Johannes Scherr Größenwahn Vier Kapitel aus der Geschichte menschlicher Narrheit. Mit Zwischensätzen. Für die, welche Vorreden lesen. Es ist ein ernstes Buch, welches ich hier veröffentliche, ein wahrheitstrenges Buch für ernste Menschen, die in Büchern etwas anderes und besseres suchen als die Befriedigung eines flüchtigen Unterhaltungskitzels. Daß es von solchen Lesern und Leserinnen, welche der Erörterung fragwürdigster Fragen nicht aus dem Wege gehen, sondern vielmehr einem Autor, der mit dem Eifer, die Wahrheit zu suchen, den Mut, sie rückhaltslos zu sagen, verbindet, aufrichtig zugetan sind, immerhin noch eine stattliche Anzahl gibt, kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen. Bin ich doch in der Literatur meinen eigenen Weg gegangen, habe niemals weder den Tonangebern der Tagesmoden noch den Pythonissen der Teekesseldreifüße nachgefragt und habe weder für das gelehrte Vorder- noch für das gelehrttuende Hinterborneo, weder für den urteilslosen Haufen noch für die blasierte Feinschmeckerei geschrieben. Auch bin ich nie Mitglied einer jener auf Gegenseitigkeit des Geschäftsbetriebes beruhenden Kameradschaften gewesen, welche die Spitze des bekannten Hebelschen Schwankes umgeschliffen haben zu der Maxime: »Lobst du meinen Juden, lob' ich deinen Christen.« Bei allem, was ich schrieb, hatte ich nur mein Volk im besten Sinne vor Augen, d. h. alle Deutschen und Deutschinnen von Kopf und Herz, und ich bin – warum sollt' ich es nicht sagen? es ist ja wahr – gelesen und verstanden worden, soweit Deutsche über den Erdball hin wohnen. Angesichts dieser Tatsache kann ich es mit dem Achselzucken gebührender Verachtung geschehen lassen, so dann und wann einer aus dem hintersten Borneo aus eigenem Antrieb oder auf Befehl seiner »gnädigen Herren und Oberen« an meinem Wege lauert, um vom hochaufgeblasenen Maulesel der Parteiborniertheit herab mit dem stumpfen Spieße des Unverstandes nach mir zu stechen. Solche Gesellen vom Opportunitätsgesindel muß man in ihrer Obskurität verkommen lassen, ohne ihnen auch nur die Ehre einer Namensnennung anzutun. Was vollends die schwarzen Grunzer und die roten Kläffer angeht, bah! wer wird von solchem Getier etwas anderes erwarten als Gegrunz und Gekläff? ... Zur Herausgabe des vorliegenden Buches hat mich zunächst ein äußerlicher Umstand veranlaßt. Mein Büchlein »Die Gekreuzigte« sollte im Laufe dieses Jahres in dritter Auflage gedruckt werden. Das brachte mich auf den Gedanken, dasselbe nicht wieder einzeln erscheinen zu lassen, sondern in einer Sammlung von Essays, worin verwandte Probleme behandelt sind. Um die Zahl dieser kulturgeschichtlichen Darstellungen auf vier zu bringen, wurde das Münstersche Wiedertäuferdrama aus meinem »Novellenbuch« herübergenommen, wohinein es, weil strenghistorisch gefaßt und durchgeführt, doch nicht recht paßte. Warum ich dem Buche den Gesamttitel »Größenwahn« gab, wird, hoff ich, aus dem »Präludium« wie aus den einzelnen Hauptstücken erhellen. Der Titelbeisatz »Vier Kapitel aus der Geschichte menschlicher Narrheit« – rührt davon her, daß die vier mitgeteilten Historien ursprünglich als Abschnitte einer von mir seit langem geplanten »Geschichte der menschlichen Narrheit« gedacht, entworfen und ausgeführt wurden. Man wird schon zugeben müssen, daß eine solche Geschichte nicht übel am Platze wäre zu einer Zeit, welche so wie die unsere von Schwindel, Selbstüberhebung und Dünkeltobsucht strotzt. Sie darf ja geradezu einen Ehrenplatz ansprechen im Weltnarrheitsbuch, diese Zeit, wo das tolle Dogma vom 18. Juli 1870 möglich war, kraft dessen ein alter Mann, welcher schon sechs Jahre zuvor größenwahnwitzig genug gewesen, mit seinem im » Al Gesù « präparierten Syllabusschwamm die Resultate einer tausendjährigen Kulturarbeit wegwischen und mittels der aus besagtem Schwamm abtröpfelnden »Kanones« die moderne Gesellschaft ins Mittelalter zurückfluchen zu wollen, alle die hierarchischen Hochmutsdelirien der mittelalterlichen Gregore und Innocenze noch überbieten durfte. Und sotaner Riesenschwindel spektakelt keineswegs allein auf der Bühne der Gegenwart, bewahre! Er hat ebenbürtige Mitspieler. Da ist z. B. der gelehrte Größenwahn, welcher auf dem Treibsand irgend einer gerade modischen, mehr oder weniger windigen Hypothese mit »affenartiger Geschwindigkeit« eine neue »Weltanschauung« nach der andern, jedesmal natürlich die »absolut vernünftige, wahrhaft wissenschaftliche und einzig zeitgemäße« Weltanschauung aufschwindelt, bis der nächste, aus einer andern Studierstube kommende Hypothesenwind das anspruchsvolle Kartenhaus wieder umbläst. Da ist auch der Größenwahn der arbeitscheuen Rafferei und Rapserei, welcher sich als »volkswirtschaftliches« Genie und »realpolitisches« Verdienst aufzuspielen weiß mit solchem Erfolg, daß jeder beliebige Schmutzchrist oder Stinkjude, dem es gelungen, die Million oder gar die Milliarde zu erdiebsfingern, als ein dreimal gebenedeiter Apis im papierenen Börsendorado vom unteren, mittleren und oberen Pöbel mit Halleluja und Hosianna umtanzt wird. ... Leider aber mußte ich die Hoffnung, das geplante große Unternehmen weiterführen und vollenden zu können, fahren lassen, nachdem ich erkannt hatte, daß diese Arbeit für zehn Kulturhistoriker allzu riesenhaft wäre, geschweige für einen und noch dazu grauhaarigen. Die vier nachstehenden Größenwahngeschichten sind durch drei »Zwischensätze« getrennt, welche eingefügt wurden, damit der Leser ausruhen und von den düsteren Eindrücken, die er etwa von den Hauptstücken empfangen hätte, sozusagen sich erholen könnte. Ich habe Grund, zu hoffen, daß auch dieses mein Buch sich Freunde werben werde. An Feinden wird und soll es ihm ebenfalls nicht fehlen. Denn alles, was dumm und dünkelhaft, verlogen und windbeutelig, heuchlerisch oder fanatisch, gemein und knechtisch, impotent und neidisch, ist mir feindlich gesinnt, und die ganze Sippschaft der Windfahnen, Gunstbuhler und Kriechkünstler hat einen naturgemäßen Aberwillen gegen meine Schriften. Das wäre mein Stolz, wenn es sich überhaupt der Mühe lohnte, auf irgend etwas stolz zu sein in dieser närrischen Welt. Am Zürichberg, Ostern 1876 . Präludium. 1. Wenn die Darwinisten recht haben, so muß, auch die denkbar langsamste und sachteste Entwickelung vorausgesetzt, einmal ein Augenblick gewesen sein, wo der Riß zwischen Tierheit und Menschheit, zwischen tierischem Traumsein und menschlichem Bewußtsein geschah. Falls wir aber dem ersten Wesen, welches sich im Gegensatze zum Tier als Mensch fühlte, nicht etwa die Schande antun wollen, uns dasselbe als einen Idioten vorzustellen, so muß es bald, sehr bald gemerkt haben, daß das Leben nichts weniger als eine Schlaraffei sei. Schon in den ersten Menschen dürfte der Kampf ums Dasein mitunter die Frage angeregt haben: Ist dieses Dasein eines solchen Kampfes wert? Man könnte, so man von einem Adam im biblischen Sinne sprechen wollte, unschwer auf die Vermutung kommen, schon der erste Mensch müßte notwendig ein Skeptiker gewesen sein und sich mitunter gefragt haben: Was tu' ich eigentlich da? Eine sehr fragwürdige Frage, fürwahr, und bis heute noch unbeantwortet, obzwar alle Religionen und alle Philosophien sich abgemüht haben, eine Antwort zu finden. Was sie fanden? Fabeln und Phrasen. Auch die Poesie wußte die Frage nur scharfschneidig zu formulieren, nicht aber zu beantworten. Solche Frageformeln sind der Hiob, der Prometheus, der Faust, der Kain. Der letztere, die echteste, gefühlteste und großartigste dichterische Schöpfung des neunzehnten Jahrhunderts, in welcher der Genius Byrons in seiner ganzen Kraft und Düsternis sich offenbarte, ist keineswegs ein Anachronismus. Denn warum sollte, die biblische Mythe einmal zugelassen, der Erstgeborene Evas nicht der erste Pessimist gewesen sein? War er ein denkendes Wesen, so mußte sich das Gefühl des Verhängnisses, Mensch zu sein, bleischwer auf ihn legen, und mußte er klagen, wie der Dichterlord ihn klagen läßt: »Und dies ist Leben? Sich stets zu mühn – warum soll ich mich mühn? Ich lebe, ja, doch einzig um zu sterben, Und seh' im Leben nichts, den Tod verhaßt Zu machen, als ein innerliches Bangen, Den widerwärt'gen, unbesieglichen Instinkt, zu leben, den ich wie mich selbst Verachte, doch nicht überwinden kann. So leb' ich denn. O, hätt' ich nie gelebt!« Der Ekel, die Verzweiflung müßte es doch schließlich über den »widerwärtigen Instinkt« davontragen, falls sich dieser nicht zwei starke Helfershelferinnen beigesellt hätte: Geduld und Gewohnheit. Diese lehren den Menschen ertragen, was an und für sich – persönliches »Glück« oder »Unglück« ganz beiseite gelassen – des Ertragens in keiner Weise wert ist. Denn wo wäre ein auch nur halbwegs vernünftiger Zweck des Menschendaseins auch nur halbwegs annehmbar nachgewiesen? Nirgends. Religiöse Märchen und philosophische Redensarten die Hülle und Fülle, aber nicht die Spur von einem Nachweis, von welchem ein ehrlicher, anständiger und geschulter Mann sagen möchte: Daran kann ich glauben. Wie? Auch an die Arbeit nicht? Als an ein Mittel, ja; als an den Zweck, nein. Denn warum soll ich arbeiten? da die schreckliche geheime Stimme in mir immerfort raunt: Dein Arbeiten ist am Ende aller Enden gerade so eitel und zwecklos wie das aller, die vor dir waren und die nach dir sein werden. Warum? Wozu? Wofür? Es ist ganz wahr, die ungeheure Mehrzahl der Menschen wird durch diese Fragen gar nicht behelligt, weil sie das Leben tierisch-naiv faßt und führt. Die kleine – genau betrachtet, sehr kleine – Minderzahl, die Wissenden, welche den Dingen auf den Grund sehen möchten, sie haben sich von jeher redlich abgequält mit dem furchtbaren Warum? Wofür? Wozu? Man muß es auch sehr begreiflich und verzeihlich finden, wenn die armen zweifelnden, fragenden, suchenden Menschen sich von Zeit zu Zeit eine angebliche Lösung des unlösbaren Problems durch irgend einen Schelling oder Hegel – will sagen: durch diesen oder jenen betrogenen Betrüger – vorgaukeln lassen, bis dann die angebliche Lösung immer wieder als ein aus den Hüllen schamloser Begriffenotzucht und grausamer Sprachefolterung herausgeschältes faules Windei sich darstellt. Aber ist es denn nötig, allzeit und überall dem Warum? nachzugrübeln? Lassen wir das Woher? und Wohin? und Wozu? und nehmen wir die Welt, wie sie nun einmal ist. Anders machen können wir sie ja doch nicht, und so wird es denn wohl das klügste sein, uns praktisch darin zurecht zu finden. Tun wir das, so werden wir weder bestreiten können noch wollen, daß die menschheitliche Arbeit im Laufe der Jahrtausende denn doch was Hübsches vor sich gebracht und daß die Vervollkommnungsschule Weltgeschichte erkleckliche Erziehungsresultate zutage gefördert habe. Wer wollte das bezweifeln? Wir laufen nicht mehr im Tierfellkostüm herum und nähren uns nicht mehr mit Eicheln. In der Schaffung und Verfeinerung von Formen hat sich die menschliche Kulturarbeit wahrhaft groß erwiesen. Was das Wesen angeht, so wollen scharfe Augen entdeckt haben, daß der Mensch im Perfektibilitätsfrack noch ganz derselbe sei, welcher er im pfahlbäuerischen Wolfs- oder Bärenfell gewesen. Gerade herausgesagt, die dermalen Tag und Nacht mechanisch Hergebetete Fortschrittslitanei vermag keinen Geschichtekenner zu überzeugen, daß die Zivilisation den Menschen substantiell verändert oder beziehungsweise veredelt habe. Soweit die geschichtliche Kenntnis in die Vorzeit hinaufreicht, ist der Mensch und ist die menschliche Gesellschaft dem Wesen nach ganz so gewesen, wie sie heute noch sind: – der Mensch ein Mischmasch von Widersprüchen, die Gesellschaft ein Wirrsal von gegensätzlichen Interessen. Zu allen Zeiten dieselben Illusionen und Enttäuschungen, dieselben Anlagen und Leidenschaften, dieselben Bedürfnisse und Begehrnisse, dieselbe Tugendtheorie und dieselbe Lasterpraxis. Zu allen Zeiten Schwindler und Beschwindelte, Ausbeuter und Ausgebeutete, Schelme und Narren. Ob aber dereinst aus dem verfallenden Erdenhause der letzte Mensch als der letzte Schwindler oder als der letzte Beschwindelte, als der letzte Narr oder als der letzte Schelm hinausziehen werde, darüber sind die Gelehrten noch nicht einig. Darüber dagegen sind, wenn nicht die Gelehrten, so doch die Verständigen einig, daß die Erde nichts weniger als ein Eden, daß das »goldene Zeitalter« der Freiheit, des Friedens und der Freude wie in der Vergangenheit so auch in der Zukunft nur ein Ammenmärchen, daß die Natur unerbittlich und erbarmungslos, daß unser Menschenleben mit seiner jämmerlich unbehilflichen Kindheit und seinem einsamen bresthaften Alter, mit seinen Krankheiten und seinen Torheiten, mit seinen grellen Ungerechtigkeiten und ekelhaften Roheiten, mit seinen zahllosen Niederträchtigkeiten, Schurkereien und Freveltaten, mit seinen ruhelosen Wünschen und unzulänglichen Befriedigungen, mit seinen boshaften Verkettungen und seinen wehvollen Trennungen, mit den Luftspiegelungen des Ehrgeizes, mit den Verführungen des Reichtums und den Demütigungen der Armut, mit allen seinen Sorgen, Mühen, Schmerzen, geknickten Hoffnungen und bitteren Erfahrungen, sogar mit seinem sogenannten Glücke, seinen flüchtigen Genugtuungen und seinen täuschungsvollen Genüssen – ja, daß die Erde mit allem, was darauf, nichts als eine, mit dem armen Leopardi zu sprechen, »grenzenlose Nichtigkeit«, eine » inutile miseria «, oder auch nichts als eine schnöde Prellerei, ein niederträchtiger Schwindel. Was folgt aus alledem? Daß der » loathsome and yet all invincible instinct of life «, wovon der Byronsche Kain spricht, die Menschen zwang, eine Erfindung zu machen, mittels welcher sie über die Erdennot sich hinwegtäuschen konnten. Diese Erfindung, die Lehre von der Fortdauer der Seele des Menschen nach seinem leiblichen Tode und die damit eng verbundene Vorstellung von einer Vergeltung in einem sogenannten Jenseits, ist die tröstlichste gewesen, welche ein Menschengehirn jemals ausgesonnen hat. Nur Abstraktoren, wie z. B. der verwichene Doktor Strauß, dem sein eigen Volk gerade so fremd gewesen wie etwa das japanische, nur dürre Doktrinäre, welche niemals in und mit dem Volke gelebt haben, vermögen zu verkennen, welche unermeßliche und unerschöpfliche Wohltat für die arme Menschheit der Unsterblichkeitsglaube war und ist. Die wirklich Weisen aller Länder und Zeiten, Denker und Dichter, Propheten und Politiker, haben das wohl erkannt. In den Katakomben Ägyptens, auf den Bergen von Baktrien, in den Banianenhainen am Ganges, unter den Platanen des Ilissos, auf den Triften Galiläas, in den Sandsteppen Arabiens wie in dem Schattendüster der Wälder Germaniens und unter den Druideneichen Armorikas ist diese Lehre verkündigt und geglaubt worden, und überall hat sie ungezählte und unzählige Millionen von Menschen die schwere Last des Lebens tragen gelehrt. Wenn die menschliche Zivilisation etwas so Hehres und Herrliches ist, wie ihr sagt, wohlan, nur der Unsterblichkeitsglaube hat sie möglich gemacht. Dadurch möglich gemacht, daß er den Geschlechtern der Menschen die Hingebung und Ausdauer verlieh, inmitten von allen den Bedrängnissen des Daseins ihre Arbeit zu tun. Darf das ein bloßer Wahn genannt werden? Kann es ein bloßer Wahn sein? Und wenn es ein Wahn, ist er verwerflich und entbehrlich? Aber was ist denn eigentlich Wahn, und was ist Wahrheit? Das, was dafür zu halten man übereingekommen ist, stillschweigend oder ausdrücklich. Wahrheit oder Wahn, gleichviel, ohne den Unsterblichkeitsglauben, ohne das hoffende Hinübertasten in eine vorgestellte jenseitige Welt müßte die Menschheit aus dumpfem Überdruß an der Zwecklosigkeit der diesseitigen schon längst verdorben und gestorben sein. 2. Die gedankenlose Wohllebigkeit wie der schönselige Optimismus – jene kann nicht, dieser will nicht logisch denken – sie fühlen sich natürlich nicht verunbequemt durch die Tatsache, daß vom Anbeginn der Zeiten alle auserwählten Geister Pessimisten gewesen sind, d. h. die Flüchtigkeit und Nichtigkeit des Daseins erkennende und beklagende Denker. Kein Träger des Genius vom Anfang bis heute, welcher nicht empfunden hätte, was Firdusi in seinem Heldenliede vom Kai Chosru aussprach: »Der Weise wünscht, er wäre nie geboren, Ihn hätte nie im Erdenfrost gefroren Und niemals ihn die Glut der Welt versengt; Unheil nur wird durch die Geburt verhängt, Nur Wechsel herrscht und Trübsal hier auf Erden: Drum ist es besser, nie gezeugt zu werden.« Dieses Thema hat zahllose Variationen gefunden, allzeit und allenthalben, in ältester wie in jüngster Zeit, unter allen Völkern, unter allen Rassen, soweit sie überhaupt zum Denken gelangt sind. Wollte man eine Bibel des Pessimismus zusammenstellen, alle Männer von Genie und Herz, welche jemals und irgendwo aufgestanden, würden die Verfasser derselben sein. Am geläufigsten ist die Vorstellung von der Welt als von einem Rätsel, einem ungelösten und unlösbaren. Problem. Wer hat dieses Welträtsel aufgegeben? Oder hat es sich selbst aufgegeben? Warum ist es aufgegeben? Wozu existiert es? Alle vom Anfang bis heute versuchten Antworten sind nur leeres Gestammel und unartikuliertes Gestotter. Die Physik stottert bei ihren Antwortsversuchen nicht minder, als die Metaphysik gestammelt hatte. Der Streit, ob zuerst die Henne oder zuerst das Ei gewesen, sei zu Ende, sagen exakte Forscher; denn das » Omne vivum ex ovo « – sei abgetan und überwunden. Gut, wir wollen es glauben. Aber nun möchten wir wissen, woher anderweitig, woher überhaupt das » vivum « gekommen, in dem Blutkügelchen, das in unseren Schläfen rollt, in der Urqualle, in der Urzelle, im Urschleim? Keine Antwort oder höchstens die schon uraltbekannte ausweichende: »Die Materie ist eben von Ewigkeit her und folglich ist das auch die dem Stoffe innewohnende Kraft.« Aber was ist Ewigkeit? Ein unfaßbarer Begriff, ein Undenkliches, also Sinnloses. Und wäre denn mit dieser unvorstellbaren »Ewigkeit« das »Woher die Materie?« und »Warum die Kraft in derselben?« irgendwie aufgehellt und erklärt? Wäre damit ein letzter Grund, der letzte Grund nachgewiesen? Das wird selbst der gelehrte Größenwahn nicht behaupten wollen. Das uralte und immerjunge Welträtsel bleibt also, was es war und ist, und wir wissen, was wir von dem unartikulierten Gestotter, das sich gar häufig für ein Triumphlied des Allesbegriffen- und Alleserklärthabens ausgeben möchte, zu halten haben. Wenn der philosophische Optimismus sich daran erbauen mag, alles auf eine sogenannte »Weltvernunft« zurückzuführen, so hat der philosophische Pessimismus gewiß auch das Recht, die Grundwurzel von allem in einer »Weltunvernunft« zu erblicken. Diese macht sich wenigstens tagtäglich und allstündlich fühl- und spürbar, während jene nichts ist als eine Verkleidung der alten theologischen Fraubase Teleologie.... Auch als Schlaf und Traum wird das Dasein gefaßt. Von Heiden und Christen. Ein altarabischer Dichter sagte: »Die Menschen schlafen; wann sie aber sterben, dann wachen sie auf.« Der spanische Erzkatholik und Mystiker Calderon dichtete einen prächtigen dramatischen Kommentar zu seinem Texte: »Das Leben ein Traum.« Der geisteshelle deutsche Protestant Rückert sang: »Die Zypress' ist der Freiheit Baum, Weil man sie dir pflanzt aufs Grab. Dein Leben nur im Kerker ein Traum, Bis der Tod dir Flügel gab.« Endlich wurde und wird das Leben gefühlt als eine Krankheit, und der Tod begrüßt als die Genesung. Sokrates, welcher, wenn man ihn auch nicht gerade dem delphischen Orakel zu gefallen für den weisesten Menschen hält, doch immerhin einer der weisesten gewesen ist, hat bekanntlich, als ihm nach geleertem Schierlingsbecher der Tod ans Herz trat, seine Freunde gebeten, dem Asklepios einen Hahn darzubringen als Dankopfer für seine Genesung von der Krankheit des Daseins. Wenn nun schon ein antiker Mensch, noch dazu ein Hellene, ein Athener, das Gefühl der Daseinskrankheit hatte, um wieviel stärker muß dieses Gefühl in unserer modernen, durchweg gekünstelten, verkünstelten, auf Schrauben und Stelzen gestellten, an den Krücken einer verlogenen Konvenienz einherhinkenden Gesellschaft sich bemerkbar machen! Wo ist denn heutzutage ein Mensch – ich meine ein denkender und ehrlicher – welcher von sich sagen möchte, er sei leiblich und seelisch ganz gesund? Wohin immer ein sehendes Auge sich wendet, überall treten ihm die tausenderlei Symptome der einen großen Krankheit »Leben ist Leiden!« entgegen, und noch erschreckender und betrübender als die Merkmale physischer Übel sind die immer mehr sich häufenden Symptome psychischer Störungen. Die Zahl der Narrheiten und Narren heißt Legion. Ich weise mit dem Finger auf die schwärende Wunde der modernen Gesellschaft. Ihr Name ist »Größenwahn«. Freilich, auch dieses Neue unter der Sonne ist nur Altes. Als Bonaparte am Fuße der Pyramiden von Gizeh zu seinen Grenadieren sagte: »Vom Gipfel dieser Monumente blicken vier Jahrtausende auf euch herab!« hätte er auch sagen können: Von der Spitze dieser gemauerten Berge grinst euch der uralte und immerjunge menschliche Größenwahn an! Denn wenn so ein Pharao Chufu hunderttausend halb oder ganz nackte Sklaven zusammentrieb und sie Jahrzehnte hindurch zu fronden zwang, um einen Berg auszumauern, in dessen Grabkammer der Wurmfraß seiner pharaonischen Mumie der Zerstörung trotzen sollte, was war das anderes als naiver Größenwahn? Und wenn der Pharao Napoleon seinerseits sechshunderttausend uniformierte Sklaven zusammentrieb, um an ihrer Spitze dem Phantom Weltherrschaft nachzujagen bis ins brennende Moskau hinein, was war das sonst als raffinierter Größenwahn? Ein großes Stück Weltgeschichte gehört eigentlich in die Psychiatrie. Geniale Irrenärzte sollten die Geschichte der römischen Cäsaren, der römischen Päpste, der Attila, Dschingiskhan und Nadirschah, die Geschichte Philipps des Zweiten und Ludwigs des Vierzehnten schreiben. Napoleon der Erste war ein tobender, Napoleon der Dritte ein grübelnder Größenwahnsinniger. Und nicht etwa nur auf der Weltgeschichtebühne, nein, auch im Alltagsleben grassiert die unheimliche Geisteskrankheit. Sie ist geradezu die moralische Pest der Gegenwart. Der ordinäre Schmierung in irgend einem Winkelblatt, der ordinärere Maultrommler in irgend einem Winkelklub, der ordinärste Kathedrarier an irgendeiner Winkeluniversität, das verkannte Dichter-, verkanntere Maler- und verkannteste Zukunftsmusikhalbtalent, der große Patriot, größere Liberale und größte Dividendenschnapper, dessen A er selbst und dessen O die Million, die ganze Jobbers- und Robbersbande vom jüdischen Börsenschakal bis hinauf oder auch hinab zum christlichen Aufsichtsratfürsten und Gründerherzog: lauter arme – obzwar mitunter sehr reiche – Größenwahnbehaftete. Aber der bevorzugte Tummelplatz des Größenwahns war und ist doch das Gebiet der Religion. Da hat er sich von jeher in allen Formen und Farben geoffenbart, als höchste Tragik wie als tiefste Komik. Ein riesigeres Sammelsurium von Narrheit als das christliche Legendenbuch, die dreiundfünfzig von den Bollandisten redigierten Folianten der » Acta Sanctorum « ist kaum denkbar. Und durch die ganze ungeheure Kakophonie geht als Grundton der Größenwahn. Wollt ihr eine ganz meisterliche Kennzeichnung dieses christlichen, d. h. mit Demut geschminkten Größenwahns kennen lernen, so lest des Engländers Tennyson »Sankt Simeon Stylites«. Nur ein Eingeborener des Lieblingslandes der Scheinheiligkeit vermochte uns die unter der Selbsterniedrigungsmaske hervorbrechende grenzenlose Eitelkeit des religiösen Größenwahnwitzigen so aufzuzeigen. Ich wünschte, ein rechter Dichter machte sich einmal daran, uns jenen gelehrten Mönch des neunten Jahrhunderts vorzuführen, den Paschasius Radbertus, den Erfinder oder wenigstens Ausbildner und Feststeller der Lehre von der Transsubstantiation, welcher zufolge jeder beliebige Priester tagtäglich den Herrgott schafft, indem er Brot und Wein in das Fleisch und Blut Christi verwandelt. Der Mensch macht den Gott, gewiß ein erbauliches Beispiel von mittelalterlich-gläubigem Größenwahn! Oder war der närrische Paschasius etwa ein vorweggenommener Feuerbach? Einem Shakespeare der Zukunft könnte man auch die seiner würdige Aufgabe stellen, einen Arbues oder Torquemada als Typen des religiösen Größenwahns zu zeichnen, und vielleicht dürfte man noch den Luther hinzufügen, in Anbetracht, daß er den Papst kaum vom Stuhle der Unfehlbarkeit hinabgestoßen hatte, als er schon sich selber recht breit darauf setzte, die Bibel als einen unantastbaren Schild zwischen seine unfehlbare Autorität und die Vernunft stellend, welche er ja bekanntlich »des Teufels H... andlangerin« schalt. Die Arme ist das für die richtigen lutherischen »Diener am Worte« bis zum heutigen Tage geblieben und mußte es bleiben. Denn wie könnten sie sonst ihren römischen Kollegen, den richtigen »Dienern am Altar«, die Stange halten und wetteifernd mit diesen den »Frieden Gottes unter den Menschen« fördern? ... Wo der Größenwahn in weltgeschichtlichen Gestalten, in einem siebenten Gregor, einem Luther, einem Napoleon zur Erscheinung kommt, erinnert er an den Satz Senekas, daß dem Genie immer eine Dosis Wahnsinn beigemischt sei (» nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae «). Shakespeare hat, wie jedermann weiß, das auch vom Dichtergenius geglaubt (»Des Dichters Aug', in schönem Wahnsinn rollend, blitzt auf zum Himmel, blitzt zur Erde nieder«). In beiden Fällen kehrt uns die Krankheit ihre tragische Seite zu. In die komische sodann schlägt sie um, wenn das Können des größenwahnsinnigen Individuums zu seinem Wollen in einem gar zu burlesken Mißverhältnisse steht. Indessen kommt auch hier, wie überall, das Reintragische ebenso selten zum Vorschein wie das Reinkomische, sondern zumeist verbinden sich beide Seiten zur Tragikomik. Natürlich! Das ganze Menschendasein, persönlich und geschichtlich genommen, ist ja die vollendete Tragikomödie. Von den vier Größenwahngeschichten, welche ich auf Grund quellenmäßiger Zeugnisse in diesem Buch erzählen will, spielen zwei, die erste und die dritte, auf spezifisch-religiösem Boden, eine, die zweite, auf religiös-politischem und eine, die vierte auf sozialpolitischem. Die erste trägt einen vorwiegend komischen Charakter, während die drei übrigen als echt tragikomische Auftritte der großen menschlichen Tragikomödie sich darstellen. Ist dieses Drama ein ebenso zufällig entstandenes wie zwecklos verlaufendes? Ist es von einem »Gott« gedichtet und von einem »Teufel« travestiert in Szene gesetzt? Ist es eine Generalprobe für die Aufführung auf einer »höheren« Bühne? Wer weiß es? Als Meister Rabelais im Fahre 1553 in Paris zu sterben kam, tat er es mit den Worten: » Je m'en vais chercher un grand Peut-être .« Wir verbringen unser Leben mit dem Suchen nach einem andern » grand Peut-être « Denn all unser Wissen vom Wissenswertesten ist und bleibt ein großes »Vielleicht!« Mutter Eva. 1. Am 27. Mai von 1705 erließ das Peinliche Halsgericht von Laasphe an der Lahn folgende Ladung: »Des Hochgebohrnen Grafen und Herrn, Herrn Heinrich Albrecht, Grafen zu Sayn, Witgen- und Hohenstein, Herrn zu Valenthar, Neuenmagen, Lehra und Klettenberg u. s. w. Unsers Gnädigen Grafen und Herrn, Wir verordnete Richter und Schöppten des Hochgräflichen Peinlichen Halßgerichts allhier zu Laasphe, thun dir, Justus Gottfried Winter von Eschwege, dir, Johann Georg Appenfeller von Schleusingen aus Francken, dir, Eva Margaretha, Jean de Vesias, Fürstlichen Eisenachischen Pagen-Hoffmeisters Eheweib, gebohrene von Buttlarin, und dir, Anna Sidonia von Kallenberg von Forstwesten aus Hessen bey Cassel hiermit zu wissen, wie daß hiesiger Hochgräfl. Fiscalis, Amts-Ankläger an einem, entgegen und wieder euch allen, als peinlichen Beklagten am andern Theile, wegen beschuldigter Verspottung und Verletzung der Allerheiligsten Majestät und Dreyeinigkeit GOttes (gestalten, du Winter, dich vor GOtt den Vater, du Appenfeller, dich vor GOtt den Sohn, und du Eva Margaretha, dich vor GOtt den heiligen Geist, vor das neue Jerusalem und unser aller Mutter ehren lassen, und ob solche 3. göttliche Personen von euch sichtbahrlich aus- und eingingen, gotteslästerlich vorgegeben, und du, Eva Margaretha, die Thür solches Aus- und Eingangs seyst, und daß eure Naturen dergestalt mit der Gottheit vereiniget, daß sie zusammen einen Gott und Christum macheten, dahero eure Naturen auch als göttlich müsten veneriret werden, und ihr unter diesem Schein und eurer eingebildeten Gottseeligkeit und Frömmigkeit nicht anders als Hurerey, Ehebruch, Blutschande, große Gottes-Lästerungen, darunter auch Mord und andere grosse Uebelthaten, vor GOTT und der Welt ärgerliche, abscheuliche, grausame Laster, die man anhero zu setzen billig einen Scheu tragen muß, mit untergeloffen und gegen dich, Anna Sidonia von Kallenbergen, wegen absonderlich beschuldigten infanticidii, darum du Winter, und du Eva Margaretha von Buttlar, mit begriffen), bei diesem Hoch-Gräfl. peinlichen Halß-Gericht verschiedene artikulirte peinliche Amts-Anklagen übergeben, darauf litera affirmative contestiret , ihr zwar auch eure Responsiones darauf judicialiter abgeleget, und weiln ihr eines und das andere verneinet oder sinistre interpretiren wollen, Fiscalis zu eurer Ueberführung denominationem testium cum directorio übergeben und solche nunmehr eydlich und judicialiter prout moris et styli abzuhören gebeten, auch in hoc puncto sowohl von eurem defensore als Fiscali zu Bescheid gesetzt worden, nichtsdestoweniger aber ihr, aus Trieb und Ueberzeugung eures bösen Gewissens, noch vor Eröfnung dieses interlocuts flüchtig worden seyd, und ob man gleich dich Evam Margaretham von Buttlar annoch auf der Flucht ertappet, und du zu Biedenkopf im Hessen-Darmstädtischen auf Ersuchen von dasigen Beamten arrestiret worden, du dennoch durch Verwechselung der Kleider denen Wächtern entkommen und zum zweytenmahl dich davon und aus dem Staube gemacht, deswegen Fiscalis eine Eductal-Citation gegen euch allen zu erkennen, terminum ad comparendum zu prachgiren und die Citation an gewöhnliche Orte öffentlich anschlagen zu lassen gebeten hat. Nachdem nun sothanen Fiscalischen billig und rechtmäßigen Suchen deferiret und diese offene Ladung erkannt worden; hierum so citiren , heischen und laden im Nahmen Hochgedachter Ihrer Hoch-Gräflichen Gnaden auch von Amts-Gerichts- und Rechtswegen Wir dich Justus Gottfried Winter, dich Johann Georg Appenfeller, dich Eva Margaretha von Buttlar, dich Anna Sidonia von Kallenberg, daß ihr auf den XIX. schierkünftig, welchen wir euch allen vor den ersten, andern und dritten oder letzten Termin und peremptorie angesetzt haben wollen, beim peinlichen Halß-Gericht allhier aufm Rathhaus Morgens um 8. Uhr in Person erscheinet, eure Entschuldigung, daß ihr flüchtig worden seyd, vorbringet, der Sachen bis zu Ende abwartet, und rechtliche Erkänntniß gewärtig seyd, mit der Verwarnung, ihr kommt dem also nach oder nicht, daß nichtsdestoweniger auf Fiscalis förmliches Nachsuchen ergehen und geschehen soll, was recht ist, wornach ihr euch alle zu achten. Urkundlich des hierunter gedruckten Hoch-gräflichen peinlichen Gerichts-Insiegel.« Geben zu Laasfphe den 27. May 1705. Richter und Schöppen daselbst. Historische Nachricht von einer recht gottlosen Lehre etlicher Enthusiasten von der Heiligen Dreyfaltigkeit, und besagter Enthusiadsten ihrem dabey geführten mehr als viehischem Leben und Wandel, »Vernünfftige und Christliche aber nicht Schein heilige Thomasische Gedancken und Erinnerungen.« Bd. III, Halle 1725; S. 208 fg. Aus dem barbarischen Schnörkelwerk der Gerichtssprache und des Kanzleistils von damals herausgeschält, stellt sich als Inhalt dieses Aktenstückes dar die in der Grafschaft Witgenstein vorgenommene Verhaftung einer Anzahl von männlichen und weiblichen Personen, gegen welche das gräfliche Kriminalgericht zu Laasphe eine Prozedur eröffnet hatte, ohne damit zum Ziele gelangt zu sein, weil die Bezichtigten dem Urteilsspruche durch ihre Flucht zuvorgekommen waren. Die weitschichtige »Ladung« brachte nur die Wirkung hervor, daß, was bislang ein in hessischen und nassauischen Landen ausgehendes Gerücht von der »Buttlarschen Rotte« gewesen, jetzt zum lauten Geschrei wurde, welches bis nach Thüringen und Sachsen drang, sowie rheinaufwärts und rheinabwärts scholl. Zwar hatte der hellsichtige und klardenkende Thomasius, von der Hochwarte der Vernunft über das ruinenhafte Heilige Römische Reich Deutscher Nation ausblickend, schon im Jahre 1702 das widerwärtige Ding von gottseligem Schwindel erspäht. Aber doch nur von ferne und auch nur fernher war ihm zu Ohren gekommen, daß in Hessen »eine Hoffmeisterin aus Eisenach« weile, welche »schon über 70 Seelen an sich gezogen habe«, so untereinander in der »Paradisischen Freyheit« lebten. Allein erst drei Jahre später ist der hochverdiente Mann, der beste Deutsche seiner Zeit, in den Besitz des Aktenmaterials gelangt, woraus er seine Kenntnis des ganzen Handels schöpfte. Thomasische Gedancken, Bd. III, 216-18. Er hat die Akten mitgeteilt und auf Grund derselben sein rechtsgelehrtes Urteil über die beiden – erst zu Laasphe, dann zu Paderborn – gegen die »Rotte« angestrengten Prozeduren abgegeben, welches, wie nicht anders zu erwarten, durchweg der Anschauungs- und Denkweise des Mannes entsprach, der sein Leben lang ein allzeit schlagfertiger Bekämpfer von Unverstand und Unrecht gewesen ist. Die nachstehende Darstellung der Größenwahnkomödie von der »Mutter Eva« ist durchaus aktentreu, und sind wir demnach dem alten ehrlichen Thomasius für die Lieferung der Materialien zu warmem Danke verpflichtet. Wo immer es angeht, wollen wir die Akten selber sprechen lassen; Bei Einführung solcher Stellen aus den Akten in meinen Text werde ich auf die Seitenzahlen der Th. G. (»Thomasischen Gedancken«) verweisen, woraus sie entnommen sind. aber ich fürchte, es wird nicht allzuhäufig angehen, maßen die Sprache von damals zu derb und zu drastisch ist für die Nerven von heute. Damit soll zugleich angedeutet sein, daß die Rücksicht auf die heilige Konvenienz mir verwehre, das erste Hauptstück von den Abenteuern der »lebendigen Bibel«, wie die Hirtin der frommen Herde von ihren Schäflein genannt wurde, anders als obenhin abzuhandeln. Einläßlicher oder gar vollends aktenmäßig davon reden wollen, hieße so tollkühn sein, die Sprache eines Luther oder Thomasius zu einer Zeit zu sprechen, wo die Heuchelei unter den Kardinaltugenden obenan steht oder wohl gar die einzige Kardinaltugend ist. 2. Die deutsche Reformation des sechzehnten Jahrhunderts hat, wie jedem bekannt, ihr Ziel kaum halbwegs erreicht. Die gehoffte und gewünschte Wiedergeburt der Nation wurde zur Mißgeburt einer bloßen »Kirchenverbesserung«, welche dem unseligen deutschen Zentrifugalgeist ein neues, ungeheuer kräftiges Element zuführte. Der Ursachen des Mißlingens einer nationalen Wiedererneuerung, wie die Genialität und der Feuereifer eines Hutten sie wollten, forderten und erstrebten, waren viele. Obenan standen die erbärmliche Reichsverfassung, die staatliche Zersplitterung, die gewaltige Verschiedenheit von Süd- und Norddeutschland, das Schlummern des nationalen Instinkts in den Massen, endlich der gänzliche Mangel an politischem Sinn und Verständnis in dem deutschen Reformator. In Wahrheit, daß Luther so ganz und gar kein Staatsbewußtsein besaß und in seine biblische Theologie völlig eingemauert war, das ist ein Nationalunglück von furchtbarer Tragweite gewesen. Statt eines Vaterlandes gab man den Deutschen die Bibel, statt des römischen Afterglaubens den jüdischen. Statt wie bis dahin an den katholischen Heiligen sollten sie sich fürder an den alttestamentlichen »Erzvätern« erbauen, dieser Bande von vorzeitlich-naiven »Gründern«, welche jedem Zuchthause Ehre machen würden, dieser würdigen Ahnen ihrer ebenbürtigen Nachkommen, der modern-abgefeimten Gründer und Millionendiebe. Das unübertreffliche Muster und Vorbild eines Gründer-Erzvaters ist der »ehrwürdige« Patriarch Abraham gewesen, welcher mit seiner schönen Frau Sarah wucherte und krebste und gründete (Genesis 12, 14–16; 20, 1–2), als wie – natürlich auf andere Manier – zu unserer Zeit der ewige Nachlaß-Varnhagen mit seiner nichtschönen Frau Rahel gekrebst und gegründet hat. Auf Kathedern und in Kompendien schleppt sich der Satz fort, die Erfolge der ganzen neuzeitlichen deutschen Kulturarbeit beruhten auf dem Protestantismus. Das ist wahr; nur muß man, wohlgemerkt, unter Protestantismus etwas ganz anderes verstehen als das offizielle Luthertum, welches ja zur Stunde noch von dem Größenwahn und Unfehlbarkeitsdünkel seines Stifters besessen ist und darum mit Händen und Füßen gegen alle Forderungen der Vernunft sich sträubt. Der Protestantismus, welcher seit Jahrhunderten in Deutschland zivilisatorisch gearbeitet hat und zur Stunde noch so arbeitet, ist jener Geist des Zweifels und der Forschung, welcher schon das ganze Mittelalter hindurch in einzelnen auserwählten Menschen geleuchtet und gerungen, der Geist, welcher vom vierzehnten Jahrhunderte an den Humanismus in die Wissenschaft und die Renaissance in die Kunst einzuführen begonnen und seither den Freiheitskrieg gegen das Dogma, d. h. gegen allen kirchlichen und staatlichen Absolutismus, rastlos und unermüdlich geführt hat. Schon im siebzehnten Jahrhundert war das Luthertum völlig verpfafft. Aus der schrecklichen Probe und Prüfung des Dreißigjährigen Krieges ging es als eine Kirche hervor, welche an hierarchischer Anmaßung und Unduldsamkeit kecklich mit der katholischen wetteifern konnte, an Engherzigkeit und Kleingeisterei diese sogar noch weit übertraf. Wie beschämend fällt der Vergleich aus, wenn man zusammenhält, was zur angegebenen Zeit, im siebzehnten Jahrhundert, der Protestantismus in Deutschland litt und was er in England und drüben in Nordamerika tat. Hüben bei uns ein jammerseliges Weitervegetieren in elenden theologischen Zänkereien und Stänkereien, drüben in England die Durchaderung des gesamten Staatslebens mit protestantischem Geist, welcher dem Despotismus die große Lehre vom 30. Januar 1649 gab und an den Gestaden von Neu-England eine neue Welt gründete, die Welt der modernen Demokratie. Allerdings glomm auch unter der Verknöcherung des lutherischen Kirchenwesens noch ein Lebensfunke. Aber wie hätte dieser Funke zu einer leuchtenden, reinigenden und schaffenden Flamme werden können inmitten der trostlosen Zustände, welche der Westfälische Friede herbeiführte? Für Deutschland bedeutete die Reformation politische Ohnmacht, Demütigung und Schmach, für England staatlichen Aufschwung und stolze Machtentfaltung. In England zeugte der Protestantismus den Helden Puritanismus, welcher die Siegesschlachten von Marstonmoor, Naseby, Dunbar und Worcester schlug, in Deutschland dagegen zeugte er den Betbruder Pietismus, welcher sich in Konventikeln umtrieb und einen Aberwitz nach dem andern austiftelte. Trotzdem darf nicht übersehen oder verschwiegen werden, daß der deutsche Pietismus eine kulturgeschichtlich-berechtigte Erscheinung von nicht geringer Bedeutung gewesen ist. In seinen Anfängen und ursprünglichen Wollungen muß der Pietismus geradezu als eine nationale Wohltat anerkannt werden, weil er in den stagnierenden Sumpf des offiziellen Luthertums immerhin ein Bewegungselement brachte. Ja, in seiner Art ist der fromme Philipp Jakob Spener sogar auch ein Stück Held gewesen, weil es eine ganz erkleckliche Dosis Mut erforderte, gegen die lutherischen Pfaffen, welche vor dem Baal Bibelbuchstab räucherten, knieten und tanzten, anzugehen und den Stier Sankt-Orthodox, wenn nicht bei den Hörnern, so doch beim Schwanze zu packen. So tat der Pietismus, indem er die Quelle der Religion aus dem Katechismus in das Gemüt verlegte und der Starrheit und Kälte dogmatischer Satzung die Milde und Wärme menschlichen Erbarmens entgegenstellte. Auch einen kräftigen Keim von Zweifel und Kritik enthielt der echte Pietismus, maßen er ja darauf ausging, zu zeigen, daß in dem verknöcherten Luthertum wenig vom wahren Evangelium zu finden sei. Kein Zweifel demnach, daß der Pietismus kraft seiner unmittelbar oder mittelbar an dem orthodoxen Kirchenwesen von damals geübten Kritik ein Vorläufer und Wegbahner des modernen Rationalismus geworden ist. Aber » tout dégénère entre les mains de l'homme « ist ein Satz, für welchen sein Aussteller Rousseau den Pietismus als einen kräftigen Beweis hätte anführen können. Alles Menschliche muß bekanntlich seine Kehrseite haben, und gar viel Menschliches hat nur eine solche. Die Kehrseite des Pietismus kam noch bei Lebzeiten seines Stifters Spener schon dunkel genug zum Vorschein, in allerhand widerlichen Erscheinungen. Frühzeitig schon namentlich auch in solchen, welche zeigten, daß in Konventikeln, aus welchen Baal Bibelbuchstab ausgetrieben worden, Astoreth Unzucht eingezogen war. In der Tat, einer der frühesten und leider auch begründetsten Vorwürfe, welche die orthodoxen Zeloten den pietistischen Separatisten machten, ist der gewesen, die ursprünglichen – zuerst durch Spener im Jahre 1670 zu Frankfurt a. M. aufgetanen – » collegia pietatis « hätten sich in lupanaria voluptatis verwandelt. Sodann steht fest, daß die Ausscheidung aus dem Pferche der lutherischen Kirche eine Unmasse von Schafen drehend gemacht hat. Denn das Konventikelwesen verleitete in seinem Vorschreiten eine Menge von bildungslosen Leuten zur Grübelei über Fragen, auf welche selbst der gebildetste Mensch keine Antwort zu geben weiß. Gar nicht verwunderlich also, daß die Beantwortungsversuche, wie sie innerhalb der zahlreichen pietistischen Sekten angestellt wurden, häufig genug die Form der absonderlichsten Narrheiten annahmen. Und mit solcher Phantasterei, welche sich chiliastischen Träumen und apokalyptischen Delirien überließ, verband sich ein sehr ausgeprägter Hochmut. Denn der anfänglich so milde und demütige Pietismus bald zum Vollbewußtsein des Auserwähltseins auf- und ausgewachsen, machte mit seiner »Gotteskindschaft« förmlich Parade, suchte den geistlichen Dünkel des orthodoxen Zelotismus noch zu überbieten und gefiel sich nicht selten in der Pflege und Hätschelung eines Größenwahns, dessen Auslassungen mit zu den ungeheuerlichsten gehören, von welchen die Geschichte der menschlichen Narrheit überhaupt Kenntnis hat. »Mutter Eva,« tritt hervor aus dem Schattendunkel der Vergangenheit und lege Zeugnis ab für das Gesagte! 3. In den idyllischen Gegenden, welche die Lahn, die Dill, die Sieg und die Eder durchstießen, erschien im Jahre 1702 eine fremde Dame, welche dreißig Jahre oder auch etliche mehr zählen mochte. Ihr An- und Aufzug war so, wie eine Frau der »guten« Gesellschaft von damals sich trug und gab. Sie schien im Besitze ausreichender Reisemittel zu sein und war es auch wirklich, wie die mitgeführten Koffer, Kasten und Kisten auswiesen. Auch Gefolge hatte sie, männliches und weibliches, und sie wurde von ihrer Umgebung sehr respektvoll behandelt. Man hörte sie von ihren Begleitern und Begleiterinnen »Frau Hofmeisterin« betiteln, nahm aber auch wahr, daß ihre Vertrauten, Männer und Weiber, sie als »Mutter Eva« anredeten. Sie hatte sich mit ihrer Reisegesellschaft in Thüringen und Hessen umgetrieben. Wanfried, Allendorf, Erfurt und Eschwege werden als ihre Rastorte genannt. Es scheint jedoch, daß man sie und ihr Geleite allenthalben bald weitergehen geheißen hatte, mehr oder weniger höflich. Die Wandererin hatte Gründe, nach einem Aufenthaltsort auszusehen, wo man es mit der katholischen oder lutherischen Orthodoxie nicht sehr genau nahm. Für ein solches Land der Duldsamkeit galt die Grafschaft Witgenstein, deren Souverän, Graf Heinrich Albrecht, weniger aus Toleranz- als vielmehr aus Finanzpolitik den Separatisten ein gnädiger Beschützer war. Er wußte, daß die Sektirer, welche von nah und fern herbeikamen, pünktlich die ihnen auferlegte Kopfsteuer (»Schutzgeld«) zahlten, um in den Waldtälern des Ländchens ungeschoren ihren Tifteleien nachhängen und daneben ihre mancherlei Gewerbetätigkeit treiben zu können. Man kann es nicht recht klarstellen, muß es aber vermuten, daß die Frau Hofmeisterin, im Reiche Witgenstein angelangt, anfänglich in Laasphe und in Schwarzenau ihr Zelt aufgeschlagen habe. Sicher dagegen ist, daß sie entweder am Ende von 1702 oder am Anfang von 1703 auf das im Schwarzenauer Tale gelegene Gehöft Sasmannshausen gezogen ist, welches die gräfliche Rentkammer ihr gegen Vorauserlegung einer Summe, die den Betrag des stipulierten jährlichen Mietzinses erreicht haben mag, eingeräumt hatte. Das Gehöft lag einsamlich, als wie zu einem Nest der »Gottseligkeit« so recht gemacht. Nur zwei Nachbarn gab es: den Pächter des »unteren« Hofes, Christian Wirth, und den separatistischen Pfarrer Philipp Jakob Dilthey, welcher, um seiner »hitzigen Pietisterei« willen von seiner Pfarre zu Häyger im Nassauischen ausgetrieben, ein ebenfalls zu dem gräflichen Gut Sasmannshausen gehöriges »Häuslein« bewohnte und als der bemittelte Mann, der er war, dem Herrn Grafen von Witgenstein 2000 Taler vorgeschossen hatte, wie es scheint, in der Absicht, einzelne Teile des herrschaftlichen Gutes oder auch wohl das ganze in seinen Besitz zu bringen. Hier in Sasmannshausen versammelte nun die »Hofmeisterin« viele »liebe Seelen« um sich, Männlein und Weiblein, einen förmlichen Hof sozusagen, der mitunter die Zahl von 60 oder 70 Personen erreichte, und der liebselige Dienst der »Mutter Eva« hatte seinen gedeihlichen Fortgang, bis zu Ende des Jahres 1704 ein arger Ruch – die Kinder der Welt würden nicht anstehen, denselbigen Ruch einen Stank zu nennen – von Sasmannshausen ausging unter die Leute, ein bös' Geschrei über die »Buttlarsche Rotte«. Wie war es mit dieser, und wer war die »Hofmeisterin«, genannt die »Mutter Eva«? Bedauerlich zuvörderst, daß uns die Akten keine Mittel gewähren, uns von der physischen Erscheinung der »lebendigen Bibel« eine deutliche oder überhaupt nur eine Vorstellung zu bilden. Häßlich kann sie aber doch wohl nicht gewesen sein: häßliche Even pflegen nicht einen ganzen Troß von Adamen hinter sich her zu ziehen. »Sie soll nach etlicher Bekenntniß einen ganzen Catalogum von mehr als hundert Ehemännern, ohne die Ledigen, gehabt haben, mit welchen allen sie zu thun gehabt.« Th. G. III, 164. Wir werden daher, alles erwogen, kaum fehlgehen, so wir uns die Frau Hofmeisterin als ein Weib, ich will nicht sagen von großer Schönheit, aber doch von üppiger Hübschheit vorstellen. Mir persönlich ist beim Durchlesen der Akten ihrer Geschichte oft vorgekommen, als müßte sie gewesen sein, was die Franzosen » une beauté du diable « nennen: – eine jener Lüsternheit atmenden Gestalten, schlank und schmiegsam, rundschulterig und hochbusig, goldrot von Haaren, schwarzäugig, ein herausforderndes Stumpfnäschen über dem etwas großen Mund mit seinen sinnlich frischen und feuchten Lippen, item Grübchen auf Wangen und Kinn. Was die moralische oder, genauer gesprochen, die unmoralische Erscheinung der Dame betrifft, so sind die Akten hierüber weniger zurückhaltend. Wir wollen uns aber vorderhand nicht mit ihrer Moral oder Unmoral, sondern nur mit ihren Personalien abgeben. Am 27. September von 1703 richtete der Herr Jean de Besias, fürstlich sächsischer Pagen-Hofmeister, an »Ihro Durchlauchtigkeit zu Eisenach« ein Ehescheidungsbegehren, welches also anhob: »Es ist leider! ohne weitleuftiges Anführen land-kundig, wasgestalt mein Ehe-Weib Eva Margaretha, gebohrene von Buttlar, nun unterschiedene Jahre ihrer ehelichen Pflicht gegen mich ganz vergessen« – und nach Herzählung der einzelnen Beschwerden des armen Ehemannes mit diesen Worten schloß: »Daher implorire Ew. Hoch-Fürstl. Durchlaucht unterthänigst um die Ehescheidung und daß mir wegen meiner zumahl öfters baufälligen Leibes-Constitution gnädigst erlaubet werden möge, mich anderweit Christlich zu verheyrathen.« Th. G. III, 221. Neben diese Äußerung des baufälligen Pagenhofmeisters, der ein geborener Franzos, vielleicht der Sprößling französischer Réfugiés gewesen sein mag, stellen wir etliche Sätze aus der Verteidigungsschrift, welche später der Wetzlarer Anwalt Dr. Bergenius, ein schwärmerischer Verehrer der »lebendigen Bibel«, für diese beim Reichskammergerichte einreichte. Der genannte Doktor der Rechte, mit welchem die Hofmeisterin bald nach ihrem im März von 1702 bewerkstelligten Entweichen aus Gattenhaus und Heimat bekannt und vertraut geworden sein muß, maßen sie ihn von Wetzlar nach Eisenach schickte, um ihre dortigen Angelegenheiten zu ordnen, ließ sich in dem erwähnten Schriftstück also vernehmen: »Es ist auswärts benannte Frau von Buttlar als das einzige in ihrer Eltern hohem Alter erzielte Kind in aller Frömmigkeit und Adeligem Hochmuth erzogen und nach des Herrn Vaters frühzeitigem Ableben in ihrem 15. Jahr des Alters, mit nicht gar genehmen Willen der annoch lebenden Mutter, an einen Fürstl. Sächsischen Pagen -Hoffmeister verheyrathet worden. Die sonderbahre Gnade des Grund-gütigen Gottes aber hat sie auf allerhand Art von innen und von außen mit vielem Creutz und Trübsal heimgesucht, bis sie dadurch vor Gott die Nichtigkeit ihres eingebildeten Standes und bisherigen Hoff-Lebens annebenst verschiedene Mißbräuche des dasigen Kirchenwesens, sonderlich beym Beicht- und Abendmahl-Gehen, mit sehr empfindlicher Wehmüthigkeit eingesehen, dahero zu gehorsamer Folge ihres Heylandes Christi sie den üppigen Kleider-Pracht ab- und geringere erbare Tracht angeleget, auch vor aller Welt-eitlen Gesellschaft einen Widerwillen bekommen, hingegen ihre Erbauung mit gleichgesinnten Christlichen Seelen gesucht, worüber dann erstlich die Verachtung bei Hofe und nachgehends die spöttliche Nachrede des gemeinen Pöbels erfolget.« Schade nur, daß sich die Sachen etwas anders verhielten. Daß das junge, kaum fünfzehnjährige, hübsche, von väterlicher Seite her vermögliche, als einziges Kind ihrer Eltern, wie bestimmt zu vermuten ist, gehörig verzogene Ding von Evchen in der Ehe mit dem baufälligen »Pagen-, Hoff- und Tantz-Meister« de Vesias kein Glück und kein Behagen gefunden, ist begreiflich; daß sie aber zunächst nicht nach dem Heiland als nach einem Tröster sich umgesehen, steht fest. Es war da nämlich ein junger Lateinschüler, Johann Georg Appenfeller – (in den Akten auch Appenfelder geschrieben) – welcher, von gleichem Alter mit Eva oder sogar ein Paar Jährchen jünger als sie, zu Eisenach mit ihr im selben Hause wohnte und ihr herzlich befreundet wurde. Der gute Sancho Pansa als der große Liebhaber von Sprichwörtern, der er war, würde sagen: »Jung und jung gesellt sich gern« – und »Gelegenheit macht Diebe«. Ich meinesteils sage nur: Es ist nicht erwiesen, daß die beiden jungen Leute schon dazumalen gegen das sechste Verbot sich vergangen haben; wohl aber, daß Eva später nicht ohne den Appenfeller sein und leben mochte. Was ihn betrifft, so hat er seine Lateinstudien in Gotha fortgesetzt und an diesem Orte ist er zuerst in die Konventikelei verstrickt worden. Dann studierte er zu Jena und Wittenberg Medizin, war ein gefürchteter Renommist, »zerhauen und zerstochen«, tat sich auch als »Poete« auf und führte als solcher den Namen Leander. Er hatte seine Medizin absolviert und hielt sich in der Nähe von Eisenach bei einem Verwandten auf zur Zeit, als der Doktor Bergenius mit seinem Schreiber Ichtershausen in Geschäften Evas in genannter Stadt weilte. Der Doktor lud nun im Auftrag und Namen seiner Klientin den jungen Mann nach Sasmannshausen ein, und zwar in ebenso dringender als geheimnisvoller Weise. Denn »es könnte das Werk Gottes nicht ehe vollzogen und recht offenbahret werden, biß der Student herbey käme; er müßte herbey und sollte er auch in Stücken herbey kommen; er wäre einmal dazu beruffen, das müßte geschehen«. Th. G. III. 439-41. Solcher Beschwörung vermochte sogar ein zerhauener und zerstochener Jenenser Renommist nicht zu widerstehen. Der dienstbeflissene Doktor verschaffte ihm ein Pferd, gab auch das Reisegeld her, und so machte sich denn Jung-Leander dahin auf den Weg, von woher ihm mysterienhafte Ehren winkten. Wir lassen ihn reiten und bleiben noch eine kleine Weile in Eisenach, um die Bekanntschaft eines sicheren Justus Gottfried Winter zu machen, von welchem wir wissen, daß er so um 1677 herum zu Merseburg geboren und sodann als eifriger Jünger von zwei pietistischen Hauptpropheten, des Ernst Christoph Hochmann von Hochenau und des Doktor Horch, nach glücklich bewerkstelligtem »Durchbruch« zur Gnade »wiedergeboren« worden. Hochmann von Hochenau ist der Verkündiger der von seinem Schüler Winter nachmals praktizierten Lehre vom Urmenschen, der Mann und Weib zugleich gewesen sei, woraus die Schlußfolgerung gezogen wurde, daß dieser Urmenschzustand wiederum herzustellen und zu diesem Ende die natürliche Bestimmung des Weibes zu verunmöglichen sei. Wie der Winter mit der Eva zuerst in Beziehung gekommen, wissen wir nicht. Aber es muß noch zur Eisenacher Zeit der Frau Hofmeisterin geschehen sein, und zwar muß schon damals die Verbindung oder – mormonisch zu sprechen – die »Versiegelung« der beiden fix und fertig geworden sein. Denn für Winter war Eva bereits die »Mutter«, wie ein von ihm an sie nach Eisenach gerichteter Brief bezeugt. Diese Epistel beginnt im Dithyrambenstil des Pietismus: »Meine Seele erhebet den Herrn und mein Geist freuet sich Gottes meines Heylandes. Der Herr hat große Dinge an mir gethan, Halleluja. Liebe Mutter« usw. nach bekannter Melodie. Th. G. III, 249. Um über die Natur und Art dieser »Mutterschaft« keinen Zweifel aufkommen zu lassen, will ich gleich einen kleinen Ausschnitt aus dem witgensteinschen Gerichtsprotokoll vom 3. Dezember 1704 anfügen. Eva erklärte auf Befragen, sie »wäre mit dem Winter verbunden in Gott, nach Leib, Seel' und Geist«. Auf die Frage, »ob solches denn kein Ehebruch sei?« erwiderte sie: »Nein. Ihr Mann (de Vesias) wäre ihr civiliter abgestorben; es wäre keine Ehe gewesen, es wäre eine Ehe vom Teufel gewesen, die mit Winter aber von Gott.« Th. G. III, 262. 4. Nach Leanders Ankunft auf dem Hofe Sasmannshausen war da auch der rechtsgelehrte Doktor Vergenius ab und zu in diesem Tabernakel der Gottseligkeit erschien, die »Buttlarsche Rotte« jetzo daselbst vereinigt im Herrn. Eine ziemlich gemischte Gesellschaft, profan zu reden. Denn neben den Vertretern der theologischen, medizinischen und juristischen Fakultät, Winter, Appenfeller und Vergenius, gab es da verbummelte Schreiber wie Ichtershausen, wegen Betrugs weggejagte Schulmeister wie Reuter, gewerbsmäßige Vagabunden wie Pintner aus Bern und arbeitsscheue Handwerker wie Spillner, der Schreiner. Die adelige Damenschaft wurde repräsentiert durch die Mutter Eva selbst, sowie durch die beiden Schwestern Sidonia und Charlotte von Kalenberg, der bürgerlich- und bäuerlich-weibliche Stand durch die Bäckersfrau Dorothea Kronemus und die beiden Mägde Anna Mannus und Martha Hartmann. Bei so vielseitigen Kräften konnte nun ernstlich daran gedacht werden, das »Werk Gottes« zu tun. Was war das für ein Werk? Torheit und Affenschande. Größenwahnsinnige Phantasterein und wüste Sinnlichkeit brodelten da mitsammen in dem Hexenkessel der Sektiererei. Der daraus aufsteigende Qualm ballte sich zu Gestalten und Gruppen, deren Umrisse traumhaft wechselten. Da erschien das Gebilde einer absonderlichen Dreieinigkeit, in welcher Winter den »Vater«, Eva die »Mutter«, Appenfeller-Leander den »Bruder« vorstellte. Dann wieder handelte es sich um die Herstellung des sündenlosen mannweiblichen »Urmenschen«. Der neue Adam war Winter. »Sollte aber der neue Adam solches Werk (Schaffung des Urmenschen) verrichten, so mußte er auch eine neue Evam haben, und eine solche neue Eva und Mutter aller Lebendigen war sie, die Hofmeisterin. Durch den neuen Adam und die neue Eva sollte alles, was durch den alten Adam und die alte Eva verloren worden, wiederum restituiret werden.« Th. G. III, 310–12 Soweit konnte der Unsinn noch für harmlos gelten. Weiterhin aber verfiel er ins Babylonische und Frevelhafte. Die neue Eva spielte, um die Männer zur Rückkehr in den Urstand zu befähigen, sozusagen die Göttin Baaltis oder Mylitta. Sie war die Buhlerin von allen, um »als himmlisch berufenes Werkzeug die böse Lust in ihnen zu tödten«. Das wäre – so steht in den Akten – »der Weg der Reinigung« und sie, die Mutter Eva, »wäre der Teich Bethesda, worinnen sich alle baden müßten, welche da wollten seelig werden«. Der neue Adam seinerseits hatte die Mission und kam derselben eifrig nach, mittels grausamer Verstümmelung die Weiber unfruchtbar zu machen. Th. G. III, 218, 219, 262, 263, 264, 269, 270, 272, 273, 275. Von der Verstümmelung oder »Verschneidung« behauptete die Mutter Eva in ihrem Verhör vom 12. Dezember 1704 ausdrücklich, daß dies ein »Werk Gottes und ein Geheimniß Gottes« sei, durchaus »gut und göttlich«. S. 320 Und abermals wechselte die tolle Phantasmagorie, und es erschien eine Variation der neuen Dreieinigkeit, dergestalt, daß »sonderlich sichtbahr das dreyeinige Haupt, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! der Vater sichtbahr in Wintern, der Sohn in Appenfellern, der Geist in der Eva, welche drey Personen auch sichtbahr von einander ausgingen, auch wiederum ein. Sie aber, die Hofmeisterin, ist die Thür solches Aus- und Eingangs.« Neben der Dogmatik wurde auch der Kultus berücksichtigt. »Beten, singen und der gantze privat- und öffentliche Gottesdienst muß aufhören. Tauffe, Abendmahl, Bibel-Lesen besteht alles in einem lebendigen Wesen und, mit einem Worte, in der geistfleischlichen Verbindung. Denn die lebendige Bibel ist die Hoffmeisterin.« Th. G. III, 314-16. Das »gottselige« Tun und Lassen der »lieben Seelen« in der Einsamkeit von Sasmannshausen ist aber nicht lange unbehelligt geblieben. Die Welt ist so böse und deutet die »Werke« und die »Geheimnisse« Gottes so böswillig! Auch hatten die neue »Dreyeinigkeit« und ihre Anbeter, zwei schlimme Feinde von Anfang an, und hätte die »Buttlarsche Rotte« ihr Wesen hundert Jahre später getrieben, so konnte sie mit Schillers Tell sagen: »Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, So es dem bösen Nachbar nicht gefällt.« Statt eines bösen Nachbars hatten aber die Frommen und Frömmsten von Sasmannshausen deren zwei: den Pächter Wirth und Se. Ehrwürden Dilthey, welche beide auf die Erwerbung des Gehöftes spekulierten und »spannten«. Item beide besorgten auch, die »Hoffmeisterin« mit ihren reichlichen Geldmitteln würde ihnen den Hof »vor der Nase wegkaufen«. Beide umlauerten und bespionierten nun die »Rotte« bei Tag und bei Nacht. Wirth will dabei noch in besonderem Auftrage Sr. Gnaden des Herrn Grafen von Witgenstein gehandelt haben. Jedenfalls griff er zu allerhand nicht sehr ehrlichen Praktiken, zum Löcherbohren und dergleichen mehr, um die Vorgänge im Inneren des Tabernakels auszukundschaften. Seine Aussagen über das von ihm Erlauerte und Erlauschte waren von bäuerischer Drastik und Plastik, wohl auch übertrieben und jedenfalls gehässig gefärbt. Indessen ist sein Zeugnis unbedingt glaubhafter als das des Muckers Dilthey, der offenbar aus purem Eigennutz gegen die »Rotte« vorging. »Klug wie die Schlangen,« kleidete er sein Verlangen, daß die Mutter Eva und ihr Anhang das Feld, d.h. den Hof Sasmannshausen räumen möchten, in die liebsüßchristliche Besorgnis um das Seelenheil der Rotte. Ja, er unternahm einen förmlichen Feldzug gegen den bösen Feind, um demselben die lebendige Bibel und Kompanie aus dem brüllenden Rachen zu reißen. Als Hilfevölker zu diesem Unternehmen verschrieb er sich aus Schwarzenau – einer unfern gelegenen Sektiererkolonie – eine gehörige Anzahl von »lieben Seelen«, als da waren der Rechtskonsulent Hoffmann, der Prophet Hochmann von Hochenau, der Pastor Weigel, die Pastorin Wetzel und die verwitibte Gräfin von Leiningen-Westerburg samt ihrer ledigen Schwester Anna. An der Spitze dieser Streitmacht versuchte Ehren Dilthey »nach demüthigem Gebet« die Mutter Eva und Konsorten »in Gottesnamen« dem Teufel abzuringen und auf den richtigen Weg zurückzubringen. Aber der Kreuzzug vergeckte kläglich: die Rotte hielt stand und schlug unter Anstimmung des Schlachtgesanges: »Zerfließ, mein Geist, in Jesu Blut und Wunden!« den Angriff tapfer ab. Das Gefecht wütete in Form einer heftigen Disputation, in welcher die Rotte Dilthey gegenüber der Rotte Buttlar entschieden den kürzeren zog. Leider hat der streitbare Prädikant nicht für gut gefunden, die Einzelnheiten seiner Niederlage aufzuzeichnen. Nur die eine Gefechtsszene, allwo sich der Kampf um das häkelige Objekt der Be- oder Verschneidung drehte, fand er scharf zu betonen für gut und zwar so: »Die Hoffmeisterin Eva schlug die Bibel und zwar das 5. Kapitel des Hohen Liedes auf, reichte dasselbige Herrn Hoffmann dar und mit ihrem Finger zeigete sie ihm den 4. Vers, sagende: Hier habt Ihr den Grund unserer Beschneidung!« ... Nach bewerkstelligtem Rückzug scheint Ehren Dilthey über seinen Fehlschlug erst recht erbost worden zu sein. Es war ihm jetzt ganz klar, daß »die Mutter Eva eigentlich die apokalyptische Jesabel sei, welche gutwillige Seelen zu gräulichen Sünden verführe«. Nachträgerisch, wie nur ein Pfaff es sein kann, hat er dann die im November von 1704 eingetretene Katastrophe der Rotte benutzt, um an die »Gräflichen Kommissarien« eine Angebereischrift zu richten, worin er die Mitglieder der Rotte aller möglichen Greuel bezichtigte und schließlich erklärte: »Ich vor meine Person zweifle nicht, daß die Eva und die andern, so bei ihr sind, mit dem Teuffel in einem Bund sehn, ihn anbeten und diesem bösen Geist einen Sabbath nach dem andern feyren.« Th. G, III, 282-92. 5. Wie vorhin angedeutet worden, hat im November von 1704 der gottselige Wandel der lieben Seelen von Sasmannshausen eine gewaltsame Unterbrechung erfahren. Der Herr Graf von Witgenstein war einer jener mehreren Hunderte von reichsunmittelbaren Miniatursouveränen und Duodeztyrannen, welche die hohe und niedere Gerichtsbarkeit besaßen und dieselbe häufig genug im ritterlichen, d.h. im raubritterlichen Sinne ausübten. Das Elend der Justizpflege oder, richtiger gesprochen, der Injustizpflege im damaligen Deutschen Reiche kann man sich gar nicht groß genug vorstellen. Nur das auserwählte Volk der Geduld und Fürstenfürchtigkeit konnte sich dazu hergeben, dieses und anderes Elend mehr zu ertragen. Der einzige tatsächliche Rechtsschutz, d. h. die einzige Möglichkeit, den Griffen der »Kabinettsjustiz« zu entgehen, bestand in der häufig ins Grotesk-Komische gehenden Unmacht der zahllosen kleinen Tyrannen, die Sprüche ihrer »Halsgerichte« und »Malefizgerichte« in Vollzug zu setzen. Der Beherrscher des Reiches Witgenstein hatte schon lange lüstern die Ohren gespitzt, in welche der Pächter Wirth allerhand Verführerisches zu raunen wußte von dem großen Geld und Gut, so die Buttlarsche Rotte zu Sasmannshausen besäße. Gut, dachte Serenissimus, da ließe sich ja ein prächtiger Fang machen und noch dazu aus gebieterischer Pflicht. Bin ich nicht summus episcopus meines Landes? Freilich bin ich das. Und liegt mir als solchem nicht ob, über die Reinheit der orthodoxen Lehre zu wachen und Häresie und Blasphemie gebührend zu strafen? Allerdings. Was folgt daraus? Daß über die Sasmannshäuser komme, was Rechtens. Fast scheint von solchem Selbstgespräch und Entschluß Sr. Gräflichen Gnaden etwas nach Sasmannshausen hinüber ruchbar geworden zu sein. Denn mit einmal kam es der Mutter Eva in dem Neste der Gottseligkeit nicht mehr ganz geheuer vor, und sie war gerade im Begriffe, mit Appenfeller-Leander nach Wetzlar abzureisen, um »etliche von den besten Sachen in Verwahrung zu bringen«, als das Verhängnis auf die Rotte fiel und zwar in Gestalt des »Land-Schultzen Bilgen, welcher uns den Arrest im Namen des Grafen von Witgenstein ankündigte, allwo ich« – setzt der Erzähler dieses Auftrittes, der zerhauene und zerstochene Leander hinzu – »sechszehn Wochen lang mit arretiret war, nicht wissend warum«. Th. G III, 442. Die ganze Sippschaft wurde in Laasphe eingetürmt, und nun hob eine Prozedur an, welche in ihrer Art nicht weniger skandalhaft war als die Sasmannshauser Gottseligkeit in der ihrigen. Das erste und eiligste, was die Witgensteinsche Justitia tat, war, daß sie auf die Habe der Verhafteten zu Sasmannshausen eine räuberische Hand legte. Die Beute war recht ansehnlich: bares Geld, Silbergeschirr, feines Mobiliar, ein hübscher Vorrat an Weißzeug und Kleidern erfreuten das Herz des raubritterlichen Gerichtsherrn. Um aber ein »rechtskräftiges« Urteil vorzubereiten, welches den Raub in Konfiskation verwandelte, ernannte der Herr Graf den ganz bildungslosen Landschulzen Bilgen, einen zweiten beliebigen Kaffer und einen blutjungen Kanzlisten zu Untersuchungskommissarien, welche in formlosester, ja geradezu brutal-gemeiner Weise die Verhöre der Verhafteten führten. Vergebens bot der evagläubige Dr. Vergenius von Wetzlar her alle Ränke und Schwänke seiner weitschichtigen Rechtsgelehrsamkeit zugunsten der »Mutter« und ihrer Kinder auf, vergebens berief er sich feierlich auf die »Reichskonstitutionen« und auf »Kaiser Karoli peinliche Halsgerichtsordnung«, das tumultuarisch zusammengebrachte Aktenmaterial bot dem gräflichen Fiskal genug und übergenug Stoff zur Formulierung einer peinlichen Anklage, auf Grund welcher auf dem Rathause von Laasphe das peinliche Halsgericht ganz formlos gehegt wurde. Der redliche Thomasius hat über das ganze Verfahren einen scharfen Tadel ausgesprochen. Th. G. III, 525 f. Zur Urteilsfällung ist es jedoch nicht gekommen, weil die Angeklagten für gut fanden, der gräflich witgensteinschen Justiz mittels der Flucht sich zu entziehen und lieber ihr Hab und Gut als ihr Leben in den Händen derselben zu lassen. Es war ihnen gelungen, miteinander in Verbindung und Verabredung zu treten, und in der Nacht vom 15. auf den 16. März 1705 bewerkstelligten sie, »ermutigt durch einen leuchtenden Blitz«, ihre Entweichung aus dem Gefängnis zu Laasphe und aus dem Reiche Wittgenstein. Der Selbstherrscher aller Witgensteiner konnte sich zu diesem Ausgang des Handels nur beglückwünschen. Die Beute hatte und behielt er ja. Die gräfliche Regierung aber gab das Geschehene kund in Form eines Schreibens, welches sie am 31. März 1705 an die fürstlich-sächsische zu Eisenach richtete, und zwar als Antwort auf eine Zuschrift, welche ihr in Sachen der de Vesiasschen Scheidungsklage von dort zugegangen war. Nachdem in diesem witgensteinschen Aktenstücke nach allen Regeln des Kurialstils des Breitesten dargelegt war, warum und wasmaßen gegen die »Hoffmeisterin« eine Kriminalprozedur angestrengt worden, hieß es zum Schlusse: »Da aber beklagtinne diese böse Eva vermercket, daß der Process ein böses Ende mit ihr nehmen würde, hat sie sich durch Helffers-Helffer den 16. hujus zu Nachts, nachdem sie der Wacht einen Schlaftrunck beygebracht, mit der Flucht salviret, und ob man schon dieselbe bis ins Hessen-Darmstädtische nach Biedenkopf verfolget, daselbsten noch attrapiret und wieder in Verhaft bringen lassen, hat dieselbe nach ein paar Tagen, so sie daselbst gesessen, sich ebenfalls loß practisiret und also echappiret .« Th. G. III, 261 Die Entwichenen hatten übrigens bei einem Notar zu Biedenkopf einen vom 21. März datierten Protest hinterlegt, in welchem Schriftstück sie über das Vorgehen des gräflich witgensteinschen Halsgerichtes sich beschwerten und an ein höheres kompetentes Gericht appellierten. Das peinliche Halsgericht von Laasphe verweigerte aber die Annahme dieses Protestes und ließ am 27. Mai hinter den Flüchtlingen her jene Zitation ergehen, welche am Eingange dieser wunderlichen Historie zu lesen war. Die Ladung blieb erfolglos. Denn die Entwichenen hatten sich voneinander getrennt, um der Verfolgung leichter zu entgehen. Nur Eva und Leander blieben auf der Flucht beisammen, doch ist zu vermuten, daß bei der Trennung die nötigen Abreden mit Winter und den übrigen Rottierern getroffen worden seien, um zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem passenden Orte wieder zusammenzutreffen. Die Geldmittel waren der »Mutter« auch jetzt nicht ausgegangen, oder vielmehr sie befand sich nach der raubritterlichen Großtat des Witgensteiners bald wieder im Besitze dessen, was nicht allein in Kriegs- und Staats-, sondern auch in Glaubenssachen der »nervus rerum« allzeit war, ist und sein wird. Wahrscheinlich ist die »liebe Seele« von Doktor Bergenius zu Wetzlar Evas Vermögensverwalter und Schatzmeister gewesen. Dahin, nach Wetzlar, zu dem allzeit hilfebereiten Beiständer hatte sich Mutter Eva mit dem getreuen Leander auf Fluchtwegen gerettet. Der Versuch, daselbst ein neues »Nest der Gottseligkeit« zu bauen, muß jedoch auf Hindernisse gestoßen sein; denn wir finden die lebendige Bibel samt dem Zerhauenen und Zerstochenen bald darauf in Mainz und Köln, ohne daß uns die Akten über die näheren Umstände dieser Wanderfahrt Aufschluß geben. Es kommt daher, sozusagen, wie ein plötzlicher Schuß aus einem Pistol, wenn wir erfahren, daß Eva und Leander zu Köln feierlich in den alleinseligmachenden Schoß der heiligen römisch-katholischen Kirche sich aufnehmen ließen. Zur Motivierung dieser Überraschung wird uns nur der flüchtige Wink, daß allbereits während der Eintürmung im Reiche Witgenstein die Sehnsucht nach besagtem alleinseligmachenden Schoß in dem frommen Paare sich geregt hätte. Möglich, sehr möglich, daß zu dieser geschwinden Bekehrung die Erwägung etzliches beigetragen hat, in der »großen Pfaffengasse« der Rheinlande lebte und wanderte es sich sicherer, so man statt zum Papst von Wittenberg zum Papst von Rom hielte. Zu Köln treffen wir plötzlich auch die uralte Mutter Evas, Ursula Maria von Buttlar, welche von ihrer Tochter aus Thüringen herbeizitiert und vermocht wurde, ihren 88 Jahre alten lutherischen Glauben auch noch mit dem römischen zu vertauschen. Wahrscheinlich war bei der kindischen Greisin noch etwas zu holen – ich meine etwas von dem vorhin erwähnten »nervus«. Im Sommer von 1705 trank Leander den Pyrmonter Brunnen und verspürte Neigung, Mönch zu werden. Das paßte aber der »Mutter« nicht. Auch »Vater« Winter winkte heftig ab, und nun folgte ein neuer Aufzug in diesem seltsamen Mysterienspiel. Denn am 1. September schrieb Leander von Rechtenbach im Nassauischen aus an Winter, um diesem seinem »herzwerthgeschätzten » Papagen «, seinem »Hertzen- Abba « anzuzeigen, daß er im Begriffe sei, nach erlangter Einwilligung der »Großmutter« in aller Form mit der »Mutter« Hochzeit zu machen. Der alte Jenenser Renommist regte sich in dem glücklichen Bräutigam, als er seinen Brief mit den Worten schloß: »Wir wollen auf der Hochzeit eure Gesundheit aus dem großen Glas wacker herumtrinken; ihr werdet es schon fühlen ... Mon père, vôtre serviteur très obéissant et très humble. J. A. Leander . Lass' deine Liebe von deinem kleinen Würmgen nicht weichen!« In der Tat, »Papagen« Winter ließ seine Liebe nicht von seinem »kleinem Würmgen« weichen. Wenige Tage nach der Hochzeit Leanders und Evas, welche zu Hallenberg in Westfalen vor sich gegangen, traf die vom 9. September datierte Antwort des »Vaters« an den »Sohn« ein, also anhebend: »Jesu, mein ein und alles, o Jesu! Mein Hertzens-Schatz, was hat dich doch bewogen, mir armem Sündenwurm ein so hohes und teures Kleinod, eure allerliebste Hertzen in eins zu schencken, das Leben meiner Seele und Ruhe meines Hertzens in dir allein, o Jesu! meines Hertzens-Schatz und Bräutigam finde ich Ruhe und Frieden in mir.« So geht es lange, lange weiter. Dann kommt eine Stelle, welche eine neue Entwickelungsphase dieser absonderlichen Historie einleitete. »Vater« Winter schrieb nämlich: »Mein Hertzgen, siehe, deine Mutter (Eva) und ich, wir übergeben dir alles, was wir haben; du solst Haupt und Herr sein über die Gemeinde, ein Erlöser und Heyland derselben.« Th. G. III, 389-44. Ja, das war der Trompetenstoß, welcher ankündigte, daß der Hauptakt unserer Komödie des Größenwahns in Szene gehen werde, ein Akt, in dessen Verlauf der delirierende Aberwitz in faselnden Blödsinn überging. 6. Zu Ende Novembers von 1705 war die »Gemeinde« der Mutter Eva wiederum beisammen, und zwar zu Lügde, unweit Pyrmont, im Gebiete des Bischofs von Paderborn – zusammen zwanzig Männlein und Weiblein. Auch Doktor Vergenius war da, maßen er seine Praxis von Wetzlar nach Lügde verlegt hatte. Wie es scheint, hausete die gesamte Evaitenschaft unter einem und demselben Dache. Jedenfalls lebten die »lieben Seelen« in vollständiger Gütergemeinschaft. Dafür liegt ein bestimmtes Zeugnis vor in der Angabe Ichtershausens vom 6, April 1706: » Quoad Bonorum communionem weiß ich, daß ein jedes hat beygetragen, was es gehabt, darum weil keines das andere hat verlassen wollen.« Th. G, III, 435. »Vater« Winter hatte als »Priester der Gemeinschaft« ein neues »Bundeszeichen« mitgebracht, mittels dessen Annahme durch die Mitglieder der Gemeinde das »Neue himmlische Reich« begründet wurde, und bestund selbiges Bundeszeichen darin, daß man den Männlein den Bart und den Weiblein das Haupthaar verschnitt. Bis ihnen höhere Ehren und Titel zuteil wurden, hieß Mutter Eva schlechtweg »Unsere liebe Frau« und Sohn Leander schlichtweg »Unser Herr«. Am 13. Dezember ließen »unsere liebe Frau« und »unser Herr«, mitsammen verschiedene Edikte ausgehen, welche anhoben mit der Formel: »Wir von Gottes Gnaden entbieten unsere Liebe und Gnade zuvor« – und die Aufrichtung einer neuen Haus-, Kirchen-, Staats- und Rechtsordnung bezweckten. Im ernsthaftesten, regelrichtigsten Kanzleistil von damals wurden sodann verschiedenen Mitgliedern der Gemeinde allerhand Ämter und Würden verliehen. Also ist Doktor Vergenius zum Reichsgerichtsdirektor, Ichtershausen zum Reichsfiskal, der Exgerber Scheibenhenne zum Senior der Hauskirche, das Fräulein Charlotte von Kalenberg zur Hofmeisterin und zum »Vorbild der Gottesfurcht« ernannt worden. Auch eine Art Strafgesetzbuch wurde verfaßt und verkündigt und nach den Vorschriften desselben insbesondere die Magd Christina Koch für allerlei burleske, aber nicht beschreibliche Verfehlungen in Pön und Buße genommen. Th. G. III, 352-63. Das alles war jedoch Kinderspiel, verglichen mit den Haupt- und Staatsaktionen von Narrheit, welche mit dem Jahre 1706 begannen. Der Größenwahn fing an, sich um sich selbst zu drehen wie ein Kreisel und die tollsten Purzelbäume zu schlagen. Am 2. Januar wurde in festlicher Versammlung der ganzen Rotte unter dem Vorsitze von Doktor Vergenius »unser Herr« Leander als »neu erwählter König« vorgestellt und geweiht. Vater Winter hielt die Weiherede, bei deren Schluß die untertänige Huldigung stattfand. Nach diesem » Actus Institutionis Novi Regni « folgte eine »feierliche Mahlzeit, Gesundheitstrinken und ein Freudentänzchen«. Th. G. III, 379–84. Der »Reichsfiskal« Ichtershausen, welcher sich rühmte, die ganze Bibel – die papierene nämlich, nicht die »lebendige« – aus dem Hebräischen ins Lateinische übersetzt zu haben, konnte sich des Bedenkens nicht entschlagen, ob die Einsetzung des »Königs« ohne ausdrückliche Zustimmung und Mitwirkung der »Mutter«, der »höchsten Weisheit«, rechtskräftig habe vor sich gehen können. In einem Schreiben, das er am 7. Januar an Se. Königliche Majestät Leander den Ersten richtete und welches anhob: »Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster und Unüberwindlichster König und Herr!« artikulierte er in 26 Fragen seine Zweifel, deren gewichtigster dieser, ob es nicht Gottes unwürdig, einen König zu kreiren, ohne demselben zugleich auch ein Reich zu geben. »Hertzen-Abba« Winter scheint die Fragwürdigkeit dieser Frage anerkannt zu haben, denn er gab den Orakelspruch von sich: »Das zeitliche Reich anlangend, so werden sich in kurtzem grosse Fürsten und Herren zu uns schlagen und alsdann wird das weltliche Reich offenbahret werden.« Th. G. III, 398 f., 449. Winter, der sich jetzt zum vollen Gottvatersbewußtsein hinaufgeschwindelt hatte, mag aber doch die Zweifelsucht und den Fragedrang Ichtershausens etwas unbequem gefunden haben. In seiner Allweisheit beschloß er, es mit dem Fragesteller zu machen, wie es die moderne Staatskunst mit unbequemen Publizisten und Kammerrednern macht, indem sie dieselben mit Titeln und Orden kauft oder, falls sie um das nicht feil sind, mit Eisenbahn- und Bankkonzessionen geschweigt oder wohl gar auch am Regimente beteiligt. Der Herr »Reichsfiskal« machte eine noch ganz andere Karriere, wie wir sofort sehen werden. Denn schon etliche Wochen später, am 8. Februar von 1706 barst der Größenwahn zu Lügde in seinen Paroxysmus aus: die förmliche Vergottung Evas, Winters und Ichtershausens ging vor sich. Th. G. III, 405–15. Andächtig-feierliche Versammlung der Gemeinde. Ein Altar ist aufgebaut, auf welchem Lichter von himmelblauer Farbe brennen. Zwischen denselben liegt eine bischöfliche Insul aus blauem Seidenpapier. Sonne, Mond und Sterne, aus Goldpapier geschnitten, sind darauf befestigt. Doktor Vergenius, dem seiner eigenen Aussage zufolge »alle diese Dinge gar nicht seltsam vorkamen«, Th. G. III. 442. hat die bezüglichen Urkunden aufgesetzt und hält dieselben zum Vorlesen bereit. Den Anfang macht die Inthronisierung Winters als Gottvater, Mutter Eva tritt vor und nimmt die Insul vom Altar. Winter kniet vor dem Gottsohn und König Leander, der ihm die eingeseifte Glatze rasiert und ihn dadurch »zum Priester weiht«. Eva überreicht ihrem königlichen Gemahl die Bischofsmütze, womit Leander den Gottvater »krönt«. Hierauf huldigender Kniefall der ganzen Gemeinde vor der obersten göttlichen Majestät. »Reichsgerichtsdirektor« Vergenius verliest die schriftliche Beurkundung. Folgt nun die »Offenbarung und Verklärung« Ichtershausens als Gott-Heiliger-Geist. Doktor Vergenius verliest die betreffende Urkunde. Dann kommt die tollste Szene des ganzen unerhörten Aktus, die » Consecratio « der Mutter Eva als » Sophia «. Der »Gottvater« stellt sich vor den Altar. Eva, »roth gekleidet und in ihren Haaren mit bloßem Haupt«, tritt vor ihn hin, zu ihrer Rechten den »Gottsohn«, zu ihrer Linken den »Heiligen Geist«. Rauchwerk wird vor »Unserer lieben Frau« angezündet. Alsdann legen der Vater, der Sohn und der Geist allzumalen ihre Hände auf Evas Haupt und »konsekrirt« sie der Vater mit diesen Worten: »Amen, Amen. Du bist meine liebe Tochter, die Ewige Weisheit, das Himmlische Jerusalem, das vom Himmel zu uns herabgekommen. Du bist die Mutter der Drey-Einheit. Du bist das Leben und das Band der Drey-Einheit. Du bist das Centrum und die wahre Glückseligkeit der Drey-Einheit. Du bist das Eins des Vaters und des Sohnes. Du bist meine Tochter und Vertraute und eine Mutter aller Gläubigen. Du bist eine Mutter und Gespons des Sohns und eine Frau des Hauses Gottes. Du bist eine Schwester und Verlobte des Heiligen Geistes und eine Fürsprecherin der Gemeinde. Du bist der Anfang und die Wiederbringung aller Kreaturen. Du bist eine Beschließerin und Auswirkerin des Willens Gottes. Ich sehe dich ein zur Mithelferin der Heiligen Drey-Einigkeit. Ich setze dich ein zur Aufseherin des Priestertums, zur Führerin des großen Gerichts, zur Regiererin der Gemeinde und zur Heerführerin des Volkes Gottes. Ich setze dich ein zur Herrscherin der Erden und zur Mutter aller Kreaturen.« Th. G. III, 411. Jetzo verliest Doktor Vergenius kniend die Eidesformel, kraft welcher die »Ewige Weisheit« schwur, »das Eins in dem Drei zu bewahren und der Gemeinde Bestes zu fördern.« Endlich Waschung und Salbung der neuen Göttin, welcher eine aus Lorbeer und Rosmarin geflochtene, mit Silberzindelsternen geschmückte Krone aufgesetzt wird, worauf ihr sämtliche Versammelte mit Kniebeugung und Handkuß huldigen.... Ein Bankett beschloß den Tag des Heils und an einem »Freudentänzchen« wird es wohl auch diesmal nicht gefehlt haben. 7. Aber alles muß sein Ende haben, auch die Narrheit, und wenn der Phantasterei nicht von selber der Atem ausgeht, so muß man ihr denselben ausblasen. Nicht alle Narren kann man frei herumlaufen lassen, und im Jahre 1706, also vor 170 Jahren, mußte es als eine verbrecherische Narrheit, ja als der Gipfel der Ruchlosigkeit erscheinen, die göttliche Dreieinigkeit mitsamt der himmlischen Sophia vorstellen zu wollen. Wenn man erwägt, daß dieser Größenwahn auf einem bischöflichen Gebiete sich breit machte, in einer Gegend, welche noch heute zu den verpfafftesten in Europa gehört, und ferner, wie dazumal noch und bis über die Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts hinaus die Ketzer- und Hexengerichte in katholischen und lutherischen Reichslanden wirtschafteten und wüteten, so muß man sich höchlich verwundern über die verhältnismäßige, ja fast beispiellose Milde, womit die »Buttlarsche Rotte« nach ihrer Einziehung durch das bischöflich-paderbornsche Halsgericht behandelt wurde. Es bleibt keine andere Annahme als die, daß der Bischof von Paderborn, Franz Arnold Joseph Wolf, einer jener im achtzehnten Jahrhundert da und dort in Deutschland vorgekommenen katholischen Prälaten gewesen sei, welche von dem durch die Zeit gehenden Hauch der Aufklärung und Humanität mehr oder weniger kräftig angeweht waren. Unsere am Abend vom 8. Februar 1706 zu Lügde bankettierende gottselige Sippschaft hatte sicherlich keine Ahnung, daß sie aus der wolkenkuckucksheimer Höhe ihres Größenwahns so bald in die gemeine Wirklichkeit eines Gefängnisses herabfallen würde. Die Menschen, solange es ihnen wohlgeht, hüten sich ja überall und allzeit, zu bedenken, daß im Liederbuch des Weisen von Schiras geschrieben steht: »Beim Bankett des Lebens leere Einen Becher oder zwei; Aber nimmermehr begehre, Daß dein Glück beständig sei!« Ja, ja, es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, und daß der menschliche Größenwahn immer wieder die gebührende Ohrfeige bekomme. Die Ohrfeigung erfolgt in allerlei Formen und nimmt mitunter absonderliche Gestalten an. So erschien sie z.B. beim personifizierten Kathederdünkelwahn, beim Hegel, der in seinem schrecklichen Jargon gekauderwelscht hatte, daß Gott im Menschen im allgemeinen und in ihm, Hegel, im besonderen seiner selbst bewußt geworden, in Gestalt einer unverdaulichen Wurst, an welcher der Mensch-Gott kläglich verstorben ist. Auf die »Ewige Weisheit« und die »Göttliche Dreieinigkeit« vom 8. Februar 1706 dagegen fiel die Ohrfeige in Gestalt des bischöflich paderbornschen Büttelmeisters, welcher mit seiner Mannschaft am 22. Februar in Lügde erschien, die ganze Evaitenschaft, mit Ausnahme des Doktor Vergenius, verhaftete und die zwanzig festgemachten Männer und Weiber in die Gefängnisse des Schlosses Dringenberg abführte, allwo ihnen »wegen Blasphemie« der Prozeß gemacht wurde. Man muß dem bischöflichen Halsgerichte nachrühmen, daß es viel ordentlicher verfuhr, als das gräflich-witgensteinsche Verfahren war. Die Rechtsformen, wie sie die »Karolina« vorschrieb, wurden eingehalten, kamen jedoch in betreff der Urteilsschöpfung keineswegs in ihrer ganzen Strenge in Anwendung. Sonst wäre ja der Mutter Eva, dem Winter, dem Leander und dem Ichtershausen der Feuertod sicher gewesen. Der Bischof und seine Richter scheinen durchgefühlt zu haben, daß sie es doch eigentlich mehr mit Narren als mit Verbrechern zu tun hätten. Die Nebenpersonen der Größenwahnkomödie benahmen sich in der Untersuchung so kindisch, daß ihre blödsinnige Harmlosigkeit am Tage lag. Von den Hauptpersonen suchten etliche zu leugnen, bis die aufgefundenen Urkunden des » Actus blaphemiae « ihnen vorgelegt wurden oder, wie am 26. März gegen Winter und Ichtershausen, etliche » gradus torturae « (Hand- und Beinschrauben, Aufziehung und Geißelung) in Anwendung kamen. Bald ließen sich alle zu offenen Geständnissen herbei. Leander und die »Leanderinne«, wie Eva in den paderbornschen Akten mitunter heißt, wurden gar nicht »torquiret«. Leander gestand alles. Auch Eva legte hinsichtlich der blasphemischen Machenschaften vom 2. Januar und vom 8. Februar ein offenes Bekenntnis ab. Nur behauptete sie, daß sie sich ihrer Erhöhung und Krönung zur »Ewigen Weisheit«, zur Herrscherin des Himmels und der Erde vierzehn Tage lang widersetzt hätte. Ihr unsittliches Verhältnis zu Winter gab sie ausdrücklich zu. Hinsichtlich der ihrer Sekte schuld gegebenen Unzuchtsgreuel erklärte sie, daß »gestalten die Pietisten geistliche Vereinigungen haben wollten, und daß diejenigen, deren Sinn am meisten übereinkäme, vereinigt werden müßten und weil solches gemeiniglich unter zweyerley Geschlechts-Personen geschähe, wäre es mehrentheils – zur Fleischlichkeit ausgeschlagen«. Th. G. III. 430, 456, 457. Ichtershausen seinerseits bekannte, daß »darin vor 3 – 4 Jahren allerdings viel passiret«, daß jedoch, »als wir Vater und Mutter annahmen, dieser Punkt cessirte«. Th. G. III, 435. Die ganze Bande stellte sich übrigens sehr reumütig an, und die Hauptpersonen wußten mittels gutgespielter Zerknirschung die einflußreiche Fürbitte des Jesuitenpaters Herde bei Sr. Bischöflichen Gnaden zu gewinnen. Freilich hinderte diese Zerknirschung namentlich die schlaue und kühne Mutter Eva nicht, allerlei Anschläge zur Ausfindigmachung von Fluchtwegen auszuhecken, worauf sie um so weniger verzichtete, als ihr auch in der Gefangenschaft die Geldmittel nicht fehlten und sie demnach dem Wächterpersonal reichliche Branntweinspenden zufließen lassen konnte. Am 15. und am 21. Mai wurden die Urteile gefällt. Von dem Doktor Vergenius verlautete dabei gar nichts. Die Nebenpersonen des großen Narrenspiels kamen alle mit Verweisung aus dem Hochstifte weg, Winter war zum Tode durch das Schwert verurteilt, allein die Todessentenz wurde in die Strafe der Stäupung verwandelt. Über Eva, Leander und Ichtershausen war Staupenschlag und Landesverweisung verhängt »wegen verübter gotteslästerlicher Thaten und geführten bösen Wandels«. Nun ist es aber sehr fraglich, ob Eva, Winter, Leander und Ichtershausen den Staupenschlag wirklich erhalten haben. Aktenmäßig wird darüber nichts gemeldet, wohl aber, daß die Fluchtgedanken der Mutter Eva zur Tat geworden oder, wie es in einem vom 9. November datierten Schreiben der bischöflichen Regierung an die Juristenfakultät zu Halle heißt, daß »die de Vesias ante executionem cum effractione carceris echappiret «. Th. G. III, 477. Und zwar die »Mutter«, die »Ewige Weisheit« nicht allein. Denn schon im September desselben Jahres 1706 finden wir alle Hauptpersonen unserer gottseligen Komödie wiederum beim Freunde Vergenius in Wetzlar versammelt. Recht charakteristisch für die Rechtszustände im Deutschen Reiche von damals, daß eine ganze, mehrfach verurteilte Rotte von Sündern sich gerade am Sitze des höchsten Reichsgerichtes ungestraft und unbehelligt herumtreiben konnte. Das ist jedoch die letzte bestimmte Nachricht, die wir von der Mutter Eva und den Evaiten haben. Hier in Wetzlar fiel der Vorhang des Stückes. Wir wissen nicht, wohin die gekrönte Sophia und die neue Dreieinigkeit gekommen und was aus ihnen allen geworden. Nicht einmal, ob die Rotte beisammen geblieben sei und irgendwo abermalen ein Nest der Gottseligkeit gebaut oder ob sie sich getrennt habe. Gehört hat man nichts mehr von ihr, und bald war sie gänzlich verschollen. Wahrscheinlich hatte der Größenwahn seine Kraft vertobt und verlief in stille Gehirnerweichung. So fehlt denn unserem Narrenstück von der Mutter Eva die Schlußeffektgruppe. Die Moral mag sich jeder Leser nach Gefallen daraus holen. Wenn aber einer nach Lesung dieser Historie verwundert fragen sollte: Ist denn so was möglich? so mag er freundlich bedenken, daß in neunundneunzig Fällen von hundert Immermann recht hat, wenn er seinen Zaren Peter zu dem treuen Gordon sagen läßt: »Glaub dreist das Dümmste, Tollste, Widerwärtigste! Denn das geschieht.« Erster Zwischensatz: Die tragische Geschichte von Ambrosius Gigax, dem Ordnungsfanatiker. 1. Der ehrenwerte Langalibalele, Kaffernhäuptling a.D., gab eines Tages einem englischen Missionär auf dessen Frage, was für auszeichnende Merkmale er, Langalibalele, an den Engländern wahrgenommen hätte, zur Antwort: »Augen, die alles sehen, und Hände, die alles nehmen wollen«. Diese unzweifelhaft beste Charakteristik der »hochherzigen« Briten kam mir zu Sinne, als ich, von der alten Taminabrücke her die Gasse zum Hof Ragaz heraufgehend, die schon gewohnte Schar von Neugierigen vor dem »Chalet« rechter Hand auf der Lauer stehen sah. Richtig fehlten denn auch in erster Linie nicht die langgestreckten Hälse verschiedener Traveller-Books in Hosen und die vorquellenden Glotzaugen diverser Prayer-Books in Lockenperücken. Doch muß ich sagen, daß eine erkleckliche Anzahl von Nasen, die da sind wie »der Turm auf dem Libanon, so gen Damaskus schaut«, aus der Gafferreihe hervorragten, und daß inmitten derselben, der Gafferreihe nämlich, nicht der Nasen, wenigstens ein Halbdutzend Rosen von Saron blühten, so in Wien oder Berlin gewachsen waren. Maßen nun mir, als einem altfränkischen Menschen, erlaubt sein muß, die Rose allen neumodischen Treibhausblumen zum Trotz noch immer als die Königin der Blumen zu verehren, und maßen ich fernerweit für die Rosenspezies von Saron eine allem Indogermanentum hohnsprechende Vorliebe hege, so mischte ich mich, um die besagten Türme Davids herumlavierend, unter die mehrbesagten Rosen. Die Wahrheit zu gestehen, sie hatten jetzo kein Lächeln für mich, wie sie es doch auch schon gehabt. Wahrscheinlich sahen sie mich gar nicht, denn ihre Augen, ja und auch ihre Seelen – ich glaubte nämlich und glaube noch, daß sie solche »aus der Wissenschaft längst hinausgeworfene« Dinger besaßen – waren an das Chalet da drüben festgeleimt. Es lohnte sich aber auch der Mühe, denn unter dem Dache des kleinen Holzhauses hauste zur Stunde ein rares Trifolium: – eine weggejagte Kaiserin, die Donna Eugenia, ein weggewunkener Kardinal, der Prinz von H. Sch., und ein weggeschickter Schwiegersohn des Khedive von Ägypten, Mustapha Sadyk Pascha. Der Pascha war ein nettes Kerlchen mit einem Bäuchlein im ersten Stadium und einem verbindlichen Lächeln. Die ungeschriebene Badchronik erzählte, der gute Türke langweilte sich wie der letzte der Möpse und fände die sämtlichen anwesenden Damen zu schlank. »Zu schlank?« rief Herr S., der Beherrscher von Ragaz, erschrocken aus – »und doch haben wir im Quellenhof eine Französin, welche sich nur seitlings zur Türe des Speisesaals hineinzwängen kann, und eine Mecklenburgerin, unter welcher schon drei Bettgestelle zusammengebrochen sind.« Der Herr Kardinal war leidend und ging an Krückstöcken. Kein Wunder also, daß er mit der rückwärts die Jahrhunderte, bis etwa zum elften, hinaufstürmenden Kirche nicht mehr recht hatte Schritt halten können. Was die Kaiserin anging, so war sie eben nur noch eine gemalte, und zwar eine mit dick aufgetragenen Farben gemalte. Die Badchronik sagte ihr nach, sie sei vor etlichen Tagen über einen ihr begegnenden Herrn aus Berlin, welcher dem verflossenen Verhuell wirklich täuschend ähnelte, so erschrocken, daß ihr ein Stück gemalter Wange abgefallen. Verhuellius Naso redivivus dagegen behauptete, vom Erschrecken habe er nichts bemerkt, wohl aber hätte die Donna eine Bewegung gemacht, als wollte sie dem Doppelgänger ihres höchstseligen Gemahls um den Hals fallen. Was mich angeht, so muß ich gestehen, daß mich weder wirkliche noch gemalte Kaiserinnen, weder Kardinäle noch Paschas sehr interessieren. Wohl aber tat dies ein hagerer Mann, der, so er stand, ungewöhnlich lang sein mußte, ein Mann mit weißen Haaren und einem grauen Bart, vor den Augen blaue, runde Brillengläser von ungewöhnlicher Größe, darunter eine sogenannte Kartoffelnase und ein dünnlippiger, an den Winkeln sardonisch niedergekrümmter Mund, auf dem Kopfe ein Strohhut, dessen Krämpe von einer Breite, wie mir noch nie vorgekommen. Diese Figur saß auf einem Feldstuhl, hielt mit der linken Hand einen grüngefütterten Sonnenschirm über besagten Strohhut empor und lenkte mit der rechten einen kleinen Tubus, welcher an einem in die Erde gerammten Stock festgeschraubt war. Daß der Herr und Lenker dieses Tubus auf das Chalet jenseits der Straße vigilierte, brauch' ich nicht ausdrücklich zu sagen. Aber mich ergötzten die Umständlichkeit, der Apparat, der Forscherernst, womit des Mannes Neugier verfuhr. Hatte ich da einen letzten Mohikaner vor mir, eins der letzten Originale, welche in der breiten Verflachung modernster Mittelmäßigkeit und Uniformität mehr und mehr verschwinden? Wer war der Mann? Das alte liebe Nest Ragaz hat sich, nicht eben zur Freude von jedermann, zum »Weltbad« verwandelt, und man begegnet dort allsommerlich absonderlichen Figuren genug. Aber eine wie der Mann vom Feldstuhl und Tubus, der sich geschwind ein Observatorium eingerichtet hatte, ist doch auch im Ragaz von heute eine exotische Pflanze und verlohnt wohl der Mühe der Beobachtung. Schade, dacht' ich, daß der Amadeus Hoffmann nicht mehr lebt oder der Edgar Poe. Der da wäre für diesen oder jenen ein gefundener Fraß. Das mehr oder weniger zu verehrende Publikum verlor sich allgemach, da weder die weggejagte Kaiserin noch der weggewunkene Kardinal sich zu zeigen geruhte und es doch nachgerade langweilig wurde, den roten Fez des Paschas anzugaffen, welcher über der Balustrade der Veranda rechts sichtbar war. Zuletzt waren nur noch unser zwei da: der Tubusmann, welcher seine Beobachtung fortsetzte, und meine eigene liebwerte Person, welche den hartnäckigen Beobachter beobachtete. Beide erreichten wir schließlich unsern Zweck: er, indem er Madonna Eugenia und den Prinzen-Kardinal kurz nacheinander aus dem Holzhause treten sah; ich, indem ich Zeuge der geometrischen Regelrichtigkeit sein durfte, womit der Vigilator sein Observatorium abbrach. Das ging alles so gemessen, als gelte es, mit der bekannten »Harmonie der Sphären« Takt zu halten. Schon die Art seines Aufstehens zeigte den Mann, welcher nie einen Fuß vor den andern setzte, ohne daß er sich zuvor genau vergewissert hätte, wohin er träte. Als sich die lange dürre Gestalt zu ihrer vollen Höhe auseinandergeschoben hatte, galt es vor allem, klar zu sehen. Es wurde daher die Brille sachte von der Kartoffelnase genommen und wurden die großen runden blauen Gläser mit einem aus der rechten Westentasche gezogenen Lappen weichen Leders nachdrücklich abgerieben. Nachdem Lederlappen und Brille wieder an ihren Orten waren, ging es an das Geschäft des Aufräumens, ohne Hast, aber auch ohne Rast. Zunächst wurde der Tubus losgeschraubt, zusammengeschoben, mit einem großen rotseidenen Taschentuch um und über abgewischt und in eine lederne Kapsel verschlossen, welche zuvor sorgsam ausgeblasen und dann behutsam auf den Feldstuhl niedergelegt ward. Hierauf ging es an den Stock, der als Tubusgestell gedient hatte, bei näherer Bekanntschaft aber als ein wahres Wunder, ja sozusagen als ein Kompendium oder Konversationslexikon von Stock sich auswies. Offenbar war er der Stolz und die Freude seines glücklichen Besitzers. Das konnte man dem Wohlgefallen abmerken, womit er die verschiedenen Federn des komplizierten Möbels spielen ließ, um die zahlreichen Metamorphosen aufzuzeigen, welche den Stock nach und nach als ordinären Spazierstock, als ramassierten Bergstock, als Regenschirm, als Hacken, als Steinhammer, als Stilett, als Lichtschere, als Lesepult, als Korkzieher, als Trinkbecher, als Stemmeisen, als Schreibzeug und noch als sonst allerhand zum Vorschein kommen ließen. Ich würde mich zuletzt wahrhaftig nicht mehr gewundert haben, wenn sich das vexierliche Ding auch noch als Landtagsredner oder Reichstagsschweiger entpuppt hätte. Der Mann konnte mir die unverhohlenste Bewunderung und die reinste, menschenbrüderlichste Teilnahme leicht vom Gesichte lesen und sagte daher, auf seinen wieder in alltägliche Rohrgestalt gebrachten Stock deutend: »Das Resultat fünfjähriger theoretischer Studien und dreijähriger praktischer Konstruktionsversuche. Ja, mein Herr, mit Genie und Ordnung bringt man doch etzliches Ordentliche zuwege auf dieser unserer unordentlichen Erde.« Damit lehnte er den Wunderstock vorsichtig an einen Platanenstamm, schnallte die Tubuskapsel an einen breiten Riemen, welcher ihm wie ein Bandelier von der rechten Schulter herabhing, nahm den Feldstuhl auf, machte daran herum, bis derselbe zu einem winzigen Volumen zusammengeschoben und eingeklappt war, und schnallte das Ding, in welchem jetzt kein Mensch einen Stuhl hätte vermuten können, ebenfalls an den Riemen. Hierauf nahm er sein Stockkompendium zur Hand, stieß die Spitze leicht auf den Boden und sagte mit dem Vollbewußtsein wohlgetaner Arbeit: »Alles in Ordnung! Kardinal, Pascha, Exkaiserin abgemacht, in aller Ordnung.« »Heil'ge Ordnung, segensreiche!« stimmte ich bei, die Schillerglocke läutend. »Ja, mein Herr, das ist das gescheiteste Wort, welches der unsterbliche Marbacher von sich gegeben hat. Um das zu können, mußte er selber ein Mann der Ordnung sein. Und das war er auch, wie sein jetzo gedruckter Schreibkalender ausweist. Leider sind seine Abführpillenrechnnngen noch nicht veröffentlicht. Item leider auch noch nicht Goethes Rheinweinrechnungen, wie uns ebenso leider der gedruckte Nachweis fehlt, wie viele Fidibus dem Johann Heinrich Voß seine sorgsame Hausfrau Ernestine gedreht habe. Ich muß aber zugeben, daß doch allmählich Ordnung in unsere Literarhistorie kommt. Auf die exakte Forschung muß sie basiert sein. Nur dadurch fällt Licht in das Chaos. Erst wenn es gelungen sein wird, das Verhältnis von Goethes Verdauung zu seiner dichterischen Produktion unanfechtbar klarzustellen, kann man daran denken, das Verhältnis des ersten Teils vom Faust zum zweiten richtig zu bemessen. Glücklicherweise leben und streben dermalen Männer, welche wissen, daß die sogenannten Minutien und Lappalien eigentlich das Wichtigste sind. Ich kenne einen Leipziger Magister, welcher den wissenschaftlichen Beweis erbracht hat, daß die wahre Literatur die sei, welche man schnöderweise die Papierkorbliteratur zu nennen pflegt. Ich kenne einen andern dito Leipziger Alexandriner, welcher demnächst ein von der lieben Kameradschaft mit Recht schon zum voraus als epochemachend signalisiertes Werk edieren wird, dessen Titel lautet: ›Die Wäschezettel unserer Klassiker und Romantiker als Akten- und Urkundensammlung zu einer induktiv-wissenschaftlich zu schreibenden Geschichte der deutschen Literatur des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts.‹ Ich kenne einen dritten abermalen Leipziger Byzantiner, welcher die diplomatische Geschichtschreibung auf den Gipfel der Vollendung führen wird. Er hat nämlich die verschiedenen Sorten Tabak, welche Friedrich der Große nach und nach schnupfte, zum Gegenstande seiner ›grundlegenden‹ Forschungen gemacht, um den Nachweis zu führen, welche Einflüsse Rapé, Pariser oder Doppelmops auf die Gehirnnerven besagten Friedrichs und folglich auf die Geschicke der Menschheit gehabt haben. Sehen Sie, mein Herr, das ist echte Wissenschaftlichkeit, gesunder Realismus, gediegene Exaktität. Haß und Krieg jeder Unordnung! Es ist unglaublich, was diese zu unserer Zeit für Unheil anstiftet. Hat sich nicht neulich einer erfrecht, ein ganzes Buch hindurch beharrlich Göthe statt Goethe – G.o.e.th.e – zu schreiben? Ja, so hat er. Zum Glück hat man ihm mit dem Schulmeisterbakel tüchtig auf die Finger geklopft. ›Göthe‹, was? Zwar ist es Blödsinn, im Deutschen die Diphthongen ä, ö, ü mit ae, oe, ue zu schreiben, ich geb' es zu, und Göthe selbst würde sich wohl heutzutage das e in der ersten Silbe seines Namens ersparen und sich auch nicht mehr ›Geheimbde-Rath‹ unterzeichnen; allein die Schreibweise G.o.e.th.e ist einmal als ordnungsmäßig anerkannt, und nur Anarchisten und Rebellen sind daher gottlos genug, das e in der ersten Silbe wegzulassen. Ordnung muß sein, im Großen und Größten, im Kleinen und Kleinsten....« Er hielt erschöpft inne und schnappte nach Luft. »Auf Erden und am Himmel,« ergänzte ich aufs Geratewohl den Satz. »Am Himmel? Hm, hat sich was damit!« sagte er mit niedergekniffenen Mundwinkeln. Zugleich ließ er aus seinem erhobenen Stock die Lichtschere hervorgucken, als wollt' er damit geschwind etliche »anarchische« Sterne da droben ausputzen. »Wissen Sie, am sogenannten Himmel ist auch keine rechte Ordnung. Sonst hätte man ja den unordentlichen Lebenswandel der Kometen schon lange nicht mehr geduldet. Und dann dieses Vorübergehen der Venus vor der Sonnenscheibe, was sagen Sie dazu? Ist das in der Ordnung? Die Venus soll hübsch ordentlich unter oder meinetwegen über der Sonne dahingehen, aber nicht quer vor Ihro allerhöchsten Nase vorüber. Das heißt ja der Sonne sozusagen ein Schnippchen schlagen und ist wider allen Respekt, wider alles Dekorum, wider alle Ordnung.« So sprechend, schoß er von mir weg – wir waren derweil in den Hof Ragaz und im rechten Flügel bis ins erste Stockwerk gelangt – und fuhr wie der Wind auf einen im Korridor stehenden Tisch zu, an welchem, wie es schien, etwas nicht in Ordnung sein mußte. »Da haben wir es wieder!« murmelte er und fuhr langsam mit der Spitze des Zeigefingers über die Tischplatte, bis auf der nicht abgestaubten Fläche in Frakturbuchstaben »Staub!« zu lesen war. »So sind die Weibsleute!« brummte der Besitzer des Wunderstockes. »Können Sie es für möglich halten, daß ich schon gestern auf dieselbe Tischplatte denselben Ordnungsruf geschrieben habe? Umsonst!« Und mit temperierter Energie seinen vielseitigen, aber rücksichtsvoll zu behandelnden Stock auf die erste Stufe der Treppe zum zweiten Stockwerk setzend, fuhr er fort: »Sagen Sie, mein lieber Herr, ist Ihnen jemals ein weibliches Wesen vorgekommen, Kind, Mädchen, Frau, Greisin, welches jemalen mittels Ermahnung, Güte, Ernst, List oder Gewalt zu vermögen gewesen wäre, eine Türklinke ganz ins Schloß zu drücken oder einen Fensterriegel ganz zuzudrehen?« »Nein; die Wahrheit zu sagen, so ein weibliches Wesen ist mir noch nicht vorgekommen.« »Nicht wahr?« fuhr er mit frohlockendem Lachen fort. »O, wenn Sie wüßten, welche Mühe, welche unsägliche Mühe ich mir jahrelang gegeben, meinen Frauenzimmern daheim die Türklinken- und Fensterriegelordnung beizubringen. Rein umsonst! Aber wissen Sie, wie ich bei mir zu Hause das unordentliche Geziefer bestrafe? Wo ich eine Tür nur angelehnt, wo ich ein Fenster nur halb geschlossen finde, hebe ich sofort die Türe oder den Fensterflügel aus den Angeln und stelle sie seitlängs an die Wand. Das verursacht den Damen hübsch Ärger und Arbeit, namentlich im Winter. Ordnung muß sein, sag' ich. Aber ist das da Ordnung, wie?« Und mit sittlicher Entrüstung wies er auf eine Stufenfolge von frischen Milchflecken hin, welche sich die Treppe hinaufzog. Ein mit dem Frühstücksapparat die Treppe hinauf- oder herabgeeiltes Zimmermädchen mußte den Milchtopf nicht »ordentlich« im Auge behalten haben. Was tat nun mein Ordnungsfanatiker? Etwas, das ich noch nie gesehen hatte. Er zog nämlich ein Stück Kreide aus der Tasche und zeichnete damit Treppenstufe für Treppenstufe um jeden der verschütteten Milchtropfen her einen sauberen Kreis. »Sehen Sie,« sagte er, »dies ist die Art und Weise, wie ich daheim bei mir meine Frauenzimmer auf derartige Verstöße gegen alles Scham- und Schicklichkeitsgefühl, die sie natürlich nicht von sich aus sehen und korrigieren würden, aufmerksam mache. O, Unordnung, dein Name ist Weib!« 2. Ich beeilte mich, meiner aus dem Bade gekommenen Reisegefährtin von dem kostbaren Funde zu erzählen, welchen ich soeben gemacht. Allein die Gute war von dem Tubusmann und Staubfeind viel weniger erbaut als ich. »Unstreitig ein Prachtexemplar von Haustyrann,« meinte sie. »So ein Töpfegucker und Staublappenwüterich! Mich erbarmen nur seine ›Frauenzimmer daheim‹. Dieses Ausheben von Türen und Fensterflügeln! Im Winter! Das ist ja die pure, blanke Verrücktheit. Der Mann gehört ins Narrenhaus. Hast du ihm das nicht gesagt?« »Wie sollt' ich? Konnte ihm doch nicht so ganz unrecht geben. Du weißt ja, das bewußte Verhalten von frauenzimmerlichen Händen zu Türklinken und Fensterriegeln ist eine weltgeschichtliche Tatsache, gegen welche man nicht aufkommen kann, und ...« »Was? Auch du, Brutus? Warte nur, ich will es dem Herrn mit der blauen Brille und der Kreide bei erster Gelegenheit schon sagen ...« Die Gelegenheit kam aber nicht so geschwind. Als ich vor Tische noch einen Gang in der Umgebung des Hofes machte, ergab ich mich einem Hauptlaster der Ragazer Kurgäste, will sagen der zudringlichen Begaffung, womit man Ankommende, wenn sie aus den vom Bahnhofe herfahrenden Omnibussen aus- oder in die zum Bahnhofe hinfahrenden Omnibusse eingepackt werden, schonungslos zu behelligen pflegt. Gerade war ein riesiger Omnibus mit Scheidenden vollgepackt oder eigentlich vollgepökelt. Aus dem Hinterfenster ragte der Griff eines Alpstocks hervor, und über dieser Gestalt meiner Stockbekanntschaft von heute morgen erschienen ein Paar große runde blaue Brillengläser, jedoch nur für einen Moment, denn im folgenden fuhr eine breite Strohhutkrämpe über die Brillengläser herab, und zugleich ertönte eine Stimme aus dem wuselnden Innern: »Herrgott, ist das 'ne Ordnung! Einen so zu stoßen, was? Einem sozusagen den Hut antreiben, wie? Die reine Anarchie, Herr Justizrat.« Und siehe, der Bergstocksgriff verwandelte sich in eine Stilettspitze. Der lustige Justizrat, ein guter Bekannter und lieber Tischnachbar von mir, intonierte ernsthaft: »'s ist keine Ordnung in der Schweiz, Im Winter regnet's, im Sommer schneit's ...« »Ja, da haben Sie sehr recht, bester Justizrat. He, wer stößt mir mit einem Regenschirm oder so was in den Rücken? Einen Omnibus so vollzustopfen! Schreckliches Land! Nicht der Schatten einer Idee von Ordnung! Gestern hört' ich in Chur einen Bierwirt mit ›Herr Präsident!‹ anreden. Nein, so was! Solche Begriffeverwirrung und Ständeverwechselung! ›Herr Präsident, ein Glas Bock!‹ Schauder! Wo Bierwirte Präsidenten sein, wie kann die Ordnung da gedeihn?« »In's Dreiteufelsnamen, Herr!« rasselte eine fette Stimme in dem Wagen. »Machen Sie selber Ordnung mit ihrem Dings von Stilett da! Sie hätten mir ja fast ein Auge ausgestochen.« »Bitte tausendmal um Entschuldigung, mein Herr.« (Die gefährliche Stilettspitze machte einem harmlosen kleinen Trinkbecher Platz, als sollte dem unwirschen Gegenüber daraus der Versöhnungstrunk kredenzt werden.) »Aber, Herr Justizrat, Sie bringen mir die fragliche Sache auch gewiß in Ordnung, nicht wahr?« »Ganz gewiß, mein lieber Herr Gigax. Alles soll ordentlich, ordentlicher, ordentlichst geordnet werden.« »Und noch von hier aus, wie? Denn Sie wissen, Ordnung, ordentliche Ordnung soll und muß sein, in allem und jedem ...« »Im Größten wie im Kleinsten,« ergänzte der Justizrat. »Auf Erden und am Himmel,« schloß ich. »Ja, ganz richtig. Ord–« Die Pferde zogen an ... »Nung!« scholl es noch aus dem Wagenschlag und dahin fuhr der Ordnungsmann. »Ein Prachtkerl!« sagte der Justizrat, als der Omnibus linkshin auf die neue Taminabrücke eingebogen und unseren Blicken entschwunden war. »Aber kennen Sie ihn denn?« »Seit heute vormittag von Person, aber nicht von Namen. Sie nannten ihn Herr Gigax, wenn ich recht verstand.« »Ja, Gigax, Ambrosius Gigax heißt er, ist aber bei uns zu Hause allgemein bekannt als der ›Ordnungsfanatiker‹, welchen Spitznamen er keineswegs als einen solchen übelnimmt, sondern vielmehr als einen Ehrennamen betrachtet und hochhält.« »Der Ordnungsfanatiker? So hab' ich ihn ja auch im stillen heute früh genannt, nachdem ich sein punktilios ordentliches Gebaren zu beobachten und seine Bekanntschaft zu machen Gelegenheit hatte.« »Wie war denn das?« Ich erzählte und der Justizrat sagte dann: »Ja, der ganze Ordnungsfanatiker!« »Er ist Ihr Landsmann?« »Und Hausnachbar. Auch ein sehr guter Klient, denn ohne etliche Prozesse auf den Armen zu haben, kann er nicht leben. Er nennt das Ordnung machen. Sie können sich nicht vorstellen, was für abenteuerliche Querelen er schon ausspintisiert und angesponnen hat. Keineswegs aus Händelsucht, denn er ist im Grunde der gutmütigste Mensch von der Welt, sondern aus purer Ordnungswut.« »Also nicht ganz richtig im Oberstübchen?« »Nun, Sie sahen ja selbst, wie polizeiwidrig lang der Mann gewachsen ist. Häuser von sechs oder gar von sieben Stockwerken pflegen aber bekanntlich im obersten nicht am besten bewohnt zu sein. Übrigens war der Herr Geheimrat Professor Dr. Ambrosius Gigax früher ein berühmter Gelehrter, eine vielgenannte Kathederkerze, geradezu eine Autorität.« »Zu meiner Schande muß ich gestehen –« »Daß Sie von dem großen Gigax nichts wußten? Nun, trösten Sie sich! Von gar vielen berühmten Gelehrten, Geheimräten, Professoren, Doktoren, Kathederkerzen und Autoritäten von heute wird man schon morgen auch nichts mehr wissen. Das stupend gelehrte Opus, an welchem Gigax viele Jahre lang gearbeitet hatte, ist ja auch nie fertig geworden. Es sollte den Titel führen: ›Das Kehrichtfaß der Weltgeschichte‹ – und begeisterte Gigaxianer behaupteten, es würde die Philologie, die Philosophie, die Historik, die Politik und was weiß ich, was alles sonst noch reformieren, die Lehre vom Unendlich-Unbedeutenden zu einem neuen Weltgesetz entwickeln und aus jedem verschollenen Papierschnitzel den einen oder den anderen Paragraphen dieses Gesetzes herausbuchstabieren.« »Ah, jetzt dämmert es mir auf! Die vielen gelehrten Lappalienkrämer, Lumpensammler und Minutienbossler, welche sich heutzutage so mausig machen, sind eigentlich Gigaxianer?« »Freilich, der Mann hat eine zahlreiche, weichselzopfig verfilzte Schule gegründet, und wie der Meister es trieb, treiben es die Schüler. Das ist ein Aufstöbern von Briefschnitzeln, ein Aufstäuben von altem Kehricht, eine Lesartenjagd, eine Variantenklauberei, ein Zank, ob ›und‹, ob ›oder‹, ob › et ‹ oder ›ac‹ zu lesen sei, ein Stank, ob in der Handschrift oder im ersten Druck von Goethes Götz jene berühmteste zum Fenster der Burg Jaxthausen hinausgerufene Stelle rund und nett ausgeschrieben oder aber bloß mit den Anfangsbuchstaben gezeichnet oder gar nur mit Gedankenstrichen angedeutet gewesen sei. Und das alles ›um Hekuba‹!« »Doch nicht so ganz. Sie vergessen, daß die Herren Stöberer und Stäuber, Jäger und Klauber, Zänker und Stänker in ihrer Impotenz quälendem Gefühle sich gedrungen fühlen, mit ihren ›Fünden‹ das ›Ginnungagap‹ das gähnende Hohl und Leer unter ihren Schädeldecken einigermaßen auszufüllen, wohl wissend, daß den guten Deutschen und besseren Deutschinnen nichts so imponiere, wie die Ordinärietät oder Ördinarietät, welche sich gelehrt zu schminken und zu frisieren versteht....« Eine Woche nach diesem ruchlos unwissenschaftlichen Gespräche gingen wir an einem heißen Augustmorgen durch die Gassen der alten Konzilsstadt am Bodensee. Wir hatten uns müde gegangen, und da wir gerade das Münster vor uns hatten, machte ich meiner Begleiterin den Vorschlag, einzutreten und uns in der Kühle auszuruhen. Es war aber da drinnen nicht kühl, sondern schwül, denn wir trafen eine zahlreiche Versammlung von mehr oder weniger Andächtigen und fielen mitten in die Festpredigt – es war Mariä Himmelfahrt – hinein. Die alte dogmatische Wassersuppe mit den Unschlittaugen einer barocken Mythologie darauf. Im übrigen gab sich der Prediger alle erdenkliche Mühe, zu beweisen, daß der Ruhm aller berühmten Männer von Adam bis herab auf Bismarck, verglichen mit dem Ruhme der allerseligsten Jungfrau und Himmelskönigin, doch eigentlich nur Basel sei. Wir warteten den Beginn der Messe ab und das alte Lied, die alte Leier klimperte mir nach dreißigjähriger Entwöhnung seltsam im Ohre. Was sich wohl die Nonnen, die da knieten, dabei dachten? Wahrscheinlich nichts. Aber die Tradition ist doch eine wunderbare Macht! Dieselben Händefaltungen und Armespreitungen, dieselben Neigungen und Kniebeugungen, dieselben Murmelungen, Sprengungen und Räucherungen, welche wir hier vor uns sahen, haben schon vor Jahrtausenden im Tempel des Sonnengottes Ra zu On im alten Ägypten gläubige Seelen »erbaut«, ohne daß sie wußten warum und wie. Alles wohl erwogen, ist der Glaube doch ein bequemerer Gesellschafter als der Gedanke. Schade nur, daß dieser, wo er einkehrt, jenen unerbittlich und für immer zum Hause hinauswirft. Wir blieben nicht bis zur Peripetie und Katastrophe des liturgischen Messedramas. Hatten schon an der Exposition genug; die Kirche war schon so lange nicht gelüftet worden und der Weihrauch roch so schlecht! Als wir uns einem der Seitenportale zuwandten, kam mir vor, eine dem Ordnungsfanatiker ähnelnde Figur an einer Säule lehnen zu sehen. War er es wirklich? War es eine optische Täuschung? Nein, denn kaum waren wir zu der Pforte hinaus, als ich richtig die Stimme des Herrn Ambrosius Gigax hinter mir vernahm: – »Ah, Herr ... r ... r, Sie haben es auch nicht länger ausgehalten in der Unordnung da drinnen?