Joseph Christian von Zedlitz Kerker und Krone Schauspiel in fünf Aufzügen 1833 Personen Torquato Tasso. Kardinal Aldobrandini. Montecatino , am Hofe zu Ferrara. Der Castellan des Irrenhauses zu St. Anna. Eine Maske. Ein Edelmann zu Ferrara. Ein Page . Sciarra, Erster Räuber. Zweiter Ein Bürger von Sorrent. Ein Landmann. Lucretia Urbino , Schwestern des Herzogs von Ferrara. Leonore, Angioletta , Nichte des Castellans zu St. Anna. Cornelia , Tasso's Schwester. Erste Hirtin. Zweite Gefolge von Edelleuten und Dienern des Fürsten. Masken, Damen, Herren und Pagen. Landleute, Hirten und Hirtinnen. Musikanten. Hellebardiere. Erster Aufzug. Herzoglicher Palast zu Ferrara. Erster Auftritt. Lucretia. Leonore. Leonore. Gesegnet sey dein Eintritt in dies Haus, Dreimal gesegnet! – Endlich, endlich wieder Ein Wesen, das mich kennt, dem ich vertraue! Lucretia. Von dir getrennt, macht mich die Sehnsucht krank. Leonore. In mich verschlossen, wie ein strenges Gift, Das das Gefäß zerstört, in dem es ruht, Hab' ich mein unglückseliges Geheimniß; O, süßer Trost, es wieder auszusprechen An meiner Freundin Brust – noch lieb' ich Tasso! – Ach, diese Liebe hat ihm Fluch gebracht! – Mein ist die Schuld, daß er begraben liegt Seit sieben Jahren in den grausen Mauern Von Sankt Anna! daß Italiens Kleinod, Die Freude, das Entzücken einer Welt, Das Wunder unsrer Zeit und aller Zeiten, Im Haus des Wahnsinns eingekerkert schmachtet, Und allgemach sein Leben dort verhaucht! – Mein ist die Schuld, daß, zugesellt der Tollheit, Gemartert und gehöhnt, und wund gehetzt, Nie aufgerichtet und gekostet nie, Der edle Geist in Finsterniß sich hüllt, Und, von der Quäler Grausamkeit empört, Verzweiflung selber sich zum Wahnsinn steigert! Lucretia. Du wär'st die Schuld? wie so? Wie kannst du's seyn? Leonore. Ich bin's, ich bin's! Um mich, weil ich ihn liebe, Weil mich Torquato liebt', ist er vermauert In seines Kerkers undurchdringlich Grab. Lucretia. Man sagt, daß frevler Worte Tasso sich Erkühnt, und daß sein Geist krankhafte Spuren Theilweisen Irreseyns bemerken ließ. Leonore. Ein Vorwand ist's, Gewaltthat zu beschönen! Und wär' es Schmähung selbst der Majestät, Ein unbesonnen hingesprochen Wort, G'nügt es, der Krone Perle hinzugeben? Denn das ist Tasso, und Ferrara's Ruhm, Und seiner Fürsten Namen wird die Welt Künftig nur nennen, wenn sie Tasso nennt. Lucretia Wohl hast du Recht, und einen Fleck wird nun, So weit des Rufes Stimme wandernd schallt, Alphonsens Name tragen durch die Zeit, Wenn einst die Sag' erzählt, wie jener Mann, Dem sich kein anderer vergleichen läßt, Geachtet ward am Hofe zu Ferrara. Leonore. Fürwahr, nicht ihn zu heilen, der gesund, Ihn krank zu machen , ward er eingesperrt, Und leicht gelingen konnt' ein solches Mittel Bei einem Geiste von so heft'ger Art! – Kein Zweifel ist, seitdem Alphons erfuhr, Warum ich, abhold seinen Lieblingsplanen, Mich jeder Ehe weigerte, die er Mit rücksichtslosem Eifer vorbereitet, Hat sich ein blut'ger Haß tief in sein Herz Genistet gegen ihn, der es gewagt, Den Blicken seiner Schwester zu begegnen! – Lucretia. Wohl ist es, wie du sagst. – Sprach nicht ein Wunsch Durch ganz Italien laut? – Die Fürsten alle, Der Kaiser, ja, der heil'ge Vater selbst, Sie haben mündlich, schriftlich sich verwendet Für seine Freiheit; – was erreichten sie? Die Luft nur ward bewegt, doch nicht sein Wille. Leonore. Wohlan! versuchen wir es Einmal noch! – Ein schöner Tag erscheint jetzt diesem Hofe: Ein lang' gehegter, lang ersehnter Wunsch Naht der Erfüllung. Seines Zieles froh, Ist unser Bruder milder wohl gestimmt Als sonst. Vereint in diesem Schloß Ist alles, was durch Blut- und Freundesband Ein Recht hat an sein Herz: laß Einmal noch Gemeinsam uns versuchen, was uns frommt. Auf deine Hülfe bau' vor andern ich, Und Tasso ist's, für den ich Hülfe suche! Lucretia. Nicht so viel Worte braucht's, mich zu bewegen! Ob ich gleich nicht, ein Heil'genbild, wie du, Ein höh'res Wesen, thron' in seinem Herzen, Denk' ich doch dankbar noch an jene Zeit, Wo zu Castel Durante manches Lied Auf meine weißen Hände er gedichtet. Leonore. O, scherze nicht, vermehre nicht mein Leid; Die Zeit, wo Scherz mir wohl that, ist verronnen. Ich habe abgesagt dem Glück der Liebe, Und unvermählt, ich schwor' es, will ich sterben! Es ist nicht Sehnsucht, es ist Hoffnung nicht, Die mich bewegt, und die mein Herz erfüllt; – Der Tasso, den ich liebte, lebt nicht mehr, Und einer Wittwe acht' ich längst mich gleich! O, er ist hin, er, der ein Gott einst war! – – Was will ich denn? was ist's, wonach ich strebe? - Ein armes, krankes, lebensmüdes Wesen, An dem der Wahnsinn und der Kerker zehrt, Den Schatten, der nach seinem Grab sich sehnt. Ihn will ich aus der bangen, öden Nacht, In der er, angekettet, duldend lag Durch sieben lange, martervolle Jahre, Noch Einmal ziehn heraus an Luft und Licht! Daß noch die Erd' ihn einmal, eh' er scheidet, Anlach' mit ihrem Rosenangesicht; Daß noch der Sonne Glanz ihn einmal labe, Der Büsche Rauschen und der Wipfel Wehn, Daß er die Blumen noch, die Quellen schaue, Und schaue in ein liebend Menschenauge, Und an dem treuen Busen seiner Schwester Die Larven fliehe seiner eignen Brust. Lucretia. Ich denke, nicht, den Herzog zu entschuld'gen; Doch auch an giftiger Geschäftigkeit Nicht hat's gefehlt, mit der sein Ohr man füllt Und hemmt des Herzens mildere Entschließung. Lucretia. Es war des Bruders, es ist uns're Gunst, Die Feinde ihm erregt an diesem Hofe, Es ist die Bosheit, die im Dunkeln schleicht, Gemeiner Neid, der nichts Erhabnes duldet, Der pfauengleiche Hochmuth dieser Schranzen, Der nicht ertragen kann, daß über ihn Und seine nichtige Erbärmlichkeit Ein selbstgeschaffenes Verdienst sich stelle! Lucretia. Nun denn! wir wollen sehn. – Es liebt Alphons, Du weißt, den Herzog sehr von Mantua, Den Herzog von Urbino, meinen Gatten, Die Gräfin Sanvitale Scandiano – Sie alle sind zum Feste hier versammelt, Und schließen gern sich unsern Bitten an. Leonore. Und noch ein Wunsch ist, der mein Herz bewegt: Ich will ihn sehn, ich will Torquato sehn! Lucretia. Du wolltest – ? wie? Leonore. Ihn einmal sehen, ja! Noch Einmal, eh' sein Schicksal sich erfüllt! – Ich will es sehn mit meinen eignen Augen, Wie man dies edle Götterbild zerstört, Das einst das Haupt so hoch und herrlich trug, Und das, gebeugt nun, in die reichen Locken, Durch die der helle Lorbeer sonst sich wob, Verzweiflungsvoll den Staub des Bodens streut! Ja, ich will sehn, wie jene süßen Steine, Aus denen Gluth, Begeist'rung, Ehre, Liebe, Jedwede Glorie der Erde schaute, Stier und erloschen starr'n, und nur zu Zeiten Aufleuchten, wie ein Blitz aus tiefer Nacht. – – Ich will ihn sehn, nicht sprechen; sehn von ferne, Selbst nicht bemerkt von ihm! – Heut' oder nie! Beschäftigt mit dem Fest ist Hof und Stadt, Und niemand denkt des Irren von Sankt Anna. Den Augenblick benütz' ich, eh' er flieht, Daß ich – das letztemal in diesem Leben – Noch eine kurze, schmerzliche Minute, Den ich im Glück geschaut, im Jammer schaue! – (Sie zieht an der Glocke.) Zweiter Auftritt. Vorige. Ein Page (tritt ein). Leonore. Harrt noch der Castellan im Vorgemach? Page. Ja, Euer Hoheit. Leonore. Laß ihn ein. (Der Page entfernt sich.) Lucretia. Ich fürchte – Leonore. Selbst wenn zu fürchten wäre, laß mich's wagen. Dritter Auftritt. Vorige. Der Castellan. Leonore. Nun? habt Ihr meinem Auftrag nachgedacht, Und ist's Euch möglich, meinen Wunsch zu fördern? Castellan. Ich hoffe, Euer Hoheit! – Um die Zimmer Der Irren, die in meiner Obhut sind, Geht rings ein Säulengang, von dem herab Ich jeden Augenblick, wenn's mir beliebt, Kann in das Innere der Zellen schauen – Denn stete Aufsicht thut den Irren noth. – Wenn Eurer Hoheit es genehm, so führ' Ich Euch an jene Stell', und unbemerkt Könnt Ihr am Fenster weilen, Euch entfernen, Wie's Euch gefällt. Leonore. Wohl denn, erwartet mich. (Der Castellan geht ab,) Leonore. O, welch ein Wiedersehn, das mich erwartet! Wie anders hat das Leben sich gestaltet, Als ich geträumt in meinen schönen Stunden! Und welch Erwachen folgt auf diesen Traum! (Beide gehen ab.) Vierter Auftritt. Irrenhaus zu St. Anna, Tasso's Wohnung. Ein hohes, gewölbtes Gemach mit zwei Seitenthüren. Oben im Hintergrunde eine große gothische Glasthüre, die auf die Gallerie geht, die die Zimmer der Irren umgibt. Tosso und Angioletta, die seitwärts sitzt, mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt, welche sie von Zeit zu Zeit niederlegt und Tasso betrachtet, Später der Castellan. Angioletta. Heut' ist ein schöner, warmer Frühlingstag: Die Vögel zwitschern und die Blumen duften, Und laue Lüfte wehen durch das Fenster! – Tasso. Was sprichst du mir von Frühling, Blumen, Düften! Für mich gibt's keinen Frühling, keinen Herbst; Es steht die Zeit still über meinem Haupt, Es fliehet Jahr auf Jahr und unverrückt Bleibt auf der eh'rnen Uhre meines Leidens Der Zeiger immerdar! – – Vergessen hab' ich, wie der Frühling duftet, Wie bunt der Herbst in üpp'ger Fülle schwellt; Auf meine Marterbank lieg' ich gestreckt, Wie der Titan am Boden angefesselt, Und eine Welt von Schmerzen liegt auf mir. Angioletta. Habt nur Geduld und bleibt gelassen, Herr; Ihr wißt, wie jede Heftigkeit Euch schadet. – Tasso. O, daß es wäre! daß sie schaden möchte! Doch so ist's nicht! – Aus siebenfachem Stahl Ist dieser Körper, wie er siech auch scheint, Und Keulenschläge fallen auf dies Haupt, Und können's nicht zerschmettern. – 's ist zum Weinen! Angioletta. Da kommt der Ohm. Der Castellan tritt ein. Tasso. Was Neues bringt Ihr, Freund? Castellan. Signor Montecatino wünscht Gehör: Er kommt geschickt von unserm Herrn dem Herzog. Tasso. Montecatino? – Nein, ich will ihn nicht, Will ihn nicht sprechen, will nicht, sag' ich! Castellan. Doch Er kommt in Auftrag unsers Herzogs, Herr! Ihr könnt ihn ungesehen nicht entsenden. Auch würd' er schwerlich gehn, bis seinen Auftrag Er nicht vollzogen. Glaubt, er wird Euch sehn, Auch gegen Euren Willen. Tasso. Bei'm höchsten Gott! Ist's nicht genug, daß ich, gefangen hier, Nicht sehn darf die, die mich zu sehn verlangt, Muß ich ertragen, die ich hass', und muß Die meiden, die ich liebe? Nein, nein, nein! Noch Einmal nein! heißt ihn zum Teufel gehn! Castellan. Mein guter Herr, Ihr macht mein Amt mir schwer! Tasso. Der hämisch widerwärt'ge Schurke, der Am Boden kriecht im Staube, wie ein Hund, Wenn er auf tausend Schritt den Herren wittert, Und wie ein stolzes Roß die Nüster bläht, Und schnaubt, als widerstände seiner Lunge Die Luft, die er selbander eingeathmet Mit Einem, der ihm niedrer dünkt als er. Castellan. Was aber ficht das Euch an, lieber Herr? Was Euch betrifft, Ihr seyd ja seines Gleichen, Ein Edelmann wie er. Tasso. Ich glaub', Ihr faselt! Die Adern würd' ich öffnen hier zur Stelle, Hätt' einen Tropfen Blutes ich in mir Nur, der ihm gleicht! Ich seines Gleichen? Nein! Dem Himmel Dank, ich bin nicht seines Gleichen! Castellan. So war es nicht gemeint; ich dachte nur, Weil Ihr ein Herr wie er – Tasso. Versteht mich recht. Ich bin nicht stolz, fürwahr! Wie sollt' ich auch? Ich habe, traun, nicht Ursach', es zu seyn. Ich kenne mich, und Gott ist es bekannt, Daß ich nicht mild auf meine Schwächen schaue. Ich habe mehr der Fehler, als ich Athem, Sie zu bekennen, habe. – Daß ich hier Seit sieben Jahren eingekerkert schmachte, Es ist gerechte Sühnung meiner Sünden, Und hat sie Gott verhängt, will ich sie tragen. Doch meine Quäler sind nicht meine Richter, Nicht gegen Menschen hab' ich mich vergangen, Und ihrem Urtheil fall' ich nicht anheim: Und wär' ich schwarz, schwarz wie Gewitternacht – Gestellt zu ihnen, bin ich weiß wie Schnee. Castellan. Darf ich den Herrn vom Hof einführen? Tasso. Wie? Den Ohrenbläser, den Verleumder, ihn, Der stets mein ärgster Feind gewesen? – Nein! Feind? immerhin! war' er ein offner Feind, Stirn gegen Stirn, Schwert gegen Schwert – und wenn Ich jetzt sein Eisen fühlt' in meiner Brust, Ich wollt' die Hand ihm reichen, ihm verzeihn; Doch wenn ich denke, wie er sich gemüht, Um meinen guten Namen mich zu bringen Mit gift'gem Hohn, mit Bosheit, Hinteilist – Beim Teufel, nein! ich will, ich will ihn nicht. Und hätten ihn zehn Herzoge gesendet! Angioletta. Torquato! – Tasso. Nun? Angioletta. So seyd gelassen doch! Ist's das , was Ihr mir gestern noch verspracht? Tasso. Du gutes Kind! Ja so! – Nun, sey nicht böse. Mein altes Uebel hat mich überkommen. Recht, Angiolett', ich will gelassen seyn, Wär's auch nur eben, weil ich's dir versprach! – Nun denn, so geht und laßt den – Schurken kommen! (Der Castellan entfernt sich.) Angioletta. (steht auf und nähert sich dem Tasso). Tasso! Ertragt den Fremden mit Geduld, Und wie er Euch verhaßt auch, denkt, er kommt Im Auftrag unsers Herrn! – Empfangt ihn gut! Tasso. Du liebe Blume! – Ja, ein gütig Wesen Hat dich hieher gesandt in meinen Kerker! Wenn ich dich seh', dünkt mich, ich athme wieder Den frischen Strom der Bergluft, schaue wieder Wald, Quelle, Wiesen, Blumen, Sonnenlicht, Und deiner Stimme holder, sanfter Klang Tönt mir wie eines Vogels Waldgesang, Der durch das dunkle Grün der Wipfel dringet, Und »Freiheit, Freiheit!