Ernest Renan Das Leben Jesu Ernest Renan wurde am 27. Februar 1823 in Tréguier, Departement Côte du Nord, Frankreich, geboren. Mit der Absicht dem Priesterstand sich zu weihen, trat er 1844 in das Seminar zu Paris, doch verließ er es bald um sich nunmehr dem Studium der orientalischen Sprachen zu widmen. Im Jahre 1856 wurde er Mitglied der Akademie. Vier Jahre später übernahm er die Leitung der wissenschaftlichen Expedition zur Durchforschung des alten Phöniziens. Von hier aus hatte er – wie er in der Einleitung seines Werkes auch erwähnte – Gelegenheit, die Stätten kennen zu lernen, wo Jesus geboren wurde und heranreifte; und im Morgenland entwarf er auch sein Werk: »Vie de Jésu«, das bestimmt war, den ersten Band zu seiner umfangreichen »Geschichte der Anfänge des Christentums« zu bilden. Heimgekehrt, wurde er (1862) Professor für die hebräische Sprache an dem Pariser Colége de France und vollendete dabei das erwähnte Buch. Dieses erschien ein Jahr später und erregte ein gewaltiges Aufsehen, aber dabei auch den Haß der Klerikalen. Diesen zuliebe wurde er im Juli 1863 seines Amtes enthoben. Die ihm von der Regierung an Stelle dessen angebotene Bibliothekarstelle lehnte er ab. Erst 1871, nach dem Sturz des französischen Kaiserreichs, nahm er seine Vorlesungen wieder auf. Es war dem Verfasser gegönnt sein Werk ganz zu vollenden und es folgten dem »Leben Jesu«: »Die Apostel,« »Der heilige Paulus,« »Der Antichrist,« »Die Evangelisten und die Zweite christliche Generation,« »Die christliche Kirche« und als Schluß »Mark Aurel und das Ende der antiken Welt«. Ja es war ihm sogar gegönnt, ein nicht minder bedeutsames Werk in seiner »Geschichte des Volkes Israel« zu schaffen. Überdies schrieb er noch zahlreiche wissenschaftliche Werke und auch einige philosophische Dramen. H. Einleitung. Eine Geschichte der »Anfänge des Christentums« müßte die ganze dunkle, sozusagen unterirdische Periode umfassen, die sich von den ersten Regungen dieser Religion bis auf den Zeitpunkt erstreckt, wo ihre Existenz eine öffentliche, bekannte, jedermann klare Thatsache wurde. Eine derartige Geschichte würde aus vier Teilen bestehen. Der erste, den ich hiermit veröffentliche, erörtert die Thatsache, die dem neuen Kultus als Ausgangspunkt gedient hat: er beschäftigt sich nur mit der hehren Person des Stifters. Der zweite Teil würde sich mit den Aposteln und ihren unmittelbaren Schülern beschäftigen, oder besser gesagt, mit den Umwälzungen, die der religiöse Gedanke in den ersten zwei Generationen ausgesetzt war. Ich würde ihn etwa mit dem Jahre 100 abschließen, mit dem Zeitpunkt, wo die letzten Genossen Jesu gestorben waren und wo sämtliche Schriften des Neuen Testaments so ziemlich ihre jetzige Gestalt schon erhalten hatten. Der dritte Teil würde das Christentum unter den Antoniern darstellen, zeigen, wie es sich langsam entwickelte und einen beinahe steten Kampf gegen Rom führte, das damals den Gipfel administrativer Vollkommenheit erreicht hatte, von Philosophen regiert wurde und das in der neuen Sekte eine geheime, theokratische Verbindung sah, welche die bestehende Ordnung hartnäckig verleugne, sie beständig untergrabe. Dieser Teil würde die Zeit des ganzen 2. Jahrhunderts umfassen. Der vierte Teil endlich würde den bedeutenden Fortschritt schildern, welchen das Christentum mit dem Beginn der syrischen Kaiserherrschaft gemacht hat. Es würde sich da zeigen, wie der Wissensbau der Antoniden zusammenstürzte, der Verfall antiker Civilisation unabwendlich eintrat; wie das Christentum durch diesen Verfall gewann, Syrien, das ganze Abendland eroberte und Jesus in Gesellschaft der Götter und göttlich verehrter Weisen Asiens in Besitz einer Gesellschaft gelangte, der die Philosophie und der rein bürgerliche Staat nicht mehr genügen konnte. Zu dieser Zeit veränderten sich auch gewaltig die religiösen Anschauungen der an den Ufern des Mittelmeeres ansässigen Völker. Der orientalische Kultus kam überall zur Macht; das Christentum wurde zu einer großen Kirche, vergaß völlig die Träumereien vom tausendjährigen Reich, zerriß die letzten Fäden, die es noch an das Judentum knüpften und ging völlig in die Welt des Griechentums und Römertums über. Die Kämpfe und die Gelehrtenarbeit des 3. Jahrhunderts, die bereits deutlich hervortreten, würden in diesem Teile nur im allgemeinen geschildert werden. Noch kürzer würde ich darstellen die Verfolgungen zum Beginn des 4. Jahrhunderts, die letzten Versuche Roms zu den alten Grundsätzen zurückzukehren, wonach der religiösen Verbindung jeder Zulassung im Reiche verwehrt worden wäre. Endlich würde ich den politischen Umschwung nur andeuten, der eintrat, als unter Konstantin die Rollen wechselten und aus freiem inneren Antrieb ein dem Staate unterworfenen Kultus entstehen ließ, welcher jetzt seinerseits als Verfolger auftrat. Ob ich lange genug leben und Kraft genug besitzen werde diesen großen Plan auszuführen, weiß ich nicht. Ich werde befriedigt sein, wenn es mir, nachdem ich »Das Leben Jesu« vollendet haben werde, gegönnt wäre zu sagen, wie ich die Geschichte der Apostel auffasse, den Zustand christlichen Bewußtseins in den nächsten Wochen nach Jesu Tod, die Bildung des Legendenkreises von der Auferstehung, die ersten Handlungen der Kirche von Jerusalem, das Leben Pauli, die Krisis zur Zeit Neros, das Erscheinen der Apokalypse, die Zerstörung Jerusalems, die Gründung der jüdischen Christengemeinde zu Batanea, die Herstellung der Evangelien, der Ursprung der großen von Johannes ausgegangenen Schulen Kleinasiens. Es ist eine seltene Erscheinung in der Geschichte, daß wir besser wissen was in der christlichen Welt vom Jahre 50–75 geschehen ist, als das vom Jahre 100 bis 150. Der Plan, den ich im vorliegenden Werke anwendete, ließ es nicht zu, daß ich über strittige Textstellen lange kritische Abhandlungen gebe. Die beigefügten Anmerkungen jedoch ermöglichen dem Leser alle hier folgenden Behauptungen nach den Quellen zu prüfen. Ich habe mich hierbei genau auf Citate aus erster Hand beschränkt, daß heißt die Originalstellen angeführt, auf die sich jede Behauptung oder Vermutung stützt. Um dem Leser die Lektüre dieses Buches zu erleichtern, hat der Übersetzer einen Teil dieser Anmerkungen fortgelassen. Er folgte hierbei dem Beispiele des Autors selbst, der in der Volksausgabe dieses Werkes überhaupt alle Anmerkungen fortließ. D. Übers. Wohl weiß ich es, daß für Leute, die mit solchem Studium weniger vertraut sind, eine ganz andere Entwickelung nötig ist; allein ich bin nicht gewöhnt noch einmal zu machen, was bereits gemacht, gut gemacht ist. Wer da auf die Sache näher eingehen will, dem empfehle ich vor allem: Strauß, »Leben Jesu« . Wer dieses treffliche Werk vornimmt, der wird so manche Aufklärung von Stellen darin finden, die ich nur oberflächlich berühren konnte. Besonders die Textkritik der Evangelien ist von Strauß in einer Weise vollbracht worden, die nur wenig zu wünschen übrig ließ. Was die Zeugnisse aus dem Altertum betrifft, so habe ich, meiner Meinung nach, keine einzige Quelle außer acht gelassen. Es sind uns fünf große Schriftensammlungen überliefert worden – von der Fülle einzelner zerstreuter Daten abgesehen – die sich mit Jesus und seiner Zeit beschäftigen. Es sind dies: 1) die Evangelien und überhaupt die Schriften des Neuen Testamentes, 2) die sogenannten Apokryphen des Alten Testamentes, 3) die Werke Philos, 4) die Werke Josephus, 5) der Talmud. Von unschätzbarem Werte sind die Schriften Philos, denn sie zeigen uns, welche Anschauungen zur Zeit Jesu im Geiste jener lebendig waren, die sich mit den großen religiösen Fragen beschäftigten. Zwar lebte Philo in einer anderen Provinz als Jesus, aber so wie dieser war auch er frei von allen Kleinlichkeiten, die damals in Jerusalem herrschten. Er kann als älterer Genosse Jesu gelten. Zweiundsechzig Jahre zählte er, als der Prophet von Nazareth auf der Höhe seines Wirkens stand, und er überlebte ihn etwa um zehn Jahre. Schade doch, daß ihn der Zufall nicht nach Galiläa führte! Wie vieles würden wir dann von ihm erfahren haben! Weniger Aufrichtigkeit zeigt in seinem Stile Josephus, der hauptsächlich für die Heiden schrieb. Seine kurzen Bemerkungen über Jesus, Johannes den Täufer, Judas den Galoniter sind trocken und matt. Man merkte, daß er Ereignisse, die gänzlich den Stempel jüdischen Charakters und Geistes tragen, in einer Weise darzustellen suchte, die dem Verständnis der Griechen und Römer nahe lagen. Die Stelle über Jesus (Ant. XVIII, III, 3) halte ich für authentisch. Sie entspricht den Anschauungen Josephus, so und nicht anders konnte er von Jesus sprechen. Allein es läßt sich erkennen, daß diese Stelle von einer christlichen Hand verbessert wurde; es wurden einige Worte zugefügt, ohne die sie beinahe Gotteslästerung gewesen wäre, vielleicht wurden auch einige Ausdrücke geändert oder ganz beseitigt. Man muß in Betracht ziehen, daß Josephus zur litterarischen Bedeutung durch die Christen kam, die seine Werke als wichtige Urkunden für ihre heilige Geschichte gelten ließen. Wahrscheinlich wurde von diesen Schriften im 2. Jahrhundert eine nach christlichen Anschauungen verbesserte Ausgabe veranstaltet. Besonders die hellen Schlaglichter, die Josephus auf seine Zeit wirft, sind es, die seinen Schriften eine besondere Wichtigkeit für unseren Gegenstand verleihen. Sie sind es, die Herodes, Herodias, Antipas, Philippus, Hanna, Kaiphas, Pilatus fast sichtbar und greifbar uns vorstellen. Die Apokryphen des Alten Testaments, besonders der hebräische Teil der sybillinischen Verse, das Buch Henoch, auch das Buch Daniel, das gleichfalls wirklich apokryph ist, sind von besonderer Bedeutung für die Geschichte der Entwickelung der messianischen Lehre und für das Verständnis, wie Jesus das Reich Gottes aufgefaßt hat. Besonders das in der Umgebung Jesu vielgelesene Buch Henoch giebt uns Aufklärung über den Ausdruck »Menschensohn« und den hiermit verbundenen Anschauungen. Das Alter dieser Werke ist heute nicht mehr zweifelhaft, dank den Arbeiten von Alexandre, Ewald, Dillmann, Reuß. Sie stimmen völlig überein, daß die wichtigsten dieser Schriften im zweiten und ersten Jahrhundert vor Christum entstanden sind. Die Entstehungszeit des »Buch Daniel« läßt sich noch bestimmter angeben. Der Charakter der beiden Sprachen, in denen es verfaßt ist, der Gebrauch griechischer Wörter, die deutliche, genaue Angabe von Geschehnissen, die bis in die Zeit des Antiochus Epiphanes reichen, die falsche Darstellung des alten Babylons, ferner der ganze Ton des Werkes, der mit nichts an die Schriften aus der Zeit der Gefangenschaft erinnert, vielmehr durch eine Fülle von Analogieen der Glaubensrichtung, eher den Bräuchen und der Anschauungsweise der Seleucidenzeit entspricht, die apokalyptische Art der Visionen, die Stelle die dieses Werk im hebräischen Kanon außerhalb der Reihe der Propheten einnimmt, endlich das Fehlen des Namens Daniels in der Lobrede des Predigers Salomonis, 49. Kapitel, wo seine Stellung gewissermaßen angedeutet war und noch viel andere wiederholt dargelegte Beweise, lassen keinen Zweifel zu, daß das Buch Daniel die Frucht jener großen Aufregung war, die bei den Juden durch die von Antiochus ausgehende Verfolgung entstand. Es gehört nicht zu der alten Prophetenlitteratur, es gehört vielmehr an die Spitze der apokalyptischen, als erstes einer Art, zu der die späteren Dichtungen: das Buch Henoch, die Offenbarung Johannes, die Himmelfahrt Jesaias, das vierte Buch Esra, zu zählen sind. Für die Geschichte der Anfänge des Christentums ist bisher der Talmud nicht genug beachtet worden. Ich bin der Ansicht Geigers, daß das rechte Verständnis der Verhältnisse unter denen Jesus auftrat in dieser seltsamen Kompilation gesucht werden muß, wo so viele wertvolle Mitteilungen mit bedeutungsloser Scholastik vermischt sind. Die christliche und die jüdische Theologie sind eigentlich in zwei parallelen Bahnen gewandelt, es kann daher die Geschichte der einen ohne die der andern nicht recht verstanden werden. Überdies giebt der Talmud zu sehr vielen materiellen Einzelheiten die Erklärung. Schon die umfassenden lateinischen Sammlungen von Lightfood, Schoettgen, Buxdorf, Otho boten nach dieser Richtung hin eine Fülle belehrender Mitteilungen. Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, alle von mir gegebenen Citate nach dem Original zu prüfen. Die Mithilfe eines gelehrten, in der Talmudlitteratur sehr erfahrenen Judens, des Herrn Neubauer, gestattete mir hierbei noch weiter zu gehen und den dunkelsten Punkten meiner Untersuchung einige neue Aufklärungen zu geben. Eine genaue Unterscheidung der einzelnen Zeitabschnitte ist hier sehr wichtig, da die Abfassung des Talmuds die Zeit vom Jahre 200 bis etwa 500 umfaßt. Wir haben die Sache soweit aufzuklären gesucht, als dies bei dem jetzigen Stand dieser Studien möglich ist. Bei jenen, die gewohnt sind, einem Schriftstück nur hinsichtlich der Zeit in der es verfaßt wurde einen Wert zuzusprechen, werden so neue Daten wohl einige Bedenken erregen, doch sind diese hier keineswegs am Platze. Von der hasmoneischen Zeit bis zum zweiten Jahrhundert erfolgte bei den Juden die Überlieferung zumeist nur mündlich; doch darf man dergleichen nicht mit dem Maßstabe einer Zeit, in der viel geschrieben wird, messen. Die Veden, die alten arabischen Dichtungen sind durch Jahrhunderte mündlich fortgepflanzt worden und dennoch erscheinen sie in abgerundeter, zarter Form. Im Talmud jedoch hat die Form gar keinen Wert. Ich bemerke dazu, daß schon vor der Mischna Judas des Heiligen, die alle anderen in den Hintergrund drängte, Versuche der Herstellung stattfanden, deren Anfänge vielleicht weiter zurückweichen als man gewöhnlich annimmt. Der Stil des Talmuds ist der von Notizen. Diejenigen, die ihn zusammenstellten, haben vermutlich nichts mehr gethan, als die große Menge Schriften, die sich in verschiedenen Schulen durch Generationen angehäuft hatten, unter bestimmten Titeln zu ordnen. Noch habe ich von den Schriften zu sprechen, die bei einer Darstellung des Leben Jesu den ersten Rang einnehmen, weil sie als Lebensbeschreibung des Gründers des Christentums erscheinen. Eine vollständige Erörterung über die Abfassung der Evangelien böte an und für sich schon ein Werk. Dank der tüchtigen Arbeiten, die seit dreißig Jahren auf diesem Gebiete geleistet wurden, ist ein Problem, das früher für unlöslich schien, in einer Weise gelöst worden, die den Bedürfnissen der Geschichte völlig zu genügen vermag, obgleich sie noch manchen Zweifel zuläßt. In meinem nächsten Werke werde ich Gelegenheit haben, auf diesen Gegenstand zurückzukommen, denn die Herstellung der Evangelien ist eine der wichtigsten Ereignisse, das in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts für die Zukunft des Christentums geschehen ist. Hier sei nur ein einziger Umstand berührt, der für meine Darstellung unbedingt nötig ist. Was sich auf die Schilderung der apostolischen Zeit bezieht, lasse ich unberührt; ich werde nur untersuchen inwiefern die Daten der Evangelien in einer rationell dargestellten Geschichte verwendet werden können. Zweifellos ist es, daß die Evangelien teilweise Legende sind, denn sie sind voll der Wunder und des Übernatürlichen. Aber es giebt Legenden und Legenden. Keiner bezweifelt die Richtigkeit der Hauptzüge in der Schilderung des Lebens des heiligen Franz von Assisi, trotzdem wir dabei auf eine Menge des Übernatürlichen stoßen. Anderseits wieder wird niemand die Darstellung des Lebens Apollonius von Tyana für wahr gelten lassen, weil sie lange Zeit nach dem Helden verfaßt wurde und sich nur als Roman darbietet. Wann, von wem und unter welchen Umständen sind die Evangelien verfaßt worden? Das ist die Hauptfrage von der die Meinung über die Glaubwürdigkeit abhängt. Bekanntlich trägt jedes Evangelium den Namen einer Person, die in der Apostelgeschichte oder in der Evangeliengeschichte bekannt ist. Diese vier Personen werden eigentlich nicht als die Verfasser bezeichnet. Die Bezeichnungen »nach Matthäus«, »nach Markus«, »nach Lukas«, »nach Johannes« besagen keineswegs, wie früher geglaubt wurde, daß diese Mitteilungen vom Anfang bis zum Ende von den Benannten niedergeschrieben wurden. Sie deuten nur an, daß es die Überlieferungen sind, die von jedem dieser Apostel abstammen und auf deren Autorität sich stützen. Klar ist, daß wenn diese Bezeichnungen genau sind, die Evangelien vom hohen Werte sind, mag ein Teil davon auch Legende sein. Denn sie führen uns zu dem halben Jahrhundert zurück, das dem Leben Jesu folgte, in zwei Fällen sogar zu den Augenzeugen seines Wirkens. Was vor allem Lukas betrifft, so ist kein Zweifel möglich. Das Evangelium Lukas ist eine regelrechte, aus älteren Schriften aufgebaute Arbeit (Luk. I, 1–4). Es ist das Werk eines Mannes, der wählt, sichtet, verbindet. Sein Verfasser und der der Apostelgeschichte ist sicherlich ein und dieselbe Person (Apostelg. I, 1) Der Verfasser dieses Werkes ist ein Genosse Pauli, was auf Lukas völlig paßt. Dieser Folgerung, ich weiß es wohl, kann so mancher Einwand entgegengesetzt werden, jedoch scheint eines zweifellos: daß der Verfasser des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte ein Mann aus der dritten Apostelgeneration war. Und dieser Umstand genügt für unsern Zweck. Die Zeit dieses Evangeliums läßt sich überdies ziemlich genau bestimmen durch Schlüsse aus dem Werke selbst. Kapitel XXI, das von dem andern Teil des Buches nicht getrennt werden kann, ist sicherlich kurze Zeit nach der Belagerung von Jerusalem geschrieben worden (Vers 9, 20, 24, 28, 32, XXII 36). Hier ist also fester Boden. Es ist ein Werk, das ganz von einer Hand herrührt und eine vollständige Einheit ausweist. Die Evangelien des Matthäus und des Markus weisen nicht dieselbe persönliche Prägung auf. Sie sind sozusagen unpersönliche Arbeiten, wo die Verfasser ganz verschwinden. Der Name an der Spitze solcher Werke will nicht viel bedeuten. Aber nicht nur bei Lukas, auch bei den Evangelien des Matthäus und des Markus läßt sich der Zeitpunkt bestimmen. Es ist nämlich zweifellos, daß das dritte Evangelium später als die beiden ersten verfaßt wurden und die Zeichen einer viel besseren Redaktion aufweisen. Auch haben wir da ein wichtiges Zeugnis aus der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts. Es rührt von Papias her, dem Bischof von Hierapolis, einem würdigen Manne, der sein lebelang bemüht war, alles zu sammeln, was er über die Person Jesu erfahren konnte. Nachdem er bemerkt hat, daß er betreffs dieser Sache die mündlichen Überlieferungen der Bücher vorziehe, erwähnte er zwei Schriften, die sich mit den Worten und Thaten Christi beschäftigen: 1) eine Schrift von Markus, Dolmetscher des Apostel Petri, die kurz geschrieben ist, unvollständig und nicht chronologisch geordnet und Reden und Erzählungen enthält (λεχθέντα ἤ πρακθέντα), die nach den Mitteilungen aus den Erinnerungen des Apostels Petri verzeichnet wurden; 2) eine hebräisch geschriebene Sammlung von Sprüchen (λόγια) von Matthäus, die jeder, wie er es vermochte, übersetzt hat. Diese beiden Beschreibungen entsprechen ziemlich genau den zwei Büchern, die jetzt als Matthäusevangelium und als Markusevangelium gelten. Ersteres kennzeichnet sich durch seine langen Reden, das zweite ist anekdotenartig, in den Einzelheiten genauer als das erste, kurz bis zur Trockenheit, arm an Reden und schlecht redigiert. Freilich läßt sich nicht behaupten, daß diese zwei Bücher in ihrer heutigen Gestalt genau dieselben sind, die Papias vorlagen. Denn das Werk Matthäus bestand nach Papias nur aus Reden in hebräischer Sprache, von welchen mehrere unterschiedliche Übersetzungen im Verkehr waren, ferner waren ihm die Schriften des Markus und des Matthäus zwei grundverschiedene Werke, ohne irgendwelchen Zusammenhang und, wie es scheint, jedes auch in einer andern Sprache verfaßt. Die uns vorliegenden Texte dieser zwei Evangelien enthalten jedoch Parallelstellen, die so lang und so gleichlautend sind, daß man annehmen muß, entweder hatte der letzte Redakteur des ersteren Werkes das zweite benutzt, oder umgekehrt, der letzte Redakteur des zweiten Werkes das erste, oder schließlich, beide haben dasselbe Original benutzt. Wahrscheinlich ist, daß wir weder bei dem einen noch bei dem andern die ursprüngliche Fassung besitzen, daß unsere beiden Evangelien Bearbeitungen sind, wobei die Lücken des einen Textes durch den Text des andern Werkes ergänzt wurden. Jeder wollte ein vollständiges Werk haben. Wer in seinem Buche nur die Reden hatte, wollte auch die Erzählungen besitzen und umgekehrt. Derart hat das Matthäusevangelium allmählich alles Anekdotenhafte des Markusevangeliums aufgenommen; und so geschah es auch, daß dieses wieder vieles enthält, was von den Logia des Matthäus abstammt. Überdies benutzte jeder auch reichlich die Evangelientradition, die in seiner Umgebung sich fortpflanzte. Diese Tradition wurde in den Evangelien nicht völlig aufgenommen; die Apostelgeschichte und die Kirchenväter citieren manches Wort Jesu, das authentisch zu sein scheint, jedoch in keinem der uns überlieferten Evangelien zu finden ist. Für unseren Gegenstand ist es nicht nötig diese genaue Zergliederung fortzusetzen, zu versuchen festzustellen, welches die ursprünglichen Logia des Matthäus und welches die ursprünglichen Erzählungen des Markus sind. Sicherlich stellen die Logia die langen Reden Jesu dar, die einen beträchtlichen Teil des ersten Evangeliums bilden. Vom übrigen gesondert stellen sie in der That auch ziemlich ein selbständiges Ganzes dar. Was aber die Erzählungen des ersten und zweiten Evangeliums betrifft, so dürften beide ein und dieselbe Schrift benutzt haben, deren Text bald hier, bald dort zu finden ist und wovon das zweite Evangelium in seiner heutigen Gestalt eine nur wenig veränderte Darstellung giebt. Mit anderen Worten gesagt: Bei den Synoptikern »Synoptiker« werden die drei Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) benannt, weil sie zum genauen Verständnis des Ganzen »zusammen betrachtet« werden müssen. D. Übers. gründet sich das Darstellungssystem des Lebens Jesu auf zwei Urschriften und zwar: 1) auf die vom Apostel Matthäus gesammelten Reden Jesu, 2) auf die Sammlung Anekdoten und persönlicher Nachrichten, die Markus nach den Erinnerungen Petri verzeichnet. Es läßt sich sagen, daß wir diese zwei Schriften noch in dem ersten und zweiten Evangelium besitzen, wo sie sich mit Mitteilungen aus anderen Quellen vermischt vorfinden. Nicht ohne Grund werden sie daher »Evangelium nach Matthäus« und »Evangelium nach Markus« benannt. Allenfalls gilt zweifellos, daß schon in früher Zeit die Reden Jesu in aramäischer Sprache niedergeschrieben wurden, und auch seine merkwürdigen Thaten verzeichnet wurden. Abgerundete, dogmatisch festgestellte Texte waren es freilich nicht. Außer den uns überlieferten Evangelien gab es noch viele andere, die angeblich die Überlieferung der Augenzeugen vermeldeten. Diesen Schriften wurde jedoch nur ein geringer Wert zugemessen und Leute, die sie aufbewahrten, wie z. B. Papias, erklärten, daß sie den mündlichen Überlieferungen den Vorzug gäben. Vom Wahn des nahen Weltuntergangs befangen, war man wenig darauf bedacht Bücher für die Zukunft zu schreiben. Als Hauptsache galt im Herzen ein lebendiges Bild dessen zu erhalten, den man bald im Himmel wiederzusehen hoffte. Daher die geringe Autorität der Evangelientexte während der ersten anderthalb Jahrhunderte. Man scheute sich nicht im geringsten Zusätze zu machen, Textkombinationen vorzunehmen, sie gegenseitig zu ergänzen. Der Arme, der nur ein Buch besaß, wollte, daß es alles enthalte, was sein Herz berührte. Man borgte sich gegenseitig diese Büchlein und jeder verzeichnete auf dem Rand seines Exemplars Worte, Gleichnisse, die er anderwärts fand und die ihn rührten. So ist aus einer dunkeln, ganz volkstümlichen Bearbeitung das Schönste der Welt entstanden. Keines der Texte hatte einen absoluten Wert. Justinus, der sich oft auf die »Denkwürdigkeiten der Apostel« – wie er es nennt – beruft, bezog sich dabei auf Evangelien, die von den unsrigen ziemlich verschieden waren; eine wörtliche Anführung unterließ er. Die Citate aus den Evangelien in den pseudo-clementinischen Schriften abionitischer Herkunft zeigen den gleichen Charakter. Der Geist war alles, der Buchstabe nichts. Erst in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, als die Tradition verblaßte, erhielten die mit den Namen der Aposteln versehenen Schriften entschiedene Autorität und Gesetzeskraft. Wer würde nicht den Wert von Schriften erkennen, die solchermaßen aus der wehmütigen Erinnerung, aus den schlichten Erzählungen der beiden ersten christlichen Generationen entstanden sind, Generationen, die noch ganz den starken Eindruck fühlten, den der hehre Stifter auf sie gemacht hat? Fügen wir noch dazu, daß die erwähnten Evangelien aus jenem Teil der christlichen Gemeinde hervorgegangen sein mochte, der Jesu am nächsten verwandt war. Die letzte Bearbeitung – wenigstens was den Text betrifft, der den Namen Matthäus trägt – dürfte in einem der Länder nordöstlich von Palästina entstanden sein, in Golonitis, Hauran, Batanea, wohin zur Zeit des Römerkrieges viele Christen flüchteten, wo noch im zweiten Jahrhundert Verwandte Jesu lebten, wo die ursprüngliche galiläische Richtung sich länger als anderwärts erhielt. Wir haben bisher nur von den drei sogenannten synoptischen Evangelien gesprochen. Wir haben daher noch das vierte in Betracht zu ziehen, das den Namen Johannes führt. Hier ist der Zweifel viel begründeter, die Lösung viel schwieriger. Papias, ein Anhänger der Schule des Johannes, der, wenn er nicht, wie Irinäus behauptet, Johannes Schüler war, wenigstens doch mit dessen Schülern verkehrt hatte – so mit Aristion und mit dem, der Johannes Presbyter genannt wird – Papias also, der die mündlichen Äußerungen der erwähnten zwei Schüler eifrigst gesammelt hatte, erwähnt kein Wort von einer Lebensbeschreibung Jesu, die Johannes verfaßt hätte. Wäre in seinem Werke eine derartige Äußerung vorhanden gewesen, so wäre sie auch sicherlich von Eusebius erwähnt worden, der alles aufgenommen hat, was für die Litteraturgeschichte der Apostelzeit von Wichtigkeit ist. Nicht minder belangreich sind die inneren Schwierigkeiten, die sich beim Lesen des vierten Evangeliums darbieten. Wie kommt es, daß neben genauen Mitteilungen, die den Augenzeugen bekunden, Reden stehen, die völlig verschieden sind von jenen, die Matthäus anführt? Wie kommt es, daß neben einem allgemeinen Plan zu einer Lebensbeschreibung Jesu, ein Plan, der besser und genauer zu sein dünkt, als der der Synoptiker, jene sonderbaren Stellen stehen, die des Verfassers eigentümliches dogmatisches Interesse erkennen lassen, die Gedanken bekunden, welche Jesu ganz fremd sind, Andeutungen geben, welche mißtrauisch machen gegen den guten Glauben des Verfassers? Wie kommt es endlich, daß neben den reinsten, gerechtesten, dem Evangelium völlig entsprechenden Ansichten, jene Flecken zu finden sind, die man gerne als Einschiebungen eines hitzigen Schreibers betrachtet? Ist das Johannes, des Zebedäus Sohn, des Jakobus Bruder – welcher im vierten Evangelium auch nicht einmal erwähnt wird – der in griechischer Sprache diese metaphysischen Aufsätze schreiben mochte, für die weder die Synoptiker noch der Talmud ein Gleiches bieten? Dies alles ist bedenklich, so daß ich nicht die Meinung wagen möchte, das vierte Evangelium sei durchaus von der Hand eines ehemaligen galiläischen Fischers geschrieben worden. Doch daß dieses Evangelium im Wesentlichen gegen Ende des ersten Jahrhunderts aus der großen Schule in Kleinasien, die sich auf Johannes Lehre stützte, hervorgegangen ist; daß es eine Darstellung des Lebens Jesu giebt, die große Beachtung verdient, stellenweise sogar den Vorrang – das ist sowohl durch verschiedene Zeugnisse, wie auch durch Prüfung der Schrift selbst in einer Art erwiesen worden, die nichts zu wünschen übrig läßt. Vor allem bezweifelt keiner, daß um das Jahr 150 das vierte Evangelium bereits vorhanden war und Johannes zugesprochen wurde. In den Schriften des heiligen Justinus, Athenagoras, Tatian, Theophilus von Antiochien, Irenäus bekunden manche Stellen aufs Deutlichste, daß dieses Evangelium schon damals in allen Streitfragen eine Rolle spielte und dem Dogmenbau als Eckstein diente. Irenäus spricht sehr bestimmt. Und er ging ja aus der Schule Johannes hervor und zwischen ihm und dem Apostel war nur Polykarp. Nicht weniger bestimmend ist der Umstand, daß dieses Evangelium im Gnosticismus, besonders im System Valentins, im Montanismus und im Streit der Quartodezimaner eine Hauptrolle spielte. Die Schule Johannes ist die, deren Verlauf am besten während des zweiten Jahrhunderts sich bemerkbar machte. Diese Schule läßt sich jedoch nicht erklären, wenn man nicht das vierte Evangelium ihr voranstellt. Bemerkt sei hierbei, daß die erste der Johannes zugeschriebenen Episteln sicherlich denselben Verfasser hat wie das vierte Evangelium. Und diese Episteln werden eben von Polykarp, Papias, Irenäus dem Johannes zugesprochen. Besonders aber vermag das Lesen dieser Schrift selbst einen Eindruck auszuüben. Der Verfasser spricht stets als Augenzeuge, er will für den Apostel Johannes gelten. Rührt also diese Schrift nicht von dem Apostel her, so muß man einen Betrug annehmen, den der Verfasser ausübte. Mag auch die Ansicht jener Tage über das litterarisch Zulässige sehr verschieden von unserer heutigen gewesen sein, so giebt es doch in der apostolischen Welt kein Beispiel von einer Fälschung dieser Art. Ferner will der Verfasser nicht nur für den Apostel Johannes gelten, sondern man vermag auch deutlich zu ersehen, daß er im Interesse dieses Apostels die Feder führt. Auf jeder Seite verrät sich sein Streben dessen Autorität zu befestigen, zu beweisen, daß er der Liebling Jesu war und auch an allen besonderen Vorfällen teilgenommen habe. Die im ganzen und großen genommenen brüderlichen Beziehungen des Verfassers zu Petrus (ob auch eine gewisse Eifersüchtelei vorhanden war), sein Haß gegen Judas, ein Haß, der vielleicht früher vorhanden war als dessen Verrat, scheinen an manchen Stellen durchzuschimmern. Man möchte annehmen, daß Johannes in seinem Alter, als er die verschiedenen im Verkehr sich befindlichen evangelischen Erzählungen las, mancherlei Unrichtigkeiten hier bemerkte und auch empfindlich geworden war, daß ihm in den Darstellungen des Lebens Jesu keine gebührende, bedeutendere Stelle eingeräumt wurde. So dürfte er denn vieles verzeichnet haben, das er besser als die andern kannte, in der Absicht darzulegen, daß er oft, wo man nur Petrus erwähnte, mit diesem und auch vor diesem eine Rolle spielte (1. Joh. XVIII, 15 und Matth. XXVI, 58 – Joh. XX, 2-6 und Mark. XVI, 7, auch Joh. XIII, 24, 25). Schon zu Lebzeiten Jesu äußerten sich derartige kleine Eifersüchteleien zwischen den Söhnen des Zebedäus und den anderen Jüngern. Nach seines Bruders Jakobus Tod war Johannes der einzige Erbe vertrauter Erinnerungen, in deren Besitz diese beiden Aposteln nach der Aussage aller waren. Daher sein steter Hinweis auf den Umstand, daß er der letzte noch lebende Augenzeuge sei, seine Vorliebe besonders zu erwähnen, was er allein nur wissen konnte. Daher auch die vielen kleinen Einzelheiten, die wie Anmerkungen eines Erklärers sich darstellen, so: »Es war sechs Uhr,« »es war Nacht,« »dieser Mann hieß Malchus,« »sie hatten ein Feuer angezündet, denn es war kalt,« »dieser Rock war ohne Naht«. Daher schließlich die nachlässige Redaktion, die unregelmäßige Darstellung, dies Fragmentarische der ersten Kapitel – lauter Unbegreiflichkeiten, wenn man annehmen will, dieses Evangelium sei nur eine theologische Thesis ohne historischen Wert, die jedoch sehr verständlich sind, wenn man in ihnen, mit der Überlieferung übereinstimmend, die Erinnerungen eines Greises liest, die bald von einer wunderbaren Frische sind, bald wieder seltsame Veränderungen aufweisen. Ein Hauptunterschied muß jedoch im Evangelium Johannes gemacht werden. Denn einerseits weist es einen Plan zur Darstellung des Lebens Jesu auf, der von dem der Synoptiker bedeutend abweicht; anderseits wieder läßt er Jesu Reden führen, die im Ton, Stil und Geist grundverschieden von den von den Synoptikern mitgeteilten Logia sind. Hier ist der Unterschied so groß, daß man zu wählen genötigt ist. Sprach Jesus, wie Matthäus berichtete, so konnte er nicht sprechen, wie Johannes mitteilte. Doch zwischen diesen beiden Autoritäten hat noch kein Kritiker geschwankt, wird auch nie einer schwanken. Im Gegensatz zu den schlichten, unbefangenen, sachlichen Worten der Synoptiker, giebt das Evangelium Johannes stets die Voreingenommenheit des Apologisten, die Hintergedanken des Sektierers zu erkennen, die Absicht einer These und beweisen, Gegner zu bekehren. (S. Joh. IX und X. Besonders ist der eigentümliche Eindruck zu beachten, den Stellen wie XIX, 35, XX, 31, XXI, 20–23, 24, 25 machen, wenn man an das Fehlen jeder Reflexion denkt, das die Synoptiker kennzeichnet.) Jesu hat sein göttliches Werk nicht durch prunkende, schwerfällige, schlecht verfaßte und im moralischen Sinne wenig sagende Phrasen gegründet. Auch wenn Papias uns nicht berichtet hätte, daß Matthäus die Aussprüche Jesu in der Ursprache verzeichnete, so würden doch das Natürliche, die ewige Wahrheit, der unvergleichliche Zauber der synoptischen Reden, ihre durchdringende hebräische Färbung, ihre Gleichartigkeit mit den Aussprüchen jüdischer Gelehrter jener Zeit, ihre vollkommene Harmonie mit der Beschaffenheit Galiläas – kurz, alle diese Kennzeichen würden, verglichen mit der dunkeln Gnosis, der geschraubten Metaphysik der Worte Johannes, deutlich genug sprechen. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Reden des Johannisevangelium nicht auch bewundernswerte Lichtstrahlen aufweisen, Züge, wie sie wirklich Jesu zu eigen waren. Allein ihr mystischer Ton entspricht nicht der Eigenart der Beredsamkeit Jesu, wie diese nach der Darstellung der Synoptiker erscheint. Sie sind von einem neuen Geist erfüllt. Die Gnosis hatte schon begonnen, die galiläische Ära des Reiches Gottes war dahin, die Hoffnung auf eine nahe Wiederkehr Christi schwand nach und nach, man betrat das Gebiet trockener Metaphysik, das Dunkel abstrakten Dogmas. Das ist nicht der Geist Jesu. Und wenn der Sohn des Zebedäus wirklich diese Blätter verfaßt hätte, so hätte er dabei sicherlich des Sees Genezareth vergessen und der köstlichen Gespräche, die er an dessen Ufern vernommen. Was ferner beweist, daß die Reden im vierten Evangelium nicht historische Urschriften sind, sondern Aufsätze, die gewisse, vom Verfasser hochgehaltene Lehren mit der Autorität Jesu decken sollten, ist ihre vollständige Übereinstimmung mit den damaligen geistigen Verhältnissen Kleinasiens. Dieses war zu jener Zeit der Schauplatz einer eigenartigen Bewegung synkretischer Philosophie. Alle Keime des Gnosticismus waren schon vorhanden. Johannes mochte an dieser fremden Quelle getrunken haben. Es mag sein, daß nach den Ereignissen des Jahres 68 (Zeit der Apokalypse) und des Jahres 70 (Zerstörung Jerusalems) der greise Apostel, mit dem Feuergeiste zurückgekehrt war vom Glauben an die baldige Erscheinung des Menschensohnes in den Wolken, und den Ansichten sich zugewendet hatte, die er ringsum verbreitet sah und wovon sich manche mit gewissen Lehren des Christentums sich recht gut vereint hatten. Diese neuen Ansichten Jesu zuschreibend, folgte er nur einem sehr natürlichen Gange. Unsere Erinnerung verändert sich mit allem übrigen; die Vorstellung von einer Person, die wir gekannt haben, formt sich um mit uns selbst. Jesus wurde von Johannes als die Verkörperung der Wahrheit betrachtet, er mochte ihm daher Worte zuschreiben, die er selbst im Laufe der Zeit als Wahrheit erkannt hatte. Wenn es nötig ist alles anzuführen, so sei noch bemerkt, daß wahrscheinlich Johannes selbst an diesen Änderungen wenig Anteil hatte, daß sie vielmehr in seiner Umgebung erfolgten. Oft könnte man glauben, Johannes Jünger hatten seine wertvollen Anmerkungen in einem vom ursprünglichen evangelischen Geist recht unterschiedlichem Sinne verwendet. Tatsächlich sind auch manche Stellen des vierten Evangeliums erst nachträglich beigefügt worden. So z. B. das ganze 21. Kapitel – die Verse XX, 30, 31 bildeten sicherlich den alten Schluß – wo der Verfasser die Absicht zu haben schien, dem Apostel Petrus nach seinem Tode eine Huldigung darzubringen und den Einwendungen zu entgegnen, die der Tod des Johannes hervorbringen würde, oder vielleicht schon hervorgebracht hatte. (Vers 21–23.) Andere Stellen wieder (VI, 2,22; VII, 22) deuten auf Auslassungen oder Verbesserungen hin. Es ist unmöglich nach so langer Zeit alle diese Probleme zu lösen; sicherlich würden uns viele Überraschungen zu teil, wäre es uns gegönnt in die Geheimnisse der mysteriösen Schule von Ephesus einzudringen, die mehr als einmal auf dunkeln Pfaden gewandelt zu sein scheint. Doch ein Hauptversuch wäre folgendes: Wer da unternehmen wollte das Leben Jesu zu schildern, und hierbei ohne eine gefestete Ansicht über den Wert der Evangelien zu haben, nur von seinem Gefühle sich leiten ließe, der würde in so manchen Fällen die Erzählung Johannes der der Synoptiker vorziehen. Besonders die letzten Monate des Lebens Jesu lernt man nur aus dem Johannesevangelium kennen. So manche Geschehnisse in der Leidenszeit, die bei den Synoptikern unverständlich sind – z. B. die Voraussagung des Verrates Judas – werden erst durch die Darstellung des vierten Evangeliums wahrscheinlich und möglich. Dagegen möchte ich behaupten, daß schwerlich einer das Leben Jesu vernünftig darstellen könnte, wenn er nur die Reden in Betracht zieht, die Johannes Jesu in den Mund legt. Diese Art stets nur von sich zu predigen und nur sich zu zeigen, dieses beständige Argumentieren, diese gekünstelte Inscenierung, diese langen Erörterungen nach jeder Wunderthat, diese hölzernen und ungeschickten Reden, deren Ton zuweilen auch falsch und ungleichartig klingt (II, 25; III, 32, 33; und die langen Erörterungen III, V, VIII, XIII u. s. w.) würden vor einem geschmackvollen Menschen neben den herrlichen Sprüchen der Synoptiker nicht zur Geltung kommen können. Das sind zweifellos Erdichtungen, die uns das Wort Jesu derart wiedergiebt, wie die Dialoge des Plato die Gespräche des Sokrates. Sie gleichen sozusagen die freien Variationen eines Musikers über ein gegebenes Thema. Dieses ist wohl ursprünglich, doch in der Ausführung hat die Phantasie des darstellenden Künstlers freien Spielraum. Man merkt das Gekünstelte, das Gezierte, die Rhetorik dieser Schrift (s. XVII). Noch sei bemerkt, daß die gewöhnliche Redeweise Jesu hier nicht zu finden ist. Der Ausdruck »Reich Gottes«, der dem Meister so geläufig war, kommt hier nur ein einziges Mal (III, 3, 5) vor. Hingegen weist der Stil der Reden, die das vierte Evangelium Jesu zumutet, eine auffallende Ähnlichkeit auf mit den Episteln Johannes. Man erkennt, der Verfasser habe bei der Niederschrift seiner Reden nicht seiner Erinnerung gefolgt, sondern dem recht eintönigen eigenen Gedankengang. Eine neue mystische Sprache kommt hier zur Geltung, eine Sprache, die den Synoptikern ganz unbekannt war (»Welt«, »Wahrheit,« »Leben«, »Licht«, »Finsternis« u. s. w.). Hätte Jesus wirklich je in dieser Weise gesprochen, die sozusagen nichts jüdisches, nichts talmudisches an sich hatte, so würden doch nicht alle seine Zuhörer davon geschwiegen haben. Übrigens bietet die Litteraturgeschichte ein Beispiel, das der erwähnten historischen Erscheinung sehr ähnlich ist und auch zu dessen Erklärung dienen kann. Sokrates, der gleich Jesus nicht selbst schrieb, ist uns durch zwei seiner Schüler, Xenophon und Plato bekannt. Die klare, sachliche Darstellungsweise des ersteren erinnert an die Synoptiker, während der andere durch seine kräftige Individualität dem Verfasser des vierten Evangeliums ähnelt. Was erklärt uns nun besser die Lehre Sokrates: Die »Dialoge« des Plato, oder die »Gespräche« des Xenophon? Hier ist kein Zweifel möglich und jeder gab noch den »Gesprächen« den Vorzug. Lehrt uns aber Plato nichts über Sokrates? Wäre es gut gethan, wenn man eine Lebensschilderung des Sokrates schreiben würde, ohne dabei die Dialoge zu beachten? Wer könnte das behaupten! Der Vergleich ist übrigens nicht ganz ausreichend, denn der Unterschied spricht für den Verfasser des vierten Evangeliums. Gerade er ist der bessere Biograph. Es ist wie wenn Plato, obgleich er dem Meister erdichtete Worte in den Mund legt, Wichtiges von dessen Leben wüßte, was Xenophon unbekannt blieb. Die Frage, wer das vierte Evangelium niedergeschrieben habe, bleibe hier unerörtert; und wenn ich mich auch der Ansicht zuneige, daß wenigstens die Reden nicht vom Sohne des Zebedäus herrühren, so sei doch zugegeben, daß hier ein »Evangelium nach Johannes« vorliegt, in demselben Sinne wie das erste und zweite Evangelium als »nach Matthäus« und »nach Markus« gelten. Die geschichtlichen Grundlinien des vierten Evangeliums ist die Lebenskunde Jesu, wie sie in der Schule Johannes bekannt war. Es ist die Erzählung, die Ariston und Johannes Presbyter dem Papias gaben, ohne zu bemerken, daß sie niedergeschrieben sei, oder vielmehr ohne dem eine bemerkenswerte Bedeutung beizumessen. Auch glaube ich, daß diese Schule die Lebensumstände des Stifters besser kannte als jene aus deren Erinnerung die synoptischen Evangelien hervorzubringen. Sie hatte über den jeweiligen Aufenthalt Jesu zu Jerusalem Daten, die die letzteren nicht besaßen. Die Jünger dieser Schule sahen in Markus nur einen mittelmäßigen Biographen und hatten ein System geschaffen, um seine Lücken auszufüllen. Manche Stellen bei Lukas, die gewissermaßen ein Widerhall der Traditionen des Johannes sind, bekunden auch, daß diese Überlieferungen den übrigen Anhängern des Christentums nicht völlig unbekannt waren. Diese Erklärungen dürften, meiner Ansicht nach, genügen, die Motive zu erkennen, die mich veranlaßten diesem oder jenem der vier Führer den Vorzug einzuräumen. Im ganzen und großen halte ich die vier kanonischen Evangelien für authentisch. Alle stammen, meiner Meinung nach, aus dem ersten Jahrhundert und sind größtenteils von den Verfassern, denen sie zugesprochen werden. Doch ist ihr geschichtlicher Wert verschieden. In Bezug auf die Reden verdient wohl Matthäus unbeschränktes Vertrauen. Hier sind die Logia der lebendigen, klaren Erinnerung an die Lehre Jesu entnommen. Ein milder und zugleich schrecklicher Glanz, eine göttliche Kraft erhellt sozusagen diese Worte, hebt sie aus der Verbindung hervor und giebt sie dem Kritiker leicht zu erkennen. Wer da mit Hilfe der Evangeliengeschichte eine rechte und richtige Arbeit herstellen will, der hat in dieser Beziehung einen vorzüglichen Prüfstein. Die wahren Worte Jesu offenbaren sich gleichsam von selbst. Sobald man sie in diesem Gewirr von Traditionen ungleicher Authenticität berührt, fühlt man sie vibrieren; sie äußern sich freiwillig und nehmen von selbst ihre Stelle in der Erzählung ein, wo sie dann ihre große Bedeutung geltend zu machen wissen. Weniger Autorität besitzt der erzählende Teil des ersten Evangeliums, der sich um den ursprünglichen Kern angesammelt hat. Es erscheinen da in undeutlichen Umrissen so manche Legenden, die in der Frömmigkeit der zweiten christlichen Generation ihren Ursprung fanden (s. I u. II; auch XXVII 3, 19, 60, im Vergleich mit Markus). Das Markusevangelium zeigt sich viel klarer, bestimmter und ist weniger mit nachträglich eingeschobenen Fabeln erfüllt. Es ist das älteste, ursprüngliche der drei synoptischen Werke und hat am wenigsten spätere Elemente in sich aufgenommen. Die sachlichen Einzelheiten zeigen bei Markus eine Klarheit, die man bei den andern Evangelisten vergeblich suchen würde. Er liebt es manche Worte Jesu in syro-chaldäischer Sprache anzuführen (V 41; VII 34; XV 34). Er bekundet eine bis aufs kleinste sich erstreckende Beobachtung, wie sie sicherlich nur von einem Augenzeugen kommen mögen. Nichts spricht dagegen, daß, wie Papias meint, dieser Augenzeuge, der Jesu augenscheinlich gefolgt ist, der ihn geliebt hat und in nächster Nähe ein lebendiges Bild von ihm gewann, der Apostel Petrus gewesen sei. Merklich geringer ist der historische Wert des Lukasevangeliums. Es ist ein Dokument aus zweiter Hand, dessen Darstellung reifer ist. Die Worte Jesu sind hier bedachter, gefesteter. Einige Aussprüche sind übertrieben und gefälscht (XIV 26; X). Da der Verfasser außerhalb Palästinas sein Werk schuf und sicherlich auch nach der Belagerung Jerusalems, so sind seine Ortsangaben minder genau als bei den andern Synoptikern. Er hatte eine falsche Vorstellung von dem Tempel, den er für ein Bethaus hielt, wohin man ging, um seine Andacht zu verrichten. Er verändert Einzelheiten, um eine Übereinstimmung der verschiedenen Erzählungen zu versuchen (IV 16). Er mildert Stellen, die vom Standpunkt einer überspannten Annahme der Gottheit Jesu störend geworden (III 23. Er übergeht Matth. XXIV 36). Er übertreibt das Wunderbare (IV 14; XXII 43, 44). Er irrt sich in der Zeit; er kennt nicht hebräisch, citiert nicht Jesu in dieser Sprache und giebt von allen Orten nur die griechischen Namen. Man erkennt den Kompilator, den Mann, der die Zeugen nicht unmittelbar gesehen hat, sondern nach Texten arbeitet, wobei er sich große Freiheiten erlaubt hat, um eine Übereinstimmung hervorzurufen. Wahrscheinlich hatte Lukas die biographischen Mitteilungen des Markus und die Logia des Matthäus vor sich, allein er hielt sich nicht genau daran. Hier vereinigte er zwei Anekdoten oder zwei Parabeln zu einer (XIX 12–27), dort wieder schuf er aus einer zwei. (So machte er aus dem Gastmahl von Bethanien zwei Erzählungen VII 36 bis 48 u. X 38–42.) Die Urkunden deutet er nach seiner besonderen Weise; er zeigt nicht die absolute Gleichmütigkeit des Matthäus und des Markus. Sein Geschmack, seine Eigenarten lassen sich recht genau feststellen: Er war streng religiös, hielt daran fest, daß Jesus alle jüdischen Bräuche beobachtet habe, war Demokrat und eifriger Ebionit, d. h. ein Feind des Besitztums und überzeugt, daß die Vergeltung der Armen kommen werde; er hatte eine Vorliebe für jene Erzählungen, wo sich die Bekehrung des Sünders, die Erhöhung des Niedrigen äußert, ja verändert sogar die alte Überlieferung, um sie derart zu formen. Auf den ersten Seiten seines Werkes giebt er weitschweifig und unter Anführung der Lobgesänge und der üblichen Bräuche, die ein Hauptmerkmal apokryphischer Evangelien bilden, Legenden über die Kindheit Jesu. Ferner äußert er in der Erzählung der letzten Lebenszeit Jesu einige zartsinnige Umstände und gewisse wundervoll schöne Worte Jesu, die in den authentischen Erzählungen nicht zu finden sind und deren legendären Charakter man erkennt. Wahrscheinlich entnahm er sie einer neueren Sammlung, deren Zweck hauptsächlich war, fromme Gefühle zu erwecken. Eine derartige Urkunde erfordert natürlich große Vorsicht. Es wäre für die Kritik ebenso unrichtig, sie unbeachtet zu lassen, wie ohne weiteres zu verwenden. Lukas hat Schriften vor sich gehabt, die wir heute nicht mehr besitzen. Er ist minder ein Evangelist, als ein Biograph Jesu, ein »Harmonist«, ein Verbesserer gleich Marcio und Tatian. Aber er ist ein Biograph des ersten Jahrhunderts, ein gottbegnadeter Künstler, der uns, unabhängig von dem was er den ältesten Quellen entnahm, den Charakter des Stifters mit so trefflichen Zügen, mit solcher Begeisterung und Klarheit schilderte, wie wir es bei den anderen Synoptikern nicht finden. Sein Evangelium bietet in der Lektüre den meisten Reiz, denn zu der unvergleichlichen Schönheit des gemeinsamen Grundes, kommt noch die treffliche Darstellung, die die Wirkung des Bildes eigenartig erhöhen, ohne dabei der Wahrheit ernstlich nahe zu treten. Es ließen sich also für die synoptische Redaktion drei Zustände annehmen: 1) der ursprüngliche γόγια des Matthäus, λεχδέντα ή πραχδέντα des Markus, die ersten Schriften, die nicht mehr vorhanden sind; 2) der Zustand einfacher Verschmelzung, wo die Urschriften ohne besondere Mühe und ohne besondere Absicht erkennen zu lassen, verbunden wurden (die Evangelien Matthäus und Markus in ihrer jetzigen Gestalt); 3) der Zustand absichtlicher und bedachter Verbindung und Redaktion, bei dem sich das Streben bemerkbar macht, die verschiedenen Personen zu vereinen (Evangelium Lukas). Das Johannesevangelium gehört, wie bereits bemerkt wurde, zu einer andern Art und bildet ein besonderes Werk. Wie zu ersehen ist, mache ich von den apokryphischen Evangelien keinen Gebrauch. Diese Schriften dürfen keineswegs den kanonischen Evangelien gleichgestellt werden. Sie sind flache, kindliche Arbeiten, die die kanonischen zur Grundlage haben, jedoch diesen nichts neues zufügen. Ich war jedoch bedacht, die uns durch die Kirchenväter erhaltenen Bruchstücke alter Evangelien, die früher den kanonischen gleichwertig galten, später jedoch verloren gegangen sind, zu sammeln; so das Evangelium nach den Hebräern, das Evangelium nach den Ägyptern und die nach Justin, Marcio und Tatian benannten Evangelien. Die beiden ersten sind darum besonders wichtig, weil sie, in aramäischer Mundart, gleich den Logia des Matthäus, eine Abart dieses Evangeliums gewesen sein mochte; weil es ferner das Evangelium der Ebionien war, der kleinen Christengemeinde zu Batanea, die das Syrisch-chaldäische beibehielten und wo sich auch die Familie Jesu fortgepflanzt haben dürfte. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, daß dieses Evangelium in seinem uns überlieferten Zustande einen viel geringeren Wert als das von Matthäus für die Kritik der Redaktion des Evangeliums hat. Man dürfte mich jetzt wohl verstehen, welchen historischen Wert ich den Evangelien zuspreche. Sie sind nicht Lebensbeschreibungen nach der Art des Sueton, nicht erdichtete Legenden nach der Art des Philostratus – sie sind legendenhafte Lebensbeschreibungen. Ich möchte sie mit den Heiligenlegenden von Plotin, Proclus, Isidorus und anderen derartigen Schriften vergleichen, wo historische Wahrheit und die Absicht, Tugendmuster darzustellen, verschieden verwoben sind. Die Ungenauigkeit, ein charakteristisches Zeichen aller Volksschriften, macht sich dabei besonders merkbar. Nehmen wir an, daß etwa in der Mitte unseres Jahrhunderts drei oder vier alte Soldaten des Kaiserreichs, jeder für sich, aus ihrer Erinnerung eine Lebensschilderung Napoleons geschrieben hätten. Sicherlich hätten ihre Darstellungen viele Irrtümer, bedeutende Widersprüche aufzuweisen. Der eine hätte vielleicht Wagram vor Marengo angesetzt, der andre hätte etwa ganz ruhig bemerkt, Napoleon habe die Regierung Robespierres aus den Tuilerien gejagt; der dritte könnte wichtige Expeditionen fortgelassen haben. Aber eines würde sicherlich doch in bedeutender Weise aus diesen schlichten Darstellungen sich ergeben: der Charakter des Helden, der Eindruck, den er auf seine Umgebung ausübte. Und in diesem Sinne hätten derartige volkstümliche Darstellungen einen höheren Wert als eine pompöse amtliche Schilderung. Dasselbe läßt sich auch von den Evangelien behaupten. Einzig nur bedacht, die Vorzüge des Meisters zu schildern, seine Wunderthaten, seine Lehre deutlich darzustellen, bekundeten die Evangelisten eine Gleichgültigkeit gegen alles was nicht der Geist Jesu selbst war. Widersprüche von Zeit, Ort und Personen galten für unbedeutend. Denn so begeisternd auch das Wort Jesu wirkte – so mochte man doch nicht diese Wirkung auch bei den Textordnern annehmen. Diese galten nur als Schreiber, die nur eines nicht außer acht lassen durften: nichts von dem was sie wußten fortzulassen. Sicherlich mußte sich mit solchen Erinnerungen manche vorgefaßte Meinung vermengen. Einiges wieder, besonders bei Lukas, scheint erfunden worden zu sein um gewisse Züge Jesu deutlicher hervortreten zu lassen. Denn seine Physiognomie wurde mit jedem Tage verändert. Jesus wäre eine in der Geschichte einzig dastehende Erscheinung, wenn er bei der von ihm gespielten Rolle nicht rasch umgestaltet worden wäre. Die Alexandersage begann noch bevor das Geschlecht seiner Waffengenossen dahingegangen war. Die Legende von Franz von Assisi begann bereits zu dessen Lebzeiten. In den ersten 20–30 Jahren nach Jesu Tod trat von selbst rasch eine Umwandlung ein, die seine Biographie völlig zur idealen Legende gestaltete. Der Tod machte den vollkommensten der Menschen ganz vollkommen, fehlerlos für die, die ihn geliebt hatten. Auch wollte man mit der Schilderung des Meisters diesen uns darstellen. Viele Anekdoten wurden erfunden um zu beweisen, daß in ihm die messianische Prophezeiung sich erfüllt habe. Doch dieses Verfahren, dessen Bedeutung nicht geleugnet werden kann, erklärt noch nicht alles. Kein jüdisches Werk jener Zeit bezeichnet genau die Prophezeiungen, die durch die Ankunft des Messias in Erfüllung gehen sollten. Manche der von den Evangelisten bemerkten messianischen Anspielungen sind so fein, so verborgen, daß man nicht annehmen kann, dies alles habe einer allgemein anerkannten Annahme entsprochen. Bald auch folgerte man: der Messias soll dies oder das vollbringen, folglich muß Jesus, der der Messias ist, dies oder das vollbracht haben; bald wieder: dies oder das ist Jesu geschehen, folglich muß, da Jesus der Messias ist, diesem dies oder das geschehen. Die ganz schlichten Erklärungen sind stets unrichtig, gilt es den Zusammenhang dieser tiefen Schöpfungen des Volksgefühles zu analysieren, die mit ihrer Fülle und Mannigfaltigkeit alle Systeme aufheben. Es braucht kaum noch bemerkt zu werden, daß man sich nur auf die allgemeinen Umrisse beschränken müßte, wollte man bei solchen Schriftstücken nur das unbestreitbare Wahre geben. Fast bei allen alten Historien, selbst bei jenen, die viel weniger legendenhaft sind als diese, geben Einzelheiten zu manchem Zweifel Anlaß. Zwei Erzählungen über ein und dieselbe Thatsache stimmen selten völlig überein. Ist daher nicht ein Grund zu Zweifeln gegeben, wenn nur eine einzige vorhanden ist? Man kann sagen, daß von den von den Historikern verzeichneten Anekdoten, Reden und berühmten Worten streng genommen nicht ein einziges ganz authentisch ist. Waren Stenographen da, um die flüchtigen Worte zu fassen? War stets ein Annalenschreiber da, um Miene, Gang, Gefühlsausdruck der handelnden Person zu verzeichnen? Man versuche doch über die Art und Weise, wie dieses oder jenes Ereignis unserer Zeit geschehen ist, Genauigkeit zu erlangen und es wird vergeblich sein. Zwei Erzählungen ein und derselben Thatsache von zwei Augenzeugen dargestellt, werden erheblich voneinander abweichen. Soll man aber deshalb die ganze Darstellung verwerfen und nur die nackte Thatsache als gültig hinnehmen? Damit wäre die Geschichte vernichtet. Ich bin überzeugt, daß, manche kurze, gewissermaßen auswendig gelernte Aussprüche ausgenommen, keine einzige der von Matthäus wiedergegebenen Reden genau sind, denn wir haben hier keine stenographischen Protokolle vor uns. Ich will jedoch zugeben, daß die bewundernswerte Erzählung des Leidens eine Fülle Wahrscheinlichkeit enthält. Indes, würde man die Lebensgeschichte Jesu darstellen, wenn man diese Predigten, die uns die Physiognomie seiner Rede so lebhaft bieten, außer acht ließe und sich darauf beschränken wollte, mit Josephus und Tacitus zu sagen, er sei auf Pilatus' Befehl zufolge Drängens der Priester getötet worden? Das wäre eine Ungenauigkeit, ärger als jene die entstände, wenn man die überlieferten Einzelheiten als vollgültig hinnähme. Diese sind nicht buchstäblich wahr, aber sie sind wahr im höheren Sinne, sie sind wahrer als die nackte Wahrheit, weil sie die ausdrucksvolle, deutliche, zur Höhe eines Gedankens erhobene Wahrheit sind. Jene, die da finden mögen, ich hätte diesen zumeist legendenhaften Erzählungen zu viel Bedeutung zugemessen, ersuche ich, diese meine Bemerkung in Betracht zu ziehen. Was bliebe uns von der Lebensschilderung Alexanders noch übrig, wenn man sich dabei nur auf das beschränken wollte, was unanfechtbar sichergestellt ist? Selbst die teilweise irrige Tradition enthält Wahrheit, die die Geschichte nicht unbeachtet lassen darf. Was wieder jene betrifft, die da meinen, Aufgabe der Geschichtschreibung sei es, die überlieferten Urkunden ohne Deutung wiederzugeben, so ersuche ich sie, zu bedenken, daß solches hierbei nicht möglich ist. Die vier hauptsächlichsten Urkunden sind in deutlichem Widerspruch miteinander. Sie werden zuweilen von Josephus berichtigt. Hier gilt es zu wählen. Mit der Behauptung, daß ein Ereignis nicht gleichzeitig in zweierlei Arten geschehen könne, und daß es nicht in einer unmöglichen Weise geschehen könne, wird der Geschichte noch keine Philosophie a priori vorgeschrieben. Aus dem Umstande, daß verschiedene Versionen eines Ereignisses vorhanden sind, daß sie von der Leichtgläubigkeit mit fabelhaften näheren Umständen vermischt wurden, darf der Historiker noch nicht annehmen, daß das Ereignis selbst Fabel sei. Er muß aber in solchen Fällen sehr vorsichtig sein, die Texte prüfen und induktiv vorgehen. Besonders eine Art von Erzählungen macht die Anwendung dieses Prinzips nötig, die Erzählung von übernatürlichen Dingen nämlich. Diese Erzählungen erklären oder als Legenden hinstellen ist keine Verstümmelung von Thatsachen im Namen der Theorie, es ist vielmehr ein Ausgehen von der Beobachtung der Thatsachen. Von allen Wundern, deren die alte Geschichte voll ist, hat sich kein einziges unter wissenschaftlichen Bedingungen ereignet. Die unwiderlegte Beobachtung lehrt uns, daß Wunder nur dort und dann sich ereignet haben, wo an sie geglaubt wurde. Vor Männern, die fähig gewesen wären, die wunderhafte Art eines Ereignisses festzustellen, hat sich noch kein Wunder ereignet. Weder die große Menge noch die sogenannten »Weltleute« sind dafür kompetent, denn es bedarf bedeutender Vorsichtsmaßregeln und eine lange Übung in wissenschaftlicher Untersuchung. Geschieht es doch in unseren Tagen oft genug, daß sich die Weltleute durch plumpes Gaukelspiel oder kindische Täuschung verführen lassen. Wunderereignisse, die von ganzen Ortschaften bezeugt wurden, sind, dank einer strengen Untersuchung, Gegenstand gerichtlicher Anklage geworden. Und wenn nun erwiesen wird, daß kein Wunder der Gegenwart eine kritische Untersuchung aushält – ist es nicht auch wahrscheinlich, daß die vor dem Volke dargestellten Wunder der Vergangenheit ebenso als trügerisch sich erweisen würden, wenn es uns möglich wäre, sie näher zu prüfen? Also nicht im Namen dieser oder jener Wissenschaft, sondern im Namen der ewigen Erfahrung verbannen wir die Wunder aus der Geschichte. Wir sagen nicht: »Wunder sind unmöglich,« sondern: »bis jetzt ist kein Wunder konstatiert worden.« Angenommen, es erschiene heutzutag ein Wunderthäter, mit Garantien, die ernst genug wären, um eine nähere Prüfung zu veranlassen, und er würde sagen, er könne Tote erwecken – was würde man da thun? Man würde eine Kommission einsetzen, bestehend aus Physiologen, Physikern, Chemikern und Historikern. Diese Kommission würde den Leichnam auswühlen, feststellen ob der Tod wirklich eingetreten sei, würde den Ort angeben, wo das Experiment stattfinden sollte, würde alle nötigen Vorsichtsmaßregeln treffen, um jeden Zweifel zu beseitigen. Eine Belebung unter solchen Umständen hätte eine Wahrscheinlichkeit für sich, die der Gewißheit gleichkäme. Und da ein Experiment wiederholt werden können muß, da man noch einmal muß machen können, was einmal schon gemacht wurde, zumal bei einem Wunder von leicht oder schwer Hervorzubringen nicht die Rede sein kann, so würde der Wunderthäter aufgefordert werden, seine Thaten unter anderen Umständen, an einem andern Ort und einem andern Leichnam zu wiederholen. Gelänge auch dies, so wäre zweierlei bewiesen: erstens, daß übernatürliche Dinge in der Welt sich ereignen, zweitens, daß gewissen Personen die Macht gegeben ist, diese übernatürlichen Dinge hervorzurufen. Nun weiß aber jedermann, daß bisher unter solchen Umständen noch nie ein Wunder geschehen ist, daß die Wunderthäter bisher ihr Experimentierobjekt, Ort und Publikum, selbst gewählt haben, daß ferner zumeist das Volk selbst es ist, das in seinem unüberwindlichen Bedürfnis, in großen Thaten und großen Männern etwas Übernatürliches zu setzen, nachträglich die Wundermärchen sich schafft. Hier möge also bis auf weiteres der Grundsatz historischer Kritik gelten: daß eine Erzählung von Übernatürlichem als solches nicht anerkannt werde, da sie stets auf Leichtgläubigkeit oder Betrug sich gründet, daß es Pflicht des Historikers ist, nachzuforschen, was an Wahrheit und was an Irrtum dabei zu finden sei. Das sind die Grundsätze, die bei der Schaffung dieser Schrift befolgt wurden. Neben dem Textstudium habe ich eine zweite Quelle der Aufklärung benutzen können: ich besuchte nämlich die Orte, wo diese Ereignisse sich abspielten. Die wissenschaftliche Expedition zur Durchforschung des alten Phöniziens, die ich in den Jahren 1860 und 1861 geleitet habe, veranlaßte mich an der Grenze Galiläas meinen Aufenthalt zu nehmen und oft dahin zu reisen. Ich habe diese Provinz nach jeder Richtung hin durchzogen, Jerusalem, den Hebron und Samaria besucht; fast kein Ort, der für die Lebensgeschichte Jesu von Bedeutung ist, blieb von mir unbeachtet. Und dadurch nahm die ganze Geschichte, die nach so langer Zeit ein ideales Gebilde zu sein schien, derart Form und Körper an, daß ich ganz erstaunt wurde. Die überraschende Übereinstimmung der Texte mit den Örtlichkeiten, die wunderbare Harmonie des evangelischen Ideals mit der Landschaft, die ihm als Rahmen diente, wirkten auch auf mich wie eine Offenbarung. Ich sah ein fünftes Evangelium, das freilich zerrissen war, aber doch leserlich, und erkannte in den Darstellungen des Markus und des Matthäus, nicht ein abstraktes Wesen, von dem man glauben sollte, es sei nie gewesen, sondern eine bewundernswerte menschliche Gestalt, die lebte und sich bewegte. Während des Sommers, wo ich nach Ghazir, zum Libanon zog, um mich zu erholen, skizzirte ich mit flüchtigen Strichen das Bild der Erscheinung und daraus entstand dieses Buch. Als ein strenges Geschick meine Abreise beschleunigte, blieben mir nur noch wenige Blätter zur Ausführung übrig. Dieses Buch entstand daher in der nächsten Nähe der Orte, wo Jesus geboren wurde und sich entwickelt hatte. Seit meiner Heimkunft habe ich stets daran gearbeitet, etliche Bücher neben mir, um den Entwurf, den ich flüchtig in einer Maronitenhütte verfaßt habe, in seinen Einzelheiten zu prüfen und zu berichtigen. Vielleicht, daß mancher die biographische Form bedauert, die mein Werk derart angenommen hat. Als ich zum erstenmale mich mit dem Plan beschäftigte, eine Geschichte der Anfänge des Christentums zu schreiben, wollte ich wohl nur eine Darstellung der Doktrinen geben, wobei die Menschen wenig in Betracht gekommen wären. Jesus wäre kaum genannt worden. Ich wollte hauptsächlich zeigen, wie die Ideen, die an seinem Namen emporwuchsen, keimten und sich über die Welt verbreiteten. Später jedoch erkannte ich, daß die Geschichte kein einfaches Spiel mit Abstraktionen ist, daß dabei die Menschen mehr gelten als die Lehrsätze. Nicht eine bestimmte Theorie hat die Reformation geschaffen, sondern Luther, Calvin selbst. Das Persertum, Helenentum, Judentum hätten sich unter allen möglichen Formen gestalten können. Die Lehre von der Auferstehung, vom »Wort« hätte sich durch Jahrhunderte entfalten können, ohne die fruchtbare, große einzige That zu schaffen, die das Christentum genannt wird. Diese That ist das Werk Jesu, Pauli, Johannes und die Geschichte dieser schreiben heißt die Geschichte der Anfänge des Christentums schreiben. Die vorhergegangenen geistigen Bewegungen gehören nur insoweit zur Sache, als sie dazu dienen, diese außergewöhnlichen Menschen zu erklären, die natürlich mit dem vorausgegangenen im Zusammenhang standen. Bei einem Bestreben, die großen Geister der Vergangenheit wieder aufleben zu leben, darf das Erraten und Mutmaßen nicht ganz ausgeschlossen werden. Ein großes Leben ist ein organisches Ganzes, das sich nicht durch die Ansammlung einzelner kleinen Geschehnisse darstellen läßt. Ein tiefes Gefühl muß das Ganze umfassen und die Einheit herausbilden. Hier ist die Anschauung, die der Kunst zu Grunde liegt, eine gute Führerin; das Feingefühl eines Goethe käme da zur rechten Verwendung. Die Hauptbedingung der Kunstschöpfungen ist, daß sie ein lebendiges System bilden, deren Teile im wichtigen Verhältnis zu einander stehen. Bei einem Gegenstande, wie es der vorliegende ist, bildet das Kennzeichen für die Wahrheit der Ausführung, wenn es gelingt, die verschiedenen Texte derart zu verbinden, daß sie ein logisches, wahrscheinliches Ganzes bilden, wovon nichts Anstoß erregt. Die geheimen Gesetze des Lebens, des Wandels organischer Produkte, der Abstufung müssen stets zu Rate gezogen werden. Denn hier handelt es sich nicht um die Darlegung der materiellen Umstände, die jetzt zu prüfen noch nicht möglich sind, sondern um die der Seele der Geschichte. Nicht die belanglose Gewißheit der Details soll gesucht werden, sondern die Richtigkeit des allgemeinen Gefühls, die Wahrheit der Färbung. Jeder Zug, der von den Regeln klassischer Darstellung abweicht, muß zur Vorsicht mahnen, denn die zu erzählende Thatsache war lebendig, natürlich, harmonisch. Gelingt es nicht, sie ebenso wiederzugeben, so hat man sie gewiß noch nicht genau erkannt. Angenommen, jemand wollte die Minerva des Phidias nach den uns überlieferten Schilderungen herstellen und er brächte nur ein trockenes, gekünsteltes, abstoßendes Machwerk hervor – was müßte man daraus schließen? Einzig nur: daß die Schilderungen der Interpretation des Geschmackes bedürfen, daß sie sachte behandelt werden müssen, bis sie sich einander nähern und ein Ganzes geben, das in allen Teilen glücklich verbunden ist. Hätte man dann die Gewißheit griechische Natur Zug für Zug zu haben? Nein! aber man hätte dann wenigstens ihre Nachahmung, eine der Formen, die sie hätte besitzen können. Ich habe nicht geschwankt, dieses Gefühl lebendigen Organismus bei dieser Schilderung im allgemeinen zum Führer zu wählen. Schon das Lesen des Evangelium genügt, um zu erkennen, daß die Verfasser, obgleich ihnen ein richtiger Plan zur Lebensdarstellung Jesu vorschwebte, nicht von sehr genauen chronologischen Daten geleitet wurden, was übrigens Papias ausdrücklich bemerkt. Ausdrücke wie: »Zu jener Zeit« – »danach« – »dann« – »und es geschah, daß« – ec. sind nur Übergänge, die verschiedene Erzählungen verbinden sollen. Wollte man alle Mitteilungen der Evangelien so regellos lassen, wie sie uns überliefert wurden, so würde man damit ebensowenig eine Lebensschilderung Jesu geben können, wie wenn man in der Biographie eines berühmten Mannes Briefe und Anekdoten aus seiner Jugend mit den seines gereiften und späten Alters kunderbunt vermengen wollte. Der Koran, der uns die Urkunden aus den verschiedenen Lebenszeiten Mohammeds ebenfalls völlig unzusammenhängend giebt, hat sein Geheimnis einer geistreichen Forschung entdeckt. Man konnte fast mit Gewißheit annehmen, in welcher chronologischen Reihenfolge diese Schriftstücke verfaßt wurden. Beim Evangelium ist dergleichen viel schwieriger, weil die Lebenszeit Jesu viel kürzer und minder thatenreich war, als die des Begründers des Islams. Indes möge der Versuch einen Leitfaden in diesem Labyrinth zu finden, nicht als vergebliche Klügelei betrachtet werden. Es wäre nicht irrig anzunehmen, daß der Stifter einer Religion sein Werk beginne, indem er an den allgemein bekannten Moralsprüchen und Bräuchen seiner Zeit anknüpft; indem er, gereifter und im vollen Besitze seiner Gedanken, in eine gewisse ruhige poetische, jeder Polemik ausweichenden Beredsamkeit sich ergeht; indem er aber nach und nach sich ereifert, den Widersachern gegenüber leidenschaftlich wird, um schließlich in heftigen Angriffen sich zu ergehen. Diese Perioden lassen sich im Koran genau unterscheiden. Die von den Synoptikern mit besonderem Feingefühl angeordnete Reihenfolge, nimmt einen ähnlichen Verlauf an. Man lese nur mit Aufmerksamkeit im Matthäus und man wird in der Redeeinteilung eine gleichartige Abstufung bemerken. Hierbei wird man auch ersehen, wie vorsichtig ich im Ausdrucke bin, gilt es den Fortschritt der Ideen Jesu darzulegen. Der Leser braucht da nur, wenn er es vorzieht, in den in dieser Beziehung vorgenommenen Einteilungen, die für die methodische Erklärung eines tiefen und verwickelten Gedankens notwendigen Einschnitte zu setzen. Vermag die Liebe zur Sache, das Verständnis ihrer zu fördern, so dürfte mir wohl – ich hoffe, daß es zu erkennen sei – diese Bedingung nicht gefehlt haben. Um die Geschichte einer Religion schreiben zu können, muß man vor allem an sie geglaubt haben, sonst könnte man nicht fassen, womit sie das menschliche Gewissen entzückt und befriedigt hat. Aber man darf auch nicht mehr unbedingt an sie glauben, denn der unbedingte Glaube ist mit der aufrichtigen Historie unvereinbar. Doch die Liebe ist ohne Glauben möglich. Nur weil man sich an keine der Formen fesseln will, welche die Verehrung der Menschen beanspruchen, verzichtet man nicht auf den Genuß dessen, was sie an gutem und schönem bieten. Die Gottheit ist durch keine vorübergehende Erscheinung absorbiert worden; sie hat sich Jesu offenbart und will sich auch nach ihm offenbaren. Ob auch sehr ungleich und umso göttlicher, je größer, ja unerwarteter sie eintreten, sind die Offenbarungen Gottes in der Tiefe menschlichen Gewissens doch alle gleicher Art. Jesus gehört demnach nicht einzig jenen, die sich seine Jünger nennen. Er ist die gemeinsame Ehre aller, die ein menschliches Herz besitzen. Seine Glorie besteht nicht darin, ihn aus der Geschichte zu weisen, größer ist die Verehrung seiner, wenn man zeigt, daß ohne ihn die ganze Geschichte unbegreiflich ist. Erstes Kapitel. Die Stellung Jesu in der Weltgeschichte. Das Hauptereignis der Weltgeschichte ist die Umwälzung, wodurch die edelsten Teile der Menschheit von den mit dem unbestimmten Ausdruck Heidentum bezeichneten alten Religionen zu einer neuen bekehrt wurden, die auf die göttliche Einheit, die Dreieinigkeit und die Menschwerdung des Gottessohnes begründet ist. Diese Bekehrung brauchte zu ihrer Durchführung fast ein Jahrtausend. Die neue Religion selbst bedurfte zu ihrer Ausgestaltung mindestens dreihundert Jahre. Doch der Ursprung dieser Umwälzung ist eine Tatsache, die unter den Regierungen des Augustus und Tiberius stattgefunden hat. Damals lebte ein Mann, der allen Zeitgenossen überlegen war und durch kühnes Beginnen und durch die Liebe, die er einzuflößen wußte, den Gegenstand des künftigen Glaubens der Menschheit schuf und dessen Ausgangspunkt festsetzte. Sobald sich der Mensch vom Tier unterschied wurde er religiös, das heißt, er sah in der Natur etwas, was über die Wirklichkeit hinaus gehe, in sich selbst etwas, was über den Tod hinaus gehe. Durch Jahrtausende verirrte sich diese Empfindung in der sonderbarsten Weise. Bei vielen Völkern ging sie nicht über den Glauben rohster Art an Zauberer hinaus, wovon wir noch Beispiele in einigen Teilen Australiens finden. Bei anderen wieder kam das religiöse Gefühl in scheußlicher Menschenschlächterei zum Ausdruck, wie es z.B. die alte Religion Mexikos zeigte. Anderwärts wieder, besonders in Afrika, wurde es zum Fetischdienst, zur göttlichen Verehrung materieller Dinge, denen eine übernatürliche Kraft zugesprochen wurde. So wie der Liebestrieb zuweilen den niedrigsten Menschen erhebt, aber zuweilen auch ihn zu Laster und Wildheit führt, so mochte lange Zeit das religiöse Gefühl zu einem Krebsschaden der Menschheit werden, der vernichtet werden mußte, weil er Irrtümer und Verbrechen schuf, deren Ausmerzung die Weisen erstrebten. Die glänzende Civilisation, die sich schon in alten Tagen in China, Babylon, Ägypten entfaltete, schuf auch bei der Religion gewisse Fortschritte. China kam frühzeitig zu einem Mittelmaß gesunder Erkenntnis, die große Verirrungen verhinderte. Weder die Vorteile, noch die Nachteile des religiösen Gefühls äußerten sich da. Wenigstens nahm es in dieser Beziehung keinen Einfluß auf die Richtung der großen Strömungen der Menschheit. Die Religionen Babylons und Syriens hatten stets eine gewisse Sinnlichkeit. Sie waren bis zu ihrem Erlöschen im 4. oder 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung Schulen der Unsittlichkeit, in die zufolge einer gewissen poetischen Anschauung, zuweilen einige durchdringende Streiflichter auf die göttliche Welt durchbrachen. Ägypten hatte, trotz seines scheinbaren Fetischdienstes, frühzeitig metaphysische Dogmen und eine hohe Symbolik. Aber sicherlich waren diese Erläuterungen einer verfeinerten Theologie nicht ursprünglich. Ein klar denkender Mensch fand noch nie daran Vergnügen seine Gedanken in Symbole zu kleiden. Gewöhnlich sucht man zufolge langer Betrachtungen und zufolge der Unmöglichkeit, für den Menschengeist das Abgeschmackte ohne weiteres anzuerkennen, Gedanken in den alten mystischen Bildern, deren Bedeutung verloren gegangen ist. Übrigens ist nicht Ägypten die Wiege des menschlichen Glaubens. Die Elemente, die in die Religion des Christen nach mannigfaltigen Veränderungen von Ägypten und Syrien eindrangen, waren bedeutungslose Formen, Schlacken wie sie der reinste Kultus noch enthält. Der Hauptfehler der erwähnten Religionen war ihr abergläubischer Charakter; was sie in die Welt warfen waren eine Menge von Amuletten und Talismanen. Von Völkern die durch den Despotismus erniedrigt waren, die an Einrichtungen gewöhnt waren, welche der Freiheit des Einzelnen fast gar keinen Spielraum gab, konnte kein großer sittlicher Gedanke ausgehen. Die Poesie des Fühlens, Glaube, Freiheit, Rechtlichkeit, Hingebung äußerten sich in der Welt erst mit dem Auftreten der zwei großen Rassen, die im gewissen Sinne die Menschheit erst geschaffen haben. Ich meine hiermit die indo-europäische Rasse und die semitische. Die ersten religiösen Anschauungen der indo-europäischen Rasse waren hauptsächlich naturalistisch. Doch dies war ein tiefer, geistiger Naturalismus, ein liebendes Umfangen der Natur durch den Menschen, eine herrliche Poesie voll des Gefühls der Unendlichkeit – kurz, das Grundwesen dessen, was germanischer und keltischer Geist, was Shakespeare, Goethe später zum Ausdruck brachten. Es war nicht durchdachte Religion oder Moral, es war Schwermut, Zartgefühl, Phantasie. Und vor allem war es etwas Ernstes: die Grundbedingung von Religion und Moral. Indes konnte der Glaube der Menschheit nicht von dieser Seite kommen, weil diese alten Kulte im Polytheismus steckten und nicht zu einem völlig klaren Symbol kamen. Der Brahmanismus hat sich bis auf unsere Zeit wohl nur wegen dem erstaunlichen Vorrecht des Bestehens, das Indien zu besitzen scheint, erhalten. Die Bemühungen des Buddhismus sich gegen Westen auszudehnen, sind vergeblich geblieben. Das Druidentum behielt eine ausschließlich nationale Form ohne allgemeine Bedeutung. Die griechischen Neuerungen, der Orphismus, die Mysterien genügten nicht um die Geister zu sättigen. Nur Persien vermochte eine dogmatische, fast monotheistische und weise organisierte Religion zu bilden, die jedoch vielleicht nur eine Nachahmung oder Entlehnung war. Immerhin hat Persien die Welt nicht bekehrt, im Gegenteil, es wurde selbst bekehrt als die göttliche Einheit unter der Fahne des Islams seine Grenzen überschritt. Die semitische Bemerkt sei, daß mit diesem Worte hier die Völker bezeichnet sein sollen, die eine der sogenannten semitischen Sprachen sprechen oder gesprochen haben. Die Bezeichnung ist eigentlich fehlerhaft, aber sie muß, wie die gleichartigen Ausdrücke »gotischer Stil,« »arabische Ziffer« zum näheren Verständnis beibehalten werden, mag auch ihr Irrtum erwiesen sein. Rasse kann sich rühmen, die Religion der Menschheit geschaffen zu haben. Weit hinter den Grenzen der Geschichte, unter seinem Zelte, das von den Ausschweifungen einer schon verderbten Welt rein geblieben war, bereitete der beduinische Patriarch den Glauben der Welt vor. Eine starke Abneigung gegen den wollüstigen Kultus Syriens, ein einfacher Ritus ohne jeden Tempel, eine Beschränkung der Götzenbilder auf unbedeutende »Theraphim« – das war seine Überlegenheit. Von allen nomadischen Semitenstämmen war der der Kinder Israels zum Größten auserkoren. Alte Beziehungen zu Ägypten, woher vielleicht einige Äußerlichkeiten entlehnt wurden, steigerten nur noch die Abneigung gegen den Götzendienst. Ihr Gesetz, die Thora, das schon frühzeitig in Steintafeln eingegraben wurde, und das sie auf ihren großen Befreier Moses zurückführten, ergab schon die Vorschriften des Monotheismus und enthielt, mit den staatlichen Einrichtungen Ägyptens und Chaldäus verglichen, kräftige Keime zu einer socialen Gleichheit und Gesittung. Ein tragbarer Schrein, auf beiden Seiten mit Ringen für Tragstangen versehen, war ihr ganzes religiöses Material. Hier wurden die geheiligten Gegenstände des Volkes aufbewahrt, seine Reliquien und auch das »Buch« (I. Samuel X, 25), das stets geöffnete Stammbuch, in dem jedoch wenig verzeichnet wurde. Die Familie, deren Amt es war die Tragstangen aufzubewahren und den Schrein zu bewachen, kam bald zu hohem Ansehen, zumal das »Buch« in ihren Händen war und sie darüber verfügen konnte. Doch nicht daher kam die Einrichtung, die über die Zukunft entschied. Der jüdische Priester unterschied sich nicht viel von andern Priestern des Altertums. Was Israel von den theokratischen Völkern hauptsächlich auszeichnete, war, daß das Priestertum hier stets der individuellen Inspiration untergeordnet war. Außer den Priestern hatte jeder Nomadenstamm seinen »Nabi,« Propheten, eine Art lebendigen Orakels, das man zur Lösung der schwierigsten Fragen, die einen besondern Scharfsinn erforderten, heranzog. Die Gruppen oder Schulen bildenden Nabi Israels hatten einen großen Einfluß. Als Verteidiger des alten Volkstums, als Feinde der Reichen, als Gegner jeder politischen Organisation und sonstiger Vorkehrungen, die Israel in den Bahnen andrer Völker hätte wandeln lassen, waren sie das rechte Werkzeug für den religiösen Vorrang des jüdischen Volkes. Früh schon erweckten sie weitgehende Hoffnungen; und als der Staat, teilweise ein Opfer ihrer priesterlichen unpolitischen Weisungen, durch die Macht Assyriens vernichtet worden war, verkündeten sie, daß ihnen noch ein mächtiges Reich werden soll, daß Jerusalem einst die Hauptstadt der Welt und die Menschheit jüdisch sein werde. Jerusalem und sein Tempel erschien ihnen wie eine gipfelhohe Stadt, zu der alle Völker herbeiströmen würden, wie ein Orakel, das das allgemeine Gesetz verkünden sollte, wie das Centrum eines Idealreiches, in dem die Menschheit, von Israel zum Frieden geleitet, die Freuden Edens finden sollte. (I. Jessaias II, 1-4, Kap. XL-LX. – Mich. VI, 1 ec. Es darf nicht vergessen werden, daß der zweite Teil von Jesaias vom XL. Kapitel an nicht von ihm herrührt.) Schon wurden unbekannte Stimmen laut, die das Martyrertum verherrlichten und die Macht des Schmerzenssohnes priesen. Veranlaßt von jenen erhabenen Duldern, die, gleich Jeremias, mit ihrem Blute die Straßen Jerusalems färbten, ließ ein Begeisterter ein Loblied erschallen über die Leiden und den Triumph der Diener Gottes, worin die ganze poetische Kraft des Geistes Israels angesammelt zu sein schien (Jesaias LII, 18 ec. und LIII). »Wie ein schwaches Reis, wie eine Wurzel aus dürrem Boden erhob er sich; er hatte nicht Anmut, nicht Schönheit. Er war der verachtetste und törichtste voll Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Antlitz vor ihm barg und wir haben ihn darum nicht geachtet. Er trug unser Leid und belud sich mit unseren Schmerzen. Wir aber hielten ihn für einen, der von Gott geplagt, gezüchtigt, gemartert wurde. Doch um unserer Missethat willen ist er verwundet worden, um unserer Sünde willen gemartert. Er wurde bestraft, daß wir Frieden erlangen und durch seine Wunden wurden wir geheilt. Wir sind irre gegangen wie die Schafe, jeder sah auf seinen Weg. Doch der Herr warf alle unsere Sünden auf ihn. Und als er gestraft und gemartert wurde hielt er seinen Mund verschlossen, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, wie ein Schaf, das vor seinem Scherer verstummt und den Mund nicht aufthut. Und er ist begraben wie die Gottlosen und gestorben wie ein Reicher, obgleich er niemand ein Unrecht gethan noch Trug in seinem Munde war. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gebracht hat, so wird er Samen haben und in die Länge leben und des Herrn Thun wird durch seine Hand geschehen.« Damals erfolgten auch an der »Thora« wichtige Veränderungen. Neue Texte tauchten auf, die behaupteten, das wahre Gesetz Moses zu bieten, wie der Deuteronomos, und leiteten damit eine Anschauung ein, verschieden von der der alten Nomaden. Sein vorherrschender Zug war der Fanatismus. Rasende Fromme verübten stets Gewalttaten gegen alles was vom Dienste Jehovas sich entfernte. Es gelang ihnen ein Blutgesetz durchzudringen, das auf religiöse Vergehen die Todesstrafe setze. Stets zeigt die Frömmigkeit eigenartige Gegensätze von Zorn und Mildheit. Dieser Eifer, fremd der derben Schlichtheit der Richterzeit, begeisterte zu innigfrommen Predigten, wie sie bis dahin noch nicht vernommen wurden. Schon läßt sich auch eine starke Neigung zu den socialen Fragen erkennen: Utopien, Träumereien von einer vollkommenen Gesellschaft finden im Gesetze Raum. Ein Gemisch von patriarchalischer Moral und begeisterter Frömmigkeit, von einfacher Anschauung und frommer Verfeinerung, wie jene, die die Seele eines Hesekiel, Hosea, Jeremias erfüllten, gelangt im Pentateuch zur festen Form, die wir heute noch vorfinden und wird für Jahrhunderte zum Lenker des Volksgeistes. Als dieses große Buch geschaffen war, entwickelte sich die Geschichte des jüdischen Volkes rasch, mit unwiderstehlicher Gewalt. Die in Westasien aufeinanderfolgenden großen Reiche überlassen Israel seinen religiösen Träumerein, die mit einer gewissen düstern Leidenschaft erfüllt waren, da jene alle Hoffnungen auf ein irdisches Königreich zerstörten. Wenig war ihm an einer nationalen Herrschaft oder an politischer Unabhängigkeit gelegen und willig nahm es jede Herrschaft hin, die ihm die freie Ausübung seines Kultus und seiner Bräuche gewährte. Israel hatte nun keine andere Leitung mehr, als die seiner religiösen Enthusiasten, keinen andern Feind mehr, als den seines Gottes, kein anderes Vaterland mehr, als sein Gesetz. Dieses Gesetz – was nicht außer Acht gelassen werden darf – war völlig socialer und moralischer Natur. Es war die Schöpfung von Männern, die von einem hohen Ideal des irdischen Lebens erfüllt waren und das beste Mittel zu dessen Verwirklichung gefunden zu haben wähnten. Nach ihrer Überzeugung bildete die strenge Beobachtung der Thora die wahre Glückseligkeit. Diese Thora kann nicht mit den griechischen oder römischen Gesetzen verglichen werden. Diese beschäftigen sich nur mit dem abstrakten Recht und kümmern sich wenig um das Wohl und die Gesittung des Einzelnen. Schon im Vorhinein ließ sich da erkennen, daß das Ergebnis socialer und politischer Art sein werde, daß das Werk, an dem dieses Volk arbeitet ein Reich Gottes sei und kein bürgerlicher Staat, eine allgemeine Verfassung und keine Nationalität oder Vaterland. Trotz zahlreichen Mißgeschickes hielt Israel diesen Beruf in bewundernswerter Weise aufrecht. Eine Reihe Frommer, wie Esra, Nehemia, Tobias, die Makkabäer, alle vom Gesetzeseifer erfüllt, folgten einander in der Verteidigung der alten Einrichtung. Der Gedanke, daß Israel das auserwählte Volk Gottes sei, ein Volk mit dem er einen Bund geschlossen, festete sich immer mehr. Eine ungeheuere Erwartung erfüllte die Gemüter. Das ganze indo-europäische Altertum nahm ein Paradies vor dem Weltbeginn an, alle seine Dichter beklagten eine entschwundene Goldene Zeit. Nur Israel versetzte die Goldene Zeit in die Zukunft. Die ewige Poesie aller religiösen Gemüter, die Psalmen entstanden in ihrer ganzen göttlichen und wehmütige Harmonie aus diesem exaltierten Pietismus. Israel wurde in Wirklichkeit und vorzugsweise das Volk Gottes, indes das Heidentum immer mehr zu einem groben Götzendienst wurde, wie in Ägypten und Syrien, oder zu einem leeren Gepränge, wie in der Welt Hellas und Roms. Was in den ersten zwei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung die christlichen Märtyrer gethan haben, was bis auf unsere Tage die Opfer der Verfolgung seitens der Orthodoxie im Christentum selbst geleistet haben, das thaten die Juden in den zwei Jahrhunderten, die unserer Zeitrechnung vorausgehen. Sie waren ein lebendiger Protest gegen Aberglauben und Materialismus. Eine außergewöhnliche geistige Bewegung, die die entgegengesetzte Wirkung hatte, machte damals aus ihnen das auffallendste und eigenartigste Volk der Welt. Ihre Zerstreuung längs der ganzen Küste des Mittelländischen Meeres, ihre Benutzung der griechischen Sprache außerhalb Palästinas ebneten ihnen die Wege zu einer Propaganda, von der die in kleinen Nationen verteilte Gesellschaft des Altertums noch kein Beispiel aufgewiesen hatte. Bis zur Makkabäerzeit hatte das Judentum nur den Charakter aller anderen Religionen der alten Zeit, trotz seiner steten Verkündigung, es werde zum Glauben der ganzen Menschheit werden. Es war ein Familienkultus, ein Stammkultus. Wohl glaubte es, daß sein Kultus der beste sei, wohl sprach es mit Verachtung von den fremden Göttern; aber es meinte auch, daß der Glaube an den wahren Gott nur für ihn allein da sei. Man bekannte sich zum Dienst Jehovahs, wenn man in die jüdische Familie trat – das war alles. Kein Jude dachte daran, einen Fremden zu dem Kultus zu bekehren, der das Erbe der Kinder Abrahams war. Die pietistische Richtung, die sich seit Esra und Nehemia geltend machte, führte zu einer strengeren und logischeren Auffassung. Das Judentum galt als die einzige wahre Religion und jedem war das Recht gegeben, beizutreten. Bald galt es auch für eine fromme That, so viel Personen wie nur möglich war zu bekehren. Jenes innige Gefühl, das Johannes dem Täufer, Jesus und Paulus über den kleinlichen Rassenbegriff erhob, war damals zweifellos noch nicht vorhanden. Ein eigentümlicher Widerspruch war es jedoch, daß diese Proselyten wenig geachtet, ja sogar verachtet wurden (Mischna Scheb. X, 9; Talmud v. Babyl. Niddach, 13 d, Iebamoth 47 k, Kidduschim 70 k, Midrasch Ialkut Ruth 163 d). Doch die Basis zum Gedanken einer exklusiven Religion, zum Gedanken, daß es etwas gäbe, was mehr gilt als Vaterland, Familie und Gesetz, war geschaffen. Das gemeinsame Gefühl aller Juden war fortan ein tiefes Mitleid mit den Heiden, so groß deren irdisches Glück auch sein mochte. Ein Legendenkreis, der bestimmt war, Vorbilder unerschütterlicher Standhaftigkeit zu zeigen (Daniel und seine Genossen, die Mutter der Makkabäer und ihre sieben Söhne, die Erzählung vom Hippodrom in Alexandrien), gab den Volksführern auch Gelegenheit die fanatische Anhänglichkeit an religiöse Einrichtungen als den Begriff der Tugend hinzustellen. Die von Antiochus Epiphanes ausgehenden Verfolgungen steigerten diese Idee einer Leidenschaft fast bis zur Raserei. Es geschah, was zweihundertunddreißig Jahre später unter Nero sich ereignete. Wut und Verzweiflung stürzten die Frommen in eine Welt von Visionen und Träumen. Es erschien das »Buch Daniel«, die erste Apokalypse. Es war gewissermaßen die Wiedergeburt des Prophetentums, doch grundverschieden von seiner früheren Gestalt, und mit einem viel deutlicheren Gefühl von den Bestimmungen der Welt. Das »Buch Daniel« brachte die messianischen Hoffnungen sozusagen zum letzten Ausdruck. Nicht mehr war der Messias ein König, gleich David und Salamon, ein theokratischer, mosaischer Cyrus, sondern ein in der Wolke (VII, 13) erscheinender »Menschensohn«, ein übermenschliches, doch menschlich aussehendes Wesen, bestimmt die Welt zu richten und das Goldene Zeitalter zu schaffen. Vielleicht, daß der »Sostosch« der Perser, der große künftige Prophet, der das Reich Ormuzd verbreiten soll, diesem neuen Ideal einige Züge verliehen hat. Der unbekannte Verfasser des Buches Daniel hatte allenfalls einen entscheidenden Einfluß auf das religiöse Ereignis, das bestimmt war, die Welt umzuwandeln. Es bot den neuen Messianismus, die Inszenierung und die technischen Ausdrücke. Es läßt sich von ihm sagen, was Jesus von Johannes dem Täufer gesagt: »Bis zu ihm die Propheten, von ihm ab das Reich Gottes.« Man darf jedoch nicht annehmen, daß diese tief religiöse und leidenschaftliche Bewegung von gewissen Dogmen ausging, wie solches bei allen Kämpfen, die im Schoß des Christentums stattfanden der Fall war. Der Jude jener Zeit war nichts weniger als Theologe. Er grübelte nicht über das Wesen der Gottheit. Sein Glaube an die Engel, an die Endbestimmung des Menschen, an die persönlichen Eigenschaften Gottes, dessen erster Keim hie und da schon sichtbar war, war ein freier Glaube; es waren Anschauungen, deren jeder je nach seiner Gemütsstimmung hegte, welche jedoch gar vielen fremd waren. Eben die orthodoxesten Bekenner waren frei von solchen Phantasien und hielten an die Einfachheit des Mosaismus fest. Auch gab es damals noch keine dogmatische Macht, ähnlich der, welche das orthodoxe Christentum der Kirche zuerkannte. Erst zu Beginn des dritten Jahrhunderts, als das Christentum in die Hände klügelnder, in Dialektik und Metaphysik vernarrter Völker geriet, begann dieses definitive Fieber, das die Geschichte der Kirche zu einer Geschichte endloser Streitfragen machte. Wohl desputierte man auch bei den Juden. Eifrige Schulen wußten für alle angeregten Fragen eine konträre Lösung. Aber diese Streitfälle, deren wesentliche Einzelheiten uns der Talmud überliefert hat, enthalten nichts von spekulativer Theologie. Das Gesetz beobachten und aufrecht erhalten, weil es gerecht ist und – sehen wir näher zu – auch weil es Glückseligkeit bietet: das ist das ganze Judentum. Kein Kredo, kein theoretisches Symbol. Ein Schüler kühnster arabischer Philosophie, Moses Maimonides, konnte das Orakel der Synagoge werden, weil er ein recht geübter Kanoniker war. Die Zeit der Regierung der letzten Hasmonäer und die des Herodes sahen die Exaltation noch anwachsen. Sie bildeten eine Kette religiöser Bewegungen. In dem Maße wie die Macht weltlicher wurde und in die Hand Ungläubiger geriet, lebte auch das jüdische Volk immer weniger für die Außenwelt und versenkte sich immer mehr in eine Thätigkeit, die in seinem Innern war. Von andern Schauspielen in Anspruch genommen bemerkte die übrige Welt gar nicht, was in diesem vergessenen Winkel des Orients vorging. Doch besser unterrichtet waren die auf der Höhe ihrer Zeit stehenden Geister. Der sanfte, scharfsichtige Vergil kommt uns wie ein geheimes Echo des zweiten Jesaias vor. Die Geburt eines Kindes versenkt ihn in Träume von einer allgemeinen Wiedergeburt. Vgl. IV. Das Cumaeum carmen , Vers 4, bildete eine Art sibyllinischer Apokalypse, mit dem Ausdruck der Philosophie der dem Orient vertrauten Geschichte. – S. Servius und Carmina sibyllina III, 97–817. Vgl. Tacitus, Hist. V, 13. Solche Träumereien waren nichts ungewöhnliches und bildeten einen Litteraturzweig, der als sibyllinischer bezeichnet wird. Die völlig neue Schöpfung des Kaisertums erhitzte die Phantasie. Die große Friedensära, die nun folgte, der Eindruck schwermütiger Empfindlichkeit, den nach allen Revolutionsperioden die Gemüter empfinden, erweckte überall grenzenlose Hoffnungen. In Judäa erreichte die Erwartung ihren Höhepunkt. Fromme Leute – man nennt hier den alten Simeon, den die Legende Jesus in seinen Armen halten läßt, auch Hanna, die Tochter Phanuels, die als Prophetin gegolten hat – verbrachten ihr Leben fastend und betend in der Nähe des Tempels, daß es Gott gefallen möge, sie nicht von der Welt zu nehmen, bevor sie die Hoffnungen Israels erfüllt gesehen hätten. Man fühlte, daß etwas Gewaltiges im Werden sei, etwas Unbekanntes nahe. Dieser Chaos von Klarheit und Träumen, dieser Wechsel von Enttäuschung und Hoffnung, dieses von einer feindlichen Wirklichkeit stets niedergedrückte Sehnen fand endlich seinen Dolmetschen in dem unvergleichlichen Manne, dem das Volksgefühl die Bezeichnung »Gottessohn« gab, und das mit Recht. Denn er ließ die Religion einen Schritt vornehmen, der nie seinesgleichen hatte und wahrscheinlich auch nie haben wird. Zweites Kapitel. Kindheit und Jugend Jesu. Seine ersten Eindrücke. Jesus wurde in Nazareth geboren, einem Städtchen in Galiläa, das vor ihm keine Berühmtheit hatte. Während seiner ganzen Lebzeit wurde er »Nazarener« genannt und nur auf einem sehr verwickelten Umweg war es möglich geworden, ihn in seiner Legende zu Bethlehem geboren werden zu lassen. Wir werden später das Motiv dieser Annahme sehen und auch weshalb diese die notwendige Folgerung der Jesu zugesprochenen Rolle war. Das genaue Datum seiner Geburt ist uns unbekannt. Sie fand unter der Regierung des Augustus statt, gegen das Jahr 750 der Erbauung Roms, möglicherweise einige Jahre vor dem Jahre 1 der Zeitrechnung, die alle civilisierten Völker von seinem Geburtstage her beginnen. Der Name Jesus, den er erhielt, ist aus Josua gebildet. Es war dies ein recht gewöhnlicher Name, doch suchte man später natürlich etwas Geheimnisvolles darunter, eine Anspielung auf sein Messiastum (Matth. I, 21; Luk. I, 31). Vielleicht war dies für ihn selbst – wie solches ja bei allen Mystikern vorkommt – ein Ansporn seiner Begeisterung. Dermaßen giebt es mehr als eine große That in der Geschichte, deren Anlaß ein ohne Nebengedanken einem Kinde erteilter Name geworden ist. Feurige Naturen wollen nie in dem was ihnen zukommt den Zufall sehen. Für sie hat alles Gott so gefügt, der geringste Umstand gilt ihnen als Zeichen eines höheren Willens. Die Bevölkerung Galiläas war sehr gemischt, was schon der Name andeutete ( Gelil haggogim , Kreis der Völker), Diese Provinz zählte zu Jesu Zeit viele Nicht-Juden zu ihren Bewohnern: Phönizier, Syrier, Araber und selbst Griechen. Bekehrungen zum Judentum waren in solchen gemischten Ländern nicht selten. Es ist daher unmöglich, hier eine Rassenfrage aufzuwerfen, zu untersuchen, was für Blut in den Adern dessen floß, der am meisten dazu beigetragen hat, in der Menschheit die Blutsunterschiede zu verwischen. Er ging aus dem Volke heraus. Sein Vater Josef und seine Mutter Maria waren Leute vom Mittelstand, Handwerker, die von ihrer Arbeit lebten, in einer Lage, die im Orient so häufig vorkommt und weder Wohlhabenheit noch Armut ist. Die außerordentliche Einfachheit des Lebens in solchen Ländern, wo die Bequemlichkeit kein Bedürfnis ist, macht das Privilegium des Reichtums fast unnötig und aus allen freiwillig Arme. Anderseits giebt der gänzliche Mangel an Geschmack für Kunst und alles was das materielle Leben verfeinert, der Häuslichkeit ein kahles Aussehen. Abgesehen von etwas Schmutz und Übelständen, die überall im Gefolge des Islams auftreten, war die Stadt Nazareth zu Jesu Zeit vielleicht nicht viel anders im Aussehen als heute. Die Straßen, wo er als Kind spielte, sehen wir in den steinigen Pfaden und kleinen Pfützen, die die Hütten trennen. Das Haus des Josef hatte sicherlich viel Ähnlichkeit mit diesen armseligen Butiken, die durch die Thüre erhellt werden und gleichzeitig als Werkstätte, Küche und Schlafstube dienen, deren Einrichtung aus einer Matte, einigen Kisten, einem oder zwei Tongefäßen und einer bemalten Truhe besteht. Die Familie war recht zahlreich, mochte sie aus einer oder mehreren Ehen hervorgegangen sein. Jesus hatte Brüder und Schwestern (Matth. XII, 46, XIII, 55; Mark. III, 31, VI, 3; Luk. VIII, 19; Joh. II, 12, VII, 3–5, 10; Apostelgesch. I, 14), deren ältester er gewesen sein mochte. Alle sind unbekannt geblieben, denn es scheint, daß die vier Personen, die für seine Brüder ausgegeben worden sind, und von denen wenigstens einer, Jakobus, in den ersten Jahren der Entwickelung des Christentums von großer Bedeutung war, seine Vettern waren. Maria hatte in der That eine Schwester, die auch Maria hieß und die einen gewissen Alphäus oder Kleophas – diese beiden Namen scheinen ein und dieselbe Person zu bezeichnen – heiratete. Sie wurde die Mutter mehrerer Söhne, die unter den ersten Jüngern Jesu eine bedeutende Rolle spielten. Diese Vettern, die dem jugendlichen Meister anhänglich waren, während seine Brüder ihm opponierten (Joh. VII, 3), nahmen den Titel an »Brüder des Herrn«. Die eigentlichen Brüder Jesu erhielten erst, so wie ihre Mutter, nach seinem Tode Bedeutung (Apostelgesch. I, 14). Selbst dann scheinen sie nicht so im Ansehen gestanden zu haben, wie ihre Vettern, deren Bekehrung freiwilliger erfolgte und deren Charakter ursprünglicher gewesen sein mochte. Ihre Namen waren so unbekannt, daß wenn der Evangelist die Leute von Nazareth die Brüder Jesu aufzählen läßt, zuerst die Namen der Söhne des Kleophas erwähnt worden. Seine Schwestern verheirateten sich in Nazareth und er brachte hier die Jahre seiner frühesten Jugend zu. Nazareth war ein kleines Städtchen, in einer Senkung gelegen, welche sich einer Gruppe von Bergen zu weit öffnete, die im Norden die Ebene von Esdrelon abschließen. Die Bevölkerung besteht gegenwärtig aus 3000–4000 Seelen und sie mochte sich auch nicht viel verändert haben. Im Winter ist es hier ziemlich kalt; das Klima ist recht gesund. Wie alle jüdischen Ortschaften jener Zeit, war auch das Städtchen ein Haufen regellos errichteter Häuser und hat wohl denselben trockenen, ärmlichen Anblick gewährt, den die Dörfer im Orient gewöhnlich aufweisen. Wie es scheint unterscheiden sich die Häuser nicht viel von jenen Steingevierten ohne äußere oder innere Zierlichkeit, die noch heute den reichsten Teil des Libanons bedecken, die jedoch, zwischen Reben und Feigenbäumen stehend, recht angenehm zu wirken wissen. Übrigens ist die Umgegend reizend und kein Fleck auf Erden scheint so gut wie dieser für die Träume eines vollkommenen Glückes geeignet. Selbst noch in unseren Tagen ist Nazareth ein köstlicher Aufenthalt, vielleicht der einzige Ort in Palästina, wo die Seele sich etwas erleichtert fühlt von dem Drucke, den sie inmitten dieser unvergleichlichen Öde fühlt. Die Bevölkerung ist liebenswürdig und fröhlich; die Gärten sind frisch und grün. Antonin der Märtyrer, Ende des 6. Jahrhunderts, schildert ein bezauberndes Bild von der Fruchtbarkeit der Umgegend, die er mit dem Paradiese vergleicht. Einige Thäler der Ostseite rechtfertigen auch vollkommen seine Beschreibung. Der Brunnen, an dem sich einst das Leben und die Heiterkeit des Städtchens ansammelte, ist zerstört; seine geborstenen Rinnen geben nur noch ein trübes Wasser. Aber die Schönheit der Frauen, die abends hier sich vereinen, eine Schönheit, die schon im 6. Jahrhundert auffiel und die man als Geschenk der Jungfrau Maria betrachtete – hat sich in einer überraschenden Weise erhalten. Zweifellos war Maria alle Tage hier und hat, den Krug auf der Schulter, ihren unbekannt gebliebenen Landesgenossinnen sich angereiht. Antonin der Märtyrer bemerkt, daß die jüdischen Frauen, die andernorts die Christen verächtlich ansahen, hier voller Wohlwollen wären. Noch heute ist der Religionshaß in Nazareth minder lebhaft als anderwärts. Der Horizont der Stadt ist beschränkt: wenn man jedoch höher steigt, die Hochebene erreicht, welche von einer steten Brise überweht wird und welche die höchsten Häuser überragt, so ist die Aussicht prachtvoll. Im Westen zieht sich in schönen Linien der Karmel hin, in eine Spitze endend, die ins Meer zu sinken scheint. Dann zeigen sich die Doppelgipfel, die Mageddo beherrschen, die Berge des Landes Sichem mit ihren heiligen Orten aus der Patriarchenzeit, die Berge Gelboé, die kleine malerische Gruppe, an die sich die holden und auch die schrecklichen Erinnerungen von Sulem und Endor knüpfen, der Tabor, mit seiner schönen abgerundeten Form, die das Altertum mit einem Busen verglich. Durch ein Senkung zwischen dem Berge Sulem und dem Tabor erblickt man in der Ferne das Thal des Jordan und die Hochebene von Peraea, die gegen Osten eine fortgesetzte Linie bilden. Gegen Norden neigen sich die Berge von Safed dem Meere zu, verdecken St. Jean d'Acre, doch lassen vor dem Blick den Golf von Khaïfa erscheinen. Das war der Horizont Jesu. Dieser bezaubernde Kreis, die Wiege des Reiches Gottes, war ihm durch Jahre eine Welt. Sein Leben selbst ging nur wenig heraus aus diesen seiner Kindheit vertrauten Grenzen. Dann jenseits, gegen Norden, bemerkt man, fast am Abhang des Hermon, Cäsarea Philippi, seinen äußersten Punkt im Lande der Völker; und gegen Süden ahnt man hinter den ernsteren Bergen Samariens, das traurige Judäa, ausgedorrt wie von einem Wind der Vernichtung, des Todes. Wenn jemals die christlich gebliebene Welt, die aber zu besserem Begriff von dem gelangt, was die Achtung vor den Anfängen bedeutet, die apokryphischen und unbedeutenden Heiligtümer, an die sich die Frömmigkeit roherer Zeiten hing, durch authentische heilige Orte ersetzen will, so wird es die Höhe von Nazareth sein, wo sie ihren Tempel baut. Dort, am Ort der Erscheinung des Christentums, im Mittelpunkt des Wirkens seines Gründers, müßte sich die große Kirche erheben, wo alle Christen beten könnten. Dort auch, auf diesem Boden, in dem der Zimmermann Joseph und Tausende vergessener Nazarener ruhen, die die Kimmung ihres Thales nie überschritten haben, fände auch der Philosoph den besten Platz in der Welt, um nachzudenken über den Lauf menschlicher Dinge, um sich zu trösten über deren Gang, um sich zu beruhigen über das göttliche Ziel, dem die Welt durch zahllose Unfälle hindurch folgt, ungeachtet der menschlichen Eitelkeit. Drittes Kapitel. Erziehung Jesu. Diese gleichzeitig lachende und grandiose Natur lenkte die ganze Erziehung Jesu. Er lernte Lesen und Schreiben, zweifellos nach der Methode des Orients, die darin besteht, daß dem Kinde ein Buch in die Hand gegeben wird, dessen Inhalt er mit seinen Genossen kadenzmäßig wiederholt liest, bis er ihn auswendig kennt. Zweifelhaft ist jedoch ob er die hebräischen Schriften im Urtext verstand. Seine Lebensschilderer lassen ihn nach Übersetzungen in aramäischer Sprache citieren. Seine Grundsätze in der Exegese, womit wir sie uns nach denen seiner Jünger vorstellen können, ähnelten jenen, die damals üblich waren und den Geist des Targums und der Midraschim Jüdische Übersetzungen und Erläuterungen aus der talmudischen Zeit. bildeten. Der Schulmeister in den kleinen jüdischen Städtchen war der Hassan, der Vorleser in der Synagoge. Jesus besuchte die höheren Schulen der Schreiber, Soferim, – Nazareth hatte vielleicht keine – nur wenig und er hatte keinen der Titel, die in den Augen des Volkes als Bezeichnung der Gelehrsamkeit galten. Doch wäre es ein großer Fehler anzunehmen, Jesus wäre das gewesen, was wir einen Ignoranten nennen. Die Schulung bildet bei uns in Bezug auf den persönlichen Wert einen großen Unterschied zwischen denen, den sie zu Teil wurde und denen die sie nicht genossen. Anders war es im Orient und in der guten alten Zeit überhaupt. Der rohe Zustand, in dem bei uns zufolge unseres isolierten und ganz individuellen Lebens derjenige verharrt, der nicht zur Schule ging, war jenen Gesellschaften fremd, wo sittliche Bildung und besonders der allgemeine Geist der Zeit durch stete geistige Berührung aufeinander übertragen wurde. Der Araber, der keinen Lehrer gehabt, ist dessenungeachtet oft sehr gebildet. Denn das Zelt ist eine Art stets offene Akademie, wo aus dem Zusammentreffen wohlerzogener Leute eine große geistige, ja selbst literarische Bewegung hervorgeht. Die Zartheit der Manieren, die Feinheit des Geistes haben im Orient nichts gemein mit dem, was wir Erziehung nennen. Die Männer der Schule sind es eben, die für pedantisch und schlecht erzogen galten. Bei diesem Gesellschaftszustand ist die Unwissenheit, die bei uns den Menschen zu einem niedern Rang verurteilt, die Bedingung zu großen Dingen und zu besonderer Ursprünglichkeit. Unwahrscheinlich ist es, daß er griechisch verstand. Diese Sprache war in Judäa, außerhalb der an der Regierung teilnehmenden Klassen und den von Heiden bewohnten Städten, wie Cäsarea, nur wenig verbreitet. Das eigentliche Idiom Jesu war der syrisch-hebräische Dialekt, der damals in Palästina gesprochen wurde. Mehr noch läßt sich annehmen, daß ihm die griechische Kultur fremd war. Diese wurde von den Gelehrten Palästinas in den Bann gelegt und derselbe Fluch galt für den, »der Schweine züchtet und den, der seinen Sohn die griechischen Wissenschaften lehrt«. Allenfalls war diese Kultur nicht in kleine Städte wie Nazareth gedrungen. Allein trotz des Fluches der Gelehrten hatten manche Juden sich die hellenische Bildung angeeignet. Ohne von der jüdischen Schule in Ägypten zu sprechen, wo schon zwei Jahrhunderte früher der Versuch begonnen wurde, Hellenentum und Judentum zu verschmelzen, sei bemerkt, daß ein Jude, Nikolas von Damaskus, gerade damals einer der bedeutendsten und gelehrtesten Männer seines Jahrhunderts war. Bald sollte Josephus das Beispiel eines ganz hellenisierten Juden zeigen. Doch an Nikolas war nichts jüdisch als das Blut. Josephus bemerkte, er sei eine Ausnahme unter seinen Zeitgenossen gewesen; und die ganze schismatische Schule in Ägypten hatte sich dermaßen von Jerusalem gesondert, daß weder im Talmud noch in der jüdischen Tradition ihrer auch nur im geringsten erwähnt wird. Auch in Jerusalem wurde das Griechische wenig studiert; es galt für gefährlich, selbst erniedrigend, und ließ es höchstens nur für den Putz der Frauen gelten. Nur das Studium der Gebote galt für freisinnig und würdig eines ernsten Mannes. Befragt um den Zeitpunkt, wann es tauglich sei die Kinder »griechische Weisheit« zu lehren, antwortete ein weiser Rabbi: »wenn weder Tag noch Nacht ist; denn es heißt von dem Gesetz: du sollst es studieren Tag und Nacht«. Weder direkt noch indirekt gelangte also irgend ein Element profaner Bildung zu Jesu. Er kannte nichts außer dem Judentum; sein Geist bewahrte jene offene Unbefangenheit, die stets eine ausgedehnte und mannigfaltige Bildung schwächt. Selbst im Schoß des Judentums blieb er vielen Bemühungen fremd, die mit seinen eigenen oft parallel waren. Einerseits war ihm das strenge Leben der Essäer oder Therapeuten fremd, anderseits auch der schöne Versuch einer Religionsphilosophie der jüdischen Schule zu Alexandrien, deren geistvoller Erklärer sein Zeitgenosse Philo war. Die vielen Ähnlichkeiten, die zwischen ihm und Philo zu finden sind, die trefflichen Maximen über die Liebe zu Gott, die Barmherzigkeit, die Ruhe in Gott, welche gleichsam ein Echo zwischen dem Evangelium und den Schriften des berühmten alexandrinischen Denkers bilden, kommen vom gemeinsamen Streben, das die Bedürfnisse der Zeit allen erleuchteten Geistern einflößte. Zu seinem Glücke kannte er auch nicht die bizarre Scholastik, die in Jerusalem gelehrt wurde und aus der bald der Talmud entstehen sollte. Wenn sie auch von einigen Pharisäern nach Galiläa schon gebracht wurde, so verkehrte er doch mit ihnen nicht; und als er später diese kleinliche Kasuistik berührte, widerte sie ihn nur an. Doch läßt sich annehmen, daß ihm die Grundsätze eines Hillels nicht unbekannt blieben. Hillel hatte 50 Jahre vor ihm Aphorismen ausgesprochen, die seinen sehr ähnlich sind. Zufolge seiner demütig ertragenen Armut, seines sanften Charakters, seiner Opposition gegen Heuchler und Priester, wurde Hillel der eigentliche Lehrer Jesu, wenn es dort, wo es sich von einer so großen Ursprünglichkeit handelt, erlaubt ist von einem Lehrer zu sprechen. Die Lektüre der Bücher des Alten Testaments machte auf ihn großen Eindruck. Der Kanon der heiligen Schriften bestand aus zwei Teilen: dem Gesetze, d.h. dem Pentateuch, und den Propheten, so wie wir sie heute noch besitzen. Eine umfassende Methode allegorischer Deutung wurde auf alle diese Schriften angewandt; man suchte darin was in ihnen nicht enthalten war, jedoch den Bestrebungen der Zeit entsprechen mochte. Ein Gesetz, das nicht mehr das alte Gesetz des Landes war, sondern vielmehr eine Utopie, eine Künstelei, ein frommer Trug aus der Zeit frömmelnder Könige, war zum unerschöpflichen Thema für spitzfindige Deutungen geworden, seitdem die Nation sich nicht mehr selbst regierte. Was die Schriften der Propheten und die Psalmen betrifft, so glaubte man, daß fast alle etwas geheimnisvollen Stellen auf den Messias sich bezögen und man suchte in ihnen das Vorbild dessen, der die Hoffnungen des Volkes erfüllen sollte. Auch Jesus neigte sich der allgemeinen Vorliebe für solche allegorische Deutungen zu. Doch die wahre Poesie der Bibel, die den kleinlichen Lehrern zu Jerusalem entging, entfaltete sich völlig vor dem schönen Genie Jesu. Das Gesetz scheint nicht viel Reiz für ihn gehabt zu haben; er glaubte Besseres thun zu können. Aber die religiöse Poesie der Psalmen befanden sich mit seinem lyrischen Gemüte in wundervoller Harmonie. Sein ganzes Leben lang blieben sie seine Nahrung, seine Stütze. Die Propheten – besonders Jesaias und seine Fortsetzer zur Zeit der Gefangenschaft – mit ihren glänzenden Zukunftsträumen, ihrer feurigen Beredsamkeit, ihren mit entzückenden Bildern untermischten Scheltworten, waren seine wirklichen Lehrer. Er las auch ohne Zweifel mehrere der apokryphischen Schriften, das heißt, jener ziemlich neueren Schriften, deren Verfasser sich hinter den Namen von Propheten und Patriarchen verbargen, um sich eine Autorität zu geben, die sonst nur sehr alten Schriftstellern zugesprochen wurde. Eines dieser Bücher zog ihn besonders an: das Buch Daniel. Dieses Buch, verfaßt von einem exaltierten Juden in der Zeit des Antiochus Epiphanes, und unter dem Namen eines alten Weisen herausgegeben, war das Resümee des Geistes der letzten Zeit. Die Legende von Daniel war schon im 7. Jahrhundert v. Chr. geschaffen (Hesek. XIV, 14, XXVIII, 3). Nur der Legende wegen hat man ihn zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft leben lassen. Sein Verfasser, der wahre Schöpfer der Philosophie der Geschichte, hatte es als Erster gewagt in der Bewegung der Welt und in der Folge der Reiche nichts anderes zu sehen als eine Reihe von Thatsachen, untergeordnet den Bestimmungen des jüdischen Volkes. Frühzeitig war Jesus von diesen hohen Hoffnungen durchdrungen. Vielleicht kannte er auch das Buch Henoch, das damals den heiligen Schriften gleichgestellt wurde und auch andere Schriften dieser Art, die den Volksgeist so sehr bewegten. Die Ankunft des Messias mit ihrer Glorie und ihrem Schrecken, das Aufeinanderstürzen der Völker, das Zusammenbrechen von Himmel und Erde, wurden vertraute Stoffe seiner Phantasie. Und da diese Umwälzungen für bevorstehend gehalten wurden, viele Leute deren Zeitpunkt zu berechnen suchten, schien ihm das Übernatürliche, in das uns solche Visionen versetzen, völlig natürlich und einfach. Daß er von dem allgemeinen Weltenzustand keine Kenntnis hatte, zeigt sich aus jedem Zug der authentischsten seiner Reden. Die Erde scheint ihm noch in Reiche geteilt zu sein, die sich gegenseitig bekriegen; er scheint nichts vom »römischen Frieden« zu wissen und dem neuen Gesellschaftszustand, der sein Jahrhundert einleitete. Er hatte keinen klaren Begriff von der römischen Macht, nur der Name »Cäsar« wurde ihm bekannt. Er sah in Galiläa oder in dessen Nachbarschaft Tiberias, Julias, Diocäsarea, Cäsarea bauen, Prachtwerke der Heroden, die hiermit ihre Bewunderung für römische Civilisation, ihre Ergebenheit den Mitgliedern der Familie Augustus erweisen wollten, deren Namen, durch eine Schicksalslaune, heutigestags in bizarrem Wandel zur Bezeichnung der elendsten Beduinenweiler dienen. Er sah wahrscheinlich auch Sebasta, das Werk Herodes des Großen, eine Prachtstadt, deren Ruinen glaubhaft machen könnten, sie sei fertig wie eine Maschine an Ort und Stelle gebracht und aufgestellt worden. Diese Prunkarchitektur, die in Schiffsladungen nach Judäa gebracht wurde, diese Hunderte von Säulen gleichen Durchmessers, die irgendwelcher geschmacklosen Hauptstraße als Zierat dienen konnten – das ist es, was er »die Reiche dieser Welt und ihre Herrlichkeit« nannte. Aber dieser Luxus auf Kommando, diese administrative und offizielle Kunst mißfielen ihm. Was er liebte waren seine galiläischen Dörfer, ein buntes Durcheinander von Hütten, Tennen, in Fels gehauenen Weinkellern, Brunnen, Gräbern, Feigen- und Olivenbäumen. Er blieb stets in der Nähe der Natur. Der Hof der Könige dünkte ihn ein Ort, wo die Leute herausgeputzt dahergingen (Matth. XI, 8). Die reizenden Unmöglichkeiten, deren seine Parabeln voll sind, wenn er von Königen oder Mächtigen spricht, beweisen, daß er die aristokratische Gesellschaft nie anders betrachtete als ein junger Dörfler, der die Welt durch die Prisma seiner Naivität beschaut. Fremder noch war ihm der neue Gedankengang, der durch die griechische Wissenschaft geschaffen wurde, der die Basis jeder Philosophie bildet und den die moderne Wissenschaft laut anerkannt hat, die Ausschließung der Götterwesen, denen der naive Glauben des Altertums die Regierung des Weltalls beimaß. Etwa ein Jahrhundert vor ihm hatte Lucretius in bewundernswerter Weise die Unveränderlichkeit der allgemeinen Ordnung in der Natur dargelegt. Die Leugnung des Wunders, der Gedanke, daß alles in der Welt nach Gesetzen sich regelt, an die das persönliche Zuthun höherer Wesen keinen Anteil hat, wurde in den hohen Schulen aller Länder gelehrt, die sich von der griechischen Wissenschaft nährten. Vielleicht war dies selbst Babylon und Persien bekannt. Jesus wußte nichts von diesem Fortschritt. Obwohl in einer Zeit geboren, in der das Prinzip positiver Wissenschaft schon verkündet wurde, lebte er doch inmitten des Übernatürlichen. Nie mochten die Juden vom Verlangen nach dem Wunderbaren erfüllter gewesen sein. Philo, der in einem großen geistigen Centrum lebte und eine umfassende Erziehung genoß, besaß nur ein chimärisches Wissen von geringem Gehalt. Jesus unterschied sich in diesem Punkte nicht von seinen Landesgenossen. Er glaubte an den Teufel, den er für eine Art Genius des Bösen hielt (Matth. VI, 13) und wie die andern wähnte auch er, daß die Nervenkrankheiten von Dämonen herrühren, die sich des Kranken bemächtigen und ihn durchrütteln. Das Wundervolle galt ihm nicht als Ausnahme, sondern als Regel. Der Begriff des Übernatürlichen mit seinen Unmöglichkeiten tritt erst dann zu Tage, wenn die experimentierende Naturwissenschaft beginnt. Der Mensch, dem jeder Begriff der Physik fehlt, der glaubt, daß er durch Gebete den Zug der Wolken ändern könne, Krankheiten, ja selbst den Tod bannen, findet im Mirakel nichts Außergewöhnliches, weil für ihn aller Dinge Lauf das Resultat des freien Willens der Gottheit ist. Dies war auch stets der geistige Standpunkt Jesu. Aber in seiner großen Seele brachte ein solcher Glauben eine Wirkung hervor, entgegengesetzt der, die er auf die Menge ausübte. Bei dieser verursachte der Glaube an das persönliche Wirken Gottes eine thörichte Leichtgläubigkeit und den Trug der Charlatanerie. Bei ihm jedoch hielt er sich an die tiefe Erkenntnis der familiären Beziehungen des Menschen zu Gott und an einen übertriebenen Glauben an die Macht des Menschen, holde Irrtümer, die das Prinzip seiner Macht wurden. Denn wenn sie ihn auch eines Tages in den Augen des Physikers und Chemikers als befangen hinstellen mußten, so gaben sie ihm doch eine Macht über seine Zeit, die keine Person vor ihm oder nach ihm je besessen hat. Früh schon zeigte sich sein eigenartiger Charakter. Die Legende gefällt sich darin, ihn schon in seiner Kindheit als widerspenstig gegen die väterliche Autorität zu zeigen, indem er von der gewöhnlichen Bahn abweicht um seinem Berufe zu folgen (Luk. II, 42. Die apokryphischen Evangelien enthalten eine Fülle ähnlicher, oft ins Groteske verzerrter Geschichten). Sicher ist wenigstens, daß die verwandtschaftlichen Verhältnisse von ihm gering geachtet wurden. Seine Familie scheint ihn nicht geliebt zu haben (Matth. XIII, 57; Mark. VI, 4; Joh. VII, 3) und zuweilen ist auch er hart gegen sie (Matth. XII, 48; Mark. III, 33; Luk. VIII, 21; Joh. II, 4; Evangelium nach den Hebräern bei St. Hieronymus Dial. adv. Pelag. III, 2). Wie alle Menschen, die mit einem Gedanken ausschließlich beschäftigt sind, gelangte auch Jesus dahin, die Bande des Blutes wenig zu beachten. »Hier ist meine Mutter, hier sind meine Brüder,« sagte er auf seine Jünger weisend; »wer den Willen meines Vaters erfüllt, der ist mein Bruder, meine Schwester.« Die simpeln Leute verstanden das nicht und eines Tages kam ein Weib an ihm vorüber und rief aus: »Glücklich der Leib der dich geboren und die Brust, die dich gesäugt!« Er aber antwortete (Luk. XI, 27): »Glücklich vielmehr, der das Wort Gottes vernimmt und ihm gehorcht.« Bald ging er in seinem Widerstand gegen die Natur noch weiter und wir werden sehen, wie er alles was dem Menschen wert ist, Verwandtschaft, Liebe, Vaterland mit Füßen tritt und nur noch Seele und Herz für den Gedanken hat, der sich ihm als die absolute Form des Guten und Wahren darstellt. Viertes Kapitel. Die Gedankenordnung, innerhalb der sich Jesus entwickelt. Wie die erkaltete Erde nicht mehr erlaubt, die Erscheinungen der ursprünglichen Schöpfung zu verstehen, weil das Feuer, das sie durchdrang, erloschen ist, so haben auch die historischen Erklärungen stets etwas Ungenügendes, gilt es unsere schüchterne Untersuchung auf Umwälzungen der Schöpfungsepochen anzuwenden, die das Schicksal der Menschheit entschieden haben. Jesus lebte in einer Zeit, wo die Partie des öffentlichen Lebens ganz offen gespielt wurde, wo der Einsatz menschlicher Thätigkeit hundertfach gesteigert wurde. Jede große Rolle bringt den Tod. Denn derartige Bewegungen setzen Freiheit voraus und den Mangel an Präventivmaßregeln, die nicht ohne furchtbares Gegengewicht existieren können. Heute wagt der Mensch wenig und gewinnt auch wenig. In den heroischen Zeiten menschlicher Thätigkeit wagte der Mensch alles und gewann alles. Die Guten, die Bösen – oder wenigstens die, welche sich dafür halten, oder dafür gehalten werden – bilden gegenüberstehende Heere. Über das Blutgerüst gelangt man zur Apotheose. Die Charaktere haben Kennzeichen, die sie wie ewige Typen der Menschheit ins Gedächtnis graben. Außerhalb der französischen Revolution war keine historische Mitte so geeignet die verborgenen Kräfte zu entfalten, welche die Menschheit sozusagen in Reserve hält und nur an ihren Fiebertagen oder wenn ihr Gefahr droht sehen läßt, wie die in der Jesus sich bildete. Wäre die Regierung der Welt ein spekulatives Problem und der bedeutendste Philosoph auch der geeigneteste Mensch um den Menschen zu sagen, was sie glauben sollen, so würden aus der Ruhe, aus dem Nachdenken die großen moralischen und dogmatischen Regeln entstehen, die man Religion nennt. Doch anders ist es. Çakya-Muni ausgenommen, sind die großen Religionsstifter keine Metaphysiker gewesen. Selbst der aus dem reinen Gedanken hervorgegangene Buddhismus hat nur aus politischen und moralischen Gründen die Hälfte Asiens erobert. Was die semitischen Religionen betrifft, so sind sie so wenig philosophisch wie nur möglich ist. Moses und Mohammed waren keine spekulative Menschen, sondern Männer der That. Sie haben die Menschen beherrscht, indem sie ihre Landsleute, ihre Zeitgenossen zum Handeln veranlaßten. Auch Jesus war kein Theologe, kein Philosoph mit einem mehr oder minder regelrechten System. Um sein Jünger zu werden, mußte man keine Formeln unterschreiben, kein Glaubensbekenntnis verkünden; man mußte nur zu ihm halten, ihn lieben. Er disputierte nie über Gott, denn er fühlte ihn unmittelbar in sich. Die Klippe metaphysischer Klügelei, an die das Christentum mit Beginn des 3. Jahrhunderts stieß, wurde nicht vom Stifter geschaffen. Jesus hatte weder Dogmen, noch ein System, sondern eine starke persönliche Entschlossenheit, die, nachdem sie jeden andern Willen gegenüber sich kräftiger erwies, noch jetzt das Geschick der Menschheit lenkt. Von der babylonischen Gefangenschaft bis zum Mittelalter hat das jüdische Volk den Vorteil gehabt, sich immer in einer sehr gespannten Situation zu befinden. Das ist es, weshalb die Vertreter des Geistes die Nation während dieser langen Periode unter dem Einfluß eines heftigen Fiebers zu schreiben scheinen, das sie stets unter oder über die Vernunftgrenze zeigt, selten in der Mitte. Nie hatte der Mensch das Problem der Zukunft und seines Geschickes mit einem so verzweifelten, zum äußersten entschlossenen Mut erfaßt. Indem sie das Schicksal der Menschheit nicht trennten von dem ihres kleinen Volkes, waren die jüdischen Denker die ersten, die Sorge getragen haben für eine allgemeine Theorie vom Gange des Menschengeschlechts. Griechenland, stets in sich selbst verschlossen und nur die Zänkereien seiner kleinen Städte beachtend, hat bewundernswerte Historiker gehabt. Aber vor der römischen Epoche würde man bei ihnen vergeblich ein allgemeines System der Philosophie der Geschichte suchen, das die ganze Menschheit umfaßt. Der Jude dagegen hat, Dank einer Art prophetischen Sinnes, die Geschichte in die Religion gebracht. Vielleicht verdankt er etwas von diesem Geiste Persien. Dieses faßte seit alter Zeit die Geschichte der Welt als eine Reihe von Evolutionen auf, deren jeder ein Prophet vorsteht. Jeder Prophet hat sein »Hasar,« sein tausend Jahre währendes Reich (Chiliasmus) und diesen aufeinander folgenden Zeitaltern – ähnlich den Millionen Jahrhunderten die jedem Buddha Indiens zugehören – bilden den Faden der Ereignisse, die das Reich des Ormuzd vorbereiten. Am Ende der Zeiten, wenn der Kreis der Chiliasmen vollendet ist, kommt das definitive Paradies. Dann werden die Menschen glücklich sein, die Erde wird wie eine Ebene, es wird für alle Menschen nur eine Sprache, nur ein Gesetz, nur eine Regierung geben. Aber dem werden fürchterliche Übel vorausgehen. Dahak (der Satan Persiens) wird die Ketten brechen, die ihn fesseln, und sich auf die Welt stürzen. Zwei Propheten werden kommen, um die Menschen zu trösten und sie auf das große Ereignis vorzubereiten. Diese Ideen durchzogen die Welt, drangen auch nach Rom, wo sie einen Cyclus prophetischer Dichtungen inspirierten, deren Grundgedanken die Teilung der Geschichte der Menschheit in Perioden war, die Aufeinanderfolge der diesen Perioden entsprechenden Götter, eine vollständige Erneuerung der Welt und schließlich ein Goldenes Zeitalter (Vgl. Vergil Egl. IV; Servius über Vers 4 dieser Egl.; Nigidius, von Servius citiert, über Vers 10). Das Buch Daniel, das Buch Henoch, gewisse Teile der sibyllinischen Bücher (III, 97-817) sind der jüdische Ausdruck derselben Lehre. Gewiß mußten das die Gedanken aller sein. Anfangs wurden sie nur von einigen erfaßt, die eine lebhafte Phantasie hatten und den fremden Doktrinen geneigt waren. Der beschränkte und trockene Verfasser des Buches Esther hat nie anders an die Welt gedacht, als um sie zu verachten und ihr übel zu wollen (VI, 13, VII, 10, VIII, 7, 11-17, IX, 1-22 und in den apokryph. Teilen: IX, 10, 11, XIV, 13, XVI, 20, 24). Der enttäuschte Epikuräer, der den Prediger Salamonis schrieb, dachte so wenig an die Zukunft, daß er es sogar für unnütz findet, für seine Kinder zu arbeiten; in den Augen dieses egoistischen Hagestolzes ist aller Weisheit Schluß: sein Vermögen in Leibrente anzulegen (I, 11, II, 16, 18-24, III, 19-22, IV, 8, 15, 16, V, 17, 18, VI, 3, 6, VIII, 15, IX, 9, 10). Allein die großen Dinge in einem Volke geschehen gewöhnlich durch die Minderheit. Trotz seiner enormen Fehler: Härte, Egoismus, Spottsucht, Grausamkeit, Engherzigkeit, Klügelei und Sophismus, war das jüdische Volk doch der Urheber der herrlichsten Bewegung uneigennütziger Begeisterung, von der die Geschichte spricht. Die Opposition bildet stets den Ruhm eines Landes. Im gewissen Sinne sind die Größten der Nation die, welchen sie den Tod giebt. Sokrates hat den Ruhm Athens gebildet, das wähnte, nicht mit ihm existieren zu können. Spinoza war der größte Jude der Neuzeit und die Synagoge hat ihn verächtlich ausgestoßen. Jesus war der Ruhm des Volkes Israel, das ihn gekreuzigt hat. Ein gigantischer Traum verfolgte jahrhundertelang das jüdische Volk, der es in seiner Abgelebtheit stets verjüngte. Fremd der Lehre von einer persönlichen Belohnung, die Griechenland unter dem Namen Unsterblichkeit der Seele verbreitet hat, konzentrierte Juda seine ganze Liebe und sein ganzes Verlangen auf seine nationale Zukunft. Es glaubte die göttliche Verheißung einer endlosen Zukunft zu haben, und da die bittere Wirklichkeit vom neunten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung an immer mehr der Gewalt die Weltherrschaft gab, jene Bestrebungen brutal zurückdrängend, so versuchte er die unmöglichsten Gedankenverbindungen, die seltsamsten Wendungen. Vor der babylonischen Gefangenschaft, als durch die Absonderung der Stämme des Nordens die ganze irdische Zukunft der Nation geschwunden war, träumte sie von der Wiederherstellung des Hauses Davids, von der Versöhnung der beiden Bruchteile des Volkes, von dem Sieg der Theokratie und des Jehovakultus über den Götzendienst. In der Epoche der Gefangenschaft sah ein Dichter, voll der Harmonie, den Glanz eines künftigen Jerusalems, dem die Völker und fernen Inseln tributär sein werden, unter so zarten Farben, daß man annehmen möchte, ein Strahl der Blicke Jesu habe ihn in einer Distanz von sechs Jahrhunderten durchdrungen (Jesaias LX u.s.w.). Cyrus Sieg schien eine Zeit lang alle Hoffnungen zu verwirklichen. Die ernsten Schüler der Avesta und die Anbeter Jehovahs hielten sich für Brüder. Persien war durch die Verbannung des vielfältigen »Dewas« und durch die Verwandlung dessen in »Diws« (Dämonen) dahingelangt, daß es die alten arischen, hauptsächlich naturalistischen Phantasien, zu einem gewissen Monotheismus umformte. Der prophetische Ton einiger Lehren Irans ähnelt manchen Schriften Hoseas und Jesaias. Israel erholte sich unter den Achemeniden und flößte unter Xerxes (Ahasverus) den Iraniern selbst Furcht ein. Doch der siegreiche, oft brutale Einzug der griechischen und römischen Civilisation in Asien warf Israel wieder in seine Träume zurück. Mehr als je rief es den Messias an, als Rächer und Richter der Völker. Er brauchte eine vollständige Neuerung, eine Revolution, die den Erdball in seiner Grundfeste erschüttere, um den ungeheueren Rachedurst zu löschen, den das Gefühl seiner Überlegenheit und der Anblick seiner Erniedrigung bei ihm erregt hatte. Hätte Israel der sogenannten spiritualistischen Lehre sich zugeneigt, wonach der Mensch aus zwei Teilen besteht, Körper und Geist, und die es daher für ganz natürlich erachtet, daß die Seele weiterlebt, während der Körper verwest, so hätte dieser Anfall von Wut und kräftiger Verwahrung keine Berechtigung gehabt. Doch diese, von der griechischen Philosophie ausgegangene Lehre war nicht in den Traditionen des jüdischen Geistes vorhanden. Die alten hebräischen Schriften wissen nichts von künftiger Vergeltung oder Strafe zu sagen. So lange der Gedanke der Solidarität des Stammes bestand, war es natürlich, daß man nicht eine strenge Verteilung nach den Verdiensten des einzelnen in Betracht zog. Um so schlimmer für den Frommen, der in einer gottlosen Zeit geboren wurde, ihm wurde wie den andern das öffentliche Unglück, die Folge allgemeiner Gottvergessenheit. Diese von den Weisen der Patriarchenzeit überkommene Auffassung führte immer mehr zu unhaltbaren Widersprüchen. Schon zu Hiobs Zeit war sie im Wanken. Die Greise von Theman, die sich zu ihr bekannten, waren Männer, die hinter ihrer Zeit zurückgeblieben; und der Elihu, der dazwischen kam, wagte gleich beim Beginn den revolutionären Gedanken auszusprechen: »Die Weisheit ist nicht mehr bei den Greisen« (Hiob XXXIII, 9). Mit den Verwickelungen, die seit Alexander die Welt erfahren hatte, wurde der alte themanische und mosaische Grundsatz noch unerträglicher. Israel war nie treuer den Geboten als zur Zeit, bevor es die Verfolgungen des Antiochus erlitten hatte. Nur ein Redner, der alte sinnlose Phrasen zu wiederholen gewohnt war, wagte zu behaupten, all dieses Unheil sei eine Folge der Untreue des Volkes (Esther XIV, 6; Apokryph. Brief Baruchs). Was! Diese Opfer ihres Glaubens, diese heldenhaften Makkabäer, diese Mutter mit ihren sieben Söhnen sollte Gott für ewig vergessen und der Vernichtung im Grabe preisgeben? Einen ungläubigen und weltlichen Sadducäer mochte wohl vor einer solchen Folgerung nicht bangen; ein vollkommener Weiser, wie Antigones von Soco, mochte wohl erklären, man übe nicht die Tugend aus wie ein Sklave, der den Lohn erhofft, man müsse auch ohne Hoffnung tugendhaft sein – jedoch der großen Menge konnte das nicht genügen. Die Anhänger des Prinzips der philosophischen Unsterblichkeit stellten sich den Gerechten vor als in Gottes Gedächtnis fortlebend, glorreich für immer im Angedenken der Menschen, die Gottlosen richtend, die sie verfolgt haben (Pirke Aboth I, 3; Weisheit Kap. II-VI; De rationibus imperio angeb. von Josephus 8, 13, 16, 18). »Sie leben vor Gottes Antlitz«... »Sie sind von Gott gekannt« – das ist ihr Lohn. Andere, besonders die Pharisäer, nahmen das Dogma der Auferstehung an. Die Gerechten werden von neuem leben um des messianischen Reiches teilhaft zu werden. Sie werden aufs neue leben in ihrem Fleische und in einer Welt, wo sie Könige und Richter sein werden: sie werden den Triumph ihrer Gedanken sehen, die Erniedrigung ihrer Feinde. Bei dem Israel frühester Zeit findet man nur sehr unbedeutende Spuren dieses Grunddogmas. Der Sadducäer der nicht daran glaubte, war eigentlich der alten jüdischen Lehre treu; die Anhänger der Auferstehungslehre, die Pharisäer waren die Neuerer. Aber in der Religion ist es immer die eifrige Partei, die Neuerungen hervorbringt; sie schreitet vor und zieht die Folgerungen. Die Auferstehung, ein Gedanke, grundverschieden von der Unsterblichkeit, ging übrigens ganz natürlich aus den früheren Lehren und der Situation des Volkes hervor. Vielleicht trug auch Persien etwas dazu bei. Immerhin bildete sie, vereint mit dem Glauben an den Messias und der Lehre von der nahen Erneuerung aller Dinge, jene apokalyptische Lehren, die ohne Glaubensartikel zu sein (der orthodoxe Sanhedrin zu Jerusalem scheint sie nicht angenommen zu haben), Eingang bei allen Geistern fanden und in der ganzen jüdischen Welt eine besonders starke Gährung hervorbrachten. Der totale Mangel an dogmatischer Strenge ließ in einer Hauptsache wie diese, gleichzeitig die widersprechendsten Vorstellungen zur Geltung kommen. Bald sollte der Gerechte die Auferstehung erwarten (Joh. XI, 24); bald sollte er gleich nach seinem Tode in Abrahams Schoß aufgenommen werden (Luk. XVI, 22), bald galt die Auferstehung für alle, bald wieder sollte sie nur den Gläubigen zu teil werden (Dan. XII, 2; 2. Mark. VII, 14). Bald setzte sie eine erneute Erde und ein neues Jerusalem voraus, bald dagegen eine vorausgegangene Zerstörung des Weltalls. Jesus trat, als seine Gedanken rege wurden, in die glühende Atmosphäre, die von den oben erörterten Ideen in Palästina geschaffen wurde. Diese Ideen wurden in keiner Schule gelehrt, doch sie lagen in der Luft und seine Seele wurde frühzeitig davon durchdrungen. Unser Schwanken, unser Zweifel berührte ihn niemals. Auf dem Gipfel des Berges Nazareth, den kein Mensch unserer Tage betreten kann, ohne ein Gefühl der Beunruhigung über sein vielleicht frivoles Geschick, hat Jesus sicherlich zwanzigmal gesessen. Frei von Selbstsucht der Quelle unserer Betrübnis, die uns mit Bitterkeit nach einem Interesse für die Tugend jenseits des Grabes suchen läßt, dachte er nur an sein Werk, an seine Rasse, an die Menschheit. Diese Berge, dieses blaue Meer, dieser azurne Himmel, diese Hochebenen am Horizonte, waren für ihn nicht die melancholische Vision einer Seele, die die Natur über sein eigenes Schicksal befragt, sondern das bestimmte Symbol, der durchsichtige Schatten einer unsichtbaren Welt, eines neuen Himmels. Den politischen Geschehnissen seiner Zeit legte er nie eine große Bedeutung bei, wahrscheinlich war er auch bezüglich derer ungenügend unterrichtet. Die Dynastie der Heroden lebte in einer Welt, die so verschieden von seiner war, daß er sie zweifellos nur dem Namen nach kannte. Herodes der Große starb ungefähr um das Jahr als er geboren wurde, unvergängliche Erinnerungen hinterlassend, Denkmäler, welche die mißgünstigste Nachwelt zwingen müßten, seinen Namen dem des Salomos beizufügen und nichtsdestoweniger ein unvollendetes Werk hinterlassend, das fortzusetzen unmöglich war. Ein ehrgeiziger Weltling, verirrt in einem Labyrinth religiöser Kämpfe, hatte dieser listige Idumenäer den Vorteil, welchen Kaltblütigkeit und Verstand, entkleidet der Moral, mitten unter leidenschaftlichen Fanatikern gaben. Doch seine Idee eines weltlichen Reiches Israel würde, wie die ähnlichen Projekte Salomos, an den von dem Charakter der Nation selbst ausgehenden Schwierigkeiten gescheitert sein, wären sie auch bei dem vorhandenen Zustand der Welt kein Anachronismus gewesen. Seine drei Söhne waren nur Statthalter der Römer, ähnlich den Rajah Indiens unter englischer Herrschaft. Antipator oder Antipas, der Tetrarch von Galiläa und Peräa, dessen Unterthan Jesus sein lebelang war, war ein träger, unbedeutender Fürst, ein Günstling und Schmeichler des Tiberius, und ließ sich oft von dem schlechten Einfluß seines zweiten Weibes Herodias verleiten. Philippus, der Tetrarch von Golonitis und Batanea, dessen Gebiet Jesus oft bereiste, war ein viel besserer Herrscher. Was Archelaus, den Ethnarchen von Jerusalem betrifft, so konnte ihn Jesus nicht kennen, denn er war erst etwa zehn Jahre alt, als dieser schwache und charakterlose, zuweilen aber gewaltthätige Mensch von Augustus abgesetzt wurde. Derart ging für Jerusalem die letzte Spur von Autonomie verloren. Vereint mit Samaria und Idumäa bildete Judäa eine Art Anhängsel der Provinz Syrien, deren kaiserlicher Legat eine sehr bekannte Konsularperson war, der Senator Publius Sulpicius Quirinius. Dort folgte nun eine Reihe römischer Landpfleger, die in allen bedeutenden Angelegenheiten den kaiserlichen Legaten in Syrien untergeordnet waren: Coponius, Marcus Ambivius, Annius Rufus, Valerius Gratus und endlich – im Jahre 26 unserer Zeitrechnung – Pontius Pilatus, alle stets bemüht den Vulkan, der unter ihren Füßen ausbrach, zum Erlöschen zu bringen. Fortwährende Aufwiegelungen, hervorgerufen von den Zeloten des Mosaismus, hielten während der ganzen Zeit Jerusalem in Aufregung. Dem Aufrührer war der Tod sicher; doch dieser wurde mit Begier gesucht, wo es sich um eine Integrität der Gebote handelte. Das Abreißen der Adler, die Zerstörung der von Herodes geschaffenen Kunstwerke und derer, wo die mosaischen Vorschriften nicht immer beachtet wurden, Auflehnung wider die von den Prokuratoren errichteten Votivtafeln, deren Aufschriften mit Götzendienst befleckt schienen – das waren die steten Versuchungen für die Fanatiker, die zu einem Grad der Exaltation gelangt waren, in dem man das Leben nicht mehr beachtet. Juda, der Sohn des Sariphäus, Mathias, der Sohn des Margaloths, zwei gefeierte Glaubenslehrer, bildeten so eine Partei des kühnen Angriffs auf die bestehende Ordnung, eine Partei, die selbst durch die Hinrichtung der Führer nicht vernichtet wurde. Von einer gleichen Aufregung wurden auch die Samaritaner erfaßt. Es scheint, daß das Gesetz nie leidenschaftlichere Anhänger hatte, als zur Zeit, wo der schon lebte, welcher es durch die ganze Autorität seines Genies und seiner großen Seele abschaffen sollte. Es begannen nun die »Zeloten« ( Kanaim ) oder »Sicarier« zu erscheinen (Mischna Sanh. IX, 6; Joh. XVI, 2; Jos. B. J. Buch IV), fromme Mörder, die sich's zur Pflicht machten, jeden zu töten, der in ihrer Gegenwart gegen das Gesetz sich vergehe. Vertreter eines andern Geistes, Thaumaturgen, die wie göttliche Personen betrachtet wurden, fanden Glauben zufolge des gebieterischen Bedürfnisses, welches das Zeitalter nach Übernatürlichem und Göttlichem hatte. Eine Bewegung von größerem Einfluß auf Jesus, war die Judas des Galoniters oder Galiläers. Von allen Lasten, die den jüngst eroberten Ländern von Rom aufgebürdet wurde, war der Census der unpopulärste. Die Maßregel, die ein an die Ausgaben einer großen Centralverwaltung wenig gewöhntes Volk stets in Staunen setzt, war den Juden ganz besonders verhaßt. Schon unter David finden wir, wie die Abschätzung heftige Vorwürfe und Anklagen der Propheten verursacht (2. Sam. XXIV). Der Census war thatsächlich die Grundlage der Steuer; die Steuer indes war nach der Anschauung reiner Theokratie beinahe eine Gottlosigkeit. Da Gott der alleinige Herr der Menschen ist, so bedeutet den Zehnten einem weltlichen Herrscher bezahlen, fast so viel wie diesen an Gottes Stelle setzen wollen. Die jüdische Theokratie, der der Staatsgedanke völlig fremd war, zog hiermit nur die letzte Folgerung: die Negierung der bürgerlichen Gesellschaft und der Regierung. Das Geld öffentlicher Kassen galt für gestohlenes Geld. Die von Quirinius im Jahre 6 u.Z. angeordnete Abschätzung erweckte diese Anschauung wieder machtvoll und schuf eine große Gährung. In den Nordprovinzen brach die Bewegung hervor. Ein gewisser Juda aus Gamala, am östlichen Ufer des Sees von Tiberias und ein Pharisäer Namens Sadok schufen, die Rechtmäßigkeit der Steuern leugnend, eine große Schule, die bald zur offenen Revolte griff. Die Hauptsätze dieser Schule waren, man dürfe keinen »Herrn« nennen, weil dieser Titel Gott allein gebühre, und die Freiheit sei mehr wert als das Leben. Juda hatte sicherlich noch andere Hauptregeln, die Josephus, der stets darauf bedacht war, seine Genossen nicht bloßzustellen, absichtlich mit Schweigen überging. Denn es läßt sich nicht gut begreifen, warum ihm einer so einfachen Anschauung wegen der jüdische Historiker eine Stelle unter den Philosophen seines Volkes einräumte, daß er ihn gewissermaßen als Stifter einer vierten Sekte betrachtete, der jene der Pharisäer, Sadducäer und Essäer parallel war. Juda war gewiß das Oberhaupt einer galiläischen Sekte, die von dem messianischen Gedanken erfüllt war und schließlich zu einer politischen Bewegung führte. Der Prokuratar Coponius unterdrückte wohl den Aufstand des Galoniters, doch seine Schule bestand weiter und behielt ihre Führer. Unter Führung Menahems, des Stifters Sohn, und eines gewissen Eleasars, seines Verwandten, findet man sie wieder sehr rührig in den letzten Kämpfen der Juden gegen Rom. Jesus sah vielleicht diesen Juda, der die jüdische Revolution ganz anders als er auffaßte; jedenfalls aber kannte er dessen Schule und es war vielleicht um dessen Irrtum zu begegnen, daß er die Regel von dem »Pfennig des Cäsars« aussprach. Der weise Jesus, fern jedem Aufstandsgedanken, benutzte den Fehler seines Vorgängers und träumte ein anderes Reich und eine andere Erlösung. So war denn Galiläa ein riesiger Schmelzofen, wo die verschiedensten Elemente in Fluß gerieten. Eine außerordentliche Lebensverachtung, oder besser gesagt, eine Art Verlangen nach dem Tod war die Folge dieser Agitationen. Die Erfahrung gilt nichts bei großen fanatischen Bewegungen. In der ersten Zeit der französischen Occupation sah Algerien jährlich Fanatiker erstehen, die erklärten, unverwundbar zu sein und von Gott gesandt, die Ungläubigen zu vertreiben. Im nachfolgenden Jahre schon war ihr Tod vergessen und ihre Nachfolger fanden nicht geringeren Glauben. Sehr hart von einer Seite, gewährte die damals noch wenig quälende römische Herrschaft anderseits wieder viel Freiheit. Diese großen brutalen, in der Unterdrückung fürchterlichen Mächte, waren nicht argwöhnisch wie es jene sind, die ein Dogma zu hüten haben. Sie ließen alles geschehen bis zur Stunde in der ihnen ein Eingreifen nötig schien. Bei seiner herumschweifenden Art wurde Jesus auch nicht ein einziges mal von der Polizei behindert. Diese Freiheit, und überdies das Glück, das Galiläa hatte, von der pharisäerischen Pedanterie minder bewegt zu werden, gaben diesem Landstrich einen wirklichen Vorzug vor Jerusalem. Die Revolution, oder mit einem andern Worte gesagt, der Messianismus beschäftigte da alle Köpfe. Man wähnte am Vorabend einer großen Neuerung zu stehen. Die Schrift, mit den verschiedensten Deutungen gequält, diente den ausgedehntesten Hoffnungen zur Nahrung. In jeder Zeile des schlichten Alten Testamentes erblickte man eine Versicherung, gewissermaßen ein Programm für das Zukünftige Reich, das dem Gerechten Frieden bringen sollte und das Werk Gottes für ewig bekräftigen. Jederzeit war diese Teilung in zwei dem Interesse und Geist nach sich entgegenstehenden Parteien für die jüdische Nation in moralischer Beziehung ein Prinzip der Fruchtbarkeit gewesen. Jedes zu hohen Bestimmungen berufene Volk muß eine kleine vollständige Welt bilden, das die entgegengesetzten Pole in sich trägt. Wenige Meilen voneinander entfernt, zeigte Griechenland Sparta und Athen, für den oberflächlichen Beobachter zwei Antipoden, in Wirklichkeit jedoch wetteifernde Schwestern, die sich gegenseitig nötig hatten. Dasselbe war mit Judäa. Im gewissen Sinne minder glänzend als zu Jerusalem, war die Entwickelung des Nordens im ganzen genommen doch viel fruchtbarer Die lebendigsten Werke des jüdischen Volkes kamen daher. Der vollständige Mangel an Naturgefühl, der eine gewisse Trockenheit, Engherzigkeit, Rauheit verursachte, gab hier den jerusalemitischen Werken einen zwar großartigen, aber auch düsteren, starren, abstoßenden Charakter. Mit seinen gravitätischen Gelehrten, seinen geschmacklosen Kanonikern, seinen heuchlerischen und trübsinnigen Frömmlern, hätte Jerusalem nie die Menschheit erobert. Der Norden gab der Welt die naive Sulamith, die demütige Kananäerin, die leidenschaftliche Magdalena, den gutartigen Pflegevater Joseph, die Jungfrau Maria. Der Norden hat das Christentum geschaffen; Jerusalem dagegen ist die wahre Heimat des verknöcherten Judaismus, der von Pharisäern gegründet, vom Talmud befestigt, das Mittelalter überdauernd, bis auf uns gelangt ist. Eine reizende Natur trug dazu bei, jenen minder strengen Geist zu schaffen, jenen, wenn ich sagen darf, monotheistischen Geist, der allen Träumen Galiläas eine idyllische und reizende Prägung gab. Der traurigste Landstrich der Welt mag vielleicht die Umgebung Jerusalems sein. Galiläa dagegen war ein sehr begrüntes, sehr schattiges und sehr lachendes Gefilde, die rechte Heimat des Hohenliedes und der Lieder des Vielgeliebten. In den Monaten März und April ist dieses Gebiet ein Blumenteppich von unvergleichlicher Farbenfrische. Die Tiere sind hier klein, aber sehr zahm. Zierliche, lebhafte Turteltauben, blaue Amseln, so leicht, daß sie sich auf einen Halm setzen, ohne ihn niederzudrücken, Haubenlerchen, die sich fast vor den Füßen des Wanderers niederlassen, kleine Bachschildkröten mit lebendigen, sanften Augen, Störche mit gravitätischen, ernsten Mienen, lassen den Menschen ganz nahe an sich herankommen, ja sie scheinen ihn sogar zu rufen. In keinem Lande der Welt zeigen sich die Berge in harmonischerer Gestalt, flößen sie höhere Gedanken ein. Jesus scheint sie besonders geliebt zu haben. Die wichtigsten Thaten seiner göttlichen Laufbahn ereigneten sich auf diesen Bergen; hier war er am begeistertsten, hier hatte er geheime Unterredungen mit den alten Propheten, hier zeigte er sich den Blicken seiner Jünger verklärt (Matth. V, 1; XIV, 23; Luk. VI, 12 – Matth. XVII, 1; Mark. IX, 1; Luk. IX, 28). Dieses schöne Land, das heute zufolge der riesigen Armut, die der Islam in das menschliche Leben brachte, so düster, so beklemmend geworden ist, wo aber alles, was der Mensch nicht zerstören konnte, noch den Überfluß, die Süße, die Zartheit atmet, zeigte zu Jesu Zeit die Fülle von Behagen und Frohsinn. Die Galiläer galten für energisch, wacker, arbeitsam. Tiberias ausgenommen, das von Antipas um das Jahr 15 unserer Zeit zu Ehren des Tiberias nach römischem Stil erbaut wurde, besaß Galiläa keine größeren Ortschaften. Nichtsdestoweniger war das Land stark bevölkert, mit kleinen Städten und großen Dörfern bedeckt und in allen seinen Teilen mit Fleiß kultiviert. Aus den vom alten Glanze noch übrig gebliebenen Ruinen erkennt man ein ackerbauendes Volk, das gar nicht für die Künste begabt war, sich wenig um Luxus kümmerte, das gleichgültig für die Schönheit der Form, das ausschließlich idealistisch war. Der Landstrich hatte Überfluß an frischen Wassern und Früchten; die großen Farmen waren von Reben und Feigenbäumen beschattet, die Gärten voll Citronenbäumen, Granatbäumen, Orangenbäumen. Der Wein war ausgezeichnet, wenn man nach dem urteilen darf, den die Juden in Safed noch heute keltern, und man trank viel. Dieses zufriedene und leicht zu befriedigende Leben führte nicht zu dem groben Materialismus unseres Bauern, zu der derben Heiterkeit einer fruchtbaren Normandie oder zu der schwerfälligen Frohheit des Vlämen. Es vergeistigt sich zu ätherischen Träumereien, zu einer Art poetischen Mysticismus, der Himmel und Erde vereinigt. Laßt den strengen Johannes den Täufer in seiner Wüste von Judäa Buße predigen, unaufhörlich grollen und von Heuschrecken, in Gesellschaft der Schackale leben! Warum sollten die Genossen des Jungvermählten fasten, während er bei ihnen ist? Die Freude soll einen Teil des Reiches Gottes bilden. Ist sie nicht eine Tochter der Herzensdemut, des guten Willens? So ist denn die ganze Geschichte der Entstehung des Christentums eine köstliche Idylle geworden. Ein Messias beim Hochzeitsgelage, den Courtisane und der gute Zachäus zu seinen Festen gerufen, die Stifter des göttlichen Reiches wie ein Zug Brautführer – das ist es, was Galiläa gewagt hat, was es zur Annahme gebracht hat. Griechenland hat durch die Skulptur und durch die Dichtkunst bewundernswerte Bilder des menschlichen Lebens geschaffen; doch diese sind stets ohne Perspektiv, ohne weiten Gesichtskreis. Hier fehlen Marmor, die tüchtigen Arbeiter, der gewählte, feine Ausdruck. Aber Galiläa hat für die Phantasie des Volkes das erhabenste Ideal geschaffen; denn hinter seiner Idylle bewegt sich das Schicksal der Menschheit und das Licht, das sein Bild erhellt, ist die Sonne des Reiches Gottes. Jesus lebte und wuchs in dieser entzückenden Umgebung. Seit seiner Kindheit pilgerte er fast jährlich zur Zeit der Feste nach Jerusalem (Luk. II, 41). Diese Pilgerfahrt war für die Juden der Provinzen eine sehr angenehme Festlichkeit. Reihen von Psalmen dienten dem Zwecke das Glück zu preisen, derart im Frühling mit der Familie tagelang über Hügel und Thäler zu ziehen, mit der Aussicht auf den Glanz Jerusalems, dem Schauer der geheiligten Tempelhallen, die Freude brüderlich vereint zu sein (Psalm LXXXIV, CXXII, CXXXIII; Vulg. LXXXIII, CXXI, CXXXII). Der Weg über Ginäa und Sichem, den Jesus nahm (Luk. IX, 51 ec.), ist derselbe, der heute noch benutzt wird. Von Sichem bis Jerusalem ist er sehr beschwerlich. Allein die Nachbarschaft der altgeheiligten Stätten von Silo und Bethel, an denen man vorüberzieht, hält die Seele wach. Aïn el Haramieh, die letzte Etappe, ist ein melancholischer, reizender Ort. Wenige Eindrücke nur sind mit dem zu vergleichen, den man erhält, wenn man hier sein Nachtlager aufschlägt. Das Thal ist eng und düster. Ein schwarzes Wasser springt aus den von Gräbern durchbrochenen Fels, der seine Wände bildet. Das ist, wie ich glaube, das »Thal der Thränen«, oder des sickernden Wassers, das in dem köstlichen 84. Psalm als eine der Stationen besungen wurde, aber für den sanften, traurigen Mysticismus des Mittelalters zum Sinnbild des Lebens geworden ist. Am nächsten Morgen gelangt man nach Jerusalem. Diese Erwartung hält noch heutzutage die Karawane aufrecht, kürzt den Abend und macht den Schlummer leicht. Diese Reisen, auf denen das Volk einen Gedankenaustausch vornimmt, und die immer die Geburtsstätten reger Bewegungen waren, setzten Jesus mit der Seele seines Volkes in Verbindung und flößten ihm sicherlich damals schon einen lebhaften Widerwillen ein gegen die Fehler der offiziellen Vertreter des Judaismus. Man sagte, die Wüste sei frühzeitig für ihn eine zweite Schule gewesen und er habe sich da lange aufgehalten (Luk. IV, 42, V, 16). Aber der Gott, den er dort fand, war nicht seiner. Das war höchstens der Gott Hiobs, streng und schrecklich, der keinem Gehör giebt. Zuweilen versuchte ihn der Satan. Dann kehrte er nach seinem teueren Galiläa zurück und fand seinen himmlischen Vater wieder, mitten der grünen Hügel und klaren Quellen, mitten der Kinderscharen und der Frauen, die mit freudiger Seele und der Engel Lobgesang im Herzen, das Heil Israels erwarteten. Fünftes Kapitel Die ersten Aphorismen Jesu. – Seine Ideen von einem Gottvater und von einer reinen Religion. – Seine ersten Jünger. Joseph starb bevor sein Sohn zu einer öffentlichen Rolle gekommen war. Maria blieb nun das Haupt der Familie und das erklärt es auch, warum Jesus, wenn man ihn von seinen zahlreichen Namensvettern unterscheiden wollte, zumeist als »Sohn der Maria« bezeichnet wurde (Mark. VI, 3; vgl. Matth. XIII, 55. Markus kennt Joseph nicht. Johannes und Lukas ziehen den Ausdruck »Sohn Josephs« vor, Luk. III, 23, IV, 22; Joh. I, 45, IV, 42). Es scheint, daß sie durch den Tod ihres Mannes fremd in Nazareth geworden ist und nach Kana zog (Joh. II, 1, IV, 46), wo sie geboren worden sein mochte. Kana war eine kleine Stadt, zwei oder zweiundeinehalbe Stunde von Nazareth entfernt, am Fuße der Berge, die gegen Norden die Ebene von Asoschis (jetzt El-Buttof) begrenzen. Die Aussicht, minder großartig als in Nazareth, erstreckt sich über die ganze Ebene und wird von den Bergen von Nazareth und den Hügeln von Sephoris sehr malerisch begrenzt. Es scheint, daß Jesus eine Zeitlang hier gewohnt habe. Vielleicht verstrich da ein Teil seiner Jugend und fanden da seine ersten Aufsehen erregenden Thaten statt. Er übte das Handwerk seines Vaters aus, der Zimmermann war (Mark. VI, 3; Justin. Dial. cum. Tryph. 