Kapitän Marryat Der fliegende Holländer Erstes Kapitel. Am rechten Ufer der Schelde und fast der Insel Walcheren gegenüber liegt die kleine, befestigte Stadt Terneuse, an deren äußerstem Rande um die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, neben ein paar anderen, noch bescheideneren Wohnungen, ein nettes, nach dem vorherrschenden Geschmacke der Zeit erbautes Häuschen stand. Die Vorderseite desselben war vor einigen Jahren tief orangegelb angestrichen worden, während die Fensterrahmen und Läden eine lebhaft grüne Farbe zeigten. Etwa drei Fuß über der Erdfläche war es abwechselnd mit blauen und weißen Ziegeln bekleidet. Die Hütte umgab ein zwei Ruthen großer Garten, der von einer niedrigen Hartriegelhecke und einem ziemlich breiten Wassergraben umfaßt wurde, über welchen man nicht so leicht hinüberspringen konnte. Zu dem Eingange der Wohnung führte eine schmale, kleine Brücke, die zur Sicherheit Derjenigen, welche darüber gingen, mit einem eisernen Geländer geziert war. Die Farben der Hütte waren jedoch, so hell sie auch ursprünglich sein mochten, verblichen; an den Fenstersimsen, den Thürpfosten und andern hölzernen Theilen des Häuschens ließen sich Merkmale eines schnellen Verkommens unterscheiden, und viele der heruntergefallenen Ziegel waren nicht wieder ersetzt worden. Es war klar, daß man in früherer Zeit viel Sorgfalt auf die kleine Wohnung verwendet hatte, obschon sie in der letzten Zeit sehr vernachlässigt wurde. Im Innern war das Erdgeschoß sowohl, als der erste Stock in zwei größere Vorderzimmer und in zwei kleinere Hintergemächer abgetheilt – die vorderen natürlich nur in Vergleichung mit den beiden anderen groß zu nennen, da jedes nur ein einziges Fenster besaß und wenig mehr als zwölf Fuß in's Gevierte maß. Der obere Boden wurde, wie gewöhnlich, zum Schlafen benützt, während die zwei kleineren Gemächer des Erdgeschosses als Waschküche und Rumpelkammer dienten. Eines der größeren functionirte in der Eigenschaft einer Küche, und war mit Tischen und Simsen versehen, auf welchen die metallenen Kochgeräthe so schön wie Silber blinkten. Der Raum selbst war höchst reinlich gehalten, aber nur spärlich möblirt. Die Dielen des Bodens erschienen so weiß, daß man Alles hätte darauf niederlegen können, ohne befürchten zu müssen, es zu besudeln. Ein starker Tannentisch, zwei hölzerne Stühle und ein kleines Kanapee, das aus einem der oberen Schlafgemächer heruntergeholt worden, waren das ganze Ameublement. Das andere Vordergemach hatte man zum Besuchszimmer ausgestattet; über die Art der Einrichtung wußte aber Niemand Auskunft zu geben, da es seit fast siebenzehn Jahren hermetisch verschlossen gewesen, und nicht einmal von den Einwohnern der Hütte besucht worden war. In der vorgenannten Küche befanden sich zwei Personen. Die eine war eine Frau von etwa Vierzig, aber durch Gram und Leiden ganz abgezehrt. Wie man aus ihren regelmäßigen Umrissen, aus der edlen Stirne und dem großen, dunkeln Auge entnehmen konnte, mußte sie früher sehr schön gewesen sein; jetzt aber war ihr Gesicht so schmächtig, daß das Fleisch beinahe durchsichtig erschien. Wenn sie sinnend dasaß, überzog sich ihre Stirne mit tiefen Runzeln, und bei dem gelegentlichen Aufblitzen ihrer Augen konnte man sich des Gedankens, daß hier ein irrer Geist brüte, nicht erwehren, Es schien eine tiefe, nicht entfernbare, hoffnungslose Leidensursache vorhanden zu sein, die keinen Augenblick aus ihrem Gedächtnisse wich – ein bleibender Druck, fest in's Innere gegraben, der blos im Tode Erleichterung fand. Sie trug die Wittwentracht ihrer Zeit, die zwar nett und reinlich, aber doch vom langen Gebrauche sehr verschossen war, und saß auf dem kleinen Kanapee, das augenscheinlich um ihres leidenden Zustandes willen heruntergebracht worden war. Auf dem Tannentische in der Mitte des Gemachs saß die andere Person, ein kräftiger, blondhaariger, blühender Jüngling von neunzehn oder zwanzig Jahren. Seine Züge waren schön und keck, sein Körperbau fast zum Uebermaße muskulös und sein Auge voll muthiger Entschlossenheit. Während er so dasaß, sorglos seine Beine schlenkernd und laut ein Liedchen vor sich hinpfeifend, konnte man sich unmöglich des Gedankens erwehren, daß er ein kühner, wagehalsiger Mensch sei. »Geh' nicht zur See, Philipp. Oh, versprich mir dieß, mein liebes, theures Kind,« sagte die Frau, ihre Hände zusammenschlagend. »Und warum soll ich nicht zur See gehen, Mutter?« versetzte Philipp. »Was nützt mich's, wenn ich hier bleibe und verhungere? – denn beim Himmel, wir haben wenig Besseres in Aussicht. Ich muß für mich und für Euch etwas thun – und mit was sonst könnte ich mich abgeben? Der Onkel van Brennen hat mir angeboten, er wolle mich mitnehmen und mir guten Lohn zahlen. An Bord ist dann für mich gesorgt, und mein Verdienst wird wohl zureichen, auch Euch zu Hause zu ernähren.« »Philipp – Philipp, höre mich. Ich sterbe, wenn du mich verlässest. Wen habe ich auch in der Welt, außer dir? Oh, mein Kind – wenn du mich liebst – und ich weiß, du liebst mich, Philipp – so verlaß mich nicht; oder wenn du ja fort mußt, so geh' in keinem Falle auf die See.« Philipp pfiff eine Weile fort, während seine Mutter in Thränen ausbrach. »Dringt Ihr deßhalb so in mich,« sagte der Sohn endlich, »weil mein Vater auf dem Meere ertrank?« »Oh, nein – nein!« rief die schluchzende Frau. »Wollte Gott –« »Was sollte Gott wollen, Mutter?« »Nichts – nichts, sei barmherzig – sei barmherzig! Oh Gott!« entgegnete die Mutter, von ihrem Sitze heruntergleitend, und an der Seite des Kanapee's niederknieend – eine Haltung, welche sie einige Zeit in brünstigem Gebete beibehielt. Endlich nahm sie ihren Platz wieder ein, und ihr Antlitz zeigte einen gefaßteren Ausdruck. Philipp, der inzwischen still und gedankenvoll geblieben war, redete seine Mutter an. »Ja, seht Mutter – Ihr verlangt, ich solle bei Euch am Lande bleiben und hungern; das ist eine etwas harte Aufgabe. Doch hört, was ich Euch sagen will. Seit ich mich erinnern kann, ist das Zimmer nebenan immer verschlossen – warum dieß geschieht, wollt Ihr mir nie mittheilen; aber ich habe Euch einmal sagen hören, als wir ohne Brod waren und nicht auf die baldige Rückkehr des Onkels rechnen durften – Ihr wart damals etwas verwirrt, Mutter, und Ihr wißt, daß dieß öfters bei Euch vorkömmt –« »Nun, Philipp, was hörtest du mich sagen?« fragte die Mutter in bebender Angst. »Ihr sagtet, Mutter, daß in jenem Zimmer Geld sei, das uns helfen könnte, und dann schrie't Ihr und rastet und sagtet, daß Ihr lieber sterben wolltet, als es angreifen. Nun, Mutter, was ist in jenem Gemach, und warum haltet Ihr es so lange verschlossen? Entweder gebt Ihr mir Auskunft oder ich gehe zur See.« Bei dem Beginne dieser Anrede schien die Frau ganz versteinert zu sein, denn sie war so regungslos wie eine Statue; allmälig aber trennten sich ihre Lippen und ihre Augen funkelten. Sie schien das Vermögen, zu antworten, verloren zu haben, und drückte ihre Hände in die rechte Seite, als wolle sie sich Erleichterung gegen eine quälende Folter verschaffen, bis sie endlich, mit dem Kopfe voran, niedersank. Aus ihrem Munde strömte Blut. Philipp stand von dem Tische auf, um ihr Beistand zu leisten, und legte sich noch zu gelegener Zeit in's Mittel, daß sie nicht zu Boden stürzte. Er brachte sie auf das Kanapee und sah mit stummer Angst dem fortwährenden Blutergusse zu. »Oh! Mutter – Mutter, was ist das?« rief er endlich verzweifelt. Eine Zeitlang vermochte die Frau nicht zu antworten. Sie legte sich mehr auf die Seite, um durch die Entleerung des geborstenen Blutgefäßes nicht erstickt zu werden, und die schneeigen Planken des Bodens waren bald purpurroth gefleckt. »So redet doch, theuerste Mutter, wenn Ihr könnt,« versetzte Philipp in Todesangst; »was soll ich thun? Was kann ich Euch geben? Allmächtiger Gott! was ist das?« »Der Tod, mein Kind, der Tod!« versetzte endlich die arme Frau, und versank dann in einen Zustand von Besinnungslosigkeit. Philipp eilte in seinem Schrecken aus der Hütte und rief die Nachbarinnen zum Beistande seiner Mutter herbei. Einige kamen herzu, und sobald sie Philipp um seine Mutter beschäftigt sah, jagte er aus Leibeskräften nach dem Hause eines Arztes, der eine Meile entfernt wohnte – eines Mynheer Poots, der eben so gut wegen seiner Geschicklichkeit, als wegen seines erbärmlichen Geizes bekannt war. Philipp fand Poots zu Hause, und bat ihn, augenblicklich mitzukommen. »Ich will kommen – ja, ganz gewiß,« versetzte Poots, der das Holländische nur unvollkommen sprach; »aber Mynheer Vanderdecken, wer wird mich bezahlen?« »Wer Euch bezahlen wird? Nun, mein Onkel, sobald er nach Hause kömmt.« »Euer Onkel, der Schiffer Van Brennen? Nein, der schuldet mir selbst schon seit langer Zeit vier Gülden. Außerdem kann sein Schiff sinken.« »Er wird Euch Eure vier Gülden und auch diesen Besuch bezahlen,« versetzte Philipp in Wuth. »Kommt augenblicklich – während Ihr hier disputirt, ist meine Mutter vielleicht todt.« »Nein, Herr Philipp, ich erinnere mich jetzt, daß es nicht angeht. Ich habe das Kind des Bürgermeisters von Terneuse zu besuchen,« versetzte Mynheer Poots. »Laßt Euch was sagen, Mynheer Poots,« rief Philipp mit zornglühendem Gesichte; »Ihr habt die Wahl – wollt Ihr gutwillig mit mir gehen, oder muß ich Euch hinbringen? Ich lasse nicht mit mir spielen.« Mynheer Poots gerieth jetzt in beträchtliche Unruhe, denn Philipp Vanderdeckens Charakter war bekannt. »Ich will gelegentlich kommen, Mynheer Philipp, wenn ich kann.« »Ihr geht jetzt, Ihr verwünschter, alter Geizhals!« rief Philipp, indem er den kleinen Mann am Kragen packte und zur Thüre hinauszerrte. »Mordio! Mordio!« rief Poots, der den Gebrauch seiner Beine ganz verloren hatte, während ihn der ungestüme, junge Mann weiter schleppte. Philipp machte Halt, denn er bemerkte, daß Poots ganz schwarz im Gesichte war. »Muß ich Euch erdrosseln, oder wollt Ihr ruhig mitgehen? – Denn mit müßt Ihr – hört Ihr? – lebendig oder todt!« »Wohlan denn,« versetzte Poots, sich sammelnd, »ich will gehen; aber Ihr sollt mir heute Nacht noch in's Gefängniß wandern. Und was Eure Mutter betrifft – ich will nicht – nein, ich will nicht – verlaßt Euch darauf, Mynheer Philipp.« »Merkt auf meine Worte, Mynheer Poots,« erwiderte Philipp. »So wahr ein Gott im Himmel ist – wenn Ihr nicht mitkommt, erdroßle ich Euch auf der Stelle, Und wenn Ihr in unsrem Hause anlangt und nicht Euer Bestes thut, um meine arme Mutter zu retten, so ist's auch dort um Euer Leben geschehen. Ihr wißt, daß ich stets Wort halte; laßt Euch daher rathen und kommt ruhig mit. Ihr sollt gewiß bezahlt werden – und noch obendrein gut bezahlt – sogar, wenn ich den Rock vom Leibe verkaufen müßte.« Diese letztere Bemerkung that vielleicht bessere Wirkung, als sogar die Drohungen. Poots war ein erbärmliches, kleines Wichtlein, und in der gewaltigen Faust des jungen Mannes wie ein Kind. Seine Wohnung stand einsam, und er konnte erst etwa hundert Schritte von Vanderdeckens Hütte Beistand erhalten. Mynheer Poots beschloß daher, zu gehen, einmal weil ihm Philipp Bezahlung versprochen hatte, und dann, weil er mußte. Sobald dieser Punkt bereinigt war, eilten Philipp und Mynheer Poots der Hütte zu. Dort angelangt, fanden sie die Kranke noch immer in den Armen zweier Nachbarinnen, welche ihr die Schläfen mit Weinessig rieben. Sie war wieder zu sich gekommen, konnte aber nicht sprechen. Poots ließ sie nach ihrem Schlafgemach hinauf und zu Bette bringen, reichte ihr einen säuerlichen Trank und begab sich mit Philipp fort, um die nöthigen Arzneien zu besorgen. »Ihr müßt dieß Eurer Mutter sogleich geben, Mynheer Philipp,« sagte Poots, indem er seinem Begleiter ein Fläschchen reichte. »Ich will jetzt zu dem Kind des Bürgermeisters gehen und nachher wieder in Eure Hütte kommen.« »Aber täuscht mich nicht,« versetzte Philipp mit einem drohenden Blicke. »Nein, nein, Mynheer Philipp. Eurem Onkel Van Brennen möchte ich nicht trauen, aber Ihr habt mir versprochen, mich zu bezahlen, und ich weiß, daß Ihr stets Euer Wort haltet. In einer Stunde bin ich wieder bei Eurer Mutter – aber jetzt sputet Euch,« Philipp eilte nach Hause. Nach Anwendung des Trankes hörte die Blutung völlig auf, und eine halbe Stunde später konnte seine Mutter flüsternd ihre Wünsche ausdrücken. Als der Doktor anlangte, untersuchte er sorgfältig die Kranke und ging dann mit ihrem Sohne in die Küche hinunter. »Mynheer Philipp,« begann Poots; »bei Allah, ich habe mein Bestes gethan, muß Euch aber sagen, daß ich nur wenig Hoffnung habe, Eure Mutter wieder aufstehen zu sehen. Sie kann vielleicht noch einen Tag oder zwei leben, aber weiter nicht. 'S ist nicht meine Schuld, Mynheer Philipp,« fügte Poots in entschuldigendem Tone bei. »Nein, nein, es ist der Wille des Himmels,« versetzte Philipp in wehmüthigem Tone. »Und Ihr wollt mich bezahlen, Mynheer Vanderdecken?« fuhr der Doktor nach einer kurzen Pause fort. »Ja,« entgegnete Philipp mit einer Donnerstimme, jetzt aus einer Träumerei erwachend. Mach einer kurzen Pause nahm der Doktor wieder auf. »Soll ich morgen wieder kommen, Mynheer Philipp? Ihr wißt, das macht abermals einen Gülden. Es führt übrigens zu Nichts, sein Geld oder seine Zeit wegzuwerfen.« »Kommt morgen – kommt alle Stunden – und rechnet mir, an, was ihr wollt. Ihr sollt zuverlässig bezahlt werden,« versetzte Philipp, verächtlich seine Lippe aufwerfend. »Gut: wie Ihr wollt. Sobald sie todt ist, gehören Hütte und Möbelwerk Euch; Ihr werdet das Letztere natürlich verkaufen. Ja, ich will kommen. Ihr werdet Geld in Fülle haben. Mynheer Philipp, ich würde das erste Angebot auf das Häuschen thun, wenn es zu vermiethen ist.« Philipp erhob seinen Arm, als wolle er Herrn Poots niederschmettern, der sich sofort in eine Ecke zurückzog. »Ich meine, erst wenn Eure Mutter begraben ist,« sagte Poots in einschmeichelndem Tone. »Geht! elender Wicht, geht!« sagte Philipp, sein Gesicht mit den Händen bedeckend, während er auf das blutbefleckte Kanapee niedersank. Nach einer Weile kehrte Philipp Vanderdecken an das Bett seiner Mutter zurück, die er viel besser fand. Die Nachbarinnen, welche durch ihre eigenen Haushaltungsgeschäfte abgerufen worden, hatten sie allein gelassen. Von dem Blutverlust erschöpft, schlummerte die arme Frau viele Stunden, ohne die Hand ihres Sohnes loszulassen, der in wehmüthigen Gedanken auf ihre Athemzüge lauschte. Gegen Morgen um ein Uhr erwachte die Wittwe. Sie hatte so ziemlich den Gebrauch ihrer Stimme wieder gewonnen und redete Philipp folgendermaßen an: »Mein lieber, mein wilder Knabe, und ich habe dich so lange als einen Gefangenen hier behalten.« »Meine eigene Neigung hielt mich zurück, Mutter. Ich will Euch nicht Anderen überlassen, bis Ihr wieder auf und wohl seid.« »Das wird nie geschehen, Philipp. Ich fühle, daß der Tod seine Ansprüche an mich geltend macht, und würde auch mit Freuden diese Welt verlassen, wäre es nicht um deinetwillen, mein Sohn! Ich trage schon längst den Tod im Herzen, Philipp – und habe lange, lange um meine Auflösung gebetet.« »Aber warum das, Mutter?« versetzte Philipp mit Derbheit. »Ich habe doch mein Bestes gethan.« »Ja, mein Kind, das hast du – und möge Gott dich dafür segnen. Wie oft war ich nicht Zeuge, daß du dein ungestümes Temperament zügeltest und Deinen gerechten Unwillen niederkämpftest, um die Gefühle deiner Mutter zu schonen. Erst vor einigen Tagen ließ dich nicht einmal der Hunger deiner Mutter ungehorsam werden. Und, Philipp, du mußt mich für wahnsinnig gehalten haben, daß ich so lange darauf bestand, dich hier zu behalten, ohne dir einen Grund anzugeben. Ich will dir bald das Weitere sagen.« Die Wittwe drehte der Kopf auf dem Kissen und blieb einige Minuten ruhig. Nachdem sie auf's Neue ihre Kräfte gesammelt hatte, nahm sie wieder auf: »Ich glaube, ich bin zu Zeiten verwirrt gewesen – ist's nicht so, Philipp? Ach, Gott weiß, ich trage ein Geheimniß in meinem Herzen, das wohl im Stande ist, ein Weib in Wahnsinn zu hetzen. Es hat mir weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe gelassen, meine Vernunft verstört und jetzt endlich, dem Himmel sei Dank! diese sterbliche Hülle zusammen gebrochen. Der Schlag ist gefallen, Philipp – ich weiß es gewiß. Du sollst jetzt Alles erfahren – und doch möchte ich lieber schweigen – es wird dir das Gehirn verkehren, wie es das meinige verkehrt hat, Philipp.« »Mutter,« versetzte Philipp angelegentlich, »ich beschwöre Euch, laßt mich dieses todbringende Geheimniß vernehmen. Mag Himmel oder Hölle dabei betheiligt sein, ich fürchte es nicht. Der Himmel kann mir nicht schaden, und dem Bösen biete ich Trotz.« »Ich kenne deine kühne, stolze Seele, Philipp – und deine Geisteskraft. Wenn Jemand im Stande ist, die Last einer so schrecklichen Kunde zu tragen, so bist du's. Mein Gehirn war leider zu schwach dafür; aber ich sehe, es ist meine Pflicht, dich davon zu unterrichten.« Die Wittwe hielt für eine Weile inne, um ihre Gedanken für das, was sie zu eröffnen hatte, zu sammeln. Einige Minuten rannen Thränen über ihre eingesunkenen Wangen nieder; dann aber schien sie die erforderliche Kraft und Entschlossenheit gewonnen zu haben. »Philipp, ich will von deinem Vater mit dir sprechen. Man glaubt – er sei – auf der See ertrunken.« »Wie – und das wäre nicht so, Mutter?« versetzte Philipp mit der Miene der Ueberraschung. »Oh nein!« »Aber er ist doch schon lange todt, Mutter?« »Nein – ja – und doch – nein,« sagte die Wittwe, ihre Augen bedeckend. »Sie redet irre,« dachte Philipp, nahm aber wieder auf: »Wohlan denn, Mutter, wo ist er?« Die Wittwe erhob sich und ein Zittern lief über ihren ganzen Körper, als sie entgegnete: »Er erleidet im Leben das Gericht .« Die arme Frau sank dann wieder auf das Kissen zurück und barg ihren Kopf unter den Betttüchern, als suche sie Schutz gegen den Stachel ihrer eigenen Erinnerungen. Philipp war so verwirrt und erstaunt, daß er nicht antworten konnte. Einige Minuten schwieg er; dann aber konnte er die Qual der Ungewißheit nicht länger ertragen und flüsterte leise: »Das Geheimniß, Mutter, das Geheimniß! Geschwind, laßt mich's hören.« »Ich kann dir jetzt Alles sagen,« versetzte die Mutter mit feierlicher Stimme. »Höre mich, mein Sohn. Der Charakter deines Vaters war dem deinigen nur zu ähnlich – ach, möge sein schreckliches Loos eine Lehre für dich sein, mein theures Kind! Er war kühn, wagehalsig und, wie man sagt, ein Seemann ersten Rangs. Er ist nicht von hier, sondern von Amsterdam gebürtig, wo er übrigens nicht leben mochte, weil er noch der katholischen Religion anhing. Du weißt, Philipp, daß, unserem Glaubensbekenntniß zufolge, die Holländer Ketzer sind. Es sind jetzt siebenzehn Jahre oder mehr, daß er in seinem schönen Schiffe, dem Amsterdamer, mit einer werthvollen Ladung nach Indien ausfuhr. Es war seine dritte Indienreise, Philipp, und hätte, wenn es Gottes Wille gewesen wäre, auch seine letzte sein sollen, denn er hatte auf den Ankauf jenes guten Schiffs nur einen Theil seiner Ersparnisse verwendet, und bedurfte nur noch einer einzigen Fahrt, um sich ein schönes Vermögen zu machen. Ach! wie oft sprachen wir mit einander über das, was wir thun wollten nach seiner Rückkehr; und wie trösteten mich diese Pläne für die Zukunft über seine Abwesenheit – denn ich liebte ihn zärtlich, Philipp, da er stets gütig und freundlich gegen mich gewesen war. Oh, wie zählte ich die Stunden bis zu seiner Heimkehr! Das Weib eines Seemanns hat kein beneidenswerthes Loos. Wie viele Monate sitzt sie einsam und allein, in den langen Docht der Kerze schauend und auf das Heulen des Windes lauschend, der ihr schlimme Ahnungen über Schiffbruch und Wittwenschaft zuflüstert. Er war bereits sechs Monate fort, Philipp, und ich sollte noch ein langes, trauriges Jahr harren, ehe er wieder zurückkehrte. Eines Abends, mein Kind, warst du fest eingeschlafen – du, der einzige Trost in meiner Verlassenheit. Ich hatte gewacht, während du schlummertest. Du lächeltest und sprachest halb den Namen der Mutter aus. Endlich küßte ich deine nichts ahnenden Lippen, kniete nieder und betete um Gottes Segen für dich, mein Kind, und auch für ihn – mir damals noch nicht träumen lassend, daß ein so schrecklicher, so fürchterlicher Fluch über ihn ergangen war.« Die Wittwe haschte nach Luft und nahm dann wieder auf. Philipp konnte nicht sprechen. Seine Lippen öffneten sich und seine Augen hafteten an der Mutter, als wollte er ihre Worte verschlingen. »Ich verließ dich und ging die Treppe hinunter in das Zimmer, welches seit jener schrecklichen Nacht nicht wieder geöffnet wurde. Ich setzte mich nieder und las, denn der Wind heulte, und wenn ein Sturm weht, kann das Weib eines Seemanns selten schlafen. Mitternacht war vorüber und der Regen schoß in Strömen nieder. Eine ungewöhnliche Furcht wandelte mich an, ohne daß ich mir den Grund zu erklären vermochte. Ich stand von dem Kanapee auf, tauchte meine Finger in das Weihwasser und bekreuzte mich. Ein heftiger Windstoß brauste um das Haus und beunruhigte mich noch mehr. Ich hatte eine schmerzliche, furchtbare Ahnung. Da wurden plötzlich Fenster und Fensterläden hereingeweht. Das Licht erlosch und ich war in völliger Finsterniß. Im Schrecken schrie ich laut hinaus, erholte mich aber endlich wieder und war eben im Begriff, an das Fenster zu gehen, um es wieder zu schließen – da sah ich langsam – deinen Vater – zum Fensterrahmen hereinkommen! – Ja, Philipp – es war dein Vater!« »Barmherziger Gott!« murmelte Philipp in dumpfem, fast ersticktem Flüstertone. »Ich wußte nicht, was ich denken sollte – er war im Zimmer und trotz der dichten Finsterniß stand doch seine Gestalt so klar und deutlich vor mir, wie am hellen Mittage. Die Furcht schreckte mich zurück – seine theure Gegenwart zog mich zu ihm hin. Ich blieb an der Stelle, wo ich war, vor Angst fast erstickt. Sobald er sich im Zimmer befand, schlossen sich Fenster und Läden von selbst und die Kerze entzündete sich wieder. Jetzt dachte ich, daß es eine Erscheinung sei, und sank ohnmächtig zu Boden. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Kanapee, und eine eisig kalte, feuchte Hand hielt die meinige umfaßt. Dies ermuthigte mich wieder und ich vergaß die übernatürlichen Zeichen, welche seine Erscheinung begleiteten. Ich meinte, er sei verunglückt und wieder nach Hause zurückgekehrt. Ich öffnete meine Augen und erblickte meinen theuren Gatten, dem ich mich in die Arme warf. Seine Kleider waren vom Regen durchnäßt, und es dünkte mich, als ob ich einen Eiskörper umfaßt hätte – aber nichts ist im Stande, die glühende Liebe einer Frau zu zügeln, Philipp. Er nahm meine Liebkosungen hin, ohne sie jedoch zu erwidern, oder auch nur zu sprechen; dabei sah er gedankenvoll und traurig aus. »›William – William,‹« rief ich, »›rede Vanderdecken; sprich mit deiner armen Catharine‹« »›Ich will‹« versetzte er feierlich, »›denn meine Zeit ist kurz.‹« »›Nein, nein, du darfst nicht wieder auf die See gehen. Du hast zwar dein Schiff verloren, bist aber doch gerettet. Willst du nicht wieder bei mir bleiben?‹« »›Ach, nein – doch erschrick nicht, sondern höre, denn meine Zeit ist kurz. Mein Schiff ist nicht zu Grunde gegangen, Catharine, aber ich habe verloren – –!!! Antworte mir nicht, sondern höre; ich bin nicht todt, aber auch nicht am Leben. Ich schwebe zwischen dieser Welt und der Welt der Geister. Merke auf, was ich dir sage.‹« »›Neun Wochen lang versuchte ich, an dem stürmischen Kap gegen die Macht der Winde anzukämpfen, aber ohne Erfolg, und ich fluchte fürchterlich. Neun weitere Wochen führte ich meine Segel gegen die widrigen Winde und Strömungen, ohne jedoch Raum gewinnen zu können, und dann brach ich – ach, in schreckliche Gotteslästerungen aus. Dennoch blieb ich bewahrt; die Schiffsmannschaft, von den langen Anstrengungen erschöpft, verlangte, daß ich nach der Tafelbay zurückkehre, aber ich weigerte mich; ja, ich wurde sogar ein Mörder, – unabsichtlich zwar, aber doch ein Mörder. – Der Pilot stand gegen mich auf und überredete die Leute, mich zu binden. Im Uebermaße meiner Wuth faßte ich ihn am Kragen und schlug ihn. Er taumelte und bei einem plötzlichen Schwanken des Schiffs fiel er über Bord, um nicht wieder zum Vorschein zu kommen. Selbst dieser schreckliche Tod zügelte mich nicht, und ich schwor bei der Reliquie des heiligen Kreuzes, die jetzt um deinen Hals hängt, daß ich vorwärts dringen wolle trotz Ungewittern und wilder See, trotz Blitz und Donner, trotz Himmel oder Hölle, und wenn ich bis zum Tage des Gerichts mich abmühen müßte.⃭« »›Mein Fluch wurde unter Donnerschlägen und in Strömen schwefeligen Feuers aufgezeichnet. Der Orkan tobte auf das Schiff los und die Segel flogen in Fetzen davon. Berge von Wogen fegten über uns hin, und in der Mitte einer tief niederhängenden Wolke, welche Alles in äußerste Finsternis; hüllte, standen mit blauen Flammen die Worte geschrieben – bis zum Tage des Gerichts .⃭« »›Höre mich nun, Catharine, denn meine Zeit ist kurz. Nur Eine Hoffnung bleibt mir noch, und um dieser willen ist es mir gestattet, hierher zu kommen. Nimm diesen Brief‹. Er legte ein versiegeltes Papier auf den Tisch. ›Lies ihn, theuerste Catharine und versuche, ob du mir beistehen kannst – lies ihn, und dann lebe wohl, meine Zeit ist gekommen.‹« »Abermals flog das Fenster und der Fensterladen auf – das Licht erlosch auf's Neue und die Gestalt meines Gatten schien in das Dunkel hinaus zu schwimmen. Ich sprang auf und folgte ihm mit ausgebreiteten Armen. Ein Ruf des Wahnsinns rang sich aus meiner Brust, während er durch das Fenster segelte – meine starren Augen erblickten die Umrisse, wie sie, dem Blitze gleich, auf den Schwingen des wilden Sturmes dahin getragen wurden, bis sie sich in einen einzigen lichten Punkt zusammendrängten und dann verschwanden. Abermals schlossen sich die Fenster, das Licht brannte, und ich war allein!« »Himmel habe Erbarmen! mein Gehirn! – mein Gehirn! – Philipp! – Philipp!« schrie die arme Frau; »verlaß mich nicht – bitte – bitte – verlaß mich nicht.« Während dieser Ausrufungen hatte sich die Wittwe ungestüm von ihrem Bette aufgerichtet, bis sie zuletzt in die Arme ihres Sohnes sank. Da blieb sie einige Minuten regungslos liegen. Nach einer Weile ängstigte sich Philipp über ihre lange Ruhe; er legte sie sanft auf das Bette nieder, und während er dies that, sank ihr Kopf zurück. Ihre Augen hatten sich verdreht – die Wittwe Vanderdecken war nicht mehr. Zweites Kapitel. Philipp Vanderdecken fühlte sich trotz seiner Seelenstärke doch fast gelähmt, als er entdeckte, daß der Geist seiner Mutter entwichen war. Eine Weile blieb er an der Seite des Bettes, keines Gedankens fähig und das Auge nur auf die Leiche geheftet. Aber allmälig faßte er sich wieder. Er stand auf, legte das Kissen zurecht, schloß der Verschiedenen die Augenlider und faltete dann seine Hände, während die Thränen über seine Wangen niederträufelten. Er drückte einen feierlichen Kuß auf die blasse, weiße Stirne der Todten und zog die Vorhänge um das Bette. »Arme Mutter!« sagte er bekümmert, als er sein Geschäft beendigt hatte; »endlich ist dir Ruhe geworden – aber deinem Sohne hast du ein bitteres Vermächtniß hinterlassen.« Und als Philipps Gedanken zu dem, was vorgegangen war, zurückkehrten, bemächtigte sich die furchtbare Erzählung seiner Einbildungskraft und verwirrte ihm beinahe das Gehirn. Er erhob die Hände zu seinen Schläfen und drückte sie mit Macht zusammen, dabei über den Maßregeln brütend, die er einschlagen sollte. Er fühlte, daß er keine Zeit hatte, seinem Grame nachzuhängen. Seine Mutter war in Frieden – aber sein Vater – wo war dieser? Er rief sich die Worte seiner Mutter in's Gedächtniß. ›Nur Eine Hoffnung bleibt mir noch.‹ Hoffnung war also vorhanden. Sein Vater hatte ein Papier auf den Tisch gelegt – war es wohl noch zu finden? Ja, es mußte so sein; seine Mutter hatte nicht den Muth besessen, es aufzunehmen. Der Brief, der mehr als siebenzehn Jahre unerbrochen da gelegen hatte, gab eine Aussicht an die Hand. Philipp Vanderdecken beschloß, das verhängnißvolle Gemach zu untersuchen, um mit einem Male das Schlimmste zu erfahren. Sollte er es unverweilt thun, oder bis zum Morgen warten – aber, wo war der Schlüssel? Seine Augen ruhten auf einem alten, lackirten Schreine in dem Zimmer; seine Mutter hatte ihn nie in seiner Gegenwart geöffnet – er war also der einzige Ort, wo das, was er suchte, wahrscheinlicherweise verborgen sein konnte. Rasch in allen seinen Entschließungen, griff er nach der Kerze und schickte sich an, seine Untersuchung vorzunehmen. Der Schrein war nicht verschlossen; die Thüren gingen leicht auf und Philipp durchspähete alle Schubladen, ohne den Gegenstand seiner Nachforschung zu finden; wieder und wieder öffnete er die Laden, aber sie waren leer. Da kam Philipp auf den Gedanken, daß vielleicht geheime Schubfächer vorhanden wären, und untersuchte das Geräthe geraume Zeit ohne Erfolg. Endlich nahm er sämmtliche Laden heraus, legte sie auf den Boden, erhob dann den Schrank und rüttelte ihn. Ein rasselndes Getöse in einer Ecke sagte ihm, daß der Schlüssel wahrscheinlich hier verborgen war. Er erneuerte seine Versuche, um zu entdecken, wie er ihn herauskriegen könne, aber vergeblich. Das Tageslicht strömte jetzt zum Fenster herein und Philipp hatte seine Bemühungen noch immer nicht eingestellt. Ermattet beschloß er endlich, die hintere Platte des Schreins herauszunehmen; er stieg nach der Küche hinunter, kehrte mit einem kleinen Stemmeisen und einem Hammer zurück, und lag eben auf seinen Knieen, emsig damit beschäftigt, das Hinterbrett auszubrechen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Philipp fuhr zusammen. Sein Spähen und seine wild jagenden Gedanken hatten ihn dermaßen in Anspruch genommen, daß er den Schall nahender Fußtritte nicht vernahm. Er sah auf und erblickte den Pater Seysen, den Geistlichen des kleinen Sprengels, dessen Augen ernst auf ihm hafteten. Der gute Mann hatte Kunde erhalten von dem gefährlichen Zustande der Wittwe Vanderdecken und war mit dem Grauen des Tages aufgebrochen, um sie zu besuchen und ihr geistigen Trost zu bringen. »Was soll das, mein Sohn?« fragte der Priester. »Fürchtest du nicht, die Ruhe deiner Mutter zu stören, und willst du mausen und stipitzen, noch ehe sie unter dem Boden liegt?« »Die Ruhe meiner Mutter fürchte ich nicht zu stören, guter Vater;« versetzte Philipp sich aufrichtend, »denn sie ist bereits unter den Seligen. Auch ist es nicht meine Absicht, etwas zu mausen, denn ich spähe nicht nach Gold, obgleich ich es mir mit Recht zueignen könnte, wenn welches vorhanden wäre. Mein Suchen gilt bloß einem Schlüssel, welcher, wie ich glaube, seit lange in diesem geheimen Schubfache verborgen liegt, das ich nicht zu öffnen verstehe.« »Deine Mutter ist nicht mehr, sagst du, mein Sohn? Und todt, ohne die heiligen Sakramente empfangen zu haben? Warum hast du nicht nach mir geschickt?« »Sie starb plötzlich, guter Pater – ganz plötzlich – erst vor ein paar Stunden in diesen meinen Armen. Für ihre Seele bin ich unbekümmert, obgleich es mir sehr leid thut, daß Ihr nicht an ihrer Seite wart.« Der Priester öffnete sachte die Vorhänge und blickte auf die Leiche hin. Dann sprengte er etwas Weihwasser auf das Bette und verharrte eine geraume Zeit in stummem Gebete. Endlich wandte er sich gegen Philipp um. »Warum sehe ich dich aber so beschäftigt, und was ist der Grund, daß du so ängstlich nach diesem Schlüssel suchst? Der Tod einer Mutter sollte doch wohl geeignet sein, kindliche Thränen und Gebete für ihre ewige Ruhe hervorzurufen, und doch sind deine Augen trocken. Du bemühst dich, einen gleichgültigen Gegenstand aufzusuchen, während die Hülle noch warm ist, aus der vor Kurzem der Geist entwich. Das ist durchaus nicht schicklich, Philipp. Was ist's mit dem Schlüssel, den du suchst?« »Vater, ich habe keine Zeit zu Thränen – keine Zeit für Schmerz oder Weheklagen. Es bleibt mir viel zu thun, und ich habe mehr zu denken, als vielleicht mein Gehirn zu fassen vermag. Daß ich meine Mutter liebte, ist Euch nicht unbekannt.« »Aber der Schlüssel, den du suchst, Philipp?« »Vater, es ist der Schlüssel zu dem Gemach, das seit Jahren verschlossen blieb – und das ich – öffnen will – selbst wenn – –« »Wenn was, mein Sohn?« »Ich wollte etwas sagen, was ich verschweigen muß. Vergebt mir, Vater: ich meinte, daß ich jenes Gemach untersuchen müsse.« »Ich habe längst auch von jener verschlossenen Stube gehört und weiß wohl, daß deine Mutter keine Auskunft darüber geben mochte, denn sie wollte sogar auf meine Fragen nie Rede stehen. Meine Pflicht veranlaßte mich, in sie zu dringen, aber als ich fand, daß mein Eifer ihr Gefahr drohte, gab ich jeden weiteren Versuch auf. Auf das Herz deiner Mutter muß eine schwere Last gedrückt haben, mein Sohn, obgleich sie mir nie darüber beichten oder dieselbe vertrauen mochte. Sage mir, hat sie dir vor ihrem Tode das Geheimniß mitgetheilt?« »Ja, mein frommer Vater.« »Würde es dir nicht zum Troste gereichen, wenn du es mir anvertrautest? Ich könnte dir mit meinem Rathe, mit meinem Beistande – –« »Gewiß würde das der Fall sein, Vater, denn ich könnte auf Euren Beistand bauen und weiß recht wohl, daß Euch nicht bloße Neugierde, sondern ein besserer Beweggrund leitet. Aber aus dem, was meine arme Mutter sagte, ist mir noch nicht klar, ob sie die Wahrheit sprach, oder ob ihr nur irgend ein Phantom das Gehirn verwirrt hatte. Hat es mit der Sache seine Richtigkeit, so will ich gerne die Last mit Euch theilen – wie wenig Ihr mir es auch Dank wissen werdet; vorderhand aber muß ich schweigen und mein Werk erfüllen – ich muß allein das verhaßte Zimmer betreten.« »Fürchtest du dich nicht?« »Vater, ich fürchte nichts. Ich habe eine Pflicht zu erfüllen – eine schreckliche zwar, aber ich bitte, fragt mich nicht weiter, denn gleich meiner Mutter, ist's mir, als ob eine Untersuchung der Wunde fast meine Vernunft über den Haufen werfen könnte.« »Ich will nicht weiter in dich dringen. Vielleicht kommt die Zeit, in der ich dir Dienste leisten kann. Lebewohl, mein Kind; aber ich bitte dich, von dieser unziemenden Arbeit abzulassen, denn ich muß zu den Nachbarn schicken, damit sie deiner hingeschiedenen Mutter, deren Seele hoffentlich bei Gott ist, den letzten Dienst erweisen.« Der Priester sah Philipp an und bemerkte aus der starren und betrübten Miene desselben, daß seine Gedanken anderswo waren; er entfernte sich mit Kopfschütteln. »Er hat Recht,« sagte Philipp zu sich selbst, als er wieder allein war, indem er den Schrein aufnahm und ihn wieder an seinen vorigen Platz rückte. »Ein paar Stunden mehr oder weniger können keinen Unterschied ausmachen. Ich will mich niederlegen, denn mein Kopf ist schwindelig.« Er begab sich in das anstoßende Gemach, warf sich auf sein Bette und lag nach ein paar Minuten in einem so tiefen Schlafe, als derjenige ist, der ein paar Stunden vor der Hinrichtung die Augen des Verurteilten zudrückt. Während seines Schlummers kamen die Nachbarn herbei und trafen alle Vorkehrungen für die Beerdigung der Wittwe, ohne jedoch den Sohn zu wecken, weil sie es für eine heilige Pflicht hielten, den Schlaf zu schonen, dem nur ein schmerzliches Erwachen folgen konnte. Bald nach Mittag langte unter Anderen auch Mynheer Poots an. Er hatte zwar bereits Kunde von dem Tode der Wittwe erhalten, konnte aber über ein freies Stündchen verfügen und meinte, er könne recht wohl einen Besuch machen, da derselbe seine Rechnung um einen weitern Gülden erhöhen würde. Zuerst begab er sich nach dem Gemache, wo die Leiche lag, dann aber nach der Kammer Philipps, welchen er an der Schulter rüttelte. Philipp erwachte, richtete sich auf und sah den Doktor neben seinem Lager stehen. »Nun, Mynheer Vanderdecken,« begann der gefühllose kleine Mann, »so ist also Alles vorüber. Ich wußte wohl daß es so kommen würde; aber wohlgemerkt, Ihr schuldet mir jetzt einen weitern Gülden und Ihr habt mir versprochen, Alles redlich zu bezahlen. Mit dem Trank macht Alles zusammen vierthalb Gülden, vorausgesetzt, daß Ihr mir das Fläschchen zurückgebt.« Philipp erholte sich während dieser Anrede aus seiner Schlaftrunkenheit, stand von seinem Bette auf und erwiderte: »Ihr sollt Eure vierthalb Gülden und die Flasche obendrein haben, Herr Poots.« »Ja, ja; ich weiß, Ihr habt die Absicht, mich zu bezahlen – wenn Ihr könnt. Aber schaut, Mynheer Philipp, es wird vielleicht einige Zeit anstehen, ehe Ihr die Hütte verkaufen könnt. Ihr werdet nicht viele Liebhaber finden. Nun, ich möchte nie gerne hart mit Leuten umgehen, die kein Geld haben, und will Euch daher sagen, was meine Ansicht ist. Eure Mutter hat da etwas um den Hals. Es besitzt für Niemand einen Werth, als – für einen guten Katholiken. Um Euch aus Eurer Noth zu helfen, will ich dieses Ding nehmen, und dann mit Euch quitt sein. Ich bin dann bezahlt und die Sache hat ein Ende.« Philipp hörte ruhig zu; er wußte, was der kleine Geizhals meinte – die Reliquie am Halse seiner Mutter – dieselbe Reliquie, auf welche sein Vater den verhängnißvollen Eid geschworen hatte. Er fühlte, daß eine Million Gülden ihn nicht veranlassen konnte, sich davon zu trennen. »Verlaßt das Haus,« antwortete er; »verlaßt es augenblicklich. Euer Geld soll bezahlt werden.« Nun wußte Mynheer Poots für's erste, daß die Fassung der Reliquie, eine viereckige Kapsel von reinem Golde, mehr werth war, als die ihm schuldige Summe. Desgleichen war ihm nicht unbekannt, daß für das Heiligthum selbst ein großer Preis bezahlt worden war, und da in jener Zeit derartige Reliquien sehr werth gehalten wurden, so zweifelte er nicht, etwas Erkleckliches daraus zu lösen. Als er in die Leichenkammer trat, hatte der Anblick so verführerisch auf ihn gewirkt, daß er die Kapsel wegnahm und sie in seiner Rocktasche verbarg; er entgegnete daher – »Mein Anerbieten ist nicht unrecht, Mynheer Philipp, und Ihr würdet gut thun, es anzunehmen. Wozu ist auch ein solcher Tand nütze?« »Ich sage Euch noch einmal, nein,« rief Philipp ergrimmt. »Wohlan denn, so laßt mir es wenigstens, bis ich bezahlt bin, Mynheer Vanderdecken – das ist nicht mehr wie billig. Ich mag mein Geld nicht verlieren. Wenn Ihr mir die vierthalb Gülden und die Flasche bringt, so will ich es Euch zurückgeben.« Philipps Entrüstung kannte jetzt keine Grenzen mehr. Er ergriff Mynheer Poots am Kragen und warf ihn zur Thüre hinaus. »Hinweg mit Euch, augenblicklich,« rief er, »oder bei – –« Philipp hatte keine Gelegenheit, seine Verwünschung zu beendigen. Der Doktor war so erschrocken fortgeeilt, daß er die Hälfte der Treppe hinunterstürzte und hinkend sich über die Brücke hinüberhelfen mußte. Er wünschte fast, die Reliquie nicht an sich genommen zu haben; aber seine plötzliche Flucht hinderte ihn, sie der Leiche wieder anzulegen, selbst wenn er gewollt hätte. Das Ergebniß dieses Gesprächs lenkte natürlich Philipps Gedanken auf die Reliquie; er begab sich in das Zimmer seiner Mutter, um sie zu holen. Wie er die Vorhänge öffnete, lag die Leiche ausgestreckt – er wollte das schwarze Band losknüpfen, aber es war nicht mehr zugegen. »Es ist fort!« rief Philipp. »Die Nachbarn werden es wohl nicht entfernt haben – nein, nimmermehr. – – Es muß jener Schurke der Poots gewesen sein. Aber ich will es wieder haben, selbst wenn er es verschluckt hätte – oder wenn ich ihm Glied für Glied vom Leibe reißen müßte.« Philipp stürzte die Treppe hinunter, eilte aus dem Hause, setzte mit eine m Sprunge über den Graben und eilte ohne Rock oder Hut in der Richtung, wo des Doktors einsame Wohnung stand. Die Nachbarn sahen ihn mit der Schnelligkeit des Windes vorbeieilen, blickten ihm verwundert nach und schüttelten die Köpfe. Mynheer Poots hatte den Weg noch nicht zur Hälfte zurückgelegt, da sein Knöchel verrenkt war. Aus Furcht vor den Folgen, wenn sein Diebstahl entdeckt werden sollte, sah er hin und wieder zurück, bis er endlich zu seinem Entsetzen Philipp Vanderdecken aus der Entfernung ihm nachstürzen sah. Vor Schrecken ganz außer sich, wußte der armselige Dieb kaum, was er thun sollte. Halt zu machen und das gestohlene Eigenthum wieder zurückzugeben, war sein erster Gedanke; aber die Furcht vor Vanderdeckens Ungestüm that Einsprache, weshalb er beschloß, nach Kräften zu eilen, um sein Haus zu erreichen. Dort konnte er sich verschanzen und so das entwendete Gut bergen oder wenigstens seine Bedingungen machen, ehe er es herausgab. Mynheer Poots hatte wohl nöthig, schnell zu laufen, und that es auch nach Kräften; seine welke Gestalt huschte rasch auf den Spindelbeinen über den Boden hin. Sobald jedoch Philipp bemerkte, daß der Doktor zu entfliehen versuchte, fühlte er sich völlig überzeugt, daß dieser der Schuldige war und verdoppelte deshalb seine Anstrengungen. Hundert Schritte von seiner Thüre hörte Mynheer Poots Philipps raschen Tritt immer näher kommen, und die Todesangst beschleunigte seine Eile. Näher und näher vernahm er seinen Verfolger, bis er zuletzt dessen Athemzüge unterscheiden konnte; er schrie deshalb in seiner Furcht laut auf, wie der Hase im Rachen des Windspiels. Philipp befand sich nur noch eine Elle hinter ihm: sein Arm war bereits ausgestreckt, als der Doctor, vor Schrecken völlig gelähmt, zusammensank. Vanderdecken schoß in seinem Ungestüm über ihn weg, that einen Fehltritt und sank, während er sein Gleichgewicht zu erhalten bemüht war, rollend auf den Boden. Dieß rettete den Geizhals – er war ganz das Seitenstück eines Hasen. Im Nu befand er sich wieder auf den Beinen, und noch ehe Philipp sich erheben konnte, hatte Poots bereits seine Thüre erreicht und sie von innen verriegelt. Der junge Mann war jedoch entschlossen, seinen wichtigen Schatz nicht aufzugeben, und warf keuchend seine Blicke umher, um zu sehen, welche Mittel sich darböten, um einen Eingang in das Haus zu erzwingen. Da jedoch die Wohnung des Doctors abgelegen stand, war jede Vorsichtsmaßregel getroffen worden, um den Eigenthümer gegen Beraubung zu sichern; die untern Fenster hatten starke Gitter und die des obern Stockes waren zu hoch, als daß sie hätten erklommen werden können. Wir müssen hier bemerken, daß Mynheer Poots, der seiner anerkannten Tüchtigkeit eine gute Praxis verdankte, doch allgemein im Rufe eines hartherzigen, gefühllosen Geizhalses stand. Niemand durfte je über seine Schwelle kommen, oder hatte überhaupt nur Lust dazu. Er war so abgeschieden von seinen Nebenmenschen, wie seine Wohnung, und ließ sich überhaupt nur in Kranken- und Leichenstuben blicken. Wie es in seinem Hauswesen aussah, wußte Niemand zu sagen. Als er sich in der Gegend niederließ, zeigte sich hin und wieder auf das Klopfen Derjenigen, welche die Dienste des Doctors verlangten, ein altes, abgelebtes Weib; aber sie war bereits seit einiger Zeit begraben, und seitdem antwortete Mynheer Poots in Person, während die zudringlichen Hilfsbedürftigen in seiner Abwesenheit gar keinen Bescheid erhielten. Daraus folgerte man, daß der alte Mann ganz allein lebe, denn er war zu filzig, um einen Dienstboten zu bezahlen. Auch Philipp war dieser Ansicht, und sobald er wieder zu Athem gekommen war, sann er auf einen Plan, durch den er sich in den Stand setzen konnte nicht nur das gestohlene Eigenthum wieder an sich zu bringen, sondern auch derbe Rache zu üben. Die Thüre war stark und ließ sich durch die Hülfsmittel, welche sich Vanderdeckens Augen darboten, nicht erbrechen. Einige Minuten hielt er inne, um zu überlegen, und da sich in dieser Zeit sein Zorn kühlte, beschloß er, sich mit Zurückgabe der Reliquie zu begnügen, ohne Gewaltthat anzuwenden. Er rief daher mit lauter Stimme: – »Mynheer Poots, ich weiß, daß Ihr mich hören könnt. Gebt mir zurück, was Ihr mir genommen habt, und ich will Euch kein Leides zufügen. Habt Ihr übrigens keine Lust dazu, so müßt Ihr die Folgen auf Euch nehmen, denn Ihr sollt mir den Diebstahl mit Eurem Leben bezahlen, ehe ich von der Stelle weiche.« Diese Worte waren in der That vernehmlich genug, um von Mynheer Poots gehört zu werden; der kleine Geizhals hatte sich jedoch von seinem Schrecken wieder erholt, und da er jetzt sicher zu sein wähnte, konnte er sich nicht entschließen, die Reliquie so leichten Kauf's aufzugeben. Er antwortete deßhalb nicht, in der Hoffnung, Philipps Geduld werde sich erschöpfen, und sann auf ein Abfinden, etwa auf das Opfer einiger Gülden, die für einen armen Teufel wie Philipp keine Kleinigkeit waren, um sich so die Reliquie zu sichern, die ihm einen hohen Preis einzubringen versprach. Als Vanderdecken bemerkte, daß keine Antwort folgte, brach er in heftige Schimpfreden aus und entschied sich für Maßregeln, die ihrer Natur nach keineswegs unentschieden genannt werden konnten. Nicht weit von dem Hause stand ein kleiner Schober dürren Futters und unter der Hauswand ein Haufen Brennholz. Mit derartigen Hülfsmitteln gedachte Vanderdecken das Haus in Brand zu stecken und so, wenn er auch seine Reliquie nicht erhielt, wenigstens volle Rache zu nehmen. Er brachte mehrere Arme voll Heu herbei, legte sie an die Thüre des Hauses und schichtete Reißbündel und Holzscheite auf, bis von der Thüre nichts mehr zu sehen war. Dann griff er zu Stein, Stahl und Zunder, die jeder Holländer stets bei sich führt und hatte bald den Stoß zur Flamme angefacht. Der Rauch stieg in dichten Wolken zu den Dachsparren empor, während das Feuer unten wüthete. Auch die Thüre entzündete sich und vermehrte die Wuth der Flamme. Philipp jubelte in wilder Freude über den glücklichen Erfolg seines Versuches. »Ha, du erbärmlicher Leichenberauber – du armseliger Dieb, jetzt sollst du meine Rache fühlen,« rief Philipp mit lauter Stimme. »Wenn du drinnen bleibst, wirst du von den Flammen verzehrt, und versuchst du herauszukommen, so sollst du von meinen Händen sterben, – Hört Ihr's, Mynheer Poots – hört Ihr's?« Philipp hatte seine Anrede kaum beendigt, als das Fenster des oberen Stocks, das von der brennenden Thüre am weitesten entfernt war, aufgerissen wurde. »Ha – jetzt kommst du, um zu bitten und zu betteln: aber da wird nichts daraus,« rief Philipp, machte aber plötzlich Halt, da sich an dem Fenster etwas zeigte, was ihm wie eine überirdische Erscheinung vorkam, denn statt der Jammerfigur des Geizhalses erblickte er eine der lieblichsten Gestalten, welche die Natur je zu schaffen beliebt hatte, ein wahres Engelwesen von ungefähr sechszehn oder siebenzehn Jahren, das in der Mitte der Gefahr, von welcher es bedroht war, die größte Ruhe und Entschlossenheit behauptete. Das lange Haar des Mädchens war in Flechten gelegt und zweimal um den schöngebildeten Kopf geschlungen; aus ihren großen dunkeln Augen leuchtete eine sanfte Gluth, und ihre hohe weiße Stirne, ihr Grübchen-Kinn, die feingeschnittenen und gewölbten rubinrothen Lippen stachen allerliebst, bezaubernd gegen die kleine, gerade Nase ab. Ein lieblicheres Antlitz kann man sich nicht leicht denken; es erinnerte an das, was die besten Maler in ihren glücklicheren Augenblicken bisweilen zu verkörpern vermögen, wenn sie eine schöne Heilige darzustellen wünschen. Dazu noch die leckende Flamme und der Rauch, der an dem Fenster vorbeiqualmte – man hätte sie in ihrer ruhigen Haltung für eine Märtyrerin auf dem Scheiterhaufen nehmen mögen. »Was beginnst du, ungestümer junger Mann? Warum sollen die Bewohner dieses Hauses durch dich den Tod erleiden?« rief die Jungfrau mit Fassung. Philipp starrte die Gestalt einen Augenblick an und vermochte nicht zu antworten; dann erfaßte ihn der Gedanke, daß er im Begriffe sei, seiner Rache ein so liebliches Wesen zum Opfer zu bringen. In ihrer Gefahr alles Andere vergessend, ergriff er einen der großen Pfähle, die er zur Nahrung für die Flamme herbeigebracht hatte, und warf die brennende Masse nach allen Richtungen auseinander, bis nichts mehr zurückblieb, was das Gebäude hätte beschädigen können, als die lodernde Thüre, welche gleichfalls noch keine sehr wesentliche Beeinträchtigung erlitten hatte, da sie aus einer dicken, eichenen Bohle bestand. Aber auch hier wurde die Flamme bald gelöscht, indem Philipp dem verzehrenden Element durch Erdklöse ein Ziel setzte. Während dieser thätigen Maßregeln von Seiten des jungen Mannes sah die Jungfrau schweigend zu. »Alles ist jetzt sicher, junge Dame,« sagte Philipp, »Gott verzeih' mir, daß ich ein so kostbares Leben in Gefahr setzen konnte. Ich hatte jedoch nur die Absicht, an Mynheer Poots meine Rache zu kühlen.« »Und welchen Grund kann Mynheer Poots zu einer so schrecklichen Rache gegeben haben?« versetzte das Mädchen ruhig. »Welchen Grund, junge Dame? Er kam in mein Haus und beraubte die Todten, indem er der Leiche meiner Mutter eine unschätzbare Reliquie abnahm.« »Er beraubte die Todten? – Nein, gewiß, das kann nicht sein – Ihr thut ihm Unrecht, junger Mann.« »Nein, nein. Es ist Thatsache, meine Dame – und diese Reliquie – verzeiht mir – aber diese Reliquie muß ich haben. Ihr wißt nicht, was davon abhängt.« »Geduldet Euch, junger Mann,« erwiderte die Jungfrau. »Ich werde bald wieder zurückkehren.« Philipp wartete mehrere Minuten in Gedanken und Bewunderung verloren. Ein so schönes Wesen im Hause von Mynheer Poots! Wer mochte sie sein? Während er seine Betrachtungen über diese Frage anstellte, wurde er durch die Silberstimme aus seinen Träumen geweckt. Der Gegenstand derselben lehnte im Fenster und hielt in der Hand das schwarze Band, an welchem der so sehnlich verlangte Gegenstand befestigt war. »Hier ist Eure Reliquie, Herr,« sagte das Mädchen. »Ich bedaure recht sehr, daß mein Vater eine That beging, welche wohl geeignet war, Euren Zorn zu rechtfertigen. Aber hier ist Euer Eigenthum,« fuhr sie fort, die Kapsel auf den Boden niederfallen lassend, »und jetzt könnt Ihr Euch entfernen.« »Euer Vater, Jungfrau? Kann dieser Mensch Euer Vater sein?« entgegnete Philipp mit einer Angelegentlichkeit, daß er sogar die Reliquie aufzunehmen vergaß, welche zu seinen Füßen lag. Sie würde sich ohne Antwort von dem Fenster zurückgezogen haben, aber Philipp fuhr fort: »Haltet, Jungfrau! haltet einen Augenblick, bis ich Euch um Vergebung gebeten habe für meine wilde, thörichte Handlung. Ich schwöre Euch's bei dieser geheiligten Reliquie,« fügte er bei, indem er sie vom Boden aufhob und an seine Lippen führte, »daß ich nicht so gehandelt haben würde, wenn ich gewußt hätte, daß sich eine harmlose Person in diesem Hause befinde; um so mehr freut mich's aber jetzt, daß kein Schaden geschehen ist. Dennoch ist die Gefahr noch nicht vorüber, Jungfrau. Die Thüre muß aufgeriegelt und die Pfosten, welche noch immer glimmen, müssen mit Wasser begossen werden, da das Haus sonst doch noch in Brand gerathen könnte. Fürchtet nichts für Euren Vater, Jungfrau, denn hätte er mir auch tausendmal mehr Unrecht gethan, so wäret Ihr doch im Stande, jedes Haar auf seinem Haupte zu schützen. Er kennt mich gut genug, um zu wissen, daß ich mein Wort halte. Erlaubt mir, das Unrecht, das ich verübt habe, wieder gut zu machen, und dann will ich mich entfernen.« »Nein, nein; traue ihm nicht,« sagte Mynheer Poots aus dem Inneren des Gemachs. »Ja, ich will ihm trauen,« versetzte die Tochter. »Seine Dienste sind sehr von Nöthen, denn was könnte ein armes, schwaches Mädchen, wie ich, und ein noch schwächerer Vater, in einer so beängstigenden Lage ausrichten? Oeffnet die Thüre, damit wir das Haus in Sicherheit bringen können.« Die Jungfrau redete sodann Philipp an: »Er wird die Thüre öffnen. Ich danke Euch für den zugesagten freundlichen Dienst und baue unbedingt auf Euer Versprechen.« »Niemand kann mir nachsagen, daß ich je mein Wort gebrochen hätte,« erwiderte Philipp; »aber er muß sich beeilen, denn die Flammen brechen bereits wieder los.« Mynheer Poots öffnete nun die Thüre mit zitternden Händen und flüchtete sich hastig wieder die Treppen hinauf. Die Wahrheit dessen, was Philipp gesagt hatte, war augenscheinlich. Es bedurfte vieler Eimer Wasser, bis das Feuer ganz gedämpft war; aber während des Löschgeschäftes ließen sich weder Tochter noch Vater blicken. Sobald alle Gefahr beseitigt war, schloß Philipp die Thüre und blickte wieder nach dem Fenster hinauf. Das schöne Mädchen trat vor, und Philipp versicherte ihr mit einer tiefen Verbeugung, daß jetzt nichts mehr zu fürchten sei. »Ich danke Euch,« versetzte sie, – »ich danke Euch recht sehr. Ihr habt Euch anfangs zwar übereilt, aber doch zuletzt noch mit großer Umsicht benommen.« »Bemerkt Eurem Vater, Jungfrau, daß ich keinen Groll mehr gegen ihn hege und daß ich nach einigen Tagen kommen werde, um seine Forderung zu befriedigen.« Das Fenster schloß sich. Philipp sah in großer Aufregung, aber mit ganz anderen Gefühlen, als bei seiner Ankunft, eine Minute lang darnach hinauf und lenkte dann seine Schritte nach der eigenen Wohnung. Drittes Kapitel. Die Erscheinung von Mynheer Poots schöner Tochter hatte einen lebhaften Eindruck auf Philipp Vanderdecken gemacht, dessen Brust jetzt außer der früheren Last eine neue Aufregung bedrückte. Zu Hause angelangt, ging er die Treppe hinauf und warf sich auf das Bett, aus welchem ihn Mynheer Poots geweckt hatte. Anfangs rief er sich die im vorigen Kapitel geschilderten Scenen wieder in's Gedächtnis und führte seiner Einbildungskraft die Züge des holden Mädchens, ihre Augen, den Ausdruck ihres Antlitzes, ihre Silberstimme und die Worte, welche sie gesprochen hatte, vor; aber die liebliche Gestalt wurde bald durch den Gedanken verscheucht, daß die Leiche seiner Mutter im anstoßenden Gemache liege und seines Vaters Geheimniß im unteren Gemache verborgen sei. Die Beerdigung sollte am andern Morgen stattfinden, und Philipp, der seit seinem Zusammentreffen mit der Tochter von Mynheer Poots nicht mehr so dringend verlangte, das Zimmer alsbald zu öffnen, beschloß, dieses Werk erst nach Vollziehung der Bestattung vorzunehmen. Mit diesem Entschlusse schlief er, körperlich und geistig sehr erschöpft, ein und erwachte erst am andern Morgen, als er von dem Priester geweckt wurde, um dem Leichengottesdienste anzuwohnen. Nach einer Stunde war Alles vorüber; das Leichengefolge zerstreute sich, und Philipp kehrte nach der Hütte zurück; er verriegelte die Thüre, um sich gegen alle Störung zu schützen, und fühlte sich glücklich, daß er allein sein konnte. In unserem Wesen liegt ein Gefühl, das sich stets zeigt, wenn wir uns wieder in der Behausung finden, wo der Tod geweilt hat, nachdem alle seine Spuren entfernt sind. Es ist ein Gefühl der Beruhigung und der Erleichterung, daß wir die Erinnerungszeichen der Sterblichkeit fortgeschafft haben – das stumme Zeugniß von der Flüchtigkeit unseres Treibens und unserer Entwürfe. Wir wissen, daß wir eines Tages sterben müssen, mögen aber nie daran denken. Die fortwährende Erinnerung daran würde ein zu großer Zügel für unsere Erdenwünsche sein, und obgleich man uns predigt, wir sollen stets die Zukunft im Auge haben, so finden wir doch, daß das Leben kein sonderlich heiteres sein könnte, wenn es uns nicht hin und wieder gestattet wäre, zu vergessen; denn wer würde Plane entwerfen, die der Mensch nur selten in Ausführung bringen könnte, wenn er jeden Augenblick des Tages an den Tod dächte? Wir hoffen entweder, daß wir länger leben werden, als Andere, oder vergessen wenigstens, daß das Gegentheil so leicht möglich ist. Wäre diese Spannkraft nicht unserer Natur eingepflanzt, wie wenig hätte die Welt sogar durch die Sündfluth verbessert werden können! Philipp ging in das Zimmer, wo seine Mutter noch vor einer kurzen Stunde gelegen hatte, und fühlte sich unwillkürlich erleichtert. Er nahm den Schrein wieder vor und begann abermals sein Geschäft. Das Hinterbrett war jetzt bald beseitigt und er entdeckte ein geheimes Schubfach, das er herauszog. Wie er vermuthet hatte, enthielt es den Gegenstand seines Suchens – einen großen Schlüssel mit einem leichten Rostüberzuge, der sich durch die Berührung abwischte. Unter demselben lag ein Papier, dessen Schrift etwas verblichen war. Der Inhalt war von der Hand seiner Mutter geschrieben und lautete folgendermaßen: – »Es sind nun zwei Nächte, seit ein schreckliches Ereigniß stattfand, das mich veranlaßte, die untere Stube zu schließen, und doch verfolgt mich der Schrecken noch immer in einem Grade, daß mir bei dem Gedanken daran der Kopf springen möchte. Sollte ich während meiner Lebzeiten nicht enthüllen, was vorgefallen ist, so wird doch dieser Schlüssel nöthig sein, um nach meinem Tode das Zimmer zu öffnen. Als ich aus demselben fortstürzte, eilte ich die Treppe hinauf und blieb jene Nacht bei meinem Kinde. Am andern Morgen nahm ich allen meinen Muth zusammen, um hinunterzugehen, den Schlüssel umzudrehen und ihn nach meinem Gemache zu bringen. Jene Stube soll verschlossen bleiben, bis ich meine Augen im Tode schließe. Keine Noth, keine Entbehrung soll mich veranlassen, sie je wieder zu öffnen, obgleich in der Eisenkiste unten im Schranke, der am weitesten vom Fenster absteht, Geld genug für alle meine Bedürfnisse liegt. Jenes Geld soll dort bleiben für mein Kind, dem ich vielleicht das verhängnißvolle Geheimniß nicht mittheilen kann; es wird jedoch hieraus die Ueberzeugung gewinnen, daß es ein Geheimniß ist, welches besser verborgen bleibt, da es schrecklich genug war, mich zu derartigen Schritten zu veranlassen. Die Schlüssel zu der Kiste und zu den Schränken lagen, glaube ich, auf dem Tische oder in meinem Arbeitskörbchen, als ich das Zimmer verließ. Auch befindet sich auf dem Tisch ein Brief – wenigstens meine ich so. Er ist versiegelt. Niemand soll das Siegel erbrechen, als mein Sohn, und auch dieser nicht, wenn er nicht bereits von dem Geheimnisse Kunde hat. Der Priester möge ihn verbrennen – denn er ist verflucht; – und selbst wenn mein Sohn Alles wissen sollte – was mir bekannt ist – oh! so möge er inne halten und sich wohl bedenken, ehe er das Siegel öffnet, denn es wäre besser, daß er nichts Weiteres erführe!« »Nichts Weiteres?« dachte Philipp, während seine Augen immer noch auf dem Papiere hafteten. »Ja, aber ich muß und will mehr erfahren! Verzeih' mir daher, theuerste Mutter, wenn ich keine Zeit mit Erwägungen verschwende; es wäre doch nur vergeblich, wenn man so entschlossen ist, wie ich.« Philipp preßte die Unterschrift seiner Mutter an die Lippen, legte das Papier zusammen und steckte es in seine Tasche; dann ergriff er den Schlüssel und begab sich die Treppe hinunter. Es war gegen Mittag, als Philipp sich anschickte, das Gemach zu öffnen. Die Sonne schien hell, der Himmel war klar und Alles in der Natur draußen athmete Frohsinn und Leben. Die Hausthüre war verschlossen, folglich nicht viel Licht in der Flur, als Philipp den Schlüssel in das Schloß steckte und ihn mit einiger Mühe umdrehte. Es wäre unrichtig, wenn ich sagen wollte, daß er nicht Unruhe fühlte, als er die Thüre öffnete. Sein Herz klopfte, aber seine Entschlossenheit war kräftig genug, um das Bangen seines Innern zu überwältigen und auch weitere Bewegungen zu besiegen, die aus dem, was ihm bevorstand, entspringen mochten. Er trat nicht augenblicklich in das Gemach, sondern blieb eine Weile auf der Schwelle stehen, denn es war ihm, als dränge er in den Aufenthaltsort eines körperlichen Geistes, dessen Schattengestalt mit jedem Momente vor seinen Blicken auftauchen könnte. Nachdem er eine Minute gewartet hatte, um sich zu sammeln, da ihm das Oeffnen der Thüre den Athem benommen hatte, blickte er hinein. Er konnte die Gegenstände in dem Gemach nur unvollkommen unterscheiden; durch die Ladenritzen drangen jedoch drei helle Sonnenstrahlen herein, die ihn anfangs veranlaßten, wie vor etwas Uebernatürlichem zurückzubeben. Nach kurzer Erwägung ermannte er sich jedoch wieder. Er verweilte eine Minute, ging dann in die Küche, zündete ein Licht an, seufzte einigemal schwer, um sein Herz zu erleichtern, und kehrte dann entschlossener nach der verhängnißvollen Stube zurück. Auf der Schwelle stehen bleibend, musterte er zuerst beim Scheine des Lichtes das Innere. Alles war still. Den Tisch, auf welchem der Brief liegen sollte, konnte er nicht sehen, da er hinter der Thüre stand. »Es muß geschehen,« dachte Philipp: »und warum dann nicht schnell?« fuhr er fort, indem er, allen seinen Muth zusammennehmend, in's Zimmer trat und auf das Fenster zuging, um die Läden zu öffnen. Daß seine Hand dabei ein wenig zitterte, wenn er sich in's Gedächtniß rief, wie übernatürlich sie sich früher aufgethan hatten, darf wohl nicht überraschen. Wir sind nur sterbliche Geschöpfe und schrecken zurück vor einem Zusammentreffen mit Allem, was einem anderen Leben angehört. Nachdem die Riegel zurückgeschoben und die Läden aufgeworfen waren, strömte ein so lebhaftes Licht in das Gemach, daß Philipps Augen geblendet wurden. Seltsamerweise erschütterte der Anblick des hellen Tages seine Entschlossenheit mehr, als das frühere Dunkel, und, die Kerze in der Hand, kehrte er hastig wieder in die Küche zurück, um seinen Muth zu sammeln. Dort weilte er einige Minuten in tiefen Gedanken, das Gesicht mit seinen Händen bedeckend. Es ist seltsam, daß seine Träumereien zuletzt zu Mynheer Poot's schöner Tochter und ihrem ersten Erscheinen an dem Fenster zurückkehrten; es war ihm, als ob der Lichtstrom, der ihn eben erst verscheucht hatte, nicht nachdrücklicher und ergreifender sei, als jene bezaubernde Gestalt. Die Vergegenwärtigung jenes Gesichtes schien Philipps Entschlossenheit wiederherzustellen. Er erhob sich und schritt keck in das Gemach. Wir wollen nicht die Gegenstände schildern, wie sie Philipps Augen entgegentraten, sondern sie dem Leser in klarer Ordnung vorzuführen versuchen. Die Stube hatte etwa zwölf oder vierzehn Fuß im Geviert und nur ein einziges Fenster. Der Thüre gegenüber stand der Kamin und zu jeder Seite desselben ein hoher Glasschrank von dunkelm Holze. Der Boden des Gemaches war nicht schmutzig, obgleich an den Decken die Spinnen allenthalben ihre Gewebe ausgebreitet hatten. In der Mitte hing eine Quecksilberkugel herunter, eine gewöhnliche Zierde in jenen Tagen; sie hatte jedoch ihren Glanz großentheils verloren, und Spinnengewebe hüllten sie wie ein Leichentuch ein. Ueber dem Kaminmantel hingen einige Zeichnungen in Glas und Rahmen, aber ein staubiger Mehlthau befleckte das Glas, so daß sich die Gegenstände nicht gut unterscheiden ließen. In der Mitte des Kaminsimses stand ein Bild der Maria von reinem Silber in einem Tabernakel von dem gleichen Metalle, das aber eine Bronze- oder Eisenfarbe angenommen hatte; zu beiden Seiten befanden sich einige indianische Figuren. Die Glasthüren der Schränke neben dem Kamin waren gleichfalls getrübt, so daß sich das Innere nicht erkennen ließ; das Licht und die Hitze, welche nur erst seit so kurzer Zeit in das Gemach strömten, hatten bereits die Dünste vieler Jahre aufgejagt und bildeten mit dem Staube auf den Glasscheiben einen matten Duft, der nur hin und wieder das Blinken silberner Gefäße unterscheiden ließ. Letztere waren durch den Verschluß der Schreine gegen Schwärzung geschützt worden, obgleich auch sie viel von ihrem Glanze verloren hatten. An der Wand, welche dem Fenster gegenüber lag, befanden sich andere eingerahmte Bilder, welche ebenfalls von Dunst und Spinngeweben verschleiert waren; desgleichen auch zwei Vogelkäfige. Philipp näherte sich den letzteren und sah hinein. Ihre Bewohner waren natürlich längst todt, aber auf dem Boden der Käfige befand sich ein Häuflein gelber Federn, durch welche die kleinen, weißen Knochen der Skelette sichtbar wurden – also die Ueberreste von Kanarienvögeln, die in jener Periode sehr theuer bezahlt wurden. Philipp schien geneigt zu sein, vorerst alles andere zu untersuchen, ehe er nach dem spähte, was er am meisten zu finden fürchtete und doch zugleich wünschte. Es standen mehrere Stühle umher, auf deren einem etwas Leinwand lag. Er nahm sie auf – es war ein Kleidungsstück, das ihm angehört haben mußte, als er noch ein Kind war. Endlich richtete er seine Blicke auf die noch nicht untersuchte Wand dem Kamine gegenüber, in welcher sich die Thüre befand. Hinter der Thüre mußte er den Tisch, das Arbeitskörbchen und den verhängnißvollen Brief finden. Sein Puls hatte allmälig den regelmäßigen Schlag wieder gewonnen, aber als er sich umwandte, begann er heftiger zu pochen; es mußte jedoch geschehen und war bald vorüber. Anfangs musterte er denjenigen Theil der Wand, an welcher verschiedenartige Schwerter und Pistolen, hauptsächlich aber asiatische Bogen und Pfeile nebst anderen Zerstörungswerkzeugen hingen. Dann senkten sich seine Augen allmälig gegen den Tisch und das kleine Kanapee hinter demselben, wo seine Mutter, ihrer Angabe zufolge, gesessen hatte, als der Gatte ihr seinen schrecklichen Besuch gemacht. Das Arbeitskörbchen sammt seinem Inhalte stand auf dem Tisch, wie sie es verlassen hatte; auch die erwähnten Schlüssel lagen dabei, aber Philipp sah und sah – ein Brief war nicht vorhanden. Er trat nun näher und untersuchte genauer, ob er ihn nicht auf dem Kanapee, auf dem Tisch oder auf dem Boden entdecke. – Er erhob das Arbeitskörbchen, um sich zu überzeugen, ob er nicht unter demselben liege – aber nein. Ein Mustern des Arbeitsgeräthes, wie auch ein Umdrehen der Kanapeekissen blieb gleichfalls erfolglos. Philipp fühlte eine schwere Last seiner beklemmten Brust entnommen. »In der That,« dachte er, während er sich an die Wand lehnte, »das Ganze war nichts, als das Gesicht einer erhitzten Einbildungskraft. Meine arme Mutter ist wohl eingeschlummert und träumte die schreckliche Geschichte. Dachte mir's doch, daß es unmöglich sei, oder hoffte es wenigstens. Es muß sich wohl so verhalten haben; der Traum war zu gewaltig, zu sehr einer fürchterlichen Wirklichkeit ähnlich, daß er zum Theil die Vernunft meiner armen Mutter verwirrte.« Philipp stellte abermals Erwägungen an und gewann dann die Ueberzeugung, daß seine Annahme richtig sei. »Ja, es ist nicht anders möglich. Gute, theure Mutter! wie viel hast du gelitten – aber der Lohn ist dir geworden im Angesicht deines Gottes!« Noch einige Minuten musterte er das Gemach mit größerer Ruhe und vielleicht einiger Gleichgültigkeit, da er jetzt die übernatürliche Geschichte für unwahr hielt. Endlich nahm er das geschriebene Blatt, das er bei den Schlüsseln gefunden, aus seiner Tasche und überlas es. »Die eiserne Kiste unten im Schrank, welcher vom Fenster am weitesten absteht – gut so.« Er nahm die Schlüssel von dem Tische und fand bald denjenigen, welcher in die Glasthüre des Schrankes paßte, der die eiserne Truhe verbarg. Ein zweiter Schlüssel öffnete den Deckel, und Philipp sah sich nun im Besitze einer beträchtlichen Geldsumme, die in kleinen gelben Säcken dastand und seiner Schätzung nach gegen zehntausend Gülden betragen mochte. »Meine arme Mutter!« dachte er. »So mußte denn ein bloßer Traum dich in Mangel und Armuth hetzen, während dir dieser ganze Reichthum zu Gebote stand!« Er legte die Säcke wieder zurück und schloß die Kiste, nachdem er aus einem bereits halbgeleerten nur einige Münzstücke für seine nächsten Bedürfnisse genommen hatte. Seine Aufmerksamkeit lenkte sich nun zunächst nach dem oberen Schranke, den er mit einem anderen Schlüssel öffnete, und fand darin Porcellan, silberne Flaschen und Tassen von beträchtlichem Werthe. Nachdem er Alles verwahrt hatte, warf er den Schlüsselbund auf den Tisch. Der plötzliche Besitz eines so großen Reichthums nebst der Ueberzeugung, daß keine übernatürliche Erscheinung stattgefunden, wie die Hingeschiedene geglaubt hatte, belebte und beruhigte natürlich Philipps Geist; er fühlte jetzt eine Gegenwirkung, die sich fast bis zur Heiterkeit steigerte. Er setzte sich auf das Kanapee, verlor sich in Träumereien und kehrte, wie zuvor, zu Mynheer Poots liebenswürdiger Tochter zurück, allerlei Luftschlösser bauend, die, wie es bei solchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, stets mit Glück und Wohlstand endigten. In dieser angenehmen Beschäftigung verbrachte er mehr als zwei Stunden, bis sich endlich seine Gedanken wieder mit seiner armen Mutter und ihrem furchtbaren Tode beschäftigten. »Theuerste, gütigste der Mütter!« rief Philipp laut, indem er sich aus seiner zurückgelehnten Lage erhob; »hier weiltest du, ermüdet vom Wachen bei dem schlummernden Kinde, gedachtest des abwesenden Vaters und seiner Gefahren, und quältest deinen Geist mit schlimmen Vorahnungen, bis dein fieberischer Schlaf jene Erscheinung heraufbeschwor. Ja, so muß es gewesen sein, denn hier liegt noch die Stickerei auf dem Boden, wie sie deinen ermatteten Händen entsank, und mit dieser Arbeit schwand das Glück deines Lebens dahin. Liebe, theure Mutter!« fuhr er fort, und eine Thräne rollte über seine Wangen nieder, als er sich niederbeugte, um das Stück Mousselin aufzulesen, »wieviel hast du gelitten, als – Gütiger Himmel!« rief Philipp, plötzlich mit Ungestüm zurückfahrend und den Tisch umstürzend – »gerechter Gott – da ist – da ist wirklich,« und Philipp schlug die Hände zusammen, voll Angst und Entsetzen das Haupt niederbeugend, als er in ganz verändertem und schrecklichem Tone murmelnd beifügte – »der Brief!« Es war nur zu wahr – unter der Stickerei am Boden hatte Vanderdeckens verhängnißvolles Schreiben gelegen. Hätte ihn Philipp beim Eintritt in das Zimmer, als er vorbereitet war, auf dem Tische bemerkt, so würde er ihn mit einem gewissen Grad von Fassung aufgenommen haben – aber ihn so zu finden, nachdem er sich schon überredet hatte, das Ganze sei nur eine Selbsttäuschung von Seite seiner Mutter, ohne daß irgend eine übernatürliche Einwirkung stattgefunden hätte – nachdem er bereits geschwelgt in Träumen künftigen Glücks und künftiger Ruhe! Die Erschütterung hielt ihn geraume Zeit voll Schrecken und Erstaunen an seine Stelle gebannt. Mit einemmale waren alle Luftschlösser der letzten zwei Stunden dahin, und wie er sich allmälig von seiner Bestürzung erholte, füllte sich sein Herz mit traurigen Ahnungen. Endlich trat er vor, nahm den Brief auf und verließ in voller Hast das verhängnißvolle Gemach. »Ich bin außer Stande – wage es nicht, ihn hier zu lesen!« rief er. »Nein, nein, ich muß die Kunde unter dem Gewölbe des freien, beleidigten Himmels empfangen.« Philipp nahm seinen Hut, verließ die Hütte, schloß mit der Ruhe der Verzweiflung die Thüre, steckte den Schlüssel ein und ging fort, ohne zu wissen, wohin. Viertes Kapitel. Wenn ein Mensch, der zum Tode verurtheilt war und sich bereits in sein Schicksal ergeben halte, unerwartet Begnadigung erhält – wenn er sich erholt hat von der Aufregung, die aus einem Wiederaufleben aller verlorenen Hoffnungen erwuchs, und abermals schwelgt im Hinblicke auf eine frohe Zukunft – dann aber plötzlich finden muß, der Begnadigungsbrief sei widerrufen worden, und er habe dennoch den Tod zu erleiden; falls sich der Leser die Gefühle eines solchen Menschen zu vergegenwärtigen vermag, so ist er etwa im Stande, sich eine Vorstellung von den Empfindungen zu machen, in welchen Philipp die Hütte verließ. Gleichgültig gegen den Weg, den er einschlug, ging er lange Zeit fort, den Brief in der zusammengeballten Hand und die Zähne fest geschlossen. Nachgerade wurde er ruhiger und setzte sich, athemlos von der Hast seiner Bewegungen, auf eine Bank, wo er sitzen blieb, die Augen auf das gefürchtete Papier geheftet, das er mit beiden Händen auf seinen Knieen hielt. Mechanisch drehte er den Brief um. Das Siegel war schwarz. Philipp seufzte. »Ich kann ihn jetzt nicht lesen,« dachte er, indem er aufstand, um seine unstäte Wanderung wieder aufzunehmen. Nach einer halben Stunde weiterer Bewegung machte Philipp Halt und blickte nach der niedergehenden Sonne, bis ihm sein Gesicht verging. »Ich könnte mir vorstellen, sie sei das Auge Gottes,« dachte Philipp, »und vielleicht ist's so. Aber warum, barmherziger Schöpfer, bin ich unter so vielen Millionen auserlesen, eine so furchtbare Aufgabe zu erfüllen?« Er sah sich nach einer Stelle um, wo er gegen Beobachtung gesichert war, wo er das Siegel erbrechen und die Botschaft aus der Geisterwelt lesen konnte. Nicht weit von der Stelle, wo er stand, befand sich ein kleines Gebüsch am Saume eines Waldes. Er ging darauf zu und setzte sich nieder, um von keinem Vorübergehenden bemerkt zu werden. Abermals blickte er nach der niedergehenden Scheibe des Tages und wurde ruhiger. »Es ist dein Wille!« rief er; »es ist mein Geschick, und Beides muß erfüllt werden.« Philipp legte die Hand an das Siegel – das Blut zuckte ihm eiskalt durch die Adern, wenn er seinem Geiste vergegenwärtigte, daß der Brief von keinen sterblichen Händen überliefert wurde, und daß er das Geheimniß eines Gerichteten enthielt. Aber dieser Gerichtete war sein Vater, der nur in diesem Schreiben noch Hoffnung hatte! Es war die einzige Hoffnung seines armen Vaters – dessen Andenken er lieben gelernt hatte, – der ihn um Hülfe anflehte. »Memme, die ich bin, daß ich so viele Stunden verliere!« rief Philipp, »Jene Sonne dort scheint über dem Berge zu zögern, um mir beim Lesen zu leuchten.« Für eine kurze Weile versank er in Gedanken und nahm dann seinen ganzen Muth zusammen. Ruhig erbrach er das Siegel, das die Anfangsbuchstaben von dem Namen seines Vaters trug, und las, wie folgt: An Catharine . »Einem jener mitleidigen Geister, deren Thränen strömen für die Verbrechen der Sterblichen, ist es gestattet worden, mir zu eröffnen, durch welches Mittel einzig mein fürchterliches Urtheil abgewendet werden kann. Würde es mir nur möglich, an Bord meines Schiffes die heilige Reliquie zu empfangen, auf welche ich den verhängnißvollen Eid schwor, um sie in Demuth zu küssen und über dem geheiligten Holze eine Thräne tiefer Zerknirschung zu vergießen, so würde ich Ruhe finden. Wie dieß bewerkstelligt werden kann, oder wer eine so verhängnißvolle Aufgabe vollziehen wird, weiß ich nicht. O Catharine, wir haben einen Sohn – doch nein – nein, laß ihn nichts von mir hören, bete für mich – und nun, lebe wohl. J. Vanderdecken .«       »Dann ist's also Wahrheit, fürchterliche Wahrheit,« dachte Philipp, »und über meinem Vater ist im Leben das Gericht ergangen. Und er deutet auf mich hin – auf wen anders sollte er auch? Bin ich nicht sein Sohn und ist es nicht meine Pflicht?« »Ja, Vater,« rief Philipp laut, indem er auf seine Kniee niederfiel; »du sollst diese Zeilen nicht vergeblich geschrieben haben. Ich will sie noch einmal lesen.« Philipp erhob seine Hand; aber obgleich es ihn dünkte, als halte er den Brief noch immer fest, war er doch nicht mehr vorhanden – er hielt ein Nichts umfaßt. Er blickte auf das Gras, um zu sehen, ob er ihn habe fallen lassen – aber nein: der Brief war verschwunden. War es ein Gesicht? – Nein, nein; er hatte jedes Wort gelesen. »Dann galt die Botschaft mir, und Niemand anders, als mir. Ich nehme dieß als ein Zeichen an.« »Höre mich, theurer Vater – wenn es dir gestattet ist – und du, barmherziger Himmel, vernimm gnädig mein Gelübde – höre den Sohn auf die heilige Reliquie schwören, daß er das Urtheil abwenden will, und wenn er darüber in den Tod gehen müßte. Dieser heiligen Pflicht will er seine Tage weihen, und wenn er sie erfüllt hat, voll Hoffnung und im Frieden hinfahren. O Himmel, der du den übereilten Eid meines Vaters aufgezeichnet hast, thue nun ein Gleiches mit dem Angelöbniß, das der Sohn auf dasselbe geheiligte Kreuz leistet, und möge mein Meineid mit einer grausameren Strafe heimgesucht werden, als die seinige ist! Höre meinen Schwur, o Himmel, der du in deinem Erbarmen zuletzt noch den Vater und den Sohn aufnehmen wirst – und wenn ich zu kühn bin, o so vergib meiner Anmaßung!« Philipp warf sich auf sein Antlitz nieder und berührte mit seinen Lippen das geheiligte Symbol. Die Sonne ging unter und auch die Dämmerung wich der Nacht, die Alles in ihr Leichentuch hüllte; aber immer noch verharrte Philipp abwechselnd in Gebeten und Betrachtungen. Da wurde er plötzlich durch die Stimmen einiger Menschen aufgeschreckt, welche sich einige Schritte von seinem Verstecke auf den Rasen niederließen. Er achtete wenig auf ihr Gespräch; aber dennoch hatte es ihn gestört, und sein erster Gedanke war, nach der Hütte zurückzukehren, um seine Plane weiter zu überlegen. Die Männer sprachen in gedämpftem Tone, fesselten übrigens dennoch bald seine Aufmerksamkeit durch den Gegenstand ihrer Unterhaltung, denn sie berührten Mynheer Poots Namen. Er lauschte angelegentlich und entdeckte, daß die Sprecher vier entlassene Soldaten waren, welche noch in der nämlichen Nacht das Haus des kleinen Doctors anzugreifen gedachten, da sie wußten, es dürfte viel Geld bei ihm zu erholen sein. »Mein Vorschlag ist der beste.« sagte der Eine. »Er hat Niemand bei sich, als seine Tochter.« »Die ist mir lieber als sein Geld,« versetzte der Andere; »also wohl gemerkt, ehe wir gehen, muß es vollkommen ausgemacht sein, daß sie mir zufallen soll.« »Ja, wenn du sie kaufen willst, so haben wir nichts dagegen,« entgegnete ein Dritter. »Es gilt! wie viel könnt ihr auch mit gutem Gewissen für ein quieksendes Mädchen verlangen?« »Ich dächte fünfhundert Gülden,« erwiderte der Andere. »Gut; sei's drum – aber nur unter der Bedingung, daß sie, im Falle mein Antheil an der Beute sich nicht so hoch beläuft, dennoch mir gehört und ich sie für meinen Part behalten darf, wie viel er auch immer ausmachen mag.« »Das ist nicht mehr wie billig,« sagte der Andere. »Aber ich müßte mich sehr täuschen, wenn wir aus den Truhen des Alten nicht mehr als zweitausend Gülden fegten.« »Was meint ihr beiden Anderen – bleibt es dabei, daß Baetens das Mädel haben soll?« »Ja,« versetzten die Andern. »Wohlan denn,« erwiderte derjenige, welcher sich Mynheer Poots Tochter ausbedungen hatte, »jetzt bin ich mit euch – Herz und Seele. Ich liebte das Mädchen und versuchte, sie für mich zu gewinnen – ja, ich machte ihr sogar einen Heirathsantrag, aber der alte Filz hat mich zurückgewiesen, – mich, einen Fähndrich und Offizier; aber jetzt will ich Rache haben. Wir schonen ihn nicht.« »Nein, nein,« entgegneten die Anderen. »Wollen wir gleich jetzt aufbrechen, oder noch eine Weile warten, bis es später ist? Ungefähr in einer Stunde geht der Mond auf und wir können gesehen werden.« »Wer sollte uns auch sehen, wenn es nicht etwa Jemand ist, der ihn zu einem Patienten holen will? Ich bin der Ansicht, je später, desto besser.« »Wie lange werden wir brauchen, um an Ort und Stelle zu gelangen?« »Seine Wohnung ist keine halbe Stunde entlegen. Gesetzt, wir brechen nach einer halben Stunde auf, so langen wir gerade in rechter Zeit an, um die Gülden beim Mondscheine zählen zu können.« »Recht so. Inzwischen setze ich einen neuen Stein in mein Schloß und lade meine Büchse. Das kann ich auch im Dunkeln verrichten.« »Du bist daran gewöhnt, Jahn.« »Allerdings – und ich denke, diese Kugel soll dem alten Spitzbuben durch den Kopf fliegen.« »Gut; 's ist mir lieber, wenn du ihn todtschießest, als wenn ich's thun sollte,« versetzte ein Anderer. »Er hat mir zu Mittelburg das Leben gerettet, als mich Jedermann schon aufgegeben hatte.« Philipp wartete nicht weiter ab. Er kroch hinter dem Gebüsche weiter, bis er den Wald erreicht hatte und machte nun einen Umweg, um von dem Raubgesindel nicht entdeckt zu werden. Er wußte, daß es entlassene Soldaten waren, die in Massen das Land unsicher machten. Alle seine Gedanken gingen nur darauf hin, den alten Doctor und dessen Tochter gegen die ihnen bevorstehende Gefahr zu schützen, so daß er für eine Weile sogar seinen Vater und die aufregenden Enthüllungen des Tages vergaß. Obgleich er beim Aufbruche von seiner Wohnung nicht gewußt hatte, in welcher Richtung er ging, so kannte er doch die Gegend genau, und nun es Noth that, zu handeln, erinnerte er sich schnell, wo er Mynheer Poots' einsame Behausung aufzusuchen hatte. In größter Hast eilte er nach derselben hin und langte in weniger als zwanzig Minuten an der Thüre an. Wie gewöhnlich war Alles stumm und die Thüre verschlossen. Philipp klopfte, erhielt aber keine Antwort. Nach mehrmaligem vergeblichem Pochen wurde er ungeduldig. Mynheer Poots mußte zu einem Kranken gerufen worden sein und war nicht zu Hause. Philipp rief daher so laut, daß er im Innern gehört werden konnte: »Jungfrau, wenn Euer Vater ausgegangen ist, wie ich vermuthe, so hört, was ich Euch zu sagen habe. Ich bin Philipp Vanderdecken und habe eben erst vier Schurken belauscht, welche einen Anschlag schmiedeten, Euren Vater zu ermorden und ihn seines Geldes zu berauben. In weniger als einer Stunde werden sie hier sein, und ich eilte zu Euch, um Euch zu warnen und zu beschützen, wenn es in meiner Kraft liegt. Ich schwöre bei der Reliquie, die Ihr mir diesen Morgen ausgeliefert habt, daß meine Angabe wahr ist.« Philipp harrte eine Weile, ohne daß eine Erwiderung erfolgte. »Jungfrau,« nahm er wieder auf, »antwortet mir, wenn Ihr das werthschätzt, was Euch noch theurer sein muß, als sogar Eurem Vater das Geld ist. Oeffnet das Fenster und hört, was ich zu sagen habe. Ihr lauft keine Gefahr dabei, und selbst wenn es nicht dunkel wäre, so habe ich Euch ja bereits gesehen.« Kurze Zeit nach dieser zweiten Anrede wurde das obere Fenster geöffnet, und Philipp konnte die leichte Gestalt von Mynheer Poots' schöner Tochter durch die Dunkelheit unterscheiden. »Was willst Du, junger Mann, zu dieser ungebührlichen Stunde, und was hast du mir mitzutheilen? Ich verstand dich nur unvollkommen, als du an der Thüre sprachst.« Philipp theilte nun umständlich mit, was er gehört hatte, und schloß mit der Bitte, ihn einzulassen, damit er sie vertheidigen könne. »Ueberlegt wohl, Jungfrau, was ich Euch gesagt habe. Ihr seid an einen dieser Bösewichte verkauft, dessen Name, wie ich vernahm, Baetens ist. Ich weiß, daß Ihr auf das Geld keinen Werth legt, aber denkt an Eure eigene, theure Person – laßt mich in das Haus und glaubt ja nicht, daß meine Geschichte erdichtet sei. Ich schwöre Euch bei der Seele meiner theuren armen Mutter, die, wie ich hoffe, jetzt im Himmel ist, daß ich Euch mit keiner Sylbe belogen habe.« »Baetens habt Ihr gesagt, Herr?« »Wenn ich nicht irre, so war dies der Name; er sagte, er hätte Euch einmal geliebt.« »Der Name ist mir nicht unbekannt, und ich weiß nicht, was ich thun oder sagen soll. Mein Vater ist zu einer Gebärenden gerufen worden und bleibt vielleicht noch viele Stunden aus. Aber wie kann ich Euch die Thüre offnen – zur Nachtzeit – während mein Vater abwesend ist – und ich allein bin? Ich kann und darf nicht, obgleich ich Euren Worten Glauben schenke. Gewiß, es ist unmöglich, daß Ihr so schändlich sein könntet, eine derartige Erzählung zu erdichten.« »Nein – bei meiner Hoffnung auf künftige Seligkeit! ich wäre es nicht im Stande! Aber setzt nicht Euer Leben und Eure Ehre auf's Spiel, sondern gebt mir Einlaß.« »Und wenn ich's auch thäte, was könntet Ihr anfangen gegen so Viele? Die Vier würden Euch als einen einzelnen Mann bald überwältigen, und es ginge nur ein Leben weiter verloren.« »Nicht, wenn Ihr Waffen habt, und Euer Vater wird sich wohl damit vorgesehen haben. Ich fürchte die Strauchdiebe nicht – und Ihr wißt, daß ich Entschlossenheit besitze.« »Allerdings – und nun wollt Ihr Euer Leben für Leute wagen, die Ihr früher selbst mit einem Angriffe bedrohtet? Ich danke Euch – danke Euch von Herzen, Herr – aber ich wage es nicht, die Thüre zu öffnen.« »Wenn Ihr das nicht wollt, Jungfrau, so bleibe ich hier, obgleich ohne Wehr und nur schlecht im Stande, mit vier gut bewaffneten Räubern zu kämpfen. Aber dennoch will ich Stand halten und Euch meine Aufrichtigkeit dadurch beweisen, daß ich Euch gegen alle Angriffe vertheidige – ja, sogar hier unter freiem Himmel.« »Dann werde ich Eure Mörderin sein! Nein, das kann ich nicht zugeben. Oh! – schwört, schwört mir, Herr, bei Allem was heilig und rein ist, daß Ihr mich nicht täuschen wollt.« »Ich schwöre bei Euch selbst, Jungfrau, die Ihr mir heiliger seid, als Alles!« Das Fenster schloß sich und bald nachher wurde oben ein Licht sichtbar. Eine Minute später öffnete Mynheer Poots' Tochter die Thüre. Sie stand mit dem Lichte in der rechten Hand da, und die Farbe ihrer Wangen wechselte vom tiefsten Roth bis zur Leichenblässe. Ihre Linke, in der sie eine Pistole halb verborgen hielt, hing an ihrer Seite nieder. Philipp bemerkte diese Vorsichtsmaßregel, achtete aber nicht darauf und suchte sie zu beruhigen. »Jungfrau,« sagte er, ohne einzutreten, »wenn Ihr noch immer Bedenken tragt – wenn Ihr es nicht für geheuer haltet, mich einzulassen, so ist es noch Zeit, die Thüre wieder zu schließen; aber um Eurer selbst willen bitte ich Euch, es nicht zu thun. Noch ehe der Mond aufgeht, werden die Räuber hier sein, und wenn Ihr mir nur Vertrauen schenkt, will ich Euch mit meinem Leben beschützen. Wer könnte auch einem Wesen, wie Ihr seid, etwas zu Leide thun?« Wie sie so dastand, unschlüssig und verwirrt durch die Eigenthümlichkeit ihrer Lage, obgleich es ihr für den Fall der Noth nicht an Muth gebrach – erschien sie wirklich als ein Gegenstand, welcher einer staunenden Bewunderung würdig war, und diesen Eindruck übte sie auch auf Philipp, als ihre Züge, von dem im Winde flackernden Lichte beleuchtet, bald mit Bestimmtheit, bald mehr schattenhaft hervortraten und lieblich gegen die Anmuth ihrer Form und gegen das Auffallende ihrer Tracht abstachen. Ihr Kopf war unbedeckt und ihr langes Haar fiel in reichen Flechten über die Schulter nieder. Ihre Figur war nicht ganz von Mittelgröße, verrieth aber das vollkommenste Ebenmaß, und ihre einfache, aber anständige Kleidung war ganz verschieden von der, welche die Mädchen der Umgegend zu tragen pflegten. Nicht nur der Schnitt ihres Gesichtes, sondern auch ihr Anzug würde jeden Fremden mit einemmale belehrt haben, daß sie aus arabischem Blute stammte. Während Philipp sprach, sah sie ihm ängstlich in's Antlitz, als wolle sie in seiner tiefsten Seele lesen; aber die offene Freimüthigkeit in seiner Haltung und die Biederkeit in seinem männlichen Gesichte beruhigte sie. »Kommt herein, Herr,« entgegnete sie nach einem kurzen Stocken; »ich fühle, daß ich Euch trauen kann.« Philipp entsprach der Aufforderung. Die Thüre wurde sodann verschlossen und verriegelt. »Wir haben keine Zeit zu verlieren, Jungfrau,« sagte Philipp; »aber nennt mir Euren Namen, damit ich Euch gebührend anreden kann.« »Ich heiße Amine,« versetzte sie ein wenig zurückweichend. »Ich danke Euch für dieses kleine Vertrauen. Doch wir haben keine Zeit zu verlieren. Was für Waffen habt Ihr im Hause, und seid Ihr mit Munition versehen?« »Beides ist vorhanden. Ach, wenn doch mein Vater zu Hause wäre.« »Ich wünschte es gleichfalls,« entgegnete Philipp. »Hätten wir ihn doch hier, ehe diese Mörder kommen. Hoffentlich zeigt er sich aber nicht während des Angriffs, denn eine Büchse ist ausdrücklich für seinen Kopf geladen, und wenn sie ihn zum Gefangenen machen, werden sie sein Leben nicht schonen, es sei denn, daß er sein Gold und Eure Person als Lösegeld zahle. Doch die Waffen, Jungfrau – wo sind sie?« »Folgt mir,« entgegnete Amine, Philipp nach einem innern Zimmer im oberen Stocke führend. Es war das Heiligthum ihres Vaters und auf den Simsen standen gefüllte Flaschen und Arzneikapseln umher. In einer Ecke befand sich eine eiserne Kiste, und über dem Kaminmantel hingen ein paar Büchsen neben drei Pistolen. »Sie sind alle geladen,« bemerkte Amine darauf hindeutend, indem sie zugleich die Pistole auf den Tisch legte, die sie in der Hand gehalten hatte. Philipp nahm die Waffen herunter und untersuchte sämmtliche Zündpfannen. Dann ergriff er auch die auf dem Tische liegende Pistole und fand, daß sie sich gleichfalls in kampffähigem Stande befand. Als er die Pfanne wieder schloß, bemerkte er mit einem Lächeln: »Diese sollte also mir gelten, Amine?« . »Nein – nicht Euch – sondern einem Verräther, der sich möglicherweise Eingang verschaffen konnte.« »Wohlan, Jungfrau!« entgegnete Philipp, »ich will meinen Posten an dem Fenster einnehmen, das Ihr geöffnet habt; aber im Zimmer darf kein Licht brennen. Ihr mögt hier bleiben und könnt zu Eurer Sicherheit den Schlüssel umdrehen.« »Ihr kennt mich wenig,« versetzte Amine, »und mißdeutet meine Furcht; ich muß neben Euch bleiben und die Waffen wieder laden – ein Geschäft, in dem ich wohl geübt bin.« »Nicht doch,« erwiderte Philipp, »Ihr könntet Schaden nehmen.« »Und wenn auch, glaubt Ihr, ich werde hier müßig bleiben, wenn ich einem Manne Beistand leisten kann, der sein Leben für mich einsetzt? Ich kenne meine Pflicht und werde sie erfüllen.« »Ihr dürft Euch nicht blosstellen, Amine,« fügte Philipp; »mein Ziel wird nicht so sicher sein, wenn ich weiß, daß Ihr in Gefahr seid. Doch jetzt muß ich die Waffen in das andere Gemach nehmen, denn die Zeit ist gekommen.« Philipp brachte die Büchsen und Pistolen unter Amine's Beistand in das anstoßende Zimmer; dann entfernte sich Letztere, das Licht mit sich fortnehmend. Sobald Philipp allein war, öffnete er das Fenster und sah hinaus, ohne daß sich etwas blicken ließ; dann horchte er, aber Alles war stumm. Der Mond erhob sich eben mit gedämpftem Lichte über einen fernen Berg, während flockige Wolken den Horizont überzogen. Philipp spähete einige Minuten und vernahm endlich unten ein Geflüster. Er blickte hinaus und konnte jetzt im Dunkeln die vier Räuber unterscheiden, die dicht an der Thüre des Hauses standen. Leise von dem Fenster wegtretend, begab er sich in das Nebengemach zu Amine, die er mit Zurichtung der Munition beschäftigt fand. »Amine, sie berathen sich unten an der Thüre. Ihr könnt sie jetzt ohne Gefahr sehen und Euch überzeugen, daß ich Euch die Wahrheit gesagt habe.« Amine erwiderte nichts, sondern ging in das Vorderzimmer und sah zum Fenster hinaus. Dann kehrte sie zurück, legte ihre Hand auf Philipp's Arm und sagte: »Vergebt mir meine Zweifel. Ich fürchte jetzt nur noch, mein Vater möchte zu bald zurückkehren und von den Räubern ergriffen werden.« Philipp verließ das Zimmer abermals, um sich auf Kundschaft zu legen. Es gewann den Anschein, als könnten die Räuber zu keinem Entschlusse kommen – die Stärke der Thüre bot allen ihren Bemühungen Trotz, weßhalb sie jetzt eine List versuchten. Sie klopften und als keine Antwort erfolgte, setzten sie den Lärm noch lauter fort. Da auch dies zu keinem Resultate führte, hielten sie abermals eine Berathung, worauf sie die Mündung einer Büchse an das Schlüsselloch legten und das Gewehr abfeuerten. Das Schloß der Thüre wich, aber die eisernen Riegel, die an der Innenseite oben und unten angebracht waren, leisteten noch immer Widerstand. Obgleich Philipp berechtigt gewesen wäre, schon während der ersten Consultation an der Thüre auf die Räuber Feuer zu geben, vermeidet es doch ein edler Sinn stets, ein Menschenleben anders, als im äußersten Nothfalle zu zerstören; dieses Gefühl wehrte ihm, von seinen Waffen Gebrauch zu machen, bis die Feindseligkeiten wirklich begannen. Jetzt aber legte er eine Büchse gegen den Kopf des am nächsten bei der Thüre stehenden Räubers an, welcher eben eifrig die Wirkung seines Schusses und die Natur der weiteren Hindernisse untersuchte. Das Ziel war gut genommen und der Mann fiel todt zusammen, während die Andern, von dieser unerwarteten Vergeltung überrascht, zurückfuhren. Dann aber wurde auf Philipp, der noch immer unter dem Fenster lehnte, eine Pistole abgefeuert, ohne jedoch zu treffen, und im nächsten Augenblicke fühlte sich unser Held zurück und aus dem Bereich der feindlichen Kugeln gezogen, eine Aufmerksamkeit, die ihm von Amine erwiesen wurde, welche, ohne daß er darum wußte, an seine Seite getreten war. »Ihr dürft Euch nicht in dieser Weise aussetzen, Philipp, sagte sie in gedämpftem Tone. »Sie hat mich Philipp genannt,« dachte er, ohne jedoch eine Antwort zu geben. »Sie werden Euch jetzt wieder am Fenster erwarten,« fuhr Amine fort. »Nehmt die andere Büchse und geht in die Hausflur hinunter. Wenn das Schloß der Thüre abgeflogen ist, so langen sie vielleicht mit ihren Armen herein, um den Riegel zurückzuschieben. Ich glaube zwar nicht, daß es ihnen gelingen wird, kann's aber doch nicht mit Sicherheit behaupten. Jedenfalls ist es besser, wenn Ihr unten seid, weil man Euch dort am wenigsten erwartet.« »Ihr habt Recht,« versetzte Philipp, indem er hinunterging. »Ihr müßt übrigens nicht mehr, als einmal Feuer geben. Wenn noch einer fällt, haben wir's nur noch mit Zweien zu thun, welche nicht zugleich auf das Fenster Acht geben und sich Eingang verschaffen können. Geht, ich will inzwischen die Büchsen wieder laden.« Philipp schlich leise und ohne Licht hinunter. An der Thüre bemerkte er, daß einer der Elenden durch die Schloßöffnung seinen Arm hereinstreckte und bemüht war, den obern eisernen Riegel zurückzuschieben, welchen er eben erreichen konnte, Philipp legte an und war eben im Begriffe, seine ganze Ladung dem Räuber unter den erhobenen Arm zu geben, als er die Andern draußen schießen hörte. »Amine hat sich am Fenster blicken lassen,« dachte Philipp, »und ist vielleicht verwundet.« Das Verlangen nach Rache veranlaßte ihn, zuerst seine Kugel in den Leib des Mannes zu jagen; dann aber flog er die Treppen hinauf, um sich von Aminen's Zustande zu überzeugen. Sie war nicht am Fenster. Er stürzte in das innere Zimmer und fand, daß sie bedächtig die Büchsen lud. »Mein Gott! wie Ihr mich erschreckt habt, Amine! Ich glaubte, das Feuern draußen rühre von dem Umstande her, daß Ihr Euch am Fenster gezeigt hättet.« »Nein das war gewiß nicht der Fall; aber ich meinte, wenn Ihr durch die Thüre schösset, könnten sie Euer Feuer erwidern und Euch beschädigen. Ich ging daher an die Seite des Fensters, streckte an einem Stock etliche Kleider meines Vaters vor, und da die Räuber auf der Lauer lagen, so machten sie augenblicklich von ihren Waffen Gebrauch.« »Wahrhaftig, Amine, wer hätte auch so viel Muth und Besonnenheit bei einem so jungen und schönen Wesen erwartet!« rief Philipp überrascht. »So sind also nur die von der Natur vernachlässigten Leute tapfer?« entgegnete Amine lächelnd. »Das wollte ich nicht sagen, Amine – aber ich verliere Zeit und muß wieder nach der Thüre hinunter. Gebt mir die andere Büchse und ladet diese auf's Neue.« Philipp schlich abermals die Treppe hinunter, um zu recognosciren; ehe er jedoch die Thüre erreicht hatte, hörte er in der Ferne die Stimme von Mynheer Poots. Amine, der die Annäherung ihres Vaters gleichfalls nicht entgangen war, befand sich im Nu an der Seite unsres Helden und hielt in jeder Hand eine geladene Pistole. »Fürchtet nichts, Amine,« sagte Philipp, während er die Thüre entriegelte; »es sind nur ihrer zwei, und Euer Vater soll gerettet werden.« Die Thüre ging auf und Philipp stürzte mit seiner Büchse hinaus; er fand Mynheer Poots zwischen den beiden Räubern auf dem Boden liegend. Einer davon hatte eben sein Messer erhoben, um es seinem Opfer in den Leib zu bohren, als eine Kugel durch seinen Schädel sauste. Der letzte Räuber wurde nun mit Philipp handgemein und es folgte ein verzweifelter Kampf, der jedoch bald dadurch entschieden wurde, daß Amine vortrat und dem Strauchdieb eine Pistolenkugel in den Leib jagte. Wir müssen hier unseren Lesern bemerken, daß Mynheer Poots auf dem Heimwege den Knall von Feuerwaffen vernahm, der aus der Richtung seiner eigenen Hütte herkam. Die Erinnerung an sein Geld und seine Tochter – denn wir müssen ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er sie zärtlich liebte – liehen ihm Schwingen; er vergaß, daß er ein waffenloser, schwacher, alter Mann war und dachte an nichts, als seine Wohnung zu erreichen. Rücksichtslos und wie ein Wahnsinniger brüllend, eilte er heran und stürzte in die Arme der beiden Räuber, welche ihn ergriffen und auch ermordet haben würden, wäre nicht Philipp so gelegen zu seinem Beistand herbeigekommen. Sobald der letzte Räuber gefallen war, machte er sich los, um Mynheer Poots zu unterstützen, den er auf seine Arme nahm, und einem Kinde gleich in's Haus trug. Der alte Mann befand sich in Folge der Angst und der vorausgehenden Aufregung noch immer in einem Zustande von Delirium. Es stund einige Minuten an, ehe Mynheer Poots zusammenhängend sprechen konnte. »Meine Tochter!« – rief er – »meine Tochter! wo ist sie?« »Hier, Vater,« entgegnete Amine. »Gott sei Dank, ich habe keinen Schaden genommen.« »Ach! mein Kind ist unbeschädigt,« sagte er, seine Augen weit aufreißend. »Ja, es ist ganz recht, – und mein Geld – mein Geld – wo ist mein Geld?« – fügte er auffahrend bei. »Ganz geborgen, Vater.« »Ganz geborgen – du sagst ganz geborgen – weißt du es auch gewiß? – Laß mich sehen.« »Hier ist es, Vater, wie Ihr bemerken werdet – unangetastet. Dankt es einem Manne, den Ihr nicht so gut behandelt habt.« »Wem? – Was meinst du damit? – Ach ja, ich sehe ihn jetzt – es ist Philipp Vanderdecken – er ist mir vierthalb Gülden schuldig, und dann ist auch noch die Flasche – hat er dich gerettet und mein Geld?« »Allerdings, und zwar mit Gefährdung seines eigenen Lebens.« »Gut, gut; ich will ihm die ganze Schuld erlassen – ja, die ganze Schuld; aber das Fläschchen – es ist ihm doch nichts nütz – das muß er mir wieder zurückgeben. Bring mir ein wenig Wasser.« Es stund einige Zeit an, ehe der alte Mann wieder völlig zur Besinnung kam. Philipp ließ ihn mit seiner Tochter allein und nahm ein paar geladene Pistolen, um über den Zustand der vier Räuber Gewißheit einzuholen. Der Mond hatte sich inzwischen über den Wolkensaum erhoben und strahlte in lichter Klarheit am Himmel, so daß sich in seinem Scheine Alles unterscheiden ließ. Die beiden Männer an der Thürschwelle waren todt, die Andern aber; welche Mynheer Poots ergriffen hatten, noch am Leben, obschon der Eine im Sterben lag, der Andere aber aus einer schweren Wunde blutete. Philipp stellte an Letzteren einige Fragen, die jedoch derselbe entweder nicht beantworten mochte, oder konnte. Unser Held nahm daher die Waffen der Räuber an sich und kehrte nach dem Hause zurück, wo er den alten Mann, der von seiner Tochter gepflegt wurde, in einer verhältnißmäßigen Fassung antraf. »Ich danke Euch, Philipp Vanderdecken – ich danke Euch sehr. Ihr habt mein liebes Kind gerettet – und mein Geld – 's ist freilich nur wenig, – sehr wenig – denn ich bin arm. Mögt Ihr lange und glücklich leben.« Philipp versank in ein Brüten. Der Brief und sein Gelübde tauchten jetzt zum erstenmale, seit er mit den Räubern zusammengetroffen, in seiner Erinnerung auf und ein düsterer Schatten überflog seine Züge. »Lange und glücklich? – Nein, nein,« murmelte er mit einem unwillkürlichen Kopfschütteln. »Und ich muß Euch gleichfalls danken,« sagte Amine, forschend in Philipps Gesicht blickend. »Oh, wie tief bin ich Euch verpflichtet! In der That, ich werde es nie vergessen.« »Ja, ja, sie wird es Euch ihr Leben lang Dank wissen,« fiel ihr der alte Mann in's Wort; »aber wir sind arm, – sehr arm. Ich habe von meinem Geld gesprochen, weil ich so wenig besitze und einen Verlust nicht verschmerzen könnte. Die vierthalb Gülden braucht Ihr mir jedoch nicht zu bezahlen – diese will ich gerne verlieren, Herr Philipp.« »Und warum auch nur diese verlieren, Mynheer Poots? Ich versprach, Euch zu bezahlen, und werde mein Wort halten. Ich habe Geld genug – Tausende von Gülden und weiß nicht, was ich damit anfangen soll.« »Ihr – Ihr – Tausende von Gülden?« rief Poots. »Bah, Unsinn! Das macht Ihr mir nicht weiß.« »Ich wiederhole es Euch, Amine,« sagte Philipp, »daß ich Tausende von Gülden besitze. Ihr wißt, daß ich Euch keine Lüge sagen würde.« »Ich glaubte Euch schon, als Ihr es meinem Vater sagtet,« versetzte Amine. »Aber dann, wenn Ihr soviel habt, und da ich so gar arm bin, Herr Vanderdecken – –« Amine legte jedoch die Hand auf ihres Vaters Lippen und der Satz wurde nicht beendigt. »Vater,« sagte das Mädchen, »es ist Zeit, daß wir uns zurückziehen. Ihr müßt uns für diese Nacht verlassen, Philipp.« »Nein, das will ich nicht,« versetzte Philipp, »und ebenso wenig gedenke ich mich dem Schlafe hinzugeben. Ihr beide mögt ruhig zu Bette gehen, denn es ist in der That hohe Zeit. Gute Nacht, Mynheer Poots. Ich will nur um eine Lampe bitten und dann Euch allein lassen. – Gute Nacht, Amine.« »Gute Nacht,« erwiderte Amine ihre Hand ausstreckend, »und tausend, tausend Dank.« »Tausende von Gülden!« murmelte der alte Mann, während Philipp das Zimmer verließ und hinunterging. Fünftes Kapitel. Philipp Vanderdecken setzte sich unter die Vorhalle der Thüre und strich sich das Haar aus der Stirne, welche er dem Fächeln des Windes preisgab, denn die fortgesetzte Aufregung der letzten drei Tage hatte in seinem Gehirne ein Fieber erzeugt, das ihn unruhig und verwirrt machte. Er sehnte sich nach Ruhe, wußte aber wohl, daß diese für ihn nicht vorhanden war. Finstere Ahnungen bedrängten ihn, und in der Zukunft sah er blos eine lange fortgesetzte Kette von Unglück und Gefahr selbst bis zum Tode; aber seine Seele blieb frei von Furcht. Es war ihm, als hätte erst seit drei Tagen sein Dasein begonnen, das zwar traurig, aber nicht unglücklich war. Ohne Unterlaß kehrten seine Gedanken zu dem verhängnißvollen Briefe zurück, dessen seltsames Verschwinden entschieden auf einen übernatürlichen Ursprung und auf den Umstand hinzudeuten schien, daß die Botschaft nur ihm allein zugedacht gewesen sei. Die Reliquie in seinem Besitze bestätigte diese Thatsache nur noch mehr. »Es ist mein Geschick, meine Pflicht,« dachte Philipp. Nachdem er zu diesem genügenden Entschlusse gekommen war, kehrten seine Gedanken wieder zu der Schönheit, dem Muthe und der Geistesgegenwart zurück, welche Amine an den Tag gelegt hatte. »Ist wohl das Geschick dieses schönen Wesens bestimmt, sich mit dem meinigen zu verflechten?« sagte er zu sich selber, als er dem Monde nachblickte, der hoch am Himmel dahin schwebte. »Die Ereignisse der letzten drei Tage könnten fast diese Vermuthung rechtfertigen, doch dies liegt in der Hand des Allmächtigen, und Sein Wille geschehe. Ich habe feierlich gelobt, und mein Gelübde ist aufgezeichnet worden, daß ich mein Leben der Erlösung meines unglücklichen Vaters weihen will – aber hindert mich dies, Aminen zu lieben? Nein, nein; der Matrose der indischen Meere kann Monate lang am Lande zubringen, eh' es ihm möglich wird, zu seinem Dienste zurückzukehren. Ich habe mein Ziel auf dem weiten Weltmeere aufzusuchen, aber wie oft muß ich nicht vielleicht wieder zurück, und warum sollte ich mir den Trost einer lächelnden Heimath versagen? – Und doch – handle ich recht, wenn ich um die Neigung eines Wesens werbe, die, wie ich überzeugt bin, in ihrer Liebe so innig, treu und zärtlich sein würde? – Darf ich sie überreden, sich einem Menschen zuzugesellen, dessen Leben so ungewiß ist? – Aber ist nicht das Leben eines jeden Seemanns ungewiß – muß er nicht den erzürnten Wogen Trotz bieten, während nur eine zolldicke Planke zwischen ihm und dem Tode liegt? Zudem bin ich erlesen, eine Aufgabe zu erfüllen – und wenn dem so ist, was kann mich beschädigen, bis ich sie vollstreckt habe in der vom Himmel dafür bestimmten Zeit? Aber wann, und wie wird diese enden? – Im Tode? Ich wollte, mein Blut wäre ruhiger, damit ich besser erwägen könnte.« Mit derartigen Betrachtungen trug sich Philipp Vanderdecken geraume Zeit. Endlich grauete der Tag, und weniger achtsam, sobald er das Glühen des Horizonts entdeckte, schlummerte Philipp auf seinem Posten ein. Ein leichter Druck auf die Schulter schreckte ihn wieder auf und er zog die Pistole aus seiner Brust. Als er sich umwandte, bemerkte er Amine. »Diese Pistole sollte also mir gelten?« sagte Amine lächelnd, indem sie Philipps Worte vom vorigen Abend wiederholte. »Euch, Amine? Ja – Euch, zu Eurem abermaligen Schutze nämlich, falls es nöthig wäre.« »Ich bin davon überzeugt – wie freundlich ist es von Euch, nach so viel Anstrengung und Erschöpfung die lange Nacht durch zu wachen! Aber es ist jetzt heller Tag.« »Bis ich die Morgenröthe aufdämmern sah, Amine, war ich ein treuer Hüter.« »Aber jetzt müßt Ihr heraufkommen und Euch ein wenig ausruhen. Mein Vater ist bereits aufgestanden – Ihr könnt Euch auf sein Bett niederlegen.« »Ich danke Euch, fühle mich aber nicht schläfrig. Es gibt noch viel zu thun. Wir müssen zu dem Bürgermeister gehen und den Vorfall anzeigen. Auch dürfen diese Leichname nicht entfernt werden, bis das Ganze bekannt gemacht ist. Will Euer Vater gehen, Amine, oder soll ich's thun?« »Mein Vater ist, als der Eigentümer des Hauses, unstreitig die passendere Person. Ihr müßt bleiben und, wenn Ihr nicht schlafen wollt, einige Erfrischung zu Euch nehmen. Ich will hineingehen und meinen Vater davon in Kenntniß setzen; er hat bereits gefrühstückt.« Amine begab sich in's Haus und kehrte bald mit ihrem Vater zurück, der sich bereitwillig zeigte, zu dem Bürgermeister zu gehen. Er grüßte Philipp freundlich, schauderte aber, als er an den Leichen vorbeikam, und verfügte sich raschen Schritts nach der nahe gelegenen Stadt, wo der Bürgermeister wohnte. Amine forderte Philipp auf, ihr zu folgen; sie begaben sich in das Zimmer des Arztes, wo der junge Mann zu seiner Ueberraschung etwas Kaffee für sich bereit fand; ein derartiges Frühstück war nämlich in jener Zeit eine Seltenheit, die Philipp in dem Hause des filzigen Mynheer Poots nicht zu finden erwartete – indeß hatte sich der alte Mann in seinem früheren Leben so sehr an diesen Genuß gewöhnt, daß er desselben nicht gut entrathen konnte. Philipp, der in den letzten vierundzwanzig Stunden fast Nichts zu sich genommen hatte, sprach ohne Bedenken dem ihm vorgesetzten Frühmahle zu. Amine setzte sich stumm ihm gegenüber. »Amine,« begann Philipp endlich, »während meiner Nachtwache habe ich reichlich Zeit zu Erwägungen gehabt. Darf ich mich offen aussprechen?« »Warum nicht?« versetzte Amine. »Ich fühle mich überzeugt, daß Ihr Nichts reden werdet oder überhaupt nur reden könnt, was das Ohr einer Jungfrau nicht hören dürfte.« »Ihr laßt mir nur Gerechtigkeit widerfahren, Amine. Meine Gedanken haben sich mit Euch und Eurem Vater beschäftigt. Ihr könnt nicht länger in diesem einsamen Hause weilen.« »Ach, es ist freilich zu einsam – das heißt für seine Sicherheit – vielleicht auch für die meinige – aber Ihr kenn't meinen Vater – gerade diese Abgeschiedenheit sagt ihm zu, der Miethzins ist nur gering und er scheut größere Ausgaben.« »Wem sein Geld so sehr am Herzen liegt, der sollte es auch an einem sichern Orte unterbringen – und der gegenwärtige ist nicht sicher. Hört mich an, Amine. Wie Ihr wahrscheinlich wißt, habe ich ein Wohnhäuschen, das von vielen andern umgeben ist, welche sich gegenseitig schützen. Ich verlasse es – vielleicht für immer, denn ich gedenke mit dem ersten Schiffe in die indischen Meere auszufahren.« »In die indischen Meere? und warum dies? Habt Ihr nicht erst in der letzten Nacht gesagt, daß Ihr im Besitze von mehreren tausend Gülden seid?« »Das hat ganz seine Richtigkeit; aber Amine, ich muß fort – meine Pflicht ruft mich. Fragt mich nicht weiter, sondern hört, was ich Euch jetzt vorschlage. Euer Vater muß meine Wohnung beziehen und in meiner Abwesenheit für sie Sorge tragen; er erweist mir durch seine Einwilligung einen Gefallen und Ihr werdet ihm zureden. Ihr seid dort sicher. Er mag auch mein Geld in seine Obhut nehmen – ich brauche es vorderhand nicht und kann es auch nicht mit mir nehmen.« »Meinem Vater ist nicht gut fremdes Geld anvertrauen.« »Aber warum scharrt er auch zusammen? Er kann sein Geld doch nicht mitnehmen, wenn er abgerufen wird. Es ist also für Euch – und sollte in diesem Falle mein Geld nicht in sicherer Hand sein?« »So überlaßt es meiner Sorge, und es soll gut aufbewahrt bleiben. Aber wozu habt Ihr nöthig, Euer Leben auf dem Wasser in Gefahr zu setzen, wenn Euch so reichliche Mittel zu Gebote stehen?« »Amine, fragt mich hierüber nicht, denn ich kann Euch – wenigstens vorderhand – nicht weiter sagen, als daß ich die Pflicht eines Sohnes zu erfüllen habe.« »Wenn von einer Verpflichtung die Rede ist, so will ich nicht weiter in Euch dringen. Es war nicht blos weibliche Neugierde, nein, nein – sondern ein besseres Gefühl, glaubt mir, was mich veranlaßte, die Frage zu stellen.« »Und welcher Art wäre dieses Gefühl, Amine?« »Ich weiß es selbst kaum – vielleicht eine Mischung vieler guten Gefühle – Dankbarkeit, Achtung, Vertrauen, Zuneigung. Sind diese nicht hinreichend?« »Allerdings, Amine – und jedenfalls sind sie ein reicher Gewinn nach einer so kurzen Bekanntschaft; aber auch ich empfinde sie für Euch und noch viel mehr. Wie dem übrigens sein mag, wenn Ihr alles dies für mich fühlt, so erweist mir den Gefallen, Euren Vater zu bereden, daß er heute noch dieses einsame Haus verlasse und das meinige beziehe.« »Und wohin wolltet dann Ihr gehen?« »Wenn mich Euer Vater für die kurze Zeit meines Hierbleibens nicht als Hausgenossen haben will, kann ich irgendwo anders ein Obdach suchen; läßt er sich aber geneigt finden, so will ich ihn gut entschädigen, – das heißt, falls Ihr nichts dagegen habt, daß ich noch einige Tage in dem Hause bleibe.« »Warum sollte ich auch? Unsere Wohnung ist nicht länger sicher und Ihr bietet uns Schutz an. Es wäre in der That höchst unrecht und undankbar, Euch von Eurem Herde zu vertreiben.« »So redet ihm zu, Amine. Ich verlange keinen Miethzins, sondern betrachte es als eine Gunst, da ich nur mit Bekümmerniß scheiden könnte, wenn ich Euch nicht in Sicherheit wüßte. – Wollt Ihr mir's versprechen?« »Ich will mir alle Mühe geben – ja – ich kann Euch schon jetzt sagen, daß es geschehen wird, denn ich kenne meinen Einfluß. Hier meine Hand darauf. Wird Euch dies zufrieden stellen?« Philipp nahm die ihm dargebotene kleine Hand. Seine Gefühle überwältigten seine Klugheit; er führte sie nach seinen Lippen. Um sich zu überzeugen, ob Amine nicht unwillig sei, blickte er zu ihr auf und fand ihr dunkles Auge auf sich geheftet; wie früher, als sie ihn einließ, schien sie in seiner Seele lesen zu wollen – die Hand aber wurde nicht zurückgezogen. »In der Thal, Amine,« sagte Philipp, die Hand des Mädchens abermals küssend, »Ihr dürft auf mich bauen.« »Ich hoffe, – ich glaube – ja, ich bin überzeugt davon,« entgegnete sie endlich. Philipp ließ ihre Hand los. Amine kehrte nach ihrem Sitze zurück und schwieg eine Weile in ernstem Nachsinnen. Auch Philipp hatte seine Gedanken und blieb stumm. Endlich begann Amine – »Ich glaube von meinem Vater gehört zu haben, daß Eure Mutter sehr arm war – ein wenig heruntergekommen – und daß sich in Eurem Hause eine Stube befinde, welche viele Jahre verschlossen gehalten wurde.« »Sie war verschlossen bis gestern.« »Und dort habt Ihr Euer Geld gefunden? War denn Eurer Mutter nichts davon bekannt?« »Allerdings, denn sie machte mir auf ihrem Sterbebette die betreffende Mittheilung.« »So muß sie wohl gewichtige Gründe gehabt haben, das Gemach nicht zu öffnen?« »Ja.« »Und welcher Art waren dieselben, Philipp?« fragte Amine in weichem und gedämpftem Tone. »Ich darf nicht davon sprechen – sollte wenigstens nicht. Es genüge Euch übrigens, wenn ich sage, daß es die Furcht vor einer Erscheinung war.« »Vor einer Erscheinung?« »Sie sagte, mein Vater sei ihr erschienen.« »Und glaubt Ihr, daß es wirklich der Fall war, Philipp?« »Ich zweifle nicht im Mindesten daran. Aber jetzt kann ich auf Eure Fragen nicht weiter antworten, Amine. Das Gemach ist wieder geöffnet, und es steht nicht zu besorgen, daß sich abermals eine Spukgestalt zeige.« »Ich fürchte mich nicht davor,« versetzte Amine nachsinnend. »Aber,« fuhr sie nach einer Weile fort, »hängt dies vielleicht mit Eurem Entschlusse, auf die See zu gehen, zusammen?