« »Unordnung? Daß ich nicht wüßte!« »Ja, so sagt' ich. Da will sich der sogenannte Fels Petri für den Grund- und Eckstein aller Ordnung ausgeben und weiß nicht einmal im eigenen Hause Ordnung zu halten. Schmählich! Was?« »Ich verstehe Sie nicht, verehrter Gönner und Freund.« »Wie? Haben Sie denn nicht bemerkt, daß da drinnen Verstöße gemacht werden, welche der Würde des Kultus geradezu hohnsprechen? Auf dem Hochaltar steht der mittlere der drei Leuchter auf der rechten Seile mindestens einen Zoll zu weit links, wodurch die Symmetrie und mit dieser natürlich zugleich die Symbolik, die Leuchtersymbolik garstig beeinträchtigt wird. Sodann ist die Mechanik des Rauchfasses ganz elend: der Deckel ließ sich nicht regelrichtig auf- und niederziehen, sondern blieb an einer der drei Seitenketten unästhetisch hängen. Aber das Tollste waren die vier Ministranten! Nämlich drei davon lange Bengel und der vierte ein wahrer Knirps. Wem durch diese maßlose Ungleichheit nicht alle Illusion und Andacht gestört und vernichtet wurde, der hat keine Augen im Kopfe und keine Seele im Leibe. Was?« Er war ganz rot im Gesichte vor heiligem Ordnungseifer. Meine Begleiterin blickte zur Seite, um ihr Lächeln zu verbergen, ich aber sagte mit geziemendem Ernst: »In der Tat, das sind bedenkliche Ausartungen. Sie sollten dieselben den sogenannten Altkatholiken verraten. Da hätten diese bei ihrer nächsten Generalsynode doch mal einen Verhandlungsgegenstand, welcher Hand und Fuß hat. Aber erlauben Sie, hochverehrter Herr, daß ich Ihnen meine Frau vorstelle.« »Sehr verbunden,« sagte Herr Gigax und entwickelte bei dieser Vorstellung eine so regelrechte, umständliche, mit dem Zirkel abgemessene Galanterie, wie sie nur immer in einem Komplimentierbuch aus dem Anfang unseres Jahrhunderts gedruckt steht. Meine Frau behauptete aber nachher schnöderweise, Herr Ambrosius habe sicherlich ihre Hände darauf angesehen, ob dieselben wohl schon jemals eine Türklinke oder einen Fensterriegel ganz zugedrückt hätten. Es fand sich, daß der Ordnungsfanatiker wie wir im »Inselhotel« abgestiegen war und uns bei Tische gegenüber saß. Da war es nun ein großer Genuß, zu sehen, wie sehr Herr Gigax in allem und jedem der Würde des Ortes eingedenk blieb. Der Speisesaal im Inselhotel ist nämlich bekanntlich eine ehemalige Klosterkirche und durchweg im kirchlichen Sinne restauriert und eingerichtet. Die Speisen und Getränke hatten auch entschieden etwas Asketisches. An den Wänden hat man da und dort fürchterlich schöne mittelalterliche Heiligenfresken stehen lassen, mit Füßen wie Froschkeulen und Leibern, bei deren Betrachtung einem Wesen und Bedeutung der geraden Linie aufgeht. Ob die Essigblicke dieser Fresken oder Fratzen zu der fünf Tage lang von mir erprobten Trübheit der Weine im Hotel in einer mystisch-spiritistischen Beziehung standen, konnte ich nicht ergründen, sondern nur glauben. Herr Ambrosius ließ Falkenblicke die Tafel auf- und niedergehen, um zu sehen, ob alles in Ordnung. Soweit seine Hände reichten, besserten sie allfällige Mängel der Ordnung und Symmetrie in der Tafelbeschickung gemeinnützlich aus. Insbesondere ließ er es sich angelegen sein, Salzfaß, Pfefferbüchse und Senftopf so zu ordnen, daß sie die Winkel eines tadellos regelmäßigen Dreiecks bildeten. Was seine persönlichen Vorbereitungen zum Aktus des Essens angeht, so hätte seine Vor-, Um-, Neben- und Rücksicht selbst dem »Eßkünstler« Börnes Bewunderung abgezwungen. Beschreiben läßt sich sowas nicht, man muß es sehen. Genug, unser Ordnungsfanatiker saß, nachdem er seine Teller, sein Besteck, sein Brot, sein Wasser- und sein Weinglas in die richtige Ordnung gebracht und seine Serviette umgebunden hatte, in Erwartung der Suppe da mit einer Sammlung, einer Würde, einer Feierlichkeit, wie sie mein hochwürdiger Herr Vetter, der Erzbischof von München-Freising, zu entwickeln weiß, wann er sich anschickt, ein Hochamt zu zelebrieren. Hernach tranken wir unseren Kaffee und rauchten unsere Glimmstengel in dem ehemaligen, »stilvoll« – wie die modische Redensart lautet – wiederhergestellten Refektorium der Dominikanermönche. Und da hat mir nun mein Herr Gigax einen seiner tiefsinnigsten Ordnungsgedanken anvertraut. Wir befanden uns ja im neuen Deutschen Reiche und konnten also anstandshalber nur von dem Glücke reden, Bürger dieses obzwar vorderhand noch etwas lotterigen und schlotterigen Reiches zu sein. Kurzum, wir fühlten uns nicht nur als Deutsche, sondern auch als Teutsche, obgleich wir nicht umhin konnten, zu finden, daß man da drüben beim »Erbfeind« in Frankreich bedeutend besseren Kaffee tränke als im neuen Deutschen Reich. Ich stellte den verwegenen Satz auf, der Reichskanzler, als der einzige Verantwortliche Reichsminister, sei auch für den schlechten Reichskaffee verantwortlich, und mein Herr Ambrosius fand diesen Satz »ganz in der Ordnung«. Dann kamen wir auf das Parteiwesen zu sprechen und fanden es höchst beklagenswert, daß sogar die Nationalli-vreebedienten dann und wann so täten, als könnten und wollten auch sie maulen und mucksen, ja geradezu gegen den Bismarcksstachel »löcken«. »Das ist der anarchische Höllengeist unserer Zeit – was?« rief Herr Gigax aus. »Nirgends in Staat und Kirche Übereinstimmung, Gleichklang, Ordnung, Harmonie. Kein Kosmos, sondern ein richtiges, d.h. unrichtiges, ich meine ein solches Tohu Wabohu, wie es in der Genesis, Kaput 1, Vers 2, steht. Das muß ein Ende nehmen. Jeder anständige Mensch hat die Verpflichtung, nach Maßgabe seiner Kräfte« – (hier sprang er auf, um ein schief an der Wand hängendes Bild geschwind ins Gleichgewicht zu rücken) – »Ordnung zu schaffen. Uns Deutschen insbesondere fehlt ein Zentralordnungsprinzip ...« »Ja,« unterbrach ich den Eifrigen, »das hat schon der selige Heine gefühlt und gesagt. Uns fehlt – wissen Sie? ›Uns fehlt ein Nationalzuchthaus Und eine gemeinsame Peitsche.‹« »Was, Sie wagen sich auf den verschollenen Heine zu berufen? Entschuldigen Sie, aber ich kann nicht umhin, Ihnen bedauernd zu sagen, daß Sie erschrecklich hinter der Zeit, in der wir leben, zurückgeblieben sein müssen. Den Heine zitieren! Jetzo, wo der zeitgemäße katalische Quell nur noch in Berliner und Leipziger Teekesseln sprudelt und nachgewiesen, wunderschön nachgewiesen und dargetan ist, daß unsere Bärenhäuter von Ahnen nur von Marzipan und Zuckerwasser sich genährt und bei der Mademoiselle Madeleine de Scudery Privatunterricht in der Poetik, Konversation und Orthographie genommen haben. Den verruchten Heine zitieren, was? Zu einer Zeit, wo der deutsche Parnaß kein mit Felskolossen und Riesenfichten bekrönter, rauschende Wildbäche zu Tale schickender Berg mehr ist, auf welchem Götter mit Nymphen scherzen, Göttinnen Heroen küssen, Titanen gegen die Ananke rebellieren und Satyrn mit Bacchantinnen Blindekuh spielen, sondern nur noch ein ordinärer Salon, allwo ordinäre Konversation gemacht, den Gästen schönseliges Butterbrot und loyaler Tee gereicht und zu ihrer Extraerbauung eine Gliederpuppe herumgeboten wird, die abwechselnd als altdeutscher Recke oder als moderner Bauer, als Pastor oder Bankier, als Dichter, Maler, Bildhauer, Musiker, Philosoph oder sonstiger Reichsprofessor frisiert und kostümiert, aber immer dieselbe Gliederpuppe ist.« »Um des Himmels willen!« rief ich entsetzt. »Sie werden ja ordentlich satirisch, Verehrtester.« »Satirisch, ich? Ordentlich satirisch? Da muß ich Sie doch auf einen horribeln Widerspruch aufmerksam machen. Es gibt ja keine ordentliche Satire. Die Satire ist Unordnung schlechthin. Ordentliche Satire? Das ist gerade, als sagten Sie: nationalliberale Konsequenz.« »Bitte, bitte sehr, lassen wir das häkelige Thema. Sie wissen, der Nationalliberalismus besitzt das Patent der deutschen Intelligenz, das Monopol des deutschen Patriotismus und das Privilegium der deutschen Staatsmännischkeit. Mit einem so großen Herrn ist nicht gut Kirschen essen.« »Ei was! Ich bin selber ein Nationalliberaler höchster Potenz und mit teutschestem Mannesstolz. Und gerade, weil ich das bin, will ich, daß endlich einmal ordentliche Ordnung in die Partei komme. Sie wissen, ich beschäftige mich viel mit physikalischen Studien und mechanischen Konstruktionen. Nicht ohne Erfolg, wie ich ja wohl sagen darf.« – (Hierbei hob er seinen Zauberstock in die Höhe, der jetzt die Gestalt eines Lesepultes hatte.) – »Sehen Sie«, fuhr er fort, während ich eine bewundernde Verbeugung machte, »ich glaube der Mann zu sein, welcher die vorhin genannte große oder vielmehr einzige, d.h. die einzig und allein existenzberechtigte Partei der Intelligenz, des Patriotismus und der Staatsmännischkeit auf eine Basis von Granit zu stellen, dieselbe als einen wahrhaftigen › rocher de bronze ‹ zu ›stabilieren‹ vermag.« »Wirklich? Quibus auxiliis? Sie spannen meine Neugier auf die Folterbank.« »Ja, es ist allerdings etwas Großes, um was es sich da handelt. Nämlich um die Erfindung und Herstellung eines Gradmessers der öffentlichen Stimmung, beziehungsweise eines Regulators der politischen Gesinnung.« »Aber wir haben ja die Presse.« »Die Presse? Bleiben Sie mir gefälligst damit vom Leibe! Das ist ja die personifizierte Unordnung. Hätte ich die Macht dazu, die Presse sollte bald nirgends mehr zu sehen sein, es wäre denn als Kuriosität in einem Raritätenkabinett. Nein, ich denke an etwas ganz anderes. Wir haben Baro-, Thermo-, Hydro-, Hypso- und andere Meter, aber ein Stimmungs- und Gesinnungsmeter, wohlverstanden! ein obligatorisches, haben wir nicht. In einigermaßen geordneten Städten sind Baro- und Thermometer aufgestellt, nicht selten in Verbindung mit elektrischen Uhren. So eine Konstruktion hab' ich im Auge. Auf allen Plätzen, an allen Straßenecken, item auch in Kirchen, Theatern, Parlamentshäusern, Konzertsälen und Wirtschaften sollten Stimmungs- und Gesinnungsmeter aufgestellt werden, verbunden mit elektrischen Uhren, deren Leitdrähte allesamt im Reichskanzleramte zu Berlin zusammenlaufen müßten. Die Idee ist mir bereits wasserklar, nur in betreff dieser und jener Einzelnheit der Ausführung bin ich noch nicht ganz im reinen. Der Apparat muß eben, wie leicht begreiflich, ein sehr sinnreicher sein. Die Quecksilbersäule soll den politischen Luftdruck von außen oder von innen, soll Stille oder Sturm in der diplomatischen Welt signalisieren und den amtlichen Wärme- oder Kältegrad, die ordnungs- und ordonnanzmäßige Staatstemperatur angeben, während die Bewegung der Zeiger auf dem Zifferblatte der Uhr bestimmt ist, die einzelnen Modalitäten und feineren Nuancen in den Anschauungen, Velleitäten und Tendenzen des leitenden Staatsmannes zu markieren.« »Phänomenal!« rief ich begeistert aus. 8 »Nicht wahr? Erst dann, wann mein Stimmungs- und Gesinnungsmesser in Tätigkeit sein wird, kann man von Realpolitik reden?« »Gewiß, und die erste wohltätige Folge Ihrer Ordnung und Harmonie schaffenden Erfindung wird sein, daß unsere Realpolitiker sich nicht mehr wie bis dato die Hälse zu verdrehen und auszurenken brauchen, um rechtzeitig zu erlickern und zu erlauschen, auf welche offizielle Tonart die liberale Nationalgeige zu stimmen sei.« »Ganz recht. Schon das ,ist des Schweißes der Edlen wert'. Aber was will es sagen gegenüber der sicheren Aussicht auf eine Zeit, wo mein Ordnungsregulator oder vielmehr mein Kosmoharmonium – denn so soll der Apparat heißen – die leitenden Staatsmänner in den Stand setzt, die Staaten so leicht und sicher, so ruhig und ordentlich zu regieren, wie ein Leierkastenmann sein Stücklein herunterorgelt?« Und mit elegischem Ausdrucke setzte er hinzu: »Schade, wahrhaft schade, daß ich dannzumal nicht mehr leben werde. Ein Genuß, ein Hochgenuß müßte es sein, in einer solchen Ordnungswelt ordentlich herumzuspazieren.« 3. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er dasaß, mit auf die Nasenspitze oder vielmehr Nasenknolle vorgerutschter Blaubrille, über welche hinweg seine Augen durch die offenstehende Türe auf den Seespiegel hinausblickten – ganz Stolz und doch zugleich auch ganz Wehmut. Durch die Furchen seiner Stirne schlängelte sich ein Abglanz des Bewußtseins, der Träger einer großen Mission zu sein; aber seine Mundwinkel hingen traurig herab, als wollten sie andeuten, daß am Ende aller Enden doch alles eitel sei, auch das »Kosmoharmonium« nicht ausgenommen. Man konnte nach Belieben an allerhand denken: an den großen Marius auf den Trümmern von Karthago, an den großen Napoleon unter den Weiden von Longwood, an den großen Schopenhauer an der Table d'hôte im Schwan zu Frankfurt, an einen großen, größeren, größten Nationalliberalen oder Liberalnationalen, dem eine Redeverhaltung Bauchweh macht, usw. Seine weltschmerzliche Situation hinderte jedoch meinen verehrten Gönner nicht, im Interesse der Ordnung tätig zu sein, d.h. er ordnete dem ihn vermutlich durchtobenden Gedankensturm zum Trotz seinen Rauchapparat mit einer so bewunderungswürdigen Sauberkeit und Genauigkeit, daß ich dafür das Wort Appetitlichkeit erfinden würde, so es nicht bereits erfunden wäre und mir nicht außerdem einer der Nachtwächter der ungeheuerlich großen civitas virorum obscurorum bei Strafe seiner Ungnade die Wortefindungen strengstens untersagt hätte. Mein Herr Ambrosius Gigax hätte sollen von Rechts wegen als Ordinarius an eine große Hochschule berufen werden, um die Ästhetik des Rauchens vorzutragen. Ich bin auch überzeugt, daß eine Raucherin – emancipata fumosa vulgaris Linn. – so eine dagewesen wäre, die scharfsinnige und edle Manier, womit der Ordnungsfanatiker Papierstreifen zu rollen verstand, um damit die Zigarrenspitze zu reinigen, zum küssen liebenswürdig gefunden haben würde.... Mein würdiger Freund reiste unmittelbar nach der mir gegönnten Vertrauensstunde weiter, und ich habe ihn nicht wiedergesehen. Werde ihn auch nicht wiedersehen, zu meinem nicht geringen Leidwesen. Denn ich habe ja um der Wissenschaft, um des neuen Deutschen Reiches und um der alten Menschheit willen den vorzeitigen Tod Ambrosii Gigacis zu beklagen. Den vorzeitigen Tod, maßen selbiger sich ereignete, bevor das herrliche Kosmoharmonium konstruiert und in Funktion gesetzt war. Kaum nämlich war ich im Herbst in meine Zweisiedelei am Zürichberge heimgekehrt, als ich einen Brief von dem lustigen Justizrat erhielt, der mich in einer Prozeßsache um eine Auskunft ersuchte und dann also fortfuhr: » Lugete, o Veneres Cupidinesque! Unser über die Maßen trefflicher Ambrosius Gigax ist nicht mehr, der Ordnungsfanatiker ist tot! Wer wird künftig unsre Mägde lehren Staub vertilgen und die Treppen kehren Und die Fensterriegel drehen zu? Ich weiß, Sie sind imstande, das ganze Volumen der Einbuße würdigen zu können, welche das Vaterland durch diesen so plötzlichen Todesfall erlitten hat. Und zu denken, daß der würdige Mann an seinem Ordnungssinn zugrunde gehen mußte, welche Ironie Satans! Mit Recht haben Sie irgendwann gesagt, daß dem Menschen häufig gerade seine Tugenden zu Fallstricken würden. Aber genug der Klagen und Sentenzen. Vernehmen Sie lieber die kondensierte Geschichte der Todesfahrt unseres großen Ambrosius. Hier ist sie... Der Selige war gewohnt, vom Frühling bis in den Herbst hinein täglich ein Strombad zu nehmen. Er behauptete, während er bis an den Hals im Wasser säße, kämen ihm die luzidesten Gedanken in betreff seines grandiosen Kosmoharmoniums. Wohl, saß also vor acht Tagen eines schönen Morgens, wie gewohnt, im Wasser, Strohhut auf dem Kopfe, Blaubrille auf der Nase, tief meditierend wie ein indischer Jogi. Mit einmal – Sie verstehen, ich habe die Tatsachen dieses Berichtes mit großer Sorgfalt nach und nach ermittelt; für dies und das mußte auch Kombination zur Hilfe genommen werden – mit einmal, sag' ich, fährt er aus seinem Nachsinnen auf: etwas Unordentliches hat sich in seinen Gesichtskreis gedrängt! In der abgelegenen Bucht, wo er sein Morgenbad nahm, waren mehrere Tags zuvor den Fluß herabgekommene Holzstöße am Ufer befestigt. Einer derselben mußte nachlässig angebunden oder das morsche Bastseil mußte geborsten sein, kurz, der Floß kam in Bewegung und trieb langsam an unserm badenden Freunde vorüber. ›Halt, halt! Was ist das für eine Ordnung?‹ rief er aus, stand auf, watete eilends tiefer in den Fluß hinein und faßte eins der an der Seite des Flosses herabhängenden Tauenden, in der verwegenen Absicht, das auf eigene Faust davonschwimmende Ding aufzuhalten. Natürlich hatte da der Teufel leichtes Spiel. Der alte Mann war viel zu schwach, den rebellischen Floß zu halten, und wollte doch nicht davon ablassen, dieser Unordnung zu steuern. Noch zerrte er mit beiden Händen an dem Tau, als er plötzlich den Boden unter den Füßen verlor. Der Floß war in tieferes Wasser und in raschere Strömung gekommen, Ambrosius aber war kein Schwimmer, und so blieb ihm, wollte er nicht ertrinken, nur der Versuch übrig, sich auf den verdammten Floß hinaufzuschwingen. Nur mit Mühe und Not gelang das und mit Hinopferung des Strohhutes, welchen der Flußgott an sich nahm.... Fürs erste war der Mann der Ordnung nun allerdings geborgen. Aber was war das für eine Bergung? Nur eine, daß Gott erbarm'! Der Floß trieb rasch und immer rascher dahin, ganz regelrecht und fein mitten im Strom. Unter andern Umständen hätte unser armer Freund wahrscheinlich seine Freude daran gehabt, daß der Floß so selbständig, selbstdenkerisch und selbstlenkerisch, sozusagen ganz volksmündig hinschwamm. Allein in diesem Kostüm, d.h. nur mit einer blauen Brille angetan, den unfreiwilligen Flößer zu spielen, das ging doch gegen alle physische und moralische Kleiderordnung. Zum Glück tritt der Strom unterhalb der Stadt sofort in eine recht ländliche, ja einsamliche Wiesen- und Waldgegend. Aber dieses Glück konnte Herr Ambrosius auch nicht lange als ein solches anerkennen. Ihn begann ja erst zu frösteln, dann arg zu frieren, und der Floß ging immerzu, immerzu. Um sich zu erwärmen, ging und sprang der Ordnungsmann auf den Balken und Bohlen hin und her, als er links ans dem Walde – der Fluß war derweil in den großen Attisforst eingetreten – ein erstauntes und erschrockenes ›Herr Jesses!‹, vernahm. Er schaute hinüber und nahm ein paar Dörflerinnen wahr, welche mit Holzauflesen beschäftigt gewesen, als der Floß mit seiner absonderlichen Fracht in Sicht kam. Die erste Regung unseres unglücklichen Freundes war, sich platt auf den Floß niederzuwerfen und vor Scham- und Schicklichkeitsgefühl zu vergehen. Nun gibt es aber Lagen und Stunden, worin und wann sogar einen Ordnungsfanatiker das Scham- und Schicklichkeitsgefühl verläßt. Unser armer Freund mußte das auch erfahren, indem er, alle Rücksicht auf das Dekorum vergessend, beweglich um Hilfe rief. Allein das hatte nur zur Folge, daß sich die beiden holzlesenden Frauenzimmer mit einem abermaligen ›Herr Jesses!‹ noch seitwärtser in die Büsche schlugen. Freilich scheint in dieser Seitwärtsigkeit die weibliche Neugier über das weibliche Zartgefühl den Sieg davongetragen zu haben; denn es ist ja konstatiert, daß die beiden Dorfdamen das Ende von Ambrosii Flußfahrt mit angesehen haben. Sie sagten nämlich nachmals ungefähr also aus: – ›Als der Adam mit der blauen Brille merkte, daß ihm keine Hilfe käme – und wie hätten denn wir ihm welche bringen können? – suchte er sich selber zu helfen. Der Floß hatte sich dem rechten Ufer etwas genähert, und wir sahen über den Strom hinweg, daß der Mann sich anschickte, zu versuchen, ob es ihm gelänge, mit den Händen einen der Fichtenäste zu erfassen, welche da und dort in geringer Höhe über das Flußbett sich hereinstreckten. Das Wasser ist da tief und reißend. Der Floß schoß nur so dahin. Es mußte demnach nicht leicht sein, so einen Baumast zu fassen und festzuhalten. Nun sahen wir den Mann auf dem Floß, als dieser unter einer mächtigen Fichte vorüberglitt, einen Luftsprung machen, und richtig kriegte er mit beiden Händen einen Ast zu fassen. So hing er in der Luft, während der Floß unter ihm wegfuhr; aber nur einen Augenblick sahen wir ihn so dahangen. Denn sogleich hörten wir den Ast, der Wohl ein dürrer war, krachen, und der unglückliche Mann stürzte in den Strom, der ihn fortriß und bald über ihm sich schloß.' So die Aussage der beiden Dörflerinnen. Sie fügten derselben noch hinzu, daß der Mann, bevor sein Kopf unter dem Wasser verschwand, noch ein Wort gerufen habe, welches sie aber in ihrem Schrecken nicht verstanden hätten. Es habe geklungen wie Ort, dort, fort, oder so etwas. Ich denke, lieber Freund, es wird keine zu kühne Aufstellung sein, wenn ich vermute, daß unser armer Ordnungsfanatiker mit seinem Schlachtruf ,Ordnung!' auf den Lippen gestorben sei.... Zwei Tage darauf wurde eine Wegstunde weiter stromabwärts in einem Weidengebüsch am Ufer der Tote gefunden, und vorgestern haben wir ihn zu Grabe gebracht, Plenis manibus date lilia! P.S. Ich öffne den Brief noch einmal, um Ihnen zu sagen, daß – dank den Göttern! – der große Gedanke des Kosmoharmoniums nicht mit seinem Finder begraben sein wird. Es hat sich eine testamentarische Verfügung vorgefunden, kraft welcher alle auf den Gesinnungs- und Stimmungsregulator bezüglichen Pläne, Berechnungen und Kostenanschläge, sowie auch die gesamten zur Herstellung des Menschen- und Völkergeschicke bestimmenden Apparates gesammelten und präparierten Materialien einem unserer vorragendsten Realpolitiker zur Verfügung gestellt sind. Der glückliche Erbe hat sich nach Art von manchen seiner gelehrten Kollegen im neuen Reich sein Leben lang weislich gehütet, jemals einen Gedanken zu haben, welcher nicht schon gedruckt und approbiert vorgelegen hätte; aber er ist ganz der Mann dazu, unter Beihilfe seiner Parteigenossen die Idee unseres verewigten Freundes für seine eigene anzusehen und auszugeben. Auch verwirklichen wird er sie, vorausgesetzt, daß das höheren Ortes als ein Unternehmen des patentierten Patriotismus gebilligt und anerkannt wird. So hätten wir denn Aussicht auf die Harmonie der Sphären, zunächst wenigstens im Deutschen Reiche. Glückliche Zukunft, wo es keinen Kulturkampf, keine Rechte und keine Linke, keine parlamentarischen Differenzen, keine Strafgesetznovelle, keinen Plötzensee mehr geben wird und alle Klugen in irgend ein Reichsamt und alle Narren unter einen Hut gebracht sein werden!« König Jan der Gerechte. »Alles schon dagewesen!« Jawohl, weiser Rabbi; aber du hättest noch beifügen sollen: Und alles kommt wieder! Sprach's und lehnte sich müde in den Stuhl zurück. Denn ich hatte die Mitternacht herangemacht ob der Lesung eines alten Büchleins in klein Quart, also betitelt: »Wahrhafftige Historie, wie das Evangelium zu Münster angefangen, und darnach durch die Wydderteuffer verstöret, wider auffgehört hat. Darzu die gantze Handlung derselbigen buben, vom ansang bis zum ende, beydes in geistlichen und weltlichen stücken fleyssig beschriben.« Durch Henricum Dorpium, Monasteriensem. 1536. Unzweifelhaft die älteste Erzählung vom Beginn, Verlauf und Ausgang des wiedertäuferisch-kommunistischen Greuels, so in den Jahren 1533–35 zu Münster in Westfalen gespielt hat. Die älteste und erste zusammenhängende gedruckte Erzählung, meine ich. Denn zerstreute und oberflächliche Botschaften von dem Greuelspiel waren schon während der Dauer desselben in Form verschiedener »Newer zeittungen« in die Welt gegangen. Besagter Heinrich Dorp oder Dorpius, welcher aus seinem lutherisch-orthodox-steifen Halskragen heraus die ebenso lehr- als betrübsame Geschichte erzählt hat oder erzählt haben soll, ist eigentlich eine etwas mythische Figur. Er nennt sich einen Münsterer und war doch keiner, und er will sich das Ansehen eines Augenzeugen geben und war auch keiner. Wie stark zu vermuten steht, ist er nur der Hampel- oder Strohmann des hessischen Predigers Dietrich Fabricius gewesen, welcher, was jener berichtet, zu einem guten Teile mit eigenen Augen gesehen hat. Vgl. C. A. Cornelius: »Berichte der Augenzeugen über das münsterische Wiedertäuferreich,« Geschichtsquellen des Bistums Münster, Band 2 (1853), Vorrede, XI f. Dieses verdienstliche Sammelwerk enthält eine ganze Reihe von Aktenstücken, unter andern auch die protokollarischen Bekenntnisse Jans van Leyden, Knipperdollincks, Krechtings und anderer Wiedertäufer. Sodann in vollständigem Druck die »Summarische ertzelungk und bericht der wiederdope und wat sich binnen der stat Monster zugetragen im jair MDV«. Dies ist der hochwichtige, geradezu unbezahlbare Bericht eines Augenzeugen, des Bürgers und Schreiners Heinrich Gresbeck zu Münster. Seine Erzählung füllt in der Corneliusschen Sammlung 214 Oktavseiten, und der Herausgeber hat ihn treffend also gekennzeichnet (Vorrede, 72): »Gresbeck ist ein Mann aus dem Volke, ungebildet, aber verständig, bürgerlich gesinnt, von lebhaftem Geist, ein aufmerksamer Beobachter, voll des behaglichen münsterischen Humors. Sein Buch ist originell, keine Spur einer nachbessernden Hand bemerkbar; er schreibt, wie er sprechen würde.« Neben den Aktenstücken, neben Dorp und Gresbeck nimmt Hermann von Kerssenbroik mit seiner im Jahre 1573 vollendeten » Anabaptici furoris Monasterium inclitam Westphaliae metropolim evertentis historica narratio « (nur auszugsweise, kritiklos und schlecht gedruckt bei Mencken, » Script. rer. german. «, III, während die 1771 gedruckte Verdeutschung ebenso wenig taugt) eine vorragende Stelle ein unter den quellenmäßigen Auskunftgebern über die Wiedertäufern zu Münster. L. Rante hat derselben bekanntlich das 9. Kapitel des 5. Buches seiner Deutschen Geschichte im Zeitalter der Reformation gewidmet (Sämtl. Werke, III, 361 f.), Karl Hase das 3. Heft seiner »Neuen Propheten« (2. Aufl.), C. A. Cornelius ein eigenes Geschichtswerk (»Gesch. d. münst. Aufruhrs«), von welchem aber der 3. und wichtigste Band zur Stunde noch aussteht. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich alles wesentliche meiner Darstellung durchweg den Quellen entnommen habe und mich demnach vorzugsweise stütze auf die Akten und Protokolle, auf Gresbeck, Dorpius, Kerssenbroik und Lambert (» Tumultum anabapticarum liber unus,« Basil. 1548). Uns jedoch kann es einerlei sein, ob der Verfasser des Büchleins Fabricius oder Dorpius hieß. Denn der unbestreitbare Wert dieses Schriftstückes als einer historischen Hauptquelle bleibt dadurch ganz unberührt. Zumal uns die Mittel geboten sind, den Verfasser zu kontrollieren. Wie jedermann weiß, ist das kulturgeschichtliche Merkmal des Zeitalters der Reformation dieses gewesen, daß gegenüber der Phantastik des Mittelalters der gesunde Menschenverstand wieder zu Ehren zu kommen begann. Freilich nur erst schüchtern genug, aber doch immerhin so, daß die mittelalterliche Phantasiewillkür, obzwar höchst widerwillig, halb und halb einräumen mußte, es gäbe so etwas wie Logik, Einmaleins und Naturgesetz in der Welt. Daß über all diesem und anderem Gesundmenschenverständigen die theologische Fiktion, das jüdisch-christliche Dogma, in unantastbarer Herrlichkeit und Herrschaft thronen bleiben müßte, hat bekanntlich die sogenannte Reformation nicht von fern anzuzweifeln gewagt. Sie begnügte sich, dem Riesenpopanz statt des römischen Messegewandes die evangelische Prädikantenkutte anzuziehen. Doch war schon hiermit eine teilweise Ernüchterung von dem tollen Glaubensrausche des Mittelalters angebahnt oder sogar vollzogen. Um so mehr mußte es dann die Menschen von damals verblüffen, als mitten in ihre redlichen Bemühungen, statt immerfort zu phantasieren, zu fabulieren und zu delirieren, wieder einmal zu denken, zu beobachten und zu rechnen, die Wiedertäuferei mit einem wahnwitzigen Satze hineinsprang und erklärte, sie sei willens und imstande, das Märchen von der absoluten Gleichheit der Menschen zu verwirklichen und den Traum von einem Eden auf Erden zu einer sozialpolitischen Tatsache zu machen. Sie ist dann auch mit der ganzen Rücksichts- und Furchtlosigkeit, welche der fixen Idee zu eigen, an die Ausführung ihres Programms gegangen. Kein Wunder, daß diese toll-phantastische, diese grellbunte, diese zwischen dem Lächerlichen und dem Furchtbaren schwankende Episode der Reformationsgeschichte zur dichterischen Behandlung gereizt hat. Auch eine Oper machte man ja daraus und zwar mit gutem Grunde, denn der Jan Vockelson war von der Natur ganz auf das Maß eines Opernhelden zugeschnitten. Von Poeten haben sich insbesondere zwei deutsche mit Erfolg seiner angenommen: Spindler und Hamerling. Spindlers »König von Zion« (1837) ist meines Erachtens das bedeutendste Werk dieses Novellisten, welcher, so er nicht das Unglück gehabt hätte, ein Deutscher zu sein, von den Deutschen hochgehalten werden müßte und würde. Der genannte historische Roman gehört mit zu dem Besten, was überhaupt in dieser Gattung geschrieben worden ist. Spindler hat darin das geschichtliche Charakterbild des dämonischen Schneidergesellen gut getroffen. Hamerling seinerseits machte in seinem formschönen, anschaulich-malerischen Hexametergedicht »Der König von Sion« (1869) den Versuch, seinen Helden in die Sphäre freier Kunstschöpfung zu erheben. Ich kann aber nicht finden, daß dieser Versuch sonderlich gelungen wäre. Selbstverständlich will ich dem Dichter das Recht nicht bestreiten, mit einer historischen Figur die Freiheiten sich herauszunehmen, welche ihm zur Erreichung seines ästhetischen Zweckes erforderlich scheinen. Aber die Sache ist, daß Jan Bockelson als die geschichtliche Gestalt, welche er nun einmal ist, der Idealisierung – ich meine der wirklichen, nicht bloß opernhaft-äußerlichen – durchaus widerstrebt. Dieser Mischmasch von Komödiant und Fanatiker, von Lüstling und Henkersknecht, von Narr und Bösewicht erregt keine ästhetische Teilnahme. Aus diesem weltgeschichtlichen Putschinell, in welchem der Dämon widerlich mit dem Affen sich verband, ist kein Held zu machen. Schon darum nicht, weil ihm, während er vorn eine heroische Grimasse schneidet, der Zopf des Lächerlichen hinten hängt und weil in alle die Orakel des Propheten, in alle die Phantasmen des Wolkenkuckucksheimers, in alle die Wutschreie des Tyrannen etwas wie das Gekicher der Selbstpersiflage hineinklingt. 1. In der Natur, im Menschenleben, in der Geschichte wird mitunter aus Kleinstem Größtes und wächst das Unscheinbare zum Ungeheuren empor. Seefahrer wissen, daß nicht selten aus einer am Horizont auftauchenden Wolkenflocke, welche der Schiffspassagier gar nicht bemerkt oder wenigstens nicht beachtet, binnen etlichen Stunden ein höchst bedrohliches Sturmgewölke werden kann. Kriminalisten haben häufig in Erfahrung gebracht, daß ein Mörder seine spätere Laufbahn schon als kleiner Junge begann, indem er zum Spaße Käfern die Flügel ausriß oder Vögeln die Augen ausstach. Das gedankenlos-grausame Kinderspiel war das erste Glied einer Kette, deren letzter Ring vielleicht ein Vater- oder Muttermord. Der Kreuzgalgen, an welchen man in einem verachteten Winkel des römischen Weltreichs einen armen verketzerten Reiseprediger gehangen, wird zum Glaubenssymbol eines neuen Weltalters. Gutenberg hat zur Stunde, wo er seine erste Letternreihe in eine Holztafel schneidet, nicht die entfernteste Ahnung, daß er damit vom schlichten Handwerker zum Kulturheros sich aufschwinge. Aus dem Teekessel Watts zischt die Zauberformel, welche den titanischen Sohn vom Feuer und Wasser zum Sklaven der Menschen zähmt. Hinwiederum ist aus dem kleinen Windei der Petrus-In-Rom-Fabel das riesige, Erde und Himmel verfinsternde Papstphantom geschlüpft und hat ein vorgebliches Grab auf einem der Felsenhügel von Jerusalem – den Anlaß gegeben zur hunderttausendfältigen Schlächterei der Kreuzzüge. Bei all diesem und vielem Ähnlichen müssen wir uns, wie jedermann wissen könnte, wohl hüten, den Maßstab der Bildung und Anschauung unserer eigenen Zeit in Anwendung zu bringen. Allerdings war und ist der Mensch in seinem Wesen immer derselbe, aber seine Vorstellungen und Gefühle, seine Bedürfnisse und seine Leidenschaften, seine Tugenden und seine Laster, seine Weisheit und seine Narrheit tragen die Färbung der verschiedenen Entwicklungsstufen der Menschheit. Wenn wir heute vornehm oder mitleidig auf die Ketzer- und Judenschlachten unserer Vorfahren zurückblicken, so werden unsere Nachfahren nicht weniger vornehm oder mitleidig auf die Börsenschlachten der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zurückschauen. War denn der Hexenwahn unserer Altvorderen toller als die Spitzederei unserer Zeitgenossen? Die Formen und Formeln des menschlichen Aberglaubens wechseln, der Aberglaube selbst bleibt. Steht in der ganzen unendlichen Liste mittelalterlicher Kretinismen etwas Kretinischeres verzeichnet als die Erscheinung der »Mutter Gottes von Lourdes« in unseren Tagen? Nein! Aber brauchen wir uns darum etwa zum voraus vor unseren Nachkommen zu schämen? Behüte! Wir wissen ja, daß auch sie ihre Spitzedereien, Muttergottesschnurren und Unfehlbarkeitssimpeleien haben werden, obzwar vielleicht in andern Formen und Farben. Das wird jedoch der ganze Unterschied sein; denn die Dummheit währet ewiglich. Damit soll, wohlgemerkt! nur gesagt sein, daß der rastlose und unbezwingliche Hang und Drang des Menschen, die Schranken der Endlichkeit und Wirklichkeit zu durchbrechen, immer und immerfort der menschlichen Phantasterei und dem Aberglauben freien Raum schaffen wird. Der Sache nach gerade so, wie es zum Beispiel zur Reformationszeit geschah. Da ist um das Jahr 1521 am theologisch beschränkten Horizont der europäischen Menschheit eine kleine Wahnwolke aufgestiegen, welche in ihrem Schoße den Sturm der Wiedertäuferei barg. Man hätte meinen sollen, in dem wüsten Wirrsal von theologischem Gezänke, wie es dazumal hundertstimmig durcheinander zeterte, wäre es auf einen absonderlichen Einfall mehr oder weniger nicht angekommen. Allein das im Handumdrehen aus einer Ketzerei zu einer richtigen Orthodoxie gewordene Luthertum war nicht gewillt, zu dulden, daß andere Leute auch ketzerische Einfälle hätten, und ging daher sehr entschieden gegen die wiedertäuferischen »Propheten von Zwickau« vor. Die beiden Wahne platzten aufeinander mit jener Wut, wie sie den innerhalb der »Religion der Liebe« ausgefochtenen priesterlichen Hahnenkämpfen von jeher eigen gewesen ist. Hierbei wurde das paulisch-augustinisch-lutherische Dogma von der Rechtfertigung durch den Glauben schrecklich strapaziert. Aus der Prämisse desselben zogen nämlich die Brüder Zwickauer den Schluß, daß die Kindertaufe ein höchst verdammlicher, des höllischen Feuers werter Greuel sei. Denn wie sollte der »alleinseligmachende Glaube« in der Seele eines Säuglings zum Bewußtsein kommen? Also fort mit der Kindertaufe, welche eine frevelhafte Entweihung des Sakramentes ist. Nur Erwachsene können und sollen das »Bad der Wiedergeburt« empfangen und demnach kommt zur »Wiedertaufe« ihr alle, die ihr des Heiles eurer Seelen versichert und in den Bund der wirklich und wahrhaft Wiedergeborenen aufgenommen sein wollt! Dagegen nun aber die Herren Reformatoren und ihre Anhänger: Ruchlose anabaptistische Ketzerei! Schon darum, weil, wer ein Kind ungetauft sterben läßt, die ewige Verdammnis desselben mitverschuldet. Ergo: die Wiedertäuferei muß mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Man sieht, an frommem Eifer hat es weder hüben noch drüben gefehlt, sondern nur an einem bißchen Vernunft. Aber diese Heidin hat ja glücklicherweise mit den Mysterien der Dogmatik zu keiner Zeit etwas zu schaffen gehabt. Es bedurfte nur weniger Jahre, um den Anabaptismus aus einer dogmatischen Schnurrpfeiferei zu einer sozialpolitischen Tatsache von weltgeschichtlicher Bedeutung zu machen. Woher dies? Daher, daß die Wiedertäuferei rasch zum Vereinigungspunkte von sektiererischen Regungen und Strebungen wurde, welche, aus dem Mittelalter herabgekommen, jetzt, inmitten einer allgemeinen Gärung der Gemüter, zu neuen und kühnen Lebensäußerungen sich erhoben, zu Versuchen, nicht allein das kirchliche Dasein dogmatisch und liturgisch zu reformieren, sondern auch die Gesellschaft politisch und sozial-radikal umzugestalten und auf Erden ein angebliches Gottesreich, ein apokalyptisches Wolkenkuckucksheim aufzurichten. Die begehrlichen Phantasmen der Gütergemeinschaft und der Vielweiberei hatten ja, wie jedermann weiß, namentlich in der mittelalterlichen Sekte der »Apostelbrüder« schon bedenklich gespukt und zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts hatte der bedeutendste Häuptling dieser Ketzer, Fra Dolcino, mittels Schwertesgewalt dieses kommunistische Evangelium in Oberitalien zu verwirklichen gesucht. Es trat demnach in der Wiedertäuferei, wie sie sich in dem Trauerspiele von Münster zu ihren äußersten Konsequenzen zugespitzt hat, nur ein alter, am Feuer der Reformation neu aufgekochter Wahnwitz zutage, und wie bei derartigen Erscheinungen überhaupt, geschah es auch hier, daß mit naiven Schwärmern und aufrichtigen Fanatikern leichtfertige Genüßlinge und berechnende Halunken zu ungeheuerlichem Tun sich verbanden. 2. Der guten Stadt Münster in Westfalen, welche sich heutzutage rühmt, einer der Hauptsitze römischer Finsternis zu sein, würde man es nicht ansehen, daß vorzeiten innerhalb ihrer Mauern die Jakobiner der Reformation, die Wiedertäufer, ein Feuer angezündet haben, welches in grellster, wildester Flackerglut emporgelodert ist. So hoch und so rot, daß die entsetzten Bewohner der »roten Erde« vor der unerträglichen Blendung eine Zuflucht im mittelalterlichen Klosterdunkel suchten, aus welchem ihre Nachkommen bis auf den heutigen Tag noch nicht wieder sich herausgewagt haben. Wundersamer Kontrast, daß gerade auf diesem Stücke deutschen Bodens, auf dem die beharrungszähesten, konservativsten Menschen wachsen, der tollgewordene Geist der Revolution des sechzehnten Jahrhunderts seine wütendsten Fratzen schnitt. Aber freilich, die guten Münsterer machten den wüsten Wirbeltanz nur mit, welchen Fremde aufspielten und vortanzten. Immerhin bleibt es denkwürdig, daß die Wiedertäufer, deren Fanatismus und Energie durch die grausame, von seiten der römischen und protestantischen Pfaffheit, der geistlichen und weltlichen Machthaber über sie verhängte Verfolgung zur Siedhitze gebracht worden, diese Stadt zur Stätte ihrer weltgeschichtlichen Orgie wählten, welche der Sache der Reformation bekanntlich unberechenbaren Schaden zugefügt hat. Der unselige Ausgang des Bauernkrieges, einer durchaus berechtigten Bewegung, hatte dargetan, daß die Zeit des Volkes noch nicht gekommen war. Das Trauerspiel von Münster aber war in seinem ganzen Verlaufe nur allzusehr geeignet, das Verhalten der Fürsten, Junker und Pfaffen gegen die besiegten Bauern, das heißt, gegen das »Volk« von damals, scheinbar vollständig zu rechtfertigen. Es ist und bleibt eben immer die alte Geschichte, daß es nämlich keine ärgeren Feinde und Schädiger der Freiheit und des Vorschrittes gibt als die leichtfertigen und liederlichen Gaukler und Schwätzer, welche die Wahnträume ihres eigenen verbrannten Gehirns der urteilslosen Menge als wünschenswerte und leicht zu verwirklichende Möglichkeiten vorlügen. Es ist auch sehr charakteristisch für das zu Münster anhebende Wiedertäuferstück, daß in der Genesis desselben ein emanzipiertes, das heißt zuchtloses Weib vorkommt, die Frau des aus Leipzig übergesiedelten Syndikus Wiggers. Neben andern Männern lockte sie auch den lutherischen Prediger Bernhart Rothmann in das Netz ihrer buhlerischen Künste. Der genannte Prädikant, ein begabter und humanistisch gebildeter Mann, war die Seele der protestantischen Partei der Stadt, welche zu Anfang des Jahres 1533 so sehr das Übergewicht über den katholisch gebliebenen Teil der Bürgerschaft erlangt hatte, daß der Fürstbischof von Münster und Osnabrück, Graf Franz von Waldeck, am 13. Februar förmlich und feierlich einen Vertrag mit der Stadtgemeinde einging, kraft dessen das evangelische Bekenntnis in Münster frei gepredigt und geübt werden durfte. Item sollten den Evangelischen sechs Kirchen eingeräumt werden, der Dom dagegen sollte dem römisch-katholischen Kult verbleiben, wie auch dem Domkapitel alle seine Besitzungen und Rechte vorbehalten blieben und die Stadt ihrerseits gelobte, dem Fürstbischof als ihrem rechten Herrn hold, treu und gewärtig zu sein und zu bleiben. Dieses Abkommen stellte sich freilich bald als ein bloßer und zwar sehr gebrechlicher Waffenstillstand heraus und war das erste Symptom des bevorstehenden Bruches die Erneuerung des Rates der Stadt, aus welcher Behörde die patrizischen und katholischen Elemente durch kleinbürgerliche und eifrig-protestantische verdrängt wurden, deren Eifer jedoch gar bald auch nicht mehr eifrig genug befunden ward. Wer mitschwindeln will in einem so recht ins schwindeln gekommenen Schwindel, darf keinen Augenblick innehalten und stillstehen, sondern muß mit Maul und Fuß stets bei der Hand sein, seine lieben Mitschwindler zu überschwindeln. Der Bernhart Rothmann hat das auch erfahren, obzwar ihn auch noch ein anderes Motiv auf den Schmutzweg der Wiedertäuferei getrieben haben mag. Denn des armen Hahnreis Wiggers wundersames Weib – »conjugem mirabilem« hat ein Zeitgenosse die Frau genannt – hatte es ihm angetan, so daß er, nachdem ihr Gatte gelegentlich gestorben, sich mit ihr verheiratete. Die Katholiken in Münster sagten freisam, die notorisch buhlerische Frau hätte, von wilder Leidenschaft für Rothmann entbrannt, ihrem ersten Gatten Gift gemischt. Allein dies Gerede vermochte gegen die große Popularität, deren Rothmann bei seinen Glaubensgenossen sich erfreute, nicht aufzukommen: die Protestanten strömten scharenweise zu seiner Hochzeit, glückwünschend und geschenkebringend. Trotzdem durchsickerte das Giftgerücht allmählich die öffentliche Meinung dergestalt, daß der Prädikant merkte, sein Ruf müßte in den Augen ehrenfester Männer und sittsamer Frauen doch einen Ölflecken bekommen haben, und nun schien es ihm geraten, diese Makel dadurch abzuwischen oder auszubrennen, daß er sich von der evangelischen Lehre, wie Luther und Melanchthon sie verstanden und verkündigten, allmählich den weitergehenden reformistischen Doktrinen und Forderungen anschloß. Er wollte, wenn ich so sagen soll, die bewiesene Gemütsschwäche im Glaubensfeuer des Fanatismus härten. Die Wiedertäuferei lag aber in der Luft der Zeit, und bald sollte es kund werden, daß der Oberprädikant von Münster dieselbe in vollen Zügen eingeatmet habe. Zunächst erklärte er sich in drastischer Weise gegen die lutherische Abendmahlslehre. Dorp erzählt: »Er brach semel in eine grose breite schüssel, gos wein darauff, und nachdem er die wort des Herrn vom nachtmal dazu gesprochen hatt, hies er die, so des Sakraments begerten, zugreiffen und essen.« Hiervon erhielt der Mann den Spitznamen Stutenbernt, das ist Semmelbernhart, weil die Semmeln im Münsterer Platt Stuten heißen. Dann weigerte er sich der Kindertaufe und schalt dieselbe einen »Greuel vor Gott«. Gegen das Ende des Jahres 1533 zu war der Stutenbernt schon ein so richtiger Wiedertäufer, als nur jemals einer im Buche gestanden hat, und seine Beredsamkeit verlockte mehr und mehr den großen Haufen auf den Irrweg, welchen er selber eingeschlagen und auf welchem er in dem Mann einer reichen Frau, in dem Tuchhändler Bernt Knipperdollinck, einen gleich heftig ausschreitenden Mitwanderer gefunden hatte. Knipperdollinck, berichtet uns Gresbeck, »was ein treist und ein stolt man, könne und drieste was er von sinnen«. Weit in der Welt herumgekommen, hatte er zahlreiche Verbindungen mit Wiedertäufern angeknüpft, und sein behagliches Haus wurde die erste Heimat der Wiedertäuferei in seiner Vaterstadt. Ohne irgendwie durch geistige Begabung hervorzuragen, besaß er jene halb brutale, halb launige Sprechweise, welche der Menge gefällt. Offen wie sein Haus war auch seine Hand, welche ja nicht durch eigene Arbeit gefüllt zu werden brauchte, und es kam ihm nie auf ein paar Kannen mehr an, um die Kehlen seiner Bewunderer gehörig anzufeuchten. Für Wirtshauspolitik hatte er ein nicht gemeines Talent, und maßen er sich seinen lieben Mitbürgern als einen ganz und gar selbstlosen Biedermann aufzuspielen wußte, so hatte er die Mehrzahl derselben bald in den Taschen seiner Pluderhosen. Der Mann war übrigens vom Ehrgeize verzehrt und gehörte zu jener doppelt gefährlichen Klasse von Fanatikern, welche mit dem Fanatismus eine gewisse Schalkheit verbinden und, unfähig, die erste Rolle in einem Revolutionsdrama durchzuführen, in der zweiten oder dritten sich um so breiter und furchtbarer zu machen suchen. Solche Gesellen, mit einer ausgesprochenen Idiosynkrasie gegen alle geregelte Tätigkeit, gegen alle Arbeit behaftet, wollen um jeden Preis mittun, mitregieren. Sie meinen es auch anfangs nicht so übel, aber schließlich kommen sie, weil ohne allen sittlichen Halt, ganz leicht dazu, jeden, welcher nicht ihrer Meinung zu sein sich untersteht, in aller Gemütlichkeit totzuschlagen. Selbstverständlich versäumen sie auch nie, ihren eigenen höchst persönlichen Gelüsten und Ansprüchen das mit den Schlag- und Stichworten des Tages gleißend gestickte Mäntelchen der Zeitmode umzuhängen. Zur Zeit der französischen Terroristen wäre Bernt Knipperdollinck ein wütender Anhänger Marats gewesen und hätte » Liberté, égalité et fraternité ou la mort !« gebrüllt; zur Zeit Luthers war er der »Schwertträger«, das ist der Oberhenker des Jan Bockelson und brüllte: »Die Wiedertaufe und das Reich Gottes oder Tod allen Ungläubigen!« Das hatte noch den nicht gering anzuschlagenden Vorteil, daß die Knipperdollinckerei sich den Anschein eines religiösen Apostolates geben konnte, was natürlich auf die gläubige Dummheit die gehörige Wirkung übte. Daß diese nach Wundern und Zeichen lechzende gläubige Dummheit in Münster dazumal massenhaft vorhanden gewesen, untersteht gar keinem Zweifel. Das will sagen, daß nicht nur eine Anzahl, sondern die ungeheure Mehrheit der Münsterer Wiedertäufer in gutem Glauben das neue Evangelium hin- und annahm. Der ehrliche Gresbeck bezeugt das so: »Ein deil von den wiederdopers meinden anders nicht, al dat die Propheten deten und sachten, dat hedden sie von Got, dat in dat Got openbairt.« An »Propheten« aber war fürwahr kein Mangel. Sowie es kund geworden, daß die anabaptistische Schwarmgeisterei durch Knipperdollincks und des Stutenbernts Bemühungen in Münster festen Fuß gefaßt hätte, konnte man das biblische Wort: »Wo ein Aas liegt, da sammeln sich die Geier« – auf die Stadt anwenden. Wiedertäuferische Pilger wallfuhren von allen Seiten herbei, und namentlich wurde Münster ein Wanderziel für die Bekenner der Wiedertaufe in Holland und Friesland. Sie kamen immer zahlreicher, nachdem die Tatsache, daß die ersten Ankömmlinge durch die Fürsorge Knipperdollincks und Rothmanns gar gastlich beherbergt und beköstigt worden, ihre Wirkung getan hatte. Mit zu den ersten Einwanderern gehörten Jan Bockelson und ein gewisser Gerit. Sie langten, von dem Oberpropheten der holländischen Wiedertäufer als »Apostel« entsandt, am 13. Januar 1534 in Münster an. Unlange darauf machte sich dieser Oberprophet, Jan Matthys, seines Zeichens ein Bäcker zu Harlem, allerhöchst eigenfüßig nach dem westfälischen Wiedertäufer-Zion auf den Weg und brachte seine junge schöne Frau Divara oder Diewer mit, eine Blondine mit feurigen Blauaugen und einer weißen Sammethaut, nur ein bißchen zu holländisch-plastisch geformt, eine Schönheit also von jenem Schlage, wie sie Rubens später so gern gemalt hat. Jan Matthys, welcher sich die blonde Divara in vorweggenommener mormonischer Weise »angesiegelt« hatte, während seine rechtmäßige Ehefrau noch lebte, muß allem nach einer jener Fanatiker gewesen sein, welche an den Lügendunst, den sie andern vormachen, selber fest glauben und ebenso bereit sind, für ihren Wahn zu sterben als andere dafür sterben zu machen. Ein richtiger, das heißt, ein aufrichtiger Petroliker von damals demnach. Wenn seinem Jünger Bockelson zu glauben, war Matthys der Mann, welcher zuerst den Geist der Rebellion und des Blutes in die Wiedertäuferei gebracht hat. In einem seiner Verhöre hat nämlich der Exkönig von Zion seinen Meister als den bezeichnet, »der anfencklich den gebruich des schwertz und gewallt widder die obricheit have ingefort und gefurdert«. Wie in anderem ließ jedoch der Jünger den Meister auch hierin bald weit hinter sich. Bockelson systematisierte die wilden Instinkte des fanatischen Bäckers von Harlem, er brachte Methode in den grausamen und wollüstigen Größenwahn der Wiedertäuferei. Wer war nun dieser Mensch? Dem Protokolle seines am 25. Juli 1535 zu Dülmen bestandenen Verhörs zufolge hat er über seine Persönlichkeit folgende Auskunft gegeben. Er war zu Leiden in Holland geboren und aufgefüttert (»upgefuedet«). Dem Unterschulzen Bockel zu Soevenhagen bei Leiden hat bei Lebzeiten von dessen Ehefrau die leibeigene Magd Alit den Jungen geboren. Der Vater scheint für den Bankert nach Möglichkeit gesorgt zu haben. Jan ging zu Leiden in die Schule und lernte dann die Schneiderei (»dat snider ampt«). Seine Wanderschaft als Schneidergeselle führte ihn nach England und Flandern. Heimgekehrt, ließ er sich dann in seiner Geburtsstadt nieder. Aber sein Sinn war nicht bei der Elle, der Schere, der Nadel und dem Bügeleisen. Die Unrast der Zeit war auch in den Schneider gefahren. Er fühlte sich zu Besserem, zu Höherem bestimmt und verfolgte dann richtig diese seine Bestimmung, welche ihn höher und immer höher hinaufführte: auf das Theater, auf die Prophetenkanzel, auf einen Schwindelthron und schließlich auf das Schafott. Als der hübsche und gewandte Bursche, welcher er war, gewann er die Zuneigung der wohlhabenden Witwe eines Schiffmanns, heiratete sie und fing mit den ihm zugebrachten Mitteln ein kaufmännisch Gewerbe an. In dessen Betreibung tat er weite Reisen nach dem Norden zu bis gen Lübeck, südwärts bis nach Lissabon. War aber, scheint es, ein schlechter Handelsmann, kam nicht vorwärts in seinem Geschäfte, sondern entschieden zurück. Fing daher ein anderes an, tat das Wirtshaus »In den drei Häringen« in einer Vorstadt von Leiden auf und sorgte mittels allerhand Schnurrpfeiferei dafür, daß es lustig herging in dieser Pintenschenke. Er spielte den Wirt ganz vortrefflich, denn er war ja ein geborener Komödiant. Daher tat er sich auch bald hervor unter den »Rederijkern« von Leiden und machte in der dortigen »Kamer van Rethorika«, das heißt, in der Gilde der Leidener Reimschmiede, Deklamatoren und Liebhabertheaterspieler, eine vortretende Figur. Hier, unter den »Gesellen van den Spele«, mag er sich die Bühnensicherheit, den theatralischen Schick und Takt erworben haben, womit er später den Propheten, den König, den Märtyrer agierte. Denn dieser Mann spielte alles, und gerade daraus erklärt sich ja sein blendender Erfolg. Die Menschen und die Völker wollen schlechterdings, daß man ihnen etwas vorgaukle; vermöge ihrer Erbsünde, das heißt, vermöge ihrer angeborenen Nichtswürdigkeit lieben sie die Lüge und den Schein und hassen sie die Wahrheit und das Wesen. Wer sie verblenden kann, der hat sie. Außer seiner Vervollkommnung als Komödiant trug Jan aus der Leidener Rederijker-Kammer noch etwas davon, die religiöse Oppositionsstimmung, wie sie ja in diesen niederländischen Meistersingerschulen schon frühzeitig daheim gewesen war. Gar keine Frage, Bockelson ist von der religiösen An- und Aufspannung der Zeit ebenfalls stark ergriffen gewesen, und seine ungezügelte Phantasie mußte an den wiedertäuferisch-chiliastischen Träumereien und Wahngebilden großes Wohlgefallen finden. Er, der lustige Schenkwirt, vertiefte sich in die Lesung der Traktate des wiedertäuferischen Orakelers Melchior Hofmann aus Schwäbisch-Hall, eignete sich auch den Inhalt der Bibel an und gelangte auf dem Wege solcher Studien glücklich zum »Gnadendurchbruch«. Einmal so weit pilgerte er zum Jan Matthys nach Harlem und empfing zur Herbstzeit von 1533 von diesem Propheten die Wiedertaufe und das Apostelamt. Ob er von vornherein gewillt gewesen, dasselbe zur Unterlage zeitlichen Gedeihens zu machen, ob er seine neugebackene Gottseligkeit aus demselben Gesichtspunkte betrachtet habe, aus welchem hundert Jahre später der holländische Nationaldichter Jakob Cats die seinige ansah, indem er reimte: »Es ist das beste Tun, des Lobes wert, auf Erden Gottselig sein und auch dabei noch reich zu werden« – wer möchte das bestimmt bejahen oder verneinen? Aber gewiß ist, daß in dem angehenden Propheten, welcher Weib und Kind verließ, um nach Münster zu wandern, eine maßlose Eitelkeit wühlte und eine heiße Ehrsucht gor, welche, bis zum Größenwahnsinn gesteigert und verbunden mit den entzügelten Gelüsten einer wilden Sinnlichkeit, den Mann vorwärts spornte auf seiner verderblichen Bahn. Die Natur hatte ihm die Mittel verliehen, die Eingebungen seiner Phantasie zu verwirklichen und den Forderungen seiner Leidenschaften genugzutun. Noch nicht ganz fünfundzwanzigjährig, stand er in der Blüte seiner Männlichkeit. Schlank, stattlich und schmiegsam von Gestalt und von anmutiger Gesichtsbildung besaß er jenen einschmeichelnden und zugleich beherrschenden Blick, welcher den Frauen so wohlgefällt. Überhaupt, die Weiber hatte er weg. Hatte sie so sehr weg, daß ihm seine verlassene Ehefrau auch dann noch, als sie erfahren, daß der vielseitige Treulose nicht weniger als fünfzehn andere sich angesiegelt habe, eine innige Zuneigung bewahrte. Wer aber die Weiber hat, der braucht sich um die Männer nicht sehr zu sorgen, maßen die bessere Hälfte der Menschheit die schlechtere von selber nachzieht. Es war und ist daher ganz in der Ordnung, daß namentlich Religionenstifter und Propheten ihr Absehen zunächst auf das schönere und, wie gesagt, bessere Geschlecht richteten und richten. Auch unser Jan tat so, und es ist zweifellos, daß sein Auftreten und Gebaren in der Frauenwelt von Münster für das wiedertäuferische Kredo reißende Propaganda machten. Alles zusammengehalten, muß man daher in dem Schneider von Leiden einen Mann erkennen, dessen ganze Persönlichkeit, dessen Gaben und Talente über das menschliche Durchschnittsmittelmaß beträchtlich emporragten. Einer seiner redlichsten und urteilsfähigsten Zeitgenossen, der um 1545 verstorbene Chronist Sebastian Frank, hat von dem Wiedertäuferkönig gesagt, daß er »von Angesicht, Person, Gestalt, Vernunft ein redsprech, rathweiß, anschlegig, an Behendigkeit, unerschrockenem stolzen Gemüt, von künen Taten und Anschlegen ein edel wohlgeschickt und wunderbarlich Mann sei gewesen«. Das hieß nun freilich den Mund sehr voll nehmen und ist dabei in Anschlag zu bringen, daß Frank ein abgesagter Feind des rasch zum unduldsamen und verfolgungssüchtigen Dogmatismus verknöcherten Luthertums war. Aber ein genialer Schwindler war Jan Bockelson schon, das läßt sich nicht bestreiten. Er mag wohl auch vom Schmerze der Kreatur im Innersten angefaßt und vom Weh seiner Zeit lebhaft ergriffen gewesen sein. Aber über allem seinem Fühlen, Denken und Tun schwebte doch immer bestimmend und beherrschend das Gauklerisch-Eitle seiner Natur, die Sucht, um jeden Preis eine glänzende Rolle zu spielen, die Wut, zu herrschen, zu schwelgen und, wenn nötig, zu morden. Vielleicht kennzeichnet man ihn am treffendsten, wenn man ihn den Lassalle des 16. Jahrhunderts nennt. 3. Die Wiedertäuferei war eine mit Blut und Feuer geschriebene Glosse zu dem in der sogenannten Weltgeschichte bekanntlich unzählig oft wiederkehrenden Thema: »Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage«. Der Anabaptismus hat das religiöse Prinzip der Reformation ins Mystische, Schwärmerische, Fanatische hinaufgeschwindelt und alles Ernstes gefordert, daß die apokalyptisch-tollen Träume von einem »tausendjährigen Reiche der Heiligen« verwirklicht werden müßten. In politischer und sozialer Beziehung war die Wiedertäuferei vorweggenommener Maratismus und Babeufismus; denn sie ging darauf aus, die Gesellschaft in einen wüsten Trümmerhaufen zu verwandeln, um auf solcher Grundlage eine phantastisch-kommunistische Schreckensherrschaft mit Gütergemeinschaft, Vielweiberei und allem sonstigen Zubehör eines »menschenwürdigen Daseins« aufzurichten. Laßt uns zusehen, wie das auf der roten Erde für eine Weile gelungen ist, und welchen Verlauf und Ausgang das Abenteuer hatte. Schon in den ersten Wochen des Jahres 1534 zeigte die alte Stadt Münster eine wesentlich veränderte Physiognomie, Eine Menge von fremden Gesichtern machte sich in den Gassen bemerkbar. Man sah auffallend viele in Grau und Schwarz gekleidete Männer, und man sah auch viele Frauen, welche, statt die in Münster bräuchlichen Kopftücher (»hoevet doich«) zu tragen, die Kapuzen ihrer »Muschen« über die Haare gezogen hatten. Allwo diese Männer und Frauen sich begegneten, faßten sie sich bei den Händen, küßten sich auf den Mund und der oder die Küssende sagte: »Lieber Bruder (oder: Liebe Schwester), der Friede Gottes sei mit dir!« Worauf der oder die Geküßte: »Amen!« Das war die Losung und das Erkennungszeichen der Wiedergetauften. Denn das Werk der Wiedertaufe war bereits in vollem Gang und Zug. Die Predigten des Meisters Jan Matthys und seines Lieblingsapostels Jan Bockelson hatten mächtig gewirkt. Die beiden Propheten predigten aber auch, wie der jetzt vollständig verschwarmgeisterte Stutenbernt an die Wiedertäufer der umliegenden Ortschaften schrieb, »das Wort Gottes mit unglaublicher Lieblichkeit«. Was wunders, daß die Frauenwelt solcher »Lieblichkeit« nicht zu widerstehen vermochte? Zunächst ergriff der heilige Veitstanz die »Bräute Christi«. Die Nonnen von Sankt-Aegidi nämlich und darauf auch die von Overat verspürten einen unwiderstehlichen Drang nach der Wiedertaufe und nebenbei auch nach der Ehe, deren Beschwernisse – sagt unser Augenzeuge naiv – sie ja nicht kannten. Die fromme Neugier trieb mehr und mehr der Frauen und Mädchen in die wiedertäuferischen Konventikel, und den Frauen und Mädchen folgten mählich Männer und Jünglinge. Denn so ist die Ordnung der Natur, daß, wo Gänse und Gänschen vorhanden, es niemals an älteren und jüngeren Gänserichen fehlen wird. Noch hatten die Wiedertäufer lange nicht die Mehrheit in der Stadt, aber ihr Weizen war doch in saftigem Wachsen. Schon war es so weit, daß innerhalb der Ringmauern von Münster das Ansehen und die Befehle des Bischofs, des rechtmäßigen Landesherrn, mißachtet werden konnten. Die Bemühungen des Rates, der Wiedertäufern Abbruch und Einhalt zu tun, fielen ebenfalls ganz kläglich aus. Der Versuch, mittels Herbeiziehung des hessischen Prädikanten Dietrich Fabricius, die Protestanten Münsters im orthodoxen Luthertume zu steifen, mißlang völlig. Weiber schalten den Hessen: »Der kann nicht einmal münsterisch reden!« und halbwüchsige Mädelchen wußten auf offenem Markte mit Anspielung auf die lutherische, durch Fabricus vertretene Abendmahlslehre Spottreden zu führen von »dem hessischen Gotte, so da essbar sei«. Allnächtlich gingen die wiedertäuferischen Buße- und Bekehrungsrufe durch die Gassen, und am 7. Februar liefen Wiedertäufer und Wiedertäuferinnen in der Stadt herum, fistulierend: »Wehe, dreimal wehe! Tut Buße und nehmt die Taufe, so ihr der Rache des Herrn entgehen wollt; denn sein Tag naht eilends heran.« Ein Schneider, welcher es seinem Kollegen Bockelson gleichzutun sich abzappelte, sah den himmlischen Vater in den Wolken und schrie wie besessen den Leuten zu, »sie sollten sich unzögerlich taufen lassen, falls sie der ewigen Pein entgehen wollten«. Schon am folgenden Tage wurde auch offenbar, daß die Lehre des Bäckers von Harlem, gegen dem wiedertäuferischen Heile widerstrebende Obrigkeiten sei mit Gewalt vorzugehen, auf fruchtbaren Boden gefallen war. Denn an diesem achten Februartage brachen die Wiedertäufer in offene Rottierung aus. Sie sammelten sich auf dem Marktplätze, bemächtigten sich des Rathauses und nahmen die dort aufbewahrten Warenvorräte weg. Knipperdollinck erging sich in visionären Rasereien und die Versammelten erhitzten sich gegenseitig mehr und mehr. Es sah ganz so aus, als wollten die Wiedertäufer schon heute gewaltsam der Stadt sich bemächtigen. Der Versuch unterblieb indessen, denn die beiden Jane, die Propheten, welche hinter den Kulissen die Drähte, an welchen die rottierenden Marionetten befestigt waren, leiteten, waren »klug wie die Schlangen«, das heißt, sie entschieden, der Tag, »die Tenne vom Unkraute zu reinigen«, sei noch nicht gekommen. Sie hatten ja eingesehen, daß sie aus der Minderzahl erst zur Mehrzahl werden müßten. Die Mehrzahl der Bewohnerschaft von Münster, den Rat inbegriffen, handelte an diesem Tage ebenso töricht, unschlüssig und feig, wie in unserer Zeit am 18. März 1871 die ungeheure Mehrheit der Bewohnerschaft von Paris gehandelt hat. Wie an diesem Märztage die Pariser Kommunisten mit Leichtigkeit hätten erdrückt werden können, gerade so an jenem Februartage die Münsterer Fanatiker. Hier wie dort war man dumm und lässig genug, das Feuer nicht auszutreten, und dort wie hier wurde dasselbe dann zu einer verheerenden Brunst. Schon waren die gegen das wiedertäuferische Unwesen gestimmten Bürger in Wehr und Waffen getreten, schon war auf Anordnung des Rates der Marktplatz abgesperrt und mit Geschützen umstellt, schon hatte auch der Bischof von seinem Schlosse zu Telgte Botschaft hereingesandt, daß er mit seinen Reisigen der Bürgerschaft zur Hilfe zu kommen im Begriffe sei, kurz, alles war zu einem tüchtigen Schlage bereit, als einer jener zu aller Zeit vorkommenden Vermittler, welche einen unwiderstehlichen Kitzel fühlen, Weiß und Schwarz zu einem unersprießlichen Grau zusammenzumantschen, dazwischen trat. Diesmal war der Mantscher jener hessische Prädikant Fabricius, welcher, um sich im ganzen Glanze christlicher Liebe und Versöhnlichkeit sehen zu lassen, die Nichtwiedertäufer zu bestimmen suchte und wußte, Frieden zu halten. Daß er damit durchdrang, dürfte einen oder wohl den Hauptgrund darin gehabt haben, daß etliche Mitglieder des Rates der Wiedertäuferei schon heimlich zugeneigt waren und andere die Besorgnis hegten, der Ausbruch des Kampfes zwischen den Bürgern von Münster könnte dem Bischof Gelegenheit geben, der Stadt sich zu bemächtigen, was alle protestantisch Gesinnten verhindert sehen wollten. Genug, die Gunst des Tages und der Stunde wurde schmählich verpaßt, an die Stelle energischen Handelns trat schwächliches Verhandeln und dieses führte zu einem Kompromiß, kraft dessen die Glaubensfreiheit innerhalb der Stadt gewährleistet und bestimmt wurde, daß niemand in seinem Gewissen und in seinem Besitze gestört werden, und daß männiglich der Gewaltsamkeit entsagen und der Obrigkeit gehorchen solle. Der Fürstbischof hatte, vor dem Tore angelangt, dasselbe verschlossen gefunden und mit seinen Reitern wieder hingehen müssen, woher er gekommen. Natürlich war das nur ein ganz fauler Friede, der ausschließlich den Wiedertäufern zugute kommen konnte. Die Domherren und andere katholische Patrizier wußten wohl warum, als sie sich nach dem achten Februar von dannen huben. Auch die Wiedertäufer wußten warum, als sie dazumal eine Schrift ausgeben ließen, worin sie sagten: »Unsere Angesichter wurden schön von Farbe«. Sie fühlten ihre Stärke, und daß bei ihnen, bei welchen der Mut war, bald auch die Macht sein würde. Den geschlossenen Frieden betrachteten sie als einen Waffenstillstand, welchen sie gerade so lange einhalten wollten, als sie mußten. Sie waren der Zukunft, der nächsten schon gewiß. Ekstatische Weiber schrien auf den Gassen »Mirakel! Mirakel!« und hüpften dazu, »als wollten sie fliegen«. Kinder taten weissagende Mäuler auf und sangen: »Niemals ist auf Erden größere Freude gewesen!« Der Unsinn marschierte prächtig. 4. Noch in demselben Monat Februar von 1534 kam die Gewalt in Münster von Rechts wegen, sozusagen, in die Hände der Wiedertäufer und konnte das um so leichter geschehen, als ja von den angesessenen Bürgern eine immer größere Zahl der Vaterstadt den Rücken kehrte. An Ersatz fehlte es aber nicht: für jeden auswandernden Münsterer kamen mindestens drei fremde Zuzügler herein. Denn der Stutenbernt hatte in die Nähe und in die Ferne einen »Posaunenruf« ausgehen lassen, daß männiglich und weibiglich, so da des zeitlichen und ewigen Heiles froh werden wollte, sich aufmachen sollte zu den Gezelten Israels, zu wohnen in dem neuen Jerusalem. Das zog. So etwas brauchte man ja der heiligen und der unheiligen Gesindelschaft nur zu sagen. Das Menschenspülicht strömte nur so zu den Toren herein: Männer, die ihrer Weiber, und Weiber, die ihrer Männer überdrüssig waren, fühlten plötzlich ein Lechzen nach dem zu Münster quillenden Brunnen der göttlichen Gnade. Mädchen, welche die Wiedertaufe als ein Patent auf Männer betrachteten, kamen auch. Leibeigene, deren es dazumal auf der roten Erde noch kaum weniger viele gab, als es heutzutage daselbst Geisteigene gibt, suchten in dem neuen Jerusalem die Freiheit, die sie meinten. Auch viele ganz ehrliche Enthusiasten waren unter den Einwanderern. Sie wähnten alles Ernstes, in Münster müßten alle die Blütenträume von Freiheit, Glück und Heiligkeit, welche der Zeitschwarmgeist ausgeheckt hatte, ihre früchtereiche Erfüllung finden. Einer der Einwanderer dieses Schlages war der Pfarrherr von Gildhausen, Bernt Krechting, welcher Seelenhirt einen ganzen Trupp seiner »Schafe« mitbrachte und den wir bald in der Vorderreihe der wildesten Fanatiker erblicken werden. Die Masse der Zuzügler bestand jedoch aus Holländern und Friesen, und es ist merkwürdig, zu sehen, wie das angestammte Phlegma dieser Leute durch den Dämon religiöser Wut zur heftigsten Gärung um- und aufgerührt wurde. Selbstverständlich hatten alle diese Fremdlinge keine Spur von heimatlichem Gefühle für die Stadt und kümmerte es sie nicht im geringsten, was für ein Unheil sie über dieselbe heraufführen halfen. Sie lebten und webten nur in den fixen Ideen, in den Wahngebilden ihrer Sekte, soweit sie nämlich ehrliche Narren und nicht kalkulierende Gauner waren, und ihr ganzes Gebaren bietet eins der erstaunlichsten, erschrecklichsten Beispiele, wie ursprünglich rein innerliche Mächte in der Äußerlichkeit des Daseins sich gestalten und formen. Zeitig im Februar muß die gemeldete Umwandlung der Bevölkerung von Münster schon weit vorgeschritten gewesen sein. Denn nur dadurch wurde die Fastnacht möglich, wie sie diesmal in der Stadt rumorte und rasaunte. Ungehindert vom machtlosen Rate erhoben sich die Wiedertäufer zur Zerstörung der »Götzentempel«. Die Klöster wurden ausgeraubt, der schöne Dom im Innern ganz verwüstet. Die neuen Heiligen zerschlugen und zerschnitten die Statuen und Bilder der alten, zerschmissen die Reliquienkasten und die Messegeräte, stampften auf den Hostien herum, zertrümmerten Orgeln und Uhren. Im Dome wurde getrunken, gesungen und gesprungen. Die helle vorweggenommene Karmagnole von 1793! Ganz so, wie es zur Zeit des wüsten »Désse-de-la-raison«-Spektakels in den Kirchen von Paris herging, so in den Kirchen von Münster im Februar 1534. Und damit eine weitere Parallele zwischen dem zerstörerischen Wahnwitz des sechzehnten und dem des achtzehnten Jahrhunderts nicht fehlte, tat Knipperdollinck, was die Schreckensmänner von 1793 mit dem Straßburger Münsterturm bekanntlich auch tun wollten, das heißt, er forderte und ordnete an, daß die Spitzen der Kirchentürme abgetragen würden, maßen die Zeit gekommen, allwo das Hohe erniedrigt und das Niedrige erhöht werden müßte. O, arme Vernunft, wann wird einmal deine Zeit kommen? Weltrichterin Historia gibt zur Antwort: Nun und nimmer! Denn die Dummheit währet ewiglich und der Gemeinheit und der Bosheit ist kein Ende. Die Fastenzeit brachte in Münster keine Ernüchterung, bewahre! Sie stellte im Gegenteil das Regiment der Wiedertäufer förmlich fest. Auf den 23. Februar fiel die Erneuerungswahl des städtischen Rates, woraufhin die Propheten die Losung gegeben hatten: »Wählt nicht wie bislang nach dem Gelüste des Fleisches, sondern nach der Eingebung des Geistes.« Der Geist, nämlich der des souveränen Unverstandes, gab denn auch richtig den Münsterern ein, zu Mitgliedern des Rates lauter Wiedertäufer zu küren und zu Bürgermeistern den Knipperdollinck und einen gewissen Kipenbroick, eine wiedergetaufte Null, wie es scheint. Der lustige, lärmende Bernt wäre demnach der Gebieter von Münster gewesen, so er nicht zwei Herren über sich gehabt hätte, die beiden Jane, den Matthys und den Bockelson. Gresbeck meldet sehr richtig: »Dieselbe twe Propheten weren die obersten mit den Bürgermeistern und raet in der stat Monster«, das heißt eben nur: Bürgermeister und Rat taten, was die Propheten ihnen einbliesen. Zuvörderst wieder eine schnöde Gewalttat: die Austreibung aller, welche die freche Botschaft der Wiedertäuferei nicht annehmen wollten, also die Verjagung von Bürgern und Bürgerinnen aus Haus und Heim, aus Besitz und Recht. Es terroristelte und kommunistelte schon ganz offen und wurden die wüsten Leidenschaften mehr und mehr entstammt durch die Gewißheit, daß der Fürstbischof dem Unwesen in seiner Stadt nicht länger untätig zusehen wollte. Man wußte, daß er die Fürsten, Prälaten und Reichsstädte den Rhein auf und ab und bis ins Reich hinein zu freundnachbarlichem Aufsehen gemahnt, daß er von seiten katholischer wie lutherischer Fürsten Unterstützung zugesagt erhalten, daß er in seinen Stiften die Vasallen aufgeboten, Landsknechte angeworben, Geschütz und anderes Kriegszeug angeschafft hätte und nach also bewerkstelligter Rüstung jetzo heranzöge, um die Stadt einzuschließen und zu belagern. Freitag, den 27. Februar lief des Morgens bei heftigem Windwehen und Schneetreiben Jan Matthys durch die Stadt, rufend: »Bekehret euch, ihr Ungläubigen! Das Schwert Gottes ist über euren Häuptern!« Etwas später hielten die Wiedertäufer in Wehr und Waffen ein Konventikel auf dem Rathaus ab. Der Oberprophet dämmerte eine Weile vor sich hin, wie schlafend. Dann fuhr er auf und schrie: »Hinweg mit den Kindern Esaus, das Erbe gehört den Söhnen Jakobs! Hinweg mit den Gottlosen, welche sich der Taufe weigern, aus der Stadt, damit durch den Verkehr mit ihnen das Volk Gottes nicht bemakelt werde!« Und sofort begann das erbarmungslose Werk der Austreibung aller, welche ihr Gewissen höher hielten denn ihre Heimstätte und Habe. Es gab aber viele, welche dachten: Der Gescheitere gibt nach! und diese Realpolitiker gingen nach dem Marktplatze, wo die Wiedertäuferbonzen den Prozeß der Wiedergeburt sehr beförderlich abmachten, indem sie die Willigen aus einem vor ihnen stehenden Wassereimer tauften. Wer sich nicht zu der elenden Posse herbeiließ, mußte fort. Bewaffnete Fanatiker brachen in die Häuser der Widerstrebenden ein, rissen die Insassen heraus und trieben alle, Männer und Frauen, Greise und Kinder, Gesunde und Kranke, unter Mutwill und Mißhandlung zu den Toren hinaus, nachdem sie ihnen unter den Wölbungen derselben noch alle in der Eile etwa zusammengerafften und mitgeschleppten Habseligkeiten entrissen hatten. Arm und bloß, viele darunter halbnackt und barfüßig, stieß man sie in den Schnee und das Unwetter hinaus. Auch der Rache des Bischofs in die Arme. Denn unter den Ausgetriebenen befanden sich notorische Protestanten und diese ließ Franz von Waldeck, dessen Herzenshärte nicht geringer war als die der Wiedertäufer, greifen, wo man sie traf, und ohne weiteres hinrichten. Als die Kunde hiervon nach Münster gelangte, nahmen die wenigen Lutheraner, welche sich noch in der Stadt zu verbergen oder sonst zu halten gewußt hatten, die Wiedertaufe, um also, da sie ja doch draußen dem bischöflichen Galgen nicht entgehen könnten, wenigstens drinnen vor dem Schwerte der Wiedertäufer gesichert zu sein. Daß dieses Schwert zum Zuschlagen sehr bereit war, konnte keinem Zweifel unterstellt werden. Hatte doch vor dem Austreibungstag der rabiate Bäcker von Harlem bei einer vertraulichen Beratung der Führer den Vorschlag gemacht, alle »Gottlosen«, das heißt, alle Papisten und Lutheraner in Masse abzuschlachten, damit »ein christliches Gemeinwesen hergestellt würde, welches dem himmlischen Vater ungestört dienen könnte«. Geradeso wollten Marat und Komp. später mit den Royalisten und Konstitutionellen aufgeräumt wissen zugunsten der »einen und unteilbaren Republik«. Die menschliche Narrheit und Wut wechseln nur die Stichwörter, das ist alles. Der Sinn des 27. Februars ist übrigens klar: die Wiedertäufer wollten nicht nur die Herren der Stadt sein, sondern sie wollten auch die ganze Bewohnerschaft derselben zu Mitschuldigen haben. Nur solche, nur unsühnbar Kompromittierte, so folgerten sie ganz richtig, würden bereit sein, gemeinsam mit ihnen den Kampf auf Leben und Tod zu bestehen, welchen sie rasch herankommen sahen. Trafen doch schon am 28. Februar etliche Truppen des Bischofs vor der Stadt ein, und hob alsbald die Umschließung der Mauern an. Nach und nach bildeten sich dann um die Stadt her fünf Lager, in welche die bischöfliche Streitmacht verteilt war. Münster war aber den damaligen Belagerungsmitteln gegenüber eine sehr feste und wohlverwahrte Stadt. Die Wiedertäufer müssen sich ihrerseits, wie aus allem hervorgeht, beizeiten zum heftigsten Widerstände gerüstet haben, namentlich auch mittels der Einbringung von Lebensmitteln. Münster wurde jetzt ein Heerlager. Dem Gedanken der Verteidigung mußte alles untergeordnet werden und dienlich sein. So hätte man wenigstens glauben sollen. Die belagerte Stadt bietet aber darum ein ganz eigentümliches Schauspiel dar, weil, während ein äußerer Feind ihre Wälle beschießt und bestürmt, in ihrem Innern ein unerhörtes Narrenstück aufgeführt wird. 5. Pöbelhaftigkeit war und blieb das oberste Kennzeichen des ganzen widerwärtigen Wiedertäuferrummels und in zwei Merkmalen offenbarte sich zuvörderst diese gemeine Pöbelnatur. Das eine war das brutale Wüten gegen die in Münster vorgefundenen Kunstschätze, wie gegen die Werkzeuge und Errungenschaften der Wissenschaft: die Werke der westfälischen Malerschule und die kostbare Langensche Bibliothek wurden von den Barbaren den Flammen überliefert. Überall und allzeit ist der Jakobinismus, ob ein religiöser oder politischer, kulturfeindlich aufgetreten. Das zweite Merkmal der in Münster herrschenden Pöbelei war die sklavenhafte Niedertracht, womit sich die urteilslose Menge der ihr auferlegten Tyrannei fügte. Zuvörderst wurde diese gehandhabt durch den Gatten der schönen Divara. Jan Matthys befand sich unbedingt im Besitze der obersten Autorität, und seine Orakeleien waren Gesetze, welche außer ihm selbst niemand ungestraft übertreten durfte. Soweit ein Urteil über ihn möglich, war er ein betrogener Betrüger und glaubte an den von ihm gepredigten Unsinn. Auch ein mutiger Mann ist er gewesen und hat, hierbei von Knipperdollinck energisch unterstützt, der Verteidigung der Stadt einen nachhaltigen Impuls gegeben. Die Bastionen, Bollwerke und Wälle wurden rasch ausgebessert und verstärkt, eine Pulvermühle ward eingerichtet, die ganze wehrfähige Mannschaft teilte man in Rotten und Fähnlein, unterstellte sie kriegskundigen Hauptleuten und wies ihnen Quartiere und Posten an. Auch eine bewaffnete Weiberschar organisierte man, wie denn gar vieles in dieser wiedertäuferischen Wirtschaft an das Treiben der Pariser Kommunisten von 1871 erinnert. Und warum auch nicht? Die Prinzipien und Motive waren ja da und dort dieselben, nur daß für die Kommunisten von 1534 die »Hypothese Gott« noch kein »überwundener Standpunkt« wie für die von 1871. Auch die Kinder richtete man in dem belagerten Münster zur Leistung kleiner kriegerischer Dienste ab. Die Glocken nahm man von den Türmen und goß sie zu Falkaunen, Notschlangen und Scharfmetzen um. Kühne Streifscharen benutzten die immer noch mangelhafte Einschließung der Stadt, um hinauszufallen und von da und dort Munition, Vieh und sonstige Lebensmittel hereinzubringen. Und maßen wir eine Gemeinde von lauter Heiligen und Wiedergeborenen, von eitel Brüdern und Schwestern sind, so laßt den fluchwürdigen Brauch des Sondereigentums unter uns abgetan sein. Uns sei alles gemein, wenigstens zur Nutznießung. Ihr Reichen, heraus mit eurem sündhaften Mammon, heraus bei Todesstrafe! Liefert euer Gold und Silber, eure Schmucksachen, eure Barschaften und Kapitalienbriefe auf dem Rathause ab, bei Todesstrafe! Leert aus eure Privatsäckel in die Kasse der Allgemeinheit, bei Todesstrafe! Alles sei uns gemein und so auch das Essen und Trinken. Laßt unsere Brüder Zimmerleute und Schreiner große Tafeln aufschlagen auf dem Domhof, auf dem Marktplatz und wo sonst ein passender Ort. Daran setzen wir uns zu liebchristlichen Brüder- und Schwestermahlzeiten und soll jeder und jede ohne Murren essen und trinken, was ihnen vorgesetzt wird, und dazu hören wir ein Kapitel aus dem alten Testament vorlesen und stimmen zum Anfang und zum Ende einen Psalm an. Und also geschehe es; denn so will es Gott und will es sein Prophet Jan Matthys. Man sieht, das »tausendjährige Reich« machte sich. Schon war der Raub auf der Tagesordnung, und es fehlten jetzt nur noch der Mord und die Unzucht. Sie sollten nicht lange auf sich warten lassen, um das heilige Trifolium vollzumachen, dem »himmlischen Vater« ein Wohlgefallen. Denn bekanntlich haben es die Menschen von jeher so einzurichten gewußt, daß sie die von ihnen verübten Schändlichkeiten ihren Göttern in die Schuhe zu schieben verstanden. Freilich, die Götter, welche sich die Menschen machten und machen, waren und sind auch danach. Man kann sich ja leicht vorstellen, was dabei herauskommen konnte und kann, wenn das Wort: »Wie der Mensch, so sein Gott« – zur Wirklichkeit wurde und wird. So ging der Winter herum und zur Osterzeit trat die Wiedertäufern in eine neue Phase, indem der Jan von Leiden den Jan von Harlem in der Stelle des leitenden Propheten ersetzte. Und das ging so zu. Am Tage vor dem Osterfeste war Jan Matthys mit der schönen Divara bei einer Hochzeit (»brueloft«) und waren die Gäste fröhlich im Herrn. Da – wir wollen unsern wackern Augenzeugen in seinem naiven Platt erzählen lassen – »do qwam Johan Matthias des doepers geist an und sat euer lanck und schlogh die hende tho hoep und schlogh dat hoevet up und nieder und was in grotem suechten, recht wie dat hei sterven sol. Die andern, die bei inne setten, schwiegen stil und sagen sein bedrief an. Tho dem lesten wert hei widder up wacken und sachte mit einem suchten: ›O, lieve vader, nicht wie ick wil, mehr wo du wilt!‹ und stunt up und gav ein ieder die hant und kusde einen ieder für den munt und sacht: ›Goddes frede sei mit iw al!‹ und is enwech gegain mit seiner frawen.« Der von Gresbeck erwähnte »Täufersgeist«, welcher über den Propheten gekommen war, hatte ihm ohne Zweifel eingegeben, es sei jetzt die passende Zeit, die Gemeinde der Heiligen von der unbequemen Umschließung zu befreien. Am folgenden Tage »prophetierte« er, der himmlische Vater habe ihm aufgegeben und befohlen, die Feinde hinwegzutreiben. Er »was ein groet langh man und hadde einen groten schwarten Bart« und neben seiner Körperlänge und seinem großen Bart hatte er auch den Tollmut der fixen Idee. So nahm er denn einen langen Spieß, und gefolgt von »ten oder twentigh« Mitnarren, fiel er zum Ludgertor hinaus ins bischöfliche Lager. Von den Wällen herab sah man mit geziemender Spannung und Andacht dem Verlaufe des Narrenstreiches zu. Dieser Verlauf war, wie er sein mußte. Die »frummen« Landsknechte gingen ganz rücksichtslos mit dem heiligen Manne um. Derselbe wurde nämlich von ihnen »mit einer spiesen doerstecken und do hewen ime die lansknecht den kop af und heuwen in do in hondert stucker und schmeten sik darmede«. Also die Landsknechte spielten mit den Körperfetzen des in Stücke gehauenen Propheten Fangball, sozusagen. Eine üble Erfüllung der Befreiungsprophezeiung das! Bohrte der Speerstoß, welcher dem Jan Matthys durch den Leib gegangen, nicht zugleich auch ein bißchen den Wiedertäuferdippel? Behüte! Dadurch wäre ja unser Greuelspiel um seine Peripetie und um seine Katastrophe gekommen und das durfte doch nicht sein. Übrigens war ja für den verhauenen Oberpropheten sofort ein Ersatzmann bei der Hand, welcher das Zeug und den Willen besaß, den Brüdern und Schwestern von der Wiedertaufe noch ganz andere Tänze aufzuspielen, als ihnen der arme Matthys gegeigt hatte. Schade, daß wir so wenig davon wissen, was alles während der Aufführung des Münsterer Wiedertäuferdramas hinter den Kulissen vorgegangen. Wüßten wir mehr davon, so konnten wir wahrscheinlich sagen, daß der »doepers geist«, welcher dem Bäcker von Harlem sein verrücktes Unternehmen eingeblasen, eigentlich Jan Bockelson geheißen habe. Denn das steht wohl mit Bestimmtheit zu vermuten, daß der heilige Bäcker dem heiligen Schneider im Wege gewesen war – erstens als Oberprophet und zweitens als Eheherr der schönen Bierbrauerstochter Divara. »Do woert Johan von Leiden der overste prophet und was do prophet alleine«, meldet Gresbeck. Ja, der weiland Schneidergesell und Drei-Häringe-Wirt sprang rasch genug in die Lücke, welche das Verschwinden seines Meisters verursacht hatte. Zunächst trat er auf als Tröster der betrübten Gemeinde der Heiligen und hielt an die auf dem Kirchhofe bei den grauen Mönchen versammelte eine Predigt, worin er bewies, daß »Got iss mechtiger, dan Johan Matthias was«. Item, daß Gott wohl wieder einen Propheten erwecken könne und werde, um durch dessen Mund seinen Willen kundzutun. Hierauf tat er durch Mitteilung eines prophetischen Gesichtes, welches ihn, Jan von Leiden, den Tod seines Meisters habe voraussehen lassen, den Gläubigen dar, daß der neue Prophet allbereits gefunden sei und zwar in seiner eigenen liebwertesten Person. Natürlich fand er Glauben, inbrünstigen, inbrünstigsten, wie solchen jeder Gaukler findet, falls er mit der gehörigen Zuversicht und Unverschämtheit auftritt. Von diesem Tage an war Bockelson tatsächlich der Herr und Gebieter von Münster. Bevor er nun sein Herrscherspiel anhob und in großem Stile zu gaukeln begann, tat er, was andere Religionenstifter und Propheten unter ähnlichen Umständen auch getan haben, das heißt, er hüllte sich in geheimnisvolles Schweigen, weil »Gott ihm den Mund verschlossen«, und zog sich in beschauliche Einsamkeit zurück, um »Rat zu halten mit dem Geiste«. Der »Geist«, nämlich des Unsinns und der Lüge, ist ja bekanntlich in solchen Fällen immer bei der Hand mit seinen Ratschlägen. Diesmal gab er dem Propheten ein, das ganze Regiment in Münster müßte auf biblischem Fuße eingerichtet werden. Nach Pfingsten dann berief Jan, aus seiner Zurückgezogenheit und seinem Schweigen wiederum heraustretend, die Versammlung des heiligen Volkes und offenbarte, daß die bislang in Kraft gewesene Verfassung der Stadt samt dem bestehenden Rate abzutun und eine neue, nach dem Muster der israelitischen zugeschnittene, einzuführen sei. Die Bewohnerschaft von Münster sei das neue Volk Israel, folglich in zwölf Stämme einzuteilen und von zwölf Ältesten zu regieren. Zugleich bezeichnete der Prophet diese zwölf Ältesten. Der Stutenbernt seinerseits tat dann sein Prädikantenmaul weit auf, lobpries die neue Einrichtung und erklärte dieselbe für einen unmittelbaren Ausfluß vom Willen des himmlischen Vaters. Widerspricht jemand? Behüte! Also einstimmig angenommen. Der bekannte souveräne Volkswille hat sich unwiderstehlich kundgegeben. Im stillen freilich werden gewiß viele Nein abgegeben worden sein. Wie die echten Münsterer von dieser Nachäffung des alten Testaments dachten, verrät unser Augenzeuge, indem er trocken meldet: »Die boeswichters, die rechte wiederdoepers, sie wolden allein hern sein.« Alles fügte sich knechtschaffen dem neuen Gebieter und seinen Kreaturen, zu einer solchen war jetzt auch der gewesene Bürgermeister Knipperdollinck herabgesunken. Es klingt fast wie diabolischer Hohn, wenn unlange nach Verkündigung der neuen Verfassung der Prophet die Offenbarung von sich gab, es sei des himmlischen Vaters Wille, daß das frühere Oberhaupt des Gemeinwesens fortan der »Schwertträger in Israel« sein solle, das heißt, der Scharfrichter, wobei zu bedenken, mit welcher grenzenlosen Verachtung dazumal dieses Amt angesehen war. Knipperdollinck fügte sich, vielleicht in der Voraussicht, daß die Stelle des Henkers in dem gottseligen Wiedertäuferstaate bald die zweitoberste sein werde. Gesetze und Verordnungen ergingen nun in alttestamentlichem Sinn und Gewande. Die zwölf Ältesten nahmen es anfänglich ganz ernst mit ihrer Stellung und Autorität, mußten jedoch bald innewerden, daß in dem neuen Israel nur ein Wille gelte, der des Propheten, dessen willfährige Werkzeuge sie dann geworden sind. Selbstverständlich ließ der Prophet das Scheinbild der Volkssouveränität, wie sich dasselbe in den Versammlungen der Gemeinde ausgebildet hatte, bestehen. Auch dieser Gaukler verstand es, was vor und nach ihm so viele Gaukler verstanden haben, der Menge weiszumachen, sie regierte sich selbst, während sie doch in Wahrheit der absoluten Willkür ihrer zeitweiligen, je nach den Umständen theokratisch oder demokratisch gaukelnden Despoten untertan war. So rechte Musterbilder von solchem Despotismus waren Jan von Leiden und Napoleon III.; jener handhabte die theokratische, dieser die demokratische Blendwerksmaschinerie sehr geschickt, solange es eben ging. Denn gar zu lange kann und darf so eine Komödie nicht währen, weil die Leute wieder eine andere haben wollen, eine neue, neuere, neueste und so fort bis an das Ende der Tage. 6. Man lebte also zu Münster vergnüglich im Herrn. Für das leibliche Brot sorgte der Kommunismus, für das geistige der Prophet. Die Belagerung kam nicht so recht vom Fleck. Es wurde eigentlich gegenseitig mehr auf einander gehöhnt, gescholten und geflucht als geschossen, gehauen und gestochen. Der Herr Fürstbischof war kein General und seine Bundesgenossen unterstützten ihn nur saumselig. Es fehlte ihm auch an Geld, weshalb seine Landsknechte gelegentlich meuterten und überhaupt zum Fechten nicht sehr aufgelegt waren. Das Kriegshandwerk von dazumal ist ja in der Regel mit erstaunlicher Bequemlichkeit, Weitschweifigkeit und Schneckenhaftigkeit betrieben worden. Maßen wir demnach da drinnen in Münster vorderhand in aller Sicherheit unsern alttestamentlichen Gelüsten nachgehen können und die untröstliche junge Witib Divara sehr reizend ist und wir der herrschende Prophet von Gottes Gnaden sind, so laßt uns ein neues Gebot offenbaren zur Ehre des himmlischen Vaters. Und er tat so, der heilige Mann. Denn er begehrete heftig nach der schönen Divara und hatte doch schon der Eheweiber zwei: eins dort unten zu Leiden in Holland und ein zweites hier oben in Münster, eine gewesene Magd Knipperdollincks, so der Prophet unlange zuvor sich angesiegelt hatte. Da mußte nun wieder einmal der gute »himmlische Vater« helfend eingreifen. Im heißen Julimond trat der Prophet hervor mit der Offenbarung: »Fürohin soll ein Mann nicht gebunden sein an ein Weib, sondern mag so viel Weiber, als er will, zur Ehe nehmen. Der bisherige Ehestand soll als heidnisch abgetan sein. Wachset und mehret euch! Das ist der Wille des Herrn.« Der Stutenbernt und noch etliche Prädikanten wagten doch eine schüchterne Einsprache gegen die Ungeheuerlichkeit der Vielweiberei. Aber der gelüstige Jan schwur, der himmlische Vater habe durch seinen Mund gesprochen, und sie fügten sich und sprachen in der Volksversammlung dafür. Das »souveräne« Volk sagte natürlich Ja und Amen dazu, »Do heft der duvel gelacht«, bemerkt Gresbeck. Der Teufel, ja, der konnte lachen zu dieser Zurückführung patriarchalisch-biblischer Barbarei. Wer aber nicht dazu lachte, das war der wackere Schmied und frühere Aldermann Mollenhöck. Dem empörte sich das deutschehrbare Gemüt gegen die fromme Affenschande der alttestamentlichen Vielweiberei und er beschloß, den Anlaß zu einem Versuche zu benutzen, seine Vaterstadt von der ganzen Wiedertäuferunfläterei reinzufegen. Aber das Glück war wider ihn. Es war des Unsinns und Unheils noch nicht genug geschehen. Der Dippelhaber war noch nicht reif zum abmähen. Jedenfalls war Mollenhöck nicht der richtige Mähder. Zwar brachte er einen Trupp von Bewaffneten zusammen und es gelang ihm, in der 30. Julinacht den Hauptgaukler Jan und noch andere Häuptlinge der Wiedertäuferei in seine Gewalt zu bringen. Aber dann versäumte er es, noch in der Nacht der beherrschenden Punkte in der Stadt sich zu bemächtigen, sowie mit den Gefangenen kurzen, kürzesten Prozeß zu machen, wie alsbald einer mit ihm selbst gemacht werden sollte. Denn bei Tagesanbruch eilten die fremden Eindringlinge zu den Waffen, befreiten ihren Propheten und dessen Apostel und nahmen ihrerseits den armen Schmied und dessen Genossen gefangen. Die Unternehmer des ungeschickt geführten Aufstandes wurden am nächsten Tage von den »Ältesten« kurzweg zum Tode verurteilt. Man band sie an die Bäume auf dem Domhofe, den Schützen zum Ziele. »Wer Gott einen Dienst tun will, schieße zu!« rief der Prophet aus. Nachdem 25 Opfer erschossen worden, fand man, es sei schade um das Pulver, und das Schwert arbeite wohlfeiler. Der »Schwertträger« Knipperdollinck trat jetzt in Funktion. Er hat an den folgenden Tagen 66 der Besiegten geköpft, wobei ihm der Prophet selber beistand, indem er es nicht unter seiner Würde fand, etliche der dem Tode geweihten Männer allerhöchsteigenhändig zu enthaupten. Man sieht, schon ging auch hier, wie so häufig in der Geschichte, mit der Bestie Wollust die Zwillingsbestie Grausamkeit eifrig Hand in Hand. Was die Bestie Nr. 1 angeht, so mußten die armen Frauen in Münster jetzt bitterlich erfahren, wie der Tanz ausgeht, wenn Weiber sich beikommen lassen, auf der abschüssigen Bahn der Schwärmerei und Unsitte den Männern hintendrein- oder gar voranzutanzen. Niemals wieder sind im zivilisierten Abendlande die Frauen einer solchen Entwürdigung und Sklaverei unterworfen gewesen, wie sie es dazumal im neuen Reiche Israel zu Münster waren. Die Ehe – und nur die monogamische kann eine rechte Ehe sein – ist der Grundpfeiler aller menschlichen Gesittung und sie ist auch die Bürgschaft des einzigen wirklichen Glückes, welches dem Menschen gegönnt wird. Darum erhellt die wüste Zerstörungswut und Barbarei des Kommunismus schon klärlich daraus, daß er die Ehe verneint, seinem ganzen Wesen nach sie verneinen muß und auch bekanntlich in alter und neuer Zeit sie verneint und die Vielweiberei und Weibergemeinschaft proklamiert hat. So tat er auch im Hochsommer von 1534 zu Münster. Die Ehe wurde da, was sie während und unmittelbar nach der Schreckenszeit der Revolution (1793-99) in Paris auch gewesen ist, ein zuchtloses Zu- und Voneinanderlaufen, eine schandbare Prostitution. Mittels der schwersten Bedrohungen, Strafen und Mißhandlungen wurden Frauen und Mädchen gezwungen, alles das Schmachvolle und Unerträgliche zu leiden, was die Vielweiberei mit sich brachte. Entging doch Knipperdollincks rechtmäßige Ehefrau, die den lärmenden Bernt reich gemacht hatte, nur mit knapper Not der Köpfung, weil sie sich geweigert hatte, ihre Kleider mit einer der Nebenfrauen ihres Mannes zu teilen. Ältere Frauen mußten ihren Tyrannen jüngere Kebsen selber zuführen. Verzweiflung und Tod im Herzen, mußten sie für ihre Nebenbuhlerinnen freundliche Worte und Blicke und für den Haremsgebieter ein unterwürfiges Lächeln haben. Und immer weiter stürmte die Verwilderung und schließlich ins Widernatürlich-Schnöde hinein. Denn auch Kinder, unreife Mädchen von dreizehn, zwölf, elf Jahren und noch jüngere wurden gezwungen, »Männer zu nehmen«. Gresbeck bezeugt den Greuel: »Als nu alle frowenluede in der stat Monster moesten menne nemmen, so sint up dat leste gewest kleine megdekens, dieselbe moisten ock menne nemmen. Dieselbe medekens waren alt eilf, twelf oder druttehn iair (ick en doer so iunck nicht schriben, als die medekens waren). Sie weren noch linder und weren noch nicht tho oeren jaren khomen, dat sie nicht wichber en weren. So mosten dieselve medekens ouck menne nemmen, wiewol dat sie tho klein weren und weren noch kinder. So hebben die boeswichters die kleine medekens so lange gehat mit ihrem boesen willen, dat sie die medekens mit einander verdorben, und hadden innen dat lief therbrocken. Und ein teils megdekens sint gestorven, dat sie weren verdorven.« Und das alles geschah »im Namen Gottes«! Der Oberwüstling von Prophet brachte es binnen kurzem dazu, in seinem Harem fünfzehn »Ehefrauen« zu vereinigen. Bei so erwecklich alttestamentlich-orientalischen Zuständen war es ganz in der Ordnung, daß unser neues Israel unter anderem Biblischen auch seine Judith haben wollte. War da nämlich eine junge und vermutlich auch hübsche Friesin, Hilla Feicken geheißen, so nach Münster gekommen, allda ihrer Seele Heil zu suchen. Die hatte einmal aus der Bibel das Kapitel vorlesen gehört, allwo geschrieben steht, wie die Judith von Bethulia dem armen Holofernes getan haben soll, um ihre Vaterstadt von der Belagerung zu ledigen. Sofort war ihr Entschluß gefaßt, dem neuen Holofernes, dem belagernden Fürstbischof, mitzuspielen, wie die Bethulierin dem assyrischen General mitgespielt hatte. Sie mochte wohl vernommen haben, daß Franz von Waldeck seiner Bischöflichkeit ungeachtet kein Verächter schöner Weiber war. Der Prophet und der Schwertträger, denen sie ihre Absicht mitteilte, bestärkten sie natürlich sehr darin. Wie sie den Holofernesmord zuwege bringen wollte, ist unklar geblieben. Man sprach von einem kunstvoll gearbeiteten, mit feinstem Gifte durchtränkten Hemde, das sie dem Kirchenfürsten habe zum Geschenke machen wollen. Aber dieses Nessushemd ist kaum weniger mythisch als jenes der griechischen Mythologie. Tatsache dagegen ist, daß dem Fürstbischofe von Münster aus der Anschlag verraten worden, und daß demnach die schöne Hilla Feicken, als sie möglichst prächtig herausgeputzt am sechzehnten Brachmonatstag aus der belagerten Stadt ging, bei den Vorposten abgefaßt, vor den Bischof geführt und sehr summarisch prozessiert wurde. Man folterte sie und sie gestand, was »der Geist und gotterfüllte Männer ihr eingegeben hätten«. Man schlug dann der vergeckten Judith – »ein iunck sonderlich koennes mensch, eines Hollenders wief« nennt sie unser Augenzeuge – ohne Umstände den Kopf ab. Dem Holofernes von Bischof war demnach auf dem Wege frommen Meuchelmordes nicht beizukommen. Zum Troste für das neue Israel wollten auch den Belagerern ihre Anschläge auf die Stadt lange nicht glücken. Schon Freitags vor Pfingsten (22. Mai) hatte die Beschießung begonnen. Aber sie fleckte nicht, indem die Belagerten die an den Mauern und Wällen angerichteten Schäden immer rasch wieder ausbesserten. Sie wehrten sich überhaupt mannhaft, die Heiligen von der Wiedertaufe, das muß man ihnen lassen. Am 28. August hob wieder eine dreitägige heftige Beschießung an als die Vorbereitung zu einer allgemeinen Bestürmung, welche am 31. auf vier Stadttore zugleich gerichtet wurde. Aber auch dieser gewaltige Sturm, auf welchen der im Dienste der Stadt gestandene Landsknecht Spieß ein Lied gemacht hat, das anhebt mit der Strophe: »Hort, lieben Herrn, ein new gedicht, Was der Bischof von Münster hat ausgericht Mit seinen Thumpfaffen, Die Stadt Münster machen zunicht, Aber sie kunten nichts schaffen –«; auch dieser Sturm ging fehl und wurde unter großen Verlusten der Angreifer vollständig abgeschlagen. Der Prophet hat sich an diesem Tage wacker gehalten. Er scheute die Gefahr nicht, ritt umher, war überall, wo es zu ordnen und zu ermutigen galt. Nachdem die Angreifer zurückgewichen, sammelten sich die Wiedertäufer auf dem Markte, Jan ordnete die Scharen zu einer Triumphalprozession, führte diese durch die Stadt und rief seinen Gläubigen zu: »Liebe Brüder, haben wir nicht einen starken Gott? Der hat uns geholfen. Laßt uns nun fröhlich sein und dem Vater danken!« Diese Siegesfeier war das Vorspiel zu einer neuen Haupt- und Staatsaktion der Wiedertäuferei. Der weiland Schneider und Häringswirt wollte König werden und ward es. 7. Ja, der Dippelhaber schoß in volle Ähren. Denn wenn einmal die fanatisierte Menge irgendwo und irgendwann, volkstümlich zu reden, an einem Gaukler so recht den Narren gefressen hat, so ist kein Aufhalten: die Narrheit muß zum Delirium werden, da hilft nichts dagegen. Es war unlange nach dem 31. August, als eine der Marionetten des Schneiders von Leiden, der Halbkretin Dusentschuer, ein verlumpter Goldschmied aus Warendorf, die Ältesten und das Volk von Israel auf den Marktplatz berief und mit entsprechendem Gebärdenspiel eine lange Rede tat, deren kurzer Unsinn war, der himmlische Vater habe ihm geoffenbart, Jan von Leiden, der Gottesmann, sollte und müßte König sein, und zwar nicht allein König zu Münster, sondern König über den ganzen Erdboden. Item, er sollte sitzen auf dem Stuhle Davids, bis der himmlische Vater das Reich wieder von ihm fordern würde. Nachdem Dusentschuer also »prophetiert« hatte, hub sich Jan Bockelson von seinem Sitze und begann zu rufen und sprach: »Ja, schon hierbevor ist auch mir solches offenbaret worden. Aber ich danke dem himmlischen Vater, daß er einen andern erwählet, solches der Gemeinde kund zu machen.« Es geschah doch etzliches Kopfschütteln und Murmeln in Israel über dieses absonderliche Orakel. Allein die augenscheinlich abgekartete Komödie ging trotzdem lustig weiter. Die Bonzen, Rothmann voran, traten eifrig für das Bockelsonsche Königtum in die Schranken, natürlich unter der gewiß vorher vereinbarten Bedingung, daß die Bonzenschaft bei dem Geschäfte nicht zu kurz käme. Widerspruch wurde nicht laut in der Gemeinde, und sie sagte schließlich ja. Der Gaukler von König forderte dann die Gemeinde auf, zum himmlischen Vater um ein gut »Hausgesinde« für ihn, den »König der Gerechtigkeit«, zu beten, maßen er nicht allein sein könne im »Allerheiligsten«. Dann trat Rothmann wieder hervor, zu sagen, daß der himmlische Vater dies Gebet schon erhört habe. Damit brachte er ein Papier vor, worauf die Namen derer, welche das Haus- und Hofgesinde des Königs Jan bilden sollten, verzeichnet waren. Hatte sich selber natürlich nicht vergessen, der Bonze. War er nämlich zum »Worthalter« ernannt, so eine Art von Premierminister gleichsam. Knipperdollinck wurde, ohne aufzuhören, Schwertträger zu sein, Statthalter, Tilebecke Hofmeister, Krechting Kanzler. Die übrigen bisherigen »Ältesten« brachte man im »Geheimen Rate« unter oder machte sie zu Kriegsobersten. Der also erhöhte Schneider und Bierzapfer nahm den volltönenden Titel an: »Johann von Gottes Gnaden, aus Kraft des königlichen Reiches in dem neuen Tempel Gottes ein Diener der Gerechtigkeit«. Häufiger hieß er: »Johann der Gerechte, König im neuen Zion«. Auf den Goldmünzen, die er schlagen ließ, stand auf der einen Seite: »Das Wort ist Fleisch geworden und wohnet in uns« – und auf der andern: »Im Reich Gottes ein König aufgericht über alles, ein Gott, ein Glaube, eine Taufe Gottes.« Recht schneidermäßig trat des Mannes Eitelkeit hervor in der prunkhaften Ausstaffierung seiner Königsmaskerade. Ein Hofstaat mit buntestem Kleider- und Schmuckluxus wurde eingerichtet, mit umständlichem Zeremoniell und in möglichst alttestamentlichem Stile. König Jan sollte thronen, wie, bildete man sich ein, König Salomo gethront hatte. Die schöne, nur, wie schon gemeldet, etwas zu plastische Divara, wurde zur gesalbten Königin erhoben und blieb die Favoritsultanin des neuen Sultans, der aber sehr darauf aus war, sein in der ehemaligen Propstei eingerichtetes Harem fortwährend mit den schönsten Jungfrauen der Stadt zu bereichern, bis er, wie bereits notiert worden, der Frauen fünfzehn oder gar sechzehn hatte. Die armen Geschöpfe! Der Sultan forderte ein ganz sklavisches Bezeigen von ihnen. Wurde zur Tafel geblasen, so mußten sie, so der König in den Speisesaal trat, ihm entgegengehen, vor ihm niederknien und auf den Knien verharren, bis er sie aufzuheben geruhte. Auch Divara führte ein strenges Regiment über ihre Mitfrauen. Welcher furchtbare Knäuel von Demütigung, Schamgefühl, Haß, Neid, Grimm, Groll, Zorn und Schmerz mag sich damals in den Räumen der Propstei zusammengewickelt haben! Besäßen wir nur Aufzeichnungen von der Hand einer Gresbeckin, wie wir solche von der Hand des wackeren Gresbeck besitzen. So ging unter allerhand Prophetieren, Ediktieren und Psallieren das Spiel weiter und weiter, solange die Mundvorräte vorhielten im neuen Reiche Zion. Alle die Narreteien, so daselbst zum täglichen – übrigens allmählich kleiner werdenden – Brote gehörten, zu registrieren, wäre langweilig und überflüssig. Es ging nachgerade sehr bunt übereck her und auch bergab. Der »hinkende« Prophet Dusentschuer machte sich mit allerlei närrischen Offenbarungen wichtig. »Besessene« Mädchen (»twe kleine megdekens«) stellten sich an, als wären sie stumm und hätten den Teufel im Leibe, liefen in der Stadt umher und trieben Unfug und Schabernack. Dem Statthalter und Schwertführer Knipperdollinck rappelte es mitunter bedenklich oder aber ließ er seine neidische Kritik über König Jan in der Form von hanswurstigen Possen aus. Denn mitunter war es doch, als wollte der lärmende Bernt über das ganze Skandal und Spektakel den hellen Hohn ergießen. Eines Tages, als das Volk Israel dichtgedrängt auf dem Markte stand, krabbelte sich der Schwerthalter auf Händen und Füßen über die Menge hin, blies den Leuten in die verwundert aufgesperrten Mäuler und schrie dazu: »Empfanget den Heiligen Geist!« Hernach kam er hüpfend vor den Thron des Schneiderkönigs gesprungen, tanzte possenhaft vor demselben herum und sagte: »Vormals hab' ich etwann mit Dirnen getanzt; nun aber hat mir der himmlische Vater befohlen, daß ich also vor meinem Herrn und Könige tanzen soll.« Seine wiedertäuferische Majestät fand jedoch an solchem Gebaren kein Gefallen, stand verdrießlich auf, ließ ihr Pferd vorführen und ritt mit ihrem Gefolge hinweg zur bischöflichen Pfalz, allwo ihr königlich Hoflager sich befand. Als Jan weg war, setzte sich Knipperdollinck, nicht faul, auf den Königsstuhl und sprach gravitätisch zu der Menge: »Seht, was Jan von Leiden im Leiblichen ist, das bin ich im Geistlichen, und maßen ihr einen leiblichen König habt, müßt ihr auch einen geistlichen haben. Das ist des Vaters Wille,« Das wunderliche Intermezzo hatte weiter keine Folgen, als daß der König den Statthalter für drei Tage in Arrest schickte. Dann versöhnten sich die beiden wieder miteinander, und der lärmende Bernt, der gelegentlich auch wohl »prophetierte«, das Alte Testament sei mit samt dem Neuen abzuschaffen, damit »nicht nach Schriften, sondern nur nach dem Geiste regiert werde,« ja, der lärmende Bernt hat den König sogar angegangen, dieser sollte ihm den Kopf abschlagen; er werde dann binnen drei Tagen wieder lebendig werden. Auf dieses Experiment mochte aber König Jan, obzwar ein großer Liebhaber vom Köpfen, doch nicht eingehen. Der höchste Fest- und Feiertag im neuen Reiche Israel war wohl der 13. Oktober. Da ließ auf des Königs Befehl der »hinkende« Prophet unter Posaunenschall in der ganzen Stadt ausrufen, daß alles Volk, ausgenommen die Wachtmannschaften an den Toren und auf den Wällen, in Wehr und Waffen, wie Altisrael dereinst beim ersten Passahmahl erschienen war, nach dem »Berge Zion«, d. h. nach dem Domhofe kommen sollte zum feierlichen Abendmahl. Auf dem Domhofe waren lange Tafeln aufgeschlagen, und setzten sich daran etwa sechzehnhundert Männer, vierzehnhundert Greise und Knaben und nahezu fünftausend Frauen. Die Mahlzeit, deren Bestandteile zeigten, daß man an diesem Tage mit den Lebensmitteln nicht geizen wollte, wurde aufgetragen, und während die Gemeinde aß, hielten die Prädikanten verschiedene erbauliche Reden. Dann erschienen König Jan und Königin Divara mit ihrem Hofstaat im höchsten Glanz und Pomp. (»Do hedde sich der konnick kostlick uth gemacket mit sammetten paltrocken und kostlick mit gulden ketten, die gulden krone up sin hoevet. Und die konnickin iss auck kostlick gerustet gewest mit sammelten rock, sie hatt auck ein gulden krone up irem hoevet.«) Nachdem das Essen vorüber, wurde ungesäuertes Weizenbrot in Körben umhergeboten, und der König, an den Tischen hinschreitend, brach die Brote und verteilte sie an die Tischgenossen mit den Worten: »Nehmet hin und verkündet den Tod des Herrn!« Die Königin aber, mit einer Kanne Weines ihrem Herrn nachschreitend, reichte das Getränke, sprechend: »Trinket und verkündet den Tod des Herrn!« Die Männer und Frauen, nachdem sie vom Brot und Wein genossen, boten Speise und Trank weiter und sprachen untereinander: »Bruder, Schwester, alswie sich Christus für mich hingegeben hat, so will ich für dich tun, und alswie das Brot aus vielen Weizenkörnlein zusammengebacken und der Wein aus vielen Traubenbeeren zusammengedrückt ist, so sind auch wir ein Leib und eine Seele.« Hernach versammelte der gerechte König in Zion das Volk im Kreise um sich und tat die feierliche Frage: »Seid ihr alle willig, meinen, das ist des himmlischen Vaters Willen zu tun und zu leiden?« Ein einstimmiges brausendes »Ja, bis zum Tode!« war die Antwort, und begeistert brach das Volk aus in den Jubelsang: »Allein Gott in der Höh' sei Ehr'!« Es war in dieser Szene etwas vom Besten im Menschen, etwas vom echten Ethos und Pathos, gar keine Frage. Aber es ist der Fluch derartiger Verirrungen, wie die Wiedertäuferei eine gewesen, daß sich sogar in ihre höchsten Aufschwünge entweder das Spottlachen oder das Grauen mischen muß. Mitten in die erhebende Abendmahlsfeier tat der Schneiderkönig plötzlich einen Tigersprung hinein. Bei einem der letzten Ausfälle war ein bischöflicher Landsknecht gefangen in die Stadt gebracht worden. Der Wiedertäufer, dessen Obhut der Gefangene übergeben war, hatte ihn heute zum Domhof und zum Abendmahle mitgenommen. Als nun König Jan bei seinem Umgange den Fremden gewahrte, blieb er stehen und fragte: »Freund, wie ist dein Glaube?« Der Landsknecht, des Weines mehr als billig voll, antwortete in trunkenem Mute; »Weiß nichts vom Glauben, sondern nur von Bechern und Dirnen.« – »Aber warum bist du kommen zur Hochzeit und hast kein hochzeitlich Kleid an?« – »Was Hochzeit! Hochzeit! Bin auch gar nicht freiwillig herkommen zu Eurer sauberen Hochzeit.« Da winkt der König den Trabanten: »Greift den Judas!« Der Landsknecht wird von seinem Sitze weggerissen und auf seine Knie niedergezwungen. Jan von Leiden aber zieht sein Schwert und schlägt ihm ohne weiteres den Kopf ab. »Und gefiel im selbs so wol über diesen mord, das er sein noch lachet,« hat Dorpius seiner Schilderung der schneiderköniglichen Untat hinzugefügt. 8. Zu dieser Zeit wurden ernstliche Anstalten gemacht, das Reich der Herrlichkeit, so im neuen Zion aufgetan worden, in alle Welt hinauszutragen und zu verbreiten. Der Stutenbernt mühte sich mit der Schreibung von Traktaten ab, worin das Evangelium der Wiedertaufe gründlichst dargelegt und verteidigt wurde. Leider wirkten diese und andere von Münster ausgehende Losungen und Posaunenstöße gar nicht oder sogar im entgegengesetzten Sinne. Auch das Unterfangen, achtundzwanzig Apostel auszusenden, um für Zion und König Jans Herrschaft Propaganda zu machen in der weiten Welt, lief mißlich ab. Die achtundzwanzig Apostel, welche mitsammen der Frauen hundertvierundzwanzig hatten, wurden nachtschlafender Weile vom Könige aus der Stadt entsendet mit den Worten: »Gehet hin und bereitet uns eine Stätte; wir werden mit Wehr und Waffen nachfolgen und mit dem Schwerte über eure Widersacher kommen« – und gelangten auch glücklich durch den Kreis der bischöflichen Blokadelager. Nachdem sie aber da und dort ihre apostolische Tätigkeit angehoben hatten, wurden ihrer viele abgefangen und aufgehangen. Darunter auch der hinkende Dusentschuer, welcher mit dem vollen Heroismus eines Fanatikers starb und demnach an seine Einbildungen geglaubt hatte. Trotz alledem tat der Schneiderkönig, während es doch mit ihm und seinem Reiche schon auf die Neige zu gehen begann, noch immer gar großbrockig und protzig, als ob ihm wirklich der Erdkreis von Rechts wegen gehörte. Manche seiner majestätischen Auslassungen fielen sehr ins Komische. So, wenn er in seinen Ausschreiben die benachbarten Reichsfürsten mit gnädiger Vertraulichkeit behandelte und z.B. einen Brief an den Landgrafen Philipp von Hessen mit der Anrede »Lieber Lipps!« anhob. Derweil geschah es aber, daß über den Fanatismus zu Münster mehr und mehr ein Stärkerer kam: der Hunger. Selbst dem wildesten Schwindel weiß die Natur doch immer wieder fühlbar zu machen, daß ihre Gesetze da seien und Gehorsam verlangen. Dagegen helfen keine Propheten und keine Orakel. Der wiedertäuferisch-kommunistisch-vielweiberische Wahnwitz zog sich ins Jahr 1535 hinein, aber auch die Umschließung der Stadt durch die bischöfliche Streitmacht. Schon vom Januar an konnte die diensttuende Mannschaft nur noch einmal täglich gespeist werden, und die Zuteilungen an die Haushalte aus den Vorratskammern wurden immer kärglicher, die gemeinsamen Mahlzeiten immer hungriger. Zugleich mit den Leibern magerte auch ersichtlich der Glaube ab. Bei sehr vielen wenigstens, während allerdings bei anderen die Not den Fanatismus eher noch steigerte. Die Zahl der Speise und Trank Begehrenden zu mindern, gestattete König Jan Weibern und Kindern, »nach Ägypten zurückzukehren«, das heißt, die Stadt zu verlassen. Das taten denn auch viele, aber die meisten gingen, da sie nichts mitnehmen durften als die dürftigste Kleidung, draußen im harten Winterwetter elendiglich zugrunde. Manche der Frauen ließ der Fürstbischof gefangennehmen und hinrichten, andere mußten sich der Schmach bequemen, zu Landsknechtsdirnen zu werden. Mählich flohen auch der verhungernden Männer mehr und mehr aus der Stadt. Draußen aufgefangen, wurden sie ohne Umstände niedergemacht. Drinnen in Münster führte bei steigender Hungersnot und Verzweiflung eine unerbittliche Schreckensherrschaft, welche man mit allerhand Brimborien, Bestellung von zwölf »Herzogen«, Zelebrierung von Narrenmessen im Dom, Mysterienspielen und dergleichen mehr verbrämte, das Szepter oder vielmehr das Mordschwert. Die Prädikanten zeterten, nicht dem »Bauchgott« sei zu dienen und zu frönen, sondern für den wahren Gott müsse man leiden und müsse einer besseren Zeit harren. Aber darum fuhr der arme Bauchgott, der Magen, doch fort, zu knurren und Speiseopfer zu heischen. Der König übte fleißig die Königskunst des Köpfens. So an dem Klais Northornne, einem Bürger von Münster, welchen der Hunger zu dem Versuche getrieben hatte, ein Verständnis mit den Belagerern einzufädeln. Als der arme Klais sah, daß er verloren, schrie er dem erbarmungslosen Holländer zu: »Du höllischer Bösewicht, wer hat dich zum Könige bestellt? Nur der leidige Teufel! Über mein und alles vergossene Blut sollst du Rechenschaft geben am Jüngsten Tage.« Worauf der Schneiderkönig mit Spottlachen: »Wohl, warte bis dahin; jetzt aber stirb!