor, gebe ihm die Mittel an, das Mädchen zu entführen, und er wird sich keinen Augenblick besinnen, auf dieses Wagstück einzugehen. Gelingt es ihm, desto besser; dann sind wir seiner und zu gleicher Zeit Mariens entledigt, die zwischen Ihnen und Ihren Absichten mit Franz von Ardey steht. Gelingt es ihm nicht, so wird der Tolle in seiner Wut ihn erwürgen lassen, das ist gewiß, und wir sind seiner auf diese Weise noch sicherer los! – Ersinnen Sie nur irgendein Mittel, zu erfahren, wo Marie Stahl untergebracht ist. Bis morgen abend muß ich eine Antwort von Ihnen haben ... aber man beginnt in der Tat, uns zu beobachten.« Frau von Averdonk blickte scheu um sich. »Ich will tun,« antwortete sie nur noch rasch, »was ich kann, mehr verspreche ich nicht! Ich will Ihnen Baptist senden. Jedenfalls soll er Geld bringen!« Dann verließ sie Ripperda, um zu einer alten Dame zu treten und mit dem Anschein der größten Seelenruhe ein gleichgültiges Gespräch mit ihr zu beginnen. Ripperda trat ebenfalls aus der Fenstervertiefung vor, warf einige Blicke durch die Räume, fixierte dabei mit einem ganz eigentümlichen Ausdrucke seines stechenden Auges und einem höhnischen Aufwerfen der Lippen die groteske Gestalt des Freiherm von Eggenrode, welche er im Hintergrunde neben dem Grafen stehen sah, und dann verschwand er geräuschlos und unbeobachtet aus den Gesellschaftsräumen, nachdem er noch wahrgenommen, daß Franz von Ardey sich heroischen Anstrengungen hingab, in dem Kreise, der Hedwig Wrechten umringte, in die allgemeine Heiterkeit einzustimmen. Vierzehntes Kapitel Der Fluchtplan Es war am folgenden Tage. Ripperda ging langsam in seinem Wohngemach auf und ab, die Hände auf dem Rücken, das Gesicht dem Boden zugewandt, die braune Stirn in eine einzige düstere Falte zusammen gezogen. Er wurde durch ein leises Offnen seiner Tür unterbrochen, und rasch umblickend wurde er den Kopf eines Mannes in gepuderter Perücke gewahr, der ins Zimmer schaute. »Tritt ein, Baptist«, sagte Ripperda, und nachdem der Kammerdiener über die Schwelle geschritten, ging er selbst, sorgfältig die Tür hinter ihm zu schließen. »Was willst du? Hast du einen Brief von Frau von Averdonk?« »Nein,« versetzte Baptist, »aber dieses.« Er legte eine kleine Rolle Gold vor Ripperda auf den Tisch. »Dann«, fuhr er fort, »habe ich drüben beim Grafen einen Brief abgegeben, der die Bitte enthielt, mich mit Marie Stahl sprechen zu lassen, um von ihr Aufschluß über ein Geschäft von Belang zu erhalten, das die gnädige Frau die Marie Stahl, als sie noch bei uns war, beauftragt habe abzuschließen.« »Und wo ist Marie Stahl?« Baptist führte Ripperda ans Fenster und deutete mit dem Finger auf den neuern, im Rokokogeschmack gebauten Schloßflügel, nach oben hin, auf die Reihe der Mansardenfenster. »Dort oben?« »Dort, aber nicht in einer der Kammern nach vorn heraus, zu uns her, sondern nach rückwärts. Es läuft ein Korridor da oben durch die ganze Länge des Flügels; rechts und links liegen Zimmer. Marie bewohnt das letzte Zimmer am Ende des Korridors, vom Wiprechtsbau aus rechts, also mit der Aussicht auf den hintern Hof.« »Und was trieb sie? Wie sah sie aus?« »Sie sah leidend aus; es war ein anderes junges Mädchen bei ihr; sie waren zusammen mit einer Arbeit beschäftigt.« »War sie blaß und verweint und verschüchtert?« »Wohl so auch, blaß wenigstens, sehr blaß; aber verschüchtert nicht – unter uns, Herr von Ripperda, ich glaube, das Mädchen hat irgendeinen bestimmten verzweifelten Entschluß gefaßt. Sie sprach so fest und bestimmt, wie ein solches schwaches Geschöpf nicht sprechen würde, wenn es nicht irgendeinen Rückhalt hinter sich hat.« »Und was sollte der Rückhalt sein? Sie wird sich kein Leids antun wollen!« Baptist zuckte die Achseln. »Ich meine nichts, Herr von Ripperda, als daß, wenn ich der Graf wäre, ich mich nicht so darauf versteifen würde, auf diese Weise bei einzelnen Untertaninnen die letzte Hand an ihre Ausbildung zu legen!« Ripperda entgegnete nichts; er sah eine Weile nachdenklich durchs Fenster, dann fragte er Baptist: »Über die Örtlichkeit dort oben hast du mir sonst nichts mitzuteilen?« Baptist dachte eine Weile nach, dann sagte er: »Von unten her kommt man nicht hinauf, und durch den Wiprechtsbau noch weniger; schon der Schildwachen wegen; es müßte also – das wäre der einzige Weg – von oben her geschehen.« »Von oben her ... aber man wird von oben her nicht durch den Plafond in das Kämmerchen des jungen Mädchens steigen können?« »Das nicht... aber am Ende des Korridors, dicht neben der Tür Mariens – ich sagte Ihnen, daß es die letzte rechts auf dem Gange ist?« »Das sagtest du – also am Ende des Korridors? ...« »Führt eine schmale Treppe nach oben, auf die Speicher.« »Aber zunächst wohl vor eine Tür?« »Ja, vor eine Tür. Ob sie verschlossen ist, weiß ich nicht.« »Es käme also«, sagte Ripperda, »nur darauf an, daß man...« »So etwas wie ein Marder oder Iltis wäre, um auf den Speicher zu kommen«, fiel Baptist ein. »Oder ein Fuchs, womit für dich die Aufgabe wesentlich erleichtert wäre, Freund Baptist«, erwiderte Ripperda. »Nun, es ist gut, ich danke dir. Du kannst jetzt heimkehren. Der Hof ist eben menschenleer, und du wirst gut tun, diesen Augenblick zu benutzen.« »Baptist machte eine Verbeugung. »Für die gnädige Frau ...« »Habe ich keinen Auftrag weiter. Adieu!« Ripperda nickte mit dem Kopfe, und Baptist entfernte sich so geräuschlos, wie er gekommen war. »Die Sache ist leichter, als ich mir vorgestellt habe«, sagte Ripperda, sobald er allein war. »Die Region der Speicher da oben haben wir untersucht und kennen sie. Ich denke, wir können die Ausführung unseres Planes sofort beginnen.« Mit diesen Worten nahm er aus einem über seinem Bette befindlichen Spind eine kleine Flasche, aus welcher er einige Tropfen schwarzes Blut in der Mitte des Raumes auf den Boden goß; dann tröpfelte er ungefähr ebenso viel davon auf den Ballen seiner linken Hand und verschloß sorgsam das Fläschlein wieder in das Spind. Er nahm nun sein weißes Sacktuch und wickelte es langsam um die Hand, sodaß es von dem Blut durchtränkt wurde. Nachdem dies geschehen, langte Ripperda sich eins seiner Pistolen, die an einem der Rehgeweihe an der Wand hingen, herunter, schoß es ab und warf es neben das Blut auf den Boden. Der Knall donnerte wie ein Kanonenschlag durch den geschlossenen und gewölbten Raum. Die Kugel war in die Wand der Tür gegenüber eingeschlagen. Nipperda ließ einige Augenblicke vergehen, dann sprang er zum Fenster, um den einen Flügel desselben aufzureißen. Draußen kamen eilig ein paar Soldaten ans der Wachtstube herangelaufen, die vom Hofe aus neugierig ins Innere des Wohngemachs schauten; bald wurde auch die Tür aufgerissen, und eine Gruppe von Stallknechten und anderm Hofgesinde drängte herein, um zu sehen, was der Schuß zu bedeuten habe. Ripperda wickelte eifrig an dem Tuche um seine linke Hand und stieß laut ein paar Flüche aus. »Ich bin mein Lebenlang ein ungeschickter Mensch gewesen,« sagte er – »der Teufel weiß es ... nun, schert euch doch fort, Leute, was wollt ihr? das Pistol hat sich mir unversehens entladen, und die Kugel hat mich an der Hand hier gestreift ... Du, Fritz, erzeige mir den Gefallen und laufe zum Herrn Grafen hinüber, hörst du? Serenissimus wird nicht wissen, woher der Schuß kommt, ich lasse meine gehorsamste Entschuldigung vermelden, es sei ein Zufall gewesen, wobei ich mir die linke Hand verletzt hätte, es werde aber nicht viel zu bedeuten haben, obwohl es freilich höllische Schmerzen macht, es ist gerade durch den Muskel gegangen – lauf', Fritz, eile ...« Der Lakei Fritz eilte von dannen. »Und du, Arnold,« fuhr Ripperda zu einem zweiten der Diener gewendet fort, »mußt mir einen andern Dienst tun: spring' hinunter in die Stadt und hole mir den neuen Kompagniechirurgen her, hörst du?« Nach einer Weile kam Fritz, der Lakai, wieder herein. Serenissimus ließen dem Herrn von Ripperda vermelden, dieselbigen hätten einen dummen Streich gemacht, denn wider Schußwunden hätten Serenissimus keine Macht. Sie sollten zu einem Pflasterkasten schicken. »Lasse untertänigst danken und würde mich der gnädigst erteilten Erlaubnis bedienen!« erwiderte Ripperda auf diese Botschaft, das Gesicht in höhnische Falten ziehend. Als eine Viertelstunde verflossen war, stand der Gewünschte vor ihm. »Sie haben sich nicht zu Ihrem Vorteil verändert, seit wir uns in Köln sahen«, redete ihn Ripperda an; »solch eine mit Talg eingeschmierte Soldatenperücke steht doch abscheulich. Ich denke mir, es wäre Ihnen doch sehr angenehm, wenn Ihre Chirurgenschaft nun ein Ende nähme?« »Wenn ich das so dringend wünschte, so hätte ich ihr bereits ein Ende gemacht, mein Herr«, versetzte Hubert trotzig. »So? Steht das so in Ihrer Gewalt? Serenissimus rechnet Sie weder zu den ganz vertrauten, noch zu den halb vertrauten Leuten seiner Kompagnie, soviel ich weiß, sondern zu den ›Unsichern‹; Sie dürfen weder bei Tage noch bei Nacht die Ringmauern dieser gräflichen Residenz und Hauptstadt verlassen!« Hubert zuckte die Achseln. »Was mich hier gehalten hat,« sagte er, »das sind die Gründe, die ich dafür habe, nicht die Befehle oder die Mauern des Herrn Grafen!« »Für so leicht halten Sie also das Entkommen?« »Ich glaubte herberufen zu sein, um eine Verwundung, welche Sie sich beigebracht haben, zu behandeln!« versetzte Hubert. »Meinen Sie?« entgegnete Ripperda, indem er die verwundete Hand erhob, das um sie geschlagene blutige Tuch loswickelte und Hubert seine Hand zeigte. »Die Hand ist ja gesund!« rief Hubert aus. »Was soll die Posse?« »Sie sehen; ich habe Sie nicht um meinetwillen kommen lassen.« »Wozu denn? Was wollen Sie von mir!« »Verständigen wir uns – auf andere Weise kommen wir nicht weiter. Machen wir uns zuerst die Tatsachen klar. Setzen Sie sich dazu, denn unsere Verhandlung wird voraussichtlich noch eine Zeitlang dauern, bis wir zum Friedensschluß kommen.« Hubert lehnte den angedeuteten Stuhl durch eine Bewegung des Kopfes ab. »Nun, wie Sie wollen«, fuhr Ripperda fort. »Sehen Sie, mon cher ami, die Dinge liegen, um einmal ganz ernsthaft darüber zu reden, so: Sie entzogen sich dem Machtbereich der Dame, die ein großes Interesse daran hat, Ihres Schweigens sicher zu sein. Es bleibt uns mithin nichts übrig – Sie sehen, daß ich ganz offen bin – als auf dem Wege gütlichen Übereinkommens jetzt dasselbe zu erreichen, was uns mißglückt ist, durch Gewalt zu erreichen. Dieses gütliche Übereinkommen werden wir also abschließen. »Sie sind sehr zuversichtlich, mein Herr von Ripperda.« »Allerdings, mein Herr Hubert Bender,« entgegnete Ripperda, indem er einen scharfen, etwas scheuen Blick auf den Studenten warf – »ich bin zuversichtlich, denn ich weiß, daß Sie auf meine Bedingungen eingehen werden. Sie sind ein mutiger, edel denkender junger Mann. .. hätte ich Ihren Charakter früher so gekannt, wie ich ihn jetzt kenne, wie er sich zu Elsen gezeigt hat, so würden wir von Anfang an anders gegen Sie gehandelt haben. Sie sind nicht imstande, Bedingungen auszuschlagen, deren erste ist: ich gebe Ihnen die Gelegenheit und die Mittel an die Hand, Marie Stahl aus der peinlichsten und verzweifeltsten Lage zu retten, welche für ein junges tugendhaftes Mädchen als möglich gedacht werden kann ...« »Sagen Sie Ihre weiteren Bedingungen«, fiel Hubert, ein, indem er sich aufrichtete und seine Augen plötzlich aufleuchteten. »Ich helfe Ihnen«, fuhr Ripperda fort, »nicht allein, das junge Mädchen zu retten, sondern selbst aus dieser unwürdigen Gefangenschaft zu entkommen ...« »Sie war deshalb meiner nicht unwürdig,« unterbrach Hubert ihn stolz, »weil ich sie nur ertrug in der Hoffnung, für das junge Mädchen hier etwas tun zu können!« »So stimmen also unsere Absichten auf das beste überein. Also ich gebe Ihnen die Mittel, sie zu entführen; Sie erhalten vorher diese Geldsumme dort und die Zusage weiterer Unterstützungen, wenn Sie dieselben später in Anspruch nehmen wollen, um sich irgendwo – nur nicht in dieser Gegend hier – als Chirurg oder promovierter Arzt, wenn Ihr Ehrgeiz so hoch fliegt, niederzulassen. Und dagegen schwören Sie mir, nie eine Silbe von dem zu verraten, was Sie in Köln belauscht haben, mag dessen nun viel oder wenig sein... niemals etwas darüber laut werden zu lassen, es sei denn, daß ich selber Ihr Zeugnis darüber fordere!« »Das Geld dort werde ich nehmen müssen, um Mariens willen, zu deren Rettung es mir nötig sein wird«, versetzte Hubert. »Eine weitere Unterstützung nehme ich von Ihnen für mich nicht in Anspruch.« »Wir sind also einverstanden«, fuhr Ripperda fort; »ich gebe Ihnen die Mittel an die Hand, sich selbst und das Mädchen zu befreien und eine kühne Rittertat zu vollführen; ich gebe Ihnen das Geld dort und das Versprechen weiterer Unterstützung, wenn Sie diese später wollen und in Anspruch nehmen. Was Ihr Verhältnis zu Marie angeht, so machen Sie das nachher, wenn Sie sie in Sicherheit gebracht haben, selbst mit ihr und Franz von Ardey aus. Dagegen verpfänden Sie mir Ihr Wort, Ihre Ehre, Sie schwören mir, zu schweigen über das, was der Zufall oder vielmehr Ihr verdammter Fürwitz Sie etwa erfahren ließ ...« »Ich schwöre Ihnen das, für den Fall, daß Sie Ihre Bedingung erfüllen.« »Natürlich, nur für diesen Fall; aber nebenbei hatte ich noch eine weitere kleine Bedingung ... Sie werden einsehen, daß Sie bei unserm Vertrage ohnehin bedeutend im Vorteil find, und daß es nicht unbillig ist, wenn ich noch eine kleine Klausel anhänge!« »Wie heißt diese Klausel?« fragte Hubert. »Ich darf annehmen, daß Sie nicht ganz ohne alle Beziehungen zu dem alten Hause in Köln waren, in welches Sie damals eindrangen. Sie konnten nicht so ungehindert in dasselbe gelangen, ohne irgendeine Hilfe, ohne eine schuldige Mitwissenschaft des Hüters oder ein Einverständnis mit Personen, welche imstande waren, Ihnen einen Zugang zu öffnen.« »Das Unternehmen ging lediglich von mir aus«, antwortete Hubert ausweichend; »ich war einfach neugierig, zu wissen ...« »Danach frag' ich nicht, von wem es ausging, sondern danach, wer Ihnen bei der Ausführung half!« »Niemand!« versetzte der Student. »Mein lieber junger Freund, es ist eine Beobachtung, die schon seit dem höchst betrübenden Untergange Trojas erfahrene Leute gemacht haben wollen, daß, wenn irgendein tief in die Geschichte der Völker oder eines Menschenlebens greifendes Unheil angestiftet wird, gemeiniglich Weiber dabei waren. Kennen Sie die Nichte des Hüters jenes alten Hauses? Kennen Sie Traudchen Gymnich? Seien Sie offen gegen mich!« Hubert errötete bei dieser Frage. »Ich kenne sie«, versetzte er; »ich wüßte nicht, weshalb ich es leugnen sollte!« »Nun wohl,« fuhr Ripperda fort, »ich habe dieses Mädchen in der Absicht, sie auszuforschen, aufgesucht; sie hat, während ich in Köln mich aufhielt, mich bedient, ich habe sie dabei beobachtet – aber dieses Geschöpf ist von einer solchen kalten Verschlossenheit, daß es mir nicht gelungen ist, zu ergründen, ob sie damals, wie ich argwöhnte, Ihre Begleiterin war, ob sie ebenfalls die Lauscherin gemacht hat oder nicht...« Ripperda fixierte bei diesen Worten Hubert mit seinem einen Auge, als ob er ihn durchbohren wolle. Hubert schwieg. »Sie schweigen darüber – Sie bejahen es also! Nun wohl, dieses Mädchen ist in unsern Kontrakt mit eingeschlossen; Sie verpflichten sich, sie ebenfalls zu bewegen ...« »Woher glauben Sie, daß ich eine solche Macht über sie hätte?« fiel Hubert ein. »Sie sollen noch mehr tun«, fiel Ripperda mit einem Lächeln der Überlegenheit fort. »Während meines Aufenthalts dort ist aus meiner Briefmappe auf höchst rätselhafte Weise ein Papier verschwunden, das nur für mich, für mich ganz allein einen Wert hatte. Es war ein Zeugnis, das mir von einem Bekannten ausgestellt war, um gewisse Anstände zu entfernen, die sich meinem Aufenthalt in der Stadt entgegenstellten. Dieses Blatt ist mir – so glaube ich – von Traudchen Gymnich genommen.« »Mein Herr von Ripperda,« fuhr Hubert zornig auf, »nehmen Sie sich in acht, ehe Sie eine solche Anschuldigung aussprechen.« »Weil sie ihre Freundin ist?« fragte Ripperda mit spöttischem Tone. »Nun sehen Sie, ebendeshalb rede ich mit Ihnen von der Sache, ebendeshalb mache ich zur weiteren Bedingung, daß Sie das junge Mädchen, von dem wir reden, zum Schweigen und zur Herausgabe des Papiers bewegen und das letztere mir wohlverwahrt und wohlversiegelt durch einen besonderen Boten hierher senden! Also kommen wir zum Frieden, oder vielmehr, da ich denke, er ist abgeschlossen, zur Ratifikation. Ich habe Ihr Versprechen?« »Das haben Sie; ich schwöre Ihnen, zu schweigen über Sie und über jene böse Frau, deren Mißhandlung ich erlitt; ich will sie zu vergessen suchen; und was das junge Mädchen angeht, von dem Sie redeten, so habe ich zwar keinen Einfluß auf ihre Entschlüsse ...« »Ein junger Mann wie Sie hat immer Einfluß auf junge Mädchen, wenn er nur will!« schaltete Ripperda lächelnd ein. »Allein,« fuhr Hubert fort, »ich will Ihre Wünsche bei ihr befürworten.« »Soviel Sie immer können?« »Soviel ich kann!« »Nun wohl, so will ich Ihnen mitteilen, wie Sie Ihre Flucht mit Marie Stahl bewerkstelligen können. Sehen Sie dort oben die Fensterreihe, über dem Schloßflügel uns gerade gegenüber?« »Die Mansardenfenster?« »Die meine ich. Dort oben wohnt Marie – das heißt in einer Kammer, die nach hinten hinausliegt und die letzte ist am Ende des Korridors, der zwischen diesen Räumen hindurchläuft. Sehen Sie – so«, fuhr Ripperda fort und nahm aus der Schublade unter seinem Tisch ein Stück Kreide. Er zeichnete einen kleinen Plan auf die Tischplatte und erläuterte daran eingehend die Geschosse und Treppenanlagen. Als er geendet, fragte Hubert: »Nun, und wenn ich Marie Stahl gefunden und aus ihrem Zimmer über die Dächer entführt habe ...« »So bringen Sie dieselbe hierher. Sie wirft hier den Regenmantel eines Dienstmädchens um, hüllt sich in die Kapuze dieses Kleidungsstücks, und so schreiten Sie zum Tore hinaus und geben der Wache an, das Mädchen begleite Sie, um eine Wundsalbe für mich aus der Apotheke zu holen. Für den Regenmantel werde ich ebenfalls sorgen. Für sich selber werden Sie, wenn Sie Marie Stahl glücklich hierher gebracht, bei mir die Livree eines herrschaftlichen Leibjägers finden. Ich gebe Ihnen ein amtlich versiegeltes Schreiben an einen der herrschaftlichen Oberförster in der Nachbarschaft. Marie Stahl nimmt die Livree unter ihren Regenmantel; in Ihrer Wohnung legen Sie dieselbe an, und dann können Sie zu jeder Zeit ungehindert jedes Tor passieren – das Schreiben ist Ihr Paß, wenn man noch irgendeinen Ausweis von Ihnen fordern sollte.« »Und wann sollen wir zur Ausführung schreiten? Sicherlich wäre es heute besser als morgen.« »Aus mancherlei Gründen!« lächelte Ripperda. »Wenn Sie wollen, kann es heute noch geschehen. Es wird weniger auffallen, wenn Sie heute abend spät noch kommen, unter dem Vorwande, nach meiner Wunde zu sehen, als wenn es morgen abend geschähe. Kommen Sie um neun Uhr. Um neun Uhr soupieren Ihre Erlaucht. Die Schloßbewohnerschaft ist dann zum größten Teil um den Mittelpunkt des herrschaftlichen Wirkens, den Speisesaal, versammelt, der große Lebensakt zieht alle dienenden Kräfte zum Zentrum zusammen. Es wäre gut, wenn Sie vor zehn Uhr sodann in Ihrer Livree das Stadttor passieren können, denn nach zehn Uhr wird geschlossen, es tritt eine schärfere Kontrolle ein.« Hubert war mit allem einverstanden. Mit dem trotzigen Mute und der Zuversicht, welche ihm eigen waren, genehmigte er alle diese Vorschläge und sah nirgends eine Gefahr, die verdient hätte, näher und länger erörtert zu werden. Er hegte auch nicht den Verdacht, daß ihm eine Falle gestellt werden könne. Er selbst war zu leidenschaftlich mit dem Verlangen, Marien zu retten, beschäftigt, als daß er lange grübelnd darüber hätte nachdenken sollen, was denn diesen Ripperda bewege, für ihre Rettung so viel zu tun. Und so wurden denn die letzten Verabredungen bald getroffen. Ripperda beschrieb Hubert genau die Lage eines kleinen ärmlichen Gehöfts, wo Franz von Ardey mit einem Wagen auf Marie harren würde und wo Hubert dann mit diesem ausmachen solle, wem das junge Mädchen ferner folgen werde. Dann verabschiedete sich Hubert von ihm. Fünfzehntes Kapitel Die beiden Retter und eine Katastrophe Es war etwa acht Uhr abends. Hubert war in seinem Dachstübchen mit den Vorbereitungen zu seinem Unternehmen und zu seiner Flucht beschäftigt. Er hatte aus seinen sämtlichen Adjustierungsgegenständen ein Paket gemacht und es, sorgsam versiegelt, mit einer Adresse an den Kriegsherrn der gräflich Ruppensteinschen Armee versehen. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, daß er mit den ihm anvertrauten militärischen Ausrüstungsgegenständen, mit Philipps III. Eigentum durchgegangen. Ein winzig kleines Paket, nicht größer, als um es in einer Rocktasche unterbringen zu können, enthielt, was er für sich selbst an nötigster Wäsche, die er im Städtchen von seiner schmalen Chirurgusgage sich gekauft hatte, mitnehmen wollte. Jetzt ging er dazu über, sorgfältig ein Paar guter Pistolen zu laden, die er sich von einem vertrauensvollen Unteroffizier unter dem Vorwand, nach der Scheibe schießen zu wollen, geliehen hatte. Als er hiermit beschäftigt war, hörte er Schritte die hölzerne Treppe, welche zu seiner Kammer führte, heraufkommen. Er warf hastig ein Tuch über die Pistolen und schob das Paket unter sein Bett. Dann ging er zu öffnen. Draußen stand ein Mann in Wams und Zipfelmütze, der mit einer hochgehaltenen Lampe den Treppenraum zu erleuchten suchte, und auf der Stiege sah Hubert einen Fremden emporsteigen, der jetzt in dem Lichtkreis der Lampe auftauchte. Sein Führer, der Hauswirt, entfernte sich wieder, als er denselben glücklich am Ende der steilen Stiege angekommen sah. Es war Franz von Ardey. »Sie hier?« sagte Hubert verwundert; »was bringen Sie? Treten Sie ein!« Franz von Ardey war in einen weiten Mantel gekleidet, unter dem er einen Jagdanzug mit einem großen Hirschfänger trug. Er trat in Huberts Stube, und indem er sich dort auf einen Stuhl niederließ, auf dessen Lehne er den Mantel von seinen Schultern zurückwarf, sagte er: »Ich bin's, Herr Bender. Ich meine, es kann Ihnen nicht ganz unerwartet sein, daß ich zu Ihnen komme.« »Ich habe Sie hier nicht erwartet, Herr von Ardey, so wenig, daß ich bei Ihrem ersten Anblick befürchtete, Sie brächten eine unangenehme Nachricht, eine Warnung ...« »Ich bringe Ihnen Hilfe.« »Das heißt?« »Ich will Ihnen beistehen.« »Ich bedarf keiner Hilfe. Ich werde, wenn anders Ripperdas Angaben richtig sind, ohne viel Mühe und Gefahr Marie Stahl allein heute abend aus der Hölle des Ogers befreien.« »Glauben Sie nicht, daß eine Arbeit, die zwei zusammen angreifen, leichter vonstatten geht, als wenn bloß einer es unternimmt?« »Nicht immer. Hier, wo bloß Vorsicht und Klugheit nötig sind, um einer Entdeckung vorzubeugen, ist es jedenfalls besser, daß einer es ausführt, als zwei. »So lassen Sie mich dieser Eine sein!« sagte Franz. »Unmöglich!« rief Hubert aus. »Mir liegt die Pflicht ob, es zu tun, und diese lass' ich mir von niemand abnehmen.« »Die Pflicht? Darüber wäre doch zu streiten, Herr Bender!« »Wenn ich Ihnen nun aber erkläre, daß ich Verpflichtungen gegen Marie Stahl habe ...« »Das haben Sie nicht,« versetzte Franz von Ardey, heftig auffahrend ... »das haben Sie nicht, nun und nimmermehr! Sie haben sich in unser gegenseitiges Verhältnis eingedrängt – ich nehme an, aus der besten Absicht, aber ich glaube auch, ganz überflüssigerweise, denn es hat nichts gebessert, es ist ohne allen Einfluß auf die Lage der Dinge geblieben ... Die Hilflosigkeit und Schwäche von Mariens Eltern haben es aber nun einmal geduldet, und so will ich über das, was geschehen ist, nicht rechten. Aber ich dulde es nicht, daß Sie ferner noch sich in Beziehungen zu dem jungen Mädchen stehend glauben, und es ist, wie ich sehe, die höchste Zeit, daß ich Ihnen dies erkläre!