88 ). Das war kein erniedrigender oder anstößiger Umstand. Der jüdische Brauch erforderte, daß der Mann, der sich der Geistesarbeit widmete, auch ein Handwerk erlerne. Die berühmtesten Gelehrten waren auch Handwerker, so war Paulus, der eine sorgfältige Erziehung genossen hatte, auch Zeltmacher. Jesus verheiratete sich nie. Seine ganze Liebe gab er dem, was er als seinen himmlischen Beruf betrachtete. Sein außergewöhnliches Zartgefühl für die Frauen trennte ihn nicht von der ausschließlichen Hingebung, die er für seine Idee hatte. Wie Franz von Assisi und Franz von Sales, behandelte auch er die Frauen, die sich demselben Werke widmeten wie er, als Schwestern; auch er hatte seine heilige Klara, seine Françoise von Chantal. Doch ist es wahrscheinlich, daß diese ihn mehr liebten, als sein Werk; er wurde sicherlich mehr geliebt, als er selbst liebte. So wie es oft bei erhabenen Naturen vorkommt, verwandelte sich bei ihm die Zärtlichkeit des Herzens in unendliche Sanftheit, in unbestimmte Poesie, in allgemeinen Reiz. Sein vertrauter und freier Umgang mit Frauen zweideutigen Wandels läßt sich ebenfalls aus der Leidenschaft erklären, die ihn an den Ruhm des Vaters fesselte und die ihm eine gewisse Eifersucht einflößte für alle schönen Wesen, die Gott dienen konnten (Luk. VII, 37; Joh. IV, 7, VIII, 3 ec.). Welches war Jesu Gedankengang in dieser dunkeln Periode seines Lebens? Mit welchen Betrachtungen versuchte er seine prophetische Laufbahn? Man weiß es nicht, denn seine Lebensgeschichte ist uns im Durcheinander überkommen, ohne genaue Chronologie. Aber die Entwickelung der lebenden Produkte ist überall dieselbe und es ist nicht zweifelhaft, daß auch die Entwickelung einer so gewaltigen Persönlichkeit wie Jesus nach genau bestimmenden Gesetzen vollzogen hat. Eine hohe Auffassung der Gottheit, die er nicht dem Judaismus entnahm, und die in allen ihren Teilen eine Schöpfung seiner großen Seele gewesen zu sein scheint, war sozusagen das Prinzip seiner Wahl. Hier müssen wir am meisten auf die Vorstellungen verzichten, die uns vertraut sind und auf seine Erörterungen, mit denen die kleinen Geister sich abmühen. Um Jesu Frömmigkeit recht zu verstehen, muß man von allem absehen, was sich zwischen uns und dem Evangelium gestellt hat. Deismus und Pantheismus sind die beiden Pole der Theologie geworden. Die armseligen scholastischen Erörterungen, die Geistesdürre eines Descartes, die große Irreligiosität des 18. Jahrhunderts haben, Gott verkleinernd und ihn durch Ausschließung alles dessen, was nicht er ist, beschränkend, jedes befruchtende Gefühl für Gott innerhalb des modernen Rationalismus ertötet. Ist Gott wirklich ein begrenztes Wesen außer uns, so ist derjenige, der mit ihm in besonderer Verbindung zu sein wähnt, ein »Hellseher«. Und da die physikalischen und physiologischen Wissenschaften erwiesen haben, daß jede übernatürliche Vision Täuschung sei, so ist es dem Deisten, wenn er einigermaßen konsequent ist, unmöglich die großen Glaubenslehren der Vergangenheit zu verstehen. Der Pantheismus wieder ist wegen Leugnung eines persönlichen Gottes von dem lebendigen Gott der alten Religionen weit entfernt. Männer, die Gott am höchsten erkannt haben, Çakya-Muni, Plato, Paulus, Franz von Assisi und in einigen Stunden seines regsamen Lebens auch Augustin – waren sie Deisten oder Pantheisten? Eine solche Frage hat keinen Sinn. Die physischen und metaphysischen Beweise für Gottes Existenz waren ihnen gleichgültig; sie fühlten die Gottheit in sich selbst. In der ersten Reihe dieser großen Familie der wahren Söhne Gottes steht Jesus. Er hatte keine Visionen. Gott sprach zu ihm nicht wie zu einem, der außer ihm steht. Gott war in ihm. Er fühlte sich eins mit Gott und was er von seinem Vater sagte, kam aus seiner Herzenstiefe. Er lebte stets im Schoß Gottes. Er sah ihn nicht, aber er hörte ihn, ohne daß er dazu, wie Moses, den Donner und den feurigen Dornbusch brauchte, oder wie Hiob, des offenbarenden Gewittersturms, oder wie die Weisen Griechenlands, des Orakels, eines Hausgenius, wie Sokrates, eines Engels Gabriel, wie Mohammed. Die Phantasien und Hallucinationen einer heiligen Theresia zum Beispiel, sind hier ungültig. Auch die Begeisterung des Sofi, der sich identisch mit Gott fühlt, ist etwas anderes. Jesus spricht gar nicht die sakrilegischen Gedanken aus, er sei Gott. Er wähnte in direkter Beziehung zu Gott zu stehen, er hielt sich für Gottes Sohn. Das höchste im Schoß der Menschheit bestandene Gefühl von Gott hatte Jesus. Man begreift anderseits wieder, daß Jesus, von so einer Seelenstimmung ausgehend, nicht zum spekulativen Philosophen gleich Çakay-Muni wird. Nichts steht der Scholastik ferner als das Evangelium. Die Reden, die das vierte Evangelium Jesu äußern läßt, enthalten schon den Kern der Theologie. Da sie aber mit den synoptischen Evangelien, die zweifellos die ursprüngliche Logia wiedergeben, in Widerspruch stehen, so sind sie zwar Dokumente der apostolischen Geschichte, aber keineswegs Elemente des Lebens Jesu. Die Spekulationen der griechischen Kirchenväter über das Wesen Gottes entspringen einem ganz andern Geist. Gott unmittelbar als Vater aufgefaßt, das ist Jesu ganze Theologie. Und das war ihm kein theoretisches Prinzip, kein mehr oder minder bewiesener Lehrsatz, den er andern beizubringen bestrebte. Er machte seinen Schülern gegenüber keine Räsonnements; er forderte von ihnen keine anstrengende Aufmerksamkeit. Er predigte nicht seine Meinung, er predigte sich selber. Große, uneigennützige Seelen zeigen oft neben dieser Größe den Charakter steter Aufmerksamkeit gegen sich selbst und besonderer persönlicher Empfindlichkeit, wie sie im allgemeinen Frauen eigentümlich ist (z.B. Joh. XXI, 15). Ihre Überzeugung, daß Gott in ihnen sei, daß er sich immer mit ihnen beschäftige, ist so groß, daß sie es nicht scheuen, sich den anderen aufzudrängen. Unsere Reserve, unsere Achtung der Meinung anderer gegenüber, die einen Teil unserer Ohnmacht bildet, ist ihnen fern. Diese übertriebene Persönlichkeit ist keineswegs Selbstsucht, denn solche Menschen, beseelt von ihrer Anschauung, opfern freudigst ihr Leben, um ihr Werk zu bekräftigen. Es ist vielmehr die höchste Identifikation des Ichs mit dem Gegenstande, den dieses Ich umfaßt hat. Für die, welche in den neuen Erscheinungen nur die persönliche Phantasie des Stifters sehen, gilt es als Stolz; für die, welche das Resultat in Betracht ziehen, ist es ein Zeichen Gottes. Der Narr streift hier an den Begeisterten, nur wird ersterem nie der Erfolg. Bisher hat die Geistesverwirrung noch nie ernstlich auf den Gang der Menschheit einwirken können. Jesus gelangte zweifellos nicht mit einem Schlage zu diesem hohen Bewußtsein seiner selbst. Aber es ist wahrscheinlich, daß er von seinem ersten Schritte an sein Verhältnis zu Gott als das eines Sohnes zum Vater betrachtete. Das ist seine große Ursprünglichkeit und dabei hat er nichts von seiner Rasse. Weder der Jude noch der Mohammedaner haben diese köstliche Liebestheologie verstanden. Der Gott Jesu ist nicht der schreckliche Herr, der uns tötet, wenn es ihm gefällt, verdammt, wenn es ihm gefällt, rettet, wenn es ihm gefällt. Der Gott Jesu ist unser Vater. Man vernimmt ihn, wenn man des leisen Tones lauscht, der in uns ruft: »Vater!« Der Gott Jesu ist nicht der parteiische Despot, der Israel als sein Volk auserwählt hat und es gegen alle bevorzugt. Er ist der Menschheit Gott. Jesus war kein Patriot wie der Makkabäer, kein Theokrat wie Juda, der Goloniter. Kühn über die Vorurteile seines Volkes sich erhebend, gründete er die Altvaterschaft Gottes. Der Goloniter behauptete, daß man eher sterben müsse, als einen andern als Gott mit »Herr« bezeichnen. Jesu überläßt diese Bezeichnung jedem, der ihn annehmen will und reserviert für Gott einen weit holderen Titel. Den Mächtigen der Erde, die für ihn die Vertreter der Gewalt sind, einen Respekt voll Ironie zugestehend, gründete er den höchsten Trost, die Zuflucht zum Vater, den jeder im Himmel hat, das wahre Reich Gottes, das jeder in seinem Herzen trägt. Die Bezeichnung »Reich Gottes« oder »Himmelreich« Das Wort »Himmel« ist in der rabbinischen Sprache jener Zeit gleichbedeutend mit »Gott«, dessen Namen auszusprechen, vermieden wurde. war der Lieblingsausdruck Jesu, um die Revolution auszudrücken, die er in diese Welt brachte. Wie fast alle messianischen Bezeichnungen, ist auch er dem Buche Daniel entnommen. Nach der Meinung des Verfassers dieses außergewöhnlichen Buches, sollte auf vier weltlichen Reichen, deren Sturz bestimmt ist, ein fünftes folgen, welches das der Heiligen sein und ewig währen werde. Dieses »Reich Gottes« auf Erden verursachte natürlich die verschiedenartigsten Auslegungen. Für die jüdische Theologie ist das »Reich Gottes« meist nur das Judentum selbst, die wahre Religion, der monotheistische Kultus, die Frömmigkeit. In der letzten Zeit seines Lebens glaubte Jesus, dieses Reich werde sich materiell verwirklichen durch eine plötzliche Erneuerung der Welt. Doch zweifellos war das nicht sein erster Gedanke. Die bewundernswerte Moral, die er aus der Bezeichnung Gottvater schöpft, ist nicht die eines Enthusiasten, der den Weltuntergang nahe wähnt und der sich durch ein asketisches Leben auf eine chimäre Katastrophe vorbereiten will; sie ist vielmehr die einer Welt, die leben will und gelebt hat. »Das Reich Gottes ist in euch«, sprach er zu denen, die mit Subtilität nach äußeren Zeichen suchten. Die realistische Auffassung von dessen göttlichen Beginn war nur eine Wolke, ein vorübergehender Irrtum, den der Tod vergessen ließ. Der Jesus, der das wahre Reich Gottes gegründet hat, das Reich der Sanften und Demütigen, das ist der Jesus der ersten Tage, der reinen ungetrübten Tage, wo die Stimme seines Vaters in seinem Innern in reinerem Klang widerhallte. Da war es, wo Gott einige Monate, vielleicht ein Jahr wirklich auf Erden wohnte. Die Stimme des jungen Zimmermanns nahm plötzlich einen außerordentlich milden Charakter an. Ein unerklärlicher Reiz ging von seiner Person aus und jene, die ihn bis dahin gesehen hatten, erkannten ihn nicht wieder (Matth. XIII, 54; Mark. VI, 2; Joh. VI, 42). Noch hatte er keine Jünger und die Gruppe, die zu ihm hielt, bildete weder eine Sekte, noch eine Schule. Doch man fühlte schon einen gemeinsamen Geist, etwas Durchdringendes und Sanftes. Sein liebenswürdiger Charakter und seine zweifellos anziehende Gestalt. Die Tradition von der Häßlichkeit Jesu (Justin. Dial. cum. Tryph. 85, 88, 100), entstammt dem Wunsche, ein angebliches Kennzeichen des Messias verwirklicht zu sehen (Jesaias LIII, 2). wie sie zuweilen bei der jüdischen Rasse zu finden sind, schufen gleichsam einen Zauberkreis um ihn, dem sich beinahe keiner von dieser gutmütigen, kindlichen Bevölkerung entziehen konnte. In der That wäre das Paradies auf Erden versetzt worden, wenn nicht die Ideen des jungen Meisters das Mittelmaß menschlicher Güte, über das hinaus das menschliche Geschlecht bis dahin sich nicht erheben konnte, bedeutend überstiegen hätten. Die Verbrüderung der Menschen, der Kinder Gottes und die sittlichen Konsequenzen, die daraus sich ergaben, wurden mit äußerstem Feingefühl entwickelt. Wie alle Rabbi jener Zeit wenig zu zusammenhängenden Erörterungen geneigt, schloß auch Jesus seine Lehre in kurze Aphorismen von ausdrucksvoller, zuweilen auch rätselhafter und bizarrer Form. Die Logia des Matthäus verbinden mehrere dieser Aphorismen zu einer längeren Rede. Doch die fragmentarische Form läßt sich durch die Nähte hindurch erkennen. Einige dieser Maximen entstammen den Büchern des Alten Testaments. Andere wieder waren Gedanken neuerer Weisen, besonders von Soco, von Jesus, dem Sohne Sirachs, und von Hillel, die zu ihm gedrungen waren, nicht zufolge gelehrter Studien, sondern als vielcitierte Sprichwörter. Die Synagoge war reich an glücklich gewählten Maximen, die eine Art festgesetzter Spruchlitteratur bildeten. Die Sprüche der jüdischen Gelehrten jener Zeit sind in dem Büchlein »Pirke Aboth« gesammelt. Jesus adoptierte diese mündlichen Lehren fast vollständig, doch er durchdrang sie mit einem höheren Geist. Die vom Gesetze und den Alten vorgezeichneten Pflichten gewöhnlich übertretend, wollte er Vollkommenheit. Alle Tugenden: Demut, Verzeihung, Barmherzigkeit, Selbstverleugnung und Selbststrenge – Tugenden, die man mit Recht christliche genannt hat, wenn man damit sagen will, daß sie wirklich von Christus gepredigt wurden – keimten schon in seiner ersten Belehrung. Was die Gerechtigkeit betrifft, so begnügte er sich mit der Wiederholung des allbekannten: »Was du nicht willst, daß man dir thu, das füg auch keinen andern zu«. Matth. VII, 12; Luk. VI, 31. Diese Regel kommt schon im Buche Tobias VI, 16, vor. Hillel führte sie stets im Munde (Talmud, 1. Babyl. Schabb. 31 a) und wie Jesus, bemerkte auch er, dies sei in aller Kürze das Gesetz. Allein diese alte, immerhin doch egoistische Weisheit, genügte ihm nicht; er übertrieb sie: »Wenn einer dir auf deine rechte Backe einen Streich giebt, so biete ihm auch die andere dar. Wenn einer mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, so laß ihm auch den Mantel« (Matth. V, 39; Luk. VI, 29. – Vgl. Jeremias Klagel. III, 30). »Wenn dich dein rechtes Auge ärgert, so reiß es aus und wirf es von dir« (Matth. V, 29, 30, XVIII, 9; Mark. IX, 46). »Liebet euere Feinde, segnet die euch fluchen, thut Gutes an denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen« (Matth. V, 44; Luk. VI, 27. – Vgl. Talmud von Babyl. Schabb. 88 b; Joma 23 a). »Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Vergebt und es wird euch vergeben. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Geben ist seliger als nehmen« (Matth. VII, 1; Luk. VI, 37. – Vgl. Talmud von Babyl. Kethuboth 105 b. – Luk. VI, 37. Vgl. 3. Moses XIX, 18; Sprüche Sal. XX, 22; Predig. XXVIII, 1. – Luk. VI, 36; Siphre 52 b (Sultzbach 1802). – Apostelg. XX, 35). »Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden, wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden« (Matth. XXIII, 12; Luk. XIV, 11, XVIII, 14. – Die von Hieronymus nach dem Evangelium der »Hebräer« mitgeteilten Sprüche bekunden denselben Geist). Was Almosenspenden, Barmherzigkeit, gute Werke verrichten, Sanftmut, Friedfertigkeit, vollständige Uneigennützigkeit des Herzens betrifft, so hat er der Lehre der Synagoge wenig beizufügen. V. Moses XXIV, XXV, XXVI ec.; Sprüche Sal. XIX, 17; Pirke Aboth 1; Talmud von Jerusalem Peah I, 1; Talmud von Baby., Schabb. 63 a. Doch er weiß da einen salbungsvollen Ton hineinzulegen, der die vor langer Zeit erdachten Aphorismen wieder neu erscheinen läßt. Die Moral besteht nicht aus mehr oder minder schön ausgedrückten Grundsätzen. Die Poesie der Vorschrift, die der Vorschrift Liebe bringt, ist mehr als die Vorschrift, als abstrakte Wahrheit genommen. Unleugbar haben die von Jesus seinen Vorgängern entlehnten Maximen im Evangelium eine ganz andere Wirkung, als im alten Gesetze, im Pirke Aboth, oder im Talmud. Nicht das alte Gesetz, nicht der Talmud haben die Welt erobert. Wenig ursprünglich wie die evangelische Moral auch an und für sich – wenn damit gesagt sein soll, daß sie fast gänzlich auf ältere Maximen zurückgeführt werden kann – so bleibt sie doch die höchste Schöpfung, die aus dem menschlichen Bewußtsein hervorgegangen ist, der schönste Kodex vollkommenen Lebens, den je ein Moralist verfaßt hat. Er sprach nicht wider das mosaische Gesetz; aber es ist klar, daß er dessen Ungenüglichkeit einsah und er ließ es auch merken. Er wiederholte stets, man müsse mehr thun, als was die alten Weisen gelehrt haben. (Matth. V, 20). Er verbot auch nur das geringste harte Wort. (Matth. V, 22.) Er untersagte die Ehescheidung (Matth. V, 31), den Eid (Matth. V, 33), er tadelte die Wiedervergeltung (Matth. V, 38), verdammte den Wucher (Matth. V, 42), er fand das wolllüstige Verlangen ebenso verbrecherisch wie den Ehebruch (Matth. V, 28; vgl. Talmud, Masseket Kalla). Er forderte, man müsse alle Beleidigungen verzeihen (Matth. V, 23). Das Motiv dieser Maximen höchster Barmherzigkeit war überall dasselbe: »Damit ihr Kinder eueres himmlischen Vaters seid, der die Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Thun das nicht auch die Zöllner? Wenn ihr nur eueren Brüdern freundlich gesinnt, was ist da Besonderes? Thun das nicht auch die Heiden? Seid vollkommen wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. (Matth. V, 45. Vgl. 3. Moses XI, 44; XIX, 2.) Ein reiner Kultus, eine Religion ohne Priester und ohne äußere Ceremonien, ganz auf den Gefühlen des Herzens, auf dem Nachstreben Gottes, auf der unmittelbaren Beziehung des Gewissens zum himmlischen Vater beruhend, waren die Folgen dieser Prinzipien. Jesus scheute nie die kühnen Folgerungen, die aus ihm, im Schoße des Judentums, einen Führer der Revolution machten. Wozu die Mittler zwischen dem Menschen und seinem Vater? Gott sieht nur auf das Herz, wozu also diese Reinigungen, diese Ceremonien, die nur den Körper betreffen? Selbst die Tradition, eine den Juden so heilige Sache, galt ihm nichts im Vergleich mit dem reinen Gefühl. (Mark. VII, 6). Die Heuchelei des Pharisäers, der beim Beten das Haupt wendete, um zu sehen, ob er beobachtet werde, der Aufsehen erregend sein Almosen gab und den Kleidern Merkzeichen anfügte, um als Frommer erkannt zu werden – alle diese Ränke falscher Frömmigkeit empörten ihn: »Sie haben ihren Lohn darin,« sagte er, »du aber, wenn du Almosen giebst, lasse deine linke Hand nicht wissen, was die rechte thut, daß dein Almosen verborgen bleibe. Und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir es öffentlich vergelten. Matth. VI, 1. Vgl. Prediger XVII, 18; XXIX, 15; Talmud von Baby. Chagiga 5 a, Baba Bathra 9 b. Und wenn du betest, so ahme nicht den Heuchlern nach, die gerne stehen und beten in den Synagogen und an den Straßenecken, daß sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn darin. Wenn du beten willst, so gehe in dein Kämmerlein und schließe die Thüre zu; bete zu deinem Vater im Verborgenen und der Vater, der das Verborgene sieht, wird dich erhören. Und wenn ihr betet, so sollt ihr nicht schwatzen wie die Heiden, die glauben, sie werden erhört, wenn sie viel Worte machen. Euer Vater weiß, was ihr bedürfet, ehe ihr darum bittet.« (Matth. VI. 5–8.) Er affektierte nicht die äußeren Zeichen der Askese; er begnügte sich damit, auf den Bergen und an einsamen Orten, wo der Mensch stets Gott gesucht hat, zu beten, oder vielmehr zu sinnen. Dieser hohe Begriff von den Beziehungen des Menschen zu Gott, deren so wenige Seelen, selbst nach ihm, fähig waren, faßte er in einem Gebete zusammen, das er seither seinen Jüngern lehrte: »Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Unser nötig Brot gieb uns heute und vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern. Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen (d. h. dem Teufel), denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.« Besonders betonte er, daß der himmlische Vater besser als wir wissen, was uns fehle, daß es fast eine Beleidigung sei von ihm etwas Bestimmtes zu erflehen. (Luk. XI, 5.) Jesus zog da nur die Konsequenzen der großen Grundsätze des Judentums, die aber die offiziellen Klassen des Volkes immer mehr zu verkennen strebten. Das Gebet der Griechen und Römer war zumeist nur ein egoistischer Wortschwall. Niemals hat ein Heidenpriester zu seinen Gläubigen gesagt: »Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst dabei eingedenk, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so gehe zuvor hin und versöhne dich mit ihm und opfere dann deine Gabe.« (Matth. V, 23, 24.) Die jüdischen Propheten, besonders Jesaias, sind die einzigen im Altertum, die in ihrer Abneigung gegen das Priestertum die wahre Natur des Kultus, den der Mensch Gott schuldet, einigermaßen erkannt haben. »Was soll nur die Menge euerer Opfer? Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fetts des Gemästeten und ich habe keine Lust zum Blut der Farren, der Lämmer und Böcke. Euer Räucherwerk ist mir ein Greuel, denn eure Hände sind voll Blut. Reinigt euere Gedanken, hört auf Böses zu thun, lernt das Gute, suchet die Gerechtigkeit und dann kommt.« (Jos. I, 11 ec.; LVIII; Hosea VI, Maleachi I, 10.) In der letzten Zeit waren einige Gelehrte: Simon der Gerechte, Jesus der Sohn Sirachs, Hillel, nahe dem Ziele und erklärten, daß das Wesentliche der Gebote die Gerechtigkeit sei. Philo kam in der jüdischen Welt Ägyptens fast gleichzeitig mit Jesu zu Anschauungen einer hohen sittlichen Heiligkeit, was eine geringe Sorgfalt für das Einhalten der vorgeschriebenen Ceremonien zufolge hatte. Schemaja und Abtalion zeigten sich auch mehr als einmal als sehr liberale Kasuisten. Bald stellte auch Rabbi Johanan die Werke der Barmherzigkeit über das Studium der Gesetze. Nichtsdestoweniger hat einzig nur Jesus die Sache wirksam dargelegt. Niemals war einer weniger Priester als es Jesu war, niemals jemand mehr Feind der Form, die die Religion unter dem Vorwand, sie schützen zu wollen, erdrückt. Dadurch sind wir alle seine Jünger und Nachfolger geworden; dadurch hat er den ewigen Grundstein der wahren Religion gelegt. Und wenn die Religion wirklich das Wesentliche der Menschheit bildet, so hat er dadurch den göttlichen Rang verdient, der ihm zugewiesen wurde. Eine absolut neue Idee, die Idee eines Kultus, der auf Herzensreinheit und allgemeine Brüderlichkeit begründet ist, zog durch ihn in die Welt ein, eine Idee, die so erhaben ist, daß die christliche Kirche in diesem Punkte Verrat an seinen Absichten üben sollte, und daß in unserer Zeit nur wenig Seelen fähig sind sie aufzunehmen. Ein treffliches Gefühl für die Natur lieferten ihm jederzeit ausdrucksvolle Bilder. Hier wurden seine Aphorismen durch jene merkwürdige Feinheit, die wir Geist nennen, gehoben; dort wieder erhielten sie die lebhafte Form durch die geglückte Anwendung volkstümlicher Sprichwörter: »Wie darfst du zu deinem Bruder sagen: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! Und siehe, ein Balken ist in deinem Auge. Heuchler! ziehe zuvor den Balken aus deinem Auge und dann trachte wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest. (Matth. VII, 4, 5; vgl. Talmud v. Baby. Baba Batth. 15, b. Erachin 16, b.) Solche Lehren, lange im Herzen des jungen Meisters verschlossen, sammelten schon einige Anhänger. Der Geist der Zeit war für das Sektenwesen; es war die Zeit der Essäer oder Therapeuten. Überall lehrten Rabbinen in ihrer eigenen Weise: Schemaja, Abtalion, Hillel, Schamai, Juda der Galoniter und noch viel andere, aus deren Maximen der Talmud geschaffen wurde. Man schrieb sehr wenig. Die jüdischen Gelehrten jener Zeit verfaßten keine Bücher: alles erfolgte in Unterredungen und öffentlichem Unterricht, den man eine leichtfaßliche Form zu geben versuchte Die Abfassung des Talmuds, dieses Resümee der ungeheueren Bewegung der Schulen, wurde erst im zweiten Jahrhundert u. Z. begonnen. Der Tag, an dem der junge Zimmermann aus Nazareth mit diesen Maximen auftrat, die meisten schon verbreitet waren, aber Dank seiner, erst die Welt regenerieren sollten, war also kein Ereignis. Es war ein Rabbi mehr (freilich der liebenswürdigste aller) und um ihn her einige junge Leute, begierig ihn zu hören und das Unbekannte zu erforschen. Die Unaufmerksamkeit der Menschen braucht Zeit, um überwunden zu werden. Es gab noch keine Christen; doch war das wahre Christentum bereits gegründet und sicherlich war es nie vollkommener als in dieser ersten Zeit. Jesus wird nichts Dauerndes mehr dazufügen. Was sage ich! Im gewissen Sinne wird er es bloßstellen. Denn jede Idee braucht Opfer zur Durchführung. Aus dem Kampfe des Lebens tritt man nie unversehrt heraus. Das Gute zu begreifen, genügt in der That noch nicht; man muß es unter den Menschen zur Geltung bringen. Dazu sind reine Mittel weniger nötig. Gewiß, wenn das Evangelium sich auf einige Kapitel von Matthäus und Lukas beschränkt hätte, so wäre es vollkommener geworden und hätte später nicht zu so viel Einwendungen Anlaß geboten. Aber hätte er ohne Wunder die Welt bekehrt? Wenn Jesus in dem Augenblick seiner Laufbahn gestorben wäre, den wir jetzt in Betracht zogen, so würde uns sein Leben jene uns verletzenden Stellen nicht zeigen. Aber, wenn auch größer in den Augen Gottes, den Menschen wäre er dann unbekannt geblieben. Er wäre verloren gegangen in der Menge der großen unbekannten Seelen, der besten von allen. Die Wahrheit wäre nicht verkündet worden, und die Welt hätte keinen Nutzen gehabt von der großen sittlichen Überlegenheit, die ihm sein Vater verlieh. Jesus, der Sohn Sirachs und Hillel haben fast ebenso hehre Aphorismen, wie Jesus ausgesprochen. Hillel wird indessen nie für den wahren Stifter des Christentums gelten. In der Moral wie in der Kunst ist Reden nichts, Handeln alles. Der Gedanke, der sich unter einem Bild von Raphael verbirgt, ist unbedeutend, nur das Bild selbst gilt. Ebenso erhält in der Moral die Wahrheit nur dann einen Wert, wenn sie zum Zustand des Gefühls übergeht, und den ganzen Wert, wenn sie sich in der Welt zum Zustand der That verkörpert. Männer von mittelmäßiger Moral haben sehr gute Maximen geschrieben; anderseits wieder haben sehr tugendhafte Männer nichts gethan, um die Tradition der Tugend in der Welt fortzusetzen. Die Palme gebührt dem, der in Wort und That mächtig war, der das Gute gefühlt hat und um den Preis seines Blutes es zum Triumph brachte. Vor diesem doppelten Gesichtspunkt steht Jesus einzig da; sein Ruhm bleibt ungemindert und wird sich stets erneuen. Sechstes Kapitel. Johannes der Täufer. – Jesu Reise zu Johannes und sein Aufenthalt in der Wüste von Judäa. – Er nimmt von Johannes die Taufe an. Ein außergewöhnlicher Mensch, dessen Rolle aus Mangel an Dokumenten für uns teilweise rätselhaft ist, erschien in dieser Zeit und hatte gewisse Beziehungen zu Jesu. Diese Beziehungen sollten wohl den jungen Propheten aus Nazareth von seiner Bahn ablenken, brachten ihn jedoch auf den Gedanken zu mehreren wichtigen Zuthaten seiner religiösen Einrichtung; und allenfalls lieferten sie seinen Jüngern eine sehr starke Autorität, um ihren Meister in den Augen einer bestimmten Klasse der Juden zu empfehlen. Gegen das Jahr 28 u. Z. – im 15. Jahr der Regierung des Tiberius – verbreitete sich in ganz Palästina der Ruf eines gewissen Johanan oder Johannes, eines jungen Asketen voll Leidenschaft. Johannes stammte von einem Priestergeschlecht und wurde vermutlich in Jutta bei Hebron, oder in Hebron selbst geboren. Hebron, die berühmte Patriarchenstadt, zwei Schritte von der Wüste von Judäa und wenige Stunden von der großen arabischen Wüste gelegen, war damals, was es noch heute ist: ein Bollwerk semitischen Geistes in seiner starrsten Form. Von seiner Kindheit an war Johannes ein Nasir (Luk. I, 15.), daß heißt einer gewissen Enthaltsamkeit durch Gelübde unterworfen. Die Wüste, die ihn sozusagen umgab, zog ihn schon frühzeitig an. (Luk. I, 80.) Hier führte er das Leben eines indischen Yogis, kleidete sich mit Fellen oder Stoffen aus Kameelhaaren und nährte sich nur von Heuschrecken und wildem Honig. Eine Zahl Jünger hatten sich ihm zugesellt, sie teilten seine Lebensweise und stellten Betrachtungen an über sein strenges Wort. Man hätte sich an die Ufer des Ganges versetzt wähnen können, wenn nicht eigenartige Züge in diesem Einsiedler den letzten Abkömmling der großen Propheten Israels erwiesen hätten. Seitdem das jüdische Volk mit einer Art Verzweiflung über sein Schicksal nachzudenken begonnen hatte, kehrte die Phantasie des Volkes gern zu den alten Propheten zurück. Aber von allen Persönlichkeiten der Vergangenheit, deren Angedenken das Volk erweckte und erregte, wie der Traum einer unruhigen Nacht, war der größte Elias. Dieser Riese unter den Propheten, der sich in den düstern Karmel zurückgezogen hatte, wo er dem wilden Tiere gleich lebte und in Felshöhlen hauste, von wo er wie ein Blitzstrahl hervorbrach, um Könige einzusetzen oder abzusetzen – war durch allmähliche Umwandlungen in der Volksmeinung zu einem übernatürlichen Wesen geworden, das bald sichtbar, bald unsichtbar wäre, und der nie den Tod gekostet hätte. Man glaubte allgemein, Elias werde kommen und Israel wieder herstellen. Meleachi III, 23, 24 (IV, 5, 6 nach der Vulgata); Prediger XLVIII, 10; Matth. XVI, 14; XVII, 10; Mark. VI, 15; VIII, 28; IX, 10; Luk. IX, 8, 19; Joh. I, 21-25. Das strenge Leben, das er führte, die fürchterlichen Erinnerungen, die er hinterlassen, deren Eindruck heute noch im Orient fühlbar ist, dieses düstere Bild, das bis auf unsere Tage zittern macht und tötet, diese ganze Mythologie voll Rache und Schrecken übten einen gewaltigen Eindruck auf die Gemüter aus und drückten gewissermaßen allen Volksschöpfungen ein Geburtszeichen auf. Wer eine große Rolle unter dem Volke spielen wollte, der mußte Elias nachahmen; und da das Einsiedlerleben ein wesentlicher Zug dieses Sehers war, so gewöhnte man sich daran, den »Mann Gottes« als einen Eremiten zu betrachten. Man bildete sich ein, daß alle heiligen Personen ihre Tage der Buße, ihr strenges Wüstenleben gehabt hätten. (Himmelfahrt des Jesaias II, 9-11.) Die Zurückgezogenheit in der Wüste war derart die Bedingung und das Präludium hoher Bestimmung. Kein Zweifel, daß dieser Nachahmungsgedanke Johannes viel beschäftigt hat. Das Einsiedlerleben, das dem Geiste des alten jüdischen Volkes so entgegen war, und mit dem Gelübde von der Art jene den Nasir und Rechabiten nichts zu thun hatten, drang von allen Seiten in Judäa ein. Die Essäer oder Therapeuten hatten sich nahe der Heimat des Johannes, am östlichen Ufer des Toten Meeres niedergelassen. Man bildete sich ein, daß die Obern der Sekte Einsiedler sein müßten, mit ihren Regeln und besonderen Einrichtungen, so wie die Stifter religiöser Orden. Die Lehrer der jungen Leute waren zuweilen gleichfalls Anachoreten (Josephus Vita 2 ), ähnlich den Guru, den geistlichen Lehrern des Bramahanentums. Zeigt sich nicht wirklich hier ein gewisser Einfluß der indischen Muni? Hatten vielleicht einige buddhistische Wandermönche, die die Welt predigend durchzogen – wie später die ersten Franziskaner – und Leute, die ihre Sprache nicht verstanden, durch ihr würdiges Gehaben bekehrten, ihren Schritt nach Judäa hingelenkt, so wie sie ihn zweifellos gegen Syrien und Babylon hingelenkt hatten? Wir wissen es nicht. Babylon war seit einiger Zeit zum Herd des Buddhismus geworden. Budasp (Bodhisattwa) genoß einen Ruf als chaldäischer Weiser und als Stifter des Sabismus. Was aber war der Sabismus? Wie seine Etymologie andeutet, die Taufe selbst, Das aramäische Wort seba , der Ursprung der Bezeichnung Sabier ist gleichbedeutend mit dem griechischen βαπτίξω. das heißt, die Religion der wiederholten Taufen, der Ursprung der heute noch existierenden Sekte, die Johannischristen oder Mendaiten genannt wird, und die von den Arabern mit El-Mogtasila, die Baptisten, bezeichnet werden. In diese unbestimmten Analogien Klarheit zu bringen, ist schwer. Die zwischen Judentum, Christentum, Wiedertäufer und Sabismus schwankenden Sekten, welche im ersten Jahrhundert u.Z. in der Gegend jenseits des Jordans vorhanden waren, bieten infolge der Verwirrung in den uns überlieferten Mitteilungen, der Kritik ein schwieriges Problem. Immerhin läßt sich annehmen, daß mehrere äußere Bräuche der Johannes, der Essäer, und der damaligen jüdischen Lehrer von Hochasien aus beeinflußt wurden. Der Hauptbrauch, welcher die Sekte des Johannes charakterisiert und ihr den Namen gab, entstand in Nieder-Chaldäa und schuf hier eine Religion, die sich bis auf unsere Zeit erhalten hat. Dieser Brauch war die Taufe, oder das völlige Untertauchen. Waschungen waren den Juden, wie allen orientalischen Religionen vertraut. Die Essäer hatten ihnen eine besondere Ausdehnung gegeben (Jos. B. J. II; VIII, 5, 7, 9, 13). Die Taufe war zu einer gewöhnlichen Ceremonie der Einführung von Proselyten im Schoß der jüdischen Religion geworden, zu einer Art Weiheakt. (Mischna Pes. VIII, 8; Talmud v. Baly. Jebam. 46, b; Kerith. 9, a; Aboda Zara 57, a; Masseket Gerim.) Johannes hatte zum Schauplatz seiner Thätigkeit jenen Teil der Wüste von Judäa gewählt, der an das Tote Meer grenzt. So oft er eine Taufe vollziehen wollte, begab er sich an die Ufer des Jordans (Luk. III, 3), nach Bethanien oder nach Bethabora, auf der Ostseite, etwa Jericho gegenüber, oder nach dem Ort der Aeaon, die Quellen, genannt wurde, wo es viel Wasser gab. Dahin kamen viele, besonders aus dem Stamme Juda, und ließen sich taufen. So wurde er denn in wenigen Monaten einer der einflußreichsten Männer Judäas, mit dem jeder rechnen mußte. Das Volk hielt ihn für einen Propheten (Matth. XIV, 5; XXI, 26) und viele glaubten, er sei der wiedererstandene Elias (Matth. XI, 14; Mark. VI, 15; Joh. I, 21). Der Glaube an solchen Auferstehungen war sehr verbreitet. Man wähnte, Gott werde einige der alten Propheten aus ihren Gräbern erstehen lassen; um Israel als Führer zu seiner Endbestimmung zu dienen, andere wieder hielten Johannes für den Messias selbst, obgleich er solches nie behauptet hat. (Luk. III, 15; Joh. 1, 20). Die Priester und Schriftgelehrten, als Gegner der Wiedergeburt des Prophetentums, verachteten ihn. Doch die Beliebtheit des Täufers legte ihnen Zwang auf und sie wagten es nicht gegen ihn aufzutreten (Matth. XXI, 25; Luk. VII, 30). Es war dies ein Sieg des Volksgefühls über die priesterliche Aristokratie. Wenn die Oberpriester aufgefordert wurden, sich klar über diese Sache zu äußern, so gerieten sie in große Verlegenheit. Übrigens war die Taufe für Johannes nur ein Zeichen das Eindruck machen sollte, und die Gemüter auf eine große Bewegung vorbereiten. Zweifellos war er von der messianischen Hoffnung im hohen Grade beseelt und sein Hauptwirken erfolgte in diesem Sinne. »Thut Buße,« sprach er, »denn das Himmelreich ist nahe.« (Matth. III, 2.) Er verkündete einen »großen Zorn«, das heißt, das Nahen schrecklicher Katastrophen (Matth. III, 7), und erklärte, die Axt sei schon an die Wurzel des Baumes gelegt und der Baum werde bald ins Feuer geworfen werden. Seinen Messias schilderte er, wie er, mit einer Wurfschaufel in der Hand, das Korn sammelt und die Spreu verbrennt. Buße, deren Bild die Taufe war, Almosenspenden, Besserung der Sitten waren für Johannes die großen Mittel der Vorbereitungen zu künftigen Ereignissen. Wir wissen nicht genau, wie er diese Ereignisse auffaßte. Sicher ist jedoch, daß er machtvoll gegen dieselben Gegner eiferte wie Jesus gegen reiche Priester, Pharisäer, Schriftgelehrte, mit einem Worte, gegen das offizielle Judentum und daß, sein Anhang, ebenso wie der Jesu, hauptsächlich aus der verachteten Klasse bestand. (Matth. XXI, 32; Luk. III, 12-14.) Den Titel, Kinder Abrahams, führte er auf nichts zurück und meinte, Gott könne aus den Steinen am Wege Kinder Abrahams schaffen. (Matth. III, 9.) Es will scheinen, daß er den großen Gedanken, der den Triumph Jesu bildete, auch nicht im Keime besessen habe; allein er leistete diesem Gedanken einen mächtigen Dienst, indem er die vorgeschriebenen Ceremonien, die für die Priester nötig waren, durch einen Privatritus ersetzte, so wie ungefähr die Flagellanten des Mittelalters Vorläufer der Reformation waren, indem sie dem offiziellen Klerus das Monopol der Sakramente und der Absolution nahmen. Der Ton seiner Predigten war im allgemeinen streng und kraftvoll. Die Ausdrücke, die er wider seine Gegner gebrauchte, scheinen von der heftigsten Art gewesen zu sein. (Matth. III, 7; Luk. III, 7.) Es waren grobe, fortgesetzte Schmähungen. Wahrscheinlich war ihm auch die Politik nicht fremd. Josephus, der ihn durch seinen Lehrer Banu näher kannte, giebt das verblümterweise zu erkennen Ant. XVIII, V, 2. Man darf nicht außer Acht lassen, daß Josephus, wenn er die geheimen, mehr oder minder verlockenden Lehren seiner Landsleute erklärt, alles was auf den messianischen Glauben sich bezieht, vermengt, und daß er diesen Lehren, um das Mißtrauen der Römer nicht zu erwecken, einen Anschein giebt, wonach die Häupter jüdischer Sekten den Morallehrern oder Stoikern gleichen. und die Katastrophe, die seinem Leben ein Ende machte, läßt es voraussetzen. Seine Jünger führten ein strenges Leben (Matth. IX, 14), fasteten oft und gingen trüb und traurig daher. Zuweilen sieht man bei ihnen die Gütergemeinschaft durchschimmern, den Gedanken, daß der Reiche verpflichtet sei, sein Vermögen zu teilen. Der Arme erscheint bereits als der, welcher in erster Reihe die Wohltaten des Reich Gottes genießen soll. (Luk. III, 11.) Ob zwar der Mittelpunkt seines Wirkens Judäa war, so drang doch sein Ruf auch nach Galiläa und gelangte bis zu Jesu, der durch seine ersten Reden schon einen kleinen Kreis Zuhörer um sich gesammelt hatte. Noch gering im Ansehen, und sicherlich auch von dem Wunsche beseelt, einen Meister zu sehen, dessen Lehren so große Verwandtschaft mit seinem eigenen Ideengang hatte, verließ Jesus Judäa und begab sich mit seiner kleinen Jüngerschar zu Johannes. Matth. III, 13; Mark. I, 9; Luk. III, 21; Joh. I, 29; III, 22. – Die Synoptiker lassen Jesus zu Johannes ziehen, noch bevor er eine öffentliche Rolle spielte. Wenn ihre Behauptung richtig wäre, wonach Johannes Jesum gleich erkannt habe und ihn feierlich empfangen, so müßte man annehmen, daß Jesus damals schon ein ziemlich bekannter Lehrer war. Der vierte Evangelist läßt Jesus zweimal zu Johannes kommen: das erste Mal als er noch unbekannt war, das zweite Mal mit seiner Jüngerschar. Ohne hier die Frage über die Genauigkeit der Reiseangaben zu berühren – eine Frage, die wegen der Widersprüche in den Schriften und der geringen Sorgfalt, die die Evangelisten hier auf die Richtigkeit angewendet haben, für uns unlösbar scheint – ohne zu leugnen, daß Jesus zur Zeit, da er noch unbekannt war, die Reise zu Johannes unternehmen hätte können, entscheide ich mich für die Mitteilung des vierten Evangeliums, wonach nämlich Jesus, ehe er wie Johannes zu taufen begann, eine vollständige Schule hatte. Man darf übrigens nicht außer Acht lassen, daß die ersten Seiten des vierten Evangeliums stückweise, ohne streng chronologische Ordnung zusammengestellte Notizen sind. Die Neuangekommenen ließen sich wie alle anderen taufen. Johannes nahm diese Schar galiläischer Schüler gut auf und fand kein Arg dabei, daß sie sich von seinem Anhang absonderten. Die beiden Lehrer hatten viel gemeinschaftliche Gedanken, sie liebten sich und überboten sich in gegenseitigen Zuvorkommenheiten. Bei Johannes dem Täufer mag das auf den ersten Blick hin überraschen und man wäre geneigt diese Angaben zu bezweifeln. Demut ist nie das charakteristische Kennzeichen starker jüdischer Seelen gewesen. Es scheint als ob ein so starrer Charakter dem Zorne sehr zugeneigt gewesen sein müßte und weder eine Rivalität noch eine laue Anhängerschaft neben seiner geduldet haben mag. Doch diese Annahme beruht auf eine falsche Auffassung der Persönlichkeit Johannes. Man stellt sich da einen Greis vor, indes war er ein Altersgenosse Jesu. Luk. I, obwohl hier die Einzelheiten, namentlich was die Verwandtschaft zwischen Jesu und Johannes betrifft, Legende sind. Die beiden jungen Enthusiasten, beseelt von gleichem Hoffen und gleichem Hassen konnten wohl gemeinschaftliche Sache machen und sich gegenseitig stützen. Gewiß hätte ein alter Meister, zu dem ein Unbekannter gekommen wäre und eine selbständige Haltung eingenommen hätte, sich empört gefühlt; wir haben kein Beispiel, wo der Führer einer Schule den wohlwollend aufgenommen hätte, der bestimmt war sein Nachfolger zu werden. Aber die Jugend ist jeder Selbstverleugnung fähig und man kann annehmen, daß Johannes Jesum ohne persönlichen Hintergedanken aufnahm, nachdem er gefunden, daß dessen Geist verwandt mit seinem sei. Diese guten Beziehungen wurden dann zum Ausgangspunkt eines ganzen, von den Evangelisten entwickelten Systems, wonach das Zeugnis des Johannes die erste Grundlage der göttlichen Mission Jesu wurde. So groß war das von dem Täufer gewonnene Ansehen, daß man keinen bessern Gewährsmann in der Welt finden zu können wähnte. Doch weit entfernt, daß der Täufer gegenüber Jesu zurückgetreten wäre; Jesus erkannte während der ganzen Zeit, die er bei ihm verlebte, dessen Überlegenheit an und schüchtern nur entfaltete er sein eigenes Genie. Es scheint wirklich, daß Jesus, trotz seiner gründlichen Ursprünglichkeit wenigstens einige Monate hindurch der Nachahmer Johannes war. Sein Weg lag noch dunkel vor ihm. Überdies gab Jesus immer der öffentlichen Meinung nach und bekannte sich zu manchem nur darum, weil es beim Volk beliebt war, trotzdem es außerhalb seiner Richtung lag und ihn wenig interessierte. Doch derlei Zuthaten schadeten seinem Hauptgedanken nicht; sie waren dem stets untergeordnet. Durch Johannes wurde die Taufe in hohe Gunst gebracht; Jesus hielt sich für verpflichtet diesem Beispiele zu folgen: er taufte und seine Jünger tauften auch. Joh. III, 22-26; IV, 1, 2. – Die Parenthese des zweiten Verses scheint eine Glosse zu sein, oder vielleicht ist sie eine spätere Verbesserung von Johannes selbst. Zweifellos begleiteten sie diesen Akt mit Predigen, ähnlich denen des Johannes. Der Jordan bedeckte sich derart von allen Seiten mit Täufern, deren Reden mehr oder minder Erfolg hatten. Der Schüler kam bald dem Meister gleich und seine Taufe wurde gesucht. Das gab Grund zu Eifersucht zwischen den Jüngern (Joh. III, 26; IV, 1). Die des Johannes beklagten sich bei ihm über den wachsenden Erfolg des jungen Galiläers, dessen Taufe, ihrer Meinung nach, bald die seinige verdrängen werde. Aber die beiden Meister blieben über solchen Kleinlichkeiten erhaben. Überdies war die Überlegenheit des Johannes zu unbestritten, als daß der damals noch unbekannte Jesus sie hätte bekämpfen können. Er wollte nur in dessen Schatten wachsen und hielt es für nötig zur Gewinnung der Menge dieselben Mittel anzuwenden, die Johannes einen so erstaunlichen Erfolg brachten. Als er nach Johannes Verhaftung wieder zu predigen begann, waren die erste Worte, die man ihm in den Mund legte, die Wiederholung der dem Täufer geläufigen Phrasen (Matth. III, 2; IV, 17). Mehrere andere Redestellen des Johannes finden sich in seinen Reden wörtlich wieder (Matth. III, 7; XII, 34; XXIII, 33). Zwischen beiden Schulen scheint lange Zeit ein gutes Einvernehmen geherrscht zu haben, und nach dem Tode Johannes war Jesus, als sein vertrauter Genosse, einer der ersten, die von dem Ereignis Nachricht erhielten (Matth. XI, 2 bis 13. – XIV, 12). Johannes wurde tatsächlich in seiner prophetischen Laufbahn bald gehindert. Wie die alten jüdischen Propheten, war auch er im höchsten Grade Feind der bestehenden Macht. (Luk. III, 19.) Die besondere Heftigkeit, mit der er sie angriff, konnte nicht verfehlen ihm Unannehmlichkeiten zu bringen. In Judäa scheint Johannes von Pilatus nicht behelligt worden zu sein; doch in Peräa, jenseits des Jordans, kam er in das Gebiet des Antipas. Diesen Tyrannen beunruhigte der schlechtverhüllte Hintergrund der Predigten Johannes. Die großen Versammlungen, die der religiöse und politische Enthusiasmus um den Täufer entstehen ließ, hatten etwas Verdächtiges. Überdies kam noch ein ganz persönlicher Groll zu diesen Staatsgründen und machte den Untergang des strengen Censors unvermeidlich. (Josephus Ant. XVIII, V, 2.) Einer der prägnantesten Charaktere der tragischen Familie des Herodes war Herodias, Enkelin Herodes des Großen. Gewaltthätig, ehrgeizig, leidenschaftlich, verachtete sie das Judentum und mißachtete dessen Gesetze (Joseph, Ant. XVIII, V, 4). Sie war, vielleicht wider ihren Willen, mit ihrem Oheim Herodes, Sohn der Marianne, verheiratet worden, den Herodes der Große enterbt hatte, und der eine neue öffentliche Rolle gespielt. Matth. XIV, 3, griech. Text und Mark. VI, 17 behaupten, daß es Philippus war, doch das dürfte auf einen Fehler beruhen, s. Josephus Ant. XVIII; V, 1. Die Frau des Philippus war Salome, Tochter der Herodias. Die untergeordnete Stellung ihres Gattens, im Vergleich zu den anderen Personen ihrer Familie ließ sie nicht ruhen; sie wollte um jeden Preis herrschen. Antipas war das Werkzeug, dessen sie sich bediente. Dieser schwache Mensch verliebte sich in sie und versprach ihr, sie zu heiraten und seine erste Frau, die Tochter Hareths, Königs von Petra und Emirs der Peräa benachbarten Stämme, zu verstoßen. Die arabische Prinzessin bekam Kenntnis von der Sache und beschloß zu fliehen. Ihre Absicht verhehlend, schützte sie eine Reise nach Machero, das im Gebiete ihres Vaters lag, vor, und ließ sich von den Leuten des Antipas dahin bringen. Makaur oder Macharo war eine starke, von Alexander Jannäus erbaute und von Herodes später verbesserte Festung in einem entlegenen Winkel östlich vom Toten Meere. Es war ein wildes, unheimliches Gebiet, voll wunderlicher Sagen und, wie man glaubte, von Dämonen heimgesucht. Diese Festung lag gerade an der Grenze der Länder Hareths und Antipas. Zu jener Zeit befand sie sich im Besitze Hareths Dieser, von seiner Tochter benachrichtigt, hatte alles zu ihrer Flucht vorbereitet und von Stamm zu Stamm begleitet, gelangte sie nach Peträa. Die fast blutschänderische Verbindung von Antipas und Herodias (3. Moses XVIII, 16) wurde nun vollzogen. Die jüdischen Ehevorschriften waren stets ein Streiterreger zwischen der irreligiösen Familie des Herodes und den strenggläubigen Juden (Jos. Ant. XV, VII, 10). Die Mitglieder dieser zahlreichen und ziemlich isolierten Familie waren genötigt untereinander zu heiraten, wobei oft die im Gesetze vorgeschriebenen Hindernisse unbeachtet blieben. Johannes war das Echo der öffentlichen Meinung, indem er Antipas heftig tadelte. (Matth. XIV, 4; Mark. VI, 18; Luk. III, 19.) Das war mehr als nötig, um dessen Verdacht Folge zu geben. Er ließ den Täufer verhaften und gab Befehl ihn in der Festung Machero einzukerkern, der er sich wahrscheinlich nach der Flucht der Tochter Hareths bemächtigt hatte. Mehr schüchtern als grausam, wollte ihn Antipas nicht töten. Gewissen Gerüchten zufolge, soll er einen Volksaufstand befürchtet haben. (Matth. XIV, 5.) Nach einer anderen Version (Mark. VI, 20) hätte er den Gefangenen mit vielem Vergnügen angehört und diese Unterredungen hätten ihn sehr unschlüssig gemacht. Fest steht indes, daß die Haft sich in die Länge zog, und daß Johannes auch von seinem Gefängnis aus einen großen Einfluß ausübte. Er wechselte Briefe mit seinen Jüngern und wir werden ihn auch zu Jesu noch einmal in Beziehung finden. Sein Glaube an den nahenden Messias befestigte sich noch mehr; aufmerksam verfolgte er jede Bewegung draußen und suchte darin die günstigen Zeichen zu entdecken, für die Erfüllung der Wünsche, mit denen er sich nährte. Siebentes Kapitel Entwicklung der Gedanken Jesu über das Reich Gottes Bis zur Verhaftung Johannes, die wir ungefähr in den Sommer des Jahres 29 stellen können, verließ Jesus die Gegend des Toten Meeres und den Jordan nicht. Der Aufenthalt in der Wüste von Judäa wurde allgemein als Vorbereitung zu großen Dingen betrachtet, als eine Art »Rückzug« vor dem öffentlichen Auftreten. Jesus unterwarf sich hier dem Beispiel anderer, brachte vierzig Tage, ohne andere Gesellschaft als die der wilden Tiere, mit strengem Fasten zu. Die Phantasie seiner Jünger beschäftigte sich mit diesem Aufenthalt nicht wenig. Im Volksglauben galt die Wüste als Sitz von Dämonen (Tob. VIII, 3; Luk. XI, 24). Es giebt wenig Gegenden auf Erden, die trostloser, gottverlassener, dem Leben verschlossener sind, als der steinige Abhang, der das westliche Ufer des Toten Meeres bildet. Man glaubt, daß er während der Zeit, die er auf diesem entsetzlichen Gebiet zugebracht hat, fürchterliche Prüfungen bestanden hätte; daß ihn Satan mit Illusionen geschreckt, oder ihm mit verführerischen Versprechungen genaht und daß schließlich als Lohn seines Sieges ein Engel gekommen wäre, um ihm zu dienen. Matth. IV; Mark. I, 12, 13; Luk. IV. Die große Ähnlichkeit dieser Erzählungen mit ähnlichen Legenden des Vendidad und Lalitavistara könnte vermuten lassen, man habe es hier mit einer Mythe zu thun. Doch die karge, gedrängte Erzählung des Markus, die hier augenscheinlicher die ursprüngliche Fassung hat, setzt eine Thatsache voraus, die später zu legendenhafterer Ausschmückung Anlaß bot. Wahrscheinlich erfuhr Jesus die Verhaftung Johannes des Täufers, als er die Wüste verließ. Er hatte jetzt keinen Grund mehr, seinen Aufenthalt in einem Lande zu verlängern, das ihm halb fremd war. Vielleicht befürchtete er auch, ebenfalls die Strenge fühlen zu müssen, die gegen Johannes in Anwendung kam und er wollte sich zu einer Zeit nicht bloßstellen, wo sein Tod, bei dem geringen Ansehen, das er erst besaß, den Fortschritt seiner Ideen nichts genützt hätte. Er kehrte nach Galiläa, seinem eigentlichen Vaterlande zurück (Matth. IV, 12; Mark. I, 14; Luk. IV, 14; Joh. IV; 3), gereift durch eine wichtige Erfahrung und durch die Berührung mit einem großen, von ihm so verschiedenen Manne, sich seiner eigenen Ursprünglichkeit bewußt geworden. Im ganzen genommen war der Einfluß des Johannes auf Jesus diesem eher schädlich als nützlich gewesen. Er wurde ein Hemmnis in seiner Entwickelung. Alles läßt darauf schließen, daß er, als er den Jordan hinabging, Ideen hatte, die denen Johannes überlegen waren, und daß es nur eine Art Konzession war, die ihn für einen Augenblick der Taufe geneigt machte. Wäre der Täufer, dessen Autorität er sich kaum hätte entziehen können, frei geblieben, so hätte Jesus vielleicht das Joch der Riten und äußeren Bräuche nicht abschütteln können und dann wäre er zweifellos ein unbekannter jüdischer Sektirer geblieben; denn die Welt hätte nicht die einen Bräuche gegen die andern eingetauscht. Die Anziehungskraft einer von jeder äußeren Form freien Religion war es, die dem Christentum alle großen Seelen zugeführt hat. Als der Täufer gefangen war, wurde sein Anhang geringer und Jesus war sich seinem eigenen Gefühl wieder überlassen. Das einzige, was er Johannes zu verdanken hatte, waren gewisse Anleitungen zum Predigen und öffentlichem Wirken. Von dieser Zeit an predigte er in der That mit größerer Kraft und übte auf die Menge eine gewisse Autorität aus (Matth. VIII, 29; Mark. I, 29; Luk. IV, 32). Auch scheint es, daß sein Aufenthalt bei Johannes weniger durch Einfluß des Täufers, als zufolge des natürlichen Laufes seines eigenen Gedankens, seine Ideen über »das Himmelreich« zur Reife brachten. Sein Losungswort ist hinfort die »Botschaft«, die Verkündigung, daß das Reich Gottes nahe sei (Mark. I, 14, 15). Jesus ist jetzt nicht mehr der bloße Moralist, der hehre Lehren in wenige kurze und kräftige Aphorismen äußert; er ist jetzt der transcendentale Revolutionär, der versuchen will, die Welt auf seiner eigenen Grundlage zu erneuern und auf Erden sein Ideal zu begründen. »Das Reich Gottes erwerben« bedeutet just so viel wie ein Jünger Jesu sein (Mark. XV, 43). Der Ausdruck »Reich Gottes« oder »Himmelreich« war den Juden, wie schon erwähnt wurde, seit langem geläufig. Aber Jesus gab ihm einen moralischen Sinn, eine sociale Tragweite, die selbst der Verfasser des Buches Daniel in seiner apokalyptischen Verzückung kaum anzunehmen gewagt hätte. In der Welt, wie sie einmal ist, regiert das Schlechte. Satan ist der »König der Welt« und alles gehorcht ihm (Joh. XII, 31, XIX, 30, XVI, 11. Vgl. 2. Korinth. IV, 4; Ephes. II, 2). Die Könige töten die Propheten. Die Priester und die Gelehrten thun nicht, was sie andern zu thun befehlen. Die Gerechten werden verfolgt und der einzige Anteil des Guten sind die Träume. Die »Welt« ist derart die Feindin Gottes und seiner Heiligen, Joh. I, 10, VII, 7, XIV, 17, 22, 27, XV, 18, XVI, 8, 20, 33, XVII, 9, 14, 16, 25. Dieses Hervorheben des Wortes »Welt« erfolgt besonders bei Pauli und Johannes. aber Gott wird erwachen und seine Heiligen rächen. Der Tag ist nahe, denn die Ruchlosigkeit hat ihren Höhepunkt erreicht. Die Herrschaft der Guten soll nun eingesetzt werden. Der Beginn dieser Herrschaft wird eine große Revolution sein. Die Welt wird wie umgekehrt erscheinen. Der Zustand der Welt ist schlecht, es genügt daher, sich ungefähr das Gegenteil des Bestehenden anzunehmen, um sich die Zukunft vorzustellen. Die Ersten werden die Letzten sein. Eine neue Ordnung wird die Menschheit leiten. Jetzt ist Gutes und Böses durcheinander gemengt, wie Unkraut und Frucht auf dem Felde. Der Herr läßt sie zusammen wachsen, aber die Stunde gewaltsamer Trennung soll kommen (Matth. XIII, 24). Das Reich Gottes wird einem großen Fischzug gleichen, der gute und schlechte Fische bringt. Man legt die Guten beiseite und wirft die Schlechten fort (Matth. XIII, 47). Der Keim dieser großen Umwälzung wird erst nicht zu erkennen sein. Er wird sein wie das Senfkorn, welches das kleinste der Samenkörner, das aber in die Erde gelegt, zum Baum wird, unter dessen Blättern die Vögel sich niederlassen (Matth. XIII, 31; Mark. IV, 31; Luk. XIII, 19). Oder er wird wie die Hefe sein, die in den Teig gethan, ihn gänzlich zum Gähren bringt (Matth. XIII, 33; Luk. XIII, 21). Eine Reihe oft dunkler Parabeln war dazu bestimmt, das Überraschende dieser plötzlichen Umwälzung, ihre scheinbaren Ungerechtigkeiten, ihren unermüdlichen und bestimmten Charakter auszudrücken (Matth. XIII, XVIII, 23, XX; Luk. XIII, 18). Man wird das Reich Gottes aufrichten? Erinnern wir uns, daß der erste Gedanke Jesu – ein Gedanke, der bei ihm so tief war, daß er wahrscheinlich keinen Ursprung hatte, sondern in seinem Wesen selbst wurzelte – der war, daß er der Sohn Gottes wäre, der Vertraute seines Vaters, der Vollzieher seines Willens. Die Antwort Jesu auf so eine Frage konnte daher nicht zweifelhaft sein. Die Überzeugung, daß Gott durch ihn herrschen werde, hatte seinen Geist völlig eingenommen. Er betrachtete sich als den Welterneuerer. Der Himmel, die Erde, die ganze Natur, Thorheit, Krankheit, Tod sind nur Werkzeuge für ihn. In seinem heroischen Willen hält er sich für allmächtig. Wenn die Erde sich dieser letzten Umgestaltung nicht fügen sollte, so würde sie durch Flammen und den Odem Gottes zermalmt, gereinigt werden. Ein neuer Himmel wird geschaffen und die ganze Welt mit Engeln Gottes bevölkert werden (Matth. XXII. 30). Eine radikale Umwälzung, die selbst die Natur umfaßt, das war Jesu Grundgedanke (Apostelg. III, 21). Von damals an hat er zweifellos auf die Politik verzichtet; das Beispiel Judas des Galoniten mag ihm die Zwecklosigkeit, des Volksaufstandes gezeigt haben. Niemals dachte er daran gegen Römer und Tetrarchen zu revoltieren. Das zügellose, anarchische Princip des Galoniters war nicht das seinige. Seine Unterwerfung unter die bestehende Macht war in der Form vollständig, mochte sie im Grunde genommen nur scheinbar sein. Er bezahlte dem Cäsar den Tribut um keinen Anstoß zu erregen. Freiheit und Recht sind nicht von dieser Welt, warum also das Leben durch eitle Empfindlichkeiten belästigen? Das Irdische verachtend, überzeugt, daß die vorhandene Welt nicht wert sei, ihrer besorgt zu sein, flüchtete er sich in sein Idealreich. Er legte den Grund zu der großen Lehre transcendentaler Verachtung (Matth. XVII, 24-26, XXII, 16-22), der wahren Lehre von der Freiheit der Seele, die einzig nur den Frieden giebt. Aber noch hatte er nicht gesagt: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt«. So manches Dunkle vermischte sich mit seinen klaren Ansichten. Manchmal durchzogen seltsame Versuchungen seinen Geist. In der Wüste von Judäa hatte ihm Satan die irdischen Reiche angeboten. Unbekannt mit der Macht Roms konnte er bei der in Judäa herrschenden Begeisterung, die bald zu einem so schrecklichen bewaffneten Widerstand führen sollte, konnte er, sage ich, hoffen, durch die Kühnheit und die Zahl seiner Anhänger ein Königreich zu gründen. Oft stellte sich ihm vielleicht die Hauptfrage entgegen: »Wird das Reich Gottes durch Gewalt oder durch Sanftmut, durch Empörung oder durch Geduld gegründet werden?« Eines Tages, erzählt man, wollten ihn die schlichten Leute von Galiläa entführen und zum König ausrufen (Joh. VI, 15). Jesus floh ins Gebirge und blieb dort eine Zeitlang allein. Seine edle Natur bewahrte ihn vor dem Fehler, der aus ihm einen Agitatar oder Rebellenhäuptling gemacht hätte, einen Theudas oder Barkochba. Die Umwälzung, die er schaffen wollte, war immer eine moralische, aber er war noch nicht dahin gelangt, daß er deren Ausführung von den Engeln und den Posaunen des Weltgerichts erwartet hätte. Auf die Menschen wollte er wirken und durch die Menschen. Ein Visionär, der keinen andern Gedanken gehabt hätte, als den vom nahenden jüngsten Gericht, wäre nicht so sehr um die Besserung der Menschen besorgt gewesen, und er hätte nicht die hehrste Moral gegründet, welche die Menschheit je empfangen hat. Viel Unbestimmtes lag sicherlich noch in seinem Gedankengang, und es war mehr ein edles Gefühl als eine klare Anschauung, die ihn zu dem erhabenen Werke drängte, das durch ihn geschaffen wurde, wenn auch in einer andern Weise als er es sich vorgestellt hatte. Er begründete wirklich das Reich Gottes, ich will damit sagen, das Reich des Geistes. Und wenn Jesus im Schoße seines Vaters sieht, wie sein Werk in der Geschichte Früchte trägt, so kann er mit Recht sagen: »Das ist es, was ich gewollt habe«. Was Jesus begründet hat, was ewig von ihm bleiben wird – abgesehen von den Unvollkommenheiten, die sich in jedes Menschenwerk mengen – das ist die Lehre von der Freiheit der Seele. Schon Griechenland hatte über diesen Gegenstand prächtige Gedanken gehabt (s. Stobäus Florelegium, Kap. 62, 77, 86 ec.). Mehrere Stoiker hatten Mittel gefunden, um unter einem Tyrannen frei zu sein. Doch im allgemeinen dachte sich das Altertum die Welt mit gewissen politischen Formen verknüpft. Die Freigeister hießen Harmodius, Aristogiton, Brutus und Cassius. Der wahre Christ ist viel mehr jeder Fessel ledig; er ist hier auf Erden ein Verbannter. Was kümmert ihn der zeitweilige Herr der Erde, die nicht seine Heimat ist? Für ihn ist die Freiheit die Wahrheit (Joh. VIII, 32). Jesus kannte nicht die Geschichte genügend, um zu erkennen, wie gelegen eine derartige Lehre just in dem Augenblicke kommen mußte, wo die republikanische Freiheit endigte und die kleinen Munizipalverfassungen des Altertums in der Einheit des römischen Reiches aufgingen. Aber sein bewundernswerter Verstand und der wahrhaft prophetische Instinkt, den er von seiner Sendung hatte, leiteten ihn hier mit merkwürdiger Sicherheit. Durch das Wort: »Gebt dem Cäsar was des Cäsars ist und Gott was Gottes ist«, hat er etwas in der Politik Fremdes geschaffen, eine Zufluchtsstätte für die Seelen mitten im Reiche der rohen Gewalt. Sicherlich hat eine solche Lehre ihre Gefahren. Im Prinzip behaupten, das Kennzeichen rechtmäßiger Gewalt bestehe darin, daß man die Münze betrachte; zu proklamieren, daß der vollkommene Mensch die Steuer aus Verachtung, ohne Bemerkung zahlen soll – das war eine Zerstörung der Republik in alter Weise, eine Begünstigung jeder Tyrannei. In diesem Sinne hat das Christentum viel dazu beigetragen das Pflichtgefühl der Bürger zu schwächen und die Welt der absoluten Gewalt vollendeter Thatsachen auszuliefern. Doch indem es eine riesige freie Verbindung bildete, die durch drei Jahrhunderte der Politik sich ganz fern hielt, hat das Christentum den Schaden reichlich ausgeglichen, den es den Bürgertugenden zugefügt hat. Die Staatsgewalt ist auf irdische Dinge beschränkt worden, der Geist ist befreit worden, oder wenigstens doch die schreckliche Fessel römischer Allmacht für immer gebrochen. Der Mensch, der sich hauptsächlich mit den Pflichten des öffentlichen Lebens beschäftigt, verzeiht es andern nicht, wenn sie etwas über seine Parteistreitigkeiten stellen. Besonders tadelt er die, welche die politischen Fragen den socialen unterordnen und für erstere eine Art Gleichgültigkeit bekunden. Im gewissen Sinne hat er recht, denn jede exklusive Richtung schädigt die gute Leitung der menschlichen Angelegenheiten. Doch welchen Fortschritt haben die Parteien bei der allgemeinen Moral des Menschengeschlechts hervorgebracht? Wenn Jesus, anstatt sein Himmelreich zu gründen nach Rom gezogen wäre; wenn er nur gegen Tiberias konspiriert hätte, den Germanikus sich zurückgewünscht – was wäre aus der Welt geworden? Als strenger Republikaner, als eifriger Patriot hätte er den großen Lauf der Dinge seiner Zeit nicht gehemmt, während er, indem er die Politik für unbedeutend erklärte, der Welt die Wahrheit verkündet: daß das Vaterland nicht alles sei, daß der Mensch dem Bürger vorgehe und überrage. Unsere Grundsätze positiver Wissenschaft werden von den Träumereien, die in Jesu Programm enthalten sind, verletzt. Wir kennen die Geschichte der Erde. Umwälzungen von der Art, wie sie Jesus erwartet hat, entstehen nur aus geologischen oder astronomischen Ursachen, deren Zusammenhang mit moralischen Dingen noch nie erwiesen wurde. Aber um gegen die großen Schöpfer gerecht zu sein, dürfen wir uns nicht bei den Vorurteilen aufhalten, die sie teilen mochten. Kolumbus hat Amerika entdeckt, obgleich er von einer irrigen Anschauung ausging. Newton glaubte seine närrische Auslegung der Apokalypse sei ebenso sicher als sein Weltsystem. Wird man den erstbesten mittelmäßigen Kopf unserer Zeit über einen Franz von Assisi, St. Bernhard, Johanna d'Arc, Luther stellen wollen, weil er von Irrtümern frei ist, in denen jene noch lebten? Wird man den Wert der Menschen nach der Richtigkeit ihrer physikalischen Anschauungen und nach der ihrer mehr oder minder genauen Kenntnis des Weltsystems beurteilen wollen? Nehmen wir besser in Betracht was die Stellung Jesu war und was seine Stärke bildete! Der Deismus des achtzehnten Jahrhunderts und eine gewisse Richtung des Protestantismus haben uns daran gewöhnt, den Stifter des christlichen Glaubens nur als großen Moralisten, als einen Wohlthäter der Menschheit zu betrachten. Wir sehen im Evangelium nur noch gute Maximen; wir werfen klüglich einen Schleier auf den seltsamen geistigen Zustand, in dem es geschaffen wurde. Es giebt auch Personen, die bedauern, daß die französische Revolution mehr als einmal aus Prinzipien hervorgegangen ist und nicht von verständigen, maßvollen Männern geschaffen wurde. Wollen wir doch unsere spießbürgerlichen Programmchen nicht auf diese außergewöhnlichen, hoch über uns stehenden Bewegungen ausdehnen! Fahren wir fort »die Moral der Evangelien« zu bewundern; unterdrücken wir beim religiösen Unterricht die Chimäre, die dessen Seele ist – aber glauben wir nicht, daß man mit den simpeln Ideen von individueller Glückseligkeit und Moral die Welt bewege. Jesu Idee ging viel tiefer. Es war der revolutionärste Gedanke, der je in einem Menschenhirn gekeimt hat. Dieser Gedanke muß in seiner Ganzheit aufgefaßt werden, und nicht mit den schüchternen Auslassungen, die gerade das streichen, was ihn für die Regenerierung am wirksamsten gemacht hat. Eigentlich ist das Ideal immer eine Utopie. Wenn wir heute den Christus moderner Vorstellung, den Tröster, den Richter neuer Zeiten darstellen wollen, was thun wir da? Das was Jesus selbst vor schier 1900 Jahren that. Wir halten die Bedingungen der realen Welt für ganz andere als sie in Wirklichkeit sind. Wir stellen einen geistigen Befreier dar, der ohne Waffengewalt die Ketten des Negers bricht, die Lage des Proletariats verbessert, die unterjochten Völker befreit. Wir vergessen, daß dies eine umgekehrte Welt voraussetzt: die Veränderung des Klimas von Virginien und dem Kongogebiet, die Umgestaltung von Blut und Rasse, von Millionen Menschen, die Reduzierung unserer socialen Verhältnisse auf eine chimärische Einfachheit, die Auflösung der natürlichen politischen Einteilung Europas. Die »Reform aller Dinge«, wie sie Jesus wollte (Apostelg. III, 21), war nicht schwieriger. Diese neue Erde, dieser neue Himmel, dieses neue Jerusalem, das vom Himmel niedersteigt, dieser Ruf: »Siehe ich mache alles neu!« (Offenb. Joh. XXI, 1, 2, 5) – das sind die gemeinschaftlichen Züge aller Reformatoren. Stets wird der Kontrast des Ideals mit der traurigen Wirklichkeit jene Empörung gegen die kalte Vernunft hervorbringen, die von mittelmäßigen Geistern als Thorheit taxiert wird, bis zum Tage, wo sie triumphiert und wo diejenigen, die sie bekämpft haben, die Ersten sind, die ihre hohe Berechtigung anerkennen. Daß ein Widerspruch bestand zwischen dem Glauben an ein nahes Weltenende und der gewöhnlichen, vom Standpunkt eines festen, dem jetzigen ziemlich ähnlichen Zustand der Menschheit aufgefaßten Moral Jesu, wird niemand leugnen wollen. Die dem Glauben an das Tausendjährige Reich hegenden Sekten Englands zeigen denselben Kontrast; ich meine damit den Glauben an den nahen Weltuntergang und dabei doch einen gesunden Verstand für das praktische Leben, ein besonderes Verständnis für kaufmännische und gewerbliche Angelegenheiten. Eben dieser Widerspruch sicherte das Gelingen seines Werkes. Der Verkünder des Tausendjährigen Reiches hätte damit allein nichts dauerndes geschaffen, der Moralist allein nichts mächtiges. Der Millenarismus gab die Anregung, die Moral sicherte die Zukunft. Hiermit vereinte das Christentum die beiden Grundbedingungen jedes großen Erfolges in der Welt: einen revolutionären Ausgangspunkt und Lebensfähigkeit. Alles was gelingen soll, muß diesen beiden Bedingungen genügen, denn die Welt will gleichzeitig sich verändern und bleiben wie sie ist. Als Jesus eine beispiellose Umwälzung in den menschlichen Angelegenheiten verkündete, proklamierte er gleichzeitig die Grundsätze, die seit achtzehn Jahrhunderten die Stützen der Gesellschaft bilden. Was Jesus wirklich von den Agitatoren seiner Zeit und aller Zeiten unterscheidet, das ist sein vollkommener Idealismus. Jesus ist in gewisser Beziehung Anarchist, denn er hatte keinen Begriff von einer Staatsverwaltung. Diese Regierung scheint ihm nichts weiter als ein Mißbrauch zu sein. Er spricht davon in unklarer Weise, wie ein Mann aus dem Volke, dem jede Politik fremd ist. Jeder Beamte scheint ihm ein natürlicher Feind der Kinder Gottes zu sein. Er erzählt seinen Jüngern Streitigkeiten mit der Polizei, ohne nur im geringsten dabei zu denken, daß da Anlaß zum Erröten vorliege (Matth. X, 17, 18; Luk. XII, 11). Doch niemals äußert sich bei ihm der Versuch, die Stelle der Mächtigen und Reichen einzunehmen. Er will Reichtum und Macht vernichten, nicht aber sich ihrer bemächtigen. Er prophezeit seinen Jüngern Verfolgungen und Todesstrafen (Matth. V, 10, X; Luk. VI, 22; Joh. XV, 18, XVI, 2, 20, 33, XVII, 14), allein kein einziges Mal läßt er dabei den Gedanken eines bewaffneten Widerstandes erkennen. Der Gedanke, daß man durch Leiden und Resignation allmächtig sei, daß die Herzensreinheit über die Gewalt siege, ist Jesu eigentümlich. Er ist kein Spiritualist. Er hat nicht die geringste Vorstellung der Trennung von Leib und Seele. Aber er ist ein vollkommener Idealist; die Materie ist für ihn nur ein Zeichen des Gedankens und das Wirkliche nur der lebendige Ausdruck des Unsichtbaren. An wen sollte er sich aber wenden, auf wen zählen, um das Gottesreich zu gründen? Der Gedanke Jesu schwankt hierbei niemals. Was hoch für den Menschen ist, das ist in Gottes Augen verächtlich (Luk. XVI, 15). Die Gründer des Gottesreiches werden die Schlichten sein. Kein Reicher, kein Gelehrter, kein Priester, sondern Frauen, Männer aus dem Volke, Demütige, Geringe (Matth. V, 3,10, XVIII, 3, XIX, 14, 23, 24, XXI, 31, XXII, 2; Mark. X, 14, 15, 23–25; Luk. IV, 18, VI, 20, XVIII, 16, 17, 24, 25). Das große Kennzeichen des Messias ist, daß »den Armen die frohe Botschaft verkündigt wird« (Matth. XI, 5). Die idyllische, sanfte Natur Jesu zeigte auch hier ihre Übermacht. Eine ungeheuere sociale Umwälzung, wobei Amt und Würde umgekehrt wird und alles was hoch steht erniedrigt – das ist sein Traum. Die Welt wird ihm nicht glauben; die Welt wird ihn töten. Aber seine Jünger werden nicht von dieser Welt sein (Joh. XV, 19, XVII, 14, 16). Sie werden eine kleine Schar Niedriger und Schlichter sein, die eben durch ihre Niedrigkeit siegen wird. Das Gefühl, das aus »weltlich« den Gegensatz »christlich« gemacht hat, findet in den Gedanken des Meisters seine vollständige Rechtfertigung. S. besonders Joh. XVII, ein Kapitel, das, wenn es nicht eine von Jesu wirklich gesprochene Rede enthält, wenigstens doch ein Gefühl ausdrückt, das bei seinen Jüngern tief war und gewiß auch von ihm ausging. Achtes Kapitel. Jesus zu Kapernaum. Eingenommen von einem immer gebieterischer und exklusiver sich geltend machenden Gedanken, schritt Jesus nun mit einer verhängnisvollen Gleichgültigkeit weiter auf der Bahn, die ihm sein erstaunliches Genie und die außerordentlichen Umstände, unter welchen er lebte, vorgezeichnet hatten. Bis dahin hatte er seine Gedanken nur einigen heimlich herangezogenen Personen mitgeteilt; jetzt aber beginnt er öffentlich und ununterbrochen zu lehren. Er war ungefähr dreißig Jahre alt (Luk. III, 23. Evang. der Ebonim bei Epiphanes, Adv. haer . XXX. 13). Die kleine Schar Jünger, die ihn zu Johannes begleitet hatte, war zweifellos größer geworden, vielleicht auch, daß sich ihm einige Schüler Johannes angeschlossen hatten. Mit diesem ersten Kern der zukünftigen Kirche verkündete er nach seiner Rückkehr nach Galiläa kühn »das Evangelium vom Reiche Gottes«. Dieses Reich sollte kommen und er, Jesus, wäre der »Menschensohn«, den Daniel in seiner Vision als das göttliche Werkzeug der letzten und höchsten Offenbarung erblickt hatte. Es sei erinnert, daß nach der jüdischen Auffassung, die gegen Kunst und Mythologie eine gewisse Abneigung bekundete, die einfache Form des Menschens mehr galt als die der Cherubin und phantastischen Tiere, welche die Vorstellung, seitdem das Volk unter assyrischem Einflüsse stand, um Gottes Majestät gruppierte. Schon bei Hesekiel (I, 5, 26) hat das auf dem höchsten Throne sitzende, weit über die Ungeheuer des geheimnisvollen Wahnes hehre Wesen, der große Verkünder prophetischer Visionen, Menschengestalt. Im Buche Daniel, mitten in der Vision der durch Tiere dargestellten Reiche, naht sich im Augenblicke, wo das jüngste Gericht beginnen und die Bücher geöffnet werden sollen, ein dem Menschensohne gleichendes Wesen dem Alten der Tage, der ihm die Macht verleiht zu richten und ewig zu regieren (Dan. VII, 13,14. Vgl. VIII, 15, X, 16). Der »Menschensohn« ist in den semitischen Sprachen, hauptsächlich in den aramäischen Dialekten, synonym mit »Mensch«. Dennoch aber wirkte diese Hauptstelle in Daniel eigentümlich auf die Gemüter. Der Ausdruck »Menschensohn« wurde, wenigstens in manchen Schulen, Bei Joh. XII, 34 scheinen die Juden den Sinn dieser Worte nicht recht zu verstehen. eine Bezeichnung für den Weltenrichter und König der neuen Zeit geltenden Messias. Buch Henoch XLVI, 1–3, XlVIII, 2, 3, LXII, 9,14, LXX, 1; Matth. X, 2, 3, XIII, 41, XVI, 27, 28, XIX, 28, XXIV, 27, 30, 37, 39, 44, XXV, 31, XXVI, 64; Mark. XIII, 26, XIV, 62; Luk. XII, 40, XVII, 24, 26, 30, XXI, 27, 36, XXII, 69; Apostelg. VII, 55. Die charakteristische Stelle ist Joh. V, 27. Vgl. mit Offenb. Joh. 1,13, XIV, 14. Der Ausdruck »Sohn des Vaters« befindet sich einmal im Buche Henoch, LXII, 5. Die Anwendung, die hieran Jesus auf sich selbst machte, war also die Verkündigung seines Messiastums und die Bestätigung der nahenden Katastrophe, wo er, von dem »Alten der Tage« bevollmächtigt als Richter auftreten wird (Joh. V, 22, 27). Der Erfolg der Worte des neuen Propheten war dieses mal entscheidend. Eine Schar Männer und Frauen, alle charakterisiert durch denselben Geist jugendlicher Keuschheit und kindlicher Unschuld, bildeten seinen Anhang und riefen ihm zu: »Du bist der Messias!