« tönt es, wenn er singet! Fünfter Auftritt. Vorige. Montecatino. Der Castellan. Montecatino. Ei, Tasso, Gott zum Gruß! – Wie geht's Euch, Tasso? Ihr ließt mich lange warten, werther Herr; Ein Freund wie ich sollt' ungemeldet kommen. Tasso. Verzeiht! ich bin ein Kranker, wie Ihr wißt, – Man sagt es mindestens, – da mag's gescheh'n, Daß ein Besuch mir unerwartet kommt, Zumal von Euch. – Zur Sache, wenn's beliebt! Was ist's, das mich der Ehre würdig macht, In meines Kerkers Mauern Euch zu sehn? Montecatino. Kerker? – Seht, das ist nun wieder eine Von Euren kranken Vorstellungen. – Kerker! Glaubt mir, der Herzog will Euch wahrlich wohl, Und weil Ihr denn an einem Zustand leidet, Der Aufsicht heischt und stets bereite Hülfe, Hat er Euch hier zur Pflege hergegeben, Nach bestem Rathe aller Eurer Freunde, Nur Euer Bestes wünschend. Tasso. Vielen Dank Dem gnäd'gen Herzog! Montecatino. Ihr seht blaß, mein Freund, Man merkt, daß Ihr bedeutend übel seyd. Am Hof erzählt man, daß Ihr ziemlich oft Anfälle habt von – Melancholie. Tasso. Herr – Montecatino. Doch ist der Ausdruck Eurer Mienen nicht Erschreckend, wie's oft pflegt bei solchen Kranken. Tasso. Herr, ich bin nicht so toll, wie man wohl glaubt Am Hof – ich unterscheide noch recht gut Den würd'gen Mann vom – doch zur Sache! – weiter! Montecatino. Nun seht, ich sagt' es immer Seiner Hoheit, Wenn man von Eurem Unglück sprach: es ist Ein körperliches Mißbehagen bloß, Das ganz gewiß von schwarzer Galle kommt, Und nur beiher manchmal in Phantasien Ausbricht. Tasso (für sich) . Geduld! Gib mir Geduld, o Himmel! Montecatino. Ihr seyd viel selber Schuld an Eurem Zustand. Es fehlt Euch nicht an manchen guten Gaben, Die man erkennt und schätzt, wie sie's verdienen; Doch – Ihr verzeiht – Ihr habt Euch viel zu sehr Hochfliegend eitlem Wahne hingegeben, Und Hoffnungen, die, wenn Verbrechen nicht, Doch Thorheit waren. Tasso (seufzend) . Das ist wahr! Montecatino. Ihr Dichter Seyd, wie man sagt, ein leicht erregbar Volk, Alles verletzt Euch gleich. Gesteht es ein, Der Crusca Urtheil über Euer Werk Hat sicher mehr als billig Euch gekränkt. Tasso. Mit nichten, Herr! – Ist, was ich schreibe, gut, Macht es der Krittler Stimme schlechter nicht; Laßt sie's begeifern! – Eine Stimm' in mir Heißt mich dem Geist, der mich erfüllt, vertrauen, Ich habe manch ein fühlend Herz entzückt, Manch thränenvolles Auge könnt' ich schauen, Das, durch mein Lied der niedern Erd' entrückt, Auf meinen Schwingen flog, und mancher Dank Ward mir von würd'gen Männern, edlen Frauen Was kümmert mich die Crusca und ihr Spruch! Montecatino. Haha! Glück zu, mein Freund! Tasso. Lacht immerhin! Mir ist die Kunst, die mir ein Gott verliehn, Ein Glück, das ich mit keinem Andern tausche! Nicht Dünkel, Dummheit, Neid, Verfolgung nicht, Selbst dieser Kerker hat mir's nicht entrissen. Gerettet ruht der Schatz in meiner Brust Und bleibt verwahrt für eine bessre Zeit. Die edle Gabe hab' ich nie entwürdigt, Gemeinem Beifall hab' ich nie gefröhnt, Und nur für Edles ist mein Lied erklungen. Man mag mich schmähen, mich verfolgen, – sey's! Lacht meines Wahns, sey er Euch lächerlich; Ich lass' Euch Euren Vortheil in der Welt, Laßt mir den meinen, der Euch wenig frommt. Montecatino. Ich neid' ihn nicht, Torquato, und nicht wollt' ich, Daß mich der meine nach Sankt Anna brächte. Tasso. Recht habt Ihr, Recht! – Und doch, Montecatino, Wie Ihr so vor mir steht im Schein des Glücks, Wie Ihr geachtet, hochgeehrt am Hofe, Viel schon erlangt, mehr noch erlangen werdet; Wie Ihr Euch sonnt im Strahl der Herrengunst, Indeß des Herzogs Zorn verbannt mich hält, Ich hier verlassen, krank, verleumdet weile: – Doch will mich schier bedünken, wenn mein Geist Die künft'ge Zeit vorahnend überschaut, Es weh' um mich fast wie Unsterblichkeit, Und Tasso werde leben in der Zeit, Wenn Euer Nam' und Euer Glanz vergessen. Montecatino. Nun, ich gesteh', Euch trägt der Wahn hübsch weit. Tasso. Mag seyn! ich bin, wie man am Hof' erzählt, Nicht immer meiner guten Sinne mächtig; Nehmt, was ich sage, wie der Ort es heischt, An dem Ihr's hört. Und nun, noch Einmal, Herr, Bedeutet mir den Auftrag Seiner Hoheit. Montecatino. Ihr habt ein Schreiben an den Herzog jüngst – Tasso. Bringt Ihr die Antwort mir? O, gebt, gebt schnell! – Montecatino. Nicht schriftlich, mündlich nur – Tasso. Wie? – und durch Euch? Montecatino. Mir thut es leid, mißfällt der Bote Euch, Die Botschaft dürft' Euch minder noch gefallen. Der Herzog untersagt Euch auf das strengste, Ihn zu belästigen mit Euren Briefen, Nicht ihn, nicht Andere, wen es auch sey. Ihr habt die Fürsten alle rings behelligt Mit Euren Bitten und mit Euren Klagen; Unziemlich findet Seine Hoheit das. Tasso. Unziemlich? wie? Unziemlich, daß ich klage? Unziemlich, daß für meine Freiheit ich Fürsprache suche, wo mein Wort nicht frommt? Alphons, Alphons! Montecatino. Versucht Ihr's Einmal noch, Wird Eure Haft viel enger Euch beschränken. – Von Briefen, die Ihr künftig etwa schreibt, Befahl der Herzog, Einsicht mir zu nehmen; Nur solche, deren Inhalt unverfänglich, Werd' ich befördern. Tasso. O, zu viel! zu viel! Montecatino. Mir ist besondre Aufsicht übertragen Auf Euch, mein guter Tasso. Was Ihr wünscht, Was Ihr bedürft, wenn's anders mir verträglich Mit Eurer Lag', erhaltet Ihr durch meine Vermittlung künftig. Nehmt es als ein Zeichen Besondern Antheils von des Herzogs Hoheit, Der meiner Freundschaft Euer Wohl vertraut. Tasso. Ha, meine alte Ahnung! – ich verstehe! Montecatino. Und nun lebt wohl! Sucht Euren Sinn zu meistern; Der beste Arzt für Eure Krankheit seyd Ihr selbst. – Noch Eines! – Die Prinzessin schickt Hier Euer Schreiben uneröffnet wieder! Nehmt's hin; Ihr seht, es ist verlorne Mühe, Wenn Ihr sie künftig noch belästiget. (Er geht ab. Der Castellan begleitet ihn.) Sechster Auftritt. Tasso. Angioletta. Tasso. Auch Sie! auch Sie! auch Sie! – O, Leonore! – So ist denn Alles hin, erloschen Alles! So ruft nichts mehr mein Bild in deine Seele, Den Klang der Stimme in dein Ohr zurück? Verbannt, vergessen überall! – todt, todt, Bis auf den Schatten der Erinnerung! – – Gibt's keinen Schmerz, der mir erlassen bleibt? Was that ich denn, daß meine arme Seele Gefoltert wird mit unerhörter Qual? – Ein Kind, ward ich verurtheilt mit dem Vater, Schon auf des Knaben Haupt ein Preis gesetzt; Und als der Traum der Jugend kaum durchträumt, Ward ich ergriffen von der Willkür Hand, Und wie Prometheus auf des Atlas Spitze, Lieg' ich gefesselt und des Geiers Flügel Schwirrt um mein Haupt, und Krall' und Schnabel greift In meine Brust und frißt an meinem Herzen! – Muß ich's ertragen? muß? Beim Himmel, nein! Ich will nicht, werde nicht! Gibt es ein Auge, Das niedersieht auf diese wüste Erde, Und aus die Gräu'l, die sie erfüllt, so will Ich's enden! Angioletta. Tasso, hört mich! Tasso. Wie sie heulen, Die Tollen neben mir! – Die Glücklichen, Die, festgebunden in der ew'gen Nacht, Nicht denken und nicht fühlen! Glimmt ein Licht Nur in des Menschen Haupt, damit es leuchte Auf seine Qual? nur, daß er schauen könne Die Marterstätte der Verzweiflung!? Angioletta. Tasso! Hört, nehmt jetzt Euren Trank, ich will ihn holen. Thut's mir zu Liebe! Tasso. Fort! Gib glühend Feuer, Gib Schwefel, Pech, gib das Gebräu der Hölle, Doch fort mit deinem Trank, ich will ihn nicht! – Die Welt ist eine Wildniß und der Mensch Ein blutig Raubthier, das nach Beute jagt Und seinen Raub zerreißt! – Mich haben sie Gehetzt gleich einem Hirsch mit ihren Rüden, Bis ich aus tausend Wunden mich verblutet; Nun stoßen sie in's Horn und schrei'n: Hallo! Und stellen lustig sich um mich und schau'n, Wie ich verende! – Angioletta. Herr! – Tasso. Bald wird's geschehn, Und das, das ist das Beste! Angioletta. – 's ist abscheulich, Tasso, von Euch, daß Ihr so reden mögt! Tasso. Hör', gutes Kind, Ich will dir was erzählen! – Weißt du, was? Heut' oder morgen rührt man mir den Tod In meinen Trank, in meine Suppe ein – Das ist des Räthsels Lösung. Angioletta. Grausam seyd Ihr! Bin ich's nicht, die Euch Speis und Trank bereitet? Geb' ich Euch Gift? Schon gut! Sagt noch einmal, Daß Euer Trost ich sey in Eurem Unglück, Sagt's noch einmal, ich will Euch wieder glauben! Schon gut! Tasso. Wenn nicht, so werden sie bei Nacht Eindringen in dies Haus, von diesem Lager Mich reißen mit Gewalt, hinab mich schleppen, Und in des Hofes Zwinger wird ein Kreis Vermummter Schergen, Fackeln in den Händen, Erwartend stehn, und mit gewalt'gen Fäusten Erwürgen mich, mit Dolchen niederstoßen! Angioletta. Ihr werdet schwach – Ihr wankt! Kommt, setzt Euch nieder! Tasso (setzt sich auf sein Lager) . Der Baum ist morsch! – Wohl schwach, doch nicht aus Furcht, Beim Himmel, nein! Ich trotze ihnen allen! Was kümmert's mich! Und wenn sie kommen, nenne Mich einen Ritter nicht, siehst du mich zittern! Doch Mörder sind's, glaub' mir, ich kenne sie; Nicht nur den Leib, auch mein unsterblich Theil, Sie würden's morden, könnten sie's erreichen! (Angioletta hat eine Zither ergriffen und spielt einige Töne.) Tasso. Recht so, Musik! O, laß sie sanft erklingen, Daß süß, von holden Tönen eingewiegt, Die matte Seel' entschlumm're! – Sing' ein Lied! Angiotetta (singt) . Singet die Nachtigall Im dunkeln Wald, Daß mir im Herz der Schall Süß widerhallt: Singt von dem Liebsten mein, Ach, könnt' bei ihm ich seyn! – Tasso. Auch Sie! auch Sie! Bei meinen Feinden Sie ! Das ist ein Hieb in's Hirn, ein Stich in's Herz! Und keine Hoffnung, kein Genesen mehr! Ich habe sie geliebt, geliebt, und wie! Angioletta (singt) . Herz, ohne Rast und Ruh' Stürmest du fort; Eilest dem Freunde zu Von Ort zu Ort! Suchest nach Lieb' und Glück, Kehrst ohne sie zurück! – Er ist entschlummert, ja! So pflegt er stets, Wenn Unruh' ihn erschöpft. – Der arme Tasso! Daß ihm doch hier so schwer zu leben scheint, Indeß ich immer leben möcht' wie heut! Und doch bin ich wie er in diesen Mauern Und nie heg' ich den Wunsch, sie zu verlassen! Mein Fuß betritt fast nie des Hauses Schwelle, Ich wünsche mir nicht Tanz noch andre Lust. Ich sitz' an seiner Seite und bin glücklich, Daß es so ist, daß ich ihn höre, schaue, Und lächelt er, hüpft mir das Herz vor Wonne! (Sie geht in das Seitengemach.) Siebenter Auftritt. Tasso, Leonore und der Castellan (erscheinen auf der Gallerie). Castellan. Er schläft. – Beliebt es Eurer Hoheit, Könnt Ihr ihn ungestört jetzt sehn; er schlummert. Leonore (betrachtet Tasso; nach einer Pause). O Gott! wie bleich! Wie hat er sich geändert! – Ach, welch ein trüber thränenwerther Anblick! – Ist das Torquato? Ew'ge Macht des Himmels! Liegt er hier schlummernd, liegt er todt – wer sagt's? Castellan. Ach, hohe Frau, wohl ist er mitleidswerth, Bedauernswürdiger als jene alle, Die hier ringsum verwahrt in ihren Zellen. Die wissen nicht, wie jammervoll ihr Loos, In Irren ist ihr Geist, ihr Aug' umfangen Von Bildern ihrer Einbildung. Sie träumen, Und heit'rer viel ist oft vielleicht ihr Traum Als es die Wirklichkeit; er aber leidet Gedoppelt, denn er