« Hubert Bender sah eine Weile höchlich überrascht über diese Kriegserklärung den jungen Edelmann an. »Ich muß annehmen,« versetzte er dann kaltblütig, »daß Sie über den Stand der Dinge nicht unterrichtet sind, denn sonst würden Sie nicht diese Sprache gegen mich führen. Ich weiß sehr wohl, daß zwischen Ihnen und Marien etwas wie ein Verhältnis stattgefunden hat. Dieses Verhältnis hat aber Marie Stahl nicht den mindesten Schutz gewährt, als sie in eine verzweiflungsvolle Lage geriet; sie ist auch wohl vernünftig genug, einzusehen, daß dieses Verhältnis nur zu ihrem Unglück, ja Untergang leiten kann ...« »Untergang? Wie können Sie wagen, eine solche Sprache gegen mich zu führen?« rief Franz mit von Zorn flammendem Gesicht aus. »Wenn hier von dem Untergang von irgend jemand die Rede ist, so kann es nur von dem eines Menschen sein, der sich so in meine Angelegenheiten drängt. Ich würde Sie eher töten, als daß ich noch länger Ihre Einmischung in das, was allein Marien und mich angeht, dulde. Ich werde Marien von hier sofort in Sicherheit bringen, und ehe wenige Wochen vergehen, ist sie mein Weib.« »Und Ihre Tante, Frau Gebharde von Averdonk?« warf Hubert mit einer Ruhe ein, welche etwas von kaltem Hohne hatte. »Sie kann mich bloß enterben! Mag sie's!« »Können Sie arbeiten für Marie?« »Ich glaube nicht, daß ich Ihnen Rechenschaft über die Art und Weise, wie ich meine Zukunft gestalten werde, schuldig bin.« »Nein, das verlange ich nicht«, versetzte Hubert. »Ich verlange nichts, als daß Sie jetzt nicht störend in meinen Entschluß eingreifen, Marie diese Nacht aus dem Schlosse zu führen. Ich werde sie an den Ort bringen, wo Sie mit einem Wagen ihrer harren sollten. Es ist alles eingeleitet und in Ordnung. Ist Marie frei, so wird sie selbst über sich bestimmen, das ist mein Abkommen mit Ripperda, und dabei bleibt es.« »Nun wohl, damit«, sagte Franz lebhaft, »bin auch ich einverstanden. Nur werde ich mich nicht begnügen, die Hände in den Schoß zu legen und, weit von der Gefahr entfernt, geduldig zu harren, bis man kommt mich aufzusuchen. Ich verlange, daß ich die Stelle angewiesen erhalte, wo die Gefahr ist.« »Die werde ich nicht angeben.« »So werde ich wenigstens die Gefahr teilen.« »Sie erhöhen dadurch die Gefahr!« »Das ist mir gleichgültig.« »Auch riskieren Sie, daß Sie Ripperda, ohne dessen Beistand wir nichts vermögen, diesen Beistand uns vorenthalten machen. Er will nicht, daß Sie ...« »Riskieren wir es«, unterbrach ihn Franz kaltblütig. Hubert wußte nicht mehr, was er dem jungen Manne einwerfen sollte. Er nahm schweigend das Tuch von seinen Pistolen und schüttete das noch fehlende Pulver auf die Pfannen. »Ist das eine Demonstration?« fragte, als Hubert fertig war, Franz, der ihm mit gerunzelter Stirn zugesehen hatte. »Ich stehe zu Diensten.« Hubert lächelte. »Es würde sehr unzweckmäßig sein,« sagte er, »wenn wir uns einen Arm oder ein Bein untauglich machten, wo wir heile Glieder so nötig haben. Wenn Sie es wünschen, können wir uns nachher damit beschäftigen.« Dabei steckte er die Pistolen in die Taschen seines Rockes, nahm seine Dienstmütze und sein Verbandzeug in die Hand und sagte: »Es ist Zeit!« »So werde ich Sie begleiten«, entgegnete Franz aufstehend und den Mantel um sich schlagend. »Nun dann, in Teufels Namen begleiten Sie mich,« rief Hubert zornig aus, »raufen kann ich mich in dieser Stunde nicht mit Ihnen darum!« Der Student holte aus einer Ecke eine Blendlaterne hervor, zündete sie an, und nachdem er das Licht auf seinem Tische ausgeblasen, schritt er voran, zur Tür hinaus. Franz folgte ihm. Dem Manne in Wams und Zipfelmütze unten im Hause sagte Hubert, er solle ihm die Haustür offen lassen, da er bald zurückkehren werde, nachdem er des Jägermeisters Wunde noch einmal verbunden. Draußen wandten sich die beiden jungen Männer dem Schlosse zu. Unter dem Torbogen war das Gitter herabgelassen, auf Huberts Anruf wurde es ihnen aufgezogen, und die Wache ließ sie vorüber, nachdem der Student den verabredeten Grund seines Kommens angegeben, während Franz von Ardey vorschützte, daß er Ripperda besuchen wolle. Ein Kavalier wie Franz war eine unverdächtige Person. Ripperda hatte sein breites Fenster durch die Läden wohl verschlossen. Er ging in seinem Wohnzimmer auf und ab; wie es schien, hatte er sich in seiner Einsamkeit durch einen kleinen freundschaftlichen Verkehr mit einer dickbäuchigen holländischen Flasche Rotwein getröstet, die nebst einem halbgefüllten geschliffenen Spitzglas von altfränkischer Gestalt auf dem runden Tische stand. »Sang de Dieu!« sagte er überrascht, als er hinter Hubert Franz von Ardey eintreten sah, »was wollen Sie hier?« »Ich komme Ihnen in die Quere, scheint es, Herr von Ripperda!« erwiderte Franz mit sehr entschiedenem Tone. »Das können Sie sich selbst sagen ... Sie wissen es!« »Meinethalb! Aber ich kümmere mich nicht darum.« »Sagen Sie mir, was Sie herführt. Haben Sie vielleicht keinen Wagen bereit halten können?« »Der Wagen steht bereit an der bestimmten Stelle. Es handelt sich jetzt um nichts weiter, als daß wir Marie Stahl abholen, um sie dahin zu bringen.« »Das wird Bender tun – Sie wissen es ja!« »Ich werde dabei sein!« entgegnete Franz. Ripperda blickte mit seinem einen funkelnden Auge den jungen Mann an, wie um sich zu überzeugen, ob er es hier mit einem festen Entschluß zu tun habe, der sich nicht beugen ließ. »Lassen Sie uns immerhin beide gehen,« bemerkte Hubert unterdes. »Herr von Ardey scheint nun einmal seinen Kopf daraufgesetzt zu haben, und wir dürfen keine Szene machen!« »Wenn Sie damit einverstanden sind,« entgegnete Ripperda nach einer Weile Nachdenkens, »so mag es sein. Ich habe nichts dawider ... Es darf nur niemals irgend jemand etwas davon erfahren. Kommt es morgen zur Untersuchung, so leugne ich, daß einer von Ihnen bei mir gewesen ist. Merken Sie sich das für alle Fälle und kompromittieren mich nicht, wenn Sie erwischt werden. Erfährt Ihre Tante jemals, daß Sie in dieser Stunde bei mir waren, daß Sie mit meiner Zustimmung den törichten Streich, den Sie machen wollen, ausführten, Ardey – dann sind wir unversöhnliche Feinde!« Ripperda begleitete diese Worte mit einem Mienenspiel seiner häßlichen und entstellten Züge, welches hinreichend andeutete, daß diese Drohung zu verachten sehr unbesonnen sein würde. »Haben Sie den Anzug für Marie und für mich in Bereitschaft?« fragte Hubert. »Alles«, versetzte Ripperda, indem er zu seinem Bette im Hintergründe des Gemachs ging und die Decke zurückschlug, so daß zwei sorgfältig zusammengefaltete Packen von Kleidungsstücken sichtbar wurden. Nachdem er sie wieder verhüllt, nahm er die Laterne Huberts, öffnete die Tür seines Zimmers, die auf den Vorplatz führte, horchte eine Weile hinaus, ließ den Schein des Lichts in jede Ecke fallen und winkte dann den beiden jungen Leuten, ihm zu folgen. Franz von Ardey warf seinen Mantel ab und lockerte seinen Hirschfänger in der Scheide. Ripperda hatte sich unterdes vergewissert, daß die vom Vorplatz auf den Schloßhof führende Tür verschlossen sei, und schob leise einen Riegel vor. Dann wandte er sich dem Hintergrunde, wo die Treppe war, zu, und alle drei schritten vorsichtig, so geräuschlos wie möglich hinauf. Als sie den Absatz in dem zweiten Stockwerke erreicht hatten, übergab Ripperda Hubert einen kleinen Bund Schlüssel, den er aus seiner Tasche hervorholte, und die Laterne, mit der Mahnung, oben auf den Speicherräumen zu verhüten, daß der Schein durch die Dachluken hinausleuchte und so von außen her sichtbar werde und kehrte in sein Wohngemach zurück. Die beiden jungen Leute schritten unterdes in die stillen, dunkeln Räume hinein, die vor ihnen lagen, und die sich wie eine ganz merkwürdige und höchst abenteuerliche, von den schwarzen Schleiern der Nacht verhüllte Welt vor ihnen darstellten. Es war wie eine kühne Entdeckungsfahrt in Gegenden, die gehütet zu werden schienen von lauter Wesen und Mächten unheimlicher und schauerlicher Art; wo ihnen bald ein in der Dunkelheit seiner wahren Natur und Gestalt nach gar nicht zu erkennendes Ding aus einer finstern Ecke drohte, bald ein anderes sich förmlich vor ihre Füße legte, wie um sie zu Falle zu bringen; wo bald irgendein greuliches Wesen mit den Flügeln eines Nachtvogels um ihre Köpfe flatterte, bald ein anderes mit höchst auffallenden und unheimlichen Lauten sie zurückschrecken zu wollen schien. Da der Schein der Diebeslaterne, welche Hubert trug, nur sehr dürftig und wenig Licht verbreitete und die Gegenstände erst dann erleuchtete, wenn sie unmittelbar vor ihnen standen, so konnte es nicht ausbleiben, daß diese Gegenstände beim ersten Aufdämmern aus der Entfernung von sechs, acht oder zehn Schritt höchst seltsame und unbegreifliche Umrisse zeigten; daß ein alter Ofenschirm, eine außer Dienst gesetzte spanische Wand, eine nach langjähriger Funktion für treugeleistete Dienste, in diese höchsten Regionen beförderte alte Säulenbettstatt von weitem wie riesige Männer aussahen, die sich den Eindringlingen tückisch feindlich in den Weg stellten. Das plötzliche Aufspringen eines Iltis oder eines Marders in einem fernen Teile dieser Dachregion, mit einem Lärm, der in der nächtlichen Stille dem Davongaloppieren eines Pferdes glich; das Aufflattern und lautlose, aber wahnsinnig schnelle Umherschießen der Fledermäuse – das alles trug dazu bei, das Herz der jungen Männer, die sich in diese nächtlichen Gegenden ohne Kompaß und Kunde wagten, schneller schlagen zu machen. Sie hatten bald eine Tür am entgegengesetzten Ende des ersten Raumes erreicht; sie zeigte sich nur durch eine Krampe geschlossen und ließ Hubert und Franz deshalb ungehindert in den zweiten Raum ein. Es war dies das Dach der Schloßkapelle; über die konvexe Seite der Wölbungen fort, die sich ihnen wie ein kleines Meer von lauter Backofenbrücken darstellten, kletterten sie nach jenseits, wo eine zweite Tür den Eingang in die Dachräume über dem Wiprechtsbau bildete. Diese Tür zeigte sich verschlossen; Hubert zog deshalb sein Bündel mit Dietrichen hervor – aber Franz von Ardey hatte unterdes schon gefunden, daß ein starker Druck der Hand hinreichte, um das alte gänzlich verrostete Schloß nachgeben zu lassen. Sie schritten nun, nachdem sie einige wackelige Stufen niedergestiegen waren, in einen noch weitern dunkeln Raum hinein. In ihren Weg stellten sich hier riesige, über das Dach hinaufsteigende Kaminschlote, auf deren schwarze Seiten der Schein der Laterne fiel und den dicken daran niedertröpfelnden Rußteer zeigte; zuweilen knarrte eine morsche alte Diele unter den Füßen der nächtlichen Wanderer, oder sie stolperten über irgendeinen daliegenden tückischen Gegenstand von vollendeter Überflüssigkeit, der sie stehenbleiben und besorgt den Atem anhalten ließ, als ob sie damit die etwaigen schlimmen Folgen eines vernommenen Geräusches abwenden und unterdrücken könnten. So kamen sie an der langen Ständerreihe des Dachstuhles entlang über den Wiprechtsbau fort. Am Ende desselben, links, befand sich ein Gitterverschlag mit einer verriegelten Tür in der Mitte; aber mit großer Zuvorkommenheit für unsere beiden Abenteurer hatte der Zufall dicht neben der Tür eine Latte ausgerissen, so daß sie bequem hindurchschlüpfen und die kleine Stufenreihe niedersteigen konnten, welche jenseits des Gitters hinabführte auf den Bodenraum über dem Teile des Gebäudes, worin Marie Stahl sich befinden sollte. Mit tiefgebückten Häuptern schlichen sie hier unter den niederen Querbalken des Mansardendaches dahin und gelangten so an das Ende des Raumes, wo sich eine wirklich und ernsthaft verschlossene feste Tür ihrem Weiterbringen entgegenstellte. »Hier heißt es vorsichtig sein«, sagte Hubert, dem bei dieser ganzen Unternehmung sich nach und nach sein Abenteuer in dem alten Hause zu Köln so lebhaft ins Gedächtnis zurückgedrängt hatte, daß er trotz aller seiner Verwegenheit das Beklommensein, das ihm das Herz klopfen machte, sich in hohem Grade steigern fühlte. – »Halten Sie die Laterne, Ardey«, setzte er hinzu. Während Franz das Licht nahm, machte Hubert seine sanften Versuche, das Schloß mit den Dietrichen zu öffnen. »Ist Ihnen nicht, als hörten Sie da unten Stimmen?« flüsterte Franz. Hubert lauschte. »Ich höre etwas, aber keine Stimme. Ich glaube, es ist der Schritt der Schildwache, die in dem unteren Stockwerke aufgestellt sein soll.« Er fuhr mit seinen Versuchen fort; der Riegel im Schloß gab endlich nach, die Tür konnte aufgemacht werden; es kam nur darauf an, daß sie dabei nicht wie eine aus dem Nest aufgescheuchte alte Dohle zu krächzen begann. Zu dem Ende hob Hubert sie mit starker Faust soviel wie möglich in ihren Angeln, und stieß sie dann mit einem plötzlichen Ruck auf; so blieb sie unhörbar; und der Weg über die Treppe in den Korridor hinab, in welchem die erste Tür links die zu Mariens Stube sein sollte, lag offen vor den jungen Männern. »Stützen Sie die ganze Last Ihres Körpers auf das Geländer der Treppe und treten Sie auf die Stufen nicht mit dem Vorderteil des Fußes, sondern bloß mit der Ferse«, raunte Hubert seinem Begleiter zu; »dann wird die Treppe kein Geräusch machen.« Zugleich ging er Franz mit dem guten Beispiel voran. Als sie etwa auf der Mitte der Treppe waren, blieb Hubert stehen. »Still!« sagte er leise und zu seinem Begleiter sich zurückwendend. »Was ist? ... es wird da unten gesprochen!« versetzte Franz, den Atem anhaltend. »In Mariens Zimmer«, flüsterte Hubert zurück. So war es in der Tat; man vernahm nämlich ganz deutlich zweierlei Art von Geräuschen; aus der Ferne den schweren, langsam auf- und abwandelnden Schritt eines Mannes – der Schildwache im unteren Stocke; aus der Nähe Stimmenwechsel, der in diesem Augenblicke bedeutend lauter wurde, als er bis jetzt gewesen zu sein schien. Hubert murmelte einen Fluch zwischen den Zähnen. »Wir müssen uns zurückziehen,« raunte er Franz zu, »bis wir wahrnehmen, daß die Person, die bei Marie Stahl ist, sich entfernt hat.« Er wandte sich, um sacht die Treppe wieder hinaufzusteigen, aber Franz legte die Hand auf seine Schulter. »Hören Sie, was ist das?« flüsterte Fram dabei, indem jeder Zug seines Gesichts die peinvollste Spannung ausdrückte. Hubert blieb jetzt auch wie festgebannt stehen und beugte sich weit vorüber, um zu lauschen. »Das ist die Stimme des Tollen!« sagte er dann erschrocken. Franz eilte wie von einer unsäglichen inneren Angst getrieben an Hubert vorüber, mehrere Stufen hinunter. »Um Gottes willen, was tun Sie, man hört uns!« Franz hatte kein Ohr für diese Warnung; mit der Hand an seinen Hirschfänger greifend, stand er jetzt am Fuße der Treppe; zwischen ihm und der Tür, auf die Hubert vorhin als die Mariens gedeutet hatte, lag höchstens noch ein Zwischenraum von drei Schritten. Überall sonst im Schlosse herrschte die tiefste Stille. Nur die dumpf herauftönenden Schritte der Schildwache unterbrachen sie. Desto vernehmlicher klangen jetzt wieder die Stimmen aus dem Zimmer Mariens; oder vielmehr eine Stimme, eine heftige laute, tiefe Baßstimme, in der jedermann, der sie einmal in seinem Leben vernommen, die Stimme Philipps III. von Ruppenstein wiedererkennen mußte. Es war eine höchst auffallende und kaum glaubliche Sache, daß Graf Philipp den Klang der Glocke, welche die Stunde seines Nachtmahls längst verkündet hatte, überhört haben sollte; es konnte nur eine Angelegenheit von fesselndem Interesse sein, welche diese merkwürdige Tatsache erklärte; und dies wurde freilich durch den Ton seiner Stimme bestätigt, die jetzt plötzlich in ein überaus lautes, heftiges, leidenschaftlich klingendes Aufkollern, wie das eines zornigen Truthahns, überging. »Gerechter Gott!« rief Franz von Ardey, der beim Anhören dieser Stimme, die in seinem Ohre nichts Menschliches mehr hatte, um alle Besinnung gekommen schien – »gerechter Gott! Du sendest mich im rechten Augenblick hierhin!« Dabei entblößte er seinen Hirschfänger, und wie ein rettender Sankt Georg, der Drachentöter, stürzte er. vorwärts, auf die Tür zu. »Ardey – zum Teufel, was machen Sie?« flüsterte Hubert und griff nach seinem Arme, um ihn zurückzuhalten. »Halten Sie mich nicht, ich töte ihn!« schrie Franz, sich losreißend, und in demselben Augenblick hatte er die Tür zu Mariens Zimmer aufgeworfen und stand mit seiner blitzenden Waffe auf der Schwelle. Hubert blieb dicht hinter ihm und schaute im nächsten Augenblicke über seine Schulter fort in das kleine hellerleuchtete Zimmer. Was sich hier ihnen zeigte, überraschte beide in gleichem Grade. Es war eine Szene von vollendeter Harmlosigkeit, die sich ihren Blicken darbot. Der Tür gegenüber, hinter einem gedeckten, mit Teezeug besetzten Tische, auf einem kleinen Divan, der seine breite Gestalt völlig ausfüllte, saß der Reichsvorfechter, Graf Philipp III., im weiten, rotseidenen Schlafrock, eine hohe seidene Zipfelmütze auf seinem purpurnen, souveränen Haupte; in seiner Hand hielt er eine kurze Tabakspfeife mit einem ausgezeichnet schönen, schwer mit Silber beschlagenen Meerschaumkopf, der aber ausgegangen war, und zwar, wie es schien, über einem guten Spaße, den die Erlaucht just zum besten gegeben und mit einem herzlichen Lachen begleitet haben mochte. Denn daß die Töne seiner Stimme, die Franz von Ardey soeben mit einem aus Schrecken und Empörung gemischten Entsetzen erfüllt, nichts gewesen waren, als die Seiner Erlaucht eigentümliche Art, laut zu lachen, verriet sich jetzt deutlich an den Gesichtszügen der letztern. Ihm zur Seite stand die vortreffliche Dame, die man die Mamsellen-Mutter nannte, und hielt in ihrer erhobenen Rechten einen brennenden Fidibus, mit dem sie des Gebieters Meerschaum neu zu entzünden im Begriffe war. Dem Gebieter gegenüber saß Marie auf einem Tabouret, beschäftigt, aus einer Teekanne eine Tasse zu füllen, während ein das kleine Gemach füllender aufdringlicher Duft verriet, daß das Getränk, das Marie für den Gebieter einschenkte, nichts anderes sein konnte, als die in das Gebiet der probatesten Hausmittel gehörende Flüssigkeit, die man Kamillentee nennt. In der Tat hatten sich Erlaucht heute nicht ganz wohl gefühlt und hatten die Mamsellen-Mutter beauftragt, ihnen das erwähnte heilsame Getränk anzusetzen, das sie auf Mariens Zimmer einzunehmen geruhten, damit das junge Mädchen doch auch eine Unterhaltung habe, wie sie gnädigst hinzugesetzt. Diese Unterhaltung war eben im besten Zuge gewesen; sie hatte darin bestanden, daß Philipp III. einige höchst merkwürdige und fast unglaubliche Streiche aus seiner Jugendzeit zum besten gab, welche die eigentümliche Wirkung hatten, daß sie, je öfter er sie wiederholte, desto mehr Heiterkeit in ihm und desto weniger bei denen, welche sie anzuhören verurteilt waren, hervorriefen. Das Gepräge der Heiterkeit war aber augenblicklich von den Zügen der Erlaucht verflogen, als er die Tür so plötzlich und unerwartet auffliegen und zwei Männer, deren einer eine blanke Waffe schwang, in seine innerste Häuslichkeit eindringen sah. Im Grunde hätte es ihm nur willkommen sein können, daß fremde Augen ihn in dieser Situation erblickten. Sie konnten es bestätigen, daß auch er eigentlich »besser sei als sein Ruf«. Daß er, nachdem er einmal seinen Willen durchgesetzt und Marien gezwungen, ein Dienstjahr in seinem Schlosse anzutreten, ihr seine väterliche Huld zugewandt hatte und sich von ihr den Kamillentee einschenken ließ, wenn ihn seine Vapeurs plagten, war gewiß etwas, das er vor den Augen der Welt nicht zu verbergen brauchte. Aber er war nicht der Mann, der seine Würde ungestraft verletzen ließ; in Uniform oder im Schlafrock, hinter der Flasche oder Kamillentee schlürfend, war Philipp III. von einem souveränen Bewußtsein erfüllt, das zu verletzen lebensgefährlich war. So rief er beim Anblick Franz von Ardeys jetzt zwischen tödlichem Erschrecken und äußerster Entrüstung schwankend aus: »Wer ist das – was heißt das – was will man?!« Franz von Ardey hatte sich im Augenblick gefaßt. Aber er fand nicht ebenso schnell die Worte zu einer Antwort. Er ließ seine Klinge sinken und suchte sie mit der vor Aufregung zitternden Hand wieder in die Scheide zu bringen. Bei der ersten Wahrnehmung dieser Tatsache aber schien der Zorn des Grafen sich plötzlich einen Riesenaufschwung zu geben. Er fuhr empor, daß der Tisch mit dem Teezeug rasselte und im nächsten Augenblick auf dem Boden gelegen haben würde, wenn ihn die Mamsellen-Mutter nicht gehalten hätte – er trat Franz von Ardey mit dröhnendem Schritte, mit flammendem Gesicht entgegen, und da in demselben Augenblicke der junge Mann sich ihm plötzlich ebenfalls um einen Schritt entgegenwarf, so überschritt seine Wut alle Grenzen, er erhob die geballte Rechte wider den unglücklichen Franz. Und doch war dieser höchst unschuldig an dem so respektwidrig und trotzig aussehenden Vorrücken gegen die höchste Person, deren äußerste Protuberanz er jetzt beinahe berührte. Es war Hubert gewesen, der Franz von hinten plötzlich in das Zimmer hineingeschoben hatte und nun eben die Tür hinter sich schloß. Hubert hatte seine ganze Geistesgegenwart beibehalten und mit raschem Auge die Lage der Dinge übersehen. Ein Blick auf den Grafen hatte ihm die Überzeugung gegeben, daß mit diesem nicht friedlich zu verhandeln war; danach hatte er sofort seinen Plan gemacht. »Hüten Sie nur die Tür,« raunte der Student Franz zu, »damit wir den Rücken gedeckt haben, das andere überlassen Sie mir.« Zugleich erhob er abwehrend den Arm gegen die Mamsellen-Mutter, welche eben im Begriffe war, dicht neben ihm aus dem Zimmerchen hinauszuschießen – ohne Zweifel in der gütigen Absicht, draußen Lärm zu schlagen und Wachen und Domestiken zusammenzurufen. »Herr Graf,« sagte er dann, »ist es Ihnen möglich, in diesem Augenblicke eine vernünftige Unterhaltung zu führen, so ...« »Er ist das ...? Er ...? Der freche Student?« versetzte der Graf, und seine Worte rangen sich einzeln von seinen blauen, vor Wut zitternden Lippen los – »Ihn lass' ich ja krumm schließen, Spießruten laufen ...« »Ich sehe, Sie sind nicht imstande, die Sprache der Vernunft zu hören«, fiel Hubert ein. »Nun wohl, wir sind nicht imstande, zu warten, bis Sie sich genug dazu beruhigt haben. Ich erlaube mir deshalb, unser Anliegen selbst zu erledigen, und zwar in kürzester Weise. Dieser Gegenstand hier« – Hubert zog eins seiner Pistolen aus der Tasche – »ich weiß nicht, ob Ihr Gemütszustand Ihnen erlaubt, ihn zu erkennen – ist ein Pistol, geladen mit Pulver und Blei und mit Kraut auf der Pfanne versehen ...« Philipp fuhr bei diesem Anblick zurück, beide Arme hinter sich auf die Tischplatte stützend; so stand er zurückgebeugt, die Augen rollend, den Mund geöffnet, aber plötzlich zum Schweigen gebracht. Anders jedoch die Mamsellen-Mutter. Sie schien den ganzen Vorteil des Augenblicks zu erkennen, die ganze Kostbarkeit der Gelegenheit, und sie säumte nicht, diese Gelegenheit zu ergreifen. Ihre Lippen öffneten sich zu einem leisen Schrei. Mit der Aufopferung ihrer eigenen Sicherheit, in selbstverleugnender Hingabe für ihren Gebieter, warf sie sich vor ihn hin. Sie bot ihre eigene Brust der tödlichen Waffe des Feindes dar – mit einem ganz unbeschreiblich edlen Anstande tat sie es ... es war unsäglich schade, daß kein Maler da war, der diesen schönen und rührenden Moment belauschte und ihn der Nachwelt durch seinen Griffel aufbewahrte. Um so mehr, als Hubert Bender ihn nicht zu würdigen verstand. Ohne sich einen Augenblick irremachen zu lassen durch den Heroismus der Mamsellen-Mutter, spannte er den Hahn seines Pistols und herrschte Franz von Ardey zu: »Schaffen Sie das Geschöpf beiseite! Schleudern Sie sie in die Ecke! Wenn sie schreit, erwürgen Sie sie!