« Und weil der Messias der Sohn Davids sein sollte, so wurde ihm natürlich auch dieser Titel, der dem ersteren synonym war, beigelegt. Jesus ließ es gerne geschehen, obgleich es ihm eine gewisse Verlegenheit brachte, denn er war aus dem Volke geboren. Er selbst gab den Titel »Menschensohn« den Vorzug, ein scheinbar bescheidener Titel, der jedoch direkt an die messianischen Hoffnungen anknüpfte. Mit diesem Worte bezeichnete er sich selbst, Dieser Ausdruck ist in den Reden Jesu, im Evangelium, dreiundachtzig mal enthalten. so daß in seiner Rede »Menschensohn« gleichbedeutend mit »ich« war, dessen er nicht zu gebrauchen Pflegte. Doch wurde er nicht so angeredet, sicherlich, weil diese Bezeichnung ihm erst am Tage seiner künftigen Erscheinung ganz gebühren mochte. Der Mittelpunkt der Thätigkeit Jesu zu dieser Zeit seines Lebens war das Städtchen Kapernaum Tellhum, das man gewöhnlich mit Kapernaum identifiziert, zeigt zwar Überreste ziemlich schöner Denkmäler; doch abgesehen davon, daß die Annahme selbst zweifelhaft ist, können diese Denkmäler auch aus dem 2. und 3. Jahrhundert unserer Zeit stammen. am Ufer des Sees Genezareth. Der Name, der das Wort »Kafar« (Dorf) umfaßt, scheint einen Ort älterer Art zu bezeichnen, im Gegensatz zu den großen, nach römischen Muster gebauten Städten, wie z. B. Tiberias. Der Name war so wenig bekannt, daß ihn Josephus an einer Stelle seiner Schriften (B. J. III, X, 8) für den Namen eines Brunnens hält, da dieser bekannter war als der neben ihm liegende Ort. Wie Nazareth hatte auch Kapernaum keine Vergangenheit und hatte in keiner Weise an der durch die Heroden begünstigten weltlichen Bewegung teil genommen. Jesus war dem Städtchen sehr zugethan und schützte es gleichsam als seine zweite Vaterstadt. Kurz nach seiner Heimkehr hatte er gegen Nazareth einen Versuch gemacht, der aber erfolglos blieb. Er konnte dort keine Wunder verrichten, wie einer seiner Biographen naiv bemerkte (Mark. VI, 5. Vgl. Matth. XII, 58; Luk. IV, 23). Auch schadete seiner Autorität sehr die Kenntnis, die man von seiner Familie hatte. Der, dessen Bruder, Schwester, Schwager man täglich sah, konnte nicht als Sohn Davids betrachtet werden. Es ist übrigens merkwürdig, daß seine Familie ihm ziemlich heftige Gegnerschaft leistete und an seine Mission entschieden nicht glauben wollte (Matth. XIII, 57; Mark. VI, 4; Joh. VII, 3). Die Nazarener, noch viel heftiger, wollten ihn sogar, wie man erzählte, töten und von einem hohen Felsen stürzen. Luk. IV, 29. Wahrscheinlich ist da jener Felsenkegel gemeint, der nahe bei Nazareth, oberhalb des jetzigen Maronitenklosters liegt, und nicht der angebliche »Sturzberg«, eine Stunde von Nazareth entfernt (s. Robinsohn, II, 335). Geistreich bemerkte Jesus, daß er dieses Übel mit allen großen Männern gemein habe und wandte das Sprüchlein an: »Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterlande«. Dieser Unfall war weit entfernt ihn zu entmutigen. Er kehrte nach Kapernaum zurück (Matth. IV, 13; Luk. IV, 31), wo er eine günstige Stimmung vorfand und von hier aus bildete er eine Reihe von Missionen nach den benachbarten kleinen Städten. Die Bevölkerung dieses schönen, fruchtbaren Gebietes war nur Samstag versammelt. Dies war der Tag, den er für seine Unterweisungen wählte. Jede Stadt hatte damals ihre Synagoge oder Versammlungsraum. Es war dies ein rechtwinkeliger ziemlich kleiner Saal mit Vorhalle, die mit griechischen Säulen geschmückt war. Da die Juden keine eigene Architektur hatten, so haben sie nie darauf gesehen, diesen Baulichkeiten einen ursprünglichen Stil zu geben. Die Überreste einiger alten Synagogen finden sich noch heute in Galiläa vor. Sie sind alle aus gutem Material erbaut, aber ihr Aussehen ist recht unbedeutend, zufolge jenes Durcheinanders von vegetabilischen Verzierungen, Windungen und Einschnitten, die die jüdischen Denkmäler kennzeichnen. Im Innern waren Bänke angebracht, eine Kanzel für den öffentlichen Vortrag, und ein Schrein, der die heiligen Gesetzesrollen enthielt. Diese Bauten, die nichts von einem Tempel aufwiesen, waren der Brennpunkt des jüdischen Lebens. Hier versammelte man sich am Sabbathtag zum Gebet und zum Vorlesen der Gesetze und der Schriften der Propheten. Da das Judentum außerhalb Jerusalem keine Geistlichkeit im eigentlichen Sinne des Wortes hatte, so erhob sich der Erstbeste, verlas die Schrift für den Tag (Parascha und Haftara) und fügte dann einen Midrasch zu, oder eine rein persönliche Erläuterung, wo er seinen eigenen Anschauungen Ausdruck gab. Das war der Ursprung der »Homilie«, deren vollkommenes Muster wir in den kleinen Abhandlungen des Philo finden. Man hatte das Recht, dem Vorleser Einwendungen zu machen und Fragen zu stellen. Solchermaßen entartete die Versammlung bald zu einer freien Zusammenkunft. Sie hatten einen Vorsitzenden, Älteste, einen Hassan oder besoldeten Vorleser, Küster, Gesandte, eine Art von Sekretären oder Sendboten, welche die Verbindung zwischen den verschiedenen Synagogen unterhielten und einen Schamasch oder Sakristan. Derart bildeten die Synagogen kleine Republiken, die eine weitgehende Jurisdiktion hatten. Gleich allen munizipialen Körperschaften bis zur vorgeschrittenen Zeit des römischen Kaisertums erteilten sie Ehrendiplome, votierten Beschlüsse, die für ihre Gemeinde Gesetzeskraft hatten, verhängten Körperstrafen, deren Vollzieher gewöhnlich der Hassan war. Bei der außerordentlichen geistigen Regsamkeit, die das Judentum stets charakterisiert hat, konnte eine solche Einrichtung, trotz ihrer willkürlichen Strenge nicht verfehlen zu sehr lebhaften Erörterungen Anlaß zu bieten. Dank der Synagoge konnte das Judentum unversehrt achtzehn Jahrhunderte der Verfolgung widerstehen. Sie waren ebensoviel kleine Welten für sich, wo der nationale Geist sich bewahrte und die den inneren Kämpfen ein völlig bereites Feld boten. Hier wurde eine ungeheuere Summe Leidenschaft verbraucht. Der Streit um den Vorsitz war erregt. Einen Ehrenstuhl in der ersten Reihe einzunehmen, war der meistbeneidete Lohn besonderer Frömmigkeit oder das Vorrecht des Reichtums. Anderseits wieder schuf die Freiheit, mit der jeder als Vorleser oder Erklärer der Schrift auftreten konnte, der Verbreitung neuer Anschauungen wundervolle Erleichterungen. Das war auch die Hauptstütze Jesu, das gewöhnliche Mittel, das er anwandte, um seine Lehren zu begründen (Matth. IV, 23, IX, 35; Mark. I, 21, 39, VI, 2; Luk. IV, 15,16, 31, 44, XIII, 10; Joh. XVIII, 20). Er trat in der Synagoge ein und erhob sich zum Vortrag. Der Hassan übergab ihm die Schrift, er entrollte sie und las die Parascha oder die Haftara vom Tage und gab dem eine Erläuterung, die seinen Anschauungen entsprach (Luk. IV, 26. Vgl. Mischna Joma VII, 1). In Galiläa gab es nur wenig Pharisäer, die Diskussion nahm daher gegen ihn nicht jene Erregtheit und Schärfe an, die ihn in Jerusalem schon bei seinem ersten Auftreten gehemmt hätten. Die guten Galiläer hatten noch nie eine Rede vernommen, die ihrer heiteren Phantasie so behagt hätte wie diese. Man bewunderte ihn, huldigte ihn, fand, daß er gut spräche und daß sein Wort überzeugend sei. Mit größter Sicherheit löste er die schwierigsten Einwände. Der Reiz seiner Rede und seiner Person fesselte die jugendliche Bevölkerung, welche die Pedanterie der Gelehrten noch nicht ausgetrocknet hatte. Die Autorität des jungen Meisters wuchs derart mit jedem Tage und – was sehr natürlich ist – je mehr man an ihn glaubte, je mehr auch glaubte er an sich selbst. Sein Wirken war sehr eingeschränkt; es erstreckte sich nur auf den Becken des Sees von Tiberias und selbst da hatte er noch eine bevorzugte Gegend. Der See ist etwa fünf bis sechs Stunden lang, drei bis vier breit. Obgleich er dem Anscheine nach ein ziemlich regelrechtes Oval bildet, hat er doch von Tiberias bis zur Mündung des Jordans eine Buchtung, deren Krümmung ungefähr drei Stunden mißt. Das ist das Feld, wo Jesu Saat den Boden endlich wohl vorbereitet fand. Durchziehen wir es Schritt für Schritt, indem wir den Mantel der Öde und Trauer, den der Dämon des Islams darüber gebreitet hat, zu lüften versuchen: Von Tiberias ausgehend haben wir vorerst steile Felsen vor uns, einen Berg, der sich ins Meer zu stürzen scheint. Dann weichen die Berge zurück. Eine Ebene (El Ghueir) öffnet sich fast im Niveau des Sees. Das ist ein köstliches Boskett von hohem Grün, durchschnitten von reichlichen Quellen, die teilweise aus einem großen runden Becken antiker Konstruktion (Ahin Medawara) kommen. Am Eingang dieser Ebene, die das eigentliche Gebiet von Genezareth ist, befindet sich das elende Dörfchen Medschel. Am andern Ende der Ebene – immer dem Meere entlang – findet man die Stelle, wo eine Stadt einst war (Khan Minjeh), sehr gutes Wasser (Ahin el tin) und einen hübschen Pfad, schmal, tief, in den Fels gehauen, den Jesus sicherlich oft gegangen ist und der die Ebene von Genezareth mit dem nördlichen Rand des Sees verbindet. Eine Viertelstunde von hier entfernt überschreitet man ein salziges Flüßchen (Ahin Tabiga), das aus mehreren größeren Quellen besteht, die, wenige Schritte vom See entfernt, aus der Erde quillen, und das sich im dichten Grün verliert. Schließlich, etwa vierzig Minuten weiter, an dem öden Abhang, der sich von Ahin Tabiga bis zur Mündung des Jordans erstreckt, findet man einige Hütten und Trümmer alter Bauten, was Tell-Hum genannt wird. Fünf Städtchen, von denen die Menschheit ewig reden wird, wie von Rom und Athen, lagen zu Jesu Zeit in dem Raum zwischen dem Dorfe Medschel bis Tell-Hum zerstreut. Von diesen fünf Städten– Magdala, Dalmanutha, Kapernaum, Bethsaida und Chorasin Das Kennereth des Altertums war verschwunden oder hatte seinen Namen geändert. – läßt sich heute nur die erste mit Sicherheit bestimmen. Das häßliche Dorf Medschel hat wahrscheinlich den Namen und die Stelle des Ortes erhalten, den Jesus seiner treuesten Freundin gab. Man weiß hauptsächlich, daß es in der Nähe von Tiberias lag. Tal. von Jerus. Maasaroth III, 1; Schebiit IX, 1; Erubim V, 7. Dalmanutha lag vermutlich in der Nähe. Mark. VIII, 10. Vergl. Matth. XV, 39. Und es ist nicht unmöglich, daß Chorasin etwas nördlicher sich befand. An der Stelle, die jetzt Khorasi oder Lair Karaseh heißt, oberhalb Tell-Hum. Betreffs Bethsaida und Kapernaum, so nimmt man aufs Geratewohl dafür an: Tell-Hum, Ahin el Tin, Khan-Minje, Ahin Medawara. Fast könnte man vermuten, ein geheimes Walten habe die Spuren des großen Stifters, sowohl in topographischer wie in historischer Beziehung genommen, verbergen wollen. Es ist zweifelhaft, ob es jemals gelingen werde auf diesem durchaus verwüsteten Boden die Stätten festzustellen, wo die Menschheit die Spur seiner Füße küssen möchte. Der See, der Horizont, das Buschwerk, die Blumen – das ist alles, was uns von dem kleinen Kanton von drei bis vier Stunden im Umkreis bleibt, wo Jesus sein göttliches Werk begründet hat. Die Bäume sind völlig dahin. In diesem Gebiete, wo einst die Vegetation so üppig war, daß Josephus eine Art Wunder darin erblickte, wo die Natur – wie er meint – sich darin gefallen hatte, neben den Pflanzen der kühleren Länder, die Produkte der heißen Zone, die Bäume des gemäßigten Klimas, das ganze Jahr mit Blüten und Früchten beladen, wachsen zu lassen ( B. J. III , 7, 8); in dieser Gegend – sage ich – wird jetzt einen Tag früher der Ort berechnet, wo man ein wenig Schatten für seine Mahlzeit finden mag. Der See ist verödet. Eine einzige Barke, die im elendsten Zustande ist, durchfurcht heute diese einst an Leben und Frohheit so reiche Fluten. Aber das Wasser ist noch immer leicht und durchsichtig. Das aus Fels oder Steinen bestehende Ufer ist eher das eines kleinen Meeres, nicht das eines Teiches, wie die Ufer des Sees Huleh. Es ist rein, ohne Schlamm, stets an derselben Stelle von leichtem Wellenschlag berührt. Kleine Vorsprünge, bedeckt mit Lorbeerrosen, Tamarinden und dornigen Kapern treten da hervor; besonders an zwei Stellen: an der Jordanmündung bei Tarichäa und am Rand der Ebene von Genezareth befinden sich prächtige Rasenplätze, wo die Wogen im Rasen- und Blumenteppich sich verlieren. Der Bach Ahin-Tabiga wirst recht hübsche kleine Muscheln ans Ufer. Ganze Schwärme von Schwimmvögeln bedecken den See. Der Horizont erstrahlt im hellen Glanze. Die himmelblauen Wasser, tief zwischen glühenden Felsen eingeschlossen, scheinen, von der Höhe der Berge von Safed aus betrachtet, den Boden eines goldenen Bechers zu bedecken. Im Norden heben sich die schneebedeckten Schluchten der Hermons in weißen Linien vom Himmel ab. Im Westen bildet die wellige Hochebene von Golonitis und Peräa – die gänzlich dürr und von der Sonne gleichsam mit einer samtartigen Atmosphäre bekleidet ist – einen massigen Berg, oder besser gesagt, eine lange hohe Terrasse, die von Cäsarea Philippi bis weit, weit südlich sich ausdehnt. Die Hitze an den Ufern ist jetzt sehr drückend. Der See liegt in einer Senkung von zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel und hat also ähnliche Temperaturverhältnisse wie das Tote Meer. Die Senkung des Toten Meeres beträgt das Doppelte. Einst wurde die übermäßige Hitze von einer üppigen Vegetation gemildert; man würde auch schwer begreifen können, wie ein Glühofen – was gegenwärtig von Monat Mai an das ganze Becken dieses Sees ist – jemals der Schauplatz einer so besonders rührigen Thätigkeit sein konnte. Übrigens fand Josephus ( B. J. III, X, 7, 8) das Klima hier gemäßigt. Zweifellos hat hier, wie in der Campagna von Rom, irgend ein klimatischer Wechsel stattgefunden. Der Islam und besonders die mohammedanische Reaktion wider die Kreuzzüge haben diese Lieblingsgegend Jesu wie ein Todeswind ausgedörrt. Die schöne Flur von Genezareth konnte nicht wissen, daß unter der Stirne dieses friedlichen Wandlers sein Schicksal bestimmt wurde. Denn ein gefährlicher Landsmann, ist Jesus dem Lande, das die verderbliche Ehre hatte ihn hervorzubringen, verhängnisvoll geworden. Für alle ein Gegenstand der Liebe oder des Hasses geworden, von zwei fanatischen Rivalen begehrt, sollte Galiläa als Preis seines Ruhmes in eine Wüste sich verwandeln. Wer aber wollte sagen, Jesus wäre glücklicher gewesen, wenn er ein volles Menschenleben unbeachtet in seinem Dorfe verbracht hätte? Und wer gedächte heute der undankbaren Nazarener, wenn nicht einer der ihrigen, auf die Gefahr hin die Zukunft des Örtchens preiszugeben, seinen Vater erkannt und sich als Gottessohn dargestellt hätte? Vier bis fünf große Dörfer, eine halbe Stunde voneinander entfernt – das war also die kleine Welt Jesu. In Tiberias, der ganz profanen, größtenteils von Heiden bewohnten Stadt und gewöhnliche Residenz des Antipas scheint Jesus nie gewesen zu sein. Indes trennte er sich manchmal von seiner Lieblingsgegend. Er fuhr in einem Kahn nach dem östlichen Ufer hinüber, nach Gergasa zum Beispiel. Gegen Norden zog er nach Paneas oder Cäsare Philippi, am Fuße des Hermons (Matth. XVI, 13; Mark. VIII, 27). Endlich machte er auch einmal einen Abstecher nach Tyrus und Sidon (Matth. XV, 21; Mark. VII, 24, 31), einem Gebiete, das sich damals in einer höchsten Blüte befinden mußte. In allen diesen Gegenden befand er sich mitten unter Heiden. In Caesara sah er die berühmte Grotte des Panium, wohin man die Quelle des Jordans versetzte und die der Volksglaube mit den wunderlichsten Legenden versah. Er konnte den Marmortempel bewundern, den Herodes zu Ehren Augustus errichten ließ. Er blieb vielleicht auch vor den zahlreichen Votivstatuen stehen, welche die Frömmigkeit zu Ehren des Pans, der Nymphen, des Echos der Grotte, an diesen schönen Orte errichtet hatte. Ein ephemeristischer Jude, der gewohnt war die fremden Götter als göttlich verehrte Menschen, oder als Dämonen zu betrachten, konnte in diesen bildlichen Darstellungen nur Götzen erblicken. Die Verführungen der naturalistischen Kulten, die die gefühlvollsten Völker umfingen, ließen ihn kalt. Zweifellos hatte er keine Kenntnis von dem, was das alte Heiligtum von Melkarth zu Tyrus noch von dem ursprünglichen, dem Judentum mehr oder minder gleichenden Kultus umfaßte. (Lucianus, De dea syria 3 ). Das Heidentum, das in Phönizien auf jedem Hügel einen Tempel und einen heiligen Hain errichtet hatte, dieser ganze Anblick großer Gewerbethätigkeit und profanen Reichtums, mußte ihn nur wenig anmuten. Die Spuren reicher heidnischer Civilisation zeigen sich noch heute in ganz Beled-Bescharrah und besonders auf den Bergen, die Kap Blanc und Kap Nakura bilden. Der Monotheismus benimmt jede Fähigkeit die heidnischen Religionen zu verstehen; der Mohammedaner, der zufällig in polytheistische Länder kommt, scheint keine Augen zu haben. Sicherlich vermehrte Jesus auf diesen Reisen nicht seine Kenntnisse. Er kehrte stets zu seinem geliebten Ufer von Genezareth zurück. Hier war der Mittelpunkt seiner Gedanken, hier fand er Glauben und Liebe. Neuntes Kapitel Die Jünger Jesu In diesem irdischen Paradies, das bis dahin von den großen historischen Revolutionen wenig berührt wurde, lebte in völliger Harmonie mit dem Lande selbst eine arbeitsame, biedere, fröhliche Bevölkerung. Der See von Tiberias in einer der fischreichsten Becken der Welt. Es gab hier, besonders in Bethsaida und Kapernaum recht einträgliche Fischereien, die einen gewissen Wohlstand geschaffen hatten. Diese Fischerfamilien bildeten eine gutmütige, friedliche Gesellschaft, verzweigt in zahlreichen Verwandtschaften über den ganzen hier beschriebenen Seebezirk. Ihr wenig beschäftigtes Leben gab der Phantasie volle Freiheit. Die Ideen über das Reich Gottes fanden hier mehr Anhänger als anderwärts. Nichts von dem, was im griechischen oder römischen Sinne Civilisation genannt wurde, war bisher zu ihnen gedrungen. Da war nicht unser germanischer oder celtischer Ernst; doch ob ihre Gutherzigkeit oft nur oberflächlich und ohne Tiefe sein mochte, waren ihre Gehaben doch friedsam und sie hatten eine gewisse Intelligenz und Schlauheit in sich. Man kann sie sich ziemlich ähnlich den besten Volksstämmen des Libanons denken, doch mit einer Gabe, welche diese nicht besitzen, das ist: große Männer hervorzubringen. Jesus fand hier seine wahre Familie. Er ließ sich hier als einer der ihrigen nieder. Kapernaum wurde »seine Stadt« (Matth. IX, 1; Mark. II, 1, 2) und in der Mitte des kleinen Kreises, der ihn verehrte, vergaß er seiner zweifelnden Brüder, des undankbaren Nazareths und dessen spöttische Ungläubigkeit. Besonders ein Haus in Kapernaum bot ihm ein behagliches Asyl und ergebene Jünger. Es war dies das Haus zweier Brüder, beide Söhne eines gewissen Jonas, der vermutlich zur Zeit als sich Jesus an dem Ufer des Sees niedergelassen hatte, schon gestorben war. Diese beiden Brüder waren Simon, mit dem Beinamen Kephas oder Petrus, und Andreas. Geboren in Bethsaida, lebten sie zur Zeit als das öffentliche Wirken Jesu begann in Kapernaum. Petrus war verheiratet und hatte Kinder; seine Schwiegermutter lebte bei ihm. Jesus liebte dieses Haus und wohnte gewöhnlich dort. Andreas scheint ein Jünger des Johannes gewesen zu sein und Jesus mochte ihn an den Ufern des Jordans kennen gelernt haben. Die beiden Brüder übten stets ihr Fischerhandwerk aus, selbst zur Zeit, wo sie mit ihrem Meister vollauf beschäftigt waren. Jesus, der Wortspiele liebte, meinte zuweilen, daß er aus ihnen Menschenfischer machen werde. (Matth. IV, 19; Mark. I, 17; Luk. V, 10.) Wirklich hatte er auch unter allen seinen Jüngern keinen, der ihm anhänglicher gewesen wäre. Eine andere Familie, die des Zabdia oder Zebedäus, eines wohlhabenden Fischers und Besitzers mehrerer Barken, nahm Jesus gleichfalls freundlich auf. Zebedäus hatte zwei Söhne, Jakobus, der ältere, und einen jüngeren, Namens Johannes, der später im Werdegang des Christentums eine so entscheidende Rolle spielen sollte. Beide waren eifrige Jünger. Saloma, die Frau des Zebedäus war Jesum gleichfalls sehr zugethan und begleitete ihn bis zu seinem Tode. Die Frauen zeigten sich ihm überhaupt recht wohlgeneigt. Er bekundete ihnen gegenüber jenes rücksichtsvolle Benehmen, das eine sehr angenehme Ideenverbindung zwischen beiden Geschlechtern möglich macht. Die Trennung der Männer von den Frauen, die bei den semitischen Völkern jede zarte Gefühlsentwickelung verhindert hat, wurde damals, so wie heutzutage, auf dem Lande minder streng durchgeführt als in großen Städten. Drei oder vier Galiläerinnen begleiteten den jungen Meister stets und stritten um das Vergnügen ihn anhören und der Reihe nach pflegen zu dürfen (Matth. XXVII, 55, 56; Mark. XV, 40, 41; Luk. VIII, 2, 3; XXIII, 49). Sie brachten in die neue Sekte ein Element der Begeisterung und des Wunderbaren, dessen Wichtigkeit schon damals beachtet wurde. Eine von ihnen, Maria von Magdala, die den Namen ihres armseligen Örtchens so berühmt in der Welt gemacht hat, scheint eine sehr exaltierte Person gewesen zu sein. Nach der Sprache jener Zeit war sie von sieben Dämonen besessen (Mark. XVI, 8; Luk. VIII, 2; vgl. Tobias III, 8; VI, 14), d. h. sie war von nervösen und anscheinend unerklärlichen Übeln geplagt. Jesus beruhigte durch seine reine, milde Schönheit diesen gestörten Organismus. Die Magdalerin blieb ihm bis auf Golgatha treu und spielte am zweiten Tag nach seinem Tode eine bedeutende Rolle; denn sie war, wie wir später ersehen werden, das Hauptorgan, durch das der Glaube an die Auferstehung sich festsetzte. Johanna, das Weib Khusas, eines der Verwalter des Antipas, Susanna und noch andere Frauen, deren Namen unbekannt geblieben sind, begleiteten ihn stets und dienten ihm (Luk. VIII, 3; XXIV, 10). Einige ihrer waren reich und ermöglichten durch ihr Vermögen dem jungen Propheten leben zu können, ohne das Handwerk weiter ausüben zu müssen, das er bis dahin betrieben hatte. (Luk. VIII, 3.) Noch andere begleiteten ihn gewöhnlich und anerkannten ihn als ihren Meister, so: ein gewisser Philippus aus Bethsaida, Nathanael, der Sohn Tolomais oder Ptolomäus, aus Cana, vielleicht ein Jünger aus der ersten Zeit, Ich halte Nathanael für denselben, der als Apostel unter dem Namen Bartholome figuriert. ferner Matthäus, wahrscheinlich derselbe, der der Xenophon des geborenen Christentums werden sollte. Er war Zöllner und als solcher wußte er sicherlich mit dem Schreibstift besser umzugehen als die andern. Vielleicht faßte er damals schon den Gedanken die Logia niederzuschreiben, welche die Grundlage dessen bilden, was wir von den Lehren Jesu wissen. Man nennt als Jünger auch Thomas oder Didymos – letzteres ist die griechische Übersetzung des ersteren Namens – der zuweilen zweifelte, sonst aber ein Mann von Herz und Edelsinn gewesen zu sein scheint (Joh. IX, 16; XX, 24); Labbäus oder Taddäus; Simon Zelotes, der vielleicht ein Schüler Judas des Goloniters war, der Partei des Kenaim angehörte, die damals sich bildete und die bald eine so wichtige Rolle in der Bewegung des jüdischen Volkes spielen sollte (Matth. X, 4; Mark. III, 18; Luk. VI, 15; Apostelg. I, 13); endlich Judas, der Sohn Simons, aus Kerioth, der eine Ausnahme in der treuen Schar bildete und sich einen so schrecklichen Ruf erwarb. Das war der einzige, der kein Galiläer war; Kerioth war eine Stadt im äußersten Süden des Stammes Juda, eine Tagreise jenseits des Hebrons (heute Kurjetehin oder Kerehitehin). Wir haben gesehen, daß Jesu Familie im allgemeinen ihm wenig gewogen war. Der von Johannes XIX, 25–27 mitgeteilte Umstand läßt annehmen, daß Jesu eigene Brüder zu keiner Zeit seines öffentlichen Wirkens sich ihm näherten. Doch zählten fortan zu seinen Jüngern Jakobus und Judas, seine Vettern seitens Maria Kleophas; und diese selbst gehörte zu den Frauen, die ihm auf Golgatha folgten (Matth. XXVII, 56; Mark. XV, 40; Joh. XIX, 25). In dieser Zeit war seine Mutter nicht bei ihm. Erst nach Jesu Tod kam Maria zu hohem Ansehen und die Jünger suchten sie heranzuziehen. Apostelg. 1, 14; vgl. Luk. I, 28; II, 35, wo sich schon eine große Ehrfurcht für Maria äußert; Joh. XIX, 25. Damals auch bildeten die Glieder der Familie des Stifters eine einflußreiche Gruppe unter dem Namen »Brüder des Herrn«, die lange Zeit der Kirche von Jerusalem vorstand und nach der Zerstörung dieser Stadt nach Batama sich flüchtete. (Jul. Afrikanus bei Eusebius, Hist. eccl. I, 7.) Die Thatsache, ihm nahe gestanden zu haben, wurde allein schon ein entscheidender Vorzug, ebenso wie nach Mohammeds Tod die Frauen und Töchter des Prophetens, die während seines Lebens keine Bedeutung hatten, zu hohem Ansehen kamen. In diesem Freundeskreis bevorzugte Jesus augenscheinlich einige und bildete aus ihnen einen engeren Kreis um sich. Die beiden Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes scheinen hierbei vor allen andern in Betracht zu kommen. Sie waren voll Feuer und Leidenschaft. Geistreich nannte sie Jesus »Söhne des Donnerers«, ihres Feuereifers wegen, der auch von dem Blitz Gebrauch gemacht hätte, wenn er darüber hätte verfügen können. (Mark. III, 17; IX, 37; X, 35; Luk. IX, 49, 54.) Besonders Johannes scheint mit Jesu sehr intim gewesen zu sein. Vielleicht auch hat die Schule dieses Jüngers, die sich später um ihn sammelte und uns seine Erinnerungen überlieferte, die Zuneigung, die der Meister gegen ihn hegte, übertrieben. (Joh. XIII, 23; XVIII, 15; XIX, 26, 27; XX, 2, 4; XXI, 7, 20.) Bedeutsamer jedoch ist der Umstand, daß nach den synoptischen Evangelien Simon Barjona oder Petrus, Jakobus, der Sohn des Zebedäus und sein Bruder Johannes eine Art Vertrauenskomitee bildeten, das Jesus zuweilen zu Rate zog, wenn er dem Glauben und der Intelligenz der andern mißtraute. Matth. XVII, 1; XXVI, 37; Mark. V, 37; IX, 1; XIII, 3; XIV, 33; Luk. IX, 28. Die Annahme, daß Jesus diesen drei Jüngern eine Geheimlehre mitgeteilt hätte, war schon frühzeitig verbreitet. Eigentümlich ist, daß Johannes in seinem Evangelium seines Bruders Jakobus nicht ein einziges Mal erwähnt. Auch scheint es, daß diese drei im Fischerhandwerk verbunden waren (Matth. IV, 18-22; Luk. V, 10; Joh. XXI, 2). Jesus Neigung zu Petrus war stark. Sein offener, ehrlicher, kraftvoller Charakter gefiel Jesu, der zuweilen ob dessen entschiedenes Auftreten eines Lächelns sich nicht erwehren konnte. Petrus, der Mystik nur wenig zugethan, teilte dem Meister seinen naiven Zweifel, seine Abneigungen, seine rein menschlichen Schwächen (Matth. XIV, 25; XVI, 22; Mark. VIII, 32) in ehrlicher, freimütiger Weise mit. Jesus belehrte ihn freundschaftlich, vertrauensvoll, achtungsvoll. Was Johannes betrifft, so mußten seine Jugend, sein außergewöhnliches Zartgefühl, seine lebhafte Einbildungskraft einen großen Reiz ausüben. Er scheint etwa bis zum Jahre 100 gelebt zu haben. S. sein Evangelium XXI, 15-25. Ferner die ihm zugeschriebenen Episteln, die sicherlich denselben Verfasser haben wie das vierte Evangelium. Ob jedoch die Offenbarung von ihm herrührt, will ich nicht entscheiden. Die Persönlichkeit dieses außerordentlichen Mannes, der dem entstehenden Christentum eine so kräftige Wendung gab, entwickelte sich erst später. In seinem Alter schrieb er über den Meister das wunderliche Evangelium, das so wertvolle Mitteilungen enthält, in dem aber, meiner Meinung nach, der Charakter Jesu in manchen Punkten gefälscht ist. (Die gewöhnliche Tradition scheint mir hier genügend gerechtfertigt. Übrigens ist es klar, daß die Schule des Johannes sein Evangelium nach seinem Tode verändert hat; s. das ganze Kapitel XXI.) Johannes Natur war zu tief und gewaltig, als daß er in den unpersönlichen Ton der ersten Evangelisten hätte verfallen können. Er war der Lebensschilderer Jesu, wie Plato der des Sokrates. Gewöhnt, seine Erinnerung mit der fieberischen Unruhe eines exaltierten Geistes wachzurufen, formte er des Meisters Bild um, während er ihn schildern wollte, und zuweilen erweckt er den Verdacht – wenn nicht andere Hände sein Werk verändert haben – daß nicht immer die vollkommene Aufrichtigkeit Regel und Gesetz bei der Abfassung dieser seltsamen Schrift war. In der werdenden Sekte herrschte keine eigentliche Hierarchie. Alle mußten sich »Brüder« nennen und Jesus verbot einen höheren Titel als »Rabbi«, »Meister«, »Vater«; er allein sollte Meister sein, Gott allein Vater. Der Angesehenste sollte der Diener der andern sein. Indes zeichnete sich Simon Barjona von seinesgleichen doch durch einen besonderen Grad der Wichtigkeit aus. Jesus wohnte bei ihm und lehrte in seiner Barke (Luk. V,3); sein Haus war der Mittelpunkt der evangelischen Predigten. Die Leute betrachteten ihn als den Führer der Schar und an ihn wendeten sich die Steuereinheber, um die Abgaben der Gemeinde einzuziehen. (Matth. XVII, 23.) Simon hatte Jesus zuerst als Messias erkannt (Matth. XVI, 16, 17). Zu einer Zeit, da Jesus unpopulär war, fragte er seine Jünger: »Und auch ihr wollt von dannen gehen?« und Simon antwortete: »Herr, zu wem sollten wir denn gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.« (Joh. VI, 68-70.) Jesus erteilte ihm oft einen gewissen Vorrang in seiner Kirche Matth. X, 2; Luk. XXII, 32; Joh. XXI, 15; Apostelg I, II, V ec.; Gala. I, 18; II, 7,8. und gab ihm den syrischen Beinamen »Kepha« (Stein), damit andeutend, daß er aus ihm den Eckstein seines Baues machen will. (Matth. XVI, 18; Joh. I, 42.) Einmal scheint er ihm sogar den »Schlüssel zum Himmelreich« zu versprechen und das Recht zu erteilen auf Erden Entscheidungen zu treffen, die in alle Ewigkeit gelten sollen. (Matth. XVI, 19. Diese Macht ist übrigens auch allen Aposteln zugeteilt, s. Matth. XVIII, 18.) Sicherlich hatte dieser Vorzug des Petrus ein wenig Eifersucht erregt. Diese regte sich besonders bezüglich der Zukunft, in Hinsicht auf das Reich Gottes, wo alle Jünger auf Thronstühlen, zur Rechten und zur Linken des Meisters sitzen würden, um die zwölf Stämme Israels zu richten (Matth. XVIII, 1; Mark. IX, 33; Luk. IX, 46, XXII, 30). Er wurde gefragt, wer dem »Menschensohn« zunächst sitzen soll, gewissermaßen als sein erster Minister und Berater. Die beiden Söhne des Zebedäus strebten nach diesem Rang. Und von diesem Gedanken völlig eingenommen, schoben sie ihre Mutter Saloma vor, die eines Tages Jesum beiseite nahm und ihn um die beiden Ehrenplätze für ihre Söhne ersuchte. (Matth. X, 20; Mark. X, 35.) Jesus wies bei dieser Forderung auf seine bekannten Grundsätze hin, wonach der, welcher sich erhöht, erniedrigt werde und das Himmelreich den Kleinen gehöre. Doch der Vorfall erregte Aufsehen in der Gemeinde; es entstand eine große Mißstimmung wider Jakobus und Johannes. (Mark. X, 41.) Dieselbe Rivalität scheint auch im Evangelium Johannes durchzuschimmern, wo der Erzähler immer wieder bemerkt, daß er »der Lieblingsjünger« gewesen sei, den der Meister im Sterben seiner Mutter anvertraut habe. Er stellt sich neben Simon Petrus, zuweilen sogar über ihn, und das bei wichtigen Vorfällen, wo die älteren Evangelien seiner nicht erwähnten. (Joh. XVIII, 15; XIX, 26, 27; XX, 2; XXI, 7, 21). Von den erwähnten Personen waren anfangs alle, soweit uns ihre Thätigkeit bekannt wurde, Fischer. Jedenfalls gehörte keiner einer höheren Gesellschaftsklasse an. Nur Matthäus oder Lewi, Sohn des Alphäus, war Zöllner gewesen. Doch die, welchen in Judäa dieser Titel gegeben wurde, waren nicht die Generalpächter, Leute von hohem Rang – stets römische Ritter – die in Rom publikani genannt wurden. Es waren vielmehr die Bediensteten dieser Generalpächter, Beamte niedrigen Ranges, einfache Zollwächter. Die große Straße von Acra nach Damaskus, eine der ältesten Straßen der Welt, die Galiläa, den See berührend, durchschnitt, vermehrte die Zahl dieser Art Beamte sehr. Kapernaum, das vielleicht am Wege lag, zählte deren eine Menge. Ein derartiges Handwerk ist nirgends beim Volk beliebt; bei den Juden galt es fast als verbrecherisch. Die Steuer, neu für sie, war ein Zeichen ihres Vasallentums; die Schule Judas des Goloniters lehrte sogar Steuerzahlen sei eine heidnische Handlungsweise. Auch wurden die Zöllner von den Glaubenseiferern verachtet; man nannte sie nur in Gesellschaft von Mördern, Straßenräubern und sonstigen schlechten Menschen. Die Juden, die solche Ämter übernahmen, wurden verflucht und für unwürdig erklärt zum Eide zugelassen zu werden. Ihre Kassen wurden verflucht und die Casuisten verboten es, Geld bei ihnen einzuwechseln. (Mischna Bak. X, 1; Talm. von Jerus. Demahi II, 3; Talm. v. Baby. Sanhedrin 25, b.) Die armen, vom Bann der Gesellschaft betroffenen Leute, besuchten sich gegenseitig. Jesus nahm die Einladung zu einer Mahlzeit bei Lewi an, wo – nach der Redeweise jener Zeit – »viele Zöllner und Sünder« anwesend waren. Das schuf ein gewaltiges Ärgernis. (Luk. V, 29.) In diesem argberüchtigten Hause mochte man mit schlechter Gesellschaft zusammenkommen. So werden wir aber häufig ersehen, wie Jesus, unbekümmert über die Vorurteile der rechtlich Denkenden damit beleidige, die von den Orthodoxen erniedrigte Klassen zu heben versuchte und sich dabei den heftigsten Anfeindungen der Frömmler aussetzte. Diese zahlreichen Eroberungen verdankte Jesus dem unendlichen Reiz seiner Person und seines Wortes. Ein eindringliches Wort, ein Blick in ein kindliches Gemüt, das nur erweckt zu werden brauchte, erwarb ihm eifrige Jünger. Zuweilen gebrauchte Jesus auch einen unschuldigen Kunstgriff, wie ihn später auch Johanna d'Arc angewendet hat. Er that so, als wüßte er von dem, welchen er gewinnen wollte, etwas Intimes, oder er erinnerte ihn an einen seinem Herzen teueren Umstand. Derart gewann er Nathanael (Joh. I, 48), Petrus (Joh. I, 42) und die Samariterin (Joh. IV, 17). Den wahren Grund seiner Stärke – ich will sagen, seiner geistigen Überlegenheit – verhehlend, ließ er glauben, um den Ideen der Zeit zu genügen, Ideen, die übrigens völlig auch die seinigen waren, daß eine himmlische Offenbarung ihm die Geheimnisse entdecke und die Herzen öffne. Alle wähnten, er lebe in einer Sphäre, hoch über die Menschheit. Man erzählte, er hätte auf den Bergen mit Moses und Elias Unterredungen gehabt (Matth. XVII, 3; Mark. IX, 3; Luk. IX, 30, 31); man glaubte, daß ihm in einsamen Stunden Engel huldigend nahen und einen übernatürlichen Verkehr zwischen ihm und den Himmel vermitteln. (Matth. IV, 11; Mark. I, 13.) Zehntes Kapitel. Predigten am See. So war die Schar, die sich an den Ufern des Sees von Tiberias um Jesum drängte. Die Aristokratie war durch einen Zöllner und dem Weib eines Verwalters vertreten. Der Rest bestand aus Fischern und schlichten Leuten. Ihre Unwissenheit war sehr groß; sie waren schwachgeistig und glaubten an Gespenster und Geister. (Matth. XIV, 26; Mark. VI, 49; Luk. XXIV, 39; Joh. VI, 19). Nicht eine Spur hellenischen Geistes war hier zu finden. Auch die jüdische Bildung war nur spärlich vorhanden, doch Herz und guter Wille waren da. Das schöne Klima Galiläas machte die Existenz dieser redlichen Fischersleute zu einem beständigen Zauberleben. Sie fühlten eigentlich schon das Reich Gottes, einfach, gut, glücklich wie sie waren, sanft sich wiegend auf dem Prächtigen kleinen Meere, oder abends an seinem Ufer schlummernd. Man hat keine Vorstellung von dem Reiz eines Lebens, das so unter freiem Himmel dahinschwindet, von der sanften und doch kräftigen Glut, die diese beständige Berührung mit der Natur verleiht, von den Träumereien dieser im Sternenschimmer eines tiefblauen Himmels verbrachten Nächte. In einer solchen Nacht war es, wo Jakob, das Haupt an einem Stein gelehnt, in den Sternen die Verheißung einer zahlreichen Nachkommenschaft sah, die geheimnisvolle Leiter, auf der die Engel auf und nieder stiegen. Zu Jesu Zeit war der Himmel noch nicht geschlossen, die Erde noch nicht erkaltet. Die Wolke öffnete sich noch über dem Erdensohne; Engel stiegen über ihn auf und nieder; die Visionen des Reiches Gottes waren überall, denn der Mensch trug sie im Herzen. Das klare, sanfte Auge dieser schlichten Gemüter betrachtete das Weltall in seiner idealen Ursprünglichkeit. Die Welt entschleierte vielleicht ihr Geheimnis dem göttlichen Gefühl dieser glücklichen Kinder, die zufolge ihrer Herzensreinheit verdienen eines Tages Gott zu sehen. Jesus lebte mit seinen Jüngern fast immer im Freien. Bald bestieg er eine Barke und belehrte seine am Ufer dichtgedrängten Zuhörer. Bald wieder bestieg er die Berge, die den See begrenzen, wo die Luft so rein ist, der Horizont so klar. Heiter und umherstreichend gewann so die treue Schar des Meisters Inspiration in ihrer ersten Blüte. Ein naiver Zweifel, eine leise skeptische Frage erhob sich zuweilen; mit einem Lächeln, einem Blick brachte Jesus den Einwand zum Schweigen. Bei jedem Schritt: in der vorüberziehenden Wolke, im keimenden Korn, in der reifenden Ähre, sah man das Zeichen des kommenden Reiches. Man glaubte am Vorabend der Erscheinung Gottes zu stehen und wähnte sich Herr der Welt zu sein. Die Thränen verwandelten sich in Freude: es war der Beginn der allgemeinen Befriedigung auf Erden. »Selig sind,« sprach der Meister, »die da arm an Geist sind, denn ihrer ist das Himmelreich.« »Selig sind die leiden, denn sie sollen getröstet werden.« »Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.« »Selig sind die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden.« »Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.« »Selig sind die reinen Herzens, denn sie werden Gott schauen.« »Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.« »Selig sind die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich.« (Matth. V, 3-10; Luk. VI, 20-25.) Seine Predigten waren sanft und milde, voll Natur und des Duftes der Blumen. Er liebte die Blumen und knüpfte an sie seine köstlichsten Lehren. Die Vögel des Himmels, das Meer, die Berge, das Spiel der Kinder – sie alle kamen abwechselnd in seinen Lehren vor. Sein Stil hatte nichts von dem griechischen Periodenbau, er näherte sich vielmehr der Form hebräischer Parabeln und hauptsächlich den Sprüchen jüdischer Weisen – seiner Zeitgenossen – wie sie im Pirke Aboth zu lesen sind. Seine Darstellungen waren nicht umfangreich, sie bildeten eine Art Suren nach der Art des Korans, aus deren Reihenfolge später die langen Reden gebildet wurden, die von Matthäus niedergeschrieben wurden. Diese verschiedenen Stücke waren durch keine Übergänge verbunden; doch gewöhnlich waren sie von der gleichen Inspiration durchdrungen und daraus bildete sich die Einheit. Besonders in der Parabel leistete der Meister Vorzügliches. Nichts im Judentum gab ihm da das Vorbild. Die Fabel im Buch der Richter IX, 8 und im 2. Samuel XII hat nur eine Formähnlichkeit mit der Parabel des Evangeliums. Die große Ursprünglichkeit letzterer liegt in dem Gefühl, das sie erfüllt. Er war es, der sie geschaffen hat. Zwar findet man auch in den buddhistischen Büchern Parabeln ähnlich denen des Evangeliums; allein es ließe sich nur schwer annehmen, daß hier ein buddhistischer Einfluß vorlag. Der Geist der Sanftheit und die Gefühlstiefe, die in gleicher Weise Christentum wie Buddhismus beseelen, genügt vielleicht zur Erklärung dieser Ähnlichkeit. Eine totale Gleichgültigkeit gegen das äußere Leben und gegen die Nichtigkeit der »Bequemlichkeit«, die uns unser trauriges Klima nötig macht, war die Folge der einfachen, fröhlichen Lebensweise, die in Galiläa herrschte. Das kühle Klima nötigt den Menschen zu einem steten Kampf gegen die Außenwelt und lassen ihn daher auf Behaglichkeit und Luxus einen großen Wert legen. Länder dagegen, die wenig Bedürfnisse erwecken, sind die Länder des Idealismus und der Poesie. Die Zuthaten des Lebens sind belanglos im Verhältnis zum Vergnügen des Lebens selbst. Die Verschönerung des Hauses ist überflüssig, denn man hält sich so wenig wie möglich eingeschlossen. Die kräftige und regelmäßige Ernährung rauheren Klimas würde für zu schwer und unangenehm gelten. Und was den Luxus der Bekleidung betrifft – wie sollte man mit jenem rivalisieren wollen, die Gott der Erde und den Vögeln des Himmels gegeben hat? Die Arbeit gilt in einem solchen Klima für unnütz; was sie ergiebt ist nicht wert was sie kostet. Die Tiere des Feldes sind besser bekleidet als der wohlhabendste Mensch und sie arbeiten nicht. Diese Verachtung, die, wenn sie nicht in der Faulheit wurzelt, viel zu Erhebung der Seele beiträgt, begeisterte Jesus zu den prächtigsten Gleichnissen: »Ihr sollt nicht auf Erden Schätze sammeln, welche die Motten und der Rost fressen, und welche die Diebe ausgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, die weder Motten noch Rost fressen, und welche die Diebe nicht ausgraben und stehlen können. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. (Vgl. Talmud v. Babyl. Baba Bath 11 a.) – Niemand kann zwei Herren dienen. Entweder er wird einen hassen und den andern lieben, oder er wird einem zugethan sein und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und auch dem Mammon. Gott des Reichtums und der verborgenen Schätze, eine Art Plutus, in der phönizischen und syrischen Mythologie. Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht für euern Leib, was ihr euch anziehen werdet. Ist das Leben denn nicht mehr als Speise und der Leib mehr als Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in den Scheuern und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wenn er es auch erstrebte? Und warum sorget ihr für die Kleidung. Setzt die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen, sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Ich sage euch, daß Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht so bekleidet war, wie diese eine. Wenn Gott das Gras auf dem Felde so bekleidet, das doch heute steht und morgen schon in den Ofen geworfen wird, sollte er das nicht viel mehr für euch thun? O ihr Kleingläubigen! Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: »Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns bekleiden?« Nach solchem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr das alles bedürft. Trachtet vor allem nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorget nicht für den nächsten Morgen, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Es ist genug, daß ein jeder Tag seine eigene Plage habe.« (Matth. VI, 19-21, 24-34; Luk. XII, 22-31, 33, 34, XVI, 13. Vgl. die Vorschriften Luk. X, 7, 8, die voll gleichen kindlichen Gefühls sind, mit Talmud v. Babyl. Sota 48 b). Dieses hauptsächlich galiläische Gefühl übte auf das Schicksal der neuen Sekte einen entscheidenden Einfluß aus. Die glückliche Schar, die sich auf den himmlischen Vater verließ, was die Befriedigung ihrer Bedürfnisse betraf, hatte nun als erste Regel, die Sorgen des Lebens als ein Übel zu betrachten, das im Menschen den Keim alles Guten erstickt (Matth. XIII, 22; Mark. IV, 19; Luk. VIII, 14). Täglich bat sie Gott um das Brot für den nächsten Tag. Wozu Schätze häufen? Das Reich Gottes naht ja. »Verkauft was ihr besitzet und gebt Almosen. Macht euch Säckel, die nicht veralten, einen Schatz, der im Himmel nie abnimmt« (Luk. XII, 33, 34). Für Erben sparen, die man nie sehen wird – kann es etwas Thörichteres geben? (Luk. XII, 20). Als Beispiel menschlicher Thorheit, führt Jesus gern den Fall an, wo ein Mann, nachdem er seine Scheunen erweitert hatte und für viele Jahre Vorräte angesammelt, starb, ehe er sie genossen hatte (Luk. XII, 16). Das in Galiläa tief eingewurzelte Räuberwesen (Jos. Ant. . XVII, X, 4, Vita. 11 ec.), bekräftigte die Anschauung nicht wenig. Der Arme, der nicht darunter leiden mußte, betrachtete sich als den Liebling Gottes, während der Reiche mit seinem ungesicherten Besitz der eigentliche Enterbte war. In unserer, nach strengen Eigentumsbegriffen eingerichteten Gesellschaft ist die Lage der Armen schrecklich; er hat, buchstäblich genommen, keinen Platz im Sonnenschein. Nur für den, der einen Fleck Erde besitzt, giebt es Blumen, Gräser, Schatten. Im Orient sind das Gottesgaben, die niemandens Eigentum sind. Der Besitzer hat nur ein geringes Vorrecht; die Natur ist das Patrimonium aller. Das werdende Christentum trat hierbei übrigens nur in die Spur der Essäer oder Therapeuten und in die, der auf das Einsiedlerleben beruhenden jüdischen Sekten. Ein kommunistisches Element schlich sich in alle diese Sekten ein, die ebenso von den Pharisäern, wie von den Sadducäern scheel angesehen wurden. Der Messianismus, bei den orthodoxen Juden rein politischer Art, war bei ihnen rein social. Durch ein sanftes, regelmäßiges und beschauliches Leben, der Freiheit des einzelnen seine Rechte lassend, glaubten diese kleinen Kirchen das Himmelreich auf Erden stiften zu können. Utopien von glückseligem Leben, die auf die Brüderlichkeit aller Menschen und den reinen Kultus des wahren Gottes begründet waren, beschäftigten alle hohen Seelen und brachten überall kühne aufrichtige Versuche hervor, die jedoch nur wenig Zukunft hatten. Jesus, dessen Beziehungen zu den Essäern sehr schwer festzustellen sind – in der Geschichte setzt die Ähnlichkeit nicht immer Beziehungen voraus – war da sicherlich ihr Bruder. Die Gütergemeinschaft galt in der neuen Gesellschaft einige Zeit als Regel (Apostelg. IV, 32, 34-37, V, 1). Der Geiz war Hauptsünde (Matth. XIII, 32; Luk. XII, 15); indes ist hier wohl zu beachten, daß die Sünde »Geiz«, gegen die die christliche Moral so streng war, damals einfach nur die Anhänglichkeit am Eigentum gewesen ist. Die erste Bedingung, um Jesu Jünger zu werden, war, daß man sich seiner Güter entäußerte und den Erlös den Armen gab. Diejenigen, die vor diesem Äußersten zurückschreckten, hatten keinen Zutritt zu seiner Gemeinde (Matth. XIX, 21; Mark. X, 21, 29, 305 Luk. XVIII, 22 u. s. w.). Jesus wiederholte oft, daß der, welcher das Reich Gottes gefunden habe, es um den Preis aller seiner Güter kaufen müsse und daß er dabei noch einen vorteilhaften Kauf mache. »Der Mann, der einen Schatz auf einem Acker entdeckt hat«, sagte er, »verkauft, ohne einen Augenblick zu verlieren, was er besitzt und kauft den Acker. Der Juwelier, der eine köstliche Perle findet, macht alles zu Geld und kauft die Perle.« (Matth. XIII, 44-46.) Ach! das Unmögliche dieses Systems sollte bald fühlbar werden. Man brauchte einen Säckelmeister. Judas aus Kerioth wurde dazu erwählt. Ob mit Recht oder mit Unrecht, genug, man beschuldigte ihn, die gemeinschaftliche Kasse zu bestellen. Soviel steht jedoch fest, daß es mit ihm ein böses Ende nahm. Manchmal lehrte der Meister, der mit den himmlischen Angelegenheiten vertrauter war, als mit den irdischen, eine noch seltsamere Nationalökonomie. In einer bizarren Parabel wird ein Verwalter belobt, weil er sich auf Kosten seines Herrn Freunde unter den Armen gewonnen hat, damit ihn die Armen ihrerseits in das Himmelreich einführen. Da die Armen Verteiler dieses Reiches werden, so dürften sie wirklich nur jene aufnehmen, die ihnen etwas geschenkt haben. Die Pharisäer, die geizig waren, erzählt der Evangelist (Luk. XVI, 1-14), hörten das und bespöttelten ihn. Hörten sie auch folgendes schreckliches Gleichnis: »Es war ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und feiner Leinwand und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber auch ein Armer, Namens Lazarus, der lag vor seiner Thüre voll Schwären. Und er wollte sich sättigen von den Brosamen, die von des Reichen Tisch fielen; doch kamen die Hunde und leckten seine Schwären. Und das geschah dann, daß der Arme starb und ward getragen von Engeln in Abrahams Schoß. Der Reiche starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle und in der Qual war, erhob er seinen Blick und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoße. Und er rief da aus: »Vater Abraham erbarme dich meiner und sende Lazarus, daß er seines Fingers Spitze ins Wasser tauche und meine Zunge kühle, denn ich leide Pein in dieser Flamme!« Doch Abraham antwortete: »Gedenke, Sohn, daß du dein Gutes in deinem Leben hast empfangen, Lazarus dagegen hat Böses empfangen, nun aber wird er getröstet und du wirst gepeinigt.« Luk. XVI, 19-25. Lukas zeigt eine starke kommunistische Tendenz (vergl. VI, 20, 21, 25, 26), ich glaube daher, daß er diese Anschauung Jesu übertrieben hat. Immerhin sind die in der Logia des Matthäus ausgedrückten Züge charakteristisch genug. Was kann gerechter sein? Später nannte man dieses Gleichnis vom »schlechten Reichen«, allein es ist nur einfach das Gleichnis vom »Reichen«. Er ist in der Hölle weil er reich war, weil er sein Gut nicht den Armen gab, weil er gut aß, während andere vor seiner Thüre schlecht aßen. Schließlich spricht Jesus noch in dem Moment, wo er, weniger exaltiert, die Verpflichtung seine Güter zu verkaufen und den Erlös den Armen zu geben nur als einen Rat zur Vervollkommnung hinstellt, folgende schreckliche Worte: »Es ist leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, denn ein Reicher ins Reich Gottes komme. Matth. XIX, 24; Mark. X, 25; Luk. XVIII. 25. Diese sprichwörtliche Redensart ist auch im Talmud und im Koran zu finden. Origines und die griechischen Ausleger, die das semitische Sprichwort nicht kannten, haben geglaubt, hier sei ein Schiffstau (Amilos) gemeint. Ein Gefühl von bewundernswerter Tiefe beherrschte in allen diesem Jesus, ebenso auch die fröhliche kindliche Schar, die ihn begleitete, ein Gefühl des aus ihm für alle Ewigkeit den wahren Schöpfer des Seelenfriedens, den großen Tröster für das Leben machte. Indem Jesus die Menschen von dem befreite, was er »die Sorgen dieser Welt« nannte, konnte er die Sache übertreiben und die wesentlichen Bedingungen der menschlichen Gesellschaft einschränken; aber er begründete seinen hohen Spiritualismus, der durch Jahrhunderte in diesem Jammerthal die Seelen mit Freude erfüllte. Er sah vollkommen richtig ein, daß die Unachtsamkeit des Menschen, sein Mangel an Nachdenken und Moral zumeist von der Zerstreuung kommen, der er sich hingiebt, von den Sorgen, die ihn umlauern und welche die Civilisation maßlos vervielfältigt. (Matth. XIII, 22.) Das Evangelium ist derart das höchste Mittel gegen die Belästigungen des Alltaglebens, ein stetes sursum corda , eine mächtige Zerstreuung vor den elenden irdischen Sorgen, ein sanfter Aufruf, wie der den Jesus einst zu Martha sprach: »Martha, Martha, du beunruhigst dich über viele Dinge, aber nur eins thut not.« Dank Jesu hat das trübseligste, durch traurige oder demütigende Pflichten in Anspruch genommene Leben Aussicht auf einen Winkel im Himmel erhalten. In unserer geschäftigen Civilisation ist die Erinnerung an das freie Leben in Galiläa gleichsam der Wohlgeruch aus einer andern Welt geworden, ein »Tau des Hermon«, der verhindert hat, daß Trockenheit und Gewöhnlichkeit den Acker Gottes ganz verwüsten. Elftes Kapitel. Das Reich Gottes als Herrschaft der Armen hingestellt. Diese Grundsätze, gut für ein Land, wo das Leben von Licht und Luft sich nährt; dieser zarte Kommunismus einer Schar Kinder Gottes, die im Vertrauen auf den Schoß ihres Vaters hinlebten, konnten einer naiven Sekte passen, die stets der Überzeugung war, daß ihre Utopien sich verwirklichen würden. Doch ist es klar, daß sie nicht die Gesamtheit der menschlichen Gesellschaft verbinden konnten. Jesus erkannte wirklich auch sehr bald, daß die offizielle Welt seinerzeit sein Reich ganz und gar nicht in Betracht ziehen werde. Er ging daher mit einer ganz besonderen Kühnheit zur Sache. Diese Welt mit ihrem trockenen Herzen und beschränkten Vorurteilen ließ er beiseite und wandte sich an die Schlichten. Eine große Substituierung der Rasse gab sich kund. Das Reich Gottes ist bestimmt: 1) für die Kinder und die ihnen gleichen; 2) für die Verachteten dieser Welt, die Opfer des gesellschaftlichen Hochmuts, der die guten, aber bescheidenen Menschen zurückstößt; 3) für die Ketzer und Schismatiker, Zöllner, Samariter, Heiden aus Tyrus und Sidon. Ein kräftiges Gleichnis erklärt diesen Appell an das Volk und rechtfertigt ihn (Matth. XXII, 2; Luk. XIV, 16; vergl. Matth. VIII, 11,12; XXI, 33): Ein König hatte ein Hochzeitsfest bereitet und sandte seine Diener aus, die Geladenen zu rufen. Jeder entschuldigte sich; einige mißhandelten sogar die Boten. Da faßte der König einen kräftigen Entschluß. Die vornehmen Leute wollten seiner Einladung nicht Folge leisten, so mögen es denn die Erstbesten sein, Leute, die von den Plätzen und Straßenecken zusammengelesen werden, gleichviel ob Arme, Bettler, Krüppel, der Saal müsse gefüllt werden: »Ich sage euch aber,« sprach der König, »daß keiner von denen, die geladen waren, mein Mahl kosten soll.« Der reine Ebionismus, die Lehre, daß die Armen (Ebionim) allein erlöst werden, daß das Reich der Armen nahe sei, bildete also Jesu Lehre. »Wehe euch Reichen,« rief er aus, »denn ihr habt den Trost dahin. Wehe euch, die ihr jetzt gesättigt seid, denn euch wird hungern. Wehe euch, die ihr hier lacht, denn ihr werdet weinen und heulen« (Luk. VI, 24, 25). »Wenn du ein Mahl machest,« sprach er ferner, »so lade nicht deine Freunde, Brüder, deine reichen Nachbarn, daß sie dich nicht etwa wieder einladen und dir vergolten werde. Sondern lade, wenn du ein Mahl machest, die Armen, die Krüppel, die Lahmen und die Blinden. So bist du selig, denn sie haben es nicht dir zu vergelten, dir aber wird vergolten werden in der Auferstehung der Gerechten.« (Luk. XIV, 12-14.) Vielleicht geschah es in gleichem Sinne, was er oft wiederholte: »Seid gute Haushalter«, Ein durch eine sehr alte und sehr beachtete Tradition erhaltenes Sprichwort, das sich auch bei Origines, bei Hieronymus und vielen Kirchenvätern vorfindet. das heißt: bereitet euch gute Stätten für das Reich Gottes, in dem ihr eure Güter den Armen schenkt, gemäß dem alten Sprichwort: »Wer sich der Armen erbarmet, der leiht dem Herrn.« (Sprüche Sal. XIX, 17.) Übrigens war das nichts neues. Die exaltierteste demokratische Bewegung, deren die Menschheit sich erinnern kann – die einzige auch, die Erfolg hatte, denn sie hielt sich in den Grenzen des reinen Gedankens – erregte seit langem schon das jüdische Volk. Der Gedanke, Gott sei der Rächer der Armen und Schwachen gegen die Reichen und Mächtigen, findet sich auf jeder Seite des Alten Testamentes. Die Geschichte Israels ist von allen Geschichten die, in welcher der Volksgeist am stetesten geherrscht hat. Die Propheten, wahre Tribunen, und im gewissen Sinne die kühnsten Tribunen, wetterten unaufhörlich gegen die Großen und stellten eine enge Verbindung zwischen den Wörtern »reich, gottlos, gewaltig, böse«, einerseits her und andererseits zwischen »arm, sanft, demütig, fromm.« Unter den Seuleuciden, als fast alle Aristokraten abtrünnig geworden waren und zum Hellentum überschritten, befestigten sich diese Ideenverbindungen nur noch mehr. Das Buch Henoch enthält noch heftigere Flüche als das Evangelium gegen die Welt, die Reichen, die Mächtigen. Der Luxus wird hier als Verbrechen dargestellt. Der »Menschensohn« entthront in dieser wunderlichen Apokalypse Könige, reißt sie aus ihrem Wollustleben und stürzt sie in die Hölle. Die Einweihung Judäas in das profane Leben, die noch neuere Einführung eines ganz weltlichen Elements des Luxus und des Wohllebens, verursachten eine wütende Reaktion zu Gunsten der patriarchalischen Einfachheit. »Weh euch, die ihr das Haus und Erbteil euerer Väter verachtet! Weh euch, die ihr mit dem Schweiße der andern euere Paläste baut. Jeder Stein, jeder Ziegel, aus denen sie bestehen, ist Sünde.« (Henoch XCIX, 13, 14.) Das Wort »arm« (ebion) wurde gleichbedeutend dem »heilig«, dem »Freund Gottes«. Diese Bezeichnung legten sich die galiläischen Jünger Jesu gerne bei; sie war auch lange Zeit der Name der Judenchristen von Batanea und des Hauran (Nazarener, Hebräer), die der Muttersprache Jesu und seiner ursprünglichen Lehre treu geblieben waren und sich rühmten in ihrer Mitte Abkömmlinge seiner Familie zu besitzen. Julius Afrikanus bei Eusebius Hist eccl. . I, 7; Euseb. de situ et nomine loc. hebr.. beim Wort Choba ; Origines Contr. Cels. II, 1, V, 61; Epiphanes Adv. haer. XXIX, 7, 9; XXX, 2, 18. Gegen Ende des zweiten Jahrhunderts werden diese guten Sektierer, die außerhalb der großen Strömung standen, welche die andern Kirchen mitgerissen, als Ketzer (Ebioniten) betrachtet und man erfand, um ihren Namen zu erklären, einen angeblichen Häretiker Ebion. Die Fabel von einem Ebion ist durch Tertullian und besonders durch Epiphanes verbreitet worden. Es läßt sich nun merklich sehr leicht begreifen, daß diese übertriebene Begierde nach Armut nicht dauernd sein konnte. Es war dies eines jener utopischen Elemente, wie sie sich immer an großen Schöpfungen festsetzen und die von der Zeit gerichtet werden. In die weite Mitte der menschlichen Gesellschaft gestellt, sollte das Christentum eines Tages sehr gerne Reiche in seinem Schoße besitzen, ebenso wie der bei seinem Entstehen ausschließlich mönchische Buddhismus, als die Bekehrungen häufiger wurden, bald auch Laien aufnahm. Doch man behält stets das Gepräge seines Ursprungs. Obgleich bald vorüber und vergessen, ließ doch der Ebionismus in der ganzen Geschichte der christlichen Institution einen Sauerteig zurück, der nicht verloren ging. Die Sammlung der Logia Jesu erfolgte unter den Eberoniten Bataneas. Die Armut blieb ein Ideal, das die wahren Anhänger Jesu nicht mehr außer Acht ließen. Nichts zu besitzen, galt als der rechte christliche Standpunkt, das Betteltum wurde zur Tugend, zur Heiligkeit. Die große umbrische Bewegung im 13. Jahrhundert, die von allen Versuchen einer Religionsstiftung jene ist, welche am meisten der galiläischen Bewegung ähnlich war, erfolgte nur als ein Zeichen der Armut. Franz von Assisi, der Mann der Welt, der in seiner Herzensgüte, seiner zarten und seinen Verbindung dem Gesamtleben Jesu am meisten glich, war ein Armer. Die Bettelorden, die zahlreichen kommunistischen Sekten des Mittelalters, die sich unter dem Banner des »ewigen Evangeliums« scharten – sie alle wollten als wahre Jünger Jesu gelten und waren es auch wirklich. Aber diesesmal waren noch die unmöglichsten Träumereien der neuen Religion fruchtbringend. Das fromme Betteltum, das unserer industriellen und administrativen Gesellschaft so beschwerlich ist, war seinerzeit und unter dem günstigen Himmelstrich, voller Reiz. Er bot einer Menge beschaulicher und sanftgearteter Seelen den einzigen Stand, der ihnen zusagen konnte. Aus der Armut einen Gegenstand der Liebe und des Verlangens zu machen, den Bettler auf die geweihte Stelle zu setzen und das Kleid des Mannes aus dem Volke zu heiligen – das ist ein Meisterstück, das wohl die Nationalökonomie nicht befriedigen kann, dem gegenüber jedoch der wahre Moralist nicht gleichgültig bleiben kann. Um ihre Last zu tragen, bedarf die Menschheit des Glaubens, daß sie durch ihren Lohn nicht gänzlich bezahlt werde. Der größte Dienst, der ihr erwiesen werden kann, ist, ihr immer wieder zu sagen, daß sie nicht vom Brot allein lebe. Wie alle großen Männer, hatte auch Jesus Neigung zum Volke und fühlte sich wohl in seiner Mitte. Das Evangelium in seinem Sinne ist für die Armen bestimmt und bringt ihnen die frohe Botschaft des Heils. (Matth. XI, 5; Luk. VI, 20, 21.) Alle vom orthodoxen Judentum Verachteten waren seine Günstlinge. Die Liebe zum Volk, das Mitleid mit dessen Schwäche, das Gefühl des demokratischen Führers, der den Geist der Menge in sich leben fühlt und sich als dessen natürlichen Dolmetscher erkennt, blinkten aus allen seinen Worten und Thaten hervor. (Matth. IX, 36; Mark. VI, 34.) Die auserlesene Schar zeigte thatsächlich einen sehr gemischten Charakter, von dem die Strenggesinnten sehr überrascht sein mußten. Es waren da Leute, mit denen ein Jude, der sich selbst achtete, nicht verkehrt hätte. (Matth. IX, 10; Luk. XV.) Vielleicht fand Jesus in dieser ungewöhnlichen Gesellschaft Vorzüge und Gefühl als in einer pedantischen, formalen, auf ihre scheinbare Moral stolzen Bourgeoisie. In ihrer Übertreibung der mosaischen Vorschriften waren die Pharisäer dahin gekommen, sich durch die Berührung mit Leuten, die minder strenggläubig waren, für befleckt zu halten; und was die Mahlzeiten betraf, so war man fast den kindischen Unterscheidungen der indischen Kasten gleich. Diese elende Abirrung des religiösen Gefühls verachtend, aß Jesus mit denen an einem Tische, die deren Opfer waren (Matth. IX, 11; Mark. II, 16; Luk. V, 30); er hatte da Personen zur Seite, die im schlechten Ruf standen, freilich das vielleicht nur, weil sie die Lächerlichkeiten der Frömmler nicht teilten. Die Pharisäer und Schriftgelehrten schrieen Zeter. »Seht,« sagten sie, »mit was für Leuten er ißt!« Jesus hatte dafür eine seine Antwort, welche die Heuchler erbitterte: »Die Starken brauchen des Arztes nicht, sondern die Kranken« (Matth. IX, 12); oder: »Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hätte und wenn er eines verlöre, nicht die neunundneunzig in der Wüste ließe und hinginge nach dem verlorenen, bis er es finde? Und wenn er es gefunden hätte, lege er es mit Freuden auf seine Schultern« (Luk. XV, 4); oder: »Der Menschensohn ist gekommen, um selig zu machen, was verloren ist« (Matth. XVIII, 11; Luk. XIX, 10); oder: »Ich bin gekommen die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Frommen« (Matth. IX, 13); endlich das köstliche Gleichnis vom Verlorenen Sohn, wo der, welcher gefehlt hat, dargestellt, als habe er ein Vorrecht auf den, welcher stets gerecht gewesen ist. Schwache und schuldige Frauen, überrascht von so viel Reiz, und zum erstenmal die ganze Anziehungskraft der Tugend fühlend, näherten sich ihm offen. Man war erstaunt, daß er sie nicht zurückwies. »Ach,« riefen die Strenggesinnten aus, »dieser Mann ist kein Prophet! Denn wäre er's, so würde er auch wissen, daß das Weib, das ihn berührte, eine Sünderin ist.« Jesus antwortete mit dem Gleichnis von dem Gläubiger, der seinen Schuldnern ungleiche Schulden erließ; und ohne Scheu zog er das Los dessen vor, dem die größte Schuld erlassen wurde. Luk. VII, 36. – Lukas, der alles hervorzuheben liebt, was die Vergebung der Sünde betrifft (X, 30; XV, XVII, 16; XIX, 2; XXIII, 39-43), hat diese Erzählung mit einer anderen vereint, die von der Salbung der Füße in Bethanien, einige Tage vor Jesu Tod. Doch die Verzeihung der Sünderin war zweifellos eines der wesentlichsten Züge aus dem Anekdotenleben Jesu. Vergl. Joh. VIII, 3. Er beurteilte den Seelenzustand nur nach dem Grad der Liebe, die damit verbunden war, Frauen mit kummervollem Gemüt und wegen ihres Fehltritts zur Demut geneigt, standen seinem Reiche näher als die mittelmäßigen Naturen, die oft nur wenig Verdienst dabei haben, daß sie nicht gefehlt. Andererseits wieder ist es begreiflich, daß diese zarten Gemüter, in der Bekehrung zu der Sekte ein leichtes Rehabilitationsmittel findend, Jesu leidenschaftlich anhänglich waren. Fern davon das Murren zu besänftigen, das seine Verachtung der socialen Empfindlichkeit jener Zeit hervorgerufen hatte, schien er, im Gegenteil Gefallen daran zu finden. Niemals hat jemand lauter seine Verachtung der »Welt« bekundet, die Vorbedingung großer Thaten und großer Ursprünglichkeit. Er verzieh dem Reichen nur, wenn dieser durch irgend ein Vorurteil von der Welt mißgünstig betrachtet wurde. (Luk. XIX, 2.) Laut gab er Leuten von zweifelhaftem Lebenswandel und geringem Ansehen den Vorzug vor den orthodoxen Notabeln. »Zöllner und Huren werden wohl eher ins Himmelreich kommen als ihr, Johannes kam zu euch; Zöllner und Huren glaubten ihm und ob ihr es auch sahet, habt ihr doch nicht Buße gethan.« (Matth. XXI, 31, 32.) Es ist begreiflich, wie verletzend für Leute, die aus Würde und strenger Moral ein Gewerbe machten, der Vorwurf sein mußte, dem guten Beispiel, das ihnen Freudenmädchen gaben, nicht gefolgt zu sein. Er strebte nicht nach Äußerlichkeiten und zeigte auch keine Strenge. Er floh nicht die Freude, sondern besuchte gerne Hochzeitsvergnügungen. Eines seiner Mirakel erfolgte zur Erheiterung auf einer Hochzeit in einem Städtchen. Im Orient finden die Hochzeiten abends statt. Jeder trägt eine Lampe und die fackelnden Lichter gaben da einen recht angenehmen Eindruck. Jesus liebte diesen heiteren und belebten Anblick und schöpfte daraus Stoff zu Gleichnissen. (Matth. XXV, 1.) Wenn man dieses Benehmen mit dem Johannes des Täufers verglich, so war man empört. (Mark. II, 18; Luk. V, 33.) Als nämlich eines Tages die Jünger des Johannes und die Pharisäer Fasten hielten, fragte man Jesum: »Wie kommt es, daß, während die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasten und beten, die deinigen essen und trinken?« »Lasset sie,« antwortete Jesus. »Wie können Hochzeitsleute Leid tragen, so lange der Bräutigam bei ihnen ist? Es wird aber die Zeit kommen, wo der Bräutigam von ihnen genommen wird, dann werden sie fasten.« (Matth. IX, 14; Mark. II, 18; Luk. V, 33.) Seine sanfte Heiterkeit äußerte sich stets in lebhaften Reflexionen und liebenswürdigen Scherzen. »Wem,« sprach er, »soll ich dieses Geschlecht vergleichen? Es gleicht den Kindern, die auf dem Marktplatz sitzen und ihren Kameraden zurufen: »Wir haben euch gesungen und ihr habt nicht getanzt; wir haben euch geklaget und ihr habt nicht geweint! Johannes ist gekommen; er aß nicht, er trank nicht, so sagten sie: Er ist verrückt. Der Menschensohn ist gekommen, er lebt wie jeder andere und ihr sagt nun: Er ist ein Fresser und Säufer, Genosse der Zöllner und Sünder! Und die Weisheit muß sich rechtfertigen lassen vor ihren Kindern.« Matth. XI, 16; Luk. VII, 34. – Ein Sprichwort, das sagen will: Die Meinung der Menschen ist blind. Die Weisheit der Werke Gottes verkündet sich nur durch sich selbst. So durchwanderte er Galiläa unter steten Festlichkeiten. Er bediente sich dabei eines Maultiers – eines im Orient ebenso guten und verläßlichen Reisemittels – dessen großen schwarzen Augen von langen Wimpern beschattet sind und viel Sanftes an sich haben. Seine Jünger entfalteten zuweilen einen ländlichen Pomp um ihn, auf Kosten ihrer Kleidung, die hierbei die Stelle von Teppichen einnahmen. Sie legten sie auf das Maultier, das ihn trug, oder breiteten sie vor ihm auf der Erde aus. (Matth. XXI, 7, 8.) Wenn er in einem Hause abstieg, so gab es da Freude und Glückwünsche. Er hielt in Ortschaften und auf großen Gehöften an, wo er mit herzlicher Gastfreundschaft aufgenommen wurde. Im Orient wird das Haus, wo ein Fremder absteigt, sogleich ein öffentlicher Ort. Das ganze Dorf versammelt sich hier; die Kinder drängen sich heran, die Diener vertreiben sie, doch sie kehren immer wieder zurück. Jesus wollte nicht, daß man diese unschuldigen Zuschauer hart anfahre. Er ließ sie herankommen und küßte sie. (Matth. XIX, 13; Mark. IX, 35; X, 13; Luk. XVIII, 15, 16.) Die Mütter, ermutigt durch einen solchen Empfang, brachten ihre Säuglinge herbei, damit er sie berühre. Frauen kamen um Öl auf sein Haupt zu gießen und seine Füße zu salben. Seine Jünger drängten sie manchmal als belästigend zurück, doch Jesus, der die alten Bräuche und alles, was Herzenseinfalt bekundete, liebte, machte das Übel wieder gut, das seine übereifrigen Freunde angerichtet hatten. Er beschützte die, die ihn ehren wollten. (Matth. XXVI, 7; Mark. XIV, 3; Luk. VII, 37.) Kinder und Frauen beteten ihn auch förmlich an. Der Vorwurf, daß er diese zarten, stets der Verführung geneigten Geschöpfe ihren Familien entfremde, war einer von denen, der ihm von seinen Feinden am häufigsten gemacht wurde. Evang. von Markion, Zusatz zu Lukas XXIII, 2 (Epiphanes Adv. haer. XIII, 11). Ob auch die Kürzungen des Markion keinen kritischen Wert haben, so gilt doch nicht dasselbe für seine Zusätze. Die werdende Religion war derart in mancher Hinsicht eine Bewegung der Frauen und Kinder. Letztere bildeten um Jesum gleichsam eine junge Garde zur Einweihung seines unschuldigen Königtums, und brachten ihm kleine Huldigungen dar, indem sie ihn »Sohn Davids« nannten und Hosiannah Ein Ruf, der am Laubhüttenfest bei dem Umgang um die Bundeslade unter Schwenken von Palmenzweigen, laut wurde. – Mischna Sukka III, 9. Dieser Brauch besteht noch jetzt bei den Juden. rufend, Palmen um ihn her trugen, was ihm gar wohl gefiel. Jesus benutzte sie, vielleicht wie später Savonarola, als Werkzeuge zu frommen Missionen. Er sah diese jungen Apostel, die ihn nicht kompromittierten gerne vorausziehen und den Titel aussprechen, den er selbst nicht anzunehmen wagte. Er ließ sie reden und wenn er befragt wurde, ob er es vernehme, so antwortete er ausweichend, das Lob, das von jungen Lippen käme, sei Gott am wohlgefälligsten. (Matth. XXI. 15, 16.) Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne zu wiederholen, daß die Kleinen geheiligte Wesen wären, daß das Reich Gottes den Kindern gehöre, daß man Kind werden müsse, um daselbst einzugehen, daß man es als Kind empfangen müsse, daß der himmlische Vater seine Geheimnisse vor den Weisen verberge, doch vor den Kleinen offenbare. Bald werden in seinen Gedanken seine Jünger und die Kinder fast eins. (Matth. XVIII, XIX, X; Luk. XVII, XVIII, IX, X, VII; Mark. X, IX.) Als die Jünger in Jesu Gegenwart eines Tages stritten – was nicht selten vorkam – wer den Vorsitz haben soll, nahm Jesus ein Kind, setzte es mitten unter sie und sprach: »Das ist der Größte, wer sich selbst erniedrigt wie dieses Kind, der ist der größte im Himmelreich.« (Matth. XVIII, 4; Mark. IX, 33-36; Luk. IX, 46-48.) Es war auch wirklich die Kindheit, die mit ihrer göttlichen Unbefangenheit, ihren naiven Freuden Besitz von der Erde nahm. Jeden Augenblick erwarteten die Gläubigen, daß das heißersehnte Reich komme. Jeder sah sich schon auf einem Throne zur Seite des Meisters sitzen. Man verteilte unter sich die Plätze (Mark. X, 37, 40, 41) und versuchte den Tag zu berechnen. Das hieß »die frohe Botschaft«, die Lehre hatte keinen andern Namen. Ein altes Wort, »Paradies« – welches das Hebräische, wie alle andern orientalischen Sprachen, dem Persischen entlehnt hatte, und das ursprünglich die Gärten der Achemenidenkönige bezeichnete – faßte den Traum aller in einem: ein herrlicher Garten, wo man ewig das prächtige Leben, das man hier führte, fortsetzen werde. (Luk. XXIII, 43; 2. Korinth. XII, 4; vergl. Carm. sibyll pro. 86; Talmud v. Baby. Chaggiga 14, b.) Wie lange währte diese Trunkenheit? Wir wissen es nicht. Keiner maß im Verlaufe dieser zauberischen Erscheinung die Länge der Zeit; ebensowenig wie man einen Traum bemißt. Der Begriff der Dauer war ausgehoben; eine Woche glich einem Jahrhundert. Mag er nun Jahre oder Monate gewährt haben, dieser Traum war doch so schön, daß seither die Menschheit daran sich labte und noch heute unser Trost ist, einen schwachen Duft seiner zu verspüren. Niemals hat eine größere Freude die menschliche Brust. Einmal bei diesen Versuchen – den kräftigsten, den sie gemacht hatte, um sich über ihren Planeten zu erheben – vergaß die Menschheit das Bleigewicht, das sie an der Erde hielt und die Traurigkeit des irdischen Lebens. Glücklich, dessen Augen dieses göttliche Erblühen sehen konnten, und sei es auch nur einen Tag gewesen, der dieser unvergleichlichen Illusion teilhaft wurde. Aber glücklicher noch – würde Jesus uns sagen – wer frei von Illusionen, diese göttliche Erscheinung in sich wieder erstehen lassen kann, und, ohne Schwärmerei vom tausendjährigen Reich, ohne chimärisches Paradies, ohne Zeichen am Himmel – durch die Redlichkeit seines Willens und die Poesie seiner Seele das wahre Reich Gottes in seinem Herzen zu gründen weiß. Zwölftes Kapitel. Botschaft des gefangenen Johannes an Jesu. Johannes Tod. Beziehungen seiner Schule zu der des Jesu. Während das fröhliche Galiläa die Ankunft des Vielgeliebten in Festen feierte, verzehrte sich der traurige Johannes in seinem Gefängnis zu Machero in Warten und Sehnen. Die Kunde von dem Erfolg des jungen Meisters, den er einige Monate früher in seiner Schule gesehen hatte, war bis zu ihm gedrungen. Man sagte, der von den Propheten geweissagte Messias sei gekommen, derjenige der das Reich Israel wieder herstellen sollte, und er bekunde seine Anwesenheit in Galiläa durch Wunderthaten. Johannes wollte sich nach der Wahrheit dieser Gerüchte erkundigen und da er frei mit seinen Jüngern verkehren konnte, erwählte er zwei, um zu Jesus nach Galiläa zu gehen. (Matth. XI, 2; Luk. VII, 18.) Die beiden Jünger fanden Jesus auf dem Gipfel seiner Berühmtheit. Das festliche Aussehen, das um ihn herrschte, überraschte sie. Gewöhnt an Fasten, an beständiges Beten, an ein Leben voll Sehnen, waren sie erstaunt, plötzlich mitten in Willkommfreuden versetzt zu sein. (Matth. IX, 14.) Sie wandten sich an Jesus mit ihrer Botschaft: »Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten?« Jesus, der nunmehr über seine eigene Messiasrolle nicht schwankte, zählte ihnen die Werke vor, die das Reich Gottes kennzeichnen sollten: die Kranken werden geheilt, die frohe Botschaft des Heils wird den Armen verkündet. Er habe alles das vollbracht. »Selig daher,« fügte er hinzu, »die nicht an mir gezweifelt.« Man weiß nicht, ob dieser Bescheid Johannes noch bei Leben traf, oder in welche Stimmung er den strengen Asketen versetzte. Starb er trostvoll und überzeugt, daß derjenige, dessen Ankunft er verkündet hat, schon lebe oder hegte er noch Zweifel über die Mission Jesu? Wir wissen es nicht. Da jedoch seine Schule noch ziemlich lange neben der des Jesu fortbestand, so müssen wir annehmen, daß Johannes, trotz seiner Achtung vor Jesu, ihn nicht als den betrachtet hat, der die göttliche Verheißung erfüllen sollte. Der Tod machte übrigens seinen Ungewißheiten bald ein Ende. Die unbezähmbare Freimütigkeit des Einsiedlers sollte seine ruhelose, qualvolle Laufbahn mit dem einzigen ihrer würdigen Ende krönen. Die Nachsicht, die Antipas gegen Johannes zeigte, konnte nicht von langer Dauer sein. In der Unterredung, die Johannes – nach der christlichen Tradition – mit dem Tetrarchen hatte, wiederholte Johannes oft und wieder, daß dessen Ehe ungültig sei und daß er Herodias fortschicken müsse. (Matth. XVI, 4; Mark. VI, 18; Luk. III, 19.) Es läßt sich leicht vorstellen, welchen Haß die Enkelin des Großen Herodes gegen diesen unverschämten Ratgeber hegen mußte. Sie wartete nur auf eine Gelegenheit, um ihn zu verderben. Ihre aus erster Ehe geborene Tochter Saloma, ehrgeizig und leichtfertig wie sie, ging auf ihr Vorhaben ein. In diesem Jahre (wahrscheinlich Jahr 30 u. Z.) befand sich Antipas an seinem Geburtstage in Machero. Herodes der Große hatte im Innern dieser Festung einen prächtigen Palast erbauen lassen (Josephus de bello jud VII, VI, 2), in dem der Tetrarch häufig residierte. Er gab da ein großes Fest, bei dem Saloma einen jener Tänze aufführte, die in Syrien für Personen aus der besseren Gesellschaft als unschicklich galten. Als Antipas entzückt die Tänzerin fragte, was ihr Begehr wäre, so antwortete sie, angeleitet von ihrer Mutter: »Den Kopf des Johannes auf dieser Schüssel.