« Und »der konnigk heve ime selber dat hoevet af«. Aber nicht nur an Männernacken, sondern auch an Frauenhälsen wollte der mörderische Wicht seines Schwertes Schneide prüfen. Die Hungersnot nahm zu, nahm immer zu. Sogar im königlichen Haushalte mischte man allbereits Kalk in das Brot und kamen gebratene Katzen als Hasenbraten auf die Tafel. In der Stadt war bald keine Ratte und keine Maus mehr vor dem Verspeistwerden sicher. Doch auf jedem Worte von Ergebung und Übergabe stand unnachsichtlich der Tod. Eines Tages drang das Jammern des hungernden Volkes in das königliche Harem in der Propstei. Da sagte eine der Frauen Jans, die Elisabeth Wandscheerer: »Nein, ich glaub' es nicht, es sei Gottes Wille, daß die armen Leute verhungern müßten.« Und sie ging hin und gab dem Schneiderkönige die Schmucksachen zurück, so er ihr geschenkt, und verlangte entlassen zu werden und aus der Stadt gehen zu dürfen. Er aber griff sie in seinem Zorne, hieß die sämtlichen Insassinnen des Harems ihm folgen, führte also in Prozession die Elisabeth auf den Markt, zwang sie niederzuknien, zog sein Schwert und schlug dem unglücklichen Weibe den Kopf ab. Und Divara stimmte an: »Gott in der Höh' allein sei Ehr'!« und ihre Genossinnen sangen mit, und der Wüterich faßte die Königin bei der Hand und tanzte mit ihr und der ganzen Frauenschar einen Ringelreihen um den blutenden Rumpf her; denn »auf ein Leid muß folgen ein' Freud'«, sagte der gekrönte Schneider. Aber die Hungersnot wuchs von Stunde zu Stunde, und ihre Wut machte auch die Menschen wütend. Die Elenden im neuen Zion bissen in Pflastersteine, maßen der Lügenprophet und Fastnachtskönig geweissagt hatte, der himmlische Vater würde Steine in Brot verwandeln, um sein Volk zu sättigen. Sie verschlangen alles, was verschlingbar: Gras, Wurzeln, Ungeziefer, die Sohlen ihrer Schuhe. Sie nagten an den schweinsledernen Einbänden ihrer Bibeln, und es geht die schaurige Sage, sie hätten auch das Menschenfleisch nicht verschmäht, das Fleisch von Feinden und Freunden hätten sie genossen, und das Ungeheuerste sei geschehen: Mütter hätten ihre Kinder verzehrt. Und dem Hunger folgte die Seuche. Schreckliche Krankheiten rafften die Zioniten scharenweise dahin. Wie Fliegen im November fielen die Menschen zu Boden und waren tot. Es fehlte an Händen, sie zu bestatten. Eine Schwefelwolke von Hunger, Siechtum, Pestilenz, Weh, Raserei und Verzweiflung brütete ob der Stadt. Aber noch immer hielten die armen betörten Wiedertäufer aus. Ein Orakel ihres Götzen nach dem andern erwies sich als Lüge; alle die hochgespannten Hoffnungen, der Herr würde ein unzählbares Heer ihrer Glaubensgenossen von draußen ihnen zur Hilfe senden, waren eitel; zu Skeletten abgemagert, vermochte ihrer nur noch eine geringe Anzahl die Waffen zu halten: aber trotz alledem und alle diesem hielt der Größenwahnsinn vom neuen Reiche Zion noch immer vor. Endlich mußten sie erkennen, daß keine Hoffnung mehr. Aber sie gaben sich nicht. Ein letzter Gedanke der Raserei durchzuckte die schwindelnden Gehirne der Verlorenen. Lieber in Wut und Blut und Glut zugrunde gehen, als sich den »Heiden« ergeben. Sie wollten einen letzten Ausfall wagen, um sich durch das Belagerungsheer nach den Niederlanden durchzuschlagen. Mißlänge der Ausfall, so wollten sie die Stadt an allen Ecken und Enden anzünden und mit dem Schwert in der Hand in den Flammen sterben. Schade, daß dazumal das Petrol und die Petroleurs und Petroleusen noch nicht erfunden waren. 9. Nun ging aber der Greuel zu Ende, um einem andern Platz zu machen. In der Nacht vom 23. Mai war es unserem oft abgehörten Zeugen, dem Bürger Heinrich Gresbeck, gelungen, mit Hännschen von der langen Straten und noch drei anderen Münstermüden von ihrem Wachtposten am Kreuztore sich wegzuschleichen und den Fluchtweg über Wall und Graben ins bischöfliche Lager zu finden. Den weiteren über dasselbe hinaus fand Gresbeck nicht. Er fiel den bischöflichen Landsknechten in die Hände, wurde aber ausnahmsweise nicht niedergemacht, vielleicht weil er noch so ein gar junges Blut. Da er sehr wider seinen Willen die Wiedertäuferei mitgemacht hatte, so stand er nicht an, Nachweise zu geben, wie man sich der Stadt bemächtigen könnte. Diese Nachweise wurden dem Plane zugrunde gelegt, welcher gerade einen Monat später, in der Nacht vom 24. Juni 1535, zur Ausführung kam und die Stadt in die Gewalt des Fürstbischofs brachte. Es war eine sorgsam vorbereitete Überrumpelung, aber die überraschten Zioniten erwiesen auch jetzt noch einmal, bei dieser letzten höchsten Wette, wie unbezähmbar der Wahnwitz des Fanatismus. Denn obzwar nach Gresbecks Aussage nur noch »Haut und Knochen«, leisteten die aufgestürmten Wiedertäufer den rasenden Widerstand der Verzweiflung und es war nahe daran, daß die Bischöflichen wieder zur Stadt hinausgetrieben wurden. Als diese Gefahr vorüber, gelang es den Landsknechten nur langsam und unter beträchtlichen Verlusten, in dem hartnäckigen Straßenkampf obzusiegen. Eine Schar von Zioniten hielt sich zuletzt hinter einer Barrikade auf dem Marktplatz noch einen ganzen Tag lang, nachdem sich der Schneiderkönig und seine Würdenträger schon beiseite geschlichen hatten. Zuletzt legten auch diese letzten Kämpfer die Waffen nieder gegen die Sicherung ihres Lebens. Aber der wütende Fürstbischof, welcher drei Tage nachher seinen Triumphaleinzug in die schrecklich zugerichtete Stadt hielt – die Schlüssel derselben samt der Krone König Jans des Ersten und Letzten wurden ihm entgegengetragen – wollte von solcher »Sicherung« und überhaupt von Bedingungen nichts wissen, sondern übte das Recht des Siegers in erbarmungsloser Weise. Auch hatte ja schon vor dem Einzuge des Bischofs das massenhafte Morden durch die über ihre Einbußen erbitterten Landsknechte begonnen und selbstverständlich war mit der Schlächterei die Plünderung verbunden. In der Schatzkammer des Königs von Zion ist noch eine Barschaft von hunderttausend Gulden aufgefunden worden. Und wo wurde Jan Bockelson selber aufgefunden? Auf dem Turme ob dem Aegidientore, wo er ein Versteck gefunden und von wo er weiter fliehen zu können gehofft hatte. Auch der Schwerthalter Knipperdollinck und der Geheimrat Krechting wurden aufgespürt und festgemacht. Der Stutenbernt Rothmann soll im Kampfgetümmel umgekommen sein; doch ging auch eine Sage, er hätte sich nach Friesland gerettet. Sicher ist, daß sein Körper nicht unter denen der Erschlagenen gefunden ward. Die Königin Divara, sowie die Frau und die Schwiegermutter Knipperdollincks hatte man abgefaßt, und sie wurden auf Befehl des Bischofs schon am 7. Juli mitsammen enthauptet. Eine nicht geringe Zahl von Frauen ist ganz formlos niedergehauen worden. Die übrigen verwies man, als man des Mordens etwas müde, samt ihren Kindern aus der Stadt und in Not und Tod. Niemand sollte sie aufnehmen, bei Todesstrafe. Bockelson, Knipperdollinck und Krechting wurden auserkoren, die ganze Hülle der Marterkunst einer Kriminalprozedur von damals durchzumachen. Zuvorderst ließ der Fürstbischof den weiland König von Zion in den benachbarten Städten und Fürstenresidenzen herumführen wie ein seltenes Land- oder Meerungeheuer, dem Spott und der Schadenfreude zu einem Schauspiel. Mit einem eisernen Halsband und mit schweren Ketten an den Beinen und Armen mußte er barhäuptig und barfüßig zwischen den Pferden seiner Wächter einhergehen. Er selbst meinte dazu: »Also sollte man doch einen König nicht führen« – und ein zeitgenössisches Lied wußte davon zu singen und zu sagen: »Ein schneider Johann von Leiden, Der sich ein könig nant, Got dank, sein vermaint reiche Ist bliben ganz unbekant. Sein gülden kron und ketten, Gülden sporen und auch schwert, Darzu het er vil ringe, Hat sich in eisen verkert.« Franz von Waldeck mochte sich die Lust nicht versagen, seinen besiegten Feind persönlich ins Verhör zu nehmen, und es verriet doch keine geringe Nervenfestigkeit, daß sich der Schneidergesell und Häringswirt auch in dieser Situation noch als König aufspielte. Auf seinem Schlosse zu Iburg fuhr ihn der Bischof an: »Wie konntest du mein Volk also jämmerlich verwüsten?« Worauf Jan trotzig: »Ich sage dir, Franz von Waldeck, wäre es nach meinem Sinne gegangen, so würden in Münster alle Hungers gestorben sein, bevor ich dir die Tore aufgetan hätte.« – »Und mit welchem Rechte hast du dir solche Gewalt über meine Stadt angemaßt?« – »Ei, wer hat denn dir Recht und Gewalt über die Stadt gegeben?« – »Die Wahl des Domkapitels, bestätigt durch Kaiser und Papst. – »Wohl, ich aber bin von Gott selber durch seinen Propheten zur Herrschaft berufen worden.« Das klingt doch ganz so, als hätte der Wüstling und Kopfabschläger von Münster wirklich an sich selber und an seine Mission geglaubt. Es kommt aber bekanntlich mitunter vor; daß sich Schauspieler mit ihren Rollen förmlich identifizieren. Das Äffisch-Boshafte im Wesen dieses Gauklers sprang übrigens auch jetzt in seinem Elende noch dann und wann galgenhumoristisch hervor. Wenn ihm ein Witz die Zunge prickelte, mußte er heraus. Als ihn zu Dülmen angesichts einer großen Volksmenge einer antrat mit der Frage: »Bist du der König, der so viele Frauen genommen?« gab er flugs zur Antwort: »Nein, ich habe keine Frauen, sondern Jungfrauen genommen und sie zu Frauen gemacht.« Im achten Monat nach dem Falle von Münster wurden Jan und die beiden Bernte dahin zurückgebracht, und die eigentliche Prozedur hob an. Es war natürlich nur eine Formalität. Die drei unglücklichen Männer wurden verurteilt, am 22. Januar von 1536 auf dem Markte zu Münster mit glühenden Zangen zu Tode gezwickt zu werden. Knipperdollinck und Krechting beharrten auch diesem Schrecklichen gegenüber bei ihrem wiedertäuferischen Glauben, Bockelson dagegen fiel ab, bekehrte sich und versprach, so man ihm Gnade widerfahren ließe, alle Wiedertäufer zu bekehren. Dieser Abfall zeigte den Gaukler in seiner ganzen Blöße. Jetzt, wo mit dem Spiele nichts mehr zu erreichen war, verschwand auch der gespielte Trotz. Mit der Rolle war zugleich auch der Charakter dahin. An die Stelle der komödiantischen Aufspannung trat die armsünderliche Erschlaffung. Gerade da, wo auf dem Markte der Thron des weiland Königs von Zion gestanden, war jetzt das Schafott aufgeschlagen. Die Hinrichtungsszene war scheusälig, und dieser Scheusäligkeit sah der Fürstbischof wohlgefällig zu. Länger denn eine Stunde wurde Jan gemartert, bevor der Henker dem Unseligen, dessen Kehle mit der glühenden Zange fassend, den Todeszwick gab. Dann kamen Knipperdollinck und Krechting an die Reihe. Als endlich das Gräßliche vorbei, wurden die drei Toten von der Richtstätte zum Lambertiturme geschleift und dort in aufrechter Stellung in eiserne Käfige geschmiedet. Diese zog man zur Zinne des Turmes empor und ließ sie dort hängen »zum ewigen Gedenken«. Auf Stadt und Stift Münster aber legte sich die Bleihand pfäffischer Dunkelherrschaft, welche jede Regung von Freisinn mit den Wurzeln ausrottete. Also wurde die Orgie des Wahnwitzes abgelöst durch die Saturnalien der Rachegier, und auf eine wüste Revolution folgte eine wüste Reaktion. Man nennt das »sittliche Weltordnung«. Zweiter Zwischensatz: Frohe Botschaft aus Emanzipazia Die nachstehende, im Spätherbste von 1875 an mich gelangte Epistel der Doktorin Pimpernella Rothborst , Chefredaktrice des » Amour libre « zu Schwindelfingen in Emanzipazien , an den Herausgeber von Jeremiä Sauerampfers Sommertagebuch – glaube ich von wegen der Wissenschaft, item auch von wegen der sozialen Reform und noch um verschiedener anderer »von wegen« willen einem mehr oder weniger zu verehrenden Publikum nicht vorenthalten zu dürfen. Schwindelfingen , Zuchtwahlmond neuen, September alten Stils, Jahr 30 nach Feist Lumps Geburt. Aus der wolkenhohen Überlegenheit meiner Weltanschauung auf Sie, alter Philister, niederblickend, könnte es mein rotgefütterter Genius nicht der Mühe wert erachten, sich mit einem Reak Ihres Schlages zu befassen, falls es mich nicht so angenehm kitzelte, zu wissen, daß ich Ihnen mit meiner Mitteilung einen Possen spielen, mit meiner frohen Botschaft einen tüchtigen Ärger bereiten kann. Sie, der Sie sich erfrecht haben, uns Sansculotten die höchste wissenschaftliche und künstlerische Befähigung, die schöpferische Genialität abzusprechen – Sie, der Sie zu wiederholten Malen die antetertiärperiodische Behauptung, der rechte Wirkungskreis der Frau sei das Haus und die Familie, aufzustellen die Unverschämtheit hatten, – Sie, der Sie der Abgeschmacktheit sich unterwanden, bei jeder Gelegenheit nach Maßgabe Ihrer allerdings nur jämmerlichen Kräfte die »Menschwerdung« des Weibes zu bekämpfen, – Sie, der Sie überhaupt unter den Gegnern der hohen, höheren und höchsten Sansculotterie voranzustehen die zeit- und modewidrige Dummheit verübten, Sie sollen durch die Wucht der ungeheuren Neuigkeit, welche ich Ihnen mitzuteilen eile, zermalmt werden, zu Müll zerrieben werden. Sie haben die Möglichkeit einer absoluten Gleichheit der Menschen und Menschinnen geleugnet, vordarwinischer Finsterling Sie! Mit der ganzen Dreistigkeit der Unwissenheit haben Sie behauptet, daß es allzeit schöne und häßliche, gescheite und dumme, fleißige und faule, ehrbare und liederliche Menschen geben werde, weil die Ungleichheit ein Naturgesetz sei. Daraus zogen Sie, der Sie ja so weit hinter der Zeit zurückgeblieben, daß Sie als Patriot, sowie auch als Tadler der erlauchten, erleuchteten und erleuchtenden Kommunemordbrenner sich zu bekennen unanständig genug sind, – ja, Sie zogen aus den erwähnten, auf Ihrer Unkenntnis der allermodernsten Biologie beruhenden Voraussetzungen den Schluß, das Problem einer unbedingten politischen und sozialen Gleichheit der Menschen und Menschinnen oder vielmehr, richtiger gesprochen, der Menschinnen und Menschen, sei schlechthin unlösbar. (In Parenthese: Daß ich vollständig berechtigt bin, uns Menschinnen euch Menschen voranzustellen, wird hoffentlich auch einem so beschränkten Gehirn, wie Sie eins besitzen, aus dem Nachstehenden klar werden.) Nun aber vernehmen Sie, erbebend in Ihrer unlösbaren Problematik vernichtendem Gefühle: – das Problem ist gelöst, die absolute natürliche und folglich auch die absolute politische und soziale Gleichheit ist gefunden! Durch eine Menschin, durch das menschgewordene Weib gefunden!!! Wie wird Ihnen? Recht miserabel, hoff' ich. Also hören Sie! Wir haben hier in Emanzipazien Ihnen und Ihresgleichen zum Trotz und namentlich auch dem alten dummen Kerl, dem sogenannten gesunden Menschenverstand zum Tort den reinen Vernunftstaat, den regierungslosen, familienlosen, geschlechtslosen, kirchen-, konfessions- und religionslosen, kurz den staatlosen Staat hergestellt. Eingewindelt und eingewickelt in Ihre altmodischen Vorstellungen und Begriffe, d.h. Vorurteile, werden Sie höhnisch etwas von Logik murmeln und den vorstehenden Satz als eine sogenannte contradictio in adjecto qualifizieren. Als ob wir noch der Logik und ähnlichen alten Gerümpels bedürften, wir, deren Kredo und Losung ist: »Kosmetische Republik, Menschenbruderschaft und Petrolseife!« Wir Bürgerinnen und Bürger von Emanzipazien, wir Priesterinnen und Priester der freien Liebe – doch halt, da fällt mir ein, daß der sehr gemischte Senat unserer Universität Schwindelfingen nach reiflicher Erwägung den Beschluß gefaßt und proklamiert hat, das romantische Wort Liebe vertrage sich schlechterdings nicht mehr mit den zeitgemäßen Forderungen der Wissenschaft und sei dasselbe in öffentlichen und privatlichen Aktenstücken, in Grammatiken, Lexiken und Schulbüchern, sowie namentlich auch sogenannten Liebesbriefen durch das Wort Zuchtwahl zu ersetzen. Demzufolge hab' ich denn auch, unter uns gesagt, gestern geschwind etliche Zuchtwahlbriefe geschrieben ... Sie, mein Unlieber, sind natürlich zu borniert, als daß Sie den Um-, Auf- und Durchriß unseres Staats- oder eigentlich Unstaatswesens, welchen ich entrollen könnte, zu verstehen und zu würdigen vermöchten. Ich will daher zur Hauptsache vorwärts eilen, d.h. Ihnen den großen Ärgerschuß ins Gesicht feuern, und nur zuvor noch gelegentlich bemerken, daß wir in unserem humanitär-kosmopolakisch-anarchischen Staatsunwesen neben Dutzenden von anderen Problemen auch das einer menschenwürdigen sogenannten Strafjustiz glücklich gelöst haben. Da selbstverständlich das lächerliche Vorurteil vom freien Willen und folglich auch das dito lächerliche von der Zurechnungsfähigkeit und Verantwortlichkeit des Menschen bei uns zu Lande längst abgeschafft ist, so kennen wir kein Laster und kein Verbrechen, sondern nur zeitweilige individuelle Störungen der sozialen Harmonie. Was kann ein Komet dafür, daß er unregelmäßige Bahnen wandelt? Was kann ein Mensch dafür, daß seine Natur ihn antreibt, zu stehlen, zu rauben, zu sengen, zu brennen, zu schänden, zu morden? Nichts. Sein Wille ist unfrei, seine Zurechnungsfähigkeit nichtig, seine Verantwortlichkeit Null. »Der Bien' muß.« Wir haben daher gelernt, die sogenannten Verbrechen und Verbrecher nicht als solche, sondern vielmehr als schätzenswerte Ausnahmen von der Regel, als interessante Abnormitäten anzusehen, welchen das nicht gemeine Verdienst zuerkannt werden muß, unsere reinst-demokratische Gesellschaft vor Verflachung, Uniformität und Langeweile zu bewahren. Das große Prinzip unserer Nichtstrafrechtspflege ist, daß jeder von seinesgleichen gerichtet werden müsse: – der Dieb von Dieben, der Mörder von Mördern, die Giftmischerin von Giftmischerinnen usw. Diesem Grundsatze gemäß findet die Besetzung der Geschworenenbank statt. Ist das nicht ein Triumph der Sozialwissenschaft? Wir haben es bereits dahin gebracht, daß es auch in Fällen, wo es sich um seltenere »Abnormitäten« handelt, nie an der hinlänglichen Zahl von kompetenten Geschwornen mangelt. Erkennen Sie hieran, wie ungeheuer weit wir euch vorgeschritten sind? Wird doch, wie ich unlängst hörte, bei euch erst verschämt die Frage ventiliert, ob den noch schnöderweise im Zuchthause logierten Herren Mördern und Kompagnie nicht alljährlich eine Bad- oder sonstige Bummelreise zu gestatten sei. Schickt eure Lämmerschwänzchen von sentimentalen Juristen zu uns, damit sie sehen, wie herrlich weit man es in der Humanisierung der Rechtspflege bringen kann. Freilich könnte ein Philister Ihres Schlages behaupten, unsere humanisierte Justiz müßte mitunter ungemütliche Folgen haben. Und es ist ja wahr, daß man hier bei uns zu Lande gar häufig gesund und munter zu Bette geht und tot, d.h. mit durchschnittenem Halse oder zerschmettertem Schädel, wieder aufsteht. Aber dieses und anderes Ungemütliche hat nicht viel zu bedeuten, zumal in unserem durchweg auf die exakten Wissenschaften basierten Gemeinwesen das Gemüt und die Gemütlichkeit als gänzlich vernutzte und überflüssige Möbel abgeschafft sind. Überhaupt, welches Vorurteil wäre bei uns in Emanzipazien nicht abgeschafft, welcher Standpunkt nicht überwunden! Wir sind bis zum innersten Kern der materialistischen Zwiebel vorgedrungen und haben dort die exakte Wahrheit gefunden, des Menschendaseins Sinn und Frommen sei der Genuß. Wir haben demnach das irdische »Jammertal« in einen Lustberg umgewandelt, in einen richtigen Venusberg, und wehe dem getreuen Eckart, welcher sich unterstehen wollte, davor Wache zu halten. Gibt Ihnen das einen gehörigen Stoß? Desto besser. Aber ich will Ihnen sofort beweisen, daß unsere materialistische Fassung und Führung des Lebens den menschheitlichen Entwickelungsprozeß ganz anders vorwärts brachte und bringt als all der romantische Quark und Plunder, welchen man Idealismus zu nennen beliebt. Also zur Sache. Selbst einem Ignoranten, wie Sie einer sind, kann der Name meiner großen Freundin Zora Zitze nicht ganz unbekannt geblieben sein. Bald wird dieser Name, im hellsten Brillantfeuer des Ruhmes strahlend, den Erdball um- und das Universum durchfliegen. Denn diese geniale, genialste Menschin hat nicht etwa nur ein neues Kapitel im Weltgeschichtebuch aufgeschlagen, sondern mit ihr hebt vielmehr die Weltgeschichte erst recht an. Zora Zitze war schon in Backfischjahren von einem Forschungseifer erfüllt, welcher sie antrieb, das Leben bis zu dessen untersten Hefen hinunter aus eigener Anschauung und Erfahrung kennen zu lernen. Philister nannten das Leichtfertigkeit und Liederlichkeit, was doch in den Augen von uns Auserwählten nur edler Emanzipationsdrang war. Nachdem meine unsterbliche Freundin unter der Protektion von Donna Eugenia in Paris einen Kursus der höheren Hetärosophie durchgemacht hatte, erhielt sie den letzten Schliff bei den zwanglosen Symposien des Messias Feist Lump, der Gräfin Schmatzfeld und Konsorten. So, emanzipiert aus dem ff, kam sie hierher und habilitierte sich an unserer Schwindelfinger Hochschule in der Fakultät der » Belles lettres «, wie wir sie verstehen. Rasch zu Ruf und Anerkennung gelangt, hat sie dann etliche Jahre lang die Professur der vergleichenden Medisance mit höchsten Ehren innegehabt. Allein ihr großer Geist – Verzeihung für das dumme, aftergläubische Wort! ich wollte sagen: ihre große Gehirnabsonderung ... also Zoras kolossale Gedankensekretion überflutete weit das Gebiet ihrer amtlichen Tätigkeit und wie zu unserer Zeit alle bedeutenderen Gei– will sagen Gedankenabsonderungsorganbesitzer, wandte sich auch dieses entschieden Mensch gewordene Weib der Naturforschung zu. Der Tag, an welchem sie dieses tat, wird im Kalender der Zukunft scharlachrot als der Zora-Zitze-Tag prangen. Sie haben von »weiblichem Dilettantismus« zu reden gelegentlich sich unterstanden, Sie Unglücklicher? Nun wohlan, hören Sie, um zu verstummen, zu verstarren, zu versteinern! Zora, die Schöpferin des Zitzeismus, hat sich in eine Abgrundtiefe der Wissenschaft hinabgewühlt, welche auch nur entfernt zu ahnen kein behoster Zweifüßer kühn genug gewesen wäre. Sie begann damit, den Beweis zu liefern, daß sie imstande sei, alle Spezialisten zu überspezialisieren, indem sie ihr epochemachendes Werk »Resultate einer fünfjährigen mikroskopisch-anatomischen Untersuchung des Fortpflanzungsapparates der Flöhe« – veröffentlichte. Selbst die wenigen Mußestunden, welche sie sich während dieser Riesenarbeit gönnte, wandte sie zum allgemeinen Besten an, indem sie zur Förderung des Nationalreichtums von verschiedenen Männern verschiedene Kinder hatte. Dieses hierzulande ganz ordinären Phänomens erwähnte ich nur deshalb, weil ich sofort zu berichten haben werde, daß meine glorreiche Freundin auch den Standpunkt der Mütterlichkeit zu überwinden, d.h. das brutale Muttergefühl den Interessen der Zivilisation und der Sozialwissenschaft zu opfern wußte. Nämlich, Schritt vor Schritt ihrer weltumwälzenden Entdeckung sich nähernd, sah sie sich genötigt, von dem Mittel der Vivisektion einen immer umfassenderen Gebrauch zu machen. Unser Unstaat stellte ihr in liberalster Weise zu ihren vivisektionellen Experimenten aller Arten von Tieren zur Verfügung, von der Wanze bis zum Elefanten. Sie brauchte nun aber im Vorschritt ihrer Forschungen und Findungen auch Menschen, lebende, um sie zu sezieren. Damit haperte es. Ja, traurig zu sagen, auch bei uns in Emanzipazien wollten sich keine Leute finden, welche sich, wie sie sich unwissenschaftlich ausdrückten, bei lebendigem Leibe schinden ließen. In dieser Not faßte Zora Zitze einen Entschluß, welcher zeigt, zu welcher Kolossalität ein geniales, ein wahrhaft menschgewordenes Weib emporwachsen kann. Zora wollte zur Medea im höchstvorstellbaren Sinne werden, wollte ihre eigenen Kinder auf dem Altar der Wissenschaft opfern, d.h. lebendig sezieren, und schon hatte sie mit der Linken eins derselben beim Kragen und schwang mit der Rechten das Skalpell, als die Intervention unserer obersten Nichtregierungsbehörde – ihr eigentlicher Titel ist »Anarchie-Unrat« – der Sache eine weniger tragische Wendung gab. Das kam so. Wie ungeheuerlich immer die Menschheit en masse bei uns vorgeschritten ist, dennoch gibt es einzelne Querköpfe, welche zurückgeblieben sind, welche nicht nur zu glauben, sondern auch zu sagen sich erfrechen, unser ganzer Materialstaat sei eitel Schwindel und Schmach. Solchen Querköpfen zufolge wäre unsere reine Demokratie nur eine gemeine Ochlokratie, die schlimmste aller Tyranneien, und unser Kommunismus in Wahrheit nichts anderes als die Ausbeutung der Narren durch die Schelme, nichts anderes als das Schwelgen der nasführenden und genießenden Gauner auf Kosten der genasführten und arbeitenden Gimpel. Nun ist bei uns selbstverständlich die absoluteste Denk-, Rede- und Schreibfreiheit proklamiert; aber natürlich muß man denken, reden und schreiben, wie es uns beliebt. Ketzereien, wie die vorhin erwähnten, sind demnach zweifelsohne hochverräterisch, strafbar, todeswürdig. Aber ist die barbarische Todesstrafe nicht abgeschafft in Emanzipazien? Gewiß ist sie abgeschafft und bleibt es. Jedennoch etwas ganz anderes ist es mit der Vivisektion zu hochwissenschaftlichen Zwecken. Unser Anarchie-Unrat ließ daher eine gehörige Anzahl der oben signalisierten Ketzer und Hochverräter – item auch Ketzerinnen und Hochverräterinnen samt ihren Kindern greifen und an Händen und Füßen gebunden der großen Vivisektrix überliefern. Endlich kam der glückliche Tag und schlug die große Stunde, allwo Zoras Gehirn den Zitzeismus absonderte. Wissen Sie, was das ist? Das ist die Lösung des Problems der absoluten Gleichheit. Wie lange hatten wir Insassen von Emanzipazien und Bewohner von Nubikukulien auf anderen Wegen mit diesem Problem uns abgemüht! Namentlich hatten wir von unstaatswegen alle denkbaren und undenkbaren Variationen der Zuchtwahl durchprobiert, um den Normalmenschen hervorzubringen oder, richtiger gesprochen, die Menschheitschablone zu schaffen. Die Natur, als die infame Despotin, welche sie ist, vereitelte alle unsere Mühwaltungen. Nach wie vor wuchsen auch die mittels streng wissenschaftlich angeordneter und kontrollierter Zuchtwahl erzielten Kinder zu schönen oder häßlichen, begabten oder dummen usw. Menschinnen und Menschen auf. Unerträglich das! Solange diese schnöde Willkür der hochmütigen Aristokratin Natur nicht abgeschafft war, konnte von wirklicher und wahrhaftiger égalité und fraternité keine Rede sein. Aber sie wurde abgeschafft, diese schnöde Willkür: der hochgelobte Zitzeismus hat sie überwunden, indem er den Schablonemenschen herstellte. Das punctum saliens in dem hierbei beobachteten Verfahren ist noch das Geheimnis der großen Forscherin und größten Finderin. Ich darf es Ihnen um so weniger verraten, als ich es selbst nicht weiß. Das Wahrnehmbare ist, daß Zora die Einzige, dahin gelangte, die menschliche Gehirntätigkeit egalisieren, radikal egalisieren zu können. Statt die Kinder zur Taufe oder Beschneidung in Kirchen oder Synagogen zu tragen, bringt man bei uns die sämtlichen je an einem und demselben Tage geborenen am Jahrestag ihrer Geburt in das mit höchster Pracht eingerichtete anatomisch-physiologisch-chemische Laboratorium der großen Zitze. Dort wird den Gleichheitspflänzlingen die Schädelhöhle geöffnet und die Gehirnmasse herausgenommen. Sämtliche Gehirne werden in eine ungeheure Retorte gebracht und einem chemischen Prozeß unterworfen, welcher offiziell die »Naturwillkürverdampfung« heißt. Der also präparierte Gehirngleichheitsbrei wird in minutiös abgewogenen, absolut gleichgroßen Portionen wieder in die Schädelhöhlen zurückgebracht, diese werden geschlossen und nach etlichen Tagen kriechen die egalisierten Bälger gesund und munter herum, so viele ihrer nämlich der großen Vivisektrix nicht unter den Händen gestorben sind. Auf solche Kleinigkeiten kann natürlich die Sozialwissenschaft und kann das Humanitätsduseldogma keine Rücksicht nehmen. Nun sollten Sie, um sich geziemend zu ärgern, mit ansehen, wie die Gleichheitspflanzen heranwachsen. Ich sage Ihnen: alle wie aus einem Modell, alle nach der Schablone wie die Soldaten auf einem Bilderbogen, alle absolut gleich, gleich, gleich (»dumm und garstig,« blasphemieren die Ketzer und Hochverräter, welche leider in Emanzipazien noch nicht ganz ausgetilgt sind). Die Phantasie von den »ungarischen Nationalgesichtern« in Brentanos Novelle ist bei uns zur kulturgeschichtlichen Tatsache geworden und, kurzum, die Generationen unserer Jugend stellen äußerlich und innerlich die vollendete Gleichheit dar, so sehr, so ganz, daß man allerdings einige Mühe hat, die Leutchen voneinander zu unterscheiden, um so mehr, da in unserer Kommuneanarchie die strengste Kleiderordnung eingeführt, d.h. absolute Gleichheit des Anzugs in Stoff, Farbe und Schnitt vorgeschrieben ist, wie das ja der richtig verstandenen Freiheit entspricht. Man hat übrigens aus statistisch-volkswirtschaftlichen Gründen das Auskunftsmittel gefunden, die Leute zu numerieren. Den Menschinnen wird ihre Nummer auf das Kinn, den Menschen auf die Stirne gebrannt. Trotzdem fehlt es nicht an urkomischen Verwechselungen, welche den Komöden unter den von anarchiewegen zeitweilig dekretierten und gestempelten Poeten einen unerschöpflichen Stoff darbieten. Also wäre denn der abscheuliche, alle Schnödigkeiten der Ungleichheit unter den Menschen verursachende oder wenigstens aufrechthaltende Individualismus überwunden und abgetan. Es wird in Zukunft keine Personen mehr geben, sondern nur noch eine Menge, keine Menschen mehr, sondern nur noch Massen. Die Persönlichkeit verschwindet in der Gemeinheit, das Normalmaß der existenzberechtigten Menschheit ist gefunden, und die Gleichheitsschablone beherrscht das Universum. Heil dem Zitzeismus und ein Sonne, Mond und Sterne durchdonnernd Hoch der Zora Zitze! ... Die mitgeteilte Auslassung einer rotborstigen Seele bedarf, denk' ich, keines Kommentars. Sie ist ja die Deutlichkeit selber. Ich habe daher nur beizufügen, daß der offene Brief Pimpernellas, die weder Fräulein noch Frau zu betiteln ich berechtigt bin, mich zu dem jambischen Versuche anregte, von den uns bevorstehenden Verschweinten Staaten von Europa dieses Bild zu entwerfen: Sie nennen's vornehm jetzt den »Kampf ums Dasein« Das eherne Gesetz, kraft dessen Hunger Und Haß den Riesenkessel heizen, der Erzeugt den treibenden Entwicklungsdampf. Das braust und saust und rasselt und rumort Und reißt unwiderstehlich vorwärts, vorwärts Den Eilzug nach Schlaraffia, dessen Auen – So sagen unsre neuesten Propheten, Die alles wissen und noch etwas mehr – Schon in der Ferne sichtbar, ja, so nah schon, Daß deutlich die gebratnen Tauben man 'rumfliegen sieht und alles übrige Schlaraffische sich reizend präsentiert, – So reizend, wie nur je ein Lug- und Trug- Eden sich in Saharaluft gespiegelt ... Glück auf zu dem gelobten Land der Zukunft, Allwo zur vollesten Verwirklichung Gelangt sein wird des Aristoteles Prophet'scher Satz: »Der Mensch ist von Natur Ein Staatsvieh.« Folgerichtig also Der Zukunftsstaat vielmehr ein Zukunftsstall, Wo jedem seine Raufe, seine Krippe, Sein täglich Quantum Heu und Hafer, item Die gleiche Schütte Streu et ceterum Von der »Gesellschaft« zugemessen wird. Das liebe Aristotelessche » Zeta;Ζω̃ον Πολιτικὸν « muß sich behaglich finden In solcher Stall- Egalité , wo jedes Und alles uniform, so daß sogar Die Hörnerlänge bis auf Zoll und Linie Genau dieselbe sein muß und kein Bürger Darf wen'ger Durst als wie der andre haben, Auch keine Bürgerin Liebhaber mehr Als ihre Nachbarin ... Jedoch die Menschen – So fragt ihr – was wird aus den Menschen wohl Im Zukunftsparadiesesstall? – Törichte Frage! Denn Menschen gibt's darin ja keine mehr. Die Gekreuzigte. Historie einer Heilandin Erstes Kapitel Ort Im Staatsarchiv der Republik Zürich findet sich ein dicker Aktenstoß, welcher die Aufschrift führt: »Volumen 166, Cahier 1044. Akten betreffend die Gräuel-Scenen in Wildisbuch.« Diese Akten, deren Prüfung und Benutzung mir mit einer Zuvorkommenheit gestattet wurde, die mich zu aufrichtigem Danke verpflichtet, bilden die Hauptquelle der auf nachstehenden Blättern erzählten Geschichte. Es ist im Text fortlaufend darauf verwiesen und bezeichnete ich in diesen Verweisungen die Akten der Voruntersuchung samt Beilagen mit W.A.I, die der Prozedur mit W.A.II. Die arabischen Zahlen, welche diesen römischen beigegeben sind, beziehen sich auf die Reihenfolge der einzelnen Aktenstücke und entsprechen den Nummern derselben. Man wird mich also leicht kontrollieren können, wem das belieben sollte. Als Nebenquelle benutzte ich authentische Notizen, welche sich in den Schriften finden, die bald nach der Wildisbucher Katastrophe von den beiden Geistlichen Meyer und Schoch darüber veröffentlicht wurden. Die wichtigeren dieser Notizen sind übrigens auch zu den Akten gekommen, in Form von Berichten, welche die genannten Geistlichen als amtlich bestellte Gewissensräte der Wildisbucher Gefangenen erstatteten. Einiges brauchbare, freilich mit Kritik zu behandelnde Material haben mir endlich noch die Nachrichten geliefert, welche ich zu Wildisbuch selbst und in der Umgegend aus dem Munde solcher sammelte, welche die Katastrophe mit erlebt und mit angesehen haben. Über den Titelbeisatz »Passionsspiel«, welchen die beiden früheren Auflagen hatten, für Nichtgelehrte folgendes. Wie das antike Drama, so ist auch das moderne aus dem Gottesdienste hervorgegangen. Nach einem langen vergeblichen Kampfe gegen die »heidnische Augenlust« ihrer Gläubigen mußte sich nämlich die christliche Kirche damit zufrieden geben, diese Lust von heidnisch-mythologischen Gegenständen ab und auf christlich-mythologische hinzulenken. Zu diesem Zwecke benutzte sie die schon im Kultus der Urkirche vorhandenen dramatischen Elemente (die Wechselreden des Priesters, des Diakonus und der Gemeinde) und bildete dieselben im Verlaufe der Zeit zu einem vollständigen liturgischen Drama aus, genannt die Messe und noch heute in der Übung. An dieses gottesdienstliche Schauspiel reihten sich dann bald andere kirchliche Dramen an, die biblisch-mythologischen »Mysterien«, so geheißen, weil sie sich vorzugsweise mit den sogenannten Geheimnissen des christlichen Dogmas beschäftigten. In den großen christlichen Festzeiten, besonders zur Weihnacht und zu Ostern, wurden die Szenenkreise, welche die Geburt, die Passion und den Tod Jesu umschlossen, von den Geistlichen in den Kirchen oder auf den Kirchhöfen theatralisch dargestellt, anfänglich pantomimisch, später dialogisiert, so daß der Dialog zuerst im kirchlichen Latein, dann in den verschiedenen Landessprachen verfaßt war. Diese Mysterien, aus welchen das Drama der sämtlichen europäischen Literaturen sich entwickelt hat, hießen in deutschen Landen Weihnachtsspiele, sofern sie zur weihnachtlichen, und Passionsspiele oder Osterspiele, sofern sie zur österlichen Zeit aufgeführt wurden. Bekanntlich wird so ein Passionsspiel im mittelalterlichen Stil noch jetzt in Oberammergau in Bayern von Zeit zu Zeit feierlich tragiert. Es wird aus meiner Erzählung erhellen, weshalb ich dieselbe ein Passionsspiel genannt habe. Das Dauerndste oder vielmehr das einzig Dauernde in den irdischen Dingen ist der ewige Kreislauf von Geburt und Tod, von Entstehen und Vergehen, dessen Eintönigkeit schon vor zweiundzwanzig Jahrhunderten einen hebräischen Poeten weltekelvoll ausrufen ließ: »Alles ist eitel!« Ja, die Weltgeschichte, die Summe des Gewordenen und Gestorbenen, ist nur ein unendlicher Totentanz. Während die hinteren Paare desselben den vorderen lebensfreudig noch ihr »Macht uns Platz!« zujubeln, werden auch sie ihrerseits schon wieder von nachfolgenden Generationen beiseite geschoben, und über die Gräber der Vorfahren hin geht weiter der bunte Reigen von Lust und Weh, Hoffnung und Enttäuschung, Torheit und Leidenschaft, Arbeit und Genuß, Hochsinn und Gemeinheit, genannt Menschenleben. Wandellos bleibt nur der Wandel selbst. Die römischen Kohorten, welche auf den Römerstraßen von Althelvetien einhermarschierten, ließen es sich gewiß nicht träumen, daß eine Zeit kommen werde, wo diese wohlgepflasterten, »für die Ewigkeit« gebauten Heerwege verschollen unter Feldern und Forsten liegen würden. Für die Ewigkeit! Die weltgeschichtliche Entwickelung sorgt dafür, alle diese »Ewigkeiten«, womit der menschliche Größenwahn sich brüstet, bedeutend abzukürzen. Können wir, die wir im Zeitalter der Eisenbahnen leben, nicht täglich uns überzeugen, daß die schönen makadamisierten Straßen, die noch vor dreißig Jahren für das Nonplusultra der Verkehrsvermittelung, für halbe oder ganze Wunderwerke galten, vielerorten bereits mit einer Grasdecke sich zu überspinnen anheben? Noch eine Spanne Zeit, und lange Bodenstrecken, welche entlang die Viergespanne der »Eilwagen« rollten, werden dem Pfluge zurückgegeben sein. Das Posthorn ist vor dem grellen Schrei der Lokomotivpfeife demütig verstummt, aber auch das Dampfroß wird eines Tages auf dem letzten Loche pfeifen und seine eisernen Glieder in den Gerümpelstall der Weltgeschichte vom Roste verzehrt sehen. Die Ewigkeit Stephensons wird gerade so ewig sein, wie die der römischen Straßenbaumeister und die Makadams gewesen ist. Es wird eine Zeit kommen, wo die Menschen mit demselben aus Mitleid und Verachtung gemischten Gefühl, womit wir heutzutage die da und dort noch umhergespensternden Postkutschen betrachten, auf rasselnde Eisenbahnzüge herabsehen. Dann wiederum eine Spanne Zeit, und die »ewigen« Eisengeleise werden, gleich ihren Vorwegen, mählich hinabsinken unter die Rasendecke der ungeheuren Gruft, welche sich um die Sonne schwingt und Erde heißt – eine Gruft freilich, die nur verschlingt, um wieder zu gebären, und welche der Tod selber mit neuem Leben befruchtet. Die Menschen nennen dieses unendliche Blühen und Welken, dieses Kommen und Gehen eine himmlische oder aber eine höllische Komödie, je nachdem ihre Augen durch eine rosenfarbene oder durch eine schwarze Brille schauen. Wer jedoch gar keine Brille aufhat und die Welt nimmt, wie sie in seinen armen bloßen Augen sich spiegelt, dem erscheint sie als ein wunderbares Geheimnis, vor dessen sieben Siegeln selbst ein Humboldt ehrfurchtsvoll stillgestanden. Ist die Erde etwa weniger ein Rätsel, seit die Geologie die Urkunden ihrer Urgeschichte aus dem Schutt von Millionen von Jahren hervorgegraben hat? Oder das Buch der Gestirne, seit die Astronomie die Fügung seiner Lettern nachgewiesen? Unsere ganze Weisheit reicht nicht aus, die Frage: Warum ist die Milbe? genügend zu beantworten; gerade so wenig genügend wie die Frage: Warum ist der Mensch? Die »praktischen« Leute freilich werden mit alledem leicht fertig. Sie sagen: Wir sind einmal in der Welt und werden wohl nicht hinausfallen. Was kümmern uns die Sterne? Wir nehmen sie als eine hübsche Dekoration des Theaters, auf welchem das Drama unserer Interessen und Leidenschaften sich abspielt. Wozu versuchen, den Schleier des Bildes von Sais zu heben? Es ist ja am Ende doch nichts dahinter. Man muß gestehen, die praktischen Leute hätten vielleicht recht, falls es nur dem in die Schranken der Endlichkeit gebannten wunderlichen Wesen, genannt Mensch, gegeben wäre, das »schmerzlich-süße« Gefühl der Unendlichkeit loszuwerden. Aber treten nicht sogar dem Gedankenlosesten wenigstens einmal in seinem Leben in dieser oder jener Form die Fragen nahe: Wozu bin ich eigentlich da? Woher? Wohin? Warum? Regt sich nicht selbst in dem Denkträgsten mitunter eine über dieses Dasein, über die menschliche Tragikomödie hinausgreifende, auf ein Zukünftiges gerichtete Sehnsucht oder Ahnung? Die Ritter vom Stoff mögen das immerhin öffentlich leugnen, daheim bei sich geben sie es zu, wie noch manches andere von ihnen Geleugnete. Aus der beregten Ahnung oder Sehnsucht oder »Illusion« quillt aber der unaustilgbare idealistische Hang der Menschen. Solange es solche gibt, werden sie nicht aufhören, sich Götter, d.h. Ideale zu schaffen – lauter Versuche, die Rätsel der Welt und des Daseins zu lösen. Anders freilich gestaltet sich das Ideal, die Vorstellung von Göttlichem, in der Seele eines hellenischen Dichters, anders in der Seele eines indischen Jogi, anders in der eines hebräischen Patriarchen oder arabischen Propheten, anders in der eines nordischen Skalden und wieder anders in der eines christlichen Kirchenvaters. »In seinen Göttern malt sich der Mensch«, hat ein großer Denker und Seher gesagt und damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Auch das arme, unglückselige Weib, dessen Geschichte ich erzählen will, tastete in seinem dunklen Drange nach einer Antwort auf das ewige Warum? alles Daseins. Auch diese Verirrte wurde durch einen in seinem Ursprung reinen idealistischen Trieb auf eine Bahn voll Wirrsal geworfen, welche in einer Blutlache endigen sollte. Auch sie schuf sich ihren Gott, einen Gott, welcher so, wie die Umstände waren, zu einer schrecklichen Fratze sich gestalten mußte, zu einem Moloch, dessen Grimm sie in ihrem zuletzt bis zu völliger Verzweifelung hinaufgesteigerten Wahn nur mittels einer in ihren Einzelnheiten beispiellosen Selbstopferung – einer furchtbaren Parodie der Passion Christi – sühnen zu können glaubte. Doch genug der einleitenden Betrachtungen. Verschreiten wir dazu, zuvörderst die Hauptstätte des in seiner Katastrophe entsetzlichen, aber in dieser wie in dem ganzen Gange der Handlung höchst lehrreichen Dramas zu zeichnen. Bevor der Schienenweg gelegt wurde, welcher, hart oberhalb des Rheinfalls den Strom überbrückend und dann den Laufenfelsen durchbohrend, den Reisenden jetzt binnen zwei Stunden von Schaffhausen nach Zürich bringt, waren diese Städte durch zwei Poststraßen verbunden, deren eine am rechten Ufer des Rheins über Eglisau, deren andere, linkshin von dem Fluß abbeugend, über Andelfingen und Winterthur nach der Limmatstadt führte und noch führt, wenngleich beide heutzutage sozusagen nur noch zum Hausgebrauche dienen. Die letztere dieser Straßen geht über die Rheinbrücke bei Schaffhausen, an deren südlichem Ende sie in das züricherische Grenzdorf Feuerthalen eintritt. Dann wendet sie sich an der westlichen Abdachung eines südostwärts streichenden Bergrückens, genannt die Kohlfirst, hinauf bis dem Dorfe Uhwiesen, von wo sie sich gegen das Dorf Benken hinabsenkt. Am südlichen Ausgang desselben zweigt sich ein Fahrweg in östlicher Richtung von der Straße ab, und dieser zwischen Rebengeländen ziemlich steil ansteigende Weg führt den gemächlich Wandernden binnen eines Halbstündchens auf eine mäßige Hochebene, von welcher herab er gegen Westen die Türme des jetzo in eine Staatsirrenanstalt umgewandelten Klosters Rheinau, gegen Süden die Häusergruppen des Dorfes Rudolfingen und weiterhin die von Oerlingen und Marthalen erblickt. Geht er in der bisher eingehaltenen Richtung am Saume des Waldzugs vorwärts, welchen die Kohlfirst zu seiner Linken herabsendet, so gelangt er, ein schattiges Tobel durchschreitend, auf eine sanftgewölbte Hügelmatte und jenseits derselben, linkshin aufwärtsstrebend, auf einen Waldpfad, welcher ihn rasch zur »Hochwacht« führt, einem südöstlichen, zur Höhe von 1607 Fuß ansteigenden Vorsprung der Kohlfirst. Hier halte still und schau' dich um, denn du stehst da, unter den Wipfeln eines jungen Föhrenschlags, auf einem der lohnendsten Aussichtspunkte der Schweiz, vielleicht der Erde. Zur Linken, gerade unter dir, liegt das Dorf Schlatt, bei welchem am 7. Oktober 1799 Russen und Franzosen ein mörderisches Treffen ausfochten. Von da an schweift dein Blick über eine weite fruchtbare Niederung bis hinüber zu der Rebhügelwand, welche am nördlichen Ufer des Rheins aufspringend, den Lauf des Stromes bis gegen den Untersee hinauf markiert. Über das Gelände ragt eine dunkle Kuppe herein, der Klingsteinfels Hohentwiel, allwo vor neunhundert Jahren die schöne, gestrenge und gelehrte Herzogin Hadawig in ihrer Kemenate durch den allzu schüchternen St. Galler Mönch Ekkehard sich den Virgilius erklären ließ. Gegen Süden breitet sich der gesegnete, zwischen der Thur und dem Rhein gelegene Gau vor dir aus, welcher das Weinland oder landesüblich das Wyland heißt und wohl so zu heißen verdient; denn wo da nur immer eine sonnige Halde ansteigt, klimmt wohlgepflegt die Rebe daran empor. Gegen Westen hin erkennst du jenseits des Rheins die badischen Ortschaften Lottstetten und Jestetten, hinter welchen der Mannenberg aufdunkelt; gegen Süden hin streckt sich die Bergwand des Irchel lang und blau zwischen den Talgebieten der Töß und der Thur. Den Spiegel der letzteren siehst du da und dort zwischen im Gelände zerstreuten Laubholzwäldern hervorblitzen. Aber du achtest dessen, was sich zu deinen Füßen breitet, nur wenig. Mächtigeres hat dich ergriffen: dein Blick hängt an dem grandiosen Amphitheater der Alpen. In einem ungeheuren Halbkreis ist es vor dir aufgetan, von den Fernern Tirols und Vorarlbergs im Osten an bis hinab zur Kuppe des Moleson im Westen, vorausgesetzt, daß Luft und Licht dich begünstige. Sind dir die Bergkolosse alte vertraute Bekannte, so kannst du unbewaffneten Auges alle »die Häupter deiner Lieben« zählen, von Säntis an rechtshin Ammonsberg und Mürtschenstock, Glärnisch, Tödi, Scheerhorn und Windgelle, den Bristenstock und die Gotthardszinken; weiterhin den Urirothstock, den Titlis und alle die stattlichen Urner und Unterwaldner Gesellen, vor deren Lager der Rigi wie eine unscheinbare Vedette steht. Hinter den Zacken des Pilatus türmt sich die dunkle Pyramide des Finsteraarhorns empor und daran reihen sich die Schreckhörner, die Engel-, Well-, Wetter- und Viescherhörner, dann Eiger, Mönch und Jungfrau, Tschingelhorn, Doldenhorn und die schimmernden Firnschneefelder der Blümlisalp – Riesensäulen im Allerheiligsten des Alpenprachttempels – ein Anblick, wohlgeeignet, die Seele zu weiten und zu heben, so daß du nicht etwa bloße Hornhäute oder bloße Augengläser, sondern rechte, wirkliche Augen besitzest, fähig, das Erhabene zu fassen und zu fühlen. Vermögen sie das, so kannst du hier auf der Hochwacht eine schönste und beste Stunde deines Daseins verleben. Wendest du, voll von dem Geschauten, endlich die zögernden Schritte wieder hügelabwärts, so siehst du unmittelbar dir zu Füßen eine kleine Talmulde, welche ein schmaler Fahrweg der Länge nach durchschneidet. Gegen Osten führt dieser Weg in das eine halbe Stunde entfernte Pfarrdorf Trüllikon, gegen Westen nach Benken, während gegen Süden ein anderer Weg durch einen prächtigen Buchen- und Eichenwald nach Rudolfingen hinabsteigt. Mitten in der Talmulde liegt im Schatten seiner Nußbäume das Dörfchen Wildisbuch. Ich folge in der Schreibweise dieses Namens der trefflichen Karte des Kantons Zürich von I.M. Ziegler. Gewöhnlich wird der Name des Ortes »Wildenspuch« geschrieben. Daß aber die Schreibweise Wildisbuch mehr Sinn hat, liegt auf der Hand, indem der Name des Ortes sich offenbar von den Buchengehölzen in seiner Umgebung herleitet. Man kann sich eine herzigere Lage kaum denken. Sie hat etwas »Heimeliges«, Anheimelndes. Gegen Morgen, Mitternacht und Abend durch die waldbekrönten Höhen der Kohlfirst geschützt, ist das aus zwanzig Häusern bestehende Örtchen auch gegen Mittag durch den schon genannten Buchen- und Eichenwald gedeckt und inmitten seiner Felder, Matten, Obst- und Weingärten gar behaglich in eine idyllische Abgeschiedenheit gebettet. Es macht einen durchaus ländlichen Eindruck, wie überhaupt die Dörfer des Wylands, welches noch heute ein rechter, vom Fabrikwesen unberührter Bauerngau ist. Eine Kirche besitzt Wildisbuch nicht, denn es ist nach Trüllikon verpfarrt; wohl aber ein Schulhaus, denn wunderlicherweise halten seit der großen Reformperiode von 1830 die Bewohner des Landes, welches im Konversationslexikon der Diplomatie herkömmlicherweise unter der Rubrik »Anarchie« paradiert, strengstens darauf, daß selbst kleinste und abgelegenste Gemeinden Schulen haben, wogegen in Staaten der »Ordnung« solche anarchische Anstalten keineswegs überall für nötig erachtet werden. Jahrhundertelang hatten die Bewohner von Wildisbuch ihr Korn gesäet und geerntet, ihre Weinberge geharkt und ihre Trauben gekeltert, ohne daß der Name ihrer Ortschaft über die nächste Nachbarschaft hinausreichte. Was wußten sie von der Welt und was wußte die Welt von ihnen? So ein verborgenes bäuerliches Dasein spinnt sich in unglaublicher Beschränkung hin und ab. Nur einmal alljährlich, zur Weinlesezeit, ging es in dem stillen, im Schoße der Kohlfirst gebetteten Weiler etwas belebter her. Da schleppten die fetten Pferde Sr. Gnaden des Abtes von Rheinau keuchend die Klosterkutsche den Hohlweg von Benken herauf, und in der Kutsche saß der Pater Kellermeister mit dem frommen Bauch und der untrüglichen Weinzunge. Der wußte, daß die reformierten Ketzer da oben in Wildisbuch einen wenn nicht gerade alleinseligmachenden, doch immerhin sattsam orthodoxen Wein bauten, von dessen bester Qualität der hochwürdige Herr eine ausgiebige Quantität in die Keller seines Klosters zu schaffen pflegte. Ein Pater Kellermeister kam zu diesem Zwecke bis vor etlichen Jahren im Herbste immer noch nach Wildisbuch; aber er war ein dünnleibiger Mensch, sozusagen nur das Gespenst seiner Vorkellermeister, wie ja Rheinau auch nur noch das Gespenst eines Klosters war, ein recht harmloses Gespenst. Warum sollte so eine Mumie des Mittelalters in der Raritätenkammer der Welt nicht da und dort geduldet werden? Es wäre doch gar zu trostlos langweilig auf Erden, wenn es nur noch Fabriken, Kasernen und Bahnhöfe gäbe. Freilich, wo sie sich mausig machen, die Klostermumien, wo sie sich alles Ernstes einbilden, ihre spukhafte Existenz sei eine berechtigte, wo sie Grimassen à la Dominikus und Torquemada schneiden, da laßt die Toten ihre Toten begraben und gebt ihnen den ganzen Konkordatsplunder als Viatikum mit ins Jenseits. Das Diesseits wird wahrlich nicht schlechter daran sein, wenn es einmal die ganze anmaßliche Gespensterwirtschaft los ist. Ich fürchte sehr, wenn man die mittelalterliche Plunderkammer nicht beizeiten sachte und säuberlich ausräumt, wird ein Tag kommen, so ein rechter dies irae , wo alle die Mumien und andern Raritäten sehr unsanft und tumultuarisch auf die Gasse geworfen und zu Müll zerschlagen und zerstampft werden. Und dann? Dann wird man sie durch andern Plunder ersetzen, denn allzeit werden die Menschen sich Götter machen und – Götzen. Der Kongoneger prügelt heute seinen Fetisch, aber morgen opfert er ihm einen gefangenen Mitneger, und Kongo liegt nicht nur in Afrika, sondern auf dem ganzen Erdboden sehr zerstreut, sehr! Deshalb ist auch kaum ein Fleck Rasen auf der weiten Erde, der nicht durch Menschenblut gedüngt worden wäre. Konnten doch selbst die versteckten Matten von Wildisbuch diesem Schicksal nicht entgehen. Ja, auch in dieses Idyll fuhr einmal der Wirbelsturm der Weltgeschichte hinein: damals, als 1799 die Franzosen unter Massena den von der Limmat an den Rhein zurückweichenden Russen unter Korsakow nacheilten und sie sich mitsammen auf und unter der Kohlfirst herumschlugen. Ein alter Bauer von Wildisbuch, der unter seinem verschossenen »Zwillich-Tschopen« die bürgermeisterliche Würde eines »Gemeindepräsidenten« barg – die Eidgenossenschaft wimmelt im eigentlichen Sinne des Wortes von, gottlob! wohlfeilen Präsidenten und Obersten – hat mir von jenen Schreckenstagen erzählt, etwas bunt übereck freilich. Aber was er noch ganz genau wußte und worauf er immer wieder zurückkam, war, daß er an dem Tage, wo die Franzosen, die Russen vor sich hertreibend, von Marthalen heraufkamen, seine ersten »Hösli« getragen habe. Die Namen der russischen und französischen Generale, welche bei Schlatt kommandierten, hatte er längst vergessen, aber seiner ersten Hösli und sogar ihrer Farbe erinnerte er sich noch ganz frisch. Ein, wie mir scheint, charakteristischer Zug, wie der Bauer sich zur Weltgeschichte stellt. Der Sturm fuhr jedoch vorüber. Wildisbuch versank wieder in sein arbeitsames Stilleben, baute und verzehrte seine »Herdäpfel« (Kartoffeln), fütterte Kälber und Schweine groß und erfuhr durch seinen guten Freund, den Pater Kellermeister von Rheinau, mit Befriedigung, daß Se. Exzellenz, der regierende Herr Bürgermeister von Zürich – damals gab es noch solche Exzellenzen – bei gelegentlicher Einkehr in der Abtei dem Wildisbucher »B'sönderten« (Ausbruch) alle Ehre widerfahren ließ. Das alles und noch anderes Dorfgeschichtliche verlief so im gewohnten Geleise, bis plötzlich im Lenzmond des Jahres 1823 von der stillen Talmulde in der Kohlfirst ein unerhörter Rumor ausging in die weite Welt. Wildisbuch wurde zum Staunen, zur Fabel, zum Abscheu der Menschen, obzwar einzelne Fanatiker es zu einem neuen Mekka zu machen suchten. Alle Zeitungen waren voll von dem, was dort geschehen war; Bücher wurden darüber geschrieben, auf Jahrmärkten wurde die »erschreckliche Moritat« in entsprechend erschrecklichen, durch nicht minder erschreckliche »Gemälder« illustrierten Reimen zur Drehorgel gesungen; ja, es wurde der »Wildisbucher Greuel« beförderlichst in volkstümlicher Plastik fixiert und ich selber hatte als kleiner Junge Gelegenheit, in einem Wachsfigurenkabinett durch die »Wildisbucher Kreuzigung« mich gehörig »angruseln« zu lassen. Erinnere mich auch, daß neben diesem wächsernen Passionsspiel ein wächserner Kaiser Napoleon stand, welcher bedenklich den Kopf dazu schüttelte. Das kam aber nur von dem Uhrwerk in seinem Bauche her. War doch der lebendige Napoleon keineswegs so blutscheu gewesen, er, welcher nach Besichtigung der furchtbaren Zerstörung von Menschenleben auf dem von Blut starrenden Schlachtfeld von Borodino an einen seiner Marschälle schrieb: Die Walstatt war prächtig (» le champ de bataille a été superbe !«). Die guten Leute von Wildisbuch waren aber durch die »europäische Berühmtheit«, zu welcher sie ihr Dörfchen mit einmal gelangt sahen, keineswegs erbaut. Noch jetzt, nach Verlauf von sechsunddreißig Jahren, sagte der schon erwähnte Präsident im Zwillichwams entschuldigend zu mir: »Ja, 's ist ne große G'schicht gsi; aber wir konnten doch nichts dafür.« Wir – ach, damals war die noch mir zur Seite, welche das Licht und der Trost meines Lebens gewesen! – wir saßen mit dem alten Mann in der Stube seines Hauses, welches so ziemlich im Mittelpunkt der nicht sehr zerstreuten Häusergruppen des Örtchens gelegen ist. – »Wo stand denn das Petersche Haus?« fragte ich. – »Da, gerade da, unter der gleichen Dachfirst mit dem meinigen,« erwiderte er und zeigte auf das in die östliche Wand der Stube eingelassene Fenster, welches auf einen vernachlässigten Rasenplatz hinaussieht. Ich ließ mir das Haus, wie es gewesen, beschreiben und habe dann auch die bei den amtlichen Akten, aus welchen ich schöpfte, liegenden Zeichnungen desselben eingesehen. Es war ein einfaches, nach ländlichen Bedürfnissen nicht unbehaglich eingerichtetes Bauernhaus. Auf steinerner Unterlage erhob sich das Untergeschoß, aus Holz aufgeblockt, und darüber ein Obergeschoß aus Fachwerk (»Riegelwänden«). An der rechten Ecke, der mit den vier hart nebeneinander stehenden Fenstern der Wohnstube nach Süden gekehrten Hauptfronte, befand sich ein bedeckter Eingang zum Keller (»Kellerhals«). Zu der an der Ostseite befindlichen Haustüre führte eine kurze, überdachte Holztreppe empor, an deren Ende eine offene Galerie von Holz rechtshin zu einem Anbau fortlief, welcher das neue Haus hieß. An die Nordwand des alten und eigentlichen Wohnhauses stieß zunächst die »Futtertenne«, an diese der Stall und an diesen die Scheune. Rechts am Wege zur Haustüre lag ein umzäunter Gemüsegarten, woran sich nordwärts ein Baumgarten anschloß, von welchem ein Fußpfad zwischen den Rebenpflanzungen gegen die Hochwacht emporführte. Von der Haustüre gelangte man über eine kurze Flur zunächst in die Küche, wo, wie es in Bauernhäusern bräuchlich, außer dem Herd auch ein Backofen sich befand. Zur Seite des Herdes öffnete sich die Türe zur Wohnstube, deren Decke und Wände durchaus mit Holz getäfelt waren. In der nordwestlichen Ecke der Stube stand der landesübliche, weitvorspringende Kachelofen, an zwei Seiten mit der unvermeidlichen Ofenbank eingefaßt. In der südöstlichen Ecke hatte der Tisch seinen Platz und in der südwestlichen das »Büffert« (Büfett), ein Geschirrschrank mit dem ebenfalls unvermeidlichen Apparat zum Händewaschen (»Handgieße«). Eine in die Ostwand der Stube eingelassene Türe führte in die »Stubenkammer«, wo neben einem Schrank und einem sogenannten »Trog« (eine Art bäuerischer Kommode) das Bett des Hausvaters stand. Das Obergeschoß enthielt außer der »Laube« (Flur) nur drei Kammern, von denen die nordöstlich gelegene als Vorratskammer diente. Das gegen Südwesten schauende Gelaß war die Schlafkammer der Töchter des Hauses, das gegen Südosten und gerade über der Stubenkammer gelegene konnte für das Gastzimmer des Hauses gelten. In der Südwand mit einem Fenster und mit einem zweiten in der Ostwand versehen, enthielt es, links von der in der nordwestlichen Ecke angebrachten Türe, ein großes Himmelbett, ferner einen Schrank und zwei »Tröge«. So war die Kammer, in welcher die Katastrophe unserer Geschichte spielte: – hier wurde die »Heilige von Wildisbuch« gekreuzigt, zur Seite der auf ihren Befehl zu Tode gemarterten Schwester. Zweites Kapitel Zeit Sie war recht windstill. So eine brütende Sumpfzeit, in welcher Kongregationen, Laibacher und Veroneser Kongresse, Karlsbader Beschlüsse und Mainzer Untersuchungskommissionen gediehen, nicht zu vergessen die Stourdza, Haller, Kamptz und Schmaltz, die »Gesellschaftsretter« von damals. Zwar im Süden von Europa grollte es vulkanisch, aber schon war die Revolution in Italien niedergeschlagen und in Spanien begann ihr Banner vor dem der »unbefleckten« bourbonischen Lilien sich zu senken. Die heilige Allianz, deren brutal-armseliger Wirtschaft ein kurzstirniger Torysmus von England herüber wohlgefällig zusah, stand in geilstem Flor. Die Schafschurpolitik der Biedermännerfirma Metternich-Gentz triumphierte; aber damals gab es noch nicht, was es heutzutage gibt, »pragmatische« Geschichtschreiber, welche die Metterniche und Gentze zu Patrioten, zu deutschen Patrioten kanonisierten. Es steht zu vermuten, selbst die eherne Stirne eines Kotzebue würde ob solchem Unterfangen schamrot geworden sein. Doch Kotzebue ist ja längst überkotzebuet. Nun wohl, ein prophetisches Zornwort des alten Blücher war für die armen Deutschen in traurige Erfüllung gegangen: was ihre Schwerter erworben hatten, war schon wieder verdorben durch die Federn der Diplomaten. (»Eine boßhaffte rotte von Faullthieren« nannte sie der unhöfliche alte Vorwärts in seinem ehrlichen Husarendeutsch.) Da war der Kaiser Franz, der letzte, welcher sich zu der gespenstigen Maskerade einer deutschen Kaiserkrönung hergegeben hatte. Es ist wahrlich nicht seine Schuld gewesen, daß er zu neunundneunzig Prozent ein Italiener war; auch nicht, daß man ihn, weil er so gemütlich wienerisch sprach, für einen »seelenguten« Mann hielt. »Werden 's schon machen!« Und machte der gute Kaiser auch wirklich sehr viel, freilich in seiner Art. Zuletzt ver machte er noch seine »Liebe« seinen Völkern, worüber diese ohne Zweifel sehr gerührt gewesen sind. Er hatte schon früher solche völkerliebende Anwandlungen. So Anno 1809, wo er sagte: »Schauen's, die Völker sind halt jetzunder auch was.« Aber diese Zeit jugendlich törichter Schwärmerei ging vorüber, wie alles vorübergeht in dieser Welt, und um die Zeit vom Kongreß zu Verona herum meinte der gute Kaiser: »Völker? Was ist das? Ich weiß nichts von Völkern, ich kenne nur Untertanen.« Kaiser Franz war aber nicht nur ein Mann von Grundsätzen, sondern auch ein Mann von Kenntnissen, von vielseitigen, von medizinischen sogar. Daher kann es nicht wundernehmen, daß er mitunter geruhte, seine Monarchenkunst in ärztliche Formen zu kleiden. Da hatten sich zu dieser Zeit die heillosen, vom »Nationalitätsschwindel« erfaßten Griechen erfrecht, das sanfte Joch ihres »legitimen« Herrn, des Sultans, abwerfen zu wollen, und solchem Erfrechen gegenüber äußerte der gute Franz gemütlich: »O, 's ist wohl möglich, daß eine halbe Million Griechen über die Klinge springen muß. Wenn das Land eine bewohnerleere Wüste, wird es eben nicht vieler Protokolle mehr brauchen. Die Menschheit bedarf von Zeit zu Zeit starker Aderlässe, sonst wird ihr Zustand entzündlich und bricht sogleich der liberale Wahnsinn aus.« Ein resoluter Arzt, das muß man sagen. Aber was half ihm zuletzt seine »große Medizin«? Er hat doch in die Gruft bei den Kapuzinern hinabgemußt. Schon schwankt sein dürftig Bild nur noch nebelhaft in der Erinnerung der Menschen, mehr Mitleid als Haß erregend, und sind seine roten Hosen selbst für die Tiroler kein Gegenstand der Verehrung mehr. »Eitelkeit der Eitelkeiten!« Zur Zeit aber, von der wir handeln, hatten diese roten Hosen, so mitleidswürdig dünn die darin steckenden Beine sein mochten, nicht wenig zu bedeuten in der Welt. Es gab damals überhaupt allerhand wunderliche Bedeutsamkeiten, Scheindinge und Schemen, die aber so brutal auftraten und hantierten, wie nur irgend die brutalsten Tatsachen. In jenen Tagen blühte zu Wien an der Bastei die große Schrecktheaterbude, welcher Metternich als Regisseur vorstand. Souffleur war Gentz, der »Großpensionär der europäischen Kabinette«. Hauptzugstück war: »Bange machen gilt«. Hauptmarionette der Bude war ein in der Tat sehr polizeiwidrig aussehender Kerl, Citoyen Jakobinismus genannt, dem man die Taubenflügelfrisur Robespierres und die Waden Dantons angeleimt hatte. Wann der auftrat, gegen Berlin hinauf gestikulierend und so was von 1789 und 1793 flüsternd, dann trat den Mandarinen an der Spree der kalte Angstschweiß auf die Stirnen und sie »kalmierten« drauf los, was das Zeug hielt. Selbst ein Turnläufer ersten Ranges, wie der »hurtige« Vater Jahn, war nicht schnellfüßig genug, der »kalmierenden« Hetzjagd zu entrinnen. Der Marionettendrahtführer an der Bastei hat es – in Verbindung mit seinem Souffleur, mit besagten roten Hosen seines Herrn und mit dessen »heiligen Alliierten«, versteht sich – dann auch glücklich dahin gebracht, daß die Erinnerung an ein Ding, wie die Proklamation von Kalisch, ein todeswürdiges Verbrechen und das deutsche Vaterland ein »bloßer geographischer Begriff« war oder höchstens eine »geographische Redensart«. Nun wurde es still in deutschen Landen – wie nicht weniger in der Schweiz, wo ja das städtische Idyll der »legitimen« Patrizierherrschaft restauriert worden war – so still, daß es ganz den Anschein hatte, als sei das »korrekte« staatsmännische Ideal der Kirchhofsruhe nunmehr verwirklicht, für lange, für so lange, daß Souffleur Gentz Muße fand, statt mit dem Gleichgewicht von Europa mit Fanny Elßlers liebenswürdigen Beinen sich zu beschäftigen, während der Herr Haus-, Hof- und Staatskanzler Heines Reisebilder studierte. Wurde dadurch in so gute Laune versetzt, daß er einen Propheten, welcher ihm gesagt hätte, es würde ein Tag kommen, wo in Wien, sage in Wien, die Revolution siegreich auf den Barrikaden stünde, ein 14. März, wo er, der vergötterte Faiseur der Restaurationsperiode, in einem k.k. Wäschewagen verpackt, mit schlotternden Knien vor einer Handvoll Studenten aus der Hauptstadt Österreichs flüchten müßte – ja, er würde einen solchen Propheten nicht auf den Spielberg oder nach Kufstein, sondern bloß ins Narrenhaus geschickt haben. Freilich, er kehrte triumphierend wieder zurück in die Donaustadt, der »Nestor der Staatsweisheit«, er erteilte wieder seine weisen Ratschläge, bis Österreich das Honorar dafür abermalen zu bezahlen hatte – bei Solferino und bei Sadowa. Lehrt die Geschichte etwas? Ja wohl! Gescheite Leute meinen, sie lehre, daß sie nichts lehre und nie etwas gelehrt habe. Wie gesagt, es war eine stille Zeit. Den allergrößten Lärmmacher hatte man auf einer Insel im fernen Ozean zur Ruhe gesetzt, wo er sich die Zeit damit vertrieb, zu dem ungeheuren Lügenspiel seiner Laufbahn einen entsprechenden Epilog hinzuzulügen, jenes »Memorial von St. Helena«, in welchem der große Völkerwürger und Bulletinist der Welt vorlog, er sei der friedliebendste aller Menschen und sein Dasein eigentlich ein gemütliches Stilleben gewesen, wenigstens habe er stets sehnlich gewünscht, daß es ein solches sei. Aber leider habe man ihn immerfort zum Kriegführen gezwungen. Während so der größte Komödiant, welcher jemals die Bretter der Weltgeschichtebühne beschritten, bis zu seinem letzten Atemzug Komödie spielte, duselte die europäische Gesellschaft in den Dämmerungen der Mystik, in der »mondbeglänzten Zaubernacht« der Romantik umher. Es lag etwas wie Einkehr bei sich selbst, etwas wie Zerknirschung in der Luft. Nicht nur die Völker, auch ihre Herren – die in Frivolität ertrunkenen Metterniche und Gentze natürlich ausgenommen – erinnerten sich wieder der alten heiligen Sage von »himmlischen Mächten«; denn auch Könige und Königinnen hatten erfahren, was es hieße, »sein Brot mit Tränen zu essen.« Man hatte die letzten fünfundzwanzig oder dreißig Jahre her so Ungeheures erlebt, so beispiellose Schicksalswechsel mit angesehen und selbst erduldet, die Wagschalen von Niederlagen und Siegen waren so toll auf- und abgeflogen, die Kulissen des Welttheaters hatten sich mit so rasender Schnelligkeit hin- und hergeschoben und verändert, so viele Illusionen waren zerstoben, so viele Hoffnungen geknickt, so viele große Sachen hatten so »lächerlich klein« geendigt, daß einem das alte, das ewige » Vanitas vanitatum « von allen Ecken und Enden her in die Ohren gellte, und wie! Anders freilich in den Salons der Erdengötter, anders in der Bauernhütte. Aber überall hat es sich laut gemacht. War da der Zar aller Reußen, Alexander I., der unter dem Zujauchzen von Europa zum Besieger Napoleons ausgerufen worden, obgleich zum Sturze des Tyrannen das Volk und Heer Preußens weitaus das Meiste und Beste getan hatten. Aber unter den Mittelmäßigkeiten seiner Verbündeten reichte der Zar wenigstens um eine Linie über das Mittelmaß hinaus. Neben der schlichten, mehr oder weniger langweiligen deutschen Hausvatergestalt Friedrich Wilhelms III. stand er wie ein Agamemnon – nämlich wie ein Agamemnon, welcher zu Byzanz in die Schule gegangen – neben der strohfiedeltrockenen Figur Franz I. wie ein Apollon. Hat doch bei seinem Anblick sogar eine Altburgerin von Zürich entzückt erklärt, »der Kaiser würde vollkommen sein, so er ein Bürger der Stadt Zürich wäre«. Er hatte alles genossen, was ein Mensch zu genießen vermag: die Aufregungen eines Spiels, wo der Einsatz ein Erdteil, Ruhm, Macht, den Besitz des Entscheidungswortes über eine Welt, den enthusiastischen Hurraruf von Millionen und die raffiniertesten Wohlgerüche der Schmeichelei. Frauen, deren Reize graubärtige Philosophen verrückt machen konnten, hatten zu den Füßen des Zaren gekniet, um eine Umarmung, einen Kuß, einen Blick bettelnd. Er konnte wohl, ja er mußte fast auf den Einfall kommen, zu sagen: Her mit der Erdkugel, daß ich Ball damit spiele! Aber der Weihrauchdampf wirkt mehr noch betäubend als berauschend, mehr verdumpfend als erheiternd; er berußt das Hirn und dörrt das Herz. Die Götter aller Religionen bezeugen das: wie viele derselben sind nicht schon an der Weihrauchkrankheit verdorben und gestorben! Hat nicht selbst Jupiter Goethe zuletzt »wunderlichst« daran gekränkelt? Und dann, der Zar Alexander hatte, wenn auch ein dreifach destillierter byzantinischer Grieche, dennoch ein Stück von einem Gewissen. Ja, wunderbar zu sagen, es gab damals in der Politik noch ein Gewissen. Vergebens hatte des nun auch allbereits verwichenen angeblichen Neffen vorgeblicher Onkel, dessen ganzes Walten eine fortgesetzte, zu den Sternen emporschreiende Gewissenlosigkeit gewesen ist, vergebens hatte er gewütet, Scham, Gewissen, Rechts- und Ehrgefühl als Narreteien der »Ideologen« aus dem Wörterbuch menschlicher Begriffe herauszureißen. Es gelang ihm nicht. Gelang es dem Neffen des Onkels? Schwarzsichtige sagen: Ja. Sie meinen, seitdem Prinzen und Prinzessinnen, Könige und Königinnen – et tu, Victoria regina ! – in hellen Haufen nach Babylon geströmt, um sich dort huldigend zu neigen und den glücklichen Meineid im Chorus anzusingen: »Heil sei dem Tag, an welchem du erschienen!« – seitdem sei das Gewissen offiziell abgesagt und abgeschafft. Aber es steht geschrieben: »O, Nemesis, der nie die Wag' entfallen!« und geschrieben steht auch: ... »Der Mensch, der stolze Mensch, In kleine, kurze Majestät gekleidet, Vergessend, was am mind'sten zu bezweifeln, Sein gläsern Element, Spielt solchen Wahnsinn, gaukelnd vor dem Himmel, Daß Engel weinen.« Nicht umsonst, nein, nicht umsonst! Ihre Tränen fallen glühend in den Abgrund und wecken die dort schlafenden Mächte der Vergeltung: – »Eherner Füße Rauschen vernehm' ich, Höllischer Schlangen Zischendes Tönen; Ich erkenne der Furien Schritt.« Ein Tag wird kommen, wo das zu Tode gemaßregelte Gewissen der Menschheit wieder erwacht, den Sargdeckel sprengt und alle die schnöden Schergen, welche seine Gruft bewachen, mit schlotterndem Entsetzen schlägt – ein Tag, wo wir andern, die wir nicht vor dem Erfolg in den Kot der Schande knieten und das glückliche Verbrechen nicht als »rettendes Genie« begrüßten, singen: »Lasset die rächenden Göttinnen ein!« Und wenn wir es nicht mehr erleben? Nun, dann tut uns auch kein Zahn und kein Zorn mehr weh. Und wir haben es doch erlebt, denn wir erlebten ja den 2. September von 1870, den Tag von Sedan. Anmerk. zur 3. Auflage. Zorn? spottlächelt Magister Ironikus. Welche Dummheit! Und vollends Zorn über einen Mann, welchen man erfinden müßte, wenn er nicht schon da wäre! Über den Mann, welcher so rastlos die Dämme anbohrt und so geschickt die Schleusen aufzieht, daß die Sündflut hereinbrechen könne über eine in charakterloser Geld- und Karrieremacherei einer furchtbaren Katastrophe sich zuschwindelnde Gesellschaft, die nur noch das Recht der faits accomplis anerkennt. Dieses »Recht« wird sie zermalmen. Alexander I. besaß ein Gewissen. Erwies sich dasselbe zuzeiten sehr dehnbar – wie zum Beispiel in den Tagen von Tilsit, wo der Zar nicht errötete, sich eine seinem unglücklichen »Freund auf Leben und Tod«, welchem er kurz zuvor am Sarge Friedrichs des Großen den Bruderbundschwur geleistet hatte, von dem Eroberer geraubte Provinz schenken zu lassen – so zog es sich dagegen an einem Punkt mit furchtbarer Zähigkeit zusammen, da, wohin der düstere Schatten fiel, welchen die Nacht vom 23. auf den 24. März des Jahres 1801 in das Dasein Alexanders warf. Wir wollen in Liebe annehmen, der damalige Großfürst-Thronfolger habe nur vergessen gehabt, wie sein sogenannter Großvater, der arme querköpfige dritte Peter, gestorben, habe bloß nicht genugsam bedacht, daß einem Zaren aller Reußen die Krone nur vom Haupte fiele, falls man ihm mittels einer Serviette oder einer Offiziersschärpe den Hals zuschnürte, und daß demnach die Pahlen, Bennigsen, Zubow und Skariatin die Thronentsetzung Pauls I. mittels derselben Handgriffe zuwege bringen würden, womit die Orlow, Borjatinsky und Engelhardt die Thronentsetzung Peters III. zuwege gebracht hatten: genug, in die Thronentsetzung seines Vaters hatte Alexander gewilligt, und der düstere Schatten war da in seinem Leben, unbannbar, unerbittlich. Zwar eine Weile schien er gewichen zu sein. Zuerst, als der jugendliche Zar, edler Entschließungen voll, mit bestem Willen daran ging, sein Volk aus dem Schmutze der Sklaverei zur Menschenwürde zu erheben. Dann, als der strahlende Nimbus, in welchen ein fast beispielloses Glück den Mann gehüllt hatte, der zweimal in dem eroberten Paris Europa den Frieden diktierte, die unheilvolle Erinnerung zurückdrängte. Aber als die Jugendideale »zerronnen« waren, als der Zar die Frau, welcher er am meisten vertraut, welche er am innigsten geliebt hatte, die Polin Narischkin, in den Armen eines Nebenbuhlers überraschte, als ihm das Kind, welches diese Frau ihm geboren, sein einziges Kind, wegstarb, als er mehr und mehr den bittern Nachgeschmack der Hefen des Bechers, welchen Genuß und Ruhm ihm kredenzt hatten, auf seinen Lippen fühlte, als er von der Weihrauchskrankheit ergriffen ward, da kam der Schatten wieder, kam mit verstärkter Macht, finster, drohend, unerbittlich, und Europa sah mit Staunen, wie sein Abgott sich an die Brust schlug, aufseufzend: »Eitelkeit der Eitelkeiten!« und wie er, in den mystisch-pietistischen Zauberkreis der Juliane von Krüdener geraten, im nicht sehr verschwiegen gehüteten Oratoire bußfertig auf den Knien sich wand. Aber weder dieses noch auch die Stiftung der »heiligen Allianz«, die zu einem der unheiligsten Dinge ausschlug, welche die Welt gesehen, vermochte den Schatten zu bannen, dessen schwarze Fittiche, sagt man, noch das Sterbelager des armen Autokraten zu Taganrog umrauschten. Juliane von Krüdener – welches Wirrsal von Vorstellungen und Eindrücken weckt dieser Name! Er haucht den Eaudemillefleursduft einer Boudoir-Orgie aus den Zeiten des Direktoriums und zugleich, in abenteuerlichster Vermischung, den dumpfen Geruch eines ländlichen Konventikels. Das wunderliche Amalgam von Deutschem, Russischem und Französischem, von einer Weltdame und einer Bußpredigerin, von einer sündigenden und einer bereuenden Magdalena. Man hat sie die Sibylle, die Veleda der Restauration genannt. Aber sie war keine Prophetin. Sie war nur die von einem ebenso unklar als rastlos tastenden Ehrgeiz verzehrte Gelegenheitsmacherin der von Enttäuschungen aller Art genährten Zwielichtstimmung, welche nach dem wahnsinnigen Getöse der Napoleonschen Kriege herrschend wurde. Man fertigt jedoch diese Frau nicht damit ab, daß man ein sehr bekanntes Sprichwort auf sie anwendet. Die Frau, welche ihre von dem dankbaren Händedruck des Kaisers von Rußland noch warme Hand einem Bauernmädchen von Wildisbuch reichte, die Frau, welche, um eine Mission durchzuführen – und wäre es auch nur eine Mission der Eitelkeit gewesen – sich der ganzen Polizeibrutalität der Restaurationszeit aussetzte, die Frau, welche ihren Roman » Valérie « gelebt und geschrieben hatte, und welche, durch Geburt und Stellung berechtigt, an dem Bankett der Erdengötter teilzunehmen, sich dennoch so an demselben verekelte, daß sie ein lautes Wehe! in das wollüstige Girren und genußsatte Gähnen hineinrief – diese Frau war keine gewöhnliche Erscheinung. Droben in Kurland wurde Juliane von Vietinghoff im Jahre 1766 zu Riga geboren, als Tochter eines alten und reichen Hauses. Damals war der »Philosoph von Ferney«, der Apostel, nein, der Messias der lustigen Botschaft des Spottes, das A und O der vornehmen Gesellschaft Europas. Die kleine Juliane wurde gleichsam mit Voltaireschem Esprit aufgepäppelt, denn schon in Kinderschuhen kam sie mit ihrem Vater nach Paris, wo dieser ein gastfreies Haus machte und alle die spöttelnden, höhnenden, lachenden, wenn nicht in Glacéhandschuhen, so doch in Muffs Revolution machenden Schöngeister des damaligen Frankreich bei sich sah. Der enzyklopädistische Same fiel nicht auf dürres Erdreich: Backfischchen Juliane bezauberte Messieurs les Voltairiens durch ihre wie im Fluge aufgeschnappten Kenntnisse, ihren schnellfertigen Witz, nebenbei auch durch ihr zartschönes Gesichtchen und eine Taille, deren Feinheit die üppig knospende Büste noch mehr ins Licht stellte. Summa: ein reizendes, witzig plauderndes, körperlich frühzeitig, vorzeitig entwickeltes Persönchen, nicht wenig begierig, zu erfahren, was denn eigentlich hinter den Geheimnissen des Lebens sei; noch um einen Reiz bereichert durch einen gewissen Hang zu schwermütiger Träumerei und Grübelei, vielleicht veranlaßt durch die Neugier, welche Bewandtnis es denn wohl mit der wunderlichen Geschichte von der Mutter Eva und dem verbotenen Baum im Paradiese habe. Die geistige Begehrlichkeit jedoch prickelnder in dem jungen Ding als die sinnliche – für jetzt. Deshalb ließ sich denn auch die noch nicht Vierzehnjährige sorglos willfährig an einen sehr viel älteren Mann verheiraten, an den Freiherrn von Krüdener, einen Livländer in russischen Diensten, welcher seine junge Frau auf seine Gesandtschaftsposten erst nach Kopenhagen und dann nach Venedig mitnahm. Die Stadt des heiligen Markus hatte damals das Szepter im Reiche der Ausschweifung bereits an die Stadt der heiligen Genoveva abgetreten, aber noch immer bot die »Heimat der Wollüste« an der Adria hinlängliche Gelegenheit, zu verführen und verführt zu werden. Die junge Mutter Juliane, denn sie hatte ihrem Gatten einen Sohn und eine Tochter geboren, entdeckte jetzt erst, was es hieße, ein Weib zu sein, ein schönes, junges Weib mit glühenden Sinnen und einer verhätschelten Phantasie. Der arme Herr von Krüdener scheint nicht gerade zu den philosophischen Gatten gehört zu haben, welche mit weltmännischer Fassung zusehen, wenn ihre Gattinnen einen vielseitigen Kursus in der Kunst, zu lieben und sich lieben zu lassen, mit mehr oder weniger Skandal durchmachen. Die Ehe wurde getrennt, und Freifrau Juliane, die sich als eine sehr freie Frau manifestiert hatte, kehrte in das elterliche Haus nach Riga zurück. Da hielt sie es aber nicht lange aus, denn schon waren ihr »Emotions« sozusagen zum täglichen Brot geworden. Sie ging solche in Petersburg, in Paris suchen. An letzterem Orte gaben damals die Barras und Garat den Ton an, das heißt, es herrschte eine Frivolität, welches Wort man, um seinen Sinn wiederzugeben, hier nur mit Liederlichkeit übersetzen kann. Juliane warf sich in die allgemeine Orgie, deren vornehmer Hautgout durch den Beigeschmack häßlicher Geldverlegenheiten eher verstärkt als vermindert wurde. Allein auf die Länge genügte ihr die Rolle einer Koketterie, wie andere Koketten sie auch durchführen konnten, nicht mehr. Sie empfand das Bedürfnis, diese Rolle zu potenzieren, zu spiritualisieren. Sie dürstete danach, in der menschlichen Tragikomödie etwas mehr zu bedeuten zu haben als eine galante Dame. War es denn nicht eine Epoche der wunderbarsten Möglichkeiten? Hatte sich nicht ein korsischer Abenteurer zum Herrn von Frankreich machen können? Und dann die Lorbeern der Staël, der Genlis! Es ward für Juliane nachgerade unerträglich, eben weiter nichts zu sein als die Maitresse eines Garat. So setzte sie sich denn hin und schrieb ihren Roman » Valérie «, in welchem sie ihre Erlebnisse und mehr noch ihre Empfindungen, die Quintessenz ihrer Erfahrungen sehr geschickt in Szene setzte. Das Buch, 1803 erschienen, ist noch jetzt merkwürdig, weil es die Signatur jener Zeit getreu wiedergibt. Nicht so fast die Sophistik der Leidenschaft als vielmehr die der Koketterie und zwar einer durchgeistigten Koketterie bildet den Inhalt, welcher sich, um einen von der Verfasserin anderweitig erfundenen Ausdruck zu gebrauchen, mit einer vollendeten Grazie der Sünde (» les graces du péché «) darlegt. Der Zweck des Buches wurde vollauf erreicht, um so mehr, als unsere Autorin die in Paris studierte Blague und Claque meisterlich zu handhaben verstand: – Juliane war jetzt eine berühmte Frau. Sie wollte jedoch mehr sein. Denn Dirne Ehrsucht ist die unersättlichste aller Messalinen. Juliane wollte auf ihre Zeit wirken, unmittelbar, persönlich. Schon in » Valérie « war die Wendung von der Weltdame und Liebeskünstlerin zur Prophetin und Missionärin deutlich genug gezeichnet. Es war in diesem Buche gesagt, nachdem die Jugend bis zur Übersättigung in den sinnlichen Freuden geschwelgt, werfe sie sich der Kunst in die Arme, um endlich, auch der ästhetischen Genüsse überdrüssig, sich dem Himmlischen zuzuwenden. Mit andern Worten: der Roman der Liebe wie der Roman der Kunst war für Juliane durch- und ausgespielt, und der Roman des Glaubens hob an. Im Jahre 1806 nach Berlin gegangen und in die vertraute Umgebung der Königin Luise zugelassen, gab sie sich als »Erweckte«, knüpfte Beziehungen zu den Herrnhutern an und suchte die Königin zu »bekehren«. Diese hatte aber eine Bekehrung gar nicht nötig, und außerdem wurde Julianes Debüt als Prophetin durch die politischen Katastrophen der Zeit vereitelt. Von jetzt an war Julianes Leben ein unstetes Wandern. Sie ging wieder nach Paris, von da nach Genf, von da nach Karlsruhe, wo sie mit dem Geisterseher Jung-Stilling pietistelte. Sie hatte sich jetzt schon glücklich in den Zustand der Ekstase, der Visionen hinaufphantasiert, um nicht zu sagen hinaufgeschwindelt, und begann den »Armen das Evangelium zu predigen«. Die Prophetin war fertig. Natürlicherweise fand sich denn auch der geistliche Größenwahn ein. Überzeugt, daß sie vermöge spezifisch inniger Verbindung mit Gott berufen sei, Entsagung aller weltlichen Triebe und Lüste zu predigen, verwarf sie alles menschliche Wissen als eitel und die Erforschung der Naturgeheimnisse als frevelhaft. Aber die neue Prophetin war nicht umsonst die Frau eines Diplomaten gewesen. »Seid klug wie die Schlangen!« Wenn es ihr gelänge, den Zaren Alexander zum Jünger zu gewinnen? Und es schien wirklich zu gelingen. Sie wußte sich im Sommer von 1815 zu Heilbronn Zutritt zu dem Kaiser zu verschaffen und folgte ihm nach Paris, wo sie jetzt in den vornehmen Kreisen als Religionskünstlerin auftrat. Sie ließ sich im Hintergrunde von mehreren dunkeln Gemächern in priesterlichen Gewändern auf den Knien liegend als Beterin und Hierophantin sehen und die von ihr eröffneten Konventikel erfreuten sich eine Weile bedeutender Frequenz – es war ja etwas Neues. Dennoch wurde der Hauptzweck verfehlt: der Zar ist der Visionen, Orakel und Weissagungen seiner Mystagogin in Bälde satt geworden, fast so schnell, als er der » petites-filles de toutes les nations « überdrüssig wurde, welche im raschesten Wechsel mit den fortgesetzten zarischen Bußübungen wechselten. Nach diesem mißglückten Versuch, von oben herab alle menschlichen Wesen in einen »göttlichen Liebesbund« zu sammeln, übernahm Juliane das schwierige Experiment von unten herauf. » Electere si nequeo superos, Acheronta movebo .« Zu deutsch: »Wenn die Kaiser und Könige mich nicht hören wollen, will ich den Völkern predigen.« Gepredigt mußte nun einmal sein. Es ist auch nur billig, zu sagen, das Gepredige sei recht zeitgemäß gewesen. Denn es wurde wieder gar viel gesündigt in der Welt. Was war denn aus den zarischen Leibeigenschaftsaufhebungsplanen, aus dem Inhalt der Versprechungen von Kalisch und der »Aufrufe an mein Volk« geworden? Makulatur. Will der »beschränkte Untertanenverstand« sich erfrechen, an die Hoffnungen zu erinnern, wofür die deutschen Jünglinge und Männer auf den Feldern von Lützen, Bautzen, Großbeeren, Dennewitz, von der Katzbach, Leipzig, auf allen den Walstätten vom Rhein bis zum Montmartre ihr Leben hingegeben haben? Laßt die ganze Hundemeute der Kotzebue, Stourdza, Kamptz, Schmaltz und Tschoppe auf die »Demagogen« los! Ei, wenn die Könige sündigen, müssen die Völker, die ewigen »Prügelknaben«, Buße tun – die alte Geschichte! Frau von Krüdener verhüllte, was alles sie vordem in den Salons der Direktorialzeit sehen zu lassen kaum weniger sich beeifert hatte als Madame Tallien, welche es bekanntlich verstanden, nackter zu gehen als die Natur, ja, sie verhüllte ihre nahezu fünfzigjährigen, aber immer noch nicht ganz verschwundenen Reize streng mit einem bis zum Halse hinaufgehenden Kleid von grauer Seide und trug statt Federn, Blumen und Schmuck ein kleines Kreuz auf der Brust. So kam sie, »mit dem zauberhaften Schimmer einer sehnsuchtsvollen Magdalenenbüßerin übergossen«, 1815 nach Basel, der Stadt der Traktätchen und der frommen Millionäre. Hier schlossen sich der Prophetin der Genfer Empeytaz und der Baseler Professor Lachenal, von welchem wir weiterhin hören werden, als Jünger an. Das Missionswerk im großen Stil begann jetzt, aber zugleich das Martyrium. Denn die Krüdenersche Bewegung, welche rasch einen sehr populären Anstrich, sozusagen eine Massenhaftigkeit gewann, widersprach durchaus dem von seiten der heiligen Allianz dekretierten Ideal der Kirchhofsruhe. Selbst den weisen Vätern von Basel erschien die Arbeit am Reiche Gottes »von unten herauf« so bedenklich, daß sie nicht zögerten, die Prophetin aus der gottseligen Stadt hinauszumaßregeln. Juliane nahm außer dem kleinen Kreuz, welches sie vor der Brust trug, auch noch das große Polizeikreuz auf sich. Standhaft zog sie bis zum Ende des Jahres 1817 in der Schweiz und an der Nordgrenze derselben umher, oft von tausenden gläubiger Seelen umgeben. Die Polizei wollte behaupten, die Wirksamkeit von Julianes Predigten sei hierbei sehr verstärkt worden durch die von der Prophetin gespendeten Almosen; aber die Polizei ist, wie weltbekannt, ein prosaisches Institut, welches von »erwecklichen« Dingen nichts versteht. Auf einer jener Grenzfahrten ist Juliane, wie wir sehen werden, auch in die Nähe von Wildisbuch gekommen und hat da eine Zusammenkunft mit der Heldin unserer Geschichte gehabt. Ihre Sendung in diesen Gegenden war jedoch zu Ende, das heißt die Polizei trennte sie zu Anfang des Jahres 1818 von ihrer weiteren und engeren Jüngerschaft und brachte sie mehr oder weniger sanft nach Leipzig und von da nach Rußland. Die Erinnerungen des Kaisers Alexander an seine Pythia von 1815 scheinen keine angenehmen gewesen zu sein, denn es ward der Prophetin der Aufenthalt in Petersburg oder Moskau untersagt. Als sie später dennoch in die russische Residenzstadt kam und sich durch ihre geräuschvolle Teilnahme an der Sache der »rebellischen« Griechen unangenehm machte, wurde sie nach Livland verwiesen. Der süßen Gewohnheit des öffentlichen Predigens und Segenspendens hatte sie schon zuvor entsagt, auf gewisse nicht mißzuverstehende Winke hin. Aber stillsitzen konnte sie nicht: noch immer war der »Geist« in ihr mächtig. Sie wollte ihr »Werk« ganz von neuem beginnen, wollte das Reich Gottes, nachdem ihr dessen Bau in der zivilisierten Welt mißlungen war, in der Wildnis aufrichten. Zu diesem Zwecke ging sie in Begleitung ihrer Tochter und ihres Schwiegersohns im Sommer 1824 nach der Krim, um dort eine Kolonie nach Krüdenerschen Ideen zu gründen. Aber statt eines neuen Zion fand die Rastlose im alten Taurien nur ein Grab, indem eine schmerzhafte Krankheit sie vor Jahresschluß zu Karasubazar wegraffte. Frieden ihrem Andenken! Es war in dieser Frau doch etwas, »was nicht irdisch«, etwas vom himmlischen Feuer, ohne dessen Helle und Wärme das Leben nicht der Mühe wert wäre, gelebt zu werden. Der Rauch ist stärker gewesen als die Flamme, ja, und er hat einen mißlichen Mißduft hinterlassen; aber trotz alledem stammte der Funke von jenem »Zentralfeuer« der Begeisterung, welches die intellektuelle Welt in Schwang und Gang und Trieb erhält. Oft, nur zu oft spritzt so ein Funke in so eine arme, schwache, enge Seele, deren Stickluft ihn tötet. Da entsteht dann freilich nur ein stinkender Qualm und noch dazu ein Qualm, der sich für was Rechtes, ja für das einzig Rechte ausgeben möchte und wirklich ausgibt. Keineswegs ohne Erfolg. Denn in der menschlichen Tragikomödie ist doch immer wieder Primadonna jene Macht der Dummheit, gegen welche, wie wir alle wissen, selbst Götter vergebens kämpfen. Nur Adler vermögen in die Sonne zu blicken, nur Auserwählte das Licht zu ihrem Gespielen zu machen, ohne sich an demselben zu versengen. Der Pöbel, dessen Zahl Legion ist und in dessen Scharen Bettler neben Fürsten und Waschweiber neben gnädigen Frauen von sechzehn Ahnen oder von hundert Geldsäcken vertraulich stehen, der Pöbel liebt es, sich bequalmen, sich mittels Dunstes berauschen zu lassen. Ihm ist wohl in dieser trübseligen, übelriechenden Atmosphäre. So komm denn für eine kleine Weile wieder hervor aus dem Grabe deiner Verschollenheit, putziger Dunstmacher von Embrach, arme Schneiderseele, personifizierter Qualm, der du dereinst so viele deiner Mitmenschen und Mitmenschinnen angequalmt und benebelt hast; komm hervor! Es muß sein, ich kann dir nicht helfen. Zur selbigen Zeit nämlich, wo Juliane von Krüdener die heidnische chemise grecque mit dem bewußten grauen christlichen Seidenkleide zu vertauschen und also symbolisch und faktisch ihre Metamorphose von der galanten Dame zur Bußpredigerin zu vollziehen sich anschickte, saß oder hockte zu Embrach im »Züribiet« ein junger Mensch, Jakob Ganz geheißen, auf dem Schneidertisch, Großes im Busen wälzend. Und warum nicht? Hatte es nicht ein Schneider, der Derfflinger, zu seiner Zeit zum brandenburgischen Generalfeldmarschall gebracht? Und im vorhergegangenen Jahrhundert ein anderer Schneider, der Jan Bockelson, gar zum König von Zion im neuen Tempel zu Münster und überdies zu nicht weniger als fünfzehn Frauen, von denen er einer aus lauter Liebe gelegentlich eigenhändig den Kopf abschlug? So hoch freilich verstieg sich die Phantasie unseres Embracher Schneiderjungen nicht; doch aber fühlte er sich berufen, anstatt bäuerische Hosen und Tschopen vielmehr das Reich Gottes zurechtzuflicken. Bei so bewandten Umständen war es kein Wunder, daß ihm die Tschopen und Hosen sehr schlecht gerieten. Man kann nicht zugleich ein Apostel in spe und ein Kleiderkünstler in re sein. Wenn aber Jakobs spärliche Kunden über die Machwerke seiner Schere und Nadel murrten, schenkte er ihnen zum Ersatze Predigten, die er eigenhändig verfaßte und worüber den guten Embracher Bauern der Verstand stillstand. Begreiflicherweise, denn unser strebsamer Jüngling hatte in diesen frommen Stilübungen neben den Eingebungen des eigenen Geistes auch noch die Resultate seiner Lesung Jung-Stillingscher Schriften zusammengequalmt. Eines schönen Tages sprang Jakob mit einem verhängnisvollen Satz von seinem Schneidertische herab, lief zum Ortspfarrer und erklärte diesem frischweg, »Gott habe ihm eingegeben, die Schere an den Nagel zu hängen und Geistlicher zu werden, weil er als solcher am meisten zur Ehre Gottes und des Heilandes wirken könne«. Der Pfarrer – ich bemerke schon hier, daß zu jener Zeit die überwiegende Mehrzahl der züricherischen Geistlichen der rationalistischen Richtung zugetan war – der Pfarrer schüttelte zu diesem unerforschlichen Ratschlusse Gottes den Kopf und riet seinerseits, der nadelmüde Jüngling sollte versuchen, sich zum Schulmeister zu bilden, da er zum theologischen Studium weder das Zeug noch die Mittel habe. Was? Nicht das Zeug? Kann ich nicht schon jetzt Predigten machen, worüber die Leute Maul und Augen aufsperren? Der Pfarrer hat nicht den »rechten Geist«, soviel ist sicher. Er ist nur ein Mietling im Weinberg des Herrn oder wohl gar ein Ungläubiger, ein Heide. Sprach's, wenn auch vorerst nur ganz stille bei sich, und machte sich auf nach Zürich, frommere Seelen und Gönner zu suchen. Es wollte anfangs nicht gelingen, dann gelang es doch. Der heilige Schneidereifer schlug durch. Zudem hatte sich Jakobus mittels angestrengtesten Privatstudiums schon gehörig eingepaukt, wie der Kopf liebfüßchristlich zu hängen sei, wie die Augen im schärfsten Winkel himmelan zu drehen seien. Es hat der guten Stadt Zürich zu keiner Zeit an Liebhabern solcher Symptome des Durchgebrochenseins zur Gnade gefehlt, von den Liebhaberinnen gar nicht zu reden, und so wurde zu gunsten Jakobi der »Säckel der Barmherzigkeit« aufgetan. Unser Exschneiderjunge war dadurch in den Stand gesetzt, bei einem Pfarrer im Aargau die Humaniora zu studieren und dann in Basel die Theologie. Hier gewann seine Bildung, falls nämlich die Anwendung dieses Wortes statthaft ist, den rechten Bogen durch seine Verbindung mit Bekennern des Evangeliums von Herrnhut. Er brachte in Basel seine »Wiedergeburt« vollständig zuwege: die Entpuppung des Schneiders zum »Streiter des Herrn« war vollendet. Ich sage: zum Streiter, denn unser durchgebrochener und wiedergeborener Jakobus ging alsbald tapferlichst an gegen den Widersacher und Erzfeind, der »da umgehet und brüllet«. Er, der Jakobus, war wahrlich nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Er begann zu brudeln und zu qualmen wie ein rechter Schlammvulkan. Zunächst in einer zahlreichen Gemeinde des Aargaus, deren gutherziger Pfarrherr ihn zu seinem Vikar angenommen. Arme Aargauer Bauernseelen, welche unser junger Eiferer mit der Schere seines Glaubens zuschnitt, ihr fuhret gerade so schlimm, wie früher die Embracher Tschopen und Hosen gefahren. Ganz-Qualm schneiderte nämlich an besagten Seelen und zwar mit besonderer Energie an den in »Weiberjüppen« steckenden herum, bis er die Gemeinde unter sich und gegen ihren Seelsorger, seinen Wohltäter, glücklich verhetzt hatte, natürlich nicht deshalb, weil er statt Vikar Pfarrherr zu sein begehrte, behüte, sondern nur »zur größeren Ehre Gottes«. Was hat das: » Ad majorem dei gloriam « nicht alles schon zudecken müssen in dieser Welt! Es ist eine so blutige Ironie, wie die Weltgeschichte keine zweite ersonnen hat. Aber die Minen, welche der Vikar in den von ihm geleiteten Winkelkonventikeln gegen seinen Prinzipal angelegt hatte, sprengten nur ihn selber. Nicht in die Luft zwar, aber in eine andere Gemeinde. Hier qualmte er sich als Bußprediger von erstaunlicher Lungenkraft richtig zu dem Rufe eines Elias, ja eines Johannes des Täufers hinauf, schrieb Traktätlein und knüpfte nach allen Seiten hin Verbindungen an mit den »Stillen und Gottseligen«. So auch mit der damals im Lande grassierenden »Heiligen Krüdener«, zu welcher er in Begleitung von dreißig Weiberjüppen samt Inhalt wallfuhr. Die Regierung der Republik Aargau sah aber den Ganzschen Schlammvulkan mit profanen Augen an, sonderlich, nachdem sich herausgestellt, daß der aus besagtem Vulkan aufwirbelnde Dunst einem früher wackeren Familienvater den Kopf so jammervoll verrückt hatte, daß er sich, um ins »Himmelreich einzugehen«, die Kehle abschnitt. Jakobus wurde polizeilich über die Grenze des Kantons gebracht und drüben, im Heimatkanton Zürich, unter strenge polizeiliche Aufsicht gestellt; da half kein Abbitten, kein Augenverdrehen, kein Wimmern und Winseln. Aber bald besann er sich, indem er sich jetzt nicht nur als Apostel, sondern auch als Märtyrer suhlte. Zwar mit seiner öffentlichen Wirksamkeit von der Kanzel herab war es aus – die unheilige Polizei! – aber im Dunkeln läßt sich ja so schön munkeln. Man sah den Schlammvulkan nicht mehr brodeln und brudeln, aber man spürte dennoch seinen Qualm. Zunächst vermehrte Jakobus die Jüngerschaft der Frau von Krüdener. Nachdem die Prophetin jedoch genötigt worden, den Staub der Schweiz von ihren Schuhen zu schütteln, trieb Ganz das Apostelgeschäft auf eigene Hand, schlau im geheimen schleichend, aber rastlos und mit reichem »Segen«. Auch für seine irdischen Bedürfnisse, denn auch ein Heiliger muß doch sozusagen leben, und die guten Sächelchen dieser Welt schmecken so gut. Unermüdlich, für das Reich Gottes Seelen einzufangen, rührte Jakobus wacker seine Beine, seine Zunge und seine Feder. Auf frommen Winkelpressen wurden seine Sammelrufe, Stoßseufzer und Posaunenstöße gedruckt und in Tausenden von Exemplaren heimlich verbreitet. Unter diesen Qualmoffenbarungen tat sich besonders eine hervor, betitelt »Das Geheimnis der Gottseligkeit«, im Jahre 1820 erschienen. Ein Exemplar liegt bei den Wildisbucher Akten. I, 78. Die Wahrheit zu sagen, es ist etwas von populärer Beredsamkeit in dem Ding, etwas von jener nebelnden Suade, welche so recht geeignet ist, verbohrte Gemüter total zu vernebeln. Den Inhalt angehend, ist dieser ein mit willkürlich gebrauchten und gedeuteten Bibelworten gewürzter Brei, in welchem Teufelsglaube und Molochsdienst, Jung-Stillingsche Fühlsamkeit und muckerische Sinnlichkeit, Eitelkeit und Hochmut, herrnhutscher Lämmleinschweiß und baalsche Blutopfertheorie zum erwecklichsten Unsinn zusammengequirlt sind. Wir werden gelegentlich davon hören. Und solcher Unsinn konnte auf die Menschen wirken? O Leser, der du diese Frage tust, du mußt noch sehr jung sein! Sonst wüßtest du, daß das Hexeneinmaleins in Goethes Faust, sei es in dieser oder in anderer Form, das Kredo der ungeheuren Mehrzahl der Menschen ist. Warum sonst knetet sich der Goldküstenneger seinen Gott aus Palmenharz und der »hochzivilisierte« Europäer aus Oblatenmehl? Nur nicht denken, keine fünf Minuten lang! Nur nicht an das wirkliche Einmaleins glauben, beileibe nicht! Dreimal eins macht nicht eins, sondern drei, und zweimal zwei macht vier: – das schlägt alle Dogmatiker aufs Maul und stopft alle Schlammvulkane zu, gründlich! Aber wir sagen lieber: dreimal eins macht eins und zweimal zwei macht fünf. Wir wollen es so haben, wir, der souveräne Unverstand, die von vielen, vielen Jahrhunderten mumisiert uns überlieferte Gedankenlosigkeit. Hat doch Luther gesagt: »Die Vernunft ist des Teufels Hure.« Kompromittieren wir uns also nicht durch einen, wenn auch noch so schüchternen Umgang mit derselben! O, es hat keine Not, ihr Lieben, ihr Guten. Feierlich stelle ich euch das Zeugnis aus, daß ihr niemals, auch nicht aus entferntester Ferne mit der gefährlichen Schönen geliebäugelt habt, und daß ihr demnach auch nie und nimmer in eine Denkprozedur verwickelt worden seid. Aber wo ist denn unser Geheimnisler der Gottseligkeit, Jakobus Ganz-Qualm geblieben? Auf Apostelpfaden, schlangenklug und schlangenleise durch die von seiten einer unheiligen Polizei ihm gelegten Fußangeln sich durchwindend. So durchschleicht er, überall die »Brüder« und »Schwestern« in der Heiligkeit steifend, das Land vom Bodan bis zum Leman und vom Säntis bis zu den Vogesen – ein wandelnder Kleister, welcher die Momiers von Genf und Lausanne mit den Stündlern von Bern, mit den Traktätlern von Basel, mit den Pietisten von Zürich und Schaffhausen zusammenpappt. Jetzt ruht er sich von seinen apostolischen Strapazen bei seinem Herzensfreund und Krüdenerschen Mitjünger Lachenal in Basel aus, dann spukt er wieder plötzlich »auf der Platte« bei Zürich, im Kempttal, auf dem Rafzer Feld und schleicht aus dem Flaachtal hinüber nach dem einsamen Dörfchen im Schoße der Kohlfirst. Das war ein sich Ducken, Drehen und Winden! Aber allenthalben wurde der schleichende Qualm von seinen Schafen und Lämmlein liebevoll empfangen als »ein köstlicher Ruch vor dem Herrn«. Wir werden im Verlauf unserer Geschichte seinen Spuren da und dort begegnen. Es wird unlieblich, aber nötig und lehrreich sein, diesen Fährten nachzugehen. Ziehe, günstiger Leser, für einen Augenblick das Register deiner Erinnerungen, wo genossene Theaterfreuden nachsummen. Als du zum erstenmal den Freischütz sahest, weißt du? merktest du mit jugendlichem Schauder, daß unter jedem der schlurfenden Fußtritte Samiels der Boden phosphoreszierend aufstank. Übel zu riechen das, aber merkwürdig anzusehen für so einen Grünling im Parterre. Nun wohl, siehst du, so eine übelriechende, wie faules Holz oder Leichengas unheimlichbläulich leuchtende Fußspur ließ mehrbesagter Jakobus überall hinter sich zurück, als er einer unheiligen Polizei zum Trotz reisepredigcnd und traktätelnd im Schweizerland umschlich. Wir werden darauf achten müssen. Drittes Kapitel Personen Sir John Falstaff einerseits und König Friedrich der Große andererseits sind sicherlich sehr verschiedene Erscheinungsformen des Begriffes Mensch gewesen. Und doch haben der große Sektvertilger und der große Menschenvertilger, welcher seine armen Teufel von Kanonenfutter mittels des Anschreis: »Ihr Racker, wollt ihr denn ewig leben?« zum Fechten und Sterben für ihn begeisterte, über Ehre und Ruhm so ziemlich übereinstimmend philosophiert. Wie weltbekannt, monologisierte der Stammgast der Frau Hurtig, seinen Wanst vorsichtig über das Schlachtfeld von Shrewsbury schleppend: »Ehre beseelt mich, vorzudringen. Wenn aber Ehre mich beim Vordringen entseelt? Kann Ehre ein Bein ansetzen oder einen Arm? Nein. Oder den Schmerz einer Wunde stillen? Nein. Was ist Ehre? Ein Wort. Was steckt in dem Wort Ehre? Luft.« – Und der Sieger von Leuthen? Er, der in jüngeren Jahren sich den Voltaire gehalten hatte, sozusagen als die Trompete seines Ruhms – eine Trompete freilich, die mitunter spottdrosselunartig geblasen – räsonnierte nicht auch er zuletzt ganz falstaffisch? In späteren Tagen, als dem alten Fritz die Zähne ausgefallen waren, merkte er, daß ein gutes Gebiß ein viel liebliches Ding sei als eine Trompete Voltaire, und da setzte er sich grämlich hin und schrieb brummend an seinen Bruder Heinrich: »Was ist der Ruhm? Ein Nichts. Alexander, Cäsar und so viele andere Helden alter und neuer Zeit haben alles Menschenmögliche getan, um von sich reden zu machen, und doch hat ein Jude, welcher auf dem Kalvarienberg hingerichtet worden, einen größeren Namen davongetragen, als sie alle mitsammen. Was kümmert sich das Universum darum, wer in Europa herrscht? Macht ein Mensch auch noch so viel Geräusch auf der Erde, so ist und bleibt er für das Weltall doch immer nur ein unerkennbares Atom.« Ja, ja, es ist dafür gesorgt, daß die Menschen nicht in die Sterne hinaufwachsen: selbst die großen Fritze, selbst die Napoleone nicht. Da hilft keine Philosophie von Sanssouci und kein Komödienspiel von St. Cloud oder von St. Helena. Spektakelt eine Weile, ihr Helden oder – ihr Komödianten, und dann »Staub zu Staub«. Droben im Sirius weiß man so wenig von euch wie von uns andern allen. Aber Spektakel, Geräusch, Ehre, Ruhm, Trompeten und Pauken müssen sein. Wäre es sonst doch gar zu langweilig still in dieser Welt und müßte der ungesalzene und ungeschmalzene Brei einer allgemeinen Gleichheit und Gleichgültigkeit für die Menschheit bald so ungenießbar werden, daß sie sich aus Überdruß zu Tode hungerte. Das wäre auch kein Schaden, brummt Dominus Pessimismus, und wenn man betrachtet, welche Rolle die Nero und Konstantin, die Attila und Dschingiskhan, die Iwan Wasiljewitsch und Alba, die Borgia und Torquemada, die Guisen und die Wohlfahrtsausschüßler, die Napoleon und Nikolaus, die Haynau und Hassenpflug usw. in infinitum in der Welt spielen konnten, spielen durften, so könnte ein Mensch, welcher sich in den Kopf gesetzt hat, zu glauben, Wahrheit, Recht und Menschlichkeit seien mehr als Wortdunst, unschwer zu der Ansicht kommen, besagter Dominus habe nicht so ganz unrecht. Ja, selbst ein kaltblütiger Mann könnte beim schaudernden Zuklappen des von Wahnwitz gellenden, von Blut und Tränen triefenden Buches der Weltgeschichte in jenes verzweifelnden Philosophen Aufschrei verzweifelnd mit einstimmen, das ganze Menschenleben vom Anfang der Zeiten sei nur eine überflüssige, eine störende Episode »in der seligen Ruhe des Nichts«, es trage ganz den Charakter einer »großen Mystifikation, um nicht zu sagen einer Prellerei«. Freilich, der nächste beste Hofhistoriograph, vorausgesetzt, daß er mit Pensionen gehörig vollgestopft und mit » pour Ie mérite «- und anderem Bänder- und Klingelwerk sattsam behängt sei, wird entschieden anderer Meinung sein, wird mit »wenig Witz«, aber »viel Behagen« diese unsere Welt, wie sie nun einmal ist, für so vortrefflich erklären, daß man sie erfinden müßte, wenn sie nicht schon da wäre. Wer hat nun eigentlich recht? Der morose, hagere, grimmblickende Pessimismus, welcher, vermut' ich, einen sehr fadenscheinigen Rock an hat, oder aber der wohlbestallte, wohlgenährte, ewiglächelnde, Prinzen und Prinzessinnen die Weltgeschichte so sanft, süß und glatt, als wäre sie Himbeerengelee, einstreichende wirkliche Geheimrat und ordentliche Hof- und Staatsprofessor? Und wäre nicht vielleicht eine dritte Meinung möglich? Doch. Einer, der die menschliche Tragikomödie nach ihrem wirklichen Werte schätzt, kann und wird mit dem Dichter sagen: »Das Leben ist Sorg' und viel Arbeit.« Darum, geliebte Mitspieler, faßt an und rührt die Hände wacker! Das bloße Zusehen ist in die Länge gar nicht auszuhalten, wenigstens für jeglichen, welcher Mensch zu heißen verdient. Nämlich in höherem Sinne als in dem jenes Humoristen, welcher den Menschen als eine oben und unten mit einer Öffnung versehene Röhre definierte. Allerdings gibt es solcher Röhrenmenschen oder Menschenröhren eine hinlängliche Zahl, eine sehr hinlängliche. Auch Goethe hat davon zu singen und zu sagen gewußt: »Was ist der Mensch? Ein hohler Darm, Mit Furcht und Hoffnung angefüllt – Daß Gott erbarm'!« Logik ist bekanntlich ein Ding, welches über die Schulbänke nicht hinausreicht, und also ziehe ich aus dem Gesagten keck den Schluß: Das Dasein ist keine monotone schiefgeneigte Fläche, auf welcher die Geschlechter der Menschen unterschiedslos zu Grabe rutschen, sondern es zeigt vielmehr diese Fläche prächtige Berge und anmutige Hügel auf, wie nicht minder groteske Höcker, häßliche Kröpfe und garstige Warzen. Denn neben einem Achill steht ein Thersit, neben einem Cromwell ein Wilmot, neben einem Pitt ein Bute, neben einem Washington ein Marat, neben einem Goethe ein Kotzebue, neben einem Schiller ein Schinderhannes, neben einem Blücher und Stein ein Tzschoppe und Wittgenstein. Es ist auch ganz in der Ordnung, daß bei der Menge, bei der vornehmen wie bei der geringen, die Höcker und Warzen mehr Staunen und Teilnahme erregen als die himmelan ragenden Berge: jene sind ihr wahlverwandter als diese. Und nicht nur das. Die ungeheure Mehrzahl der Menschen, das eigentliche Volk, hat keine Zeit, um die Ferne sich zu kümmern. Sein Schauen und Denken geht im Nächstliegenden auf. Daher hat jedes Dorf sozusagen seinen großen Fritz oder Napoleon, seinen Demosthenes oder Jean Paul. Gewöhnlich sehr wunderliche Helden oder Heilige freilich, aber doch immer eigentümliche Spielarten der Gattung Mensch – Höcker oder Warzen, welche über die Fläche des Dorflebens sich erheben. So hatte unser Wildisbuch, zu welchem wir endlich zurückkehren, seinen »Judenschießer«. Eigentlich hieß der Mann Johannes Peter und war Besitzer des Hauses, welches wir früher vor den Augen des geneigten Lesers wieder aufzubauen versucht haben. Seinen nom de guerre Judenschießer hatte er sich schon als junger Mensch erworben. Nach eigener Angabe so: Seine Mutter hatte drei Stiere an zwei Juden verkauft. Die Juden wollten das Vieh wegtreiben, ohne den vollständigen Kaufpreis zu bezahlen. Der junge Peter, welcher, da es Herbstzeit war, an diesem Tage gerade die Traubenwacht hatte und demnach, wie bräuchlich, mit Schießgewehr und Säbel bewaffnet war, kam zu dem Handel und widersetzte sich dem Wegholen der Stiere. Im Verlaufe des homerischen Zankes, welcher darob zwischen dem Wächter der Weingärten und den Kindern Israel entstand, gab eins der letzteren dem ersteren einen Stockstreich auf die Hand, worauf der Geschlagene seinen Säbel zog und dem streitbaren Nachkommen der Patriarchen einen Hieb über die Finger versetzte. Wildisb. Akten, II, 3. Der Verwundete erhob Klage beim Landvogt zu Kyburg. Die Herren Landvögte und Oberamtmänner, welche damals (1770) und noch lange nachher das Züribiet regierten, machten in solchen Fällen in der Regel kurzen Prozeß. Ehnabe Peter – die ledigen Burschen heißen in der Schweiz Chnaben, Knaben – wurde »an der Stud« mit Ruten gestrichen, um Geld gebüßt und für einige Tage »an den Schatten« getan. Die Wildisbucher Tradition, wie ich sie am Orte selber vernahm, gibt freilich eine andere Lesart, nicht in betreff der Bestrafung, aber in betreff des Vergehens, und es scheint die Tradition hier einmal mehr Wahrheit als Mythenbildnerei zu enthalten. Ihr zufolge lauerte Chnabe Peter besagten Juden in einem Hohlwege der Kohlfirst auf und zwang sie, indem er sein Gewehr auf sie anschlug, dem für die Stiere ausbedungenen Kaufpreis noch ein Stück Geld beizufügen. Von da ab hieß er für sein ganzes Leben der Judenschießer, obgleich er nicht wirklich geschossen hatte. Die Volksepik ließ den Willen für die Tat gelten, wie ja das auch in der Kunstepik und Kriegsgeschichte oft geschieht. Napoleon wußte gar wohl, warum er die ganze Weltgeschichte eine » fable convenue « nannte, er, welcher es sich auf St. Helena so angelegen sein ließ, wenigstens seinen Anteil an derselben zu einer Fabel umzulügen. Wohl, Chnabe Peter wurde ein Mann, übernahm sein väterlich »Bureg'werb«, führte i. J. 1779 von Rudolfingen herauf die Magdalena Müller als sein Eheweib heim, baute emsig seine Äcker, seine Wiesen und seinen Weinberg, lud und entlud fleißig seine »Friedenskanone« – wie das entsetzlich duftende »Güllenfaß«, der Stolz, die Wonne, die erste und letzte Liebe eines in der Wolle gefärbten Zürichbauers, dichterisch genannt wird – mästete Stiere und Schweine, zeugte daneben mit Zeit und Weile seine Kinder, einen Sohn und fünf Töchter, und wurde i. J. 1806 Witwer. Er hatte etwas vor sich gebracht in der Welt, denn er hielt nicht nur fest, was er ererbt, sondern mehrte es in aller Weise, maßen seine Rechtsbegriffe mitunter sehr unklar und schwankend waren. Hieß und war ein »hablicher« Mann, ein sparsamer Haushalter, schund – wie mir mein Freund sagte, der Herr Gemeindepräsident im Zwillichwams – »schund die Laus um den Balg«, rackerte sich ab früh und spat, und da seine Kinder, mit Ausnahme des Sohnes, den Geist der Arbeitsamkeit von ihm geerbt hatten, so befand sich die Familie Peter um das Jahr 1817 in Umständen, welche zu den besten der ganzen Gegend gehörten. Ein markierter Bauernkopf, Peter der Judenschießer. Mochte in seiner Jugend ein recht stattlicher Chnab gewesen sein, denn noch in seinen alten Tagen wies sein Gesicht eine schöngeformte Stirne und eine wohlgebildete Schnabelnase. Viel bäuerische Schlauheit in den Falten um die Augen her lauernd, ein vorstehendes, gedrungenes, energisches Kinn, die ganze Physiognomie ein merkwürdiges Gewirre von zur Schau getragener Einfalt und listiger Zurückhaltung, von Indolenz und hagebuchener Zähigkeit. Hielt also, wie gesagt, seinen »G'werb« gut im Stande, der Vater Peter, und stellten er und seine Töchter vor der Zeit, wo durch eine derselben ein furchtbares Verhängnis über das Haus kam, eine so »huslige« und »hebige« Huslig, d. i. häuslich, sparsam. Hebig von haben, mundartlich für halten, also zusammenhaltend, will sagen knickerig, geizig. Bauernfamilie dar, als nur je eine in dicksohligen und schwerbenagelten Schuhen stand. Alles in Ordnung soweit. Hatte aber die Sache doch einen Haken. Stand nämlich die Familie Peter in der kleinen Dorfgemeinde ganz isoliert und abgeschlossen da. Mochte in Wildisbuch niemand gern mit den Peterschen zu tun haben, was sie ihrerseits damit vergalten, daß sie sich, selbst von den nächsten Nachbarn, schroff abschlossen und auswärts Beziehungen und Verbindungen suchten. Diese Vereinsamung der Familie inmitten ihres Heimatdorfes, welche dieselbe unter sich fest verkittete, namentlich Vater und Töchter, hatte ausreichende Ursachen. War nämlich der Judenschießer ein gefürchteter und gehaßter Mann, Johann Kaspar Simmler, der Pfarrherr von Trüllikon, wohin, wie erwähnt worden, Wildisbuch verpfarrt war und ist, hat amtlich von ihm bezeugt: »Solange man sich des Johannes Peter zu erinnern weiß, ist er als ein verschlagener, betrügerischer und gewalttätiger Mann bekannt, als ein streitsüchtiger Erztröler (Prozeßkrämer), als ein hartherziger Geizkragen, dessen Türe den Hilfebedürftigen und Armen streng verschlossen blieb, ferner als ein mitsamt allen den Seinigen dem Lügen unglaublich ergebener Mensch, endlich als ein dem finstersten Aberglauben so Zugetaner, daß er einen ›Lachsner‹ (Wunderdoktor, Hexenmeister) anging, die verhaßte Ehefrau seines Sohnes mittels ›Vernagelung‹ aus der Welt zu schaffen.