fühlt, kennt seine Leiden. Leonore. O, pflegt ihn wohl! Was Ihr vermögt, das thut, Erleichtert sein Geschick, so viel Ihr könnt, Ich will's Euch lohnen! Castellan. Ohne Lohn geschieht's; Denn seht, wir lieben ihn – und meine Nichte, Ein Kind, als er hierherkam, mutterlos, Ist stets um ihn, sie leistet ihm Gesellschaft Und pflegt ihn liebevoll. Er liebt das Kind, Hat sich an sie gewöhnt, sie unterrichtet, Und unter seinen Augen wuchs sie groß. – Doch seht, er regt sich. Leonore (für sich) . Gott! nur Einen Blick! – Die Kniee wanken mir! – Tasso (wirft einen Blick nach oben und schreit auf). Ha! (In demselben Augenblicke schließt der Castellan die Glasthüre und Angioletta stürzt aus dem Seitengemache.) Achter Auftritt. Tasso. Angioletta. Angioletta. Was ist Euch? Gott! Tasso (außer sich). Sie war's! Das war sie selbst. – Ich träumte nicht, Ich bin bei mir, bei meinen vollen Sinnen! Das war sie selbst! (Er sinkt auf seine Knie und breitet die Arme aus.) Das war Eleonore! (Der Vorhang fällt.) Ende des ersten Aufzuges. Zweiter Aufzug. Tasso's Wohnung zu St. Anna. Erster Auftritt. Tasso. Der Castellan. Tasso. Umsonst bemüht Ihr Euch! Sie war's, sie selbst! – Zwar hab' ich viel gelitten manches Jahr, Mein Aug' ist blöd geworden und mein Geist Verliert zu Zeiten sich aus seiner Bahn; Das aber ist kein Traum, ist kein Gesicht Der heißen Phantasie, das war sie selbst. Castellan. Und wenn sie es gewesen wär', o Herr? Tasso. Warum erschien sie jetzt und nie zuvor? – O, daß ich Einmal sie gesehen hätte In dieser Zeit, ich wär' genesen! So, Den Schatten gleich, die Lethe's Strand umirren, Könnt' ich nicht leben, sterben ohne sie! Nun ich sie sah, bin ich gefaßt! – Mein Freund, Glaubt mir, das war der Abschied, ja, er war's! O, mein weissagend Herz, es täuscht mich nicht! Sie wollen meinen Tod; so lang' ich lebe, Bin ich im Kerker selbst nicht fern genug! Zweiter Auftritt Vorige. Montecatino. Angioletta. Tasso. Schon jetzt? – Ganz recht! Ich weiß, warum Ihr kommt. Mein Todesurtheil mir verkünden? Sey's! Ich tausche meinen Kerker mit dem Grab, Was mehr? Montecatino. So ist mein Auftrag nicht; vielmehr Betrifft – Tasso. Sprecht's aus mit Einem Wort, Und glaubt nicht, weil ich blaß, es sey aus Furcht. Sonst, wenn ich einen Ritt that über Land, Nahm ich, wie's Brauch ist, ein Visir von Sammt: Das will ich nehmen, wenn's zum Richtplatz geht; Denn nicht mein Antlitz will ich, daß sie schauen! Sie möchten sagen, ich sey bleich geworden; Denn feige Henker sind's, die gern verleumden. Ich aber, kommt's zum Sterben, will getrost Drein schau'n und ihrer spotten selbst im Tode! Montecatino. Entschlagt Euch doch so nichtiger Gedanken! Wer will denn Euren Tod, wem soll er nützen? Der Herzog hielt Euch hier in diesem Hause, Weil es gefährlich schien, Euch frei zu lassen, Weil – Ihr mit Eurer Freiheit schlecht gebart – Genug, der Herzog wollt' Euch zu Sankt Anna, Drum bliebt Ihr hier; hätt' er Euch todt gewollt, So würde man Euch hingerichtet haben. Doch von dem allen ist die Rede nicht. Bereitet Euch zu freudenvoller Kunde: Nicht länger ist Euch dieses Thor versperrt, Euch hält nicht Schloß noch Riegel mehr verwahrt; Torquato, Ihr seyd frei! Tasso. Um Gott! Montecatino. Ja, Ihr seyd frei! Tasso. Frei! – Haltet! – sprecht nicht weiter. Montecatino. Nehmt und les't. Tasso. Mir schwimmt es vor dem Blick! Angioletta. Erholt Euch, Tasso! Tasso (nach einer Pause). O, halte dich, mein Herz, nur jetzt brich nicht! – Frei, wirklich frei nach siebenjähr'gen Ketten! Ach, in dem ganzen weiten Reich der Sprache Gibt's keinen Laut, der so entzückend klingt! O, gib mir Worte, Himmel, gib mir Töne, Musik für meiner Seele innern Jubel, Daß ich die Lust ausschrei' in alle Winde, Die meine Brust erfüllt, für die kein Name Im ganzen Umfang menschlicher Empfindung! Montecatino. Doch nur bedingungsweise seyd Ihr frei. Euch ist der Aufenthalt an diesem Hofe, In dieser Stadt, selbst in des Herzogs Staaten Auf immer untersagt. Wofern Ihr wagt, Noch einmal in Ferrara zu erscheinen, Ist eine härt're Ahndung Euch gewiß. Ihr seyd verbannt für immer! – Diese Nacht Noch müßt Ihr fort, nicht läng'rer Aufenthalt Ist Euch gestattet. Achtet Euch danach. Tasso. Mir ist's genug! Laßt mich ein Bettler fort, In här'nen Kleidern laßt mich wandernd ziehn, Auf meinen Füßen nicht, auf meinen Knien, Gleich einem Büßenden, laßt mich von hinnen! Montecatino. Thut wie Ihr wollt, nur thut es heute noch. Tasso. Sterben ist nichts, leben ist nichts, frei seyn ist Alles! Frei seyn aus düsterer Gefangenschaft, Von Ort zu Ort, durch Berg, Wald, Thal zu dringen, Nacht sehn und Tag, und Licht und Farb', und Luft Einsaugen mit der sehnsuchtskranken Seele! – Das nur heißt seyn , das nur heißt wirklich seyn! O, könnt' ich schweifen, wie der wilde Aar, Und schau'n und schau'n, und satt mich schau'n der Erde! Angioletta. O, Gott sey Dank, das dürft Ihr nun, Torquato! Tasso. Ich hätt' es nicht geglaubt, daß ich mehr frei Seyn sollte, daß ich's überleben könnte, Das Wort zu hören: »Tasso, Du bist frei!« Nun bin ich's! – Hätt' in dieser langen Zeit, Hätt' ich nur Einmal meines Vaters Haus, Hätt' ich den Rauch des glühenden Vesuvs Von fern nur kräuseln sehn in blauer Luft: Ich glaub', ich wär' gestorben an dem Glück! Nun werd' ich's sehn, der Heimath Erde sehn, Und sie berühren grüßend mit dem Haupt, Ein Freigelassener! Und meine Schwester sehn, Ach, meine gute, gute, gute Schwester! – Castellan. Die Freude macht Euch schwärmen wie der Schmerz, Tasso. Montecatino, sagt dem Herzog Dank, Dank aus der vollen, tiefgerührten Seele! Sagt ihm, vergessen sey, was ich gelitten, Und seiner Wohlthat nur sey ich gedenk. – Sagt der Prinzessin, daß – Doch wessen Bitte war's, die ihn bewegen, Nachdem so Viele fruchtlos sich bemüht? – Wem hab' ich noch zu danken? – Ach, ich möchte Undankbar nicht in dieser Stunde scheinen, Nicht gegen Gott, nicht gegen Menschen, ja Selbst gegen meine Feinde möcht' ich's nicht! Montecatino. Wohl haben Viele sich deßhalb bemüht, Doch Euer Dank gebührt zumeist – ich glaube, – Dem wackern Herzoge von Mantua, Der sich verbürgt für Euch. Tasso. Gott segne ihn! Montecatino. Und nun lebt wohl! Wir werden Euch nicht sehen, Doch von Euch hören, Gutes, wie wir hoffen. Daß Ihr des Herzogs Gunst mit Dank erwiedert, Und Eure Freiheit wohl zu nützen wißt, Damit es nicht den Herzog reuen möge, Sie Euch gewährt zu haben. – Lebet wohl! Tasso. Lebt wohl auch Ihr! Ich wünsch' Euch alles Gute! (Montecatino, vom Castellan begleitet, entfernt sich.) Dritter Auftritt. Tasso. Angioletta. Tasso. Ich bin so freudenvoll, daß alle Galle Geschwunden ist aus meinem frohen Herzen, Und mich kein Wort aus seinem Mund verletzt'. – So seh' ich heute euch zum letztenmale, Ihr Mauern, die ich sieben Jahr' bewohnt! Ihr Zeugen meiner Leiden, meines Grams, Meiner Verzweiflung, ich verlass' euch heut; Und sieh, solch Räthsel ist des Menschen Brust, – Fast möcht' es mich bedünken, – wehmuthsvoll! Angioletta. Ihr geht, Torquato, kehrt nicht mehr zurück, Ich soll Euch niemals, niemals wieder sehn? Tasso. Auch du, mein Kind! Von dir auch muß ich scheiden? Ein bitt'rer Tropfen in den Freudenwein, Der mich berauscht! – Viel warst du meinem Herzen, Mehr als du ahnest und ich sagen kann! Daß ich noch bin, vielleicht verdank' ich's dir! Angioletta. Von Euch mich trennen – ich ertrag' es nicht! Tasso. Ich habe dich gewiegt auf meinen Knieen, Ein lieblich Kind hast du um mich gespielt; Zur Jungfrau bist du neben mir erwachsen, Ich merkt' es nicht, fast seh' ich's heut zuerst! – Durch tausend süße Fäden der Gewohnheit Hing ich an dir, du warst Erholung, Trost, Und deine Stimme, deiner Zither Klang Hat, gleich der Harfe Davids, Ruh' und Friede Gehaucht in meine wundenvolle Brust! Gott segne dich mit seinem besten Segen! Angioletta. Torquato, nehmt mich mit, ich lass' Euch nicht! Tasso. Was ficht dich an? Angioletta. Nehmt mich mit Euch, Torquato! Ich kann von Euch, ich will von Euch nicht lassen! Allein in diesem Haus, Euch nicht mehr sehn, Euch nicht mehr hören – nimmermehr! O, nehmt, Nehmt mich mit Euch! Ich will Euch folgen, Euch Begleiten, wo es sey, will Eurer pflegen, Wie ich Euch hier gepflegt. Tasso. Wo denkst du hin? – Angioletta. Ihr seyd so krank, bedürft der fremden Sorge! Ihr seyd sehr krank, viel kränker als Ihr glaubt! Und ich, ich ließ Euch ziehen in die Welt, Allein, verlassen – ohne mich, Torquato! Tasso. Das eben ist's! Ich bin ein morscher Stamm, Wenn ihn der Sturm nicht bricht, fällt er von selbst; Und in die dürren Wipfel solches Baumes Soll meine Taube sich ihr Nest erbaun? Nein, Angioletta, nein! Du bist ein Kind, Dein Leben fängt erst an, das meine endet; Wie bräch' ich grausam diese junge Rose Von ihrem Busche, wo so hold sie knospet, Auf meines Sarges Decke sie zu legen? Angioletta. Ich war ein Kind bis heut, ich bin's nicht mehr! Wie es geschehen, was mit mir geschehn, Ich weiß es nicht, doch anders ist's mit mir. Was ich jetzt fühle, fühlt' ich nicht bis heut! – Mein Raum ist, wo Ihr seyd, Ihr seyd mein Licht Und meine Luft: ich kann nur blühn bei Euch, Und ich muß welken, wenn Ihr von mir geht! Ich habe ohne Euch zu leben nicht Gelernt, Torquato! Seid so grausam nicht, Mich zu verstoßen, mich, die Euch gehört! – Tasso. Angioletta! Angioletta. Ja, ich lieb' Euch, Tasso! Mir fiel's nicht ein bis jetzt, bis diese Stunde, Denn meine Liebe wuchs mit mir empor, Ein Teil von meinem Selbst, sie war die Luft, Die ich bis jetzt geathmet unbewußt. Tasso. O, sprich nicht weiter! Daß es Gott verhüte, An meiner Tage düstres Mißgeschick Dein blühend freud'ges Leben anzuknüpfen! Laß Jugend Jugend suchen, Lust die Lust, Den Frühling Blumen, Glückliche das Glück! Das alles wohnt nicht mehr in meiner Brust, Für deine Locken hab' ich keine Kränze, Nicht einen Zweig, den ich dir bieten kann. Die Gegenwart, die Zukunft ist dein Teil; Doch meines Lebens kurze Sonnenstunden, Sie liegen hinter mir, in weiter Ferne; Sie sind erloschen, alle meine Sterne; Erinnerung allein ist nicht geschwunden. Doch mög' ein mitleidsvoller Gott dich wahren, Daß du erführest je – was ich erfahren! – (Er küßt sie auf die Stirn und geht ab.) Angioletta (allein) . Er geht, er geht! – Ich kenne mich nicht mehr! Mir hemmt's den Athem; unbekannte Angst Schnürt mir die Brust zusammen mit Gewalt, Und alles Blut stürzt jählings mir zum Herzen! – So war ich nie, so nie! O, Herr des Himmels! – So soll er fort? Mein Engel von mir scheiden? Fortziehn auf immer, ohne Wiedersehn? – Nein! nimmermehr! – Ich bin an ihn gebannt, Ich kann ihn nicht, ich kann ihn nicht verlassen! (Sie geht ab.) Vierter Auftritt. Platz dem herzoglichen Schlosse zu Ferrara. Der Palast ist hell erleuchtet und Masken gehen aus und ein. Tasso (tritt auf) . Ich kann nicht fort von hier; das ist das Haus, Das Alles, was an Freude mir im Leben, An Schmerz geworden ist, in sich verschließt. Ich muß es einmal sehn noch, eh' ich scheide! Hier steh' ich, ausgetrieben aus dem Garten Des Paradieses meiner Jugend da, So wie, verjagt einst durch des Cherubs Schwert, Der erste Mensch nach seinem Sündenfalle! Und doch, du weißt, o Himmel über mir, Ob ich mich schuldig darf vor dir bekennen, Du nenntest denn, wie sie, die Liebe Schuld! – Hier wandl' ich nun, ein abgeschiedner Geist, Den's aus dem Grabe lockt, die alte Stätte, Die ihm im Leben theuer, zu umirren, Und dessen Sehnsucht selbst der Tod nicht stillt! – Erleuchtet ist das Schloß. – Ein fröhlich Leben, So scheint's, hat seinen Markt hier aufgeschlagen – Es tönt Musik, es wird ein Fest gefeiert! – Die Thore stehen offen dem Gewimmel, Ich aber muß umkehren auf der Schwelle, Und darf nicht wandeln mit den Glücklichen! So ruf ich denn, ein Paria der Erde, Von dem die Frohen sich mit Abscheu wenden, Aus meiner Nacht in deinen hellen Glanz, Aus meiner Oede in des Reigens Schall: Auf ewig, Leonore, lebe wohl! Fünfter Auftritt. Tasso. Ein Edelmann. Tasso. Sagt mir, beliebt's, was für ein Fest ist hier? Edelmann. Ihr seyd ein Fremder, wie die Frage zeigt. Tasso. Ja wohl, ein Fremder! Edelmann. Einen Ball gibt's hier, Und jeder Maske steht der Eintritt frei. Der ganze Hof, der Herzog selbst erscheint Unter der Menge heut in Maskentracht, Und will erkannt nicht seyn, die Lust nicht stören. Viel fremde Gäste sind an unsrem Hof Und, wie man hört, ist ein Verlobungsfest. Tasso. Verlobungsfest? – Von wem? Mit wem? Edelmann. Prinzessin Leonore wird vermählt Dem Herzoge von Mantua, so heißt es. Tasso. Prinzessin Leonore sich vermählen? (Für sich.) Hab' ich die Freiheit nur um solchen Preis? Edelmann. Dort neben an, seht Ihr? dort gibt es Masken Um wenig Geld zu leihn, wagt's dran! kommt mit, Und tretet ein. 