Balduin Möllhausen Das Mormonenmädchen. Band I Inhalt Erster Teil 1. Der Sandsturm 2. Die Matrosenschänke 3. Im Konzertsaal 4. Die drei Mormonen 5. An Bord des Leoparden Zweiter Teil 1. Im Atelier 2. Der Abschied 3. Der Freundschaftsdienst 4. In der Krankenstube 5. Fort Utah 6. Am Rio Virgin 1. Der Sandsturm Es war in den Frühstunden eines klaren, sonnigen Herbsttages, als eine einsame Wanderin aus der letzten Biegung des Passes trat und den Punkt erreichte, von welchem aus sie die erste Aussicht auf die gefürchtete Wüste gewann. Der trostlose, vielleicht kaum geahnte Anblick mußte überaus niederdrückend auf sie einwirken, denn in dem Grade, in welchem das traurige Panorama sich immer weiter und weiter vor ihr ausdehnte, wurde der rüstige Schritt, in welchem sie sich genähert hatte, langsamer und unsicherer. Als aber endlich die schreckenerregende Landschaft in ihrer totenähnlichen Stille und Regungslosigkeit vor ihr lag, ihre zagenden Blicke ungehindert auf der Linie des Horizonts herumirrten und auf weiter nichts trafen, als auf Wüstensand und auf ferne, duftig schimmernde Felsgruppen, die wie verloren aus der gelben Ebene emportauchten, da schien ein unüberwindliches Grauen sich ihrer zu bemächtigen und die Kraft ihrer Füße zu lähmen. »Ich werde es nicht ausführen können«, flüsterten ihre noch jugendfrischen Lippen, und in dem leisen Ton ihrer Stimme offenbarte sich eine ganze Welt voll Zweifel und Schmerz. »Meine Kräfte reichen nicht aus – und dennoch müssen sie ausreichen!« fuhr sie lauter fort, und ihre Worte zitterten vor inniger, wehmütiger Bewegung, als die Bürde, welche sie in einer Decke gehüllt vor sich trug, Leben verriet. »O, sie müssen ausreichen, für mein armes Kind – und sie werden es, denn die Mutterliebe ist stark. Und wäre die Wüste noch zehnmal so breit, ich würde meinen Engel sicher hinübertragen. Wer aber würde es wohl wagen, ihm Leid zuzufügen? Weder die Wölfe, noch die grausamen Indianer. O, die Indianer, auch sie haben Kinder, und wenn sie meinen süßen Knaben sehen, so werden ihre Herzen sich beim Anblick der lieblichen Erscheinung erweichen; sie werden ihn beschützen und ihn mir tragen helfen, mein liebes, liebes einziges Kind!« Indem die junge Frau so sprach, hatte sie die Bürde, welche von einer andern, auf ihrem Rücken hängenden im Gleichgewicht gehalten wurde, behutsam vor sich auf die Erde gelegt. Dann bei derselben niederknieend, öffnete sie die leichte Hülle vollständig, worauf sie ihre Blicke mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Liebe und Seligkeit an den großen blauen Augen eines etwa ein Jahr alten Knaben haften ließ, der neugierig und zufrieden zu ihr emporschaute. Es war ein rührendes, Wehmut erzeugendes Bild, die junge Mutter, die nur noch Blicke und Gedanken für ihr Kind hatte und in ihrer Sorge um dasselbe die ganze übrige Welt, selbst ihren tiefen, unheilbaren Kummer vergaß, unfeines, regelmäßig schönes Antlitz war wohl abgehärmt, und ein eigentümlicher Zug um den Mund verlieh demselben das Gepräge lange erduldeter Leiden; allein indem sie mit Stolz ihren Liebling betrachtete, hatten ihre etwas eingefallenen Wangen sich vor innerer Aufregung wieder hoch gerötet, und selbst als glückliches, harmlos tändelndes junges Mädchen konnte sie kaum anziehender und bezaubernder gewesen sein, als jetzt, da Mutterwürde ihre ganze Erscheinung verschönte und veredelte. In ihrer übrigen Erscheinung, in den schmalen Händen und Füßen, wie in der ganzen Haltung verriet die junge Frau, daß sie den höheren Ständen entstamme. Ihre Gestalt war groß und kräftig gebaut, und dabei trug sie dieselbe mit einer gewissen Anmut, die auf eine sehr sorgfältige Erziehung deutete und weder durch Beschwerden und Entbehrungen, noch durch Erschöpfung hatte gänzlich verwischt werden können. Die Ausrüstung der einsamen Wanderin bestand aus einem Bündel Kleidungsstücke, einer wollenen Decke, einem Säckchen mit einer Mischung von braunem Zucker und feingeriebenem Mais- und Weizenmehl, dem bekannten, sehr nahrhaften Pinole, und einem mäßig großen Lederschlauch mit Wasser. Wenn zu diesem aber noch der kräftige Knabe hinzugefügt wurde, so bildete das Ganze eine Last, die auf die Dauer auch für den stärksten Mann zu viel hätte werden müssen, zumal auf einem Boden, auf welchem die Füße bei jedem Schritt tief in das lose Erdreich einsanken, oder auch streckenweise gegen scharfes Gestein und dornenreiches Gestrüpp zu kämpfen hatten. Doch was jeden andern ruhig überlegenden Menschen mit Besorgniß und Grauen erfüllt hätte, das beschäftigte nur zeitweise den Geist der jungen Mutter, und wenn das Bewußtsein ihre hilflosen Lage wirklich zuweilen ihren letzten Mut zu brechen drohte, dann brauchte sie nur rückwärts zu schauen, um ihren wankenden Entschluß wieder zu befestigen und die sich ihr entgegenstellenden Hindernisse vor ihrer wild erregten Phantasie verschwinden zu machen. Hatte sie doch auf ihrer Flucht von der Mormonenstadt absichtlich, um einer Verfolgung zu entgehen und die ihr Nachsetzenden zu täuschen, die eigentliche Emigrantenstraße verlassen und den längst nicht mehr benutzten Weg durch die Wüste eingeschlagen. Was waren ihr drei, vier Wochen der Einsamkeit in der schrecklichen Wildnis, die sie nur dem Namen nach kannte? Sie wußte, welche Richtung sie beizubehalten hatte, um weiter oberhalb wieder in die Emigrantenstraße zu gelangen, die zur Zeit noch von Auswanderern belebt sein mußte, und das war ihr genug. Fort, weit fort vom Salzsee drängte es sie; fort von dem Lande, wo sie ein Paradies zu finden erwartete, und wo sie schmählich hintergangen worden war; fort, gleichviel, ob mit Gefahr ihres Lebens, wenn nur ihr Kind, ihr lieblicher Engel, gerettet wurde.– »Ja, ich trage Dich durch diese Wüste«, wiederholte sie fest und mutig, indem sie die niederhängenden Locken auf dem Gesicht des kleinen Knaben tanzen ließ, daß dieser jubelnd und kreischend mit beiden Händchen um sich schlug. »Du bist nicht schwer – doch, Du bist sehr schwer und wohlgenährt, aber nicht zu schwer für Deine Mutter, und auf der Emigrantenstraße werden wir barmherzige Menschen finden, die sich unserer annehmen und uns nach Kalifornien bringen. Dort aber will ich arbeiten und sparen, bis ich die Mittel zusammen habe, die Rückreise nach der lieben süßen Heimat jenseits des Ozeans antreten zu können. – O Heimat! Wäre ich ihm doch nie gefolgt! Er war gut, er war edel, bis die neue Lehre ihn verdarb. Ich, seine vor Gott und den Menschen rechtmäßig angetraute Gattin, ich, die ich an weiter nichts dachte, als ihm das Leben zu versüßen, ich mußte es dulden, daß er, heidnischen Gebräuchen huldigend, noch eine zweite Frau durch die Banden der Kirche an sich fesselte!« rief sie glühend vor Scham und Zorn aus, indem sie ihre Hände über dem Kinde krampfhaft ineinander ballte. »Getäuscht, betrogen, schändlich betrogen, wie so viele meines Geschlechts, die in blindem Vertrauen ihren Gatten hierher nachfolgten! Betrogen und verhöhnt, und nur bleibt nur die Schande, oder der Tod in der Wüste!« Außer der wandernden Mutter mit ihrem Kinde war im weitesten Umkreise kein lebendes Wesen zu entdecken. Kein Laut, kein Ton, ob nun drohend oder jammernd, deutete darauf hin, daß die Natur auch in diesem traurigen Erdenwinkel vereinzelte ihrer Geschöpfe untergebracht habe. Es war, als habe ein Fluch auf der ganzen Landschaft geruht, ein Fluch, der jedes organische Leben schon im Keime erstickte, und nur das kümmerliche Gedeihen der den Menschen und Tieren feindlichen Dornengewächse gestattete. Doch blind für alles dieses verfolgte die Wanderin ihren Weg. Sie hatte den nebelähnlichen Gipfel eines am nordwestlichen Horizont auftauchenden Berges zu ihrem Ziel gewählt, und unbekümmert um die tödliche Einsamkeit, lenkte sie ihre Schritte auf denselben hin. Plötzlich fuhr sie, indem sie zur Seite schaute, erschreckt zusammen. Ihre Blicke waren auf einen klaren See gefallen, der seine zitternden Fluten mit reißender Schnelligkeit bis auf etwa hundert Schritte an sie heranwälzte und sich dann zu beiden Seiten von ihr ausdehnte. Sie faßte sich indessen schnell wieder, und die Hand auf ihre Brust legend, wie um das heftige Pochen des Herzens zu beruhigen, blickte sie, ohne die Eile ihrer Schritte zu mäßigen, eine Zeit lang mit besorgnißvoller Teilnahme auf den trügerischen Wasserspiegel. »O, wenn es doch Wasser wäre«, sagte sie mit einem tiefen Seufzer, »süßes, klares Wasser; ich brauchte dann nicht zu sparen. – Aber es ist Täuschung, für den Durstigen bittere, martervolle Täuschung«, fuhr sie fort, als sie bemerkte, daß der See mit seiner leicht gekräuselten Oberfläche gleichen Schritt mit ihr hielt und, wenn sie sich ihm zu nähern trachtete, neckisch vor ihr zurückwich. »Trinken!« rief das Kind mit noch geschlossenen Augen; im nächsten Augenblick hob es aber den Kopf empor, und mit dringenderem Ausdruck wiederholte es seinen Wunsch nach Wasser. Die Mutter stand still und warf einen Blick rückwärts. Über der zurückgelegten Bahn lagerte ein dichter Schleier des treibenden Sandes; das Gebirge und der Paß waren aber noch sichtbar, und leicht berechnete sie, daß sie schon gegen sechs englische Meilen gewandert sei. »Es ist freilich noch früh, aber trinken sollst Du, mein Kind«, sagte sie zärtlich, indem sie sich ihrer Bürde entledigte. »Ja, trinken und auch etwas essen, damit mein Engel keine Not leidet.« Mit diesen Worten öffnete sie das Säckchen mit dem Pinole, und nachdem sie von dem feinen, versüßten Mehl in die Tasse getan, fügte sie so viel Wasser hinzu, bis dadurch eine Art von Suppe entstand. Bei dieser Arbeit wurde sie daran gemahnt, daß ein Sturm in der Wüste doch wohl weniger harmlos sei, wie sie bis dahin geglaubt hatte, denn nur mit der größten Mühe vermochte sie den zudringlichen Sand, der geschickt jede kleine Öffnung zu finden wußte, von dem Pinole und dem Wasser fern zu halten. Ernste Befürchtungen stiegen aber immer noch nicht in ihr auf, selbst auch dann noch nicht, als sie nach Befriedigung der Wünsche des Kindes die Wanderung wieder antrat und der wirbelnde Sand ihr schon bis über die Knie reichte. Doch der Sand und der zum Sturm anwachsende Wind nahmen keine Rücksicht auf das brechende Mutterherz oder auf das Engelsantlitz des kleinen Knaben. Heftiger wühlten die kreisenden Luftströmungen in dem losen Erdreich, höher und dichter jagten sich die falben Staubwolken. Schien es anfangs, als wate die Mutter mit dem Kinde in einem gelben See, so hätte man sie jetzt, aus der Ferne gesehen, für einen kühnen Schwimmer halten mögen, der, Kopf und Schultern über den Fluten, mit aller Kraft gegen eine verderbliche Strömung ankämpfte. – Die Besorgnisse der jungen Frau hatten sich schon längst in die ernstesten Befürchtungen verwandelt. Als sie aber die den Gaumen ausdörrenden Staub- und Sandteilchen nicht mehr von dem Kinde fernzuhalten vermochte, und dieses einmal über das andere Mal winselnd und jammernd nach Wasser rief, da bemächtigte sich ihrer das furchtbarste Entsetzen. Sie wollte zurückeilen in den Schutz der Gebirgsschluchten und dort in der Nähe der Quelle eine Änderung des Wetters abwarten; doch zu weit befand sie sich schon von dem Paß entfernt, und der Rest des Tages und ein Teil der Nacht wären darüber hingegangen, eh' sie, bei der nunmehr schon eingetretenen Erschöpfung, den ersehnten Schutz erreicht hätte. Sie fühlte, sie hatte sich zu viel zugetraut; auch sie besaß nur die Kräfte einer Sterblichen, und von einem Sandsturm, wie er jetzt ihr und ihres Kindes Leben bedrohte, hatte sie ja nie eine Ahnung gehabt. Verzweifelnd blickte sie zu den fernen Gebirgszweigen hinüber. Nur die höchsten Gipfel unterschied sie noch von ihrem niedrigen Standpunkte aus. Alles Übrige war eine pfeilschnell dahinstreichende, erstickende Masse und blendender, unveränderlicher Sonnenschein, und immer lauter und schärfer pfiff der Wind. »Fortgetrieben hast Du mich in den Tod«, sagte sie verzweiflungsvoll vor sich hin, und trotz des wehenden Sandes suchte sie die Augen weit genug zu öffnen, um zwischen den Falten der Decke hindurch einen Blick auf ihr fieberhaft schlummerndes Kind zu erhaschen. »Fort in den Tod, mich und Dein Kind, wenn ein guter Gott sich nicht unserer erbarmt!« – sie wollte weiter sprechen, aber ein heftiger Windstoß erstickte ihre Stimme, und kaum noch fähig, sich aufrecht zu erhalten, schloß sie die Augen. – Längere Zeit hindurch traf nur das Brausen und Pfeifen des Windes ihr Ohr; dann allerdings unterschied sie ganz deutlich, und zwar in nicht allzu großer Entfernung, das dumpfere Getöse, mit welchem eine Anzahl Pferde den Boden mit ihren Hufen stampften, und das Schnauben, mit welchem sie Staub und Sand aus ihren Nüstern zu entfernen trachteten. »O wenn es Rettung wäre!« stöhnte die gequälte Mutter leise, und weiter neigte sie sich über ihren Knaben hin, um ihm Schutz gegen den Andrang des Wetters zu gewähren. »Bei Gott! Ich sage Euch, es ist vergebliche Mühe, wir mögen eben so gut umkehren und Zuflucht im Gebirge suchen«, übertönte eine rauhe Stimme das Schnauben und Pferdegetrappel. Die junge Frau hätte aufjauchzen mögen, als sie die Nähe weißer Menschen erkannte, aber Entsetzen lähmte ihr im nächsten Augenblick wieder die Zunge, sobald sie die Stimme ihres Gatten vernahm, die Stimme desjenigen, den sie auf der ganzen Welt am meisten fürchtete. »Sie kann nicht weit sein!« rief derselbe mit vor Ingrimm bebender Stimme aus; »sie hat an der Quelle übernachtet, und ihr alle habt ihre Spuren noch im Ausgange des Passes gesehen. Wären wir nur eine halbe Stunde früher ins Freie gelangt, so hätten wir wenigstens noch ihren Kopf aus der Ferne entdecken müssen; denn noch ist es keine zwei Stunden her, seit der Sand Manneshöhe erreichte.« Die junge Frau, mehr einem Instinkt als einer ruhigen Überlegung folgend, schmiegte sich noch fester an den Boden. Sie berechnete aus dem Geräusch, daß die Reiter an ihr vorüberreiten würden und hoffte daher, unentdeckt zu bleiben. »Eine Frau, welche dem Gatten entflieht, sollte man ruhig laufen lassen, anstatt ihr in einem solchen verfluchten Wetter nachzujagen!« sagte die erste Stimme jetzt wieder mit noch ausgeprägterem Mißmut. Die junge Frau schauderte; die Reiter befanden sich ihr gerade gegenüber, kaum fünfzehn Schritte weit von ihr entfernt, und der Wind trug ihr jede einzelne Silbe ihres Gespräches zu. »Mögen die Gebeine der Abtrünnigen im Sande bleichen, wenn es mir nur gelingt, des Knaben wieder habhaft zu werden«, entgegnete derjenige, den die junge Frau als ihren Gatten erkannt hatte; »ja, ich muß ihn wiederhaben, denn erstens ist es mein Kind, und zweitens knüpfen sich zu große Rechte an seine Person. Alles, alles wäre verloren, geriete er in unrechte Hände. Wir müssen ihn finden, und wir finden ihn auch, und sollten wir ihn halbtot unter dem Sande –« Weiter vernahm die Mutter nichts mehr, die Reiter galoppierten schon wieder außerhalb der Hörweite dahin, und immer schwächer drang zeitweise nur noch das Schnauben und Stampfen der Pferde zu ihr herüber. »Wer wohl heiligere Rechte an Dich besäße?« sagte sie, in Tränen ausbrechend, indem sie dem erwachenden Kinde mit Küssen den Mund schloß, denn noch immer befürchtete sie, daß ein Ruf oder ein Aufschrei des Knaben die Reiter zurückrufen würde. »O wer besäße wohl heiligere Rechte an ein Kind, als die Mutter desselben? Aber still, mein Engel, sie sollen Dich nicht haben, um Dich ihren schändlichen Zwecken dienen zu machen. Ich rette Dich, und sollten wirklich meine Gebeine im Sande bleichen. Du mußt, Du wirst gerettet werden, oder es gibt keine Gerechtigkeit mehr im Himmel. Auch trinken sollst Du, so viel Du nur willst, und wenn der Sturm sich gelegt hat, dann kehren wir zur Quelle zurück, um dort beständigeres Wetter abzuwarten; sei darum ruhig, mein Herzenskind, Deine Mutter ist bei Dir.