« W, A. I, 28, 34, 41, 64. Hinsichtlich der »Vernagelung« und anderer zauberischer Praktiken, welche im Volksglauben, wie vor alters, so noch heute eine größere Rolle spielen, als die Herren Philosophen sich einbilden, verweise ich auf meine Deutsche Kultur- und Sittengeschichte, 6. Aufl., S. 363 ff., und meine Geschichte der deutschen Frauenwelt, 3. Aufl., II, 144 ff. Pfarrherr Simmler war ein strammer Rationalist, wie damals die meisten seiner Amtsbrüder im Lande gewesen sind. Zwar die Homunkula, genannt »spekulative Theologie«, war zur Zeit schon aus der Schleiermacherschen Retorte hervorgekrochen, lag aber noch in den Windeln und sog sich am Lutschbeutel der Dialektik erst allgemach zu einer alles Widerhaarigste versöhnenden Vermittlerin empor. Also der Pastor von Trüllikon war kein spekulativer Allerweltsvermittler und haßte demnach mit Recht redlich-einseitigem Haß alle abergläubischen Ränke und Schwänke, allen Krüdener-Ganzschen Qualm, alle konventikelnde Schielerei und Muckerei. Hielt viel auf den gesunden Menschenverstand, der gute Pfarrer, hatte auch schweren Ärger an seinen Peterschen Pfarrkindern erlebt und war, als die Wildisbucher Greuelblase zum Platzen gekommen, so gereizt, daß er in seinen bezüglichen Berichten mitunter über das Ziel strenger Tatsächlichkeit hinausschoß. Wie das so geht beim Platzen derartiger Blasen, der Mißduft war so entsetzlich, daß in dieser Atmosphäre zunächst keine ruhige Prüfung möglich war und auch das Gräßlichste als selbstverständlich zur Sache gehörend geglaubt wurde. So nahm denn auch unser Pfarrherr keinen Anstand, in seine Berichte solches aufzunehmen, was früher über den Judenschießer geraunt und gemunkelt worden, jetzt aber laut ausgesprochen wurde. Nämlich, der Judenschießer sei nicht nur ein schamloser Ehebrecher, nicht nur ein grausamer Mißhandler seiner Ehefrau, sondern auch der Vergifter derselben gewesen. Ebenfalls habe er einen Schwager vergiftet, um denselben zu beerben, und endlich habe er mit seinen Töchtern blutschänderischen Umgang gepflogen. Lauter Bezichtigungen, welche als unerwiesen in das Gebiet der Wildisbuch-Trüllikon-Rudolfingenschen Volkspoesie und Mythenbildnerei zu verweisen sind. Kein Mythus dagegen, sondern wüste Wirklichkeit war das Gebaren von Kaspar Peter, dem einzigen Sohn des Judenschießers. Als einen schändlichen, lügenhaften, diebischen, unzüchtigen Menschen bezeichnete ihn Ehren Simmler. Der junge Bauer hatte i. J. 1812 die Anna Möckli aus Schlatt geheiratet, und sein Eheleben war ein Idyll, wenn man will, aber ein ländlich-schändliches. Wir sehen da in einen Abgrund hinein, von welchem unsere geschniegelten Dorfnovellisten keine Ahnung haben. Da drunten stoßen und balgen sich Geiz, Neid, Wollust, kurz alle die gemeinsten Instinkte und Leidenschaften – garstig, über alle Maßen garstig! Die Frau bezichtigt den Mann, daß er seine ehelichen Rechte zu »viehischem« Mißbrauch ihrer Person gesteigert und sie dadurch »ganz ruiniert und in Unordnung gebracht habe«. Der Mann dawider, seine Frau habe ihn schon als Braut messalinisch in die unsaubersten Mysterien der Unzucht eingeweiht. W. A. I, 71 b. – Der unheilige, ärgerliche Ehebund wurde nach etlichen Jahren durch gerichtlichen Scheidungsakt getrennt, und einige Zeit darauf wollte Kaspar Peter zu einer zweiten Ehe schreiten. Aber seine zweite Auserwählte, Elisabeth Ott von Basadingen, merkte beizeiten, welches Los ihr bevorstünde, und brach den Handel ab. Freilich nicht ganz beizeiten. Aber sie wollte doch lieber ein uneheliches Kind gebären und erziehen, als ihres Verführers Frau werden. Der Kaspar war nämlich inzwischen ein vollendeter Taugenichts geworden, der, statt zu Hause seiner Arbeit obzuliegen, müßiggängerisch umherzog und den – Bußprediger spielte; aber keineswegs etwa im Gefühle der eigenen Bußebedürftigkeit. Er war wie seine ganze Familie in den Knäuel der Sektiererei verstrickt worden. Diese Verstrickung hatte i. J. 1817 stattgefunden. W. A. II, 4. Es war ja, wie oben zu schildern versucht worden, die Zeit der »Umkehr« und der »Erweckung«. Die Stahl, Hengstenberg, Vilmar, Wichern und Konsorten von damals waren an allen Ecken und Enden, in hohen und niederen Kreisen tätig. Der Weinberg des Herrn wurde heftigst bearbeitet. Die Konventikellockpfeife tönte gar süß und erbaulich. Es wurde im Dunkeln gar warmbrüderlich und brünstigschwesterlich gemunkelt und gemuckert. Die Munkler und Mucker von damals, die leitenden nämlich, sahen gerade wie die von heute im Christentum nur eine große zweckdienliche Völkerverdummungsanstalt, während die geleiteten dasselbe in blutigem Ernste für eine Satanosophie und Molochologie – stolpere nicht über das Wort, lieber Leser! – nahmen. In blutigem Ernste, jawohl. Wir werden es erfahren. In Wahrheit, es war eben kein Wunder, daß die Theologie des Volkes damals wieder ganz entschieden eine Teufelslehre wurde. Hatte nicht die Restaurationspolitik den Teufel der Dummheit, welchen die Aufklärungsperiode leidlich gebannt hatte, wieder mit aller Macht heraufbeschworen? Er ging zwar nicht brüllend, wohl aber munkelnd und muckernd um, zu suchen, wen er verschlänge. Und er fand Verschlingbares genug. Besagter Teufel war auch in unserem Wyland eingekehrt, in allerfrommster Gestalt natürlich, im schäfigsten Schafpelz, und hatte daselbst ein herrnhutersches Konventikel aufgetan im Dorfe Örlingen. Orakelte da ein Schneider Moser als erster Lämmleinbruder in der kleinen Brüdergemeinde, welche mit den Frommen der Umgegend in engeren oder loseren Beziehungen stand. Schaffhauser Erweckte, wie die Herren Professor Weiß, Boßhardt zur Schwedenburg, Peyer im Rosengarten, Zündel im Oberhaus, ferner ein für eine Weile gar heftig erweckter und erwecklicher Arzt Graf in Rafz bildeten Ringe dieser frommen Kette, in welche sich selbstverständlich auch der würdige Qualm-Ganz ab und zu einfügte. Armer Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, es ist in Liebe anzunehmen, daß du die Konsequenzen deines Tuns nicht ermaßest, nicht ermessen konntest, als du dein Herrnhut gründetest. Es war dir ernst mit deiner Frömmigkeit, wenn auch der Lämmleinschweiß- und Lammblutgeruch derselben übel duftete. Sie hatte auch ihre Berechtigung gegenüber der Frivolität deiner Zeit, keine Frage. Du warst doch ein Wahrheitssucher! Was konntest du dafür, daß du sie nicht gefunden? Oder wäre es wahr, was die Zweifler und Spötter raunen, daß deine bodenlose Lümmelei nur eine absonderliche Erscheinungsform bodenlosester Eitelkeit gewesen? Soviel steht fest, daß du ob dem Christen den Grafen nie vergessen hast, auch nicht eine Stunde lang, selbst damals nicht, als du im Winter von 1734 zu Tübingen unter die Kandidaten der Theologie gegangen, deine Jungfernpredigt zu halten, die Kanzel beschattest. Es ist, denk' ich, ein wahres Kabinettsstück der kontrastvollen Sittengeschichte des achtzehnten Jahrhunderts, wie du, gefolgt von einem Heiducken, welcher dir die Agende nachtrug, im schwarzen Sammetkleide mit Mantel und Überschlag, Stern und Ordensband ja nicht zu vergessen, auf die Kanzel gestiegen bist. Deine erwählte Braut hattest du, um ein Exempel der herrnhuterschen »Gattenwahl« oder vielmehr Nichtwahl zu statuieren, einem gleich aufgespannten Mitbruder in Christo abgetreten; aber Stern, Ordensband und Heiducken wolltest du doch nicht dahinten lassen. Scharfe Zungen behaupten deshalb, du hättest dich allen den süßlich-anschmiegerlichen Reimen zum Trotz, womit du den Heiland behelligtest, dem Zimmermannssohn von Nazareth gegenüber doch allzeit in deines Herzens Grunde als des Heiligen Römischen Reiches Grafen gefühlt. Der lämmelnde Schneider von Örlingen bekehrte auch seinen Mitdörfler und Namensvetter, den Schuster Johannes Moser, zum Herrn, was eben in solchen Kreisen so zum Herrn bekehren heißt. Der »Herr«! Es liegen Anzeichen, nein, tatsächliche, brutal tatsächliche Beweise vor, daß der gemeinte Herr kein anderer war als jener alte böse Bekannte der von Religionsgeschichte Wissenden, jener syrisch-phönikische Baal-Moloch, dem die syrisch-phönikisch-karthagischen Mütter ihre Kinder auf die glühenden Erzarme legen mußten, während die Pfaffen mit Zimbeln und Pauken und Posaunen einen großen Jubellärm aufschlugen über dieses fromme Tun. Ein leiblicher Vetter dieses »Herrn« war jener hebräische El Schaddai, der sich später zum Jahve oder Jehova hinaufhumanisierte, jener El Schaddai, welcher gewesen ist wie »fressend Feuer«, dem der fromme Jephta seine einzige Tochter zum Opfer schlachtete, dem Samuel zu Gilgal den Agag opferte, dem, wie das entsetzliche Buch Josua triumphierend erzählt, in den eroberten Städten der Kanaaniter »alles, was Odem hatte«, zum Cherem geweiht, d. h. zum Blutopfer gebracht wurde. Du wendest dich schaudernd ab, human gebildeter Sohn des neunzehnten Jahrhunderts? Aber die Baalspfaffen, deren Geschlecht unausgerottet und, wie es scheint, unausrottbar ist, lachen deines Schauders; denn sie wissen, mit dem Blutopferdogma steht und fällt ihr ganzes Baaltum. Haben sie nicht den großen Propheten der Humanität, den schlichten Zimmermannssohn von Nazareth, welcher aufgestanden war, »zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu heilen die wunden Herzen, zu predigen den Eingekerkerten, daß sie los sein, und den Blinden, daß sie sehen, und den Unterdrückten, daß sie frei und ledig sein sollen« – haben sie ihn nicht zum Sohn jenes blutgierigen El Schaddai gemacht? Haben sie nicht diese achtzehnhundert Jahre her den Satz, daß »Gott sich Gott zum Opfer bringen mußte, um Gott zu versöhnen«, zu einem »heiligsten Mysterium« gestempelt, an welches zu rühren die menschliche Vernunft nicht wagen dürfe? » Credo, quia absurdum est .« Ströme von Blut und Tränen sind um des fressenden Feuers dieses Dogmas willen geflossen, ohne dasselbe zu löschen. Noch in unsern Tagen haben wir es erlebt, daß ein Pietist, dem Abraham und Jephta nacheifernd, seine fünf Kinder dem El Schaddai zum Opfer schlachtete. Georg Hiller zu Oberjettingen in Schwaben, im März 1844. Wahnwitz, sagt ihr? Jawohl! Aber sagt uns, ihr Prediger der Umkehr, ihr Baalspfaffen und Pharisäer unserer Zeit, sagt uns, wo ist die Grenzlinie zwischen eurem Bibelbuchstabengötzendienst und dem Wahnwitz? Ihr könnt es nicht, denn diese Grenzlinie existiert nicht! Oder doch? Ja, für euch selbst existiert sie. Denn ihr hütet euch klüglich, ihr, aus Opferern zu Opfern zu werden. Ihr seid nicht wie jener heldische Franz Junius, welcher i. J. 1566 zu Breda den in seiner Stube Versammelten das Evangelium predigte, während drunten auf dem Marktplatz eine Anzahl von Ketzern verbrannt wurde. Die Flammen der Scheiterhaufen lohten in das Gemach herein, aber er predigte weiter, auf die Gefahr hin, im nächsten Augenblick selber ergriffen und verbrannt zu werden. Ihr wißt euch zu wahren, nicht allein vor den Flammen des Scheiterhaufens, sondern vor jedem ungnädigen Blick allerhöchster Patrone. Ihr seid lange nicht so dumm, wie ihr ausseht. Ihr wißt recht gut, was die guten Sächelchen des Diesseits, sowie, was die von euch dem »armen einfältigen Volk« auf die Firma Jenseits und Komp. ausgestellten Wechsel zu bedeuten haben. O, wir kennen euch, Brut Ahrimans, wir kennen euch! Nicht eine Silbe eurer Titel, nicht ein Tausendstel eurer Pfründen, nicht ein Endchen eurer Ordensbänder würdet ihr eurem »Herrn« zum Opfer bringen. Wenn du mit fester Hand die süßlichen Liebesphrasen entfernst, in welche das herrnhutsche Gesangbuch seinen Gott eingekleistert hat, so wird dir der blutdürstige Rachen des alten Moloch-Schaddai entgegendräuen. Nun wohl, für diesen süßlich verkleisterten Molochismus wurde der Schuster Johannes Moser gewonnen, welcher Magdalena Peter, die viertälteste Tochter des Judenschießers, zur Frau hatte und bei welchem sein unverheirateter jüngerer Bruder, Konrad Moser, im Hause lebte. Ein nicht übel aussehender Mann, der Johannes Moser. Aber sein runder Kopf mit dem breiten Kinn, der steil vorspringenden Nase und der zurückfliegenden Stirne trug ganz entschieden den Stempel jener Borniertheit, die mit eiserner Zähigkeit einmal Erfaßtes festhält, und wäre es auch Absurdestes und Unheilvollstes. Wann und wie Moser zuerst in das Labyrinth der Sektiererei, in dessen Hintergrunde Minotaurus Moloch lauerte, eingeführt worden sei, machen die Akten nicht klar. Der herrnhutsche Schneider von Örlingen scheint aber nicht sein erster Bekehrer gewesen zu sein, sondern wahrscheinlich war dies unser qualmender Ganz. Auch Mosers Frau hat an der Seele ihres Mannes herumgequacksalbert, denn sie war als schon Erweckte in sein Haus gekommen. Nachdem ihr und andern die Erweckung ihres Gatten gelungen, äußerte sich diese Erweckung zunächst dadurch, daß das erweckte Ehepaar die Mutter Mosers aus dem Hause trieb. Die arme alte Frau konnte es nämlich nicht zum »Durchbruch« bringen und war des unheiligen Dafürhaltens, ihr Sohn täte besser, auf der Schusterbank zu hantieren oder seines kleinen Bauerng'werbs fleißig zu warten, als in träumerischem Müßiggang den Herrn zu suchen und in Konventikeln herumzulungern. Darum mußte sie aus dem Hause und in ihren alten Tagen unter fremden Leuten eine kümmerliche Existenz hinfristen. Ihr jüngerer Sohn Konrad konnte den ihm von Rechts wegen gehörenden Platz in seines Bruders Hause nur dadurch behaupten, daß er dem Bruder und der Schwägerin ein demütiger Knecht war. In Wahrheit, der gutmütige, aber mehr als billig einfältige junge Mensch wurde wie ein Sklave behandelt. Auch in Glaubenssachen. Phlegmatisch von Natur war der Jüngling, wie sein Bruder und seine Schwägerin behaupteten, »verstockt« gegen das Heil, d. h. ihm kamen die Phantasmen der beiden unbegreiflich und überflüssig vor. Der Konrad war ein praktischer Mensch, »werchte« gern und aß nach getaner Arbeit mit vortrefflichem Appetit. Deshalb machten Bruder und Schwägerin den Magen des jungen Menschen zum Hauptmotiv seiner Erweckung. Ja, er wurde durch kärgliche und immer kärglichere Zumessung seiner Nahrung in die Schwärmerei förmlich hineingehungert. Da fing denn auch zuletzt der arme Junge an »Erscheinungen« zu haben, und einmal so weit, tat er »zur größeren Ehre Gottes« alles, was man von ihm haben wollte. W. A. I, 108. Die älteste Tochter des Judenschießers, Barbara, war 1780 geboren und 1803 an den Schmied Heinrich Naumann in Trüllikon verheiratet worden. Die Eheleute hatten friedlich mitsammen gelebt, bis die Frau von dem schwärmerischen Dunst, welcher ihr väterlich Haus drüben in Wildisbuch erfüllte, benebelt wurde. Es gelang ihr aber nicht, den Gatten ebenfalls zu bedunsten. War ein Mann der Wirklichkeit, unser Schmied Naumann. Hielt standhaft an dem Glauben, daß zweimal zwei gleich vier sei, und ist das eine wundervolle Schutzformel gegen allen Dunst und Qualm, wißt ihr? Mochte Schmied Baumann auch an das Sprüchlein denken: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.« Denn die Erweckung seines Eheweibes zeitigte gar wunderliche Früchte, unter andern einen Nachschlüssel, womit unsere erweckte Barbara das Geldkästchen ihres Mannes öffnete, um ihn zu bestehlen, zu frommen Zwecken, vermutlich. Bestahl ihn also und brachte andere in den Verdacht des Diebstahls. W. A. I, 34, 97. – Der alte Abraham a Santa Klara würde sagen, das Gebaren seiner Ehefrau habe auf den guten Schmied mehr erschrecklich als erwecklich gewirkt, und so tat es wirklich. Schmied Baumann schmiedete wacker drauf los, wollte nicht »mit in dem Ding sein«, und es wäre ihm wohl zu verzeihen gewesen, falls manchmal einer seiner Streiche, wenn nicht seines Hammers, so doch seiner Hand, auf den Rücken seiner Frau gefallen sein sollte, die »in allen Stücken untreu an ihm handelte«. Des Judenschießers zweitälteste Tochter, die ledige Susanna, hatte den Leumund einer stillen, gutmütigen und arbeitsamen Person. Sie scheint aus reiner Rührseligkeit in die blutige Familientragödie hineingerissen worden zu sein. Wie diese ganze Tragödie, wird auch die Beteiligung des von Natur herzensguten »Züsi« Mundartlich für Susanna. daran nur erklärlich durch den beispiellosen, gleich einem Zauberbann wirkenden Einfluß, welchen, wie wir sehen werden, das jüngste Kind des Hauses auf die ganze Familie übte. Unter diesem Bann stand auch die drittälteste Tochter, Elisabeth, die Märtyrin für den Glauben an ihre Schwester. Der Pfarrherr von Trüllikon bezeugte, daß sie »schwach von Verstandeskräften« gewesen, jedoch einen »stillen, unklagbaren« Wandel geführt habe. Aber durch die Sektiererei sei sie wie »umgewandelt« worden. Nicht nur gab sie sich jetzt als eine »arge Schwätzerin und Verleumderin«, sondern auch schlug das in ihr brennende »christliche Liebesfeuer« häufig in das aus, was die Kinder der Welt ordinärerweise Lüsternheit nennen. Der gute Pastor wußte davon zu erzählen. »Eine Unterredung« – schrieb er am 26. März 1823 – »die ich mit der Elisabeth vor etwa vier Jahren auf meinem Museo hatte, zeigte mir, auf welch einen Grad der gröbsten Sinnlichkeit ihre Liebe zum Heiland gestiegen war, so daß ich mich alles Ernstes wehren und zurückziehen mußte.« W. A. I, 34. Das Gesinde des Peterschen Hauses bestand aus dem Knecht Heinrich Ernst und der Magd Margareta Jäggli. Jener, ein armer Junge, war ziemlich hinterwäldlerisch aufgewachsen und als Knabe rauh genug unter fremden Leuten herumgestoßen worden. Im Jahre 1814 trat er beim Judenschießer in Dienst und wurde so gut behandelt, daß er sich zum erstenmal in seinem Leben glücklich und heimelig fühlte. Der alte Peter vertraute ihm mehr als dem eigenen Sohn, die Töchter des Hauses bezeigten ihm Wohlwollen, und so war es denn kein Wunder, daß der gutartige junge Mensch mit ganzem Herzen an die Familie sich anschloß und auch der dieselbe beherrschenden religiösen Strömung widerstandslos folgte. So tat auch die Magd Margareta Jäggli, welche aus einer Sünderin der gemeinsten Art eine Büßerin zweifelhafter Gattung geworden war. Ihr heimatlicher Seelsorger bezeichnete sie als eine »dumme«, aber doch in manchen Dingen »listige und verschlagene« und »im höchsten Grade wollüstige« Person. Nachdem sie ein uneheliches Kind geboren, hatte ihre Liederlichkeit sie ins Spital geführt. Später war sie aus der Gemeinde Schöfflistorf polizeilich weggewiesen worden, weil sie nicht nur mit ihrem dortigen Dienstherrn in einem ärgerlichen Verhältnisse stand, sondern auch kaum den Knabenschuhen entwachsene junge Leute »zur Unzucht zu verleiten suchte«. W. A. I, 55, 62. In kümmerlichste Umstände und zugleich mit »Stündlern« in Verbindung geraten, war sie von epileptischen Zufällen befallen worden, welche sie für Anfechtungen des Teufels nahm. Sie hielt sich für besessen und das Petersche Haus für den rechten Ort, den Streit mit dem Satan siegreich durchzufechten. Neben dieser Person, deren Züge den Charakter einer tierischen Stupidität trugen, tat im Peterschen Hause die im Jahre 1817 neunzehnjährige Ursula Kündig aus Langwiesen Magddienste, ohne eine wirkliche Magd zu sein. Vielmehr lebte sie als die Lieblingsjüngerin der Heiligen von Wildisbuch unter dem väterlichen Dache derselben. Dieses Mädchen, welches aus reinstem, wenn auch furchtbar irregeleitetem Enthusiasmus eine zweifache Mörderin werden sollte, war das sanfteste, gutartigste Geschöpf von der Welt. Das bezeugte der Pfarrer von Feuerthalen, zu welchem Kirchspiel Langwiesen gehört, und er fügte hinzu, Ursulas Wandel sei so gewesen, daß »selbst schmähsüchtige Leute nie etwas an ihr auszusetzen gehabt hätten«. W. A. I, 48. Ein sanfteres, gutherzigeres Gesicht als das der armen Ursula, läßt sich kaum denken. Ihre Physiognomie hatte etwas Intelligentes, Nobles, einen Anhauch schwermütiger Jungfräulichkeit. In Wahrheit, es lag eine melancholische Stimmung in ihr, frühzeitig genährt durch den Tod ihrer Mutter und durch das Mißverhältnis, in welches sie durch Einwirkung einer Stiefmutter zu ihrem Vater geraten war. Dazu kam ein fehlgeschlagener Heiratsversuch mit einem jungen Manne, dessen Bewerbung, wie Ursula entdeckt zu haben glaubte, mehr ihrer Mitgift als ihrer Person galt. Sie drang auf Aufhebung der Verlobung, was nur auf dem Prozeßwege bewerkstelligt werden konnte, weil der Freier eine Geldentschädigung beanspruchte. Die Leistung dieser Entschädigung verstimmte den Vater noch mehr gegen die Tochter, welche in grübelnden Trübsinn verfiel. Eine mystische Scharteke kam ihr zuhanden, und sie las sich mit Eifer in die darin enthaltene Erzählung von einem Jüngling hinein, welcher im Gefühle seines »Sündenelends« Gott um einen Freund bat, der ihm die Wege des Heiles wiese, und dem dann Gott wirklich einen solchen Heilswegweiser zuschickte. Auch Ursula empfand das Bedürfnis, eine gleichgestimmte Freundin zu besitzen, »um mit derselben gemeinschaftlich die Pilgerreise nach der seligen Ewigkeit machen zu können«. Verhör der Ursula Kündig am 29. März 1823. W. A. II, 2. Sie empfand dieses Bedürfnis um so mehr, als der Anblick des vielfältigen Elends, welches das Hungerjahr 1817 über ihre Heimatgegend brachte, ihre erbarmungsvolle Seele noch mehr ängstigte und sie die Welt im trübsten Lichte erblicken machte. Hat doch, wie jedermann weiß, jene Teuerungszeit der pietistischen Bewegung überhaupt großen Vorschub geleistet. Ursula anvertraute ihr Bangen und Sehnen ihrer älteren Schwester Magdalena, und ein unglücklicher Zufall wollte, daß ihr durch diese die ersehnte Seelenfreundin zugeführt werden sollte. Magdalena traf nämlich auf einem Gange nach Schaffhausen auf der dortigen Rheinbrücke mit der ihr persönlich völlig unbekannten Heiligen von Wildisbuch zusammen. Die beiden sprachen mitsammen über die Not der Zeit, und die Äußerungen der Heiligen klangen den Ohren der Magdalena so ungewöhnlich und tröstlich, daß sie die Trösterin um ihren Namen fragte und darauf derselben den Gemütszustand ihrer Schwester Ursula mitteilte. Die Heilige ging mit Teilnahme auf diese Mitteilung ein, gab fromme Winke und schloß damit, die Ursula zu sich nach Wildisbuch einzuladen. Die Eingeladene folgte am nächsten Sonntage voll Freude dem Rufe, den sie für eine himmlische Stimme nahm, ward von der Heiligen freundlich empfangen und noch an demselben Tage in das Herrnhuterkonventikel zu Örlingen eingeführt. Dadurch ward Ursulas Schicksal entschieden. Die Heilige und sie wurden »treueste Freundinnen für Zeit und Ewigkeit«. Ursulas Besuche in Wildisbuch wiederholten sich zum großen Verdrusse ihres Vaters, der von dem »frommen Zeug« nichts wissen wollte. Allein Ursula war schon unwiederbringlich gebunden. Die Seele des unglücklichen Mädchens war wie Wachs in den Händen der Heiligen. Ihre Besuche in Wildisbuch verlängerten sich mehr und mehr. Nachdem sie die Herbstzeit von 1820 dort verbracht hatte, zog sie im folgenden Jahre ganz hinüber und verrichtete, ohne Lohn zu begehren, willig und freudig die Dienste einer Magd, voll des Glückes, ihrer Herzensfreundin nahe sein zu dürfen, in welcher sie in kindlicher Begeisterung nicht nur eine Erwählte sah, durch die »der Herr Großes im stillen wirkte«, sondern von der sie auch mit felsenfester Überzeugung glaubte, daß »Christus sich in ihr im Fleische geoffenbart habe, um durch sie viele tausend Seelen zu erretten«. Wörtliche Äußerung Ursulas. W. A. II, 2. So wären wir denn jetzt bei der Heldin unseres Passionsspiels selbst angelangt. Pfarrherr Simmler hat sie in einem Berichte vom 13. August 1821 die »Primadonna der sogenannten Erweckten« genannt. W. A. I, 28. Profaner Rationalist! Aber man muß dem Manne seine etwas polternden Auslassungen schon zugute halten. Die Sektierer seines Kirchspiels hinderten ihn auch gar zu oft, die »Hammen« (Schinken), welche seine Bauern ihm verehrten, in Ruhe zu essen, sein Glas Trüllikoner »Beeriwy« (Ausbruch) in Frieden zu trinken und die Pfeife der Betrachtung ungestört zu rauchen. Schlimm das! Der Pastor hatte mit Zitationen, Audienzen und Berichten wegen der »sogenannten Erweckten« nicht nur alle Hände voll zu tun, sondern auch hatte der Gute, wie wir gesehen, noch außerdem mitunter ganz bedenkliche Abenteuer zu bestehen, auf seinem »Museo«. Wir unsererseits dagegen stehen unserem Gegenstande nur als ein gewissenhafter, völlig unbefangener Erzähler gegenüber. Wir beschwören den blutigen Schatten der Heiligen von Wildisbuch nicht, um ihn orthodoxisch anzurunzeln oder rationalistisch niederzukatechisieren. Wir wühlen auch nicht das Grab der Unglückseligen um, damit wir ihren Staub spottlachend in die Lüfte blasen. Im Gegenteil, jemehr wir uns mit ihrem Schicksal beschäftigt haben, ein um so tieferes Mitleid ergriff uns. Dieses Weib war doch trotz alledem in innerster Seele angefaßt vom Schmerze der Kreatur, und sie rang mit ihm auf Leben und Tod. In einer Weise freilich, die zum Wahnsinn führen mußte. Aber sie rang doch mit diesem faustischen Schmerz, während Millionen und wieder Millionen sterben, ohne daß ihnen derselbe je zum Bewußtsein kommt, d. h. ohne daß sie über die tierische Befangenheit im Naturdasein sich erheben. Und dann noch eins: die Heilige von Wildisbuch ist mit einem beispiellosen Heroismus für ihre Überzeugung gestorben. Kann das, tut das eine ursprünglich gemeine Natur? Viertes Kapitel »Das heilig Margetli« Zur Weihnacht 1794 gebar die Ehefrau des Johannes Peter Judenschießer zu Wildisbuch ihrem Gatten ein Töchterlein, das jüngste der Kinder des Hauses. Es ist nicht aktenmäßig festgestellt, aber dennoch sehr wahrscheinlich, daß die Kleine in der Christnacht selber zur Welt gekommen. Die Wehemutter mag dem Vater die Neugeborene wohl mit dem naheliegenden Scherze dargereicht haben: »Da habt Ihr ein Christkindli!« Sei es, daß dieses Wort wirklich ausgesprochen, sei es, daß es nur gedacht wurde, immerhin ist, wie wir sofort sehen werden, Grund vorhanden, zu vermuten, daß schon die Zeit und Stunde seiner Geburt das Kind in den Augen der Seinigen mit einem gewissen Nimbus umgeben habe. Das Volk hat ja eine eigene Philosophie der Vorbedeutungen, und wie oft und scharf diese »Rockenphilosophie« schon »gestriegelt« worden ist, an Geltung hat sie dadurch im ganzen nicht viel verloren. Die Neugeborene wurde am 28. Dezember 1794 in die Kirche nach Trüllikon hinübergetragen, um dort getauft zu werden. Sie erhielt den Namen Margareta, landesmundartlich abgekürzt Marget oder im Zärtlichkeitsdiminutiv Margetli. Das Kind wuchs gesund und still heran im Kreise seiner Familie, welche, wie früher erwähnt worden, inmitten ihrer Nachbarn ein ganz in sich abgeschlossenes Dasein führte. Die Mutter war dem »Nesthäkli« mit besonderer Zärtlichkeit zugetan. Und nicht die Mutter allein. Als die gute Frau im Sterben lag, konnte sie sich damit trösten, daß ihrem jüngsten, halbwüchsigen Kinde die liebevolle Zuneigung ihrer älteren Töchter gewiß sei. Das Margetli wurde in Wahrheit als der Schatz des Hauses gehegt. Selbst der eisenköpfige, hartherzige Vater war dem Kinde gegenüber weich und nachgiebig bis zur äußersten Schwäche. Ja, er hat selbst nach der Zerstörung seiner Familie, selbst im Gefängnisse noch mit Zähigkeit zu der Überzeugung sich bekannt, »seine jüngste Tochter sei von Gott zu etwas Außerordentlichem bestimmt gewesen«. W. A. II, 3, 28. Fassen, wir die verschiedenen Aussagen über die früheste Jugend des »Christkindli« zusammen, so ergibt sich, daß Margetli schon im Alter von sechs Jahren die Ihrigen fast unbedingt beherrschte. Da bedarf es denn fürwahr keiner psychologischen Kunst, um erraten zu lassen, wie sehr eine solche beherrschende Stellung auf die Kleine zurückwirken mußte. Hätte sie nicht merken sollen, daß man sie als eine Auserwählte ansah und liebte? Mußte sie so nicht darauf geleitet werden, sich selber für auserwählt zu halten? Aktenmäßiges, aber auch Legendarisches wird von dem ländlichen Wunderkinde berichtet. Dem Gebiete der Tatsachen gehört an, daß ungeachtet des höchst mangelhaften Zustandes, in welchem sich damals und bis 1830 das Dorfschulwesen befand, Margetli mit großer Leichtigkeit lesen und schreiben lernte, daß sie von frühester Kindheit auf eine sehr religiöse Stimmung zeigte, daß sie schon als Sechsjährige die Ihrigen zu häuslicher Andacht um sich versammelte, ihnen aus der Bibel vorlas, beim Lesen der Passionsgeschichte Christi in schmerzliches Weinen ausbrechend, und daß sie schon in diesem Alter ihre älteren Geschwister zur Gottesfurcht ermahnte. W. A. II, 5. Legendenhaft lautet folgendes: Marget habe etwas Göttliches (an sich) gehabt, weil sie zur Weihnacht geboren worden. Sie habe schon als Kind großer Gnade genossen, indem sie lesen gekonnt, nachdem sie bloß zweimal das Abc-Büchlein in die Schule getragen. Als Kind sei sie einmal von Magenkrämpfen befallen worden, und da sei ihr ein Engel erschienen und habe ihr eine Stelle bei Benken angezeigt, wo Kräuter stünden, durch welche sie geheilt werden sollte. Diese Mythen brachte Margetlis älteste Schwester Barbara vor und zwar nach der Katastrophe und als Gefangene im Wellenberg in Zürich, jenem finsteren Wasserturm, welchen die Reformperiode von 1830–85 mit andern finsteren Dingen weggefegt hat. Die Gefangene fügte hinzu: »Ich bin überzeugt, daß Gott durch die Marget gewirkt hat, in großer Kraft, in seiner Gnade, bis auf die Stunde ihres Todes.« Bericht des Zuchthauspredigers K. Schoch an das Obergericht vom 25. Oktober 1823. W. A. I, 107. Man sieht, es stand in der Familie des Judenschießers felsenfest, daß Margetli ein »auserwähltes Gefäß des Herrn« sei. Hieraus und nur hieraus erklärt sich das fast Unglaubliche und doch Tatsächliche, daß Margets Gebote blinden Gehorsam bei den Ihrigen fanden, auch dann noch, als diese Gebote das Ungeheuerste forderten. W. A. I, 81. Es liegt auf der Hand, daß das Mädchen, in welchem die Seinigen und alle seine vertrauteren Anhänger alles Ernstes den abermals fleischgewordenen Heiland sahen, kein gewöhnliches sein konnte. Um nichts und wieder nichts reißt sich eine ganze Bauernfamilie nicht von der Scholle der Wirklichkeit los, um in den himmelblauen Dunstregionen der Schwärmerei zu zerfahren und zu zerflattern. Dazu mußte ein mächtiger Antrieb vorhanden sein. Allerdings lag er in der Luft, in der Zeit. Der Riesenpolyp der Restaurationsepoche, welchen die Bonald, de Maistre und Chateaubriand, die Friedrich Schlegel und Adam Müller, die Haller und Gentz großgepäppelt hatten, streckte einen seiner unzähligen Saugfäden auch in das einsame Dörfchen im Schoße der Kohlfirst hinauf. Aber die Stimmung einer Zeit, ob naturwüchsig oder künstlich gemacht, bedarf bestimmter Träger und Werkzeuge, um zu faktischer Ausprägung zu kommen, und ein solches Werkzeug war das Christkindli von Wildisbuch. Kein gewöhnliches, fürwahr! Hört nur, wie unser wackerer Rationalist von Trüllikon über das Margetli sich äußerte. Saß da der Mann gewiß recht grimmig und griesgrämig auf seinem »Museo«, als er amtlich aufgefordert war, seine Beobachtungen über seine weiland Katechismusschülerin kundzugeben. Hatte ihm die Sache schon so viel Ärger und Verdruß gemacht. Paffte dicke Unmutswolken aus seinem Wort-Gottes-vom-Lande-Meerschaum, versteht sich. Schrieb aber doch nach Wahrheit, der gewissenhafte Herr: »Die Margaret war unstreitig das gescheiteste von allen ihren Geschwistern. Unter der Anzahl von Neokommunikanten, welche ich Anno 1811 ad s. coenam admittierte, war sie die geschickteste und die, welche mit dem herzlichsten Interesse den Religionsunterricht empfing. Wie oft kam sie zu mir, um zu danken für das, was sie gehört habe! Wie feurig war ihr Versprechen, allen den erteilten Belehrungen ihr Leben lang getreulich nachzufolgen! Ich hatte die beste Hoffnung von ihr, obgleich mir ein und anderes Überspannte nicht entgehen konnte. Besagte Margaret gewann bald eine völlige Superiorität in ihrem Hause. Alles mußte sich nach ihr richten. Was sie sagte oder aus der Ferne schrieb, mußte als Gottes Wille respektiert werden.« Der redliche Pfarrer fügte diesem die Versicherung bei, er habe es nicht an eindringlichen Ermahnungen fehlen lassen, die Marget und die Ihrigen von dem betretenen Pfade der Schwarmgeisterei zurückzubringen; aber – puff! paff! – die betörten Leute hätten sich nicht daran gekehrt, hätten die Trüllikoner Kirche gemieden und – puff! paff! in heftiger Steigerung – der Lohn seiner Bemühungen sei gewesen, daß er als »Unchrist« und »Heide« verlästert wurde. W. A. I, 84. Tröste dich, alter Herr, in deinem Grabe unter den Rebhügeln von Trüllikon. Wir andern haben Ähnliches erfahren wie du oder Schlimmeres, und der gesunde Menschenverstand wird in unsern Tagen nicht weniger ein Heide gescholten, als er es in den deinigen ward. Tröste dich, alter Herr. Wenn geschrieben steht: »Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens!« wie sollte da, vollends in Zeiten der »Umkehr«, ein ehrlicher Landpastor erfolgreich mit dem Fanatismus kämpfen? Die »heilige« Dummheit ist ja die unbesieglichste von allen Dummheiten, eben weil sie ein in den Kot gefallener Strahl von Ewigem ist. Marget war zur Zeit ihrer Konfirmation nahezu sechzehn Jahre alt. Aus dem Kinde war ein »schön Meitli« (Mädchen, Jungfrau) geworden. Mein Autorgewissen will mir leider nicht erlauben, zu sagen, daß das Landvolk im Züribiet einer großen Wohlgestalt sich zu rühmen habe. Von den Fabrikdistrikten wollen wir gar nicht reden, denn da ist »die Handschrift Gottes auf Menschenangesichtern« sehr schreibfehlerhaft geworden, sehr! Schickt das schönste Kind in den Fabrikbrodem und seht zu, wie es nach etlichen Jahren herauskomme. Aber auch in den bäuerlichen Gegenden, im Knonauer Amt, im Wehntal, im Wyland sind die Züge und Figuren des weiblichen Geschlechts durchschnittlich unschön. Das ist unangenehm, aber wahr. Ich sagte durchschnittlich; denn es gibt Ausnahmen. So sah ich in Wildisbuch das dreizehnjährige Töchterlein eines Tagelöhners, dessen Schönheit mich wahrhaft verblüffte. In seinem ärmlichen Röckchen ein wahres Ideal germanischer Schönheit! Heil sei dir auf deinem Lebenswege, goldhaariges Anneli, das du mit großen träumerischen Augen daneben standest, als mir der alte Gemeindepräsident vom heiligen Margetli erzählte.– »Ihr könnt Euch also der Marget deutlich erinnern?« fragte ich. – »Fryli, fryli, warum nicht? War ja dazumal längst ein Chnab, der auch nach den Meitli auslugte, wißt Ihr? Ich säg', es Biß hat's g'ha, 's Margetli, es Biß, was ma nu Schön's g'säh kcha.« – Dieses schöne Gebiß der Heiligen schien sich förmlich in das Gedächtnis des Alten verbissen zu haben: er kam immer wieder darauf zurück, während seine übrigen Angaben über Figur und Aussehen Margets sehr fragmentarisch waren. Doch sagte er: »Ja, ja, es recht nett's Persönli, es subers (sauberes, d.i. hübsches) Meitli!« Daß sie das gewesen, namentlich in der Blüte ihrer Jugend, ward mir auch von anderer Seite her bestätigt, und das von ihr vorhandene lithographierte Brustbildnis – ein sehr schlechtes Stück von Lithographie freilich – widerspricht wenigstens nicht den von mir gesammelten Aussagen über ihre persönliche Erscheinung. Klein von Statur, wohl proportioniert, rundlich, hochbrüstig, muß sie trotz der häßlichen Landestracht, in welcher sie einherging, gar nicht übel ausgesehen haben. Der von einem schlanken Halse getragene Kopf war entschieden bedeutend. Die Stirn nicht hoch, aber breit und stark gewölbt. Große graublaue Augen unter langen, schöngeschweiften Brauen, Augen mit einem sichern, festen, beherrschenden Blick. Die Nase wohlgeformt, länglicht, leicht gebogen, aber der Mund größer als billig, mit einer sinnlich aufgeworfenen und etwas vorspringenden Unterlippe. Das Grübchenkinn etwas zu kümmerlich angelegt, im Mißverhältnis zu der Rundung des Gesichts und zu den vorspringenden Backenknochen zu sehr zurücktretend. Im ganzen die Physiognomie weitaus mehr einer Fühlerin als einer Denkerin, aber dabei etwas Selbstbestimmtes und Selbstgewisses, etwas Fertiges und Entschiedenes im Zusammenspiel der Züge. Und doch auch wieder keine rechte Harmonie darin. Der sinnliche Mund störsam, sehr störsam, besonders in Anbetracht eines Lazertenzuges von Schlauheit, der sich ab und zu um die Lippenwinkel ringelt. Es ist ja eine alte Geschichte, daß in Schwärmern dem heißesten Fanatismus nicht selten die kühlste Berechnung sich gesellt. Der »große Heide« Goethe hat das Wort gesprochen: »Niemand glaube die ersten Eindrücke seiner Kindheit je verwinden zu können.« Mitunter findet auch so ein Heide die Wahrheit. Man sehe des zum Beweise nur unsere Prinzen vom gewöhnlichen Prinzenschlag an. Können diese Armen ihr Leben lang es jemals verwinden, daß sie in einer byzantinischen Atmosphäre durch lauter graduierte Doktores Philoservitiä erzogen wurden? Nun wohl, auch die junge Marget war in der von den Ihrigen eifrigst genährten Überzeugung aufgewachsen, etwas ganz Besonderes zu sein. Dieser Idealismus mußte mit Notwendigkeit eine religiöse Richtung nehmen, denn die Religion ist ja überhaupt der Idealismus des Volkes. In andere Lebenskreise gestellt, wäre das junge Mädchen vielleicht eine berühmte Künstlerin, vielleicht auch eine verrühmte Kurtisane geworden, wer weiß? Es war Genialität in ihr, kein Zweifel! Ihre Lebensstellung, ihre Erziehung befähigte sie aber nicht, die helle Seite des Daseins verstehen und die Wirklichkeit so oder so schön gestalten zu lernen, und so wurde sie der dunkeln Region zugetrieben, wo eine nur mit religiösen Bildern genährte Phantasie schwärmerische Ungeheuerlichkeiten ausbrütet, molochistische Phantasmen, Schlußfolgerungen des Glaubens an eine Ver- und Durchteufelung der Welt, Blutopferschwindeleien. Es ist sehr bemerkenswert, daß uns von dem jungen Mädchen nicht eine einzige heitere Äußerung überliefert worden. Bemerkenswert auch, daß die anmutige Natur ihrer Heimat oder die Fernsicht auf das erhabene Alpenpanorama nicht den geringsten Eindruck auf Marget hervorgebracht zu haben scheint. Aber was will man? Wenn man sich schon als ein Kind von sechs Jahren in die ungeheuerliche Phantasterei der Apokalypse Johannis hineingelesen hat, muß man den Sinn für Naturschönheit und Naturwahrheit unschwer einbüßen. Endlich ist auch nicht ein Zug vorhanden, welcher bewiese, daß das süße »Hangen und Bangen«, welches die knospende Brust sechzehnjähriger Mädchen schwellen macht, in Marget sich geregt habe. Auch sie sollte die Liebe kennen lernen, jawohl. Aber als es geschah, knüpfte dieses Gefühl nur einen weiteren dunkeln Faden, einen dunkelsten, in den ohnehin schon rettungslos verworrenen Knäuel ihres Schicksals. Es muß angenommen werden, daß die Vorstellung, zur Mehrung des Reiches Gottes und zur Minderung des Reiches Satans berufen zu sein, bereits in der Sechzehnjährigen zu einer fixen geworden war. Wann und durch wen der verderbliche Keim geistlichen Hochmuts in dem jungen Mädchen zuerst diese bestimmte Richtung erhalten habe, lassen die Akten der Wildisbucher Prozedur leider unklar. Die Ursache davon ist ohne Zweifel die, daß die ganze Untersuchung, offenbar infolge »höherer Weisung«, alle Fäden der unglückseligen Geschichte, welche über die bäuerliche, schneiderliche und schusterliche Region in höhere Gesellschaftskreise hinaufführten, nur sehr lässig oder auch gar nicht verfolgte. Deshalb sieht es ganz so aus, als wären die Beziehungen der Margaret zu den vornehmen Frommen von Schaffhausen, Zürich und Basel absichtlich vertuscht worden. Einwirkungen und zwar bedeutende haben aber von dieser Seite her unzweifelhaft stattgefunden, obzwar dieselben nur in einzelnen Fällen nachweisbar sind. Margets Schwager, der Johannes Moser, hat freilich behauptet, seine Schwägerin habe ihre Begriffe und Ansichten einzig und allein von Gott dem Herrn erhalten; er sei überzeugt, daß sie von keinem Menschen Unterricht erhalten. Sie habe auch bei ihren Unterweisungen nur die Bibel gebraucht. Letzteres bestätigten auch der Vater Peter, wenn auch nicht so ausschließlich (»die Marget hat am meisten auf die Bibel gehalten«) und die Ursula Kündig (»die Bibel ist dasjenige Buch gewesen, welches die Marget am meisten hochgeschätzt; auf alle übrigen hat sie nicht viel gehalten«. W. A. II, 1, 2, 3. Allein es steht aktenmäßig fest, daß außer der Bibel eine Traktätchensammlung im Peterschen Hause vorgefunden wurde, und daß Marget insbesondere das grotesk teufelsgläubige »Herzbüchlein« eifrigst gelesen und ihren Anhängern als eine »erweckliche« Schrift empfohlen hat. Schon darum also, und ganz abgesehen von den weiterhin zu berührenden persönlichen Einflüssen auf Marget, ist es unstatthaft, die Bibel allein für den Wildisbucher Greuel verantwortlich zu machen. Zu Anfang des Jahres 1816 erbat sich der zu Rudolfingen wohnende Oheim Margets, der Bruder ihrer Mutter, das junge Mädchen, daß es ihm in seinem Haushalt hilfreich zur Hand ginge. Marget tat so, und es ist allgemein bezeugt, daß sie der übernommenen Pflicht mit treuestem Fleiße nachkam. Haus, Feld und Weingarten gediehen unter ihrer pflegenden und ordnenden Hand. Es steht zu vermuten, daß dieser mit einem stillen, eingezogenen Gebaren und einem immerhin ungewöhnlich einnehmenden Äußern verbundene Eifer die frommen Seelen der benachbarten Stadt Schaffhausen auf das junge Bauernmädchen aufmerksam gemacht habe. Genug, während ihres Aufenthalts in Rudolfingen kam sie mit den Schaffhaufer Pietisten in Verbindung. Die Folge davon war zunächst ein grübelnder Trübsinn. Besuchte sie das väterliche Haus, so gab sie den Schwestern, welche besorgt nach der Ursache ihrer Traurigkeit fragten, mit tränenden Augen den Bescheid: »Gott schließt mir durch christliche Freunde, die er mich finden ließ, mehr und mehr das Herz auf, so daß ich mit jedem Tag lebhafter mein Sündenelend fühle.« Ihr Sündenelend! O, Lehre von der Erbsünde, welche Teufelskralle hast du in das Herz der Menschheit geschlagen! Ein junges, gesundes, schönes, durchaus wackeres und unbescholtenes Mädchen und Sündenelend! Man sieht, der Teufel der Dummheit in Gestalt eines Schaffhauser Pietisten hatte sein Ohr fest gepackt. Kein Wunder demnach, daß Marget, im März 1817 nach Wildisbuch heimgekehrt, zu orakeln begann und zwar in einem Stile, der um so mehr Eindruck machen mußte, als die Gemüter der Menschen durch die herrschende Teuerungsnot verdüstert waren. Apokalyptische Bilder wirbelten durch das Gehirn der angehenden Heiligen. Sie fing an, Visionen zu haben und Kämpfe mit den höllischen Geistern zu bestehen. Tat sie den Mund auf, so geschah es, um düstere Weissagungen vernehmen zu lassen. »Mit Macht rückt das Ende der Dinge heran«, predigte sie. »Schon ist der Tag des Gerichts angesetzt, und wie ein Dieb in der Nacht wird er die Sorglosen überfallen. Die Wiederkunft des Herrn steht vor der Türe. Wer sich retten will, bekehre sich schleunigst zum Herrn!« In der Tat, der alte Judenschießer und Margets Geschwister bekehrten sich, das heißt, es war für sie eine ausgemachte Tatsache, daß das »Christkindli« sich zur Prophetin entwickelt habe. Gilt man aber erst für eine Prophetin, so hat man nur noch wenige Schritte zu machen, um für eine Heilandin zu gelten, in den eigenen Augen wie in denen anderer. Vorab in den Augen eines so treuherzigen Wesens, wie die arme Ursula Kündig war, welche Marget zu dieser Zeit an sich und allmählich zu ihrer Lieblingsjüngerin heranzog. Zu einem weiblichen Johannes sozusagen, denn wir müssen es schon hinnehmen, daß sich diese ganze trübselige Geschichte mehr und mehr zu einer Parodie der Geschichte Jesu anläßt. Marget, jetzt zweiundzwanzig Jahre alt, begann sich zu fühlen. Sie wollte fürder nicht mehr eine Geleitete sein, nein, sie wollte selber leiten. Daher brach sie ihre und der Ihrigen Besuche in dem Herrnhuterkonventikel zu Örlingen bald wieder ab. Sie wollte nicht suchen, sondern sich suchen lassen. In ihrer Familie wie bei den Schaffhauser Frommen war ihr Ansehen schon so felsenfest begründet, daß kein Verhältnis der Unterordnung ihr mehr zusagen konnte. Daher auch die merkwürdige Selbständigkeit, welche die bäuerliche Heilige der adeligen Heiligen Juliane von Krüdener gegenüber behauptete. Es war im Spätherbst 1817, als Juliane auf einer ihrer oben berührten Missionsfahrten in dem badischen Grenzorte Lottstetten rastete. Die Frommen von Schaffhausen kamen dahin, die vornehme Schwester im Herrn zu begrüßen. Sie sprachen derselben von dem Wildisbucher Wundermädchen, und ihre Aussagen mochten in der vornehmen Missionärin den Gedanken erwecken, in Marget ein brauchbares und fügsames Werkzeug zu finden. Diesmal hatte aber der frommen Freifrau der Geist nicht das Richtige geoffenbart. Marget ward zwar veranlaßt, Juliane in Lottstetten aufzusuchen, wohin sie sich in Gesellschaft ihres Schwagers Moser und ihrer Schwestern Elisabeth und Susanna begab. Sie sah dort im Gefolge der Krüdener unter andern Personen den Professor Lachenal, welcher sie, nachdem er sich mit ihr unterredet hatte, dringend zu sich nach Basel einlud. Diese Anknüpfung mit den Baseler Erweckten wob dann später auch den Faden, welcher den Schlammvulkan Ganz mit der Heiligen von Wildisbuch verband. Auf Juliane machte Marget offenbar einen weit größeren Eindruck als Juliane auf Marget. Des Judenschießers Tochter ward von der weiland Veleda des Zaren aller Reußen einer dreistündigen Unterredung unter vier Augen gewürdigt. Über den Inhalt dieses gottseligen Zwiegesprächs sich auszulassen, hat sie nicht für nötig gehalten. Als sie von Lottstetten heimgekehrt war, forschten der Vater und die Geschwister, die sich natürlich nicht wenig damit meinten, daß eine so »fürnehme« fremde Dame, deren Fürnehmheit und Reichtum das Gerücht in der Umgegend ins Märchenhafte gesteigert hatte, mit ihrem Margetli sich »so gemein gemacht«, ja sie förschelten nicht wenig neugierig, welche Orakel die Pythonissa aus Kurland von sich gegeben. Marget jedoch sagte nur ganz kurz: »Die Frau Krüdener führt keine andere Lehre als Jesus der Gekreuzigte.« W. A. II, 1. In die Sprache der Welt überseht, hätte das gelautet: »Meine liebe Frau von Krüdener, was du bist, bin ich auch, mindestens auch!« Es findet sich keine Spur mehr, wenigstens keine sichere, daß Marget noch anderweitig mit Juliane in persönliche oder briefliche Beziehung gekommen. Eine Tradition zwar will, die beiden hätten sich noch einmal getroffen, im Hause des erweckten Herrn Notz auf der Platte bei Zürich; aber die Bestätigung fehlt, und diese zweite Begegnung ist auch schon darum unwahrscheinlich, weil Marget entschieden kein Verlangen trug, die heilige Juliane wiederzusehen. Ich lasse es dahingestellt, ob, wie geargwöhnt werden könnte, aus der kurz angebundenen Äußerung Margets über Frau von Krüdener etwas wie Konkurrenzneid hervorzuckte. Soviel ist gewiß, daß die vornehme Bußpredigerin der Tochter des Judenschießers nicht imponiert hatte, und sehr stark zu vermuten steht, daß Marget es der großen Dame geschwind abgesehen, wie man sich anstellen müßte, um zu imponieren. Denn übereinstimmenden Nachrichten zufolge wußte sich das Bauernmädchen seit jener Zusammenkunft in Lottstetten ein vornehm-feierliches Air zu geben, welches in Verbindung mit einer schwermütig-sanften Salbung der Redeweise auf ihre Familie sowohl, als auf ihre übrigen bäuerlichen, schusterlichen und schneiderlichen Anhänger, ja sogar auf die erweckten Städter und Städterinnen ganz gewaltig wirkte. Sicher ist ferner, daß Marget gar wohl fühlte, sie müßte noch lernen, wenn sie das bereits erlangte Ansehen behaupten wolle. Und sie lernte wirklich. Ich habe, indem ich dieses schreibe, eine Anzahl ihrer Briefe im Original vor mir liegen. W. A. I, 77–88. So lernte zu jener Zeit kein Bauernmädchen in der Schule schreiben. Die Handschrift ist fest, deutlich und sogar nicht ohne Zierlichkeit. Die Orthographie ist für ein Bauernmädchen bewunderungswürdig, obzwar schwankend. Ein starkes Gefühl ringt mit dem sprachlichen Ausdruck und weiß natürlich nicht immer den richtigen zu treffen; aber oft ist der Stil markig und lebensvoll, und aus dem Wolkendunkel mystischer Phrasen schlägt mitunter ein Blitz der Leidenschaft. Häufig freilich sinkt der aufgespannte Ton zu völligem Blödsinn herab, wie ja überhaupt das ganze Wesen der Heiligen von Wildisbuch als eine wunderlichste Mischung von Genialität und Kretinismus sich darstellt. Rechnet man aber zu den angeborenen und erworbenen Gaben Margets noch ihr geschmeidiges Gebaren, einen gewissen Takt, Schliff und Schick, sich in die Leute rasch zu finden und sie da zu fassen, wo sie zu fassen waren, rechnet man endlich dazu noch eine Beredsamkeit, von welcher die arme Ursula Kündig sagte: »Sie wußte alles, was sie zu uns sprach, mit solcher Wohlredenheit vorzutragen und uns so dringend zu ermahnen, sie stellte jeden aufsteigenden Zweifel mit solcher Heftigkeit als eine Sünde vor, die uns immer auf dem Herzen lasten würde, daß sie zuletzt sicher sein konnte, bei allen ohne Ausnahme einen unerschütterlichen Glauben an ihre Aussagen zu finden« – rechnet man das alles zusammen, so begreift sich's, daß unserer wackerer Pfarrherr drüben in Trüllikon vergebens rationalistische Zornwolken aus seiner Pfeife paffte, vergebens wehrte, warnte und wetterte, vergebens den Wildisbucher Schwarmgeistern prophezeite, »ihrer würden als Wahnsinniger und Verrückter noch Fesseln und Bande warten oder vielleicht würde aus ihrem Beginnen gar noch Entsetzlicheres entstehen«. W. A. I, 34. Du hast richtig prophezeit, alter Herr. Doch wer kann eine Lawine aufhalten in ihrem Laufe? Die unaufhaltsamste aller Lawinen aber ist die menschliche Narrheit, wenn ein religiöser Wind sie zum Rollen bringt. »Wahr, aber nicht sehr neu,« brummt aus seiner kritischen Essigfabrik hervor mein Herr Doktor Sauerampfer. Ganz richtig, aber die alten Wahrheiten dürfen sich noch immer sehen lassen: sie sind noch so neu und blank wie vor Jahrtausenden, weil alle diese Zeiten her sehr geringe Nachfrage nach ihnen gewesen ist. Wohl, sei dem so. Wir unsererseits belauschen das Tagewerk unserer Heiligen in ihrem väterlichen Hause, ein Tagewerk, welches erst anhebt, wenn das der übrigen Hausgenossen vollendet ist. Die Haustüre ist verschlossen, die Fensterladen sind vorgeschoben. Um den großen Tisch in der südöstlichen Ecke der Stube hat sich die Familie versammelt. Von Örlingen ist Johannes Moser mit seiner Frau Magdalena und seinem Bruder Konrad herübergekommen, von Trüllikon Schwester Barbara, begleitet von einem Seelenfreund in Christo, dem Schneider Hablützel. Mitten unter den ländlichen Tschopen und Jüppen machen sich auch städtische Anzüge bemerkbar, denn etliche Brüder und Schwestern im Herrn sind von Schaffhausen durch die Kohlfirst heraufgewandert, begierig aus dem Brunnen des Heils zu trinken, welcher in Wildisbuch aufgegraben worden. Die Erbauungsstunde der stillen Gemeinde beginnt. Das »Psalterspiel« wird aufgeschlagen und daraus gemeinschaftlich ein geistlich Lied gesungen, möglichst durch die Nase, versteht sich, denn das gehört dazu. Wenn wir recht hinhorchen, erkennen wir das berühmte »Wundenlied«, worin es heißt: »Des wunden Kreuzgotts Bundesblut, Die Wunden-Wunden-Wundenflut, Ihr Wunden, ja, ihr Wunden Macht Wunden-Wunden-Wundenmut Und Wunden, Herzenswunden, Wunden! Geißelwunden, Dornenwunden! Nagelschrunden, Speerschlitzwunden! Grüß euch Gott, ihr Wunden!« Nachdem die Nasallaute dieses erwecklichen Singsangs an der Stubendecke verzittert sind, setzt sich die Marget hinter die große alte Hausbibel, um ein oder das andere Kapitel aus dem Jesaia, Ezechiel oder der Offenbarung Johannis vorzulesen und auszulegen. Ihre Haltung ist gesammelt, ihre Miene feierlich, ihre Augen beherrschen den ganzen Kreis, und mit tönender Stimme bringt sie in fließender Sprache vor, was der Geist ihr eingibt. Ach, daß wir unsererseits zu profan sind, diese Exegese zu verstehen! Wir hören zwar viel von Schalen des Zorns, welche ausgegossen werden, vom Tier, das aus dem Abgrund gestiegen, vom himmlischen Opferlamm und dergleichen geheimnisvollen Dingen mehr, die »kein Verstand der Verständigen sieht«, aber wir wissen nichts damit anzufangen. Den erweckten Zuhörern dagegen sind diese Mysterien vertraut. Sie horchen mit Andacht, verhaltene Seufzer machen sich Luft, die Augen drehen sich verzückt deckenwärts, in einem Winkel von fünfundvierzig Graden. Der Vortrag der Prophetin fließt immer freier, fesselloser, mächtiger. Begeisterung hat sie ergriffen. Sie spricht in parabolisch-apokalyptischem Stile von dem mystischen Liebesbund zwischen Gott und der Menschenseele und bricht mit vor Eifer brennenden Wangen zum Schluß in die Strophe aus: »Der Braut ist nichts als Lust bewußt; Gott sieht an ihrer Schönheit Lust, Sie glänzet wie die Sonne; Man führt sie in den Brautpalast, Ins Freudenhaus, zur stolzen Rast, Zu ihres Königs Wonne. Klagen, Zagen, Sonnenhitze, Donnerblitze Sind verschwunden, Gottes Lamm hat überwunden!« Was sich die Marget wohl dabei dachte? Vielleicht hätte sie das ungeachtet ihrer »Wohlredenheit« weder sich selbst noch viel weniger uns klar machen können. Aber zu vermuten ist, daß schon damals die Vorstellung in ihr aufgekeimt sein mag, sie selber sei so eine Art Lamm Gottes, welches dahingegeben werden müßte als Opfer für die Sünden der Welt. Mit dem Keim einer solchen Vorstellung in der Brust, lernte denn auch des Judenschießers Tochter die Geschäfte dieser Welt anders ansehen, als sie bislang getan. Wir haben sie früher als ein Mädchen gefunden, das brav mit anfaßte, wo es zu arbeiten galt, und das sich im Haus und Feld wacker tummelte. Jetzt aber wurde sie aus einer Arbeiterin mehr und mehr eine müßiggängerische Tiftlerin. Es steht ja geschrieben, daß man nicht zwei Herren dienen könne. Marget legte diese Stelle ganz so aus wie unzählige Fromme vor und nach ihr. Die gemeinen Geschäfte des Lebens sollten das süße Nichtstun ihrer Beschaulichkeit nicht stören. Aber gerade dieses beschauliche Nichtstun mußte ihr zum Unheil werden: sie wurde dadurch aus der gesunden Bauernsphäre entschieden heraus- und in die kränklich-brütende Treibhausluft einer nebelnden Reflexion hineingestellt. Sie hatte Zeit, die Phantome, welche ihre irregeleitete Einbildungskraft heraufbeschworen hatte, großzuhätscheln, bis sie ihr über den Kopf wuchsen und sie erwürgten. Alter Judenschießer, es wäre für dich und alle die Deinigen gut gewesen, wenn du deinem »Christkindli« die Notwendigkeit, daß der Mensch arbeiten müsse, wenn er essen wolle, begreiflich gemacht hättest, nötigenfalls sogar mit schlagenden Argumenten. Oder aber, alter Peter, hättest du dafür sorgen sollen, deine Marget an den Mann zu bringen, an einen, der Mannes genug gewesen, das Mädchen aus dem Nebelland selbstgefälliger Phantasterei in die heilsame Realität der Hausmutterschaft herüberzurücken. Es würde ihr vielleicht doch zum Heil ausgeschlagen sein, wenn sie aus der angehenden »Seelenbraut« des Lammes beizeiten das Weib eines wackeren Jungen geworden wäre, der nicht gerade eine Lammesnatur zu besitzen brauchte, wohl aber einen hellen, frischen Blick in das Leben und eine kräftig zügelnde und leitende Hand. O, eine rechte und treue Hausmutter, durch welche der stille Segen der Fraulichkeit, der Arbeit, der Ordnung unter eines Mannes Dach kommt, ist heiliger als Myriaden von Heiligen, welchen die Legende so viel Außerordentliches anlügen muß, weil sie nie etwas Ordentliches getan haben. Es währte auch gar nicht lange, bis sich eine Wildisbucher Legende bildete, sozusagen ein Wortglorienschein um »das heilig' Margetli« her. Denn so hieß jetzt des Judenschießers jüngstes Kind schon das Wyland auf und ab. W. A. I, 28, 24. Die Wahrheit zu sagen, es sieht ganz so aus, als hätte ein Spottvogel diesen Namen zuerst gepfiffen; aber wie es mit berühmten Spottnamen der Welthistorie ergangen ist, so erging es auch hier. Was ein Spötter lachend aufgebracht, die Frommen adoptierten es allen Ernstes, und in den Konventikeln von Schaffhausen, Zürich und Basel ward fortan »das heilig' Margetli« mit geziemender Salbung genannt. Nicht ohne Grund. Denn schon hatte sich's, wie gesagt, die Poesie des Köhlerglaubens angelegen sein lassen, ihre Auserwählte zu glorifizieren. Schon stand es bei den Bekannten der heiligen Marget, zumal bei ihren vertrauteren, unentweglich fest, daß sie mit »ungewöhnlichen Kräften« ausgestattet sei. Schon hatte sie sich innerhalb des Kreises ihrer Satanologie eine Art von Diätetik und Heilkunde zurechtgemacht, welche nachmals, wie weltbekannt, die Kerner, Eschenmayer und Ringseis in »wissenschaftliche« Form brachten. Kein Zweifel, die Krankheiten sind »lediglich Werke des Satans«, denen man »geistig entgegenwirken muß«. Höchstens darf man nebenbei noch »Räucherungen mit Steinraute« anwenden. Hiermit, wie durch die Kraft ihres Gebetes, heilte Marget den Bruder und die Magd ihres Schwagers Moser von »heftigen Gliederschmerzen«. Natürlich war auch die Epilepsie der Margareta Jäggli ein teuflisches Besessensein, welchem unsere Heilige mit Erfolg »geistig« entgegenwirkte. Und wie den Menschen ließ sie ihre Wunderkraft auch dem Vieh zugute kommen. Insbesondere wird eine kranke Kuh namhaft gemacht, welche von der heiligen Marget fast im Handumdrehen gesund gebetet wurde. W. A. II, 20. Man sieht, es geschahen zu Wildisbuch bereits Zeichen und Wunder, die Saat des Schwindelhabers war in üppigem Wachstum begriffen. Fünftes Kapitel Das Licht auf dem Leuchter Wo immer ein Licht, will es leuchten, gleichviel ob es mit reinstem Jungfernwachs oder mit unsauberstem Talg, mit dreifach destilliertem Olivenöl oder mit ranzigem Schmer genährt werde. So auch das Licht der Heiligkeit, welches unter dem Dache des Judenschießers zu Wildisbuch brannte oder glostete. Seltsam, für die nächste Umgebung war dieses Licht unter den Scheffel, für die Ferne aber auf einen hohen Leuchter gestellt. Auch von der Prophetin von Wildisbuch galt nämlich, daß sie in der Heimat nichts galt. Wir wissen ja, wie der Judenschießer und die Seinigen zu der kleinen heimatlichen Bauerngemeinde standen. Das Verhältnis war ein fremdes, mehr oder weniger feindseliges sogar, und daraus erklärt sich denn auch die merkwürdige Tatsache, daß nicht ein einziger Bewohner von Wildisbuch, sei es Mann oder Weib, in das Verhängnis der Peterschen Familie verstrickt worden ist. Die guten Leute von Wildisbuch sahen mit maulaufsperrender Verwunderung, daß ihr abgeschiedenes Dörfchen zu einem Wallfahrtsort wurde; sie jedoch blieben der Krippe des neuen Heils mit hartnäckiger Verstockung fern. Die heilige Marget ihrerseits ließ cs sich wenig anfechten, daß ihr Nazareth ein ungläubiges Nazareth war und blieb. Konnte sie sich doch damit trösten, daß es für die Leute draußen zu einem Bethlehem geworden, vom Jahre 1818 an brieflich und persönlich von zahlreichen erweckungsdurstigen Seelen begrüßt und besucht. Zuschriften kamen von allen Ecken und Enden her. Einer der frommen Stadtherren von Schaffhausen schrieb ihr zum Jahresschluß von 1818: »Ehre sei Gott in den Höhen und Frieden auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen! Dies, liebe Freundin, ist der Gruß, womit ich Euch in den letzten Tagen dieses Jahres noch zu grüßen gedrungen bin. Und gottlob! daß mich der Herr gewürdigt hat, in diesen Lobgesang der Engel einzustimmen. Zwar bin ich, wie Ihr wohl wisset, noch nicht so weit, daß ich mit der Schwester Margareta jubeln und hüpfen könnte. Aber doch kann ich mich darüber freuen, daß Gott solches Lob in den Seinen bereitet hat.« Eine erweckte Stadtdame schrieb: »Sei mir gesegnet, Schwesterchen, im Lande der stillen Ewigkeit. O, wie wirst Du Dich mit mir freuen, daß wieder eins gerettet ist in die Feste Zions und des Heils! Du mußtest vom Herrn gesandt kommen, teuerste Schwester, meiner Sehnsucht das verborgene einfältige Pförtchen zu eröffnen in das Land der langgewünschten Ruhe.« Sogar in katholische Regionen hinein schien das Licht von Wildisbuch. Ein katholischer Priester begrüßte die Heilige mit den Worten: »In dem teuersten Namen Jesu Immanuel, vorzüglich teure Schwester und Freundin!« Es ließe sich aus ähnlichen Zuschriften ein ganzes Register von salbungsvoll-zärtlichen Ausdrücken zusammenstellen, womit die Tochter des Judenschießers überhäuft wurde. Und dann die Wallfahrer, die von allen Seiten her kamen! Bauern und Bäuerinnen in Tschopen und Jüppen von Zwillich, aber auch Herren und Damen in Fräcken und Suwarowstiefeln, in Seidenkleidern und Spitzen. Oft – sagte mir mein alter Gemeindepräsident – war der Platz vor des Judenschießers Haus voll von den Rossen und Wagen der fürnehmen Leute, die sich drinnen in der niedrigen Stube von dem heiligen Margetli erbauen und erwecken ließen. Ja, das Licht stand auf dem Leuchter. Erinnert sich der geneigte Leser dessen, was ich über die Weihrauchskrankheit gesagt? Wohl, diese Krankheit kam auch über das arme, verstörte Bauernkind von Wildisbuch, und wir finden nicht, daß der Geist ihr gesagt, welches Kraut dagegen gewachsen sei. Ein Geist allerdings war jetzt in der Marget tätig und wurde, von den Huldigungen, in denen sie ordentlich schwamm, großgefüttert, mehr und mehr über sie mächtig: der Geist des Größenwahns. Der ekelhafte Brodem der Schmeichelei, welcher die Vorzimmer und Kabinette der Großen dieser Welt zu verpesten pflegt, erfüllte auch das enge Bauernhaus zu Wildisbuch, und unsere Heilige hatte ebenfalls ihre Schranzen und Fartcatchers. Genau in dem Verhältnis aber, in welchem der betäubende Weihrauchnebel um sie her sich verdichtete, nahmen ihre visionären Einbildungen eine immer hochmütigere Gestalt an. Schon wurde sie, wie nachmals ihre glaubwürdigsten Anhänger, insbesondere die beklagenswerte Ursula Kündig, vor Gericht aussagten, der erhabensten Gesichte gewürdigt. So ward sie einmal im Traume vor den Thron Gottes entrückt. Der war von Engeln, Patriarchen, den zwölf Aposteln und andern Heiligen umgeben. Gott ließ die Aufforderung an sie, die Marget, ergehen, Christum abermals in ihr leiden zu lassen, wogegen zwar die Apostel Einwürfe erhoben, die jedoch zurückgewiesen wurden, Marget sah auch, daß die Stelle zwischen Gottvater und dem Heiligen Geist, welche Gott der Sohn hätte einnehmen sollen, leer war, und auf ihre Frage nach der Ursache hiervon wurde sie belehrt, Gott der Sohn sei dermalen in ihr, um mit ihr zu leben, zu leiden und zu sterben, und werde so lange in ihr bleiben, bis sie selbst in den Himmel aufgenommen würde. Hierauf ward sie auch in die Holle entrückt, deren Eingang ihr die Teufel vergebens zu verwehren suchten. Hier erblickte sie neben vielen Tausenden verdammter Seelen auch die des Verräters Judas von Karioth und es ward ihr die Offenbarung, auch diese würde sie erlösen. Einmal so weit, genügte es ihr nicht mehr, der Lieblingsjüngerin Ursula zu erklären, daß nicht nur Engel, sondern Christus selbst ihr häufig erschienen, letzterer ein zweischneidig Schwert in der Hand tragend; ja, daß ihr derselbe an Festtagen eigenhändig das Abendmahlsbrot und den Abendmahlswein darreiche. W. A, II, 32. Nein, sie war jetzt aus einer vom Heiland also Begnadeten zur Heilandin selbst geworden. Sie offenbarte der armen Ursula, der Sohn Gottes habe in ihr abermalen Menschengestalt angenommen; in ihr und durch sie müsse er den Satan fesseln. W. A. II, 82. Zu Beweisen dieser erhabenen Sendung mußten dann Erzählungen von Visionen dienen, wie wir vorhin eine zur Probe mitgeteilt haben. Falls eine dieser Erzählungen unserm pfarrherrlichen Rationalisten von Trüllikon zu Ohren kam, so hat er sie zweifelsohne für ebenso alberne als absichtliche Lügen erklärt. Und Lügen waren es, ungeheuerlich aufgebauschte Lügen, keine Frage. Aber es muß gesagt werden, die heilige Lügnerin belog zunächst und am meisten nur sich selbst. An den Brüsten der, wie wir sahen, wohlgenährten Amme Eitelkeit hatte sich der fromme Wahn Margets zu riesenhafter Hoffart großgesogen. Die jugendliche Phantasterei des »Christkindli« hatte sich zur fixen Idee kristallisiert. Marget glaubte, was sie sagte. Unangreifbar in der Burg ihres Wahns hielt sie sich alles Ernstes für den wieder fleischgewordenen Christus, selbst dann noch, als ihr etwas passierte, was einem Heiland unmöglich passieren konnte und einer Heilandin schlechterdings nicht passieren durfte. Doch wir verlassen jetzt wiederum für eine kurze Weile die Talmulde in der Kohlfirst, um uns über Trüllikon und Andelfingen nach Winterthur zu wenden. Von hier bringt uns ein nach Zürich gehender Eisenbahnzug binnen zehn Minuten in das Kempttal, wo wir aussteigen und eine Straße einschlagen, welche längs der kleinen, munter rauschenden Kempt linkshin zwischen waldigen Hügeln fortläuft. Bald öffnet sich der Talgrund und wir erblicken das Pfarrdorf Illnau, dessen weit auseinandergezogene Häusergruppen die beiden Weiler Unter-Illnau und Ober-Illnau bilden. Hier ist der Schauplatz einer ganzen Reihe von wichtigen Szenen unseres Passionsspiels, welches sich um die aristotelische Einheit des Ortes wenig kümmert. In Ober-Illnau besaß der Schuster Jakob Morf ein kleines Haus und Heimwesen, welches er mit seiner Frau Regula bewohnte und bebaute. Im Jahre 1789 geboren, stand er zur Zeit, von welcher wir handeln, in seinem dreißigsten Jahre. Ein »braver, sittsamer Mann, der einen durchaus ehrbaren Wandel führte«. Nach dem Zeugnis seines Seelsorgers, des Pfarrers Keller von Illnau. W. A. I, 35. Eine untersetzte Figur, welcher der runde Melonenkopf mit dem etwas mopsig flachen Gesicht tief in den breiten Schultern saß. Nicht eben gar liebenswürdig anzusehen, rechne ich, auch in der Blüte seiner Mannesjahre nicht; aber was ist liebenswürdig? Ich fürchte, bis die Gelehrten darüber vollkommen einig werden, wird jeder und jede wie bislang fortfahren, über Liebenswürdigkeit eigenste Ansichten zu haben. Wir werden es bald erleben, daß unser Schuster von Illnau liebenswürdig gefunden wurde und zwar nicht allein von seiner guten Frau Regula. Eine gute Frau in Wahrheit, eine beste! Sie ist in den frommen Knäuel, welchen wir auseinanderwickeln, als ein reinster Goldfaden versponnen, der seinerzeit schon hervorglänzen wird. Besagter Jakob Mors machte sich, wenn er auf seinem Schusterschemel saß, Gedanken, die er besser ungemacht gelassen hätte. Ich vermute, seine Schuhe und Stiefeln würden dadurch eher gewonnen als verloren haben, und wenn je einmal das »Schuster, bleib bei deinem Leisten!« gerechtfertigt war, so war es bei unserem armen, dickblütigen Jakob mit dem schwammigen, gelblichen Gesicht, dessen treuherzige Augen von der Ahle und dem Pechdraht nur allzuoft hinweg und in die schwarze Kluft hinabsahen, aus welcher die tollsten Dogmen emporgequalmt sind. Aus dieser Kluft nämlich war eine Ratte herauf und dem grübelnden Manne in den Kopf gesprungen, die alte ehrwürdige, wohlgemästete augustinische Ratte von der »Gnadenwahl« und der »Zornwahl«. Gehöre ich zu den von Ewigkeit her zur Seligkeit oder aber zu den von Ewigkeit her zur Verdammnis Bestimmten? Eine häklige Frage und sicherlich ganz geeignet, die Stirne eines dicken Schusterschädels mit hellen Angstschweißtropfen zu bedecken. Ob wohl der große Bischof von Hippo nicht stutzig geworden wäre, falls er die unabsehbare Reihe von Unglücklichen und Verrückten, welche seine Prädestinationslehre machen sollte, im Geiste hätte erblicken können? Kaum. Diese Kirchenväter vom Schlage des Augustinus waren so starr und unnahbar wie ihr alter, jetzt mit dem christlichen Liebesmäntelchen notdürftig behangener Moloch-Schaddai. Und dann muß man, um gerecht zu sein, auch nicht vergessen, daß eine so todkranke Zeit, wie das vierte und das fünfte Jahrhundert, Ärzte nötig hatte, die sich keinen Augenblick besannen, da, wo Medikamente nicht halfen, das Eisen und, wo dieses unzulänglich sich erwies, das Feuer in Anwendung zu bringen. Sie unternahmen es in ihrer Weise, auf die uralte und ewigjunge Faustfrage des Daseins eine Antwort zu finden und zu geben. Jeder nachdenkliche Mensch versuchte das in seiner Art. Auch der Jakob Morf versuchte es, dahinten in seinem stillen Kempttal, auf welches die alte Kyburg ernst herniedersieht. War von Jugend auf ein frommer Grübler gewesen, der Jakob, hatte sich dann in Mannesjahren »oft sehr in seinem Gemüte angegriffen gefühlt«, war »von großen Bangigkeiten heimgesucht« und so nervös zitterig worden, so gereizt, daß ihm jedes Geräusch peinlich war und er das Surren des Spinnrades seiner Regula nicht hören konnte, ohne Schmerzen zu empfinden. Zur Zeit, wo sein Zustand so peinlich geworden, bildete sich in Unter-Illnau ein Filial der Herrnhutergemeinde und zwar unter den Auspizien des Pfarrherrn selbst. Hier suchte Morf Linderung und Trost. Wie es schien, nicht ohne Erfolg. Das furchtbare Phantasma von der »Zornwahl«, d. h. von der Vorherbestimmung zur ewigen Verdammnis, erblich in seiner Seele oder schien zu erbleichen vor der Lehre von der Versöhnung mit Gott durch Christus. In Wahrheit wechselte die Selbstquälerei des Armen nur die Tonart. Er war eines Tages auf die biblische Stelle gestoßen, derzufolge »diejenigen, welche Christus angehören wollen, ihr Fleisch und ihr Gelüste kreuzigen müssen«, und hieran blieb seine Grübelei kleben wie an einer Leimrute. Bedauernswerter Schuster von Illnau! Auch durch dein Bewußtsein, wie durch das der ganzen modernen Welt, ging der unglückselige Riß zwischen Natur und Geist. Er drückte das so aus (hier aber fühlt sich der Erzähler, wie im Verlaufe unserer Geschichte noch mehrmals der Fall sein wird, verpflichtet, die bekannte englische Gerichtsformel: »Damen mit prüden Ohren entfernen sich!« in Anwendung zu bringen oder mit dem Baron von Münchhausen beim Immermann zu sagen: »Fräulein Emerentia, ich glaube, man hat Sie draußen gerufen!«): »Ich geriet in einen beständigen Kampf mit meiner Natur und meinen ehelichen Pflichten, so daß, wenn ich diese einmal erfüllt hatte, mir es zur Sünde geworden ist und ich ganze Nächte unter den größten Peinigungen verbrachte. Tag und Nacht sah ich dann Christum vor Augen, wie er am Kreuze starb. Wo immer ich stand und ging, erblickte ich ihn so und flehte ihn um Linderung meiner Leiden an.« W. A, II, 6. – Man sieht, die herrnhutsche Blutopfertheorie hatte ihre Wirkung auf Morf getan. Zum Unglück für den armen Mann gelangte unser Jakobus Ganz-Qualm auf einem seiner missionärischen Schleichgänge zur Herbstzeit 1819 nach Illnau, wo er bei Morfs Nachbar, dem Jakob Rüegg, Herberge nahm. Da begann der Schlammvulkan nach Gewohnheit zu arbeiten, und eine Einladung von seiten seines Nachbars machte unsern Morf zum Zeugen des erwecklichen Ausbruchs. Die Folgen waren drastisch: als Ganz seinen Pilgerstab weitergesetzt hatte, fand sich Morf von dem hinterlassenen Qualm völlig betäubt. Ganz war nicht der Mann, eine Seele, welche sich einmal in das Netz seiner Mystik verfangen, wieder loszulassen. Er sorgte von fernher, die Benebelung des armen Schusters zu unterhalten. Einer seiner häufigen Briefe W. A. I, 77–80 (Briefmappe). an Morf brachte diesen auch zuerst mit dem heiligen Margetli in Verbindung. Unterm 26. November 1819 schrieb Ganz: »Mein Lieber! Gottlob! ich sehe, daß Dich Gott mit seiner Liebe magnetisch anzieht und Dich verfolget mit seiner Liebe, um Dich in das ewige Nichts zu versenken.« (Das »ewige Nichts« spielt in der Ganz-Qualmschen Theologie keine geringere Rolle als das »Nirwana« in der atheistischen Theologie des Buddhismus.) »O, mein teurer Morf, Du mußt, Du mußt in den ewigen Urgrund hineinsinken; es muß in dieses grenzenlose, weite Land der Ewigkeit hinabgesunken werden; es hilft da alles nichts! O, was habe ich auf meiner jetzigen Reise erfahren! Ich muß nur staunen und abermals staunen. Auch die Margareta Peter ist von dem stillen Gott der Ewigkeit verschlungen worden und wohnet im Lande des Nichts, wo Gott alles in allem ist. Wir müssen am Ende alle in den stillen Grund, da treffen wir uns an und sehen dann, daß wir auf ewig am rechten Orte sind. Seelen, die schon in diesem Leben zu ihrem ursprünglichen Glück gelangen sollen, haben keine Ruhe, bis sie im stillen Meer der ewigen Liebe ruhen. O, Lieber, eile! Der Engel das Wasser im Teiche Bethesda bewegt, steige eiligst hinein!« Nun wohl, der arme Morf stieg wirklich eiligst hinein in den qualmenden Teich der Ganzschen Phrasen, daß ihm der Dampf über dem Kopfe zusammenschlug. Ganz seinerseits war nicht faul, immer neuen Briefqualm zuzugießen. Im Dezember 1819 schrieb er: »Selig ist der, in dessen Herz ein immerwährendes Amen aufsteigt. Verstehst Du mich, mein Lieber?« Wir zweifeln, ob der gequälte Schuster dieses »Amen« verstanden habe oder die weiteren Mystizismen seines Korrespondenten vom »Versinken in das Nichts«, vom »Abschlachten des alten Adam« und ähnlichen heiligen kunterbunten Qualm und Salm. Der schleichende Missionär ließ es sich freilich angelegen sein, insbesondere die Forderung, den alten Adam abzuschlachten, zu kommentieren. Hatte er doch schlau die Handhabe herausgefunden, an welcher Morf am stärksten zu fassen war. »Mein Liebster« – schrieb er im Jahre 1820 – »auch die Kreatur soll frei werden vom Dienste der Eitelkeit und des vergänglichen Wesens. Ich sage Dir« – Emerentia, man hat Sie abermalen draußen gerufen! – »daß der fleischliche Umgang nach tierischer Weise ganz und gar nicht von Gott ist. Die fleischliche Beiwohnung ist eine höchst traurige Folge unseres Sündenfalls, und wer wieder zu seinem ersten ursprünglichen paradiesischen Glück gelangen will, der muß notwendig den alten Saumenschen ausziehen mit seinen Werken und den neuen Menschen anziehen. Du hast nichts dabei zu tun als Dich von neuem dem Herrn aufzuopfern und hinzugeben, daß er diesen wüsten alten Adam töten und zum Brandopfer schlachten und ihn ganz und gar abtun kann.« So geht die ekelhafte naturwidrige Litanei noch lange fort. Ist es doch zu allen Zeiten das Bemühen der Schwarmgeister und Dunkler gewesen, die Natur zu verdammen, deren ewige Gesetze aller Schwarmgeisterei und Dunkelei ein fortwährendes Dementi geben. Daß die wahre Sittlichkeit auf die Achtung vor der Natur gegründet sein müsse, daß die Ehe das sittliche Fundament der Gesellschaft sei, davon hatten und haben die Fanatiker keine Ahnung. Wohin aber die Verwerfung der Grundgesetze alles Daseins führe, die Geschichte des armen Morf wird es zeigen. Indem er auf Eingebung eines konfusen Haselanten hin zu vermeiden trachtete, was sein Recht und seine Pflicht war, kam er dazu, seine Pflicht gröblich zu verletzen. Wodurch er ein Heiliger zu werden wähnte, das machte ihn zum Sünder. Man trotzt der Natur nicht ungestraft: sie weiß sich an ihren Verächtern zu rächen, sie darf nicht mißachtet, sie kann nicht aufgehoben werden. Sie will aber gezügelt sein. Das soll das kann der Mensch. Indem er die Natur zügelt und leitet, adelt er sie und erhebt das Naturgesetz zum Sittengesetz. Diese harmonische Ineinsbildung von Natur und Geist ist, scheint mir, ein weiseres Unternehmen als die Grübelei über das Rätsel unseres Daseins. Noch mehr, sie ist die einzige mögliche Lösung dieses Rätsels. Denn eher fürwahr geht ein Kamel durch ein Nadelöhr und ein Protz ins Himmelreich ein, als daß der Mensch über den Menschen hinauskönnte. Was er soll, was er kann, ist, ein ganzer, rechter, ein humaner Mensch sein. Das übrige ist a priori oder a posteriori konstruierter Wind, der »über Stoppeln pfeift«. Sechstes Kapitel. Fromme Fahrten. Inzwischen hatte es das weithinscheinende Licht von Wildisbuch zu einförmig gefunden, daselbst fortwährend still auf dem Leuchter zu stehen. Die Marget, seit lange schon aus dem Kreise früherer bäuerischer Tätigkeit herausgetreten, fühlte sich in ihrem heiligen Müßiggange von der Unruhe der Langeweile ergriffen. Sie empfand einen Zug nach der Ferne und gab demselben um so williger nach, als von seiten verschwisterter Seelen im Herrn häufig Einladungen an sie ergingen, die Behausungen ihrer Freunde und Freundinnen in Christo durch ihre Einkehr zu begnaden. Und hatte nicht auch der Heiland, hatten nicht auch die Apostel das Land wandernd durchmessen, um auszubreiten das Heil? Demzufolge trat die heilige Marget ihre Pilgerschaft und das Amt einer Reisepredigerin an. Zur Freude derer, bei welchen sie einkehrte, aber zum Leide derer, welche bei ihren Wallfahrten nach Wildisbuch die Heilige gar häufig abwesend fanden. Zumeist wanderte sie allein ihre Straße, zuweilen jedoch ward sie von ihrer Schwester Elisabeth, welche sich womöglich noch sklavischer als die übrigen Verwandten ihr untergeordnet hatte, oder von der Ursula Kündig, als ihrem Johannes in der Jüppe, begleitet. Die frommen Ausflüge begannen mit dem Jahre 1820 und gingen zuerst ins Flaachtal, dann nach Zürich und von da aufwärts in die Ortschaften an den herrlichen Ufern des Sees, dessen Schönheit Klopstock und Goethe gefeiert haben. Halbverwischte Spuren von der Anwesenheit und dem Wirken der Heiligen unter den Erweckten finden sich in Zollikon, Küßnach, Meilen, Wädenschweil und dem auf dem Albis gelegenen Bergdorf Im Hirzel. An letzterem Orte wurde eine fromme weibliche Seele gar höchlich »ergriffen« von dem durch das heilige Gretchen »gepredigten so einfältigen Wege des Stillestehens und Aufhörens«. Merkst du, geneigter Leser, daß der Marget das »ewige Nichts«, das buddhistische Nirwana des Schlammvulkans von Embrach auch schon geläufig geworden? In der Tat war, wie bereits angedeutet wurde, Jakobus Ganz-Qualm im vorhergehenden Jahre mit unserer Heiligen in briefliche Beziehung getreten. Nach vollbrachter Mission am Zürichsee und in der Stadt Zürich selbst – von den Verbindungen Margets mit den frommen Herren und Damen der Stadt Zürich sind die Akten beharrlich mäuschenstill – lenkte sie im Mai 1820 ihren Pilgerstab nach Illnau, wo sich zu Ehren der sehnlich Erwarteten die Mitglieder der dortigen Lämmleinbruderschaft im Hause des Jakob Rüegg versammelten. Hier nun sah unser armer, wie wir wissen, ganzbequalmter Jakob Morf die Heilige zum erstenmal und hörte sie predigen. Sie hat sich bei dieser ersten Begegnung nicht im besonderen mit ihm unterredet, und er will auch keinen ungewöhnlichen Eindruck von ihrer Erscheinung und ihrem Auftreten empfangen haben. Verhör des Jakob Morf am 11. April 1823. W. A. II, 6. Dem scheint aber doch nicht ganz so gewesen zu sein. Denn als er einige Wochen später nach Schaffhausen ging, Leder einzukaufen, zog es ihn seitwärts nach Wildisbuch. Die Heilige mag sich aber damals nur ganz oberflächlich mit dem heilsuchenden Schuster beschäftigt haben, was schon daraus zu erklären sein möchte, daß gerade zu jener Zeit der Verkehr mit Ganz sie in Spannung und Aufregung hielt. Im Sommer von 1820 besuchte der weiland Schneider von Einbrach die Brüder und Schwestern im Herrn zu Schaffhausen und qualmte von da eines Tages durch die Kohlfirst hinauf gen Wildisbuch. Selbstverständlich konnte die erste Begegnung des Heiligen und der Heiligen nicht ohne etzliches Wunderbare vor sich gehen. Die Legende berichtet nämlich: »Da der heilige Jakobus Ganz sich dem Peterschen Hause von der einen Seite näherte, kam die heilige Marget, von einem Gang ins Feld heimkehrend, von der andern Seite auf dasselbe zu. Augenblicklich ward ihr eine Offenbarung zuteil, wer der hohe Fremdling sei, und entzückt über das Heil, welches ihr durch sein Kommen widerfuhr, führte sie ihn hinein.« Leider weiß weder die Legende noch wissen die Akten weitere Einzelnheiten über den Verkehr der beiden heiligen Personen anzugeben. Gewiß ist nur, weil durch vorhandene Briefe bezeugt, daß dieser Verkehr sehr innig gewesen sein muß. Bald jedoch griff das Verhältnis zu Morf immer bedeutender und bestimmender in das Wollen und Wirken unserer Heiligen ein. Im September genannten Jahres machte sich nämlich Morf zum zweitenmal nach Wildisbuch auf, wo er diesmal eine zahlreiche Versammlung von Wallfahrern vorfand. Nach beschlossenem Konventikel wurde er eingeladen, im Peterschen Hause zu übernachten, und am folgenden Morgen würdigte ihn Marget eines einläßlicheren Gespräches. Sie erzählte ihm von ihren eigenen früheren Leiden und Kämpfen, so daß ihm war, »als spräche sie aus seinem eigenen Herzen«. Er mußte weinen »vor Freude, daß es noch Menschen gäbe, welche Empfindungen haben wie er«. Damit war denn die nähere Bekanntschaft der beiden gemacht. Noch vor Jahresschluß sollte dieser Seelenbund fester und traulicher werden. Marget war durch eine Tochter des Herrn Kaspar Notz auf der Platte bei Zürich mit diesem bekannt geworden. Im November 1820 erschien sie auf der Platte, dem Hausherrn erklärend, »sie habe einen Zug zu ihm gehabt und wünsche sich einige Zeit in seinem Hause aufzuhalten«. Der erweckte Mann hatte selbstverständlich nichts dagegen einzuwenden. Die Heilige unternahm von der Platte aus verschiedene Missionszüge, »wohin eben der Herr sie führte«. Deposition des Hrn. K. Notz. W. A. II, 37. Im Hause ihres Gastfreundes erhielt sie auch Besuche von verschiedenen heilsbegierigen Personen. Überhaupt war das Haus zur Platte ein liebster Versammlungsort der Erweckten, seit Juliane von Krüdener dasselbe im Jahre 1817 durch ihre Anwesenheit dazu geweiht hatte. Die Kinder der Welt gaben dem frommen Hause freilich einen andern, einen wenig erbaulichen Namen. Unter den Besuchern, welche durch Marget hier mehr und mehr für das Reich Gottes gewonnen wurden, tat sich der in Zürich in Arbeit stehende Strählmachergesell (Kammachergesell) Stutz aus Liestal hervor. Unsere Heilige scheint ihn ausgezeichnet zu haben, und weil, wie bekannt, »die Welt das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen liebt«, so gereichte das ihrem Rufe zum Schaden. Böse Jungen wollten wissen, Margets Verhältnis zu dem erweckten Strählmacher sei vertraulicher gewesen, als ihrer Heiligkeit zuträglich; der Strählmacher habe »ganze Nächte mit ihr verbracht und mit ihr allerlei schwärmerischen Unfug getrieben«. Deposition des Hrn. Di. Graf von Rafz. W. A. II, 26 b. Herr Notz widersprach diesem standhaft, angebend, er sei überzeugt, der Strählmacher sei »nur aus frommen Absichten zu der Marget gekommen«. Fromme Absichten haben freilich schon häufig zu sehr unfrommem Tun geführt, besonders nächtlicherweile. Indessen wollen wir dies im beregten Falle dahingestellt sein lassen. Gewiß ist, daß der arme Jakob Mors, welcher in der Heiligen von Wildisbuch endlich eine Trösterin seiner gequälten Seele gefunden zu haben glaubte, in wirklich frommer Absicht im Dezember nach der Platte kam, wo Marget noch immer weilte. Er wollte am nämlichen Tage wieder heim, aber die Heilige hieß ihn bei ihr bleiben, »weil seine Seele, die lange genug gepeinigt worden, einmal wieder erlöst werden und ein neuer Mensch aus ihm entstehen müsse«. So blieb er denn sechs Tage lang. Während dieser Zeit habe die Marget »gewaltig gekämpft«, worauf sie ihm angezeigt, »sein Geist sei nun erlöst«. Zugleich »sei auf eine wunderbare Weise eine unaussprechliche Liebe aus ihrem Herzen in das seinige übergegangen«. Ihm sei dabei der Spruch zu Sinne gekommen: »Wer an mich glaubt, aus dessen Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen«. Denn »solche geistige Ströme seien von ihr in ihn übergegangen«. Zur Bekräftigung dieser Angaben fügte Morf noch hinzu, auch andere Personen, die in genauer Bekanntschaft mit der Marget gestanden, würden bezeugen, daß sie »eine wunderbare Kraft besessen habe, die Herzen der Menschen durch Liebe an sich zu ziehen«. W. A. II, 6. Die gute Regula Morf, nicht angenehm verwundert über das lange Wegbleiben ihres Mannes von Hause, kam, ihn heimzuholen. Mit einer vermutlich nicht ganz freundlichen Miene in das Haus zur Platte getreten, gab sich die Gute, als er ihr den Grund seines Fortbleibens erklärt hatte, mit der Hoffnung zufrieden, daß »es nun mit ihm bessern werde«. Die arme Regula sollte bald genug erfahren, daß es mit der Besserung nicht viel auf sich hätte. Ende Januars 1821 kehrte die Marget über Illnau und Agasul nach Hause zurück. Am letztgenannten Orte zog sie damals die Margareta Jäggli so an sich, daß ihr dieselbe bald nach Wildisbuch folgte. Ihr Seelenfreund Morf geleitete die Heilige in ihr väterliches Haus, wo sie ihn wiederum volle zehn Tage zurückhielt, »um durch Christum geistig auf ihn zu wirken, damit er von seinen Seelenleben befreit werde«. Die »Erlösung« auf der Platte war demnach keine Erlösung gewesen. Als sich Morf endlich losriß, gab ihm Marget bis nach Andelfingen das Geleite, lud ihn zu baldigem Wiederbesuch ein und versprach, ihm häufig zu schreiben, was sie auch wirklich tat. Jakob, Jakob, ich fürchte, du bist auf einem bedenklichen Wege! Nimm dich in acht, daß aus der gehofften Befreiung nicht eine Bestrickung werde. Oder ist eine solche schon daraus geworden? Es ist Grund vorhanden, das zu vermuten. Ja, ja, man weiß, wo das warmbrüderliche und brünstigschwesterliche Getändel mit der »geistigen Liebe« gemeiniglich – landesmundartig zu sprechen – »ausländet«. Natur bleibt Natur, und sie spielt gerade solchen, die sich über sie erhaben dünken, bei Gelegenheit gar gern einen Possen. Geh nicht mehr nach Wildisbuch, Jakob. Ich sage dir: das heilig' Margetli ist in dich verliebt! Mit vielem »geistigem« Brimborium allerdings, aber am Ende aller Enden doch ganz ordinärerweise in dich verliebt. Der Jakob jedoch hörte keine warnende Stimme oder merkte wenigstens nicht darauf. Möglich, wahrscheinlich sogar, daß seine Neigung zur Marget bis dahin wirklich eine rein spirituelle geblieben war. Die Idee, daß die Heilige von Wildisbuch eine Heilandin, seine Heilandin sei, war dem armen, durch Ganz-Qualm in das Labyrinth des höheren Blödsinns eingeführten Manne zur fixen geworden. Von dieser Seite her sollte er Verführung zu befahren haben? Von seiten der Heiligen, welche die Donnerkeile ihrer Beredsamkeit namentlich gegen die »Wollust« W. A. II, 37. zu schleudern pflegte? Unmöglich! So ging er denn zu Ostern 1821 wieder nach Wildisbuch und verbrachte die Feiertage daselbst. Es hätte ihm aber doch auffallen sollen, daß die heilige Marget nicht mehr ohne ihn sein und leben konnte. Denn schon zum Himmelfahrtsfest mußte er auf ihr Geheiß abermals zu ihr kommen. Kein Zweifel, unsere Heilige hätte in jenen Frühlingstagen singen können: »Im wunderschönen Monat Mai, Als alle Knospen sprangen, Da ist auch mir im Herzen Die Liebe aufgegangen.« Aber so sang sie nicht. Sie wußte ja nichts von »profanen« Dichtern. »Was weiß das eigentliche Volk von uns?« sagte in alten Tagen Faust-Goethe grämlich zu seinem Famulus Wagner-Eckermann, welcher von Wahrheits wegen hätte antworten müssen: »Exzellenz, blutwenig oder nichts.« Das ist ja eben der Jammer, daß das Volk, das »eigentliche« Volk keine Kenntnis, keine Ahnung hat von dem heiligen Strom der Schönheit, welchen unsere Goethe und Schiller durch die Welt ergossen haben. Sonst hätte es sich wohl schon vom molochistischen Seelenschmutz darin gereinigt. Aber freilich, ohne Vorbereitung müßte ihm so ein Bad mehr zum Unheil als zum Heil ausschlagen, und es steht zu vermuten, die nötige Vorbereitung werde noch Jahrhunderte dauern. Die Stunden der Weltgeschichtsuhr sind so ungeheuer lang, daß das längste Menschenleben kaum eine Sekunde füllt, und keine Ungeduld rückt den Zeiger vor. Es trieb und gor in der Marget, keine Frage. Die Heilige war zum simpeln Weibe geworden, d. h. sie war verliebt wie eine ganz gewöhnliche Evastochter. Die bäuerische Sinnlichkeit, durch den frommen Müßiggang noch mehr gestachelt, war in ihr erwacht, sehr erwacht. Aber sie war schon gewohnt, in einer Scheinwelt zu leben, und vermochte der Wahrheit und Wirklichkeit nicht mehr ins Angesicht zu sehen. So gaukelte sie sich denn auch ihre Leidenschaft für den armen mopsköpfigen Morf ins Übersinnliche hinüber und verquickte ihre Gefühle mit theosophischem Nonsens aus dem »Psalterspiel«, aus dem »Herzbüchlein« und aus dem »Geheimnis der Gottseligkeit«. Wie stupide Theologen, möcht' ich sagen, die Gitagovinda der Hebräer, das unter dem Namen des Hohenliedes bekannte glühende Liebesidyll zu einer frostigen kirchlichen Allegorie umzudeuten sich nicht entblödet haben, so log sich die Marget ihre natürliche Liebesglut zu einer übernatürlichen Flamme um, zu einem weiteren wesentlichen Ausfluß ihres heilandischen Wesens. Es ist mir sehr wahrscheinlich, daß unsere Heilige, als sie am Himmelfahrtstage von 1821 mit ihrem Seelenfreund aus Illnau durch die blühenden Fluren ihrer Heimat wandelte, zuerst die nachmals von ihr verkündigte Offenbarung erhalten habe, sie würde gemeinsam mit dem Jakob gen Himmel fahren. Sehr wahrscheinlich das! Denn die beiden waren mitsammen zur Hochwacht hinaufgestiegen, und ist das so ein Punkt, wo die mühsam verhaltene Zärtlichkeit einer Heiligen schon auf einen solchen Einfall kommen kann. Ein weniger wolkenwandlerisches Paar würde freilich, an so einem duftigen Himmelfahrtstage von der Hochwacht ob Wildisbuch ins Land ausblickend, sich begnügen, mit Hölty zu fühlen und zu singen: »O, wunderschön ist Gottes Erde und wert, darauf vergnügt zu sein,« Allein von Frommen und Heiligen müßt ihr ja keine naturgemäßen Empfindungen erwarten! Sie leben und weben in übersinnlichem Qualm, um dann mitten darin plötzlich von sinnlichsten – Zufällen überrascht zu werden. Wir werden eine derartige Überraschung mit anzusehen haben. Als der teure Jakob am dritten Tage nach der »Auffahrt« wieder heimgegangen, wühlte eine grenzenlose Unruhe in unserer Heiligen. Eine Epistel, die er ihr nach seiner Heimat zugehen ließ, minderte ihre Liebesunruhe nicht, sondern mehrte sie eher. Marget stieg die Halde hinan zur Hochwacht, nach der Gegend ausblickend, wo Illnau lag. Sie hätte mögen Jakobum mit ihren Blicken herbeibannen. Maßen sie aber trotz ihrer »Wunderkraft« das nicht vermochte, ging sie wieder bergabwärts heim, setzte sich hin und ergoß ihre Sehnsucht in folgendem Brief an Morf: »Mein geliebtes Kind! Dein lieber Brief freute mich sehr, welchen ich durch den l. Jakob von Trüllikon Richtig erhalten habe. Ach du mein liebes Kind! wie gerne wolte ich dir sagen wie es mir ergangen ist. sobald wir uns verabscheidet haben, so mußte ich auf die seiten gehen, wo mich Niemand sehen möchte, um meinem Herzen Luft zu machen. O du mein Herz ich kann dir nicht beschreiben, in welche – Tiefe Wehmuth ich verfallen bin, eine Stunde lang lag ich da. Ich möchte vor Herzenleid nicht mehr nach Hause gehen, sonder in diser Wüste Allein bleiben! in einer solchen Lage weiß ich nicht, daß ich Schon gewesen sei! so unnenbahre Leiden aller Art, so bedenkliche Schulen ich bis dahin immer durchmachen mußte. Aber auf eine solche Weise habe ich es noch nie erfahren. Ach wie ein Trauriger Schmerz ist doch das. Ach der vorige Abscheid und Abwesenheit war ein Schatten gegen diesmal. Ach warum bist du mir den so gar unbeschreiblich lieb. Warum liebt den die Liebe in mir dich so sehr! Den nächsten Freitag nach unserem Abscheid bin ich auf denselbigen berg gegangen und mußte den (dann) lang nach deiner Heimat Schauen, ich erkente darann das Schloß Kiburg und nachher bin ich Oft wieder in die nehmliche Liebeswehmuth verfallen, daß ich es faßt nicht mehr aushalten möchte.« – Bis hierher sprach das verliebte Margetli und zwar, wie man gestehen muß, ganz in der verliebten Ordnung Nun aber kommt das heilige Margetli und fährt fort: »Ach wann wird doch die Zeit kommen, wo Alles wird aufgelößt werden, wo die Liebe! kan ungestört und ungehindert lieben nach ihrem Lauf und Willen! und sich ergiesen kan nach ihrem ewigen Maase. Nach ihrem unbeschreiblichen Reichthum! O wie ist die Liebe noch so unbekant in den Seelen, wie wenige haben sie noch erfahren. Ach es ist die Liebe die allen verstand übersteigt. Da fällt einem, weiß der Himmel, unwillkürlich die lästerliche Parodie der bekannten Halmschen Definition der Liebe ein: »Zwei Seelen und – kein Gedanke, Zwei Köpfe und – kein Hirn.« Aber wie wenige noch sind aus dieser Liebe am Kreuze gebohren worden. O du Wunderbarer Stand! wie wenigen bist du bekannt! O du Wunderbare Liebe! du wirst nicht Satt mit lieben, im Glauben und in Gerechtigkeit! in ewigkeit vermältst du dich mit deinen Kindern! und wie mehr du sie liebst wie mehr wird ihr Hunger und Durst entzünt nach deiner Liebe, bis sie ganz in dieselbige eingezogen und in allen stücken darin Wachsen, an den der daß Haupt ist Christus! O du mein Herz, o du Kind der Liebe! Du bist ja aus Gott gebohren, der die Liebe ist. Darum kannst du nicht entwendt werden von der Liebe – mein geliebtes Kind! Deine dich ewig liebende Margarete Peter.« Wort- und Buchstabengetreu nach dem Original. W. A. Briefmappe, Nr. X. Als dieser vom »4. Mey 1821« datierte Brief nach Illnau gelangte, schüttelte die gute Regula Morf denn doch bedenklich den Kopf dazu. Sie hatte schon zu einer früheren Epistel des heiligen Gretchens an ihren Mann (dat. 15. April 1821) bedenklich den Kopf geschüttelt. Denn es hatte darin geheißen: »O wie ist die Liebe in mir so groß. O wie so unbeschreiblich, wie so gewaltiger und stärker als der Tod. O du mein liebes Kind! O wie lieb bist du mir doch! O wie 1000sendmall muß ich dich im geist an mein Herz drücken. Ach warum muß ich dich den auch so gar überaus lieben, mein geliebtes Kind?« Die Heilige scheint denn doch gefühlt zu haben, daß dies alles nicht so recht geistig und geistlich lautete; denn sie schrieb an den Rand des Briefes: »Diese Zeilen sind einzig (nur) für dich.« Morf jedoch teilte diesen Brief wie die übrigen seiner Ehefrau mit, und darin könnte doch wohl ein Beweis liegen, daß er sein Verhältnis zu der Marget noch immer arglos nahm, daß er sich sozusagen passiv darüber täuschte, während die Heilige ihrerseits hinsichtlich der Natur dieses Verhältnisses aktiv sich betrog. Die gute Regula sagte nachmals über diese Episteln aus, »ihr Mann habe ihr die von der Marget erhaltenen Briefe vorgelesen, welche ihr aber nicht gefallen, da sie viel unverständliches Zeug enthalten und meistens wie Liebesbriefe gelautet hätten. Allein ihr Mann habe sie damit beruhigt, daß dies nur geistige Liebe bedeute«. W. A. II. 26a. In einer Art Nachschrift zu dem oben mitgeteilten Briefe setzte die Heilige ihren »ewiggeliebtesten Schatz« in Kenntnis, daß sie für einige Tage nach Baden im Kanton Aargau reisen werde. Sie tat dies und zwar in Gesellschaft der Ursula Kündig, welcher ihr Vater erlaubt hatte, eine oder zwei Wochen lang die altberühmten dortigen Bäder zu gebrauchen. Nachdem aber die beiden Mädchen ein paar Tage im Gasthause »Zum Schlüssel« in Baden verbracht hatten, erklärte die Heilige, »sie spüre einen Zug des Geistes nach Basel hin, wo der Herr ein großes Volk habe«. Sie war ja schon vor Jahren von dem frommen Lachenal dahin eingeladen worden und wußte auch ihren Seelenfreund Ganz-Qualm dort. Die sittsame Ursula fand freilich diese Weiterwanderung mehr bedenklich als erwecklich und deutete schüchtern an, sie würde die Reise nach Basel vor ihrem strengen Vater nicht verantworten können. Darauf die Heilige hoch herab: »Man muß Gott mehr gehorsamen als den Menschen, und wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.« Auf dieses Machtwort hin fügte sich die arme demütige Ursula und ging mit nach Basel. Eine Tradition hat diese Reise mit dem inzwischen polizeilich aus Zürich in seine Heimat Liestal verwiesenen Strählmacher Stutz, welchen die Marget habe besuchen wollen, in Verbindung gebracht. Allein Ursulas Zeugnis steht dieser Sage ganz bestimmt entgegen. W, A. II, 32. Wir wissen von ihr, daß sie sich mit der Marget auf geradestem Wege nach Basel begab, daß die Heilige mit ihrer Jüngerin vom Professor Lachenal gastfreundlich aufgenommen wurde, und daß sie während ihres achttägigen Aufenthalts in Basel das Lachenalsche Haus nie verließ. Ganz-Qualm hatte hier mehrere vertrauliche Unterredungen mit der teuren Seelenfreundin, stellte ihr fromme Herren und Damen vor und selbstverständlich ward in aller Form gekonventikelt. Ob unsere Heilige auf die Erweckungssüchtigen von Basel bei dieser Gelegenheit besonders erwecklich gewirkt habe, darüber geben unsere Quellen keine Auskunft. Fast aber scheint es, die Marget habe sich bei ihrem messianischen Wirken in Basel zu übermäßig angestrengt, denn sie verließ die Stadt der Traktätchen und Heidenbekehrungsanstalten als eine Kranke. Sie nahm daher auf dem Rückweg nach Wildisbuch ihre Einkehr bei einem seit lange gewonnenen Bruder im Herrn, dem Doktor Graf zu Rafz, einem Intimus unseres Schlammvulkans von Embrach. Auch Heilandinnen kommen mitunter in den Fall, statt bei der eigenen Wunderkraft bei der profanen Heilkunde Hilfe zu suchen. Besagter Doktor will aber – so behauptete er wenigstens später – von der diesmaligen Einkehr der Heiligen und ihrer Jüngerin nicht sehr erbaut gewesen sein und die beiden mit der wenig ehrerbietigen Bemerkung empfangen haben, »es schicke sich für junge Weibspersonen schlecht, so im Lande herumzuziehen«. Die Marget erwiderte darauf, sie müßte ihn notwendig allein sprechen, und schickte die Ursula nach Hause voraus. Gleich darauf wurde der Heiligen übel und des Doktors Frau brachte sie zu Bette. Der Doktor selbst will die Patientin mit argwöhnischen Blicken gemustert und ihre Gestalt »sehr auffallend« gefunden haben. Behauptete auch, der Doktor, die angegangene Heilandin habe ihm vorgeklagt, »seit etlicher Zeit verspüre sie allmorgendlich Brechreiz und seit drei Monden sei es mit ihr nicht mehr bestellt, wie es sein sollte«. W. A. II, 26 b. Ominös das, sehr ominös! Unserer Heiligen scheint zu dieser Zeit noch nicht geoffenbart worden zu sein, was ihr später geoffenbart wurde, nämlich die beregte Störung ihres Organismus sei »ein Zeichen, daß sie über ihre weibliche. Natur ganz Meisterin geworden und dieselbe erstorben sei«. W. A. I. 49, 87. – Wenigstens will der Doktor von Rafz damals, im Mai 1821, keine solche Deutung jenes ominösen Umstandes aus dem Munde der Heiligen vernommen haben. Aber freilich, der Doktor war ja gerade in einer Metamorphose seiner religiösen Anschauungen begriffen und hatte entschieden den »rechten« Glauben nicht mehr. Denn er, der früher so recht Ganz-Qualmisch an das heilige Margetli von der »Stille der durchgebrochenen, in den ewigen Gottesgrund versunkenen, in den Armen der stillen Gelassenheit, ja der ewigen Unveränderlichkeit ruhenden Seelen« warmbrüderlichst geschrieben hatte, unterfing sich jetzt der Blasphemie, zu sagen, der heilige Ganz sei »auch nur ein Pfaff«. Eine erschreckliche Umstimmung das! Die Brüder und Schwestern in Basel hatten mit Kummer vernommen, daß der Bruder Doktor wieder »im Luziferstande stehe«, W. A. II, 29, Nachtrag. – und unsere Heilige war beauftragt worden, ihm ins Gewissen zu reden. Er dagegen verordnete ihr etliche starke Dosen Kamillentee, und damit endete dieses Abenteuer zu Rafz auf dem Rafzerfeld. Im übrigen muß dazumalen das, zart zu sprechen, unjungferliche Aussehen des Margetli auch noch andern Leuten als dem exerweckten Doktor Graf aufgefallen sein. Denn es ging zu nicht geringem Ärgernis aller gottseligen Seelen das Gerücht ins Land aus, die Heilige sei gesegneten Leibes. Ein zweites raunte, sie hätte im Wirtshause zu Bargen im Kanton Schaffhausen heimlich geboren. Hiergegen liegt ein aktenmäßiger Einspruch vor W. A. I, 101 a. und ist überhaupt die ganze Geschichte von dieser Schwangerschaft mythisch geblieben. Nicht der Schatten eines Beweises ist dafür beigebracht worden. Aber: »Zukünftiges wirft seinen Schatten voran« – hat ein britischer Dichter gesagt, ein tiefer Kenner von Menschen und Dingen. Die Peripetie unseres Passionsspiels, welcher wir jetzt zuschreiten, wird das Omen nur allzusehr bestätigen. Siebentes Kapitel. In der Verborgenheit. Zu Anfang des Jahres 1822 durchkreuzten wieder allerhand seltsame Sagen das Wyland und hatten die dörflichen Klatschbasen zwischen der Thur und dem Rhein alle Hände oder vielmehr alle Mäuler voll zu tun. Die Magdalena Moser in Örlingen, vermut' ich, und die Barbara Naumann in Trüllikon hatten dazumal gar viele Anbohrungsversuche zu befahren. Allein sie hielten sich wacker und es war nichts aus ihnen herauszubohren. Die Spannung der Neugierde unserer guten Wyländerinnen und wohl auch Wyländer war allerdings berechtigt genug. Sie hatte nicht allein eine mythische, sondern auch eine historische Unterlage: die heilige Marget war nämlich mit ihrer Schwester Elisabeth seit Monaten aus Wildisbuch verschwunden, spurlos, wie der Erde entrückt. Um diese geschichtliche Tatsache her rankten sich, wie bei Heiligengeschichten bräuchlich ist, mythenbildnerische Arabesken, von nicht sehr heiliger Natur freilich. Denn sie sagten aus, die Heilige und ihre Schwester-Jüngerin hätten dringliche Ursache gehabt, sich zeitweilig unsichtbar zu machen; jene, um im Verborgenen eine Niederkunft zu bewerkstelligen, diese, um eine Schwangerschaft zu verheimlichen. W. A. I, 23. Als derartige Auslassungen der wyländischen Dorfnovellistinnen immer lauter wurden, mußte sich unser Pfarrherr von Trüllikon wohl oder übel damit befassen und versammelte zu diesem Ende am 2. Januar seinen »Stillstand«, wie nicht etwa aus satirischen, sondern nur aus technischen Gründen die Kollegien der Kirchenältesten in den Gemeinden des Kantons Zürich amtlich hießen und noch heißen. Es ward ein Protokoll angefertigt, in welchem die Tatsache des Verschwundenseins der beiden Schwestern konstatiert wurde, sowie die weitere, daß der Stillstand den Johannes Peter Judenschießer zu Wildisbuch wiederholt, aber vergeblich aufgefordert hatte, seine beiden Töchter vor dem Pfarramt zu stellen oder wenigstens anzugeben, wo sie sich befänden. Das Protokoll ward dem Oberamt in Andelfingen zugefertigt, worauf dieses den Judenschießer auf den 23. Januar vorbeschied und ins Gebet nahm. Der Alte war aber nicht der Mann, etwas zu sagen, was er nicht sagen wollte; wohl aber der Mann, zu lügen wie ein Frommer, wenn die »politische Notwendigkeit« es verlangte. So log er denn, »er wisse nicht, wo seine beiden Töchter sich aufhielten«, und setzte lachend hinzu, »er sei der Mädchen halber ganz unbekümmert, weil überzeugt, daß dieselben nichts Böses tun könnten«. Da war nun freilich nichts zu machen, als dem Alten bei Buße aufzugeben, seine Töchter innerhalb einer Frist von vierzehn Tagen vor dem Pfarramte Trüllikon zu stellen. Auch erstattete der Oberamtmann Schweizer Bericht nach Zürich, um die kantonale Polizei zur Aufspürung der Verschwundenen in Bewegung zu setzen. Es wurde demnach allenthalben auf sie gefahndet, nur nicht da, wo sie sich wirklich befanden. Die Heilige von Wildisbuch scheint nach ihrer Ende Mai 1821 erfolgten Heimkunft von der Missionsreise nach Basel mehrere Wochen in düsterem Hinbrüten verbracht zu haben. Es liegen, soviel ich habe erkunden können, aus dieser Zeit weder mündliche noch briefliche Äußerungen von ihr vor, und so fehlt der psychologische Schlüssel zu dem, was sie damals empfand, sann und wollte. Mit Sicherheit läßt sich nur annehmen, daß sie gerade damals insbesondere ihre Schwester Elisabeth, ihren Schwager Moser und die Ursula Kündig, welche jetzt in dem Peterschen Hause lebte, zum höchsten Grade gläubigen Vertrauens und fanatischer Anhänglichkeit hinaufgesteigert habe. Dem Moser untersagte sie zu jener Zeit den ehelichen Umgang mit seiner Frau in strengster Weise, »weil man einen solchen Umgang meiden müsse, wenn man Gott wohlgefällig sein wolle«. W. U. II, 22. Im Juni verbrachte der »ewiggeliebteste« Schuster von Illnau wieder etliche Tage bei seiner Seelentrösterin zu Wildisbuch. Kurz darauf, am 13. Juli, hob sich, nach wahrscheinlich mit der Elisabeth und der Ursula Kündig genommener Abrede, die Heilige von dannen, und am Abend desselben Tages betrat sie »unerwartet« das Haus der Morfschen Eheleute in Illnau. Hauptquellen für das Folgende in diesem und dem nächsten Kapitel sind das Verhör des Jakob Morf am 11. April 1828, W. A. II, 6 und das Verhör der Regula Morf am 9. Juni 1823, W. A. II. 26 a. Sie zeigte dem Jakob und der Regula an, daß sie vierzehn Tage bei ihnen zu verweilen gedenke, welche Eröffnung natürlich mit gebührendem Respekt vernommen wurde. Aus diesen vierzehn Tagen sind aber anderthalb Jahre geworden, denn so lange sollte die Hedschra der Prophetin von Wildisbuch währen. Lange genug fürwahr, um das wunderlichste Idyll in Szene zu setzen, von welchem man je vernommen. Die Heilige wollte in der Verborgenheit leben, und es wurden alle Maßregeln getroffen, ihre Anwesenheit selbst vor den nächsten Nachbarn geheim zu halten, was nur dadurch gelingen konnte, daß die Morfschen Eheleute wenig Umgang hatten und ihr Haus vereinzelt zwischen Ober- und Unter-Illnau gelegen war. Bemerkenswert ist, daß die heilige Marget diese anderthalb Jahre über niemals, auch nicht eine Stunde lang mit gemeiner Arbeit sich abgegeben hat. Sie war alle diese Zeit entweder »in Gott versenkt« oder beschäftigt, »mit dem Satan zu kämpfen«. Doch ließ sie sich ziemlich regelmäßig herab, ihre Meditationen und Kämpfe zu unterbrechen, um bei wohlverschlossenen Türen dem Jakob und der Regula die Bibel, insbesondere die Apokalypse auszulegen und daran Predigten zu knüpfen, welche meistens darauf hinausliefen, »der menschliche Geist müsse sich mit seinem Urgeist verschmelzen«. Der guten redlichen Regula kam dieser auf Ganz-Qualmsche Noten gesetzte Text so spanisch vor, daß sie sehr verständigerweise beschloß, »sich nicht weiter damit zu beschäftigen, sondern lieber bei ihrem alten einfachen Glauben zu bleiben«. Recht so, Regula! Du wußtest, rechne ich, daß zweimal zwei gleich vier ist. Aber ich wollte, du hättest wie an deinem alten einfachen Glauben, so auch an deinem ehefraulichen Hausrechte festgehalten. Ich wollte, du wärest etwas weniger gutmütig und aufopferungsfähig und dafür nach Beschaffenheit der Umstände sogar das gewesen, was die Volkspoesie ein Reibeisen nennt, ein Hausdrache sozusagen. Es wäre wünschenswert gewesen, daß du beizeiten den Kehrbesen zur Hand genommen, einen derben Kehrbesen, und damit die heilige Marget mitsamt ihrer Urgeisterei, Apokalypse und Satanologie, ihrem Verschmelzen, Orakeln und sonstigem Dingsda zum Hause hinausgefegt hättest – sehr wünschenswert! Es ist gefährlich, mit großen Herren Kirschen zu essen; aber gefährlicher ist's, mit einem oder gar vollends mit einer Heiligen unter einem Dache zu wohnen. Gutmütige Regula, ich wünschte sehr, du hättest gewußt und beherzigt, daß schon vor alters dahinten in Schiras ein sehr weiser Manu, etwas grobianisch allerdings, gesagt und gesungen hatte: »Traue keinem Heiligen! Süße Worte spricht er. Aber in der Kutte steckt immer ein Halunke.« Kutte oder Weiberjüppe, das macht keinen großen Unterschied. Im Gegenteil, so eine Jüppe kann unter Umständen noch gefährlicher werden als eine Kutte, viel gefährlicher, kalkulier' ich. Nachdem unsere Heilige vier oder fünf Wochen in der Verborgenheit zu Illnau verbracht hatte, geschah eine Offenbarung, welche zeigte, weshalb sie denn eigentlich diese Hedschra nach Illnau bewerkstelligt habe. Eines Morgens eröffnete sie nämlich dem armen Jakob, in der Nacht sei ihr ein Engel erschienen, um ihr zu offenbaren, »Gott der Herr werde sie und ihn, Jakobum, mit Leib und Seele von der Erde wegnehmen, gleichwie das dem Enoch und Elias widerfahren«. Um nun diese in Aussicht gestellte Himmelfahrt zuwege zu bringen, war es nötig, weitere vier bis fünf Wochen »beständig mit dem Satan zu kämpfen«, was zu tun die Heilige sich angelegen sein ließ. Nach Verlauf dieser Zeit wollte oder konnte der Satan gegen die Himmelfahrt der beiden nichts mehr einwenden, und eines Morgens eröffnete die Marget ihrem Seelenfreunde, der »wichtige Tag sei nun für beide erschienen«, und forderte ihn auf, seine Sonntagskleider anzulegen, wie sie bereits getan, damit sie in anständiger Toilette in den Himmel auf- und einführen. Wohl, legte also der Jakob andächtig seinen sonntäglichen Anzug an und harrten die beiden den ganzen Tag der wundersamen »Abreise«. Allein die Harrenden blieben merkwürdigerweise sitzen, wo sie saßen. Der Himmelfahrtsversuch mißlang, der Jakob gab jedoch trotzdem den Glauben an das endliche Gelingen desselben nicht auf. Die Heilige ihrerseits ließ nicht den geringsten Zweifel aufkommen, sagend: »Was heute nicht geschah, kann morgen geschehen.« Sie sandte sogar durch eine vertraute Person, eine Schwester des Jakob, Botschaft nach Wildisbuch, die Ihrigen sollten nach Illnau kommen, um noch Abschied von ihr zu nehmen, bevor sie gen Himmel erhoben würde, und Zeugen dieser Erhebung zu sein. Daraufhin erschienen schon am folgenden Tag Schwester Elisabeth und Lieblingsjüngerin Ursula im Morfschen Hause. Ursula blieb vier oder fünf Wochen, worauf sie nach Wildisbuch zurückkehrte, Elisabeth blieb bis zu dem Tage oder vielmehr bis zu der Nacht, wo ihre Schwester von Illnau abfuhr, obzwar nicht gen Himmel. Sämtliche drei Mädchen schliefen mit den Morfschen Eheleuten in einer und derselben Kammer. Ländlich-sittlich, heilig-idyllisch, patriarchalisch-erwecklich! Die Himmelfahrt also war aufgeschoben, wenn auch nicht aufgehoben. Man mußte sich in Geduld fassen, mußte glauben und hoffen. Logischerweise sollte freilich der Himmelfahrt die Passion vorangehen, aber zu diesem Entschluß ist unsere Heilige erst später gekommen. Einstweilen kam die gute arme Regula in betreff der unmäßig sich in die Länge ziehenden heiligen Einquartierung mitunter auf unliebsame Schlüsse; denn, wie gesagt, sie hatte ihr Einmaleins inne. Sie drückte das in ihrer Weise so aus: die Marget und die Elisabeth hätten sich die ganze Zeit über unter Tags meistens in der oberen Kammer aufgehalten, wo sie auch mit ihrem Mann, dem Jakob, ihre Mahlzeiten einnahmen. Diese Lebensart habe ihr, der Regula, natürlich nicht behagen können, indem sie für ihren Mann und diese Personen immer bessere Speisen habe zubereiten müssen, als sie selbst genossen, und das Geld, das sie dafür von den beiden Schwestern erhalten, nicht bedeutend gewesen sei, indem dasselbe während der ganzen anderthalb Jahre ungefähr hundert Gulden betragen. Die Töchter des Judenschießers waren mündig und konnten über die Interessen eines Kapitals verfügen, welches ihnen ihre Mutter hinterlassen hatte. Die Marget habe ihr freilich bemerkt, sie, die Regula, »müsse ihren Mann auch noch gut halten, indem derselbe nicht mehr lange auf dieser Erde verbleiben, sondern mit ihr lebendigen Leibes gen Himmel fahren werde, wo dann ihre Haushaltung mit der Peterschen vereinigt werden würde«. Dieweil nun die Marget so »wunderbare Dinge« gesprochen und ihr Mann so großes Vertrauen auf dieselbe gesetzt, so habe sie sich so lange als möglich geduldet. Im Verlaufe der Zeit habe sie aber doch einsehen müssen, daß sie solche Ausgaben nicht mehr in die Länge bestreiten könnte, und habe das der Marget erklärt. Diese jedoch habe ihr entgegnet, sie, die Regula, hänge zu sehr am Irdischen und sie solle wohl bedenken, »daß die Kinder Israel vierzig Jahre durch die Wüste geführt worden und alle bis auf zwei ihres Unglaubens wegen darin gestorben seien«. Ob sie wolle, daß es ihr so erginge? Dies wollte nun zwar die gute Regula nicht, wohl aber, daß die beiden Schwestern ihren Bedarf an Lebensmitteln selbst anschaffen sollten. Darüber sei es denn oft zwischen ihnen zu Zänkereien gekommen, um so mehr, da sie »auf das heilige Geschwätz der Schwestern nicht Achtung gegeben«. Die Marget habe sich bei diesen Streitigkeiten keineswegs leidend benommen, sondern habe »tüchtig ausgekehrt« und gesagt, »sie sei nicht hierher gekommen, um Frieden zu stiften, sondern um Krieg zu führen« – Parodie eines bekannten evangelischen Wortes, auf welches sich schon so viele Qualmer und Dünstler berufen haben. Die ehrliche Schustersfrau ließ sich also in ihrer Gutmütigkeit von der hochfahrenden Heiligen in ihrem eigenen Hause den Krieg machen. Quer das, sehr quer! Hätte den Stiel umdrehen und ihrerseits »tüchtig auskehren« sollen. Aber sie liebte ihren Mann aufrichtig und tat ihm alles zu Gefallen, nur zu viel, viel zu viel! Muß auch die Güte eine Grenze haben, sonst – nun sonst geschehen mitunter Geschichten, wie im Hause des Schusters von Illnau eine geschah. Es muß angenommen werden, die Heiligkeit des Margetli habe zu dieser Zeit eine bedeutende Trübung erfahren. Wir sehen, daß während ihres Lebens in der Illnauer Verborgenheit ihr Gebaren zwischen stumpfem Brüten, Äußerungen phantastischen Blödsinns und heftigen Ausbrüchen schwankte. Die Erinnerungen an letztere entlockten nachmals der armen Regula, welche ja vornehmlich darunter zu leiden gehabt, das Klagwort: »Ich kann wohl sagen, daß ich von der Marget, bevor sie sich selber kreuzigen ließ, gekreuzigt worden bin.