« Antipas war damit wohl nicht zufrieden, doch wollte er ihr den Wunsch nicht versagen. Ein Söldner ging mit der Schüssel fort, schnitt dem Gefangenen den Kopf ab und brachte ihn. (Matth. XIV, 3; Mark. VI, 14-29; Jos. Ant. . XVIII, V, 2.) Die Jünger des Täufers erhielten seinen Leichnam und legten ihn ins Grab. Das Volk war sehr unzufrieden. Sechs Jahre später griff Hareth den Antipas an, um Machero zu erobern und die Schmach seiner Tochter zu rächen. Antipas wurde dabei vollständig geschlagen, was allgemein als Strafe für die Ermordung des Johannes betrachtet wurde. (Jos. Ant. . XVIII, V, 1, 2.) Die Nachricht von diesem Tod erhielt Jesus von des Täufers Jüngern. (Matth. XIV, 12.) Der letzte Schritt, den Johannes bei Jesus unternahm, schuf zwischen beiden Schulen eine enge Verbindung. Jesus, der bei Antipas eine Zunahme seines Übelwollens befürchtete, traf Vorsichtsmaßregeln und zog sich in die Wüste zurück. (Matth. XIV, 13.) Viele Leute folgten ihm dahin. Zufolge ihrer außergewöhnlichen Mäßigkeit konnte die fromme Schar auch hier Leben; manche freilich wollten darin ein Wunder sehen., (Matth. XIV, 15; Mark. VI, 35; Luk. IX, 11; Joh. VI 2.) Jesus sprach nunmehr von Johannes mit verdoppelter Bewunderung. Er erklärte ohne weiteres, daß er mehr war als ein Prophet, daß das Gesetz und die alten Propheten nur bis auf ihn in Kraft waren, daß er sie beseitigt habe, daß aber auch ihn das Reich Gottes beseitigen werde. Kurz, er gab ihm im Haushalt des christlichen Mysteriums eine besondere Stelle, die ihn zum Mittler zwischen dem Alten Testament und dem neuen Reich machte. (Matth. XI, 7; Luk. VII, 24; Matth. XI, 12, 13; Luk. XVI, 16.) Der Prophet Maleachi, dessen Meinung in dieser Beziehung sehr hervorgehoben wurde (Mal. III, IV; Pred. XLVIII, 10. – S. 6. Kapitel), hatte besonders kräftig einen Vorläufer des Messias angekündigt, der die Menschen auf die schließliche Erneuerung vorbereiten sollte, einen Boten, der den Weg des Gotterwählten ebnen sollte. Dieser Bote war kein anderer als der Prophet Elias, der nach einem sehr verbreiteten Glauben bald vom Himmel herabkommen werde – zu dem er aufgefahren sei – um die Menschen durch Buße auf das große Ereignis vorzubereiten und Gott mit seinem Volke zu versöhnen. (Matth. XI, 14; Mark. VI, 15; VIII, 28; IX, 10; Luk. IX, 8, 9.) Zuweilen gesellte man Elias noch jemand zu: den Patriarchen Henoch, den man seit einem oder zwei Jahrhunderten einen besonderen Grad von Heiligkeit zuzusprechen gewohnt war, oder Jeremias, den man als eine Art schützenden Genius des Volkes schätzte, der stets vor dem Throne Gottes für sein Volk betete. Diese Vorstellungen von zwei alten Propheten, die auferstehen sollten, um dem Messias als Vorläufer zu dienen, findet man in frappanter Ähnlichkeit in der Lehre des Parsen wieder, daß man annehmen muß, sie komme daher. Doch wie immer – sie bildete zu Jesu Zeiten einen wesentlichen Bestandteil der jüdischen Theorien über den Messias. Es wurde angenommen, daß die Erscheinung »zweier treuer Zeugen« in Bußgewändern gekleidet, das Vorspiel zu einem großen Drama sein werde, das sich zum Erstaunen der Welt entwickeln sollte. Offenb. Joh. XI, 3.) Man begreift, daß mit diesen Ideen Jesus und seine Jünger über die Mission Johannes des Täufers nicht schwanken konnten. Wenn die Schriftgelehrten ihnen den Einwand machten, es könne vom Messias noch nicht die Rede sein, weil Elias noch nicht gekommen sei, so antworteten sie, Elias wäre schon erschienen, denn Johannes sei der wiedererstandene Elias. Durch seine Lebensweise, seine Gegnerschaft wider die bestehende Gewalt, erinnerte Johannes thatsächlich all diese sonderbare Gestalt der alten Geschichte Israels. (Mark. IX, 10. Matth. XI, 14; XVII, 10-13; Mark. VI, 15; IX, 10-12; Luk. IX, 8; Joh. I, 21-25. – Luk. I, 17.) Jesus wurde nicht müde die Verdienste und Vorzüge seines Vorgängers zu preisen. Er sagte, unter allen Menschenkindern sei kein größerer geboren worden. Kräftig tadelte er die Pharisäer und Schriftgelehrten, weil sie nicht die Taufe angenommen und zu seinen Worten sich nicht bekehrt hatten. (Matth. XXI, 32; Luk. VII, 29, 30.) Diesen Grundsätzen des Meisters blieben die Jünger Jesu treu. Die Hochachtung vor Johannes war eine beständige Tradition in der ersten christlichen Generation. Man hielt ihn für einen Verwandten Jesu. (Apostelg. XIX, 4 – Luk. I.) Um seine Mission auf ein von allen anerkanntes Zeugnis zu stützen, wurde erzählt, daß Johannes, als er Jesus zum ersten Mal gesehen hätte, ihn als Messias ausgerufen, daß er sich als Jesu untergeordnet betrachtet, als einen der nicht wert sei dessen Schuhrieme zu lösen; daß er übrigens anfangs Jesum gar nicht taufen wollte, sondern gesagt hatte, er müsse von ihm getauft werden. (Matth. III, 14; Luk. III, 16; Joh. I, 15; V, 32, 33.) Das waren Übertreibungen, die von der zweifelnden Form der letzten Botschaft des Johannes genügend widerlegt wird. (Matth. XI, 2; Luk. VII, 18.) Doch im allgemeinen Sinne blieb Johannes in der christlichen Legende das, was er in Wirklichkeit war: der strenge Vorbereiter, der düstere Bußeprediger vor der Freude über die Ankunft des Bräutigams, der Prophet, der das Reich Gottes verkündet und stirbt, bevor er es erblickt hat. Ein Riese des werdenden Christentums war dieser Heuschrecken- und Honigesser; der Wermuttropfen, der die Lippen für die Süßigkeit des Reiches Gottes vorbereiten sollte, war dieser strenge Rächer des Unrechts. Der Enthauptete der Herodias eröffnete die Reihe der christlichen Märtyrer; er war der erste Zeuge des neuen Glaubens. Die Weltlichen, die in ihm ihren wahren Feind erkannten, konnten nicht gestatten, daß er lebe. Sein verstümmelter, auf der Schwelle des Christentums ausgestreckter Leichnam, zeichnete den blutigen Weg vor, den nach ihm so viele betreten sollten. Die Schule des Johannes starb nicht mit ihrem Gründer. Sie lebte noch einige Zeit fort, getrennt von der des Jesu und auch in gutem Einvernehmen mit ihr. Mehrere Jahre nach dem Tode der beiden Meister ließ man sich noch mit der Taufe des Johannes taufen. Manche gehörten gleichzeitig beiden Schulen an, so z. B. der berühmte Apollos, der Rivale des Paulus – gegen das Jahr 50 u. Z. – und eine beträchtliche Zahl Christen aus Ephesus (Apostelg. XVIII, 25; XIX, 1-5. – Vergl. Epiphanes Ant. . XXX, 16.) Josephus trat im Jahre 53 der Schule eines Asketen Namens Banu Sollte das vielleicht nicht Bunai sein, der, im Talmud von Baby. Sanhedrin 43, a als Jünger Jesu ausgeführt wird? bei, der große Ähnlichkeit mit Johannes aufwies und vielleicht aus dessen Schule hervorging. Banu lebte in der Wüste, kleidete sich mit Laub, nährte sich nur von Pflanzen und wilden Früchten und nahm oft bei Tag und bei Nacht die Taufe im kalten Wasser, um sich zu reinigen. Jakobus, der, den man den »Bruder des Herrn nannte (vielleicht findet hier eine Namensverwechselung statt), übte dieselbe Weise. Später, im Jahre 80, befand sich der Baptismus im Kampfe mit dem Christentum, besonders in Kleinasien. Der Evangelist Johannes scheint ihn versteckter Weise zu bekämpfen. (Hegesipp, bei Euseb. Hist eccl. II, 23. – Eines der sybillischen Gedichte (Buch IV, f. Vers 157) scheint von dieser Schule herzurühren. Was die Sekten der Hemerobaptisten, Baptisten, Elihasaiten betrifft (Sabier, Mogtasila der arabischen Schriftsteller. Ich erinnere, daß Sabier im Aramäischen gleichbedeutend mit der Bezeichnung Baptisten ist, und Mogtasila bedeutet im Arabischen dasselbe), mit welchen im zweiten Jahrhundert Syrien, Palästina und Babylon voll waren und deren Überreste noch heutigentags in den Mendahiten, den Johanneschristen zu finden sind, so haben sie wohl eher den gleichen Ursprung wie die Bewegung des Täufers, als daß sie dessen rechte Nachkommenschaft wären. Die eigentliche Schule des Johannes ging halb mit dem Christentum verschmolzen in den Zustand kleiner christlichen Häretik über und erlosch dann gänzlich Johannes hatte erkannt, auf wessen Seite die Zukunft sei. Wäre er dem Gefühl kleinlicher Rivalität gefolgt, so würde er heute unter der Menge Sektierer seiner Zeit vergessen sein. Durch Selbstverleugnung ist er zur Glorie gelangt zu einer Stellung, die einzig ist im religiösen Pantheon der Menschheit. Dreizehntes Kapitel. Die ersten Versuche in Jerusalem. Fast jedes Jahr zog Jesus zum Osterfest nach Jerusalem Das Nähere über diese Reisen ist nicht bekannt, denn die Synoptiker sprechen nicht davon In unbestimmter Art werden diese nur angenommen (Matth. XXIII, 37; Luk. XIII, 34). Ebenso wie Johannes, kennen sie Jesu Verhältnis zu Joseph von Arimathia. Lukas (X, 38-42) kennt sogar die Familie in Bethanien; er hat eine unbestimmte Vorstellung (IX, 51-54) von den Reisen, die im vierten Evangelium erwähnt sind. Mehrere Reden gegen die Pharisäer und Sadducäer, die nach den Synoptikern in Galiläa gesprochen wurden, haben nur für Jerusalem einen Sinn. Endlich ist die Frist von acht Tagen viel zu kurz, um alles zu erklären, was zwischen Jesu Ankunft in Jerusalem und seinem Tode geschehen mußte. und die Mitteilungen des vierten Evangeliums sind bezüglich dessen sehr unklar. Zwei Pilgerreisen sind deutlich angegebenen, 13, V, 1) ohne von der letzten Reise zu sprechen (VII, 10), von der Jesu nicht mehr nach Galiläa zurückkehrte. Die erste fand statt, während Johannes noch taufte; dies wäre daher Ostern 29. Indes fallen die bei dieser Reise angegebenen Umstände in eine spätere Zeit. Vergl. besonders Joh. II, 14 und Matth. XXI, 12, 13; Mark. X, 15-17; Luk. XIX, 45, 46.) Sicherlich hat in diesen Kapiteln des Johannes eine Verwechselung der Zeit stattgefunden, oder er hat vielmehr die Einzelheiten verschiedener Reisen miteinander vermischt. Es scheint jedoch, daß der wichtigste Aufenthalt Jesu in der Hauptstadt im Jahre 31 stattgefunden hat, sicherlich aber erst nach dem Tod Johannes. Mehrere Jünger folgten ihm. Obgleich Jesus damals auf diese Pilgerreise wenig Wert legte, ließ er sich doch dazu herbei, um nicht die jüdischen Bräuche zu verletzen, mit denen er damals noch nicht gebrochen hatte. Diese Reisen waren übrigens wesentlich wichtig für seine Zwecke, denn er fühlte schon, daß er, um eine Rolle ersten Ranges zu spielen, aus Galiläa hinausgehen müßte, um das Judentum in seiner festen Stellung anzugreifen, in Jerusalem. Die kleine galiläische Gemeinde fühlte sich hier recht fremd. Jerusalem war damals so ziemlich das, was es heute ist: eine Stadt der Pedanterie, der Verbissenheit, des Zankens, des Hasses, der Kleingeisterei. Der Fanatismus war hier sehr groß und die religiösen Aufstände sehr häufig. Die Pharisäer herrschten; das Studium der Gesetze, bis auf die unbedeutendste Kleinigkeit sich erstreckend und dabei doch von kasuistischen Fragen beschränkt, bildete das einzige Studium. Diese ausschließlich theologische und kanonische Bildung trug nichts zur Verfeinerung des Geistes bei. Es war etwas Ähnliches wie die sterile Lehre des mohammedanischen Fakirs, diese edle Wissenschaft, die sich um eine Moschee dreht, eine große Verschwendung an Zeit und Dialektik ist, ohne daß die Geistesbildung auch nur den geringsten Nutzen daraus zöge. Die theologische Ausbildung unserer heutigen Geistlichkeit, obgleich sehr trocken, vermag doch keine Vorstellung von jener zu geben; denn die Renaissance hat in allen unseren Lehrgegenständen, selbst in den rebellischsten, etwas von Belletristik eingeführt und gute Methoden, die der Scholastik mehr oder minder die Färbung von Humanitätsstudien gaben. Die Wissenschaft des jüdischen Gelehrten war rein barbarisch, absurd, frei von jedem sittlichen Element. Zum größten Unglück erfüllte sie noch den, der sich bemüht hatte sie zu erlangen, mit einem lächerlichen Stolz. Hochmütig ob seines Wissens, dessen Erlangung ihm so viel Mühe gekostet hatte, hegte der jüdische Schriftgelehrte gegen die griechische Kultur dieselbe Verachtung, die der gelehrte Muselmann in unserer Zeit gegen die europäische Kultur hegt, und wie sie früher bei katholischen Theologen gegen das weltliche Wissen vorhanden war. Das Eigentümliche des scholastischen Wissens besteht darin, daß es den Geist gegen alles Zarte verschließt, nur vor den schwierigen Kindereien Achtung hat, in denen das Leben verbraucht wird, und die als natürliche Beschäftigung von Personen betrachtet werden, welche aus der Würdigkeit ein Gewerbe machen. (Dies läßt sich nach dem Talmud, dem Echo jüdischer Scholastik jener Tage, beurteilen.) Diese gehässige Welt mußte die zarten und weichen Gemüter des Norden schwer bedrücken. Die Verachtung der Jerusalemiten gegen die Galiläer erweiterte noch diese Kluft. In dem schönen Tempel, dem Gegenstand ihres Sehnens, fanden sie oft nur Schwierigkeiten. Der Vers des Pilgerpsalms (Psalm 84): »Ich will lieber die Thüre hüten in meines Gottes Haus,« schien eigens für sie gemacht zu sein. Eine unwürdige Priesterschaft lächelte über ihre naive Frömmigkeit, so wie später in Italien die Geistlichkeit, die mit den Heiligtümern vertraut war, kalt, fast höhnisch auf die Inbrunst der aus Fernen herbeigezogenen Pilger blickten. Die Galiläer sprachen einen recht verdorbenen Dialekt; ihre Aussprache war fehlerhaft; sie verwechselten die verschiedenen Hauchlaute, was oft zu vielbelachten Mißverständnissen Anlaß gab. (Matth. XXVI, 73; Mark. XIV, 70; Apostelg. II, 7; Talmud v. Baby. Erubin 53 a, Bereschith rab. 26 c.) In religiöser Beziehung galten sie für unwissend und nicht sehr glaubensstreng; der Ausdruck »galiläischer Dummkopf« war sprichwörtlich. Man glaubte – nicht ohne Grund – das jüdische Blut sei bei ihnen sehr gemischt und es galt als entschieden, daß Galiläa keinen Propheten hervorbringen könnte. (Joh. VII, 52.) So an die Grenze, ja fast außerhalb des Judentums gestellt, konnten die armen Galiläer ihre Hoffnungen nur aus einer ziemlich schlecht gedeuteten Stelle des Jesais (IX, 1, 2. – Matth. IV, 13) nähren: »Land Sebulon und Land Naphtali, Weg des Meeres, Galiläa der Heiden! Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht und über die, welche im finstern Lande wohnen, scheint es helle.« Der Ruf des Geburtsortes Jesu war besonders schlecht. »Was kann von Nazareth Gutes kommen?« (Joh. I, 46) galt als allgemeine Redensart. Die Kargheit der Natur in Jerusalems Umgebung mußte Jesu Unbehagen noch vermehren. Die Thäler sind hier ohne Wasser, der Boden trocken und steinig. Wenn der Blick auf die Niederung des Toten Meeres fällt, so hat die Aussicht noch etwas Besonderes; sonst ist sie monoton. Nur der Hügel Mizpa mit seiner Erinnerung an die älteste Geschichte Israels fesselt den Blick. Die Stadt hatte zu Jesu Zeit dasselbe Aussehen wie gegenwärtig. Sie hatte keine alten Denkmäler, denn bis zur Zeit des Hasmonäer hielten sich die Juden von allen Künsten fern. Johannes Hyrkan begann sie zu verschönern und Herodes der Große machte aus ihr eine der schönsten Städte des Orients. Die herodianischen Bauten machen durch ihren großartigen Charakter, ihre vollkommene Ausführung, und durch die Schönheit des Materials, den besten Bauten des Altertums den Rang streitig. (Jos. Ant. XV, XVIII-XX, B. J. V, V, 6; Mark. XIII, 1, 2.) Eine Anzahl prachtvoller Grabmäler von eigenartigem Geschmack, erhoben sich damals im Umkreis von Jerusalem. Ihr Stil war griechisch, doch den jüdischen Bräuchen angepaßt und nach deren Grundsätzen wesentlich abgeändert. Die Ornamente von lebender Skulptur, die sich Herodes zur größten Unzufriedenheit der Strenggläubigen erlaubt hatte, waren verbannt und durch Pflanzenornamente ersetzt worden. Der Geschmack der alten Bewohner Phöniziens und Palästinas für die aus dem lebendigen Fels geschnittenen Monolithdenkmäler, schien in diesen sonderbaren Felsgräbern wieder aufzuleben, wobei die griechische Säulenordnung so wunderlich auf eine Troglodytenarchitektur Anwendung fand. Jesu, der die Werke der Kunst für eitlen Tand hielt, sah alle diese Bauwerke mißgünstig an. Sein absoluter Spiritualismus und sein fester Glaube, daß das Aussehen der alten Welt verschwinden werde, ließen ihn nur an Dingen des Herzens Geschmack finden. Zur Zeit Jesu war der Tempel ganz neu und die äußeren Arbeiten waren noch nicht ganz vollendet. Herodes begann mit der Wiederherstellung im Jahre 20 oder 21 vor unserer Zeitrechnung, um ihn mit seinen anderen Bauten in Übereinstimmung zu bringen. Das Tempelschiff wurde in achtzehn Monaten errichtet. Die Säulengänge in acht Jahren; doch die Nebenteile wurden nur langsam angefertigt und erst kurz vor der Einnahme von Jerusalem beendet. (Jos. Ant. XV, XI.-XX, IX; Joh. II, 20.) Jesus sah wahrscheinlich noch daran arbeiten, und nicht ohne stillen Unmut. Diese Hoffnungen auf eine lange Zukunft waren gleichsam eine Insulte auf sein künftiges Reich. Heller blickend als die Ungläubigen und Fanatiker, ahnte er, daß diese Prachtbauten nur für eine kurze Dauer bestimmt wären. (Matth. XXIV, 2, XXVI, 61; XXVII, 40; Mark. XIII, 2, XIV, 58, XV, 29; Luk. XXI, 6; Joh. II, 19, 20.) Übrigens bildete der Tempel ein wundervolles imposantes Ganze, wovon jetzt das Haram, ungeachtet seiner Schönheit kaum einen Begriff zuläßt. Es läßt sich kaum bezweifeln, daß der Tempel und seine Ringmauern dort sich befanden, wo jetzt die Moschee Omar und das Haram – der heilige Hof, der die Moschee umschließt – stehen. Die Höfe und Säulenhallen dienten täglich einer beträchtlichen Menge als Ort der Zusammenkunft, so daß dieser große Raum gleichzeitig Tempel, Forum, Tribunal und Lehrhaus war. Alle religiösen Diskussionen der jüdischen Schulen, der ganze kanonische Unterricht, selbst die Prozesse und bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten – kurz gesagt, die Thätigkeit der Nation fand hier ihren Brennpunkt. (Luk. II, 46; Mischna Sanhed. X, 2.) Es war da ein beständiges Geschwirr von Argumenten, ein Kampfplatz für Disputationen, der von Sophismen und spitzfindigen Fragen erfüllt war. Der Tempel hatte somit große Ähnlichkeit mit der Moschee. Rücksichtsvoll gegen fremde Religionen, wenn diese auf ihrem eigenen Gebiet blieben, versagten sich die Römer dieses Heiligtum zu betreten. (Sueton Aug. 93.) Griechische und lateinische Inschriften bezeichneten die Stelle, bis wohin dem Nichtjuden vorzuschreiten erlaubt war. Allein der Turm Antonia, das Hauptquartier der römischen Macht, beherrschte die ganze Ringmauer und ließ alles, was innerhalb derselben geschah, sehen. Die Tempelpolizei wurde von den Juden ausgeübt. Ein Hauptmann hatte die Oberaufsicht; er ließ die Thore öffnen und schließen, verhindern, daß man den innern Raum mit einem Stock in der Hand betrete, mit staubigen Schuhen, mit Gepäck, oder um den Weg zu kürzen. Besonders wurde darauf gesehen, daß keiner im Zustand gesetzlicher Unreinheit die innere Säulenhalle betrete. Für die Frauen war ein ganz abgesonderter Raum vorhanden. Hier verbrachte Jesus während der Zeit seines Aufenthalts in Jerusalem seine Tage. Die Feste brachten einen bedeutenden Menschenzufluß nach dieser Stadt. Zu zehn bis zwanzig in einem Gemache vereint, lebten die Pilger in jenem bunten Durcheinander, das im Orient so sehr gefällt. Jesus verlor sich in der Menge und seine armen um ihn gescharten Galiläer machten wenig Aufsehen. Er fühlte vermutlich, daß er sich hier in einer freundlichen Welt befinde, die ihn nur mit Verachtung empfangen mag. Alles was er sah, machte ihn mißgestimmt. Der Tempel gab, wie gewöhnlich alle sehr besuchten Andachtsstätten, einen wenig erbaulichen Anblick. Der Kultus brachte eine Menge ziemlich abstoßender Einzelheiten mit sich, besonders Handelsgeschäfte, dem zufolge innerhalb der geheiligten Ringmauer wahre Meßbuden vorhanden waren. Es wurden da Opfertiere verkauft, man fand da Wechslertische. Manchmal konnte man meinen, man befände sich in einem Bazar. Die Unterbeamten des Tempels verrichteten ihr Amt zweifellos mit der unreligiösen Gewöhnlichkeit der Kirchendiener aller Zeiten. Dieses profane und zerstreute Aussehen bei der Verrichtung des heiligen Dienstes verletzte sehr das religiöse Gefühl Jesu. (Mark. XI, 16.) Er sagte, man habe aus dem Gebetshaus eine Diebeshöhle gemacht. Eines Tages – wird erzählt – ließ er sich sogar vom Zorn fortreißen, er schlug auf die Schacher los und warf ihre Tische um. (Matth. XXI, 12; Mark. XI, 15; Luk. XIX, 45; Joh. II, 14.) Im allgemeinen liebte er den Tempel wenig. Der Kultus, den er sich für seinen Vater erdacht, hatte nichts mit diesen Schlächtereien zu thun. Alle diese alten jüdischen Einrichtungen mißfielen ihm und er mußte genötigt werden sich ihnen zu fügen. Auch flößte der Tempel und seine Stelle innerhalb des Christentums nur den Judenchristen fromme Gefühle ein. Die wahren Neuerer hatten eine Abneigung gegen diesen altgeheiligten Ort. Konstantin und die ersten christlichen Kaiser ließen die heidnischen Bauten Hadrians dessen Stelle einnehmen. ( Itin. a Burdig. Hiers.; Hieronymus, In Isaiam II, 8 In Matthäum XXIV, 15.) Die Feinde des Christentums, wie Julian, waren es, die diesen Ort in Betracht zogen. ( Amonian Marcellin XXIII, 1.) Als Omar in Jerusalem einzog, wurde die Stelle des Tempels aus Haß gegen die Juden absichtlich verunreinigt. (Entychius, Ann. II.) Erst der Islam – das heißt, eine Art wiedererstandenes Judentum in seiner semitischen Form – gab ihr die Würdigung wieder. Dieser Ort war immer antichristlich. Der Stolz der Juden machte Jesus ganz unzufrieden und verleidete ihm den Aufenthalt in Jerusalem. In dem Maße, wie die großen Gedanken Israels reiften, sank das Priestertum. Die Institution der Synagoge hatte dem Gesetzesdeuter, dem Gelehrten, einen großen Vorrang vor dem Priester gegeben. Es gab nur in Jerusalem Priester und selbst hier wurden sie, beschränkt auf die rituellen Ausübungen – ungefähr so wie unsere katholischen Pfarrpriester von der Predigt ausgeschlossen sind – von dem Redner der Synagoge, dem Kasuisten, dem Schriftgelehrten – wie sehr der letztere auch Laie sein mochte – überholt. Die berühmten Männer des Talmuds waren keine Priester, sondern Gelehrte nach der Anschauung jener Zeit. Die vornehmere Geistlichkeit Jerusalems nahm wohl einen hohen Rang im Volke ein, allein sie stand keineswegs an der Spitze der religiösen Bewegung. Der Hohepriester, dessen Würde schon von Herodes gemindert wurde (Jos. Ant. XV, III, 1, 3 und XVIII, II) war immer mehr zum römischen Beamten geworden, der oft abgesetzt wurde, um dieses Amt für mehrere einträglich zu machen. Als Gegner der Pharisäer, der überexaltierten Laien-Eiferer, waren fast alle Priester Sadducäer, das heißt, Mitglieder jener ungläubigen Aristokratie, die sich um den Tempel gebildet hatte, die wohl vom Altar lebte, aber ihn mißachtete. (Apostelgeschichte V, 1, 17; Jos. Ant. XX, IX, 1; Pirke Aboth I, 10.) Die Priesterkaste hatte sich vom Nationalgefühl und der hohen religiösen Richtung des Volkes dermaßen getrennt, daß der Name Sadducäer ( sadoki ) – der ursprünglich nur ein Mitglied der Priesterfamilie Sadek bezeichnete – als gleichbedeutend galt mit »Materialist« und »Epikuräer«. Seit Herodes des Großen Regierung kam noch ein schlimmeres Element zur Korruption der hohen Geistlichkeit dazu. Herodes verliebte sich in Marianne, die Tochter eines gewissen Simon, Sohn des Boethus von Alexandrien; und da er sie heiraten wollte – etwa 28 vor u. Z. – so fand er kein anderes Mittel, um seinen Schwiegervater zu adeln und zu seinem eignen Rang zu erheben, als ihn zum Hohepriester zu machen. Diese intrigante Familie behielt fast ohne Unterbrechung fünfunddreißig Jahre die Hohepriesterwürde. Eng verwandt mit der herrschenden Familie, verlor sie dieses Amt erst nach der Absetzung des Archiläus, doch erhielt sie es im Jahre 28 vor Chr. wieder, nachdem Herodes Agrippa für einige Zeit das Werk des großen Herodes wieder hergestellt hatte. Unter dem Namen Boëthusim Dieser Name kommt nur in der jüdischen Schrift vor. Ich glaube, die Herodianer des Evangeliums wären die Boëthusim gewesen. bildete sich dermaßen ein neuer Priesteradel, der sehr weltlich gesinnt war, wenig fromm und so ziemlich mit den Sadokiten verschmolz. Im Talmud und in den rabbinischen Schriften werden die Boëthusim gewissermaßen als Ungläubige und stets in Verbindung mit den Sadducäern hingestellt. Aus alledem bildete sich um den Tempel eine Art »römischer Hof«, der von Politik lebte, religiösen Excessen wenig geneigt war, sie sogar fürchtete, und von heiligen Personen oder Neuerern nichts wissen wollte, weil er aus den bestehenden Verhältnissen seinen Nutzen zog. Diese epikuräischen Priester waren nicht gewaltthätig wie die Pharisäer; sie wollten nur Ruhe haben. Ihre moralische Gleichgültigkeit, ihre kalte Unreligiösität empörten Jesum. Obwohl sehr verschieden, waren Priester und Pharisäer doch einig in ihrer Abneigung gegen Jesum. Aber, fremd und ohne Ansehen wie er war, mußte Jesus lange Zeit seine Unzufriedenheit in sich verschließen und durfte seine Empfindungen nur der vertrauten Schar, die ihn begleitete, mitteilen. Vor seinem letzten Aufenthalt, den längsten von allen, die er in Jerusalem nahm, und der mit seinem Tode enden sollte, versuchte Jesus doch sich Gehör zu verschaffen. Er predigte; man sprach von ihm; man unterhielt sich über gewisse Geschehnisse, die als Wunder betrachtet wurden. Doch dies alles führte nicht zu einer Kirche in Jerusalem, noch brachte es zu einer Schar dortiger Jünger. Der gütige Lehrer, der allen verzieh, wenn man ihn nur liebte, konnte in diesem Sanktarium eitler Zänkereien und veralteter Opferungen kein Echo finden. Er gewann damit nur einige gute Verbindungen, die ihm später nützten. Es ist nicht wahrscheinlich, daß er damals schon die Bekanntschaft der Familie in Bethanien gemacht hatte, die ihm in den Prüfungen der letzten Monate so viel Trost brachte. Doch frühzeitig zog er die Aufmerksamkeit eines gewissen Nikodemus auf sich, eines reichen Pharisäers, Mitglied des Sanhedrins und sehr angesehen in Jerusalem. Dieser Mann, der redlich und aufrichtig gewesen zu sein scheint, fühlte sich zu dem jungen Galiläer hingezogen. Doch weil er sich nicht bloßstellen wollte, besuchte er ihn nachts und pflog mit ihm ein langes Gespräch. (Joh. III, 1; VII, 50. – Es läßt sich wohl mit Gewißheit annehmen, daß selbst der Wortlaut des Gespräches eine Schöpfung des Johannes sei.) Zweifellos behielt er von Jesus einen günstigen Eindruck, denn er verteidigte ihn später gegen die Vorurteile seiner Genossen (Joh. VII, 50) und bei Jesu Tod finden wir ihn wieder in liebevoller Sorge um den Leichnam des Herrn. Joh. XIX, 39.) Nikodemus wurde nicht Christ; er glaubte zufolge seiner Stellung sich nicht in eine revolutionäre Bewegung einlassen zu dürfen, die noch keine angesehene Anhänger hat. Aber er hegte sicherlich eine große Freundschaft zu Jesu und erwies ihm Dienste, ohne jedoch seinen Tod verhindern zu können, dessen Urteil zur Zeit, bei der wir nun angelangt sind, bereits geschrieben war. Was die berühmten Gelehrten dieser Zeit betrifft, so scheint Jesus in keinen Beziehungen zu ihnen gestanden zu sein. Hillel und Schamai waren tot; die größte Autorität war nun Gamaliel, der Enkel Hillels. Dieser war ein Freigeist und Weltmann, den weltlichen Wissenschaften zugängig und durch seinen Verkehr mit der höheren Gesellschaft zur Toleranz geneigt. (Mischna Baba metsia V, 8; Talmud von Baby. Sota 49 b.) Im Gegensatz zu den überstrengen Pharisäern, die verschleiert oder mit geschlossenen Augen einher gingen, sah er die Frauen an, selbst die heidnischen. (Talm. v. Jerus. Berak. IX, 2.) Die Tradition verzieh ihm das, ebenso, daß er griechisch gelernt hatte, weil er dem Hof nahe stand. Nach Jesu Tod äußerte er über die neue Sekte sehr gemäßigte Ansichten. (Apostelg. V, 34.) Aus seiner Schule ging auch Paulus hervor (Apostelg. XXII, 3), doch ist es wahrscheinlich, daß Jesus sie nie betreten hat. Ein Gedanke wenigstens, den Jesus aus Jerusalem mitnahm und der seither bei ihm eingewurzelt zu sein scheint, ist der, daß es unmöglich sei ein Bündnis mit dem altjüdischen Kultus zu schließen. Die Abschaffung der Opfer, die bei ihm einen so großen Widerwillen erregt hatten, die Unterdrückung der gottlosen und hochmütigen Priesterschaft, und im allgemeinen die Abschaffung des Gesetzes schien ihm eine unerläßliche Notwendigkeit zu sein. Von dieser Zeit an zeigt er sich nicht mehr als Reformator des Judentums, sondern als dessen Zerstörer. Einige Anhänger des Messianismus hatten bereits zugegeben, der Messias werde ein neues Gesetz bringen, das auf Erden allgültig sein soll. ( Orac. sib. III, 573, 715, 756-758. Vgl. den Targum Jonathans I, XII, 3.) Die Essäer, die kaum noch Juden waren, scheinen gleichfalls gegen den Tempel und die mosaischen Bräuche gleichgültig gewesen zu sein. Aber das waren nur vereinzelte oder nicht offen eingestandene Kühnheiten. Jesus wagte es zuerst zu sagen, daß von ihm an, oder vielmehr seit Johannes, das Gesetz nicht mehr bestehe. (Luk. XVI, 16; Matth. XI, 12, 13 ist minder klar, kann jedoch keinen anderen Sinn haben.) Wenn er zuweilen bescheidenere Ausdrücke gebrauchte, Matth. V, 17, 18. (Vergl. Talmud v. Baby. Schabbath 116 b.) Diese Stelle ist nicht ein Widerspruch mit denen, wo die Abschaffung des Gesetzes vorausgesetzt wird. Sie besagt nur, daß in Jesu alle Gestalten des Alten Testamentes erfüllt sind. – Vergl. Luk. XVI, 17. ) erfolgte es, um gegen überlieferte Vorurteile nicht zu heftig zu verstoßen. Aufs äußerste getrieben, lüftete er den Schleier und erklärte, daß das Gesetz keine Kraft mehr habe. Er gebrauchte dabei kräftige Vergleiche: Man flickt nicht Altes mit Neuem. Man faßt nicht Most in alte Schläuche«. (Matth. IX, 16, 17; Luk. V, 36.) Das ist in der Praxis seine That als Lehrer und Schöpfer. Der Tempel schloß die Nichtjuden durch mißächtliche Ankündigungen aus, Jesus will davon nichts wissen. Das engherzige, harte, unbarmherzige Gesetz ist nur für die Kinder Abrahams gemacht worden. Jesus behauptete, jeder Mensch mit guten Absichten, jeder der ihn aufnimmt und liebt, sei ein Sohn Abrahams. (Luk. XIX, 9.) Der Stolz des Blutes scheint ihm der Hauptfeind zu sein, den er bekämpfen muß. Jesus ist, mit anderen Worten, kein Jude mehr. Er ist Revolutionär im höchsten Grade; er fordert alle Menschen zu einem Kultus auf, der nur auf ihre Eigenschaft als Kinder Gottes begründet ist. Er Proklamiert die Rechte der Menschen und nicht die Rechte der Juden, die Religion der Menschen und nicht die Religion der Juden, die Befreiung der Menschen und nicht die Befreiung der Juden. (Matth. XXIV, 14; XXVIII, 19; Mark. XIII, 10; XVI, 15; Luk. XXIV, 47.) O wie fern sind wir von einem Judas den Goloniten, von einem Mathias Margaloth, die die Revolution im Namen des Gesetzes predigten! Die Religion der Menschheit ist geschaffen, nicht auf Grundlage des Blutes, sondern auf der des Herzens. Moses ist überwunden; der Tempel hat kein Recht mehr zu sein und ist unwiderruflich verdammt. Vierzehntes Kapitel. Jesu Beziehungen zu den Heiden und zu den Samaritern. Zufolge dieser Grundsätze mißachtete er alles, was nicht die Religion des Herzens war. Die eiteln Formen der Frömmler (Matth. XV, 9), die äußerliche Strenge, die nur von Zimperlichkeit ihr Heil erwartet, hatten ihn zum Todfeind. Er kümmerte sich wenig um das Fasten. Matth. IX, 14; XI, 19.) Er zog die Verzeihung einer Beleidigung jedem Opfer vor. (Matth. V, 23; IX, 13; XII, 7.) Liebe zu Gott, Barmherzigkeit, gegenseitiges Verzeihen – das ist sein ganzes Gesetz. (Matth. XXII, 37; Mark. XII, 28; Luk. X. 25.) Nichts ist weniger priesterlich. Der Priester drängt seines Amtes wegen stets zum öffentlichen Opfer, dessen verpflichteter Diener er ist; er verwirft das Privatgebet, weil es ein Mittel ist, seiner zu entbehren. Vergeblich würde man im Evangelium nach religiösen Ceremonien suchen, die von Jesu empfohlen wurden. Die Taufe ist für ihn nur von sekundärer Bedeutung. (Matth. III, 15; 1. Korinth. I, 17.) Und was das Gebet betrifft, so giebt er da nur die Vorschrift, daß es vom Herzen komme. Manche wähnten – wie das stets vorzukommen pflegt – mit dem guten Willen schwacher Seelen die wahre Liebe zum Guten ersetzen zu können; sie bildeten sich ein das Himmelreich zu gewinnen, wenn sie ihm zurufen: »Rabbi, Rabbi!« Er wies sie ab und erklärte, seine Religion sei Gutes thun. (Matth. VII, 21; Luk. VI, 46.) Oft citierte er die Stelle des Jesaias: »Das Volk ehrt mich mit den Lippen, doch sein Herz ist fern von mir.« (Matth. XV, 9; Mark. VII, 6; vgl. Jesaias XXIX, 13.) Der Sabbath war der Hauptpunkt, auf dem sich der Bau pharisäischer Skrupeln und Spitzfindigkeiten erhob. Diese alte und vorzügliche Einrichtung war zum Vorwand erbärmlicher kasuistischer Zänkereien, zur Quelle des Aberglaubens geworden. Man glaubte, daß sogar die Natur ihn beobachte; alle zeitweiligen Quellen galten für »sabbathlich«. (Jos. B. J. VII, V, 1. Plinius Hist. nat. XXXI, 18.) Das war auch ein Punkt, in dem Jesus seinen Gegnern gern entgegentrat. (Matth. XII, 1-14; Mark. II, 23-28; Luk. V, 1-5; XIII, 14, XIV, 1.) Er verletzte öffentlich die Sabbathgebote und antwortete den Vorwürfen, die ihm deshalb gemacht wurden, mit seinem Spott. Noch berechtigter aber verachtete er die Menge neuerer Bräuche, die von der Tradition dem Gesetze zugefügt wurden und die eben deswegen den Frömmlern am höchsten standen. Die Waschungen, die Klügeleien über reinen und unreinen Dingen fanden ihn ohne Mitleid. »Könnt ihr auch,« rief er ihnen zu, »euere Seele abwaschen? Nicht was der Mensch ißt verunreinigt ihn, sondern was aus seinem Herzen kommt.« Die Pharisäer, die Verbreiter dieser Tändeleien, waren das Ziel aller seiner Angriffe. Er beschuldigte sie, die Gesetze zu übertreiben, die unmöglichsten Vorschriften zu erfinden, um den Menschen Gelegenheit zur Sünde zu geben: »Ihr blinden Führer Blinder, hütet euch, daß ihr nicht in die Grube fallet.« »Otterngezücht,« fügte er im geheimen dazu, »sie reden nur Gutes, aber innen sind sie böse. Sie strafen Lüge das Sprichwort: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.« (Matth. XII, 34, XV, 1, 12; XXIII; Mark. VII, 1, 15; Luk. VI, 45; XI, 39.) Er kannte nicht genügend die Heiden, um daran denken zu können, auf ihre Bekehrung etwas Dauerhaftes zu gründen. In Galiläa lebten zahlreiche Heiden, doch wie es scheint, gab es dort keinen öffentlichen und organisierten Kultus der falschen Götter. Ich glaube, die Heiden Galiläas befanden sich hauptsächlich an der Grenze, z.B. in Kades, das aber das Herz des Landes, die Stadt Tiberias ausgenommen, ganz jüdisch war. Die Grenze, wo die Ruinen der Tempel aufhören und die der Synagogen anfangen, zeigt sich heute noch deutlich auf der Höhe des Sees Huleh (Samachonitis). Die Spuren heidnischer Skulptur, wie sie in Tell-Hum sich vorfinden, sind zweifelhafter Natur. Die Küste, besonders die Stadt Acre, gehörte nicht zu Galiläa. Jesus konnte diesen Kultus in seinem ganzen Glanze in Ländern Tyrus und Sidon, in Caesare Philippi und Dekapolis entfalten sehen. Er widmete ihm wenig Aufmerksamkeit. Nie findet man bei ihm die belästigende Pedanterie der Juden seinerzeit, diese Deklamationen wider den Götzendienst, die seinen Glaubensgenossen seit Alexander so vertraut waren, und die, zum Beispiel, fast das ganze »Buch der Weisheit« füllen (XIII ec.). Was ihn bei den Heiden überraschte, war nicht ihr Götzendienst, sondern ihr Knechtsinn. (Matth. XX, 25; Mark. X, 42; Luk. XXII, 25). Der junge jüdische Demokrat – in dieser Beziehung ein Bruder Judas des Goloniters – der keinen andern Herrn als Gott anerkannte, war sehr geärgert durch die Ehren, die man der Person des Herrschers widmete, durch die oft lügnerischen Titel, die man ihnen beilegte. Bis auf diesen Punkt zeigte er in den meisten Fällen, wo er mit Heiden zusammenkam, eine große Nachsicht für sie. Oft äußerte er sich in einer Weise, die schließen ließ, als hege er betreffs ihrer größere Hoffnungen als betreffs der Juden. (Matth. VIII, 5; XV, 22; Mark. 25; Luk. IV, 25.) Das Reich Gottes soll auf sie übertragen werden. »Wenn der Besitzer eines Weinbergs unzufrieden ist mit demjenigen, den er seinen Weinberg verpachtet hat, was thut er? Er verpachtet ihn an andere, die ihm gute Früchte bringen.« (Matth. XXI, 41; Mark. XII, 9; Luk. XX, 16.) Jesus mußte umsomehr an diesen Gedanken festhalten, als nach jüdischer Meinung die Bekehrung der Heiden eines der sichersten Kennzeichen für die Ankunft des Messias war. (Jesaias II, 2; LX; Amos IX, 11; Jerem. III, 17; Maleachi I, 11; Tob. XIII, 13; Orac. sibyl. III, 715. – Vergl. Matth. XXIV, 14; Apostelg. XV, 15.) In seinem Gottesreich läßt er bei dem Festmahle Abraham, Isaak und Jakob Männer zur Seite sitzen, die von allen vier Enden der Welt gekommen sind, während des Reiches berechtigte Erben verwiesen werden. (Matth. VIII, 11, 12; XXI, 33; XXII, 1.) Freilich glaubt man oft in den Vorschriften, die er seinen Jüngern erteilt, ein entgegengesetztes Streben zu finden: es scheint als empfehle er ihnen das Heil nur den orthodoxen Juden zu predigen. (Matth. VII, 6, X, 5, 6; XV, 24; XXI, 43.) Er äußert sich da über die Heiden in einer Weise, die den Vorurteilen der Juden entsprach. (Matth. V, 46; VI, 7, 32; XVIII, 17; Luk. VI, 32; XII, 30.) Man darf da eben nicht außer Betracht lassen, daß die Jünger, deren Engherzigkeit sich noch nicht in die große Gleichgültigkeit gegen ihre Eigenschaft als Söhne Abrahams hineinfinden konnte, des Meisters Weisungen in ihrem Sinne gedeutet haben mögen. Auch ist es möglich, daß sich Jesus bezüglich dessen verschieden ausgesprochen hatte, ebenso wie Mohammed im Koran von den Juden bald in der ehrenhaftesten Weise spricht, bald wieder mit äußerster Strenge, je nachdem er sie anzuziehen hoffen mochte. Thatsächlich schreibt auch die Tradition Jesu zwei entgegengesetzte Regeln der Bekehrungsweise zu, die er abwechselnd angewandt haben mag: »Wer nicht gegen euch ist, ist für euch.« – »Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich.« Ein leidenschaftlicher Kampf bringt notwendigerweise solche Widersprüche hervor (Matth. XII, 30; Mark. IX, 39; Luk. IX, 50; XI, 23.) So viel ist jedoch sicher, daß unter seinen Jüngern mehrere sich befanden, die von den Juden »Hellenen« genannt wurden. Josephus sagt es ausdrücklich Ant. XVIII, III, 3. – Vergl. Joh. VII, 35; XII, 20, 21. Dieses Wort hatte in Palästina sehr verschiedene Bedeutung. Es bezeichnete bald Heiden, bald Juden, die griechisch sprachen und unter Heiden lebten, bald Leute, die heidnischer Herkunft waren, jedoch zum Judentum sich bekehrt hatten. (Talm. von Jerus. Sota VII, 1. – Joh. VII, 37; XII, 20; Apostelg. XIV, 1; XVII, 4; XVIII, 4; XXI, 28.) Wahrscheinlich war es die letzte Gattung von Griechen, die mit Jesu sympathisierten. (Joh. XII, 20; Apostelg. VIII, 27.) Der Übergang zum Judentum hatte viel Grade, jedoch die Proselyten blieben immer den Juden von Geburt gegenüber in untergeordneter Stellung. Diejenigen, von denen hier die Rede ist, wurden »Proselyten des Thores« genannt, auch »gottesfürchtige Leute« und waren den Vorschriften Noes und nicht den mosaischen unterworfen. Diese Unterordnung war zweifellos der Grund, der sie Jesu näher brachte und ihnen seine Gunst verschaffte. (Mischna Baba mets. IX, 12; Talm. v. Baby. Sanh. 56, b; Apostelg. VIII, 27; X, 2, 22, 35; XIII, 16, 26, 43, 50; XVI, 14; XVII, 4, 17; XVIII, 7; Galat. II, 3; Jos. Ant. XIV, VII, 2.) Ebenso war es mit den Samaritern. Wie eine Insel umgeben von den zwei größten Provinzen des Judentums – Judäa und Galiläa – bildete Samarien in Palästina eine Art Enklave, wo der alte Kultus des Garazim, des Bruders und Nebenbuhlers des Jerusalemers, fortbestand. Diese arme Sekte, die weder das Genie noch die gelehrte Organisation des eigentlichen Judentums besaß, wurde von den Jerusalemern mit äußerster Strenge behandelt. Prediger L, 27, 28; Joh. VIII, 48; Joh. Ant. IX, XIV, 3; XI, VIII, 6; XII, V, 5; Talm. v. Jerus. Abota sara V, 4; Pesachim I, 1. Sie wurden den Heiden gleichgestellt, nur daß der Grad des Hasses noch stärker war. Matth. X. 5; Luk. XVII, 18, vergl. Talm. v. Baby. Cholin 6 a. Jesus war ihnen infolge einer gewissen Opposition wohlgesinnt. Oft zog er die Samariter den orthodoxen Juden vor. Wenn er in anderen Fällen seinen Jüngern zu verbieten scheint ihnen zu predigen, weil er sein Evangelium für die reinen Juden bestimmt habe, so ist das sicherlich wieder eine gelegentliche Äußerung, welcher die Apostel einen zu allgemeinen Sinn gegeben haben. (Matth. X, 5, 6.) Manchmal nahmen ihn allerdings die Samariter übel auf, weil sie wähnten, auch er hege die Vorurteile seiner Glaubensgenossen (Luk. IX, 53), ebenso wie heutzutage der freidenkende Europäer von dem Mohammedaner als Feind betrachtet wird, weil er ihn stets für einen fanatischen Christen hält. Jesus wußte sich über diese Mißverständnisse fortzusetzen. Er hatte einige Jünger in Sichem und er brachte hier wenigstens zwei Tage zu. (Luk. IX, 56; Joh. IV, 39-43.) Bei einer gewissen Gelegenheit fand er Dankbarkeit und wahres Mitleid nur bei einem Samariter. (Luk. XVII, 16.) Eine seiner schönsten Parabeln ist die von dem Manne, der verwundet auf dem Wege nach Jerusalem liegt. Ein Priester geht vorüber, sieht ihn und setzt seinen Weg fort. Ein Levit geht vorüber und hält auch nicht an. Ein Samariter hat Mitleid mit ihm, nähert sich ihm, gießt Öl in seine Wunden und verbindet sie. (Luk. X, 30.) Jesus schloß daraus, daß die wahre Brüderlichkeit der Menschen die Barmherzigkeit und nicht die Religion bilde. Der »Nächste«, der im Judentum vor allem der Glaubensgenossen war, ist für ihn der Mensch, der Mitleid mit seinesgleichen hat, ohne Unterschied der Sekte. Die menschliche Brüderlichkeit in des Wortes weitester Bedeutung ging aus seinen Lehren im reichsten Maße hervor. Diese Gedanken, die Jesum bei seiner Abreise von Jerusalem überkamen, fanden ihren lebhaftesten Ausdruck in einer Anekdote, die uns über seine Rückkehr erhalten worden ist. Der Weg von Jerusalem nach Galiläa führt in einer halbstündigen Entfernung an Sichem vorüber (jetzt Naplus), gegenüber der von den Bergen Ebal und Garasim beherrschten Thalöffnung. Dieser Weg wurde gewöhnlich von den jüdischen Pilgern vermieden, die lieber einen Umweg über Peräa machten, als sich den Erpressungen der Samariter auszusetzen, oder sie um etwas zu bitten. Es war verboten mit ihnen zu essen und zu trinken; ja der Grundsatz gewisser Kasuisten war sogar: »Ein Stück Brot des Samariters ist Schweinefleisch gleich.« (Luk. IX, 53; Joh. IV, 9. – Mischna Scheb. VIII, 10.) Wer aber diesen Weg nahm, der versorgte sich vorher mit Lebensmitteln, sonst kam es fast immer zu Zank und übler Behandlung. (Jos. Ant. XX, V, 1; L. 5. II, XII, 3; Vita 52.) Jesus teilte weder diese Skrupeln noch diese Befürchtungen. An der Stelle angelangt, wo sich links das Thal von Sichem öffnet, fühlte er sich ermüdet und hielt nahe eines Brunnens an. Die Samariter hatten damals, wie heute noch, die Gewohnheit, allen Örtlichkeiten ihres Thales Namen aus der Patriarchenzeit zu geben. Sie hielten diesen Brunnen für den, der von Jakob einst den Josef geschenkt worden ist; wahrscheinlich ist es derselbe, der heute noch Bir-Jakub heißt. Die Jünger beschritten das Thal und gingen nach der Stadt, um dort Lebensmittel zu kaufen. Jesus setzte sich an den Brunnenrand nieder, dem Berge Garisim gegenüber. Es war gegen Mittag. Ein Weib aus Sichem kam Wasser zu holen. Jesus verlangte von ihr zu trinken, was bei dem Weibe großes Erstaunen hervorrief, denn die Juden versagten sich gewöhnlich den Verkehr mit Samaritern. Eingenommen von Jesu Rede, erkannte das Weib einen Propheten in ihm, und Vorwürfe ob ihres Kultus erwartend, suchte sie diesen zuvorzukommen: »Herr,« sagte sie., »unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, während ihr andern meint, in Jerusalem müsse man anbeten.« Jesus antwortete ihr: »Weib, glaube mir, es kommt die Zeit, wo man weder auf diesem Berg noch in Jerusalem anbeten wird, sondern, wo die wahren Anbeter Gott anbeten werden im Geist und in der Wahrheit.« Joh. IV, 21-23. Vers 22, wenigstens dessen letzter Teil der einen, Vers 21 und 23 ganz entgegengesetzten Gedanken ausdrückt, scheint eine Interpolation zu sein. Man darf der historischen Treue eines solchen Gespräches nicht zu viel Wichtigkeit beimessen, weil nur Jesus oder die Samariterin davon erzählen haben können. Aber die Anekdote des vierten Kapitels giebt sicherlich einen der vertrautesten Gedanken Jesu wieder und die meisten Umstände der Erzählung haben ein auffallend wahrheitsgetreues Gepräge. An dem Tage, wo er dieses Wort aussprach, war er in Wirklichkeit der Sohn Gottes. Er sagte zum erstenmal das Wort auf dem der Bau der ewigen Religion ruhen wird. Er begründete den reinen Kultus, ohne Zeit, ohne Vaterland, den welche alle edle Seelen bis ans Ende der Tage die hehre Religion der Menschheit war, sie war auch die absolute Religion. Und wenn andere Planeten Bewohner besitzen, die mit Vernunft und Moral begabt sind, so kann diese Religion nicht verschieden von der sein, die Jesus am Jakobsbrunnen verkündet hat. Der Mensch konnte nicht daran festhalten, denn das Ideal erreicht man nur für einen Augenblick. Jesu Wort war ein Blitzstrahl durch dunkler Nacht; es brauchte achtzehn Jahrhunderte, ehe die Augen der Menschheit – was sage ich! eines winzig kleinen Teils der Menschheit – sich daran gewöhnt haben. Aber der Blitzesschein soll zum hellen Taglicht werden; und nachdem sie alle Kreise der Irrungen durchlaufen hat, wird die Menschheit auf dieses Wort zurückkommen als den unsterblichen Ausdruck ihres Glaubens und ihres Hoffens. Fünfzehntes Kapitel. Beginn der Legende Jesu. – Die Vorstellung, die er selbst von seiner übernatürlichen Rolle hat. Jesus kam nach Galiläa zurück, nachdem er den jüdischen Glauben völlig verloren hatte und voll revolutionären Eifers war. Seine Gedanken drücken sich jetzt mit voller Klarheit aus. Die unschuldigen Aphorismen seiner ersten Prophetenzeit – teilweise älteren Rabbinen entlehnt – die schönen Moralpredigten seiner zweiten Periode sind nun in eine entschiedene Politik übergegangen. Das Gesetz soll abgeschafft werden und er wird es sein, der es abschaffen wird. Das Schwanken der unmittelbaren Jünger Jesu, von denen viele dem Judentum treu blieben, ließe hier einige Einwendungen zu. Allein der Prozeß Jesu läßt keinem Zweifel Raum. Wir werden sehen, daß er als »Verführer« betrachtet wurde. Der Talmud führt das Verfahren gegen ihn als Beispiel an, wie man gegen »Verführer« vorgehen müsse, die Moses Gesetz umstürzen wollen. – Talm. von Jerus. Sanhed. XIV, 16; Talm. Von Baby. Sanh. 43a, 67a. Der Messias ist gekommen: er ist der Messias. Das Reich Gottes wird bald erstehen: er ist es, durch den es erstehen soll. Er weiß recht gut, er werde das Opfer seiner Kühnheit, allein das Reich Gottes könne nicht ohne Gewalt erobert werden, durch Krisen und Unruhe müsse es begründet werden. (Matth. XI, 12; Luk. XVI, 16.) Der Menschensohn wird nach seinem Tode in Glorie wiederkehren, begleitet von Legionen von Engeln; und diejenigen, die ihn zurückgestoßen haben, sollen vernichtet werden. Die Kühnheit einer solchen Auffassung darf uns nicht überraschen. Jesus betrachtete seit langem schon sein Verhältnis zu Gott wie das eines Sohnes zum Vater. Was bei einem andern als unerträglicher Stolz schien, darf bei ihm nicht für Überschätzung gelten. Der Titel »Sohn Davids« war der erste, den er annahm, wahrscheinlich ohne mit dem unschuldigen Trug etwas zu thun zu haben, mit dem man ihm diese Bezeichnung zu sichern suchte. Die Familie Davids war, wie es scheint, seit langer Zeit schon erloschen. Weder die Hasmonäer, die ein priesterliches Geschlecht waren, noch Herodes, noch die Römer, denken auch nur einen Augenblick daran, daß es in ihrer Umgebung noch einen Erben des Rechts der alten Dynastie gäbe. Wohl wurden einige Gelehrte als zum Geschlecht Davids gehörig bezeichnet, so Hillel, Gamaliel. Doch dies ist sehr zweifelhaft. Hätte die Familie Davids noch ein besonderes und allgemein bekanntes Geschlecht gebildet, wie käme es dann, daß sie niemals in den Kämpfen jener Zeit, neben Sadokiten, Boëthusen, Hasmonäer, Heroden auftreten? Aber seit dem Ende der Hasmonäer ging der Traum von einem unbekannten Abkömmling der alten Könige, der das Volk an seinen Feinden rächen wird, durch alle Sinne. Die allgemeine Meinung war, der Messias werde ein Sohn Davids sein und in Bethlehem geboren werden. (Matth. II, 5, 6; XXII, 42; Luk. I, 32; Joh. VII, 41, 42; Apostelg. II, 30.) Jesu erstes Gefühl war, genau genommen, nicht dasselbe. Die Erinnerung an David, welche die Masse der Juden beschäftigte, hatte nichts gemein mit seinem Himmelreich. Er hielt sich für den Sohn Gottes und nicht für den Sohn Davids. Sein Reich, die Befreiung, die er im Sinne hatte, waren von ganz anderer Art. Aber die öffentliche Meinung vergewaltigte ihn in diesem Punkte sozusagen. Die unmittelbare Konsequenz der Annahme: »Jesus ist der Messias«, war: »Jesus ist der Sohn Davids.« Er ließ sich einen Titel geben, ohne den er auf keinen Erfolg hoffen durfte. Doch scheint er schließlich Gefallen daran gefunden zu haben, denn wenn er damit angeredet wurde, so machte er sehr verbindlich jedes Wunder, das von ihm verlangt wurde. (Matth. IX, 27; XII, 23; XV, 22; XX, 30, 31; Mark. X, 47-52; Luk. XVIII, 38.) Hier, wie unter mehreren Umständen seines Lebens, fügte sich Jesus in die Gedanken seiner Zeit, obwohl sie nicht genau mit seinen übereinstimmten. Er vereinte mit seinem Dogma vom »Reich Gottes« alles was Herz und Einbildungskraft erwärmte. So sahen wir, daß er die Taufe des Johannes annahm, obgleich sie ihm nicht ganz richtig schien. Eine ernste Schwierigkeit stellte sich entgegen: Das war seine Geburt in Nazareth, die allgemein bekannt war. Wir wissen nicht, ob Jesus gegen diesen Einwand kämpfte. Vielleicht wurde dieser weniger in Galiläa laut, wo die Annahme, daß der Sohn Davids in Bethlehem geboren sein müßte, weniger verbreitet war. Für den galiläischen Idealisten war übrigens der Titel »Sohn Davids« genügend begründet, wenn der, dem er beigelegt wurde, den Ruhm seines Volkes wieder hob und die schönen Tage Israels wieder zurückbrachte. Beglaubigte er durch sein Schweigen die fiktive Genealogie, die seine Parteigänger erdachten, um seine königliche Abstammung zu beweisen? (Matth. I, 1; Luk. III, 23.) Wußte er etwas von den Legenden, die für seine Geburt in Bethlehem erfunden wurden, besonders von der, durch die man seine Geburt in Bethlehem mit der Einschätzung in Verbindung brachte, die auf Befehl des kaiserlichen Legatens Quirinus stattgefunden hatte? (Matth. II, 1; Luk. II, 1.) Wir wissen es nicht. Die Ungenauigkeit und die Widersprüche der Genealogien Die beiden Genealogien sind verschieden voneinander und stimmen mit den Listen des alten Testaments nur wenig überein. Die Erzählung des Lukas von der Einschätzung des Quirinus enthält einen Anachronismus. Es ist übrigens begreiflich, daß sich die Legende dieses Umstandes bemächtigt hatte, die Einschätzungen brachten bei den Juden große Aufregung hervor und kehrten ihre engherzigen Anschauungen um; man erinnerte sich deren noch lange. – Vergl. Avostelg. V, 37. lassen vermuten, sie seien das Werk des an verschiedenen Punkten wirkenden Volksgeistes selbst und daß keine derselben von Jesu beglaubigt wurde. Jul. Africanus (bei Euseb. Hist. eccl. I, 7) nimmt an, die Verwandten Jesu, die nach Batanea geflüchtet sind, wären es gewesen, die diese Genealogien herzustellen versucht hätten. Nie nannte sein eigener Mund ihn Sohn Davids. Seine Jünger, weniger aufgeklärt als er, übertrieben manchmal das, was er über sich selbst äußerte; am häufigsten erhielt er von diesen Übertreibungen keine Kenntnis. Noch sei bemerkt, daß während der drei ersten Jahrhunderte beträchtliche Fraktionen des Christentums die königliche Abkunft Jesu und die Echtheit der Genealogien entschieden bestritten. So die »Ebionim«, die »Hebräer«, die Nazaräer; Tatian Markion. – Vergl. Epiphanes Adv. haer. XXIX, 9; XXX, 3, 14, XLVI, 1; Theodoret Haer. fab. I, 20; Isidor v. Pelusium, Epist. 1, 371, ad Pansophium. Diese Legende war daher die Frucht einer großen, ganz spontanen Verschwörung und wurde schon zu seinen Lebzeiten in seiner Umgebung gebildet. In der Geschichte ist kein einziges großes Ereignis zu finden, das nicht zu einem Fabelkreis Anlaß geboten hätte, und auch Jesus konnte nicht, selbst wenn er gewollt hätte, diese Volksschöpfungen kurzweg beseitigen. Vielleicht hätte ein scharfes Auge schon damals den Keim zu jenen Erzählungen ersehen, die ihm eine übernatürliche Geburt zuschreiben sollten, sei es zufolge der im Altertum weitverbreiteten Idee, daß der außergewöhnliche Mensch nicht aus der gewöhnlichen Verbindung der zwei Geschlechter geboren werden könne; sei es zufolge eines mißverstandenen Kapitels des Jesaias Matth. I, 22, 23), aus den man herauslas, der Messias werde von einer Jungfrau geboren werden; sei es endlich zufolge der Vorstellung, daß der »Odem Gottes«, der schon als göttliche Person hingestellt wurde, ein Prinzip der Fruchtbarkeit sei. 1. Mos. I, 2. Betreffs ähnlicher Ansichten der Ägypter s. Herod. III, 28; Pomp. Mel. I, 9; Plutarch Quaest. sym. VIII 1, 3; De Is. et Osir. 43. Vielleicht, daß auch über seine Kindheit mehr als eine Anekdote im Umlauf war, die in seiner Biographie die Erfüllung des messianischen Ideals beweisen sollten, oder besser gesagt, die Prophezeiungen, welche die alegorische Exegese jener Zeit auf den Messias bezog. (Matth. I, 15, 23; Jesaias VII, 14.) Ein anderes Mal brachte man ihn schon von der Wiege her mit großen Männern in Verbindung, wie Johannes den Täufer, Herodes den Großen, den chaldäischen Astrologen, die – so wird erzählt – in jener Zeit nach Jerusalem reisten, zu zwei Greisen, Simeon und Hanna, die Erinnerungen großer Heiligkeit hinterlassen hatten. (Matth. II, 1; Luk. II, 25.) In diesen, größtenteils auf entstellten Thatsachen begründete Kombinationen herrscht eine ziemlich schlechte Chronologie. So bezieht sich die Legende von dem Kindermord vermutlich auf irgend eine von Herodes in der Nähe Bethlehems verübte Grausamkeit. Vergl. Jos. Ant. XIV, IX, 4. Aber ein eigenartiger Geist der Milde und Güte, ein tiefes volkstümliches Gefühl durchzogen alle diese Fabeln und machten aus ihnen eine Ergänzung zu den Predigten (Matth. I, II; Luk. I, II; St. Justin. Dial. cum. Tryph. 78, 106.) Besonders nach dem Tod Jesu entwickelten sich derartige Erzählungen sehr; man kann indes annehmen, daß sie schon während seines Lebens im Schwang waren, ohne etwas anderm zu begegnen, als frommer Leichtgläubigkeit und naiver Bewunderung. Daß Jesus nie daran gedacht hat, sich selbst für die Verkörperung Gottes zu halten, kann nicht bezweifelt werden. Ein solcher Begriff war dem jüdischen Geist völlig fremd; in den drei ersten Evangelien findet sich auch keine Spur davon. (Gewisse Stellen, wie Apostelg. II, 22, schließen ihn förmlich aus.) Man findet ihn nur in einzelnen Teilen des Evangeliums Johannes angedeutet, die nicht als Echo der Gedanken Jesu betrachtet werden können. Manchmal sogar scheint es, daß Jesu Vorsichtsmaßregeln treffe, um eine solche Lehre zurückzuweisen. (Matth. XIX, 17; Mark. X, 18; Luk. XVIII, 19.) Die Beschuldigung, daß er sich für Gott oder Gottesgleichen ausgebe, wird selbst im Evangelium Johannes als eine Verleumdung der Juden hingestellt (V, 18; X, 33). Im letzteren Evangelium erklärt er auch, er sei geringer als sein Vater (XIV, 28). Anderwärts (Mark. XIII, 35) gesteht er wieder, der Vater habe ihm nicht alles offenbart. Er glaubte, er sei mehr als ein gewöhnlicher Mensch, allein durch eine unendliche Entfernung von Gott getrennt. Er ist der Sohn Gottes; aber alle Menschen sind es in verschiedenem Grade, oder können es werden. (Matth. V, 9, 45; Luk. III, 38; VI, 35; XX, 36; Joh. I, 12, 13; X, 34, 35. – Vgl. Apostelg. XVII, 28, 29; Römer VIII, 14, 19, 21; IX, 26; 2. Korinth. VI, 18; Galat. III, 26 und Alt. Test. V. Mos. XIV, 1; Weisheit II, 13, 18.) Alle sollen täglich Gott ihren Vater nennen; alle Auferstandenen werden Kinder Gottes sein. Die göttliche Kindschaft wird im Alten Testamente Geschöpfen zugesprochen, von denen sich in keiner Weise behaupten ließe, sie glichen Gott. Die Wörter »Sohn«, »Kind« haben in den semitischen Sprachen und in der Sprache des Neuen Testaments den weitesten Sinn. Übrigens ist der Begriff Jesu vom Menschen nicht der erniedrigende Begriff, den ein kalter Deismus ihm gegeben hat. In seiner poetischen Auffassung der Natur durchdringt ein einziger Odem das Weltall: der Odem des Menschen ist der Gottes. Gott wohnt im Menschen, lebt durch den Menschen, ebenso wie der Mensch in Gott wohnt, durch Gott lebt. (Vergl. Apostelg. XVII, 28.) Der transcendentale Idealismus Jesu läßt ihm niemals einen klaren Begriff von seiner eigenen Persönlichkeit haben. Er ist sein Vater, sein Vater ist er. Er lebt in seinen Jüngern; er ist überall bei ihnen (Matth. XVIII, 20; XXVIII, 20); seine Jünger sind eins, so wie er und seine Jünger eins sind. Die Idee ist für ihn alles; der Körper, der die Verschiedenheit der Person bildet, gar nichts. Der Titel »Gottessohn« oder einfach »Sohn« wurde also für Jesu eine Bezeichnung wie »Menschensohn«, nur mit dem Unterschiede, daß er sich selbst »Menschensohn« nannte, jedoch von der Bezeichnung »Gottessohn« nicht denselben Gebrauch gemacht zu haben scheint. Nur nach Evangelium Johannes gebraucht Jesus den Ausdruck »Gottessohn« oder »Sohn«, in dem er von sich selbst spricht. Der Titel »Menschensohn« drückt sein Amt als Richter aus, »Gottessohn« dagegen seine Teilnahme an den göttlichen Absichten und seine Macht. Diese Macht hat keine Grenzen. Sein Vater hat ihn Allgewalt verliehen. Er hat das Recht sogar den Sabbath zu ändern. (Matth. XII, 8; Luk. VI, 5.) Niemand kennt den Vater anders als durch ihn. (Matth. XI, 27.) Der Vater übertrug ihm das Recht zu richten. (Joh. V, 22.) Die Natur gehorcht ihm, aber sie gehorcht auch jedem, der glaubt und betet; der Glaube vermag alles. (Matth. XVII, 18, 19; Luk. XVII, 6.) Man darf hier nicht außer acht lassen, daß weder in seinem Geiste noch in dem seiner Zuhörer irgendein Begriff von den Naturgesetzen die Grenze des Unmöglichen bestimmte. Die Zeugen seiner Wunder danken Gott, »daß er den Menschen solche Macht verliehen hat«. (Matth. IX, 8.) Er verzeiht die Sünden, er ist mehr als David, als Abraham, als Salamon, als die Propheten. (Matth. IX, 2; XII, 41, 22; XXII, 43; Mark. II, 5; Luk. V, 20; VII, 47, 48; Joh. VIII, 52.) Wir wissen nicht, in welcher Form und in welchem Maße diese Behauptungen dargestellt wurden. Jesus darf nicht nach den Regeln unserer kleinlichen Konvenienzen beurteilt werden. Die Bewunderung seiner Jünger überkam ihn und riß ihn fort. Sicherlich genügte ihm der Titel Rabbi, den er anfangs führte, nicht mehr; selbst die Titel Prophet oder Gottgesandter entsprach nicht mehr seinen Gedanken. Die Stellung, die er sich zusprach, war die eines übernatürlichen Wesens und er wollte, daß man ihn betrachte als stehe er zu Gott in höherer Beziehung als andere Menschen. Bemerkt sei jedoch, daß die Ausdrücke »übermenschlich« und »übernatürlich«, die unserer kleinlichen Theologie entnommen sind, in dem hohen religiösen Bewußtsein Jesu keinen Sinn hatten. Für ihn waren Natur und Entwickelung der Menschheit keine außer Gott liegenden Gebiete, armselige Wirklichkeiten, die den Gesetzen eines strengen Empirismus unterworfen sind. Für ihn gab es nichts Übernatürliches, denn für ihn gab es keine Natur. Trunken von unermeßlicher Liebe, vergaß er die starke Fessel, die den Menschengeist gefangen hält. Mit einem Sprunge übersetzte er den für die meisten unüberwindlichen Abgrund, den die Mittelmäßigkeit menschlicher Fähigkeiten zwischen Menschen und Gott schafft. Es läßt sich nicht leugnen, daß in diesen Behauptungen Jesu der Keim der Lehre lag, aus der später seine Göttlichkeit erstehen sollte, S. besonders Joh. XIV usw. Doch ist es zweifelhaft, ob es die authentische Lehre Jesu ist. indem sie ihm mit dem Wort identifizierte, oder mit dem zweiten Gott, Philo, bei Euseb. citiert, Praep. Evang. VII. 13. oder dem ältesten Sohne Philo, De migr § 1; Quod Deus immut. § 6; de confus. lieg. §§ 14, 28; De profugis § 20; De somniis I, § 37; De agric. Noë § 12; Quis rerum div. Haeres § 25 ec., 48 ec. ec. oder dem Metathronengel, Μεταζρδνος d. h. der an Gottes Thron Teilnehmende, eine Art göttlicher Sekretär, der im Register Verdienst und Sünde verzeichnet: Bereschit Rabba V, 6o; Talmud von Baby. Sanhed. 38 b; Chag. 15a: Targum Jonath. Gen. V, 24. der andererseits von der jüdischen Theologie geschaffen worden ist. Diese Theorie von Logos enthält keine griechischen Elemente. Auch die Vergleiche, die man mit dem Honower der Parsen gemacht hat, ist unbegründet. Der Minokhired, oder das »göttliche Verständnis« hat große Ähnlichkeit mit dem jüdischen Logos. Allein die Entwickelung der Lehre vom Minokhired der Parsen gehört der neueren Zeit an und kann einen fremden Einfluß gehabt haben. Das »göttliche Verständnis« (Mainyu Khratu) figuriert zwar in den Handbüchern, dient jedoch nicht zur Grundlage einer Theorie, sondern kommt nur bei einigen Anrufungen vor. Vergleiche die zwischen der alexandrinischen Theorie vom »Wort« und gewissen Stellen der egyptischen Theologie angestellt wurden, können nicht ohne Wert sein. Jedoch deutet nicht darauf hin, daß in den der christlichen Zeitrechnung vorhergehenden Jahrhunderten das palästinische Judentum etwas von Egypten aufgenommen habe. Ein gewisses Bedürfnis, die harte Strenge des alten Monotheismus zu mildern, führte diese Theologie herbei; man gab Gott sozusagen einen Beisitzer, dem – wie man annahm – der ewige Vater die Weltregierung überließe. Auch glaubte man, gewisse Personen wären die Verkörperung göttlicher Fähigkeiten oder Kräfte. Die Samariter besaßen zu jener Zeit einen Wunderthäter, Namens Simon, den sie mit der »großen Kraft Gottes« identifizierten. (Apostelg. VIII, 10.) Seit beinahe zwei Jahrhunderten gaben sich die spekulativen Geister des Judentums dem Hange hin, verschiedene Personen mit göttlichen Attributen zu schaffen, oder mit gewissen Ausdrücken, die sich auf die Gottheit bezogen. So wird der im Alten Testament oft erwähnte »Odem Gottes« als ein besonderes Wesen, als »Heiliger Geist« betrachtet; ebenso werden »die Weisheit Gottes«, »das Wort Gottes« zu existierenden Wesen. Es war dies der. Keim des Prozesses, der die Sephiroth der Kabbala, die Äons des Gnosticismus, die christlichen Persönlichkeiten – kurz die ganze trockene Mythologie schuf, die in personifizierter Abstraktion besteht, und nach der der Monotheismus greifen muß, wenn er die Vielfältigkeit in Gott einführen will. Jesus scheint diesen theologischen Klügeleien, die bald die Welt mit unfruchtbaren Zänkereien erfüllen sollten, fern geblieben zu sein. Die metaphysische Lehre vom »Wort«, wie sie in den Schriften seines Zeitgenossens Philo, in den chaldäischen Targum und schon im Buch der »Weisheit« zu finden ist, Weish. IX, 1, 2; XVI, 12; vergl. VII, 12; VIII, 5; IX und überhaupt IX bis XI. Diese Darstellung verkörperter Weisheit findet sich auch in viel älteren Schriften. Sprüche Sal. VIII, IX; Hiob XXVIII. läßt sich weder in der Logia des Matthäus, wie überhaupt nicht in den synoptischen Schriften, den so authentischen Dolmetschern der Worte Jesu, ahnen. Die Lehre vom »Wort« hat tatsächlich nichts mit dem Messiastum gemein. Der Evangelist Johannes, oder seine Schule waren es, die später beweisen wollten, Jesus sei das »Wort« und die hiermit eine ganz neue Theologie schufen, die von der des Gottesreiches ganz verschieden ist. Evang. Joh. I, 1–14; 1. Epist. Joh. V, 19; Offenb. XIX, 13. Wie zu ersehen ist, kommt im Evangelium Johannes der Ausdruck »Wort« außer in der Einleitung nicht vor, und der Erzähler läßt ihn auch nie von Jesu aussprechen. Die hauptsächliche Rolle des »Wortes« ist die eines Schöpfers, einer Vorsehung. Nun hat aber Jesus nie behauptet, er habe die Welt geschaffen, oder er regiere sie; sein Wirken dabei sei, sie zu richten und zu erneuen. Das Amt eines Vorsitzenden des jüngsten Gerichts der Menschheit, das ist es, was Jesu hauptsächlich sich beilegt und was ihm von allen ersten Christen zugesprochen wurde. (Apostelg. X, 42.) Bis zu diesem Tage sitzt er als Metathronos Gott zur Rechten, als dessen erster Minister, als zukünftiger Rächer. Matth. XXVI, 64; Mark. XVI, 19; Luk. XXII, 69; Apostelg. VII, 55; Römer VIII, 34; Ephes. I, 20; Koloss. III, 1 usw. Der übermenschliche Christus der byzantinischen Bilder, der als Richter der Welt mitten der Aposteln sitzt, die ihm gleichen und über den Engeln stehen, die nur Beistand und Dienst leisten – das ist die genaue bildliche Darstellung dieser Auffassung vom »Menschensohne«, deren Anfänge wir bereits im Buch Henoch stark angedeutet finden. Allenfalls war die Strenge einer überdachten Scholastik keineswegs die Sache einer solchen Welt. Die Summe der hier erörterten Ideen, bildeten im Geist der Jünger ein so wenig bestimmtes System, daß sie den Gottessohn, diese Art Verdoppelung der Gottheit, rein menschlich handeln lassen. Er gerät in Versuchung; er weiß viele Dinge nicht; er korrigiert sich selbst; Matth. X, 5; vergl. mit XXVIII, 19. er ist niedergeschlagen, entmutigt; er bittet seinen Vater, er möge ihm die Prüfungen ersparen; er ist Gott unterwürfig wie ein Sohn. Matth. XXVI, 39; Joh. XII, 27. Er, der die Welt richten soll, kennt nicht den Tag des Gerichtes. (Mark XIII.) Er trifft Vorsichtsmaßregeln für seine Sicherheit (Matth. 311, 14-16; XIV, 13; Mark. III, 6, 7; IX, 29, 30; Joh. XII, 1.) Kurz nach seiner Geburt muß man ihn verschwinden lassen, um ihn mächtigen Menschen zu entziehen, die ihn töten wollten. (Matth. II, 20.) Bei seinen Teufelsbeschwörungen ärgert ihn der Teufel und verschwindet nicht gleich beim ersten Wort. (Matth. XVII, 20; Mark. IX, 25.) In seinen Wundern zeigt sich eine gewisse Mühe, ein Ermatten, als ob sich etwas von ihm losgelöst hätte. (Luk. VIII, 45, 46; Joh. XI, 33, 38.) Dies alles ist nur das Wirken eines Gottgesandten, eines von Gott beschützten und begünstigten Menschens. (Apostelg. II, 22.) Man darf hier weder Logik noch Konsequenz fordern. Das Bedürfnis, das Jesus hatte sich Ansehen zu verschaffen und die Begeisterung seiner Jünger, mehrten nur die widersprechenden Vorstellungen. Für die Anhänger des Messianismus, für die eifrigen Leser der Bücher Daniel und Henoch, war er der »Menschensohn«; für die Juden gewöhnlichen Glaubens, für die Leser von Jesaias und Micha, war er der Sohn Davids; für die Genossen war er der »Gottessohn« oder einfach der »Sohn«. Andere hielten ihn, ohne drob von den Jüngern getadelt zu werden, für den auferstandenen Johannes den Täufer, für Elias, Jeremias, gemäß dem Volksglauben, daß die alten Propheten wieder erstehen werden, um die Zeit des Messias vorzubereiten. (Matth. XIV, 2; XVI, 4; XVII, 3; Mark. VI, 14, 15; VIII, 28; Luk. IX. 8, 19.) Eine absolute Überzeugung, oder richtiger gesagt, die Begeisterung, die keinen Zweifel zuließ, deckte alle diese Kühnheiten. Wir, mit unserer kühlen, schüchternen Art, können nicht recht erfassen, wie man dermaßen von dem Gedanken besessen sein kann, zu dessen Apostel man sich macht. Für uns tiefernste Völker bedeutet die Überzeugung vor allem Aufrichtigkeit gegen sich selbst. Doch diese hat bei den an die Feinheiten des kritischen Geistes wenig gewöhnten Orientalen nicht viel Sinn. Treue und Trug sind Worte, die unserer Gewissensstrenge unvereinbar gegenüberstehen. Im Orient giebt es da mannigfaltige Übergänge. Exaltierte Männer, wie die Verfasser apokryphischer Schriften Daniel und Hennoch, verübten zu Gunsten ihrer Schriften – sicherlich ohne die geringsten Gewissensbisse – etwas, was wir Fälschung nennen mögen. Die materielle Wahrheit gilt dem Orientalen wenig; er betrachtet alles vom Standpunkt seiner Gedanken, seiner Interessen, seiner Leidenschaften. Die Geschichte ist unmöglich, wenn man nicht offen zugiebt, daß es mehr als einen Maßstab für die Aufrichtigkeit gäbe. Alle großen Dinge geschehen durch das Volk, allein man kann das Volk nur lenken, wenn man auf seine Ideen eingeht. Der Philosoph, der sich dessen bewußt, absondert und hinter seinem Adel verschanzt, ist recht lobenswert. Allein derjenige, der die Menschen bei ihren Illusionen erfaßt, auf ihnen und mit ihnen zu wirken strebt, kann auch nicht getadelt werden. Cäsar wußte recht gut, er sei nicht der Venus Sohn; Frankreich wäre nicht, was es heute ist, wenn man nicht ein Jahrtausend lang an die Flasche heiligen Öls zu Rheims geglaubt hätte. Uns, machtlos wie wir sind, fällt es leicht das eine Lüge zu schelten und stolz auf unsere furchtsame Ehrlichkeit, jene, die unter anderen Bedingungen den Kampf ums Leben aufgenommen haben, mit Verachtung zu betrachten. Wenn wir mit unseren Bedenken je vollbracht haben werden, was jene mit ihren Lügen, dann würden wir auch das Recht haben, streng gegen sie zu urteilen. Mindestens jedoch muß man einen großen Unterschied machen zwischen einer Gesellschaft wie die unsrige, wo alles im vollen Licht der Reflexion erfolgt, und jener naiven, leichtgläubigen Gesellschaften, aus denen Glaubenslehren hervorgegangen sind, die Jahrhunderte beherrscht haben. Es giebt keine große Schöpfung, die nicht auf einer Legende beruht. Der einzige Schuldige ist da die Menschheit selbst, die betrogen sein will. Sechzehntes Kapitel. Wunder. Nach der Anschauung der Zeitgenossen Jesu konnten nur zwei Beweismittel: die Wunder und die Erfüllung der Verheißungen, eine übernatürliche Mission bestätigen. Jesus und besonders seine Jünger brachten diese beiden Beweismittel im vollkommen guten Glauben an. Seit langem schon war Jesus überzeugt, daß die Propheten nur in Bezug auf ihn geschrieben hätten. Sich fand er in ihren heiligen Orakeln wieder, sich betrachte er als den Spiegel, in dem der prophetische Geist Israels die Zukunft gelesen hätte. Die christliche Schule versuchte zu beweisen – vielleicht schon bei Lebzeiten des Stifters – daß Jesus in allem dem entspräche, was die Propheten vom Messias verkündet hatten. (Z. b. Matth. I, 22; II, 5, 6, 15, 18; IV, 15.) In vielen Fällen war der Vergleich nur äußerlich und ist uns kaum erklärlich. Am häufigsten waren es zufällige und unbedeutende Einzelheiten im Leben des Meisters, die die Jünger an gewisse Stellen der Psalmen und der Propheten erinnerten, und in denen ihr Vorurteil ihnen sein Vorbild zeigte. (Matth. I, 23; IV, 6, 14; XXVI, 31, 54, 56; XXVII, 9, 35; Mark. XIV, 27, XV, 28; Joh. XII, 14, 15; XVIII, 9; XIX, 19, 24, 28, 36.) Die Exegese jener Zeit bestand fast nur aus Wortspielen, Citaten, die gekünstelt und willkürlich angewendet wurden. Die Synagoge hatte kein bestimmtes Verzeichnis der Stellen, die sich auf das künftige Reich bezogen. Mirakel aber galten in jener Zeit als das unerläßliche Merkmal des Göttlichen und als Zeichen prophetischen Berufs. Die Legende von Elias und Elisa waren voll davon. Es wurde angenommen, daß auch der Messias viele Wunder wirken würde. (Joh. VII, 34; 4. Esra XIII, 50.) Einige Stunden nur von Jesu entfernt, in Samarien, schuf sich ein Zauberer, Namens Simon, durch seine Wunder eine fast göttliche Rolle. Als man später den Ruf des Appolonius von Tyana begründen wollte und beweisen, daß sein Leben die Reise eines Gottes auf Erden gewesen sei, glaubte man dies nicht anders vollbringen zu können, als in dem man für ihn einen großen Kreis von Wundern erfand (s. seine Biographie von Philostratus). Auch die alexandrinischen Philosophen, Plotin und die andern, sollen Wunder vollbracht haben. S. die Lebensbeschreibungen der Sophisten von Eunap, das Leben Plotins von Porphyr, das Leben Proclus von Marinus, das Leben Isidors angeb. von Damascius. Jesus mußte also zwischen den zwei Entschlüssen wählen: entweder auf seine Mission verzichten, oder Wunderthäter werden. Man darf nicht außer Acht lassen, daß das ganze Altertum – die großen wissenschaftlichen Schulen Griechenlands und ihre römischen Adepten ausgenommen – das Wunder gelten ließen; ferner, daß Jesus nicht nur daran glaubte, sondern auch keine Ahnung von einer, durch das Gesetz geregelte Naturordnung hatte. Sein Wissen war in dieser Beziehung dem seiner Zeitgenossen keineswegs überlegen. Mehr noch! eine seiner am tiefsten wurzelnden Ansichten war, daß der Mensch mit Glauben und Gebet alle Macht über die Natur habe. (Matth. XVII, 19; XXI, 21, 22; Mark. XI, 23, 24.) Die Fähigkeit, Wunder zu wirken, galt für eine ganz natürliche, von Gott verliehene Gabe, die nichts Überraschendes an sich hatte. (Matth. IX, 8.) Das was des großen Stifters Macht bildete, hat nun der Unterschied der Zeiten für uns in etwas Anstößiges verwandelt; und wenn jemals der Kultus Jesu in der Menschheit sich verringern sollte, so wird es gerade deswegen erfolgen, was an ihn glauben gemacht hat. Die Kritik stößt bei derartigen geschichtlichen Erscheinungen auf gar keine Schwierigkeiten. Ein Wunderthäter von heute – wenigstens wenn er eine übergroße Naivität besitzt, wie dies in Deutschland bei gewissen Personen mit Wundmalen der Fall war – ist etwas Widerwärtiges, denn er thut Wunder ohne daran zu glauben, er ist ein Charlatan. Nehmen wir aber einen Franz von Assisi in Betracht, so verhält sich die Sache ganz anders. Der Wunderkreis von der Entstehung des Ordens des heiligen Franciscus ist weit entfernt, uns anstößig zu sein, im Gegenteil, er bereitet uns ein wahres Vergnügen. Die Stifter des Christentums befanden sich mindestens in einem ebenso vollständigen Zustand poetischer Unwissenheit, wie die heilige Klara und die tres socii . Sie fanden es ganz natürlich, daß ihr Meister Unterredungen mit Moses und Elias hatte, daß er den Elementen gebot, daß er Kranke heilte. Auch darf nicht vergessen werden, daß jeder Gedanke etwas von seiner Reinheit verliert, sobald er sich zu verwirklichen strebt. Es giebt keinen Erfolg, ohne daß die Zartheit der Seele dabei verletzt wird. So groß ist die Schwäche des Menschengeistes, daß die beste Sache gewöhnlich nur durch schlechte Gründe gewonnen wird. Die Beweisführungen der ersten Apologisten des Christentums beruhen auf recht armseligen Argumenten. Moses, Mohammed, Kolumbus haben nur dadurch die Hindernisse überwunden, daß sie stets der Menschen Schwäche berücksichtigten und nicht immer die wahren Gründe der Wahrheit angaben. Wahrscheinlich machte auf die Umgebung Jesu seine Wunder einen tieferen Eindruck als seine so hehren Predigten. Nehmen wir noch an, daß der Volksmund derartige Geschehnisse vor und nach Jesu Tod gewaltig übertrieben hat. Die Typen der in den Evangelien erzählten Wunder zeigen tatsächlich keine große Mannigfaltigkeit; sie wiederholen sich und scheinen nach einer geringen Zahl; dem Geschmack des Landes angepaßten Muster gemacht zu sein. Es ist nicht möglich, unter den Wunderberichten, deren ermüdende Aufzählung die Evangelien enthalten, diejenigen Wunder, welche Jesu von der öffentlichen Meinung nur zugesprochen werden, von jenen zu sondern, bei denen er wirklich irgendwie thätig war. Besonders ist es uns nicht möglich zu wissen, ob die unangenehmen Einzelheiten, wie das Zusammenschauern und anderer dem Gaukelspiel gleichenden Züge historisch sind, oder nur die Frucht des Glaubens der Erzähler, die sich sehr mit Geisterseherei beschäftigten und in dieser Beziehung in einer der Klopfgeisterei unserer Tage ähnlichen Welt lebten. Luk. VIII, 45, 46; Joh. XI, 33, 38. – Apostelg. II, 2, IV, 31; VIII, 15; X, 44. Fast ein Jahrhundert lang träumten die Apostel und ihre Schüler nur von Wundern, s. Apostelg., die Schriften St. Pauls, die Auszüge Papias, bei Eusebius Hist. eccl. III, 39. – Vgl. Mark. III, 15; XVI, 17, 18, 20. Fast alle Wunder, die Jesus zu vollführen wähnte, scheinen Heilungen gewesen zu sein. Die Heilkunst war damals in Judäa was sie noch heute ist: keineswegs wissenschaftlich betrieben, sondern ganz der persönlichen Inspiration überlassen. Die seit fünf Jahrhunderten durch Griechenland begründete wissenschaftliche Heilkunde war zu Jesu Zeit den Juden Palästinas unbekannt. Unter solchen Umständen ist die Anwesenheit eines bedeutenden Mannes, der mit dem Kranken liebevoll verfährt und ihn durch einige sichtbare Zeichen seine Genesung versichert, oft ein wirkungsvolles Heilmittel. Wer wagt, zu behaupten, daß nicht in vielen Fällen – von recht charakteristischen Verletzungen abgesehen – die Berührung einer ausgezeichneten Person den Hilfsquellen der Pharmacie gleichkomme? Die Freude sie zu sehen heilt. Sie giebt, was sie kann: ein Lächeln, eine Hoffnung und das ist nicht vergebens. Jesus hatte ebensowenig wie seine Landsleute einen Begriff von rationeller medizinischer Wissenschaft; wie jedermann glaubte auch er, daß durch religiöse Ausübungen die Heilung eintreten müsse, und ein solcher Glaube war auch ganz konsequent. Dort wo die Krankheit als Strafe der Sünde galt (Joh. V, 14; IX, 1, 34), als Wirkung des Dämons (Matth. IX, 32, 33; XII, 22; Luk. XIII, 2) und nicht als Resultat einer physischen Ursache, war der beste Arzt der Heilige, der Macht über das Übernatürliche hatte. Die Heilung wurde als etwas Geistiges betrachtet; Jesus, der seine geistige Kraft fühlte, mußte sich dafür besonders begabt halten. Überzeugt, daß das Auflegen seiner Hände, die Berührung seines Kleides (Luk. IV, 40; VIII, 45, 46) den Kranken wohl that, wäre er hart gewesen, wenn er den Leidenden eine Linderung versagt hätte, deren Gewährung in seiner Macht war. Die Heilung der Kranken wurde auch als ein Zeichen des Reiches Gottes betrachtet und stets mit der Emanzipation der Armen verbunden. (Matth. XI, 5; XV, 30, 31; Luk. IX, 1, 2, 6.) Beide waren Kennzeichen der großen Revolution, die alle Übel fortfegen sollte. Eine Art Heilung, die Jesus am häufigsten ausführt, ist der Exorcismus, oder die Teufelaustreibung. Man war damals merkwürdig leicht zum Glauben an böse Geister geneigt. Allgemein herrschte die Meinung – nicht nur in Judäa, sondern in der ganzen Welt – daß die Dämone sich des Körpers gewisser Personen bemächtigen und sie gegen ihren Willen zu thun nötigen. Ein persischer Div, der öfter in der Avesta erwähnt wird ( Vendidad XI, 26; Yaçna X, 18. ), der »Div böser Begierden«, von den Juden unter dem Namen Asmodei angenommen (Tob. III, 8; VI, 14; Talm. v. Bab. Gittin 68 a), galt als Urheber aller hysterischen Störungen bei Frauen. Vergl. Mark. XVI, 9; Luk. VIII, 2; Evang. der Kindheit 16, 33; Syrischer Codex in Anecd. syrica von Land. I, 152. Epilepsie, Geistes- und Nervenkrankheiten, wo der Erkrankte nicht mehr sich selbst anzugehören scheint, Jos. Bell. jud. VII, VI, 3; Lucian, Philops. 16; Philostr.. Vita Apoll. III, 38; IV, 20; Aratäus, De causis morb. chron. I, 4. Gebrechen, deren Ursachen nicht ersichtlich sind, wie Taubheit, Stummheit Matth. IX, 33; XII, 22; Mark. IX, 16, 24; Luk. XI, 14. – sie alle wurden in derselben Art und Weise erklärt. Die bewundernswerte Abhandlung von Hippokrates »Über die heilige Krankheit«, die viereinhalb Jahrhunderte vor Jesu die wahren Grundzüge der Heilkunde in dieser Beziehung vorzeichnete, hatte einen derartigen Irrtum nicht aus der Welt geschafft. Man nahm an, es gäbe mehr oder minder wirksame Praktiken, um die bösen Geister auszutreiben. Der Stand eines Teufelbanners war ein regelrechtes Gewerbe, wie der eines Arztes. Tob. VIII, 2, 3; Matth. XII, 27; Mark. IX, 38; Apostelg. XIX, 13; Joseph. Ant. VIII, II, 5; Justin, Dial. cum. Tyrph. 85, Lucian, Epigr. XXIII. Es ist zweifellos, daß Jesus schon bei Lebzeiten in dem Rufe stand, die Geheimnisse dieser Kunst zu besitzen. (Matth. XVII, 20; Mark. IX, 24.) Es gab damals in Judäa viel Verrückte, sicherlich zufolge der großen Exaltation der Geister. Diese Verrückten ließ man frei umhergehen, wie das in jener Gegend noch heute geschieht; sie wohnten in Höhlen verlassener Gräber, die gewöhnliche Zuflucht der Vagabunden. Jesus übte auf diese Unglücklichen einen großen Einfluß aus. (Matth. VIII, 28; IX, 34; XII, 43; XVII, 14, 20; Mark. V, 1; Luk. VIII, 27.) Man erzählte sich hinsichtlich seiner Heilungen die seltsamsten Geschichten, in welchen der ganzen Leichtgläubigkeit jener Zeit freien Lauf gelassen wurde. Doch hier darf man die Schwierigkeiten nicht noch übertreiben. Die als Besessenheit hingestellten Störungen waren oft leichter Art. Heute noch hält man in Syrien für verrückt oder besessen – diese beiden Begriffe bilden ein »Medschnun« Die Worte » Daemonium habes « (Matth. XI, 18; Luk. VII, 33; Joh. VII, 20; VIII, 48; X, 20) müssen übersetzt werden: »Du bist blöde, verrückt«, so wie man im Arabischen sagt: Medschnun ente. Das Zeitwort ζαιμονάν hatte auch in der ganzen klassischen Zeit dieselbe Bedeutung. – Leute, die irgendeine Absonderlichkeit besitzen. Ein sanftes Wort genügt oft, um den Dämon zu vertreiben. Das war auch sicherlich das von Jesu angewandte Mittel. Wer weiß, ob nicht sein Ruf als Exorzist fast gegen seinen Willen sich verbreitete? Personen, die im Orient leben, finden oft zu ihrer Überraschung, daß sie nach Verlauf einiger Zeit den Ruf als Arzt, Zauberer, Schatzgräber gewonnen haben, ohne daß sie wüßten, welche Thatsachen zu diesen seltsamen Vorstellungen Anlaß geboten hätten. Manche Umstände weisen auch darauf hin, daß Jesus erst spät und mit Widerwillen zum Wunderthäter wurde. Oft verrichtete er seine Wunder erst nach langem Bitten, mit einer gewissen Übellaune und nachdem er den Bittstellern die Rohheit ihres Geistes zum Vorwurf gemacht hat. (Matth. XII, 39; XVI, 4; XVII, 16; Mark. VIII, 17; IX, 18; Luk. IX, 41.) Eine scheinbar unerklärliche Sonderbarkeit ist es jedoch, daß er seine Wunderthaten im Verborgenen ausübte und den Geheilten empfiehlt, keine Mitteilung davon zu machen. (Matth. VIII, 4; IX, 30, 31; XII, 16; Mark. I, 44; VII, 24; VIII, 26.) Wenn die Dämonen ihn als Gottessohn anrufen wollten, so verbat er ihnen den Mund zu öffnen; wider seinen Willen erkennen sie ihn an. (Mark. I, 24, 25, 34; III, 12; Luk. IV, 41.) Diese Züge sind besonders bei Markus charakteristisch, der vorzugsweise der Evangelist der Wunder und Teufelsaustreibungen ist. Es will scheinen, daß der Jünger, der die ursprünglichen Mitteilungen dieses Evangeliums lieferte, Jesu mit seinem Bestaunen der Wunder lästig wurde und daß der Meister, unwillig über einen ihm unangenehmen Ruf, oft zu ihm sagte: »Sprich nicht davon.