« »Nun hören Sie mich an,« fuhr er, als Franz mit einiger Anstrengung seinen Auftrag vollzogen und sie zur Seite gedrängt hatte, fort – »hören Sie mich an, mein Herr Graf! Ich weiß sehr wohl, daß Sie imstande sind, Ihre Drohungen gegen mich auszuführen, und deshalb scherze ich nicht. Es liegt überhaupt in der völlig niederträchtigen Behandlung, welche Sie mich haben erdulden lassen, keine Aufforderung für mich, mit Ihnen bloß Scherz zu treiben ...« »Lassen Sie das Pistol fort – fort mit der Waffe!« keuchte Philipp III., dessen von Purpurflammen des Zornes bedeckte Mienen sich immer mehr mit einem fahlen Graugelb überzogen. »Nicht eher, als bis ich weiß, daß ich keinen Gebrauch davon zu machen habe«, antwortete mit seinem ganzen kaltblütigen Hohne Hubert; »nicht eher, als bis ich sehe, daß es ganz überflüssig und nutzlose Verschwendung des guten Pulvers sein würde, wenn ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf jagte. Jedoch wird dieses für die Geschichte Ihres erlauchten Hauses so bedeutsame Ereignis sofort eintreten, sobald Ihre tugendhafte Freundin dort noch eine verdächtige Bewegung macht...« »Was wollen Sie denn von mir?« stotterte der Graf jetzt völlig kleinlaut, fast flehend. »Zuerst Ihnen begreiflich machen, daß sie ganz und gar in unserer Gewalt sind.« Der Graf antwortete nicht; er beschränkte sich darauf, mit seinen Blicken, die jetzt nur noch Entsetzen ausdrückten, Hubert stier anzuschauen. »Gehorchen Sie deshalb«, fuhr Hubert fort; »es ist die einzige Weise, wie Sie Ihr Leben retten können. Dort auf der Kommode scheint mir Schreibzeug zu liegen. Sie, altes Frauenzimmer,« wandte er sich an die treue Freundin Philipps – »reichen Sie es her.« Die alte Dame regte sich nicht. Sie war offenbar zu sehr versteinert über Huberts Verwegenheit, um zu begreifen, was man von ihr verlangte. »Geben sie das Papier dort her, Ardey,« sagte Hubert deshalb zu Franz gewandt, – »so, legen Sie es neben ihn auf den Tisch.« Ardey hatte schon vorher zugegriffen. Als er das Schreibzeug neben den Grafen hingelegt hatte, fuhr Hubert fort: »Jetzt machen Sie ihn begreiflich, daß er schreiben soll. Geben Sie ihm die Feder in die Hand. Graf Philipp, besinnen Sie sich, tun Sie jetzt augenblicklich, was ich verlange, oder ich schieße Sie über den Haufen!"« Hubert sprach mit einer solchen Energie, daß der Graf unter dem Einflusse derselben willenlos geworden schien. Er hielt die Feder, die ihm Franz, nachdem er sie mit Tinte gefüllt hatte, reichte, in seiner zitternden Hand, während seine Augen stier auf den Pistolenlauf gerichtet blieben. »Schreiben Sie«, sagte Hubert jetzt: »Die Wache läßt den Herrn von Ardey und seine Begleiterin ohne Aufenthalt das Schloßtor passieren. Auch an den Stadttoren hält niemand sie auf.« Philipp III. schrieb die verlangten Worte mit seiner zitternden Hand langsam nieder. »Die Unterschrift!« fügte Hubert hinzu. Die Unterschrift wurde hinzugefügt. »Jetzt«, nahm Hubert wieder das Wort, »nehmen Sie das Blatt, Ardey, und machen, daß Sie mit Marie von dannen kommen. Sie brauchen jetzt für Marie keine Verkleidung und keinen Umweg mehr. Zögern Sie keinen Augenblick. Ich gebe Ihnen zehn Minuten, währenddessen will ich Ihren Abzug decken.« »Wie, Sie wollen zurückbleiben?« rief Franz aus. »Was würde Ihnen sonst der Wisch helfen?« entgegnete Hubert – »nur fort! Ich hole Sie schon wieder ein!« »So kommen Sie, Marie!« sagte Franz, »kommen Sie!« Das junge Mädchen hatte in starrer Verwunderung bis jetzt der ganzen Szene zugesehen. Sie zögerte. Sie war offenbar nicht imstande, sich zu fassen. Als aber Franz jetzt ihren Arm nahm, gab sie ihm willenlos nach. Er holte rasch ihren Mantel und ihren Hut herbei, und nach wenigen Augenblicken waren sie aus der Tür. Man hörte ihre flüchtigen Schritte im Korridor verhallen. »Jetzt, Herr Graf,« sagte Hubert noch immer mit erhobenem Pistol, »bitte ich Sie noch um eins Ihrer schätzbaren Handbilletts. Wir haben die Muße, uns dabei eines sorgsamern Stils und einer schönern Handschrift zu befleißigen. Schreiben Sie auf das neben Ihnen liegende Blatt: ›Der Kompagnie-Chirurgus-Adjunkt, Herr Hubert Bender, ist auf sein Ansuchen unsers Dienstes in Gnaden und mit Bezeugung unserer vollen Zufriedenheit für seine ausgezeichnete Führung in und außer dem Dienste hiermit entlassen. Es ist deshalb seiner Abreise von hier zu keiner Stunde des Tages oder der Nacht, weder am Schloß- noch an den Stadttoren entgegenzutreten. Gegeben in unserm Schlosse zu Ruppenstein usw.‹ Die Unterschrift bitte ich mir zum Andenken an Sie recht schön und deutlich aus.« Der Graf schrieb mechanisch nach, was Hubert verlangte und ihm sehr langsam diktierte. Als er fertig war, reichte er Hubert mit abgewandtem Gesicht das Blatt hin. Dieser überflog es, ohne dabei den Grafen aus den Augen zu verlieren. »Geh' Er jetzt! Er hat, was Er will«, sagte dieser nun mit keuchender Brust. »Lassen wir erst das Blatt trocken werden«, versetzte Hubert; »es bleiben uns immer noch einige Augenblicke zu einer freundschaftlichen Konversation, bis Herr von Ardey und die junge Dame in Sicherheit sein werden. Ich könnte diese Augenblicke benutzen, um Ihnen ein wenig ins Gewissen zu reden; da ich aber befürchten muß, daß dies nicht viel helfen würde, und ich, offen gestanden, auch kein lebhaftes Interesse mehr daran habe, so will ich lieber den Moment für mich selber benutzen. Schwören Sie mir – oder besser, geben Sie mir Ihr gräfliches Ehrenwort, daß Sie nichts tun wollen, sich an den Eltern Marie Stahls zu rächen. Es wäre das freilich an und für sich überaus gemein und niederträchtig; aber – ich verlange dennoch Ihr Ehrenwort.« Der Graf nickte widerwillig mit dem Kopf und murmelte dabei etwas zwischen den Zähnen. »Laut! wenn ich bitten darf.« »Ich gebe es Ihm!« »Und nun ebenfalls Ihr heiliges Ehrenwort, daß, wenn ich meinen Rückzug aus diesem glorreichen Schlosse antrete, Sie die Freiheit, die ich Ihnen großmütig zurückgebe, nicht mißbrauchen wollen, um mich aufhalten zu lassen und den Inhalt dieses Blattes zu widerrufen!« Der Graf glotzte ihn schweigend an. Er verstand ihn entweder nicht, oder er fand es schwer, das verlangte Wort über die Lippen zu bringen. »Heraus damit, laut und deutlich!« sagte Hubert, indem er mit dem Zeigefinger an den Drücker des Pistols faßte. »Ich gebe es«, stammelte Philipp III. »Ihr gräfliches Ehrenwort!« »Mein Wort.« »Dann könnten wir uns trennen, mein Herr Graf«, entgegnete Hubert. »Ich hoffe, daß es nicht geschieht, ohne daß wir in Ihrem Herzen die dankbare Anerkennung zurücklassen, wie großmütig und mit welch bescheidener Benutzung unsers Vorteils diese Angelegenheit von uns zu einem friedlichen Ende gebracht ist. Dies ist auch, was, neben Ihrem verpfändeten Ehrenwort, mich hoffen läßt, daß Sie mich ruhig werden meiner Wege gehen lassen. Adieu, mein Herr Graf!« Hubert spannte bei diesen Worten den Hahn seines Pistols ab, steckte es in die Brusttasche, nahm die erloschene Laterne auf, die Franz hatte auf den Boden fallen lassen, und verließ ruhig das Zimmer. Er schritt draußen über den Korridor und die erleuchtete Treppe nach unten hinab, wo er der Schildwache, die hier ruhig und passiv auf- und abschritt, durch das Gitter, das am Fuße dieser Treppe angebracht war, gebieterisch winkte, ihm zu öffnen. »Ich darf nicht!« sagte der Mann. »Der Graf befiehlt's ... kann Er lesen?« Der Mensch schüttelte den Kopf. »Hab' auch den Schlüssel nicht!« entgegnete er. »Zum Teufel, ich werde am Ende über die Dächer zurück müssen!« sagte sich Hubert. »Geh Er wieder hinauf und dann durch den Wiprechtsbau hinaus, da wird er nicht aufgehalten«, fuhr jetzt der Mann auf dem Posten fort. Hubert besann sich nicht lange. Seine Keckheit mußte ihm helfen. Er flog die Stiegen wieder hinauf und wandte sich dann oben nach rechts, wo der schmalere Korridor, der von Mariens Zimmer herkam, auf den breitern und höhern Gang mündete, der durch den mittleren Stock des alten Wiprechtsbaues lief. Als Hubert oben war, sah er mit einem flüchtigen Blick die breite Gestalt Philipps vom Ende des Korridors aufgeregt daherkommen, schnaufend wie eine wandelnde Maschine; desto mehr eilte Hubert, der sich nicht danach sehnte, noch einmal mit ihm zusammenzutreffen, sich in den breiten Gang rechts zu vertiefen. In diesem schien sich ihm kein Hemmnis in den Weg stellen zu wollen. Es waren an den Wänden von Strecke zu Strecke Laternen angebracht, die seinen Weg erhellten. Niemand begegnete ihm anfangs. Erst als er durch eine offene Flügeltür in die große Stiegenhalle gekommen war, zeigten sich Spuren von Leben; ein Stockwerk tiefer lag, an dieses Stiegenhaus stoßend, der Speisesaal, und in der Nähe desselben gingen Bediente ab und zu. Hubert hemmte ein wenig seine Schritte, um nicht in zu auffallender Eile an ihnen vorüberzuschießen. Sie blickten ihn verwundert an, als er herabkam, keiner aber richtete eine Frage an ihn, und Hubert ging auch unaufgehalten an der Wache vorüber, die unten vor dem großen Portal stand. Dieses große Portal war aber leider verschlossen. Hubert mußte sich den Mut fassen, den ersten Bedienten, den er herabkommen sah, zu fragen, wie er hinauskomme. »Wie kommt Er denn hinein? Wo kommt Er her?« war die nicht ganz beruhigende Antwort des Mannes. »Von dort oben her«, antwortete Hubert flüsternd, indem er mit einem erzwungenen Lächeln über seine Schulter fort nach dem Mansardenflügel deutete; »der Graf hat mich da als Doktor gebraucht.« Der Bediente schien keinen Argwohn zu fassen und sagte kopfnickend: »Ach ja, Er ist der neue Feldscherer... komm Er nur hierher.« Damit schritt er ihm durch einen schmalen Gang voran, an dessen Ende eine kleine Tür auf den Schloßhof führte. Hubert schritt nun rasch über den Hof, dem Torgebäude zu; bei Ripperda einzutreten und diesem das Ergebnis der Unternehmung mitzuteilen, fand er sich natürlich nicht versucht. Der Jägeruniform und des Schreibens, das Ripperda bereit liegen hatte, glaubte er nicht mehr zu bedürfen. Er hatte eben das Torgebäude erreicht, er wollte eben der Wache zurufen, sie solle ihm das Fallgitter öffnen, sie mußte ja glauben, daß er von seinem Patienten Ripperda komme, die Schrift des Grafen reservierte er für den Notfall – da wurde hinter ihm, im Wiprechtsbau, heftig und geräuschvoll ein Fensterflügel aufgerissen, und donnernd schrie eine schreckliche, alle Geister der stillen Nacht wachrufende Stimme: »Haltet den Kujon – heda, Wache – haltet den Kujon fest – ich lass' euch füsilieren, wenn ihr Himmelhunde den Kujon durchlaßt!« Es war die Stimme Philipp des Tollen, die mit einem wahren Wutgeheul diese Worte ausstieß und sie ohne Unterlaß wiederholte. Hubert wollte, plötzlich von Schrecken erfaßt, zurückspringen und davonlaufen, um irgend einen Schlupfwinkel zwischen den Gebäuden zu suchen, aber die Schildwache kam ihm zuvor; er war leider bereits an ihr vorübergeschritten, so daß sie zwischen ihm und dem Hofe stand; sie fällte jetzt ihr Gewehr; Hubert faßte das Bajonett mit der Hand, er rang aus Leibeskräften mit dem Manne, doch nur wenige Augenblicke lang – dann stürzten die Leute aus der Wachtstube herbei und überwältigten ihn; sie warfen sich über ihn, daß an keinen Widerstand mehr zu denken war, und halb getragen, halb geschoben, mußte er sich in die Wachtstube schleppen lassen. Der entstandene Lärm brachte mehrere von der Schloßdienerschaft herbei; während man sie draußen laut rufen und sich nähern hörte, wurde plötzlich die Gestalt Ripperdas auf der Schwelle der Wachtstube sichtbar. »Sang de Dieu – der Herr Bender!« rief er aus. »Warum haltet Ihr ihn fest, Feldwebel – was ist geschehen?« Ripperda näherte sich Hubert; es war ja zwar keine Möglichkeit da, ein heimliches Wort zu flüstern, aber in dem einen blinzelnden Auge des Jägermeisters lag ein ganzes Register von Fragen, und Hubert antwortete auch auf eine dieser Fragen, mit den für die Umstehenden unverständlichen Worten: »Ich wollte ein paar Tauben aus dem Schlag holen – sie sind fort – dafür werde ich büßen müssen!« »Was? hat der Patron den Tauben nachgestellt?« fragte der Feldwebel verwundert. In diesem Augenblicke wurde die Tür der Wachtstube weit aufgerissen und die breite Gestalt des tollen Reichsgrafen höchstselbst stolperte über die Schwelle. Philipps Kopf glühte wie ein Feuerbrand. Seine Augen rollten. Seine Zunge schien ihm nicht gehorchen zu wollen, sondern nur noch lallen zu können vor ungeheurem Zorn. »Nehmt ihm das Pistol – er hat ein Pistol im Sack,« rief er aus – »und dann Handschellen her – wo sind die Handschellen – wenn er nach dem Pistol greift, schlagt ihn nieder – er stellt sonst Mord und Totschlag an.« »Graf, ist das die Art, wie Sie Ihr Ehrenwort halten?« rief Hubert ihm entrüstet entgegen. »Was Ehrenwort – Hochverräter – Er ist ein Hochverräter. Will seinen Kriegsherrn, dessen Uniform Er trägt, ermorden. Die Handschellen her! In den Turm mit ihm! Morgen lass' ich Kriegsgericht über Ihn halten. Lass' Ihn totschießen! In den Turm mit Ihm!« Graf Philipp ließ sich auf einen Stuhl fallen, so schwer schien die Last seines Zornes ihn niederzudrücken; dann begann er von neuem seine Ausrufe. Der Feldwebel suchte unterdes nach Handschellen, die unter irgendeiner der Pritschen liegen mußten und sich nicht finden lassen wollten. »Nun, so bringe Er mich doch nur in den Turm,« rief Hubert, nun auch vor Wut außer sich, den Mann an – »ich verlange nichts Besseres, als aus der Gegenwart dieses Wahnsinnigen wegzukommen.« Der Feldwebel mochte von einem verwandten Wunsche beseelt sein – er hörte auf zu suchen, kommandierte »Vorwärts«, und von zwei Soldaten begleitet, wurde Hubert rasch unter die Torwölbung, von dort über den Hof und links zu einer in den Vorbau führenden Seitentür gebracht, die den Eingang in Gefängnisräume bildete. Sechzehntes Kapitel Die Frau ist zu dumm Herr Stahl, der Vogt von Elsen, saß während der im vorhergehenden Kapitel berichteten Vorgänge sinnend in seiner großen Amtsstube, die von einer flackernden Talgkerze höchst unzulänglich erhellt war. Er hatte die breiten, in Filzpantoffeln steckenden Füße gegen den Ofen gestemmt und beschäftigte sich damit, diesen seinen offenbaren Wohltäter anzuspeien; welche sträfliche Undankbarkeit der Wohltäter jedesmal mit einem zornigen Zischen aufzunehmen pflegte. Denn da der Abend kühl war und da Herr Stahl aus den gräflichen Waldungen das Deputatholz umsonst bekam, so hatte Schilling ein tüchtiges Feuer einlegen müssen; Schilling saß seitwärts vor der Ofentür und sorgte für die Ernährung der Flamme. Die stille Frau hatte in der Nähe des Wärmeapparats keinen Platz bekommen; sie saß an dem großen Amtstisch und nähte, so gut es bei dem kümmerlichen Licht gehen wollte. »Der Himmel weiß, was daraus wird!« sagte der Vogt. »Dem Himmel muß man es überlassen.« Die Frau hob ihr blasses Gesicht auf, und hätte der Vogt ihr nicht wie gewöhnlich den Rücken zugewandt, so würde er bemerkt haben, daß ein paar Tränen in ihren Augen standen und daß aus diesen blaßblauen Augen eine Welt voll tiefen Seelenkummers blickte; es war wie ein letztes Hoffnungserlöschen, wie ein unsäglich bitterer Vorwurf, die dieser beredte Blick auf die Gestalt des von ihr abgewandten Mannes aussprach. »Wir haben nur dieses eine Kind!« sagte sie nach einer kleinen Pause mit zitternder Stimme ... Der Vogt hob den Kopf auf, als wollte er horchen; er blickte sich nach seiner Frau um, als habe er etwas so Merkwürdiges und Auffallendes gehört, daß er sich vergewissern wolle, ob seine Sinne ihn nicht getäuscht; gleich darauf, da seine Frau nicht weiter sprach, wandte er seine majestätischen Züge Schilling zu und sagte: »Habt Ihr je etwas Überflüssigeres gehört, Schilling?« Schilling zuckte die Achseln. »Es ist unser einziges Kind«, fuhr die Frau fort; »und ihre Eltern haben sie verlassen!« »Ich glaube, sie beginnt sogar, mir Vorwürfe zu machen, Schilling«, sagte der Vogt... »Sie denkt am Ende, ich sollte mich mit dem Gnädigsten duellieren, ihn totschießen, oder etwas dergleichen tun! Die Frau ist zu dumm! ...« »Wenn ein Vater sein Kind verteidigt, so ist er stärker als alle Gewaltigen der Erde«, antwortete sie. Die Frau war heute ungewöhnlich zäh in ihrem Widerspruch. So unnachgiebig hatte sie sich lange nicht mehr gezeigt. Der Vogt bereitete sich deshalb auch darauf vor, sich in der vollen Würde seiner hausherrlichen Größe zu entwickeln und ihre wider alle Vernunft laufenden und gründlich törichten Bemerkungen ein für allemal niederzuschlagen. Aber plötzlich tönten Schritte auf dem Flur, und zugleich sprang die Frau des Vogts, die bis jetzt still vor sich hingebrütet hatte, auf und sagte mit einer Bestimmtheit, als ob ihr gespanntes, auf die Tür gerichtetes Auge durch die Wand blicken könne: »Das ist Marie!« und im nächsten Augenblicke ging die Tür auf, und Marie kam herein, hastig, aufgeregt und mehr fliegend als schreitend, um sich in die Arme ihrer Mutter zu werfen. Hinter ihr trat Franz von Ardey in das Zimmer. »Mein Kind, mein teures Kind!« rief die stille Frau, sie schluchzend, wie krampfhaft bewegt an ihr Herz pressend, aus. Franz von Ardey trat zu ihr und erfaßte ihre Hand. »So weit ist Marie befreit«, sagte er; »ich bringe sie Ihnen wieder. Jetzt führen Sie sie weiter – in Sicherheit, wie wir es verabredet haben: der Wagen harrt unten an der Treppe zum Kirchhof.« Der Vogt blickte bald auf Franz von Ardey, bald auf seine Tochter. Es war offenbar, daß er durchaus nicht ins Klare darüber kommen konnte, welches seine persönliche Stellung zu diesem merkwürdigen, so plötzlich über ihn hereingebrochenen Ereignisse sei. Marie war fortgelaufen aus Ruppenstein, unter Umständen, die den gestrengen Gebieter doppelt aufbringen mußten; niemand hatte ihn dabei zu Rate gezogen, ihn um seine Zustimmung gefragt, niemand kümmerte sich darum, daß der Zorn des ohnehin schon so schwer gereizten Gnädigen auf ihn fallen werde ... sollte er dazu stillschweigen? Er hätte für sein Leben gern gewußt, was Schilling dazu sagen werde – aber Schilling hielt sich still im Hintergrunde im Schatten des Ofens und hütete sich wohl, in Gegenwart aller Beteiligten seine Meinung zu verlautbaren; und ihn geradezu darum zu fragen, das vertrug sich im Beisein des Barons doch nicht mit dem Würde- und Autoritätsgefühl des Vogts. »Kehren Sie jetzt heim«, wandte sich Marie zu Franz – tun Sie der Mutter den Willen. Wenn Sie ihr widersprechen, wird sie irre werden in dem, was sie sich vorgenommen, was sie Ihnen zugesagt hat... gehen Sie heim von hier!« – Franz wollte Widerstand leisten – er fügte sich höchst ungern in diese Bestimmung; und doch auf der andern Seite sah er ein, daß es das Beste sei, wenn er sich jetzt nach Dudenrode heimbegebe; es war schicklicher für Marie; es war würdiger und männlicher, wenn er es tat; wenn er seiner Tante offen gestand, was er getan; wenn er sich mit freier Stirn ihr gegenüberstellte und dem Sturm trotzte; es war würdiger, als wenn er mit Marie heimlich verschwand und der Kriegserklärung Auge in Auge auswich. Er hatte vor diesem Momente bisher freilich zurückgebebt wie vor etwas überaus Schrecklichem; seine weiche und mehr nachgiebige und elastische als kampflustige und herausfordernde Natur, die, ungleich so manchen anderen Charakteren, in einem Streite nichts angenehm Anregendes und in einer heftigen Szene nichts ihrem Selbstgefühl Schmeichelndes sah, hätte viel, sehr viel geopfert, um den Zusammenstoß zu vermeiden, der ihm mit Frau Gebharde von Averdonk bevorstand, wenn sie die zwei entsetzlichen Tatsachen erfuhr, daß er Marien entführt habe und daß er sie, sobald es ihm möglich, als seine Gattin heimführen wolle. Aber in diesem Augenblicke zeigte sich ihm jener Zusammenstoß in einem andern Lichte. Er war in einer Aufregung, in einem Rausch und Siegesstolze, in einem Jubel über die Demütigung des Tollen, in einem noch größern Jubel über die Befreiung Mariens – er hätte heute einer ganzen Welt den Handschuh hinwerfen können ... er fühlte sich imstande, es auch mit Gebharde von Averdonk aufzunehmen!« So hob er die beiden Frauen in den Wagen, überzeugte sich, daß sie wohl eingehüllt waren gegen die Kälte der Nacht und drückte einen Kuß auf Mariens Hand. – – Dann wandte er sich und schlug in Nacht und Nebel den Weg nach Dudenrode ein. – – Als er nach einer ziemlich schlaflos verbrachten Nacht sich spät am andern Morgen erhoben hatte und in seinem kleinen, mit alten Bildern und alten Möbeln ausgeschmückten Zimmer unruhig umherging, öffnete sich die Tür, und der Reichsfreiherr trat ein. Er war noch in Schlafrock und Pantoffeln und sah höchst gemütlich und zufrieden aus. »Guten Morgen, Neffe Franz,« sagte er – »was treiben wir, wie befinden wir uns?« »Es ist sehr gnädig, lieber Onkel, daß Sie sich schon so früh Ihren Studien entzogen haben, um sich danach zu erkundigen«, versetzte Franz etwas mißvergnügt über die Störung. »Nun, darauf bilde sich der teure Neffe nicht zu viel ein,« entgegnete Lactantius mit ironischem Lachen – »sintemal er ja wohl weiß, wie ungern wir uns unsern Büchern entziehen! Ich komme eigentlich um zu kundschaften. Es würde dein Schade nicht sein, Franz, wenn du mir vertrautest. Es vertraut mir niemand. Jedermann betrachtet mich hier wie das nützliche und unentbehrliche Gerät, welches man das fünfte Rad am Wagen zu nennen Pflegt. Dabei spüre ich, es geht etwas vor ... das ...« »Ich will Ihnen sagen, lieber Onkel, was vorgeht. Ich habe vergangene Nacht Marie Stahl aus Ruppenstein geholt, und zwar unter den Augen des Tollen. »Alle Wetter!« rief Lactantius und machte Augen so groß wie Teller. »Der Student hat mir dazu beigestanden.« »Das gefällt mir,« sagte der Freiherr, die Hände reibend – »das gefällt mir. Der Student gefällt mir. Er nimmt Revanche. Und du auch, Franz, du gefällst mir auch. Was wird aber daraus werden?« »Ich werde Marie Stahl heiraten.« »Heiraten ... ohi...« sagte Lactantius, indem er seiner Überraschung durch einen langgezogenen Pfiff einen Ausdruck gab. »Glauben Sie es nicht?« »Wenn du es willst, wird niemand in der Welt dich daran hindern können. Du bist vollständig dein eigener Herr!« »Und was sagen Sie dazu?« »Franz, was ich dazu sage? Ich sage, daß es ein ganz verdammt unvernünftiger Streich ist; daß, wenn du dein Gehirn aufs äußerste anstrengtest, um auszufinden, was dich am sichersten, skandalvollsten und mit dem geringsten Zeitverlust total zu ruinieren vermöchte, du kein geeigneteres Mittel hättest erdenken können; daß du auch unverantwortlich gegen deinen alten Namen, deine Familie, und namentlich gegen deine gütige Tante handelst, welche so große Hoffnungen auf dich setzt und so wohlwollende Absichten für dich hat ... das sage ich dazu, Franz, und dann, Franz, daß es mir eine ganz unbändige Freude macht, ganz unbändig, Franz ... sie heiraten ... vortrefflich ... ohi, ohi, ohi!« Und bei diesen Worten rieb sich der Reichsfreiherr die Hände wie wahnsinnig zwischen seinen langen dürren Schenkeln, und konnte gar nicht aufhören, mit seinem Ohi unbeschreibliche Heiterkeit an den Tag zu legen. Franz blickte eine Weile nachdenklich zur Seite. Dann sagte er: »Ich befürchte nur, daß der Student um meinetwillen in eine äußerst schlimme Lage geraten ist. Er hat gestern unsere Flucht gedeckt... ich mache mir jetzt Vorwürfe darüber, daß ich seine Aufopferung angenommen habe; aber er schien so sicher in dem, was er tat, daß ich nicht für ihn fürchtete ... nun scheint es aber doch, daß er das Opfer der Wut des Tollen über den Streich, den wir ihm gespielt, geworden ist.« »Was habt ihr denn eigentlich gemacht, Franz? Weshalb erzählst du mir nicht, wie ihr es zustande gebracht habt, Marie Stahl aus Ruppenstein zu holen?