« Langen wir mit einer unerbittlichen Sonde in die geheimste Falte von Margets Seele hinein, so erklärt sich ihr damaliger Gemütszustand unschwer. Vor Beginn dieser Operation müssen wir freilich allen Misses Emerentien, welchen etwa dieses Buch zur Hand kommen sollte, alles Ernstes zurufen, hinauszugehen, und zwar für den ganzen noch übrigen Rest des vorliegenden Kapitels. Die heilige Marget war verliebt wie eine Maikäferin, und sie hatte in der Tat schwer zu kämpfen, den Kampf zwischen ihrer Sinnlichkeit und ihrem mystischen Größenwahn. Aus diesem Zwiespalt hatte sich der tolle Einfall entbunden, mit dem »ewiggeliebtesten« Jakob gen Himmel zu fahren, da die Verhältnisse einer Vereinigung mit besagtem Jakob auf Erden entgegen waren. Sie wäre gern ein Weib gewesen und wollte doch nicht aufhören, für eine Heilige, für eine Heilandin zu gelten: das war das ganze Mysterium. Hier liegt auch die Erklärung ihres Verhaltens zu der armen Regula: es war das der brennendsten Eifersucht, für welche die schwäbische und schweizerische Volkssprache ein sehr garstiges, aber höchst bezeichnendes Wort besitzt, gegen dessen Gebrauch freilich die Feder entschieden sich sträubt. Deshalb verbot sie dem Jakob aufs schärfste, seiner Frau die eheliche Pflicht zu leisten, was sie ihm als »das größte Hindernis der Vereinigung mit dem Urgeist« darstellte. Der Jakob hielt aber dieses Verbot anfangs nicht strikte, doch suchte er den Umgang mit seiner Frau vor der Heiligen geheim zu halten. Weil aber, erzählt die gute Regula, der arme gepeinigte Mann jedesmal, wann er gegen das ihm auferlegte Gebot sich verfehlt hatte, »von den heftigsten Bangigkeiten überfallen worden sei, sich die ganze Nacht im Bette herumgewälzt und gejammert habe, daß er eine große Sünde begangen«, so habe sie, die Regula, ihm erklärt, »unter solchen Umständen sei es ihr lieber, den ehelichen Umgang ganz abzubrechen«, was denn auch geschehen sei. Das Gesagte reicht, denk' ich, aus, klar zu machen, daß wohl selten drei Personen – die bis zum Stumpfsinn sklavische Elisabeth kommt hier nicht in Betracht –unter einem Dache vereinigt waren, welche sich so unglücklich fühlen mußten wie die Marget, der Jakob und die Regula. Die ganze Situation war danach angetan, entweder in einen Skandal oder in ein Verbrechen auszubersten. Platzen mußte die von Wahn und Lüge strotzende Blase, so oder so. Sie ist dann auch endlich geplatzt. Die Trübung des Heiligenscheins der Marget sollte in totale Verfinsterung übergehen, im fahlen Zwielicht eines Frühjahrsmorgens von 1822. Frau Regula ist aufgestanden, hat die Lampe angezündet und die Elisabeth geweckt, worauf die beiden die Kammer verlassen, weil heute Brot gebacken werden muß. Der ewiggeliebte Jakob und die Heilandin von Wildisbuch blieben in der Kammer zurück, und was dann daselbst geschah, ist dramatischdrastisch in den Acta Sanctae Margarethae zu lesen. W. A. II, 6. Antwort auf die Frage 8. Hier nur so viel, daß das Weib die Verführerin des Mannes war. Als sie halbwegs wieder zur Besinnung kam, legte sie einen Protest ein; aber schon war es zu spät. Ja, es ist zu spät gewesen. Zu spät merkte sie, daß ihr der Heiligenschein zerbrochen vom Kopfe fiel. Der Jakob hat nachmals vor dem Verhörrichter ausgesagt, »er habe vor Scham dieses Sündenfalls später nie gegen die Marget erwähnt und habe auch sie desselben mit keiner Silbe gedacht«; ferner wiederholt beteuert, »er dürfe vor Gott bezeugen, daß weder zuvor noch nachher dieser Umgang jemals stattgefunden habe«. Und doch hatte die unheilige Zwielichtsstunde Folgen, welche die früher erwähnten Volkssagen von dem Wandel, welchen das heilige Margetli auf seinen missionarischen Wanderungen gelegentlich geführt habe; in einem weniger mythischen Licht erscheinen lassen konnten. Falls die Beteuerung des Jakob Vertrauen verdient – Firlefanz! brummt Doktor Sauerampfer – so drängt sich die Frage auf: Hatte die Heilige ihre Jungfrauschaft bis zu jenem verhängnisvollen Augenblick bewahrt? Was meinst du dazu, Doktor Physiologus? Du lachst: »Köhlerglaube!« Ja, es sieht fast so aus. Der Prinz von Dänemark hat freilich gemeint, es geschehen mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Philosophie sich träumen lasse; aber so viel ist sicher, von der Physiologie verstand der arme Hamlet blutwenig. Achtes Kapitel. Ein »untoward event«. Dem Frühling folgte der Sommer und brütete heiß ob dem stillen Kempttal, ohne daß in das eintönige Leben im Morfschen Hause irgend ein Wechsel gekommen wäre. Noch immer hielt sich die gefallene Heilige in ihrer Verborgenheit, ohne auch nur für einen Augenblick das Haus zu verlassen, noch immer saß sie mit ihrer Schwester Elisabeth, welche sich nachgerade auch für eine »zur Rettung vieler tausend Seelen berufene«, auserwählte und heilige Person zu halten anfing, die Tage über müßig in der wohlverwahrten oberen Kammer, um allabendlich in die Wohnstube herabzusteigen, wo sie in gewohntem Stile predigte und orakelte, um dann nach so vollbrachtem Tagewerk die gemeinsame Schlafkammer aufzusuchen. Selbstverständlich ward die geweissagte Himmelfahrt in Begleitung des Jakob fort und fort als ein Ereignis erwartet, welches täglich und stündlich eintreten könnte. So gingen die Tage hin und machte der Sommer dem Herbste Platz. Derweil scheint sich zwischen der Marget und der gutmütigen Regula wieder ein leidlich freundliches Verhältnis hergestellt zu haben. Möglicherweise erschien die arme duldsame Frau der stolzen Heiligen gar nicht mehr als ein ihrer Eifersucht würdiger Gegenstand. Genug, die Marget wurde sehr mitteilsam gegen die Schusterin, welche mit einer fast überfrauenzüngigen Verschwiegenheit die Anwesenheit der beiden Schwestern vor aller Welt Verheimlichte. Die Heilige klagte ihr, wie »entsetzlich sie von Geistern und Teufeln geplagt werde«; item über eine hartnäckige Stockung in den Funktionen ihres Organismus, worüber sie sich jedoch »freue, weil dies ein Zeichen sei, daß ihre Natur geistiger werde«. Die gute Regula, welcher »nicht der entfernteste Gedanke kam«, das beregte Symptom konnte die Wirkung einer keineswegs übernatürlichen Ursache sein, setzte vielmehr die »heftigen Anfälle« der Heiligen demselben auf Rechnung und meinte tröstend, das Geplagtwerden durch höllische Geister werde wohl aufhören, wenn die fragliche Störung beseitigt sei und sie, die Marget, »wieder wie andere Weiber werde«. Es ist merkwürdig, daß diese Frau, welche sich auch bei dieser Veranlassung wieder ganz verständig ausließ, die ungeheure Bestrickung, der ihr Mann unterlag, nicht zu lösen vermochte. Aber freilich ließ ihre Bescheidenheit und Demut sie zu gar keinem ernstlichen Versuche dieser Art kommen. In die lange Monotonie dieses gottselig-faulen Lebens im Verborgenen brachten nur die Besuche, welche die Heilige von Zeit zu Zeit aus Wildisbuch und Örlingen erhielt, eine Abwechselung. Diese Besuche, der alte Judenschießer und andere Mitglieder der Familie, kamen und gingen mit großer Vorsicht, gewöhnlich nächtlicherweile, um nicht durch ihr Kommen und Gehen zur Bestätigung des dumpfen Gerüchtes beizutragen, die aus ihrer Heimat verschwundenen beiden Töchter des Judenschießers seien im Morfschen Hause zu Illnau verborgen. Weil dieses Gerücht auch dem Pfarrer des Ortes zu Ohren gekommen, beschied er den Jakob amtlich zu sich und befragte ihn. Allein der Jakob, seiner demnächst bevorstehenden Himmelfahrt unter allen Umständen sicher, log herzhaft, die beiden Schwestern hätten ihn allerdings besucht, seien aber längst wieder abgereist und nicht wiedergekommen. W. A. I, 70. – Hiermit zufrieden, führte der leichtgläubige Pfarrer » bona fide « auch die Polizei irre, so daß diese ihr vigilierendes Auge von dem Morfschen Hause ganz abwandte. Einen sehr charakteristischen Auftritt, welcher, so man jene Morgenzwielichtsstunde im Frühling und deren, wie gesagt, bereits eingetretene Folgen im Auge behält, für die profanen Kinder der Welt sogar einen hochkomischen Beigeschmack haben dürfte, führte der Besuch herbei, welchen der Johannes Moser zur Herbstzeit seiner heiligen Schwägerin in Illnau abstattete. Sie stellte nämlich den Fanatiker »ernstlich zur Rede, ob er sich des Umgangs mit seiner Frau auch wirklich gänzlich enthielte?« Der so ins Gebet genommene Mann bejahte die Frage, beging aber dann den Verstoß, der Heiligen mitzuteilen, daß sein Bruder Konrad Gelegenheit hätte, »eine rechtschaffene Person zu heiraten«. Über diese Mitteilung brach die Marget in den heftigsten Zorn aus, tat »ganz entsetzlich« und verbot ihrem Schwager des bestimmtesten, diese und überhaupt eine Heirat seines Bruders zuzulassen, denn der fleischliche Umgang sei tierisch, gottlos, teuflisch, durchaus verwerflich. W. A. II, 22. Der große William vom Avon würde zu diesem heiligen Gebaren etwa sagen: »Gar viel erlebt man's, mit der Andacht Mienen Und frommem Wesen überzuckern wir Den Teufel selbst ... Das ist die list'ge Ausstattung der Hölle, Den frechsten Schalk verkleidend einzuhüllen In fromme Tracht.« Wir unsererseits könnten aber diesen Ausspruch doch nicht ganz passend finden und zwar darum nicht, weil wir ja leugnen müssen, daß die Heldin unserer Geschichte eine Schalksnatur gewesen sei. War sie eine Betrügerin, so war sie nur eine betrogene. Die fixe Idee ihrer heilandischen Bestimmung und Mission umgab ihren Geist mit einer stählernen Mauer, über welche sie schlechterdings nicht mehr hinauskonnte. Ihre Monomanie stellte sich zu dieser Zeit ganz passiv dar. Es bedurfte einer furchtbaren Erschütterung ihres ganzen Wesens, um ihren Wahnwitz zu der Energie jener Aktivität aufzustacheln, womit wir sie dem Abgrund zurasen sehen werden. Zum zweitenmal seit der Hedschra von Wildisbuch nach Illnau fielen die Blätter. Der Winter zog abermals in das Tal der Kempt ein, die Kämpfe der Heiligen mit dem Satan währten noch immer fort und mit der Himmelfahrt wollte es nicht vorwärts gehen. Ein großes Ereignis trat jedoch im Verlaufe des Winters ein, ein nicht geweissagtes, ein höchst unerwartetes, ein erstaunendes, möchte man sagen. Doktor Physiologus würde freilich die Winkel seines Mundes spöttisch herunterziehen, wenn man ihm sagte, die Verblendung der heiligen Marget über ihren Zustand sei so fabelhaft gewesen, daß sie auch jetzt noch, da doch die Zeit ganz nahezu erfüllet war, fortfuhr, gewisse Symptome beharrlich für ein Zeichen »höherer Leitung« zu erklären und zu glauben, daß »ihre Seele über ihre weibliche Natur gesiegt habe«. Aber es war doch so, es war wirklich so. Sonst hätte der folgende Auftritt gar kein so drastisch wirkender sein können. Es war am 10. Januar 1823, als sich die Marget über heftige Krämpfe beklagte. Sie bat den Jakob, im Pfarrhaus eins jener Hausmittel zu holen, wie sie in ländlichen Pfarrhäusern gehalten zu werden pflegen. Der Jakob ging und ersuchte die Frau Pfarrerin um ein krampfstillendes Mittel für seine Frau. Die Frau Pfarrerin gab ihm ein Gläschen mit Nußwasser und riet zur Anwendung eines Klistiers. Hierbei leistete die gutmütige Regula Hilfe, denn sie hatte von der eigentlichen Beschaffenheit der in Rede stehenden Krämpfe ebensowenig eine Ahnung wie die andern. Allein die angewandten Mittel stillten die immer zunehmenden Schmerzen der sich auf ihrem Bette windenden Marget keineswegs, und es ward beschlossen, daß der Jakob nach Lockhausen gehen sollte, um den dortigen Arzt herbeizuholen. Indem er sich in der Stube zu diesem Gange rüstet, hört er, wie in der anstoßenden Kammer das Ächzen der Kranken zu einen schneidenden Schrei ausbricht und dann plötzlich abschnappt. Hierauf ein feinstimmiges Wimmern. Wunderlich das! Seine Frau öffnet die Kammertür und winkt ihn hinein. Da liegt die Bescherung: das weiland Christkindli von Wildisbuch ist Mutter worden, die Heilandin, in welcher »Christus abermals Fleisch geworden«, hat ein Töchterlein geboren! Wäre so ein Stück von einem Jeremia oder Jesaia anwesend gewesen, er hätte die schönste Gelegenheit gehabt, zu lamentieren: »Du sprachst in deinem Herzen: Ich will zum Himmel hinan! Über der Wolken Höhen steig' ich auf, Ich werde gleich sein dem Erhabensten. Wie bist du gefallen vom Himmel, du Morgenstern, Hinabgebeugt zu den Toten ist dein Stolz, Verklungen deiner Harfe Siegeston!« Zwar nicht ganz so im Stile der hebräischen Psalmodie oder Prophetie, aber immerhin lamentabel genug machte sich in der Kammer zu Illnau das Lamento laut über diesen durch eine um fünfzehn Tage zu spät gekommene Christbescherung schreiend konstatierten Fall des Morgensterns von Wildisbuch. Seltsam, eine wunderliche Ideenassoziation erinnert uns plötzlich an jene Nacht des 9. Mai von 1833, wo aus dem Nimbus, womit ein Chateaubriand und andere Romantiker, Nebler und Zappelphilippe eine andere Heilige umqualmt hatten, »mit gemeinem Lächeln die Hebamme hervortrat«, an jene Nacht, wo die Duchesse de Berry, die Jeanne d'Arc des Bourbonismus, die »Heilige der Vendée«, in der Zitadelle von Blaye ein unterwegs aufgelesenes Mirakelkind gebar, dessen Erscheinung selbst den armen Chateaubriand, den Ritter von der bourbonischen Trauerweide und Oberkonfusionsrat der Legitimität, etwas unangenehm überraschte. Der Jakob war über das geschehene Wunder »über alle Maßen« erschrocken und ganz perplex, noch perplexer die Elisabeth, aber am perplexesten die Marget selbst. Das also hatte hinter der »Vergeistigung« ihrer weiblichen Natur gesteckt? Das der gehoffte Triumph? Wehe über Israel, dreimal wehe! Die Elisabeth ernüchterte sich für einen Augenblick von ihrem Vertrauensdusel, tat die Frage: »Wer ist doch wohl der Vater dieses Kindes?« und sah dabei den Jakob an. Worauf dieser kleinlaut und knieschlotternd: »Ja, ich bin's.« Nun wollte die gute Regula losbrennen, denn diese Enthüllungen vermochte doch auch ihre Gutmütigkeit nicht mehr hinunterzuwürgen. Allein die Marget schnitt ihr das Wort ab, indem sie unter heftigem Gebaren »gleichsam mit Gott zu rechten« anhob und also losbrach: »Warum, mein Vater im Himmel, hast du deinem Kinde diese Last aufgelegt, die es zu Boden drückt? Habe ich nicht ohnehin schon genug Leiden erduldet? Warum hast du gerade mich auserwählt, den Ungläubigen zum Gespötte zu werden?« W. A. II, 26 a. Antw. a. d. Fr. 6. Das verdutzte unsere arme Regula, und weil zwischen hinein ihr Mann sie kläglich um Verzeihung bat und weil sie eben eine herzensgute Frau war, so tat sie, was unter den obwaltenden Umständen zu tun war, d. h. sie nahm sich des armen Kindleins an, das »so klein wie ein Weberschifflein gewesen«, badete es, wickelte es ein und machte ihm ein Bettchen zurecht. Sie sollte noch mehr tun müssen. Denn so ist die Welt, die heilige und die unheilige: reichst du ihr einen Finger, will sie die Hand, den Arm, den ganzen Leib haben und die Seele obendrein. Regula Morf sollte ein Beispiel von Aufopferung geben, wie es, so behaupte ich kühnlich, unter solchen Umständen ein zweites Mal nie und nirgends vorgekommen ist. Arme Frau, ja, die Marget hat dir ein Kreuz auferlegt; aber du hast es mit geräuschloser Selbstüberwindung getragen, mit einer schlichten Größe, wie sie trotz alledem doch wieder nur im Volke daheim ist. Wie hätte sich wohl an deiner Stelle eine »gebildete« Dame gebärdet? Höchstwahrscheinlich und allerdings nicht ohne Grund mehr oder weniger furibund, im günstigsten Falle mehr oder weniger theatralisch. Ja sogar, mein lieber Jakob, mopsköpfiger Himmelfahrtskandidat, hätte ich, falls deine Ehefrau zur »Creme der Gesellschaft« gehört hätte, für die Unversehrtheit deiner Gesichtshaut nicht gutstehen mögen, um alle Welt nicht! Wohl, als der erste lähmende Schrecken über das » untoward event « vorüber war, machte sich die Frage geltend, was nun zu tun, wie die »Ehre des Hauses« zu wahren sei. Die für den Augenblick ganz zerschmetterte Heilige nahm an der Beratung hierüber keinen Anteil, sondern ließ, erschöpft durch den gemeldeten Ausbruch von Zorn und Jammer, alles apathisch über sich ergehen. Es wurde beschlossen, die Elisabeth und die Regula sollten noch an demselben Tage das neugeborene Kind nach Wildisbuch tragen. Zugleich sollte der Jakob einen Boten an den Johannes Moser nach Örlingen schicken, mit einem Briefe, worin der Genannte benachrichtigt würde, seine heilige Schwägerin wünsche in das väterliche Haus zurückzukehren, weshalb er sie mittels eines Wägelchens und der kalten Jahreszeit wegen mit einem Bette darauf nächtlicherweile in Illnau abholen und nach Wildisbuch bringen solle. Weiter wurde der Johannes Moser nicht in das Geheimnis eingeweiht, ebensowenig ein anderes Mitglied der Familie. Die Elisabeth hat nie eine Silbe davon verlauten lassen, was am 10. Januar in der Schlafkammer des Morfschen Hauses vorgegangen. Die Anhänger des heiligen Margetli hatten auch nach dem Tode desselben keine Ahnung, daß es gefallen sei, und als man ihnen die Tatsache gerichtlich mitteilte, wiesen sie dieselbe mit Unglauben oder gar mit Entrüstung zurück. So besonders die Ursula Kündig, welche in ihrem Verhör am 29. März 1823 (W. A. II, 2) auf die Frage, ob ihr nicht bekannt sei, daß die Marget einmal schwanger gewesen? zur Antwort gab: »Man würde ihr wohl ankommen, wenn man behaupten wollte, die Marget hätte mit Mannspersonen fleischlichen Umgang gehabt oder wäre gar schwanger gewesen. Freilich sei sie allerdings geistig schwanger gewesen und habe durch Christum viele Kinder, aber geistige geboren; gerade sie, die Ursula, und der Johannes Moser seien solche Kinder. Sie lebe und sterbe darauf, daß die Marget rein gewesen und nie fleischlich geboren habe,« In einem spätern Verhör (W. A. II, 20) gab Ursula an, sie habe, als sie zur Zeit der Weinlese 1822 die Marget in Illnau besuchte und mit derselben in einem Bette schlief, den auffallend starken Unterleib der Heiligen bemerkt. Allein dieselbe habe ihr gesagt, daß »ihr von den unerhörten Leiden, die sie von den satanischen Geistern zu erdulden habe, der Leib so geschwollen sei«. Ferner, nach der Rückkehr der beiden Schwestern aus Illnau habe sie die Wahrnehmung gemacht, daß ein mehrfach beregtes angebliches Symptom der Vergeistigung der Marget verschwunden und dieselbe, um einen Ausdruck der guten Regula Morf zu gebrauchen, »wieder wie andere Weiber« geworden war. Als sie ihre Verwunderung hierüber gegen die Elisabeth äußerte, gab ihr diese in ihrer heiligen Simplizitas eine so blasphemisch-schmutzige Antwort, daß wir dieselbe nachzuschreiben Anstand nehmen müssen. Der Bote war nach Örlingen abgegangen, und gegen Abend zu waren die Regula und die Elisabeth gerade im Begriffe, mit dem Kindlein nach Wildisbuch aufzubrechen, als die Sache eine neue Wendung nahm. Die Elisabeth erklärte nämlich unter großem Gejammer, »wie so unglücklich sie geworden seien«, und daß sie ihre Schwester unmöglich verlassen könne. Dann rückte sie – ob aus eigenem ober aus Margetlischem Antrieb, ist ungewiß – mit einem Vorschlag heraus, welcher recht klärlich dartut, daß diese frommen Seelen jedes sittlichen Gefühls und Taktes bar und ledig waren. Die Regula, meinte Elisabeth, sollte eine Niederkunft heucheln und sich für die Mutter des Kindes ausgeben. Sie weigerte sich anfänglich dieser Zumutung, sagend, es wüßten ja alle Leute, daß sie nicht guter Hoffnung gewesen. Allein die Elisabeth fiel ihr flehend zu Füßen, und Regula ließ sich, da auch ihr Mann und die Marget mit Bitten sie bestürmten, endlich überreden, der ihr angesonnenen Rolle sich zu unterziehen. Die brave Frau, welche an diesem Schicksalstage eine Seelenstärke, ja einen Heroismus entfaltete, welcher für mehr als ein Schlachtfeld ausgereicht hätte, verdient fürwahr vollen Glauben, wenn sie später vor Gericht aussagte, sie sei »am meisten aus Mitleid mit dem armen Kindlein« zu dem betrogen worden, was sie tat, indem sie gedacht hätte, »wenn sie ein solches auf der Gasse gefunden, sie es auch nicht liegen gelassen, sondern sich seiner erbarmt hätte«. Sie habe sich freilich sehr »geschämt«, daß sie sich zu einem solchen Betruge hätte gebrauchen lassen; hingegen »dürfe sie mit gutem Gewissen versichern, von jenem Augenblick an alle mögliche Sorgfalt auf das Kind verwandt zu haben, das anfangs sehr schwächlich und der Pflege sehr bedürftig war«. Der Jakob hat zum Überfluß das durch die gerichtliche Aussage bestätigt, seine Frau sei von dem Augenblick an, wo sie sich entschlossen, des Kindes Mutter vorzustellen, demselben auch »wirklich eine treue Mutter gewesen« und habe »oft ganze Nächte bei dem armen kleinen Ding gewacht, welches ohne diese Sorgfalt gar nicht mit dem Leben davongekommen sein würde«. Regula Morf, du hast ein einfaches, arbeitsvolles, unbeachtetes Dasein geführt und doch hätte dir, wenn die Kränze nach Verdienst verteilt würden, ein voller Kranz gebührt. Du hast in deinem schlichten bäuerischen Herzen mehr Liebe, Hochsinn und Großmut getragen als Hunderte von Heldinnen, von welchen Dichter singen und Geschichtschreiber reden, und mehr, unendlich viel mehr Christentum als Hunderttausende von liebsüßchristelnden Salmierern und Psalmieren, von schielenden, schleichenden Dunklern, Munklern und Muckern, von grölzenden Konkordatsbonzen und anderem Menschenspülicht dieser Sorte. Darum, Regula, soll dein Name unter Menschen nicht vergessen werden, soweit meine Stimme reicht, und stehe dies Wort hier zu deinem Ehrengedächtnis. Am Morgen des Samstags, welcher dem Freitag der großen Überraschung folgte, wurde im Morfschen Haufe eine Wochenstubenkomödie in Szene gesetzt, aber nicht à la Holberg. Die arme Regula hat die ihr dabei zugefallene Rolle »zitternd vor Scham« gespielt. Es galt, die herbeigerufene Wehmutter zu täuschen, die sich denn auch, obgleich über die unerwartete Niederkunft der Schustersfrau »etwas verwundert«, wirklich täuschen ließ. Die wahre Wöchnerin lag, wahrend diese Szene in der Stubenkammer spielte, unter Obhut ihrer Schwester in der oberen Kammer, als in ihrem gewohnten Versteck. Nachmittags begab sich der Jakob ins Pfarrhaus, um die Niederkunft seiner Frau anzuzeigen und für den folgenden Tag die Taufe des Kindes zu bestellen, wobei die Frau Pfarrerin mit Weisheit bemerkte, »sie begreife nun wohl, daß da weder Nußwasser noch Klistier geholfen«. Derweil war die Botschaft, daß die heilige Marget einen Zug nach Hause fühle und befehle, samt der Schwester auf einem mit Bettstücken versehenen Wägelchen heimgeholt zu werden, nach Örlingen gelangt, und der Johannes Moser ging sofort nach Wildisbuch hinüber, um das zur Ausführung dieses Befehles Nötige zu veranstalten. Nachdem das Fuhrwerk gerüstet war, fuhr er in Begleitung des Knechts Heinrich Ernst am Samstag (11. Januar) nach Illnau ab. Im Kemstttal angelangt, verließ Moser das Gefährt und ging demselben auf einem abkürzenden Fußwege voraus. Er muß etwa eine Stunde lang im Morfschen Hause verweilt haben, ist aber standhaft darauf beharrt, weder von den dortigen Vorgängen an diesem und dem vorhergehenden Tage in Kenntnis gesetzt worden zu sein, noch etwas davon geahnt zu haben. Von den wirklichen Vorgängen nämlich, denn die angebliche Niederkunft der Regula wurde ihm natürlich nicht verheimlicht. Es mußte aber von dem tatsächlichen Verlauf der Sache doch bereits ein dumpfer Ton in die Gegend ausgegangen sein, denn Knecht Heinrich hatte unterwegs vernommen, die Marget habe zu Illnau einen Knaben geboren. Die Nacht, und zwar eine »grimmig kalte« Nacht, war schon völlig hereingebrochen, als der Knecht mit dem Fuhrwerke vor dem Morfschen Hause anlangte. Es ward ihm nicht gestattet, dasselbe zu betreten oder auch nur die Pferde zu füttern und ausruhen zu lassen. Er fand die Schwestern schon vor dem Hause, ganz zur Abreise bereit. Die Marget hatte sich der Aussage Regulas folge »tüchtig zusammengenommen und war allein d. h. ohne Beihilfe) die Treppe heruntergegangen«. So fuhr man ab und durch den klingenden Frost der Januarnacht hin. Die beiden Schwestern waren in die mitgebrachten Bettstücke verpackt, müssen aber während der sechs- bis siebenstündigen Fahrt doch bitterlich gefroren haben, und es ist fast wunderbar, daß die Marget bei dem Zustand, in welchem sie sich befand, die Strapazen dieser Nachtreise überstand, ohne zu erkranken. Eine andere Frage ist freilich, ob die Eindrücke, welche ihr durch die Erlebnisse des vorhergehenden Tages in seinen Tiefen aufgewühltes Gemüt von dieser unheimlichen nächtlichen Fahrt erhalten haben muß, nicht ein sehr wesentliches Glied in die Kette ihres sich steigernden Wahnwitzes eingeringt haben. Denn als der mit dem Moser neben dem Wagen hergehende Knecht Heinrich unterwegs die naive Frage an sie richtete, ob es wahr sei, daß sie in Illnau gekindbettet habe, gab sie ihm zur Antwort: »Würde ich auf solchen Wegen wandeln, wäre ich weit entfernt, den Willen des Herrn zu befolgen.« Das nächtliche Dunkel war der fahlen Morgendämmerung noch nicht gewichen, als das Fuhrwerk vor dem väterlichen Hause in Wildisbuch hielt und die Heimkehr geräuschlos und unbemerkt bewerkstelligt wurde. Vater Judenschießer bewillkommte die heilige Tochter mit der schüchternen Bemerkung: »Du bist doch lange fortgeblieben.« Worauf die Marget lakonisch: »Es war der Wille des Herrn.« Verhör des Heinrich Ernst am 5. April 1823. W. A. II, 4. Neuntes Kapitel. In der Stille dem Herrn dienend. Von der Rückkehr aus Illnau an hat die Heilige nie mehr einen Schritt vor das väterliche Haus getan. Ebenso ihre Schwester Elisabeth, die sich fortan sozusagen als ein zweites Ich oder vielmehr als den Schatten der Marget aufspielte. Trotz des Winterfrostes legte sich eine dumpfe schwüle Stille über das ganze Hauswesen, dessen unbedingte Herrin dem Vater, den Geschwistern und Dienstboten strengstens befohlen hatte, ihre und der Schwester Heimkunft vor jedermann geheim zu halten. Es geschah so und war das um so eher möglich, als das Haus fortwährend ängstlich versperrt blieb, nur »Wissenden« Eingang verstattet wurde und ein großer bissiger Hund, dem von den Dorfleuten niemand zu nahe kommen mochte, die Haustüre bewachte. Auch heilsbegierige Pilger, von Schaffhausen und anderwärts herkommend, wurden auf Befehl der Heiligen unerbittlich abgewiesen, unter dem Vorgeben, das Licht, bei welchem sie Erleuchtung suchten, sei noch immer aus der Heimat entrückt. Das heilige Margetli wollte fortan, fügte es, »ganz in der Stille dem Herrn dienen«. In diesem Dienste saß die Seherin tagüber mit der Elisabeth meistens in dem Gelaß mit dem Himmelbett und den »zwei Trögen«, welches sich über der Schlafkammer des alten Peter befand. Hier verdämmerten die beiden müßig die Zeit, in den »Urgeist« oder in das »ewige Nichts« versunken. Abends, wann die Schiebladen über die Fenster der Wohnstube gezogen waren, kamen die Schwestern herab, und dann trieb die Marget in gewohnter Weise Bibelexegese oder Predigte über einen Text, wie ihn etwa ein Traktätlein von dem vielteuren Ganz-Qualm an die Hand gab. Zum Schlusse eiferte sie gewöhnlich die um sie versammelte Hausgenossenschaft an, »zu wachen und zu beten«, und dieser Ermahnung fügte sie ab und zu im dunkelsten Orakelton einen Wink bei, daß »Großes« bevorstehe und sie durch Bußetun sich vorbereiten müßten, den »Willen des Herrn« in Vollzug zu setzen. Ihr Ansehen bei den Ihrigen bestand noch immer unbeschränkt, ja unbeschränkter als je. Zwar war unmittelbar nach ihrer Heimkehr von ihrer so »ungeistig« beendigten Hedschra auch unter dem Dach ihres Vaterhauses, vielleicht infolge eines unbedachten Wortes des Knechtes Heinrich, ein Raunen und Flüstern und Wispern umgegangen, daß die Heilige während ihrer langen Abwesenheit zu Falle gekommen, und hatte die vielerfahrene Magd Margareta Jäggli wahrgenommen, daß die Heimkehrende doch »sehr blaß und schwach aussah«. Allein die Magd sowohl als alle übrigen Hausgenossen waren in ihrer tiefen Ehrfurcht weit davon entfernt, aus dieser Blässe und Schwäche auf das zu schließen, was der Marget wirklich begegnet war. Das Gerücht von einer Schwangerschaft derselben wurde für eine schnöde, vom Satan den Ungläubigen und Heiden eingegebene Verleumdung angesehen und verworfen. Am meisten mag sich die arglose Ursula Kündig darüber entsetzt und entrüstet haben, denn für das beklagenswerte Mädchen war es gerade zu dieser Zeit zum unwankbaren Dogma geworden, daß die Marget »eigentlich Gottes Sohn, und bestimmt sei, den Teufel zu fesseln.« W. A. I, 11, 18, 31, 63; II, 2, 7, 9, 32. Daß die Heilige es sich angelegen sein ließ, das arme Mädchen in diesem Glauben, so es nötig gewesen wäre, zu bestärken, kann einem Zweifel nicht unterliegen. Damit ist denn auch schon die Frage beantwortet, ob wohl das Abenteuer vom 10. Januar den geistlichen Hochmut der Marget nicht gebrochen habe? Nein, keineswegs. Im Gegenteil, sie war jetzt mehr denn je von ihrer Mission überzeugt. Also es tauchte in ihr gar kein Skrupel auf, das auserwählte Gefäß des Herrn, für welches sie sich hielt, könnte durch jene Zwielichtsstunde im Frühjahr von 1822 und ihre Folgen verunreinigt worden sein? Doch wohl. Ein solcher Skrupel mußte kommen, es konnte ja nicht anders sein. Aber war denn nicht der allerbequemste Sündenbock zur Hand, welchem sie den »unverhofften Zufall« zuschieben konnte? Freilich. Ich meine jenen Allerweltsteufel, welchen man, wie weltbekannt, den dummen tituliert. Armer dummer Teufel, was müßt du für einen breiten Rücken haben! Und was für Knie von Eisen! Denn sonst hätte jener schon lange nicht mehr ausgereicht für die kolossale dir aufgebürdete Last von menschlicher Torheit, Schwäche und Schlechtigkeit und müßten deine Knie schon längst darunter zusammengeknickt sein. In allem Ernst, die ganze ver- und durchteufelte Weltanschauung unserer gefallenen Heiligen mußte sie zu der Konsequenz treiben, ihren Fall für ein Werk des Teufels anzusetzen. Aber dabei blieb sie nicht stehen. Denn vermöge ihrer ungeheuerlichen Dialektik kam sie zu dem Schlusse, ihr Fall sei eigentlich kein Teufelswerk, sondern ein Gotteswerk und sei das Kind »ganz aus Gott geboren«. Toller Widerspruch! Jawohl, aber wenn sich der Glaube an Widersprüchen stößt, so ist er eben schon nicht mehr der »rechte«. Glücklicherweise dokumentiert ein Schriftstück von der eigenen Hand der Heiligen das Gefügte. Wenige Tage nach ihrer Heimkehr setzte sie sich hin und schrieb an den teuren Jakob in Illnau: Mein Herzlich Geliebter! Der Herr hat uns glücklich nach Haus gefürt. Aber wie der Teufel ein Erschreckliches angsthaftes Wesen auf uns geschossen wie wir durch die Tore hindurch waren! Aber unser Himmlischer Vater zoge vor uns her. Es geht mir so guth mit der Gesundheit. O es ist unbeschreiblich, wie sich mein Himmlischer Vater gegen mich erzeiget in seiner Grosen Liebe! Erschrecklich fart er in seiner Macht daher in unserem Haus und das Reich des Satan ist vor der Macht des Herren gefallen unter mir. Ich bin nicht mehr so verwirt und verfinsteret und gefangen davon, auch die Geisteren in unserem Haus haben keine Macht auf mich. Aber auf meine liebe Schwester Elisabeth fahren sie heftig zu. Zugleich habe ich immer leiden, aber nur für die Seelen und das ist ja ein Herliches leiden. – Aber nun was soll ich sagen, soll ich anfangen von unserem unverhoften Jammergeschrei, von unserem unverholen Trauermeer! Ach soll ich mich den nochmals in dise Lage verzezen, wo der Himmel Trauern möchte und die Erde leid Tragen, wo die Mauern bluten möchten und die steine schreien, über disen unverhoften unwisenden unerwarteten Zufall. Aber sehr guth ist es noch, das mein Vater mir solchen so tief verborgen, sonst hette es ja das gröste Unglück geben können, dieweil ich es fast nicht von jhm Annehmen könnte. O wie Erschrecklich kommt es mir seither vor, wenn ich daran gedenke, wie ich Reden müßte. Das ist vom Teüfel, das hat er gethan. Aber was für einen erschrecklichen Zorn hat der Teüfel in mich ergosen, daß ich euer beide Töden könte. Aber wie mit einer erschrecklichen Drohung kam mir mein Himlischer Vater entgegen und bestrafte mich Ernstlich und sagte mir, daß es ihm angehöre und nicht dem Satan, und liese mir den Satan sehen, wie er es durchdringte mit seinem Wesen und anspruch machte auf das A. Sch. (arme Schäflein) auf meine reden hin. Aber ich mußte den Satan wider Hinschicken und das Arme Schäfli meinem Vater in die Arme geben. Der Sinn dieses tiefsinnigen Unsinns ist offenbar der: »Wenn ich meine Niederkunft vorhergesehen, hätte ich leicht ein verzweifeltes Verbrechen begehen können. Ich war so wütend, daß ich euch beide, d. h, das Kind und dessen Vater, hätte umbringen mögen. Da offenbarte mir aber Gott, daß das Kind nicht, wie ich gewähnt, dem Satan, sondern ihm gehörte, und so stellte ich es ihm anheim.« Aber (weder) mein Vater noch jhr könet mir solches verdenken, dieweill ich ja von diesem Allem kein Zeugniß geben könte. Aber ich konte nicht Ruhen und ließ meinem Vater keine Ruhe bis er mir solches klar Offenbarte und kund Thate. Nun bin ich Ruhig, dan er hat mich auf ewig überzeugt, das er das gethan und solches von jhm geschehen seie, und hat er meine liebe Schwester Elisabeth überzeugt, welche ein Herz und ein Geist ist mit mir. – Nun muß ich euch sagen, meine Geliebten! als mich Nun mein Vater folkommen überzeugt hat, bald darauf überfielen mich Geistliche Geburtswehen für das liebe Schäfli von meinem Vater! Die dauerten eine gute Zeit, bis ich sähe, das es ganz aus Gott gebohren war. Nun gedenke ich nicht mehr an die Angst um der Freude willen, das ein Mensch ins Reich Gottes gebohren ist, spricht Christus! Wo ist das geschehen? Von der Grundlegung der Welt an... Aber ich kann nicht Ruhen und muß meinen Vater Ohne unterlaß bitten, das er es wider zu sich nehme. Es muß nicht in der Welt sein, um so Schmählich und Verächtlich mit dir angeschaut zu werden, von deiner Schwester und den übrigen Geisteren in eurem Haus. Ach wie wird die Schrift erfüllt wie an dem Psalmist. Ich habe einst bei meiner Heiligkeit geschworen, spricht der Herr! Er soll ewiglich erhalten werden wie der Mond und der Zeüg in den Wolken. Aber nun hast du, o Herr, verstoßen und zürnest wider deinen Gesalbeten. Du hast den Bund deines Knechts zerstöret und seine liebe zu boden geworffen. Es berauben ihn alle die fürüber gehen, er ist seinen nachbaren ein spott geworden. Du hast die Rechte Hand seiner Widersacher erhöhet und alle seine Feinde erfreuet. Aber Christus achtete der Schande nicht und nach disem ist er eingegangen in die Herrlichkeit. O ja! wir filen der ewigen Auferstehung entgegen. Ach du mein lieber! Ach du mein ewig geliebtes Herz! Laß dich doch keineswegs anfechten vom feind. Wie unaussprechlich ist der Zug meines Vaters nach dir und meiner lieben Schwester Zugleich, weil nur Ein Geist auf uns ruht. O ich kan oft fast nicht mehr da sein und muß doch jetz. Aber noch nie sähe ich den ewigen Sommer von ferne heranrücken wie dismal.« Folgt dann noch eine genaue Anweisung für das »liebe Regeli«, daß es seinen Mann, während er noch in der Zeitlichkeit weile, gut beköstigen und ihm ja täglich Fleisch kochen solle. W. A., Briefmappe, Nr. 20. Wer diese krause Epistel mit einiger Aufmerksamkeit liest, wird notwendig den Eindruck empfangen, daß ein unbändiger Stolz die Seele der gefallenen Heiligen erfüllte. Nicht ein einziger Herzenslaut wahren Muttergefühls macht sich in dem turbulent-mystischen Geschreibsel bemerkbar. Man fühlt, daß sie das »arme Schäfli« gerne dahin gewünscht hätte, wo der Pfeffer wächst oder, heiliger gesprochen, in den Himmel. Sie ist nur bemüht, den »unverhofften, unwissenden, unerwarteten Zufall«, indem sie denselben erst dem Teufel und dann Gott in die Schuhe schiebt, vor ihren Vertrautesten zu rechtfertigen und mehr noch vor sich selbst. Das gelingt ihr denn auch so sehr, daß sie sich offenbar ganz wieder als der abermals fleischgewordene Christus fühlt und mit ihrem »himmlischen Vater« ganz familiär verkehrt. Der »ewiggeliebte« Jakob seinerseits ließ sich an dem brieflichen Trost nicht genügen. Schon vierzehn Tage nach der Abfahrt der beiden Schwestern aus Illnau finden wir ihn wieder bei seiner Seelenfreundin in Wildisbuch, wo er eine volle Woche verweilt. Vierzehn Tage später ist er abermals dort und bleibt wiederum eine Woche. Bei diesen Besuchen, die sich noch mehrmals wiederholten, saß er gewöhnlich mit den beiden Schwestern in der bezeichneten Kammer, wo sie im stillen mitsammen dem Herrn dienten. Wenn sie diesem Dienst mitunter einige Zeit abmüßigen konnten, kam die Rede auch auf das »arme Schäfli« und da versprachen dann die beiden Schwestern, demselben ihr Vermögen zu hinterlassen. Was aber den Jakob so häufig nach Wildisbuch zog, war seiner Angabe zufolge die nach wie vor grünende Hoffnung, daß »er und die Marget gemeinschaftlich bei lebendigem Leibe in den Himmel emporgehoben würden«. W. A. II, 6. Antw. a. d. Frage 26. Das also war der Angelpunkt, um welchen sich das Denken oder vielmehr das Duseln der gefallenen Heiligen noch immer drehte? Sie wollte himmelwärts, aber ja nicht ohne den geliebten mopsköpfigen Jakob. Es gab freilich Augenblicke und Stunden, wo diese messianische Hoffnung sich trübte, wo es nachtete in der Seele des unglücklichen Weibes, tief nachtete. In wirren Träumen mochte ihr das von ihr verlassene Kind erscheinen, die Ärmchen nach der Mutter ausstreckend und sie an ihre Pflicht mahnend. Wenn sie dann erwachte, suchte sie ihr aufgejagtes Muttergewissen dadurch zu stillen, daß sie, wie sie ihre sinnliche Leidenschaft in die mystisch-transszendente Sphäre hinübergeschwindelt hatte, auch ihre Mutterpflicht in diese Sphäre hinüberlog, so sehr hinüberlog, daß sie selber fest an die Lüge glaubte. Wissen wir denn nicht aus der Selbstbiographie des großen Humbugers Barnum, wie ihm das Humbugen so zur zweiten, ja zur ersten Natur geworden, daß er häufig Wirklichkeit und Humbug gar nicht mehr zu unterscheiden wußte? Der gefährlichste Humbug ist aber der, welchen man sich selbst vormacht. Und vollends der religiöse! Erinnern wir uns, daß dem heiligen Margetli schon in einem Alter von sechzehn Jahren die Welt des Seins zu einer Welt des Scheins geworden war und umgekehrt. Und nun gar jetzt, nach der Heimkehr von der Hedschra, nach den Erlebnissen derselben! Sie lebte und webte und strebte nur noch in einer Welt des Spukes, der Schemen, der Phantome, welche bald in göttlicher, bald in teuflischer Gestalt sie umgaukelten. Daraus erklärt es sich, daß sie, wenn in lichten Momenten die Stimme der Natur aufschrie in ihr: »Du bist Mutter! Wo hast du dein Kind?« diese ewige Stimme nicht mehr verstand und in ihrem Kinde weiter nichts sah als einen Zankapfel zwischen Gott und dem Teufel. So schrieb sie am 14. Februar 1823 an den ewiggeliebten Jakob: »Hast du nicht gesehen, wie der Vater das liebe Kind gefangen nehmen ließ von den Geisteren und Teüflen in die Tiefe hinab und es kreuzigen ließ von denselbigen geistlich und leiblich? Als es nun genug war, war der Zug meines Vaters unbeschreiblich zu euch, um dasselbige wider zu erlösen von denselbigen, ...« In der nämlichen Epistel legt sie Zeugnis ab, daß der »Wurm, der nicht stirbt«, allem Schwindel und Humbug zum Trotz zuzeiten doch bissig und giftig genug ihr am Herzen nagte. Mochte sie ihr Haupt noch so stolz zum Himmel aufrichten, nur um so mehr stolperte sie immer wieder über jenen schwarzen 10. Januar, wo die vermeintlichen Krämpfe so ein schreiendes oder wenigstens wimmerndes Resultat gehabt hatten. »Ach« – schrieb sie – »daß doch mein Vater das beschlosen in seinem Rathschluß von ewigkeit her. Ach er hatte doch noch Tausend und abermal Tausende andere kreützesmittel. Ach ich hette doch alle andere leidenschulen erwelt, wenn er mir's gesagt und erwehlen liese. Aber wirklich das, was ich nicht erwelt hette, hat er beschlosen über mich, mir zum grösten schmerze und kreüzigung, noch über diese grose kreüzigung vom Teüfel und seinem ganzen Reich, wo ich oft fast unterliegen mußte. Nein von der Grundlegung der Welt an ließ er keine seiner Heiligen so zurichten und kreüzigen und zu schanden werden wie uns vor unseren feinden. Gott meinem Vater und dem ganzen himmlischen Cor ist es zu einer unbeschreiblichen Freude, uns aber zum grösten Schmerze und Jammer und Vollendung am kreüz .« W. A. Briefmappe, Nr. 20. Also schon jetzt, schon im Februar stand der molochistische Gedanke einer Selbstaufopferung am Kreuze ausgebildet und fertig vor ihrer kläglich verworrenen Phantasie? Wir können kaum daran zweifeln. Oder wenigstens muß angenommen werden, daß durch die Finsternis ihrer Stimmung dieser Gedanke schon blutrot hervorschimmerte, wenn auch vorerst noch in unbestimmten Umrissen. Ein grausamer Instinkt scheint sie Tag und Nacht gestachelt zu haben, mittels eines freiwilligen Martertodes nach Verklärung zu ringen. Darauf deutet es, wenn sie in dem eben angezogenen Briefe fortfährt: »Wie groß und unerträglich die schande vor unseren feinden hienieden, so unbeschreiblich wird bald unsere Ehre und ewige Herlichkeit sein zu der Rechten unseres Vaters!« Fixer konnte sich die fixe Idee der Heilandschaft doch wohl kaum äußern, um so weniger, als sie nach den angeführten Worten noch die biblische Stelle zitierte: »Ich komme bald und werde jedem vergelten nach seinen Werken.« In Augenblicken, wo sich ihr Stolz zu diesem messianischen Vollbewußtsein hinaufgipfelte, hätte sie singen mögen oder sang vielleicht wirklich im stillen: »Fort, fort, mein Geist, zum Jubilieren! Umgürte dich zum Triumphieren! Auf, auf, es kommt das Ruhejahr!« Zehntes Kapitel El Schaddai Von dem molochistischen Gedanken der Selbstopferung sprachen wir und fürwahr mit gutem Bedacht. Denn die Religion unserer gefallenen Heiligen war vollendeter Molochismus. Der Zwiespalt zwischen Gott und dem Teufel, innerhalb dessen ihre Vorstellungen sich bewegten, war nur ein scheinbarer, kein wirklicher. In Wahrheit, Gott und Teufel fielen ihr mehr und mehr zu jenem schrecklichen Phantom zusammen, welchem vorzeiten die phönikischen und hebräischen Frauen ihre Kinder geopfert hatten. Das Fabulieren der Unseligen von ihrem »himmlischen Vater« war ganz bedeutungslos. Haben wir sie nicht sagen gehört, ihre Seelenpein gereiche ihrem himmlischen Vater zu »unbeschreiblicher Freude«? Fletscht da nicht der alte Moloch sein blutgieriges Gebiß? Ist so eine unbeschreibliche Freude nicht ganz würdig des Gottes, welcher sich an dem »sardonischen Gelächter«, d. h. an den qualvollen Zuckungen der in seinen glühenden Armen zerfließenden Opfer ergötzte? Ein solcher Gott will mit Marter und Blut und Tod versöhnt sein. Die Marget aber, mochte sie ihr Gewissen auch noch so fest in die fixe Heilandsidee einwindeln, der Wurm nagte dennoch, nagte, nagte, und sie konnte doch nur auf Augenblicke vergessen, daß sie gefallen, daß sie eine Schuld zu sühnen habe. Mittels einer unschweren Manipulation taschenspielte der heilige Größenwahn dieses Schuldbewußtsein freilich auf das Gebiet des Messianismus hinüber, wo die Heilige sich vorgaukeln konnte und wirklich sich und anderen vorgaukelte, nicht für sich selbst, sondern für viele tausend arme Seelen müßte sie sich opfern; aber am Wesen der Sache ändert das nichts. Doch nun wird der harmlose Leser kopfschüttelnd aufblicken und verwundert fragen: Wie sollte das Bauernmädchen aus der Kohlfirst mit dem grimmigen alten Herrn zusammenkommen, dem Baal-Moloch-Schaddai, dessen stierköpfiges Idol schon lange, lange zerschlagen und verschollen und der höchstselbst schon lange, lange ab und tot ist, mausetot, und ganz vergessen wäre, so ihn nicht die große Mumiensammlung von Götterleichen, die Religionsgeschichte, als eine ihrer rarsten Raritäten aufbewahrte? Weise gesprochen, wäre nur nicht Grund vorhanden, vollwichtiger Grund, zu vermuten, nein, zu wissen, daß der besagte grimmige alte Herr keineswegs so ganz tot und ab ist, sondern noch immer in Millionen und wieder Millionen von armen Menschenköpfen, sogar in Millionen von solchen, über welche das christliche Taufwasser gegangen ist, in seiner ganzen Macht und Furchtbarkeit umgeht. Woher dies und warum? Eine wichtige Frage, dünkt mich, eine sehr wichtige für jedermann, welcher die höchsten Interessen der Menschheit überhaupt des Nachdenkens wert hält. Eine auch für unsern Gegenstand speziell sehr bedeutungsvolle Frage, so bedeutungsvoll, daß sie, scheint mir, nicht etwa nur als ein beiläufiges Intermezzo, sondern vielmehr als ein wesentliches Motiv in das Passionsspiel von Wildisbuch gehört. Wollen wir, geneigter Leser, diese Frage mitsammen erörtern? Wenn ja, so tun wir es an der Hand einer früher von mir angestellten Untersuchung. Vgl. Scherr, Geschichte der Religion, II, 126 ff. Ich verlange dabei von dir nur, daß du im Vollbesitze deiner fünf gesunden Sinne und so gut seiest, dieselben für die Dauer einer halben Stunde zusammenzuhalten. Denn wie gesagt, es ist eine ernste Sache. Dem auf der großen Synode von Nikäa i.J. 325 festgestellten Grundgesetze des christlichen Glaubens zufolge, welches bis auf den heutigen Tag für sämtliche christliche Kirchen volle Verbindlichkeit hat, statuiert das Christentum, das dogmatische nämlich, eine dreifältige und zugleich wieder einfältige Gottheit. Gott der Vater zeugt unter Vermittelung Gottes des Geistes mit einer Erdgeborenen, einer Jungfrau aus davidischem Stamme, Gott den Sohn. Das christliche Gottesbewußtsein ist aus dem hebräischen entsprungen, die christliche Dogmatik auf die hebräische gepfropft: Jesus Christus ist demzufolge der Sohn des hebräischen Nationalgottes Jahve. Das Christentum hat aber den nationalen Begriff des hebräischen Stammgottes zum universalen erweitert und hat den Herrgott Zebaoth zum »Vater« der Menschheit erhoben. Hat es aber dadurch, wenigstens für die ungeheure Mehrzahl der zum Christentum sich Bekennenden, den Gott wirklich seiner ursprünglichen Wesenheit entkleidet? Konnte es das, solange das Alte Testament die Grundlage ist, ohne welche das Neue, was seine dogmatische Seite angeht, haltlos in der Luft schwebt? Beide Fragen dürften entschieden zu verneinen sein. Welches war denn aber eigentlich das ursprüngliche Wesen des Gottes, welcher im Christentum zum Gottvater umgewandelt erscheint? Beantworten wir diese Frage völlig unbefangen, was wir können, weil wir »vom Eifer für das Haus des Herrn« keineswegs »verzehrt«, d. h. vom furor theologicus völlig frei sind. Wir werden auch unsere Antwort auf ein Beweismittel stützen, welches selbst die Vilmar und Kliefoth und alle die lutherischen Päpstlein neuesten Datums, deren Zahl Legion ist, werden gelten lassen müssen, nämlich auf die Bibel. Freilich lesen wir in derselben, was wirklich darin steht, und nicht bloß wie gewisse infallible Herren, was uns gerade darin zu finden paßt oder – nicht paßt. Jedermann weiß, daß die Hebräer ein Glied der großen vorderasiatischen Völkerfamilie waren, welche man nach ihrem angeblichen Stammvater Sem die semitische zu nennen pflegt. Die Semiten verehrten eine Gottheit, welche von den verschiedenen Stämmen unter verschiedenen Namen (Bel, Baal, Moloch, Melkarth, Milkom, Dagon, Kamos) angebetet, in eine bejahende und eine verneinende oder in eine schaffende und zerstörende Seite zerfiel. Es liegt auf der Hand, daß in diesem Naturdienst der ewige Prozeß von Geburt und Tod, Werden und Vergehen seinen religiösen Ausdruck gefunden hatte. Auf die mythologische Gestaltung des semitischen Gottesbewußtseins, welcher zufolge der männlichen zeugenden Gottheit eine weibliche empfangende und gebärende (Beltis, Baaltis, Mylitta, Aschera) zur Seite trat, braucht hier nicht eingegangen zu werden. Der Kultus der Semiten, der Gottesdienst, war ein grausamer und wollüstiger: dem Baal-Moloch wurden Menschenopfer, der Baaltis-Mylitta-Aschera wurden Unzuchtsopfer gebracht, indem sich bei den Tempeln der Göttin die Mädchen und Frauen den Wallfahrern preisgeben mußten. Das Nähere hierüber steht bekanntlich beim Herodotos (I, 199), Justinus (XVIII, 5) und Valerius Maximus (II, 6) zu lesen. Existierte nun zwischen der hebräischen Religion, welche wir nach dem Namen ihres Gottes Jehova oder richtiger Jahve das Jahvetum nennen, und dem Baal-Molochtum der übrigen Semiten ein ursprünglicher Zusammenhang oder nicht? Die zwei sich entgegenstehenden Ansichten von der Sache sind diese. Die eine, die orthodoxe, gang und gäbe ist diese: Jahve war ein von den Göttern der Gojim (Heiden, d.i. der übrigen Semiten) schon von Anfang an streng unterschiedener Gott. Abraham brachte den Kult des hebräischen Stammgottes mit nach Kanaan, überlieferte denselben seinen Nachkommen und dieser nachmals durch Mose ausgebildete Kult verabscheute und verbot die Menschenopfer. Levit. 18, 21; 20, 2. Deuteron. 12, 31. Streng genommen verbietet nur die letzte dieser Bibelstellen das Menschenopfer überhaupt. Die andere Ansicht behauptet, Jahve sei ursprünglich mit dem semitischen Hauptgott Baal-Moloch eins gewesen. Weiterhin geht jedoch diese Ansicht auseinander. Die einen ihrer Bekenner identifizieren nämlich den Jahve zwar mit dem Moloch, erklären aber, diese Dieselbigkeit habe sich in dem Maße aufgehoben, in welchem im Vorschritte der Zeit die Verehrung des an Menschenopfern Gefallen findenden urväterlichen hebräischen Gottes El Schaddai zum humaneren Jahvetum sich umgebildet hätte, welches die Menschenopfer verwarf. Die andern verneinen diese Umbildung durchaus und sagen, der hebräische Gott sei auch als Jahve immer derselbe furchtbare Gott geblieben und sei daher das Menschenopfer den Reformbestrebungen der Propheten zum Trotz bis zur Zeit nach dem babylonischen Exil ein orthodoxer gottesdienstlicher Brauch der Hebräer gewesen. Die Untersuchung hierüber muß, wenn sie unbefangen und leidenschaftslos sein will, zuvorderst zwei Umstände ins Auge fassen. Erstens, die Schriften des Alten Testaments sind zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Verfassern in verschiedenem Sinne geschaffen worden, und sie widerspiegeln also gleichermaßen den roheren Geist der früheren wie den gebildeteren und milderen der späteren Zeiten. Daraus folgt die Tatsache, daß sie, wie der gang und gäben, so auch der abweichenden Ansicht vom Jahvetum oder Mosaismus Beweise an die Hand geben. Zweitens, die schroffe Trennung des Hebräismus vom übrigen Semitentum und vom Ägyptertum ist eine weit mehr nur von einzelnen Eiferern gewollte als im ganzen praktisch durchgeführte gewesen, und im günstigsten Falle war, sie nie eine dauernde. Ist doch die ganze hebräische Geschichte nur die eines Kampfes der strengen Nationalpartei gegen die tiefgewurzelte, weil naturgemäße Hinneigung des Volkes zu den Anschauungen und Sitten seiner Nachbarn. Die Erfolge in diesem Kampfe waren nicht die Regel, sondern nur Ausnahmen. In der Masse des Volkes überwogen ja schon während der Wanderung in der Wüste die Erinnerungen an den ägyptischen Tierdienst, die von dem großen Mose vertretenen Vorstellungen der Jahvereligion. Aus der wilden Zeit der Richter bezeugt die furchtbare Tatsache der Opferung von Jephtas Tochter die Beteiligung der Hebräer an dem molochistischen Gottesdienst der Kanaaniter. Bekannt ist ferner, wie sogar König Salomo, der Erbauer des großen Nationaltempels, vom Jahve zum Baal und zur Baaltis abfiel. Als das Verderben der Nation, nach der Trennung des Reiches in Israel und Juda, hereinbrach und die Kampfe der religiösen Parteien immer leidenschaftlicher sich gestalteten, wurden die Abfälle zum semitisch-syrisch-phönikischen Gottesdienst zahllos. Die Bücher der Könige, der Chronik und der Propheten sind voll von Klagen der jahveistisch gesinnten Partei, daß die Altäre des Baal-Moloch im Tale Ben-Hinnom bei Jerusalem von Kinderopfern rauchten. König Ahas von Juda ließ, zur Abwendung seiner Bedrängnis durch den König Rezin von Damaskus, seinen Sohn durchs Feuer gehen, d. h. er opferte denselben. Noch schlimmer trieb es der König Manasse von Juda, welcher den Jahvetempel zu Jerusalem förmlich dem Baal und der Baaltis weihte, »Tempelhuren« in die Priesterwohnungen beim Heiligtum setzte und im Tale Ben-Hinnom dem Moloch seine Sohne zum Brandopfer brachte. Nach Aufführung dieser alttestamentlichen Tatsachen ist man – vorausgesetzt, daß man es mit dem gesunden Menschenverstand und nicht mit Hassenpflug – Vilmar-Kliefothschem Theologismus oder konkordatsfroher »Staatsräson« zu tun hat – doch wohl berechtigt, zu fragen: Wie konnten solche stets wiederkehrende Abfälle vom Jahvetum stattfinden, wenn die Hebräer von dem semitischen Gottesdienste jemals vollständig sich emanzipiert hatten? Wie konnte der molochistische Menschenopferkult, falls der Jahvedienst, welcher solche Opfer verabscheute, jemals dem hebräischen Volke zur Herzenssache geworden war, immer wieder so schnell populär werden? Sollte, dies zu erklären, nicht anzunehmen sein, daß das ältere, ursprünglichere, rohmaterielle religiöse Bewußtsein der Hebräer über das spätere, geistigere und humanere immer wieder den Sieg davongetragen habe? Der Verfasser des Buches Exodus (6, 2) läßt den hebräischen Gott zu Mose sprechen: »Ich bin Jahve und ich erschien dem Abraham, dem Isaak und dem Jakob als El Schaddai, aber unter dem Namen Jahve war ich ihnen nicht bekannt.« Der älteste dokumentierte Name des Gottes der Hebräer war demnach El Schaddai. Wenig jünger mag die abstrakte Bezeichnung des Gottes durch das Wort Elohim (Macht, Entscheidung) sein. Das hebräische Verbum schadad bedeutet »er hat geschlagen, verwüstet, vernichtet«, das Substantiv sched bedeutet einen bösen Dämon. Wer zu schlagen, zu verwüsten, zu vernichten vermag, ist ein Mächtiger: also stimmt dem Sinne nach der Name Schaddai mit dem von Baal (Herr) und Moloch oder Molech (König) ganz überein. Wie Baal ist auch der hebräische Gott ein Gott der Höhen. Nach dem Berge Sinai richtet sich der Zug der aus Ägyptenland befreiten Israeliten, damit sie dort ihren Gott anrufen. Auf einem Berge seinen Sohn zu opfern wird dem Abraham von seinem Elohim befohlen. Auf dem Hügel Moriah wird der große Nationaltempel der Hebräer erbaut. Der Begriff einer zerstörerischen Naturmacht ist auch in der Vorstellung von der persönlichen Erscheinung des hebräischen Nationalgottes deutlich ausgeprägt. Diese Erscheinung ist furchtbar. Ganz wie Moloch ist auch El Schaddai oder Elohim oder Jahve ein »fressendes Feuer«. Sein Nahen und sein Anblick wirken tödlich. Deuteron, 4, 15, 24; 5, 5, 24, 25. Exod. 24, 17; 20, 19; 33, 3, 20. Num. 16, 35. Levit. 10, 2. B. d. Richter 13, 22. Psalm 18, 7-16. Als Schrecken und Finsternis fällt er auf Abraham, als rauchender Ofen und lohende Feuerflamme erscheint er dem Patriarchen (Genes. 15, 12, 17). Aus dem brennenden Dornbusch ertönt die Stimme El Schaddais, welche den Mose beruft. Als Wolkensäule bei Tage, als Flammensäule bei Nacht geht der Gott den Kindern Israel durch die Wüste führend voran. Die unnahbare Zerstörungsmacht dieses Feuergottes ist auch bei den Hebräern keineswegs bloß eine physische, sondern zugleich auch eine moralische; denn die schrecklichen Wirkungen seines Wesens sind nicht etwa nur zufällige, sondern absichtliche. Bezeugt doch die Bibel sehr ausdrücklich, daß Jahve selbst an solchen, die ihm opferten, jede Verletzung der Ehrfurcht gegen ihn, sogar eine rein zufällige, mit Tod und Vernichtung strafte. Um ein Beispiel anzuführen, so kann an der Stelle (1. Samuel 6, 13 – 19), wo Jahve 50 070 Mann des Volkes von Beth-Semes tötet, weil die Unglücklichen die Bundeslade gesehen hatten, die Zufälligkeit der Verfehlung und die Absichtlichkeit der Bestrafung gar nicht zweifelhaft sein. Noch mehr, die lebensfeindliche, verneinende Seite des älteren Jahvetums erscheint so ausgebildet, daß der Pentateuch (Deuteron. 32, 41 – 42) dem Gott geradezu eine kanibalische, berserkerhafte Lust am Blutvergießen zuschreibt: »Wenn ich meines Schwertes Blitz gewetzt und meine Hand gegriffen zum Gericht, so bezahle ich Rache meinen Feinden und meinen Hassern vergelte ich. Meine Pfeile will ich trunken machen mit ihrem Blut, mit Blut der Erschlagenen und Gefangenen vom Haupt der Fürsten des Feindes, und mein Schwert soll Fleisch fressen.« Der landläufigen Vorstellung zufolge hat, wie jedermann weiß, der Patriarch Abraham den Glauben an El Schaddai oder Elohim aus den Bergen Chaldäas nach Kanaan mitgebracht als einen originalen, besonderen, dem Hebräertum uranfänglich angehörigen. Daraus würde dann allerdings zu folgern sein, daß dieser Gott ein von den Göttern der Kanaaniter verschiedener gewesen. Es wird weiterhin erzählt (Genes. 12, 8), daß Abraham, bevor er seinen Nomadenzug nach Ägypten unternahm, unter den Kanaanitern für seinen Elohim Propaganda gemacht habe, und bald darauf begegnet uns ein gewisser Melchisedek, König von Salem, welcher »war ein Priester Gottes des Höchsten« (im Original ein Priester El Eljons), und welchem Abraham »den Zehnten von allerlei gab«. Diese Geschichte nun läßt drei Annahmen zu. Entweder, und das ist das Wahrscheinlichste, ist die ganze Episode vom Priesterkönig Melchisedek ein späteres Einschiebsel im pfäffischen Zehnteninteresse, oder aber die Proselytenmacherei Abrahams hat unter den Kanaanitern einen wunderbar schnellen Erfolg gehabt, oder endlich erklärt sich die Übereinstimmung des kanaanitischen mit dem hebräischen Scheich im Dogma und Kult ganz einfach daraus, daß der Elohim Abrahams eben kein anderer gewesen als der syrische Baal-Moloch, welchen die vor den Hebräern in Kanaan angesiedelten semitischen Stämme unter verschiedenen Namen verehrten, der Gott, welcher war wie fressendes Feuer, der Gott, dessen Symbol die aufsteigende Feuerflamme, aber auch der zeugungskräftige Stier, weshalb sein Idol stiergestaltig war. Diese Ansicht gewinnt gewichtige Stützen dadurch, daß an den Ecken von Jahves Altar bekanntlich Stierhörner angebracht waren, daß die Verehrung des goldenen Kalbes durch die Israeliten in der Wüste, falls sie nicht eine Nachahmung des ägyptischen Apisdienstes, zwanglos als ein semitischer Moloch-Stier-Kultakt angesehen werden kann, und daß endlich, nach dem Abfall der zehn Stämme, Jahve im Reich Israel unter dem Bild eines Stieres verehrt wurde. Weil mit Machtsprüchen theologischen Hochmuts bei einigermaßen einsichtigen Leuten nachgerade nicht mehr viel auszurichten ist und allen Konkordatskniffen und allem lutherischen Päpstleingepruste zum Trotz hierarchische Staatsstreiche nicht mehr so recht flink von der Hand gehen wollen, wäre es im Interesse solcher, welche in den Hebräern reine Eingöttler und Verabscheuer des Menschenopferdienstes von Anfang an erblicken wollen, und demnach auch im Interesse vom Stammbaum des dogmatischen Christus – der ethische bedarf keines Stammbaums – gar sehr zu wünschen, dass das Alte Testament eine sorgfältiger redigierte Ausgabe letzter Hand erfahren hätte, als die jetzt vorliegende ist, eine Ausgabe, in welcher die zahllosen leidigen Angaben, die der kirchlichen Auffassung des Hebräismus widersprechen, getilgt oder wenigstens gemildert worden wären. Letzteres ist in der berühmten Sage von der dem Abraham durch seinen Elohim gebotenen Opferung seines Sohnes Isaak (Genes. 22) ziemlich geschickt geschehen, wenn anders man Frömmigkeit in der Verehrung eines Wesens finden will, welches, und wäre es auch nur prüfungsweise, einem Vater befiehlt, sein Kind zu schlachten. Findet man das erwecklich, warum findet man es denn erschrecklich, wenn in einer nichtbiblischen Sage der Landvogt Geßler prüfungsweise einem Vater befiehlt, einen Apfel vom Haupte des Sohnes zu schießen? Was hier das menschliche Gefühl empört, sollte es dort nicht empören? Aber was Gott tut, ist wohlgetan, sagt Dominus Pfaffnutius. Ein recht verehrungswürdiger Gott das, jawohl, der sich an der Seelenqual eines Vaters weidet, welcher das Messer auf den einzigen Sohn zücken soll! Arbeiten wir uns doch einmal um's Himmels willen aus der greuelhaften alttestamentlichen Barbarei heraus. Es ist eine Schmach, dass unsern Kindern diese kanibalischen Geschichten in der Schule noch immer eingepaukt und eingebleut werden. Kanibalische Geschichten, sagte ich und wiederhole es. Denn wenn in späterer Zeit, als das Jahvetum geistiger sich gestaltet hatte, eine geschickte Hand den Kanibalismus der alten Sage von Isaaks Opferung milderte, so ist eine solche mildernde Umarbeitung anderen Stellen keineswegs widerfahren. Im Buch Exodus (22, 29) wird ohne alle weitere Erläuterung dem Jahve der Befehl an das Volk Israel in den Mund gelegt: »Die Erstgeburt deiner Söhne sollst du mir geben!« d. h. opfern; denn wir wissen, daß auch der syrisch-phönikische Gott Moloch alle männliche Erstgeburt als sein rechtmäßiges Eigentum in Anspruch nahm. Im eben erwähnten Buch (13, 12) findet sich diese Verordnung in der Form: »Du sollst aussondern dem Jahve alles, was die Mutter bricht« (zuerst gebiert, denn gleich darauf wird auch der Erstgeburt des Viehes erwähnt). An dieser Stelle nun wie an zwei weiteren (30, 12 ff.; 24, 20) wird schon der mildernde Geist des späteren Jahvetums sichtbar, indem hier die Lösung der männlichen Erstgeburt mittels des sogenannten Hebeopfers vorgeschrieben ist. Daß auch die Beschneidung in ihrer ursprünglichen Bedeutung ein Surrogat für die Opferung des Kindes war, erhellt deutlich genug aus der schrecklichen Stelle im Buch Exodus (4, 24–26), wo Jahve den Sohn des Mose und der Zipora töten, d. h. zum Opfer haben will und sich von der entsetzten Mutter nur durch Darbringung der Vorhaut des Knaben beschwichtigen läßt. Doch weiter in diesem alttestamentlichen Blutsumpf. Jephta tut dem Jahve das Gelübde, diesem, falls er den Sieg über die Ammoniter davontrüge, das Wesen zum Brandopfer zu bringen, welches bei seiner Heimkehr ihm zuerst aus der Tür seines Hauses entgegentreten würde. Es ist seine Tochter, sein einziges Kind. Und nicht etwa im Affekt, in der Aufregung der Siegesfreude opfert der Vater sein Kind; bewahre, er hat Zeit genug, sich zu besinnen, denn er gibt vor Vollziehung des Opfers der Tochter noch zwei Monate Frist, um »auf den Bergen ihre Jungfrauschaft mit ihren Gespielinnen zu beweinen« (B. d. R. 11, 30–40). Stünde dieser Greuel allein, so könnte man denselben etwa auf die Verwilderung der Zeit Jephtas schieben; aber er steht ja keineswegs allein. In Wahrheit, die Bibel erzählt uns mit der ganzen »kindlichen Naivität«, welche man ihr und zwar mit Recht nachrühmt, daß zur Sühnung von Schaddai-Jahves Zorn Menschenblut stromweise vergossen wurde. Im Buch Exodus (32, 27–29) läßt Jahve, um den Tanz der Söhne und Töchter Israel um das goldene Kalb – welcher damals doch kaum so bacchantisch gerast haben mag, wie er heutzutage tut – zu bestrafen, durch Mose befehlen, daß ihm der Vater den Sohn, der Bruder den Bruder zum Opfer bringe, und. in dem gottesfürchtigen Gewürge »fielen des Tages vom Volk dreitausend Mann«. Im Buch Numeri (14, 11 ff.) steht eine höchst merkwürdige Stelle, wo Mose den Jahve nur mittels einer sehr schlauen diplomatischen Wendung davon abbringt, das ganze Volk Israel zu töten wie einen Mann. Etwas später (Numeri 25, 4) befiehlt Jahve dem Mose: »Nimm alle Häuptlinge des Volkes und hänge sie auf, dem Jahve vor die Sonne, damit sich Jahves Zornglut wende.« Eine solche Opferung mittels Hängens wiederholt sich in dem Falle des Königs von Ai, welchen Josua an einen Baum hängen ließ bis zum Untergang der Sonne (Jos. 8, 29). Es dürfte gestattet sein, anzunehmen, daß die Vollziehungsart dieser beiden Opferungen die ursprüngliche Dieselbigkeit Jahves und Baals, welcher letztere ja auch der Sonnengott war, wieder deutlich genug zutage treten lasse. Auch noch ein drittes dem Jahve in dieser Form dargebrachtes Menschenopfer gehört hierher (2. Sam. 21, 6–9). Der Prophet Samuel war ein sehr eifriger Menschenopferer. Er befiehlt dem König Saul, gegen die Amalekiter zu kriegen und sie mit allem, was sie sind und haben, dem Jahve zum »Cherem« zu weihen. Wer aber dem Jahve zum Cherem geweiht ward, der mußte sterben (Levit. 27, 21–29; Deuteron. 13, 12–17), d.h. er wurde geopfert. »Schone ihrer nicht,« sagt Samuel zu Saul, »sondern töte beides, Mann und Weib, Kinder und Säuglinge, Ochsen und Schafe, Kamele und Esel!« Saul vollzieht den Befehl des Vertreters Jahves, indem er die Amalekiter schlägt und alle Gefangenen dem Gott zum Cherem weiht. Aber sei es aus Politik, sei es aus menschlicher Regung, er läßt den ebenfalls gefangenen Amalekiterkönig Agag am Leben. Das war eine große Sünde in den Augen Samuels, und der Prophet selbst holte nach, was der König versäumt hatte, und »zerhieb den Agag zu Stücken vor dem Angesichte Jahves zu Gilgal«, zu deutsch: er opferte den Agag in dem damaligen Heiligtum Jahves zu Gilgal (1. Sam. 13). Die mildernde Hand eines späteren Umarbeiters ist hier sehr ungeschickt verfahren. Sie läßt nämlich den Samuel sagen, Jahve habe mehr Lust am Gehorsam als am Opfer und Brandopfer, und trotzdem läßt sie ihn sofort darauf den Agag eigenhändig abschlachten. Der Umarbeiter vergaß also, die alte Barbarei zu tilgen, und hob so die eingeschobene Milderung wieder auf). Weiter, weiter, allem Widerwillen und Ekel zum Trotz. Das greulichste der alttestamentlichen Bücher ist das Buch Josua, welches (besonders Kapitel 6–11) von massenhaften Niedermetzelungen zu Ehren Jahves strotzt. Die Bewohnerschaften vieler kanaanitischen Städte wurden dem israelitischen Gott zum Cherem geweiht, wie »Mose, der Knecht Jahves«, geboten hatte, und mit der Schärfe des Schwertes niedergehauen. Nach Besiegung der Feinde an den Sitzen derselben »alles zu erwürgen, was Odem hatte«, ist ein stehender Ausdruck in dieser entsetzlichen Urkunde alttestamentlicher Frömmigkeit. Und, wohlverstanden, diese »Feinde« waren nicht etwa Angreifer, sondern Angegriffene, in ihren angestammten und rechtmäßigen Sitzen von den Israeliten widerrechtlich Überfallene. So man das mit der ganzen Naivität des Barbarismus geschriebene, bluttriefende, von wahrhaft mongolischer Mordlust zeugende Buch Josua aufmerksam liest, so muß man fast notwendig zu der Ansicht kommen, die frommen Hebräer hätten, ganz nach der Art der frommen Azteken im alten Mexiko, Kriege geführt eigens zu dem Zwecke, Material zu Menschenopferungen im kolossalen Stile zu erhalten. In der Blütezeit des hebräischen Prophetismus haben dann die Propheten gegen die »Hurerei« des Aschera-Baaltis-Dienstes und gegen den »Greuel« des Menschenopferkults, wie jene und dieser unter dem »auserwählten Volk Gottes« im Schwange gingen, mit aller Macht geeifert. Dies bezeugt einerseits das Vorhandensein und die Tätigkeit einer von geistigeren, sittlicheren und humaneren Grundsätzen ausgehenden Reformpartei, andererseits aber bezeugt es auch, daß die alten Hebräer Vielgöttler, Molochisten und Menschenopferer gewesen sind. Will man einwenden, die Stellen, wo z. B. Jeremia gegen den unzüchtigen Dienst der Aschera-Vaaltis und gegen den grausamen des Baal-Moloch eifert (Jerem. 3, 6; 7. 31; 11, 13; 19, 5; 32, 35), bezögen sich nur auf den Abfall der Israeliten vom »reinen Jahvetum« nach den Zeiten Davids, so zerfällt dieser Einwand in nichts, wenn man, wie wir getan, den Menschenopferdienst, wie er zu den Zeiten Moses, Josuas, der Richter und Samuels geblüht hatte, ins Auge faßt. Ferner: die Propheten Ezechiel und Amos geben vollwichtiges Zeugnis, wie es mit den religiösen Anschauungen und Bräuchen der Hebräer in alten Zeiten eigentlich beschaffen gewesen. Bei Ezechiel (20, 18) redet Jahve: »Ich sprach zu ihnen in der Wüste: Ihr sollt nach eurer Väter Gesetzen nicht leben und ihre Rechte nicht halten und mit ihren Götzen euch nicht verunreinigen!« Wo bleibt denn da die kirchliche Fiktion von einem urväterlichen geistigen Monotheismus der Hebräer? Noch expressiver ist die Stelle bei Amos (5, 25–26), wo Jahve spricht: »Ihr vom Hause Israel, habt ihr in der Wüste die vierzig Jahre lang etwa mir Schlacht- und Speiseopfer gebracht? Ihr trüget die Hütte eures Königs – (das hebräische Wort Melech entspricht ganz dem syrisch-phönikischen Moloch) – und den Kijjun, euer Götzenbild, den Stern eures Gottes, den ihr euch gemacht hattet.« Hier ist also ganz bestimmt angegeben, daß Israel in alter Zeit nicht dem Jahve, sondern andern Göttern gedient habe, was auch durch die in der Bibel häufig vorkommende Erwähnung der hebräischen Hausgötzen (Teraphim) bestätigt wird. Endlich ist bei den Propheten selbst der Vorschritt von einem rohsinnlichen Naturdienst zu einem geistigeren Glauben ganz deutlich sichtbar. Denn während noch bei Jesaia (34, 5–6) und Jeremia (46, 10) die Mordlust des althebräischen Kultus in ganz barbarisch blutdürstigen Ausdrücken wiederkehrt, läßt dagegen Micha (6, 6–8) den Jahve im Namen des Volkes Israel sprechen: »Womit soll ich Jahve versöhnen? Soll ich mich bücken vor meinem Elohim? Soll ich mit Brandopfern und jährigen Kälbern ihn versöhnen? Wird Jahve Gefallen haben an Tausenden von Widdern oder an tausend Strömen Öls? Soll ich meinen Erstgeborenen geben zu meinem Schuldopfer, meine Leibesfrucht zum Opfer für die Sünde meiner Seele? Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Jahve von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Elohim!« Hier ist, wie man sieht, im entschiedensten Gegensatz zum älteren hebräischen Gottesbegriff die reformistisch-geistige Auffassung Jahves zu vollständigem Durchbruch gekommen. Das Resultat der im Vorstehenden angestellten Untersuchung ist dieses: Die Hebräer waren in älteren Zeiten keine Eingöttler, sondern Vielgöttler. Der urväterliche hebräische Hauptgott, El Schaddai, fiel nicht dem Namen, aber dem Wesen nach mit der Hauptgottheit der übrigen Semiten zusammen. Der Menschenopferdienst der Hebräer war keineswegs eine Folge ihres nationalen Verfalls, sondern es war derselbe altherkömmlich und lange geübt, bevor die Nation den Höhepunkt ihrer Geschichte erreichte. Frühzeitig jedoch schon muß es unter den Hebräern eine Partei gegeben haben, welche einen reineren, geistigeren Gottesbegriff und damit auch einen humaneren Gottesdienst pflegte, ausbildete, verfocht, bald glücklich, bald erfolglos, bis sie endlich in späterer Zeit mit ihrer religiösen Anschauung und der Forderung eines durch dieselbe bedingten und bestimmten milderen Kultus, welchem das Menschenopfer ein Greuel war, durchgedrungen ist. Die Erscheinungsform der religiösen Idee, welche man heutzutage unter reinem Jahvetum oder reinem Mosaismus versteht, ist die Schöpfung dieser Reformpartei. Aber, geneigter Leser, du fragst vielleicht gelangweilt: Wozu denn all der Lärm? Wozu diese lange Erörterung? Was geht uns der alte El Schaddai, was gehen uns die Barbareien der alten Judenbärte an? Sind wir nicht Christen? Hat uns nicht Christus mittels seines Opfertodes ein- für allemal erlöst und mit Gott, und wäre dieses sogar der alte grimmige El Schaddai, versöhnt? Hast du, Autor, seines Ortes nicht selber den rotsichtigen Daumer ausschweifender Konsequenzenmacherei bezichtigt, als dieser im Christentum an allen Ecken und Enden Molochismus sah? Hast du denselbigen Daumer nicht lächerlich gemacht, als er das Wort Christi: »Lasset die Kindlein zu mir kommen!« zu einer molochistischen Opferformel stempelte? Wozu also noch alle die gräßlichen altgebackenen Opfergeschichten? – Du hast gefragt, Liebster. Nun erlaube, daß ich zur Erwiderung auch meinerseits etliche Fragen an dich richte. Ist die Vorstellung von dem alten grimmigen El Schaddai wirklich so ganz aus der christlichen Weltanschauung verschwunden? Hat das Christentum, das dogmatische, versteht sich, die Opferidee verworfen oder aber hat es ein höchstes Opfer, das des Sohnes Gottes, statuiert? Wurde mit diesem einen und höchsten Opferakt die Versöhnung des Menschen mit dem Gott wirklich für immer vollzogen? Oder wird in der katholischen Messe die Opferung Christi nicht täglich wiederholt? Ißt nicht täglich der Priester den Leib Christi und trinkt er nicht täglich Christi Blut? Ist die bestimmte Erzählung Luthers in dessen »Tischreden«, der Menschenopfergreuel habe bis zu seinen Zeiten gewährt und sei da erst durch Kaiser Karl den Fünften abgetan worden, während Kaiser Maximilian der Erste die Gewohnheit gehabt, in Kriegsgefahren Menschenopfer zu geloben wie Jephta und dann den ersten besten, der ihm begegnete, wirklich zu opfern, etwa nur als ein nicht der Beachtung wertes »Kuriosum« anzusehen? Was waren denn die Autosdefé der Inquisition anderes als Menschenopfer im großen Stil? Was die »Hexenbrände«, durch welche Tausende und wider Tausende schuldloser Frauen »eingeäschert« wurden? War der »allerchristlichste« König Karl der Neunte, da er in der Bartholomäusnacht seine hugenottischen Untertanen höchsteigenhändig niederbüchste, weniger Molochist als Josua, der in den eroberten kanaanitischen Städten dem El Schaddai alles, was Odem hatte, zum Opfer würgte? Hat nicht auch der Protestantismus, so gut wie der Byzantismus und Katholizismus, dem Gott seines Dogmas solche auf Schafotten geopfert, welche nicht den »rechten« Glauben hatten? Erinnerst du dich des armen Miguel Serveto, welcher 1553 durch den dogmatischen Essigblicker Kalvin hinrichtungsweise dem El Schaddai geopfert wurde, weil er nicht glauben wollte, daß drei gleich eins und eins gleich drei sei? Oder des armen Nikolaus Krell, welchen 1601 die lutherischen Baalspfaffen des Dresdener Hofes als angeblichen »kalvinischen Hochverräter« ihrem Baal zum Opfer schlachteten? Hat nicht noch in unsern Tagen ein gewiß unverdächtiger, weil sehr orthodoxer Zeuge, der Freiherr von Haxthausen, aus dem Innern Rußlands den Bericht mit heimgebracht, daß »dort Selbstverbrennungen, Selbstentmannungen und anthropophagische Passahmahle noch immer im Schwange gehen«? Hat nicht derselbe Haxthausen erfahren, daß in dortigen Gegenden mitunter ein christlicher Kannibalismus vorkomme, indem da zur Feier des Osterfestes einem jungen Mädchen die linke Brust abgeschnitten, in kleine Portionen zerteilt und von sämtlichen Anwesenden als heiliges Mahl genossen werde? Meinst du nach alledem noch, der alte Moloch-Schaddai habe die Synode von Nikäa nicht überlebt? O, damit fürwahr hat es keine Not! Er ist zäh, der alte Herr, ungeheuer zäh, dauerhaft wie die menschliche Dummheit, vielleicht ewig. Ja, er lebt noch heute, der grimmige Alte, und wie! Er ist noch heute der Gott des Köhlerglaubens, wie er es zu den Zeiten der Josua, Jephta, Samuel, Ahas und Manasse, der katholischen Inquisitoren und protestantischen Hexenbrenner gewesen. Er ist der römische Konkordatsgott und der protestantische Konsistorialgott, der Kardinalgott der Antonelli und Dupanloup, der Universgott des Louis Veuillot und der ganzen Jesuitenbande, der Leibgott des in deutschen Landen grassierenden Rattenkönigs von Kanzleidunklern, Kabinettsmunklern und Hofmuckern. Und all diese Sippschaft hat Gründe, inkommensurabel wichtige Gründe, den Popanz von Gott anzubeten oder wenigstens so zu tun, als betete sie ihn an. Ist ja seine Existenz die unumgänglich notwendige Voraussetzung der ihrigen. Zerschlagt heute das garstige Idol, und ihr braucht morgen die Priester und Propheten des Götzen nicht zu erschlagen: sie gehen von selbst zugrunde, erstickend an »ihres Nichts durchbohrendem Gefühle«. – Nein, er ist nicht tot, der Moloch-Schaddai. In jeder Epoche der Verdunkelung des gesunden Menschenverstandes und des öffentlichen Gewissens tritt der Alte wieder furchtbar aus seiner angeblichen Verschollenheit hervor, blutige Opfer heischend. So war es denn auch dieser Gott, welcher das Haus in Wildisbuch, zu welchem wir jetzt zurückkehren, mit Wahnwitz, Mord und Entsetzen erfüllt hat. Elftes Kapitel. Des Höllenkönigs Fahnen wehn entgegen uns. Vexilla regis prodeunz inferni Verso di noi.                     Dante, Inferno, e, 34. Wir haben den Gemütszustand der Heiligen von Wildisbuch nach ihrer Heimkehr aus der Verborgenheit in Illnau betrachtet, haben gesehen, wie es Nacht geworden in ihrer Seele. In dieser Finsternis, sahen wir, war wie ein roter Punkt der Gedanke der Opferung aufgeglommen. Dieser Punkt nun wuchs und schwoll, schwoll zu einer Blutlache, welche die Unselige durchwaten zu müssen glaubte, um zu ihrem himmlischen Vater zu gelangen. Welcher Natur dieser »himmlische Vater« war, sollte, denke ich, aus dem Vorstehenden sattsam erhellen. Das heilige Margetli hatte nicht umsonst schon in Kinderjahren unausgesetzt über den furchtbaren Schriften des Alten Testaments gebrütet: es glaubte jetzt um so fanatischer an den Moloch-Schaddai, als es sich allem Heilandsbewußtsein zum Trotz insgeheim als Sünderin fühlte. Es ist nicht in den Akten gebucht, aber trotzdem sehr wahrscheinlich, daß in dieser Zeit neben der Bibel insbesondere das Ganz-Qualmsche Traktätlein vom »Geheimnis der Gottseligkeit« von der Marget eifrigst studiert wurde. Das Ganzsche Traktätlein wurde nach der Katastrophe im Peterschen Hause vorgefunden und liegt, wie schon erwähnt worden, bei den Akten (I, 78), Ich merke hier an, daß ich in diesem und den folgenden Abschnitten nur noch bei Erwähnung von besonders charakteristischen Umständen auf die Akten verweisen werde, um den Fortgang der Erzählung nicht allzuhäufig durch solche Verweisungen unterbrechen zu müssen. Die Aktenstücke, welche von jetzt an für den Rest unserer Geschichte hauptsächlich führend und bestimmend waren, sind diese: W. A. I, 2, 4. 6, 7, 8, 10, 13, 18, 51, 55, 104, 107, 108, 118, 119, 120; II. 1–41. Der mystisch anschmiegerliche Nonsens der hier vorgetragenen Blutopfertheorie muß der damaligen Stimmung des brütenden Weibes vollkommen entsprochen haben. Der Schlammvulkan von Embrach hatte ja schon mehrfältig bedeutsam in das Leben und Weben unserer Heiligen hereingedunstet, und er tat das ohne Zweifel auch jetzt wieder. Qualm wie dieser: »Damit es dem himmlischen Christus gelinge, uns wieder vollkommen zu erlösen und in unsere erste paradiesische Heimat zurückzuführen, so müssen wir von allem Eigenwirken und Eigenwollen abstehen, uns ihm zum Opfer hingeben, stillehalten, seiner Stimme in uns folgen und wie ein Lamm leiden, geduldig ergeben und gelassen, mit gewisser Zuversicht und lebendiger Hoffnung, daß das Werk herrlich werde ausgeführt werden. Wenn Christus nach seinem Geist in uns kommt und wir ihn innerlich im Glauben annehmen und uns an ihm festhalten, so geht er gleich hinter unsern alten Menschen her, der durch Lüste und Irrtum verderbt ist, um ihn durch allerlei Leiden von außen und innen zu kreuzigen, zu töten und ganz und gar abzutun, damit der sündliche Leib aufhöre. Bei dieser Kreuzigung haben wir weiter nichts zu tun, als alles zu lassen, was Christus von uns fordert, weil hier geben seliger ist als nehmen, und übrigens nach dem Vorbild des Erstgeborenen mit Lammesgeduld zu leiden, bis Christus das falsche Natur- und Sinnesleben völlig getötet, das Opfer vollendet, alle uns selbst angemaßten Rechte dem Vater wieder zurückgestellt und ihn hiemit gänzlich befriedigt hat, daß Christus in einem solchen Menschen rufen kann: Es ist vollbracht! Durch diesen Leidens- und Sterbensprozeß ist nun der Mensch mit Christo in seinen Tod getauft und begraben, dem Gesetz und der Sünde für immer und ewig abgestorben, gerechtfertigt und von der Strafe frei und los von allen Sünden, auch das Fortsündigen hat nun bei ihm für ein- und allemal aufgehört und steht jetzt unter dem Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu. O, seliger Stand, wo der alte Sünder geschlachtet und abgetan und er also mit Gott dem Vater ausgesöhnt und vereinigt ist! Nun befindet sich derselbige in einer völligen Todesstille und tiefen Grabesruhe, alle eigene Kraft und Wirksamkeit ist verschwunden, und er geht nun auch dem Auferstehungsstand Christi entgegen. Derselbige Geist, welcher Jesum, den Erstgeborenen, vom Tode auferweckt hat, wird einen solchen Menschen auch auferwecken, ihn zum neuen, göttlichen und ewigen Leben hervorrufen« – nein, solcher Dunst war fürwahr wenig geeignet, die Marget aus ihrer phantastischen Traumwelt in die Welt der Wirklichkeit zurückzuversetzen. Im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Wer sich die Mühe nimmt, den angeführten Ganz-Qualm zu lesen, wird finden, daß darin die Grundzüge des in Bälde anhebenden Wildisbucher Passionsspiels vorgezeichnet sind: die Marter, der Opfertod am Kreuze, die Grabesruhe und die Überzeugung der Wiederauferstehung. Sobald sich der Mensch über die Schranken der menschlichen Gefühls- und Verstandestätigkeit hinausgeschwindelt hat, gewinnt das Unfaßbare, das Unberechenbare, das Dämonische Gewalt über ihn. Ein großer Dichter, der in das Wesen des Menschen tiefere Blicke getan als hunderttausend patentierte Philosophen und Theologen, hat schon gesagt: »Leicht aufzureizen ist das Reich der Geister; Sie liegen wartend unter dünner Decke, Und leise hörend stürmen sie herauf.« Er hätte beifügen können, daß die Geister der Lüge schneller zur Hand sind als die der Wahrheit. Denn die Wahrheit ist eine spröde Schöne, die durch mühevolle geistige Werbung verdient sein will, während die Buhlerin Lüge sich jedem von selbst an den Hals wirft. Und vollends die religiöse Lüge, diese falsche Erscheinungsform, diese Golemverwirklichung der religiösen Idee, diese »babylonische Hure«, welche so zahllose Generationen der Menschen verführt hat, in Orgien voll Wollust oder Grausamkeit ihre Vernunft zu vergeuden. Wohl, die Geister der Lüge waren entfesselt in der Seele der gefallenen Heiligen. Der uralte und ewigjunge Wahnwitz, das Phantom Moloch-Schaddai, hatte seinen Einzug in das Petersche Haus gehalten und erfüllte dasselbe mit seiner finstern Macht. Ihm diente, ihm marterte, ihm opferte das arme verlorene Weib die Schwester und sich selber, indem sie wähnte, den Satan zu bestreiten. Den Satan? Es ist seltsam, daß sich einem bei all dem rasenden Tun, welches wir jetzt zu betrachten eilen, der Gedanke aufdrängt, der Gegensatz von Gott und Teufel, welcher die Marget dem Wahnsinn zupeitschte, sei nur eine dunkle, instinktmäßige Ahnung von dem zwiespältigen Wesen des alten Semitengottes gewesen. Freilich, man braucht diesen Gegensatz nicht so aus der Weite zu holen: der christliche Katechismus hat ja sattsam dafür gesorgt, daß er in der Nähe zu haben sei. Die durchteufelte Atmosphäre des Hauses wurde dichter, schwüler, lastender mit dem Herannahen der österlichen Zeit. Die Erwartung, daß Großes bevorstehe, hatte sich sämtlicher Hausgenossen bemächtigt. Wie dumpfe Paukenschläge, welche die Ouvertüre des Greuelspiels einleiteten, klangen orakelhaft hingeworfene Äußerungen der Heiligen gegen einzelne oder sämtliche Mitglieder des Haushalts. »Wachet und betet, der Versucher ist nahe.« Oder: »Wollt ihr euer Leben lassen für Christus?« Oder: »Ich sehe das Heer des Satans immer mehr gegen mich aufziehen. Es droht mich zu überwinden. Darum muß ich kämpfen und streiten.« Und wie sie so sprach, »verwarf« sie die Arme und schlug mit den Händen gewaltig um sich. Rufe man sich nun das feste, sichere, imponierende Auftreten der Marget zurück und erinnere man sich an die souveräne Despotie, welche sie seit Jahren über alle Leute ihrer Umgebung übte, so wird man sich unschwer erklären können, daß ihr Wahn, wie derselbe von Stufe zu Stufe bis zur wildesten Energie emporstieg, sich ebenso stufenweise den Margetligläubigen mitteilte. Sah sie das Heer Satans gegen sich im Anmarsch, was Wunder, daß sämtliche Hausgenossen den Schwefelbrodem der Hölle zu riechen glaubten? Es mag ohnehin auch in der Wirklichkeit in dem seit Monaten hermetisch verschlossenen Bauernhause nicht sehr himmlisch gerochen haben, und es ist nicht etwa Spaß, sondern voller Ernst, wenn wir meinen, eine tüchtige tägliche Lüftung der Räume des Hauses hätte mit der stockigen, muffigen, schmergeligen Luft auch manchen Qualm und Schwalm höheren oder höchsten Blödsinns mithinweggeweht. Aber an Lüftung und Lichtung, an physischer und moralischer, fehlte es eben. Das Haus war und blieb verschlossen, fest versperrt. Die Einlaßtüre öffnete sich nur Vertrautesten und schloß sich hinter den Hineingeschlüpften sogleich wieder. Ei, da drinnen in solcher Atmosphäre konnte der Teufel, welcher weder Luzifer noch Adramelech, weder Beelzebub noch Belial, wohl aber Afterwitz heißt, nach Herzenslust spuken und stinken. Saßen da eines Abends die Ursula Kündig und die Margareta Jäggli bei ihren Spinnrädern mitsammen am Ofen. Krach! gab's da plötzlich einen Knall. Wären zwei Kinder der Welt auf der Ofenbank gesessen, würden sie gesagt haben: Aha, da hat ein Torfklotz im Kachelofen explodiert. Unsere zwei Töchter des Heils aber konnten bei Gestalt der Sachen natürlich nur glauben, der Teufel habe in ihrer nächsten Nähe gehustet oder sich geschneuzt. Springt demnach die Jäggli auf und schreit wie besessen: »Hörst du? Er pöpperlet an die Fensterladen. Er will mich holen!« Schrie's und stürzte zu Boden, Schaum vor dem Munde. Die epileptischen Anfälle der armen, vormals, wie wir sahen, mehr als billig genußsüchtigen Person, waren wiedergekehrt, was bei der Nervenaufreizung, in welcher seit einiger Zeit sämtliche Hausgenossen sich befanden, leicht erklärlich ist. Aber eine solche Erklärung wäre für Heilige viel zu profan gewesen. Hatte die Marget, wie erwähnt worden, nicht schon früher die Krankheiten von Mensch und Vieh für Werke des Teufels ausgegeben? Die Epilepsie der Magd kam ihr jetzt gerade recht, ja, dieselbe war sozusagen eigens für sie gemacht. Denn hatte nicht auch Christus Teufel aus Besessenen getrieben? Die Jäggli war vom Teufel besessen, kein Zweifel. Und nicht nur von einem, bewahre, eine ganze Legion von Teufeln wütete in ihrem Leibe. Aber wartet nur, Satanasse, ich will euch zeigen, ich, wer Meister ist und wo der Zimmermann das Loch gemacht hat. Bin ich nicht der wiederum fleischgewordene Christus, ich, das heilige Margetli? Achtung, ihr höllischen Geister! Quos ego ! Latein sprach nun freilich die Heilige nicht, aber im Exorzisieren war sie stark. Sagte sie: »Der böse Geist will mir die Seele der Jäggli entreißen, für die ich mich bei meinem himmlischen Vater verbürgt habe« – so lamentierte die einfältige Magd: »O, bete und kämpfe du doch für meine Seele!« Kam dann die Epilepsie über die Unglückliche und wütete und schäumte sie, daß vier Personen sie kaum zu halten vermochten, so tobte die Heilandin mit ihr um die Wette, tat verzückt, verdrehte die Augen, schlug sich bald auf den Kopf, bald auf die Brust, bald in die Luft, stieß unartikulierte Töne aus oder schrie: »Was, du Seelenmörder, du ins höllische Feuer Verfluchter, willst mir das Schäfli entreißen, für welches ich mich verbürgt habe?« Eines Tages war die Magd die Beute eines besonders heftigen Anfalls. Um das Bett her, auf welchem die Epileptische zuckend sich wand, standen außer der heiligen Marget ihr Vater und ihre Schwestern Elisabeth und Susanna, ferner ihr Schwager Johannes Moser und die Ursula Kündig. »Der Teufel will meine Seele!« tobte die Kranke, worauf die Marget mit so großer Gebärde, als sie aufbringen konnte: »Tröste dich; ich weiß, Christus hat dich auf ewig in seine Hände gezeichnet.« In diesem Augenblick ging dem Johannes Moser ein »ganz neues Licht auf«. Lassen wir ihn das selbst erzählen. »Ich sah Christum und den Satan, der ein großes Buch vor Christo aufschlug und sagte, er habe noch Ansprüche auf die Seele der Jäggli. Das Buch hatte kreuzweise rote Striche auf allen Blättern; das sah ich ganz klar und schloß daraus, daß dieses Buch nichts mehr gelte. Darauf sah ich die Seligen im Himmel, welche das Buch nahmen und in tausend Stücke rissen, daß die Fetzen davonstoben.« W. A. I, 107. Aber der Satan ließ sich nicht so leicht aus- und vertreiben. Er hatte nun einmal, trotz der Vision des erweckten Moser, seinen Sitz unter dem Dache des Judenschießers aufgeschlagen und peinigte da männiglich und weibiglich mehr oder weniger. Es galt daher, den Feind mit aller Macht anzugreifen. Die Beschwörungs- und Verzückungsszene, der wir soeben anwohnten, war nur eine Plänkelei, welche der großen Schlacht voranging. Brauche ich dem Leser zu sagen, daß die Heilige diese Schlacht nicht schlagen wollte, ohne ihren »ewiggeliebten« Jakob zur Seite zu haben? Brieflich von ihr aufgefordert, ohne Säumen zu kommen, gürtete sich der gehorsame Jakobus sofort zur Reise und traf Samstag den 8. März 1823 in Wildisbuch ein. Zwölftes Kapitel. Die großze Schlacht gegen Satan. Alles zusammengehalten, könnte bei Betrachtung des weiteren Gebarens und Beginnens unserer Heldin die Frage gestellt werden, ob sie überhaupt zu dieser Zeit soweit ihrer Sinne mächtig gewesen, daß von freien Entschließungen bei ihr noch die Rede sein konnte. Ja, man sollte meinen, das Wort, welches Mephisto auf dem Blocksberg zu Faust gesprochen: »Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben« – müßte auch auf die heilige Marget angewandt werden. Denn es hat ganz den Anschein, als wäre sie selbst so gut wie die andern in die ins Rollen gekommene und immer rasender bergab rollende Lawine des Unheils willenlos verwickelt gewesen. Aber doch nur den Anschein. Denn bei näherem Zusehen erkennt man sofort, daß Methode in dem Wahnsinn war, und Methode setzt immer eine nach bestimmter Richtung hin treibende Kraft voraus. Diese treibende Kraft war die fixe Heilandsidee der Marget, aus welcher heraus sie das ganze groteskkomisch beginnende, aber bald ins Gräßliche umschlagende Passionsspiel planmäßig dirigierte. Auf ihren bestimmten Entschluß, das »Große«, welches sie geweissagt hatte, jetzt wirklich in Szene zu setzen, deutet schon der Umstand, daß sie den Jakob Morf aus Illnau kommen ließ und wahrscheinlich auch den Johannes Moser aus Örlingen. Wenigstens erschien dieser Montag den 10. März in Wildisbuch und beschickte dann auch seinen Bruder Konrad von Hause. Der Dienstag verging ruhig. Einige der Hausgenossen gingen den gewohnten Geschäften nach, die übrigen hielten sich in der Stube, wo die Marget in stilles Gebet versunken saß. Zuweilen wurde die dumpfe Stille durch die Klagen der Heiligen unterbrochen: »Meine Seele ist bekümmert, aber ich ermuntere mich im Hinblick auf meine baldige Erhöhung.« Oder: »Mein Kampf mit dem Satan ist recht schwer. Er will die Seelen, die ich retten muß, nicht von sich lassen, und doch sind darunter solche, die schon 200 oder 300 Jahre unter seiner Gewalt stehen.« Man kann sich leicht vorstellen, wie aufregend dieses Gebaren auf die sämtlichen anwesenden Margetligläubigen wirken mußte und wie gespannt alle Augen an der Bekämpferin des Teufels hingen. Alle haben ausgesagt, daß sie an diesem und den folgenden Tagen sich kaum Zeit genommen, flüchtigste Mahlzeiten zu halten, und alle haben erklärt, daß sie »Großes« erwarteten. Der fromme Taumel war allgemein, und wenn auch einzelne, wie der alte Judenschießer und sein Sohn Kaspar, in geringerem Grade davon erfaßt gewesen sein mögen, so waren sie doch weit entfernt, den Anordnungen der Tochter und Schwester auch nur das Geringste in den Weg zu legen. Als es Abend geworden, stieg die Heilige in die mehrfach bezeichnete obere Kammer hinauf, und hier gab sie den ihr Gefolgten den Orakelspruch: »Ich sehe den Satan und seinen Erstgeborenen in den Lüften schweben. Sie verbreiten sich in alle Teile der Erde, um sich überall Streiter zu erwecken.« Worauf die Elisabeth, ihrer passiven Rolle müde, einfiel: »Auch ich sehe sie.« Da sich aber die Heilige darauf wieder in ihr mysteriöses Schweigen hüllte, fiel der Vorhang für diesen Tag und alle gingen zu Bette. Die Marget verstand die Kunst der Steigerung, keine Frage. Sie mutete ihren Anhängern nicht zu viel auf einmal zu. Leider geben uns die Akten keinen Aufschluß, was für wildphantastische Träume in dieser Nacht unter des Judenschießers Dach geträumt worden sein mögen. Am Morgen des folgenden Tages, also Mittwochs, berief die Heilige sämtliche Hausgenossen zu sich in die Kammer. Auf dem Bette sitzend befahl sie, daß alle auf den Boden knien oder liegen und inbrünstig beten sollten, »damit der Herr sie stärke, indem ihr ein großer Kampf bevorstehe«. Das befohlene Ringen im Gebet wahrte bis nach Mittag, worauf alle mitsammen in die Stube hinuntergingen, um »etwas weniges« zu essen. Nachdem dies geschehen, »ergriff es die Marget wieder heftig« und sofort orakelte sie: »Der Herr hat mir geoffenbart, was in Zukunft geschehen wird. Nämlich es wird der Sohn Napoleons in der Gestalt des Sohnes Gottes auftreten und die Welt auf seine Seite zu bringen suchen. Allein er ist nur der Antichrist und wird einen großen Kampf zu bestehen haben. Was aber der Erfolg sein wird, ist mir zur Stunde noch unbekannt. Jedennoch hat mir der Herr versprochen, mir ein geistiges Zeugnis dieser Offenbarung zu geben.« Und richtig, das versprochene Zeugnis blieb nicht aus, denn »das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.« Der ewiggeliebte Jakob, der Johannes Moser und die Ursula Kündig sahen nämlich, wie der Geist des alten Napoleon in die Margareta Jäggli und der des jungen in die Elisabeth fuhr, worauf die ersterer »ganz die Züge des alten Napoleon annahm, die Elisabeth hingegen ein liebliches, aber dennoch kriegerisches Antlitz erhielt.« Die Elisabeth stand auf und schritt »mit ungewöhnlichen Gebärden wie ein großer Kriegsmann« auf die Heilige los; aber diese bedeutete der Schwester, daß ein böser Geist in dieselbe gefahren, welchem sie ja nicht nachgeben sollte. Darauf kämpfte die Marget »geistig« gegen diesen Feind und überwand ihn glorreich. Die Elisabeth kam wieder zur Besinnung, sagend, daß sie ihrer selbst nicht mehr mächtig gewesen sei, worauf die Heilige: »Sehet, dies alles ist die Erfüllung vom 9. Kapitel der Offenbarung Johannis, wo das Tier aus dem Abgrund steigt, welches auf hebräisch Abbadon und auf griechisch Apollyon heißt. W. A, II, 2, 6. Man sieht, hier war die Oraklerin nicht eben originell. Unzählige Schwarmgeister hatten schon vor ihr den Namen des großen Schlachtenlenkers und Despoten aus dem zitierten Kapitel der Apokalypse herausgelesen, deren Dichter sich rühmen darf, mehr, tausendmal mehr arme Menschenköpfe verwirrt und verrückt zu haben, als sämtliche übrige Poeten der Weltliteratur miteinander. Im übrigen weiß jedermann, daß Napoleon nach seinem Abtreten von der Weltbühne nicht nur, sondern auch nach seinem Tode noch ein Lieblingsgegenstand der populären Mythenbildnerei gewesen. Man muß die Völker mißhandeln, wenn man ihre Phantasie dauernd beschäftigen will. Die Namen ihrer Feinde und Geißeln behalten sie, die ihrer Freunde und Wohltäter vergessen sie. Das ist Volksdank. Und warum auch nicht? Glauben doch die Menschen lieber an einen schwarzen Ahriman als an einen lichten Ormuzd, aus Wahlverwandtschaft, aus intimster Wahlverwandtschaft. Vom Anbruch des folgenden Tages an kämpfte die Heilige »wieder einen schweren Kampf«, aber ohne Beteiligung der Hausgenossen. Diese wurden erst nachmittags ebenfalls gegen den Satan in die Schlacht geführt. Sie forderte da nämlich alle Anwesenden auf, ihr in die obere Kammer zu folgen, und begaben sich in Prozession dahin die Marget, Elisabeth und Susanna Peter, die Ursula Kündig und die Margareta Jäggli, der alte Judenschießer und sein Sohn Kaspar, der Knecht Heinrich Ernst, der Jakob Morf, der Johannes und der Konrad Moser. Nachdem die Heilige ihren Sitz auf dem Bett eingenommen hatte, eröffnete sie: »Eine in der Nacht erhaltene Offenbarung befiehlt, daß ihr alle mit mir gegen den Teufel streiten sollt, damit dieser Christum nicht überwinde. Ich muß kämpfen, damit eure und so vieler Verdammten Seelen errettet werden. Wohlauf, kämpfet auch ihr mit mir! Doch vor allem werfet euch nieder auf eure Knie und Angesichter, um zu beten.« Und siehe, es geschah also, und Männer und Weiber warfen sich nieder auf ihre Knie und Angesichter und schrien zum Herrn im stillen. Derweil die Heilige wieder von ihrem Bettthron herab: »Die Stunde ist da, wo es gilt, den Satan zu bekämpfen, auf daß Christus seine Kirche sammeln kann, wider den Antichrist zu streiten. Wann nämlich Christus seine Kirche versammelt hat, wird nach 1260 Tagen, laut der Offenbarung Johannis, der Antichrist in menschlicher Gestalt hervortreten und mit lieblichem Wesen und mancherlei Überredungskünsten die Menschen zu verführen trachten. (Bei diesen Worten spürte der Johannes Moser seiner Behauptung zufolge, daß ein »liebliches Wesen« auf ihn »einzuwirken« trachte.) Allein die wahren Christen werden ihm nicht anhangen, sondern Christo getreu bleiben.« Nach einer Pause: »Der Antichrist ist geistig schon unter uns.« Sprach's, sprang mit einem Satze vom Bette herab, schnaubte heftig, verwarf die Arme, verdrehte die Augen, schrie wiederholt: »Du Schelm, du Seelenmörder!« schlug mit der Faust auf die Tröge und Stühle, ergriff einen daliegenden Hammer und schlug damit wie ganz verzückt und verrückt auf die Kammerwand los. Da drinnen also steckte der Teufel, wie er denn überall steckt, wo der menschliche Wahn ihn haben will. In der Wand des Wildisbucher Bauernhauses gerade so, nicht mehr und nicht minder, als in den armen »Ketzern« der Niederlande, aus welchen Karl V. mittels seines bluttriefenden »Religions«-Edikts v. J. 1550 ihn austreiben zu wollen geruhte. Sahen da die Margetligläubigen dem klopfenden Hantieren ihrer Heilandin mit frommem Staunen zu. Aber auf die arme epileptische Hausmagd wirkte das Gebaren der Heiligen aufreizend. Sie verfiel in ihre »Gichter«, drehte sich wie ein tanzender Derwisch, schlug um sich wie toll und schrie: »Der Teufel steht vor dem Fenster und will herein!« Und wieder die Marget: »Ich sehe im Geiste den alten Napoleon mit großer Macht wider mich ziehen. Es wird einen harten Kampf kosten. Ihr müßt euch alle wehren bis aufs Blut! Geht, eilt, holt Äxte, Beile und was ihr der Art finden könnet, herbei! Verrammelt die Haustüre, verhängt die Fenster in der Kammer und in der Stube mit Tüchern und schließt die Fensterladen!« Während diese Befehle eilends von etlichen vollzogen und die verlangten Hiebwaffen herbeigeholt wurden, sah der in der Kammer zurückgebliebene Johannes Moser »eine unaussprechliche Klarheit, daß keine Engelzunge es ausdrücken könnte«. Bevor er von dieser Erscheinung zu reden vermochte, tat die Heilige die Frage an ihn: »Siehst du den himmlischen Vater?« Worauf der Moser schluchzend: »Ich muß weinen vor Freude.« W. A. I, 107. Die Aufregung war also bereits zur visionären Ekstase hinaufgesteigert. Es war abends fünf Uhr, als die verlangten Waffen heraufgebracht wurden. Die Heilige saß wieder auf dem Bette, rang die Hände, betete und rief dann aus: »Kämpfet für Christus und laßt das Leben für ihn! Der letzte große Kampf mit dem Teufel naht heran. Helft mir kämpfen mit verstärkter Kraft, damit Christus in mir nicht überwunden werde. Schlagt zu, haut zu, auf den Boden, auf die Wand! Dies ist der Wille Gottes! Schlagt zu, bis ich euch aufhören heiße. Haut zu und lasset euer Leben!« Das Lassen des Lebens hätte allerdings dem einen oder andern der guten Leute begegnen können in der unerhörten und tumultuosen Schlacht gegen Satan, welche jetzo losbrach. Denn in wildem Gedränge hieben und stießen die Rasenden, alle, alle, mit Ausnahme der Heiligen, mit Beilen, Keilen und Harken auf den Boden und die Wände der Kammer los, volle drei Stunden lang. Ein großes Wunder geschah dabei allerdings, nämlich daß den Sinnlosen nicht das Haus über den Köpfen einstürzte. Die Marget behauptete fortwährend ihren Sitz auf dem Bette, von wo aus sie die Schlacht lenkte, indem sie von Zeit zu Zeit in das Getöse hineingellte: »Haut zu, er ist ein Schelm, ein Seelenmörder! – Schlagt zu in Gottes Namen und wehrt euch bis aufs Blut! – Laßt euer Leben für Christus! Wer sein Leben in Christo verliert, wird es gewinnen; wer es behalten will, wird es verlieren! – Schlagt zu, bis ihr Blut schwitzt! – Seht ihr ihn hier, dort, da, den Seelenmörder? Auf ihn! Haut zu! Schlagt zu!« Als Echo fistulierte die Elisabeth: »Schlagt zu! Er ist ein Schelm und ein Mörder, er ist der künftige Antichrist, der junge Napoleon, der mich hat geistig verführen wollen.« So ging in eintönigem Tumult die Schlacht fort, drei Stunden lang, wie schon gesagt. Eine Staubwolke, dicht zum Schneiden, erfüllte die Kammer. Die Kämpfer und Kämpferinnen dampften wie Ofen, und in Strömen rollte der Schweiß an ihnen herab. Wollten sie einen Augenblick ermatten, so feuerte die Stimme der heiligen Schlachtlenkerin sie zu neuen Anstrengungen an. Ja, sie hielten sich wacker, keine Frage, und seitdem die Menschen den Teufel sich eingebildet haben, ist er, rechne ich, nie und nimmer so heldenmütig und energisch bekämpft worden, wie an diesem gesegneten Donnerstag, den 13. März 1823, im Hause des Judenschießers zu Wildisbuch im Kanton Zürich. Der Kampf des ingeniösen und gloriosen Kaballero de la Mancha gegen die Windmühlen, was ist er, verglichen mit diesem Kampf? Wenig, sehr wenig, kaum der Rede wert. Warum, o großer Cervantes, Genius des Humors, hast du deine Menschwerdung nicht bis ins neunzehnte Jahrhundert verschoben? Du wärest dann nach Wildisbuch gewandert und hättest uns, die große Satansschlacht schildernd, statt meines trockenen Referats ein glänzendstes Kapitel aus der Geschichte der menschlichen Narrheit gegeben, ein glänzenderes noch als jenes, wo dein Don Quichotte so heldisch gegen Schafe und Schöpse angeht. Aber du lächelst bitter, Seliger, und meinst: Nichts von Schöpsen und Schafen! Es kommt nichts dabei heraus, sie zu befehden. Mein armer Idealist von Held erfuhr das, und ihr, arme Don Quichottes des neunzehnten Jahrhunderts, habt es auch erfahren, hör' ich. Die Schöpse haben Hörner, und die Schafe haben eine noch viel unbesieglichere Waffe, ihre Dummheit, ihre schäfige Schafedummheit. Riegelwände und Bretterbuden sind aber weniger dauerhaft als der Teufel, und so geschah es denn, daß der Kammerboden in Trümmer ging, welche mit lautem Gekrach in die unter der Walstatt befindliche Stubenkammer hinabstürzten. Die mutigen Kämpfer mußten sich mühsam auf den noch aushaltenden Querbalken balanzieren, setzten aber den Streit dennoch fort. Ein Teil der Kammerwand barst vor den wütenden Schlägen und fiel in den Hofraum hinab, allwo eine Menge Volkes gaffend stand, durch den greulichen Rumor, welcher seit Stunden in dem Hause des Judenschießers tobte, nicht nur aus Wildisbuch selber, sondern auch aus den benachbarten Dörfern herbeigelockt. Kaum hatte die Heilige durch die Mauerlücke hindurch diese Zuschauermenge im Zwielicht des unerhörten Polterabends drunten erblickt, als sie aufschrie: »Das ist des Teufels Heer! Aber fürchtet euch nicht, und ihr werdet es überwinden!« Und siehe, fortwütete die Schlacht, bis die Streiter und Streiterinnen vor Übermüdung sich nicht mehr aufrecht zu erhalten vermochten. Jetzt endlich gab die Marget mit den Worten: »Christus hat überwunden!« das Signal zum Abbrechen des Gefechts und befahl den Atemlosen, gänzlich Ermatteten, ihr in die Wohnstube zu folgen. In diesem engen Raume, dessen Fenster von außen mit den Laden verwahrt und von innen mit Tüchern verhängt waren, sollte beim dürftigen Schein einer Unschlittkerze der Kampf fortgesetzt werden, aber mit etwas veränderter Taktik. Ganz unbekümmert um die vor dem Hause lärmende Menge der Neugierigen und streng untersagend, den Einlaß Begehrenden zu öffnen, befahl die Heilige zunächst, daß sich alle zu Boden werfen sollten, um Gott für seinen Beistand zu danken. Dann, nach einer Weile von etlichen Stunden, begann ein neues Spiel, und daß es beginnen konnte, beweist, was alles die Menschen zu ertragen vermögen, wenn sie von heiliger Torheit besessen sind. Man hat später gemeint, die ganze faselnde Rotte müßte von Wein oder Branntwein berauscht gewesen sein, um diese frommen Übungen so lange ausführen und aushalten zu können. Allein ganz mit Unrecht: ihre Magen waren ebenso völlig nüchtern wie ihre Köpfe völlig trunken. Die Marget, in der Mitte der am Boden Liegenden aufrecht stehend, forderte diese auf, sich mit den Fäusten auf Kopf und Brust zu schlagen, was sofort geschah. Die Elisabeth heulte: »Schlag du mich, Margetli! Ich will gerne sterben für andere Seelen.« W. A. II, 4. Antw. a. d. Fr. 26. Sofort schlug die Heilige auf ihre Schwester los und zwar so unsanft, daß die Geschlagene vor Schmerzen ächzte. Worauf die Marget: »Das ist der Zorn Gottes!« Wunderlich, sowie der Mensch dem Tier in ihm Raum gibt zu bestialischer Äußerung, muß der alte Moloch-Schaddai herhalten mit seinem »Zorn«. Während die schreckliche Wiedertäufertragödie zu Münster spielte, waren in einer Februarnacht des Jahres 1535 sieben Männer und fünf Weiber zu Amsterdam in einem wiedertäuferischen Konventikel versammelt. Plötzlich warfen sie, »vom Geist getrieben«, ihre sämtlichen Kleider ab und rannten nackt in die kalte Winternacht hinaus, durch die Straßen schreiend: »Wehe, wehe, wehe! Das ist der Zorn Gottes, der Zorn Gottes!« Eingefangen, weigerten sie sich, ihre Kleider anzuziehen, behauptend: »Wir sind die nackte Wahrheit!« Moral: im großen Buch der menschlichen Narrheit mangelt es nie an Parallelstellen. Derweil ließ drinnen in der Stube die Heilige ihre Blicke umhergehen, achtsam, ob die Fäuste der Ihrigen auch richtig und tüchtig ihre Schuldigkeit täten. In zweifelhaften Fällen half sie eigenhändig nach. So sagte sie, als der Judenschießer lässig schien im Selbstpeinigungswerk, vorwurfsvoll: »Vater, du schlägst dich nicht genug!« und ließ ihre Fäuste auf ihm spielen. Der mißhandelte Greis stöhnte, aber die heilige Tochter fuhr fort mit Schlagen, sagend: »'s ist nur dein alter Adam, der nicht weichen will. Es tut dir nichts.« Er nahm es geduldig hin. Das herabgebrannte Licht erlosch, und in der Dunkelheit ging das Fäustegepoche, das Rufen, Stöhnen und Ächzen in der dampfenden Stube fort und fort. Dreizehntes Kapitel. Profaner Zwischenakt. Ein großer Tag in der Weltgeschichte von Wildisbuch, dieser 13. März von 1823, sehr ein großer! In den Nachmittagsstunden summte das sonst so stille Dörfchen wie ein aufgestörter Bienenkorb. Weiberjüppen fegten durch die Gassen, lebhaft winkend und deutend. An allen Häuserecken, vor allen Stalltüren geflügelter Umsatz von Fragen und Antworten. Kinder-, Frauen- und Männerzungen in gemeinsamer und energischer Tätigkeit. Staunen, Starren, Feixen und Lachen an allen Ecken und Enden. Weiter sonst keine Teilnahme, denn des Judenschießers Haus stand ja sozusagen außerhalb der Gemeinde, wenn auch mitten im Dorfe, wißt ihr? Gegen Abend zu hatte sich die ganze Bevölkerung um das Petersche Haus hergedrängt, lauschend, wie da drinnen der große Teufelskampf mit Gepolter wütete. Das Getöse im Innern kontrastierte seltsam und unheimlich mit den versperrten Türen und verschlossenen Fensterladen, »'s ging da drinnen zu wie in ere Judenschul' oder in ere Mördergrub',« hat mir mein Freund, der alte »G'meindspräsident« erzählt, der auch mit dabei gestanden, als er noch nicht alt und noch nicht Gemeindepräsident war. Drang da heraus ein Gedröhn wie von vielen heftigen Schlägen und Stößen, dazwischen Geschrei und Gestöhn und ein wuselndes Durcheinander von Stimmen. Konnte man aber nur einzelne Ausrufe verstehen, als da waren: »Haut zu! Er ist ein Schelm! – Betet an alle Heiligen! Betet an alle Propheten! Betet an alle Seraphim! – Schlacht zu! Er ist ein Mörder! – Erlöse uns!« Aber warum, fragt' ich meinen Wirt, hat man denn die verrammelte Haustüre nicht ohne weiteres aufgesprengt? »Warum? Darum, Herr, weil neime mit dem Judenschießer sei'm Zug (Zeug) niemand nüd z' tun wollt' haben.« Ein ausreichendes Argument, wenigstens in bäuerischen Augen. Übrigens auch ein leicht erklärliches, denn es war wirklich in keiner Weise ratsam, sich in die Angelegenheiten des Judenschießers und der Seinigen zu mischen. So, wie wir die Bauern kennen, war es zudem durchaus keine Unmöglichkeit, daß dieser oder jener der Umstehenden bei sich dachte: »'s scheint, sie morixeln dadrinnen einander. Aber was schad't's? Dann sind wir das ganze Dunderspack los.« Endlich muß auch noch gesagt werden, daß der germanische Bauer überall, wo er seine natürliche Natur bewahrt hat, einen tiefen Respekt vor dem Hausrecht hegt und Eingriffe in dasselbe weder gern duldet noch begeht. Es existiert aber in dieser Welt ein Ding, welches in betreff des Hausrechts Ansichten hat, die den bäuerischen diametral entgegengesetzt sind. Das ist die Polizei, und diese nun sollte zunächst ihre profane Nase und im weiteren ihre noch profaneren Hände in die Mysterien stecken, welche unter dem Dache des Judenschießers tragiert wurden. Leider, leider hat sie ihre Hände nur allzu früh wieder zurückgezogen. Es gibt Augenblicke im Menschenleben, wo selbst die Polizei zu gelind und zu human sein kann. In Wahrheit, hier war sie einmal zu gelind, zu human, was sehr aufgezeichnet zu werden verdient. Führte nämlich der Zufall einen der Trabanten nicht des Landpflegers Pilatus, aber des Landpflegers von Andelfingen, sonst Oberamtmann Schweitzer geheißen, nach Wildisbuch, wo er die ganze Bewohnerschaft vor dem Haufe des Judenschießers versammelt fand. Kam gerade, als der Boden der oberen Kammer in die untere und ein Teil der Kammerwand in den Hof heruntergestürzt war. Besagter Trabant, Landjäger Isler, tat, was unter obwaltenden Umständen seines Amtes war. Nachdem er von dem versammelten Männer-, Weiber- und Kindervolk, dessen Menge im Verlaufe des Nachmittags durch Zuzug aus Rudolfingen, Benken, Trütliton und Schlatt bedeutend verstärkt worden war, vergebens Aufschluß über das polternde Phänomen zu erlangen versucht hatte, legte er seine klopfende Polizeihund an das Haus und klopfte so lange, bis etliche der entbrannten Kämpfer drinnen endlich gewahr wurden, daß sie es noch mit einem anderen als dem Satan zu tun hätten. Der alte Judenschießer und sein Schwiegersohn Moser erschienen, nicht am Fenster, vermut' ich, sondern an der Bresche in der Kammerwand. Der profane Diener der öffentlichen Sicherheit unten: »Was Dunderhagelstralchaibs geht denn da für? Ihr, ewigen Grüsel, was macht ihr denn? Tut das Haus auf, sag' ich!« Der al'e fromme Judenschießer oben: »Was da vorgeht, geht Euch nichts an. Das Haus ist mein Haus. Ohne daß Ihr mir einen schriftlichen Befehl vorzeigt, tu' ich nicht auf.« In einem Lande wie die Schweiz, welches so unglücklich ist, von den Staatsprinzipien der Junker des Hinteren und hintersten Pommern nichts wissen zu wollen, sind auch die Landjäger genötigt, mit den Leuten mehr oder weniger manierlich umzugehen. Selbst unter dem aristokratischen Regiment, wie es zur Zeit unserer Geschichte noch im Kanton Zürich bestand, waren sie schon mehr oder weniger dazu genötigt. Statt also so oder so den Eingang in das verschlossene Haus zu erzwingen, begnügte sich die bewaffnete Macht – vermutlich allerdings unter Vorbringung diverser Flüche – das Haus, in welchem das Treffen gegen den Teufel noch immer tobte, mit vigilierenden Blicken anzusehen und einen Boten nach Rudolfingen hinabzusenden, welcher dem dortigen Gemeindeammann das erstaunliche Abenteuer melden sollte. Der Gemeindeammann hielt es nicht für geraten, seine Finger in diesen Brei zu stecken, sondern machte dem Oberamt Andelfingen Meldung von der Sache. Alsobald entsandte Herr Oberamtmann als seinen Vortrab zwei Landjäger nach Wildisbuch und brach dann selber mit Sekretarius und Weibel nach der Kohlfirst auf. Ein pflichteifriger Mann, der Herr Oberamtmann. Etwas efeuartig rauhhaarig anzufassen, sagt man, aber sonst ein gutmütiger Polterer aus einem Ifflandschen Familienstück. Er soll in dringlichen Fällen ohne viel Federlesen durchgegriffen haben; leider hat er aber den Wildisbucher Knäuel nicht zeitig und fest genug gepackt. »Ungefähr um zehn Uhr nachts« – berichtete er unterm 16. März an das kantonale Polizeiamt in Zürich – »langte ich in Wildisbuch an und vernahm, daß der Lärm im Peterschen Hause gänzlich aufgehört habe, daß alle Lichter ausgelöscht seien und sich niemand mehr hören lasse. Ich fand desnahen für zweckmäßig, diese Ruhe nicht zu unterbrechen, sondern einstweilen mit Bewachung des Hauses mich zu begnügen und nähere Erkundigungen einzuziehen.« Man sieht, der Herr Oberamtmann dachte: »Leben in einem freien Lande. Geht daher nicht wohl an, nachtschlafenderweise in ein ruhiges Haus einzubrechen.