's wird Euch nicht reuen. Seht, Ich selbst, ich will mein Liebchen überraschen. Tasso. In eines Andern Arm? – Das kann geschehn. Edelmann. Ei, Herr, es ist ein sittsam treues Mädchen. Tasso. Thor, der es glaubt! Ich, Herr, ich weiß es besser! Falsch sind sie, wie der Pfuhl, deß grüne Decke Das Auge täuschet; wenn Ihr ihn betretet, So sinkt der Boden, der Euch Wiese schien, Und der Morast ersäuft Euch! – Fort damit! Edelmann. Ich habe sie nur gut und fromm gesehn. Tasso. Was Ihr gesehn, ja wohl! – Was Ihr gesehn, War fromm und heilig, wie die Tugend selbst, Doch was Ihr nicht gesehn – pfui! pfui! mich schaudert! Edelmann. Ihr seyd, so scheint's, nicht allzu froh gestimmt. Tasso. Mehr ekles Laster liegt versteckt im Dunkel, Als unsre Seele ahnt und wir begreifen. Je schöner, je verruchter! – Jener Busen, Den kalt Ihr achtet wie den Alpenschnee, Er deckt mehr Gluth und eingekerkert Feuer, Als der Vulkane allesammt! Glaubt mir, Je schöner, je verruchter! Edelmann. Ei! Wer wird so unhold denken von den Frauen! (Er geht in den Palast.) Tasso. O, blas't! – Trompeten, schmettert! – Pauken, tönt! Um meiner Seele Angstschrei zu betäuben! Nun ist der letzte schöne Wahn verloren, Der Traum des Glücks, der mir einst Alles war! – Doch warum tob' ich? warum soll sie nicht? – Wirst du nie lernen, unglücksel'ges Herz Allein stehn in der Welt, auch nicht am Grabe? Unedler Wunsch, der nur sich selbst bedenkt! Das ist kein Tropfe deines bessern Blutes; Pfui, Tasso! stoß ihn' aus und sey Du selbst! – – Nun aber will ich hin! ich will sie sehen, Ich will sie sprechen, stände Tod darauf, Zehn Leben zehnfach gäb' ich hin! Ich muß, Noch Einmal muß ich ihr ins Auge schauen Und dann, – wie's Gott gefällt! ich bin bereit! (Geht ab.) Sechster Auftritt. Festlich geschmückte Gallerie im herzoglichen Palaste. Aus den Sälen erschallt Musik. Masken gehen und kommen. Lucretia und Leonore in Masken, im Gespräche. Lucretia. Wie sein Geschick sich ferner auch gestalte, Ward Eines doch erreicht: daß er nun frei. Leonore. Zu sterben, was ihm gut dünkt. Lucretia. Und auch das Ist Freiheit. Leonore. Und mit Müh' errungen! Lucretia. Auch bin ich ruhig nicht, bis daß er fort, Daß nicht ein neuer Unstern ihn erreiche. Leonore. Er ist ja fort, der Unglückselige! Indeß hier Jubel tönt und Festgelag, Wandert er seine öde, dunkle Straße, Gedankenvoll, verlassen und allein! Ihm rief zum Abschied niemand Lebewohl, Als ich vielleicht, und meines hört' er nicht! (Sie gehen vorüber.) Siebenter Auftritt. Tasso. (als Pilger, die Maske vor dem Gesicht). Dort geht sie hin, das ist ihr Gang, ich kenn' ihn! Ich kennte sie heraus aus Tausenden, Und fänd' ich sie am Strom der Unterwelt! Ihr Bild, nicht Zeit, nicht Lethe löscht mir's aus, Und keine Hülle kann es mir verbergen. (Er folgt ihnen.) Achter Auftritt. Montecatino maskirt. Eine zweite ganz gleiche Maske. Maske. Irrt Ihr Euch nicht, Montecatino? Montecatino. Nein. Torquato ist's. Maske. Ihr sagtet ihm bestimmt: Er solle heute Nacht noch reisen, den Palast Nicht mehr betreten? Montecatino. Ja. Maske. Und ist doch hier? Wohlan, ich red' ihn an, ob er mich kennt. (Sie gehen ab.) Neunter Auftritt. Tasso und Leonore kommen. Leonore. Was wollt Ihr? warum drängt Ihr Euch an mich? Ein Pilgersmann zieht seinen Weg allein; Er meidet die Begleitung, sucht sie nicht. Tasso. Doch eh' er fortzieht seinen weiten Weg, Wirft er sich nieder vor dem heil'gen Schrein, Und stärkt sich zu der Ungewissen Reise, Von der er keine Wiederkehr mehr hofft. Leonore. Gott! – welche Stimme? – Himmel, ja, Ihr seyd – ? Tasso. Ein Abgeschiedener, vom Grab erstanden, Und wiederkehrend in ein tiefres Grab! – Und nähm' ich meine Maske vom Gesicht, Ihr würdet schaudern vor dem Schreckensbild! Leonore. Ja. Ihr seyd Tasso! Tasso. Tasso – ja, ich bin's! Leonore. Unglücklicher! O, welch ein Wiedersehn! So wiederfinden muß Euch Leonore? Tasso. Was ich nie hoffte mehr, mir ist's geworden, Mein Blick versenkt sich wieder in den Euren, In jene unergründlich tiefen Sterne, In denen meine Seele schmolz wie Gold, Das reiner wird und glänzender im Feuer. Leonore. Und wißt Ihr, was Ihr wagt? Wißt Ihr – ? Tasso. Ich weiß Ich habe nichts zu wagen, zu verlieren. –\> Ich geh' von hinnen und mir sagt's ein Gott: Ich gehe größrer Freiheit bald entgegen, Als mir des Herzogs Gnade zugemessen, Und weil die Augenblicke schon gezählt, Laßt mich sie schnell noch fassen auf der Flucht, Noch einmal schwelgen in vergangnem Glück. Leonore. Ach, daß Ihr wüßtet, was ich fühle, leide! – Tasso. Ich trug ein Urbild tief in meiner Brust Von allem Herrlichen in Lieb' und Leben, Und hielt es fest in Leiden und in Lust! Im tiefsten Elend hab' ich es bewahrt, Es war die Leuchte meiner finstern Seele, Und hielt mich aufrecht, wenn des Unglücks Fluth Empordrang an mein unglückselig Haupt, Das, Leonere, dank' ich sterbend Euch! Leonore. O, nichts, nichts dankt Ihr mir, als Euer Elend. Tasso. Und wenn das Werk, das ich der Welt gegeben, Den Beifall bessrer Geister mir gewann, So dank' ich Euch auch das, Eleonore! Und zürnt mir nicht, wenn jener Zeit ich denke, Die zu vergessen Ihr vielleicht Euch müht – Ihr habt nicht zu erröthen und nicht ich – Daß ich gelebt im Himmel Eurer Liebe, Daß ich gekostet vom Ambrosia, Zum Gott entzückt, mich einen Gott geglaubt, Ich dank es Euch und dank's Euch bis zum Tode, Ward ich auch, gleich dem Ixion, als er Zur Schwester Jupiters sein Aug' erhob, Vom Göttermahl zum Tartarus gestürzt! Leonore. Ach, könnt' in Einem Wort all' mein Gefühl, Mein Seyn, mein Leben ich vor Euch erschließen! Tasso. Euch Einmal noch zu sehn, das Schloß zu lösen, Das Mund und Herz qualvoll gefangen hielt, Das war der Bann, der meine Seele zwang, Das war der Wahnsinn, der mich überfiel, Die Todessehnsucht, die mich aufgezehrt! – – Ein milder Gott hat mir die Gunst gewährt, Nicht ohne Abschied zieh' ich fort – und nun – Nichts mehr von mir. Lebt wohl! und wenn Ihr könnt, Vergeßt mich! – Ja, laßt mich begraben seyn, Und wendet Euch vergnügtem Tagen zu! Gott lasse sie Euch lang' und glücklich währen! – Ihr feiert, hört' ich, Euere Verlobung – Leonore. Verlobung? Tasso! welch ein Wort von Euch! Tasso. Wie, nicht? – Ihr wäret nicht verlobt? Leonore. Niemals! Nie werd' ich's seyn! Nehmt meinen Schwur! Tasso. O, jetzt, jetzt haltet mich, ihr Himmelsmächte! Leonore. So hört auch mich, und achtet auf mein Wort, Als ob ich's spräche in der Sterbestunde! Ja, mein Torquato, ja! ich liebt' Euch sehr, Ich lieb' Euch noch, ich werd' Euch ewig lieben! Zehnter Auftritt. Vorige. Lucretia tritt schnell ein, ergreift Leonorens Hand und zieht sie fort. Lucretia. Die Maske vor's Gesicht! Fort, fort von hier! (Zu Tasso. ) Entfernt Euch schnell, wenn Euch das Leben lieb! Tasso. O, noch ein Wort! Bei allen Heil'gen, bleibt! Lucretia. Wagt's nicht, zu folgen! – Fort, wenn Ihr sie liebt! (Sie eilt mit Leonoren fort.) Tasso. O, stürzet ein, deckt mich, ihr hohen Säulen, Begrabt zugleich mein Unglück und mein Glück! Ich muß ihr nach – ihr nach! Noch Einmal – Eilfter Auftritt. Tasso. Die Maske tritt ihm entgegen. Maske. Halt! Tasso. Was wollt Ihr? Laßt mich, ich muß fort! Maske. Ein Wort! Ich seh', Ihr seyd ein Pilger, der, des Weges Nicht kundig, sich verirrt; laßt Euch bedeuten: Nicht dieses Haus ist Eurer Wand'rung Ziel, Weit abwärts führet Eure Straße. – Geht Und scheut Euch, diese Schwelle zu betreten. Hier hält ein Riese Wache an der Pforte, Der Euch zermalmt mit seiner Keule Schlag; Dankt's seiner guten Laune, die Euch schont. Doch findet er Euch Einmal noch wie heute, Bei meinem Haupt! seyd Ihr dem Tod verfallen! – Armsel'ger Thor! seyd Ihr noch nicht geheilt? Und glaubt Ihr immer noch in Eurem Wahn, Daß Fürstentöchter ebenbürt'ge Bräute Für Einen, dessen ganzes Erb' und Eigen Ein irrer Geist, die Zither und ein Stab? (Geht ab.) Tasso. Das war die Stimme meines bösen Geistes! Wenn ich bei Sinnen bin, war das der Herzog! Zwölfter Auftritt. Tasso. Angioletta. Angioletta. Kommt schnell von hier! Ihr seyd erkannt; entflieht! Euch droht Gefahr, wenn Ihr noch länger weilt. Bist du's, Angioletta? Was bedeutet – Angioletta. Ich bin's, fragt mich nicht länger! Flucht nur frommt! Hier ist nicht ferner Eures Bleibens. Kommt! Ich lass Euch nicht, ich folg' Euch – zieh' mit Euch – Wohin Ihr immer geht, mir gilt die Straße gleich. (Der Vorhang fällt.) Ende des zweiten Aufzuges. Dritter Aufzug. Waldgegend in der Nähe von Sorrent. Erster Auftritt. Sciarra und zwei Räuber. Sciarra. Den ganzen Tag gefischt und nichts gefangen! Ist doch die Straße durchs Gebirg so leer Als eines Spielmanns Tasche. Erster Räuber. Unsre Kunst Nährt ihren Mann nicht mehr, 's ist besser fast, Zu betteln Mittags an den Klosterpforten, Als Cavaliere seyn des Walds, wie wir! Sciarra. Ei, welch ein gierig unverschämter Kerl, Ein nimmersatter Haifisch bist du doch, Der stets den Rachen aufreißt zum Verschlingen, Und doch nie voll wird und stets mehr verlangt. Sind wir gemachte Leute nicht? Was fehlt uns? Wir haben Wein und bauen keine Reben, Wir haben Brod und brauchen nicht zu ackern, Wir haben Geld und brauchen nicht zu graben, Wir haben Frau'n und brauchen nicht zu frei'n. Erster Räuber. Und geht es gut, so hängen wir am Galgen, Und brauchen nicht zu sorgen für den Strick. Zweiter Räuber. Wer wird so traurige Gedanken hegen! Sciarra. Das Hängen ist ein Tod wie jeder andre. Nicht jeder, dem der Galgen wohl gebührte, Hängt deßhalb gleich daran. Das ist ein Schicksal, Dem trotzt der Kluge nicht, er läßt es kommen. – Der Schiffer geht ins Meer, wenn auch der Sturm Schon manches Schiff mit Mann und Maus verschlang; Schon mancher Baugeselle fiel vom Dach Und brach den Hals, soll man drum nicht mehr bau'n? Bin ich nicht euer Hauptmann, der Sciarra, Mit dessen Namen man die Kinder schreckt? Ich bin ein bessrer Fang, als ihr seyd, für die Sbirren, Doch leb' ich lustig fort und guter Dinge, Obgleich mein nächster Vorfahr in dem Amt, Und dessen Vorfahr und so weiter alle Am hanf'nen Halsband starben. Was liegt daran? Das bringt der Stand mit sich, das muß man tragen. Zweiter Räuber. Seht dort! wer kommt? Erster Räuber. Ein Mann mit einem Mädchen. Sciarra. Der sieht nicht aus, als ob er Schätze trüge. Ein Kranker scheint es, den der Weg erschöpft. Erster Räuber. Kommt, laßt uns drauf! Sciarra. Der lohnte auch den Fang! Ein Mann, der nicht einmal ein Maulthier reitet, Zu Fuß sich mühsam durchs Gebirge schleppt, Dem wird das Geld den Seckel nicht zerreißen. Erster Räuber. Das ist oft Maske nur! Gar mancher Geizhals Entzieht sich so dem schuldigen Tribut, Und trägt in seinem alten grauen Wamms Geschmeid' und Edelsteine eingenäht. Sciarra. Nun, laßt uns erst bei Seite treten und Umspähn, ob niemand in der Nähe weilt. (Sie gehen ab.) Zweiter Auftritt. Tasso. Angioletta in Reisekleidern. Tasso. Auf diesem Rasenhügel laß mich ruhn! Angioletta. Ihr seyd erschöpft vom Gehn. Tasso. Erschöpft vom Leben. Angioletta. Ermuthigt Euch! Tasso. Vergebens mahnst du mich. Des Körpers Leiden sind es nicht allein, Es ist der Schmerz, der meine Seele foltert, Die Qualen, die mein Herz zerreißen, sind's, Die meinem Ende mich entgegen führen. Angioletta. Bin ich Euch nichts, mein Tasso, gar nichts denn. Daß Ihr, so ganz in Euer Leid verloren, Nicht meines Trostes weiter achten wollt? Tasso. O, du bist mehr, als Worte sagen können! Ein Engel, mir gesandt in meiner Noth, Mich sanft zur letzten Ruhe zu geleiten! Du bist von Erdenstoffen