« Einmal trat diese Mißstimmung schärfer hervor (Matth. XVII, 16; Mark. IX, 18; Luk. IX, 41), was die Pein erkennen läßt, welche die fortwährenden Forderungen schwacher Geister ihm bereitet hatten. Manchmal ließe sich auch annehmen, er sei des Wunderthuns überdrüssig und wolle den Wundern, die sozusagen unter seinen Füßen geschehen, so wenig wie möglich verlautbaren lassen. Verlangten seine Feinde ein Wunder von ihm, besonders ein himmlisches Wunder, eine freie Erscheinung, so verweigerte er es entschieden. (Matth. XII, 38; XVI, 1; Mark. VIII, 11.) Es läßt sich daher annehmen, daß ihm der Ruf als Wunderthäter aufgedrungen wurde, daß er zwar keinen großen Widerstand leistete, aber auch nichts that, um dieses Bestreben zu unterstützen, und daß er jedenfalls die Eitelkeit der öffentlichen Meinung bezüglich dessen gefühlt hat. Es hieße die rechte geschichtliche Methode verkennen, wollten wir hier zu sehr unser eigenes Widerstreben in Betracht ziehen und – um uns den gegen Jesu Charakter versuchten Einwänden zu entziehen – Thatsachen verschwiegen, die in den Augen seiner Zeitgenossen im Vordergrund standen. (Joseph, Ant. XVIII, III, 3.) Es ließe sich bequem behaupten, das wären nur Zusätze seiner Jünger, die tief unter ihrem Meister standen, die jedoch, da sie seine wahre Größe nicht zu erkennen vermochten, durch Gaukeleien, die seiner unwürdig waren, ihn zu erhöhen versuchten. Allein alle vier Biographen sind einstimmig darin, daß sie seine Wunderthaten preisen. Einer von ihnen, Markus, Dolmetscher des Apostels Petrus, legt solches Gewicht darauf, daß man, wollte man Christi Charakter einzig nach seiner Darstellung schildern, sich ihn als Teufelsbeschwörer voll höchst wirksamer Anziehungskraft vorstellen müßte, als einen mächtigen Zauberer, der Furcht erweckt und den man gern fern von sich hält. Mark. IV, 40; V, 15, 17, 33, 36; VI, 50; X, 32. – Vergl. Matth. VIII, 27, 34; IX, 8; XIV, 27; XVII, 6, 7; XXVIII, 5, 10; Luk. IV, 36; V, 17; VIII, 25, 35, 37; IX, 34. Das apokryphische sogenannte Evang. Thomas des Israeliten, übertreibt diesen Umstand bis zur widerwärtigen Absurdität. Vergl. »Wunder der Kindheit« bei Thilo, Cod. apocr. N. T. pag. , CX. Anmerk. Wir wollen also ohne weiteres zugeben, daß Handlungen, die jetzt für Betrug oder Tollheit gelten würden, im Leben Jesu eine wichtige Rolle eingenommen haben. Darf man aber dieser unangenehmen Seite, die hehre Seite seines Lebens zum Opfer bringen? Hüten wir uns davor! Ein einfacher Zauberer von der Art des Magikers Simon hätte keine solche Revolution hervorbringen können, wie dies Jesus that. Hätte in Jesu der Wunderthäter den Moralisten und religiösen Neuerer verdrängt, so wäre aus ihm eine Schule der Geisterseherei hervorgegangen und nicht das Christentum. Das Problem ist übrigens für alle Heiligen und Religionsstifter dasselbe. Was heutigestags als Krankheit betrachtet wird, z. B. Epilepsie, Hellseherei ec., das galt einst als Prinzip der Kraft und Größe. Die Heilkunde kennt die Krankheit, die Mohammeds Glück gemacht hat ( Hysteria muscularis Schönleins). Fast bis zu unseren Tagen sind alle Menschen, die für das Wohl ihrer Mitmenschen das Meiste geleistet haben – auch der treffliche Vinzenz de Paula – mögen sie nun gewollt haben oder nicht, Wunderthäter gewesen. Vom Grundsatz ausgehend, daß jede historische Persönlichkeit, der Handlungen zugeschrieben werden, die wir im neunzehnten Jahrhundert als thöricht oder schwindlerisch betrachten, ein Narr oder ein Schwindler gewesen sei, wird jede Kritik schief. Die alexandrinische Schule war eine edle Schule und dennoch übte sie eine extravagante Geisterseherei. Sokrates und Pascal hatten Hallucinationen. Thatsachen müssen eben durch entsprechende Ursachen erklärt werden. Die Schwächen des menschlichen Geistes erzeugen nur Schwäche. Große Dinge haben immer große Ursachen in der Natur des Menschen, mögen sie oft auch von Kleinigkeit begleitet erscheinen, die für oberflächliche Geister jene Größe verdunkeln. Im allgemeinen läßt sich also behaupten, Jesus sei Wunderthäter und Teufelsbeschwörer wider Willen gewesen. Das Wunder ist gewöhnlich vielmehr ein Werk des Publikums, als desjenigen, den man es zuspricht. Angenommen, Jesus hätte sich entschieden geweigert, Wunder zu wirken, so würde die Menge statt seiner solche geschaffen haben; und das größte Wunder wäre das gewesen, daß er keine vollbracht hätte. Die Gesetze der Geschichte und Völkerpsychologie hätten eine stärkere Einbuße erlitten. Die Wunder Jesu waren eine Gewaltthat, die seine Zeit gegen ihn verübt hatte, eine Nachgiebigkeit, die ihm die vorüberziehende Notwendigkeit entrissen hatte. Auch ist der Teufelsbeschwörer, der Wunderthäter gefallen, doch der Religionserneurer wird ewig leben. Selbst auf jene, die nicht an ihn glaubten, übten diese Handlungen einen Eindruck aus; sie strebten Zeugen dessen zu sein. (Matth. XIV, 1; Mark. VI, 14; Luk. IX, 7; XXIII, 8.) Die Heiden und die minder eingeweihten Leute empfanden ein Gefühl der Bangigkeit und trachteten, ihn aus ihrem Bereich fortzuschaffen. (Matth. VIII, 34; Mark. V, 17; VIII, 37.) Vielleicht, daß auch manche Arggesinnte daran dachten, seinen Namen zu Aufständen zu mißbrauchen (Joh. VI, 14, 15); doch die durchaus moralische und in nichts politische Richtung des Charakters Jesu rettete ihn vor dieser Verführung. Sein Reich lag im Kreise von Kindern, die eine gleichartige jugendliche Imagination und ein und derselbe Vorgeschmack des Himmels um ihn angesammelt hatte. Siebzehntes Kapitel. Die definitive Form der Gedanken Jesu über das Gottesreich. Wir nehmen an, daß diese letzte Phase der Thätigkeit Jesu etwa achtzehn Monate gewährt hat: seit seiner Heimkunft von der Pilgerfahrt zum Osterfest im Jahre 31 bis zu seiner Reise zum Laubhüttenfest im Jahre 32. Joh. V, 1; VII, 2. Ich folge dem System des Johannes, wonach das öffentliche Leben Jesu drei Jahre gedauert hat. Die Synoptiker dagegen gruppieren alle Ereignisse in den Rahmen eines Jahres. Während dieser Zeit scheint sich Jesu Gedanke um kein neues Element vermehrt zu haben. Dagegen entwickelte und äußerte sich in einer an Kraft und Kühnheit stets zunehmenden Weise alles, was in ihm lag. Der Grundgedanke Jesu war vom Beginn her die Errichtung des Gottesreiches. Doch dieses Gottesreich scheint – wie schon früher erwähnt wurde – von Jesu in verschiedenem Sinne verstanden worden zu sein. Einmal möchte man ihn für einen demokratischen Führer halten, der einfach nur die Herrschaft der Armen und Enterbten will. Ein anderes Mal wieder ist das Gottesreich die buchstäbliche Erfüllung der apokalyptischen Visionen Daniels und Henoch. Oft schließlich stellt sich das Gottesreich als das Reich der Seelen dar und die nahe Befreiung ist die Befreiung durch den Geist. Die von Jesu erstrebte Revolution ist dann jene, die thatsächlich später stattgefunden hat: die Einführung eines neuen Kultus, reiner als der des Moses. Alle diese Gedanken scheinen im Bewußtsein Jesu gleichzeitig existiert zu haben. Der erste jedoch, der einer zeitlichen Revolution, scheint ihn nicht lange beschäftigt zu haben. Jesus betrachtete das Irdische – sowohl die Begüterten der Erde, wie auch die materielle Macht – stets als etwas, womit sich lange zu beschäftigen nicht der Mühe wert sei. Er hatte keinen äußerlichen Ehrgeiz. Manchmal war zufolge einer natürlichen Konsequenz seine ganze religiöse Wichtigkeit auf dem Punkte sich in eine sociale zu verwandeln. Es kamen Leute zu ihm, die ihn baten, er möge Richter und Schiedsmann in materiellen Dingen sein. Jesus wies diese Anträge stolz, fast als Beleidigung, zurück. (Luk. XII, 13, 14.) Von seinem himmlischen Ideal erfüllt, gab er nie seine verachtete Armut auf. Was die beiden andern Anschauungen über das Gottesreich betrifft, so scheint sie Jesus stets gleichzeitig gehegt zu haben. Wäre er nur ein Enthusiast gewesen, mißleitet von den Apokalypsen, mit denen die Phantasie des Volkes sich nährte, so wäre er auch ein unbekannter Sektierer geblieben, der tiefer als jene gestanden, deren Anschauungen er verfolgt hatte. Wäre er nur ein Puritaner gewesen, eine Art Chamming oder »Savoyischer Vikar«, so hätte er sicherlich keinen Erfolg gehabt. Die beiden Teile seines Systems, oder genauer gesagt, seine beiden Auffassungen des Gottesreiches haben sich gegenseitig gestützt und das war es, was seinen unvergleichlichen Erfolg geschaffen hat. Die ersten Christen waren Hellseher, die in einem Gedankenkreis lebten, der uns eine Träumerei scheint. Aber gleichzeitig waren sie auch die Helden des sozialen Kampfes, der die Befreiung des Geistes und die Herstellung einer Religion geschaffen hatte, aus der schließlich der reine, vom Stifter verkündete Kultus hervorgehen sollte. Die apokalyptischen Gedanken Jesu in ihrer vollständigen Form wären also kurz gefaßt: Der damalige Zustand der Menschheit nahte seinem Wendepunkte. Dieser sollte eine gewaltige Revolution sein, eine »Angst«, gleich den Geburtswehen, eine Palingenesis oder Wiedergeburt – nach Jesu eigenem Ausdrucke (Matth. XIX, 28) – der ein düsteres Unheil vorauszieht und die durch seltsame Naturerscheinungen verkündet werden soll. Matth. XXIV, 3; Mark. XIII, 4; Luk. XVII, 22, XXI, 7. Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß die Schilderung des Endes aller Zeiten, wie sie die Synoptiker hier Jesu in den Mund legen, vieles enthält, was auf die Belagerung von Jerusalem Bezug hat. Lukas schrieb einige Zeit nach dieser Belagerung. (XXI, 9, 20, 24.) Das Evangelium Matthäi jedoch versetzt uns genau in die Zeit der Belagerung, oder doch kurz darauf (XXVI, 15, 16, 22, 29). Es kann nicht bezweifelt werden, daß Jesus große Schrecken verkündete, die seiner Wiedererscheinung vorhergehen sollten. Dergleichen bildete einen wesentlichen Bestandteil aller jüdischen Apokalypsen. Henoch 99 bis 103. Carm. sib. III, 334, 633, 168, 511. Auch bei Daniel soll die Herrschaft der Heiligen erst beginnen, wenn der Kummer seinen höchsten Grad erreicht haben wird; VII, 25; VIII, 23; IX, 26, 27; XII. 1. Das Zeichen des Menschensohnes wird am hellen Tage am Himmel strahlen, eine brausende, glänzende Erscheinung, ähnlich der auf dem Sinai; ein gewaltiges Wettern, das die Wolken zerreißt, ein Feuerstrahl, der in einem Augenblicke von Ost nach West schießt. In Wolken werde der Messias erscheinen, unter Trompetengeschmetter, umgeben von Engeln und in Glorie und Majestät gekleidet. Neben ihm werden auf Thronstühlen seine Jünger sitzen. Dann werden die Toten auferstehen und der Messias wird Gericht halten. (Matth. XVI, 27; XIX, 28; XX, 21; XXIV, 30; XXV, 31; XXVI, 64; Mark. XIV, 62; Luk. XXII, 30; 1. Korinth. XV, 52; 1. Thessal. IV, 15.) Bei diesem Gerichte sollen die Menschen, je nach ihren Thaten, in zwei Kategorien geteilt werden (Matth. XIII, 38; XXV, 33) und die Engel werden die Vollzieher des Urteils sein. (Matth. XIII, 39, 41, 49.) Die Erkorenen werden an einem herrlichen Orte sich zusammenfinden, der ihnen vom Weltenbeginn herbereitet worden ist; hier werden sie, im Lichtgewand gehüllt, an einem Festmahl teilnehmen, bei dem Abraham, die Patriarchen, die Propheten den Vorsitz führten. Das wird die geringere Zahl sein. (Matth. XXV, 34. Vergl. Joh. XIV, 2; Matth. VIII, 11; XIII, 43; XXVI, 29; Luk. XIII, 23, 28; XVI, 22; XXII, 30.) Die andern kommen in die Gehenna, in die Hölle. Die Gehenna war das Thal westlich von Jerusalem. Zu verschiedenen Zeiten wurde dort Feuerdienst getrieben und der Ort war zu einer Art Pfütze geworden. Die Hölle war also, nach Jesu Begriff, ein feuriges, schmutziges Thal. Die vom Gottesreich verwiesenen werden hier verbrannt und von Würmern zernagt, umgeben vom Satan und den rebellischen Engeln. (Matth. XXV, 41. Die im Buche Henoch so entwickelte Vorstellung vom Sturz der Engel wurde im Kreise Jesu allgemein anerkannt. Epist. Jud. 6; 2. Epist. Petr. II, 4, 11; Offenbar. XII, 9; Evang. Joh. VIII, 44.) Dort soll Heulen und Zähneklappern sein. Matth. V, 22; VIII, 12; X, 28; XIII, 40, 42, 50; XVIII, 8; XXIV, 51; XXV, 30; Mark. IX, 43 ec. Das Reich Gottes jedoch wird ein geschlossener Saal sein, hell in seinem Innern, mitten dieser Welt voll Finsternis und Qual. Matth. VIII, 12; XXII, 13; XXV, 30. – Vergl. Joseph. Bell. jud. III, VIII, 5. Diese neue Ordnung der Dinge soll ewig währen. Paradies und Hölle werden kein Ende haben; ein unüberwindlicher Abgrund trennt beide. (Luk. XVI, 28.) Diesen definitiven Zustand der Menschheit wird der Menschensohn, zur Rechten Gottes sitzend, regieren. (Mark. III, 29; Luk. XXII, 69; Apostelg. VII, 55.) Daß dies alles von den Jüngern und in manchem Momente auch von dem Meister buchstäblich geglaubt wurde, ist aus den Schriften jener Zeit deutlich zu erkennen. Wenn die erste christliche Generation einen tiefen und festen Glauben hatte, so kam es, weil sie das Weltenende nahe wähnte und die große »Offenbarung« Christi für bald erhoffte. Apostelg. II, 17; III, 19; 1. Korinth. XV, 23, 24, 52; 1. Thess. III, 13; IV, 14; V, 23; 2. Thess. II, 8; 1. Tim. VI, 14; 2. Tim. IV, 1; Tit. II, 13; Epist. Jak. V, 3, 8; Epist. Jud. 18; 2. Petr. III; Offenb. ganz, besonders aber I, 1; II, 5, 16; III, 11; XI, 14; XXII, 6, 7, 12, 20. Vergl. 4. Esra IV, 26. – Luk. XVII, 30; 1. Korinth. I, 7, 8; 2. Thess. I, 7; 1. Petr. I, 7, 13; Offenb. Joh. I, 1. Die laute Verkündigung: »Die Zeit ist nahe!« (Offenb. I, 3; XXII, 10), welche die Offenbarung eröffnet und schließt; der beständig wiederholte Ruf: »Wer Ohren hat zu hören, der höre!« Matth. XI, 15; XIII, 9, 43; Mark. IV, 9, 23; VII, 16; Luk. VIII, 8, XIV, 35; Offenb. II, 7, 11, 27, 29; III, 6, 13, 22; XIII. 9. sind die Hoffnungsworte und Losungsworte der ganzen apostolischen Zeit. Ein syrischer Ausdruck, » Maranatha .«, »Unser Herr kommt«, wurde sozusagen zur Parole, die sich die Gläubigen zur Stärkung ihres Glaubens und ihrer Hoffnungen zuriefen. (1. Korinth. XVI, 22.) Die Offenbarung, die im Jahre 68 u. Z. verfaßt wurde, stellt den Zeitpunkt auf dreiundeinhalb Jahr fest. Die »Himmelfahrt des Jesaias« nimmt eine Berechnung an, welche dieser ziemlich nahe kommt. Offenb. XVIII, 9. Der vom Verfasser als regierend bezeichnete sechste Kaiser ist Galba. Der tote Kaiser, der wiederkehren soll, ist Nero, dessen Namen in Ziffern angegeben wird (XIII, 18). Jesus ging nie bis zu einer so präzisen Bestimmung. Über die Zeit seines Erscheinens befragt, verweigerte er die Antwort; einmal erklärte er sogar, den Zeitpunkt dieses großen Tages kenne nur der Vater, der ihn weder den Engeln, noch dem Sohne geoffenbart habe. (Matth. XXIV, 36; Mark. XIII, 32.) Er meinte, der Augenblick, in welchem man mit einer unruhigen Neugierde nach dem Gottesreich ausspähe, sei just der, in dem es nicht kommen werde. (Luk. XVII, 20. Vergl. Talm. v. Baby. Sanhed. 97 a.) Er wiederholte immer und immer, es werde überraschend kommen, wie zur Zeit Noas und Loths; man möge bedachtsam sein und stets zum Aufbruch bereit; jeder wache und halte seine Lampe angezündet, wie zu einem Hochzeitszuge der plötzlich naht; der Menschensohn werde kommen wie ein Dieb, zur Stunde, in der er nicht erwartet wird (Matth. XXIV, 36; Mark. XIII, 32; Luk. XII, 35-40; XVII, 20, 2. Pet. III, 10), wie ein Blitzstrahl, der von einem Ende des Horizont zum andern fährt. (Luk. XVII, 24.) Doch seine Erklärungen über die Nähe der Katastrophe veranlaßt Zweideutigkeiten. Er meint, das gegenwärtige Geschlecht werde nicht vergehen, ohne daß dies alles sich erfülle. Einige der Anwesenden werden den Tod nicht fühlen, bevor sie den Menschensohn in seinem Reich kommen sahen. (Matth. XVI, 28; XXIII, 36, 39; XXIV, 34; Mark. VIII, 39; Luk. IX, 27; XXI, 32.) Er wirft denen, die nicht an ihn glauben, vor, sie verstünden nicht die Merkzeichen des künftigen Reiches zu lesen. »Des Abends sprecht ihr: Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot; und des Morgens sprecht ihr: Es wird heute Ungewitter sein, denn der Himmel ist rot und trübe. Ihr Heuchler, des Himmels Gestalt könnt ihr beurteilen, könnt ihr denn nicht auch die Zeichen dieser Zeit beurteilen?« (Matth. XVI, 2-4; Luk. XII, 54-56.) Zufolge einer Täuschung, die allen großen Reformatoren eigen ist, wähnte er das Ende viel näher als es wirklich war; er zog die Langsamkeit der Bewegung der Menschheit nicht in Betracht; er glaubte in einem Tag schaffen zu können, was achtzehn Jahrhunderte später noch nicht vollendet sein sollte. Diese so bestimmten Erklärungen beschäftigten die christliche Familie fast siebenzig Jahre. Es galt als entschieden, daß einige der Jünger den Tag der Offenbarung sehen sollen, ohne vorher zu sterben. Besonders Johannes sollte zu diesen wenigen gehören. (Joh. XXI, 22, 23.) Manche wähnten, er werde gar nicht sterben. Dies aber mochte vielleicht eine spätere Meinung sein, die erst gegen Ende des ersten Jahrhunderts auftauchte. Das hohe Alter, das Johannes erreichte, scheint zu dem Glauben Anlaß gegeben zu haben, Gott wolle ihm bis ins Unendliche erhalten, bis zu dem großen Tage, um das Wort Jesu zu verwirklichen. Wie immer es sei – sein Tod erschütterte den Glauben vieler und seine Schüler versuchten die Weissagung Jesu milder zu deuten. Joh. XXI, 22, 23. – Kapitel XXI des vierten Evangeliums ist, wie der Schluß der ursprünglichen Fassung im Vers 31, Kapitel XX beweist, eine spätere Zufügung. Doch diese stammt fast aus derselben Zeit wie das bemerkte Evangelium selbst. Indem Jesus die apokalyptische Glaubenslehren, wie sie in den apokryphischen jüdischen Büchern zu finden sind, vollständig annahm, anerkannte er auch dabei das Dogma, welches deren Vervollständigung oder vielmehr deren Bedingung ist: die Auferstehung der Toten. Diese Lehre, war, wie schon erwähnt wurde, in Israel ziemlich neu; viele kannten sie gar nicht, oder glaubten nicht daran. (Makkab. IX, 9; Luk. XX, 27.) Den Pharisäern und den eifrigen Anhängern des Messianismus war sie ein Grundsatz des Glaubens. Jesus nahm sie rückhaltslos an, doch nur im idealistischen Sinne. Viele meinten, man werde in der Welt der Auferstehung essen, trinken, sich verheiraten können. Jesu läßt in seinem Reiche zwar ein neues Osterfest zu, einen neuen Tisch und neuen Wein, allein die Ehe schließt er ausdrücklich aus. Die Sadducäer hatten in dieser Beziehung ein scheinbar wohl plumpes, aber im Grunde genommen mit der alten Theologie doch ziemlich übereinstimmendes Argument. Nach den Lehren der alten Weisen lebt bekanntlich der Mensch nur in seinen Kindern fort. Das mosaische Gesetz hat diese patriarchalische Lehre durch eine sonderbare Einrichtung, das Levirat geheiligt. Die Sadducäer zogen daraus spitzfindige Folgerungen gegen die Auferstehung. Jesu wich dem aus, indem er ausdrücklich bemerkte, daß im ewigen Leben kein Geschlechtsunterschied bestehen werde, sondern der Mensch dem Engel gleichen soll. (Matth. XXII, 30; Luk. XX, 34-38.) Manchmal scheint es, als verspräche er nur den Gerechten die Auferstehung, in dem den Gottlosen die Strafe treffe, daß sie völlig sterben und in nichts versinken. Luk. XIV, 14, XX, 35, 36. Das ist auch die Ansicht des Paulus: 1. Kor. XV, 23; 1. Thess. IV, 12. – Vergl. 4. Esra IX, 22. Zuweilen aber will Jesus wieder die Auferstehung auch den Bösen, zu ihrer ewigen Verdammnis zu teil werden lassen. (Matthäus XXV, 32.) In allen diesen Theorien war, wie zu ersehen ist, nichts absolut Neues. Die Evangelien und Apostelschriften enthalten bezüglich der apokalyptischen Lehren nur das, was schon im Daniel, Henoch, den Sibyllinischen Orakeln, die jüdischen Ursprungs, zu finden sind. Jesus machte diese allgemein verbreiteten Anschauungen zu den seinigen. Er machte daraus die Stützen seines Wirkens, oder genauer gesagt, eine Stütze seines Wirkens, denn er war zu tief von seinem Werke durchdrungen, um es nur auf so gebrechlichen Grundsätzen zu errichten, die so leicht von den Thatsachen widerlegt werden konnten. Es ist auch klar zu ersehen, daß eine solche Lehre, buchstäblich genommen, keine Zukunft für sich hatte. Die Welt, die hartnäckig fortbestand, ließ ihre Nichtigkeit erkennen. Der Glaube der ersten christlichen Generation ist noch begreiflich, nicht aber der der zweiten. Nach dem Tode des Johannes – oder wer sonst es sein mochte – des letzten Überlebenden aus der Schar derer, die den Meister gesehen hatten, war das Wort des letzteren als unwahr erkannt worden. Diese Angst des christlichen Bewußtseins äußert sich naiv in 2. Petri III, 8. Wäre die Lehre Jesu nur der Glaube an ein nahes Weltenende gewesen, so würde sie jetzt sicherlich schon der Vergessenheit anheim gefallen sein. Was also hat sie gerettet? Der große Umfang der evangelischen Auffassung, wonach es möglich war unter einem und demselben Symbol Lehren zu finden, die den verschiedensten geistigen Zuständen angemessen sind. Die Welt hörte nicht auf zu sein, wie Jesu verkündet, wie seine Jünger geglaubt haben. Aber sie hat sich erneut, erneut, wie Jesus es gewollt hat. Weil seine Idee von zwei Seiten sich auffassen ließ, ist sie fruchtbringend geworden. Seine Chimäre teilte nicht das Schicksal so vieler andern, die durch den Menschensinn gegangen sind, weil sie einen Lebenskeim enthielt, der ewige Früchte in dem Schoß der Menschheit gebracht hat. Und man sage nicht, das sei eine wohlwollende Deutung, ersonnen, um die Ehre unseres großen Meisters von dem grausamen Dementi zu befreien, die die Wirklichkeit seinen Träumen gegeben hat. Nein und aber nein! Das wahre Reich Gottes, das Reich des Geistes, das jeden zum König und Priester macht; das Reich, das wie ein Senfkorn zum Baum erwachsen ist, der die Welt beschattet und unter dessen Zweigen die Vögel nisten – das hat Jesus begriffen, das hat er gewollt, das hat er begründet. Neben der falschen kalten, unmöglichen Idee von einem Weltreich hat er die wirkliche Stadt Gottes sich gedacht, die wahrhafte Palingenesis, die Bergpredigt, die Apotheose des Schwachen, die Erhöhung alles Erniedrigten, Wahren, Unschuldigen. Diese Erhöhung hat er als Künstler dargestellt, mit Zügen, die ewig dauern werden. Was jeder von uns des Besten in sich trägt, verdankt er ihm. Verzeihen wir ihm sein Hoffen auf eine traumhafte Offenbarung, auf ein Wiedererscheinen unter großem Triumph in den Himmelswolken. Vielleicht war es auch mehr der Irrtum der andern als seiner. Und wenn er wirklich sich dieser allgemeinen Täuschung hingegeben hat – was weiter! da sein Traum ihn gestärkt hat für den Tod, aufrecht erhalten in einem Kampfe, den er sonst vielleicht nicht hätte bestehen können! Man muß also für Jesu Gottesreich mehrere Bedeutungen annehmen. Wäre sein einziger Gedanke gewesen, das Ende aller Tage sei nahe und man müsse sich darauf vorbereiten, so hätte er Johannes dem Täufer nicht übertreffen können. Das letzte Wort seiner Predigt wäre dann gewesen, man möge auf die dem Untergang nahe Welt verzichten, sich mächtig vom gegenwärtigen Leben losmachen und nach dem künftigen Reich streben. Doch Jesu Lehre hatte immer eine größere Bedeutung. Er wollte einen neuen Zustand der Menschheit schaffen und nicht nur das Ende des vorhandenen vorbereiten. Wäre Elias oder Jeremias wieder erstanden, um den Sinn der Menschen auf das letzte hinzulenken, sie hätten nicht wie er gepredigt. Das ist so wahr, daß sogar diese vermeintliche Moral des jüngsten Tages zur ewigen Moral geworden ist, zu der, welche die Menschheit gerettet hat. Jesus selbst gebraucht oft Redewendungen, die keineswegs mit der Offenbarungslehre übereinstimmen. Er erklärt da, das Gottesreich habe schon begonnen, jeder Mensch trage es in sich, wenn er dessen würdig sei, und jedermann vermöge dieses Reich durch die echte Bekehrung des Herzens im stillen zu schaffen. (Matth. VI, 10, 33; Mark. XII, 34; Luk. XI, 2; XII, 31; XVII, 20, 21.) Das Gottesreich wäre da nur das Gute (s. besonders Mark. XII, 34), ein besserer Zustand der Dinge als der vorhandene: die Herrschaft der Gerechtigkeit, die der Fromme, je nach seinem Können herstellen soll, oder auch die Freiheit der Seele, etwas Analoges der buddhistischen »Befreiung«, die Frucht der Losmachung. Diese Wahrheiten, die für uns rein abstrakte sind, waren für Jesus lebendige Wirklichkeiten. In seiner Vorstellung ist alles konkret und substanziell. Jesus ist der Mensch, der am entschiedensten an die Realität des Ideals geglaubt hat. Die Utopien seiner Zeit und seines Stammes annehmend, wußte Jesu, Dank fruchtbringender Mißverständnisse, hohe Wahrheiten daraus zu schaffen. Sein Gottesreich war zweifellos die Offenbarung, die sich bald im Himmel vollziehen sollte. Aber es war auch, und wahrscheinlich hauptsächlich das Reich der Seele, geschaffen durch die Freiheit und das Kindesgefühl, das der tugendhafte Mensch im Schoße seines Vaters empfindet. Das war die reine Religion, ohne Ceremonien, ohne Tempel, ohne Priester; das war das moralische Weltgericht, übertragen dem Gewissen des Gerechten und in die Hand des Volkes gelegt. Hier ist, was geschaffen wurde, um zu leben, hier, was gelebt hat! Als nach einem Jahrhundert vergeblichen Harrens die materialistische Hoffnung auf ein nahes Weltenende erschöpft war, zeigte sich das wahre Reich Gottes. Übergefällige Erklärer werfen einen Schleier über das reale Reich, das nicht kommen will. Weil die Offenbarung Johannes, das erste kanonische Buch des Neuen Testaments (Justin. Dial. cum Triph. 81), zu sehr den Gedanken einer sofortigen Katastrophe vertritt, wird es in den Hintergrund gestellt, für unverständlich gehalten, tausendfältig gedeutet und fast verworfen. Wenigstens wird die Erfüllung auf unbestimmte Zeit verschoben. Einige arme Nachzügler, die noch die Hoffnungen der ersten Jünger bewahren, werden Häretiker (Ebioniten, Millenarier), die in die Tiefe des Christentums sich verlieren. Die Menschheit war zu einem andern Gottesreich übergegangen. Der Teil Wahrheit, der in Jesu Gedanke enthalten war, hat die Chimäre besiegt, die sie verdunkelt hat. Indes verachten wir diese Chimäre nicht, welche die rauhe Schale des heiligen Kerns war, von dem wir leben. Dieses phantastische Himmelreich, dieses endlose Sehnen nach einer Stadt Gottes, welches das Christentum auf seiner langen Bahn stets beschäftigt hat, ist das Prinzip des großen Instinkts der Zukunft gewesen, das alle Reformatoren – hartnäckige Jünger der Offenbarung – von Joachim Florus bis auf die protestantischen Sektierer der Gegenwart beseelt hat. Dieses ohnmächtige Mühen, eine vollkommene Gesellschaft zu gründen, war die Quelle außerordentlicher Anspannung, die aus dem wahren Christen stets einen die Gegenwart bekämpfenden Athleten gemacht hat. Die Idee des Gottesreiches und die Offenbarung, dessen genaues Abbild, sind daher im gewissen Sinne der erhabenste und poetischste Ausdruck menschlichen Fortschritts. Wohl mußten daraus auch große Verwirrungen entstehen. Als stete Drohung über der Menschheit schwebend, hat die Annahme vom Weltenende durch den periodischen Schrecken, den sie Jahrhunderte lang ausgeübt hat, jeder profanen Entwicklung stark geschädigt. Ihres Daseins ungewiß, ging ein gewisses Ängsten durch die Gesellschaft, die niedrige Gewohnheiten annahm, welche das Mittelalter so tief unter das Altertum und die Neuzeit stellten. Übrigens war in der Auffassung des Erscheinens Christi eine große Veränderung eingetreten. Das erste Mal, als man der Menschheit verkündete, ihr Planet werde untergehen, empfand sie die lebhafteste Freude, dem Kinde gleich, das mit einem Lächeln den Tod empfängt. Alternd hing die Welt wieder am Leben. Der Gnadentag, der von den reinen Seelen Galiläas so lang erwartet wurde, wurde für die eiserne Zeit des Mittelalters zum Tag des Zornes: » Dies irae, dies illae! « Aber selbst im Schoße der Barbarei blieb die Idee vom Gottesreich fruchtbar. Trotz der feudalen Kirche protestierten Sekten, religiöse Orden, Heilige im Namen des Evangeliums fortwährend gegen die Ungerechtigkeit der Welt. Selbst in unseren Tagen, getrübte Tage, in denen Jesus keine berechtigtere Nachfolger hat, als die, welche ihn von sich zu weisen scheinen, sind die Träume von einer idealen Organisation der Gesellschaft – die so große Ähnlichkeit mit den Bestrebungen der ersten christlichen Sekten aufweisen – gewissermaßen nur der Schößling derselben Idee, ein Zweig des Riesenbaumes, in welchem jeder Zukunftsgedanke keimt, dessen Stamm und Wurzel das »Gottesreich« allewiglich sein wird. Alle sozialen Revolutionen der Menschheit werden auf dieses Wort gepfropft werden. Aber weil die »socialistischen« Versuche unserer Zeit mit einem groben Materialismus verbunden sind und nach dem Unmöglichen streben, das heißt, das allgemeine Glück auf politischen und wirtschaftlichen Maßregeln gründen wollen, so werden sie unfruchtbar bleiben, bis sie den wahren Geist Jesu sich zur Richtschnur nehmen, ich meine damit den absoluten Idealismus, den Grundsatz, daß man auf die Welt verzichten müsse, um sie zu besitzen. Das Wort »Gottesreich« drückt anderseits wieder mit besonders glücklicher Wahl das Bedürfnis aus, das die Seele nach einer Ergänzung ihres Geschickes empfindet, nach einer Entschädigung für das gegenwärtige Leben. Selbst jene, die den Menschen anders als aus zwei Substanzen bestehend, auffassen, die das deistische Dogma von der Unsterblichkeit der Seele im Widerspruch mit der Psychologie finden, geben sich noch gerne der Hoffnung auf ein endliches Besserwerden hin, was unter einer unbekannten Form den Bedürfnissen des Menschenherzens genügen wird. Wer weiß, ob nicht der letzte Zeitpunkt des Fortschritts nach vielen, vielen Jahrtausenden das absolute Bewußtsein der Welt herbeiführen wird und mit diesem Bewußtsein auch das Erwachen alles dessen, was gelebt hat! Ein Schlaf von einer Million Jahre ist nicht länger als ein Schlaf von einer Stunde. Bei dieser Annahme hätte Paulus noch heute mit Recht sagen können: In ictu oculi (1. Korinth. XV, 52). Sicher ist, daß die moralische und tugendhafte Menschheit ihre Genugtuung erhalten wird, daß eines Tages das Gefühl des ehrlichen armen Mannes die Welt richten wird, und daß an diesem Tage die ideale Erscheinung Jesu die Vernichtung des Sittenlosen, der nicht an Tugend glaubt, des Selbstsüchtigen, der sie nicht zu erreichen wußte, sein wird. Das Lieblingswort Jesu bleibt daher voll ewiger Schönheit. Eine großartige Divination scheint es sozusagen in einer hehren Unbestimmtheit gehalten zu haben, die die verschiedenen Gattungen der Wahrheit gleichzeitig umfaßt. Achtzehntes Kapitel. Die Institutionen Jesu. Was übrigens deutlich beweist, daß Jesus nicht völlig in seinen apokalyptischen Ideen aufging, ist der Umstand, daß er zur Zeit, wo er am meisten mit ihnen beschäftigt war, mit seltenem sicheren Blick eine für die Dauer bestimmte Kirche gründete. Es läßt sich nicht in Zweifel ziehen, daß er selbst unter seinen Jüngern die auswählte, welche man vorzüglich die »Apostel« nannte oder die »Zwölf«, weil sie am Tage nach seinem Tode eine Körperschaft bildeten und durch Wahl die Lücken ausfüllten, die in ihrer Reihe sich bildeten. (Apostelg. I, 15; 1. Korinth. XV, 5; Gal. I, 10.) Es waren dies die beiden Söhne des Jonas, die beiden Söhne des Zebedäus, Jakobus, Sohn des Kleophas, Philippus, Nathanael Bartholomäus, Thomas, Lewi, Sohn oder Alphäus, oder Matthäus, Simon Zelotes, Thadäus oder Lebbäus, Judas von Kerioth. (Matth. X, 2; Mark. III, 16; Luk. IV, 14; Apostelg. I, 13. Papias bei Euseb. Hist. eccl. III, 39.) Es ist wahrscheinlich, daß die Erinnerung an die zwölf Stämme Israels dieser Zahlenwahl nicht fremd war. (Matth. XIX, 28; Luk. XXII, 30.) Allenfalls bildeten diese »Zwölf« eine Gruppe bevorzugter Jünger, in der Petrus seinen ganz brüderlichen Vorrang bewahrte, und der Jesus die Fürsorge für die Fortpflanzung seines Werkes anvertraute. (Apostelg. I, 15; II, 14; V, 2, 3, 29; VIII, 19; XV, 7; Gal. I, 18.) Nichts erinnert hier an ein regelmäßig organisiertes geistiges Kollegium. Die Verzeichnisse der »Zwölf«, soweit sie uns überliefert wurden, enthalten viele Ungenauigkeiten und Widersprüche; zwei oder drei der darin Erwähnten blieben völlig im Dunkeln. Wenigstens zwei von ihnen, Petrus und Philippus, waren verheiratet und hatten Kinder. Betreffs Petrus f. Matth. VIII, 14; betreffs Philippus s. Papias, Polycrat und Clemens v. Alexandrien bei Euseb. Hist eccl. III 30, 31, 39; V, 24. Jesus hatte vermutlich den Zwölf Geheimnisse mitgeteilt, die weiter zu erzählen er ihnen verbot. Matth. XVI, 20; XVII, 9; Mark. VIII, 30; IX, 8. Manchmal scheint sein Plan gewesen zu sein, seine Person mit irgendwelchem Geheimnis zu umgeben, die bedeutenderen Beweise bis nach seinem Tode hinauszuschieben, sich keinem andern als seinen Jüngern vollständig zu offenbaren, diesen überlassend, ihn später der Welt zu zeigen. »Was ich euch sage im Finstern, das redet im Licht und was euch zum Ohr dringt, das predigt auf den Dächern.« (Matth. X, 26, 27; Mark. IV, 21 ff.; Luk. VIII, 17; XII, 2 ff.; Joh. XIV, 22). Damit konnte er zu genaue Erklärungen vermeiden und schuf eine Art Vermittlung zwischen sich und der öffentlichen Meinung. So viel steht fest, daß er für die Apostel besondere Unterweisungen hatte und daß er ihnen mehrere Gleichnisse erklärte, deren Sinn er für das Volk unbestimmt ließ. (Matth. XIII, 10, 34; Mark. IV, 10, 30; Luk. VIII, 9; XII, 41.) Ein wenig Rätselhaftigkeit und wunderliche Ideenverbindung war damals bei dem Unterricht der Gelehrten üblich, wie auch aus den Sprüchen im »Pirke Aboth« zu ersehen ist. Jesus erklärte seinen Vertrauten die Eigentümlichkeiten seiner Sprüche oder Gleichnisse und befreite für sie seine Weisungen von der Menge Vergleichungen, die sie manchmal verdunkelten. (Matth. XVI, 6; Mark. VII, 17-23.) Viele dieser Erläuterungen scheinen sorgsam aufbewahrt worden zu sein, (Matth. XIII, 18; Mark. VII, 18.) Die Apostel predigten schon bei Jesu Lebzeiten ohne sich jedoch weit von ihm zu entfernen. (Luk. IX, 6.) Ihre Predigten beschränkten sich darauf, das nahende Gottesreich zu verkünden. (Luk. X, 11.) Sie zogen von Ort zu Ort, wo sie überall Gastfreundschaft erhielten, oder genauer gesagt, dem Brauch gemäß selber nahmen. Im Orient steht der Gast im hohen Ansehen; er gilt mehr, als der Hausherr, und dieser setzt das größte Vertrauen in ihn. Dieses Predigen am häuslichen Herd ist für die Verbreitung neuer Lehren vortrefflich. Man teilt den verborgenen Schatz mit, man bezahlt derart, was man empfängt; kommt nun Höflichkeit und gutes Benehmen noch dazu, so wird das Haus bald gerührt, bekehrt. Diese orientalische Gastfreundschaft fortgenommen, wird es unmöglich die Ausbreitung des Christentums zu erklären. Jesus, der sehr viel auf den guten alten Brauch hielt, wies seine Jünger an, diesen Älterbrauch ohne weiteres anzuwenden, auch in den größeren Orten, wo es Gasthöfe gab und er wahrscheinlich nicht mehr üblich war. »Die Arbeit ist des Lohnes wert,« sagte Jesus. Einmal irgendwo eingekehrt, sollten sie dort bleiben, essen, trinken, was ihnen geboten würde, so lange ihre Mission währte. Jesus wünschte, daß die Sendlinge des Evangeliums die Predigten nach seinem Beispiel durch Wohlwollen und Freundlichkeit beliebt machen sollen. Er wollte, daß sie, ein Haus betretend, mit Selam oder Glückwunsch empfangen werden. Einige zögerten, da der Selam damals, wie heute noch im Orient, als Zeichen religiöser Gemeinschaft galt, was man bei Personen von zweifelhaftem Glauben nicht wagen wollte. »Fürchtet nichts,« sprach da Jesus, »wenn im Hause jemand eueres Selams nicht würdig ist, so wird er zu euch zurückkehren.« (Matth. X, 11; Mark. VI, 10; Luk. X, 5. – Vergl. 2. Epist. Joh. 10, 11.) Manchmal aber wurden die Apostel auch schlecht aufgenommen, und sie beklagten sich bei Jesu, der sie gewöhnlich zu beruhigen versuchte. Einige, von der Allmacht ihres Meisters überzeugt, wurden von dieser Langmut verletzt. Die Söhne des Zebbedäus wollten, er möge das Feuer des Himmels auf diese ungastlichen Städte herabsenden. (Luk. IX, 52.) Jesus nahm ihren Ärger mit seiner Ironie auf und stillte ihn mit den Worten: »Ich bin nicht gekommen die Seelen zu verderben, sondern sie zu retten.« In jeder Weise strebte er den Grundsatz zur Geltung zu bringen, seine Apostel wären er selbst. (Matth. X, 40-42; XXV, 35; Mark. X, 40; Luk. X, 16; Joh. XIII, 20.) Man meinte auch, er habe ihnen von seiner Wunderkraft mitgeteilt. Sie trieben Dämone aus, prophezeiten und bildeten eine Schule von berühmten Teufelsbeschwörern, obwohl so mancher Fall über ihre Kräfte ging. (Matth. VII, 22; X, 1; XXVII, 18, 19; Mark. III, 15; VI, 13; Luk. X, 17.) Sie heilten auch, durch Händeauflegen oder auch durch Salbung mit Öl, ein Hauptmittel der orientalischen Heilkunst. (Mark. VI, 13; XVI, 18; Epist. Jak. V, 14.) Endlich wußten sie auch, wie Gaukler, mit Schlangen umzugehen und Giftgebräu zu trinken, ohne dabei Schaden zu nehmen. (Mark. XVI, 18; Luk. X, 19.) In dem Maße, wie man sich von Jesus entfernt, werden derlei Machenschaften auch abstoßender. Es läßt sich jedoch nicht in Zweifel ziehen, daß sie in der ursprünglichen Kirche Geltung hatten und daß ihnen seitens der Zeitgenossen die größte Aufmerksamkeit zu teil wurde. (Mark. XVI, 20.) Charlatane beuteten die Leichtgläubigkeit des Volkes aus, wie das ja gewöhnlich geschieht. Schon als Jesus noch lebte, trieben manche in seinem Namen böse Geister aus, ohne seine Jünger zu sein. Die wahren Jünger fühlten sich dadurch sehr gekränkt und strebten es zu verhindern. Jesus jedoch, der darin eine Huldigung seines Rufes sah, zeigte sich milder gegen jene. (Mark. IX, 37, 38; Luk. IX, 49, 50.) Man darf da übrigens nicht außer acht lassen, daß die Ausübung dessen gewissermaßen ein Gewerbe war. Die Logik der Thorheit auf die Spitze treibend, trieben manche den Teufel mit Beelzebub, Ein alter Gott der Philister, den die Juden in einen bösen Geist umgewandelt hatten. dem Obersten der Teufel, aus. Sie meinten, dieser Fürst der Höllenscharen müsse Macht über seine Untergebenen haben; sie waren überzeugt, daß der beharrlichste Dämon von ihm zum Weichen genötigt werde. (Matth. XII, 24 ec.) Es wurde sogar der Versuch gemacht, den Jüngern Jesu das Geheimnis ihrer Wunderkraft abzukaufen. (Apostelg. VIII, 18.) Ein Keim der Kirche begann schon damals zu erscheinen. Diese fruchtbringende Idee der Macht vereinigter Menschen (ecclesia) scheint eine Idee Jesu gewesen zu sein. Von seiner ganz idealistischen Lehre erfüllt, daß die Vereinigung in Liebe es sei, die die Anwesenheit der Seelen bilde, erklärte er, daß so oft Menschen in seinem Namen sich versammeln würden, werde er in ihrer Mitte sein. Er betraute die Kirche mit dem Recht zu binden und zu lösen – daß heißt, gewisse Dinge zu erlauben oder zu verbieten – Sünden zu vergeben, zu bestrafen, mit der Gewißheit erhört zu werden, zu beten. (Matth. XVIII, 17; Joh. XX, 3.) Möglich, daß manche dieser Worte dem Meister nur zugeschrieben wurden, um der Kollektivautorität, die man später an Stelle seiner zu setzen suchte, eine Grundlage zu schaffen. Allenfalls war es erst nach seinem Tode, wo sich besondere Kirchen bildeten und die ersten dieser Schöpfungen erfolgten auch nur nach dem Vorbild der Synagoge. Mehrere Personen, die Jesu sehr geliebt hatten und große Hoffnungen auf ihn gesetzt, wie Josef von Arimathias, Lazarus, Maria Magdalena, Nikodemus, scheinen diesen Kirchen nicht beigetreten zu sein und sich mit der zärtlichen oder ehrfürchtigen Erinnerung begnügt zu haben, die sie an ihn bewahrt hatten. Übrigens zeigt Jesu Lehre auch nicht die Spur einer angewandten Moral, oder von einem kanonischen Rechte, sei es auch noch so wenig näher bestimmt. Ein einziges Mal spricht er sich klar über die Ehe aus und verbietet die Scheidung. (Matth. XIX, 3.) Sonst keine Theologie, kein Symbol, kaum einige Andeutungen über den Vater, den Sohn und den Geist, woraus später die Dreieinigkeit und die Inkarnation gefolgert wurde, die jedoch noch im Zustande undeutlicher Bilder sich befanden. (Matth. XXVIII, 19; vergl. Matth. III, 16, 17; Joh. XV, 26.) Die letzten Bücher des jüdischen Kanons erwähnen bereits den heiligen Geist, eine Art göttliche Verkörperung, die manchmal mit der Weisheit oder dem »Wort« identifiziert wird. (Weish. I, 7; VII, 7; IX, 17; XII, 1; Pred. Sal. I, 9; XV, 5; XXIV, 27; XXXIX, 8; Judith XVI, 17.) Jesus legte auf diesen Punkt Gewicht (Matth. X, 20; Luk. XII, 12; XXIV, 49; Joh. XIV, 26; XV, 26) und verkündete seinen Jüngern eine Taufe mit Feuer und mit dem heiligen Geist, Matth. III, 11; Mark. I, 8; Luk. III, 16; Joh. I, 26; III, 5; Apostelg. I, 5, 8; X, 47. welche der des Johannes vorzuziehen sein werde; eine Taufe, die sie eines Tages nach dem Tod Jesu in Gestalt eines Sturmes und von Feuerflämmchen zu empfangen wähnten. Apostelg. II, 1–4, XI, 15; XIX, 6. – Vergl. Joh. VII, 39. Der solchermaßen vom Vater gesandte heilige Geist soll sie jegliche Wahrheit lehren und für die zeugen, welche Jesus selbst ihnen verkündet hat. (Joh. XV, 26; XVI, 13.) Zur Bezeichnung des Geistes gebrauchte Jesus das Wort Peraklit, das die syrisch-chaldäische Sprache der griechischen entnommen hatte und etwa »Anwalt«, »Berater«, zuweilen auch »Dolmetscher der himmlischen Wahrheiten«, »Lehrer, der die himmlischen Wahrheiten offenbaren soll«, bedeutet. Er selbst betrachtete sich seinen Jüngern gegenüber als Peraklit (Joh. XIV, 16; vergl. 1. Epist. Joh. II, 1) und der Geist, der nach seinem Tode erscheint, soll nur ihn ersetzen. Dies war eine praktische Anwendung der Idee, der jüdische und christliche Theologie Jahrhunderte lang folgten und die eine ganze Reihe göttlicher Beisitzer, den Metathronos, den Synadelphos oder Sandalphon und sämtliche Personifikationen der Kabbala erzeugen sollte. Nur, daß im Judentum diese Schöpfungen rein persönliche, freie Spekulation waren, während sie ihm Christentum seit Beginn des vierten Jahrhunderts das eigentliche Wesen der Orthodoxie und des allgemeinen Dogmas bilden. Es ist unnötig darauf aufmerksam zu machen wie weit Jesus Gedanke von einem religiösen Buch, das einen Codex und Glaubensartikel enthalten hatte, entfernt war. Nicht nur, daß er selber nichts schrieb, es war auch wider den Geist der jungen Sekte heilige Schriften zu verfassen. Man wähnte sich am Vorabend der großen Schlußkatastrophe. Der Messias soll kommen, um die Gesetze und Prophetenschriften zu beseitigen, nicht um neue Texte zu schaffen. Mit Ausnahme der Offenbarung Johannes, das im gewissen Sinne das einzige geoffenbarte Buch des jungen Christentums war, sind auch alle Schriften der apostolischen Zeit Gelegenheitswerke, die keineswegs den Anspruch machen, ein vollständiges dogmatisches Ganzes zu bieten. Anfangs hatten die Evangelien nur einen ganz privaten Charakter und ein viel geringeres Ansehen als die Tradition. Hatte aber die Sekte nicht irgendwelchen Ritus, keine Sakramente, Verbindungszeichen? Sie hatten eines, das alle Traditionen bis auf Jesus zurückführen. Ein Lieblingsgedanke des Meisters war, er sei das neue Brot, besser als Manna, und von dem die Menschheit leben soll. Dieser Gedanke, der Keim des Abendmahls, nahm manchmal in seinem Munde eigenartige konkrete Formen an. Einmal besonders, in der Synagoge zu Kapernaum, ließ er sich in einem kühnen Moment zu einer Äußerung hinreißen, die ihn mehrere seiner Schüler kostete: »Jawohl, ich sage euch, nicht Moses, sondern mein Vater hat euch das Brot des Himmels gegeben.« (Joh. VI, 32.) Und er fügte dazu: »Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt wird nicht hungern und wer an mich glaubt, wird nie dürsten.« Eine ähnliche Äußerung, die zu gleichen Mißverständnissen Anlaß bietet, befindet sich Joh. IV, 10. Diese Worte riefen lautes Murren hervor: »Was will er,« fragte man sich, »mit den Worten: Ich bin das Brot des Lebens. Ist dies nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er sagen: Ich bin vom Himmel gekommen?« Jesus betonte es noch kräftiger und fuhr fort: »Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt und wer davon ißt, soll nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, vom Himmel gekommen. Wer von diesem Brot essen wird, der wird in Ewigkeit leben; und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, das ich hingeben werde für das Leben der Welt.« Diese Worte haben zu sehr die Prägung des eigentümlichen Stils Johannes, um für getreu wiedergegeben betrachtet zu werden. Die Joh. VI erzählte Anekdote dürfte indessen nicht ohne historische Grundlage sein. Die Erregung erreichte nun ihren Höhepunkt: »Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben?« Jesus aber ging noch weiter: »Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes und trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch ißt und trinkt mein Blut, der hat das ewige Leben und ich werde ihn am jüngsten Tag auferwecken. Denn mein Fleisch ist die rechte Speise und mein Blut ist der rechte Trank. Wer mein Fleisch ißt und trinkt mein Blut, der bleibt in nur und ich in ihm. So wie mich gesandt hat der lebende Vater und ich um des Vaters willen lebe: so wird auch der mich ißt leben um meinetwillen. Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist, nicht wie eure Väter haben Manna gegessen und sind gestorben. Wer dieses Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit.« Eine solche Hartnäckigkeit im Paradoxen ärgerte mehrere Jünger gewaltig und sie mieden ihn ferner. Jesus nahm sein Wort nicht zurück, er fügte nur dazu: Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch ist unnütz. Die Worte, die ich rede, sind Geist und Leben.« Trotz dieser wunderlichen Predigt blieben ihm die Zwölf treu. Besonders für Kephas bot sich da die Gelegenheit seine absolute Ergebenheit zu beweisen und noch einmal zu verkünden: »Du bist Christus, der Sohn Gottes.« Wahrscheinlich bestand schon damals bei den gemeinsamen Mahlzeiten der Zeit irgendein Brauch, auf den sich die Rede bezog, die von den Leuten in Kapernaum so übel aufgenommen wurde. Doch die apostolischen Traditionen bezüglich dieser Sache weichen sehr voneinander ab und sind vielleicht absichtlich unvollständig. Die synoptischen Evangelien nehmen eine einzige feierliche Handlung an, die den mysteriösen Ritus die Grundlage bot und sie lassen sie bei dem letzten Abendmahl zur Geltung kommen. Johannes, der uns eben den Vorfall in der Synagoge zu Kapernaum überliefert hat, erwähnt kein Wort von dieser Handlung, obgleich er das letzte Mahl sehr ausführlich erzählt. Sonst sehen wir, daß Jesus am Brechen des Brotes erkannt wird, als wäre dies für die, welche mit ihm in Verkehr gestanden, das charakteristische Kennzeichen seiner Person gewesen. (Luk. XXIV, 30, 35.) Nachdem er tot war, war die Gestalt, in der er in der frommen Erinnerung seiner Jünger sich zeigte, die eines Vorsitzenden bei einem mystischen Mahl, das Brot haltend, es segnend, es brechend und den Anwesenden bietend. (Luk. XXIV, 30, 35; Joh. XXI, 13.) Man mag annehmen, daß das eine seiner Gewohnheiten war, und daß er in diesem Moment besonders liebenswürdig und zärtlich sich zeigte. Ein materieller Umstand, das Vorhandensein von Fischen auf dem Tische – ein frappanter Beweis, daß der Ritus am Gestade des Sees von Tiberias entstanden ist Vergl. Matth. VII, 10; XIV, 17; XV, 34; Mark. VI, 38; Luk. IX, 13; XI, 11; XXIV, 42; Joh. VI, 9; XXI, 9. Die Gegend des Sees von Tiberias ist die einzige in Palästina, wo der Fisch einen wesentlichen Bestandteil der Ernährung bildet. – war an sich beinahe schon feierlich und wurde ein notwendiger Teil der Vorstellung, die man sich von dem heiligen Mahle machte. (Joh. XXI, 13; Luk. XXIV, 42, 43.) Die gemeinschaftlichen Mahlzeiten waren der jungen Gemeinde zu den holdesten Stunden geworden. In dieser Zeit kamen sie zusammen; der Meister sprach mit jedem einzelnen und Pflegte ein heiteres, zwangloses Gespräch. Jesus liebte diese Zeit und sah seine geistige Familie gerne um sich vereint. (Luk. XXII, 15.) Die Teilung eines Brotes unter allen wurde als eine Art Gemeinschaft betrachtet, als gegenseitige Verbindung. Der Meister gebrauchte dabei die allerkräftigsten Ausdrücke, die später zu buchstäblich genommen wurden. Jesus war gleichzeitig sehr idealistisch in der Auffassung und sehr materialistisch im Ausdruck. In der Absicht, den Gedanken Ausdruck zu geben, daß der Gläubige nur von ihm lebe, daß er völlig (Leib, Blut und Seele) das Leben des rechten Gläubigen darstelle, sprach er zu seinen Jüngern: »Ich bin euere Speise,« was bildlich ausgedrückt dann lautete: »Mein Fleisch ist euer Brot, mein Blut ist euer Trank.« Dann führte ihn seine Redeweise, die stets sehr substanziell war, noch weiter. Auf die Speisen deutend, sagte er am Tisch: »Das bin ich,« und das Brot aufnehmend: »Das ist mein Leib,« auf den Wein deutend: »Das ist mein Blut« – alles Redensarten, gleichbedeutend mit: »Ich bin euere Speise.« Dieser mysteriöse Ritus kam bereits als Jesus noch lebte zu großer Wichtigkeit. Wahrscheinlich bestand er schon ziemlich lange vor der letzten Reise nach Jerusalem und mochte eher das Ergebnis einer allgemeinen Doktrin sein, als das einer bestimmten Handlungsweise. Nach Jesu Tod wurde er zum großen Symbol der christlichen Gemeinde (Apostelg. II, 42, 46), dessen Feststellung auf den feierlichsten Moment im Leben des Heilands bezogen wurde. Man wollte in der Konsekration von Brot und Wein, eine Abschiedserinnerung sehen, die Jesus seinen Jüngern zurückließ im Augenblick, wo er aus dem Leben geschieden ist. (1. Korinth. IX, 20 ec.) Man fand Jesu selbst in diesem Sakramente. Der ganze geistige Gedanke von der Anwesenheit der Seelen, – der am häufigsten bei dem Meister zum Ausdrucke kam, der ihm z. B. sagen ließ, er werde persönlich unter den Jüngern sein (Matth. XVIII, 20) wenn sie in seinem Namen sich versammeln – ließ diese Deutung leicht zu. Jesus hatte, wie schon bemerkt wurde, nie eine klare Vorstellung dessen, was die Individualität bildet. Bei dem Grad der Exaltation, den er erreicht hatte, drückte bei ihm der Gedanke das Ganze so völlig aus, daß der Leib nicht mehr in Betracht kam. Man ist eins, wenn man sich liebt, wenn man füreinander lebt – wie hätte da er und seine Jünger nicht eins sein sollen? (Joh. XII.) Seine Jünger nahmen dieselbe Ausdrucksweise an. Diejenigen, die durch Jahre von ihm gelebt hatten, sahen ihn stets mit dem Brot in der Hand, und den Kelch in den »heiligen, verehrungswürdigen Händen« (sehr alter Kanon der griechischen und lateinischen Messe), wie er sich selbst darbietet. Er war es, den man aß, den man trank; er wurde das wahre Osterlamm, nachdem das alte durch sein Blut ersetzt wurde. In unserer hauptsächlich bestimmten Sprache, wo stets die strenge Unterscheidung vom eigentlichen Sinn und Metapher gemacht werden muß, ist es unmöglich Stileigenarten zu übertragen, deren Haupteigenart darin besteht, daß dem Metapher, oder genauer bestimmt, der Idee eine volle Realität gegeben wird. Neunzehntes Kapitel. Wachsender Fortschritt der Begeisterung und der Exaltation. Eine derartige religiöse Gesellschaft, einzig nur auf die Erwartung des Gottesreiches begründet, mußte natürlich an und für sich unklar sein. Die erste christliche Generation lebte gänzlich von Worten und Träumen. Am Vorabend des Weltunterganges hielt man alles, was zur Fortsetzung der Welt dienen konnte, für zwecklos. Der Besitz von Eigentum war verboten. (Luk. XIV, 33; Apostelg. IV, 32; V 1 – 11.) Alles, was den Menschen an die Erde fesselte was ihn vom Himmel ablenkte, mußte vermieden werden Einige Jünger waren zwar verheiratet, doch die andern scheinen, sobald sie der Sekte beigetreten waren, nicht mehr geheiratet zu haben. Das Cölibat wurde laut gepriesen und selbst in der Ehe wurde Enthaltsamkeit empfohlen. (So lehrte stets Paulus. Vergl. Offenb. Joh. XIV, 4.) Es will bei einer Gelegenheit (Matth. XIX, 12) sogar scheinen, als würde der Meister der Selbstverstümmlung seinen Beifall geben, so es im Hinblick auf das Reich Gottes geschehe. Er war hier seinem Grundsatze treu: »So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab und wirf ihn von dir. Es ist besser, daß du zum Leben lahm oder verkrüppelt eingehest, als daß du zwei Hände oder zwei Füße habest und ins ewige Feuer geworfen werdest.« (Matth. XVIII, 8, 9. Vergl. Talmud von Baby. Nid. 13 d.) Das Absterben der Generationen wurde oft als Zeichen und Bedingung für das Reich Gottes betrachtet. (Matth. XXII, 30; Mark. XII, 25; Luk. XX, 35.) Es ist zu erkennen, daß diese ursprüngliche Kirche niemals eine dauernde Verbindung gebildet hätte, ohne die große Mannigfaltigkeit der von Jesu in seine Lehre niedergelegten Keime. Noch mehr als im Jahrhundert war nötig, um aus dieser kleinen Sekte, der »Heiligen vom Jüngsten Tage« die wahre christliche Kirche, die, welche die Welt bekehrt hat, zu schaffen; bis aus ihr der Rahmen wird, der die ganze menschliche Gesellschaft umfangen kann. Ebenso war es mit dem Buddhismus, der ursprünglich nur für Mönche gestiftet worden ist. Und dasselbe wäre auch mit dem Orden des heiligen Franciscus geschehen, wenn diese Verbindung durchgedrungen wäre, mit ihrer Anmaßung die ganze menschliche Gesellschaft zu organisieren. Hervorgegangen aus Utopien und eben ihrer Übertreibung wegen gelingend, nahmen die erwähnten großen Schöpfungen die Welt nur unter der Bedingung in Besitz, daß sie selbst sich völlig umgestalten und ihre Übertreibungen beseitigen. Jesus kam nicht über diesen ersten mönchischen Zeitabschnitt hinaus, in dem man das Unmögliche ungestraft vollbringen zu können wähnt. Er machte der Notwendigkeit keine Konzession, er predigte kühn den Kampf gegen die Natur, den vollständigen Bruch mit dem Blute. »Wahrlich, ich sage euch: es ist niemand, der ein Haus verläßt, oder Eltern, oder Brüder, oder Weib, oder Kinder um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfältig wiederempfange in dieser Zeit, und das ewige Leben in der künftigen Welt.« (Luk. XVIII, 29, 30.) Die Unterweisungen, die Jesus seinen Jüngern angeblich gegeben hat, atmen dieselbe Exaltation. (Matth. X, XXIV, 9; Mark. VI, 8; IX, 40; XIII, 9-13; Luk. IX, 3; X, 1; XII, 4; XXI, 17; Joh. XV, 18; XVII, 14.) Er, der gegen Fremde so nachsichtig war; er, der sich manchmal auch mit einer halben Zustimmung begnügte (Mark. IX, 38); er ist jetzt sehr streng gegen die Seinigen. Er mochte kein »Beinahe«. Oft ließe sich glauben, man habe hier einen auf den strengsten Regeln begründeten Orden vor sich. Treu seiner Anschauung, daß des Lebens Sorgen den Menschen behindern und erniedrigen, verlangte er von seinen Jüngern die gänzliche Lossagung vom Irdischen, die absolute Hingebung an sein Werk. Weder Geld noch Reiserequisiten, nicht einmal ein Ränzel oder Kleider zum Wechseln sollten sie bei sich führen. Sie sollten völlig arm sein, nur von Almosen und Gastfreundschaft sich erhalten. »Was ihr umsonst empfangen habt, das gebt auch umsonst« (Matth. X, 8), pflegte er in seiner schönen Sprache zu sagen. Verhaftet und vor den Richter gebracht, sollten sie sich nie auf ihre Verteidigung vorbereiten; der himmlische Anwalt, der Peraklit, wird ihnen schon eingeben, was sie sagen müßten. Der Vater wird ihnen von oben seinen Geist senden, der zur Regel ihres Thuns, zum Lenker ihres Denkens, zu ihrem Führer durch die Welt werden soll. (Matth. X, 20; Joh. XIV, 16, 26; XV, 26; XVI, 7, 13.) Aus einer Stadt vertrieben, sollten sie den Staub ihrer Schuhe auf sie abschütteln, aber auch die Nähe des Reiches Gottes ihr verkünden, damit sie nicht ihre Unkenntnis einwenden könnte. Und er fügte dazu: »Bevor ihr die Städte Israels erschöpft haben werdet, wird der Menschensohn erscheinen.« Ein seltsames Feuer durchglühte alle diese Worte, die vielleicht teilweise von der Begeisterung seiner Jünger geschaffen wurden; Die Stellen Matth. X, 38; XVI, 24; Mark. VIII, 34; Luk. XIV, 27, können erst nach Jesu Tod entstanden sein. doch selbst in diesem Falle kamen sie indirekt von Jesu, weil eine solche Begeisterung sein Werk war. Jesus sagte jenen, die ihn folgen wollten, große Verfolgungen und den Haß der Menschen voraus. Sie würden in den Synagogen gegeißelt werden, ins Gefängnis geworfen. Der Bruder werde den Bruder, der Sohn den Vater ausliefern. Werden sie in einem Lande verfolgt, so sollten sie in ein anderes fliehen. »Der Jünger,« sagte er, »steht nicht über den Meister, der Knecht nicht über den Herrn. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht töten können. Kauft man nicht zwei Sperlinge um einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne den Willen eueres Vaters. Es sind aber auch alle euere Haare auf dem Haupte gezählt. Darum fürchtet euch nicht: ihr seid besser als viele Sperlinge.« (Matth. X, 24–31; Luk. XII, 4–7.) Ferner: »Wer mich vor den Menschen bekennt, den will ich vor meinem himmlischen Vater bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den will ich auch vor meinem himmlischen Vater verleugnen.« (Matth. X, 32, 33; Mark. VIII, 38; Luk. IX, 26; XII, 8, 9.) In diesen Anwandlungen von Strenge ging er so weit, daß er das Fleisch gänzlich verleugnete. Seine Forderungen wurden grenzenlos. Die gewöhnlichen Schranken der Menschennatur verachtend, wollte er, daß man nur für ihn lebe und nur ihn liebe. »So jemand zu mir kommt,« sprach er, »und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, und auch dazu sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein.« (Luk. XIV, 26. Man muß hier die stilistische Übertreibung des Lukas in Betracht ziehen.) »Wer nicht absagt allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.« (Luk. XIV, 33.) In seine Worte mischte sich da etwas Seltsames, Übermenschliches; es war wie ein Feuer, das das Leben an seiner Wurzel zehrte und alles aufs Ärgste verwüstet. Das schroffe, traurige Gefühl des Ekels vor der Welt und der übertriebenen Verleugnung, welches das Kennzeichen christlicher Vollkommenheit ist, hatte nicht den sanften, heitern Moralprediger aus den ersten Tagen zum Schöpfer, sondern den finstern Riesen, den ein gewisses großartiges Ahnen immer mehr aus der Menschheit hinaustrieb. Man könnte glauben, er habe in diesen Momenten des Kampfes gegen die berechtigten Bedürfnisse des Herzens das Vergnügen zu leben, zu lieben, zu sehen, zu fühlen vergessen. Jedes Maß überschreitend, erkühnte er sich zu sagen: »Will jemand mein Jünger sein, der verleugne sich selbst und folge mir. Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber um meinetwillen sein Leben verliert, der wird es finden. Was hülfe es dem Menschen, wenn er eine ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?« (Matth. X, 37–39; XVI, 24, 25; Luk. IX, 23–25; XIV, 26, 27: XVII, 33; Joh. XII, 25.) Trefflich schildern diese Herausforderung der Natur zwei Anekdoten, von der Art jener, die nicht als historisch anerkannt werden können, die jedoch einen Charakterzug darstellen wollen, wenn sie ihn auch übertreiben. Er sprach zu einem Manne: »Folge mir!« – »Herr,« antwortete ihm dieser, »erlaube, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.« Jesus entgegnete: »Laß die Toten ihre Toten begraben, du aber gehe und verkünde das Reich Gottes« ... Ein anderer sprach zu ihm: »Herr, ich will dir folgen, doch erlaube, daß ich zuvor Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind.« Jesus erwiderte: »Wer seine Hand an den Pflug legt und zurückblickt, der taugt nicht zum Reiche Gottes.« (Matth. VIII, 21, 22; Luk. IX, 59–62.) Eine besondere Ruhe und manchmal auch Züge besonderer Sanftmut, die allen unseren Gedanken eine andere Richtung geben, ließen diese Übertreibungen vorüberziehen. »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für euere Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last leicht.« (Matth. XI, 28–30.) Aus dieser exaltierten, in einer übertriebenen und gewaltig energisch ausgedrückten Moral, bildete sich eine große Gefahr für die Zukunft. Indem man den Menschen von der Erde losmacht, zerstört man sein Leben. Der Christ soll belobt werden, weil er ein schlechter Sohn, ein schlechter Patriot ist, wenn er nur Christi wegen seinen Vater anfeindet, seine Heimat bekämpft. Der alte Staat, die Republik, die Allmutter, das Gesetz, stehen nun dem Gottesreiche feindlich gegenüber. Ein verhängnisvoller theokratischer Keim entsteht in der Welt. Eine andere Folge läßt sich von jetzt anerkennen: Diese für den Augenblick der Kirche geschaffene Moral mußte, in einen ruhigen Zustand und in der Mitte einer über ihre Zukunft unbesorgte Gesellschaft, unmöglich scheinen. Das Christentum mußte derart nur zu einer Utopie für die Christen werden, um deren Verwirklichung sich sehr wenige gekümmert hätten. Diese niederdrückenden Regeln sollten für die Menschheit in tiefste Vergessenheit geraten, wozu die Geistlichkeit selbst ermutigte; der evangelische Christ wurde fortan ein gefährlicher Mensch. Die selbstsüchtigsten, stolzesten, härtesten und am meisten an dem Irdischen klebenden Leute, wie z. B. ein Ludwig XIV., sollten Priester finden, die ihnen, allem Christentum entgegen, bekräftigten, daß sie Christen seien. Doch es sollten sich auch stets Heilige finden, welche die hehren Paradoxen Jesu wörtlich nahmen. Da die Vollkommenheit außerhalb des gewöhnlichen Gesellschaftszustandes lag; da das rein evangelische Leben nur außerhalb des irdischen Getriebes möglich war – so war dem Asketentum und dem Mönchswesen die Grundlage gegeben. Die christliche Gesellschaft hatte fortan zweierlei Moralregeln: die einen für mittelmäßig heroische, für gewöhnliche Menschen, die anderen für maßlos exaltierte, für vollkommene Menschen. Und der vollkommene Mensch, das ist nun der Mönch, der sich Regeln unterzieht, die das evangelische Ideal verwirklichen sollen. Natürlich konnte dieses Ideal derart nicht verallgemeinert werden, sei es auch wegen der Pflicht zur Ehelosigkeit und Armut. Im gewissen Sinne ist also der Mönch der einzige wahre Christ. Der gewöhnliche Menschenverstand empört sich wider solche Exaltationen; seiner Meinung nach ist das Unmögliche das Zeichen der Schwäche und des Irrtums. Doch dort, wo es gilt große Dinge zu beurteilen, ist der gewöhnliche Verstand ein schlechter Richter. Um von der Menschheit weniges zu erhalten, muß man von ihr viel fordern. Der riesige geistige Fortschritt, den wir dem Evangelium verdanken, kommt von seinen Übertriebenheiten. Denn dadurch ist er – gleich dem Stoizismus, nur in viel größerer Ausdehnung – zum lebendigen Beweis der göttlichen Kräfte, die im Menschen sind, geworden, zum Denkmal, der Macht des Willens errichtet. Begreiflicherweise galt Jesu in der Zeit, bei der wir jetzt angelangt sind, alles, was nicht des Gottesreiches war, für absolut nicht vorhanden. Er stand sozusagen außerhalb der Natur; Familie, Freundschaft, Vaterland waren für ihn wertlos geworden. Oft giebt sich die Vermutung, er habe in seinem eigenen Tod das Mittel zur Begründung seines Reiches gesehen und den Entschluß gefaßt, sich töten zu lassen. (Matth. XVI, 21–23; XVII, l2, 21, 22.) Zu anderen Malen wieder – obgleich der Gedanke erst später zum Dogma erhoben wurde – scheint ihm der Tod ein Opfer zu sein, bestimmt, den Vater zu versöhnen und die Menschen zu erretten. (Mark. X, 45.) Eine gewisse Vorliebe für Verfolgungen und Leiden erfaßte ihn. (Luk. VI, 22.) Sein Blut dünkte ihn das Wasser einer zweiten Taufe zu sein, mit der er getauft werden sollte und es scheint, als wäre er von einer merkwürdigen Hast beseelt gewesen, diese Taufe zu empfangen, die allein nur seinen Durst löschen konnte. (Luk. XII, 50.) Erstaunlich war oft die Größe seines Blickes auf die Zukunft. Er verhehlte sich nicht, daß er einen gewaltigen Sturm in der Welt erregen werde. »Ihr sollt nicht wähnen« – sprach er ebenso kühn wie schön – »ich sei gekommen, Frieden zu senden auf Erden. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater, die Tochter wider ihre Mutter, die Schnur wider ihre Schwieger. Und des Menschen Feinde werden seine eigene Hausgenossen sein.« (Matth. X, 34–36; Luk. XII, 51–53. – Vergl. Micha. VII, 5, 6.) »Ich bin gekommen das Feuer auf Erden zu entzünden: was wollte ich lieber als es brennte schon?« (Luk. XII, 49; s. griech. Text.) »Sie werden euch in Bann legen und es kommt die Zeit, wo der, welcher euch tötet, glauben wird, Gott einen Dienst erwiesen zu haben.« (Joh. XVI, 2.) »Wenn euch die Welt haßt, so wisset, daß sie mich vor euch gehaßt hat. Gedenkt des Wortes, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen.« (Joh. XV, 18, 20.) Fortgerissen von dieser erschreckenden, durch die Notwendigkeit einer immer exaltierter werdenden Predigt erforderten Fortschritt der Begeisterung, war Jesus nicht mehr frei. Er gehörte seinem Streben an und im gewissen Sinne der Menschheit. Manchmal hätte sich glauben lassen, sein Verstand sei gestört worden. Er fühlte gleichsam Angst und Erregung. (Joh. XII, 27.) Die große Vision vom Gottesreich, die stets vor seinen Blicken stammte, hatte ihn geblendet. Seine Jünger wähnten zuweilen er wäre irrsinnig. (Mark. III, 21.) Seine Feinde sagten, er wäre besessen. (Mark. III, 22; Joh. VII, 20; VIII, 48; X, 20.) Sein übermäßig leidenschaftliches Temperament ließ ihn jeden Augenblick die Grenzen menschlicher Natur überschreiten. Da sein Werk kein Werk des Verstandes war, und da er jede Einteilung des menschlichen Geistes verwarf, so verlangte er nichts gebieterischer als den »Glauben«. (Matth. VIII, 10; IX, 2, 22, 28, 29; XVII, 19; Joh. VI, 29.) Dieses Wort war es, das in seinem Tischkreise am meisten laut wurde; es war das Wort, um das sich alle Volksbewegungen drehten. Sicherlich wären diese nie erfolgt, wenn der, welcher sie hervorbrachte, jeden einzelnen seiner Parteigänger durch gute, logisch begründete Beweise hätte gewinnen müssen. Nachdenken führt nur zu Zweifeln. Wenn z. B. die Schöpfer der französischen Revolution erst durch lange Betrachtungen hätten überzeugt werden müssen, so waren sie alt geworden, ohne etwas zu thun. Ebenso bezweckte Jesus weniger die gehörige Überzeugung als Begeisterung. Drängend, befehlend, duldete er keinen Widerstand: man muß sich bekehren, er will es. Seine angeborene Sanftmut mochte manchmal gewichen sein, er schien da abstoßend und sonderbar. (Matth. XVII, 16; Mark. III, 5; IX, 18; Luk. VIII, 45; IX, 41.) Zuweilen verstanden ihn seine Jünger nicht mehr und fühlten eine gewisse Furcht vor ihm. Besonders bei Markus läßt sich dies ersehen: IV, 40: V, 15 IX, 31; X, 32. Und manchmal wieder riß ihn sein Ärger über jede Art Widerstand zu unbegreiflichen, geradezu thörichten Handlungen fort. (Mark. XI, 12 bis 14, 20.) Nicht daß seine Tugend sich vermindert hätte: sein Kampf gegen die Wirklichkeit im Namen des Ideals wurde unhaltbar. Ihn verdroß die Berührung mit der Erde. Ihn reizten Hindernisse. Sein Begriff vom Gottessohn trübte sich, übertrieb sich. Das verhängnisvolle Gesetz, das Gedanken zum Scheitern verurteilt, wenn sie Menschen bekehren wollen, machte sich auch bei ihm geltend. Die Menschen drückten ihn durch ihre Berührung auf ihren Standpunkt hinab. Die Art und Weise, die er angenommen hatte, konnte nur noch einige Monate sich aufrecht erhalten; es war Zeit, daß der Tod eine übermäßig gespannte Situation löste, ihn von den Unmöglichkeiten eines Weges ohne Ausgang befreite und ihn, von einer schon zu lange währenden Prüfung erlösend, sünderein der himmlische: Herrlichkeit zuführte. Zwanzigstes Kapitel. Opposition gegen Jesu. Es will scheinen, daß Jesus während der ersten Periode seiner Laufbahn keine ernste Gegnerschaft gefunden habe. Infolge der besonders ausgedehnten Freiheit, die in Galiläa herrschte und der großen Zahl von Lehrern, die überall auftauchten, erregten seine Predigten nur in einem ziemlich engen Kreis Aufmerksamkeit. Aber seitdem Jesus eine glänzende Bahn von Wundern und öffentlichen Erfolgen betreten hatte, begann des Sturmes Wettern. Mehr als einmal mußte er sich verbergen und fliehen. (Matth. XII, 14–16; Mark. III, 7; IX, 29, 30.) Allein Antipas beunruhigte ihn niemals, obgleich sich Jesus manchmal sehr strenge über ihn ausgesprochen hatte. (Mark. VIII, 15; Luk. XIII, 32.) In seiner Residenz Tiberias war der Tetrarch nur ein, zwei Stunden von dem Bezirke entfernt, den Jesus sich als Mittelpunkt seiner Thätigkeit erwählt hatte; er hörte von seinen Wundern sprechen, die er zweifellos für geschickte Kunststücke hielt und verlangte sie zu sehen. Die Ungläubigen waren damals nach derartigen Wunderkünsten sehr neugierig. Mit seinem gewöhnlichen Taktgefühl lehnte Jesus das ab. Er hütete sich in eine unreligiöse Welt zu verirren, die ihn nur zum eiteln Vergnügen benutzen wollten. Er strebte nur das Volk zu gewinnen; er bewahrte sich für die Schlichten die Mittel, welche für sie allein gut waren. (Luk. IX, 9; XXIII, 8.) Einmal verbreitete sich das Gerücht, Jesus sei kein anderer als der von den Toten auferstandene Johannes der Täufer. Antipas wurde besorgt und unruhig (Matth. XIV, 1; Mark. VI, 14; Luk. IX, 7); er wandte listige Mittel an, um Jesum von seinem Gebiete zu entfernen. Anscheinend teilnahmsvoll kamen Pharisäer zu Jesu und sagten ihm, Antipas wolle ihn töten. Trotz seiner großen Schlichtheit erkannte Jesus die Falle und zog nicht fort. Sein völlig friedliches Gehaben, seine Enthaltsamkeit von jeder Volkserregung beruhigten schließlich den Tetrarchen und beseitigten die Gefahr. Es fehlte noch viel daran, daß die neue Lehre in allen Ortschaften Galiläas gleich wohlwollend aufgenommen worden wäre. Nicht nur, daß das ungläubige Nazareth auch noch ferner den von sich wies, der seinen Ruhm bilden sollte; nicht nur, daß seine Brüder dabei verharrten, nicht an ihn zu glauben (Joh. VII, 5): selbst die Ortschaften am See selbst, so günstig sie ihm im Allgemeinen waren, waren noch nicht alle bekehrt. Jesus beklagte sich oft über den Unglauben und die Herzenshärte, die ihm begegneten; und wenn man auch bei solchen Klagen eine gewisse Übertreibung in Betracht ziehen muß, die Jesus in der Nachahmung des Täufers zeigte, so ist es doch klar, daß das Land weit davon entfernt war ganz zum Gottesreich zu werden. »Weh dir Chorasin! weh dir Bethsaida!« rief er aus. »Wären solche Thaten zu Tirus und Sidon geschehen, die bei euch geschehen sind, sie hätten schon längst in Sack und Asche Buße gethan. Doch ich sage euch: am Jüngsten Gericht wird es Tirus und Sidon besser ergehen als euch. Und du, Kapernaum, die du bis an den Himmel erhoben bist, du wirst in die Hölle hinabgestoßen werden; denn wären zu Sodom die Thaten geschehen, die bei dir geschehen sind, so stände es noch heutigen Tages. Doch ich sage euch, es wird dem Lande der Sodomiter am jüngsten Tage besser ergehen, als dir.« (Matth. XI, 21–24; Luk. X, 12–15.) »Die Königin von Saba,« fügte er dazu, »wird mit den Leuten dieses Geschlechts auftreten vor dem Gericht und wird sie verdammen; die sie kam vom Ende der Welt zu hören die Weisheit Salomos. Und siehe, hier ist mehr als Salomo. Die Leute von Ninive werden mit diesem Geschlecht auftreten vor dem Gericht und werden es verdammen, denn sie thaten Buße nach der Predigt Jonas. Und siehe, hier ist mehr als Jonas.« (Matth. XII, 41, 42; Luk. XI, 31, 32.) Seine herumstreichende Lebensweise, die anfangs voll Reize für ihn war, begann ihm gleichfalls lästig zu werden. »Die Füchse,« sagte er, »haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel ihre Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.« (Matth. VIII, 20; Luk. IX, 58.) Immer mehr äußerte sich bei ihm Bitterkeit und Ärger. Er klagte die Ungläubigen an, sie verschlössen sich der Überzeugung und meinte, daß es selbst noch im Moment, wo der Menschensohn in seiner himmlischen Herrlichkeit erscheinen werde, Leute geben werde, die an ihn zweifelten. (Luk. XVIII, 8.) Jesus konnte die Opposition allerdings nicht mit der kühlen Ruhe des Philosophen hinnehmen, der, den Grund der Meinungsverschiedenheit erkennend, welcher die Welt unter sich teilt, es ganz natürlich findet, daß nicht jeder seiner Meinung ist. Ein Hauptfehler der jüdischen Rasse ist, die Schroffheit bei Streitigkeiten und der beleidigende Ton, der hierbei laut wird. Nie gab es in der Welt so große Zwistigkeiten, wie die der Juden unter sich. Das Gefühl für Abstufungen macht den Menschen höflich und maßvoll. Der Mangel an Abstufungen jedoch ist einer der festesten Züge semitischen Geistes. Die feine Bildung, wie sie sich z.B. in den Dialogen Platos äußert, ist diesen Völkern ganz fremd. Jesus, der fast von allen Mängeln seiner Rasse frei war, und dessen Haupteigenschaft eben ein besonderes Zartgefühl war, ließ sich Widerwillens fortreißen in seiner Polemik die allgemein übliche Ausdrucksweise zu gebrauchen. (Matth. XII, 34; XV, 14; XXIII, 33.) Wie Johannes der Täufer wandte auch er sich mit sehr harten Ausdrücken gegen seine Widersacher. (Matth. III, 7.) Von besonderer Sanftmut gegen die Schlichtsinnigen, konnte er dagegen auch wider den am wenigsten agressiven Unglauben erbittert sein. (Matth. XII, 30; Luk. XXI, 23.) Dann war er nicht mehr der sanfte Meister der Bergpredigt, der noch nicht auf Widerstand oder Schwierigkeiten gestoßen war. Die Leidenschaft seines Charakters riß ihn zu den heftigsten Schmähungen fort. Diese sonderbare Stimmung darf uns nicht überraschen. Ein Mann unserer Tage, Herr Lamennais nämlich, hat denselben scharfausgeprägten Kontrast gezeigt. In seinem schönen Buche »Worte eines Gläubigen« wechseln miteinander ab, wie in einer Luftspiegelung auf dem Meere, maßloser Zorn und innige Sanftmut. Er, der im gewöhnlichen Verkehr von einer besonderen Gutmütigkeit war, konnten denen gegenüber, die anders als er dachten, bis zur Raserei in Zorn geraten. Ebenso bezog Jesus nicht ohne Grund eine Stelle (XLII, 2, 3) aus Jesaias auf sich: »Er wird nicht schreien, noch rufen und man wird nicht seine Stimme auf den Straßen hören. Das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht verlöschen. (Matth. XII, 19, 20.) Aber dennoch befinden sich in mehreren seiner den Jüngern erteilten Vorschriften Keime des echten Fanatismus, die das Mittelalter grausam entwickeln sollte. Soll man ihm daraus einen Vorwurf machen? Ohne etwas Schroffheit ist keine Revolution vollbracht worden. Hätten Luther, die Männer der französischen Revolution die Regeln der Höflichkeit beobachtet, so wäre weder die Reformation, noch die Revolution erfolgt. Sind wir froh, daß Jesus von keinem Gesetz beengt wurde, daß die Beleidigung eines Teiles der Bürger bestrafte; die Pharisäer wären sonst unverletzlich gewesen. Alle Großthaten der Menschheit sind im Namen absoluter Grundsätze vollbracht worden. Ein kritischer Philosoph hätte seinen Jüngern wohl gesagt: »Achtet die Meinung anderer und glaubt, daß niemand so sehr Recht habe, daß sein Gegner Unrecht haben müßte.