« Wohl, dachte so und begab sich in die Stube von des Judenschießers nächstem Nachbar, Felix Peter, so mir recht ist, Vater unseres guten Bekannten, des Gemeindepräsidenten im Zwillich-Tschopen. Hier erhielt der Oberamtmann um Mitternacht von seinen auf Posten stehenden Landjägern die Meldung, daß der Lärm beim Judenschießer abermals begonnen habe, jedoch »ohne Gepolter«. Der Beamte verfügte sich hinüber, gefolgt von seinen Leuten und einer Anzahl Wildisbucher Bürger. Aus der dunkeln Wohnstube des Judenschießers drang ein Wirrsal von Männer- und Weiberstimmen auf die Gasse, und konnte man die Rufe unterscheiden: »Allmächtiger Gott, hilf uns! – Erlöse uns! – Hau zu! – Erbarme dich! – Er ist ein Schelm! – Er ist ein Mörder! – Siehst du ihn da?« In diese Ausrufungen hinein fielen Schläge, »wie auf weiche Körper«. Mein Herr Oberamtmann ließ jetzt den Weibel an die Haustüre und die Fensterladen klopfen und Einlaß begehren. Als aber diese wiederholten Aufforderungen gänzlich unbeachtet blieben und das Gelärme drinnen fortging, gab er Befehl, die Haustüre einzusprengen. Es geschah, aber die Türe zur Wohnstube blieb von innen versperrt. Der Beamte besichtigte nun zunächst die Zerstörung im oberen Stockwerk. Hierauf gab er seinem Bericht zufolge dem Amtsweibel den Befehl, neuerdings bei den Stubenfenstern die Aufforderung zur Öffnung der Stubentüre zu wiederholen und, insofern ihm keine Antwort erteilt werde, eine Scheibe des Fensters zu zerbrechen und mit einem Lichte durch selbiges in die Stube zu leuchten. So geschah es, allein der Lärm und die Ausrufungen dauerten fort. »Ich begab mich nun auch vor das eröffnete Fenster und bemerkte zunächst vier bis fünf Männer, welche die Stubentüre zudrückten; dann ein anderes Mannsbild, welches wie tot der Länge nach auf dem Bauche am Boden lag; weiterhin eine Gruppe Manns- und Weibsbilder auf- und übereinander am Boden liegend; bei selbiger eine Weibsperson auf den Knien, welche mit der Hand auf die andern zuschlug und bei jedem Streich rief: Erbarme dich! Erbarme dich! Endlich neben dem Ofen eine zweite solche Gruppe.« Jetzt ließ der Beamte nach Erschöpfung aller friedlichen Mittel die Stubentüre mit Gewalt öffnen. Dem Konrad Moser, welcher sie dem Oberamtmann hatte auftun wollen, war dieses von der Heiligen mit den Worten: »Wie, willst du denn dem Teufel öffnen?« verwehrt worden. »Die Männer« – fährt der oberamtliche Bericht fort – »widersetzten sich, aufgefordert von den Weibern, dem Eindringen der Landjäger – (bei welcher Gelegenheit der Johannes Moser einen Säbelhieb auf den Kopf abbekam) – die Weibsbilder fuhren immer mit ihrem Geschrei fort, sonderheitlich zeichnete sich die ›heilige Marget‹ aus, welche auf den Knien blieb und auf ein anderes auf dem Bauche am Boden liegendes Weibsbild immer mit der Hand zuschlug. Eine zweite Gruppe bestand aus zwei Männern und zwei Weibsbildern, welche ebenfalls auf dem Boden lagen, so, daß bald der Kopf des Weibes auf dem Körper des Mannsbilds, bald der Kopf des Mannes auf dem Leib des Mädchens ruhte. Die übrigen erhoben sich nach und nach vom Boden. Ich wollte durch Vorstellungen die Leute zur Stille bringen, allein der Lärm blieb gleich. Ich befahl desnahen, den alten Peter aus der Stube herauszunehmen, allein Männer und Weibsbilder widersetzten sich und klammerten sich an selbigen an, obschon ihnen versprochen wurde, daß niemandem etwas Leides geschehen sollte. Endlich brachte man den Alten aus der Stube, alle hingen sich an ihn, zogen ihn zu Boden, machten einen Kreis um ihn und lagen durcheinander, alle umschlungen. Ich wiederholte meine Vorstellungen und verlangte Stille, allein nichts half. Wenn der alte Peter antworten wollte, sagte die heilige Marget: ›Vater, gib keine Antwort und bete!‹ Alle fingen dann wieder ihren verwirrten Lärm an. Die Marget: ›Laßt uns sterben! Ich lasse mein Leben wie Christus!‹ Andere: ›Gott erlöse uns!‹ Wieder andere: ›‹Herr, erbarme dich unser!‹ W.A. I,2 Die Szene, welche sich in der Stube nach gewaltsamer Eröffnung der Türe darstellte, wirkte selbst auf die Wildisbucher Bauersleute, die doch etwas vertragen können, drastisch, bis zum – Erbrechen. »Sie lagen alle auf einem Klumpen« – hat mir mein mehrerwähnter mündlicher Berichterstatter, ein Augenzeuge, erzählt – »und es brudelte da ein Dunst heraus, ein Dunst von Staub und Schweiß zum Ersticken. Man hätt' sich nur alsograd übergeben sollen. 's ist schüli (abscheulich) g'si, schüli, über alle maßen schüli und grüsli!« Der Johannes Moser blutete aus der erhaltenen Kopfwunde, wollte sich aber nicht verbinden lassen, sondern rief seinem um ihn besorgten Bruder triumphierend zu: »Laß bluten, ich leide gern um Christi willen. Es bringt mir Ehre!« Die Weiber wurden in die Küche hinausgezerrt und wurde bei dieser Manipulation allerdings nicht ganz säuberlich mit ihnen verfahren. Die »Chnaben« von Wildisbuch, seit lange der ganzen »Judenschießerei« aussätzig, scheinen sich dabei mehr als einen bäuerischen Jux gemacht zu haben. Mein Augenzeuge wollte in betreff dieses Punktes nicht recht mit der Sprache heraus. Es steht aber fest, daß einige der Weiber sogar an den Beinen aus der Stube in die Küche geschleppt und bei diesem Aktus überhaupt so angefaßt worden sind, daß die Ehrbarkeit weniger als billig berücksichtigt ward. Hieran, sowie an den Umstand, daß der heiligen Marget, als sie sich wahrend des Ringens der Überfallenen mit den Landjägern an ihren Vater klammerte, das Busentuch bedenklich losgegangen, spann die populäre Mythenbildnerei den Lügenfaden, sämtliche Mitglieder der fanatischen Rotte, Männer und Weiber, seien, als man sie überraschte, splitternackt beisammen in der Stube gewesen. Eine ganz und gar unwahre Beschuldigung! Wir müssen, gestützt auf die Akten, überhaupt bemerken, daß im ganzen Verlauf unseres Passionsspiels, soweit es unter dem Dache des Judenschießers spielte, von dem unzüchtigen Dienste der Baaltis nicht die leiseste Spur sich findet. Baal-Moloch waltete da allein und ausschließlich. Der Herr Oberamtmann verzweifelte daran, während der Nacht noch Ordnung in dieses Chaos zu bringen, und begab sich wieder in das Nachbarhaus hinüber, mit Hinterlassung des Befehls, die ganze fromme Bande bis zum Morgen in der Stube und Küche zu bewachen und nicht zu dulden, daß die Gefangenen laut mitsammen sprächen. Hieran aber kehrte sich die Heilandin wenig. Sie ermutigte ihre Herde im Gegenteil mit lauten Worten und sagte unter anderem: »Nun ist geschehen, was einst in Gethsemane geschah. Die Pharisäer sind gekommen mit Kriegsknechten. Glücklich der Johannes (Moser), daß er verwundet wurden; denn darob freuen sich die Seligen im Himmel,« Dem Knechte Heinrich Ernst, welcher lauten Sprechens wegen von einem wachthabenden »Kriegsknechte« angerunzelt wurde, gab sie den Trost: »Du bist glücklich, daß du um Christi willen Schmach leiden darfst.« Von einer Ernüchterung oder Einschüchterung der Heiligen überall keine Spur. Die Aufreizung ihres Nervensystems war offenbar schon zu einem Grade gediehen, wo nur noch ein ebenso geschicktes als energisches Eingreifen eine Heilung hätte in Aussicht stellen können. Die Identifizierung mit dem leidenden Christus war, wie wir soeben sahen, schon bis auf Nebenumstände herab vollständig. Ihr Vaterhaus war der Unglückseligen bereits zum Gethsemane geworden, warum sollte es ihr nicht auch zum Golgatha werden? So verging die Nacht. Am folgenden Morgen ließ der Oberamtmann die Bewachten einzeln in das Nachbarhaus zum Verhör vor sich bringen. Allein die Verhöre lieferten, wie er selbst bemerkt hat, »nicht viel Wichtiges«. In Wahrheit, weder der Pilatus von Andelfingen noch unser wackerer Pfarrherr, welcher von Trüllikon herübergeeilt war, richteten irgend etwas Belangreiches aus. Die Verhörten benahmen sich, mit Ausnahme der Elisabeth und der Magd Jäggli, welche unaufhörlich behaupteten, »der Teufel wolle sie angreifen«, ruhig und gefaßt oder vielmehr verstockt, wenn nicht trotzig. Der Johannes Moser fabulierte auf gut Ganz-Qualmisch. Der »ewiggeliebte« Jakob Morf war des Dafürhaltens, jeder Mensch trage von Natur böse Geister in sich. Diese müßten durch Gebet und Arbeit entfernt und so der Mensch wiedergeboren werden. Im übrigen könne hierüber die Marget die beste Auskunft geben. Die Ursula Kündig erklärte bestimmt, das Geschehene sei Gottes Wille gewesen. Der alte Judenschießer, befragt, warum er die lange Abwesenheit seiner beiden Töchter vom Hause zugelassen, gab darauf die Antwort, »der Geist Gottes habe sie vom Hause weggezogen, damit sie in der Stille dem Herrn dienen könnten«. In betreff der Satansschlacht vom Tage zuvor gab er die Erklärung ab, er habe das Zerstörungswerk allerdings nicht gern gesehen, aber es sei nun einmal der Wille des Herrn gewesen. Am wortkargsten war die Heilige selbst. Sie sagte nur: »Es war der Wille Gottes!« und weiter nichts. Eine berechnete Schweigsamkeit, ohne Zweifel. Denn kaum aus dem Verhör entlassen, äußerte sie gegen die Ursula und den Knecht Heinrich: »Ich schwieg vor dem Oberamtmann, wie Christus vor Pilatus geschwiegen hat.« Und nach einer Pause setzte sie hinzu: »Die Welt wird mein Werk doch nicht hindern!« Die Weissagung ging vollständig in Erfüllung. Denn in der Tat, die Welt hat das Werk der armen Wahnwitzigen nicht verhindert. Gekonnt hätte sie es, keine Frage, und hier ist der Punkt, wo einmal die Polizei zu mild und zu human Verfahren ist. Das Klügste wäre wohl gewesen, die ganze Blase aufzupacken und ins Irrenhaus zu bringen. Allein Herr Oberamtmann fand nach Beendigung der Verhöre »einstweilen keine andere Verfügung notwendig«, als den Jakob Morf, den Johannes und Konrad Moser, sowie die Ursula Kündig aus Wildisbuch weg und in ihre Heimat zu weisen, wie auch der Peterschen Familie aufzugeben, sich ruhig zu Hause zu halten, und den Hausvater für das Betragen seiner heiligen Tochter noch besonders verantwortlich zu machen. Erst am 16. März erstattete der Oberamtmann über seine am 13. nach Wildisbuch unternommene nächtliche Expedition Bericht an die Kantonalpolizeikommission, welche allerdings sofort anordnete, daß die Marget und die Elisabeth ins Irrenhaus nach Zürich gebracht werden sollten. Trop tard! Damit war soviel wie nichts getan, denn der alte Judenschießer war der Sklave seiner Tochter. Die mangelhaften Anordnungen des Landpflegers vom Wyland wurden übrigens nur teilweise vollzogen. Die Ursula Kündig ging nicht nach Langwiesen heim, denn die Heilandin befahl ihr, bei ihr zu bleiben, mit dem Drohwort: »Wer mich vor den Menschen verleugnet, den werde ich auch vor Gott verleugnen.« Die arme Ursula wollte lieber Johannes sein als Petrus werden und blieb. Auch der Jakob Morf und die beiden Moser, welche den oberamtlichen Befehl, heimzugehen, befolgten, waren darum keineswegs abgekühlt, sondern jeden Augenblick bereit, einem abermals an sie ergehenden Ruf ihrer Heilandin zu folgen. Der Jakob schlug den Heimweg über Örlingen ein und aß im Moserschen Hause zu Nacht, wobei er und der ältere Moser die Verzückungen der gestrigen Satansschlacht fortsetzten. Beide riefen, dem Zeugnis des Konrad Moser zufolge, einmal über das andere aus: »Ich sehe Jèsum Christum zur Rechten Gottes!« Der Konrad begleitete den Jakob dann noch bis Andelfingen, um dort ein Pflaster für die Kopfwunde seines Bruders zu holen. Auf dem ganzen Wege faselte und haselierte der Jakob immerfort: »Siehst du jene Klarheit gegen Zürich hin? Ich sehe Christum! Ich sehe die Klarheit Gottes!« Der Konrad gab sich redlichste Mühe, diese schönen Dinge ebenfalls zu sehen, und Schönes, Schönstes sah er allerdings, den hellen, funkelnden Sternhimmel. Doch das genügte ihm nicht, und da – so erzählte nachmals der arme gute Junge – »da der Morf so schön redete, wie ich es nie hätte können, glaubte ich, daß dem wohl so sein werde, wie er sagte«. Vierzehntes Kapitel. Blut muß fließen. »Die Welt wird mein Werk doch nicht hindern!« Wenn der Mensch, von einer einschneidenden Wendung seines Lebens überrascht, zu der Überzeugung gelangt, daß es so wie bisher nicht mehr weitergehen könne, daß er demnach seine Partie ergreifen und so oder so ein Ende machen müsse, da erhebt sich sein Wesen häufig zu einer Energie, wie sie, ob aus heißem Enthusiasmus oder aus kalter Verzweiflung entsprungen, gleichviel, im gewöhnlichen Lauf der Dinge über die menschliche Kraft weit hinauszureichen scheint, so weit, daß man geneigt ist, in solchem energischen Tun einen Anhauch von Göttlichem zu spüren. Heroisch-tragisch und im Untergange triumphierend ist diese Energie, wenn im Dienst einer großen Idee aufgewandt. Dem Leonidas und seinen Spartern bei Thermopylä, dem Demosthenes und dem Kato, welche sich töten, damit jener das Ende der attischen, dieser das Ende der römischen Republik nicht überlebe, den schlichten niederländischen Bauern und Bäuerinnen, welche, durch Alba zum Martertod des Lebendigbegrabenwerdens verdammt, Jubelpsalmen singen, bis die auf sie herabrollende Erde ihnen den Mund verschließt, dem alten russischen Wachtmeister, der am I7. November 1812 bei Krasnof sich bahnbrechend in die Bajonette eines lange vergeblich attackierten französischen Vierecks stürzt mit den Worten: »Der Handel muß doch einmal ein Ende nehmen!« – dem deutschen Jüngling, welcher, »zugleich ein Sänger und ein Held«, im Streite für die Mutter Germania am 26. August 1813 bei Gadebusch vom Rosse geschossen wird und unter der Eiche von Wöbbelin ruht: – ihnen allen, allen gilt das schöne Dichterwort: »Wenn wir in urgewalt'gem Streit Die großen Menschen sehn Aus innerster Notwendigkeit Dem Tod entgegengehn, Da möchten wir dem Heldenschwung In des Geschickes Zwang Zurufen mit Begeisterung: Glück auf zum Untergang!« Anders stellt sich die Sache, wenn wir eine Kraft, die auch vor dem, was allem Gesalbader der Moralisten zum Trotz für den Menschen doch immer das Ungeheuerste bleibt, d.h. vor der Selbstvernichtung nicht zurückbebt, im Dienste eines Irrwahns verbraucht sehen, welchen selbst seine Schrecklichkeit von dem lächerlichen Beigeschmack nicht ganz zu befreien vermag. Hier empfinden wir keineswegs den erhabenen Schrecken, womit das wahrhaft Tragische unsere Seele bis in ihre Tiefen erschüttert. Auch sind Wahnsinn und Aberwitz bekanntlich zweierlei Dinge: ein Lear ist tragisch, aber ein Jan Bockelson nur skurril oder höchstens grotesk. Beim Anblicke solcher Bockelsonfiguren, und würden sie auch mit glühenden Zangen zu Tode gezwickt, können wir unmöglich zu einem reintragischen Mitleid kommen. Es schlägt uns da immer etwas in den Nacken, raunend: Warum erschaudern? Die ganze Geschichte ist ja gar zu albern, gar zu absurd! Freilich, es gibt auch eine »Ästhetik des Häßlichen«. Wenigstens hat Rosenkranz eine solche geschrieben. Wir erinnern uns im Augenblicke nicht, ob darin auch von der Tragik des Unsinns gehandelt wird; aber so viel ist sicher, daß in dieses Fach der Ausgang unserer Heldin fällt. Zu wirklich tragischer Würde hat sie sich nicht hinaufzuläutern vermocht. Es fehlt in ihrem Untergang der franke, freie Herzschlag des Menschlichen, wie er in ihrem ganzen Dasein fehlte. Eine bedeutend angelegte Natur, aber schon in Kinderjahren durch Einwirkung köhlergläubigen Blödsinns durch und durch gefälscht. Daher hat sie es auch zu keiner gesunden Leidenschaft gebracht, wie solche, solange sie sich im Kreise des Humanen hält, den Menschen entschieden adelt, sondern nur zur jämmerlichsten Sünde, d.h. zum feigen Sündigen inmitten der Angst des Sündenbewußtseins. Der Possen, welchen die Natur der hochmütig gegen sie eifernden Oraklerin spielte, würde komisch sein, wenn er nur nicht so widerlich wäre. Dieser Katzenjammer mitten im Rausch! Ist er nicht noch ekelhafter als alle die haarsträubenden Kynismen beim Petronius und beim Casanova? Und dann diese Sühne! Es ist wahr, sie konnte uns durch den Heroismus bestechen, womit sie durchgeführt wurde, ließe uns dieses Passionsspiel, auch abgesehen von seinen aberwitzigen Einzelnheiten, nur einen Augenblick vergessen, daß wir nur eine tolle Karikatur, eine trübselige Travestie jener erhabenen Tragödie vor uns haben, welche im Ölgarten am Bache Kidron begann und auf der Schädelstätte zu Ende ging. Was bleibt also übrig? Nur der Eindruck einer furchtbaren religionsgeschichtlichen Warnungstafel, welche – wir täuschen uns nicht darüber – das gewöhnliche Schicksal der Warnungstafeln haben wird. Die gedankenlose Menge geht vorüber, ohne darauf zu achten, und dumme Jungen bewerfen sie wohl gar mit Steinen und Kot. Die sämtlichen vorstehenden Blätter wären vergeblich geschrieben, bedürfte es jetzt noch einer breiten Darlegung der Motive, welche die heilige Marget bestimmten, ihr »Werk« zu vollenden. Ich nehme daher den Faden der Erzählung wieder auf. Wir sahen, daß unsere Heldin in dem Verhör, welchem sie der Oberamtmann von Andelfingen am Freitag (14. März) unterwarf, sich ganz so zu stellen versuchte wie Christus gegenüber dem Landpfleger von Judäa. Aus dem Nachbarhaus in das väterliche zurückgekehrt, tat sie die erwähnten Äußerungen gegen die Ursula und begab sich sofort wieder in die Kammer hinauf, deren zerstörter Boden mittels über das Gebälke gelegter Bretter wieder gangbar gemacht worden war. Sie setzte sich auf das Bett und »kämpfte im stillen«. Die Elisabeth, die Susanna, die Ursula und die Hausmagd saßen und standen um sie her und beteten. Gegen acht Uhr abends kamen der alte Judenschießer, sein Sohn Kaspar und seine aus Trüllikon herübergeeilte Tochter Barbara, sowie der Knecht Heinrich herauf, und die ganze Versammlung verwachte die Nacht fastend und betend in der Kammer. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß diese Nachtwache nur dazu dienen konnte, die krankhafte Aufspannung der armen Leute noch mehr zu steigern. Es wurde auch während dieser Nacht keineswegs nur »im stillen gekämpft«. Schon am Abend machte die Heilige die Eröffnung: »Der letzte Kampf steht nun bevor. Der Seelenfeind hat seine ganze Macht aufgeboten. Helft mir kämpfen, sonst ist alles verloren.« Daraufhin baten die Hausmagd und die Elisabeth, die Heilige sollte sie wieder schlagen wie in der vorhergegangenen Nacht. Das verhinderte jedoch die Ursula, weil sie wußte, daß die Elisabeth infolge der früher auf ihren Busen gefallenen Streiche heftige Brustschmerzen habe. Gegen Morgen zu stellte sich die Marget auf das Bett und rief aus: »Ich sehe die vielen Seelen, die mich um Erlösung anflehen. Diesen muß geholfen werden. Gäbe mir Christus ein Schwert, wollte ich für dieselben kämpfen.« Dabei machte sie Bewegungen mit dem Arm, »als führte sie wirklich ein Schwert in der Hand«. Dann, als der Tag dämmerte, äußerte sie: »Das Lamm hat überwunden, Christus hat überwunden. Geht nun an eure Arbeit.« Die Ruhe, wenn es überhaupt eine war, währte jedoch nicht lange. Kaum war es völlig Tag geworden (Samstag, den 15. März), als die Heilige befahl, die beiden Moser und die Schwester Magdalena aus Örlingen herbeizurufen. Warum nicht auch an den »ewiggeliebten« Jakob abermals ein Ruf erging, ist unausgemittelt. Vielleicht geschah es nur deshalb nicht, weil Illnau zu weit entlegen war. Es drängte die Unselige offenbar, zu Ende zu kommen. Während der Knabe eines Nachbars die Botschaft nach Örlingen trug, erklärte sie: »Wenn Christus siegen und der Satan völlig überwunden werden soll, muß Blut fließen! Gott hat mir in dieser Nacht große Dinge geoffenbart, die heute geschehen müssen. Die Zeit ist da, wo sich niemand weigern darf, das Leben für Christus zu lassen.« Gehorsam langten die beiden Moser im Laufe des Vormittags in Wildisbuch an. Eine halbe Stunde später kam auch die Magdalena. Es war ungefähr zehn Uhr, als der alte Judenschießer, seine fünf Töchter, sein Sohn, die beiden Brüder Moser, die Ursula Kündig, die Magd Margareta Jäggli und der Knecht Heinrich Ernst in der oberen Kammer versammelt waren. Die Marget und die Elisabeth saßen nebeneinander auf dem Bette, diese stumpf vor sich hinstarrend, jene in höchster Exaltation. Mehrere der Waffen, womit die große Satansschlacht am Donnerstag geschlagen worden, lagen noch in der Kammer umher. So ein Hammer und eine eiserne »Bisse«, d. h. ein Keil, wie er beim Zerspalten von Holzklötzen gebraucht wird. Alle Versammelten hatten das Gefühl, daß jetzt Großes, Größtes sich ereignen müßte. Alle waren über die Grenzlinie, wo der gesunde Menschenverstand aufhört und der Wahnwitz anhebt, hinweg, weit hinweg. Den so fieberhaft Gespannten erklärte nun die Heilige feierlich: »Ich habe mich für viele Seelen verbürgt, die der Satan nicht losgeben will. Unter diesen befindet sich auch mein Bruder Kaspar. Ich kann aber diesen Kampf nicht bestehen, ohne daß Blut vergossen wird.« W. A. II, 2. Antw. a. d. Fr. 10. Zugleich befahl sie, die Anwesenden sollten sich Faustschläge auf Stirne und Brust versetzen, um den Teufel auszutreiben, und vollführte diesen Befehl mit wildem Eifer an sich selber. Und jetzt hob der Blutopfertanz um den Altar des Baal-Moloch an. Die düstere Kammer des Wildisbucher Bauernhauses wurde zum Tale Ben-Hinnom, um sich zuletzt zum Golgatha zu wandeln, auf welchem unsere Heldin als Opfer blutete, nachdem sie in jenem die Opferpriesterin gemacht hatte – eine ganz eigentümliche Verwirklichung der molochistischen Blutopfertheorie. Wer diese Orgie der Grausamkeit veranschaulichen könnte mit dem tragischen Humor eines Cervantes oder noch besser mit dem infernalischen Genie eines Dante! Aber würde sich nicht ein Cervantes, ja sogar ein Dante mit Ekel von einer Szene abwenden, welcher, wie schon bemerkt, der Pulsschlag menschlicher Leidenschaft abgeht? Mit der stupiden Raserei hat die Kunst nichts mehr zu schaffen. Nicht der Künstler, nur der Geschichtschreiber ist verpflichtet, mit verhaltener Scham und verbissenem Ekel die Türen der Schlupfwinkel aufzustoßen, wo die Zwillingsschwestern Wollust und Grausamkeit ihre wüsten Bacchanalien begehen. Kein Dichter, aber ein Tacitus hat den Tiberius auf Kapri geschildert. Die Heilige ergreift die eiserne Bisse, zerrt ihren Bruder Kaspar zu sich hin mit den Worten: »Sieh, Kaspar, der böse Feind will deine Seele!« und versetzt ihm mehrere Streiche auf Kopf und Brust, so daß er an beiden Stellen zu bluten anfängt. Jetzt hat die molochistische Bestie in der Brust des rasenden Weibes Blut geschmeckt. Sie will darin schwelgen bis zur Sinnlosigkeit. »Geh, Satan, du Feind des Heils!« schreit sie, immerfort auf den Bruder losschlagend. »Du sollst diese Seele nicht haben, die Christus mit seinem Blut erkauft hat.« Das Opfer blutet stärker. Der alte Judenschießer und der Knecht Heinrich wagen die schüchterne Mahnung: »Aber schlage doch nicht so heftig; 's könnte ein Unglück entstehen.« Sie aber kehrt sich nicht daran. »Seht,« schreit sie wieder, immer zuschlagend, »seht, wie der Teufel seine Hörner aus dem Kopf des Kaspar hervorstrecken will; seht, wie sie zur Brust herauskommen.« Der Kaspar, welcher nachmals ausgesagt hat, es sei ihm vorgekommen, seine Schwester hätte in jener Stunde übernatürliche Kräfte gehabt, so daß er sich durchaus nicht gegen sie habe zur Wehre setzen können, der Kaspar taumelt endlich, einer Ohnmacht nahe, und wird von seinem Vater und der Margareta Jäggli hinausgeführt und zu Bette gebracht. Von da an ist der Judenschießer nicht mehr in die Mordkammer zurückgekehrt, bis das greuliche Passionsspiel zu Ende war. Aber der Alte tat nicht das Geringste, den Fortgang des Opferfestes zu hindern, nicht das Geringste! Er beseitigte sogar eine Störung von außen. Während er sich nämlich drunten in der Stube zu schaffen machte, ward an die Haustüre geklopft. Es war ein Mann aus Dachsen, der Maurer Elias Vogel, welcher Einlaß begehrte. Der Judenschießer, bei welchem in diesem Augenblicke seine Tochter Susanna sich befand, öffnete die Tür nur zur Hälfte und beschied den Mann, dieser könne jetzt nicht eintreten, maßen »der Schröpfer in der Stube sei«. W. A. I, 16. Der Elias Vogel suchte sich in seiner Neugierde, das seit vorgestern zur Fabel der Umgegend gewordene Haus zu sehen, dennoch hineinzudrängen, unter dem Vorwande, Holz kaufen zu wollen. Aber er vermochte seine Absicht nicht zu erreichen, obgleich er die höhnische Frage des Judenschießers, ob er sich etwa auch schröpfen lassen wollte, mit Ja beantwortete. Die Türe wurde ihm vor der Nase zugeschlagen und er verließ das Dorf, teilte aber dem ihm unterwegs begegnenden Landjäger Isler mit, daß er auf den Hemdärmeln des alten Peter und der Susanna Blutflecken bemerkt habe. Der Landjäger scheint die Lüge von der Schröpferei für Wahrheit genommen zu haben, denn er machte weiter nichts daraus und ging seiner Wege. Derweil war droben der grausame Taumel Schritt für Schritt vom Aberwitzigen zum Gräßlichen vorgeschritten. Wie es scheint, hatten sich, als der verwundete Kaspar weggebracht worden, mit dem Hausvater und der Magd auch die drei Schwestern Barbara, Magdalena und Susanna aus der Opferkammer entfernt, die beiden letzteren jedoch nur zeitweilig. An die Zurückgebliebenen wandte sich nun die Heilige mit den Worten: »Es ist heute ein wichtiger Tag. Lange hat in mir Christus mit dem Satan gerungen. Es muß Blut vergossen werden. Ich sehe meiner Mutter Geist, der mich auffordert, mein Leben für Christus zu lassen.« Nach einer Pause fuhr sie fort: »Und ihr, wollt auch ihr euer Leben für Christus hingeben?« – »Ja!« gaben alle zur Antwort, worauf wieder die Marget: »Nein, nein, ich sehe wohl, ihr werdet euer Leben nicht lassen. Aber an mir ist es, zu sterben.« Fährt da die Elisabeth auf und schreit: »Ich sterbe gerne zur Rettung der Seelen meines Vaters und meines Bruders. Schlagt mich tot, schlagt mich tot!« Und willig, den Todesstreich zu empfangen, streckt sie sich rücklings auf das Bett und versetzt sich mit einem hölzernen Schlägel einen Schlag auf den Kopf. »Es ist mir geoffenbart, daß die Elisabeth sich opfern soll!« kreischt die Heilige, faßt einen eisernen Hammer und versetzt der Schwester damit einen Streich auf den Schädel. Ein wollüstig-grausamer Kitzel stachelt sie vorwärts und immer tiefer hinein ins Blut. Eine Wut erfaßt sie, nur vergleichbar der Berserkerwut der Malaien auf dem ostindischen Archipel, wenn sie den »Mordlauf« rennen. Sie schlägt mit dem Hammer blind um sich, verwundet den Johannes Moser und die Ursula Kündig und befiehlt diesen beiden, sowie der wieder eingetretenen Susanna, dem Knecht Heinrich und dem Konrad Moser, die Schwester totzuschlagen. Verzweiflungsvoll jammert die Ursula: »Wie kann ich meine Herzensfreundin töten?« – »Du mußt!« tobt die Heilige. »Der Vater im Himmel verlangt dies. Du mußt, wenn du nicht willst, daß der Satan über Christus Meister werde.« – »Ich lasse mein Leben für Christus!« stöhnt die Elisabeth. »Um's Himmels willen, ich kann es nicht tun!« ächzt die Ursula. Und wieder die Heilige: »Du mußt es tun, ihr alle müßt es tun! Ich werde die Schwester wieder auferwecken, wie ich selber am dritten Tage wieder auferstehen werde. Du mußt, Ursula! Gott stärke deinen Arm!« Als wäre die Raserei der Heiligen, ein höllisches Fluidum, in die anderen hinübergeströmt, werfen sich jetzt alle auf die Elisabeth. Der Johannes Moser hat der Marget den Hammer aus der Hand gerissen und schlägt damit auf die Daliegende los. So tut auch die Susanna mit einem Stemmeisen, der Knecht Heinrich mit einem Brettstück, die Ursula mit der Bisse. In das schreckliche Geschlage hinein kreischt die heilige Furie ihr: »Gott stärke deinen Arm, Ursula! Laß dein Leben für Christus, Elisabeth!« Endlich sinkt die Gemarterte unter einem Streich der Bisse, den die Ursula geführt, mit zerschmettertem Schädel zurück, röchelt, ohne zu zucken, ohne einen Laut des Schmerzes von sich zu geben, noch einmal: »Ich lasse mein Leben für Christus!« und veratmet. W. A. I, 7. 8; II, 1, 2, 4, 5. Blast die Posaunen, rührt die Zimbeln, schlagt die Pauken, ihr Baalspfaffen, und tanzt den Reigen um euren Molochstier her, daß die feuerfarbenen oder auch die schwarzen Talare fliegen! Der Gott hat ein Opfer empfangen, und schon steht die Opferpriesterin zur Selbstopferung bereit. Fünfzehntes Kapitel Am Kreuze Sprich dem anständigsten Franzosen von der Gloire und er wird Gesten machen wie ein verrückter Tanzmeister und blaguieren wie Horribilikribrifax und Daradiridatumdarides zusammen. Rede mit dem gescheitesten Engländer über das » Holy book « und er wird dir, falls er nicht etwa ein Byron oder Shelly oder Carlyle, als vollendeter Bullochs entgegenbrummen. Aber bewahre mich der Himmel vor Einseitigkeit und Ungerechtigkeit! John Bull ist zwar nach dieser Richtung hin der Ochsige par excellence, aber nicht der einzige, nein, nein. In der ganzen Welt ist für den ungebildeten wie für den gebildeten Pöbel die religiöse Idee leider nur das rote Tuch, welches den Stier in stupide Wut versetzt. Frommsein heißt Hunderten von Millionen Bekennern des Hexeneinmaleins nichts weiter als den Menschen ausziehen. Da aber der Mensch trotz alledem doch nicht über den Menschen hinaus kann, so bringt dieses Experiment so viel dummes Zeug zuwege: in harmlosen Fällen eine Komödie, in schlimmeren eine Tragödie des Unsinns wie unser Passionsspiel. Wollt ihr mit ansehen, was das Hexeneinmaleins und der Blutopferglaube zu bewirken vermögen, so beschreitet mit mir noch einmal die Schwelle des Wildisbucher Bauernhauses, Entsetzen und Ekel überwindend, wie ich es tue. Ihr seht da einen Vater, welcher mit der Indolenz eines Faultiers in den unteren Gelassen umherdämmert, nicht achtend, daß das Blut seiner Kinder, welches wenige Spannen über seinem Haupte vergossen wird, durch die losen Bodenbretter auf sein Bette herabtröpfelt; ferner eine Schwester, die Barbara, welche auf der Ofenbank brütet, nicht aufgejagt durch die dumpf von oben herabschallenden Mordstreiche; dann eine andere Schwester, die Susanna, welche geschäftig die Treppe auf und ab eilt, um weitere Marterinstrumente nach der Opferkammer zu schaffen, und in dieser selbst ein Mädchen von sanftestem Charakter und tadelloser Sittenreinheit, die Ursula, zur bluttriefenden Schlächterin umgewandelt. Und das alles um »Gottes« willen! Um des alten grimmigen Moloch-Schaddai willen, den sich die Menschen vor uralters aus einer Mischung von Blut und Kot gegossen, um alle die Zeit her ihm zu Ehren sich untereinander zu hassen, zu peinigen, zu würgen. Oder wäre dieser Gottesdienst nicht so fast ein Produkt der menschlichen Dummheit und Gemeinheit als vielmehr eine unumgängliche Folge des ewigen Naturgesetzes? Das Dasein alles Lebendigen, die tierische wie die menschliche Gesellschaft ist nur ein unausgesetzter Krieg aller gegen alle, und die Parole lautet: Fressen oder gefressen werden! Am Ende war jener verschollene Naturphilosoph, welcher meinte, Mutter Erde selbst sei eine grausame, ewig verschlingende und ewig wiederkäuende Bestie, doch nicht ganz so dumm, wie er aussah. Der Tod hat etwas Majestätisches, Ehrfurcht Gebietendes. Du kannst einem geliebten Toten nicht in das erblaßte Antlitz sehen, über welches der schreckliche Riß zwischen Sein und Nichtsein gegangen, ohne daß ein frommer Schauer dich überrieselte. Aber droben in der Opferkammer gaben nach dem Verscheiden der Elisabeth die heilige Wut und die heilige Einfalt einem solchen Schauer keinen Raum. Die Molochpriesterin ließ den Mördern auch gar keine Zeit zur Besinnung. Ihr Werk mußte ja vollendet werden. Da saß sie, neben dem Leichnam der ermordeten Schwester, im stieren Auge den Glanz des Wahnsinns, in der Rechten einen blutbefleckten Hammer haltend, schrecklich anzusehen in ihrer unbeugsamen Entschlossenheit, mit dämonischer Energie bis zum letzten Atemzug die Ihrigen beherrschend. Ihr Busen flog, ihr Leib zitterte fieberisch, aber fest und gebietend klang ihre Stimme, als sie jetzt sprach: »Es muß noch mehr Blut vergossen werden. Christus in mir hat seinem Vater für viele tausend Seelen Bürgschaft geleistet. Ich muß sterben! Ihr sollt mich kreuzigen.« W. A. II. 1. Antwort a. d. Fr. 19. Darauf der Johannes Moser und die Ursula schüchtern: »Fordere doch das nicht von uns!« Sie dagegen: »Es ist besser, daß ich sterbe, als daß viele tausend Seelen zugrunde gehen.« So sprechend schlägt sie sich mit dem Hammer an die linke Schläfe, daß diese zu bluten anfängt. Dann reicht sie den Hammer dem Johannes Moser hin und befiehlt diesem und der Ursula, auf sie loszuschlagen. Beide zaudern einen Augenblick. »Wie,« schreit sie der Lieblingsjüngerin zu, »du willst nichts für Christus tun? Schlag zu, und Gott stärke deinen Arm!« Nun versetzten ihr der Moser und die Ursula etliche Streiche. Das Blut quillt ihr über das Gesicht herab, »Bringt ein Becken!« verlangt sie. Das Gefäß wird gebracht. Sie fängt das strömende Blut damit auf und spricht: »Dieses Blut wird vergossen zur Rettung vieler Seelen.« Dann heischt sie ein Schermesser. Die Susanne eilt, dasselbe von unten zu holen, reicht es dem Johannes Moser und dieser der Ursula. »Mach mir einen Kreisschnitt um den Hals und einen Kreuzschnitt auf die Stirne!« gebietet die Gemarterte, Ursula gehorcht. Das Opfer erträgt die Qual, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken, und äußert: »So werden die Seelen erlöst und wird der Satan überwunden.« Hierauf erklärt sie mit gehobener Stimme: »Jetzt will ich ans Kreuz geschlagen werden, und du, Ursula, mußt es tun!« – »Ich kann es nicht tun!« schluchzt die Unglückliche. »Wie, du willst es mir abschlagen, Gottes Werk zu tun? Jetzt, da die Stunde naht? Willst du die Seelen auf deinem Gewissen haben, welche unerlöst bleiben, so du die Kreuzigung nicht vollziehst?« – »Aber um Gottes willen, ich muß es tun?« – »Ja, du! Hätte mich die Obrigkeit getötet, so müßtest du es nicht tun. Nun aber ist meine Stunde gekommen, und diese darf nicht versäumt werden. Geh du, Züsi, und hol Nägel herauf und ihr andern rüstet derweil das Kreuz!« Es wird getan, wie sie befohlen. Die Susanna geht eilends in den Holzschopf hinab, wo der Knecht Heinrich, welchem es in der Opferkammer nicht mehr geheuer gewesen, ganz ruhig Rebenpfähle zuschneidet. Sie heischt Nägel von ihm und teilt ihm mit, zu welchem Zwecke. Er gibt ihr die Nägel und arbeitet weiter. Sie eilt wieder hinauf und findet die heilige Schwester neben dem Leichnam der Elisabeth der Länge nach auf dem Bette ausgestreckt, mit den Armen, der Brust und den Füßen auf Holzblöcken ruhend. Diese in der Kammer umherliegenden Trophäen von der vorgestrigen Satansschlacht haben inzwischen auf Befehl der Heiligen die Brüder Moser und die Ursula möglichst in Kreuzesform auf das Bett gelegt, und hat sich das Opfer gefaßt auf das improvisierte Kreuz hingestreckt. Die Kreuzigung hebt an, ein Akt der Raserei, welchen man, was die aktiven Mißhandelnden angeht, nur begreift, wenn man erwägt, daß dieselben in dem Zustand einer geistigen Berauschung sich befanden, welcher sie Glauben machte, »die ganze Hölle bräche über sie los«. W. A. I, 108. So beschrieben nachmals die Ursula Kündig und der Konrad Moser ihren Seelenzustand während des Opferfestes. Jawohl, die ganze Hölle! Die ganze Holle der Unkultur und Bestialität, welche der Mensch mit sich herumträgt. Ein Befehl der Heiligen zwingt der Ursula den Hammer und die Nägel auf. »Kreuzige mich! Kreuzige mich!« Die Hände und die Füße des Opfers werden an das Marterholz genagelt. Wieder will der Kreuzigerin die Kraft versagen. Doch die Gekreuzigte: »Weiter, weiter! Gott stärke deinen Arm! Ich werde die Elisabeth auferwecken und binnen drei Tagen selber wieder auferstehen.« Abermalige Hammerschläge: durch jede der beiden Brüste des Opfers wird ein Nagel getrieben, ebenso durch das linke Ellbogengelenk. »Muß ich denn alles allein tun?« ächzt die Ursula verzweiflungsvoll. Da nimmt ihr die Susanna Hammer und Nägel ab und heftet das rechte Ellbogengelenk der Schwester an das Holz. Die Gekreuzigte hat ausdrücklich geboten, daß ihr Nägel durch die Brüste getrieben würden. Sie verlor während all der Marter nicht einen Augenblick ihre Fassung. Nie hat ein Indianer am Marterpfahl die erfinderische Grausamkeit seiner Peiniger mit größerem Stoizismus ausgehalten, als dieses Weib die von ihm selbst geleitete Folterung aushielt. Kein Zucken, kein Laut der Klage. Sie mußte ihren Mördern als ein überirdisches Wesen erscheinen, es konnte nicht anders sein; denn was sie duldete, ging über das Maß menschlicher Kraft hinaus, und daß an die Stelle dieser Kraft der furor religiosus , die Berserkerstärke des Wahnsinns getreten sei, konnte den armen betörten, sinnlosen Menschen nicht einfallen. Eine kurze Pause tritt ein. Der Konrad Moser vor Entsetzen kaum noch fähig, sich auf den Füßen zu halten, preßt die Worte hervor: »Ist es denn noch nicht genug?« Sein Bruder steht am untern Ende des bluttriefenden Bettes mit ins Leere starrenden Augen. Horch, was raschelt da hinter der Wand? Es ist der Satan! Was schwebt dort hinten in der Luft? Es ist der Geist der Elisabeth! Solche Phantome umgaukeln den Fanatiker. In Tränen zerfließend beugt sich die Ursula auf die Gekreuzigte herab. Die Magdalena Moser lehnt, ebenfalls heftig weinend, an einem der beiden Tröge, welche Stellung sie die ganze Kreuzigung über behauptet hat. Die Gekreuzigte aber mit Lächeln: »Ich fühle keinen Schmerz. Seid ihr nur stark, damit Christus überwinde.« Und weiter: »Freuet euch mit mir! Gott im Himmel freut sich auch mit euch.« Und wieder: »Wie eine Gebärende die Geburt des Kindes nicht verschieben kann, so notwendig muß auch mein Tod erfolgen, auf daß die Seelen, welche lange genug in der Gewalt des Satans gewesen, gerettet werden.« Dann befiehlt sie mit noch fester Stimme, ihr einen Nagel oder ein Messer durch den Kopf in das Herz zu schlagen, und als die Ursula zögert, herrscht sie ihr zu: »Tu, was ich befehle!« Die Ursula ergreift ein auf einem der beiden Tröge liegendes Messer, setzt es der Gekreuzigten an den Schädel und schlägt mit dem Hammer darauf. Aber das Messer krümmt sich. Die Ursula wirft es weg und ruft in Todesängsten dem Konrad Moser zu: »Wie, muß ich auch jetzt wieder alles allein tun? Will mir denn niemand helfen?« »Schlagt mir den Schädel ein!« Dies ist das letzte Wort, welches das heilige Margetli gesprochen. In rasender Verzweiflung stürzen sich die Ursula und der Konrad Moser auf sie und zerschmettern ihr, jene mittels des Hammers, dieser mittels eines Stemmeisens, den Kopf. Ein kurzes Röcheln, ein Zucken der ans Kreuz geschlagenen Glieder, und der Greuel ist vollbracht. Es war 12 Uhr mittags, als das Opferfest zu Ende. Mit in Tränen schwimmenden Augen umstanden die zwei Männer und die zwei Mädchen, der Johannes und der Konrad Moser, die Ursula und die Susanna, eine Weile das von Blut starrende Marterbett. Dann gingen sie hinunter, zeigten den Hausgenossen den Tod der beiden Schwestern an und riefen dieselben in die Mordkammer hinauf, die Leichen zu sehen. Alle kamen, mit Ausnahme des verwundeten Kaspar, welcher sein Lager nicht verließ. Der gräßliche Anblick tat weder auf den Vater, noch auf die Schwestern, noch auf die übrigen eine besondere Wirkung. War nicht alles nach dem bestimmten Willen und Befehl der heiligen Marget vollzogen worden? Die Marget aber war der wieder fleischgewordene Christus gewesen. Folglich hatte Gott aus ihr geredet. Folglich war, was geschehen, nach dem Willen Gottes geschehen. Folglich war ein preiswürdiges Werk getan worden. Gegen diesen Syllogismus der fanatischen Gläubigkeit hielt keine Rührung und keine Reue stand. Und außerdem, hatte nicht die Heilandin ihre und der Schwester Auferstehung binnen drei Tagen des bestimmtesten geweissagt? Wer hätte daran zweifeln können? Niemand. Auch der alte Judenschießer tat es nicht. Er hatte zwar, als er die furchtbar zugerichteten Leichen seiner Töchter sah, mit einem bedenklichen Kopfruck gemeint, das sei »›ne große G'schicht‹«; aber er gab sich zufrieden und machte den Mördern keinen Vorwurf, auch nicht mit einer Silbe! Die ganze Rotte ging dann zum Mittagessen in die Stube hinunter. Während droben geschlachtet worden war, hatte die Margareta Jäggli drunten gemütlich gekocht. Außerhalb des Hauses hatte in ganz Wildisbuch kein Mensch auch nur die entfernteste Ahnung von dem vorgefallenen Schrecknis. Nach dem Mittagessen kam ein Landjäger, um von Oberamts wegen von dem Hausvater einen Bürgschaftsschein für seine Töchter zu verlangen. Der Judenschießer beschrieb das verlangte Papier mit den Worten: »Herrn Oberamtmann von Andelfingen bezeuge ich, daß meine Töchter, wenn sie gesund sind, auf jeden obrigkeitlichen Ruf erscheinen werden« – und der Landjäger ging weg, ohne den das Haus erfüllenden Blutgeruch zu merken. Sonntag, den 16. März mußte sich der Knecht Heinrich zu Pferde setzen, um den »ewiggeliebten« Jakob aus Illnau herbeizuholen. Dieser Getreue mußte doch ebenfalls Zeuge der verheißenen Auferstehung sein, um die selbstverständlich die darauf folgende, ihm schon seit langem in Aussicht gestellte Himmelfahrt sofort mitmachen zu können. Der Knecht tat in Illnau sehr geheimnisvoll und sagte nur, der Mors sollte eilends mit ihm nach Wildisbuch kommen, denn dort geschähen Wunder. Dabei konnte natürlich der Jakob nicht fehlen. Als er aber mit dem Knecht in Wildisbuch angelangt, von der Ursula in der Wohnstube das Geschehene erfuhr, ward ihm schwindlig, und als er dann in die Opferkammer hinaufgeführt wurde, »schwand es ihm ganz«, nämlich das Bewußtsein. Es gab ihm keinen Trost, von der Ursula zu erfahren, daß die Marget »mit der größten Ruhe befohlen habe, wo man ihr die Nägel einschlagen sollte«. Nach einer mit den Hausgenossen unter fortwährendem Gebet verwachten Nacht machte er sich am folgenden Morgen auf den Heimweg und mußte sich, daheim angelangt, zu Bette legen. Der Anblick der Leichname hatte ihn mit Entsetzen geschlagen und krank gemacht. Er konnte nicht an die Auferstehung glauben, und daher war es auch mit der Himmelfahrtshoffnung aus, ganz und gar aus. In seiner Seelenbedrängnis ließ er den Ortspfarrer zu sich bitten und teilte diesem mit, was am 13. und am 15. März im Peterschen Hause zu Wildisbuch vorgefallen. Etwas später bekannte er dem Geistlichen auch das Ereignis vom 10. Januar und was diesem vorhergegangen. Die übrige Margetligemeinde war keineswegs so verzagt, reumütig und vertrauenslos wie der ewiggeliebte Jakob. In der Nacht vom Sonntag auf den Montag gingen die Ursula und der Knecht Heinrich mit einem Licht in die Mordkammer hinauf und entkreuzigten gemeinsam die Gekreuzigte, indem sie mittels einer Zange die Nägel aus den Wundmalen zogen. Warum, Ursula? »Damit die Marget desto leichter auferstehen könne.« Warum, Knecht Heinrich? »Weil ich gedacht, die Marget könne so angenagelt nicht auferstehen.« W. A. II, 2. Antw. a. d. Fr. 38; II, 4. Antw. a. d. Fr. 35. Der sanctus furor hatte ausgerast, und die sancta simplicitas kam wieder an die Reihe. Allein allem einfältiglichen Glauben, allem Hoffen, Harren und Beten zum Trotz blieb das erwartete Mirakel aus. Als am Dienstag, dem 18. März, die Mittagsstunde herangekommen und somit die Frist von drei Tagen verstrichen war, ohne daß die Auferstehung der Toten erfolgte, scheint es den Hausgenossen doch allmählich etwas unheimlich geworden zu sein inmitten der Miasmen, welche sich von der Opferkammer aus durch das ganze Haus verbreiteten. Die Katastrophe ließ sich kaum länger verheimlichen. Ein Entschluß mußte gefaßt werden und er wurde gefaßt. Der alte Judenschießer tat seinen Tschopen an, ging nach Trüllikon hinüber und machte dem Pfarrherrn die Anzeige, daß seine Tochter Elisabeth am verflossenen Samstag um zehn Uhr vormittags und seine Tochter Marget um zwölf Uhr gestorben sei. Sechzehntes Kapitel Nachspiel Die Sage will, es sei an diesem 18. März von 1823 im Pfarrhause von Trüllikon einer der bestangerauchten Wort-Gottes-vom-Lande-Meerschäume jener Zeit zerbrochen, maßen unser trefflicher Ehren Simmler, als er auf seinem »Museo« die Kunde vom Wildisbucher Passionsspiel empfing, vor Überraschung und Schrecken die Pfeife der Betrachtung aus dem Munde fallen ließ. Eine Novelle zu dieser Legende behauptete sogar, der würdige Herr habe bei dieser Gelegenheit eine Redensart verlauten lassen, ob welcher pfarrhäusliche Wände von Rechts wegen sich entsetzen müßten. Besser verbürgt und aus dem Gebiete des Mythus unbedenklich auf das der Geschichte herüberzurücken ist die mündliche Überlieferung, daß der »hochgeachtete« Pilatus von Andelfingen am 19. März beim Empfang der Nachricht vom Tode der heiligen Marget und ihrer Schwester mit beiden Händen hinter die Ohren fuhr, sich auf dem Absatz herumdrehte und den weltberühmten Züribietschen Nationalfluch: »Donnerhagel!« recht rücksichtslos fliegen ließ. Nach dieser Herzerleichterung machte er sich sofort nach Wildisbuch auf den Weg. Es ist jedoch weder meine Aufgabe noch meine Absicht, den Verlauf der jetzt anhebenden Voruntersuchung und der auf diese basierten eigentlichen Prozedur des breiteren zu erzählen. Daher begnüge ich mich, charakteristische Punkte hervorzuheben. Die Untersuchung hatte in der Hauptsache ein leichtes Spiel. Die stumme Sprache der blutigen corpora delicti war überweisend genug, und den Mördern kam es gar nicht zu Sinne, ihre Tat leugnen zu wollen. Besonders dem Johannes Moser und der Ursula Kündig nicht, welche im Gegenteil bei ihrer Verhaftnahme laut erklärten, daß sie »nur den Willen Gottes erfüllt hätten und mit Freuden alles leiden würden, was man über sie verhängen möge, sowie, daß sie Gott dankten, weil er sie würdige, um Christi willen Schmach zu leiden; endlich, daß sie überzeugt wären, das Wunder der Auferstehung der heiligen Marget werde doch noch erfolgen«. Sämtliche Mitglieder der Margetligemeinde, welche beim Passionsspiel aktiv oder passiv beteiligt gewesen, wurden verhaftet, zuerst in das Bezirksgerichtshaus nach Andelfingen und von da in den Wellenberg nach Zürich gebracht, wo die Kriminalabteilung des Obergerichts, das »Malefizgericht«, die Sache an Hand nahm. Der Kaspar Peter ward zu Wildisbuch bewacht, bis sein Zustand den Transport nach Zürich erlaubte, wohin auch der ewiggeliebte Jakob aus Illnau als Gefangener kam. Die Leichname der beiden Opfer des Molochismus wurden nach einer ärztlichen Untersuchung an Ort und Stelle ebenfalls nach Zürich gebracht und dort noch einmal genau untersucht. Über die profane Wissenschaft! Sie scheut vor keinem Ärgernis zurück, nicht einmal vor diesem, an dem Leichnam einer Heilandin nachzuweisen, daß derselben die Jungfräulichkeit gelegentlich abhanden gekommen. Wie manches Ach und Krach mag das Bekanntwerden dieser leidigen Tatsache den stillen Margetligläubigen im Lande ausgepreßt haben! Die beiden Leichname wurden dann in der Stille auf dem Friedhofe des Hospitals beerdigt. Aber waren auch die Opfer entfernt, der Opfertempel zu Wildisbuch stand ja noch. Dahin setzten Sonntags, den 23. März fromme Seelen ihren Wallfahrtsstab. Einer dieser Pilger rief in der Opferkammer verzückt aus: »O, könnte ich sterben wie die selige Marget!« Ein anderer: »Zu bedauern ist nur, daß die heilige Marget nicht am Karfreitag gestorben!« Ein dritter schabte Blut von der Bettstelle, brach ein blutbedecktes Stück Kalk aus der Kammerwand und wickelte diese Reliquien sorgfältig ein. Ein vierter ließ sich von dem verwundeten Kaspar das Passionsspiel ausführlich erzählen und sagte dann mit frommem Augendrehen und erwecklichem Nasenschnauben: »Gottlob! viele Seelen find dadurch errettet worden. Es ist ein gutes Werk vollbracht, und du brauchst dich nicht zu grämen.« W. A. I, 30. Uns ist kein Raum übrig, die Betrachtungen auszuführen, welche das Verhalten der verschiedenen Gefangenen während der Dauer des Prozesses an die Hand gab. Theologen hätten hier reichliche Gelegenheit gefunden, gründliche Untersuchungen über das Wesen der Religion anzustellen. Physiologen und Psychologen hätten da ein prächtiges Schlachtfeld gehabt zum »Kampf um die Seele«. Korrekte Hofräte, welche die Naturwissenschaft mit dem christlichen Dogma so schön zu vermitteln wissen, mögen uns die Spezies der »unsterblichen« Seele des alten Judenschießers bestimmen, welcher in seinem Verhör vom 29. April den »väterlichen Rat« des Verhörrichters sich erbat, ob es nicht möglich wäre, mittels einer Summe Geldes das »Geschäft«, d. h. den Prozeß abzumachen. W. A. II, 13. Von allen Gefangenen konnte die Ursula Kündig die weitaus größte Teilnahme ansprechen und erhielt sie auch. Wie mehrmals von uns gesagt worden, ein sanftes, jungfräuliches Geschöpf, selbssuchtslos und aufopferungsfähig im höchsten Grade und jetzt infolge dämonischer Bestrickung eine Fanatikerin erster Sorte, eine zweifache Mörderin. Am Schlusse des ersten Verhörs, welchem sie am 29. März im Wellenberg unterworfen wurde, nahm sie die Hauptschuld des ganzen Passionsspiels auf sich und erklärte: »Ich bin bereit zu sterben. Nur bitte ich, daß dies sobald als möglich geschehen möge. Mein Vater und meine übrigen Angehörigen werden dadurch freilich in Betrübnis versetzt werden, allein was mich angeht, so setze ich mein Leben gern an meine Herzensfreundin. Wer das Leben zu behalten sucht, der wird es verlieren; wer es aber zu verlieren sucht, wird es behalten.« Der Inquirent fügte dem Verhörsprotokoll die Bemerkung bei: »Die Sprache der Inquisitin, ihr Blick und alle ihre Gebärden verkünden eine Schwärmerin.« So blieb sie, bis die nicht mehr zurückzuweisende Überzeugung von dem Sündenfall ihrer Heilandin zu IIInau das Lug- und Truggewebe, worein das arme Mädchen verstrickt worden war, mit einem Schlage zerriß. Am 10. Mai wurde der Jakob Morf aus dem Zuchthause im Ötenbach nach dem Wellenberg gebracht, wo die Ursula gefangen saß, um mit dieser konfrontiert zu werden. Die Szene ist so, wie sie in den Akten (II, 16) steht, völlig dramatisch. Wir lassen sie daher ohne Zutat sich abspielen. Ursula (Frage an den Morf): Hat die Marget ein Kind gehabt? – Morf: Ja. – U.: Bist du der Vater? – M.: Ja. – U.: Habt ihr eine Hebamme gehabt? – M.: Nein. – U. (mit Hitze): Ihr habt mich verkauft! Ich hoffe, du sagst mir die Wahrheit. Wenn ich das Geringste gewußt hätte, ich hätte mich sogleich (aus Wildisbuch) entfernt. Ich wollte und konnte es bisher nicht glauben. Ich erstaunte und glaubte, ich sei vom Verstande gekommen. Ich muß die vor dem ewigen Richter am Jüngsten Tage anklagen, die es wußten und mir nichts offenbarten. Hat man dem Pfarrer davon Anzeige gemacht? Ich muß es wissen, ich muß alles wissen! – M.: Nein. Die Marget hatte gesagt, daß sich so viele Seelen an ihr ärgern würden. (Morf erzählte nun, unter welchen Umständen die Niederkunft der Marget stattgefunden.) – U.: Hast du dem Moser nichts davon gesagt? – M.: Nein. – U. (seufzend): Wohin habt ihr mich gebracht! Bist du der Vater des Kindes? – M.: Ja. – U.: Ist es am Leben? – M.: Ja. – U. (heftig): Hast du auch dann noch geglaubt, daß der Herr sie hinaufnehmen werde? – M.: Ja, ich habe es, ungeachtet der Herr ein so großes Kreuz über sie verhängt hatte, dennoch für möglich gehalten. – U. (im höchsten Affekt): Ich betete immer, daß sie auferstehen möchte; nun weiß ich, wie sich die Sache verhält. Ihr habt im Geiste angefangen zu leben und habt im Fleische geendet. Ist es nicht zum ewigen Erbarmen? Mörder seid ihr! Die Marget ist Mörderin an mir! Warum wollte sie getötet sein? Um ihren Ehebruch zu decken. Und jetzt wird mein Name mit dem von Mördern und Missetätern genannt! Das bricht mir das Herz, daß ich unter so Falschen war. Das ist der Satan, der mich zu euch stellen wollte. Weil ihr so verruchte Taten getan, so glaubt man es auch von mir, weil ich immer bei euch gewesen bin. Auf allen Kanzeln wird man von mir predigen! Niemand wird glauben, daß solches von mir, von einem Weibe, aus Gottesfurcht, aus Gehorsam gegen den Herrn zu meinem großen Kummer und Schmerze geschehen sei. Falsche Brüder seid ihr! Wenn irgend jemand, so hättet ihr es mir sagen sollen. Niemand wurde so angeführt wie ich! Ich glaubte, daß der Sohn Gottes in ihr sei und rede, daß Christus in ihr wirke. Ich hätte zehntausend Leben für sie gegeben! Jetzt seh' ich's ein: Sünde war's, von Gott und Auferstehung zu reden und doch zu wissen, welche Schandtat ihr begangen hattet. Schänder der Gnade Gottes seid ihr! Gerne wollt' ich sterben, wenn sie unschuldig wäre. Aber so zu sterben, fällt mir schwer. Blut möchte ich weinen, daß ich so zum Ärgernis der Gläubigen geworden bin. (Im höchsten Affekt hin und her gehend): Was meinst du, daß meine Verwandten, daß der Pfarrer auf der Kanzel von mir sagen werden? Fluchen werden sie mir! (Etwas gelassener): Gott kennt mein Herz. Er weiß, was ich tat; er wird meinen Namen gutmachen. (Nach einer Pause): Wenn ich auch nur ein Wort gewußt hätte, wie wollt' ich mit ihr gesprochen haben! Ich hätte sie auf der Stelle verlassen. – M. (seufzend): Bedenke doch auch, wie bald so etwas geschehen ist. – U. (heftig): Es heißt, wachet und betet, auf daß ihr nicht in Versuchung geratet. Um Gottes willen, was hab' ich getan! Kein Türke, solange die Welt steht, hat eine so grausame Tat an seinen Freunden verüben müssen. (Gefaßt): Es ist Gottes Wille, daß sie ein Kind gehabt. (Nach einer Pause leidenschaftlich): Ich habe sie als eine Heilige verehrt und muß sie jetzt als eine Hure erkennen! Das fällt mir schwer. Ich kann mich auf nichts berufen als auf Gott. – Auch auf den alten Judenschießer machte die Erzählung des Morf von der Schwangerschaft und Niederkunft seines »Christkindli« einen bedeutenden Eindruck, und er unterbrach den Erzähler häufig mit Ausrufen wie: »E bah! – Das ist auch! – Um tausend Gottes willen, ich hätte alles für sie gewettet! – Ich hatte mein Leben für sie gegeben!« Am 3. Dezember 1823 fand vor dem Malefizgericht die öffentliche Schlußverhandlung gegen die elf Angeklagten statt. Ihr gemeinsamer Verteidiger, der Fürsprecher Kaspar Klauser, tat mit Geschicklichkeit und Teilnahme für seine Klienten alles, was sich überhaupt für sie tun ließ. Nachdem sein Vortrag zu Ende, forderte der Vorsitzer des Malefizgerichts, Bürgermeister Reinhard, die Angeklagten auf, anzugeben und vorzubringen, was sie etwa noch auf dem Herzen hätten. Die Ursula gab folgende wörtliche Erklärung: »Ich fühle mich gedrungen, Ihnen herzlich zu danken für die unbezahlbaren Wohltaten, die ich während meiner Gefangenschaft genossen habe. Erstens, daß ich das Glück erlangt, solche Verhörrichter zu haben, die mich liebreich getragen. Zweitens für den Unterricht, den ich von den Herren Geistlichen erlangt und der mich zu dem reinen Lichte der Wahrheit gebracht hat. Ich bereue meine Tat, und ewig werde ich nie vergessen die Wohltat, daß ich aus der Hand der Marget errettet bin. Ich danke und stehe um die Gnade, daß Sie meiner Ehre und meines jungen Lebens schonen möchten.« Neben der Ursula machten der Konrad Moser, der Knecht Heinrich und die Susanna Peter von allen den gewinnendsten Eindruck, Die letztere bat großmütig, einen Teil der auf die Ursula fallenden Strafe von dieser auf sie zu übertragen. Das Tribunal verfuhr, wie in der ganzen Prozedur, auch bei der Urteilsfällung mit Humanität und Milde. In Betracht der strafrechtlichen Begriffe und Ansichten von damals mit doppelter Milde und Humanität. Am 4. Dezember fällte es seinen Spruch, welcher keine Blutsentenz enthielt. Demgemäß wurde die Ursula Kündig zu sechzehn, der Konrad Moser und der Johannes Peter zu acht, die Susanna Peter und der Johannes Moser zu sechs, der Heinrich Ernst zu vier, der Jakob Morf zu drei, die Margareta Jäggli zu zwei Jahren, die Barbara Naumann und der Kaspar Peter zu einem Jahr, die Magdalena Moser zu sechs Monaten Zuchthaus und zu zweckmäßiger, ihren Kräften und Umständen angemessener Arbeit daselbst verurteilt. Das Haus des Judenschießers sollte unter amtlicher Aufsicht bis auf den Grund abgetragen, die Fundamente verschüttet, die Materialien verbrannt und sollte niemals mehr eine Wohnstätte auf dieser Stelle errichtet werden. Am 11. Mai wurden damaligem züricherischen Rechtsbrauche gemäß die elf Verurteilten aus dem Wellenberg nach dem freien Platze vor dem Rathause herübergebracht, wo sie, auf den Stufen der Freitreppe, kniend, den Richterspruch vernahmen. Eine ungeheure Zuschauermenge hatte sich zu dieser Zeremonie eingefunden, aber es ist mit Recht aufgezeichnet worden, daß »Mitleid die herrschende Empfindung des anwesenden Volkes war«. Dann wurden die Verurteilten in die Großmünsterkirche geführt, wo der Archidiakon Kramer eine eindringliche Predigt hielt, und hierauf empfing sie das Zuchthaus im Ötenbach. Unser Stück ist zu Ende. In den alten Mysterienspielen war es häufig Brauch, daß vor dem Fallen des Vorhangs die »lustige Person« vortrat, um den Epilog zu sprechen, der sich oft in schwankhaftesten Sprüngen bewegte. Unsere Altvorderen wollten neben der Tragik auch den Humor nicht vermissen. Aber ich bin nicht in der Stimmung, es der lustigen Person in den alten Stücken nachzutun. Indem ich die Blätter meines Buches überblicke, wie sie in die Druckerei wandern sollen, befällt mich eine tiefe Traurigkeit. Mir ist zumute wie zur Stunde, als ich auf der verwilderten Stätte des geschleiften Hauses zu Wildisbuch stand, wo am 15. März 1823 der religiöse Größenwahn und die Verzweiflung ihre Greuelhochzeit gehalten haben, und ich das unsäglich beelendende Gefühl hatte, als schwebte der Blutgeruch des Molochopfers noch in der Luft. Nein, ich vermag nicht zu scherzen beim Rückblick auf eine so ungeheure Verfinsterung der menschlichen Vernunft. Einen versöhnenden Lichtstrahl jedoch will ich noch in diese Finsternis fallen lassen, indem ich zum Schluß ein Wort von dem Kinde sage, welches die Heilige von Wildisbuch hinterließ. Die kleine Barbara wuchs in dem Hause ihres Vaters zu Illnau unter der treumütterlichen Pflege der guten Regula zu einem aufgeweckten Mädchen, zu einer stattlichen Jungfrau heran. Es gereicht den Dörflern von Illnau zur Ehre, daß sie die Unwissenheit des Kindes in betreff seines Ursprungs nicht aufgeklärt haben. Erst auf der Schwelle der Jungfrauschaft erfuhr es auf eine zufällige Veranlassung hin aus dem Munde seiner Gotte (Taufpatin), wer eigentlich seine Mutter gewesen sei. Zur Stunde fiel eine Wolke von Trauer in die junge Seele der armen Barbara, welche nie mehr ganz verschwunden ist. Sie wurde still und suchte durch verdoppelten Fleiß, durch demütige Eingezogenheit die Leute vergessen zu machen, woher sie eigentlich stammte; aber sie selbst vergaß es nicht. So lebte sie noch, als ich dieses schreibe. Dem hübschen, sittsamen, emsigen und verständigen Mädchen fehlte es nicht an Bewerbern. Die Tochter der heiligen Marget hat aber alle Anträge abgelehnt mit den Worten: »Der unselige Same sterbe mit mir!« Dritter Zwischensatz: Ein literarischer Dialog Am Abendtisch auf der »Schynigen Platte« hatte ich die Bekanntschaft eines ältlichen Herrn gemacht, welcher sich bei näherem Zusehen als ein alter Bekannter darstellte. Denn nachdem wir uns gegenseitig aufeinander besonnen, kam es heraus, daß wir uns im Jahre des Fluches, d.h. 1849, zuletzt gesehen hatten. Und zwar zu Heidelberg an jenem Junitag, wo die deutsche Demokratie in Waffen einen ihrer letzten kleinen Erfolge errang: – der tapfere »Seidehannes«, sonst Mögling geheißen, warf die »Reichstruppen«, Hessen und Bayern, wieder aus Ladenburg hinaus und bewies ihrem Herrn General, daß selbiger ein Reichsfeldherr von derselbigen Mache sei wie die Herren Reichsverweser, Reichsminister, Reichsgesandten, Reichsprofessoren und alle die sonstigen »besten« und »edelsten« Männer von dazumal, die Gothaner-Väter der heutzutägigen Monopolisten des Reichspatriotismus, will sagen der Schmeißfliegen, welche sich zudringlich auf die Radspeichen des Reichswagens setzen und der Welt vorsummen, sie seien es, welche den Wagen in Bewegung gesetzt hätten und in Bewegung erhielten. Wir saßen lange mitsammen auf. Wo sich nach langen Jahren so zwei von 1848 wieder zusammenfinden, haben sie gar viele Erinnerungen an die Zeit des großen Exodus auszutauschen. Von ihren eigenen mehr oder weniger bunten und schweren Erlebnissen gar nicht zu reden. Die meinigen waren zahm und sanft, wenn auch nicht gerade süß gewesen, verglichen mit den wilden und sozusagen borstigen, welche Herr Hanns Zackig durchzumachen gehabt hatte. Er war zu den Gegenfüßlern verschlagen worden, hatte in Tasmania etliche Jahre lang als ein Kollege des »göttlichen Sauhirten« Eumäos amtiert und zwar keinen Homerum, wohl aber schließlich eine Nausikaam, will sagen Herz und Hand der Erbtochter des Eigentümers verschiedener tausende von Borsten- und Klauentieren gefunden. Also, wenn nicht nach englischem, so doch nach deutschem Maßstab ein reicher Mann geworden, hatte er sich nach dem Tode seines Schwiegerpapas mit Weib und Wolle, mit Kind und Kegel nach dem alten Europa aufgemacht, willens, in seiner pfälzischen Heimat oder sonstwo im Deutschen Reiche sich anzukaufen und fortan seines otii oum dignitate zu genießen. Hatte ihm aber, sagte er, weder unter den Ober- noch unter den Unterpreußen gefallen und war er daher nach der Schweiz gegangen, um sich da nach einem passenden Heim umzusehen. »Ober- und Unterpreußen«? Das machte mich stutzig. Es klang nicht ordonnanzmäßig und roch polizeiwidrig. Patrioten, wie sie im neuen Reich hofscharwenzeln und kratzfüßeln, hätten sicherlich sofort einen »Reichsfeind« gewittert. Ich meinesteils nahm nach rasch wiedergewonnener Fassung meinen Gesellschafter so unbefangen, wie er sich gab. Der Mann war vor 1849 allerdings Professor an einer darm- oder kurhessischen Universität gewesen; aber man konnte es ihm billigerweise nicht verübeln, daß er unter der australischen Sonne seine Professorlichkeit verschwitzt hatte. Auch dürfte es zu entschuldigen sein, daß ein Mensch, der erst vor Jahresfrist von den Antipoden gekommen war, sich gewissermaßen antipodisch ausdrückte, d.h. nicht ganz der Konvenienz und Korrektheit gemäß, wie die Berliner und Leipziger Orthographie sie jedem vorschreibt, welcher die Ehre hat, ein Reichsbürger nach Ordonnanzmaß zu sein. Freilich fühlte ich mich in meinem Gewissen nicht wenig beunruhigt, als ich merkte, mit was für einem politischen und ästhetischen Ketzer ich mich eingelassen hätte. Indessen da ich ja kein Parteihöriger bin, so erlaubten mir meine Mittel schon einen solchen Exzeß. Zudem setzt man sich in einem freien Lande und nahezu sechstausend Fuß hoch über dem Mittelmeer über manche Bedenken hinweg, die ja in einem Militärstaat und in den Flachgegenden von Leipzig oder Berlin nicht ganz ohne sein mögen. Das Berghotel war angefüllt, und wir mußten uns ein gemeinschaftliches Schlafzimmer gefallen lassen. Herr Zackig entschuldigte sich von wegen seiner Gewohnheit, vor dem Einschlafen noch ein Stündchen im Bette zu lesen. Zog also ein Buch aus seiner Reisetasche, legte sich zurecht und las, während ich mich in meinem Bette der Wand zukehrte und bald einschlief. Frühmorgens sodann, als wir unser Handgepäcke zurechtmachten, lag das Buch noch auf dem Tisch und ich nahm wahr, daß es ein Band der Gesamtausgabe von Gutzkows Werken. »Was lasen Sie denn gestern so eifrig?« fragte ich. »Den Maha Guru. Ich erinnerte mich, daß ich diese ›Geschichte eines Gottes‹ vor etlichen dreißig Jahren mit Genuß und Wohlgefallen gelesen hatte, und nahm den Band mit auf die Reise.« »Und wie steht es jetzt mit dem Wohlgefallen und Genuß?« »Wie dazumal.« »Das ist eine kurze, aber, wie mir scheint, sehr anerkennende und dankbare Kritik.« »Das soll es auch sein.« »Ein Buch, welches einem Studenten, NB . einem deutschen Studenten, wie er vor 40 Jahren war, gefiel, und das dann nach so langer Zeit einem sehr bemoosten Haupte noch ebenso gefällt, darf sich schon sehen lassen.« »Gewiß. Kümmere mich den Teufel um kritische Schulmeinungen und ästhetische Rezepte, wissen Sie? Wenn man in der Welt herumgeworfelt worden und soviel gesehen und erlebt hat wie ich, pfeift man auf alle die Tifteleien gelehrtbornierter Stubenhockerei. Müßte daher meinen längst an die Wand gehängten Schulsack wieder herunternehmen und darin herumklauben, wollt' ich schulgerecht sagen, was alles mir an Gutzkow, dessen ältere und neuere Schriften ich im letzten Winter wieder oder zum erstenmal gelesen habe, so gefällt. Bin so frei, wie in allen andern Sachen, so auch in literarischen meine eigene Meinung zu haben, und da mein' ich nun, mein ausdauerndes Wohlgefallen an Gutzkow rühre hauptsächlich daher, daß ich in ihm einen der wenigen, sehr wenigen wirklich und wahrhaft unabhängigen und, im besten Wortsinn, bürgerlich gesinnten Autoren kenne und ehre, welche Deutschland dermalen aufzuweisen hat.« ... Eine halbe Stunde darauf befanden wir uns auf dem Wege oder eigentlich Nichtwege zum Faulhorn, wohin von der Schynigen Platte zu wandern wir uns beim Frühstück rasch entschlossen hatten. Diese Wanderung den Kamm des Gebirges entlang, welches zwischen dem Seetal von Brienz und den Tälern von Lauterbrunnen und Grindelwald aufsteigt und im Faulhorn gipfelt, ist etwas lang und stellenweise auch ein bißchen mühselig, aber prächtig. Schon darum, weil der Weg oder, wie gesagt, eigentlich Nichtweg noch nicht von Touristenfüßen plattgetreten ist. Stundenlang auf und ab. Bald durch grüne Mattenmulden, bald durch malerische Schluchten, bald über wildzerrissenes Steingerölle, bald über kühnragende Felskegel hinweg. Jetzt wie völlig abgeschieden, abgemauert von der Welt, dann wieder plötzlich links hinab ein Blick in die Bläue des Brienzer Sees oder rechts hinauf die Schau auf die Jungfrau und die sie huldigend umstehenden Kolosse mit ihren Helmen von Firnschnee und ihren Harnischen von Gletschereis. Der Spätsommertag war herrlich, der Himmel wolkenlos, die Luft rein, still und von jener stählenden Frische, welche das Atmen zu einer Lust und das Wandern zu einer Wonne macht. Lange schritten wir schweigend dahin, unserem von der Schynigen Platte nebst Mundvorratskorb mitgenommenen Führer nach. In solchen Stunden und auf solchen Wegen hält ja der Mensch gern Einsprache bei sich selbst. Erst dann, als wir gegen Mittag zu unter einer Felswand Rast hielten und an Speise und Trank uns erquickten, kam das Gespräch wieder in lebhafteren Gang. »Welche Gegensätze« – rief Herr Zackig aus, »diese Gebirgswelt und die Welt australischer Wälder und Steppen! Und doch im Grunde dieselben Eindrücke hier und dort. Die Natur wirkt, sobald man sich mit ihr recht ins Einvernehmen gesetzt hat, allüberall beschwichtigend und tröstend, klärend und erhebend. So spürt man auch in allem Guten und Großen, was unser Volk geschaffen, ihr Weben und Wehen. Die Deutschen sind Naturkneipanten gewesen vom Urbeginn an.« »Der Satz läßt sich, scheint mir, auch auf unsere Literatur anwenden, die nicht, wie die französische, ein Produkt der deutschen Natur ist.« »Gewiß. Wenigstens in ihren höchsten Wollungen und besten Vollbringungen. Denn alle die unsern großen Schriftstellern von Naturgnaden innewohnende Genialität und Energie vermochte gegen das Jammertal der politischen und sozialen Zustände unseres Landes keineswegs immer aufzukommen. Im Gegenteil! Dieses Jammertal widert uns aus der Geschichte unserer Literatur nur allzusehr und allzuhäufig an.« »Ich verstehe. Auch Sie überkommt jenes zornige Mitleid, welches man empfinden muß beim Anblick von allen den Miserabilitäten, inmitten welcher unsere Lessing, Goethe und Schiller sich abquälen mußten.« »Ja. Solche Riesen, gezwungen, in solchen Schachteln zu wohnen! Einen Nathan schreiben können und in der feuchten Wolfenbüttler Bücherei wie ein Tagelöhner hantieren und schanzen müssen, um jährlich 300 Taler zu verdienen und einen vorzeitigen Tod einzuatmen. Den Sonnensang von den Künstlern dichten, den Wallenstein schaffen und der Küche das Geld abzwacken müssen, um die Apotheke bezahlen zu können. Den Faust unter der Schädeldecke tragen und flachsenfingischer Minister sein. Welche Summe von Elend!« »Nur allzuwahr. Dieses Elend hat es ja auch mitverschuldet, daß der kühnste dichterische Wurf, welcher unternommen worden, seit es eine Poesie gibt, eben der Goethesche Faust, nicht zum Ziele gelangt ist.« »Leider! In den Faustmonologen, in den Gretchenszenen, in dem Kerkerfinale – Tragischeres ward nie ersonnen, Erschütternderes nie gedichtet – da geht der Odem Gottes und weht der Hauch der Ewigkeit. Aber nun der sogenannte zweite Teil! Den hat – eleleu! ototototoi! – eben der flachsensingische Minister, Herr von Goethe, Exzellenz aus tausend und wieder tausend mythologischen, allegorischen, symbolischen und was weiß ich noch sonst für Einfällen, Grillen, Schrullen und Marotten, Schnitzelchen, Fädchen, Flöcklein und Läpplein mühseligst zusammengeflickt und zusammengeleimt. Die langweiligste Schnurrpfeiferei von A bis Z!« »Um Gottes willen, wenn uns der Herr Düntzer oder sonst einer der Goethomanen hörte! Ich würde ja, weil mit Ihnen gegangen, auch mit Ihnen gehangen.« »Ach was! Jeder unbefangene Leser urteilt über ›der Tragödie zweiten Teil‹ gerade so wie ich. Die Leute haben, gemäß der ganzen Verlogenheit unserer gesellschaftlichen und literarischen Konvenienz, nur nicht den Mut, freisam zu sagen, daß ihnen dieses Sammelsurium von widerspruchsvollen, mitunter ganz kindischen Motiven, von romantisierender Klassik und klassizierender Romantik, von fader Rätselei und überflüssigem Blindekuhspiel, dieser steifleinene Karneval und frostige Maskenzug, welchen der Dichter, weil doch alles mal ein Ende haben muß, schließlich ein kraßkatholisches Mysterienballett tanzen läßt, gähnende Langeweile erregt habe, so sie nämlich überhaupt sich überwunden, mehr als die zwei oder drei ersten Szenen zu lesen.« »Aber Sie werden doch nicht leugnen wollen, daß auch im zweiten Teil vom Faust der Genius Goethes noch häufig sich offenbarte?« »Häufig? Nein. Mitunter noch? Ja. Und aber man kann auch an diesen sehr spärlich in der allegorischen Wüste verstreuten Oasen keine rechte Freude haben. Man merkt die Treibhausvegetation und wird verstimmt. Mir kommt vor, der alte Olympier von Weimar habe mit seinem zweiten Teil vom Faust nur eine großartige Mystifikation des lieben Publikums beabsichtigt. Denken Sie doch nur daran, daß er mit behaglichem Händereiben sich rühmte, soviel in dieses Opus »hineingeheimnist« zu haben. Ein andermal forderte er seine Scholiasten ironisch auf, ihm da, wo sie ihn nicht auszulegen vermöchten, frischweg was unterzulegen. Ja, ja, der Alte hat neben dem Mystifikationshauptzweck auch noch den menschenfreundlichen Nebenzweck gehabt, einer ganzen Schar von Kommentatoren Arbeit und Verdienst zu verschaffen.« »Sitzet nicht, wo die Spötter sitzen! sagt der Psalmist.« »Fällt mir nicht ein, zu spotten. Spreche in vollem Ernste. Im übrigen müssen wir eben den zweiten Teil vom Faust, wie noch manche andere Goethesche' Unerquicklichkeit, auf die flachsenfingische Exzellenz zurückführen. Du lieber Gott, wenn man diese Welt von deutscher Kleinstaaterei, Krähwinkelei und Philisterei aller Art ansieht, in welcher unsere Kulturhelden lebten, so muß man erstaunen, daß die Lessing und Herder, die Wieland, Goethe und Schiller überhaupt werden konnten, was sie wurden. Um dieses Resultat zu erreichen, mußte sich in diesen erlauchten Menschen mit einer Fülle von Genie die höchste Willenskraft, die rastloseste Arbeitslast verbinden. Aber da ihrem Denken und Dichten die feste Basis, die gesunde Atmosphäre eines nationalen Staates abging, was blieb ihnen, wenn sie ihren Genius von der sie umgebenden Jämmerlichkeit lösen wollten, anderes übrig, als in das Wolkenkuckucksheim der Kosmopolitik emporzuflüchten? Ich verkenne nicht, daß gerade diese Flucht aus der Wirklichkeit unserer Literatur jene weltweite Spannung gegeben hat, welche sie vor allen übrigen auszeichnet. Aber hier lag doch auch, vollends für eine Natur wie Goethe, allzu nahe die Verlockung, sein eigen Land und Volk ganz beiseite liegen zu lassen, um sich in der Region des abstrakten Kunstdusels anzusiedeln.« »Und ein Gewächs dieser Gegend ist der zweite Teil vom Faust, wollen Sie sagen?« »Ja, aber das Wort Gewächs paßt nicht, sondern ist durch das Wort Machwerk zu ersetzen. Das Ding ist ja so recht ein Tächtel-Mächtel. Ganz aus der abstrakten Kunstduselsphäre ist Goethe nur noch einmal herausgetreten, als er ›Hermann und Dorothea‹ schuf. Was aber aus dem Schöpfer des Werther, Götz, Egmont, Faust (I. Teil) und der Iphigenie, was aus dem Dichter der Goetheschen Lieder, Balladen und Hymnen in jener Region nachgerade geworden, das zeigte in erschreckender Weise ›Des Epimenides Erwachen‹. Es ist doch eine traurige Tatsache, daß unser größter Dichter seiner Nation nach ihrem Erwachen im Jahre 1813 nichts Besseres zu bieten wußte, als diese frosthauchende mythologisch-allegorische Fratze.« »Dem kann und mag ich nicht widersprechen.« »Natürlich. Wer kann und mag es, wenn nicht ein Goethenarr in Großfolio? Höchlich ist auch, meines Erachtens, zu beklagen, daß sich Schiller von seinem olympischen Freunde in das Kunstdusellaboratorium hineinziehen und darin zu so unersprießlichen Experimenten verleiten ließ, wie ›Die Braut von Messina‹ eins war. Nachdem er kaum angefangen hatte, sich wieder auf sich selbst zu besinnen und auf sich selbst zu stellen – wie die Rütliszene im Tell und einiges im Demetrius herrlich ankündigten – starb er. Ja, es, ist doch, alles in allem genommen, ein helles Wunder, daß unsere Literatur aller nur denkbaren Ungunst der Verhältnisse zum Trotz geworden ist, was sie wurde ...« Wir nahmen unsere Wanderung wieder auf, und im Weitergehen sagte ich: »Wenn ich Sie vorhin recht verstand, lieber Zackig, halten Sie die ganze Literaturtendenz, auf welche Goethe in seiner späteren Zeit, ja wohl schon von der italischen Reise an, mehr und mehr hindrängte und welche man als ›modernes Griechentum‹ zu bezeichnen pflegt, für ein Unglück, nicht?« »Allerdings. Die ganze Griechelei war doch nur eine Künstelei. Selbst bei Goethe und Schiller. Nur bei einem deutschen Poeten hat sie sich allenfalls wie Natur ausgenommen.« »Beim Hölderlin?« »Ja, und darum ist er auch darüber verrückt geworden. Er hatte das Land der Griechen mit der Seele nicht nur gesucht, sondern auch gefunden und konnte doch nicht aus seiner deutschen Haut heraus. Das übernahm ihn. Hat doch das moderne Griechentum, wie Sie das Ding nennen – ich meinerseits nenne es falsche Idealität – zur damaligen Zeit auch andere Leute zugrunde gerichtet und nicht allein auf dem literarischen, sondern auch auf dem politischen Gebiete Schaden und Unheil angestiftet. Denken Sie nur an die armen griechelnden Wolkenwandler von Girondisten.« »Bei so bewandten Umständen müssen Sie höchlich erbaut sein von der Wendung, welche die deutsche Literatur in unsern Tagen genommen hat.« »Erbaut? Wieso?« »Nun, wir leben ja jetzt in dem Zeitalter des hochgelobten Realismus.« »Sie wollen sagen, in einer Zeit wo es Narren gibt, welche breitschwatzschweifig behaupten, die wahre und zeitgemäße Poesie sei ein aus Worten konstruierter Photographischer Apparat, und andere Narren, welche das glauben?« »So ungefähr meint' ich es, ja.« »Und wenn der Apparat noch ehrlich arbeitete! Aber das tut er ja gar nicht. Er reflektiert nur künstlich zurecht gemachte und kokett gruppierte Bilder, wobei es je nach dem Koteriebedarf darauf abgesehen ist, der Junkerei oder der Jobberei, dem Geldprotzentum oder dem Kathederzopf zu hofieren. Dabei ein ideenarmes und gefühlverlassenes Schablonenwesen, eine Freimaurerei der Mittelmäßigkeit, welche jeden ursprünglichen Ton, jeden eigenwüchsigen Gedanken, jeden eigenartigen Ausdruck verpönt und verfemt und die teetischfähige Prosa der eigenen Gewöhnlichkeit einem mehr oder weniger einfältigen Publikum als die richtige, der bekannten richtigen Realpolitik ganz entsprechende Realpoesie aufschwatzt.« »Sehr wahr. Gesetzt aber auch, diese angebliche Realpoesie wäre eine wirkliche, dieser falsche Realismus ein wahrer, gesetzt, der photographische Apparat reflektierte tatsächlich das Leben, ganz genau, wie es ist, getreu bis zu jeder Falte oder Warze herab, würden Sie das für Poesie halten?« »Bewahre! So wenig, als ich einen beliebigen Menschen, welcher einem andern einen Spiegel vorhält mit den Worten: Sieh, da realisier' ich dein Porträt! – für einen Maler halte. Der falsche Idealismus, von welchem wir vorhin sprachen, beging den Fehler, jedem und allem, namentlich allem Nationalen den Leib ab- und ausziehen zu wollen, um es zum Schweben in einer exklusiven Kunstsphäre zu befähigen. Der bornierte Materialismus von heute dagegen tadelt es an der jetzo modischen Holländerei, daß man ihre gemalten oder beschriebenen Düngerhaufen nicht auch noch rieche, geht in breitspurigem Hundetrab auf dem Hegelschen ›Alles, was wirklich, ist vernünftig‹ – einher und glaubt wunder was zu sein und zu leisten, wenn er sich den Anschein gibt, gänzlich vergessen zu haben, daß die ewige Aufgabe der Poesie, wie aller Kunst, war, ist und sein wird, dem Realen das ideale Gepräge zu geben.« »Fügen Sie hinzu, daß unsere Herren Realisten vor lauter Realismus ganz unfähig geworden sind, jene andere – übrigens aus der ersten logisch folgende – Aufgabe der Poesie, wie aller Kunst, auch nur zu fassen, geschweige zu lösen, die Aufgabe, den Menschen von der »Angst des Irdischen« zu befreien, seine Seele vom Schmutz und Staub des Werktagslebens rein zu baden und ihm zum Bewußtsein zu bringen, daß seine Bestimmung doch nicht darin aufgehe, ›des Nutzens grobem Dienst verkauft zu sein‹.« »Ja, das ist es! Darum erregen die mancherlei realpoetischen Experimente unserer Tage nur das flüchtige Interesse von Tagesmoden, darum hinterlassen sie im Gemüte des Lesers nur Öde und Leere. Mehr oder weniger lautes Eintagsfliegengesumme, das ist alles, obzwar die liebe Kameradschaft krampfhafte Anstrengungen macht, das Fliegengesumme zum Orgelkonzert oder gar zum Donnerwetter auszutrompeten und aufzupauken.« »Lassen wir sie trompeten und pauken. Nach zwanzig oder schon nach zehn Jahren spricht von den angeblichen Orgelkonzerten oder angeblicheren Donnerwettern kein Mensch mehr oder höchstens noch so, wie man heutzutage vom Don Quichotte Fouqué und seinem Sancho Pansa, dem Grafen von Löben, spricht. Keinem jungen Menschen von heute wird es nach dreißig oder nach vierzig Jahren einfallen, eins der von der Kameradschaft klassisch gesprochenen Bücher unserer sogenannten Realpoeten wieder vorzunehmen, und falls einer diesen Einfall hätte, würde es ihm sicherlich nicht ergehen, wie es Ihnen mit dem ›Maha Guru‹ ergangen ist.« »Natürlich. Denn nicht allein ist Gutzkow ein Autor von echtem und dauerhaftem Metall, sondern er hat es auch stets unter sich erachtet, ein Modepoet sein zu wollen, den augenblicklichen Stimmungen zu schmeicheln und den Gewalten des Tages zu Hofe zu reiten. Seit vierzig Jahren ist in Deutschland kein zweiter Schriftsteller aufgestanden, welcher so mit Kopf und Herz in und mit seiner Zeit gelebt und gestrebt hätte wie Gutzkow, dessen tüchtige und vielseitige Bildung ihn befähigte, alle die tausend Fäden des Gewirkes auf dem Webstuhl der Zeit zu kennen und zu nennen, ihr Wesen zu werten und sie allesamt zu nationalliterarischem Ausdruck zusammenzufassen. Mit offenem und scharfem Auge hat er das Wirkliche angesehen, aber er hat sich daran nicht so kurzsichtig gesehen, daß er den Blick auf das Ewige eingebüßt hätte. Sein Dichten, seine ganze schriftstellerische Tätigkeit trägt die Signatur des Idealismus, aber eines mit realen Anschauungen gesättigten Idealismus. Er gesteht der Materie ihre Berechtigung zu, aber kein Monopol, kein Privilegium. Auch er ist Realist, insofern er Menschen und Dinge sieht und malt, wie sie sind; aber er läßt das Zentralsonnenlicht der Idee auf sie fallen. Er zeigt, daß die wirkliche Welt dieses aus der idealen herblitzenden Lichtes bedürfe, um nicht ein träger und kalter Kloß zu sein. Dieses Verfahren, mein' ich, ist es gerade, was den schaffenden Künstler vom photographierenden Mechaniker unterscheidet.« »Es tut mir ordentlich wohl, Sie so anerkennend von Gutzkow reden zu hören, lieber Freund. Denn auch mir ist dieser Autor von lange her als sehr achtungswürdig erschienen, und ich bin von Zeit zu Zeit immer wieder zur Lesung seiner Werke zurückgekehrt. Diese sind ihrer Makel und Mängel ungeachtet ein höchst wertvoller nationalliterarischer Spiegel der Epoche. Ich meine der Zeit von 1830 bis heute. Alle Erscheinungen und Begegnisse derselben hat Gutzkows Autorschaft kenntnisreich und teilnahmevoll begleitet, ich möchte sagen wie der mitfühlende und mitredende Chor im griechischen Drama, aber zugleich als ein rastloser Vorkämpfer der Sache der Vernunft, der Freiheit und des Vaterlandes.« »Welcher Vorkampf zu unserer Zeit weder eine so leichte noch eine so lohnende Sache war wie heutzutage.« »Jawohl! Heutzutage, wo der Liberalismus hoffähig geworden, obzwar vorerst noch auf den Hintertreppenzugang verwiesen, und wo ein gelinder Reichschauvinismus, soweit er höheren Ortes ›opportun‹, ein Panisbrief ist, wissen nur wir Leute von der älteren Generation noch, was es früher heißen wollte, in den Reihen der patriotischen Opposition zu stehen und unter der Vorschrittsfahne zu fechten. Bei Gutzkow kam noch das Erschwerende hinzu, daß er, wie jeder oppositionelle Schriftsteller dannzumal, von seiner Feder leben mußte – ein Umstand, welcher bekanntlich vollauf geeignet ist, den deutschen Autor die himmlischen nicht nur, sondern auch die höllischen Mächte ganz anders kennen zu lehren, als etwa den englischen oder französischen, welcher ja von seinem Publikum ganz anders unterstützt wird als jener.« »Sie haben recht, und darum ist die Gesamtausgabe von Gutzkows Werken, wie sie jetzt vorliegt, ein Ehrendenkmal nicht allein für den Dichter, sondern auch für den Menschen.« »Ich verstehe. Sie wollen sagen, daß eine literarische Hervorbringung, welche zugleich ein fortwährender Kampf ums Dasein ist und sein muß, als doppelt ehrenwert anerkannt werden sollte, so sie sich stets fernhält vom Gemeinen, nie den Grundsätzen, von welchen sie getragen wird, und der ihr ziemenden Selbstachtung etwas vergibt, selbstgebahnte Wege der Modeheerstraße vorzieht, und dem Dienste des Ideals um so treuer anhängt, je strenger derselbe ist.« »Ja, so wollt' ich sagen. Wir haben also hier eine Autortätigkeit vor uns, welche auf Eigenartigkeit, Grundsätzlichkeit und Unabhängigkeit als auf ihren drei Grundpfeilern ruht. Ich weiß gar wohl, daß die literarischen Lumpe an diesen ihnen so verhaßten Grundpfeilern unausgesetzt rütteln; allein dieselben werden ihnen zum Trotz feststehen und allzeit die Stützen einer redlichen, ersprießlichen und dauerhaften literarischen Tätigkeit sein. Betrachten Sie sodann den Umfang und die Vielseitigkeit von Gutzkows Begabung. Hierin steht er in der deutschen Gegenwart geradezu einzig da, wenn auch, wie selbstverständlich, nicht alle seine Gaben zu gleich gedeihlicher Entwickelung gelangt sind. Seine lyrische Ader z.B. ist so brüchig und spröde, daß sie niemals in Liederfluß zu kommen vermag.« »Wahr. Ich meine sogar, die metrische Form überhaupt stehe ihm nicht recht natürlich zu Gesichte. Leicht, frisch, spontan, dem Inhalt meisterlich charakteristischen Ausdruck gebend, gleitet, strömt, rauscht seine Prosa dahin. Aber den ›Gedichten‹, wie sie jetzt in bescheiden zurückhaltender Auswahl im ersten Bande der Gesamtausgabe stehen, merkt man den Zangengriff und Hammerschlag an. Einen großen Vorzug jedoch – er gilt freilich in den Augen unserer Modelyrik und ihrer Liebhaberinnen für einen Nachteil: – haben diese Gedichte: sie enthalten Gedanken und geben zu denken. Geist ist in allen, mitunter zu viel, denn er sprengt die lyrische Form und läßt uns zu keiner beruhigten Stimmung kommen, weil eben Geist und Form einander nicht decken. Von Gutzkows epigrammatischen Pfeilen treffen die meisten scharf ins Schwarze. Als Epigrammatiker ist er ganz in seinem Element. Im übrigen haben Sie vorhin mit Recht den Umfang und die Vielseitigkeit seiner Gaben und Leistungen hervorgehoben. Wenn ich recht erwäge, ist es ein nicht untergeordnetes Merkmal von Gutzkows Erscheinung, daß er als der erste Norddeutsche, dessen Genius umfangreich und schmiegsam genug, die ganze Skala dichterischer Äußerung durchlaufen zu können, in unsere Literatur eingetreten ist.« »Gewiß ist das ein Merkmal seines schriftstellerischen Charakters. Aber bei dem Norddeutschen fällt mir ein, daß ihr Schwaben dem Gutzkow gerade seine norddeutsche Natur zum Vorwurf gemacht und ihn auf Grund derselben des Mangels an Gemüt beschuldigt habt.« »Ihr Schwaben? Bitte sehr, da lassen Sie mich aus! wie die Wiener sagen. Wer so, wie ich, erfahren mußte, was die vielbelobte schwäbische ›G'mietlichkeit‹ ist und bedeutet, dem macht schon das bloße Wort übel. Es gibt nichts Verlogeneres. Meine mehr oder weniger lieben Landsleute sind in ihrer Art gewiß ganz vortreffliche, begabte, brave und tüchtige Leute, aber die berühmte schwäbische Gemütlichkeit glänzt in Wahrheit und Wirklichkeit nur durch ihre Abwesenheit. Wer namentlich in Altwürttemberg gelebt hat, welches ja darauf hält, für das Urschwabenland zu gelten, der weiß, wie weit es Menschen in der Viereckigkeit, Klotzigkeit, Selbstschätzung und Ober-Oberschaft bringen können. So ein richtiger Altwürttemberger hält natürlich das bekannte Tübinger ›Stift‹ für den Nabel der Erde, geht herum, als hätte er Hegels sämtliche Werke und daneben den ganzen altwürttembergischen ›,Verwandtschaftshimmel‹ in seinem Bauche, und bildet sich bei alledem noch ein, der ›g'mietlichste‹ Mensch von der Welt zu sein.« »Ei, bei einer solchen weniger schmeichelhaften als wahren Meinung von schwäbischer Gemütlichkeit werden Sie mir kaum widersprechen, wenn ich behaupte, es stecke gewiß in Gutzkows selbstbiographischem Buche ›Aus der Knabenzeit‹ ebensoviel Seele und Gemüt wie in den Liedern der schwäbischen Dichterschule.« »Gewiß, ebensoviel und noch dazu ohne den Anspruch, alles, was Gemüt heißt, gepachtet zu haben. ›Aus der Knabenzeit‹ ist ein durchweg liebenswürdiges Buch. Ein Berliner Kind schildert uns da seine Vaterstadt in so anschaulicher und zugleich so anspruchsloser Weise, daß uns die Physiognomie und Temperatur Berlins, wie es vor sechzig Jahren war, hier so nahegebracht worden wie nirgends sonstwo. Auch erreicht der Verfasser, ohne es eigens darauf anzulegen, daß wir eine deutliche und sympathische Vorstellung gewinnen von der tapfern Arbeit, welche es ihm gekostet haben muß, aus der Enge und Dunkelheit der gedrückten, ja knechtischen Verhältnisse seiner Kindheit und Jugend auf den weitschauenden Standpunkt sich emporzuringen, welchen er nun seit vierzig Jahren mit Ehren behauptet hat. Die ›Rückblicke auf mein Leben‹, welche sich den Erinnerungen aus der Knabenzeit anschließen, sind ein schwerwiegender Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte der letzten vier oder fünf Jahrzehnte. In höchst anziehender Weise läßt uns Gutzkow die innersten Krisen seiner Entwickelung miterleben und macht uns ohne alle Selbstüberhebung klar, wo er im großen Kampfe der Zeit gestanden und wie er seine Waffen geführt hat. Dabei ist auch höchlich zu loben, daß unser Autor alles Schöntun mit der eigenen Person, wie es die Reklamekünstler unserer Tage bis zur höchsten Virtuosität der Unverschämtheit ausgebildet haben, durchaus verschmäht und uns das viele Schwere, ja das Schwerste, was er zu tragen hatte, nur erraten läßt. Mit den ›Rückblicken‹ muß man Gutzkows publizistische Werke zusammenhalten, die ›Säkularbilder‹, die ›Öffentlichen Charaktere‹, ›Paris und Frankreich‹, ›Zur Geschichte unserer Zeit‹, so man deutlich erkennen will, wie ernst er es sich angelegen sein ließ, einen klaren Einblick in den Kulturprozeß des Jahrhunderts zu gewinnen und die Schäden, Bedürfnisse und Forderungen der Zeit kennen zu lernen; ebenso, wie wohlvorbereitet und tüchtig gerüstet er in dem vielwechselnden und hochwogenden Streite seinen Mann gestellt hat. Daß die Bitterkeit der Erfahrung mitunter bitter sich laut macht, namentlich in den ›Rückblicken‹, wird nicht tadeln, sondern ganz in der Ordnung finden, wer alle die schmerzlichen Enttäuschungen des selbstlosen Patriotismus erlebt und alle die Erfolge schamloser Apostasie mitangesehen hat, welche die letzten Dezennien uns brachten.« »Zum Glück hat Gutzkow in den Aufregungen publizistischer Fehdeführung den Humor nicht verloren. Dieser tritt, wie in seinen ältesten, so auch in seinen jüngsten Hervorbringungen, erfreulich hervor und scheint mir die humoristische Seite seines Dichtens und Trachtens überhaupt der Beachtung sehr wert zu sein.« »Allerdings. In einigen seiner Erstlingswerke, z. B. in den ›Briefen eines Narren an eine Närrin‹, lehnte sich Gutzkows Humor noch hilfebedürftig an Jean Paul und Börne. Später hat er sich aber fest auf die eigenen Füße gestellt und, abgesehen von den zahlreichen humoristischen Zügen in den Dramen, in den ›Rittern vom Geiste‹, in dem ›Zauberer von Rom‹, in den ›Söhnen Pestalozzis', eine ganze Reihe von humoristischen Kabinettstücken geschaffen, wie sie in unserer Literatur keineswegs überreichlich vorhanden sind. Und zwar sowohl aus dem Bereiche des tragischen wie des komischen Humors. Ich erinnere Sie nur an die Episode vom Trompeter und vom Tambour in der Wally‹, an den Brief der Tante Rebekka in den ›Säkularbildern‹, an die Predigt des ›Kandidaten‹ – (Gutzkow selber war der Kandidat) – im ›Blasedow‹.« »Ich begreife nicht, warum dieses Buch, ›Basedow und seine Söhne‹ nicht größeren Beifall gefunden hat. Es ist doch eigentlich der einzige satirische Roman höheren Stils, welcher seit lange bei uns zum Vorschein gekommen ist. Gutzkow hat sich, dem starken spekulativ-grüblerischen Zug in seinem Wesen nachgebend, wiederholt und einläßlich mit dem Problem der Erziehung beschäftigt, welches ja am Ende aller Enden immer wieder als der Kern der sozialen Frage sich ausweist. Er ist eben und war nie so ein Goldschnittler und Buchbinderpoet, welcher nur die Oberfläche der Erscheinungen sieht. Gutzkows Blick will überall in die Tiefe dringen. Die pädagogische Frage, welche er als junger Mann im ›Blasedow‹ satirisch behandelt hatte, griff er später noch einmal auf, um sie in den ›Söhnen Pestalozzis‹ pathetisch zu wenden. Auch nicht ohne satirische Seitenblicke wiederum, wie ein solcher ja fällt, die als ›Modulative‹ ganz prächtig persifliert werden. Nebenbei bringen die ›Söhne Pestalozzis‹ die einzige – freilich nur dichterische – Lösung des Kaspar-Hauser-Rätsels, welche sich sehen lassen darf. Was aber Gutzkow in der Schilderung hochgespannter Seelenzustände zu leisten vermag, das hat er da schön bewiesen, wo er die Auffindung des unglücklichen Knaben in dem unterirdischen Verlies der Waldmeisterei durch den Förster Wülfing erzählt. Diese und ähnliche Stellen in seinen Hauptwerken muß man mit seinen Erstlingsversuchen vergleichen, wenn man erfahren will, wie redlich Gutzkow sich bemühte, vorzuschreiten, und wie bedeutend er wirklich vorgeschritten ist.« »Zugegeben, aber mit dem Einwand, daß sich bei Gutzkow etwas Ähnliches wahrnehmen läßt wie bei Schiller. Nämlich, daß der Vorschritt bei jenem wie bei diesem nur als ein beziehungsweiser bezeichnet werden kann.« »Wie das?« »So, daß beide zuerst ihr relativ höchstes gegeben haben. Ist es doch anerkannt, daß Schiller in keinem seiner reiferen, kunstgerechteren Werke die Ursprünglichkeit, die elementare Kraft und Leidenschaft seiner ›Räuber‹ wieder erreichte. Ähnlich, sehen Sie? hat Gutzkow, wenn ich richtig urteile, in seinen Erstlingen ›Maha Guru‹ und ›Nero‹ sein Genialstes geleistet.« »Sie können Recht haben.« »Nicht wahr? ›Die Geschichte eines Gottes‹ als einen der originellsten Würfe zu bezeichnen, welche in Deutschland jemals ein Dichter getan, stehe ich keinen Augenblick an. Auch die Inszenierung des aus philosophischer Tiefe geschürften Themas ist vortrefflich, der von seiner Ironie durchschlängelte Ton sehr anziehend, die saubere Detailmalerei reizend. Für den Lesepöbel ist das Buch natürlich nicht geschrieben, wie denn Gutzkow überhaupt zu viele Anforderungen an das Denken und Wissen seiner Leser macht, als daß sich das Leihbibliothekenpublikum jemals um ihn ›reißen‹ könnte. Tut nichts! Gibt es doch in unserer Literatur dermalen der Popularitätshascher und Lesepöbelschmeichler – ich meine Schmeichler des oberen Pöbels mehr noch als des unteren – ohnehin genug und übergenug. Was den ›Nero‹ angeht, so ist er kein geschlossenes dramatisches Kunstwerk, wohl aber ein von Geist funkelndes historisch-poetisches Feuerwerk, dessen Prachtmoment die große Szene Neros mit der ihm aufwartenden Dichterschar. Hier, wie übrigens durchweg, hat Gutzkow schon vor vierzig Jahren diesen Mischmasch von Phantast und Wüterich, welcher zugleich der ›Herr der Welt‹ war, ganz gut gefaßt und gezeichnet, und das eigentliche Wesen des Cäsars, den artistischen Größenwahn, zur klaren Anschauung gebracht. Ich möchte aber den genannten beiden Jugendwerken unseres Autors noch ein drittes nicht weniger anerkennend anreihen, die Novelle ›Der Sadduzäer von Amsterdam‹. Gutzkow hat später noch manche Novelle geschrieben, allein jene blieb doch von allen die beste. Begreiflich auch, daß das hier behandelte Problem den Dichter bewogen hat, es später als Dramatiker noch einmal aufzunehmen und daraus seine Tragödie ›Uriel d'Akosta‹ zu schaffen. Diese darf sich, meines Erachtens, unbedingt neben jedes tragische Experiment stellen, welches seit dreißig Jahren aus der deutschen Bühne gemacht worden ist. Sie bemerken, daß ich den Ausdruck ›Experiment‹ gebraucht habe, weil mir, mit Recht oder Unrecht, die gesamte deutsche Dramatik der letzten Jahrzehnte nicht viel mehr als ein Experimentieren zu sein scheint. Ich habe freilich hierüber kaum ein Urteil, weil ich seit vielen Jahren kein Theater mehr besuchte und das bloße Lesen von Dramen leicht irreführt. Vordem sah ich von Gutzkows dramatischen Dichtungen eben den ›Uriel‹ und die Charakterkomödie ›Das Urbild der Tartüffe‹ aufführen und zwar beide gut. Beide Male war der Gesamteindruck, welchen ich empfing, ein sehr günstiger. Es mag ja sein, daß im ganzen Aufbau dieser Stücke wie in der Motivierung von einzelnem darin dies und das und das und dies anders zu wünschen wäre, aber durchweg fühlt man, daß hier ein geistvoller Mann und ein wirklicher Poet von der Bühne herab zu uns spricht.« »Denselben Eindruck habe auch ich beim Lesen der Gutzkowschen Dramen empfangen. Spielen hab' ich keins gesehen. Ich kann mir daher nur diese Ergänzung Ihrer Ansicht erlauben, daß auch die Tätigkeit Gutzkows als Dramatiker durchaus von dem Prinzip erleuchteten Freisinns getragen und von einem stets regen Mitgefühl für die Sorgen, Strebungen und Leiden der Zeit durchatmet ist. Das nenne ich einen im besten Sinne des Wortes sittlichen Geist.« »Mit Recht. Es kommt uns heute doch recht wunderlich vor, daß Gutzkows Schriftstellerei vorzeiten auf die Angeberei Menzels hin als eine unsittliche strafrechtlich verfolgt werden konnte.« »Was? Ihnen , lieber Freund, kommt es wunderlich vor, daß die Dummen dazumal, wie zu allen Zeiten übrigens, die Zahlreichsten nicht nur, sondern auch die Mächtigsten waren? Sie fallen ja ganz aus ihrem Charakter.« »Nun, man hat eben seine schwachen Augenblicke, wissen Sie? Die furibunde Menzelei, auf welche hin Gutzkow in Mannheim eingetürmt wurde, ist ja auch eine Extradummheit gewesen, welche sich sogar im deutschen Krähwinkel von damals grotesk ausgenommen hat. Sie erfolgte aus der fable convenue vom ›Jungen Deutschland‹ und da sie sich insbesondere auf den Gutzkowschen Roman ›Wally‹ stützte, so war die ganze Polizeihatz ›viel Lärm um nichts‹.« »Sie meinen?« »Daß die ›Wally‹ eine der schwächsten Hervorbringungen Gutzkows sei. Mit Ausnahme der Tambourepisode ist gerade die verketzerte oder vermenzelte Siguneszene weitaus das beste darin. Sie ist kühn entworfen und mit keuscher Anmut gemalt. Durchaus nicht à la Watteau, sondern à la Tizian. Man hat einige Mühe, zu glauben, daß ein Berliner, ein Preuße, das gemacht haben soll; denn wir Süddeutschen sind ja von jedem Preußen überzeugt, daß er einen der eisernen Ladstöcke von Mollwitz verschluckt und noch nicht verdaut habe.« »Ei, in neunundneunzig Fällen von hundert ist es ja so. Diese Steifheit! Die gefrorene gerade Linie in Person! Der Dünkel in Ordonnanzhosen! Da ist mir eure schwäbische Viereckigkeit und Klotzigkeit doch noch lieber.« »Geschmackssache! Ich für meine Person finde die preußische ›Strammheit‹ und die schwäbische ›Latschigkeit‹ gleich ungenießbar. Aber was halten denn Sie von der Gutzkowschen ›Wally‹?« »Mir scheint, unser Autor habe einen weiblichen Werther schreiben wollen, einen Werther der Sturm- und Drangzeit von 1830. Aber das Vollbringen ist da freilich weit hinter dem Wollen zurückgeblieben. Personal und Handlung nichts als Abstraktionen, man atmet wie unter einer Luftpumpe und mag mit den Menschen, d.h. mit den Phantomen von Menschen, welche uns vorgespiegelt werden, nicht verkehren. Ein unerquickliches Ding von Buch, welches dadurch nicht erquicklicher wird, daß der Verfasser das Richtschwert poetischer Gerechtigkeit sehr streng handhabt, indem er zeigt, daß und wie die Heldin an ihren Emanzipationsversuchen zugrunde geht. Auffallend ist, wie sehr der Dichter in diesem Jugendwerk das Detail vernachlässigt hat. Es ist, als hätte die Verstimmung, an welcher er selbst wie jene ganze Zeit krankte, ihn nicht dazu kommen lassen, auf die Zeichnung und das Kolorit die liebevolle Sorgfalt zu verwenden, welche seinen späteren großen Zeitgemälden so außerordentlich zustatten kam. Einmal sogar ist diese Sorgfalt zu weit gegangen, glaub' ich. In dem historischen Roman ›Hohenschwangau‹ kann das poetische Interesse vor lauter kulturgeschichtlichem Beiwerk nicht recht heraus und zur Geltung kommen. Die Bemühung des Verfassers, die reichen Resultate seiner sehr eingehenden Detailforschung zur Verwendung zu bringen, macht das ganze Buch weit mehr zu einer historischen Studie als zu einer dichterischen Schöpfung. Dagegen trägt in den ›Rittern vom Geiste‹ und im ›‹Zauberer von Rom‹ gerade die sorgsame Behandlung auch des Nebensächlichen zu der großen Gesamtwirkung nicht wenig bei. Man hat, soviel mir bekannt, an diesen beiden Werken nach Art deutscher Kleingeisterei und Scheinmeisterei viel herumgenörgelt, und jeder Esel glaubte zu dieser Nörgelei auch sein Ja und Amen geben zu müssen. Nun wohl, beide Werke sind nicht vollkommen, denn wo wäre überhaupt Vollkommenes auf Erden zu finden? Ich selber habe meine Bedenken gegen dies und das und möchte namentlich der Diktion im ›Zauberer‹ weit weniger Hast und Vibration und weit mehr Ruhe und Stetigkeit wünschen. Aber das kann mich doch nicht abhalten, laut anzuerkennen, daß Gutzkow auf hochbedeutsamen Grundideen zwei Romandichtungen aufgebaut hat, wie sie in Deutschland seit Goethes Wilhelm Meister und Jean Pauls Titan nicht unternommen worden. Groß angelegt, sind sie kräftig durchgeführt, schildern mit Anschaulichkeit das deutsche Leben nach allen Richtungen hin, machen uns mit einer Menge von eigenartigen, unsere Teilnahme sympathisch oder antipathisch anregenden Charakteren bekannt, beschäftigen spannend unsere Phantasie und gleichermaßen unser Denkvermögen. Dabei haben wir immer das Gefühl, daß es sich hier nicht um leeren Zeitvertreib, sondern vielmehr um die höchsten Interessen unseres Volkes, ja der Menschheit handle. Was will man denn mehr von einem Dichter und einem Dichterwerk?« »Gescheite, und gerechte Menschen wollen und verlangen nicht mehr; dumme und dünkelhafte Gesellen aber, die mehr verlangen, muß man schwatzen lassen, wie ihnen der Starmatzschnabel gewachsen ist oder die Koteriegehässigkeit ihnen einbläst. Wir beide und mit uns gewiß Tausende und wieder Tausende und abermals Tausende unserer Landsleute sind dem Schöpfer der ›Ritter‹ und des ›Zauberers‹ für diese Gaben überhaupt und für alles das Bedeutende und Schöne, was er geleistet hat, aufrichtig dankbar und erkennen und anerkennen in ihm den nationalliterarischen Hauptträger der Kulturentwickelung unseres Landes binnen der letzten vierzig Jahre ... Doch sehen Sie, wir nähern uns unserem Tagesziele, Freund Zackig, nachdem wir uns als richtige Deutsche ein ermüdendes Stück Wander- und folglich Lebensweges mit Literatur gekürzt haben. Dort ragt die Dachfirst des Faulhornhauses über den Kamm der Kuppe herüber und wir haben nur noch den letzten Aufstieg zu überwinden.« »Wissen Sie was? Wenn wir den Bergmajestäten da drüben, welche ihre abendliche Purpurglorie anzutun im Begriffe sind, unsere gebührende Huldigung dargebracht haben werden, wollen wir zum Abendessen eine Flasche Sekt auffahren lassen, um die Gesundheit von Karl Gutzkow zu trinken, wie?« »Von ganzem Herzen!« Das rote Quartal. (März – Mai 1871.) Vorspruch. Aschenbrödel Wahrheit muß, schlecht genährt und schlecht gekleidet, im Hause der Menschheit schwere Arbeit verrichten, während Lüge und Täuschung, in Sammet und Seide gehüllt, mit Schminke und Juwelen bedeckt, in der Welt die großen Damen spielen, beschmeichelt, umworben, geliebkost. In der Dichtung kommt zuweilen das arme Aschenbrödel schließlich zu Ehren, in der Wirklichkeit niemals. Denn wenn zuzeiten das Feuer der Tatsachen den Menschen allzu fühlbar auf den Nägeln brennt, beeilen sie sich, die Kühlsalbe der Illusion darauf zu streichen, um ja nicht zum vollen Bewußtsein der Wahrheit zu kommen. Sie wollen nicht belehrt, sie wollen nur belogen sein. Daher die traurig geringe Wirksamkeit der strengen Lehrerin Geschichte und daher auch die große Volksbeliebtheit der Fabuliererin Legende, welche sich dem Täuschungsbedürfnisse der Menschen gemäß herauszuschminken und auszustaffieren versteht. So hat denn auch die Geschichte der großen französischen Staatsumwälzung am Ende des achtzehnten Jahrhunderts nur geringe Lehrkraft entwickelt, während die Legende der Revolution ungeheure Wirkung tat und bis zur Stunde noch tut. Der erstgeborene Wechselbalg dieser Legende ist der französische Größenwahn. Zwar hatte, wie jedermann weiß, die Beeiferung, womit vom Mittelalter ab Europa den französischen Moden huldigte und nachlebte, die im keltisch-romanischen Wesen wurzelnde Nationaleitelkeit der Franzosen schon vordem sattsam gestärkt und gehätschelt. Seit der Zeit Ludwigs XIV. vollends war die gesamte vornehme Bildung in unserem Erdteile zur mehr oder weniger tölpischen Äffin der französischen geworden, so stupid, so niederträchtig sich gebarend, daß jeder beliebige französische Friseur oder Konfiseur außerhalb Frankreichs als Kulturträger und Zivilisator sich fühlen konnte und durfte. Aber das volle Grande-Nation-Bewußtsein, der hoch- und höchstgradig-größenwahnsinnige Dünkel und Übermut überkam die Franzosen doch erst dann, als sie wahrnahmen, daß ihre Nachbarn einfältig genug waren, zu wähnen, sie, die Franzosen, brächten ihnen auf der Bajonnette Spitzen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, während die Bringer dieser schönen Sachen in Wahrheit die Nachbarbrüder brandschatzten, ausraubten und schließlich annektierten und tyrannisierten. Ja – wundersam zu sagen! – sogar über diese brutale Tatsache trug es die gleißende Legende von der befreienden und zivilisierenden Mission Frankreichs davon. Also konnte es gar nicht fehlen, daß sich im französischen Nationalgehirne die Wahnidee fixierte, Frankreich sei der Mittelpunkt der Welt, Paris aber als Mittelpunkt Frankreichs sei die »heilige Stadt«, sei die »Weltleuchte«, sei »Kopf und Herz der Menschheit«. Demzufolge bezweifelte kein richtiger Franzose, daß das Universum eigentlich an der Seine läge, und daß nur Frankreich das Genie und das Recht hätte, zu denken, zu wollen und zu befehlen. Wissende werden bezeugen, daß dieser Satz keine Übertreibung enthalte; Unwissende mögen die Bestätigung desselben in den Büchern nachsuchen, welche Legendarier wie Thiers, Blanc und Michelet über die französische Revolution verfaßt haben. Nicht das wirklich Heilsame, nicht das wahrhaft Große, was die Revolution gewollt und vollbracht hat, wird in diesen Büchern nach Gebühr betont und gefeiert, nein! wohl aber die größenwahnsinnige Einbildung vom Privilegium und Monopol Frankreichs, stets »an der Spitze der Zivilisation zu marschieren«. Im übrigen ist es ja bloß gerecht, zu sagen, daß nicht etwa die Zeitgenossen, die Augen- und Ohrenzeugen, die Mithandelnden und Mitleidenden der Revolution die unheilvolle Legende derselben aufgebracht haben. Man lese nur die zeitgenössischen Berichte von Mercier, Beaulieu, Toulangeon, Lacretelle, Jullien, Prudhomme, Nodier und Anne Louise Germaine de Staël. Ursprung und Wachstum der revolutionären Legende ging im Schoße der liberalen Opposition vor sich, welche dem restaurierten Bourbonentume den Krieg machte. Einer der publizistischen Leiter dieser Opposition, Mignet, hat in seiner Geschichte der Revolution der liberalen Mythenbildnerei den Stempel seiner Autorität aufgedrückt. Auf der von ihm eröffneten Bahn schritten die oben namhaft gemachten Mythenschreiber immer weiter und kecker vor. Die also großgefütterte Legende der Revolution hat dann, verbunden mit der durch Ségur, Béranger, Thiers und andere aufgeschwindelten Legende des Napoleonismus, dem französischen Liberalismus jahrelang als ein vielgehandhabtes und vielwirksames Oppositionsmittel gedient. Aber die Parteien, welche hinter der liberalen sich erhoben, zogen aus den Prämissen der Revolutionsmythe andere Schlußfolgerungen, als die parlamentarisch-konstitutionelle Opposition wollte und wünschte. Die Radikalen, die orthodoxen Republikaner schnitten sich aus dem Legendenbuch der Revolution das Kapitel vom Jahre 1793 als den Lieblingsgegenstand ihrer Verehrung und Nachahmungsbegierde heraus. Sie wähnten demzufolge, vom Mittelpunkt der Welt, von Paris aus, mittels des Evangeliums Sankti Jakobi ganz Europa revolutionieren und rupublikanisieren zu können, – das sei ihre Mission. Den verschiedenen Sekten der Sozialisten und Kommunisten, welche Saint-Simon, Fourier, Cabet und Blanc herangezogen hatten, genügte aber das bei weitem nicht. Sie lasen aus der revolutionären Legende noch ganz anderes heraus. Nämlich, daß alles Bestehende nur wert sei, vernichtet zu werden, daß demnach die europäische Gesellschaft zu einem ungeheuren Trümmerhaufen zusammengeworfen werden müsse, damit sodann auf dem mittels der absoluten Gleichheitswalze abgeplatteten Ruinenfeld ein sozialer Neubau errichtet werden könne, in welchem es keinen Gott und keinen König, keinen Staat und keine Kirche, kein Eigentum und keine Ehe, keine Familie und kein Erbrecht, keinen Reichtum und keine Armut mehr gebe. Noch auf einen weiteren Unterschied ist aufmerksam zu machen. Die radikalen Politiker hielten das Dogma des französischen Größenwahns stramm aufrecht, so stramm, daß Republikaner von der Sorte der Quinet und Gambetta noch unmittelbar vor 1870 der Überzeugung waren, vor Begründung der republikanischen Völkersolidarität müßte noch ein Krieg geführt werden, um das ganze linke Rheinufer für Frankreich zu erobern. Das sollte dann allerdings, meinten die Herren, der letzte Krieg sein. Die französischen Sozialisten und Kommunisten dagegen gaben sich mitunter ernsthafte Mühe, mit allen übrigen »verfaulten« Standpunkten auch den des größenwahnsinnigen Chauvinismus zu überwinden. Wenn man darauf ausgeht, die ganze Menschheit in einen Brei zusammenzurühren, muß man doch anstandshalber ein bißchen kosmopolitisch schillern. Sehr wahrscheinlich behielten sich die französischen Sozialisten und Kommunisten im geheimen das Privilegium vor, in diesem Menschheitsbrei das Gewürze vorzustellen, aber öffentlich taten sie mehr und mehr weltbürgerlich, namentlich dann, als, von 1864 an, die sozialistischen Sekten Frankreichs bewußt oder unbewußt den Losungen gehorchten, welche der »Generalrat« oder vielmehr das »Dirigierende Komitee« des »Internationalen Arbeiterbundes« von London ausgehen ließ. Daß, warum und wie Napoleon III, der Internationale und des Sozialismus als Hilfemittel seiner Politik sich bediente, ist allbekannt. Ebenso, daß diese von seiten des zweiten Empire empfangene Gunst die sozialistisch-internationale Propaganda in Paris außerordentlich erleichterte und erfolgreich machte. Bei dem Sturze des Kaiserreiches fühlten sich demzufolge die »Roten« – diese Farbebezeichnung will ich fürder der Wortkürze halber für die sozialistisch-kommunistisch-internationale Partei gebrauchen – stark genug, handelnd auf den Plan zu treten, um sich der Herrschaft über Paris und damit selbstverständlich über Frankreich zu bemächtigen. Aber es war doch noch etwas zu früh. Die Belagerung von Paris durch die Deutschen mußte erst noch vorangehen, um die blau-weiß-rote Mehrheit der Pariser auf jene Stufe von Begriffeverwirrung und Stumpfsinn herabzudrücken, auf welcher angelangt sie die Tyrannei der roten Minderheit sich aufhalsen ließ. Für diese Minderheit lagen die Sachen nach dem Abschlüsse des Waffenstillstandes und des Präliminarfriedens von Versailles außerordentlich günstig. Als wäre er ihr treufleißiger Mandatar gewesen, hatte Jules Favre gegenüber den Wünschen und Warnungen der deutschen Unterhändler es durchgesetzt, daß die Pariser Nationalgarden ihre Waffen behalten durften. Die Mehrzahl dieser Bürgerwehr bestand aber im März von 1871 aus revolutionären Elementen, welche das während der Belagerung der Stadt durch die Deutschen mehr oder weniger ernst betriebene Soldatenspiel um so lieber weiterspielen wollten, als damit der Weiterbezug des seit dem September von 1870 gewohnt und liebgewordenen Tagessoldes von anderthalb Franken selbstverständlich verbunden sein müßte, während Weib und Kind ihren Lebensunterhalt aus den Staatsmagazinen bezögen. So verfügten denn die Roten, nachdem sie der Gewalt sich bemächtigt hatten, über eine leidlich organisierte Streitmacht von zweihundertfünfzig mehr oder weniger starken Bataillonen, deren zuverlässigste aus den Wehrmännern der Faubourgs Montmartre, Billette, Belleville, Menilmontant, Montrouge, La Chapelle und Glacière zusammengesetzt waren. Wenn diese seit Monaten aller Arbeit und Häuslichkeit entwöhnten, von allen Begehrlichkeiten, wie der Müßiggang sie ausbrütet, erfüllten, bildungslosen, leichtgläubigen, durch die Wahnorakel verrückter oder gaunerischer Klubredner bis zum Irrsinn verhetzten Menschen sich zählten; wenn sie, wie sie ja taten, im Gambetta-Bulletinsstil einander vorlogen, Frankreich und Paris seien nicht besiegt, sondern nur an die »Prussiens« verraten und verkauft worden, verraten und verkauft von den Imperialisten, Legitimisten; Orleanisten und Bourgeoisrepublikanern, von den Badinguet, Bazaine, Thiers und Favre; wenn sie phantasierten, die alte Gesellschaft habe augenscheinlich einen ehrlosen Bankerott gemacht, die große Liquidation sei demnach vorzunehmen, um eine neue, die rote, die atheistische und die kommunistische Gesellschaftsfirma zu gründen, den Vierten-Stand-Staat, die proletarische Kommune; wenn zu diesen heimischen Elementen und Motiven eines radikalen Umsturzes noch die »katilinarischen Existenzen« hinzukamen, welche aus allen Ecken und Enden der Erde in der prächtigen Weltkloake Paris zusammenflössen, alle ihre Laster und Leiden, ihre Illusionen und Enttäuschungen, ihre Gewissensbisse und Rachegefühle, ihre Begierden und Hoffnungen in diese ohnehin schon von höllischem Schwefeldunst erfüllte Atmosphäre ausatmend: – ja, so war es kein Wunder, sondern nur die natürliche Wirkung natürlicher Ursachen, daß die Wetterwolke in das furchtbare Märzgewitter ausbarst, und entsprach es der Logik der Sachlage, daß der französische Größenwahn sich vermaß, Paris, Frankreich, Europa, die Welt umzuwandeln und die Menschheit unter der roten Fahne marschieren zu machen. Mit alledem ist das Register der Ursachen vom weltgeschichtlichen Märzkrach des Jahres 1871 noch nicht erschöpft. Man muß in dieses Register noch einstellen das Mißtrauen, den Zorn und Ingrimm, womit Tausende, Hunderttausende von Parisern, die keineswegs zu den Roten gehörten, auf die in Versailles tagende Nationalversammlung blickten, welche »Bauern- und Krautjunkerversammlung« nicht allein in ihrer entschiedenen Mehrheit royalistisch gesinnt war, sondern auch das »Verbrechen«, ja den »Wahnsinn« verübt hatte, Paris, die »heilige Stadt«, das »Zentrum des Weltalls«, die »Weltleuchte« mit dem Politischen Interdikt zu belegen. Sodann ist mit Betonung auf das vom Reichskanzler Bismarck im Deutschen Reichstage gesprochene Flügelwort zu verweisen: »In der Pariser Kommune war ein Kern von Vernunft, nämlich das Verlangen nach einer Gemeindeordnung, wie solche in Deutschland existiert.