« Während die von Angst und Sorge erfüllte Mutter in dieser Weise dem jammernden Knaben beruhigend zusprach, suchte sie ihm, da der dicht wirbelnde Sand den Gebrauch der Tasse nicht gestattete, das Wasser gleich aus dem Schlauch einzuflößen. Es gelang ihr dies nur mit vieler Mühe. Nachdem sie endlich seinen Durst gestillt und auch selbst einen bescheidenen Trunk zu sich genommen, legte sie sich so neben ihn hin, daß er nicht von dem Sturm getroffen werden konnte. Mittelst der Decke stellte sie sodann, dieselbe unter ihren Schultern befestigend, eine Art Zeltdach für sie beide her, und da sie sich überzeugte, daß in dem geschützten Winkelchen der Staub nicht mehr mit erstickender Gewalt in die Luftröhren eindrang, so drückte sie ihr Kind fest an sich, um in dieser Lage das Niedergehen des Windes abzuwarten. Das Kind entschlief bald wieder; auch die Mutter vermochte nicht lange dem Schlaf Widerstand zu leisten; sie war zu erschöpft von der beschwerlichen Wanderung, zu gebrochen durch die andauernde Seelenqual. Hui! Wie der Sand über den entstehenden Hügelchen kreiste und kreiste, ehe er sich niederließ, und wie die sinkende Sonne so braunrot und trübe, so ganz ohne Strahlen niederschaute! Aber um die Sandhügelchen herum, unter welchen zwei lebende Wesen immer schwächer atmeten, schlich näher und näher, die gierigen Krallen nach seinen Opfern ausstreckend, der grimme, unbarmherzige Tod. – 2. Die Matrosenschänke Die Vereinigte Staaten-Regierung hatte den Mormonen den Krieg erklärt, und am Missouri wurde an allen den Zwecken entsprechenden Punkten mächtige Wagentrains befrachtet und ausgerüstet, teils um die nach dem Salzsee bestimmten Truppen durch die endlosen Steppen und Wüsten zu begleiten, teils um den schon in der Nähe des Salzseetales lagernden Kommandos Lebensmittel und Kriegsmaterial zuzuführen. Doch Kriege wurden zu damaliger Zeit von den Bürgern der Vereinigten Staaten noch außerordentlich leicht genommen, namentlich aber ein Feldzug gegen die Mormonen, zu welchem man nicht einmal Freiwillige aufzubieten brauchte. Man hielt nämlich eine reguläre Armee von sechs- bis achttausend Mann für hinreichend, eine doppelt so starke Macht der entschlossensten und zugleich fanatisierten Männer nach allen vier Himmelsgegenden auseinander zu jagen, und gab sich nicht einmal die Mühe, den Mormonen die Wege, auf welchen sie ihre Hilfsmittel erhielten, abzuschneiden. Ja, man ging sogar so weit, den aus allen Richtungen, gehorsam den Befehlen ihres Propheten, herbeieilenden »Heiligen« und Proselyten, gegen gute Bezahlung Alles einzuhändigen, was sie wünschten, und wären es auch die für das warme Herzblut und die gefundenen Glieder der Vereinigte Staaten-Truppen bestimmten Kugeln gewesen. Der Krieg gegen die Mormonen war also erklärt, ohne daß dadurch New York von der Stelle gerückt worden wäre. Es herrschte daselbst noch immer dasselbe Leben und Treiben. Schiffe gingen, Schiffe kamen, Menschen und Waren wurden hierhin und dorthin gestoßen und versendet, und unter denjenigen, die dort nach langer Seefahrt den Fuß wieder zum ersten Mal aufs Festland setzten, befand sich gewiß keine geringe Zahl solcher Leute, deren Endziel die heilige Stadt der Mormonen am großen Salzsee. – Doch wer hätte sich wohl die Mühe geben mögen, unter allen denen, die dort landeten, die Mormonen herauszusuchen, um so mehr, da dieselben kein äußeres Erkennungszeichen an sich trugen? Sie sahen eben aus, wie alle übrigen Menschen, und schienen nicht minder Eile zu haben, wie die Hunderte und Tausende verschiedener Gestalten, die alle ihren verschiedenen Beschäftigungen nachgingen, ohne sich einer um den ändern zu kümmern. Wer nun in den letzten Nachmittagsstunden eines freundlichen Herbsttages, von der Landungsbrücke der zur Philadelphia-Eisenbahnlinie gehörenden Dampfboote aus, seine Blicke über den von der Flut gestauten Hudson nach seiner Mündung zu hätte schweifen lassen, dem würde unter den zahllosen Fahrzeugen gewiß ein Schiff besonders aufgefallen sein, welches, in der Mitte des Stromes regungslos vor Anker liegend, sich durch seine schlanken Spieren, straffe Takelage und durch die achtunggebietenden Reihen halb geöffneter Kanonenluken als ein Kriegsschiff bekundete. Von der Gassel flatterten im Abendwinde die lustigen Sterne und Streifen der großen Republik, während der kurze gedrungene Schornstein noch immer die Rauchwolken der ersterbenden Maschinenfeuer in die mit Steinkohlendunst angefüllte Atmosphäre hinaufsandte und dem stattlichen Fahrzeug den äußeren Charakter eines nach wildem Wettlauf dampfenden und rastenden Renners verlieh. Wanderten die Blicke dann von den größeren Fahrzeugen zu den kleineren und allerkleinsten hinüber, so begegneten sie auch hier einem Boot, welches die Aufmerksamkeit länger fesselte, und zwar, weil es, wie die bewaffnete Schraubencorvette, den ernsten Zwecken des Krieges zu dienen schien. Es trug dieselben Farben, wie die Corvette, und auch in denselben Verhältnissen angebracht, wie bei jener, so daß man es auf den ersten Blick für einen Angehörigen derselben erkannte, auch ohne das U. S. M. auf den Hüten und blauen Hemden der vierrudernden Matrosen und des das kleine Steuer führenden Bootsmanns beobachtet zu haben. Es waren übrigens vier dralle, kräftige Burschen, die auf den Ruderbänken saßen. Ihre Physiognomien, soweit die vollen Backen- und Kehlbärte sie nicht beschatteten, waren braun wie Mahagoni, ihre knochigen Fäuste nicht minder; wo aber die Hemdenkragen vorn auf der Brust auseinanderschlugen, da erblickte man, wie auch auf den entblösten Unterarmen, ein solches Gewirr von blau tätowierten Ankern, Herzen, Anfangsbuchstaben des eigenen Namens und der Namen von Mädchen, denen einst ewige Treue geschworen worden war, daß ein vollblütiger Minetareh- Indianer auf die unauslöschlichen verschlungenen Linien hätte neidisch werden können. Doch die tätowierten Zeichen waren ja nicht aus der Ferne zu unterscheiden; um so besser erkannte man aber dafür den prächtigen Rudertakt, in welchem sie das Boot über die Fluten dahintrieben. Handhabten sie doch die wuchtigen Riemen, als wenn es ebenso viele Pfeifenstiele gewesen wären, oder als ob sie sich, anstatt auf den Ruderbänken, an einem schönen Sonntag Mittag beim Wegstauen eines gut geratenen Puddings befunden hätten. Genug, jeder einzelne dieser Burschen zeigte das untadelhafte Bild einer richtig auskalfaterten Theerjacke Nr. 1. A., doch bei allem Dem waren sie nichts, im Vergleich mit dem Hochbootsmann, der hinten im Stern des Bootes saß und das leichte Fahrzeug mittelst zweier an dem kleinen Steuer angebrachten Schnürchen in seinem schnellen Lauf lenkte. In der Bekleidung unterschied sich derselbe von seinen Gefährten nur dadurch, daß er ein silbernes Pfeifchen an einer silbernen Kette um den Hals trug, dagegen lag in seiner nachlässigen Haltung eine solche Würde, ein solches Selbstbewußtsein, wie nur eben ein Mensch empfinden kann, der nach langen Jahren schweren Dienstes endlich die erste Stufe zur höchsten Macht erstieg. Sein Körper war groß, hager und von herkulischem Bau, die Bewegungen aber, trotz der fünfzig bis sechzig Jahre, die er schon flott gewesen, noch immer leicht und sicher, wie bei Jemandem, der das Bewußtsein hegt, nie eine falsche oder vorschnelle Bewegung auszuführen. Seine Fäuste glichen einem Paar eiserner Schraubstöcke; seine Arme festen Handspeichen; sein dunkelbraunes Gesicht aber, welches dünnes, schwarzes, mit etwas Grau untermischtes Haupthaar von oben, und ein dichter blau-schwarzer Bart, der wie eine Binde von dem einen Ohr nach dem ändern unter dem Kinn durchlief, von unten einrahmte, erinnerte nicht wenig an ein altes zerfetztes Logbuch, in welchem schon seit einem halben Jahrhundert die Stürme und Windstillen aller Breiten und Längen eingetragen worden. Die ursprünglichen Gesichtsformen bei ihm herauszufinden, würde gewiß schwer gehalten haben, denn außerdem, daß die Haut durch die stets wechselnden atmosphärischen Einflüsse, wie bei einem Blatterkranken, verharrscht war, lief noch zum Überfluß von dem rechten Ohr quer über die Nase nach dem linken Auge eine furchtbare Narbe hinüber, die er offenbar dem Schlage mit einem Messer oder dem Hiebe mit einem kurzen schweren Cutlaß oder Enterschwert verdankte. Sein gewiß nicht schönes Gesicht erhielt durch die verunstaltende Narbe einen merkwürdigen Ausdruck grimmiger Wildheit. Derselbe wurde indessen bedeutend gemildert durch die kleinen, etwas zusammengekniffenen Augen, die, verschlagen unter dichten büschigen Brauen hervorlugend, bei allem Ernst doch einen hohen Grad von Gutmütigkeit verrieten. Die unzähligen Ruder- und Segelboote, die, bald geführt von kundigen Händen, bald bemannt mit unbeholfenen Landratten und luftfahrenden Müßiggängern, nach allen Richtungen hin das Fahrwasser der eben beschriebenen Jolle kreuzten, derselben begegneten oder von ihr eingeholt wurden, schien der alte Bootsmann gar nicht zu bemerken. Er überließ es gleichsam dem Instinkt seiner Hände, den Weg zwischen den vielen Hindernissen, ohne anzustoßen, hindurch zu steuern; denn seine Blicke waren beständig nach oben auf die Takelagen der doppelten und dreifachen Reihe von Kauffahrern gerichtet, die ihm die Aussicht auf die Stadt selbst verbargen. Er sprach kein Wort, allein der Kapitän eines jeden Fahrzeugs, an welchem er vorüberschoß, hätte aus seinem Mienenspiel das Urteil über das herauszulesen vermocht, was er eben einer flüchtigen Prüfung unterworfen hatte, und zwar ein Urteil, so richtig und treffend, daß es eine ganze Marine- kommission nicht richtiger und treffender hätte fällen können. Er mußte indessen mehr zu tadeln als zu loben finden, denn sein Mund kam aus dem verächtlichen Zucken kaum heraus, welches bald einem von Schmutz klebenden französischen Dreimaster, bald der schnatternden Bemannung eines Spaniers, oder auch der schief gestauten Ladung irgend eines andern Schiffes galt. Wenn er aber an einem Engländer vorüberfuhr, dann zuckte seine mit Tabak ausgestopfte Wange krampfhaft, und gleichzeitig sendete er einen braunen Strahl zwischen seine Zähne hindurch nach demselben hin, als ob es des armen Schiffes Schuld gewesen, daß es einer, den Amerikanern, vielleicht auch vielen anderen Völkern, verhaßte Nation angehört habe. Gewahrte er dagegen irgendwo den lustigen Bratrost, (scherzhaft für rotgestreifte Flagge), so zwinkerten seine Augen vergnügt, und der Eindruck, den der Anblick des geliebten Sternenbanners auf ihn ausübte, mußte ein ziemlich nachhaltiger sein, denn er war dann in der nächsten Minute nicht abgeneigt, irgend einen ihm zugerufenen Gruß durch ein leises Kopfnicken zu beantworten, vorausgesetzt, der Gruß ging von richtigen Theers aus, und nicht von paddelnden behandschuhten Landratten, die kaum einen Ostindienfahrer von einem Heuschober zu unterscheiden vermochten, oder gar die Breitseite eines Kriegsschiffes für ein neumodisches Musikinstrument ansahen. Während also der Bootsmann hierher und dorthin schaute, schielte er auch zuweilen nach zwei Männern hin, die auf der vordersten Bank seiner Jolle saßen und sich in eine eifrige Unterhaltung vertieft hatten. Was dieselben erörterten, blieb ihm allerdings fremd, denn sie tauschten ihre Ansichten in einer Sprache aus, von welcher er kein Sterbenswort verstand, doch hielt ihn das nicht ab, mit der größten Aufmerksamkeit ihren Stimmen zu lauschen, obgleich es den Anschein hatte, als seien gerade sie die Letzten auf der ganzen Welt, um die er sich hätte kümmern mögen. Die beiden Männer, nur wenig jünger als der Bootsmann, waren einfach, jedoch vornehm gekleidet, und verrieten den Ausländer in ihrer äußeren Erscheinung nicht weniger, als durch ihre Sprache. Ihre länglichen Gesichter, mit den scharf ausgeprägten Zügen und den hellen graublauen Augen, trugen eine gewisse Ähnlichkeit mit einander, doch lag dieselbe mehr in den hervortretenden Eigentümlichkeiten der Nationalität, welcher sie angehörten, als daß sie aus einem verwandtschaftlichen Verhältnis entsprungen wäre. Der größere, der von seinem Gefährten mit dem Namen Jansen angeredet wurde, hatte in seinem Gesicht etwas Finsteres und Verbissenes, und wenn er sprach, so lag im Ton seiner Stimme ein unverkennbarer Sarkasmus, der sich wohl heraushören, aber weniger leicht beschreiben läßt. Seine Augen waren unstet, erhaschte man aber einen Blick aus denselben, dann neigte man unwillkürlich zu der Annahme hin, daß dennoch freundliche, wohlwollende Gefühle hinter denselben schlummern dürften. Seine Neigungen waren aus seinem ernsten und überlegenden Wesen nicht zu erraten, wohl aber hinterließ er den Eindruck, daß er, was für Leidenschaften ihn auch immer beseelen mochten, denselben Alles, sogar sein Leben zum Opfer bringen würde. Sein Gefährte, der einige Jahre mehr zählte, die Fünfzig also schon erreicht hatte, sah nicht minder finster aus, allein es hielt nicht schwer, zu entdecken, daß dieser Ausdruck erkünstelt war und als Maske diente; denn hinter dem ernsten nachdenkenden Wesen lugte ganz verstohlen die Verschlagenheit und Geschmeidigkeit eines Fuchses hervor, die keine Treue und keinen Glauben kennt, und nur danach trachtet, auf Kosten Anderer an das sich selbst gesteckte Ziel zu gelangen. Seinen Gefährten schien er an Verstand, oder vielmehr an List, weit zu überragen und in seiner Handlungsweise, ohne daß dieser es ahnte, ganz nach Gefallen wie ein Kind zu lenken und zu leiten. Er zeigte überhaupt das Bild eines durchtriebenen Jesuiten, der genau jedes der eigenen Worte abzumessen versteht, um die Wirkung desselben unfehlbarer und nachhaltiger zu machen. »Ist dies die bezeichnete Landungsstelle?« fragte Jansen, indem er gleich seinem Gefährten aufstand. »Aie, Aie, Herr«, antwortete der Bootsmann, sich ebenfalls erhebend und über die Bänke hinweg dem Vorderteil der Jolle zuschreitend. Die beiden Passagiere sahen nach der Uhr, wechselten einige Worte miteinander, und wendeten sich dann mit unentschlossener Miene zu dem alten Seemanne, der nunmehr schon hinter ihnen stand und ihnen den Vortritt auf der Treppe lassen wollte. Dieser mochte ihr Zaudern für Zweifel an seinen Worten halten, denn nachdem er sich geräuspert und einen tiefen grunzenden Ton ausgestoßen hatte, der fast wie »Goddam« klang, versicherte er höchst lakonisch, daß dieses der Punkt sei, wo sie abgesetzt zu sein gewünscht hätten, und daß er ihnen sehr verbunden sei, wenn sie ihm sein Fahrwasser etwas klar machen, mit anderen Worten, ihn vorbeilassen wollten. »Das ist es nicht, guter Freund«, entgegnete Rynolds, der kleinere der beiden Fremden, mit einschmeichelnder Höflichkeit, »wir finden nur, daß es noch etwas früh am Tage ist, und wir wohl kaum jetzt schon den Freund, an welchen wir empfohlen sind, in seiner Behausung antreffen dürften. Wir möchten daher an einem beliebigen Ort ein Stündchen verweilen, wissen aber bei unserer Unkenntnis der Stadt nicht, wohin wir uns wenden sollen. Vielleicht könnt Ihr uns eine Stelle bezeichnen, und wenn es eine Schänke wäre, wo wir uns in irgend einem Winkelchen so lange unbeachtet aufhalten können. Wir sind bescheiden in unseren Ansprüchen.« Während Rynolds noch sprach, glitt kaum merklich ein Lächeln der Zufriedenheit über die vernarbten Züge des alten Seemannes. Das unvorhergesehene Ansinnen schien ihn zugleich zu überraschen und zu erfreuen, denn mit mehr, als ihm sonst geläufiger Höflichkeit teilte er den beiden Passagieren mit, daß gar nicht weit von der Landungsstelle, in einem Nebengäßchen eine vielbesuchte Matrosenschänke liege, in der aber auch ein besonderes Gemach für solche Gentlemen eingerichtet sei, welche, wenn den Tag über angestrengt auf den Werften beschäftigt, dort hin und wieder Erholung und Erfrischung suchten. Die Fremden stimmten bereitwillig zu, der Bootsmann stieg ihnen voran die Treppe hinauf, und unverzüglich traten sie ihren Weg nach der nächsten Straße an. Kaum waren sie aber zehn Schritte weit von der Treppe entfernt, da bat der Bootsmann seine Begleiter, eine Minute zu verziehen, indem er vergessen habe, den Matrosen die nötigen Befehle zu erteilen. Sein Wunsch wurde erfüllt, und im nächsten Augenblick neigte er sich an der Treppe nieder, wobei er die Fremden aber nicht aus den Augen verlor. Obgleich er nun glaubte, dieselben nicht aus den Augen verloren zu haben, so hatten sie doch Zeit gefunden, auch über ihn ihre Bemerkungen auszutauschen, die ihm allerdings, wenn er sie auch gehört hätte, unverständlich geblieben wären, die sie aber in semer Gegenwart, aus geheimer Scheu vor dem grimmigen alten Seemanne, wohl kaum auszusprechen gewagt hätten. »Ihr könnt mir glauben, der Kerl soll uns nachspüren«, sagte Rynolds heimlich zu seinem Gefährten, sobald er sich unbeobachtet wähnte, »und nur um seine Wachsamkeit einzuschläfern, forderte ich ihn auf, uns in irgend eine Kneipe zu führen. Nach Einbruch der Dunkelheit kann es uns nicht schwer werden, von dort aus unbemerkt zu entkommen.