« »Ich will Euch so weit antworten, daß jener Vorfall der Beweggrund ist, der mich veranlaßt, zur See zu gehen; jetzt aber bitte ich, nicht mehr in mich zu dringen. Es ist schmerzlich, Euch etwas abzuschlagen, und meine Pflicht verbietet mir, mich weiter darüber auszulassen.« Einige Minuten blieben Beide stumm, bis endlich Amine wieder anhub: »Ihr wart gar so ängstlich, Euch wieder zu dem Besitz jener Reliquie zu verhelfen, daß ich mich des Gedankens nicht erwehren kann, sie stehe in einer Beziehung zu Eurem Geheimnisse. Ist es nicht so?« »Ich will Euch auch diese letzte Frage noch beantworten, Amine – ja, sie hängt mit meinem Geheimnisse zusammen; aber jetzt verschont mich.« Philipps derbe und fast rohe Weise in Beendigung seiner Rede ging an Amine nicht verloren, welche erwiderte: »Ihr seid so sehr von anderen Gedanken in Anspruch genommen, daß Ihr das Compliment nicht zu fühlen scheint, welches in dem Umstande liegt, daß ich so viel Interesse an Euch nehme.« »Doch – ja – ich fühle es, und bin Euch auch dankbar dafür, Amine. Vergebt mir meine Barschheit, aber vergeßt nicht, daß das Geheimniß nicht mein Eigenthum ist – wenigstens scheint es mir so. Gott ist mein Zeuge, wie sehr ich wünschte, es selbst auch nicht zu kennen, denn es hat alle meine Lebenshoffnungen vernichtet.« Philipp schwieg, und als er seine Augen wieder erhob, fand er, daß Aminens Blicke auf ihm hafteten. »Wollt Ihr meine Gedanken lesen, Amine, oder mein Geheimniß?« »Eure Gedanken vielleicht, nicht aber Euer Geheimniß. Dennoch thut es mir leid, daß es Euch augenscheinlich so schwer bedrückt. Es muß in der That furchtbar sein, daß es einen Geist wie den Eurigen also niederzudrücken im Stande ist.« »Wo habt Ihr gelernt, so muthig zu sein, Amine?« fragte Philipp, um den Gegenstand des Gesprächs zu wechseln. »Die Umstände machen den Menschen muthig oder verzagt. Wer an Schwierigkeiten und Gefahren gewöhnt ist, fürchtet sie nicht mehr.« »Und wo sind Euch Gefahren begegnet, Amine?« »In dem Lande, in welchem ich geboren bin, nicht an diesem meinem späteren, feuchten und sumpfigen Aufenthaltsorte.« »Wollt Ihr mir die Geschichte Eures früheren Lebens anvertrauen, Amine? Ich kann verschwiegen sein, wenn Ihr es wünscht.« »Daß Ihr verschwiegen sein könnt, vielleicht auch gegen meinen Wunsch, habt Ihr mir bereits bewiesen,« versetzte Amine lächelnd; »indeß seid Ihr immerhin berechtigt, Etwas von dem Leben zu erfahren, das Ihr gerettet habt. Ich kann Euch nicht viel sagen, aber auch dieses Wenige wird zureichend sein. Mein Vater wurde, als er noch ein Knabe war, am Borde eines Handelsschiffes von den Mauren genommen und von Letzteren in ihrem Lande an einen Hakim oder Arzt als Sklave verkauft. Der Maure, dem die Talente meines Vaters gefielen, bildete ihn zu seinem Gehülfen heran, und diesem Manne verdankt mein Vater seine Kenntnisse. Im Laufe einiger Jahre stand er seinem Meister nicht mehr nach, durfte aber als Sklave nicht für sich selbst arbeiten. Ihr kennt die Habsucht meines Vaters, die sich leider nicht verheimlichen läßt. Er seufzte darnach, so reich zu werden, wie sein Herr, und seine Freiheit zu erhalten. Sein Uebergang zum muhamedanischen Glauben verschaffte ihm die Freiheit, und er practizirte nun für sich selbst. Die Tochter eines arabischen Häuptlings, dessen Gesundheit er wieder hergestellt hatte, wurde sein Weib, und er ließ sich im Lande nieder. Ich wurde geboren; mein Vater sammelte sich Schätze, und wurde sehr berühmt. Aber der Sohn eines Bey's, der unter seinen Händen starb, gab einen Grund an die Hand, ihn zu verfolgen. Man stellte ihm nach dem Leben; aber er entkam, freilich mit dem Verluste seines ganzen geliebten Reichthums. Meine Mutter und ich begleiteten ihn; er flüchtete sich zu den Beduinen, unter denen er einige Jahre weilte. Dort gewöhnte ich mich an rasche Märsche, an wilde und grimmige Angriffe, an Niederlage und Flucht, oft auch an grausames Gemetzel. Die Beduinen bezahlten jedoch die Dienste meines Vaters schlecht, und Gold war sein Idol. Als er hörte, daß der Bey todt sei, kehrte er nach Cairo zurück, zu practiziren. Auf's Neue häufte er sich einen Reichthum zusammen, bis dieser groß genug war, die Gier des neuen Bey's zu erregen; aber glücklicherweise erhielt er Kunde von den Absichten des Gewalthabers. Er flüchtete sich wieder mit einem großen Theil seiner Habe, und erreichte in einem kleinen Schiffe die spanische Küste, durfte aber sein Geld nicht lange behalten. Ehe er dieses Land erreichte, wurde er beinahe seiner ganzen Habe beraubt, und nun hat er seit drei Jahren wieder zusammengespart. Wir waren nur ein Jahr in Mittelburg und zogen dann hierher. Dies ist die Geschichte meines Lebens, Philipp.« »Und hält Euer Vater noch immer an dem muhamedanischen Glauben, Amine?« »Ich weiß es nicht, möchte aber eher vermuthen, daß er es mit gar keinem Glauben hält; wenigstens hat er mich keinen gelehrt. Das Gold ist sein Gott.« »Und der Eurige?« »Ist der Gott, der diese schöne Welt, sammt allem ihrem Inhalt geschaffen hat – der Gott der Natur – nennt ihn, wie Ihr wollt. Ich fühle ihn, Philipp, möchte ihn aber wohl noch näher kennen lernen. Es gibt so viele Glaubensbekenntnisse, die aber zuverlässig nichts Anderes sein können, als verschiedene Pfade, die in gleicher Weise zum Himmel führen. Euer Glaube ist der christliche, Philipp – ist er der wahre? Doch Jeder nennt den seinigen so, welcher Art derselbe auch sein mag.« »Er ist der wahre und der einzig wahre, Amine. Dürfte ich nur sprechen – ich habe die furchtbarsten Beweise zur Hand –« »Daß Euer Glaube der wahre ist? Seid Ihr dann nicht verpflichtet, sie zu offenbaren? Sagt mir, seid Ihr durch eine feierliche Zusage gebunden, sie nie zu enthüllen?« »Nein, das nicht – aber doch ist mir's, als ob's der Fall wäre. Ich höre übrigens Stimmen – es muß Euer Vater sein mit den obrigkeitlichen Personen – ich will ihnen entgegen gehen.« Philipp stand auf und begab sich die Treppe hinunter. Amine folgte ihm mit den Augen und ließ ihre Blicke auf der Thüre haften. »Ist's möglich?« sagte sie, sich das Haar aus der Stirne streifend. »Sobald schon? Ja, ja, – und doch ist's so. Ich fühle, daß ich lieber sein geheimes Weh – seine Gefahren – ja sogar den Tod mit ihm theilen möchte, als Ruhe und Glück mit einem Andern. Und es wäre in der That sonderbar, wenn es nicht so kommen sollte. Diesen Abend noch soll mein Vater in seine Wohnung ziehen – ich will ihn unverweilt darauf vorbereiten.« Die Magistratspersonen nahmen die Angaben von Philipp und Mynheer Poots zu Protocoll und untersuchten die Leichname, von denen ein paar als berüchtigte Räuber erkannt wurden. Der Bürgermeister ließ sie fortschaffen. Dann hoben die Magistratspersonen ihre Berathung auf, und Philipp konnte mit Mynheer Poots wieder zu Amine zurückkehren. Es wird nicht nöthig sein, über die nun folgende Unterhaltung Bericht zu erstatten; wir begnügen uns daher mit der Angabe, daß sich Poots in die Gründe, welche Amine und Philipp vorbrachten, fügte, um so mehr, da er keinen Miethzins bezahlen sollte. Die Möbel und Arzneien wurden auf einen Wagen geladen, und gegen Abend war fast das ganze Haus geräumt. Des Doctors Geldkiste sollte jedoch erst in der Dunkelheit auf den Karren geladen werden, und Philipp ging als Beschützer mit. Amine mit ihrem Vater begleiteten das Fuhrwerk auf der andern Seite. Wie man sich denken kann, wurde es spät, bis alle Einrichtungen getroffen waren, und die neuen Hausbewohner zur Ruhe gehen konnten. Sechstes Kapitel. »Dies ist also das Gemach, das so lange verschlossen blieb,« sagte Amine, die am andern Morgen eintrat, als Philipp noch lange, in Folge der letzten Nachtwache, in tiefem Schlafe lag. »Ja, schon die dumpfe Luft bekundet es.« Amine blickte umher und musterte das Möbelwerk. Ihre Augen wurden durch die Vogelkäfichte gefesselt; sie sah hinein. »Arme kleine Geschöpfe!« fuhr sie fort; »und hier ist also seiner Mutter der Gatte erschienen. Wohl, das mag so sein – Philipp sagt, er habe Beweise – und warum hätte er nicht sollen erscheinen können. Wäre Philipp todt, so würde es mich freuen, seinen Geist zu sehen – es wäre wenigstens Etwas! Doch was sage ich – falsche Lippen, wie mögt Ihr so mein Geheimniß verrathen? – Der Tisch ist umgeworfen – das sieht aus wie ein Werk der Furcht; ein Arbeitskörbchen, dessen Inhalt umhergestreut ist – nur der Schrecken eines Weibes! Eine Maus hätte dazu Anlaß geben können – und doch liegt etwas Feierliches in der einfachen Thatsache, daß so viele Jahre kein lebendes Wesen diese Schwelle überschritten hat! Daß sogar ein Tisch viele Jahre so umgestürzt bleiben kann, scheint kaum natürlich – wirkt deßhalb um so gewaltiger auf den Geist. Es wundert mich nicht, daß Philipp der Meinung ist, ein so schweres Geheimniß gehöre nur diesem Gemache an – aber es darf nicht so bleiben – es muß einmal wieder bewohnt werden.« Amine, welche von lange her gewohnt war, ihrem Vater abzuwarten und die Obliegenheiten des Hauswesens zu besorgen, begann nun ihr Geschäft. Jeder Theil des Zimmers und jedes darin befindliche Möbel wurde gereinigt. Der Staub und die Spinnengewebe verschwanden. Das Sopha und der Tisch wurden aus der Ecke in die Mitte gerückt und die melancholischen kleinen Gefängnisse entfernt. Als Amine mit ihrer Arbeit zu Stande gekommen war, leuchtete die Sonne hell durch die geöffneten Fenster, und das Gemach gewann einen heiteren Anblick. Amine war der verständigen Ansicht, stürmische Eindrücke dürften ihre rauhen Flächen verlieren, wenn die Gegenstände, die daran erinnerten, entfernt würden. Sie beschloß daher, Philipp Beruhigung zu bringen, denn sie hatte mit allem Feuer und aller Warmblütigkeit ihrer mütterlichen Vorfahren sein Bild in ihr Herz aufgenommen und war entschlossen, ihn für sich zu gewinnen. Wieder und wieder nahm sie ihr Geschäft auf, bis die Gemälde im Zimmer umher und alle übrigen Gegenstände frisch und rein aussahen. Nicht nur die Vogelkäfichte, sondern auch das Arbeitskörbchen sammt dessen Inhalt und die Stickerei, bei deren Aufnehmen Philipp wie vor der Berührung einer Natter zurückgefahren war, wurden weggeschafft. Unser Held hatte die Schlüssel auf dem Boden liegen lassen. Amine öffnete die Schränke, reinigte die Glasthüren, und war eben im Begriff, die silbernen Flaschen blank zu reiben, als ihr Vater in das Zimmer trat. »Barmherziger Himmel!« rief Mynheer Potts, »und alles dies ist Silber? Dann muß es wahr sein, und er hat wirklich Tausende von Gülden! aber wo sind sie?« »Kümmert Euch nicht darum, Vater; Euer Eigenthum ist ja geborgen, und daß Ihr es nicht verlort, habt Ihr bloß Philipp Vanderdecken zu danken.« »Ja, ganz richtig; aber da er hier leben will – er wird wohl viel essen – und was wird er mir bezahlen? Er sollte wohl gut ausrücken, da er so viel Geld hat.« Aminens Lippen kräuselten sich zu einem verächtlichen Lächeln, ohne daß sie jedoch eine Antwort gab. »Ich möchte nur wissen, wo er sein Geld aufbewahrt; und er will zur See gehen, sobald er ein Schiff kriegen kann? Wer wird dann auf sein Eigenthum Acht haben, wenn er fort ist?« »Das will ich thun, Vater,« versetzte Amine. »Ach– ja – gut – wir wollen Sorge dafür tragen. Das Schiff könnte zu Grunde gehen.« »Nein, Vater, nicht wir werden Sorge dafür tragen. Ihr habt nichts damit zu schaffen; kümmert Euch um Eure eigne Habe.« Amine stellte das Silber in die Schränke, verschloß die Thüren und nahm, als sie hinausging, um das Frühstück zu bereiten, – die Schlüssel mit sich, während der alte Mann zurückblieb und durch die Glasscheiben das kostbare Metall im Innern betrachtete. Seine Augen waren fest darauf geheftet, ohne daß er sie abzuwenden vermochte, und von Zeit zu Zeit murmelte er vor sich hin: »Ja, es ist Alles Silber.« Philipp kam die Treppe herunter; als er auf seinem Wege nach der Küche an dem Zimmer vorbeiging und Mynheer Poots vor dem Schranke bemerkte, trat er gleichfalls ein. Er war nicht überrascht über die angenehme Veränderung, fühlte aber mit tiefgerührtem Danke, warum, und durch wen es geschehen war. Amine kam mit dem Frühstück, und ihre Augen drückten mehr aus, als es ihren Lippen möglich gewesen wäre; unser Held setzte sich mit weniger Kummer und einer entwölkteren Stirne zu seinem Mahle nieder. »Mynheer Poots,« begann Philipp, sobald er sein Frühstück beendigt hatte, »ich gedenke, Euch im Besitze meines Häuschens zu lassen, und hoffe, Ihr werdet Euch wohl darin befinden. Die kleinen Anordnungen, die etwa nöthig sein dürften, will ich vor meiner Abreise Eurer Tochter anvertrauen.« »Ihr verlaßt uns also, Herr Philipp, und wollt zur See gehen? Es muß allerdings angenehm sein, fremde Länder zu sehen – weit besser, als ein ewiges Zuhausebleiben. Wann gedenkt Ihr abzureisen?« »Ich werde diesen Abend nach Amsterdam aufbrechen,« versetzte Philipp, »um wegen eines Schiffs meine Vorkehrungen einzuleiten, komme aber wahrscheinlich vor meiner Ausfahrt noch zurück.« »Ah! Ihr wollt wieder kommen? Ja – Ihr müßt nach Eurem Geld und Eurer Habe sehen – müßt das Geld zählen – wir wollen es gut in Acht nehmen. Wo habt Ihr Euer Geld, Herr Vanderdecken?« »Das soll Eure Tochter erfahren – diesen Morgen, noch vor meinem Aufbruche. Spätestens in drei Wochen könnt Ihr mich wieder zurückerwarten.« »Vater,« sagte Amine, »Ihr habt dem Bürgermeister versprochen, sein Kind zu besuchen; es ist Zeit, daß Ihr geht.« »Ja, ja – beiläufig – Alles zu seiner Zeit! aber ich muß zuerst Herrn Philipps Willensmeinung hören – er hat mir vor seiner Abreise noch viel zu sagen.« Philipp konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, wenn er sich erinnerte, was vorgefallen war, als er Mynheer Poots zuerst nach seiner Wohnung berief; aber der Rückblick endete mit Kummer und einer verdüsterten Stirne. Amine. welche wohl wußte, was in den Gemüthern ihres Vaters und Philipps vorging, brachte jetzt Ersterem den Hut und führte ihn nach der Thüre. Mynheer Poots war zwar nicht sonderlich geneigt, sich entfernen zu lassen, zugleich aber auch gewöhnt, den Willen seiner Tochter nie zu bestreiten, weßhalb er seinen Weg zum Kinde des Bürgermeisters antrat. »Sobald schon, Philipp?« fragte Amine, nach dem Zimmer zurückkehrend. »Ja, Amine; ich muß unverweilt aufbrechen, hoffe aber, vor meiner Ausfahrt wieder zurückzukommen. Sollte dies nicht der Fall sein, so will ich Euch gleich jetzt die betreffenden Weisungen ertheilen. Gebt mir die Schlüssel.« Philipp öffnete das untere Fach des Schrankes und den Deckel der eisernen Truhe. »Hier, Amine, ist mein Geld; wir brauchen es nicht zu zählen, wie mir Euer Vater vorschlug. Ihr seht, daß ich recht hatte, als ich behauptete, daß ich Tausende von Gülden besitze. Vorderhand sind sie mir nichts nütze, da ich mein Gewerbe zu erlernen habe. Sollte ich eines Tages zurückkehren, so können sie mir zu einem eigenen Schiffe verhelfen; aber mein künftiges Geschick ist ungewiß.« »Und wenn Ihr nicht wieder zurückkehren solltet?« entgegnete Amine mit Ernst. »Dann soll Alles, was das Häuschen enthält, wie auch das Häuschen selbst, Euer Eigenthum sein.« »Ihr habt Verwandte – oder nicht?« »Nur Einen – einen reichen Onkel, der uns nur wenig in unserer Noth unterstützte und kinderlos ist. Ich habe ihm nicht viel zu verdanken und er braucht nichts. Auf der ganzen Welt befindet sich nur ein einziges Wesen, das in meinem Herzen Interesse geweckt hat, und dieses Wesen seid Ihr, Amine. Ich wünsche, daß Ihr in mir einen Bruder seht – und ebenso werde ich Euch stets wie eine theure Schwester lieben.« Amine gab keine Antwort. Philipp nahm noch einiges Geld aus dem bereits angebrochenen Beutel, um damit seine Reisekosten zu bestreiten, verschloß dann Truhe und Fach und übergab die Schlüssel an Amine. Er wollte sie eben anreden, als sich ein leichtes Pochen an der Thüre vernehmen ließ und Pater Sensen, der Priester, eintrat. »Gott sei mit dir, mein Sohn, und auch mit Euch, mein Kind, das ich noch nie gesehen habe. Vermuthlich seid Ihr die Tochter des Mynheer Poots?« Amine antwortete mit einer Verbeugung des Kopfes. »Ich bemerke, Philipp, daß das Zimmer jetzt geöffnet ist, und habe von allem Vergangenen Kunde erhalten. Der Wunsch, mit dir zu sprechen, führt mich hieher; ich muß daher diese Jungfrau bitten, uns für eine Weile allein zu lassen.« Amine verließ das Zimmer, worauf der Priester sich auf das Kanapee setzte und Philipp an seine Seite winkte. Eine Wiederholung ihres Gesprächs würde zu lange sein. Der Priester befragte Philipp zuerst über sein Geheimniß, konnte aber nicht die gewünschte Auskunft erhalten, da ihm Letzterer nur so viel anvertraute, als er bereits Amine mitgetheilt hatte. Unser Held erklärte ihm sogleich seine Absicht, zur See zu gehen, mit dem Bemerken, daß er, im Falle er nicht wieder zurückkehren sollte, sein Eigenthum – dessen Betrag er nicht berührte, dem Doctor und seiner Tochter vermacht habe. Der Priester erkundigte sich sodann über Mynheer Poots und fragte Philipp, zu welchem Glauben er sich bekenne, da er den Mann noch nie in einer Kirche gesehen habe und die Welt sich mit dem Gerüchte trage, daß er ein Heide sei. Philipp gab hierauf, wie gewöhnlich, eine freimüthige Antwort und erklärte, daß die Tochter wenigstens gerne erleuchtet zu werden wünsche, weshalb er den Priester bitte, ein Geschäft zu übernehmen, dem er selbst nicht gewachsen sei. Pater Seysen, der Philipps Gefühle gegen das Mädchen bald zu würdigen wußte, erwies sich bereitwillig, diesem Gesuch zu entsprechen. Nach etwa zwei Stunden wurde ihre Unterhaltung durch die Rückkehr des Herrn Poots gestört, der, sobald er Pater Seysen bemerkte, augenblicklich das Zimmer wieder verließ. Philipp rief Amine, stellte sie dem Priester vor und bat sie, seine Besuche anzunehmen, worauf der gute alte Mann das Pärchen segnete und sich entfernte. »Ihr habt ihm doch kein Geld gegeben, Herr Philipp,« fragte Mynheer Poots, sobald Pater Seysen das Gemach verlassen hatte. »Nein,« antwortete Philipp, »aber ich wollte, ich hätte darauf gedacht.« »Nicht doch – es ist besser so – denn das Geld ist mehr werth, als das, was er Euch geben kann. Er sollte aber nicht wieder herkommen.« »Warum nicht, Vater, wenn Herr Philipp es wünscht?« entgegnete Amine. »Er ist in seinem eigenen Hause.« »O ja, wenn Herr Philipp es wünscht; aber du weißt, er geht ja.« »Gut, und wenn auch – warum sollte der Pater nicht hieherkommen? Er kann ja mich besuchen.« »Dich besuchen, mein Kind? Was kann er von dir wollen? Ei, meinetwegen – aber wenn er kommt, so erhält er von mir keinen Stüber – und dann wird er bald selber wegbleiben.« Philipp hatte keine Gelegenheit, sich weiter mit Amine zu besprechen – wußte ihr überhaupt auch nichts mehr zu sagen. Nach einer Stunde verabschiedete er sich von ihr in Gegenwart ihres Vaters, der sie nicht allein lassen wollte, weil er von Philipp Auskunft über das Geld zu erhalten hoffte, welches im Hause zurückbleiben sollte. Zwei Tage nachher langte Philipp in Amsterdam an, erkundigte sich und fand, daß es wohl noch einige Monate anstehen konnte, ehe ein Schiff nach Ostindien aussegelte. Die holländisch-ostindische Compagnie hatte sich schon längst gebildet und dem Privatverkehre ein Ende gemacht; auch segelten ihre Schiffe nur zu einer Zeit aus, in welcher man das Cap der Stürme – wie die früheren Abenteurer das Cap der guten Hoffnung nannten – am besten umfahren zu können glaubte. Eines der Schiffe, welches mit der nächsten Flotte aussegeln sollte, war der Schilling, ein dreimastiges Fahrzeug, das jetzt abgetakelt im Hafen lag. Philipp suchte den Kapitän auf und gab ihm seinen Wunsch zu erkennen, daß er mit ihm ausfahren und das Gewerbe eines Seemanns erlernen möchte. Der Kapitän war nicht unzufrieden darüber, und da Philipp während der Fahrt nicht nur keinen Lohn verlangte, sondern auch noch ein Lehrgeld zahlen wollte, so versprach er ihm einen Platz an Bord, mit dem Tisch in der Kajüte; auch sagte er ihm, er solle gehalten sein wie der zweite Mate, und Kunde erhalten, wenn das Schiff absegle. Da nun Philipp Alles gethan hatte, was sein Gelübde von ihm forderte, so beschloß er, nach Hause und in Aminen's Gesellschaft zurückzukehren. Wir müssen nun zwei Monate überspringen, während welcher Zeit Mynheer Potts seinem Berufe lebte und, da er nur selten zu Hause war, unser junges Pärchen oft stundenlang allein ließ. Philipps Liebe zu Aminen wurde in vollem Maße erwidert – ja, es war mehr als Liebe, eine aufopfernde Hingebung von beiden Seiten, die sich mit jedem Tage steigerte. Wo hätte man auch ein bezaubernderes und anziehenderes Wesen finden können, als in der muthigen und doch so zarten Amine? Wohl umwölkte sich Philipps Stirne oft, wenn er der dunkeln Zukunft gedachte; aber das Lächeln des Mädchens verscheuchte das Düster, und wenn sie ihm in's Auge blickte, war Alles vergessen. Amine machte kein Geheimniß aus ihrer Neigung, sondern zeigte sie in jedem Worte, in jedem Blicke und in jeder Geberde. Sie that nicht blöde, wenn Philipp ihre Hand faßte, seinen Arm um ihren Leib schlang oder sogar ihre Korallenlippen zu küssen wagte. Voll edlen Vertrauens fühlte sie, daß ihr Glück nur in seiner Liebe beruhte und sie eigentlich nur in seiner Gegenwart lebte. So entschwanden zwei Monate, als eines Tages Pater Seysen, der oft einsprach und Aminen in den Lehren seines heiligen Glaubens unterwies, erschien, wie Philipp eben das Mädchen mit seinen Armen umschlungen hielt. »Meine Kinder,« sagte er, »ich habe euch schon seit einiger Zeit beobachtet – dies ist nicht gut und auf alle Fälle gefährlich, selbst wenn du sie zu heirathen gedenkst, Philipp, was ich von dir voraussetze. Ich muß Eure Hände vereinigen.« Philipp fuhr auf. »Ich habe mich hoffentlich nicht in dir getäuscht, mein Sohn!« fuhr der Priester in strengem Tone fort. »Nein, nein, guter Vater; aber ich muß Euch bitten, mich jetzt zu verlassen. Kommt morgen wieder her und dann wird Alles entschieden sein; zuvor aber will ich mit Amine sprechen.« Der Priester verließ das Gemach und Philipp war wieder mit Amine allein. Die Farbe der Letzteren wechselte und ihr Herz pochte in schnelleren Schlägen, denn sie fühlte, wie sehr ihre ganze Seligkeit auf dem Spiele stand. »Der Priester hat recht, Amine,« sagte Philipp, sich an ihrer Seite niederlassend. »So kann es nicht fortgehen. Wollte Gott, daß ich stets bei Euch bleiben könnte und nicht ein grausames Schicksal mich verfolgte! Ihr wißt, daß ich sogar den Boden verehre, den Ihr betretet, und doch wage ich es nicht, Euch zu bitten, mit mir einen Bund des Elends einzugehen.« »Ein Bund mit Euch wird kein Bund des Elends sein, Philipp,« versetzte Amine mit niedergeschlagenen Augen. »Es wäre nicht freundlich von meiner Seite, Amine. Ich würde sehr selbstsüchtig handeln.« »Ich will offen mit Euch reden, Philipp,« entgegnete Amine. »Ihr behauptet, mich zu lieben – ich weiß nicht, wie Männer lieben – wohl aber, wie ich lieben kann. Wenn Ihr mich jetzt verließet, so fühle ich, daß es in der That unfreundlich und selbstsüchtig von Eurer Seite wäre, denn ich – ich würde sterben, Philipp. Ihr sagt, daß Ihr fort müßt – daß das Schicksal dies von Euch fordere – und sprecht von Eurem geheimnißvollen Verhängnisse. Sei es drum – aber kann ich nicht mit Euch gehen?« »Mit mir gehen, Amine? In den Tod?« »Ja, auch in den Tod, denn was ist der Tod anders, als eine Erlösung? Den Tod fürchte ich nicht, Philipp, wohl aber Euren Verlust. Und außerdem – ist Euer Leben nicht in der Hand dessen, der Alles geschaffen hat? Woher wißt Ihr denn so gewiß, daß es in den Tod geht? Ihr habt mir angedeutet, Ihr seid erkoren – auserwählt für eine Aufgabe. Wenn dies der Fall ist, so habt Ihr den Tod nicht zu fürchten, denn der Erkorene muß bis zu Erfüllung seines Werkes leben. Ich wünschte, Euer Geheimniß zu kennen, Philipp: der Verstand eines Weibes könnte Euch wohl nützlich werden, und wenn auch nicht, würde es Euch nicht zum Troste, zur Freude gereichen, sowohl Wonne als Leid mit einem Wesen zu theilen, das Euch theuer ist?« »Amine, theuerste Amine – nur meine Liebe, meine heiße, innige Liebe tritt mir hemmend in den Weg, denn welche Seligkeit wäre es nicht für mich, wenn wir in dieser Stunde schon vereinigt werden könnten. Ich weiß kaum, was ich sagen oder thun soll. Wenn Ihr mein Weib wäret, könnt' ich mein Geheimniß nicht vor Euch verbergen, und ebensowenig dürfte ich Euch heirathen, bis Ihr es erfahren hättet. Nun, wohlan, Amine, ich will mein Alles auf einen Wurf setzen. Ihr sollt das Geheimniß kennen lernen und erfahren, welch ein unglücklicher Elender ich bin, obgleich nicht durch meine Schuld. Dann mögt Ihr selbst entscheiden, dürft aber dabei nicht vergessen, daß mein Eid im Himmel vernommen wurde und daher von einem Abrathen keine Rede sein kann. Behaltet dies im Gedächtniß; und hört meine Geschichte. – Entschließt Ihr Euch dann, einen Mann zu heirathen, dessen Aussichten so bitter sind, so möge es darum sein. Mir wird ein kurzes Glück blühen, – aber für Euch, Amine – –« »Zögert nicht länger mit Eurem Geheimniß, Philipp,« rief Amine ungeduldig. Philipp erzählte nun ausführlich, was wir dem Leser bereits mitgetheilt haben. Amine hörte schweigend zu, ohne im Laufe der ganzen Geschichte auch nur in einem Zuge ihres Antlitzes eine Veränderung blicken zu lassen. Philipp schloß mit einer Berührung des Eides, den er geleistet hatte. »Es ist geschehen,« fügte er mit wehmüthiger Stimme bei. »Das ist eine wunderbare Geschichte, Philipp,« versetzte Amine. »Doch hört mich an und gebt mir zuerst jene Reliquie, damit ich sie betrachte. – Kann denn wirklich so viel Kraft – ich hätte beinahe gesagt, so viel Unheil – in diesem kleinen Ding liegen? Seltsam! verzeiht mir, Philipp – aber ich habe doch meine Bedenken über diese Mähr von Eblis . Ihr wißt, ich bin noch nicht stark in dem neuen Glauben, den Ihr und der gute Priester mich in der letzten Zeit gelehrt habt. Ich will die Wahrheit desselben nicht in Abrede ziehen, muß aber doch mit Nachsicht behandelt werden, wenn ich noch nicht so festen Fuß gefaßt habe, um nicht zu wanken. Nehmen wir übrigens an, Philipp, daß Alles wahr ist – in diesem Falle würdet Ihr auch ohne Eid nur Eure Pflicht thun. Denkt nicht so niedrig von Aminen, um von ihr zu vermuthen, daß sie Euch von dem Rechten abwendig machen wolle. Nein, Philipp, sucht Euren Vater und rettet ihn, wenn Ihr könnt und er Eurer Hülfe bedarf. Aber glaubt Ihr, eine so hohe Aufgabe lasse sich in einem einzigen Versuche vollführen? O nein. Seid Ihr wirklich erkoren, sie zu erfüllen, so werdet Ihr durch alle Schwierigkeiten und Gefahren bewahrt bleiben, bis Ihr das Ziel errungen habt. Ihr werdet nicht sterben, sondern wieder und wieder zurückkehren – werdet Trost, Beruhigung und Liebe in den Armen Eures Weibes finden. Und wenn es dem Himmel gefällt, Euch aus dieser Welt abzurufen, so wird sie, falls sie Euch überleben sollte, Euer Andenken eben so theuer in ihrem Busen bewahren. Philipp, Ihr habt mir die Entscheidung anheim gegeben – theuerster Philipp, ich bin die Deinige.« Amine streckte ihre Arme aus und Philipp drückte sie an seine Brust. Noch am nämlichen Abende warb er um sie bei dem Vater; und Mynheer Poots gab seine Einwilligung, sobald der Freier seine Eisentruhe geöffnet und die Gülden vorgezeigt hatte. Pater Seyser erschien am andern Morgen wieder und erhielt die entsprechende Antwort. Drei Tage nachher läuteten die kleinen Glocken der Kirche von Terneuse lustig zu der Hochzeitsfeier von Amine Poots und Philipp Vanderdecken. Siebentes Kapitel. Erst im Spätherbst wurde Philipp durch eine Aufforderung von Seiten des Kapitäns, auf dessen Schiffe er sich hatte anwerben lassen, aus seinem Liebestraume geweckt – denn was sind leider alle Freuden dieses Lebens anders, als ein Traum? So seltsam es auch erscheinen mag – von dem Tage an, der Philipp in Aminens Besitz setzte, hatte er nicht länger über sein zukünftiges Geschick gebrütet, das zwar hin und wieder in seiner Erinnerung auftauchte, aber eben so schnell wieder daraus entweichen mußte, um vorderhand vergessen zu bleiben. Philipp meinte, es sei hinreichend, seine Verbindlichkeiten zu erfüllen, wenn die Zeit käme, und obgleich die Stunden im Fluge entschwanden, und Tage, Wochen und Monate mit der einem wandellos ruhigen Glücke eigenthümlichen Schnelligkeit auf einander folgten, so mochte er doch in Aminens Armen nie an sein Gelübde zurückdenken, während natürlich seine junge Gattin sorgfältig bemüht war, einen Gegenstand zu vermeiden, der nur die Stirne ihres angebeteten Gemahls mit düsteren Wolken umziehen konnte. Ein paarmal hatte der alte Poots allerdings von Philipps Abreise zu sprechen angefangen, aber Aminens unwilliges Stirnrunzeln und ihr gebieterischer Befehl – denn sie kannte nur zu gut die schmutzigen Beweggründe ihres Vaters, und konnte ihn zu solchen Zeiten nicht ohne Abscheu ansehen – machten ihn verstummen. Der alte Mann pflegte dann ganze Stunden damit zu verbringen, daß er in dem Besuchszimmer auf- und abging und seine Augen auf die Schränke heftete, wo die silbernen Gefäße jetzt in ihrem ganzen früheren Glanze strahlten. Eines Morgens, im Monat October, ließ sich ein Pochen mit den Faustknöcheln an der Hausthüre vernehmen. Da diese Einleitung auf einen Fremden hindeutete, so ging Amine hinaus, um zu öffnen. »Ich möchte mit Herrn Philipp Vanderdecken sprechen,« sagte der Fremde mit halbflüsternder Stimme. Der Mann, der Amine also anredete, war eine kleine, magere Person, in dem Anzuge der holländischen Matrosen jener Zeit, und hatte eine Dachsmütze tief in den Kopf gedrückt. Die Züge seines leichenblassen, kleinen Gesichtes waren scharf geschnitten, seine Lippen bleich und sein Haar ein Gemisch von Roth und Weiß. Er hatte nur sehr wenig Bart, und der ganze Mann bot eine Außenseite, die nur schwer über sein Alter ein Urtheil fällen ließ. Vielleicht war er ein siecher Jüngling, der früh zum Greise heranreifte, vielleicht auch ein alter Mann von frischer Constitution, aber wenig Fleisch. Der wichtigste Zug in dem Aeußern dieses Menschen, der auch sogleich Aminen's Aufmerksamkeit fesselte, war das Auge – denn er hatte nur ein einziges, das rechte Lid war geschlossen und der Augapfel im Innern sichtlich geschwunden; das linke Auge besaß aber in Vergleichung mit der Größe des Gesichtes und des Kopfes ganz ungewöhnliche Dimensionen – es stand weit hervor, war durchscheinend, wässerig und bot einen sehr unangenehmen Anblick, da es weder oben noch unten mit Wimpern versehen war. Ueberhaupt war dieser Gesichtstheil so merkwürdig, daß man, wenn man den Mann ansah, den Blick nicht davon verwenden konnte. Es war hier nicht von einem Menschen mit einem einzigen Auge die Rede, sondern man sah ein einziges Auge, mit einem Menschen daran. Der Körper war nur das Gemäuer des Leuchtthurms und erregte ebensowenig Aufmerksamkeit, als dieses in Vergleichung mit der Flamme, welche dem kühnen Matrosen zur Richtschnur dienen soll. Bei näherer Betrachtung fand man übrigens, daß der Mann, obgleich klein, doch zierlich gebaut war; seine Hände hatten weder die Derbheit, noch die Färbung, welche man sonst bei den Seeleuten trifft; seine Züge waren im Allgemeinen trotz ihres scharfen Schnittes regelmäßig, und auch in seinem unterwürfigen Wesen lag ein Ausdruck von Ueberlegenheit, ein gewisses unbeschreibliches Etwas, das fast Grauen einzuflößen vermochte. Aminens dunkle Augen hafteten für einen Moment auf dem Besuche, und als sie ihn eintreten hieß, drang es ihr eiskalt durch's Herz, ohne daß sie sich hätte einen Grund dafür angeben können. Philipp war nicht wenig überrascht über die Erscheinung des Fremden, der sich, sobald er eingetreten war, ohne ein Wort zu sagen, neben Philipp auf den Sophaplatz setzte, welchen Amine eben erst verlassen hatte. Philipp sah etwas Ominöses in dem Umstande, daß diese Person Aminens Sitz eingenommen hatte. Die ganze Vergangenheit tauchte in seiner Erinnerung wieder auf, und er fühlte, daß er jetzt abberufen werden sollte von seinem kurzen Glücke zu einem Leben voll Thätigkeit, Gefahr und Leiden. Als eigenthümlich fiel ihm noch weiter auf, daß ihm ein Gefühl von plötzlicher Kälte durch den ganzen Körper gedrungen war, als sich der kleine Mann neben ihn setzte. Die Farbe wich von den Wangen unseres Helden, aber er sprach nicht. Einige Minuten herrschte tiefes Schweigen. Der einäugige Gast blickte umher und ließ sein Auge von den Schränken weg auf Aminens Gestalt gleiten, die vor ihm stand; endlich unterbrach er die Stille durch eine Art von Kichern, dem er die Worte folgen ließ – »Philipp Vanderdecken – hi! hi! – Philipp Vanderdecken, Ihr kennt mich nicht?« »Nein,« versetzte Philipp in halb zornigem Tone. Die Stimme des Kleinen war sehr eigenthümlich – eine Art gedämpften Kreischens, und die Laute tönten noch in den Ohren, nachdem der Mann längst zu sprechen aufgehört hatte. »Ich bin Schriften, einer der Piloten des Schilling,« fuhr er fort, »und komme nun – hi! hi!« – ein scharfer Blick auf Aminen – »um Euch hinwegzuholen aus den Armen der Liebe –« ein weiterer Blick nach dem Schranke – »hi! hi! von aller Bequemlichkeit, und auch von diesem!« rief er, während des Aufstehens vom Sopha mit dem Fuß auf den Boden stampfend – »von der Terra firma ! – hi! hi! – vielleicht zu einem nassen Grabe. Angenehm!« fuhr Schriften kichernd fort, während er sein einziges Auge mit einer bedeutsamen Miene auf Philipps Gesicht heftete. Philipps erster Gedanke war, den Besuch zur Thüre hinauszuwerfen; Amine jedoch, welche seine Gedanken las, trat mit verschlungenen Armen vor den kleinen Mann, blickte ihn mit Verachtung an und bemerkte: »Wir alle müssen unser Schicksal über uns ergehen lassen, guter Freund, und der Tod will das seinige haben, sei es auf dem Lande, oder auf der See. Aber selbst wenn ihm der Tod in's Auge schaut, wird Philipp Vanderdecken's Wange nicht so weiß sein, wie die Eurige jetzt.« »Meint Ihr?« entgegnete Schriften, augenscheinlich ärgerlich über diese ruhige Entschiedenheit von Seiten eines so jungen und schönen Wesens; dann heftete er seine Augen auf den silbernen Tabernakel der heiligen Jungfrau, der auf dem Kaminmantel stand. »Ihr seid ein Katholik, wie ich bemerke – he?« »Ich bin Katholik,« versetzte Philipp, »aber was geht das Euch an? Wann segelt das Schiff aus?« »In einer Woche – hi! hi! – nur eine Woche zur Vorbereitung – nur sieben Tage, um dann Alles zu verlassen – kurze Frist!« »Mehr als zureichend,« entgegnete Philipp, sich vom Sopha erhebend. »Ihr mögt Eurem Kapitän sagen, daß ich nicht fehlen werde. Komm, Amine, wir dürfen keine Zeit verlieren.« »Nein, in der That nicht,« erwiderte Amine; »aber unsere erste Pflicht ist Gastfreundlichkeit. Mynheer, dürfen wir Euch Erfrischung anbieten nach Eurer Wanderung?« »Heute über acht Tage,« sagte Schriften zu Philipp, ohne Aminen eine Antwort zu geben. Philipp nickte mit dem Kopfe. Der Kleine wandte sich um, verließ das Zimmer und war in kurzer Zeit nicht mehr zu sehen. Amine sank auf das Sopha nieder. Das Ende ihrer kurzen Glücksstunde war dem zärtlich liebenden, obgleich heroischen Weibe doch zu plötzlich und zu grausam beigebracht worden. In den Worten und in dem Wesen des einäugigen Boten lag eine gewisse Bosheit und ein Ausdruck, wie wenn er mehr wisse als Andere, so daß sowohl Philipp, als sie selbst scheu und verwirrt wurden. Amine weinte nicht, bedeckte aber ihr Antlitz mit den Händen, während Philipp mit unstäten Schritten in dem kleinen Gemache auf- und abging. Die halbvergessenen Scenen tauchten wieder auf's Lebhafteste in seiner Erinnerung auf. Abermals trat er in die verhängnißvolle dunkle Stube. Die Stickerei lag zu seinen Füßen, und wieder fuhr er zurück, als er den Brief auf dem Boden bemerkte. Sie waren beide aus dem Traume ihres gegenwärtigen Glücks erwacht und schauderten vor der furchtbaren Zukunft, die ihnen jetzt mit ihren düsteren Ahnungen nahe trat. Indeß reichten einige Minuten zu, um Philipp seine natürliche Selbstbeherrschung wieder gewinnen zu lassen. Er setzte sich an Aminens Seite und schlang sie in seine Arme. Sie blieben stumm – kannten sie ja doch gegenseitig ihre Gedanken zu gut, und es kostete sie eine peinliche Anstrengung, ihren Muth und ihre Herzen gegen die Ueberzeugung zu stählen, daß sie sich für eine Zeitlang trennen müßten – vielleicht für immer! Amine ergriff zuerst das Wort; die Arme sinken lassend, die sie um ihren Gatten geschlungen hatte, drückte sie seine Hand an ihr Herz, als wollte sie das peinliche Klopfen desselben beschwichtigen, und bemerkte sodann – »Gewiß war das kein irdischer Boote, Philipp! Fühltest du dich nicht in den Tod erkältet, als er an deiner Seite saß? Wenigstens ging es mir so, als er hereinkam.« Philipp hatte wohl den gleichen Gedanken, wünschte aber nicht, Aminen zu beunruhigen, als er verwirrt antwortete: »Nein, Amine, du bildest dir's nur ein – das heißt, sein plötzliches Erscheinen und sein seltsames Benehmen haben eine derartige Vorstellung in dir geweckt. Was mich betrifft, so sah ich in ihm nur einen Mann, der durch seine Mißgestalt zu einem neidischen Auswürfling der Gesellschaft wurde – einen Menschen, dem das häusliche Glück und das Lächeln des andern Geschlechtes versagt ist, denn welches weibliche Wesen könnte freundlich auf eine solche Creatur blicken? Seine Galle wurde rege, als er so viel Schönheit in den Armen eines Andern sah, und es machte ihm eine boshafte Freude, eine Nachricht überbringen zu dürfen, von der er wußte, sie werde eine Wonne verkürzen, die ihm unzugänglich ist. Sei versichert, meine Liebe, das ist das Ganze.« »Und selbst wenn meine Vermuthung richtig wäre, was läge daran?« versetzte Amine. »Es gibt Nichts mehr – Nichts, was deine Lage furchtbarer und verzweifelter machen könnte. Als deine Gattin, Philipp, fühle ich weniger den Muth, den ich besaß, als ich dir meine Hand reichte. Damals kannte ich den Umfang meines Verlustes noch nicht – doch fürchte nichts: wie tief ich auch hier fühle,« fügte Amine bei, indem sie ihre Hände an's Herz drückte – »so bin ich doch gefaßt und stolz darauf, daß mein Gatte für ein solches Werk erkoren wurde.« Amine hielt inne. »Du kannst dich doch nicht geirrt haben, Philipp?« »Nein, Amine; ich habe mich weder in der Aufforderung, die an mich ergangen, noch in meinem eigenen Muthe, oder in der Wahl meiner Gattin geirrt,« entgegnete Philipp traurig, indem er sie mit seinen Armen umschlang. »Es ist der Wille des Himmels.« »So möge er denn geschehen!« erwiderte Amine, von ihrem Sitze aufstehend. »Der erste Schmerz ist vorüber. Ich fühle mich jetzt besser, Philipp. Deine Amine kennt ihre Pflicht.« Philipp antwortete nicht und Amine fuhr nach einer kleinen Weile fort: »Aber nur eine kurze Woche, Philipp – –« »Ich wollte, es wäre nur ein Tag gewesen,« versetzte er; »auch dieser wäre schon lange genug. Das einäugige Ungeheuer ist zu bald gekommen.« »Nicht doch, rede nicht so, Philipp. Ich danke ihm für diese Woche – es ist doch eine kurze Frist, um mich meines Glückes zu entwöhnen. Freilich, würde ich dich nach Weise so vieler anderer Weiber durch meine Thränen quälen, ärgern und entmuthigen – würde ich dir mit Bitten oder Vorwürfen zusetzen, Philipp, so wäre schon ein Tag mehr als hinreichend, um dich durch meine Schwäche elend zu machen. Doch nein, Philipp, deine Amine kennt ihre Pflicht besser. Du mußt wie ein Ritter des Alterthums zu einem gefährlichen Abenteuer ausziehen, in dem du vielleicht den Tod findest; aber Amine wird dich bewaffnen und dir ihre Liebe zeigen, indem sie sorgfältig jede Niete deines Harnisches schließt und dich ziehen läßt, voll zuversichtlicher Hoffnung deiner Rückkehr entgegenblickend. Eine Woche ist nicht zu lang, Philipp, wenn ich sie, wie ich hoffe, zweckmäßig benütze – eine Woche des Austausches unserer Gefühle, in der ich auf deine Stimme und deine Worte lausche, jedes derselben in mein Herz eingrabe, bei ihnen verweile und meine Liebe damit nähre, wenn du abwesend bist und ich mich einsam fühle. – Nein, nein, Philipp; ich danke Gott, daß es doch noch eine Woche ist.« »Und auch ich, Amine. Im Grunde wußten wir ja, daß es so kommen mußte.« »Ja! aber meine Liebe war so übermächtig, daß sie die Erinnerung daran ganz verbannte.« »Und doch muß während unserer Trennung deine Liebe aus der Erinnerung Nahrung schöpfen, Amine.« Amine seufzte. Ihr Gespräch wurde jetzt durch den Eintritt von Mynheer Poots unterbrochen, der bei dem Anblicke der Veränderung, welche sich in Aminens sonst so strahlenden Zügen zu erkennen gab, ausrief: »Heiliger Prophet! was gibt es denn?« »Nichts, als was wir Alle schon zuvor wußten,« versetzte Philipp; »ich bin im Begriffe, euch zu verlassen – das Schiff wird in einer Woche ausfahren.« »Oh! also in einer Woche gedenkt Ihr abzusegeln?« In dem Gesichte des alten Mannes lag ein wunderlicher Ausdruck von Freude, den er jedoch vor Amine und ihrem Gatten zu verbergen bemüht war. Seine Züge gingen allmälig in eine gewisse Gravität über und er sagte: – »Das ist in der That eine schlimme Kunde.« Amine und Philipp gaben keine Antwort darauf, sondern verließen mit einander das Gemach. Wir müssen diese Woche übergehen, da sie eben mit Vorbereitungen zu Philipps Abreise ausgefüllt wurde, während Aminens Heldenmuth ihre Gefühle beherrschte, wie sehr auch der Schmerz über die Trennung von ihrem angebeteten Gatten ihr Innerstes zerriß. Auch können wir nicht bei dem Widerstreite in der Brust unseres Helden verweilen, der Wohlstand, Glück und Liebe verlassen sollte, um Gefahren, Entbehrungen und dem Tode entgegen zu gehen. Das einemal war er fest entschlossen, zu bleiben, das anderemal nahm er wieder die Reliquie von seiner Brust, rief sich sein Gelübde in's Gedächtniß und wünschte sich fast den Tag der Abreise früher herbei. Auch Amine pflegte in den Armen ihres Gatten die wenigen Stunden zu zählen, die ihnen noch übrig waren, oder konnte schaudernd zusammenfahren, wenn sie wachend dalag, und über Philipps Zukunft Betrachtungen anstellte, während der Wind draußen heulte. Es war für Beide eine lange Woche; aber obgleich sie wähnten, daß die Zeit mit Flügeln dahineile, fühlten sie doch fast eine Erleichterung, als der Morgen des Abschiedes herankam, denn dann konnten sie doch ihren ängstlich verhaltenen gepreßten Gefühlen Luft machen. Die ungewisse Spannung war dann verschwunden und die Hoffnung blieb zurück, um den dunkeln Horizont der Zukunft aufzuhellen. »Philipp,« sagte Amine, als sie mit verschlungenen Händen neben einander saßen, »ich werde weniger erschüttert sein, wenn du fort bist. Ich will mir in's Gedächtnis rufen, daß du mir Alles vor unserer Vermählung vorausgesagt hast, und daß ich aus Liebe zu dir das Wagniß übernahm. Die Stimme der Zärtlichkeit in meinem Innern flüstert mir oft zu, daß du zurückkehren wirst; aber sie könnte mich täuschen. – Du kehrst vielleicht zurück, aber nicht im Leben. In diesem Zimmer werde ich dich erwarten: auf diesem Sopha, das seine alte Stelle wieder einnehmen soll, will ich sitzen, und wenn ich dich auch im Leben nicht mehr sehen sollte, so versage mir's nicht, wo möglich doch nach deinem Tode zu erscheinen. Ich werde mich vor keinem Sturme, vor keinem Auffliegen des Fensters fürchten. O nein! Auch die Anwesenheit deines Geistes soll mir willkommen sein. Noch einmal – laß dich nur sehen – laß mich überzeugt sein, daß du todt bist, damit ich wisse, ich habe hienieden für Nichts mehr zu leben und könne freudig einer Wiedervereinigung in einer bessern Welt entgegeneilen. Versprich mir das, Philipp.« »Ich verspreche dir Alles, was du wünschest, vorausgesetzt, daß es mir vom Himmel gestattet wird; aber Amine« – und Philipps Lippen zitterten – »ich kann nicht – barmherziger Gott! diese Prüfungsstunde ist zu schwer – Amine, ich kann nicht länger weilen.« Aminens dunkle Augen hafteten auf ihrem Gatten – sie vermochte nicht zu sprechen – ihre Züge waren krampfhaft verzerrt – die Natur konnte nicht länger gegen das Übermaß der Gefühle Stand halten – sie sank in seine Arme und blieb regungslos liegen. Als ihr Philipp einen letzten Kuß auf die blassen Lippen drückte, bemerkte er, daß sie ohnmächtig geworden war. »Sie fühlt es jetzt nicht,« sagte er, als er sie auf das Sopha niederlegte; »es ist besser, daß es so kam – ach, nur zu bald wird sie zum Elend erwachen!« Er rief aus dem anstoßenden Zimmer Mynheer Poots herbei, damit er seiner Tochter Hilfe leiste, griff nach seinem Hute, drückte noch einen glühenden Kuß auf ihre Stirne, stürzte aus dem Hause und war schon ferne, ehe sich Amine aus ihrer Ohnmacht erholte. Achtes Kapitel. Ehe wir Philipp Vanderdecken auf seiner unsichern Bahn folgen, wird es nöthig sein, unsern Lesern die Umstände ins Gedächtniß zu rufen, welche den Unternehmungsgeist der Holländer nach den östlichen Welttheilen lenkten, um daselbst eine unerschöpfliche Quelle des Reichthums für sich aufzuschließen. Nachdem Karl V. den größern Theil von Europa seiner Herrschaft unterworfen hatte, zog er sich aus Gründen, die wohl ihm selbst am besten bekannt waren, aus der Welt zurück, und theilte seine Königreiche zwischen Ferdinand und Philipp. Ersterem gab er Oestreich sammt dessen Zugehör, Letzterem aber Spanien sammt den Niederlanden mit ein paar Millionen Seelen, die darauf vegetirten, um die Theilung gleicher und für den Gaumen des Erben schmackhafter zu machen. Nachdem er also über seine Mitmenschen verfügt hatte begab er sich zufrieden in ein Kloster, indem er sich nur ein kleines Einkommen, zwölf Diener und ein Pferd vorbehielt. Ob er je nachher seine Mummerei bereute oder seinen Pony bestieg, ist nicht berichtet worden; so viel aber bleibt gewiß, daß er zwei Jahre nachher starb. Philipp dachte (wie so Viele vor und nach ihm), daß er ein Recht habe, über sein Eigenthum nach Belieben zu verfügen. Er nahm daher den Holländern den größten Theil ihrer Privilegien und gab ihnen zum Ersatz die Inquisition; aber die Holländer brummten, und Philipp, dem dieß nicht anstand, ließ einige davon verbrennen. Hierauf protestirten die Holländer, die etwas wässeriger Konstitution waren, gegen eine Religion, die ihnen so gar heiß machte. Kurz, die Ketzerei griff gewaltig um sich, und der Herzog von Alba wurde mit einer großen Armee ausgeschickt, um ihnen zu beweisen, daß die Inquisition die allerbeste Einrichtung und es unendlich zweckmäßiger sei, ein Mensch brenne eine halbe Stunde in dieser Welt, als eine ganze Ewigkeit in der nächsten. Diese kleine Meinungsverschiedenheit gab Anlaß zu einem Kriege, der ungefähr achtzig Jahre währte und, nachdem er einige Hunderttausend Menschen der Mühe überhoben hatte, im Bette zu sterben – damit endigte, daß die sieben vereinigten Provinzen für unabhängig erklärt wurden. – Wir müssen nun ein wenig zurückkehren. Schon in dem ersten Jahrhundert nach Umschiffung der Südspitze Afrika's wurde der Verkehr der Portugiesen mit Ostindien durch andere Völker beeinträchtigt. Endlich erwachte aber auch der abenteuerliche Geist der Engländer. Die Portugiesen sprachen die Indienfahrt um das Kap als ihr ausschließliches Recht an, und vertheidigten es mit aller Macht. Geraume Zeit wagte es keine Privat-Compagnie, ihnen entgegenzutreten, und der Verkehr schien nicht bedeutend genug zu sein, um irgend eine Regierung zu veranlassen, daß sie die Frage durch einen Krieg zu entscheiden suchte. Die englischen Abenteurer lenkten daher ihre Aufmerksamkeit auf die Entdeckung eines nordwestlichen Wegs nach Indien, den ihnen die Portugiesen nicht wehren konnten, und der beste Theil des fünfzehnten Jahrhunderts wurde auf derartige vergebliche Versuche verwendet. Endlich stand man von diesen Bemühungen ab und beschloß, sich nicht länger durch die Anmaßung der Portugiesen einschüchtern zu lassen. Nach einigen erfolglosen Expeditionen wurde eine Kriegsflotte ausgestattet und unter Drake's Befehl gestellt. Dieser muthige und glückliche Seemann leistete mehr, als die sanguinischen Hoffnungen in Aussicht gestellt hatten. Er kehrte im Mai 1580 nach einer fast dreijährigen Reise in die Heimath zurück und brachte große Schätze mit sich, hatte aber zugleich einen sehr günstigen Vertrag mit dem Könige der Molukken abgeschlossen. Nach einem so glücklichen Vorgange brachen im Jahre 1600 Cavendish und Andere auf. Inzwischen hatte die englisch-ostindische Compagnie von der Regierung ihren ersten Freibrief erhalten und nun bereits mehr als fünfzig Jahre mit wechselndem Erfolg den Verkehr fortgeführt. So lange die Holländer Vasallen der spanischen Krone waren, pflegten sie die Produkte des Ostens in Lissabon zu holen und nachher durch Europa zu vertheilen; als sie aber mit Philipp Streit anfingen, wurde es ihnen nicht länger gestattet, den Verkauf seiner indischen Güter zu betreiben. Die Folge davon war, daß sie während ihres Unabhängigkeitskampfes auch Geschwader nach Indien ausschickten. Ihre Bemühungen waren erfolgreich, und im Jahre 1602 erhielten die verschiedenen Spekulanten, welche sich zu einer Compagnie gebildet hatten, von ihrer Regierung dieselben Privilegien, welche bereits früher das englische Gouvernement an eine nach denselben Grundsätzen constituirte Gesellschaft ertheilt hatte. Zur Zeit unserer Geschichte hatten also die indischen und holländischen Schiffe schon seit mehr als fünfzig Jahren die indischen Meere befahren, die Portugiesen aber fast alle ihre Macht verloren, da die Potentaten des Ostens, welche durch den Geiz und die Grausamkeit der Portugiesen sehr beschädigt worden waren, mit den Rivalen Bündnisse und Freundschaftsverträge schlossen. Wie sehr nun auch die Holländer den Engländern für ihren Beistand in dem Unabhängigkeitskriege verpflichtet waren, schien es doch nicht, als habe sich ihre Dankbarkeit über das Kap hinaus erstreckt, da sich im Gegentheile die portugiesischen, englischen und holländischen Schiffe gegenseitig bekämpften, einander ohne Ceremonie kaperten und nur das Recht der Gewalt gelten ließen. Die Mutterlande wurden zwar hin und wieder aufgefordert, sich in's Mittel zu legen: aber ihre Einmengung hatte zu der gedachten Zeit nichts erwirkt, als einen Papierkrieg, und es war augenfällig, daß alle Partieen Unrecht hatten. Im Jahre 1650 usurpirte Cromwell die Herrschaft von England. Dieser hatte unter anderen Punkten für den Mord seines königsmörderischen Gesandten und wegen den Grausamkeiten, die etwa dreißig Jahre früher zu Amboyna an den Engländern verübt worden waren, vergeblich von den Holländern Genugthuung verlangt, und erklärte deßhalb Letzteren 1651 den Krieg. Um zu beweisen, daß es ihm ernst sei, nahm er mehr als zweihundert holländische Schiffe weg, was die Holländer (sehr gegen ihre Neigung) zu Rüstungen zwang. Blake und Van Tromp trafen zusammen und führten sehr hartnäckige Seekriege. Die »englische Geschichte« verleiht fast unabänderlich den Engländern den Sieg, während ihn die Holländer sich selbst zuschreiben. Jedenfalls waren jene Schlachten so verzweifelt, daß man wohl sagen darf, beide Theile seien tüchtig zerklopft worden. Im Jahr 1654 wurde jedoch der Frieden unterzeichnet, und der Holländer versprach, seinen Hut abzunehmen, so oft er einem Engländer auf hoher See begegne – ein bloßer Akt der Höflichkeit, gegen den Mynheer nichts einzuwenden hatte, weil er nichts kostete . Da wir nun den Stand der Dinge bis zur Zeit von Philipps Einschiffung aus einander gesetzt haben, wollen wir in unserer Geschichte fortfahren. Sobald Philipp die Schwelle seines Hauses im Rücken hatte, eilte er fort, als versuche er seinen eigenen, schmerzlichen Gedanken zu entrinnen. Nach zwei Tagen langte er in Amsterdam an, wo er zuerst darauf dachte, sich eine kleine, aber starke Stahlkette zu verschaffen, um damit das Band zu ersetzen, an welchem er bisher seine Reliquie um den Hals befestigt hatte. Nachdem dieß geschehen war, eilte er mit seinen Effekten an Bord des Schillings. Philipp hatte nicht vergessen, das Geld mitzubringen, das er dem Kapitän versprochen hatte, denn er sollte als Lehrling, nicht als ein gedungener Matrose auf dem Schiffe eintreten. Auch mit der nöthigen Summe für seine eigenen Bedürfnisse hatte er sich vorgesehen. Es war schon spät, als er an Bord des Schillings anlangte, der in Mitte der übrigen, zur indischen Flotte gehörigen Schiffe vor einem einzigen Anker lag. Der Kapitän, welcher Kloots hieß, nahm ihn sehr freundlich auf, zeigte ihm sein Berth und ging dann in den Raum hinunter, um eine Frage in Betreff des Cargo zu entscheiden, während Philipp auf dem Decke seinen eigenen Betrachtungen überlassen blieb. »Und dies,« dachte Philipp, während er sich an den Hackebord lehnte und nach vorn schaute – »dies ist also das Schiff, auf dem ich meinen ersten Versuch machen soll – den ersten und vielleicht auch den letzten! – Wie wenig ahnen diejenigen, mit welchen ich auszusegeln im Begriffe bin, den Zweck meiner Einschiffung! Wie verschieden sind meine Aussichten von denen der Uebrigen! Jage ich etwa Glücksgütern nach? Nein! Will ich die Neugierde eines unstäten Geistes befriedigen? Nein! Ich suche einen Verkehr mit den Todten. Kann ich diesen finden, ohne mich selbst und diejenigen zu gefährden, welche mit mir segeln? Ich glaube nicht, denn ich kann mein Ziel wohl nur im Tode erreichen. Hätten sie eine Ahnung von meinen Wünschen und Absichten, würden sie mir wohl gestatten, auch nur eine Stunde bei ihnen an Bord zu bleiben? Die Matrosen sollen abergläubisch sein und hätten, wenn sie von meiner Sendung unterrichtet wären, einen guten Grund, sich eines Menschen zu entledigen, der in einer so schrecklichen Absicht ausfährt. Ja wohl schrecklich – und wie kann ich sie erfüllen? Nur der Himmel und meine Beharrlichkeit vermögen das Geheimniß zu lösen.« Dann kehrten seine Gedanken zu Aminen zurück. Er schlug seine Arme zusammen, erhob seine Augen zum Firmament und schien in verzückten Betrachtungen dem Zug der Wolken zu folgen. »Wär's nicht besser, Ihr gingt in den Raum hinunter?« sprach eine milde Stimme, welche Philipp aus seinen Träumereien weckte. Es war die des ersten Maten, der Hillebrant hieß, eines kleinen, gutgebauten Mannes von ungefähr dreißig Jahren. Das flachsgelbe Haar fiel ihm in langen Wischen über die Schulter nieder; sein Teint war hell, sein Auge von sanftem Blau, und obgleich er nur wenig einem Seemann gleich sah, wußten doch Wenige ihren Dienst besser zu erfüllen. »Ich danke Euch,« versetzte Philipp. »In der That, ich habe mich selbst und den Ort, wo ich bin, ganz vergessen. Meine Gedanken waren weit weg. Gute Nacht, und vielen Dank.« Der Schilling unterschied sich, wie die meisten Schiffe jener Periode, in Bau und Ausstattung wesentlich von denen der heutigen Zeit und mochte etwa vierhundert Tonnen führen. Sein Boden war fast flach und die Seiten neigten sich über dem Wasser einwärts, so daß die oberen Decken kaum die halbe Raumbreite einnahmen. Da alle Schiffe der Compagnie zugleich auch für den Krieg gerüstet waren, so führte er keine Güter auf dem Hauptdeck, wohl aber sechs Neunpfünder auf jeder Breitseite, mit kleinen ovalen Stückpforten. Sämmtliche Decken liefen in einer Curve nach vorn und hinten. Auf dem Vordercastell befand sich vor den Bugstücken des Vorstephens ein anderes kleines Deck, das die Obenbramback genannt wurde. Das Halbdeck trug eine Campanie, die sich hoch über das Wasser erhob. Das Bugspriet war sehr weit hinausgeschoben und gewann fast das Ansehen eines vierten Mastes, um so mehr, da es ein viereckiges Sprietsegel und ein Sprietmarssegel führte. Auf dem Halbdecke und den Hüttenbollwerken stacken in Gestellen Kriegswerkzeuge, die jetzt lang außer Brauch gekommen sind, damals aber unter den Namen von Cohorns und Patteraroes bekannt waren, sich auf Warlen drehten und vermittelst einer eisernen Handhabe an dem Bodenstücke gerichtet wurden. Das Segel hinter dem Besahnmast, das dem heutigen Treiber oder Brodwinner entspricht, war auf einer lateinischen Raa befestigt. Nach dieser Beschreibung ist es kaum nöthig, beizufügen, daß die Gefahren einer langen Fahrt durch die eigenthümliche Construction der Schiffe nicht wenig erhöht wurden, denn der Windfang und das viele Holz über Wasser waren zwar wohl vor einer günstigen Brise gut, konnten aber doch nicht Wind halten, und hatten vor einem Legerwall nur wenig Aussicht. Die Mannschaft des Schilling bestand aus dem Kapitän, zwei Maten, zwei Piloten und fünfundvierzig Matrosen. Der Supercargo war noch nicht an Bord gekommen. Dem Letzteren gehörte die Kajüte unter der Campanje, die Hauptdeckkajüte aber dem Kapitän und den Maten an, aus denen der ganze Kajütentisch bestand. Als Philipp am andern Morgen erwachte, fand er, daß die Marssegel aufgehißt waren und der Anker sich vor dem kurzen Stage befand. Einige der übrigen Schiffe waren schon unter Segel und steuerten auswärts. Das Wetter war schön, das Wasser glatt, und das rührige Gewühl, wie auch die Neuheit der Scene wirkte belebend auf den Geist unseres Helden. Der Kapitän Mynheer Kloots stand auf der Hütte und blickte durch ein kleines Pappendeckel-Teleskop angelegentlich nach der Stadt hin. Wie gewöhnlich hatte er seine Pfeife in dem Munde, deren Rauch von Zeit zu Zeit die Linsen seines Fernglases verdunkelte. Philipp stieg die Hüttentreppe hinauf und grüßte ihn. Mynheer Kloots war ein Mann von keineswegs mittelmäßigem Umfange, und die Menge von Kleidern, die er trug, vermehrte seine massenhafte Gestalt nicht wenig. Der dem Auge zugängliche Anzug bestand aus einer neuen Fuchsmütze, unter der die Enden einer rothwollenen Nachtmütze hervorsahen, einer rothen Plüschweste mit großen Metallknöpfen, einer grünen Tuchjacke und einer anderen von grobem blauem Tuch, die nur so weit niederging, daß man sie füglich einen Spenser nennen konnte. Seine untere Bekleidung wurde durch schwarze Plüschhosen, hellblaue Baumwollstrümpfe und Schuhe mit großen silbernen Schnallen gebildet. Um den Leib hatte er einen breiten Gürtel und eine Segeltuchschärpe, welche in dichten Falten fast bis auf die Knie niederfiel. In seinem Gürtel stak ein großes, breites Messer, mit einer Scheide von Haifischhaut versehen. Dies war der Anzug von Mynheer Kloots, dem Kapitän des Schillings. Seine Größe entsprach ganz seiner Beleibtheit. Sein Gesicht war oval und, in Vergleichung mit seinem übrigen Bau, klein zu nennen. Sein graulichtes Haar flatterte im Winde, und seine gerade Nase zeigte an der Spitze ein glühendes Roth, zum Theil eine Folge häufigen Zuspruchs zu der Schnapsflasche, zum Theil aber auch der Hitze einer kleinen Pfeife zuzuschreiben, die nur selten von seinen Lippen kam – etwa wenn er Befehle ertheilte, oder wenn er sein Rauchinstrument wieder füllen wollte. »Guten Morgen, mein Sohn,« sagte der Kapitän, die Pfeife einen Augenblick aus dem Mund nehmend. »Wir werden noch durch den Supercargo aufgehalten, dem's nie sehr pressirt, an Bord zu kommen. Das Boot wartet schon eine Stunde auf ihn am Ufer, und wir werden wohl erst zuletzt ausfahren können. Ich wollte, die Compagnie ließe uns ohne diese Herren segeln, die meiner Ansicht nach, nur ein Hinderniß für das Geschäft sind. Freilich, am Lande hat man eine andere Meinung von der Sache.« »Was haben sie denn an Bord zu thun?« fragte Philipp. »Sie müssen nach der Ladung sehen und den Verkehr überwachen. Wenn sie sich darauf beschränkten, so wäre es so übel nicht; so aber mischen sie sich in Alles und studiren auf Nichts, als auf ihre eigene Bequemlichkeit. In der That, sie spielen den König an Bord, denn sie wissen wohl, daß mir uns nicht getrauen, sie zu beleidigen, da ein Wort von ihnen zureicht, Vorurtheile gegen ein Schiff zu erregen, wenn es wieder um sein Privilegium einkömmt. Die Compagnie verlangt, daß man ihnen alle Ehren erweist, und wenn sie an Bord kommen, salutiren wir mit fünf Schüssen.« »Seid Ihr mit dem Manne, den Ihr erwartet, bereits bekannt?« »Nein – ich kenne ihn blos vom Hörensagen. Ein Kollege von mir, mit dem er bereits segelte, theilte mir mit, er fürchte sich sehr vor den Gefahren der See und sei ungemein von seiner eigenen Bedeutsamkeit eingenommen.« »Ich wollte er käme,« entgegnete Philipp; »denn es verlangt mich sehr, daß wir einmal in die See stechen.« »Ihr müßt wohl gewaltig von der Wanderlust besessen sein, mein Sohn. Ich höre, Ihr verlaßt eine gemächliche Heimath und ein hübsches Weib obendrein.« »Ich bin sehr begierig, die Welt zu sehen,« versetzte Philipp. »Auch muß ich ein Schiff kennen lernen, ehe ich mir ein eigenes kaufe und damit mein Glück zu machen versuche.« (Ach, wie ganz anders verhält sich's mit meinen wahren Wünschen, dachte Philipp, als er diese Antwort gab.) »Man kann auf dem Ocean Geld verdienen; er ist aber auch gefräßig und verschluckt es,« entgegnete der Kapitän. »Könnte ich nur dieses gute Schiff in ein gutes Haus umwandeln, und besäße ich genug Gülden, das Letztere warm zu erhalten, so würdet Ihr mich nicht auf dieser Hütte stehen sehen. Ich habe das Kap schon zweimal umschifft, was oft genug ist für einen Mann; ein drittesmal dürfte es wohl nicht so glücklich ablaufen.« »Ist's denn da so gefährlich?« fragte Philipp. »So gefährlich, als es Fluth und Strömungen, Riffe und Sandbänke, schwere Böen und hohe Wogen nur machen können – weiter nicht! Selbst wenn man diesseits von dem Kap in der Bay ankert, kann man nur mit Furcht und Zittern daliegen, denn man hat zu gewärtigen, daß man vom Anker weg in die See hinausgeblasen oder an's Ufer unter die Wilden geworfen wird, ehe die Leute im Stand sind, ihre Kleider anzulegen. Hat man jedoch einmal die andere Seite erreicht, so tanzen die Wasser so heiter im Sonnenstrahle, und man kann wochenlang unter einem wolkenlosen Himmel beim besten Winde segeln, ohne sich mit Halsen oder Schoten zu bemühen, oder auch nur eine Pfeife aus dem Munde nehmen zu müssen.« »In welche Häfen werden wir einlaufen, Mynheer?« »Darüber kann ich nur wenig Auskunft geben. Gambrun im Golf von Persien wird wahrscheinlich der erste Sammelplatz der ganzen Flotte sein. Dann trennen wir uns. Einige gehen nach Bantam auf der Insel Java, Andere werden Auftrag erhalten, die Straße hinunterzusegeln, um Kampfer, Gummi, Benzoë und Wachs einzuhandeln. Auch Gold und Elephantenzähne bilden einen Tauschgegenstand, doch müssen wir, wenn wir je auf dieses Geschäft ausgeschickt werden sollten, vorsichtig mit den Eingebornen umgehen, Mynheer Vanderdecken. Sie sind ein stolzes, verrätherisches Volk, und führen scharfe, gekrümmte Messer (oder Krisen, wie sie's nennen), die sie in tödtliches Gift getaucht haben. Auch mit den Portugiesen und Engländern habe ich mich in jenen Straßen scharf herumschlagen müssen.« »Nun jetzt ist's doch Friede.« »Ganz richtig, mein Sohn; aber wenn wir um das Kap gekommen sind, dürfen wir uns nicht sonderlich auf die Papiere verlassen, die in der Heimath unterzeichnet werden. Die Engländer setzen uns scharf zu und folgen unserem Kielwasser, wohin wir immer gehen. Sie müssen im Zaume gehalten werden, und ich vermuthe, unsere Flotte ist nur deßhalb so groß und mit strenger Ordre versehen, weil man Feindseligkeiten erwartet.« »Wie lange mag uns wohl unsere Reise in Anspruch nehmen?« »Je nachdem's kömmt – vielleicht zwei Jahre – kann sein, auch weniger, wenn wir nicht in den Faktoreien aufgehalten und zum Dienst gegen den Feind benützt werden, was übrigens wahrscheinlich der Fall sein wird.« »Zwei Jahre!« dachte Philipp; »zwei Jahre fern von Amine!« Und er seufzte tief, denn er fühlte, daß die Trennung vielleicht für immer war. »Nun, mein Sohn, zwei Jährchen sind so lange nicht,« sagte Mynheer Kloots, als er die Wolke auf Philipps Stirne bemerkte. »Ich war einmal fünf Jahre aus und hatte dabei Unglück, denn ich brachte Nichts nach Hause, nicht einmal mein Schiff. Ich wurde nach Chittagong, an der Ostseite des großen bengalischen Meerbusens, gesandt und lag da drei Monate im Fluß. Die Häuptlinge des Landes hielten mich mit Gewalt zurück; sie wollten meine Ladung nicht umtauschen und ebensowenig mir gestatten, einen andern Markt zu suchen. Mein Pulver war an's Land gebracht, und ich konnte daher keinen Widerstand leisten. Die Würmer zerfraßen den Boden meines Schiffes so sehr, daß es von seinen Ankern versank. Sie wußten, daß es so kommen würde, und nahmen dann die Ladung zu ihren eigenen beliebigen Preisen an sich. Ein anderes Schiff brachte uns nach Hause. Wäre ich nicht so verrätherisch behandelt worden, so hätte ich nicht nöthig, diese Fahrt mitzumachen, und noch obendrein mit so geringem Erwerb, da die Compagnie allen Privathandel verbietet. Doch da kommt er endlich; sie haben das Wimpel an dem Bootsmast aufgehißt – da – jetzt sind sie abgestoßen. Mynheer Hillebrant, sorgt dafür, daß die Kanoniere mit ihren Leuten bereit sind, den Supercargo zu begrüßen.« »Welchen Dienst weist Ihr mir an?« fragte Philipp. »Worin kann ich mich nützlich machen?« »Vorderhand nicht viel, die schweren Böen etwa ausgenommen, in welchen jedes Paar Hände von großem Werth ist. Seht einstweilen zu und lernt in dieser Weise den Dienst. Auch könnt Ihr das Journal, das für die Compagnie geführt wird, hübsch abschreiben und mir in anderer Weise an die Hand gehen, sobald die unangenehme Ueblichkeit vorüber ist, welche alle Diejenigen empfinden, welche zum erstenmal an Bord gehen. Als Gegenmittel möchte ich Euch rathen, ein Schnupftuch dicht um den Leib zu gürten und so den Magen zusammen zu pressen; auch empfehle ich Euch den fleißigen Gebrauch einer Schnapsflasche, die stets zu Euren Diensten steht. Aber nun müssen wir den Faktor der hochmögenden Compagnie empfangen. Mynheer Hillebrant, laßt die Kanonen abfeuern.« Das Geschütz wurde gelöst, und sobald sich der Rauch vertheilt hatte, kam das Boot, dessen langes Wimpel im Wasser nachschleppte, an die Seite des Schillings. Philipp betrachtete den Supercargo, der erst an Bord stieg, nachdem er mehrere Truhen mit den Anfangsbuchstaben und dem Wappen der Compagnie hatte auf das Deck schaffen lassen. Der Beamte war ein mageres Männchen mit einem welken Gesichte und einem goldbetreßten, dreieckigen Hute auf dem Kopfe, unter welchem eine gewaltige Perücke saß, deren Locken tief über die Schultern niederfielen. Sein Rock bestand aus scharlachrothem Sammt und hatte breite Taschenklappen; seine weißseidene Weste war mit farbigen Blumen gestickt und fiel fast bis zu den Knieen hinunter. Seine Dickbeine waren in schwarzen Atlas gehüllt, und der untere Theil seines Pedals steckte in weißseidenen Strümpfen. Füge man hiezu noch goldene Knie- und Schuhschnallen, Spitzenmanchetten und einen Stock mit silbernem Knopf, so hat der Leser den ganzen Anzug von Mynheer Jakob Janz von Stroom, dem Supercargo der hochpreislichen Compagnie auf dem guten Schiffe »der Schilling«. Als er herumblickte, in achtungsvoller Entfernung von dem Kapitän, den Offizieren und den Matrosen des Schiffes umgeben, die sämmtlich ihre Mützen in der Hand hielten, hätte der Beschauer wohl an das Bild des »Affen, der die Welt gesehen hat,« im Kreise seiner Stammgenossen, erinnert werden können. Man bemerkte übrigens von Seite der Matrosen nicht die mindeste Neigung zum Lachen, nicht einmal über die gewaltige Perücke, denn man zollte in jener Periode dem Anzuge einen tiefen Respekt, und obgleich man Mynheer von Stroom nicht für einen Seemann halten konnte, wußte man doch, daß er der Supercargo der Compagnie und ein sehr großer Mann war. Er genoß daher alle Achtung, die einer so bedeutsamen Person gebührte. Es war jedoch Mynheer von Stroom augenscheinlich nicht sonderlich darum zu thun, auf dem Decke zu bleiben, denn er ließ sich alsbald in seine Kajüte weisen, wohin ihm der Kapitän, der sich unter den hindernd umherliegenden Taurollen einen Weg suchte, voranging. Die Thüre wurde geöffnet und der Supercargo verschwand. Das Schiff wurde jetzt gelichtet und die Segel gesetzt; sobald aber die Matrosen den Haspel verlassen hatten und nun eben die Anker an Bord befestigten, wurde die Glocke der Hüttenkajüte (die dem Supercargo angehörte) mit großem Ungestüm geläutet. »Was mag das zu bedeuten haben?« sagte Mynheer Kloots, der im Vorderschiffe stand, seine Pfeife aus dem Mund nehmend. »Mynheer Vanderdecken, wollt Ihr ein wenig nachsehen, was es gibt?« Philipp ging, während die Glocke noch immer forttönte, nach hinten, öffnete die Kajütenthüre und entdeckte, wie der Supercargo auf dem Tische saß und mit allen Merkmalen der Furcht in seinem Gesichte noch immer an der Glockenschnur zerrte, die in der Mitte des Gemachs herunterhing. Er hatte die Perücke nicht auf, und der kahle Schädel gab ihm ein eigenthümlich lächerliches Aussehen. »Was gibt's, Herr?« fragte Philipp. »Was es gibt?« sprudelte Mynheer von Stroom. »Ruft die Truppen mit ihren Gewehren herbei. Hurtig, Sir! Soll ich ermordet, in Stücke zerrissen und verzehrt werden? Um Gotteswillen, Herr, reißt nicht Eure Augen auf, sondern thut Etwas. Seht Ihr ihn nicht gegen den Tisch herkommen? O Jemine! Oh Jemine!« fuhr der Supercargo fort, dem der Schrecken augenscheinlich den Verstand verrückt hatte. Philipp wandte nun seine Augen von Mynheer von Stroom ab und in die angedeutete Richtung; da bemerkte er denn zu seinem großen Erstaunen einen kleinen Bären auf dem Deck, der sich mit der Perücke des Supercargo amüsirte, indem er sie mit den Tatzen hin- und herstieß und bisweilen seine Schnauze darin begrub. Philipp war zuerst über den Anblick des Thieres betroffen; ein kurzes Nachdenken überzeugte ihn jedoch, daß das Thier harmlos sein müsse, weil man ihm sonst nicht gestatten würde, frei in dem Schiffe umherzugehen. Demungeachtet mochte sich Philipp doch dem Thiere nicht nähern, da er dessen Neigung nicht kannte, und endlich erschien Mynheer Kloots, welcher der ganzen Geschichte ein Ende machte. »Was gibt's, Mynheer?« fragte der Kapitän. »O! ich sehe, es ist Johannes,« fuhr er fort, indem er auf den Bären zuging, ihn mit einem Fußtritt begrüßte und die Perücke des Supercargo wieder zurücknahm. »Hinaus aus der Kajüte, Johannes – hinaus, Bürschlein!« rief Mynheer Kloots, das Hintertheil des Bären mit Fußtritten bearbeitend, bis sich die Bestie durch die Thüre salvirt hatte. »Mynheer von Stroom, ich bedaure recht sehr – hier ist Eure Perücke. Schließt die Thüre Mynheer Vanderdecken, damit der Bär nicht wieder zurückkomme, denn er ist mir sehr zugethan.« Sobald die Thüre zwischen Mynheer von Stroom und dem Gegenstande seines Schreckens geschlossen war, glitt der kleine Mann von dem Tische in den nebenstehenden, hochlehnigen Stuhl herunter, schüttelte die beleidigten Locken seiner Perücke und setzte sie wieder auf den Kopf; dann zupfte er an seinen Manchetten, nahm eine gebieterische Miene an, schlug mit seinem Stocke auf das Verdeck und begann: »Mynheer Kloots, was soll diese Achtungswidrigkeit gegen den Supercargo der mächtigen Compagnie bedeuten?« »Gott im Himmel, keine Achtungswidrigkeit, Mynheer. Das Thier ist ein Bär, wie Ihr seht, und sogar gegen Fremde sehr zahm. Er gehört mir und war nur drei Monate alt, als er in meinen Besitz kam. 's ist nicht weiter, als ein Versehen. Der Mate, Mynheer Hillebrant, sperrte ihn in die Kajüte, um ihn während der Dienstverrichtung aus dem Wege zu schaffen, und hat ganz darauf vergessen, daß er noch hier war. Es thut mir sehr leid, Mynheer von Stroom, aber er wird nicht wieder kommen, wenn Ihr nicht mit ihm zu spielen wünscht.« »Mit ihm spielen – ich, der Supercargo der Compagnie sollte mit einem Bären spielen? Mynheer Kloots, das Thier muß augenblicklich über Bord geworfen werden!« »Nein, nein; ich kann ein Thier nicht über Bord werfen, das ich lieb gewonnen habe, Mynheer von Stroom; aber es soll Euch nicht wieder belästigen.« »Dann, Kapitän Kloots, werdet Ihr es mit der Compagnie zu thun haben, wenn ich ihr die Sache vorstelle. Man wird Euer Privilegium annulliren und Euer Fahrtgeld für verwirkt erklären.« Wie die meisten Holländer war Kloots nicht wenig hartnäckig, und dieses gebieterische Benehmen von Seite des Supercargo regte seine Galle auf. »Es steht nichts in meinen Briefen, was mich hinderte, einen Bären an Bord zu haben,« versetzte Kloots. »Nach dem Regulativ der Compagnie,« entgegnete von Stroom, indem er sich mit bedeutsamer Miene in seinen Stuhl zurücklehnte und die dünnen Beine kreuzte, »seid Ihr verpflichtet, diejenigen fremden und merkwürdigen Thiere an Bord zu nehmen, welche die Gouverneure und Faktoren gekrönten Häuptern zum Geschenke machen wollen – als da sind: Löwen, Tiger, Elephanten und andere Produkte des Ostens; aber in keinem Falle ist es den Kommandeuren verbriefter Schiffe gestattet, auf eigene Rechnung Thiere was immer für einer Art einzuladen, da dieß unter die Artikel des verbotenen Privathandels gehört.« »Mein Bär ist nicht zum Verkauf, Mynheer von Stroom.« »Er muß augenblicklich aus dem Schiffe entfernt werden, Mynheer Kloots. Ich befehle es, und weigert Ihr Euch, so geschieht es auf Eure eigene Gefahr.« »Dann will ich die Anker wieder fallen lassen, Mynheer von Stroom, und an's Land schicken, damit im Hauptquartier darüber entschieden werde. Besteht die Compagnie darauf, daß das Thier an's Land geschickt werde, so sei's drum; aber merkt Euch wohl, Mynheer von Stroom, wir werden dann den Schutz der Flotte verlieren und haben allein auszufahren. Soll ich die Anker auswerfen, Mynheer?« Diese Bemerkung beschwichtigte die Hartnäckigkeit des Supercargo. Das Alleinausfahren wollte ihm nicht zusagen, und die Furcht vor dieser schlimmen Nothwendigkeit überwog sogar die vor dem Bären. »Mynheer Kloots, ich will nicht allzustrenge sein; wenn das Thier an die Kette gelegt wird und mir nicht nahe kommen kann, so will ich mir's gefallen lassen, daß es an Bord bleibe.« »Ich will es soviel möglich Euch aus dem Wege halten; aber wenn ich das arme Thier ankette, wird es Tag und Nacht heulen, daß Ihr nicht schlafen könnt, Mynheer von Stroom,« erwiderte Kloots. Als der Supercargo bemerkte, daß der Kapitän seinen Willen mit Entschiedenheit behauptete und sich nicht an Drohungen kehrte, that er Alles, was ein Mann thun kann, der eine Sache nicht zu ändern vermag. Er gelobte in seinem Innern Rache und bemerkte dann mit herablassender Miene: »Unter dieser Bedingung, Mynheer Kloots, mag Euer Thier an Bord bleiben.« Mynheer Kloots und Philipp verließen nun die Kajüte. Ersterer, der nicht in der besten Stimmung war, murmelte im Fortgehen vor sich hin: »wenn die Compagnie ihre Affen an Bord schickt, werde ich, schätz wohl, auch meinen Bären halten dürfen.« Und dieser Witz erfreute Mynheer Kloots so sehr, daß er seinen Aerger wieder vergaß. Neuntes Kapitel. Wir müssen nun die indianische Flotte ihren Weg unter wechselndem Wind und Wetter nach dem Cap verfolgen lassen. Sie zerstreute sich theilweise, sollte aber in der Tafelbay wieder zusammentreffen. Philipp Vanderdecken war bald im Stande, sich einigermaßen an Bord nützlich zu machen. Er studirte seinen Dienst fleißig, denn Beschäftigung hinderte ihn, zuviel über die Ursache seiner Einschiffung zu brüten, und versah mit Eifer die schwersten Verrichtungen, da ihm eine derartige Anstrengung den Schlaf sicherte, der ihm sonst versagt geblieben wäre. Er war bald ein Liebling des Kapitäns und stand auf sehr freundschaftlichem Fuße mit Hillebrant, dem ersten Maten. Struys, der zweite Mate, war jedoch ein mürrischer junger Mensch, mit dem er nur wenig Verkehr hatte. Was den Supercargo Mynheer Jakob Janz von Stroom betraf, so wagte sich dieser nur selten aus seiner Kajüte. Da der Bär Johannes nicht eingesperrt wurde, so hielt sich Mynheer von Stroom selbst hinter Verschluß und ließ kaum einen Tag vergehen, ohne einen Brief zu überlesen, den er zur Beleuchtung des anstoßenden Gegenstandes an die Compagnie ausgefertigt hatte; auch fand er jedesmal für passend, eine Aenderung anzubringen, von der er glaubte, sie dürfte seiner Beschwerde noch mehr Kraft verleihen und die Interessen des Kapitän Kloots feindseliger beeinträchtigen. Inzwischen rauchte Mynheer Kloots in glücklichster Unwissenheit über das, was in der Hüttenkajüte vorging, seine Pfeife, trank seinen Schnaps und spielte mit Johannes. Das Thier hatte auch eine große Zuneigung zu Philipp gewonnen und pflegte mit ihm auf und ab zu spazieren, wenn dieser die Wache hatte. Auf dem Schiffe befand sich noch eine weitere Person, die wir nicht aus dem Gesichte verlieren dürfen – nämlich der einäugige Pilot Schriften, der einen großen Widerwillen sowohl gegen unsern Helden, als gegen dessen stummen Liebling, den Bären, zu hegen schien. Da Philipp den Rang eines Offiziers hatte, so wagte es Schriften nicht, ihn öffentlich zu beleidigen, ersah aber alle Gelegenheiten, ihn zu ärgern, und nahm keinen Anstand, vor der Schiffsmannschaft unaufhörlich über ihn zu schmähen. Gegen den Bären zeigte er seine Feindseligkeit offener, indem er selten an ihm vorbeiging, ohne ihm unter einem furchtbaren Fluche einen derben Tritt zu versetzen. Obgleich Niemand an Bord den Menschen zu lieben, wohl aber alles ihn zu fürchten schien, so hatte er doch über die Matrosen eine Herrschaft gewonnen, die kaum erklärlich war. So war der Stand der Dinge des guten Schiffes »der Schilling,« als es in Gemeinschaft mit einigen andern, zwei Tagfahrten von dem Cap entfernt, von einer Windstille befallen wurde. Das Wetter war ungemein heiß, denn die südlichen Breiten hatten ihren Sommer, und Philipp, der unter dem Hüttenzelte lag, war in Folge der schwülen Luft eingeschlafen. Da erwachte er auf einmal mit einer fröstelnden Empfindung über den ganzen Körper, namentlich aber auf der Brust, und als er die Augen halb öffnete, bemerkte er, daß der Pilot Schriften über ihm lehnte und einen Theil der Kette, an welcher die heilige Reliquie befestigt war, zwischen Finger und Daumen hielt. Philipp schloß seine Lider wieder, um sich zu überzeugen, was der Mann beabsichtige, und fand, daß er allmälig die Kette sammt der Reliquie weiter und weiter herauszog, zuletzt aber – augenscheinlich in der Absicht, sich des Kleinodes zu bemächtigen, über dem Kopf des muthmaßlichen Schläfers wegzuziehen suchte. Jetzt fuhr Philipp auf und faßte den Dieb um den Leib. »Darauf war's also abgesehen?« rief Philipp mit entrüsteten Blicken, indem er die Kette aus der Hand des Piloten riß. Schriften schien jedoch nicht im Mindesten über die Entdeckung seines Versuchs betroffen zu sein; er warf mit seinem einen Auge Philipp einen boshaften Blick zu und bemerkte spöttisch: »Ist ihr Bild an dieser Kette? – hi! hi!« Vanderdecken stand auf, stieß ihn zurück und kreuzte seine Arme. »Ich rathe Euch, nicht so gar neugierig zu sein, Meister Pilot, oder Ihr dürftet es bereuen.« »Oder ist's vielleicht« – fuhr der Pilot ohne Rücksicht auf Philipps Grollen fort – »eine Glückshaube, ein unfehlbares Mittel gegen das Ertrinken?« »Kümmert Euch um Eure Pflicht,« rief Philipp. »Doch, Ihr seid Katholik – vielleicht habt Ihr Euch den Fingernagel eines Heiligen beigesteckt – oder – ja ich habe es – ein Stück vom heiligen Kreuze.« Philipp stutzte. »Ja, das ist's, das ist's!« rief Schriften, der jetzt nach vorne ging, wo die Matrosen um die Laufplanke standen. »Gute Neuigkeiten für Euch, meine Jungen!« rief er. »Wir haben ein Stück vom heiligen Kreuze an Bord und können jetzt dem Teufel Trotz bieten.« Philipp war, ohne sich selbst einen Grund dafür angeben zu können, Schriften die Hüttentreppe hinunter gefolgt und stand eben vorn auf dem Halbdecke, als der Pilot gedachte Bemerkung gegen die Matrosen laut werden ließ. »Das ist schön!« erwiderte ein alter Matrose; »und zwar nicht nur dem Teufel, sondern dem fliegenden Holländer obendrein.« »Dem fliegenden Holländer?« dachte Philipp; »sollte sich dies auf – –« Er trat ein paar Schritte vor, um sich hinter dem Hauptmaste zu verbergen, und hoffte auf einer Fortsetzung des Gesprächs weitere Auskunft zu erhalten; auch täuschte er sich hierin nicht. »Man sagt, es sei weit schlimmer, ihm zu begegnen, als sogar dem Teufel selber,« bemerkte ein Anderer aus dem Haufen. »Wer hat ihn je gesehen?« fragte ein Dritter. »Gesehen hat man ihn, das ist gewiß; aber eben so gewiß ist auch, daß es einem Schiff übel ergeht, das mit ihm zusammentrifft.« »Und wo kann man denn auf ihn stoßen?« »Oh, hierüber ist man nicht so ganz im Reinen – er kreuzt eben in der Höhe des Kaps.« »Ich möchte wohl einmal das Lange und Kurze von der Geschichte zu hören kriegen,« bemerkte Einer. »Ich will dir sagen, was ich davon weiß. Es ist ein verfluchtes Schiff – waren, glaube ich, Piraten, die ihrem Kapitän die Kehle abschnitten.« »Nein, nein,« rief Schriften; »der Kapitän ist noch darauf – und war ein Schurke. Dem Vernehmen nach hat er wie ein Anderer, der mit uns jetzt an Bord ist, ein sehr hübsches Weib verlassen, das er zärtlich liebte.« »Wie wißt Ihr das, Pilot?« »Weil er stets Briefe nach Hause schicken will, wenn er mit Schiffen zusammentrifft. Aber wehe demjenigen, das einen Auftrag von ihm annimmt – es darf darauf zählen, daß es zu Grunde geht – mit Mann und Maus!« »Woher nehmt Ihr denn alle diese Kunde?« fragte Einer von den Matrosen. »Habt Ihr je das Schiff gesehen?« »Ja, freilich habe ich!« kreischte Schriften, ließ aber, als faßte er sich wieder, seinen Ruf in sein gewöhnliches Kichern übergehen und fügte bei: »doch wir haben Nichts von ihm zu fürchten; Jungen, da wir ein Stückchen vom wahren Kreuz an Bord führen.« Schriften begab sich sodann nach dem Hinterschiffe, um weitere Fragen zu vermeiden, bei welcher Gelegenheit er Philipp neben dem Hauptmaste bemerkte. »Ah, so – ich bin nicht der einzige Neugierige – hi! hi! Sagt mir doch, habt Ihr das Ding mit an Bord gebracht, im Falle wir mit dem fliegenden Holländer zusammentreffen sollten?« »Ich fürchte mich nicht vor dem fliegenden Holländer,« entgegnete Philipp verwirrt. »Nun, da fällt mir eben bei, Ihr traget ja den gleichen Namen; wenigstens sagt man sich, er heiße Vanderdecken – he?« »Es gibt außer mir noch viele Vanderdecken in der Welt,« versetzte Philipp, der nun seine Fassung wieder gewonnen hatte. Nach dieser Antwort ging er hinweg und begab sich nach der Hütte. »Man könnte fast glauben, dieser boshafte einäugige Wicht kenne den Grund meiner Einschiffung,« dachte Philipp. »Doch nein, das ist unmöglich. Aber warum muß ich stets einen solchen Schauder fühlen, so oft er mir nahe kommt? Ob's wohl Andern auch so ergeht? Oder ist's vielleicht nur eine bloße Einbildung von meiner und Aminens Seite? Zu fragen getraue ich mich nicht. – Indeß ist's doch seltsam, daß der Mensch einen so boshaften Groll gegen mich hegt. Ich habe ihn doch nicht beleidigt. Was ich eben mit angehört habe, bestätigt Alles, wenn es überhaupt einer Bestätigung bedürfte. O Amine! Amine! wärest du nicht, so würde ich mit Freuden mein Leben in die Schanze schlagen, um dieses Räthsel zu lösen. O Gott, zügle in deinem Erbarmen den Gluthstrom meiner Gedanken,« murmelte Philipp, »damit mein Verstand nicht irre werde!« Drei Tage nachher langte der Schilling mit seinen Kameraden in der Tafelbay an, wo sie den Rest der Flotte bereits vor Anker trafen. Um dieselbe Zeit hatten die Holländer an dem Kap der guten Hoffnung eine Niederlassung gegründet, wo die Indienflotten Wasser einzunehmen und von den Küsten-Hottentotten Vieh einzuhandeln pflegten – ein um so einträglicherer Verkehr, da Letztere für einen Messingknopf oder einen großen eisernen Nagel bereitwillig einen fetten Stier entgegengaben. Ein paar Tage war das Geschwader damit beschäftigt, seine Wasservorräthe zu ergänzen, worauf die Schiffe, denen für den Fall einer Trennung von dem Admiral der Sammelplatz bezeichnet worden war, alle Vorbereitungen für das voraussichtliche schlechte Wetter trafen und dann zur Wiederaufnahme ihrer Reise die Anker lichteten. Drei Tage lang hatten sie nur leichte und täuschende Winde, weshalb geringe Fortschritte erzielt wurden; am dritten sprang aber von Süden eine starke Brise auf, die sich bis zur Bö steigerte und die Flotte nordwärts von der Bay herunterwehte. Nach sieben Tagen war der Schilling allein, das Wetter aber gemäßigt. Es wurden sofort Segel ausgesetzt, und der Schnabel ostwärts gedreht, um gegen die Küste einzulaufen. »Es ist ein unglücklicher Umstand, daß wir von allen unsern Gefährten getrennt wurden,« bemerkte Mynheer Kloots gegen Philipp, während sie Beide an der Laufplanke standen. »Wir haben jetzt ungefähr Mittag und die Sonne wird mich in den Stand setzen, unsere Breite zu unterscheiden. Freilich ist's schwer zu sagen, wie weit uns die Bö und die Strömungen nordwärts gefegt haben. Junge, bringe mir meinen Jakobsstab herauf, gib aber Acht, daß du ihn nirgends anstößt.« Der Jakobsstab war das einfache Werkzeug, das in jener Zeit zu Entdeckung der Breite benützt wurde und einem sorgfältigen Beobachter seinen Standort auf etwa fünf oder zehn Meilen angab. Quadranten und Sextanten sind die Erfindung einer viel spätern Periode. Wenn man bedenkt, wie gering damals die Seemannskunde war, ferner die Abweichungen der Magnetnadel in Anschlag bringt und in Erwägung zieht, daß die Länge nur durch die Giffung gefunden werden konnte, so ist es eigentlich wunderbar, wie unsere Vorfahren mit verhältnißmäßig so wenig Unglück ihre Reisen über den Ocean machten. »Wir sind volle drei Grade nördlich vom Kap,« bemerkte Mynheer Kloots, nachdem er seine Breite berechnet hatte. »Die Strömungen müssen stark laufen; der Wind legt sich schnell, und ich müßte sehr irren, wenn wir nicht ander Wetter bekämen.« Gegen Abend trat Windstille ein, und eine starke Strömung fegte gegen das Ufer zu. Schaaren von Seehunden zeigten sich auf der Oberfläche und folgten dem vor der Strömung hertreibenden Schiffe. Die Fische sprangen und hüpften in allen Richtungen, und rings umher schien der Ocean voll Leben zu sein, während die Sonne langsam am Horizont niederging. »Was hören wir für ein Geräusch?« bemerkte Philipp. »Es tönt wie ferner Donner.« »Hab's auch vernommen,« versetzte Mynheer Kloots. »Ihr oben auf dem Mast, seht Ihr das Land?« »Ja,« versetzte der Marsgaste nach einer Pause, indem er an der Stengewand hinaufstieg. »Ganz nach vorne, – niedrige Sandhügel und hochbrechende See.« »Dann muß das Geräusch hievon herrühren. Wir fegen mit dieser Grundströmung schnell einwärts. Ich wollte, wir bekämen Wind.« Die Sonne hatte sich nun unter den Horizont gesenkt und die Windstille hielt noch immer an. Der Schilling war durch die Strömung so rasch dem Ufer zugetrieben worden, daß man jetzt die Brandung sehen konnte, die sich mit Donnergetöse am Gestade brach. »Kennt Ihr die Küste, Pilot?« sagte der Kapitän zu Schriften, der in der Nähe stand. »Kenne sie wohl,« versetzte Schriften; »die See bricht sich hier wenigstens zwölf Faden tief. In einer halben Stunde ist das gute Schiff zu Zahnstochern zerschellt, wenn uns nicht eine Brise Abhülfe bringt.« Und der kleine Mann kicherte, als finde er nichts belustigender, als diesen Gedanken. Mynheer Kloots vermochte seine Besorgniß nicht zu verhehlen; seine Pfeife war in ewiger Wanderung nach und aus dem Munde. Die Mannschaft sammelte sich in Gruppen auf dem Vorderkastell und auf der Laufplanke, mit Entsetzen auf das fürchterliche Brausen der Brandung lauschend. Der letzte Wiederstrahl der Sonne war nach und nach verglommen, und das Düster der Nacht vermehrte die Unruhe der Matrosen. »Wir müssen die Boote niederlassen,« sagte Mynheer Kloots zum ersten Maten, »und versuchen, ob wir das Schiff nicht hinausschleppen können. Freilich fürchte ich, daß wir nicht viel thun können, aber für alle Fälle sind dann doch die Boote bereit, um die Mannschaft aufzunehmen, ehe der Schilling auf den Strand läuft. Schafft die Schlepptaue heraus und laßt die Boote nieder, während ich dem Supercargo Meldung mache.« Mynheer von Stroom saß in der ganzen Würde seines Amtes da, und hatte, da es Sonntag war, seine beste Perücke aufgesetzt. Er war eben im Begriffe, abermals seinen Bärenbrief an die Compagnie zu überlesen, als Mynheer Kloots erschien und ihm in wenigen Worten mittheilte, daß sie sich in einer sehr gefährlichen Lage befänden und das Schiff wahrscheinlich in weniger als einer halben Stunde zerschellen würde. Bei dieser beunruhigenden Kunde sprang Mynheer von Stroom von seinem Stuhle auf und stieß in seiner furchtsamen Hast das Licht um, das er eben angezündet hatte. »In Gefahr, Mynheer Kloots? – Ei, das Wasser ist ja glatt und der Wind hat sich gelegt! Mein Hut – wo ist mein Hut und mein Stock? Ich will auf das Deck gehen. Hurtig! ein Licht – Mynheer Kloots, lassen Sie doch Licht bringen; ich kann in der Dunkelheit nichts finden. Mynheer Kloots, warum geben Sie keine Antwort? Barmherziger Himmel! er ist fort und hat mich allein gelassen.« Mynheer Kloots hatte sich entfernt, um ein Licht zu holen, und kehrte jetzt wieder zurück. Mynheer von Stroom setzte seinen Hut auf und verließ die Kajüte. Die Boote wurden niedergelassen und der Schiffsschnabel vom Lande abgedreht; aber es herrschte nun finstere Nacht, und man vermochte Nichts zu unterscheiden, als die weiße Schaumlinie der Brandung, welche sich mit furchtbarem Getöse an der Küste brach. »Mynheer Kloots, wenn's Euch gefällig ist, will ich das Schiff augenblicklich verlassen. Laßt mein Boot an das Schiff kommen – ich muß das größte Boot haben für den Dienst der hochpreislichen Compagnie – für die Papiere und mich selbst.« »Ich fürchte, daß ich Euch nicht dienen kann, Mynherr von Stroom,« versetzte Kloots; »unsere Boote werden kaum die ganze Mannschaft fassen, und Jedem ist sein Leben so theuer, als Euch das Eurige.« »Aber Mynheer, ich bin der Supercargo der Compagnie. Ich befehle Euch – ich will ein Boot haben – untersteht Euch, es zu verweigern!« »Ich unterstehe mich, es zu verweigern,« erwiderte der Kapitän, seine Pfeife aus dem Munde nehmend. »Gut, gut,« versetzte Mynheer von Stroom, der nun alle seine Geistesgegenwart verloren hatte – »wir wollen sehen, Herr – – sobald wir wieder nach – – Gott steh uns bei! – – Wir sind verloren – – Oh Herr! oh Herr!« Und mit diesen Worten eilte Mynheer von Stroom, ohne sich selbst einen Grund angeben zu können, nach der Kajüte hinunter, stolperte aber in seiner Hast über den Bären Johannes, der ihm in den Weg kam, und während seinem Sturze flogen ihm Hut und Perücke vom Kopf. »Ach, barmherziger Himmel! wo bin ich? Hülfe! Hülfe für den hochpreislichen Supercargo der Compagnie!« »Laßt los da in den Booten und kommt an Bord,« rief Mynheer Kloots, »wir haben keine Zeit übrig; hurtig jetzt, Philipp; schafft den Compaß hinunter, das Wasser und den Zwieback – wir dürfen in fünf Minuten nicht mehr im Schilling sein.« Das Brausen der Brandung war nun so wüthend geworden, daß man nur mit Mühe die Befehle des Kapitäns vernehmen konnte. Mynheer von Stroom lag mittlerweile auf dem Deck, zappelte, stampfte und schrie nach Hülfe. »Es weht eine leichte Brise vom Ufer her,« rief Philipp, seine Hand ausstreckend. »Ihr habt recht, aber ich fürchte, es ist zu spät. Schafft das Nöthige in die Boote und benehmt Euch besonnen, ihr Leute. Wir haben noch eine Aussicht, das Schiff zu retten, wenn der Wind auffrischt.« Sie waren nun der Brandung so nahe, daß sie fühlten, wie die Strömung, in welcher das Schiff windlos lag, da und dort an der langen Linie überschlug; aber die Brise frischte auf und das Schiff wurde stetig. Sämmtliche Mannschaft befand sich in den Booten, Mynheer Kloots, die Maten und Mynheer von Stroom ausgenommen. »Wir gehen jetzt wieder durch's Wasser,« sagte Philipp. »Ja; ich denke, wir können das Schiff retten,« versetzte der Kapitän. »Nur stetig fortgemacht, Hillebrant,« fuhr er gegen den ersten Maten am Steuerruder fort. »Wir kommen jetzt von der Brandung ab – wenn nur die Brise noch zehn Minuten anhält.« Die Brise hielt an und der Schilling, der vom Lande absteuerte, gerieth wieder in windstillen Strich; dann wurde er abermals gegen die Brandung gefegt, bis endlich die Brise sich verstärkte, und das Schiff durch das Wasser schnitt. Die Mannschaft wurde aus den Booten gerufen. Man las Mynheer von Stroom mit seinem Hut und seiner Perücke auf, führte ihn in die Kajüte und in weniger als einer Stunde war der Schilling außer Gefahr. »Wir können jetzt die Boote heraufhissen,« sagte Mynheer Kloots; »ehe wir aber zu Bette gehen, wollen wir Alle Gott für unsere Rettung danken.« Während der Nacht gewann der Schilling zwanzig Meilen hohe See und steuerte dann südwärts. Gegen Morgen legte sich die Brise wieder und es fiel fast völlige Windstille ein. Mynheer Kloots war ungefähr eine Stunde auf dem Decke gewesen und hatte sich mit Hillebrant sowohl über die Gefahr des vorigen Abends, als über Mynheer von Strooms engherzige Selbstsucht unterhalten, als sich mit einemmale ein lautes Getöse von der Hüttenkajüte her vernehmen ließ. »Was mag das zu bedeuten haben. Hat der gute Mann vor Schrecken seinen Verstand verloren? Ei, er schlägt ja die Kajüte in Stücke.« In diesem Augenblicke kam der Diener des Supercargo's aus der Kajüte geeilt. »Mynheer Kloots, geschwinde – helft meinem Gebieter – er wird umgebracht – der Bär – der Bär!« »Der Bär? Wie, Johannes,« rief Mynheer Kloots. »Ei, das Thier ist ja so zahm, wie ein Hund. Ich will gehen und nachsehen.« Aber ehe Mynheer Kloots nach der Kajüte gehen konnte, flog der erschreckte Supercargo im Hemde heraus. »Mein Gott! mein Gott! Soll ich denn ermordet – lebendig gefressen werden?« rief er, nach dem Vorderschiffe rennend, wo er das Focktakelwerk hinanzuklimmen versuchte. Mynheer Kloots folgte Mynheer von Strooms Bewegungen mit Erstaunen, und als er fand, daß derselbe in das Takelwerk steigen wollte, wandte er sich nach hinten und ging in die Kajüte, wo er zu seiner Überraschung fand, daß Johannes in der That Unfug anrichtete. Das Getäfel der Staatskajüte war niedergeschlagen, die Perückenschachteln lagen zertrümmert auf dem Boden und auf den Perücken selbst befanden sich die Bruchstücke zerbrochener Honigtöpfe, sammt deren Inhalt, welchen Johannes mit besonderem Wohlbehagen ausleckte. Mynheer Stroom hatte sich nämlich, als das Schiff in der Tafelbay vor Anker lag, von den Hottentotten einigen Honig, von dem er ein großer Freund war, verschafft, und denselben durch seinen Diener in Töpfen aufbewahren lassen. Diese standen nun unter den zwei langen Schachteln, um von dem Supercargo während des Restes der Reise nach Belieben benützt werden zu können. Diesen Morgen hatte der Diener in der Meinung, die Perücke habe Abends zuvor durch den Sturz seines Gebieters gelitten, eine der Schachteln geöffnet, um die verderbte Kopfbedeckung durch eine andere zu ersetzen. Johannes war nun zufälligerweise in die Nähe der Thüre gekommen und witterte den Honig. Die Bären sind durchweg noch größere Freunde dieser Leckerei, als es Mynheer von Stroom war, und wagen Alles, sich dieselbe zu verschaffen. Johannes gab daher der Liebhaberei seines Geschlechtes nach, folgte seiner Nase, kam in die Kajüte und war eben im Begriffe, in Mynheer von Strooms Schlafbarth zu spazieren, als der Diener vor ihm die Thüre zuschlug. Johannes schlug nun das Getäfel zusammen und erzwang sich Zutritt. Dann griff er die Perückenschachteln an und bewies dem Diener, der ihn fortzujagen versuchte, durch das Bläcken einer furchtbaren Reihe von Zähnen, daß er nicht mit sich spielen lasse. Mynheer von Stroom gerieth darüber in den äußersten Schreck und kam, da er die Absicht des Bären nicht kannte, auf die Meinung, die Bestie wolle ihn selbst angreifen. Der Bediente gab nach einigen vergeblichen Bemühungen, die letzte Schachtel zu retten, Fersengeld, und Mynheer von Stroom, der sich jetzt allein fand, sprang endlich von seiner Bettstelle herunter und entwischte in dem bereits erwähnten Zustand nach dem Vorderkastell, Johannes als Sieger auf dem Wahlplatze zurücklassend, der sich sofort über die spolia opima hermachte. Mynheer Kloots bemerkte augenblicklich, wie die Sachen standen; er ging auf den Bären zu, redete ihn an und versetzte ihm einige Fußstöße, aber Meister Petz wollte von seinem Honig nicht ablassen und knurrte wüthend über diese Unterbrechung. »Du hast schlimme Arbeit gemacht, Johannes,« bemerkte Mynheer Kloots. »Du mußt jetzt das Schiff verlassen, denn der Supercargo hat gerechte Gründe zur Beschwerde. Nun, wenn du denn einmal Honig fressen mußt, so sei's drum.« Mit diesen Worten verließ Mynheer Kloots die Kajüte, um nach dem Supercargo zu sehen, der sich noch immer auf dem Vordercastell befand und mit in dem Winde flatterndem Hemde, seinen magern Leichnam und den kahlen Schädel zur Schau stellend, die Matrosen anredete. »Ich bedaure diesen Unfall recht sehr, Mynheer von Stroom,« sagte Kloots; »aber der Bär soll aus dem Schiffe gebracht werden.« »Ja, ja, Mynheer Kloots, aber das ist eine Geschichte für die hochpreisliche Compagnie – das Leben ihrer Diener darf nicht der Thorheit eines Seekapitäns geopfert werden. Ich bin beinahe in Stücke zerrissen worden.« »Das Thier wollte nichts von Euch, sondern hatte nur einen Zahn auf den Honig,« versetzte Kloots. »Es ist jetzt darüber hergefallen und ich selbst bin nicht im Stande, ihm seine Beute abzunehmen. An der Natur eines unvernünftigen Geschöpfs ist nichts zu ändern. Wollt Ihr so gut sein, in meine Kajüte hinunterzugehen, bis die Bestie wieder angelegt werden kann? Sie soll nicht wieder frei herumgehen.« Mynheer von Stroom hielt es für räthlich, dieses Erbieten anzunehmen, denn einmal stand seine Würde nicht ganz im Einklang mit seinem Aeußeren und vielleicht machte er auch die Bemerkung, daß die Majestät nur zu einer Posse wird, wenn sie ihrer äußeren Abzeichen beraubt ist. Mit einiger Mühe und unter dem Beistand der Matrosen wurde der Bär gefesselt und aus der Kajüte fortgeschafft, freilich sehr gegen seinen Willen, denn es gab an den Perückenlocken noch einigen Honig abzulecken. Der Umstand, daß er auf hoher See über dem Verbrechen des Einbruchs ertappt worden war, trug ihm strenge Haft ein, und das neue Abenteuer bildete nun den Gegenstand des Tagesgespräches, denn es war wieder Windstille und das Schiff lag regungslos auf der spiegelglatten Fläche des Meeres. »Die Sonne geht roth unter,« bemerkte Hillebrant gegen den Kapitän, der mit Philipp auf der Hütte stand. »Ich müßte sehr irren, wenn wir nicht noch vor morgen Wind erhielten.« »Bin auch der Meinung,« versetzte Mynheer Kloots. »Es ist sonderbar, daß wir mit keinem Schiffe der Flotte zusammentreffen. Sie müssen doch alle hier herabgetrieben worden sein.« »Vielleicht halten sie mehr hohe See.« »Gut für uns, wenn wir das Gleiche gethan hätten,« sagte Kloots. »Gestern Abend ist's uns sehr auf die Nähte gegangen. Zu wenig oder zu viel Wind, keines von Beiden will etwas taugen.« Ein wirres Getöse ließ sich nun von der Stelle her vernehmen, wo sich die Matrosen auf einem Haufen versammelt hatten und über die Windvierung des Fahrzeugs hinblickten. »Ein Schiff! Nein – ja, es ist eines!« schallte es aus mehr als einem Munde. »Sie meinen, ein Schiff zu sehen,« sagte Schriften, auf die Hütte kommend, »hi! hi! wo?« »Dort, in der Nacht draußen!« versetzte der Pilot, auf den dunkelsten Theil am Horizonte deutend, denn die Sonne war bereits niedergegangen. Der Kapitän, Hillebrant und Philipp richteten ihre Augen nach der angedeuteten Stelle und meinten gleichfalls Etwas wie ein Schiff unterscheiden zu können. Allmälig schien sich das Dunkel zu zerstreuen und ein blasser, leckender Blitz jenen Theil des Kimmes zu erhellen. Kein Lüftchen ließ sich auf dem Wasser verspüren – die See war wie ein Spiegel, das Schiff trat mit immer mehr Bestimmtheit hervor, bis sich endlich sein Rumpf, seine Masten und Raaen deutlich unterscheiden ließen. Die drei Männer sahen hin und rieben sich die Augen, denn sie konnten kaum ihren Sinnen trauen. Im Mittelpunkte des blassen Lichtes, das sich etwa fünfzehn Grade über dem Horizont erhob, etwa drei Meilen entfernt, befand sich in der That ein großes Schiff, das aber trotz der vollkommenen Windstille mit einer gewaltigen Bö zu kämpfen schien, indem es sich bald über die spiegelglatte Fläche erhob, dann wieder niederstürzte und sich auf's Neue aufrichtete. Mars- und Hauptsegel waren beschlagen und die Raaen zum Winde gerichtet; es hatte kein weiteres Segel gesetzt, als das dicht gereffte Focksegel, ein Sturmstagsegel und im Hinterschiffe ein Schnausegel. Es kam nur wenig im Wasser vorwärts, obgleich es von der Gewalt der Bö getrieben, rasch näher zu rücken schien und mit jeder Minute dem Auge deutlicher wurde. Endlich sah man es vieren, und während dies geschah, noch ehe der Wind für einen andern Gang gefangen war, kam es so nahe an den Schilling heran, daß man die Leute an Bord unterscheiden konnte. Das Wasser schäumte vor den Bugen her; man hörte den schrillen Ton der Bootsmannspfeifen, das Krachen des Schiffsgebälks, das Aechzen der Masten; dann aber steigerte sich allmälig das Dunkel und in wenigen Sekunden war das Schiff völlig verschwunden. »Gott im Himmel!« rief Mynheer Kloots. Philipp fühlte eine Hand auf seiner Schulter, und eine Eiseskälte durchzuckte seinen ganzen Körper. Er wandte sich um, und begegnete dem einzigen Auge Schriftens, der ihm in's Ohr kreischte – » Philipp Vanderdecken , das ist der fliegende Holländer.« Zehntes Kapitel. Die plötzliche Dunkelheit, welche dem blassen Lichte gefolgt war, übte die Wirkung, daß alle Gegenstände der erstaunten Mannschaft des Schilling nur noch unbestimmter erschienen. Für eine Weile wurde kein Laut an Bord gehört. Einige hielten ihre Blicke auf die Stelle geheftet, wo die Erscheinung verschwunden war, Andere wandten sich voll düsterer, ahnungsvoller Gedanken ab. Hillebrant unterbrach zuerst das Schweigen; er drehte sich gen Osten und fuhr, da er dort ein Licht bemerkte, zusammen. Zu gleicher Zeit ergriff er Philipp beim Arme und rief: »Was ist dies?« »Nur der Mond, der sich über die Wolken erhebt,« versetzte Philipp wehmüthig. »Das gesteh' ich!« bemerkte Mynheer Kloots, die von Schweiß feuchte Stirne abwischend. »Ich habe früher oft von dieser Geschichte gehört, aber stets nur dabei gelacht.« Philipp blieb stumm. Von der Wirklichkeit der Erscheinung überzeugt und wohl fühlend, wie tief er dabei betheiligt war, kam er sich selbst wie ein Verbrecher vor. Der Mond hatte sich jetzt über die Wolken erhoben und goß sein mildes, blasses Licht über den schlummernden Ocean. Wie in Folge eines gemeinschaftlichen Antriebes richtete männiglich die Augen nach der Stelle, wo die fremdartige Erscheinung zuletzt gesehen worden war. Alles verhielt sich ruhig – eine todte Windstille. Seit dem Auftauchen des Schiffes war der Pilot Schriften ohne Unterlaß auf der Hütte geblieben; er näherte sich jetzt allmälig Mynheer Kloots, blickte umher und sagte: »Mynheer Kloots, als Pilot dieses Fahrzeugs will ich Euch sagen, daß Ihr Euch auf sehr schlimm Wetter gefaßt halten müßt.« »Schlimm Wetter?« entgegnete Kloots, sich aus einer tiefen Träumerei aufraffend. »Ja, schlimm Wetter, Mynheer Kloots. Nie ist ein Schiff mit – mit dem, was wir eben gesehen haben, zusammengetroffen, ohne bald nachher ein Unheil zu erfahren. Schon der Name Vanderdecken bringt keinen Segen – hi! hi!« Philipp wollte auf diesen Hohn antworten, fühlte sich aber außer Stand; seine Zunge war gefesselt. »Was hat der Name Vanderdecken damit zu schaffen?« fragte Kloots. »Habt Ihr denn nie von der Geschichte gehört? Der Kapitän des Schiffes, das uns eben zu Gesichte kam, ist ein gewisser Mynheer Vanderdecken – er ist der fliegende Holländer.« »Wie könnt Ihr dies wissen, Pilot?« fragte Hillebrant. »Nun, ich weiß es einmal, und noch viel mehr, wenn ich es sagen möchte,« antwortete Schriften. »Doch gleichviel – ich habe Euch vor schlimmem Wetter gewarnt und damit meine Pflicht erfüllt.« Mit diesen Worten stieg Schriften die Hüttentreppe hinunter. »Gott im Himmel! hat mich doch in meinem Leben nie Etwas so verwirrt und erschreckt,« bemerkte Kloots. »Ich weiß nicht, was ich davon denken oder sagen soll. – Was haltet Ihr davon, Philipp? War es nicht übernatürlich?« »Ja,« versetzte Philipp traurig. »Ich zweifle nicht daran.« »Ich glaubte, die Tage der Wunder seien vorbei,« sagte der Kapitän, »und war der Meinung, wir seien in jetziger Zeit unserer eigenen Anstrengung überlassen, ohne andere Warnungszeichen zu erhalten, als die uns das Aussehen des Himmels gibt.« »Und auch dieser warnt uns jetzt,« bemerkte Hillebrant. »Seht, wie sich jene Wolkenschichte in den letzten fünf Minuten gehoben hat. Der Mond ist ihr zwar entwischt, wird aber bald wieder eingeholt sein – und seht, da zuckt im Nordwesten ein Blitz auf.« »Wohlan, meine Kinder, ich kann so gut als irgend Einer dem Elemente Trotz bieten und mein Bestes thun, habe mich von jeher wenig um Böen und stürmisches Wetter bekümmert, aber doch gefällt mir die Warnung, die wir heute Abend erhalten haben, ganz und gar nicht. In Wahrheit, das Herz liegt mir mit einem Bleigewicht in der Brust. Philipp, laßt die Schnapsflasche heraufholen, wär's auch nur, um mir das Gehirn ein Bischen zu klären.« Philipp erfaßte mit Freuden die Gelegenheit, die Hütte zu verlassen; er wünschte sich nur wenige Minuten, um seine Gedanken zu sammeln. Die Erscheinung des Geisterschiffs hatte ihn furchtbar erschüttert – nicht, daß er je an der wirklichen Existenz desselben gezweifelt hätte, sondern sein Geist wirbelte bei dem Gedanken, das Fahrzeug gesehen zu haben und demselben so nahe gewesen zu sein, in welchem sein Vater unter einem so schrecklichen Banne lag – dasselbe Fahrzeug, an dessen Bord, wie er in tiefster Seele empfand, sein eigenes Geschick in Erfüllung gehen mußte. Als er den Ton der Hochbootsmannspfeife vernahm, lauschte er begierig, um das Ertheilen der Befehle zu vernehmen, die – er wußte es wohl – von seinem Vater gegeben wurden. Auch seine Augen strengte er an zu dem Versuche, die Züge und den Anzug derjenigen zu unterscheiden, die sich auf den Decken bewegten. Sobald er den Knaben zu Mynheer Kloots hinaufgeschickt hatte, eilte er nach seiner Kajüte und begrub sein Antlitz in die Decke seines Bettes: dann betete er – betete, bis er seinen gewöhnlichen Muth wieder gewonnen und sich soweit gefaßt hatte, um mit der Ruhe und dem Heroismus eines Märtyrers der Gefahr entgegen zu sehen. Philipp blieb nicht länger als eine halbe Stunde unten. Aber welche Veränderung hatte nicht stattgefunden, als er wieder auf dem Deck erschien! Vor kurzer Frist noch schwamm das Schiff regungslos auf dem stillen Wasser, und die hohen Segel hingen schlaff von den Raaen nieder. Der Mond schwebte in milder Schönheit am Himmelszelte dahin, den Wiederstrahl der Masten und Segel in der glatten See erkennen lassend. Jetzt war Alles dunkel. Das Wasser brach in kurzen schäumenden Wellen; die kleineren und oberen Segel waren eingenommen worden und das Schiff schnitt rasch durch das Wasser. Der Wind verkündete durch seine krampfhaften Stöße und sein zorniges Geheul nur zu deutlich, daß sein Grimm geweckt worden war und er jetzt alle seine Kräfte sammelte, um ein Werk der Zerstörung auszuführen. Die Matrosen waren noch immer mit Kürzung der Segel beschäftigt, betrieben aber ihr Geschäft düster und mißvergnügt. Was der Pilot Schriften zu ihnen gesagt hatte, wußte Philipp nicht; er bemerkte jedoch, daß sie ihn vermieden und augenscheinlich mit grollenden Gefühlen betrachteten. Die Bö steigerte sich mit jeder Minute. »Der Wind ist nicht stätig,« bemerkte Hillebrant. »Es läßt sich nicht ausfindig machen, aus welcher Richtung der Sturm blasen mag, denn er hat bereits um fünf Striche gewechselt. Philipp, das Aussehen der Dinge will mir gar nicht gefallen, und ich kann wohl mit dem Kapitän sagen, daß auch mir das Herz schwer ist.« »Mir ergeht es gleichfalls nicht besser,« versetzte Philipp; »aber wir sind in den Händen einer barmherzigen Vorsehung.« »Hart Backbord! Vorn eingelegt! Das Schnausegel aufgegeit, meine Leute! Tummelt Euch!« rief Kloots, als das Schiff durch das Schlagen des Windes nach Norden und Westen rückwärts geworfen wurde und sich tief auf die Seite legte. Der Regen schoß nun in Strömen nieder und es war so dunkel, daß kaum Einer den Andern auf dem Decke sehen konnte. »Wir müssen die Marssegel aufgeien, während die Mannschaft auf die Raaen steigt. Besorgt dieses Geschäft im Vorderschiff, Herr Hillebrant.« Der Blitz durchzuckte nun quer das Firmament und der Donner rollte mit Macht. »Hurtig! hurtig, Ihr Leute, laßt Alles beschlagen!« Die Matrosen schüttelten das Wasser aus ihren triefenden Kleidern und gingen zum Theil an's Geschäft, während Andere den Vortheil der Nacht ersahen, um sich zu verbergen und mit ihrer eigenen Furcht zu Rathe zu gehen. Alle Leinwand des Schiffes, mit Ausnahme des Fockstagsegels, war nun eingezogen und der Schilling flog, den Wind in seiner Vierung, gegen Süden. Die See brüllte in schäumenden Wogen; der Regen goß in Strömen durch die pechfinstere Nacht und die durchnäßten, erschrockenen Matrosen schützten sich unter den Bollwerken. Obgleich Viele ihren Dienst verabsäumt hatten, wagte sich doch nicht ein Einziger in den Raum hinunter. Sie sammelten sich nicht wie gewöhnlich, sondern Jeder zog es vor, sich einsam mit seinen Gedanken zu benehmen. Das gespenstische Schiff erhitzte ihre Einbildungskraft und bedrückte ihr Gehirn. Es war eine endlos lange – eine schreckliche Nacht – der Tag schien gar nicht wieder kommen zu wollen. Endlich ging die Dunkelheit allmälig in ein trübes, düsteres Grau über – dieß war der Tag. Die Leute sahen sich gegenseitig an, fanden aber in ihren Blicken keinen Trost. Nicht ein einziges Gesicht war vorhanden, in welchem ein Strahl der Hoffnung gelauscht hätte. Ihr Loos war geworfen – sie blieben an den Orten gekauert, wo sie in der Nacht Schutz gesucht hatten, und verhielten sich stumm. Die See warf jetzt berghohe Wogen auf und schleuderte das Schiff mehr als einmal nach hinten. Kloots befand sich eben in dem Compaßhäuschen und Hillebrant stand mit Philipp am Steuer, als eine hohe Welle über die Schanze hereinschlug und sich mit unwiderstehlicher Gewalt auf das Deck Bahn brach. Der Kapitän und seine zwei Maten wurden weggeschwemmt und fast besinnungslos gegen die Bollwerke geworfen – das Binnackel und der Compaß brachen in Stücke – Niemand eilte nach dem Steuer – das Schiff drehte bei, und unter den hereinbrechenden Wogen stürzte der Hauptmast auf den Bord. Alles befand sich in größter Verwirrung. Kapitän Kloots lag besinnungslos da, und nur mit Mühe konnte Philipp zwei Matrosen bereden, daß sie ihm den Kapitän hinuntertragen halfen. Hillebrant war noch unglücklicher gewesen – er hatte den rechten Arm gebrochen und war auch sonst noch schwer beschädigt. Philipp brachte ihn nach seinem Lager und ging dann wieder auf's Deck, um zu versuchen, ob er die Ordnung nicht wieder herstellen könne. Philipp Vanderdecken war noch kein geübter Seemann, übte aber doch jenen moralischen Einfluß über die Matrosen, welcher dem Muthe und der Entschlossenheit nie entstehen kann. Von einem bereitwilligen Gehorsam war zwar keine Rede, aber sie gehorchten doch, und in einer halben Stunde war das Schiff von dem zertrümmerten Maste befreit. Nach dieser Erleichterung übernahmen zwei der besten Matrosen das Steuer und abermals flog der Schilling vor dem Sturme dahin. Aber wo befand sich während dieser Zeit der Zerstörung Mynheer von Stroom? Er steckte tief in den Laken seines Bettes, zitterte an allen Gliedern und gelobte hoch und theuer, wenn er je seinen Fuß wieder an's Land setze, sollten ihn alle Compagnien der Welt nicht mehr veranlassen, seinen theuern Leichnam abermals dem Salzwasser anzuvertrauen. Es war zuverlässig das Beste, was sich der arme Mann vornehmen konnte. Obgleich übrigens die Matrosen für eine Weile Philipps Befehlen gehorchten, sah man sie doch bald angelegentlich mit dem einäugigen Piloten reden; sie hielten augenscheinlich eine viertelstündige Berathung und verließen sodann sammt und sonders, die zwei Männer am Steuer ausgenommen, das Deck. Der Grund, warum sie dieß thaten, stellte sich bald heraus – mehrere kehrten mit Krügen voll Branntwein zurück, den sie sich durch Erbrechen der Luke über dem Branntweinstübchen verschafft hatten. Philipp blieb ungefähr eine Stunde auf dem Deck und redete den Leuten zu, sie möchten sich nicht betrinken, aber vergeblich; auch die am Steuer Befindlichen wiesen das ihnen angebotene Getränk nicht zurück, und es stand nicht lange an, bis das Gieren des Schiffes bekundete, welche Wirkung der Branntwein geübt hatte. Philipp eilte nun hinunter, um nachzusehen, ob Mynheer Kloots sich hinreichend erholt habe, um auf das Verdeck zu kommen. Er fand ihn in tiefem Schlaf, aus dem er ihn nur mit Mühe wecken konnte, um ihm die unglückselige Kunde mitzutheilen. Mynheer Kloots folgte Philipp auf das Deck, spürte aber noch immer die Wirkung seines Falles, denn sein Kopf war verwirrt und er taumelte im Gehen, als ob er gleichfalls dem Branntwein gehörig zugesprochen hätte. Er war noch nicht lange auf dem Verdeck, als er in einem Zustande vollkommener Hülflosigkeit auf eine der Kanonen niedersank, denn er hatte eine schwere Hirnerschütterung erlitten. Hillebrant war zu ernstlich beschädigt worden, um sich von seinem Bette aufrichten zu können und Philipp sah jetzt, wie hoffnungslos ihre Lage war. Das graue Licht des Tages machte der Dunkelheit Platz und die Scene wurde nur erschütternder. Das Schiff lief zwar noch vor der Bö, aber die Leute am Ruder hatten augenscheinlich ihren Kurs gewechselt, denn der Wind, der früher Steuerbord gewesen, kam jetzt aus der Backbordrichtung. Es war jedoch kein Compaß auf dem Decke, und selbst dann würde die Mannschaft in ihrem trunkenen Zustande sich geweigert haben, auf Philipps Befehl oder Vorstellungen zu hören. »Er sei kein Matrose,« sagten sie, »und solle sie nicht lehren wollen, wie sie ein Schiff steuern müßten.