nicht gewoben, Sie hingen allzuschwer an deiner Seele, Die himmelklar, ein Strahl des Lichts von oben. Ja – ja! – Du bist ein Engel ohne Fehle! Angioletta. Kein Engel, doch ein Mädchen, das Euch liebt, Das treu zur Seit' Euch stehn will, weil Ihr lebt. Und gut' und schlimme Tage mit Euch theilen. – Wie ich Euch liebe, darf ich Euch bekennen Vor Gott und Menschen; seht, und meine Wangen, Sie werden nicht deßhalb in Scham entbrennen; Frei ist mein Herz von Hoffnung und Verlangen! - Ihr sagt, Ihr seyd dem Tode nah, Ihr fühlt's, Ich glaub' es, guter Tasso. Nun, wohlan! Was auch geschieht, bis an des Grabes Rand Sollt Ihr geleitet seyn von meiner Hand. So lang' Ihr lebt, will ich Euch nicht verlassen, Und schlägt die Stunde, die Euch mir entreißt, Dann will ich heim zu meinem Oheim kehren, Und Eurer treu gedenken, weil ich lebe! – Tasso. Nein, Angioletta, nein! Verlaß mich, kehre Zurück in deine Heimath, laß mich hier! Du hast an mir gethan, was keine Schwester, Was keine Braut, was keine Gattin thut: Du ließest deine Heimath und die Deinen, Und bist gezogen bis hieher mit mir; Doch weiter ziehe nicht, es ist genug! Mit frommem Eifer hast du mich gepflegt, Hast Armuth, Krankheit, Schmach mit mir getheilt, Und hast gewacht an meinem Krankenlager, Als ich kaum Herberg' fand mehr für mein Haupt: Des Lebens Frühling hast du hingegeben, Und keine Jugendzeit hast du gekannt; Ein lieblich Kind vor wenig Monden noch, Hat schnell der Ernst des Alters dich erreicht: Das Kindeslächeln deiner Lippen floh, Und in den Jahren, die der Lust geweiht, Geleitest du ein wandelnd Todtenbild. Angioletta. Was kümmert's Euch, wenn's mich zu thun erfreut? Seyd Ihr schon müde der Begleiterin? Tasso. Es ist kein Ruhm, dem Tasso zu gehören; Daß es kein Glück, bei Gott, du mußt es fühlen; Wenn auch ein Wahn dein junges Herz bethört! Angioletta. So laßt mir meinen Wahn, wenn er mir lieb, Tasso. O, es ist blutig Spiel, grausame Laune Des höhnenden Geschicks, Angioletta! Verirrung ist es der Natur, ein Zauber, Erdacht von einem schadenfrohen Geiste, Der deine Jugend treibt, der Liebe Rosen Zu suchen auf dem Grabesfeld! Angioletta. Wohlan, Seyd Ihr nun fertig, Tasso, mit der Rede? Warum erschöpft Ihr Eure Müh' umsonst? Wenn es ein Zauber ist, ist er unlösbar; Wollt' ich ihn brechen, hätt' ich nicht die Macht! Tasso. Ich stehe an der Schwelle von Sorrent: Ein Jüngling zog ich fort, wie kehr' ich heim? Ein Bettler, krank, kaum meines Geistes mächtig, Verstoßen von dem Herrn, dem ich gedient, Den ich verherrlicht; – denn beim hohen Gott, Sein Ruhm erstand und stirbt mit meinem Lied! – Vom Neid gezwackt, geschmähet von der Crusca, Mein Werk von Diebeshänden mir verstümmelt – So kehrt Torquato Tasso in die Heimath! Angioletta. Dort findet Ihr die treue Schwester wieder; Sie hat Euch stets geliebt, sie liebt Euch noch. Tasso. Wohl sehn' ich mich nach ihr; es ist ein Trost, Und es erheitert meine trübe Seele, Daß, wenn die Sonne meines Lebens sinkt, Mein Tagwerk aus, ein blutverwandtes Wesen Mir lebt, das mich zur Ruh' bestatten läßt; Sonst möcht' es leicht geschehen, daß Italien, Das keinen Raum dem Lebenden gewährte, Ein unbezahltes Grab mir auch verweigert. Angioletta. O, Ihr seyd bitter, Tasso! Tasso. Bitter? – wahr! Du warst Gefährtin ja auf meinem Zuge: Er glich, du weißt's, dem Zug des Bacchus ganz: Wie im Triumphe er durch Indien, Zog durch Italien ich: der Unterschied Nur einzig war, daß mich nicht Panther zogen, Und man vor meinem Wagen nicht getanzt. Angioletta. Wenn unterweges Ihr in Noth geriethet, War't Ihr nicht selbst die Schuld? habt Ihr nicht stets Verschmäht, den Beistand Andrer anzusprechen? Tasso. Wohl that ich das, und bei des Vaters Haupt, Ich sterbe leichter, daß ich es gethan! Daß ich gedarbt, im Elend fast verschmachtet, Eh' ihren Beistand ich, ihr Gold verlangt! – Sie haben keinen Maßstab für den Stolz In einer edlen Brust und meinen, Alles Verkaufe sich für Flitter und für Geld! – Kein Fürstenhof, vom Aetna bis zum Po, Wo ich nicht früher ein geehrter Gast, Wo ich berufen nicht und festgehalten In vor'ger Zeit! – Hat Einer sich gekümmert? Um Tasso nur gefragt? Doch wußten sie's, Wenn ihrer Städte Weichbild ich betrat. Der Sänger des Jerusalems nicht mehr, Der Tolle von Sankt Anna war ich ihnen. Wie man Berührung mit Verpesteten, So scheuten sie die meine, weil ich nicht Mehr so wie einst der Günstling von Ferrara. Angioletta. Wenn nicht die Großen, liebt Euch doch das Volk. Habt Ihr nicht Euer Lied auf jeder Lippe, So weit die welsche Zunge reicht, gefunden? Sang's nicht der Schiffer rudernd auf dem Fluß? Erklang es nicht durch Berg- und Waldesgrund, Wenn es dem Maulthiertreiber seinen Weg Durch des Gebirges rauhe Pfade kürzte? Und jener Mann, der sie so oft entzückt, Er hätte nicht ein wirthlich Dach gefunden, An welche Hütte immer er geklopft? Wer hieß Euch Pochen an der Fürsten Thore? – Des Sängers Kunst sucht Herzen, die sie fühlen, Und Herzen, Tasso, habt Ihr ja gefunden, In Fürstensälen wie in niedrer Hütte: Wo eines schlug, bei Gott, dort schlug's für Euch; Wo leer die Brust, dort mußtet Ihr nicht suchen. – Tasso. Ja, Angioletta, ja, ich fand ein Herz, Ich fand's im Kerker, wo ich's nicht gesucht, Ich fand's im Wahnsinn, als mein Geist verwirrt, Ich fand's am Rand des aufgedeckten Grabes! Angioletta. Nur, weil Ihr Tasso, habt Ihr es gefunden. Tasso. Und erben soll's von mir ein Glücklicher, So wünsch' ich, hoff' ich, meine Angioletta! – Doch nun genug davon! – Hier will ich ruhn, (Er setzt sich. Ich komme nach Sorrent so unvermuthet, Daß, wenn ich tret' in meiner Schwester Haus, So bleich und spukhaft, wie ich bin, vielleicht Sie meinen Geist vor sich zu sehen glaubt. – Sie hat mich sehr geliebt; ich möchte nicht Sie allzu sehr erschrecken, wenn ich komme. Wir trafen eben Hirten hier im Wald: Sorrent ist nah'; stürz' unsern Seckel um, Und laß der Burschen Einen Botschaft tragen Hin zu Cornelien. – Mir schlägt das Herz, Als hätten alle Ströme meines Blutes Mit Einemmal es hoch empor gehoben, Denk' ich an sie. So ungewohnt der Freude Bin ich, daß sie mich lähmet wie der Schmerz. Angioletta. Ich kehre bald zurück. Gehabt Euch wohl! (Sie geht ab.) Dritter Auftritt. Tasso (allein) . Da geht sie hin, für die ich keinen Namen, Der ihren Werth benennt, zu finden weiß! Du Blume, die, geknickt, bevor sie blühte! Du gleichst der Nachtigall im Waldesdunkel, Die ihre Klagen hinseufzt in die Nacht, Süßflötend, bis sie stirbt! – Unglücklich Mädchen. Das keine andre Liebe fand auf Erden, Kein andres Herz, das seine dran zu legen, Als eines, das fast nicht mehr schlägt! – Ich habe Sie wachsen sehen neben mir, ein seltsam Kind, Tiefsinnig, schweigsam, ernst, durstig das Wort Von meinen Lippen gierig wegzutrinken; Doch ihres Herzens hatt' ich keine Ahnung! Ich kannte nicht den dunkeln, tiefen Schacht, In dem der Demant hell und glänzend ruhte. Das war kein guter Stern, der dich geleitet, Angioletta! Nicht an Tasso's Brust Soll flüchten, wer dem Glücke will begegnen, Dort findet er den Schmerz nur, nicht die Lust. Frag' nur Eleonoren! – Ach Lenore! Vierter Auftritt. Tasso. Sciarra. Die Räuber. Hernach Angioletta. Sciarra. Halt! – Steht! Tasso. Was wollt Ihr? Erster Räuber. Geld! Tasso (zieht den Degen). Elende Schurken! Ich bin zwar nur der Schatten eines Mannes, Doch focht ich früher wohl schon gegen drei! – Wär' ich nur eines Athemzugs noch Herr, Ich wehrt' ihn gegen Buben Eures Gleichen, Angioletta. (stürzt schreiend zwischen Tasso und die Räuber) Ach, Tasso! Tasso! Gott! Sciarra. Torquato Tasso? – Tasso. Ja, der! Sciarra. Fort mit den Waffen! Nieder, sag' ich! – Ich bin ein rauher Bursch, doch gar so sehr Bin ich des Teufels nicht, daß einen Mann Wie Euch ich niederschlüg' um ein Stück Geld. Tasso. Ihr seyd ein Räuber? Sciarra. Ja, so was dergleichen. Doch nehm' ich auch mein Theil von Andrer Gut, So sollte doch verflucht der Heller seyn, Den ich Euch abgenommen. Tasso. Wißt Ihr denn – ? Sciarra. Alles weiß ich. – Käm' einmal noch die Zeit Wie die in Eurem Lied, von Gottfried Bouillon, Nicht in den Wäldern der Abruzzen haust' ich; Ich war' ein Krieger auch vom heil'gen Grabe, Und, beim Patron der Diebe! nicht der letzte! Tasso. Ich steh' und staune! Sciarra. Nun, lebt wohl, Herr Tasso! – Hätt' einen Demant, wie ein Mühlstein schwer, Ich einem Fürsten abgenommen, wär' Mir's nicht so lieb, als daß ich Euch gesehn! – Ich lass' Euch meine beiden Burschen hier, Euch sicher durch den Wald hinaus zu leiten. – Doch seht, dort nahen Leute. Ihr bedürft Nicht des Geleites mehr, das ich Euch biete! Lebt wohl, und lebt im Glück! (Er geht mit den beiden Räubern ab.) Tasso. Bin ich bezaubert? Was war das, Angioletta? – Träum' ich denn? Angioletta. O, laßt mich! Jegliches Gefühl in mir Möcht' sich in Ströme heißer Thränen lösen! Tasso. Sieh, wer mich schützt, Alphons, seit mich dein Fuß Von deines Schlosses Marmorschwelle stieß! – Sind das die Freunde all', die mir geblieben? Fünfter Auftritt Vorige. Landleute. Hirten und Hirtinnen. Alle Es lebe Tasso! – Tasso lebe hoch! Tasso Welch neue Scene gibt's? Was will dies Volk? Ein Landmann Seyd Ihr Torquato Tasso? jener Mann, Der den Gesang gemacht vom heil'gen Grabe, Wie es erobert von der Christen Waffen? Tasso Der bin ich, ja! Alle Heil, Heil dem Tasso! Tasso Wie? Auch Ihr kennt mein Gedicht! Erste Hirtin Das will ich meinen! Landmann Als jenes Mädchen dort uns eben sagte, Tasso sey auf dem Wege nach Sorrent, Und suche Einen, der ihm Botschaft trage, Da ließ ich meinen Pflug, die ihre Heerden, Und Einer rief's von fern dem Andern zu, Und jeder eilte her, den Mann zu sehn, Den Gott gesegnet mit der heitern Kunst Und eine Fülle süßer Worte gab, Die Herzen aller Menschen zu entzücken. \< Zweite Hirtin. Kommt mit in unsre Hüttten, edler Herr, Eßt unser Brod und trinkt von unserm Wein; Wir möchten gern aus guten Herzen Euch Nach besten Kräften ehren. Erste Hirtin. Ihr seyd krank; Wir wollen Euch das schönste Maulthier zäumen, Daß Euch der Weg zur Stadt nicht mehr ermatte. Tasso. Ich dank' Euch, meine Freunde, dank' Euch sehr! Ich war nicht solcher Liebe hier gewärtig! Der Landmann. Ei, Herr, was glaubt Ihr denn? Wir sollten nicht Euch ehren, weil wir arme Leute sind, Uns nicht erfreun an Euerem Gedicht, Da es Euch Gott doch eingab, daß damit Der Menschen Herzen Ihr erfreuen sollt, Arme wie Reiche, Vornehm' und Geringe? Angioletta. Nun, Tasso? sprecht! Ehrt Euch Italien nicht? Habt Ihr kein Herz gerührt? ist Euer Lied Spurlos verklungen, Euer Name todt? Tasso (blickt gerührt im Kreise). Ja, wahrlich, ja! – Der Mensch ist gut und edel, Wenn er mit sich allein und der Natur, Rein, wie er kam aus ihrer reinen Hand, Wenn noch der Zwang sein Wesen nicht verbildet, Ihn noch der Rost des Lebens nicht berührt! – Ja, ich will hin, wo noch die Herzen frisch Wie an dem ersten jungen Schöpfungstage: Wo noch das Blut, ein klar lebend'ger Quell, In frohen, freien Pulsen schlägt und kreist! – Fern will ich weilen von der Höfe Glanz, Fern von dem nicht'gen Treiben eitler Thoren, Fern von dem Drange nied'rer Leidenschaft, Von Neid, von Haß – selbst von der Liebe fern! Dort in dem großen Garten der Natur, Den rauchenden Vesuv vor meinen Blicken, Den Meeresspiegel vor mir ausgespannt, Der seinen Inseln glänzende Juwelen, Das blaue Zelt des Himmels über mir – Dort will ich schöpfen aus dem Born der Dichtung Noch Einmal, eh' den Becher von den Lippen Die nächste Stunde reißt; die Geister rufen Noch Einmal mit gewalt'gem Zauberstabe, Ob sie gehorchen, wie sie einst gehorcht! Dort will, ein Fürst in meinen eignen Reichen, Die keine Macht der Mächtigen mir raubt, Ich seyn, wozu Natur und Gott mich schufen, Mein Erbe – meine Krone – sey mein Lied! Sechster Austritt. Vorige. Cornelia mit Einem aus den Hirten. Cornelia (hinter der Scene). O, führt mich hin zu ihm! o schnell! Wo? Wo? (Sie tritt auf.) Tasso! Tasso. Cornelia! Gott! meine Schwester! Cornelia. Ihr Heiligen des Himmels! ja, mein Bruder! O, Gott ist gnädig, mein Gebet erhört! Tasso. O, meine theure, theure