« »Gewiß soll er uns nachspüren«, antwortete Jansen, »denn vergebens hat der milchbärtige Lieutenant uns nicht gerade durch diesen alten Spitzbuben an's Land setzen lassen. Hole der Satan die ganze Nation!« »Zu Euren Diensten, Gentlemen!« meldete sich der herantretende Bootsmann, und schweigend setzte sich die Gruppe nach dem Innern der Stadt zu in Bewegung. – Nach wenigen Schritten befanden sich die drei Männer mitten in dem Gewühl von Menschen, Karren, Lastwagen, die auf der Werststraße mit betäubendem Geräusch auf und ab wogten, und nachdem sie sich durch dasselbe hindurchgearbeitet hatten, bogen sie in die nächste der Hauptstraßen ein, die fast in gerader Linie über die New Yorker Halbinsel hinüberführen. Ohne Zögern bog der Bootsmann in die Quergasse ein, denn er entnahm aus dem Schall ihrer Tritte, daß die beiden Fremden ihm dicht auf dem Fuße nachfolgten, und ohne sich umzuschauen, schritt er eine kurze Strecke weit auf der linken Seite dicht unter den düster aussehenden Warenhäusern hin. Plötzlich blieb er vor der weitgeöffneten Tür eines kleineren Hauses stehen, und sich zu seinen Begleitern wendend, deutete er mit der Hand auf einen wenig geräumigen, dunkeln, jedoch durch zwei Gasflammen erleuchteten Flur. »Hier sind wir«, sagte der Bootsmann, einen Schritt zurücktretend, um seinen Begleitern den Vortritt zu gestatten; »riecht für 'ne städtische Nase wohl etwas zu sehr nach Salzwasser, aber im Sturm ist jeder Hafen willkommen. Haltet nur auf jene Tür nach Steuerbord zu; werdet dort jede Bequemlichkeit finden, und außerdem so wenig Gesellschaft, wie an Wochentagen in einer Kirche. Ist jetzt nicht die rechte Zeit zum Pressen, so kurz vor Einbruch der Nacht; besser des Morgens in der Frühe, wenn der Teufel den letzten Cent geholt hat und die Burschen tot vor Top und Takel treiben.« Jansen und Rynolds folgten der angedeuteten Richtung und begaben sich in das bezeichnete Gemach, wo sie sogleich von einem Kellner in Hemdärmeln und einem Matrosenhut auf dem Kopfe nach ihren Wünschen befragt wurden. Ihr bärbeißiger Mentor dagegen trat auf die Schwelle der gegenüberliegenden Tür und ließ von dort aus, um sich vorläufig in der mit Tabaksrauch angefüllten Halle zu orientieren, seine Blicke prüfend über das tolle Getreibe hingleiten. »Hallo! Jini Raft! Alte Vogelscheuche! Welcher Wind hat Dich bis hierher verschlagen?« rief plötzlich eine Stimme, die mehr dem Knarren einer durstigen Ankerwinde, als irgend einem anderen Tone glich, und es humpelte hinter dem Schänktisch der Kellner und Eigentümer des Lokals, ein alter stelzfüßiger Seemann hervor und gerade auf den Bootsmann zu, dem er sodann mit großer Herzlichkeit die Hand schüttelte. »Ahoi, Jungens!« rief er aus, und sein Stelzfuß schmetterte auf die dröhnenden Bretter. »Ich sehe Euch Alle gern in meiner Kombüse, aber Keinen lieber als meinen alten Maat hier, den Hochbootsmann von der Vereinigte Staaten-Corvette Leopard, den Master Jim Raft. Wo er also auch immer beizulegen wünscht, da werdet Ihr den Platz klar machen, oder Ihr sollt Alle kieloberst zur Hölle fahren!« Die Matrosen, größtenteils junge, lebenslustige Burschen, nahmen die Rede mit einem donnernden Hurrah entgegen, und sei es nun, daß sie sich den Wirt zum Freunde zu halten wünschten, oder daß sie eine gewisse Achtung vor der würdigen Erscheinung Jim Raft's empfanden, genug, es war kein einziger in der Halle, der dem Eintretenden nicht seinen Platz und zugleich seine Zeche für den Abend angeboten hätte. Die lebhafte Unterhaltung, welche bei Raft's Eintritt in der Halle geführt worden war, wollte indessen gar nicht wieder in den Gang kommen; es hatte den Anschein, als wenn alle erwarteten, daß der noch seefeuchte Bootsmann das Wort ergreifen und mit der Erzählung seiner jüngsten Erlebnisse vortreten würde. Dieser verharrte indessen längere Zeit schweigend und blinzelte nur zuweilen nach dem Gemach der Gentlemen hinüber, bis ihn endlich ein neben ihm sitzender Lotse durch eine hingeworfene Bemerkung, zum größten Ergötzen aller Anwesenden, zum Sprechen zwang. »Es ist mir ganz neu«, sagte derselbe in geringschätzigem Tone, halb zu Jim Raft, halb zu dem Stelzfuß gewendet, »in der Tat, ganz neu, daß Kriegsschiffe der Vereinigten Staaten auch zum Transport von Emigranten verwendet werden.« Sehr originell, und auch mir ganz neu«, antwortete Raft, aber das Blauwerden in seiner Narbe verriet, daß er sehr wohl fühlte, gegen wen der Angriff eigentlich gerichtet sei. »Ich habe den Leoparten einlaufen sehen«, fuhr der Lotse in derselben Weise fort, »und Ihr mögt mich blind nennen wie eine gemalte Stückpforte, wenn ich über seinen Schanzen nicht einige Köpfe mehr bemerkte, als er mit in See genommen hatte, und zwar Köpfe, zu denen eine Theer- kappe gepaßt haben würde, wie ein Feuereimer auf dem kahlen Schädel eines katholischen Heiligen.« »Ich bemerkte nicht, daß der Leopard beim Einlaufen einige Dutzend Köpfe mehr zählte, als beim Auslaufen«, antwortete Raft, und der Barometer in seinem Gesicht deutete wieder auf ruhiges Wetter, denn er mochte wohl zu der Überzeugung gelangt sein, daß eine aus Neugier hingeworfene Frage schließlich nicht immer eine Beleidigung enthalte. »Ja, einige Dutzend Köpfe mehr«, wiederholte er sinnend, nachdem er einen tiefen Zug aus seinem Glase getan und eine der langen Tonpfeifen gefüllt und in Brand gesetzt hatte; »aber an den Beinen will ich mich aufhissen lassen, und zwar an der Raae des ersten besten, schmutzigen, kauderwelschen Franzosen, wenn zu den meisten dieser Köpfe eine Theeerkappe nicht eben so gut paßt, wie zu einem Lotsenschädel!« Der Lotse zog einen schiefen Mund, kniff ungläubig sein rechtes Auge zu und schleuderte kurz hinter einander, wie eine Fumarole, ein halbes Dutzend dichter blauer Dampfwolken mit Heftigkeit von sich. Raft bemerkte die Zeichen und deutete sie ganz richtig. Er antwortete aber nicht sogleich, sondern ließ, um die Neugier seiner Zuhörer noch mehr auf die Folter zu spannen, ein eigentümlich grimmiges Lächeln des Selbstbewustseins um seine Lippen spielen. Nach einer Pause nahm er die Pfeife aus dem Munde und wies mit der Spitze derselben nach dem »Gemach der Gentlemen« hinüber. »Dort sitzen ein paar Passagiere des Leoparden«, hob er endlich an, und indem er sich etwas über den Tisch lehnte, benutzte er den Augenblick, in welchem die Aufmerksamkeit aller sich der angedeuteten Richtung zuwendete, seinem Freunde Stelzfuß ins Ohr zu flüstern: »Verdammte Landpiraten! Ich muß signalisiert werden, wenn sie Anker lichten!« Der Stelzfuß nickte zustimmend und entfernte sich auf einige Minuten aus der Halle, und bald darauf hingen die Blicke aller Anwesenden wieder an dem Munde des Bootsmannes, von dem man nunmehr einer weiteren Erklärung seiner geheimnisvollen Worte entgegensah. Endlich, nachdem er sich noch einmal heftig geräuspert und eine neue Pfeife angezündet hatte, begann er: »Kommt der Leopard aus den westindischen Gewässern, wo er so lange gekreuzt, um auf den Neufundlandbänken einen kurzen Ausguck zu halten. Eine steife Bö aus West, Südwest bei West; Kurs: Nordnordwest bei Nord; halbe Dampfkraft; dichtgereeftes Großmarssegel, Großsegel, Fock, Borstengestagsegel und Besahnstagsegel. Alle übrige Leinwand eingeholt und zierlich zusammengefaltet, wie'n Sonntagnachmittags-Hemde, oder das Taschentuch einer Brautjungfer. Ganz originell! – Weht also, daß die Haare vom Kopfe fliegen, und dazu macht der Himmel ein Gesicht, wie'n Midshipman vor einem versalzenen Reispudding; und haben die Seen weiße Perrücken, daß der gepuderte Leibkutscher der Königin von England sie darum hätte beneiden mögen.« »Denke, Ihr müßt schon solchen Leibkutscher gesehen haben?« unterbrach der Lotse den redseligen Bootsmann. »Goddam, mehr wie einen!« antwortete Raft, indem er zwei Dampfwolken, eine durch die Nase und die andere zwischen den Lippen durchblies. »Sah sie eigenhändig in London auf einem Wagen, der so blank war, als sei er eben erst frisch geteert worden, das ist originell. Saß einer vorn auf dem Gallion und hielt die Gäule, die davonlaufen wollten, und standen zwei hinten am Stern auf 'ner schmalen Laufplanken und führten das Steuer. Ja, ein Fahrzeug, wie 'ne Nußschale, und doch zwei Mann am Ruderhelm; mußte dem Steuer schlecht folgen und schlingerte dabei wie 'ne Hängematte. Hätte nicht drin sitzen mögen; bei Gott! Wurde beim Anblick schon seekrank.« Hier pausierte Raft, um die Asche in seiner Pfeife niederzudrücken, und nachdem er sodann einen gewichtigen Blick auf seine Umgebung geworfen, fuhr er wieder fort: »Ja, 's ist originell; Perrücken hatten die Seen aufgesetzt, so kraus und weiß, daß der Leibkutscher der Königin von England sie darum beneidet hätte, wenn sie nach London gekommen wären, um sie ihm zu zeigen. Und nahm die Bö die Perrücken und machte Regen draus. Verdammt! Tropfen, so fein und scharf wie 'ne Patent-Segelnadel. Sage Euch, Jungens, hielt der Leopard die See, als hätte er sich auf einem Tanzplatz befunden, und stampfte so leicht und zierlich, wie'n vierzehnjähriges Mädchen, das hoch aufgeschürzt auf den Zehenspitzen über eine naßgeregnete Straße hüpft. Das ist originell! Und klatschten die Seen vergeblich gegen die Schanzverkleidung, um auf Deck zu gelangen; machte der Leopard einen Diener, und oben saß er auf der nächsten See, daß die Perrücken sich in seinem Kupfer spiegelten und sich vor Schreck schäumend überschlugen. Ja, 's war 'ne Freude, solch 'ne Bö und solch 'n Fahrzeug!«- »Hatte die letzte Morgenwache und hatte mich am Gangspill festgestaut. War schon heller Tag, kommt aber eine Squall nach der ändern herangesaust und macht es so dunkel, daß man einen Geitaublock mit einem Zwieback hätte verwechseln können. – Blicke hinauf zum Topmast: Alles in Ordnung; blicke aufs Vorderschiff: Alles in Ordnung. Schlägt die Wache acht Glocken; höre die Ablösung sich klar machen, schreit der Mann am Gallion: Schiff in Sicht luvbord! Schiff in Sicht luvbord! Schrei ich: Schiff in Sicht luvbord! Antwortet Meatherton, der erste Lieutenant, der mit mir zugleich die Wache hatte.« »Der kleine Dick?« unterbrach der Stelzfuß mit lauter Stimme den Erzähler, indem er vor Überraschung emporsprang und seine Faust dröhnend auf den Tisch fallen ließ. »Ja, der kleine Dick Weatherton«, entgegnete Raft, sich stolz in die Brust werfend. »Der kleine Dick Weatherton, der Sohn des großen Dick Weatherton, mit dem wir beide als Schiffsjungen manche Wache zusammen bezogen haben. Armer Kapitän Weatherton; er ist schon lange hinüber, während wir beide noch immer segelrecht oben schwimmen. Hm, nicht einmal ein ehrliches Seemannsgrab hat er gefunden; ist gestorben wie jeder andere gemeine Mensch: auf seinem Gute zwischen seinen vier Wänden. Haben ihn in den Sand gepackt, um ihn von den Würmern fressen zu lassen, und statt einer Ehrensalve aus einigen Dutzend Zwölfpfündern haben sie an seinem Grabe gesungen und geheult. Obschon der alte Seemann seine wahren Gefühle zu verbergen trachtete, so waren dieselben doch keinem in der Gesellschaft entgangen, und alle teilten mehr oder minder die Rührung, die den Erzähler beinahe übermannt hätte. Mehrere Minuten herrschte lautlose Stille in der Halle. Da erhob sich plötzlich der Stelzfuß, und nach dem Schänktische hinschreitend, gab er Befehl, die ganze Gesellschaft, zu Ehren des Kapitäns Weatherton, mit einer neuen Ladung Grog zu versehen. Als er dann wieder vor Jim Raft Platz genommen, der noch immer in sich gekehrt dasaß, schlug er denselben auf die Schulter. »Jim!« rief er aus, »Du hast von dem alten Weatherton erzählt, nun erzähle aber auch, was aus dem kleinen Dickie geworden ist.« »Der kleine Dickie?« fragte Raft, und indem er mit der geballten Faust auf den Tisch schlug, daß alle Gläser klirrten, wich die letzte Spur von Rührung aus seinen eisenharten Zügen, und die Narbe nahm wieder ihre gewöhnliche Farbe an. »Der kleine Dickie? Der macht mir und seinem Vater alle Ehre. Ist jetzt Lieutenant Weatherton, und handhabt ein Schiff, als wenn seine Mutter 'ne leibhaftige Seejungfrau gewesen wäre. Ha, ha, ha! seine Mutter ist eine feine Lady, kann mir heute aber noch nicht vergessen, daß ich ihrem Dickie so viele und schöne Garne abgesponnen habe, und dieser die Zeit nicht abwarten konnte, bis er den Fuß auf ein Verdeck gesetzt haben würde. Verdammt! möchte wissen, was aus dem armen Jungen geworden wäre, hätte ich im nicht berechnet, daß aus ihm nie etwas Anderes, als ein Commodore werden dürfe. Ja, das ist originell! Der Junge hörte mehr auf mich, als auf seine Mutter und alle seine Lehrer. Wäre sonst auch nichts Anderes geworden, als ein spitzbübischer Advocat, oder ein Pflasterschmierer, oder ein Professor oder was es sonst noch für Landrattengesindel auf der Welt geben mag. Jetzt aber ist er Zweiter im Kommando auf dem Leopard, und erst fünfundzwanzig Jahre alt. Ja, ein stattlicher Junge und ein Lieutenant zur See Nr. 1. A. – »Also: Lieutenant Weatherton antwortet: Schiff in Sicht luvbord!« fuhr Raft in seiner unterbrochenen Erzählung fort, indem er seine eigenen letzten Worte wiederholte; denn pünktlich, wie er in allem war, was seinen Dienst und das Seewesen betraf, vergaß er auch nie die Stelle, an welcher er beim Abspinnen eines Garnes stehen geblieben. »Ich selbst in drei Sprüngen die Leiter hinauf, und bei Gott! durch den Regen hindurch, kaum eine Kanonenschußweite vom Leopard entfernt, erblicke ich, treibend vor Top und Takel, ein Briggschiff. Reibe mir das Salzwasser aus den Augen, sehe aber immer dasselbe, nämlich das Fahrzeug, nur Stumpfen von Masten, und zwischen diesen flatternd, wie auf einer Waschleine, das Notsignal. Hatte die Bö es kahl rasiert, und See auf See stürzte ein auf das Wrack, als wenn dessen Verdeck der Musterungsplatz für alles Wasser der Christenheit gewesen wäre. »War ein Schwede, die Brigg; hatte gute Teerjacken an Bord, denn der Leopard brauchte seinen Böten die Füße nicht einmal naß zu machen; denn kaum lag der Leopard still, da glitt auch die Barkasse der Brigg abseits der Brecher in die See. War eine Freude, die Jungem zu beobachten; im Nu war die Barkasse bemannt, und einzeln, wie die Proviantkisten in den Schiffsraum, wurden die Passagiere von dem letzten Raastumpfen zu ihr niedergelassen. 'S waren deren nicht viel, aber Schürzen waren dabei, verdammt! Weiber, doch sie hielten sich besser als manche Männer, die eine aus Wut, die andere aus Verzweiflung. Höre deutlich: »Alle an Bord?! Alle an Bord! Kappt!!« »Hurrah! brüllen die Matrosen, Hurrah! antworten sechs dünne Stimmen von dem Wrack. Ja, war'n noch der Kapitän, ein Steuermann, zwei Matrosen und zwei Passagiere«, hier deutete Raft mit der Spitze seiner Pfeife nach dem ändern Gemach hinüber, »auf dem Wrack zurückgeblieben. Hatten keinen Platz mehr in der Barkasse gefunden, und wollten auch wohl noch die Schiffspapiere und ihr Geld retten. War eine schwedische Brigg, eigentlich kein Passagierschiff, hatte aber einige Kajütpassagiere mitgenommen. Arbeitet der Leopard also prächtig; hält sich genau in Kabellänge von dem Wrack, welches, nach dem Stillstehen der Pumpen, schnell tiefer und tiefer sinkt und, sich auf die Seite legend, von einer See nach der ändern überschüttet wird. Bei Gott! keine schöne Lage, in welcher sich die Zurückgebliebenen befanden. Hatten aber den Kopf nicht verloren, mußten schon manchen Südwester kennen gelernt haben. »Heran kommt die See, heran kommt die Jolle; der Leopard wühlt sich in's Wasser hinein, wie eine Gluckhenne in ihr Nest. Alles fertig! Los die Leinen! Hurrah für die lustigen Sterne und Streifen! Die Leinen haben gefaßt, zwölf Arme ziehen die Blöcke nach sich, und eh' die See unter dem Steuer des Leoparden fortrollt, sitzen die Haken in den Ringen der Jolle. Das ist originell! Heiß an! Drei Dutzend gesunde Teerjacken laufen mit den straffen Tauen nach vorne; der Leopard nestelt sich tiefer in das Federbett des Schaumkessels, und als die nächste See ihn wieder hebt, hängt an seinem Spiegel, wohl befestigt an den Bootdavids, die Jolle mit Sack und Pack und naß, wie die Wasserratten, klettern die Letzten von der Brigg an Bord. »Bei Gott, ein knappes Entkommen!