« Die Bö hatte jetzt ihre Höhe erreicht. Der Regen ließ nach, aber der Wind tobte furchtbar und das Schiff wurde von den Betrunkenen so weit gesteuert, daß über beide Schanddecke die Wogen hereinbrachen. Die Matrosen aber lachten, sangen, und mischten ihren Chor in das Heulen der Bö. Der Pilot Schriften schien der Führer des meuterischen Haufens zu sein. Die Branntweinkanne in seiner Hand, tanzte, sang und schnippte er mit den Fingern, während er, wie ein Dämon, sein einziges Auge auf Philipp heftete; zuweilen auch wälzte er sich mit schallendem Gelächter in den Speigaten. Weiterer Branntwein wurde so schnell, als man danach rief, heraufgeboten. Flüche, Geschrei und Gelächter mischten sich; die Matrosen am Steuer banden die Speichen fest und eilten, sich ihren Gefährten anzuschließen, während der Schilling vor der Bö dahinflog und beim Gieren nach dem Back- oder Steuerborde nur durch das Fockstagsegel – das einzige, welches gesetzt war – gehalten wurde. Philipp blieb bei der Hüttentreppe auf dem Decke. »Sonderbar,« dachte er, »daß ich allein noch zu handeln fähig bin und die Bestimmung zu tragen scheine, auf diese Scene des Schreckens und Abscheus niederzublicken – daß ich Zeuge sein soll, wie sich das Gebälk dieses Schiffes trennt und alles Leben meiner Begleiter verloren geht – ich, der einzige Ruhige und Gefaßte, der ein Auge hat für das, was bald vorgehen muß. Gott vergebe mir, aber wie nutzlos und unmächtig ich auch bin, stehe ich doch augenscheinlich hier als der Herr des Sturmes – ausgeschieden von meinen Mitmenschen durch meine eigenthümliche Bestimmung. Es muß so sein. Ich fühle, dieser Schiffbruch gilt nicht mir – ich habe ein gefeietes – oder vielmehr ein auf länger erstrecktes Leben, damit ich den Eid vollbringen möge, der im Himmel aufgezeichnet ist. Doch der Wind tönt nicht mehr so laut und das Wasser ist weniger wild bewegt. Meine Vorahnungen sind vielleicht unrichtig und es kann noch Alles gut gehen. Gebe es der Himmel, denn es ist traurig und kläglich, Menschen, die nach Gottes Ebenbilde geschaffen sind, in einem Zustand aus der Welt scheiden zu sehen, der sie unter das Vieh herab erniedrigt!« Philipp hatte Recht, wenn er glaubte, daß der Wind nicht mehr so scharf und die See weniger hoch ging. Das Schiff war südwärts an der Tafelbay vorbeigekommen und durch die Veränderung des Curses in die falsche Bay gerathen, wo es gewissermaßen gegen die Gewalt des Windes und der Wellen geschützt war. Aber trotz des glatteren Wassers reichten die Wogen dennoch mehr als zu, um jedes Schiff zu zerschellen, das im Grunde der Bay an die Küste lief – ein Punkt, auf welchen der Schilling jetzt losgetrieben wurde. Die Bay bot indeß soweit eine schöne Aussicht zum Entkommen, daß das Ufer statt des Felsgestades an der Außenseite, an dem das Schiff in ein paar Sekunden in Trümmer gegangen wäre, sanft anstieg und aus losem Sand bestand, hievon konnte Philipp freilich keine Kenntniß haben, denn sie waren in der Dunkelheit der Nacht an dem Lande des Buchteinganges vorbeigekommen, ohne dasselbe zu bemerken. Nach etwa zwanzig Minuten bemerkte Philipp, daß die ganze See rund umher sich in einen Schaumkessel umwandelte, und noch ehe er sich Gedanken darüber machen konnte, stieß das Schiff so schwer auf den Sand, daß die noch übrigen Masten auf den Bord fielen. Das Krachen der stürzenden Masten und das schwere Schlagen des Schiffs auf dem Sande, in dessen Folge vieles von dem Gebälke auseinander wich, und endlich daß Meer von Wellen, welches über dem unglücklichen Schiffe hinfegte, zügelte das Geschrei und den betrunkenen Lärm der Bande. Noch eine Minute und das Schiff wurde mit seiner Breitseite seewärts geworfen, Philipp, der sich auf der Luvseite befand, klammerte sich an das Bollwerk an, während die betrunkenen Matrosen leewärts im Wasser klatschten und die andere Seite des Schiffes zu gewinnen bemüht waren. Mit großem Entsetzen bemerkte unser Held, wie Mynheer Kloots in's Wasser hinuntersank, das jetzt mehrere Fuß über die Leewand des Verdecks ging, ohne daß der Kapitän auch nur den geringsten Versuch machte, sich Hülfe zu geben. Er war also dahin und für ihn alle Hoffnung vorbei. Philipp dachte an Hillebrant und eilte hinunter; der Mate lag noch, an die Seite gedrückt, in seinem Bette. Unser Held hob ihn heraus, schaffte ihn mit Mühe auf das Deck und legte ihn in das Langboot an den Spieren, weil hier am ehesten Aussicht für Rettung seines Lebens zu gewärtigen stand. Zu dem gleichen Boote hatten auch die Matrosen ihre Zuflucht genommen, weil es das einzige war, dessen Benützung möglich wurde. Auch Philipp wollte einsteigen, wurde aber von der Bande zurückgewiesen, welche unter der anspülenden Brandung die Bindseile loshieb. Eine andere schwere Welle hob das Boot von seinen Schoren und spülte es leewärts über das Schanddeck in das verhältnißmäßig glatte Wasser, aber nicht ohne es fast bis an die Dosten zu füllen. Darum bekümmerten sich übrigens die betrunkenen Matrosen nicht sonderlich, denn sobald sie wieder flott waren, begannen sie auf's Neue zu schreien und zu singen, während Wind und Wellen sie dem Ufer zutrieben. Philipp, der sich an dem Stumpfe des Hauptmastes hielt, sah ihnen mit ängstlichen Blicken nach und bemerkte, wie das Boot sich auf der schäumenden Brandung hob und dann in dem Wellentroge verschwand. Ferner und ferner wurde der Lärm der tollen Stimmen, bis er zuletzt nichts mehr hören konnte; endlich entdeckte er das kleine Fahrzeug auf der Höhe einer ungeheuren Rollwoge und dann entschwand es seinen Blicken für immer. Philipp wußte, seine einzige Aussicht bestehe nun darin, daß er bei dem Schiffe blieb und sich auf einem Trümmerstücke des Wracks zu leiten versuchte. Das Gebälk konnte unmöglich mehr lange zusammenhalten, denn die oberen Decken hatten sich bereits getrennt und jeder neue Wellenstoß richtete größere Verheerungen an. Endlich vernahm er von dem Hinterschiffe her ein Geräusch, welches ihn daran erinnerte, daß Mynheer von Stroom noch in seiner Kajüte war. Philipp kletterte von seinem Maststumpf aus nach hinten und fand, daß die Hüttentreppe gegen die Kajütenthüre geworfen worden war und so die Oeffnung der letzteren unmöglich machte. Nach Beseitigung des Hindernisses gelangte er in die Kajüte, wo er Mynheer von Stroom fand, der sich mit der Gewalt der Todesangst an die Luvseite anklammerte. Philipp redete ihn an, konnte aber keine Antwort erhalten; dann versuchte er, ihn von der Stelle zu rücken, aber es war unmöglich, ihn von dem Theile der Scheidewand, den er umfaßt hatte, los zu machen. Ein lautes Geräusch und das Rauschen einer Wassermasse belehrte Philipp, daß das Schiff jetzt in der Mitte geborsten war. Nur mit Widerwillen überließ er den armen Supercargo seinem Schicksale und ging wieder zur Kajüte hinaus. An der Hinterluke bemerkte er ein Zappeln – es war Johannes, der Bär, welcher im Wasser schwamm, aber noch immer an seinem Stricke befestigt war, der ihn zu entkommen hinderte. Philipp nahm sein Messer heraus und befreite das arme Thier; aber kaum hatte er diesen Akt des Wohlwollens erfüllt, als eine schwere Woge über den hintern Theil des Schiffes rollte, denselben in viele Stücke zertrümmerte und auch unseren Helden in's Wasser stürzte. Er griff nach einem Balken des Decks und wurde von der Brandung dem Ufer zugetragen. Nach einigen Minuten befand er sich in der Nähe des Landes; aber nun stieß seine Stütze auf den Sand, und eine Welle, die ihn von derselben trennte, zwang ihn, sein Heil in der eigenen Anstrengung zu suchen. Er kämpfte sich lange ab, konnte aber doch, trotz der Ufernähe, keinen festen Grund gewinnen; der Anprall einer Welle warf ihn wieder zurück, und nun wurde er hin- und hergeworfen, bis seine Kräfte völlig erschöpft waren. Eben sank er unter eine Woge, um sich nicht wieder zu erheben, als seine Hand gegen Etwas streifte, das er mit der Gewalt des Todeskampfes erfaßte. Es war das zottige Fell des Bären Johannes, der dem Ufer zusteuerte und ihn bald aus der Brandung herausschleppte, so daß er festen Fuß fassen konnte. Philipp kletterte aus dem Bereich der Wellen an das Gestade hinauf und sank dann, von Anstrengung erschöpft, ohnmächtig zusammen. Als er wieder aus seinem Zustande von Betäubung erwachte, fühlte er bei noch immer geschlossenen Augen einen ungeheuren Schmerz, welcher von dem Umstande herrührte, daß er viele Stunden, den Strahlen einer glühenden Sonne ausgesetzt, dagelegen hatte. Er öffnete die Lider, mußte sie aber augenblicklich wieder schließen; denn das Licht wirkte auf seine Sehorgane mit der Schärfe einer Messerspitze. Er wandte sich auf die Seite, bedeckte die Augen mit der Hand und blieb eine Weile in dieser Lage, bis er allmälig fand, daß sein Gesichtssinn wieder hergestellt war. Dann erhob er sich, und nach wenigen Sekunden vermochte er die Scene um sich her zu unterscheiden. Die See war noch immer wild bewegt und warf in der Brandung die Schiffstrümmer umher; der ganze Sand war mit Gegenständen, die zu der Ladung gehörten, besäet. In seiner Nähe befand sich die Leiche Hillebrants, und die übrigen Todten, welche am Gestade hin zerstreut lagen, belehrten unseren Helden, daß diejenigen, welche zum Boote ihre Zuflucht genommen hatten, sammt und sonders zu Grunde gegangen waren. Der Sonnenhöhe nach mochte es Philipps Schätzung gemäß ungefähr drei Uhr Nachmittags sein; sein Geist fühlte sich jedoch so schwer gedrückt, und außer der Erschöpfung empfand unser Held so große Schmerzen, daß er sich nur leichthin umsah. Sein Gehirn schwindelte und er bedurfte der Ruhe. Von dem Schauplatz der Zerstörung sich entfernend, fand er bald einen Sandhügel, hinter welchem er sich gegen die sengenden Strahlen der Sonne schützen konnte. Er legte sich nieder und versank in tiefen Schlaf, aus welchem er erst am andern Morgen erwachte. Auch diesmal wurde Philipp durch ein drückendes Gefühl geweckt; er fuhr auf und erblickte über sich eine Gestalt. Seine Augen waren noch schwach, weßhalb er sie eine Weile rieb, denn anfangs däuchte es ihn, daß der Bär Johannes und dann, daß der Supercargo von Stroom an seiner Seite stehe. Ein weiterer Blick belehrte ihn, daß er sich in beidem getäuscht hatte, obschon sein Irrthum wohl zu rechtfertigen war, denn die Gestalt war ein langer Hottentotte mit einem Hassagay in der Hand, der die frisch abgezogene Haut des armen Bären über die Schulter geworfen und eine von den Perücken des Supercargo von Stroom, deren Locken ihm bis zu den Lenden niederfielen, auf den Kopf gesetzt hatte. Der Wilde nahm sich in diesem sonderbaren Kostüme, denn er war in jeder andern Beziehung vollkommen nackt, so komisch gravitätisch aus, daß Philipp laut aufgelacht haben würde, wären seine Empfindungen nicht gar zu peinlich gewesen. Er richtete sich auf und trat an die Seite des Hottentotten, der noch immer unbeweglich, aber augenscheinlich ohne das mindeste Anzeichen einer feindseligen Absicht dastand. Philipp empfand einen verzehrenden Durst, weßhalb er dem Wilden durch Zeichen andeutete, daß er zu trinken wünschte. Der Hottentotte winkte ihm zu folgen, und führte ihn über die Sandhügel nach dem Gestade, wo unser Held gegen fünfzig Menschen entdeckte, welche emsig beschäftigt waren, sich aus den umhergestreuten Vorräthen des Schiffs unterschiedliche Gegenstände auszulesen. Die Achtung, welche Philipps Führer erwiesen wurde, bekundete augenscheinlich, daß er der Häuptling des Kraals war. Ein paar feierlich ausgesprochene Worte reichten zu, Philipps Wünsche wenigstens zum Theile zu erfüllen, denn man bot ihm in einer Calabasche ein wenig schmutziges Wasser an, das ihm jedoch gleichwohl ganz köstlich vorkam. Sein Führer winkte ihm sodann, auf dem Sande Platz zu nehmen. Es war eine furchtbare, aber doch zugleich lächerliche Scene. Hier der weiße Sand, der im hellen Lichte der Sonne noch weißer erschien und allenthalben mit Schiffstrümmern, Fässern und Waarenballen bestreut war, – dort die schäumende Brandung, welche Bruchstücke des Wracks umherwarf; hier die Knochen von Wallfischen, die durch einen frühern Sturm an die Küste geworfen wurden und nun, halb im Sand begraben, riesige Skelette blicken ließen – dort die zerstümmelten Leichen von Philipps Gefährten, deren Kleider von den Wilden unberührt geblieben waren, da Letztere nur nach den Knöpfen Jagd machten; dazu noch die nackten Hottentotten (denn es war Sommer, weßhalb sie ihre Schaffelle nicht trugen) gravitätisch am Gestade hin- und hergehend, und werthlose Dinge zusammen suchend, ohne dasjenige zu berühren, was von civilisirten Menschen am meisten begehrt wird – vor Allem aber der Häuptling, der in der noch blutigen Bärenhaut und in Mynheer Strooms gewaltiger Perücke mit aller Gravität eines Vicekanzlers da saß, ohne auch nur entfernt eine Ahnung zu haben, wie lächerlich er sich ausnahm. Das Ganze bot vielleicht eines der seltsamsten und wirrsten Tableau's, die je ein menschliches Auge schaute. Obgleich sich die Holländer damals noch nicht sehr lange an dem Kap niedergelassen hatten, wurde doch seit vielen Jahren mit den Eingeborenen ein beträchtlicher Verkehr in Häuten und andern afrikanischen Produkten unterhalten. Schiffe waren daher den Hottentotten nichts Neues, und da letztere bisher freundlich behandelt worden waren, so zeigten sie sich auch sehr dienstfertig gegen die Europäer. Nach einer Weile begannen die Wilden alles Holz zu sammeln, das Eisen zu enthalten schien, bildeten damit mehrere Haufen und steckten dieselben in Brand. Der Häuptling fragte nun Philipp durch Zeichen, ob er hungrig sei, steckte auf die bejahende Antwort seine Hand in einen Beutel aus Ziegenhaut und brachte eine Handvoll sehr großer Käfer heraus, die er unserem Helden anbot. Philipp wies sie mit Abscheu zurück, worauf der Häuptling seine Leckerbissen mit vieler Würde selbst verzehrte. Nachdem er damit fertig geworden war, stand er auf und gab Philipp zu verstehen, daß er ihm folgen solle. Beim Aufstehen bemerkte Letzterer seinen eigenen Koffer in der Brandung; er eilte darnach hin, bedeutete durch Zeichen, daß es sein Eigenthum sei, nahm den Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Truhe und knüpfte das Nützlichste in einen Bündel zusammen, ohne dabei einen Beutel mit Gülden zu vergessen. Sein Führer machte keine Einwendungen, rief aber einen der nahestehenden Wilden herbei, machte ihn auf das Schloß und die Klampen aufmerksam, und trat dann mit Philipp den Weg über die Sandberge an. Nach einer Stunde langten sie an dem Kraal an, der aus niedrigen, mit Häuten bedeckten Hütten bestand. Die Weiber und Kinder schienen den neuen Anzug ihres Häuptlings höchlich zu bewundern, und erwiesen sich sehr zuvorkommend gegen Philipp, indem sie ihm zur Stillung seines Durstes Milch herbeibrachten. Unser Held betrachtete diese Evastöchter und dachte, während er sich von ihrem anstößigen, schmierigen Anzug und von den wunderlichen, häßlichen Gestalten abwandte, mit einem Seufzer an seine liebliche Amine. Die Sonne ging jetzt unter und Philipp fühlte sich noch immer sehr erschöpft. Er deutete durch ein Zeichen an, daß er zu ruhen wünsche. Man führte ihn in eine Hütte voll Schmutz, und obgleich seine Nase von üblen Dünsten aller Art, deßgleichen auch seine Haut durch Insekten belästigt wurde, so legte er doch den Kopf auf sein Bündel, sprach ein kurzes Dankgebet und lag bald in tiefem Schlafe. Am andern Morgen weckte ihn der Häuptling des Kraals; er hatte einen andern Mann mitgebracht, der ein wenig holländisch sprach. Philipp gab seinen Wunsch zu erkennen, daß er nach der Niederlassung gebracht zu werden wünsche, wo die Schiffe ankerten, und wurde vollkommen verstanden; der Dolmetscher entgegnete jedoch, daß zur Zeit keine Schiffe in der Bucht lägen. Demungeachtet bat Philipp, man möchte ihn nach der Ansiedelung bringen, denn er hoffte dort am ehesten an Bord eines Schiffes zu gelangen, und befand sich doch jedenfalls in der Zwischenzeit unter Europäern. Die Entfernung betrug, wie er erfuhr, nicht ganz eine Tagreise. Nach einem kurzen Gespräche mit dem Häuptling forderte der Dolmetscher unsern Helden auf, ihm zu folgen, da er ihn nach der Niederlassung bringen wolle. Philipp labte sich reichlich an einem Topf mit Milch, den ihm eines der Weiber gebracht hatte, wies abermals eine Handvoll Käfer zurück, die ihm der Häuptling anbot, nahm seinen Bündel auf, und folgte seinem neuen Bekannten. Gegen Abend langten sie an den Bergen an, von welchen aus Philipp die Tafelbay und die wenigen von den Holländern errichteten Häuser zu Gesichte kamen. Mit Entzücken bemerkte er noch außerdem ein Schiff in der See, das, wie er bei seiner Ankunft am Ufer bemerkte, ein Boot an's Land geschickt hatte, um frischen Mundvorrath einzunehmen. Er redete die Leute an, sagte ihnen, wer er sei, theilte ihnen den Schiffbruch des Schillings mit, und äußerte seinen Wunsch, an Bord zu gehen. Der Offizier, welcher das Boot kommandirte, erwies sich bereitwillig, unsern Helden einzunehmen, und theilte ihm mit, daß sie der Heimath zusegelten. Philipps Herz pochte laut bei dieser Nachricht. Er wäre auch andernfalls an Bord gegangen, hatte aber nun eine Aussicht, seine theure Amine wiederzusehen, ehe er sich abermals einschiffte, um seiner seltsamen Bestimmung zu folgen. Er fühlte, daß ihm noch einiges Glück vorbehalten war, daß sein Leben in Entbehrung und Ruhe wechseln sollte, und daß seine künftigen Aussichten in einer fortlaufenden Kette voll Leiden beständen bis zum Tode. Der Kapitän des Schiffes nahm ihn freundlich auf, gestattete ihm bereitwillig die Ueberfahrt nach Holland, und in drei Monaten erreichte Philipp Vanderdecken, ohne irgend einen erzählenswerthen Vorfall befahren zu müssen, die Rhede von Amsterdam. Eilftes Kapitel. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß Philipp mit aller möglichen Hast nach seinem Häuschen eilte, das für ihn den werthvollsten Erdenschatz barg. Nachdem er seine Pflicht zu erfüllen gesucht, versprach er sich einige Monate glücklicher Ruhe, denn wie sehnlich er auch wünschen mochte, seinem Gelübde nachzukommen, so fühlte er wohl, daß er erst im Herbste mit der nächsten Flotte wieder aussegeln konnte, und jetzt hatte kaum der April begonnen. So sehr er übrigens den Verlust von Mynheer Kloots und Hillebrant, wie auch den Tod der unglücklichen Matrosen beklagte, so fand er doch einigen Trost in der Erinnerung, daß er des elenden Schriften, der das Loos seiner Gefährten gleichfalls getheilt hatte, für immer losgeworden war; ja, er segnete sogar fast den Schiffbruch, weil er ihn in den Stand setzte, so bald wieder in Aminens Arme zurückzukehren. Es war spät am Abend, als Philipp in Vließingen ein Boot nahm und nach seiner Wohnung bei Terneuse übersetzte. Ein rauher Abend für die Jahreszeit – der Wind blies frisch und der Himmel war schichtenweise mit Wolken bedeckt, welche das Licht des hoch am Himmel stehenden, vollen Mondes da und dort mit breiten, weißen Säumen bekränzten. Bisweilen wurde die silberne Scheibe von einer dunkeln Wolke fast verdunkelt, und trat dann wieder in ihrem vollen Glanze hervor. Philipp sprang an's Land, hüllte sich in seinen Mantel und eilte nach der Hütte. Als er mit klopfendem Herzen näher kam, bemerkte er, daß das Fenster der Wohnstube offen stand und eine Frauengestalt herauslehnte. Dieß konnte Niemand anders, als seine Amine sein, weßhalb er, nachdem er die kleine Brücke übersetzt hatte, nicht der Thüre, sondern dem Fenster zuging. Amine war jedoch zu sehr in die Betrachtung des Himmels über ihr und in ihre eigenen Gedanken vertieft, um die Annäherung ihres Gatten zu bemerken. Philipp gewahrte dieß und blieb deßhalb, als er noch vier oder fünf Schritte von ihr entfernt war, stehen. Um sie durch seine plötzliche Erscheinung nicht zu erschrecken, wünschte er, unbemerkt die Thüre gewinnen zu können, denn er erinnerte sich, daß er ihr versprochen hatte, er wolle sie, falls es ihm gestattet werde, besuchen, wie sein Vater einst seine Mutter besucht hatte. Während er übrigens noch zweifelnd dastand, wandten sich Aminens Blicke gegen ihn hin; sie gewahrte ihn, aber eine dicke Wolke, die jetzt die Mondscheibe verhüllt hatte, verlieh seiner Gestalt ein schattenhaftes, überirdisches Aussehen. Da außerdem Amine keinen Grund hatte, seine Rückkehr jetzt schon zu erwarten, so hielt sie ihn für einen Bewohner der Geisterwelt, fuhr zurück, strich sich mit beiden Händen das Haar aus der Stirne und schaute abermals angelegentlich nach ihm hin. »Ich bin's, Amine, fürchte dich nicht,« rief Philipp hastig. »Ich fürchte mich nicht,« versetzte Amine, ihre Hand an's Herz drückend; »es ist jetzt vorüber. Geist meines theuren Gatten, – denn das mußt du wohl sein – ich danke dir. Sei willkommen, Philipp – auch im Tode willkommen!« Und Amine winkte, als sie vom Fenster zurücktrat, wehmüthig mit ihrer Hand, Philipp zum Eintreten auffordernd. »Mein Gott! sie hält mich für todt!« dachte Philipp und sprang, kaum wissend, was er thun sollte, durch das Fenster hinein, wo er sie auf dem Sopha fand. Er wollte sprechen, aber Amine, deren Augen fest auf ihn geheftet waren, rief in der vollen Ueberzeugung, daß sie nur eine übernatürliche Erscheinung vor sich habe – »So bald – so bald schon! O Gott. Dein Wille geschehe! Und doch ist es schwer zu ertragen. Philipp, theurer Philipp, ich empfinde es, daß ich dir bald folgen werde.« Philipp wurde jetzt noch unruhiger, denn er fürchtete eine plötzliche Reaktion, wenn Amine entdecken sollte, daß er noch lebe. »Theure Amine, höre mich. Ich erscheine unerwartet und zu einer ungewöhnlichen Stunde. Doch wirf dich in meine Arme und du wirst finden, daß dein Philipp nicht todt ist.« »Nicht todt?« rief Amine aufspringend. »Nein, nein, noch warm in Fleisch und Blut, Amine – noch immer dein dich zärtlich liebender Gatte,« rief Philipp, sie mit seinen Armen umfassend und an sein Herz drückend. Amine sank auf das Sopha nieder und konnte sich glücklicherweise durch einen Strom von Thränen Erleichterung verschaffen, während Philipp, an ihrer Seite knieend, sie unterstützte. »O Gott! o Gott! Ich danke dir,« entgegnete Amine nach einer Weile. »Ich glaubte, es sei dein Geist, Philipp. O, es machte mich glücklich, auch so dich zu sehen,« fuhr sie fort, an seinem Halse weinend. »Kannst du jetzt hören, Theuerste, was ich dir mitzutheilen wünsche?« sagte Philipp nach einem kurzen Schweigen. »O sprich, sprich, Lieber; ich könnte dir eine ganze Ewigkeit zuhören.« Philipp berichtete nun in kurzen Worten, was sich zugetragen und Anlaß zu seiner unerwarteten Rückkehr gegeben hatte. Die zärtlichen Liebkosungen seiner noch immer aufgeregten Gattin leisteten ihm vollen Ersatz für alle seine Leiden. »Und dein Vater, Amine?« »Er ist wohl – doch wir können morgen von ihm sprechen.« »Ja,« dachte Philipp, als er am andern Morgen erwachte und die lieblichen Züge seiner noch immer schlummernden Gattin betrachtete. »Ja, Gott ist barmherzig. Ich fühle, daß mir noch ein Glück vorbehalten ist – ja noch mehr, daß dieses Glück von der treuen Erfüllung meiner Aufgabe abhängt und Strafe mich ereilt, wenn ich mein feierliches Gelübde vergesse. Doch sei es so – sogar durch Todesgefahren will ich meine Pflicht verfolgen und auf Gottes Erbarmen hoffen, daß er mich hier unten und im Himmel oben belohnen werde. Habe ich nicht jetzt schon reichlichen Ersatz für alle meine Leiden? Oh ja, mehr als Ersatz,« dachte er weiter, als er mit einem Kusse den Schlummer seiner Gattin störte, deren dunkle Augen jetzt mit dem vollen Strahle der Liebe und Freude auf ihm hafteten. Ehe Philipp die Treppe hinunterging, erkundigte er sich nach Mynheer Poots. »Mein Vater hat mir in der That viel Ungelegenheit gemacht,« versetzte Amine. »Ich mußte, wenn ich ausging, das Wohnzimmer abschließen, denn ich traf ihn mehr als einmal, wie er versuchte, die Schrankschlösser zu erbrechen. Sein Durst nach Geld ist unersättlich; er träumt von nichts Anderem. Er hat mir viel Kummer gemacht, indem er behauptete, ich werde dich nie wieder sehen, und deßhalb von mir verlangte, ich solle ihm dein ganzes Vermögen übergeben. Doch er fürchtet mich – noch mehr aber deine Rückkehr.« »Mit seiner Gesundheit geht es übrigens gut?« »Er ist nicht krank, welkt aber augenscheinlich mehr und mehr dahin – gleich einer Kerze, die in den Leuchter hinuntergebrannt ist und abwechselnd verblindet, um wieder aufzuflackern; das einemal ist er fast kindisch, das anderemal schmiedet er Plane, als fühlte er noch die Kraft seiner Jugend. Oh, welch ein schlimmer Fluch muß nicht dieser Golddurst sein! Ich glaube – ach, Philipp, nur mit Entsetzen kann ich es sagen – daß der arme, alte Mann – trotz seiner Nähe am Grabe, in welches er doch Nichts mitnehmen kann – dein Leben und das meinige zum Opfer bringen könnte, um sich in den Besitz jener Gülden zu versetzen, die ich bereitwillig gegen einen Kuß von deinen Lippen austauschen würde.« »So hat er wirklich in meiner Abwesenheit Versuche gemacht, Amine?« »Ich wage es nicht, meine Gedanken auszusprechen, und will ebenso wenig Muthmaßungen laut werden lassen, die schwer zu erweisen sein dürften. Sprechen wir nicht mehr von ihm, sondern laß dir's genügen, wenn ich sage, daß ich ein sorgfältiges Auge auf ihn habe. Du wirst ihn bald sehen; erwarte übrigens keinen herzlichen Willkomm, und wenn es auch der Fall wäre, so glaube nicht, daß er ehrlich gemeint ist. Ich will ihm nichts von deiner Rückkehr sagen, um mich zu überzeugen, welche Wirkung sie auf ihn übt.« Amine ging nun hinunter, um das Frühstück zu bereiten, und Philipp machte einen kleinen Spaziergang. Als er wieder zurückkehrte, fand er Mynheer Poots neben seiner Tochter am Tische sitzend. »Barmherziger Allah! darf ich meinen Augen trauen?« rief der alte Mann. »Seid Ihr's wirklich, Mynheer Vanderdecken?« »Ei freilich,« versetzte Philipp; »ich kehrte gestern Abend zurück.« »Und du sagtest mir nichts davon, Amine?« »Ich wünschte, Euch zu überraschen,« entgegnete Amine. »Mich zu überraschen? Wann segelt Ihr wieder aus, Mynheer Philipp? Doch hoffentlich recht bald? Vielleicht morgen?« sagte Mynheer Poots. »Hoffentlich vor vielen Monaten noch nicht,« antwortete Philipp. »Vor vielen Monaten noch nicht? Das ist lange für ein müßiges Leben. Ihr solltet Geld erwerben. Sagt mir, bringt Ihr diesmal ein hübsches Häufchen mit?« »Nein,« versetzte Philipp; »ich habe Schiffbruch gelitten und fast mein Leben verloren.« »Ihr geht aber doch wieder?« »Ja, seiner Zeit wird's geschehen.« »Sehr gut; wir wollen auf Euer Haus und auf Eure Gülden Acht haben.« »Mit der Mühe, mein Geld zu hüten, werde ich Euch wahrscheinlich verschonen,« entgegnete Philipp, um den alten Mann zu ärgern, »denn ich habe im Sinne, es mit mir zu nehmen.« »Es mit Euch zu nehmen? Und warum denn, wenn ich fragen darf?« entgegnete Poots unruhig. »Um vor meiner Ausfahrt Güter einzukaufen und noch mehr Geld zu erwerben.« »Aber Ihr könnt wieder Schiffbruch leiden und all Euer Geld verlieren. Nein, nein; Ihr könnt gehen, Mynheer Philipp, aber Eure Gülden müßt Ihr nicht mitnehmen.« »Ich will's aber einmal,« entgegnete Philipp. »Wenn ich meine Wohnung wieder verlasse, werde ich all mein Geld mitnehmen.« Philipp war nämlich im Verlaufe dieses Gesprächs beigefallen, wenn Mynheer Poots nur auf den Glauben gebracht werden könne, daß er sein Geld mitgenommen habe, so dürfte Amine ein ruhigeres Leben haben und nicht mehr genöthigt sein, fortwährend die Hüterin zu machen. Er beschloß daher, bei seiner nächsten Abreise nach diesem Plane zu verfahren. Mynheer Poots erneuerte das Gespräch nicht wieder, sondern versank in düstere Gedanken. Einige Minuten später verließ er das Wohnzimmer und begab sich nach seinem eigenen. Philipp theilte nun seiner Gattin mit, aus welchem Grunde er dem alten Manne den Glauben beizubringen wünschte, daß er sein Eigenthum mit auf die See nehmen wolle. »Das war sehr rücksichtsvoll von dir, Philipp, und ich danke dir für deine wohlwollende Absicht, obschon ich wünschte, daß du nichts über den Gegenstand hättest verlauten lassen. Du kennst meinen Vater nicht; ich muß ihn jetzt als einen Feind bewachen.« »Nun, wer wird auch viel von einem gebrechlichen alten Manne fürchten!« versetzte Philipp lachend. Amine war jedoch anderer Ansicht, und ließ keinen Augenblick von ihrer Vorsicht ab. Der Frühling und der Sommer schwanden rasch dahin, denn unser Pärchen fühlte sich glücklich. Philipp besprach sich viel mit seiner Gattin über das Vorgefallene – namentlich über die gespenstische Erscheinung jenes Schiffes und über den verhängnißvollen Schiffbruch. Amine fühlte, daß ihrem Gatten noch viele Gefahren und Schwierigkeiten bevorstanden, versuchte aber auch nicht ein einzigesmal, ihm die Wiederaufnahme der Erfüllung seines Gelübdes auszureden. Gleich ihm blickte sie mit hoffendem Vertrauen in die Zukunft; denn obwohl sie wußte, daß sich sein Glück zu irgend einer Zeit erfüllen mußte, so beredete sie sich doch gerne, daß die Stunde lange verzögert werden dürfte. Zu Ende des Sommers begab sich Philipp wieder nach Amsterdam, um sich einen Platz auf einem der Schiffe zu nehmen, welche mit dem Beginne des Winters ausfahren sollten. Der Schiffbruch des Schilling war wohl bekannt, denn Philipp hatte während seiner Heimfahrt alle Umstände, mit Ausnahme der Erscheinung des gespenstischen Schiffes, aufgezeichnet und dem Direktorium mitgetheilt. Die Compagnie hatte ihm nicht nur wegen seines trefflichen Berichtes, sondern auch in Berücksichtigung seiner eigenthümlichen Leiden und seiner wunderbaren Rettung die Stelle eines zweiten Maten versprochen, im Falle er geneigt sein sollte, wieder nach Ostindien zu segeln. Als er den Direktoren seinen Besuch machte, erhielt er seine Ernennung auf die Batavia, ein schönes Schiff von ungefähr vierhundert Tonnen Last. Nachdem dies eingeleitet war, eilte er nach Terneuse zurück und theilte seiner Gattin im Beisein des Mynheer Poots mit, was er gethan hatte. »Ihr geht also wieder zur See?« bemerkte Mynheer Poots. »Ja, aber wahrscheinlich nicht vor 2 Monaten,« versetzte Philipp. »Ah!« entgegnete Poots; »in zwei Monaten!« Und der alte Mann murmelte vor sich hin. Wie wahr ist es, daß wir weit leichter ein wirkliches Uebel, als die Ungewißheit ertragen können! Wir dürfen nicht glauben, daß Amine sich über den Gedanken einer nahen Trennung von ihrem Gatten abhärmte; freilich fühlte sie dieselbe schmerzlich, aber das Scheiden war eine gebieterische Pflicht, die ihr immer vorschwebte, weshalb sie gegen ihre Empfindungen ankämpfte und sich ohne Klage in das fügte, was sich nicht vermeiden ließ. Nur ein Umstand verursachte ihr viel Unruhe – nämlich die Stimmung und das Benehmen ihres Vaters. Amine kannte seinen Charakter gut und bemerkte, daß er bereits in Geheim Philipp haßte, da er in demselben das einzige Hinderniß sah, sich das im Hause befindliche Geld zuzueignen; denn der alte Mann wußte wohl, daß seine Tochter nach Philipps Tode sich wenig darum kümmern würde, wer davon Besitz nehme oder was daraus werde. Der Gedanke, daß sein Schwiegersohn das Geld mit sich nehmen wolle, hatte das Gehirn des alten Geizhalses beinahe völlig verdreht. Amine, die ihn scharf bewachte, sah ihn oft stundenlang umhergehen und vor sich hinmurmeln, ohne daß er seinem Berufe den früheren Eifer weihte. Ein paar Abende nach der Rückkehr von Amsterdam klagte Philipp über Unwohlbefinden. »Ihr seid nicht wohl?« rief der alte Mann aufspringend. »Laßt mich sehen – ja, Euer Puls ist sehr schnell. Amine, dein armer Gatte ist sehr krank. Er muß zu Bette gehen, und ich will ihm Etwas geben, was ihm gut thun wird. Ihr braucht mir nichts dafür zu bezahlen, Philipp – ganz und gar nicht.« »So gar unwohl fühle ich mich denn doch nicht, Mynheer Poots,« versetzte Philipp, »obschon ich argen Kopfschmerz verspüre.« »Ja, und Ihr habt auch Fieber, Philipp; und Vorsorge ist besser, als eine Cur. Geht zu Bette und nehmet, was ich Euch sende; Ihr werdet dann morgen wieder wohl sein.« Philipp ging mit Amine die Treppe hinauf, während sich Mynheer Poots nach seinem eigenen Gemache begab, um die Arznei zu bereiten. Sobald Philipp im Bette lag, ging Amine wieder hinunter und traf auf ihren Vater, der ihr ein Pulver mit der Weisung einhändigte, es ihrem Gatten zu geben, und dann die Wohnstube verließ. »Gott verzeih mir, wenn ich meinem Vater Unrecht thue,« dachte Amine, »aber ich habe meine Bedenken. Philipp ist krank – kränker, als er zugestehen will, und wenn er nicht Arznei nimmt, so könnte es noch schlimmer werden; aber mein Herz flüstert mir zu, daß ich nicht trauen darf. Und doch – wahrhaftig, er kann nicht so teuflisch verrucht sein.« Sie untersuchte den Inhalt des Papiers; es war eine sehr geringe Quantität dunkelbraunen Pulvers, welches der Weisung des Doctors zufolge, in einem Becher warmen Weins gereicht werden sollte. Mynheer Poots hatte sich erboten, den Wein selbst heiß zu machen. Seine Rückkehr aus der Kirche unterbrach Aminens Betrachtungen. »Hier ist der Wein, mein Kind; gib ihm den ganzen Becher mit dem Pulver und decke ihn warm zu; es wird bald Schweiß erfolgen, der nicht unterbrochen werden darf. Wache bei ihm, Amine – du mußt nicht zu Bette gehen; morgen wird er dann wieder gut sein.« Mynheer Poots verließ nun das Gemach, indem er noch beifügte: »gute Nacht, mein Kind.« Amine schüttete das Pulver in einen der silbernen Becher auf dem Tisch und mischte es mit dem Weine. Der freundliche Ton in der Stimme ihres Vaters hatte für einen Augenblick ihren Argwohn beschwichtigt; auch mußte man ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er als Arzt stets sehr besorgt für seine Patienten war. Als Amine das Pulver mischte, bemerkte sie, daß kein Bodensatz zurückblieb und der Wein nichts an seiner Klarheit verlor. Dies war ungewöhnlich und ihr Argwohn wachte wieder auf. »Das gefüllt mir nicht,« sagte sie; »ich fürchte meinen Vater – Gott steh' mir bei! – Ich weiß kaum, was ich thun soll. Nein, ich will es Philipp nicht geben. Der warme Wein allein wird zureichen, um Schweiß herbeizuführen. Sie hielt inne und dachte wieder nach. Das Pulver hatte sie mit so wenig Wein gemischt, daß es nicht den vierten Theil des Bechers füllte; sie stellte ihn bei Seite, goß einen andern bis an den Rand voll und begab sich sodann nach dem Schlafgemach. Auf dem Treppenabsätze begegnete sie ihrem Vater, der ihrer Meinung nach bereits zu Bette gegangen war. »Gib Acht, daß du nichts verschüttest, Amine. Das ist recht, – gib ihm nur einen ganzen Becher voll. Halt, gib es mir; ich will es ihm selber bringen,« Mynheer Poots nahm den Becher aus Aminens Händen und begab sich in Philipps Gemach. »Hier mein Sohn, trinkt dies auf einmal aus und es wird Euch gut thun,« sagte Mynheer Poots, und seine Hände zitterten, so daß der Wein auf die Bettdecke niederträufelte. Amine, welche ihrem Vater zusah, war mehr als je erfreut, daß sie das Pulver nicht in den Becher gethan hatte. Philipp stützte sich auf seine Ellenbogen, trank den Wein, und Mynheer Poots wünschte ihm gute Nacht. »Verlaß ihn nicht, Amine – es muß Alles recht geschehen,« sagte Mynheer Poots, ehe er das Zimmer verließ. Amine hatte zwar beabsichtigt, hinunterzugehen und das in der Wohnstube stehende Licht zu holen; der gedachten Weisung zufolge blieb sie jedoch bei ihrem Gatten, gegen den sie ihre Gefühle aussprach, indem sie ihm zugleich mitteilte, daß sie ihm das Pulver nicht gegeben habe. »Ich hoffe, daß du im Irrthum bist, Amine,« versetzte Philipp; »gewiß, du kannst unmöglich Recht haben. Wie wäre es auch möglich, daß ein Mensch die schlimmen Vermuthungen rechtfertigen könnte, die du gegen deinen Vater hegst!« »Du hast nicht so lange mit ihm gelebt, wie ich, und auch nicht gesehen, was ich gesehen habe,« entgegnete Amine. »Möglich, daß ich Unrecht habe – aber du weißt nicht, zu welchen Unthaten das Gold die Menschen zu verlocken im Stande ist. Wie dem übrigens sein mag, jedenfalls mußt du jetzt schlafen und ich will bei dir wachen, mein Theuerster. Ich bitte, sprich nicht – ich fühle, daß ich jetzt doch nicht schlafen kann, und wünsche ein wenig zu lesen – ich will mich dann gelegentlich gleichfalls niederlegen.« Philipp machte keine anderen Einwendungen und schlief bald ein. Amine wachte schweigend an seiner Seite, bis Mitternacht längst vorüber war. »Er athmet schwer,« dachte Amine, »aber hätte ich ihm das Pulver gegeben – wer weiß, ob er je wieder erwachen würde! Mein Vater ist so tief eingeweiht in die Kunst des Ostens, daß ich mich vor ihm fürchte. Ach, ich weiß ja, wie er nur zu oft für einen mit Gold gefüllten Beutel den Schlaf des Todes bereitete. Ein Anderer würde bei dem Gedanken schaudern, aber ein Mensch, der sich dazu brauchen läßt, für gute Bezahlung den Tod zu spenden, wird wenig Bedenken tragen, auch dem Gatten seiner eigenen Tochter das Gift zu reichen. Ich habe ihn sorgfältig beobachtet – kenne seine Gedanken und Wünsche. Welche schlimme Vorahnung hat mich noch diesen Abend befallen – welche unabwendbare Furcht vor einem Uebel! Philipp ist allerdings krank, aber doch nicht gefährlich – nein, nein! Und außerdem ist seine Zeit noch nicht gekommen; er hat das furchtbare Werk, dem er sich unterzog, noch zu beendigen. Ich wollte, es wäre Morgen. Wie süß er schläft – und der Schweiß steht ihm in Tropfen auf der Stirne. Ich muß ihn warm zudecken und Acht haben, daß er in dieser Lage bleibt. Horch, da klopft Jemand unten. Ach, wenn er nur nicht erwacht – das Pochen gilt meinem Vater.« Amine verließ das Gemach und eilte die Treppe hinunter. Wie sie vermuthet hatte, wollte man Mynheer Poots zu einer Kreisenden rufen. »Er wird unverweilt kommen,« sagte Amine; »ich will ihn wecken.« Sie ging die Treppe hinauf nach dem Zimmer, wo ihr Vater schlief und klopfte; da sie keine Antwort erhielt, so pochte sie abermals. »Mein Vater schläft doch sonst nicht so tief,« dachte Amine, als auch auf ihr zweites Klopfen keine Antwort erfolgte. Sie öffnete die Thüre, ging hinein und bemerkte zu ihrem Erstaunen, daß ihr Vater nicht im Bette lag. »Seltsam,« dachte sie; »aber ich erinnere mich jetzt, daß ich ihn nicht heraufkommen hörte, nachdem er hinuntergegangen war, um das Licht wegzunehmen.« Amine eilte in die Wohnstube hinunter, wo sie ihren Vater scheinbar in tiefem Schlafe auf dem Sopha liegen sah. Sie rief ihm zu, erhielt aber keine Antwort. »Barmherziger Himmel! Ist er todt?« dachte sie, als sie mit dem Lichte herantrat, um das Gesicht ihres Vaters zu beleuchten. Ja, es war so – seine Augen waren starr und gläsern – seine untere Kinnlade niedergesunken. Eine Weile lehnte sich Amine in einem Zustande von Betäubung gegen die Wand; ihr Gehirn schwindelte. Endlich gewann sie ihre Fassung wieder. »Es muß sich bald zeigen,« dachte sie, während sie auf den Tisch zuging und in den silbernen Becher blickte, in welchem sie das Pulver gemischt hatte. Er war leer! »Der Gott der Gerechten hat ihn zur Strafe gezogen!« rief Amine. »Aber ach! daß dieser Mensch mein Vater sein mußte! Ja, es ist klar. Durch seine eigenen verruchten und verdammungswürdigen Anschläge eingeschüchtert, goß er sich Wein ein, um seine Gewissensbisse zu betäuben. Er wußte nicht, daß das Pulver noch in dem Becher war, füllte ihn auf und trank selbst – den Tod, den er einem andern zugedacht hatte! Einem Andern! – Und wem? Einem Manne, der der Gatte seiner eigenen Tochter ist – Wärst du nicht mein Vater,« fuhr Amine fort, während sie die Leiche betrachtete, »so würde ich dich anspeien und dir fluchen! – Doch du bist gestraft und möge Gott dir vergeben – du armes, schwaches, gottloses Geschöpf!« Amine verließ sodann das Gemach und ging die Treppe hinauf, wo sie Philipp noch immer schlafend und in reichlichem Schweiße fand. Die meisten Weiber würden unter derartigen Umständen ihre Gatten geweckt haben, aber Amine dachte nicht an sich selbst. Philipp war krank, und sie mochte zu keiner Aufregung Anlaß geben, die ihm gefährlich werden konnte. Sie setzte sich neben dem Bette nieder, drückte die Hände an ihre Stirne und stützte die Ellenbogen auf ihre Kniee; so verblieb sie in tiefen Gedanken, bis die Sonne sich erhob und ihre hellen Strahlen durch das Fenster goß. Ein abermaliges Klopfen weckte sie aus ihren Betrachtungen. Sie eilte in die Hausflur hinunter, ohne jedoch die Thüre zu öffnen. »Mynheer Poots möchte doch augenblicklich kommen,« sagte das Mädchen, das den Auftrag zu besorgen hatte. »Meine gute Therese,« versetzte Amine, »mein Vater hat mehr des Beistandes nöthig, als Eure arme Frau, denn ich fürchte, seine Erdenwanderung ist vorüber. Ich fand ihn sehr krank, als ich ihn rufen wollte, und er ist nicht im Stande, sein Bette zu verlassen. Ich muß Euch selbst um einen Gefallen bitten; ersucht doch den Pater Seysen, er möchte hierher kommen, denn ich fürchte, mein armer Vater liegt in den letzten Zügen.« »Ach, du mein Himmel!« erwiderte Therese. »Ist's wirklich so weit? Seid unbesorgt, ich will Euer Geheiß erfüllen, Mistreß Amine.« Das zweite Klopfen hatte Philipp geweckt, welcher sich jetzt viel besser und ganz vom Kopfweh befreit fühlte. Er bemerkte, daß sich Amine die ganze Nacht über nicht zur Ruhe begeben hatte und war eben im Begriffe, ihr einen Verweis zu geben, als sie ihn mit einemmale von dem ganzen Vorfalle unterrichtete. »Du mußt dich ankleiden, Philipp,« fuhr sie fort, »und mir Beistand leisten, damit wir die Leiche zu Bette bringen können, ehe der Priester kommt. Barmherziger Gott! hätte ich dir das Pulver gegeben, mein theuerster Philipp – – doch sprechen wir nicht mehr davon. Beeile dich, denn Pater Seysen wird bald hier sein.« Philipp kleidete sich an und folgte Amine nach dem Wohnzimmer hinunter. Die Sonne schien hell und goß ihre Strahlen auf das abgezehrte Gesicht des alten Mannes, der mit geballten Fäusten dalag, während seine Zunge zwischen die Zähne der einen Mundseite eingeklemmt war. »Ach! dieses Zimmer scheint verhängnißvoll zu werden. Wie viele Schreckensscenen müssen wohl noch darin vorgehen?« »Hoffentlich keine mehr,« versetzte Amine. »Auch erscheint mir die gegenwärtige nicht als eine Schreckensscene. Aber als dieser alte Mann, der jetzt als ein Opfer seines eigenen Verraths abgerufen wurde, an deinem Bette stand – jeder Zug seines Gesichtes Theilnahme und Wohlwollen – und dir den Becher anbot – das war ein Auftritt des Entsetzens« – fügte Amine schaudernd bei, – »der mich lange umspuken wird.« »Gott vergebe ihm, wie ich ihm vergebe,« versetzte Philipp, indem er den Leichnam aufhob und die Treppe hinauf nach dem Gemache brachte, in welchem Mynheer Pools zu schlafen pflegte. »Wir wollen die Leute wenigstens glauben lassen, daß er in seinem Bette und eines natürlichen Todes starb,« sagte Amine. »Mein Stolz vermöchte es nicht zu ertragen, daß die Unthat bekannt und ich als die Tochter eines Mörders angesehen würde! Oh, Philipp!« Amine setzte sich nieder und brach in Thränen aus. Ihr Gatte war noch bemüht, sie zu trösten, als Pater Seysen an die Thür klopfte; Philipp eilte hinunter, um zu öffnen. »Guten Morgen, mein Sohn. Wie geht es dem Leidenden?« »Er hat aufgehört zu leiden, Vater.« »Wirklich?« versetzte der gute Priester mit bekümmerter Miene. »So komme ich also zu spät? Und doch habe ich keinen Augenblick gezögert.« »Er verschied plötzlich unter Convulsionen, Vater,« versetzte Philipp, den Geistlichen die Treppe hinaufführend. Pater Seysen betrachtete die Leiche und bemerkte wohl, daß seine Dienste hier zu spät kamen. Er wandte sich an Amine, welche ihren Thränen noch immer freien Lauf ließ. »Weine, mein Kind, weine immerhin, denn du hast alle Ursache dazu,« sagte der Priester. »Der Verlust der Liebe eines Vaters muß eine schwere Heimsuchung sein für ein dankbares und zärtliches Kind. Doch gib dich nicht zu sehr dem Schmerze hin, Amine; du hast andere Pflichten, andere Bande, mein Kind – du hast einen Gatten.« »Ich weiß es, Vater,« versetzte Amine, »aber doch muß ich weinen, denn ich bin seine Tochter.« »Ist er denn gestern Abend nicht zu Bette gegangen, daß er noch immer die Kleider anhat? Wann beklagte er sich zum erstenmale?« »Ich sah ihn zum letztenmale, Vater,« antwortete Philipp, »als er in mein Zimmer kam und mir Arznei reichte; dann wünschte er mir gute Nacht. Jemand wollte ihn zu einem Kranken rufen, weßhalb meine Gattin hinging, um ihn zu wecken; sie fand ihn aber bereits sprachlos.« »Das ist sehr schnell gegangen,« versetzte der Priester; »aber er war ein alter Mann und mit alten Leuten nimmt es oft plötzlich ein Ende. Wart Ihr bei seinem Sterben?« »Ich nicht, Sir,« entgegnete Philipp. »Meine Frau weckte mich, und ehe ich mich ankleiden konnte, war er bereits aus dieser Welt geschieden.« »Wir wollen hoffen, um in eine bessere einzugehen, meine Kinder.« Amine schauderte. »Sage mir, Amine,« fuhr der Priester fort; »zeigte er Spuren der Begnadigung, bevor er starb? Denn du weißt wohl, daß sein Glaube als sehr zweifelhaft erschien, und er nicht viel nach dem Ritus unserer heiligen Kirche fragte.« »Es gibt Zeiten, heiliger Vater,« versetzte Amine, »in welchen sich sogar bei einem wahren Christen keine Zeichen, wie Ihr sie meint, erwartet werden können. Betrachtet nur seine geballten Hände und die Spuren des herben Todeskampfes in seinem Gesichte!« »'s ist leider nur zu wahr, meine Tochter; so müssen wir eben das Beste hoffen. Knieet mit mir nieder, meine Kinder, damit wir für die Seele des Hingeschiedenen beten.« Philipp und Amine ließen sich mit dem Priester auf die Kniee nieder, der ein brünstiges Gebet gen Himmel schickte. Als sie sich wieder erhoben, wechselten sie einen Blick, der vollkommen enthüllte, was gegenseitig in ihrem Innern vorging. »Ich will Leute schicken, welche dem Todten den letzten Dienst erweisen und die Leiche für die Beerdigung vorbereiten,« sagte Pater Seysen. »Uebrigens wird es gut sein, wenn Ihr nicht sagt, er sei schon vor meiner Ankunft gestorben. Man braucht nicht zu muthmaßen, daß er abgerufen wurde, ohne die heiligen Sterbsakramente zu empfangen.« Philipp, der zu den Füßen des Bettes stand, nickte bejahend mit dem Kopfe, und der Priester entfernte sich. Man hatte in der Stadt stets große Abneigung gegen Mynheer Poots gehegt. Seine Vernachlässigung aller religiösen Pflichten – der Zweifel, ob er überhaupt nur ein Mitglied der Kirche sei – sein Geiz und seine Erpressungen – Alles dies hatte ihm eine Schaar von Feinden zugezogen; gleichwohl war er aber durch seine große medicinische Geschicklichkeit, die allenthalben volle Anerkennung fand, zu einem Manne von Bedeutung geworden. Hätte man in Erfahrung gebracht, daß er ein Moslem, wo nicht gar ein völlig Ungläubiger war, ferner, daß er in dem Versuche gestorben sei, seinen Schwiegersohn zu vergiften, so würde ihm zuverlässig ein christliches Begräbniß versagt worden sein, und die Finger der Verachtung hätten sich auch auf die Tochter gerichtet. Da jedoch Pater Seysen auf jede Frage mit milder Stimme antwortete, er sei »im Frieden hingefahren,« so nahm man an, Mynheer Poots sei als guter Christ gestorben, obgleich er im Leben nur wenig Christenthum gezeigt hatte. Am andern Tag wurden die Ueberreste des alten Mannes mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten der Erde anheim gegeben, und Philipp mit seiner Gattin fühlten sich nicht wenig beruhigt, daß Alles so ruhig abgelaufen war. Erst nach der Beerdigung untersuchten die Hinterbliebenen das Gemach des Todten. Der Schlüssel zu der eisernen Truhe war in dessen Tasche gefunden worden, und Philipp hatte noch nie von dem Lieblingsverschlusse des alten Mannes Einsicht genommen. Das Zimmer war mit Flaschen und Büchsen angefüllt. Was Amine als brauchbar kannte, wurde in eine Kammer geschafft, das Uebrige aber weggeworfen. Der Tisch enthielt viele Schubladen, die unter anderen Gegenständen viele Papiere mit arabischen Schriftzügen bargen, – wahrscheinlich Recepte. Auch fanden sich Büchsen mit arabischen Charakteren vor, und die erste, welche sie aufnahmen, enthielt ein ähnliches Pulver, wie das war, welches Herr Poots Aminen gegeben hatte. Aus vielen Gegenständen, welche außerdem noch vorhanden waren, ließ sich entnehmen, daß der alte Mann auch in den geheimen Wissenschaften, welche in jener Zeit im Schwunge waren, gepfuscht hatte. Sie wurden unverweilt den Flammen übergeben. »Hätte Pater Seysen all dies gesehen!« bemerkte Amine in wehmüthigem Tone. »Doch da sind einige gedruckte Papiere, Philipp.« Philipp untersuchte sie und fand, daß es Aktienscheine der holländisch-ostindischen Compagnie waren. »Nein, Amine, das ist Geld oder doch Geldeswerth – acht Aktien des Compagnie-Kapitals, die uns ein schönes Jahreseinkommen abwerfen werden. Ich ließ mir nicht träumen, daß der alte Mann einen solchen Gebrauch von seinem Gelde machte. Ich hatte im Sinne, vor meiner Abreise einen Theil meiner Habe in ähnlicher Weise anzulegen, damit es nicht müßig liegen bleibe.« Nun wurde die eiserne Truhe untersucht. Sie schien nur wenig zu enthalten, denn sie war groß und tief und sah fast leer aus; als jedoch Philipp auf den Boden hinuntergriff, traf er auf dreißig oder vierzig kleine Beutel, die statt silberner Gülden lauter Goldmünzen enthielten; nur ein einziger großer Sack mit Silbergeld war vorhanden. Nun wurden aber noch mehrere kleine Schachteln und Pakete entdeckt, in denen man beim Oeffnen Diamanten und andere kostbare Steine fand. Als Alles beisammen lag, erwies sich der Schatz von hohem Werthe. »Meine liebe Amine, du hast mir eine in der That sehr unerwartete Mitgift gebracht,« sagte Philipp. »Du darfst wohl sagen, unerwartet,« versetzte Amine; »diese Diamanten und Kleinodien muß mein Vater aus Aegypten mitgebracht haben; und doch wie armselig lebten wir, bis wir in diese Wohnung kamen! Gott verzeih ihm! und bei all diesem Reichthum wollte er meinen Philipp vergiften, um noch mehr zusammen zu scharren!« Sie zählten das Geld, das sich fast auf fünfzig tausend Gülden belief, legten dann Alles wieder zurück und verließen das Zimmer. »Ich bin ein reicher Mann,« dachte Philipp, als er allein war, »aber was nützen mir alle diese Schätze? Ich könnte mir ein Schiff kaufen und selbst der Kapitän desselben sein, – aber würde es nicht zu Grunde gehen? Freilich ist das keine nothwendige Folge, aber doch spricht die Wahrscheinlichkeit dafür. Ich will daher kein eigenes Schiff haben. Ist's aber auch recht, mit einem solchen Gefühle in den Schiffen Anderer zu segeln? Ich weiß es nicht; soviel ist übrigens gewiß, daß ich eine Pflicht zu erfüllen habe, und daß unser Aller Leben in der Hand einer gütigen Vorsehung ist, die uns abruft, wenn sie es für passend hält. Ich will das Meiste meines Geldes in Compagnie-Aktien anlegen; wenn ich dann in den Schiffen derselben segle und aus einer Begegnung mit meinem armen Vater Unglück erwächst, so leide ich wenigstens gemeinschaftlich mit den Uebrigen. Nun will ich's aber auch meiner Amine gemächlich machen.« Philipp traf unverweilt eine große Veränderung in der Art des Hauswesens, Er miethete zwei weibliche Dienstboten, ließ die Zimmer gemächlicher einrichten und sparte, soweit die Bequemlichkeit seiner Gattin in Betracht kam, keine Unkosten. Von Amsterdam her verschrieb er sich mehrere Aktien der ostindischen Gesellschaft, ließ übrigens sein eigenes Geld und die Diamanten noch immer in Aminens Händen. Unter derartigen Vorkehrungen entschwanden die zwei Monate rasch, und als Alles bereinigt war, erhielt Philipp abermals eine Aufforderung (diesmal schriftlich), auf seinem Schiffe einzutreffen. Es wäre Aminen wohl lieber gewesen, wenn Philipp als Passagier, nicht als Offizier mitgegangen wäre; unser Held zog jedoch das Letztere vor, da er sonst für eine Indienfahrt keinen Grund hätte angeben können. »Ich weiß nicht, wie es kömmt,« bemerkte Philipp den Abend vor seiner Abreise; »aber es ist mir nicht, wie das letztemal, denn ich fühle mich durch gar keine schlimme Vorahnung beklommen.« »Auch ich nicht,« versetzte Amine; »dennoch ist's mir, als ob du lange fortbleiben würdest, Philipp, und ist das nicht schlimm genug für ein zärtliches, bekümmertes Weib?« »Wohl, Liebe, du hast ganz Recht, aber – –« »O ja, ich weiß, es ist deine Pflicht und du mußt gehen,« entgegnete Amine, ihr Antlitz an seiner Brust verbergend. Am andern Tage trennte er sich von seiner Gattin, die sich jetzt weit standhafter benahm, als bei ihrer ersten Trennung. » Alles ging verloren, und er wurde gerettet,« dachte Amine. »Mein Inneres sagt mir, er wird zu mir zurückkehren. Gott im Himmel, dein Wille geschehe!« Philipp langte bald in Amsterdam an. Nachdem er sich viele Gegenstände gekauft hatte, die er im Falle eines fast mit Sicherheit vorauszusehenden Unglücks für vortheilhaft hielt, schiffte er sich an Bord der Batavia ein, die seefertig vor einem einzelnen Anker lag. Zwölftes Kapitel. Philipp befand sich noch nicht lange an Bord, als er ausfindig machte, daß die Fahrt wahrscheinlich nicht sehr gemächlich ausfallen dürfte, denn die Batavia war beauftragt, eine große Abtheilung Truppen nach Ceylon und Java zu bringen, um die Streitkräfte der Compagnie an den gedachten Orten zu rekrutiren. Das Schiff sollte auf der Höhe von Madagascar die Flotte verlassen und unmittelbar nach Java laufen, denn die Zahl der an Bord befindlichen Soldaten wurde für hinreichend erachtet, jeden Angriff von Seite der Piraten oder feindlichen Kreuzer abzuschlagen. Die Batavia war außerdem mit dreißig Kanonen bewaffnet und hatte fünfundsiebenzig Matrosen. Außer den Vorräthen zum Dienste des Militärs, welche die Hauptladung bildeten, führte sie auch eine große Quantität baaren Geldes für den indianischen Markt an Bord. Die Soldatenabtheilung wurde eben eingeschifft, als sich Philipp an Bord meldete, und einige Minuten waren die Decken so gedrängt voll, daß man sich kaum zu rühren vermochte. Unser Held, der den Kapitän noch nicht gesprochen hatte, fand den ersten Maten aus und trat augenblicklich seinen Dienst an, mit dem er in Folge seines Eifers während seiner früheren Aus- und Heimfahrt weit besser vertraut war, als man wohl hätte glauben sollen. In kurzer Zeit begannen alle Spuren von Eile und Verwirrung zu verschwinden. Das Gepäcke der Truppen wurde weggestaut, und die Soldaten, die man in Rotten abgetheilt hatte, erhielten ihre Quartiere zwischen den Kanonen des Hauptdecks, damit für die Handhabung des Schiffes Raum frei bleibe. Philipp entwickelte große Thätigkeit und Methodik in seinen Maßregeln, weßhalb der Kapitän während einer Pause in dem anstrengenden Dienste zu ihm sagte: »Ich meinte, Ihr nähmet die Sache sehr leicht, daß Ihr nicht früher eintraft; aber nun Ihr an Bord seid, bemerke ich wohl, daß Ihr die verlorene Zeit einzubringen sucht. Ihr habt im Laufe dieses Vormittags mehr gethan, als ich erwarten konnte, und ich freue mich, daß Ihr gekommen seid, obgleich es mir sehr leid thut, daß Ihr nicht hier wart, als wir den untern Raum füllten, denn ich fürchte, da ist nicht Alles geschehen, wie es sollte. Mynheer Struys, der erste Mate, hatte zu viel auf sich, um dem Einstauen gehörige Aufmerksamkeit schenken zu können.« »Ich bedaure, mich verspätet zu haben, Sir,« versetzte Philipp, »muß übrigens bemerken, daß ich aufbrach, sobald mich die Compagnie berief,« »Ja, und weil man weiß, daß Ihr ein verheiratheter Mann und namentlich selbst auch mit bedeutenden Aktien betheiligt seid, so wollte man Euch nicht zu bald bemühen. Ich vermuthe, bei der nächsten Fahrt werdet Ihr das Kommando eines Schiffes erhalten, denn mit einem so bedeutenden Kapital in den Fonds kann Euch ein derartiger Posten nicht entgehen. Ich habe erst diesen Morgen mit einem der älteren Rechnungsführer über die Sache gesprochen.« Philipp bedauerte nicht sonderlich, sein Geld gegen so gute Interessen angelegt zu haben, da es sein sehnlichster Wunsch war, der Kapitän eines Schiffes zu werden. Er versetzte daher, daß er allerdings hoffe, nach der nächsten Fahrt selbst ein Schiff zu kommandiren, da er dann wahrscheinlich der Aufgabe völlig gewachsen sein werde. »Zweifle nicht, zweifle nicht, Herr Vanderdecken. Kann das klar voraussehen. Ihr müßt übrigens ein großer Freund vom Seeleben sein.« »Ihr habt Recht,« versetzte Philipp, »denn ich zweifle, ob ich es je aufgeben werde.« »Wie, Ihr wolltet's gar nicht wieder aufgeben? Ach, so meint Ihr eben jetzt. Ihr seid ein junger, thätiger Mann, dem der Himmel voller Hoffnungen hängt – werdet's aber auch mit der Zeit müde, und ich stehe dafür, Ihr seid einmal froh, für den Rest Eurer Tage beilegen zu könne».« »Wie stark ist die Truppenzahl, die wir fortzuschaffen haben?« fragte Philipp. »Wir haben zweihundertundfünfundvierzig Gemeine, dazu sechs Offiziere. Die armen Teufel! nur Wenige davon werden je wieder zurückkehren, und vielleicht mehr als die Hälfte keinen weiteren Geburtstag erleben. Es ist ein schreckliches Klima. Habe selbst einmal dreihundert Mann an diesem schrecklichen Loch abgesetzt und im Laufe von sechs Monaten, noch ehe ich wieder aussegelte, waren nicht hundert mehr davon übrig.« »Dann ist es ja fast ein Mord, sie dahin zu schicken,« bemerkte Philipp. »Bah! sie müssen irgendwo sterben; was liegt daran, wenn's auch ein wenig früher geschieht? Das Leben ist eine Waare, die sich, wie andere, kaufen und verkaufen läßt. Wir senden Manufakturgüter und Geld aus, um indische Produkte dafür einzuhandeln; ebenso treiben wir's mit dem Leben, und es gibt der Compagnie einen guten Gewinn.« »Aber nicht den armen Soldaten, fürchte ich.« »Nein; die Compagnie kauft sie wohlfeil und verkauft sie theuer,« versetzte der Kapitän, worauf er sich nach dem Vorderschiff begab. »'s ist wahr,« dachte Philipp; »sie kaufen Menschenleben wohlfeil und ziehen einen großen Gewinn daraus, denn wie könnten sie ohne diese arme Tröpfe ihre Besitzungen gegen die Eingebornen und die fremden Feinde behaupten. Für welchen ärmlichen Jahrgehalt verkaufen diese Leute nicht ihr Leben; gegen eine wahre Bagatelle setzen sie sich allen Schrecken des tödtlichsten Klima's aus, ohne auf eine Rückkehr in die Heimath hoffen zu dürfen, wo sie ihre erschöpften Kräfte wieder herstellen und ihr Leben auf's Neue verkaufen könnten! Gütiger Gott! wenn diese Menschen so herzlos dem Mammon geopfert werden können, warum sollte ich Gewissensbisse fühlen, falls in der Erfüllung einer heiligen Pflicht, die mir von dem Lenker unserer Schicksale aufgelegt ist, einige Erdengeschöpfe zu Grunde gehen? Kein Sperling fällt vom Dache ohne Sein Vorwissen, und in Seiner Hand liegt es, zu opfern oder zu retten. Ich bin nur ein Geschöpf Seines Willens und folge meiner Pflicht, wenn ich den Befehlen Dessen gehorche, dessen Wege unerforschlich sind. Sollte übrigens dieses Schiff um meinetwillen gleichfalls dem Fluche erliegen, so kann ich nur wünschen, ich möchte auf einem andern angestellt sein, das weniger Menschenleben birgt.« Erst eine Woche nach Philipps Ankunft waren die Batavia und die übrigen Schiffe der Flotte zur Abfahrt gerüstet. Es würde schwer sein, Philipp Vanderdeckens Gefühle bei dieser seiner zweiten Einschiffung zu zergliedern. Sein Geist war so ohne Unterlaß dem Zwecke seiner Reise zugekehrt, daß ihm das übrige Leben, obgleich er die religiösen Pflichten treulich erfüllte, nur wie ein Traum entschwand. In der Ueberzeugung, er werde wieder mit dem gespenstischen Schiffe zusammentreffen, die Batavia aber wahrscheinlich widerliche Zufälle erfahren, wo nicht gar mit ihrer ganzen Mannschaft zu Grunde gehen, wußte er sich der drückenden Gedanken nicht zu entschlagen, die ihn zu einem Schatten abhärmten. Er sprach fast nie anders, als wenn es sein Dienst erforderte, und kam sich selbst wie ein Verbrecher vor, der seine ganze Umgebung in Gefahr, Unglück und Tod führte. Wenn dann Einer von seinem Weibe, ein Anderer von seinen Kindern erzählte, wenn sie in süßen Hoffnungen schwelgten und Entwürfe für ihr künftiges Glück schmiedeten, so hätte Philipp fast vergehen mögen; er stand vom Tische auf und eilte nach einer einsamen Stelle des Deckes. Das Einemal suchte er sich zu überreden, daß sein Geist nur der Spielball einer augenblicklichen Aufregung, er selbst aber das Opfer einer Sinnentäuschung sei; dann aber rief er sich die ganze Vergangenheit in's Gedächtnis, – er fühlte die schreckliche Wirklichkeit – und stellte sich oftmals vor, die ganze übernatürliche Erscheinung habe mit dem Himmel nichts zu schaffen, sondern sei nur das Werk eines höhnenden Teufels. Aber dann wieder die Reliquie – durch solche Mittel konnte doch der Teufel nicht wirken! Ein paar Tage nach seiner Ausfahrt bereute er bitter, daß er den ganzen Thatbestand nicht dem Pater Seysen vertraut und ihn um Rath gefragt hatte, ob es nicht etwa sündlich sei, daß er auf ein derartiges Unternehmen ausziehe. Es war jedoch zu spät, denn das gute Schiff Batavia befand sich schon mehr als tausend Meilen von dem Amsterdamer Hafen entfernt, und seine Pflicht, wie sie auch immer sein mochte, mußte erfüllt werden. Als sich die Flotte dem Kap näherte, steigerte sich seine Angst in einem solchen Grade, daß sie Niemand an Bord entgehen konnte. Der Kapitän und die Offiziere der eingeschifften Truppen, welche sich sehr für ihn interessirten, bemühten sich vergeblich, die Ursache seiner Beklommenheit zu erfahren. Philipp schützte Krankheit vor – eine Angabe, mit der sein abgezehrtes Gesicht und seine eingesunkenen Augen nicht im Widerspruche standen. Den größeren Theil der Nacht verbrachte er auf dem Deck, blickte nach allen Richtungen aus, bewachte jede Veränderung am Horizont, wo er alle Augenblicke das Auftauchen des gespenstischen Schiffes erwartete, und zog sich erst mit dem Grauen des Tages nach seiner Kajüte zurück, um sich einer kurzen, vielgestörten Ruhe hinzugeben. Nach einer günstigen Fahrt ankerte die Flotte an der Tafelbay, um frische Vorräthe einzunehmen, und Philipp fühlte eine kleine Erleichterung, weil sich bis jetzt die übernatürliche Erscheinung nicht hatte blicken lassen. Sobald sich die Flotte mit frischem Wasser versehen hatte, fuhr sie wieder aus, und Philipps Aufregung steigerte sich abermals. Sie umschifften übrigens mit günstigem Winde das Kap, kamen an Madagascar vorbei und gelangten in das indische Meer, wo sich die Batavia von der übrigen Flotte, die nach Cambrun und Ceylon bestimmt war, trennte. »Und nun,« dachte Philipp, »wird wohl das gespenstische Schiff sich zeigen. Es hat nur gewartet, bis alle unsere Gefährten uns verlassen hatten, damit wir keinen Beistand hätten in unserem Unglück.« Aber die Batavia segelte in glattem Wasser und unter einem wolkenlosen Himmel fort, ohne daß sich etwas blicken ließ. Nach einigen Wochen erreichten sie die Höhe von Java, auf der sie für die Nacht beilegten, ehe sie in die prächtige Rhede von Batavia einfuhren. Es war die letzte Nacht, die sie unter Segel zubringen sollten, und Philipp ging ohne Unterlaß auf dem Decke hin und her, ängstlich dem Tage entgegensehend. Der Morgen brach an – die Sonne erhob sich in aller Pracht, und die Batavia steuerte in die Rhede ein. Vor Mittag hatte sie geankert, und Philipp eilte mit erleichtertem Herzen in die Kajüte hinunter, um die Ruhe, der er so sehr bedurfte, zu genießen. Er erwachte sehr erfrischt, denn eine Centnerlast war seiner Seele entnommen. »Es ist also keine notwendige Folge,« dachte er, »daß die Mannschaft des Schiffes umkommen muß, weil ich mich an Bord befinde; auch muß das gespenstische Schiff nicht erscheinen, weil ich es suche. Ich habe daher keine weitere Last auf meinem Gewissen. Allerdings wünsche ich mit ihm zusammenzutreffen, habe aber dabei dieselbe Aussicht, wie Andere, und es ist keineswegs nothwendig, daß ich das finde, was ich suche. Daß das geheimnißvolle Schiff denen, welchen es begegnet, Unheil bringt, mag wohl wahr sein, nicht aber, daß die Begegnung selbst von mir abhängt. O Gott, ich danke dir! Jetzt kann ich mein Spähen ohne Gewissensbisse verfolgen.« Durch diese Betrachtungen ruhiger gestimmt, begab sich Philipp wieder auf's Deck. Die Ausschiffung der Truppen hatte bereits stattgefunden, denn die Soldaten verlangten eben so sehnlich, ihrer langen Haft zu entkommen, als die Matrosen, mehr Raum und Gemächlichkeit zu gewinnen. Unser Held betrachtete die Landschaft. Die Stadt Batavia lag ungefähr eine Meile entfernt, tief auf dem Ufer; hinten erhob sich eine hohe Bergkette von glänzendem Grün, da und dort mit Landhäusern besät, die anmuthig aus den Wäldern hervorsahen. Das Panorama war wunderschön, die Vegetation üppig, und das lebhafte Grün übte einen sehr erfrischenden Eindruck auf das Auge. In der Nähe der Stadt lagen große und kleine Schiffe, ein ganzer Wald von Masten. Das Wasser in der Bay war von dem klarsten Blau und kräuselte sich unter einer frischen Brise. Da und dort unterbrachen kleine Inselchen, gleich grünen Büschen, die Eintönigkeit der Wasserfläche, und auch die Stadt selbst bot einen lieblichen Anblick, indem die weißen Häuser angenehm abstachen gegen das dunkle Blätterwerk der Bäume, welche in den Gärten wuchsen und die Straßen säumten. »Ist es möglich,« bemerkte Philipp gegen den Kapitän der Batavia, welcher neben ihm stand, »daß dieser schöne Ort so ungesund sein kann? Dem Aeußeren nach zu schließen, würde ich gerade das Gegentheil glauben.« »Wie die giftigen Schlangen des Landes unter den Blumen hervorbrechen,« versetzte der Kapitän, »so wandelt der Tod an dieser schönen und üppigen Landschaft umher. Fühlt Ihr Euch besser, Mynheer Vanderdecken?« »Viel besser,« entgegnete Philipp. »Um Eures geschwächten Zustandes willen, würde ich Euch doch rathen, an's Land zu gehen.« »Ich werde dankbar von Eurer Erlaubniß Gebrauch machen. Wie lange bleiben wir hier?« »Nicht lange; wir haben Auftrag, bald wieder zurückzukehren. Unser Cargo liegt schon bereit und wird an Bord gebracht werden, sobald wir ausgeladen haben.« Philipp befolgte den Rath des Kapitäns, und fand ohne Schwierigkeit ein Unterkommen bei einem gastfreundlichen Kaufmanne, der an einer von der Stadt etwas abgelegenen, gesunden Stelle ein Wohnhaus besaß. Hier blieb er zwei Monate, während welcher Zeit er sich wieder erholte, und dann wenige Tage vor Abfahrt des Schiffs wieder an Bord ging. Die Rückreise lief glücklich ab, und vier Monate, nachdem sie Batavia verlassen, langten sie vor Helena an; denn die Schiffe machten in jener Zeit gewöhnlich die sogenannte östliche Passage, indem sie an der afrikanischen Küste hinunterliefen und sich nicht an die amerikanischen Ufer hielten. Abermals hatten sie das Kap passirt, ohne dem Geisterschiff zu begegnen, und Philipp fühlte sich nicht nur sehr gesund, sondern auch wohlgemuth. Vor St. Helena befiel sie eine Windstille; auch bemerkten sie endlich ein Boot, das auf sie zuruderte, und im Laufe von drei Stunden an der Seite der Batavia anlangte. Die Mannschaft war sehr erschöpft, denn sie hatte sich schon seit zwei Tagen in ihrem Boote abgemüht und ohne Unterlaß gerudert, um die Insel zu gewinnen. Die Leute gaben sich als die Bemannung eines kleinen, holländischen Indienfahrers zu erkennen, der zwei Tage zuvor gescheitert war; eine der Planken war in Trümmer gegangen, und das Schiff hatte sich so rasch gefüllt, daß die Menschen kaum Zeit gewannen, sich zu retten. Sie bestanden aus dem Kapitän, dem Maten, zwanzig Matrosen und einem alten, portugiesischen Priester, der von dem holländischen Gouverneur nach Hause geschickt worden war, weil er sich den holländischen Interessen auf der Insel Japan widersetzt hatte. Er war lange Zeit von den Eingebornen verborgen worden, da die Japanische Regierung sich gleichfalls bemühte, seiner habhaft zu werden, um ihn hinrichten zu lassen. Endlich sah er sich jedoch genöthigt, sich an die Holländer, als an seine weniger grausamen Feinde, zu ergeben. Das holländische Gouvernement beschloß, ihn aus dem Lande zu schicken, weßhalb er an Bord des Indienfahrers gebracht wurde, der ihn mit nach Hause nehmen sollte. Dem Berichte des Kapitäns und der Matrosen zufolge war nur eine einzige Person verloren gegangen, diese aber ein Mann von Bedeutung gewesen, der viele Jahre die Stelle eines Präsidenten in der holländischen Faktorie zu Japan behauptet hatte. Er wollte mit den Reichtümern, die er sich gesammelt, nach Holland zurückkehren und hatte, dem Zeugnisse des Kapitäns und der Mannschaft zufolge, sein Unglück dem Umstande zu danken, daß er, nachdem er bereits in's Boot gebracht worden war, sich wieder auf das Schiff begab, um noch eine Tonne von unermeßlichem Werthe, welche Diamanten und andere kostbare Steine enthielt, zu retten. Während das Boot auf ihn wartete, tauchte das Bugspriet plötzlich unter, und der Schiffsschnabel folgte so schnell nach, daß die Matrosen sich nur mit Mühe zu retten vermochten. Sie harrten noch eine Zeitlang, um sich zu überzeugen, ob der unglückliche Mann nicht wieder an die Oberfläche auftauchen würde; er kam jedoch nicht wieder zum Vorschein. »Ich dachte mir's wohl, daß uns Etwas zustoßen mußte,« bemerkte der Kapitän des versunkenen Schiffes, nachdem er sich in der Kajüte eine Weile mit Philipp und dem Kapitän der Batavia unterhalten hatte; »denn nur drei Tage vorher sahen wir den Teufel oder das Teufelsschiff, wie man's nennt.« »Wie? den sogenannten fliegenden Holländer?« fragte Philipp. »Ja, das ist, glaube ich, der Name, den man dem Gespenst gibt,« versetzte der Kapitän. »Ich habe oft davon sprechen hören, bin aber nie zuvor mit ihm zusammengetroffen, und hoffe, Gott wird mich auch für die Zukunft in Gnaden davor bewahren. Ich bin jetzt ein zu Grunde gerichteter Mann, und muß wieder von vorne anfangen.« »Habe auch schon von dem Schiffe gehört,« bemerkte der Kapitän der Batavia; »seid doch so gut, uns mitzutheilen, wie sich 's gezeigt hat.« »Je nun, die Sache verhält sich so: ich sah Nichts, als die Nebelgestalt des Rumpfes,« versetzte der Andere. »Es war sehr sonderbar; die Nacht war schön und der Himmel klar; wir standen unter Bramsegeln, denn bei Nacht mag ich nicht eilen, da wir sonst auch die Oberbramsegel hätten aussetzen können, und so in der Brise hübsch vorwärts gekommen wären. Ich hatte mich zu Bette gelegt, als gegen zwei Uhr Morgens der Mate mich auf das Deck berief. Ich fragte, was es gebe, und erhielt die Antwort, das könne man mir kaum sagen; die Leute seien indeß sehr eingeschüchtert, denn man sehe ein Schiff, das die Matrosen für ein gespenstisches erklärten. Ich begab mich auf das Deck; der ganze Horizont war klar, aber an unserer Windvierung befand sich eine Art von Nebel, rund, wie eine Kugel, und nicht weiter als zwei Kabellängen entfernt. Wir liefen ungefähr fünfthalb Knoten frei, konnten aber dennoch dem Nebel nicht entrinnen. ›Schaut dorthin,‹ sagte der Mate. ›Ei, was zum Teufel mag das sein?‹ entgegnete ich, meine Augen reibend. ›Keine Sandbänke im Luv, und doch ein Nebel, mitten unter einem klaren Himmel, dazu eine frische Kühlte, und rings umher Wasser.‹ Ihr müßt nämlich wissen, daß der Nebel nicht mehr als ein halb Dutzend Kabellängen bedeckte, wie wir wohl zu beiden Seiten an dem Horizonte bemerken konnten. ›Hört, Sir, sagte der Mate – ›sie sprechen wieder‹ ›Wer spricht?‹ entgegnete ich und horchte; und aus dem Nebelball heraus vernahm ich Stimmen. Endlich rief Eine: ›Haltet scharfen Lug aus da vorne, hört Ihr?‹ ›Ja, ja, Herr!‹ versetzte eine andere Stimme. ›Schiff auf dem Steuerbordbug!‹ ›Sehr wohl; Ihr im Vorderschiff, schlagt die Glocke‹ Und nun hörten wir die Glocke tönen. ›Es muß ein Schiff sein,‹ sagte ich zu dem Maten. ›Keines von dieser Welt, Sir,‹ versetzte er. ›Horcht‹ ›Eine Kanone bereit gehalten, da vorne!‹ ›Ja, ja, Herr‹ lautete es jetzt aus dem Nebel heraus, der uns augenscheinlich näher kam. ›Alles bereit, Herr!‹ ›Feuer!‹ Der Knall der Kanone tönte wie ein Donnerschlag in unserem Ohr und dann – –« »Nun, und dann?« entgegnete der Kapitän der Batavia in athemloser Spannung. »Und dann,« erwiderte der andere Kapitän mit feierlicher Stimme, »verschwand Nebel und Alles wie durch Zauberei. Der ganze Horizont war klar und überall hin Nichts mehr zu sehen.« »Ist's möglich?« »Es sind zwanzig Personen an Bord, die Ihr alle darüber vernehmen könnt,« versetzte der Kapitän. »Auch haben wir da den alten katholischen Priester, der die ganze Zeit über neben mir auf dem Decke stand. Die Matrosen sagen, es werde uns ein Unfall begegnen, und als wir in der Morgenwache den Pumpensod untersuchten, fanden wir vier Fuß Wasser; wir griffen zu den Pumpen, aber das Wasser gewann bald die Oberhand, und wir gingen unter, wie ich bereits mitgetheilt habe. Der Mate sagte, das Schiff sei wohlbekannt, man nenne es nur den fliegenden Holländer.« Philipp schwieg, war aber sehr erfreut über das, was er vernommen hatte. »Wenn dieß der Fall ist,« dachte er, »so erscheint das gespenstische Schiff meines armen Vaters Anderen ebenso gut, als mir, und der Umstand, daß ich an Bord bin, kann für die Unglücklichen keinen Unterschied machen. Ich benütze nur den Zufall, der mich mit ihm zusammenführt, und setze nicht das Leben derjenigen auf's Spiel, welche in demselben Schiffe mit mir segeln. Das Herz ist mir jetzt erleichtert, und ich kann meinen Spähzug mit ruhigem Gewissen verfolgen.« Am andern Tage ersah Philipp die Gelegenheit, mit dem katholischen Priester bekannt zu werden, der das Holländische und noch andere Sprachen so gut verstand, als die portugiesische. Er war ein ehrwürdiger Mann von ungefähr sechszig Jahren mit weißem, wallendem Bart, sehr mild in seinem Benehmen und angenehm in der Unterhaltung. Als in der folgenden Nacht Philipp seine Wache hielt, ging der Greis mit ihm auf dem Decke umher, und nachdem sie sich lange Zeit mit einander unterhalten, vertraute ihm unser Held, daß er der katholischen Kirche zugethan sei. »In der That, mein Sohn, das ist sehr ungewöhnlich bei einem Holländer.« »Allerdings,« versetzte Philipp; »auch ist es an Bord nicht bekannt – nicht daß ich mich meines Glaubens schämte, sondern nur, weil ich Controversen zu vermeiden wünsche.« »Ihr seid verständig, mein Sohn. Ach! wenn die reformirte Religion keine besseren Früchte trägt, als die, deren Zeuge ich im Osten war, so ist sie wenig besser, als Götzendienst.« »Sagt mir, Vater,« entgegnete Philipp – »Eure Begleiter sprechen von einem wunderbaren Gesichte – von einem Schiffe, das nicht von Sterblichen bemannt sei. Habt Ihr es gleichfalls gesehen?« »Ich sah, was die Uebrigen auch,« erwiderte der Priester; »und in der That, so weit meine Sinne urtheilsfähig sind, dünkte mich die Erscheinung sehr ungewöhnlich – ich möchte wohl sagen übernatürlich. Ich habe indeß schon früher von diesem Geisterschiffe gehört und außerdem vernommen, daß es stets der Vorläufer eines Unglücks sei. Auch bei uns hat sich dieß erwahrheitet, obgleich wir – freilich jetzt nicht mehr – einen Menschen an Bord hatten, dessen Sündenlast mehr als hinreichend gewesen wäre, jedes Schiff zu versenken. Ich spreche da von einem Manne, welcher sammt seinen Schätzen, von denen er in seiner Heimath alle Freuden der Welt erwartete, durch die Wogen verschlungen wurde – ein Geschick, welches augenfällig zeigt, daß der Allmächtige oft schon in dieser Welt eine gerechte und schreckliche Vergeltung an denen übt, welche seinen Zorn auf sich geladen haben.« »Ihr sprecht von dem holländischen Präsidenten, der mit Eurem versunkenen Schiffe unterging?« »Ja; aber die Geschichte der Verbrechen dieses Menschen ist lang. Morgen Nacht will ich wieder mit Euch zusammentreffen und Euch das Ganze erzählen. Der Friede sei mit Euch, mein Sohn – und gute Nacht.« Das Wetter blieb fortwährend schön, und die Batavia legte gegen Abend bei, um am nächsten Morgen in der Rhede von Sanct Helena Anker zu werfen. Als Philipp auf dem Decke erschien, um die Mittelwache anzutreten, fand er den alten Priester, der an den Laufplanken seiner harrte. Im Schiffe war Alles ruhig. Die Matrosen schlummerten zwischen den Kanonen, und Philipp begab sich mit seinem neuen Bekannten nach hinten, wo sie auf dem Geflügelstalle Platz nahmen. Der Priester begann, wie folgt: »Ihr wißt vielleicht nicht, daß die Portugiesen zwar ängstlich bemüht sind, sich ein Land zu sichern, das durch ihren Muth und ihren Unternehmungsgeist entdeckt wurde und dessen Besitz, wie ich fürchte, sie viele Verbrechen gekostet hat – aber dennoch einen Punkt, der allen guten Katholiken theuer ist, nie aus den Augen verloren haben: ich meine nämlich die Verbreitung des wahren Glaubens und die Auspflanzung von Christi Banner im Bereiche des Götzendienstes. Durch einen Schiffbruch, der Einige von unsern Landsleuten an die Küste warf, wurden wir mit den Inseln Japans bekannt, und sieben Jahre später landete unser heiliger und gebenedeiter Franziscus, der jetzt bei Gott ist, auf der Insel Ximo, wo er zwei Jahre und fünf Monate blieb, unsern Glauben verkündigte und viele Heiden bekehrte. Dann schiffte er sich nach seinem ursprünglichen Bestimmungsorte, China, ein, sollte aber nicht daselbst anlangen, denn er starb auf der Ueberfahrt und schloß sein reines, heiliges Leben. Nach seinem Tode vergrößerte sich auf den japanischen Inseln die Anzahl der Bekehrten mehr und mehr, trotz der vielen Hindernisse und Verfolgungen, die uns die Götzenpriester in den Weg legten, und der Verfolgungen, mit welchem die Angehörigen unseres Glaubens von Zeit zu Zeit heimgesucht wurden. Die christliche Religion verbreitete sich schnell, und viele Tausende beteten den wahren Gott an. »Nach einer Weile gründeten die Holländer zu Japan eine Ansiedelung, und als sie fanden, daß die japanischen Christen in der Umgebung der Faktorien nur mit den Portugiesen, zu welchen sie Vertrauen hatten, verkehren wollten, so wurden sie unsere Feinde; auch beschloß der Mann, von dem wir gesprochen haben, und der in jener Periode an der Spitze der holländischen Faktorie stand, in seinem Durste nach Gold, den Kaiser des Landes gegen die christliche Religion argwöhnisch zu machen, und so die Portugiesen sammt ihren Anhängern zu Grunde zu richten. So, mein Sohn, benahm sich ein Mensch, welcher sich zur reformirten Religion bekannte, die er für reiner, als die unsrige erklärte. »In unserer Nähe wohnte auch ein reicher, einflußreicher Japanese, der sich mit zwei von seinen Söhnen zum Christenthum bekehrte und die Weihe der heiligen Taufe erhielt. Er hatte noch zwei andere Söhne, die am Hofe des Kaisers lebten. Dieser reiche Mann hatte uns zum Zwecke eines Colleges und einer Schule mit einem Hause beschenkt; nach seinem Tode aber verlangten die beiden am Hofe befindlichen Söhne, welche noch Götzendiener waren, wir sollten dieses Eigenthum wieder abtreten. Wir weigerten uns deß, und der holländische Präsident ersah die Gelegenheit, die jungen Männer gegen uns aufzureizen, und durch ihre Vermittlung den japanesischen Kaiser zu bereden, daß die Portugiesen und Christen sich gegen seinen Thron und sein Leben verschworen hätten; denn ich muß hier bemerken, daß ein Holländer, wenn er gefragt wird, ob er ein Christ sei, zu antworten pflegt: ›nein, ich bin ein Holländer.‹ »Der Kaiser, der an dieses Verschwörungsmärchen glaubte, erließ augenblicklich Befehl, die Portugiesen und alle Japanesen, welche sich zum Christenthume bekehrt hatten, zu vertilgen. Er stellte zu diesem Zwecke eine Armee auf die Beine und übergab das Kommando den gedachten jungen Männern, deren Vater uns das College geschenkt hatte. Die Christen, welche sahen, daß ihre einzige Aussicht im Widerstande liege, griffen zu den Waffen und wählten zu ihren Führern die beiden andern Söhne des japanesischen Herrn, welche in Gemeinschaft mit diesem zum Christenthume übergegangen waren. So standen sich nun zwei Armeen gegenüber, die von vier Brüdern befehligt wurden, zwei auf der einen und zwei auf der andern Seite. »Das christliche Heer belief sich auf mehr denn vierzigtausend Mann, was übrigens der Kaiser nicht wußte, denn er schickte nur eine Streitmacht von fünfundzwanzigtausend aus, um sie anzugreifen und zu vertilgen. Die Armeen trafen zusammen, und nach einem hartnäckigen Kampfe (denn die Japanesen sind sehr tapfer) blieb der Sieg auf Seite der Christen, welche – mit Ausnahme der Wenigen, welche sich in den Booten retteten – das ganze kaiserliche Heer zusammenhieben. »Dieser Sieg gab Anlaß zu neuen Bekehrungen und unsere Armee steigerte sich bald bis auf fünfzigtausend Mann. Der Kaiser aber, als er erfuhr, daß seine Truppen vernichtet waren, ordnete eine neue Aushebung an, stellte hundertundfünfzigtausend Mann in's Feld und ertheilte seinen Generalen Befehl, den Christen keinen Pardon zu geben, die beiden Führer des feindlichen Heeres ausgenommen, die er lebendig greifen lassen wollte, um sie unter langsamen Folterqualen tödten zu können. Alle Anerbietungen zu Beilegung des Zwistes wurden zurückgewiesen, und der Kaiser erschien in Person unter seiner Armee. Die beiden Heere trafen wieder zusammen, und am ersten Schlachttage blieb der Sieg auf Seite der Christen; aber dennoch hatten sie den Verlust eines ihrer Generale zu beklagen, der verwundet und gefangen wurde; auch war ihr Verlust bedeutend, da die Feinde ohne Erbarmen gewürgt hatten. »Der zweite Schlachttag fiel verhängnißvoll für die Christen aus. Ihr General fiel, sie selbst wurden von dem weit überlegenen Feinde bis auf den letzten Streiter erschlagen. Der Kaiser griff sodann das Lager im Rücken der Schlachtlinie an, und ließ Greise, Weiber und Kinder schlachten. Auf dem Wahlplatze, im Lager und durch spätere Folter, kamen mehr als sechszigtausend Christen um. Dieß war jedoch nicht Alles. Man spähte eifrig viele Jahre lang durch die Inseln nach Christen, und marterte Alle, welche aufgefunden wurden, auf's Grausamste zu Tode. Seit fünfzehn Jahren nun ist im japanesischen Reiche das Christenthum gänzlich ausgerottet, und während einer mehr als sechzehnjährigen Verfolgung wurden mehr als viermal hunderttausend Christen getödtet. Und dieses blutige Schlachten, mein Sohn, wurde veranlaßt durch die Falschheit und den Geiz jenes Mannes, der vor einigen Tagen seine gerechte Strafe erhielt. Die holländische Compagnie war zufrieden mit seinem Benehmen, das ihr so große Vortheile sicherte, und überließ ihm viele Jahre lang die Stelle eines Präsidenten auf ihrer Faktorie zu Japan. Als er nach Indien kam, war er noch ein junger Mann, und erst als seine Haare bleichten, dachte er an die Rückkehr in's Vaterland. Er hatte sich ungeheure Schätze zusammengescharrt – sie mußten's auch sein, um einen Geiz, wie der seinige war, zufrieden stellen zu können! Alles ist mit ihm zu Grunde gegangen; er selbst aber steht jetzt vor seinem Richter. »Führt Euch dieß ein wenig zu Gemüthe, mein Sohn; ist es nicht besser, dem Pfad der Pflicht zu folgen und die Freuden der Welt sammt ihrem Mammon zu meiden, um sich die Hoffnung zu retten, daß uns nach unserem Hingang ein ewiges Glück vorbehalten ist?« »Sehr wahr, heiliger Vater,« versetzte Philipp nachdenkend. »Ich habe nur noch wenige Jahre zu leben,« fuhr der alte Mann fort, »und Gott weiß, daß ich ohne Widerstreben aus dieser Welt scheiden werde.« »Auch ich könnte es,« versetzte Philipp. »Ihr, mein Sohn? – Nein. Ihr seid jung und solltet voll Hoffnung sein. Es bleibt Euch noch die Erfüllung Eurer Pflicht in der Stellung vorbehalten, zu der Euch Gottes Gnade berufen wird.« »Ich weiß, daß ich eine Pflicht zu erfüllen habe,« entgegnete Philipp. »Vater, die Nachtluft ist zu scharf für Eure Jahre. Geht zu Bette und überlaßt mich meiner Wache und meinen Gedanken.« »Du hast Recht, mein Sohn; möge der Himmel dich behüten. Nimm den Segen eines alten Mannes – gute Nacht.« »Gute Nacht,« entgegnete Philipp, der erfreut war, jetzt allein zu sein. »Soll ich ihm Alles bekennen?« dachte er. »Ich fühle, daß ich ihm vertrauen könnte. – Doch nein. Ich mochte Pater Seysen mein Geheimniß nicht enthüllen – warum ihm? Ich würde mich in seine Gewalt geben, und er könnte mir auferlegen – – Nein, nein! das Geheimniß ist nicht mein Eigenthum. Ich brauche keine Rathgeber.« Und Philipp zog die Reliquie aus seinem Busen, um sie ehrfurchtsvoll an seine Lippen zu drücken. Die Batavia lag einige Tage vor St. Helena, und setzte dann ihre Reise wieder fort. Sechs Wochen später lag Philipp wieder in dem Zuyder See vor Anker. Der Kapitän ertheilte ihm Urlaub, und er brach alsbald nach seiner Heimath auf, den alten portugiesischen Priester Matthias mit sich nehmend, den er sehr lieb gewonnen hatte, und dem er seinen Schutz anbot, so lange es dem Greise belieben sollte, in den Niederlanden zu weilen. Dreizehntes Kapitel. »Es ist nicht entfernt meine Absicht, Euch etwas Unangenehmes zu sagen, mein Sohn,« sprach Pater Matthias, der kaum mit Philipp gleichen Schritt halten konnte, als sie noch etwa eine Viertelmeile von der Wohnung unseres Helden entfernt waren; »aber doch muß ich Euch erinnern, daß wir in einer vergänglichen Welt leben, und daß viele Zeit entschwunden ist, seit Ihr diesen Ort verließet. Aus diesem Grunde möchte ich wo möglich den Schwung Eurer Hoffnungen und die freudigen Vorahnungen dämpfen, in denen Ihr Euch ergingt, seit wir das Schiff verlassen haben. Ich hoffe und traue auf die Gnade Gottes, daß Alles recht steht und Ihr nach wenigen Minuten in den Armen Eurer vielgeliebten Gattin liegt; aber in demselben Grade, in welchem Ihr die Wonne der Erwartung steigert, werdet Ihr Euch auch niedergedrückt fühlen, wenn Ihr Euch in Eurem Vorgenusse getäuscht findet. In Vließingen ging die Rede, daß eine furchtbare Heimsuchung dieses Land betroffen habe, und der Tod hat vielleicht auch Jugend und Schönheit nicht geschont,« »Laßt uns eilen, Vater,« verletzte Philipp. »Was Ihr sagt, ist wahr, und die Ungewißheit wird zur fürchterlichen Qual.« Philipp beschleunigte seine Eile, es dem Greise überlassend, nach Gemächlichkeit nachzukommen, und langte an der Brücke mit ihrem hölzernen Thürchen an. Es war ungefähr sieben Uhr Morgens, denn sie hatten schon mit dem Grauen des Tages die Schelde übersetzt. Philipp bemerkte, daß die unteren Läden noch geschlossen waren. »Sie hätte können früher auf sein,« dachte er, als er die Hand auf die Klinke legte. Die Thüre war nicht verschlossen. Philipp trat ein. In der Küche brannte Licht, und als er die Thüre öffnete, erblickte er ein Dienstmädchen, das schlafend in einem Stuhle lehnte. Eh' er noch Zeit hatte, hineinzugehen und sie zu wecken, hörte er eine Stimme von oben. »Marie, ist dieß der Doctor?« Philipp wartete nicht länger. Mit drei Sprüngen befand er sich auf der oberen Flur, huschte an der Person, welche gesprochen hatte, vorbei, und öffnete die Thüre zu Aminens Gemach. Ein schwimmender Docht in einem mit Oel gefüllten Glase verbreitete nur ein mattes Dämmerlicht; die Vorhänge des Bettes waren zu, und nebenan kniete eine Gestalt, in welcher Philipp augenblicklich den Pater Seysen erkannte. Er fuhr zurück; das Blut schoß ihm zum Herzen, und ohne sprechen zu können, stützte er sich, nach Luft haschend, an die Wand, bis endlich ein tiefes Stöhnen seinem furchtbaren innern Kampfe Luft machte. Dieß weckte den Priester, der jetzt den Kopf umwandte, sich, sobald er den Ankömmling bemerkte, von seinen Knieen erhob und ihm stumm die Hand entgegen streckte. »So ist sie also todt?« rief endlich Philipp. »Nein, mein Sohn, nicht todt – es ist noch Hoffnung vorhanden. Sie befindet sich in einem Zustand der Krise, und eine Stunde wird ihr Schicksal entscheiden. Dann ist sie entweder für Euch gerettet, oder folgt den vielen Hunderten, welche diese verhängnißvolle Epidemie dem Grabe überantwortet hat.« Pater Seysen führte sodann Philipp an die Seite des Bettes, und zog die Vorhänge zurück. Amine lag bewußtlos und schwer aufathmend da; ihre Augen waren geschlossen. Philipp faßte ihre glühende Hand, kniete nieder, preßte sie an seine Lippen und brach in einen Strom von Thränen aus. Sobald er sich einigermaßen gefaßt hatte, redete ihm Pater Seysen zu, er möchte aufstehen und sich neben ihm an's Bett setzen. »Das ist ein trauriger Willkomm, Philipp,« sagte er, »und muß für einen so glühenden, ungestümen Charakter, wie der deinige ist, doppelt peinlich sein; aber Gottes Wille geschehe. Vergiß übrigens nicht, daß noch Hoffnung vorhanden ist – keine große zwar, aber doch noch Hoffnung, denn so sagte mir der Arzt, der sie behandelt, und den ich in wenigen Minuten erwarte. Ihre Krankheit ist ein typhöses Fieber, das im Laufe der letzten zwei Monate ganze Familien hingerafft hat, und noch mit aller Heftigkeit fortwüthet. Das Haus kann sich in der That glücklich nennen, das nur Ein Opfer zu beklagen hat. Ich wollte, Ihr wäret nicht eben jetzt angekommen, denn die Krankheit ist sehr ansteckend. Viele sind ihrer Sicherheit wegen aus dem Lande gezogen. Um unser Unglück zu erhöhen, mußten wir noch der ärztlichen Hülfe entbehren, denn der Doctor wurde mit den Kranken ein Opfer.« Die Thüre öffnete sich nun langsam, und ein großer, schwärzlichter Mann in braunem Mantel, der sich einen mit Weinessig getränkten Schwamm unter die Nase hielt, trat in's Zimmer. Er verbeugte sich gegen Philipp und den Priester, worauf er sich an das Bett begab. Eine Minute lang befühlten seine Finger den Puls der Kranken; dann legte er ihren Arm nieder, brachte seine Hand an die Stirne, und bedeckte sie mit ihren Betttüchern. Nachdem er Philipp den Schwamm mit Weinessig hingeboten und ihm durch Zeichen bedeutet hatte, daß er davon Gebrauch machen sollte, winkte er dem Pater Seysen aus dem Zimmer. Eine Minute später kehrte der Priester wieder zurück. »Er hat mir seine Anweisungen ertheilt, mein Sohn, und glaubt, daß sie wieder aufkommen könne. Man muß sie gut bedeckt halten; aber Alles hängt davon ab, daß sie ruhig bleibt, wenn ihre Besinnung wieder zurückgekehrt ist.« »Das können wir wohl versprechen,« versetzte Philipp. »Ich fürchte nicht so sehr, daß sie deine Rückkehr erfährt oder sogar dich sieht, denn die Freude tödtet selten, wenn auch die Erschütterung noch so groß ist; indeß sind noch andere Ursachen zur Unruhe vorhanden.« »Und die wären, heiliger Vater?« »Philipp, es sind jetzt dreizehn Tage, daß Amine gerast hat, und während dieser Periode kam ich selten anders von ihrer Seite, als wenn mich mein Amt zu den übrigen Kranken rief. Ich scheute mich, sie zu verlassen, Philipp, denn in ihrem Irrereden hat sie eine Geschichte erzählt, die, wie unzusammenhängend sie auch sein mochte, doch meine Seele mit Entsetzen erfüllte. Augenscheinlich hat sie lange schwer auf ihrem Geiste gelastet und muß ihre Genesung verzögern. Philipp Vanderdecken, du erinnerst dich, daß ich dich einmal aufforderte, mir dein Geheimniß anzuvertrauen – das Geheimniß, welches deine Mutter in's Grab stürzte und ihr vielleicht jetzt dein junges Weib nachsendet, denn sie scheint von Allem unterrichtet zu sein. Ist's nicht so?« »Sie weiß Alles,« versetzte Philipp traurig. »Und hat es in ihrem Delirium ausgesagt. Ja, ich hoffe, sie hat sogar mehr gesagt, als wirklich ist. Doch wir sprechen später davon – bleibe bei ihr, Philipp. Ich werde nach einer halben Stunde zurückkehren, denn der Doktor sagt, die Symptome würden dann entscheiden, ob sie wieder zur Vernunft zurückkehren werde, oder auf immer für dich verloren sei.« Philipp flüsterte nun dem Priester zu, daß er einen Gast mitgebracht habe, den Pater Matthias, und bat ihn, demselben seine gegenwärtigen Verhältnisse mitzutheilen und dafür Sorge zu tragen, daß er gebührende Pflege erhalte. Pater Seysen verließ sodann das Gemach und Philipp setzte sich, nachdem er den Vorhang geschlossen hatte, an dem Bette nieder. Vielleicht gibt es keine schmerzlichere Lebenslage, als diejenige, in welcher sich jetzt Philipp befand. Seine freudige Erwartung, den Gegenstand seiner wärmsten Zuneigung und seiner unablässigen Gedanken nach einer langen Abwesenheit in der Fülle der Gesundheit und Jugend zu umarmen, wurde plötzlich durch den herben Kummer gedämpft, daß er sie daliegen sehen mußte, abgezehrt, durch Krankheit ganz verändert, irren Sinns, ohne Ahnung von seiner Gegenwart, ihr Leben an einem Haare hängend, ihre Gestalt hingestreckt vor dem Könige der Schrecken, der sie mit angelegter Hippe umschwebte und nur der Erlaubnis harrte, sein nichts ahnendes Opfer abzumähen. »Ach!« dachte Philipp; »müssen wir so uns wiedersehen, Amine? Oh, wie weise hat mir Vater Matthias gerathen, nicht so ungestüm meinem Glücke – wie ich meinte – entgegenzueilen, da es sich leicht in Elend umwandeln könne. Gott im Himmel, sei barmherzig und vergib mir, wenn ich dieses Engelsgeschöpf sogar mehr, als dich geliebt habe. Schone sie – schone sie – oder ich bin für immer verloren!« Philipp verhüllte sich das Antlitz und verharrte eine Weile in stummem Gebet. Dann beugte er sich über Amine und drückte einen glühenden Kuß auf ihre Lippen. Sie glühten allerdings, zeigten aber doch einige Feuchtigkeit, und Philipp bemerkte, daß ein Gleiches auch bei ihrer Stirn der Fall war. Er befühlte ihre Hand; sie zeigte Spuren von Schweiß. Nun deckte er sie sorgfältig mit den Tüchern zu und blieb voll hoffender Angst an ihrer Seite sitzen. Nach einer Viertelstunde entdeckte er mit Wonne, daß Amine in reichlichem Schweiße lag. Ihr Athem wurde etwas leichter, und statt des betäubten Zustands, in dem sie bisher gelegen hatte, rückte sie jetzt unruhig hin und her. Philipp war ein sorgfältiger Hüter und deckte seine Gattin stets mit den abgeworfenen Tüchern wieder zu, bis sie endlich in einen tiefen, süßen Schlaf verfiel. Bald nachher erschienen Pater Seysen und der Arzt. Philipp berichtete in wenigen Worten, was vorgefallen war. Der Doctor trat an's Bette und kehrte nach einer halben Minute wieder zurück. »Eure Gattin bleibt Euch erhalten, aber es ist nicht räthlich, daß sie Euch so unerwartet sieht, da die Erschütterung zu heftig auf ihren geschwächten Zustand wirken könnte. Wir müssen sie so lang als möglich schlafen lassen; wenn sie wieder erwacht, wird ihre Besinnung zurückgekehrt sein. Es ist dann gut, wenn sie nur den Pater Seysen an ihrer Seite findet.« »Darf ich nicht in dem Gemache bleiben, bis sie erwacht? Ich will mich dann unbemerkt wegstehlen.« »Das führt zu Nichts; die Krankheit ist ansteckend und Ihr seid bereits zu lange hier gewesen. Bleibt unten; Ihr müßt Eure Kleider wechseln und für die Kranke in einem andern Zimmer ein Bett aufschlagen lassen, nach dem sie gebracht werden kann, sobald es ihre Kräfte gestatten. Laßt dann diese Fenster öffnen, damit das Gemach gehörige Lüftung erhalte. Was nützt es auch, eine Frau eben dem Rachen des Todes entrissen zu haben, um sie dann der Gefahr auszusetzen, der Pflege eines kranken Gatten zum Opfer zu fallen.« Philipp sah die Klugheit dieses Rathes ein, verließ mit dem Arzte das Zimmer, um seine Kleider zu wechseln, und begab sich sodann in die untere Wohnstube, wo er Pater Matthias fand. »Ihr hattet Recht, Vater,« sagte Philipp, sich auf das Sopha werfend. »Ich bin alt und vorsichtig, Ihr aber jung und lebensmuthig, Philipp; indeß will ich hoffen, daß noch Alles gut gehen wird.« »Ich gleichfalls,« versetzte Philipp. Er blieb nun stumm und vertiefte sich in Betrachtungen, denn nachdem die dringendste Gefahr überstanden war, dachte er über das nach, was ihm Pater Seysen in Betreff des Geheimnisses mitgetheilt hatte, welches von Aminen während ihrem Irrereden enthüllt worden war. Der Priester mochte ihn nicht in dieser Beschäftigung stören, und nach einer Stunde trat Pater Seysen in das Gemach. »Danke dem Himmel, mein Sohn – Amine ist erwacht und vollkommen bei Besinnung. Ich zweifle nun nicht mehr an ihrer Wiederherstellung. Sie hat die belebende Arznei des Doctors eingenommen, obgleich sie sich so sehr nach weiterer Ruhe sehnte, daß ich sie kaum dazu bewegen konnte. Jetzt liegt sie wieder im Schlafe, aus dem sie nicht sobald erwachen wird, und hat eines der Mädchen zur Hüterin; sie darf nicht gestört werden, denn unter solchen Umständen ist jeder Augenblick der Ruhe kostbar. Ich will mich nun nach einiger Erfrischung umsehen, deren wir Alle bedürfen. Philipp, du hast mich deinem Begleiter noch nicht vorgestellt, der, wie ich bemerke, meinem eigenen Stande angehört.« »Vergebt mir,« versetzte Philipp; »Ihr werdet viele Freude an der Bekanntschaft des Vater Matthias erleben, der mir versprochen hat, einige Zeit bei mir zu wohnen. Ich will euch allein lassen und für ein Frühstück Sorge tragen, wegen dessen Verzögerung mich hoffentlich Vater Matthias entschuldigen wird.« Philipp entfernte sich sodann aus dem Gemach und ging in die Küche. Nachdem er das Nöthige angeordnet und Befehl ertheilt hatte, das Frühstück in die Wohnstube zu bringen, setzte er seinen Hut auf und verließ das Haus. Er konnte nicht essen, denn sein Geist war zu verwirrt; die Ereignisse des Morgens hatten zu aufregend auf ihn gewirkt, und er fühlte, daß ihm frische Luft ein Bedürfniß sei. Gleichgültig gegen die Richtung ging er fort und traf auf viele Bekannte, die ihr Bedauern über seinen vermeintlichen Verlust ausdrückten und ihm Glück wünschten, als sie aus seinem Munde erfuhren, daß die Gefahr vorüber sei. Auch theilten sie ihm mit, wie furchtbar die Pest allenthalben gewüthet hatte. Kein Drittheit der Bewohner von Terneuse und der Umgegend war übrig geblieben, und die Wiedergenesenen befanden sich in einem Zustande von Erschöpfung, der sie hinderte, zu ihrer gewohnten Beschäftigung zurückzukehren. Nachdem sie sich also durch die Krankheit durchgekämpft hatten, fielen sie dem Elend und Mangel anheim, und Philipp gelobte in seinem Innern, alle seine Ersparnisse auf Milderung der Noth seiner Nachbarn zu verwenden. Nach zwei Stunden kehrte er wieder zu der Hütte zurück. Zu Hause angelangt, fand er Amine noch immer schlummernd; die beiden Priester saßen in dem untern Zimmer bei einander im Gespräche. »Mein Sohn,« sagte Pater Seysen, »gib uns jetzt einige Aufklärung. Ich habe mich lange mit diesem guten Vater besprochen, der mir viel Interessantes über die Verbreitung unserer heiligen Religion unter den Heiden mittheilte. Seine Nachrichten lauten tröstlich und schmerzlich zumal: unter andern Fragen legte ich ihm jedoch auch eine vor über den Punkt einer übernatürlichen Schiffserscheinung in den östlichen Meeren, wozu ich durch das veranlaßt wurde, was ich aus den Delirien deiner Gattin vernommen habe. Du siehst, Philipp, daß mir dein Geheimniß bekannt ist, da ich sonst nicht eine solche Frage gestellt hätte. Zu meinem Erstaunen berichtet er mir nun, daß er eine solche Heimsuchung mit Augen angesehen habe und daß sie sich nur aus übernatürlichen Wirkungen erklären lasse. Gewiß eine seltsame und schreckliche Heimsuchung! Philipp, würde es nicht besser sein, du machtest meinem Bedenken ein Ende und vertrautest uns Beiden alle Thatsachen, die mit dieser wunderbaren Geschichte zusammenhängen, damit wir darüber nachdenken und dir die Wohlthat eines erfahrenen Rathes ertheilen können? denn wir sind älter als du, und schon durch unsern Beruf in die Lage gesetzt, mit sicherem Blicke zu beurtheilen, ob diese übernatürliche Macht von guten oder schlimmen Einflüssen herrührt.« »Der hochwürdige Vater spricht ganz meine Ansicht aus, Philipp Vanderdecken,« bemerkte Pater Matthias. »Waltet hier ein Werk des Allmächtigen – wem solltest du dich mehr vertrauen, und wer kann dir ein besserer Führer sein, als diejenigen, welche sich hier auf Erden Seinem Dienste geweiht haben? Treibt aber der Böse sein Spiel, wer wird dich besser berathen, als Männer, deren Wunsch und Pflicht es ist, seinem verderblichen Einflusse entgegen zu arbeiten? Bedenke überdies, Philipp, daß das Geheimniß schwer auf dem Geiste deines theuren Weibes lasten und sie in's Grab bringen könnte, wie es bei deiner – wie ich hoffe – seligen Mutter der Fall war. An deiner Seite und von dir unterstützt wird sie es wohl tragen; aber vergiß nicht, wie viele Tage und Nächte sie in der Abwesenheit einsam verbringen muß – wie sehr sie dann des Trostes und der Hülfe Anderer bedarf. Ein derartiges Geheimniß ist ein nagender Wurm, der ihr, trotz ihres Muthes, das Dasein verkürzen muß, wenn ihr nicht die Diener unserer heiligen Kirche tröstenden Balsam in's Herz gießen. Es war grausam und selbstsüchtig von dir, Philipp, sie unter dem Drucke einer so schrecklichen Kunde mit ihrem Elende allein zu lassen.« »Ihr habt mich überzeugt, heiliger Vater,« versetzte Philipp. »Ich fühle, daß ich Euch schon früher mit dieser wunderbaren Geschichte hätte bekannt machen sollen, will aber jetzt alle Umstände angeben, obschon ich nur geringe Hoffnung habe, daß mir Euer Rath in einem so schwierigen Falle, in einer so gebieterischen und sinnverwirrenden Pflicht hülfreich werden kann,« Philipp erzählte nun ausführlich, was vorgegangen war, von den paar Tagen vor dem Tode seiner Mutter an bis auf den gegenwärtigen Augenblick – und schloß dann mit der Bemerkung: »Ihr seht, Vater, daß ich mich durch ein feierliches Gelübde gebunden habe und daß dieses Gelübde angenommen wurde. Es ist mir klar, daß mir jetzt kein anderer Weg offen bleibt, als meine traurige Bestimmung zu verfolgen.« »Mein Sohn, du hast uns seltsame, schreckliche Dinge mitgetheilt – Dinge, die, wenn du nicht in einer Täuschung befangen bist, nicht dieser Welt angehören. Verlaß uns jetzt, Vater Matthias und ich, wir beide wollen uns über diese ernste Angelegenheit berathen und dich unsere Entscheidung wissen lassen, sobald wir zu einem Entschlusse gekommen sind.« Philipp ging die Treppe hinauf, um nach Aminen zu sehen. Sie lag noch in tiefem Schlafe, weßhalb er das Dienstmädchen entließ und an ihrem Bette Platz nahm. Nach zwei Stunden wurde er zu den Priestern hinunter beschieden. »Wir haben diesen seltsamen und vielleicht übernatürlichen Vorfall lange besprochen, mein Sohn,« begann Pater Seysen. »Ich sage vielleicht , denn die verwirrten Mittheilungen deiner Mutter lassen sich recht wohl als Vorstellungen eines erhitzten Gehirns betrachten, und ebensogut kann man annehmen, daß die gewaltige Aufregung, in welcher du zur Zeit ihres Todes befangen warst, störend auf deinen Verstand einwirkte. Da jedoch Vater Matthias mit Bestimmtheit behauptet, er sei auf seinem Heimwege selbst Zeuge einer wundersamen, wo nicht übernatürlichen Schiffserscheinung gewesen, die mit der von dir vorgebrachten Erzählung vollkommen zusammenstimmt und sie bekräftigt, so will ich in dem gegenwärtigen Falle die Möglichkeit eines übernatürlichen Waltens nicht in Abrede ziehen. »Vergeht nicht, daß dasselbe gespenstische Schiff außer mir auch noch vielen Andern begegnet ist,« versetzte Philipp. »Ja,« entgegnete Pater Seysen; aber welcher Lebende kann außer dir die Thatsache bestätigen? Doch das ist jetzt von geringer Bedeutung. Wir wollen zugeben, daß das Ganze nicht das Werk der Menschen, sondern eines höhern Einflusses ist.« »Oh gewiß eines höheren Einflusses!« erwiderte Philipp. »Es ist das Werk des Himmels!« »Das ist ein Punkt, der nicht so leicht zugestanden werden kann, denn es gibt noch eine andere Macht außer der göttlichen – nämlich die des Teufels – des Erzfeindes der Menschheit! Da jedoch letztere der göttlichen Gewalt untergeordnet ist und nicht ohne höhere Zulassung sich geltend machen kann, so wollen wir mittelbar zugeben, es sei der Wille des Himmels, daß bei gewissen Anlässen derartige Zeichen statthaben können.« »Dann sind also unsere Ansichten die gleichen, guter Vater.« »Nein, nicht ganz mein Sohn. Der Zauberer Elimas durfte seine vom Teufel geschöpften Künste üben, um durch seinen Sturz und seine Blindheit den Beweis zu liefern, wie untergeordnet sein Herr dem göttlichen Meister sei; daraus folgt aber nicht, daß Zauberei im Allgemeinen zugelassen wird. Im gegenwärtigen Falle hat es vielleicht seine Richtigkeit, daß es dem Bösen gestattet wurde, seine Macht über den Kapitän und die Mannschaft jenes Schiffes zu üben, und das übernatürliche Schiff mag wohl als Warnungszeichen gegen so schwere Vergehungen erscheinen. Soweit wäre unsere Annahme gerechtfertigt. Doch erheben sich nun zwei große Fragen – erstlich, ob wirklich dein Vater jener Mann des Fluches ist, und dann, in wie weit du die Verpflichtung hast, dieses wahnsinnige Spähen zu verfolgen, das meiner Ansicht nach wohl mit deinem Untergang endigen, aber nicht wohl das Mittel sein kann, deinen Vater aus seinem unheiligen Zustande zu befreien. Verstehst du mich, Philipp?« »Ich verstehe allerdings, was Ihr mir bedeuten wollt, Vater; indeß –« »Antworte mir jetzt nicht. Es ist die Ansicht dieses hochwürdigen Vaters sowohl, als meine eigene, daß die Thatsachen, die du angabst, sich so verhalten mögen, wie du meinst – daß übrigens die Offenbarung nicht von oben kam, sondern eben eine Einflüsterung des Teufels ist, der dich in Gefahr und zuletzt in den Tod führen will; denn hättest du wirklich eine derartige Aufgabe – warum erschien dir das Schiff nicht auf dieser letzten Reise – und wie könntest du, selbst daß du ihm fünfzigmal begegnetest, einen Verkehr mit demselben oder mit den darauf befindlichen Schatten herstellen, die nicht dieser Welt angehören? Wir machen dir daher den Vorschlag, daß du einen Theil des von deinem Vater hinterlassenen Geldes auf Seelenmessen verwendest, da deine Mutter unter andern Verhältnissen zuverlässig ein Gleiches gethan haben würde. Ist dies geschehen, so magst du ruhig am Lande bleiben, bis dir ein neues Zeichen gegeben wird, welches dich zu der Annahme rechtfertigt, du seiest wirklich zu dieser seltsamen Aufgabe auserwählt.« »Aber mein Eid, Vater – mein im Himmel angenommenes Gelübde?« »Mein Sohn, die heilige Kirche hat die Macht dich davon zu absolviren und diese Absolution sollst du erhalten. Du hast dich in unsere Hände gegeben und mußt dich durch unsere Entscheidung leiten lassen. Geschieht hier ein Unrecht, so sind wir verantwortlich, nicht du. Vorderhand also kein Wort davon. Jetzt will ich hinaufgehen, und sobald dein Weib erwacht, magst du dich auf die Zusammenkunft mit ihr vorbereiten.« Pater Seysen verließ nun das Gemach, und Pater Matthias besprach die Sache eines Weiteren mit Philipp. Sie beleuchteten den Gegenstand geraume Zeit, und der Priester führte ähnliche Beweisgründe auf, welche zwar Philipp nicht überzeugten, aber doch zuletzt zweifelhaft machten. Nach dem Schlusse der Erörterung verließ unser Held die Hütte. »Ein neues Zeichen – ein bekräftigendes Zeichen!« dachte Philipp; »wahrhaftig, wir haben der Zeichen und Wunder genug, Indeß mag es doch wahr sein, daß Seelenmessen meinen Vater aus seinem Zustande der Qual befreien können. Jedenfalls trifft mich kein Vorwurf, wenn sie die Entscheidung übernehmen. Wohlan denn, so will ich ein neues Zeichen des göttlichen Willens abwarten, wenn es einmal so sein soll.« Und Philipp ging weiter, hin und wieder an Pater Seysens Beweisgründe, noch öfter an Aminen denkend. Es war jetzt Abend und die Sonne dem Untergange nahe. Philipp wanderte noch immer fort, bis er endlich an derselben Stelle anlangte, wo er knieend sein feierliches Gelübde ausgesprochen hatte. Er erkannte den Ort und blickte nach den fernen Bergen. Die Sonne stand gerade in derselben Höhe – die Landschaft, der Platz, die Zeit, Alles das Gleiche. Abermals knieete Philipp nieder, nahm die Reliquie aus seinem Busen und küßte sie. Er sah der Sonne nach und beugte sich bis zur Erde, eines Zeichens harrend; aber das Gestirn des Tages senkte sich hinter das Gebirge und der Schleier der Nacht breitete sich über die Landschaft. Kein Zeichen hatte sich kund gegeben; Philipp erhob sich daher und ging der Heimath zu, mehr als je geneigt, Pater Seysens Rathe zu folgen. Dort angelangt, ging Philipp leise die Treppe hinan und trat in das Gemach Aminens, welche jetzt erwacht und mit dem Priester in einem Gespräche begriffen war. Der geschlossene Vorhang hinderte, daß er bemerkt wurde. Mit klopfendem Herzen blieb er an der Wand zu den Häupten des Bettes stehen. »Ihr habt Grund zu glauben, daß mein Gatte angelangt sei?« fragte Amine mit matter Stimme. »Oh, so redet – welchen Grund?« »Wir wissen, daß sein Schiff eingetroffen ist, und haben aus dem Munde eines Augenzeugen vernommen, daß sich Alles an Bord wohl befindet.« »Aber warum ist er nicht hier? Wer sollte die Kunde von seiner Rückkehr früher bringen, als er selbst? Vater Seysen, er ist entweder nicht angekommen, oder befindet sich hier – ich weiß, er muß hier sein, wenn er gesund und wohl ist. Ich kenne meinen Philipp zu gut. Sagt mir – ist er nicht hier? Fürchtet nichts, wenn Ihr ›ja‹ sagt; aber das Gegentheil wird mir den Tod bringen.« »Ja, Amine, er befindet sich hier,« versetzte Pater Seysen – »und befindet sich wohl.« »O Gott! ich danke dir! aber wo ist er? Er muß in diesem Zimmer sein, oder Ihr täuscht mich. Oh, diese Ungewißheit ist bitterer als der Tod!