« Franz von Ardey erzählte es: den langen Reichsfreiherrn ergriff nun auch die Sorge um den Studenten. »Wenn dem Studenten mißglückt ist«, sagte er, »aus der Löwenhöhle herauszukommen, wenn der Tolle ihn gefaßt hat, so gebe ich keinen Schuß Pulver für sein Leben. Er hat ja noch das Verließ und die Folterkammer aus den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Er ist der Mann dazu, sich ein lange nicht genossenes landesväterliches Vergnügen damit zu machen. Der arme Student! Der Mensch gefiel mir, er gefiel mir außerordentlich. Aber der Tolle ist's imstande! Er ist's wahrhaftig imstande! Es wäre eine merkwürdige Geschichte, eine unerhörte Geschichte!« »Hoffentlich finden wir Mittel und Wege aus, einem solchen entsetzlichen Schicksal zuvorzukommen«, antwortete Franz. »Mittel und Wege, dem Tollen eine Beute zu entreißen, die er einmal gefaßt hat, sind nicht leicht gefunden, Franz... es müßte denn sein,« setzte Lactantius mit schlauem Gesicht hinzu – »es müßte denn sein, ihr tauschtet euere Kriegsgefangenen gegeneinander aus!« Der Gedanke, welchen der Reichsfreiherr mit dieser Andeutung in Franz heraufbeschwor, war so, daß der junge Mann sich nicht enthalten konnte, auf den gütigen Onkel, der ihm eben wie ein Retter aus der Not erschienen, einen äußerst zornigen Blick zu werfen und sich im stillen dabei zu sagen: »Er ist doch ein Narr, wie die Tante ihn nennt!« Damit stockte das Gespräch. Jeder schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Nach einer Weile sagte der Freiherr: »Da die Dinge so stehen, so ist es besser, ich ziehe mich zurück ... es ist nicht gut, wenn deine Tante erfahren sollte, daß wir eine so lange Unterredung zusammen hatten. Ehe du abreisest, komme zu mir, damit du Geld von mir erhältst.« »Ich werde es nicht vergessen, lieber Onkel!« »Glaub's schon, glaub's schon«, versetzte Lactantius, indem er sich zum Gehen erhob. »Und noch eins ... denk' an den Studenten und vergiß ihn nicht!« »Sicherlich nicht!« entgegnete Franz. »Adieu, junger Bräutigam, adieu, grüß' mir mein Herzblatt, die Marie... ich wünsche euch alles mögliche Glück... ohi, ohi, ohi!« Lactantius zog lachend und mit einem lebhaften Schlenkern des rechten Annes und der rechten Hand, wie jemand, der über eine höchst faule und für seinen lieben Nebenmenschen schauderhaft kompromittierende Geschichte entzückt ist, ab und schlich sich so unhörbar wie möglich in seine Wohngemächer zurück. Als er am Abend zum gemeinschaftlichen Nachtmahl mit seiner Gemahlin zusammentraf – während des Mittagsmahls hatte sie nur einige gleichgültige Redensarten mit ihm gewechselt – bemerkte er, daß ihre Blicke mit großer Schärfe ihn fixierten. »Du warst bei Franz am heutigen Morgen ... was spracht ihr?« sagte sie endlich. »Wir sprachen von der Schönheit der Natur und den herrlichen Tinten des Laubholzes in dieser Jahreszeit«, versetzte Lactantius mit höchst ernsthafter Miene. »War das alles?« fuhr sie mit außerordentlich scharfem Tone fort. »Alles? O nein: wir sprachen auch von den Reizen des Landlebens im allgemeinen und von der schönen Einrichtung des Schöpfers, daß jede Jahreszeit uns wechselnde Freuden bringt; der Lenz den beblümten Wiesenteppich und den Gesang der Nachtigall, der Sommer ...« »Du bist ein Narr«, fiel hier Frau Gebharde ärgerlich ein – »aber ein böserer, als die meisten wissen. Du hast mit Franz kabaliert! Schweig', ich weiß es« – fuhr sie fort, als sie sah, daß Lactantius die Augen zum Himmel aufschlug und die Hand aufs Herz legte. »Ich weiß alles. Er hat Marie Stahl in der vorigen Nacht aus Ruppenstein entführt. Der Student hat ihm dabei geholfen und ist dafür vom Grafen eingetürmt worden. Er wird ihn ohne Erbarmen erschießen lassen. Es sind schöne Streiche, die Franz macht! Ich werde sehr ernst mit ihm reden!« »Tue das, liebe Gebharde,« antwortete der Freiherr – »es wird ihm gewiß sehr heilsam sein, denn du hast eine so schöne Gabe, ernst mit ihm zu reden und ihm tiefeinschneidende Dinge zu sagen; ja, es ist eine schöne Gabe für den, der sie besitzt.« Frau von Averdonk hielt sich nicht mit einer chemischen Analyse auf, wieviel Prozente und Dezimalteile Ironie in diesem Kompliment ihres steif und mit höchst trübseligem Antlitz vor ihr sitzenden Gatten enthalten waren. »Weißt du wirklich nicht, wo Franz ist?« fragte sie nach einer Pause. Lactantius verneinte dies mit einem Gesicht, das wirklich rührend war vor kindlicher Unbefangenheit: »Ich weiß es nicht.« »Es ist in der Tat seltsam,« sagte die Dame ... »ich habe mir gedacht, daß er Marien nach Amelsborn geführt haben werde, denn er war in den letzten Tagen sehr oft dort und zeigte sich sehr eifrig bekümmert um die Einrichtung des Hauses. Ich habe deshalb Baptist dorthin geschickt. Aber Baptist kam zurück mit der Nachricht, daß Franz allerdings um Mittag dort angekommen sei und nach der Ankunft von Marie Stahl und ihrer Mutter gefragt habe, daß er aber mit den Zeichen lebhafter Beunruhigung wieder fortgeritten sei, als man ihm gesagt, daß von den beiden Frauen nichts gehört oder gesehen worden.« »Sie sind gar nicht angekommen? Das ist doch höchst merkwürdig!« fiel Lactantius ein. »Vorausgesetzt,« fügte er hinzu, »daß die Leute in Amelsborn nicht etwa deinen getreuen Baptist belogen haben und sie doch dort sind!« »Baptist ist weder der Mann, der sich leicht belügen läßt, noch wagen es meine Leute, mit mir zu spaßen«, versetzte Gebharde sehr ruhig. »Das ist richtig«, sagte der Freiherr; »es ist eine höchst ernsthafte Sache, mit dir zu spaßen!« Gebharde schenkte dieser Bemerkung keine Teilnahme. »Es gibt doch nichts Hübscheres,« hub Lactantius nach einer Pause wieder an, »als Geschichten von Verschwundenen! Ich kenne nichts in der Welt, was ich lieber hörte. Es ist so merkwürdig mysteriös und so unheimlich, und so spannend. Meinst du nicht auch, Gebharde? Es erinnert mich,« fuhr Lactantius fort, indem er die während der Mahlzeit abgelegte hohe Zipfelmütze wieder aufsetzte, denn das Mahl war eben beendigt – »es erinnert mich immer an die Geschichte von der alten französischen Marquise, die sich abends in ihr Zimmer einschloß und am andern Morgen nicht herauskam, und, als man die Tür erbrach, so total verschwunden war, daß sie nichts von sich zurückgelassen hatte als ein ganz kleines Häuflein Asche im Kamin. Du glaubst nicht daran? Es ist zuverlässig wahr. Und welche hübsche reinliche Art das ist, aus dem Leben zu scheiden! Wenn du auch einmal so verschwändest, Gebharde! Ich würde eine silberne Ume machen lassen, ganz wie der hübsche Tabakstopf von chinesischem Porzellan, den ich habe, du kennst ihn ja ... in die würde ich deine Asche schütten und sie meinem Bett gegenüber auf die Kommode stellen. Deine teuern Reste blieben mir dann immer nahe, und jeden Morgen beim ersten Augenaufschlagen genösse ich dieses wehmütig tröstenden Anblicks.« »Du bist und bleibst ein Narr!« entgegnete Gebharde unwillig und geärgert. »Geh' und leg' dich schlafen.« Lactantius nahm gehorsam sein Licht und zog sich in seine Gemächer zurück. Siebzehntes Kapitel Seltsame Reisegefährten und eine seltsame Herberge Was Frau Gebharde am Ende des vorigen Kapitels ihrem Gatten vom Verschwinden der beiden Frauen mitgeteilt hatte, war eine Tatsache, die sich höchst einfach damit erklärte, daß die Vogtin es vorgezogen hatte, nicht nach Amelsborn, dem Wohnsitz Franz von Ardeys, sondern zum Freiherrn von Eggenrode zu flüchten. Da aber Franz darüber keinen Bescheid erhalten hatte, so befand er sich in der quälendsten Unruhe. Er war am folgenden Tage ausgeritten, als man ihm in einem kleinen Dorfe erzählte, daß der Durchmarsch einer Kolonne österreichischer Truppen erwartet werde. Er lenkte, als sie herangekommen, sein Pferd zur Seite und ließ sie an sich vorüberziehen. Es war ein ganzes Infanterieregiment, das aber durch seine Strapazen und seine Verluste in den Gefechten ganz bedeutend zusammengeschmolzen war und auch in seiner Erscheinung verriet, wie schwer es gelitten hatte, wie tapfer es gefochten, wie zähe es den Widerwärtigkeiten und Leiden eines unglücklichen Feldzuges die Stirn geboten. Als sie vorüber waren, und nach ihnen auch die Wagenkolonne des Regiments sich mühsam in dem unchaussierten Wege weiter geschleppt hatte, hielt Franz jedoch, zerstreut ihnen nachblickend, noch immer auf derselben Stelle, bis aufs neue seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen wurde durch ein den vorausgezogenen Regimentswagen in großem Zwischenraum langsam und mühselig nachschleichendes Gefährt. Es war ein leichter, mit Leinwand überzogener Korbwagen, den ein abgemagertes Rößlein zog; hinterdrein ritt ein Mann in preußischer Husarenuniform, auf einem unansehnlichen, doch wohlverpflegten Rappen. Obwohl nicht frei vom Staub und Schmutz des Weges, waren doch Mann und Roß in einem vortrefflichen Zustande, der sich von dem Aussehen der voraufgezogenen Truppen höchst vorteilhaft unterschied. An die Uniform und das Sattelzeug des Reiters war zwar nicht eben übermäßiger Luxus verschwendet; alles war dürftig und knapp; aber es war unabgenutzt, sorgfältig instand gehalten und zeigte jedenfalls, wie gesagt, einen grellen Kontrast zu dem Äußern der Österreicher. Als der leichte Einspänner neben Franz von Ardey angekommen war, ritt der Husar vor und indem er jemand im Wagen zuschrie: »Halten Sie jefälligst mal an!« wandte er sich, während das Gefähr hielt, an Franz von Ardey, den er militärisch grüßte, und sagte: »Sie, jutester Herr, Sie scheinen mich aus diese Jegend hier zu sind, und dadrum erlauben Sie mich, dat ick Ihnen um einen juten Rat anjehe. Ick habe hier een paar Frauenzimmer in det Jefähr, denen ick meine Teilnahme widme, denn warum, et sind die Marketenderinnen, wat immer so eene kleine Sympathie und Magnetismus für unsereens ist, und nu habe ick mir ihnen angeschlossen, weil ick uf Kommando bin und mit de Kolonne dieselbe Marschroute habe, denn, wie Sie sehen, Jutester, wenn Sie von det Militär etwas verstehen, so bin ick preußischer Husar, mit Ehren zu vermelden, Unteroffizier Plantebitzel von det siebente von Zitzewitz mit 'n Dodtenkopf, Sie werden et bemerkt haben, denn wat die Adjustierung von Mann und Pferd betrifft und wat die ganze Haltung is, det is gar nich zu verkennen ... nu, wat ick sagen wollte, und wat det Frauenzimmer angeht, so is et eine jute Person, die Olle, un nu is sie bei dieses herbstliche Wetter von eenen eklichen Rheumatismus oder wat sonst die Wissenschaft darüber sagt, befallen, un wenn sie so langsam die Kolonne bis in die Nachtquartiere nachrückt, so findet se alle Löcher besetzt un weggenommen, un kann in ihren Jefähr kampieren, wat für en fieberhaften Menschen keine zuträgliche Manier is, die Nacht zuzubringen, un Kultur is auch nich in diese miserablige Dörfer zu finden, eene Krankensuppe oder dergleichen für en jebildeten Menschen, der mit en Rheumatismus unterwegs is – na, dadrum wollte ick man bitten, ob Sie mich nich hierherum en jastliches Jehöfte oder wat et nu is, anweisen könnten, wohin man det Frauenzimmer instradierte, in der Hoffnung uf en jebildetes Nachtquartier ...« Franz hatte, während der Husar sprach, seine Blicke etwas überrascht auf das Gefährt gerichtet und sandte dieselben forschend in das Innere des Wagens. Eine jugendliche Gestalt, die eine ziemlich auffallende Erscheinung bildete, hatte sich daraus vorgebogen, um nach ihm zu sehen, und wartete jetzt, in den Wagen zurückgelehnt, den Erfolg der Unterhandlung ab, während sie die Zügel des Pferdes hielt. Es war ein junges Mädchen mit einem überaus schön geschnittenen Oval des regelmäßigen, etwas blassen Gesichts, das reiches dunkles Haar umrahmte, über dessen Flechten ein zierliches Soldatenmützchen ohne Schirm thronte. Ein grüner Spenser, mit dunkelroten Schnüren besetzt, mit rot ausgenähten Säumen, hüllte sie ein; ein kurzer, sehr faltiger Rock vom selben Stoffe mit rotem Bandbesatz vollendete das Kostüm der Marketenderin. Neben ihr saß oder lag vielmehr eine Person im selben Anzuge; es war augenscheinlich die Kranke, sie hatte sich in einen grauen Soldatenmantel gehüllt und lag matt ausgestreckt. »Sie wünschen irgendwo ein näheres und besseres Unterkommen,« wandte sich Franz jetzt an das junge Mädchen, »als die Dörfer Ihnen bieten können, wo Ihr Regiment die Nacht bleiben wird? Allerdings könnte ich Ihnen ein Gut nennen, welches hier in der Nähe liegen muß ... ich zweifle auch nicht, daß der Bewohner desselben Sie aufnimmt, nur möchte ich Ihnen raten, daß Sie selbst ihn darum bitten; es ist ein etwas unzugänglicher Herr, aber einem so hübschen jungen Mädchen wie Ihnen wird er es nicht abschlagen!« »So bitte ich Sie, die Lage des Guts dem Husaren dort zu bezeichnen«, erwiderte das junge Mädchen, indem sie sich unter das Linnentuch des Wagens zurückzog, mit einem Tone, der alle weiteren Galanterien abschnitt; zugleich so, als wenn der Husar ein Mann sei, der in ihrem unmittelbaren Dienste stehe und den sie mit der Sorge für alles andere beauftragen könne. »Kommen Sie,« wandte sich Franz an den Unteroffizier; »ich will Ihnen den Weg zeigen, der einen Steinwurf von hier links von der Heerstraße abbiegt; ich werde mit Ihnen durch das kleine Gehölz dort reiten, am Ende desselben können Sie das Haus liegen sehen und gar nicht mehr verfehlen.« »Det is ja charmant von Ihnen, mein jutester Herr,«, entgegnete der Husar ... »wie heeßt denn die Boutique, wo Sie meinen, dat wir ufjenommen würden?« »Es ist keine Boutique, sondern ein sehr solid gebauter Edelhof; er heißt Eggenrode«, versetzte Franz, der jetzt sein Pferd antrieb und neben dem Husaren herritt. »Na, wat die Bauart anjeht, so is diese mich enjal«, entgegnete der letztere; »die Kasteeler in diesen verwahrlosten und unsittlichen Lande sind alle zusammen nischt wert; verdammte Steinhaufen sind et mit höchst überflüssigem Ufwand, von Altertum und grauem bemoostem Mauerwerk, Türmen und Giebel. Da sollten Sie mal die Güter bei uns zu Lande sehen, Jutester, die sehen anders aus; da sieht man, dat man sich in zivilisierte Jegenden befindet: allens im besten Stande, hübsch aus jutem Holze ufjezimmert und immer proper und blank in die Farbe jehalten!« »Bei uns zulande ist Wohl die Mark Brandenburg?« fragte Franz. »Janz die richtige Uckermark ... ick bin aus diese bewundernswürdige Provinz entsprossen, eenes braven Schulmeisters eheleiblicher Sprößling, un nu merken Se ooch, woher dat die scheene wissenschaftliche Anlage stammt, die Sie bei mich bemerkt haben werden, de richtige Orthographie im Ausdruck und de vielseitigen Kenntnisse, womit ick Ihnen ufwarten könnte, un in meiner zarten Jugend habe ick mir auch anjenehm zu machen jewußt mit ne große Fertigkeit uf der Maultrommel ... Also hier zweigt sich der Weg ab? Na, nu vorwärts, olle Füchsin, geben Sie ihr mal eene kleene Ufmunterung mit die Peitsche, Mamsell Traudchen!« Die letzteren Worte richtete der redselige Husar an den Gaul, welcher den Wagen der Marketenderinnen schleppte, und an das junge Mädchen, das die Zügel führte und dem Wege folgte, den Franz mit dem Preußen voranreitend ihr zeigte. »Woher ist denn die hübsche Marketenderin?« fragte Franz von Ardey nach einer Pause, während deren sie in ein Gehölz gelangten, durch das ein schmaler, wenig gebrauchter Fahrweg sich schlängelte. »Die Kleene? Dat is nu eene janz egentümliche Persönlichkeit«, versetzte der Husar; »sie hat sich in Köln von der Ollen drin als Jehülfin anwerben lassen ... et is aber en stolzes Kind Jottes, un det Organ für ne kleene Scherzhaftigkeit is wenig entwickelt; bei die Österreicher hat se sich ooch jewaltig in Respekt jesetzt, und die Olle jeht mit ihr um, als wenn et en abjeschältes Ei wäre; ick habe mir bemüht, durch einige kleene Dienstfertigkeiten ihre Zutraulichkeit zu jewinnen, wie se sonst unter Reisejefährten nich unjewöhnlich is, aber ick gloobe, et is leichter, eene wilde Schnepfe zahm zu machen als dieses spröde Wesen. Ick habe mir schon jedacht, dat se ne unjlückliche Liebe zu eenem von die österreichischen Offiziers hat und dadrum sich bei det Korps hat anwerben lassen!« Der Wald öffnete sich vor den Reisenden und nach zehn Minuten hielt die müde alte Füchsin, wie der Husar sie nannte, mit dem Wagen der Marketenderin samt seiner militärischen Bedeckung auf dem Hofe des Guts. Dieses Gebäude war ein phantastisches, uraltertümliches, seltsames Bauwerk. Es bestand aus zwei Flügeln und einem gewaltigen, in seinen unteren Teilen aus rohen Feldsteinen, oben aus Holzwerk aufgerichteten Turm, der am Ende des einen Flügels so vorsprang, daß er eine dritte Seite des Hofs abschloß. Er war offenbar der Patriarch des Ganzen, vielleicht einst der einzige Wohnraum eines von ritterlichem Broterwerb, d: h. aus dem Stegreif kümmerlich und ärmlich lebenden Geschlechts, das erst in spätern Zeiten so viel vor sich brachte, um zunächst einen und dann ein oder anderthalb Jahrhunderte später einen zweiten Bauteil daranstellen zu können. Diese letztern standen nun beide in grellem Kontraste zu dem hohen und wie aus heidnischen Zeiten herüberragenden steinernen Patriarchen und in ebenso grellem Gegensatz zueinander; nichtsdestoweniger aber hatten sie sich eng aneinander gelegt und waren durch einen Bogengang, der an dem untersten Stockwerke entlang lief, miteinander verbunden. Über den Bogen, die auf schwerfälligen Pfeilern ruhten, traten Erker mit vorspringenden Giebeln hervor, und zwischen denselben waren Fenster der verschiedensten Größenverhältnisse angebracht. Das Ganze hatte dadurch etwas außerordentlich Malerisches bekommen – leider nur war es entsetzlich verfallen, und es war nicht das Geringste getan, durch Sauberkeit der Umgebung den malerischen Eindruck desselben zu unterstützen. Ein alter, sumpfiger Graben, dessen gemauerte Böschungen an vielen Stellen eingefallen und in die schilfbedeckte Tiefe gesunken waren, umgab es ringsumher; das Holzgitter aber, welches die offene Seite des Hofes einfaßte, war verwittert, vermodert und streckenweise ganz verschwunden. Nachdem der Marketenderwagen über eine alte gemauerte Brücke gerollt war, hielt die Lenkerin desselben die Zügel an; der Husar sprang aus dem Sattel und half dem jungen Mädchen, sich unter dem Linnendach hervorzuarbeiten und neben dem Vorderrad herunter auf den Boden zu kommen. »Na, Mamsell Traudchen, det wäre nu det Nachtquartier,« sagte er dabei, »et is en sehr scheenes verwunschenes Schloß aus ene recht kindliche Märchenwelt; un wenn Se nu man jleich diesem ollen Bären oder Oger oder wat et für ein Unjeheuer aus die Fabelbücher is, enen herzhaften Kuß jeben, so wird er sich man so ohne weiteres in einen allerliebsten jungen Prinzen verwandeln.« Der Husar deutete dabei auf die Bojarengestalt des Gebieters von Eggenrode, der, ohne sich zu rühren, Traudchen auf sich zukommen ließ. Als sie ihre Bitte vorgetragen hatte, betrachtete er sie eine Weile schweigend, dann nickte er mit seinem Kopfe und sagte: »Bin sonst kein Freund von fremd Volk. Wenn Sie aber zu den Österreichern gehört, so kann Sie bleiben mit der Kranken. Pack' Sie nur aus. Der Husar kann die Pferde in den Stall führen.« Währenddessen erschien eine ältliche Person in einer langschößigen Tuchjacke und einer gestickten Nebelkappe, ein Bund Schlüssel in der Hand, unter dem Bogengange. Der Baron von Eggenrode rief ihr ein Paar Worte zu. Sie kam darauf in den Hof hinab, stemmte beide Arme fest in die Seite, als ob ihr dies eine wesentliche Unterstützung gewähre, um über Charakter und Verhältnisse der Fremden ins reine zu kommen, und nachdem sie in dieser Beziehung nach Verlauf einer geraumen Zeit anscheinend zu einer gewissen Befriedigung gelangt, sprach sie ihre Ansicht von der Sache durch die nachdrücklich geäußerten Worte aus: »Das ist nun wohl so!« – und zog dann eine große Horndose hervor, um eine Prise zu nehmen. »Richtig,« antwortete der Husar, nachdem er eine Weile sich der trügerischen Erwartung hingegeben, daß diese Bemerkung noch eine für die Ankömmlinge freundlichere Fortsetzung finden werde ... »Darin widerspreche ick Ihnen sicherlich nicht, werte Madame aus die Jahrhunderte von det Faustrecht un die jrauen Biederzeiten, denn nach Ausweis Ihres anjenehmen Schlüsselbundes zu die Speckkammer und die unterirdischen Gegenden, wo die jroßen Oxhofte noch von det ehemalige Femgericht her liegen geblieben sind, habe ick in Ihnen wol diejenigte Person zu respektieren, bei die ick mir vorzugsweise beliebt zu machen streben werde; aberst ooch ohne dieses zeugt et von einem jebildeten Geiste, wenn der Mensch sprechen tut: ›Dat is nun wohl so‹, oder, in einen richtigem Dialekt übersetzt: ›so is et‹! Denn mit einem solchen richtigen Grundsatz finde ick mir in allens, wat dieses irdische Leben mit sich bringt!« Die würdige Dame mit den Schlüsseln hörte diese Beredsamkeit sich entfalten, ohne ihr irgendein Zeichen der Beistimmung zu zollen. Im Gegenteil runzelte sie ihre Stirn, schüttelte den Kopf und wandte sich dann von dem Husaren ab, um Traudchen einen Wink zu geben, daß sie ihr folgen solle. Traudchen brachte zueist ihre Kranke unter, dann ging sie, aus dem Wagen die nötigsten Gegenstände zur Nachtruhe hereinzuholen, und als sie zurückkam, was ihr nicht, ohne sich einigemal in dem wüsten, alten Gebäude zu verirren, gelang, fand sie die Beschließerin bereits mit allerlei Herzstärkungen, Hausmitteln und Tränkchen um die Kranke beschäftigt. Die Beschließerin zeigte sich im Laufe des Gesprächs auch nicht zurückhaltend in Eröffnungen jeder Art über Haus Eggenrode und seinen Besitzer sowie über dessen Eltern, Großeltern und Urgroßeltern; auch die Eigenschaften und Charakteranlagen der Nachbarn zog sie in den Kreis ihrer Betrachtung; der gleichmäßige Redefluß begann schon auf Traudchen eine Wirkung auszuüben, die ihren Wimpern eine auffallende Schwere verlieh, als plötzlich ein Name an ihre Ohren drang, der alle ihre Lebensgeister von neuem wachrief. »Die Frau von Averdonk?« fragte Traudchen, und ihr Herz schlug bis in die Kehle hinauf, »kennt Sie die?« Frau Walpurgis – als Beschließerin hieß die gutmütige alte Dame nach guter alter Sitte Walpurgis – begann zu einer langen Erklärung auszuholen, aber Traudchen unterbrach sie ungeduldig: »Führen Sie mich zu ihrem Herrn.« Frau Walpurgis stand auf und folgte ihr, nachdem sie eine kleine Lampe angezündet hatte, durch die beiden Vorzimmer und über den langen Gang, nicht ohne der rasch vorauseilenden Marketenderin von Zeit zu Zeit sorglich ihre Warnungen vor den kleinen Treppen zuzurufen, die bald auf-, bald abwärts führten. Endlich waren sie am äußersten Ende eines Ganges angelangt; Frau Walpurgis öffnete hier die Tür zu einem Raume, der offenbar als eine Art Vorzimmer diente. »Warte die Jungfer hier,« sagte Frau Walpurgis, »ich will sie dem Herrn anmelden, wenn er drin ist, vielleicht sitzt er noch unten bei dem Haselanten...« Sie öffnete dabei eine Seitentür, und nach dem Lichtschein zu schließen, der daraus hervordrang, mußte Herr von Eggenrode allerdings in seinem Zimmer sein; Traudchen hörte aber auch seine tiefe und rauhe Stimme, und hörte sie im Zwiegespräch mit einer andern Stimme, welche die eines jungen Mädchens zu sein schien; wenigstens eine sehr wohllautende Frauenstimme war es. »Will nun einmal nichts mit ihm zu schaffen haben. Will nichts mit ihm zu schaffen haben! Er hat den Teufel im Leib!« vernahm Traudchen den Baron Eggenrode in kurz abgebrochenem Staccato und merkwürdig tiefem Baß sagen. »Dann ist der Unglückliche verloren! Er ist verloren!« erwiderte die weibliche Stimme. »Kann nichts daran ändern. Nichts, gar nichts! Kann ich's ändern, Mamsell?« lautete die Antwort des Barons. »Was will Sie, Walpurg? Die Marketenderin? Die will mich sprechen? Was hat sie denn? Nun, laß sie kommen. Gute Nacht, Mamsell!« Walpurgis erschien wieder auf der Schwelle des Zimmers und winkte Traudchen mit der Hand. Diese trat ein und sah, daß die Person, mit welcher Eggenrode geredet hatte, bereits verschwunden war. Sie mußte sich durch eine entgegenstehende Tür entfernt haben. »Was will Sie, Marketenderin? Was will Sie?« sagte er ... »kann sich setzen, wenn Sie müde ist, auf den Stuhl da!