« sagte der fremde Kapitän, dem Kommandanten des Leoparden, Dickie und den Zunächststehenden die Hand schüttelnd. Sprach schlechtes Englisch obendrein, ich sah aber Wasser in seinen Fenstern, als er nach seinem Schiff hinüberschielte. Armes Ding! war die höchste Zeit gewesen; kamen hinter einander drei See'n kanterten das Wrack kieloberst; ein Knall, als wenn mit zehn Achtundvierzigpfündern zugleich gefeuert worden wäre, die zusammengepreßte Luft strömte zwischen den zersprengten Planken hinaus, das Bugspriet hob sich noch einmal steil aus dem kochenden Kessel, und – gute Nacht, Brigg, auf Nimmerwiedersehen, und auf diese Weise sind Passagiere an Bord eines Vereinigte Staaten-Kriegsschiffs gelangt«, schloß der Bootsmann mit gehobener Stimme seinen Vortrag, indem er einen vielsagenden Blick auf den Lotsen warf. »Gerettet wurden der Kapitän und seine Mannschaft, nebst allen Schiffspapieren«, schnarrte Raft im Geschäftston, indem er an den Fingern zu zählen begann; »ferner die Passagiere, zehn an der Zahl, nebst ihrem wertvollsten Eigentum. Hatten die Jolle fast bis an den Rand vollgestaut. Dann aber, jedoch schon mit in die zehn eingerechnet, zwei Schürzen. Die eine, ein altes Leuchtschiff, dürr wie eine Logleine, die seit Jahren keinen Teer gesehen; die andere? Goddam! schmuck und schlank wie'n Zweidecker, der eben vom Stapel gelaufen und Ballast zur ersten Fahrt eingenommen hat, Bei Gott! aufgetakelt wie'n Admiralschiff! Spieren? originell! kurz, ein schmuckes, seetüchtiges Fahrzeug vom Kiel bis zum Flaggenknopf auf dem Toppmast!« In diesem Augenblick erschien der Aufwärter aus dem andern Gemach in der Halle, und zu dem Stelzfuß herantretend, flüsterte er diesem einige Worte zu, wobei er mit dem Daumen seiner linken Hand über die Schulter nach rückwärts deutete. Jim Raft beobachtete während dieser Zeit die Physiognomie seines Freundes, und als dieser mit bezeichnender Miene das eine Auge zukniff, stand er auf und trat schnell hinter dem Tisch hervor, so daß die auf den Flur tretenden beiden Passagiere ihn nicht sehen konnten. Immer nach der Tür hinhorchend, näherte er sich dem Schanktisch, und mit gleichgültiger Gebärde ein Goldstück hinwerfend, forderte er den Stelzfuß auf, sich für alles während seiner Abwesenheit Getrunkene bezahlt zu machen und den Rest in die Kasse für arme Seeleute und deren Familien zu tun. Schallender Jubel, Hurrahrufen, Klirren von Gläsern, die im Übermut gegen die Wand geschleudert wurden, und gellendes Gejauchze erschütterten die Halle als Anerkennung für die große Freigiebigkeit, und gerade diesen absichtlich hervorgerufenen tollen Lärm benutzten Jansen und Rynolds, um, nach ihrer Meinung unbemerkt, in's Freie zu schlüpfen. Sie befanden sich indessen noch keine dreißig Schritte weit von der Matrosenschänke entfernt, da eilte hinter ihnen, mit einer Gewandtheit, die man dem langen und bejahrten Manne kaum zugetraut hätte, Jim Raft auf der offen stehenden Haustür quer über die Gasse nach der ändern Seite hinüber, wo er den beiden Männern, gleichen Schritt mit ihnen haltend, immer in derselben Entfernung folgte. Und so wanderten die drei Männer dahin, jeder beschäftigt mit seinen eigenen Gedanken, bis sie endlich den in vollem Glanz prangenden Broadway erreichten. Dort auf dem breiten Trottoir standen die beiden Schweden still, und aus den Bewegungen ihrer Arme, mit welchen sie ihre Worte begleiteten, glaubte der Bootsmann zu erraten, daß sie über irgend einen Gegenstand verschiedene Meinungen hegten und vergeblich eine Einigung herbeizuführen strebten. Das Gedränge und das Stoßen, welchem sie daselbst ausgesetzt waren, mochte sie indessen zu sehr stören, denn sie begaben sich sehr bald schräg nach dem Rathausplatz hinüber, wo sie unter den dichtbelaubten Bäumen ihren Spaziergang fortsetzten. Jim Raft, daran gewöhnt, seine Augen in der Dunkelheit zu gebrauchen, war ihnen auch dorthin nachgefolgt, und sich abwärts im Schatten der Bäume haltend, schritt er in einiger Entfernung von ihnen geduldig auf und ab, die eigenen Bewegungen mit seemännischer Pünktlichkeit nach den ihrigen abmessend. Die Zeit verstrich; die Rathausuhr schlug neun, und noch immer erging sich das seltsame Paar unter den Bäumen. Es schlug ein Viertel, Raft fluchte einige Male vor sich hin, doch keine Änderung kam in das Benehmen der beiden Passagiere. Als aber die Glockenschläge halb zehn anmeldeten, da kehrten sie plötzlich auf ihrem Spazierwege um, und wie um ein Versäumnis einzuholen, eilten sie nach dem nordwestlichen Winkel des Platzes hinüber. Dort angekommen, bogen sie, ohne sich zu besinnen, mit der Sicherheit von ortskundigen Leuten, in die mit dem Broadway fast parallel laufende breite Straße ein und, augenscheinlich um weniger von anderen Fußgängern behindert zu werden, schritten sie auf dem leeren Schienenwege der Pferdeeisenbahn davon. Ihre Bewegungen waren übrigens jetzt so schnell geworden, daß es Raft die größte Mühe kostete, in ihrer Nähe zu bleiben, und nur ihrem großen Sicherheitsgefühl verdankte er es, daß sie den langen Seemann nicht bemerkten, der, um sie nicht aus den Augen zu verlieren, ebenfalls die Bahn zu seinem Wege gewählt hatte. Plötzlich aber wendeten sie sich kurz nach links einer engen Querstraße zu, welche in einem Bogen dem Broadway wieder zuführte, und im nächsten Augenblick verbargen sie die dichten Reihen der Fußgänger, zwischen welchen sie sich hindurchdrängten. Jim Raft erschrak und ein derber Fluch rollte über seine Lippen, denn er glaubte nunmehr am verfrühten Ende der ihm gestellten Aufgabe zu sein. Mit einem Sprunge war er zwischen den Fußgängern auf dem Bürgersteige, seine Ellenbogen arbeiteten rücksichtslos und unbekümmert um die ihm zugeschleuderten Schmähreden nach rechts und links, und er erreichte glücklich die Ecke der Nebengasse, als seine Piraten in der Tat schon dreißig Schritte weit von derselben entfernt waren. In seinem Eifer und in der Aufregung, in welche er allmählich hineingeraten war, achtete er aber nicht auf den Weg vor sich, und als er eben über die Gosse nach dem etwas erhöhten Trottoir hinaufsprang, prallte er so heftig mit einem Fußgänger zusammen, daß er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. »Goddam!« grunzte er zähneknirschend, und immer noch mit dem einen Auge nach den sich entfernenden Gestalten hinüberschielend, hob er seine Faust, um durch einen wohlgezielten Schlag das so höchst unzeitig in seinen Weg getretene und nur aus einem einzigen Manne bestehende Hindernis aus dem Wege zu räumen. Dieser dagegen mochte die Gefahr, in welcher sein Gesicht schwebte, nicht unterschätzen und wohl einsehen, daß es zu einem Ausweichen zu spät sei, denn ehe noch die furchtbare Faust ihr Ziel mit unwiderstehlicher Gewalt traf, hatte er sich auf den Bootsmann geworfen und ihn so fest und gewandt umklammert, daß derselbe, um seinen Gegner zu treffen, zuerst sein eigenes Gesicht hätte zerschmettern müssen. 3. Im Konzertsaal Fast zu derselben Zeit, zu welcher Jim Raft sich mit den seiner Wachsamkeit anempfohlenen Passagieren nach der Matrosenschänke begab, standen im oberen Broadway, dem fast ein Häuserviereck einnehmenden New-York-Hotel schräg gegenüber, zwei junge Männer vor einer breiten offenen Doppeltür, über welcher, trotz der noch herrschenden Tageshelle, in Transparentschrift die Worte: »Theater, Konzert und Erfrischungen« zu lesen waren. Sie hatten ihre Aufmerksamkeit einem großen Zettel zugewendet, welcher die an diesem Abend im Innern des Hauses stattfindenden Vorstellungen verkündete. Es waren zwei kräftige junge Männer mit vollen krausen Bärten, die, obgleich ihre Tracht in mancher Beziehung Ausländer bekundete, in Haltung und Benehmen jene Sicherheit zeigten, welche darauf hindeutete, daß sie nicht mehr so ganz fremd auf dem amerikanischen Kontinent seien. Welche Art von Geschäften sie trieben, denn nur reiche Leute und Vagabunden, welche über das Mein und Dein keinen recht klaren Begriff besitzen, vermögen in New-York ohne jede Beschäftigung zu leben, ging aus ihrem Äußern nicht hervor; daß sie aber, um sich den Lebensunterhalt zu verschaffen, noch nicht zu schweren Handarbeiten ihre Zuflucht genommen, das bewiesen die weißen, wohlgepflegten Hände, die große Sauberkeit ihrer feinen Wäsche und der modische Schnitt ihrer ganzen Kleidung. – »Was meinen Sie, lieber Werner, wollen wir eintreten und hier ein paar Stunden verbringen?« fragte der kleinere der beiden Männer, nachdem er den Zettel zu Ende gelesen. »Warum nicht?« fragte der andere lebhaft lachend zurück. »Ein amerikanischer Schilling Eintrittsgeld, dafür eine Marke auf ein Glas Bier oder was uns sonst beliebt, und obenein noch Theater und Konzert? So etwas wird mir nicht alle Tage geboten.« Die jungen Leute drängten sich an die Kasse, und bald darauf waren sie im Besitz von Marken, mit welchen sie fünf oder sechs Stufen nach dem Innern des Hauses zu hinaufstiegen, wo ein grüner wollener Vorhang und ein sauber gekleideter Kassendiener ihnen den Weg versperrten. Sobald sie ihre Marken vorgezeigt, wurde der Vorhang vor ihnen gehoben, und sie befanden sich an dem Ort, an welchem sie alle auf den Zetteln versprochenen Dinge kennen lernen sollten. Es wurde gerade ein Gesangstück vorgetragen; sie vermieden daher, durch das Rücken von Stühlen Geräusch zu erzeugen, obgleich es in anderer Beziehung ziemlich frei dort herging und die wenigsten der Leute sich durch die Musik in ihrer Unterhaltung stören ließen, wenn sie dieselbe auch nur in flüsterndem Tone führten. »Wie gefällt es Ihnen hier?« fragte der Mentor, oder vielmehr Falk, wie er hieß, seinen Gefährten, nachdem er sich eine Weile an der Überraschung desselben geweidet hatte. »Prächtig!« entgegnete Werner lebhaft«, dergleichen haben wir in Kalifornien noch nicht, trotzdem wir auch dort schon ziemlich weit in der Kultur vorgeschritten sind. Man findet hier ja alle Nationen und Stände vertreten. Dort drüben Franzosen, hier wieder Stockamerikaner, nicht weit davon die brutalen irländischen Gesichter, und die Gesellschaft an jenem Tisch, die sich etwas abgeschlossen hält, kann doch nur aus Deutschen bestehen.« »Sie haben recht«, versetzte Falk, mit den Augen der angedeuteten Richtung folgend. »Es sind Deutsche, und zufällig kenne ich dieselben. Der alte, ehrwürdige Herr, der wie ein Patriarch unter den drei jungen Leuten sitzt, ist einer der geachtesten Männer New Yorks, der während seines langjährigen Aufenthalts hier, wenn auch nicht in seinem Herzen, so doch in seinem Äußern und Wesen ganz amerikanisiert ist. Die beiden jungen Leute an seiner Seite, ich meine den schmächtigen mit dem noch jugendlichen schwarzen Bart, und den wohlbeleibten mit dem dünnen Haar und dem starken, gelben Schnurrbart, sind zwei deutsche Edelleute, die ihrem Stande und ihrem Herkommen die größte Ehre machen. Sie sind sehr beliebt unter den Amerikanern und tragen viel dazu bei, die Vorurteile welche man hier im Allgemeinen gegen die höheren Stände in Deutschland hegt, immer mehr schwinden zu machen. Ihr dritter Gefährte, der mit dem behaglichen Ausdruck und dem langen, dichten, blonden Bart, derselbe, der den alten Herrn jetzt mit einem gutmütig, verschmitzten Lächeln von der Seite betrachtet, ist ein Mann, der den größten Teil der letzten zehn Jahre in den unwirtlichen Regionen zwischen dem Missouri und den Küsten der Südsee zugebracht hat. Sie sehen es seinem, von der tropischen Sonne gebräunten Gesicht an, daß er eben erst von einer solchen Wüstenreise zurückgekehrt ist, und sich doppelt glücklich im Kreise seiner Freunde fühlt. Ha ha ha! ich wette darauf, die drei heiteren Gesellen haben den alten Herrn unter irgend einem Vorwande hierhergelockt, und freuen sich hinterher darüber, daß er, der von Musik sehr wenig versteht, sich augenscheinlich so gut unterhält. Das heißt, seiner Frau, einer sehr feinen und liebenswürdigen Amerikanerin, darf er nicht sagen, wo er gewesen ist.« Ein mächtiger Akkord auf dem Klavier, dem noch einige Läufer nachfolgten, und eine tiefe Verbeugung des als irländischer Kärner verkleideten Sängers auf der Bühne sagten, daß wiederum eine kleine Pause beginne, und fast augenblicklich setzten sich die Aufwärter in Bewegung, um sich nach den Wünschen der neu hinzugekommenen Gäste zu erkundigen und ihnen, gegen Einhändigung der Eintrittskarte, ein gefülltes Glas zu verabreichen. Falk und Werner benutzten die Pause und nahmen an einem Tischchen, nicht weit von der Gruppe der Deutschen, Platz, wo sie also ziemlich ungestört ihre Unterhaltung weiterführen und zugleich den ganzen Saal der gemischten Gesellschaft übersehen konnten. »Ich kann nicht umhin, meine Bewunderung darüber auszusprechen«, hob er an, »daß Ihnen verhältnismäßig so viele Personen in dieser zahlreichen zusammengewürfelten Gesellschaft bekannt sind.« »Und dennoch ist es ganz natürlich«, entgegnete Falk ebenso leise, »denn außerdem, daß ich als Maler darauf angewiesen bin, mit vielen Menschen zu verkehren, um die Erzeugnisse meiner Kunst zu verwerten, streife ich in meinen müßigen Stunden vielfach umher, nur geleitet von dem Zweck, Ideen und Stoff zu meinen Arbeiten zu sammeln. Mein Weg führt mich dann gewöhnlich dahin, wo ich den dankbarsten Boden zu finden hoffe: und da das amerikanische Familienleben nur sehr wenig wahrhaft anregende Momente bietet, so kann ich ja nicht besser tun, als die Physiognomien zu meinem Genrebildern an öffentlichen Vergnügungsorten aufzusuchen. Ich komme daselbst mit Diesem und Jenem zusammen, und stoße häufig auf Physiognomien, die mich allein schon durch ihren Ausdruck bestimmen, nach ihrer Geschichte zu forschen, wenn auch nur, um mich zu überzeugen, in wie weit ich mich mit meinen Mutmaßungen über sie der Wahrheit genähert habe. Es ist dieses eine Art Studium, welches mir viel Unterhaltung gewährt, mag ich Unbekannten gegenüber auch ernst und verschlossen erscheinen.« »Ich dürfte in meinem augenblicklichen Beruf als Weinhändler nicht so ernst sein, oder das kalifornische Haus, für welches ich reise, würde Veranlassung finden, mit meinen Dienstleistungen eben nicht sehr zufrieden zu sein.« »Es war mir bis jetzt neu, daß von Kalifornien Wein ausgeführt wird.« »O, das ist noch vielen Menschen neu, und wenige haben einen Begriff davon, welchen Ertrag die alten Missionsweinberge, wie auch die in neueren Jahren angelegten liefern. In vielen Schiffsladungen kaufen wir den jungen Wein auf den kalifornischen Küstenstrichen, um ihn demnächst in San Francisco in unseren vortrefflichen Kellern ablagern zu lassen. Und wenn er dort ein oder zwei Jahre gelegen hat und man bringt ihn wieder an's Tageslicht, ei, der Tausend, was für ein Göttertrank ist es dann! Aber Sie sollen ihn in meinem Hotel proben.« »Der geborene Weinhändler!« rief Falk lachend aus, und mit einem gellenden Triller und einer anmutigen Verbeugung schloß die Sängerin ihre Jodelarie. »Vielleicht sogar ein Vorwurf zu einem Ihrer pikanten Genrebilder?« entgegnete Werner heiter, als der Applaus, welcher die Sängerin bis hinter die mit furchtbar großen Lilien und Rosen übermalten Kulissen begleitete, sich etwas gelegt hatte. »Nein, nein!« antwortete der Maler mit gesteigerter Fröhlichkeit. »Ich habe eine Flasche Ihres Kaliforniaweins lieber in Wirklichkeit, als auf Leinwand gemalt vor mir, und da es den meisten Amerikanern wohl nicht viel besser ergeht, so würde mein Bild am Ende unverkauft bleiben. Sie kennen den hiesigen Geschmack noch wenig.« »Ha, ich denke, der Geschmack wird hier der Art sein, daß Sie Ihre Bilder schon längst verkauften, noch eh' dieselben zu malen begonnen haben.