« »Ich bin hier,« rief Philipp, die Vorhänge öffnend. Amine erhob sich mit einem Schrei, breitete ihre Arme aus und sank dann besinnungslos zurück. Nach einer kurzen Weile erholte sie sich jedoch wieder und bewies damit die Wahrheit von Pater Seysens Behauptung, daß die Freude nicht tödtet. Wir müssen nun die paar Tage übergehen, in deren Verlauf Philipp fast kaum das Krankenlager seiner Amine verließ. Sie erholte sich schnell, und sobald sie sich kräftig genug fühlte, um den Gegenstand zur Sprache bringen zu können, mußte ihr Philipp Alles erzählen, was seit seiner Abreise vorgefallen war; er versäumte auch nicht, das Bekenntniß zu berühren, das er gegen Pater Seysen abgelegt hatte. Amine fühlte sich überglücklich, daß Philipp bei ihr bleiben wollte, und vereinigte ihre Ueberredungskunst mit den Rathschlägen der Priester, so daß Philipp eine Zeitlang nicht mehr von seiner Absicht, auf die See zu gehen, sprach. Vierzehntes Kapitel. Sechs Wochen waren entschwunden und die wiederhergestellte Amine ging an dem Arme ihres innig geliebten Philipp spazieren oder schmiegte sich in der traulichen Wohnung an seine Seite. Vater Matthias war noch immer ihr Gast. Die Messen für Vanderdeckens Seele waren bezahlt und Pater Seysen noch weitere Summen anvertraut worden, um die Leiden der bedrängten Armen zu mildern. Man kann sich leicht denken, daß die Entscheidung der beiden Priester, Philipps Benehmen betreffend, einen Hauptgegenstand der Gespräche zwischen unserem Helden und Aminen bildete. Er war zwar seines Eides entbunden worden, aber obgleich er sich in die Weisungen seiner geistlichen Rathgeber fügte, fühlte er sich doch keineswegs zufrieden gestellt. Seine Liebe zu Amine und ihr Wunsch, daß er zu Hause bleiben möchte, verliehen allerdings Pater Seysens Machtspruch großes Gewicht, und Philipp gehorchte bereitwillig, obgleich er seine Zweifel über die Zweckmäßigkeit eines derartigen Benehmens nicht zu unterdrücken vermochte. Aminens Beweisgründe, die jetzt in der Ansicht der Priester ihre Stütze fanden, hinderten seine Abreise, aber die Liebkosungen, womit sie ihrer Ueberredungskunst Nachdruck gab, blieben doch nur für den Augenblick wirksam; denn sobald unser Held allein war, kehrte die Frage mit neuer Kraft in seine Seele zurück, und eine innere Stimme klagte ihn an, daß er eine heilige Pflicht verabsäume. Amine bemerkte oft die düstere Wolke auf seiner Stirne; da sie jedoch die Ursache zu gut kannte, so begann sie unablässig mit ihren Gründen und Liebkosungen, bis Philipp vergessen hatte, es gebe außer Amine noch etwas Anderes auf der Welt. Eines Morgens saßen sie auf einem grünen Rasen und pflückten die rings umher blühenden Blumen, welche sie achtlos wieder wegwarfen; da ersah denn Amine die langersehnte Gelegenheit, um einen bisher unberührten Gegenstand zur Sprache zu bringen. »Philipp,« sagte sie, »glaubst du an Träume, und hältst du es für möglich, daß wir durch solche Mittel übernatürliche Offenbarungen erhalten können?« »Allerdings,« versetzte Philipp; »wir haben hinreichende Beweise davon in der heiligen Schrift.« »Wohlan denn, warum befriedigst du deine Bedenken nicht durch einen Traum?« »Meine theuerste Amine, Träume kommen ungeheißen; wir können nicht über sie gebieten, oder sie verhindern – –« »Wir können über sie gebieten, Philipp. Sprich nur, daß du über den Gegenstand zu träumen wünschest, der deinem Herzen so nahe liegt, und du sollst es.« »Ich soll es?« »Ja, ich habe diese Macht, Philipp, obgleich ich dir nie etwas davon mittheilte. Das Geheimniß wurde mir von meiner Mutter anvertraut, obgleich ich bis auf die letzte Zeit nie mehr daran dachte. Du weißt, Philipp, daß ich nie eine Unwahrheit spreche; wenn du willst, so sollst du von der Sache träumen.« »Aber wozu soll das führen, Amine? Wenn du die Macht hast, mich träumen zu lassen, so mußt du sie irgend woher besitzen.« »Allerdings; es gibt Mittel, von denen du keine Ahnung hast, obschon sie in meinem Geburtslande noch immer in Gebrauch sind. Ich bin im Besitze eines Zaubers, Philipp, der nie trügt.« »Eines Zaubers, Amine? So gibst du dich also mit der schwarzen Kunst ab, denn solche Kräfte stammen nicht vom Himmel.« »Ihren Ursprung kenne ich nicht und kann nur soviel sagen, daß die Thatsache in meiner Gewalt liegt.« »Das muß ein Werk des Teufels sein, Amine.« »Und warum dies, Philipp? Kann ich mich hier nicht auf die Erwiderung der eigenen Priester berufen, welche sagen, die Macht des Teufels könne sich mir unter göttlichem Einfluß geltend machen und dürfe nur unter Zulassung von oben statthaben? Nenne daher meine Gewalt Zauberei oder wie du willst – sie muß fehl schlagen, wenn der Himmel nicht seine Genehmigung dazu gibt. Gleichwohl sehe ich nicht ein, warum wir vermuthen sollten, daß sie aus einer schlimmen Quelle fließen. Wir fragen im Traume um Warnungszeichen, die unter zweifelhaften Umständen unser Benehmen leiten sollen. Sicher würde uns der Böse lieber irre führen, als den rechten Pfad zeigen.« »Amine, wir können im Traume gewarnt werden, wie die Patriarchen des Alterthums; aber geheimnißvolle oder unheimliche Zauber anzuwenden, um ein Gesicht herbeizuführen, heißt nichts Anderes, als einen Bund mit dem Teufel schließen.« »Den der Teufel aber nicht auszubeuten im Stande ist, wenn es ihm nicht von einer höheren Macht gestattet wird. Philipp, deine Folgerungen sind falsch. Wir wissen, daß durch gebührende Beobachtung bestimmter Mittel die Träume, die wir wünschen, hervorgerufen werden können. Es ist nur eine Ceremonie, die unseren rechtlichen Sinn nicht beeinträchtigen kann – und vergib mir, Philipp, ist nicht die Beobachtung von Ceremonien auch in deiner eigenen Religion nöthig, die jetzt auch die meinige ist? Sagt man uns nicht, daß die Unterlassung des Besprengens mit Wasser an einem Kinde alle Aussicht auf zukünftiges Glück in ewigen Jammer umwandle?« Philipp schwieg eine Weile. »Ich fürchte, Amine,« sagte er endlich in gedämpftem Tone, »daß ich – –« »Ich fürchte nichts, Philipp, so lange die Absicht gut ist,« versetzte Amine. »Die Anwendung gewisser Mittel läßt mich mein Ziel erreichen, und dieses ist im gegenwärtigen Falle nichts Anderes, als wo möglich ausfindig zu machen, was in dieser zweifelhaften Sache der Wille des Himmels sein mag. Sollte uns dieser auch durch den Teufel kund gethan werden – was dann? Er wird zu meinem Knechte und nicht zu meinem Herrn; der Himmel gestattet ihm nur, gegen sich selbst zu handeln.« Und Aminens Augen funkelten, während sie sich in dieser kühnen Weise aussprach. »Hat deine Mutter ihre Kunst oft ausgeübt?« fragte Philipp nach einer Pause. »Ich habe hierüber keine Kunde, sondern weiß nur, daß sie in dieser Kunst sehr erfahren war. Es ist dir bekannt, daß sie sehr jung starb, denn sonst würde ich wahrscheinlich viel mehr erfahren haben. Glaubst du, Philipp, daß diese Welt blos von vergänglichen, aus Thon gebildeten Geschöpfen, wie wir sind, bevölkert sei – von bloßen Herren über die Thierwelt, die selbst nicht viel besser sind? Findest du nicht in deiner eigenen heiligen Schrift wiederholte Zugeständnisse und Beweise, daß ein höheres Walten auch hienieden unter den Menschen thätig ist? Warum sollte das, was vor Zeiten geschah, nicht mehr stattfinden – und welcher größere Nachtheil könnte jetzt aus einem Berufen an einen überirdischen Beistand erwachsen, als vor einigen tausend Jahren? Warum sollte den Geistern jetzt nicht mehr zugelassen werden, was ihnen doch damals gestattet wurde? Was ist aus ihnen geworden? Sind sie zu Grunde gegangen, oder wurden sie zurückberufen? – Wohin? – nach dem Himmel? Wenn nach dem Himmel, so müßte die Welt und die Menschheit ganz der Willkür des Teufels und seiner Rotten preisgegeben sein. Glaubst du, wir armen Sterblichen seien so ganz verlassen? Ich sage dir offen, daß ich nicht dieser Ansicht bin. Wir unterhalten nicht länger einen Verkehr mit den guten Geistern der Vorzeit, weil wir mit unserer wachsenden Einsicht auch zu stolz geworden sind, um sie aufzusuchen – aber ich bin überzeugt, daß sie immer noch vorhanden sind – eine Schaar guter Geister gegen eine Schaar von Bösen, die unsichtbar mit einander kämpfen. Oder sage mir auf dein Gewissen, Philipp, glaubst du, daß Alles, was dir geoffenbart wurde, ein bloßes Hirngespenst – ein Geschöpf deiner Einbildungskraft sei?« »Nein, gewiß nicht, Amine; wollte Gott, ich könnte es glauben.« »Dann ist meine Beweisführung vollständig, denn wenn derartige Mittheilungen dir gemacht werden konnten, warum sollte dies nicht auch bei Andern möglich sein? Welch ein Einfluß dabei gewaltet, weißt du nicht zu sagen. Deine Priester behaupten, der Böse sei dabei im Spiele, während du das Ganze für eine Offenbarung von Oben hältst. Nehmen wir dies zum Maßstabe – wer ist wohl dann im Stande zu entscheiden, woher der Traum kommen wird?« »Das ist wahr, Amine, bist du aber deiner Kraft gewiß?« »Allerdings; und wenn es einem höheren Wesen beliebt, mit dir in Verkehr zu treten, so kannst du dich auf seine Mittheilung verlassen. Du wirst entweder gar nicht träumen und die Stunden in tiefem Schlaf verbringen, oder dein Traum steht in Verbindung mit der Frage, die du gelöst wünschest.« »Wohlan, Amine, ich bin entschlossen. Ich will träumen, denn mein Geist wird ohne Unterlaß von widerstrebenden Zweifeln gefoltert. Ich muß wissen, ob ich recht oder unrecht thue. Diese Nacht noch magst du deine Kunst bei mir in Anwendung bringen.« »Nicht in dieser Nacht und auch nicht in der morgigen. Kommt es dir keinen Augenblick zu Sinne, daß ich dir in meinem Vorschlage ganz gegen die eigenen Wünsche diene? Es ist mir, als ob dein Traum gegen mich entscheiden werde und daß du Befehl erhältst, zu deiner Pflicht zurückzukehren, denn ehrlich gesprochen, ich theile die Ansicht der Priester nicht. Ich bin übrigens deine Gattin, Philipp, und es ist meine Pflicht, zu verhüten, daß du getäuscht werdest. Deßhalb biete ich dir die Mittel, welche, wie ich glaube, deinem Beginnen eine Richtschnur vorschreiben werden. Aber Eines mußt du mir dafür versprechen – eine Gunst, die ich als meine Belohnung fordern werde.« »Zugesagt, Amine, auch ohne daß ich deinen Wunsch kenne,« versetzte Philipp, sich vom Rasen erhebend; »aber jetzt wollen wir nach Hause gehen.« Wir haben oben bemerkt, daß Philipp vor seiner Ausfahrt in der Batavia einen großen Theil seines Vermögens bei der holländisch-ostindischen Compagnie angelegt hatte. Die Interessen reichten für Aminens Bedürfnisse mehr als zu, und bei seiner Rückkehr fand er, daß die Fonds, die er in ihren Händen gelassen, sich gleichfalls vermehrt hatten. Ueber den Betrag der an Pater Seysen bezahlten Summe für Seelenmessen und für Unterstützung der Armen war noch ein beträchtlicher Ueberschuß vorhanden, den Philipp zum Ankauf weiterer Aktien der ostindischen Compagnie verwendete. Der Gegenstand der vorerwähnten Unterhaltung wurde nicht wieder erneuert, denn Philipp sah es nicht gerne, daß Amine derartige geheimnißvolle Künste übte, welche wahrscheinlich den Fluch der Kirche auf sie herabgerufen haben würden, wenn sie den Priestern bekannt geworden wären. Allerdings bewunderte er die Kühnheit und Kraft in Aminens Folgerungen, aber dennoch fühlte er sich abgeneigt, sie in Anwendung zu bringen. Der dritte Tag war entschwunden, ohne daß der Sache weiter gedacht worden wäre. Philipp begab sich zu Bette und war bald eingeschlafen; aber Amine schlief nicht. Sobald sie sich überzeugt hatte, daß von Philipp's Seite kein Erwachen zu besorgen stand, schlüpfte sie aus dem Bette und kleidete sich an. Dann verließ sie das Gemach und kehrte nach einer Viertelstunde mit einem kleinen Becken voll angezündeter Holzkohlen zurück; in der andern Hand hatte sie zwei Stückchen Pergament, die sie ausrollte und vermittelst eines Knotens auf einem schmalen Bande befestigte. Eines von den Pergamentstücken knüpfte sie leise um die Stirn ihres Gatten, das andere um dessen linken Arm. Dann warf sie Räucherwerk in das Becken, und als die Gestalt des Schlafenden in Folge des Rauches, der das Zimmer erfüllte, undeutlicher wurde, murmelte sie einige Sprüche, schwenkte einen kleinen Zweig, den sie in ihrer weißen Hand hielt, über ihn hin, schloß dann die Vorhänge, entfernte die Kohlenpfanne und setzte sich an die Seite seines Bettes nieder. »Wenn ein Unrecht darin liegt, so trifft wenigstens die Schuld nicht ihn, sondern mich; man kann ihm nicht nachsagen, daß er Künste geübt habe, welche von seinen Priestern verboten sind. Die Verantwortung komme über mein Haupt!« Ein verächtliches Aufwerfen von Aminen's schön gewölbter Lippe bekundete nicht die größte Ehrfurcht gegen ihr neues Glaubensbekenntniß. Der Morgen dämmerte und Philipp schlummerte noch immer. »Es ist genug,« sagte Amine, sobald sie den obern Sonnenrand über dem Horizont erscheinen sah. Und abermals schwenkte sie den Zweig über ihren Gatten und rief: »Philipp, erwache!« Philipp fuhr zusammen, öffnete seine Augen, schloß sie wieder, um das grelle Licht des hellen Tages zu vermeiden, stützte sich auf seine Ellenbogen und schien seine Gedanken zu sammeln. »Wo bin ich?« rief er. »In meinem Bette? Ja!« Er fuhr mit der Hand über die Stirne und fühlte das Pergament. »Was ist dies?« fuhr er fort, indem er es abriß und untersuchte. »Und Amine, wo ist sie? Gütiger Himmel, welch' ein Traum! Noch eines!« fügte er bei, als er den Knoten an seinem Arme bemerkte. »Ach ich verstehe – Amine, das ist dein Werk!« Mit diesen Worten warf er sich nieder und begrub das Antlitz im Kissen. Amine war mittlerweile wieder in das Bett geschlüpft und hatte ihren Platz an Philipp's Seite eingenommen. »Schlafe, lieber Philipp, schlafe!« sagte sie, indem sie ihre Arme um ihn schlang; »wir wollen mit einander sprechen, wenn wir wieder erwachen.« »Bist du da, Amine?« versetzte Philipp verwirrt. »Ich glaubte allein zu sein; ich habe geträumt –« Und abermals verfiel Philipp in Schlaf, noch ehe er seinen Satz beendigen konnte. Amine, vom Wachen müde, schlummerte gleichfalls ein. Pater Matthias mußte am Morgen lange auf sein Frühstück warten, da Philipp und Amine zwei Stunden später als sonst aufstanden. »Seid gegrüßt, meine Kinder,« begann er; »ihr seid heute spät auf den Beinen.« »Ja, Vater,« versetzte Amine, »denn Philipp schlief und ich habe bis zu Tagesanbruch gewacht.« »Er ist doch hoffentlich nicht krank gewesen,« entgegnete der Priester. »Nein, nicht krank; aber ich konnte nicht schlafen,« entgegnete Amine. »Dann thatest du wohl, die Nacht in heiligem Wachen zu verbringen – denn ich zweifle nicht, daß du dies gethan hast, mein Kind.« Philipp schauderte, denn er wußte, daß das Wachen seiner Gattin dem Priester nichts weniger als heilig vorgekommen sein würde, wenn er dessen Ursache gekannt hätte. Amine versetzte rasch: »Ich habe allerdings mit höhern Mächten verkehrt, so weit meine arme Einsicht dazu befähigt war.« »Der Segen unserer heiligen Kirche komme über dich, mein Kind,« sagte der alte Mann, indem er seine Hand auf ihr Haupt legte; »und auch über dich, Philipp.« Philipp setzte sich verwirrt zu Tische, aber Amine war gefaßter, als je, obgleich sie nur wenig sprach und mit ihren Gedanken zu verkehren schien. Nach Beendigung des Mahls griff der alte Priester nach seinem Brevier; Amine aber winkte Philipp, und sie gingen in's Freie, stumm neben einander herwandelnd, bis sie an dem Rasenplatze anlangten, wo Amine ihrem Gatten zuerst mitgetheilt hatte, daß sie im Besitze einer geheimnißvollen Macht sei. Sie ließ sich nieder und Philipp, der ihre Absicht vollkommen errieth, setzte sich stumm an ihre Seite. »Philipp,« begann Amine, indem sie seine Hand faßte und ihm angelegentlich in's Gesicht blickte; »Du hast in der letzten Nacht geträumt.« »Allerdings, Amine,« versetzte Philipp ernst. »Theile mir das Gesicht mit, denn es wird meine Aufgabe sein, es dir auszulegen.« »Ich fürchte, daß es nur weniger Auslegung bedarf, Amine, und wünschte weiter nichts zu wissen, als welchen Einflüssen der Traum seine Entstehung verdankt.« »Erzähle mir ihn,« entgegnete Amine mit Ruhe. »Es däuchte mich,« sagte Philipp wehmüthig, »ich segle als Kapitän eines Schiffes um das Kap. Die See war ruhig und der Wind leicht. Ich stand auf dem Hinterschiffe und blickte, da die Sonne bereits untergegangen war, die Sterne an, die in ungewöhnlichem Glanze strahlten. Das Wetter war warm und ich legte mich auf meinen Mantel, das Antlitz gen Himmel gerichtet, wo die hellen Edelsteine blitzten und hin und wieder Meteore niederfielen. Endlich schlief ich ein und erwachte mit einem Gefühle, als ob ich in die Tiefe sänke. Ich blickte umher; die Masten, das Takelwerk, der Rumpf des Schiffes – Alles war verschwunden, und ich schwamm allein in einer großen schön geformten Muschel auf der endlosen Wasserfläche. Ich war unruhig, und scheute mich nur eine Bewegung zu machen, damit meine gebrechliche Barke nicht überstürze und ich zu Grunde gehe. Endlich bemerkte ich, daß der Vordertheil der Muschel niedergedrückt war, als ob ein Gewicht daran hinge, und bald nachher entdeckte ich eine kleine, weiche Hand, welche den Rand gefaßt hielt. Ich blieb regungslos und wollte ausrufen, daß meine kleine Barke sinken werde, vermochte aber kein Wort hervorzubringen. Allmälig erhob sich eine Gestalt aus den Wogen und lehnte sich mit beiden Armen auf den Vordertheil der Muschel, an welcher ich zuvor nur die Hand gesehen hatte. Es war ein wunderschönes Frauenbild, die Haut weiß, wie frisch gefallener Schnee. Das lange lose Haar fiel über sie nieder, daß die Enden im Wasser nachflutheten. Ihre Arme waren rund und wie Elfenbein. Mit sanfter, süßer Stimme begann sie: »›Philipp Vanderdecken, was fürchtest du? Hast du nicht ein gefeietes Leben?‹ »›Ob mein Leben gefeiet ist, oder nicht, ist mir unbekannt,‹ versetzte ich; ›so viel aber weiß ich, daß es sich in Gefahr befindet.‹ »›In Gefahr?‹ entgegnete sie. ›Das möchte der Fall sein, wenn du dich einem jener gebrechlichen Werke von Menschenhand anvertraut hättest, welche die Wellen so gerne in Stücke zertrümmern – einem von euren guten Schiffen, wie ihr sie nennt, die aber nur geduldet schwimmen dürfen. Wo kann jedoch Gefahr sein, wenn du dich in der Muschel einer Meerfei befindest, vor welcher der größte Wogenberg Achtung hat, und auf die er nicht einmal seine Sprüh zu werfen wagt. Philipp Vanderdecken, du bist gekommen, um deinen Vater zu suchen.‹ »›Ja‹, antwortete ich; ›ist es nicht der Wille des Himmels?‹ »›Es ist deine Bestimmung – und die Bestimmung lenkt Alles in den Höhen und in den Tiefen. Wollen wir ihn gemeinschaftlich aufsuchen? Diese Muschel ist die meinige; du weißt nicht, wie du sie zu lenken hast – soll ich dir beistehen?‹ »›Ist sie im Stande, uns Beide zu tragen?‹ »›Du wirst's sehen,‹ versetzte sie lachend, indem sie an dem vorderen Theile niedersank und unmittelbar darauf an dem Seitenrande auftauchte, der nur etwa drei Zoll über dem Wasser stand. Zu meinem Schrecken erhob sie sich und setzte sich auf die Kante, aber ihr Gewicht schien keine Wirkung zu üben. Während sie so da saß, die Füße stets unter dem Wasser haltend, schoß die Schaale rasch von hinnen, immer schneller und schneller, ohne eine andere bewegende Kraft, als die ihres Willens. »›Fürchtest du dich noch immer, Philipp Vanderdecken?‹ »›Nein,‹ antwortete ich. »Sie fuhr mit der Hand über ihre Stirne, warf die Flechten ihres Haares bei Seite, welche theilweise ihr Gesicht verhüllt hatten und sprach – ›so sieh mich an.‹ »Ich gehorchte ihrem Geheiße und erkannte deine Züge, Amine.« »Die meinigen?« bemerkte Amine, mit einem Lächeln auf ihren Lippen. »Ja, Amine, du warst es. Ich rief dich beim Namen und schlang meinen Arm um dich. Ich fühlte, daß ich bei dir bleiben und eine Ewigkeit mit dir um die Welt segeln könnte.« »Fahre fort, Philipp,« entgegnete Amine mit Ruhe. »Es war mir, als führen wir tausend und aber tausend Meilen weit. Wir kamen an schönen Inseln vorbei, die wie Edelsteine auf das Bette des Oceans hingestreut waren – meine Barke das einemal gegen die kräuselnde Strömung anhüpfend, ein andermal dicht an einer Küste hin auf der murmelnden Welle schwimmend, welche den Sand bespülte, während der Cocusbaum des Gestades unter der kühlenden Brise fächelte. ›In der ruhigen See werden wir deinen Vater nicht finden,‹ sagte sie; ›wir müssen es anderswo versuchen.‹ »Jetzt hoben sich allmälig die Wellen, bis sie endlich in voller Wuth tobten und die Muschelschaale ungestüm auf den wilden Wogen umhergeworfen wurde. Dennoch drang nicht ein Tropfen ein und wir segelten sicher über Wellen, welche das stolzeste Schiff verschlungen haben würden. »›Fürchtest du dich, Philipp?‹ fragte sie mich. »›Nein,‹ entgegnete ich; ›an deiner Seite, Amine, fürchte ich Nichts.‹ »›Wir sind nun wieder auf der Höhe des Kaps,‹ sagte sie, ›und hier wirst du deinen Vater finden. Wir wollen uns umsehen, denn wenn wir jetzt auf ein Schiff treffen, muß es das seinige sein. Nur das Geisterschiff vermag in einer Bö, wie diese, zu schwimmen.« »Wir wurden über berghohe Wogen dahin getragen – schwammen von einem Kamme zum andern, so daß unsere kleine Barke bisweilen ganz aus dem Wasser herauskam – jetzt Ost, jetzt West, bald Nord, bald Süd, in allen Richtungen des Kompasses und in jeder Minute unsern Kurs wechselnd. Hunderte von Meilen legten wir so zurück. Endlich sahen wir ein Schiff, das von der ungestümen Bö umhergeworfen wurde. »›Dort!‹ rief sie, mit ihrem Finger darnach hindeutend; ›dort ist das Schiff deines Vaters.‹ »Rasch kamen wir demselben nahe – sie sahen uns vom Borde aus und brachten das Schiff gegen den Wind. Wir lagen neben einander – die Planke wurde losgemacht – denn obgleich kein Boot zu entern vermocht hätte, war doch unsere Muschel sicher. Ich blickte auf, Amine, und sah meinen Vater – ja ich sah ihn, und hörte, wie er seine Befehle ertheilte. Ich zog die Reliquie aus meinem Busen und bot sie ihm entgegen. Er stand auf dem Schanddeck, sich an der großen Wand haltend, und lächelte mir zu. Ich wollte eben aufstehen, um an Bord zu gehen, denn man hatte mir die Strickleiter zugeworfen, als ich einen gellenden lauten Ruf vernahm und ein Mann von der Laufplanke aus in die Schaale stürzte. Du schriest laut auf, schlüpftest an der Seite nieder und verschwandest unter den Wogen; die Muschel selbst aber wurde durch den Mann, der den Platz eingenommen hatte, mit der Schnelligkeit des Gedankens von dem Schiffe weggeführt. Ich fühlte eine Eiskälte meinen Körper durchdringen, und als ich mich umwandte, um meinen neuen Begleiter anzusehen, fand ich, daß es – der Pilot Schriften war, der einäugige Wicht, welcher ertrank, als wir an der Tafelbay Schiffbruch litten. »›Nein, nein, noch nicht!‹ rief er. »Voll Wuth und Verzweiflung schleuderte ich ihn von seinem Sitze aus der Muschel und schwamm auf dem tobenden Wasser weiter. »›Philipp Vanderdecken,‹ sagte er im Fortschwimmen, ›wir werden uns wiedersehen!‹ »Ich wandte voll Abscheu das Gesicht ab; aber jetzt füllte eine Welle meine Barke und ich sank. Unter dem Wasser kämpfend gerieth ich, zwar ohne Schmerz, aber doch mehr und mehr in die Tiefe, bis ich erwachte.« »Nun, Amine,« fuhr Philipp nach einer Pause fort, »was hältst du von meinem Traume?« »Erhellt nicht daraus, daß ich deine Freundin bin, Philipp, und daß der Pilot Schriften dein Feind ist?« »Ich gebe es zu; aber er ist todt.« »Weißt du das so gewiß?« »Er konnte kaum entkommen, ohne daß es zu meiner Kenntniß gelangt wäre.« »Wohl wahr, aber der Traum scheint etwas Anderes anzudeuten, Philipp. Meiner Ansicht nach besteht die einzige Weise, welche eine Aufklärung der Sache verspricht, darin, daß du vorderhand auf dem Lande bleibst. Dieser Rath steht im Einklange mit dem deiner Priester. Jedenfalls bedarfst du jetzt eines weiteren Winkes. In dem Traume war ich deine sichere Führerin – laß dich jetzt abermals von mir leiten.« »Es sei so, Amine. Wenn deine wunderbare Kunst im Widerspruche steht mit unserem heiligen Glauben, so erklärst du doch den Traum im Einklange mit dem Rathe seiner Diener.« »Ganz recht. Doch jetzt, Philipp, wollen wir uns die Sache aus dem Sinn schlagen. Kommt dermaleinst die Zeit, so wird dich Amine nicht von deiner Pflicht zurückhalten; aber vergiß nicht, du hast mir eine Gunst verheißen, sobald ich dich darum bitte.« »Allerdings; so sprich denn, Amine was wünschest du?« »Oh! vorderhand Nichts. Außer dem, was mir bereits bescheert ist, habe ich keinen Wunsch auf Erden. Bist nicht du mein Eigenthum, theuerster Philipp?« versetzte Amine, sich zärtlich an den Hals ihres Gatten werfend. Fünfzehntes Kapitel. Etwa drei Monate nach diesem Gespräche saßen Amine und Philipp abermals auf der erwähnten Rasenbank, die ihr Lieblingsaufenthalt geworden war. Pater Matthias hatte eine innige Freundschaft mit Pater Seysen geschlossen, und die beiden Priester waren fast eben so unzertrennlich, als Philipp und Amine. Da sich unser Held vorgenommen hatte, seine seltsame und furchtbare Aufgabe nicht auf's Neue anzutreten, ehe er einen Wink dazu erhielte, so lebte das Ehepaar glücklich im gegenseitigen Besitze, und der Gegenstand wurde selten zur Sprache gebracht. Bei seiner Heimkehr hatte Philipp gegen die Direktoren der Compagnie den Wunsch möglichst baldiger Wiederverwendung, und zwar in der Eigenschaft eines Schiffskommandeurs, ausgedrückt, und da er seit dieser Zeit keine weiteren Schritte that, so war auch alle Kunde von Amsterdam ausgeblieben. »Ich liebe diese Rasenbank, Philipp,« sagte Amine, »und es gewinnt den Anschein, als hätte ich eine vertraute Freundschaft mit ihr geschlossen. Wie du dich erinnerst, war dieß der Ort, als wir die Frage besprachen, ob es erlaubt sei, zu Träumen seine Zuflucht zu nehmen: desgleichen, mein theurer Philipp, hast du mir an der nämlichen Stelle deinen Traum erzählt, während ich dir denselben auslegte.« »Allerdings, Amine; aber wenn du den Pater Seysen um seine Meinung fragst, wird er eine ziemlich strenge Entscheidung gegen dich ergehen lassen. Du wirst ihm in dem Lichte einer fluchwürdigen Ketzerin erscheinen.« »Sei's d'rum, wenn es ihm Freude macht. Ich nehme keinen Anstand, ihm das Geschehene mitzutheilen.« »Thue dieß ja nicht, Amine; laß das Geheimniß nur unter uns bleiben.« »Glaubst du, Pater Matthias würde mir Vorwürfe machen?« »Gewiß.« »Aber ich nicht; der alte Mann ist so wohlwollend und freisinnig, daß ich ihn eigentlich bewundere. Ich möchte wohl die Frage mit ihm beleuchten.« Während Amine sprach, empfand Philipp eine Berührung seiner Schulter, und ein plötzlicher, eisiger Schauder rann durch seinen ganzen Körper. Im Nu wandten sich seine Gedanken der wahrscheinlichen Ursache zu, und als er den Kopf umwandte, bemerkte er mit Erstaunen, daß der Pilot des Schillings, der einäugige Schriften, den er für ertrunken gehalten hatte, mit einem Briefe in der Hand, hinter ihm stand. Das plötzliche Erscheinen dieses boshaften Wichtes bewog Philipp zu dem Ausrufe: »Barmherziger Himmel! Ist es möglich?« Amine, welche bei dem Rufe ihres Gatten gleichfalls umgesehen hatte, bedeckte ihr Antlitz, und brach in Thränen aus – eine Bewegung, zu welcher nicht Furcht, sondern die Ueberzeugung Anlaß gab, daß ihr Gatte erst im Grabe Ruhe finden werde. »Philipp Vanderdecken,« sagte Schriften, »hi!hi! ich habe einen Brief an Euch – er ist von der Compagnie.« Philipp nahm das Schreiben, heftete aber, eh' er es erbrach, seine Augen auf Schriften. »Ich dachte,« sagte er, »Ihr wäret ertrunken, als das Schiff in der falschen Bay zu Grunde ging. Wie entkamt Ihr?« »Wie ich entkam?« versetzte Schriften. »Erlaubt mir die Frage, wie Ihr gerettet wurdet?« »Ich wurde von den Wellen an's Land geworfen,« entgegnete Philipp; »aber – –« »Aber,« unterbrach ihn Schriften, »hi! hi! mich hätten die Wellen nicht an's Land werfen sollen.« »Und warum nicht? Ich habe das nicht gesagt.« »Nein, aber ich denke doch, Euch aus dem Herzen zu sprechen. Es kam übrigens anders, denn ich rettete mich in derselben Weise, wie Ihr – wurde gleichfalls von den Wellen ausgeworfen – hi! hi! Doch ich kann nicht länger hier warten; meinen Auftrag habe ich erfüllt.« »Halt,« versetzte Philipp; »beantwortet mir nur noch eine einzige Frage. Segelt Ihr dießmal in dem nämlichen Schiffe mit?« »Muß mich entschuldigen,« erwiderte Schriften, »sehne mich nicht nach dem Geisterschiff, Mynheer Vanderdecken.« Und mit dieser Antwort wandte sich der kleine Mann um, und ging raschen Schrittes von hinnen. »Ist dieß nicht eine Aufforderung, Amine?« sagte Philipp nach einer Pause, den unerbrochenen Brief noch immer in der Hand haltend. »Ich will's nicht in Abrede ziehen, theuerster Philipp. Es ist zuverlässig so; der abscheuliche Bote scheint aus dem Grabe erstanden zu sein, um dir die Weisung zu überbringen. Vergib mir, Philipp, aber die Ueberraschung hat mich überwältigt. Ich will dir nicht wieder mit weibischer Schwäche lästig fallen.« »Meine arme Amine,« versetzte Philipp traurig. »Ach! warum habe ich meine Erdenpilgerschaft nicht allein angetreten? Es war selbstsüchtig von mir, dich mit so viel Elend zu verketten und die Last nie endender Angst und Ungewißheit auch auf dich zu übertragen!« »Und wer sollte sie mit dir theilen, theuerster Philipp, wenn nicht das Weib deines Herzens? Du kennst mich wenig, wenn du glaubst, daß ich vor den Anforderungen der Pflicht zurückbebe. Nein, auch in dem bitteren Schmerz, den sie bereitet, liegt eine Wonne, denn während ich deinen Kummer tragen helfe, nehme ich dir einen Theil desselben ab, und ich bin stolz darauf, das Weib eines Mannes zu sein, der zu so eigenthümlichen Prüfungen auserkoren wurde. Doch nichts mehr davon, mein Theuerster. Du mußt den Brief lesen.« Philipp gab keine Antwort. Er erbrach das Siegel und fand, daß der Brief ihm mittheilte, er sei als erster Mate auf die Vrow Katharina, – ein Schiff, welches mit der nächsten Flotte aussegelte – ernannt worden; er solle übrigens so schleunig als möglich an Bord eintreffen, da der Cargo geladen werden müsse. Der Brief, welcher vom Sekretär geschrieben war, theilte ihm noch ferner mit, daß er nach dieser Reise zuverlässig darauf rechnen dürfe, unter Bedingungen, welche ihm von dem Collegium namhaft gemacht werden sollten, das Kommando eines Schiffes zu erhalten. »Ich dachte, Philipp, du habest schon für diese Fahrt um eine Kapitänsstelle nachgesucht?« bemerkte Amine traurig. »Ja,« versetzte Philipp; »aber wahrscheinlich hat man meiner Bitte deßhalb keinen Nachdruck gegeben, weil ich sie nicht ernstlich verfolgte. Die Schuld liegt an mir.« »Und jetzt ist es zu spät?« »Ja, meine Theuerste – ohne Frage. Doch daran liegt jetzt nichts: ich mache diese Fahrt ebenso gerne als erster Mate mit, vielleicht sogar noch lieber.« »Philipp, ich kann jetzt wohl sprechen und will dir bekennen, daß meine Hoffnungen schmerzlich getäuscht wurden. Ich erwartete zuverlässig, du würdest das Kommando eines Schiffes erhalten. Du erinnerst dich, daß ich auf derselben Rasenbank, auf welcher wir jetzt sitzen – es war in der Zeit, als du mir deinen Traum erzähltest – von dir ein Versprechen erhielt, dessen Erfüllung ich mir noch immer vorbehalte, obschon ich dir jetzt sage, um was ich zu bitten beabsichtigte. Du solltest mir nämlich erlauben, mein theurer Philipp, mit dir zu segeln. An deiner Seite kümmere ich mich um nichts, denn ich kann glücklich sein unter jeder Entbehrung oder Gefahr. Aber so lange allein zu bleiben, über meinen peinlichen Gedanken zu brüten, mich in Ungewißheit zu verzehren, in steter, ungeduldiger Unruhe zu verharren und nicht im Stande zu sein, mich an irgend Jemand zu wenden – dies, theuerster Philipp, ist das größte Elend, das Jemand widerfahren kann – das Elend, das ich in deiner Abwesenheit zu ertragen verurtheilt bin. Merke wohl, Philipp, ich habe dein Versprechen. Als Kapitän wärst du in der Lage, dein Weib an Bord zu nehmen. Diesmal ist mein heißes Verlangen bitter vereitelt worden; tröste mich daher einigermaßen mit dem Versprechen, daß ich die nächste Fahrt mitmachen soll, wenn dir der Himmel wieder heimzukehren gestattet.« »Du hast mein Wort, Amine, da dir so viel daran gelegen ist. Ich kann dir nichts abschlagen, obgleich mich eine trübe Ahnung erfüllt, daß dein und mein Glück für immer scheitern wird. Ich bin kein Träumer, aber doch däucht es mich, da ich nun einmal so seltsam mit dieser Welt und mit einer andern verkettet bin, als ob mir ein kleiner Theil der Zukunft aufgeschlossen sei. Ich habe dir mein Versprechen gegeben, Amine, obgleich es mir lieb wäre, wenn du mich desselben entbändest.« »Wenn auch Uebles folgt, Philipp, so ist es unsere Bestimmung. Wer vermag sein Schicksal abzuwenden?« »Amine, wir können mit Freiheit handeln, und so ist es uns bis zu einer gewissen Ausdehnung gestattet, unserer Bestimmung eine Richtschnur zu geben.« »Ach, das möchte mich Pater Seysen wohl auch glauben machen, aber ich kann die Gründe nicht verstehen, mit denen er seine Behauptung unterstützt. Er sagt, es sei ein Theil des katholischen Glaubensbekenntnisses. Möglich – aber ich vermag auch so viele andere Punkte nicht zu fassen. Ich wollte, daß euer Glaube einfacher wäre, denn bis jetzt hat mich der gute Mann – denn gut ist er in der That – nur in Zweifel geführt.« »Durch die Schule der Zweifel wirst du zur Ueberzeugung gelangen.« »Möglich,« versetzte Amine; »aber doch dünkt es mich, als sei ich erst am Anfang meiner Reise. Kehren wir übrigens jetzt nach Hause zurück. Du mußt nach Amsterdam, und ich will dich begleiten. Wenigstens bis zur Abfahrt soll dich das Lächeln deiner Amine nach den Mühen des Tages erheitern. Ist's dir nicht recht so?« »Ja, meine Theure; ich würde dir selbst auch diesen Vorschlag gemacht haben. Aber, wie mochte nur Schriften hieher gekommen sein? Seinen Leichnam habe ich allerdings nicht gesehen, aber sein Entkommen scheint doch ein Wunder zu sein. Warum ließ er sich nicht blicken, als er gerettet war? Und wo mochte er gewesen sein? Was hältst du von der Sache, Amine?« »Was ich schon längst gedacht habe, Philipp. Es ist eine Eule mit einem bösen Auge, dem es aus irgend einem Grunde gestattet ist, in menschlicher Gestalt auf Erden zu wandeln; auch steht er zuverlässig mit deiner wundersamen Bestimmung im Zusammenhange. Wenn überhaupt ein weiterer Beweis nöthig wäre, mich von der Wahrheit alles Vorgefallenen zu überzeugen, so fände sich dieser in seinem Aussehen – der elende Afrit! Oh, daß mir die Kräfte meiner Mutter zu Gebote ständen – doch ich vergesse, daß du es nicht liebst, wenn ich von solchen Dingen spreche, und ich will daher schweigen.« Philipp erwiderte nichts; in seine Betrachtungen vertieft, ging er stumm nach der Hütte zurück. Obgleich er bereits einen unabänderlichen Entschluß gefaßt hatte, schickte er doch den portugiesischen Priester ab, um den Pater Seysen herbeizubescheiden, damit er sich mit ihnen benehmen und ihre Ansicht über die an ihn ergangene Aufforderung hören könne. Nachdem er auf's Neue sich umständlich über Schriftens muthmaßlichen Tod und sein abermaliges Erscheinen als Bote verbreitet hatte, ging er zu Aminen die Treppe hinauf, um die beiden Priester ihren Berathungen zu überlassen. Erst nach zwei Stunden wurde unser Held wieder herunterberufen und Pater Seysen war augenscheinlich in einem Zustande großer Verwirrung. »Mein Sohn,« begann er, »wir befinden uns in großer Verlegenheit. Wir hatten gehofft, unsere Ansichten in Betreff dieser wundersamen Mittheilungen seien richtig, und die Sache selbst, die wir in der Weise, von der du aus eigener Erfahrung und aus dem Munde deiner Mutter Kunde erhieltst, nichts Anderes, als ein Werk des Teufels; in diesem Falle hätten aber unsere Gebete und Messen die Macht des Erzfeindes brechen müssen. Wir riethen dir, eine weitere Aufforderung abzuwarten, die du auch jetzt erhalten hast. Der Brief an sich ist natürlich von keinem Belang, wohl aber das Wiedererscheinen des Boten ein Punkt, der wohl berücksichtigt werden muß. Sage mir, Philipp, was hältst du davon? Wäre es nicht möglich, daß er gerettet worden wäre – wie es ja auch bei dir selbst der Fall war?« »Die Möglichkeit ist nicht in Abrede zu ziehen, Vater,« versetzte Philipp; »er kann an die Küste geworfen worden sein und eine andere Richtung eingeschlagen haben. Dies wäre möglich, obgleich nichts weniger, als wahrscheinlich. Da Ihr mich übrigens um meine Meinung fragt, so muß ich Euch aufrichtig sagen, daß ich ihn für keinen irdischen Boten halte, – ja, ich bin sogar fest davon überzeugt. Daß er mit meiner Bestimmung in einer geheimnißvollen Verbindung steht, ist gewiß, obschon ich natürlich über seine weiteren Verhältnisse keine Auskunft zu geben vermag.« »In diesem Falle, mein Sohn, sind wir zu dem Entschlusse gekommen, unsern Rath zurückzubehalten. Du mußt jetzt auf deine eigene Verantwortung hin und nach deinem eigenen Urtheil handeln. Wir werden dir keine Einrede thun, für was immer du dich entscheiden magst, wohl aber unsere Gebete gen Himmel schicken, damit er dich in seine heilige Obhut nehme.« »Ich habe mich dahin entschieden, hochwürdiger Vater, der Aufforderung Folge zu geben.« »So sei's drum, mein Sohn; es ereignet sich vielleicht ein Umstand, der dir aus diesem Geheimniß heraushilft – aus einem Geheimnisse, das, wie ich zugebe, mein Fassungsvermögen übersteigt und von zu schmerzlicher Natur ist, als daß ich länger dabei verweilen möchte.« Philipp sagte nichts mehr, denn er bemerkte, daß der Priester nicht geneigt war, auf eine weitere Beleuchtung des Punkts einzugehen. Pater Matthias ersah die Gelegenheit, Philipp für seine wohlwollende Gastfreundschaft zu danken, und erklärte seine Absicht, mit dem ersten Schiffe nach Lissabon zurückzukehren. Ein paar Tage später verabschiedeten sich Amine und Philipp von den Priestern, um nach Amsterdam aufzubrechen, und baten Pater Seysen, bis zur Rückkehr der Ersteren die Obhut über das Häuschen zu übernehmen. Am Orte seiner Bestimmung angelangt, besuchte Philipp die Direktoren der Compagnie, welche ihm nach seiner Rückkehr von dieser Reise das Kommando eines Schiffes versprachen, das er jedoch theilweise auf eigene Kosten ausrüsten sollte. Unser Held zeigte sich bereitwillig und entfernte sich sodann, um die Vrow Katharina zu besuchen, – das Schiff, auf welchem er als erster Mate eine Anstellung erhalten hatte. Es war noch nicht aufgetakelt und die Flotte sollte erst nach zwei Monaten aufbrechen. Nur ein Theil der Mannschaft befand sich an Bord und der Kapitän, welcher zu Dort wohnte, war gleichfalls noch nicht angekommen. So weit Philipp die Sache zu beurtheilen wußte, war die Vrow Katharina ein sehr untergeordnetes Schiff, zwar größer, als viele andere, aber alt und schlecht gebaut, obgleich es schon mehrere Indienfahrten mit Glück zurückgelegt hatte und anzunehmen war, daß es die Compagnie nicht benützen würde, wenn sie sich nicht von seiner Seewürdigkeit überzeugt hätte. Nachdem unser Held der an Bord befindlichen Mannschaft einige Weisungen ertheilt hatte, kehrte er nach dem Gasthause zurück, wo für ihn und Amine Zimmer gemiethet waren. Am andern Tage, als Philipp eben die Takelung des Schiffes beaufsichtigte, langte der Kapitän an, sprang über die Planke, welche mit dem Kai in Verbindung stand, an Bord und lief dann zuerst auf den großen Mast zu, den er mit beiden Armen umklammerte, trotz der nicht geringen Quantität von Talg, welche ihm das Tuch seines Rockes besudelte. »O, meine liebe Vrow, meine Katharina!« rief er, als ob er mit einem Frauenzimmer spräche, »wie geht es dir? Freut mich, dich wieder zu sehen. Du bist doch hoffentlich immer wohl gewesen? Freilich wird es dir nicht gefallen, in dieser Weise aufgelegt zu werden. Doch sei unbesorgt, meine liebe Creatur, du sollst bald wieder schöner sein.« Der Name des Mannes, der sich so verliebt gegen sein Schiff geberdete, war Wilhelm Barentz, ein junger Mann von noch nicht Dreißigen, kleiner Statur und zarten Verhältnissen. Seine Züge waren schön, aber weibisch, seine Bewegungen rasch und unruhig; auch lag in seinem Auge ein Ausdruck, der auf die Vermuthung einer kleinen Flüchtigkeit führen konnte, wenn auch nicht bereits sein Benehmen diese Thatsache vollkommen bewiesen hätte. Sobald sich der Kapitän in seinem Entzückensergusse ergangen hatte, stellte sich ihm Philipp vor und theilte ihm mit, in welcher Eigenschaft er sich an Bord befand. »Ah! Ihr seid der erste Mate der Vrow Katharina? Da seid Ihr ein sehr glücklicher Mann. Nächst dem Kapitän hat der erste Mate dieses Schiffes die beneidenswertheste Stellung in der Welt.« »Um ihrer Schönheit willen freilich nicht,« bemerkte Philipp, »sie mag indeß andere gute Eigenschaften haben.« »Nicht um ihrer Schönheit willen? Ei, Herr, ich sage Euch, wie mein Vater schon vor mir gesagt hat – und sie war seine Vrow, ehe sie die meinige wurde, – daß sie das schönste Fahrzeug in der Welt ist. Jetzt könnt Ihr allerdings noch nicht urtheilen, aber ich versichere Euch, außer dem Umstande, daß sie das schönste Schiff ist, besitzt sie auch alle guten Eigenschaften unter der Sonne.« »Das höre ich gerne,« versetzte Philipp, »und finde dann zugleich einen Beweis, daß man nicht nach dem Aussehen urtheilen muß. Ist sie aber nicht schon sehr alt?« »Alt? Nicht älter als zweiundachtzig Jahre – gerade in ihrem Lenze. Geduldet Euch nur, mein Theuerster, bis Ihr sie auf dem Wasser tanzen seht, und ich stehe Euch dafür, Ihr sprecht den ganzen Tag mit mir von ihrer Vortrefflichkeit; auch zweifle ich nicht, daß wir eine sehr vergnügte Zeit mit einander verbringen werden.« »Vorausgesetzt, daß sich der Gegenstand nicht erschöpft,« erwiderte Philipp. »Von meiner Seite wird dies nie der Fall sein; und, erlaubt mir, zu bemerken, Herr Vanderdecken, daß es jeder Offizier mit mir zu thun kriegt, der an der Vrow Katharina Mängel findet. Ich bin ihr Ritter und habe ihr zu Ehren schon drei Männer in den Sand gestreckt – hoffentlich werde ich nicht mit einem Vierten zu kämpfen haben.« Philipp lächelte, denn die Dame schien ihm des Kampfes durchaus nicht würdig. Dennoch behielt er die Worte des Kapitäns im Gedächtniß und wagte es fortan nie, eine Ansicht gegen die schöne Vrow Katharina auszudrücken. Die Mannschaft war bald vollzählig, das Schiff getakelt und das Segelwerk gesetzt; Vrow Katharina lag mit den anderen Schiffen der Flotte in dem Strom vor Anker. Sofort wurde das Cargo eingenommen, und sobald der Raum voll war, kam zu Philipps großem Aerger der Befehl, daß noch hundertundfünfzig Soldaten und andere Passagiere, von denen Viele ihre Weiber und Familien bei sich hatten, an Bord genommen werden müßten. Unser Held hatte schwere Arbeit, denn der Kapitän beschränkte seine Thätigkeit blos auf die Lobpreisungen seines Schiffes, und als zuletzt alles an Bord genommen war, befand sich die Flotte in der Lage, auszufahren. Es war nun Zeit, sich von der im Gasthof wohnenden Amine zu verabschieden, welcher Philipp jeden freien Augenblick gewidmet hatte. Die Flotte sollte nach zwei Tagen in die See stechen, Amine aber an dem gleichen Morgen ihre Heimreise antreten. Sie war ruhig und gefaßt, denn sie fühlte sich überzeugt, daß sie ihren Gatten wiedersehen würde. In dieser süßen Vorahnung umarmte sie ihn, als sie sich an dem Ufer trennten; er trat in das Boot, welches ihn an Bord brachte. »Ja,« dachte Amine, als sie der Gestalt ihres mehr und mehr sich entfernenden Gatten nachsah – »ja, ich weiß, daß wir uns wiedersehen werden. Nicht diese Fahrt wird für dich oder mich verhängnißvoll werden, wohl aber habe ich ein dunkles Vorgefühl, daß die nächste, bei welcher ich dich begleite, uns für immer trennen wird. Wie dies geschehen soll, weiß ich nicht, – aber es ist Bestimmung. Die Priester sprechen von freiem Willen – ist es ein freier Wille, der ihn mir entreißt? Würde er nicht lieber mit mir am Lande bleiben? Ja; aber er darf nicht, denn er muß sein Geschick erfüllen. Freier Wille? Es wäre Tyrannei von ihm, zu gehen, wenn ihn nicht seine Bestimmung riefe. Ist es mir doch stets gewesen, als ob diese Priester meine Feinde seien, ohne daß ich mir einen Grund dafür anzugeben wüßte: sie sind beide gute Menschen, und auch der Glaube, den sie lehren, ist gut. Erbarmen, Liebe gegen Alle, Vergebung gegen Beleidiger und Unterlassung eines Urtheils über Andere – Alles dies ist gut; und doch flüstert mir mein Herz zu, daß – – Doch das Boot ist an dem Schiffe angelangt und Philipp klettert hinauf. Lebe wohl, lebe wohl, mein theuerster Gatte. Ich wollte, ich wäre ein Mann! Doch nein, es ist besser so, wie es ist.« Amine blieb am Ufer stehen, bis sie Philipp nicht mehr sehen konnte, und ging dann langsam nach dem Gasthof zurück. Als sie am andern Morgen aufstand, fand sie, daß die Flotte mit Tagesanbruch abgesegelt war; der Kanal, wo es früher von Schiffen gewimmelt hatte, lag jetzt öde. »Er ist fort,« murmelte Amine. »Jetzt gedulde dich, Herz, für viele Monate stillen Leidens – ich kann's nicht Leben nennen, denn ich lebe nur in seiner Gegenwart.« Sechszehntes Kapitel. Wir müssen jetzt Amine ihrer Einsamkeit überlassen und Philipps Schicksalen folgen. Die Flotte war mit vollen Segeln ausgefahren und steuerte rüstig die Zuyder-Zee hinab, hatte aber noch keine Stunde zurückgelegt, als die Vrow Katharina bereits eine Meile oder zwei zurückblieb. Mynheer Barentz maß die Schuld den Segelsetzern und dem Steuermann bei, der wiederholt einem Anderen Platz machen mußte; kurz, Alles hatte die Verantwortung zu tragen, nur nicht seine theure Vrow Katharina. Doch da war nicht zu helfen; sie blieb zurück und erwies sich als die schlechteste Seglerin in der ganzen Flotte. »Mynheer Vanderdecken,« sagte endlich der Kapitän, »die Vrow ist, wie mein Vater zu sagen pflegte, nicht so gar schnell vor dem Wind. Schiffe, die sich am Wind gut halten, sind das selten; aber ich will Euch sagen, daß in jedem anderen Punkte des Segelns kein Schiff der Flotte der Vrow Katharina gewachsen ist.« »Außerdem,« versetzte Philipp, welcher bemerkte, wie sehr sich sein Kapitän den Gegenstand zu Herzen gehen ließ, »haben wir schwer geladen und so viele Truppen auf dem Decke.« Nachdem die Flotte die Sandbänke im Rücken hatte und nun dicht an den Wind kam, bewies die Vrow Katharina, daß sie sogar noch langsamer segelte, als zuvor. »Wenn wir so gar dicht am Winde liegen,« bemerkte Mynheer Barentz, »hält sich die Vrow nicht am besten; aber gebt ihr einen Strich frei, und Ihr werdet sehen, wie sie der ganzen Flotte ihren Stern zeigen wird. Sie ist ein schönes Schiff, Mynheer Vanderdecken, oder nicht?« »Ein recht hübsch geräumiges Schiff,« versetzte Philipp, und dies war auch Alles, was er mit gutem Gewissen sagen konnte. Die Flotte segelte weiter, bisweilen am Wind, bisweilen frei; wie übrigens auch der Segelstrich sein mochte, die Vrow Katharina blieb stets zurück und die Flotte mußte mit dem Sonnenuntergange beilegen, daß die Dame nachkommen konnte. Dennoch fuhr der Kapitän fort, zu behaupten, daß der Segelstrich, in welchem sie sich zufällig befand, der einzige sei, in welchem sich die Vrow Katharina mangelhaft erweise. Unglücklicherweise war sie übrigens auch in anderen Punkten eben so schlecht, als in ihrem Segeln, denn sie lief stets in Gefahr, umzukippen, war leck und sprach auch auf das Steuer nicht gut an. Mynheer Barentz war jedoch nicht zu überzeugen. Er betete sein Schiff an und konnte, wie alle Verliebte, keinen Mangel an seiner Geliebten sehen. Andere waren jedoch nicht so blind, und der Admiral beschloß, weil er nicht wünschte, daß die Reise durch die Langsamkeit eines einzigen schlecht segelnden Schiffes allzusehr verzögert würde, die gute Vrow sich selbst zu überlassen, sobald sie das Kap umschifft hätten. Eine derartige Grausamkeit war jedoch unnöthig, denn eine schwere Bö zerstreute die ganze Flotte, und am zweiten Tage befand sich das gute Schiff, Vrow Katharina, allein, mühsam sich durch die Wellentröge kämpfend, leck, daß man stets die Pumpen beschäftigen mußte, und vor der Bö fast eben so schnell in's Lee abtriftend, als sie gewöhnlich segelte. Der Sturm hielt eine ganze Woche an und jeden Tag wurde ihr Zustand beunruhigender. Mit Truppen überfüllt und mit einer Menge von Vorräthen belastet, ächzte und arbeitete sie, während ein ganzes Meer über sie hinwusch und die Matrosen an den Pumpen kaum ihren Posten zu behaupten vermochten. Philipp strengte sich auf's Aeußerste an, ermunterte die erschöpfte Mannschaft, machte fest, wo Etwas gewichen war, und verkehrte nur wenig mit dem Kapitän, der selbst kein Seemann war. »Nun,« bemerkte der Kapitän, der sich an den Belegnägeln festhielt, gegen Philipp, »Ihr werdet doch zugeben, daß sie schön Luv hält in einer Bö – oder nicht? Gemach, mein Herzchen, gemach,« fuhr er fort, das Schiff anredend, welches einen so schweren Sturz in die Wogen that, daß alles Gebälk ächzte. »Gemach, mein Liebchen, gemach! Wie mögen wohl die armen Teufel in den andern Schiffen umhergeworfen werden! He! Mynheer Vanderdecken, diesmal haben wir den Vorsprung vor ihnen; sie müssen furchtbar weit im Lee drunten liegen. Meint Ihr nicht auch?« »Ich kann mir da in der That keine Vermuthungs-Aeußerung erlauben,« versetzte Philipp lächelnd. »Ei, es läßt sich ja nicht ein einziges blicken. Doch ja, beim Himmel – da ist eines! Schaut über unsern Leebaum. Nun, das muß jedenfalls ein Kapitalsegler sein. Schaut da – einen Strich Backstags hinten aus! Barmherziger Himmel, wie steif muß es sein, da es einen solchen Tuchdruck tragen kann.« Philipp hatte das Schiff bereits gesehen – ein großes Fahrzeug an dem Winde und auf dem gleichen Gange mit der Vrow Katharina. In einer Bö, in welcher kein Schiff die Marssegel führen konnte, und die Vrow Katharina unter dicht gerafften Fock- und Stagsegeln ging, steuerte das Fahrzeug in Lee unter vollem Segeldruck – Bramsegel, Oberbramsegel, Klüver, kurz jeder Stich Tuch war ausgesetzt, als ob es nur eine leichte Brise wäre. Die Wogen thürmten sich berghoch an und tauchten die Vrow Katharina jede Minute bis an's Schanddeck unter; das andere Schiff aber schien sich nicht an den Wellentumult zu kehren, sondern segelte stetig und glatt auf ebenem Kiele fort. Philipp wurde es mit einmal klar, daß dies das Geisterschiff sein müsse, auf welchem das Urtheil seines Vaters erfüllt werden sollte. »Ist das nicht sehr sonderbar?« bemerkte Mynheer Barentz. Unser Held fühlte eine solche Bedrückung, daß er nicht zu antworten vermochte. Während er sich mit der einen Hand immer noch fest hielt, bedeckte er mit der andern seine Augen. Die Matrosen hatten nunmehr das Schiff gleichfalls gesehen, und erinnerten sich der wohlbekannten Sage. Viele von den Truppen waren, als das Gerücht umging, gleichfalls auf das Deck geklettert, und Aller Augen waren auf das übernatürliche Schiff geheftet. Da brach unter heftigen Donnerschlägen ein wüthender Windstoß auf die Vrow Katharina los, und der schwere Regen machte die Luft so dicht, daß sich schon in kurzen Entfernungen nichts mehr unterscheiden ließ. Nach einer Viertelstunde hellte sich's wieder auf, und als sie nach dem Lee blickten, war das fremde Schiff verschwunden. »Barmherziger Himmel! es muß umgestürzt und in dem Squall untergegangen sein,« sagte Mynheer Barentz. »Dachte ich mir's doch gleich, als ich es einen solchen Segeldruck führen sah. Es gab nie ein Schiff, das mehr zu führen vermochte, als die Vrow Katharina. Es war Wahnsinn von Seite des Schiffskapitäns, aber ich denke wohl, daß er nicht hinter uns zurückbleiben mochte – was meint Ihr, Mynheer Vanderdecken?« Philipp gab auf diese Bemerkungen; welche den Wahnsinn des Kapitäns voll bekundeten, keine Antwort. Er fühlte, daß sein Schiff den Schicksalsmächten verfallen war, und konnte nur mit Schauder an die vielen Menschen an Bord denken, welche zum Opfer fallen sollten. Nach einer Pause sprach er: »Mynheer Barentz, diese Bö wird wahrscheinlich fortfahren, und meiner Ansicht nach vermag das beste Schiff, das je gebaut wurde, einem solchen Wetter nicht Stand zu halten. Mein Rath wäre daher, zu wenden und nach der Tafelbay zurückzulaufen. Verlaßt Euch darauf, wir werden die ganze Flotte bereits vor uns dort finden.« »Habt keine Sorge um das gute Schiff Vrow Katharina,« versetzte der Kapitän; »seht nur, wie es luvt.« »Verteufelt schlecht,« bemerkte einer der Matrosen, die sich um Philipp gesammelt hatten, um zu hören, welchen Rath er geben würde. »Hätte ich gewußt, daß sie so ein altes mürbes Beest ist, so hätte ich mich nie an ihren Bord gewagt. Mynheer Vanderdecken hat Recht; wir müssen nach der Tafelbay zurück, eh' uns etwas Schlimmes befällt. Das Schiff im Lee hat uns ein Warnungszeichen gegeben – hat sich nicht umsonst sehen lassen. Fragt Herrn Vanderdecken, Kapitän; er kann Euch Auskunft geben, denn er ist wirklich ein Seemann.« Philipp fuhr bei dieser Berufung zusammen, obgleich sie in durchaus keiner Beziehung zu dem Interesse stand, welches unser Held an dem Geisterschiffe nahm. »Ich muß sagen,« versetzte Philipp, »daß stets Unheil erfolgt ist, so oft ich mit diesem Schiffe zusammengetroffen bin.« »Mit diesem Schiffe? Ei, was war denn darin, um Euch so einzuschüchtern? Es führte zu viel Segel und ist untergegangen.« »Es geht nie unter,« entgegnete einer der Matrosen. »Nein! nein!« riefen viele Stimmen; »aber uns wird dieses Loos blühen, wenn wir nicht zurücklaufen.« »Bah! Unsinn! Mynheer Vanderdecken, was sagt Ihr?« »Ich habe bereits meine Ansicht abgegeben,« antwortete Philipp, dem es angelegentlich darum zu thun war, das Schiff wo möglich wieder in einen Hafen zu schaffen. »Das Beste, was wir thun können, ist, daß wir auf die Tafelbay abheben.« »Und wir Alle sind entschlossen, Kapitän,« fuhr der alte Matrose, der eben gesprochen hatte, fort, »daß es so geschehen soll, mag es Euch jetzt anstehen oder nicht; also hinauf mit dem Steuer, mein Schatzkind, und Mynheer Vanderdecken wird die Segel setzen.« »Ha! Was soll das?« rief Kapitän Barentz. »Eine Meuterei an Bord der Vrow Katharina? Unmöglich! An Bord der Vrow Katharina, des besten und schnellsten Schiffes in der ganzen Flotte!« »Des garstigsten, wurmstichigsten, alten Fasses!« rief einer der Matrosen. »Was?« rief der Kapitän. » Was muß ich hören? Mynheer Vanderdecken, dieser lügnerische Schuft muß wegen Meuterei in Ketten gelegt werden.« »Bah, Unsinn! Er ist toll,« versetzte der alte Seemann. »Kommt, kümmert Euch nicht um ihn! Mynheer Vanderdecken, wir wollen Euch gehorchen; aber das Steuer muß augenblicklich hinauf.« Der Kapitän stürmte, fügte sich aber zuletzt, da Philipp die Ueberlegenheit des Schiffes zwar anerkannte, zugleich aber darauf aufmerksam machte, daß man mit dem panischen Schrecken der Matrosen, obschon derselbe die ernstlichste Rüge verdiene, Rücksicht haben müsse. Das Steuer wurde gehoben, das nöthige Segelwerk gesetzt, und die Vrow Katharina rollte schwerfällig vor dem Sturme einher. Gegen Abend wurde das Wetter milder und der Himmel klärte sich auf. See und Wind legten sich schnell, das Wasserfangen minderte sich, und Philipp hoffte, sie dürften in vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden wohlbehalten in der Bay anlangen. Während sie ihren Kurs steuerten, legte sich der Wind allmälig mehr und mehr, bis zuletzt völlige Stille eintrat. Nichts blieb von dem Sturme zurück, als ein langes, schweres Schwellen gegen Westen, von welchem die Vrow Katharina allmälig weiter abtriftete. Die ermatteten Matrosen konnten jetzt ausruhen, desgleichen auch die Soldaten und Passagiere, welche unten eingesperrt gewesen, oder auf dem Hauptdecke gewässert worden waren. Das obere Deck war gedrängt voll. Mütter saßen, ihre Kinder in den Armen, in der Sonne, um sich zu wärmen; die Wände des Takelwerks waren allenthalben mit nassen Kleidern behangen, und die Matrosen mühten sich eifrig, die Beschädigungen, welche das Schiff während des Sturmes erlitten hatte, wieder auszubessern. Ihrer Rechnung nach waren sie nicht weiter als fünfzig Meilen von der Tafelbay entfernt, und jeden Augenblick erwarteten sie im Süden Land zu sehen. Auf's Neue herrschte Heiterkeit, und Alle an Bord, Philipp ausgenommen, glaubten, daß keine Gefahr mehr zu fürchten sei. Der zweite Mate hieß Krantz und war ein thätiger, tüchtiger Seemann. Philipp hatte ihn sehr lieb gewonnen, weil er wußte, daß er ihm vertrauen konnte, und am nämlichen Nachmittag gingen sie Beide mit einander auf dem Decke umher. »Was haltet Ihr von dem seltsamen Schiff«, das wir gesehen haben, Vanderdecken?« »Es ist mir schon früher in den Weg gekommen, Krantz, und – – « »Nun, was weiter?« »Jedes Schiff, dem es meines Wissens begegnete, ist nicht wieder in den Hafen zurückgekehrt. Andere wissen gleiche Geschichten zu erzählen.« »So ist's also wirklich nur der Geist eines Schiffes?« »So sagt man; auch trägt man sich mit unterschiedlichen Erzählungen darüber. Was übrigens den gegenwärtigen Vorfall betrifft, so bin ich vollkommen überzeugt, daß uns ein Unglück zustoßen wird, noch ehe wir den Hafen erreichen, obgleich in diesem Augenblicke Alles so ruhig erscheint, und der Ankerplatz ganz in der Nähe ist.« »Ihr seid abergläubisch,« versetzte Krantz; »und doch – ich muß sagen, daß mir die ganze Erscheinung doch nicht wie Wirklichkeit vorkam. Kein Schiff hätte im Sturme solche Segel führen können, obschon Tollköpfe genug auf dem Wasser herumschwimmen, die bisweilen die abgeschmacktesten Dinge versuchen. Wenn es ein wirkliches Schiff war, so muß es untergegangen sein, denn als sich die Luft aufklärte, war keine Spur mehr davon zu entdecken. Ich bin übrigens nicht sehr leichtgläubig und werde nur an etwas Uebernatürliches in der Sache glauben, wenn die Folgen eintreten, die Ihr als nothwendig anzunehmen scheint.« »Gebe Gott, daß ich Unrecht behalte,« entgegnete Philipp; »aber mich quälen schlimme Vorahnungen. Wir sind noch nicht im Hafen.« »Nein, aber auch nicht sehr weit von ihm entfernt, und es ist alle Aussicht vorhanden, daß das Wetter schön bleibt.« »Man kann nicht wissen, von welcher Seite her die Gefahr kommen mag,« erwiderte Philipp. »Wir haben noch andere Dinge zu fürchten, als das Ungestüm der Winde.« »Allerdings,« sagte Krantz, »aber demungeachtet müßt Ihr nicht gleich den Raben spielen. Trotz Allem, was Ihr sagt, prophezeie ich, daß wir spätestens nach zwei Tagen wohlbehalten in der Tafelbay vor Anker liegen.« Die Unterhaltung wurde abgebrochen, und Philipp war froh, allein sein zu können. Eine Schwermuth und Niedergeschlagenheit hatte ihn ergriffen, wie er sie zuvor nie empfunden. Er lehnte sich über die Laufplanke und schaute in das Wogen des Meeres nieder. »Barmherziger Himmel!« rief er, »möge es dir gefallen, dieses Schiff zu schonen. Laß mich nicht das Weheklagen der Weiber, den Hülferuf der armen Kinder vernehmen; laß nicht die vielen Menschen, welche sich diesen Planken anvertraut haben, dem Verbrechen meines Vaters zum Opfer fallen!« Philipp gerieth in ein tiefes Nachsinnen. »Die Wege des Himmels sind in der That geheinmißvoll,« sagte er. »Warum sollten Andere leiden, weil mein Vater gesündigt hat? Und doch; ist's nicht allenthalben so? Wie viele Tausende fallen nicht auf dem Schlachtfelde als Opfer des Ehrgeizes eines Königs oder des Einflusses eines Weibes? Wie viele Millionen sind vernichtet worden, weil sie sich zu einem andern Glaubensbekenntnisse hielten? Der Herr waltet in seiner eigenen Weise und wir können nur zweifeln und staunen!« Die Sonne war untergegangen, ehe Philipp die Laufplanken verlassen und sich nach seinem Lager begeben hatte. Sich selbst und seine Schiffsgefährten dem Schutze der Vorsehung empfehlend, schlief er endlich ein; aber ehe die acht Glockenzüge Mitternacht verkündigten, wurde er durch einen rauhen Ruck an seiner Schulter geweckt; er sah Krantz, der die erste Wache hatte, neben sich stehen. »Beim allmächtigen Gott! Vanderdecken, Ihr habt recht prophezeit. Hurtig – auf! Das Schiff steht in Flammen! « »In Flammen?« rief Vanderdecken, von seinem Lager aufspringend. »Wo?« »Im Hauptraume.« »Ich bin augenblicklich droben, Krantz. Inzwischen haltet die Luken zu und richtet die Pumpen.« In weniger als einer Minute befand sich Philipp auf dem Decke, wo er bereits den Kapitän Barentz sah, welchem der zweite Mate gleichfalls das Unglück mitgetheilt hatte. – Krantz erklärte in wenigen Worten das Ganze: er hatte bemerkt, daß aus dem Hauptraume ein starker Brandgeruch hervordrang, und als er eine der Luken öffnete, was er ohne Beistand that, um nicht den Schrecken sogleich weiter zu verpflanzen, fand er, daß der Raum voll Rauch war. Er hatte den Deckel augenblicklich wieder geschlossen und die Sachlage nur Philipp und dem Kapitän mitgetheilt. »Eure Geistesgegenwart verdient dankbare Anerkennung,« versetzte Philipp; »wir haben jetzt Zeit, ruhig zu überlegen, was geschehen muß. Wenn die Truppen, die armen Weiber und die Kinder von ihrer Gefahr unterrichtet wären, so würden sie uns mit ihrem Schrecken sehr hinderlich werden; aber wie konnte nur im Hauptraume Feuer auskommen?« »Ich habe nie gehört, daß die Vrow Katharina je zuvor Feuer gefangen hätte. Ich halte es für eine Unmöglichkeit. Es muß ein Irrthum obwalten – sie ist – –« »Ich erinnere mich jetzt, daß wir unter unserem Cargo mehrere Kisten mit Vitriolöl haben,« unterbrach ihn Philipp. »Die Flaschen müssen im Sturme in Unordnung gerathen und zerbrochen sein. Für den Fall eines Unglücks ließ ich die Kisten obenhin verpacken; das lange Rollen und Untertauchen des Schanddecks muß Anlaß gegeben haben, daß eine davon los wurde.« »Da haben wir die Bescheerung; 's ist nicht anders,« bemerkte Krantz. »Ich wollte sie gar nicht an Bord nehmen und verlangte, man solle sie auf ein Schiff bringen, das nicht so von Truppen überfüllt sei, damit die Kisten auf dem Hauptdecke stehen bleiben könnten; aber man erwiderte, die Fakturen seien bereits ausgefertigt und könnten nicht mehr abgeändert werden. Doch wie jetzt handeln? Ich denke, wir lassen die Luken zu, um die Flammen so viel möglich zu ersticken.« »Ja,« versetzte Krantz, »und zu gleicher Zeit hauen wir ein Loch in's Deck, gerade groß genug, um den Spritzenschlauch durchzulassen, damit wir möglichst viel Wasser in den Raum pumpen können.« »Ihr habt Recht, Krantz; ruft den Zimmermann und laßt ihn anfangen. Ich will die Matrosen wecken und mit ihnen reden. Der Brandgeruch wird jetzt sehr stark; wir haben keine Zeit zu verlieren. – Wenn wir nur die Truppen und die Weiber ruhig erhalten können, so läßt sich noch etwas thun.« Die Matrosen wurden geweckt und erschienen alsbald verwundert auf dem Decke. Sie bemerkten den Zustand des Schiffes nicht, denn da die Luken verschlossen blieben, so konnte der Rauch nur wenig durchdringen und das untere Deck nicht erfüllen. »Meine Jungen,« sagte Philipp, »es thut mir leid, euch sagen zu müssen, daß wir Grund zu der Vermuthung haben, es sei in dem Hauptraum Feuer ausgebrochen.« »Ich rieche es,« rief einer der Matrosen. »Ich auch,« stimmten mehrere Andere erschrocken ein und machten eine Bewegung, als ob sie nach unten gehen wollten. »Stille! und bleibt, wo ihr seid, ihr Leute. Hört, was ich euch sage. Wenn wir die Truppen und die Passagiere in Schrecken setzen, können wir nichts anfangen. Wir müssen uns auf uns selbst verlassen, dürfen aber keine Zeit verlieren. Herr Krantz und der Zimmermann thun Alles, was vorderhand räthlich ist; und nun, meine Leute, erweist mir den Gefallen, euch auf dem Decke niederzusetzen – ihr alle miteinander – ich will euch dann sagen, was wir vornehmen müssen.« Philipps Befehl wurde Folge geleistet. Das Resultat war vortrefflich, denn die Leute gewannen nun Zeit, sich von der ersten Erschütterung zu erholen. Von allen Schrecken nämlich, welche die Menschen betreffen können, ist keiner furchtbarer, als derjenige, welchen der erste Ruf erzeugt, daß Feuer an Bord eines Schiffes sei. Freilich ist auch die Lage höchst kläglich, wenn man in's Auge faßt, daß man nur unter zwei Elementen zu wählen hat, die beide alles Leben zu zerstören bemüht sind. Philipp schwieg eine Weile; dann machte er die Matrosen auf die Gefahr ihrer Lage aufmerksam, theilte ihnen mit, welche Maßregeln er und Krantz bereits getroffen hätten und legte ihnen wiederholt an's Herz, wie nöthig es sei, daß sie sich ruhig und gefaßt verhielten. Zugleich erinnerte er sie, daß nur wenig Pulver in dem Magazin sei, und dieses weit vom Feuer abliege, so daß es leicht entfernt und über Bord geworfen werden könne; lasse sich das Feuer nicht löschen, so hätten sie genug Spieren auf dem Decke, um einen Floß zu bilden, der ihnen Allen nebst den Booten eine um so sichere Zuflucht böte, da sie nicht weit vom Lande entfernt wären. Philipps Anrede übte die wohlthätigsten Wirkungen. Auf das Geheiß des ersten Maten erhoben sie sich wieder und der eine Theil begab sich nach dem Magazine, um das Pulver heraufzubieten und es über Bord zu werfen, während sich ein anderer nach den Pumpen begab. Auch Krantz kam herbei und berichtete, daß in die Deckplanken über dem Hauptraum ein Loch gehauen sei. Die Schläuche wurden befestigt, und bald strömte das Wasser in Menge herunter; aber es war unmöglich, die Gefahr länger geheim zu halten. Die Soldaten schliefen auf dem Decke und entnahmen aus der Beschäftigung der Matrosen, was vorgefallen war, selbst wenn sie nicht durch den Rauch, der sich jetzt sehr vermehrte und die unteren Decke füllte, darauf aufmerksam geworden wären. In einigen Minuten ließ sich der Schreckensruf: »Feuer!« durch das ganze Schiff vernehmen, und bald sah man Männer, Weiber und Kinder nach ihren Kleidern eilen und entsetzt auf den Decken umherlaufen, die Einen schreiend, die Andern betend – kurz die Verwirrung und der Schrecken waren kaum zu beschreiben. Die guten Wirkungen von Philipps umsichtigem Benehmen stellten sich nun augenfällig heraus; denn wären die Matrosen durch diesen Ruf erst geweckt worden, so würden sie wohl ebenso unfähig zum Handeln gewesen sein, als die Soldaten und Passagiere. Alle Subordination hätte aufgehört: die Einen wären nach den Booten geeilt, die Mehrzahl dem Untergange preisgebend, die Andern hätten den Branntweinverschlag erbrochen und durch ihre Trunkenheit die Verwirrung und den Schrecken der Scene vergrößert. Nichts hätte dann geschehen können und wahrscheinlich wäre die gesammte Mannschaft elendiglich zu Grund gegangen. Aber Alles dies hatte die Geistesgegenwart Philipps und des zweiten Maten verhindert, denn der Kapitän war als eine bloße Null zu zählen, da es ihm an aller Kenntniß seines Berufes gebrach, obschon es ihm nicht an Muth fehlte. Die Matrosen erwiesen sich eifrig in ihrer Pflicht und schoben die Soldaten bei Seite, welche ihnen bei dem ihnen zugewiesenen Geschäfte hindernd in den Weg traten. Philipp, der das Letztere bemerkte, überließ Krantz die Beaufsichtigung der Arbeiten, ging hinunter und brachte es durch Vorstellungen an die besonnensten Soldaten so weit, daß sich die Mehrzahl der Truppen beziehungsweise ruhig verhielt. Das Pulver war über Bord geworfen und auf der andern Seite ein zweites Loch in das Deck gehauen worden, so daß unter Anwendung einer weiteren Pumpe die doppelte Wassermasse in den Raum strömte. Philipp sah aber, daß der Brand immer weiter griff. Der Rauch brach durch die Ritzen der Luken und der in's Deck gehauenen Löcher mit einem Ungestüm, aus dem sich die Ausdehnung des unten tobenden Feuers entnehmen ließ. Philipp hielt es deshalb für räthlich, sämmtliche Weiber und Kinder nach der Hütte und dem Halbdeck des Schiffes zu schaffen, zugleich die Männer auffordernd, sie sollten bei ihrer Familie bleiben. Es war ein wehmüthiger Anblick und die Thränen standen unserem Helden in den Augen, als er die Weibergruppe überschaute – einige weinend und die Kinder an die Brust drückend – andere ruhig und sogar gefaßter, als die Männer; die älteren Kinder stumm oder weinend, weil sie ihre Mütter weinen sahen, die jüngern ohne Ahnung einer Gefahr mit dem nächsten besten Gegenstande, der ihre Aufmerksamkeit fesselte, spielend oder ihren Eltern zulächelnd. Die Offiziere, welche die Truppen kommandirten, waren zwei neu eingetretene Fähndriche, sehr junge Leute, die nichts von ihrem Dienste verstanden und durchaus kein Ansehen hatten – denn in Fällen außerordentlicher Gefahr mag man keinen Leuten gehorchen, die unwissender sind, als wir. Philipp forderte sie daher auf, bei den Frauen und Kindern zu bleiben und dort die Aufsicht zu übernehmen, wozu sie sich auch bereit finden ließen. Sobald unser Held Befehl erlassen hatte, daß die Weiber und Kinder anständig gekleidet würden (was bei Vielen nicht der Fall war), begab er sich wieder nach dem Vorderschiffe, um die Arbeiten der Matrosen zu beaufsichtigen, welche in Folge des Uebermaßes ihrer Anstrengung bereits Symptome der Ermattung zu zeigen begannen; nun aber erboten sich viele der Soldaten zum Dienst an den Pumpen, was bereitwillig angenommen wurde. Ihre Bemühungen waren übrigens vergeblich. Nach einer weitern halben Stunde barsten die Luken mit lautem Getöse und eine Flammensäule schoß senkrecht aus dem Raume auf, die bis zu dem untersten Stengenkopfe hinanleckte. Jetzt hörte man das laute Geschrei der Weiber, die in ihrer Todesangst ihre Kinder an die Brust drückten, während die Matrosen und Soldaten, die an den Pumpen gearbeitet hatten, in ihrer raschen Flucht vor dem verzehrenden Feuer in buntem Gewirre nach dem Hinterschiffe stürzten. »Seid ruhig, meine Jungen – ruhig, meine guten Bursche,« rief Philipp; »es hat noch keine Gefahr. Vergeßt nicht, wir haben unsere Boote und den Floß, und wenn wir auch nicht das Feuer zu überwältigen und das Schiff zu retten vermögen, so können wir doch, wenn ihr nur die Besonnenheit nicht verliert, nicht blos uns selbst, sondern auch die armen Kinder in Sicherheit bringen, die euch jetzt anflehen, um ihretwillen dem Aeußersten aufzubieten. Kommt, kommt, meine Jungen; laßt uns unsere Pflicht thun. Wenn wir keine Zeit verlieren, sind wir im Besitze der Mittel, uns zu retten. Zimmermann, holt Eure Aexte und haut die Spierenbindsel durch. Wir wollen jetzt unsere Boote hinaushissen und einen Floß für diese armen Weiber und Kinder machen; das Land ist keine zehn Meilen mehr entfernt. Krantz, seht mit der Steuerbordwache nach den Booten; die Backbordwache läßt mit mir die Spieren über Bord. Kanoniere, rafft so viel Tauwerk zusammen, als ihr könnt, um es zu Bindseilen benützen zu können. So, ihr Jungen – an Licht fehlt's uns nicht, wir können ohne Laterne arbeiten.« Ein Scherz ist oft sogar noch am Orte, wenn man schon an der Pforte der Ewigkeit zu stehen vermeint, und die launige Bemerkung Philipps, daß es nicht an Licht fehle, ermuthigte die Matrosen zum Gehorsam. Die Flammensäule stieg nun über das große Mars hinaus, leckte mit ihren gespaltenen Zungen an dem Stengentakelwerk und schloß den Hauptmast in ihre Falten ein. Das laute Brausen, mit welchem das Feuer ausschoß, bekundete die Schnelligkeit, mit welcher der ungestüme Brand unten um sich griff, und wie wenig Zeit zu verlieren war. Die unteren und Hauptdecken wurden nun so mit Rauch erfüllt, daß Niemand mehr zu bleiben vermochte. Einige arme Tropfe, die krank in ihren Hängematten lagen, waren längst erstickt, denn man hatte sie vergessen. Kein Windlein rührte sich, und die Wellen gingen niedrig; der Rauch, der aus den Luken hervordrang, stieg gerade in die Luft, was ein Glück war, da das Schiff allen Steuergang verloren hatte. Die Boote waren bald im Wasser und mit zuverlässigen Männern besetzt; die Spieren wurden über Bord gelassen und von den Matrosen der Boote zusammengebunden. Dann sammelte man alle Abtropftröge, um sie als Sitze auf den Spieren zu befestigen, und Philipps Herz war hoch erfreut über die Aussicht, die vielen Menschen, welche sich eingeschifft hatten, retten zu können. Siebenzehntes Kapitel. Ihre Schwierigkeiten waren jedoch noch nicht zu Ende. Das Feuer hatte sich jetzt dem Hauptdecke mitgetheilt und brach in der Mitte des Schiffs aus den Geschützpforten heraus. Der Floß, der neben Bord angefertigt wurde, mußte daher sternwärts abtriften, wo er den Schwellen der See mehr ausgesetzt war. Dieß verzögerte die Arbeit und in der Zwischenzeit nahmen die Flammen einen raschen Fortgang. Der Hauptmast, welcher schon lange brannte, fiel unter einem Schlingern des Schiffes über die Seite, und das Feuer aus den Hauptdeckpforten zeigte bald seine Zungen über den Vollwerken, während dicke Rauchwolken das obere Deck erfüllten und die Menschen, welche hier in Schaaren zusammengedrängt waren, fast erstickten; denn da seit einiger Zeit schon aller Verkehr mit dem Vorderschiff durch die Flammen abgeschnitten war, so hatte sich Alles nach hinten zurückgezogen. Die Weiber und Kinder wurden nun auf die Hütte geführt, um sie mehr aus dem erstickenden Qualm zu bringen; auch konnten sie von dort aus leichter über den Stern nach dem Floß niedergelassen werden. Gegen vier Uhr Morgens war alles bereit, und es gelang den Anstrengungen Philipps und der Seeleute, ungeachtet der schwellenden See, Weiber und Kinder wohlbehalten auf dem Floße unterzubringen, wo sie weniger im Weg waren und die Männer sich gegenseitig ablösen konnten, wenn sie müde waren. Nach den Weibern und Kindern mußten die Truppen die Leitern hinuntersteigen. Einige gingen bei dem Versuche zu Grunde, indem sie unter den Bootsboden fielen und nicht wieder zum Vorschein kamen; aber dennoch langten zwei Dritttheile derselben wohlbehalten an den Orten an, die ihnen von Krantz angewiesen wurden, denn Letzterer war mit hinuntergegangen, um die wichtige Maßregel zu überwachen. Philipp hatte auch die Vorsicht beobachtet, daß er Kapitän Barentz bat, sich mit Pistolen an die Luke über dem Branntweinraum zu stellen, bis der Rauch des Hauptdecks diese Vorkehrung unnöthig machte; so blieben alle nüchtern – ein Umstand, welchem man die Ordnung und Regelmäßigkeit, die bei der ganzen schrecklichen Scene herrschte, zuzuschreiben hatte. Noch ehe ein Dritttheil der Soldaten an der Hinterleiter hinuntergestiegen war, brachen die Flammen mit unwiderstehlicher Gewalt aus den Sternfenstern; Brunnen lebendigen Feuers schossen mehrere Fuß aus dem Schiffe heraus und brausten wie eine Esse, Zu gleicher Zeit schoß die Lohe durch alle Hinterpforten des Hauptdecks, so daß diejenigen, welche sich noch an Bord fanden, von Feuer umgeben und von Rauch und Hitze fast erstickt wurden. Die Sternleitern waren in einer Minute verzehrt und sanken in die See nieder, und wegen der ungeheuren Hitze mußten auch die Boote, welche die Mannschaft aufgenommen hatten, hinter dem Spiegel zurückbleiben. Die Weiber auf dem Floß schrieen laut auf, als sie von den brennenden Bruchstücken gesengt wurden, die auf sie niederfielen, während sie in eine dunkle Rauchwolke gehüllt waren, vor welcher sie die auf dem Deck des Schiffs Befindlichen nicht sehen konnten. Philipp versuchte, die Mannschaft an Bord anzureden, wurde aber nicht gehört. Die Scene der Verwirrung endete mit dem Verluste vieler Menschenleben. Jeder hatte nur sein Entkommen im Auge, obgleich kein anderer Ausweg vorhanden war, als ein Sprung über Bord. Hätten sie übrigens noch gewartet und Philipps Weisung zu Folge sich nur nach einander in die See geworfen, so wären die Leute in den Booten völlig bereit gewesen, sie aufzulesen; auch hätten sie bis an's Ende der niedergelassenen lateinischen Besahnraa hinausklettern und dort sich wohlbehalten an einem Tau niederlassen können – aber die sengenden Flammen und der erstickende Rauch veranlaßten die Soldaten haufenweise über den Hackebord zu springen. Die Folge davon war eine herzzerreißende und schreckliche Scene. Die Matrosen in den Booten suchten allerdings die dreißig bis vierzig Schwimmer möglichst schnell zu retten, und die Weiber auf dem Floß warfen ihnen Gewänder zu, um sie darauf heraufzuholen; bald hörte man eine Frau laut aufschreien, die ihren Gatten vergeblich ankämpfen und in die Ewigkeit versinken sah, bald ließen sich Flüche und Verwünschungen von Seiten der Schwimmer hören, die von irgend einem Ertrinkenden gefaßt und mit ihm unter die Oberfläche gezogen wurden. Von den achtzig Soldaten, welche sich zur Zeit, als die Flammen aus dem Sternfenster brachen, noch an Bord befanden, wurden nur fünfundzwanzig gerettet. Mit Philipp waren auch noch einige Matrosen auf dem Schiffe; den Uebrigen war die Verfertigung des Floßes und die Bemannung der drei Boote aufgetragen worden. Was sich noch an Bord befand, richtete seine Bewegungen nach denen unseres Helden. Nachdem man den Booten volle Zeit gelassen hatte, um die Soldaten aufzulesen, hieß Philipp die Leute nach dem Ende der lateinischen Raa, welche über den Hackebord hing, hinausklettern und sich entweder auf das unten befindliche Rafft niederlassen, oder den Booten ein Zeichen geben, daß sie aufgenommen würden. Der Floß war jedoch weiter zurückgeblieben, damit seine Bemannung nicht allzusehr von dem Rauch und der Hitze leide, weshalb die sich niederlassenden Matrosen nacheinander von den Booten an Bord genommen wurden. Philipp forderte Kapitän Barenz auf, er solle vorausgehen, aber dieser weigerte sich. Der Rauch erstickte ihm die Stimme, sonst würde er gewiß noch Etwas zum Preise der Vrow Katharina gesagt haben. Philipp kletterte nun hinaus; der Kapitän folgte ihm und Beide wurden in eines der Boote aufgenommen. Das Tau, welches bisher den Floß am Schiffe festgehalten hatte, wurde nun losgemacht und den Booten zugeworfen. In kurzer Zeit befand sich die Vrow Katharina im Lee und Philipp traf jetzt mit Kranz Maßregeln, um die Leute besser unterzubringen. Die Mehrzahl der Matrosen mußte die Boote einnehmen, damit sie sich gegenseitig im Rudern ablösen könnten; die übrigen aber erhielten ihren Platz bei den Soldaten, Weibern und Kindern des Floßes. Obgleich die Boote so voll geladen waren, als es nur möglich war, barg doch der Floß eine so große Anzahl, daß er fast fußtief untertauchte, wenn eine Seeschwelle hereinbrach. Indeß hatte man Stieper und Taue festgemacht, um ein Wegschwemmen der Menschen zu verhindern; auch befanden sich die Männer an den Seiten, während die Weiber und die Kinder in die Mitte zusammengedrängt waren. Nach Bereinigung dieser Maßregeln nahmen die Boote den Floß in's Tau und ruderten mit dem Grauen des Tages dem Lande zu. Mittlerweile war die Vrow Katharina nur eine einzige Flammenmasse geworden. Sie hatte ungefähr eine halbe Meile in's Lee abgetriftet, und Kapitän Barentz, der neben Philipp im Boote saß, brach, während er dem Brande zusah, in die Worte aus: »Nun, da geht ein liebliches Schiff dahin – ein Schiff, das Alles konnte, nur nicht sprechen. Ich bin überzeugt, daß kein Fahrzeug in der Flotte ein solches Freudenfeuer abgegeben hätte, wie sie – brennt sie nicht schön, edel? Meine arme Vrow Katharina – vollkommen bis auf den letzten Augenblick! Wir werden nie wieder ein solches Schiff sehen! Ich bin nur froh, daß mein Vater diesen Anblick nicht erlebt hat, denn er würde dem armen Manne das Herz gebrochen haben.« Philipp erwiderte nichts darauf, denn er respektirte sogar die übel angebrachte Achtung, die Kapitän Barentz gegen sein Schiff hegte. Sie kamen nur langsam vorwärts, denn das Schwellen des Meeres war ziemlich gegen sie, und der Floß ging tief im Wasser. Der Tag war angebrochen und der Stand des Wetters schien mit einem neuen Sturme zu drohen. Bereits kräuselte eine Brise die Oberfläche, und die Schwellen schienen sich eher zu vermehren, als niederzugehen. Der Himmel überzog sich mit dichtem Gewölk. Philipp sah nach Land aus, konnte aber nichts bemerken, denn der Horizont war in einen Nebel gehüllt, der ihn nicht weiter, als etwa fünf Meilen schauen ließ. Er fühlte, daß es nöthig war, noch vor Abend die Küste zu gewinnen, wenn nicht die vielen Personen, die ohne Nahrung auf einem gebrechlichen, tief im Wasser gehenden Floße saßen und mehr als sechzig Weiber und Kinder unter sich hatten – zu Grunde gehen sollten. Aber nirgends war Land zu sehen – mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Sturm nebst schwerer See und dunkler Nacht im Anzuge. In der That eine verzweifelte Aussicht, und Philipp fühlte sich sehr unglücklich, wenn er bedachte, daß so viele unschuldige Wesen noch vor dem nächsten Morgen einem feuchten Grabe überantwortet werden sollten. Und warum? – Ja, das war ein Gefühl, welches Philipp trotz aller Gegenraisonnements nicht überwinden konnte. Um sein eigenes Leben kümmerte er sich nichts, und in solchen Augenblicken fiel auch der Gedanke an seine geliebte Amine nicht in die Wagschaale. Der einzige Punkt, der ihn aufrecht erhielt, war das Bewußtsein, daß er seine Pflicht zu erfüllen habe, und in Uebung derselben faßte er sich wieder. »Land vorne!« rief jetzt Krantz, der sich in dem vordersten Boote befand – eine Freudenpost, die von dem Floß und den Booten mit lautem Jubel aufgenommen wurde. Die dadurch geweckten Hoffnungen waren wie Manna in der Wüste und die armen Weiber auf dem Floße, die bisweilen von den Schwellen bis an den Gürtel unter Wasser getaucht wurden, drückten ihre Kinder an die Brust, dabei ausrufend: »mein Herzchen, du wirst gerettet werden.« Philipp trat auf die Sternbänke, um das Land zu beaugenscheinigen. Er machte die freudige Entdeckung, daß es keine fünf Meilen entlegen war, und ein Hoffnungsstrahl erwärmte sein Herz. Die Brise hatte sich mehr und mehr gesteigert und kräuselte das Wasser. Die Richtung des Windes war weder günstig noch widrig, da er von der Seite herkam. Hätten sie Segel gehabt, so wäre es freilich anders gewesen; so aber waren diese weggestaut worden und hatten nicht herausgeholt werden können. Der Anblick des Landes erregte natürlich große Freude; die Matrosen des Bootes jubelten laut und verdoppelten die Rudermannschaft, um ihre Fahrt zu beschleunigen; aber das Schleppen eines großen, unter's Wasser gesunkenen Floßes war keine leichte Aufgabe, weßhalb sie trotz aller Mühe nicht weiter als eine halbe Meile in der Stunde vorwärts kommen konnten. Sie setzten ihre Anstrengungen bis Mittag fort, und nicht ohne Erfolg, denn sie befanden sich jetzt auf nicht ganz drei Meilen in der Landnähe. Als jedoch die Sonne den Meridian passirte; trat eine Veränderung ein. Die Brise wehte stark, die See schwoll schnell an und der Floß tauchte oft so tief in die Wellen unter, daß die darauf Befindlichen große Gefahr liefen. In gleichem Verhältnisse minderte sich auch die Geschwindigkeit ihrer Fahrt, und um drei Uhr waren sie kaum eine weitere halbe Meile vorgerückt. Die Matrosen, die während der schweren Arbeit so vieler Stunden nichts genossen hatten, begannen zu erschlaffen, und allerseits hörte man den Wunsch nach Wasser ausdrücken – vom Kinde an, das zur Mutter seine Zuflucht nahm, bis zu dem Matrosen, der sich am Ruder abmühete. Philipp bot Allem auf, um seine Leute zu ermuthigen, da sie ja jetzt dem Lande so nahe wären; diese aber waren erschöpft, murrten über den Floß, der sie hinderte, in ihren Hafen einzulaufen, und sprachen von der Nothwendigkeit, ihre Schlepplast zu kappen, da sie für sich selbst sorgen müßten. Der Geist der Meuterei erhob sein Haupt; aber Philipp machte ihnen Vorstellungen, und aus Achtung gegen ihn arbeiteten sie noch eine Stunde länger. Jetzt aber trat ein Umstand ein, der die Frage, über welche sie zu debattiren angefangen hatten, zur Entscheidung brachte. Die hohe See und die frische Brise hatten den Floß so umhergestoßen, daß es den Leuten oft schwierig wurde, sich auf demselben zu erhalten. Ein lauter Schrei, mit Wehklagen gemischt, weckte die Aufmerksamkeit der Mannschaft in den Booten, und als Philipp zurückschaute, bemerkte er, daß die Bande des Floßes der Gewalt der Wogen nachgegeben hatten und das gebrechliche Fahrzeug in der Mitte auseinander gegangen war. Es war ein herzzereißender Auftritt – Gatten von ihren Weibern und Kindern getrennt und von einander fortschwimmend, denn der Theil des Floßes, welcher mit den Booten durch das Schlepptau zusammenhing, hatte die andere Hälfte bereits weit hinter sich zurückgelassen. Die Weiber erhoben sich mit wildem Geschrei, hielten ihre Kinder in die Höhe, und einige stürzten sich verzweifelnd in's Wasser; sie wollten das schwimmende Wrack erreichen, auf dem ihre Männer standen, versanken aber, ehe man ihnen Beistand leisten konnte. Das Entsetzliche steigerte sich jedoch mehr und mehr – denn nachdem eines der Bänder gewichen war, folgten die übrigen bald, und ehe die Boote zur Hülfe umwenden konnten, war die See mit den losen Spieren des Floßes bestreut, an denen sich Männer, Weiber und Kinder anklammerten. Wilde Verzweiflungsrufe zerrissen die Luft, und viele der Weiber gingen zu Grunde, während sie ihre Kleinen zu retten bemüht waren. Die noch zusammenhaltenden Balken wurden von den Wellen gegen einander geschleudert und erdrückten viele der Unglücklichen, die sich an den Seiten anklammerten. Obgleich alle Boote zum Beistand herzueilten, war es doch so schwierig und gefährlich, sich zwischen den Spieren durchzudrängen, daß nur Wenige gerettet werden konnten, und sogar diese Wenige waren mehr, als die Boote einzunehmen vermochten. Die Matrosen und einige Soldaten wurden aufgelesen, aber sämmtliche Weiber und Kinder fanden ihren Tod in den Wellen. Die Wirkung dieser Katastrophe kann man sich wohl geistig vergegenwärtigen, aber kaum auf dem Papiere schildern. Die Matrosen, welche das Schlepptau kappen und die Leute auf dem Floße dem Untergang preisgeben wollten, weinten, als sie dem Ufer zuruderten. – Philipp selbst fühlte sich auf's Tiefste ergriffen; er verhüllte sein Gesicht und ertheilte – völlig achtlos gegen das, was um ihn vorging – geraume Zeit keine Befehle. Es war fünf Uhr Abends: die Boote hatten die Schlepptaue eingezogen und wetteiferten jetzt mit einander in gewaltiger Anstrengung. Ehe die Sonne niederging, hatten sie das Gestade erreicht, und die Mannschaft ging in einer kleinen Sandbucht an's Land, welche keine Brandung hatte, da der Wind von der Küste abwehte. Die Boote wurden aufgeholt und die erschöpften Matrosen legten sich, ohne an Essen oder Trinken zu denken, auf dem von der Sonne noch erwärmten Sande nieder, um alsbald einzuschlafen. Sobald die Boote in Sicherheit gebracht waren, hielten Kapitän Barentz, Philipp und Krantz eine kurze Berathung, folgten aber dann dem Beispiele ihrer Leute, um nach der Erschöpfung der letzten vierundzwanzig Stunden im Schlummer Vergessenheit zu finden. Viele Stunden lagen sie in tiefem Schlafe, träumten von Wasser und erwachten zu der traurigen Wirklichkeit, daß sie von heftigem Durst gequält wurden und sich auf einer Sandküste befanden, wo die Salzwellen ihnen Hohn sprachen. Sie bedachten jedoch, wie Viele ihrer Begleiter von dem feuchten Elemente verschlungen worden waren, und dankten dem Himmel für ihre Rettung. Es war Morgen, als sie sich aus den Furchen, welche ihre Körper dem nachgiebigen Sande eingedrückt hatten, erhoben, und Philipps Weisung gemäß zertheilten sie sich nach allen Richtungen, um die Mittel zum Löschen ihres verzehrenden Durstes aufzusuchen. Während sie über den sandigen Hügel gingen, fanden sie ein niedriges Gesträuch mit fleischigen Blättern, ähnlich dem sogenannten Eiskraut unserer Gewächshäuser, dessen dickes Laub mit großen Thautropfen bedeckt war. Sie sanken auf die Knie nieder und leckten die Feuchtigkeit ab, die ihnen bald eine jeweilige Erleichterung gewährte. Nachdem sie bis Mittag ihre Nachforschungen ohne Erfolg fortgesetzt hatten, gesellte sich zu ihrem Durste auch der Hunger. Sie kehrten nach der Küste zurück, um sich zu überzeugen, ob ihre Gefährten nicht glücklicher gewesen seien. Aber auch diese hatten ihren Durst mit dem Thau des Himmels löschen müssen und weder Wasser noch Lebensmittel gefunden. Einige davon aßen die Blätter der gedachten Pflanze und hatten gefunden, daß sie zwar sauer schmeckten, aber einen wässerigen Saft enthielten, der dem Gaumen sehr angenehm war. Dieses Kraut ist von der wohlwollenden Vorsehung dazu bestimmt, das Kameel und andere Thiere der Wüste zu nähren; es findet sich nur in sandigen Strichen und wird von allen Wiederkäuern mit Gier verzehrt. Auf Philipps Rath sammelten die Matrosen die Pflanze in Menge ein, brachten sie in die Boote und liefen dann wieder vom Stapel. Sie waren nicht mehr als fünfzig Meilen von der Tafelbay entfernt, und obgleich es ihnen an Segeln gebrach, hatte sich doch jetzt der Wind zu ihren Gunsten gedreht. Philipp machte die Matrosen darauf aufmerksam, wie nutzlos es sein würde, an dieser öden Stelle zu bleiben, da sie aller Wahrscheinlichkeit nach vor Morgen einen Ort erreichen würden, wo sie alle ihre Bedürfnisse befriedigen könnten. Der Rath fand Beifall und Gehorsam. Die Boote fuhren ab und die Ruder wurden wieder aufgenommen. Indeß fühlte sich die Mannschaft doch so erschöpft, daß die Ruder nur mechanisch in's Wasser tauchten, da es an der Kraft zu nachdrücklicher Führung völlig gebrach. Mit dem nächsten Morgen langten sie erst vor der falschen Bay an und hatten noch viele Meilen zu rudern; aber auch dies verdankten sie blos dem günstigen Winde, da die Matrosen selbst wenig oder gar nichts thun konnten. Der Anblick eines bekannten Landes wirkte übrigens ermuthigend, und gegen Mittag erreichten sie die Küste im Grunde der Tafelbai, wo die Häuser nebst dem Forte standen, das die seit einigen Jahren hier wohnenden Ansiedler beschützen sollte. Sie landeten an einer Stelle, wo ein breites Flüßlein, das sich im Winter zu einem reißenden Strome umwandelt, in die Bay einmündet. Bei dem Anblick des süßen Wassers ließen Einige der Matrosen ihre Ruder fallen und warfen sich in die seichte See, wo ihnen das Wasser bis über die Lenden ging, langten aber doch nicht so bald an, als diejenigen, welche warteten, bis die Boote auf die Küste aufstießen, um sodann auf das trockene Land zu springen. Nun aber ging es auf das Flüßlein los, welches etwa fünf oder sechs Zoll tief über das Kies strömte; sie tranken, bis sie nicht mehr konnten, tauchten ihre heißen Hände ein und wälzten sich entzückt in dem kühlen Wasser. Despoten und Fanatiker haben allen ihren Scharfsinn aufgeboten, um Qualen für ihre Opfer zu erfinden. Vergebliche Mühe! – die Folter, der spanische Stiefel, das Feuer – Alles dies läßt sich nicht vergleichen mit der Pein eines heftigen Durstes. Im Uebermaße ihres Schmerzes rufen die Leidenden nach Wasser, und es wird ihnen gewährt: die Peiniger hätten sich all' ihren raffinirten Scharfsinn und die widerliche Schaustellung von Qualen sparen können, wenn sie nur den Gefangenen in seine Zelle eingeschlossen und ihm das Wasser verweigert haben würden. Sobald die Matrosen das dringendste aller Bedürfnisse befriedigt hatten, erhoben sie sich triefend aus dem Strome und gingen auf die Häuser der Faktorie zu. Die Bewohner derselben bemerkten Boote am Lande, ohne daß ein Schiff in der Bay lag, und zogen daraus natürlich den Schluß, daß ein Unglück vorgefallen sei, weshalb sie den Ankömmlingen entgegen gingen. – Die traurige Geschichte war bald erzählt. Von beinahe dreihundert eingeschifften Menschen hatten sich nur sechsundsechzig gerettet, und auch diese waren mehr als zwei Tage ohne Nahrung geblieben. Die menschenfreundlichen Ansiedler stellten auf diese Kunde hin keine weitere Nachfragen an, bis die Leidenden ihren Hunger gestillt hatten, und nun erstatteten Philipp und Krantz ihren umständlichen Bericht. »Ich meine, Euch schon einmal gesehen zu haben,« bemerkte einer der Ansiedler. »Kamt Ihr nicht an's Land, als die Flotte vor Anker lag?« »Nein,« versetzte Philipp, »aber ich bin dennoch schon hier gewesen.« »Ach, ich erinnere mich jetzt,« entgegnete der Mann. »Ihr wart der Einzige, der mit dem Leben davon kam, als der Schilling in der falschen Bay zu Grunde ging.« »Nicht der Einzige,« erwiderte Philipp. »Ich glaubte es damals selbst auch, traf aber nachher mit dem Piloten Schriften, einem einäugigen Manne, zusammen, der mein Schiffsgefährte war – er muß nach mir hier angelangt sein. Ihr werdet ihn natürlich gesehen haben?« »Nein,« sagte der Mann. »Von der Mannschaft des Schillings ist nach Euch Niemand mehr angekommen, denn da ich mich seitdem immer hier aufhielt, so hätte ich einen derartigen Umstand nicht wohl vergessen können.« »So muß er wohl durch andere Mittel Gelegenheit gefunden haben, nach Holland zurückzukehren.« »Wüßte nicht, wie er das hätte angreifen sollen. Wenn unsere Schiffe die Bay verlassen haben, nähern sie sich nie der Küste, da es zu gefährlich ist.« »Und doch habe ich ihn gesehen,« versetzte Philipp nachdenkend. »Nun, wenn Ihr ihn saht, so ist das hinreichend. Vielleicht wurde ein Schiff nach der Ostseite hinunter geblasen und hat ihn aufgenommen, denn die Eingebornen in jenem Theile hätten wahrscheinlich das Leben eines Europäers nicht geschont. Die Kaffern sind grausame Leute.« Die Nachricht, daß Schriften sich nicht auf dem Kap gezeigt hatte, bot Philipp einen neuen Gegenstand zum Nachdenken. Der Leser weiß, daß unser Held stets etwas Uebernatürliches an dem Manne zu finden glaubte, und seine Muthmaßung fand in dem Berichte des Ansiedlers eine neue Bekräftigung. Wir müssen nun die Frist von zwei Monaten überspringen, während welcher Zeit die Matrosen von den Ansiedlern sehr wohlwollend behandelt wurden. Endlich langte eine kleine Brigg in der Bay an um Erfrischungen einzunehmen; sie war mit voller Ladung auf dem Heimweg begriffen, und da sie im Dienste der Compagnie stand, so durfte sie sich nicht weigern, die Mannschaft der Vrow Katharina an Bord zu nehmen. Philipp, Krantz und die Matrosen schifften sich ein; aber Kapitän Barentz blieb zurück, um sich am Kap einen Herd zu gründen. »Warum sollte ich auch nach Hause gehen?« sagte er zu Philipp, welcher ihm Vorstellungen machte, »da ich dort nichts mehr zu suchen habe? Ich bin ohne Weib und Kinder – hatte nur einen einzigen theuren Gegenstand, meine Vrow Katharina, die mir Weib, Kind und Alles war – sie ist dahin, und ich werde nie ein anderes Schiff finden, das ihr gleicht. Und wenn auch, so könnte ich es doch nicht so lieben, wie ich sie liebte. Nein, alle meine Neigungen sind mit ihr begraben – liegen eingebettet in der Tiefe des Meeres. Wie schön sie brannte! Wie ein Phönix ging sie aus der Welt – ein Name, den sie eigentlich hätte tragen sollen, da sie ihn verdient. Nein, nein, ich will ihr treu sein, will mir mein kleines Vermögen nachbringen lassen und ihrem Grabe so nahe als möglich bleiben. So lange ich lebe, werde ich sie nie vergessen; ich will trauern über sie, und wenn ich sterbe, wird man den Namen ›Vrow Katharina‹ in meinem Heizen eingegraben finden.« Philipp konnte sich im Geheim des Wunsches nicht erwehren, er möchte seine Neigung einem verdienstvolleren Gegenstand zugewendet haben, da in diesem Falle der tragische Verlust wahrscheinlich nicht stattgehabt haben würde; er änderte jedoch den Gegenstand, da Kapitän Barentz kein Seemann war und deßhalb weit besser am Lande blieb, als wenn er abermals den Befehl eines Schiffes übernahm. Sie drückten sich die Hände und schieden – Philipp mit dem Versprechen, das Geld des Kapitäns in Güter umzuwandeln, die für einen Ansiedler nöthig wären, und sie mit der ersten Flotte nachzuschicken, welche aus dem Zuyder-Zee ausfahren würde. Unser Held war jedoch nicht so glücklich, diesen Auftrag vollziehen zu können. Die Brigg, welche Wilhelmina hieß, fuhr aus und langte bald zu St. Helena an. Nachdem sie Wasser eingenommen, setzte sie ihre Fahrt fort. An den westlichen Inseln landeten sie wieder und Philipp tröstete sich bereits mit der süßen Hoffnung, bald seine Amine in die Arme zu schließen, als im Norden von den Azoren ein wüthender Sturm ausbrach, vor welchem sie viele Tage, den Schiffsschnabel nach Südost gedreht, lenßen mußten. Als der Wind nachließ und sie umzuholen vermochten, trafen sie mit einer aus fünf Schiffen bestehenden holländischen Flotte zusammen, die von einem Admirale befehligt wurde. Letzterer hatte Amsterdam vor mehr als zwei Monaten verlassen und war während dieser Zeit fast ununterbrochen vom widrigen Winde hin- und hergeworfen worden. Kälte, Anstrengung und schlechter Mundvorrath hatten den Scorbut erzeugt, und die Schiffe waren so schlecht bemannt, daß sie kaum fortzukommen vermochten. Als der Kapitän der Wilhelmina dem Admiral berichtete, er habe einen Theil von der Mannschaft der Vrow Katharina an Bord, ertheilte Letzterer Befehl, dieselbe unverweilt zu Lenkung seiner verkümmerten Fahrzeuge abzuliefern. Alle Vorstellungen waren vergeblich. Philipp hatte nur noch Zeit, an Amine zu schreiben und ihr sein Mißgeschick, wie auch seine getäuschten Hoffnungen mitzutheilen. Mit dem Brief an seine Gattin übergab er auch dem Kapitän der Wilhelmina einen Bericht an die Direktoren, den Verlust der Vrow Katharina betreffend, packte dann seine Effekten und begab sich mit Krantz und seinen Matrosen an Bord des Admiralschiffes. Dazu kamen noch sechs Mann, welche der Admiral von der Wilhelmina preßte, worauf die Brigg, nachdem sie die Depeschen des Admirals in Empfang genommen, ihre Fahrt fortsetzen durfte. Nichts ist einem Matrosen ärgerlicher, als wenn er sich unerwartet gezwungen sieht, nach vielen Gefahren wieder vorne anzufangen, und zwar zu einer Zeit, in welcher er sich bereits dem süßen Vorgefühle hingibt, von den erstandenen auszuruhen – und doch, wie oft kömmt dieß nicht vor! Philipp war sehr niedergeschlagen. »'s ist übrigens meine Bestimmung,« dachte er mit den Worten seiner Amine, »und warum sollte ich mich ihr nicht unterwerfen? Krantz wüthete und die Matrosen zeigten meuterische Gesinnungen – aber vergeblich. Auf dem weiten Meere, wo keine Appellation stattfindet, geht Gewalt vor dem Recht – an welchen Richterstuhl könnte man sich auch wenden?« So hart übrigens auch die Maßregel erschien, handelte der Admiral doch ganz nach seiner Befugniß. Die wenigen Matrosen, die ihren Dienst noch zu besorgen im Stande waren, vermochten die Schiffe kaum zu lenken, und der kleine Zuwachs physischer Kräfte konnte das Mittel werden, Hunderte zu retten, die jetzt hülflos in ihren Hängematten lagen. Von den zweihundertundfünfzig Mann, welche in dem Admiralschiff »der Löwe« von Amsterdam ausgesegelt waren, konnten kaum siebenzig Dienst thun und die übrigen Schiffe hatten in gleichem Grade gelitten. Der erste Kapitän des »Löwen« war todt, der zweite Kapitän lag in seiner Hängematte, und der Admiral hatte keinen andern Beistand, als die Maten des Schiffes, von denen einige gleichfalls mehr todt als lebendig herumkrochen. Das zweite Schiff »der Dort« befand sich in einem noch kläglicheren Zustande. Der Kommodore war todt und der erste Kapitän, der noch immer seinen Dienst versah, hatte nur noch einen einzigen verfügbaren Offizier auf dem Decke. Der Admiral berief Philipp nach seiner Kajüte, ließ sich von ihm die Geschichte des Untergangs der Vrow Katharina erzählen und beorderte ihn, in der Eigenschaft eines Kapitän auf das Kommodoreschiff zu gehen, indem er dem andern Kapitän den Rang eines Kommodore verlieh, Krantz wurde als zweiter Kapitän auf dem Admiralschiff zurückbehalten, denn der Befehlshaber entnahm aus Philipps Erzählung, daß sowohl er als sein Mate tüchtige Offiziere waren. Achtzehntes Kapitel. Die Flotte unter Admiral Rymelandt's Kommando hatte den Auftrag, vermittelst einer westlichen Fahrt durch die Magelhaens-Straße nach Ostindien zu ziehen, denn trotz der früheren fehlgeschlagenen Versuche glaubte man, daß diese Route mit weniger Hindernissen verbunden sei und die Reise nach den Gewürzinseln in kürzester Frist möglich mache. Die Fahrzeuge, aus denen die Flotte bestand, waren das mit vierundzwanzig Kanonen versehene Admiralsschiff, »der Löwe,« das Schiff des Kommodore, der »Dort« geheißen, mit sechsunddreißig Kanonen, auf welchem Philipp angestellt war, die »Zuyder Zee« mit zwanzig, die »junge Frau« mit zwölf und der »Schevelling«, eine Kedsch, mit vier Geschützstücken. Die Mannschaft der Vrow Katharine wurde zwischen die beiden größeren Schiffe getheilt, da sich die kleineren mit weniger Händen lenken ließen. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, wurden die Boote aufgehißt und die Schiffe begannen auf's Neue ihre Fahrt. Zehn Tage lang wurden sie durch leichte Winde geneckt, und die Opfer des Scharbocks erhielten an Bord des Dort einen beträchtlichen Zuwachs. Viele starben und wurden über Bord geworfen, während wieder Andere nach den Hängematten gebracht werden mußten. Der neuernannte Kommodore, der Avenhorn hieß, ging an Bord des Admiralschiffs, um die Sachlage zu berichten und, Philipps Weisung gemäß, den Vorschlag zu machen, daß sie an der Küste von Südamerika landen und versuchen sollten, ob es ihnen nicht durch Bestechung oder Gewalt gelänge, von den Spaniern oder den Eingeborenen frischen Mundvorrath zu erhalten. Hievon wollte jedoch der Admiral nichts hören. Er war ein befehlshaberischer, kühner und starrköpfiger Mann, der sich durch keine Gründe überzeugen lassen wollte und kein Mitgefühl für die Leiden Anderer besaß. Jedem Rathe feind, verwarf er augenblicklich einen Vorschlag, der, wenn er in ihm selbst seinen Ursprung genommen hätte, wahrscheinlich auf der Stelle befolgt worden wäre, und der Kommodore kehrte nicht nur mit getäuschten Hoffnungen, sondern auch höchlich entrüstet über die gegen ihn gebrauchte Sprache an den Bord seines Schiffes zurück. »Was können mir thun, Kapitän Vanderdecken? Ihr kennt unsere Lage zu gut – es ist unmöglich, noch lange die See zu halten, und wenn wir's thun, müssen wir das Schiff auf Gnade und Ungnade den Wellen überlassen, während die Mannschaft einen elenden Tod in ihren Hängematten stirbt. Wir haben jetzt nur noch vierzig Mann, die in zehn Tagen wahrscheinlich auf zwanzig verkürzt sind, denn je strenger die Arbeit wird, desto schneller schwinden uns die Leute dahin. Wäre es nicht besser, unser Leben in einem Kampfe mit den Spaniern zu wagen, als daß wir hier wie kranke Schafe dahinsterben?« »Ich bin vollkommen Eurer Ansicht, Kommodore,« antwortete Philipp; »aber wir müssen der Ordre Gehorsam leisten. Der Admiral ist ein unbeugsamer Mann.« »Und ein Grausamer obendrein. Ich habe gute Lust, ihn diese Nacht noch zu verlassen, und wenn er mir eine Schuld aufbürdet, werde ich mich nach meiner Rückkehr wohl vor den Direktoren zu rechtfertigen wissen.« »Handelt nicht übereilt – vielleicht wird er doch die Nothwendigkeit einsehen, Eurem Rathe zu folgen, wenn er findet, daß seine eigene Mannschaft mit jedem Tage mehr und mehr geschwächt wird.« Eine weitere Woche entschwand und die Flotte war nur wenig vorwärts gekommen. Die Krankheit hatte in jedem Schiffe ernstlichere Verheerungen angerichtet, und auf dem Dort befanden sich, wie der Kommodore vorausgesagt hatte, nur noch zwanzig dienstfähige Matrosen. Aber auch das Admiralschiff und die übrigen Fahrzeuge hatten in gleichem Grade gelitten. Der Kommodore begab sich deßhalb auf's Neue an Bord, um seinen Vorschlag zu wiederholen. Admiral Rymelandt war nicht nur ein finsterer, sondern auch ein tückischer Mann. Er sah wohl die Zweckmäßigkeit des vom zweiten Befehlshaber angedeuteten Rathes ein, mochte ihm aber keine Folge geben, da er ihn schon einmal zurückgewiesen hatte. Zugleich faßte er einen Groll gegen den Kommodore, dessen Vorschlag er entweder annehmen, oder auf die Schritte verzichten mußte, die doch so nothwendig für die Erhaltung seiner Mannschaft und für den Erfolg der Reise waren. Zu stolz, um seinen Irrthum einzugestehen, gab er abermals eine entschieden abschlägige Antwort, und der Kommodore ging nach seinem Schiffe zurück. Die Flotte war damals etwa drei Tagereisen von der Küste entfernt und steuerte südlich nach der Straße von Magelhae. In derselbigen Nacht aber, sobald sich Philipp nach seiner Hängematte begeben hatte, erschien der Kommodore auf dem Verdeck und befahl, daß der Kurs des Schiffes um einige Striche westwärts geändert werden solle. Die Nacht war sehr dunkel, und da nur der Löwe eine Laterne auf der Hütte führte, so wurde das Entweichen des Dorts weder von dem Admirale noch von den übrigen Schiffen der Flotte bemerkt. Als Philipp am andern Morgen auf dem Decke erschien, fand er, daß die Geleitsschiffe außer Sicht waren. Er blickte auf den Kompaß, bemerkte die Aenderung des Kurses und fragte, wann und auf wessen Geheiß dies geschehen sei. Gegen die Maßregel seines vorgesetzten Offiziers konnte er natürlich nichts einwenden, und als der Kommodore auf dem Decke erschien, theilte dieser unserem Helden mit, er habe sich für befugt gehalten, den Befehlen des Admirals nicht zu entsprechen, da er dadurch nur die ganze Schiffsmannschaft geopfert haben würde – ein Grund, mit dem es allerdings seine volle Richtigkeit hatte. Nach zwei Tagen trafen sie Land an, und als sie auf die Küste zuliefen, bemerkten sie eine große Stadt und Spanier an dem Gestade. Sie ankerten an der Mündung eines Flusses und entfalteten die englische Flagge, worauf ein Boot heran kam, um zu fragen, wer sie wären und was sie verlangten. Der Kommodore kannte den Haß der Spanier gegen die Holländer und wußte wohl, daß er, wenn der Charakter seines Schiffes bekannt würde, nur durch Gewalt Mundvorrath zu erlangen hoffen durfte; er bezeichnete daher sein Fahrzeug als ein englisches Schiff, das mit einem gestrandeten Spanier zusammengetroffen sei und die vom Scharbock behaftete Mannschaft desselben an Bord genommen habe, weil er es für grausam gehalten, so Viele seiner Mitmenschen zu Grunde gehen zu lassen; die Kranken lägen in der Hängematte, und er selbst sei von seinem Kurse so weit abgewichen, um sie an dem ersten spanischen Fort an's Land zu setzen. Dann bat er, man möchte doch unverweilt Gemüse und frischen Mundvorrath für die Patienten an Bord schicken, da dieselben nur unter Lebensgefahr gelandet werden könnten, wenn sie nicht zuvor einige Tage durch kräftige Nahrung gestärkt wären; auch hoffe er, der Gouverneur werde zum Dank für die Beihülfe, welche man seinen Landsleuten geleistet habe, die Mannschaft des Schiffes nicht vergessen. Dieses wohlersonnene Mährlein wurde durch den Offizier, den der spanische Gouverneur an Bord geschickt hatte, bestätigt. Man forderte ihn nämlich auf, hinunterzugehen und die Kranken zu besichtigen; der Anblick so vieler armen Teufel im entwickeltsten Stadium dieser furchtbaren Krankheit – die Zähne ausgefallen, das Zahnfleisch geschwürig, die Körper voll Beulen und Schwären – Alles dies reichte zu; er eilte von dem unteren Decke herauf, als wäre es ein Beinhaus, begab sich hastig an's Ufer und erstattete seinen Bericht. In zwei Stunden langte ein großes Boot mit frischem Rindfleisch und grünen Gemüsen an, welche die Bedürfnisse der Schiffsmannschaft für drei Tage befriedigen konnten und alsbald unter die Leute vertheilt wurden. Der Kommodore schrieb einen Danksagungsbrief, indem er das Unterlassen eines persönlichen Besuches mit Unpäßlichkeit entschuldigte, und fügte eine Liste der angeblich an Bord befindlichen Spanier bei, unter denen er einige Offiziere und angesehene Leute namhaft machte, die, wie er glaubte, mit der Familie des Gouverneurs verwandt sein konnten, denn er hatte den Namen und den Titel des Letzteren von den an Bord geschickten Boten erfahren. Der Holländer kannte nämlich die Mehrzahl der spanischen Adelsfamilien gut und wußte wohl, daß vor der Unabhängigkeitserklärung der transatlantischen Provinzen häufige Heirathsverbindungen zwischen den Granden der alten und neuen Welt stattfanden. Der Kommodore schloß seinen Brief mit der Hoffnung, er werde in ein paar Tagen im Stande sein, dem Gouverneur persönlich seine Hochachtung zu bezeugen und die Kranken an's Land zu schicken, da er sehnlichst verlange, seine Entdeckungsreise fortzusetzen. Am dritten Tage wurde frischer Mundvorrath an Bord geschafft, und bald darauf begab sich der Kommodore in englischer Uniform an's Ufer, um dem Gouverneur seine Aufwartung zu machen; er erstattete ihm einen ausführlichen Bericht über die angeblichen Leiden der Geretteten und wurde mit ihm einig, daß sie nach zwei Tagen an's Land gebracht werden sollten, da sie nach dieser Zeit wohl genug sein dürften, um fortgeschafft werden zu können. Nach vielen Komplimenten kehrte er wieder an Bord zurück. Der Gouverneur gab ihm seine Absicht zu erkennen, am andern Tage, falls das Wetter nicht zu ungünstig sei, seinen Besuch zu erwidern – ein Versprechen, das er jedoch erst am dritten Tage einhielt. Dies war es übrigens gerade, was der Kommodore wünschte. Wohl keine Krankheit ist so furchtbar oder so rasch in ihren Wirkungen auf den menschlichen Körper, zugleich aber auch so schnell wieder gezügelt, als der Scharbock, im Falle das Gegenmittel beigeschafft werden kann. Wenige Tage waren hinreichend, um diejenigen, welche sich nicht einmal in ihren Hängematten umdrehen konnten, zu ihrer früheren Kraft wieder herzustellen. Im Laufe der genannten sechs Tage war fast sämmtliche Mannschaft des Dort reconvalescent und im Stande, auf dem Decke umherzugehen, obgleich von einer völligen Kur noch keine Rede war. Der Kommodore erwartete die Ankunft des Gouverneurs und empfing ihn mit allen gebührenden Ehren, erklärte ihm aber, sobald er seinen Gast in der Kajüte hatte, mit großer Höflichkeit, daß er und alle seine Offiziere Gefangene seien; denn das Fahrzeug sei ein holländisches Kriegschiff und nicht Spanier, sondern seine eigenen Leute hätten am Skorbut fast auf den Tod krank gelegen. Dieser Erklärung fügte er jedoch die tröstliche Bemerkung bei, er habe es für passender gehalten, sich durch diese Kriegslist, als durch Gewalt, die auf beiden Seiten viele Leben gekostet haben würde, den nöthigen Mundvorrath zu verschaffen. Seiner Excellenz Gefangenschaft werde daher nicht länger dauern, als bis er eine hinreichende Zahl lebendiger Ochsen und frischer Pflanzenstoffe an Bord habe, um die Wiederherstellung seiner Leute zu vervollständigen – in der Zwischenzeit aber solle ihm nicht die mindeste Unbill zu Theil werden. Der spanische Gouverneur blickte zuerst auf den Kommodore, dann auf die Reihe gewaffneter Männer an der Kajütenthüre und endlich auf die ziemlich entfernte Stadt; dabei mochte er auch die Möglichkeit in's Auge fassen, daß er mit in die See hinausgenommen werden könnte. In Erwägung aller dieser Punkte und in Anbetracht des mäßigen Lösegeldes, welches verlangt wurde, da in jener Gegend ein Ochse blos mit einem Dollar bezahlt wird, beschloß er, aus der Noth eine Tugend zu machen und sich in die Bedingung des Kommodore zu fügen. Er ließ sich Feder und Tinte reichen und schrieb einen Befehl, daß man unverweilt das Geforderte an Bord bringe. Noch vor Sonnenuntergang wurden die Stiere und Gemüse herbeigeschafft. Sobald die belasteten Boote neben dem Dort lagen, geleitete der Kommodore seinen vornehmen Gefangenen unter vielen Verbeugungen und Dankesergüssen nach der Laufplanke und bekomplimentirte ihn noch, wie bei seiner Ankunft, mit einem Salvo des großen Geschützes. Die Leute an der Küste meinten, Se. Excellenz habe einen langen Besuch gemacht; da er aber nicht zugestehen mochte, daß er sich hatte hinter's Licht führen lassen, so durfte, wenigstens in seinem Beisein, die Sache nicht zur Sprache gebracht werden, obgleich sie bald allgemein ruchbar wurde. Nachdem die Boote geleert waren, lichtete der Kommodore die Anker und stach in die See, wohl zufrieden, daß er auf diese Weise die Rettung seiner Schiffsmannschaft hatte bewerkstelligen können. Für den Fall einer Trennung der Flotte waren die Falklandsinseln zum Sammelplatze bestimmt worden. Nach vierzehn Tagen langte er daselbst an, ohne jedoch den Admiral vorzufinden. Seine Mannschaft war jetzt wieder völlig genesen und sein frisches Fleisch noch nicht ganz verbraucht, als sich endlich der Löwe und die drei anderen Schiffe in offener See blicken ließen. Es schien, daß der Admiral unmittelbar nach der Entweichung des Dort von dem Rathe des Kommodore Gebrauch gemacht hatte und auf die Küste zugelaufen war, ohne jedoch so glücklich zu sein, wie sein untergeordneter Offizier. Er hatte nämlich von allen vier Fahrzeugen eine gewaffnete Macht an's Land geworfen und zwar einige Stücke Vieh erbeutet, dabei aber ebenso viele Leute verloren. Zugleich sammelten sie eine große Menge unterschiedlicher Vegetabilien, die sie an Bord brachten und mit gutem Nutzen unter die Kranken vertheilten, welche allmälig wiedergenasen. Sobald der Admiral Anker geworfen hatte, beschied er durch ein Signal den Kommodore an Bord und nahm ihn wegen seines Ungehorsams in's Verhör. Der Kommodore zog nicht in Abrede, daß er die Flotte absichtlich verlassen habe, entschuldigte sich aber mit der Notwendigkeit und erbot sich, nach der Rückkehr die ganze Sache dem Direktorenhofe vorzulegen. Der Admiral war jedoch mit der ausgedehntesten Gewalt bekleidet und hatte das Recht, nicht nur jede Person, die sich der Meuterei und Insubordination schuldig machte, vor Gericht zu stellen, sondern auch zu verurtheilen und zu strafen. Er ließ daher den Kommodore in Eisen legen und unter das Halbdeck bringen. Sodann wurden sämmtliche Kapitäne zusammenberufen, unter denen sich natürlich auch Philipp befand. Nachdem sie an Bord des Löwen eingetroffen waren, hielt der Admiral ein summarisches Kriegsgericht und bewies durch seine Instruktionen, daß er zu einem derartigen Schritte ermächtigt sei. Das Ergebniß des Gerichtes konnte nur ein einziges sein – Verurtheilung wegen Ungehorsams, welche Philipp, sehr gegen seinen Willen, mit Unterzeichnung seines Namens bekräftigen mußte. Der Admiral ernannte sodann unsern Helden zum Zweiten im Kommando, mit dem Wimpel des Kommodore – sehr zum Verdrusse der Kapitäne auf den übrigen Schiffen – obschon er in diesem Schritte sein gesundes Urtheil erwies, da keiner der Letzteren der Aufgabe so gewachsen war, wie Philipp. Nachdem dies geschehen war, wurden die Offiziere entlassen. Philipp hätte gerne den vormaligen Kommodore gesprochen, wurde aber durch die Schildwache daran gehindert, weil ihr dies durch die Ordre verboten war; unser Held sah sich daher genöthigt, den Gefangenen zu verlassen, indem er ihn nur mit einem freundlichen Kopfnicken begrüßen durfte. Die Flotte blieb drei Wochen an den Falklandsinseln, um die Mannschaft sich erholen zu lassen. Frisches Ochsenfleisch war nicht zu haben, dagegen aber ein reichlicher Vorrath von Skorbutkraut und Pinguinen. Letztere Vögel fanden sich an einzelnen Stellen der Insel myriadenweise, und die Stellen, wo sie aus Schlamm ihre Nester bauten, wurden Städte genannt. Sie saßen da dicht bei einander auf einer graslosen Fläche, bebrüteten ihre Eier und zogen ihre Jungen auf. Die Matrosen konnten sich hier Eier und Vögel auswählen, so viel sie nur wollten, denn die Zahl war so ungeheuer, daß nach einer sehr ergiebigen Jagd auch nicht die geringste Verminderung bemerklich wurde. Diese Nahrung wollte zwar dem Gaumen der Seeleute auf die Dauer nicht sonderlich behagen, hatte aber doch die Wirkung, ihre Gesundheit wieder herzustellen, und ehe die Flotte wieder aussegelte, war auch nicht ein einziger Skorbutkranker mehr an Bord. In der Zwischenzeit verblieb der Kommodore fortwährend in Fesseln, und man trug sich mit unterschiedlichen Muthmaßungen über sein endliches Schicksal. Es war zwar bekannt, daß der Admiral Gewalt über Leben und Tod hatte, aber dennoch glaubte Niemand, daß er seine Vollmacht gegen einen Delinquenten von so hohem Range ausüben könnte. Die übrigen Kapitäne hielten sich von Philipp fern, weßhalb derselbe die allgemeine Stimmung nur wenig kannte. An Bord des Admiralschiffes wagte er es hin und wieder, die Frage zur Sprache zu bringen, wurde aber augenblicklich zum Schweigen verwiesen; auch mochte er nicht durch Zudringlichkeit dem vormaligen Kommodore, gegen den er eine hohe Achtung hegte, schaden. Endlich segelte die Flotte nach der Magelhaensstraße ab, ohne daß Jemand eine Ahnung hatte, auf was es mit dem Kriegsgerichte hinauslaufen möchte. Vierzehn Tage nach dem Aufbruche von den Falklandsinseln langten sie in der Meerenge an. Der Wind war anfangs günstig und sie legten die Hälfte der Straße zurück; dann aber hatten sie nicht nur mit Gegenwind, sondern auch mit einer widrigen Strömung zu kämpfen, und sie verloren mit jedem Tage mehr von ihrem Grunde. In Folge der Anstrengung und der Kälte begannen auch die Matrosen zu erkranken. Ob nun der Admiral schon früher seinen Entschluß gefaßt hatte, oder ob ihn die fruchtlosen Bemühungen zur Fortsetzung der Reise aufbrachten, wissen wir nicht zu sagen; wir beschränken uns daher auf die Angabe, daß er nach einem dreiwöchentlichen vergeblichen Kampfe gegen Wind und Strömungen beilegte, sämmtliche Kapitäne an Bord beschied und nun die Bestrafung des Gefangenen zur Sprache brachte: derselbe sollte nämlich maronirt , das heißt mit eintägigem Mundvorrathe an einem Lande ausgesetzt werden, wo ihm alle Mittel benommen waren, seinen Unterhalt zu fristen, er also eines elendiglichen Hungertodes sterben mußte. Dieß war eine Bestrafung, welche in jener Periode, so viel aus den damaligen Reiseberichten erhellt, von den Holländern häufig in Anwendung gebracht wurde, obgleich sie wohl selten oder nie an einem Manne vollstreckt wurde, der den hohen Rang eines Commodore bekleidete. Philipp protestirte augenblicklich dagegen, und Krantz folgte seinem Beispiele, obgleich beide recht wohl wußten, daß sie sich dadurch den Admiral zum Feinde machten; die übrigen Kapitäne jedoch, welche die beiden Fremdlinge mit eifersüchtigem Auge und als Hemmsteine für ihr eigenes Avancement betrachteten, schlugen sich auf die Seite des Oberbefehlshabers. Aber trotz dieser Majorität hielt es Philipp für seine Pflicht, Vorstellungen zu machen. »Ihr wißt wohl, Admiral,« sagte er, »daß ich die Verurtheilung wegen Ungehorsams mitunterzeichnete; demungeachtet aber sind wichtige Milderungsgründe vorhanden. Er wich von seiner Ordre ab, um seine Schiffsmannschaft zu retten, und hat dabei richtig geurtheilt, wie Ihr selbst bewiesen habt, indem Ihr die gleiche Maßregel im Interesse Eurer Leute in Anwendung brachtet. Straft daher ein Vergehen, das jedenfalls zweifelhaft erscheint, nicht mit solcher Grausamkeit, und überlaßt die Entscheidung der Compagnie, indem Ihr den Gefangenen alsbald nach Eurer Ankunft in Indien nach Hause schickt. Durch den Verlust seines Commando's ist er hinreichend gestraft, und was Ihr ihm weiter auferlegt, wird man mehr dem Gefühle der Rachsucht, als dem Gerechtigkeitssinne zuschreiben. Außerdem, welches Glück können wir hoffen, wenn wir einen derartigen barbarischen Akt begehen, und wie dürfen wir erwarten, die Vorsehung werde uns gegen Wind und Wellen schützen, wenn wir also gegen uns selber wüthen?