« Monsieur de Mazade begeht einen absichtlichen oder unabsichtlichen Irrtum, wenn er in seinem Buche »La guerre de France« (II, 461) dieses Wort als eine »plaisanterie teutoune« bezeichnet. Der Reichskanzler meinte es ernst, und seine Äußerung signalisierte nur eine geschichtliche Tatsache, diese nämlich, daß unter den Motiven der Insurrektion vom März 1871 ganz unzweifelhaft auch das Verlangen sich befand, die unheilvollen Fesseln einer despotischen, aufsaugenden Zentralisation, wie das Ancien Régime, der Konvent und Napoleon sie Frankreich auferlegt hatten, endlich zu brechen und der erdrückenden Staatsallmacht gegenüber ein selbständigeres Gemeindeleben zu pflanzen und zu pflegen. Leider ist sofort beizufügen, daß aus diesem vernünftigen Gedankenkerne nur die brutale Unvernunft der Tatsache hervorwuchs, daß die »Bürger«-Kommunisten von 1871 es für selbstverständlich ansahen, die »Kommune« Paris müßte und würde Frankreich ebenso souverän und despotisch beherrschen, wie die Hauptstadt zur Zeit Ludwigs XIV., zur Zeit des Konvents, zur Zeit Napoleons I. und III. das Land beherrscht hatte. Wäre sie nicht dieser Meinung gewesen, wie hätte sie es wagen können, ihren Willen, den Willen einer Handvoll Abenteurer, dem Gesamtwillen der Nation, welcher sich mittels der Wahlen zur Nationalversammlung – der freiesten Wahlen, die jemals in Frankreich stattgefunden – soeben ganz deutlich und bestimmt ausgesprochen hatte, geradezu entgegenzusetzen? »Wir kümmern uns den Teufel um die Provinzen«, gestand der Hauptkyniker der Kommune, Citoyen Rigault. Noch ist aber zur Wurzelursache von 1871 hinabzusteigen. Denn Albernheit wäre es, zu glauben, das Problem dieser Erscheinung könnte gelöst werden mittels des einfachen Satzes, eine durch das Zusammenwirken unerhörter Umstände begünstigte Bande von Narren und Gaunern habe das rote Quartal gemacht. Allerdings ist es wahr, daß Narrheit und Gaunerei stets zu den Großmächten auf Erden gehört haben und stets dazu gehören werden. Und nicht weniger wahr ist, daß den ganzen Verlauf der sogenannten Weltgeschichte entlang Hunderttausende und Millionen von Menschen mit Begeisterung, mit Fanatismus für blanke Narrheiten, für handgreifliche Gaunereien in den Tod gegangen sind, als für Ideale und Idole. Warum? Weil sie daran glaubten. Nicht das Sein der Dinge bestimmt ihren Wert, sondern der Schein, und nicht die Wahrheit, sondern der Kredit einer Idee regelt ihre Wirksamkeit. Nur die rückwärts gewandte Parteiborniertheit könnte bestreiten wollen, daß Taufende der Kommunarden von 1871, indem sie ihr Leben für die Kommune ließen, für die Sache ihres Volkes, für die Sache der Menschheit zu sterben glaubten. Schon das muß in wissenden und ernstprüfenden Menschen das Gefühl erregen, daß es sich hier keineswegs nur um ein leichtfertig angehobenes und mit bestialer Wildheit durchgeführtes Abenteuer handelte, sondern um eine geschichtliche Notwendigkeit. Natürlich soll damit nicht etwa bestritten werden, daß selbstsüchtige Berechnungen und wüste Leidenschaften dabei mitgespielt haben, wie das ja bei der Inszenierung geschichtlicher Notwendigkeiten allezeit und überall so war, ist und sein wird. Denn der Mensch, wie er nun einmal ist, macht die Geschichte, und sie ist ja auch danach. Was für eine geschichtliche Notwendigkeit stand nun im März von 1871 in Frage? Welche Entwickelungsidee rang nach Verwirklichung? Die Idee der sozialen Revolution. Und diese wäre eine geschichtliche Notwendigkeit? Nicht minder gewiß, als die Politische Revolution des achtzehnten Jahrhunderts eine geschichtliche Notwendigkeit war. Das fünfzehnte Jahrhundert hatte den Samen derselben gestreut; im sechzehnten ging er auf; das siebzehnte zeitigte die Saat und am Ende des achtzehnten wurde »mit Eisen und Blut«, wie das herkömmlich bei solchen Geschäften, die reife Ernte eingetan: – die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der verschiedenen Volksklassen. Noch während diese Arbeit im Gange, ist die Tränensaat der sozialen Revolution dem Boden der Zeit anvertraut worden. Das neunzehnte Jahrhundert sodann hat diese Saat üppig aufschießen gemacht. Protzentum und Pauperismus, der prahlende Übermut des Geldsackes und der brutale Neid des Bettelsackes sind die treibenden Kräfte. Die riesenhafte Entwickelung der Großindustrie und die mit derselben naturnotwendig verbundene Züchtung eines millionenzähligen Proletariats steigern von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde die soziale Krisis, und diese wird unausweichlich zur großen Katastrophe führen, zur größten der sogenannten Weltgeschichte, zur Durch- und Ausfechtung des grimm« und wutvollsten Kampfes, des Klassenkampfes. Und der vernünftige Kern dieser entsetzlichen Frucht? Lassen wir, was man Vernunft zu nennen übereingekommen ist, beiseite. Der aus allen Phrasenhüllen herausgeschälte menschliche Kern der sozialen Frage und demnach auch die Moral der sozialen Revolution ist und wird sein: Steh du auf vom Tische des Lebens, damit ich niedersitzen und schmausen kann! Wer sehende Augen hat und sie auftun will, wird diesen Kern durch alle die Redensarten und Handlungen, Narrheiten und Ruchlosigkeiten der Pariser Kommune von 1871 hindurch deutlich erkennen. Diese Kommune war das lehrreiche Vorspiel zu der »in Vorbereitung befindlichen« Kolossaltragödie der sozialen Revolution. »Schwarzseherei!« brummt ihr. »Wir kennen ja die langweilige pessimistische Tonart.« Ihr leugnet also das soziale Problem? »Nicht doch! Aber erstens ist die Gefahr weder so groß noch so nahe, wie die Hypochondrie uns glauben machen möchte, und zweitens kann der fernher drohende Sturm unschwer beschworen werden mittels Reformen, welche der Kathedersozialismus in Verbindung mit den Regierungen schon besorgen wird.« Wirklich? Haben im vorigen Jahrhundert die politischen Reformen die politische Revolution verhindert? Was haben alle die ehrlich gemeinten reformistischen Wollungen und Vollbringungen der »erleuchteten« Despoten und ihrer »aufgeklärten« Minister gefruchtet? Nur so viel, daß sie den Ausbruch der Revolution beschleunigten. Heutzutage ist die Lawine der sozialen Umwälzung im raschen Rollen. Reformen werden nur Staub auf ihrer Bahn sein. Das Riesentrauerspiel wird in Szene gehen auf der Weltgeschichtebühne. Ihr wendet euch ab von dieser düstern Weissagung, ungläubig, unwillig, spottlachend sogar? O, ihr habt recht! Denn Torheit ist es, Tauben die Wahrheit zu sagen oder Blinde sehen machen zu wollen. Überall und allzeit haben die Menschen unangenehme Warnungen in den Wind geschlagen. Als in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit der traurigen Gabe der Zukunftschau ausgestattete Männer wie Voltaire und Rousseau das Kommen der Revolution vorhersagten, da hat ihnen die Gedankenlosigkeit, welche nicht über die eigene Nasenspitze hinaussieht, auch ins Gesicht gelacht, als Schwarzsehern, Hypochondern und Grillenfängern. Später freilich ist dann den Spottlachern das Lachen vergangen, gründlich. Auch denen von heute wird es eines wüsten Tages vergehen, gründlichst. Denn die Logik der Geschichte will ihr Recht, und die Geschicke müssen sich erfüllen. 1. Mordspektakel Man schrieb den 18. März 1871 und der souveräne Unverstand flackerte und qualmte wieder einmal vollkräftig in der »Weltleuchte« Paris. Schon am 31. Oktober von 1870, dann am 22. Januar von 1871 hatte das Schwefelfeuer stark geglommen und geglostet, aber es hatte an der Apathie der Pariser zu wenig Nahrung gefunden und konnte daher durch die schwachen Hände der » Défense nationale « sanft niedergedrückt werden. Heute dagegen war, wie schon gesagt, der souveräne Unverstand obenauf. Hüben und drüben. Denn der Frevelhaftigkeit der Insurrektion entsprach vollständig die Schwäche der Regierung. Freilich ist es billig, anzuerkennen, daß die letztere, das heißt die Diktatur von Monsieur Thiers, in der denkbar schwierigsten Lage sich befand. Sie fand sich ja den deutschen Siegern, der royalistisch-klerikalen Nationalversammlung und der sozialistischen Emeute zugleich gegenübergestellt. Sie hatte die Mehrheit der Versailler Versammlung von rückwärtsigen Überstürzungen abzuhalten; sie hatte die Frankreich auferlegten Friedensbedingungen zu erfüllen, das fremde Besatzungsheer zu verköstigen, die Lösungsmilliarden herbeizuschaffen, die Armee ganz neu zu organisieren, während die Hunderttausende von französischen Soldaten noch Kriegsgefangene in Deutschland waren, und mit all dieser ungeheuren Arbeit beladen, sollte sie auch noch der roten Revolte die Stirne bieten. Trotzdem trifft die Regierung der gerechte Vorwurf, daß sie weit mehr hätte tun können, als sie getan hat, um den 18. März zu verhindern, und daß sie, was sie tat, weit besser hätte tun können. Sie mußte ja wissen und sie wußte auch zweifellos, welche Elemente der Überspanntheit, des Utopismus, des Wahnsinns, der Begehrlichkeit und der Zerstörungswut die bewaffnete sogenannte Nationalgarde der Hauptstadt in sich barg. Des Unheils Anfang war allerdings die im Waffenstillstandsvertrag auf Andrängen Favres stipulierte Fortdauer der bürgerwehrlichen Bewaffnung, aber die Regierung von Thiers ließ den Schaden fortschwären, indem sie gestattete, daß die Wehrmänner der sozialistisch-internationalen Verschwörung Hunderte von Geschützen unter dem lächerlichen Vorgeben, dieselben vor der Wegnahme durch die am 1. März ihren Triumpheinzug in Paris haltenden Deutschen zu bewahren, auf dem Montmartre, auf der Butte Chaumont und anderwärts zusammenbrachten und daselbst als ein augenscheinliches Aufstandsmittel bewachten. Möglich, wahrscheinlich sogar, daß es dem glühend patriotischen Greise, welcher von Versailles aus Frankreich regierte, als unmöglich, ja als undenkbar vorkam, Franzosen könnten angesichts der in den Ost- und Nordforts von Paris stehenden und den ganzen Norden und Osten Frankreichs noch unter der Gewalt ihrer Waffen haltenden deutschen Sieger die Fahne des Bürgerkrieges erheben. Allein ein so welterfahrener und menschenkundiger Mann wie Thiers mußte auch diese furchtbare Möglichkeit zugeben, so er erwog, daß in der Hauptstadt Tausend und wieder Tausende von Leuten lungerten und lauerten, welchen der Glaube an die höllische Botschaft, daß die Arbeit ein Fluch und der Genuß, der bestiale Sinnengenuß, das einzige Heil sei, alles, was heilig unter Menschen, alles, was die Gesellschaft bindet und zusammenhält, Vaterlandsliebe, Nationalehrgefühl und Pflichtbewußtsein, längst zu einem Spottlachen gemacht hatte. Es war ja das Geheimnis der Komödie, daß die Nationalgarden der revolutionären Quartiere einem »Zentralkomitee« gehorchten, welches ungefähr so zustande gekommen, wie ihrer Zeit in der Nacht vom 9. auf den 10. August von 1792 die revolutionäre Kommune von Paris. Man wußte, daß die schon im letzten Winter ausgegebene Losung »Errichtung einer Kommune!« in den Massen zum gehätschelten Afterglauben geworden war. Man wußte, daß der alte Erzverschwörer Blanqui, welcher zur Zeit Louis Philipps seine Mitverschworenen an die Polizei verraten und überliefert hatte, trotzdem aber oder gerade darum beim Gesindel seine Geltung und seinen Einfluß behalten hatte, in Paris alles für den Ausbruch einer Kommune-Insurrektion vorbereitet hatte und dann nach Lyon abgereist war, um dergleichen Insurrektionen auch in den Städten von Süd- und Ostfrankreich zu organisieren. Man wußte endlich, daß seit Wochen Katilinarier aller Länder, alle die kosmopolitischen oder, besser gesagt, kosmopolakischen Abenteurer, von denen geschrieben steht: »La révolution c'est notre carrière« – in der Hauptstadt zusammenströmten, Geiern gleich, die ein Aas witterten. Ja, man wußte das alles in Versailles, und dennoch wähnte man, die offenkundige Gefahr nicht beachten oder gar verachten zu dürfen. Und als man dann nach langem sträflichem Zaudern zum Handeln und zum Einschreiten sich entschloß, als man zum Zurückfordern und Zurückholen der auf dem verbarrikadierten Montmartre aufrührerisch in Batterie gebrachten Kanonen und Mitrailleusen vorschritt, da war das Unternehmen so schluderig geplant und wurde dasselbe so lässig und faul ausgeführt, daß es den Verschwörern nur die seit Wochen erlauerte Gelegenheit zum Losschlagen und damit zur Ergatterung der Herrschaft über Paris gab. Die militärischen Verfügungen waren unzulänglich getroffen und wurden zusammenhanglos ins Werk gesetzt. Die dazu verwendete Truppenzahl war wohl ausreichend – die Besatzung von Paris war ja auf dreißigtausend Mann gebracht worden – aber gerade auf den Punkt der Entscheidung hatte man ein durchaus unzuverlässiges Linienregiment hingeschickt. Anfangs ging alles ganz glatt. In den ersten Stunden vom 18. März setzten sich die Kolonnen der Truppen gegen den Montmartre, gegen Belleville und die Butte Chaumont in Marsch. Im ersten Morgengrauen waren alle Zugänge zu diesen Höhequartieren von Westen und Süden her ausreichend besetzt. Eine Brigade, zusammengesetzt aus dem Infanterieregiment Nr. 88, einem Bataillon Chasseurs de Vincennes und etlichen Schwadronen Gendarmen, steigt unter dem Befehle des Generals Lecomte die steilen engen Gassen zum Turme Solferino auf dem Montmartre hinauf. Der General Sufbielle erreicht und besetzt zur gleichen Zeit die Place Pigalle mit einer Schwadron berittener Chasseurs und einer Kompagnie Gendarmen. Beide Generale finden weder auf ihrem Wege noch droben Widerstand. Es war eine Überraschung in aller Form und die schlechtbewachten Geschütze befanden sich demnach alsbald in der Gewalt der Truppen. Es handelte sich nur noch um das Fortschaffen der Kanonen. Aber gerade damit haperte es. Weder war die nötige Anzahl von Pferden zur Stelle, noch konnte sie zeitig genug herbeigeschafft werden. Überhaupt klippte und klappte nichts, und vom letzten Trainsoldaten an bis hinauf zum ersten General des Tages wurde heute kläglich offenbar, daß die auf Frankreich lastende Wirrfäligkeit der Anarchie auch in den Überresten der Armee grassierte. Derweil hatten Frühschoppentrinker von den Weinstuben aus, sowie Frühstücksbrote holende Köchinnen in den Gassen vom Montmartre und in den benachbarten Quartieren das Lärmzeichen gegeben. Scharen von johlenden Jungen, fistulierenden Weibern und fulminierenden Bürgerwehrmännern begannen unter dem Rollen des Generalmarsches und dem Heulen der Sturmglocken herbeizuwimmeln und heranzuwuseln. Gruppen von zornigen Patrioten und zornigeren Patriotinnen schossen wie aus dem Boden auf, und von Haufen zu Haufen ging das wilde Geschrei: »Verrat! Verrat! Man will uns unsere Kanonen stehlen. Der Erzschurke Thiers will uns wehrlos machen und dann zusammenkartätschen. Nieder mit den Kanonenräubern!« Der »Erzschurke« Thiers! Das war der dem Manne, welcher die Befreiung seines Landes von der fremden Invasion und den Wiederaufbau des französischen Staatswesens dermalen zur Arbeit seiner Tage und zur Sorge seiner Nächte machte, dargebrachte Dank. Ein richtiger Volksdank, Wie er überall im Weltgeschichtebuch steht. Nur Gaukler und Gauner sind der Gunst und des Beifalls der niedrigen wie der vornehmen Menge gewiß. Die Kunst der Popularität besteht darin, noch gemeiner zu sein als der obere und der untere Pöbel, und wer Menschen wie Völkern imponieren will, der muß damit anfangen, sie zu mißachten. Die Nerone, die Tamerlane, die Iwane, die Napoleone werden in der mit bebendem Erstaunen zu ihnen aufblickenden Erinnerung der Nachwelt zu Halb- oder Ganzgöttern? Warum? Weil sie der niederträchtig vor ihnen im Staube liegenden Menschheit den Eisenfuß auf den Nacken drücken: »Kusch!« Dem Sokrates den Schierlingsbecher und dem Propheten von Nazareth den Kreuzgalgen, aber dem Sulla die Diktatur und dem Scheusal von Kaligula die Weltherrschaft und die Vergötterung! Manon Roland aufs Schafott, Marat ins Pantheon! Dem Schiller einen unbezahlten Fichtenbrettersarg, dem glücklichen Börsenschwindler und Millionendieb ein marmornen Mausoleum! Immer und ewig dieselbe wüste Travestie von des Aristoteles Hymnus auf die »Tugend, der Sterblichen mühvolles Ziel, Herrlichster Kampfpreis irdischen Trachtens, Jungfrau von weltüberwindender Macht!« Es war kein Gefecht, sondern nur ein wirrsäliges Durcheinander von Arbeiterblusen, Weiberjupons, roten Soldatenhosen und blauen Bürgerwehrröcken, von kecker Zumutung auf der einen und jämmerlicher Nachgiebigkeit auf der andern Seite, was die Sache entschied. Die Truppen wollten sich nicht schlagen. Als Nationalgardenbanden aus Montmartre, La Billette und Batignolles durch die Rue Müller gegen die vom General Lecomte besetzte Stellung heranrückten, ging alsbald das »Fraternisieren« los, das heißt die Soldaten, voran das 88. Linienregiment, entschlugen sich aller Mannszucht, kehrten die Gewehrkolben in die Höhe, lösten ihre Reihen, mischten sich mit dem »Volke«, ließen sich von Dirnen in die zahlreichen Kneipen ziehen und sangen in rasch erlangter Weinbegeisterung mit allen den Patrioten und Patriotinnen um die Wette die Marseillaise, welche der arme Rouget de l'Isle sicherlich ungedichtet gelassen hätte, so er vorausgehört, von was für Schmutzmäulern sie Anno 1793 und Anno 1871 hergebrüllt werden würde. Der unglückliche General Lecomte, dessen Befehl, auf den andringenden Insurgentenhaufen zu feuern, nur das eben gemeldete Resultat gehabt, wurde mitsamt seinem Stabe und einer Anzahl fest und treu gebliebener Gendarmen gefangen genommen und, umheult von geiferndem und zeterndem Gesindel, zunächst nach dem Chateau Rouge in der Rue Clignancourt geschleppt. Ähnlich klägliches Ende nahm das Unternehmen der Regierung auf der Place Pigalle und auf der Butte Chaumont in Velleville. Mit Ausnahme der Gendarmerie, welche doch bei weitem nicht stark genug war, den Aufruhr zu bändigen, ließen sich die Truppen überall bereitwillig finden, mit dem Pöbel zu »fraternisieren«, d.h. Gesetz, Ehre und Pflichtgefühl mit Füßen zu treten. Der General Vinoy, welcher die also schmählich vergeckte Expedition befehligte, sah sich, um seine noch unverführten Regimenter vor Ansteckung zu bewahren, genötigt, gegen Mittag den Rückzugsbefehl zu geben. Demzufolge räumten die Regierung und ihre bewaffnete Macht die ganze am rechten Seineufer gelegene Stadt, und auch die Räumung der Quartiere des linken Ufers ließ nicht lange auf sich warten. Herr Thiers mochte sich erinnern, daß er am Morgen des 24. Februars von 1848 dem stürzenden Louis Philipp geraten hatte, alle Truppen zusammenzunehmen, um sich mit denselben aus der aufrührerischen Hauptstadt nach St. Cloud zurückzuziehen, um dann wohlvorbereitet von dort aus angriffsweise gegen die Revolution vorzugehen. Überdies blieb auch für die Regierung, nachdem zwei Aufrufe, welche sie im Laufe des Tages an die Nationalgarde richtete, um diese gegen eine »Handvoll Verblendeter, welche sich über das Gesetz stellten und geheimen Oberen gehorchten, zur Verteidigung des Vaterlandes und der Republik« unter die Waffen und zum Handeln zu bringen, vollständig erfolglos sich erwiesen hatten, kaum etwas anderes übrig als der Rückzug nach Versailles. Die Truppen zum »Fraternisieren« geneigt, die Bürgerwehr, auch die der nicht insurgierten Quartiere, dem siegreichen Aufstand mit stumpfer Ergebung zusehend, – unter diesen Umständen mußte der Gescheitere vorderhand nachgeben, d. h. einpacken und gehen. Während aber die Regierung zurückwich, ging das aus seiner Verborgenheit aufgetauchte »Zentralkomitee« vorwärts, d. h. es ließ aus seinem Sitzungslokal Nr. 6 in der Rue des Rosiers auf Montmartre seine Vorwärtsbefehle ergehen und diese wurden pünktlich vollzogen. Nachdem im Laufe des Vormittags die Quartiere Montmartre, Belleville und La Villette mittels praktisch und emsig getriebener Barrikadologie zu wohlverschanzten, kanonenbekränzten Hauptstützpunkten der Insurrektion gemacht waren, wurde des Nachmittags angriffsweise gegen das Zentrum von Paris vorgegangen. Die Eroberung war leicht, denn es gab ja keinen Widerstand. Als der Abend zu dämmern begann, befand sich so ziemlich das ganze rechtsuferige Paris in der Gewalt der Roten, nachdem sie schon gegen 4 Uhr neben anderen wichtigen Punkten und Gebäuden auch des auf dem Vendômeplatze gelegenen Generalstabspalastes sich bemächtigt hatten. Dieses Haus und dieser Platz, sie sind dann das militärische Hauptquartier des Aufstandes geworden. Ein so großer und rascher Erfolg war doch wohl einer Siegesfeier wert. Wie wär' es, wenn wir diesen 18. Märztag rot anstrichen im ohne Zweifel wieder einzuführenden Kalender von 1793? »Blut ist ein ganz besonderer Saft« und »la sainte canaille« will ihr Amüsement haben. Der christliche Herrgott zwar ist abgetan in unserem Glauben oder Nicht-Glauben, aber mit dem alten grimmigen Baal-Moloch ist es etwas anderes, und an Opfern fehlt es ja nicht. In Wahrheit, es fehlte nicht an Opfern, und die Opferung stand nicht lange aus. Der gefangene General Lecomte war, wie oben gemeldet wurde, zunächst ins Chateau Rouge gebracht und daselbst durch das 169. Bataillon der Nationalgarde bewacht worden. Wutschnaubendes Gesindel schrie nach seinem Blut. Um 3 Uhr nachmittags machte dieses Geschrei den beiden Kapitänen, welche das Bataillon befehligten, so angst und bange, daß sie, der Verantwortlichkeit sich zu entschlagen, beschlossen, den Gefangenen in die Rue des Rosiers hinauftransportieren zu lassen. Auf dem Wege dahin war das Leben des Generals wiederholt in Gefahr. Droben wurde er von einem Haufen seiner eigenen, verräterischen Soldaten mit scheusäligen Schimpfreden empfangen. Er setzte allem dem Infamen die Verachtungsruhe eines Braven entgegen, die einzige Waffe, welche einem Gentleman dem Mob gegenüber ziemt. Derweil geschah in einer der an das Elysée Montmartre stoßenden Straßen zur Vervollständigung des Opferfestes dieses. Ein wüster Knäuel von Bürgerwehrleuten, Soldaten, Weibern und Kindern verhandelt die Ereignisse des Tages und erschöpft sich in Verwünschungen des Generals Lecomte. »Er hat seine Soldaten zum Feuern aus das Volk kommandiert; dreimal hat er Feuer kommandiert, der Lumpenhund!« geifert eine Megäre von Marketenderin. »Er hat recht getan,« sagt nachdrucksam ein hochgewachsener, weißbärtiger Greis von soldatischer Haltung, aber in schwarzem Bürgerkleid. Die Menge beantwortet diese Bemerkung mit einem Hagel von Flüchen und Verwünschungen. Aber uneingeschüchtert sagt der alte Herr noch lauter: »Ja, der General tat nur seine Schuldigkeit. Ihm war von seinen Vorgesetzten befohlen, die Kanonen zu holen und die Rottierungen zu zerstreuen, und er mußte diesen Befehl vollziehen.« Die Megäre, vielleicht die Enkeltöchter einer der »Guillotinefurien« von 1793, springt mit einem Satze vor den greifen Wahrheitsager hin, sieht ihn scharf an, hält ihm die geballte Faust unter die Nase, schnaubt ein wütendes »Ha!« hervor und schreit dann, rückwärts gewandt, der Horde zu: »Das ist Clement Thomas.« Ein Todesurteil. Denn seit lange schwärender Pöbelhaß ruhte auf dem General Clément Thomas. Er hatte ja zweimal, im Jahre 1848 und dann wieder im Winter von 1870–71, das Oberkommando über die Pariser Nationalgarde gehabt, und beidemal hatte er ehrlich und energisch seine Schuldigkeit getan. Auch gegen den Pöbel getan. Jetzt war der Pöbel obenauf und pöbelte darauf los, wie von ihm zu erwarten. Wahrscheinlich wäre der furchtlose Greis auf der Stelle in Stücke zerrissen worden, so nicht ein Blusenmann vorsprang und dem General zudonnerte: »Ha, du wagst es, den Volksmörder Lecomte zu verteidigen? Wart, wir wollen dich ihm beigesellen. Das wird ein hübsches Paar abgeben.« Allseitige Zustimmung zu diesem sinnreichen Vorschlag. Die Rotte zwingt den Greis in ihre Mitte und schleppt ihn unter fortwährenden Lästerungen und Drohungen fort zu dem kleinen, geheimnisvollen Hause Nr. 6 in der Rue des Rosiers. Kurz zuvor war der General Lecomte dort angelangt. Clément Thomas wird ihm beigesellt zu einem furchtbaren Todesgang. Was für Szenen spielten sich jetzo, zwischen 4 und 5 Uhr, in diesem Hause ab? Man weiß es nur beiläufig, nicht genau; denn alles war ja Trubel und Tumult, Unsinn und Wut. Waren Mitglieder vom »Zentralkomitee« anwesend? Es scheint nicht, denn es wird berichtet, das Komitee habe zu dieser Stunde in der Mairie des achtzehnten Arrondissement Sitzung gehalten. Von anderer Seite wird freilich gemeldet, allerdings seien Mitglieder des Komitee in der Rue des Rosiers anwesend gewesen und sie hätten gewünscht, daß man das Leben der beiden Generale schonte und dieselben als Geiseln in Haft behielte. Aber auch angenommen, dieser Wunsch sei vorhanden gewesen und ausgesprochen worden, so fand er jedenfalls keine Erfüllung. Die unselige Legende der Revolution tat wieder einmal ihre Wirkung, die Nachäfferei des schöngefärbten Schreckensjahres 1793 mit seiner durch Lamartine »vergoldeten« Guillotine verlangte nach einer Gerichtsparodie, wie solche bei Gelegenheit der Septembermorde von 1792 in den Gefängnissen von Paris aufgeführt worden waren. Ein »Kriegsgericht« sollte gebildet werden, um die beiden Generale davor zu stellen. Wer von den Anwesenden noch eine Fiber von Ehre und Scham im Leibe hatte, weigerte sich in dem Mordgerichte zu sitzen. Aber draußen heulte das Pack sein »A mort! A mort!« mit steigender Wildheit, und so tat ihm drinnen eine Dreck- und Spottgeburt von Tribunal den Willen. Ein Kerl, namens Verdaguer, notorischer Dieb zwar, aber dermalen Kommandant des 91. Bataillons, und der »Kapitän« Kerdanski, ein polnischer Revolutionsreisender, saßen mit auf der Richterbank. Die traurige Posse währte jedoch, so kurz sie war, der draußen heulenden Meute zu lange. Die souveräne Pöbelhefe, vermischt mit Franktireurs, Liniensoldaten, garibaldischen Rothemden, strudelt hinein in den Saal und schwemmt die beiden Generale weg, die Treppe hinab und in den kleinen Garten. Hier spielt sich die Mordszene ab. Ein Kerl in der Uniform eines Bürgerwehroffiziers packt Clément Thomas, hält ihm einen Revolver an die Kehle und brüllt ihn an: »Gestehe, daß du die Republik verraten hast!« Der greise Republikaner gibt nur ein Achselzucken der Verachtung zur Antwort. »Zum Tode mit ihm! Zum Tode!« heulte die dicht am Gartenzaun gestaute Menge. Er wird gegen die Hintermauer des Gartens gestoßen. Dort richtet er sich zur ganzen Höhe seines Wuchses auf, kreuzt die Arme und erwartet die mörderischen Kugeln. Ein Augenzeuge hat nachmals sich des Umstandes erinnert, daß der frisch ausgeschlagene Blütenzweig eines der Pfirsichbäume, welche an der Mauer standen, über das Haupt des Generals emporgeragt haben wie zur Bekränzung des Opfers. Eine Rotte von uniformierten und nichtuniformierten Halunken entladet blindlings die Gewehre auf den verlorenen Mann. Er wird nicht getroffen, nur seinen Hut durchschlägt eine Kugel. Er nimmt ihn ab und entlastet seine Seele mittels des Zornschreis: »Feiglinge und Schurken seid ihr allesamt.« Da kracht wieder ein Schuß. Getroffen stürzt der Gemordete vornüber auf Brust und Antlitz, und nun zerfetzen noch mehr als vierzig Kugeln seinen Körper. »Jetzt kommst du dran!« brüllt man dem General Lecomte zu. Gefaßt schreitet der also Gerufene der Mauer zu. Ein fahnenflüchtiger Soldat springt vor, hält dem General die Faust vors Gesicht und schreit: »Du hast mich mal für dreißig Tage in Arrest geschickt. Dafür sollst du von mir den ersten Schuß kriegen.« Lecomte geht vorwärts, steigt über den Leichnam seines Schicksalsgenossen hinweg und stellt sich an die Mauer. »Feu!« Diesmal ist die Salve besser gezielt, und ins Herz getroffen stürzt der General rückwärts zu Boden. »Vive la république!« brüllt die grausame Menge, ganz wie ihre Großväter und Großmütter im Jahre 1793 gebrüllt hatten, so das »rasoir national« auf dem Revolutionsplatze sein Tagewerk getan, d. h. den dreißigsten, vierzigsten, fünfzigsten, sechzigsten Kopf abgeschnitten hatte. Der uralte Glaube, daß alles große Neue die Bluttaufe empfangen müsse, will nicht aus dem Volke hinaus. Er ist auch wohlbegründet, wie die Weltgeschichte dartut. Aber sie tut auch dar, daß der Pöbel allzeit und überall unter dem Blute, womit die Vorschrittsideen getauft und befruchtet werden müssen, nicht sein eigenes, sondern das anderer Leute verstanden hat. Nach vollbrachtem Morde erschien der Herr Maire des achtzehnten Arrondissements, der Citoyen Clemenceau, mit seiner Amtsschärpe umgürtet, auf der Blutbühne. Früher zu kommen sei ihm nicht möglich gewesen, sagte er. Er sei anderwärts zu sehr beschäftigt gewesen. Auch das »Zentralkomitee« war anderwärts zu sehr beschäftigt, als daß es sich um so eine Bagatelle wie die Ermordung von zwei unpopulären Generalen hätte kümmern können. Ebenso war auch der Kommandant der Bürgerwehr von Montmartre, der Bürger Bergeret mit seinem rotbefederten Generalshute, anderwärts beschäftigt gewesen zur Stunde, als der Greuel in der Rue des Rosiers geschah, nämlich im Hotel de Ville, um bei der Teilung der Beute und der Verteilung der Machtrollen nicht zu kurz zu kommen. Ja, im Hotel de Ville wurde am Abend des 18. März das Halali geblasen. Dorthin hatte sich das »Zentralkomitee« übergesiedelt und seine Mitglieder, die noch heute morgen nichts gewesen als geheime Verschwörer, waren jetzt öffentlich die Herren von Paris und dehnten mit Behagen die proletarischen Glieder auf der damastenen und sammetnen Polsterung der Prachtmöbel, womit das Empire die Säle des Stadthauses ausgestattet hatte. Ein Zug von wahrhaft Rabelaisschem Zynismus geht durch die ganze Geschichte des roten Quartals von 1871. Auch bei dem Einzuge des Zentralkomitees ins Hotel de Ville kam derselbe zum Vorschein. Froh überrascht, in das alte Hauptquartier der Revolution ohne irgend einen Widerstand eingezogen zu sein, soll der Bürger Assi, welcher der neuen Stadthausregierung vorsaß, ausgerufen haben: »Wir brauchten die Tore des Hotel de Ville nicht einzuschießen, sondern sie gingen von selber auf, als wir auf dem Gioveplatze unser Wasser abschlugen.« Nach eingebrochener Nacht ging es hoch her in den Schenken der Stadt rechts von der Seine. Das »Volk« von Paris schwelgte in dem Hochgefühle, wieder einmal eine Revolution gemacht zu haben, die Angstphilister luden, statt ihre Gewehre zu laden, ihre Koffer, und ,1a i torkelte weinselig über die Boulevards. 2. Wie die Blauen demonstrieren – Und die Roten remonstrieren. Es ist überflüssig, mittels Herzählung der Versöhnungs- und Ausgleichungsversuche, welche während der Nacht von feiten der Regierungsmitglieder Favre und Picard und von seiten gemäßigter Demokraten wie Tolain, Langlois und Lockroy angestrengt wurden, Papier und Druckerschwärze zu vernutzen. Alle diese Versuche scheiterten und mußten scheitern, weil von vornherein doch kein rechter Ernst und Eifer dabei war. Auf feiten der Regierung nicht, weil Monsieur Thiers, sobald er den Umfang der Katastrophe erfahren, ein- für allemal seinen Entschluß gefaßt haben mochte, einen Entschluß, welchen ein von ihm gesprochenes oder auch ihm in den Mund gelegtes Wort – so ein »inot«, womit ja die Franzosen gleich bei der Hand find – bündig formulierte: – »Hat Paris uns verlassen, so verlassen wir Paris.« Auf seiten der Insurgenten nicht, weil diese, sobald sie sich im Hotel de Ville festgesetzt hatten, ihre wahre Natur herauskehrten, das von der Regierung gemachte Zugeständnis der demnächstigen Vornahme von Munizipalwahlen spottlächelnd ablehnten und endlich geradeheraus erklärten, sie anerkännten die Autorität von Thiers nicht mehr und würden alle in Paris nötigen Wahlgeschäfte selber besorgen. Das war Fraktursprache, von dem gescheiten und tatkräftigen Minister Picard ganz richtig also verstanden, daß er bei sotanen Umständen guttäte, von dem Regierungsapparat alles nur Erraffbare auf die Eisenbahn und nach Versailles zu schaffen. Tat so der Mann, rettete Kassen, Akten, Register, Material aller Art, soviel er eben zusammenraffen und wegschicken konnte, das Verwaltungspersonal der verschiedenen Ministerien und anderen Behörden inbegriffen. Die Bank von Frankreich hat er freilich nicht aufzupacken vermocht, auch die Generaleinnahmestelle des städtischen Oktroi nicht. Die Zeit war zu kurz. Denn am Abend des 19. März war die Räumung der Hauptstadt seitens der Regierung von Frankreich vollendet. Eine tröstliche Episode in der traurigen Geschichte dieses Abzuges war die feste, fahnentreue Haltung der Linienregimenter 43 und 69, welche erst am 20. März vom Luxemburgpalast weg durch die Porte Maillot nach Versailles marschierten, nachdem sie auf die Aufforderung des »Zentralkomitees«, die Waffen zu strecken, die Antwort gegeben hatten: »Kommt und holt sie!« Keiner der neuen Stadthausherren hatte für gut gefunden, dieser soldatischen Einladung Folge zu leisten. Also wären denn doch noch solide Mittel zum Widerstand in Paris vorhanden gewesen? Etliche gewiß. Ob aber ausreichende? Schwerlich. Der am 19. März von der Regierung vor ihrem Abzug an die Nationalgarde gerichtete Hilferuf verscholl wirkungslos. »Wer sind« – so hieß es darin – »die Männer des Zentralkomitee? Niemand kennt sie; ihre Namen sind neu; niemand weiß, was für einer Partei sie angehören. Sind es Kommunisten, Bonapartisten, Preußen? Sind es Agenten dieser dreifachen Koalition? Jedenfalls sind es Feinde von Paris, das sie der Plünderung, Feinde Frankreichs, das sie den Preußen, Feinde der Republik, die sie dem Despotismus ausliefern. Die von ihnen verübten abscheulichen Verbrechen entziehen allen, welche mit ihnen gemeinsame Sache machen oder auch nur sie ertragen, jegliche Entschuldigung. Wollt ihr die Verantwortlichkeit für ihre Mordtaten und für die Ruinen, welche sie zu häufen im Begriffe sind, mit übernehmen? In diesem Falle bleibt ruhig zu Hause! Wenn ihr aber auf eure Ehre, auf eure heiligsten Güter etwas haltet, so schart euch um die Regierung der Republik und um die Nationalversammlung!« Und siehe, sie blieben ruhig zu Hause, die Herren Philister von Paris. Sie bleiben ja allzeit und überall ruhig zu Hause an Tagen der Entscheidung, die Herren Philister von Europa, und so werden sie auch an dem Entscheidungstage, wann die europäische Kommune ausgerufen wird, ruhig zu Hause bleiben! Es gab Quartiere in Paris, wo man sich am 19. März nicht nur keine Sorge machte um das am Tage zuvor Geschehene, sondern wo man nicht einmal etwas Bestimmtes wußte. Catulle Mendès begegnete in der Rue de la Grange-Bateliere, also mitten in der Stadt, einem Bekannten und fragte ihn: »Was gibt es Neues?« »Neues? Wüßte nicht, was. Doch warten Sie! Man sagt, es habe gestern auf dem Montmartre etwas abgefetzt.« Wohl, es hatte etwas abgesetzt, etwas, das den sorglosen Parisern eine zweite Belagerung zu kosten geben sollte. Zu Mittag erfuhren sie auch, wem sie fortan zu gehorchen und was sie zu tun hätten. Es finden sich ja immer Leute, welche sich mit der Mühsal beladen, ihren lieben Mitleuten das zu sagen. Die rote Republik proklamierte sich mittels weißer Maueranschläge, deren einer an die Bürger im allgemeinen und deren anderer an die Bürgerwehr im besonderen gerichtet war. Der erste Anschlag lautete: »Französische Republik. Freiheit, Gleichheit, Bruderschaft. Bürger. Das Volk von Paris hat das Joch abgeschüttelt, welches man ihm auflegen wollte. (Hm, wie kann man denn etwas abschütteln, was einem noch gar nicht aufgelegt ist? Logik und Arbeit gehörten und gehören allzeit zu den richtigen Katilinariern verhaßtesten Dingen.) Ruhig und in seinem Kraftbewußtsein unerschütterlich hat es wie ohne Herausforderung so auch ohne Furcht den Angriff der schamentblößten Toren erwartet, welche Hand an die Republik legen wollten. (Woso? Waren denn die Frankreich gehörenden Kanonen, welche die rechtmäßige Regierung der Republik den Händen einer aufrührerischen Sekte entziehen wollte, identisch mit der »Republik«? Gewiß nicht, aber auf eine dumme Lüge mehr oder weniger kommt es in derartigen auf die »Volksmündigkeit« berechneten Kundgebungen bekanntlich nicht an.) Diesmal haben unsere Brüder von der Armee mit Entrüstung sich geweigert, die Bundeslade unserer Freiheiten antasten zu lassen. (Jetzt machen diese Konfusionarii Konfusionariorum die Kanonen vollends zur Bundeslade! Recht hübsch nimmt sich übrigens dieses biblische Bild im Munde eingestanden atheistischer Kommunarden aus.) Dank allen! Mögen Paris und Frankreich jetzt mit vereinten Kräften den festen Grund zu einer echten Republik (nämlich was WIR darunter zu verstehen geruhen) legen, als zu der Staatsform, welche einzig und allein imstande, die Ära der feindlichen Einbrüche und der Bürgerkriege auf immer abzuschließen. (Vom Aufhören der Bürgerkriege faseln in derselben Stunde, wo man selber die Fackel des Bürgerkrieges erhebt, das geht sogar über pfäffische Heuchelei noch hinaus.) Der Belagerungszustand ist aufgehoben. (Für wie lange?) Die Bevölkerung von Paris wird in ihren Bezirken zusammenberufen zur Vornahme der Gemeindewahlen. Schutz und Sicherheit aller Bürger durch die Bürgerwehr wird gewährleistet. (Wir werden diesen Schutz und diese Sicherheit kennen lernen.) Hotel de Ville von Paris, 19. März 1871. Das Zentralkomitee der föderierten Nationalgarde : Assi, Billioray, Ferrat, Babick, Moreau, Dupont, Varlin, Boursier, Mortier, Gouhier, Lavallette, Jourde, Rousseau, Lullier, Blanchet, Groslard, Barroud, Geresme, Fabre, Pougeret.« Außer diesen trugen spätere Kundgebungen des Zentralkomitees auch die Unterschriften Arnaud, Arnold, Bouit, Fortuné und Viard. Sodann werden noch andere wie Avoine, Castioni, Grelier, Josselin, Lisbonne, Maljournal als frühere oder spätere Mitglieder des Komitees genannt. In einer zweiten Proklamation benachrichtigten die nämlichen Herren Citoyens die Nationalgarde, das Zentralkomitee habe die »Mission«, die Verteidigung von Paris und der Volksrechte zu organisieren, erfüllt und eine Regierung, »die uns verraten hat«, verjagt. In einem dritten weißen Anschlag waren die hochmögenden Herren vom Zentralkomitee so gütig, die Wahl einer »Kommune« für Paris auf den 22. März anzusetzen. Wir werden also die welterlösende Heilandin, die weltbeglückende Messiasin Kommune endlich haben. Unser biederes Zentralkomitee wird uns binnen drei Tagen geben, was eine »verräterische Regierung« uns seit sechs Monaten vorenthalten hat. Glückauf! So lautete die öffentliche Meinung in Montmartre, Billette, Belleville »und der Enden« – (wie die Schweizer sagen). Und das übrige Paris? Schwieg still und ließ mit sich machen, was man wollte. Tausende blieben vor den drei signalisierten Straßenplakaten stehen, lasen Inhalt und Unterschriften, begnügten sich aber zu fragen: »Wer sind diese Leute?« und gingen teilnahmelos weiter. Nun, »diese Leute« waren allerdings lauter »viri obscuri«, obscurissimi , aber sie gaben, mit roten Schärpen umgürtet, Befehle und man gehorchte ihnen. Nicht etwa nur der Ouvrier, sondern mit ganz besonderer Beeiferung auch der richtige Epicier von Paris, wie nicht weniger der Kleingewerbemeister, unter welchen Bevölkerungsklassen die törichte Verordnung der Regierung, alle während der deutschen Belagerung der Hauptstadt gestundeten Wechsel müßten sofort eingelöst werden, großen und gerechten Zorn erregt hatte. Noch ein ähnlicher harter Regierungserlaß, demzufolge alle seit den Belagerungsmonaten rückständig gebliebenen Mieten alsbald bezahlt werden sollten, traf die sogenannte kleine Bourgeoisie schwer. Es wäre nicht nur billig gewesen, es war schlechthin notwendig, gerade den Leuten vom Mittelstande, welcher ja seit dem September von 1870 in Paris am schwersten gelitten hatte, die nötigen Fristen zur Erfüllung von Verbindlichkeiten zu geben, die ein Teil des Nationalunglücks waren. Überhaupt muß man sagen, daß die Regierung vor wie nach dem Ausbruch der Insurrektion übel beraten war. Die ganze Art und Weise, wie sie durch die Maires von Paris und die Abgeordneten der Hauptstadt zur Nationalversammlung die Vermittelungsverhandlungen mit dem Zentralkomitee führen ließ, beweist dies. Einen weiteren Beweis gibt die Ernennung des Admirals Saisset zum Oberkommandanten der Pariser Nationalgarde ab; denn der Ernannte hat sich ja ganz unfähig erwiesen, die Situation auch nur zu verstehen, geschweige sie zu beherrschen. Der gute Seemann tat, als hätte er es mit angeheiterten, aber im Grunde gutmütigen Matrosen zu tun, während er es doch mit »diesen Leuten« zu tun hatte. Da konnte nur ein schmähliches Fiasko herauskommen. Wenn man vollends erwägt, daß sich die besitzenden Klassen in Paris denn doch allmählich ermannten, daß die Nationalgarden der mittleren und westlichen Quartiere, nahezu dreißigtausend Mann, eine Abordnung an Thiers nach Versailles schickten, um ihm sagen zu lassen, daß sie acht Arrondissements besetzt hielten und, so er ihnen Offiziere, Geschütze und Munition schickte, bereit wären, gegen die Insurgenten zu marschieren, und wenn man dem gegenüber die kühle Ablehnung von seiten des Herrn Thiers erwägt, der zurücksagen ließ, er könnte ihnen nicht helfen und riete ihnen, mit Kind und Kegel Paris zu verlassen, so dürfte man mittels dieser Erwägungen unschwer zu der Schlußfolgerung gelangen, das Haupt der Exekutivgewalt müßte von vornherein dahin sich entschieden haben, keine »zerteilende« Salbe auszustreichen, sondern vielmehr das Kommunegeschwür reif werden zu lassen, um es aufzuschneiden und auszubrennen. Er hat dann wirklich so getan. Aber wer könnte so töricht sein, zu wähnen, die Eisen- und Feuerkur hätte geholfen? Sie war nur ein Palliativmittel, nichts weiter. Das Krebsgeschwür wird wiederkommen, da oder dort. Die Krankheit steckt ja der Gesellschaft im Blute. Was die Herren Citoyens vom Stadthause betrifft, so konnte es ihnen nur recht sein, die Regierung mit Unterhandlungen zu »amüsieren«, bis sie sich allseitig in der Macht festgesetzt hatten. Sobald dieses geschehen, ließen sie die Unterhändler barsch abfahren. Die »Ordnungspartei« raffte sich am 21. und 22. März zu einer »Friedensdemonstration« auf, die ja recht wohlgemeint war, aber sehr übel verlief. Am erstgenannten Tage sammelte sich um halb zwei Uhr ein Häuflein von zwanzig Männern auf dem Platze vor der neuen Oper. Einer, und zwar ein Liniensoldat, trug der sich in Bewegung setzenden Gruppe eine Fahne vor mit der Inschrift: »Union des amis de l'ordre« . In ihrem Vorschreiten durch verschiedene Straßen und Quartiere vergrößerte sich die Prozession der Ordnungsfreunde rasch. Die Boulevards entlang wurden sie allenthalben aus den aufgerissenen Fenstern mit den Rufen: »Es lebe die Ordnung! Hoch die Nationalversammlung! Nieder mit der Kommune!« empfangen. Widerstand fanden sie keinen. Da und dort präsentierten sogar Abteilungen der Nationalgarde, an deren Aufstellungen sie vorüberkamen, vor ihnen das Gewehr. So in der Rue Drouot und in der Rue de la Paix. Auch den Zutritt zum Platze Vendôme, der von »föderierten« Bataillonen strotzte, wehrte man ihnen nicht. Als sie unter den Fenstern des Generalstabsgebäudes angelangt waren, trat oben ein junger, rotbeschärpter Mann auf den Balkon heraus und rief herunter: »Bürger, im Namen des Zentralkomitee ...« »Alsbald jedoch« – so berichtet ein Teilnehmer an der Friedenskundgebung – »alsbald wurde er von unserer Seite durch ein vielstimmiges Pfeifen und durch die Rufe unterbrochen: ›Hoch die Ordnung! Hoch die Nationalversammlung! Hoch die Republik!‹ Dessenungeachtet wurden wir in keiner Weise angegriffen, nicht einmal bedroht. Wir umzogen die Napoleonssäule und marschierten wieder auf die Boulevards hinaus nach dem Eintrachtsplatze.« Die Prozession kam schließlich zu ihrem Ausgangspunkte auf dem Opernplatze zurück. Sie zählte jetzt wohl an viertausend Köpfe, und vor dem Auseinandergehen traf man die Verabredung, am folgenden Tage zur selben Stunde die heute so gelungene Kundgebung zu wiederholen. Diese Verabredung ist eingehalten worden, und zur bestimmten Stunde setzte sich demnach am 22. März eine unbewaffnete, aber teilweise mit der Uniform der Nationalgarde angetane Schar von Ordnungsfreunden, nach etlichen Angaben nicht weniger als zehntausend Männer, jedenfalls aber mehrere Tausende, von der neuen Oper aus in Bewegung. Neben den schon gestern erschollenen Friedens- und Ordnungsrufen vernahm man aus den Reihen ab und zu auch diesen: »Man muß dem Zentralkomitee seine angemaßte Gewalt abfordern und abnehmen.« Dieser Ruf deutete offenbar darauf hin, daß nicht alle Teilnehmer an dem Zuge lediglich friedlich demonstrieren wollten. Auch das vorhin gebrauchte »unbewaffnet« kann nicht von allen gelten. Denn es untersteht keinem Zweifel, daß etliche der Ordnungsfreunde mit Revolvern und Stilettstöcken bewaffnet gewesen sein müssen. Es ist möglich, daß von keiner der beiden Parteien ein gewaltsamer Zusammenstoß vorhergesehen, gewollt oder gar geplant war. Aber nicht weniger möglich ist, daß ein solcher Zusammenstoß von beiden Seiten gewünscht war. Denn beide Parteien konnten es ganz wohl in ihrem Interesse finden, einen Bruch herbeizuführen. Wenigstens einzelne Personen hüben und drüben konnten die Sache so ansehen. Gewißheit zu erlangen, wird wohl nie möglich sein. Eine große Trikolore wird dem Zuge vorangetragen, in welchen auch der Admiral Saisset sich eingereiht hat. Man erblickt neben der Uniform der Bürgerwehr auch die der Linie und der Marine, viele Fräcke und Paletots, keine Bluse. Als Erkennungszeichen haben die Ordnungsfreunde ein blaues Band ins Knopfloch geknüpft. Durch die Straße Neuve St. Augustin, dann durch die Straße de la Paix. Aber beim Ausmünden auf den Vendômeplatz, allwo Kanonen und Mitrailleusen aufgefahren und die Föderierten unter den Waffen sind, stockt die Prozession. Wenn man dem Abbe Lamazou, welcher als Diener der bekannten »Religion der Liebe« seine Erlebnisse während der Kommunezeit erzählt hat, glauben wollte, so hätten, was jetzt geschah, einzig und allein die Roten auf dem Gewissen. Wir wollen den Zeugen abhören, weil es bei dem ungeheuren Beifall, welchen sein Buch »La place Vendôme et la Roquette« (12. édit. 1873) in Frankreich gefunden, immerhin von Interesse sein dürfte, eine Stimme aus der schwarzen Internationale über die rote zu vernehmen. »Beim Eingange zum Vendômeplatz stieß die Marschkolonne, ermutigt durch die Quartierinsassen, auf ein Insurgentenkorps, welches Bergeret kommandierte. Dieser ließ seine Leute in Schlachtordnung treten und die Bajonette kreuzen. Einige Augenblicke später konnte ich mit eigenen Augen bemerken, daß diese Insurgenten fast durchweg Leute von vorgerücktem Alter waren. Betrunken und abgerissen, wie sie waren, stellten sie sich so recht dar als die wüsten Gesellen, welche der Aufruhr auf die Gassen speit, und welche das letzte Aufgebot des knechtischen Hundepacks bilden (qui forment le dernier ban de la canaille servile). Es gab darunter eine nicht geringe Anzahl jener Greise, welche, durch Faulheit und Laster heruntergekommen, nichts mehr zu verlieren haben und demzufolge die zuverlässigen Rekruten für jeden Aufruhr sind, mag derselbe kommen, von welcher Seite er will. Die Ordnungsmänner schwenkten ihre weißen Taschentücher und erklärten laut, daß ihre Absicht eine durchaus friedfertige. In dem Augenblick aber, wo etliche der Insurgenten ihre Gewehrkolben aufwärts kehrten, um mit dem gesunden Bevölkerungsteile von Paris zu fraternisieren, ließ Bergeret die Trommeln rühren und nahm eine drohende Haltung an. Ein Flintenschuß wurde auf die dreifarbige (der Friedensprozession vorangetragene) Fahne abgefeuert, und fast in demselben Moment krachte eine mörderische Salve in die Ordnungsleute hinein, welche nach allen Seiten auseinanderstoben. Die Mörder waren so aufgeregt, viele darunter so toll vor Angst, daß sie ihre vor ihnen stehenden Kameraden rücklings niederschossen. Über jeden Zweifel erhaben ist, daß weder eine Flinte noch ein Revolver aus den Reihen der Ordnungsleute abgefeuert wurde.« Doch nicht so ganz über jeden Zweifel erhaben, Euer Hochwürden! Es ist bei solchen Gelegenheiten in der Regel hüben und drüben etwas nicht in der Ordnung. Wenn die Bestie im Menschen sich aufrichtet und an ihrer Kette rasselt, pflegt ihr der boshafte Leibzwerg der Weltgeschichte, der Zufall, gar gern zu Diensten zu sein. Er rührt dann rasch eine jener Teufeleien an, welche man Mißverständnisse zu nennen pflegt. So eine Teufelei, so ein Mißverständnis, wie z.B. eins in der neunten Abendstunde vom 23. Februar 1848 vor dem Hotel des Capucines in Paris und ein anderes in der dritten Nachmittagsstunde vom 18. März auf dem Schloßplatz in Berlin gespukt, ja, so eins hat allem nach auch auf dem Vendômeplatz zu Paris am 22. März von 1871 seinen diabolischen Spuk getrieben. In solchen Stunden erweist sich namentlich das weise Warnungswort: »Spiele nicht mit Schießgewehren!« als sehr begründet. Denn Schießgewehre scheinen da eine unwiderstehliche Neigung zum Losgehen zu haben. Die Blauen – so will ich, falls es meinen Lesern und hoffentlich auch Leserinnen genehm, fortan kurzweg die Pariser Ordnungspartei nicht nur, sondern auch die rechtmäßige, vorderhand in Versailles kampierende Regierung der Republik samt allen ihren Anhängern bezeichnen – die Blauen also kamen durch die Rue de la Paix zum Vendômeplatz gezogen. Dort angelangt, sahen sie sich den von dem Bürger Platzkommandanten Bergeret befehligten Roten gegenüber, welche den Zugang zu dem Platze sperrten. Aus den blauen Reihen kamen die Rufe: »Hoch Frankreich! Hoch die Ordnung!« aber auch einzelne Schreie: »Nieder mit dem Zentralkomitee! Nieder mit den Mördern!« Warum hätten sich denn unter den Ordnungsleuten nicht etliche, sogar mehrere Schreihälse sollen befinden können, welche wähnten, da man einmal am Demonstrieren wäre, könnte und müßte man die Roten zu Boden demonstrieren, niederschreien? Vielleicht verlangten die Demonstranten weiter nichts als den freien Durchpaß, aber, alles zusammengehalten, scheint es ausgemacht, daß erstens dieses Verlangen eine drohende Form angenommen habe und zweitens die Roten von vornherein entschlossen waren, die Blauen nicht auf den Vendômeplatz hereinzulassen. Der Bürger Platzkommandant ließ demnach seine Leute ein Viereck formieren, die Gewehre laden, die Bajonette aufpflanzen, und so sperrte diese lebende Barrikade den Zugang von der Friedensstraße her. Jetzt fällt der in solchen Sachlagen nicht mehr ungewöhnliche Mißverständnisschuß. Wer hat ihn abgefeuert? Natürlich ein Roter, sagen die Blauen. Wogegen die Roten: »Der Schuß, ein Pistolenschuß, kam aus den Reihen der Blauen und hat den Bürger Maljournal, Mitglied unseres Zentralkomitee, am Schenkel verwundet. Das wird uns ein gewiß unverdächtiger und kompetenter Zeuge, der berühmte amerikanische General Sheridan, der aus einem Fenster der Rue de la Paix den Vorfall mit ansah, bezeugen.« Und was sagt der General? Der General sagt »Ja« – aber er fügt hinzu: »Wie die Elenden ihr Land entehren!« und unter den »Elenden« will er die Roten verstanden wissen, welche den sinnlos herausfordernden Schuß – wenn es wirklich ein solcher war – mit einer mörderischen Salve beantworten. Zwar behaupten sie, es sei, als die Blauen den Durchpaß mit Gewalt hätten erzwingen wollen, der warnende Trommelwirbel geschlagen und erst nach Nichtbeachtung des Signals sei Feuer kommandiert worden. Aber Tatsache ist, daß Feuer kommandiert und in die dichtgestauten Reihen der Blauen hinein die Salve gefeuert wurde, bevor es möglich gewesen, das Warnungssignal zu beachten und demselben Folge zu leisten. Die Wirkung dieser Salve, womit der Bürgerkrieg eröffnet wurde, war, wie sie sein mußte. Die blaue Demonstration zerstob in alle Winde. Zahlreiche Verwundete trugen den Schrecken in die benachbarten Quartiere. Zwanzig Tote, darunter ein Oberst, ein Leutnant, ein Vicomte, ein Bankier, ein Wechselagent, ein Ingenieur, röteten mit ihrem Blute das Pflaster. Die Roten scheinen doch selbst über die Schlächterei erschrocken zu sein. Wenigstens ist festgestellt, daß ihre Offiziere sie am Weiterschießen hinderten. Auch sie zahlten übrigens zwei Tote und acht Verwundete. Muß man annehmen, daß nach Abfeuern der roten Salve auch aus den Reihen der Blauen geschossen worden sei? Oder ist die oben angeführte Behauptung des Abbé Lamazou, die Roten hätten in der Verwirrung selber aufeinander gefeuert, als Erklärung dieser Tötungen und Verwundungen zulässig? Fest steht, daß die Herren Bürger vom Zentralkomitee das auf dem Vendômeplatze Geschehene ausdrücklich guthießen und nach empfangenem Bericht darüber zweierlei beschlossen. Erstens, daß sich die auf dem Vendômeplatze kommandierenden Offiziere »um das Vaterland verdient gemacht hätten«, und zweitens, daß keine blauen Kundgebungen mehr stattfinden dürften. Denn Freiheit muß sein, d.h. jeder muß nach unserer Fasson frei sein. Der rote Schrecken, welcher am Abend des 22. März vom Vendômeplatz ausging, unterwarf tatsächlich ganz Paris dem Machtgebote des Zentralkomitee. Fast unglaublich klingt es, daß der Admiral Saisset auch jetzt noch an die Möglichkeit einer friedlichen Ausgleichung glaubte und mit den Herren vom Stadthause in Unterhandlungen blieb. Am Morgen des 24. März ließ er sogar, freilich ohne die Ermächtigung der Regierung eingeholt zu haben, eine Proklamation anschlagen, worin er folgende Zugeständnisse von seiten der Regierung und der Nationalversammlung verhieß: »Volle Anerkennung der Gemeindefreiheiten, Wahl der Offiziere aller Grade durch die Nationalgarde selber, Änderung des Wechselgesetzes, Milderung des Mietzinsengesetzes.« Von der passiven Bevölkerung der Hauptstadt, aber auch nur von der passiven, wurde dieser Erlaß, der eben doch nur ein Apokryphon, eine gutgemeinte Täuschung war, mit freudiger Zustimmung begrüßt. Im Stadthause lachte man darüber. »Die Blauen sind ebenso dumm wie schwach,« meinte der Bürger Assi. Indessen wurde für gut befunden, die Unterhandlungskomödie, in welcher sich ja auch die Deputierten von Paris, sowie die Maires und ihre Adjunkten zu Dupes-Rollen hergaben, noch vierundzwanzig Stunden weiterzuspielen. Alle die Herren Unterhändler von blauer Seite waren in Wahrheit »ebenso dumm wie schwach«. Sie merkten gar nicht, daß den Leitern der Insurrektion ungeheuer viel, alles daran lag, die Wahl einer Kommune als den Wunsch und die Tat der Gesamtbevölkerung von Paris hinzustellen und erscheinen zu lassen, und bewilligten eine der darauf abzielenden Forderungen des Zentralkomitee nach der andern. So kam die »Vereinbarung« zustande, daß Sonntag, den 26. März, von morgens acht Uhr bis nachts zwölf Uhr Paris seine »Kommune« wählen sollte. Damit hatten die Stadthausherren, was sie wollten. Der gute Admiral Saisset trieb die Kindlichkeit so weit, daß er, als nach bestverrichtetem Werke die Bataillone der Bürgerwehr, welche noch bis zum 25. März unter seinem Kommando verharrt waren, entließ, und am Abend des Tages mit dem frohen Bewußtsein, den Bürgerkrieg im Keime erstickt zu haben, nach Versailles hinausfuhr. Wie er dort empfangen wurde und bis zu welchem Grade der Verlängerung dieser Empfang sein Gesicht brachte, ist nicht genau bekannt. Im Hotel de Ville war man an diesem Abend siegesgewiß. Die Blauen hatten sich dumm und schwach erwiesen, die Roten schlau und stark. Die Massen aber fallen bekanntlich überall und allzeit dahin, wo die größere Kraftentwickelung stattfindet. 3. Endlich haben wir die Kommune! »Aux urnes!« hieß die Losung der Pariser am 26. März, und von allen Wänden herab predigten rote Plakate die Tugenden einer ausgiebigen Anzahl von Kommunekandidaten. Helles Sonntagswetter, und man macht seine Wählerpflicht im warmen Sonnenschein ab wie ein anderes Sonntagsvergnügen. Alles ist munter und wohlauf. Das Paris beherrschende Rot ist heute kein düsteres, sondern schillert rosenrötlich. Was kümmern uns die von den Wällen der Nord- und Ostforts verwundert nach der »Weltleuchte« hereinschauenden »deutschen Barbaren«? Nichts. Was fragen wir nach dem in Versailles sich duckenden Nußknacker von Thiers? Weniger als nichts. Denn wir sind souverän, wir Söhne der Weltsonne Paris, souveränst, und wir wollen heute wieder einmal den Erdball in Erstaunen setzen, indem wir ihm zeigen, wie man eine Kommune comme il faut zuwegebringt. Es ist endlich an der Zeit, daß unsere dreimalheilige Dreieinigkeit »Liberté, Egalité, Fraternité« zur Wahrheit und Wirklichkeit werde auf Erden. Denn – also hat der Bürger Jules Allix in einer Klubsitzung von Belleville prophetiert und dekretiert – »frei sein muß jeder, gehorchen keiner. Sogar das Kind muß frei sein von der Geburt an, maßen es niemand Gehorsam schuldet, auch seinen Eltern nicht.« Dieses und andere ähnliche prächtige Prinzipien in Tatsachen zu verwandeln, wählen wir also heute unsere hochgelobte Kommune .... Es geht dabei ganz ordentlich her, das muß man sagen. Die Pariser scheinen durchaus zeigen zu wollen, daß sie mit allem Anstand, ja sozusagen, mit Eleganz anarchisch zu sein vermögen. Aber was anarchisch? Regierung muß sein, und wir haben den einköpfigen »Tyrannen« Thiers nur abgeschüttelt, um uns einen siebzig- oder gar neunzigköpfigen aufzuladen. Variatio delectat mulieres virosque. Würdevoll marschieren die Bürgerwehrmänner in größeren und kleineren Gruppen nach den Abstimmungslokalen, während ihre besseren Hälften in die verschiedenen Kirchen zur Messe gehen; denn die Pariserin vom anständigen Mittelstand ist bis über die Ohren in Katholizismus getaucht. Die Herren Bürger vom Stadthause lassen ihre Boten durch die verschiedenen Quartiere rennen, und da es an Pferden für die Adjutanten fehlt, sieht und hört man Garibaldiner im vollen Seiltänzerwichs der Garibalderei auf Velozipedes durch die Straßen sausen. Wer nachmittags sich die Mühe nehmen will, die große Barrikade zu erklettern, welche man am 19. März aufgetürmt hat, um den Stadthausplatz gegen die Rue Rivoli hin abzusperren, kann von dort herab ein fröhliches Drängen und Treiben auf diesem Platz erschauen. An zwanzigtausend Bürgerwehrleute sind da versammelt und die Musikbanden verschiedener Bataillone spielen auf. Rothemden und Blaublusen schäkern mit Damen, die mehr oder weniger »von jener Sorte« sind. Zuaven und Turkos tanzen mit Marketenderinnen zwischen den Geschützen, welche, in Batterie gebracht, ihre Mündungen den Ausgängen des Platzes zukehren. Die Mitglieder des »Conseil municipal« – diese Benennung klebte man vorderhand noch der Kommune als ein Feigenblatt auf – sollten neunzig sein, der eingeschriebenen Wähler waren vierhundertundneunzigtausend. Aber von diesen hatte sich mehr als die Hälfte den Protest hinter die Ohren geschrieben, welchen am 19. März fünfunddreißig Pariser Journale einmütig gegen die Gültigkeit dieser Wahl zum voraus erhoben hatten, zu nicht geringer Erbosung der Herren vom Zentralkomitee, welche darauf in ihrem »Journal officiel« am 22. März eine drohende Kundgebung erließen, deren kurzer Sinn war, daß sie die Freiheit der Presse achten würden, solange dieselbe so frei wäre, nur in ihrem , der Stadthausherren, Sinne zu schreiben. Nur zweihundertundsiebenundsiebzigtausenddreihundert Wähler gingen zu den Urnen, und aus diesen kamen als gewählt hervor die (nach der Reihenfolge der zwanzig Arrondissements gezählten) Bürger: 1. Adam, Barré, Méline, Rochard; 2. Brelay, Chéron, Loiseau-Pinson, Tirard; 3. Arnaud, Demay, Dupont, Murat, Pindy; 4. Amouroux, Arnould, Clémence, Gérardin, Lefrançais; 5. Blanchet, Jourde, Ledroit, Régère, Tridon; 6. Beslay, Goupil, Leroy, Robinet, Varlin; 7. Brunel, Lefèvre, Parisel, Urbain; 8. Allix, Arnould, Rigault, Vaillant; 9. Desmarest, Ferry, Naft, Parent, Ranc; 10. Babick, Champy, Fortuné, Gambon, Pyat, Rastoul; 11. Assi, Avrial, Delescluze, Endes, Mortier, Protot; 12. Fruneau, Geresme, Theiß, Barlin; 13. Chardon, Duval, Fränckel, Maillot; 14. Billioray, Decamp,Martelet; 15. Clément, Langevin, Ballès; 16. Bouteiller, Marmottan; 17. Chalain, Clement, GerardinMalon, Varlin; 18. Blanqui, J. B. Clément, Dereure, Ferré, Grosset, Theiß, Vermorel; 19. Buget, Courent, Delescluze, Miot, Ostyn, Oudet; 20. Bergeret, Blanqui, Flourens, Ranvier. Abgesehen von den Doppelwahlen und dem von Paris abwesenden Blanqui, ist die tatsächliche Mitgliederzahl der Kommune nie eine vollzählige gewesen. Denn keineswegs waren alle die Gewählten mit der Sache einverstanden. Die sämtlichen Erkorenen der Arrondissements 1, 2, 9 und 16 verweigerten die Annahme der Wahl. Ebenso in anderen Bezirken die Herren Fruneau, Gouvil, Lefèvre, Leroy, Murat und Robinet. Am 16. April verschritt man zu Ergänzungswahlen, an welchen aber nur ein Achtel der Wahlberechtigten teilnahm. Unter den Gewählten sind Cluseret, Courbet, Garibaldi (Menotti) und Vesinier zu nennen. Andere, wie Briosne und Rogeard, lehnten das ihnen übertragene Mandat ab. In drei Bezirken kam wegen allzu dünner Beteiligung gar keine Wahl zustande. Die Kommune war demnach vom Anfang bis zum Ende niemals vollständig; niemals repräsentierte sie sämtliche Quartiere oder gar sämtliche Bevölkerungsklassen von Paris. Wohl war unter ihren roten Mitgliedern da und dort ein blaues oder wenigstens rötlichbläuliches hineingesprenkelt, z. B. der Bürger Beslay und der wackere Färbergesell V. Clément, aber Blauheit oder auch nur Bläulichkeit vermochte gegen das triumphierend herrschende Rot nicht aufzukommen. Frühmorgens am 26. März hatte das Zentralkomitee mittels einer vom Tage zuvor datierten Proklamation seine Selbstauflösung angekündigt. Aber es war das eigentlich nur ein so tun. Denn nach öffentlich aufgelöstem Komitee fuhr ein geheimes, welchem Assi vorsaß, zu bestehen und zu amten oder wenigstens mitzuamten fort. Am 28. März wurden die »Saturnia regna« der Kommune auf dem Stadthausplatz unter großem Festjubel ausgerufen, und sah die frühlingswarm scheinende Sonne wieder einmal eins jener Pariser Haupt- und Staatsspektakel, wie sie deren an derselben Stelle schon so manches gesehen hatte. Einhundert oder gar zweihundert Bataillone Bürgerwehr waren da in Parade aufgestellt. Vor der Front des riesigen Stadtpalastes war eine große Bretterbühne aufgeschlagen. Darauf saßen die Mitglieder des gehenden Zentralkomitee und die der kommenden Kommune, alle mit roten Schärpen geschmückt. Über die Bühne ragte eine gipserne Statue der Republik empor, einen roten Gürtel über den Hüften, die rote phrygische Mütze auf dem Kopfe. Vor die eherne Bildsäule Heinrichs IV. samt seinem bronzenen Gaul hatte man eine spanische Wand von roten Fahnen hingestellt, um die Augen der Bürger und Bürgerinnen, Republikaner und Republikanerinnen durch den Anblick eines »Tyrannen« nicht zu beleidigen. Die eigentliche Zeremonie, das heißt die Übergabe der Gewalt von seiten des Zentralkomitee an die Kommune, wurde kaum bemerkt in dieser Flut von Farben, Sonnenstrahlen und Waffenglitzern, in diesem Schwall von hunderttausend Menschenstimmen. Das »Vive la république!« wurde auf der Estrade ausgebracht, und zur Antwort scholl vom Platze herauf zurück: »Vive la commune!« Ein Meer von Bajonetten, Degenspitzen, Hüten, Käppis und Taschentüchern wogt empor. Die sämtlichen Musikbanden intonieren die Marseillaise; alle Anwesenden, Männer, Frauen, Kinder fallen ein in die herzbewegende Weise des alten Zauberliedes, und die am Seinequai aufgestellte Batterie donnert den Takt des brausenden Chorgesangs. Eine ganze Reihe von Augen- und Ohrenzeugen hat erklärt, daß dieser Augenblick ein sehr ergreifender gewesen sei, und daß sich dabei das Volk von Paris wieder einmal in seiner ganzen Begeisterungsfähigkeit und Liebenswürdigkeit gezeigt habe. Zweifelsohne. Aber bei alledem drängt sich einem doch die Wahrnehmung auf, daß schon der festliche Beginn der Kommuneherrschaft die Geistesode, den Ideenmangel und die Gedankenarmut der ganzen Bewegung signalisierte und symbolisierte. Nicht einmal ihre Inthronisierung wußten die Herren von der Kommune irgendwie originell in Szene zu setzen. Das ganze Spektakel vom 28. März mußte jedem Kenner der Revolutionsgeschichte wie ein Abklatsch jener Spektakel vorkommen, welche Anno 1793 der »Oberzeremonienmeister des Schreckens«, der Maler David, inszeniert hatte. Nur mehr Rot wurde jetzt aufgewendet und bedeutend weniger Redekunst. An Phrasenschwulst und Tiradenbombast dagegen fehlte es auch jetzt nicht. Sagte doch das scheinbar gegangene Zentralkomitee am Abend des Tages in einem Maueranschlag den Bewohnern von Paris, daß diesen »heute dem großartigsten Schauspiel anzuwohnen gegönnt gewesen sei, welches jemals Menschenaugen geblendet und Menschenherzen gerührt hat. Denn Paris begrüßte die Republik und hieß sie willkommen. Paris schlug im Buche der Geschichte eine neue Seite auf und schrieb seinen mächtigen Namen darauf« – usw. im Geleier nach bekannter Melodie. Charakteristisch, wenn auch nicht origineller als das übrige, war der Schluß des Aktenstücks. Man weiß ja, daß schon die Reden und Proklame der ersten Revolution neben »la patrie« immerfort »l'humanité« und »le genre humain« gestellt, sowie das Evangelium von der Freiheit, Gleichheit und Bruderschaft allen Völkern des Erdkreises zu bringen verheißen hatten. So auch das Abendproklam vom 28. März. Denn nachdem es die »stolze Parole« ausgegeben: »Den Tod für das Vaterland!« forderte es die Pariser auf, fest und vertrauensvoll um die Kommune sich zu scharen, weil nur dadurch das große Endziel zu erreichen wäre: – die »Universalrepublik«. Der gewohnte gallische Größenwahnsinn, wiederum der alte Chauvinismus, diesmal mit einem roten Mäntelchen angetan. 4. Wer waren sie? Was wollten sie? Derweil das souveräne Volk am Abend vom 28. März in seine Tavernen schlampampen ging, setzten sich die neuen Souveräne des Souveräns, Messieurs les Citoyens de la Commune, im Festsaale des Stadthauses zum Installierungsbankett. Dabei ging es aber nicht eben heiter her. Denn schon in der ersten Stunde ihres Bestehens erwies sich die Kommune als ein keineswegs kompaktes Ding und die Gegensätze, welche sie in sich barg, barsten sofort aus. Das konnte gar nicht anders sein, maßen die etlichen sechzig Mitglieder der neuen Regierung von sehr verschiedenen Anschauungen ausgingen und demnach auch verschiedenen Zielen zustrebten. Schon heute brachte es eine bedenkliche Dissonanz in die Festharmonie, daß wenigstens einer der Gewählten, Herr Tirard vom zweiten Arrondissement, mit Betonung erklärte, er betrachte sich nur als Mitglied einer Gemeindevertretung von Paris. Diese sei nach seiner Auffassung durchaus nur eine munizipale, keine politische Behörde, habe daher auf städtische Angelegenheiten sich zu beschränken und ganz und gar keine Berechtigung, Politik zu treiben. Man kann sich unschwer vorstellen, wie gerade und scharf diese Anschauung solchen Kommunarden gegen den Strich ging, welche – und sie waren die große Mehrheit – in der Kommune eine politische und zwar hochgradig revolutionäre Maschine erblickten. Sicherlich war die Ansicht Tirards auch die von mehreren seiner Kollegen, aber nur er hatte den vollen Mut seiner Überzeugung, indem er, sowie er wahrgenommen, wie wenig Anklang seine Meinung gefunden, sofort das kaum angetretene Mandat niederlegte. Dieses Vorgehen Tirards zeigte den Ultras, daß sie immerhin noch mit einem gemäßigten, solid bürgerlichen Elemente in Paris zu rechnen haben würden und nicht so ohne weiteres mit den Dogmen eines Blanqui, mit internationalen Phantastereien, sozialistischen Schwarbeleien und kommunistischen Räubereien hervortreten dürften. Das machte die Bankettierer im Hotel de Ville nachdenklich und das Bankett selber kurz und düster. Beim Hinweggehen soll einer der Festgenossen die Äußerung getan haben: »Mit Wein hat die Kommune angehoben; mit Blut wird sie enden.« Diese Weissagung zu tun, ist eben keine große Kunst gewesen. Man brauchte nur die Mehrzahl der Gesellen anzusehen, aus welchen die Kommune zusammengesetzt war. Gewiß müßte man es nicht nur als ungerecht, sondern auch geradezu als stupid bezeichnen, so man leugnen wollte, daß auch Ehrenmänner in der Kommune saßen. Ja, Männer von tadelloser Lebensführung, von nicht gemeinem Wissen und von selbstloser Begeisterung saßen darin. Es gab da Gelehrte, Geschäftsleute, Arbeiter, welche ohne Frage zu den besten Bürgern ihres Landes gehörten. So z. B. der sechsundsiebzigjährige Alterspräsident der Kommune, der Ingenieur Beslay, der Publizist Vermorel, der Jurist Protot, der Arzt Rastoul, der Färbergesell V. Clément, nicht zu verwechseln mit dem wütenden Fanatiker J. B. Clément. Aber die Mehrzahl, die Mehrzahl! Sie war der Auswurf der Weltkloake Paris. Winkeladvokaten, Winkelliteraten, Winkelärzte, bankerotte Krämer, weggejagte Kommis, verstickte Studenten, verbummelte Arbeiter, ein Rattenkönig von Unwissenheit, Faulheit, Neid, Dünkel, Größenwahn, Vermessenheit und Begehrlichkeit, ein Katilinariat, wie es im Sallustius steht – das waren die Leute, welchen die Hauptstadt Frankreichs ihr Schicksal anvertraut hatte. Ein gewiß unverdächtiger und kompetenter Zeuge, der schon mehrfach erwähnte brave Viktor Clément, hat dieser Kommune-Sippschaft ein glühendes Brandmal aufgedrückt. In die Kommune gewählt und zum Maire des achtzehnten Arrondissements ernannt, besuchte der heißrepublikanisch und hochsozialdemokratisch gesinnte, aber ehrliche Färbergesell seinen Meister Hallu im Faubourg Vaugirard. »Nun, was halten Sie von der Kommune?« fragte der Meister. »Was ich davon halte?« gab Clément zur Antwort. »Ich fürchte, sie ist eine Rotte von Schurken, eine Bande von Jakobinern, die nichts Gutes zustande bringen werden, und ich wollte, ich stände erst wieder in meinen Holzschuhen und an meiner Bütte.« Dieser wirkliche und wahrhafte, nicht bloß gemalte oder geschriebene Arbeiter, wie deren so viele herumlaufen, ist wohl als der Mensch zu bezeichnen, welcher während des roten Quartals in Paris das meiste Gute getan und das meiste Böse verhütet hat. Clements Persönlichkeit, Auftreten und Handeln haben nachmals sogar auf das Versailler Kriegsgericht einen so günstigen Eindruck gemacht, daß es dieses Mitglied der Kommune mit der fast beispiellos gelinden Strafe von nur drei Monaten Haft belegte. Zu den gefährlichsten Kommunarden gehörten Pyat, Varlin und Vallès, zu den bösartigsten, Assi, Urbain, Billioray und Régère, zu den verrücktesten Lullier und Allix. Der verbissenste, gefrorenste Fanatiker in der ganzen Bande war ohne Zweifel Delescluze. In dem Schreiner Pindy, welchen seine Kollegen zum Gouverneur des Stadthauses machten, verband sich mit dem rötesten Rot ein brutaler Humor. Er war der Mann, lachend zu sagen: »Geht die Sache schief, so spreng ich das Stadthaus mitsamt der Kommune in die Luft!« und er war auch der Mann, zu tun, wie er sagte. Zwei Narren in Folio waren der verlotterte Schulmeister Lefrançais und der vergeckte Mediziner Babick: sie vertraten mitsammen den höchsten und tiefsten Blödsinn der Kommunisterei. Aber die ruchlosesten, verhärtetsten, kältestgrausamen Mitglieder der Kommune sind ohne Frage der verbummelte Buchhalter Theophil Ferré und der verstickte Student Raoul Rigault gewesen. Ferré, der kleine, dürre, knirpsige Kommis, und der aufgeschwemmte, zierbengelige Kneipenläufer Rigault waren von der Revolutionslegende so recht besessen. Der eine hatte sich den Hébert, der andere den Marat zum Muster und Vorbild genommen. Im Sprechen äfften sie den Hyperbelbombast von Danton nach. Insbesondere tat dies Rigault, dessen namenlose Eitelkeit sich darin gefiel, mit seinem Atheismus und Maratismus staatzumachen und zu renommieren. »Wenn ich für vierundzwanzig Stunden« Polizeipräfekt wäre« – Pflegte er zu sagen – »so würde es mein erstes Geschäft sein, einen Verhaftsbefehl gegen den Herrgott zu erlassen, und wenn er sich nicht finden ließe, würde ich ihn zum Tode verurteilen und in effigie hinrichten lassen.« Ein andermal ließ er sich vernehmen: »Ich habe eine wichtige Erfindung gemacht und will, wo möglich, ein Patent darauf nehmen. Meine Erfindung beseitigt die Guillotine. Diese ist zwar ganz ehrenwert, aber sie ist, wie ja schon der selige Bürger Carrier meinte, zu langsam. Man muß veraltete Einrichtungen dem Fortschritt zu opfern und aus der Wissenschaft Vorteil zu ziehen wissen. Die Guillotine hat ihre Zeit gehabt. Das Ding ist veraltet. Ich habe eine elektrische Batterie konstruiert. Die arbeitet sicher, sauber, schnell und geräuschlos. Sie kann, wenn es euch beliebt, fünfhundert Reaktionäre mit einem Schlag vernichten.« Ein frommer Mann würde es eine Ironie Satans nennen, daß dieser Mensch wirklich seinen Wunsch, Herr in der Polizeipräfektur zu werden, erfüllt sah. Ich für meinen Teil sage nur, daß in Frankreich nichts unmöglich. Es ist auch nicht verwunderlich, daß die Jakobiner von 1871, sobald sie zur Macht gelangten, als die ärgsten Tyrannen auftraten: sie waren ja die Affen der Jakobiner von 1793. Ganz in der Ordnung also, daß diese »Freiheitshelden« mit höchster Erbitterung auch die Pressefreiheit verfolgten. So namentlich Rigault. Als er eines Tages einen Journalisten hatte verhaften lassen, ging ein Kollege desselben zu ihm, um die Freilassung des Gefangenen zu erbitten. Im Verlaufe des Gespräches sagte der Bittsteller: »Man scheint dermalen die Freiheit der Presse gering zu achten.« Worauf Rigault: »Freiheit der Presse? Kenne das nicht.« »Sie wollen nichts davon wissen? Aber sie haben ja dieselbe früher täglich gefordert.« »Ja, das war eben zur Zeit Badinguets (Napoleons III.). Überdies habe ich für meine Person zum voraus erklärt, daß wir nun und nimmer eine gegnerische Presse dulden würden, wenn wir einmal die Stärkeren wären. Wir sind es jetzt, und folglich dulden wir keine oppositionelle Presse.« Es fehlte nur noch, daß dieser Marat von 1871 sagte: »La presse c'est moi.« Das wäre eine zeit- und ortsgemäße Variation des alten Despotenwortes von Ludwig XIV. gewesen. Wenn bei Burschen wie Ferré und Rigault der Fanatiker nur eine leichte Maskierung des Bösewichtes war, so stellte sich dagegen in der Person von Gustav Flourens der Typus des Erzphantasten dar. Sohn eines bekannten Gelehrten und selber wissenschaftlich durchgebildet, hatte Flourens seinem Wissen nie den geringsten Einfluß auf die Phantasmen gestattet, worin er von Jugend auf lebte und webte. Gut und großmütig von Natur, wie vor ihm der ihm geistesverwandte Armand Barbès gewesen, war der junge Mann ebenfalls ein Opfer des Revolutionsmythus geworden, so sehr, daß sich in seinem Gehirne die Idee fixierte, man müßte Revolution machen um der Revolution willen. Zu fragen, was denn am Ende aller Enden aus dieser Revolution in Permanenz werden sollte, fiel ihm natürlich nicht ein. Er wäre ja sonst nicht gewesen, was er war, ein richtiger Wolkenkuckucksheimer, ein enthusiastischer Bürger von Utopia. Sieht man von diesen und den übrigen schon früher namhaft gemachten Ausnahmen ab, bei welchen der Wahnwitz wenigstens nur auf irregeleiteter Begeisterung und chaotischer Begriffeverwirrung, nicht aber auf den selbstsüchtigen Berechnungen der Eitelkeit, der Ehrsucht, der Gaunerei und Schurkerei beruhte, so ist man vollständig berechtigt, die andern Mitglieder der Kommune als traurige Produkte der rohmaterialistischen Anschauungs- und Denkweise unserer Zeit zu bezeichnen. Auch diese Narren und Verbrecher sind echte Priester der Mammonsreligion des Jahrhunderts, nur in anderer Form als unsere Geldkönige und Börsenfürsten, welche den Schweiß und das Mark der Völker in ihren Kassen ansammeln, und durch ihre übermütige Protzerei den Neid und Groll der vom Bankette des Lebens Ausgeschlossenen herausfordern. Als einer dieser Könige, James Rothschild, in Paris vor etlichen Jahren starb, hinterließ er seinen Söhnen sechzehnhundert Millionen oder mehr. Und zu denken, daß zu solchem ungeheuerlichen, man möchte sagen sündhaften Reichtum einer Familie jene »Blutgelder« den Grund gelegt haben, wofür die Hessen-Kasseler »Landesväter« Karl I., Wilhelm VIII., Friedrich II. und Wilhelm IX. ihre armen »Landeskinder« zu Tausenden und wieder Tausenden an verschiedene kriegführende Potentaten verschacherten, so recht en gros der letztgenannte an die Engländer während des Unabhängigkeitskampfes der Amerikaner! Dieser Familienschatz, an welchem mehr Flüche hafteten als an dem Nibelungenhort, ist dann zur Napoleonischen Zeit dem alten Amschel, dem Begründer der Dynastie Rothschild, zum »Aufheben« gegeben worden, und der alte Amschel wußte damit so geschickt zu jobbern, daß schon sein Sohn, der Großmeister der europäischen Jobberei, der eigentliche Kohen hagadol (Hohepriester) im Tempel Mammonis war. Auf unserer Zeit liegt das grausame Verhängnis, die gesellschaftlichen Gegensätze immer schärfer zuzuspitzen, den Abgrund zwischen reich und arm, zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig immer breiter und tiefer zu machen. Schon einen Blick in diesen Abgrund tut, wer die Pariser Kommunewirtschaft von 1871 betrachtet. Seht immerhin hinunter, ihr, die ihr zu sehen, zu fühlen und zu denken wagt. Aus der finstern Tiefe starrt euch das rote Drachenhaupt der sozialen Frage entgegen, nicht wahr? Ihr kehrt euch schaudernd ab, und eure zagende Seele überfröstelt die Angst, daß eines Tages der Drache dem Abgrund entsteigen, und Ströme von Wut und Glut und Blut über die Erde hinhauchen könnte. Ja, euch und alle nicht Gedankenlosen schauert die Ahnung an vom Kommen der großen Wehestunde, wann die empörte Arbeit, eine rachewütige Kriemhild, dem grimmen Hagen Kapital den Goldhelm mitsamt dem Haupte herunterschlagen und die soziale Götterdämmerung alle ihre Schrecken loslassen wird .... Am 29. März erfolgte die Konstituierung der Kommune. Sie bestellte einen Vorstand, welcher wöchentlich wechseln sollte, und den ersten Wochenvorstand bildeten die Bürger Lefrançais als Vorsitzer, Bergeret und Duval als Beisitzer, Rigault und Ferré als Schriftführer. Dann teilte sich die Kommune in zehn Kommissionen, welche die verschiedenen Zweige der Zivil- und Militärverwaltung nach Art der früheren Ministerien besorgen sollten. Es gab z.B. eine Finanzkommission, in welcher der Student Jourde, ein geborenes Finanztalent, die Hauptrolle spielte; eine Kriegskommission, wo sich die Bürger Eudes, Bergeret, Flourens, Cluseret, Rossel, Delescluze an der ersten Stelle ablösten: eine Sicherheitskommission, welche die Funktionen der bisherigen Polizeipräfektur übernahm und worin die Bürger Assi, Ferré und Rigault herrschten. Der letztere hatte sich übrigens schon am 20. März in der Polizeipräfektur installiert und der Gewalten des verjagten Polizeipräfekten sich bemächtigt. Später wärmte man für ihn das Amt und den Titel eines »Procureur de la Commune« von 1792 wieder auf. Göttin der Gerechtigkeit, du hast dir schon allerhand Priester gefallen lassen müssen, aber ein solches Exemplar wie den Bürger Rigault wohl selten. Das war so ein Wächter der öffentlichen Sicherheit, wie der Bürger Jules Ballès, welcher das Diktum von sich gab, Homer sei nur »ein alter Schafskopf« gewesen, eine Art von Unterrichtsminister war. Die Rede, womit der alte Beslay die erste Sitzung der Kommune schloß und worin er die Losung ausgab: »Friede und Arbeit!« schien eine Gewähr zu bieten, daß Verstand und Mäßigung in der Versammlung obenauf seien. Aber es ging hier, wie es bei derartigen Vorkommnissen immer und überall zu gehen pflegt. Je rascher die Dinge in Fluß und Schuß kamen, desto lauter und gewalttätiger machten sich die Leidenschaften geltend und drängten die verständige Erwägung mehr und mehr beiseite. Bald mußten die Besonnenen und Gemäßigten erkennen, daß sie gegenüber den Überspannten und Wütenden in machtloser Minderheit sich befänden, und so blieb von ihnen einer nach dem andern aus den Sitzungen der Kommune weg. Auch die Ultras, welche jedoch die herrschende Mehrheit ausmachten, stimmten nicht einmal im Prinzip überein. Sie zerfielen in Jakobiner und Kommunisten. Die einen bekannten sich zum Sankt Jakob von 1793 und wollten eine Republik à la St. Just und Robespierre, jedoch mit Beseitigung der Zentralisation, was doch ein Widerspruch in sich selbst war; die andern ließen die Republik nur gelten als die Basis, auf welcher sie nach dem Bauplan der Internationale den kommunistischen Proletarierstaat aufrichten wollten. Die beiden Fraktionen hielten sich bis zuletzt in der Kommune die Wage, und so ist es gekommen, daß auch dieser kreißende Berg nur eine Maus gebar, d.h. daß die Kommune ein positivrevolutionäres Resultat gar nicht erzielte, daß sie sich politisch, sozial und volkswirtschaftlich als durchaus unfruchtbar erwies, daß sie nur alles, was sie erreichen konnte, zu zerstören, lediglich aber nichts, gar nichts zu schaffen vermochte. Tiefbeschämend für die Menschheit ist es, daß einer Rotte von so mittelmäßigen Köpfen, von so ordinären Gesellen so viel Unheil anzurichten gestattet war. Was man auch tun mag, das Phänomen des roten Quartals von 1871 zu erklären, immer ist und bleibt die Möglichkeit des Phänomens eins der traurigsten Armutszeugnisse, welche das Menschengeschlecht sich ausgestellt hat. Die Kommune regierte ohne Programm, wenn man nicht etwa für ein solches gelten lassen will, ein an das »Volk von Frankreich« erst am 19. April erlassenes Manifest, ein Aktenstück, womit der ganzen Geschichte des Landes brutal ins Gesicht geschlagen wurde. Das Manifest verlangte eine bis zum Äußersten gehende Dezentralisation. Die französische Republik, wollten die Herren Kommunarden, sollte bestehen aus so vielen Kommunen, als Frankreich Ortschaften besäße, und diese Gemeindefreiheit sollte nur beschränkt sein durch die Gleichberechtigung der Gemeinden, welche mittels Vertrags zu einer staatlichen Einheit zusammentreten würden. Etwas Unfranzösischeres als diese bis zum äußersten Extrem, geradezu bis zur Pulverisierung getriebene Zerstückelung des Staatskörpers ließe sich kaum aussinnen. Jeder Wissende kennt die mancherlei und großen Schäden, welche für das französische Volk aus der maßlosen Zentralisation erwachsen sind. Aber jeder Wissende weiß auch, daß eine solche Zentralisation dem Galliertum im Blute lag und liegt, und daß demzufolge die gesamte geschichtliche Entwickelung Frankreichs folgerichtig darauf hingearbeitet hat. Das Gute und Vorteilhafte, welches der Zentralisation doch immerhin auch zu eigen, beibehalten, das Schlechte und Schädliche derselben allmählich ausscheiden, das wäre patriotisch und staatsmännisch gehandelt. Aber von heute auf morgen die Genesis des Staates verneinen, den ganzen Staatsorganismus auf den Kopf stellen und dem Franzosentum dekretieren wollen, aus seiner Haut zu fahren, das war offenbar Wahnsinn. Der einzige originelle Anlauf also, welchen die Kommune nahm, mußte sie von Rechts wegen ins Narrenhaus führen. Von der Gelegenheitsgesetzgebung der Herren vom Stadthause zu reden, ist nicht der Mühe wert. Dergleichen Akte, wie z.B. das zugunsten der Schuldner erlassene Wechsel- und Mietegesetz, gehörten zu den Notbehelfen einer Regierung, die von der Hand in den Mund lebte. Um sich einen sittlichen Firnis zu geben, verbot die Kommune alle Arten von Hasardspielen, und in einem Anfall von kommunistischem, d.h. die persönliche Freiheit und Selbstbestimmung für nichts achtendem Weltbeglückungseifer verbot sie den Bäckern, bei nachtschlafender Weile Teig zu kneten und Brot zu backen. Der »Delegierte beim Unterrichtswesen«, Bürger Vaillant, auf deutschen Hochschulen gebildet, gab sich viele Mühe, Schulorganisationspläne, die an und für sich gar nicht übel waren, zu entwerfen, die aber natürlich Papier blieben. Auf die Anregung von Pyat wird das vom 3. April datierte Dekret der Kommune zurückgeführt, welches die Trennung der Kirche vom Staat aussprach, die Staatsausgaben für den Kultus unterdrückte, und die sämtlichen beweglichen und unbeweglichen Güter der Klöster und Kongregationen konfiszierte und als Nationaleigentum erklärte. Dieses Gesetz gelangte, soweit die Zeit reichte, zur Ausführung. Die Finanzen der Kommune wurden vom Bürger Jourde ebenso geschickt als gewissenhaft verwaltet, wie denn dieser junge Mann sicherlich auch durch persönliche Ehrenhaftigkeit unter seinen Kollegen hervorragte. Die tägliche Ausgabe betrug etwa achthunderttausend Franken. Gedeckt wurde dieser Bedarf durch die Akzise, die Tabaksregie, die Stempelgebühren, die Zwangsanleihen bei den Eisenbahngesellschaften und bei der Bank von Frankreich. Beraubt wurde diese nicht, weil sich namentlich Jourde und Beslay dem Raube energisch widersetzten, dagegen tüchtig angezapft. Es darf gewiß als ein finanzpolitisches Kuriosum ohnegleichen bezeichnet werden, daß die Bank von Frankreich – mit Vorwissen und Beistimmung von Monsieur Thiers – in den letzten Tagen der Kommune förmlich den Kassierer derselben machte und ihr Tag für Tag achthunderttausend Franken ausbezahlte. Die Bezüge der Beamten waren übrigens sehr mäßige. Am 2. April wurde dekretiert, daß die höchste Jahresbesoldung eines Gemeindebeamten auf sechstausend Franken fixiert sein solle. Die Mitglieder der Kommune bezogen ein Taggeld von fünfzehn Franken, weiter nichts. Ein Obergeneral erhielt sechzehn Franken Taggeld, ein Nationalgardist einundeinenhalben Franken und die Verköstigung. Daß die Kommunarden in sybaritischen Bacchanalien und babylonischen Orgien geschwelgt hätten, ist Verleumdung, Bürger Jourde hat nachmals vor dem Kriegsgerichte in Versailles die Gesamtausgabe der Kommune auf dreiundfünfzig Millionen angeschlagen, und es war ihm aufs Wort zu glauben. Wie das rote Quartal erst verständlich wird, wenn man die während des zweiten Empire aufgekommene, von den Tuilerien beschützte und von der Börse gehätschelte, so recht aus »boue de Paris« geknetete Literatur kennt, diese Literatur der bronzestirnigen Gemeinheit, der brutalen Selbstsucht und des triumphierenden Lasters, aus welcher ja die Kommunarden wohl den Schluß ziehen durften, eine solche Gesellschaft sei nur der Vernichtung wert, – so muß man die Kommuneliteratur, diese zahlreich wie Brennesseln und Giftpilze aufgeschossenen Journale durchmustern, um so recht zu erfahren, welche Hefe wilder Instinkte und wütender Leidenschaften damals in Paris brodelte und gor. Unduldsam und gewalttätig, wie die roten Komödianten von 1793 gewesen, waren auch durchweg ihre Affen von 1871. Nur ihre eigenen Stimmen wollten sie hören, und so wurde jede abweichende Meinung und Meinungsäußerung geächtet. Diese Freiheitsheuchler waren fanatische Pfaffen der Tyrannei. Was nicht für sie war, sollte gar nicht sein. Die Presse, welche nicht aus der kommunistischen Tonart schrieb, wurde gewaltsam unterdrückt. Nicht etwa nur die monarchischen Blätter mußten verstummen, sondern auch die republikanischen. Nicht etwa nur der bonapartistische »Gaulois« oder die orleanistische »Revue des deux mondes«, sondern ebenso der republikanische »Siècle«. An der Stelle der weggefegten anständigen Journalistik machte sich eine wirkliche und wahrhafte Canaillepresse schamlos breit. Das lumpigste literarische Zigeunertum von Paris kam aus seinen Schlupfwinkeln hervor und tanzte auf den Straßen seine journalistische Carmagnole. Auch hierin, wie in anderem, um nicht zu sagen in allem, wurden die wüstesten Erinnerungen der ersten Revolution wieder aufgewärmt. Da konnte es nicht fehlen, daß auch Héberts blut- und schmutztriefendes Journal »Le père Duchêne« wiedererstand. Und dieses von Vermersch redigierte Blatt verkaufte täglich siebzigtausend Exemplare und brachte seinen Schmierfinken Tag für Tag tausend Franken Nettoprofit. Wollt ihr mit eigenen Augen sehen, was für obszöne und mordluftige Sprünge die Menschenbestie in dem Paris des roten Quartals machte, so nehmt diese oder jene Nummer vom »Vater Duchêne« zur Hand. Aber zieht zuvor, ich bitt' euch, Handschuhe an und verbindet euch die Nasen! 5. Verhaftet euch untereinander! Wie ging es derweil außerhalb der »intellektuellen Zentralsonne des Weltalls« her? Fand das »hehre« Beispiel, welches Paris gegeben, in den Provinzen Zustimmung und Nachahmung? Was machten die Blauen und was tat Monsieur Thiers? Es ging in den Provinzen nicht so, wie es die Herren vom Pariser Stadthause wollten und wünschten. Das »hehre« Beispiel war so ziemlich umsonst gegeben. Die Pulverisierung Frankreichs zu einem Chaos von Kommunen entsprach mitnichten dem Nationalgeschmack. Die internationale Verschwörung hatte zwar in verschiedenen Städten tüchtig vorgearbeitet, und es gingen dann auch auf die Stunde vom 18. März hin, da und dort, in Lyon, in St. Etienne, in Marseille, in Toulouse, in Rouen, rote Flatterminen los. Aber eben doch nur Flatterminen oder sogar nur »Feuerteufel«, ein bißchen prasselnd und stinkend, aber ohnmächtig, zu zünden und zu sprengen. Diese Krawalle schlug die blaue Regierung unschwer nieder, und der ganze Rummel in den Provinzen hatte ein Ende, nachdem es gelungen war, den Hauptminierer Blanqui zu Kastelnau festzumachen. Die fünfzig oder sechzig Tyrannen logen zwar sich selber und ihren Untertanen bis zuletzt vor, ihre »Brüder« in den Provinzen würden ihnen zur Hilfe heranziehen, massenhaft, unwiderstehlich; Tatsache aber war, und zwar sehr bald, daß die Pariser Kommune vom Lande nichts zu erwarten hatte. Die Provinz emanzipierte sich diesmal von der Hauptstadt und trieb in ihrer eigenen Manier, welche eine ganz gescheite war, Dezentralisation. Der kleine Thiers draußen in Versailles war unterdessen auch nicht müßig. Im Gegenteil, tätig bis zum Fieber. Er hatte mehr als eine begangene Dummheit gutzumachen, und er machte sie gut. Vorderhand freilich nur teilweise; denn maßen er schon am 25. März eine Streitmacht von vierzigtausend Mann mit fünfhundertundzwanzig Geschützen zur Hand hatte, so ist wohl die Frage erlaubt, warum Thiers die ganz kopflosen, wahrhaft rührend einfältigen Machenschaften des Admirals Saisset zugelassen und nicht vielmehr einen Angriff auf Paris unternommen habe, der ja am genannten Tage noch unendlich viel leichter gewesen wäre als eine Woche später, wo die Roten die ganze Umwallung von Paris in ihrer Gewalt und ihre Streitkräfte organisiert hatten. Sogar der Forts auf der Südseite der Stadt waren sie leicht Meister geworden, dagegen in dem Versuch, auch der riesigen Zitadelle des Mont Valerien sich zu bemächtigen, gescheitert. Ein noch rechtzeitig auf den Mont geschickter zuverlässiger Kommandant hielt an der Spitze einer pflichttreuen Besatzung diese wichtige, die Westfront von Paris deckende Festung für die Blauen, – ein für die Roten, wie sich bald zeigen sollte, höchst widerwärtiger Umstand. Ein höchst eigentümlicher, ja in seiner Art einziger war es dagegen, daß die Anwesenheit der deutschen Truppen in den Nord- und Ostforts nicht weniger den Roten als den Blauen zum Vorteile gereichte. Den Roten, weil sie demzufolge nur die West- und Südseite der Stadt zu verteidigen hatten, den Blauen, weil sie nicht die ganze Stadt zu umschließen brauchten und die Kraft ihres Angriffs auf die südliche und westliche Front konzentrieren konnten. Aber der Mensch ist eine undankbare Bestie. Nachmals haben Blaue und Rote brüderlichst mitsammen über die Deutschen geschimpft wie Rohrspatzen und unser oben zitierter hochwürdiger Abbé Lamazon hat, vom heiligen römischen Geiste inspiriert, sogar die sublime Entdeckung gemacht, die Kommune sei nichts anderes gewesen als eine »preußische Intrige«, item die Kommunisten und Petroleurs seien »beim Bismarck und beim Moltke in die Schule gegangen«. Daß die Roten über bedeutende Streitkräfte und über ausreichendes Kriegszeug aller Art zu gebieten hatten, ist schon früher dargetan worden. Auch an Generalen fehlte es der Kommune nicht. Freilich waren das Generale von der Sorte der Flourens, Eudes, Brunel, Duval, Bergeret und Lullier, welche an den obersten Stellen befehligen sollten, bis zur Übernahme des allerobersten Befehls der damit betraute und eilends herbeigerufene Garibaldi eingetroffen wäre. Diesmal war aber der Alte von Kaprera klüger als Anno 1870. Eingedenk der Erfahrungen, welche er neulich mit den Franzosen und die Franzosen mit ihm gemacht hatten, blieb er ruhig auf feiner Geißeninsel sitzen. Es war aber auch kein Spaß, General der Kommune zu sein. Der Revolutionsmythus, der Konvent habe seine Generale so lange zur Guillotine geschickt, bis sich welche gefunden hätten, die zu siegen verstanden, hatte ja im Stadthause bedenklich viele Gläubige und Bekenner. Das Messer der Guillotine zwar machte man vorderhand nicht zum Kritiker der Strategen und Taktiker, aber man verhaftete sich mehr oder weniger gemütlich untereinander. Der zweifelsohne mehr als halbtolle weiland Marineleutnant Lullier wurde schon am 26. März von seinem Bürgerwehrkommando abgefetzt, verhaftet und eingesteckt. Es hieß, von wegen eines Stuhles, welchen er im Feuer der Debatte seinem ehrenwerten Kollegen Assi an den Kopf geworfen hätte. Am 2. April brach aber der ehrenwerte Lullier aus und erklärte in Rocheforts »Mot d'ordre«, er werde fortan nur mit zwölf Revolvern in den Taschen herumgehen. An demselben Tage ließ die Kommune ihr ehrenwertes Mitglied Assi verhaften und an den Schatten tun unter der Anschuldigung, ein Weibler und Werber für den Bonapartismus zu sein. Ja, ja, diese ehrenwerten Bürger von der Kommune hatten der großen Mehrzahl nach vollauf Ursache, einander für verdächtig zu halten. Am 1. April ernannte die Kommune den verbummelten Mediziner Eudes zum Quasikriegsminister (zum »Delegierten beim Kriegswesen«) und den, gewesenen Buchdruckereifaktor Bergeret, bislang Sergeant in der Bürgerwehr, zum Generalstabschef. Am folgenden Tage hat dann der Krieg zwischen den Blauen und den Roten ernstlich angehoben, infolge der Vorschiebung einer Truppenschar von St. Cloud her bis an die Seine durch den General Vinoy, obzwar Monsieur Thiers der Meinung war, erst dann zum Angriff auf Paris zu verschreiten, wann er über mindestens hnndertdreißigtausend Mann zu verfügen hätte. Eine solche oder noch größere Truppenzahl unter der Trikolore zu versammeln, wurde aber dem Regierer Frankreichs erst möglich, mittels Unterhandlungen mit dem Deutschen Reiche. Diese Unterhandlungen haben dann auch, wie bekannt, zum Ziele, d. h. viele Taufende und abermals viele Taufende französischer Offiziere und Soldaten aus der deutschen Kriegsgefangenschaft heim und unter die dreifarbige Fahne geführt. Am 2. April also ging der blutige Tanz los. Eine über die Seinebrücke von Neuilly und bis Courbevoie vorgegangene Erkundungsschar der Roten stieß dort mit den Vortruppen Vinoys zusammen und schoß sich mit denselben herum. Die Roten sagten, die Blauen, und die Blauen sagten, die Roten hätten angefangen – natürlich »verräterisch«. Da sich auch die Feuermäuler des Mont Valerien in den Zank mischten, hatten die Roten bewegliche Gründe, nicht nur über die Seinebrücke, sondern auch hinter die Porte Maillot, d.h. hinter die schützende Umwallung von Paris zurückzugehen. Die Blauen füsilierten in ihren Händen gebliebene Gefangene , » sans phrase «. Zur Antwort auf die Mordschüsse vom 18. März, sagten sie später. Man sieht, in diesem französischen Bürgerkriege begann es tüchtig zu spaniolen. Nun brauste, was rot in der Stadt, gewaltiglich auf. Was, wir sollten uns von dem Nußknacker Thiers und seiner Krautjunker- und Bauernversammlung also mitspielen lassen? Kanonen auf den westlichen Wall! Aux armes, citoyens ! Nach Versailles! Nach Versailles! Laßt unsere Generale ihre Schuldigkeit tun, damit wir das vermaledeite Nest des Royalismus und Klerikalismus da draußen ausnehmen und mit einem Schlage unserer hochgelobten Kommune Bahn brechen im schönen Frankreich! »Unsere Generale« Eudes, Bergeret, Duval und Flourens taten denn auch richtig ihre Schuldigkeit, hielten Kriegsrat und setzten einen Plan auf, wozu die Vollziehungskommission im Stadthause Ja und Amen sagte. Abends heizte ein Maueranschlag, worin mit Charettes »Chouans«, »päpstlichen Zuaven«, Trochus »bretonischen Läusekerlen«, »royalistischen Verschwörern« und ähnlichem Zornfutter nicht sparsam umgegangen wurde, den mehr oder weniger heldischen Bürgern tüchtig ein. Am folgenden Morgen geschah der Ausfall, der aber nicht glänzend ausfiel. Um vier Uhr in Marsch gesetzt, brachen die Roten in drei Kolonnen aus der Umwallung hervor. Zur Linken sollte der »General« Endes über Montrouge auf der Straße von Clermont gegen Villacoublay vorgehen. In der Mitte der »General« Duval über Issy und Meudon gegen Viroflay. Auf der Rechten sollten die »Generale« Bergeret und Flourens Rueil und Bougival zu erreichen suchen. Als Gesamtwirkung dieser drei Ausfallsstöße war ein Vorstoß auf Versailles geplant, »um die Schlange in ihrem Neste zu zertreten«. Nun aber gehören zur Ausführung eines Plans bekanntlich immer zwei. Einer, welcher denselben ausführt, und ein anderer, welcher die Ausführung zuläßt. Im vorliegenden Falle versagte der andere den Dienst, d.h. die Blauen schickten die Roten mit blutigen Köpfen heim, nachdem wiederum insbesondere das mörderische Feuer des Mont Valerien das ganze Unternehmen von vornherein dem Scheitern nahegebracht hatte. Die sämtlichen »Generale« der Kommune wurden auf allen Punkten geschlagen und der ganze Ausfall schließlich am folgenden Tage hinter die Wälle zurückgeworfen. Zwei der roten Häuptlinge kehrten nicht wieder in die Stadt zurück. Der phantastische, aber ehrlich-fanatische und tapfere Flourens wurde, mit seinen Truppen von Paris abgeschnitten, am 4. April in einem Hause unweit Ruel, wo er genächtigt hatte, von Versailler Gendarmen, welche von Bauern auf ihn gehetzt wurden, überfallen und fiel, den Säbel in der Hand, unter dem Säbel eines Gegners. Den gefangenen Duval ließ der General Vinoy erschießen. Als diesem der Gefangene vorgeführt worden, fragte er ihn: »Was würden Sie mit mir machen, so ich Ihr Gefangener wäre?« worauf Duval als aufrichtiger Mann antwortete: »Sie erschießen lassen.« Man tat ihm, wie er getan haben würde. Wie du mir, so ich dir. Die arme Mutter von Gustav Flourens holte den toten Sohn von Versailles, wohin man ihn gebracht hatte, nach Paris herein. Man hatte ihr den Leichnam ausgeliefert, aber unter der Bedingung, daß die Bestattung ohne Pomp und Demonstration vor sich ginge. So folgten nur die trostlose Mutter mit ihren zwei übrigen Söhnen und ein Priester dem Sarge zum Père Lachaise. Am Tage darauf stand in einem roten Blatt: »Ein Priester hat Flourens in geweihter Erde begraben. Das ist ein Unglücksschlag über das Grab hinaus.« Der Schlag tat aber nicht mehr weh einem, welcher eingegangen war in das große Schweigen, worin ja dereinst der verglühte Erdball selbst versinken wird, mit allen seinen Scheinfreuden und Peinleiden still versinken wird, wie eine verblühte Wasserlilie in die Tiefe sinkt ... Aus dem Begräbnis von anderen einunddreißig Gefallenen machte man ein großes Spektakel. Denn wie alle Despoten wußten auch die Stadthausherren, daß man der Menge » panem et circenses « verschaffen müßte. Zugleich wurde eine Proklamation ausgegeben, worin es lapidarisch hieß: »Die Banditen von Versailles erwürgen oder erschießen unsere Brüder, die in ihre Hände gefallen. Wenn sie noch einen einzigen unserer Wehrleute ermorden, so werden wir das mit der Hinrichtung einer gleichen oder doppelten Anzahl von Gefangenen beantworten.« Ein Vorwink, aber ein Vorwink mit der Mordkeule auf das Scheusälige hin, was später in La Roquette und anderwärts geschehen sollte. ... Am Tage des mißlungenen großen Ausfalls war der Bürger Cluseret von der Kommune zum Delegierten beim Kriegswesen ernannt worden. Dieser neue Kriegsminister durfte sich kecklich General schelten lassen. Vorzeiten, im Krimkrieg, Kapitän in einem Jägerbataillon, hatte er – man weiß nicht recht, warum – den französischen Dienst verlassen, das sizilische Abenteuer Garibaldis mitgemacht, dann den großen amerikanischen Bürgerkrieg. Ein richtiger Kondottiere unseres Jahrhunderts, hatte er die Witterung der Revolution und lief überallhin, wo »etwas los war«. Im übrigen war er ein mutiger Soldat und kein ungeschickter Offizier. Seinem organisatorischen Talent und seiner kriegsministerlichen Tätigkeit ist es hauptsächlich auf Rechnung zu schreiben, daß die Roten Paris so lange gegen die Blauen zu halten vermochten. Er brachte Ordnung und Straffheit in den militärischen Dienst. Mit den aus Buchdruckern und Buchbindern zu »Generalen« gewordenen Nullen machte er wenig Federlesens. Den Hohlkopf Bergeret, welchen die Kommune nach seiner kläglichen Feldherrnprobe vom 3. April zum Stadtkommandanten ernannt hatte, ließ er absetzen und verhaften, um den tüchtigen Polen Dombrowski auf diesen wichtigen Posten zu stellen. In einer unglücklichen Stunde ernannte Cluseret zum Generalstabschef den jungen, begabten, aber vom Ehrgeiz verzehrten und ränkesüchtigen Geniekapitän Rossel, welcher nach dem Falle von Metz sein den Deutschen gegebenes Ehrenwort gebrochen hatte, und später von der dreifarbigen Fahne seines Landes zur roten übergelaufen war, – ein Mensch, welcher den ihm später zuteil gewordenen Tod an dem roten Pfahl auf der Ebene von Satory wohlverdient hat. Sofort nach seiner Bestallung fing er gegen Cluseret zu ränkeln und zu zetteln an, und seinen Machenschaften ist es zweifelsohne in erster Linie zuzuschreiben, daß die Kommune am 30. April ihren Kriegsminister absetzen und verhaften ließ. An seine Stelle trat Rossel als provisorischer Kriegsminister. Weil er aber merkte, daß die übernommene Würde nur eine für seine Schultern viel zu schwere Bürde sei, warf er sein Ministerium schon am 9. Mai der Kommune vor die Füße. Darauf obligate Verhaftung des auflüpfischen Menschen, der aber mitsamt seinem Wächter, dem Kommunarden Gerardin, aus seinem provisorischen Arrest im Stadthause verduftete und spurlos verschwunden blieb bis zum 8. Juni, wo ihn die blaue Polizei in seinem Pariser Versteck abfaßte. Nach der mit Rossel gemachten Erfahrung wollte die Kommune von keinem Offizier mehr als Kriegsminister wissen und ernannte zum Delegierten beim Kriegswesen den Bürger Delescluze, genannt »der Alte vom Berge«, welcher dann die letzten Kämpfe und Krämpfe der Kommune im streng jakobinischen Stile von 1793 diktatorisch geleitet hat. Von Jugend auf Verschwörer, hatte er gegen das Julikönigtum, gegen die Pseudorepublik von 1848, gegen das zweite Empire gekämpft und schwere Verfolgungen erlitten. Was er in französischen Gefängnissen und unter der Glutsonne von Cayenne ausgestanden, hatte seinen Leib ausgetrocknet und sein Herz zu Stein gemacht. Dieser lange, hagere, bleiche Graubart sah aus wie der verkörperte Gedanke von Robespierre. Zudem, was hatte er zu verlieren? Nichts. Am 18. März begegnete ein Bekannter dem Bürger Delescluze auf der Straße und äußerte besorgnisvoll: »Und wenn nun die Preußen sich dreinmischen und Paris in Brand schießen?« – »Mir ganz egal,« gab der Alte vom Berge zur Antwort; »ich bin nicht Hausbesitzer.« 6. Es wird kanoniert, prophetiert und scharlatanisiert Das »Alles schon dagewesen« hält auch nicht mehr stand. Denn in unseren Tagen hat die menschliche Tragikomödie, sonst auch Geschichte genannt, uns wahrhaftig verschiedene noch nicht dagewesene Figuren und Szenen vorgeführt. War nicht die ganze Szenerie des Kommunespiels eine neue, insofern die deutschen Soldaten sehr wahrnehmbar in den Kulissen standen? Und ist nicht der Marschall Mac Mahon eine neue, noch nicht dagewesene Figur? Gewiß ist er das. Nicht darum zwar, weil er, der notorische Royalist, den Präsidenten einer Republik vorstellt, sondern deshalb, weil er, der bei Wörth davongerittene und bei Sedan davongetragene General, zum Staatsoberhaupt seines Landes erkoren worden. Daß siegreiche Degen zu Szeptern wurden, das ist schon oft dagewesen. Daß ein zerschlagener Degen als Szepter fungiert, das ist neu. Maßen der alte Thiers nicht selber zu Pferde steigen konnte – gewiß zu seinem großen Leidwesen – so mußte er sich nach einem passenden Obergeneral umsehen, und seine Wahl fiel auf den aus deutscher Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Mac Mahon. Daß dieser trotz Wörth und Sedan noch ein solches Ansehen behalten hatte, zeugt immerhin von seiner soldatischen Tüchtigkeit. Vielleicht wollte die Quasi-Republik durch die Ernennung des sehr katholischen Marschalls der hochwürdigen Klerisei eine Bürgschaft geben. Übrigens war ja auch die Auswahl nicht groß. Der Marschall hatte ausreichende Streitkräfte unter seiner Hand, an hundertundfünfzigtausend Mann. Die »aktive« Armee, anfänglich drei, später fünf Korps stark, wurde von den Generalen Ladmirault, Cissey, Du Barrail, Douay und Clinchant kommandiert. Die »Reservearmee« befehligte der General Vinoy. Nachdem die Organisation, Ausrüstung und Verteilung der Truppen vollendet war, begannen die Blauen am Grünen Donnerstag (6. April) ihre Angriffsbewegungen gegen die Roten, In der Richtung auf Neuilly zunächst. Die Feldwachen der Roten, welche sich wieder bis Courbevoie vorgewagt hatten, wurden von dort über die Seinebrücke und die Avenue hinab bis zur Porte Maillot zurückgetrieben. Zugleich überschüttete der Mont Valerien Neuilly und dessen Umgebung, sowie am folgenden Tage die Champs-Elysees und das Quartier Les Ternes mit Kugeln, welche eiserne Boten den Parisern den ganzen Ernst der Lage und den Beginn des zweiten Bombardements der Stadt verkündeten. Der Karfreitag sah einen achtstündigen mörderischen Kampf um den Besitz der Brücke von Neuilly. Die Roten schlugen sich mit Todesverachtung, und erst am nächsten Tage (8. April) verzichteten sie darauf, die von den Blauen genommene wichtige Brücke wiederzunehmen. Nach schweren Verlusten konnten demzufolge die Regierungstruppen am rechten Seineufer Batterien errichten, welche im Verein mit denen des Mont Valerien die Porte Maillot in der Umwallung und über diese hinweg den Arc de Triomphe und die Champs-Elysees zu Zielpunkten nahmen. Den Ostersonntag und Ostermontag über ruhten die Waffen. Um 11. April sodann inaugurierte der Marschall seine Oberbefehlshaberschaft durch ein heftiges Artilleriefeuer, welches die blauen Batterien von Neuilly und Chatillon aus gegen die Porte Maillot und die Südforts richteten. Ein in der Nacht mit bedeutenden Streitkräften unternommener Versuch, die Südforts mittels Überrumpelung zu nehmen, schlug gänzlich fehl. Die Roten waren wachsam und gut vorbereitet. Sie bereiteten den Überrumpelern einen so heißen Empfang, daß diese ihn zu heiß fanden und eiligst den Rückzug antraten. Viel besser gelang etliche Tage darauf den Blauen ein Schlag vor der Westfront der Stadt: die Erstürmung des bei Asnières gelegenen, von den Roten besetzten und befestigten, den Strom, sowie die Straße zwischen Courbevoie und Asnières beherrschenden Schlosses Bécon durch die Truppen des Generals Montaudon am 17. April. Dies war für die Roten ein nicht zu mißachtendes Signal, sich definitiv auf das rechte Seineufer zurückzuziehen. Die Fortsetzung der Kämpfe in dieser Gegend, hartnäckige Feuergefechte ohn' Ende mit sich bringend, fiel schwer auf die zwischen der Umwallung und dem Strome gelegenen Ortschaften Clichy, Levallois, Champerret, Villiers und Neuilly, deren Insassen sich und ihre Habseligkeiten, so gut es ging, nach Paris hineinflüchteten, während die zierlichen Dörfer oder Städtchen selbst unter den sich kreuzenden Geschossen in Trümmer sanken. Der Plan des Marschalls wollte, daß die Truppen auf der Südseite wenigstens ebensoweit vorgeschritten sein müßten wie auf der Westseite, bevor von beiden Seiten ein gleichzeitiger Angriff auf die Umwallungslinie geschehen könnte. Aber in den Südforts, namentlich in Issy und Vanves, behaupteten sich die Roten mit wilder Zähigkeit bis in den Mai hinein gegen ihre blauen Belagerer. Denn hier sahen sich die Generale der letzteren genötigt, zu förmlichen Belagerungen zu schreiten, mit Laufgräben und allem Zubehör vorzugehen. Der Kampf um diese Zitadellen führte allerhand Krisen im Schoße der Kommune mit sich und gab auch den unmittelbaren Anstoß zum Sturze von Cluseret. Am 9. Mai fiel Issy, am 14. Mai Vanves endgültig in die Hände der Blauen. Die rote Fahne war selbst auf den Trümmerhaufen, wozu die Kugeln der Belagerer die beiden Burgen gemacht hatten, bis zur äußersten Möglichkeit aufrechtgehalten worden. Nunmehr konnten die Truppen des Marschalls gegen die Umwallung der Stadt selber vorgehen, aber nicht etwa mit einem Sturmangriff, welcher vorerst ganz aussichtslos gewesen wäre. Spitzhacke, Spaten und Schaufel, die Berechnungen und Künste des Ingenieurs, die Wirksamkeit des Belagerungsgeschützes mußten vorerst in Anwendung gebracht werden und wurden es. Im Lieblingsparke der Pariser, im Bois de Boulogne, zwischen jenen kokett sich kreuzenden Fahr-, Reit- und Wandelwegen, auf welchen sonst der Luxus allen seinen Übermut und Frauenschönheit alle ihre Lockungen entfaltet hatten, wurde jetzt eine riesige Schanze aufgebaut und mit siebzig Geschützen schwersten Kalibers bewaffnet. Diese Batterie spie sofort ihren Eisenhagel auf den ihr gegenüberliegenden Wall und die dahinter gelegenen anmutigen Vorstädte Auteuil und Passy, und dank diesem Eisenhagel vermochte der hier kommandierende General Douay seine Laufgräben der Umwallung rasch näher zu treiben. Aber aller Eifer der Blauen, alle ihre Vorschritte waren doch bei weitem nicht rasch genug, um den unheilvollen Gedanken, womit die Kommune oder wenigstens die Fanatiker in derselben sich trugen, von vornherein die Möglichkeit einer Verwirklichung abzuschneiden. Daß solche Gedanken, eine beispiellose Katastrophe vorzubereiten, vorhanden waren, hat nachmals die kriegsgerichtliche Untersuchung klargestellt. Übrigens hatten die Fanatiker und die Scharlatane des roten Schreckens ihrer Absichten auch gar kein Hehl. Im Gegenteil, sie machten förmlich damit Parade. Einer der roten Hauptscharlatane – zum Fanatiker war er viel zu schlecht – Jules Vallès, Mitglied der Kommune, sagte jedem, der es hören wollte, mündlich und in seinem Gossenblatt » Cri du peuple « schriftlich, daß die Roten den Blauen Paris nur als einen Trümmerhaufen überlassen wollten und würden. »Die Banditen von Versailles mögen ein Fort nach dem andern nehmen. Sie mögen auch die Stadtumwallung niederwerfen. Aber keiner ihrer Soldaten wird trotzdem Paris betreten. Wenn Thiers etwas von Chemie versteht, so wird er uns verstehen. Die Armee von Versailles mag wissen, daß Paris vor nichts, aber auch vor gar nichts zurückschrecken wird, und daß alle Maßregeln getroffen sind.