« Manchmal, ja; es kommen nämlich zuweilen Leute zu mir, die eine neu eingerichtete Wohnung auszuschmücken wünschen, und zu diesem Zweck bestellen sie, je nach Bedürfnis und der Zahl der zu dekorierenden Wände, sechs, acht und mehr Bilder, nebst Angabe der Breite und Länge. Oft erhalte ich auch die Rahmen geliefert, um Bilder in dieselben hineinzumalen. Ich muß gestehn, diese handwerksmäßige Ausübung der Kunst widerstrebt meinem Gefühl, allein da ich kein reicher Mann bin und meine gelegentlichen Reisen sehr viel Geld kosten, so muß ich notgedrungen auf dergleichen Anerbietungen eingehen. Ich tröste mich indessen mit dem Gedanken, daß Eins das Andere befördert, und habe meine Zeit demgemäß eingeteilt. Eine Woche hindurch male ich täglich ein bis zwei Bilder, und gewinne dadurch so viel, daß ich wieder zwei Monate hindurch größeren und edleren Arbeiten ungestört obliegen kann. Letztere gebe ich dann auf die Ausstellung, und zur Ehre der Amerikaner muß ich einräumen, daß doch hin und wieder schon einer auftaucht, der bei der Beurteilung eines Werkes weniger auf schreiende Farben, als auf die Ausführung sieht.« Der Klavierspieler hatte, um die Zeit auszufüllen, wieder ein neues Stück begonnen. Es waren Variationen über ein Heimatlied, und mit wirklich innigem Ausdruck trug er dieselben vor. Die beiden Freunde waren nachdenkend geworden; auch bei ihnen mochten die lieben bekannten Klänge süße, wehmütige Erinnerungen erwecken. Da störte sie das Geräusch neu eintretender Personen, die rücksichtslos mitten durch den Saal schritten. Werner schaute mißmutig auf. Kaum hatte er diejenigen, von welchen das Geräusch ausging, erblickt, so erhob er sich etwas von seinem Sitz und sendete einen stummen, aber höflichen Gruß hinüber. Falk, der ganz Ohr war, nahm sich nicht die Mühe aufzuschauen, sondern ließ, Ruhe gebietend, ein lautes »St!« zwischen seine Zähne durchgleiten. Das Geräusch verstummte; aber erst als der junge Mann am Klavier seine Variationen beendigt hatte, wendete Falk sich nach den eben Angekommenen um, und gleichzeitig glitt ein deutlicher Zug des Mißvergnügens über sein geistreiches Gesicht. »Sie, erst seit zwei Wochen in New York, stehen schon auf dem Grüßfuß mit diesen beiden Menschen?« fragte er Werner, und in seiner Stimme verriet sich eine unangenehme Überraschung. Werner errötete; er war betroffen, weil er sich die Frage, die offenbar irgend einen Vorwurf enthielt, nicht zu erklären vermochte. »Ich kenne sie, weil sie in dem Hotel, in welchem ich wohne, vielfach verkehren. Es sind zwei deutsche Edelleute, die sich ebensowohl durch ihre feine Bildung, als auch durch ein gewisses vornehmes zurückhaltendes Wesen, welches aber durchaus nicht abstößt, auszeichnen. Der Zufall fügte es, daß ich vor einigen Tagen näher mit ihnen bekannt wurde, und ich gestehe, ihre höfliche Zuvorkommenheit, die so gänzlich jeder, den Deutschen sonst eigentümlichen Zudringlichkeit entbehrt, hat mich sehr für sie eingenommen. Der ältere Herr ist ein Graf und sein jüngerer Gefährte ist ein Baron, ihre Namen sind mit leider entfallen.« Während der ganzen Zeit, daß Werner sprach, hatte Falk seine Blicke nicht von den betreffenden Persönlichkeiten gewendet und mit einem unbeschreiblich vielsagenden Ausdruck fortwährend genickt. »So-o-o!« sagte Falk endlich gedehnt, als die beiden Herren immer noch unentschlossen in ihrer zuerst angenommenen Stellung verharrten, »Sie sind also für den Herrn Grafen und den Herrn Baron eingenommen? Ich kenne sie nämlich nur unter diesen Namen; wie sie sonst heißen mögen und ob sie wirklich auf diese Titel gerechte Ansprüche haben, ist mir auch sehr gleichgültig. Indessen kann ich Ihnen nur raten, auf Ihrer Hut zu sein; es sind ein paar verrufene Abenteurer, die bei Ihnen Schätze wittern und es ganz gewiß auf Ihr Geld abgesehen haben. Sie wissen, daß ich mehr von ihrer Vergangenheit erfahren habe, wie ihnen lieb ist, und scheuen daher, sich Ihnen zu nähern. In der Heimat lernten sie weiter nichts, als das Kriegshandwerk in Friedenszeiten; dann sind sie nach Amerika ausgewandert, weil vielleicht ein unvorsichtiger Nachtwächter sich auf ihren Degen aufspießte, oder weil unverschämte Kreditoren ihnen nicht länger davon borgen wollten. Zu stolz, sich entehrender Arbeit zu unterziehen, verschaffen sie sich auf gentilere Weise hier in New York ihren Unterhalt durch ihr gutes Kartenspiel. Ich kenne sie seit einigen Jahren, ich kannte sie schon, als sie noch in sehr abgetragenen Röcken die deutschen Bierhäuser besuchten und, nach sehr liebevoller Unterhaltung mit irgend einem unerfahrenen Emigranten, regelmäßig ihre Börsen vergessen hatten, um jenem die Freude zu gönnen, einmal für so vornehme Herren bezahlen zu dürfen. Ich liebe es sonst nicht, jemanden an den Pranger zu stellen; besonders aber nicht, wenn die Möglichkeit vorliegt, daß mir ungerechtfertigte Vorurteile und Abneigung gegen diesen Stand oder jene Würde zum Vorwurf gemacht werden könnten. In diesem Falle aber vermag ich doch nicht den Wunsch zu unterdrük- ken, daß die Geschichte der beiden Herren in weiteren Kreisen bekannt werden möchte, wenn auch nur, um diejenigen zu warnen, welche, ursprünglich aus jugendlichem Leichtsinn, der Verführung nicht fest entgegentreten, allmählig tiefer und tiefer sinken, und endlich durch eine unüberlegte verdammungswürdige Handlung sich die Rückkehr zu einer ehrenwerten Lebensstellung abschneiden.« »Kommen Sie«, sagte Falk, »diese Veranstaltung hat für mich etwas Widerwärtiges.« Die Freunde erhoben sich und schlichen leise davon, und einige Minuten später wanderten sie, Arm in Arm, plaudernd den Broadway hinunter. Vor dem kleinen, aber mit orientalischer Pracht ausgeschmückten Hotel, welches die gegenüberliegende Ecke des mächtigen St. Nicolaus-Hotel bildet, trennten sie sich, nachdem sie sich gegenseitig das Versprechen gegeben, am folgenden Tage wieder zusammenzutreffen. Werner trat in die Lesehalle ein, um noch einen Blick in die neuesten Zeitungen zu werfen, während Falk in die nächste Querstraße einbog und in derselben eilig weiterschritt. Seine Wohnung lag fast auf dem anderen Ende der Stadt, da, wo die Häuser noch nicht so dicht zusammengedrängt waren, und wo Gärten und anmutige Parkanlagen der Stadt selbst einen überaus freundlichen Charakter verliehen. Die Pferdeeisenbahn lief in geringer Entfernung von seiner Wohnung hin, und um einen der alle zehn Minuten auf derselben abgehenden kolossalen Wagen zu benutzen, machte er sich den kleinen Umweg, der ihn fast in entgegengesetzte Richtung von der eigentlich beabsichtigten führte. Da es nicht mehr weit von zehn Uhr war, und um diese Zeit die letzten Wagen ihren Halteplatz vor Barnim's Museum verließen, so beeilte er sich, um die letzte Fahrgelegenheit nicht zu versäumen. In Gedanken versunken verfolgte er seinen Weg, und mechanisch wich er den Leuten aus, die ihm in den engen, weniger belebten Querstraßen und Gassen begegneten. Erst als er die breite, hell erleuchtete Eisenbahn vor sich liegen sah, mäßigte er die Eile seiner Schritte. Da bemerkte er eine riesenhafte Gestalt, die von der ändern Seite der Straße her schräg auf ihn zubog und sich ihm mit langen Sätzen näherte. Er wollte dem Fremden, den er für einen Betrunkenen hielt, ausweichen, in demselben Augenblick machte derselbe aber eine unvorhergesehene Wendung gerade auf ihn zu, so daß er heftig mit ihm zusammenprallte, und gleichzeitig sah er eine Faust, die sich blitzschnell hob und sich auf sein Gesicht zu senken drohte. Den Hieb von sich abzuwenden, erschien ihm nicht mehr möglich, er wählte daher als letzte Rettung vor dem brutalen Angriff, daß er sich mit aller Gewalt auf seinen Gegner warf und sich an demselben festklammerte. 4. Die drei Mormonen Als Jim Raft seine Faust zum Schlage gegen Falk erhob, hegte er eben nur die, nach ihrer Meinung, höchst unschuldige Absicht, sich in der Verfolgung der seiner Wachsamkeit anempfohlenen Männer nicht von der richtigen Spur abbringen zu lassen. Zu spät sah er aber ein, daß er zur Erreichung seines Zweckes gerade zu einem unrechten Mittel gegriffen hatte. Bei seinen riesenhaften Kräften wäre es ihm allerdings ein Leichtes gewesen, den Künstler, trotz dessen Gewandtheit, von sich abzustreifen und zu zermalmen; allein da er seine Blicke nicht von den in der Ferne immer mehr verschwindenden Gestalten abzuwenden wagte, so befand er sich im Nachteil. Er versuchte daher, den zufälligen feindlichen Zusammenstoß auf möglichst gütliche Art beizulegen. »Das ist originell!« rief er aus, als er sich von Falk's Armen, wie von unzerreißbaren Schlingen umklammert fühlte. In dem Ton seiner Stimme verrieten sich aber, trotz des aufsteigenden Zornes und der schnarrenden Rauheit, Gefühle die in so krassem Widerspruch zu seiner drohenden Gebärde standen, daß Falk dadurch beruhigt wurde und des Seemanns Worte mit einem Anflug von Humor wiederholte, ohne indessen sogleich in seinem Griff nachzulassen. »Sehr originell«, sagte er gutmütig, sobald er bemerkte, daß er es mit keinem Betrunkenen zu tun habe und daher nur ein Irrtum obwalten könne. »Verdammt!« entgegnete Raft, immer nach derselben Richtung hinstierend. »Ich habe Eile, und wenn Ihr ein Gentleman seid, dann werdet Ihr, eh' ich Euch würge, Eure Enterhaken von meiner Gurgel nehmen und mich eine Strecke begleiten – geschwind – geschwind, eh' sie außer Sicht sind! Hol' der Satan meine Dummheit! So anzusegeln!« Des Bootsmanns Worte klangen so aufrichtig, daß Falk keinen Augenblick an seiner Ehrlichkeit zweifelte. »Auch ich habe Eile, von hier fortzukommen«, entgegnete er daher, seine Arme von dem Nacken seines Gegners entfernend und einen Schritt zurücktretend, »so viel Eile, daß ich Euch nicht begleiten kann.« »Aber Ihr müßt!« rief der aufgebrachte Bootsmann schnaubend aus, und gleichzeitig griff er den Maler dicht über dem Handgelenk seines linken Armes, worauf er ihn mit unwiderstehlicher Gewalt und Eile mit sich fortzog, daß Jener beim besten Willen außer Stande war, ihm Widerstand zu leisten, wenn er nicht zu einem geräuschvollen Auftritt Veranlassung geben wollte. Nachdem sie also ungefähr dreißig Schritte nebeneinander in vollem Lauf zurückgelegt hatten, schien Falk's Führer wieder Herr seiner selbst zu werden. »Seht Ihr dort die Schatten an den Häusern hingleiten?« fragte er den überraschten Künstler, der allmählich ein neugieriges Interesse an seiner eigentümlichen Lage empfand. «Die Männer dort auf jener Seite? allerdings sehe ich sie, ich müßte ja blind sein, wie ein Maulwurf«, antwortete Falk, und Raft hatte schon gar nicht mehr nötig, ihn nach sich zu ziehen. »Das ist originell! blind wie eine gemalte Kanonenluke«, versetzte der Seemann mit unterdrückter Stimme. »Ihr seid unbedingt ein Gentleman; behaltet also mit mir zugleich jene Landpiraten in Sicht, und während wir gleichen Kurs mit ihnen steuern, will ich Euch eine Erklärung geben, wie es sich zwischen Männern geziemt.« »Still, steht still«, ermahnte Falk seinen Begleiter nunmehr seinerseits am Arme zurückhaltend, »dort in die Haustür schlüpften sie hinein. Laßt uns nur die Pforte bewachen; wo sie hineingegangen sind, müssen sie doch endlich auch wieder herauskommen.« »An Euch ist ein Seemann verdorben«, sagte Raft mit wirklichem Bedauern, »habt Augen wie'n durstiger Midshipman, und berechnet die Länge wie'n alter Commodore.« So sprechend stellten sie sich im Schatten des gegenüberliegenden Hauses so auf, daß ihrer Wachsamkeit Niemand entgehen konnte, der aus der bezeichneten Tür in's Freie trat. Mehrere Minuten verharrten sie sodann schweigend. Plötzlich schien Raft sich auf etwas zu besinnen. »Ihr seid ein Gentleman«, hob er an, »was meint Ihr, wenn wir den Kreuzknoten, den wir miteinander zu lösen haben, zu gelegener Zeit aufhöben; vielleicht bis morgen an irgend einem bestimmten Orte und zu irgend einer bestimmten Stunde?« »Der Vorschlag ist nicht übel und ganz originell«, erwiderte Falk lächelnd, sich absichtlich Raft's Lieblingsausdrucks bedienend. Freute Raft sich nun, auch einmal aus einem ändern Munde, als dem eigenen, das Wort »originell« zu vernehmen, oder war sein Wohlwollen für den gefälligen, gutmütigen Deutschen in so schnellem Wachsen begriffen, genug, nachdem er einige Male mit dem Kopfe genickt, versetzte er zögernd: »Sagen wir also übermorgen.« Hier wurde ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Tür hingelenkt, in welcher drei Personen erschienen, die sich ziemlich laut unterhielten. Raft stieß seinen Gefährten an, zum Zeichen, daß er seine Leute wieder erkenne. Dieselben traten ganz aus der Tür heraus, während die dritte Person, offenbar ein noch junger Mensch, in derselben zurückblieb und sie über die einzuschlagende Richtung belehrte. Die Passagiere entfernten sich sodann mit kurzem Gruß, der junge Mann trat in's Haus zurück und man vernahm weiter nichts mehr, als den Widerhall der Tritte der Davoneilenden. Als sie weit genug waren, um ihnen mit Sicherheit folgen zu können, setzten Raft und sein Begleiter sich sogleich wieder in Bewegung. Ersterer fluchte leise vor sich hin und verwünschte alle unter falscher Flagge segelnden Piraten in den tiefsten Abgrund der Hölle. »Ich verstehe Euch nicht«, bemerkte Falk freundlich, der immer größeren Gefallen an dem alten, wirklich originellen Seemanne fand. »Und ich verstehe die verdammten Nachteulen nicht«, knurrte Raft ärgerlich, »sprächen sie, statt des lumpigen Kauderwelsch, englisch, wie andere ehrliche Leute, so müßten wir jetzt ihren Kurs und ihre ganze Ladung vom Spiegel bis zum Stern kennen.« »Dazu gehört nicht gerade Englisch«, versetzte Falk, »sie sprachen schwedisch, und mir wenigstens ist kaum eines ihrer Worte entgangen; waren es doch die alltäglichen Phrasen, die sie miteinander wechselten.« »Mann, Ihr versteht Schwedisch?« fragte Raft, und seine Faust fiel schwer auf Falk's Schulter, wo sie sich förmlich festkrallte. »Ziemlich vollständig. Denjenigen, den sie in dem Hause zu finden erwarteten, haben sie eben nicht gefunden, und da hat ihnen dessen Diener, oder wer es auch immer gewesen sein mag, mitgeteilt, wo sie die betreffende Person heute Abend noch würden sprechen können.« »Und wo ist das?« fragte der Bootsmann heftig, aber leise, denn während sie miteinander sprachen, waren sie den Schweden unabsichtlich nähergerückt. »Wir werden gleich dort sein, wenn ich richtig verstanden habe«, antwortete Falk. »Ich glaube sogar den Garten zu kennen, nach welchem sie sich hinbegeben.« Nach diesen Mitteilungen schritten sie ungefähr noch zehn Minuten lang schweigend nebeneinander hin, die beiden vor ihnen hereilenden Gestalten fortwährend scharf beobachtend. Sie hatten sich allmählich dem Broadway wieder genähert, und zwar eine bedeutende Strecke oberhalb der Konzerthalle, in welcher Falk schon in Werner's Gesellschaft einen Teil des Abends verbrachte. Als sie endlich den Broadway erreichten, schienen Jansen und Rynolds zu überlegen, ob sie die Straße hinauf oder hinunter gehen sollten. Ein Vorübergehender, den sie befragten, beseitigte ihre Zweifel; denn sie wendeten sich sogleich aufwärts. Vor einem hell erleuchteten Torweg hielten sie an; sie lasen die in Gasflammenschrift über demselben angebrachten Worte: »Restaurations-Garten«, und ohne zu zögern traten sie ein. Falk und Raft waren unterdessen ebenfalls herangekommen, und fast in demselben Augenblick, in welchem Erstere sich durch die in Folge einer mechanischen Vorrichtung von selbst zufallende Hintertür in den eigentlichen Garten hinausbegaben, schlichen Letztere durch die Vordertür in das Haus. Hier nun kamen Falk und der Bootsmann überein, daß Raft, der von den Schweden unbedingt wieder erkannt werden würde, sich im Hause verborgen halten müsse, während Falk ihnen nachfolgen und, wenn möglich, ganz in ihre Nähe zu gelangen trachten solle. Gerade als er ihrer ansichtig wurde und ihre Gesichtszüge bei dem flackernden Gaslicht genauer zu unterscheiden suchte, brachte ihnen ein Kellner eine Flasche Wein und noch zwei Gläser, ein sicheres Zeichen, daß sie, obgleich die Nacht schon vorgerückt war und einzelne Gesellschaften bereits aufbrachen, doch noch länger dort zusammen zu bleiben beabsichtigten. Falk trat also in die nächste Laube. Er war daselbst nur einige Fuß von ihnen entfernt, und nachdem er ebenfalls Erfrischungen für sich hatte kommen lassen, legte er ein großes Notizbuch vor sich auf den Tisch, in welchem er dann, scheinbar sehr emsig, etwas ausrechnete und niederschrieb. Eigentlich hegte er den Plan, alle Worte, welche durch die dünne Laubwand bis zu ihm dringen würden, niederzuschreiben, um sie später mit mehr Muße in Zusammenhang zu bringen. Er traute sich nämlich nicht zu, eine in schwedischer Sprache geführte Unterhaltung genau verfolgen zu können, wenn er auch wirklich in früheren Jahren auf einer Kunstreise durch die skandinavischen Hochlande sich notdürftig zu verständigen gelernt hatte. Als er sich an seinem Tischchen niederließ, wurde nebenan doch englisch gesprochen, und zwar bestand die Unterhaltung aus nur oberflächlichen Mitteilungen, welche bald den Schiffbruch, bald die Ankunft aus New York, bald das Schicksal dieser und jener Person in Europa oder Amerika betrafen. »Wir haben Mühe gehabt, das Schiff heute schon verlassen zu dürfen«, sagte Rynolds endlich, auf die Geschäftsangelegenheiten übergehend; »wir boten indessen unsere ganze Beredsamkeit auf, denn die unbestimmten Gerüchte, die uns über die Lage unserer Brüder am Salzsee zugegangen, ließen uns das Schlimmste befürchten.