« Philipps Gründe fruchteten jedoch nichts. Der Admiral befahl ihm, an Bord seines Schiffes zurückzukehren, und würde ihn wohl auch seines Commando's beraubt haben, wenn er dafür einen beschönigenden Vorwand hatte auffinden können. Dies ging übrigens nicht wohl an, obschon Philipp bald entdeckte, daß der Admiral von Stunde an sein Todfeind war. Der Kommodore wurde seiner Fesseln entledigt und nach der Kajüte gebracht, wo man ihm sein Urtheil verkündete. »Sei es drum, Admiral,« versetzte Avenhorn, »denn ich weiß wohl, daß es Nichts nützen würde, Euch von Eurem vorgefaßten Entschlusse abbringen zu wollen. Nicht wegen Ungehorsams gegen die Befehle werde ich gestraft, sondern weil ich durch mein Abweichen von der Ordre Euch auf Eure Pflicht aufmerksam machte – auf eine Pflicht, zu der Euch später die Nothwendigkeit zwang. Wie dem übrigens sein mag, laßt immerhin mich auf diesem schwarzen Felsen ohne Rettung zu Grunde gehen und meine Gebeine bleichen in dem kalten Sturmwinde, der über die Oede hinsaust; aber hört auf meine Worte, grausamer und rachsüchtiger Mann! Ich werde nicht der Einzige sein, der hier vermodert, und ich prophezeie Euch, daß viele Andere mein Geschick theilen werden. Ja, wenn ich nicht sehr irre, Admiral, so werdet Ihr auch unter die Zahl derjenigen gehören, die an meiner Seite liegen.« Der Admiral antwortete nicht, sondern deutete nur durch ein Zeichen an, daß der Gefangene entfernt werden solle. Er hielt dann eine Berathung mit den Kapitänen der drei kleineren Schiffe, und da Letztere durch das schwere Segeln des Löwen aufgehalten worden waren, desgleichen der Dort von Philipp kommandirt wurde, so entschied er, daß die Schiffe sich trennen und so schnell als möglich nach Indien vorrücken, zuvor aber allen ihren entbehrlichen Mundvorrath an die größeren Schiffe abtreten sollten, die bereits Noth zu leiden begannen. Nach Entfernung des Gefangenen hatte Philipp mit Krantz die Kajüte verlassen. Unser Held schrieb nun ein paar Zeilen auf einen Papierstreifen, des Inhalts: »Wenn Ihr an's Land gesetzt seid, so verlaßt die Küste nicht, bis Ihr die Schiffe aus dem Gesicht verloren habt,« bat sodann Krantz, die Gelegenheit zu ersehen, um das Billet dem Kommodore zuzustecken, und kehrte an Bord seines Schiffes zurück. Als die Matrosen des Dort von der Strafe hörten, welche ihrem alten Befehlshaber zuerkannt worden war, geriethen sie ganz außer sich. Sie fühlten, daß er sich selbst zum Opfer gebracht hatte, um sie zu retten, und murrten über die Grausamkeit des Admirals. Etwa eine Stunde nach Philipps Rückkehr zu seinem Schiffe wurde der Gefangene an's Land geschickt und mit einem Mundvorrath für zwei Tage an der öden Felsenküste ausgesetzt. Kein Kleidungsstück außer seinem gewöhnlichen Anzuge, und ebensowenig die Werkzeuge, um sich Licht zu schlagen, wurden ihm zugestanden. Das Boot fuhr wieder ab, und die Leute durften ihm nicht einmal Lebewohl sagen. Wie Philipp erwartet hatte, blieb die Flotte liegen; der überflüssige Mundvorrath der kleineren Schiffe wurde an die größeren geschafft, und die Verkehrungen nahmen erst mit Einbruch der Nacht ihr Ende. Diese Gelegenheit durfte man nicht verlieren. Philipp wußte zwar wohl, daß er gesetzwidrig handelte, kehrte sich jedoch nicht daran, denn er glaubte, seine Schritte würden nicht zum Ohr des Admirals gelangen, da die Mannschaft des Dorts sowohl ihm als dem Kommodore sehr zugethan war. Er trug einem Seemann, auf den er bauen konnte, auf, ein paar Musketen, eine Quantität Munition, mehrere Decken und unterschiedliche andere Gegenstände, desgleichen auch Mundvorrath für zwei oder drei Monate in eines der Boote zu schaffen, dann aber im Schutze der Nacht an's Ufer zu rudern. Die Männer, welchen diese Sendung übertragen wurde, trafen den Kommodore an der Küste und versahen ihn mit dem Nothwendigsten, worauf sie nach ihrem Schiffe zurückkehrten, ohne daß der Admiral auch nur die mindeste Ahnung von dem Geschehenen gehabt hätte. Bald nachher brach die Flotte bei einem Winde auf, die Schnäbel von der Küste abgekehrt. Am anderen Tage trennten sich die kleineren Schiffe von ihren Begleitern, hatten mit Sonnenuntergang schon viele Meilen windwärts gewonnen und wurden dann nicht mehr gesehen. Der Admiral hatte Philipp rufen lassen, um ihm seine Instruktionen zu ertheilen; sie waren sehr streng und augenscheinlich darauf berechnet, dem Oberbefehlshaber mit der Zeit einen beschönigenden Grund zu bieten, unsern Helden seines Kommandos zu berauben. Unter anderem lautete die Ordre, der Dort solle, da er viel weniger Wassertracht habe, als das Admiralschiff, im Laufe der Nacht voraussegeln, damit er dem Admirale in Zeiten Nachricht ertheilen könne, wenn sie auf der Durchfahrt in zu seichtes Wasser geriethen. Diese Auflage gab Anlaß, daß Philipp stets auf dem Decke war, sobald sie sich auf irgend einer Seite zu weit dem Lande näherten. In der zweiten Nacht nach der Trennung der Flotte wurde Philipp auf's Deck berufen, weil sie sich der Küste von Feuerland näherten. Er sah eben zu, wie der Mann in den Puttingen das Loth auswarf, als ihm der Offizier der Wache meldete, daß das Admiralschiff vorn und nicht in ihrem Sterne sei. Philipp fragte, wann es an ihnen vorbei gekommen sei, konnte aber keine Auskunft darüber erhalten, weßhalb er sich nach dem Vorderschiffe begab und daselbst das Admiralschiff mit seinem Hüttenlichte entdeckte, das, wenn sich der Löwe im Stern befand, nicht sichtbar war. »Was mag das zu bedeuten haben?« dachte Philipp. »Ist der Admiral vielleicht vorausgeschossen, um mir eine Vernachlässigung meines Dienstes zur Last legen zu können? Es muß wohl so sein. Je nun, thue er, was ihm beliebt; er muß jetzt warten, bis wir in Indien anlangen, denn ich werde nicht zugeben, daß er mich gleichfalls maronirt; auch möchte ich fast glauben, daß ich mit meinen bedeutenden Aktien einen größeren Einfluß auf die Compagnie habe, als er. Gut; da er es für passend gehalten hat, voraus zu fahren, so habe ich Nichts zu thun, als zu folgen – ihr könnt aus den Puttingen wieder heraufkommen,« rief er dem Mann mit dem Lothe zu. Philipp segelte vorwärts. Der Löwe war jetzt, dem Anscheine nach, in großer Landnähe, obschon sich in der Dunkelheit nicht viel unterscheiden ließ, und setzte zu Philipps großem Erstaunen seinen Kurs fort, denn Letzterer glaubte bereits die Küste durch die Finsterniß zu unterscheiden. Seine Augen waren ohne Unterlaß auf das vorne segelnde Schiff gerichtet, und er erwartete jeden Augenblick, daß es umwenden würde; dies geschah übrigens nicht, denn das Admiralschiff setzte seinen Kurs fort und Philipp folgte ihm mit seinem eigenen Fahrzeuge. »Wir sind sehr nahe am Lande, Herr,« bemerkte der Lieutenant Van der Hagen, welcher die Wache hatte. »So scheint mir's, der Admiral aber noch mehr, obschon er tiefer im Wasser geht, als wir,« versetzte Philipp. »Ich meine die Felsen neben den Leespieren zu sehen, Herr.« »Ihr habt, glaube ich, Recht,« entgegnete Philipp. »Ich kann dies nicht begreifen. Hurtig um und eine Kanone in Bereitschaft gehalten. Verlaßt Euch darauf, sie glauben, wir seien ihnen voraus.« Philipp hatte kaum diesen Befehl ertheilt, als das Schiff schwer auf den Klippen aufstieß. Unser Held lief nach hinten und fand, daß das Steuer losgebrochen war, während der Dort unbeweglich aufsaß. Seine Gedanken kehrten sodann zu dem Admiralschiffe zurück. War es vielleicht am Lande? Er eilte nach vorne; aber der Admiral segelte noch immer mit seinem Hüttenlichte in der Entfernung von ungefähr zwei Kabellängen voraus. »Feuert die Kanone ab,« rief Philipp über die Maßen verwirrt. – Das Geschütz wurde gelöst und alsbald folgte das Blitzen und der Knall einer andern Kanone dicht im Stern des Dort. Philipp sah erstaunt über die Windvierung und bemerkte das Admiralschiff dicht hinter sich, augenscheinlich gleichfalls an der Küste. »Barmherziger Himmel!« rief Philipp, nach dem Vorderschiffe stürzend, »was kann dies sein?« Er schaute nach dem andern Schiffe, das noch immer mit seinem Lichte voraus segelte und immer weiter abkam. Der Tag dämmerte, und es war nun zureichend Licht vorhanden, um das Land zu unterscheiden. Der Dort befand sich auf fünfzig Ellen in Küstennähe und war rings von hohen, zackigen Felsen umgeben; und doch segelte das vordere Schiff immer weiter, scheinbar über das Land hin. Die Matrosen sammelten sich in der Back und sahen dem wunderbaren Phänomen nach, das sich weiter und weiter aus ihrem Gesichtskreise zog. »Bei Allem, was heilig ist, das ist der fliegende Holländer!« rief Einer von den Matrosen, von der Kanone herunterspringend. Kaum hatte der Mann diese Worte ausgesprochen, als das Schiff mit einemmale verschwand. Philipp fühlte sich von der Wahrheit dieses Ausrufs überzeugt und begab sich in einem sehr verstörten Zustande nach dem Hinterdecke. Seines Vaters verhängnißvolles Schiff hatte sie also in den wahrscheinlichen Untergang gelockt. Er wußte kaum, wie er handeln sollte. Dem Zorn des Admirals wollte er nicht augenblicklich entgegentreten, weßhalb er den Offizier der Wache beauftragte, das Boot mit Leuten zu bemannen, welche seine Behauptung bekräftigen könnten, und auf das Admiralschiff zu gehen, um daselbst über das Vorgefallene Bericht zu erstatten. Sobald das Boot abgefahren war, verwandte Philipp seine Aufmerksamkeit auf den Zustand seines eigenen Schiffes. Es war heller geworden, und Philipp bemerkte jetzt, daß sie zwischen zwei Riffen, die sich eine halbe Meile weit in die See herein erstreckten, auf den Strand gelaufen waren. Durch Sondiren entdeckte er, daß der Dort von vorn nach hinten aufgesessen war und nicht zu erwarten stand, daß er los kommen könne, wenn er nicht erleichtert würde. Als sich unser Held umwandte, entdeckte er, daß sich das Admiralschiff in einer eben so traurigen, wo nicht schlimmeren Klemme befinde, da die Felsen im Lee über das Wasser hervorragten und den Löwen in eine viel schlimmere Lage versetzten, im Falle ungestüm Wetter eintrat. Vielleicht gab es nie einen traurigeren und ertödtenderen Anblick – eine dunkle, winterliche See – ein mit schweren Wolken behangener Himmel – der Wind kalt und schneidend – die ganze Küstenlinie eine einzige Masse kahler Felsen ohne die geringste Spur einer Vegetation! Das Binnenland bot einen eben so trübseligen Anblick, und die höheren Punkte waren mit Schneekappen bedeckt, obgleich es nicht Winter war. Als Philipp das Auge an der Küste hingleiten ließ, bemerkte er nicht vier Meilen leewärts die Stelle, wo der Kommodore ausgesetzt worden war; so geringe Fortschritte hatten sie im Laufe der Nacht gemacht. Zuverlässig ist dies eine Strafe seiner Grausamkeit! dachte Philipp, und die Prophezeihung des armen Avenhorn wird sich erwähren – »mehr Gebeine, als die seinigen, sollen auf diesen Felsen bleichen.« Er wandte sich wieder nach der Stelle um, wo das Admiralschiff am Ufer lag und fuhr plötzlich zusammen, denn er gewahrte jetzt einen Anblick, grauenhafter, als Alles, was ihm je vorgekommen – den Körper Van der Hagens, des Offiziers, welchen er auf das Admiralschiff geschickt hatte, der an der großen Nocke baumelte. »Mein Gott, ist es möglich!« rief Philipp voll Entrüstung und Schmerz auf den Boden stampfend. Das Boot kehrte an Bord zurück, und unser Held sah seiner Ankunft mit Ungeduld entgegen. Die Matrosen eilten herauf und meldeten Philipp athemlos, der Admiral habe, sobald er den Rapport des Lieutenants gehört, und von ihm vernommen, daß er der wachhabende Offizier gewesen sei, Befehl ertheilt, ihn zu hängen; sie seien beauftragt, dem Kommandeur des Dort zu melden, daß er augenblicklich an Bord zu erscheinen habe; auch hätten sie gesehen, wie ein weiteres Tau an der anderen Nocke befestigt worden sei. »Aber nicht für Euch, Herr,« riefen die Matrosen; »das darf nicht geschehen. Ihr sollt nicht auf das Admiralschiff, und wir wollen Euch mit unserem Leben vertheidigen.« Die ganze Schiffsmannschaft äußerte sich in derselben Weise und erklärte, daß sie entschlossen sei, dem Admiral Widerstand zu leisten. Philipp dankte ihnen freundlich und versicherte ihnen, daß er gar nicht daran denke, an Bord zu gehen, ersuchte sie aber zugleich, sie möchten sich ruhig verhalten, bis man gewiß wisse, welche Schritte der Admiral einzuschlagen beabsichtige. Dann ging er nach seiner Kajüte hinunter, um zu überlegen, was weiter zu thun sei. Während er zu dem Sternfenster hinausschaute und die Leiche des jungen Mannes noch immer im Winde schwingen sah, wünschte er fast, an der Stelle des Todten zu sein, damit doch sein widriges Geschick einmal zu Ende wäre; dann aber dachte er an Amine und fühlte, daß er um ihretwillen noch zu leben wünschte. Daß das Geisterschiff ihn in den Untergang gelockt hatte, wurde ihm gleichfalls zu einer Quelle tiefen Schmerzes. Mit an die Schläfen gedrückten Händen stellte er Betrachtungen an. »Doch es ist meine Bestimmung«, dachte er endlich, »und der Wille des Himmels muß geschehen; denn ohne dessen Zulassung hätten wir nicht also getäuscht werden können.« Dann faßte er wieder seine gegenwärtige Lage in's Auge. Es war unläugbar, daß der Admiral durch das Bluturtheil über den jungen Mann seine Vollmacht überschritten hatte, denn obgleich ihm seine Instruktionen Macht über Leben und Tod ertheilten, sollte eine Hinrichtung doch nur in Folge des vereinten Spruches der Flottenkapitäne vollstreckt werden können. Unser Held fühlte sich daher zum Widerstande berechtigt, obgleich ihn der Gedanke schwer beunruhigte, daß er hiedurch vielleicht zu vielem Blutvergießen Anlaß gab. Während er noch über seine weiteren Schritte mit sich zu Rathe ging, wurde ihm gemeldet, daß ein Boot von dem Admiralschiffe abgestoßen sei. Unser Held begab sich auf das Deck, um den Offizier zu empfangen, der die Befehle des Admirals überbrachte: sie lauteten dahin, daß der Kommandeur des Dort sich unverweilt an Bord des Löwen zu begeben, sich als Gefangenen zu betrachten und seinen Degen abzuliefern habe. »Nein! nein!« rief die Mannschaft des Kommodoreschiffes. »Er geht nicht! wir wollen unserem Kapitän Beistand leisten bis auf's Aeußerste.« »Stille, ihr Männer, stille!« rief Philipp. »Ihr werdet einsehen, Herr,« fuhr er gegen den Offizier fort, »daß der Admiral in der grausamen Strafe gegen jenen unschuldigen jungen Mann seine Vollmacht überschritten hat, und so sehr ich auch bedaure, wenn sich hier Merkmale von Meuterei und Ungehorsam zeigen, darf doch nicht vergessen werden, daß ein Befehlshaber, der seine Aufträge überschreitet, ein schlimmes Beispiel und einen Entschuldigungsgrund für diejenigen gibt, welche unter anderen Umständen ihrer Pflicht getreu geblieben wären. Sagt dem Admiral, daß ich nach dem Morde dieses unschuldigen Mannes entschlossen bin, mich nicht länger unter seine Befehle zu fügen, und daß ich mich ebenso gut, als er, für mein Benehmen nur vor der Compagnie verantworten werde, der wir gemeinschaftlich dienen. Ich habe nicht im Sinne, an Bord zu gehen, und mich in seine Macht zu geben, damit er allenfalls durch meinen schimpflichen Tod seine Rachsucht befriedige. Es ist eine Pflicht gegen meine Untergebenen, mein Leben zu erhalten und Allem aufzubieten, um in dieser Klemme wo möglich auch das ihrige zu retten; zugleich mögt Ihr beifügen, daß ein wenig Nachdenken ihn belehren müsse, wie jetzt keine Zeit sei zu einem gegenseitigen Kriege, indem wir jetzt die ernste Verpflichtung haben, uns mit allen unsern Kräften wechselseitig beizuspringen. Wir sind an einer öden Küste gestrandet, ohne für lange mit Mundvorrath versehen zu sein, und haben keine Aussicht auf fremden Beistand, desgleichen nur wenig Hoffnung, mit dem Leben davon zu kommen. Wie der Kommodore prophezeit hat, werden wohl Viele sein trauriges Ende theilen – und sogar der Admiral wird wahrscheinlich unter die Zahl dieser Unglücklichen gehören. Ich will hier seine Antwort erwarten. Ist er geneigt, alle Feindseligkeit bei Seite zu setzen und unser Benehmen einem höheren Tribunal zu überlassen, so bin ich bereit, ihm denjenigen Beistand zu leisten, den unsere gegenseitige Lage fordert – wo nicht, so könnt Ihr ihm aus dem, was Ihr selbst gesehen, bedeuten, daß ich Leute um mich habe, welche bereit sind, mich gegen jede Gewaltthat zu vertheidigen. Ihr habt meine Antwort, Herr, und könnt an Bord zurückkehren.« Der Offizier begab sich nach der Laufplanke, fand aber keinen seiner Matrosen, mit Ausnahme des Bugmanns, im Boote. Sie waren heraufgekommen, um von der Mannschaft des Dorts die wahre Geschichte dessen, was sie nur unvollkommen vernommen hatten, zu hören, und stimmten mit den Leuten des Dorts überein, daß die Erscheinung des Geisterschiffs, durch welche ihr gegenwärtiges Unglück veranlaßt wurde, ein Gottesgericht sei, das der Admiral durch seine grausame Behandlung des armen Kommodore über sie herabgerufen habe. Nachdem der Offizier Philipps Antwort gemeldet hatte, kannte die Wuth des Admirals keine Grenzen mehr. Er befahl den Kanonieren des Hinterschiffes, welche den Dort bestreichen konnten, doppelt zu laden und Feuer zu geben. Krantz machte ihn jedoch darauf aufmerksam, daß sie in ihrer Lage nicht mehr Kanonen gegen den Dort aufbringen könnten, als der Dort gegen sie in Thätigkeit zu setzen vermöge – die Ueberlegenheit des Admiralschiffs werde dadurch aufgehoben und der ganze Schritt könne zu keinem vortheilhaften Resultate führen. Der Admiral ließ hierauf Krantz gefangen setzen und schickte sich an, seine wahnsinnige Absicht zu vollziehen, wurde aber hieran von den Matrosen des Löwen gehindert, welche weder auf ihre Kameraden feuern, noch die Kugeln derselben entgegennehmen wollten. Der Bericht der Bootsmannschaft hatte sich schnell durch das ganze Schiff verbreitet, und die Leute, welche dem Admiral ohnehin nicht geneigt waren, erkannten zu sehr das Gefährliche ihrer Lage, um sie noch schlimmer machen zu wollen. Ohne gerade in offene Meuterei auszubrechen, begaben sie sich in den Raum hinunter, und als die Offiziere sie heraufbeorderten, weigerten sie sich auf dem Deck zu erscheinen. Die Offiziere, welche das Benehmen des Admirals gleichfalls verabscheuten, meldeten nur einfach den Stand der Dinge unter der Mannschaft, ohne jedoch einzelne Individuen nahmhaft zumachen, gegen die sich die Rache ihres Tyrannen hätte geltend machen können. So verhielt sich die Sachlage, als die Sonne unterging. Auf dem Admiralschiffe war Nichts geschehen, denn Krantz befand sich im Arreste, und der Admiral hatte sich in einem Zustande der höchsten Wuth nach seiner Kajüte begeben. Inzwischen war Philipp mit seinen Leuten nicht müssig gewesen – sie hatten einen Anker am Stern ausgelegt und straff angeholt: auch waren sie eben eifrig im Auspumpen des Wassers begriffen, als ein Boot neben der Schiffsseite anlangte und Krantz auf dem Decke erschien. »Kapitän Vanderdecken, ich komme, um mich unter Eure Befehle zu stellen, wenn Ihr mich annehmen wollt – wo nicht, so verleiht mir doch Euren Schutz, denn ich wäre unausbleiblich morgen früh gehangen worden, wenn ich auf meinem eigenen Schiffe geblieben wäre. Die Mannschaft im Boote kommt in derselben Absicht – sie will sich Euch anschließen, wenn Ihr nichts dagegen habt.« Obgleich Philipp gerne mit einem derartigen Ansinnen verschont geblieben wäre, konnte er sich unter so gestalteten Umständen doch nicht wohl weigern, Krantz aufzunehmen, um so mehr, da er Letzteren lieb gewonnen hatte und zu Rettung seines Lebens, das ohne Frage in großer Gefahr schwebte, sogar noch viel mehr gethan haben würde; die Matrosen forderte er jedoch zur Rückkehr auf. Als ihm aber Krantz mittheilte, was an Bord des Löwen vorgefallen war, und die Matrosen dringend baten, man möchte sie nicht zu einem fast gewissen Tode zurückschicken, der ihnen bevorstünde, weil sie Krantz in seiner Flucht unterstützt hätten, so erlaubte ihnen Philipp, obgleich nur mit Widerstreben, zu bleiben. Die Nacht war stürmisch, das Wasser aber nicht wild, da der Wind vom Ufer abging. Es gelang der Mannschaft des Dorts im Laufe der Nacht unter den Anweisungen von Philipp und Krantz das Schiff so weit zu erleichtern, daß sie am andern Morgen im Stande waren, es umzuholen, denn sie fanden, daß der Boden keinen ernstlichen Schaden genommen hatte. Es war ein Glück für sie, daß sie in ihren Anstrengungen nicht abgelassen hatten; denn einige Stunden vor Sonnenaufgang schlug der Wind um und sie hatten kaum ihr Steuer wieder befestigt, als die Kühlte steif die Meerenge herunterkam und einen schweren Wellenschlag mit sich führte. Das Admiralschiff lag noch immer auf dem Grund, und augenscheinlich hatte sich Niemand Mühe gegeben, es wieder flott zu machen. Philipp fühlte sich in großer Verlegenheit, denn er mochte die Mannschaft des Löwen nicht zurücklassen und konnte doch auch dem Admirale die Aufnahme nicht abschlagen, wenn dieser an Bord kommen wollte; indeß entschloß er sich, Letzteren in diesem Falle bloß als einen Passagiere zu betrachten und sich selbst im Kommando zu behaupten. Vorderhand begnügte er sich, außerhalb des Riffs unter einem hohen Vorsprunge Anker zu werfen, unter welchem das Wasser glatt war. Das Admiralschiff lag ungefähr eine Meile einwärts am Ufer. Mittlerweile ließ er seine Mannschaft aus einem Flusse, der in unmittelbarer Nähe des Schiffs in die Straße einmündete, die Wasserfässer füllen und wartete ab, ob das Admiralschiff nicht etwa wieder loskäme, da er im entgegengesetzten Falle nothwendig eine baldige Mittheilung zu gewärtigen hatte. Nachdem der Wasservorrath eingenommen war, schickte er eines seiner Boote nach der Stelle, wo der Kommodore gelandet hatte, um denselben an Bord zu nehmen, wenn man ihn finden könnte; die Matrosen kehrten jedoch zurück, ohne etwas von ihm gesehen zu haben, obgleich sie über die Berge und ziemlich weit in's Innere des Landes gedrungen waren. Am zweiten Morgen, nachdem Philipp sein Schiff umgeholt hatte, bemerkten sie, daß die Boote des Admiralschiffs an der Küste hin- und hergingen und sämmtliche Vorräthe an's Land brachten. Tags darauf waren Zelte am Ufer aufgeschlagen, woraus man entnehmen konnte, daß die Mannschaft den Löwen verlassen hatte, obgleich die Boote noch immer beschäftigt waren, Ladung herauszuholen. In der Nacht wehte steifer Wind und die See ging hoch; am andern Morgen waren die Masten fort und das Admiralschiff auf die Seite gelegt – also augenscheinlich ein Wrack, und Philipp berieth sich jetzt mit Krantz über die weiteren Schritte. Die Mannschaft des Löwen an der Küste zu lassen, war unmöglich, da sie an einem so öden Orte im Winter nothwendig zu Grunde gehen mußte. Indeß wurde es doch als räthlich erachtet, die erste Anfrage von der andern Partei ausgehen zu lassen, weshalb Philipp beschloß, ruhig vor Anker zu bleiben. Es war augenscheinlich, daß unter den Matrosen des Löwen keine Mannszucht mehr herrschte, denn man sah sie im Laufe des Tags in jeder Richtung über die Felsen klettern, während sie des Nachts ein großes Feuer anzündeten und dabei schwelgerische Trinkgelage hielten. Diese Verschwendung des Mundvorraths verdroß Philipp sehr. Er besaß selbst nicht mehr, als gerade für den Unterhalt seiner eigenen Mannschaft zureichend war, und mußte jetzt darauf zählen, daß die Matrosen des Löwen bitten würden, an Bord seines eigenen Schiffs aufgenommen zu werden, sobald sie das, was sie an's Land genommen, verbraucht hatten. Bei diesem Zustand verblieb er eine Woche lang, bis endlich eines Morgens ein Boot herausruderte, in dessen Sternschooten Philipp den Offizier erkannte, der schon früher zu ihm an Bord geschickt worden war, um ihm seinen Arrest anzukündigen. Als der Offizier auf dem Decke erschien, nahm er vor unserem Helden den Hut ab. »Ihr erkennt mich demnach als kommandirenden Offizier an?« bemerkte Philipp. »Ja, Herr, zuverlässig; Ihr wart der Zweite im Kommando, seid aber jetzt der Erste – der Admiral ist todt,« »Todt?« rief Philipp. »Wie ging das zu?« »Er fand sein Ende am Gestade unter einer hohen Klippe. Die Leiche des Kommodore war in seinen Armen – in der That, sie hatten sich fest aneinander angeklammert. Der Admiral pflegte jeden Tag nach der Höhe des Gebirgs zu gehen, um nachzusehen, ob nicht Schiffe durch die Straße herunterkamen; vermuthlich traf er bei dieser Gelegenheit auf den Kommodore, kriegte Zwist mit ihm, und so mögen wohl beide mit einander über den Absturz hinuntergefallen sein. Niemand sah ihre Begegnung; aber sie müssen über die Felsen gestürzt sein, da die Leichen furchtbar verstümmelt waren.« Bei weiterer Erkundigung erfuhr Philipp, daß schon nach der zweiten Nacht alle Aussicht, den Löwen zu retten, verloren gewesen, denn sein Backbordgang war eingestoßen worden und das Schiff hatte schnell sechs Fuß tief Wasser im Raum gefaßt. Die Mannschaft brach nun in offene Meuterei aus und verzehrte fast allen Branntwein. Die Kranken waren bereits sämmtlich zu Grunde gegangen, desgleichen auch viele Andere, welche in trunkenem Zustande über die Felsen hinunterstürzten oder in Folge von nächtlicher Erkältung todt gefunden wurden. »Die Prophezeihung des alten Kommodore ist also eingetroffen,« bemerkte Philipp gegen Krantz. »Viele Andere und sogar der Admiral selbst ist mit ihm zu Grunde gegangen. – Friede sei mit ihnen! Doch jetzt wollen wir sobald als möglich diesem schrecklichen Orte den Rücken kehren.« Unser Held beauftragte sofort den Offizier, seine Matrosen und die noch übrig gebliebenen Vorräthe zu augenblicklicher Einschiffung zu sammeln. Krantz folgte bald nachher mit sämmtlichen Booten und noch vor Einbruch der Nacht befand sich Alles an Bord. Die Leichen des Admirals und des Kommodore's wurden an der Stelle, wo sie lagen, begraben, und am andern Morgen lichtete der Dort unter schrägem Winde die Anker, einen schönen Kurs durch die Meerenge anlegend. Neunzehntes Kapitel. Es gewann den Anschein, als ob ihr Mißgeschick nach dem tragischen Tode der beiden Befehlshaber ein Ende nehmen sollte. Nach wenigen Tagen hatte der Dort die Straße von Magelhaen zurückgelegt und segelte mit blauem Himmel und ruhiger See in das stille Weltmeer hinaus. Die Schiffsmannschaft gewann ihre Gesundheit und ihren Lebensmuth wieder, und da es jetzt nicht an Händen fehlte, so versah Alles seinen Dienst mit Freudigkeit. Nach ungefähr vierzehn Tagen waren sie weit an der spanischen Küste hinaufgekommen und hatten in dieser Zeit zwar viele Einwohner an der Küste gesehen, waren aber nie mit einem spanischen Schiffe zusammengetroffen. Philipp, welcher wohl wußte, daß ein Angriff zu erwarten stand, wenn sie einem derartigen Fahrzeuge von überlegener Kraft begegneten, hatte übrigens alle nöthigen Vorbereitungen getroffen, desgleichen auch seine Leute gut an dem Geschütze eingeübt. Der Dort, der jetzt die Matrosen zweier Schiffe an Bord führte, war ein gut bemanntes Schiff, und die Aussicht auf Prisengeld ließ die Leute nichts sehnlicher, als die Zusammenkunft mit einem Spanier wünschen, welchen, wie sie wohl wußten, Philipp wo möglich nehmen würde. Leichte Brisen und völlige Windstille hielten sie einen vollen Monat lang an der Küste auf, und nun beschloß Philipp auf die spanische Insel Santa Maria loszusteuern, wo sie hofften, entweder durch gute Worte, oder durch Gewalt frische Mundvorräthe erhalten zu können. Der Dort war ihrer Schätzung nach etwa dreißig Meilen von der Insel entfernt, und nachdem sie fortgesteuert hatten bis es dunkel war, legten sie bis zum andern Morgen bei. Krantz war auf dem Verdecke; er lehnte sich über die Seite, und als die Segel an die Masten klappten, suchte er die Linie des Horizontes zu unterscheiden. Es war sehr dunkel; aber nach einem aufmerksamen Spähen glaubte er für einen Augenblick, ein Licht zu bemerken, welches dann wieder verschwand. Die Stelle scharf in's Auge fassend, erkannte er bald, daß keine zwei Kabellängen entfernt ein Schiff beilegte. Er eilte hinunter, um Philipp davon Kunde zu geben und ein Glas heraufzuholen; und als unser Held auf dem Decke erschien, wurde das Fahrzeug deutlich als eine sehr tief im Wasser gehende dreimastige Schebecke erkannt. Nach kurzer Berathung kam man überein, daß die Schanzboote niedergelassen und ohne Geräusch bewaffnet werden sollten, um sich sodann sachte neben die Schebecke hinzustehlen und dieselbe durch Ueberraschung zu nehmen. Den damit beauftragten Matrosen wurde Stillschweigen eingeschärft, und in wenigen Minuten hatte die Bootsmannschaft das Schiff in Besitz genommen, indem sie an Bord stiegen und die Luken verschlossen, ehe noch die Wenigen, welche auf dem Decke waren, Lärm machen konnten. Krantz warf sodann noch mehr Mannschaft auf das Schiff und legte es unter dem Lee des Dorts bei, bis das Tageslicht anbrach. Nun wurden die Luken geöffnet und die Gefangenen nach dem Dort gebracht. Sie bestanden aus sechszig Mann – eine große Zahl für ein derartiges Schiff. Auf die Erkundigung über den Namen und die Verhältnisse des Schiffes traten zwei gutgekleidete, anständig aussehende Personen vor und gaben an, dasselbe sei von Santa Maria ausgefahren, um mit einer Ladung von Mehl und Reisenden nach Lima zu gehen; die Bemannung bestehe mit Einschluß des Kapitäns aus fünfundzwanzig Köpfen, während die übrigen an Bord befindlichen die Gelegenheit benützt hätten, um nach Lima zu kommen. Sie selbst gehörten gleichfalls zu den Reisenden und hofften, daß Schiff und Ladung alsbald wieder freigegeben werde, da sich die beiden Nationen nicht im Kriege mit einander befänden. »In Europa allerdings nicht,« versetzte Philipp, »aber in diesen Meeren zwingen mich die beharrlichen Angriffe Eurer bewaffneten Schiffe zur Vergeltung. Euer Schiff und Eure Ladung erkläre ich daher als Prise. Gleichwohl will ich, da ich Privatpersonen nicht zu belästigen wünsche, sämmtliche Passagiere und Matrosen in Santa Maria an's Land setzen, denn ich segle selbst nach dieser Insel, um Erfrischungen einzunehmen, die ihr mir wohl bereitwillig als Lösegeld verabfolgen werdet, um mich aller gewaltsamen Maßregeln zu entheben.« Die Gefangenen legten zwar lauten Protest ein, aber ohne Erfolg. Sie baten sodann, auch das Schiff, und die Ladung auslösen zu dürfen, und boten eine weit größere Summe, als Beides werth zu sein schien; Philipp aber, dessen Mundvorräthe auf die Neige gingen, wollte sich nicht von dem Cargo trennen, und die Spanier schienen sich den unglücklichen Erfolg ihres Gesuchs sehr zu Herzen zu nehmen. Als sie fanden, daß nichts unsern Helden veranlassen könne, den Mundvorrath wieder herauszugeben, so baten sie angelegentlichst, wenigstens das Schiff wieder auslösen zu dürfen, wozu Philipp nach einer Berathung mit Krantz seine Zustimmung gab. Die beiden Schiffe fuhren nun weiter und steuerten nach der nur noch vier Stunden entfernten Insel. Obgleich Philipp zugesagt hatte, daß er die Schebecke wieder abtreten wolle, so fand er jetzt doch, daß sie vortrefflich segelte, und bereute fast, ihre Auslösung genehmigt zu haben. Um Mittag ankerte der Dort außer Schußweite in der Rhede und ein Theil der Reisenden erhielt Erlaubnis an's Land zu gehen und die Vorbereitungen zu Auslösung der Uebrigen zu treffen, während die Prise an die Seite geholt und ihr Cargo in das Schiff gehißt wurde. Gegen Abend kamen drei große Boote mit lebendigem Vieh, einem Vorrath von Vegetabilien und der Summe an, welche als Lösegeld für die Schebecke bestimmt worden war. Sobald eines der Boote geleert war, wurde den Gefangenen gestattet, in denselben an's Land zu gehen, indem auf Krantz's Rath nur der spanische Pilot zurückgehalten wurde, welcher übrigens das Versprechen gleichfallsiger Befreiung erhielt, sobald der Dort außerhalb der spanischen See sei. Auf sein eigenes Gesuch durfte auch ein Neger an Bord bleiben, sehr zum Verdrusse der beiden oben erwähnten Passagiere, welche den Sklaven als ihr Eigenthum ansprachen, und in einer derartigen Maßregel einen Bruch des geschlossenen Vertrags sehen wollten. »Ihr beweis't mein Recht durch Eure eigenen Worte,« versetzte Philipp, »denn ich versprach, alle Passagiere freizugeben, nicht aber das Eigenthum . Der Sklave wird an Bord bleiben.« Als die Spanier fanden, daß alle ihre Bemühungen fruchtlos waren, nahmen sie mit einer stolzen Miene Abschied. Den Dort ließ man denselben Abend vor Anker liegen, um sein Takelwerk untersuchen zu können; am andern Morgen entdeckten jedoch die Matrosen, daß die Schebecke verschwunden und im Laufe der Nacht unbemerkt an ihnen vorbeigesegelt war. Sobald die Anker gelichtet und die Segel gespannt waren, begab sich Philipp mit Krantz nach der Kajüte hinunter, um sich über den besten Kurs zu berathen. Der Negersklave folgte ihnen, blickte, nachdem er die Thüre geschlossen hatte, sorgfältig umher und sagte, daß er mit ihnen zu sprechen wünsche. Seine Mittheilung war sehr wichtig, kam aber ein wenig zu spät. Die freigegebene Schebecke war ein Postschiff der Regierung und der schnellste Segler, den die Spanier besaßen. Die angeblichen zwei Passagiere gehörten als Offiziere zur spanischen Marine und die andern waren die Mannschaft des Schiffes. Das Postschiff war mit dem Auftrage ausgesegelt, die Steuer an ungemünztem Golde zu sammeln und nach Lima zu bringen, zu gleicher Zeit aber der holländischen Flotte aufzulauern, von welcher man schon vor einiger Zeit auf dem Landwege Kunde erhalten hatte. Wenn Letztere eintreffen sollte, hatte die Schebecke Kunde nach Lima zu bringen, damit spanische Kriegsschiffe gegen dieselbe ausgeschickt werden könnten. Es stellte sich ferner heraus, daß einige der angeblichen Mehlfässer je zweitausend Golddublonen, andere aber Silberbarren enthielten – eine Vorsichtsmaßregel, die auf den Fall des Gekapertwerdens berechnet war. Daß das Schiff jetzt nach Lima abgegangen war, unterlag keinem Zweifel, und der Grund, warum die Spanier den Neger nicht auf dem Dorte lassen wollten, bestand einfach in dem Umstande, daß sie wußten, er werde die betreffenden Enthüllungen machen. Was den Piloten betraf, so kannten ihn die Spanier als einen zuverlässigen Mann, und der Neger warnte vor ihm, da er leicht den Dort in Schwierigkeiten bringen könnte. Philipp bereute jetzt sehr, das Schiff freigegeben zu haben, da ihm nunmehr mit aller Wahrscheinlichkeit ein Kampf mit einer überlegenen Streitkraft bevorstand, noch ehe er diesen Theil des Meeres verlassen konnte; doch da war nicht zu helfen. Er berieth sich mit Krantz und wurde mit ihm einig, daß die Schiffsmannschaft versammelt werden und von der mitgetheilten Thatsache Kunde erhalten solle, weil sie annahmen, das Bewußtsein, einen so werthvollen Fang gethan zu haben, werde die Matrosen zu tapferem Widerstand spornen und die Hoffnung zu weiterem guten Erfolg anfachen. Die Leute vernahmen diese Nachricht mit Entzücken und betheuerten, sie wollten es mit einer doppelt so starken spanischen Macht aufnehmen. Dann ließ Philipp die Fässer auf das Halbdeck bringen und das Geld aufschütten. Das Ganze belief sich auf ungefähr eine halbe Million Dollars; unser Held ließ das gemünzte Geld gleich am andern Tag vor der Gangspill vertheilen, die Barren aber zurücklegen, bis sie verkauft und ihr Werth demgemäß angeschlagen werden konnte. Weitere sechs Wochen arbeitete sich Philipp an der Küste hinauf, ohne mit einem Schiff unter Segel zusammenzutreffen. Die Postschebecke halte augenscheinlich bereits Kunde ertheilt und sämmtliche Fahrzeuge, groß oder klein, lagen unter den Batterien vor Anker. Der Dort war fast die ganze Küste hinauf gelaufen, und Philipp hatte sich vorgenommen, am nächsten Tage gegen Batavia umzuholen, als er in Küstennähe ein Schiff unter starkem Segeldruck Lima zueilen sah. Die Jagd wurde alsbald begonnen; da jedoch das Wasser seicht ward, so fragte man den Piloten, ob man einwärts steuern könne. Er antwortete bejahend und gab an, sie seien jetzt im seichtesten Wasser, da es weiter innen wieder tiefer werde. Der Lothmatrose erhielt Auftrag, in die Puttingen zu gehen und zu sondiren, aber beim ersten Wurf riß die Lothlinie. Man schaffte eine andere bei, und der Dort verfolgte seine Fahrt noch immer unter schwerem Segeldruck. Jetzt kam der Negersklave zu Philipp herauf und berichtete, er habe den spanischen Piloten mit dem Messer in den Puttingen gesehen und glaube, derselbe müsse die Lothlinie so weit durchgeschnitten haben, daß sie beim Sondiren riß; man solle dem Menschen doch ja kein Vertrauen schenken. Das Steuer wurde augenblicklich niedergelassen; aber wie das Schiff rundete, berührte es mit dem Hinterkiele den Grund, obschon es nach einigem Schleppen wieder klar wurde. »Schurke!« rief Philipp. »Du hast also die Lothlinie durchgeschnitten? Der Neger sah dich und hat uns gerettet.« Der Spanier sprang von der Kanone herunter und stieß, ehe er verhindert werden konnte, dem Neger sein Messer in's Herz. »Maldetto! Nimm dieß für deine Mühe!« rief er mit wüthendem Zähneknirschen, während er sein Messer schwang. Der Neger stürzte todt zusammen. Der Pilot wurde von der Mannschaft des Dorts, welche dem Neger sehr zugethan war, da sie seiner Nachricht den Reichthum verdankte, ergriffen und entwaffnet. »Erlaubt, daß die Matrosen nach Gutdünken mit ihm verfahren,« sagte Krantz zu Philipp. »Es sei darum,« versetzte Philipp; »summarische Justiz!« Die Matrosen beriethen sich einige Minuten, banden dann den Piloten mit dem Neger zusammen und warfen beide über den Hackebord. Ein schweres Klatschen in's Wasser, und der Gerichtete verschwand mit seinem Opfer unter den wirbelnden Wellen im Kielwasser des Schiffes. Philipp beschloß nun, den Kurs nach Batavia aufzunehmen. Er war ein paar Tagereisen von Lima entfernt und hatte allen Grund für die Annahme, daß Schiffe ausgeschickt worden seien, um ihn aufzufangen. Mit günstigem Winde steuerte er nun von der Küste ab und legte im Laufe von drei Tagen eine schöne Strecke zurück. Am vierten Morgen ließen sich windwärts zwei Schiffe blicken, welche auf den Dort abhielten. Es waren augenscheinlich große bewaffnete Fahrzeuge, und die Entfaltung spanischer Flaggen und Wimpel, welche sichtbar wurden, als sie eine Meile windwärts rundeten, zeigte bald, daß man es hier mit Feinden zu thun habe. Das eine davon war eine Fregatte, größer, als der Dort, das andere eine Korvette von zweiundzwanzig Kanonen. Die Mannschaft des Dorts zeigte keine Unruhe über diese Ungleichheit der Streitkräfte, sondern klimperte mit den Dublonen in der Tasche, gelobte, sie nicht an den ursprünglichen Eigenthümer zurückzugeben, wenn sie es ändern könnten, und flogen eifrig an ihr Geschütze. Herausfordernd wurde nun die holländische Flagge entfaltet, und die beiden spanischen Schiffe, die wieder ihre Schnäbel dem Dort zuwandten, um nichts von ihrer Entfernung zu verlieren, erhielten einige scharfe Lagen, durch die sie etwas aus der Fassung gebracht wurden; sie holten aber auf eine Kabelslänge um, und begannen das Gefecht mit großer Lebhaftigkeit – die Fregatte vor dem Schaft, die Korvette vor dem Bug von Philipps Schiff liegend. Nachdem eine halbe Stunde von beiden Seiten scharfe Lagen gewechselt worden waren, stürzte der Fockmast der spanischen Fregatte und riß die große Stenge mit sich. Dieser Unfall that ihrem Feuer Einhalt. Der Dort breitete alsbald seine Segel aus und steuerte auf die Korvette zu, welche er mit drei oder vier vollen Lagen zusammenschoß; dann lavirte er und machte sich neben die Fregatte, deren Leekanonen noch immer durch das Wrack des Fockmastes behindert waren. Die zwei Schiffe legten sich nun in zehn Fuß weiter Entfernung Schnabel an Stern, und der Kampf begann auf's Neue unter sehr ungünstigen Verhältnissen für die Spanier. In einer Viertelstunde fing das über Bord hängende Tuch durch den Blitz der Kanonen Feuer, das sich sehr bald dem Schiffe mittheilte, während der Dort seine zerstörenden Lagen fortsetzte, ohne daß sie von Seiten des Gegners wirksam erwidert werden konnten. Nach vielen vergeblichen Versuchen, die Flammen zu löschen, beschloß der Kapitän des spanischen Schiffes, daß beide Fahrzeuge das gleiche Loos theilen sollten. Er zog das Steuer auf, schoß auf den Dort zu und bot Allem auf, um die beiden Fahrzeuge an einander fest zu machen. Nun kam es zu einem wilden Handgemenge. Die Spanier versuchten ihre Enterketten so durchzuschlingen, daß der Feind nicht entkommen könne, während sich die Holländer alle Mühe gaben, dieses Vorhaben zu vereiteln. Die Puttingen und Seiten der beiden Schiffe füllten sich mit verzweifelt kämpfenden Männern und die Getödteten fielen zwischen den beiden Fahrzeugen nieder; welche das Wrack des Fockmastes noch immer hinderte, einem eigentlichen Handgemenge Raum zu geben. Inzwischen blieben Philipp und Krantz nicht unthätig. Durch Brassen der Hinterraaen unter rechten Winkeln und Aufsetzen aller Segel im Vorderschiffe gelang es ihnen, den Dort vor den Wind zu bringen. Durch diese Schwenkung kamen sie aus dem Rauche, der sehr unbequem war, und da sie an den beiden Schiffen gute Fahrt hatten, so vierten sie, um auf einen andern Gang zu kommen und den Spanier in's Lee zu bringen. Dieß gewährte ihnen einen augenscheinlichen Vortheil und gab bald der Sache den Ausschlag. Der Rauch und die Flammen wurden auf das spanische Schiff zurückgeschlagen, diejenigen, welche sich bereits dem Dort mitgetheilt hatten, gelöscht, und die Spanier, welche nun nicht länger im Stande waren, ihre Versuche, die beiden Schiffe aneinander zu fesseln, fortzusetzen, zogen sich hinter die Bollwerke ihres eigenen Schiffes zurück. Nach einer gewaltigen Anstrengung gelang es dem Dort, sich loszumachen und seinem Gegner vorauszuschießen, der jetzt ganz in Flammen eingehüllt war. Die Korvette lag einige Kabellängen windwärts und feuerte hin und wieder eine Kanone ab. Philipp gab ihr eine volle Lage und sie holte ihre Flagge herunter. Der Kampf konnte nun als beendigt betrachtet werden, und es galt jetzt nur noch, die Mannschaft der brennenden Fregatte zu retten. Die Boote des Dorts wurden herausgehißt, aber nur zwei derselben konnten schwimmen. Eines davon wurde alsbald an die Korvette abgeschickt, um den Befehl zu überbringen, daß sie alle ihre Boote heraushisse und der Fregatte Beistand leiste. Dieß geschah und der größere Theil der überlebenden Mannschaft wurde gerettet. Noch zwei Stunden lang entluden sich die erhitzten Kanonen der Fregatte von selbst; und als endlich das Feuer die Pulverkammer erreichte, flog der obere Theil auf, während der Rest des Rumpfes langsam sank und verschwand. Unter den Gefangenen, welche die Uniform der spanischen Marine trugen, bemerkte Philipp auch die beiden angeblichen Passagiere, was ihm die Richtigkeit der von dem Neger gemachten Angaben bewies. Die zwei Kriegsschiffe, welche von Lima ausgeschickt wurden, um ihn aufzufangen, mochten sich wohl mit ihrer überlegenen Streitkraft eines leichten Sieges versehen haben. Nach einer kurzen Berathung vereinigten sich Krantz und Philipp dahin, daß es räthlich sein dürfte, die verkrüppelte Korvette sammt den Gefangenen frei zu geben, da die beiden Nationen nicht in einem eigentlichen Kriege befangen waren. Nachdem dieß geschehen war, nahm der Dort seine Fahrt nach Batavia wieder auf und ankerte drei Wochen nach dem Gefechte in der Rhede dieses Platzes. Er fand daselbst den Rest der Flotte, welcher vorausgeschickt worden und schon vor einigen Wochen angelangt war; die Schiffe hatten bereits ihre Ladung eingenommen und waren bereit, nach Holland abzusegeln. Philipp schrieb seine Depeschen, in welchen er den Direktoren die Ereignisse der Fahrt mittheilte, und ging dann an's Land, um wieder in dem Hause des Kaufmanns, der ihn früher aufgenommen hatte, Wohnung zu nehmen, bis der Dort für die Heimfahrt befrachtet werden konnte. Zwanzigstes Kapitel. Wir müssen jetzt zu Amine zurückkehren, die wir auf der Moosbank finden, wo sie sich mit Philipp besprochen hatte, als sie von dem Piloten Schriften unterbrochen wurde. Sie ist in tiefen Gedanken – die Augen niedergeschlagen, als suche sie die Vergangenheit sich in's Gedächtnis; zu rufen. »Ach, besäße ich die Kraft meiner Mutter,« rief sie; »aber sie ist dahin – dahin für immer! ich kann die Qual der Ungewißheit nicht ertragen – und dazu kommen noch diese thörichten Priester!« Dann erhob sie sich von der Bank und kehrte nach ihrer Wohnung zurück. Pater Matthias war noch immer nicht nach Lissabon abgereist; denn anfangs hatte er keine Gelegenheit gefunden und später veranlaßten ihn die Gefühle des Dankes gegen Philipp, bei Aminen zu bleiben, weil diese den Lehren des christlichen Glaubens mit jedem Tage abgeneigter zu werden schien. Oft und vielmal berieth er sich mit dem Pater Seysen, und die guten alten Leute ließen es an Ermahnungen nicht fehlen, auf die Amine bisweilen hörte, ohne etwas zu antworten, obschon sie zu andern Zeiten auch kühn ihre Gegengründe vorbrachte. Es schien ihnen, als weise sie die christliche Religion mit einer Hartnäckigkeit zurück, die ihnen ebenso unverzeihlich, als unbegreiflich dünkte, obschon ihre Einwendung einfach genug war: »Sie könne eben nicht glauben,« sagte sie, »was sie nicht zu verstehen vermöge.« Sie ging zwar so weit, daß sie die schönen Grundsätze und die Reinheit der Lehre anerkannte; aber wenn die guten Priester auf ihre Dogmen eingingen, schüttelte Amine entweder den Kopf oder versuchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Dies vermehrte übrigens nur den Eifer des guten Pater Matthias, die Seele eines so jungen und schönen Wesens zu retten. Er dachte nicht länger an die Rückkehr nach Lissabon, sondern weihte seine ganze Zeit Aminens Bekehrung, obgleich diese zuletzt seiner unablässigen Zudringlichkeit in einem Grade satt war, daß ihr fast seine Anwesenheit zuwider wurde. Wenn man ein wenig nachdenkt, wird man es nicht überraschend finden, daß Amine einem Glaubensbekenntniß abgeneigt war, das so gar nicht mit ihren Wünschen und Absichten im Einklange stand. Der menschliche Geist ist stolz, und muß aller seiner Demuth aufbieten, ehe er sich sogar vor der Gottheit beugen mag. Amine wußte, daß ihre Mutter ausgezeichnete Kenntnisse in übernatürlichen Künsten besessen hatte, und war Zeuge gewesen, wie dieselbe ihr Wissen mit Erfolg anwandte, obgleich sie damals noch so jung gewesen war, daß sie sich jetzt nicht mehr die geheimnißvollen Vorbereitungen in's Gedächtniß zu rufen vermochte, durch welche es ihrer Mutter gelungen war, ihre Wünsche zu erreichen. Alle ihre Gedanken trugen sich nun mit dem Bestreben, das Vergessene wieder in die Erinnerung zu rufen, und Pater Matthias wollte ihr einen Glauben aufdringen, der schon den leisesten Versuch dazu mit Entschiedenheit verbot. Die eigenthümliche und geheimnißvolle Sendung ihres Gatten bestärkte sie in ihrer Ansicht, daß es kein Unrecht sei, zu übernatürlichen Einflüssen Zuflucht zu nehmen, und die Beweisgründe, welche ihr die zwei würdigen, aber nicht sehr talentvollen Lehrer des Christenthums vorhielten, übten nur geringen Eindruck auf Aminens kräftigen und entschiedenen Geist, der, nur einen einzigen Gegenstand in's Auge fassend, mit Geringschätzung Lehren zurückwies, welche man ihr nicht anschaulich machen konnte, indem man sie einfach dazu aufforderte, blindlings Dinge zu glauben, die, ihrer Ansicht nach, mit dem gesunden Menschenverstande in Widerspruch standen. Daß die Kunst ihrer Mutter Zeugniß ablegen konnte von ihrer Wahrhaftigkeit, hatte sie bereits gezeigt, und sie begnügte sich mit der Wirkung des Traumes, den sie in Philipp hervorgerufen. Aber welche Beweise konnten die Priester ihr bieten? – Schriften – welche sie nicht einmal lesen sollte! »O! daß ich die Kunst meiner Mutter besäße!« wiederholte Amine noch einmal, als sie in ihre Wohnung trat; »dann würde ich doch wissen, wo sich mein Philipp in diesem Augenblick befindet. Wie oft blickte ich nicht auf dein Geheiß in den schwarzen Spiegel und sagte dir, was ich darin vorgehen sah. Ich erinnere mich noch gut jener Zeit – der Zeit, als mein Vater abwesend war – ich schaute in die Flüssigkeit auf meiner Handfläche und erzählte ihr von dem Beduinenlager – von dem Gefecht – von dem Rosse ohne Reiter – von dem Turbane auf dem Sande.« Und abermals versank Amine in tiefe Gedanken. »Ja,« rief sie nach einer Weile, »du kannst mir beistehen, Mutter! Theile mir dein Wissen in einem Traume mit, deine Tochter erbittet sich's als eine theure Gabe. Wie ist's doch – das Wort – wie lautete das Wort – der Name des Geistes – Turschun? Ja, ich glaube, es war Turschun. Mutter! Mutter! Hilf deiner Tochter!« »Rufst du die gebenedeite Jungfrau an, mein Kind?« fragte Pater Matthias, der, als Amine die letzten Worte sprach, in's Zimmer getreten war. »Wenn dies der Fall ist, so thust du wohl, denn sie kann dir erscheinen in deinen Träumen und dich im wahren Glauben bekräftigen.« »Ich habe meine Mutter angerufen, die im Lande der Geister weilt, guter Vater,« versetzte Amine. »Ja, aber als eine Ungläubige. Ich fürchte, sie ist nicht im Lande der seligen Geister, mein Kind.« »Sie wird doch wohl nicht an einem Orte der Strafe sein, weil sie dem Glaubensbekenntnisse ihrer Väter folgte, da an dem Orte, wo sie lebte, kein anderes bekannt war?« entgegnete Amine unwillig. »Wenn das Gute auf Erden in einer andern Welt belohnt wird, wenn sie, wie Ihr behauptet, eine Seele hatte, die gerettet werden konnte – einen unsterblichen Geist – so wird ihn der Schöpfer nicht vernichten, weil sie ihn in der Weise ihrer Väter angebetet hat. – Ihr Leben war gut; warum sollte sie für ihre Unbekanntschaft mit einem Glauben bestraft werden, den sie nie zurückzuweisen Gelegenheit hatte?« »Wer kann mit dem Willen des Himmels rechten, mein Kind? Danke Gott, daß du Belehrung erhalten hast und in den Schoos der heiligen Kirche aufgenommen wurdest.« »Ich muß für Vieles dankbar sein, Vater; aber ich bin müde – und wünsche Euch gute Nacht.« Amine zog sich nach ihrem Gemache zurück, aber nicht um zu schlafen. Wieder versuchte sie die Ceremonie, welche ihre Mutter anzuwenden pflegte, und änderte sie etlichemal, als zweifle sie an dem Erfolge. Das Rauchfaß wurde angezündet und die Zauberformel versucht; das Zimmer füllte sich abermals mit Rauch, nachdem sie die verschiedenen Kräuter auf die Pfanne geworfen, von denen sie Kenntniß besaß; denn sie hatte alle Papiere, die nach dem Tode ihres Vaters bei Seite geworfen worden waren, sorgfältig gesammelt und auf vielen die Anweisungen zum Gebrauche der gedachten Kräuter gefunden. »Das Wort! das Wort! ich habe das erste – das zweite Wort! Hilf mir, Mutter!« rief Amine, neben dem Bette sitzend, während das Zimmer so von Rauch angefüllt war, daß sich Nichts unterscheiden ließ. »Es nützt Nichts,« dachte sie endlich, die Hände an den Seiten niederfallen lassend, »ich habe die Kunst vergessen. Mutter! Mutter! hilf mir diese Nacht in meinen Träumen!« Der Rauch verzog sich allmälig, und als Amine ihre Augen erhob, bemerkte sie eine vor ihr stehende Gestalt. Anfangs glaubte sie, ihr Zauber sei erfolgreich gewesen; aber als die Gestalt bestimmter hervortrat, erkannte sie den Pater Matthias, der sie mit verschlungenen Armen und finsterem Stirnrunzeln ansah. »Gottloses Kind! Was thust du?« Amine hatte nicht nur durch ihr Gespräch, sondern auch durch verschiedene Versuche, welche sie früher angestellt hatte, um ihre verlorene Kunst wieder zu gewinnen, den Argwohn des Priesters geweckt und war auch bei einer der letztern Gelegenheiten, als sie ihr Treiben vertheidigte, von Pater Matthias und Pater Seysen als eine Person, die zu derartigen Künsten ihre Zuflucht nehme, mit den bittersten Anathemen überschüttet worden. Der Duft der gewürzigen Kräuter und der Rauch, welcher das ganze Haus erfüllte, war Pater Matthias verdächtig vorgekommen, weßhalb er leise hinausschlich und unbemerkt in das Gemach trat. Amine bemerkte mit einemmale ihre Gefahr. Wäre sie für sich gewesen, so hätte sie dem Priester Trotz geboten; aber um Philipps willen beschloß sie, ihn auf eine falsche Spur zu leiten. »Ich thue nichts Unrechtes, Vater,« versetzte sie ruhig; »aber es scheint mir nicht ziemlich, daß Ihr in das Gemach einer jungen Frau eintretet, während ihr Gatte abwesend ist. Ich hätte schon im Bette liegen können. Das ist eine seltsame Aufdringlichkeit.« »Das ist nicht dein Ernst, Weib! Mein Alter – mein Beruf – beides ist eine hinreichende Gewährleistung,« versetzte Pater Matthias, etwas verwirrt über diesen unerwarteten Vorwurf. »Nicht immer, Vater, wenn das wahr ist, was ich mir von Mönchen und Priestern erzählen ließ,« versetzte Amine. »Ich frage Euch noch einmal, warum kommt Ihr in das Gemach eines unbeschützten Weibes?« »Weil ich die Ueberzeugung in mir trage, daß sie unheilige Künste übt.« »Unheilige Künste? Was meint Ihr damit? Ist die Geschicklichkeit des Arztes unheilig? Ist es unheilig, dem Leidenden Erleichterung zu bringen – das Fieber zu bannen, das den Leib derjenigen martert, welche in diesem ungesunden Klima wohnen?« »Jeder Bann ist sehr unheilig.« »Wenn ich vom Bannen sprach, Vater, so nehme ich dieß in einem ganz andern Sinne, als Ihr, indem ich damit einfach ein Heilmittel bezeichnen will. Wenn die Kenntniß gewisser Kräuter, deren passende Verbindung eine treffliche Arznei für Leidende abgibt – eine Kunst, die meine Mutter gut verstand und die ich mir jetzt vergeblich zurückzurufen bemüht bin – wenn diese Kenntniß oder der Wunsch, diese Kenntniß wieder zu erlangen, unheilig ist, dann habt Ihr Recht.« »Ich hörte dich aber den Beistand deiner Mutter anrufen?« »Ja, denn sie kannte die Bestandtheile genau, obgleich ich fürchte, daß mir ein ähnliches Wissen abgeht. Ist das sündig, guter Vater?« »Du wolltest also ein Arzneimittel auffinden?« entgegnete der Priester. »Ich meinte, du trügest dich mit Dingen, die nicht erlaubt sind.« »Kann es unerlaubt sein, einige Kräuter zu verbrennen? Was erwartet Ihr zu finden? Betrachtet immerhin diese Asche, Vater – mit Oel in die Haut eingerieben, kann sie Kranken Erleichterung bringen – aber zu was weiter vermöchte sie zu dienen? Was verlangt ihr von ihr – einen Geist – ein Gespenst – wie das, welches die Prophetin vor dem Könige Israel erscheinen ließ?« Und Amine lachte laut. »Ich bin verwirrt, aber nicht überzeugt,« erwiderte der Priester. »Ich bin auch verwirrt und nicht überzeugt,« antwortete Amine geringschätzig. »Ich kann nicht begreifen, wie ein Mann von Eurem Verstande wirklich zu glauben vermag, daß im Verbrennen von Kräutern etwas Unrechtes liege; auch bin ich nicht überzeugt, daß dieß der Grund ist, welcher Euch in nächtlicher Stunde nach dem Gemach eines einsamen Weibes führt. Es giebt vielleicht natürliche Zauber, die weit gewaltiger sind, als Eure sogenannten übernatürlichen. Ich bitte Euch, Vater, verlaßt dieses Zimmer. Es ist nicht ziemlich. Solltet Ihr Euch abermals soweit erdreisten, so verlaßt Ihr das Haus. Ich hatte eine bessere Meinung von Euch. In Zukunft werde ich mich nie wieder allein finden lassen.« Dieser Angriff Aminens auf den Ruf des alten Priesters war zu strenge. Pater Matthias verließ augenblicklich das Gemach und sprach beim Hinausgehen: »Möge dir Gott deinen falschen Argwohn und dein großes Unrecht verzeihen! Ich kam aus keinem andern, als aus dem angegebenen Grunde hieher.« »Ja,« sagte Amine zu sich selber, nachdem sie die Thüre geschlossen hatte; »ich weiß das, aber ich wollte mich deiner unwillkommenen Gesellschaft entledigen. Ich brauche keine Spionen für meine Handlungen – keine Leute, die mir in den Weg treten und meinen Willen zu vereiteln bemüht sind. In deinem Eifer hast du dich selbst bloß gestellt, und ich will den Vortheil benutzen, den du mir an die Hand gegeben hast. Ist euch heiligen Männern nicht einmal die Abgeschiedenheit des Frauengemachs heilig? Zum Danke für den Beistand im Unglück – für Nahrung und Obdach, willst du zum Späher werden? – wie würdig ist dieß des Glaubens, zu dem du dich bekennst!« Sobald Amine das Rauchfaß weggeräumt hatte, öffnete sie die Thüre und rief eines der Mädchen herbei, daß es die Nacht über im Zimmer bleibe, weil der Priester in ihr Gemach eingedrungen sei und sie keine Freude an derartigen Aufdringlichkeiten habe. »Der hochwürdige Vater – ist's möglich?« rief das Mädchen. Amine gab keine Antwort, sondern ging zu Bette. Pater Matthias, der in dem Zimmer unten auf- und abging, hörte jedoch alles, was oben vorfiel. Er besuchte am andern Tage den Pater Seysen und theilte ihm mit, was sich zugetragen hatte, und wie er Aminen in einem falschen Verdacht gehabt habe. »Ihr habt voreilig gehandelt,« versetzte Pater Seysen, »daß Ihr zu einer solchen Stunde der Nacht ein Frauengemach besuchtet.« »Ich hatte Argwohn geschöpft, guter Vater Seysen.« »Und auch sie wird den ihrigen haben. Sie ist jung und schön.« »Ach, bei der gebenedeiten Jungfrau! –« »Ich glaube Euch gerne, guter Matthias,« entgegnete Pater Seysen, »aber doch könnte die Sache, wenn sie ruchbar würde, viel Aergerniß unter unserer Gemeinde verbreiten.« Und sie wurde ruchbar – denn das Mädchen, welche Amine heraufbeschieden halte, ermangelte nicht, die Lästergeschichte weiter zu tragen. Pater Matthias wurde jetzt allenthalben so kalt aufgenommen, und fühlte sich selbst so unbehaglich, daß er bald nachher das Land verließ, und nach Lissabon zurückkehrte, ärgerlich über seine eigene Unklugheit, noch ärgerlicher aber über Aminens ungerechten Verdacht. Einundzwanzigstes Kapitel. Die Ladung des Dort war bald bereit und Philipp langte ohne weiteres Abenteuer in Amsterdam an. Daß ihn Amine in der Heimath mit Entzücken empfing, brauche ich kaum zu sagen. Sie hatte ihn erwartet, denn den beiden Schiffen des Geschwaders, welche nach seiner Ankunft in Batavia ausgesegelt waren, hatte Philipp außer seinen Depeschen auch Briefe übergeben, die ersten, welche Amine je während der Reisen ihres Gatten erhielt. Sechs Wochen nach dem anmeldenden Schreiben traf unser Held selbst ein, und Amine fühlte sich überglücklich. Die Direktoren waren natürlich mit Philipps Benehmen sehr zufrieden und ertheilten ihm das Kommando eines großen bewaffneten Schiffs, welches im Frühling nach Indien ausfahren und der früheren Uebereinkunft gemäß zum dritten Theil durch die Fonds angekauft werden sollte, welche unser Held in den Händen der Compagnie stehen hatte. Es blieben ihm nun fünf Monate der Ruhe, ehe er sich wieder den Elementen anvertraute, und dießmal wurde ausgemacht, daß Vorkehrungen getroffen werden sollten, um auch Amine an Bord zu nehmen. Amine erzählte Philipp, was zwischen ihr und dem Priester Matthias vorgefallen war, deßgleichen, durch welche Mittel sie sich seiner unerwünschten Aufsicht entledigt hatte. »Du gabst dich also wirklich mit den Künsten deiner Mutter ab, Amine?« fragte ihr Gatte. »Nein, denn ich konnte mich derselben nicht mehr erinnern, obschon ich bemüht war, mir dieselben in's Gedächtniß zu rufen.« »Warum dieß, Amine? das darf nicht sein, und der gute Vater hatte ganz Recht, wenn er ein derartiges Werk für ›unheilig‹ erklärte. Versprich mir ein- für allemal, solche Gedanken aufzugeben.« »Wenn diese Handlung unheilig ist, Philipp, so ist's auch deine Sendung, Du verkehrst mit Geistern der andern Welt, und auch ich will nichts weiter thun. Gib dein schreckliches Vorhaben auf – lasse ab, nach körperlosen Geistern zu spähen – bleibe zu Hause bei deiner Amine, und sie wird mit Freuden deinem Wunsche entsprechen.« »Meine Sendung kommt von dem Höchsten.« »Dann gestattet dir also der Höchste eine Gemeinschaft mit Wesen, die nicht der Welt angehören?« »Ja, du weißt, daß sogar die Priester nichts dagegen einwenden können, obgleich sie schon bei dem Gedanken schaudern.« »Was Er dem Einen gestattet, wird Er auch Andern zulassen; und außerdem kann ja nichts ohne Seine Genehmigung geschehen.« »Wohl, Amine; aber Er gestattet auch dem Bösen, auf der Erde umherzuwandeln, obgleich es nicht mit Seinem Gutheißen geschieht.« »Er heißt es gut, daß du nach deinem verurtheilten Vater spähest und ihm zu begegnen suchst: ja noch mehr – Er befiehlt dir's sogar. Wenn nun dieß dir gestattet ist, warum sollte es bei mir nicht ebensogut der Fall sein? Ich bin dein Weib, ein Theil deines Ichs, und wenn ich allein weile an einem verödeten Herd, während du eine Laufbahn voll Gefahren versuchst, sollte ich nicht gleichfalls die wesenlose Welt anrufen dürfen, daß sie mir Nachrichten bringe, die meinen Kummer mildern, meine Last erleichtern und gleichwohl keinem lebenden Geschöpfe schaden können? Wollte ich jene Künste in böser Absicht üben, so wäre es billig, sie mir zu wehren, und ich würde unrecht handeln, wenn ich darin fortführe; aber ich wollte nur den Schritten meines Gatten folgen und in bester Absicht dasselbe suchen, was er sucht.« »Aber es verträgt sich nicht mit unserem Glauben.« »Haben die Priester deine Sendung für unverträglich mit ihrem Glauben erklärt? Und als sie's thaten, wurden sie nicht vom Gegentheil überzeugt und zu einem ehrfurchtsvollen Schweigen bewogen? Doch wozu diese Gegenreden, mein theurer Philipp? Werde ich dich nicht begleiten? – und so lange ich bei dir bin, soll nichts weiter geschehen. Du hast mein Versprechen. Bin ich aber von dir getrennt, so kann ich keine Zusage geben, sondern werde dann von den Unsichtbaren Kunde einzuholen suchen über die Bewegungen meines Gatten, der gleichfalls dem Unsichtbaren nachgeht.« Der Winter entschwand rasch, denn Philipp verlebte ihn in glücklicher Ruhe. Im Frühlinge sollte das Schiff ausgestattet werden, und unser Held begab sich mit Aminen nach Amsterdam. Das Schiff, dessen Kommando Philipp übernehmen sollte, hieß der »Utrecht,« führte vierhundert Tonnen Last, hatte erst kürzlich die Werfte verlassen und war auf vierundzwanzig Kanonen gebohrt. Es vergingen weitere zwei Monate, während welcher Zeit Philipp die Ausstattung und Ladung des Fahrzeugs überwachte, dabei treulich unterstützt von seinem Freunde Krantz, der als erster Mate die Fahrt mitmachen sollte. Unser Held sorgte nach Kräften für Aminens Bequemlichkeit, und der Utrecht brach im Monat Mai auf; er hatte Ordre, zu Cambrun und Ceylon Halt zu machen, dann aber durch die Malaccastraße hinunterzulaufen und sich einen Weg in das Chinesische Meer zu bahnen – ein Versuch, von dem sich die Compagnie eines höchst entschiedenen Widerstandes von Seiten der Portugiesen versah. Die Schiffsmannschaft war sehr zahlreich; auch hatte Philipp eine kleine Abtheilung von Soldaten an Bord, welche zur Verfügung des Supercargo standen, da dieser viele tausend Thaler mit sich führte, um in den Häfen von China, wo vielleicht die holländischen Güter keinen Werth hatten, Einkäufe zu machen. Auf die Ausstattung des Schiffes hatte man alle Sorge verwendet; es war vielleicht das schönste und am besten bemannte Fahrzeug, das je von der indischen Compagnie ausgeschickt worden war, und trug noch außerdem die werthvollste Ladung. Der Utrecht segelte mit fliegendem Segel aus und hatte bald den englischen Kanal hinter sich. Die Reise schien eine glückliche werden zu wollen, denn günstige Kühlten trugen das Schiff ohne Unfall auf einige hundert Meilen in die Nähe des Kaps der guten Hoffnung, und jetzt trat zum erstenmal Windstille ein. Amine fühlte sich ganz entzückt. In den Abendstunden ging sie mit Philipp auf dem Decke hin und her. Ringsum herrschte die tiefste Stille, das Plätschern der Wogen ausgenommen, welche die Seiten des Schiffes wuschen – Alles in so ruhiger Schönheit, wie das klare, südliche Sternenzelt, das über ihren Häuptern funkelte. »Wessen Geschick mögen diese Sterne bestimmen, welche so gar nicht denjenigen in den nördlichen Gegenden ähnlich sind?« sagte Amine, als sie ihren Blick erhob und das mit funkelnden Edelsteinen besäete Firmament betrachtete, und was mag das fallende Meteor zu bedeuten haben? Welche Ursache liegt seinem raschen Niederstürzen vom Himmel zu Grunde?« »Du suchst also einen geheimnißvollen Sinn in den Sternen, Amine?« »In Arabien geschieht es wenigstens – und warum sollte man es nicht? Um des Lichtes willen sind sie nicht am Himmel – zu was wohl sonst?« »Um die Welt zu verschönern. Auch haben sie außerdem ihren Nutzen.« »Dann bist du mit mir einverstanden – sie haben ihren Nutzen, und das Geschick der Menschen liegt dort verborgen. Meine Mutter gehörte unter Diejenigen, welche gut darin zu lesen vermochten. Ach! für mich sind sie ein versiegeltes Buch.« »Ist es nicht besser so, Amine?« »Besser? Ist es besser, mit unserem selbstsüchtigen, gedemüthigten Geschlecht im Staube zu kriechen und voll Furcht und Zweifeln im Geheimniß zu wandeln, als mit höheren Mächten zu verkehren? Sehnt sich nicht unsere Seele nach dieser Gemeinschaft? Klopft nicht das Herz stolzer bei dem Gefühle, daß es begabter sei, als das gewöhnliche Geschlecht der Sterblichen? Ist das nicht ein edler Ehrgeiz?« »Ein gefährlicher – ein höchst gefährlicher.« »Und eben deshalb auch höchst edel. Ist es doch, als ob die Steine mit mir reden wollten. Sieh jenen dort mit dem hellen Glanze – er winkt mir.« Eine Weile blieben Aminens Augen aufwärts gerichtet; sie sprach nicht, und Philipp stand an ihrer Seite. Dann ging sie nach der Laufplanke und blickte in die spiegelnden Wellen hinunter, die bis in die Tiefe hinab vom Mondenlichte erhellt waren. »Beschwört vielleicht deine Einbildungskraft ein Geschlecht von Wesen herauf, Amine, die unter diesen blauen Wogen leben können, zwischen den Korallenfelsen spielen und Perlen in ihre Haare flechten?« sagte Philipp lächelnd. »Ich weiß nicht; aber es ist mir, als müßte es da unten süß zu leben sein. Denke nur an Deinen Traum zurück, Philipp; deiner eigenen Beschreibung zufolge war ich damals eines jener Wesen.« »Du warst es,« versetzte Philipp gedankenvoll. »Und doch däucht es mich, als würde mich das Wasser zurückweisen, selbst wenn das Schiff sänke. In welcher Weise diese meine sterbliche Hülle sich in ihre Elemente auflösen mag, weiß ich nicht, aber doch fühle ich, daß sie nie ein Spiel der neckischen Wellen werden wird. Doch laß uns in die Kajüte gehen, theuerster Philipp; es ist spät und die Decke sind feucht von Thau.« Als der Tag graute, meldete der Ausluger aus dem Mastkorbe, daß er in gleicher Richtung mit dem Kiele des Schiffs Etwas auf der stillen Oberfläche des Wassers schwimmen sehe. Krantz stieg mit seinem Glase hinauf, um eine Untersuchung anzustellen, und erkannte den Gegenstand für ein kleines Boot, das wahrscheinlich von einem Schiffe losgetriftet hatte. Da noch immer kein Wind eintreten wollte, so ließ Philipp ein Boot aussetzen, um nachzusehen; und nach einer Weile kehrten die Matrosen an Bord zurück, das kleine Boot im Schlepptau mit sich bringend. »Es ist ein menschlicher Körper darin, Herr,« sagte der zweite Mate zu Krantz, als er auf der Laufplanke anlangte, »obschon ich nicht sagen kann, ob es ein Leichnam ist, oder nicht.« Krantz überbrachte die Meldung an Philipp, welcher eben mit Amine beim Frühstück in der Kajüte saß, nun aber sich gleichfalls nach der Laufplanke begab, nach der die Matrosen bereits den muthmaßlichen Leichnam hinaufgeschafft hatten. Der herbeigerufene Wundarzt erklärte, das Leben sei noch nicht erloschen, und ertheilte eben die Weisung, daß man den Menschen nach dem Krankenverschlage hinunterbringe, als sich dieser plötzlich zum allgemeinen Erstaunen umwandte, aufrichtete und zuletzt sich ganz erhob, um nach einer Kanone hinzuwanken, wo er nach einer Weile wieder zum vollen Bewußtsein zu kommen schien. In Erwiderung auf die ihm vorgelegten Fragen sagte er, er sei von einem Schiffe, das in einer Bö umgestürzt worden sei, und habe nur noch Zeit gehabt, das kleine Boot am Stern loszuschneiden; sämmtliche übrige Mannschaft sei in den Wellen zu Grunde gegangen. Während er diese Angaben machte, kamen Philipp und Amine aus der Küche und begaben sich nach der Stelle, wo die Matrosen den Geretteten umringten. Die Mannschaft des Utrecht trat auseinander, um für den Kommandeur Platz zu machen, und nun entdeckte unser Held nebst Aminen mit einemmale zu ihrem gleich großen Erstaunen und Schrecken, daß der Mann Niemand anders war, als ihr alter Bekannter, der einäugige Pilot Schriften.« »Hi! hi! Kapitän Vanderdecken, glaube ich. Freut mich, Euch im Kommando zu sehen – und auch Euch, schöne Dame.« Philipp wandte sich mit einem innern Schauder ab, und Aminens Auge blitzte, als sie die abgezehrte Gestalt des elenden Geschöpfs musterte. Nach ein paar Sekunden wandte sie sich um und folgte Philipp nach der Kajüte, wo sie ihn fand, das Gesicht mit seinen Händen verhüllend. »Muth, Philipp, Muth!« begann Amine. »Es war allerdings ein schwerer Schlag, und ich fürchte, es hat nichts Gutes für mich zu bedeuten – doch wenn auch; es ist unser Geschick.« »Es ist – es sollte vielleicht das meinige sein,« versetzte Philipp, den Kopf aufrichtend; »aber du, Amine, warum solltest du daran Theil haben?« »Ich bin deine Gefährtin, Philipp, im Leben und im Tode. Ich möchte nicht zuerst sterben, Philipp, weil es dich grämen würde; aber dein Tod wird auch das Signal für den meinigen sein, denn ich will nicht säumen, dir nachzufolgen.« »Wie, Amine, du hättest dann doch noch im Sinne, dein Ende selbst herbeizuführen?« »Ja, und es bedarf dazu nur eines einzigen Augenblicks, wofern dieser kleine Stahl seinen Dienst thut.« »Nein, Amine, das ist nicht recht – unsere Religion verbietet es.« »Mag sein, aber ich kann mir den Grund davon nicht denken. Ich kam in die Welt, ohne daß ich darum befragt wurde – zuverlässig muß es mir auch frei stehen, sie zu verlassen, ohne daß ich Priester darum um Erlaubniß bitte! Doch genug davon vorderhand; was willst du mit diesem Schriften anfangen?« »Ich werde ihn am Kap ausschiffen, denn ich kann die Anwesenheit dieses garstigen Menschen nicht ertragen. Wandelte dich nicht abermals ein kalter Schauer an, als du in seine Nähe kamst?« »Ja – ich wußte, daß er da war, noch ehe ich ihn sah. Aber dennoch – ich weiß nicht warum – es ist mir übrigens, als würde ich ihn nicht wegschicken.« »Warum nicht?« »Ich glaube, der Grund liegt darin, daß ich lieber dem Geschick keck entgegentrete, als vor demselben zittere. Der armselige Mensch kann kein Unheil anrichten.« »Ja, er kann's – und zwar sehr viel; er ist im Stande, die Schiffsmannschaft meuterisch und unzufrieden zu machen. Außerdem hat er versucht, mich meiner Reliquie zu berauben.« »Es wäre mir fast lieb, wenn er es gethan hätte; dann müßtest du wenigstens dieses unstäte Suchen aufgeben.« »O, Amine, sprich nicht so; es ist meine Pflicht, und ich habe einen feierlichen Eid darauf abgelegt – –« »Aber dieser Schriften – du kannst ihn nicht wohl an's Land setzen, da er im Dienste der Compagnie steht, obschon sich vielleicht in soweit ein Ausweg finden läßt, daß du ihn einem andern Schiffe übergibst, das nach Holland zurückkehrt, falls ein solches vorhanden ist. Aber dennoch würde ich an deiner Stelle das Geschick walten lassen, denn zuverlässig ist das seinige mit dem deinigen verwoben. Fasse Muth, Philipp, und behalte ihn bei dir.« »Du hast vielleicht Recht, Amine. Was immer mir das Schicksal zugedacht haben mag – ich kann es wohl verzögern, aber nicht vermeiden.« »So laß ihn bleiben, und möge er sein Schlimmstes thun. Behandle ihn freundlich – wer weiß, was wir durch ihn gewinnen können!« »Du hast Recht, Amine. Er ist ohne allen Grund mein Feind gewesen – wer weiß, ob er nicht vielleicht noch mein Freund wird.« »Und wenn auch nicht, so hast du doch deine Pflicht gethan. Laß ihn rufen.« »Nein, nicht jetzt – morgen. In der Zwischenzeit will ich Sorge tragen, daß ihm jede Bequemlichkeit geboten wird.« »Wir sprechen von ihm, als ob er einer der Unsrigen wäre, obschon ich fühle, daß dies nicht der Fall ist,« entgegnete Amine. »Doch wie dem sein mag, wir können ihm bloß Erdenfreundlichkeit und das zu Theil werden lassen, was diese Welt oder vielmehr dieses Schiff bietet. Ich verlange darnach, ihn zu sprechen und zu sehen, ob ich keinen Eindruck auf seine Eisgestalt zu üben vermag. Soll ich mich nicht etwa in den Gulen verlieben?« Und Amine brach in ein bitteres Gelächter aus. Das Gespräch wurde nun abgebrochen, der Inhalt desselben aber nicht vergessen. Als am andern Morgen der Wundarzt meldete, daß Schriften augenscheinlich wieder ganz hergestellt sei, ließ ihn Philipp nach der Kajüte bescheiden. Seine Gestalt war zu einem Knochengerippe abgezehrt, seine Geberdung und Sprache aber noch so scharf und widerlich, wie nur je. »Ich habe Euch rufen lassen, Schriften, um zu erfahren, ob ich etwas für Eure Gemächlichkeit thun kann. Bedürft Ihr Etwas?« »Ob ich Etwas bedarf?« versetzte Schriften, zuerst Philipp und dann Amine ansehend. – »Hi, hi! ich denke, ich könnte ein wenig Ausfüllung brauchen.« »Das wird sich, hoffe ich, in guter Zeit finden; mein Steward hat Auftrag, für Euch zu sorgen.« »Der arme Mensch,« sagte Amine mit einem Blicke des Mitleids; »wie viel muß er gelitten haben! Ist das nicht der Mann, der dir den Brief der Compagnie brachte, Philipp?« »Hi, hi, ja! mein Auftrag war nicht sehr willkommen, Madame?« »Nein, mein guter Freund; dem Weibe ist eine Botschaft nie sehr erfreulich, die ihr den Gatten entreißt. Doch es war nicht Eure Schuld.« »Besonders, wenn ein Mann durchaus auf die See gehen und ein schönes Weib zu Hause lassen will, während er doch, wie es heißt, Geld die Fülle hat, um am Lande leben zu können, hi, hi!« »In der That, Ihr habt wohl Recht, so zu sagen,« entgegnete Amine. »Besser, er gäbe es auf. Lauter Narrheit und Wahnsinn – he, Kapitän?« »Jedenfalls muß ich diese Reise zu Ende bringen,« sagte Philipp zu Amine, »zu was ich mich auch nachher entschließen mag. Ich habe viel durchgemacht, und auch bei Euch ist's der Fall gewesen, Schriften. Ihr habt zweimal Schiffbruch gelitten. Nun sagt mir aber, was Ihr zu thun wünscht? Wollt Ihr mit dem ersten Schiffe nach Hause oder beim Kap an's Land – oder –« »Oder alles Andere thun, sofern Ihr mich nur aus diesem Schiffe wegkriegt? – hi, hi!« »Nicht doch, wenn Ihr es vorzieht, mit mir zu segeln, so sollt Ihr, da ich Euch als einen guten Seemann kenne, die Ration und den Sold eines Piloten erhalten – das heißt, im Falle Ihr Lust habt meinem Glückssterne zu folgen.« »Zu folgen? – Muß folgen. Ja! ich will mit Euch segeln, Mynheer Vanderdecken. Ich wünsche stets in Eurer Nähe zu sein hi, hi!« »So sei es denn. Sobald Ihr Euch wieder kräftig genug fühlt, könnt Ihr Euren Dienst antreten. Ich will Sorge dafür tragen, daß es Euch an nichts gebricht.« »Und auch ich, mein guter Freund. Wendet Euch an mich, wenn Euch etwas abgeht, und ich will Euch dazu verhelfen,« sagte Amine. »Ihr habt viel gelitten; mir wollen übrigens Alles thun, was in unsern Kräften steht, um es Euch vergessen zu machen.« »Ganz gut! sehr freundlich!« versetzte Schriften, Aminens liebliche Gestalt musternd. Nach einer Weile zuckte er die Achseln und fügte bei: »Wahrhaftig Schade – muß aber dennoch sein.« »Gott befohlen,« fuhr Amine fort, indem sie Schriften ihre Hand entgegen hielt. Der Pilot nahm sie, und ein kalter Schauder fuhr Aminen durch's Herz, obschon sie, darauf vorbereitet, sich nichts anmerken ließ. Schriften hielt ihre Hand ein paar Augenblicke in der seinigen und blickte ihr dann angelegentlich in's Gesicht. »So schön und so gut! Mynheer Vanderdecken, ich danke Euch. Dame, möge Euch der Himmel bewahren.« Dann drückte er die zarte Hand, welche er noch immer nicht losgelassen hatte, und eilte aus der Kajüte. Die Eiskälte hatte bei Schriftens Händedruck Aminens Gestalt dermaßen durchschauen, daß sie jetzt nur mit Schwierigkeit das Sopha erreichen konnte und auf dasselbe niedersank. Dort blieb sie eine Weile, die Hand auf's Herz gedrückt, liegen, und als sich Philipp über sie niederbeugte, sagte sie mit athemloser Stimme: »Dieses Geschöpf muß übernatürlich sein – ich weiß es jetzt gewiß. – Nun,« fuhr sie nach einer Pause fort; »nur um so besser, wenn wir ihn zu unserem Freunde machen können, und ich will zu diesem Ende allen meinen Kräften aufbieten.« »Aber glaubst du, Amine, daß diejenigen, welche nicht dieser Welt angehören, ebenso mit den Gefühlen des Wohlwollens, der Dankbarkeit und des Hasses begabt sind, wie wir, und kann man sich dieselben dienstbar machen?« »Zuverlässig. Wenn sie Haß empfinden – was, wie wir wissen, der Fall ist – so müssen sie auch der besseren Gefühle fähig sein. Warum gibt es gute und böse Mächte? Sie mögen sich ihres Erdenleibs entledigt haben, aber die Seele muß dieselbe bleiben. Eine Seele ohne Gefühl wäre gar keine Seele. Sie ist thätig in dieser Welt und muß es auch in einer andern sein. Wenn die Engel Mitleid empfinden können, so müssen sie auch fühlen, wie wir, und sind die bösen Geister im Stande, zu necken, so müssen ihre Empfindungen ebenfalls den unsrigen ähnlich sein. Unsere Gefühle ändern sich, warum nicht auch die ihrigen? Ohne Empfindung gäbe es weder Himmel noch Hölle. Hier auf Erden sind unsere Seelen eingeengt, überladen und niedergedrückt durch das schwerfällige Fleisch, durch das sie eine Weile verunreinigt werden; aber die Seele, die sich ihrer Erdenhülle entledigt hat, ist meiner Ansicht nach um keine Spur reiner, herrlicher oder vollkommener, als diejenige in unserem Innern. Ob sie dienstbar gemacht werden können, fragst du? Ja; der Sterbliche ist sogar im Stande sie zu zwingen , wenn er die geeigneten Mittel und Kräfte besitzt. Ein böser Geist kann ebensogut genöthigt werden, Gutes, als Schlimmes zu thun. Nicht die guten und vollkommenen Geister sind der Kunst zugänglich, sondern nur diejenigen, welche sich zum Bösen hinneigen, denn über jene haben Sterbliche keine Gewalt. Unsere Künste haben keine Macht über die vollkommenen Wesen einer andern Schöpfung, sondern nur über diejenigen, welche stets Böses wirken, aber auch gehorchen und Gutes thun müssen, wenn ihre Meister es verlangen.« »Du hängst noch immer an den verbotenen Künsten, Amine; ist das recht?« »Recht? Wenn uns eine Macht gegeben ist, haben wir dann nicht das Recht, sie zu gebrauchen?« »Allerdings, aber nur zum Guten, nicht zum Schlimmen.« »Die mächtigen Sterblichen, die nichts besitzen, als was der Erde angehört, sind für den Gebrauch ihrer Macht verantwortlich; ebenso verhält sich's bei Denjenigen, welche mit überirdischen Mitteln begabt sind – sie haben Rechenschaft abzulegen über die Art, wie sie diese Mittel gebrauchen. Hat der Herr über uns die Blume in der Absicht wachsen lassen, daß sie nicht gepflückt werde? Nein! Und eben so wenig würde er die Beihülfe übernatürlicher Mittel gestattet haben, wenn man sich derselben nicht bedienen sollte.« Als Aminens leuchtendes Auge auf Philipp haftete, konnte er sich für einen Moment des Gedankens nicht erwehren, daß sie nicht sei, wie andere Sterbliche; er bemerkte daher ruhig: »Ist es auch gewiß, Amine, daß ich wirklich mit einem sterblichen Wesen, wie ich selbst bin, vermählt bin?« »Ja, ja, Philipp; beruhige dich, ich bin nur eine Sterbliche. Wollte der Himmel, ich wäre es nicht, sondern gehörte zu jenen Wesen, die über dir schweben, dich in allen deinen Gefahren bewahren, dich retten und schützen könnten in deiner irren Laufbahn! Aber ich bin nur ein armes schwaches Weib, deren Herz zärtlich und hingebend für dich schlägt – die für dich Alles und Jedes wagen würde – deren Natur die Liebe zu dir in wagehalsigen Muth umgewandelt hat – und die von keinem Glaubensbekenntniß etwas wissen will, das ihr verbietet, Himmel, Erde oder Hölle anzurufen, wenn es gilt, sich das Element, in dem sie allein lebt, zu erhalten.« »Amine, sprich nicht so vom Glauben. Beweist nicht dieß« – Philipp zog bei diesen Worten die heilige Reliquie aus seinem Busen – »beweist nicht dieß und die Botschaft, die deshalb gesendet wurde, die Wahrheit des unsrigen?« »Ich habe viel darüber nachgedacht, Philipp, und die Erschütterung bewog mich anfangs fast zum Glauben; aber deine eigenen Priester haben dazu beigetragen, mich zu enttäuschen. Sie wollten dir nicht Rede stehen und überließen dich deiner eigenen Führung. Die Botschaft, das heilige Wort und die wunderbaren Zeichen standen nicht im Einklang mit ihrem Glauben und sie hielten inne. Mußte dies nicht auch mich betroffen machen? Die Reliquie mag so geheimnißvoll und mächtig sein, wie du sagst; aber die Kräfte sind vielleicht falsch und gottlos – sind vielleicht in unrechte Hände gefallen – und mögen zwar immerhin noch vorhanden sein, aber doch nicht zu dem eigentlichen Zwecke verwendet werden.« »Die Kraft, welche dieser heiligen Reliquie inwohnt, Amine, kann nur von Denjenigen in Anwendung gebracht werden, welche Freunde Dessen sind, der an dem theuren Holze starb,« »Dann ist es gar keine Kraft oder doch eine Kraft, welche nicht halb so groß ist, wie die des Erzfeindes, der eben so wohl Gutes, als Schlimmes wirken kann. Wir wollen uns übrigens über diesen Punkt nicht veruneinigen, da wir einander doch nicht überzeugen können. Du bist in der einen, ich in der andern Weise belehrt worden. Was wir in unserer Kindheit eingesogen haben – was mit uns aufgewachsen und mit unsern Jahren zu Kräften gekommen ist, läßt sich nicht ausrotten. Ich habe mit angesehen, wie meine Mutter große Zauber wirkte und ihren Zweck erreichte, du hast vor den Priestern gekniet – ich will es dir nicht zum Vorwurfe machen – aber tadle deshalb auch deine Amine nicht. Ich hoffe, bei uns Beiden herrscht die gleiche Absicht, das Rechte zu thun.« »Wenn ein Leben voll Unschuld und Reinheit das einzige Erforderniß wäre, so dürfte meine Amine der künftigen Seligkeit sicher sein.« » Mein Glaube lehrt mich, daß dies der Fall ist. Es gibt der Formen so viele – wer vermag zu sagen, welche die wahre ist? Und was liegt im Grunde daran, alle führen zu dem gleichen Ziele – zum Himmel.« »Du sprichst wahr, Amine,« versetzte Philipp, gedankenvoll in der Kajüte auf- und abgehend; »und doch sind unsere Priester nicht dieser Ansicht.« »Was ist die Grundlage ihres Glaubens, Philipp?« »Liebe und Erbarmen.« »Verdammt das Erbarmen diejenigen zu einem ewigen Elende, welche nie von diesem Glauben gehört haben – welche lebten und starben in der Anbetung des großen Wesens nach ihrer geringen Kenntniß und ihren besten Kräften?« »Nein, gewiß nicht.« Amine machte keine weitere Bemerkung, und Philipp, nachdem er einige Minuten in tiefen Gedanken auf und ab gegangen war, verließ die Kajüte. Der Utrecht langte an dem Kap an, nahm Wasser ein, setzte seine Reise wieder fort und warf nach einer zweimonatlichen schwierigen Fahrt vor Cambrun Anker. Während dieser Zeit war Amine unablässig bemüht gewesen, Schriftens Geneigtheit zu gewinnen. Sie hatte sich oft mit ihm auf dem Deck unterhalten, ihm jeden möglichen Liebesdienst erwiesen und sogar jene Furcht überwältigt, die sein Nahekommen stets in ihr veranlaßte. Schriften erkannte allmälig dieses Wohlwollen an und schien zuletzt gerne in Aminens Gesellschaft zu sein. Gegen Philipp benahm er sich im Allgemeinen, obgleich nicht immer, höflich, gegen Amine aber stets ehrerbietig. Seine Sprache war geheimnißvoll, und auch in ihrer Gegenwart konnte er sein kicherndes Lachen, sein gelegentliches »hi! hi!« nicht unterdrücken. Als sie jedoch bei Cambrun vor Anker lagen, stand er mit ihr auf so gutem Fuße, daß er hin und wieder in die Kajüte kam und sich, ohne jedoch Platz zu nehmen, einige Minuten mit ihr unterhielt. Als der Utrecht vor Cambrun ankerte, kam Schriften eines Abends zu Aminen, welche auf der Hütte saß. »Dame,« sagte er nach einer Pause; »jenes Schiff segelt nach ein paar Tagen in Eure Heimath,« »So höre ich,« versetzte Amine. »Wollt Ihr den Rath eines Mannes annehmen, der es gut mit Euch meint? In diesem Falle kehrt auf jenem Schiffe nach Eurer Wohnung zurück und bleibt daselbst, bis Euer Gatte wieder zu Euch kömmt.« »Und warum rathet Ihr mir hiezu?« »Weil ich Gefahr ahne; ja es steht vielleicht der Tod – grausamer Tod einem Wesen bevor, dem ich kein Leides wünsche.« »Doch nicht mir?« versetzte Amine, ihre Augen auf Schriften heftend und seinem durchbohrenden Blick begegnend. »Ja, Euch. Es gibt gewisse Leute, die weiter in die Zukunft schauen können, als Andere.« »Aber nicht, wenn sie zu den Sterblichen gehören,« entgegnete Amine. »Ja, auch wenn sie sterblich sind. Doch sterblich oder nicht, ich sehe Etwas voraus, was ich abwenden möchte. Versucht das Geschick nicht weiter.« »Wer kann es abwenden? Wenn ich Euern Rath annehme, so muß mir dies durch die Bestimmung vorgezeichnet sein – wo nicht, so gehört es gleichfalls zu meinem Geschicke.« »Wohlan denn, so geht dem aus dem Wege, was Euch bedroht.« »Ich fürchte mich nicht, obgleich ich Euch für Eure gute Meinung dankbar bin. Sagt mir, Schriften, ist Euer Schicksal nicht irgendwie mit dem meines Gatten verwoben? Ich fühle, daß es so ist.« »Wie kommt Ihr auf diesen Gedanken, Dame?« »Aus vielen Gründen. Zweimal habt Ihr ihn abgerufen, habt ebenso oft Schiffbruch gelitten, und seid jedesmal auf eine wunderbare Weise erhalten worden und wieder zum Vorschein gekommen. Ihr habt auch Kunde von seiner Sendung, das ist augenscheinlich.« »Beweist aber nichts.« »Ja, es beweist viel – beweist wenigstens, daß Ihr wißt, wovon er nur allein Kunde zu haben glaubt.« »Auch Ihr wurdet eingeweiht, und heilige Männer mußten ihr Gutachten darüber abgeben,« entgegnete Schriften mit einem höhnischen Lachen. »Wie könnt Ihr nun wieder hievon unterrichtet sein?« »Hi, hi« lachte Schriften. »Doch vergebt mir, Dame; ich wollte Euch nicht kränken.« »Ihr könnt nicht in Abrede ziehen, daß Ihr auf eine geheimnißvolle und unbegreifliche Weise mit der Sendung meines Mannes in Verbindung steht. Sagt mir, ist sie wirklich so wahr und heilig, wie er glaubt?« »Wenn er sie für wahr und heilig hält, so wird sie es.« »Warum tretet Ihr denn als sein Feind auf?« »Ich bin nicht sein Feind, schöne Dame.« »Ihr nicht sein Feind? Warum versuchtet Ihr dann einmal, ihn der geheimnißvollen Reliquie zu berauben, durch die er allein seine Aufgabe vollziehen kann?« »Ich wollte ihn von weiterem Nachforschen abhalten – aus Gründen, die ich nicht zur Sprache bringen kann. Beweist dies, daß ich sein Feind bin? Wäre es nicht besser, er bliebe bei seinem guten Auskommen und in Eurer Gesellschaft am Lande, als daß er in seinem wahnsinnigen Suchen die wilden Meere durchkreuzt? Ohne die Reliquie kann er seinen Auftrag nicht vollziehen – es wäre daher ein Liebesdienst, wenn man sie ihm abnähme.« Amine antwortete nicht, denn sie war in Gedanken verloren. »Dame,« fuhr Schriften nach einer Weile fort, »ich meine es gut mit Euch. Um Euren Gatten kümmre ich mich nicht, obgleich ich ihm nichts Schlimmes wünsche. So hört mich denn. Wenn Ihr wollt, daß Euer künftiges Leben ruhig und friedlich dahinfließe – wenn Ihr lange in dieser Welt zu bleiben wünscht mit dem Gatten Eurer Wahl – mit Eurer ersten und wärmsten Liebe – wenn Ihr wollt, daß er als ein alter Mann in seinem Bette sterbe und Ihr ihm die Augen schließen könnt unter den Thränen wehklagender Kinder, deren Lächeln es vorbehalten bleibt, ihre Mutter wieder aufzuheitern – so kann ich Euch all' dies für die Zukunft, in der ich zu lesen im Stande bin, versprechen, soferne Ihr seiner Brust jene Reliquie abnehmt und sie mir gebt. Wollt Ihr aber, daß er mehr leide, als je ein Mensch auf Erden erduldet hat – wollt Ihr, daß sein ganzes Leben in Zweifel, Mühe und Aengsten hinschwinde, bis das tiefe Meer seinen Leichnam aufnimmt, dann laßt sie ihm. Aber dies hat für Euch noch außerdem die Folge, daß Eure eigenen Tage abgekürzt werden und diejenigen, die Euch noch bleiben, lang sind im menschlichen Leiden, bis Ihr endlich, getrennt von ihm, eines grausamen Todes sterbt. Die Zukunft liegt offen vor mir da, und so gestaltet sich die Bestimmung von Euch Beiden. Ueberlegt alles dies wohl, Dame; ich will Euch jetzt verlassen und morgen Eure Antwort hören.« Schriften entfernte sich und überließ Amine ihren Betrachtungen. Geraume Zeit wiederholte sie sich die Worte und Prophezeihungen des Mannes, von dem sie jetzt vollkommen überzeugt war, daß er nicht dieser Welt angehöre und in irgend einer Weise mit dem Geschicke ihres Gatten in Verbindung stehe. »Mit mir meint er es gut und wünscht auch meinem Gatten nichts Böses ; nur will er ihn von seinem Spähen abhalten. Warum so? – das will er nicht sagen. Er hat mich versucht – auf die seltsamste Weise versucht. Wie leicht wäre es, Philipp die Reliquie abzunehmen, während er an meinem Herzen schläft – aber auch wie treulos! Und dann ein Leben des Wohlstands und der Ruhe, eine lächelnde Familie, ein hohes Alter – welche Anerbietungen für eine zärtliche und innig liebende Gattin! Im andern Falle aber Mühe, Aengsten und ein feuchtes Grab! Dann für mich – bah! das ist nichts. Und doch – ist es nichts, von Philipp getrennt sterben zu müssen? Oh, nein, schon der Gedanke ist schrecklich. – Ich glaube ihm. Ja, er hat die Zukunft vorausgesagt und die Wahrheit gesprochen. Kann ich wohl Philipp überreden? Nein, ich kenne ihn nur zu gut; er hat ein Gelübde gethan und läßt sich nicht davon abbringen. Und doch, wenn ihm die Reliquie ohne sein Wissen abgenommen würde, so könnte er sich selbst nichts vorwerfen. Aber müßte er dann die Schuld nicht mir zuschreiben? Könnte ich ihn täuschen? Sollte ich, das Weib seines Herzens, ihm eine Lüge sagen? Nein, nein; es darf nicht sein. Komme, was da will – es ist unsere Bestimmung, und ich bin gefaßt. Hätte ich doch Schriften lieber nicht gesprochen. Ach! wir forschen nach der Zukunft, möchten aber dann gerne unsere Schritte wieder zurückthun und wünschen, daß wir in der Ungewißheit geblieben wären!« »Was macht dich so gedankenvoll, Amine?« fragte Philipp, der einige Zeit nachher zu ihrem Sitze herankam. Amine gab anfangs keine Antwort. »Soll ich ihm Alles sagen?« dachte sie. »Es ist meine einzige Aussicht – ja.« Sie wiederholte ihm sodann das Gespräch mit Schriften. Philipp entgegnete nichts, sondern setzte sich an Aminens Seite nieder und faßte ihre Hand. Sie ließ das Haupt auf die Schulter ihres Gatten sinken. »Was ist deine Ansicht, Amine?« sagte Philipp nach einer Weile. »Ich könnte dir die Reliquie nicht entwenden, Philipp; aber vielleicht gibst du sie mir.« »Und mein Vater, Amine, mein armer Vater – sollte sein schreckliches Urtheil ewig währen, während es ihm doch gestattet wurde, seinen Sohn um Beistand anzustehen, damit es abgewendet werde? Beweisen nicht die Worte dieses Mannes, daß mein Auftrag kein Trugbild ist? Dient nicht der Umstand, daß er von Allem Kunde hat, zur Bekräftigung des Ganzen? Und doch, warum will er es verhindern?« fügte Philipp nachsinnend bei. Ach, Philipp, ich weiß nicht, aber ich möchte es selbst auch gerne verhindern. Ich fühle, daß er die Macht besitzt, in die Zukunft zu schauen, und daß er richtig gelesen hat.« »Sei's drum; er hat gesprochen, aber nicht deutlich. Seine Prophezeihungen betreffen Dinge, auf die ich lange vorbereitet bin – die ich zu erdulden dem Himmel gelobt habe. Schon jetzt habe ich viel gelitten, und ich bin darauf gefaßt noch mehr über mich ergehen zu lassen. Die Welt ist mir längst in dem Lichte einer Pilgerfahrt erschienen, und da ich zu einem bestimmten Werke erkoren bin, so hoffe ich, daß ich den Lohn dafür in einer anderen Welt finde. Du aber, Amine, bist durch keinen Eid gebunden und hast kein Gelübde abgelegt. Er rieth dir nach Hause zu gehen und sprach von einem grausamen Tode. Folge seinem Rathe und vermeide ein so trauriges Geschick.« »Ich bin durch keinen Eid gebunden, Philipp, aber höre mich. So wahr ich auf eine künftige Seligkeit hoffe, verpflichte ich mich jetzt –« »Halt inne, Amine!« »Nein, Philipp, du kannst mich jetzt nicht hindern; denn wenn du's auch jetzt thust, so werde ich es wiederholen in deiner Abwesenheit. Ein grausamer Tod würde eine Barmherzigkeit für mich sein, denn ich werde dich dann nicht mehr leiden sehen. Möge mir die künftige Seligkeit verschlossen und ewiges Elend mein Loos sein, wenn ich dich verlasse, so lange uns das Schicksal gestattet, beisammen zu sein. Ich bin dein – deine Gattin; mein Glück, meine Gegenwart und meine Zukunft – Alles ist bei dir, und das Schicksal mag sein Schlimmstes thun – Amine wird nicht wanken. Ich habe kein feiges Herz, das sich vor Gefahr oder Leiden abwendet. In diesem einen Punkte wenigstens, Philipp, ist deine Wahl gut gewesen.« Philipp erhob ihre Hand stumm zu seinen Lippen und das Gespräch wurde nicht wieder aufgenommen. Am andern Abende kam Schriften wieder zu Aminen herauf. »Nun, Dame?« begann er. »Schriften; es kann nicht sein,« versetzte Amme. »Aber dennoch danke ich Euch von Herzen.« »Wenn aber auch er seinen Auftrag verfolgen muß, Dame, warum wollt Ihr Euch ihm anschließen? »Schriften, ich bin sein Weib – sein für immer in dieser Welt und in der nächsten. Ihr könnt mich nicht tadeln,« »Nein,« entgegnete Schriften; »ich tadle Euch nicht, sondern bewundere Euch. Es thut mir leid. Und doch, was ist im Grunde der Tod? Nichts. Hi, hi!« Schriften eilte hinweg und ließ Amine allein. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Der Utrecht segelte vom Cambrun ab, berührte Ceylon und verfolgte seine Fahrt in den östlichen Meeren. Schriften blieb an Bord, hielt sich aber seit seinem letzten Gespräch mit Amine fern und schien sowohl sie, als Philipp zu vermeiden. Dennoch versuchte er nicht, wie früher, die Schiffsmannschaft zu reizen, und eben so wenig erging er sich in seinen gewöhnlichen Hohnreden und Schmähungen. Die Mittheilung, die er Aminen gemacht, verfehlte nicht, auch auf sie und ihren Gatten einen tiefen Eindruck zu üben; sie waren gedankenvoller und versuchten gegenseitig die düstere Stimmung ihres Innern zu verbergen. Wenn sie sich umarmten, so geschah es mit dem traurigen Vorgefühl, daß sie dieser Wonne vielleicht bald beraubt sein würden, obschon sie zugleich ihre Herzen zur Ausdauer stählten und sich darauf gefaßt machten, dem Schlimmsten zu begegnen. Krantz wunderte sich nicht wenig über diese Veränderung, die er sich natürlich nicht zu erklären vermochte. Der Utrecht war nicht mehr weit von den Andaman-Inseln, als Krantz, der das Barometer beobachtet hatte, eines Morgens früh zu Philipp heraufkam. »Wir haben alle Aussicht auf einen Typhun, Herr,« sagte Krantz; »das Barometer und das Wetter, beides ist gleich drohend.« »Dann müssen wir Alles festmachen. Laßt augenblicklich die Bramraaen und die kleinen Segel nieder; wir wollen auch die Bramstengen streichen. Ich werde sogleich nachkommen.« Philipp eilte auf das Deck. Die See war glatt, aber bereits verkündete das Stöhnen des Windes einen herannahenden Sturm. Das Vacuum in der Luft sollte ausgefüllt werden und ein schrecklicher Kampf stand bevor. Ein weißer Nebel sammelte sich schnell dichter und dichter; die Matrosen wurden aufgeboten, alle gewichtigen Gegenstände nach unten geschafft und die Kanonen festgemacht. Nun kam ein Windstoß, der das Schiff auf die Seite legte, so daß es sich erst nach einer Minute wieder aufzurichten vermochte; dann ein zweiter, ein dritter – immer ungestümer und ungestümer. Die See, obschon noch glatt, schien zuletzt unter dem gewaltig einherfegenden Typhun eine weiße Schaumfläche zu sein. Er brach auf das Schiff los, das sich bis zu seinem Schanddecke niederbeugte und so verblieb. Nach einer Viertelstunde war der Orkan vorüber und das Schiff erleichtert; aber nun hatte sich die See gehoben und der Wind wehte stark. Nach einer Stunde kamen abermalige Stöße, noch wilder und wüthender als zuvor; die Wogen zischten hoch auf. Ströme von Regen gossen nieder und das Schiff wurde ganz auf die Seite gelegt. So verblieb es, bis der wilde Orkan vorbeigefegt hatte, um seinen Gang der Zerstörung nach weit entlegenen Strichen zu nehmen, nur eine wild tobende See zurücklassend. »Ich glaube, 's ist beinahe vorüber, Herr,« sagte Krantz. »Windwärts heitert sich's ein wenig auf.« »Ich glaube selbst auch, daß wir das Schlimmste schon überstanden haben,« entgegnete Philipp. »Nein, 's kommt noch ärger;« ließ sich eine dumpfe Stimme in Philipps Nähe vernehmen. Es war Schriften, der gesprochen hatte. »Ein Schiff windwärts, das vor der Bö lenßet,« rief Krantz. Philipp blickte in die Richtung des Windes und entdeckte an der Stelle, wo der Horizont am klarsten war, ein Schiff unter Mars- und Focksegeln, das gerade abwärts steuerte. »'s ist ein großes Schiff; bringt mir mein Fernglas.« Das Telescop wurde aus der Kajüte geholt, aber ehe Philipp Gebrauch davon machen konnte, hatte sich im Luv der Nebel wieder gesammelt und das Schiff war nicht mehr zu sehen. »Da ist's wieder dick,« bemerkte Philipp, indem er sein Telescop zusammen steckte; »wir müssen auf das Schiff Acht haben, daß es nicht zu dicht auf uns zuläuft.« »Es hat uns ohne Zweifel auch gesehen,« entgegnete Krantz. Nach einigen Minuten tobte der Typhun auf's Neue und die Atmosphäre hüllte sich in ein trübes Düster. Es schien, als ob ein schwerer Nebel vor dem wüthenden Wind einhergejagt würde. Nichts ließ sich unterscheiden, als der weiße Schaum des Meeres, und auch dieser nicht weiter, als auf eine halbe Kabelslänge, denn jenseits verlor sich Alles im dunkeln, grauen Dunst. Das Sturmstagsegel wich der Gewalt des Windes, riß in Fetzen und peitschte mit einem krachenden Getöse umher, das sogar noch lauter war, als die Stimme des Sturmes. Der wüthende Stoß ging wieder vorüber und der Nebel klärte sich ein wenig auf. »Ein Schiff auf der Wetterseite, dicht an Bord vor uns!« rief Einer der Matrosen. Krantz und Philipp sprangen auf das Schanddeck und erblickten das große Schiff, das in einer Entfernung von nicht ganz drei Kabellängen gerade gegen sie herunter kam. »Das Steuer auf! wir werden nicht bemerkt, und das Schiff stößt gegen unsern Bord!« rief Philipp. »Das Steuer auf! sage ich; hart auf – hurtig!« Das Ruder wurde erhoben und die Matrosen, welche die bevorstehende große Gefahr entdeckten, kletterten auf die Kanonen, um zu sehen, ob das fremde Schiff seinen Curs ändere. Aber nein – es kam herunter, und da die Hauptsegel des Utrechts weggenommen waren, so entdeckten sie jetzt zu ihrem Entsetzen, daß ihr Schiff auf das Ruder nicht ansprechen und in der gewünschten Weise ausweichen konnte. »Schiff ahoy!« schrie Philipp durch sein Sprachrohr, aber der Sturm jagte den Ton zurück. »Schiff ahoy!« rief Krantz auf dem Schanddeck, indem er seinen Hut schwenkte. Es war vergeblich – der Fremde kam herunter, das Wasser schäumte unter seinen Bugen und war jetzt nur noch auf Pistolenschußweite von dem Utrecht entfernt. »Schiff ahoy!« vereinigten sich alle Matrosen zu einem Gebrüll, das nothwendig gehört werden mußte. Aber das fremde Schiff achtete nicht darauf, sondern kam auf sie zu, und sein Brustholz stand nur noch zehn Ellen von dem Utrecht ab. Die Mannschaft des Letzteren, welche jeden Augenblick in Folge des Anpralles eine Zertrümmerung ihres Schiffes fürchteten, kletterten auf das Luvschanddeck, um die Taue des Fremden aufzufangen und an dessen Bord zu klettern. Amine war, durch den Lärm auf dem Deck überrascht, herausgekommen und hatte Philipp am Arm genommen. »Halte dich an mich – die Erschütterung –« Philipp sagte Nichts mehr. Das Brustholz des Fremden berührte die Schiffswand. Die Matrosen des Utrecht erhoben ein allgemeines Geschrei und sprangen vor, um das Bugspriettakelwerk des anderen Schiffes zu fassen, das jetzt zwischen ihre Masten hereinbohrte – aber sie ergriffen Nichts – Nichts – es fand keine Erschütterung – kein Zusammenstoß der beiden Schiffe statt. Der Fremde schien den Utrecht zu durchschneiden – sein Rumpf drang lautlos vor – kein krachendes Gebälk – kein Fallen der Masten – die Fockraa drang durch das große Segel, und doch blieb die Leinwand unverletzt – das ganze Schiff ging durch den Utrecht durch, und doch blieb keine Spur von einer Beschädigung zurück – nicht schnell, sondern langsam, als ob der scharfe Schnabel unter dem Heben und Stoßen der Wellen gleich einer Säge wirke. Die Fockputtingen des Fremden waren bereits durch das Schanddeck vorgedrungen, ehe Philipp sich zu fassen vermochte. »Amine,« rief er endlich; »das Geisterschiff! mein Vater!« Die Matrosen des Utrecht, die noch erstaunter über diese wunderbare Erscheinung waren, als über ihre frühere Gefahr, warfen sich auf dem Decke nieder oder eilten nach unten, um zu beten; Andere blieben vor Schrecken und Furcht wie versteinert. Amine war augenscheinlich die Ruhigste an Bord, selbst Philipp nicht ausgenommen; sie sah zu, wie das Schiff langsam sich weiter bewegte, während die Matrosen desselben ruhig über das Schanddeck lehnten, als lachten sie über die Verwirrung, die sie angerichtet hatten. Auch nach Vanderdecken spähete sie und entdeckte endlich auf der Hütte des Schiffes, das Sprachrohr unter dem Arme, das Bild ihres Philipp – die nämliche kühne, kräftige Gestalt – dieselben Züge – augenscheinlich auch das gleiche Alter – nein, es konnte kein Zweifel obwalten – dies war der verurtheilte Vanderdecken. »Sieh, Philipp,« sagte sie; »sieh! – Dein Vater!« »Gerade so – barmherziger Himmel! es ist – es ist –« Und Philipp sank von seinen Gefühlen überwältigt auf dem Deck nieder. Das Schiff hatte nun den Utrecht durchschnitten, und man sah die Gestalt des älteren Vanderdecken nach hinten gehen und über den Hackebord blicken. Amine bemerkte, wie er zusammenfuhr und sich plötzlich wegwandte – sie schaute nieder und sah, wie Schriften grimmig die Faust nach dem übernatürlichen Wesen schüttelte. Abermals flog das Geisterschiff im Lee vor dem Sturme dahin und war bald im Nebel verloren; aber schon vorher hatte sich Amine umgewandt und Philipps Lage entdeckt. Niemand als sie und Schriften schien einer Thätigkeit oder Bewegung fähig zu sein. Amine begegnete dem Blicke des Piloten; sie winkte ihm und brachte unter seinem Beistande Philipp in die Kajüte. Dreiundzwanzigstes Kapitel. »So habe ich ihn also gesehen,« sagte Philipp nach einigen Minuten, während welcher Amine sich über ihn niederbeugte, wieder zur Besinnung kommend. »Ich habe ihn endlich gesehen, Amine. Kannst du jetzt noch zweifelhaft sein?« »Nein, Philipp; ich zweifle nun nicht mehr,« versetzte Amine traurig; »aber ermuthige dich, Philipp,« »Für mich bedarf ich keines Muthes – aber für dich, Amine – du weißt, daß diese Erscheinung unausbleiblich Unheil verkündet.« »Möge es kommen,« entgegnete Amine ruhig; »ich bin lange darauf vorbereitet gewesen, und bei dir ist's der gleiche Fall.« »Ja, soweit ich dabei betheiligt bin, aber nicht, wenn du darunter leiden sollst.« »Du hast schon oft Schiffbruch gelitten und bist gerettet worden, warum sollte ich nicht ein Gleiches zu hoffen haben?« »Aber die Leiden und Entbehrungen?« »Können denen am wenigsten anhaben, welche den Muth besitzen, sie zu tragen. Ich bin nur ein Weib, schwach und gebrechlich am Körper, aber ich hoffe, es liegt Etwas in mir, dessen sich mein Philipp nicht schämen darf. Nein, du sollst kein Weheklagen, nicht den Jammer der Verzweiflung von Aminen's Lippen vernehmen, sondern sie wird dich trösten und dir beistehen, wie sie kann. Was übrigens auch kommen mag – wenn sie nicht im Stande ist, dir zu dienen, sollst du wenigstens finden, daß sie dir keine Last sein will.« »Im Unglück wird deine Anwesenheit alle meine Thatkraft lähmen.« »Nicht doch, sondern im Gegentheil deine Entschlossenheit erhöhen. Möge das Geschick sein Schlimmstes thun.« »Verlaß dich darauf, Amine, das wird ehestens geschehen.« »Sei's drum,« versetzte Amine. »Uebrigens würde es gut sein, Philipp, wenn du dich auf dem Decke zeigtest. Die Matrosen sind noch immer erschreckt und deine Abwesenheit wird bemerkt werden.« »Du hast Recht,« sagte Philipp, indem er sich erhob, sie umarmte und dann die Kajüte verließ. »Es ist also nur zu wahr,« dachte Amine. »Bereite dich jetzt vor auf Unglück und Tod – denn der Unheilsbote ist schon gekommen. Ich wollte, ich könnte mehr erfahren. O Mutter, Mutter, sieh nieder auf dein Kind und enthülle mir in einem Traume die geheimnißvollen Künste, die ich vergessen habe! Dann könnte ich freilich weitere Kunde einziehen – aber ich habe Philipp versprochen, wenn wir nicht getrennt werden – ja, dieser Gedanke ist schlimmer als der Tod und ich habe eine traurige Vorahnung. Mein Muth sinkt, wenn ich nur daran denke!« Als Philipp auf dem Verdeck erschien, fand er die Matrosen des Schiffs in großer Bestürzung. Krantz selbst war verwirrt, denn er hatte nicht vergessen, wie die Erscheinung des Geisterschiffes in der Nähe des Hafens der Verödung erschien und die Schiffe in's Verderben lockte. Dieses zweite Auftauchen, das noch unheimlicher war, als das frühere, hatte ihn völlig entmannt; er lehnte in düsterem Schweigen an der Luvwand, als Philipp aus der Kajüte kam. »Wir werden nie wieder einen Hafen erreichen, Herr,« sagte er zu dem herantretenden Philipp. »Stille, stille; die Leute könnten Euch hören.« »Das hat nichts zu sagen – sie sind Alle derselben Meinung,« versetzte Krantz. »Dann haben sie jedenfalls Unrecht,« versetzte Philipp, sich gegen die Matrosen wendend, »Meine Jungen! daß uns nach dem Erscheinen dieses Schiffes ein Unfall zustoßen mag, ist sehr wahrscheinlich, denn ich habe es schon mehr als einmal gesehen und jedesmal ist etwas Unglückliches eingetroffen; aber hier stehe ich lebendig und wohl – es ist deshalb keine nothwendige Folge, daß wir nicht entkommen können, wie es bei mir schon öfters der Fall war. Wir müssen unser Bestes thun und auf den Himmel bauen. Der Sturm bricht sich schnell und in wenigen Stunden werden wir wieder schönes Wetter haben. Wie gesagt, ich bin diesem Geisterschiff schon öfters begegnet und mache mir nichts daraus, wie oft es mir in den Weg treten mag. Herr Krantz, schafft Branntwein herauf – die Leute haben hart gearbeitet und müssen erschöpft sein.