« »Ich will einem Menschen Hilfe bringen, an dem die unverantwortlichste Freveltat begangen ist, der hier im Lande ein Opfer rücksichtsloser Gewalttätigkeit ward, der in irgendeinem Gefängnis oder Verließ schmachtet, damit er der Welt nicht ungeahnte Sünden und Verbrechen bekannt mache ...« »Zum Teufel, es wird sich doch nicht schon wieder um den Studenten handeln? Sie wird doch nicht auch von mir verlangen, daß ich dem Tollen den armen Teufel aus dem Rachen reiße?« »Studenten?« fiel Traudchen voll Verwunderung ein – »um einen Studenten handelt es sich allerdings ...« »Hubert Bender!« »So heißt er ... Und Sie wissen von ihm?« »Leider mehr, als ich verlange!« entgegnete Eggenrode. »Und wo ist er?« »Der tolle Graf von Ruppenstein hat ihn in Haft und will ihn erschießen lassen ...« »Gerechter Himmel!« rief Traudchen aus und ließ sich auf den nächsten Stuhl niederfallen. »Ihn erschießen lassen ... weshalb ... was hat er verbrochen?« »Weil er ein Narr ist, der sich in Sachen mischt, die ihn nichts angehen: weil er sichs hat beigehen lassen, dem Tollen zu trotzen in seinem eigenen Hause – nun, es ist eine lange Geschichte. Was geht Sie's an? Ist er Ihr Bruder?« »Nein.« »Oder ein Anverwandter?« »Nein, das ebenfalls nicht ...« »Nun, Ihr Galan wird er doch auch nicht sein, oder er hätte schlecht an Ihr gehandelt. Er hat sich hier mit einem jungen Mädchen verlobt, das ihm, nebenbei gesagt...« Traudchen ließ ihn nicht ausreden. »Verlobt?« rief sie aus – »Herr, das kann nicht wahr sein!« Eggenrode nickte bloß mit dem Kopfe und machte eine eigentümlich spöttische Miene dazu. »Na,« sagte er dann, während Traudchens Züge eine tiefe Blässe annahmen und ihre Augen ihn anstarrten, als ob sie einen Geist vor sich sähe, »jetzt wird wohl Ihr Eifer, ihm zu helfen, ein wenig abgekühlt?« Traudchen schien im ersten Augenblick Eggenrodes Frage gar nicht zu verstehen und fuhr fort ihn anzustarren. Dann, wie plötzlich sich fassend, entgegnete sie heftig: »Nein, nein, mag er sich verlobt haben oder nicht, darum handelt es sich nicht, obwohl ...« Sie schwieg plötzlich wieder, blickte vor sich hin und schien einen Augenblick ganz zu vergessen, wovon die Rede war und was sie eben noch so stürmisch bewegt hatte: wie grübelnd blickte sie in die Flamme der Kerze auf dem Tisch; und dann erhellten sich ihre Züge wieder, sie fuhr mit der Hand über ihre Stirn, und nun sagte sie mit größerer Ruhe und Bestimmtheit, als sie vorher gezeigt: »Also so schlimm steht es um ihn; und er ist in der Gewalt eines grausamen und ruchlosen Mannes, der ihn töten lassen kann?« »Kann und auch wird ... daran ist nichts zu ändern«, entgegnete Eggenrode. »Er wird ihn nicht töten lassen, Herr«, entgegnete Traudchen fest. »Wird Sie ihn hindern?« »Ja, ich – wenn ich auch selbst nicht die Macht habe – aber andere werden die Macht haben, sie werden die Mittel dazu auffinden, und diese andern werden es tun, weil ich es sie heiße.« Eggenrode blickte sie verwundert an. »Höre Sie, hübsches Kind, wenn Sie für Ihren Studenten bei dem tollen Philipp etwas ausrichten will, so gibt es nur ein Mittel dazu. Lege Sie Ihren saubersten Staat an, setze Sie sich Ihr Marketendermützlein so keck, wie Sie's nur vermag, auf ihre dicken schwarzen Flechten, lasse Sie das kurze grüne Röcklein mit den vielen Falten kokett vor ihm hin- und herflattern... ich glaube, dann kann Sie mit ihm machen, was Sie will, dann schlägt er Chamade!« Baron Eggenrode begleitete diese Worte mit einem Ansatz zu einem Lächeln; da aber der Ausdruck, den Traudchens Mienen dabei annahmen, dasselbe nicht sehr ermunterte, gab er den ungewohnten, sauern Versuch, irgendein Ding auf Erden spaßhaft zu behandeln, mit Vergnügen auf. Traudchen fixierte ihn nämlich mit einem beinahe zornigen Ernst und erwiderte: »Ich habe andere Mittel. In meiner Hand liegt der Ruf, die ganze Existenz eines Weibes, die zu den angesehensten und mächtigsten hier im Lande gehört; sie soll mir beistehen; sie soll alles aufbieten, was sie vermag, um den Studenten zu retten – läßt sie ihn untergehn – dann vernichte ich sie. Aber ich kann nicht ohne Schutz, ohne einen Freund, so wie ich hier vor Ihnen stehe, als ihre Widersacherin vor sie treten; sie hat bewiesen, daß sie zu ihrer Selbstverteidigung keine Mittel scheut, ich wäre meines Lebens, meiner Freiheit wenigstens nicht sicher, begäbe ich mich ohne Vorsicht in den Umkreis ihrer Gewalt ...« Baron Eggenrode schüttelte sein Haupt mit den mächtigen grauen Haaren wie der wolkenversammelnde Zeus. Es mochte ein Verdacht in ihm aufsteigen, daß dieses seltsam redende junge Mädchen nicht recht bei Sinnen sei. Seine Stirn runzelte sich, während er sie forschend anblickte. Traudchen sah, daß sie keinen Augenblick mehr zögern dürfe, ihre Karten aufzudecken. »So will ich reden. Kennen Sie einen Herrn von Ripperda?« fragte Traudchen. »Ripperda? So heißt der neue Jägermeister in Ruppenstein. Ich habe von ihm gehört, habe ihn auch unlängst dort mit einem Blick gesehen.« »Kannten Sie einen Herrn von Walrave?« fuhr Traudchen fort. »Walrave? Was weiß Sie von dem?« »Kannten Sie ihn?« Eggenrode runzelte fürchterlich die Stirn, und seine Augen blickten so zornig auf das junge Mädchen, als ob er ihr andeuten wollte, er verbiete ihr bei irgendeiner entsetzlichen Leibes- und Lebensstrafe, jemals diesen Namen wieder von ihren Lippen fallen zu lassen. »Ich muß um eine Antwort bitten!« sagte Traudchen, ohne dadurch beirrt zu werden. »Nun, ins Teufels Namen, ja!« »Und wissen Sie, daß Ripperda und Walrave eine Person sind?« Die Züge des Freiherrn nahmen bei diesen Worten des jungen Mädchens einen ganz unbeschreiblichen Ausdruck an. Seine erloschenen Augen wurden groß, glasig, sein Mund verzog sich, so daß die Mundwinkel tief herabsanken; sein dichtes graues Haar schien sich aufzusträuben – wie vollständig versteinert blickte dieses seltsame verwilderte Mannesantlitz auf die Marketenderin nieder, die jetzt selbst erstaunt war über die merkwürdige Wirkung, welche ihre Mitteilung auf den alten Herrn hervorgebracht hatte. Endlich sagte er: »Hör' Sie mich an ... Da Sie einmal so viel weiß, so will ich Ihr alles sagen, damit Sie vorher überlegen kann, ehe Sie einen leidenschaftlichen Schritt macht, der Sie vielleicht einst, wenn Sie älter und kältern Bluts geworden, bitter gereuen würde. Sie soll den Schlüssel haben zu allem, und dann mag Sie handeln. Auf Ihre eigne Verantwortung. Ich kann Ihr nicht beistehen. Es sind zwei Frauen hier, die alles mit anhören mögen, weil es deren Sache so gut ist wie die Ihre... die eine ist des Studenten Braut, die andere deren Mutter. Sie sind zu mir geflüchtet, weil sie kein anderes Asyl wußten, wo sie verborgen bleiben konnten vor dem tollen Philipp und vor den Bewerbungen eines jungen Mannes, denen die Mutter ihr Kind entziehen wollte, weil dieser junge Mann der Neffe der Frau von Averdonk ist und weil ein bürgerliches Mädchen niemals die Seine werden kann. Sie hat nicht viel Verstand, die gute Frau, aber zuweilen trifft sie doch das Rechte, und dann setzt sie es durch mit dem Eigensinn dummer Leute. Sie geht dann vorwärts wie ein blindes Pferd in der Mühle. Ich will sie herbeirufen. Sie mag alles mit anhören. Dann könnt ihr Weiber beschließen, was ihr tun wollt. Mich geht's nicht an.« Mit diesen Worten nahm der alte Baron eins der Lichter vom Tisch und verschwand damit durch die Tür, welche der, durch die Traudchen eingetreten war, gegenüber lag. Achtzehntes Kapitel Die Erzählung des alten Barons Nach einer kurzen Frist kehrte der Freiherr von Eggenrode zurück. Unmittelbar hinter ihm kam eine hochgewachsene bleiche Frau, die in ihrem Wesen etwas auffallend Schüchternes und Demütiges zeigte, und dann trat ein junges Mädchen ein, welches einen eigentümlichen Kontrast zu Traudchen Gymnich, mit der sie in einem Alter stehen mochte, bildete. Wir brauchen nicht zu sagen, daß es Marie Stahl war. Marie, mit ihrem reichen, blonden Haar, ihren blauen Augen, ihrem unbeschreiblich feinen und zarten Teint, stand neben Traudchen, der dunkeln Brünette im herausfordernden Kostüm, wie eine Lilie neben der üppigen Zentifolie. Traudchen heftete einen finstern, prüfenden Blick auf Marie. Es lag etwas Feindliches in diesem Blicke und doch nichts Gereiztes oder Zorniges. Es war ein Blick, wie man einen Gegner messen mag, den man zu besiegen sicher ist: in Traudchen schien diese Zuversicht in einem Maße zu leben, daß sie nichts von der ruhigen und kalten Entschlossenheit verlor, mit welcher sie gewappnet war. Wohl war sie überrascht von der Erscheinung Mariens; aber zugleich war dieses blonde zarte Wesen so wenig das, was ihr imponierte, was ihrem Geschmacke zusagte, daß sie sich desto weniger erschüttert fühlte in dem Bewußtsein ihres Einflusses und ihrer Macht über das Herz des jungen Mannes, mit dem sich seit so langer Zeit jetzt ihre Gedanken beschäftigt hatten, daß ihr allmählich geworden, als ob er ihr eigen sei, wie ein Kind der Mutter gehört. Das sollte seine Braut sein? Es war Torheit ... Torheit von den Menschen, die es glaubten, Torheit von ihm, wenn er es selbst glaubte... dafür lebte sie, Traudchen Gymnich, willensstark genug, ihn vor kleinen Verirrungen und Unbesonnenheiten zu bewahren, nachdem sie erst das Größere getan, ihn zu retten und zu rächen! »Setze Sie sich, Frau Stahl, auf den Stuhl dort,« sagte der Baron, »und Ihre Tochter kann sich auch setzen; sehe Sie sich die Marketenderin hier an; das ist ein unternehmendes Kind Gottes. Will wie eine Hexe mit Feuer und Schwefel dazwischenfahren. Mache Sie's mit ihr aus, was Sie tun kann, um dem Studenten Luft zu machen. Ich seh's nicht ab. Die Marie dort, Ihre Tochter, hat mir erzählt, daß der Student auf Dudenrode seltsame Dinge geredet von einem alten Hause in Köln, wie er die Frau von Averdonk da mit einem, so sich Ripperda nennt, zusammen gesehen, und wie er dort mißhandelt worden sei. Ich kann's Ihr jetzt sagen, wie es zusammenhängt, und die Marketenderin da soll's auch hören, und dann mag sie beschließen, was ihr gut scheint. Es ist nun mehr als ein Viertel Jahrhundert verflossen,« fuhr er langsam fort, »da lebte noch mein Vetter Stovelar – von Stovelar zu Equordt und Dudenrode. Wir hatten zusammen studiert und nachmalen auch gereist, und darum waren wir gute Freunde und sahen uns oft. Seine Tochter Gebharde war, als er starb, ein- oder zweiundzwanzig Jahre. Sie hatte Freier genug. Es war kein Wunder. Dudenrode, Stovelar, die Hälfte von Amelsborn gehörte ihr, und noch andere Güter mehr. Sie ließ sich das Freien schon gefallen, aber sie führte ihre Kavaliere so recht mit Vergnügen am Narrenseile herum. Da kam ein junger Mann vom Reisen zurück, ein entfernter Verwandter von uns, Lactantius von Averdonk, er hatte just nicht viel, die Hälfte von Amelsborn gehörte ihm; aber mein Freund und Vetter Stovelar hatte ihn gern, weil er ein braver und gefälliger Mensch war, der niemand etwas in den Weg legte; er war immer heiter, zu einem guten Spaß aufgelegt, auch gar nicht dumm, und es war bequem mit ihm zu leben. Und da er die Hälfte von Amelsborn besaß, so konnte er auch als Freier schon auftreten, denn es war immer wünschenswert, daß die beiden Teile zusammenkamen, obwohl Stovelar auf Gut und Vermögen nicht zu sehen brauchte. Averdonk gefiel auch dem jungen Mädchen. Sie ließ sich seine Bewerbungen gefallen, ohne dabei ihre andern Freier zu verabschieden; es war eben ein lustiges Treiben dazumal auf Dudenrode, und das junge Volk lebte toll und leichtfertig in den Tag hinein – Gebharde schien nicht gewillt, dem ein Ende zu machen, indem sie einem der Freier ihre Hand zusagte und damit den andern den Laufpaß gab. Das ging nun eine Weile so gut, bis der Teufel sich hineinmischte und den Gelegenheitsmacher spielte, und vielleicht war es auch nicht der Teufel allein; wer weiß es? Averdonk war schlau – er war nicht immer so, wie er jetzt ist, und wußte wohl seinen Vorteil wahrzunehmen – kurz es kam dahin, daß Gebharde von Stovelar ihrer Mutter Bekenntnisse ablegen mußte, die nun nichts weiter zu tun übrig ließen, als beide, sie und Averdonk, in möglichst kurzer Frist zusammenzugeben. Wäre das geschehen, und wäre Stovelar der Mann dazu gewesen, das durchzusetzen, so wäre alles gut geworden, und viel Kummer und Leid wäre Stovelar erspart worden. Aber ganz unerwarteterweise weigerte sich Gebharde entschieden, Averdonk zum Manne zu nehmen; sie beteuerte, daß sie ihn jetzt hasse, daß sie ihn verabscheue, daß sie ihn nicht wiedersehen wolle, und was sonst ein launenhaftes, unvernünftiges Frauenzimmer alles noch vorbringen mag, wenn sie sich gedemütigt fühlt und den Zorn darüber und über ihre eigene Schwäche nicht überwinden will, und wenn sie nicht gehorchen gelernt hat, wie es einem Weibe zukommt. Mit einem Wort, der Averdonk durfte ihr nicht mehr vor die Augen kommen; was der Vater redete, wurde nicht gehört; und Gebharde wurde für eine Zeitlang wegen Unwohlseins nicht mehr sichtbar; und eines Tages kam Stovelar zu mir, um mir anzuvertrauen, daß sie ein Kind geboren, welches er heimlich bei zuverlässigen Leuten untergebracht habe. Ich sagte ihm gerade und derb meine Meinung über seine weibische Schwäche und Nachgiebigkeit; aber er wußte nichts zu antworten, als daß es eben sein einziges Kind sei, und daß sie nun einmal ihren Kopf und ihren Willen habe, der an Zwang nicht gewöhnt worden. Nun ja, das wußte ich; an Zwang war sie freilich nicht gewöhnt, sie kommandierte das ganze Haus! Stovelar aber grämte sich und bekam weiße Haare über die ganze Geschichte, und ein Jahr nachher überfiel ihn ein hitziges Fieber, oder was es war, und daran ist er gestorben. Seine Frau überlebte ihn, aber da sie eine schwache, einfältige Frau war, die auch bald wieder sich verheiratete, und da Gebharde noch nicht großjährig, so mußte ein Mann als Vormund für sie da sein, und die Gerichte machten mich zu ihrem Vormund. Nun war dazumal unter den jungen Leuten hier zu Lande einer, der hieß Wilbrand von Walrave. Es war ein hübscher, schwarzlockiger Bursche, der, wenn er wollte, reden konnte wie ein Buch, gewandt und verwegen war wie eine wilde Katze und abgefeimt wie ein Zigeuner. Er schien nur damit beschäftigt, Erfahrungen darüber zu sammeln, in wie kurzer Zeit sich ein ansehnliches Vermögen mit lockern Gesellen durchbringen und ein von Haus aus guter Name sich gründlich ruinieren lasse durch allerlei Streiche, die nicht gerade so waren, daß sie zu Galgen und Rad führten, aber auch nicht viel dahinter zurückblieben. Ich hatte ihn, wie gesagt, anfangs wenig gesehen; mit der Zeit aber begann er sich immer häufiger auf Dudenrode einzustellen, der Frau Mama Fleuretten zu sagen und der Tochter den Hof zu machen. Rasch und sicher ging er auf sein Ziel los, die reichste Erbin im Lande heimzuführen. Ich sann, was hier nun am besten zu tun wäre und wie ich jetzt meine Schuldigkeit täte als Vormund des törichten Mädchens, damit ich einst bestehen könnte vor unsers Herrn Richterstuhl und vor meinem toten Freund Stovelar. In dem nächsten Städtchen, worin Walrave sein Quartier gehabt, war er niemalen daheim zu finden. Ich hatte schon manchen vergeblichen Ritt getan, um ihn anzutreffen, bis ich endlich ganz zufällig auf ihn stoße, als er in Wolfshagen aus dem Pfarrhaus des Pastors Klevesahl herauskommt. Nachdem wir von den Zeitläufen und unsern Pferden und von andern Dingen auf kavaliermäßige Weise eine Weile diskutiert haben, so sage ich: ›Mit Permiß, Herr von Walrave, ist es an dem, daß Sie nach dem Fräulein Stovelar freien?‹ Sagt er wieder, mit einiger Verwechselung der Farbe: ›Und wenn es an dem wäre, Herr von Eggenrode?‹ ›Was meine Mündel betrifft‹, erwidere ich Walrave, ›so ist demselben vielleicht nicht unbekannt, daß Gebharde von Stovelar sich der Freiheit, über ihre Hand zu verfügen, selbsten allbereits begeben hat; sie wird den Mann heiraten, den sie nach Christenpflicht, und wenn sie ein ehrliches Frauenzimmer sein will, heiraten muß.‹ ›Wenn sie aber nicht will?‹ ›So wird man sie zwingen.« ›Wer?‹ ›Ihr Vormund.‹ ›Der gnädige Herr?‹ sagte Walrave, und dabei zuckt er die Schultern, als ob ich der Mann sei, mit mir spotten zu lassen. ›Darauf gebe ich dem Herrn von Walrave meine Kavalierparole, möchte auch meinen, daß der Herr vorziehen sollte, vor der Zeit des nächsten Neumonds das Land zu verlassen und heimzukehren, woher er gekommen ist!‹ ›Aber, Herr, ich begreife nicht, weshalb Sie eine solche Sprache gegen mich fuhren ...‹ ›Weshalb, fragen der Herr von Walrave? Weil eine Malstäte der freien Schöffen in unserem Kirchspiele ist; weil ich der Freigraf dieses Stuhls, genannt zu den vier Telgen, bin; weil ich Sie am Tage nach dem nächsten Neumond vor die gespannte Bank werde heischen, und durch einen frei und echt geborenen wissenden Mann, nach Freistuhls Recht, auf roter Erde, werde anklagen lassen, wegen unterschiedlicher femwrogiger Missetaten; und weil wir Sie alsdann mit einem geflochtenen Weidestrick werden an den nächsten dazu geeigneten Baum hängen.‹ ›Herr!‹ fuhr der Walrave auf, zornig und doch auch wieder die Farbe wechselnd vor Schrecken – ›das sind Drohungen und Worte...‹ ›Die ihren guten Grund und Inhalt haben. Sie haben eine Bauerndirne geraubt und eine Zeitlang bei sich behalten. Sie haben einen Zigeunerbuben mit einigen andern guten Gesellen gehetzt, als ob es ein vogelfreies Wild wäre, Sie haben einen Juden um ein Pferd geprellt ...' ›Sie würden es wagen, einen Menschen zu ermorden?‹ rief er aus. ›Zu ermorden – nein, aber zu richten. Es ist zwarn, so lang' ich Freigraf des Stuhls unter den vier Telgen bin, nicht mehr vorgekommen. Dies kann aber nicht hindern, daß wir nach Lage der Sache und nach Inhalt von Caroli Magni Gesetz und aufgerichteter Ordnung vorkommendenfalls tun, was Rechtens.‹ ›Es ist eine Obrigkeit und Schutz im Lande gegen solche Gewalttätigkeiten!‹ ›Allerdings sind unsers gnädigen Herrn, Seiner kurfürstlichen Durchlaucht, zur Regierung und Hofgericht verordnete Herren Räte da; allein dieses kann uns unsere alten Landesrechte, Privilegia und Bräuche nicht verkürzen. Ich will dem Herrn von Walrave auch einräumen, daß des Kurfürsten Dikasteria, wenn wir in besagter Weise einem verfeindeten Manne sein Recht angedeihen lassen, uns einen scharfen Verweis zukommen zu lassen sich bewogen finden dürften, deshalb, weil wir den Casum nicht vor löbliche Landesbehörden und ihre lateinische Jurisdiktion gebracht; steht auch dahin, ob uns die Herren nicht von solcher Justifizierung nach unsern alten deutschen Bräuchen für die Zukunft aufs ernstlichste abmahnen würden. Vermeine aber, daß dieses dem Herrn von Walrave alsdann, und wann derselbige mit der Weide vom Leben zum Tode gebracht, wenig Solatium und Erquickung bringen würde.‹ ›Und wenn ich nun Ihr abenteuerliches Gerichthalten verlache, aber mich wohl hüte zu kommen?‹ sagte hierauf der Walrave mit bedeutend gedämpftem Tone. ›Würde demselben wenig nützen,‹ sprach ich dawider, ›wasmaßen die wissenden Männer Sie schon finden und nötigenfalls unter dem Torbogen von Dudenrode immerhin eine alte Klammer oder einen guten Nagel eingetrieben vorfinden würden, der eine Menschenlast aushält.‹ Nachdem wir so noch eine Weile über die Sache diskutiert hatten, kamen wir an eine Stelle, wo die Wege auseinanderliefen, und hier nahmen wir geziementlich Urlaub voneinander. Ich ritt heim nach Eggenrode und wartete ruhig das Weitere ab. Kam denn auch am zweiten Tage nachher der Herr von Walrave richtig in den Hof geritten und ließ mich um ein nochmaliges Gespräch ersuchen. Mochte sich derweil wohl nach unsern Freigerichten ein wenig erkundigt haben und innegeworden sein, daß es noch immer eine absonderliche Sache damit sei, und daß der Freigraf unter den vier Telgen nicht der Mann sei, der das gute alte Recht und die Satzungen der Väter zum Spotte werden lasse. Dazumal war noch eine andere Zeit wie heute, und es war noch nicht die Schreiberei und Klauberei in der Welt, der Edelmann war noch ein Herr und Edelmann, und der Bauer ein Bauer. Nun also kommt der Walrave zu mir herauf, etwas kleinlauter und stiller noch, als da er von mir geritten, und stellt mir rundheraus seine Lage für, wie daß er mit seinem Vermögen am Rand, und daß, er meinem Wink, sich aus der Gegend zu verziehen, nicht alsogleich folgen könne, weil er nicht wisse, womit und wohin. Da hab' ich denn, weil ich seinen guten Willen zu sehen vermeinte, dafür gesorgt, daß es ihm nicht am nötigsten gebreche; und gegen ein Erkleckliches, auch eine sichere Rekommandation für einen fremden Herrendienst, die ihm zuteil wurde, hat er mir in die Hand gelobt, sich hierlands nicht wieder blicken zu lassen. So hat ihn auch kein Mensch mehr gesehen, und es ist gar bald darauf das Gerücht gegangen, daß er elendiglich umgekommen und seinen Hals gebrochen, ja, wollen ihn etzliche sogar selber im Walde mit seiner eigenen Büchse erschossen und andere ihn gar erhänget gefunden haben, und was denn des Redens mehr gewesen ist, womit man das dumme Volk sich ergötzen lässet, zumalen es gar nicht nach der richtigen Wahrheit verlanget. Nachdem ich nun einige Monden verfließen lassen, habe ich auch nach der Hand mich nach dem Averdonk umgeschaut, und als ich ihn guter williger Gesinnung gefunden, ihn eines Tages mit mir genommen nach Dudenrode, und habe ihn alldorten dem Frauenzimmer vorgestellt mit der Erklärung, daß ich nun der Sache ein Ende machen werde, wie ich es für meine Christenpflicht halte und vor meinem Gewissen verantworten könne. Die Mutter ist solcher Schlichtung der Sache auch gar nicht entgegen gewesen; hat aber die Tochter, die Gebharde, ein desto größeres Geschrei erhoben und sich dawidergesetzet; hat aber wahrnehmen müssen, daß sie, nicht mehr mit ihrem Papa seliger, sondern mit einem anderen zu tun gehabt, und daß ihr Vormund wohl durchsetzen könne, was er sich fürgenommen und ausgemacht. Da ist sie denn endlich bei mir mit dem Wort herausgekommen, daß sie Averdonk gar nicht heiraten könne, denn sie sei schon heimlicherweise mit dem Walrave getraut. Es habe der Pfarrer Klevesahl zu Wolfshagen sie in seiner Dorfkirche eines Morgens in aller Frühe stille zusammengegeben. Nun sei zwar der Walrave, ohne ihr Kunde und Nachricht zu hinterlassen, spurlos verschwunden; es ginge auch das Gerede, wie er kläglicherweise einen frühzeitigen Tod durch irgendeinen Unglücksfall gefunden; jedennoch könne sie, ehevor dies nicht bestätiget, keinen andern ehelichen. Da ich sie nun kannte und allbereits allerlei anderes nichtiges Fürbringen von ihr angehört hatte, so war ich der Meinung, daß dieses auch nur Flausen und listig ersonnene Ausflüchte seien. Es ging mir aber doch im Kopfe herum; und am andern Tage, um mich über die Sache zu vergewissern, machte ich mich auf den Weg nach Wolfshagen, und wie ich in die Pfarrei kam, da fand ich den Pastor in seinem Garten, ruhig sein Brevier betend und umherspazierend, und da faßte ich ihn beim Rock und sagte: Klevesahl, sagte ich, ist es an dem, daß Er heimlich ohne Fürwissen und hinter dem Rücken solcher, die es angeht, die Leute zusammengibt – sprech' Er, ist das an dem? Hat Er den Schelm, den Walrave, mit meiner Mündel getraut? Heraus damit! – Der Pastor, das nahm ich wohl wahr, entsetzte sich nun aus der maßen über diese Frage, sodann aber antwortete er mir in großem Zorn, mit mancherlei Worten, wie ich ihm vorkomme und was ich für ein Recht hätte, ihn zur Verantwortung zu ziehen und ihn mit solcherlei Unterstellungen zu beleidigen; und so gab ein Wort das andere, woraus ich doch genugsam abnehmen zu können glaubte, daß er der Sache nicht geständig sei. Und so kehrte ich zornig über der Gebharde freches Fürbringen nach Dudenrode zurück, und im führte ich meinen Willen aus, auf alles Gerede weiter nicht achtend, und der Averdonk wurde alsbald mit dem Fräulein Gebharde von Stovelar getraut in der Kapelle auf Dudenrode am ... nun, es steht hinten in meiner Hausbibel vermerkt, wann. Das ist nun die ganze Geschichte, die der Jungfer Marketenderin zu wissen nötig, wenn es in Wahrheit besteht, was sie sagt, und sie eine aktenmäßige Bescheinigung darüber hat, daß die Frau von Averdonk dazumalen dennoch die Wahrheit geredet und mit dem Walrave getraut gewesen auch der sich Ripperda nennende und jetzt in Ruppenstein aufhaltende Mensch niemand anders als derselbe Walrave sei. Ich kann ihn heute nicht mehr an eine Eiche hängen lassen, obzwarn er es verdient hätte, schon weil er seine Kavalierparole gebrochen, daß er niemalen zurückkommen wolle; wir hegen in diesen jetzigen schlimmen und betrübenden Zeitläuften das Gericht nicht mehr auf der gespannten Bank. unter den vier Telgen; von den Freischöffen sind nur noch etliche wenige übrig, die andern sind alle tot. Das lateinische Schreibervolk aber hat alle Dinge zu seinen Händen genommen. Mag die Jungfer tun, was sie nicht lassen kann. Will sie sich der Sache zu ihrem Nutz und Zweck bedienen, so wird auf mich alten Mann die Anklage fallen, daß ich dazumal Gebharde zur Heirat gleichsam gezwungen und genötigt. Ich muß stille schweigen dazu ... was kann ich einwenden! Ich habe geglaubt, das Rechte zu tun, und damit muß ich mich trösten ...