« »Der Krieg ist erklärt, und die Unsrigen haben die Erklärung mit gebührendem Trotz entgegengenommen«, bemerkte der fremde Herr, der von den beiden anderen im Laufe des Gesprächs mehrfach Mr. Abraham genannt wurde. »Es ist weniger der Krieg, der uns zu dem späten Besuch veranlaßte, als die bewußte Angelegenheit«, versetzte Jan- sen mürrisch. »Meine Nichte hat beinahe seit Jahresfrist keine Nachricht von ihrer Schwester erhalten, weshalb wir durchaus ihr hier irgend eine Beruhigung über deren Ergehen verschaffen müssen. Wie ist es, habt Ihr neuerdings Briefe vom Salzsee gehabt?« »Seid vorsichtig«, sagte Rynolds in schwedischer Sprache, indem er verstohlen auf die Laube wies, in welcher der Maler saß; »man kann in diesem Lande keinem Menschen trauen; hat es uns doch nicht geringe Mühe gekostet, den groben Seemann los zu werden, welchen der alberne Schiffslieutenant auf unsere Fährte setzte. Abraham warf einen Blick zwischen den Blättern hindurch auf Falk, zuckte verächtlich die Achseln, als er in ihm einen Deutschen erkannte, gebrauchte aber doch die Vorsicht, sich nunmehr der schwedischen Sprache zu bedienen und seine Stimme etwas zu dämpfen. »Briefe habe ich allerdings vom Salzsee erhalten«, hob er an, »aber leider keine sehr erfreulichen Nachrichten. Die Schwester hat im verwichenen Herbst aus Eifersucht, daß ihr Gatte sich mit einer zweiten Frau verheirate, samt ihrem Kinde die Salzsee-Stadt verlassen. Man setzte ihr nach, aber erst eine Woche später, entdeckte man die untrüglichen Spuren, daß sie während eines Sandsturms in der Wüste zu Grunde gegangen und verschüttet sei. »Mutter und Kind?« fragte Jansen auffahrend, und im Klange seiner Stimme lag eine tiefe, aber mit aller Gewalt unterdrückte Teilnahme. »Mutter und Kind? und das erfahre ich erst heute, nachdem fast ein Jahr darüber vergangen?« »Mutter und Kind«, antwortete Abraham eintönig, »und heute erfahrt Ihr es erst, weil es mir zu gewagt erschien, Euch das Unglück nach Europa zu berichten. Übrigens erwarte ich Euch ja bereits seit sechs Monaten. »Sehr, sehr schlimm«, bemerkte Rynolds, den Kopf schüttelnd. »Was werden wir ihr sagen, wenn sie nach ihrer Schwester fragt?« Sie glaubt mit Bestimmtheit hier Briefe von ihr vorzufinden.« »Das Fehlen der Briefe könnte sehr leicht durch die ausgebrochenen Feindseligkeiten erklärt werden«, versetzte Abraham beruhigend, »denn wer weiß, ob sie ihre Gesinnung nicht änderte, wenn sie die Wahrheit in ihrem ganzen Umfange erführe. Noch schlimmer aber wäre es, erhielte sie eine Ahnung davon, daß sie selbst zur zweiten Frau eines der einflußreichsten und energischsten Mormonen bestimmt ist, oder daß überhaupt die Vielweiberei unzertrennlich mit unserer Lehre ist.« »Es wäre töricht, sie jetzt schon darüber aufklären zu wollen«, bestätigte Rynolds, »sie wird alles früh genug erfahren, wenn sie am Salzsee eingetroffen ist, und sich dann leichter in das Unabänderliche fügen. Nehmt ihr aber die Sehnsucht nach ihrer Schwester, und sie weigert sich, mit Euch zu gehen. Sie besitzt überhaupt die Neigung, auf diejenigen zu hören, die mit glatten Schmeichelworten unsere gesegnete Lehre verleumden. Ich habe ihr Benehmen dem Schiffslieutenant gegenüber sehr wohl beobachtet, und ich versichere Euch aus vollster Überzeugung, es ist die höchste Zeit, sie voneinander zu trennen. Es ist ein großes Unglück, daß auch das Kind nicht mehr lebt. Das Auszahlen des Vermögens der Mutter an den Vater würde im entgegengesetzten Falle keine Schwierigkeiten gehabt haben.« – »Anstatt daß es jetzt der noch unverheirateten Schwester, dem einzigen noch lebenden Mitgliede der Familie anheimfällt«, fügte Jansen noch immer tief erschüttert, den Worten seines Gefährten hinzu. »Es ist noch zweifelhaft«, bemerkte Abraham nachdenkend, »aus den Briefen, welche zu Eurer Einsicht in meiner Wohnung bereit liegen, scheint hervorzugehen, daß man Spuren entdeckte, welche darauf hindeuten, daß das Kind die Mutter, wenn auch nur auf kurze Zeit, überlebte, wodurch der Vater dennoch seine Ansprüche als rechtmäßiger Erbe seines Kindes erheben könnte.« »Sei es, wie es wolle«, fiel Jansen wieder ein, »sie hat ihre Schwester, und ich eine liebe Nichte verloren. Mag der Herr ihrer Seele gnädig sein, wenn sie als eine Abtrünnige hinüberging. Ist auch das Kind vom Verderben ereilt worden, was Gott verhüten möge, dann haben wir die größte Ursache, aufs Sorgfältigste über das Mädchen zu wachen und keine Stunde länger, als unumgänglich notwenig ist, in New York zu verweilen. Sie ist das letzte Erbteil meines armen Bruders; sie soll, sie muß dem allein seligmachenden Glauben erhalten werden, um zu sühnen die Schuld ihrer als Abtrünnige dahingeschiedenen Schwester. – Selbst ihre alte Erzieherin, die sie fast keinen Augenblick aus dem Bereich ihrer Argusaugen läßt, kann getäuscht werden und der Einfluß eines Ungläubigen sich bei dem unschuldigen Kinde geltend machen, eh' wir eine Ahnung davon erhalten.« »Wann gedenkt Ihr Eure Reise fortzusetzen und auf welcher Route?« fragte Abraham, nachdem er mit nachdenklicher Miene sein Glas leer getrunken und dann wieder gefüllt hatte. »Sobald wie möglich und auf derjenigen Route, die uns bei den jetzigen widerwärtigen politischen Verhältnissen als die sicherste empfohlen wird«, antwortete Rynolds. »Und außerdem wünschen wir geheim zu halten, wohin wir uns eigentlich wenden«, fügte Jansen hinzu, denn würde es ruchbar, daß wir uns mit so bedeutenden Mitteln unseren Brüdern am Salzsee zuzugesellen beabsichtigen, so könnten uns noch von den Gentiles wer weiß was für Hindernisse in den Weg gelegt werden.« »Aber ist das Geld nicht Eigentum Eurer Nichte, und seid Ihr beide nicht die gesetzlichen Vormünder?« fragte Abraham. »Das wohl«, entgegnete Rynolds mit einem unzufriedenen Blick auf Jansen, dessen offene Trauer um den Tod seiner anderen Nichte ihm sehr ungelegen zu kommen schien; »aber es würde den Gentiles eine besondere Freude gewähren, unsere Schutzbefohlene bis zu ihrer Großjährigkeit zurückzubehalten und sie während dieser Zeit in eine Abtrünnige umzuwandeln. Glaubt mir, so vorbedacht und behutsam wir auch immer zu Werke gegangen sein mögen, bei der jetzigen feindlichen Stimmung gegen unser Volk wäre es ihnen ein Leichtes, Fäden zu entdecken, die ihnen bei einem gerichtlichen Verfahren den gewünschten Halt böten.« Rynolds' Worte mußten die drei Mormonen zum Nachdenken veranlaßt haben, denn sie schwiegen und schauten finster vor sich nieder. Falk's Spannung dagegen hatte allmählich einen so hohen Grad erreicht, daß er kaum die Fortsetzung des Gesprächs erwarten konnte und, wie um seine Ungeduld zu bekämpfen, las er die Worte noch einmal durch, die er mehr mechanisch, als um einen wirklichen Anhalt zu gewinnen, niedergeschrieben hatte. War ihm auch Einzelnes unverständlich geblieben, so hatte er den Sinn der Unterhaltung doch hinlänglich erfaßt, um nicht mehr zu bezweifeln, daß er einem finsteren Komplott auf die Spur gekommen sei, in welchem man, teils aus gefährlichem religiösem Fanatismus, teils mit der strafbarsten Gewissenlosigkeit, harmlose Menschen zu den Opfern verbrecherischer Pläne gewählt hatte. Jansen brach endlich wieder das Schweigen. »Welche Hilfsmittel stehen den Unsrigen zu Gebote?« fragte er, sich an Abraham wendend; »haben dieselben in letzter Zeit zugenommen?« »Gewachsen sind sie allerdings«, antwortete der Befragte, »ob sie aber genügend sein werden, den Vereinigten Staaten auf lange Jahre Widerstand zu leisten, ist mehr als zweifelhaft.« »Haben die Sendungen denn schon eingestellt werden müssen?« fragte Jansen weiter. »Auf dem Wege durch die Prärien, ja, weil die Vereinigte Staaten Trains dieselben förmlich überschwemmen; doch ist uns die bequemere Verbindung über Kalifornien offen geblieben, und ganz andere Mittel müßten aufgeboten werden, wollte man uns auch dort noch hindernd entgegentreten. Erst mit dem letzten Dampfboot ging eine beträchtliche Anzahl Kisten und Ballen, welche Pulver, auseinandergenommene Büchsen, Revolver und Decken enthielten, unter harmlosen und sicheren Signaturen nach San Francisco; noch bedeutendere Sendungen aber werden mit dem nächsten und den folgenden Dampfbooten expediert werden.« »Waffen und Munition sind oft weniger wert, als gute handfeste Männer«, bemerkte Jansen finster. »Auch das Geschäft des Rekrutierens hat seinen guten Fortgang«, antwortete Abraham; »es würde noch besser gehen, wären wir nicht gezwungen, alles so heimlich zu betreiben. Indessen verläßt kein Panama-Dampfer den hiesigen Hafen, der nicht einige Dutzend frisch angeworbener Leute an Bord hätte. Sogar der Mangel an mehr theoretisch ausgebildeten Offizieren wird allmählich gedeckt werden; erst gestern glückte es mir wieder, mit zwei deutschen ehemaligen Offizieren ein bindendes Übereinkommen zu treffen.« »Die besten Offiziere sind diejenigen, die ihrem Feinde auf hundert Ellen das Auge aus dem Kopfe zu schießen vermögen«, warf Jansen mit geringschätziger Miene ein, »und dergleichen Offiziere brauchen wir am Salzsee nicht weit zu suchen.« »Und dennoch gebrauchen wir Leute, die mit den strategischen Bewegungen geschlossener Truppenmassen vertraut sind und unsere Artilleristen einschulen«, entgegnete Abraham. »Was sind strategische Bewegungen?« fragte Jansen ungeduldig. »Wir besetzen die Engpässe und schießen jeden nieder, der sich nähert – aber sagt, wie steht es mit den Eingeborenen?« »Nach den neuesten Nachrichten dürfen wir auf alle Stämme der Utahs rechnen, ferner auf die Bannaks, die Nez-perces, die Schlangen- und die Krähenindianer, und dann ist endlich noch Aussicht vorhanden, die kräftigen Stämme der im Colorado-Tale lebenden Eingeborenen für unsere Sache zu gewinnen. Einige derselben haben sich wenigstens schon taufen lassen.« »Lauter Hilfstruppen, die nur an Rauben und Morden denken«, bemerkte Rynolds zweifelnd. »Das ist alles, was wir von ihnen verlangen«, entgegnete Jansen, und seine sonst so ernste Physiognomie erhielt durch den erwachenden Fanatismus einen unheimlich wilden Ausdruck. »Laßt sie morden und die Reihen der Gentiles lichten, laßt sie rauben, so viel sie wollen, denn der Sold, welchen Sie von uns beziehen, wird sich nicht sehr hoch belaufen.« Der Aufbruch der letzten Gäste mochte die Mormonen daran erinnern, daß es schon spät sei, denn Jansen fuhr plötzlich, wie aus einem Traume erwachend, empor, und sich an Abraham wendend, fragte er, ob in der Nähe ein Gasthaus sei, in welchem sie übernachten könnten. »Gasthäuser befinden sich allerdings in der Nähe«, antwortete dieser, allem ich habe darauf gerechnet, daß Ihr bei mir Wohnung nehmt. Schon seit drei Wochen sind die für Euch bestimmten Gemächer hergerichtet und die Betten aufgeschlagen.« »Umso besser«, sagte Jansen, indem er sich erhob, »wir werden dort unsere Verhandlungen ungestört fortsetzen können. Auch möchte ich die Papiere, welche sich auf das Vermögen meiner Nichte beziehen, so wie die Wechsel bei Euch niederlegen. Aber wie ist es?« fragte er im Ausgange der Laube kurz stehenbleibend, »werden die Frauen ebenfalls bei Euch ein Unterkommen finden?« »Die Frauen vor allen Dingen«, antwortete Abraham; »sie finden in meinem Hause vielleicht nicht alle gewohnten Bequemlichkeiten, da Ihr aber selbst den Wunsch aussprecht, sie mit anderen Menschen nicht in Berührung kommen zu lassen, so denke ich –« Gleich darauf bewegten sie sich an der Laube vorüber, in welcher Raft sich verborgen hatte. Sie beachteten dieselbe nicht, es brannte ja kein Licht hinter den dicht berankten Gittern, und mit eilfertigen Bewegungen, jedoch schweigend, begaben sie sich nach dem Durchgang des Hauses. Kaum war indessen die Tür hinter ihnen zugefallen, da glitt Raft zu Falk hinein und legte seine Hand schwer auf dessen Schulter. »Mann!« rief er dringend aus, und die Narbe in seinem Gesicht glühte förmlich vor innerer Aufregung; »sie sind fort, und Ihr liegt hier so ruhig vor Anker, wie'n Leuchtschiff über 'ner Untiefe? Fort, sage ich Euch, fort, geschwind laßt uns folgen, so lange ihr Fahrwasser noch Schaum und Strudel zeigt, oder ihr mögt sie ebenso gut zwischen den Bahama-Inseln suchen!« Falk schaute lächernd zu dem eifrigen alten Seemann empor. »Vor allen Dingen setzt Euch und helft mir den Rest dieser Flasche auszutrinken«, sagte er, etwas zur Seite rückend. »Goddam Euern Wein!« entgegnete Raft und machte Miene, den Mormonen allein nachzusetzen. »Es sind jetzt ihrer Drei, also um so mehr Grund, sie nicht aus Sicht zu verlieren!« »Beruhigt Euch und setzt Euch nieder«, erwiderte Falk in so überzeugender Weise, daß Raft seiner Aufforderung mechanisch Folge leistete. »Ich weiß, wo sie ihr Quartier aufgeschlagen haben, wohin sie aber gegangen sind, dahin vermögen wir ihnen nicht nachzufolgen. Aber trinkt erst, und dann wollen wir weiter sprechen.« Raft stieß einen verdrießlichen grunzenden Ton aus, nahm das dargebotene volle Glas und nachdem er es in einem Zuge geleert, schaute er fragend auf seinen neuen Freund. »Ihr seid von jemand beauftragt, auszukundschaften, wohin die beiden schwedischen Mormonen sich begeben würden.« »Ay, Ay, Herr.« »Gut, und zwar von jemand, den bei seinen Nachforschungen weniger das allgemeine Interesse, als das Privatinteresse leitet. »Verdammt! wenn Ihr meint, daß ich mich augenblicklich nicht im Dienste des Leoparden befinde, so habt ihr recht.« »Gut; jetzt bin ich aber im Zweifel, ob es demjenigen, der Euch entsandte, ebenfalls recht sein wird, wenn ich das, was ich hier erlausche, und ich habe sehr Wichtiges vernommen, auch noch einer dritten Person mitteile.« »Goddam! Habe Dickie auf meinen Armen getragen, als er noch nicht lange vom Stapel gelaufen war; ich streiche die Flagge vor Eurer Schulgelehrsamkeit, aber hängen will ich mich lassen, wenn Dickie Weatherton jemals ein Geheimnis vor mir hatte! Das ist originell!« »Gut denn, brechen wir auf«, versetzte Raft, sich erhebend, »den Jungens wird die Zeit lang geworden sein, sind aber nicht dumm genug, die halbe Nacht ohne einen Tropfen Nasses Wache zu halten.« »Noch einen Augenblick«, bat Falk, indem er den letzten Rest aus der Flasche in das einzige Glas schenkte und dieses dann dem Seemann hinschob, »trinkt noch einmal, eh' wir scheiden«, fuhr er fort, ohne Raft's Überraschung zu beachten, »denn mit an Bord kann ich nicht gehen.« »Was? Ihr wollt nicht mit?« fragte Raft ungläubig. »Nein, ich darf nicht; still, still, unterbrecht mich nicht, bis ich ausgesprochen habe; ich weiß, Ihr wollt sagen, daß wenn ich in Eurer Begleitung komme, mir Niemand an Bord des Leoparden den Weg vertreten wird, allein so war es nicht gemeint. Aus Euren Mitteilungen geht hervor, daß die Mormonen wieder zu Euch zurückkehren.« »Ganz gewiß, sie müßten denn gerade die beiden Ladies dem Leoparden vermachen.