« Schon die Aussicht auf einen guten Trunk schien die Matrosen wieder zu ermuthigen; sie beeilten sich den Befehlen zu gehorchen, und die Quantität der ausgetheilten Flüssigkeit war hinreichend, auch den Furchtsamsten Muth einzuflößen, die Uebrigen aber zu veranlassen, dem alten Vanderdecken und seiner ganzen Mannschaft von Kobolden Trotz zu bieten. Am andern Morgen war das Wetter schön, die See glatt und der Utrecht setzte rüstig seine Fahrt fort. Viele Tage leichter Brisen und günstiger Winde milderten nachgerade den Schrecken, welchen die übernatürliche Erscheinung veranlaßt hatte, und obgleich man sie nicht ganz vergaß, so sprach man doch nur noch im Scherze oder mit Gleichgültigkeit davon. Sie waren nun die Malaccastraße hinuntergelaufen und in den polynesischen Archipelagus eingedrungen. Philipp hatte Auftrag, an der kleinen Insel Boton, welche damals im Besitze der Holländer war, zu landen, um daselbst seine Wasservorräthe zu ergänzen und weitere Instruktionen einzuholen. Sie langten wohlbehalten daselbst an, verweilten zwei Tage und nahmen ihre Fahrt wieder auf, in der Absicht, zwischen Galago und Celebes durchzusteuern. Das Wetter war noch immer klar und der Wind leicht; sie setzten ihren Weg vorsichtig fort, da sie sich vor den Rissen der Krümmung, wie auch vor den Piratenschiffen in Acht zu nehmen hatten, welche schon seit Jahrhunderten jene Meere beunruhigten. Ohne Belästigung gelangten sie unter die Inseln im Norden von Galago, wo sie von einer Windstille befallen wurden und das Schiff in der Strömung nach Osten trieb. Die Windstille hielt mehrere Tage an; sie konnten nicht ankern und fanden sich endlich unter der Inselgruppe in der Nähe der Nordküste von Neu-Guinea. Jetzt warfen sie Anker und beschlugen für die Nacht ihre Segel. Ein dünner Regen machte die Luft dunstig, und auf allen Theilen des Schiffes wurden Wachen ausgestellt, um sich gegen eine Ueberraschung von Seiten der Piraten-Proas zu wahren; denn die Strömung ging mit einer Geschwindigkeit von acht oder neun Meilen in der Stunde an dem Schiff vorbei, und wenn sich eines jener Schiffe in den Inseln barg, konnte es ganz unbemerkt auf sie zuschießen. Um Mitternacht wurde Philipp, der in seinem Bette lag, durch eine Erschütterung des Schiffes geweckt; er dachte, es könnte eine Proa sein, die an der Seite gestreift hatte, sprang auf und eilte zur Kajüte hinaus. Auf dem Decke fand er Krantz, der durch dieselbe Ursache geweckt worden und unangekleidet heraufgekommen war – aber jetzt folgte ein zweiter Stoß und das Schiff legte sich nach dem Backbord um. Philipp erkannte daraus, daß der Utrecht an den Strand gelaufen war. Die pechfinstere Nacht hinderte ihn, seine Umgebung zu unterscheiden; als jedoch das Loth ausgeworfen wurde, zeigte sich's, daß der Utrecht an der Küste auf einer Sandbank lag und an der tiefsten Stelle nicht mehr als vierzehn Fuß Wasser hatte; dabei war er seitwärts gestürzt, und eine starke Strömung drängte ihn immer weiter an der Bank hinauf, denn erstere lief mit der Gewalt eines Mühlwassers und fegte das Schiff mit jeder Minute auf seichteren Grund. Eine weitere Untersuchung zeigte, daß der Utrecht seinen Anker geschleppt hatte, dessen Kabel noch immer straff von dem Steuerbordbug niederlief, obschon das Schiff demungeachtet immer weiter an der Bank hinaufgefegt wurde. Man glaubte, der Anker sei am Schafte gebrochen und warf deshalb einen andern aus. Indeß ließ sich bis zum Anbruch des Tages nichts Weiteres thun, und die Mannschaft erwartete mit Ungeduld den andern Morgen. Als die Sonne aufging, zertheilte sich auch der Nebel, und sie entdeckten, daß sie an der Küste auf einer Sandbank lagen, die zum Theil über das Wasser hervorstand und von einer ungestümen Strömung umflossen wurde. In der Entfernung von ungefähr drei Meilen befand sich eine kleine Inselgruppe, die mit Cocosbäumen bewachsen, aber dem Anscheine nach nicht bewohnt war. »Ich fürchte, wir haben wenig Aussicht,« bemerkte Krantz gegen Philipp. »Wenn wir auch das Schiff leichter machen, wird der Anker nicht halten; wir werden weiter hinaufgefegt und es ist unmöglich, gegen die Gewalt der Strömung einen Anker auszulegen.« »Jedenfalls müssen wir's versuchen, obschon ich zugestehe, daß unsere Lage nichts weniger als beruhigend ist. Schickt alle Mannschaft nach hinten.« Die Matrosen erschienen düster und muthlos auf dem Hinterschiffe. »Meine Jungen,« begann Philipp, »warum seid ihr so niedergeschlagen?« »Es ist um uns geschehen; wir wußten wohl, daß es so kommen würde.« »Ich hielt es selbst für wahrscheinlich, daß das Schiff verloren gehen würde, und sagte Euch dieß; aber der Verlust des Schiffs hat nicht nothwendig auch den der Mannschaft zur Folge – ja, es ist noch nicht einmal gewiß, ob nicht auch das Schiff noch gerettet werden kann, obgleich es sich gegenwärtig in einer bedenklichen Lage befindet. Was haben wir auch zu fürchten, ihr Leute? Das Wasser ist glatt, und wir haben noch hinreichend Zeit für uns. Wir können einen Floß bauen und zu den Booten unsere Zuflucht nehmen – es windet nie unter diesen Inseln, und wir haben Land dicht unter unserem Lee. Laßt uns zuerst versuchen, was wir mit dem Schiff anzufangen vermögen; können wir dies nicht retten, so ist es immer noch Zeit, für uns selbst zu sorgen,« Den Matrosen leuchtete dies ein, und sie gingen bereitwillig an die Arbeit. Die Wasserfässer wurden losgemacht, die Pumpen in Bewegung gesetzt und Alles, was man entbehren konnte, über Bord geworfen, um das Schiff zu erleichtern; aber noch immer schleppte der Anker unter der Gewalt der Strömung und in dem schlimmen Haltegrund. Philipp und Krantz bemerkten, daß sie immer weiter an der Bank hinaufgefegt wurden. Die Matrosen arbeiteten bis in die Nacht hinein, und nun brach eine frische Brise auf, unter der die See anschwoll. Die Wellen schlugen das Schiff gegen den harten Sand, und so ging es fort bis zum nächsten Morgen. Mit Tagesanbruch nahm die Mannschaft ihre Beschäftigung wieder auf; die Pumpen wurden auf's Neue in Bewegung gesetzt, um das eingedrungene Wasser fortzuschaffen, aber nach einiger Zeit kam Sand mit herauf. Hieraus entnahmen sie, daß eine Planke zertrümmert und ihre Bemühung vergeblich war. Die Matrosen verließen daher ihre Arbeit, aber Philipp ermuthigte sie abermals und machte sie darauf aufmerksam, daß sie sich leicht retten könnten, wenn sie jetzt einen Floß bauten, der nicht nur ihren Mundvorrath, sondern auch denjenigen Theil der Mannschaft, welche in den Booten nicht Platz fänden, aufnehmen könnte. Nach einer kurzen Ruhe setzten sich die Leute wieder in Thätigkeit. Die Topsegel wurden gestrichen, die Raaen niedergelassen, und die Zusammensetzung des Floßes unter dem Lee des Schiffes, wo die starke Strömung gedämmt war, begonnen. Philipp, der sich des früheren Unglücks erinnerte, gab sich alle Mühe, den Floß recht fest zu machen, und construirte ihn aus zwei Theilen, die leicht auseinandergingen, denn da das Wasser und der Mundvorrath ziemlich auf die Neige gegangen waren, schien kein Grund vorhanden zu sein, eine so schwere Masse nachzuschleppen, und die Boote hatten weniger zu tauen, sobald die Umstände sie in die Lage setzten, sich von der einen Hälfte zu trennen. Die Nacht machte den Anstrengungen der Matrosen abermals ein Ende; sie begaben sich zur Ruhe, während das Wetter fortwährend schön und der Wind leicht blieb. Am andern Mittag war der Floß fertig. Man staute Wasser und Mundvorrath hinüber, bereitete im Mittelpunkt der einen Abtheilung ein trockenes Plätzchen für Amine und nahm sämmtliches Tau- und Segelwerk, kurz Alles mit, was im Falle eines Laufens an die Küste nützlich werden konnte. Auch Musketen und Munition wurden an Bord genommen; als Alles bereit war, kamen die Matrosen aufs Hinterschiff, um Philipp darauf aufmerksam zu machen, daß noch viel Geld vorhanden sei und es eine Thorheit wäre, dieses zurückzulassen; es sei daher ihr Wunsch, so viel davon mit sich zu nehmen, als sie zu tragen vermöchten. Da diese Andeutung in einer Weise gegeben wurde, welche keine Weigerung zuließ, so fügte sich Philipp darein, obschon er sich vornahm, an dem nächsten besten Orte, wo er sein Ansehen geltend machen konnte, das Eigenthum der Compagnie wieder zurückzufordern. Während Philipp für Amine die nöthigen Vorbereitungen traf, begaben sich die Matrosen in den Raum hinunter, schafften die Dollarfässer heraus, erbrachen sie und füllten ihre Taschen, was allerdings nicht ohne Händel abging. Als endlich Jeder so viel an sich genommen hatte, als er tragen konnte, brachten sie die Beute mit ihrem übrigen Gepäcke nach dem Floße oder den betreffenden Booten. Alles war jetzt bereit – Amine wurde niedergelassen und begab sich nach ihrem Platze – die Boote nahmen das Floß, das von dem Schiffe losgemacht wurde, in's Schlepptau, und nun ging's in der Strömung dahin, die Matrosen aus aller Kraft rudernd, um ein Stranden an jenem Theile der Sandbank zu vermeiden, der über das Wasser hervorsah. Dies war die größte Gefahr, die sie zu bestehen hatten und der sie nur mit knapper Noth entrannen. Sie zählten im Ganzen sechsundachtzig Köpfe: in den Booten waren zweiunddreißig, die Uebrigen befanden sich auf dem Floße, der gut gebaut und jetzt, da die See glatt war, hoch aus dem Wasser hervorstand. Philipp und Krantz hatten unter sich ausgemacht, daß Einer von ihnen auf dem Floß, der Andere in einem Boote bleiben sollte. Beide befanden sich jedoch auf dem ersteren, als derselbe von dem Schiffe abstieß, da sie aus der Richtung der Strömung entnehmen wollten, welchen Curs sie wohl am besten verfolgen könnten. Sie fanden, daß die Strömung, sobald sie die Bank verlassen hatte, sich gegen Süden nach Neu-Guinea wandte, und überlegten nun, ob es nicht räthlich wäre, an gedachter Insel zu landen, deren Einwohner zwar als tückisch, zugleich aber auch als feige bekannt waren. Dies führte zu einer langen Debatte, welche darauf hinauslief, daß sie vorderhand noch zuwarten und sich auf die Umstände verlassen wollten. Inzwischen ruderten die Boote westwärts, während die Strömung sie bald in eine südliche Richtung brachte. Mit dem Einbruch der Nacht ließen die Boote die kleinen Anker, mit welchen sie sich vorgesehen hatten, fallen, und Philipp freute sich, als er fand, daß die Strömung nicht mehr so stark war, und die Anker sowohl Boote als Floß festhielten. Die Matrosen bedeckten sich mit den Segeln, die sie mitgenommen hatten, stellten eine Wache aus und versanken nach der Ermüdung des Tages bald in einen tiefen Schlaf. »Wäre es nicht besser, wenn ich in einem der Boote bliebe?« bemerkte Krantz. »Der Fall wäre denkbar, daß uns die Bursche, um sich selbst zu retten, im Stiche ließen.« »Ich habe bereits daran gedacht,« versetzte Philipp, »und deßhalb weder Mundvorrath noch Wasser in die Boote schaffen lassen. Schon aus diesem Grunde werden sie uns nicht verlassen.« »Richtig, ich habe dies vergessen.« Krantz blieb auf der Wache und Philipp zog sich zur Ruhe zurück, der er so sehr bedurfte. Amine empfing ihn mit offenen Armen. »Ich fürchte mich nicht, Philipp,« sagte sie, »sondern finde sogar ein Wohlgefallen an diesem wilden, abenteuerlichen Wechsel. Wir gehen an's Land, bauen uns unter den Cocosbäumen unsere Hütte, und es wird mir leid thun, wenn der Tag kommt, der uns Hülfe bringt und uns von unserer einsamen Insel erlöst. Was könnte ich außer dir noch wünschen?« »Wir sind in den Händen des Allmächtigen, meine Liebe, der mit uns verfahren wird nach seinem Wohlgefallen. Wir dürfen dankbar sein, daß es nicht noch schlimmer ist. Doch jetzt zur Ruhe,« fügte Philipp bei, »denn die Wache wird bald an mich kommen.« Die Sonne erhob sich an einem schönen blauen Himmel und über einer glatten See. Der Floß war in's Lee der obengenannten unbewohnten Inselgruppe getragen worden und durfte jetzt nicht mehr hoffen, sie wieder zu erreichen; aber am westlichen Horizonte zeigten sich die zackigen Wipfel und Stämme von Cocosnußbäumen, und in diese Richtung sollte der Floß getaut werden. Nach dem Frühstücke griffen die Matrosen wieder zu ihren Rudern, entdeckten aber jetzt eine wohlbemannte Proa, die ihnen von einer der Inseln im Winde nachsegelte. Daß das Schiff ein Seeräuber war, unterlag keinem Zweifel; aber Philipp und Krantz waren der Ansicht, sie seien kräftig genug, ihn zurückzuschlagen, wenn er einen Angriff wagen sollte. Dies wurde auch den Matrosen bedeutet, an welche man sofort Waffen vertheilte und zugleich den Befehl erließ, die Ruder niederzulegen und die Ankunft des Schiffes zu erwarten, damit die Mannschaft nicht vor einem möglichen Kampfe sich allzusehr erschöpfe. Sobald der Pirat in Schußweite kam und seine Gegner recognoscirt hatte, stellte er sein Steuer und begann aus einer Kanone, welche auf dem Buge stand, zu feuern. Die Kartätschen verwundeten mehrere von Philipps Mannschaft, obgleich unser Held Befehl ertheilt hatte, daß sich Alles auf dem Floß und in den Booten flach niederlegen sollte. Der Pirat kam näher und sein Feuer wurde immer verderblicher, ohne daß die Mannschaft des Utrecht Gelegenheit erhielt, dasselbe zu erwidern. Endlich wurde als der einzige Ausweg des Entkommens der Vorschlag gemacht, daß die Boote den Seeräuber angreifen sollten. Philipp gab seine Zustimmung, schickte noch mehr Leute in die Boote, und Krantz übernahm das Commando, während das Floß losgemacht wurde. Kaum war jedoch dieß geschehen, als die Boote wie auf einen Gedanken umwandten und in die entgegengesetzte Richtung ruderten. Philipp hörte noch Krantz's Stimme und sah, wie sein Schwert durch die Luft blitzte – einen Augenblick später stürzte der treue Mate in die See und schwamm dem Floße zu. Es schien, daß die Leute in den Booten, um ihr Geld zu retten, unter sich eins geworden waren, davon zu rudern und den Floß seinem Schicksal zu überlassen; nur in dieser Absicht hatten sie den Vorschlag gethan, den Seeräuber anzugreifen, und sobald sie ihrer Bürde ledig waren, setzten sie ihren Plan in Vollzug. Vergeblich machte ihnen Krantz Vorstellungen und drohte ihnen sogar. Sie wollten ihn ermorden, und als er fand, daß seine Bemühungen doch nichts nützten, sprang er über Bord. »Dann sind wir verloren, fürchte ich,« sagte Philipp: »unsere Anzahl ist so sehr gemindert, daß wir nicht hoffen dürfen, uns lange zu halten. Was meint Ihr von der Sache, Schriften?« wagte Philipp gegen den Piloten beizufügen, der in der Nähe stand. »Verloren – aber nicht durch die Seeräuber – von dieser Seite her geschieht uns nichts. Hi! hi!« Die Bemerkung Schriftens war richtig. Die Seeräuber wähnten, die Leute, welche zu den Booten ihre Zuflucht nahmen, hätten alles Werthvolle mit sich geführt, und jagten daher diesen nach, statt auf den Floß Feuer zu geben. Die Proa setzte ihre breiten Ruder aus, und flog wie ein Seevogel über die glatte Wasserfläche, kam an dem Floße vorbei und gewann anfangs augenscheinlich viel Raum; bald aber erschlaffte sie in ihrer Eile und gegen Abend verschwand das Piratenschiff sammt den Booten im Süden, während die dazwischen liegende Entfernung ungefähr dieselbe sein mochte, wie bei dem Beginne der Jagd. Der Floß war nun ganz dem Wind und den Wellen preisgegeben. Philipp und Krantz sammelten den Zimmermannswerkzeug, der von dem Schiffe mitgenommen war, lasen zwei Spieren des Floßes aus und trafen alle Vorbereitungen, um am andern Morgen einen Mast aufzurichten und Segel zu setzen. Mit dem Grauen des Morgens sahen sie, wie die Boote, denen der Pirat dicht nachfolgte, wieder nach dem Floße zurückruderten. Ihre Mannschaft hatte sich die ganze Nacht durch auf's Aeußerste angestrengt und war nun völlig erschöpft. Wahrscheinlich hatten sie eine Berathung abgehalten und waren eins geworden, eine Wendung zu machen und nach dem Floße zurückzukehren, da sie dort sich vertheidigen und obendrein Mundvorrath nebst Wasser finden konnten – Bedürfnisse, an denen es ihnen seit ihrem Ausreißen gänzlich gemangelt hatte. Der Himmel hatte jedoch etwas Anderes über sie beschlossen, denn die Matrosen sanken allmälig erschöpft von ihren Rudern in die Boote zurück, und das Piratenschiff folgte ihnen mit erneuertem Eifer. Die Boote wurden nach einander genommen und lieferten den Seeräubern eine reichere Beute, als sie erwartet hatten; auch braucht kaum bemerkt zu werden, daß sämmtliche Mannschaft erschlagen wurde. Alles dies fand etwa drei Meilen von dem Floße statt und Philipp erwartete, die nächste Bewegung des Piraten werde ihnen gelten; aber er war im Irrthum. Zufrieden mit ihrem Raube, ruderten die Seeräuber, die auf dem Floße nichts mehr zu finden hofften, ostwärts nach den Inseln, von denen sie hergekommen waren. So ereilte wohlverdiente Strafe diejenigen, welche in der Hoffnung, zu entkommen, ihre Begleiter verlassen hatten, während die Bemannung des Floßes, welche von dieser Desertion das Schlimmste erwartete, dadurch gerettet wurde. Auf dem Floße befanden sich ungefähr fünfundvierzig Köpfe – Philipp, Krantz, Schriften, Amine, die zwei Maten, sechszehn Matrosen und vierundzwanzig Soldaten, die zu Amsterdam eingeschifft worden waren. Mundvorrath war für drei oder vier Wochen zur Genüge vorhanden, obschon es mit dem Wasser sehr knapp herging, da dasselbe bei gewöhnlichen Rationen kaum mehr als drei Tage ausreichen konnte. Sobald der Mast aufgerichtet und trotz dem fast fehlenden Winde die Segel gesetzt waren, bedeutete Philipp der Mannschaft die Nothwendigkeit, die Wasserrationen zu vermindern, und es wurde ausgemacht, daß nicht weiter als eine halbe Pinte für den Tag ausgetheilt werden sollte, damit der Vorrath auf zwölf Tage ausreiche. Da der Floß aus zwei Theilen bestand, so wurde jetzt debattirt, ob es nicht besser sein würde, den kleineren den Wellen zu überlassen und sämmtliches Volk auf den andern zu schaffen. Dieser Vorschlag wurde jedoch überstimmt, da einmal trotz der Flucht der Boote die Anzahl auf dem Floße nicht vermindert worden war und außerdem das extemporirte Fahrzeug unter Segeln viel besser steuerte, wenn es länger war, als wenn es seinen Umfang verkürzte und seinen Gehalt in eine quadratartige Masse schwimmenden Holzes umwandelte. Drei Tage herrschte Windstille. Die Sonne schoß ihre glühenden Strahlen nieder, und der Mangel an Wasser wurde schmerzlich gefühlt. Diejenigen, welche in dem Branntwein Ersatz suchten, litten am meisten. Am vierten Tage sprang eine günstige Brise auf und das Segel füllte sich. Der Wind kühlte ihre glühenden Stirnen und versengten Rucken; da außerdem der Floß mit einer Geschwindigkeit von vier Meilen in der Stunde vorwärts kam, so wurden die Leute wieder heiter und hoffnungsvoll. Das Land unter den Cocosnußbäumen ließ sich jetzt deutlicher unterscheiden, und sie hofften am nächsten Tage das Ufer zu erreichen, wo sie sich das heiß ersehnte Wasser verschaffen konnten. Sie führten die ganze Nacht über Segel, entdeckten aber am nächsten Morgen, daß sie eine starke Gegenströmung hatten und dadurch den Vortheil der steifen Brise wieder verloren; gegen Abend wandelte sich letzte in völlige Windstille um. So blieb es noch vier weitere Tage. Jeden Mittag befanden sie sich nicht zehn Meilen von dem Lande, aber am nächsten Morgen waren sie wieder zurückgefegt und mußten auf's Neue ihren Grund gewinnen. Acht Tage waren jetzt entschwunden, und die Mannschaft, die fortwährend der glühenden Sonne ausgesetzt war, wurde jetzt unzufrieden und meuterisch. Das einemal wollten sie haben, daß der Floß getheilt werden solle, damit sie mit der andern Hälfte das Land erreichen könnten, während sie ein andermal wieder verlangten, man solle den Mundvorrath, den sie nicht mehr essen könnten, über Bord werfen, um das Fahrzeug zu erleichtern. Eine weitere Schwierigkeit lag in dem Umstand, daß sie keinen Anker besaßen, da die Boote alle derartigen Geräthe an sich genommen hatten. Philipp machte nun den Matrosen den Vorschlag, daß Jeder seine vielen Dollars in einen besondern Beutel nähe, die man dann an dem Taue befestigen könne; dieses Gewicht werde sie wahrscheinlich in den Stand setzen, den Floß eine einzige Nacht gegen die Gewalt der Strömung zu sichern, und sie könnten dann am andern Tage das Ufer erreichen. Davon wollten sie jedoch nichts wissen, denn Niemand mochte sein Geld auf's Spiel setzen. Nein, nein – die Thoren, sie wollten lieber den allerelendesten Tod sterben. Philipp und Krantz wiederholten diesen Vorschlag zu öfterenmalen, aber stets mit gleich ungünstigem Erfolge. Diese ganze Zeit über verlor Amine ihren Muth nicht und bewies ihrem Gatten, daß sie im Unglück eben so gut zu rathen als zu trösten wisse. »Zage nicht, Philipp,« konnte sie sagen; »wir werden doch noch unsere Hütte unter dem Schatten jener Cocosnußbäume bauen und dort einen Theil, wo nicht den Rest unsres Lebens in Frieden hinbringen; denn wer wird auch daran denken, uns in diesen öden und unbetretenen Gegenden aufzusuchen?« Schriften verhielt sich ruhig und gut, sprach viel mit Aminen, mochte sich aber sonst mit Niemand einlassen. Ueberhaupt schien er Aminen geneigter zu sein, als je zuvor. Er wachte über sie und sorgte für ihre Bequemlichkeit; auch bemerkte Amine oft, wenn sie nach Beendigung einer Rede zu ihm aufblickte, daß sein Gesicht einen Ausdruck von Mitleid und Schwermuth trug, dessen sie ihn nie für fähig gehalten hätte. Abermals entschwand ein Tag. Sie näherten sich wieder dem Lande – aber die Brise starb dahin, und sie wurden auf's Neue durch die Strömung zurückgetrieben. Nun erhob sich die Mannschaft und rollte, trotz der Vorstellungen ihres Kapitäns und des ersten Maten, alle Mund- und andere Vorräthe in die See, ein einziges Branntweinfaß und den Rest des Wassers ausgenommen. Dann setzten sie sich in eifriger Berathung an das obere Ende des Floßes und schauten mit düsteren, drohenden Blicken umher. Die Nacht brach ein und Philipp fühlte sich schwer beängstigt. Abermals drang er in sie, ihr Geld als Anker benützen zu lassen, aber vergeblich. Sie hießen ihn sich entfernen, und er kehrte nach dem hintern Theile des Floßes zurück, wo Aminens Lager bereitet war. In tiefen wehmüthigen Gedanken beugte er sich über sie, denn er glaubte, sie schlafe. »Was beunruhigt dich, Philipp?« »Was mich beunruhigt? Ach, der Geiz und die Thorheit dieser Leute. Sie wollen lieber sterben, als dieses abscheuliche Geld auf's Spiel setzen. Sie haben Mittel, sich und uns zu retten, und wollen sie nicht in Anwendung bringen. Es ist genug Metalllast auf dem Vordertheile des Floßes, um ein Dutzend solcher schwimmender Massen festzuhalten, und doch mögen sie das Geld nicht wagen. Verwünschte Liebe zum Golde! Sie macht die Menschen zu Narren, Wahnsinnigen und Schurken. Selbst bei blos tropfenweiser Vertheilung haben wir nur noch auf zwei Tage Wasser. Betrachte ihre ausgemergelten, abgezehrten Gestalten und sieh, wie sie dennoch am Gelde haften, das sie wahrscheinlich nie brauchen können, selbst wenn sie das Land erreichen. Man möchte wahnsinnig werden!« »Du leidest, Philipp, weil du dir selbst Alles versagst; aber ich bin vorsichtig gewesen, weil ich mir wohl dachte, daß es so kommen würde, und habe sowohl Wasser als Zwieback aufgespart. Hier sind vier Flaschen – trink, Philipp, es wird dich erleichtern.« Philipp trank und fand auch wirklich Erleichterung, denn die Aufregung des Tages hatte schwer auf ihm gelastet. »Dank, Amine, Dank, meine Theuerste! ich fühle mich jetzt besser. Gütiger Himmel! daß es nur auch solche Thoren geben kann, die in einer Zeit des Leidens und der Entbehrung, wie die unsrige ist, schnödes Metall höher anschlagen, als einen einzigen Tropfen Wasser!« Die Nacht trat wieder ein. Die Sterne funkelten hell an dem mondlosen Himmel, und Philipp hatte sich um Mitternacht erhoben, um Krantz im Steuern des Floßes abzulösen. Gewöhnlich hatten die Matrosen auf allen Theilen des Floßes herumgelegen; in dieser Nacht war jedoch die Mehrzahl derselben auf der vordern Hälfte geblieben. Philipp erging sich eben in bitteren Gedanken, als er vorn ein Handgemeng und Krantz's Stimme vernahm, der laut um Hilfe rief. Er verließ das Steuer und eilte mit gezogenem Säbel vorwärts, wo er Krantz auf dem Boden liegend fand, während die Matrosen ihn festhielten. Unser Held brach sich mit dem Säbel Bahn, wurde aber endlich gleichfalls ergriffen und entwaffnet. »Haut ab – haut ab,« riefen diejenigen, welche ihn festhielten, und nach einigen Sekunden mußte Philipp den Jammer erleben, daß der hintere Theil des Floßes, auf welchem sich Amine befand, getrennt von dem vorderen, auf den Wellen dahintriftete. »Um aller Barmherzigkeit willen, mein Weib – meine Amine – um des Himmels willen rettet sie!« rief Philipp, der sich vergeblich loszukämpfen bemüht war. Auch Amine war an den Rand des losgetrennten Floßes geeilt und breitete ihre Arme nach dem Gatten aus – umsonst – sie waren schon mehr als eine Kabellänge getrennt. Philipp rang noch einmal in verzweifeltem Kampfe und brach dann sinn- und bewegungslos zusammen. Vierundzwanzigstes Kapitel. Erst mit Tagesanbruch öffnete Philipp seine Augen wieder und entdeckte, daß Krantz an seiner Seite kniete. Anfangs waren seine Gedanken wirr und unzusammenhängend, er fühlte, daß sich etwas Schreckliches zugetragen hatte, obgleich er sich die eigentliche Beschaffenheit seines Unglücks nicht vergegenwärtigen konnte. Endlich tauchte die ganze Entsetzens-Scene vor ihm auf und er begrub das Antlitz mit seinen Händen. »Tröstet Euch,« sagte Krantz; »wir werden wahrscheinlich heute das Ufer gewinnen, und sobald wir können, ziehen wir aus, um sie zu suchen.« »Dieß ist also die Trennung und der grausame Tod, welche der elende Schriften prophezeit hat,« dachte Philipp. »Grausam in der That, sich zum Gerippe abzuzehren unter einer glühenden Sonne, ohne auch nur einen einzigen Tropfen Wasser, um die lechzende Zunge zu kühlen! Der Gnade von Wind und Wellen preisgegeben – allein – ganz allein umherzutriften – getrennt von ihrem Gatten, in dessen Armen sie wenigstens mit Freuden gestorben wäre – wahnsinnig gemacht durch die Ungewißheit und durch den Gedanken an mein mögliches Schicksal! Pilot, du hast Recht; für ein zärtliches, treu liebendes Weib kann es keinen schrecklicheren Tod geben. Oh, mein Gehirn schwindelt. Für was hat Philipp Vanderdecken jetzt auch noch zu leben?« Krantz bot allen Trostesworten auf, die ihm die Freundschaft einflüsterte, aber vergeblich. Er sprach dann von Rache, und erst jetzt richtete Philipp den Kopf auf. Nach einem kurzen Nachdenken erhob er sich. »Ja,« entgegnete er, »Rache! – Rache an diesen elenden Verräthern! Sagt mir, Krantz, wie Vielen wir trauen können?« »Ich dächte, wenigstens der Hälfte. Es war eine Ueberraschung.« Man hatte eine Spiere in ein Steuer umgewandelt und der Floß war dem Ufer weit näher, als je zuvor, gekommen. Die Matrosen waren hoch erfreut über diese Aussicht, und alle setzten sich auf ihre Dollarhaufen, die in ihren Augen an Werth zunahmen, je mehr sie zu entkommen hoffen durften. Philipp erfuhr von Krantz, daß die Soldaten unter Beihülfe der unbedeutendsten Matrosen die Meuterei des vorigen Abends begonnen und den anderen Floß abgeschnitten hatten. Die beste Mannschaft war neutral geblieben. »Und so werden sie, glaube ich, auch bleiben,« fuhr Krantz fort. »Die Aussicht, das Ufer zu gewinnen, hat sie gewissermaßen mit dem Verrathe ihrer Kameraden versöhnt.« »Vermuthlich,« versetzte Philipp mit einem bittern Lächeln; »aber ich weiß, was sie wecken wird. Schickt sie zu mir her.« Philipp redete die Matrosen an, welche Krantz ihm zugeschickt hatte. Er machte sie darauf aufmerksam, daß die Andern treulose Verräther wären, auf die man sich nicht verlassen könnte, indem man sich von ihnen zu versehen habe, daß sie Alles ihrem Gewinne opfern würden; um des Geldes willen hätten sie bereits so gehandelt, und unter solchen Leuten sei keine Sicherheit, weder auf dem Floße noch auf dem Lande; man könne nicht einmal einschlafen, ohne befürchten zu müssen, daß man ermordet werde, und es sei daher besser, sich dieser Elenden zu entledigen, von denen das Schlimmste zu gewärtigen sei; hiedurch würden sie (die Angeredeten) nicht nur ihre Fahrt erleichtern, sondern könnten auch das Geld an sich bringen, das die Andern gerettet, so daß ihr eigener Antheil verdoppelt würde. Obschon er nichts davon habe laut werden lassen, sei es doch seine Absicht gewesen, die Rückerstattung des Compagnie-Geldes zu verlangen, sobald sie in einem civilisirten Hafen angelangt wären, wo die Obrigkeit sich in's Mittel legen könnte; wenn sie aber treu an ihm hielten und ihm Beistand leisteten, so wolle er ihnen das Ganze zum Eigenthum überlassen. Was vermag nicht die Habsucht? Darf man sich wohl wundern, daß die Männer, welche in der That nur wenig besser waren, als Diejenigen, welche Philipp in seinem Durst nach Rache als treulose Verräther bezeichnete, auf seinen Vorschlag eingingen? Es wurde beschlossen, daß, im Falle sie das Ufer nicht erreichten, in derselben Nacht ein Angriff auf die Andern gemacht und sie in die See gestoßen werden sollten. Die geheime Zwiesprache mit Philipp hatte jedoch auch die andere Partei aufmerksam gemacht; sie hielten gleichfalls eine Berathung und ließen die Waffen nicht von ihrer Seite. Als die Brise dahin starb, waren sie nicht zwei Meilen vom Lande entfernt, aber auf's Neue trifteten sie zurück in den Ocean. Philipps Geist war von Gram niedergebeugt über Aminens Verlust; er erholte sich jedoch wieder einigermaßen, wenn er der Rache gedachte. Dieses Gefühl wurde ihm zur Stütze, und er befühlte oft die Schneide seines Stutzsäbels, voll Ungeduld dem Augenblicke der Vergeltung entgegensehend. Es war eine liebliche Nacht. Die See war nun so glatt wie ein Spiegel, und kein Lüftchen regte sich. Das Segel des Floßes hing schlaff an dem Maste und strahlte einsam im Glanze einer sternhellen Nacht aus der ruhigen Meeresfläche wieder. Es war eine Nacht für Beschaulichkeit – für die Einkehr im Innern und für Anbetung der Gottheit; und hier auf einem gebrechlichen Floße waren mehr als vierzig Wesen zusammengemischt, bereit zum Kampfe und gierig auf Mord und Beute. Beide Parteien gaben sich scheinbar der Ruhe hin, obschon jeder Einzelne in aller Stille, die Hand an seine Wehr gelegt, die Bewegungen seines Nachbars bewachte. Endlich gab Philipp das Signal: es bestand darin, daß er die Ziehtaue der Raa los ließ; das Segel sollte nämlich auf einen Theil der andern Partie niederfallen und sie verstricken. Philipps Weisung gemäß hatte Schriften das Steuer ergriffen, und Krantz blieb an seiner Seile. Die Raa fiel sammt dem Segel rasselnd nieder, und nun begann das Werk des Todes. Kein Parlamentiren, keine Ungewißheit – Jeder sprang auf und erhob seinen Säbel. Die Stimmen von Philipp und Krantz ließen sich allein vernehmen, und die Waffe unsers Helden übte ein blutiges Werk. Die Rache stählte seinen Arm und er konnte nicht genug finden, so lange einer von denen übrig war, welche seine Amine geopfert hatten. Wie Philipp erwartet hatte, waren Viele von dem fallenden Segel bedeckt und verstrickt worden, so daß die Arbeit den Seinigen wesentlich erleichtert wurde. Einige fielen an der Stelle, wo sie standen, Andere wankten zurück und sanken in der glatten Meeresfläche unter, während wieder Andere den Tod fanden, als sie unter dem Segeltuche zappelten. Schriften sah zu und machte seinem Innern nur hin und wieder durch ein kicherndes Lachen, durch sein dämonisches »hi! hi!« Luft. Der Kampf war vorüber und Philipp lehnte sich gegen den Mast, um wieder zu Athem zu kommen. »So weit wärest du gerächt, meine Amine,« dachte er; »aber ach! was sind diese erbärmlichen Leben in Vergleichung mit dem deinigen!« Und nun, da seine Rache gesättigt war und er nichts mehr thun konnte, bedeckte er das Gesicht mit seinen Händen und weinte bitterlich, während diejenigen, welche ihm Beistand geleistet hatten, bereits das Geld der Erschlagenen als ihren Lohn einsammelten. Die Elenden klagten sogar, daß von ihrer Seite nur drei gefallen waren, da ein größerer Verlust in ihren eigenen Reihen ihren Antheil an Dollars vergrößert haben würde. Außer Philipp, Krantz und Schriften befanden sich nur noch dreizehn Mann auf dem Floße. Als der Tag graute, sprang die Brise wieder auf, und sie theilten nun auch die Wasserportionen, die sonst ihren Begleitern zugefallen wären. Hungrig fühlten sie sich nicht, aber das Wasser belebte ihre Kräfte wieder. Obgleich Philipp seit seiner Trennung von Aminen nur wenig mit Schriften gesprochen hatte, so fiel es doch in die Augen, daß bei Letzterem der ganze frühere Groll gegen unsern Helden zurückgekehrt war. Sein Kichern und Hohnreden, seine Hi! Hi's! nahmen kein Ende, und sein Auge war wieder so boshaft auf Philipp geheftet, wie zur Zeit, als er zum erstenmale mit ihm zusammentraf. Es war augenscheinlich, daß Amine allein für eine Weile seinen Groll überwunden hatte, und daß mit ihrem Verschwinden auch Schriftens Geneigtheit gegen den Gatten der unglücklichen Frau verschwand. Doch unser Held kümmerte sich hierum wenig; er hatte eine weit drückendere Last auf dem Herzen – den Verlust seiner theuren Amine – und war gleichgültig gegen alles Andere. Die Brise frischte nun auf, und sie hofften, nach zwei Stunden an das Gestade laufen zu können, sahen sich aber auf's Neue in ihren Erwartungen getäuscht. Die Spur des Mastes wich vor der Gewalt des Windes und das Segel fiel auf den Floß; dieß veranlaßte große Zögerung, und noch ehe der Schaden ausgebessert werden konnte, legte sich der Wind wieder; als sie nur noch eine Meile von der Küste entfernt waren. Müde und von Kummer verzehrt, schlummerte Philipp endlich an der Seite des ersten Maten ein und überließ Schriften das Ruder. Er schlief gut, denn erträumte von Aminen, die er unter einer Gruppe von Cocusnußbäumen in süßem Schlummer zu sehen glaubte; er stand neben ihr, sie bewachend – Amine lächelte in ihrem Schlafe und murmelte »Philipp« – als er plötzlich durch eine ungewöhnliche Bewegung geweckt wurde. Noch halb im Traum, glaubte er, der Pilot Schriften habe es versucht, während seines Schlafes die Reliquie zu stehlen; er habe bereits die Kette über seinen Kopf gezogen und zerre jetzt leise an jenem Theile derselben, auf welchem er in seiner rückgelehnten Stellung lag. Bei dem Gedanken auffahrend, streckte er die Hand aus, um den Arm des Elenden zu ergreifen, und fand wirklich, daß er Schriften gefaßt hatte, welcher neben ihm kniete und bereits im Besitze der Kette und Reliquie war. Der Kampf war kurz; Philipp nahm das heilige Holz wieder an sich, und der Pilot lag mit der Brust unter den Knieen seines Ueberwinders. Bis zum Wahnsinn aufgeregt, verbarg unser Held die Reliquie wieder in seinem Busen, erhob sich dann von dem Körper des jetzt athemlosen Schriften, faßte ihn mit seinen Armen und schleuderte ihn in die See. »Mensch oder Teufel! ich kümmere mich nicht darum,« rief Philipp außer sich; »entkomme jetzt, wenn du kannst!« Der Kampf hatte bereits Krantz und einige Andere geweckt, ohne daß diese Zeit fanden, Philipp an Ausübung seiner Rache zu hindern. Er erzählte Krantz in wenigen Worten, was vorgegangen war. Die Matrosen kümmerten sich nicht darum, sondern legten die Köpfe wieder nieder und fragten nicht weiter, denn sie waren zufrieden, daß sie ihr Geld noch hatten. Philipp gab Acht, ob sich Schriften wieder erheben und den Versuch machen würde, an Bord des Floßes zu kommen; der Pilot ließ sich jedoch nicht wieder über dem Wasserspiegel blicken und Philipp fühlte sich beruhigt. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Welche Feder vermag Aminens Gefühle zu schildern, als sie zuerst entdecke, daß sie von ihrem Gatten getrennt war! In einem Zustande halben Wahnsinns sah sie dem andern Floß nach, der sich immer weiter und weiter von ihr entfernte. Endlich bargen die Schatten der Nacht den Raum, auf welchem sich ihr Philipp befand, vor ihren schmerzenden Augen, und sie sank in stummer Verzweiflung nieder. Allmälig erholte sie sich wieder; sie wandte sich um und rief: »Wer ist da?« Keine Antwort. »Wer ist da?« wiederholte sie mit lauter Stimme; »allein – allein – und Philipp fort. Mutter, Mutter, blicke nieder auf dein unglückliches Kind!« Und mit irren Sinnen warf sich Amine so nahe an dem Rande des Floßes nieder, daß ihr langes niederwallendes Haar in den Wellen fluthete. »Wehe! wo bin ich?« rief Amine, nachdem sie einige Stunden in einem Zustande von Erstarrung dagelegen hatte. Die Sonne senkte ihren glühenden Strahl auf sie nieder und blendete ihr Gesicht, als sie die Augen öffnete – sie schaute in die blauen Wogen dicht neben ihr und erblickte einen großen Hayfisch, der regungslos an der Seite des Floßes auf seine Beute harrte. Zurückschaudernd wandte sie sich um; der Floß war leer und die Wahrheit zuckte mit ihrem ganzen Entsetzen in ihrer Erinnerung auf. »Oh, Philipp, Philipp!« rief sie; »so ist's also wahr! und du bist fort für immer! Ich dachte, es sei nur ein Traum – jetzt aber entsinne ich mich wieder auf Alles – ja – auf Alles – auf Alles!« Sie sank wieder auf ihr Lager nieder, das sich im Mittelpunkt des Floßes befand, und blieb daselbst eine geraume Weile regungslos liegen. Aber das Verlangen nach Wasser war gebieterisch; sie ergriff eine der Flaschen und trank. »Doch warum sollte ich trinken oder essen – warum mein Leben zu erhalten wünschen?« Sie stand auf und sah sich am Horizonte um – »Himmel und Wasser, nichts Anderes. Ist dieß der Tod, den ich sterben soll – der grausame Tod, den mir Schriften prophezeite – ein langsamer Tod unter einer glühenden Sonne, wo die Eingeweide im Innern verdorren? Doch sei es drum! Schicksal, ich fordere dich auf, dein Aeußerstes zu thun – wir können nur einmal sterben – und was kümmert mich das Leben ohne ihn! Und doch wäre es möglich, daß ich ihn wieder sähe,« fuhr Amine nach einer Pause hastig fort. »Ja! – wer weiß es? Dann sei mir willkommen, Leben; ich will dich pflegen schon um dieser Hoffnung willen – so gering sie auch ist. Laß sehen, ist er auch noch da?« Amine blickte auf ihren Gürtel und bemerkte, daß sie noch immer im Besitze ihres Dolches war. »Wohlan denn, ich will leben, obgleich der Tod in meiner Macht steht – will mein Leben sorgfältig hüten um meines theuren Gatten willen.« Dann warf sie sich abermals auf ihr Lager, um ihre entsetzliche Lage zu vergessen. Sie durfte dieß – denn von diesem Morgen an bis zum Mittage des nächsten Tages blieb sie in einem Zustande von Erstarrung. Als sie sich wieder erhob, fühlte sie sich äußerst schwach; sie blickte auf's Neue umher – aber da war nichts als Himmel und Wasser zu sehen. »Oh! diese Oede – sie ist entsetzlich! der Tod würde mich befreien – aber nein, ich darf nicht sterben – ich muß leben für Philipp.« Sie erquickte sich mit Wasser und einigem Zwieback; dann kreuzte sie die Arme über ihre Brust. »Noch ein paar Tage ohne Hülfe, und Alles muß vorüber sein. Hat sich je ein Weib in einer Lage befunden, wie die meinige ist, und dennoch wage ich zu hoffen? Ach 's ist Wahnsinn! Und warum bin ich wohl so ausgezeichnet? Weil ich mich mit Philipp vermählt habe? Möglich – und wenn dieß der Fall ist, so muß es mir willkommen sein. Oh, die Elenden, die mich von meinem Gatten trennten und, um ihr eigenes Leben zu retten, ein hilfloses Weib zum Opfer brachten! Ja sie hätten auch mich retten können, wenn sie nur eine Spur von Mitleid in ihrer Seele gehabt hätten; – aber das haben sie nie empfunden. Und dieß sind Christen – Anhänger des Glaubensbekenntnisses, zu dem die alten Priester mich bekehren wollten – ja, und sogar auch Philipp. Liebe und Erbarmen! Sie sprechen wohl davon, aber ich habe diese Tugenden nie anwenden sehen. Gegenseitige Liebe und Vergebung – sage vielmehr Haß und Raub, die mit einander streiten! Ein Glaube, den man nicht in seinen Werken zeigt – wozu wäre er auch nütze? Jeder andere Glaube ist besser – ich schwöre ihn ab, und auch wenn ich gerettet werde, will ich nie wieder zu ihm zurückkehren. Schatten meiner Mutter! Ist es deßhalb, daß ich auf diese Männer gehört habe – daß ich, um die Liebe meines Gatten zu gewinnen, zu vergessen suchte, was du mich lehrtest, während ich als ein Kind zu deinen Füßen saß – den Glauben, der sich in Werken thätig zeigt und durch Gehorsam gegen den Willen des Propheten – ist es deßhalb, daß diese Strafe über mich ergeht? Sage mir dieß, Mutter – oh sage mir's in meinen Träumen.« Die Nacht brach ein, und mit ihr erhoben sich schwere Wolken am Himmel. Blitze durchzuckten das Firmament und erhellten hin und wieder den Floß. Endlich schossen sie so rasch – nicht auf einander folgend, sondern aus allen Richtungen zumal losbrechend, so daß das ganze Firmament in Flammen zu stehen schien. Zugleich rollte der Donner – bald nah und laut, bald wieder mehr in der Ferne. Die Brise frischte an und die Wellen warfen den Floß umher, hin und wieder sogar bis zu Aminens Füßen waschend, die in der Mitte ihres gebrechlichen Fahrzeuges stand. »So ist's recht – dieß ist weit besser, als jene Windstille und die sengende Hitze; es gibt mir wieder Kräfte,« sagte Amine, die Augen aufwärts gerichtet und in die zuckenden Wetterstrahlen blickend, bis ihr das Gesicht verging. »Ja, so muß es sein. Ihr Blitze zerschmettert mich, wenn ihr Lust dazu habt – ihr Wellen spült mich weg und begrabt mich in einem schäumenden Grabe! Möge sich der Zorn aller Elemente auf dieses dem Tode geweihte Haupt ausgießen – ich kehre mich nicht daran; ich lache darüber und spreche euch Hohn. Ihr könnt nur tödten, und das Gleiche vermag auch dieser kleine Stahl. Mögen diejenigen zittern, welche Reichthümer zusammen scharren – welche im Glanze leben – die Glücklichen, die Gatten, Kinder oder überhaupt Etwas zu lieben haben – ich habe nichts. Elemente – mögt ihr nun Feuer, Wasser, Luft oder Erde heißen – Amine trotzt euch! Und doch, nein, nein, täusche dich nicht, Amine – es ist noch Hoffnung. So will ich denn meine Bahre besteigen und dem Willen des Geschicks entgegenharren.« Sie begab sich wieder nach dem sichern Platze, den Philipp in der Mitte des Bootes für sie aufgeschlagen hatte, warf sich auf ihr Bette nieder und schloß die Augen. Dem Blitz und dem Donner folgten Ströme schweren Regens, die bis zum Morgen niederschossen. Der Wind blieb noch immer frisch, aber der Himmel klarte sich auf und die Sonne trat hervor. Amine schauderte in ihrem nassen Gewande. Die Sonnenhitze wirkte zu mächtig auf ihren erschöpften Zustand und ihr Gehirn wurde irre. Sie richtete sich in eine sitzende Stellung auf, blickte umher und sah in jeder Richtung grünende Felder, wo Cocosbäume im Winde weheten; sie meinte sogar ihren Philipp aus der Ferne hereilen zu sehen, breitete ihre Arme aus und versuchte aufzustehen, um ihm entgegenzustürzen, aber die Glieder versagten ihr den Dienst. Sie rief ihm, schrie laut auf und sank zuletzt erschöpft auf ihr Lager nieder. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Wir müssen nun für eine Weile zu Philipp zurückkehren und seiner wunderbaren Bestimmung folgen. Einige Stunden, nachdem er den Lootsen in das Meer geworfen hatte, erreichte der Floß das Ufer, dem man so lange mit banger Angst entgegen gesehen hatte. Die Spieren des armseligen Fahrzeugs knarrten und wogten unter dem Wellenschlage des an der Küste sich brechenden Wassers. Die Brise war frisch, aber die Brandung nur unbedeutend, weßhalb das Landen ohne Schwierigkeit vor sich ging. Das Gestade war abschüssig und bestand aus festem, weißem Sand, der da und dort mit verschiedenen Muscheln von prächtigen Farben besät war; auch bemerkte man bisweilen die bleichenden Knochen irgend eines Thieres, das die Wogen ausgeworfen hatten, um außerhalb seines Elements zu sterben. Die Insel war, wie alle übrigen, mit einem dichten Gehölz von Cocosbäumen bedeckt, deren Wipfel im Winde wehten und eine schattige Frische erzeugten. Dieser wohlthätige Einfluß ging jedoch an Allen, nur Krantz ausgenommen, verloren, denn Philipp dachte nur an seine verlorene Amine, und die Matrosen hatten nichts als ihren plötzlichen Reichthum im Auge. Krantz half Philipp ans Ufer und führte ihn unter den Schatten der Bäume; unser Held raffte sich aber bald wieder auf und eilte nach dem nächsten Punkte des Gestades zurück, ängstlich nach dem andern Theile des Floßes umher sehend, der aber jetzt leider Amine in weiter Ferne dahin trug. Krantz war ihm gefolgt, obgleich er, nachdem der erste Paroxismus vorüber war, nicht mehr fürchtete, daß Philipp in irrem Sinne sein Leben wegwerfen könnte. »Fort – dahin für immer!« rief Philipp, die Hände gegen seine Augen drückend. »Nicht doch, Philipp; dieselbe Vorsehung, welche uns gerettet hat, wird zuverlässig auch ihr beistehen. Es ist unmöglich, daß sie unter so vielen Inseln, welche zum Theil bewohnt sind, zu Grunde gehen kann, und ein Weib darf stets einer freundlichen Behandlung sicher sein.« »Wenn ich nur auch dieses Glaubens leben könnte,« entgegnete Philipp. »Wenn wir ein wenig nachdenken, so ist es vielleicht sogar gut, daß sie so von uns getrennt wurde – nicht gerade von Euch, sondern von so vielen ruchlosen Begleitern, deren vereinigter Macht wir nicht hätten widerstehen können. Glaubt Ihr, daß diese Leute, im Falle eines längeren Aufenthalts auf dieser Insel, Euch gestatten würden, im ruhigen Besitze Eures Weibes zu bleiben? Nein – sie würden keine Gesetze achten; und Amine ist deshalb, meiner Ansicht zufolge, auf eine wunderbare Weise vor Schmach und übler Behandlung, wo nicht vor dem Tode bewahrt geblieben.« »Nein, dessen hätten sie sich nicht unterfangen dürfen! Aber nun, Krantz, müssen wir einen Floß machen und ihr folgen. Wir dürfen nicht hier bleiben – ich will sie durch die weite Welt suchen.« »Es sei so, wie Ihr wünscht, Philipp, und ich will Eurem Glückssterne folgen,« versetzte Krantz, froh, daß doch wenigstens Etwas – wie wild auch der Gedanke sein mochte – vorhanden war, an dem der Geist seines Freundes zehren konnte. »Kehren wir indeß jetzt wieder zu dem Floße zurück, um die Erfrischung zu suchen, deren wir so sehr bedürfen; dann wollen wir überlegen, wie wir unser Vorhaben am Besten ausführen können.« Hiezu gab Philipp, der sehr erschöpft war, seine stillschweigende Einwilligung, indem er Krantz nach der Stelle folgte, wo der Floß auf dem Ufer lag. Die Matrosen hatten das Fahrzeug verlassen und saßen abgesondert von einander unter dem Schatten der Cocosnußbäume. Die Gegenstände, die auf dem Floß gerettet worden, waren nicht an's Land geschafft worden, und Krantz rief nun einigen der Leute zu, sie sollten herbeikommen und die geborgenen Güter an die Küste bringen; aber Keiner wollte antworten oder gehorchen. Jeder bewachte sein Geld und fürchtete, es zu verlassen, damit es nicht von den Andern gestohlen würde. Nun ihr Leben beziehungsweise sicher war, hatte der Dämon des Geizes ihre Seelen in Besitz genommen; da saßen sie, erschöpft nach Wasser lechzend und sich nach dem Schlafe sehnend, und doch wagten sie es nicht, sich von der Stelle zu rühren – sie waren wie durch einen Zauber festgebannt. »Diese verwünschten Dollars haben ihnen das Gehirn verrückt,« bemerkte Krantz gegen Philipp. »Wir wollen sehen, ob wir selbst nicht das Nöthigste an's Land schaffen können, und dann nach Wasser forschen.« Philipp und Krantz sammelten die Zimmergeräthschaften, die besten Waffen und sämmtliche Munition, da ihnen der Besitz der letzteren im Nothfalle einen Vortheil sicherte; dann schleppten sie die Segel nebst einigen kleinen Spieren an's Ufer und brachten Alles unter eine Gruppe von Cocosbäumen, die hundert Schritte von der Küste abstand. Nach einer Stunde hatten sie ein dürftiges Zelt errichtet, in welchem sie alles Gelandete unterbrachten, mit Ausnahme des größten Theils der Munition, welche Krantz hinter dem Schirme des Zeltes unter einen Haufen trockenen Sandes begrub. Zu Befriedigung ihres gegenwärtigen Bedürfnisses hieb er sodann mit der Axt einen kleinen Cocosbaum nieder, der reichlich mit Früchten behangen war. Man muß selbst die Qual eines langen Durstes erlitten haben, um die Lust würdigen zu können, womit Krantz und Philipp die Milch der nach einander geöffneten Nüsse in ihre vertrockneten Kehlen hinuntergossen. Die Matrosen sahen ihnen schweigend und mit glotzenden Augen zu. So oft ihre Vorgesetzten eine frische Cocosnuß ergriffen und den Inhalt hinunterstürzten, fühlten sie peinlicher und peinlicher ihren eigenen verzehrenden Durst – ihre dürren Lippen klebten fester an einander – und doch rührten sie sich nicht von der Stelle, obgleich sie die Qualen der Verdammten erduldeten. Der Abend brach ein. Philipp hatte sich auf die Segel niedergeworfen und war eingeschlafen, während Krantz aufbrach, um die Insel zu untersuchen, an welche sie geworfen worden. Sie war klein, nicht über drei Meilen lang und nirgends mehr als fünfhundert Fuß breit. Wasser fand er nicht, wenn nicht etwa durch Graben welches zu erhalten war; indeß wurde zum Glück durch die jungen Cocosnüsse der größten Noth abgeholfen. Auf dem Rückwege kam Krantz an den gesonderten Posten der Matrosen vorbei. Jeder war wach und richtete sich auf den Ellenbogen auf, um zu sehen, ob sich vielleicht ein Angreifer näherte; sobald sie aber den ersten Maten erkannten, ließen sie sich wieder nieder. Krantz besuchte auch den Floß – das Wasser war jetzt ganz glatt, denn der Wind blies vom Ufer ab, und die Spieren, aus welchen das Fahrzeug bestand, stießen rauh gegeneinander an. Er begab sich auf den Floß, und da der Mond hell am Himmel schien, so beobachtete er die Vorsicht, alle zurückgebliebenen Waffen zu sammeln und so weit als möglich in die See zuwerfen. Dann begab er sich nach dem Zelt, wo er Philipp noch in tiefem Schlaf fand, und ruhete nach kurzer Frist an seiner Seite. Philipp träumte von Amine; es war ihm als sähe er den verhaßten Schriften wieder aus den Wellen auftauchen, den Floß erklettern und sich an ihre Seite setzen. Abermals meinte er sein unirdisches Kichern und sein höhnisches Lachen zu hören; während seine unwillkommenen Worte in die Ohren der unglücklichen Frau drangen. Sie flüchtete sich in die See, um Schriften zu vermeiden; aber das Wasser schien sie zurückzuweisen; sie schwamm auf der Oberfläche dahin. Der Sturm erhob sich und wieder sah er sie in der Muschelschale über die Wellen hingleiten. Dann entdeckte er sie in der wüthenden Brandung einer Küste und ihre Muschel sank, sie selbst in den Wogen begrabend. Darauf bemerkte er, wie sie furchtlos und unbeschädigt an dem Ufer einherging, denn das erbarmenlose Wasser schien sie zu schonen. Philipp versuchte, sich ihr zu nähern, wurde aber durch eine unbekannte Gewalt zurückgehalten. Amine winkte ihm mit ihrer Hand und sagte: »Wir werden uns wieder sehen; ja noch einmal auf dieser Erde werden wir uns wieder sehen.« Die Sonne stand schon hoch am Himmel und goß bereits ihre glühenden Strahlen nieder, als Krantz seine Augen öffnete und Philipp weckte. Die Axt schaffte ihnen wieder ihr Morgenmahl. Philipp blieb stumm; er brütete über seinen Träumen, die ihm Trost gebracht hatten. »Wir werden uns wieder sehen!« dachte er. »Ja, noch Einmal wenigstens werden wir uns wieder sehen. Vorsehung! ich danke dir.« Krantz trat jetzt hinaus, um zu sehen, was die Matrosen machten. Er fand sie so schwach und erschöpft, daß sie unmöglich mehr lange leben konnten, und doch verließen sie ihren theuren Schatz nicht. Ein kläglicher Anblick – diese Verkehrtheit des Verstandes, und Krantz dachte auf einen Plan, das Leben dieser Leute zu retten. Er machte Jedem gesondert den Vorschlag, das Geld so tief zu verscharren, daß es nicht ohne Zeitaufwand herausgeschafft werden könne: dadurch werde verhindert, daß Einer den Schatz des Andern angreife, ohne daß es bemerkt und der Versuch vereitelt werden könne; auch würden sie dadurch in den Stand gesetzt, sich die nöthige Nahrung und Erfrischung zu verschaffen, ohne eine Beraubung befürchten zu müssen. Dieß leuchtete den Matrosen ein. Krantz brachte die einzige Schaufel, welche sie besaßen, aus dem Zelte, und nun verscharrte Einer nach dem Andern seine Dollars viele Fuß tief in den nachgiebigen Sand. Nachdem sie ihren Reichthum in Sicherheit gebracht hatten, holte er eine der Aexte herbei, worauf sie Cocosnußbäume fällten und durch die Früchte derselben zu neuem Leben und neuer Kraft geweckt wurden. Nachdem sie sich gesättigt hatten, legten sie sich an der Stelle nieder, wo ihre Thaler begraben waren, und erfreuten sich bald der Ruhe, der sie so sehr bedurften. Philipp und Krantz hielten nun viele ernstliche Berathungen über die Mittel, um nun der Insel loskommen und Amine aufsuchen zu können, denn obgleich Krantz das letztere Vorhaben für nutzlos hielt, so wagte er doch keinen Widerspruch. Auf der Insel konnten sie nicht bleiben, und das Aeußerste, was zu erwarten stand, war die Erreichung eines bewohnten Landfleckes. Amine aber hielt er für todt, indem er glaubte, sie sei entweder von dem Floße weggewaschen worden, oder ihre Leiche liege dorrend in der glühenden Hitze der Sonne. Um Philipp aufzuheitern, ließ er übrigens nichts von seinen Muthmaßungen laut werden, und so oft sie von einem Aufbruche sprachen, geschah es nicht in Verbindung mit der Absicht, das eigene Leben zu retten, sondern stets nur, um Philipps verlorne Gattin aufzusuchen. Der Plan, nach welchem gehandelt werden sollte, hatte die Erbauung eines leichten Floßes zum Zwecke; sie wollten die drei Wasserfässer zersägen, sie hinter einander in der Mitte des zu errichtenden Fahrzeuges befestigen und an jeder Seite mit zwei gut angefügten langen Spieren versehen. So konnte das extemporirte Boot mit seinen Segeln rasch durch das Wasser gehen und in einem bestimmten Kurse gesteuert werden. Die äußeren Spieren wurden ausgelesen und ans Land gebracht, um das Werk beginnen zu können; aber die beiden Offiziere mußten ihre Arbeit allein vollenden, denn die Matrosen schienen vorderhand an einen Aufbruch von der Insel nicht zu denken. Durch Nahrung und Ruhe wieder hergestellt, begnügten sie sich nicht mit dem Gelde, das sie bereits hatten, sondern sehnten sich nach mehr. Jeder hatte einen Theil seiner Habe wieder ausgegraben und sie spielten jetzt den ganzen Tag ein neu erfundenes Spiel mit Kieselsteinen, die sie an dem Gestade zusammengelesen hatten. Auch hatte sich ein anderes Uebel unter ihnen eingestellt: sie hieben nämlich Stufen in die größten Cocosbäume, klommen mit Matrosengewandtheit hinan und verschafften sich durch Anzapfen der Baumgipfel, deren Saft sie in leere Cocosnußschalen träufeln ließen, jene Flüssigkeit, die in ihrer ersten Gährung Toddy genannt und später zu Arak destillirt wird. Der Toddy reicht jedoch vollkommen zu, um zu berauschen, und mit jedem Tage waren Auftritte von Gewaltthat und Trunkenheit, von Flüchen und Verwünschungen begleitet, häufiger und häufiger. Die Verlierenden zerrauften sich das Haar und stürzten wie Wahnsinnige auf diejenigen zu, welche ihnen ihre Dollars abgenommen hatten. Es war ein Glück, daß Krantz ihre Waffen in das Meer geworfen und die wenigen geretteten nebst der Munition verborgen hatte. Schläge und Blutvergießen waren daher an der Tagesordnung; obgleich bis jetzt noch kein Menschenleben verloren gegangen war, da die streitenden Parteien von den Andern getrennt waren, welche sich in ihrem Spiele nicht stören ließen. So standen die Dinge beinahe vierzehn Tage lang, während welcher Zeit die Arbeit am Floße langsam Fortschritte machte. Einige der Matrosen hatten ihre ganze Habe verloren, und waren vermöge einstimmigen Beschlusses derjenigen, die ihren Reichthum an sich gezogen, auf einen gewissen Raum verbannt worden, damit sie die Reicheren nicht bestehlen könnten. Diese wanderten nun düster um die Insel oder an der Küste hin, und suchten irgend ein Werkzeug, mit welchem sie sich Rache und den Wiederbesitz ihres Geldes verschaffen könnten. Krantz und Philipp hatten ihnen den Vorschlag gemacht, sie sollten sich mit ihnen vereinigen und die Insel verlassen, waren aber störrisch zurückgewiesen würden. Krantz ließ nun die Axt nicht mehr von der Seite. Er hieb die Cocosbäume um, die für den Unterhalt nöthig waren, gestattete aber den Matrosen nicht, weitere Bäume anzuzapfen, um sich so die Mittel zur Trunkenheit zu verschaffen. Am sechszehnten Tage war alles Geld in die Hände von drei Matrosen übergegangen, welche glücklicher gewesen waren, als die Uebrigen. Die Verlierenden bildeten nun bei weitem die Mehrzahl, und die Folge davon war, daß man am andern Morgen gedachte drei Matrosen erdrosselt an der Küste liegen sah. Das Geld war wieder vertheilt worden, und das Spielen begann mit größerem Eifer als je. »Wie kann dieß enden?« rief Philipp, als er die schwarzblauen Gesichter der Ermordeten betrachtete. »Mit dem Tode Aller,« versetzte Krantz. »Wir können es nicht hindern – es ist ein Gericht.« Der Floß war nun fertig. Philipp und Krantz hatten den darunter liegenden Sand ausgegraben, um das Wasser hereinfließen zu lassen. Das Fahrzeug lag jetzt an einem Pfahle befestigt, und schwamm auf der ruhigen Fläche des feuchten Elements. Ein großer Vorrath von alten und jungen Cocosnüssen war an Bord gebracht worden, da Philipp mit seinem Freunde am andern Tage die Insel zu verlassen gedachte. Unglücklicherweise hatte einer der Matrosen beim Baden in seichtem Wasser die über Bord geworfenen Waffen aufgefunden. Er tauchte unter und versah sich mit einem Stutzsäbel; Andere folgten seinem Beispiele, bis sich Alle wehrhaft gemacht hatten. Dieß veranlaßte Philipp und Krantz, an Bord des Floßes zu schlafen und Wache zu halten. In derselbigen Nacht wurde wieder stark gespielt, und ein schwerer Verlust auf der einen Seite endigte mit einem allgemeinen Gemetzel. Der Kampf war furchtbar, da Alle mehr oder weniger unter dem Einflusse des berauschenden Getränks standen. Von dem ganzen Haufen blieben nur drei am Leben. Philipp harrte mit Kranz des Ausganges. Die Verwundeten wurden ohne Zögerung vollends getödtet, und die drei Ueberlebenden, welche auf derselben Seite gefochten hatten, ruhten, auf ihre Waffen gestützt, keuchend aus. Nach einer Pause benahmen sich zwei miteinander, und das Ergebnis war ein Angriff auf den Dritten, der unter ihren Hieben starb. »Barmherziger Vater! Sind das deine Geschöpfe?« rief Philipp. »Nein!« versetzte Krantz, »sie beteten den Teufel an in der Gestalt des Mammons. Glaubt Ihr wohl, daß diese Heiden, welche sich jetzt in einen größeren Reichthum theilen könnten, als sie bei ihrer Rückkehr nach ihrer Heimath je zu verbrauchen vermögen, in eine derartige Theilung willigen werden? Nimmermehr! Jeder will Alles haben – ja, Alles.« Krantz hatte kaum seine Meinung ausgesprochen, als einer der Matrosen den Vortheil ersah, daß sich der Andere für einen Augenblick von ihm abwandte, und ihm dem Stutzsäbel in den Rücken stieß. Der Mann brach stöhnend zusammen, und der Mörder zog seine Waffe wieder an sich. »Sagte ich's nicht? Aber der tückische Schurke soll seinen Lohn nicht ernten,« fuhr Krantz fort, indem er seine Muskete anlegte und den Einzigen, der von der Bande noch vorhanden war, todtschoß. »Ihr habt unrecht gethan, daß Ihr ihn seiner wohlverdienten Züchtigung entreißt. Allein gelassen auf dieser Insel, ohne die Mittel, sich seinen Unterhalt zu verschaffen, hätte er zollweise eines elenden Todes sterben müssen, trotz des Geldes, das um ihn aufgehäuft war – das wäre in der That eine Folter gewesen.« »Möglich, daß ich Unrecht hatte, und wenn es der Fall ist, so möge mir Gott vergeben – ich konnte nicht anders. Wir wollen an's Land gehen, denn wir sind jetzt allein auf dieser Insel. Wir müssen das Geld sammeln und verscharren, damit es wieder aufgefunden werden kann, zu gleicher Zeit aber auch einiges davon für uns mitnehmen, denn wer weiß, wann wir es brauchen können. Bis morgen müssen wir noch hier bleiben, denn wir werden genug zu thun haben, um die Leichen dieser bethörten Menschen zu begraben und das Geld, das diese Zerstörung veranlaßt hat, in der Erde zu bergen.« Philipp hatte gegen diesen Vorschlag nichts einzuwenden. Sie verbrachten den Tag mit Beerdigung der Leichen, und warfen das Geld in eine tiefe Grube unter einem Cocosbaum, den sie mit ihrer Axt zeichneten. Auch nahmen sie fünfhundert Goldstücke für sich und schafften sie an Bord, um dieselben an ihrem Leibe zu verbergen, und im Falle der Noth dazu ihre Zuflucht zu nehmen. Am folgenden Morgen hißten sie die Segel und verließen die Insel. Ist es nöthig, zu sagen, in welcher Richtung sie steuerten? Natürlich nirgend anders hin, als in der Richtung, wo sie den Floß, der die verlassene Amine trug, zum letztenmale gesehen hatten. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Der Floß that gute Dienste, denn obgleich er nicht sehr schnell durch das Wasser ging, sprach er doch auf das Steuer an und ließ sich nach Wunsch lenken. Philipp und Krantz achteten sorgfältig auf die Merkmale, welche sie für den Nothfall in den Stand setzen konnten, die Insel wieder aufzufinden. Unter günstiger Strömung fuhren sie jetzt rasch nach Süden, um eine große Insel zu untersuchen, die in dieser Richtung lag. Außer dem Wunsche, Amine aufzufinden, war ihr weiterer Zweck, die Richtung von Ternate zu erforschen, denn sie wußten, daß der König dieser Insel mit den Portugiesen, welche in dem nicht fern gelegenen Tidore ein Fort und eine Faktorie hatten, in Feindschaft lebte. Von dort aus hofften sie, in einer der chinesischen Jonken, welche auf ihrer Fahrt nach Bantam daselbst anzuhalten pflegten, Platz zur Ueberfahrt zu finden. Gegen Abend näherten sie sich der großen Insel und erreichten bald die Küste. Philipps Augen streiften zuerst in allen Richtungen umher, um sich zu überzeugen, ob nirgends Spuren von Aminens Floße zu entdecken wären; er bemerkte jedoch nichts der Art und konnte auch keine Einwohner zu Gesicht bekommen. Um die Gegenstände ihrer Nachforschung während der Nacht nicht aus dem Auge zu verlieren, brachten sie ihren Floß in einer kleinen Bay, wo das Wasser ganz glatt war, an's Gestade und blieben daselbst bis zum nächsten Morgen, um dann wieder ihre Segel auszubreiten und ihre Reise zu verfolgen. Krantz steuerte eben mit dem langen Ruder, das sie zu diesem Ende angefertigt hatten, als er Philipp, welcher geraume Zeit stumm geblieben war, die Reliquie von seiner Brust nehmen und aufmerksam betrachten sah. »Habt Ihr da ihr Porträt, Philipp?« fragte Krantz. »Leider nein; 's ist meine Bestimmung,« versetzte Philipp, ohne zu wissen, was er sagte. »Eure Bestimmung? Was meint Ihr damit?« »Redete ich von meiner Bestimmung? Ich weiß kaum, was ich sagte,« entgegnete Philipp, die Reliquie wieder in seinem Busen bergend. »Ich glaube fast, Ihr sagtet mehr, als Ihr wolltet,« erwiderte Krantz, »aber gleichwohl Etwas, was der Wahrheit nahe liegt. Ich habe Euch oft mit diesem Geschmeide in der Hand bemerkt und nicht vergessen, wie viel Schriften daran gelegen war, es zu erhalten – dergleichen auch, welchen Erfolg seine Absichten darauf hatten. Hängt vielleicht irgend ein Geheimniß damit zusammen? Wenn dieß der Fall ist, so habt Ihr mich zuverlässig hinreichend als Euren Freund kennen gelernt, um mich Eures Vertrauens würdig zu halten.« »Daß Ihr mein Freund seid, Krantz, mein aufrichtiger und unschätzbarer Freund, fühle ich in tiefster Seele. Wir haben viele Gefahren mit einander getheilt und das reicht zu, eine innige Freundschaft zu schließen. Ich glaube wohl, daß ich mich Euch anvertrauen könnte, fühle aber, daß ich es nicht wagen darf, mich Jemand aufzuschließen. An dieser Reliquie (denn es ist ein Splitter vom heiligen Kreuze) haftet ein Geheimniß, das bis jetzt nur meiner Gattin und heiligen Männern mitgetheilt wurde.« »Wenn es heiligen Männern vertraut werden konnte, wird es zuverlässig auch geborgen sein in dem Busen aufrichtiger Freundschaft – denn was wäre heiliger als diese?« »Es ahnet mir aber, daß die Kunde davon Euch verderblich werden könnte. Warum mir's so vorkommt, weiß ich nicht, aber ich fühle es, Krantz, und ich könnte den Verlust eines so theuren Freundes nicht verschmerzen.« »So scheint's also, daß Ihr keinen Gebrauch von meiner Freundschaft zu machen wünscht,« entgegnete Krantz. »Ich habe schon früher mein Leben mit Euch gewagt, und bin nicht der Mann, der sich von den Pflichten der Freundschaft durch eine kindische Ahnung von Eurer Seite – das Organ eines aufgeregten Geistes und geschwächten Körpers – erschrecken läßt. Ist es nicht eine höchst widersinnige Vermuthung, daß die Anvertrauung eines Geheimnisses mir Gefahr bringen könnte, wenn es nicht etwa die wäre, daß mein Eifer, Euch beizustehen, mich vielleicht in Schwierigkeiten versetzt? Es ist nicht leere Neugierde, was mich so sprechen läßt; wir sind schon so lange mit einander in Verbindung, und stehen jetzt so abgeschieden da von der übrigen Welt, daß es mich dünkt, es müßte Euch eine Beruhigung sein, wenn Ihr Jemand Euer Herz aufschließen könntet, auf den Ihr bauen dürft. Der Trost und Rath eines Freundes, Philipp, sind Dinge, die Ihr nicht verachten solltet, und es muß schon eine Erleichterung in dem Umstande liegen, mit Jemand über die Sache sprechen zu können, die Euch augenscheinlich so schwer bedrückt. Wenn Ihr daher meine Freundschaft werth schätzt, so gestattet mir, auch Euren Kummer zu theilen.« Es gibt nur Wenige, denen das Leben so ruhig dahingeschwunden ist, daß sie nicht wüßten, wie sehr der Gram gemildert wird, wenn der Anlaß dazu einem theuren Freunde vertraut werden kann, der den Leidenden mit Rath und Trostesworten ermuntert. Niemand wird es daher überraschend finden, wenn Philipp in seiner gegenwärtigen Lage und unter dem herben Schmerze, den ihm Aminens Verlust bereitete, Kranz als den Mann betrachtete, dem er sein wichtiges Geheimniß mittheilen zu können vermeinte. Er begann seine Erzählung mit keinen Einschärfungen zur Verschwiegenheit, denn er fühlte, daß Krantz, wenn er sein Geheimniß nicht um der Sache selbst willen und aus Liebe zu ihm bewahrte, wahrscheinlich sich durch kein gegebenes Versprechen binden ließ; die Geschichte, wie sie der Leser bereits kennt, wurde ihm daher anvertraut, während der Floß an den verschiedenen kleinen Vorgebirgen der Insel vorbei schwamm. »Ihr wißt jetzt Alles,« sagte Philipp am Schlusse seiner Erzählung mit einem tiefen Seufzer. »Was haltet Ihr davon? Schenkt Ihr meiner wundersamen Erzählung Glauben, oder haltet Ihr sie, wie wahrscheinlich viele Andere thun würden, für die bloße Ausgeburt eines verwirrten Gehirns?« »Ich glaube nicht, daß es das letztere ist, Philipp,« versetzte Krantz, »denn für die Richtigkeit eines Theils Eurer Geschichte habe ich zu augenfällige Proben. Erinnert Euch, wie oft ich selbst dieses gespenstische Schiff gesehen habe – und wenn es Eurem Vater gestattet ist, durch die Meere zu streichen, warum solltet Ihr nicht erwählt und bestimmt sein können, seine Strafe zu Ende zu bringen? Ich glaube jedes Wort, das Ihr mir gesagt habt, und nun Ihr mir Euer Vertrauen schenktet, kann ich viel von Eurem Benehmen begreifen, das mir hin und wieder ganz unerklärlich schien. Es gibt Viele, die Euch beklagen würden, Philipp; aber ich beneide Euch.« »Ihr beneidet mich?« rief Philipp. »Ja! ich beneide Euch, und würde Euch mit Freuden Eure Last abnehmen, wenn es nur möglich wäre. Ist es nicht ein edler Gedanke, daß Ihr zu einem so großen Werke berufen seid? Statt wie wir Alle in der Welt dem Reichthume nachzujagen, den wir uns durch jahrelange Mühe erringen und vielleicht durch das Wagniß eines einzigen Tages verlieren, jedenfalls aber zurücklassen müssen – seid Ihr erkiesen, eine glorreiche Aufgabe – ein Werk für Engel, möchte ich sagen – zu erfüllen – die Seele eines Vaters zu erlösen, der für seine menschlichen Gebrechen leidet, aber nicht verurtheilt ist, für alle Ewigkeit zu Grunde zu gehen. Ihr habt in der That ein Ziel vor Euch, dessen Verfolgung wohl aller Gefahren und Wagnisse des Seelebens werth ist. Und wenn es auch mit Eurem Tode enden sollte – wo anders finden unsere armseligen Bestrebungen, unser ewiges Haschen nach Nichts ihr Ziel? Wir Alle müssen sterben – aber wie Wenigen – wem überhaupt, außer Euch – wurde es je gestattet, vor ihrem Tode die Seele des Urhebers ihres Daseins zu retten? Ja, Philipp, ich beneide Euch.« »Ihr denkt und sprecht wie Amine. Auch sie hat eine glühende, abenteuerliche Seele, die gerne einen Verkehr unterhalten möchte mit den Wesen einer andern Welt, und nach Gemeinschaft verlangt mit körperlosen Geistern.« »Sie hat Recht,« versetzte Krantz. »Auch ich habe in meinem eigenen Leben Dinge erfahren, welche mit meiner Familie in Verbindung standen, und mir oft die volle Ueberzeugung aufdrangen, daß derartige Vorfälle nicht nur möglich, sondern auch wirklich sind. Eure Geschichte hat nur bekräftigt, was ich bereits früher glaubte.« »Wirklich, Krantz?« »Ja; doch davon zu einer andern Zeit. Die Nacht bricht ein, und wir müssen unsere kleine Barke wieder in Sicherheit bringen. Da ist eine Bucht, welche ganz diesem Zwecke zu entsprechen scheint.« Vor Morgen sprang eine starke Brise gerade gegen das Ufer herauf, und die Brandung wurde so hoch, daß dem Floße Gefahr drohte. Die Fahrt fortzusetzen, war unmöglich; sie konnten nur ihr Fahrzeug an's Land holen, um so zu verhindern, daß es von der Gewalt der an der Küste sich brechenden Wogen nicht zertrümmert wurde. Philipps Gedanken beschäftigten sich, wie gewöhnlich, mit Amine, und während er dem Stoßen der Wellen zusah, deren Kämme im Lichte der Sonne glänzten, rief er aus: »Ocean! Hast du meine Amine? Ist dieß der Fall, so gib die Todte heraus! Doch was ist dort?« fügte er bei, indem er auf einen Fleck am Horizont deutete. »Das Segel irgend eines kleinen Fahrzeugs,« versetzte Krantz; »es kommt augenscheinlich vor dem Wind herunter, um in demselben Winkel, den wir uns auserlesen haben, Schutz zu suchen.« »Ihr habt Recht; es ist das Segel eines Schiffes – wahrscheinlich eine von den Piroquen, welche sich in diesen Meeren finden. Wie sie sich auf den Wellen hebt – sie ist augenscheinlich stark bemannt. Die Piroque kam rasch näher, und langte bald an dem Gestade an; das Segel wurde niedergelassen und das Fahrzeug rücklings in die Bay gedrängt. »Wenn es Feinde sind, so würde Widerstand vergeblich sein,« bemerkte Philipp. »Wir werden bald unser Schicksal erfahren.« Die Leute in der Piroque achteten nicht auf unsere Abenteurer, bis das Schifflein aufgeholt und festgemacht war; dann näherten sich drei davon mit Speeren in der Hand, aber augenscheinlich nicht in feindseliger Absicht. Der Eine redete Philipp und Krantz in portugiesischer Sprache an, sie fragend, wer sie wären. »Wir sind Holländer.« antwortete Philipp. »Ein Theil von der Mannschaft des verunglückten Schiffes?« fragte er. »Ja.« »Ihr habt nichts zu fürchten, denn Ihr seid ebenso gut Feinde der Portugiesen, wie wir. Wir gehören zu der Insel Ternate, und unser König lebt im Kriege mit den schurkischen Portugiesen. Wo sind Eure Gefährten? Auf welcher Insel?« »Sie sind Alle todt,« entgegnete Philipp. »Darf ich fragen, ob Ihr nicht mit einer Frau zusammen getroffen seid, die allein auf einem Floße in der See triftete? Oder habt Ihr von ihr gehört?« »Wir vernahmen, daß an der Küste gegen Süden eine Frau aufgelesen und von den Bewohnern Tidores nach der portugiesischen Ansiedelung gebracht wurde, weil man sie für eine Portugiesin hielt.« »Gott sei Dank, dann ist sie gerettet,« rief Philipp. »Barmherziger Himmel, nimm meinen Dank! – Auf Tidore, sagt Ihr?« »Ja; aber wir können Euch nicht dahin bringen, weil wir mit den Portugiesen im Kriege leben.« »Nein; aber wir werden uns wiedersehen.« Der Mann, welcher sie angeredet hatte, war augenscheinlich von einiger Bedeutung. Seine Kleidung bestand aus einem Gemische der muhamedanischen und malaischen Tracht – er führte Waffen in seinem Gürtel und einen Speer in der Hand. Sein Turban war aus gedrucktem Kattun gefertigt; auch benahm er sich, gleich den meisten Personen von Stand in dieser Gegend, höflich und würdevoll. »Wir kehren jetzt nach Ternate zurück und wollen Euch mitnehmen. Unser König wird sich freuen, Holländer bei sich zu empfangen, besonders weil sie Feinde der portugiesischen Hunde sind. Ich vergaß, Euch zu sagen, daß wir einen Eurer Begleiter bei uns an Bord haben; wir fischten ihn ganz erschöpft aus der See, obschon er jetzt wieder wohl ist.« »Wer kann das sein?« bemerkte Krantz. »Er muß zu einem andern Schiffe gehören.« »Nein,« versetzte Philipp schaudernd; »mir sagt eine Ahnung, daß es Niemand anders, als Schriften ist.« »Dann müssen ihn meine Augen sehen, ehe ich es glaube,« erwiderte Krantz. »So glaubt Euern Augen,« sagte Philipp, auf Schriftens Gestalt deutend, der jetzt auf sie zukam. »Mynheer Vanderdecken, freut mich, Euch zu sehen. Mynheer Krantz, ich hoffe, Ihr befindet Euch wohl. Wie glücklich, daß wir Alle gerettet wurden; hi! hi!« »Der Ocean hat also meiner Aufforderung gehorcht und seine Todten wieder herausgegeben,« dachte Philipp. Ohne der unceremoniösen Weise, in welcher sie von einander geschieden waren, auch nur im Geringsten zu gedenken, wandte sich Schriften in augenscheinlich guter Laune an Krantz, und redete ihn mit einem leichten Anfluge von Sarkasmus an. Es währte geraume Zeit, bis sich Letzterer des aufdringlichen Menschen erwehren konnte. »Was haltet Ihr von ihm, Krantz?« »Daß er mit zum Ganzen gehört, und daß er so gut seine Bestimmung zu erfüllen hat, als Ihr die Eurige. Er muß in dem wunderbaren Geheimniß eine Rolle spielen und wird bleiben, bis er sie beendigt hat. Kehrt Euch nicht an ihn und vergeßt nicht, daß Eure Amine gerettet ist.« »Ihr habt Recht,« versetzte Philipp; »der Elende ist keines Gedankens werth. Wir schiffen uns jetzt mit diesen Leuten ein, schaffen uns nachher den Menschen vom Halse, und geben uns Mühe, meine theure Amine wieder aufzufinden.« Achtundzwanzigstes Kapitel. Als Amine wieder zur Besinnung kam, lag sie in einer kleinen Hütte auf Palmenblättern. Ein häßliches, schwarzes Kind saß an ihrer Seite und wehrte ihr die Fliegen ab. Wo war sie? Der Floß war zwei Tage lang auf dem Meere umhergeworfen worden, während welcher Zeit sich Amine abwechselnd in einem Zustand von Irresein und Betäubung befand. Durch Wind und Strömung getrieben, wurde ihr Fahrzeug endlich an die Ostküste von Neu-Guinea geworfen. Einige Eingeborne, welche zufällig an der Küste mit einigen Tidore-Kaufleuten handelten, entdeckten Amine und eilten herbei, um sich ihrer Kleider zu bemächtigen, obschon sie bemerkten, daß sie nicht todt war; aber ehe sie die arme Frau so nackt, als sie selbst waren, verließen, fesselte ein Diamant von großem Werth, ein Geschenk Philipps, die Aufmerksamkeit eines Wilden, der, da sich der Ring nicht leicht abstreifen ließ, ein rostiges, stumpfes Messer herauszog und eben nach Kräften an dem Finger sägte, als eine alte Frau, welche in Ansehen stand, sich in's Mittel legte und ihm befahl, von seinem Beginnen abzulassen. Die Tidore-Kaufleute, welche Freunde der Portugiesen waren, machten die Wilden gleichfalls darauf aufmerksam, daß sie für die Rettung einer Person, die der gedachten Nation angehöre, eine große Belohnung erhalten würden, und versprachen außerdem, sie wollten auf ihrem Rückwege die Leute auf der Faktorie unterrichten, daß eine portugiesische Frau auf einem Floß an die Küste geworfen worden sei. Diesem Umstand verdankte Amine die aufmerksame Sorgfalt, die man ihr erwies. Jener Theil von Neu-Guinea war einigermaßen civilisirt durch den häufigen Verkehr mit den Tidore-Kaufleuten, welche kamen, um europäischen Tand gegen die nützlicheren Produkte der Insel umzutauschen. Die Papusfrau führte Amine in ihre Hütte, wo sie viele Tage mit dem Tode rang und sich einer sorgfältigen Pflege erfreute, obschon sich ihre Bedürfnisse nur auf das Anfeuchten ihrer vertrockneten Lippen mit Wasser, und auf das Abwehren der Musquitos und der Fliegen beschränkten. Als Amine ihre Augen öffnete, eilte das kleine Papusmädchen hinaus, um diese Kunde der Frau zu überbringen, welche sofort in die Hütte trat. Sie war groß, sehr beleibt, schwerfällig und fast ohne Kleider; das wollige Haar hatte sie halb gescheitelt, halb gekräuselt, und ihr ganzer Anzug bestand aus einem um die Lenden geschlungenen Tuche, nebst einem Stücke verblichenen, gelben Seidenstoffs über den Schultern. Ein paar silberne Ringe an den fetten Fingern und ein Perlenmutter-Halsband bildeten ihren Schmuck. Ihre Zähne waren von dem Gebrauche der Betelnuß pechschwarz gefärbt, und ihr ganzes Aeußere konnte wohl in Aminens Brust Ekel und Abscheu erwecken. Sie redete Amine an, aber ihre Worte waren unverständlich. Die Leidende, welche sich schon auf die leichteste Bewegung erschöpft fühlte, sank in ihre frühere Lage zurück und schloß die Augen. Wie ekelerregend übrigens auch der Anblick der Frau wirken mußte, so war sie doch wohlwollend, und durch ihre aufmerksame Sorgfalt fühlte sich Amine im Laufe von drei Wochen in den Stand gesetzt, aus der Hütte heraus zu wanken, und sich in der Abendluft zu ergehen. Die Insulaner umringten sie oft, behandelten sie aber aus Furcht vor der alten Frau mit Achtung. Das wollige Haar der Eingebornen war gekräuselt oder geflochten, bisweilen auch mit Chunam weiß gepudert. Ihr ganzer Anzug bestand aus einigen um die Lenden gehefteten Palmenblättern, die bis auf die Kniee niederfielen, während ihre Nasen und Ohren mit Ringen und Paradiesvogelfedern verziert waren. Amine, welche die Sprache dieser Leute nicht verstand, war dem Himmel dankbar für ihr Leben; sie setzte sich unter den Schatten der Bäume, und sah den schnellen Piroquen zu, die auf der vor ihr ausgebreiteten, blauen See dahin schwammen; aber ihre Gedanken weilten anderswo – sie waren bei Philipp. Eines Morgens kam Amine mit freudigem Antlitze aus der Hütte heraus, und nahm ihren gewöhnlichen Sitz unter den Bäumen ein. »Ja, Mutter, theuerste Mutter, ich danke dir! Du bist mir erschienen, und hast mir die Künste in's Gedächtniß gerufen, die ich vergessen hatte. Besäße ich nur die Mittel, mit diesen Leuten zu sprechen, so könnte ich sogar jetzt schon erfahren, wo mein Philipp ist.« Zwei Monate blieb Amine unter der Obhut der Papusfrau. Als die Tidore-Kaufleute zurückkehrten, brachten sie den Auftrag mit, die an die Küste geworfene, weiße Frau nach der Faktorie zu holen, und diejenigen zu belohnen, welche sich ihrer angenommen hatten. Sie gaben Aminen, welche jetzt ihre ganze frühere Schönheit wieder erlangt hatte, durch Zeichen zu verstehen, daß sie mit ihnen gehen solle. Jede Veränderung war dem gegenwärtigen Aufenthalte vorzuziehen, und unsere Heldin folgte ihnen nach der Piroque hinunter, wo sie einen sichern Platz erhielt, und bald mit ihren neuen Begleitern durch das Wasser schnitt. Als sie auf dem glatten Meere dahinflogen, dachte Amine an Philipps Traum und an die Muschel der Meerfei. Gegen Abend langten sie an der Südspitze von Gilolo an, wo sie für die Nacht landeten; am andern Tage erreichten sie den Ort ihrer Bestimmung, und Amine wurde nach der portugiesischen Faktorie gebracht. Daß ihre Ankunft große Neugierde weckte, darf Niemand befremden, denn die Geschichte, welche die Eingeborenen von Aminens Entkommen erzählten, lautete gar zu wunderbar. Vom Kommandanten bis zum niedrigsten Diener herab sah Alles in größter Spannung ihrem Erscheinen entgegen. Aminens schöne, vollkommene Gestalt setzte sie noch mehr in Erstaunen. Der Kommandant machte ihr ein langes Kompliment in portugiesischer Sprache, und war ganz erstaunt, daß sie keine entsprechende Antwort gab; es wäre freilich auch zu verwundern gewesen, da sie nicht ein Wort von der ganzen Rede verstanden hatte. Amine deutete durch Zeichen an, daß ihr die Sprache unbekannt sei, weßhalb man annahm, daß sie entweder eine Engländerin oder eine Holländerin sei. Man schickte nach einem Dolmetscher, durch welchen sie auseinandersetzte, daß sie die Gattin eines holländischen Kapitäns sei, dessen Schiff auf dem Strande zu Grunde ging; auch wisse sie nicht anzugeben, ob die Mannschaft gerettet worden sei oder nicht. Die Portugiesen freuten sich sehr über den Untergang eines holländischen Schiffs, noch mehr aber, daß ein so liebliches Wesen, wie Amine, gerettet worden war. Der Kommandant hieß sie willkommen und versicherte ihr, daß während ihres Aufenthalts nach Kräften für ihre Bequemlichkeit gesorgt werden solle. Man erwarte in drei Monaten ein Schiff aus dem chinesischen Meere, das nach Goa gehe und das sie, wenn sie Lust habe, zur Ueberfahrt benützen könne, indem sie von letzterer Stadt aus leicht Gelegenheit finden könne, auf einem andern Schiffe nach jedem beliebigen Orte zu kommen. Sie wurde dann in ein Gemach geführt, und erhielt eine kleine Negerin zur Bedienung. Der portugiesische Kommandant war ein mageres Männchen, der durch den langen Aufenthalt unter einer tropischen Sonne zu einem Span eingedorrt war. Er hatte einen sehr großen Backenbart und einen sehr langen Degen – zwei Dinge, welche die auffallendsten Züge an seiner Person und in seinem Anzuge bildeten. Seine Aufmerksamkeiten konnten nicht mißdeutet werden, und Amine würde über ihn gelacht haben, hätte sie nicht gefürchtet, er möchte sie auf Tidore zurückbehalten. Nach einigen Wochen hatte sie sich in die portugiesische Sprache soweit eingeübt, daß sie ihre Bedürfnisse namhaft machen konnte, und noch ehe sie die Insel Tidore verließ, war sie im Stande, ganz geläufig zu sprechen. Ihr Verlangen zur Abreise, um über Philipps Schicksal Kunde einzuziehen, wurde übrigens mit jedem Tage größer, und am Schlusse der drei Monate weilten ihre Blicke unablässig auf der See, um zuerst das sehnlich erwartete Schiff zu erspähen. Als es zuletzt erschien und Amine eben das von Westen kommende Segel aufmerksam betrachtete, fiel der Kommandant auf seine Knie nieder, erklärte ihr seine Liebe und bat sie, nicht an eine Abreise zu denken, sondern ihr Geschick mit dem seinigen zu vereinen. Amine, welche wußte, daß sie in seiner Gewalt war, benahm sich vorsichtig in ihrer Antwort. »Sie müsse zuerst wissen, wie es mit ihrem Gatten stehe, da dessen Tod noch nicht gewiß sein zu diesem Ende wolle sie nach Goa reisen und ihm, (dem Kommandanten) schreiben, wenn sie finde, daß ihre Hand frei sei. Man wird seiner Zeit sehen, daß diese Antwort für Philipp zur Ursache großer Leiden wurde. Der Kommandant, welcher im schlimmsten Falle Philipps Tod wohl herbeiführen zu können glaubte, gab sich zufrieden und erklärte, sobald er selbst irgend eine bestimmte Nachricht erhalte, wolle er sie selbst nach Goa bringen, und ihr tausend Eide der Liebe und Treue schwören. »Der Thor!« dachte Amine, auf das Schiff hinblickend, das sich nun mehr und mehr seinem Ankergrunde näherte. In einer halben Stunde hatte das Fahrzeug geankert, und die Leute kamen an's Land. Amine bemerkte einen Priester darunter. Sie schauderte ohne zu wissen warum, und als die Ankömmlinge sich näherten, stand ihr mit einemmale Pater Matthias gegenüber. Neunundzwanzigstes Kapitel. Sowohl Amine. als Pater Matthias fuhren zusammen, und traten in ihrer Ueberraschung über dieses unerwartete Wiedersehen einige Schritte zurück. Amine war die erste, die ihm ihre Hand entgegenstreckte; sie hatte für den Augenblick, in ihrer Freude über das Zusammentreffen mit einem wohlbekannten Gesichte, fast ganz vergessen, wie sie von einander geschieden waren. Pater Matthias nahm kalt ihre Hand, und legte ihr die seinige mit den Worten auf's Haupt: »Möge Gott dich segnen und dir vergeben, meine Tochter, wie ich es längst gethan habe.« Jetzt tauchte die Rückerinnerung an das Vergangene wieder in Aminens Geist auf, und sie erröthete hoch. Hatte ihr Pater Matthias wirklich vergeben? Der Ausgang mußte es zeigen. So viel war übrigens gewiß, daß er sie wie eine alte Freundin behandelte, voll Teilnahme auf die Geschichte ihres Schiffbruches hörte und mit ihrer Ansicht übereinstimmte, es sei passend, wenn sie ihn nach Goa begleite. Einige Tage später segelte das Schiff aus, und Amine verließ die Faktorie und deren verliebten Kommandanten. Sie gelangten wohlbehalten durch das Inselmeer und kreuzten die Mündung der Bay von Bengalen, ohne daß das schöne Wetter unterbrochen worden wäre. Nachdem Pater Matthias Terneuse verlassen hatte, war er nach Lissabon zurückgekehrt, wurde aber daselbst der Unthätigkeit bald müd und erbot sich, abermals als Missionär nach Indien zu gehen. Er war in Formosa angelangt und erhielt bald nachher von seinen Obern die Weisung, wegen einer wichtigen Angelegenheit nach Goa zu reisen; dieß gab Anlaß, daß er zu Tidore mit Amine zusammentraf. Es würde schwer sein, die Gefühle des Pater Matthias gegen Amine zu schildern, da sie einem gar häufigen Wechsel unterworfen waren. Das einemal erinnerte er sich des Wohlwollens, das ihm von ihr und Philipp erwiesen worden – der Achtung, die er gegen ihren Gatten hegte, und der vielen guten Eigenschaften, welche er an ihr kannte – aber dann gedachte er auch der Schmach, der unverdienten Schmach, die durch sie über ihn gehäuft worden war, und er pflegte dann mit sich zu Rathe zu gehen, ob sie wirklich geglaubt habe, daß ihn andere Beweggründe, als die von ihm namhaft gemachten, in ihr Gemach geführt hätten, oder ob sie sich damals nur seine Unbesonnenheit zu Nutze machte. Diese Betrachtungen hielten sich in seinem Geiste beinahe das Gleichgewicht. Er hätte ihr Alles vergeben können, wenn er geglaubt hätte, daß Amine mit aufrichtigem Herzen an den Lehren der Kirche hänge; so aber fühlte er sich überzeugt, daß sie nicht nur eine Ungläubige sei, sondern auch verbotene Künste übe, und dies kehrte die Wagschaale gegen sie. Er bewachte sie genau, und wenn sie in ihrem Gespräche irgend ein religiöses Gefühl zeigte, that sich sein Herz gegen sie auf; entglitten jedoch im Gegentheile Worte von ihren Lippen, welche anzudeuten schienen, daß sie keine sehr hohe Meinung von diesem Glauben hege, so schoß die volle Fluth des Unwillens und der Rachsucht in sein Inneres. Nachdem sie die Bay von Bengalen beinahe zurückgelegt hatten, und das südliche Kap von Ceylon umfahren sollten, trafen sie zum erstenmale auf schlechtes Wetter. Der Sturm steigerte sich mehr und mehr, und die abergläubigen Matrosen zündeten Lichtlein vor dem Bilde eines Heiligen an, der auf dem Decke in einem Sakramenthäuschen stand. Amine, welche dies bemerkte, lächelte geringschätzig; aber obgleich sie sich dessen kaum bewußt war, bemerkte sie doch, daß das Auge des Pater Matthias ernst auf ihr haftete. »Die Papus, die ich eben verlassen habe, thun nichts Schlimmeres, als daß sie ihre Götzen anbeten, und werden Götzendiener genannt,« murmelte Amine. »Was sind denn diese Christen?« »Wäre es nicht besser, wenn Ihr hinunterginget?« sagte Pater Matthias, auf Amine zukommend. »Dieß ist keine Zeit für Frauen, um auf dem Decke zu sein – Ihr würdet besser thun, wenn Ihr für unsere Rettung betetet.« »Nicht doch, Vater, ich kann hier weit besser beten. Ich liebe diesen Kampf der Elemente, und während ich ihm zusehe, beuge ich mich voll Bewunderung vor der Gottheit, welche die Stürme lenkt, die Winde im Zorn aufwallen läßt und sie dann wieder beschwichtigt.« »Das ist schon gut, mein Kind,« versetzte Pater Matthias; »aber der Allmächtige will nicht angebetet sein in seinen Werken, sondern im Kämmerlein mit Beschaulichkeit, Selbstprüfung und Glauben. Habt Ihr die Lehren befolgt, die man Euch ertheilte, und die erhabenen Geheimnisse, die man Euch offenbarte, mit Ehrfurcht im Herzen getragen?« »Ich habe mein Bestes gethan, Vater,« versetzte Amine, ihr Antlitz abwendend und eine rollende Woge betrachtend. »Habt Ihr die unbefleckte Jungfrau und die Heiligen angerufen – diese theuren Fürsprecher für sündige Sterbliche, unter die Ihr gehört?« Amine gab keine Antwort, sie mochte den Priester nicht aufbringen und wollte ihm auch keine Unwahrheit sagen. »Antwortet mir, mein Kind,« fuhr der Priester mit Strenge fort. »Vater,« versetzte Amine, »ich habe zu dem alleinigen Gott gebetet – zu dem Gott der Christen – zu dem Gott des ganzen Weltalls!« »Wer nicht Alles glaubt, glaubt Nichts, junges Weib. Ich dachte mir's wohl, denn ich sah Euch eben jetzt verächtlich lächeln. Warum lächeltet Ihr?« »Ueber meine eigenen Gedanken, guter Vater.« »Sagt lieber über den wahren Glauben, den Ihr Andere an den Tag legen saht.« Amine gab keine Antwort. »Ihr seid also noch immer eine Ungläubige und eine Ketzerin? Hütet Euch, junges Weib, hütet Euch!« »Vor was sollte ich mich hüten, guter Vater, und warum? Sind nicht in diesen Klimaten Millionen noch ungläubiger und ketzerischer, als vielleicht ich es bin? Wie Viele habt Ihr zu Eurem Glauben bekehrt? Mit wie viel Mühsal und Gefahr hattet Ihr nicht zu kämpfen, um ihn weiter zu verbreiten, und warum hatten Eure Anstrengungen einen so geringen Erfolg? Soll ich Euch das sagen, Vater? Der Grund liegt darin, daß die Leute bereits ihr eigenes Glaubensbekenntniß haben – einen Glauben, der ihnen von Kindheit an eingepflanzt und von ihrer ganzen Umgebung geübt wurde. Bin ich nicht in derselben Lage? Ich wurde in einem andern Glauben erzogen; könnt Ihr erwarten, daß ich diesen so mit einemmale aufzugeben und die Vorurtheile früherer Jugend urplötzlich auszurotten im Stande sei? Ich habe über das, was Ihr mir sagtet, reiflich nachgedacht – habe gefühlt, daß Vieles davon wahr ist, und daß die Lehren Eurer Kirche göttlich sind – ist das nicht hinreichend? Und doch seid Ihr nicht zufrieden. Ihr wollt blinden Glauben und blinden Gehorsam haben – in diesem Falle bin ich freilich eine unwürdige Belehrte. Wir werden übrigens bald im Hafen sein; dann belehrt und überzeugt mich, wenn Ihr dazu geneigt seid; ich bin bereit zu prüfen und zu glauben, aber nur auf Ueberzeugung. Habt Geduld mit mir, guter Vater, und die Zeit wird vielleicht noch kommen, in welcher ich fühle, was ich jetzt nicht fühlen kann – daß zum Beispiel jenes Stück bemalten Holzes ein Ding ist, vor dem man sich auf die Kniee werfen und anbeten muß.« Ungeachtet des Hohnes im Schlusse dieser Rede lag doch so viel Wahrheit in Aminens Bemerkungen, daß auch Pater Matthias nicht blind dagegen sein konnte. Er hatte sich übrigens daran gewöhnt, in Aminen, dem Weibe eines Katholiken, nicht die Person zu sehen, welche in einem andern Glaubensbekenntniß erzogen wurde, sondern nur die Abtrünnige von der römischen Kirche. Jetzt erinnerte er sich, daß sie nie eigentlich in die Gemeinschaft aufgenommen worden war, denn Pater Seysen hatte sie ihrem Seelenzustande nach noch nicht für aufnahmsfähig gehalten und die Taufe verschoben, bis er sich von ihrem vollen Glauben überzeugt hätte. »Ihr sprecht kühn, aber Ihr sprecht, wie Ihr fühlt, mein Kind,« versetzte Pater Matthias nach einer Pause, »Wenn wir zu Goa anlangen, wollen wir diese Dinge weiter besprechen, und unter Gottes Beistand wird Euch der neue Glaube offenbar werden.« »So sei es,« erwiderte Amine. Der Priester hatte keine Ahnung davon, daß Aminens Gedanken in diesem Augenblicke bei einem Traume weilten, den sie zu Neu-Guinea gehabt und in welchem ihr der Geist ihrer Mutter die geheimen Künste geoffenbart hatte, welche die Tochter in Anwendung zu bringen wünschte, sobald sie Goa erreicht hätte. Mit dieser Stunde steigerte sich die Bö und das Schiff faßte mehr und mehr Wasser. Die portugiesischen Matrosen wußten sich vor Schrecken nicht zu helfen und riefen ihre Heiligen an. Pater Matthias und die übrigen Passagiere gaben sich für verloren, denn die Pumpen konnten das Schiff nicht frei halten, und ihre Wangen verbleichten, während die Wogen wüthend über die Decken hinwuschen. Sie zitterten und beteten. Pater Matthias ertheilte ihnen die Absolution; Einige weinten wie Kinder, Andere zerrauften sich das Haar, wieder Andere fluchten und lästerten auf die Heiligen, welche sie Tags zuvor angerufen hatten. Aber Amine stand unbewegt, und verzog, als sie die Lästerworte hörte, ihre Lippen nur zu einem geringschätzigen Lächeln. »Mein Kind,« sagte Pater Matthias, seiner bebenden Stimme Gewalt anthuend, um vor einem Weibe nicht aufgeregt zu erscheinen, die er so ruhig und unbeweglich in Mitte der tobenden Elemente sah – »mein Kind, laß diese Stunde der Gefahr nicht vorübergehen. Ehe du abberufen wirst, will ich dich aufnehmen in den Schooß unserer Kirche und dir in Vergebung deiner Sünden die Gewißheit eines ewigen Lebens ertheilen.« »Guter Vater, Amine läßt sich nicht durch Furcht zum Glauben zwingen, selbst wenn sie sich vor dem Sturme wirklich fürchtete,« entgegnete sie; »ebenso wenig vertraut sie Eurer Macht, ihre Sünden zu vergeben, wenn bloß die Angst sie zu einem Schritte veranlassen sollte, den sie bei ruhiger Besinnung verwerfen müßte. Wenn je Furcht mich hätte bemeistern können, so wäre es gewesen, als ich allein auf dem Floße war – das war in der That eine schwere Heimsuchung meiner Seelenstärke, und schon der Gedanke daran wird mir weit schrecklicher, als der Sturm, der jetzt um uns tobt, und der Tod, der uns vielleicht erwartet. Es ist ein Gott im Himmel, auf dessen Erbarmen ich baue, in dessen Liebe ich Vertrauen setze, vor dessen Willen ich mich beuge. Sein Wille geschehe!« »Stirb nicht im Unglauben, mein Kind!« »Vater,« entgegnete Amine, auf die Reisenden und Matrosen deutend, welche auf dem Decke weinten und wehklagten; »dies sind Christen – Ihr habt ihnen eben erst das Erbe der vollkommensten Seligkeit versprochen. Was ist ihr Glaube, wenn er ihnen nicht die Kraft gibt, wie Männer zu sterben? Warum ist ein Weib die einzige Person, die nicht zittert, während diese auf dem Decke im Staube kriechen?« »Das Leben ist süß, mein Kind – sie lassen ihre Weiber, ihre Kinder zurück und fürchten sich vor dem Jenseits. Wer ist vorbereitet zu Sterben?« »Ich!« antwortete Amine. »Ich habe keinen Gatten – wenigstens fürchte ich so. Für mich hat das Leben keine Süßigkeiten – und doch bleibt noch eine einzige kleine Hoffnung – ein Strohhalm für den versinkenden Unglücklichen. Ich fürchte den Tod nicht, denn ich besitze Nichts, für das ich leben möchte. Wäre Philipp hier – ja, dann freilich – aber er ist mir vorangegangen, und ich wünsche jetzt nichts sehnlicher, als ihm zu folgen.« »Er starb im Glauben, mein Kind – wenn du ihn wieder sehen willst, mußt du das Gleiche thun.« »Nimmermehr ist er wie diese gestorben,« versetzte Amine mit Geringschätzung auf die Reisenden blickend. »Vielleicht lebte er auch nicht, wie sie gelebt haben,« entgegnete Pater Matthias. »Ein guter Mensch stirbt im Frieden und hat keine Furcht.« »So sterben die guten Menschen in allen Glaubensbekenntnissen, Vater,« erwiderte Amine; »und in jeder Religion ist der Tod für den Lasterhaften gleich schrecklich.« »Ich will beten für dich, mein Kind,« sagte Pater Matthias, auf seine Knie niedersinkend. »Vielen Dank – Euer Gebet wird erhört werden, selbst wenn es einem Geschöpfe gilt, wie ich bin,« erwiderte Amine, welche jetzt, die Laufstangen erfassend, die Treppe hinaufstieg und das Deck erreichte. »Verloren! Signora, verloren!« rief der Kapitän, der unter dem Bollwerk kauerte, mit Händeringen. »Nein,« verletzte Amine, welche die Luvseite gewonnen hatte und sich dort an einem Taue hielt; »diesmal nicht.« »Was sagt Ihr, Signora?« entgegnete der Kapitän, mit Bewunderung zu Aminens ruhigem und gefaßtem Antlitz aufblickend. »Wie könnt Ihr das wissen, Signora?« »Mir sagt Etwas, guter Kapitän, daß Ihr nicht verloren sein werdet, wenn Ihr Eure Kräfte anstrengt – eine Stimme in meinem Innern flüstert mir laut diese Ueberzeugung zu.« Es war nämlich Amine nicht entgangen, daß der Sturm bereits weniger heftig geworden war, obgleich die Matrosen dies in ihrem Schrecken nicht beachtet hatten. Aminens Ruhe, ihre Schönheit und vielleicht auch der ungewöhnliche Anblick einer so jungen, besonnenen und vertrauensvollen Frau, während alle Uebrigen sich der Verzweiflung hingaben, übten die geeignete Wirkung auf den Kapitän und die Matrosen. Da sie unsere Heldin für eine Katholikin hielten, so wähnten sie, sie sei durch eine höhere Eingebung zu ihrer Behauptung berechtigt, denn Leichtgläubigkeit und Aberglauben sind enge Freunde. Mit Bewunderung und Achtung blickten sie auf Amine, nahmen alle ihre Thatkraft zusammen und versahen wieder ihren Dienst. Die Pumpen wurden auf's Neue in Thätigkeit gesetzt, der Sturm minderte sich im Laufe der Nacht und das Schiff war, wie Amine vorausgesagt hatte, gerettet. Die Schiffsmannschaft und die Passagiere betrachteten sie fast als eine Heilige und sprachen mit Pater Matthias darüber, der sich in keiner geringen Verwirrung befand. Der Muth, den sie entfaltet hatte, war außerordentlich, und selbst wenn sie zitterte, zeigte sie keine Spur von Furcht. Er gab keine Antwort, sondern ging mit sich selbst zu Rathe, ohne zu einem für Amine günstigen Resultate kommen zu können. Was hatte ihr diese Ruhe und den Geist der Prophezeihung gegeben? Nicht der Gott der Christen, denn sie war keine Gläubige. Wer sonst? Pater Matthias dachte an ihr Gemach zu Terneuse und schüttelte den Kopf. Dreißigstes Kapitel. Wir müssen nun wieder zu Philipp und Krantz zurückkehren, die sich lange mit einander über Schriftens seltsames Wiedererscheinen besprachen. Das Ergebniß ihrer Berathung lief darauf hinaus, daß man ihn sorgfältig bewachen und sich der Gemeinschaft mit ihm so viel möglich enthalten solle. Krantz hatte ihn über sein Entkommen befragt und Schriften ihm in seiner gewöhnlichen höhnenden Weise erwidert, ein Floßruder sei während des Kampfes losgeworden und auf diesem sei er fortgeschwommen, bis er eine kleine Insel erreicht habe; als er die Piroque sah, habe er das Stück Holz wieder vom Stapel gelassen und sich daran gehalten, bis er entdeckt und aufgelesen worden sei. Wie unwahrscheinlich dies auch klingen mochte, lag doch nichts Unmögliches in der Angabe und Krantz stellte keine weiteren Fragen. Am nächsten Morgen legte sich der Wind; die Piroque wurde wieder in's Wasser gebracht und segelte der Insel Ternate zu. Sie brauchten vier Tage zu ihrer Fahrt, da sie jede Nacht an's Land gingen und ihr Fahrzeug an das Sandgestade herauf, holten. Philipp's Herz fühlte sich erleichtert über die Kunde von Aminens Rettung, und er wäre glücklich in der Aussicht eines baldigen Wiederzusammentreffens mit seiner Gattin gewesen, hätte nicht Schriftens beständige Nähe wie ein Stachel auf sein Inneres gewirkt. Es lag etwas so seltsames und aller menschlichen Natur Widersprechendes in dem kleinen Manne, der, trotz seiner augenfällig dämonischen Gesinnung, nie auf den Versuch hindeutete, welchen sich Philipp gegen sein Leben erlaubt hatte, oder sich darüber beklagte. Hätte er sich beschwert und Philipp des Mordes beschuldigt – hätte er Rache gelobt und seine Absicht ausgedrückt, bei seiner Rücklehr von den Behörden Gerechtigkeit zu verlangen, so wäre es ganz anders gewesen. Aber nein – da war er, mit seinem Sarkasmus und einem ewigen Kichern, unverlangte vorlaute Bemerkungen sich erlaubend, als hätte er nicht den geringsten Grund zum Zorn oder Haß. Sobald sie in dem Hafen der Hauptstadt von Ternate anlangten, wurden sie nach einer großen, aus Palmblättern und Bambusrohr gebauten Hütte geführt, welche sie nicht verlassen sollten, bis ihre Ankunft dem König gemeldet wäre. Die eigenthümliche Höflichkeit und feine Bildung dieser Insulaner gaben Philipp und Krantz fortwährend Anlaß zu Bemerkungen. Ihre Religion schien gleichfalls, wie ihr Anzug, aus der der Muhamedaner und der Malaien gemischt zu sein. Nach ein paar Stunden beschied man sie vor den König zur Audienz, die im Freien abgehalten wurde. Der König saß unter einem Portikus, von einem zahllosen Priester- und Soldatengedränge umgeben, das zwar eine Masse bildete, aber nur wenig Pracht entfaltete. Die sämmtliche Umgebung des Herrschers war in weiße Anzüge und Turbane von der gleichen Farbe gekleidet; er selbst aber erschien ganz ohne Schmuck. Besonders auffallend dünkte Philipp und Krantz die große Reinlichkeit in der Umgebung des Königs, denn die Kleider waren von so fleckenlosem Weiß, wie die Sonne sie nur zu bleichen vermochte. Nachdem sie, dem Beispiele ihrer Einführer Folge leistend, den König auf muhamedanische Weise begrüßt hatten, wurden sie aufgefordert, sich niederzulassen. Der frühere Verkehr der Insulaner mit den Portugiesen hatte erstere mit der Sprache dieses Landes bekannt gemacht, weshalb der König unseren Abenteurern durch Dolmetscher, welche die Zunge der gedachten Nation verstanden, einige Fragen vorlegte, sie willkommen hieß und dann die Geschichte ihres Schiffbruchs zu erfahren wünschte. Philipp ließ sich auf ein kurzes Detail ein, in welchem er angab, daß seine Gattin von ihm getrennt worden sei und sich dem Vernehmen nach in der portugiesischen Faktorei zu Tidore befinde. Er fragte sodann die indianische Majestät, ob dieselbe in der Lage sei, ihm ihre Befreiung zu erwirken oder ihn wieder mit ihr zusammenzubringen. »Gut,« versetzte der König. »Für die Fremden sollen Erfrischungen herbeigebracht werden. Die Audienz ist geschlossen.« Nach einigen Minuten waren von dem ganzen Hofstaate nur noch zwei oder drei vertraute Freunde und Rathgeber des Königs zugegen. Die Tafel wurde mit Reis, Fischen und unterschiedlichen anderen Gerichten besetzt. Nachdem Alles vorüber war, sagte der König: »Die Portugiesen sind Hunde, sie sind unsere Feinde – wollt ihr uns im Kampfe gegen sie Beistand leisten? Wir haben große Kanonen, verstehen sie aber nicht so gut zu gebrauchen, wie ihr. Wenn ihr mir Beistand leisten wollt, so habe ich im Sinne, eine Flotte gegen die Portugiesen auf Tidore abzuschicken. Sprecht, Holländer, wollt Ihr fechten? Du,« fügte er gegen Philipp bei, »wirst dann dein Weib wieder gewinnen.« »Ihr sollt morgen meine Antwort erhalten« versetzte Philipp, »da ich mich zuvor mit meinem Freunde berathen muß. Wie ich Euch bereits sagte, war ich der Kapitän des Schiffes und dieser der Zweite im Kommando – wir wollen zuvor miteinander Rücksprache nehmen.« Schriften, welchen Philipp nur als einen gemeinen Matrosen bezeichnet hatte, war dem König nicht vorgestellt worden. »Gut,« erwiderte der König; »ich sehe morgen deiner Antwort entgegen.« Philipp und Krantz verabschiedeten sich; als sie nach der Hütte zurückkehrten, fanden sie, daß ihnen der König zwei vollständige muhamedanische Anzüge mit Turbanen zum Geschenk geschickt hatte. Dies war ihnen sehr willkommen, denn ihre Kleider befanden sich in einem sehr zerlumpten Zustande und waren durchaus nicht geeignet, sie gegen die glühende Sonne jenes Himmelstriches zu schützen. Auch sammelten ihre Spitzhüte die Strahlen in einer Weise, daß sie es fast nicht auszuhalten vermochten, weshalb sie dieselben gerne gegen die weißen Turbane vertauschten. Ihr Geld in dem malaiischen Gürtel verbergend, der einen Theil des Anzugs bildete, kleideten sie sich in die Tracht der Eingeborenen, deren Zweckmäßigkeit sie gar bald erkannten. Nach einer langen Berathung entschieden sie sich dafür, den Wünschen des Königs zu entsprechen, da dies der einzige thunliche Weg war, auf welchem Philipp seine Amine wieder zu gewinnen hoffen durfte. Ihre Zustimmung wurde am folgenden Tage dem Könige mitgetheilt und jede Vorbereitung für den Feldzug getroffen. Nun erfolgte eine Scene rühriger Thätigkeit. Hundert und aber hundert Piroquen von jeder Größe, die Seite an Seite dicht am Gestade lagen, bildeten auf dem glatten Wasser der Nay einen Floß von beinahe einer halben Meile und wimmelten von Männern, welche die Fahrzeuge für den Dienst ausrüsteten. Die Einen setzten Segel und die Andern besorgten die nöthigen Zimmerarbeiten, während die Mehrzahl ihre Säbel schliff und aus der Ananas das tödtliche Gift für ihre Krisen bereitete. Das Ufer war ein Schauplatz der Verwirrung, Wasserkrüge, Reissäcke, Pflanzenstoffe und Ställe voll Geflügel lagen allenthalben unter den bewaffneten Eingeborenen zerstreut, während die Häuptlinge in ihrem buntesten Anzuge und in dem prunkenden Glanze ihrer Waffen und Geschmeide auf- und niedergingen, um Befehle zu ertheilen. Der König besaß sechs lange, metallene Vierpfünder, das Geschenk eines Indienkapitäns; diese wurden unter der Leitung unsrer beiden Abenteurer mit einer entsprechenden Quantität von Kugeln und Kartätschen auf einige der größten Piroquen gebracht und etliche Eingeborne in ihrem Gebrauche unterrichtet. Der König, der mit Zuversicht der Zerstörung des portugiesischen Forts entgegen sah, war anfangs Willens in Person mitzugehen, änderte aber auf den Rath seiner Freunde und auf Philipps Bitte sein Vorhaben, damit sein kostbares Leben keiner Gefahr ausgesetzt werde. In zehn Tagen war Alles bereit, und die mit siebentausend Streitern bemannte Flotte segelte nach der Insel Tidore aus. Es war ein schöner Anblick – die blaue, sich kräuselnde See, mit fast sechshundert jener malerischen Fahrzeuge bedeckt, alle unter Segel und, Delphinen gleich, die ihren Raub verfolgen, durch das Wasser schwimmend – dazu die zahlreiche Bemannung, deren weiße Gewänder einen lebhaften Gegensatz gegen das tiefe Blau des Meeres bildeten. Die großen Piroquen, in welchen sich Philipp, Krantz und die eingeborenen Heerführer befanden, waren bunt mit Wimpeln und Flaggen von allen Farben geziert, die lustig in der frischen Brise flatterten. Das Ganze schien eher eine Lustpartie zu sein, als eine Expedition, die auf Kampf und Blutvergießen auszog. Am Abend des zweiten Tages erreichten sie die Insel Tidore und liefen bis auf einige Meilen nach dem portugiesischen Fort hinunter. Die Eingeborenen von Tidore, welche den Portugiesen nur ungerne und aus Furcht gehorchten, hatten ihre Hütten in der Nähe des Gestades verlassen und sich in die Wälder zurückgezogen. Die Flotte warf daher Anker und blieb unbelästigt die Nacht über in der Nähe der Küste liegen. Am andern Morgen zogen Philipp und Krantz zum Recognosciren aus. Das Fort und die Faktorei von Tidore waren nach denselben Grundsätzen erbaut, wie fast alle portugiesischen festen Plätze in jenen Meeren. Eine äußere Verschanzung, aus einem Graben mit starken, in Gemäuer eingebetteten Pallisaden bestehend, umgab die Faktorei und sämmtliche Häuser der Niederlassung. Die Thore der äußeren Mauer waren den Tag über für den Aus- und Eingang geöffnet, Nachts aber geschlossen. Auf der Seeseite befand sich die Citadelle oder das eigentliche Festungswerk, ein solides Gebäude mit Böschungen, von einem tiefen Graben umgeben, und nur durch eine Zugbrücke zugänglich, die rechts und links mit einer Kanone besetzt war. Die stärksten Schanzwerke konnten jedoch nicht gut bemerkt werden, da sie hinter der hohen Pallisadenwand verborgen waren, welche das ganze Fort umgab. Nach einer sorgfältigen Musterung rieth Philipp, man sollte von der See aus mit den großen Piroquen und ihrem Geschütze den Angriff machen, während die Mannschaft der kleineren Fahrzeuge an's Land ginge, das Fort umzingelte und jeden sich darbietenden Schutz benützte, um von dort aus gedeckt den Feind mit den Luntengewehren, den Pfeilen und Speeren bedrängen zu können. Da dieser Plan Beifall fand, so breiteten hundertundfünfzig Piroquen ihre Segel aus; die übrigen wurden an's Gestade gezogen und die dazu gehörige Mannschaft verfolgte auf dem Lande ihre weiteren Bewegungen. Die Portugiesen hatten jedoch von ihrer Annäherung Kunde erhalten und waren völlig auf den Empfang vorbereitet. Das gegen die Seeseite hinausgehende Geschütz führte ein schweres Kaliber und wurde gut bedient, während die Kanonen der Piroquen unter Philipps Anweisung zwar so gut als möglich thätig waren, aber um ihrer geringen Größe willen den dicken Steinmauern des Forts nur wenig anhaben konnten. Nach einem vierstündigen Gefechte, in dessen Verlauf die Ternaten viele Leute verloren, holten die Piroquen auf den Rath unserer beiden Abenteurer um, kehrten nach dem Standorte der übrigen Flotte zurück und hielten daselbst einen abermaligen Kriegsrath. Die Truppen, welche man an's Land geworfen hatte, wurden jedoch nicht abberufen, da sie Zufuhr sowohl als sonstigen Beistand abschnitten und hin und wieder Gelegenheit hatten, einen Portugiesen, der sich blosstellte, zusammenzuschießen – ein nicht zu verachtender Vortheil, da Philipp wohl wußte, wie schwach das Fort bemannt war. Daß sie das Fort nicht vermittelst ihrer Kanonen gewinnen konnten, war augenscheinlich, und auch von der Seeseite aus stand kein Erfolg zu erwarten, weshalb jetzt sämmtliche Streitkräfte für die Landmanöver verwendet werden mußten. Nachdem sich die eingeborenen Häuptlinge ausgesprochen hatten, machte Krantz den Vorschlag, man solle die Nacht erwarten und dann den Angriff in folgender Weise ausführen. Sobald Abends die Brise längs des Landes hinstriche, sollten die Leute Haufen von trockenem Palm- und Cokuslaub zusammenraffen, diese windwärts vor den Pallisaden aufschichten und dann in Brand stecken. So könnten sie diese Verschanzungen zerstören und sich Eingang in die äußeren Festungswerke verschaffen – eine Maßregel, die es ihnen möglich mache, dann ihre weiteren Schritte zu nehmen. Der Rath war zu verständig, um nicht Zustimmung zu finden. Sämmtliche Mannschaft, die nicht mit Luntengewehren versehen war, sollte Laub sammeln; auch wurde eine große Quantität dürren Holzes aufgebracht, und vor Einbruch der Nacht war Alles für einen zweiten Angriff bereit. Die weißen Gewänder der Ternaten wurden bei Seite gelegt; sie behielten nichts an, als ihre Gürtel, ihre Scimetars, ihre Krisen und ihre blauen Unterbeinkleider, so leise zu den Pallisaden herankriechend, wo sie ihre Bündel niederlegten und dann wieder zurückkehrten, um dasselbe Werk abermals aufzunehmen. Je höher die Schichten wurden, desto kühner traten sie auf, bis der ganze Stoß beendigt war, den sie sodann mit lautem Jubel an verschiedenen Stellen anzündeten. Die Flammen stiegen in die Höhe, die Kanonen des Forts donnerten, und eine große Anzahl fiel unter dem Kartätschenhagel und unter dem Platzen der Handgranaten. Von dem Rauche erstickt, der massig heranwogte, sah sich jedoch die Mannschaft des Forts bald genöthigt, die Wälle zu verlassen. Die Pallisaden standen in Brand, und die lodernden Flammen begannen bald auch die Faktorie und die Häuser zu ergreifen. Der Widerstand hatte jetzt aufgehört, weshalb die Ternaten die brennenden Pallisaden niederrissen, sich einen Weg in die Verschanzung bahnten und mit ihren Scimetars und Krisen Alles erschlugen, was unglücklicherweise nicht in der Citadelle Zuflucht gesucht hatte. Dies waren namentlich die eingeborenen Diener, welche durch den Angriff überrascht worden waren, und um deren Leben sich die Portugiesen nur wenig zu kümmern schienen, da sie auf ihren Ruf, die Zugbrücke niederzulassen und sie in das Fort aufzunehmen, gar nicht achteten. Die aus Stein gebaute Faktorie und alle übrigen Häuser standen in Flammen, die Insel meilenweit erhellend. Der Rauch hatte sich verzogen und die Vertheidigungswerke des Forts waren nun im grellen Lichte des Feuers sichtbar. »Wenn wir Sturmleitern hätten,« rief Philipp, »so wäre das Fort unser; es ist keine Seele auf den Wällen.« »Wohl wahr,« versetzte Krantz; »aber auch so werden die Mauern der Faktorie einen vortheilhaften Posten für uns abgeben, sobald das Feuer erloschen ist. Wenn mir es besetzen, können wir den Feind verhindern, sich zu zeigen, während wir die Leitern zusammensetzen. Morgen Abend haben wir sie fertig, und wenn wir erst auf's Neue mit Reißbündeln geräuchert haben, können wir die Mauern besteigen und den Platz wegnehmen.« »Das wird zum Ziele führen,« erwiderte Philipp im Weggehen. Er fügte sich sodann zu den Häuptlingen, welche sich an der Außenseite der Verschanzung versammelt hatten, und theilte ihnen seine Plane mit. Nachdem er ihnen seine Absichten kund gethan und die Ternatenhäuptlinge ihre Einwilligung gegeben hatten, kam Schriften zum Vorschein, der sich ohne Philipps Vorwissen der Expedition gleichfalls angeschlossen hatte. »Das geht nicht; Ihr werdet dieses Fort nie nehmen, Philipp Vanderdecken; hi! hi!