Schwester! Cornelia. Endlich! Nach langen, trüben, hoffnungslosen Jahren Hält dich mein Arm, und deine Thränen mischen Mit meinen sich! O, Bruder! theurer Tasso! Tasso. Thränen! wie? Beim guten Gott des Himmels, Wahrhaftig Thränen! – Ich habe sieben Jahre nicht geweint, Als ich Unmenschliches ertrug, und deine Liebe Ertrag' ich ohne Thränen nicht und weine, Weil wieder mir ein Strahl zum Herzen dringt Von einer Sonne, die ich lang' nicht sah! Cornelia. Nie mehr sollst du von mir; ein neues Leben Soll dir erblühn, bei mir sollst du genesen! Tasso. Ich habe viel gelitten, theure Schwester! – Mich haben Lieb' und Ehre, Haß und Neid, Die guten und die bösen Geister alle, Verrathen und gekränkt! Ins Herz geschnitten Hat mir der Undank, und der hohle Dünkel Hat mir gegrins't ins Antlitz, mich gehöhnt, Und alles, was verächtlich und gemein, Und schlecht, hat mir ins Angesicht gespien, Und die Gewalt auf meinen stolzen Nacken Den Fuß gesetzt, und meinen freien Geist Geschlagen in die Bande ihrer Nacht! Cornelia. Und ich war fern und theilte nicht dein Leid! Tasso. Da hab' ich nicht geweint; ich hab' im Zorn Gebissen an das Eisen meiner Gitter, Empört gestampft den Boden mit dem Fuß, Mein siedend Haupt gestoßen an die Wand – Doch keine Thräne floß von meiner Wimper! Nun aber wein' ich, und wie eine Quelle Stürzt mir die lang verhaltne Fluth vom Auge! Cornelia. O, auch mein Herz kann kaum noch Worte finden! Tasso. Ist dieß vielleicht das allgemeine Loos Des armen Menschen, in des Schicksals Stürmen, Daß er der Härte trotzt und der Gewalt, Und Liebe nur ihn bändigt und bezwingt? Und wenn man sanft an seinem Herzen streichelt, Er's ohne Thränen nicht vermag zu tragen? Cornelia. Doch nun, nun trockne sie, daß nicht der Sturm Des Herzens allzu heftig dich ergreife. Tasso. O, laß sie fließen! hemm' nicht ihren Lauf! O, daß mein Wesen, aufgelöst in sie, Dahin möcht' strömen, daß nicht eine Spur Von dem mehr bliebe, der einst Tasso hieß! Angioletta. Ihr habt Euch erst vor wenig Augenblicken In schöne Zukunft hold hinein geträumt, Und nun ergreift aufs Neu' Euch Euer Schmerz! Laßt, was vergangen, wie es schwer auch war, Und vor-, nicht rückwärts wendet Euren Blick! Tasso. Nicht so, Angioletta! Diese Thränen Sind süß wie Maienthau, sind Arzenei, Die mir Genesung bringt; ich fühl' es knospen In meiner Brust, als bräch' ein Frühling auf Mit seinen tausend Farben, tausend Düften. Wie den Orest im heil'gen Hain der Götter, Als ihn der Arm der Schwester mild umschlungen, Die Furien verließen und sein Geist Nach langem Irrsal endlich Friede fand: So fühl' ich mich in deiner trauten Nähe Ein Neuerstandner, Neubelebter wieder; Und wie die Schlange ihre alte Haut, Streif' ich die Schmerzen ab von meiner Seele! Cornelia. Gibt's einen Balsam, der die Qualen mildert, Ich will ihn träufeln in die wunde Seele! Gibt's einen Trank, des Herzens Fieberpulse, Den Krampf zu stillen, der es preßt und ängstigt, Ich will ihn dir bereiten, – Kann die Liebe, Und Ruh' und, Friede ihren Wiegenschlummer Auf heiße Augenlieder kühlend niedersenken, So will, ich ihn bewachen, daß kein Hauch, Kein Rauschen eines Blattes selbst ihn stört! Tasso. O, haltet ein, ihr vollen, reichen Herzen, Daß ich mich fasse erst und wiederfinde! Ich bin es nicht gewohnt, daß, mild und linde, Nur Liebe mich umringt und meine Schmerzen Alle in Schlummer ruhn! Von wannen weht Der Hauch des Friedens, den in vollen Zügen Mein durstig Herz einsaugt? Der Wonneschauer, Dieß tiefe, todesselige Vergnügen, Das wie ein Strom durch meine Seele geht, In dem ich schwelge, gierig, ohne Rast? – Bin ich aus Erden hier nur noch ein Gast? – O rede, Himmel, jetzt, wo meine Seele, Von Ahnung, von Begeist'rung trunken, glüht: Woher die Gluth, die seltsam mich durchsprüht? Die mich umflammt wie tiefes Abendroth? Wie heißt die Wonne? sage, ist's – der Tod? – (Er sinkt, von Cornelien und Angioletten unterstützt, auf ein Knie und streckt seine Arme gen Himmel. Das Landvolk, das sich früher in den Hintergrund gezogen hatte, gruppirt sich um ihn. Der Vorhang fällt.) Ende des dritten Aufzuges. Vierter Aufzug. Platz vor dem Hause des Tasso zu Sorrent. Im Hintergrunde das Meer und der Vesuv. Erster Auftritt. Cornelia. Angioletta. Angioletta. Wie geht es unserm Kranken? Cornelia. Zeitig schon Hat er den Blick gelabt von jenem Erker Am weiten Meer, die Morgensonne grüßend, Die flammend sich emporhob aus der Tiefe. Angioletta. Ich kann ihn fast nicht ohne Thränen schauen! Seit er hier zu Sorrent, ist er verwandelt, Und kaum erkenn' ich mehr den vor'gen Tasso. Nichts mehr von seiner alten Heftigkeit, Nicht mehr der schnelle Wechsel der Empfindung, Der früher jeden Augenblick von Lust zu Schmerz, Von Schmerz zu Lust ihn trieb. – Cornelia. Nun ist er sanft Und ruhig, seine Klagen sind verstummt, Von mildrer Gluth scheint seine Brust durchwärmt, Aus sturmbewegter See scheint er geflüchtet Zum sichern Port. Angioletta. Ein Wanderer, der endlich Von weiter Reise kehrt, den Staub des Weges Abschüttelt an der Thüre seines Hauses, Hat er an dieser lang' ersehnten Schwelle Von sich geworfen, was von Erdenstaube An ihm noch haftete und, halb verklärt, Scheint er ein Gast nur noch in dieser Welt! – Cornelia. Er geht dem Grate zu mit seltner Fassung, Und wie ein Mann zuvor sein Haus bestellt, Eh' er sich einschifft zu der weiten Fahrt, Hat eifrig, unablässig er gesorgt, Sein Werk der Welt in würdigster Gestalt Als ew'ges Denkmal seines Ruhms zu lassen. Angioletta. Die letzten Strahlen jener Sonne, die Nun bald für immer von ihm scheiden wird, Vergolden schön den Abend seines Lebens. Sein Ruhm tönt laut, so weit die Sprache reicht, Weit über Welschlands Grenzen fern und nah; Der Nebel, den der Neid, Mißgunst, Verleumdung, Parteienwuth um seinen Glanz geschichtet, Er ist zerronnen, und sein strahlend Bild Steht lichtumflossen für die Ewigkeit. Cornelia. Jetzt ist mein Haus von diesem Glanz umleuchtet, Doch ach, wie bald wird's wieder dunkel werden Und nachtumhüllt! Angioletta, sprich, Soll mir sein Tod, wenn Gott ihn zu sich ruft, Nicht ihn allein nur nehmen, der mir nur Geschenkt ward, schnell ihn wieder zu verlieren? Soll jede frohe Hoffnung mir mit Tasso Zugleich verschwinden? Soll nicht der Schwester nur, Soll auch der Mutter Herz zerrissen werden, Wenn wir, ach, nur zu bald! sein Grab bereiten? Du kennst die Wünsche meines Herzens, Mädchen, Mein Sohn – du siehst ihn täglich, kennst ihn ganz: Die Mutter darf ihn loben ohne Scheu; Er liebt dich! Laß – Angioletta. O, schweigt, ich bitt' Euch innig! Ihr schneidet mir ins Herz! Cornelia. So sprichst du stets Und scheuchst das halb entflohne Wort zurück Auf meinen Lippen! Soll Antonio Nicht hoffen dürfen? Angioletta. Ihr seyd seine Mutter, Ihr kennt jedwede Falte meiner Seele, Gleich einem Buche liegt mein Herz Euch offen, Den Inhalt draus zu lesen, Alles wißt Ihr, Und könnt mich werben doch für Euren Sohn? Cornelia. Weil ich dich kenne eben, werb' ich dich. Angioletta. Ich kann die Braut nicht seyn von irgend Einem, Von Tasso nicht, von einem Andern nicht. Was wär' ich Eurem Sohn? Ihm wird im Leben Noch oft ein ungetheiltes Herz begegnen, Das seine Liebe gern erwiedern wird; Was wär' ich ihm, was könnt' ich ihm wohl seyn, Ich, die ein wunderbar Geschick bestimmte, Mit Tasso's Seyn das ihre zu verweben? Cornelia. Nicht immer wirst du denken so wie jetzt, Den Brautkranz fliehn, der jungen Locken ziemt. Angioletta. Nicht bräutlich lächelte die Jugend mir, Und kaum erscheint, nur wie ein dunkler Traum, Erinn'rung mir von flücht'gen Augenblicken, Die mir wie Jugend dünkten. Ihn allein Von allen Männern kannt' ich und verlangte Nicht andere zu kennen. Ihn verehrte, Für ihn erglühte in Bewunderung, In unbewußter, willenloser Neigung Mein ganzes Wesen! So wie Stoff und Bild Eins ist und nicht zu trennen im Gewebe, So flicht sich Tasso's Wesen in mein Leben. Cornelia. Was du für Liebe hältst, es ist nicht Liebe, Es ist nicht Liebe, theure Angioletta! Ein seltsames Verirren deines Herzens, Das sich mißkennt und sein Gefühl mißkennt! Ein Widerspruch – Angioletta. So nennt es Tasso auch; Doch wie Ihr es benennt, es gilt mir gleich, Es ist! – Wie's ist, warum, ob Wahrheit, ob ein Wahn, Ich frage nicht. Nennt Ihr es Liebe nicht – Mag seyn! Doch ist's die Luft, das Licht, in dem Ich lebe. Ward doch zwischen mir und Tasso Die Liebe nie genannt zuvor, und weiß ich doch, Tasso liebt' eine Andre, liebt sie noch. Cornelia. Du weißt es, und doch liebst du ihn? Unmöglich! Angioletta. Tasso gehört nicht mir, doch ich dem Tasso. Cornelia. Macht ist's der Einbildung, nicht Macht der Liebe! – Ein sonderbarer Zufall wollt' es so, Daß du allein mit ihm und, abgeschieden Von Welt und Menschen, neben ihm erwachsen. So schien Er dir die Welt, weil außer ihm Dir Alles fremd. Du bist ihm unterthan, Sein Geist beherrscht den deinen unbeschränkt, Doch Liebe, holdes Kind, Lieb' ist es nicht! – Und wenn der nahe Tod ihn dir entreißt, Was wird, unglücklich Mädchen, dann mit dir? Willst du an deinem selbstgeschaffnen Wahne Festhalten, wenn die Wirklichkeit sein Bild Schon längst entrückt? Angioletta. Fürwahr, ich denke täglich, Ja stündlich seines Endes, und doch, seht, Es hat mich nie erschreckt, ihn todt zu denken. Ich habe, seit ich fühle, keine Stunde Verlebt noch ohne ihn; ich weiß es nicht, Ob ich vermöchte, ohne ihn zu leben, Und doch will mir sein Tod nicht Trennung dünken. Ob ich die Sonne lang' noch schauen werde, Wenn er dahin, ich weiß es nicht; Fast sollt' ich meinen, nein! Doch wie es sey, Was auch noch meinem Leben aufbewahrt, Laßt mich Euch Eines sagen, wie ich's fühle: Das Reiflein unscheinbares Gold, in das Einst das Juwel, der Edelstein der Welt, Der keine Schätzung hat und den kein Werth Bezahlt, gefaßt war, – wenn der Reif auch bleibt, Was ist er noch, sobald das Kleinod hin, Das er umschlossen hielt? Cornelia. Nicht ich allein, Tasso wünscht minder nicht als ich es wünsche, Dich bald vermählt zu sehn. Es peinigt ihn, Wenn er der Zukunft denkt. Angioletta. Ich weiß. Cornelia. Das Leben So hoffnungslos anschaun, beendet glauben Im Jugendlenze, wenn es kaum begann, In deinen Jahren, ist ein krankhaft Zeichen! – Angioletta. Es mag so seyn! Ihr wißt es, selbst die Perle, Der höchste Schatz im dunklen Meeresreich, Wird ja in kranker Muschel nur gefunden, So hat auch meine Liebe, Perlen gleich, Sich krankhaft, nur aus Leid und Schmerz entwunden! Doch still! Da kommt er selbst! Zweiter Auftritt. Vorige. Tasso. Angioletta. Gott grüß' Euch, Tasso! Wißt Ihr wohl, daß ich zürne? Eure Schwester Hat ganz von Eurer Pflege mich verdrängt. Ihr kränkt mein Recht an Euch! Tasso. Du süßes Wesen, Das immer Balsam bringt! Angioletta. Wie geht es Euch? Tasso. So wie der Lampe, der das Oel gebricht; Sie flackert fort – ein Hauch, und sie erlischt. Angioletta. Nein, nein, mein edler Freund! Wie Euer Geist Zur Ruhe kam, das leidende Gemüth Allmählig sich erholt von seinen Wunden, Die still vernarbt, so wird hier in Sorrent, Wo nichts als Lieb' und Friede um Euch weht, Der Körper bald so wie der Geist genesen. Tasso. Sieh den Vesuv dort, wie er in die Lüfte Emporragt still und hehr und feierlich! Es schwimmt das Goldgewölle um sein Haupt, Als trüg' er eine Kron', und Purpur wallt Ihm von der Schulter, wie ein Fürstenmantel! Wie Alles sich so friedlich um ihn schmiegt, Kräuselnde Lust, die dunkeln, schlanken Wipfel, Die grünen Rebenhaine und das Meer, Das wie ein klarer Spiegel fern erglänzt: Und sieh, doch glüht und raucht, und dampft sein Schlund! So ist mein Friede auch! Ich flamme nicht Und werfe zürnend Schlacken aus, wie sonst, Kein glüh'nder Lavastrom fluth' ich herab, Doch immer brennt's und raucht's noch in der Tiefe. Cornelia. Doch diese Gluth verheert nicht, sie erwärmt. Tasso. Mit allen Mängeln, glaubt es mir, ihr Lieben, Mit allen Mängeln unsrer Menschlichkeit, Mit denen wir geboren, scheiden wir; Nicht einer fehlt, nicht eine unsrer Schwächen; Doch wird Gott milder als die Menschen richten. Angioletta. Euch, Tasso, standen Eure Mängel schön. Tasso. Ich habe aus