« Traudchen hatte dieser Erzählung mit einer Spannung zugehört, die wir nicht zu schildern brauchen. Sie war gekommen Mit dem Gedanken an eine schonungslose Rache, an ein rücksichtsloses Auftreten. Jetzt mußte sich diese Schärfe ihrer Entschlüsse um ein nicht Geringes abstumpfen. Sie mußte einsehen, daß die Verhältnisse und Dinge nicht so einfach und eben dalagen, daß sie mit einem robusten Entschluß gelöst werden konnten. Frau von Averdonk erschien ihr in der Erzählung Eggenrodes fast bemitleidenswert. Welche brutale Gewalt hatte dieser alte strenge Mann mit den düster zusammengezogenen Brauen gegen sie geübt, um sie zur Nachgiebigkeit, zu dem Bunde, gegen den ihr ganzer Stolz, ihr ganzer Eigenwille sich auflehnte, zu zwingen! Was mochte sie dann gelitten haben, als dieser Walrave ihr wieder ein Lebenszeichen zukommen zu lassen für gut fand, dann seine Stellung auszubeuten begann, sie zu heimlichen Zusammenkünften zwang ... gewiß, der junge Mann, den sie so rücksichtslos ihrer Sicherheit geopfert, war längst schon an dem unglücklichen Weibe gerächt! Aber auf das alles freilich kam es in dieser Stunde nicht an – Hubert schwebte in der schrecklichsten Gefahr, und es mußte augenblicklich gehandelt werden, wenn die Rettung nicht zu spät kommen sollte. »Sie redeten da von einem Kinde der Frau von Averdonk,« sagte, nachdem der Erzählung Eggenrodes eine stille Pause gefolgt war, die Frau des Vogts jetzt – »wo ist das Kind geblieben?« »Das Kind... das Kind ist gestorben. Es war ein Mädchen. Es ist nicht ein halbes Jahr alt geworden. Da ist es gestorben, wie mir Stovelar sagte.« »Und wissen Sie nichts«, fuhr sie fort, »von einem Kinde, einem Knaben, der von Walrave einem Chirurgus Bender zum Aufziehen übergeben wurde und ...« »Was soll ich davon wissen ... kenne ich alle Bastarde im Lande?« fiel ihr Eggenrode barsch ins Wort. Sie schwieg verschüchtert, und Traudchen sagte nun: »Verlieren wir die Zeit nicht ... können diese zwei Frauen mir helfen, so sagen Sie, wie.« Die stille Frau sah zu Eggenrode auf und sagte: »Lassen Sie das junge Mädchen die Nacht Über in unsern Zimmern wohnen; sie und Marie mögen dann reden zusammen und unsern Herrgott bitten, daß er es ihnen eingebe, wie uns. geholfen werden kann.« Eggenrode nickte nur mit dem Kopfe und zog eine Klingelschnur in seiner Nähe, um Walpurgis kommen zu lassen. Traudchen stand auf und erklärte, daß sie erst rasch zu ihrer Kranken hinüberwolle, um nach dieser zu sehen. Marie begleitete sie und führte sie dann in die Räume, welche Eggenrode ihr und ihrer Mutter angewiesen hatte. Hier ließ Traudchen, da sie ihre Reisegefährtin für die Nacht versorgt wußte, sich Marie gegenüber an einem Kaminfeuer nieder; die stille Frau setzte sich neben ihre Tochter und horchte schweigend und nur selten ein Wort dazwischenwerfend zu, wie bis tief in die Nacht hinein die beiden jungen Mädchen mit geröteten Gesichtern eifrig ihre Erlebnisse und ihre Gedanken voreinander ausschütteten. Neunzehntes Kapitel Das Gericht Gebharde von Averdonk hatte sich ungewöhnlich früh erhoben, und wie sie alle Morgen zu tun pflegte, machte sie, nachdem sie das Frühstück eingenommen, ihre Runde durch das Haus, um auf allem, was in demselben vorgenommen wurde, das Auge der Gebieterin ruhen zu lassen. Heute aber streifte dieses Auge die Dinge ausdrucks- und teilnahmslos; sie schritt just über den Hof, und ohne zu bemerken, daß hier von irgendeinem nachlässigen Knechte eine Wagenleiter die Nacht über liegen gelassen war, wollte sie sich den Gärten zuwenden, als sie den Hufschlag eines rasch herantrabenden Pferdes vernahm und stehenblieb, um zu sehen, wer so eilig in der Frühe daherkomme. Der Reiter bog alsbald in die Wölbung unter dem Torturm ein, und Gebharde erkannte Franz von Ardey, ihren Neffen. Sie erwartete ihn ruhig, mit düsterer Miene und ohne ihm einen Schritt entgegenzumachen. »Franz,« sagte sie dann kalt, fast höhnisch ... »das ist ja ein sehr überraschender Besuch – du lebst also noch?« »Ich würde um die Erlaubnis gebeten haben, zu kommen,« entgegnete er, »wenn ich Zeit dazu gehabt hätte. Wo ist Marie?« »Wer? Marie? Das fragst du mich?« »Ich soll sie hier finden.« »Marie Stahl? Das ist eine seltsame Voraussetzung von dir, Franz ... sie ist so seltsam, daß ich nicht weiß, was ich darauf sagen soll. Ich hoffe nicht, daß in der Einsamkeit, der du dich in der letzten Zeit mit soviel Vorliebe hingegeben hast, dein Verstand gelitten hat.« »Da sehen Sie selbst«, erwiderte Franz, indem er ein Billet aus seiner Brusttasche hervorzog. »Dieses Billet ist mir von einem preußischen Husaren heute morgen in der frühesten Frühe gebracht worden. Der Mann setzte hinzu, daß er während der Nacht auf Eggenrode ein Quartier gefunden – ich war ihm schon gestern durch Zufall begegnet und hatte ihn selbst dahin gewiesen – und daß ein junges Mädchen, welches er bis jetzt begleitet, ihn gebeten, mir den Zettel zu geben, weil seine Weiterreise ihn an Amelsborn vorüberführe.« Gebharde nahm das Billet und las die Worte: Seien Sie heute so früh wie möglich auf Dudenrode, Sie werden dort die Verschwundene finden. »Und auf diesen Zettel ohne Namen und Unterschrift hin hast du erwartet, Marie Stahl in meinem Hause zu finden?« fragte Gebharde kopfschüttelnd. »Ich kann nicht denken, daß man einen Scherz mit mir treiben will. Wer sollte das tun?« entgegnete Franz von Ardey. »Der Mann beteuerte, daß man ihm das Billet dringend empfohlen, und er schlug seinen Weg weiter, nach einem Werbekommando, dem er eine Ordre zu bringen hatte, nicht eher ein, als bis er es selbst in meine Hände gelegt.« Frau von Averdonk fixierte mit ihren scharfen, wimperlosen Augen ihren Neffen, als ob sie ihn bis in Herz und Nieren durchschauen wolle, und war im Begriffe, ihm eine Antwort zu erteilen, welche an Schärfe ohne Zweifel nichts ihrem Blicke nachgegeben hätte, als ihre Aufmerksamkeit durch eine unerwartete Erscheinung abgezogen wurde; es war dieses ein leichter, von einem Pferde gezogener und mit einem Leinwanddach überspannter Wagen, der sehr rasch durch das Tor in den Schloßhof einfuhr und hier still hielt. Franz von Ardey erkannte auf der Stelle den Wagen der Marketenderin; er erkannte auch Traudchen, die auf der vorderen Bank saß und die Zügel führte. Er eilte auf sie zu und das erste, was er wahrnahm, als er vor dem Wagen stand, war Marie Stahl, die zur Seite der Marketenderin den Platz einnahm, welchen gestern die Kranke in dem Gefährt eingenommen hatte; das Leinwanddach hatte Marien bis jetzt vor seinen Augen verborgen gehalten. »Marie – Marie!« rief er in überwallender Freude aus – »endlich hab' ich dich wieder – o mein Gott, wie hast du mir antun können, was du getan! Wo in aller Welt warst du? Wohin hast du dich von mir geflüchtet?« Marie Stahl streckte Franz die Rechte entgegen, während sie hocherrötend sagte: »Das alles will ich dir in einer andern Stunde erzählen, heute komme ich nur, um ein Bündnis zwischen einer neugewonnenen Freundin und dir zu stiften.« Sie legte die Hand auf Traudchens Schulter und fuhr fort: »Dieses junge Mädchen verlangt nach einer Unterredung mit Frau von Averdonk, sie besteht aber darauf, daß du sie begleitest, sie glaubt eines männlichen Schutzes zu bedürfen, der ihr verspricht, ihr unter allen Umständen zur Seite zu stehen. Sie ist eine Freundin des Studenten und glaubt, daß Frau von Averdonk ihn retten könne – sie will sie dazu auffordern, dazu zwingen, wenn es nötig ist, denn sie hat Mittel, ihren Willen zu beugen.« »Eine Freundin des Studenten? Was heißt das, eine Freundin? Also ...«fiel Franz lebhaft ein. »Also!« unterbrach ihn Marie trübe lächelnd, indem sie rasch ihre schmale weiße Hand auf den Mund des jungen Mannes legte – »es gab Leute, die sich versündigten an einem armen Mädchenherzen, indem sie eine törichte Eifersucht hegten, und die jetzt ahnen, wie sehr sie unrecht taten – aber eilen Sie, Franz – Ihre Begleiterin wird ungeduldig!« Das schien in der Tat der Fall, denn Traudchen stand bereits auf der obersten Treppenstufe des Portals und winkte Franz heran. »Führen Sie mich, verlieren wir keine Zeit!« sagte sie. – – Hunderte von Malen hatte Traudchen sich im Geiste den Auftritt ausgemalt, wenn sie vor Frau von Averdonk treten würde, wie der Richter vor den zornschäumenden, versteckten Gefangenen, die vernichtenden Beweise für ihre Schuld in der Hand, wie die harte und stolze Frau vor ihr zusammenbrechen und sie ihr die Bedingungen des Friedens diktieren würde, deren erste die Herausgabe des jungen Mannes war, an dem sie eine so frevelnde Gewalttat verübt hatte. Nach den Mitteilungen, die man ihr auf Schloß Eggenrode über sein Schicksal gemacht hatte, sah das Befreiungswerk freilich schwieriger aus, als sie es sich gedacht hatte, aber der Weg, den sie zu gehen hatte, war derselbe geblieben, nur daß sie auf ihm auch noch der neugewonnenen Freundin Marie Stahl zu ihrem Glücke verhelfen zu können sicher war. Aber als nun der langerwartete Augenblick da war, da brachte er eine bittere Enttäuschung. Zwar wäre es schwer zu beschreiben, welchen Eindruck die Worte der Marketenderin auf Frau von Averdonk hervorbrachten. Zuerst wich ihre Zornesröte aus ihren Zügen, dann faßte sie nach der Lehne des nächsten Sessels, als ob sie einer Stütze bedürfe, und mit zitternder Hand griff sie nach dem Blatte, welches ihr Traudchen Gymnich am Ende entgegenhielt. Als sie es gelesen, ließ sie das Blatt Zu Boden fallen; sie warf sich in den Sessel nieder, an welchem sie sich bis jetzt aufrecht erhalten hatte, und während sie ihr Gesicht mit den Händen bedeckte, schien eine krampfhafte Bewegung ihren ganzen Körper zu erschüttern – sie brach wie geknickt in sich zusammen. Mit einem Blicke von Haß und Entsetzen sah sie das junge Mädchen an und mit kreideweißer, bebender Lippe sagte sie: »Reden Sie weiter, was Sie wollen.« »Was ich will? Ich will Sie mit diesem Blatte vernichten, will dieses Blatt in die Hände der Gerichte niederlegen, will damit Schmach und Elend über Sie bringen, wenn Sie nicht sofort die Bedingungen erfüllen, die ich gekommen bin Ihnen vorzuschreiben.« »Nennen Sie die Bedingungen«, sagte sie nach einer Weile leise, das Haupt auf ihre Hand stützend.« »Sie geben Ihre Einwilligung zu der Verbindung Ihres Neffen mit Marie Stahl.« »Ich gebe sie« – antwortete Gebharde. – »Sie treten ihm Ihre Güter ab. Dadurch schützen Sie sich gegen die Pläne, die Ripperda wider Sie hegt. Denn sicherlich hätte er sich dieses Zeugnis nicht verschafft – er hat es sich ausstellen lassen, und unter seinen Schriften fand ich es –, wenn er nicht beabsichtigte, in gelegenem Augenblicke davon Gebrauch und Rechte auf Sie geltend zu machen, die für einen Menschen seines Charakters den Wert verlieren, wenn Sie nicht mehr die reiche Herrin Ihrer Besitzungen sind.« »Ich will Franz meine Güter abtreten«, erwiderte tonlos Frau von Averdonk. »Und endlich,« fuhr Traudchen Gymnich fort, »machen Sie sich augenblicklich auf und entreißen Hubert Bender dem Schicksal, welches ihn bedroht.« »Das kann ich nicht, das liegt nicht in meiner Macht!« sagte Gebharde, ihren bleichen, wie plötzlich um viele Jahre gealterten Kopf erhebend. »Sie müssen es!« versetzte Traudchen. »Wehe Ihnen, wenn Sie sich weigern!« »Ich kann es nicht« – fiel Frau von Averdonk ein – »ich habe keine Macht über den Menschen, in dessen Händen er ist – wer kann einem Bären seine Beute entreißen! Ich habe versprochen, alles hinzugeben, was ich besitze. Mehr kann ich nicht tun – über den Grafen Philipp habe ich nicht den Schatten eines Einflusses; kein Mensch auf Erden würde es vermögen, seinen starren Sinn zu beugen – ich kann nicht vollbringen, was Sie von mir verlangen, und nun tun Sie, was Sie glauben tun zu dürfen! Zu Flehen und Bitten werde ich mich nicht erniedrigen!« Traudchen Gymnich blickte auf ihr Opfer mit einem Ausdruck halb der Verwunderung, halb des Erschreckens. War es in der Tat dieser Frau, die sich jetzt wie ein Rohr von ihren Händen biegen ließ, unmöglich, zu erfüllen, was sie verlangte? Dann hatte sie ihren ganzen, mit so viel Entschlossenheit ausgeführten Plan auf Sand gebaut ... dann war alles umsonst. Der Gedanke war schrecklich. Sie wehrte ihn deshalb von sich ab, so lange sie konnte, sie hielt ihre Vorstellung von der genauen und innigen Wechselverbindung zu Schutz und Trutz, welche sie unter all diesen vornehmen Leuten voraussetzte, fest und sagte deshalb nur noch schärfer und gebieterischer: »Dann stehe Gott Ihnen bei – ich werde von diesem Augenblicke an keine Schonung mehr gegen Sie kennen – Sie haben das Unheil angestiftet, und es soll sich fürchterlich an Ihnen rächen!« Damit wandte sie sich, um den Raum zu verlassen. Draußen eilte sie die Treppe hinab und über den Hof, dem Wagen zu, neben welchem Marie Stahl jetzt harrend auf- und abging. »Ich habe für Sie alles getan, was ich konnte, Marie«, sagte Traudchen in geflügelter Eile; »es steht nichts mehr zwischen Ihnen und Ardey – ich muß weitereilen und jetzt einzig auf meine eigenen Kräfte mich verlassen! Adieu, adieu ...« sie ergriff die Zügel ihres Wagens, sprang hinein und trieb das Pferd mit einem Peitschenschlage zur Eile an. Nach wenig Augenblicken rollte der Wagen zum Hoftore hinaus. Marie Stahl schaute ihm bestürzt nach, sie war eben im Begriff, Franz von Ardey entgegenzugehen, der betroffen und niedergeschlagen in den Hof herabkam, als ihre Aufmerksamkeit durch einen Reiter in Anspruch genommen ward, der in gestrecktem Galopp in den Hof einsprengte, dann aus dem Sattel seines schweißbedeckten Pferdes glitt, es frei sich selbst überließ und in größter Hast dem Haupteingange des Schlosses zueilte und darin verschwand. Es war Ripperda, der einen Augenblick später die Treppe im Innern hinaufgestürmt und unangemeldet in das Wohnzimmer der Frau von Averdonk gedrungen war und mit dunkel gerötetem Gesicht vor ihr dastand; er hielt mit kräftigem Drucke der Hand ihren Unterarm umspannt und rief: »Du mußt, Gebharde, du mußt, oder Tod und Verderben soll über dich kommen!« »Bin ich denn heute ein Ballspiel für lauter rasende Menschen – es ist ja entsetzlich, Sie sind wahnsinnig geworden, Ripperda!« »Machen Sie mich nicht dazu, indem Sie mir Widerstand leisten«, antwortete Ripperda, während er ihren Arm losließ und sich erschöpft auf einen Stuhl warf. »Was haben Sie getan,« fuhr Frau von Averdonk fort – »welch abscheuliche, heimtückische Intrige beabsichtigten Sie, als Sie den Geistlichen von Wolfshagen einen Schein schreiben ließen...« »Der ist in Ihre Hände geraten?« fuhr Ripperda auf. »Leider nein, er ist in den Händen einer Dirne, die mich damit zu vernichten droht.« »Einer Dirne ... sie heißt Traudchen Gymnich? ich wußte es, daß sie die Diebin war – sie will Ihnen Geld damit abpressen? Geben Sie es. Es handelt sich heute um Wichtigeres – um ein Menschenleben, um das Leben meines Kindes ... Gebharde, ich habe manches auf meiner Seele, aber ich will nicht auch das noch darauf haben, daß ich mein Kind habe untergehen lassen, ohne es zu retten!« »Und was ist mit diesem Kinde – ich weiß nichts von ihm!« »Es ist der Sohn einer armen verkommenen Bauerndirne, die ich verführt habe. Damals, als ich noch in der Lage war, für den Knaben sorgen zu können, habe ich für ihn gesorgt; ich habe ihn einem Chirurgen in einem abgelegenen Dorfe zur Erziehung übergeben. Als ich später auf Eggenrodes Betrieb das Land verlassen mußte, war ich nicht imstande, mich weiter um ihn zu kümmern. Ich muß es zu meiner Schande gestehen – ich vergaß ihn. Nun macht mir heute ein seltsames, wie ein Gespenst vor mir auftauchendes Weib die entsetzlichste Enthüllung. Ich wollte dem Grafen zu einer Jagd vorausreiten, die er den seit gestern bei ihm einquartierten österreichischen Offizieren eines durchziehenden Bataillons gibt. Als ich eben meine Wohnung verlassen will, tritt eine große bleiche Frau mit den Augen einer Wasserfee auf mich zu, und indem sie die Hand wider mich erhebt, ruft sie aus: ›Walrave – Ripperda, wie Sie heißen mögen – es ist Ihr Kind, welches man töten will – wollen Sie Ihren Sohn ermorden lassen?‹ Ich glaube es mit einer Wahnsinnigen zu tun zu haben, sie aber sagt nur, daß sie die Frau des Vogtes von Elsen ist, sie beweist mir in hastigen Worten, daß Hubert Bender mein Sohn ist, der Zögling des Chirurgen ... ich kann keinen Zweifel mehr hegen, alle Angaben treffen zu, im Besitze des Gefangenen ist sogar ein Brief des Mannes, der für seinen Vater galt ...« »Aber um Gottes willen, was geht dies mich nun an?« rief hier Frau, von Averdonk aus. »Dich, Gebharde, dich geht es an, weil mir ein Plan der Rettung gekommen ist, welchen nur du ausführen kannst. Einen Fluchtplan zu entwerfen, ist es zu spät. Der unglückliche Mensch lebte schon in dieser Stunde nicht mehr, wenn nicht das österreichische Militär in Ruppenstein läge. Der Graf schämt sich, ihnen das Schauspiel einer Ruppensteinschen Militärexekution zu geben; er fürchtet die Erläuterungen, die Aufklärungen. Ich verlange es von dir, Gebharde; es soll das letzte sein, was ich von dir verlange... ich schwöre es dir – ich werde tot sein für dich von dem Augenblicke an, wo du mein Kind gerettet hast! Du kannst es, Gebharde ... wenn du dem Tollen erklärst, es sei dein Sohn, dein eigenes Kind, dann wird er dir nicht weigern, was er mir, seinem Untergebenen, nimmer gewährte.« »Mein Sohn?! aber um des Himmels willen, wie kann ich diesen Menschen für meinen Sohn ausgeben, die ganze Welt weiß, daß ...« Ripperda unterbrach sie. »Daß du keinen Sohn hast? Täusche dich nicht! man weiß wohl, daß in jener Zeit, wo du die Bewerbungen Averdonks dir gefallen ließest und dann ihn plötzlich zu hassen begannst, daß in jener Zeit dein Vater gezwungen wurde, ein Kind heimlich nachts aus dem Hause zu tragen und es bei einer vertrauten ehemaligen Dienerin deiner Mutter zu verbergen – man weiß das, man hat es entdeckt, sich zugezischelt, man hat es mit boshaften Bemerkungen weitergetragen, und mögen es auch die meisten vergessen haben, aber Graf Philipp von Ruppenstein ist nicht der Mann, solche Dinge unbeachtet an sich vorübergehen zu lassen ... wenn irgend jemand, so ist sicher er davon unterrichtet worden.« »Das Kind war ein Mädchen, es ist gestorben!« fiel, das Haupt abwendend, Frau von Averdonk ein, indem sie die Stimme zu tonlosem Flüstern dämpfte. »Wer ist davon so genau unterrichtet? Niemand wird das einwerfen, was du selbst gestehst; du mußt, Gebharde – ergib dich darein – treibe mich durch eine Weigerung nicht zur Verzweiflung; ich sehe kein anderes Mittel, ihn zu retten, dieses Mittel muß und soll versucht werden, und wenn du dich starrsinnig widersetzest, so rufe ich laut und offen jedem, der mich anhören will, zu, wer ich bin und wer du bist – und du tätest dann besser, dich aus jenem Fenster zu stürzen, um mit zerschmettertem Hirn auf dem Pflaster des Hofes zu liegen.« Ripperda sprach das mit einem Tone, der zeigte, daß gegen seinen Willen kein Widerstand war. Gebharde von Averdonk zitterte an allen Gliedern, sie fühlte, daß die Fassung, die sie an diesem unglücklichen Morgen bis jetzt mühsam behauptet hatte, im Begriffe sei, sie zu verlassen. Denselben Menschen, den sie mißhandelt und verfolgt hatte, sollte sie ihren Sohn nennen; ihre eigenen Lippen sollten ihre Schmach gestehen – sie sollte lügen, um sich zu entehren – in der Tat, es war zuviel, zu schrecklich – sie warf sich wie in aller Kraft gebrochen auf das Sofa, verbarg ihr Gesicht an der Lehne desselben und begann heftig zu schluchzen. »Du weinst – ich sehe, daß dein Widerstand zu Ende ist«, rief Ripperda gebieterisch aus. »Erhebe dich und mache dich fertig, um mit mir nach Ruppenstein zu fahren. Augenblicklich. Ich gehe und befehle in deinem Namen, daß man deinen Wagen anspanne.« Mit diesen Worten eilte er hinaus. Zwanzigstes Kapitel Die Marketenderin und ihr Korps Unterdessen hatte Traudchen Gymnich bereits eine weite Strecke des Wegs, der zwischen Dudenrode und Ruppenstein lag, hinter sich. Traudchen hatte keinen bestimmten Plan über das, was sie tun wollte; aber sie wußte, daß sie Freunde in Ruppenstein finden werde, und sie war entschlossen, mit deren Hilfe das Äußerste zu versuchen. Sie traf einen Teil dieser Freunde, noch bevor sie es gehofft. Es war eine große Schar österreichischer Grenadiere. Die Leute hatten hier, wie Traudchen wußte, einen Ruhetag; und so kam es, daß sie, noch bevor sie den Ort erreicht hatte, auf einen Schwarm von ihnen stieß, der in leinenen Überröcken, leichte graue Mützen auf dem Kopf, den Weg müßig und ohne Ziel langsam dahergeschlendert kam und sich die Zeit damit vertrieb, die Begegnenden mit schlechten Späßen aufzuhalten. Sie fühlten sich offenbar sehr wohl im Bewußtsein einer besonderen Freiheit. Die Offiziere waren samt und sonders weit davon; sie waren von dem Grafen zu der Jagd eingeladen, die er auf heute anberaumt hatte, und die wackern Grenadiere wünschten ihnen dabei viel Vergnügen. Als die Soldaten den Wagen ihrer Marketenderin entdeckten, der sich, so rasch das Rößlein davor laufen konnte, ihnen nahte, säumten sie nicht, ihn zu umringen. »Heda, die Marketenderin, das Traudl is da!« rief der eine, und ein anderer begann ein Schnaderhupfl zu jodeln, das er selbst auf sie gedichtet hatte: Moan herziga Traudl, moan Schazl is da, Un' Faßerl hat's, volle und Bußerl hat's a – Die Faßerl verschenkt und die Bußerl schenkt sie ... Die Faßerl an enk und die Bußerl an mi! ... »Wo is denn Ihr Komerod, die Olte mit da groß'n Schiefertafeln?« rief ein dritter. »Is holt tot, die Olte, und die große Schiefertafel und die Kreid' is a tot«, lachte ein vierter. »Aobers Faßerl tut doch noch leben, loß'ns mal schau'n, Jungfer Traudl, ob's holt noch lebt, das Faßerl!« »Hurra, das Faß'rl und die Traudl soll'n leben«, schrie der ganze Haufe zusammen! »Die Alte ist nicht tot und die Schiefertafel mit euerm Sündenregister auch nicht!« rief Traudchen zwischen diese Ausrufe, die von allen Seiten um sie her erschollen – »aber ich will über die ganze Tafel mit der Hand fahren, wenn ihr mich ruhig anhört ... lass' Er das Pferd in Ruhe, Kurzpichler, und Er, Myßlowatz, tret' Er vom Wagen zurück – ruhig anhören sollt ihr mich, und wenn ihr mir beisteht, geb' ich euch den ganzen Vorrat, den ich hier bei mir im Wagen habe, zum Plündern!« »Hurra für die Marketender'n«,« riefen jetzt lachend alle Kehlen, und Myßlowatz, ein kleiner gelber Krainer, der aufs Rad geklettert war, um den Vorratraum hinten im Wagen zu rekognoszieren, schrie über die andern fort: »Fangen mir holt mit dem Plündern an – der Marketender'n beistehen wollen mir nachher schon. Drei volle Faß'rl san hier!