« rief Schriften. Er hatte kaum ausgesprochen, als eine furchtbare Explosion stattfand und die Luft mit großen Steinen erfüllte, die nach allen Richtungen hinflogen, vielen Hunderten Tod oder Verstümmelung bringend. Die Faktorie war aufgeflogen, denn in den Gewölben hatte sich eine große Quantität Schießpulver befunden, zu welcher endlich das Feuer gedrungen war. »So endet dieses Plänlein, Mynheer Vanderdecken, hi! hi!« kreischte Schriften. »Ihr werdet jenes Fort nie nehmen.« Der Verlust an Menschenleben und die Verwirrung, welche durch dieses unerwartete Resultat veranlaßt wurde, verbreitete einen panischen Schrecken, und sämmtliche Ternaten flüchteten sich nach dem Ufer hinunter, wo ihre Piroquen lagen. Vergeblich suchten Philipp und die Häuptlinge die Mannschaft wieder zu sammeln. An die schreckliche Wirkung des Schießpulvers in größeren Quantitäten nicht gewöhnt, glaubten sie, daß sich etwas Uebernatürliches zugetragen habe, weshalb Viele in die Piroquen stürzten und die Segel ausbreiteten, während der Rest zitternd, keuchend und in bunter Verwirrung am Ufer zurückblieb. »Ihr werdet jenes Fort nie kriegen, Mynheer Vanderdecken,« kreischte abermals die wohlbekannte Stimme. Philipp erhob seinen Säbel, um den kleinen Mann entzwei zu spalten, ließ ihn aber alsbald wieder sinken. »Ich fürchte, er spricht eine unwillkommene Wahrheit,« dachte Philipp; »aber warum sollte ich ihm dafür sein Leben nehmen?« Einige von den Ternatenhäuptlingen hielten ihren Muth noch aufrecht, aber bei Weitem die meisten waren ebenso eingeschüchtert, wie ihre Leute. Nach einer kurzen Berathung wurde beschlossen, die Armee sollte bis zum andern Morgen bleiben, wo sie wäre; dann könne man die schließliche Entscheidung treffen. Als der Tag graute, bemerkten sie, daß das portugiesische Fort, welches jetzt nicht länger von den übrigen Gebäuden umgeben war, weit furchtbarere Vertheidigungsmaßregeln besaß, als sie anfangs vermuthet hatten. Die Wälle waren mit Menschen gefüllt, welche nun ihr schweres Geschütz gegen die Streitkräfte der Ternaten spielen ließen. Philipp hatte mit Krantz eine Berathung gehalten, und beide waren darüber einig geworden, daß bei dem gegenwärtigen panischen Schrecken, der die Thatkraft ihrer Verbündeten lähmte, nichts mehr zu thun sei. Die Häuptlinge waren derselben Ansicht, und so wurde denn Order zum Rückzuge gegeben. Die Ternatenhäuptlinge waren übrigens völlig zufrieden mit ihrem Erfolge, denn sie hatten das große Fort, die Faktorie und sämmtliche portugiesische Gebäude zerstört und nur ein aus Stein gebautes, unzugängliches Festungswerkchen übrig gelassen – genug, um das Ganze dem König als einen großen Sieg darstellen zu können. Es erfolgte deshalb der Befehl zur Einschiffung, und in zwei Stunden befand sich die ganze Flotte, welche ungefähr siebenhundert Mann verloren hatte, wieder auf dem Weg nach Ternate. Krantz und Philipp befanden sich dießmal in derselben Piroque, um sich mit einander unterhalten zu können. Sie waren jedoch nicht über drei Stunden gesegelt, als eine Windstille eintrat und gegen Abend äußerten sich alle Merkmale eines anrückenden schlechten Wetters. Als die Brise wieder aufsprang, blies sie aus einer widrigen Richtung; aber die Schiffe steuerten so dicht am Winde, daß man hierauf nicht achtete. Um Mitternacht steigerte sich der Wind zu einer Bö, und ehe sie noch die nordöstlichen Vorgebirge von Tidore umschifft hatten, wüthete ein Orkan, in welchem viele von den Fahrzeugen weggewaschen wurden, und was nicht schwimmen konnte, mußte rettungslos ertrinken. Die Segel wurden niedergelassen und die Schiffe waren nun der Gnade von Wind und Wellen preisgegeben, welch letztere in ungeheuren Massen darüber hereinbrachen. Die Flotte triftete schnell der Küste zu, und ehe noch der Morgen graute, befand sich die Piroque, in welcher Philipp und Krantz saßen, unter den Rollern am nördlichen Ufer der Insel. Sie war bald in Stücke zertrümmert und Jeder mußte nun für sich selbst sorgen. Philipp und Krantz erfaßten ein Bruchstück ihres Schiffes und erhielten sich auf diese Weise flott, bis sie die Küste erreichten. Hier fanden sie ungefähr dreißig weitere Unglücksgefährten, die mit ihnen das gleiche Loos erlitten hatten. Als der Tag graute, bemerkten sie, daß der größere Theil der Flotte die Spitze umluvt hatte, während die Anderen mit großer Wahrscheinlichkeit gleichfalls zu entkommen hoffen durften, da der Wind sich gelegt hatte. Die Ternaten machten den Vorschlag, mit gewaffneter Hand einige Schiffe der Tidore-Insulaner zu nehmen und sobald das Wetter sich gemildert hätte, sich der Flotte anzuschließen. Philipp aber, der sich mit Krantz berathen hatte, hielt dieß für eine gute Gelegenheit, über Aminens Schicksal Nachricht einzuholen, und da die Portugiesen nichts gegen sie zu beweisen vermochten, so konnten sie entweder ganz in Abrede ziehen, daß sie an dem Angriff Theil genommen, oder sich mit geübtem Zwange entschuldigen. Philipp war entschlossen, auf jede Gefahr hin zu bleiben, und Krantz willigte ein, sein Schicksal zu theilen. Ohne sich gegen ihre Begleiter etwas von ihrem Vorhaben merken zu lassen, fügten sie sich darein, daß Letztere nach den Tidore-Piroquen gingen und dieselben vom Stapel ließen; inzwischen aber zogen sich Philipp und Krantz in das Gebüsch zurück und verschwanden. Die Portugiesen hatten den Schiffbruch ihrer Feinde bemerkt und schickten, aufgebracht über den erlittenen Verlust, die Insulaner aus, um alle Diejenigen, welche an die Küste getrieben würden, gefangen zu nehmen. Nachdem der Angriff vorüber war, zeigten sich die Eingeborenen von Tidore wieder gehorsam und trafen sehr bald auf Philipp und Krantz, welche ruhig unter dem Schatten eines großen Baumes saßen und dem Ausgange entgegen harrten. Sie wurden nach dem Fort geführt, wo sie mit dem Einbruche der Nacht anlangten. Der Kommandant, derselbe kleine Mann, welcher sich in Amine verliebt hatte – ließ sie vor sich bringen und wollte, da sie muselmännische Tracht trugen, eben Befehl ertheilen, sie zu hängen, als ihm Philipp erklärte, sie seien holländische Schiffbrüchige und von dem Könige der Insel Ternate gezwungen worden, sich der Expedition anzuschließen; sie hätten deßhalb die eheste Gelegenheit zur Flucht ergriffen, was schon aus dem Umstande erhelle, daß Diejenigen, welche mit ihnen an die Küste geworfen würden, in den Booten der Insel abgefahren seien, während sie selbst es vorzogen, zu bleiben. Der kleine portugiesische Kommandant stieß nun seinen Degen fest auf das Pflaster der Wälle, warf sich in die Brust und befahl, bis auf weitere Untersuchung die beiden Eingebrachten in's Gefängniß zu legen. Einundreißigstes Kapitel. Da jeder, der es erfahren, über den Mangel an Bequemlichkeit in einem Gefängnisse sein Liedchen zu singen weiß, so läßt sich voraussetzen, daß es auch unsere beiden Abenteurer nicht sehr behaglich hatten. In der That hatte das Gemach, in welches Philipp und Krantz eingeführt wurden, durchaus nicht das Aussehen eines angenehmen Aufenthalts. – Es befand sich unter dem Fort, hatte ein kleines Luft- und Lichtloch gegen die See hinaus, war sehr heiß und entbehrte außerdem aller jener kleinen Bequemlichkeiten, die in modernen Häusern und Gasthöfen so viel zur Wohnlichkeit beitragen – mit einem Worte, das Ganze wurde eben durch vier kahle Wände und einen Steinboden gebildet; das war Alles. Philipp, der über Amine einige Erkundigungen einzuziehen wünschte, redete den Soldaten, der sie hinuntergebracht hatte, in portugiesischer Sprache an. »Mein guter Freund, ich bitte um Verzeihung –« »Und ich um die Eurige,« versetzte der Soldat, zur Thüre hinausgehend und sie hinter sich abschließend. Philipp lehnte sich düster gegen die Wand; Krantz, der mehr von der Natur des Quecksilbers in sich hatte, ging auf und ab, soweit dieß der drei Schritte lange Raum gestatten mochte. »Wißt Ihr, was mir da für ein Gedanke kommt?« bemerkte Krantz nach einer Pause in seinem Spaziergange. »Es ist ein großes Glück, daß wir (er dämpfte seine Stimme) alle unsere Dublonen bei uns haben. Wenn wir nicht durchsucht werden, können wir durch Bestechung wieder los kommen.« »Und ich denke,« entgegnete Philipp, »daß wir ehestens auch den elenden Schriften hier haben werden, dessen Anblick schon zureicht, mich zu vergiften.« »Das Aeußere des Kommandanten wollte mir nicht recht gefallen, aber ich denke, wir werden morgen mehr erfahren.« Hier wurden sie durch das Umdrehen des Schlüssels unterbrochen, und ein Soldat trat mit einem Krug Wasser nebst einer großen Schüssel gesottenen Reises ein. Es war nicht derselbe, der sie in den Kerker gebracht hatte, und Philipp redete ihn an. »Ihr habt im Laufe der letzten zwei Tage im Fort schwere Arbeit gehabt?« »Ja wohl, Signor.« »Die Eingebornen zwangen uns, an der Expedition Theil zu nehmen; wir sind ihnen aber entkommen.« »So hörte ich Euch sagen, Signor.« »Sie haben fast tausend Mann verloren,« bemerkte Krantz. »Heiliger San Francisko! das freut mich.« »Sie werden, denke ich, die Portugiesen so schnell nicht wieder angreifen,« versetzte Krantz. »Ich denke auch so,« entgegnete der Soldat. »Habt ihr bedeutend Verlust erlitten?« wagte Philipp zu fragen, als er bemerkte, daß der Soldat sehr redselig war. »Von unsern Leuten sind keine zehn geblieben. In der Faktorie waren ungefähr hundert Eingeborene mit einigen Weibern und Kindern; doch das kommt nicht in Anschlag.« »Wie ich höre, habt ihr eine europäische junge Frau hier,« fuhr Philipp mit Beklommenheit fort; »eine Schiffbrüchige – war sie auch unter den Umgekommenen?« »Eine junge Frau? – heiliger San Francisko. Doch ja, ich erinnere mich jetzt. Die Sache verhält sich nämlich so –« »Pedro!« rief eine Stimme von oben. Der Mann hielt inne, legte seinen Finger auf die Lippen, ging hinaus und verschloß die Thüre. »Gott im Himmel, gib mir Geduld!« rief Philipp; »doch dies ist eine schwere Heimsuchung.« »Er wird morgen früh wieder herunter kommen,« bemerkte Krantz. »Ja, morgen früh; aber welche endlose Zeit der Ungewißheit liegt nicht zwischen diesem morgen.« »Ich fühle wohl mit Euch,« versetzte Krantz; »aber was läßt sich anfangen? Die Stunden verschwinden übrigens, obgleich sie die Spannung in endlose Jahre ausdehnt. Doch ich höre Fußtritte.« Die Thüre wurde wieder aufgeschlossen und der erste Soldat erschien. »Folgt mir; der Kommandant wünscht euch zu sprechen.« Philipp und sein Leidensgefährte gingen bereitwillig auf diese unerwartete Aufforderung ein. Sie stiegen die schmale, steinerne Treppe hinan und erreichten zuletzt ein kleines Gemach, in welchem sie den Kommandanten, der unsern Lesern bereits kein Fremder mehr ist, vorfanden. Er lag nachlässig auf einem kleinen Sopha, sein langer Degen auf dem Tische vor ihm und zwei eingeborene junge Weiber fächelten ihn, die eine am Kopfe, die andere zu den Füßen. »Wie seid ihr zu diesem Anzuge gekommen?« lautete die erste Frage. »Die Eingebornen, welche uns auf der Insel, an der wir unser Leben gerettet hatten, zu Gefangenen machten, nahmen uns unsere Kleider und reichten uns diese als ein Geschenk von ihrem Könige.« »Und warben euch an, bei dem Angriffe auf dieses Fort in ihrer Flotte zu dienen?« »Sie zwangen uns,« versetzte Krantz; »denn da zwischen unseren Nationen kein Krieg besteht, so weigerten wir uns des Dienstes. Demungeachtet setzten sie uns an Bord, um die gemeinen Soldaten glauben zu machen, daß die Europäer ihnen hälfen.« »Wie kann ich wissen, ob dies wahr ist?« »Ihr habt erstlich unser Wort und zweitens den Umstand, daß wir ihnen entwichen sind.« »Ihr gehörtet zu einem holländischen Ostindienfahrer. Seid ihr Offiziere oder gemeine Matrosen?« Krantz, welcher der Ansicht war, man würde sie wahrscheinlich weniger in Haft behalten, wenn sie ihren Rang an Bord verhehlten, stieß Philipp leicht mit dem Finger an und versetzte: »Wir sind untergeordnete Offiziere. Ich war der dritte Mate und dieser Mann der Pilot.« »Und euer Kapitän – wo ist dieser?« »Ich – ich kann keine Auskunft darüber geben, ob er noch am Leben, oder ob er todt ist.« »Hattet ihr nicht ein Weib an Bord?« »Ja, der Kapitän hatte sein Weib bei sich.« »Was ist aus ihr geworden?« »Man glaubt, sie sei auf einem Theil des Floßes, der triftig wurde, zu Grunde gegangen.« »Ha!« versetzte der Kommandant und blieb dann für eine geraume Weile stumm. Philipp sah Krantz an, als wollte er sagen: »Wozu alle diese Umschweife?« Aber Krantz bedeutete ihm durch ein Zeichen, er solle nur ihm das Wort überlassen. »Ihr sagt, es sei euch unbekannt, ob sich euer Kapitän noch am Leben befinde oder unter die Todten gehöre?« »Ja.« »Wohlan, gesetzt ich gäbe euch eure Freiheit, würdet ihr euch's gefallen lassen, ein Papier zu unterzeichnen, das ihn unter die Todten zählt, und darauf zu schwören, daß die Angabe richtig sei?« Philipp sah zuerst den Kommandanten und dann Krantz mit großen Augen an. »Ich hätte gerade nichts dagegen einzuwenden, aber wenn das Papier nach Holland geschickt würde, könnte es uns in Ungelegenheiten bringen. Darf ich fragen, Signor Kommandant, zu welchem Zwecke eine derartige Schrift dienen soll?« »Nein!« brüllte der kleine Mann mit einer Donnerstimme. »Ich will euch keinen andern Grund angeben, als daß es so mein Wille ist; dies muß euch genügen. Ihr habt die Wahl – den Kerker, oder die Freiheit und Entlassung mit dem nächsten Schiffe, das hier anlangt.« »Ich zweifle nicht – in der That – ich bin überzeugt, er muß wohl todt sein,« entgegnete Krantz, seine Worte in nachsinnender Weise dehnend. »Kommandant, wollt Ihr uns bis morgen früh Zeit zur Ueberlegung lassen?« »Ja, ihr könnt gehen.« »Aber doch nicht in's Gefängniß, Kommandant?« erwiderte Krantz. »Wir können doch nicht als Gefangene betrachtet werden, und Ihr werdet uns nicht übel behandeln, wenn Ihr von uns einen Gefallen erwartet.« »Ihr habt selbst zugestanden, daß ihr gegen den allerchristlichsten König die Waffen ergriffen habt. Wie dem übrigens sein mag, ihr sollt heute Nacht in Freiheit bleiben – morgen früh will ich entscheiden, ob ihr Gefangene seid oder nicht.« Philipp und Krantz dankten dem kleinen Kommandanten für seine Güte und eilten dann nach den Wällen. Es war dunkel und der Mond noch nicht aufgegangen. Sie setzten sich auf die Böschung, freuten sich der frischen Luft und fühlten das Entzücken der Freiheit sogar nach ihrer kurzen Gefangenschaft. Da jedoch in ihrer Nähe Soldaten lagen oder standen, so sprachen sie nur flüsternd mit einander. »Was kann er damit wollen, daß er ein Certifikat von dem Tode des Kapitäns von uns verlangt? Und warum gabt Ihr ihm eine solche Antwort?« »Philipp Vanderdecken, Ihr könnt Euch denken, daß ich das Geschick Eurer schönen Gattin oft zum Gegenstand meiner Erwägungen gemacht habe, und als ich hörte, daß sie hieher gebracht worden sei, zitterte ich für sie. Wie liebenswürdig muß sie nicht erscheinen in Vergleichung mit den Weibern dieses Landes? Und jener kleine Kommandant – ist er nicht ganz die Person, die von ihren Reizen gewonnen werden konnte? Ich verheimlichte unsere Stellung, weil ich dachte, er würde unbedeutende Individuen eher wieder in Freiheit setzen, als wenn er weiß, daß wir Kapitän und erster Mate sind, namentlich, da er vermuthet, wir hätten die Ternaten zum Angriff geführt, und als er uns um Euren Todtenschein anging, dachte ich mir sogleich, er wünsche durch ein derartiges Zeugniß Amine zu veranlassen, daß sie ihn heirathe. Die Hauptfrage ist aber jetzt, wo sie sich befindet. Könnten wir nur jenen Soldaten auffinden, so dürfte es uns gelingen, einige Auskunft einzuholen.« »Verlaßt Euch darauf, sie ist hier,« versetzte Philipp, seine Hände ballend. »Ich glaube dies selbst auch,« sagte Krantz. »Jedenfalls dürfen wir überzeugt sein, daß sie noch am Leben ist.« Die Unterhaltung wurde fortgesetzt, bis der Mond aufging und seine Strahlen auf das wogende Wasser niedergoß. Philipp und Krantz lehnten sich schweigend auf die Bollwerke und wandten ihre Gesichter dem Meere zu. Nachdem sie sich eine Zeit lang ihren Träumereien hingegeben hatten, wurden sie durch eine Person gestört, die auf sie zukam und ihnen ein » Buenos noctes, Signor « zurief. Krantz erkannte augenblicklich den portugiesischen Soldaten aus dem Gefängnisse, dessen Gespräch mit ihnen so plötzlich unterbrochen worden war. »Gute Nacht, mein Freund! Wir danken dem Himmel, daß Ihr nicht mehr nöthig habt, uns einzusperren.« »Ja, das nimmt mich Wunder,« versetzte der Soldat in gedämpftem Tone. »Unser Kommandant liebt es, seine Macht geltend zu machen; er herrscht hier unbeschränkt, kann ich euch sagen.« »Er ist nicht in der Nähe, daß er uns hören könnte,« versetzte Krantz. »Ihr habt hier einen lieblichen Aufenthaltsort. Wie lange seid Ihr schon in dieser Gegend?« »Jetzt dreizehn Jahre, Signor, und ich bin's nachgerade satt. Ich habe ein Weib und Kinder in Oporto – das heißt, ich hatte – denn wer kann sagen, ob sie noch am Leben sind?« »Hofft Ihr nicht zurückzukehren und sie wieder zu sehen?« »Zurückkehren, Signor? Kein portugiesischer Soldat von meiner Stellung kehrt je wieder zurück. Wir werden für fünf Jahre angeworben und müssen unsere Gebeine hier lassen.« »Das ist in der That hart.« »Hart, Signor?« versetzte der Soldat flüsternd; »nein, grausam und verrätherisch ist es. Ich habe schon oft daran gedacht, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen; aber so lang noch Leben da ist, gibt man die Hoffnung nicht auf.« »Ich beklage Euch, mein guter Freund,« entgegnete Krantz. »Seht, es sind mir noch zwei Goldstücke geblieben; nehmt eines davon, Ihr könnt es vielleicht Eurem armen Weibe nach Hause schicken.« »Und da habt Ihr auch eines von mir, mein guter Freund,« fügte Philipp bei, indem er ihm eine zweite Dublone in die Hand drückte. »Mögen euch alle Heiligen beschützen, Signores,« erwiderte der Soldat, »denn es ist die erste Handlung des Wohlwollens, die seit vielen Jahren an mir geübt wurde. Freilich haben mein Weib und meine Kinder nicht viel Aussicht, das Geld je zu erhalten.« »Als wir im Kerker waren, spracht Ihr von einer europäischen jungen Frau,« bemerkte Krantz nach einer Pause. »Ja, Signor; von einem sehr schönen Geschöpfe. Unser Kommandant war gewaltig in sie verliebt.« »Wo ist sie jetzt?« »Sie ist nach Goa abgereist – in Begleitung eines Priesters, der sie kannte, eines guten alten Mannes, Namens Pater Matthias; er ertheilte mir während seiner Anwesenheit die Absolution.« »Pater Matthias?« rief Philipp; aber Krantz bewog ihn durch einen leichten Wink zum Schweigen. »Ihr sagt, der Kommandant sei in sie verliebt gewesen?« »Ja, der kleine Mann that ganz wahnsinnig mit ihr, und ich bin überzeugt, wäre Pater Matthias nicht gekommen, so hätte er sie nie ziehen lassen, obgleich sie das Weib eines Andern ist.« »Also nach Goa abgereist, sagt Ihr?« »Ja, in einem Schiff, das hier anhielt. Es muß ihr sehr lieb gewesen sein, von hier fortzukommen, denn unser kleiner Kommandant verfolgte sie den ganzen lieben langen Tag, und sie war augenscheinlich sehr bekümmert um ihren Gatten. Wißt ihr, Signores, ob ihr Mann noch am Leben ist?« »Nein, mir haben nichts von ihm gehört.« »Nun, wenn's so ist, so hoffe ich, er wird nicht hieher kommen, denn wenn ihn der Kommandant in seine Gewalt kriegt, wird er hart mit ihm umspringen. Er bleibt nicht bei halben Maßregeln und ist sonst ein wackeres Männchen; aber wenn es gilt, diese Dame zu gewinnen, so wird er auf jede Gefahr hin alle Hindernisse zu beseitigen suchen – und ein Gatte ist in einem solchen Falle ein gar ernstlicher Hemmstein. Nun, Signores,« fuhr der Soldat nach einer Pause fort, »es ist besser, wenn ich mich hier nicht zu lange sehen lasse. Wenn ihr etwas braucht, so könnt ihr über mich gebieten; wohlgemerkt, mein Name ist Pedro – gute Nacht und tausend Dank.« Mit diesen Worten entfernte sich der Soldat. »Jedenfalls haben wir uns einen Freund gemacht,« sagte Krantz, »und eine Kunde von nicht geringer Wichtigkeit eingeholt.« »Von höchster Wichtigkeit,« versetzte Philipp. »Amine ist also mit Pater Matthias nach Goa abgesegelt; ich fühle, daß sie sich in guten Händen befindet. Jener Pater Matthias ist ein vortrefflicher Mann – ein großer Trost für mich.« »Ja, aber vergeßt nicht, daß Ihr in der Macht Eures Feindes seid. Wir müssen so schnell als möglich von hier fortzukommen suchen – und morgen unterzeichnen wir das Papier. Es ist von geringem Belang, da wir wahrscheinlich vor dem Todtenscheine in Goa anlangen, und wenn auch nicht, so wird die Kunde von Eurem Hingang Amine nicht veranlassen, dieses welke Stücklein Sterblichkeit zu heirathen.« »Das macht mir keine Sorge, aber bedenkt, welchen Kummer es ihr verursachen wird.« »Glaubt mir, Philipp, keinen schlimmeren, als ihre gegenwärtige Ungewißheit. Doch es ist nutzlos über das Vergangene zu brüten – es muß geschehen. Ich unterzeichne als Cornelius Richter, unser dritter Mate, und Ihr als Jakob Bantreat – vergeßt dies nicht.« »Gut,« versetzte Philipp, der sich dann abwandte, als wünsche er seinen Gedanken überlassen zu bleiben. Krantz bemerkte dies und legte sich unter eine Schießscharte, wo er bald einschlief. Zweiunddreißigstes Kapitel. Von der Anstrengung des vorigen Tages ermattet, hatte sich auch Philipp neben Krantz niedergelegt und war eingeschlafen. Am andern Morgen früh wurde er durch die Stimme des Kommandanten und das Rasseln seines langen Säbels auf dem Pflaster geweckt. Unser Held erhob sich und fand, daß der kleine Mann seine Soldaten musterte und dabei den einen mit dem Gefängnisse, anderen mit Strafdiensten drohte. Krantz hatte sich, noch ehe der Kommandant mit seiner Morgenvorlesung zu Ende gekommen war, gleichfalls auf die Beine geholfen. Endlich wurden unsere Abenteurer bemerkt; mit strenger Stimme gebot ihnen der Befehlshaber, ihm nach seinem Gemache zu folgen. Sie gehorchten; der Kommandant warf sich auf sein Sopha und fragte, ob sie bereit wären, das besprochene Papier zu unterzeichnen, da sie andernfalls wieder der Haft überantwortet werden sollten. Krantz antwortete, sie hätten alle Möglichkeiten berechnet und sich so vollkommen von dem Tode des Kapitäns überzeugt, daß sie keinen Anstand nähmen, die Thatsache zu beglaubigen – eine Erwiderung, auf welche der Kommandant augenblicklich sehr gnädig wurde. Er ließ Schreibmaterialien herbeibringen und setzte das Dokument auf, das sodann gebührendermaßen von Krantz und Philipp unterzeichnet wurde. Sobald dies geschehen und der kleine Mann im Besitze des kostbaren Papiers war, wurde er so vergnügt, daß er unsere beiden Abenteurer einlud, an seinem Frühstück Theil zu nehmen. Während des Mahles versprach er ihnen, daß sie bei ehester Gelegenheit die Insel sollten verlassen dürfen. Philipp blieb sehr schweigsam; aber Krantz wußte sich so angenehm zu machen, daß sie der Kommandant auch zum Diner einlud. Nachdem sie vertraulicher mit einander geworden waren, theilte ihm Krantz mit, sie hätten noch einige Goldstücke und wünschten ein Zimmer zu bekommen, wo sie ihre Tafel halten könnten. War es nun aus Liebe zur Geselligkeit, oder der Wunsch, das Gold zu kriegen – vielleicht auch beides, kurz der Kommandant erbat sich, daß sie an seinem Tische mitspeisen und ihren Antheil an den Kosten tragen sollten – ein Vorschlag, den sich unsere Freunde bereitwillig gefallen ließen. Die Bedingungen wurden festgesetzt, und Krantz bestand darauf, für die erste Woche vorauszubezahlen. Von diesem Augenblick an stand der Kommandant auf dem besten Fuße mit ihnen und wußte der Liebkosungen kein Ende, obschon er sie früher so gar höflich in einen unter dem Wasserspiegel gelegenen Kerker geschoben hatte. Am Abende des dritten Tages, als sie, ihre Manilla Cheroots rauchend, beisammen saßen, war der Kommandant in besonders guter Stimmung, weßhalb sich Krantz die Frage erlaubte, warum ihm so viel an des Kapitäns Todtenschein gelegen sei. Zu Philipps großem Erstaunen lautete die Antwort: Amine habe ihm versprochen, ihn zu heirathen, sobald er ein derartiges Dokument beibringe. »Unmöglich!« rief Philipp von seinem Sitze auffahrend. »Unmöglich, Signor? Und warum unmöglich?« versetzte der Kommandant mit der Miene des Zorns und der Ueberraschung, während er seinen Schnurrbart mit den Fingern drehte. »Ich würde auch so gesagt haben,« unterbrach ihn Krantz, der die Folge von Philipps Unbesonnenheit fürchtete; »denn wenn Ihr gesehen hättet, Kommandant, mit welcher Innigkeit dieses Weib an ihrem Gatten hing, und wie zärtlich sie mit ihm that, so würdet Ihr es gleichfalls für unmöglich gehalten haben, daß sie ihre Liebe so schnell auf einen Andern übertrug. Doch Weiber sind Weiber, und Soldaten haben einen großen Vortheil über andere Leute; vielleicht ist sie einigermaßen zu entschuldigen, Kommandant. – Eure Gesundheit und gut Glück.« »Gerade dieß wollte ich auch bemerken,« fügte Philipp bei, auf den Plan seines Freundes eingehend; »und zuverlässig ist sie sehr zu entschuldigen, Kommandant, wenn ich mir ihren Gatten vergegenwärtige und Euch dabei in's Auge fasse.« Durch diese Schmeichelei beschwichtigt, entgegnete der Kommandant: »Nun ja, es heißt, das Militär habe stets besonderes Glück bei dem schönen Geschlechte. – Vermuthlich liegt der Grund darin, daß sie zu uns um Schutz aufsehen, und wo können sie dessen mehr versichert sein, als bei einem Manne, der ein Schwert an seiner Seite trägt? – Kommt, Signores, wir wollen ihre Gesundheit trinken. Das Wohl der schönen Amine Vanderdecken!« »Das Wohl der schönen Amine Vanderdecken!« rief Krantz, sein Glas erhebend. »Das Wohl der schönen Amine Vanderdecken!« stimmte Philipp ein. »Aber, Kommandant, wie mochtet Ihr sie auch nach Goa lassen, wo ein Weib so viele Verlockungen findet und auf ihr Geschlecht so viele Schlingen lauern?« »Das ficht mich nicht im Geringsten an – ich bin überzeugt, daß sie mich liebt – ja, unter uns gesagt – sie betet mich an.« »Ha, der Lüge!« rief Philipp. »Wie, Signor – soll das mir gelten?« rief der Kommandant, nach seinem Säbel greifend, der auf dem Tische lag. »Nicht doch,« erwiderte Philipp, sich fassend; »ich meinte sie damit, denn ich hörte mit meinen eigenen Ohren, wie sie ihrem Gatten schwor, daß sie für Niemand leben wolle, als für ihn.« »Ha, ha! ist das Alles?« sagte der Kommandant. »Mein Freund, Ihr kennt die Weiber nicht.« »Nein; auch hat er keine besondere Zuneigung für dieselben,« versetzte Krantz, indem er sich gegen den Kommandanten hinneigte und ihm in die Ohren flüsterte: »er treibt's stets so, wenn von Frauenzimmern die Rede ist. Er wurde einmal grausam getäuscht und haßt nun das ganze Geschlecht.« »Dann müssen wir barmherzig gegen ihn sein,« entgegnete der kleine Offizier. »Ich denke, wir wollen das Thema wechseln.« Als sie sich wieder nach ihrem eigenen Gemach begaben, machte Krantz unsern Helden auf die Nothwendigkeit aufmerksam, daß er seine Gefühle beherrsche, weil sie andernfalls zu gewärtigen hätten, wieder in den Kerker geworfen zu werden. Philipp gestand seine Uebereiltheit zu, bemerkte übrigens gegen seinen Freund, der Grund seiner Aufwallung habe in dem Umstande gelegen, daß Amine dem Kommandanten das Versprechen gab, ihn zu heirathen, im Falle er sichere Nachrichten über seinen Tod beibringe. »Ist es möglich, daß sie so falsch sein konnte!« rief Philipp; »und doch scheint der Eifer, den er bei Erwerbung dieses Dokuments an den Tag legte, die Wahrheit seiner Angabe zu bekunden.« »Ich glaube, Philipp, und es dünkt mich sehr wahrscheinlich, daß sich's wirklich so verhält,« versetzte Krantz gleichgültig. »Ihr könnt übrigens daraus weiter nichts entnehmen, als daß sie sich in einer sehr gefährlichen Lage befand und daß sie so gehandelt hat, um sich für Euch zu retten. Verlaßt Euch darauf, wenn sie mit Euch zusammentrifft, wird sie Euch den vollen Beweis liefern, daß sie ihn in dieser Weise täuschen mußte, da sie sonst jetzt wahrscheinlich seiner Gewaltthätigkeit zur Beute geworden wäre.« »Möglich,« entgegnete Philipp düster. »Nicht nur möglich, Philipp, sondern ich setze mein Leben daran, daß sich's so verhält. Bergt ja keinen Augenblick einen so gehässigen Gedanken gegen ein Wesen, das nur in Eurer Liebe lebt – Argwohn gegen jenes holde und aufopfernde Wesen! Ich erröthe für Euch, Philipp Vanderdecken.« »Ihr habt Recht und ich bitte sie um Verzeihung, daß ich mich nur einen Augenblick von derartigen Gefühlen oder Gedanken überwältigen ließ,« erwiderte Philipp; »aber es wird einem Gatten, der mit einer Glut liebt, wie ich, schwer, den Namen seines Weibes zum Spielball machen zu sehen und mit anhören zu müssen, daß ihre Ehre durch einen so verächtlichen Wicht, wie dieser Kommandant ist, angegriffen wird.« »Ich will das zugeben, obschon es noch immer besser ist, als wenn wir in einem Kerker schmachteten,« versetzte Krantz. »Und nun, gute Nacht.« Drei Wochen blieben sie in dem Fort und wurden jeden Tag vertrauter mit dem Kommandanten, der in Philipps Abwesenheit das Gespräch oft auf seine Liebe zu Amine lenkte und Alles, was vorgegangen war, auf's Umständlichste berichtete. Krantz bemerkte mehr und mehr, daß seine Ansicht richtig war und Amine ihrem Zwingherrn nur geschmeichelt hatte, um ihm entrinnen zu können. Indessen schwand unsern Freunden die Zeit furchtbar langsam dahin, denn immer wollte sich noch kein Schiff blicken lassen. »Wann werde ich sie wiedersehen?« sagte Philipp zu sich selber, als er eines Morgens mit Krantz auf der Böschung lehnte. »Wen wollt Ihr wieder sehen?« sagte der Kommandant, der zufällig hart an seiner Seite gestanden hatte. Philipp wandte sich um und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. »Wir sprachen von seiner Schwester, Kommandant,« antwortete Krantz, seinen Arm ergreifend und ihn hinwegführend. »Ihr müßt vor meinem Freunde den Gegenstand nicht zur Sprache bringen, denn er ist sehr schmerzlich für ihn und bildet mit einen Grund zu dem Grolle, den er gegen das zweite Geschlecht hegt. Sie war an einen Freund, den er sehr liebte, verheirathet und entlief ihrem Gatten. Sie war seine einzige Schwester; die Schande brach seiner Mutter das Herz und hat ihn selbst elend gemacht. Ich bitte, achtet nicht darauf.« »Nein, nein, gewiß nicht,« erwiderte der Kommandant. »Es nimmt mich auch gar nicht Wunder, denn die Ehre einer Familie ist eine ernstliche Angelegenheit. Der arme junge Mann; bei einem solchen Benehmen seiner Schwester und bei der Falschheit der eigenen Geliebten finde ich es nur natürlich, daß er so ernst und schweigsam ist. Gehört er einer guten Familie an, Signor?« »Einer der edelsten in Holland,« antwortete Krantz. »Er hat ein großes Vermögen zu hoffen und ist bereits unabhängig durch die Hinterlassenschaft seiner Mutter. Aber diese beiden unglücklichen Ereignisse bewogen ihn, heimlich die Staaten zu verlassen und in fremde Länder zu ziehen, um dort seinen Schmerz zu vergessen.« »Einer der edelsten Familien?« versetzte der Kommandant; »dann reist er unter einem angenommenen Namen – Jakob Vantreat ist natürlich nicht der rechte.« »Ihr habt Recht,« entgegnete Krantz, »er heißt nicht so – aber über diesen Punkt sind meine Lippen versiegelt.« »Versteht sich, gegen einen Freund etwa ausgenommen, der ein Geheimniß bewahren kann. Ich will jedoch nicht weiter darüber fragen. Er ist also wirklich von hohem Adel?« »Wie gesagt, er gehört einer der höchsten Familien des Landes an, besitzt große Reichthümer und Einfluß, und ist mit dem spanischen hohen Adel durch Heirathen verwandt.« »Wirklich?« versetzte der Kommandant nachsinnend; »so kennt er ohne Zweifel auch viele portugiesische Granden?« »Freilich; sie stehen ja alle mehr oder weniger mit einander in Verbindung.« »Da muß er Euch wohl ein sehr werthvoller Freund sein, Signor Richter.« »Ich halte mich für Lebenszeit versorgt, sobald wir in die Heimath zurückkommen. Er ist von sehr dankbarem und edelmüthigem Charakter, wie er auch Euch beweisen wird, wenn Ihr je wieder einmal mit ihm zusammentreffen solltet.« »Ich zweifle nicht daran und kann Euch versichern, daß ich es herzlich satt habe, auf dieser Insel zu bleiben. Ich werde wahrscheinlich noch ein paar Jährchen ausharren müssen, ehe ich abgelöst werde, und gehe dann zu meinem Regiment nach Goa, wo ich wahrscheinlich keinen Urlaub in die Heimath erhalten werde, wenn ich nicht auf mein Offizierspatent verzichte. Doch da kömmt er eben.« Nach diesem Gespräche mit Krantz war die Veränderung in dem Benehmen des portugiesischen Kommandanten, der die höchste Achtung vor dem Adel hatte, sehr auffallend. Er behandelte Philipp mit einer Ehrerbietung, die keinem Bewohner des Forts entgehen konnte und auch Philipp in Erstaunen setzte, bis ihm Krantz die Ursache erklärte. Der Kommandant brachte gegen Letzteren die Sache öfters zur Sprache und holte ihn aus, ob sein Benehmen gegen Philipp auch von der Art gewesen sei, um einen günstigen Eindruck zu machen, denn der kleine Mann hoffte jetzt, durch einen so einflußreichen Kanal einige wohlthätige Früchte zu ernten. Etliche Tage nach diesem Gespräch saßen alle drei bei Tische, als ein Korporal eintrat, vor dem Kommandanten salutirte und ihm meldete, daß ein holländischer Matrose in dem Fort angekommen sei und um Zulassung bitte. Philipp und Krantz erblaßten über diese Meldung, denn sie ahneten Unheil, verhielten sich aber stumm. Der Matrose wurde vorbeschieden und nach einigen Augenblicken trat ihr Quälgeist, der einäugige Schriften ein. Als er Philipp und Krantz an dem Tische sitzen sah, rief er augenblicklich: »Ah, da treffe ich ja den Kapitän Philipp Vanderdecken und meinen Freund Mynheer Krantz, den ersten Maten des Schiffes Utrecht. Freut mich recht, Euch wieder zu sehen!« »Kapitän Philipp Vanderdecken!« brüllte der Kommandant, von dem Stuhle aufspringend. »Ja, das ist mein Kapitän, Mynheer Philipp Vanderdecken, und dieß mein erster Mate, Mynheer Krantz, beide zu dem guten Schiffe Utrecht gehörig. Wir litten miteinander Schiffbruch – ist's nicht so – Mynheer? Hi, hi!« »Sangue de – Vanderdecken – ihr Gatte? Corpo del Diavolo – ist es möglich?« rief der Kommandant, nach Luft haschend, während er mit beiden Händen nach seinem Säbel griff und ihn wüthend umfaßte. »Ha, ich bin also getäuscht, hinter's Licht geführt und verlacht worden!« Die Adern seiner Stirne schwollen fast zum Bersten an und nach einer Pause fuhr er mit unterdrückter Stimme fort: »Höchstedler Herr, ich danke Euch – aber jetzt ist die Reihe an mir. – Heda, ho! Korporal – Soldaten – augenblicklich herbei – hurtig!« Philipp und Krantz fühlten sich überzeugt, daß alles Läugnen vergeblich sei. Der erstere kreuzte seine Arme, ohne zu antworten, während der erste Mate bloß bemerkte: »Ein kurzes Nachdenken wird Euch beweisen, Signor, daß Ihr keinen Grund zu dieser Entrüstung habt,« »Keinen Grund?« entgegnete der Kommandant mit einem Hohngelächter. »Ihr habt mich getäuscht, seid aber in Eurer eigenen Falle gefangen worden. Ich habe das unterzeichnete Papier und werde nicht ermangeln, davon Gebrauch zu machen. Ihr, Kapitän, seid todt, wie Ihr wißt, denn ich habe es von Eurer eigenen Hand und Euer Weib wird der Kunde mit Freuden Glauben schenken.« »Sie hat Euch getäuscht, Kommandant, um Eurer Gewalt zu entkommen, weiter nicht,« sagte Vanderdecken; »denn selbst wenn sie frei wäre, wie der Wind, würde sie einen so verächtlichen, welken Tropf, wie Ihr seid, verschmähen.« »Nur so fortgemacht – nur so fort gemacht – die Reihe wird bald an mich kommen – Korporal, werft diese beiden Menschen in den Kerker – eine Schildwache vor die Thüre, bis auf weitere Ordre. Hinweg mit ihnen. Höchst edler Signor, vielleicht werden Euch Eure einflußreichen holländischen und spanischen Freunde in den Stand setzen, wieder herauszukommen.« Philipp und Krantz wurden von den Soldaten abgeführt, die über diesen Wechsel nicht wenig erstaunt waren. Schriften folgte ihnen, und als sie über den Wall nach der Treppe gingen, die zu ihrem Gefängniß führte, riß sich Krantz wüthend von den Soldaten los und versetzte dem Piloten einen so derben Fußtritt, daß dieser mehrere Schritte weit taumelte und auf sein Gesicht niederstürzte. »Das war gut ausgeführt – hi, hi!« rief Schriften, der, sobald er sich wieder auf die Beine geholfen hatte, Krantz lächelnd ansah. Als sie die Treppe nach ihrem Kerker hinunterstiegen, begegneten sie einem Auge, das ihnen bedeutungsvoll zuwinkte; es gehörte dem Soldaten Pedro und sagte ihnen, daß wenigstens ein einziger Freund vorhanden sei, auf den sie sich verlassen könnten und der keine Mühe scheuen würde, ihnen in dieser neuen Schwierigkeit beizustehen. Welch ein Trost für die Beiden! Ein Hoffnungsstrahl war ihnen wenigstens geblieben, als sie wieder die enge Treppe hinunterstiegen und den schweren Schlüssel klirren hörten, der sie in ihren Kerker einschloß. Dreiunddreißigstes Kapitel. »So sind also alle unsere Hoffnungen gescheitert,« sagte Philipp wehmüthig. »Welche Aussicht bleibt uns noch, diesem kleinen Tyrannen zu entkommen?« »Wir müssen auf den Zufall bauen,« versetzte Krantz, »obschon die Aussichten vorderhand nicht sehr erfreulich sind. Hoffen wir übrigens das Beste.« »Da kommt mir ein Gedanke, der vielleicht zu etwas führen wird,« fügte Krantz nach einer Weile bei. »Wir wollen sehen, was sich ausrichten läßt, sobald sich der Zorn des kleinen Mannes vertobt hat.« »Und das wäre?« »So sehr er Euer Weib liebt, gibt es doch ein Ding, das ihm ebenso sehr am Herzen liegt – ich meine das Geld. Da wir nun wissen, wo jener Schatz verborgen ist, so denke ich, er könnte sich bewegen lassen, uns die Freiheit zu geben, wenn wir ihm versprächen, ihm zu dem Besitze des Geldes zu verhelfen.« »Das wäre nicht unmöglich. Verdammt sei dieser boshafte kleine Wicht, der Schriften, der zuverlässig nicht, wie Ihr meint, dieser Welt angehört. Er ist mein ewiger Verfolger und scheint nicht aus eigenem Antrieb zu handeln.« »Dann muß er ein Stück und Theil von Eurer Bestimmung sein. Ich bin nur begierig, ob uns unser edler Kommandant ohne Essen und Trinken zu lassen gedenkt.« »Es sollte mich nicht wundern. Ich bin überzeugt, daß er mir nach dem Leben steht, obgleich er nicht im Stande sein wird, mir es zu nehmen. Indeß ist's immerhin genug, wenn er die Leiden desselben vermehrt.« Sobald sich die Wuth des Kommandanten einigermaßen gelegt hatte, ertheilte er Befehl, Schriften herbeizubringen, um ihn ausführlicher in's Verhör zu nehmen; aber trotz allen Spähens war der Pilot nirgends aufzufinden. Die Schildwache am Thore erklärte, daß er nicht herausgekommen sei, und nun wurden neue Nachforschungen angestellt, die jedoch gleichfalls zu keinem Erfolge führten. Sogar die Kerker und Gallerien unten wurden durchsucht, aber vergeblich. »Sollte er vielleicht mit den andern Gefangenen eingeschlossen worden sein?« dachte der Kommandant. »Unmöglich – doch ich will hingehen, und mich selbst überzeugen.« Er stieg hinab, öffnete die Kerkerthüre und sah hinein. Ohne zu sprechen, wollte er wieder umkehren, als ihn Krantz anredete: »Ei, Signor, das ist ja eine recht freundliche Behandlung nachdem wir so lange auf dem besten Fuß miteinander gelebt haben – uns in's Gefängniß zu werfen, bloß weil ein Kerl erklärt, daß wir nicht seien, für was wir uns ausgegeben haben. Vielleicht gesteht Ihr uns doch ein wenig Trinkwasser zu?« Der Kommandant, welcher über Schriftens außerordentliches Verschwinden sehr bestürzt war, wußte kaum, was er antworten sollte. Endlich entgegnete er in milderem Tone, als wohl von ihm erwartet werden konnte: »Ich werde Befehl ertheilen, daß Eurem Begehren entsprochen wird.« Er schloß dann die Kerkerthüre wieder und verschwand. »Seltsam,« bemerk« Philipp; »er scheint schon jetzt ruhiger zu sein.« Nach einigen Minuten wurde die Thüre abermals geöffnet und Pedro kam mit einem Krug Wasser herein. »Er ist wie durch Zauberei verschwunden, Signores, und kann nirgends aufgefunden werden. Wir haben jeden Winkel durchspäht, aber vergeblich.« »Nach wem – nach dem kleinen alten Matrosen?« »Ja, nach demselben, dem Ihr einen Fußtritt versetztet, als Ihr in's Gefängniß geführt wurdet. Alle Leute sagen, er müsse ein Geist gewesen sein. Die Schildwache erklärt, er habe das Fort nicht verlassen und sei auch nicht in ihre Nähe gekommen. Die Art seines Entweichens ist ein Räthsel, das, wie ich bemerkte, unsern Kommandanten nicht wenig eingeschüchtert hat.« Krantz pfiff vor sich hin und sah Philipp an. »Habt Ihr die Obhut über uns, Pedro?« »Ich hoffe so.« »Gut; so sagt dem Kommandanten, wenn er bereit sei, mich anzuhören, so wolle ich ihm etwas von großer Wichtigkeit mittheilen.« Pedro ging hinaus. »Wohlan, Philipp, ich kann diesen kleinen Wicht noch ärger in's Bockshorn jagen, so daß er uns gerne freigeben wird, wenn Ihr mir zu sagen erlaubt, daß Ihr nicht Aminens Gatte seid.« »Das kann ich nicht thun, Krantz. Ich will nicht länger einer solchen Unwahrheit Raum geben.« »Ich fürchte das, und doch dünkt es mich, es sei ganz am Orte, wenn wir der Grausamkeit und dem Unrecht eine gewisse Doppelzüngigkeit entgegen setzten. Wenn Ihr nicht in meinen Vorschlag willigt, so weiß ich kaum, wie ich die Sache einleiten soll; indeß – auf jeden Fall will ich alle meine Kräfte aufbieten.« »Ich will Euch in jeder Weise beistehen, nur müßt Ihr nicht von mir verlangen, daß ich mein Weib verläugne. Dies kann und darf nimmermehr geschehen.« »Wohlan denn, so will ich sehen, ob ich nicht ein Mährchen zusammen bringe, das alle Partien befriedigen wird. Laßt mich ein Bischen nachdenken.« Krantz ging sinnend aus und ab, und war noch mit seinen Gedanken beschäftigt, als die Thüre aufging und der Kommandant eintrat. »Wie ich höre, habt Ihr mir Etwas mitzutheilen – nun, und das wäre?« »Für's Erste, Signor, laßt jenen kleinen Wicht herunterbringen, damit er uns gegenüber gestellt werde.« »Ich wüßte nicht, wozu dies führen könnte,« versetzte der Kommandant. »Was mögt Ihr mir zu sagen haben, Signor?« »Wißt Ihr auch, mit wem Ihr's zu thun habt, wenn Ihr mit jener einäugigen Mißgestalt sprecht?« »Vermuthlich mit einem holländischen Matrosen.« »Nein – mit einem Geiste – mit einem Dämon, der Anlaß zum Verlust unsers Schiffes gab und der Unglück mit sich bringt, wo er immer erscheinen mag.« »Heilige Jungfrau, was Ihr mir da sagt, Signor!« »Reine Thatsache, Herr Kommandant. Wir sind Euch sehr verbunden, daß Ihr uns hier einsperrt, so lang er in dem Fort ist; aber nehmt Ihr Euch vor ihm in Acht.« »Ihr macht Euch über mich lustig.« »Gewiß nicht; laßt ihn herunterbringen. Dieser edle Herr hat Gewalt über ihn. Es wundert mich überhaupt, daß er es wagte, zu bleiben, so lange er in der Nähe ist. Er trägt Etwas auf seinem Herzen, was ihn zitternd von hinnen scheuchen wird. – Laßt ihn herunterbringen und Ihr werdet bald sehen, wie er mit Fluchen und Schreien verschwindet.« »Der Himmel steh uns bei!« rief der Kommandant erschrocken. »Wollt Ihr nicht nach ihm schicken, Signor?« »Er ist fort – verschwunden – nirgends aufzufinden!« »Dacht ich's doch,« versetzte Philipp bedeutungsvoll. »Er ist fort – verschwunden – sagt Ihr? Dann, Kommandant, werdet Ihr wahrscheinlich diesen edlen Herrn für die Behandlung, die Ihr ihm zu Theil werden ließt, um Entschuldigung bitten und uns gestatten, wieder nach unserem Gemache zurückzukehren. Ich will Euch dort diese höchst sonderbare und interessante Geschichte auseinandersetzen.« Der Kommandant, der jetzt verwirrter war, als je, wußte kaum, wie er sich benehmen sollte. Endlich verbeugte er sich gegen Philipp und bat ihn, er möchte sich als auf freien Fuß gesetzt betrachten. Gegen Krantz fuhr er fort: »Es wird mir ungemein lieb sein, wenn Ihr mir unverweilt diese Geschichte erklären werdet, denn Alles scheint so gar widersprechend zu sein.« »Und muß es auch bleiben, bis die betreffende Auseinandersetzung gegeben ist. Ich will Euch nach Eurem eigenen Gemache folgen – eine Höflichkeit, die Ihr von meinem edlen Freunde nicht erwarten dürft, da er über Eure Behandlung nicht wenig entrüstet ist.« Der Kommandant ging hinaus und ließ die Thüre offen stehen. Philipp und Krantz folgten nach; Ersterer begab sich nach seinem eigenen Gemache, während der Letztere seine Schritte nach dem Wohnzimmer des Kommandanten lenkte. Die Verwirrung, die in dem Gehirn des kleinen Mannes wirbelte, ließ ihn ungemein lächerlich erscheinen. Er wußte kaum, ob er den Befehlshaber spielen oder höflich sein sollte, ob er wirklich mit dem ersten Maten des Schiffs oder mit jemand Anderem sprach, und ebensowenig, ob er einen Adeligen gekränkt oder einem einfachen Schiffskapitän den Hof gemacht hatte. Er warf sich auf sein Sopha nieder und Krantz, der in einem Stuhle Platz nahm, begann folgendermaßen: »Ihr seid zum Theil getäuscht worden, zum Theil auch nicht, Kommandant. Als wir hieherkamen, wußten wir nicht, welche Behandlung uns zu Theil werden könnte, und verheimlichten deßhalb unsern Rang. Nachher unterrichtete ich Euch von der Stellung meines Freundes in seiner Heimath, obgleich ich es nicht für der Rede werth hielt, mich über diejenige zu verbreiten, die er an Bord des Schiffes einnahm. Wie sich von einem so hochgestellten Manne, wie er ist, erwarten läßt, verhält sich der eigentliche Thatbestand so, daß er der Eigentümer des schönen Schiffes war, das durch die Einmengung jenes einäugigen Wichtes verloren ging; doch davon bei einer andern Gelegenheit – jetzt zu der Geschichte. »Vor zehn Jahren war in Amsterdam ein großer Geizhals; er lebte in der allerärmlichsten Weise, in der ein Mensch nur leben kann, trug nichts als Lumpen und glich in seinem Anzuge dem gemeinsten Matrosen, da er früher selbst ein Seemann gewesen war. Er hatte einen einzigen Sohn, dem er sogar die nöthigsten Lebensbedürfnisse verweigerte, und den er auf's Grausamste behandelte. Nach vielen vergeblichen Versuchen, einen Theil des väterlichen Reichthums an sich zu bringen, stiftete der Teufel den Sohn an, den alten Mann zu ermorden, der eines Tages todt in seinem Bett gefunden wurde. Es fanden sich keine Spuren von Gewaltthätigkeit, welche hätten beschworen werden können, und obgleich auf den Sohn Verdacht fiel, so wurde doch die ganze Geschichte vertuscht, so daß der junge Mann in den Besitz des ganzen väterlichen Schatzes kam. Man erwartete jetzt von ihm, er werde üppig leben und einen Theil seines Erbes verschwenden, wie es gewöhnlich der Fall ist; er gab aber im Gegentheil nicht nur nichts aus, sondern schien sogar so arm, ja noch ärmer als je zu sein. Frohsinn und Heiterkeit bemerkte man nie an ihm; höchst erbärmlich in seinem Aeußern, und trübseligen Geistes wandelte er umher, eine Kruste Brod suchend, wo er sie finden konnte. Einige sagten, das Laster seines Vaters habe sich auf ihn übergepflanzt und er sei ein eben so großer Geizhals geworden, als dieser je gewesen; Andere schüttelten den Kopf und meinten, daß nicht Alles richtig sei. Endlich, nach sechs oder sieben Jahren eines kümmerlichen Lebens, starb der junge Mann ohne Beichte oder Absolution – er wurde todt in seinem Bette gefunden. Neben seinem Lager fand man einen Streifen Papier an die Behörden, in welchem er eingestand, daß er seinen Vater um des Geldes willen ermordet habe; als er den Tag darauf etwas von der Hinterlassenschaft an sich nehmen wollte, sah er den Geist seines Vaters auf den Geldsäcken sitzen, der ihm mit augenblicklichem Tode drohte, wenn er auch nur ein einziges Stück berühre. Er kam wieder und wieder zurück, aber stets hielt der Geist des Alten Schildwache. Endlich gab er jeden Versuch auf; sein Verbrechen machte ihn elend, und obschon er im Auge der Welt große Reichthümer besaß, so durfte er es doch nicht wagen, auch nur einen Stüber davon auszugeben. Er bat außerdem, da sein Ende herannahe, so solle das Geld der Kirche seines Schutzheiligen gegeben werden, wo immer dieselbe gefunden werden möge; sei aber eine solche nicht vorhanden, so möge man eine neue Kirche bauen und dieselbe begaben. Man stellte Nachforschungen an, und fand weder in Holland, noch in den Niederlanden – denn Ihr wißt, daß es dort nicht viele Katholiken gibt – die angedeutete Kirche, weßhalb man in katholischen Gegenden, in Lissabon und Spanien, Erkundigungen einholte, ohne jedoch ein besseres Resultat zu erzielen. Indeß fand man doch so viel aus, daß die einzige Kirche, welche dem angedeuteten Heiligen geweiht ist, zu Goa, in Ostindien, von einem portugiesischen Edelmann erbaut wurde. Der katholische Bischof entschied sich dafür, daß das Geld nach Goa geschickt werden solle; zu diesem Ende wurde es an Bord von meines Patrons Schiffe geladen, der es der ersten portugiesischen Obrigkeit, auf die er traf, überantworten sollte. »Zur besseren Sicherheit wurde das Geld in die Kapitänskajüte gebracht, die natürlich mein edler Freund bewohnte, und als er in der ersten Nacht zu Bette ging, bemerkte er zu seinem großen Erstaunen, daß ein kleiner einäugiger alter Mann auf den Truhen saß.« »Barmherziger Heiland!« rief der Kommandant, »wie, derselbe kleine Mann, der uns heute erschienen ist?« »Derselbe,« versetzte Krantz. Der Kommandant bekreuzte sich und Krantz fuhr fort: »Wie Ihr Euch denken könnt, gerieth mein edler Patron in ziemliche Unruhe; er ist jedoch ein sehr muthiger Mann und fragte den Alten, wer er sei und wie er an Bord gekommen.« »›Ich kam an Bord mit meinem Gelde,‹ versetzte das Gespenst. ›Es ist Alles mein Eigenthum und ich will es behalten. Die Kirche soll keinen Stüber davon haben, wenn ich es wehren kann.‹ »Hierauf zog mein Patron eine berühmte Reliquie heraus, die er in seinem Busen trägt, und hielt sie ihm entgegen. Der alte Mann heulte und schrie, bis er zuletzt, obgleich nur sehr ungern, verschwand. Zwei weitere Nächte beharrte das Gespenst in seinem Starrsinn, machte sich aber jedesmal bei dem Anblick der Reliquie mit Geheul davon, wie wenn es großen Schmerz leide. Auch pflegte er beim Verschwinden stets zu schreien: ›verloren – verloren!‹ – und während des Rests der Reise beunruhigte es uns nicht wieder. »Als uns nun unser Patron dies mittheilte, meinten wir, der Ruf beziehe sich auf das Geld, welches für das Gespenst verloren sei, obschon sich später herausstellte, daß es dem Schiffe galt. In der That war es sehr unüberlegt von uns, daß wir die Schätze eines Vatermörders an Bord genommen hatten. Wir konnten nichts Gutes von einer solchen Fracht erwarten und so stellte sich's auch heraus. Als das Schiff zu Grunde ging, gab sich unser Patron alle Mühe, das Geld zu retten; es wurde auf den Floß gebracht und, als wir landeten, an's Ufer geschafft und daselbst verscharrt, damit es der Kirche zugestellt werden könnte, der es vermacht worden. Die Leute, welche es in die Erde begruben, sind jetzt alle todt, und außer meinem Freunde, dem Patron, ist nicht ein Einziger übrig geblieben, dem die Stelle bekannt ist. – Ich vergaß zu bemerken: sobald das Geld auf der Insel gelandet und vergraben war, erschien das Gespenst wieder, wie zuvor, und setzte sich auf die Stelle, wo der Schatz eingescharrt lag. Ich glaube, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, würden sich die Matrosen denselben zugeeignet haben. Aus dem Umstände, daß der Geist heute hier erschienen ist, vermuthe ich, daß er es satt hat, sein Geld zu bewachen, und es deshalb verließ, oder kam er vielleicht hieher, damit man es von der Insel fortbringe, obgleich ich mir den Grund nicht denken kann.« »Wunderbar – sehr wunderbar! Also liegt ein großer Schatz in dem Sande begraben?« »Ja.« »Und aus dem Hieherkommen des Gespenstes könnte man vermuthen, daß es ihn verlassen hat?« »Natürlich, sonst könnte es nicht hier sein.« »Könnt Ihr Euch nicht vorstellen, welche Ursache es hieher gefühlt haben mag?« »Wahrscheinlich, um seine Absicht kund zu thun und meinen Freund zu bitten, daß er den Schatz holen lasse; aber Ihr wißt, er wurde unterbrochen.« »Allerdings; aber er nannte Euern Freund Vanderdecken.« »Dies war der Name, den er an Bord des Schiffes führte.« »Und auch der Name jener Dame?« »Ja; er traf an dem Kap der guten Hoffnung mit ihr zusammen und führte sie mit sich fort.« »Dann ist sie also sein Weib?« »Ich darf diese Frage nicht beantworten; es reicht vollkommen zu, daß er sie als Gattin behandelt.« »Ah, so! Aber was diesen Schatz betrifft – Ihr sagt, daß Niemand wisse, wo er begraben sei, als der Patron, wie Ihr ihn nennt?« »Niemand.« »Wollt Ihr so gut sein, ihm mein Bedauern über das Vorgefallene auszudrücken und ihm zu sagen, daß ich mir das Vergnügen vorbehalte, ihn morgen zu sprechen?« »Gewiß, Signor,« versetzte Krantz, sich von seinem Stuhle erhebend. Er wünschte sofort dem Kommandanten guten Abend und entfernte sich. »Ich habe nach dem Einen gejagt und das Andere gefunden. Ein Gespenst muß es gewesen sein, aber es bedarf eines dreisten Gespenstes, wenn es mich von Dublonen wegschrecken soll – und außerdem kann ich ja die Priester beiziehen. Will einmal sehen. Wenn ich diesen Mann unter der Bedingung ziehen lasse, daß er den Ort, wo der Schatz liegt, der Obrigkeit – das heißt mir – anzeigt – ja dann muß ich freilich das schöne junge Weib aufgeben. Wenn ich dieses Papier an sie abgehen lasse, so kann ich sie gewinnen – aber ich muß mir ihn zuerst vom Halse schaffen. Was wähle ich von beidem? – ja – das Geld! Es läßt sich nicht Alles zumal erringen. Jedenfalls will ich mir zuerst das Geld zueignen – ich brauche es besser, als die Kirche. Aber wenn ich das Geld habe, könnten mich diese zwei Männer bloßstellen – ich muß sie beseitigen, für immer zum Schweigen bringen – und dann kann ich vielleicht auch noch die schöne Amine gewinnen. Ja, ihr Tod wird nöthig sein, um mir Beides zu verschaffen – das heißt, wenn ich zuvor das Erste in meinen Besitz gebracht habe. – Ich will mir die Sache bedenken.« Der Kommandant ging noch einige Minuten im Zimmer auf und ab und überlegte bei sich die beste Verfahrungsweise. »Er sagt, es sei ein Gespenst, und hat mir da ein ganz annehmliches Geschichtchen erzählt,« dachte er; »aber ich weiß nicht – ich habe mein Bedenken, sie könnten mir einen Possen spielen. Nun, sei's drum, wenn das Geld da ist, so soll es mein Eigenthum werden – wo nicht, so will ich Rache nehmen. Ja, ich habe es, nicht nur sie müssen bei Seite geschafft werden, sondern allmälig auch alle Uebrigen, welche beim Fortbringen des Schatzes mitgeholfen haben; – dann – doch – wer ist da? Pedro?« »Ja, Signor.« »Wie lange bist du schon hier?« »Erst seit diesem Augenblicke, Signor; es war mir, als hörte ich Euch rufen.« »Du kannst gehen – ich brauche nichts.« Pedro entfernte sich; er hatte jedoch schon geraume Zeit im Zimmer gestanden und das ganze Selbstgespräch des Kommandanten mit angehört. Vierundreißigstes Kapitel. Es war ein schöner Morgen, als das portugiesische Schiff, welches Amine an Bord genommen hatte, in der Bay und Rhede von Goa einlief. Goa stund damals in seinem Zenith – stolz, üppig, prächtig, reich, die Hauptstadt des Ostens, eine Stadt von Palästen, in der ein Vicekönig fast unumschränkte Gewalt übte. Als sie sich dem Flusse näherten, zwischen dessen beiden Mündungen Goa auf einer Insel liegt, eilten sämmtliche Passagiere auf das Deck, und der portugiesische Kapitän, der schon oft an Ort und Stelle gewesen war, machte Amine auf die merkwürdigsten Gebäude aufmerksam. Sie fuhren an den Festungswerken vorbei und liefen in den Strom ein, dessen Ufer zu beiden Seiten mit den Landsitzen des Adels und der Hidalgos besetzt waren – prachtvolle Gebäude, von Orangenhainen umgeben, deren Wohlgerüche die Luft durchdufteten. »Dies, Signora, ist der Landpalast des Vicekönigs,« sagte der Kapitän, auf ein Schloß deutend, das beinahe drei Acker Landes bedeckte. Das Schiff segelte weiter, bis es fast die Stadt erreichte. Der Kapitän machte jetzt Amine auf die stolzen Kirchthürme und die andern öffentlichen Gebäude aufmerksam – denn sie hatte in ihrem Leben nur wenig große Städte gesehen, wie man sich leicht denken kann, wenn man sich ihre Geschichte in's Gedächtniß ruft. »Das ist die Jesuitenkirche mit ihrem Collegium,« sagte der Kapitän, auf eine prachtvolle Masse von Gebäuden hindeutend. »In der Kirche, die wir jetzt ganz vor uns liegen sehen, befinden sich die canonisirten Gebeine des heiligen Franziscus, der seinem Eifer, das Evangelium in diesen Gegenden zu verbreiten, das Leben zum Opfer brachte.« »Ich habe Vater Matthias von ihm sprechen hören,« versetzte Amine; »doch was ist dies für ein Gebäude?« »Das Augustinerkloster; das andere zur Rechten gehört den Dominikanern.« »In der That prachtvoll,« bemerkte Amine. »Das Gebäude, das Ihr am Ufer seht, ist der Palast des Vicekönigs, das zur Rechten das Kloster der baarfüßigen Carmeliter. Jener hohe Thurm gehört zu der Kathedrale der heiligen Katharina, und jener schöne, leichte Dom ist die Kirche unserer lieben Frau der Barmherzigkeit. Ihr bemerkt dort gleichfalls ein Gebäude mit einem Dome – unmittelbar hinter dem Palaste des Vicekönigs?« »Ja,« antwortete Amine. »Das ist die heilige Inquisition.« Obgleich Amine ihren Philipp schon von der Inquisition hatte sprechen hören, so wußte sie doch wenig von ihren Eigentümlichkeiten; aber dennoch überflog bei Nennung dieses Namens ihren Körper ein plötzlicher Schauder, den sie sich nicht zu erklären vermochte. »Wir kommen jetzt an den Palast des Vicekönigs. Ihr bemerkt, welch ein schönes Gebäude er ist,« fuhr der Kapitän fort; »das große Haus ein wenig weiter oben ist das Zollhaus, vor dem wir Anker werfen werden. Ich muß Euch jetzt verlassen, Signora.« Einige Minuten nachher ankerte das Schiff vor dem Zollhause. Der Kapitän und die Passagiere begaben sich an's Land, Amine ausgenommen, welche in dem Schiffe blieb, während Pater Matthias einen passenden Aufenthalt für sie suchte. Nächsten Morgen kehrte der Priester mit der Nachricht zurück, daß er für Amine im Kloster der Ursulinerinnen, mit deren Aebtissin er bekannt sei, ein Unterkommen ausgewirkt habe. Ehe Amine an's Land ging, bemerkte er ihr, daß die Aebtissin eine sehr pünktliche Frau sei und es gerne sehen werde, wenn auch sie so viel wie möglich die Klosterregel mitmache; das Kloster selbst nehme nur junge Personen aus den höchsten und reichsten Familien auf, und er hoffe, sie werde sich dort glücklich fühlen; zugleich versprach er ihr, sie zu besuchen und die Gegenstände mit ihr zu besprechen, welche seinem Herzen so theuer und zu ihrer Erlösung so nothwendig seien. Der Ernst und das Wohlwollen, womit der alte Mann sprach, rührten Aminen bis zu Thränen, und der hochwürdige Vater, der sich jetzt in den Raum hinunter begab, um ihr Gepäcke zu sammeln, verließ sie mit einer Wärme des Gefühls, die er selten zuvor empfunden hatte, mehr als je sich der frohen Hoffnung hingebend, daß jene Bekehrungsbemühungen doch am Ende zum Ziel führen würden. »Er ist ein guter Mann,« dachte Amine, als sie an's Land stieg. – Sie hatte Recht: Pater Matthias war ein guter Mann, aber – wie alle Menschen – nicht vollkommen. Ein Eiferer für die Sache seiner Religion, würde er mit Freuden sein Leben dem Märtyrertode hingegeben haben; aber wenn etwas seinen Planen in den Weg trat, konnte er auch grausam und ungerecht sein. Pater Matthias hatte viele Gründe, um Aminen in dem Kloster der Ursulinerinnen unterzubringen. Er fühlte sich verpflichtet ihr denselben Schutz angedeihen zu lassen, den er so lange unter ihrem Dache genossen hatte, und wünschte zugleich, sie unter die Aufsicht der Aebtissin zu stellen, denn er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß sie noch immer verbotene Künste versuche oder übe, obgleich er keine Beweise dafür hatte. Allerdings äußerte er hierüber nichts gegen die Aebtissin, da es ungerecht gewesen wäre, einen Argwohn zu erregen; aber dennoch stellte er sie als eine Person vor, die noch nicht ganz zum katholischen Glauben bekehrt sei, obschon sie demselben mit der Zeit Ehre machen werde. Schon der Gedanke, zu einer Bekehrung mitzuwirken, wird für die Bewohner eines Klosters von hinreißendem Interesse, und die Aebtissin war weit mehr erfreut, eine Frau aufzunehmen, die ihres Raths und Zuspruchs bedurfte, als wenn man ihr eine fromme Christin übergeben hätte, die ihr keine Mühe gemacht hätte. Amine ging mit Pater Matthias an's Land, ohne von dem Palankin, den man für sie zubereitet hatte, Gebrauch zu machen, und begab sich nach dem Kloster. Zwischen dem Zollhause und dem Palaste des Vicekönigs verfügten sie sich nach dem hinten liegenden großen freien Platz und dann die Strada Diretta, oder gerade Straße hinauf nach der Kirche der Barmherzigkeit, in deren Nähe das Kloster lag. Genannte Straße ist die schönste in Goa und hat ihren Namen von der einfachen Thatsache, daß fast alle andern Straßen aus Quadranten oder Kreissegmenten bestehen. Amine war erstaunt über die hohen, massiven Steingebäude, deren sämmtliche Stockwerke mit schön gemeißelten Marmorbalkonen versehen waren, während sich über jeder Thüre das Wappen des Adeligen oder Hidalgos befand, welchem das Haus gehörte. Der freie Raum hinter den Palästen und die weiten Straßen waren mit lebenden Wesen erfüllt. Elephanten mit prachtvoller Verzierung; Pferde, an der Hand geführt, oder beritten, mit stolzen Schabracken; Palankins, die von Eingebornen in bunten Livreen getragen wurden; hin- und herlaufende Bedienten; Angehörige aller Nationen vom stolzen Portugiesen, bis zu dem halb nackten Eingebornen hinab; Moslemen, Araber, Hindus, Armenier; Offiziere und Soldaten in ihren Uniformen, bunt durcheinander gedrängt – kurz Alles voll rühriger Bewegung. So verhielt sich's mit dem Reichthum, dem Glanze und dem Luxus der stolzen Stadt Goa, der Kaiserin des Ostens, in der Zeit, von der wir jetzt schreiben. Nach einer halben Stunde hatten sie das Gewühl hinter sich und waren an dem Kloster angelangt, wo Amine bei der Aebtissin gute Aufnahme fand. Pater Matthias verabschiedete sich bald, und die Aebtissin zögerte nicht, ihr Bekehrungswerk zu beginnen. Sie ließ zwar zuvörderst einige getrocknete süße Früchte bringen – kein so übler Anfang, da sie sehr schmackhaft waren – brachte aber damit ihre Beweisgründe in Verbindung, welche ihrem Gaste nicht so gut zusagen wollten, da die gnädige Oberin sehr unwissend und nicht an theologische Disputationen gewöhnt war. Nachdem die alte Dame etwa eine Stunde ziemlich wirre gesprochen, hatte sie die Sache bereits satt und meinte Wunder was gethan zu haben. Amine wurde nun den Nonnen vorgestellt, die meistens jung waren und den besten Familien angehörten. Man wies ihr sodann ihr Schlafgemach an, und da sie den Wunsch äußerte, allein zu sein, so folgten ihr nur sechszehn nach ihrer Zelle, was ungefähr die Zahl war, welche der Raum fassen konnte. Wir müssen nun die zwei Monate überspringen, welche Amine in dem Kloster verbrachte. Pater Matthias hatte Sorge getragen, daß Erkundigungen eingezogen wurden, ob sich ihr Gatte an eine der Inseln unter portugiesischer Herrschaft gerettet habe, konnte aber keine Auskunft erhalten. Amine hatte das Klosterleben bald satt; sie wurde unablässig von dem Zuspruch der alten Aebtissin verfolgt, faßte aber einen noch weit größeren Widerwillen gegen das Benehmen und das Gespräch der Nonnen. Alle hatten ihr Geheimnisse anzuvertrauen – Geheimnisse, die zuvor schon dem ganzen Kloster bekannt waren, und zwar von einer Art, daß sich Aminens züchtiger Sinn mit Widerwillen davon abwandte. Wie konnte es übrigens auch anders sein? Die armen Geschöpfe waren unter einer schnell reifenden Sonne in der vollen Blüthe ihrer Jugend aus der Welt gerissen und unnatürlicherweise in ein Kloster eingemauert worden, um den Geiz und den Stolz ihrer Familien zu befriedigen. Da die Nonnen durchgängig aus den besten Häusern stammten, so war die Ordensregel nicht so streng, wie in andern Klöstern; man ertheilte Licenzen, nahm sich noch größere – und Amine fand zu ihrem Erstaunen, daß sich in dieser dem Himmel geweihten Gesellschaft mehr schlimme Leidenschaften der menschlichen Natur entfalteten, als sie je zuvor getroffen hatte. Beständig unter Aufsicht und keinen Augenblick sich selbst überlassen, wurde ihr der Aufenthalt im Kloster ganz unerträglich, und nach drei Monaten bat sie Pater Matthias, er möchte ihr einen andern Zufluchtsort aufsuchen, indem sie ihm offen zu verstehen gab, daß dieser Ort nicht sehr geeignet sei, ihre Bekehrung zu den Grundsätzen seines Glaubens zu erwirken. Pater Matthias verstand sie vollkommen, erwiderte aber: »Ich habe keine Mittel.« »Hieran soll's nicht fehlen,« versetzte Amine, den Diamantring von ihrem Finger nehmend. »Dies ist in unserem Lande achthundert Dukaten werth; was hier daraus erzielt werden kann, weiß ich nicht.« Pater Matthias nahm den Ring. »Ich werde morgen wieder herkommen und Euch wissen lassen, was ich ausgerichtet habe. Der Aebtissin werde ich sagen, Ihr gehet zu Eurem Gatten, denn es wäre nicht gerathen, sie glauben zu lassen, daß Ihr Gründe habt, ihr Dach zu meiden. Was Ihr angebt, habe ich wohl auch früher gehört, es aber für bloße Lästerung gehalten. Indeß weiß ich, daß Ihr einer Verläumdung unfähig seid.« Am andern Tage kehrte Pater Matthias zurück und besprach sich mit der Aebtissin, welche nach einer Weile Amine holen ließ und ihr mittheilte, es sei nöthig, daß sie jetzt das Kloster verlasse. Sie tröstete sie so gut wie möglich über das Ungemach der Trennung von einem so glücklichen Aufenthalte, ließ, um das Scheiden weniger schmerzlich zu machen, einige Confitüren bringen, segnete sie und übergab sie dem Pater Matthias, der Aminen, als sie mit einander allein waren, mittheilte, er habe ihren Ring für achtzehnhundert Dollars verkauft und ihr ein Unterkommen in dem Hause einer verwittweten Dame von Stand verschafft. Nachdem sich Amine von den Nonnen verabschiedet hatte, verließ sie mit Pater Matthias das Kloster und befand sich bald in ihrer neuen Wohnung, welche an einem geräumigen freien Platze, Terra di Sabaio genannt, stand. Pater Matthias stellte sie ihrer Wirthin vor und entfernte sich. Die Zimmer, welche Aminen zugedacht waren, gingen nach dem freien Platze hinaus, waren luftig und boten alle Bequemlichkeit. Die Besitzerin des Hauses begleitete Aminen nach ihren Gemächern. »Was ist das für eine große Kirche auf der andern Seite des Platzes?« fragte der Gast. »Die Himmelfahrtskirche,« versetzte die Dame. »Die Musik ist dort sehr schön. Wenn Ihr wollt, können wir morgen hingehen und sie mit anhören.« »Und das massenhafte Gebäude vor uns?« »Das ist die heilige Inquisition,« antwortete die Wittwe sich bekreuzend. Amine fuhr wieder zusammen, ohne sich einen Grund angeben zu können. »Ist das Euer Kind?« fragte sie, als ein etwa zwölf Jahre alter Knabe in das Zimmer trat. »Ja,« erwiderte die Wittwe; »das einzige, das mir geblieben ist. Möge Gott es erhalten.« Der Knabe war schön und verständig. Amine, die ihre eigenen Gründe hatte, that Alles, um ihn zu ihrem Freunde zu machen, und erreichte bald ihren Zweck. Fünfunddreißigstes Kapitel. Amine kehrte eines Nachmittages von einem Spaziergang durch die Straßen zurück; sie hatte in verschiedenen Läden des Bazars einige Einkäufe gemacht und brachte nun das Erstandene unter ihrer Mantille mit. »Dem Himmel sei Dank, da bin ich endlich allein und unbewacht,« dachte Amine, als sie sich auf das Kanapee niederwarf – »Philipp, Philipp, wo bist du? Ich habe jetzt die Mittel und werde es bald erfahren.« Der kleine Pedro, der Sohn der Wittwe trat in das Gemach, eilte auf Amine zu und küßte sie. »Sage mir Pedro, wo ist deine Mutter?« »Sie ist diesen Abend ausgegangen, um einige Freundinnen zu besuchen. Wir sind allein; ich will bei dir bleiben.« »Recht so, mein Lieber. Sage mir, Pedro, kannst du ein Geheimniß bewahren?« »Ja, ich will's – sage es mir.« »Nein, ich habe dir nichts zu sagen, sondern wünsche nur, daß du etwas thust. Ich habe ein Spiel im Sinne, und du sollst Dinge in deiner Hand sehen.« »O ja, zeige mir's, zeige mir's!« »Wenn du mir versprichst, nichts davon auszuplaudern.« »Nein, bei der heiligen Jungfrau, ich will nicht.« »Dann sollst du's sehen.« Amine zündete einige Holzkohlen in einem Becken an und setzte es zu ihren Füßen. Sie nahm dann eine Rohrfeder, etwas Dinte aus einer kleinen Flasche und eine Scheere, worauf sie mehrere Zeichen auf ein Stückchen Papier schrieb und dabei Worte sang, die ihr junger Gefährte nicht verstehen konnte. Dann warf sie Weihrauch und Koriandersamen in das Kohlenbecken, die einen starken aromatischen Rauch verbreiteten, hieß Pedro auf einen kleinen Schemel neben sich setzen und ergriff die rechte Hund des Knaben. In die innere Fläche desselben zeichnete sie eine viereckige Figur mit Charakteren an jeder Seite und goß in die Mitte ein wenig Dinte, welche einen schwarzen Spiegel von dem Umfange einer halben Krone bildete. »Jetzt ist Alles fertig,« sagte Amine. »Gib Acht, Pedro; was siehst du in der Dinte?« »Mein eigenes Gesicht,« versetzte der Knabe. Sie warf noch mehr Weihrauch in das Becken, bis das Zimmer mit dichten Wolken erfüllt war, und sang wieder: »Turschun, Tureio-schun – komm herab, komm herab! »Erscheint, ihr Diener dieser Namen. »Entfernt den Schleier und gebt richtige Kunde.« Sie hatte die Zeichen auf dem Papier mit der Scheere zerschnitten, nahm jetzt eines der Stücke und warf es auf das Kohlenbecken, während sie die Hand des Knaben noch immer festhielt. »Sage mir jetzt, Pedro, was du siehst?« »Ich sehe einen Mann vorbeiziehen,« versetzte Pedro unruhig. »Fürchte dich nicht, Pedro, du sollst noch mehr sehen. Ist er vorüber gegangen?« »Ja.« Und Amine flüsterte einige unverständliche Worte, warf die andere Hälfte des Papiers, auf welches sie die Charaktere gezeichnet hatte, auf das Kohlenbecken und fuhr gegen den Knaben fort: »Sprich mir jetzt nach und sage: Philipp Vanderdecken erscheine!« »Philipp Vanderdecken erscheine!« entgegnete der Knabe zitternd. »Sage mir, was du siehst, Pedro – aber sage mir die Wahrheit,« sprach Amine ängstlich. »Ich sehe einen Mann, der auf dem weißen Sande liegt. Dieses Spiel gefällt mir nicht.« »Sei nicht unruhig, Pedro; du sollst sogleich Konfekt bekommen. Sage mir, was du siehst – wie ist der Mann gekleidet?« »Er hat einen kurzen Rock – er hat weiße Hosen – er blickt umher – er nimmt etwas aus seiner Brust und küßt es.« »Er ist's! er ist's! und er lebt! Himmel, ich danke dir. Sieh wieder hin Knabe.« »Er steht auf – ich mag dieses Spiel nicht. Ich fürchte mich – ja wahrhaftig.« »Du brauchst dich nicht zu fürchten.« »O ja, ich bin – ich kann nicht,« versetzte Pedro, auf seine Knie niederfallend, »bitte, laß mich gehen.« Pedro hatte seine Hand gedreht und die Dinte verspritzt. Der Zauber war gebrochen und Amine konnte nichts mehr erfahren. Sie suchte den Knaben durch Geschenke zu beruhigen, nahm ihm nochmals das Versprechen ab, daß er nichts ausplaudere, und verschob ihre weiteren Fragen an das Schicksal auf eine Zeit, wenn der Knabe sich von seinem Schrecken erholt haben und bereit sein würde, das Spiel wieder aufzunehmen. »Mein Philipp lebt! Mutter – theure Mutter, ich danke dir.« Amine ließ Pedro nicht eher aus dem Zimmer, bis er sich von seinem Schrecken ganz erholt zu haben schien. Sie schwieg einige Tage über den ganzen Vorgang, indem sie ihn nur an sein Versprechen erinnerte, der Mutter oder sonst Jemand nichts zu sagen und überhäufte ihn mit Geschenken. Eines Nachmittags, als die Hausbesitzerin ausgegangen war, kam Pedro herein und fragte Amine, ob sie nicht das Spiel wieder vornehmen wollten. Amine, welche begierig war, mehr zu erfahren, freute sich über das Ansinnen des Knaben und hatte bald Alles vorbereitet. Wieder füllte sich ihr Gemach mit Weihrauchwolken – abermals murmelte sie ihre Zauberformeln; der Zauberspiegel war auf der Hand des Knaben und auf's Neue rief Pedro: »Philipp Vanderdecken, erscheine!« als die Thüre aufflog und Pater Matthias nebst der Wittwe und mehreren anderen Personen hereinstürzten. Amine fuhr auf – Pedro schrie und eilte auf seine Mutter zu. »Ich täuschte mich also nicht über das, was ich in der Hütte zu Terneuse sah,« sagte Pater Matthias, mit Blicken der Entrüstung seine Arme über die Brust kreuzend. »Fluchwürdige Zauberin, du bist entdeckt!« Amine erwiderte seinen Blick mit Verachtung und entgegnete ruhig: »Ihr wißt, ich gehöre nicht Eurem Glauben an. Das Lauschen scheint ein Theil Eurer Religion zu sein. Dies ist mein Gemach – es ist nicht das erstemal, daß ich Euch auffordere, es zu verlassen – ich thue es jetzt abermals – gegen Euch – und gegen diejenigen, die mit Euch gekommen sind.« »Nehmt zuerst alle diese Zaubergeräthe fort,« sagte Pater Matthias zu seinen Begleitern. Das Kohlenbecken und die andern Gegenstände, welche Amine benutzt hatte, wurden weggeschafft, worauf Pater Matthias mit seinen Begleitern das Gemach verließ und Amine allein zurück blieb. Amine hatte eine Vorahnung, daß sie verloren sei. Sie wußte, daß Zauberei in den katholischen Ländern als das höchste Verbrechen galt, und war jetzt auf der That ertappt worden. »Wohlan,« dachte sie; »es ist meine Bestimmung! so will ich denn muthig dem Schlimmsten entgegensehen.« Um das Erscheinen des Pater Matthias und der übrigen Zeugen zu erklären, muß bemerkt werden, daß der kleine Pedro schon den Tag nach Aminens erstem Versuche sein Versprechen vergessen und seiner Mutter Alles, was vorgefallen war, erzählt hatte. Die Wittwe, erschrocken über die Aussage des Knaben, hielt sich für verpflichtet, zu dem Pater Matthias zu gehen und ihm den Bericht ihres Sohnes zu vertrauen, da sich's hier, wie sie meinte, um Zauberei handelte. Pater Matthias nahm Pedro streng in's Verhör, gewann die gleiche Ueberzeugung und beschloß, Aminen durch Zeugen zu überführen. Er machte daher den Vorschlag, der Knabe solle sich zu einem zweiten Versuche anheischig machen, belehrte ihn über seine Rolle und traf alle Voranstalten, um über Aminen in der beschriebenen Weise hereinzubrechen. Eine halbe Stunde, nachdem sich der Priester entfernt hatte, traten zwei schwarzgekleidete Mönche in Aminens Gemach und forderten sie auf, ihnen zu folgen, da im Weigerungsfalle Gewalt angewendet würde. Amine leistete keinen Widerstand. Sie ging mit den Mönchen über den Platz – das Thor eines großen Gebäudes that sich auf – und sie wurde aufgefordert, hineinzutreten. Einige Augenblicke später befand sie sich in einem Kerker der Inquisition. Sechsunddreißigstes Kapitel. Ehe wir in unserer Erzählung fortfahren, wollen wir unsere Leser einen kleinen Blick in das Wesen, in die Ceremonien und in die Einrichtung eines Inquisitionshofs thun lassen; denn wenn wir den von Goa beschreiben, sind auch alle übrigen geschildert, da sie nur sehr wenig oder gar nicht von einander abweichen. Die Santa Casa, oder der Inquisitionshof zu Goa liegt auf der einen Seite eines großen freien Platzes, die Terra di Sabaio genannt. Es ist ein massenhaftes, schönes Steingebäude, vorn mit drei Thoren versehen – das mittlere, größer als die beiden andern, führt nach der Gerichtshalle. Die Seitenthore führen zu geräumigen und schönen Wohnungen für die Inquisitoren und die übrigen Beamten des Gerichts. Hinter diesen Wohnungen befinden sich die Zellen und Kerker der Inquisition; sie stehen in zwei langen Gallerien, haben je doppelte Thüren, und umfassen etwa zehn Fuß im Geviert. Ihre Anzahl beläuft sich gegen zweihundert; einige davon sind gemächlicher als die andern, da Licht und Luft Zutritt erhalten, andere aber haben sich dieser Wohlthat nicht zu erfreuen. In den Gallerien befindet sich die Inquisitionswache, und kein Wort oder Laut kann aus einer Zelle dringen, ohne gehört zu werden. Die Behandlung der Gefangenen ist in Anbetracht der Nahrung sehr gut und ganz darauf berechnet, eine Indigestion zu verhüten, die aus Mangel an Bewegung hervorgehen könnte. Auch ärztlicher Beistand ist ihnen gestattet, obschon mit Ausnahme ganz besonderer Fälle keine Priester zu ihnen eintreten dürfen. Liegt ein Gefangener auf dem Sterbebette, so ist ihm jede Tröstung der Religion, sogar der Zuspruch des Beichtvaters und die letzte Oelung versagt. Wer in der Haft stirbt – möge seine Schuld nun erwiesen sein, oder nicht – wird ohne Leichenceremonie bestattet und nachher gerichtet. Wird er dann für schuldig anerkannt, so gräbt man seine Gebeine aus und vollzieht den Urtheilsspruch an den Ueberresten. Es gibt zwei Inquisitoren in Goa – den Großinquisitor und seinen Adjunkten, die beide stets aus dem Orden des heiligen Dominikus gewählt werden. Diese erhalten bei ihren Gerichtstagen und Verhören Beistände aus verschiedenen religiösen Orden, welche die Deputirten des heiligen Officiums genannt werden, aber nur erscheinen, wenn sie aufgefordert werden. Es gibt auch noch andere Beamte, deren Obliegenheit darin besteht, alle veröffentlichten Bücher zu untersuchen und sich zu überzeugen, ob nichts gegen die heilige Religion darin vorkomme. Außer diesen hat man noch einen öffentlichen Ankläger, einen Prokurator der Inquisition und Rechtsgelehrte, welche die Gefangenen vertheidigen dürfen, obgleich ihr Hauptgeschäft darin besteht, den angeblichen Schützlingen ihre Geheimnisse abzulocken und sie zu verrathen. Sie bilden die sogenannten Vertrauten der Inquisition, obschon diesen schmachvollen Dienst auch Leute vom höchsten Adel auf sich nehmen; denn man rechnet sich's eben so sehr zur Ehre, als man persönliche Sicherheit dann findet, unter die gedachten Vertrauten eingeschrieben zu sein, welche man durch alle Gesellschaftsklassen zerstreut findet; man darf daher darauf zählen, daß jedes unbedachte Wort dem heiligen Officium hinterbracht wird. Einer Aufforderung, vor dem Inquisitionsgerichte zu erscheinen, darf kein Widerstand entgegengesetzt werden, da sich die ganze Bevölkerung erheben und ihr Nachdruck geben würde. Die Gefangenen werden abgesondert gehalten, und es kommt nur sehr selten vor, daß zwei in einen Kerker gesperrt werden; dies geschieht blos in dem Falle, wenn man glaubt, die lange Haft habe den Geist eines Unglücklichen so niedergedrückt, daß sein Leben in Gefahr stehe. Unverbrüchliches Schweigen wird eingeschärft und streng beobachtet. Diejenigen, welche in ihrer äußersten Finsterniß weheklagen, weinen oder sogar beten, werden durch Schläge zur Ruhe gezwungen. Die Schmerzensrufe der in dieser Weise Gezüchtigten oder die Laute der Qual, welche die Folter erpreßt, schallen durch die Gänge und schrecken die Armen, welche einem gleichen Loose entgegen sehen, in ihrer einsamen Nacht. Die erste Frage, welche an eine Person gerichtet wird, die der Inquisition in die Hände gefallen ist, betrifft ihr Vermögen. Der Gefangene muß dies bis auf den letzten Heller hinaus angeben und die Wahrheit seiner Aussage beschwören, indem man ihm zugleich bemerkt, daß jede Unwahrheit über diesen Punkt – wie unschuldig er auch in Betreff der Anklage sein mag – den Zorn der Inquisition auf ihn herabrufe; denn selbst wenn er schuldlos erfunden werde, stehe ihm neue Haft bevor wegen des falschen Eides, den er vor der Inquisition geleistet, während jedoch anderen Falls seine Habe ungeschmälert bleibe. Diese erste Verhörsfrage hat ihren guten Grund, denn wenn eine Person das Verbrechen, dessen sie beschuldigt wurde, bekennt, so wird sie in den meisten Fällen zwar freigelassen, hat aber ihre sämmtliche Habe verwirkt. Aus den Regeln der Inquisition könnte zwar scheinen, daß man mit Gerechtigkeit verfahren wolle, denn obgleich zwei Zeugen hinreichend sind, Jemand in Verhaft zu nehmen, so werden doch sieben erfordert, um ihn zu verurtheilen; da jedoch die Zeugen nie mit dem Gefangenen konfrontirt werden und oft an ersterem die Tortur in Anwendung kommt, so ist es nicht schwer, die nöthige Anzahl zu erlangen. Mancher hat, um sein eigenes Leben zu retten, durch einen falschen Eid das seines Nächsten geopfert. Die Hauptverbrechen, welche in das Bereich der Inquisition fallen, sind Zauberei, Ketzerei, Gotteslästerung und der sogenannte Judaismus . Um den Sinn dieses letzteren Verbrechens, wegen dessen die Inquisition die meisten Leute geopfert hat, zu verstehen, müssen wir dem Leser bemerken, daß die Juden, welche Ferdinand und Isabella von Kastilien aus Spanien vertrieben, sich nach Portugal flüchteten, aber unter der einzigen Bedingung, daß sie Christen würden, Aufnahme fanden. Sie willigten ein oder thaten wenigstens dergleichen, wurden aber fortwährend von den Portugiesen verachtet, weil man ihrer Aufrichtigkeit kein Vertrauen schenkte. Im Gegensatze zu den alten Christen erhielten sie den Namen Neuchristen und vermischten sich im Laufe der Zeit gelegentlich durch Heirathen mit den ersteren; dieses gereichte jedoch den alten Familien stets zum Vorwurfe und den Sprößlingen dieser Verbindungen haftete noch lange ein Makel an. Die Abkömmlinge derartiger gemischter Ehen wurden nicht nur aus ihrer Kaste ausgestoßen, sondern auch, da die Genealogie jeder Familie genau bekannt war, mit Argwohn betrachtet, und sahen sich stets der Gnade des heiligen Officiums preisgegeben, wenn sie wegen Judaismus angeklagt wurden: darunter ist die Rückkehr zu den altjüdischen Gebräuchen der Ostern und sonstigen von Moses eingeschärften Ceremonien zu verstehen. Betrachten wir nun, welche Wirkung eine derartige Anklage in den Händen der Inquisition übt. Ein wahrhaft aufrichtiger Katholik, der von einer dieser unglücklichen Familien abstammt, wird angeklagt und von der Inquisition verhaftet; er muß sein Vermögen angeben, was er – von seiner Unschuld überzeugt und einer baldigen Befreiung gewiß – ohne Rückhalt thut. Aber kaum hat sich der Kerkerschlüssel hinter ihm gedreht, als auch schon seine ganze Habe in Beschlag genommen und öffentlich versteigert wird, denn es versteht sich von selbst, daß man sie ihm nie wieder zurückerstattet. Nach der Gefangenschaft eines Monats wird er in die Gerichtshalle gerufen und gefragt, ob er den Grund seiner Verhaftung kenne; man räth ihm angelegentlich, sein Verbrechen zu beichten und nichts zu verheimlichen, da dies der einzige Weg sei, seine Freiheit wieder zu erhalten. Er betheuert seine Unwissenheit, und zwar jedesmal, so oft er vorgeladen wird. Endlich naht die Periode des Auto-da-Fé's (Glaubenshandlung) heran, das alle zwei oder drei Jahre stattfindet (nämlich die öffentliche Hinrichtung derjenigen, welche von der Inquisition für schuldig erfunden werden). Nun tritt der öffentliche Ankläger auf und gibt an, der Gefangene sei von einer Anzahl Zeugen bezüchtigt worden. Man redet dem Unglücklichen zu, seine Schuld zu bekennen; er besteht auf seiner Unschuld, und nun wird das Convicto Invotivo erlassen, was so viel heißen will, als »schuldig erfunden, obgleich der Gefangene sein Verbrechen nicht eingesteht.« Hiedurch wird er verurtheilt, bei der nächsten Feierlichkeit verbrannt zu werden. Man folgt ihm nun nach seiner Zelle, ermahnt ihn, seine Schuld zu beichten und verspricht ihm in diesem Falle Begnadigung. So geht es fort bis zum Abende vor dem Tage der Hinrichtung. Erschreckt durch den Gedanken an einen qualvollen Tod, wird zuletzt der Unglückliche, um sein Leben zu retten, geständig. Er wird in die Gerichtshalle gerufen, bekennt das Verbrechen, das er nicht begangen hat, und meint nun, gerettet zu sein – aber leider, nein; er hat nur sich selbst verstrickt und kann jetzt nicht mehr entkommen. »Du bekennst also, daß du dir eine Beobachtung der Gesetze Moses hast zu Schulden kommen lassen. Diese Ceremonie konnte nicht allein verrichtet werden; du mußt mit Anderen das Osterlamm gegessen haben – sage uns augenblicklich, wer noch daran Theil genommen, oder dein Leben ist verwirkt und der Scheiterhaufen für dich bereit.« Er hat sich also für schuldig erklärt, ohne etwas zu gewinnen, und wenn er sein Leben zu retten wünscht, muß er Andere anklagen. Wen könnte dann dies anders treffen, als seine Verwandte und Freunde? Ja, aller Wahrscheinlichkeit nach seine Brüder, seine Schwestern, seine Gattin, seine Söhne und Töchter – denn die Annahme liegt nahe, daß man in derartigen Dingen nur seiner Familie vertraut. Mag man indeß seine Schuld bekennen, oder in der Behauptung seiner Unschuld sterben – in jedem Falle geht die weltliche Habe verloren. Es ist übrigens für die Inquisition von großer Wichtigkeit, daß ein Bekenntniß erfolge; denn dieses wird von dem Gefangenen unterzeichnet, dann der Oeffentlichkeit preisgegeben, und erfüllt den Zweck, der Welt zu beweisen, daß die Inquisition nicht nur unparteiisch und gerecht, sondern sogar barmherzig ist, da sie Diejenigen begnadigt, welche sich als schuldig bekannt haben. In Goa waren die Anklagen auf Zauberei weit häufiger, als bei den Inquisitionshöfen anderer Orte, weil die Gebräuche und Ceremonien der Hindus vielen albernen Aberglauben enthielten. Diese Leute und die Sklaven aus andern Theilen ließen sich oft taufen, um ihren Gebietern zu gefallen; nun aber lautete ihr Urtheil, sobald sie nachher eines Verbrechens überwiesen wurden, stets auf die Strafe des Scheiterhaufens, während die Nichtgetauften nur durch die Peitsche, Gefängniß oder die Galeeren gezüchtigt wurden. Aus diesem alleinigen Grunde weigerten sich Viele, das Christenthum anzunehmen. Wir haben nun Alles auseinandergesetzt, was vorderhand dem Leser zu wissen nöthig ist. Das Uebrige wird sich aus dem Laufe unserer Geschichte herausstellen. Siebenunddreißigstes Kapitel. Einige Stunden, nachdem Amine in ihre Zelle geführt worden war, traten die Schließer ein, lösten, ohne ein Wort zu sprechen, ihr weiches Seidenhaar und schnitten es dicht am Kopfe ab. Die Gefangene warf ihre Lippen verächtlich auf und ließ sie ohne Widerstand ihr Werk verrichten. Nach Vollbringung desselben entfernten sich die Kerkerknechte und Amine blieb wieder in ihrer Einsamkeit. Am andern Tage erschienen sie abermals und befahlen ihr, die Füße zu entblößen und ihnen zu folgen. Sie sah die Männer an, welche ihren Blick erwiderten. »Wenn Ihr nicht gutwillig wollt, so müssen wir Zwang anwenden,« bemerkte der Eine, der durch ihre Jugend und Schönheit gerührt war. Amine that wie ihr geheißen worden, und ließ sich nach der Gerichtshalle führen, wo sie blos den Großinquisitor und den Sekretär vorfand. Die Gerichtshalle war ein langer Saal mit hohen Fenstern zu beiden Seiten und im Hintergrunde. Im Mittelpunkte stand auf einer erhöhten Platform ein langer Tisch, mit einem blau- und braungestreiften Tuch bedeckt; an dem hinteren Ende befand sich ein ungeheures Kreuz mit dem geschnitzten Bilde unseres Erlösers, Der Schließer wies auf eine kleine Bank und bedeutete Aminen, daß sie sich niedersetzen solle. Der Sekretär musterte sie eine Weile und begann sodann mit der Frage: »Wie ist Euer Name?« »Amine Vanderdecken.« »Aus welchem Lande?« »Mein Gatte ist aus den Niederlanden, ich selbst aber stamme aus dem Osten.« »Wer ist Euer Gatte?« »Der Kapitän eines holländischen Indienfahrers.« »Wie kamt Ihr hieher?« »Sein Schiff scheiterte und wir wurden getrennt.« »Wen kennt Ihr hier?« »Den Pater Matthias.« »Was habt Ihr für Vermögen?« »Keines; es ist das Eigenthum meines Gatten,« »Wo ist es?« »In den Händen des Pater Matthias.« »Wißt Ihr, warum Ihr hieher gebracht wurdet?« »Wie sollte ich das?« versetzte Amine ausweichend. »Sagt mir, wessen man mich beschuldigt.« »Ihr müßt wissen, ob Ihr Unrecht gethan habt oder nicht; Ihr thut daher gut, Alles zu beichten, was Euch Euer Gewissen zur Last legt.« »Mein Gewissen sagt mir nicht, daß ich Unrecht gehandelt habe.« »Dann wollt Ihr also nichts bekennen?« »Eurer eigenen Aeußerung zufolge habe ich nichts anzugeben.« »Ihr behauptet, aus dem Morgenlande zu sein; seid Ihr eine Christin?« »Ich will nichts von Eurem Glauben wissen.« »Ihr seid an einen Katholiken verheirathet?« »Ja; an einen guten Katholiken.« »Wer hat die Trauung vollzogen?« »Pater Seysen, ein katholischer Priester.« »Und Ihr seid nicht in den Schooß der Kirche eingetreten? Wagte er es, Euch zu vermählen, ehe Ihr getauft wart?« »Es fanden einige Ceremonien statt, welche ich mir gefallen ließ.« »Das war die Taufe – oder nicht?« »Ich glaube, daß man es so nannte.« »Und doch sagt Ihr jetzt, daß Ihr von dem katholischen Glauben nichts wissen wollt?« »Ja, denn ich habe seitdem mit eigenen Augen gesehen, wie sich Diejenigen benehmen, welche sich dazu bekennen; zur Zeit meiner Vermählung war ich ihm zugethan.« »Wie hoch beläuft sich die Geldsumme, die Ihr in Pater Matthias' Händen stehen habt?« »Auf einige Hundert spanische Thaler – er weiß es genau!« Der Gerichtsinquisitor zog eine Klingel; die Schließer traten wieder ein, und Amine wurde nach ihrem Kerker zurückgeführt. »Warum fragen sie wohl so oft nach meinem Gelde?« dachte Amine bei sich selber. »Wenn es ihnen darum zu thun ist, so mögen sie es nehmen. Welche Macht haben sie und was können sie mit mir anfangen? Nun ja – einige Tage werden darüber Auskunft geben.« Einige Tage? – O nein, Amine, Jahre wären vielleicht ohne Entscheidung vorüber gegangen, hätte nicht vier Monate nach der Einkerkerung ein Schauspiel gefeiert werden sollen, das man nun schon drei Jahre gemißt hatte. Nach dieser Zeit sollte ein Auto-da-Fé statthaben, und man hatte noch nicht die gehörige Anzahl Gefangener, um die Ceremonie des Verbrennens eindrucksvoll genug zu machen. Man bedurfte noch einiger Personen für den Scheiterhaufen, sonst würdest du wohl dem Kerker nicht so bald entgangen sein! Wie dem übrigens sein mochte, ein fast unerträglicher Monat der Ungewißheit und Spannung war entschwunden, ehe Amine wieder in die Gerichtshalle berufen wurde. Als dieses endlich geschah, wurde sie abermals gefragt, ob sie bekennen wolle. Aufgebracht über ihre lange Haft und über die Ungerechtigkeit des Verfahrens antwortete sie: »Ich habe Euch ein für allemal erklärt, daß ich nichts zu bekennen habe. Fangt mit mir an, was ihr wollt, aber thut es schnell.« »So wird Euch wohl die Tortur zur Beichte zwingen?« »Versucht es einmal,« entgegnete Amine mit Festigkeit – »versucht es einmal, grausame Männer, und wenn ihr nur eine Sylbe von mir entlockt, so mögt Ihr mich feigherzig nennen. Ich bin nur ein Weib – aber ich biete euch Trotz – und fordere euch auf, euer Schlimmstes zu thun.« Es war selten, daß solche Ausdrücke vor den Ohren dieser Richter laut wurden, noch seltener aber, daß ein Antlitz solche Blitze der Entschlossenheit schoß. Die Tortur wurde jedoch in der Regel erst angewendet, wenn die Anklage vorgebracht und der Gefangene darauf geantwortet hatte. »Wir werden sehen,« sagte der Großinquisitor. »Schafft sie fort.« Amine wurde nach ihrer Zelle zurückgeführt. Pater Matthias hatte in der Zwischenzeit mehrere Unterredungen mit dem Inquisitor gehabt; denn obgleich er Amine in seinem Zorne angeklagt und die nöthigen Zeugen gegen sie beigebracht hatte, so fühlte er sich doch jetzt unruhig und verwirrt. Sein langer Aufenthalt in ihrem Hause – ihre unveränderliche Güte gegen ihn bis zu jener unseligen Stunde der Nacht, als er sie belauschte – sein Bewußtsein, daß sie nie den christlichen Glauben angenommen hatte – ihre muthige Entschlossenheit – ihre Schönheit und Jugend – Alles dieß wirkte in seinem Innern sehr zu ihren Gunsten. Sein einziger Zweck war jetzt, sie zu einem Bekenntniß ihres Unrechts zu bereden und sie dadurch zu retten, daß er sie bewog, den katholischen Glauben anzunehmen. Zu diesem Ende hatte er von dem heiligen Officium die Erlaubniß erhalten, ihren Kerker zu besuchen und ihr Vorstellungen zu machen – eine besondere Gunst, die sie ihm aus vielen Gründen nicht wohl abschlagen konnten. Am dritten Tage nach ihrem zweiten Verhör wurden die Riegel zu einer ungewöhnlichen Stunde zurückgeschoben und Pater Matthias trat in die Zelle; die Thüre schloß sich wieder und er blieb mit Aminen allein. »Mein Kind! mein Kind!« rief Pater Matthias mit tief bekümmertem Gesichte. »Wozu noch dieser Hohn, Vater? Ihr seid's, der mich hieher gebracht hat – verlaßt mich.« »Es ist wahr, ich habe Euch hieher gebracht; aber ich möchte Euch auch wieder befreien, wenn Ihr es mir nur gestatten wolltet, Amine.« »Oh, recht gerne; ich will Euch folgen.« »Nein, nein; zuvor muß noch viel versprochen, viel gethan werden. Dieß ist kein Gefängniß, aus dem man so leicht wieder herauskommen kann.« »Dann sprecht aus, was Ihr zu sagen habt, und laßt mich wissen, was geschehen muß.« »Ich will es.« »Doch halt; eh' Ihr ein anderes Wort redet, beantwortet mir eine einzige Frage der Wahrheit gemäß, so Ihr auf die ewige Seligkeit hofft. Habt Ihr nichts von Philipp gehört?« »Ja. Er ist wohl.« »Und wo ist er?« »Er wird bald hier eintreffen.« »Gott, ich danke Dir! Werde ich ihn wieder sehen, Vater?« »Das hängt von Euch selbst ab.« »Von mir? So sprecht – hurtig – was wollt Ihr, daß ich thun soll?« »Ihr müßt Eure Sünden – Eure Verbrechen – bekennen.« »Welche Sünden? – Welche Verbrechen?« »Habt Ihr nicht mit bösen Wesen verkehrt, die Geister angerufen und bei Geschöpfen Beistand gesucht, die nicht dieser Welt angehören?« Amine schwieg. »Antwortet mir, wollt Ihr nicht bekennen?« »Ich kann nicht zugeben, daß ich etwas Unrechtes gethan habe.« »Das ist Alles vergeblich. Ich und Andere haben Euch gesehen. Wozu soll Euer Läugnen führen? Wißt Ihr, welche Strafe Euch unabwendbar bevorsteht, wenn Ihr nicht bekennt und ein Mitglied unserer Kirche werdet?« »Warum soll ich ein Mitglied Eurer Kirche werden? So straft Ihr also diejenigen, welche von Eurem Glauben nichts wissen wollen?« »Nein. Hättet Ihr nicht bereits die Weihe der Taufe erhalten, so würde man Euch kein derartiges Ansinnen stellen. So Ihr aber getauft seid, müßt Ihr ein Mitglied des Glaubens werden, oder man nimmt von Euch an, daß Ihr in die Ketzerei zurückverfallen seid.« »Ich kannte damals das Wesen der Taufhandlung nicht.« »Zugegeben; aber Ihr willigtet ein, sie an Euch vornehmen zu lassen.« »Wohl. Jetzt aber bitte ich, sagt mir, welche Strafe steht mir bevor, wenn ich mich weigere?« »Ihr werdet lebendig am Pfahle verbrannt werden; nichts kann Euch retten. Hört mich, Amine Vanderdecken. Wenn man Euch das nächstemal wieder vorfordert, so müßt Ihr Alles bekennen, um Verzeihung flehen und bitten, daß man Euch in den Schooß der Kirche aufnehme. Dann seid Ihr gerettet und Ihr werdet –« »Was?« »Wieder Euren Philipp in die Arme schließen.« »Meinen Philipp! meinen Philipp! Ihr setzt mir in der That hart zu. Aber Vater, wie kann ich bekennen, daß ich Unrecht gethan habe, wenn ich doch vom Gegentheil überzeugt bin?« »Vom Gegentheil überzeugt?« »Ja. Ich rief den Beistand meiner Mutter an, und sie leistete mir denselben im Traume. Würde eine Mutter ihrer Tochter Unterstützung gewähren, wenn sich's um etwas Unrechtes handelte?« »Es war nicht Eure Mutter, sondern ein Teufel, der ihre Gestalt annahm.« »Es war meine Mutter. Doch noch einmal – verlangt Ihr von mir, ich solle sagen, daß ich etwas glaube, was ich nicht glauben kann?« »Was Ihr nicht glauben könnt? Oh, Amine Vanderdecken, seid doch nicht so starrsinnig.« »Ich bin nicht starrsinnig, guter Vater. Habt Ihr mir nicht in Aussicht gestellt, daß ich wieder in die Arme meines Gatten zurückkehren soll – eine Hoffnung, die mir über Alles theuer ist? Aber darf ich mich zu einer Lüge herabwürdigen? Nein, und gälte es mein Leben oder meine Freiheit – ja nicht einmal um meines Philipps willen.« »Amine Vanderdecken, wenn Ihr Euer Verbrechen bekennen wollt, ehe Ihr angeklagt seid, so habt Ihr viel gethan; nachher wird Euch eine Beichte wenig mehr nützen.« »Darum will ich's sowohl vorher, als nachher unterlassen, Vater. Was ich gethan habe, ist geschehen, aber es ist weder für mich noch für die Meinigen ein Verbrechen. Wie es sich auch in Eueren Augen gestalten mag, ich gehöre nicht zu euch.« »Bedenkt dabei noch wohl, daß Ihr auch Euren Gatten in Gefahr bringt, weil er sich mit einer Zauberin vermählt hat. Vergeßt das nicht. Morgen will ich Euch wieder besuchen.« »Mein Geist ist wirre,« versetzte Amine. »Verlaßt mich, Vater – Ihr erweist mir eine Liebe damit.« Pater Matthias verließ die Zelle, hocherfreut über Aminens letzte Worte. Der Gedanke an die Gefahr ihres Gatten schien sie ergriffen zu haben. Amine warf sich in der Ecke der Zelle auf ihr Lager nieder und verhüllte ihr Antlitz. »Lebendig verbrannt!« rief sie nach einer Weile, indem sie sich aufrichtete und mit der Hand über ihre Stirne fuhr. »Lebendig verbrannt! Und dies sind Christen! Dies war also der grausame Tod, der mir von jenem Schriften vorhergesagt wurde – vorhergesagt – ja, und daher muß er wohl eintreffen; es ist meine Bestimmung – ich kann mich nicht retten.« »Wenn ich bekenne, so gebe ich zugleich zu, daß er sich mit einer Zauberin vermählt hat, und auch ihn würde Strafe treffen. Nein, nimmermehr – nimmermehr! Ich kann leiden – 's ist zwar grausam – schon der Gedanke schrecklich – aber es wird bald vorüber sein. Gott meiner Väter, gib mir Kraft gegen diese schändlichen Menschen, und setze mich in den Stand, Alles zu ertragen – um meines theuren Philipps willen!« Am andern Abend erschien Pater Matthias wieder. Er fand die Gefangene ruhig und gefaßt – sie weigerte sich auf seinen Rath zu hören oder seinen Ermahnungen Folge zu leisten. Seine letzte Bemerkung, daß »ihr Gatte in Gefahr sei, wenn sie der Zauberei schuldig erfunden würde,« hatte ihr Herz gestählt und sie in dem Entschluß befestigt, daß weder Folter noch Scheiterhaufen sie bewegen sollten, sich eines Verbrechens schuldig zu erklären. Der Priester verließ mit zerknirschtem Herzen die Zelle; er fühlte sich elend bei dem Gedanken, daß Amine einen so schrecklichen Tod sterben sollte, warf sich seine Uebereiltheit vor und wünschte, Aminen nie gesehen zu haben, da die muthige Beharrlichkeit – wenn auch im Irrthum – Bewunderung und Mitleid in seinem Innern weckte. Dann dachte er auch an Philipp, der ihn so freundlich behandelt – wie konnte er ihm unter die Augen treten? Und wenn er ihn nach seiner Gattin fragte, welche Antwort konnte er ihm geben? Wieder vergingen zwei Wochen; Amine wurde auf's Neue in die Gerichtshalle gerufen und abermals aufgefordert, ihre Verbrechen zu bekennen. Da sie sich weigerte, so wurden die Beschuldigungen gegen sie verlesen. Sie war von Pater Matthias angeklagt, daß sie verbotene Künste geübt habe, und seine Angaben wurden durch das schriftliche Zeugniß des Knaben Pedro und anderer Personen bekräftigt. In seinem Eifer hatte Pater Matthias auch beigefügt, er habe sie schon zu Terneuse über dem nämlichen Werke ertappt; außerdem sei sie in einem heftigen Sturme, als Alles dem Untergange entgegen sah, allein ruhig und muthig geblieben und habe dem Kapitän gesagt, sie würden gerettet werden, was allein durch einen unlauteren Prophetengeist, den ihr böse Wesen eingegeben, möglich gewesen sei. Aminens Lippe kräuselte sich verächtlich, als sie die letztere Anschuldigung hörte. Sie wurde gefragt, was sie zur Verteidigung vorzubringen habe. »Wie kann man sich auch gegen solche Anklagen vertheidigen?« versetzte sie. »Nehmen wir nur die letzte – weil ich nicht so feigherzig war, wie die Christen, werde ich der Zauberei beschuldigt! – Der alte Fasler – aber ich will ihn bloßstellen! Sagt mir, wenn Jemand weiß, daß Zauberei gebraucht wird, und es verhehlt oder zuläßt – ist er in diesem Falle nicht ein Teilhaber und in gleicher Weise schuldig?« »Allerdings,« versetzte der Inquisitor, mit Spannung dem Resultate entgegensehend. »So thue ich denn hiemit kund – –« Amine war eben im Begriff zu enthüllen, daß Philipps Sendung sowohl dem Pater Matthias, als dem Pater Seysen bekannt war und von denselben nicht verboten wurde. Als sie sich jedoch entsann, daß ihr Gatte dabei in's Spiel kommen könnte, so hielt sie inne. »Was wollt Ihr kund thun?« fragte der Inquisitor. »Nichts!« versetzte Amine, ihre Hände kreuzend und das Haupt sinken lassend. »Sprich, Weib!« Amine gab keine Antwort.. »Die Folter wird dich wohl zum Reden bringen!« »Nimmermehr!« rief Amine. »Nimmermehr! Martet mich meinetwegen zu Tode, wenn Ihr wollt – es ist mir lieber, als eine öffentliche Hinrichtung.« Der Inquisitor und der Sekretär beriethen sich eine Weile. Ueberzeugt, daß die Gefangene auf ihrem Entschluß beharren würde, gaben sie den Gedanken an die Folter um so eher auf, da sie ihrer für die öffentliche Hinrichtung bedurften. »Du willst also nicht bekennen?« fragte der Inquisitor. »Nein,« antwortete Amine mit Festigkeit. »Dann fort mit ihr!« Den Abend vor dem Auto-da-Fé trat Matthias abermals in Aminens Zelle; aber alle seine Bemühungen, sie zu bekehren, waren vergeblich. »Morgen wird Alles zu Ende sein, Vater,« versetzte Amine. – »Verlaßt mich, ich wünsche allein zu sein,« Achtunddreißigstes Kapitel. Wir müssen nun zu Philipp und Krantz zurückkehren. Sobald der Letztere von dem portugiesischen Kommandanten zurückgekehrt war, theilte er Philipp mit, was vorgegangen und welches Mährchen er erfunden hatte, um den Kommandanten zu täuschen. »Ich sagte ihm, Ihr allein seiet mit dem Platze bekannt, wo der Schatz verborgen liege,« fuhr Krantz fort. »Ich that dies in der Absicht, daß man Euch abschicke, denn wahrscheinlich wird er mich als Geißel zurückbehalten. Doch sei's drum; ich muß es nehmen, wie sich's gibt. Ihr versucht dann auf die eine oder andere Weise zu entkommen und Aminen nachzureisen.« »Nicht doch,« versetzte Philipp; »Ihr müßt mit mir gehen, mein Freund, denn ich fühle, daß mir kein Glück mehr vorbehalten ist, sobald Ihr Euch von mir trennt.« »Bah, bah – das ist bloß eitle Einbildung; außerdem werde ich so oder so ihm zu entrinnen wissen.« »Ich werde keine Nachweisungen über den Schatz geben, wenn Ihr nicht mitgeht.« »Nun gut – Ihr könnt's wenigstens versuchen.« Da ließ sich plötzlich ein leises Pochen an der Thüre vernehmen. Philipp stand auf, um zu öffnen (denn beide hatten sich schon zur Ruhe begeben) und Pedro trat ein. Er blickte sorgfältig umher, schloß dann sachte die Thüre und legte den Finger an seine Lippen, um ihnen Stillschweigen einzuschärfen. Nun erzählte er ihnen flüsternd, was er gehört hatte. »Sucht es wo möglich einzuleiten, daß ich Euch begleiten darf,« fuhr er fort. »Ich muß Euch jetzt verlassen, denn er geht noch immer in seinem Zimmer auf und ab,« Pedro schlüpfte zur Thüre hinaus, verstohlen über die Wälle hinwegschleichend. »Der tückische kleine Halunke! Aber wir wollen ihn wo möglich umgehen,« sagte Krantz in gedämpftem Tone, »Ja, Philipp, Ihr habt Recht, wir müssen mit einander ausziehen, denn Ihr werdet meines Beistands bedürfen. Ich werde ihn überreden, daß er selbst an der Expedition Theil nimmt. Will jetzt darüber nachdenken – darum gute Nacht, Philipp.« Am andern Morgen wurden Philipp und Krantz zum Frühstück gerufen; der Kommandant empfing sie mit lauter Lächeln und Leutseligkeit. Namentlich war er gegen Philipp ungemein höflich. Sobald das Mahl vorüber war, theilte er ihm seine Absichten und Wünsche in Folgendem mit: »Signor, ich habe über das nachgedacht, was mir Euer Freund mittheilte, und zugleich Erwägungen über das Gespenst angestellt, das gestern so viel Verwirrung veranlaßte und mich bewog, eine Uebereilung gegen Euch zu begehen, die ich Euch jetzt aus aufrichtigem Herzen abbitte. Die angestellten Betrachtungen, wie auch das Gefühl der Andacht, das dem Herzen eines ächten Katholiken nicht fehlen darf, haben mich zu dem Entschlusse bestimmt, mit Eurem Beistand jenen Schatz, der der heiligen Kirche angehört, zu heben. Ich mache Euch daher den Vorschlag, daß eine Soldaten-Abtheilung unter Eurem Befehle nach der Insel ziehe, wo er niedergelegt ist; habt Ihr ihn gehoben, so kehrt Ihr wieder hieher zurück. Sollte in der Zwischenzeit ein Schiff anlangen, so will ich es bis zu Eurer Wiederkunft in der Rhede zurückhalten; Ihr könnt sodann das Geld sammt meinen Briefen nach Goa überbringen. Dies führt Euch auf eine ehrenvolle Weise bei den Behörden ein und setzt Euch in den Stand, Eure Zeit dort in der angenehmsten Weise zu verbringen. Zugleich, Signor, werdet Ihr auch Eure Gattin auffinden, deren Reize einen so großen Eindruck auf mich geübt haben. Wenn ich vor Euch ihres Namens nicht mit der gebührenden Achtung erwähnt habe, so muß ich mich mit dem Umstande entschuldigen, daß ich sie durchaus nicht kannte und ebenso wenig wußte, in welcher engen Beziehung sie zu Euch steht. Wenn Euch diese Maßregeln genehm sind, Signor, so werde ich mich höchst glücklich schätzen, die betreffenden Befehle zu ertheilen.« »Da ich mich selbst zu den treuen Anhängern der katholischen Religion zähle,« versetzte Philipp, »so wird es mich ungemein freuen, die Stelle namhaft machen zu können, wo der Schatz verborgen liegt, damit er an seinen Bestimmungsort abgegeben werden möge. Eure Entschuldigung in Betreff meiner Gattin nehme ich mit Vergnügen an, da ich weiß, wie Euer Benehmen bloß daher rührte, daß Ihr ihre Stellung und ihren Rang nicht kanntet. Dennoch blieb ich über das Ganze nicht klar. Ihr wollt einige Soldaten unter meinen Befehl stellen – werden sie mir gehorchen? – darf man ihnen trauen? Ich und mein Freund sind nur zwei Personen gegen sie – und wenn sie sich unbotmäßig erwiesen?« »Fürchtet das nicht, Signor; sie sind gut disciplinirt. Auch ist es nicht gerade nöthig, daß Euch Euer Freund begleitet; ich wünsche ihn bei mir zu behalten, damit er mir in Eurer Abwesenheit Gesellschaft leiste.« »Nein, darauf kann ich nicht eingehen,« antwortete Philipp. »Allein wage ich das Unternehmen nicht,« »Vielleicht ist es mir erlaubt, eine Meinung in der Sache zu äußern?« bemerkte Krantz. »Wenn mein Freund nur mit einer Soldatenabtheilung abreist, so sehe ich keinen Grund ein, warum ich ihn nicht begleiten sollte; ich bin übrigens der Ansicht, daß es nicht räthlich ist, auf die Vorschläge des Kommandanten einzugehen, mag ich nun dabei sein oder nicht. Ihr werdet Euch erinnern, Kommandant, daß die Summe, um welche sich's handelt, keine Kleinigkeit ist und von Euren Leuten gesehen werden muß . Die Soldaten sind viele Jahre in dieser Gegend zurückgehalten worden und sehnen sich ängstlich, wieder die Heimath zu schauen. Wenn sie daher mit zwei Fremden allein und Eurem Ansehen entrückt sind – wird dann der Besitz einer so großen Geldsumme nicht eine allzugewaltige Versuchung für sie sein? Sie brauchen nur den südlichen Kanal hinunterzulaufen und den Hafen von Bantam zu gewinnen, um sich sowohl ihre Freiheit, als das Geld zu sichern. Wenn Ihr daher meinen Freund und mich fortschickt, so gehen wir in einen fast unabwendbaren Tod; diese Gefahr hört aber auf, sobald Ihr Euch entschließt, in eigener Person die Reise mitzumachen. Eure Gegenwart und Euer Ansehen wird sie im Zaume halten; welcher Art dann auch immer ihre Wünsche oder ihre Gedanken sein mögen, sie werden schon vor dem Blitze Eures Auges zittern.« »Sehr wahr, ganz richtig,« versetzte Philipp. »Daß mir auch dies nicht gleich anfangs einfiel!« Auch dem Kommandanten war es nicht eingefallen; aber als man ihn darauf aufmerksam machte, wurde ihm die Kraft dieser Gründe augenblicklich so einleuchtend, daß er sich für den Anschluß an die Expedition entschieden hatte, noch ehe Krantz seine Rede zu Ende brachte. »Gut, Signores,« versetzte er; »ich bin stets bereit euren Wünschen entgegenzukommen. Da ihr meine Anwesenheit als nöthig erachtet und ich nicht glaube, daß eben jetzt von den Ternaten ein Angriff zu besorgen steht, so will ich die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, das Fort für einige Tage unter die Befehle meines Lieutenants zu stellen, während wir der heiligen Mutterkirche diesen Dienst leisten. Ich habe bereits nach einem Schiffe der Eingeborenen geschickt, das groß und bequem ist; wir wollen uns daher, sofern Ihr nichts dagegen habt, gleich morgen einschiffen.« »Zwei Schiffe werden besser sein,« bemerkte Krantz; »einmal für den Fall eines Unglücks, und zweitens, weil wir dann den ganzen Schatz in das Fahrzeug schaffen können, in welchem wir uns selbst befinden, während eine Abtheilung der Soldaten in dem andern fährt. Wir erhalten uns hiedurch die Oberhand, wenn der Anblick so vielen Geldes die Soldaten zum Ungehorsame spornen sollte.« »Ihr habt Recht, Signor, wir wollen zwei Schiffe mit uns nehmen. Euer Rath ist gut.« Alles war nun zur Genüge eingeleitet, und es fehlte nur noch Eines – daß nämlich Pedro gleichfalls an dem Zuge theilnehme. Sie beriethen sich eben, wie dieser Gegenstand zur Sprache gebracht werden könne, als der Soldat zu ihnen kam und ihnen sagte, daß ihn der Kommandant für die Partie ausersehen habe, er biete deshalb den beiden Freunden seine Dienste an. Am andern Tage war Alles bereit. Der Kommandant hatte zehn Soldaten und einen Korporal ausgelesen, und es bedurfte nur einer kurzen Frist, um den Mundvorrath und andere Bedürfnisse an Bord zu schaffen. Mit dem Grauen des Morgens schifften sie sich ein – der Kommandant und Philipp in der einen Piroque, Krantz, der Korporal und Pedro in der andern. Die Soldaten, welche über den Gegenstand der Fahrt im Ungewissen gehalten worden waren, erhielten jetzt von Pedro die betreffende Kunde, und es fand ein langes Geflüster zwischen ihnen statt – sehr zur Freude unseres Krantz, der wohl wußte, daß der Geist der Meuterei bald rege werden würde, wenn es einmal ruchbar war, daß diejenigen, welche an der Expedition Theil nehmen, dem Geize des Kommandanten geopfert werden sollten. Das Wetter war schön; sie segelten die ganze Nacht durch, kamen auf zehn Stunden an Ternate vorbei und befanden sich noch vor der Morgendämmerung unter der Gruppe von Inseln, deren südlichste den Schatz barg. Am zweiten Abende landeten die Schiffe an einem kleinen Eiland, und nun fand der erste Verkehr zwischen den Soldaten des einen Bootes und denen des andern statt. Auch Philipp hatte Gelegenheit, sich für eine Weile mit Krantz bei Seite zu benehmen. Als sie am andern Morgen aussegelten, führte Pedro offen das Wort. Er bemerkte Krantz, daß die Soldaten des Boots ihren Entschluß gefaßt hätten, und er zweifle nicht, daß es bei den andern noch vor Abend ebensoweit kommen werde, obgleich sich Letztere vor der Einschiffung noch nicht entschieden für einen Anschluß an sie ausgesprochen hätten. Sie wollten den Kommandanten tödten, dann nach Batavia segeln und von dort nach Europa zurückzukommen suchen »Aber könntet ihr euer Ziel nicht auch ohne Mord erreichen?« »Wohl; aber auch unsere Rache verlangt Befriedigung. Ihr wißt nicht, welche Behandlung wir von seinen Händen erlitten haben, und wie angenehm uns auch das Geld sein mag, so ist doch sein Tod weit süßer. Außerdem – hat er sich nicht vorgenommen, uns Alle in einer oder der andern Weise um's Leben zu bringen? Wir üben nur Gerechtigkeit. Und wenn auch kein anderes Messer bereit wäre – das meinige ist's!« »Und auch die unsrigen!