« Doch. Jesu Wirken war nicht das eines uneigennützigen Philosophens. Das Bewußtsein, das Ideal beinahe erreicht zu haben und nur durch die Böswilligkeit einiger davon zurückgehalten worden zu sein, ist einer Feuerseele unerträglich. Wie mochte es daher dem Gründer einer neuen Welt sein? Das unüberwindliche Hindernis für Jesu Ideen kam hauptsächlich aus dem durch das Pharisäertum vertretenen orthodoxen Judentum. Jesus entfernte sich immer mehr von dem alten Gesetze. Doch die Pharisäer waren die wahren Juden, Nerv und Kraft des Judentums. Obgleich diese Partei ihren Mittelpunkt in Jerusalem hatte, so gab es doch auch Anhänger, die in Galiläa wohnten oder häufig dahin kamen. (Mark. VII, 1; Luk. V, 17; VII, 36.) Im allgemeinen waren das beschränkte Leute, die viel auf Äußerlichkeiten hielten und eine hochmütige, offizielle, selbstzufriedene Frömmigkeit zeigten. (Matth. VI, 2, 5, 16; IX, 11, 14; XII, 2; XIII, 5, 15, 23; Luk. V, 30; VI, 2, 7; XI, 39; XVIII, 12; Joh. IX, 16.) Ihr Gehaben war lächerlich, oft auch für die, welche sie im allgemeinen achteten. Die Spottnamen, die ihnen von dem Volke gegeben wurden und die nach Karikatur riechen, beweisen das. Das war der »krummbeinige Pharisäer« (Nikfi), der beim Gehen durch die Straßen die Füße nachschleppte und gegen die Steine stieß; »der Pharisäer mit blutender Stirne« (Kisahi), der mit geschlossenen Augen daher ging, um keine Frau zu sehen und mit der Stirne gegen die Mauern rannte, so daß sie stets blutig war; »der Keulenpharisäer« (Medukia), der sich wie der Griff einer Mörserkeule in zwei Teilen zusammengeklappt hielt; »der starkschultrige Pharisäer« (Schikmi), der mit gewölbtem Rücken ging, als trügen seine Schultern die ganze Bürde des Gesetzes. »Der Pharisäer, was giebt's zu thun? Ich thu's,« der stets nach einer Vorschrift auslugte; endlich »der gefärbte Philister«, für den die ganze Äußerlichkeit der Frömmigkeit nur heuchlerische Tünche war. Talmud v. Jerus. Berakoth IX, gegen Schluß, Sota V, 7; Talmud von Baby., Sota 22 b. – Vergl. Epiphanes Adv. haer. XVI, 1. Dieser Rigorismus war tatsächlich oft nur Schein und verbarg in Wirklichkeit eine große moralische Verderbtheit. (Matth. V, 20; XV, 4; XXIII, 3, 16; Joh. VIII, 7.) Dessen ungeachtet ließ sich das Volk täuschen. Das Volk, dessen Instinkt immer richtig ist, mag es sich auch bezüglich der Person noch so sehr irren, wird durch die falschen Frommen sehr leicht getäuscht. Was es an ihnen liebt ist gut und verdient geliebt zu werden, allein es hat nicht genug Geistesschärfe, um Schein von Sein sondern zu können. Die Antipathie, die in einer so leidenschaftlichen Welt sogleich zwischen Jesus und Personen solchen Charakters sich äußern mußte, ist leicht zu begreifen. Jesus wollte nur die Religion des Herzens; die der Pharisäer bestand nur aus Bräuchen. Jesus suchte die Erniedrigten und Verstoßenen aller Art auf; die Pharisäer sahen darin eine Beschimpfung ihrer Religion, der würdigen Männer. Der Pharisäer war ein unfehlbarer, sündenloser Mensch, ein Pedant, der überzeugt war, daß er stets im Rechte sei, der in der Synagoge den ersten Platz einnahm, auf der Straße betete, öffentlich Almosen gab und darauf sah, ob ihn jemand grüßte. Jesus meinte, jeder müsse das Gericht Gottes mit Furcht und Demut erwarten. Diese schlechte, durch das Pharisäertum vertretene Richtung herrschte jedoch nicht frei. Viele vor Jesus, oder zu seiner Zeit – wie Jesus, der Sohn Sirachs, einer der wahren Vorfahren des Jesu von Nazareth, Gamaliel, Antigones von Soco und besonders der sanfte Hillel – hatten hehre», fast evangelische Lehren geäußert. Doch dieser gute Samen war unterdrückt worden. Die edlen Magmen Hillels, die das ganze Gesetz in die Gerechtigkeit zusammenfaßten, Talmud von Baby. Schabbath 31 a ; Joma 35 b . die von Jesus, des Sohnes Sirachs, welche den echten Kultus in der Bethätigung des Guten darstellen, waren vergessen worden, oder in den Bann gethan. Schammai mit seinem beschränkten, exklusiven Geist hatte gesiegt. Eine Riesenmasse von »Traditionen« hatte das Gesetz erstickt, unter dem Vorwand es zu schützen und auszulegen. (Matth. XV, 2.) Sicherlich hatten diese konservativen Maßregeln auch ihre nützliche Seite gehabt. Es ist gut, daß das jüdische Volk sein Gesetz fast bis zum Wahnsinn geliebt hat; denn diese maßlose Liebe war es, die den Mosaismus unter Antiochus Epiphanes und Herodes gerettet hat und derart das Gährungsferment erhalten, aus dem das Christentum sich bilden sollte. Allein, für sich betrachtet, waren alle diese Vorsichtsmaßregeln nur kindisch. Die Synagoge, die sie barg, war nur mehr die Mutter von Irrtümern. Ihre Herrschaft war zu Ende. Und doch: die Abdankung von ihr fordern, wäre die Forderung des Unmöglichen gewesen, was eine bestehende Macht nie thut, nie thun kann. Die Kämpfe Jesus gegen die offizielle Heuchelei waren anhaltend. Die übliche Taktik der Reformatoren eines religiösen Zustands wie den geschilderten – den man traditionellen Formalismus nennen kann – besteht darin, daß sie den Text der heiligen Bücher der Tradition gegenüberstellen. Der religiöse Eifer bezweckt stets Neuerungen, selbst wenn er im höchsten Grade konservativ sein will. Ebenso wie die heutigen Neukatholiken sich stets vom Evangelium entfernen, ebenso entfernten sich mit jeden Schritt die Pharisäer von der Bibel. Deshalb ist der Puritanische Reformator gewöhnlich hauptsächlich »biblisch«, indem er von dem unwandelbaren Text ausgeht, um die von Geschlecht zu Geschlecht vorgeschrittene Theologie zu kritisieren. So machten es später bei den Juden die Karaiten, bei den Christen die Protestanten. Jesus legte viel energischer die Axt an die Wurzel. Wohl ruft er zuweilen den Text an, gegen die falschen Traditionen der Pharisäer; im allgemeinen jedoch reibt er wenig Exegese, sondern beruft sich auf sein Gewissen. Mit einem einzigen Schlag zertrümmert er den Text und seine Kommentare. Er zeigte zwar den Pharisäern, daß sie mit ihren Traditionen den Mosaismus gewaltig verändert hatten, allein er behauptet, nicht selbst auf Moses zurückzukommen. Sein Ziel lag vor ihm, nicht hinter ihm. Jesus war mehr als der Reformator einer veralteten Religion, er war der Schöpfer der ewigen Religion der Menschheit. Die Streitigkeiten entstanden hauptsächlich über eine Menge äußerlicher, traditioneller Bräuche, die weder von Jesus, noch von seinen Jüngern beobachtet wurden. Die Pharisäer machten ihn deswegen lebhafte Vorwürfe. Wenn er bei ihnen aß, so verdroß es sie sehr, daß er die üblichen Waschungen unterließ. »Gebt Almosen,« sprach er, »und alles wird für euch rein werden.« (Luk. XI, 41.) Was sein seines Taktgefühl am meisten verletzte, war die sichere Miene, die die Pharisäer in religiösen Dingen zeigten, ihr lächerliches Frommthun, das nur auf eitel Haschen nach Ansehen und Titeln strebte, nicht aber nach der Besserung des Herzens. Ein bewundernswertes Gleichnis drückte diese Ansicht voll Wahrheit und Schönheit aus: »Es gingen,« sprach er, »zwei Menschen hinauf in den Tempel zu beten: einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete vor sich selbst hin: ›Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie andere Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste wöchentlich zweimal, gebe von allem, was ich habe, den Zehnten‹. Und der Zöllner stand von ferne, wollte seine Augen nicht gen Himmel erheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: ›Gott sei mir Sünder gnädig!‹ – Ich sage euch, dieser ging vor jenem hinab gerechtfertigt in sein Haus.« (Luk. XVIII, 9–14. Vergl. XIV, 7–11.) Ein Haß, den nur der Tod besänftigen konnte, war die Folge dieser Kämpfe. Schon Johannes der Täufer hatte Feindschaften dieser Art hervorgerufen. (Matth. III, 7; XVII, 12, 13.) Doch die Aristokraten Jerusalems, die ihn verachteten, hatten die schlichten Leute ihn für einen Propheten halten lassen. (Matth. XIV, 5; XXI, 26; Mark. XI, 32; Luk. XX, 6.) Jetzt galt es einen Kampf auf Leben und Tod. Ein neuer Geist war es, der in der Welt erschienen und alles, was ihm vorher gegangen war mit Vernichtung traf. Johannes der Täufer war vom Grund auf Jude, Jesus war es kaum. Jesus wandte sich stets an die Feinheit des sittlichen Gefühls. Er streitet nur dann, wenn er sich gegen die Pharisäer wendet, indem er – wie es gewöhnlich geschieht – den Gegner nötigt, seinen eigenen Ton anzuschlagen. (Matth. XII, 3–8; XXIII, 16.) Sein prächtiger Spott, seine boshafte Provokationen trafen fast immer ins Herz. Das Nessushemd des Lächerlichen, das der Jude, der Sohn des Pharisäers, seit achtzehn Jahrhunderten zerrissen mit sich schleppt, das hat die göttliche Kunst Jesu gewebt. Meisterwerke an Spott, drangen seine Worte wie feurige Pfeile ins Fleisch des Heuchlers und Frömmlers, unvergleichliche Worte, Worte würdig eines Sohnes Gottes. Nur ein Gott vermag so zu strafen. Sokrates und Molière ritzten nur die Haut; er schleuderte Wut und Flammen bis ins innerste Mark. Es war aber auch gerecht, daß der Meister in der Ironie seinen Triumph mit dem Leben bezahlt. Schon in Galiläa wollten ihn die Pharisäer verderben und wandten das Manöver an, das ihnen später in Jerusalem gelingen sollte: sie strebten die Anhänger der neuen politischen Verhältnisse für ihre Sache zu gewinnen. (Mark. III, 6.) Die Leichtigkeit, mit der ihnen Jesus in Galiläa entweichen konnte, und die Schwäche der Regierung des Antipas vereitelten diese Versuche. Er selber ging der Gefahr entgegen. Er sah wohl ein, daß seine Wirksamkeit beschränkt sein mußte, wenn er von Galiläa begrenzt bliebe. Judäa zog ihn wie ein Zauber an. Er wollte den letzten Versuch wagen, die widerspänstige Stadt zu gewinnen und schien das Sprichwort bekräftigen zu wollen, daß ein Prophet nicht außerhalb Jerusalems sterben dürfe. (Luk. XIII, 33.) Einundzwanzigstes Kapitel. Die letzte Reise Jesu nach Jerusalem. Schon seit langem fühlte Jesus die ihn umgebenden Gefahren. (Matth. XVI, 20,21.) Während eines Zeitraumes, der sich auf achtzehn Monate schätzen läßt, unterließ er es nach Jerusalem zu Pilgern. Zum Laubhüttenfest des Jahres 32 – nach der von uns angenommenen Hypothese – luden ihn seine noch immer ungeneigten und ungläubigen Verwandten ein dahin zu kommen. (Joh. VII, 1–5.) Der Evangelist Johannes scheint anzunehmen, daß in dieser Einladung ein Plan, ihn zu verderben, verborgen lag. »Offenbare dich der Welt,« sagten sie ihm; »solche Dinge macht man nicht im geheimen. Geh nach Judäa, damit man sehe, was du zu thun vermagst.« Jesus argwohnte einen Verrat und weigerte sich anfangs; doch als die Karawane abgezogen war, machte er sich ohne Vorwissen der andern und fast allein auf den Weg. (Joh. VII, 10.) Das war der letzte Abschied von Galiläa. Das Laubhüttenfest fiel in die Äquinoktialzeit des Herbstes. Sechs Monate noch sollten bis zu dem verhängnisvollen Ausgang verstreichen. Doch in dieser Zwischenzeit sah Jesus seine lieben Nordprovinzen nicht wieder. Die Zeit der Frohheit ist vorüber; jetzt muß Schritt um Schritt der Schmerzensweg durchwandelt werden, der mit der Todespein endigte. Seine Jünger und die frommen Frauen, die ihm dienten, fanden ihn in Judäa wieder. Matth. XXVII, 55; Mark. XV, 41; Luk. XXIII, 49, 55. Doch wie hatte sich hier für ihn alles verändert! Jesus war ein Fremdling in Jerusalem. Er fühlte, hier wäre ein Wall des Widerstands, den er nicht übersteigen könnte. Umgeben von Schlingen und Widersprüchen, wurde er stets von der Bosheit der Pharisäer verfolgt. (Joh. VII, 20, 25, 30, 32.) Anstatt der unbegrenzten Fähigkeit zu glauben – die glückliche Gabe frischer Naturen – die er in Galiläa fand; anstatt der gutartigen sanften Bevölkerung bei der ein Widerspruch – der stets die Frucht von etwas Mißgunst und Ungelehrigkeit ist – nicht Zutritt fand; begegnete er hier auf Tritt und Schritt einer hartnäckigen Ungläubigkeit, bei dem das Mittel, das ihm im Norden so trefflich nützte, nicht verfangen wollte. Seine Jünger waren als Galiläer verachtet. Nikodemus, der während einer seiner früheren Anwesenheiten nächtlich eine Unterredung mit ihm pflog, hatte sich im Sanhedrin bloßgestellt, als er Jesu verteidigte: »Bist du auch ein Galiläer?« sprach man zu ihm. »Forsche und du wirst ersehen, aus Galiläa ersteht kein Prophet.« (Joh. VII, 150.) Wie schon früher bemerkt wurde, mißfiel die Stadt Jesu. Bisher hatte er immer die großen Mittelpunkte vermieden; er zog das stäche Land und kleine Städte für sein Wirken vor. Manche der Vorschriften, die er seinen Aposteln gab, waren nur bei einer schlechten Gesellschaft geringer Leute anwendbar. (Matth. X, 11–13; Mark. VI, 10; Luk. X, 5–8.) Ohne den geringsten Begriff von der Welt, gewöhnt an seinen liebenswürdigen Kommunismus von Galiläa, entschlüpften ihm beständig Naivitäten, die in Jerusalem wunderlich erscheinen konnten. Matth. XXI. 3; XXIV, 18; Mark. XI, 3; XIV, 13, 14; Luk. XIX, 31; XXII 10–12. Seine Imagination, seine Vorliebe für die Natur fühlten sich in diesen Mauern beengt. Die wahre Religion sollte nicht aus dem Stadtgewühl hervorgehen, sondern aus der gelassenen Heiterkeit des flachen Landes. Die Anmaßung der Priester machten ihm den Aufenthalt in den Tempelvorhöfen unangenehm. Eines Tages wollten ihn einige seiner Jünger, die Jerusalem besser als er kannten, auf die Schönheit der Tempelkonstruktion, auf bewundernswerte Auswahl des Materials, auf die reichen Opfergaben, die die Wände bedeckten, aufmerksam machen. Er sprach zu ihnen: »Seht ihr nicht dies alles? Wahrlich, ich sage euch: es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben.« (Matth. XXIV, 1, 2; Mark. XIII, 1, 2; Luk. XXI, 5, 6; vergl. Mark. XI, 11.) Er wollte nichts bewundern, eine arme Witwe ausgenommen, die in demselben Moment vorüberging und eine Kleinmünze in den Kasten warf. »Sie hat mehr gegeben als alle,« sprach er, »die andern haben von ihrem Überfluß eingelegt, sie von ihrer Armut.« (Mark. XII, 41; Luk. XXI, 1.) Diese Art alles zu kritisieren, was in Jerusalem geschah, den Armen, der wenig gab, zu erheben, den Reichen, der viel gab, herabzusetzen, die wohlhabende Geistlichkeit, die nichts für das Volk that, zu tadeln, das erzürnte natürlich die Priesterkaste. Sitz der konservativen Aristokratie war der Tempel – wie der an seine Stelle getretene mohammedanische Haram – der letzte Ort der Welt, wo eine Revolution Erfolg haben konnte. Man denke sich einen Reformator, der vor der Moschee Osmars den Umsturz des Islams predigen wollte. Indessen hier war der Mittelpunkt jüdischen Lebens, wo er siegen oder sterben mußte. Auf diesem Calvarienberg hat Jesus sicherlich mehr gelitten als auf Golgatha. Seine Tage vergingen unter Streit und Zorn, zwischen langweiligen Disputationen über kanonisches Recht und Exegese, für die seine erhabene Moral ihn wenig Eignung gab, was sag ich? – ihm gewissermaßen unterordnete. Im Schoße dieses bewegten Lebens, vermochte das gute, gefühlvolle Herz Jesu sich ein Asyl zu finden, wo er viel Annehmlichkeit genoß. Nachdem er den Tag im Tempel mit Disputationen verbracht hatte, stieg Jesus abends in das Thal Kedron hinab, ruhte ein wenig aus in dem Garten eines Landgütchens – wahrscheinlich eine Ölpresserei – Namens Gethsemane, Mark. XI, 19; Luk. XXII, 39; Joh. XVIII, 1, 2. Dieser Garten konnte nicht fern von der Stelle sein, wo einige Ölbäume stehen, welche die Frömmigkeit der Katholiken mit einer Mauer umgeben hat. Das Wort Gethsemane scheint Ölpresse zu bedeuten. das den Bewohnern als Belustigungsort diente; die Nacht verbrachte er auf dem Ölberg, der im Osten den Horizont der Stadt abschließt. (Luk. XXI, 37; XXII, 39; Joh. VIII, 1, 2.) Das ist der einzige Ort der Umgebung Jerusalems, der einen frohen, grünen Anblick bietet. Die Anpflanzungen von Ölbäumen, Feigenbäumen und Palmbäumen waren hier zahlreich vorhanden und gaben den Dörfern, Landgütern oder Ansiedelungen Bethphage, Gethsemane, Bethanien ihre Namen. (Talmud v. Baby. Pesach. 53 a .) Auf dem Ölberg befanden sich zwei Cedern, deren Andenken sich lange bei den zerstreut wohnenden Juden erhielt; ihre Zweige dienten zahlreichen Tauben als Zufluchtsstätte und in ihrem Schatten waren kleine Basare errichtet. (Talm. v. Jerus. Tanith. IV, 8.) Dieser ganze Bezirk war gewissermaßen das Quartier Jesu und seiner Jünger; man merkt, daß ihnen fast jedes Feld, jedes Haus bekannt war. Der Lieblingsort Jesu war besonders das Dorf Bethanien, Heute El-Asirieh, von El-Asir, dem arabischen Namen für Lazarus; in christlichen Texten des Mittelalters Lazarium . auf dem Gipfel des Hügels gelegen, gegen den Abhang hin, der sich zum Toten Meer und zum Jordan hinabsenkt und von Jerusalem anderthalb Stunden entfernt ist. (Matth. XXI, 17, 18; Makk. XI, 11, 12.) Hier lernte er eine Familie kennen, die aus drei Personen bestand, zwei Schwestern und einen Bruder, und deren Freundschaft ihm sehr lieb war. (Joh. XI, 5.) Von den zwei Schwestern war die eine, Namens Martha, eine gute, gefällige Person; die andere wieder, Namens Maria, gefiel Jesu wegen ihres schmachtenden Wesens und ihrer stark entwickelten spekulativen Fähigkeit. (Luk. X, 38-42; Joh. XII, 2. – Joh. XI, 20.) Oft, zu des Meisters Füßen sitzend, vergaß sie der Pflichten des realen Lebens. Dann beklagte sich ihre Schwester, der nun alle häuslichen Verrichtungen zufielen, leise bei Jesu. Er antwortete ihr: »Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe. Doch eins ist nötig. Maria hat das bessere Teil erwählt, das soll ihr nicht genommen werden. (Luk. X, 41.) Der Bruder Eleasar, oder Lazarus wurde gleichfalls von Jesus sehr geliebt. (Joh. XI, 35, 36.) Endlich scheint noch Mitglied der Familie gewesen zu sein, ein gewisser Simon der Aussätzige, Eigentümer des Hauses. (Matth. XXVI, 6; Mark. XIV, 3; Luk. VII, 40, 43; Joh. XII, 1.) Hier, im Schoße frommer Freundschaft vergaß Jesus die Widerwärtigkeiten des öffentliche Lebens. In dieser ruhigen Häuslichkeit tröstete er sich über die Nörgeleien der Pharisäer und Schriftgelehrten. Oft ließ er sich auf dem Ölberg nieder, dem Berge Moria gegenüber (Mark. XIII, 3), vor sich die prachtvolle Aussicht auf die Terrassen des Tempels und seine schimmernden Zinnen. Diese Aussicht erfüllte den Fremden mit Bewunderung. Besonders bei Sonnenaufgang blendete der heilige Berg die Augen und schien eine Masse aus Schnee und Gold zu sein. (Joseph. B. J. V, V, 6.) Doch ein tiefes Wehgefühl vergiftete Jesu diesen Anblick, der alle andern Juden mit Freude und Stolz erfüllte: »Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst die zur dir gesandten!« rief er in diesen Momenten der Bitterkeit aus, »wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihren Flügeln versammelt, und ihr habt nicht gewollt.« (Matth. XXIII, 37; Luk. XIII, 34.) Nicht daß sich nicht auch hier wie in Galiläa mehrere gute Seelen rühren hätten lassen. Doch so stark war die vorherrschende Orthodoxie, daß nur wenige es zu bekennen wagten. Man fürchtete sich in den Augen der Jerusalemiter in Mißkredit zu bringen, wenn man der Schule eines Galiläers beiträte. Man hätte sich der Gefahr ausgesetzt, aus der Synagoge ausgestoßen zu werden, der größte Schimpf mitten einer bigotten, kleinlichen Gesellschaft. (Joh. VII, 13; XII, 42, 43; XIX, 38.) Überdies hatte die Exkommunikation die Einziehung des ganzen Vermögens zufolge. Aufgehört Jude zu sein, war man deshalb noch nicht Römer; schutzlos war man einer theokratischen Gesetzgebung von schärfster Strenge preisgegeben. Eines Tages kamen einige Unterbeamte des Tempels, die einen Vortrag Jesu angehört hatten und davon begeistert waren, zu den Priestern und vertrauten ihnen ihre Zweifel an: »Glaubt auch einer der Führer oder ein Pharisäer an ihn?« wurde ihnen geantwortet. »Das Volk, das nichts vom Gesetz weiß, ist verflucht.« (Joh. VII, 45.) So blieb denn Jesus ein Provinzler, bewundert von Provinzlern gleich ihm, doch verachtet von der ganzen Aristokratie des Volkes. Die Häupter von Schulen und Sekten waren zu zahlreich vorhanden, als daß es Aussehen erregen hätte können, einen mehr zu sehen. Seine Stimme hatte in Jerusalem wenig Gewicht. Die Vorurteile der Rasse und der Sekten, die direkten Feinde des evangelischen Geistes wurzelten hier zu tief. Seine Unterweisungen änderten sich in dieser neuen Welt notwendigerweise sehr stark. Seine schönen Predigten, deren Wirkung stets auf die jugendfrische Phantasie und auf die Reinheit des sittlichen Gefühls der Zuhörer berechnet waren, fielen hier auf steinigen Boden. Er, der sich am Gestade seines kleinen reizenden Sees so wohl fühlte, war zaghaft, verlegen den Pedanten gegenüber. Seine beständigen Äußerungen über sich selbst wurden etwas langweilig. (Joh. VIII, 12 ec.) Er mußte Kontraversist, Exegist, Theologe werden. Seine Gespräche, sonst so voll der Reize, wurden zu einem Raketenfeuer von Disputen (Matth. XXI, 23–27), einer langen Reihe scholastischer Kämpfe. Sein harmonischer Geist schwächte sich in nutzlosen Argumentationen über das Gesetz und die Propheten (Matth. XXII, 23), wobei wir ihn zuweilen nicht gerne als Angreifer sehen. (Matth. XXII, 42.) Mit einer Nachgiebigkeit, die uns verletzt, geht er auf die verfänglichen Prüfungen ein, die ihn taktlose Zänkler unterziehen. (Matth. XXII, 36 ec.) Im allgemeinen zog er sich schlau aus der Verlegenheit. Seine Erörterungen waren zwar oft spitzfindig – Geisteseinfalt und Spitzfindigkeit berühren einander; wenn der Schlichtsinnige in Erörterungen sich ergeht, wird er immer etwas spitzfindig. Auch zeigt es sich, daß er manchmal Mißverständnisse herbeizieht und sie absichtlich lange unaufgeklärt läßt. S. besonders die Evang. Joh. VIII mitgeteilten Erörterungen. Allerdings ist die Autentität solcher Stellen nur eine relative. Nach den Regeln der aristotelischen Logik beurteilt, ist seine Argumentation sehr schwach. Wenn jedoch der unvergleichliche Reiz seines Geistes Gelegenheit hatte, sich zu bekunden, so triumphierte er. Eines Tages glaubte man ihn in Verlegenheit bringen zu können, indem man ihm eine Ehebrecherin vorführte und ihn fragte, was mit ihr geschehen solle. Jesu bewundernswerte Antwort ist bekannt. (Joh. VIII, 3.) Der feine Spott des Weltmannes, gemäßigt durch eine göttliche Güte, konnte sich in aller Kürze nicht besser ausdrücken. Indem Jesus mit so gerechtem und reinem Sinne die Worte aussprach: »Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie,« traf er die Heuchler ins Herz und mit demselben Stoß unterzeichnete er auch sein Todesurteil. Es ist in der That möglich, daß Jesus ohne die Erbitterung, die er durch so viele bittere Bemerkungen hervorgerufen hatte, lange Zeit unbemerkt hätte bleiben können und sich in dem gewaltigen Sturm, der bald das ganze jüdische Volk fortfegen sollte, sich verlieren hätte können. Die hohe Geistlichkeit und die Sadducäer hatten für ihn eher Verachtung als Haß. Die großen Priesterfamilien, die Boëthusim, die Hanan zeigten sich nur fanatisch in der Erhaltung der Ruhe. Die Sadducäer wiesen ebenso wie Jesus die »Traditionen« der Pharisäer zurück. (Joseph, Ant. XIII, X, 6; XVIII, I, 4.) Merkwürdigerweise waren just diese Ungläubigen, welche die Auferstehung, die Tradition, die Existenz der Engel leugneten die wahren Juden, oder genauer gesagt: da das einfache, alte Gesetz den religiösen Bedürfnissen der Zeit nicht mehr genügte, so würden die welche sich streng daran hielten und die Neuerungen zurückwiesen von den Frömmlern als Gottlose betrachtet, so etwa wie gegenwärtig in orthodoxen Ländern ein Protestant für einen Ungläubigen gehalten wird. Immerhin war es nicht diese Partei von der eine lebhafte Reaktion gegen Jesum kommen konnte, das offizielle Priestertum, das den Blick auf die politische Macht gerichtet hatte, mit der es eng verbunden war, begriff nichts von diesen enthusiastischen Bewegungen. Die pharisäische Bourgeoisie war es, die zahlreichen Schriftgelehrten, die von der Wissenschaft der »Tradition« lebte, die den Lärm machten und die wirklich auch durch die Lehre des neuen Meisters in ihren Vorurteilen und Interessen bedroht waren« Eine der eifrigsten Bestrebungen der Pharisäer ging dahin, Jesus auf das politische Gebiet hinüberzuziehen und ihn in der Partei Judas des Goloniters zu kompromittieren. Die Taktik war geschickt; denn es brauchte die innige Gutmütigkeit Jesu, daß er trotz der Verkündigung des Reiches Gottes mit der römischen Behörde sich noch nicht überworfen hatte. Man wollte ihn bezüglich dessen zu einem klaren Ausspruch nötigen. Eines Tages kam eine Anzahl Pharisäer zu ihm, von der Partei, die Herodianer genannt wurde (wahrscheinlich Boëthusim) und sprachen im erheuchelten frommen Eifer: »Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und den Weg Gottes recht lehrst und nach niemand fragst. Darum sage uns, was dünkt dich? Ist es recht, daß man dem Cäsar Zins gebe, oder nicht?« Sie hofften auf eine Antwort, die ihnen einen Vorwand gäbe, ihn dem Pilatus zu überliefern. Jesus antwortete bewunderungswert. Er ließ sich das Bild der Münze zeigen und sprach: »Gebt dem Cäsar, was des Cäsars ist und Gott, was Gottes ist.« (Matth. XXII, 15; Mark. XII, 13; Luk. XX, 20. – Vergl. Talmud v. Jerus. Sanhed. II, 3.) Ein bedeutendes Wort, das über die Zukunft des Christentums entschieden hat. Ein Wort von vollendetem Spiritualismus und von einer wunderbaren Richtigkeit, das die Trennung des Geistlichen vom Weltlichen begründet hat und den Grundstein zur wahren Freiheit und wahren Civilisation gelegt. Sein sanftes, durchdringendes Genie inspirierte ihn, als er mit seinen Jüngern allein war zu den köstlichen Worten: »Wahrlich, ich sage euch: wer nicht zur Thüre in den Schafstall hineingeht, der ist ein Dieb. Der aber zur Thüre hineingeht, der ist Hirte der Schafe. Die Schafe hören seine Stimme und er ruft seine Schafe mit Namen und führt sie hinaus. Er geht vor ihnen her und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme ... Ein Dieb kommt nicht, denn daß er stehle, würge, umbringe. Der Mietling, den die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und er verläßt die Schafe und flieht. Ich bin ein guter Hirte, ich erkenne die Meinen und bin den Meinen bekannt. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.« (Joh. X, 1–16.) Der Gedanke einer nahen Lösung der Krisis der Menschheit überkommt ihm öfter. »Wenn der Feigenbaum saftig wird und Blätter gewinnt,« sprach er, »so wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. Erhebet euere Augen und seht die Welt: sie ist reif für die Ernte.« (Matth. XXIV, 32; Mark. XIII, 28; Luk. XXI, 30; Joh. IV, 35.) Seine kräftige Eloquenz fand sich immer wieder, wo es sich um Bekämpfung der Heuchelei handelte: »Auf Moses Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Alles, was sie euch sagen, daß ihr halten sollt, das haltet und thut; aber nach ihren Werken sollt ihr es nicht thun. Sie sagen es wohl, doch sie thun es nicht. Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals; aber sie selbst wollen nicht einen Finger regen. »Alle ihre Werke thun sie, daß sie von den Leuten gesehen werden können. Sie machen ihre Denkzettel (Tefillin) breit und die Schaufäden (Zitzith) an ihren Kleidern groß. Sie sitzen gern obenan über Tisch und in den Schulen und haben es gern, auf dem Markte gegrüßt zu werden und von den Menschen »Rabbi« genannt zu werden! ... »Wehe euch ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen. Ihr kommt nicht hinein und die hineinwollen, laßt ihr nicht hineingehen. Wehe euch, die ihr der Witwen Häuser fresset und lange Gebete verwendet. Darum werdet ihr umsomehr verdammt sein. Wehe euch, die ihr zu Land und Wasser umherziehet, um einen Judengenossen zu machen, und wenn er es geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle. Wehe euch, denn ihr seid wie die Gräber, die nicht scheinen und auf die man tritt, ohne es zu wissen. Die Berührung der Gräber machte unrein; auch grenzte man den Umkreis auf dem Boden genau ab. Ihr Narren und Blinden, die ihr die Minze verzehntet, Till und Kümmel, und vernachlässigt das Schwerste im Gesetz, nämlich Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glauben. Dies sollte man thun und jenes nicht lassen. Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken seiht und Kameele verschluckt.« »Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Becher und Schüsseln auswendig reinlich haltet, inwendig aber sind sie voll Raub und Fraß. Die Reinigung des Geschirrs war bei den Pharisäern den kompliziertesten Regeln unterworfen (Mark. VII, 4). Du blinder Pharisäer reinige zuerst das Innere von Becher und Schüsseln, damit es auch außen rein werde. Luk. IX, 37, glaubt vielleicht nicht ohne Grund, daß dieser Vers bei einem Festmahle zur Antwort der nichtigen Gewissensskrupeln der Pharisäer diente. »Wehe euch, Schriftgelehrten und Pharisäer, die ihr gleicht den übertünchten Gräbern (da die Gräber für unrein galten, so war es Brauch, sie mit Kalk zu übertünchen um vor der Annäherung zu warnen), die auswendig schön scheinen, innen aber voller Totenknochen und Unflats sind. Von außen erscheint ihr vor den Menschen fromm, inwendig aber seid ihr voller Heuchelei und Untugend. »Wehe euch, Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Gräber baut, und schmücket der Gerechten Gräber und sprechet: Wären wir zu unserer Väter Zeiten gewesen, so wollten wir nicht teilhaft sein mit ihnen an der Propheten Blut. So gebt ihr zwar über euch selbst Zeugnis, die ihr Kinder seid derer, die die Propheten getötet haben. Wohlan erfüllt auch ihr das Maß der Väter. Die Weisheit Gottes hat wohl recht gehabt zu sagen: Die Quelle dieses Citates ist unbekannt geblieben. Ich sende euch Propheten, Weise und Schriftgelehrten; ihr werdet etliche ihrer töten und kreuzigen, etliche in neueren Schulen geißeln und werdet sie von Stadt zu Stadt verfolgen. Daß über euch komme all das gerechte Blut, das auf Erden vergossen ist, vom Blute des gerechten Abels an, bis aufs Blut Zachanas, Barachims Sohn, den ihr getötet habt zwischen Tempel und Altar. Wahrlich, ich sage euch, dies alles wird über dieses Geschlecht kommen.« (Es waltet hier eine kleine Verwirrung vor, die sich auch im Targum Jonathan ( Lament. II, 20) bei Zacharias, dem Sohne des Joida und Zacharias, dem Sohne Barachias, des Propheten, befindet. Es handelt sich um ersteren. (2. Paral. XXIV, 21.) Das Buch der Paralipomena, in dem die Ermordung des Zacharias, Sohn des Joida, erzählt wird, schließt den hebräischen Kanon. Dieser Mord ist der letzte in der – nach der in der Bibel erscheinenden Reihenfolge – verzeichneten Liste ermordeter Gerechten. Der Mord Abels ist hier der erste Fall. – Matth. XXIII, 2–36; Mark. XII, 38–40; Luk. 39–52; XX, 46, 47.) Sein fürchterliches Dogma von der Substitution der Heiden, dieser Gedanke, das Reich Gottes werde auf andere übertragen werden, da es diejenigen, für welche es bestimmt war, nicht wollten, Matth. VIII, 11, 12; XX, 1 ec.; XXI, 28–43; XXI, 1; Mark. XII, 1; Luk. XX, 9. kommt immer wieder, wie eine blutige Drohung gegen die Aristokratie, und sein Titel Gottessohn, den er offen bekannte, in den lebhaften Gleichnissen, in welchen seine Gegner als Mörder des Gottgesandten hingestellt werden (Matth. XXI, 37 ec.; Joh. X, 36 ec.), war eine Herausforderung des gesetzlichen Judentums. Der kühne Aufruf, der sich an die Erniedrigten wandte, war noch rebellischer. Er erklärte, gekommen zu sein, die Blinden sehend zu machen und die, welche zu sehen wähnen, blind. (Joh. IX, 39.) Eines Tages entriß ihm sein Ärger gegen den Tempel ein unüberlegtes Wort: »Ich will diesen Tempel, der von Menschenhand errichtet ist, abbrechen und in drei Tagen einen andern bauen, der nicht mit den Händen aufgerichtet wird.« Die authentische Wiedergabe dieser Äußerung scheint bei Mark. XIV, 58; XV, 59 zu sein. Vergl. Joh. II, 19; Matth. XXVI, 61; XXVII, 40. Wir wissen nicht recht, welchen Sinn Jesus diesen Worten beilegte, in denen seine Jünger gezwungene Allegorien suchten. Doch da man einen Vorwand brauchte, wurde dieser Ausdruck stark hervorgehoben. Wir finden ihn noch in den Motiven des Todesurteils Jesu und er sollte noch während der letzten Todesqualen auf Golgatha in seinen Ohren widerhallen. Diese aufregenden Diskussionen endeten immer mit einem Sturme. Die Pharisäer bewarfen ihn mit Steinen (Joh. VIII, 39; X, 31; XI, 8), wobei sie nur die Gesetzesvorschrift erfüllten, die erheischt, daß jeder Prophet, selbst wenn er Wunder wirkte, gesteinigt werde, ohne ihn weiter anzuhören, so er das Volk dem alten Kultus abwendig machen wollte. (V. Mos. XIII, 1. Vergl. Luk. XX, 6; Joh. X, 33; 2. Korinth. XI, 25.) Dann wieder wurde er verrückt, besessen, Samariter gescholten, oder ihn zu töten versucht. (Joh. X, 20. – Joh. V, 18; VII, 1, 20, 25, 30; VIII, 37, 40.) Man lauerte auf seine Worte, um gegen ihn die Gesetze einer unduldsamen Theokratie anzuwenden, die von der römischen Herrschaft noch nicht aufgehoben worden waren. (Luk. XI, 53, 54.) Zweiundzwanzigstes Kapitel. Anschläge der Feinde Jesu. Jesus verbrachte den Herbst und einen Teil des Winters in Jerusalem. Diese Jahreszeit ist hier ziemlich kalt. Die Säulenhalle Salomos mit ihren gedeckten Gängen, war der Ort, wo er gewöhnlich herumwandelte. (Joh. X, 23.) Diese Halle bestand aus zwei Galerien, die durch drei Säulenreihen und einer geschnitzten Decke aus Holz gebildet wurden. Sie beherrschte das Thal Kedron, das damals sicherlich weniger mit Schutt bedeckt war, als heute. Von der Höhe der Säulenhalle aus konnte das Auge nicht die Tiefe der Schlucht ergründen, und es scheint, daß zufolge der geneigten Böschung senkrecht unter der Mauer ein Abgrund sich öffnete. (Jos. B. J. V, V, 2. – Vergl. Ant. XV, XI, 5; XX, IX, 7.) Die andere Seite des Thales hatte bereits ihren Schmuck prächtiger Gräber. Einige der Denkmäler, die man heute dort sieht, wurden vielleicht zu Ehren der Propheten errichtet, auf die Jesus hinzeigte, wenn er, unter der Säulenhalle sitzend, seine Blitze schleuderte gegen die offiziellen Klassen, die hinter diesen riesigen Steinmassen ihre Heuchelei und Eitelkeit verbargen. (Matth. XXIII, 29; Luk. XI, 47.) Gegen Ende Dezember feierte er in Jerusalem das Fest, das Judas Makkabäus eingesetzt hatte, zur Erinnerung an die Reinigung des Tempels nach dessen Entweihung durch Antiochus Epiphanes. (Joh. X, 22. – Vergl. 1. Makk. IV, 52; II, X, 6.) Man nannte es auch das »Lichterfest«, weil während der acht Fasttage brennende Lichter in den Häusern gehalten wurden. (Joseph, Ant. XII, VII, 7.) Bald darauf machte Jesus eine Reise nach Peräa und an den Ufern des Jordans, das heißt, nach denselben Gegenden, die er einige Jahre früher besucht, als er der Schule des Johannes folgte und auch selbst die Taufe erteilt hatte. Joh. X, 40; vergl. Matth. XIX, 1; Mark. X, 1. Die Synoptiker kannten diese Reise. Sie scheinen jedoch anzunehmen, Jesus hätte sie unternommen, als er von Galiläa nach Jerusalem über Peräa kam. Hier, besonders in Jericho, scheint er einigen Trost gefunden zu habe. Diese Stadt hatte, sei es als besonders wichtige Wegstation, sei es wegen ihrer Gewürzgärten und reichen Ackerbaues, einen recht bedeutenden Zollposten. Der Haupteinnehmer Zacharias wollte Jesus sehen. Von kleinem Wuchs, stieg er auf eine Sykomore, nahe der Stelle, wo sein Zug vorüberkommen mußte. Jesus war gerührt von dieser Zuneigung dieser schon bedeutenderen Persönlichkeit. Er wollte bei ihm einkehren, auf die Gefahr hin, Ärgernis zu erregen. Es wurde tatsächlich auch sehr gemurrt, als man sah, daß er das Haus eines Sünders mit seinem Besuche beehrte. Scheidend erklärte Jesus, sein Wirt sei ein guter Sohn Abrahams; und zum noch größeren Ärger der Orthodoxen wurde Zachäus ein Heiliger: er gab, wie man sagt, die Hälfte seines Vermögens den Armen und machte doppelt gut das Unrecht, das er begangen haben mochte. Übrigens war das hier nicht die einzige Freude Jesu. Als er die Stadt verließ erfreute ihn der Bettler Bartimäus nicht wenig, indem er stets ausrief: »Sohn Davids!« obgleich man ihn schweigen hieß. Der Kreis galiläischer Wunder schien sich für eine Weile auch auf diese Gegend auszudehnen, die mit der Nordprovinz so viel Ähnlichkeit aufwies. Die köstliche Oase von Jericho, damals wohl bewässert, mußte einer der schönsten Orte Syriens sein. Josephus spricht von ihr mit derselben Bewunderung wie von Galiläa, und wie diese nennt er sie ein göttliches Land. ( B. J. IV, VIII, 3. Vergl. I, VI, 5 und Antig. XV, IV, 2.) Nachdem Jesus diese einer Pilgerfahrt gleichen Reise nach den Orten seines frühesten prophetischen Wirkens vollendet hatte, kam er nach seinem geliebten Bethanien zurück, wo ein eigentümliches Ereignis stattfand, das auf das Ende seines Lebens von entscheidenden Einfluß gewesen sein mochte. (Joh. XI, 1.) Verstimmt von der übeln Aufnahme, die das Gottesreich in der Hauptstadt gefunden hatte, forderten seine Freunde ein großes Wunder von ihm, das auf die Ungläubigkeit der Jerusalemiten von starker Wirkung sein sollte. Die Auferstehung eines stadtbekannten Mannes schien das Überzeugendste zu sein. Es sei nicht außer acht gelassen, daß die Hauptbedingung echter Kritik darin besteht, die Verschiedenheit der Zeit zu erfassen und sich der instinkthaften Abneigung zu entledigen, welche die Frucht einer rein vernünftigen Erziehung ist. Jesus war in dieser unreinen und bedrückenden Stadt Jerusalem nicht mehr er selbst. Durch die Schuld der Menschen, nicht durch seine eigene, hatte sich die ursprüngliche Klarheit seines Bewußtseins getrübt. Verzweifelnd, bis aufs äußerste getrieben, gehörte Jesu nicht mehr sich selbst an. Ihm drängte sich seine Mission gebieterisch auf und er gehorchte dem Zwange. Wie das bei großen, göttlichen Laufbahnen vorzukommen pflegt, vollbrachte er eher Wunder, die allgemein von ihm verlangt wurden, als daß er sie aus freien Willen gethan hätte. Bei der Länge der Zeit, und einem einzigen Text gegenüber, der deutliche Spuren nachträglicher Zusätze aufweist, ist es unmöglich, zu entscheiden, ob in diesem Falle alles Erdichtung sei, oder ob denn wirklich ein Vorfall in Bethanien dem Gerücht als Grundlage dient. Es muß jedoch anerkannt werden, daß diese Erzählung des Johannes wesentlich verschiedener Art ist, von den Wunderberichten, dem Ausfluß der Volksphantasie, von denen die Synoptiker voll sind. Fügen wir noch dazu, daß Johannes der einzige Evangelist ist, der genaue Kenntnis der Beziehungen Jesu zur Familie in Bethanien hatte, und daß es unbegreiflich wäre, wie eine Volksschöpfung in dem Rahmen von so persönlichen Erinnerungen hätte Platz finden können. Wahrscheinlich war also das erwähnte Wunder keines der ganz legendären, für die niemand verantwortlich ist. Kurz, ich glaube, daß in Bethanien etwas geschehen sei, was als eine Auferstehung gelten konnte. Das Gerücht sprach Jesu bereits zwei oder drei ähnliche Thaten zu. (Matth. IX, 18; Mark. V, 22; Luk. VII, 11.) Die Familie in Bethanien konnte, fast ohne es recht zu wissen, zu der wichtigen Handlung, die gewünscht wurde, veranlaßt werden. Jesus wurde hier fast göttlich verehrt. Es scheint, daß Lazarus krank war und daß Jesus zufolge einer besonderen Mitteilung der betrübten Schwestern Peräa verließ. (Joh. XI, 3.) Die Freude ob seiner Ankunft konnte Lazarus neu beleben. Es ist aber auch möglich, daß diese leidenschaftlichen Leute, im Streben, den Leugnern der göttlichen Mission ihres Freundes den Mund zu schließen, die Grenzen überschritten hatten. Vielleicht ließ sich Lazarus, noch blaß von seiner Krankheit, einem Toten gleich in Leichentücher hüllen und in sein Familiengrab legen. Diese Gräber waren große, in den Fels gehauene Kammern, in die man durch eine viereckige Öffnung hinabkam, die mit einem riesigen Steinblock verschlossen wurde. Martha und Maria eilten Jesu entgegen und führten ihn zum Grabe, noch bevor er Bethanien betreten hatte. Die schmerzliche Erregung, die Jesus am Grabe seines totgeglaubten Freundes empfand (Joh. XI, 35), mochte von den Anwesenden für das Zittern und Schauern gehalten werden (Joh. XI, 33, 38), das die Wunder zu begleiten pflegte. Nach dem Volksglauben beruhte nämlich die göttliche Kraft im Menschen gleichsam auf ein epileptisches und konvulsivisches Prinzip. Jesus – immer unsere Annahme vorausgesetzt – wünschte den, welchen er geliebt hatte, noch einmal zu sehen, und als der Leichenstein fortgerollt wurde, trat dann Lazarus hervor in seinen Leichentüchern, das Haupt in ein Schweißtuch gehüllt. Diese Erscheinung mußte natürlich allgemein als Auferstehung gelten. Der Glaube kennt kein anderes Gesetz, als das Interesse für das, was ihm Wahrheit ist. Gilt ihm der Zweck, den er verfolgt, heilig, so findet er nichts Arges daran für seine Behauptung auch schlechte Mittel zu gebrauchen, wenn die guten nicht ausreichen. Ist dieser oder jener Beweis nicht stichhaltig, so sind es doch viele andere! ... Ist dieses oder jenes Wunder nicht echt, so sind es doch viele andere schon gewesen! ... Fest überzeugt, daß Jesus ein Wunderthäter sei, konnten Lazarus und seine Schwestern eines seiner Wunder vollführen helfen, wie so viele Fromme, die von der Wahrheit ihrer Religion überzeugt, die Zweifel der Menschen durch Mittel zu besiegen versucht hatten, deren Schwäche ihnen bekannt war. Ihr Geisteszustand glich jenen der Stigmatisterten, Verzückten, Besessenen, die durch den Einfluß der Welt in der sie leben und durch ihren eigenen Glauben an die erdichteten Thatsachen fortgerissen werden. Jesus war ebensowenig, wie später der heilige Bernhard und der heilige Franz von Assisi, imstande, die Gier der Menge und auch seiner Jünger nach dem Wundervollen zu mäßigen. Übrigens sollte ihm schon in etlichen Tagen der Tod seine göttliche Freiheit wiedergeben und ihn der verhängnisvollen Notwendigkeit entheben, eine Rolle zu spielen, die mit jedem Tage anspruchsvoller und schwieriger wurde. Alles scheint dafür zu sprechen, daß das Wunder von Bethanien wesentlich dazu beitrug, Jesu Tod zu beschleunigen. (Joh. XI, 46; XII, 2, 9.) Die Personen, die dessen Zeugen waren, zerstreuten sich in die Stadt und sprachen viel davon. Die Jünger wieder erzählten die Sache, vom Standpunkt ihrer Argumentation aus, recht ausführlich. Die anderen Wunder Jesu waren flüchtige Ereignisse, auf gutem Glauben weiter erzählt und im Munde des Volkes übertrieben, und man kam nicht mehr darauf zurück, nachdem sie geschehen waren. Doch dieses war ein wahrhaftiges Ereignis, das öffentlich bekannt wurde und mit welchem man die Pharisäer zum Schweigen bringen wollte. (Joh. XII, 9, 10, 17, 18.) Alle Feinde Jesu waren über das verursachte Aufsehen erbittert. Man erzählt, sie versuchten Lazarus zu töten. (Joh. XII, 10.) Sicher ist jedoch, daß der Hohepriester nun eine Ratsversammlung hielt und hier die Frage kurz und klar aufgeworfen wurde: »Können Jesus und das Judentum zusammen leben?« (Joh. XI, 47.) Diese Frage barg schon die Antwort in sich und ohne, wie der Evangelist will, Prophet sein zu wollen, konnte der Hohepriester den blutigen Grundsatz aussprechen: »Es ist besser, daß dieser Mensch für das Volk sterbe, denn daß das ganze Volk verderbe.« Der Hohepriester dieses Jahres – wie der Ausdruck des vierten Evangeliums lautet, der sehr gut den Zustand der Erniedrigung kennzeichnet, in dem sich die Würde des Hohepriestertums befand – war Joseph Kaiphas, von Valerius Gratus ernannt und den Römern sehr ergeben. Seitdem Jerusalem von den Prokuratoren abhängig war, war dies Hohepriestertum zu einem widerruflichen Amt geworden und die Absetzungen folgten einander fast mit jedem Jahre. (Joseph. Ant. XV, III, 1; XVIII, II, 2; V, 3; XX, IX, 1, 4.) Kaiphas jedoch hielt sich länger als die andern. Er erhielt sein Amt im Jahre 25 und verlor es erst im Jahre 36. Von seinem Charakter ist uns nichts bekannt geworden. Manches läßt darauf schließen, daß seine Macht nur dem Namen nach bestand. Wir sehen auch neben ihm und über ihm einen Mann, der in dem entscheidenden Momente, der uns jetzt beschäftigt, eine vorwiegende Macht ausgeübt zu haben scheint. Dieser Mann war der Schwiegervater des Kaiphas, Hanan oder Annas, Der Anaeus bei Josephus. Ebenso wurde der hebräische Namen Johanan im Griechischen zu Joannes oder Joannas. Sohn Seths, ein alter abgesetzter Hohepriester, der bei häufigem Wechsel des Pontifikats die ganze Autorität behielt. Hanan hatte das Hohepriesteramt im Jahre 7 u. Z. von dem Legaten Quirinus erhalten und verlor es im Jahre 14, bei dem Regierungsantritt des Tiberius; doch blieb er im hohen Ansehen. Man fuhr fort ihn Hohepriester zu betiteln, obgleich er außer Amt war und fragte ihn in allen wichtigen Angelegenheiten um Rat. (Joh. XVIII, 15–23; Apostelg. IV, 6.) Durch fünfzig Jahre blieb die Hohepriesterwürde fast ohne Unterbrechung in seiner Familie; fünf seiner Söhne bekleideten sie nacheinander, ohne Kaiphas, seinen Schwiegersohn, zuzuzählen. (Joseph. Ant. XX, IX, 1.) Das war es, was »Priesterfamilie« genannt wurde, als ob das Priesteramt erblich geworden wäre. Auch fast alle hohen Tempelämter waren dieser Familie zugefallen. Wohl wechselte eine andere Familie mit der des Hanans im Pontifikat ab, und zwar die des Boëthus; aber die Boëthusen, deren Glücksquelle eben keinem sehr ehrenwerten Umstand entsprungen ist, wurden von der frommen Bourgeoisie viel geringer geachtet. Hanan war daher in Wirklichkeit der Chef der Priesterpartei. Kaiphas machte alles nur durch ihn; man hatte sich gewöhnt ihre Namen zu verbinden, ja sogar den des Hanan vorauszusetzen. Es ist demnach begreiflich, daß bei einem jährlichen, von den Launen des Prokurators abhängigen Wechsel des Pontifikats, ein alter Hohepriester, der das Geheimnis der Tradition bewahrt, der viele Nachfolger gesehen und genug Ansehen bewahrt hatte, um das Amt auf Personen übertragen zu lassen, die ihm in der Familie untergeordnet waren, eine sehr wichtige Persönlichkeit sein mußte. Wie die ganze Tempelaristokratie war auch er ein Sadducäer, nach Josephus »eine Sekte, die in ihren Urteilen besonders strenge« war. Auch alle seine Söhne waren eifrige Verfolger. Einer von ihnen, Hanan, wie sein Vater geheißen, ließ Jakobus, den Bruder des Herrn steinigen, unter Umständen, die mit Jesu Tod nicht ohne Ähnlichkeit sind. Der Geist dieser Familie war hochmütig, verwegen, grausam; sie hatte jene besondere Art verachtender und tückischer Bosheit an sich, welche die jüdische Politik kennzeichnet. Auch muß auf Hanan – oder, wenn man will, auf die von ihm vertretene Partei – die Verantwortung für alle nachfolgenden Geschehnisse haften; er war es, der Jesum tötete. Hanan war der Hauptdarsteller dieses schrecklichen Schauspiels, und viel mehr als Kaiphas, viel mehr als Pilatus sollte er die Last der Flüche der Menschheit tragen. Der Mund Kaiphas ist es, in den der Evangelist das Entscheidungswort für den Tod Jesu legte. (Joh. XI, 49, 50.) Man wähnte, der Hohepriester besäße eine gewisse prophetische Gabe; das Wort wurde daher für die christliche Gemeinde ein tiefsinniges Orakel. Aber ein solches Wort, mag es wer immer ausgesprochen haben, bot die Ansicht der ganzen Priesterpartei. Diese war allen Volksaufständen sehr abgeneigt. Sie suchte die religiösen Enthusiasten zu unterdrücken, mit Recht voraussehend, daß deren exaltiertes Predigen den völligen Ruin des Volkes herbeiführen würde. Ob auch die von Jesus hervorgerufene Bewegung nichts Zeitliches an sich hatte, befürchteten die Priester doch, als letzte Konsequenz dieser Bewegung eine Verstärkung des römischen Joches, und die Zerstörung des Tempels, die Quelle ihrer Reichtümer und Ehren. (Joh. XVIII, 14.) Gewiß, die Ursachen, die siebenunddreißig Jahre später die Zerstörung Jerusalems herbeibringen sollten, lagen anderwärts als im werdenden Christentum. Sie waren in Jerusalem selbst und nicht in Galiläa. Allein es läßt sich nicht behaupten, daß die von den Priestern bei dieser Gelegenheit angeführten Gründe, so unwahrscheinlich waren, daß man in ihnen nur ein Übelwollen erblicken müßte. Im allgemeinen Sinne führte Jesus wirklich den Untergang des jüdischen Volkes herbei, wenn ihm sein Werk gelänge. Hanan und Kaiphas konnten daher, von den im ganzen Altertum geltenden Grundsätzen der Politik ausgehend, mit Recht sagen: »Es ist besser, daß ein Mensch sterbe für das Volk, als daß das ganze Volk verderbe.« Das scheint, von unserem Standpunkt aus, ein verwerflicher Grundsatz. Aber er war der Grundsatz aller konservativen Parteien, seit es eine menschliche Gesellschaft giebt. Die »Partei der Ordnung« – ich nehme hier diesen Ausdruck in seiner beschränkten, kleinlichen Bedeutung – war immer dieselbe. Im Glauben, die Regierungskunst bestehe darin, Volksbewegungen zu verhindern, wähnt sie patriotisch zu handeln, wenn sie durch einen Justizmord dem tumultösen Blutvergießen zuvorkommt. Wenig um die Zukunft besorgt, denkt sie nicht daran, daß sie, indem sie jedem Streben den Krieg erklärt, in die Gefahr gerät, den Gedanken zu verderben, dem bestimmt ist eines Tages zu siegen. Der Tod Jesu war eine der zahlreichen Anwendungen dieser Politik. Die von ihm ausgehende Bewegung war ausschließlich geistig, aber sie war eine Bewegung. Die Ordnungsmänner mußten daher, überzeugt der Hauptzweck der Menschheit sei jede Erregung zu verhindern, die Verbreitung des neuen Geistes hemmen. Niemals sah man ein treffenderes Beispiel, wie sehr ein solches Verfahren dem Zweck zuwider ist. Ungehindert geblieben, hätte Jesus sich in einem verzweifelten Kampf gegen das Unmögliche erschöpft. Der einsichtslose Haß seiner Feinde entschied für den Erfolg seines Werkes und drückte seiner Göttlichkeit den Siegel auf. Der Tod Jesu wurde also Mitte Februar, oder anfangs März beschlossen. (Joh. XI, 53.) Doch Jesus entging ihn noch für einige Zeit. Er zog sich nach einer kleinen, wenig bekannten Stadt zurück, Namens Ephraim oder Ephron, gegen Bethel gelegen, kaum eine Tagesreise von Jerusalem entfernt. Hier brachte er mit seinen Jüngern etliche Wochen zu, um das Gewitter vorüberziehen zu lassen. Doch die Befehle, ihn zu verhaften, wenn er gesehen würde, waren gegeben. Das Osterfest nahte und man meinte, Jesus werde, seiner Gewohnheit gemäß, nach Jerusalem kommen, um hier dieses Fest zu feiern. Joh. XI, 54–56. Betreffs der Reihenfolge der Ereignisse ist hier dem System des Johannes gefolgt worden. Die Synoptiker sind über die Zeit des Lebens Jesu, die seinem Leiden vorausging, nicht besonders unterrichtet. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Letzte Woche Jesu. Wirklich machte er sich auch mit seinen Jüngern auf den Weg, um die ungläubige Stadt noch einmal zu besuchen. Die Hoffnungen seiner Umgebung wurden immer maßloser. Alle glaubten, wenn sie nach Jerusalem zögen, werde dort das Reich Gottes offenbart werden. (Luk. XIX, 11.) Die Gottlosigkeit der Menschen hatte ihren Höhepunkt erreicht, und das galt als das große Zeichen, daß die Erfüllung nahe sei. Diese Überzeugung war so stark, daß bereits um den Vorrang im Reiche gestritten wurde. (Luk. XXII, 24.) Damals soll es geschehen sein, daß Saloma für ihre beiden Söhne, die Sitze zur Rechten und zur Linken des Menschensohnes erbat. (Matth. XX, 20; Mark. X, 35.) Der Meister dagegen war mit viel ernsteren Gedanken beschäftigt. Zuweilen ließ er ein düsteres Rachegefühl gegen seine Feinde durchblicken. Er erzählte das Gleichnis von einem vornehmen Manne, der auszog, um in fernen Landen ein Reich zu erobern; allein, kaum war er fort, so wollten seine Mitbürger nichts mehr von ihm wissen. Der König kehrte zurück ließ jene, die nicht gewollt hatten, daß er länger herrsche vorführen und verurteilte alle zum Tode. (Luk. XIX, 12-27) Ein anderes Mal zerstörte er den Illusionsbau seiner Jünger. Wie sie auf den steinigen Straßen Jerusalems dahinschreiten nördlich von Jerusalem, ging Jesus nachdenklich seiner Genossenschar voraus. Alle sahen ihn, im bangen Gefühle schweigend an und wagten nicht ihn zu fragen. Schon zu wiederholten Malen hatte er zu ihnen von seinen künftigen Leiden gesprochen und mit Widerstreben hatten sie ihn angehört. (Matth. XVI, 21; Mark. VIII, 31.) Jesus nahm endlich das Wort und ohne seine Ahnungen zu verbergen sprach er mit ihnen von seinem nahen Ende. Große Trauer herrschte in der kleinen Schar. Die Jünger erwarteten bald das Zeichen in den Wolken zu sehen. Der Weckruf des Gottesreiches: »Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn«, hallte bereits fröhlich durch die Schar wieder. Dieser blutige Ausblick erschreckte sie nun. Mit jedem Schritt, auf dem verhängnisvollen Wege, näherte oder entfernte sich das Gottesreich im Spiegelbild ihrer Träume. Er selbst befestigt sich in dem Gedanken, daß er sterben gehe, daß aber auch sein Tod die Welt retten werde. Das Mißverständnis zwischen ihm und seinen Jüngern wurde mit jedem Augenblick größer. Der Brauch wollte, daß man einige Tage vor Ostern nach Jerusalem komme, um sich hier vorzubereiten. Jesus langte nach den andern an, so daß einen Moment seine Feinde schon glaubten, sich in der Hoffnung, ihn gefangen zu nehmen, getäuscht zu haben. (Joh. XI, 56.) Am sechsten Tage vor dem Feste (Samstag, am achten Nisan, gleich dem 28. März Ostern wurde am 14. Nisan gefeiert. Im Jahre 33 war der erste Nisan, gleich Samstag, den 21. März. kam er endlich in Bethanien an. Er kehrte gewohntermaßen bei Lazarus, Martha und Maria, im Hause Simons des Aussätzigen, ein. Er wurde festlich empfangen. Bei Simon den Aussätzigen war ein Festmahl, bei dem viele Personen sich versammelten, angezogen von dem Wunsche Jesum zu sehen, und auch Lazarus, von dem seit kurzem so vieles erzählt wurde. (Matth. XXVI, 16; Mark. XIV, 3; vgl. Luk. VII, 40, 43, 44.) Lazarus saß an der Tafel und schien die Blicke aller auf sich zu vereinen. Martha bediente wie gewöhnlich. Es scheint, daß man durch verdoppelte äußere Aufmerksamkeit die Kälte der Anwesenden besiegen wollte und die hohe Würde des Gastes, der empfangen wurde, besonders hervorzuheben. Das Mahl festlicher zu gestalten, kam Maria während des Essens mit einem Gefäß wohlriechenden Wassers herbei, das sie über Jesus Füße goß. Dann zerbrach sie das Gefäß, einem alten Brauche folgend, wonach das Geschirr, das zur Bedienung eines hochstehenden Gastes benutzt wird, zerschlagen werden soll. Endlich, von der Verehrung für ihn einen Beweis, in bis dahin unbekannter Übertriebenheit, bietend, kniete sie nieder und trocknete mit ihren langen Haaren des Meisters Füße. Das Haus war mit Wohlgeruch erfüllt, zur großen Freude aller, ausgenommen des geizigen Judas von Kerioth. Im Hinblick auf die Sparsamkeit der Gemeinde, war das eine wahre Verschwendung. Der geizige Säckelmeister berechnete sogleich, wie teuer das wohlriechende Wasser hätte verkauft werden können, und was es der Armenkasse eingebracht. Dieses wenig wohlwollende Gefühl, das etwas über ihn zu stellen schien, verdroß Jesum. Er liebte Ehrenbezeigungen, denn sie dienten seinem Zwecke und festigten seinen Titel Sohn Davids. Auch antwortete er, als man von den Armen sprach, lebhaft: »Arme werdet ihr immer um euch haben, mich aber werdet ihr nicht immer haben.« Und aufgeregt, verhieß er dem Weibe, das ihm in diesen kritischen Augenblick ein Unterpfand der Liebe gab, die Unsterblichkeit. (Matth. XXVI, 6; Mark. XIV, 3; Joh. XI, 2; XII, 2; vgl. Luk. XII, 36.) Am nächsten Tage, Sonntag den dritten Nisan, stieg Jesus von Bethanien nach Jerusalem hinab. (Joh. XII, 12 [unleserlich.Re] Als er bei der Wegbiegung, auf dem Gipfel des Ölberges die Stadt vor sich liegen sah, soll er über sie geweint haben und eine letzte Ansprache an sie gerichtet. (Luk. XIX, 41 [unleserlich.Re] Am Fuße des Berges, wenige Schritte vom Thor entfernt, als er das an die östliche Stadtmauer grenzende Gehöft betrat, das man Bethphage nannte – zweifellos wegen der Feigenbäume, mit welchen es bepflanzt war – wurde ihm noch eine menschliche Genugthuung zu teil. Die Kunde von seiner Ankunft hatte sich verbreitet. Die zum Feste angelangten Galiläer empfanden darob große Freude und bereiteten ihm einen kleinen Triumph. Man brachte ihm eine Eselin, der, wie es Gebrauch war, das Junge folgte. Die Galiläer breiteten ihre schönsten Kleider auf des Tieres Rücken und ließen ihn darauf setzen. Andere wieder breiteten ihre Kleider auf dem Wege aus und streuten grünes Gezweig darauf. Die vorausziehende und nachfolgende Menge trug Palmzweige in den Händen und rief aus: »Hosianna dem Sohne Davids! gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn.« (Luk. XIX, 38; Joh. XII, 13.) »Rabbi, heiß ihn schweigen«, riefen ihn die Pharisäer zu. »Wenn sie schweigen, werden Steine reden«, antwortete Jesus und zog in die Stadt ein. Die Jerusalemiten, die ihn kaum kannten fragten, wer er sei. »Das ist Jesus, der Prophet von Nazareth in Galiläa«, wurde ihnen geantwortet. Jerusalem war damals eine Stadt mit ungefähr 50 000 Seelen. Ein kleines Ereignis, wie der Einzug eines, wenn auch nur einigermaßen berühmten Fremden, oder die Ankunft einer Schar Provinzialer, oder ein Volksauflauf in der Vorstadt, konnte nicht verfehlen, unter gewöhnlichen Umstanden Aufsehen zu erregen. Doch zur Festzeit war die Verwirrung zu groß. Jerusalem gehörte in diesen Tagen den Fremden. Auch dürfte unter diesen die Erregung am lebhaftesten gewesen sein. Griechisch redende Proselyten, die zum Fest hergezogen kamen, wollten, von der Neugierde gestachelt, Jesum sehen. Sie wandten sich an seine Jünger (Joh. XII, 20); wir wissen nicht recht, was sich aus dieser Zusammenkunft ergab. Jesus aber verbrachte die Nacht in seinem lieben Dorf Bethanien. (Matth. XXI, 17; Mark. XI, 11.) Die drei folgenden Tage – Montag, Dienstag, Mittwoch – stieg er ebenfalls nach Jerusalem hinab; nach Sonnenuntergang begab er sich entweder nach Bethanien hinauf, oder nach den Landhäusern auf der Westseite des Ölberges, wo er viel Freunde hatte. (Matth. XXI, 17, 18; Mark. XI, 11, 12, 19; Luk. XXI, 37, 38.) Eine große Trauer scheint in diesen letzten Tagen, die gewöhnlich so frohe, heitere Seele Jesu erfüllt zu haben. Alle Berichte schreiben ihm übereinstimmend, vor seiner Verhaftung, einen Moment des Zagens und Zauderns zu, eine Art vorzeitige Agonie. Nach dem einen habe er plötzlich ausgerufen: »Meine Seele ist betrübt, Vater errette mich aus dieser Stunde.« (Joh. XII, 27.) Man glaubte, in diesem Augenblicke habe sich eine Stimme vom Himmel vernehmen lassen; andere sagten, ein Engel wäre gekommen ihn zu trösten. (Luk. XXII, 43; Joh. XII, 28, 29.) Nach einer sehr verbreiteten Version, wäre das im Garten von Gethsemane geschehen. Jesus hätte sich nur ein Steinwurf weit von seinen schlafenden Jüngern entfernt, nur Kephas und die beiden Söhne des Zebedäus hätte er mit sich genommen. Dann betete er, das Antlitz der Erde zugewendet. Seine Seele war todbetrübt; eine fürchterliche Angst bedrückte ihn; aber die Resignation in den göttlichen Willen siegte. (Matth. XVIII, 36; Mark. XIV, 32; Luk. XXII, 39.) Dieser Vorgang ist von der instinktiven Kunst, die bei der Herstellung der synoptischen Evangelien sich geltend machte, und die so oft die Wahrscheinlichkeit oder Wirkung zum Maßstab wählte, in Jesu letzte Nacht verlegt worden, in den Moment seiner Verhaftung. Wäre diese Mitteilung richtig, so ließe sich nicht begreifen, warum Johannes, der ein vertrauter Zeuge dieser ergreifenden Episode gewesen wäre, in seiner ausführlichen Darstellung des Abends vom Donnerstag nichts davon erwähnt. Dies wäre um so unbegreiflicher, als Johannes besonders gern die Umstände hervorhebt, die ihn persönlich betreffen, oder deren einziger Zeuge er war: XIII, 23; XVIII, 15; XIX, 26, 35; XX, 2 XXI, 20. Gewiß ist aber, daß in diesen letzten Tagen die ungeheuere Schwere der übernommenen Mission grausam auf Jesum lasteten. Die menschliche Natur erwachte wieder für einen Augenblick. Er begann an seinem Werk zu zweifeln. Angst und Zagen bemächtigten sich seiner und warfen ihn in eine Ohnmacht, die noch schlimmer als der Tod war. Der Mensch, der einem großen Gedanken sein Ruhe und die berechtigten Ansprüche an das Leben zum Opfer bringt, fühlt stets einen Moment traurigen Rückfalls wenn sich ihm das Bild des Todes zum erstenmal zeigt und ihn zu überzeugen versucht, alles sei eitel. Vielleicht kamen ihm in diesem Augenblicke einige jener rührenden Erinnerungen in den Sinn, welche auch die stärksten Seelen bewahren, und sie zuweilen schwerterscharf durchbohren. Gedachte er der klaren Quellen Galiläas, in denen er sich erfrischen konnte? der Rebe, des Feigenbaums, unter denen er sich niedersetzen konnte? der jungen Mädchen, die ihn vielleicht gern geliebt hätten? Verwünschte er sein arges Geschick, das ihn die Freuden versagte, die allen anderen gewährt worden waren? Bedauerte er seinen hohen Geist und – ein Opfer seiner Größe – beweinte er, daß er nicht der schlichte Handwerker in Nazareth geblieben war? Wir wissen es nicht. Denn alle diese inneren Kämpfe scheinen seinen Jüngern ein Buch mit sieben Siegeln gewesen zu sein. Sie begriffen sie nicht und ergänzten durch naive Vermutungen was ihnen von des Meisters großen Seele dunkel war Sicher ist aber auch, daß seine göttliche Natur bald wieder zur Übermacht kam. Er konnte noch den Tod vermeiden er wollte es nicht. Die Liebe zu seinem Werke siegte. Er war bereit, den Kelch bis auf die Hefe zu leeren. Fortan finden wir tatsächlich ganz und ungetrübt Jesu wieder. Die Klügeleien des Polemikers, die Leichtgläubigkeit des Wunderthäters und Teufelaustreibers sind vergessen. Es bleibt nur noch der unvergleichliche Heros der Leidenszeit, der Gründer der Gewissensfreiheit, das vollkommene Vorbild, das alle leidenden Seelen betrachten werden, um sich zu kräftigen, um sich zu trösten. Der Triumph vom Bethphage, die Kühnheit der Provinzialen, die vor den Thoren Jerusalems die Ankunft ihres König-Messias feierten, erbitterten die Pharisäer und die Tempelaristokraten aufs äußerste. Mittwoch, am 12. Nisan, wurde bei Joseph Kaiphas eine neue Beratung abgehalten. (Matth. XXVI, 1-5; Mark. XIV, 1, 2; Luk. XXII, 1, 2.) Die sofortige Haftnahme Jesu wurde beschlossen. Ein hohes Gefühl für Ordnung und konservativer Vorsicht beherrschte alle diese Maßregeln. Es handelte sich darum, jedes weitere Aufsehen zu vermeiden. Da das Osterfest, das in diesem Jahre Freitag abends begann, große Störungen und Aufregungen mit sich führte, wurde beschlossen, diesem Tage zuvor zu kommen. Jesus war volkstümlich (Matth. XXI, 46); man befürchtete eine Emeute. Die Haftnahme wurde daher für den nächsten Tag, Donnerstag, festgesetzt. Auch wurde beschlossen, sich seiner nicht im Tempel zu bemächtigen, wohin er täglich kam (Matth. XXVI, 55), sondern seine Gewohnheiten zu erkunden und ihn dann an einem geheimen Ort zu verhaften. Die Agenten der Priester sondierten seine Jünger, hoffend, nützliche Mitteilungen aus ihrer Schwäche oder Schlichtheit zu entnehmen. Sie fanden was sie suchten bei Judas von Kerioth. Dieser Unglückliche gab aus ganz unerklärlichen Gründen alle nötigen Aufklärungen und übernahm es sogar – obgleich eine solche Überfülle von Niedertracht kaum glaublich ist – die Abteilung zu führen, welche die Verhaftung vornehmen sollte. Die Schreckenserinnerung, welche die Dummheit oder Bosheit dieses Menschens in der christlichen Überlieferung hinterlassen hat, mußte hier etwas Übertreibung hineintragen. Bis dahin war Judas Jünger wie jeder andere; er führte sogar den Titel Apostel; er hatte Wunder verübt und Dämone ausgetrieben. Die Legende, die nur grelle Farben liebt, konnte bei dem Abendmahl nur elf Heilige und einen Verworfenen gelten lassen. Die Wirklichkeit besitzt keine so absolute Kategorien. Der von den Synoptikern als Motiv dieses Verbrechens angeführte Geiz genügt nicht zu dessen Erklärung. Es wäre doch sonderbar, wenn ein Mensch, der die Kasse führte und wußte, daß er sie mit des Meisters Tod verlieren mußte, die Vorteile seines Amtes für eine kleine Summe Geldes vertauschen würde. (Joh. XII, 6. – Johannes erwähnt eine Geldbelohnung gar nicht.) Wurde vielleicht Judas durch den Verweis in seiner Eigenliebe verletzt, den er beim Festmahl in Bethanien erhielt? Auch das würde nicht genügen, Johannes will ihn von Anfang an als Dieb, als Ungläubigen gelten lassen, was jedoch nichts Wahrscheinliches hat. Man könnte vielmehr ein Gefühl der Eifersucht, eine Mißstimmung annehmen. Der ganz besondere Haß, den Johannes gegen Judas äußert, bekräftigt diese Annahme. (Joh. VI, 65, 71, 72; XII, 6; XIII, 2, 27.) Minder reinen Herzens als seine Genossen, mag Judas, ohne es selbst zu wissen, die mit seinem Amt verbundene Engherzigkeit sich angeeignet haben. Zufolge einer Verkehrtheit, wie sie bei Ämtern gewöhnlich vorkömmt, dürfte er dahin gekommen sein, die Interessen der Kasse über die des Werkes zu stellen, für das sie bestimmt war. Der Verwalter wird den Apostel totgeschlagen haben. Das Murren, das ihm in Bethanien entschlüpfte, läßt annehmen, er habe manchmal gefunden, daß der Meister seiner geistigen Familie zu viel koste. Zweifellos hat diese kleinliche Sparsamkeit noch manche andere Verdrießlichkeiten in der kleinen Gemeinde verursacht. Ohne in Abrede stellen zu wollen, daß Judas von Kerioth zur Verhaftung seines Meisters beigetragen haben mag, glaube ich doch, es liege etwas Ungerechtes in den Flüchen, mit denen er überhäuft wird. Sein Thun war vielleicht mehr eine Folge von Ungeschicklichkeit als von Verderbtheit. Das moralische Bewußtsein des Mannes aus dem Volke ist lebendig und gerecht, aber unruhig und inkonsequent. Er kann einer momentanen Erregung nicht widerstehen. Die Geheimbünde der republikanischen Partei bargen in ihrem Schoße eine Fülle von Überzeugung und Aufrichtigkeit, und doch waren zahlreiche Angeber unter ihnen. Eine geringfügige Beleidigung genügt, um aus einem Bündler einen Verräter zu machen. Aber wenn auch die thörichte Begierde nach etlichen Geldstücken dem armen Judas den Kopf verdrehte, so scheint er doch nicht der sittlichen Empfindung bar gewesen zu sein, weil er, als er die Folgen seines Fehlers sah, Reue fühlte (Matth. XXVII, 3) und, wie man sagt, sich tötete. Von diesem Moment an wird jeder Augenblick feierlich und hat in der Geschichte der Menschheit mehr gezählt als ganze Jahrhunderte. Wir sind bei Donnerstag, den 13. Nisan (2. April) angelangt. Am Abend des nächsten Tages begann das Osterfest mit einem Festmahl, wobei ein Lamm verzehrt wurde. Das Fest erstreckte sich auf sieben aufeinander folgende Tage, während deren ungesäuertes Brot gegessen wurde. Der erste und der letzte dieser sieben Tage hatte einen besonders feierlichen Charakter. Die Jünger waren bereits mit den Vorbereitungen zum Fest beschäftigt. (Matth. XXVI, 1; Mark. XIV, 12; Luk. XXII, 7; Joh. XIII, 29.) Was Jesus betrifft, so könnte man meinen, er habe von dem Verrate des Judas Kenntnis gehabt und das Schicksal, das seiner harrte, geahnt. Am Abend nahm er mit seinen Jüngern das letzte Mahl. Es war nicht das rituelle Ostermahl, wie man früher angenommen hat, indem man sich in der Zeitrechnung um einen Tag geirrt; Dieses System wurde von den Synoptikern befolgt. (Matth. XXVI, 17; Mark. XIV, 12; Luk. XXII, 7 ec.) Aber Johannes, dessen Darstellung just für diesen Teil eine vorwiegende Autorität besitzt, bemerkt ausdrücklich, daß Jesus an demselben Tage starb, an welchem das Lamm gegessen wurde. (XIII, 1, 2, 29; XVIII, 28; XIX, 14, 31.) Auch der Talmud läßt Jesus einen Tag vor Ostern sterben. – Talmud v. Baby. Sanh. 43 a , 67 a . aber für die Kirche der ersten Zeit war das Abendmahl von Donnerstag das wahre Osterfest, das Siegel des neuen Bundes. Jeder der Jünger führte seine teuersten Erinnerungen darauf zurück, und eine Fülle rührender Züge, die jeder von dem Meister bewahrte, wurden von diesem Mahl gesammelt, das zum Eckstein der christlichen Frömmigkeit wurde, zum Ausgangspunkt der fruchtbarsten Institutionen. Es ist wirklich zweifellos, daß die zarte Liebe, von der Jesu Herz für die ihn umgebende kleine Kirche erfüllt war, in diesem Moment übergeströmt sei. (Joh. XIII, 1 ec.) Seine reine starke Seele fühlte sich unter der Wucht trüber Annahmen, die ihn bestürmten, erleichtert. Für jeden seiner Freunde hatte er ein gütiges Wort. Besonders zwei unter ihnen, Johannes und Petrus, waren der Gegenstand zärtlicher Zeichen der Zuneigung. Johannes – er versichert es wenigstens – lag neben Jesu auf dem Ruhebett, sein Haupt an des Meisters Brust gelehnt. Gegen Ende des Mahles entschlüpfte Jesu beinahe das Geheimnis, das sein Herz bedrückte: »Wahrlich,« sprach er, »ich sage euch, einer unter euch wird mich verraten.« (Matth. XXVI, 21; Mark. XIV, 18; Luk. XX, 21; Joh. XIII, 21, XXI, 20.) Das war für die schlichten Leute ein Moment der Angst; sie sahen einander an und jeder befragte sich selbst. Judas war anwesend; vielleicht wollte Jesus, der seit einiger Zeit Gründe hatte, ihm zu mißtrauen, durch diese Worte aus Judas Blick oder verlegenen Mienen das Geständnis seiner Schuld finden. Aber der treulose Jünger verlor nicht seine Fassung. Es heißt, er wagte sogar wie die anderen alle zu fragen: »Rabbi, bin ich es?« Indessen, die gute, ehrliche Seele des Petrus fühlte sich gefoltert. Er gab Johannes ein Zeichen, dieser möge zu erfahren suchen, wen der Meister meine. Johannes, der mit Jesu sprechen konnte, ohne von den anderen gehört zu werden, bat ihn um Lösung dieses Rätsels. Jesus, der nur Verdacht schöpfte, wollte keinen Namen nennen; er sagte zu Johannes nur, er möge auf den achten, welchem er eingetunktes Brot geben werde. Gleichzeitig tauchte er ein Brotstück ein und gab es Judas. Nur Johannes und Petrus wußten von der Sache. Jesus richtete einige Worte an Judas, die einen blutigen Vorwurf enthielten, von den anderen aber nicht verstanden wurden. Man meinte, Jesus gäbe ihm Aufträge für das Fest am nächsten Tage. Und dann ging er hinaus. (Joh. XIII, 21, was die Unwahrscheinlichkeiten in der Erzählung der Synoptiker aufhebt.) Für den Moment hatte dieses Mahl für keinen etwas Überraschendes und es erfolgte auch nichts Besonderes, abgesehen von den Befürchtungen, die der Meister seinen Jüngern vertraute, von diesen aber nur halb verstanden wurden. Doch nach Jesu Tod wurde diesem Abendmahl eine besonders feierliche Bedeutung zugemessen und die Phantasie der Gläubigen warf darauf eine lieblich mystische Färbung. Wessen man sich von einer teuern Person am besten erinnert, das sind die letzten Augenblicke. Durch eine unvermeidliche Täuschung verleiht man den Gesprächen, die man damals mit ihr pflog, einen Sinn, den sie nur durch den Tod erhielten; man bringt die Erinnerung von Jahren zu wenigen Stunden zusammen. Die meisten der Jünger sahen ihren Meister nach dem erwähnten Abendmahl nicht wieder. Es war ein Abschiedsmahl. Hier, wie bei vielen anderen Mahlzeiten übte Jesus den mystischen Ritus des Brotbrechens. Da man früher wähnte, das hier besprochene Mahl hätte am Ostertag stattgefunden und sei das Ostermahl gewesen, so kam man natürlich auf den Gedanken, daß in diesem letzten Moment die Einsetzung des heiligen Abendmahls stattgefunden habe. Von der Hypothese ausgehend, Jesus habe den Zeitpunkt seines Todes im voraus genau gekannt, mußten die Jünger die Ansicht hegen, er habe sich für seine letzten Stunden eine Menge wichtige Handlungen vorbehalten. Da ferner ein Grundgedanke der ersten Christen war, Jesu Tod sei ein Opfer gewesen, das an die Stelle aller Opfer des alten Gesetzes getreten sei, so wurde das »Abendmahl« – von dem man annahm, es habe ein für allemal am Vorabend des Leidens stattgefunden – das Opfer par excellence , der Vollziehungsakt des neuen Bundes, das Zeichen des für das Heil aller vergossenen Blutes. (Luk. XXII, 20.) Brot und Wein, in Beziehung gebracht mit dem Tod selbst, wurden so zum Bild des Neuen Testamentes, das Jesus mit seinen Leiden besiegelt hatte, das Erinnerungszeichen der Opfer Christi bis zum Eingehen in die Herrlichkeit. (1. Korinth. XI, 26.) Früh schon wurde dieses Mysterium in einige sogenannte Einsetzungsworte gehüllt, die wir in vier sehr ähnlichen Formen besitzen. (Matth. XXVI, 26–28; Mark. XIV, 22–24; Luk. XXII, 19–21; 1. Korinth. XI, 23–25.) Johannes, der von dem Gedanken des Abendmahls so eingenommen war (VI), der das letzte Mahl so ausführlich schildert und so viel Nebenumstände und Reden damit verbindet (XIII–XVII), Johannes, der von allen Evangelisten hier den Vorzug eines Augenzeugen hat, kennt diese Einsetzungsworte nicht. Dies gilt als Beweis, daß er die Einsetzung des heiligen Abendmahls nicht für eine Eigentümlichkeit des letzten gemeinschaftlichen Mahles hielt. Für ihn ist der Ritus des Abendmahls die Fußwaschung. Es ist wahrscheinlich, daß dieser Brauch in vielen christlichen Familien der ersten Zeit von Bedeutung war, die jedoch seither sich verwischt hat. (Joh. XIII, 14, 15. Vgl. Matth. XX, 26; Luk. XXII, 26.) Sicherlich nahm diese Fußwaschung Jesus gelegentlich vor, um seine Jünger in brüderlicher Dienstwilligkeit zu unterweisen. Man versetzte sie nach dem Vorabend seines Todes, im Streben, alle großen geistigen und ritualen Gebote Jesu um das Abendmahl zu gruppieren. Ein hohes Gefühl echter christlicher Liebe, Eintracht und gegenseitiger Gefälligkeit beseelte übrigens diese Erinnerungen, welche man von Jesu Tod bewahrt zu haben glaubte. Joh. XIII. Die Reden, die Johannes der Schilderung des Abendmahls folgen läßt, können nicht als historisch gelten. Sie enthalten Worte und Wendungen, die Jesu Redeweise fern liegt, besser jedoch zu der des Johannes passen. So kommt der Ausdruck »liebe Kindlein« im Vokativ (33) auch in der ersten Epistel Johannes häufig vor. Jesu scheint er nicht geläufig gewesen zu sein. Immer ist die Einheit der durch ihn oder seinen Geist begründeten Kirche die Seele der Symbole und Reden, welche die christliche Überlieferung auf diesen heiligen Moment zurückführt. »Ein neues Gebot gebe ich euch,« sprach er, »daß ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe. Dabei wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr einander liebt. Ich sage hinfort nicht, daß ihr Knechte seid, denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr thut. Euch aber habe ich gesagt, daß ihr meine Freunde seid, denn alles was ich von meinem Vater gehört, habe ich euch kund gethan. Was ich euch gebiete, ist, daß ihr einander liebet.« (Joh. XIII, 33–35.) Noch in diesem letzten Moment ergaben sich Eifersüchteleien und Streitigkeiten um den Vorrang. (Luk. XXII, 24–27. Vgl. Joh. XIII, 4 ec.) Jesus machte sie aufmerksam, daß wenn er, der Meister, gleichsam der Diener seiner Jünger gewesen sei, sie sich um so mehr einander unterordnen müßten. Nach einigen hatte er, indem er Wein trank, gesagt: »Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstockes trinken, bis zum Tage, wo ich in meines Vaters Reich wieder mit euch trinken werde.