den Stürmen dieses Lebens Mit Mühe nur mein edler Theil gerettet, Und nah' am Grab' erst Hab' ich mich erkannt Und mir die wahre Freiheit erst errungen, Die aller ird'schen Band' und Kerker spottet! Mit meinem Gotte hab' ich mich versöhnt, Und meine Rechnung mit der Welt geschlossen; Doch ob ich milder, stiller auch geworden, Gereint nur ist die Gluth, nicht ausgelöscht. Cornelia. Das wolle Gott nicht, daß sie je erlösche! Tasso. Von allen Wünschen, die mich einst durchglüht, Ist mir nur Einer noch zurückgeblieben, Der mir nunmehr für alle andern gilt: Ja, jenes Werk, die Arbeit meines Lebens, Das ich begann, als ich ein Jüngling blühte, Das ich als Mann gepflegt, bis an den Sarg Mit mir genommen, das im Glanz des Hofes, In Kerkernacht, kaum meiner Sinne mächtig, Ich treu gepflegt, das meines Glückes Anlaß Und meines Unglücks Quelle war, Das mir die Liebe und den Haß erweckt – Das wollt' ich noch mit vollen Seelenkräften Ausstatten, der Vollendung Siegel drücken Auf seine Blätter, eh' mein Licht erlischt, Damit es lebe, wann sein Sänger todt. Cornelia. Und leben wird es und dein Ruhm mit ihm! Angioletta. Ihr habt's getränkt ja mit Unsterblichkeit. Tasso. Was ich gefehlt, geirrt, bedecken soll's Die kühle Erde und erwähnen nicht Mein Leichenstein! Was ich erstrebt, der Strahl, Den mild ein Gott von seinem eignen Glanze Gesenkt in meine Brust, er möge leuchten Durch künft'ge Zeit, nicht mich, nein, Ihn zu preisen, Der mir den Mund gelöst, den Geist beflügelt! Ich war ein armer, unglücksel'ger Mensch, Verfolgt, geschmäht, gefangen, elend, krank, Jedwede Freude war von mir gewichen, Nichts nannt' ich dauernd mein, was Glück gewährt; Ein Dichter aber bin ich doch geblieben, Ein Dichter bleib' ich bis zum letzten Hauch, Ein Dichter, schlägt die Stunde, will ich sterben. Dritter Auftritt. Vorige. Ein Bürger von Torrent. Bürger. So eben ist der Fürst Aldobrandini, Gefolgt von Dienern und von Edelleuten, Hier eingeritten in Sorrent und fragt Nach Eurem Haus und nach Torquato Tasso. Cornelia. Aldobrandini? Bürger. Ja! – Er stieg vom Rosse. Und lenkte gleich hieher. Ich sprang voraus, Euch solchen glänzenden Besuch zu künden. Tasso. Ich durfte einst der Gunst mich dieses Fürsten Vor Andern rühmen. - Ein erlauchter Herr, Verehrt von Alt und Jung, und hoch gepriesen, Der Künste schätzt und werth den Künstler hält; Der nur den Geist, nicht äußern Flitter achtet, Ein Freund des Manns, nicht seines Ranges ist; Sein Herz wie lautres Gold, wie Frühling mild, Leutselig, frei von Hochmuth und von Dünkel, Belesen und gelehrt, ein wahres Muster Und Vorbild seines Standes, so wie Alle Seyn sollten und so Wenige nur sind - So kannt' ich ihn. Er steht in größtem Ansehn Am röm'schen Hofe. Cornelia. Sieh, da naht er schon. Ein stattliches Gefolg'! Tasso. Laßt uns ihn grüßen Mit Ehrfurcht, die solch einem Mann gebührt. (Er geht den Kommenden einige Schritte entgegen.) Vierter Auftritt. Vorige. Cardinal Aldobrandini mit einem stattlichen Gefolge, Tasso. Erlaubt, daß Euch ein Mann entgegen tritt, Mit schuld'ger Ehrfurcht Euch zu grüßen, Herr, Deß Name einst nicht fremd war Eurem Herzen, Ich bin Torquato Tasso. Aldobrandini Meinem Herzen So wenig als dem Ohr der Welt entfremdet Ist Euer Name. – Eine trübe Zeit Hatt' Euch auf lange unserm Aug' entrückt, Gehüllt in Wolken barg sich Euer Licht; Die Nebel flohn, die früh're Sonne tritt Mit ihrem alten Glanze aus dem Dunkel. Tasso Ich eine Sonne, Herr? Ein Irrlicht nennt mich, Das hin und her geflackert ohne Rast, Und unter Gräbern endlich lischt und schwindet. Aldobrandini Wohl seh' ich, daß Ihr leidet, edler Tasso, Doch wolle Gott nicht, daß ein solcher Geist So früh zu seiner Heimath kehren sollte! – Doch nun zu meinem Auftrag und Geschäft; Denn wie mein eignes Herz mich auch getrieben, Euch aufzusuchen, meinen alten Freund, So steh' ich hier doch nur ein Abgesandter Von einem höhern Herrn als ich. Tasso Wie, Herr? Ihr seht, ich staune! Wer in aller Welt, Von allen Häuptern, welche Kronen tragen – Und diese nur sind höher als Ihr selbst – Denkt an Torquato noch, den Sinnverwirrten, Der längst begraben zu Sankt Anna liegt? Aldobrandini Denkt besser von Euch selbst und Euren Gönnern! Kein Fürstensaal und keine Hütte ist, Wo Euer Name nicht gepriesen wird. Was immer die Geschichte dieses Landes Von unserm Wirken Rühmliches erzählt, Sie wird es preisen, daß vor andern Ländern Italien das Heimathland der Kunst. Sein Volk, gebildeter als andre Völker, Fühlt ihren Strahl; es gibt hier keine Brust, Wie grob auch das Gewand, das sie bedeckt, In der ein Herz nicht schlägt, zu fühlen mächtig, Was schön und herrlich in der Künste Reich. Ihr seyd der erste Dichter Eurer Zeit, Der Stolz des Vaterlands, der Stolz der Welt; Was neidisch Euren Ruhm verdunkeln wollte, Es ist zerstoben, niemand kommt Euch gleich. Es neigt Italien sich huldigend dem Geiste, Mit dem Gott wunderbar Euch ausgeschmückt, Und daß davon auf Erden Zeugniß bleibe, Daß kundig es den fernsten Tagen werde, Daß Eure Zeit gewürdigt Eure Größe: Erschein' ich hier ein Bote unsers Herrn, Clemens des Achten, unsers heil'gen Vaters, Euch einzuladen, daß Ihr ungesäumt Zu Rom eintreffen mögt, am Capitol, Wo einst die Helden Roms den Kranz empfingen, Gekrönt zu werden mit der Lorbeerkrone, Dem Sinnbild alles Herrlichen und Großen! Und – dieß sind unsers Herren eigne Worte: – Der Kranz, der Andern Ehre wohl verleiht, Er soll, darf er auf Euren Locken prangen, Den Ruhm, den er sonst gibt, von Euch empfangen ! Tasso. Bin ich bei Sinnen wirklich oder kehrt Die alte Nacht zurück, die einst mich drückte? Was ist's, das ich gehört? mir eine Krone? In Rom, dem Throne aller Herrlichkeit, Am Capitol, im Angesicht der Welt Soll ich den Lorbeerkranz als Preis empfangen? Nach aller schnöden Schmach, die ich erfahren, Soll ich erhoben seyn zu solchen Ehren? O, bleibe stark, mein Geist, und nicht von Neuem Laß dich durch irre Wandelsterne führen! Aldobrandini. Mög' Euch der Kranz noch lang die Schläfe schmücken, Und möge Eures Lebens zweite Hälfte Beglückter seyn, als es die erste war! Tasso. Der heil'ge Lorbeer soll mein Haupt umwehn, Der Kranz mich zieren, der nur Helden ziert, Und Könige und Herrscher? Darf ich's denken. Soll, was wie holder Traum mir vorgeschwebt, Zur schönen Wirklichkeit sich nun entfalten? Daß mich die Mitwelt werth hält solcher Ehre, Und daß die Nachwelt diesen Spruch gerecht Einst finde, ja, ich läugn' es nicht, es schien Ein Ziel mir, werth für eines Mannes Leben, Der Seele ganze Kraft daran zu setzen. Und ich, ich hab's erreicht, von Tausenden erreicht, Mein einsam Haupt ragt auf zu solchem Glanze! – Nennt mich nicht thöricht, Herr, weil solche Bilder Wie lichte Wolken bunt vorüber ziehn Am innern Auge meiner glüh'nden Seele! Aldobrandini. Mit nichten, Freund! Wie sollt' ich nicht begreifen, Daß Ihr des eignen Werthes Euch bewußt. Das ist nicht Eitelkeit, und Stolz geziemt Euch! Tasso. Der ist kein Dichter, den der Lohn begeistert, Doch wer nicht heftet heiße Sehnsuchtsblicke Nach jenem Stern des Ruhms hoch über ihm, Auch der, erlauchter Herr, auch der ist keiner! Aldobrandini. Nicht immer leuchtet er dem Würdigen; Verdienst entbehrt das Glück, Glück das Verdienst, Hier aber ist der rechte Mann gefunden. Tasso. Ich bin so sehr der Fürstengunst entwöhnt, Entwöhnt so ganz der äußerlichen Ehre, Daß mich ihr Strahl berührt, wie einen Blinden Das ungewohnte Licht, ich steh' geblendet. Aldobrandini. Ein Fürst – ein solcher mein' ich, guter Tasso - Der fürstlich im Gemüth, der seine Krone Inwärts im Herzen trägt, ein solcher weiß, Daß all' der Glanz, der seinen Namen schmückt, Verweht mit seinem Staub. Der schönste Ruhm, Vielleicht der einz'ge, der ihm übrig bleibt, Ist, wenn das Licht des Geistes er verbreitet In seinen Staaten; denn wo Licht, ist Recht! – So denkt das hohe Haupt, dem ich ein Bote. – Bereitet Euch zum Aufbruch nun auf morgen, Wenn's Euch beliebt. Wir selbst geleiten Euch, Und dieser Zug von würd'gen Edelleuten. Das Fest ist angeordnet und bestellt, Und wahrlich, nicht an Gästen wird es fehlen; Kein mind'rer Kreis, Freund Tasso, als – die Welt! (Der Vorhang fällt.) Ende des vierten Aufzuges. Fünfter Aufzug. Villa bei Rom. Erster Auftritt. Lucretia. Leonore. Lucretia. Nun, Leonore? Bist du jetzt zufrieden? Ist unserm Tasso nun sein Recht geschehn? Leonore. Ob ich zufrieden bin? Ja, theure Schwester, Ich bin zufrieden, daß die Welt ihr Unrecht Erkennt und es bereut! Doch Unrecht ist, Wenn endlich auch erkannt, noch nicht Ersatz Für vorenthaltnes Recht. Lucretia. In welcher Schule Spitzfünd'ger Grübler bist du denn gewesen, Daß du so haarscharf Recht und Unrecht scheidest? Wir arme Sterbliche sind schon zu loben, Wenn aus dem Irrthum uns Erkenntniß kommt. Leonore. Mag seyn für uns; doch der das Unrecht litt, Hat nicht Gewinn von unsrer späten Reue. Nein, Schwester, nein! nie werd' ich es verzeihen, Nie werd' ich mild auf jene Harten sehn, Und sey's mein Bruder, den ich ehr' und liebe – Die dieses Leben, das mir theurer war Als meine eignen Tage, so vergiftet! – Ich kann es nicht vergessen, kann es nicht, Und wenn sie ihn mit Königskronen krönten Und ihm den Purpur hingen um die Schulter, Daß er, ein Opfer blutiger Gewalt, Im düstern Kerker unter Irren saß, Daß ihn Italien ausstieß, sich die Thore Verschlossen, wenn er nahte, hülflos er, Ein Bettler fast, von Stadt zu Stadt geirrt. Da hätten Welschlands Fürsten sich geehrt, Wenn sie dem Dichter gastlich sich erwiesen; So aber blickte jedes Auge weg, Und jedes Ohr verschloß sich, statt zu hören. Lucretia. Und doch krönt man ihn heut am Capitol! Sieh, theure Schwester, das ja eben ist Die Kraft der Wahrheit, daß sie siegreich geht Aus allen Kämpfen; wie Parteienwuth, Wie Lüg' und Tücke das Verdienst entstellten, Und Haß und Neid – es steht durch eigne Macht, Und eine Stunde kommt, wenn noch so spät, Die es erkennt, es würdigt und es krönt. Leonore. Nur Schade, daß die besten, reinsten Herzen Still stehn, eh' hin der träge Zeiger rückt! – Ach, armer Tasso! armer, edler Tasso! Doch Dank, daß ich's erlebt, daß ich's noch sehe, Wie aus dem Dunkel, das ihn lang umgab, Der Mann, den ich geliebt, sein Haupt erhebt! Daß selbst Alphons, beschämt vom lauten Ruf Der Meinung, wieder gut zu machen strebt, Was er an deiner Jugend Glück verschuldet, Und daß dein Feind, Montecatin' es ist, Der in Ferrara's Namen dich begrüßt! – Lucretia. Und doch scheinst du betrübt mehr als erfreut? Leonore. Seltsam bin ich bewegt und nicht zu deuten Weiß ich des Herzens sonderbare Regung. Es füllt mein Aug' auf's Neue sich mit Thränen, Die Wundennarben brechen wieder auf Und bluten wieder, und in meine Brust Ziehn alle alten Schmerzen wieder ein! – Ich soll ihn sehn, wie ich ihn immer sah In meinen heimlichsten und schönsten Träumen: Erkannt und hoch geehrt von aller Welt; – Und doch faßt eine Angst mich und ein Grauen, Das düstrer noch, weil jeder Grund ihm fehlt. Lucretia. Da kommt Montecatino! – Sammle dich! Zweiter Auftritt. Vorige. Montecatino. Lucretia. Willkommen, Herr! – Nun sagt, ist unser Auftrag Nach Wunsch besorgt? Montecatino. Er ist es, Euer Hoheit; Man wird sich ganz nach Eurem Willen fügen, Nicht mehr, als Eurer Hoheit selbst beliebt, Soll Euer Rang beim Fest beachtet werden. Leonore. Das ist erwünscht! Lucretia. Viel Dank für Euren Dienst. Montecatino. Nie sah ich einen Jubel noch, wie den! Seit frühem Morgen regt sich Alles schon, Aus allen Dörfern strömt das Volk zusammen, Und deckt die Wege weit und breit, und jauchzt. Die Bäume selbst sind rings behängt mit Kränzen, Und hohe Maste stehen ausgerichtet, Von denen bunte Wimpel lustig flattern. Je näher man der Stadt kommt, um so dichter Wird das Gewühl, das fast die Schritte hemmt. Die Straßen wimmeln und die Fluth der Menge Stürzt sich, wie durch ein ausgezogen Wehr, Auf alle Plätze wo der Zug soll wallen. Balkon' und Fenster sind mit reichen Decken Und Teppichen behängt, und reich geschmückt In Prachtgewänder schau'n dort Herrn und Frauen. Die meisten Fürsten Welschlands sind versammelt, Und