« »Herunter denn mit den Faß'rln! Wo san die Becherl?« rief Kurzpichler aus. »Geben's nur die Becherl her, Jungfer Traud. Sie soll schau'n, wie Ihr beigestanden wird alleweil! Den Teufel aus der Höllen holen m'r, wenn die Jungfer a Vergnügen dran find't; den Beschlag von dem seinigen Pferdefuß hergeben soll er, wenn die Jungfer vielleicht ein neues Hufeisen fürs Röß'l ...« »Nur Ruhe, Ruhe!« fuhr Traudchen gebieterisch dazwischen, während die Leute im Sturm ihren Wagen nahmen und sich der vollen Fässer mit gebrannten Wassern bemächtigten. »Wollt ihr mit dem Trinken beginnen, meinethalb. Hier habt ihr auch die Becher dazu«, fuhr sie fort, indem sie mehrere blecherne Trinkgeschirre aus dem Sitzkasten hervorholte. »Aber ich habe euer Wort, daß ihr mir nachher beistehen wollt, auf euere Soldatenehre ...« »Auf unsere Soldatenehre!« schrie ein breitstämmiger und langer Unterinntaler, »und wer sich weigert, den derschlag ich, Kreuzhimmelsakra ... die Marketender'n soll leben!« Er stürzte eine volle Ration, die ihm der Kurzpichler eingeschenkt hatte, in seine gebräunte Gurgel. Traudchen stand im Vorderteile ihres Wagens mit untergeschlagenen Armen und blickte auf den lustigen Tumult um sie her hinab. Sie dankte jetzt dem Himmel, daß sie am Morgen, beim Wegfahren von Haus Eggenrode, mit so vielen andern Gedanken beschäftigt, nicht daran gedacht hatte, ihr Gefährt um die drei vollen Marketenderfäßlein dahinten zu erleichtern – sie kamen ihr jetzt in bewunderswerter Weise zustatten. Als sich dann nach einer guten Weile der erste Lärm ein wenig beruhigt hatte, winkte sie Krieshuber, den langen Unterinntaler, heran, der ihr als der Zuverlässigste aus dem ganzen Schwarm bekannt war und der jetzt eben einen besonderen Edelmut seines Charakters dadurch an den Tag legte, daß er dem wackern Rößlein zur Erquickung eine Handvoll Gras, das er neben dem Wege zusammengerafft hatte, vorhielt. »Krieshuber,« sagte sie, sich zu ihm niederbeugend, als er an das Wagenrad trat – »Krieshuber, ich will Euch jetzt sagen, wozu Ihr mir beistehen sollt. Da drin« – sie wies nach der vor ihnen liegenden Stadt – »da drinnen in irgendeinem abscheulichen Kerker sitzt ein unschuldiger braver Mensch auf den Tod ...« »Ja, hab's schon gehört«, versetzte Krieshuber, »die Quartierleute redeten davon.« »Er muß befreit werden, Krieshuber, und dazu sollt Ihr mir beistehen!« Der ehrliche Unterinntaler machte große Augen. »Wird holt nit angehn, Jungfer Marketenderin,« sagte er kopfschüttelnd. »Es muß geschehen, Mann,« versetzte sie heftig, »es muß geschehen – Ihr habt's versprochen, und, damit ich's Euch ganz sage ... es ist mein Schatz!« »Ja, dann ...« sagte der Soldat lächelnd, »dann ist's freili schon anders ... dann ... na, lossen's mi mit dem Myßlowatz reden, das ist der Gescheut'st von uns. Hör', Myßlowatz!« Myßlowatz hatte sich unausgesetzt sehr eifrig mit dem Marketenderfäßlein beschäftigt; seine Augen glänzten so, daß man sah, sie waren in ungewöhnlicher Weise erleuchtet für alle schwierigen Dinge, die ihm in diesem Augenblick vorkommen konnten. Nachdem Krieshuber ihn auf die Seite genommen und ihm mitgeteilt, um was es sich handle, sagte er: »Na, dös halt kann lustig werden – da bin i dabei! Ist's ihr Schatz, der arme Sünder, so werden's das Jungferl auch zu ihm eini lassen müssen; und dann werden's uns auch dabei san lassen müssen, denn wie er ihr Schatz ist, so san mer halt die Freund' die ihrigen; und wenn sie dann ihr'n Bu mit sich herausnimmt aus dem Turm, nachher ist's ihre Sache, uns geht's nicht an – aber leiden, daß aner ihr was in den Weg wirft, das dürfen mer nicht, dafür gehört's zum Bataillon.« »Recht hast' meiner Seel', Myßlowatz, wer ihr was in den Weg legt, schau, den derschlag'n mer – dafür gehört's zum Bataillon – also nur vorwärts, ihr Leut'ln – fünfundzwanzig werden dabei für jeden von uns herauskommen – i mein,' i fühl sie schon, aber dös schad' nichts!« Die übrige Mannschaft war nicht mehr in der Stimmung, ein Unternehmen zu verwerfen, welches Myßlowatz und Krieshuber in geheimem Kriegsrat gebilligt und beschlossen hatten. Als sie mit dem Inhalt der Fäßlein zu Ende waren, wurden sie eingeweiht; ein allgemeiner Ausbruch von Vergnügen nahm die Mitteilung dessen, was geschehen sollte, auf. Eine kleine Reibung mit den gräflich Ruppensteinschen Grauen erschien ihnen in diesem Augenblicke in einem außerordentlich heitern und anziehenden Lichte. »Nur vorwärts, Marketenderin!« rief es von allen Seiten: »sie sollen den Schatz herausgeben, die da drinnen – nur vorwärts – in Zügen aufmarschiert – die Marketenderin kommandiert, an die Spitz' die Marketenderin!« »Die Marketenderin an die Spitz'!« jubelten alle, »nur herunter vom Wagen – das Kommando übernommen!« »Tun's ihnen den Willen, Jungfer!« rief Krieshuber und streckte die Hand aus, um Traudchen beim Absteigen behilflich zu sein. Traudchen besann sich nicht lange; sie sprang vom Wagen herunter, übergab Krieshuber die Zügel, eilte an die Spitze der Männer, und rief nun, so laut ihr hochklopfendes Herz es ihr erlaubte, ihr Kommandowort: »Marsch!« Die Leute hatten sich in Zügen, vier Mann hoch, aufgestellt; die Kolonne setzte sich augenblicklich in Bewegung. Kieshuber führte den Wagen im Nachtrab. Nach zehn Minuten war das Tor des Städtleins erreicht. Die Kolonne rückte in die Straßen ein, wo sie augenblicklich von rechts und links her verstärkt wurde durch Kameraden, die hier vor den Haustüren saßen oder mit den Mädchen an den Brunnen plauderten. Sie war gewiß bereits eine Kompagnie stark, als man vor der gräflichen Hauptwache anlangte, welche am obern Ende des Städtleins an dem freien Platze vor dem Torgebäude des Schlosses lag. In einer Mansardenkammer über der Wachtstube war das Militärgefängnis, in welches man Hubert Bender gebracht hatte, und von dem aus er seinen letzten Weg antreten sollte. Mehrere von den Soldaten waren davon unterrichtet, weil sie von den Leuten, bei denen sie einquartiert waren, von dem armen Kompagniechirurgen gehört hatten – sie riefen es Traudchen während des Marsches zu, wohin sie ihre Schritte lenken müsse. Traudchen schaute mit fieberhaft gerötetem Antlitz, mit ängstlich suchenden Blicken zu den vergitterten Mansardenfenstern auf. Aber umsonst. Es war niemand daran zu sehen. Die gräflichen Grauen – kaum ein Dutzend mochten ihrer sein – wurden vom Posten ins Gewehr gerufen, als die Kolonne sich auf sie zuwälzte; die letztere hatte sie im Augenblick vollständig umströmt, so daß sie sich nicht rühren konnten; zugleich wurden die untern Räume des Wachtgebäudes angefüllt von den Österreichern. Die meisten der Leute, die neu hinzugekommen, wußten natürlich sehr wenig, um was es sich eigentlich handelte. Sie hatten sich angeschlossen, in der Voraussetzung, daß es einen kleinen Rumor, einen Ruhetagsspaß geben solle; und da sie müßig waren, so hatte keiner Lust zurückzubleiben, namentlich da die Sache auf eine Fopperei der gräflichen Kontingentsmannschaft, welche ihnen als eine sehr komische und absonderliche Menschengattung vorkam, hinauszulaufen schien. Die Unteroffiziere traten ihnen nicht hemmend in den Weg, sie ahnten nicht, worauf es eigentlich gemünzt sei; und was die Bande der Disziplin anging, so waren diese, wie bei jeder Truppe, die aus einem langen und mühseligen, blutigen Feldzuge heimkehrt, ganz außerordentlich gelockert. Bei denjenigen, welche Traudchen zuerst in ihr Vertrauen gezogen hatte, war aber jetzt, nachdem sie gesehen, wie gewaltig die Zahl derer, welche ihnen folgte, angeschwollen, der letzte Rest von Bedenken geschwunden. Was sie in der durch Traudchens Blechbecher unterstützten Aufregung mutwillig unternommen, das konnte jetzt im selben Sturmtempo ins Werk gesetzt werden – es waren viel zuviel Genossen da, als daß man sie bestrafen konnte. Während also die Soldaten Philipps III. von den lärmenden, lachenden, ihren Witz an ihnen reibenden Kaiserlichen umdrängt waren, so daß sie sich nicht rühren konnten, war zugleich das Innere des Wachthauses von den letztern erfüllt, und Traudchen befand sich, furchtlos, aber in einer atemlosen Hast, in einer Aufregung, die ihre Sinne und ihre Kräfte verdoppelte, mitten zwischen der lauten und ausgelassenen Bande. Sie stand jetzt innerhalb des eigentlichen großen, nackten Wachtlokals, und ihre Blicke spähten danach, wo sich der Aufgang in das Mansardenstockwerk befinde, als sie sich von hinten am Kleide gezupft fühlte. »Lassen's sich nur gleich die Schlüsseln herausgeben, die Schlüsseln,« flüsterte ihr Krieshuber, der neben ihr stand, ins Ohr – »der Myßlowatz hält draußen mit dem Wagen, i hob g'sagt, er soll dem Röß'l a Stuck mit Branntwein getränktes Brot ins Maul stecken, nachher lauft's wie besessen – fordern's nur die Schlüsseln, – 's ist halt immer besser, als wenn wir mit Gewalt hineinbrechen!« »Aber wo sind die Schlüssel – wo find' ich sie?« »Ja, wo san's ... aber was Teufi, hockt nit da aner noch auf der Pritschenbank? i wette, dös ist der Mann, der Ihr helfen kann!« Er deutete auf eine Ecke des Raums, und er und Traudchen drängten sich sodann durch bis in diese fernste Ecke; wie ein Affe, die Beine unter sich gezogen, saß hier ein ruppiges, militärisch gekleidetes, aber unaussprechlich schmutziges Individuum, das halb mit ängstlichen, halb mit schadenfroh blitzenden Augen auf den Tumult blickte, der so plötzlich die Wachtstube erfüllt hatte. »He, Kamerad – auf mit Ihm – zeig' Er uns, wo san die Schlüsseln – die Schlüsseln zu dem Gefängnis oben ... auf mit Ihm, oder das Himmelkreuz ...« »Er hat gut fluchen«, fiel der Mensch dem Kaiserlichen ins Wort, und dabei streckte er mit grinsendem Lachen ein Bein aus, an welchem eine Fessel und eine Kette klirrten. Traudchen schauderte zurück. »Auf kann Er freilich nit!« sagte Krieshuber ... »was habt's begangen?« »Desertiert ... soll dafür durchgehauen werden!« versetzte der Gefangene. »Gratuliere!« sagte Krieshuber. »Aber angeben kann Er, wo die Schlüsseln san!« »Wozu? wollt Ihr mich losschließen?« »Ihn?« fiel Krieshuber ein – »werden's bleiben lassen!« »Dann bekommt Ihr die Schlüssel nicht!« erwiderte der Mensch mit trotzigem Augenrollen. »In Gottes Namen denn!« fiel Traudchen ein – »Er soll befreit werden, wenn's möglich ist.« »Zuerst?« »Zuerst! – wo sind die Schlüssel?!« »Dort – hebt den Strohsack auf – vorn unter der Klappe.« Traudchen und Krieshuber standen im nächsten Augenblick da, wohin der Deserteur sie wies; in der entgegengesetzten Ecke der Wachtstube lag ein Strohsack auf der Pritsche – wahrscheinlich war dies der Ehrenplatz für den kommandierenden Unteroffizier der Wache; während Krieshuber nun den Strohsack beiseitewarf, fiel Traudchens Auge auf eine kleine, bisher von demselben bedeckten Klappe am Fußende der Pritsche – sie riß sie auf, aus einem Kasten darunter glänzten ihr zwei Bunde mit großen und kleinen Schlüsseln entgegen, und mit einem unterdrückten Freudenschrei ergriff sie dieselben. »Jetzt, wo ist die Treppe hinauf?« rief Krieshuber – »den Kerl in der Ecke do lassen mer sitzen, mer haben nit Zeit mit ihm zu verlieren.« »Nein, nein,« fiel in ihrer zitternden Aufregung Traudchen ein, »er hat unser Wort!« Sie eilte zu dem Deserteur zurück. Sie hielt die beiden Schlüsselbunde vor ihm empor ... er streckte aufschnellend die Hand aus, um sie zu ergreifen – aber der Unterinntaler fuhr mit Blitzesschnelle dazwischen und stieß ihn zurück. – »Halt, Kamerad,« sagte er – »erst gibst an, wo geht's hinauf?« »Dort«, erwiderte der Deserteur und wies auf eine verschlossene Tür an der Wand zu seiner Linken. »Kennst dich aus mit den Schlüsseln hier?« Der Deserteur nickte mit dem Kopfe. »Wohl ... so sollst's haben, daß dich losmachen kannst, aber erst gelobst der Jungfer Marketenderin, daß du ihr dann helfen willst, den dort oben herauszuholen. Gelobst's?« Der Mensch nickte wieder. »Sprich's aus!« »So soll mich, wenn ich's nicht tu', der leibhaftige ...« »Na, nu is genug schon,« fiel Krieshuber ein, »geben's ihm die Schlüssel nur selber, wenn er nicht Wort hält, derschlage mer'n!« Der Deserteur hatte sich schon der ihm abermals gereichten Schlüssel bemächtigt; er schien sich allerdings damit »auszukennen«, wie Krieshuber es nannte – in sehr wenig Zeit hatte er seine Fessel gelöst, so daß sie klirrend auf die Pritsche fiel. Er sprang hinunter und eilte fort; Traudchen folgte ihm. Wählend des ganzen Vorganges hatten die eingedrungenen Soldaten einen Kreis um die Gruppe gebildet, deren Mittelpunkt der Befreite war. Krieshuber schien es jetzt für politisch zu halten, aus der Gruppe zu verschwinden und Traudchen das Weitere zu überlassen. Er zog sich deshalb in die Nähe der offenen, nach außen führenden Tür zurück, um im Notfall dem Deserteur, wenn dieser nicht Wort hielt und sofort entspringen wollte, den Rückzug abzuschneiden. Diese Vorsicht war jedoch unnütz. Der Mensch wandte sich der verschlossenen Tür, auf welche er vorhin gedeutet, zu, öffnete sie mit einem der Schlüsselbunde – das andere, vermittelst dessen er seine eigenen Fesseln gelöst, hatte er sorgfältig in seine Tasche gesteckt – und nun konnte Traudchen ihm nach, eine schmale, sehr steile Treppe hinauffliegen. Oben war ein kleiner Vorplatz, rechts und links zeigten sich Türen von festen Eichenbohlen, jede mit großen Schlössern davor. »Hab' auch schon hier oben zu tun gehabt,« sagte der Deserteur, »wir werden die Schlösser bald aufbekommen«, und zugleich begann er mit seinem Bund zu arbeiten. Es dauerte dennoch eine Weile, bis er eins der Schlösser geöffnet hatte und nun am zweiten hin und her versuchte. Traudchen hielt es länger nicht aus ... die Spannung, die Aufregung in ihr waren zu groß, sie mußte sich Luft machen, und laut rief sie: »Hubert – Hubert...hörst du mich nicht? ich bin's, ich komm' – ich komm'!« Ein Geräusch tönte aus dem Innern – ein paar hastige Schritte – ein Ruf, den sie jubelnd noch einmal mit ihrem: »Ich komm!« erwiderte; und dann nur noch wenige Minuten – und auf flog die Tür, und sie stürzte hinein, und vor ihr stand der, den sie suchte, starr vor Verwunderung, und doch plötzlich wie zum freudigsten Leben erwachend, als sie an seiner Brust lag und ihre Arme sich um seinen Hals schlangen und ein Strom von Tränen des überquellenden Gefühls der Freude seine Wangen feuchtete. »Traudchen – o mein Gott, großer Gott – Sie sind es – ich glaubte ich sei von aller Welt verlassen und so gut wie ein toter Mann, und nun ...« »Du bist frei, frei,« schluchzte sie, »nur fort von hier, fort aus diesem Ort des Schreckens – nur hinweg ...« Sie nahm sich nicht die Zeit, zu sehen, wie er aussah – bleich, mit langem Barthaar, im groben grauen Kittel ... sie zog ihn fort, die Treppe hinunter, durch den Tumult da unten – die lärmenden Soldaten bildeten ihr eine Gasse und blickten verwundert auf den »Schatz der Marketenderin«, mit welchem diese mehr dahergeflogen als gegangen kam – draußen, nicht dreißig Schritt weit, fand sie ihren Wagen halten – der Kurzpichler war so schlau gewesen, ihn schon zu wenden, und hielt ihr die Zügel des Pferdes entgegen. Sie wartete, bis Hubert hinaufgestiegen war, dann sprang sie selbst auf ihren Sitz, und nachdem sie Hubert noch zugerufen: »Verbirg dich hinten unter dem Linnendach«, hieb sie auf das Rößlein ein, und das Rößlein, dem offenbar die Dosis Alkohol, die man ihm perfiderweise beigebracht, zu Kopfe gestiegen war, schien nichts Besseres zu verlangen, als durchgehen zu können, es sprengte im rasenden Galopp über das holperige Steinpflaster davon. »Na, die holt kaner z'ruck!« sagte der Kurzpichler zum Krieshuber, der in diesem Augenblick zu ihm trat und dem Wäglein nachschaute. »B'hüt sie Gott! Curaschi hat's das Madel,« versetzte Krieshuber – »aber alleweil wär's gut, wann's sich heimmachten, die Leut'ln – na, komm' nur du, nachher san mir gar nit dabeigewesen!« »Ja, gehen mer heim«, sagte der Kurzpichler sehr einverstanden. »Hast du den Deserteur nimmer gesehen?« »Deserteur? nix waß i vom Deserteur!« Krieshuber fragte noch ein Paar andere seiner Kameraden nach dem Deserteur. Niemand wußte von ihm. Er mußte sich auf seine eigene Hand aus dem Staube gemacht haben. Traudchen hatte unterdes glücklich das Tor, durch welches sie vorher an der Spitze ihrer Kompagnie einmarschiert war, erreicht. Die gräflichen Grauen im Wachthäuslein daneben sahen verwundert das Gefährt an sich vorüberrasseln, der Mann auf dem Posten, der sich offenbar dem Glauben hingab, das Rößlein sei mit seiner Marketenderin durchgegangen, wollte sich ihm behilflich entgegenwerfen, um es aufzuhalten; Traudchen wehrte ihn jedoch durch Zuruf und durch einen energischen Hieb mit der Peitsche, den sie nach ihm führte, ab, er stolperte zurück, und das Gefährt flog an ihm vorüber. Nicht eher, als bis sie wenigstens eine Viertelstunde weit von der Stadt entfernt waren, und nachdem Traudchen wenigstens zehnmal sich aufgerichtet hatte, um über das Linnendach fort zurückzuschauen, ob niemand sie verfolge, ließ sie den schweißbedeckten Gaul in einen gemäßigten Trab fallen und wandte sich zu Hubert um. Sie streckte ihm ihre Hand über die Rückenlehne ihrer Bank entgegen. Er ergriff sie mit seinen beiden und drückte sie an sein Herz und kniete, keines Wortes mächtig, neben ihrer Bank nieder. »Weshalb sprichst du nichts, Hubert?« sagte sie, nachdem beider Blicke sich eine ganze Weile stumm ineinander gesenkt ... »ist's dir etwa nicht ganz recht, daß ich's nur bin, welche dir zu Hilfe gekommen ist?« fügte sie mit einem etwas erzwungenen Lächeln hinzu. »Traudchen ...« versetzte er mit einer Stimme, in der die tiefste Bewegung zitterte, »Traudchen ... ist es möglich, daß ich nicht träume, nicht wahnsinnig bin und mir nur einbilde, ich sehe dich vor mir: dich ... und ich bin frei,... und ich hab's dir zu danken? gewiß, gewiß, ich bin wahnsinnig geworden über allem, was mir widerfahren ist ... es ist auch kein Wunder – sie haben es arg genug mit mir gemacht...« »Du armer, armer Mensch – man sieht es dir an!« fiel sie erschüttert ein, und zwei Tränen rollten über ihre Wangen. Er legte seine Stirn auf die Rückenlehne ihrer Bank. Wollte er seine Sinne sammeln oder ihr verbergen, daß auch seine Augen sich feuchteten? Sie legte ihre Hand auf sein Haupt und schwieg; das Rößlein trabte in seinem Sturm, der immer noch vorzuhalten schien, durch dick und dünn voran. Nach einer Weile hob Hubert sein Gesicht auf. Es war in der Tat von Tränen überströmt. »Die Menschen sind fürchterlich!« sagte er. »Sie hätten mich wirklich morgen gemordet, hingeschlachtet ... du bist dazwischengekommen wie ein Engel, den Gott schickt. Du bist mir wie ein Engel Gottes, Traudchen. Und der sollst du bleiben, immer bei mir, wie ein Schutzengel. Traudchen, willst du es? O gewiß, du willst! Müßte ich ohne dich leben von jetzt an – ich glaube, ich würde ein böser Mensch nach allem, was ich erlitten habe!« Sie schwieg – sie war nicht imstande, eine Silbe zu äußern – ihr Herz war zu voll – von Freude, Jubel und Wehmut – sie überließ den Blicken, die sich in die seinen senkten, ihm alles zu sagen. »Wohin bringst du mich?« fragte er nach einer Weile, sich umschauend. Auch sie sah auf, wie zum Gedanken an ihre Lage zurückkehrend. »Nach Dudenrode,« sagte sie – »zu Frau von Averdonk.« »Nach Dudenrode ...? um des Himmels willen, Traudchen ...« »Sei ganz ruhig,« fiel Traudchen mit gerunzelter Stirn ein – »du hast diese Frau nicht mehr zu fürchten! das Blatt hat sich gewendet! Franz von Ardey ist dort – ich muß ihm überlassen, jetzt vor allen Dingen dich menschlich wieder auszustatten, so daß ich meinen eroberten Schatz« – setzte sie lächelnd hinzu – »der Welt zeigen und Ehre mit ihm einlegen kann! Und dann ist noch eine Person dort, von der du sicherlich dich nicht, ohne ihr noch einmal ins Auge geschaut zu haben, trennen willst –« »Du meinst Marie Stahl!« sagte lebhaft Hubert und kaum den Ton des Neckens bemerkend, den Traudchen bei ihren letzten Worten anzunehmen versuchte, ohne daß es ihr doch eigentlich gelang – »Marie Stahl ist dort?« »Marie Stahl ist in Dudenrode, und Franz von Ardey ist dort, und beide sind glücklich, denn Frau von Averdonk hat die Einwilligung zu ihrer Verbindung gegeben.« »Sie sind glücklich?« entgegnete Hubert, – »und sie konnten es sein, während ich ... nun, mögen sie's!« »Und das sprichst du so kalt aus?« fragte Traudchen lächelnd. Hubert sah sie fragend an. »Ach,« sagte er dann – »du scheinst heute nicht nur allmächtig, sondern auch allwissend, Traudchen. Nun, du magst es immerhin wissen. Ich bin ein Tor gewesen, und bin dann härter dafür bestraft, als es die Torheit verdiente. Ja, mögen sie glücklich sein, ich wünsche es ihnen von ganzem Herzen ... aber sieh', welcher Wagen kommt uns da mit solcher Eile entgegen!« Traudchen hielt den ihrigen an. Sie winkte auch dem Führer der Kalesche, zu halten. Sie hatte eine bleiche Frau, in den Fond derselben zurückgesunken, erblickt; sich auf ihrem Platze erhebend, rief sie ihr zu: »Wohin wollen Sie, Frau von Averdonk? Haben Sie andere Entschlüsse gefaßt, als die waren, welche Sie an diesem Morgen festhielten, so kann ich Ihnen sagen, daß es zu spät ist. Ich habe mir selbst geholfen – ich bedarf Ihrer nicht mehr!« »Wie,« rief Frau von Averdonk, wie elektrisiert auffahrend und sich ebenfalls erhebend, aus – »es ist Ihnen gelungen – Sie haben ...« »Es ist mir gelungen – lassen Sie Ihren Wagen wenden und kehren Sie heim – ich habe dort mit Ihnen zu reden.« Frau von Averdonk gab ihrem Kutscher rasch einen Befehl – die Nachricht von Huberts Befreiung gab ihr das Leben wieder – eine fürchterliche Last wälzte sich von ihrer Seele! Traudchen trieb ihr geduldiges, zäh ausharrendes Tier vorwärts, und beide Wagen langten fast zu gleicher Zeit im Schloßhof von Dudenrode an. Traudchen ging dort zu Frau von Averdonk und gab ihr eine kurze Auskunft, wie es ihr gelungen, Hubert zu retten, und ließ dann Marien rufen, die mit lautem Jubelruf herbeigeeilt kam. Mit Marie war Franz herausgekommen, und beide hatten zuerst jubelnd Hubert begrüßt, und bei der gutmütigen Beschließerin hatten sie den langen Reichsfreiherrn Lactantius, dessen Aufregung über all die rätselhaften Vorgänge nicht gering war, und die stille Frau getroffen, die am Morgen in Ruppenstein gewesen war, um mit Ripperda die Unterredung zu suchen, von der wir gehört haben, und die dann in verzehrender Unruhe sich von dort ganz allein auf den Weg nach Dudenrode gemacht hatte, wo sie ja ihre Tochter mit der Marketenderin wußte. Des Kreises Mittelpunkt war natürlich der Gerettete, den Lactantius an sein Herz drückte und den er beteuerte als seinen Sohn adoptieren zu wollen. Und dann drängte sich Marie hinzu, die heute ganz Leben und Feuer war und ein überquellendes Bedürfnis empfand, mit Hubert Beteuerungen einer alles überdauernden Freundschaft zu wechseln, und Franz, der ihm etwas beschämt und gedemütigt immer von neuem ausdrücken wollte, was er alles an Dankbarkeit und Respekt vor ihm empfinde; während die stille Frau nur mit seligen Blicken ihn anschaute und vor sich hin wiederholte: »Ja, ja, er ist von einem braven. Manne aufgezogen!« Und dazwischen mußte Traudchen reden, erzählen, wie sie das Unglaubliche durchgeführt – und Traudchen redete auch, in kurzen Worten gab sie die Rechenschaft, der sie nicht entgehen konnte – sie pries ihre braven Österreicher, die alles getan ... aber alles andere hielt sie für sich, und, das Herz übervoll, nahm sie bald eine Gelegenheit wahr, sich aus dem Kreise fortzustehlen. An der Tür hatte sie Franz gewinkt, der ihr hinausfolgte. »Bringen Sie mich zu Ihrer Tante.