« (Matth. XXVI, 29; Mark. XIV, 25; Luk. XXII, 18.) Nach anderen hatte er ihnen versprochen, bald ein himmlisches Fest zu feiern, wobei sie ihm zur Seite auf Thronstühlen sitzen würden. (Luk. XXII, 29, 30.) Es scheint, daß gegen Ende des Mahles das Bangen Jesu sich auch der Jünger bemächtigt hatte. Alle fühlten, daß eine schwere Gefahr den Meister bedrohe und eine Krisis nahe sei. Einen Augenblick dachte Jesus an Vorkehrungen und sprach von Schwertern. Es gab deren zwei in der Gesellschaft. »Es ist genug,« sprach er. (Luk. XXII, 36 bis 38.) Er ließ diese Absicht fallen, denn er erkannte wohl, daß schüchterne Provinziale der bewaffneten Macht der Behörden Jerusalems nicht widerstehen könnten. Kephas, der voll Mut und Vertrauen war, schwur, daß er mit ihm ins Gefängnis und in den Tod gehen würde. In seiner gewöhnlichen feinen Art drückte Jesus einige Zweifel darüber aus. Einer Tradition zufolge, die vielleicht auf Petrus selbst zurückzuführen ist, verwies ihn Jesus auf den Hahnenschrei. (Matth. XXVI, 31; Mark. XIV, 29; Luk. XXII, 33; Joh. XIII, 36.) Alle schwuren gleich Kephas, daß sie nicht erschwachen werden. Vierundzwanzigstes Kapitel. Verhaftung und Prozeß Jesu. Die Nacht hatte sich völlig niedergesenkt, als man den Saal verließ. Joh. XIII, 30. – Matth. XXVI, 30 und Mark. XIV, 26, berichten von einem religiösen Gesang, wohl in der Meinung, daß das letzte Mahl Jesu das Ostermahl war. Vor und nach diesem sang man nämlich Psalmen. Seiner Gewohnheit gemäß ging Jesus durch das Thal Kedron und begab sich, von seinen Jüngern begleitet, nach dem Garten von Gethsemane, am Fuße des Oelbergs. (Matth. XXVI, 36; Mark. XIV, 32; Luk. XXII, 39; Joh. XVIII, 1, 2.) Hier setzte er sich nieder. Mit seiner Überlegenheit seine Freunde beherrschend, wachte er und betete. Sie schliefen neben ihm, als plötzlich unter Fackelschein eine Schar Bewaffneter erschien. Es waren die mit Stöcken bewaffneten Tempeldiener, – eine Art Polizeimannschaft, die die Priester noch halten konnten – begleitet von einer Abteilung römischer Söldner. Der Haftbefehl ging vom Hohepriester und dem Sanhedrin aus. (Matth. XXVI. 47; Mark. XIV, 43; Joh. XVIII, 3, 12.) Nach der übereinstimmenden Mitteilung der ältesten Christen begleitete Judas selbst die Schar und, wie einige melden, hätte er die Schlechtigkeit so weit getrieben, einen Kuß als Zeichen des Verrates zu bestimmen. Matth. XXIV, 47; Mark. XIV, 43; Luk. XXII, 47; Joh. XVIII, 3; Apostelg. I, 16. – So heißt es bei den Synoptikern; nach Johannes bekennt Jesus sich selbst. Wie immer es sei – eines ist gewiß: daß die Jünger Widerstand zu leisten versuchten. (Darüber stimmen beide Traditionen überein.) Einer von ihnen – nach Augenzeugen Petrus (Joh. XVIII, 10) – zog das Schwert und verwundete einen Diener des Hohepriesters, Namens Malchus, am Ohr. Jesus machte diesem Versuch ein Ende. Er lieferte sich selbst den Söldnern aus. Schwach und unfähig mit Erfolg etwas zu thun, besonders gegen eine so mächtige Autorität, ergriffen die Jünger die Flucht und zerstreuten sich. Nur Petrus und Johannes ließen den Meister nicht aus den Augen. Noch ein anderer unbekannter junger Mann, leicht bekleidet, folgte ihm. Man wollte ihn verhaften, doch der Jüngling floh und ließ sein Kleid in den Händen des Häschers zurück. Das von den Priestern gegen Jesu angewandte Verfahren entsprach dem bestehenden Rechte. Der Prozeß gegen den Verführer (Mesit), der die Reinheit der Religion anzutasten wagt, wird im Talmud unter Anführung von Einzelheiten erklärt, deren naive Unverschämtheiten ein Lächeln abzwingen. Die Hinterlist des Richters wird als Hauptteil der Strafuntersuchung hingestellt. Wurde einer der Verführung angeklagt, so bestellte man zwei Zeugen, die hinter einem Schirm verborgen wurden. Dann wurde der Angeklagte in ein Nachbarzimmer geführt, wo er von den Zeugen gehört werden konnte, ohne daß er sie sah. Neben ihm wurden zwei Lichter angezündet, damit die Zeugen »ihn sähen«. (Bei Kriminalprozessen galt nur der Augenzeuge.) Dann ließ man ihn seine Lästerung wiederholen und forderte ihn auf, zu widerrufen. Verweigerte er es, so führten ihn die Ohrenzeugen vor den Gerichtshof, der ihn zum Tode durch Steinigung verurteilte. Der Talmud bemerkt, man habe auch gegen Jesum dieses Verfahren angewendet, daß er auf die Aussage zweier bestellter Zeugen hin verurteilt wurde, daß endlich nur bei dem Verbrechen der »Verführung« solche Zeugen in Anwendung kommen. Von den Jüngern Jesu erfahren wir auch, daß das Verbrechen, dessen ihr Meister beschuldigt wurde; die »Verführung« war. (Matth. XXVII, 63; Joh. VII, 12, 17.) Und abgesehen von einigen Kleinigkeiten, die Frucht rabbinischer Phantasie, entsprechen die Schilderungen der Evangelien vollkommen dem im Talmud beschriebenen Verfahren. Der Plan der Feinde Jesu war ihn durch Zeugenaussagen und durch sein eigenes Geständnis der Gotteslästerung und des Angriffs gegen die mosaische Religion zu überführen, ihn, dem Gesetze gemäß zu Tod zu verurteilen und dieses Urteil von Pilatus bestätigen zu lassen. Die Priestergewalt befand sich, wie schon erwähnt, tatsächlich in den Händen Hanans. Der Haftbefehl kam vielleicht von ihm. Vor diese mächtige Person wurde Jesus vorerst gebracht. Joh. XVIII, 13. Dieser nur von Johannes erwähnte Umstand ist der kräftigste Beweis für den historischen Wert des vierten Evangeliums. Hanan fragte ihn über seine Lehre und seine Jünger. Mit gerechtem Stolz weigerte sich Jesus weitläufige Erklärungen zu geben. Er berief sich auf seine Unterweisungen, die öffentlich erteilt wurden; er erklärte, niemals eine Geheimlehre gehabt zu haben; er forderte den Exhohepriester auf, die zu befragen welche ihn gehört hatten. Diese Antwort war ganz natürlich; doch der übertriebene Respekt, den man den alten Hohepriester widmete, ließ sie kühn erscheinen; einer der Anwesenden soll darauf mit einem Backenstreich geantwortet haben. Petrus und Johannes waren ihrem Meister bis zur Wohnung Hanans gefolgt. Johannes, der im Hause bekannt war, wurde ohne Schwierigkeiten eingelassen; doch Petrus wurde an der Thüre angehalten und Johannes mußte die Pförtnerin bitten, auch ihn hineinzulassen. Die Nacht war kalt. Petrus blieb im Vorzimmer und näherte sich hier einem Kohlenfeuer, um welches die Diener sich wärmten. Bald wurde er als der Jünger des Angeklagten erkannt. Der Unglückliche, verraten durch seine galiläische Aussprache, mit Fragen verfolgt seitens der Diener, von denen einer ein Verwandter des Malchus war und ihn in Gethsemane gesehen hatte, leugnete dreimal, auch nur die geringste Verbindung mit Jesu zu haben. Er wähnte, Jesus könne ihn nicht hören und bedachte nicht, daß diese Feigheit im höchsten Grade unzart war. Doch seine gute Natur offenbarte ihm bald den Fehler, den er begangen hatte, und ein zufälliger Umstand, ein Hahnenschrei, erinnerte ihn an das Wort, das Jesus ihn gesagt hatte. Tiefbewegt ging er hinaus und begann bitterlich zu weinen. (Matth. XXVI, 69: Mark. XIV, 66; Luk. XXII, 54; Joh. XVIII, 15, 25.) Obwohl der wahre Urheber des Justizmordes, der geschehen sollte, hatte Hanan doch keine Machtbefugnis über Jesum ein Urteil zu sprechen. Er schickte ihn daher zu seinem Schwiegersohn Kaiphas, der den offiziellen Titel führte. Dieser Mann, ein blindes Werkzeug seines Schwiegervaters, mußte natürlich alles bestätigen. Der Sanhedrin war bei ihm versammelt. (Matth. XVI, 57; Mark. XIV, 53; Luk. XXII, 66.) Das Verhör begann; mehrere Zeugen, nach dem im Talmud erklärten Verfahren vorbereitet, erschienen vor dem Tribunal. Das fatale Wort, das Jesus wirklich gesagt hatte: »Ich will den Tempel Gottes zerstören und ihn in drei Tagen wieder aufbauen,« wurde von zwei Zeugen citiert. Den Tempel Gottes lästern hieß nach jüdischem Gesetz Gott selbst lästern. (Matth. XXIII, 16.) Jesus schwieg, er weigerte sich, die bezichtigten Worte zu erklären. Wenn man der einen Darstellung glauben darf, so hätte der Hohepriester ihn beschworen zu sagen, ob er der Messias sei; Jesus habe das bekannt und vor der ganzen Versammlung sein nahendes Himmelreich verkündet. (Matth. XXVI, 64; Mark. XIV, 62; Luk. XXII, 69. Johannes weiß nichts von diesem Vorfall.) Jesu Mut brauchte dies nicht; er war entschlossen zu sterben. Wahrscheinlicher ist, daß er hier ebenso schwieg, wie vor Hanan. Das war im letzten Moment im allgemeinen sein Verhalten. Das Urteil war festgesetzt, man suchte nur nach Vorwänden. Jesus fühlte das und versuchte nicht sich zu verteidigen. Vom Standpunkt des orthodoxen Judentums war er wirklich ein Gotteslästerer, ein Zerstörer des bestehenden Kultus, und diese Verbrechen wurden vom Gesetz mit dem Tod bestraft. (III. Mos. XXIV, 14; V. Mos. XIII, 1.) Einstimmig erklärte ihn die Versammlung dieses Hauptverbrechens schuldig. Die Mitglieder des Rates, die heimlich ihm geneigt waren, hielten sich fern oder stimmten nicht mit. (Luk. XXIII, 50, 51.) Die Leichtfertigkeit, die bei lang bestehenden Aristokratien gewöhnlich ist, erlaubte den Richtern nicht über die Folgen des Urteils lange nachzudenken. Ein Menschenleben wurde damals sehr leicht geopfert. Zweifellos dachten die Mitglieder des Sanhedrins nicht daran, daß ihre Enkel einer gereizten Nachwelt Rechenschaft werden geben müssen, über ein mit so sorgloser Geringschätzung ausgesprochenes Urteil. Der Sanhedrin hatte kein Recht, ein Todesurteil vollziehen zu lassen (Joh. XVIII, 31; Joseph, Ant. XX, IX, 1); allein bei der Konfusion der Gewalten, die damals in Judäa herrschten, war Jesus von diesem Augenblick an ein Verurteilter. Den Rest der Nacht blieb er der übeln Behandlung der Knechte ausgesetzt, die ihm keinen Schimpf ersparten. (Matth. XXVI, 67,68; Mark. XIV, 65; Luk. XXII, 63-65). Am nächsten Morgen traten die Oberen der Priester und die Ältesten zu einer neuen Sitzung zusammen. (Matth. XXVII, 1; Mark. XV, 1; Luk. XXII, 66, XXII, 1; Joh. XVIII, 28.) Es galt, die vom Sanhedrin ausgesprochene Verurteilung von Pilatus bestätigen zu lassen, weil sie seit der Okkupation der Römer für sich allein nicht gültig war. Der Landpfleger war nicht gleich dem Kaiserlichen Legaten mit dem Recht über Tod und Leben betraut. Doch Jesus war nicht römischer Bürger; es genügte daher die Bestätigung des Gouverneurs, um dem gegen ihn gesprochenen Urteil freien Lauf zu lassen. Wie es immer der Fall ist, wenn ein politisches Volk ein Volk unterwirft, bei dem bürgerliche und religiöse Gesetze eins und dasselbe sind, mußten auch die Römer dem jüdischen Gesetze einen gewissen amtlichen Beistand gewähren. Das römische Recht wurde auf Juden nicht angewendet. Diese verblieben unter dem kanonischen Recht, das wir im Talmud verzeichnet finden, ebenso wie die Araber in Algerien noch heute den Gesetzen des Islams unterstehen. Obgleich neutral in religiösen Angelegenheiten, bestätigten die Römer doch häufig die Strafen für religiöse Vergehen. Die Situation war ungefähr ähnlich der, wie die der heiligen Städte Indiens unter englischer Herrschaft, oder wie sie in Damaskus vorhanden wäre, wenn Syrien von einer europäischen Macht erobert würde. Josephus behauptet – was jedoch bezweifelt werden kann – daß, wenn ein Römer in den Tempelhallen die Stelle überschritt, bis wohin, wie die Warnungstafeln lehrten, Heiden gehen durften, er von den Römern selbst den Juden ausgeliefert wurde, damit sie ihn töten. (Joseph, Ant. XV, XI, 5 B. J., VI, II, 4.) Die Agenten der Priester banden also Jesum und führten ihn zum Prätorium, das früher der Palast des Herodes war und mit dem Turm Antonia verbunden war. Es war der Morgen des Tages, an dem das Osterlamm gegessen werden sollte, Freitag am 14. Nisan (3. April). Wären die Juden im Prätorium eingetreten, so hätten sie sich für verunreinigt gehalten und daher das heilige Fest nicht feiern können. Sie blieben daher draußen. (Joh. XVIII, 28). Pilatus, von ihrer Anwesenheit verständigt, trat auf das Bima hinaus, das im Freien sich befindliche Tribunal, an der Stelle die Gabbatha, oder griechisch Lithostrotos genannt wurde, wegen der Steinplatten, die den Boden bedeckten. Kaum von der Anklage verständigt, bezeugte er schon seine üble Laune, in diese Angelegenheit hineingezogen zu werden. (Joh. XVIII, 29.) Dann schloß er sich mit Jesu im Prätorium ein. Hier fand eine Unterredung statt, deren genaue Einzelheiten uns unbekannt blieben, zumal kein Zeuge sie den Jüngern erzählen konnte, deren Färbung jedoch von Johannes richtig erkannt worden zu sein scheint. Sein Bericht ist thatsächlich in vollkommener Übereinstimmung mit dem, was wir aus der Geschichte über das gegenseitige Verhältnis beider erfahren haben. Der Prokurator Pontius, mit dem Beinamen Pilatus – den er zweifellos erhielt, weil einer seiner Ahnen mit einem pilus, Ehrenwurfspieß, ausgezeichnet wurde – stand bis dahin mit der neuen Sekte in gar keiner Verbindung. Gleichgültig gegen die inneren Streitigkeiten der Juden, sah er in allen Sektiererbewegungen nur die Wirkung einer maßlosen Phantasie, eine Verstandsverwirrung. Im Allgemeinen liebte er die Juden nicht. Doch die Juden haßten ihn noch viel mehr; sie fanden ihn hart, geringschätzend, jähzornig, sie bezichtigten ihn der unmöglichsten Verbrechen. Mittelpunkt einer großen Volksgährung, war Jerusalem eine sehr rebellische Stadt und für Fremde ein unerträglicher Aufenthaltsort. Die Exaltierten behaupteten, der neue Landpfleger hätte die Absicht, die jüdischen Gesetze zu vernichten. Ihr beschränkter Fanatismus, ihr religiöser Haß empörte sich gegen das hohe Gefühl für Gerechtigkeit und bürgerliche Verwaltung, das selbst der mittelmäßigste Römer stets bekundete. Alle uns bekannt gewordenen Handlungen des Pilatus zeigen jedoch, daß er ein guter Administrator gewesen ist. In der ersten Zeit seiner Amtsthätigkeit hatte er mit seinen Unterthanen Schwierigkeiten, denen er in recht brutaler Art ein Ende gemacht hat, wobei er jedoch sachlich im Recht gewesen zu sein scheint. Die Juden mußten ihm als in der Zeit zurückgeblieben vorkommen; er beurteilte sie wahrscheinlich wie ein liberaler Präfekt früher die Bewohner der Niederbretagne beurteilte, als sie einer neuen Straße oder neuen Schule wegen revoltierten. Bei seinen besten Projekten für das Wohl des Landes, besonders was die öffentlichen Arbeiten betraf, trat ihm das Gesetz als ein unüberwindliches Hindernis entgegen. Selbst die nützlichsten römischen Bauten waren den jüdischen Zeloten Gegenstand großer Antipathie. Zwei mit Inschriften versehene Votivtafeln, die er an seinem, die heilige Mauer begrenzenden, Palast anbringen ließ, verursachten einen noch heftigeren Sturm. Anfangs beachtete Pilatus diese Empfindlichkeiten sehr wenig; er unterdrückte sie in blutiger Weise, was später auch seine Absetzung herbeiführen sollte. Aber die Erfahrung, die er sich aus so vielen Konflikten gesammelt hatte, machten ihn vorsichtig in seinem Gebahren gegen ein störriges Volk, das sich an seinen Herren rächte, indem es sie zur Anwendung der ärgsten Strenge nötigte. Mit besonderem Unwillen sah sich der Prokurator veranlaßt, eines ihm verhaßten Gesetzes wegen in dieser neuen Angelegenheit eine grausame Rolle zu spielen. (Joh. XVIII, 35.) Er wußte, daß der religiöse Fanatismus, wenn er von der Civilverwaltung irgend welche Gewaltthaten erlangt hat, dann der erste ist, der ihr die Verantwortlichkeit dafür aufbürdet, oder beinahe gar sie deswegen anklagt. Welches Unrecht! In solchen Fällen ist der eigentliche Schuldige der Anstifter. Pilatus wünschte daher Jesus zu retten. Vielleicht machte die Würdigkeit und Ruhe des Angeklagten Eindruck auf ihn. Nach der Tradition (Matth. XXVII) soll Jesus an des Prokurators Frau eine Stütze gefunden haben. Diese konnte den sanften Galiläer von einem der Fenster des Palastes, das gegen die Tempelhallen wies, sehen. Vielleicht auch, daß sie ihn in ihren Träumen sah, und das Blut des schönen jungen Mannes, das vergossen werden sollte, beängstigte sie. Immerhin ist sicher, daß Jesus den Pilatus zu seinen Gunsten gestimmt fand. Der Gouverneur verhörte ihn wohlwollend und mit der Absicht, alle Mittel zu versuchen, um ihn freigeben zu können. Der Titel »König der Juden«, den Jesus sich nie beigelegt hatte, den aber seine Feinde als den Inbegriff seines ganzen Thun und Wollens darstellten, war natürlich am ehesten geeignet, das Mißtrauen der römischen Behörde zu erwecken. Von dieser Seite wurde er nun angeklagt als Aufrührer und Staatsverbrecher. Nichts war ungerechter! Denn Jesus hatte stets die römische Herrschaft als bestehende Macht anerkannt. Aber die religiös-konservativen Parteien pflegen vor einer Verleumdung nicht zurückzuschrecken. Man zog trotz seiner alle möglichen Konsequenzen aus seiner Lehre; man verwandelte ihn zum Jünger Judas des Goloniters; man behauptete, er verbiete dem Cäsar Tribut zu zahlen. (Luk. XXIII, 2, 5.) Pilatus fragte ihn, ob er wirklich der König der Juden sei. (Matth. XXVII, 11; Mark. XV, 2; Luk. XXIII, 3; Joh. XVIII, 33.) Jesus verhehlte nichts von seinen Gedanken. Aber die große Zweideutigkeit, die seine Kraft gebildet hatte, und die nach seinem Tode ein Reich errichten sollte, war diesmal sein Verderben. Idealist, das heißt Geist und Materie nicht sondernd, den Mund – nach dem Bild der Apokalypse – mit einem zweischneidigen Schwert bewaffnet, beruhigte Jesus die Mächte der Erde niemals ganz. Wenn Johannes zu glauben ist, so hätte Jesus sein Reich bekannt, aber gleichzeitig auch folgende tiefsinnige Worte ausgesprochen: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Dann hätte er das Wesen seines Reiches erklärt, das sich einzig nur auf den Besitz der Wahrheit und deren Verkündigung beschränke. Pilatus begriff nicht diesen höheren Idealismus. (Joh. XVIII, 38.) Jesus machte sicherlich auf ihn den Eindruck eines harmlosen Träumers. Der totale Mangel eines Proselytentums bei den Römern jener Zeit ließ ihnen das Streben nach Wahrheit als Chimäre erscheinen. Diese Erörterungen langweilten sie und schienen ihnen ganz sinnlos zu sein. Sie erkannten nicht, welche für das Reich gefährlicher Gährungsstoff in den neuen Spekulationen sich verbarg, sie hatten daher auch keinen Grund, gewaltsam gegen diese vorzugehen. Ihr ganzer Unwille fiel auf jene, die von ihnen die Bestrafung dieser eiteln Tüfteleien forderten. Zwanzig Jahre später noch wandte Gallion gegen die Juden dasselbe Verfahren an. (Apostelg. XVIII, 14, 15.) Bis zur Zerstörung Jerusalems galt bei den Römern als Verwaltungsregel, den Streitigkeiten der Sektierer gegenüber völlig gleichgültig zu bleiben. Dem Gouverneur fiel ein Ausweg ein, um sein eigenes Gefühl mit den Forderungen des fanatischen Volkes auszugleichen. Es war Brauch, gelegentlich des Osterfestes einen Gefangenen dem Volke freizugeben. Pilatus der wußte, daß Jesus nur wegen Eifersucht der Priester verhaftet wurde (Mark. XV, 10), wollte ihm diesen Brauch zu gute kommen lassen. Wieder trat er auf das Bima hinaus und schlug der Menge vor, den »König der Juden« freizulassen. Dieser Vorschlag hatte neben dem Charakter der Großmut auch den einer gewissen Ironie. Die Priester sahen die Gefahr. Sie handelten schnell (Matth. XXVII, 20; Mark. XV, 11) und um Pilatus Vorschlag zu bekämpfen, flüsterten sie der Menge den Namen eines Gefangenen ein, der in Jerusalem sehr populär war. Durch einen seltenen Zufall hieß auch er Jesus und führte den Beinamen Barabba oder Barrabas, (Matth. XXVII, 16.) Er war eine bekannte Persönlichkeit und wurde wegen einer mit Mord verbundenen Emeute verhaftet. (Mark. XV, 7; Luk. XXIII, 18.) Ein lautes Geschrei wurde hörbar: »Nicht diesen, sondern Jesus Barrabas.« Pilatus war verpflichtet, Barrabas freizugeben. Seine Verlegenheit vergrößerte sich. Er befürchtete, sich bloßzustellen durch zu viel Nachsicht für einen Angeklagten, dem man den Titel »König der Juden« gegeben hatte. Auch nötigt der Fanatismus jede Gewalt, mit ihm zu unterhandeln. Pilatus meinte irgend welche Konzession machen zu müssen; doch da er zögerte Blut zu vergießen, um Leute zu befriedigen, die er verachtete, wollte er die Sache ins Lächerliche ziehen. Eine Verspottung des pompösen Titels, den man Jesus gab, zu bekunden, ließ er ihn geißeln. (Matth. XXVII, 26; Mark. XV, 15; Joh. XIX, 1.) Die Geißelung war die gewöhnliche Vorbereitung zur Kreuzigung. Vielleicht wollte Pilatus glauben machen, dieses Urteil sei schon gefällt und dabei in der Hoffnung, daß die Vorbereitung schon genügen werde. Dann fand, wie alle Berichte melden, eine empörende Scene statt. Soldaten legten ihm einen roten Mantel um, setzten ihm eine Dornenkrone aufs Haupt und gaben ihm einen Rohrhalm in die Hand. So aufgeputzt wurde er vor das Volk auf die Tribüne geführt. Die vorübergehenden Soldaten versetzten ihm Backenstreiche und riefen niederkniend aus: »Heil dem König der Juden!« (Matth. XXVII, 27; Mark. XV, 16; Luk. XXIII, 11; Joh. XIX, 2.) Andere, heißt es, spieen ihn an und schlugen ihn mit Stäben auf das Haupt. Nur schwer läßt sich begreifen, wie die römische Gravität zu solchen Schändlichkeiten sich hergeben mochte. Pilatus hatte als Prokurator zwar nur Hilfstruppen unter seinem Befehl. Römische Bürger, wie es die Legionäre waren, hätten sich zu solcher Würdelosigkeit nicht herabgelassen. Glaubte Pilatus mit dieser Schaustellung seine Verantwortlichkeit zu decken? Hoffte er den Schlag, der Jesum bedrohte, abzulenken, indem er dem Haß der Juden etwas bewilligte, um, den tragischen Abschluß in ein komisches Ende verwandelnd, die Meinung zu bilden, die Sache verdiene keinen andern Ausgang? (Luk. XXIII. 16, 22.) War das sein Streben, so blieb es erfolglos. Der Tumult vergrößerte sich und wuchs zu einem förmlichen Aufstand aus. Von allen Seiten ertönte der Ruf: »Kreuzigt ihn! Kreuzigt ihn!« Die Priester nahmen immer mehr einen dringenderen Ton an und erklärten, das Gesetz sei gefährdet, wenn der Verführer nicht mit dem Tode bestraft würde. (Joh. XIX, 7.) Pilatus erkannte, daß er, um Jesum zu retten, einen blutigen Aufstand niederschlagen müßte. Indes versuchte er noch Zeit zu gewinnen. Er kehrte in das Prätorium zurück, erkundigte sich, woher Jesu sei, um einen Vorwand zu haben, die Kompetenz ablehnen zu können. (Joh. XIX, 9. Vgl. Luk. XXIII, 6.) Der Überlieferung gemäß hätte er sogar Jesum zu Antipas geschickt, der damals, wie es heißt, in Jerusalem sich befand. Jesus kümmerte sich wenig um diese wohlwollenden Bemühungen. Wie bei Kaiphas verhüllte er sich auch hier in ein würdig-ernstes Stillschweigen, was Pilatus staunen machte. Draußen wurde das Geschrei immer drohender. Man sprach laut von der Saumseligkeit des Beamten, der einen Feind des Cäsars beschütze. Die größten Gegner der römischen Macht waren plötzlich zu loyalen Unterthanen des Tiberius verwandelt worden, um das Recht zu haben, einen nachsichtigen Landpfleger der Majestätsbeleidigung zu bezichtigen. »Es giebt hier,« sagten sie, »keinen andern König als den Cäsar; wer sich zum König macht, ist gegen den Cäsar. Wenn der Landpfleger diesen Menschen freigiebt, so ist er nicht des Cäsars Freund.« (Joh. XIX, 12,15. Vgl. Luk. XXIII, 2.) Der schwache Pilatus konnte dem nicht widerstehen. Er las schon im voraus den Bericht, den seine Feinde nach Rom schicken würden, wo er beschuldigt wäre, einen Rivalen des Tiberius unterstützt zu haben. Schon gelegentlich der Votivtafeln hattet die Juden dem Cäsar geschrieben und recht behalten. Er fürchtete für sein Amt. Er wich zurück, mit einer Nachgiebigkeit, die seinen Namen der Geißelung der Geschichte freigeben sollte; er soll dabei – wie erzählt wird – die Juden für alles, was geschehen würde, verantwortlich gemacht haben. Nach Aussage der Christen wären diese damit vollkommen einverstanden gewesen und hätten ausgerufen: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!« (Matth. XXVII, 24, 25.) Wurden diese Worte wirklich ausgerufen? Man kann es bezweifeln. Aber sie sind der Ausdruck einer tiefen, historischen Wahrheit. Nach der Stellung, die die Römer in Judäa eingenommen hatten, konnte Pilatus nichts anderes thun, als er gethan hatte. Wie viel von religiöser Intoleranz diktierte Todesurteile haben schon der Civilgewalt Gewalt angethan! Der König von Spanien, der einer fanatischen Geistlichkeit zu Gefallen viele Hunderte seiner Unterthanen auf den Scheiterhaufen stellen ließ, war tadelnswerter als Pilatus, denn er repräsentierte eine viel größere Macht als die der Römer zu Jerusalem. Wenn einmal die Civilgewalt auf Geheiß der Geistlichkeit zur Verfolgerin und Quälerin wird, beweist sie damit ihre Schwäche. Möge jene Regierung, die sich hier sündenrein weiß, auf Pilatus den ersten Stein werfen. Der »weltliche Arm«, hinter den sich die klerikale Grausamkeit verbirgt, ist nicht der Schuldige. Niemand kann sagen, er habe Abscheu vor Blutvergießen, wenn er es durch seinen Knecht geschehen läßt. Es war also weder Tiberius noch Pilatus, die Jesum verurteilten. Es war die alte jüdische Partei; es war das mosaische Gesetz. Unsere modernen Ideen kennen keine Übertragung moralischer Vergehen von Vater auf Sohn. Jeder ist der menschlichen und der göttlichen Gerechtigkeit nur für sein eigenes Thun Rechenschaft schuldig. Jeder Jude, der noch heute wegen der Tötung Jesu zu leiden hat, kann sich daher über Unrecht beklagen; denn vielleicht wäre er ein Simon von Kyrene gewesen, vielleicht hätte er wenigstens nicht zu denen gehört, die da riefen: »Kreuzigt ihn!« Aber Völker haben ihre Verantwortlichkeit wie Einzelwesen. Und wenn jemals ein Verbrechen das Verbrechen einer Nation war, so war es der Tod Jesu. Dieser Tod war »gesetzlich« insofern, als seine erste Ursache ein Gesetz war, das die Seele des Volkes bildete. Das mosaische Gesetz in seiner zwar neueren, aber doch gültigen Form sprach die Todesstrafe aus gegen jeden Versuch, den bestehenden Kultus zu verändern. Jesus hat nun zweifellos diesen Kultus angegriffen und ihn zu vernichten erstrebt. Die Juden sagten es Pilatus offen und wahr: »Wir haben ein Gesetz und nach diesem Gesetze muß er sterben, denn er hat sich zum Sohne Gottes gemacht.« (Joh. XIX, 7.) Das Gesetz war verächtlich; aber es war das Gesetz des rohen Altertums und der Heros, der es beseitigen wollte, mußte sich ihm vor allem unterziehen. Ach! mehr als achtzehn Jahrhunderte sollte es noch brauchen, ehe das Blut, das er nun opfern soll, seine Früchte trägt. Durch Jahrhunderte wird man in seinem Namen Denkern, die ebenso edel wie er sind, Qual und Tod bereiten. Noch heute werden in Ländern, die sich christlich nennen, Strafen über religiöse Vergehen ausgesprochen. Jesus ist für diese Verirrung nicht verantwortlich. Er konnte nicht vorhersehen, daß dieses oder jenes Volk in seinem Wahne ihn eines Tages als Moloch auffassen würde, der nach brennendem Fleisch verlangt. Das Christentum ist intolerant gewesen, aber die Intoleranz ist kein wesentlicher Zug des Christentums. Sie ist ein jüdischer Zug insofern, als das Judentum zuerst in der Religion die Theorie des Absoluten aufstellte, den Grundsatz, daß jeder Neuerer, selbst wenn er seine Lehre mit Wundern unterstützt, ohne Urteil von jedermann gesteinigt werden darf. (5. Mos. XIII, 1.) Gewiß, das Heidentum hatte auch seine religiösen Gewaltthaten. Aber wäre dies ihr Gesetz gewesen, wie hätte es je christlich werden können? Der Pentateuch wurde derart in der Welt zum ersten Gesetze religiösen Terrorismus. Das Judentum hat das Beispiel eines unantastbaren, schwerbewaffneten Dogmas gegeben. Wenn das Christentum, anstatt die Juden in blindem Hasse zu verfolgen, den Geist beseitigt hätte, der seinen Stifter getötet hat, wie viel konsequenter wäre das gewesen; wie viel mehr hätte es sich um die Menschheit verdient gemacht! Fünfundzwanzigstes Kapitel. Der Tod Jesu. Obgleich das wirkliche Motiv des Todes Jesu ganz religiös war, gelang es doch seinen Feinden im Prätorium ihn als Staatsverbrecher hinzustellen. Wegen Heterodoxie hätten sie von dem skeptischen Pilatus eine Verurteilung nie erlangt. Konsequent dieser Anschauung ließen die Priester durch das Volk um seine Kreuzigung bitten. Diese Strafe war nicht jüdischen Ursprungs; wenn die Verurteilung Jesu nach mosaischem Gesetze erfolgt wäre, so hatte er gesteinigt werden müssen. Die Kreuzigung war eine römische Strafe, die für Sklaven bestimmt war und für Fälle, in welchen man den Tod noch schimpflicher gestalten wollte. Indem sie bei Jesu zur Anwendung kam, behandelte man ihn wie einen Straßenräuber, einen Banditen, einen verächtlichen Feind der Römer, dem man nicht einmal die Ehre des Todes durch das Schwert geben wollte. Der chimärische »König der Juden« wurde bestraft, nicht der heterodoxe Dogmatiker. Nach derselben Anschauung wurde die Hinrichtung den Römern überlassen. Bekanntlich verrichteten bei den Römern die Soldaten den Henkerdienst, weil das Töten ihr Handwerk war. Jesus wurde daher einer Kohorte Hilfstruppen übergeben und es entfalteten sich nun für ihn alle Scheußlichkeiten der von den neuen Eroberern eingeführten Marter. Es war ungefähr Mittag. Joh. XIX, 14. Nach Mark. XV, 25 wäre es erst 8 Uhr morgens gewesen, weil Jesus, nach seiner Mitteilung, um neun gekreuzigt wurde. Man zog ihm wieder seine Kleider an, die ihm zur Schaustellung ausgezogen worden waren, und da die Kohorte zwei Diebe, die ebenfalls hingerichtet werden sollten, bei der Hand hatte, so wurden die drei Verurteilten vereint und der Zug wandte sich dem Richtplatze zu. Dieser Platz war eine Stätte Namens Golgatha, außerhalb Jerusalems gelegen, aber doch nahe dem Stadtthore. (Matth. XXVII, 33; Mark. XV, 22; Joh. XIX, 20; Epistel an die Heb. XIII, 12.) Das Wort Golgatha bedeutet Schädel; es entspricht ungefähr dem französischen Chaumont und bezeichnet vielleicht einen Hügel vom Aussehen eines kahlen Schädels. Wir kennen nicht genau die Lage dieses Hügels. Wahrscheinlich befand er sich nördlich oder nordwestlich der Stadt, auf der ungleichen Hochebene, die sich zwischen den Mauern und den zwei Thälern von Kedron und Hinnon erstreckt. Es ist dies eine ziemlich öde Gegend, die durch die Unannehmlichkeit der Nähe einer großen Stadt noch trostloser gemacht wird. Es geht nicht gut an, für Golgatha jene Stelle anzunehmen, die seit Konstantin von der ganzen Christenheit dafür verehrt wird. Diese Stelle reicht zu weit ins Stadtgebiet und man müßte annehmen, daß sie sich zu Jesu Zeit innerhalb der Stadtmauer befunden habe. Der zum Kreuzestode Verurteilte mußte seine Leidensinstrumente selbst tragen. Doch Jesus, körperlich schwächer als seine zwei Genossen, konnte das seinige nicht tragen. Der Zug begegnete einem gewissen Simon von Kyrene, der vom Felde heimkehrte, und mit der ganzen Rohheit fremder Garnisonen zwangen ihn die Söldner, das verhängnisvolle Kreuz zu tragen. Vielleicht übten sie damit ein anerkanntes Frohnrecht aus; die Römer selbst wollten das schimpfliche Holz nicht tragen. Es scheint, daß Simon später der christlichen Gemeinde angehörte. Seine zwei Söhne Alexander und Rufus waren daselbst recht gut bekannt. (Mark. XV, 21.) Möglich auch, daß er es war, der Mitteilungen über den Umstand machte, dessen Zeuge er war. Von den Jüngern war in diesem Augenblick keiner um Jesum. Endlich langten sie auf der Richtstätte an. Nach jüdischem Brauch reichte man dem Leidenden einen starkgewürzten Wein, ein berauschendes Getränk, das mit einem gewissen Mitleid dem Verurteilten zur Betäubung gegeben wurde. Es scheint, daß oft die Frauen Jerusalems den zu Tode geführten Verurteilten diesen Abschiedstrunk brachten; wenn aber keine kam, so wurde er auf Kosten der öffentlichen Kasse gekauft. Nachdem Jesu den Becher an die Lippen gesetzt hatte, wies er den Trank zurück. Mark. XV, 23; Matth. XXVII, 34, fälscht diesen Vorfall, um eine messianische Anspielung auf den 69. Psalm 22, zu gewinnen. Diese traurige Labung gewöhnlicher Verurteilter gebührte nicht seinem hohen Wesen. Er zog es vor, das Leben mit völliger Geistesklarheit zu verlassen, mit vollem Bewußtsein den Tod zu erwarten, den er gewollt und gerufen hatte. Dann zog man ihm die Kleider aus und heftete ihn an das Kreuz. (Matth. XXVII, 35; Mark. XV, 24; Joh. XIX, 23.) Das Kreuz bestand aus zwei in Form eines Ô verbundenen Balken. Es war nicht hoch, so daß die Füße des Verurteilten beinahe den Boden berührten. Man begann mit der Aufrichtung des Kreuzes; dann wurde der Leidende daran geheftet, indem man ihm Nägel durch die Hände schlug; die Füße wurden oft auch angenagelt, manchmal aber nur mit Stricken angebunden. (Luk. XXIV, 39; Joh. XX, 25-27.) Ein Holzklotz, der zwischen den Beinen des Verurteilten durchging und diesen stützte, war am Kreuzschaft in der Mitte angebracht. Ohne diesen wären die Hände ausgerissen und der Körper herabgefallen. Manchmal wurde auch zur Stütze der Füße unten ein Brettchen horizontal befestigt. Jesus duldete diese Schrecken in ihrer ganzen Grausamkeit. Ein brennender Durst, eine der größten Qualen der Kreuzigung, verzehrte ihn. Er verlangte zu trinken. In der Nähe stand ein Gefäß mit Poska, einem Gemisch aus Essig und Wasser, dem üblichen Getränk der römischen Söldner. Diese mußten ihre Poska auf allen Expeditionen mitnehmen und dazu zählte auch eine Hinrichtung. Ein Soldat tauchte einen Schwamm in dieses Getränk und führte ihn dann, auf einen Stab gesteckt, zu Jesu Lippen, der ihn aussog. (Matth. XXVII, 48; Mark. XV, 36; Luk. XXIII, 36; Joh. XIX, 28-30.) Die beiden Diebe wurden ihm zu Seiten gekreuzigt. Die Exekutoren, denen gewöhnlich die Kleider der Hingerichteten überlassen wurden, würfelten darum und hielten, am Fuße des Kreuzes sitzend, Wache. (Matth. XXVII, 36.) Nach einer Überlieferung hatte Jesus folgende Worte ausgesprochen, die, wenn auch nicht auf seinen Lippen, so doch in seinem Herzen waren: »Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun«. (Luk. XXIII, 34.) Nach römischem Brauch wurde auf der Höhe des Kreuzes eine Inschrift in drei Sprachen, hebräisch, griechisch und lateinisch, angeheftet, lautend: »Der König der Juden.« Es lag in dieser Fassung etwas Peinliches und Verletzendes für die Nation. Die zahlreichen Vorübergehenden, die es lasen, ärgerten sich darüber. Die Priester machten Pilatus darauf aufmerksam, er hätte eine Fassung wählen müssen, die meldete, daß er sich König der Juden genannt habe. Doch Pilatus, dem die Sache schon überdrüssig war, schlug eine Änderung des Geschriebenen ab. (Joh. XIX, 19-22.) Seine Jünger waren geflohen. Johannes erklärte trotzdem, er sei anwesend gewesen und am Fuß des Kreuzes gestanden. (Joh. XIX, 25.) Bestimmter läßt sich annehmen, daß seine treuen Freundinnen aus Galiläa, die Jesu nach Jerusalem gefolgt waren, um ihm auch hier zu dienen, ihn nicht verlassen haben. Maria Kleophas, Maria Magdalena, Johanna, das Weib des Kusa, Saloma und noch einige hielten sich in gewisser Entfernung und ließen ihn nicht aus den Augen. (Matth. XXVII, 55-56; Mark. XV, 40, 41; Luk. XXIII, 49, 55, XXIV, 10; Joh. XIX, 25. – Vgl. Luk. XXIII, 27-31.) Wenn Johannes zu glauben ist, so wäre auch Maria, Jesu Mutter, am Fuße des Kreuzes gestanden und Jesus hätte, als er seine Mutter und seinen Lieblingsjünger bemerkte, zu ihm gesagt: »Das ist deine Mutter,« und zu ihr: »Das ist dein Sohn.« Doch es wäre ganz unbegreiflich, warum die Synoptiker, die doch die anderen Frauen nennen, just die hätten nicht erwähnen sollen, deren Anwesenheit so hervorragend war. Vielleicht läßt sogar die Charakterstärke Jesu eine so persönliche Rührung unwahrscheinlich scheinen, in einem Moment, wo er nur noch an sein Werk dachte, nur noch für die Menschheit atmete. Von dieser kleinen Gruppe Frauen abgesehen, die aus der Ferne sein Blick tröstete, hatte Jesus nur den Anblick menschlicher Niedrigkeit und Dummheit vor sich. Die Vorübergehenden insultierten ihn. Er vernahm um sich dummes Gespöttel und seinen letzten Schmerzensschrei in boshafte Wortspiele verwandelt. »Ach!« sagte einer, »das ist der, welcher sich Gottessohn genannt hat! Möge sein Vater kommen und ihn befreien, wenn er will!« – »Er hat anderen geholfen,« hieß es wieder, »und kann sich selbst nicht helfen. Wenn er König von Israel ist, so steige er herab vom Kreuz und wir wollen an ihn glauben! – Wohlan,« sagte ein dritter, »du, der du den Tempel Gottes zerstörst und ihn wieder in drei Tagen aufrichtest, hilf dir selber!« (Matth. XXVII, 40 ec.; Mark. XII, 29 ec.) Einige mit unklarer Vorstellung seiner apokalyptischen Ideen wähnten, er rufe Elias an und sagten: »Laßt uns sehen, ob Elias kommen und ihn befreien wird.« Auch die neben ihm gekreuzigten Diebe scheinen ihn verspottet zu haben. Matth. XXVII, 44; Mark. XV, 32. Lukas, in seiner besonderen Neigung für bekehrte Sünder, hat hier die Tradition verändert. Der Himmel war düster (Matth. XXVII, 45; Mark. XV, 33; Luk. XXIII, 44); die Erde, wie in Jerusalems ganzer Umgebung trocken und öde. Einen Moment sank sein Mut – wie manche Berichte melden – eine Wolke verbarg ihm das Antlitz seines Vaters; er bestand eine Agonie der Verzweiflung tausendmal bitterer als alle anderen Qualen. Er sah nur die Undankbarkeit der Menschen; er bereute vielleicht für ein so arges Geschlecht zu leiden und rief aus: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!« Aber noch einmal siegte sein göttlicher Instinkt. In dem Maße, wie das Leben im Leibe erlosch, flammte seine Seele auf und kehrte allmählich zu ihrem himmlischen Ursprung zurück. Er wurde sich wieder seiner Sendung bewußt; er sah in seinem Tode das Heil der Welt; er verlor das häßliche Schauspiel zu seinen Füßen aus den Augen und, innig vereint mit seinem Vater, begann er am Marterholz das göttliche Leben, das er für unendliche Zeiten in dem Herz der Menschheit führen sollte. Die besondere Grausamkeit der Kreuzigung bestand darin, daß man auf dem Schmerzenspfahl noch drei bis vier Tage leben konnte. Die Blutung der Hände hörte bald auf und war nicht tödlich. Die wahre Todesursache war die unnatürliche Körperlage, die eine fürchterliche Störung des Blutumlaufes, entsetzliche Kopfschmerzen und Herzleiden und schließlich Gliederstarre herbeiführte. Gekreuzigte von kräftiger Konstitution starben nur vor Hunger. Die eigentliche Absicht dieser grausamen Strafe war, den Verurteilten nicht durch bestimmte Verletzungen direkt zu töten, sondern den Sklaven mit durchbohrten Händen – von denen er keinen guten Gebrauch gemacht hatte – an den Pranger zu stellen und an dem Holz verfaulen zu lassen. Sein zarter Körperbau bewahrte Jesu vor dieser langsamen Agonie. Mancher Umstand weist darauf hin, daß schon nach drei Stunden das Platzen eines Herzgefäßes einen raschen Tod brachte. Einige Augenblicke bevor er seinen Geist aufgab, hatte er noch eine kräftige Stimme. (Matth. XXVII, 46; Mark. XV, 34.) Plötzlich stieß er einen fürchterlichen Schrei aus, aus dem die einen vernahmen: »Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist;« andere, mehr mit der Erfüllung der Prophezeiung beschäftigt, geben ihn mit den Worten wieder: »Es ist vollbracht!« Sein Haupt neigte sich auf die Brust und er verschied. (Matth. XXVII, 50; Mark. XV, 37; Luk. XXIII, 46; Joh. XIX, 30.) Ruhe nun in deiner Glorie, edler Vollbringer! Dein Werk ist vollendet, deine Göttlichkeit begründet. Fürchte nicht mehr durch einen Fehler den Bau deines Strebens zusammenbrechen zu sehen. Fortan außer dem Bereiche der Gebrechlichkeit, wirst du von der Höhe göttlichen Friedens auf die unendlichen Folgen deines Wirkens herabsehen. Um den Preis einiger Stunden der Leiden, die deine große Seele nicht einmal berührt haben, hast du dir die vollkommenste Unsterblichkeit erkauft. Jahrtausende wird die Welt von dir reden! Panier unserer Widersprüche, wirst du das Zeichen sein, um das der heftige Kampf durchkämpft werden wird. Tausendmal mehr lebend, tausendmal mehr geliebt seit deinem Tode, als während der Tage deines Erdenwallens, wirst du in einer Weise zum Eckstein der Menschheit werden, daß deinen Namen aus der Welt vertilgen so viel hieße, wie die Welt in ihrer Grundveste erschüttern. Zwischen dir und Gott soll nicht mehr unterschieden werden. Gänzlicher Überwinder des Todes, nimmst du von deinem Reiche Besitz, wo dir auf der hehren Bahn, die du dir vorgezeichnet hast, Jahrhunderte lang Verehrer folgen werden. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Jesus im Grabe. Als Jesus verschied, war es ungefähr 3 Uhr Nachmittag nach unserer Zeiteinteilung. (Matth. XXVII, 46; Mark. XV, 37; Luk. XXIII, 44. – Vgl. Joh. XIX, 14.) Ein jüdisches Gesetz verbot, einen Leichnam länger als bis zum Abend des Hinrichtungstages ausgesetzt zu lassen. Wahrscheinlich wurde nun auch bei den von den Römern vollzogenen Hinrichtungen diese Vorschrift eingehalten. Da jedoch der nächste Tag der Sabbath war, und zwar ein Sabbath von ganz besonderer Bedeutung, so drückten die Juden der römischen Behörde gegenüber den Wunsch aus, diesen heiligen Tag nicht durch solch einen Anblick entweiht sehen zu müssen. Ihre Bitte wurde gewährt und es wurde befohlen, den Tod der drei Verurteilten zu beschleunigen und sie dann vom Kreuze zu nehmen. Die Söldner vollführten diesen Befehl, indem sie den beiden Dieben eine zweite Strafe zukommen ließen, das Beinbrechen nämlich – die übliche Strafe bei Sklaven und Kriegsgefangenen – das schneller als das Kreuz wirkte. Was Jesu betrifft, so fanden sie ihn bereits tot, hielten es daher nicht für nötig, auch ihm die Beine zu brechen. Einer der Söldner jedoch durchbohrte ihm die Seite mit einer Lanze, um jede Ungewißheit über den Tod des dritten Gekreuzigten aufgehoben zu haben und um ihn ganz zu töten, falls noch etwas Leben in ihm wäre. Man meinte, aus der Wunde flösse Blut und Wasser, was als Zeichen des entflohenen Lebens betrachtet wurde. Johannes, der behauptet Augenzeuge gewesen zu sein (XIX, 31–35), legt auf diesen Umstand ein besonderes Gewicht. Thatsache ist, daß der wirkliche Tod Jesu bezweifelt wurde. Einige Stunden hängen dünkte jenen, die gewohnt waren Kreuzigungen zu sehen, für ungenügend, um ein solches Resultat zu erreichen. Fälle wurden angeführt, wo der Gekreuzigte, rechtzeitig noch abgenommen, durch kräftige Mittel wieder ins Leben gerufen worden ist. Origines meinte später zur Erklärung eines so raschen Todes ein Wunder annehmen zu müssen. Dasselbe Erstaunen zeigt sich auch bei Markus (XV, 44, 45). Um die Wahrheit zu sagen: die größte Bürgschaft, die der Historiker über dergleichen besitzt, liegt in dem argwöhnischen Haß der Feinde Jesu. Es läßt sich bezweifeln, daß die Juden schon damals befürchtet hätten, Jesus könnte als Auferstandener gelten; aber allenfalls mochten sie zusehen, ob er wirklich tot wäre. Wie nachlässig manchmal die Alten auch gewesen sein mögen, wo es eine gesetzliche Feststellung betraf, oder die regelrechte Leitung geschäftlicher Angelegenheiten – so läßt sich doch nicht annehmen, daß in dieser Beziehung die nötigen Vorsichtsmaßregeln nicht versäumt wurden. Nach römischem Brauch hätte der Leichnam hängen müssen, bis er zum Raub der Vögel geworden war. Nach jüdischer Vorschrift abends abgenommen, würde er an der für Hingerichtete bestimmten Stelle begraben worden sein. So wäre es auch gekommen, wenn Jesus nur seine armen Galiläer zu Jüngern gehabt hätte. Doch wir wissen, daß Jesus trotz seines geringen Erfolges in Jerusalem die Sympathie einiger angesehener Männer gewonnen hatte, die dem Gottesreich entgegensahen und ihm sehr anhänglich waren, ohne sich just als seine Jünger zu bekennen. Einer dieser Männer, Josef aus Arimathia ( Haramathahim ), ging abends zum Landpfleger und bat um den Leichnam. (Matth. XXVII, 57; Mark. XV, 42; Luk. XXIII, 50; Joh. XIX, 38.) Josef war reich, angesehen, Mitglied des Sanhedrins. Nach dem damaligen römischen Gesetz konnte auch der Leichnam eines Hingerichteten dem, der ihn verlangte, ausgeliefert werden. Pilatus, der von dem »Beinbrechen« keine Kenntnis hatte, war erstaunt, daß Jesus schon so bald tot wäre; er ließ den Centurio rufen, der die Hinrichtung geleitet hatte, um zu erfahren, wie das geschehen konnte. Nachdem Pilatus von dem Centurio die Aufklärung erhalten hatte, gewährte er Josef seine Bitte. Wahrscheinlich war der Leichnam bereits vom Kreuze abgenommen. Er wurde Josef übergeben, damit dieser nach Gutdünken damit verfahre. Ein anderer heimlicher Freund, Nikodemus (Joh. XIX, 39), den wir bereits mehr als einmal zu Gunsten Jesu wirken sahen, fand sich ebenfalls wieder ein. Er brachte einen großen Vorrat von Dingen, die zum Einbalsamieren nötig waren, mit. Josef und Nikodemus begruben Jesum nach jüdischem Brauch: sie hüllten ihn in ein Leichentuch mit Myrrhe und Aloe ein. Die galiläischen Frauen waren anwesend und begleiteten sicherlich den Vorgang mit Weinen und Jammern. (Matth. XXVII, 61; Mark. XV, 47; Luk. XXIII, 55.) Es war spät geworden und alles geschah in Eile. Noch war der Ort nicht bestimmt, wo der Leichnam beigesetzt werden sollte. Überdies hätte diese Beerdigung bis in die Abendspäte gewährt, was eine Entweihung des Sabbaths hervorgebracht hätte; und die Jünger beobachteten noch genau die Vorschriften des jüdischen Gesetzes. Es wurde daher eine provisorische Beisetzung beschlossen. (Joh. XIX, 41, 42.) In der Nähe befand sich in einem Garten ein neues, in den Felsen gehauenes Grab, das noch nicht gebraucht worden war. Wahrscheinlich gehörte es einem der Anhänger Jesu. Diese Felsengräber bestanden, wenn sie nur für einen Leichnam bestimmt waren, aus einem Kämmerchen, in dessen Hintergrund die Stelle, wo der Leichnam liegen sollte, durch eine Mulde bezeichnet war, die in der Wand ausgehöhlt und mit einem Bogen überwölbt war. Sie wurden in die Seite überhängender Felsen gehauen, man betrat sie daher von der Ebene aus. Die Öffnung wurde mit einem schweren Steinblock verschlossen. Jesus wurde also in dem Grabe beigesetzt, der Stein wurde vorgewälzt und die Anwesenden versprachen einander wiederzukommen, um ein definitives Begräbnis vorzunehmen. Und weil der nachfolgende Tag Sabbath war, so wurde die Ausführung auf den zweiten Tag festgesetzt. (Luk. XXIII, 56.) Die Frauen zogen sich zurück, nachdem sie die Lage des Leichnams genau betrachtet hatten. Den Rest der Abendzeit brachten sie damit zu, Vorbereitungen für die Einbalsamierung zu treffen. Am Sabbath ruhten sie alle. (Luk. XXIII, 54-56.) Sonntag morgens kamen die Frauen sehr früh zum Grabe, vor allen Maria Magdalena. (Matth. XXVIII, 1; Mark. XVI, 1; Luk. XXIV, 1; Joh. XX, 1.) Sie fanden den Stein vor der Öffnung fortgewälzt und den Leichnam nicht mehr an der Stelle, wohin er gelegt worden war. Zugleich verbreiteten sich die wunderlichsten Gerüchte in der christlichen Gemeinde. Der Ruf: »Er ist auferstanden!« fuhr blitzschnell durch die Runde der Jünger. Die Liebe schuf da überall Leichtgläubigkeit. Was war geschehen? In der Geschichte der Apostel werde ich diesen Punkt erörtern und den Ursprung der Auferstehungslegenden untersuchen. Für den Historiker endete Jesu Leben mit seinem letzten Seufzer. Doch im Herzen seiner Jünger und einiger treuen Freundinnen hinterließ er eine solche Spur, daß er für sie noch wochenlang lebte und ihr Tröster war. Wurde sein Leichnam heimlich fortgenommen, oder schuf die stets leichtgläubige Begeisterung später jene Erzählungen, durch die der Glauben an eine Auferstehung begründet zu werden versucht wurde? (Matth. XXVIII, 15; Joh. XX, 2.) Die Widersprüche in der Überlieferung sind hier zu groß, als daß wir es erfahren könnten. Geben wir jedoch zu, daß bei dieser Sache die lebhafte Phantasie der Maria Magdalena die Hauptrolle spielte. Göttliche Macht der Liebe! Heilige Momente, wo die Leidenschaft einer Hellseherin der Welt einen auferstandenen Gott giebt! Siebenundzwanzigstes Kapitel. Schicksal der Feinde Jesu. Nach unserer Zeitannahme erfolgte Jesu Tod im Jahre 33 u. Z. Jedenfalls kann er nicht vor dem Jahre 29 geschehen sein, weil Johannes und Jesus im Jahre 28 zu predigen begonnen hatten (Luk. III, 1); auch nicht nach dem Jahre 35, weil im Jahre 36 – vor Ostern, wie es scheint – sowohl Pilatus wie Kaiphas ihre Ämter verloren. Der Tod Jesu scheint übrigens mit diesen beiden Amtsentsetzungen nicht in Beziehung gestanden zu haben. Wahrscheinlich dachte Pilatus in seiner Zurückgezogenheit nicht an diesen Vorfall, der der spätesten Nachwelt seinen traurigen Ruf überliefern sollte. Kaiphas erhielt seinen Schwager Jonathan zum Nachfolger, den Sohn desselben Hanans, der im Prozeß Jesu die Hauptrolle gespielt hat. Die sadducäische Familie Hanans behielt noch lange das Pontifikat und, mächtiger als früher, ließ sie nicht davon ab, die heftige Fehde, die sie gegen den Stifter begonnen hatte, gegen seine Jünger und seine Familie weiter zu führen. Das Christentum, das ihr den Schlußakt seiner Gründung verdankt, verdankt ihr auch seine ersten Märtyrer. Hanan galt für einen der glücklichsten Männer seiner Zeit. Der eigentliche Schuldtragende an Jesu Tod endete sein Leben auf der Höhe der Ehre und des Ansehens, ohne je einen Augenblick im Zweifel gewesen zu sein, daß er seinem Volke einen großen Dienst erwiesen habe. Seine Söhne herrschten im Tempel weiter, kaum von den Landpflegern beschränkt und oft deren Zustimmung überhaupt ganz außer acht lassend, galt es, ihre gewaltthätigen und hochmütigen Absichten auszuführen. Auch Antipater und Herodias verschwanden bald vom politischen Schauplatz. Als nämlich Herodes Agrippa von Caligula zum König ernannt wurde, wollte die neidische Herodias auch Königin werden. Von dieser ehrgeizigen Frau stets gestachelt, die ihn als Feigling behandelte, weil er zugab, daß jemand in seiner Familie höher stünde als er, rüttelte sich Antipater aus seiner gewöhnlichen Trägheit auf und zog nach Rom, um denselben Rang zu erbitten, den sein Neffe erst erhalten hatte (im Jahre 39 u.Z.) Doch die Sache nahm eine böse Wendung. Verdächtigt durch Herodes Agrippa, wurde Antipater abgesetzt und verbrachte dann den Rest seiner Tage in der Verbannung zu Lyon und in Spanien. Herodias folgte ihm dahin. Wenigstens noch ein Jahrhundert mußte vergehen, ehe der Name ihres geringen Unterthans, der zum Gott geworden, in diese fernen Länder Eingang fand, um über ihren Gräbern an die Ermordung Johannes des Täufers zu erinnern. Betreffs des Todes des unglücklichen Judas von Kerioth waren die fürchterlichsten Legenden im Schwange. Es wurde behauptet, er hätte sich für den Lohn seines Verrates in der Nähe Jerusalems einen Acker gekauft. Südlich vom Berge Zion befand sich eine Stätte, die Hakeldama (Blutacker) genannt wurde; es wurde angenommen, dies sei der von dem Verräter angekaufte Besitz gewesen. (Apostelg. I, 18, 19.) Einer Meldung zufolge hätte er sich selbst getötet. (Matth. XXVII, 5.) Nach der Apostelgeschichte wäre er auf seinem Acker gefallen, wodurch sein Eingeweide heraustrat. Wieder andere teilten mit, er sei an Wassersucht gestorben, die von so widerlichen Umständen begleitet war, daß man sie als Strafe des Himmels betrachtet hat. Die Absicht, in Judas die Erfüllung der Drohung zu zeigen, die der Psalmist (69 und 109) gegen treulose Freunde äußerte, mag zu diesen Legenden Anlaß gegeben haben. Vielleicht lebte Judas still, zurückgezogen, angenehm auf seinem Hakeldama, indes seine früheren Freunde die Welt eroberten und die Kunde seiner Schandthat verbreiteten. Vielleicht auch, daß der schreckliche Haß, der auf ihm lastete, zu Gewalttaten führte, die man als Zeichen Gottes betrachtete. Die Zeit der großen christlichen Rache war noch in weiter Ferne. Die neue Sekte hatte mit der Katastrophe, die das Judentum bald heimsuchen sollte, nichts zu thun. Viel später erkannte erst die Synagoge, was die Anwendung intoleranter Gesetze für Folgen haben könne. Rom ahnte gewiß noch nicht, daß der Zertrümmerer seiner Macht schon geboren worden war. Fast drei Jahrhunderte schritt es dahin, ohne zu erkennen, daß neben ihm Grundsätze erstanden, die bestimmt waren, die Welt völlig umzugestalten. Theokratisch und demokratisch zugleich, war der Gedanke, den Jesus in die Welt setzte, vereint mit dem Einfall der Germanen, die Hauptursache der Auflösung des Cäsarenwerkes. Einerseits wurde das Recht aller Menschen, am Gottesreich teilzunehmen, verkündet; andererseits wieder war die Religion fortan prinzipiell vom Staate getrennt. Die Rechte des Gewissens, dem Staatsgesetz entzogen, begründete endlich eine neue Macht, die »geistliche Macht«. Mehr als einmal hat diese Macht ihren Ursprung verleugnet. Jahrhundertelang waren die Bischöfe Fürsten, die Päpste Könige. Die vermeintliche Herrschaft über die Seelen hat sich häufig als eine abscheuliche Tyrannei erwiesen, die zu ihrer Erhaltung Folter und Scheiterhaufen angewendet hat. Aber der Tag wird kommen, wo die Trennung Früchte tragen wird, wo das Gebiet des Geistes aufhören wird, sich eine »Macht« zu heißen, um fortan eine »Freiheit« sich zu nennen. Aus dem Bewußtsein eines Mannes aus dem Volke hervorgegangen, aufgekeimt vor dem Volke, bewundert vor allem von dem Volke, zeigt das Christentum die unverwischbare Prägung eines Originalcharakters. Das Christentum war der erste Triumph der Revolution, der Sieg des Volksgefühls, der Beginn der Herrschaft derer, die einfältigen Herzens sind, die Weihe des Schönen, nach dem Begriffe des Volkes. Jesus schlug daher in die aristokratischen Gesellschaften des Altertums eine Bresche, durch die alles eindringen konnte. Die Civilgewalt sollte thatsächlich die Verantwortung des Todes Jesu schwer fühlen, obgleich sie unschuldig daran war, denn sie unterzeichnete nur das Urteil und auch das mit Widerwillen. Indem der Staat den Vorgang auf Golgatha billigte, führte er gegen sich selbst einen gefährlichen Streich. Eine Legende höchst unehrerbietiger Art bildete sich, eine Legende, in der die gesetzlichen Behörden eine arge Rolle spielen, eine Legende, in der der Angeklagte im Rechte ist und Richter und Polizei gegen die Wahrheit sich verbinden. Besonders aufrührerisch zeigt die Geschichte des Leidens, durch zahlreiche Darstellungen verbreitet, die römischen Adler, wie sie ein ungerechtes Urteil bestätigen, Söldner, die es vollziehen, einen Landpfleger, der es anordnet. Welcher Schlag für die bestehende Gewalt! Sie konnte sich auch nie davon erholen. Wie wäre es möglich gewesen, dem armen Volke gegenüber als unfehlbar zu scheinen, wenn man den großen Fehler von Gethsemane auf dem Gewissen hat! Achtundzwanzigstes Kapitel. Wesentlicher Charakter des Werkes Jesu. Es ist zu ersehen, daß Jesus mit seinem Wirken nie den jüdischen Kreis überschritt. Obgleich auch seine Teilnahme für alle von der Orthodoxie Geschmähten ihn veranlaßten, die Heiden zum Gottesreich zuzulassen, und er ein- oder zweimal in wohlwollenden Beziehungen zu den Ungläubigen überrascht wurde – so läßt sich doch sagen, daß sein ganzes Leben in der kleinen Welt verlief, in der er geboren wurde. Den griechischen und römischen Ländern blieb er unbekannt; sein Name kommt bei den heidnischen Schriftstellern erst ein Jahrhundert später vor, und das nur in indirekter Weise, gelegentlich der durch seine Lehre hervorgerufenen Aufstände, oder der Verfolgungen, deren seine Jünger ausgesetzt waren. Selbst im Schoße des Judentums hatte Jesus keinen besonderen Eindruck hervorgebracht. Philo, der etwa im Jahre 50 starb, hatte von ihm keine Ahnung, Josephus, der im Jahre 37 geboren wurde und gegen Ende des Jahrhunderts schrieb, erwähnt seine Hinrichtung nur mit etlichen Zeilen, wie eines untergeordneten Ereignisses. Bei der Aufzählung der Sekten seiner Zeit übergeht er ganz die Christen. Anderseits enthält auch die Mischna keine Spur der neuen Schule; die Stellen der beiden Gemahra, wo der Stifter des Christentums genannt wird, führen uns nicht über das vierte oder fünfte Jahrhundert zurück. Das wesentliche Werk Jesu war, daß er einen Kreis von Jüngern um sich sammelte, denen er eine grenzenlose Hochachtung einflößte und in deren Schoß er den Keim seiner Lehre niederlegte. Sich eine Liebe geschaffen zu haben, »die nicht einmal nach seinem Tode aufhörte ihn zu lieben« (Josephus), das ist das Meisterwerk Jesu, und das ist, was seine Zeitgenossen am meisten überrascht hat. Seine Lehre war so wenig dogmatisch, daß er nie daran dachte, sie zu verzeichnen oder verzeichnen zu lassen. Man wurde sein Jünger nicht, indem man dies oder jenes glaubte, sondern weil man ihm anhängig war, ihn liebte. Einige bald im Gedächtnis eingeprägte Sentenzen und besonders sein sittliches Vorbild, sowie der Eindruck, den er hinterlassen hatte – das war alles, was von ihm zurückblieb. Jesus war kein Dogmengründer, kein Symboliker; er war der Führer der Welt zu einem neuen Geist. Die am wenigsten christlichen Leute waren einerseits die Gelehrten der christlichen Kirche, die seit dem vierten Jahrhundert das Christentum in eine Bahn kindischer, metaphysischer Diskussionen lenkten, anderseits die Scholastiker des lateinischen Mittelalters, die aus dem Evangelium Tausende von Artikeln der kolossalen »Summe« herausziehen wollten. Anhänger Jesu sein im Hinblick auf das Gottesreich, das hieß anfangs Christ sein. Es ist daher kaum begreiflich, wie zufolge eines ganz besonderen Schicksals das reine Christentum noch jetzt, nach Ablauf von neunzehn Jahrhunderten, mit dem Charakter einer universellen und ewigen Religion sich darstellt. Die Religion Jesu ist in gewisser Beziehung wirklich die definitive Religion, die Frucht einer vollständig freien Bewegung der Seelen, bei seinem Entstehen frei von jeder dogmatischen Fessel, drei Jahrhunderte hindurch im Kampfe für Gewissensfreiheit – erntet das Christentum noch heute die Früchte dieses trefflichen Ursprunges, trotz der Unfälle, von denen es begleitet wurde. Um sich zu erneuern, braucht es nur zu seinem Ursprung zurückzukehren. Das Gottesreich nach unserer Auffassung unterscheidet sich sehr von der übernatürlichen Erscheinung, welche die ersten Christen in den Wolken zu sehen hofften. Doch das Gefühl, das Jesus in die Welt brachte, ist wohl das unserige. Sein vollendeter Idealismus ist das höchste Ziel des makellosen, tugendhaften Lebens. Er hat das Himmelreich der reinen Seelen geschaffen, wo alles zu finden ist, was auf Erden vergeblich gesucht wurde: der vollkommene Adel der Kinder Gottes, die absolute Reinheit, den gänzlichen Mangel des irdischen Schmutzes, endlich, die Freiheit, die wie eine Unmöglichkeit von der vorhandenen Gesellschaft ausgeschlossen wurde und die nur im Reiche der Gedanken ihre ganze Fülle besitzt. Der Großmeister aller, die sich in dieses Idealreich Gottes flüchten, ist heute Jesus. Er war es, der zuerst die Herrschaft des Geistes verkündet hat, er, der zuerst wenigstens durch sein Thun gesprochen hat: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Die Stiftung der wahren Religion ist völlig sein Werk. Nach ihm war nur noch die Entwickelung und Befruchtung von nöten. Derart ist das Wort »Christentum« fast gleichbedeutend mit »Religion« geworden. Alles, was außerhalb dieser großen und guten christlichen Überlieferung geschehen wird, soll fruchtlos bleiben. Jesus hat in der Menschheit die Religion begründet, wie Sokrates die Philosophie, wie Aristoteles die Wissenschaft. Es hat zwar schon vor Sokrates und Aristoteles Philosophie und Wissenschaft gegeben; seit ihnen haben sie wohl unermeßliche Fortschritte gemacht, doch ist alles auf dem von ihnen gelegten Grund erbaut worden. Ebenso hat auch schon vor Jesu der religiöse Gedanke viele Umwälzungen erfahren; seit Jesu hat er große Eroberungen gemacht; doch nie hat man das, was Jesus in der Hauptsache geschaffen hat, verlassen und wird es auch nicht verlassen können. Er hat für immer den Gedanken des reinen Kultus festgesetzt. In diesem Sinne ist die Religion Jesu unbegrenzt. Die Kirche hat ihre Epochen und Phasen gehabt; sie hat sich in Symbole eingeschlossen, die nur ihre bestimmte Zeit haben oder haben werden. Jesus hat die absolute Religion begründet, nichts ausschließend, nichts feststellend, außer das Gefühl. Seine Symbole sind keine festen Dogmen, sie sind Bilder, die unzählige Deutungen ermöglichen. Vergeblich würde man eine theologische These im Evangelium suchen. Alle Glaubensbekenntnisse sind Travestien des Gedankens Jesu, ungefähr so wie die mittelalterliche Scholastik, indem sie Aristoteles als einzigen Meister der vollendeten Wissenschaft proklamierte, den Gedanken des Aristoteles gefälscht hat. Hätte Aristoteles den Debatten dieser Schule beiwohnen können, so hätte er sicherlich deren beschränkte Lehre zurückgewiesen; er würde sich auf Seite der fortschreitenden Wissenschaft gestellt haben, gegen die Routine, die sich mit seiner Autorität deckte; er hätte seinen Widersprechern Beifall gezollt. Ebenso würde Jesus, wenn er zu uns zurückkehren würde, nicht die als seine Jünger anerkennen, welche ihn in etlichen Katechismusphrasen völlig einschließen wollen, sondern die, welche bei der Fortsetzung seines Werkes thätig sind. Der ewige Ruhm jeder Art Größe besteht darin, den Grundstein gelegt zu haben. Möglich, daß in der »Physik« und »Meteorologie« der neuen Zeit kein Wort aus den Werken Aristoteles zu finden ist, die diese Bezeichnung führen; allein Aristoteles bleibt deshalb doch der Begründer der Naturwissenschaften. Wie immer sich das Dogma umgestalten mag, Jesus wird in der Religion der Schöpfer des reinen Gefühls bleiben; die Bergpredigt wird nie übertroffen werden. Keine Revolution könnte geschehen machen, daß wir uns nicht in der Religion an die große intellektuelle und moralische Linie halten, an deren Anfangspunkt der Name Jesu strahlt. In diesem Sinne sind wir Christen, selbst wenn wir beinahe in allen Punkten der christlichen Überlieferung der Vorzeit voneinander abweichen. Und diese große Stiftung war ganz das persönliche Werk Jesu. Um sich solche Verehrung zu verschaffen, mußte er verehrungswürdig sein. Liebe ist nicht möglich ohne Objekt, das sie erwecken kann, und wir würden nichts von Jesu wissen, würde uns nicht die Leidenschaft, die er seiner Umgebung eingeflößt, lehren, daß er gut und groß war. Der Glaube, die Begeisterung, die Standhaftigkeit der ersten christlichen Generation lassen sich nur erklären, wenn ein Mann von riesiger Größe als Ursprung der ganzen Bewegung angenommen wird. Im Hinblick auf die wundervollen Schöpfungen aus der Zeit der Glaubensstärke entstehen im Geiste zwei für die rechte historische Kritik gleich schädliche Eindrücke. Man ist einerseits geneigt, diese Schöpfungen zu unpersönlich in Betracht zu ziehen, man spricht oft der Gesamtthätigkeit zu, was das Werk eines mächtigen Willens und überlegenen Geistes gewesen ist. Anderseits wieder will man in den Urhebern dieser außergewöhnlichen Bewegungen etwas anderes sehen als Menschen unserer Art. Suchen wir doch ein tieferes Gefühl für die in der Natur verborgenen Kräfte zu gewinnen. Unsere Civilisationen, von einer minutiösen Polizei geregelt, können uns keine Vorstellung geben, was der Mensch in jenen Tagen vermochte, wo die Originalität jedes Einzelnen einen freien Spielraum zur Entwicklung hatte. Nehmen wir einen Einsiedler an, der in den benachbarten Höhlen unserer Stadt lebte und diese zuweilen verließe, um sich in den Palästen der Großen zu zeigen und hier mit herrischem Tone den Königen das Nahen einer von ihm beförderten Umwälzung verkünden wollte. Schon der Gedanke läßt uns lachen. Doch so war Elias. Elias der Thesbiter würde heutzutage nicht weiter als bis zum Thor der Tuilerien gekommen sein. Die Predigten Jesu, sein freies Wirken in Galiläa treten aus unseren gewohnten socialen Verhältnissen nicht minder heraus. Unbehindert von unserer konventionellen Höflichkeit, frei von einer einförmigen Erziehung, wie sie uns wohl verfeinert, aber auch unsere Individualität so sehr abschwächt, bekundeten diese großen Geister eine erstaunliche Energie in ihrem Wirken. Sie erscheinen uns wie die Riesen eines heroischen Zeitalters, das in Wirklichkeit nie existiert hat. Welch ein Irrtum! Diese Menschen waren unsere Brüder, sie hatten unseren Wuchs, fühlten, dachten wie wir. Aber bei ihnen war der Odem Gottes frei; bei uns liegt er in den ehernen Fesseln einer kleinlichen Gesellschaft und ist zur unverbesserlichen Mittelmäßigkeit verurteilt. Stellen wir daher Jesu Person auf den höchsten Gipfel menschlicher Größe. Lassen wir uns nicht irre führen durch das übertriebene Mißtrauen gegenüber einer Legende, die uns stets in einer übernatürlichen Welt hält. Das Leben des heiligen Franz von Assisi ist auch nur ein Gewebe von Wundern – hat man aber deswegen an der Existenz und an das Wirken Franz von Assisis je gezweifelt? Sagen wir daher nicht, daß der Ruhm, das Christentum gestiftet zu haben, den ersten Christen gebühre und nicht dem, welchen die Legende zu einem Gott gemacht hat. Im Orient ist die Ungleichheit der Menschen viel markanter als bei uns. Nicht selten sieht man inmitten einer Atmosphäre von Schlechtigkeit Charaktere sich erheben, deren Größe uns erstaunen machen. Weit entfernt, durch seine Jünger gewirkt zu haben, erscheint Jesus ihnen in allem überlegen. Paulus und Johannes ausgenommen, waren seine Jünger Männer ohne Erfindungsgabe und Genie. Selbst Paulus hält mit Jesu keinen Vergleich aus; und was Johannes betrifft, so werde ich später zeigen, daß sein Wirken – so hoch es in gewisser Beziehung auch steht – doch weit davon entfernt ist, in jeder Beziehung vorwurfsfrei zu sein. Daher die gewaltige Überlegenheit der Evangelien über die anderen Schriften des Neuen Testaments. Daher der peinliche Abstand, der sich fühlbar macht, wenn man von der Geschichte Jesu zu der der Apostel übergeht. Selbst die Evangelisten, die uns das Bild Jesu überliefert haben, stehen so tief unter dem, von welchem sie sprechen, daß sie ihn immer wieder entstellen, weil sie an seine Größe nicht hinaufzulangen vermögen. Ihre Schriften sind voll Irrtümer und Widersinn. Man fühlt bei jeder Zeile eine Rede von göttlicher Schönheit heraus, niedergeschrieben von Männern, die sie nur halb begriffen haben und der sie deshalb ihre eigenen Anschauungen unterschieben. Kurz, der Charakter Jesu ist weit entfernt von seinen Biographen verschönert worden zu sein, er wurde von ihnen vielmehr abgeschwächt. Die Kritik mußte, um ihn wieder herzustellen, eine Menge Mißverständnisse beseitigen, die durch die geistige Mittelmäßigkeit der Jünger gebildet worden sind. Sie haben ihn dargestellt wie sie ihn auffaßten und oft haben sie Jesu erniedrigt, wo sie ihn zu erhöhen wähnten. Ich weiß, daß unsere heutigen Anschauungen durch diese von einem anderen Geschlecht, unter einem andern Himmel und unter anderen Verhältnissen verfaßten Legenden mehr als einmal unangenehm berührt werden. Es giebt Tugenden, die in gewissen Beziehungen unserer Neigung mehr befriedigen als andere. Der ehrenwerte sanfte Marc Aurel, der bescheidene, gutartige Spinoza, die an Wunder nicht geglaubt haben, sind frei gewesen von manchen der Irrtümer, die Jesus teilte. Letzterer hatte in seiner großen Zurückgezogenheit ein Vorteil, das Jesus nicht erstrebte. Durch unsere besonders zarte Anwendung von Mitteln der Überzeugung, durch unsere absolute Aufrichtigkeit und selbstlose Liebe zum reinen Gedanken, haben wir, die wir unser Leben der Wissenschaft geweiht haben, ein neues sittliches Ideal begründet. Doch das Urteil der allgemeinen Geschichte darf sich nicht auf die Abschätzung persönlicher Verdienste beschränken. Marc Aurel und seine edlen Maximen sind ohne dauernden Einfluß auf die Welt geblieben. Er hinterließ köstliche Bücher, einen fluchwürdigen Sohn, eine im Verfall begriffene Welt. Jesus bleibt für die Menschheit das unerschöpfliche Prinzip geistiger Wiedergeburt. Der großen Menge genügt die Philosophie nicht; sie will Heiligkeit. Ein Appollonius von Tyana mit seiner Wunderlegende, sollte mehr Erfolg haben, als ein Sokrates mit seiner kühlen Vernunft. Sokrates, sagte man, lasse die Menschen auf Erden, Appollonius versetzte sie in den Himmel. Sokrates sei ein Weiser, Appollonius ein Gott. Ohne ein gutes Stück Asketentum, Frömmelei und Wunder hat bis zu unseren Tagen die Religion nicht bestehen können. Als man nach den Antoniden eine Religion der Philosophie schaffen wollte, mußten die Philosophen in Heilige verwandelt werden, das »erbauliche Leben« von Pythagoras und Plotin geschrieben, eine Legende, Tugenden an Enthaltsamkeit und Beschaulichkeit, übernatürliche Kräfte ihnen angedichtet werden, ohne die bei den Jahrhunderten weder Glauben noch Autorität gefunden werden konnte. Hüten wir uns also vor einer Verstümmelung der Geschichte zur Befriedigung unserer kleinlichen Empfindelei. Wer von uns, Pygmäen wie wir sind, könnte vollbringen, was der extravagante Franz von Assisi, was die heilige Therese vollbracht haben? Mag die Wissenschaft auch Namen haben zur Bezeichnung dieser großen Abnormalitäten menschlicher Natur; mag sie behaupten, Genie sei eine Krankheit des Gehirnes; mag sie in einem gewissen sittlichen Zartgefühl den Beginn von Abzehrung erschauen; mag sie Begeisterung und Liebe zu nervösen Anfällen rechnen – das will alles nichts bedeuten. Die Worte gesund, krank, sind relativ. Wer wollte nicht eher krank wie Pascal sein, als gesund wie ein Durchschnittsmensch? Die beschränkten Anschauungen, die heutzutage über den Wahnsinn herrschen, führen unsere historischen Urteile in Angelegenheiten dieser Art bedenklich irre. Ein Zustand, in dem man Dinge spricht, deren man sich nicht bewußt ist; in dem sich Gedanken äußern, ohne daß sie vom Willen gerufen oder geregelt werden – setzt gegenwärtig den Menschen der Gefahr aus, ins Narrenhaus gesperrt zu werden. Früher hieß solches Prophezeiung, Inspiration. Die köstlichsten Errungenschaften der Welt sind im Fieberwahn geschaffen worden. Jede hervorragende Schöpfung bringt eine Verrückung des Gleichgewichts, einen gewaltsamen Zustand für seinen Schöpfer hervor. Wohl sei anerkannt, daß das Christentum ein zu kompliziertes Werk ist, um die That eines einzigen Menschen zu sein. Es hat sozusagen die ganze Menschheit dabei mitgewirkt. Es giebt keine so dicht ummauerte Welt, die nicht etwas Wind von außen erhielte. Die Geschichte des menschlichen Geistes ist voll seltsamer Synchronismen, die bewirken, daß weit voneinander entfernte Bruchteile des menschlichen Geschlechts, ohne in Verbindung miteinander je gestanden zu sein, gleichzeitig zu fast gleichartigen Gedanken und Vorstellungen kommen. Im 13. Jahrhundert trieben die Lateiner, die Griechen, die Syrier, die Juden, die Mohammedaner Scholastik, von York bis Samarkand fast dieselbe Scholastik. Im 14. Jahrhundert überließ sich die ganze Welt der mystischen Allegorie, in Italien sowohl, wie in Persien und Indien. Im 16. Jahrhundert entfaltete sich die Kunst gleichartig in Italien, auf dem Berge Athos, am Hofe des Großmoguls, ohne daß Sankt Thomas, Barhebräus, die Rabbinen von Narbonne, die Motecallemin von Bagdad sich gekannt hätten, ohne daß Dante, Petrarca einen Sofi gesehen, ohne daß ein Zögling der Schulen von Perugia und Florenz nach Dehli gekommen wäre. Man möchte große geistige Einflüsse annehmen, die wie Epidemien, ohne Unterschied der Grenze oder des Volkes über die Welt sich verbreiten. Die Verbindung der Ideen der Menschen wird nicht nur durch Bücher und direkten Verkehr hergestellt. Jesus kannte Buddha, Zoroaster, Plato, nicht einmal dem Namen nach. Er hatte kein griechisches Buch, keine buddhistische Sutra gelesen; und doch sind bei ihm mehr als ein Element aus dem Buddhismus, dem Parsentum, der griechischen Weisheit zu finden. Dies alles geschah durch geheime Kanäle und durch jene gewisse Sympathie, die zwischen den verschiedenen Teilen der Menschheit besteht. Der große Geist empfängt einerseits alles von seiner Zeit, andererseits wieder beherrscht er seine Zeit. Zeigt man daher, daß die von Jesu gestiftete Religion die natürliche Folge dessen, was ihr vorausging, gewesen ist, so schwächt man damit ihre Trefflichkeit keineswegs ab; im Gegenteil, man beweist damit, daß sie ein Recht zu leben hatte, daß sie den Trieben und Bedürfnissen des Herzens in einer bestimmten Zeit entsprochen hat. Ist es aber gerecht, zu sagen, Jesus verdanke dem Judentum alles und seine Größe sei nur die des jüdischen Volkes? Niemand kann mehr als ich geneigt sein, dieses einzig dastehende Volk hochzuschätzen, dessen besondere Gabe es gewesen zu sein scheint, in seinem Schoße das Extreme des Guten wie des Bösen halten zu können. Sicherlich ging Jesus aus dem Judentum hervor, doch so, wie Sokrates aus der Schule der Sophisten, wie Luther aus dem Mittelalter, wie Lamennais aus dem Katholizismus, wie Rousseau aus dem 18. Jahrhundert hervorgegangen sind. Man ist aus seiner Zeit und von seinem Volke, selbst wenn man seiner Zeit und seinem Volke entgegenwirkt. Weit entfernt, der Fortsetzer des Judentums zu sein, stellt Jesus den Bruch mit dem jüdischen Geist dar. Nähme man auch an, daß seine Gedanken bezüglich dessen zu Zweifeln Anlaß böten, so gab es doch die allgemeine Richtung des Christentums nach seinem Tode nicht zu. Dieser hatte sich immer mehr vom Judentum entfernt. Und die Vollkommenheit des Christentums wird darin bestehen, daß es auf Jesus, aber sicherlich nicht auf das Judentum zurückkomme. Die große Ursprünglichkeit des Stifters bleibt daher unberührt; sein Ruhm kennt keinen Teilhaber. Sicherlich trugen auch die Verhältnisse viel zum Gelingen dieser großartigen Revolution bei; allein die Verhältnisse begünstigen nur, was wahr und gerecht ist. Jeder Zweig der Entwickelung der Menschheit hat seine bevorzugte Zeit, wo er durch einen gewissen innern Trieb und ohne Mühe zur Vollkommenheit gelangt. Keiner Mühe des Denkens kann es später gelingen, jene Meisterwerke zu schaffen, die in diesen Zeiten die Natur durch begeisterte Genien hervorbringt. Was die goldene Zeit Griechenlands für Kunst und Wissenschaft war, das war Jesu Zeit für die Religion. Die jüdische Gesellschaft wies den außergewöhnlichsten intellektuellen und sittlichen Zustand auf, den je die Menschheit aufzuweisen hatte. Es war tatsächlich eine der göttlichen Stunden, in denen das Große durch das Zusammenwirken tausend geheimer Kräfte erfolgt, wo die edlen Seelen zu ihrer Unterstützung eine Fülle von Bewunderung und Teilnahme finden. Die Welt, befreit von der straffen Tyrannei der kleinen Ortsrepubliken, genoß ihre Freiheit. Erst später machte sich der römische Despotismus in so unheilvoller Weise fühlbar, und überdies war er überhaupt in diesen fernen Provinzen weniger fühlbar als im Centrum des Reiches. Unsere Nörgeleien – die auf geistigem Gebiet mörderischer als der Tod wirken – kannte man damals nicht. Jesus vermochte drei Jahre lang ein Leben zu führen, das ihn unter anderen gesellschaftlichen Zuständen zwanzigmal vor die Polizei gebracht hätte. Schon unser Gesetz wider unbefugte Ausübung der Heilkunde hätte genügt, seiner Laufbahn plötzlich ein Ende zu machen. Ferner kümmerte sich die ungläubige Dynastie der Heroden wenig um religiöse Bewegungen; unter den Hasmonäern hatte Jesus wahrscheinlich schon bei seinem ersten Auftreten auf Hindernisse gestoßen. Unter solchen gesellschaftlichen Verhältnissen wagt ein Reformator nur den Tod und der Tod ist gut für den, der für die Zukunft wirkt. Man stelle sich vor, Jesus hätte bis zum 60. oder 70. Jahr die Last seiner Göttlichkeit tragen müssen, bis sein himmlisches Feuer verglommen wäre und er sich unter dem Zwang einer ungeheuren Rolle allmählich abgenutzt hätte! Jene, die durch ein Merkmal gekennzeichnet sind, begünstigt alles. Sie gehen mit einer gewissen unbesiegbaren Begeisterung gleichsam wie durch Schicksalsruf dem Ruhme zu. Diese hehre Persönlichkeit, die gegenwärtig noch jeden Tag das Geschick der Welt leitet, darf man wohl göttlich nennen; nicht in dem Sinne, als ob Jesus alles Göttliche in sich aufgenommen hätte, oder ihr – um eine scholastische Bezeichnung zu gebrauchen – adäquat wäre, sondern in dem Sinne, daß Jesus das Individuum ist, das sein Geschlecht den größten Schritt zum Göttlichen machen ließ. Die Menschheit zeigt in ihrer Ganzheit ein Gemenge niedriger, egoistischer Wesen, die dem Tiere nur darin überlegen sind, daß ihr Egoismus ein bedachter ist. Doch mitten dieser gleichartigen Gemeinheit ragen Säulen gegen den Himmel und bezeugen eine edlere Bestimmung. Jesus ist die höchste dieser Säulen, die dem Menschen zeigen, woher er kommt, wohin er streben soll. In ihm ist alles verdichtet, was es in der Natur an Guten und Großen giebt. Er war nicht sündenrein; er hat dieselben Leidenschaften besiegt, gegen die wir ankämpfen. Kein Engel hat ihn getröstet, nur sein gutes Gewissen; kein Satan hat ihn versucht, nur der, den jeder in seinem Herzen hegt. Ebenso wie mehrere der großen Seiten seines Herzens durch die Schuld seiner Jünger für uns verloren sind, so ist es wahrscheinlich auch mit vielen seinen Fehlern der Fall. Allein nie hat noch jemand in seinem Leben das Interesse der Menschheit so sehr vor den Kleinlichkeiten der Eigenliebe vorwalten lassen wie er. Rückhaltslos seinem Gedanken hingegeben, hatte er alles andere so sehr untergeordnet, daß gegen sein Lebensende hin, die Welt für ihn nicht mehr existierte. Durch diese heldenhafte Willenskraft hat er den Himmel erobert. Es hat – Çakya-Muni vielleicht ausgenommen – keinen Menschen je gegeben, der die Familie, die Freuden dieser Welt, alle irdischen Sorgen so sehr von sich gewiesen hat. Er lebte nur seinem Vater und der göttlichen Mission, die er seiner Überzeugung nach hatte. Wir aber, die wir ewig Kinder bleiben und zur Ohnmacht verurteilt sind; die wir arbeiten ohne zu ernten und die Frucht unserer Saat nie sehen sollen – wir beugen uns vor diesen Halbgöttern. Sie vermochten, was wir nicht können: schaffen, erstarken, handeln. Wird diese große Ursprünglichkeit noch einmal geboren werden, oder soll sich die Welt begnügen, in den Bahnen zu wandeln, die ihr kühne Schöpfer alter Zeiten eröffnet haben? Wir wissen es nicht. Aber wie immer die unerwarteten Erscheinungen der Zukunft auch sein mögen – Jesus wird nicht übertroffen werden. Sein Kultus wird sich stets verjüngen; seine Legende wird die edelsten Augen mit Thränen füllen und seine Leiden die besten Herzen rühren. Alle Jahrhunderte werden verkünden, daß unter den Erdensöhnen kein größerer geboren worden ist als Jesus. Ende