die nicht kamen, schickten Abgesandte; Der König selbst von Frankreich schickte einen. Lucretia. Gesteht, Montecatino, solch ein Fest Zu Ehren Tasso's war't Ihr nicht erwartend, Als Eurer Obhut zu Sankt Anna er Empfohlen war und Eurer Freundessorge! Montecatino. Man hielt mit Unrecht mich für seinen Feind. Ich war ein Diener Seiner Hoheit nur, Die damals ihm nicht allzu sehr gewogen. Doch nun der Herzog selbst geruht, das Fest Mit einer eignen Botschaft zu beehren, Und mich erkies't hat zu dem Ehrenamte, Ziemt meinem Urtheil keine Stimme mehr. Ich bin in Allem nur des Herzogs Diener, Und habe keine Meinung als die seine. Lucretia. Ein weises Wort, und der es Euch gelehrt, Hat wohl verstanden, was an Höfen frommt. Leonore. Bald ist's zum Aufbruch Zeit, wir müssen eilen. Geht, wenn es Euch beliebt, Montecatino, Und heißet das Gefolg bereit sich halten. Montecatino. Ich eile, Hoheit! (Geht ab.) Leonore. Meine Pulse fliegen, Mir pocht das Herz fast hörbar in der Brust, Und eine Angst, der ich nicht Meister werde, Schnürt mir den Athem zu. Lucretia. Das ist die Freude! (Sie gehen ab.) Dritter Auftritt St. Onufrio zu Rom. Erker, aus dem ein Säulengang führt. Tasso (am Fenster) . Welch reiches Bild vor meinem Blick! – Da liegt Der stille Klostergarten mir zu Füßen, Mit seinem rosenblüh'nden Oleander Und seinen dunkelschattenden Cypressen! Und dort die Eiche, wo ich oft geruht, Und dicht daran der stumme Todtenacker Mit Kreuz und Leichensteinen übersä't; Doch hinter seinen Mauern ragt die Stadt Mit tausend Thürmen, Kuppeln und Palästen, Mit ihren Brunnen, ihren Obelisken, Mit aller Pracht und aller Herrlichkeit, Die seit Jahrtausenden sich hier gesammelt. Und drinnen rauscht und fluthet das Gewühl Der Menge, die den Namen Tasso ruft, Und Kopf an Kopf sich drängt um meinen Anblick. – Ich aber bin so matt und todesmüde, Daß ich mich nach des Kirchhofs Frieden mehr Als nach dem Kranz am Capitole sehne! – Vierter Auftritt Tasso. Angioletta. festlich gekleidet. Tasso. Ei! wie geschmückt ist meine Angioletta! Angioletta. Zu Eurem Ehrentage bin ich so. Tasso. Du treue Liebe! Angioletta. Viel vornehme Leute, Fürsten und Herrn, und reichgeschmückte Damen, Sind schon im Saal, um Euch Geleit zu geben Zum Capitol, und ungeduldig wartet Das Volk auf allen Straßen. – Das ist der Tag, Der Euer ganzes Leben aufwiegt, Tasso! Tasso. Das ist er, ja! – Nicht, weil mich äußrer Flitter, Weil mir ein Lorbeerkranz das Haupt umgibt, Weil mir das Volk zujauchzt und im Triumphe Ich einzieh' auf dem hohen Capitol: Das ist es nicht, das konnt' ich wohl entbehren; Doch daß ich dasteh' als ein Würdiger, Daß dieser Zuruf mir ein Zeugniß gibt, Daß ich vergebens nicht gestrebt, daß mit der Lust Zum Schaffen mir ein Gott die Kraft gewährt, Daß für die Schmach, die mir ein Einz'ger that, Wenn auch ein Fürst, die Welt mir Abbitt' thut, Daß ich kein kettentoller Thor, verwirrten Geistes Hinüber gehe in die künft'ge Zeit, Die Nachwelt unentstellt mein Bild wird schauen – Das ist's, was mir der heut'ge Tag bedeutet. Und – laß mich meine Schwäche dir gestehn, Die, nah' am Grab', vielleicht mich übel kleidet, – Wie Regen fällt auf ausgedorrtes Land, Saugt meine Seele diesen Tag in sich, Und grünt und blüht davon! Was je ich litt, Ist ausgelöscht durch ihn; – doch keinen zweiten Möcht' ich, nach diesem Tage, noch erleben! Ja, Angioletta, ja, ich will zur Rast! Wie auf dem Arm der Wärterin ein Kind, Das grüne Wiesen, bunte Blumen sieht, Unruhig nach den schönen Farben langt, Und seine Händchen aus dem Fenster streckt, So streck' ich meine Arme nach dem Grabe! – Was hätte auch die Welt noch Herrliches, Das sie mir nicht gegeben – und versagt! Angioletta. Ja. Tasso, geht! – Ich fühl' es so wie Ihr, Daß eure Rechnung mit der Welt geschlossen; Doch wenn Ihr geht, hört Ihr? – nehmt mich mit Euch! – Was war mein Leben, was ich selbst? Der Schatten Tasso's war ich, weiter nichts. – Was kann ich denn noch seyn, wenn Ihr dahin? Auch mir, wie Euch, ist mit dem heut'gen Tage Des Lebens Ziel erreicht; was kommen kann, Ist nur ein fernverklungner Nachhall noch Von dieses heut'gen Tages Chorgesang. Ich kann ihn missen, wenn ich den gehört. – Tasso. Es ist kein Mährchen, das die Dichter fabeln: Es webt ein magisch Band in der Natur! Ein Bann, ein Zwang, der Geister unterthan Verwandten Geistern macht. 's ist keine Wahl , Die Herz zum Herzen zieht; 's ist ein Geschick ! – Nicht jetzt zum erstenmal, ich fühlt' es oft: Du bist kein fremdes Wesen außer mir, Du bist ein Stück von meinem eignen Seyn. Angioletta. Sagt mir das noch einmal! Es ist zu süß, Daß Ihr das fühlt wie ich! So dacht' ich stets. Tasso. Nun, Mädchen, sieh, ich will dir etwas sagen; Ich weiß, du kannst es hören ohne Angst; Dichter und Sterbende sind ja Propheten, Und ich, mein trautes Mädchen, ich bin Beides. Du wirst nicht lange wallen ohne mich; Dich hält die Erde nicht, wenn erst mein Geist Von einem andern Sterne zu dir ruft; Nicht lange wirst du auf dich warten lassen! – Die Rosen, die auf deinen Wangen blühn, So purpurdunkel sind die Blumen nicht, Die Jugend treibt auf deinem Frühlingsantlitz; Das ist ein tiefer Glühn – das ist der Tod! Angioletta. Mein Tasso, ja, Ihr sagt's! ich folge bald! (Sie sinkt in seine Arme.) Tasso. Und nun genug! Kein ungeduldig Sehnen; Laß immer mich voraus. Ist reif die Frucht, Wird sie von eigner Schwere niederfallen. – Fünfter Auftritt Vorige. Lucretia. Leonore. Lucretia. Es kommen Freunde, Tasso, Euch zu grüßen. Tasso. Ha! wie – Prinzessin! Ihr? – und Euer Hoheit?! Ihr hier in Rom? Wie soll ich es Euch danken? Das ist zu viel des Glücks an Einem Tage! Leonore. Wir sind so nah' gestanden Eurem Werth, Und sollten ferne stehn, nun man ihn krönt? Lucretia. Ihr habt nur Gönner in Italien Und Freunde noch; die Feinde sind verschwunden. Daß selbst Alphons bereut die vor'ge Strenge, Mag Euch Lenorens Gegenwart bezeugen. Leonore. O, welche Freude, mein geliebter Freund, Daß Euch die Welt nun kennt, wie ich Euch kannte! Nun ist mein Herz befriedigt, was jetzt noch Das Leben Gutes oder Böses bringt, Ich will's mit Gleichmuth tragen! – Mögt Ihr lang Den Frieden, der so spät Euch erst genaht, Mög't Ihr ihn lang genießen, edler Freund! Tasso. Ihr wünscht mir Ruhe, und doch soll ich leben ? Gott, Fürstin, hat mich ruhelos gemacht! Ich fühl's in diesem Augenblicke wieder: So lang' die Luft ich athme dieser Welt, Bin ich im Kampf befangen, und die Flammen In dieser Brust, und wenn sie Berge deckten, Ein Hauch des Windes bläst sie wieder auf! Leonore. Ach, es ist eine schöne Stunde, die Nach langer Irrsal uns zusammenführt, Laßt sie uns rein und ungetrübt genießen; Laßt nicht die Stürme der Vergangenheit Aufwühlen ein kaum stillgewordnes Meer In seinen Tiefen und an's Licht herauf Des Schiffbruchs Trümmer bringen, die es deckt. Lucretia. Laß froher Hoffnung frische Morgenluft Die Segel Eures Lebens neu beflügeln. Tasso. Die Zukunft, die mir lacht und die ich wünsche, Liegt jenseits dieser Welt, dort steur' ich hin, Ich fühl's, mit vollen angeschwellten Segeln. Doch laßt mich immer der Vergangenheit Gedenken, denn bald wird die Gegenwart Mir auch vergangen seyn! Befürchtet nicht, es werd' ein wilder Sturm Aufwühlen aus dem Meer unholde Larven, Die d'rin verborgen ruhn. O nein! Ein Taucher, Tauch' ich in seinen Schooß, und hole edle Perlen, Kleinode der Erinn'rung, reich, unschätzbar, Herauf an's Licht! – Laßt mich der Tage denken, Wo in den Gärten ich zu Buon Retiro An Eurer Seite, selig wie ein Gott, Die Brust mit tausend Bildern großer Thaten, Mit schöner Zukunft Wundern angefüllt, Einher ging und die Welt zu enge war Für mein Gefühl, zu eng – ach! für mein Glück! Leonore. O, schweigt! genug davon! Es war ein Traum! Tasso. Kein Traum; es war das volle, reiche Leben: Da war kein Wunsch, kein Hoffen, kein Gedanke, Den ich Euch nicht vertraut, kein schön Gefühl, Das nicht in Eurem Herzen wiederklang. Da lebt' ich, wie die sel'gen Götter leben In ihren Hainen, wo nie Wetter toben Und ew'ger Sonnenschein die Luft verklärt! – Was dann geschah, was dann mein Schicksal war, Laßt mich verhüllen schweigend und vergessen! – Nun steh' ich so wie damals neben Euch, Und fühl's, ich stehe so zum letztenmal! Ja, Leonore, ja, es kommt zum Scheiden! Reicht mir die Hand, reicht sie mir einmal noch, Wie ihr sie damals mir gereicht! – Zum Pfande, Daß keine Zeit die alte Treue ändert, Und daß ich Euch vertraue, ewig, ewig – Leg' einen Schatz in diese theure Hand, Ein reiches, kostbares Vermächtniß ich, Werth, daß ich es an Eurem Busen berge Angioletta! Angioletta. Tasso! was beginnt Ihr? Tasso. Nehmt dieses Herz, und wenn ich nicht mehr bin, Bewahrt's und haltet's hoch um meinetwillen! Sie wird Euch lieben, wie sie mich geliebt! Lucretia. Was ist Euch, Tasso? Gott, was ist geschehn? Ihr werdet bleicher stets! Leonore. Um's Himmels Willen? Angioletta. Erholt Euch! Tasso. Laßt; es wird vorübergehn. – Lucretia. Horch! welch ein Aufruhr! Leonore. Was geschieht? Angioletta. Die Glocken klingen laut von allen Thürmen! Lucretia. Geschütze donnern von der Engelsburg. – Leonore. Es ruft zum Fest! Dort kommt Aldobrandini. (Man hört Glockengeläute und von Zeit zu Zeit einen Kanonenschuß in der Ferne.) Sechster Auftritt. Vorige. Aldobrandini. Aldobrandini. Verzeiht, Prinzessin, daß ich unsern Freund So lieblicher Umgebung muß entziehn. Die Stunde ruft, versammelt sind die Gäste: Gefällt es Euch, so folgt mir nach dem Saale, Wo Eurer Gegenwart sie harren, um Zum Capitole unsern Tasso dann Im feierlichen Zuge zu geleiten. Lucretia. Wir sind bereit. Aldobrandini. Auch Ihr, mein Freund? So kommt und laßt den Augenblick der Freude Nicht länger uns verzögern. Laßt uns gehn. Tasso. Nun denn, wohlan! Ich war bereit, zu steigen In mein halb offnes Grab, still, ungeehrt, Von Wenigen geliebt nur und entbehrt, Mein müdes Haupt zum letzten Schlaf zu neigen! Nun schallt vom Todtenacker mir der Reigen Des hellen Lebens wieder; zugekehrt Hat es mir lockend seinen reichsten Werth, Zu kränzen mich mit seinen schönsten Zweigen! Auch das ist Gottes Stimme, die mir tönet, Und ich gehorche! Ist's doch seine Hand, Die Leben, Tod, Schmach, Ruhm mir zugewandt, Die nieder mich gebeugt und die mich krönet, Und die zuletzt noch meines Grabes Rand Mit allem, was mein Heiz erhebt, verschönet! – (Sie gehen durch den Säulengang ab.) Angioletta. (bleibt allein zurück; sie blickt den Abgehenden nach). Wie ist mir? Täuschen meine Sinne mich? So sah ich ihn noch nie! Aus seinem Auge Sprach nicht sein Blick; es war ein andrer Strahl, Der ihn verklärt, und jeder seiner Züge Schien fremd mir und verändert. (Schreit auf.) Weh mir! O Gott! Er sinkt! Sie drängen sich um ihn! – Fort! Er ist todt! (Sie stürzt durch den Säulengang ab. Immer lauter hört man: »Es lebe Tasso!« rufen, von Musik und Geläute der Glocken hinter der Scene und dem Donner des Geschützes begleitet.) Siebenter Auftritt. Ein großer Saal, mit reich geschmückten Damen und Herrn angefüllt. Musikanten, Pagen (von denen einer einen Lorbeerkranz auf sammtenem Kissen hält). Hellebardiere sind im Hintergrunde aufgestellt. Vorne liegt Tasso todt in einem Lehnstuhle, zu seinen Füßen kniet Angioletta. Cornelia und die Prinzessinnen stehen um ihn. Weiter zurück Montecatino und andere Gäste. Ganz vorn Aldobrandini. Aldobrandini. Es ist vorbei! Heißt diesen Jubel schweigen, Die frohen Melodien laßt verstummen Und die Musik in Trauertönen klagen. Die Zierde von Italien ist hin! Er hat Den Tag der lauten Freude nicht erlebt; Es ist vorbei! Nicht auf das Capitol Ruft ihn der helle Klang der Glocken mehr; Den hohen Geist hat Gott zu sich gerufen, Uns bleibt nur, seinen Körper zu bestatten. Er hat die hohen Hallen nicht erreicht, Wo ihm der Lorbeer sollt' die Schläfe schmücken, Er sank ermattet auf der Schwelle hin. So setz' ich nun den Kranz, den ich so gern Hätt' auf das Haupt des Lebenden gesetzt, Dem todten Tasso auf die edle Stirn. Leonore. Er ging dahin fürwahr mit reichem Lohne: Ein Kerker, weil er lebt', im Tod – die Krone! (Der Vorhang fällt.) Ende.