« Traudchen trat ein und fand Frau von Averdonk im Gespräche mit Ripperda. »Ich weiß nicht,« hatte dieser eben gesagt, »was mich gegen alles das gleichgültig macht. Ich denke nur immer daran, daß es ein so prächtiger Mensch ist, und daß er gerettet ist, und daß ich einen Sohn habe – etwas auf Erden, das mein ist und dem ich Gutes tun kann, nachdem ich bis jetzt im ganzen, um die Wahrheit zu gestehen, mehr Vergnügen daran fand, der Welt ein Bein unterzustellen, als das Gegenteil zu tun. Die Erlaucht wird freilich ganz entsetzlich wüten! Ich fürchte auch, er wird mich aus seinem Dienste treiben, der tolle Philipp – es ist sicher, daß er den Verdacht gegen mich hegt; ich habe die Hände im Spiele gehabt bei Mariens Entführung, obwohl dieser tapfere Bursche von Student nichts gegen mich ausgesagt hat in all den Verhören, womit sie ihn drangsaliert haben ... Aber mag aus mir werden, was da will – ich kann heute nichts anderes tun als innerlich jubeln.« Frau von Averdonk wollte antworten; in diesem Augenblick aber erblickte sie Traudchen. »Ah, da ist sie ja selbst, unsere Marketenderin!« sagte Ripperda – »und wahrhaftig, wie ich's wohl geahnt hatte, es ist Traudchen Gymnich,« rief er aufspringend aus – »diese abscheuliche kleine Hexe, die ich gleich hier erwürgen möchte wegen ihrer Praktiken, wenn ich sie nicht noch lieber umarmte, wegen dessen, was sie an meinem Studenten getan ...« Traudchen sah mit einem Blick auf Ripperda, welcher diesen nicht ermutigte, das, was er sagte, auszuführen – dann wandte sie sich an Frau von Averdonk mit den Worten: »Ich komme, mit Ihnen Frieden zu schließen.« »Hören Sie, Traudchen,« fiel hier Ripperda ein – »Sie wollen, daß Franz von Ardey seiner Tante Güter erhält – ich habe das vorhin von Frau von Averdonk vernommen ... verlangen Sie das so eigensinnig und ausnahmslos, daß Sie sogleich mit Ihrer entsetzlichen Rache drohten, wenn auch nur ein gewisses kleines Stück davon abgenommen und in andere Hände gelegt würde?« »Ich verstehe Sie nicht«, erwiderte Traudchen stolz; »ich beabsichtige durchaus nicht, mich weiter in Dinge zu mischen, die mich nicht angehen; ich habe bloß im allgemeinen eine Garantie für die Zukunft meiner Freundin Marie Stahl verlangt.« Ripperda lächelte. »Sie verstehen mich freilich nicht«, versetzte er. »Sagen Sie mir, um der Sache näher zu kommen – der wackere Student ist Ihr Schatz, und Sie werden ihn heiraten?« »Das wäre allerdings möglich«, entgegnete Traudchen so gefaßt und kaltblütig, wie sie konnte, und doch errötend. »Und wenn Frau von Averdonk nun etwas von ihren Besitztümern trennte, um es dem Studenten als eine Art Schmerzensgeld zu überlassen? Wie wäre das? Zum Beispiel das große alte Haus in Köln ... es wäre so eine Art Aussteuer für euere junge Ehe. Ich selbst würde ein kleines Kämmerchen in dem großen Hause beziehen, und den Rest würde ich Hubert am Ende doch wohl bereden können ... wenn ich nur erst einmal eine kleine gemütliche Unterredung mit ihm gehabt habe ... ich würde ihn bereden können, den Rest von mir anzunehmen, wenn er es auch von Frau von Averdonk nicht will!« Traudchen hatte den Sprechenden während dieser Worte sinnend angeblickt. Sie dachte daran, daß Hubert schon früher bei dem Wappenmaler nach diesem Manne sich erkundigt habe; sie erinnerte sich einiger Ausrufungen und Andeutungen, welche sie am gestrigen Abende, ohne Gewicht darauf zu legen, von Mariens Mutter vernommen hatte; sie sah das bedeutsame Lächeln Ripperdas – und eine Ahnung der Tatsachen stieg in ihr auf. »So müßten wir mit Ihnen zusammenleben?« fragte sie nach einer Pause nachdenklich. Ripperda brach in ein herzliches Gelächter aus. »Ja, Kind, Sie sehen, des Lebens Rosen sind nie ohne Dornen – darein müßten Sie sich fügen und zu der Rose Ihres zukünftigen Glücks einen so garstigen Dom, wie ich bin, nehmen! Es wird«, fuhr er lachend fort, »ganz eine Wirtschaft nach dem neuesten Zeitgeiste werden – die jungen Leute werden den alten, in der Jugend etwas vernachlässigten und durch das Leben etwas verwilderten Hausgenossen erziehen, und der wird es sich gefallen lassen, denn er ist innerlich friedsamer, zahmer und mürber geworden, als man's ihm ansieht!« »Nun, Hubert wird darüber entscheiden; und worein er willigt, darein willige ich. Sie werden jetzt«, fuhr sie fort, »nach Ruppenstein zurückkehren?« »Das werde ich allerdings,« versetzte er, »obwohl ich nicht weiß, wie der Tolle mich aufnehmen wird und wie ich mein Durchgehen am heutigen Tage, wo er große Jagd hat, entschuldigen soll. Aber jedenfalls kehre ich zurück ...« »Dann bitte ich Sie um eins«, fuhr Traudchen fort. »Suchen Sie die österreichischen Offiziere dafür zu gewinnen, daß sie den Streich, den ihre Leute heute der Ruppensteinschen obrigkeitlichen Gewalt spielten, nicht zu ernst nehmen.« Und so – um diesen Punkt dieser Geschichte gleich hier zu erledigen – geschah es denn auch. Nicht allein Ripperdas heimliche Vorstellungen, sondern auch ein anderer Umstand hielt eine schützende Hand über Kurzpichler, Myßlowatz und Krieshuber nebst Genossen. Und zwar der, daß das Bataillon kommandiert wurde von ebendemselben Offizier, welchen wir früher an Philipps Hofe trafen und der damals schon den lebhaften Wunsch faßte, der antighibellinischen Gesinnung Philipps III. einen tüchtigen Denkzettel hinterlassen zu können. Dieser Wunsch war nun überschwenglich erfüllt, denn die Befreiung Huberts und die Art, wie sie ausgeführt war, erregten einen Gemütszustand in Philipp III., der wirklich bedenklicher Natur schien und endlich in ein schweres, wochenlanges Gallenfieber überging, von welchem er eigentlich nie wieder ganz genesen sein soll. Die Nachwirkungen der Krankheit machten sich namentlich in einem finstern Mißmut geltend, dem er verfiel, so daß er sich nach und nach gänzlich von der Welt zurückzog und sich auf die Gesellschaft der Mamsellen-Mutter beschränkte, die ihm seinen Kamillentee bereitete und ihm La Fontaines Romane vorlas. – Was aber unsere braven Österreicher angeht, so wurde die Untersuchung in die Länge gezogen und durch die weitern Märsche der folgenden Tage verschleppt – sie war noch nicht beendigt, als das Bataillon unter dem siegreichen Erzherzog Karl im Jahre 1796 die Schlachten von Amberg, Regensburg, Würzburg usw. schlagen half, und hier haben unsere guten Freunde sicherlich die Gelegenheit wahrgenommen, sich eine Amnestie für alle kleinen Unterlassungs- und Begehungssünden ihrer Vergangenheit zu verdienen. Und wie sich später denn so allmählich die dunkle und dräuende Wolle verzog, welche über den Häuptern der schuldigen Grenadiere hing, so verzog sich noch heute die weit drohendere Gewitterwolke, welche am Morgen dieses bewegten Tages über dem Haupte Gebhardens von Averdonk aufgestiegen war; sie verzog sich, ohne daß der Blitz, der diese vernichten konnte, daraus hervorgezüngelt wäre. Das Interesse aller derer, welche Haus Dudenrode bewohnten, und vor allem das des ehrlichen Freiherrn Lactantius war so in Anspruch genommen von der heroischen Weise, womit die fremde Marketenderin Hubert befreit und ihren Schatz sich aus der Höhle des Löwen geholt hatte, daß keinem der Gedanke aufstieg, es lägen hinter dieser Tatsache noch andere verstecktere; und wenn auch so etwas allenfalls den scharfsichtigern Mitgliedern der Gesellschaft sich in Beziehung auf das gegenseitige Verhältnis Ripperdas und Huberts aufdrängte, so war darin doch nichts enthalten, was Frau von Averdonk berührte. Diese vernahm von ihrem getreuen Baptist in ihrem stillen, einsam gewordenen Salon mit großer Befriedigung, wie all die ungeladenen Gäste, welche heute ihr Haus gefüllt, sich in alle Winde zerstreuten. Zuerst fuhr die Marketenderin mit ihrem Studenten davon, zunächst Haus Eggenrode zu, um dem alten Baron von dem Ausgang ihrer Unternehmung zu berichten, ihrer kranken, dort zurückgebliebenen Gefährtin den Wagen mit dem Rößlein wieder zuzustellen und sich von ihr zu verabschieden. Dann schied die stille Frau, die, da der Abend heiter und schön war, sich zu Fuß nach Elsen zurückbegeben wollte, und endlich schied Ripperda, der zu Pferde, wie er gekommen, heimritt nach Ruppenstein. Die Dämmerung kam, und es wurde still auf Haus Dudenrode. Lactantius blieb fast den ganzen Abend unten bei Frau Eckenscheid, bei der seine zur Mitteilsamkeit ganz ungewöhnlich angeregte Stimmung ein weit besseres Echo fand, als er es bei seiner Gemahlin erwarten durfte. Und so blieb Gebharde von Averdonk allein in ihrem runden Wohngemach, allein mit ihren bittern und niederdrückenden Gedanken, mit trüben und gramvollen Erinnerungen an die Vergangenheit und lichtlosen Bildern der Zukunft. Einundzwanzigstes Kapitel Beilagen und Dokumente Wir stehen am Schlusse unserer Erzählung, aber wir beabsichtigen nicht, diese mit so viel Fleiß und Forschertreue ausgearbeitete Geschichte ohne die urkundlichen Belege und Beilagen herauszugeben, die zu einem historischen Werke gehören und mit diplomatischer Gewißheit alle Behauptungen des Historikers rechtfertigen. Das erste dieser Aktenstücke ist eine Urkunde, worin Gebharde Reichsfreifrau von Averdonk, geborene Freiin von Stovelar zu Dudenrode, »wol bedachten Muths und Selbstwillkürlichen Willens, ganz ungetrungen und ungezwungen« ihre sämtlichen Güter auf ihren Neffen Franz von Ardey überträgt, zedieret und transponiert, mit Vorbehalt jedoch des Nießbrauchs für sich und ihren Gatten Lactantius von Averdonk, solange einer von ihnen lebt, von Haus und Herrschaft Dudenrode mit sämtlichem Zubehör – »alles ohne Arglist und sonder Gefährde«. Das zweite Aktenstück ist ebenfalls von der Hand Gebhardens und ihres gutmütigen Gatten Lactantius gezeichnet. Es überträgt ein großes Haus mit Garten und Nebengebäuden, liegend hinter St. Georg binnen Köln, erb- und eigentümlich, auch unwiderruflich an den Herrn von Ripperda, Jägermeister außer Diensten des Grafen von Ruppenstein. Beide Urkunden sind geschrieben von einer und derselben etwas unbehilflichen Hand, deren grobe auseinander fahrende Züge darauf zu deuten scheinen, daß der Mann, der sie geführt, sich dabei ein wenig ratlos gefühlt, wohin mit ihnen, so daß der eine Buchstabe hierhin, der andere dorthin geschossen ist, der eine auf dem Rücken, der andere auf der Nase zu liegen scheint. Dieses Phänomen wird sich auf der Stelle aufhellen, wenn wir erfahren, daß es niemand anders ist als der wackere, nach unparteiischer Gerechtigkeitpflege dürstende Vogt von Elsen, welcher die Schriften aufgesetzt hat. Sollte dabei etwas verfehlt und nicht ganz dem Kurialstil gemäß sein, so wird uns auch dieses nicht befremden; denn der Vogt hat leider die Arbeit anfertigen müssen, ohne seinen getreuen Schilling dabei zu Rate ziehen zu können. Denn Schilling ist nach wie vor vielgeplagter Vogteidiener und Amtsbote zu Elsen. Sein Vorgesetzter aber ist auf Franz von Ardeys Veranlassung allen seinen Drangsalen dadurch entzogen, daß er zum Justitiar oder Patrimonialrichter auf Dudenrode bestellt ist, wo er äußerst wenig Arbeit und ein reichliches Auskommen hat, so daß er nicht mehr genötigt ist, eine Gerechtigkeit zu handhaben, wie sie, das Jahresquantum mit zweihundert Talern berechnet, nun einmal nicht besser verabfolgt werden kann. Ganz anders als die vorherigen nimmt sich unser drittes Dokument aus. Es ist ein allmächtig großes Blatt mit einer höchst feierlichen Überschrift, höchst feierlichem Inhalt und höchst feierlichem großen Siegel darunter. Der Inhalt besteht fast nur aus lauter Reihen von ganz groß gedruckten und, wie auf lateinisch dabei versichert wird, außerordentlich berühmten und gloriosen, uns freilich doch unbekannten Namen! Ziemlich tief unten nur findet sich ein Name, den wir desto besser kennen: er lautet Christophorus Hubertus Bender; und was dann noch folgt, besagt, in ehrliches Deutsch übertragen, daß dieser ausgezeichnet talentvolle Jüngling nach glänzend bestandenem Examen zu der unvergleichlichen Würde eines Doktors der Medizin, Chirurgie und der obstetrizischen Kunst promoviert sei zu Bonn, am 17. August des Jahres 1796. Dieses feierliche Dokument lag eines schönen Morgens aufgerollt auf dem Tische in dem Studierstüblein des würdigen Professors Bracht, den auch die bösen Zeitläufe mit der ganzen alma und tricoronata mater , der ehrwürdigen, einst so großen und glänzenden kölnischen Universität, außer Dienst gesetzt haben, und der nie wieder als »Dominus Promotor« oder gar als »Ordinis Medicorum pro tempore Decanus« auf einem so feierlichen Blatte prangen wird! Trotzdem hat Professor Bracht seine herzliche Freude an dem saubern Diplom und gibt sich nebenbei alle Mühe zu verhüten, daß Drickeschen und Billchen, welche in seinem Zimmer ihre kindlichen Spiele treiben, mit ihren Händen darauf herumfahren und so seine fleckenlose Reinheit gefährden, wozu sie eine unwiderstehliche Lust an den Tag legen. Aber nicht allein die beiden lärmenden Sprossen des Professors, auch sein ältestes, jetzt bereits hoch aufgeschossenes und in voller Entwickelung ihrer schon so früh sich ankündigenden Verständigkeit stehendes Töchterchen Nieschen ist da, sich mit Zärtlichkeit anschmiegend an eine andere junge Dame, eine schöne, vollblühende Gestalt, die wir doch im ersten Augenblicke nicht erkennen, weil ihr Kostüm so ganz verschieden ist von dem, in welchem wir sie zuletzt erblickten. Es ist Traudchen Gymnich, und Traudchen Gymnichs Anzug verrät, daß sie in tiefer Trauer sei. Die Sache ist jedoch nicht gerade zum Erschrecken. Es ist niemand anders, um den sie trauert, als der Ohm Gymnich, der vor zwei Monaten zu seinen Vätern heimgegangen ist, mit schwerem Haupt und lallender Zunge, und über die Bedeutung dieses Schrittes nicht mehr im klaren, wie er denn überhaupt in seinem letzten Lebensjahre nicht recht mehr imstande war, von dem Zusammenhange der Verhältnisse hier auf Erden sich eine genaue und zutreffende Vorstellung zu machen; und deshalb hat denn auch unter seinen Mitbürgern sich keine einzige bedauernde Stimme gefunden, die es dem Manne verdacht, daß er gegangen, die ewige Klarheit aufzusuchen. Darum ist Traudchen in dem schwarzen Traueranzuge, in welchem, nebenbei gesagt, Hubert sie mit Entzücken sieht, weil er so vorteilhaft ihre schöne Gestalt heraushebt; denn Ohm Gymnich war doch ihr nächster Verwandter, der sie aufgezogen hat, so gut er's verstand, und der ehrlich ihr kleines Vermögen verwaltete, ohne es zu beeinträchtigen und zu schädigen. »Und nun, Traudchen,« sagte der Professor Bracht, indem er das Papier zusammenrollte und es Traudchen, die es ihm gebracht, wieder übergab – »nun hoffe ich bald zu einer fröhlichen kleinen Feier im größten Saale eures alten Hauses geladen zu werden!« »Freilich wirst du eingeladen, Papa,« fiel hier Nieschen, wie um den alten Heim über diesen Punkt freundlich zu beruhigen, ein – »denn ich, ich werde ja Traudchens Brautjungfer – nicht wahr, Traudchen, ich werd's?« Traudchen nickte errötend ihr die Bejahung zu, und zu dem Professor gewandt, sagte sie: »Ich weiß nicht, ob es in dem großen Saale sein wird – ich mag das alte Haus nicht leiden, es ist mir so unheimlich darin! Aber Hubert wird darüber entscheiden, wenn er in diesen Tagen von Bonn zurückkehrt. Wenn's nach meinem Sinn geht, werden wir auch gar nicht darin wohnen. Ripperda hütet's schon, und dem behagt es in den großen Gemächern vortrefflich – die zwei obern Stockwerke aber sollen vermietet bleiben, wie sie jetzt sind, der Herr von Ardey mit seiner jungen Frau wird das eine beziehen, wenn sie den Winter in die Stadt kommen – und Hubert und ich, wir werden schon Platz finden in dem Vorbau, den ich aufs schönste und freundlichste habe herrichten lassen. Kommen Sie nur und sehen Sie sich's an, Professor ... und nun, nun muß ich machen, daß ich fortkomme, sonst werde ich gescholten!« »Gescholten? Von wem?« fragte Bracht. »Nun, von Herrn Stevenberg, dem Maler – wissen Sie nicht, daß er verlangt hat, uns beide als Brautleute zu malen, den Hubert und mich? Der Hubert ist wunderschön getroffen, der ist schon fertig, und mich malt er jetzt, in meiner Marketenderinnentracht.« »Ei, das ist ja prächtig, Traudchen,« sagte der Professor – »der treffliche Stevenberg!« Der treffliche Stevenberg – lieber Leser, wir wollten, wir könnten dies mit derselben Aufrichtigkeit von dem Manne und seiner Malerei sagen, wie Professor Bracht es ausrief. Wir hätten dann die Freude, außer unsern drei Aktenstücken dir noch in sauberer Lithographie nachgebildet die Porträts unseres Helden und unserer Heldin als Titelkupfer übergeben zu können. Allein so groß unser Wunsch war, diese großmütige Idee auszuführen, so mußten wir doch bei näherer Prüfung der beiden auf uns gekommenen Meisterwerke des Herrn Stevenberg Anstand nehmen den Gedanken ins Werk zu setzen. Wir befürchteten nämlich, beim Anblicke von Traudchens Porträt würde in dir unvermeidlich die Vorstellung einer heraldischen Seejungfrau mit grünen Augen und Schilfhaar, und beim Anblicke von Hubert Benders Konterfei ebenso, unvermeidlich der Gedanke an einen richtigen mähnesträubenden Wappenlöwen erweckt werden. Und solche Bilder entsprechen doch hoffentlich nicht den Idealen, welche wir so beflissen gewesen sind, in deiner Phantasie wachzurufen von dem tapfern Studenten und der entschlossenen Marketenderin von Köln. Nachwort Der Name des Verfassers der »Marketenderin von Köln« ist dem Leser von heute zumeist als der des Freundes der Annette von Droste geläufig, und es kann in der Tat kein Zweifel sein, daß diese Beziehung für die deutsche Literatur von Bedeutung geworden ist, weil die hervorragendsten Leistungen der großen westfälischen Dichterin ohne die eigentümliche Liebesfreundschaft, die sie mit ihrem um siebzehn Jahre jüngeren Landsmann verband, nie entstanden wären. Aber dieses Verhältnis erwuchs auf dem Grunde gemeinsamer literarischer Interessen und wäre nicht denkbar gewesen ohne eine gegenseitige Achtung vor dem dichterischen Können des Anderen. Die Dichterin verleugnete sie erst später, als sie innerlich mit dem Freunde zerfallen und ihr Urteil über ihn nach jeder Richtung von Bitterkeit getrübt war. Das literarische Talent Levin Schückings (1814-1883) war eine Erbschaft seiner früh verstorbenen hochbegabten Mutter, Katharina Busch , die in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts im Münsterlande für ihre feinsinnigen und seelenvollen Poesien viele Verehrer gefunden hatte. Sie hatte ihn frühzeitig auf den Weg der Literatur geführt, wo er bald im Roman sein eigentliches Lebenselement erblickte. Länger als ein Menschenalter hat seine Erzählungskunst denn auch in der Tat ein ständig wachsendes Publikum gefesselt, das sich aus den besten deutschen Bildungsschichten zusammensetzte. Das erklärt sich leicht aus dem Gehalt wie der Vielseitigkeit seines Schaffens. Ein Mann von ungemein weitreichender Bildung, empfänglichem Geiste und humaner Gesinnung, hat er auf der einen Seite mancherlei Probleme, die im geistigen Leben seiner Zeit von Bedeutung waren, in seine Kunst einbezogen. Werke wie die Darstellung des westfälischen Adels, in den »Ritterbürtigen«, aus den kritischen Jahren vor der Revolution (1846) und der Renaissanceroman »Luther in Rom« aus dem Jahre des Unfehlbarkeitskonzils (1870) sind dafür unter vielen besonders bezeichnend. Die künstlerisch wertvollsten Wirkungen erreicht der Erzähler jedoch da, wo er seiner innersten Neigung zum romantischen Fabulieren nachgeben kann, wie in einzelnen seiner Novellen und vor allem in seinen bodenständigen kulturhistorischen Romanen. Dieser Hang war durch Erziehung und Umgebung in ihm wachgerufen. Als Knabe hatte er begierig seiner Mutter gelauscht, wenn sie ihren Kindern des Abends in dem einsamen Heideschlößchen von Clemenswerth aus den Romanen von Walter Scott vorlas, und der mächtige Eindruck der Schilderungsweise des großen Briten, mit ihrer zärtlichen Einfühlung in eine idealisierte Vergangenheit, wirkte sein ganzes Leben lang in ihm nach. Nachdem das Organ für den Reiz des Historischen einmal auf solche Weise erweckt war, fand es dann namentlich in der an Farben und Motiven reichen westfälischen Heimat seine Nahrung. So hat er denn für diesen Teil des deutschen Vaterlandes in mancher Hinsicht Ähnliches geleistet, wie die ihm verwandten Heinrich König und Willibald Alexis für andere, so daß man nicht, mit Unrecht von ihm als dem »Walter Scott Westfalens« gesprochen hat. In die Reihe der westfälischen Romane nun gehört auch – besonders eng mit »Paul Bronckhorst« zusammen, – die hier in einer neuen, von seinem Enkel unternommenen Bearbeitung vorliegende »Marketenderin von Köln«. Schücking schrieb das Buch auf seinem Landsitz in Sassenberg in Westfalen im Jahre 1860. Sein Lebensweg hatte ihn von Augsburg, wo er als Feuilleton-Redakteur an der damals ersten Zeitung Deutschlands, der von Kolb herausgegebenen »Augsburger Allgemeinen«, die ersten Jahre seiner Ehe mit Louise von Gall und die glücklichste Zeit seines Lebens überhaupt verbrachte, auf sieben Jahre, von 1845 – 1852 nach Köln geführt. Eine Spiegelung seiner genauen Kenntnis dieser Stadt und der innigen Liebe zu allem an ihr, was einer auf eine bunte und abenteuerliche Vergangenheit gelichteten Phantasie Nahrung gewährt, bietet diese Erzählung. Einerlei, ob es sich um ihre ehrwürdigen, Dächer und Türme, oder den Würdenträger, der in gänzlichem Absterben begriffenen, ehemals so hochberühmten Universität handelt, der die materiellen Ergebnisse der Wissenschaft aus einem gleichzeitig betriebenen Kramladen ergänzen muß, oder ob – ein Prachtstück lebendigster Erzählungskunst, – der Einzug der Sansculotten beschrieben wird, immer umgibt die Stadt der Heiligen Drei Könige ein ganz besonderer romantischer Zauber. Die Haupthandlung freilich führt rasch aus ihr fort in das gebirgige Westfalen. Für ihre Umwelt scheint Schloß Wittgenstein bei Laasphe als Modell gedient zu haben, wenn auch der Regent von Ruppenstein dort historisch nicht nachweisbar ist. Die Züge in seinem Bilde sind in der Fürstengeschichte des 18. Jahrhunderts nicht schwer zu finden. Hier ist der Verfasser nun wiederum in ganz besonderem Sinne zu Hause. Die Poesie der urwüchsigen Natur dieses Landstrichs spricht stark zu ihm, sein besonderes Interesse aber besitzen die Burgen und Schlösser, die in ihrer oft bizarren Stilmischung doch fast jedesmal zu einem gewissen organischen Gesamteindruck zusammengewachsen sind. Er beschreibt sie indes nicht nur von außen, sondern auch das seltsame Innere dieser Behausungen ist ihm bis zu dem oft phantastischen und gespenstischen Eigenleben ihrer toten Winkel auffallend vertraut, vor allem aber weiß er über die Kulturwelt dieser Gegend im 18. Jahrhundert in allen ihren Erscheinungsformen von Tracht und Gebärde bis zur politischen und sozialen Einstellung der Menschen genau Bescheid. Das Charakteristische an diesen großenteils ungebändigten und unabgeschliffenen Herrennaturen, die, bei aller Gepflegtheit höfischer Umgangsformen noch unberührt vom humaneren Geiste bürgerlicher Lebensgemeinschaft sind, tritt anschaulich zutage und erfährt eine köstliche Ergänzung durch die mit scharfem Griffel, ohne karikaturistische Übertreibung festgehaltenen Physiognomien von Edelkäuzen, wie sie nur in solcher absonderlichen Welt ihr Wesen entfalten können. Der liebenswürdige Humor, der in ihrer Zeichnung lebt, gibt als Unterströmung an vielen Stellen der Erzählung einen besonderen Reiz. Alles das ist in eine Fabel verflochten, die, wenn sie auch keine Gelegenheit geben will, besondere seelische Tiefen auszumessen, immerhin durch ihre Buntheit und den Reichtum an Abwechslung fesselnd bleibt, und obschon ihre Verwicklungen bisweilen auf den ersten Blick ein wenig labyrinthisch anmuten, doch die starke dramatische Spannung, auf die sie angelegt ist, nicht erlahmen läßt. So gehört die »Marketenderin von Köln« auch heute noch zu den anmutigsten und unterhaltendsten Schöpfungen deutscher Erzählungskunst.