« »Was sie aber ganz gewiß nicht tun werden«, ergänzte Falk. »Es wäre also doch eine Möglichkeit, daß ich mit ihnen zusammenträfe. Da sie mich aber so genau betrachteten, als sie an dieser Laube vorbeigingen, so muß ich befürchten, von ihnen wiedererkannt zu werden, und nur ein leiser Verdacht dürfte die Ursache werden, daß die ganze Gesellschaft plötzlich und geheimnisvoll aus unserm Gesichtskreise verschwände.« Raft sah das Richtige dieser Bemerkung ein und kratzte sich verlegen mit beiden Händen hinter den Ohren. Endlich, wie um sich Rat zu verschaffen, ergriff er das Glas Wein, und mit einer blitzschnellen Bewegung stürzte er den Inhalt in seine Kehle hinab. »Um also dieses unwillkommene Verschwinden zu verhüten«, fuhr Falk fort, während er ein weißes Blatt aus seiner Brieftasche riß und einige Worte auf dasselbe schrieb, »gebe ich Euch hier meine Adresse, welche Dir Euerm Dickie oder Lieutenant Weatherton pünktlich einhändigen werdet. Sagt ihm dabei, daß ich morgen den ganzen Nachmittag für ihn zu Hause sei, und daß er kommen möge, um meine Bilder in Augenschein zu nehmen, ich bin nämlich Maler.« Gleich vor der Tür trennten sie sich, Raft, um zu der seiner harrenden Jolle zurückkehren, Falk, um sich auf den Heimweg nach seiner, fast auf dem anderen Ende der Stadt gelegenen Wohnung zu begeben. Es war noch ein weiter Weg, der vor ihm lag, allein derselbe erschien ihm in dieser Nacht so kurz, wie noch nie. Die Erlebnisse der letzten Stunden beschäftigten unablässig seinen Geist; er war plötzlich, und ohne es zu ahnen oder zu wollen, in eine geheimnisvolle, abenteuerliche Geschichte verwickelt worden, deren Ende und Tragweite gar nicht abzusehen war. Doch indem vor seiner Seele die phantastischsten Bilder auftauchten, wuchs auch seine Teilnahme für die ihm noch unbekannten, augenscheinlich bedrohten Personen. 5. An Bord des Leoparden Während in der Matrosenschänke Jim Raft die Gesellschaft mit der Schilderung des Unterganges der schwedischen Brigg unterhielt und demnächst den beiden Mormonen nachspähte, saßen auf dem Quarterdeck des Leoparden Hertha Jansen und Demoiselle Corbillon, deren Erzieherin, in vollen Zügen den zauberischen Abend genießend, der sich mit der, jenem Himmelsstriche eigentümlichen, milden Frische auf den Hafen und die Stadt senkte. Verschieden, wie die Empfindungen sein mochten, welche die teils liebliche, teils großartige weitere Umgebung in den Seelen der beiden Auswanderinnen erweckte, war auch ihre äußere Erscheinung. Sie bildeten in der Tat einen seltsamen Kontrast zueinander, der um so krasser und hervortretender wurde, je länger man die beiden dicht nebeneinander sitzenden Gestalten betrachtete. Ja, man gelangte dabei unwillkürlich zu der sehr naheliegenden Vermutung, dass das Geschick sie mit der neckischen Absicht zusammengeführt habe, die Vorzüge der einen dadurch in ein helleres Licht zu stellen, die Mängel der ändern dagegen in gleichem Grade hervorzuheben. Hertha, ein junges Mädchen von kaum siebzehn Jahren, zeigte nämlich das entzückende Bild unschuldvoller, eben erschlossener Jungfräulichkeit, die, auf der äußersten Grenze des Kindesalters angelangt, schüchtern und befangen über jene Grenze hinüberblickt. Ihre Gesichtszüge hatten nur edle Formen und Linien, dabei jene üppige Fülle und Zartheit, wie sie gewöhnlich nur der zartesten Jugend eigentümlich; doch vermißte man den Ausdruck schalkhafter Fröhlichkeit, der so häufig aus den Kinderjahren, auf längere oder kürzere Zeit, mit in das reifere Alter hinübergekommen wird. Ihre großen blauen Augen besaßen etwas Schwärmerisches, man hätte sagen mögen, Schwermütiges; wenn sie aber lächelte, dann war es, als ob ein Sonnenblick das ganze liebliche Antlitz erhelle und noch nie ein schmerzlicher, ernster Gedanke hinter demselben gewohnt habe. Es war das Lächeln eines Kindes, ein inniges, glückliches Lächeln, welches man auf ewig hätte festbannen mögen; und doch war sie auch wieder so schön, wenn sinniger Ernst auf der reinen Stirn thronte und jene wunderbare Schwärmerei aus ihren Augen strahlte. Ganz entgegengesetzt nahm sich dagegen Demoiselle Corbillon aus, eine hagere Französin, mit kleinen, lebhaften braunen Augen und scharfen Zügen, deren Alter in den unbestimmten Zeitraum zwischen fünfunddreißig und fünfundvierzig fiel, aber, allem Anschein nach, letzterer Zahl näher wie der ersteren sein mußte. Ihre Haltung war gerade und steif, wie die eines radschlagenden Pfauen, mit welchem ihr, betrachtete man den farbenreichen Überfluß an seidenen Gewändern, Schleifen, Halsketten, Armspangen und sonstigen Schmuckgegenständen, eine große Ähnlichkeit nicht abgesprochen werden konnte. Überhaupt zeichnete sie sich durch eine geschmackvolle Überladung von allen möglichen zur Toilette gehörenden Kleinigkeiten aus, die offenbar den größten Teil ihrer ganzen irdischen Habe bildeten, wie Hertha gerade durch ihre sinnige Einfachheit angenehm berührte. Sie mußte einst, in der Blüte ihrer Jugend, nicht ohne Reize gewesen sein; allein die langjährige Gewohnheit, dieselben zur Schau zu tragen und durch auffallende Stoffe und den ebenso auffallenden Schnitt ihrer Kleider Aufsehen zu erregen, wie auch die ohnmächtigen Versuche, dem zerstörenden Einfluß der Zeit siegreich zu begegnen und unwiederbringlich Verlorenes durch Kunst zu ersetzen, hatten ihrem ganzen Wesen etwas so Geziertes und Gezwungenes verliehen, daß man bei ihrem Anblick nicht wußte, ob man mehr Widerwillen empfinden, oder mehr dem Lachreiz Folge geben sollte. Daß sie einem so jungen, unschuldvollen Mädchen zur Begleiterin und Lehrerin beigegeben worden war, ließ sich vielleicht nur durch ihre Kenntnis der französischen und englischen Sprache erklären. Und dennoch würden Hertha's Eltern, hätten dieselben noch gelebt, um eine Entscheidung zu treffen, jedenfalls gezögert haben, ihre Tochter der Leitung einer Person anzuvertrauen, deren Einfluß auf ein junges unverdorbenes Gemüt sich nur zu leicht als gefährlich und verderblich ausweisen konnte. Demoiselle Corbillon's Einfluß auf Hertha war indessen ganz entgegengesetzt dem gewesen, welchen ein klarblickender und überlegender Freund des heranwachsenden Kindes vielleicht zu befürchten sich bewogen gefunden hätte. Das junge Mädchen hatte mit Eifer und Leichtigkeit gelernt, was die Erzieherin zu lehren vermochte, war aber im Übrigen ganz den eigenen Neigungen gefolgt und allmählich zu einer lieblichen, mit allen Vorzügen des Herzens und der Seele begabten Jungfrau herangereift. Daß Demoiselle Corbillon ihre Schutzbefohlene beständig wie ein Kind behandelte und, um sie nicht neben sich selbst als erwachsen hinzustellen, weniger auf Beobachtung der im geselligen Verkehr von ihr für maßgebend erachteten Formen drang, mochte ein Glück gewesen sein; dafür aber war es um so leichter geworden, das harmlose Kind der neuen Lehre des Mormonentums in die Arme zu führen, wie es kurz vorher schon mit ihrer einzigen, nach dem Salzsee übergesiedelten und dort verheirateten Schwester geschehen, und worin Demoiselle Corbillon ihr mit gutem Beispiel vorangegangen war. Der gänzliche Mangel an näherstehenden Verwandten und Freundinnen und die Abgeschiedenheit, in welcher sie auf der Besitzung ihres verstorbenen Vaters gelebt hatte, so weit man für ratsam gehalten, ihr dieselbe zu erklären, zuwandte und in ihr das zu finden meinte, was ihr in allen Lagen des Lebens eine sichere und treue Stütze gewähren würde. Die etwas exaltierten Briefe ihrer Schwester, die ihr vom Salzsee aus zugegangen waren, die ernsten Gespräche mit dem fanatischen Bruder ihres Vaters und dem listigen und berechnenden Vormunde, die beide schon den amerikanischen Kontinent auf kurze Zeit besucht hatten, ferner deren Schilderungen der Verfolgungen, welche die Mormonen seit der ersten Gründung ihrer Kirche erduldet, bestätigten sie in ihrem Glauben und boten ihrem regen Geist reichen Stoff zum Nachdenken. Sie betrachtete sich selbst schon mit als eine Märtyrerin der neuen geläuterten Lehre, und es gehörte endlich nicht viel Überredung dazu, sie zu dem Entschluss zu veranlassen: nach Verkauf des ihr und ihrer Schwester zugefallenen sehr beträchtlichen Erbteils, sich der Gemeinde der »Heiligen der letzten Tage« am Salzsee zuzugesellen, in deren ungestörtem Verkehr sie das irdische Paradies zu finden erwartete. – Die Sonne berührte eben die höchsten Giebel einiger Häuser, und wie eine blutrote Scheibe lugte sie durch den über der Weltstadt lagernden Steinkohlendunst zu dem Leoparden hinüber. Hertha war versunken im Anschauen der leiblichen, wechselvollen Einfassung des umfangreichen Hafenbek- kens, während Demoiselle Corbilkm ihre stechend lebhaften Blicke mit einem Ausdruck erwartungsvoller Neugier bald auf die verworrenen Häusermassen richtete, bald auf den mit der Reinigung des Verdecks beschäftigten Seeleuten rasten ließ. Ein tiefer Seufzer Herthas veranlaßte die Gouvernante, sich ihrer Pflegebefohlenen zuzuwenden, und ein mitleidiges Lachern umspielte ihre schmalen Lippen, als sie in deren Augen Tränen gewahrte, die nach ihrer Ansicht nur in einer kindischen Furcht ihren Ursprung haben konnten. »Vorwärts, richte Deine Blicke, mein Kind«, sagte Demoiselle Corbillon mit einer theatralischen Handbewegung gegen Westen, wo der letzte Rest der geröteten Sonnenscheibe zwischen den rauchenden Häuserhaufen wie ein wunderbarer Meteor glühte und leuchtete und purpurne Strahlen bis zum Zenit hinauf sendete. »Ja der Sonnenuntergang ist prachtvoll«, versetzte Hertha, mit den Augen der angedeuteten Richtung folgend. »Nicht den Sonnenuntergang meine ich dieses Mal«, unterbrach die Gouvernante das junge Mädchen, wobei sie den Mißmut, den sie über dessen Enthusiasmus empfand, nicht verhehlte. »Ich wollte Deine Gedanken dahin lenken, wo unsere Heimat, das gelobte Land, liegt. Auch dort geht die Sonne unter, und zwar prachtvoller und majestätischer, als hier für die Gentiles. Deine Bewunderung wird reiner, edler sein in der Mitte der Heiligen der letzten Tage, und deshalb sagte ich: Vorwärts richte die Blicke, und nicht zurück auf das ewige Sodom und Gomorrha.« »Warum sollte die Sonne sich vor den Ungläubigen in geringerem Glänze zeigen, als vor den Gläubigen?« fragte Hertha mit einem leisen Vorwurf im Ton ihrer Stimme. »Ich bin dankbar für die Offenbarungen, welche uns durch unsere Propheten zu Teil geworden, ohne Denjenigen zu zürnen, welchen die neue Lehre bis jetzt fremd blieb. Auch glaube ich nicht, daß der Mormonismus dergleichen gebietet, bis jetzt wenigstens weiß ich nur, daß die Nächstenliebe mit zu seinen Hauptgeboten gehört. Und wären die Getiles nicht gewesen«, fuhr sie hocherrötend fort, denn indem sie auf die auf dem Vorderteil des Schiffes beschäftigten Seeleute wies, hatten ihre Blicke die hohe, kräftige Gestalt des Lieutenant Weatherton gestreift, »ja, dann – dann lägen wir jetzt auf dem Boden des Meeres gebettet.« »Und dennoch bleiben es Ungläubige«, versetzte Demoiselle Corbillon, den Kopf verächtlich zurückwerfend, denn das Erröten des jungen Mädchens war ihr nicht entgangen, wie sie auch den Grund desselben ahnte. »Hier strecken sie den Bekennern der geläuterten Lehre hilfreich die Hand entgegen, um sie an einer anderen Stelle dafür mit doppelt durchdachter Bosheit zu verfolgen. Wer weiß, ob sie sich herbeigelassen hätten, uns Rettung zu bringen, wäre es ihnen bekannt gewesen, daß die Mehrzahl der Passagiere Mormonen seien –« »Nicht doch«, unterbrach Hertha, mit sonst an ihr nicht gewöhnlicher Heftigkeit, ihre Gouvernante, »sie sind uns beigesprungen, weil wir Menschen waren, die am Rande des Verderbens standen, ohne zu fragen, wer wir seien und woher wir gekommen sind, wie es nicht nur einem Christen und Mormonen, sondern sogar auch einem Heiden geziemt –« »Und dennoch bieten sie jetzt alles auf, um unsere heilige Gemeinde zu vernichten, wie sie einst den Tempel in Nauvoo zerstörten. Das Wachsen unserer Gemeinde flößt ihnen Besorgnis ein; sie fürchten den großen Anhang, welchen unsere Propheten unter allen Völkern gewinnen, und sehen in Gedanken schon das Mormonentum über den ganzen Erdball verbreitet, als die allein seligmachende und regierende Religion; und deshalb, mein liebes Kind, gerade deshalb wünschen sie, das üppig wuchernde, wahre Wort Gottes im Keime zu ersticken.« »Der Ausbruch eines Krieges kann freilich nicht mehr fortgeleugnet werden«, sagte Hertha traurig, »allein ich hoffe noch immer mit Zuversicht, daß unsere Feinde in sich gehen und die in frommer Überzeugung dargereichte Hand nicht zurückweisen. Es wäre zu grausam; nein, Gott kann es nicht wollen, daß unsere Gemeinde von Neuem verfolgt werde, und zwar nur, weil die Bekenner unseres Glaubens jetzt schon nach vielen Tausenden zählen; unser Wachstum ist doch kein Verbrechen!« »Und dennoch geschieht es nur deshalb«, eiferte Demoiselle Corbillon, und der Zorn färbte ihre sonst so bleichen Züge dunkelrot; »sie räumen den wahren Grund indessen nicht ein, und bedienen sich des Vorwandes, daß unsere heiligen Gebräuche, die schon zu der Patriarchen Zeiten geheiligt waren, gegen die Gesittung verstießen und deshalb nicht geduldet werden dürften. Sie wollen uns zwingen, den in unserem Glaubensbekenntnis enthaltenen Hauptvorschriften zu entsagen, weil durch dieselben eine gewisse Gleichheit hergestellt wird, und nicht mehr die mit irdischen Glücksgütern gesegneten Menschen allein die wahren, von Gott selbst eingesetzten irdischen Freuden genießen!« »Unsere Gebräuche?« fragte Hertha befremdet, indem sie ihre großen unschuldvollen Augen auf ihre erbitterte Gefährtin heftete; »welche unserer Gebräuche sind es denn, die aus den Patriarchenzeiten herstammen und in so hohem Widerspruch zu allen übrigen christlichen Gebräuchen stehen, daß sie auf solche Weise angefeindet werden dürften?« Demoiselle Corbillon biß sich auf die schmalen Lippen. Sie fühlte, daß sie im Eifer zu weit gegangen war und einen Gegenstand berührt hatte, der sie selbst zwar vorzugsweise dazu bestimmte, der neuen Lehre zu huldigen, aber auf alle Fälle den Ohren des jungen Mädchens fern gehalten werden mußte. Diese Entdeckung rief eine solche Verlegenheit bei ihr hervor, daß sie im ersten Augenblick gar nicht wußte, wie sie die Frage beantworten sollte, und deshalb, um ihre Verwirrung zu verbergen, sich abwendete. »Wenn ich von Gebräuchen sprach«, sagte sie endlich nach einer längeren Pause, »so bezog ich mich auf die Zeremonien des Taufens, ferner auf die patriarchalische Art der Gottesverehrung und auf die Stellung unserer Propheten, welche, zugleich religiöse und politische Oberhäupter unserer Gemeinde, für die vollständige Gleichberechtigung aller Mitglieder, der Armen wie der Reichen, einstehen. Wir sollen ja eine einzige große Gemeinde von Brüdern und Schwestern bilden.« »Und dies erscheint in den Augen der Gentiles so gefährlich, daß sie für nötig halten, unser armes Volk mit Krieg zu überziehen und uns auf gehässige Art zu verfolgen?« fragte Hertha zweifelnd. »Ich kann es mir nicht erklären, denn auch unter ihnen gibt es edeldenkende Menschen, denen man, ich bin davon überzeugt, nur die Reinheit unserer Lehre auseinanderzusetzen brauchte, um sie nicht nur duldsam zu stimmen, sondern sie auch in unsere Freunde umzuwandeln, die bereitwillig ihre ganze Beredtsamkeit aufbieten würden, das Unheil von uns abzuwenden und Blutvergießen zu verhüten. O, meine liebe Corbillon, der Mormonismus lehrt eine unerschütterliche Zuversicht in Gott, und es wäre sündhaft, an seiner Barmherzigkeit und der Erhörung unserer innigen Gebete zu zweifeln.« »Denjenigen, mein Kind, welche Du edeldenkende Menschen nennst, und die als unsere Verteidiger auftreten möchten, wird man keinen Glauben beimessen«, erwiderte die Gouvernante mit einer energischen Handbewegung, und ihre Blicke suchten verstohlen Weatherton's hervorragende Gestalt; »man wird in ihnen gefährliche und verächtliche Mormonen entdecken, bei denen es nur eines geringen Anstoßes bedarf, mit ihren Gesinnungen offen vorzutreten und sich taufen zu lassen. Wie würde es mich beglücken, und wie würde meine Hoffnung auf das ewige Leben sich befestigen, gelänge es mir, unserer Kirche, wenn auch nur einen einzigen Proselyten zuzuführen!