« riefen die übrigen Soldaten, die Hand an ihre Waffen legend. Eine weitere Tagfahrt brachte sie auf zwanzig Meilen in die Nähe der Insel, denn Philipp hatte sich die Erkennungszeichen gut gemerkt. Sie landeten abermals und begaben sich zur Ruhe: der Kommandant träumte von Schätzen und Rache, während die Soldaten unter sich ausmachten, daß die Ausgrabung des Geldes, nach welchem er sich so heiß sehnte, das Signal zu seinem Tode geben sollte. Abermals schifften sie sich ein, und der Kommandant achtete nicht auf die düsteren zürnenden Gesichter, die ihn umgaben. Er war lauter Heiterkeit und Höflichkeit. Rasch schwammen sie über die dunkelblaue See zwischen den schönen Inseln hin, und ehe noch die Sonne drei Stunden am Himmel stand, erkannte Philipp die gesuchte Stelle. Er machte den Kommandanten auf den gezeichneten Cocosbaum aufmerksam, der als Wegweiser nach dem Orte diente, wo der Schatz begraben lag. Sie landeten an dem sandigen Ufer, und der ungeduldige kleine Offizier befahl, unverweilt die Schaufeln ans Land zu schaffen, ohne sich träumen zu lassen, daß jeder gewonnene Augenblick seinem Leben abgerechnet wurde und daß die Andern in gleicher Weise lächelnd mit ihm über Verrath brüteten. Die Soldaten langten unter dem Baume an – die Schaufel hatte bald den leichten Sand beseitigt und in wenigen Minuten lag der Schatz offen vor den Blicken da. Beutel um Beutel wurde herausgehoben und die frei daliegenden Dollars in Haufen gesammelt. Zwei Mann waren nach den Schiffen geschickt worden, um Säcke für das lose Geld herbeizuholen, und die Soldaten hatten ihre Arbeit eingestellt; sie legten ihre Spaten bei Seite, tauschten Blicke aus und setzten sich in Bereitschaft. Der Kommandant wandte sich ab, um den Beiden, welche er nach den Säcken ausgeschickt hatte, Eile zuzurufen, als sich zu gleicher Zeit drei oder vier Messer durch seinen Rücken bohrten; er fiel und wollte eben zu toben anfangen, als eine gleiche Anzahl sich in seine Brust begrub – und er lag als Leiche da. Philipp und Krantz blieben stumme Zuschauer – die Messer wurden wieder herausgezogen, abgewischt und in die Scheiden gesteckt. »Er hat seinen Lohn dahin,« sagte Krantz. »Ja,« riefen die portugiesischen Soldaten – »Gerechtigkeit, nichts als Gerechtigkeit!« »Signores, ihr sollt gleichfalls euren Antheil haben, oder etwa nicht, Kameraden?« »Ja! ja!« »Nicht einen Dollar, meine guten Freunde,« entgegnete Philipp. »Nehmt alles Geld und mögt ihr glücklich damit sein. Wir verlangen von euch weiter nicht, als euren Beistand, um nach dem Orte unserer Bestimmung zu gelangen. Ehe ihr aber das Geld theilt, erweist mir den Gefallen, die Leiche dieses unglücklichen Mannes zu begraben.« Die Soldaten gehorchten; sie nahmen ihre Schaufeln wieder auf und hatten bald ein seichtes Grab ausgehöhlt. Die Leiche des Kommandanten wurde hineingeworfen und den Blicken für immer entzogen. Neununddreißgstes Kapitel. Kaum hatten die Soldaten ihr Geschäft beendigt und ihre Schaufeln weggeworfen, als sie unter sich zu streiten begannen. Es schien, daß dieses Geld wieder Anlaß zu Mord und Blutvergießen geben sollte. Philipp und Krantz waren entschlossen, unverzögert in einer der Piroquen auszusegeln und die Leute mit einander zanken zu lassen, so lange es ihnen gutdünkte. Unser Held bat die Soldaten um Erlaubniß, von dem Mund- und Wasservorrathe, der in großer Menge vorhanden war, einen reichlicheren Antheil zu nehmen, indem er erklärte, daß ihm und Krantz eine lange Reise bevorstünde, während sie selbst den Abgang mit Cocosnüssen ersetzen könnten. Die Soldaten, welche an nichts dachten, als an ihren neugewonnenen Reichthum, zeigten sich willfährig. Unsere Freunde sammelten nun gleichfalls möglichst viele Cocosnüsse, um ihren eigenen Proviantvorrath zu bereichern, schifften sich gegen Mittag ein und setzten die Segel der Piroque aus, die Soldaten abermals mit gezogenen Messern zurücklassend; die Letztern waren in einem so wüthenden Streite begriffen, daß sie auf die Abreise der beiden Fremden gar nicht achteten. »Da gibt es vermutlich wieder den nämlichen Auftritt, wie früher,« bemerkte Krantz, als das Fahrzeug rasch von dem Ufer abstieß. »Ich zweifle nicht daran; seht nur, sie sind schon wieder mit Schlägen und Messerstichen an einander.« »Wenn ich dem Orte einen Namen geben müßte, so würde ich ihn die » verfluchte Insel « nennen.« »Würde es aber nicht an jeder andern ebenso zugehen, wenn so viel vorhanden ist, um die Leidenschaften der Menschen zu entflammen?« »Allerdings; welch' ein Fluch ist nicht das Gold!« »Und welch' ein Segen!« versetzte Krantz. »Es thut mir leid, daß Pedro bei ihnen geblieben ist.« »Es ist ihre Bestimmung,« entgegnete Philipp; »wir wollen daher nicht mehr an sie denken. Was habt Ihr jetzt vorzuschlagen? Mit diesem Fahrzeug, so klein es auch ist, können wir sicher über's Meer segeln; auch glaube ich, daß unser Mundvorrath für mehr als einen Monat ausreicht.« »Ich meine, wir sollten in der Fahrstraße gen Westen laufen, und so nach Goa zu kommen suchen.« »Wenn uns nichts zustößt, so können wir jedenfalls ohne Gefahr die Straße hinauf bis nach Pulo Penang kommen und dort in Sicherheit verbleiben, bis ein Schiff vorbeisegelt.« »Ich bin mit Euch einverstanden. Es ist der beste, wo nicht der einzige Platz, wenn wir nicht etwa nach Cochin gehen wollen, wo wir darauf zählen dürfen, stets auf Junken zu treffen, die nach Goa ausfahren.« »Das würde übrigens zu weit aus unserem Wege liegen, und die Junken können nicht wohl an uns vorbeikommen, ohne daß wir ihrer ansichtig werden.« Es wurde ihnen nicht schwer, ihren Kurs zu steuern; bei Tag bildeten die Inseln und bei Nacht die hellen Sterne ihren Kompaß. Allerdings verfolgten sie nicht die geradeste Richtung, da sie lieber die sicherere wählten, denn sie arbeiteten sich durch das glatte Wasser aufwärts und kamen so mehr nach Norden, als gen Westen. Sie wurden oft von den malaiischen Proas gejagt, welche die Inseln unsicher machten, verdankten aber der Geschwindigkeit der kleinen Piroque ihre Rettung. In der That wurde auch in der Regel die Verfolgung von selbst aufgegeben, sobald die Piraten entdeckten, mit was für einem kleinen Fahrzeuge sie es zu thun hatten, indem sie sich von demselben nur wenig oder gar keine Beute versprachen. Daß Amine und Philipps Sendung das Hauptthema ihrer Gespräche bildeten, läßt sich leicht denken. Eines Morgens, als sie mit ungewöhnlich schwachem Winde zwischen den Inseln hinsegelten, bemerkte Philipp: »Krantz, Ihr sagtet, daß Ihr Euch aus Eurem eigenen Leben gewisser Vorfälle zu erinnern wüßtet, welche im Stande seien, die geheimnißvolle Erzählung, die ich Euch anvertraute, zu bekräftigen. Wollt Ihr mir wohl sagen, auf was sich jene Worte beziehen?« »Allerdings,« versetzte Krantz; »ich habe mir oft vorgenommen, die Sache zur Sprache zu bringen, aber stets ist einer oder der andere Umstand dazwischen getreten. Jetzt haben wir übrigens eine passende Gelegenheit; macht Euch aber darauf gefaßt, eine seltsame Geschichte zu hören – vielleicht eben so seltsam, als Eure eigene.« »Ohne Zweifel habt Ihr schon von dem Harzgebirg sprechen hören?« fügte Krantz fragend bei. »Nicht, daß ich mich erinnern könnte,« entgegnete Philipp. »Indeß habe ich in einem Buche darüber gelesen, in welchem gar wunderliche Dinge, die sich dort zugetragen haben sollen, berichtet werden.« »Es ist eine wilde Gegend,« erwiderte Krantz, »und man erzählt sich davon manche wundersame Mähren; aber so seltsam sie auch klingen mögen, habe ich doch guten Grund, sie für wahr zu halten. Wie gesagt, Philipp, ich glaube vollkommen an Eure Beziehung zu einer andern Welt, an die Geschichte von Eurem Vater und an die Rechtmäßigkeit Eurer Sendung, denn ich trage die Ueberzeugung in mir, daß wir von Wesen umgeben sind, die eine ganz andere Natur haben; und daß sie Einfluß auf uns üben können, werdet auch Ihr anerkennen, sobald ich Euch namhaft mache, was sich in meiner eigenen Familie zugetragen hat. Warum so übelwollende Wesen, wie diejenigen, von denen ich zu sprechen im Begriffe bin, mit uns in Verkehr treten und, ich mochte sagen, beziehungsweise harmlose Sterbliche züchtigen dürfen, geht über mein Fassungsvermögen; indeß ist es zuverlässig, daß es ihnen wirklich zuweilen gestattet ist.« »Das große Prinzip alles Bösen erfüllt sein böses Werk; warum sollten nicht untergeordnete Geister aus derselben Reihe ein Gleiches thun können?« fragte Philipp. »Was liegt im Grunde daran, ob unsere Heimsuchungen von der Feindschaft unserer Nebenmenschen herrühren, oder ob wir von Wesen verfolgt werden, die mächtiger und böswilliger sind, als wir selbst? Wir wissen, daß wir an unserer Erlösung zu arbeiten haben und daß wir gerichtet werden nach unserem Vermögen. Wenn es übrigens böse Wesen gibt, die eine Freude daran haben, den Menschen zu schaden, so muß es zuverlässig auch, wie Amine behauptet, gute Geister geben, die sich glücklich darin fühlen, ihnen zu dienen. Ob wir nun bloß gegen unsere Leidenschaften oder außer diesen auch gegen den verderblichen Einfluß unsichtbarer Feinde zu kämpfen haben, so gestaltet sich doch das Verhältniß stets zu unseren Gunsten, da das Gute stärker ist, als das Böse, mit dem mir ringen. Jedenfalls sind wir im Vortheil, ob wir nun in dem ersten Falle einzeln für die gute Sache streiten, oder im zweiten die himmlischen Heerschaaren auf unserer Seite haben. So stehen die Wagschaalen der göttlichen Gerechtigkeit im Gleichgewicht; der Mensch kann frei handeln, und seine eigenen guten oder schlimmen Neigungen müssen stets entscheiden, ob er siegen oder unterliegen wird.« »Ganz richtig,« versetzte Krantz. »Doch jetzt zu meiner Geschichte. »Mein Vater stammt nicht ursprünglich aus dem Harzgebirge – er war der Leibeigene eines reichen ungarischen Edelmanns in Siebenbürgen, aber trotz seiner sklavischen Stellung doch keineswegs arm oder ungebildet, sondern sogar sehr vermöglich, und er stand um seiner Einsicht willen in solcher Achtung, daß ihn sein Gebieter zum Verwalter gemacht hatte. Wer übrigens als Leibeigener geboren ist, muß Leibeigener bleiben, und wenn er auch noch so reich würde – und dies war die Stellung meines Vaters. Er war etwa fünf Jahre verheirathet und hatte aus seiner Ehe drei Kinder erzielt – meinen ältern Bruder Cäsar, mich (Hermann) und eine Schwester, Namens Marcella. Ihr wißt, Philipp, daß das Lateinische die Sprache ist, welche noch immer in jener Gegend gesprochen wird, und aus diesem Umstände werdet Ihr unsere hochtönenden Namen erklärlich finden. Meine Mutter war eine sehr schöne Frau, leider aber weit schöner, als tugendhaft. Der Grundherr sah und liebte sie; mein Vater wurde in irgend einem Auftrage entfernt, und während seiner Abwesenheit ergab sich meine Mutter, geschmeichelt und gewonnen durch die Aufmerksamkeiten des Edelmanns, seinen Wünschen. Es traf sich, daß mein Vater ganz unerwartet zurückkehrte und den Handel entdeckte. Der Beweis von meiner Mutter Schmach war augenfällig, denn er überraschte sie in der Gesellschaft ihres Verführers. Durch die Leidenschaftlichkeit seiner Gefühle hingerissen, ersah er die Gelegenheit, bis wieder eine Zusammenkunft zwischen Beiden stattfand, und ermordete sowohl seine Gattin, als den ehebrecherischen Grundherrn. Er wußte, daß einem Leibeigenen nicht einmal die schwere Kränkung, die er erfahren, zur Rechtfertigung dienen konnte, weshalb er in der Eile all sein verfügbares Geld sammelte, seine Pferde an den Schlitten spannte (denn es war tiefer Winter) und mitten in der Nacht mit seinen Kindern aufbrach, um zu entweichen, ehe der traurige Vorfall ruchbar wurde. Wo er auch im Vaterlande bleiben mochte und die Behörden Hand an ihn legen konnten, war keine Aussicht der Rettung für ihn zu hoffen, weshalb er seine Flucht ohne Unterlaß fortsetzte, bis er sich in dem Irrgewinde und in der Abgeschiedenheit des Harzgebirges begraben hatte. Natürlich erfuhr ich Alles, was ich Euch jetzt mittheile, erst später. Meine ältesten Rückerinnerungen knüpfen sich an eine rohe, aber doch gemächliche Hütte, in welcher ich mit Vater, Bruder und Schwester lebte. Sie lag an der Gränze einer jener ungeheuren Forsten, welche den nördlichen Theil von Deutschland bedecken – darum her einige Morgen Landes, welche mein Vater während der Sommermonate bebaute, so sich eine zwar dürftige, aber doch für unsern Unterhalt hinreichende Ernte sichernd. Zur Winterszeit blieben wir meist im Hause, denn da mein Vater der Jagd nachging, so waren wir allein, und die Wölfe streiften ohne Unterlaß draußen umher. Mein Vater hatte das Grundstück sammt der Hütte einem der rauhen Wäldler abgekauft, welche sich theils von der Jagd, theils vom Brennen der Kohlen nähren, die man in den benachbarten Minen zum Erzschmelzen verwendet. Die nächste Wohnung war ungefähr eine Stunde von uns entfernt. Ich kann mir noch jetzt die ganze Gegend gut vergegenwärtigen – die hohen Tannen, die auf den Gebirgen über uns sich himmelwärts streckten, und die weite Waldfläche unten, auf deren Gipfel wir von unserer Hütte aus niedersahen, da das Gebirg jäh in das Thal abstieg. Im Sommer war die Aussicht schön, dagegen im strengen Winter die Landschaft so verödet, wie man sich kaum eine andere denken kann. »Ich sagte, daß sich mein Vater im Winter mit der Jagd beschäftigte. Er zog jeden Tag aus und pflegte oft die Thüre zu verschließen, damit wir die Hütte nicht verlassen mochten. Er hatte Niemand, der ihm beistand oder Sorge für uns trug – denn es war nicht leicht, eine Frauensperson aufzufinden, die in einer solchen Einöde leben mochte. Doch auch andernfalls würde mein Vater kein Weib in's Haus genommen haben, denn er hatte einen Abscheu vor dem ganzen Geschlecht, was sich auch schon aus seinem Benehmen gegen uns; seine zwei Knaben, und gegen meine arme kleine Schwester Marcella erkennen ließ. Ihr könnt Euch denken, daß wir auf eine klägliche Weise vernachlässigt wurden. Wir hatten in der That viel durchzumachen, denn wenn unser Vater auszog, so gestattete er uns aus Furcht, wir möchten zu Schaden kommen, nicht einmal Brennholz, weßhalb wir uns genöthigt sahen, in die Bärenhäute zu kriechen und uns so Wärme zu verschaffen, bis er Abends wieder zurückkehrte und zu unserer Freude Feuer anzündete. Daß mein Vater eine so unruhige Lebensweise wählte, mag sonderbar erscheinen; aber es war Thatsache, daß er nirgends Rast fand – sei es nun aus Gewissensbissen über den begangenen Mord, oder aus Schmerz über die traurige Veränderung seiner Lage. Vielleicht wirkte auch Beides zusammen – kurz, er fühlte sich nicht wohl, wenn er nicht unablässig thätig war. Kinder, die sich viel selbst überlassen bleiben, gelangen bald zu einer Nachdenksamkeit, die bei ihrem Alter nicht gewöhnlich ist. Dies war auch bei uns der Fall; während der kurzen, kalten Wintertage saßen wir schweigend bei einander und sehnten uns nach den glücklichen Stunden, wann der Schnee schmölze, die Blätter ausschlügen, die Vögel sängen und wir wieder in Freiheit gesetzt würden. »In diesem Zustande der Verwilderung verbrachten wir unser Leben, bis mein Bruder neun, ich sieben und meine Schwester fünf Jahre alt war. Um diese Zeit ereigneten sich Umstände, welche die Grundlage zu der außerordentlichen Erzählung bilden, die ich Euch mitzutheilen im Begriffe bin. »Eines Abends kehrte mein Vater etwas später zurück, als gewöhnlich. Er hatte keine Jagdbeute aufgetrieben, und da das Wetter sehr streng, zugleich auch der Boden viele Fuß tief mit Schnee bedeckt war, so kam er nicht nur sehr erfroren, sondern auch in bitter übler Laune nach Hause. Er brachte Holz herein, und wir alle drei halfen einander, die Asche zu einer hellen Flamme anzublasen, als er mit einem Male die arme kleine Marcella am Arm ergriff und bei Seite schleuderte. Das Kind fiel auf den Mund und blutete reichlich. Mein Bruder eilte herzu, um sie aufzuheben. An üble Behandlung gewöhnt und aus Furcht vor meinem Vater wagte sie nicht zu weinen, sondern sah nur mit einer kläglichen Miene zu ihm auf. Mein Vater rückte seinen Schemel näher an den Herd, murmelte einige Schimpfworte über die Weiber und machte sich mit dem Feuer zu schaffen, welches sowohl ich als mein Bruder verlassen hatten, sobald wir unsere Schwester so unfreundlich behandelt sahen. Eine lodernde Flamme war bald das Resultat seiner Bemühungen, aber wir drängten uns nicht wie sonst darum her. Marcella, die in einer Ecke kauerte, blutete noch immer, und wir Brüder nahmen unsere Sitze an ihrer Seite, während sich mein Vater düster und einsam über das Feuer lehnte. Wir mochten etwa eine halbe Stunde so gesessen haben, als das Geheul eines Wolfes dicht unter den Fenstern der Hütte in unsere Ohren drang. Mein Vater fuhr auf und griff nach seinem Gewehre. Das Geheul wiederholte sich; er untersuchte die Zündpfanne und verließ eilig die Wohnung, die Thüre hinter sich abschließend. Wir warteten Alle in ängstlicher Spannung, weil wir glaubten, wenn es ihm gelinge, den Wolf zu erlegen, würde er in einer besseren Stimmung zurückkehren, denn obgleich er hart gegen uns Alle, namentlich aber gegen unsere kleine Schwester war, so liebten wir ihn doch und freuten uns, ihn heiter zu sehen – was hatten wir auch sonst? Ich muß hier bemerken, daß sich vielleicht nie drei Kinder so innig liebten, wie wir uns gegenseitig. Nie gab es, wie es sonst gewöhnlich, Zank und Hader unter uns, und wenn je zuweilen zwischen mir und meinem älteren Bruder eine Mißhelligkeit sich erhob, so eilte die kleine Marcella auf uns zu, küßte uns und stellte durch ihre Bitten den Frieden wieder her. Marcella war ein liebliches Kind; ich kann mir noch jetzt ihre schönen Züge vergegenwärtigen. Ach, arme kleine Marcella!« »So ist sie also todt?« bemerkte Philipp. »Todt! ja, todt – aber wie sie starb! doch ich darf meiner Erzählung nicht vorgreifen, Philipp, und will fortfahren. »Wir warteten eine Weile, aber der Knall des Gewehrs erreichte uns nicht und mein älterer Bruder sagte: ›der Vater ist dem Wolfe nachgegangen und wird sobald nicht zurückkehren. Komm, Marcella, wir wollen dir das Blut von dem Munde waschen und dann uns an dem Feuer wärmen.‹ »Wir thaten dies und blieben bis gegen Mitternacht an dem Feuer sitzen, mit jeder Minute mehr verwundert, warum unser Vater nicht zurückkehrte. Wir hatten keinen Begriff davon, daß er vielleicht in Gefahr sein konnte, sondern meinten eben, er habe den Wolf sehr weit verfolgt. ›Ich will hinaussehen, ober der Vater nicht kommt‹ sagte mein Bruder Cäsar, nach der Thüre gehend. ›Nimm dich in Acht,‹ entgegnete Marcella; ›die Wölfe könnten um den Weg sein, und wir sind nicht im Stande, sie zu tödten, Bruder.‹ Mein Bruder öffnete vorsichtig die Thüre, aber nur einige Zoll weit und blickte hinaus. – ›Ich sehe nichts‹ sagte er nach einer Weile und kehrte abermals nach dem Feuer zurück. ›Wir haben nichts zum Nachtessen gehabt,‹ sagte ich; denn mein Vater pflegte gewöhnlich zu kochen, sobald er nach Hause kam. Während seiner Abwesenheit hatten wir nichts, als die Ueberbleibsel des vorhergehenden Tages. »›Und wenn der Vater nach seiner Jagd nach Hause kommt, Cäsar,‹ sagte Marcella, ›so wird er sich freuen, wenn er etwas zu essen kriegt; wir wollen für ihn und für uns kochen.‹ Cäsar stieg auf den Schemel und langte etwas Fleisch herunter – ich weiß nicht mehr, ob es von einem Hirsch oder von einem Bären war. Genug, wir schnitten die gewöhnliche Portion ab und richteten sie zu, wie wir es unter unseres Vaters Aufsicht zu thun pflegten. Eben waren wir beschäftigt, es in der Kachel über das Feuer zu setzen, als wir den Ton eines Horns vernahmen. Wir horchten – draußen ließ sich kein Laut mehr vernehmen, und einige Minuten später trat mein Vater ein, eine junge Frau und einen großen schwärzlichen Mann in Jägertracht hereinführend. »Vielleicht ist's besser, daß ich gleich jetzt berichte, was mir erst viele Jahre nachher bekannt wurde. Als mein Vater die Hütte verließ, bemerkte er etwa dreißig Ellen vor sich einen großen weißen Wolf, der sich, sobald er meinen Vater sah, langsam mit Knurren immer weiter zurückzog. Mein Vater folgte ihm; das Thier ergriff keine eilige Flucht, sondern hielt sich stets in der gleichen Entfernung. Mein Vater mochte nicht Feuer geben, bis er seines Zieles gewiß war. So ging es eine Weile fort, indem der Wolf meinen Vater bald weit hinter sich zurückließ, bald wieder Halt machte und ihn herausfordernd anheulte, dann aber wieder weiter jagte. »Voll Begier, das Thier zu erlegen (denn der weiße Wolf ist sehr selten), setzte mein Vater die Verfolgung mehrere Stunden fort, dabei immer das Gebirge hinansteigend. »Ihr müßt wissen, Philipp, daß es in jenen Gebirgen besondere Stellen gibt, von denen man – und wie meine Erzählung beweisen wird, mit Recht – annimmt, daß sie von bösen Wesen bewohnt werden. Derartige Orte sind den Jägern wohl bekannt und werden deshalb stets von ihnen gemieden. Einer derselben – ein offener Platz in dem Tannenwalde über uns, war meinem Vater namentlich als gefährlich bezeichnet worden. Sei es nun, daß er diesen Mähren nicht glaubte oder in der Hitze seiner Jagd nicht darauf achtete – kurz, so viel ist gewiß, daß er sich durch den weißen Wolf nach jener Stelle locken ließ, wo das Thier auf einmal seine Hast zu ermäßigen schien. Mein Vater näherte sich, kam ganz dicht auf den Wolf zu, erhob sein Gewehr und war eben im Begriffe, Feuer zu geben, als das Thier plötzlich verschwand. Er dachte, der Schnee auf dem Boden müsse sein Gesicht geblendet haben, und senkte seine Waffe, um sich nach der Bestie umzusehen – aber sie war fort; wie sie über die Lichtung entkommen konnte, ohne daß er es bemerkte, vermochte er nicht zu begreifen. Aergerlich über den schlechten Erfolg seiner Jagd, war er eben im Begriffe, wieder umzukehren, als er den fernen Ton eines Hornes vernahm. Dies zu einer solchen Stunde und in einer derartigen Wildniß! In seinem Erstaunen vergaß er für einen Augenblick seine getäuschte Erwartung und blieb wie festgewurzelt an der Stelle stehen. Eine Minute später schallte das Horn zum zweitenmal und zwar in nicht großer Entfernung. Mein Vater blieb noch immer und lauschte – endlich ließ sich der Ton zum drittenmale vernehmen. Ich vergaß den Ausdruck, womit man derartige Rufe bezeichnet; es war übrigens das Signal, durch welches, wie mein Vater wohl wußte, Jemand kund that, daß er sich in den Wäldern verirrt hatte. Einige Minuten später sah mein Vater einen Mann zu Pferde, der ein Frauenzimmer hinter sich hatte, in der Lichtung anlangen und auf ihn zureiten. Zuerst rief er sich die wundersamen Geschichten von den übernatürlichen Wesen in's Gedächtniß, von denen der Sage nach diese Gebirge bewohnt werden; als aber der Reiter näher kam, überzeugte er sich, daß dieser und die Frau Sterbliche waren, wie er selbst. Der Fremde rief ihm zu: ›Freund Jäger, Ihr seid spät aus – ein Glück für uns. Wir sind weit geritten und fürchten für unser Leben, dem man mit Eifer nachstellt. Diese Gebirge haben uns in die Lage gesetzt, unsere Verfolger zu täuschen; aber wenn wir nicht ein Obdach und Erfrischung finden, wird es uns wenig nützen, da wir sonst vor Hunger und Frost umkommen müssen. Meine Tochter, die hinter mir reitet, ist jetzt schon mehr todt als lebendig. Sagt an, könnt Ihr uns in unserer Noth beistehen?‹ »›Meine Hütte ist nicht sehr weit entfernt,‹ versetzte mein Vater; ›aber ich habe Euch nur wenig zu bieten außer einem Schutze gegen das Wetter. Was es übrigens auch sein mag, Ihr seid willkommen. Darf ich fragen, woher Ihr seid?‹ »›Ja, mein Freund; es ist jetzt kein Geheimniß mehr. Wir sind aus Siebenbürgen entwichen, wo der Ehre meiner Tochter und meinem Leben gleiche Gefahr drohte!‹ »Diese Nachricht reichte zu, in dem Herzen meines Vaters Interesse zu wecken. Er erinnerte sich seiner eigenen Flucht und gedachte der verlorenen Ehre seines Weibes, wie auch des traurigen Vorfalls, der daraus entsprungen. Er bot ihnen unverweilt mit Wärme alle Hülfe an, die ihm zu Gebote stand. »›So verliert keine Zeit, guter Mann,‹ bemerkte der Reiter. ›Meine Tochter ist halb todt vor Frost und kann es nicht viel länger in diesem bitter kalten Wetter aushalten.‹ »›Folgt mir,‹ versetzte mein Vater, auf dem Wege nach seiner Wohnung vorangehend. »›Ich ließ mich durch die Verfolgung eines großen weißen Wolfs verlocken,‹ fuhr er fort;›er kam bis unter die Fenster meiner Hütte, sonst wäre ich nicht so spät in der Nacht noch außen gewesen.‹ »›Das Thier huschte an uns vorbei, als wir eben aus dem Wald traten,‹ sagte das Frauenzimmer mit einer Silberstimme. »›Ich hätte beinahe mein Gewehr darnach abgefeuert,‹ versetzte der Jäger; ›nun es uns aber einen so guten Dienst geleistet hat, freut es mich, daß ich es entkommen ließ.‹ »In ungefähr anderthalb Stunden, während welcher mein Vater nach Kräften ausholte, langten sie an der Hütte an und traten, wie bereits bemerkt, in unsere Stube. »›Wir kommen, scheint's, zu gelegener Zeit,‹ bemerkte der Jäger, den Duft des gebratenen Fleisches in die Nase ziehend, während er auf das Feuer zuging und mich nebst meinen Geschwistern musterte. ›Ihr habt junge Köche hier, mein Herr.‹ »›Freut mich, daß wir nicht zu warten brauchen,‹ versetzte mein Vater. ›Kommt, Fräulein, setzt Euch an das Feuer; Ihr könnt nach dem kalten Ritte die Wärme wohl brauchen.‹ »›Und wo kann ich mein Pferd einstellen, mein Herr?‹ fragte der Jäger. »›Ich will Sorge dafür tragen,‹ entgegnete mein Vater, zur Thüre hinausgehend. »Ich muß jetzt das Frauenzimmer besonders beschreiben; sie war jung, dem Anscheine nach etwa zwanzig Jahre alt, hatte ein breit mit weißem Pelzwerk besetztes Reisekleid an, und trug eine Mütze von weißem Hermelin auf dem Kopfe. Ihr Antlitz war sehr schön – wenigstens kam es mir so vor, und mein Vater hat später dasselbe erklärt. Ihr glattes, flachsgelbes Haar glänzte wie ein Spiegel, und ihr Mund, wenn gleich etwas groß, wenn er geöffnet war – zeigte die schönsten Zähne, die ich je gesehen habe. Dennoch lag Etwas in ihren funkelnden Augen, was uns Kinder fürchten machte; sie waren so unruhig und unheimlich – ich konnte mir damals keinen Grund angeben, aber doch war es mir, als ob eine gewisse Grausamkeit darin liege, und wenn sie uns heranwinkte, näherten wir uns ihr nur mit Angst und Zittern. Aber demungeachtet war sie schön, sehr schön. Sie sprach freundlich mit mir und meinem Bruder, indem sie uns auf die Köpfe pätschelte und uns liebkoste; Marcella mochte sich jedoch nicht in ihre Nähe wagen, sondern schlich fort, versteckte sich in ihrem Bette und wollte nicht auf das Nachtessen warten, nach dem sie sich doch eine Viertelstunde früher so sehr gesehnt hatte. »Mein Vater kehrte, sobald er das Pferd in dem nahegelegenen Schuppen untergebracht hatte, wieder zurück, und das Nachtessen wurde auf den Tisch gesetzt. Als es vorüber war, bat mein Vater die junge Dame, von seinem Bette Gebrauch zu machen, da er mit ihrem Vater bei dem Feuer sitzen wolle. Nach einigem Zögern von ihrer Seite wurde das Erbieten angenommen, und nun kroch ich mit meinem Bruder zu Marcella in das andere Bett, denn wir hatten stets beisammen geschlafen. »Wir konnten jedoch nicht zur Ruhe kommen. Es lag etwas so Ungewöhnliches nicht nur in der Erscheinung fremder Leute, sondern auch in dem Umstande, daß sie in der Hütte schlafen sollten – wir fühlten uns ganz verwirrt. Was die arme kleine Marcella betraf, so verhielt sie sich ruhig; aber ich bemerkte, daß sie die ganze Nacht durch zitterte, und bisweilen kam es mir vor, als ob sie ein Schluchzen zu unterdrücken suche. Mein Vater hatte etwas Branntwein herausgebracht, den er nur selten gebrauchte, und er und der Jäger blieben vor dem Feuer sitzen, die Zeit sich mit Trinken und Plaudern vertreibend. Unsere Ohren lauschten auf jedes Wörtchen, und unsere Neugierde wurde nicht wenig erregt. »›Ihr kommt also aus Siebenbürgen?‹ bemerkte mein Vater. »›Ja, mein Herr,‹ versetzte der Jäger. ›Ich war Leibeigener in dem adeligen Hause von – – Mein Gebieter wollte haben, daß ich meine Tochter seinen Wünschen preisgebe, und die Sache nahm damit ein Ende, daß ich ihm einige Zoll meines Waidmessers zu kosten gab.‹ »›Wir sind Landsleute und Leidensbrüder,‹ entgegnete mein Vater, die Hand des Jägers erfassend und sie mit Wärme drückend. »›Wirklich? Ihr seid also auch aus diesem Lande?‹ »›Ja, und habe gleichfalls durch Flucht mein Leben retten müssen. Ach, es ist eine traurige Geschichte.‹ »›Euer Name?‹ »›Krantz.‹ »›Wie? Krantz von – –? Ich habe Eure Geschichte gehört; Ihr habt daher nicht nöthig, Euren Schmerz durch eine Wiederholung derselben zu erneuern. Willkommen, von Herzen willkommen, mein Herr – und ich darf wohl sagen – mein würdiger Vetter; denn das bin ich. Ich bin Wilfried von Barnsdorf,‹ rief der Jäger sich erhebend und meinen Vater umarmend. »Sie füllten ihre Hornbecher bis zum Rand und stießen nach deutscher Sitte mit einander an. Die Unterhaltung wurde nun in leiserem Tone geführt und wir konnten nicht weiter daraus entnehmen, als daß unser neuer Vetter und seine Tochter wenigstens vorderhand ihren Aufenthalt in unserer Hütte nehmen sollten. Nach einer Stunde waren die beiden Männer in ihren Stühlen zurückgesunken und schienen zu schlafen. »›Liebe Marcella, hast du gehört?‹ fragte mein Bruder in gedämpftem Tone. ›Ja,‹ versetzte Marcella flüsternd; ›ich habe Alles gehört. O Bruder, ich kann den Anblick dieser Frau nicht ertragen – es wird mir bange in ihrer Nähe.‹ »Mein Bruder gab keine Antwort und bald nachher lagen wir alle drei in tiefem Schlafe. »Als wir am andern Morgen erwachten, fanden wir, daß die Tochter des Jägers vor uns aufgestanden war. Sie däuchte mir schöner zu sein, als je. Sie kam auf die kleine Marcella zu und liebkoste sie; das Kind aber brach in Thränen aus und schluchzte, als ob ihm das Herz brechen sollte. »Ich will jedoch die Geschichte nicht zu weit ausspinnen. Der Jäger und seine Tochter richteten sich in der Hütte ein. Mein Vater ging täglich mit ihm auf die Jagd und ließ Christina bei uns. Sie verrichtete alle Obliegenheiten des Hauswesens, war sehr freundlich gegen uns Kinder, und allmälig verlor sich auch die Abneigung der kleinen Marcella. In meinem Vater hatte jedoch eine große Veränderung stattgefunden. Er schien seinen Groll gegen das andere Geschlecht überwunden zu haben und erwies Christina alle nur erdenklichen Aufmerksamkeiten. Oft blieb er mit ihr, nachdem ihr Vater und wir bereits im Bette waren, beim Feuer sitzen, in leisem Tone ein Gespräch unterhaltend. Ich hätte bemerken sollen, daß mein Vater und der Jäger Wilfried in einem andern Theile der Hütte schliefen, denn das Bett, welches er früher eingenommen hatte und das mit dem unsrigen in dem gleichen Gemache stand, war an Christina abgetreten worden. Die Gäste hatten ungefähr drei Wochen in der Hütte gewohnt, als eines Abends, nachdem wir Kinder zu Bette geschickt worden waren, eine Berathung abgehalten wurde. Mein Vater hatte um Christinens Hand geworben und sowohl ihre, als ihres Vaters Einwilligung erhalten. Nachdem das Jawort gegeben war, fand eine Unterredung statt, welche, soweit ich mich erinnern kann, folgendermaßen lautete: »›Ihr sollt mein Kind haben, Herr Krantz, und meinen Segen dazu. Ich verlasse Euch dann und suche eine andere Wohnung – gleichviel, wo es auch ist.‹ »›Aber warum nicht hier bleiben, Wilfried?‹ »›Nein, nein, ich bin anderswohin berufen; begnügt Euch damit und stellt keine weitern Fragen an mich. Ihr habt mein Kind.‹ »›Ich danke Euch und werde sie gebührend in Ehren halten; aber es ist noch eine Schwierigkeit vorhanden.‹ »›Ich weiß, was Ihr sagen wollt – man hat hier in dieser wilden Gegend keinen Priester. Ebensowenig gibt es ein anderes bindendes Gesetz, und doch muß eine Ceremonie unter Euch stattfinden, um den Vater zufrieden zu stellen. Wollt Ihr einwilligen, sie nach meiner Weise zu heirathen? In diesem Falle will ich Euch unverweilt zusammengeben.‹ »›Ja,‹ lautete die Antwort meines Vaters. »›So nehmt sie bei der Hand. Wohlan, Herr Krantz, schwört mir nach.‹ »›Ich schwöre,‹ entgegnete mein Vater. »›Bei allen Geistern des Harzgebirges« –‹ »›Ei, warum nicht beim Himmel?‹ unterbrach ihn mein Vater. »›Weil es mir so gefällt,‹ versetzte Wilfried. ›Wenn ich diesen Eid, der vielleicht weniger bindend ist, als ein anderer, vorziehe, so werdet Ihr doch zuverlässig nichts dagegen einzuwenden haben?‹ »›Nun, so sei es denn, weil es Euch so gefällt. Aber warum wollt Ihr mich bei Etwas schwören lassen, an was ich nicht glaube?‹ »›Das thun noch Viele, die dem Aeußeren nach Christen sind,‹ entgegnete Wilfried. ›Sagt, ob ich Euch meine Tochter geben, oder ob ich sie mit mir fortnehmen soll?‹ »›Fahrt fort,‹ erwiderte mein Vater ungeduldig. »›Ich schwöre bei allen Geistern des Harzgebirgs und bei ihrer Macht, Gutes oder Böses zu wirken, daß ich Christina für mein angetrautes Weib nehme, daß ich sie immer schützen, pflegen und lieben will; daß sich meine Hand nie gegen sie erheben soll, um ihr ein Leides zu thun.‹ »Mein Vater sprach Wilfrieds Worte nach. »›Und wenn ich meinen Eid breche, möge die ganze Rache der Geister auf mich und meine Kinder niederfallen! mögen sie zu Grunde gehen durch den Geier, durch den Wolf oder andere Thiere des Waldes; möge ihr Fleisch von ihren Gliedmaßen gerissen werden und ihre Gebeine in der Wildniß bleichen. Alles dieses schwöre ich.‹ »Mein Vater stockte, als er die letzten Worte wiederholte. Die kleine Marcella konnte nicht mehr an sich halten, und als er diesen Eid dennoch ablegte, brach sie in Thränen aus. Diese plötzliche Störung schien die Sprecher, namentlich aber meinen Vater außer Fassung zu bringen; er redete das Kind rauh an, das jetzt sein Schluchzen unterdrückte und das Gesichtchen in die Bettdecken begrub. »So verhielt sich's mit der zweiten Verheirathung meines Vaters. Am nächsten Morgen stieg der Jäger Wilfried auf sein Pferd und ritt von hinnen. »Mein Vater nahm sein Bett wieder in dem gleichen Gemache, wo das unsrige stand, und es ging so ziemlich fort, wie vor der Verheirathung, nur daß unsere neue Stiefmutter durchaus keine Liebe zu uns zeigte. In des Vaters Abwesenheit schlug sie uns oft, namentlich aber die kleine Marcella, und ihre Augen schoßen Blitze, wenn sie das schöne, liebliche Kind ansah. »In einer Nacht weckte die Schwester mich und meinen Bruder. »›Was gibt's?‹ fragte Cäsar. »›Sie ist ausgegangen,‹ flüsterte Marcella. »›Ausgegangen?‹ »›Ja, zur Thüre hinaus in ihrem Nachtkleide,‹ versetzte das Kind. ›Ich sah, wie sie aus dem Bette stieg und den Vater ansah, ob er schlafe; dann ging sie zur Thüre hinaus.‹ »Was konnte sie bewegen, ihr Bette zu verlassen, um mit so leichter Bedeckung in bitterer Winterkälte und bei dem tiefen Schnee auszugehen? dieß war uns unbegreiflich. Wir blieben wach liegen und hörten nach einer Stunde das Heulen eines Wolfes dicht unter dem Fenster. »›Da ist ein Wolf,‹ sagte Cäsar; ›sie wird in Stücke zerrissen werden.‹ »›Oh nein!‹ rief Marcella. »Einige Minuten nachher erschien unsere Stiefmutter wieder; sie war in ihrem Nachtanzuge, wie Marcella angegeben hatte. Nachdem sie die Thürklinke lautlos niedergelassen hatte, begab sie sich nach dem Wasserfasse, wusch sich Gesicht und Hände und schlüpfte dann wieder in das Bette, wo mein Vater lag. »Wir zitterten, ohne zu wissen warum, beschlossen jedoch, die nächste Nacht wach zu bleiben. Aber nicht nur in der nächsten, sondern noch viele folgende Nächte stand unsere Stiefmutter zu derselben Stunde von dem Bette auf und verließ die Hütte. Nachdem sie fort war, hörten wir jedesmal das Heulen eines Wolfes unter dem Fenster, und wenn sie zurückkehrte, wusch sie sich, ehe sie sich wieder zu Bette legte. Wir bemerkten auch, daß sie sich selten zum Essen niedersetzte, und wenn sie je etwas speiste, so geschah es mit augenscheinlichem Widerwillen. Wurde aber das Fleisch heruntergenommen, um zum Mahle zubereitet zu werden, so sahen wir oft, wie sie verstohlen ein rohes Stück in den Mund steckte. »Mein Bruder Cäsar war ein muthiger Knabe und wollte dem Vater nichts mittheilen, bis er mehr erfahren hätte. Er beschloß, ihr zu folgen und über ihr Treiben Gewißheit einzuholen. Marcella und ich, wir beide bemühten uns, ihm sein Vorhaben auszureden; er ließ sich jedoch nicht zurückhalten, sondern legte sich schon in der nächsten Nacht in seinen Kleidern zu Bette, stand, sobald die Stiefmutter die Hütte verlassen hatte, auf, nahm das Gewehr meines Vaters und ging ihr nach. »Ihr könnt Euch denken, in welchem Zustande von Spannung Marcella und ich während seiner Abwesenheit waren. Nach einigen Minuten hörten wir den Knall eines Gewehrs. Mein Vater erwachte nicht und wir blieben vor Angst zitternd liegen. Eine Weile darauf sahen wir unsere Stiefmutter in die Hütte treten – ihr Anzug war blutig. Ich legte meine Hand auf Marcellas Mund, um zu verhindern, daß sie nicht laut aufrief, obgleich ich selbst in großer Unruhe war. Unsere Stiefmutter näherte sich dem Bett meines Vaters, um zu sehen, ob er schliefe, und ging dann nach dem Kamine, wo sie die glimmende Asche zur Flamme anblies. »›Wer ist da?‹ rief mein Vater erwachend. »›Bleibe ruhig liegen, mein Lieber,‹ versetzte die Stiefmutter. ›Ich bin's. Ich habe das Feuer angezündet, um etwas Wasser warm zu machen, weil ich nicht ganz wohl bin.‹ »Mein Vater wandte sich um und war bald wieder eingeschlafen; wir aber beobachteten aufmerksam die Bewegungen der Stiefmutter. Sie wechselte ihre Linnen und warf das Gewand, das sie getragen hatte, in's Feuer. Dabei bemerkten wir, daß ihr rechtes Bein stark blutete, wie von einer Schußwunde. Sie verband es, kleidete sich an und blieb bis Tagesanbruch vor dem Feuer sitzen. »Das Herz der armen kleinen Marcella schlug hoch auf, während sie sich an meine Seite drückte – und auch das meinige pochte ungestüm. Wo war unser Bruder Cäsar? Wie konnte die Stiefmutter verwundet werden, wenn es nicht durch sein Gewehr geschehen war? Endlich stand mein Vater auf, und nun faßte ich den Muth, ihn anzureden. »›Vater,‹ fragte ich, ›wo ist Bruder Cäsar?‹ »›Cäsar?‹ rief er; ›nun, wo mag er sein?‹ »›Barmherziger Himmel! War mir's doch, als ich in der letzten Nacht unruhig da lag, als hätte ich Jemand die Thürklinke öffnen hören,‹ bemerkte unsere Stiefmutter. ›Und mein Gott, Mann, was ist aus deinem Gewehre geworden?‹ »Mein Vater warf seine Blicke über den Kamin und entdeckte, daß sein Gewehr fehlte. Für einen Augenblick war er verwirrt; dann ergriff er ein Beil und verließ, ohne ein Wort zu verlauten, die Hütte. »Er blieb nicht lange aus, sondern kehrte schon nach einigen Minuten zurück, die verstümmelte Leiche meines Bruders in seinen Armen tragend; er legte ihn nieder und bedeckte sein Gesicht. »Die Stiefmutter stand auf und betrachtete die Leiche, während Marcella und ich uns schluchzend und weheklagend an der Seite des Todten niederwarfen. »›Geht wieder zu Bette, Kinder,‹ sagte sie mit Schärfe. ›Mann,‹ fuhr sie fort, ›der Knabe muß dein Gewehr heruntergenommen haben, um einen Wolf zu schießen, und das Thier war ihm zu mächtig. Der arme Junge, er hat seine Uebereilung theuer bezahlen müssen.‹ »Mein Vater gab keine Antwort. Ich wollte sprechen – wollte ihm Alles sagen – aber Marcella, welche meine Absicht bemerkte, hielt mich am Arme und sah mich so flehentlich an, daß ich es unterließ. »Mein Vater blieb daher im Irrthum, aber Marcella und ich, wir beide trugen – obschon wir nicht begreifen konnten, wie es zuging – die Ueberzeugung in uns, daß die Stiefmutter in irgend einer Weise bei dem Tode meines Bruders betheiligt war. »Am nämlichen Tage ging der Vater aus, um ein Grab zu graben. Nachdem er die Leiche in die Erde gelegt hatte, häufte er Steine darüber, um es den Wölfen unmöglich zu machen, sie wieder auszuscharren. Die Erschütterung dieses Unglücks wirkte schwer auf meinen armen Vater; er ging mehrere Tage nicht auf die Jagd, obgleich er von Zeit zu Zeit bittere Flüche gegen die Wölfe ausstieß und Rache gelobte. »Doch während dieser Zeit der Trauer von seiner Seite setzte meine Stiefmutter ihre nächtlichen Wanderungen mit derselben Regelmäßigkeit fort, wie zuvor. »Endlich nahm mein Vater sein Gewehr herab, um sich in den Wald zu begeben; er kehrte jedoch bald wieder sehr bekümmert zurück. »›Würdest du's wohl glauben, Christina, daß die Wölfe – Gottes Fluch über die ganze Brut – wirklich den Leichnam meines armen Knaben ausgescharrt und nichts als seine Knochen übrig gelassen haben?‹ »›So?‹ versetzte meine Stiefmutter. »Marcella blickte mich an, und ich las in ihrem ausdrucksvollen Auge Alles, was sie sagen wollte. »›Vater, jede Nacht heult ein Wolf unter unserem Fenster,‹ nahm ich das Wort. »›Ist das wahr? – Warum hast du nicht früher gesprochen, Knabe? – Wenn du ihn das nächste Mal wieder hörst, so wecke mich.‹ »Ich sah, wie die Stiefmutter sich abwandte; ihre Augen schossen Feuer und sie knirschte mit den Zähnen. »Mein Vater ging aus und bedeckte die wenigen Ueberreste meines armen Bruders, welche die Wölfe geschont hatten, mit einem noch größeren Steinhaufen. Dieß war der erste Akt des Trauerspiels. »Der Frühling kam, der Schnee verschwand und wir durften die Hütte wieder verlassen. Ich mochte aber nie, auch nur einen Augenblick, von der Seite meiner lieben kleinen Schwester weichen, die ich seit dem Tode meines Bruders nur um so inniger liebte. Ja, ich fürchtete mich sogar, sie mit der Stiefmutter allein zu lassen, welche eine besondere Freude daran zu haben schien, das arme Kind zu mißhandeln. Mein Vater beschäftigte sich auf seinem kleinen Gute, und ich war bereits im Stande, ihm einigen Beistand zu leisten. »Marcella pflegte bei uns auf dem Felde zu sitzen, während wir an der Arbeit waren, und die Stiefmutter blieb allein zu Hause. Ich hätte bemerken sollen, daß sie mit dem Eintritte des Frühlings von ihren nächtlichen Wanderungen abließ und daß wir nach der Zeit, in welcher ich meinen Vater aufmerksam gemacht hatte, den Wolf nicht mehr unter dem Fenster heulen hörten. »Als ich eines Tages mit dem Vater auf dem Felde beschäftigt war und Marcella bei uns saß, kam die Stiefmutter heraus und sagte, sie wolle in den Wald gehen, um einige Kräuter zu sammeln, die der Vater brauche; Marcella solle in die Hütte gehen und auf das Essen Acht haben. Marcella ging und die Stiefmutter verschwand bald in dem Walde, eine Richtung einschlagend, welche der Hütte gerade entgegengesetzt war, so daß also ich und mein Vater so zu sagen zwischen ihr und der Schwester standen. »Etwa eine Stunde nachher wurden wir durch einen Schrei von der Hütte her aufgeschreckt, der augenscheinlich von der kleinen Marcella herrührte. »›Marcella hat sich verbrannt, Vater,‹ sagte ich, meinen Spaten wegwerfend. »Mein Vater legte den seinigen gleichfalls bei Seite, und wir beide eilten nach dem Hause. Ehe wir aber die Thüre erreichen konnten, stürzte ein großer weißer Wolf heraus, der mit der größten Geschwindigkeit von hinnen floh. »Mein Vater hatte keine Waffe; er stürzte in die Hütte und traf das arme Schwesterlein im Verscheiden. Ihr Körper war furchtbar verstümmelt, und das entströmende Blut hatte einen großen Bach auf dem Boden der Hütte gebildet. Meines Vaters erste Absicht war gewesen, sein Gewehr zu ergreifen und das Unthier zu verfolgen; der schreckliche Anblick aber gebot ihm Halt, und in Thränen ausbrechend kniete er an der Seite seines sterbenden Kindes nieder. »Marcella konnte nur noch einige Sekunden die Augen freundlich zu uns aufschlagen und schloß sie dann für immer im Tode. »Der Vater und ich knieeten noch immer über der Leiche der armen Schwester, als die Stiefmutter hereintrat. Sie that sehr bekümmert über das schreckliche Schauspiel, schien aber nicht, wie es doch bei den meisten Weibern der Fall ist, bei dem Anblicke des Blutes zurückzubeben. »›Armes Kind!‹ sagte sie. ›Es muß der große weiße Wolf gewesen sein, der eben an mir vorbeikam und mich so sehr erschreckte. Sie ist ganz todt, Krantz.‹ »›Ich weiß – ich weiß es!‹ rief mein Vater in bitterem Schmerze. »Ich dachte, mein Vater würde sich nie wieder von der Wirkung dieses zweiten Trauerspiels erholen. Er trauerte bitterlich über der Leiche seines geliebten Kindes und mochte sie mehrere Tage nicht dem Grabe anvertrauen, obgleich er durch die Stiefmutter häufig darum angegangen wurde. Endlich gab er nach und schaufelte ein Grab aus, dicht neben dem meines armen Bruders, dabei jede Vorsichtsmaßregel beobachtend, damit die Wölfe ihren Ueberresten nichts anhaben möchten. »Ich fühlte mich wirklich recht elend, wenn ich so allein in dem Bette lag, das ich früher mit meinem Bruder und meiner Schwester getheilt hatte. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß die Stiefmutter bei ihrem beiderseitigen Tode betheiligt sei, obschon ich mir über die Art und Weise keine Rechenschaft zu geben vermochte. Aber ich fürchtete mich nicht länger vor ihr; mein kleines Herz war mit Haß und Rachsucht erfüllt. »Die Nacht nach dem Begräbnis meiner Schwester lag ich wachend auf meinem Lager und bemerkte, daß meine Stiefmutter aufstand und die Hütte verließ. Ich wartete eine Weile, kleidete mich dann an und schaute zu der Thüre hinaus, die ich halb öffnete. Der Mond schien hell und ich konnte die Stelle sehen, wo meine Geschwister begraben waren. Da bemerkte ich nun zu meinem Entsetzen, daß die Stiefmutter eifrig beschäftigt war, die Steine von Marcellas Grab zu entfernen. Sie war in ihrem weißen Nachtgewand und der Mond schien voll auf sie nieder. Ich bemerkte, wie sie mit den Händen grub und mit der ganzen Heftigkeit einer wilden Bestie die Steine hinter sich warf. Es stand eine Weile an, ehe ich mich besinnen und über meine weiteren Schritte einen Beschluß fassen konnte. Endlich sah ich, daß sie an der Leiche angelangt war, und dieselbe an der Seite des Grabes heraufzog; jetzt konnte ich es nicht länger ertragen; ich eilte zu meinem Vater und weckte ihn. »›Vater, Vater!‹ rief ich; ›kleidet Euch an und holt Euer Gewehr.‹ »›Wie?‹ rief mein Vater, ›sind die Wölfe da?‹ »Er sprang aus seinem Bette, legte die Kleider an und schien in seiner Hast die Abwesenheit seines Weibes nicht zu bemerken. Sobald er bereit war, öffnete er die Thüre, ging hinaus, und ich folgte ihm. »Man denke sich aber sein Entsetzen, als er, ganz unvorbereitet für einen solchen Anblick, an dem Grabe nicht einen Wolf entdeckte, sondern sein Weib in Nachtkleidern, die auf Händen und Knieen über der Leiche meiner Schwester hinkauerte, große Stücke Fleisch abriß und sie mit der ganzen Gier eines Wolfes verzehrte. Sie war zu eifrig beschäftigt, um unsere Annäherung gewahr zu werden. Mein Vater ließ seine Waffe sinken – ihm und mir standen die Haare zu Berg. Sein Athem ging schwer und schien dann für eine Weile ganz zu stocken. Ich las das Gewehr auf und gab es in seine Hand. Da war es, als ob die Wuth ihm plötzlich doppelte Kraft gegeben hätte; er legte seine Waffe an und mit einem lauten Schrei sank die Elende zusammen, die er an seinem Busen genährt hatte. »›Gott im Himmel!‹ rief mein Vater, ohnmächtig zusammenbrechend, sobald er sein Gewehr abgefeuert hatte. »Ich blieb eine Weile an seiner Seite, bis er sich wieder erholte. »›Wo bin ich?‹ rief er. ›Was ist geschehen? – Ach! – ja, ja! ich entsinne mich jetzt. Himmel, vergib mir!‹ »Er stand auf und wir gingen nach dem Grabe. Aber nun denkt Euch auf's Neue unseren Schrecken und unser Erstaunen, als wir statt der Leiche unserer Stiefmutter, welche wir zu finden erwarteten, über den Resten meiner armen Schwester eine große, weiße Wölfin liegen sahen. »›Der weiße Wolf!‹ rief mein Vater; ›der weiße Wolf, der mich in den Wald lockte – ich sehe jetzt Alles – ich habe mit den Geistern des Harzgebirges verkehrt.‹ »Eine Weile blieb mein Vater stumm und in tiefen Gedanken. Dann hob er die Leiche meiner Schwester sorgfältig auf, legte sie wieder in das Grab und bedeckte sie, wie zuvor. Nun aber begann er wie ein Wahnsinniger zu rasen und zertrat den Kopf des todten Thieres mit der Ferse seines Stiefels. Er ging nach der Hütte zurück, schloß die Thüre und warf sich auf das Bett. Ich that das Gleiche, denn ich war vor Schrecken ganz betäubt. »Am andern Morgen wurden wir in aller Frühe durch ein lautes Klopfen an der Thüre geweckt, und der Jäger Wilfried stürzte herein. »›Meine Tochter – Mensch – meine Tochter! – Wo ist meine Tochter?‹ rief er wüthend. »›Hoffentlich, wo die Elende – wo der Teufel sein muß!‹ versetzte mein Vater auffahrend und dem Jäger in gleichem Grimme entgegentretend. ›Wo sie sein muß – in der Hölle! – Verlaß diese Hütte oder es soll dir noch schlechter gehen.‹ »›Ha – ha!‹ entgegnete der Andere; ›glaubst du, du könntest einem mächtigen Geiste des Harzgebirges etwas anhaben? Armer Sterblicher, der du eine Währwölfin heirathen mußtest.‹ »›Fort mit dir, Dämon! ich trotze dir und deiner Macht!‹ »›Du wirst sie noch fühlen. Erinnere dich deines Eides – des feierlichen Eides – nie deine Hand gegen sie zu erheben, um ihr ein Leides zu thun‹ »›Ich ging keinen Vertrag ein mit bösen Geistern.‹ »›Du thatest's. Und wenn du den Eid brächest, solle die ganze Rache der Geister auf dich niederfallen. Deine Kinder sollen zu Grunde gehen durch die Geier, den Wolf –‹ »›Hinaus, hinaus, Teufel!‹ »›Und ihre Gebeine bleichen in der Wildniß – ha, ha!‹ »Mein Vater griff, vor Wuth ganz außer sich, nach seiner Axt und schwang sie gegen Wilfrieds Kopf. »›Alles dies schwöre ich,‹ fuhr der Jäger höhnend fort. »Die Axt fiel nieder, aber sie fuhr durch die Gestalt des Jägers. Mein Vater verlor sein Gleichgewicht und stürzte zu Boden. »›Sterblicher;‹ rief der Jäger, über den Körper meines Vaters wegschreitend, ›wir haben nur über diejenigen Macht, welche einen Mord begangen haben. Du hast dich eines Doppelmords schuldig gemacht – und sollst die Strafe erleiden, die sich an dein Heirathsgelübde knüpft. Zwei deiner Kinder sind schon dahin und das dritte wird nicht verschont bleiben – ja, auch dieser wird noch nachfolgen, denn dein Eid ist gehört worden. Geh' – es wäre eine Wohlthat, dich zu tödten – deine Strafe sei – daß du lebest.‹ »Mit diesen Worten verschwand der Geist. Mein Vater erhob sich vom Boden, umarmte mich zärtlich und kniete im Gebet nieder. »Am andern Morgen verließ er die Hütte für immer. Er nahm mich mit sich und lenkte seine Schritte nach Holland, wo wir wohlbehalten anlangten. Er hatte einiges Geld bei sich, aber ehe er noch lange sich in Amsterdam aufgehalten hatte, wurde er von einem Hirnfieber befallen und starb unter tobendem Wahnsinn. Ich wurde in das Waisenhaus gebracht und nachher auf die See vor den Mast geschickt – Ihr kennt jetzt meine ganze Geschichte. Es fragt sich nun, ob ich für den Eid meines Vaters der Strafe verfallen bin. Ich bin vollkommen davon überzeugt, daß das Gespenst in einer oder der anderen Weise Wort halten wird.« Am zweiundzwanzigsten Tage bekamen unsere Abenteurer das Hochland im Süden von Sumatra zu Gesicht. Da sie keine Schiffe bemerkten, so beschlossen sie, ihren Kurs durch die Straße zu halten und nach Pulo Penang zu laufen, welches sie, da ihr Schiff so dicht am Winde lag, in sieben oder acht Tagen zu erreichen hofften. Unter der Glut der Sonne waren ihre Gesichter so gebräunt worden, daß sie in ihren langen Bärten und ihren Moslemkleidern leicht für Eingeborene gelten konnten. Sie steuerten den ganzen Tag unter der heißen Sonnenglut und legten sich Abends nieder, um im Thau der Nacht zu schlafen, ohne daß ihre Gesundheit litt; aber einige Tage nach der Zeit, in welcher Krantz unserem Helden die Geschichte seiner Familie vertraut hatte, wurde der Erstere stille und schwermüthig. Sein gewöhnlich reger Geist war verschwunden und Philipp fragte ihn oft nach der Ursache. Als sie in die Straße einliefen, sprach unser Held von den Schritten, die er bei seiner Ankunft in Goa einzuschlagen hoffte. Krantz erwiderte jedoch mit Ernst: »Philipp, ich habe seit einigen Tagen eine düstere Vorahnung, daß ich jene Stadt nicht sehen werde.« »Fühlt Ihr Euch unwohl, Krantz?« fragte Philipp. »Nein; ich bin an Körper und Geist gesund. Ich versuchte zwar, mich der Gedanken zu entschlagen, aber vergeblich. Eine warnende Stimme ruft mir unaufhörlich zu, daß ich nicht mehr lange bei Euch sein werde. Philipp, Ihr werdet mich verbinden, wenn Ihr mich über einen einzigen Punkt zufrieden stellt. Ich trage Geld bei mir, das Euch nützlich werden kann; thut mir den Gefallen, es zu nehmen und an Eurem Leib zu verbergen.« »Welcher Unsinn, Krantz.« »'s ist kein Unsinn, Philipp. Habt Ihr nicht auch Eure Warnungszeichen gehabt – warum sollte es bei mir nicht gleichfalls möglich sein? Ihr wißt, daß ich die Furcht nicht kenne und der Tod ist mir gleichgültig; aber ich fühle eine Ahnung, die mit jeder Stunde bestimmter zu mir spricht. Es ist irgend ein freundlicher Geist, der mir den Wink gibt, mich für eine andere Welt vorzubereiten. Sei es d'rum. Ich habe lange genug gelebt, um dieses Thal der Leiden ohne Schmerz zu verlassen, obgleich es mir – ich gebe es zu – weh thut, mich von Euch und Aminen zu trennen, die ihr die zwei einzigen Wesen seid, welche mir theuer wurden.« »Könnte der Grund nicht in Eurer allzu großen Anstrengung und in der Erschöpfung liegen, Krantz? Bedenkt nur, die Aufregung, unter der wir seit vier Monaten gelitten haben. Ist dies nicht zureichend, um eine entsprechende Geistesbedrückung zu erzeugen? Verlaßt Euch darauf, mein lieber Freund, daß es nichts Anderes ist.« »Ich wollte, es wäre so, aber ich glaube es nicht. Auch verbindet sich ein gewisses Gefühl von Freudigkeit mit dem Gedanken, von der Erde zu scheiden, das aus einer andern Ahnung stammt – einem Vorgefühl, das gleichfalls meinen Geist beschäftigt.« »Und das wäre?« »Ich kann es Euch kaum sagen, aber Amine und Ihr steht damit in Verbindung. Ich habe in meinen Träumen gesehen, wie ihr wieder zusammentraft; doch schien es mir, als ob ein Theil eurer Prüfungen absichtlich durch düstere Wolken vor meinen Blicken verhüllt werde. Ich fragte: ›Darf ich nicht sehen, was dort verborgen ist?‹ – und ein unsichtbares Wesen antwortete: ›nein, es würde dich unglücklich machen. Ehe diese Heimsuchung stattfindet, wirst du abgerufen sein.‹ Ich dankte dann dem Himmel und fügte mich voll Ergebung.« »Das sind nur die Vorstellungen eines kranken Gehirns, Krantz. Ohne Zweifel ist es wahr, daß mir noch viele Leiden vorbehalten bleiben, aber warum sollen sie Amine treffen – oder warum solltet Ihr, jung, in der Blüthe der Gesundheit und Kraft, nicht Eure Tage im Frieden hinbringen und ein hohes Alter erreichen? Ich sehe keinen Grund, das Gegentheil zu glauben. Morgen wird Euch besser sein.« »Vielleicht ist's so,« versetzte Krantz. »Aber dennoch müßt Ihr Nachsicht haben mit meiner Grille und das Geld nehmen. Bin ich im Irrthum und erreichen wir wohlbehalten den Ort Eurer Bestimmung, so weiß ich wohl, Philipp, daß Ihr mir's wieder zurückgebt,« bemerkte Krantz mit einem matten Lächeln – »aber Ihr vergeßt, daß unser Wasser beinahe zu Ende ist. Wir müssen nach einem Bach an der Küste spähen, um frischen Vorrath einzunehmen.« »Ich dachte auch daran, ehe Ihr noch diesen unwillkommenen Gegenstand zur Sprache brachtet. Wir werden gut thun, uns noch vor der Dunkelheit nach Wasser umzusehen; sobald wir unsere Krüge gefüllt haben, können wir unsere Fahrt wieder aufnehmen.« Zur Zeit, als dieses Gespräch stattfand, steuerten sie auf der Ostseite der Straße, etwa vierzig Meilen von ihrem nördlichen Ende entfernt. Das Innere der Küste war Felsgebirge, das aber langsam zu einer Niederung abstieg und sich mit Wald und Gebüsch bis an's Ufer fortsetzte. Das Land schien unbewohnt zu sein. Dicht sich an's Gestade haltend, entdeckten sie nach zweistündiger Fahrt einen frischen Strom, der in einem Wasserfalle von dem Gebirge niederrauschte und in Schlangenwindungen durch das Gebüsch glitt, bis er seinen Zoll an das Gewässer der Straße abgab. Sie liefen auf die Mündung des Flüßleins zu, strichen die Segel und ruderten die Piroque gegen die Strömung, bis sie weit genug vorgerückt waren, um überzeugt sein zu dürfen, daß sie sich auf süßem Wasser befanden. Die Krüge waren bald gefüllt, und sie gedachten wieder in die See zu stechen, als ihnen bei dem Anblicke des schönen Ortes, und da sie ihrer langen Gefangenschaft an Bord der Piroque müde waren, der Gedanke kam, sich in dem kühlen Wasser zu baden – ein Hochgenuß, den diejenigen kaum zu würdigen wissen, welche sich nicht in einer ähnlichen Lage befunden haben. Sie warfen ihre Kleider ab und stürzten sich in den Strom, in welchem sie eine Zeitlang blieben. Krantz ging zuerst wieder heraus; er beklagte sich über ein Gefühl von Frost und begab sich nach dem Ufer, wo sie ihre Kleider abgelegt hatten. Philipp näherte sich gleichfalls dem Rande des Flusses, um ihm zu folgen. »Ich habe jetzt eine gute Gelegenheit, Philipp,« sagte Krantz, »Euch das Geld zu geben. Ich schütte es aus meinem Gürtel und Ihr könnt es in dem Eurigen aufbewahren, ehe Ihr ihn wieder anzieht.« Philipp stand noch immer im Wasser, das ihm bis über die Hüfte ging. »Nun, Krantz,« entgegnete er, »wenn's denn einmal sein muß, so sei's drum, obschon mir der Gedanke gar lächerlich vorkommt; indeß, ich will Euch den Willen thun.« Philipp stieg aus dem Wasser und setzte sich neben Krantz nieder, der bereits beschäftigt war, die Dublonen aus den Falten seines Gürtels zu schütten. Endlich sagte er: »Ich glaube, Philipp, Ihr habt jetzt Alles. Gut, ich bin zufrieden.« »Ich kann nicht begreifen, welche Gefahr Euch hier bedrohen könnte, ohne daß ich ihr in gleicher Weise ausgesetzt wäre,« entgegnete Philipp. »Je nun –« Er hatte jedoch kaum diese Worte ausgesprochen, als sich ein furchtbares Gebrüll vernehmen ließ. Durch die Luft sauste es wie ein gewaltiger Wind – es erfolgte ein Stoß, der ihn auf den Rücken niederwarf, ein lauter Schrei – und ein Ringen. Philipp faßte sich wieder und bemerkte, daß die nackte Gestalt seines Freundes Krantz pfeilschnell von einem ungeheuren Tiger in das Gebüsch geschleppt wurde. Er blickte dem Ungethüm mit starren Augen nach und in wenigen Sekunden war es mit Krantz verschwunden! »Gott im Himmel! hättest du mir doch dieß erspart!« rief Philipp, sich in bitterem Schmerze auf sein Gesicht niederwerfend. »Oh, Krantz, mein Freund – mein Bruder – nur zu gewiß war deine Ahnung. Gnädiger Gott! habe Erbarmen – doch dein Wille geschehe!« Und Philipp brach in einen Strom von Thränen aus. Länger als eine Stunde blieb er wie festgebannt an der Stelle, ohne die Gefahr zu achten, welche ihn umgab. Endlich faßte er sich einigermaßen. Er stand auf, kleidete sich an und setzte sich dann wieder nieder – seine Augen hafteten auf den Kleidern seines Freundes und auf dem Golde, das noch immer im Sande hingestreut war. »Er wollte mir sein Gold geben und hat mir sein Ende vorausgesagt. Ja! ja! es war seine Bestimmung und er hat sie erfüllt. Seine Gebeine werden bleichen in der Wildniß , und der gespenstige Jäger ist nebst seiner Wolfstochter gerächt.« Die Schatten des Abends brachen nun ein und das dumpfe Heulen der wilden Thiere im Walde riefen Philipp die eigene Gefahr in's Gedächtnis. Er dachte an Amine, packte hastig die Kleider und das Geld seines Freundes zusammen, stieg in die Piroque und stieß mit Mühe vom Lande ab. Schweigend und mit schwerem Herzen hißte er das Segel, um seinen Lauf wieder aufzunehmen. »Ja, Amine,« dachte Philipp, während er die blinkenden und funkelnden Sterne betrachtete, »ja, du hast Recht, wenn du behauptest, die Bestimmung der Menschen lasse sich vorauswissen und könne von Einigen gelesen werden. Die meinige ist leider, daß ich losgerissen werden soll von Allem, was ich auf Erden werth schätze, um einsam und freundlos zu sterben. Wenn dieß der Fall ist, dann willkommen Tod – tausendmal willkommen! Welche Erleichterung wirst du nicht für mich sein! Mit welcher Freude werde ich nicht dem Rufe folgen, der den Müden Ruhe bringt! Ich habe meine Aufgabe zu erfüllen; gebe Gott, daß es bald geschehen sein möge, und mein Leben nicht fortan durch Heimsuchungen, wie diese, verbittert werde.« Philipp weinte abermals, denn Krantz war sein langerprobter, werthgeschätzter Freund, und seit der Zeit, als die holländische Flotte das Kap Horn zu umfahren suchte, sein Gefährte in Gefahren und Entbehrungen gewesen. Nach sieben Tagen eines schmerzlichen Wachens und Brütens über bitteren Gedanken langte Philipp zu Pulo Penang an, wo er ein Schiff fand, das im Begriff war, nach Goa abzusegeln. Er ließ seine Piroque an die Seite desselben laufen und fand, daß es eine Brigg unter portugiesischer Flagge war, die jedoch nur zwei Portugiesen an Bord hatte, da der Rest der Mannschaft aus Eingebornen bestand. Er stellte sich als einen Engländer in portugiesischem Dienste vor, der Schiffbruch gelitten, und da er sich erbot, seine Ueberfahrt zu bezahlen, so wurde er sehr bereitwillig aufgenommen. Ein paar Tage nachher stach die Brigg in die See. Die Reise war glücklich; nach sechs Wochen ankerten sie in der Rhede von Goa und fuhren am nächsten Tage in den Strom ein. Der portugiesische Kapitän deutete Philipp an, wo er Wohnung erhalten könne, und da er für einen der Schiffsmannschaft galt, so wurde seinem Landen keine Schwierigkeit in den Weg gelegt. In seiner neuen Wohnung begann unser Held alsbald Nachforschungen über Aminen anzustellen, indem er sie zuerst blos als eine junge Frau bezeichnete, die vor einigen Wochen in einem Schiffe angelangt sei, konnte aber keine Auskunft über sie erlangen. »Signor,« sagte der Wirth, »morgen ist das große Auto-da-Fé; wir können nichts thun, bis dieses vorüber ist. Dann will ich sehen, wie ich Euch in Eurem Wunsche an die Hand gehen kann. Inzwischen mögt Ihr Euch die Stadt betrachten; morgen will ich Euch nach einer Stelle bringen, wo Ihr die große Procession mit ansehen könnt – und dann wollen wir versuchen, was wir thun können, um Euch in Euren Nachforschungen Beistand zu leisten.« Philipp ging aus, besorgte sich andere Kleider, ließ sich den Bart abnehmen und spazierte dann durch die Stadt, nach jedem Fenster aufblickend, um zu sehen, ob er nicht Amine bemerken könnte. An einer Straßenecke glaubte er den Pater Matthias zu erkennen und eilte auf ihn zu; aber der Mönch hatte seine Kapuze über den Kopf gezogen und gab keine Antwort, als ihn unser Held unter dem gedachten Namen anredete. »Ich habe mich getäuscht,« dachte Philipp; »aber ich glaubte wahrhaftig, er sei es gewesen.« Und er hatte Recht; es war Pater Matthias, der sich also gegen ein Erkennen von Seite unseres Helden schützte. Ermattet kehrte er endlich vor Einbruch der Nacht nach seinem Gasthofe zurück. Die Gesellschaft war zahlreich, denn auf viele Meilen weit war Alles nach Goa gekommen, um das Auto-da-Fé mit anzusehen, und Jedermann unterhielt sich über die Ceremonie. »Ich bin auf diese große Procession begierig,« sagte Philipp zu sich selbst, als er sich auf sein Bett warf. »Es wird für eine Weile meinen Gedanken eine andere Richtung geben, denn Gott weiß, wie schmerzlich sie mir werden. Amine, theure Amine, mögen die Engel dich beschützen!« Vierzigstes Kapitel. Obgleich der nächste Morgen Aminens ganzes Hoffen und Fürchten – ihr kurzes Erdenglück – ihr Elend und ihre Ungewißheit beendigen sollte, schlief sie doch, bis ihr letzter Schlummer durch das Aufriegeln ihrer Zellenthüre gestört wurde und der Oberschließer mit einem Lichte erschien. Amine fuhr auf – sie hatte von ihrem Gatten – von glücklichen Stunden geträumt und erwachte jetzt zu der traurigen Wirklichkeit. Der Kerkermeister hatte ein Kleid in der Hand und forderte sie auf, es anzuziehen. Er zündete eine Lampe an und ließ sie allein. Der Anzug bestand aus schwarzem Sarsche mit weißen Streifen. Amine legte das Kleid an, warf sich wieder auf das Bett und versuchte, sich den Traum in's Gedächtniß zu rufen, aus dem sie aufgestört worden war – aber vergeblich. Zwei Stunden entschwanden und nun erschien der Kerkermeister mit der Aufforderung, ihm zu folgen. Vielleicht ist es einer der schrecklichen Gebräuche bei den Inquisitionsgerichten, daß die Gefangenen, mögen sie nun ihre Schuld bekannt haben, oder nicht, nach der Anklage wieder in ihre Kerker zurückkehren müssen, ohne sich die mindeste Vorstellung über ihr Urtheil machen zu können, und wenn sie am Morgen der Hinrichtung vorgeladen werden, befinden sie sich noch in der gleichen Ungewißheit. Die Kerkerknechte holten die Gefangenen aus ihren verschiedenen Zellen ab und führten sie in eine große Halle, wo die Leidensgenossin versammelt blieben. In diesem weiten, schwach beleuchteten Raume sah man ungefähr zweihundert Menschen gleichsam zur Unterstützung an die Wände gelehnt; sie waren Alle in schwarz und weißen Sarsche gekleidet und standen so regungslos, so eingeschüchtert da, daß man sie hätte für Bildsäulen halten können, wenn nicht das Rollen ihrer Augen, so oft die Kerkerknechte ab- und zugingen, das Gegentheil verkündet hätte. Es war die Angst der Ungewißheit, die noch weit schlimmer ist, als die Angst des Todes. Nach einer Weile wurde jedem Gefangenen eine ungefähr fünf Fuß lange Wachskerze in die Hand gegeben, und dann erhielten Einige den Auftrag, über ihre Kleider die Sanbenitos – Andere die Samarias anzulegen. Diejenigen, welche die mit Flammen bemalten Kleider erhielten, gaben sich für verloren, und es war schrecklich, die Angst jedes Einzelnen mit anzusehen, wenn die Anzüge nach einander hervorgebracht wurden; entsetzt und mit großen Schweißtropfen auf der Stirn harrten sie, ob nicht vielleicht auch ihnen das schreckliche Symbol dargeboten würde. Alles war Zweifel, Furcht und Todesangst! Aber die Gefangenen dieser Halle gehörten nicht unter diejenigen, welche den Tod zu erleiden hatten. Die Träger der Sanbenitos sollten nur in der Prozession mitziehen und eine leichte Bestrafung erhalten. Die in Samarias Gekleideten waren verurtheilt worden, hatten aber durch das Bekenntniß ihres Verbrechens das verzehrende Feuer angewandt; die Flammen auf ihrem Anzug waren umgekehrt und zeigten damit an, daß ihre Träger nicht hingerichtet werden sollten; aber die Unglücklichen wußten dieß nicht, und alle Schrecken eines grausamen Todes vergegenwärtigten sich ihren irren Sinnen! Eine andere Halle, ähnlich der, nach welcher die Männer geführt wurden, war mit weiblichen Verbrechern angefüllt. Auch hier wurden die gleichen Ceremonien beobachtet – dieselbe Ungewißheit, Furcht und Todesangst malte sich auf jedem Gesichte. Es gab jedoch noch ein drittes Gemach, kleiner als die beiden übrigen, welches denjenigen vorbehalten blieb, die verurtheilt worden waren und den Tod am Pfahle sterben sollten. In diesen Raum wurde Amine geführt, und fand daselbst sieben Andere, wie sie gekleidete Gefangene, von denen nur zwei Europäer, die übrigen fünf Negersklaven waren. Jeder hatte seinen Beichtvater bei sich und lauschte angelegentlich auf dessen Ermahnung. Ein Mönch näherte sich Aminen, aber sie winkte ihm mit der Hand zurück; er sah sie an, spie auf den Boden und fluchte ihr. Jetzt kam der Hauptschließer mit den Anzügen für diejenigen, welche sich in dem kleinen Gemache befanden; es waren Samarias, die sich von den andern nur dadurch unterschieden, daß die Flammen aufwärts gemalt waren. Diese Anzüge bestanden aus grauem Stoff und waren weit wie ein Fuhrmannskittel; an dem untern Theile befand sich vorn und hinten das Bild des Verurtheilten – das heißt, nur das Gesicht – auf einem brennenden Scheiterhaufen, in dessen Flammen Teufel gemalt waren. Unter dem Portrait stand der Name des Verbrechens, für welches der Gefangene den Tod erleiden sollte. Sie mußten zuckerhutförmige Mützen aufsetzen, auf denen Flammen gemalt waren, und erhielten lange Wachskerzen in die Hände. Amine und die andern Verurtheilten mußten in ihren Anzügen einige Stunden harren, ehe die Prozession begann, denn der Schließer hatte sie schon Morgens um zwei Uhr geweckt. Die Sonne erhob sich strahlend, sehr zur Freude der Mitglieder des heiligen Officiums, denen es sehr unlieb gewesen wäre, wenn sie an einem Tage schlechtes Wetter gehabt hatten, an welchem sie die Ehre der Kirche vertheidigten und den Beweis lieferten, wie treulich sie an den weisen Lehren des Erlösers hielten, der da Erbarmen, Liebe und Vergebung fordert. Gott im Himmel! und nicht nur die Mitglieder der heiligen Inquisition freuten sich, sondern auch Tausend und aber Tausende, welche von allen Seiten herbeigeströmt waren, um die schreckliche Ceremonie mitanzusehen und ein Jubiläum zu feiern – viele vom Fanatismus des Aberglaubens gestachelt, noch weit mehr aber aus bloßer Gedankenlosigkeit und Liebe zum Prunk. Die Straßen und freien Räume, durch welche die Prozession ziehen sollte, waren schon zu einer frühen Stunde angefüllt. Seidenstoffe, Tapeten und mit Gold und Silber durchwirkte Tücher hingen zur Ehre der Prozession über die Balkone oder zu den Fenstern heraus. Auf jedem Altane, an jedem Fenster drängten sich Damen und Cavaliere in ihrem prunkhaftesten Anzuge, sehnlich erwartend, daß die Unglücklichen vor ihrer Hinrichtung an ihnen vorbeikämen. Doch die Welt liebt Aufregung, und wo konnte dies ein abergläubisches Volk besser finden, als in einem Auto-da-Fé? Mit dem Aufgang der Sonne begann die große Glocke der Kathedrale zu läuten, und alle Gefangenen wurden nach der großen Halle hinuntergeführt, damit man die Prozession ordnen könne. An dem großen Eingange saß unter einem Thronhimmel der Großinquisitor, von Vielen aus dem Adel Goas umgeben. Hinter ihm stand sein Sekretär, der, als die Gefangenen an dem Throne vorbeikamen und namentlich abgelesen wurden, je den Namen eines der gedachten Cavaliere ausrief, der sodann unverweilt vortrat und seine Stelle neben dem Gefangenen einnahm. Diese Leute werden Pathen genannt; ihre Pflicht besteht darin, den ihrer Pflege Befohlenen zu begleiten und für ihn verantwortlich zu sein, bis die Ceremonie vorüber ist. Die Uebertragung eines solchen Amtes durch den Großinquisitor wird für eine hohe Ehre gehalten. Endlich begann die Prozession. Voran ging die Fahne der Dominikaner, da dieser Orden der Inquisition gründete und deshalb die Eröffnung des Zuges als ein Recht ansprach. Hinter dem Banner folgten die Mönche selbst in doppelter Reihe. Und was war wohl das Motto ihrer Fahne? » Justitia et Misericordia! « Dann kamen die Schuldigen, etwa dreihundert an der Zahl, jeder mit seinem Pathen an der Seite und einer angezündeten großen Wachskerze in der Hand. Die leichteren Verbrecher mußten barfuß und mit entblößtem Haupte vorangehen. Dieser Abtheilung, welche nur die schwarz und weiße Sarsche trug, folgten die Sanbenitos und dann die Samarias mit den umgekehrten Flammen. Hier kam nun eine Abtheilung in der Prozession, die durch ein großes Cruzifix, das Antlitz des Erlösers nach vornen gewendet, gebildet wurde. Hiemit sollte angedeutet werden, daß diejenigen vor dem Kreuze, auf welche der Heiland niedersah, nicht den Tod erleiden sollten, während die Hinteren für immer verderben sollten – in dieser und in jener Welt. Dem Cruzifixe folgten die sieben Verurtheilten – zuletzt Amine als die größte Verbrecherin. Aber damit schloß die Prozession noch nicht. Hinter Aminen kamen fünf Bilder an Pfählen, den gleichen Anzug tragend, der mit Flammen und Teufeln bemalt war. Jedem Bilde folgte ein Sarg, der ein Skelet enthielt. Die Bilder stellten diejenigen vor, welche in ihrem Kerker oder unter den Qualen der Folter gestorben und nach ihrem Tode zum Verbrennen verurtheilt worden waren. Man hatte die Skelette wieder ausgegraben, und sie sollten jetzt dieselbe Strafe erleiden, die ihnen im Leben geworden wäre. Die Bilder sollten an die Pfähle geheftet und die Knochen von den Flammen verzehrt werden. Dann folgten die Mitglieder der Inquisition, die Vertrauten, die Mönche, die Priester und Hunderte von Büßenden in schwarzen Anzügen, die ihnen das Gesicht verhüllten – alle die angezündeten Wachskerzen in der Hand. Es währte zwei Stunden, bis die Prozession, welche fast jede bedeutende Straße von Goa durchzog, in der Kathedrale anlangte, wo die weiteren Ceremonien vorgenommen werden sollten. Die barfüßigen Verbrecher konnten nun kaum mehr gehen, denn die kleinen scharfen Steine hatten ihre Füße dermaßen verwundet, daß jede Spur ihrer Tritte auf dem Boden der Kathedrale mit Blut bezeichnet wurde. Der Hochaltar der Kirche war mit schwarzem Tuche behangen und mit Tausenden von Wachskerzen erhellt. Auf der einen Seite befand sich ein Thron für den Großinquisitor, auf der andern eine erhöhte Platform für den Vicekönig von Goa und sein Gefolge. Im mittleren Gange standen Bänke für die Gefangenen und ihre Pathen; die übrigen Theilnehmer an der Prozession vertheilten sich rechts und links unter den Zuschauern. Nachdem die Schuldigen die Kathedrale betraten, wurden sie nach ihren Sitzen geführt, die leichtesten Verbrecher am nächsten bei dem Altare, die zum Tode Verurtheilten am fernsten. Die blutende Amine wankte nach ihrem Sitze und harrte mit Sehnsucht der Stunde entgegen, welche sie aus einer christlichen Welt abrufen sollte. Sie dachte nicht an sich selbst oder ihre Leiden, sondern nur an Philipp – daß er sicher sei vor diesen erbarmungslosen Geschöpfen – und daß ihr das Glück werde, zuerst zu sterben, um in einer Welt des Segens wieder mit ihm zusammen zu treffen. Durch die lange Gefangenschaft entkräftet, voll banger Beklommenheit, erschöpft von ihrem Schmerzensgange und nach der Kerkerhaft vieler Monate der glühenden Sonne ausgesetzt, war sie nicht länger die strahlende Schönheit, wie zuvor; um so rührender aber erschienen ihre abgehärmten und doch noch vollkommenen Züge. Ein Gegenstand der allgemeinen Neugierde, war sie mit gesenkten, fast geschlossenen Augen einhergegangen; aber wenn sie hin und wieder aufblickte, legte das Feuer, das aus denselben strahlte, Zeugniß ab von der stolzen Seele, welche in dieser gebrechlichen Hülle wohnte, und Viele betrachteten sie mit scheuer Verwunderung, während die Mehrzahl es beklagte, daß ein so junges und liebenswürdiges Geschöpf zu einem so schrecklichen Schicksal verdammt sein sollte. Amine hatte ihren Sitz in der Kathedrale kaum eingenommen, als sie von Erschöpfung und der Macht ihrer Gefühle überwältigt ohnmächtig zusammen brach. Trat Niemand vor, ihr Beistand zu leisten, sie aufzurichten und ihr belebende Mittel anzubieten? Nein – Niemand. Hunderte würden es wohl gethan haben, aber sie wagten es nicht – sie war ausgestoßen, gebannt, verlassen und verloren; und hätte Jemand aus Mitleid für einen leidenden Nebenmenschen sich unterfangen, sie aufzurichten, so wäre er jedenfalls mit Argwohn betrachtet, höchst wahrscheinlich aber vor Gericht gestellt worden, um diese Gewissenssache mit der heiligen Inquisition zu bereinigen. Nach einer Weile kamen zwei Gerichtsdiener der Inquisition auf Amine zu, halfen ihr wieder auf ihren Sitz, und sie erholte sich hinreichend, um denselben behaupten zu können. Jetzt predigte ein Dominikanermönch über das zarte Erbarmen und die väterliche Liebe des heiligen Officiums. Er verglich die Inquisition mit der Arche Noahs, aus der nach der Sündfluth alle Thiere wieder hervorkamen, nur mit dem großen Unterschiede, daß die Thiere die Arche in demselben Zustande verließen, in welchem sie hineingingen, während Diejenigen, welche mit der ganzen Grausamkeit ihres Charakters und mit dem Herzen von Wölfen die Räume des heiligen Officiums betreten, dieselben so mild und geduldig, wie Lämmer, verließen. Dann stieg der öffentliche Ankläger auf die Kanzel und verlas die Verbrechen der Verurteilten, wie auch die Strafen, welche sie erleiden sollten. Jeder Gefangene, dessen Urtheil an die Reihe kam, wurde durch die Diener des Officiums vor die Kanzel gebracht, damit er stehend und die Wachskerze in der Hand den Spruch vernehme. Sobald die Urtheile aller derjenigen, deren Leben geschont werden sollte, verlesen waren, legte der Großinquisitor sein priesterliches Gewand an und erschien im Gefolge mehrerer Anderer, um den Begnadigten dadurch den Bannfluch abzunehmen, daß er mit einem kleinen Wedel Weihwasser auf sie sprengte. Sobald dieser Theil der Ceremonie vorüber war, wurden der Reihe nach die zur Hinrichtung Bestimmten und die Bilder derjenigen, welche im Tode Rettung gefunden hatten, vor die Kanzel gebracht und ihre Urtheile verlesen. Der Schluß war bei Allen gleichlautend: »daß es die heilige Inquisition um ihrer Herzenshärtigkeit und der Menge ihrer Verbrechen willen unmöglich gefunden habe, sie zu begnadigen. Mit großem Herzeleid überantwortete man sie daher dem weltlichen Richter, daß er die Strafe der Gesetze an ihnen vollziehe. Zugleich wolle man eben diese Obrigkeit ermahnt haben, den unglücklichen Elenden Milde und Erbarmen zu erweisen, und wenn denn einmal ein Todesurtheil vollstreckt werden müsse, so solle es jedenfalls ohne Blutvergießen geschehen.« Welcher Hohn in dieser scheinbaren Fürbitte, kein Blut zu vergießen, wenn an die Erfüllung derselben die Qual des Scheiterhaufens geknüpft ist! Amine war die Letzte, welche vor die Kanzel geführt wurde; diese befand sich an einer der dicken Säulen des Mittelganges, dicht neben dem Throne, welchen der Großinquisitor einnahm. »Du, Amine Vanderdecken –« rief der öffentliche Ankläger. In diesem Augenblicke ließ sich ein ungewöhnliches Geräusch in dem Gewühle unter der Kanzel vernehmen; es war ein Ringen, mit Vorstellungen begleitet, und die Beamten erhoben ihre Stäbe, um Anstand und Schweigen zu gebieten – aber ohne Erfolg. »Du, Amine Vanderdecken, bist angeklagt –« Ein abermaliges heftiges Ringen und aus dem Haufen stürzte ein junger Mann hervor, der auf Amine zueilte und sie in seine Arme schloß. »Philipp! Philipp!« rief Amine, an seine Brust sinkend. Er hatte sie aufgefangen: und während er sie umschlang, fiel ihr die Flammenmütze vom Kopfe und rollte auf dem Marmorpflaster dahin. »Meine Amine – mein angebetetes Weib – müssen wir so uns wiedersehen? Mein Gott, sie ist unschuldig. Zurück, ihr Männer,« fuhr er gegen die Diener der Inquisition fort, welche die Beiden auseinander reißen wollten, »Zurück, oder ihr sollt's mit eurem Leben zahlen!« Diese Drohung an die Gerichtsdiener und dieser Trotz gegen das heilige Officium war nicht zu ertragen. Die ganze Versammlung gerieth in einen Zustand von Aufruhr, und der Feierlichkeit der Ceremonie drohte Gefahr. Der Vicekönig und seine Begleiter hatten sich von ihren Stühlen erhoben, um zu sehen, was vorging, und die Menge drängte heran. Da gab der Großinquisitor seine Befehle, und andere Gerichtsdiener eilten herbei, um den Beiden Beistand zu leisten, welche Amine vorgeführt hatten und nun im Begriffe waren, sie Philipps Armen zu entreißen. Der Kampf war furchtbar. Philipp schien mit der Kraft von zwanzig Männern begabt zu sein, und es stand mehrere Minuten an, ehe es dem Gerichtspersonal gelang, die Gatten zu trennen; aber auch dann noch setzte Philipp sein verzweifeltes Ringen fort. Amine, die von zwei Vertrauten festgehalten wurde, schrie gleichfalls laut auf und versuchte abermals, obschon vergeblich, in die Arme ihres Gatten zu stürzen. Endlich gelang es Philipp, sich durch eine furchtbare Anstrengung loszumachen; dann aber sank er hülflos auf das Pflaster nieder. Die entsetzliche Aufregung hatte das Bersten eines Blutgefäßes herbeigeführt, und er blieb regungslos auf den Boden liegen. »Oh Gott! oh Gott! er ist ermordet – Ungeheuer – Mörder – laßt mich ihn nur noch ein einzigesmal umarmen –« rief Amine außer sich. Ein Priester trat nun vor – es war Pater Matthias – mit tief bekümmertem Gesichte, Er forderte einige der Umstehenden auf, Philipp Vanderdecken hinaus zu bringen, und so wurde der Unglückliche in einem Zustande von Besinnungslosigkeit, während das Blut in Strömen aus seinem Munde schoß, Aminens Blicken entnommen. Aminens Urtheil wurde verlesen – sie hörte es nicht; ihr Gehirn war verwirrt. Man führte sie nach ihrem Sitze zurück, aber jetzt war auch all ihr Muth, ihre ganze Standhaftigkeit und Seelenstärke dahin. Während der übrigen Ceremonie erfüllte sie die Kirche mit ihrem wilden krampfhaften Schluchzen, und sowohl Bitten als Drohungen gingen an ihr verloren. Alles war jetzt vorüber, bis auf die letzte und traurigste Scene des Dramas. Die Gefangenen, welche geschont geblieben, wurden von ihren Pathen in das Inquisitionsgebäude zurückgeführt, die Verurtheilten aber nach dem Ufer des Flusses hinuntergebracht, um den Tod zu erleiden, Die Ceremonie sollte auf einem großen, freien Platze, links von dem Zollhause, vorgenommen werden. Wie in der Kathedrale, waren auch hier für den Großinquisitor und den Vicekönig, der prunkhaft die Procession eröffnete, während eine ungeheure Volksmenge nachströmte – Throne errichtet. Dreizehn Pfähle waren aufgepflanzt, acht für die Lebenden, fünf für die Todten. Die Henker saßen auf den Scheiterhaufen oder standen daneben, ihrer Opfer harrend. Amine konnte nicht gehen; sie wurde zuerst von den Vertrauten unterstützt, dann aber nach dem ihr angewiesenen Pfahle getragen. Als man sie vor dem Scheiterhaufen niederließ, schien ihr Muth wieder neu zu erwachen; sie stieg muthig hinauf, faltete ihre Arme und lehnte sich an den Pfahl. Die Henker begannen nun ihr Amt. Um Aminens Leib wurden Ketten geschlungen und die Holzscheite sammt den Reißbündeln um sie aufgehäuft. Ein Gleiches geschah bei den übrigen Verurtheilten, und die Beichtväter traten an die Seite der Opfer. Amine winkte unwillig diejenigen zurück, welche sich ihr näherten, als mit einemmale Pater Matthias fast athemlos aus dem Gedränge brach, durch das er sich einen Weg gebahnt hatte. »Amine Vanderdecken – unglückliches Weib, hättest du meinem Rathe Folge geleistet, so wäre dies nicht geschehen. Jetzt ist es zu spät, aber nicht zu spät um deine Seele zu retten. Lasse ab von deinem Starrsinn – von deiner Herzenshärtigkeit. Rufe den gebenedeiten Erlöser an, damit er deinen Geist aufnehme – suche Gnade in seinen heiligen Wunden. Es ist zwar die eilfte Stunde, aber nicht zu spät. Amine,« fuhr der alte Mann unter Thränen fort, »ich bitte – ich beschwöre dich. Nimm wenigstens diese Last von Kummer meinem Herzen ab.« »Unglückliches Weib, sagst du?« versetzte sie, »sprich lieber: unglücklicher Priester, denn Aminens Leiden werden bald vorüber sein, während du noch die Folterqual der Verdammten erleiden mußt. Unselig war der Tag, als mein Gatte dich vom Tode rettete – noch unseliger das Mitleid, das ihn bewog, dir eine Zufluchtsstätte anzubieten. Unselig war die Bekanntschaft mit dir vom ersten Tag an bis zum letzten . Ich gebe dir diese That auf dein Gewissen – wenn du noch ein Gewissen hast – aber ich möchte nicht diesen grausamen Tod gegen den Schmerz vertauschen, der sich durch dein ganzes zukünftiges Leben hinziehen wird. Verlaß mich – ich sterbe im Glauben meiner Väter und verachte eine Religion, die eine Scene, wie die gegenwärtige, genehmigt.« »Amine Vanderdecken!« rief der Priester auf seine Kniee niederfallend und die Hände in bitterer Seelenqual ringend. »Verlaßt mich, Vater.« »Du hast nur noch eine Minute übrig – um der Liebe Gottes willen –« »Ich sage Euch noch einmal, verlaßt mich – diese Minute gehört mir.« Pater Matthias wandte sich verzweifelnd ab und Thränen strömten über die Wangen des Greises. Wie Amine sagte, kannte sein Schmerz keine Grenzen. Der Nachrichter fragte nun die Beichtväter, ob die Schuldigen im wahren Glauben stürben. Wurde die Frage mit Ja beantwortet, so schlug man den Unglücklichen einen am Pfahl befestigten Strick um den Hals und erdrosselte sie, ehe das Feuer angezündet wurde. Alle Verurtheilten waren in dieser Weise gestorben, und der Nachrichter fragte nun Pater Matthias, ob Amine gleichfalls Ansprüche auf diese große Gnade habe. Der alte Priester antwortete nicht, sondern schüttelte nur den Kopf. Der Nachrichter wandte sich ab. Nach einer kurzen Pause folgte ihm Pater Matthias, ergriff ihn am Arm und sagte ihm mit stotternder Stimme: »Laßt sie nicht lange leiden.« Der Großinquisitor gab das Signal, und sämmtliche Scheiterhaufen wurden in dem gleichen Augenblicke angezündet. Der Bitte des Priesters willfahrend, hatte der Nachrichter einen Haufen feuchtes Stroh auf Aminens Holzstoß geworfen, der einen dichten Rauch verbreitete, ehe er in Brand gerieth. »Mutter, Mutter! Ich komme zu dir!« waren die letzten Worte, die sich von Aminens Lippen vernehmen ließen. Die Flammen griffen bald wüthend um sich und schlugen weit über dem Pfahle zusammen, an den sie gefesselt war. Allmälig legten sie sich, und als die glimmende Asche den Boden bedeckte, sah man einige Knochenstücke von einer Kette umschlungen. Dies war Alles, was von der vormals so unvergleichlichen, hochherzigen Amine übrig blieb. Einundvierzigstes Kapitel. Jahre sind seit Aminens Leiden und ihrem grausamen Tode entschwunden, und noch einmal bringen wir Philipp Vanderdecken auf die Bühne. Wo war er während dieser langen Zeit? In einem Irrenhause – das einemal tobsüchtig, an Ketten gelegt und mit Schlägen mißhandelt, ein andermal wieder mild und friedlich. Hin und wieder schien die Vernunft hervorzubrechen, wie die Sonne an einem wolkigen Tag, dann aber war wieder mit einemmale Alles verdunkelt. Viele Jahre bewachte ihn sorgfältig ein Mann, welcher der Hoffnung lebte, die Gesundheit seines Geistes wiederkehren zu sehen. Es war eine Wache voll von Kummer und Gewissensbissen, und der Hüter starb, ohne seine heißen Wünsche erfüllt zu sehen. Der Mann war Pater Matthias! Das Häuschen zu Terneuse war längst in Trümmer verfallen, denn viele Jahre wartete es vergeblich auf die Rückkehr seiner Eigenthümer, und endlich setzten sich die Erben in den Besitz von Philipp Vanderdeckens Vermögen. Selbst Aminens Schicksal war aus der Erinnerung der meisten Leute verschwunden, obschon ihr Portrait über glühenden Kohlen und der Name ihres Verbrechens unten angeschrieben – nach der gewöhnlichen Sitte in der Kirche der Inquisition hängt und durch seine außerordentliche Schönheit die Aufmerksamkeit auch des gleichgültigsten Vorübergehenden auf sich zieht. Viele, viele Jahre sind dahin – Philipps Haar ist weiß, seine einst so kräftige Gestalt zusammengebrochen und er erscheint viel älter, als er seinen Jahren nach sollte. Er ist jetzt gesund, aber seine Kräfte sind dahin. Des Lebens müde, wünscht er nichts mehr, als seine Sendung zu erfüllen und dann durch den Tod in die willkommene Ruhe einzugehen. Die Reliquie ist ihm nie abgenommen worden. Man hat ihn aus dem Irrenhause entlassen und mit den Mitteln versehen, in sein Vaterland zurückzukehren. Aber ach! er hat jetzt kein Vaterland – keine Heimath – nichts mehr auf der Welt, was ihn auf ihr festzuhalten vermöchte. Er wünscht nur noch seine Pflicht zu thun und zu sterben. Das Schiff war bereit, nach Europa auszusegeln, und Philipp Vanderdecken begab sich an Bord – gleichgültig, wohin es ging. Die Rückkehr nach Terneuse hatte er nicht im Auge, denn schon der Gedanke war ihm zuwider, einen Schauplatz zu besuchen, wo er so glücklich und so elend gewesen war, Aminens Gestalt war in seinem Herzen eingegraben, und er sah mit Ungeduld der Zeit entgegen, wann er abberufen werden sollte, um sich mit ihr im Lande der Geister zu vereinigen. Nach so vielen Jahren der Geistesverwirrung war er wie aus einem Traume erwacht, und er gehörte nicht länger unter die Zahl der eifrigen Katholiken, denn er konnte nie an seine Religion denken, ohne sich Aminens grausames Schicksal in's Gedächtniß zu rufen. Dennoch hing er an seiner Reliquie – er glaubte an sie – und an sie allein. Sie war sein Gott – sein Glaube – sein Alles – ein Schlüssel für ihn und seinen Vater in die andere Welt – das Mittel, durch das er sich mit seiner Amine wieder vereinigen konnte. Stundenlang saß er da, den theuren Gegenstand betrachtend und jedes wichtige Ereignis; in seinem Leben, von dem Tode seiner armen Mutter und dem Augenblicke an, als er Aminen zum erstenmal sah, bis zur letzten fürchterlichen Scene seinem Geiste vergegenwärtigend. Die Reliquie war ihm ein Tagebuch seines Daseins, ein Anhaltspunkt für alle seine zukünftigen Hoffnungen. »Wann – oh, wann soll es erfüllt werden?« lautete der beständige Refrain seiner Träumereien. »Gesegnet wird mir der Tag sein, wann ich diese Welt des Hasses verlasse und in eine andere eintrete, wo der Müde Ruhe findet.« Das Fahrzeug, an dessen Bord sich Philipp als Passagier einschiffte, war die Nostra Senora da Monte, eine Brigg von dreihundert Tonnen, die nach Lissabon segelte. Der Kapitän war ein abergläubischer alter Portugiese und ein großer Freund des Araks – eine Liebhaberei, die man unter den Angehörigen seiner Nation nicht häufig trifft. Sie segelten nach Goa aus, und Philipp stand auf dem Hinterschiffe, wehmüthig den Thurm der Kathedrale betrachtend, in welcher er sein Weib zum letztenmale gesehen hatte, als er sich am Ellenbogen berührt fühlte. Er wandte sich um. »Wieder einmal Reisegefährten,« sagte eine wohlbekannte Stimme – es war die des Piloten Schriften. In dem Aeußern des Mannes war kein Veränderung vorgegangen. Er zeigte keine Spur von der Neige der Jahre, und sein einziges Auge glänzte so grell, als nur je. Philipp fuhr zusammen – nicht nur über den Anblick des Mannes, sondern auch über die Erinnerungen, welche die unerwartete Erscheinung in seinem Geiste auftauchen ließ. Dies währte jedoch nur einen Augenblick, und er wurde wieder ruhig und gedankenvoll. »Ihr wieder hier, Schriften?« bemerkte Philipp. »Ich hoffe, Euer Erscheinen ist ein Vorbote, daß mein Auftrag bald erfüllt sein wird.« »Vielleicht,« versetzte der Pilot; »wir sind beide müde.« Philipp gab keine Antwort; er fragte Schriften nicht einmal, in welcher Weise er von dem Fort entkommen war. Es war ihm gleichgültig, denn er fühlte, daß der Mann ein gefeietes Leben hatte. »Während Ihr so lange eingeschlossen wart, Philipp Vanderdecken, sind viele Schiffe zu Grunde gegangen und viele Seelen zu ihrer Rechenschaft abgerufen worden, die mit dem Schiffe Eures Vaters zusammen trafen,« bemerkte der Pilot. »Möge unsere nächste Begegnung glücklicher – möge sie die letzte sein« – entgegnete Philipp. »Nein, nein; lieber möge er sein Urtheil erfüllen und segeln bis zum Tage des Gerichts,« erwiderte der Pilot mit Nachdruck. »Elender! Doch ich habe eine Ahnung, daß dein verabscheuungswürdiger Wunsch nicht in Erfüllung gehen werde. Hinweg! – verlaßt mich! oder Ihr sollt finden, daß dieser Arm doch noch Kraft besitzt, obgleich das Elend mein Haupt gebleicht hat.« Schriften ging mit finsterer Miene hinweg; er schien sich vor Philipp zu fürchten, obgleich die Furcht nicht seinem Hasse gleich kam. Er versuchte es nun wieder wie früher, die Schiffsmannschaft gegen Philipp aufzuhetzen, indem er erklärte, er sei ein Jonas, der den Verlust des Schiffes herbeiführen werde, da er mit dem fliegenden Holländer verwandt sei. Philipp bemerkte gar bald, daß er gemieden wurde; er ergriff daher Repressalien, indem er Schriften für einen Dämon erklärte. Das Aussehen des Lootsen übte einen sehr ungünstigen Eindruck, während das unseres Philipps so gewinnend war, daß die Leute an Bord kaum wußten, was sie denken sollten. Die Meinungen theilten sich; Einige traten auf Philipps, Andere auf Schriftens Seite. Der Kapitän nebst vielen Andern betrachteten Beide mit gleichem Grausen und sehnten sich nach einer Gelegenheit, um beide aus dem Schiffe entfernen zu können. Wie bereits bemerkt, war der Kapitän sehr abergläubisch und der Flasche zugethan. Am Morgen, wenn er nüchtern war, pflegte er zu beten; Nachmittags lebte er im Rausche und fluchte auf dieselben Heiligen, deren Schutz er einige Stunden vorher angerufen hatte. – »Möge der heilige Antonius uns bewahren und uns vor Versuchung behüten,« sagte er eines Morgens nach einem Gespräche mit den Passagieren über das Gespensterschiff. »Mögen uns alle Heiligen vor Schaden bewahren,« fuhr er fort, indem er ehrerbietig seinen Hut abnahm und sich bekreuzte. »Wenn ich mir diese zwei gefährlichen Menschen ohne Gefährde vom Halse schaffen kann, so will ich, sobald ich wohlbehalten vor dem Thurm von Belem Anker werfe, hundert sechslöthige Wachskerzen auf dem Altar der heiligen Jungfrau opfern.« Am Abende änderte er seine Sprache. »Wenn der vermaledeite heilige Antonius uns nicht hilft, möge er selbst das höllische Feuer verspüren. Hole ihn der Teufel sammt seinen Schweinen! Wenn er den Muth hat, seine Schuldigkeit zu thun, so wird Alles gut gehen; aber er ist ein feiger Wicht, kümmert sich um Niemand und läßt diejenigen im Stiche, welche ihn aus ihrer Noth anrufen. Carombo! Ich gebe nicht so viel für dich,« rief der Kapitän, nach dem kleinen Altare des Heiligen über dem Kompaßhäuschen aufblickend und seine Finger nach dem Bilde schnippend; »ich gebe nicht so viel für dich, du unnützer Tropf, der uns nie in unsern Nöthen hilft. Der Papst muß einige bessere Heilige für uns kanonisiren, denn alle, die wir bis jetzt haben, sind abgenützt. Früher konnten sie doch etwas, jetzt aber möchte ich keine zwei Unzen Gold für den ganzen Kalender geben. Das für dich, du schläfriger alter Schurke,« fuhr der Kapitän fort, die Faust nach dem armen St. Antonius schüttelnd. Das Schiff hatte nun die Höhe des südlichen Endes von Afrika erreicht, und war noch ungefähr hundert Meilen von der Lagullasküste entfernt. Der Morgen war schön; die leichte, stätige Brise kräuselte nur ein wenig die Meeresfläche, und das Schiff steuerte an dem Winde mit einer Schnelligkeit von etwa vier Meilen in der Stunde. »Gesegnet seien die Heiligen,« sagte der Kapitän, welcher eben auf dem Decke erschien; »ein abermaliges kleines Umschlagen zu unseren Gunsten, und wir können unseren Cours anlegen. – Ich sage noch einmal, gesegnet seien die Heiligen, und namentlich unser würdiger Schutzpatron, der heilige Antonius, der die Nostra Senora da Monte unter seine besondere Obhut genommen hat. Wir haben Aussicht auf schönes Wetter. Kommt, Signores, wir wollen unser Frühstück einnehmen und dann unsere Cigarros auf dem Decke rauchen.« Aber die Scene änderte sich bald. Eine Wolkenmasse erhob sich im Osten mit einer Geschwindigkeit, die den Matrosen unnatürlich erschien, und bedeckte im Nu das ganze Firmament. Die Sonne verdunkelte sich, und Alles war ein einziges, tiefes, unnatürliches Düster. Das Meer legte sich. Es war nicht gerade dunkel, aber der Himmel hüllte sich in einen rothen Nebel, so, daß es das Aussehen gewann, als ob die Welt in Brand stehe. In der Kajüte bemerkte Philipp zuerst das zunehmende Dunkel, und begab sich deßhalb auf das Deck; erstaunt folgten ihm der Kapitän und die Passagiere. Es war unnatürlich und unbegreiflich. »Heilige Jungfrau, schütze uns – was kann dieß zu bedeuten haben?« rief der Kapitän erschreckt. »Heiliger Antonius steh' uns bei – das ist ja fürchterlich!« »Dort! dort!« schrieen die Matrosen, über das Brustholz hindeutend. Jedermann schaute über das Schanddeck, um zu sehen, was zu solchem Ausrufen Anlaß gab. Philipp, Schriften und der Kapitän standen nebeneinander. Etwa zwei Kabellängen entfernt erhoben sich vor dem Brustholze langsam die Bramstengen und Spieren eines Schiffes aus dem Wasser. Dann folgten allmälig die Stangen und Marsraaen mit ihren Segeln, höher und höher aus dem feuchten Elemente aufsteigend. Nachgerade zeigten sich die untern Masten mit dem Takelwerk, und zuletzt hob sich auch der Rumpf über den Meeresspiegel, die Pforten mit ihrem Geschütze zeigend, und nun lag ein ganzes Schiff mit unter rechten Winkeln gebraßter Hauptraa in kurzer Entfernung vor der Brigg. »Heilige Jungfrau!« rief der Kapitän athemlos, »ich habe wohl schon Schiffe untergehen , aber nie heraufkommen sehen. Ich will tausend zwanziglöthige Kerzen auf dem Altar der heiligen Jungfrau opfern, wenn sie uns aus dieser Noth rettet. Tausend Wachskerzen! hörst du mich, gebenedeite Frau – jede zu zwanzig Lothen. Signores,« rief der Kapitän den Reisenden zu, welche entsetzt dastanden – »warum thut Ihr nicht auch ein Gelübde? – Gelobt, sage ich; gelobt doch wenigstens.« »Das Geisterschiff – der fliegende Holländer,« kreischte Schriften. »Ich sagte Euch ja, Philipp Vanderdecken – da ist Euer Vater – hi! hi! hi!« Philipps Augen blieben auf dem gespenstischen Schiffe haften; er bemerkte, daß man dort ein Boot über die Windvierung niederließ. »Ist's möglich,« dachte er, »daß mir jetzt der Zutritt gestattet ist!« Und Philipp steckte die Hand in seinen Busen und umfaßte die Reliquie. Das Dunkel hatte jetzt so zugenommen, daß man kaum den Rumpf des fremden Schiffes durch die dunstige Atmosphäre unterscheiden konnte. Die Matrosen und Reisenden warfen sich auf die Kniee nieder, und riefen ihre Heiligen an. Der Kapitän eilte hinunter, um eine Kerze zu holen und sie vor dem Bilde des heiligen Antonius anzuzünden, das er aus seinem Tabernakel heraus nahm, augenscheinlich mit viel andächtiger Rührung küßte, und dann wieder an seinen Ort stellte. Bald nachher ließ sich Rudergeplätscher neben dem Schiff vernehmen, und eine Stimme rief laut: »He, Ihr guten Leute, werft ein Tau über das Vorderschiff herunter.« Niemand antwortete oder entsprach dieser Aufforderung. Nur Schriften ging auf den Kapitän zu und sagte ihm, wenn die Leute im Boote Briefe übergeben wollten, solle man sie nicht annehmen, da sonst das Schiff zu Grunde gehen, und Alle an Bord umkommen würden. Jetzt stieg ein Mann bei der Laufplanke über das Schanddeck. »Ihr hättet mir wohl ein Tau zuwerfen können, meine lieben Leute,« sagte er, als er auf das Deck trat. »Wo ist der Kapitän?« »Hier,« antwortete der Kapitän, von Kopf bis zu den Füßen zitternd. Der Mann, der ihn angeredet hatte, war ein wetterfester Seemann in einer Pelzmütze und Beinkleidern aus Segeltuch; er hielt einige Briefe in der Hand. »Was wollt Ihr?« rief endlich der Kapitän. »Ja – was wollt Ihr?« stimmte Schriften ein. »Hi! hi!« »Wie, Ihr auch hier, Pilot?« versetzte der Mann. »Ei – ich meinte, Ihr läget längst schon in David's Truhe.« »Hi! Hi!« entgegnete Schriften sich abwendend. »Nun, die Sache ist so, Kapitän: wir haben sehr schlechtes Wetter gehabt und wünschen Briefe nach Hause zu schicken. Ich glaube, wir werden nie um dieses Kap herumkommen. »Ich kann sie nicht annehmen,« rief der Kapitän. »Könnt sie nicht annehmen? das ist doch sehr sonderbar – aber jedes Schiff weist unsere Briefe zurück. 's ist sehr unfreundlich – Seeleute sollten doch ein Gefühl für Kameraden haben, namentlich wenn dieselben im Unglück sind. Gott weiß, wir wünschen unsere Weiber und Familien wieder zu sehen, und es würde uns großen Trost gewähren, wenn sie nur von uns hören könnten. »Ich kann Eure Briefe nicht annehmen – die Heiligen mögen uns davor bewahren,« versetzte der Kapitän. »Und wir sind schon so lange auf dem Wege,« sagte der Seemann, den Kopf schüttelnd. »Wie lange schon?« fragte der Kapitän, der nicht wußte, was er sagen sollte. »Wir können's nicht sagen; unser Kalender ist über Bord geblasen worden; und wir haben unsere Gissung verloren. Wir kennen unsere Breite nie genau, denn wir sind nicht im Stande, die Abweichung der Sonne für den rechten Tag anzugeben.« »Laßt mich Eure Briefe sehen,« sagte Philipp, indem er vortrat und sie dem Seemann aus der Hand nahm. »Sie dürfen nicht berührt werden,« kreischte Schriften. »Hinweg, Ungeheuer!« entgegnete Philipp. »Wer wagt es, mir in den Weg zu treten?« »Dem Untergang – dem Untergang – dem Untergang geweiht!« rief Schriften, auf dem Decke hin- und herrennend und dann in ein wildes Gelächter ausbrechend. »Berührt diese Briefe nicht,« sagte der Kapitän, der wie unter einem Fieberschauer zitterte. Philipp gab keine Antwort, sondern streckte die Hand nach den Briefen aus. »Hier ist einer von unserem zweiten Maten an sein Weib in Amsterdam, die auf dem Waser-Kai lebt.« »Der Waser-Kai existirt längst nicht mehr, mein guter Freund; an seiner Stelle befindet sich jetzt eine große Schiffsdocke,« versetzte Philipp. »Unmöglich!« entgegnete der Mann. »Da ist ein anderer von dem Hochbootsmann an seinen Vater, der auf dem alten Markte wohnt.« »Der alte Markt ist jetzt eingegangen, und hat jetzt einer Kirche Platz gemacht.« »Unmöglich!« rief der Seemann. »Da ist ein anderer von mir selbst an meine Liebste, Vrow Ketser – mit Geld, um ihr eine neue Busennadel zu kaufen.« Philipp schüttelte den Kopf. »Ich erinnere mich; eine alte Frau dieses Namens gesehen zu haben, die vor etwa dreißig Jahren begraben wurde.« »Unmöglich! Ich verließ sie jung und blühend. Hier ist einer an das Haus Slutz und Compagnie, welchem das Schiff gehört.« »Es gibt kein solches Haus mehr,« erwiderte Philipp, »obschon ich gehört habe, daß vor vielen Jahren eine Firma dieses Namens bestand.« »Unmöglich! Ihr macht Euch lustig über mich. Da ist ein Brief von unserem Kapitän an seinen Sohn – – « »Gebt ihn her,« rief Philipp, den Brief ergreifend, und war eben im Begriff, das Siegel zu erbrechen, als ihm Schriften das Papier aus der Hand riß und es über das Leeschanddeck warf. »Das ist ein garstiger Streich von einem alten Schiffskameraden,« bemerkte der Seemann. Schriften gab keine Antwort, sondern ergriff auch die andern Briefe, welche Philipp auf die Gangspille niedergelegt hatte, und warf sie dem ersten nach. Der fremde Seemann vergoß Thränen, und begab sich wieder nach der Seite des Schiffes, »Es ist sehr hart und unfreundlich,« bemerkte er im hinuntersteigen. »Denkt an mich, die Zeit wird kommen, in der auch Ihr wünscht, daß Eure Familie Nachricht von Euch erhalten möchte.« Mit diesen Worten verschwand er, und einen Augenblick später hörte man den Ton der Ruder, die das Boot von dem Schiff abführten. »Heiliger Antonius!« rief der Kapitän, »ich weiß vor Schrecken und Verwunderung nicht, wo mir der Kopf steht. Kellermeister, bringt mir den Arac herauf!« Der Kellermeister eilte nach der Flasche: er war ebenso erschrocken, als sein Kapitän, und bediente sich zuvor selbst, ehe er dem Geheiß entsprach. »Nun,« sagte der Kapitän, nachdem er die Flasche ein paar Minuten an den Mund gehalten und bis auf den Grund ausgetrunken hatte, »was ist jetzt zunächst zu thun?« »Das will ich Euch sagen,« entgegnete Schriften, auf ihn zugehend. »Dieser Mann hat einen Zauber um seinen Hals hängen; entreißt ihm denselben und werft ihn über Bord, so wird Euer Schiff gerettet sein; wo nicht, so geht es verloren – mit Mann und Maus.« »Ja, ja, er hat Recht – verlaßt Euch darauf,« riefen die Matrosen. »Ihr Thoren,« entgegnete Philipp, »wie mögt Ihr diesem Elenden glauben? Habt Ihr nicht gehört, wie der Mann, der an Bord kam, ihn erkannte und als Schiffskameraden begrüßte? Er ist die Person, derer Anwesenheit an Bord zum Unglück führen muß.« »Ja, ja,« riefen die Matrosen, »er hat Recht – der Mann nannte ihn Schiffskamerad.« »Ich sage Euch, Ihr seid völlig auf dem Irrwege,« rief Schriften. »Dieser Mann hier ist's – laßt ihn den Zauber herausgeben.« »Ja, ja, er soll den Zauber herausgeben,« riefen die Matrosen, und stürzten auf Philipp zu. Philipp wich nach der Stelle zurück, wo der Kapitän stand. »Wahnsinnige, was beginnt Ihr? Es ist ein Stück von dem heiligen Kreuze, das ich an meinem Halse trage. Werft es über Bord, wenn Ihr es wagt, und Eure Seelen sind für immer verloren.« Damit nahm Philipp die Reliquie aus seinem Busen, und zeigte sie dem Kapitän. »Nicht doch, Ihr Leute,« rief der Kapitän, der jetzt einigermaßen zur Besinnung gekommen war; »das geht nicht – mögen uns alle Heiligen behüten!« Die Matrosen wurden jedoch ungestümer. Die einen wollten, daß Schriften – die andern, daß Philipp über Bord geworfen werden solle. Endlich gab der Kapitän den Ausschlag, indem er den kleinen Nachen, der am Spiegel hing, niederzulassen befahl, und sowohl Schriften als Philipp in denselben steigen hieß. Die Matrosen billigten diese Maßregel, da sie beide Parteien befriedigte. Philipp machte keine Einwendung, aber Schriften schrie und sträubte sich, bis er endlich in das Boot gestoßen wurde. Hier blieb er zitternd in den Sternschoten, während Philipp das Ruder ergriff, und den Kahn nach der Richtung des Geisterschiffes in Bewegung setzte. Zweiundvierzigstes Kapitel. Nach einigen Minuten war das Schiff, welches Philipp und Schriften verlassen hatten, durch den dicken Nebel nicht länger zu unterscheiden; das Gespensterschiff ließ sich zwar noch blicken, aber in weit größerer Entfernung, als sie es je zuvor gesehen hatten. Philipp ruderte aus Leibeskräften, aber obgleich der Holländer beilag, schien sich doch die Entfernung zwischen ihm und dem Boote immer mehr zu erweitern. Eine Weile hörte unser Held zu rudern auf, um zu Athem zu kommen, worauf Schriften sich erhob und seinen Sitz in den Sternschoten des Bootes nahm. »Ihr mögt rudern und rudern, so lange Ihr wollt, Philipp Vanderdecken,« bemerkte Schriften; »aber Ihr werdet jenes Schiff nicht einholen – nein, nein, es ist unmöglich – wir machen vielleicht einen langen Kreuzzug mit einander, aber Ihr werdet am Ende desselben Eurem Ziele so fern sein, wie jetzt bei dem Beginne. – Warum werft Ihr mich nicht wieder über Bord? Der Nachen würde nur um so leichter sein – hi! hi« »Ich warf Euch in einem Zustande der Gereiztheit über Bord,« versetzte Philipp, »als Ihr versuchtet, mich meiner Reliquie zu berauben.« »Und habe ich nicht erst heute versucht, Andere zu bewegen, daß sie Euch das Ding abnähmen? – Wie ist's damit? – Hi! hi!« »Wohl,« versetzte Philipp; »aber ich bin jetzt überzeugt, daß Ihr so unglücklich seid, als ich selbst, und in Euren Handlungen nur Eurer Bestimmung folgt, wie ich der meinigen. Wie und weßhalb, weiß ich mir nicht klar zu machen, aber wir sind Beide bei dem gleichen Geheimnisse betheiligt. Wenn der Erfolg meiner Bemühungen von der Bewahrung der Reliquie abhängt, so ist es Euer Ziel, mein Vorhaben zu vereiteln. Wir müssen Beide in dieser Sache handeln, und Ihr seid, sofern meine Sendung in Betracht kömmt, mein schlimmster Feind gewesen. Aber, Schriften, ich habe nicht vergessen, und werde auch nie vergessen, daß Ihr meiner Amine einen freundlichen Rath ertheilt habt, daß Ihr ihr prophezeihtet, was ihr Schicksal sein werde, wenn sie nicht auf Euch höre, und daß Ihr Euch nicht für ihren Feind erklärtet, obgleich Ihr der meinige wart und es noch seid. Doch gleichviel – um ihretwillen vergebe ich Euch , und ich will es nicht versuchen, Euch weiter ein Leid zuzufügen.« » So vergebt Ihr also Eurem Feinde , Philipp Vanderdecken?« entgegnete Schriften traurig, »denn ich gestehe, daß ich es bin.« » Ja, von ganzem Herzen und aus ganzer Seele ,« antwortete Philipp. »Dann habt Ihr mich überwunden, Philipp Vanderdecken. Ihr habt mich jetzt zu Eurem Freunde gemacht, und Eure Wünsche sind auf dem Punkte, in Erfüllung zu gehen. Ihr möchtet wissen, wer ich bin? – So hört. Als Euer Vater, dem Willen des Allmächtigen Trotz bietend, in seiner Wuth mein Leben nahm, wurde ihm nur Eine Aussicht für die Vernichtung seines Unheils geboten, und diese sollte von den Verdiensten seines Sohnes abhängen. Aber auch ich hatte ein Gelübde gethan – ein Gelübde der Rache, und es wurde mir gestattet, auf Erden zu bleiben und Euren Absichten in den Weg zu treten. So lange wir Feinde waren, konnte Eure Aufgabe nicht gelingen, sondern sollte erst erfüllt werden, wenn Ihr die schönste Tugend des Christenthums, die sich an dem heiligen Kreuze aussprach, dadurch betätigtet, daß Ihr Eurem Feinde vergebt . Philipp Vanderdecken, Ihr habt Eurem Feinde verziehen, und unsere beiderseitige Bestimmung ist jetzt vollendet.« Während Schriften sprach, waren Philipps Augen fest auf ihn geheftet. Der Pilot streckte seine Hand gegen unseren Helden aus – sie ward angenommen, und wie sie Philipp drückte, löste sich die Gestalt seines Begleiters in Luft auf. »Vater des Erbarmens, ich danke dir,« sagte Philipp, »daß meine Aufgabe vollendet ist, und ich meine Amine wieder sehen soll.« Philipp ruderte nun auf das Geisterschiff zu, und fand, daß es jetzt nicht länger zurückzuweichen schien, sondern im Gegentheil mit jeder Minute näher und näher kam. Endlich ließ er sein Ruder fallen, kletterte an der Seite hinan, und erreichte das Deck. Die Mannschaft des Schiffes schaarte sich um ihn. »Wo ist Euer Kapitän?« fragte Philipp. »Ich muß mit Eurem Kapitän sprechen.« »Wen soll ich melden, Herr?« fragte Einer, welcher der erste Mate zu sein schien. »Wen?« entgegnete Philipp. »Sagt ihm, sein Sohn wolle mit ihm reden – sein Sohn Philipp Vanderdecken.« Die Mannschaft des Schiffes brach bei dieser Antwort unseres Helden in ein schallendes Gelächter aus, und sobald sich dasselbe gelegt hatte, bemerkte der erste Mate mit einem Lächeln: »Ihr vergeßt, Herr – vielleicht wolltet Ihr sagen, sein Vater.« »Sagt ihm, sein Sohn,« entgegnete Philipp, »und kehrt Euch nicht an meine grauen Haare.« »Gut, Herr; da kommt er auf das Vorderschiff,« erwiderte der Mate, indem er bei Seite trat und auf den Kapitän deutete. »Was gibt es da?« fragte der Kapitän. »Seid Ihr Philipp Vanderdecken, der Kapitän dieses Schiffes?« »Ich bin es,« antwortete der Andere. »Ihr scheint mich nicht zu kennen – aber wie solltet Ihr auch? Ihr saht mich zum letztenmal, als ich kaum drei Jahre alt war – und doch erinnert Ihr Euch vielleicht eines Briefes, den Ihr Eurem Weibe gabt?« »Ha!« versetzte der Kapitän. »Und wer seid Ihr?« »Die Zeit ist mit Euch stehen geblieben, aber nicht bei denen, welche in der Welt leben; ja, für solche, die an der Kette des Elendes schleppen, eilt sie noch schneller dahin. Ihr seht in mir Euren Sohn Philipp Vanderdecken, der Euren Wünschen gehorcht, und nach einem Dasein von Jammer und Gefahr, wie es nur Wenigen beschieden war, endlich sein Gelübde erfüllt hat, indem er seinem Vater die kostbare Reliquie anbietet, die er zu küssen verlangte.« Philipp zog die Reliquie heraus und hielt sie seinem Vater entgegen. Als ob ein Blitz seinen Geist durchzuckt hätte, fuhr der Kapitän des Schiffes zusammen, faltete seine Hände, fiel auf die Kniee nieder und weinte. »Mein Sohn! mein Sohn!« rief er, wieder aufstehend und sich in Philipps Arme werfend. – »Meine Augen sind geöffnet; der Allmächtige weiß, wie lange sie verdunkelt waren.« Sie umarmten einander und gingen nach dem Hinterschiff, von der Mannschaft weg, die noch immer auf der Laufplanke versammelt stand. »Mein Sohn, mein edler Sohn! ehe der Bann gebrochen ist – ehe wir der Notwendigkeit gehorchen, und uns in die Elemente auflösen – laß mich voll Dank und Zerknirschung niederknieen. Mein Sohn, mein Sohn, nimm den Dank eines Vaters,« rief Vanderdecken. Dann wandte er sich mit Thränen der Freude und Reue demüthig an das Wesen, dem er einst so frechen Hohn gesprochen hatte. Der ältere Vanderdecken kniete nieder, und Philipp that das Gleiche. Sie hielten sich noch immer mit einem Arme umfaßt, während sie den andern hoch im Gebete erhoben. Zum letztenmale wurde die Reliquie aus Philipps Brust genommen und dem Vater eingehändigt – dieser erhob die Augen gen Himmel und küßte sie. Und mit diesem Kusse zerfielen die langen oberen Spieren des Geisterschiffs, die Raaen und die Segel in Staub, der in der Luft flatterte und zu den Wellen niedersank. Dann löste sich der große Mast, der Fockmast und das Bugspriet – kurz Alles über dem Decke in Atome auf und verschwand. Wieder erhob er die Reliquie an seine Lippen, und das Werk der Zerstörung nahm seinen Fortgang. Die schweren, eisernen Kanonen sanken durch die Decken und verschwanden. Die Matrosen des Schiffes, welche zusahen, schrumpften in Skelette, Staub und Bruchstücke zerrissener Kleider zusammen, bis zuletzt keine Spur von Leben mehr an Bord des Schiffes war, der Vater und Sohn ausgenommen. Noch einmal drückte er das geheiligte Sinnbild an seine Lippen, und das Gebälke trennte sich. Die Decken des Schiffes sanken langsam, und die Reste des Rumpfes schwammen auf dem Wasser. Vater und Sohn, der erstere jung und kräftig – der andere alt und abgelebt – knieten noch immer in stummer Umarmung, die Hände gen Himmel erhoben. Jetzt sanken sie langsam unter das tiefblaue Wasser, und der trübe Himmel über ihnen war für einen Augenblick durch ein leuchtendes Kreuz erhellt. Dann rollten die Wolken, welche den Himmel verdüstert hatten, mit der Schnelle des Gedankens hinweg – die Sonne brach wieder in ihrem vollen Glanze hervor, und die kräuselnden Wellen schienen vor Freude zu hüpfen. Die schreiende Seemöve wirbelte wieder in der Luft, und der verscheuchte Albatros versuchte abermals seinen schwerfälligen Flug. Das Meerschwein tummelte sich umher in neckischem Spiele; die große Makrele und der Delphin hüpften aus der funkelnden See. – Die ganze Natur lächelte, als freue sie sich, daß der Zauber gebrochen und das Gespensterschiff für immer verschwunden war .