« Wie wohlbedacht diese Drohungen waren, hat der Schlußakt des roten Quartals nur allzu rot, zu blut- und feuerrot bewiesen. Unser Scharlatan von Prophet freilich scheint nicht daran geglaubt zu haben, daß andere seine finsteren Prophezeiungen in Erfüllung bringen würden. Nachstehende Szene, die ein durchaus verläßlicher Zeuge mitgeteilt hat, zeichnet den Menschen und mit ihm alle jene gewissen- und schamlosen Zigeuner, welche aus der Agitation ein Handwerk und aus der Revolution eine Versorgungsanstalt gemacht haben und machen. Am 11. Mai erzählte im Café Madrid ein Pariser dem deutschen Publizisten G. Schneider folgendes: »Ein Freund von mir, der Direktor des Journals ›Eclipse‹, war von einem gewissen Pilotell, der – ein Karikaturenzeichner letzten Ranges und verkommenes Subjekt – vom Zentralkomitee zum Quasiminister der schönen Künste erhoben, diesen hohen Posten mit der Stelle eines Polizeikommissärs vertauscht hatte, ausgeplündert und arretiert worden. Ich wollte versuchen, durch Vallès die Freilassung des Verhafteten zu erlangen, und da man mir sagte, daß er bei dem Weinhändler Delille an der Place des Victoires zu speisen pflegte, ging ich dort hin. Bald trat Vallès ein. Er hatte sich den Bart verschneiden lassen und trug Sommerkleider mit einer roten Rosette im Knopfloch. Den unvermeidlichen Schleppsäbel an der Seite, eingehüllt in einen polnischen Schnürenrock, Ungarstiefeln an den Füßen, eine Fischottermütze auf dem Kopfe, rief er mir zu: ›Wollen Sie meine Stelle im Hotel de Ville einnehmen?‹ – ›Schönen Dank! Ich habe keine Lust, füsiliert zu werden.‹ Er legte Mütze, Rock und selbst Weste ab. Seine schwarzen Haare tropften von Schweiß; seine Augen glühten in Fieberhitze; seine Brust keuchte. ›Was für ein Handwerk!‹ rief er aus. ›Und ich, der ich so faul bin! Diese Leute dort werden mich noch verrückt machen. Sitzung bei Tage, Sitzung bei Nacht. Und wozu? Das Lob Babeufs zu singen! Sehen Sie, die Versailler entreißen uns Stunde für Stunde Terrain, Mauer, Hoffnung, wir aber sind auf heute abend zusammenberufen, um über einen Antrag Courbets zu ratschlagen, der mit seiner Demission droht, wenn man nicht die Absetzung Gottes dekretierte. Ich meinerseits werde gegen den Antrag stimmen. Gott geniert mich nicht. Nur Christus mag ich nicht leiden, so wenig wie alle Scheinberühmtheiten.‹ Vallès, der niemals gutherzig gewesen, schlug mir meine Bitte ab. Ich fragte dann noch: ›Wie soll das enden?‹ – ›O, auf die einfachste Weise von der Welt‹, entgegnete er. ›Cluseret oder ein anderer verkauft den Versaillern ein Walltor, und eines schönen Morgens liest man uns in unseren Betten auf – ein hübscher Blumenstrauß für Cayenne! Ich jedoch hoffe zur rechten Zeit benachrichtigt zu werden; mein Koffer ist gepackt: ich mache mich aus dem Staube nach der Schweiz oder Belgien. Binnen sechs Monaten gibt es in Frankreich einen Regierungswechsel, der eine Amnestie mit sich bringt. Dann kehre ich zurück und werde, dank meiner Popularität, Deputierter. Als solcher nehme ich Platz auf den Bänken der Opposition, d. h. der gemäßigten Opposition, und meiner Treu, es ist ja alles möglich, und ich sehe nicht ein, warum ich nicht Minister werden sollte. Ernest Picard ist's ja auch geworden.‹ 7. Verfolgungswahnsinn »Einen Diktator müssen wir haben. Wir brauchen die Diktatur!« rief Rochefort in seinem » Mot d'ordre « aus, und wahrscheinlich fühlte dieser Schnurrant mit der Feder in sich selber das Zeug zu einem richtigen Diktator. Die ins Schranken- und Sinnlose überspannte Demokratie ist auch wirklich allzeit und überall in eine Diktatur ausgelaufen. Wenn die Menschen merken, daß ihnen mit dem Aberglauben an den souveränen Unverstand der Mehrheit nicht geholfen sei, so werfen sie sich wieder dem Aberglauben an den souveränen Verstand der Minderheit in die Arme, so leidenschaftlich, daß sie die Minderheit schließlich auf eine Persönlichkeit einschränken und nun von einem einzelnen Menschen erwarten, was die ganze Menschenmasse nicht zu leisten vermochte. Natürlich werden sie dann auch wieder betrogen. Denn von der Täuschung zur Enttäuschung und von dieser wieder zu jener zu taumeln, das ist das Los der Menschheit. In der Kommune fand jedoch die Forderung Rocheforts keinen Anklang. Die Herren vom Stadthause hielten sich für viel zu wichtig, als daß sie irgendwem die Diktatur gegönnt hätten. Sie amteten also fort, hatten aber unter sich fortwährend mehr oder minder heftige Schismen auszugleichen. Auch mußte ja die Kommune das tatsächlich fortbestehende, aus dem Hotel de Ville in ein Haus der Rue de l'Entrepot übergesiedelte Zentralkomitee mitregieren lassen. Wenn aber die einköpfige Diktatur verwerflich, wie war es mit einer vielköpfigen? Im Evangelio Sankti Jakobi vom dreimalheiligen Jahr 1793 steht ja zu lesen, daß so eine Diktatur, genannt Comité du salut public oder Wohlfahrtsausschuß, Frankreich und die Republik gerettet habe. Also fahren wir getrost fort in unserer Affenpolitik und machen wir ebenfalls einen Wohlfahrtsausschuß, auf daß Frankreich und die Kommune gerettet werden. Der Bürger Miot stellt den bezüglichen Antrag, und derselbe geht durch mit 34 gegen 28 Stimmen. Darauf am 1. Mai Wahl des Ausschusses durch die 34 Bejaher der Frage. Resultat: die Bürger Arnaud, Meillet, Ranvier, Pyat, Gérardin sind Wohlfahrtsausschüßler. Diese Fünfeinigkeit ist aber nicht von Dauer. Nach dem 9. Mai, von wo ab – Fort Issy war verloren – der ganze Handel schief, sehr schief zu gehen anfing, wird ein neuer Wohlfahrtsausschuß bestellt – aus den Bürgern Arnaud, Billioray, Eudes, Gambon und Ranvier. Allein das Ding ist überhaupt nicht recht lebensfähig. Eine starke Minderheit, worunter Beslay, Clément, Jourde, Vermorel, protestiert von vornherein gegen die ganze Wohlfahrtsausschüsselei, als der Einheit und dem Zwecke der Kommune zuwider. Die wirkliche Macht, soweit solche noch einheitlich vorhanden, geht nach dem 9. Mai auf den Kriegsdelegierten Delescluze über. Mit der Oberbefehlshaberschaft über die sämtlichen Streitkräfte wird der Pole Dombrowski betraut, an welchen alsbald zwei Landsleute, zwei jener »edlen Polen aus der Polakei«, wie Heine sie besungen, Byszynski und Wolowski, sich heranmachen, um ihn mit Versailles in Verbindung zu setzen, d.h. zum Verrat zu verlocken, was aber nicht gelingt. Dombrowski hält fest an der übernommenen Verpflichtung. Im übrigen spielt von jetzt an so ziemlich jeder Kommunard in Paris den Diktator auf eigene Faust, soweit eben seine Faust reicht. Die Fäuste von Gesellen wie Rigault und Ferré reichen leider weit, viel zu weit ... Am 12. Mai gab der Wohlfahrtsausschuß in einer Proklamation den Notschrei von sich, daß die »Reaktion daran verzweifelte, Paris mittels Waffengewalt zu besiegen«, und darum darauf ausginge, die Kräfte der Roten »mittels Korruption zu zerstören«. Dann noch bestimmter: »Ihr (der Reaktion) mit vollen Händen ausgestreutes Gold hat bei uns käufliche Gewissen gefunden«. Jawohl! Selbst der schaugespielte Fanatismus eines Billioray und Mortier von der Kommune soll der gelben Beredsamkeit des Versailler Goldes nicht widerstanden haben. Indessen wurden alle Anschläge der Verräter, dieses oder jenes Tor den Blauen zu öffnen, vereitelt. Das Unheil wollte und mußte seinen Verlauf haben. Mit dem Anfang des Maimonds kam es in rascheres Rollen und Stürzen. Die Mißachtung der Freiheit der Personen und der Sicherheit des Eigentums nahm von Tag zu Tag größere Verhältnisse an. Die Razzias bei mißliebigen reichen Leuten, die Plünderung von Kirchen und Privathäusern, die Verhaftungen »Verdächtiger«, die Jagd auf »Refraktoren«, d.h. auf Leute, welche sich dem Zwangsdienste in der Bürgerwehr entziehen wollten, das alles mehrte sich in erschreckendem Maße und nahm immer entschiedener den Charakter rohroter Brutalität an. Am 14. Mai ließ der Wohlfahrtsausschuß der Kommune das Dekret ausgehen, daß jeder und jede ihr gehörig ausgefertigte und visierte »Bürgerkarte« bei sich tragen solle. Wer nicht im Besitze einer solchen betroffen würde, sollte ohne weiteres eingetürmt werden. Auch damit hat sich der rote Schrecken von 1871 wiederum nur als der Affe des roten Schreckens von 1793 erwiesen. Doch muß man zugestehen, daß die Terroristen von 1871 in ihrem weiteren Vorschreiten etwelche Originalität entwickelten. In der Verfeinerung der Teufelei, wie auch im Ungeheuerlichen, trugen sie es sogar über ihre Vorgänger und Vorbilder davon. Die Machenschaft mit den »Geiseln« einerseits, der Hunnengedanke, Paris zu verbrennen, andererseits, geben hierfür Zeugnis. Aber nein, auch dieser Gedanke war nicht neu. Die Zerstörung von Lyon durch die alten Jakobiner konnte die neuen zur Zerstörung von Paris reizen, und hat uns nicht Frau Dudevant (Georges Sand) in ihrer Lebensgeschichte erzählt, daß, als sie eines Spätabends zu Anfang der vierziger Jahre mit ihrem Freunde Michel de Bourges den Quai der Tuilerien hinabgegangen, der genannte Radikale mit seinem Stocke gegen die Quadern des Palastes geschlagen und ausgerufen habe, dieses Schloß und alle die Paläste und Monumente in Paris müßten zerstört werden, bevor eine neue Zeit anbrechen könnte? Die düstere Wahrsagung ging in Erfüllung. Und was für ein »Neuzeitliches« ist dann gekommen? Die Republik des Belagerungszustandes, die Republik, welche sich vor dem eigenen Namen fürchtete... Wenn man, was freilich nicht leicht ist, kaltblütig den Gang der Tragödie des roten Quartals betrachtet, so drängt sich einem der Gedanke auf, die vortretenden Rollenträger des Stückes müßten vom Verfolgungswahnsinn ergriffen worden sein. Vom tätigen, wohlverstanden! nicht vom leidenden. Man spürt da überall den Narren, aber den blutdürstigen Narren, welcher Methode in seinen Wahnwitz zu bringen weiß und folgerichtig rast. Daß aber die Jakobinische Verfolgungswut von 1871 in erster Linie gegen die Priester sich kehrte, ist sehr begreiflich. Was hatten die Pfaffen nicht alles an Frankreich gesündigt! Sie, die jeder Scheusäligkeit des Despotismus ihren Segen gegeben, jedem an dem französischen Volke durch das Königtum verübten Frevel ihr Tedeum gesungen und im hellen Lichte des 19. Jahrhunderts ihr schandbares Verdummungs- und Verdunkelungsgeschäft mit mehr als mittelalterlicher Schamlosigkeit getrieben hatten. Sie, die sich unter die eifrigsten Bekenner und Verkünder der größten Lüge, welche jemals gelogen worden, der Papstlüge, eingereiht, und das Christentum in Frankreich zu einem der rohesten und abgeschmacktesten Götzendienste gemacht haben, womit irgendwann und irgendwo plumpe Gaukler die stupide Menge äfften. Extrem ruft ja das Extrem. Zu allen Zeiten und überall war es so. Es ist kein bloßer Zufall, es ist eine furchtbare, weltgeschichtliche Lehre und Warnung, daß die schwarzen Orgien des Afterglaubens von La Salette, Lourdes und Paray-le-Monial und die roten Orgien des Jakobinismus von La Roquette in demselben Lande und in derselben Zeit in Szene gesetzt worden sind. Die Verhaftungen der Priester, Mönche und Nonnen war schon im April ein Lieblingsgeschäft der Kommunarden und wurde so eifrig betrieben, daß bis zum Ende des Monats wenigstens 200 Personen dieser Kategorie in der Conciergerie, in Mazas und La Santé eingekerkert waren. Etliche ließ man wieder laufen. Die Auslese behielt man vorderhand als »Geiseln«, um dieselben gelegentlich gegen von den Blauen gefangene Rote auszuwechseln oder auch an diesen »Geiseln« zu rächen, was die Versailler gegen Leute von der Kommune sündigten. Der Erzbischof von Paris, Darboy, wurde verhaftet in der ganz bestimmten Absicht, seine Freilassung Herrn Thiers anzubieten als Äquivalent für die Freigebung Blanquis. Herr Thiers fand es nicht geraten, auf dieses Ansinnen einzugehen. Die Verhaftung des Erzbischofs erfolgte am 4. April, nachmittags 2 Uhr. Zugleich mit ihm wurden verhaftet seine Generalvikare Lagarde und Jourdan. Weiterhin die Abbés Surat, Petite Blondeau, Cerze, Allard, der Pfarrer Deguerry von der Madeleine, sechs Dominikanermönche von St. Jean de Beauvais, die Jesuiten Ducoudray, Caubert und Clerc, und diesen priesterlichen Gefangenen gesellte man den alten Herrn Bonjean, weiland Senator des Empire. Allein die Verhaftungswut richtete sich nicht etwa nur auf Priester, auf Royalisten und Bonapartisten, sondern auch auf Republikaner, welche der Kommune nicht huldigten oder welche den Groll eines der Stadthaustyrannen auf sich gezogen hatten. Aus beiderlei Ursachen wurde der allgemein geachtete Republikaner Gustav Chaudey vom »Siecle« eingekerkert, um später schandbar hingemordet zu werden. Es hatte den Bürger Rigault verdrossen, daß der arme Chaudey in ihm schlechterdings keinen großen Mann, sondern höchstens einen travestierten Danton sehen wollte. Der Bürger Rigault blähte sich aber in der Polizeipräfektur wie ein Sultan des roten Schreckens. Als der verhaftete Erzbischof von Paris vor ihn geführt wurde und den salbungsvollen Sermon erhob: »Liebe Kinder, ich bin kein Politiker, ich verstehe nur die Ausübung meines Friedensamtes. Liebe Kinder, denkt doch nach und bedenkt, was ihr tut!« – da runzelte und rasselte ihn der Prokurator der Kommune an: »Was, Kinder! Sie stehen hier nicht vor Kindern, Bürger, sondern vor einer Behörde. Und was Ihr Gepredige betrifft, so können Sie das beiseite lassen. Wir kennen das Zeug; seit achtzehnhundert Jahren macht ihr es der Welt vor.« Der Erzbischof wagte von der Ungesetzlichkeit seiner Verhaftung zu reden. Aber da kam er übel an. »Pflichtvergessener Pfaffe!« schrie ihm Rigault zu. »Sie, der Sie dem Meineid auf dem Throne geweihräuchert haben, Sie wagen es, das Wort Gesetzlichkeit im Munde zu führen?« Leider war die brutale Abfertigung keine ungerechte, sondern nur eine allzu verdiente. Denn allerdings hatte Monseigneur Darboy, gleich seinem Vorgänger Sibour, vor der bekannten semitischen Nase des meineidigen Verbrechers vom 2. Dezember huldigend und segnend das Weihrauchfaß herumgeschwungen. Etliche Tage später, als der Erzbischof nach Mazas gebracht worden, ging der Doktor Demarquay, bekannt und beliebt wegen seiner unermüdlichen Fürsorge für die Verwundeten, den Beherrscher der Polizeipräfektur um die Freilassung des Prälaten an. »Wie mögen Sie sich um solches Pack kümmern?« fragte Rigault lachend. »Wenn Sie nicht aufhören damit, laß ich Sie versohlen.« Als aber der Arzt weiter in ihn drang, rief er zornig aus: »Unmöglich, Bürger Doktor! Die Losung unserer Revolution ist: ›Tod den Priestern!‹« 8. Zerstörungscancan Wer schon Wahnwitzige beobachtet hat, weiß, daß mit ihren Wutschreien das blödsinnige Lallen, mit ihren Zorngrimassen das kindische Lachen zu wechseln pflegt. Die Kommune hat es auch so getrieben. Sie fiel aus dem Wilden ins Läppische, aus dem Schrecklichen ins Lächerliche und umgekehrt. Wo ihr Zerstörungstrieb nicht mordete und sengte, faselte er. Die Zerstörung des Hauses von Thiers war die kindische Rache eines dummen Lümmeljahrejungen, die Zerstörung der Napoleonsäule auf dem Vendômeplatz eine barbarische Albernheit, welche bewies, daß die Kommunarden den Geist ihrer eigenen Nationalität gänzlich verkannten, und daß für den mit Recht berühmten, französischen »Esprit« im roten Quartal kein Platz war. Die erste Gebäulichkeit, an welcher die Kommune ihren roten Zorn ausließ, war die Kirche Bréa, zur Erinnerung an den während der Junischlacht von 1848 durch die Insurgenten schändlich ermordeten General dieses Namens im dreizehnten Arrondissement erbaut. Dieses Zerstörungswerk sah ganz so aus, als wollten dadurch die Mörder der Generale Thomas und Lecomte den Mördern des Generals Bréa eine nachträgliche Ehrenerklärung geben. Dann sollte die Reihe an die sogenannte Sühnkapelle (für die Hinrichtung Ludwigs XVI.) kommen, allein der Zerstörungsbefehl gelangte nicht zur Ausführung. Schon am 3. April hatte die Kommune ein Anklagedekret gegen Thiers und sein Ministerium geschleudert. Zugleich ein Raubdekret, denn die Besitztümer der Regierungsmitglieder sollten mit Beschlag belegt werden, bis die Angeklagten »vor der Volksjustiz« erschienen wären, um sich zu verantworten. Wofür? Dafür, daß sie patriotisch genug gewesen waren, das ihnen von seiten der rechtmäßigen Nationalversammlung Frankreichs übertragene Regierungsmandat unter den schwierigsten Umständen anzunehmen und dem roten Wahnsinn entgegenzutreten. Am 9. Mai wurde in Paris eine Proklamation bekannt, welche Herr Thiers tags zuvor an die Bevölkerung der Hauptstadt gerichtet hatte. Darin versprach er den Wehrleuten, welche die Waffen niederlegen würden, Verzeihung, sowie den Arbeitern jede mögliche Unterstützung, zugleich aber kündigte er die nachdrucksame Niederwerfung des Aufstandes an. Am 10. Mai oder, wie sie datierte, am 21. Floréal – denn auch die historische Kuriosität des »republikanischen« Kalenders von 1793 hatten die Stadthausaffen unter dem Staube der Verschollenheit hervorgescharrt – gab die Kommune ihre Antwort auf diese Proklamation, das heißt der Wohlfahrtsausschuß dekretierte, das Vermögen von Thiers sei zu konfiszieren und sein Haus auf der Place St. Georges dem Erdboden gleich zu machen. Am 14. Mai wurde unter der Leitung der Bürger Fontaine und Andrian, jener sozusagen Domänen-, dieser Bautenminister, der kindische Vandalismus in Ausführung gebracht. Das Mobiliar, die Gemälde, die beträchtliche Bibliothek, die reiche Münzensammlung des gesetzmäßigen Staatsoberhauptes wurden weggenommen und das Haus bis auf den Grund zerstört. Ein Mitglied der Kommune illustrierte den Bildungsgrad dieser Sippschaft mittels seines scharfsinnigen Vorschlags, die aus dem niedergerissenen Hause geraubten Bronzestatuetten und alten Münzen in die Münze zu schicken, um eine hübsche Anzahl von Soustücken daraus zu prägen. Am vorhergegangenen Tage hatte im »Journal officiel« dieses Dekret gestanden: »In Anbetracht, daß die kaiserliche Säule auf dem Vendômeplatz ein Symbol viehischer Gewalt (un symbole de force brute) und falschen Ruhmes, eine Bekräftigung des Militarismus, eine Verneinung des internationalen Rechtes, ein den Besiegten durch die Sieger zugefügter Schimpf, ein fortwährendes Attentat auf eins der drei großen Prinzipien der französischen Republik, die Bruderschaft, – befiehlt die Kommune die Säule auf dem Vendômeplatz wird umgestürzt.« Den Kommentar zu diesem Dekret gab der Bürger Pyat in seinem »Vengeur«: – »Paris wird den Mann vom Brumaire mitsamt dem Piedestal umwerfen, welches er seinem Stolz und unserer Schande, seiner Tyrannei und unserer Knechtschaft, unseren Attentaten auf uns selbst und auf andere, endlich unseren Verbrechen gegen die Freiheit Frankreichs und Europas aufgerichtet hat. Die eroberungslustigste, aber auch erobertste, die kriegerischste, aber auch friedfertigste Rasse gibt dieses Freundschaftspfand den Nationen. A bas la colonne!« So angesehen – das ist wahr – hatte die Sache schon ihren Sinn. Aber gerade diese Betrachtungsweise war durch und durch unfranzösisch, so unfranzösisch, daß gerade der Umsturz der Napoleonischen Gloiresäule Hunderttausende, vielleicht Millionen von Franzosen standhaft Glauben machte und noch immer Glauben macht, die Kommune, welche so ungeheuerlich Unfranzösisches wollen und tun konnte, müßte schlechterdings eine fremde Machenschaft gewesen sein. Für den eigentlichen Vendômesäulestürzer muß bekanntlich der Maler Gustav Courbet gelten, Mitglied der Kommune, in seiner Kunst ein Realist, in der Politik ein Narr. Nur ein solcher konnte beim Beginne der Belagerung von Paris durch die Deutschen an diese ein Sendschreiben erlassen, worin es hieß: »Gebt uns eure Kruppschen Kanonen! Wir wollen sie mit den unserigen zu einer zusammengießen. Diese letzte Kanone soll mit ihrer Mündung in die Höhe gerichtet, mit einer Freiheitsmütze bekränzt und als ein gemeinsamer Denkmalkoloß auf dem Vendômeplatze aufgestellt werden. Diese Säule soll euch und uns gehören; sie soll die Säule der Völker, die Säule der für immer Verbündeten Länder Deutschland und Frankreich sein.« Um dieser deutsch-französischen Phantasieriesenkanone des exaltierten Malers Platz zu machen, mußte die Napoleonsäule weg. Also bringen wir es dahin, daß die Kommune, in welcher wir ja selber sitzen, das ohnehin – künstlerisch betrachtet – unschöne Ding von bronzenem Pfahl wegdekretiere. Und er brachte es richtig dazu. Sehr wahrscheinlich haben wir es, wie auf Schritt und Tritt in dieser Historie, auch hier wieder mit einem Plagiat zu tun, mit einer Nachäfferei der sansculottischen Nivellierungswut von 1793. Hatten damals doch in der Wolle rotgefärbte »Patrioten« die Abtragung der Türme von Notre Dame, sowie des Münsterturmes von Straßburg gefordert, weil diese »aristokratischen Unverschämtheiten von Türmen« dem Gleichheitsprinzip hohnsprächen. Den Umsturz der Säule, Dienstags, den 16. Mai, umgab man mit allerlei rotem Brimborium und Firlefanz. An zwanzigtaufend Menschen oder mehr wohnten dem Spektakel an. Es hieß in der Menge, ein Engländer habe tausend Franks geboten, so man ihm gestattete, als der letzte zur Balustrade der Säule hinaufzusteigen, von wo man eines so prächtigen Rundblickes über die schönste Stadt auf Erden genoß. Ein anderer Engländer soll gar eine Million angeboten haben, so man ihm den ehernen Koloß käuflich überließe. Um dreieinhalb Uhr begannen die Ingenieure das Zerstörungswerk, das nur mit Hindernissen vor sich ging. Um fünfeinhalb Uhr wankte die Säule, neigte sich, löste sich von ihrem Sockel und stürzte mit einem dumpfen Krach auf die aufgeschichteten Sand-, Reisig- und Strohhaufen nieder. Im Sturze löste sich von der auf dem Säulenknaufe stehenden Napoleonstatue der Kopf ab und rollte weithin. Die Menge brach in einen Schrei aus, der ebensogut Freude als Trauer signalisieren konnte, Musikbanden spielten die Marseillaise, rotbeschärpte Kommunarden stiegen auf den Stumpf der Säule, schwangen rote Fahnen und hielten rote Reden, Veteranen aus der Napoleonischen Zeit stießen Flüche aus oder vergossen Tränen, aber man hörte auch die Bemerkung: »Das ist das Ende der (Napoleonischen) Legende«, was freilich nur eine philosophische Ansicht, keine geschichtliche Tatsache war. Denn der Glaube an den napoleonischen Mythus ist in Frankreich so wenig zu Ende wie der Glaube an den römisch-katholischen. Der weiland Graf Rochefort klatschte in seinem »Mot d'ordre« dem Sturze der Säule Beifall und forderte das Volk auf, annoch ein anderes »monument dépravateur« zu zerstören, d.h. die »Histoire du consulat et de l'empire« von A. Thiers auf dem Vendômeplatze zu verbrennen. Man sieht, die Fanatiker aller religiösen wie aller politischen Glaubensbekenntnisse sind mit dem Verbrennen geschwind bei der Hand. Der Marschall Mac Mahon kannte und traf die Stimmung der Franzosen jedenfalls besser denn die Spektakelmacher der Kommune, als er die Nachricht von der Zertrümmerung der Säule mit einem Tagesbefehl an seine Soldaten beantwortete, worin er sagte: »Die Vendômesäule ist gefallen. Sie, welche der Feind geschont, die Kommune von Paris hat sie zerstört. Leute, welche sich Franzosen nennen, haben es gewagt, angesichts der Deutschen, deren Blicke auf uns gerichtet sind, diese Bezeugung der Siege unserer Väter gegen das verbündete Europa zu zerstören. Hofften etwa die ehrlosen Urheber dieses Attentats auf den nationalen Ruhm, damit die Erinnerung an die kriegerischen Tugenden auszutilgen, deren glorreiches Symbol dieses Denkmal war? Nein, die Erinnerungen, an welche die Säule uns mahnte, werden in unseren Herzen fortleben, und wir werden, durch sie begeistert, Frankreich ein neues Unterpfand unserer Vaterlandsliebe, Hingebung und Tapferkeit geben.« Das war französisch zu Franzosen gesprochen, und das ganze Gebaren der Soldaten des Marschalls während des jetzo anhebenden Verzweiflungskampfes um den Besitz von Paris hat den Beweis geliefert, daß sie diese Sprache verstanden und befolgten. Am folgenden Tage, 17. Mai, hielt die Kommune eine ihrer wichtigsten Sitzungen. Es handelte sich dabei um die Ausführung ihres schon am 7. April erlassenen Dekrets in betreff der Geiseln, dessen sechs Artikel also lauteten: »1. Jede Person, die des Einverständnisses mit der Versailler Regierung beschuldigt wird, soll sofort in Anklagezustand versetzt und in Haft genommen werden. 2. Eine Anklagejury wird binnen vierundzwanzig Stunden eingesetzt, um von den Verbrechen, die ihr überwiesen werden, Kenntnis zu nehmen. 3. Die Jury entscheidet binnen achtundvierzig Stunden. 4. Alle Angeklagten, die durch den Urteilsspruch der Anklagejury gefangen gehalten werden, sind die Geiseln des Volkes von Paris. 5. Jeder Tötung eines kriegsgefangenen Anhängers der Kommune von Paris folgt sofort die Tötung einer dreifachen Anzahl von Geiseln, die auf Grund des Artikels 4 gefangen gehalten sind und durch das Los bezeichnet werden sollen. 6. Jeder Kriegsgefangene wird vor die Anklagejury geführt, welche entscheiden wird, ob er in Freiheit gesetzt oder als Geisel zurückgehalten werden soll.« Plagiat wiederum, nichts als Plagiat! Das ganze Machwerk war nicht dem Text, aber dem Sinne nach nur ein Abklatsch des »Gesetzes in betreff der Verdächtigen«, welches der Konvent im August von 1793 erlassen hatte. Die in vier Sektionen geteilte Anklagejury trat sofort in Tätigkeit und verwies demnächst sechsunddreißig arme Teufel von pflichttreuen Gendarmen und Stadtsergeanten, welche sich in ihrer Gewalt befanden, in die lebensgefährliche Kategorie der »Geiseln«. Es war das nur ein geschminktes Todesurteil, gerade soviel wert wie die Verdikte, welche der »Bürger« Maillard inmitten des Blutdampfes der Septembermetzelei von 1792 in der »Abtei« gefällt hatte. Es existiert eine Zeugenaussage des Herrn Rousse, Stabträgers der Advokaten von Paris, welche in drastischer Weise das Amten des Bürgers Delegierten beim Justizwesen, Protot, im Justizministerium und das des Bürgers Prokurator der Kommune, Rigault, im Justizpalast beleuchtet. An beiden Orten ging es formlos und etwas pöbelig zu, doch nicht tumultuarisch. Herr Rousse versuchte mutig zugunsten des Erzbischofs Darboy und des auf eine Angeberei von seiten des »Père Duchêne« hin verhafteten Redakteurs und Advokaten Chaudey zu intervenieren. Natürlich umsonst. Der Bürger Rigault – »ein kleiner Mensch von etwa dreißig Jahren, brünett, mit einem Vollbart, einem harten Gesichtsausdruck und einem breiten roten goldgeränderten Band im Knopfloche«, wie Rousse ihn beschreibt – gab auf die gelegentliche Frage seines Besuchers: »Wie viele Priester haben Sie denn verhaften lassen?« die Antwort: »Ich weiß es nicht genau, aber jedenfalls lange nicht genug.« Auf ein Besorgniswort des Herrn Rousse, ob nicht eine Wiederholung der Septembermorde von 1792 zu befürchten wäre, entgegnete Bürger Rigault beschwichtigend: »O, fürchten Sie nichts Derartiges! Wir sind ganz und gar die Herren und Meister des Volkes.« In der Tat, das waren sie. Wie ein wohldressierter Pudel die Winke oder Worte seines Herrn, also befolgte das Volk von Paris die Anordnungen und Befehle der Stadthausgebieter. Dadurch kam Ordnung in die Unordnung, Methode in den Wahnsinn. Die Regierungsmaschine arbeitete so regelrecht wie eine andere. Abgesehen von der dem Systeme anhängenden Unannehmlichkeit, daß niemand auch nur eine Stunde sicher war, für den Dienst in der Bürgerwehr gepreßt und den Kugeln der Blauen entgegengetrieben oder als des Einverständnisses mit Versailles verdächtig verhaftet und den Geiseln beigesellt zu werden, abgesehen auch von dem Ärgernis für fromme Seelen, daß die Kirchen geschlossen oder in Klublokale verwandelt waren, konnte man in Paris während der zweiten Belagerung ganz anständig, ja vergnüglich leben. Viele, sehr viele Leute lebten auch wirklich ganz vergnüglich in den Tag und vergnüglichst in die Nacht hinein. Von einem bis zum Morgengrauen verlängerten Bacchanal auftaumelnd, fuhren Lebemänner und Liebeweiber mitsammen nach den Champs Elysees hinaus, um sich am Anblick der Flammenfurchen zu ergötzen, welche die von diesseits und jenseits des Stromes sich kreuzenden Bomben und Granaten in der Luft hinter sich herzogen. Die Theater waren überfüllt, und während von der Umwallung her der Kanonendonner dröhnte, wollte sich das Publikum über Possen wie »Die dreischnäbelige Ente« und andere ähnliche fast zu Tode lachen. Und was gab es nicht täglich auf den Straßen zu begaffen! »La mère Commune« sorgte ja beflissentlichst, daß es nie an Spektakeln fehlte. Eines schönen Aprilmorgens veranstalten wir auf dem Boulevard Voltaire zu Füßen der Statue des Patriarchen von Ferney einen » Auto de fé «, aber keinen spanischen Glaubensakt, sondern einen, wie er uns Bürgern der Republik Utopia geziemt. Angesichts einer ungeheuren Menschenmenge zertrümmern wir feierlich eine Guillotine, »die der Tyrann Thiers hat neu anfertigen lassen«, und verbrennen die Trümmer des vermaledeiten Mordinstruments, welches der Menschenbruderschaft hohnspricht, feierlichst auf einem zu diesem Zwecke geschichteten Holzstoße. Wozu denn soll uns noch die umständliche Wegsäuberungsmaschine des Doktors Guillotin, da wir die einfacheren, expeditiveren, »wunderwirkenden« Chassepots haben? Der Wonnemond bringt uns reichen Wechsel von Augenweide. Wir sehen das verfemte Haus am St. Georgsplatze einreißen, sehen die Vendômesäule fallen, und nachdem am 17. Mai die große Munitionsfabrik auf dem Marsfelde in die Luft geflogen – zweifelsohne eine teuflische Bosheit der Blauen! –veranstaltet die Kommune den mehr als hundert Opfern der Explosion einen Bestattungspomp, welcher die ganze Majestät der Trauer und der Rache zur Schau stellt. Und sind nicht Tag für Tag die Schaufenster der Kaufläden von Karikaturen voll, die so drastisch, daß sie sogar unseren Loretten und Biches und Kokotten unter dem Rot ihrer Schminke noch ein anderes Rot auf die Wangen jagen? Und regnet es nicht täglich geistreiche und zwanglose Bonmots? Was kommt dem Witze gleich, den der Bürger Prokurator der Kommune riß, indem er einem Pfaffen, welcher ihn gebeten, seine Amtsbrüder in Mazas besuchen zu dürfen, diesen Passierschein ausstellte: »Ein gewisser N. N., welcher sich für den Diener eines gewissen Herrn Gott ausgibt, darf ein und ausgehen.« Sodann steht es uns frei, die in den Sälen der Tuilerien zur Ergötzung des » peuple souverain « von seiten der Kommune veranstalteten Konzerte zu besuchen, oder aber wir verbinden das Angenehme mit dem Nützlichen, die Übung unserer Bürgerpflicht mit dem Amüsement, indem wir einen der in den weiland Kirchen debattierenden Klubs besuchen, wo es abends immer laut und lustig hergeht und Damen in Menge vorhanden sind – Damen, sag' ich euch, wie sie im Pandämonium sein müssen. Etliche dieser Klubs treiben die Liberalität und Toleranz bis zum Exzeß. So ist z.B. am Eingange der Kirche Nikolas des Champs in der Rue St. Martin die Klubordnung angeschlagen, welche also lautet: »1. Von heute an finden die Klubsitzungen und der Gottesdienst in demselben Lokale statt. 2. Um der Einträchtigkeit willen wird der Priester die Gläubigen anreden: Bürger! und die Klubredner ihrerseits werden sagen: Meine Brüder! 3. In der Sakristei ist eine Wirtschaft eingerichtet, damit die Bürger, welche der Messe angewohnt haben, die Eröffnung der Klubsitzung abwarten können, ohne die Kirche zu verlassen. 4. Den Klubrednern ist untersagt, das als veraltet abgeschaffte Wort Gott in den Mund zu nehmen.« In diesem »duldsamen« Klub stand eines Abends die These: »Verachtung der Gesetze und Umsturz aller Einrichtungen sind die ersten Pflichten eines freien Mannes« – auf der Tagesordnung. Hier, in der Kirche Nikolas des Champs, hörte ein deutscher Ohrenzeuge am Abend vom 14. Mai einen Vortrag mit an, gehalten von einer Emanzipierten, einen raren Vortrag über die Rechte der Frauen. Die Vorträglerin kam zu dieser Schlußfolgerung: »Die Männer sind dazu da, um viel, sehr viel Geld zu verdienen und nur um Geld zu verdienen; die Frauen dagegen, um 1. dieses Geld auszugeben und um 2. möglichst wenige Kinder zu haben. Denn die Kinder sind nächst den Regierungen das größte Übel auf Erden. Je mehr es Menschen gibt, desto mehr verteilt sich der Besitz, folglich desto mehr Armut. Wir Französinnen haben den wesentlichen Vorzug vor den Frauen anderer Nationalitäten, daß wir keine solchen Fruchtbäume sind, wie z. B. die Deutschinnen und die Engländerinnen, welche, das ist klar, ebenso langweilig als kostspielig sind.« Zu derselben Zeit, vielleicht an demselben Abend, wohnte ein französischer Ohrenzeuge der Klubsitzung in der Kirche St. Jacques an. Hier ging es schon weniger tolerant zu: Gott, Priester und Gottesdienst wurden nicht geduldet. Das Becken beim Eingang enthielt statt des Weihwassers Tabak. Der Altar diente zum Schenktisch und war mit Flaschen und Gläsern besetzt. Der Statue der Muttergottes in einer Seitenkapelle hatte man die Uniform einer Marketenderin angetan und eine Tabakspfeife in den Mund gesteckt. Auch hier überwog die Anzahl der Bürgerinnen die der Bürger weit, und »ein großer Teil dieser Patriotinnen erfreute sich mit gerechtem Stolze einer Nase, deren Rot würdig gewesen wäre, auf den Zinnen des Hotel de Ville zu flattern«. Von der Kanzel herab, welche als Rednerbühne diente, donnerte ein emanzipiertestes Frauenzimmer gegen das »abscheuliche Institut der Ehe«. Unter großem Beifall argumentierte die Rednerin: »Die Ehe, vielgeliebte Mitbürgerinnen, ist der größte Irrtum der alten Gesellschaft. Verheiratet sein und Sklave sein ist ganz einerlei. Wollt ihr Sklaven sein? (Nein! Nein!) In einem wahrhaft freien Staate müßte die Ehe gar nicht geduldet werden, man sollte sie für ein Verbrechen ansehen und strenge verbieten. Denn niemand hat das Recht, mittels Preisgebung seiner eigenen Freiheit seinen Mitbürgern ein schlechtes Beispiel zu geben. Die Ehe ist, wie leicht zu beweisen, nichts als ein fortwährendes Attentat auf die guten Sitten.« (Beifallssalve.) Ein dritter zahlreich besuchter Weiberklub trieb seine Mummereien in der Kirche St. Ambroise. Hier war besonders die »totale Abschaffung der Religion« das Thema, über welches das Geschnatter der tollgewordenen Gänse sich ausließ. Im Klub der Kirche St. Eustache dagegen führten sich die Weiber verhältnismäßig konservativ auf und fistulierten mitunter heftig gegen die Maßnahmen der Kommune. Das Jahr 1793 hatte seine »Strickerinnen Robespierres« und seine »Guillotinefurien« gehabt; das Jahr 1871 hatte seine »Amazonen« und seine »Marketenderinnen der Kommune«. Alte Narrheiten kehren in neuen Verkleidungen immer wieder. Die Weltgeschichte würde ja ein unausstehlich trauriges Trauerspiel sein, wenn sie nicht zugleich ein lustiger Karneval wäre. Welche Sorte von Weibern in den Rollen von Amazonen oder Marketenderinnen sich gefiel, braucht nicht erörtert zu werden. Doch ist um der Wahrheit willen zu sagen, daß nicht lauter Auswurf in die bewaffneten Weiberbanden – es sollen an den letzten verzweifelten Kämpfen der Kommune an zehntausend Streiterinnen teilgenommen haben – sich einreihen ließ. Jugendgrüner Enthusiasmus oder die gefrorene Verbitterung des Altjungferntums machten auch reinere Frauen zu Amazonen. Dies gilt z.B. von der jungen Russin Demitriew, welche die erste Anregung zur Weiberbewaffnung großen Stils gegeben, und von der ältlichen Institutrize Louise Michel, der ihr heldisches Fechten den Namen einer »Jeanne d'Arc der Kommune« eintrug und die auch nachmals vor dem Kriegsgerichte zu Versailles noch die ganze Unbeugsamkeit einer Fanatikerin bewies. Wenn das Weib einmal die Schranken der Weiblichkeit übersprungen hat und in der Region der Extreme sich herumtreibt, überbietet es bekanntlich den Mann an Wildheit und Wut. Das Amazonentum von 1871 war demnach häufig genug reines oder vielmehr unreines Megärentum. Eines Apriltages tritt so ein streitbares Weib, das Gewehr mit blutigem Bajonett über die Schulter gehängt, in der Rue de Montreuil in einen Laden. Eine anwesende Bürgersfrau, welche die Eintretende kennt, sagt zu ihr: »Wäre es nicht besser, Sie blieben zu Hause und pflegten Ihre armen Würmer?« Sofort wirft sich die Kommunesoldatin auf die Frau, beißt sie in den Hals, springt dann etliche Schritte zurück und reißt wütend ihr Gewehr von der Schulter, um auf die Gegnerin Feuer zu geben. Aber plötzlich überzieht eine fahle Blässe ihr Gesicht; sie läßt die Waffen fallen, stürzt selber zu Boden und ist tot. Die Wut hatte ihr eine Herzader zerrissen. Wollt ihr den sittlichen oder unsittlichen Zustand einer Zeit, eines Ortes kennen, so fragt dem Weibe nach. Wie die Frau, so die Gesellschaft. Das Paris der Kommune war ein ungeheures Freudenhaus. Lest die Schilderungen der Augen- und Ohrenzeugen Bacciocco, Schneider und Mendès. Der letztgenannte schrieb in sein Tagebuch, einer seiner Freunde habe, empört über die Frechheit, womit das Laster auf den Boulevards seine schmachvollen Triumphe feierte, die düsteren Worte zu ihm gesprochen: »Wann Paris vollständig zerstört sein wird, wann seine Häuser, seine Paläste, seine Denkmäler in Trümmer und Staub zerfallen, den verfluchten Boden bedecken und der Himmel nur noch auf eine ungeheure Ruine herabsieht, dann wird man aus dieser unermeßlichen Totenstadt das Gespenst eines Weibes auftauchen sehen, ein Skelett, mit gleißender Robe angetan, entblößt bis unter die Rippen, den Schädel aufgeputzt mit falschen Locken und flimmerndem Geschmeide, und dieses von Trümmerhaufen zu Trümmerhaufen wankende Gespenst wird zeitweise den Kopf umwenden, um zu sehen, ob nicht irgend ein ebenfalls ins Leben zurückgerufener Wüstling ihm in diese Öde folge, und dieses schauerliche Gespenst wird der verfluchte Schemen der Sünderin Paris sein.« 9. »O, welcher Mordkampf hat sich da entsponnen!« Derweil nahm der Bürgerkrieg seinen Fortgang und steigerte von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde seinen Grimm und sein Grausen. Aber fanden sich denn nicht hüben und drüben Männer, welche gesund genug fühlten und dachten, das Vaterland über die Partei zu stellen und um jeden Preis, d.h. um jeden Preis gegenseitiger Nachgiebigkeit diesem schrecklichen, ärgernisvollen Kampfe ein Ende zu machen? Nein. Oder wenigstens hatten solche Männer keine Macht. Diese war hüben und drüben bei den Fanatikern, welche von nichts wissen wollten als von der Vernichtung des Gegners. Es war rein vergeblich gewesen, daß am 9. April die »Union républicaine«, ein Verein von besonnenen Republikanern, mit gemäßigten Mitgliedern der Kommune eine Vereinbarung erzielte, welche das Programm aufstellte: »Staatliche Einheit Frankreichs und munizipale Selbständigkeit der Gemeinden« – und dieses Programm zur Basis einer Waffenstillstands- und Friedensverhandlung mit der Nationalversammlung gemacht wissen wollte. Die royalistischen und pfäffischen Ultras, welche die Mehrheit der Versammlung ausmachten, wollten von diesem Programm nichts hören. Diese Rückwärtser schrien auch jetzt wieder, wie sie oder ihre Gesinnungsgenossen im Juni von 1848 geschrien hatten: »Man muß ein Ende machen mit der Revolution!« und das Haupt der Exekutivgewalt, Herr Thiers, war ganz entschieden derselben Meinung. Das äußerste Zugeständnis, zu welchem er sich herbeiließ, war das Versprechen einer allgemeinen Amnestie im Falle der Unterwerfung von Paris. Nur die Mörder von Thomas und Lecomte sollten, wie billig, von dieser Amnestie ausgenommen sein. Auch das Auftreten der Pariser Freimaurer zugunsten einer Ausgleichung und Versöhnung schlug gänzlich fehl und vermehrte nur die ohnehin reiche Spektakelsammlung des roten Quartals um ein weiteres. Als am 29. April die Brüder Freimaurer, achttausend oder gar zehntausend Köpfe stark, beim Stadthause sich versammelten, um durch ihren Bruder Redner Thirifocq mit den Kommunarden Beslay, Meillet und Pyat höchst wohlgemeinte und sonor deklamierte Standreden über die Schönheit und Wünschbarkeit des Weltfriedens und der Menschenbruderschaft auszutauschen, und als sie sodann in feierlicher Prozession mit ihren Fahnen, Schurzfellen, Winkelmaßen und Kellen durch die Stadt zur Umwallung hinauszogen, um auf derselben ihr großes weißes Friedensbanner mit der Inschrift » Aimons-nous! « aufzupflanzen, da konnte man wieder einmal recht deutlich sehen, daß vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Schritt ist. Die Freimaurer taten diesen Schritt mit allem Anstande, das muß man sagen, mit echt französisch-theatralischer Grazie. Allein das ganze Schauspiel endete damit, daß eine aus einem Geschützrohr der Blauen kommende Kugel das Friedensbanner mitsamt seiner liebseligen Devise in Fetzen riß. Ein letzter Vermittelungsversuch ward noch in der letzten Stunde gemacht, d.h. als der Todeskampf der Kommune bereits begonnen hatte. Gegen den 29. Mai hin mußten nämlich selbst die rötesten Roten in der Kommune erkennen, daß keine Hoffnung auf Sieg mehr sei. Am genannten Tage ließ demnach der Wohlfahrtsausschuß sich herbei, Delegierte der » Union républicaine « zu ermächtigen, auf Grund des vorhin erwähnten Programms derselben in Versailles einen Waffenstillstand zu beantragen. Allein die Delegierten vermochten erst am 22. Mai eine Audienz bei Thiers zu erlangen, und dannzumal waren die Blauen schon in die Stadt eingedrungen und raste der Kampf innerhalb derselben so wütend, daß selbst beim besten Willen kaum daran zu denken war, demselben Einhalt zu tun. Übrigens war dieser beste Wille auch nicht vorhanden, in der Präfektur zu Versailles so wenig wie im Stadthause von Paris. Dort nicht, weil man des Sieges gewiß war; hier nicht, weil man sich so oder so verloren sah, obzwar man sich und anderen noch immer vorlog, daß Rettung und sogar Triumph möglich wäre. Die letzte Maiwoche brachte die Katastrophe, brachte hochrote Pfingsten, wie Paris noch keine gesehen hatte. Wenn man vom Boulogner Walde her durch die Porte La Muette die große Umwallung passiert und den Schienendamm der Gürteleisenbahn hinter sich hat, so erblickt man in der Richtung auf Passy zur Rechten Park und Schloß La Muette. Hierher hatte der Obergeneral der Kommune, Dombrowski, sein Hauptquartier verlegt, als es der Entscheidung zuging. Er stellte den mehr und mehr an den Wall herangekommenen Belagerern einen zähen und geschickten Widerstand entgegen, vermochte aber mit seinen Mitteln die Überlegenheit der blauen Artillerie in die Länge nicht zu bestreiten. Diese Überlegenheit machte es dem Polen am 20. Mai klar, daß die Walllinie, obzwar bis zur Stunde noch keine Bresche in dieselbe gelegt war, nicht mehr zu halten wäre und daher von der Porte Maillot bis hinunter zur Porte St. Cloud geräumt werden müßte. Aber nur, um eine zweite Verteidigungslinie desto hartnäckiger zu halten, den Schienendamm der Gürtelbahn, welcher ganz zweckentsprechend gelegen und gebaut war. Den Rückzug auf diese Linie befahl Dombrowski am folgenden Tage. Wäre nun der Rückzug mit der erforderlichen Ordnung vollzogen worden, und hätten sich die Roten auf und hinter dem Eisenbahndamm gehörig einzurichten vermocht, so würden sie zweifellos imstande gewesen sein, die Westfront der Stadt noch mehrere Tage, vielleicht sogar Wochen vor dem Einbruch der Blauen zu schützen. In diesem Falle, so hat man mit Recht gefolgert, müßte die Katastrophe noch viel schrecklicher geworden sein, weil der rote Zerstörungswahn mehr Zeit gehabt hätte, seine Absichten zu Taten zu machen. Auf das Vorhandensein solcher Absichten ist schon früher hingewiesen worden. Doch mag hier noch die Bemerkung stehen, daß die Behauptung, es sei im Schoße der Kommune oder des Wohlfahrtsausschusses oder des Zentralkomitee ein förmlicher Plan zur systematischen Zerstörung von Paris im Falle der Niederlage, ein förmlicher Plan der Unterminierung, Sprengung und Verbrennung der Stadt ausgearbeitet worden, nirgends erwiesen wurde, auch durch die nachmalige Prozedur der Kommunarden vor dem Kriegsgerichte nicht. Freilich die Tendenz zu einer solchen Ungeheuerlichkeit rumorte unter mehr als einer Schädeldecke, wie uns ja von der Hand mehr als eines Mitgliedes der Kommune schwarz auf weiß bezeugt ist. Aber es wird nichts so heiß gespeist, als es gekocht ist, und von der fixen Vorstellung eines Narren bis zur methodischen Ausführung derselben ist ein weiter Weg. Demnach dürfte, alles zusammengehalten, die geschichtliche Wahrheit sein, daß der wahnwitzige Zerstörungsgedanke, obzwar von diesem oder jenem Fanatiker schon viel früher ausgeheckt, erst in den Nöten des Verzweiflungskampfes systematisch-tatsächliche Gestalt gewann, und daß die mit Petrol getränkte Brandfackel zunächst als strategisches Mittel in Anwendung kam. Jedoch soll damit keineswegs verneint werden, daß diese Fackel, nachdem sie einmal geschwungen war, in den Händen von Gesellen wie Ferré und Rigault zur gemeinen Mordbrennerfackel geworden, und daß diese und ihnen ähnliche Bösewichte dem teuflischen Gelüste nachgegeben haben, die Zerstörung der Paläste und Häuser von Paris um der Zerstörung willen zu betreiben. Wäre diesen Rasenden Zeit gelassen worden, ja dann würde Paris, ganz Paris in einem Flammenmeere versunken sein. Sie hatten keine Zeit. Montag, den 22. Mai, wurden in der Morgenfrühe die Pariser durch einen furchtbaren, von Westen her vorschreitenden Kanonendonner geweckt. Wer auf die Straßen hinabeilte, sah Volkshaufen vorüberlaufen und hörte sie schreien: »Die Blauen sind in der Stadt. Die Versailler sind einmarschiert.« Oder: »Die Rothosen sind da. Wir sind verraten.« Oder: »Man schlägt sich beim Viadukt von Auteuil und auf dem Marsfelde.« Dem Geschützedonner vom Westen gibt solcher vom Nordosten Antwort. Die Batterien auf dem Montmartre werfen ihre Bomben zum Triumphbogen hinüber. Neue Volkshaufen, neue Schreie der Angst, der Wut, der Verzweiflung. Dann das alles zusammengefaßt in den Ruf: »Barrikaden!« Auf den Boulevards wenige Eilgänger, Wirtschaften und Magazine geschlossen. Der Barrikadenbau beginnt in allen gegen den Rundplatz, aus welchem der Are de Triomphe aufragt, hinausführenden Straßen. Vorübersprengende Offiziere, kreischende Kommandoworte, fieberische Tätigkeit von Männern, Frauen, Kindern, welche Pflastersteine und anderes Barrikadenmaterial herbeischleppen. Hochaufgeschürzte Amazonen, Ingrimm in den bleichen Gesichtern, die rote Kappe aufs wirre Haar gestülpt, haben sich vor Mitrailleusen gespannt und ziehen dieselben im Laufschritte herbei. Vorbeigehende, die weder Bürgerwehrröcke noch Blusen anhaben, werden ohne Umstände zum Steinetragen gepreßt, mehr oder weniger höflich oder grob. »Nicht wahr, Monsieur, Sie werden so freundlich sein, uns ein bißchen zu helfen?« Aber auch aus der Dur-Tonart: »Bürger, du wirft so gefällig sein, uns nicht zu bespionieren, sondern Steine herbeizutragen, oder ich schlage dir den Schädel ein.« Die Blauen waren also in der Stadt. Wie war das zugegangen? Hatte wirklich der Prophezeiung des Bürgers Jules Vallès gemäß einer der Kommunegenerale dieses oder jenes Tor an die Versailler verkauft? Nein. Ihr Erfolg, d.h. die Möglichkeit des Eindringens in die Stadt, war für die Regierungstruppen selbst eine Überraschung gewesen. Die zweite Belagerung von Paris endete mit einem Handstreich, welcher zunächst durch die kühne Entschlossenheit eines einfachen Bürgers ermöglicht wurde. Die Belagerer hatten ihre Laufgräben bis unter den Wall vorgetrieben. Bis Dienstag, den 23. Mai, hofften sie Bresche schießen und dann zum Sturmangriff schreiten zu können. Sie wußten nicht, daß die Überlegenheit ihrer Batterien den Roten die längere Behauptung der Umwallung unmöglich gemacht und demzufolge Dombrowski den Rückzug zum Gürtelbahndamm befohlen hatte. Ebenso unbekannt war ihnen, daß dieser Rückzug sehr unordentlich bewerkstelligt wurde und die Streiter der Kommune, statt in ihrer neuen Aufstellung sich gehörig einzurichten, vorgezogen hatten, in den Schenken von Auteuil und Passy sich ein Sonntagsvergnügen zu machen. Bei sotanen Umständen war die Umwallung aufgegeben und leer, der Bahndamm dagegen entweder noch gar nicht oder doch nur ungenügend besetzt. Um drei Uhr nachmittags sahen Rothosen, welche in der bis nahe vor die Bastionen der Porte St. Cloud getriebenen Tranchee wachtstanden, einen bürgerlich gekleideten Mann auf der Höhe der Umwallung erscheinen, ein weißes Tuch schwenkend. Das war der Bürger Jules Ducatel, ein Subalternbeamter beim städtischen Straßenwesen. Mit Einsetzung seines Lebens benutzte er den günstigen Augenblick, um die Regierungstruppen zu verständigen, daß sie den Wall übersteigen könnten, ohne Gegenwehr zu finden. Ein Kapitän vom Genie, Garnier, der an dieser Stelle die Belagerungsarbeiten leitete, bemerkte den winkenden Mann ebenfalls, traute jedoch dem Gewinke nicht recht, sondern argwöhnte auf seiten der Roten die Kriegslist, die Blauen auf eine Mine zu locken. Trotzdem, da Ducatel, auf die Gefahr hin, in jedem Augenblick von Wehrleuten der Kommune in seinem gefährlichen Beginnen überrascht und niedergeschossen zu werden, mit seinem Taschentuche zu wehen fortfuhr, näherte sich der Offizier dem Manne bis auf Gehörweite, rief ihn fragend an und erfuhr von ihm den Sachverhalt. Garnier vergewisserte sich mittels einer sofort vorgenommenen Erkundung von der Wahrheit der Aussage Ducatels, und ein gerade zufällig in den Laufgräben weilender Seekapitän, namens Tréves, depeschierte die unverhoffte Neuigkeit nach Versailles. Die Führer der zunächst stehenden Truppenteile wurden ebenfalls eilends benachrichtigt und begannen noch vor vier Uhr ihre zweckdienlichen Bewegungen. Die Division Bergé bemächtigte sich der Porte St. Cloud, die Division Berthaut des Raumes zwischen der Umwallung und dem Bahndamm. Dann wurden fliegende Kolonnen innerhalb der Wälle nordwärts vorgeschoben, um sich der Tore von Auteuil und Passy zu bemächtigen, durch welche dann die draußen bereitstehenden Mannschaften des Generals Ladmirault hereindrangen. Etwas später marschierte auf der Südseite das Korps Cissey durch die Tore von Versailles und Vanves in die Stadt. Die Dunkelheit war noch nicht völlig hereingebrochen, als sich schon achtzigtausend Mann Regierungstruppen auf der Stadtseite der Umwallung befanden, die drei Korps der Generale Douay, Ladmirault und Cissey. Es muß denn doch eine große Lockerung und Lotterung unter den Roten eingerissen gewesen sein an jenem Sonntagsabend. Denn der Widerstand, welchen die Blauen fanden, war so nichtssagend, daß sie noch an demselben Abend zu weiterem Vorgehen sich entschließen konnten. Die Dunkelheit begünstigte diese weiteren Handstreiche, welche das Schloß La Muette, den Trokadero, den Triumphbogen, das Marsfeld und das ganze Quartier Vaugirard in die Gewalt der Truppen brachten. Auf dem Trokadero und beim Arc de Triomphe versuchten die überraschten Roten allerdings Gegenwehr, vermochten aber damit nicht aufzukommen. Am letztgenannten Orte waren sie mitten im Bau einer Batterie überrascht worden. Die Blauen kehrten die Geschützemündungen alsbald gegen die Champs Elysees hinab und schickten Kugeln bis zum Industriepalast und Eintrachtsplatz. Diese Begrüßung beantworteten die Roten mit Geschossen, welche eine von ihnen auf der Terrasse der Tuilerien errichtete Batterie die Prachtstraße der Champs Elysées entlang zum Triumphbogen hinaufsandte. In der inneren Stadt vernahm man wohl dieses Kanonenduett, aber man war solchen Singsangs seit Monaten so gewohnt, daß man sich zum schlafen niederlegte, ohne zu ahnen, daß die Blauen innerhalb der Umwallung. Soweit diese am Abend in der Dunkelheit hatten vordringen können, waren sie in diesen Quartieren, namentlich in den Westendquartieren rechts der Seine laut sympathisch empfangen und als Befreier begrüßt worden. Das war ganz in der Ordnung. Aber nicht in der Ordnung war, daß die Soldaten der Regierung jetzt schon alle Roten, deren sie habhaft werden konnten, erbarmungslos niedermachten und von ihren Offizieren von dieser Mordwut keineswegs abgemahnt, sondern vielmehr noch dazu angeeifert wurden. Alle auch nur halbwegs anständigen Menschen in Europa haben sich über die Greuel, welche die Roten während des Verzweiflungskampfes der Kommune verübten, entsetzt. Aber der nur allzu gerechtfertigte Abscheu hätte nicht bloß auf eine Seite fallen sollen. Denn nicht allein die roten Besiegten, sondern auch die blauen Sieger haben sich wie wilde Bestien aufgeführt. Nein, nicht so, sondern so wild und wüst, wie nur der Mensch, nicht das Tier, zu wüten vermag. Da, in dieser schrecklichen Pariser Woche hat sich die vielgerühmte »christliche« Zivilisation wieder einmal herrlich sehen lassen, wie sie sich eben immer und überall sehen ließ und sehen läßt, wo die elementaren Triebe und Leidenschaften der Menschenbestien, alle konventionellen Anerzogenheiten abstreifend, kämpfend aufeinanderprallten und aufeinanderprallen .... Das war ein Erwachen am Morgen dieses 22. Maitags! Von Vaugirard im Süden bis zum Montmartre und La Villette im Norden, vom Kai d'Orsay und von der Madeleine im Westen bis nach Belleville und zum Père Lachaise im Osten lief der Schreckensruf: »Die Versailler sind in der Stadt!« Aber alsbald rollte diesem Ruf wie ein Widerruf der Alarmschrei nach: »Zu den Waffen! Auf die Barrikaden!« Und mit diesen in tausenderlei Modulationen wiederholten Rufen und Schreien mischten sich das Wirbeln der Trommeln, Hörnersignale, das Heulen von tausend Sturmglocken, das Rasseln fahrender Geschützzüge, das »Husten« der Mitrailleusen, Bombengezische, Chassepotsgeknatter – und alle diese Laute stoßen zusammen in einen chaotischen Schwall, in ein dumpfes, unartikuliertes, nervenfolterndes Gedröhne. Man konnte glauben, das Todesröcheln der Riesenstadt zu hören. Noch war es aber nicht so weit. Die rote Fahne senkte sich nicht faul und feig vor der tritoloren. Nein, bis zur äußersten Möglichkeit wurde sie emporgehalten, solange überhaupt noch Arme da waren, sie zu halten. Nur deutsche Hofhistoriographen, Leute ohne Eingeweide, Liberale mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung könnten bestreiten wollen, daß hier für eine schlechte Sache mit einem Todesmut gestritten würde, wie er selbst für eine beste nie heldischer aufgewendet worden. In der Frühe wurde ein Aufruf vom Kriegsdelegierten Delescluze ausgegeben, der zum Widerstande bis aufs Messer aufforderte. Ein wunderliches Dokument, ganz aus unbestreitbaren Wahrheiten und grotesken Lügen zusammengerührt. Alles aus dieser Tonart: »Zu den Waffen, Bürger, zu den Waffen! Ihr wißt, es handelt sich darum, zu siegen oder den Pfaffenknechten von Versailles in die unbarmherzigen Hände zu fallen, diesen Schuften, welche Frankreich den Preußen ausgeliefert haben und uns jetzt den Preis für ihren Verrat bezahlen lassen wollen. Zu den Waffen! Auf die Barrikaden!« Die Kommune, des Zentrums der Stadt, sowie der im Norden und Osten gelegenen Vorstädte sicher, hatte also den Kampf um ihr Sein und Nichtsein an- und aufgenommen. Nicht vergebens auch rief sie zu den Waffen. Wohl an fünfzigtausend Streiter gehorchten dem Rufe, darunter ganze Bataillone von Amazonen. Es mußte selbst von den Siegern, als sie die Geschichte der Besiegten schrieben, widerwillig anerkannt werden, daß von Frauen die Barrikaden häufig am hartnäckigsten verteidigt wurden. Auf den endlich von den Truppen erstürmten Trümmern vieler dieser improvisierten Zitadellen fand man die Leichen schöner Mädchen, auf der Schulter die Offiziersepauletten, im jungen Busen die Todeswunde. Überwältigt und gefangen, ließen Streiterinnen der Kommune nicht ab, noch mit den Fäusten und Zähnen zu kämpfen, bis man sie niederschoß. Das unerwartete Eindringen der Blauen hatte das Verteidigungssystem der Roten sehr lückenhaft gelassen. Der Barrikadenbau konnte in vielen Straßen erst Montags, den 22. Mai, angehoben werden und mußte daher überhastet werden. Etliche Hauptpunkte jedoch konnten für wohlvorbereitet gelten, dem Angriff zu trotzen. So auf dem linken Stromufer das rechts von der Rue Jacques gelegene Pantheonquartier, auf dem rechten das Hotel de Ville, der Vendômeplatz, das Chateau d'Eau, weiterhin die Butte Montmartre, die Butte Chaumont oberhalb Belleville und der bekannte Kirchhof Père Lachaise, ostwärts zwischen der Gürteleisenbahn und der Umwallung gelegen. Am 22. Mai hörte die Kommune als solche zu existieren auf, indem sich ihre Mitglieder an ihre verschiedenen Posten in den einzelnen Bezirken begaben. Zu einer vollzähligen gemeinschaftlichen Beratung traten sie nicht wieder zusammen. Im Stadthause verblieb nur die Delegation beim Kriegswesen und das Komitee der öffentlichen Sicherheit. Die letzte Nummer des »Journal officiel« kam am 23. Mai heraus. Zu den letzten Bekanntmachungen der Kommune, die aber schon nur noch von Hand zu Hand verbreitet werden konnten, gehört das berüchtigte, vom »3. Prairial des Jahres 79« datierte, von Delescluze, Régère, Ranvier, Johannard, Vesiner, Brunel, Dombrowski unterzeichnete Branddekret: »Bürger Millière wird an der Spitze von hundert Zündern ( fuséens ) die verdächtigen Häuser – (d.h. Häuser, aus welchen irgend ein feindseliger Akt hervorgehen sollte) – und die öffentlichen Denkmäler auf dem linken Ufer anzünden. Bürger Derreure mit hundert Brandmännern ist für das erste und zweite Arrondissement beauftragt. Bürger Billioray mit hundert für das neunte und zehnte Arrondissement. Bürger Besiner mit fünfzig im besonderen für die Boulevards von der Madeleine bis zur Bastille. Die Bürger werden sich mit den Barrikadenchefs ins Einvernehmen setzen, um die Ausführung dieser Befehle zu sichern.« Gegen die Echtheit dieses Dokumentes haben sich jedoch schwerwiegende Bedenken erhoben, so schwere, daß ich es ausdrücklich nur als ein zweifelhaftes gelten lassen kann, ja sogar, was meine persönliche Meinung angeht, für ein nachträglich fabriziertes anzusehen geneigt bin. Dagegen halte ich den berüchtigten, obzwar von roter Seite her ebenfalls für untergeschoben erklärten, lapidarisch-lakonischen Brandbefehl Ferrés: »Verbrennt sofort das Finanzministerium!« (faites de suite flamber Finances) für echt, bis die Falschheit der Unterschrift dargetan ist. Wäre des Grafen und Abbé Sieyès Todesvotum gegen den sechzehnten Ludwig ( »la mort sans phrase« ) nicht Apokryph, so hätten wir hier ein recht dazu passendes Parallelwort: »Die Brandfackel schlechtweg!« Aber klingt aus dem Brandbefehl des Bürgers Ferré für hörende Ohren nicht etwas wie Weissagung heraus? Etwas, das alle die »Großen Bücher« in den Finanzministerien Europas bedroht? Könnte es nicht geschehen, daß unsere Nachkommen zu der Einsicht gelangten, sie wären für die Sünden ihrer Vorfahren doch eigentlich nicht verantwortlich? Nicht verantwortlich und haftbar für unsere gewissenlose Staatsschuldenmacherei, für dieses selbstsüchtige Vorwegessen der Zukunft, für diese schändliche Belastung noch ungeborener Geschlechter? Wird die Prämisse der gesamten dermaligen Finanzwissenschaft, d.h, Schuldenwirtschaft, die ja zumeist nur der Raubritterschaft vom goldenen Kalbe zugute kommt, nicht logischerweise zu der Konklusion führen: »Unser Schuldbuch sei vernichtet!« und müßte dann ein europäisches »Faites flamber Finances!« nicht als Wahrspruch der Nemesis anerkannt und begrüßt werden? ... 10. Das rote Gespenst geht leibhaft um Der Marschall Mac Mahon hat sich als Leiter der Einnahme von Paris und der Niederwerfung der Kommune zweifellos als tüchtiger General erwiesen, wenigstens als ein weit tüchtigerer, denn im Feldzug von 1870. Nachdem die Kommune einmal im Vollbesitze der Hauptstadt und ihrer unermeßlichen Hilfemittel, waren zur Wiedergewinnung von Paris Streitkräfte nötig, die sich nicht aus dem Boden stampfen ließen. Es hat sich überhaupt noch nie etwas Rechtes und Tüchtiges aus dem Boden stampfen lassen. Woher dem Marschall das Material an Soldaten hauptsächlich zufloß, ist schon früher erwähnt worden. Nach der Unterzeichnung des Definitivfriedens zwischen Deutschland und Frankreich am 10. Mai zu Frankfurt und nach der Ratifikation dieses Friedensvertrages durch die Nationalversammlung zu Versailles am 13. Mai war der Zufluß ein so ausgiebiger geworden, daß sich Mac Mahon instand gesetzt sah, die Organisation seiner Truppen zu vollenden. Er hatte zuvorderst drei Korps formiert, zwei Infanterie- und ein Kavalleriekorps (Ladmirault, Cissey, Du Barrail). Dazu waren dann zwei weitere Armeekorps gekommen (Douay und Clinchant) und endlich noch eine aus drei Divisionen bestehende Reserve unter dem General Vinoy. So gerüstet, sah sich der Marschall kräftig genug zum entscheidenden Handeln und dieses war, wie wir gesehen, auf den 23. Mai angesetzt. Die Ereignisse vom 21. Mai. hatten aber den Angriff vorgerückt. Vom Mont Valerien herab hatte der Obergeneral den Einbruch der Truppen in die Stadt geleitet. Dann hatte er sich zur Stunde, als der Trokadero, das Marsfeld und die Kriegsschule von denselben genommen waren, von der Zitadelle herab und in die Mitte seiner Regimenter begeben. Während der Nacht traf er seine Bestimmungen und Verfügungen in betreff der großen Straßenschlacht, welche am folgenden Tage anhob und erst nach siebentägigem Streiten zu Ende sein sollte, – nach einem Streiten, von welchem der Dichter hätte sagen können, was er von der Bestürmung Jerusalems durch die Römer des Titus gesagt hat: »O, welcher Mordkampf hat sich da entsponnen! Aus tausend Wunden sprang so voll das Blut, Als wären unversiegbar solche Bronnen ...« Frisch, klar, sonnig, so recht ein Maimorgen, ging der vom 22. über Paris auf, welches diesem Frieden und Glanz der Natur gegenüber wieder einmal dartat, was es mit der vielgepriesenen Zivilisation unseres Jahrhunderts eigentlich auf sich hat. Von beiden Seiten wurde die siebentägige Schlacht mit gleicher Wut gefochten. Der Unterschied war nur, daß die Blauen mit Methode, die Roten dagegen mit Verzweiflung wüteten. Der Marschall hütete sich wohl, den Stier bei den Hörnern fassen zu wollen, d.h. einen Massenangriff auf das furchtbar barrikadierte Zentrum der Stadt zu unternehmen. Er und seine Generale griffen die Sache anders an. Im Besitze einer festen Operationsbasis, verschritten sie zu einer Reihe konzentrischer Angriffsbewegungen, welche den Zweck hatten und erreichten, auf Seitenwegen und selbst mitten durch Häuserwände und Häuserreihen hindurch die festesten »Volkszitadellen« zu umgehen, Paris mittels Besetzung der Hauptverkehrsadern und der strategischen Punkte mählich zu umstricken und einzuwickeln, um dann die Umschnürung fester und enger zu machen, zuletzt so eng und fest, daß mit einem letzten Würgegriff der Insurrektion ihr letzter Atemzug zu entpressen wäre. Angenommen, ein Beobachter hätte von der Kuppel des Invalidenpalastes herab den Bewegungen der fünf Kolonnen, in welche der Marschall seine Streitkräfte geteilt hatte, am 22. Mai zusehen können und hätte bei dieser Schau das Antlitz nach Norden gekehrt, so würde er ganz linkswärts die Kolonne des Generals Ladmirault die Linie der Gürteleisenbahn aufwärts verfolgen gesehen haben, eine Bewegung, welche den Zweck hatte, einem der Hauptbollwerke der Roten in den Rücken zu kommen, dem Montmartre. Demselben Ziele strebt der General Clinchant zu, welcher vom Triumphbogen aus gegen den Park von Monceaux und Batignolles hinausdrängt. Der General Douay seinerseits sucht im Zentrum die Champs Elysées und den Beauvauplatz zu gewinnen. Zur Rechten, auf dem linken Seineufer lenkt der General Cissey seine Truppen auf den Bahnhof Montparnasse zu, um sich von dort den Weg zum Pantheon zu öffnen. Die Reserve unter Vinoy behält der Marschall bei der Hand, um damit nach Bedarf Douay oder Cissey zu unterstützen. Den ersten bedeutenden Vorschritt machte der letztgenannte General. Noch am 22. Mai. Sein Sturm auf den bezeichneten Bahnhof gelang, auch entriß er den Roten die gewaltige Barrikade, welche sie hinter der Umwallung auf der Straße nach Orleans erbaut hatten, und brach sich damit Bahn zur Butte aux Cailles. Auch im Zentrum und auf der Linken war die Schlacht im Gange, führte jedoch erst am folgenden Tage zu einem für die Blauen beträchtlichen Ergebnis. Dies war kein anderes als der am 23. Mai mit ganzem Erfolg unternommene Angriff auf das Montmartre-Quartier. Clinchant bedrängt es vom Süden und Westen aus, Ladmirault faßt es vom Norden her. Mittags 1 Uhr flattert die Trikolore auf der Spitze des Turmes von Solferino. Noch zwei Stunden lang aber tobt der Kampf um die mächtige Barrikade auf dem Platze Pigalle, so recht die Arx oder Akropolis der Kommune. Hier befehligt Dombrowski in Person, wird niedergestreckt und sterbend zum Spital Lariboisière getragen, wo er am nächsten Morgen ausatmet. Der Verlust des Montmartre bedeutet für die Roten schon ihre entschiedene strategische Niederlage. Auf Sieg kann jetzt nicht einmal der Wahnsinn mehr hoffen. Die beiden Plätze Pigalle und Blanche sind mit Blutlachen bedeckt, hundert Kanonen, mehrere Tausende von Gefangenen sind die Beute der Sieger. Die Rache beginnt ihre Füsilladen an der Stelle, wo am 18. März der Frevel die seinigen begonnen hatte. Der General Ladmirault bleibt vorderhand auf Montmartre stehen; der General Clinchant steigt auf die äußere Boulevardlinie hinab, um von dieser aus und über die innere hin mit dem General Douay im Zentrum Fühlung zu suchen. Links der Seine hat inzwischen der General Cissey seinen Vormarsch, allerdings unter schwerem Ringen, bis zur Kirche St. Sulpice fortgesetzt. Die Nacht sinkt herab auf die roten Walstätten des zweiten Schlachttages, auf Weh und Wunden ohne Zahl. Tausende von Wachtfeuern lassen kein Dunkel aufkommen und das Gebrause und Getöse ruht kaum für etliche Stunden. Dann kommt der dritte Tag – »Aufgeht die Sonne; untersinkt sie wieder; Sie sieht nur Blut und Tod; sie steigt empor – Im Kampfe stehen immer neue Glieder.« Noch hielten die Roten nicht nur den Osten der Stadt, sondern auch das Zentrum unter ihrer Hand. Die Tuilerienterrasse, das Schloß selber, den Louvre, das Palais Royal, die Madeleine, den Vendômeplatz machten sie am 23. Mai den Angreifern noch immer streitig und behaupteten diese Punkte den ganzen Tag hindurch. Mittels Umgehungen, Häuserdurchbrüchen, Massenwirkungen des schweren Geschützes suchten die Blauen, deren Harste in sicherem Einvernehmen und unter festeinheitlicher Oberleitung handelten, diese Zentralstellung ihrer Gegner zu bewältigen, um dann, stromaufwärts dringend, den Herzstoß auf den Aufstand zu führen, d.h. das Hotel de Ville anzugreifen. Gleichzeitig mit diesen Operationen im Mittelpunkte der Stadt gingen draußen an der Peripherie derselben andere vor sich, welche die Absicht hatten und erreichten, die drei Südforts Montrouge, Bicêtre und Ivry den Roten zu entreißen. Die von dem Generalstabsoffizier Leperche geschickt geleiteten, von den Obersten Deloffre und Desgarets tüchtig geführten, durch die Reiterei des Generals Du Barrail kräftig unterstützten Angriffe auf die genannten Zitadellen hatten zur Folge, daß die Verteidiger es geraten fanden, die Werke aufzugeben und in mehr oder weniger eiligem Rückzug ihr Heil zu suchen. Jedoch erst, nachdem sie bis zum 25. Mai ausgehalten hatten. Sie hielten überhaupt überall aus, solange auszuhalten war. Die Kämpfer der Kommune der Feigheit zu bezichtigen, ist nicht allein ungerecht, sondern heißt auch die Tatsachen nicht sehen wollen und ist demnach ganz albern. Der gerechte Urteiler muß es ja geradezu staunenswert nennen, daß die Roten der ganzen Überlegenheit militärischer Technik und Disziplin gegenüber den Kampf so lange zu führen vermochten, sie, die ohne einheitliches Kommando und darauf angewiesen waren, alles, was ihre Gegner vor ihnen voraushatten, mittels ihrer Anstelligkeit und Todesverachtung einigermaßen auszugleichen. Aber, wohlverstanden, ich spreche von den wirklichen Kämpfern der Kommune, nicht von dem schandbaren Gesindel, welches die Waffen nur trug, um damit wehrlose Opfer hinzuschlachten, zum Abscheu der Mit- und Nachwelt. Solches Gesindel, Auswurf der Riesenkloake Paris, durch alle Latrinen der Gaunerei gekrochene Halunken, auf allen Schmutzwegen der Ausschweifung bewanderte Dirnen, sah man schon am 23., zahlreicher noch am 24. Mai in den Straßen zwischen dem Bastilleplatz und dem Père Lachaise lungern und lauern, Aasvögeln gleich, welche Leichen wittern. Sie umkreisten die Mauern des Gefängnisses La Roquette und krächzten gräßliche Drohungen zu den vergitterten Fenstern empor, hinter welchen die »Geiseln« gefangen saßen. Aber nicht diese Elenden hätten das rote Gespenst vom September von 1792 wieder heraufzubeschwören vermocht. Von Amts wegen wurde es heraufbeschworen. Die Kommune hatte den Beschluß gefaßt, die sämtlichen Geiseln sollten umgebracht werden. Ort, Tag und Stunde dieses Beschlusses, sowie die Namen der Mitglieder, welche dabei mitgewirkt, genau zu ermitteln, ist bislang nicht gelungen. Fest aber steht, daß das Exekutivkomitee am Mittwoch, den 24. Mai, diesen Befehl erließ: »Der Bürger Rigault in Gemeinschaft mit dem Bürger Régère wird mit der Ausführung des Dekrets der Kommune in betreff der Geiseln beauftragt. Unterzeichnet: Delescluze, Billioray.« Die Verteidiger der Kommune sagen, dieses Blutdekret sei nur erlassen worden zur gerechten Wiedervergeltung der Greuel, welche die »Insurgentenjagd« verübte, die von den Blauen in den von ihnen eroberten Stadtvierteln erbarmungslos angestellt wurde. Das mag so sein, und kein gerechter Mann wird anstehen, die Greuel dieser Menschenjagd zu brandmarken. Allein immerhin besteht ein Unterschied zwischen diesen Barbareien, welche eine kampftoll gewordene Soldateska auf von dem Blute ihrer Kameraden dampfenden Walstätten gegen mit den Waffen in der Hand ergriffene oder ihr als solche bezeichnete Kommunarden verübte, und, der kaltblütig angeordneten und kannibalisch-roh ausgeführten Abschlachtung von armen Gefangenen, welche an dem Mordkampfe gar nicht teilgenommen hatten. Nicht die Leidenschaft, nein, die kühlberechnende Grausamkeit hat das Signal zu den ruchlosen Massenmorden gegeben, wie sie am 24. Mai begannen. Das ist das glühendste Brandmal, welches die Kommune sich aufgedrückt hat. Der Bürger Rigault zauderte nicht, zu tun, was ihm eine Lust. Dieser Mensch war einer von jenen in unserer Zeit nicht eben seltenen Kalkulatoren, welche die materialistische Lehre des Jahrhunderts als einen Panzer tragen, an welchem alles abprallt, was Gefühl, Menschlichkeit, Ehre, Wahrheit und Gerechtigkeit heißt. Solchen Strolchen ist das Laster eine Eleganz und der Frevel ein Zeitvertreib. Sie kennen und anerkennen nichts als ihr eigenes kleines, hohles, eitles, vom Größenwahn aufgeblähtes Ich, und die Selbstsucht, keck, frech, schamlos bis zur Hündischkeit, ist das Idol, vor welchem sie auf dem Bauche liegen. Der Mordbefehl des Exekutivkomitee war kaum in Rigaults Händen, als er nach St. Pélagie eilte, wo der von ihm gehaßte Republikaner Chaudey eingekerkert war. Der Prokurator der Kommune zeigte dem Gefängnisdirektor Ranvier an, daß die Stunde der »Hinrichtung« der Geiseln geschlagen habe, und daß Chaudey »den Tanz beginnen werde«. Selbstverständlich hatte die Kommune beizeiten dafür gesorgt, das Verwaltungs- und Aufsichtspersonal in den Gefängnissen aus »Bürgern« zusammenzusetzen, auf die sie sich verlassen konnte. Ihre Gefängnisdirektoren waren jedenfalls Leute, die als im Gefängnisleben erfahren bezeichnet werden mußten. So dirigierte z.B. in La Roquette ein gewisser François – in einigen Zeugenaussagen heißt er auch Lefrançais – welchem die Züchtlingsjacke, die er früher getragen, noch jetzt ganz gut auf Leib und Seele gepaßt hätte. Der arme Chaudey wurde in die Schreibstube des Gefängnisses heruntergebracht, wo ihn der Bürger Prokurator also begrüßte: »Bürger, ich bin beauftragt, die Hinrichtungen in den Gefängnissen zur Ausführung zu bringen. Sie kommen heute daran, sofort – binnen einer Stunde werden Sie erschossen sein.« Chaudey ward durch diese brutale Eröffnung begreiflicherweise verblüfft, faßte sich aber rasch und sagte: »Aber, Raoul Rigault, haben Sie denn auch bedacht, was Sie tun wollen?« – »Allerdings. Ich vollziehe einen Beschluß der Kommune. Das ist alles.« – »Aber Sie wissen doch, ich bin ein guter Republikaner. Sie schädigen eine heilige Sache. Sie bringen die Republik um.« – »Gleichviel, Sie sterben wie alle die übrigen Geiseln.« – »Aber, Bürger Rigault –« »Genug, meine Zeit ist knapp. Wollen Sie etwa einen Beichtvater?« – »Scherzen wir nicht! Sie wissen recht gut, daß ich keinen Beichtvater will.« – »Sie sind ein Mörder, Sie haben es verschuldet, daß Blanqui umgebracht wurde.« – »Aber Blanqui lebt ja; ich kann es beweisen. Vielleicht vermag ich sogar seine Austauschung zu bewirken.« – »Aha, Sie stehen also mit Versailles in Verbindung? Wohlan, Sie und alle die andern Geiseln sterben.« – »Gut, ich werde Ihnen zeigen, daß und wie ein Republikaner zu sterben weiß.« Der Wackere zeigte es. In den Rundgang des Gefängnisses geführt, wo das Mordpeloton seiner harrte, wurde er der Kapelle zur Seite in einen Mauerwinkel gestellt. Der Bürger Prokurator gönnte sich das Vergnügen, mit gezogenem Degen den Mordakt zu kommandieren. Schlecht getroffen stürzte Chaudey zu Boden und hatte noch die Kraft, zu rufen: »Vive la république!« Da wirft sich mit den Worten: »Ich will dir die Republik schon aus dem Schädel treiben!« der Brigadier Gentil, ein Haupthandlanger Rigaults, auf den Verwundeten und jagt demselben eine Revolverkugel »durch den Rachen«, wie er sich später lachend rühmte. Die Ausplünderung des Toten durch die Mörder gehörte mit zum Ganzen. Neben Chaudeys Leichnam wurden etliche Minuten darauf noch die von drei gefangenen Gendarmen hingeworfen, auf welche man, den Greuel zu würzen, in dem Rundgange wie auf Jagdtiere unter Zoten, Flüchen und Gelächter geschossen hatte. Nach also vollzogenem Menschenopfer brach der Bürger Rigault nach dem Gefängnisse La Santé auf, »um sein Geschäft fortzusetzen« ... Die Muse der Geschichte hat die traurige Verpflichtung, vor nichts zurückschaudern zu dürfen und alles sagen zu müssen, aber sie hat auch das Recht, mit beschwingten Sohlen über Blutlachen hinwegzuschreiten. Müßte man doch selber so eine rote Bestie von 1871 sein, wollte man sich dazu hergeben, die gräßliche Reihe der Niedermetzelungen der Geiseln und anderer Opfer breitspurig zu durchwaten. Auch zu zählen brauchen wir die Gemordeten nicht genau. Die Zahl macht bei solchen Schrecknissen eigentlich gar nichts aus. Nicht wie viele Opfer die Inquisition, die Hexentribunale, die Bartholomäusnacht, die Septembermorde und das rote Quartal hingeschlachtet, macht den Greuel aus, sondern dieses, daß überhaupt Menschen so gegen Menschen wüten konnten und gewütet haben. Den scheusäligsten Anblick gewährten auch wiederum hierbei die weiblichen Scheusale, wie die »Amazonen« Katharina Rogissart, Natalie Lemel, Zelie Grandel und Marguerite Gandair, genannt Lachaise. Die letztgenannte hat eine Hauptrolle bei den Mordtaten gespielt und sich ganz unglaublich greulich in La Roquette aufgeführt, sowie bei der Abschlachtung des Grafen de Beaufort, welcher als Offizier in der Armee der Kommune gedient hatte, aber plötzlich, ohne einen Schatten von Grund, durch die Furie des Verrats bezichtigt und auf ihr Betreiben auf dem Voltaireplatze niedergemacht wurde. Das Wildschwein von Weib stampfte auf dem noch warmen Leichnam herum und sagte etwas und tat etwas, was nicht beschrieben werden kann. Mittwochs, den 24. Mai, begannen die Massenmorde. An der Spitze der Mörderrotte, welche schon seit etlichen Tagen La Roquette umlauert hatte, brachen die Grandel und die Lachaise in das Gefängnis ein. Die letztgenannte Megäre tat gerade so, als wäre sie die amtlich bestellte Leiterin der Mordarbeit, welche von den Gefängnisbeamten freilich mehr nur zugelassen als angeordnet worden ist, aber doch zugelassen. Das Nachtstück, wie der Erzbischof Darboy und fünf seiner Mitgefangenen im Hofraume des Gefängnisses beim Fackelschein niedergemetzelt wurden, hat sich dem schauernden Gedächtnis der Zeitgenossen unverlöschbar eingeprägt. Nach verübtem Frevel wies einer der Mörder den Wächtern Pinet und Bourguignon ein Pistol mit den Worten: »Seht, es raucht noch. Damit hab' ich dem Kerl von Erzbischof den Garaus gemacht.« Ein anderer bemerkte grinsend: »Dieser alte Hund von Darboy wollte nicht sterben, dreimal noch versuchte er aufzustehen.« Draußen auf dem Platze prahlten die Mordbuben ganz laut: »Wir haben fünfzig Franken verdient.« Etliche Tage darauf fand man auf der Mairie des elften Arrondissements dieses lakonische Protokoll: »Komitee der öffentlichen Sicherheit. Heute, den 24. Mai, acht Uhr abends, sind im Gefängnisse La grande Roquette Georges Darboy, L. B. Bonjean, L. Ducoudray, M. Allard, A. Clerc und G. Deguerry hingerichtet worden. Kommune von Paris. Kabinett des Chefs der öffentlichen Sicherheit. Gemeindepolizei.« Dieses Aktenstück trägt das amtliche Siegel der Polizeipräfektur, aber keine Unterschrift. Es ist jedoch festgestellt, daß der Bürger Ferré, der Delegierte bei der öffentlichen Sicherheit, am 24. Mai zweimal in La Roquette sich zu schaffen machte, am Vormittag und am Nachmittag. Vor dem Kriegsgerichte zu Versailles hat ein Hauptzeuge dem Angeklagten Ferré ins Gesicht gesagt, daß dieser die Mordrotte persönlich in das Gefängnis geführt habe. Dieser Augenzeuge war der Zivilingenieur Duval, ein Ehrenmann, ebenfalls als »Geisel« eingetürmt. Der Gerichtspräsident: »Sie sind also ganz sicher, in dem Angeklagten Ferré das Mitglied der Kommune zu erkennen, welches gemeinschaftlich mit Ranvier das Exekutionspeloton in La Roquette einführte und welches Sie am 24., 26. und 27. Mai in der Schreibstube des Gefängnisses gesehen haben?« Herr Duval: »Ja, ich schwör' es.« Übrigens ist auch die Anwesenheit Rigaults in La Roquette während jener Mordtage wohlbezeugt. Summa: die Schlächtereien in dem genannten Gefängnis sind nicht etwa nur zufällige gewesen, sondern amtlich angeordnete, nicht ein bloßer Pöbelexzeß, sondern eine vorbedachte, berechnete Tat der Kommune, eine Tat, bei deren Ausführung sie sich solcher Tiermenschen bediente, wie sie ihr in Hülle und Fülle zur Hand waren. Donnerstags, den 25. Mai, mußten die Dominikanermönche von Arcueil, wo sie eine Schule hatten, in den Tod gehen. Sie waren, dreiundzwanzig Patres und Fratres, auf Befehl des Wohlfahrtsausschusses am 19. Mai verhaftet und in das Fort Bicêtre gebracht worden. Als am 25. die Roten das Fort aufgeben mußten, schleppten sie die Mönche mit sich, stellten sie auf einer Barrikade der Avenue d'Italie den Kugeln der Blauen bloß, und nachdem sie gegen Abend zu auch die Barrikade hatten verlassen müssen, massakrierten sie mit schon gewohnheitsmäßiger Brutalität die wehrlosen Opfer, von welchen nur einige wenige zu entfliehen vermochten. Weiter, weiter in diesem Blutsumpfe! Wir müssen hindurch ... Nach der Ermordung des Erzbischofs und seiner Todesgenossen war es drei Geistlichen, dem Generalvikar Surat, dem Abbé Beourt und dem Missionär Houillon, gelungen, in Gemeinschaft mit dem Stadtsergeanten Chaulieu aus der großen Roquette zu entweichen. Aber alsbald hatte sich eine Jägerschar, geführt von einer Megäre, welche in der Linken eine rote Fahne und in der Rechten ein Messer hielt, auf die Fährte der Flüchtlinge geworfen. Sie wurden eingeholt, in den Hof der Petite Roquette geschleppt, an die Mauer gestellt und niedergeschossen. Chaulieu bat die Fahnen- und Messerträgerin – Wolff-Guyrad hieß die Vettel – sein Leben zu schonen, da er der Vater von acht unerzogenen Kindern sei. Sie schleuderte ihm eine Zote ins Gesicht und kommandierte »Feuer!« Ein Gassenjunge, einer jener Gamins, welche August Barbier mit dem ätzenden Griffel eines Juvenal also gezeichnet hat: »Dein echt Geschlecht, Paris, das ist der Straßenschreier, Halbwüchsig, schmutzig fahl, wie ein verschliffner Dreier, Das ungezogne Kind, der Taugenichts, der träg Verschleudert Tag um Tag, der gern auf seinem Weg Die magern Hunde quält und, seinen Gassenhauer Sich pfeifend, schlüpfrig Zeug hinkritzt an jede Mauer; An nichts glaubt dieses Kind; es speit die Mutter an; Der Himmel dünkt ihm nur ein abgeschmackter Wahn; Was zuchtlos nur und frech, spukt in des Buben Hirne, Dem reif das Laster steht auf fünfzehnjähr'ger Stirne« – ja, ein solcher Sproß »de la race de Paris« stand später, der Mitschuld an diesem Mord angeklagt, vor dem Kriegsgericht und gab auf die Frage des Vorsitzenden, warum er auf die Priestergeiseln geschossen habe, kurzweg die Antwort: »Weil man keine Religion mehr braucht.« Das sind so Folgen der Tatsache, daß eine Stadt, welche sich rühmt, die »Weltleuchte«, die »Sonne der menschlichen Zivilisation« zu sein, barbarisch genug war und ist, innerhalb ihrer Mauern sechzigtausend Kinder ohne alle Schulbildung und Erziehung aufwachsen zu lassen. Freitags, den 26. Mai, gab man dem Pöbel von Belleville jenes entsetzliche Schauspiel, welches unter dem Namen des Gemetzels in der Straße Haxo bekannt ist. Man hatte zu dieser schrecklichen Opferung fünfzig Geiseln, vierzehn Geistliche und sechsunddreißig Stadtpolizisten (Gardes de Paris), aus La Roquette geholt. Zwischen fünf und sechs Uhr abends führte man die Opfer inmitten einer Prozession von johlenden Banditen und lachenden Vetteln die Rue de Paris hinauf und dann rechts hinein in die Rue Haxo. In dieser stand rechts und links dichtgedrängt die Menge, welche die dem Tode geweihten Männer mit wütenden Verwünschungen überschüttete. »Nieder mit ihnen! Schießt sie tot!« war der Kehrreim des kannibalischen Gebrülls. Bei dem Hause Nr. 83 wurden die Geiseln in einen Hofraum oder vielmehr in einen ummauerten Graben hineingetrieben. Stabsoffiziere von verschiedenen Bataillonen, in Schärpen und Borten prangend, wohnten der anhebenden Schlächterei an. Chassepot und Revolver taten ihr Werk, taten es so lange, bis keins der Schlachtopfer mehr atmete. Die Leichen warf man in den Kellerraum eines unvollendeten Gebäudes. Als der Greuel zu Ende, brach die Menge in ein wildes Beifallsgeheul aus, und junge Weiber liefen auf die Mordbuben zu, drückten ihnen die pulvergeschwärzten, blutbespritzten Hände und riefen ihnen zu: »Brav gemacht, gut gearbeitet, Schatz!« Auf Sonnabend, den 27. Mai, scheint noch eine Schlächterei größten Stils geplant gewesen zu sein, darauf deutete es hin, wenn der Bürger Ferré in der Schreibstube der großen Roquette erschien und die Freilassung und Bewaffnung der in dem Gefängnisse verwahrten Kriminalverbrecher und Bagnokandidaten anordnete. Offenbar in der Meinung, durch diese ehrenwerten »Bürger« alle noch im Hause vorhandenen »Geiseln« niedermachen zu lassen. Allein den Bösewichten gelangen an diesem Tage nur noch einzelne Mordtaten. Zu weiteren ließ ihnen das bedrohliche Vorrücken der Blauen keine Zeit mehr. Auch verbarrikadierten sich die Geiseln, durch diesen und jenen Wächter heimlich unterstützt und von der Annäherung der Retter unterrichtet, in ihren Zellen, entschlossen, ihr Leben so teuer als möglich zu verkaufen. Die Bagnokandidaten ihrerseits fanden es mehr nach ihrem Geschmacke, davonzugehen, als eine mehr und mehr gefährlich werdende Blutarbeit zu verrichten. Der »Bürger Gefängnisdirektor« François hatte zwar eine hübsche Anzahl von Orsinibomben in Bereitschaft, um damit, wie er prahlte, noch im letzten Augenblick die sämtlichen Geiseln zu vernichten. Aber auch er fand es in der Erinnerung an Züchtlingskleider und Züchtlingskost geraten, sich davonzumachen, bevor der »letzte Augenblick« gekommen war. Die aufgehende Pfingsttagssonne strahlte Trost und Befreiung in die Angst- und Todeshöhle von La Roquette. 11. Blut und Feuer – Feuer und Blut. »Wann ich tot, mag die Welt im Feuer aufgehen!« sagte Tiberius. »Nach uns die Sündflut!« sagte Madame de Pompadour. »Wann unsere Zeit gekommen, wird Paris uns gehören oder Paris wird nicht mehr sein! Wir oder das Nichts!« sagte schon vor der Katastrophe von Sedan, also vor dem Sturze des Kaiserreichs, ein Häuptling der roten Mongolen von 1871. Ja, der roten »Mongolen«. Denn genau so, wie es im Mittelalter die gelben Mongolen getrieben hatten, so trieben es im Mai von 1871 die Kommunarden. Was sie nicht zu besitzen und zu behaupten vermochten, sollte vernichtet werden, damit es wenigstens auch andere nicht besäßen. Ganz dieselbe wilde Selbstsucht, wie sie aus dem finsteren Despoten Tiber gegrollt und aus dem leichtsinnigen Buhlweib Jeanne Antoinette Poisson gelacht hatte. Es war etwas, nein, viel, alles, von der Entmenschung, welche die Bürgerkriege der Römer zur Zeit des Unterganges der Republik kennzeichnete, in diesem französischen Bürgerkriege des roten Quartals. Aus der mörderischen Maiwoche heraus schaudert uns auf Schritt und Tritt das Zähnefletschen und das Wutgebrüll wilder Tiere an. Das ist nichts Menschliches mehr, weder hüben noch drüben. Auf der einen Seite nur noch die Raserei der Verzweiflung, auf der andern nur noch der Rausch der Rache. Wenn der Wohlfahrtsausschuß der Kommune in einem seiner letzten Aufrufe zeterte: »Zu den Waffen! Auf die Barrikaden! Kein Erbarmen! Schießt alle nieder, welche den Versaillern die Hand reichen könnten. Feuer! Feuer!« so gab es unter den Blauen Offiziere genug, welche die Soldaten zu massenhaftem Niederschießen ihrer Gefangenen unaufhörlich anstachelten. Vor allem aber hat sich ein Bonapartist, der Marquis und Oberst de Gallifet, durch sein blutgieriges Wüten verrufen gemacht. Freilich, es mußte biegen oder brechen. Vom 23. Mai an handelte es sich für die beiden kämpfenden Parteien schlechterdings um nichts anderes mehr, als welche von ihnen die Kraft hätte, die Gegnerin unter die Füße zu treten. Nachdem der düstere Jakobiner Delescluze die Einbußen des Tages erfahren und damit die Überzeugung erlangt hatte, daß der Anfang vom Ende gekommen sei, sagte er: »Paris soll in die Luft! Eher soll es bis auf den Grund niedergebrannt als den Royalisten überliefert werden!« Dieses Wort kann füglich als das Signal genommen werden, welches den Zündern und Zünderinnen – (eine hübsche Sorte von »flamines« und »flaminicae« fürwahr!) – an ihr schreckliches Werk zu gehen und dem Pulver das Petrol zu gesellen gebot. In der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch (23. bis 24. Mai) wurde das Namenlose vorbereitet: die Feuerbestattung der »Weltmetropolis«. Wer dann im Morgengrauen von den Höhen von Meudon oder Montretout auf Paris hinabgeschaut hätte, würde gesehen haben, wie der rote Hahn seine ersten Flüge tat, um, eine Feuerfurche hinter sich herziehend, von den Tuilerien zum Louvre, zum Palais Royal, zum Finanzministerium und weiter, immer weiter zu fliegen. Aber wer nach allen den vorhergegangenen Schrecken noch leichtherzig genug gewesen war, die Nacht zu verschlafen, den machte der Entsetzensschrei: »Paris steht in Flammen!« aus dem Bette springen. Und ein Tag brach an, nein, eine ganze Reihe von Tagen, von denen jeder glauben konnte, das alte Weltgerichtslied wäre für ihn gesungen: – »Dies irae, dies illa Solvet urbem in favilla« ... Tag des Zornes, Tag der Rache, Wirfst die Stadt in Schutt und Asche. Derweil war das wilde Ringen zwischen Roten und Blauen um den Besitz von Paris noch lange nicht zu Ende. Hier und dort schlug man sich mit steigender Erbitterung. Angriff und Verteidigung waren gleich heldisch. Als föchten sie für die beste Sache, für welche jemals ein Gewehr geladen und ein Schwert gezogen worden, gaben die Kämpfer der Kommune ingrimmig ihr Leben dahin. Auch, mitunter mit jenem lachenden Gleichmut, womit die alten Nordlandsrecken in den Tod gingen. Bei der Porte St. Martin hielt mitten im Kugelregen ein Blusenmann die rote Fahne, deren Träger er war, hoch empor und lehnte sich dabei mit dem Rücken an ein hinter ihm stehendes Faß. »Bist du müde oder faul?« fragte ihn ein Mitstreiter. »Weder dies noch jenes,« gibt er zur Antwort; »ich lehne mich an, um nicht umzufallen, wenn ich getroffen werde, und auch dann noch die Fahne festhalten zu können.« Noch am Dienstag hatten die Blauen, abgesehen von der Wegnahme des Montmartre, von dessen Höhe sie ihre Bomben nach Belleville und zum Père Lachaise hinüberwarfen, beträchtliche Eroberungen gemacht. Der General Ladmirault schob seine Truppen die äußeren Boulevards entlang ostwärts vor, der General Clinchant verfolgte in den Quartieren zwischen den beiden Boulevardslinien die gleiche Richtung. Ebenso im Zentrum die Generale Douay und Vinoy. Alle diese Bewegungen, welchen der General Cissey auf dem linken Ufer die seinigen anpaßt, richten sich konzentrisch auf das Hotel de Ville. Cissey ist noch am Dienstag bis gegen die Rue du Bac hin vorgedrungen, während auf dem rechten Stromufer die Terrasse der Tuilerien, die Madeleine und der Vendômeplatz von den Truppen genommen werden, welche auch in der Chaussee d'Antin und in der Rue Lafayette festen Fuß fassen. Fürder bereitet die Nacht dem Kampfe keine Unterbrechung mehr. Für Beleuchtung sorgen ja die Petroleurs und die Petroleusen. Es hat den Anschein, als müßte sich die ganze Riesenstadt zu einem ungeheuren Feuerherde gestalten, und inmitten von Glut und Rauch geht das Gewürge weiter. Am Morgen vom 24. Mai nehmen die Blauen die Börse und den Börsenplatz, Douay geht gegen die hochbarrikadierte und zähverteidigte Pointe de St. Eustache vor und bewältigt sie nach herben Verlusten. Dann bedroht er von der Rue Rambuteau her das Stadthaus, gegen welches von der Uferseite her Vinoy auf der Rue Rivoli vorgeht, während Cissey nach Bemeisterung der Barrikaden auf dem Pont Neuf seinen Waffengefährten von der Seineinsel her die Hand reicht. Der jetzt anhebende Kampf um das Hotel de Ville währt mit wachsender Wut die ganze Nacht hindurch bis zum folgenden Tag. Dann räumen die Roten ihr Hauptquartier, das Hauptquartier so mancher Revolution. Aber die Blauen sollen es nicht haben! Ein furchtbarer Knall, welcher ringsum die Erde bebend macht, eine ungeheure tiefschwarze Dampfmasse, die sich langsam aufwärts wälzt, dann ein greller Feuerschein, der an allen vier Ecken des Stadthauskolosses emporspringt. Der Bürger Pindy hat sein Wort gehalten: das Hotel de Ville steht in Flammen und brennt um die Wette mit den Tuilerien, der Louvrebibliothek, dem Palais Royal und dem Finanzministerium, dem Ehrenlegionspalast, dem Palais d'Orsay, dem Justizpalast und der Polizeipräfektur, die brennenden Theater, Markthallen, Fabriken und Privathäuser nicht gerechnet. Nur das rasche Vordringen Cisseys auf dem linken Ufer hatte den Petroleurs die Anzündung des Pantheon verwehrt oder waren die Zünder und Brenner selbst davor zurückgeschreckt? Sie wußten ja, daß in den Kellern des Tempels sechzehn Millionen Patronen, zwanzig Tonnen Pulver und mehrere Kisten Dynamit lagerten – ein schlafender Vulkan. Wäre derselbe mittels der Brandfackel geweckt worden und ausgeborsten, so müßte die Verwüstung eine geradezu unerhörte gewesen sein. Um die dritte Hauptstellung der Kommune im Zentrum, um das Chateau d'Eau, mußte noch lange gerungen werden, vom Donnerstagsmorgen bis zum Freitagsmorgen. Das Vorschreiten der vier vereinigten Truppenkorps, welche auf dem rechten Ufer kämpfen, zum Kanal St. Martin und zum Bastilleplatz ist mit den größten Schwierigkeiten verbunden. Unaufhörlich regnen auf die zwischen der Gürteleisenbahn und der inneren Boulevardslinie gelegenen Standquartiere die Granaten und Petrolbomben, welche die Batterien der Roten von der Butte Chaumont in Velleville und vom Pere Lachaise herab- und hereinschleudern. Diese Punkte, sowie der Faubourg du Temple und die Rue d'Angoulème sind die letzten Halte der Insurrektion, welche ihr gehärtetster Führer, Delescluze, schon am Tage vor dem Verluste des Stadthauses als eine Sache bezeichnet hatte, für die kein Sieg mehr zu hoffen, sondern nur noch der Tod zu suchen sei. Es dürfte ein eitles Mühen sein, von dem Paris, wie es vom Mittwoch, den 24., bis zum Sonntag, den 28. Mai sich darstellte, eine auch nur annähernd deutliche Vorstellung sich zu machen. War es doch wie das Hereinbrechen des Chaos. Nur etwa die giganteske Phantasie eines Dante vermöchte von dieser » città dolente « der Wirklichkeit ein Bild zu geben. Was uns Augen- und Ohrenzeugen berichten, ist bloßes Stückwerk und kann nicht mehr sein. Sie vermochten nicht alle die Schrecknisse, die sie mit allen Poren einatmeten, zu unterscheiden und festzuhalten, geschweige zu einem Gesamtgemälde zu gruppieren. Ein französischer Zeuge sagt aus: »Man muß vom 23. bis zum 28. Mai in Paris gewesen sein, um sich eine Vorstellung von dem entsetzlichen Anblick bilden zu können, welchen die große Stadt während der Feuersbrünste darbot, die nach der Meinung ihrer Urheber sie in Asche legen sollten. Die mörderischen Kämpfe, welche die Armee der Ordnung und die der Demagogie einander lieferten, die Hohlgeschosse, welche nach allen Richtungen platzten, die Gefahren jeder Art, von denen das Leben der Bewohnerschaft in jedem Augenblick bedroht war, – das alles war gewiß angetan, hochgradigen Schrecken zu erregen. Aber dennoch war nichts so erschütternd, so erstarrend, so verzweifelnd wie der Anblick von allen diesen den Flammen überlieferten Monumentalbauten, in welchen seit Jahrhunderten mit religiöser Sorgfalt so viele Schätze der Kunst und Wissenschaft angesammelt worden waren. Beobachter, welche von der Höhe von La Roquette« – (wo unser Zeuge als Geisel gefangen saß) – »oder von der Hochebene von Chatillon diese Feuersbrünste betrachteten, sagten sich mit Entsetzen, daß die prächtige Hauptstadt der modernen Zivilisation zu einem Trümmerhaufen werden müßte; denn sie glich ja einem ungeheuren Glühofen, einem kolossalen Feuerherd, von welchem Flammenströme aufschössen und riesige Rauchwolken emporwirbelten.« Ein Augenzeuge von jenseits des Kanals brach beim Anblick der brennenden Tuilerien, des brennenden Louvre, des brennenden Palais Royal, der brennenden Rue Royale in die Worte aus: »Sie brennt wahrhaft königlich, die ganze Seite der Straße von dem Madeleineplatz bis zur Rue des Faubourg St. Honoré. In dieser letztgenannten Straße sind alle Gossen voll Blut. An jeder Straßenecke steigt eine Barrikade auf. Kanonendonner, Musketengeknatter, Mitrailleusengehuste bilden zusammen ein Orchester, das zu diesem Drama der Zerstörung die Musik macht. Angesichts dieser Schrecknisse faßt unbeschreibliche Wut die Menge. Bislang hatte sie im Gefühl ihrer Befreiung nur Hoch und Hurra geschrien, jetzt aber wandelt sich ihre Freude in bestialischen Rachegrimm. Zitternd und keuchend vor Zorn erzählt man sich, daß das Petrolfeuer auch das Finanzministerium und alle öffentlichen Gebäude am Quai d'Orsay, sowie in der Rue du Bac verzehre. Die das Sonnenlicht auslöschenden Flammengarben und Rauchmassen fachen in den Herzen der Pariser einen Brand an, nicht weniger wild, teuflisch und vernichtend. »Schießt alle Gefangenen nieder! Kein Erbarmen! Nieder mit den Petrolmännern und Petrolweibern!« schreien die Leute wie wahnwitzig den Soldaten zu. Und alsbald hebt eine wütende, schauderhafte, haarsträubende Jagd auf die Verdächtigen an. Man sucht, faßt und füsiliert Männer und Weiber auf der Stelle. Und dieses Höllengeschäft treiben am eifrigsten die Frauen.« Man hat es ein Wunder genannt, daß nicht die äußersten Befürchtungen sich verwirklicht, daß nicht die Flammen ganz Paris eingeäschert hätten. Das Wunder erklärt sich aber wie alle die sogenannten Wunder aus natürlichen Umständen. Zunächst aus der schon früher betonten Hauptursache, daß der unerwartet frühzeitige Einbruch der Blauen in die Stadt die Vernichtungspläne der Roten nur teilweise zur Reife und zur Ausführung kommen ließ. Nebenursachen kamen hinzu: das energische Vorschreiten der Truppen warf Unordnung in die Reihen der Kommunestreiter, und diese störte dann auch vielfach die Arbeit der Zünder; Hauseigentümer fanden in der äußersten Gefahr so viel Mut, den Brandlegungen mit Gewalt sich zu widersetzen; pfiffige Portiers führten die anlangenden Brandmänner in die Keller und füllten sie mit Wein bis zur Besinnungslosigkeit; endlich darf als sicher angenommen werden, daß vielen Brennern im letzten Augenblicke Herz und Hand versagten, ihre höllischen Aufträge zu vollziehen.... Und immer noch flatterte die rote Fahne und fuhren die Batterien der Butte Chaumont und des Père Lachaise auf die Stadt zu feuern fort. Nur kurze Pausen des Aufatmens gönnte sich der Verzweiflungskampf. In der Nacht vom Freitag auf den Sonnabend raste er mit unsäglicher Wut um Belleville her, dessen gehügelte Quartiere und winkelige Gassen von Barrikaden starrten. Das ganze Nest schwimmt in einem grellen Rot, denn die ungeheuren Speicher (»Docks«) brennen lichterloh. Die »strategische« Brandfackel hat auch hier ihr Werk getan. Wie zwei riesige Ausrufungszeichen ragen die spitzen Türme der Kirche von Belleville aus dem Feuerschein empor. Vom Montmartre herüber schlagen die Bomben der Blauen fort und fort in das Häusergewirre. Immer neue Brände springen auf. Doch mit unbeugsamem Fanatismus halten die Belleviller an der verlorenen Sache. Noch einen ganzen Tag, den 27. Mai. Denn nachdem das schreckliche Getöse gegen Tagesanbruch eine Weile verstummt gewesen, hebt es von neuem an und wieder beginnt das Streiten und Morden. Die Sonne, müde der Greuel, die sie seit drei Tagen gesehen, hatte einen dichten Wolkenschleier vor ihr Antlitz gezogen; aber der Widerschein der Feuersbrünste färbte das Grau dieses Schleiers kupferrot. Mithandelnde in dem furchtbaren Trauerspiel haben nachmals ausgesagt, daß der Anblick von Paris an jenem trüben Maimorgen von einer wahrhaft gespenstigen Unheimlichkeit gewesen sei. Man mußte ein Ende machen. Die Blauen holten aus zum letzten Schlag. Sie waren zur Stunde damit fertig geworden, die Insurrektion einzukreisen, sie in einem Zirkel von Eisen, Blut und Feuer einzuschließen, welcher von Belleville und vom Père Lachaise bis ungefähr zum Boulevard Beaumarchais, zum Bastilleplatz, zur Rue de Charonne und zur Rue du Temple reichte. Aber auch aus diesem Kreise heraus setzten die Roten den blauen Angreifern einen so energischen Widerstand entgegen, daß gegen Mittag zu unter den Generalen der Regierung die Rede ging, es werde nichts übrig bleiben, als Geschütze allerschwersten Kalibers herbeizuschaffen, um damit die zurzeit noch hartnäckig behaupteten Quartiere in einen ungeheuren Trümmerhaufen zu verwandeln. Erst der Abend brachte, ohne daß zu diesem Äußersten geschritten werden mußte, die Entscheidung. Die Generale Ladmirault und Vinoy führten sie herbei. Jener faßt, nachdem er sich der Vorstadt Vilette bemächtigt hat, die Butte Chaumont von hinten und erstürmt sie; diesem gelingt der Sturmlauf auf den Père Lachaise, von wo aus er noch am späten Abend bis zur La Roquette hereindringt. So war Belleville gebändigt, und die Rachefurie ging in seinen halbzerstörten Gassen bis weit in die Nacht hinein würgend um. Scharen von roten Flüchtlingen suchten in der Richtung von Vincennes, welches Fort bis zum 29. Mai sich hielt, Rettung und Zuflucht, wurden aber auf diesem Fluchtweg scharenweise von ihren blauen Verfolgern niedergemacht. Nun ist, was noch von der Kommune und den Kommunarden übrig, im Faubourg du Temple und in der Rue d'Angoulême eingekeilt. Noch halten sie aus, die Nacht über und den Morgen vom Pfingstsonntag, obzwar das Stummbleiben der Kanonen auf der Butte Chaumont und dem Père Lachaise ihnen verkündigt, daß alles aus und vorbei und die Todesstunde gekommen. Gegen Mittag sind sie in die Rue d'Angoulême eingeschnürt. Sie haben keine Geschütze mehr und nur noch eine Barrikade. Diese behaupten sie, bis die vom Faubourg du Temple her die Straße heraufsausenden Kanonenkugeln die letzte Schutzwehr niederwerfen und die letzten Verteidiger den Chassepotschüssen und Bajonettstößen der heranstürmenden Soldaten erliegen. Auf den Trümmern dieser letzten Barrikade lag barhaupt, waffenlos, fünf Todeswunden in Brust und Haupt, ein hagerer Greis. Der letzte Häuptling der Kommune, Delescluze, hatte hier um 12 mittags den Tod gesucht und gefunden. Nicht gesucht, aber doch mit leidlicher Fassung hingenommen hatte den Tod der Prokurator der Kommune, Rigault, welcher im Bürgerwehranzug ergriffen, erkannt und an der Ecke der Rue Gay-Lussac von Chasseurs des 19. Regiments füsiliert worden war. Verschiedenen anderen Mitgliedern der Kommune war dasselbe widerfahren. So dem Bürger Millière, welchen Soldaten auf den Stufen des Pantheon niedergeschossen hatten. Vielen Kommunarden jedoch gelang die Flucht, teils noch während der Agonie der Kommune, indem sie sich durch die von den Deutschen besetzte Fortslinie zu schmuggeln wußten, teils später. So dem pfiffigen Pyat, der allzu zärtlich für seine sorgfältig gepflegte Haut besorgt war, als daß er sie hätte riskieren mögen. Manche Helden der Kommune wurden unter nicht eben heldischen Masken und Verkleidungen entdeckt und gefangen genommen. So der Bürger Rössel als schneehaariger Greis, in welchen er sich mittels der Chemie verwandelt hatte. Andere hatten die Kleider ihrer Maitressen angetan und sich mit den Chignons derselben aufgeputzt. Übrigens ist ja auch der Expremier Louis Philipps, der Jesuit Guizot, am 24. Februar 1848 in Weiberkleidern davongeschlichen. Not kennt keinen Unterschied zwischen Pantalon und Jupon. Um 2 Uhr nachmittags vom 28. Mai verkündigte eine Proklamation des Marschalls den Parisern: »Die Armee Frankreichs hat euch gerettet. Paris ist befreit, der Kampf zu Ende, die Ordnung wiederhergestellt.« Draußen in Versailles trug Monsieur Thiers die traurige Siegesbotschaft in die Nationalversammlung mit den Worten: »Paris ist seinem wirklichen und wahrhaften Souverän zurückgegeben, das heißt Frankreich.« 12. Fazit Zweierlei pflegt Erscheinungen, wie wir eine an uns vorübergehen ließen, auf dem Fuße zu folgen: – die Rache der Sieger und die Kostenrechnung. Das erstere, die Rache der Sieger hat auch Anno 1871 gezeigt, wie weit wir es gebracht haben in der bekannten »Religion der Liebe.« Beispiele von entgegengesetzter Art sind selten und reizen nicht zur Nachahmung. Das erhabene Beispiel von Milde, Schonung und Verzeihung, welches die schweizerische Eidgenossenschaft im Jahre 1847 den besiegten Sonderbündlern gegenüber, und das noch erhabenere, welches die nordamerikanische Union im Jahre 1865 den besiegten Sezessionsfrevlern gegenüber gegeben – solche republikanische Beispiele sind natürlich für Monarchien nicht nachahmungswürdig. Indessen wird, wer in den Sentimentalitätskrämern von neumodischen Juristen, welche wohl das Blut von Gemordeten, nicht aber das von Mördern fließen sehen können, keine Orakelgeber, sondern nur phantastische Theorienspinner erblickt, nicht anstehen, zu bekennen, daß die französischen Sieger vom Mai 1871 denn doch eine ganz andere Berechtigung zur Rache an überwiesenen Mördern und Mordbrennern hatten als die deutschen Sieger vom Juni 1849 an den besiegten Reichsverfassungskämpfern. Der französische Liberalismus machte daher, als er den Wahrsprüchen des Kriegsgerichtes in Versailles zustimmte, immerhin eine weit noblere Figur als der deutsche, welcher, nachdem er durch seine aus Dummheit und Dünkel, aus Hochmut und Feigheit, aus Impotenz und Sesselsucht gemischte »Staatsmännischkeit« Anno 1848 alles verdorben hatte, die Standrechtsschüsse von Mannheim, Rastadt und Freiburg mit beifälligem Händereiben und untertänigem Schmunzeln begleitete. Eine schwere Makel haftet an Herrn Thiers, seinen Ministern und Generalen, daß sie den trikoloren Schrecken, welcher den roten in Paris abgelöst hatte, gewähren ließen. Es mochte allerdings schwer sein, die durch alle die Strapazen und Gefahren des sechstägigen Straßenkampfes aufgestachelte Wut der Soldaten zu sänftigen; aber es hätte trotzdem versucht werden sollen. Es wurde entweder gar nicht oder doch nicht ernstlich versucht. Daher der Greuel jener massenhaften Niederschießungen gefangener Kommunekämpfer. Die Ziffer derselben ist nicht aktenmäßig festgestellt, allein die Schätzung auf zwanzigtausend, worunter etwa viertausend Weiber und Kinder!!! ist kaum zu hoch, vielleicht eher zu niedrig gegriffen. Auch die Zahl der auf den Barrikaden selbst gefallenen Kommunarden ist nicht amtlich erhärtet, sicherlich aber darf man zehntausend ansetzen, was mit den unmittelbar erschossenen Gefangenen die Summe von dreißigtausend Toten ergäbe. Ein im November 1875 durch den General Appert an die Nationalversammlung erstatteter Bericht über die Tätigkeit der Kriegsgerichte von 1871 stellte amtlich fest, daß nach vollendeter Einnahme von Paris ungefähr achtunddreißigtausend Gefangene sich in den Händen der Armee befanden. Darunter waren siebentausendvierhundertsechzig rückfällige Kriminalverbrecher, fünftaufend fahnenflüchtige Soldaten' und achthundertundfünfzig Weiber. Überhaupt in Untersuchung gezogen wurden dreißigtausend Personen. Davon sind achtzehntausendneunhundertunddreißig nach der Voruntersuchung freigelassen und elftausendeinhundertundsiebzig vor die Kriegsgerichte gestellt worden, darunter auch achtzig Kinder. Mehrere Todesurteile fällten die Kriegsgerichte gegen zur Kommune übergelaufene Militärpersonen, so gegen Rossel. Im ganzen fielen einhundertundzehn Todessprüche, wovon vierundzwanzig zur Vollstreckung kamen. Von den gefangenen Mitgliedern der Kommune wurden zwei zum Tode verurteilt, Ferré und Lullier, aber nur jener hingerichtet. Andere, wie Urbain, Trinket, Assi, Villioray, Champy, Lisbonne, Régère, Ferrat, Grousset, Verdure, Jourde und Rastoul erhielten in nicht ganz gerechter Abstufung lebenslängliche Zwangsarbeit, Deportation in Festungen oder einfache Deportation (nach Neukaledonien) zugemessen. Die prozessierten wilden Klubgänse und Amazonen kamen ziemlich gelinde weg. Nur über sechs überführte Petroleusen verhängte das Kriegsgericht die Strafe lebenslänglicher Zwangsarbeit. Auch der alte Blanqui und der weiland Laterne-Rochefort wurden nachträglich zur Deportation verurteilt. Das Gebaren der Kommunarden vor dem Kriegsgericht war wohl in einzelnen Exemplaren, z.B. in Ferré und Lullier, komödiantisch-frech, aber nichts weniger als heldisch und erhaben. Die meisten legten sich wie ganz gemeine Halunken aufs Leugnen und Lügen. Nur sehr wenige hatten den Mut, zu ihren Taten zu stehen. Zu diesen wenigen gehörte der Belleviller Schuster Trinquet, ein sonst unbedeutender Halbnarr, der aber jetzt mannhaft Farbe bekannte und, von der Feigheit seiner Schicksalsgenossen angewidert, ausrief: »Als mich meine Mitbürger in die Kommune gewählt hatten, glaubte ich nicht, sie hätten mich mit dieser Wahl beehrt, damit ich am Tage der Gefahr die Kommune verleugnete. Ich habe mich bis zur letzten Stunde geschlagen, mein Rock und mein Käppi wurden von Kugeln durchlöchert und ich beklage nur eins, nämlich nicht gefallen zu sein, damit ich nicht heute mitansehen müßte, wie meine Kameraden sich ihrer Verantwortlichkeit entziehen wollen.« Am 2. August von 1871 gab der Marschall Mac Mahon seinen Rapport über die Verluste aus, welche die Armee in der Niederkämpfung der Kommune vor und in Paris erlitten hatte. Sie bezifferten sich auf dreiundachtzig tote und vierhundertdreißig verwundete Offiziere, auf siebenhundertvierundneunzig tote, sechstausendvierundzwanzig verwundete und einhundertdreiundachtzig vermißte Soldaten. Der Feuerschaden war kolossal. Die Ruinen der Tuilerien und des Stadthauses allein repräsentierten eine Einbuße von sechzig Millionen, die des Finanzministeriums eine solche von fünfzehn Millionen, die der »Docks« von Belleville und Villette eine von siebenundzwanzig Millionen, die des Staatsrats- und Rechnungshofgebäudes eine von zehn Millionen, die des Justizpalastes, der Conciergerie und der Polizeipräfektur mitsammen eine von sechs Millionen. Der Gesamtschaden, die zerstörten Staatsgebäude, Kirchen, Paläste, Theater, Fabriken, Speicher und Privathäuser zusammengetan und die vernichteten Mobilien und Waren dazugerechnet, ist auf die Summe von fünfhundert Millionen anzuschlagen, und dieser Anschlag dürfte noch entschieden zu niedrig gegriffen sein. Wie furchtbar die Kommune in Wehr und Waffen gestanden hatte, mag schon aus der Tatsache klar werden, daß die blauen Sieger den roten Besiegten zweitausendfünfhundert Kanonen und Mitrailleusen, sowie mehr als vierhunderttausend Schießgewehre aller Art abgenommen haben. Und nun wollen wir das Fazit dieser Blut- und Brandrechnung ziehen, indem wir die Frage stellen: Wozu der ganze Greuel? Was ist mit so vielem Kraftaufwand, mit so viel Wut und Weh, mit so viel Blut und so viel Tränen erreicht worden? Was hat Frankreich dadurch gewonnen? Rein nichts, wohl aber hat es viel verloren. Ja, so viel verloren, daß Frankreich Ursache haben dürfte, in seinem Geschichtekalender den 18. März von 1871 als einen Nationaltrauertag, als einen, jawohl als den » dies nefastissimus « zu verzeichnen. Warum? Weil das mit jenem Tage angehobene rote Quartal im Grunde eine Verleugnung der wahrhaft großen, befreienden und erlösenden Prinzipien von 1789 gewesen ist. Diese hatten ja – das ist und bleibt ihr unvergänglicher Ruhm – die soziale Einheit verkündet und begründet, und zwar theoretisch dadurch, daß sie die Gleichheit der politischen Rechte aufstellten, praktisch dadurch, daß sie an die Stelle der Privilegien der Geburt oder der Kaste die Berechtigung der Arbeit und des Verdienstes setzten. Die Kommunarden von 1871 dagegen, wenigstens diejenigen, welche sich zu Werkzeugen der Internationale hergaben, wollten hinter der spanischen Wand einer angeblichen Demokratie, welche aber in Wahrheit nur eine Pöbeltyrannei war, den Grundsatz der Gleichheit vernichten, indem sie auf die Schaffung einer neuen Kaste, die der Handarbeiter, abzielten und mittels dieser Kaste eine neue Klassendespotie, die des bevorrechteten Proletariats über die übrigen Volksklassen, begründen wollten. Daß damit der Rückfall der Gesellschaft aus der Zivilisation in die Barbarei begonnen haben würde, muß jedem, welcher fünf gesunde Sinne besitzt und davon Gebrauch machen will, einleuchtend sein. Wir andern Demokraten sind von Herzen bereit, die Tyrannei des Geldsacks niederkämpfen zu helfen; aber gegen eine bloße Ersetzung derselben durch die Tyrannei des Bettelsacks verwahren wir uns entschieden.... Die unmittelbaren Schäden, welche das rote Quartal – auch abgesehen von der dreihundertfachen Menschenhekatombe und dem Brandschaden – angerichtet hat, sind ebenso schmerzlich als handgreiflich. Angenommen, der Drang nach Dezentralisation, das Verlangen nach Gemeindefreiheit sei der ursprüngliche Gedanke der Kommune gewesen, was hat sie durch ihre Art und Weise, diesen Gedanken zu verwirklichen, bewirkt? Nichts als die Straffung und Schärfung der Zentralisation, die Auslöschung sogar des bloßen Gedankens gemeindlicher Selbstverwaltung in Frankreich. Und was hat die aberwitzige rote Rebellion gegen die Republik des Herrn Thiers zuwegegebracht? Nichts als die Republik der Herren Broglie und Buffet, also die schnödeste Gaukelei, welche jemals einer Nation vorgemacht worden ist. Und auch daran war es noch nicht genug. Der frevelhafte Vorstoß der Kommune nach Wolkenkuckucksheim rief einen Rückschlag von solcher Macht, daß die Wiederinthronisierung des Mittelalters in Frankreich in der Person des Grafen von Chambord bekanntlich nur an der ehrenhaften Seite dieser Persönlichkeit scheiterte. Was endlich das mörderische Wüten der Kommunarden gegen die Priester angeht, so liegen die Folgen hell oder vielmehr dunkel, sehr dunkel zu Tage. Denn es ist ja eine ganz zweifellose Tatsache, daß das im Mai von 1871 durch die Roten vergossene Priesterblut in Frankreich für das Pfaffentum ein Mairegen geworden, welcher es zur üppigsten Blüte trieb, zu einer Blüte, welche anzukünden scheint, daß » la grande nation « nicht mehr – wie sie bislang wenigstens in ihrer Einbildung getan – an der Spitze der Zivilisation, wohl aber unter dem Banner des Heiligen von Loyola an der Seite Spaniens marschieren werde. Das ist die Schuldrechnung des roten Quartals. Nur Narren können sie abmindern, nur Gauner können sie leugnen wollen. Sie ist sehr lehrreich; aber damit will ich nicht sagen, daß sie die Menschen viel oder auch nur etwas lehren werde. Das wäre ja gegen alle herkömmliche moralische Kleiderordnung und würde den alten Hegel Lügen strafen, welcher sein wahrstes Wort gesprochen hat, als er sagte: »Die Geschichte lehrt nur, daß sie die Leute nie etwas lehrte.« Also weiter im gewohnten und beliebten » Laissez faire, laisser aller! « mehr oder weniger liebe Zeitgenossen. Immer rüstig weitergeschwindelt, bis euch eines schwarzen oder roten Tages der europäische Generalkrach wie ein Blitz auf die Köpfe fällt.