« rief sie aus, und wiederum hefteten sich ihre Blicke flüchtig auf Weatherton, wobei ein tiefer Seufzer sich ihrer Brust entrang. »Ich möchte der ganzen Welt verkünden, aus vollem, überfließendem Herzen verkünden, wie mit der Lehre des Mormonentums der wahre Seelenfriede in meine Brust eingezogen ist«, versetzte Hertha mit frommer Begeisterung, »ich möchte ihr verkünden, wie der Glaube in den Stunden der Gefahr mir eine feste Stütze gewährte, und wie er mich jetzt übersehen läßt die Beschwerden und Entbehrungen, die meiner vielleicht noch harren, eh' ich wirklich in unsere heilige Stadt am Salzsee einziehe und dort meine Schwester wieder an mein Herz schließe; aber zu einer Aufgabe, wie Sie sich eine solche wünschen, fühle ich mich zu schwach. Ich halte es für den schönen Beruf des Mannes, zu lehren und zu überzeugen –« Hier wurde die junge Schwärmerin unterbrochen, indem auf der nach dem Quarterdeck hinaufführende Treppe die festen Schritte eines Mannes hörbar wurden und gleich darauf Weatherton, höflich grüßend, vor die beiden Damen hintrat. Hertha's liebliches Antlitz, welches noch vor innerer Erregung glühte, erhellte sich zu einem freundlichen Willkomm; sogar aus den scharfen Zügen der Gouvernante wich der strenge Ausdruck, als sie des stattlichen Seemanns Gruß durch ein vornehm zurückhaltendes Neigen ihres mit Schleifen und Blumen phantastisch geschmückten Hauptes erwiderte. Lieutenant Weatherton war aber auch eine Erscheinung, welche diese rücksichtsvolle Beachtung wohl verdiente, und Jim Raft, sein erster Lehrmeister, hatte nicht zu viel gesagt, als er behauptete, daß Richard oder Dickie Weatherton ihm selbst und seinem Vater alle Ehre mache. Indem er herantretend sich vor die Damen verneigte, verschwand der ernste Dienstausdruck, welchen er vom Vorderteil des Schiffes mitgebracht hatte, plötzlich wie durch Zauber aus seiner Physiognomie und Haltung, und er bewies durch ein leichtes, gewandtes Benehmen, sowie durch die Gewähltheit in seiner Ausdrucksweise, daß die notwendige Folge des rauhen Seelebens nicht immer ein Rückschritt in der gesellschaftlichen Bildung sei. »Nur noch eine Nacht werden die Damen die Unbequemlichkeit an Bord eines Kriegsschiffes zu ertragen haben«, begann er, nachdem er auf ein einladendes Zeichen selben einen Stuhl herbeigeholt und Hertha gegenüber Platz genommen hatte. Hertha, an welche Weatherton's Worte vorzugsweise gerichtet waren, wollte antworten, doch kam Demoiselle Corbillon ihr zuvor. »Die Unbequemlichkeiten auf einem Kriegsschiffe und das geräuschvolle Wesen der Schiffsmannschaft wirken in der Tat störend auf ein Gemüt, welches sich nach geistiger Ruhe sehnt«, versetzte sie, einen mißfälligen Blick nach dem Vorderdeck hinübersendend, wo mehrere vom Dienst befreiten Matrosen sich zum muntern Chorgesang vereinigt hatten, »doch je länger ich mich hier befinde, um so romantischer erscheint nur die bevorstehende Reise durch die wunderbaren westlichen Urwildnisse, um so verlockender das Ziel, welchem wir entgegeneilen. Es muß gewiß eine große Selbstverleugnung dazu gehören, die ganze Lebenszeit auf dem Wasser und in dem beschränkten Raume eines Schiffes hinzubringen. Ich denke, eine einzige Fahrt durch die so zauberisch geschilderten Prärien wäre im Stande, auch den leidenschaftlichsten Seemann in einen friedlichen Landbewohner umzuwandeln.« Weatherton lächelte bezeichnend vor sich hin. Es war ihm nicht fremd, daß die aufgenommenen Schiffbrüchigen zum Teil dem Mormonentum anhingen, und welches Ziel namentlich Jansen und die zu ihm gehörende Gesellschaft vor Augen hatten. Er besaß aber auch einen hinlänglichen Begriff von der neuen Lehre, um einzusehen, welcher Zweck jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft in der Verfolgung des einmal eingeschlagenen Weges leitete. Leicht durchschaute er das offene, fromme Gemüt Hertha's, welches, wie ein schönes Buch, von jedem, mit dem sie in näheren Verkehr trat, aufgeschlagen dalag. Er durchschaute es um so leichter, weil die unschuldvolle, liebliche Mormonin mit ihren schwärmerischen, etwas überspannten Ideen von dem Augenblick an, in welchem sie zuerst den Fuß an Bord des Leoparden stellte, einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf ihn ausgeübt hatte, und jedes ihrer Worte, ja, jeder Blick von ihr eine so lange nachhaltende Saite in seiner Brust berührte. Daß das arglose Kind das Opfer einer wohlüberlegten Täuschung sei, bezweifelte er nicht, eben so wenig, daß den jugendlich überspannten Träumen dereinst ein bitteres Erwachen folgen werde. Obwohl er aber alles dieses ahnte, wagte er doch nicht, Hertha's heiteres, zufriedenes Gemüt durch das Erwecken von Zweifeln zu trüben. Überredete er sich aber, daß es seine Pflicht sei, sie über das Geschick aufzuklären, welchem sie, im vollsten Vertrauen auf den klaren Blick und die Rechtlichkeit der ihr zunächst stehenden Menschen, blindlings entgegeneile, dann scheiterten seine Pläne, sobald er ihr gegenübertrat und in ihre frommen, unschuldvollen Augen blickte. Er hätte ja ihr keusches Ohr, ihr jungfräuliches Gemüt auf das Tiefste verletzen müssen. Gegen das Mormonentum aber im Allgemeinen zu zeugen und zu eifern, das kam ihm nicht in den Sinn. Seine Versicherungen wären von Hertha doch nur für ähnliche Verleumdungen gehalten worden, wie diejenigen, von welchen Jansen und Rynolds ihr ja täglich erzählten und sogar die Beweise lieferten, und das wachsende Vertrauen, welches sie ihm so deutlich, aber unbewußt bei jeder Gelegenheit entgegentrug, wäre dadurch vielleicht unheilbar erschüttert worden. Wenn nun Hertha's Gemüt wie ein klarer, von keinem Hauch getrübter Spiegel vor ihm lag, so war ihm noch weniger eine Seite in dem Charakter der Demoiselle Corbillon verborgen geblieben, und wo er vielleicht nicht sogleich deren Neigungen und Wünsche erriet, da trug sie in ihrer geschwätzigen Eitelkeit, wenn auch ohne es zu wollen, dafür Sorge, dieselben recht verständlich durchblicken zu lassen. Weatherton bebte oft, wenn sie in Gegenwart des jungen Mädchens ihre Zunge nicht zu zügeln wußte, und in dem einen Augenblick sprach, was sie im nächsten widerrief, weil ihr dergleichen Erörterungen von Rynolds streng untersagt worden waren. Desgleichen Giftpfeile prallten indessen harmlos, und ohne Spuren zurückzulassen, an Hertha's reiner Seele ab; und widerte ihn auf der einen Seite die niedrige Denkungsweise der Gouvernante an, so erfreute er sich auf der andern doppelt an der bezaubernden Unschuld und der edlen Einfachheit ihrer Schutzbefohlenen. Doch mehr und begründetere Besorgnissse, als die in steife Formen gehüllte Charakterlosigkeit der Erzieherin, flößten ihm Jansen und Rynolds für Hertha's Geschick ein. Er erkannte in Ersterem den finstern Fanatiker, in dem Andern dagegen einen gewissenlosen Bösewicht, und schwer fiel es ihm auf die Seele, daß des jungen Mädchens ganze Zukunft vorzugsweise in den Händen dieser beiden Männer ruhe. Zugleich entging es ihm aber auch nicht, daß diese sorgfältig alles vermieden, was einem unberufenen Beobachter hätte Gelegenheit bieten könne, ihnen hindernd entgegen zu treten und ihre Pläne zu durchkreuzen. Je schwerer nun die Besorgnisse, welche ihn über die von Gefahren umgebene Zukunft Hertha's erfüllten, um so inniger und lebhafter wurde auch die Teilnahme, welche er für sie fühlte; und da ihm jeder Weg, jedes Mittel, eine Wendung in ihrem Geschick herbeizuführen, abgeschnitten war, so keimte in ihm der Entschluß, so weit es in seinen Kräften liege, über sie zu wachen, um endlich dennoch in den Besitz von Beweisen böser, selbstsüchtiger Absichten zu gelangen, welche dazu dienen konnten, sie von Rechtswegen der Macht ihrer Vormünder und mithin dem ihr drohenden dunkeln Lose zu entreißen. Dergleichen Beweggründe leiteten ihn auch, als er Jansen und Rynolds ausnahmsweise, auf ihre dringenden Bitten, bald nachdem der Anker gefallen war, landen ließ, und als er den Bootsmann, auf dessen unerschütterliche Treue er rechnen durfte, beauftragte, den beiden Mormonen nachzuspähen. Der Zufall war ihm zu Hilfe gekommen, dies, ohne Aufsehen zu erregen, ins Werk setzen zu können; denn da der Kapitän des Leoparden sich gleich nach ihrer Ankunft im Hafen, in Begleitung des Kapitäns und der Steuerleute der verunglückten Brigg nach der Stadt begab, so war ihm, als dem ältesten Offizier, das Kommando auf der Corvette übertragen worden, ein Umstand, für welchen er sich in diesem Augenblick mehr als jemals in seinem Leben glücklich pries. – »O, mein Kopf!« rief Demoiselle Corbillon kläglich aus, »also auch in diesem Lande, wo ich Genesung zu finden hoffte, soll ich von Migräne verfolgt und gemartert werden?!« und sich mühsam erhebend schwankte sie der Kajütentreppe zu. Hertha war ihr im Augenblick zur Seite, um sie zu unterstützen. »Laß nur, mein gutes Kind«, sagte sie mit schwacher Stimme, Hertha mit dem Anstande einer Fürstin auf die Stirn küssend; »bleibe hier oben und genieße die erquickende Abendluft. Du weißt, nur ungestörte Ruhe verschafft mir Linderung; Mr. Weatherton wird es mir nicht falsch deuten, wenn ich sein gütiges Anerbieten nicht zurückweise«, und indem sie so sprach, legte sie ihren Arm durch den des Offiziers, der gleichzeitig mit Hertha zu ihrem Beistande herbeigesprungen war, worauf sie sich schwer auf ihn stützte und sich halb tragen ließ. Nach zwei Minuten war Weatherton wieder oben, und seinen alten Platz einnehmend gewahrte er zu seiner Befriedigung, daß der Zustand der Gouvernante, welche er abermals vollständig durchschaute, Hertha keine Veranlassung zu Besorgnissen gegeben hatte. »Die arme Corbillon!« sagte sie mit unverkennbarem Bedauern, als Weatherton ihr mitteilte, daß er die Französin bis an die Tür ihrer Koje begleitet habe; »sie leidet sehr häufig an diesen Anfällen. Obgleich ungefährlich, müssen sie doch sehr schmerzhaft sein, denn ihre Nerven sind dann so angegriffen, daß sie nicht das geringste Geräusch ertragen kann. Selbst die Gegenwart anderer Personen ist ihr peinlich, und es würde ihre Leiden noch vergrößert haben, hätte ich sie, nachdem sie meine Gesellschaft zurückgewiesen, noch begleiten wollen. Gott sei Dank, diese Anfälle vergehen ebenso schnell und plötzlich, wie sie kommen. Ruhe und ungestörtes Alleinsein sind ihre einzige und beste Arznei. Es war schon so dunkel geworden, daß man sogar in geringer Entfernung die Gesichtszüge nicht mehr genau zu unterscheiden vermochte. Im entgegengesetzten Falle würde Hertha auf Weatherton's Antlitz ein teilnahmvolles Lächeln entdeckt haben, welches ihm die kindlich aufrichtige Weise entlockte, in der sie das arglistige Benehmen ihrer Gouvernante und ihre eigene scheinbare Teilnahmlosigkeit zu erklären suchte. »Ich bedauere, daß wir hier an Bord so wenig Gelegenheit haben, Demoiselle Corbillon das Leben erträglicher zu machen«, bemerkte Weatherton nach einer kurzen Pause. »Sie scheint indessen Vorurteile gegen alles zu hegen, was zum Seeleben gehört; sogar mein Anerbieten, den Schiffsarzt zu ihrem Beistande herbeizurufen, wies sie mit herben Worten zurück«. »Glaubt nicht, daß sie Vorurteile gegen Seeleute und besonders gegen den Leoparden hegt, wie es vielleicht zuweilen scheinen mag«, versetzte Hertha mit Wärme, »sie hat freilich für manchen Menschen schroffe Seiten, allein kein einziges ihrer harten Worte kommt ihr von Herzen, wohl aber ihre freundlichen. Ich kenne sie schon seit meiner Kindheit, und sage nicht zu viel, wenn ich die Behauptung aufstelle, daß sie kaum mit weniger Bedauern und Dankbarkeit von dem Leoparden scheidet, wie ich es tun werde«. Wenn nun Hertha die Gouvernante in Schutz nahm und, mit dem ihr angeborenen Edelsinn, derselben die besten Eigenschaften beizulegen trachtete, so entging Weatherton doch nicht eine gewisse Verlegenheit, welche nur zu deutlich dafür sprach, daß sie recht oft im Leben von den Launen der Französin zu leiden gehabt habe. Er wünschte daher die Unterhaltung auf weniger peinliche Gegenstände zu lenken, und wie ein Blitz leuchtete es in seiner Seele auf, daß jetzt vielleicht die letzte ihm gebotene Gelegenheit sei, genaueres über Hertha's Zukunft zu erfahren. »Wir Seeleute hängen mit treuer Liebe an unserem Element und an den Mitteln, mittels derer wir uns dasselbe untertan machen«, begann er, seine Blicke mit innigem Ausdruck auf Hertha's züchtige Gestalt heftend, die sich nur noch in unbestimmten Umrissen vor der weißgestrichenen Rückwand der Schanze auszeichnete; »hören wir daher von Leuten, deren Heimat nicht der ungestüme Ozean, daß sie demnach unsere Neigungen anerkennen, so stimmt uns das heiter. Wie der Besitzer eines edlen Pferdes sich freut, die Vorzüge seines Lieblings hervorgehoben und gepriesen zu hören, so freut sich der Seemann über jedes Lob, welches seinem Schiff erteilt wird. Von Euch aber so viele freundliche Worte, ein so nachsichtiges Urteil vernommen zu haben, gewinnt einen doppelten Wert, weil jeder fühlt, daß sie auf ungeschminkter Wahrheit und reiner Überzeugung begründet sind. Ihr gabt die Versicherung, Miß Hertha, Euch unserer, ich meine des Leoparden, freundlich erinnern zu wollen; mag das Geschick Euch aber hinführen, wohin es auch immer sei, die aufrichtigsten Segenswünsche derer, die Euch hier kennen lernten, werden Euch überallhin nachfolgen, und gewiß mancher hier an Bord möchte Euch auf dem langen, beschwerlichen Wege schirmend begleiten, der Euch einer unsicheren, dunklen Zukunft entgegenführt«. »Alle Wege, die in die Zukunft führen, sind den Augen der Sterblichen verschleiert«, entgegnete Hertha, die erregt und mit der größten Aufmerksamkeit Weatherton's Worten gelauscht hatte; »blickt man aber vertrauensvoll und mit hingebendem Glauben zur Gottheit empor, dann sehnt man sich nicht, die Schleier zu lüften, welche die Zukunft verhüllen. Heiter richtet man die Blicke auf das schöne erhabene Ziel, dankbar genießt man die gebotenen glücklichen Stunden, und ohne zu murren oder zu klagen unterzieht man sich den jahrelangen Prüfungen, welche uns von dem Erlöser mit weiser Fürsorge auferlegt werden«. »Die Prüfungen, welche das Geschick uns auferlegt, sollen wir allerdings mit Geduld und Ergebung hinnehmen«, erwiderte Weatherton, »allein es gibt Prüfungen, nennen wir es Leiden, die wir dem üblen Willen, dem Eigennutz und der Verräterei unserer Mitmenschen verdanken, und diese sind es, von welchen ich wünsche, aus tiefstem Herzensgrunde wünsche, daß sie Euch fern bleiben mögen«. »Kein Haar fällt von Eurem Haupte ohne den Willen Gottes«, versetzte Hertha schwärmerisch, »und so hege ich auch das unerschütterliche Vertrauen, daß die Leiden, die mir vielleicht von den Menschen zugefügt werden, mir ebenfalls von dem Herrn bestimmt wurden. Betrachte ich doch den Krieg, welchen die Vereinigten Staaten unserem Volke erklärt haben, als eine Schickung von oben, um unsere, mit überraschender Schnelligkeit wachsende Gemeinde fester aneinander zu ketten und sie einmütiger in der wahren Gottesverehrung zu machen. Zürnt mir nicht, daß ich auf die Ungerechtigkeit Eurer Regierung hindeutete, aber klang es doch, als wenn Ihr von einer unbekannten, mir drohenden Gefahr sprächet«. »Ich gedachte einer Euch drohenden Gefahr, indessen keiner Gefahr, die durch den Krieg für Euch herbeigeführt werden könnte. Die Gefahr, auf welche ich mich bezog, ist ganz anderer Art. Ich gedachte, daß Ihr vielleicht getäuscht sein dürftet, daß man Euch zum Übertritt zum Mormonentum bewegte, ohne Euch vorher mit allen in der neuen Lehre vorgeschriebenen Formen, Sitten und Gebräuchen vertraut gemacht zu haben; ich gedachte, daß, wenn Ihr erst am Salzsee weilt, wo auf viele hundert Meilen im Umkreise schwer zugängliche Wüsten Euch von der übrigen zivilisierten Welt trennen, es zu spät zur Umkehr sei, wenn Ihr vielleicht irgend etwas endecket, was im Widerspruch zu Euren Gefühlen, zu Eurer reinen Denkungsweise stände. Alles dessen gedachte ich, und Besorgnis für Euer ferneres Wohl beschlich mich«. Als Weatherton geendigt, blickte Hertha eine Weile schweigend zu ihm hinüber, wie um die Erklärung des in seinen Worten enthaltenen Geheimnisses aus seinen kaum noch erkennbaren Zügen herauszulesen. »Nein, Ihr gehört nicht zu den böswilligen Verleumdungen des Mormonentums«, sagte sie endlich, und ihre Stimme zitterte leise, indem sie mit bezaubernder Einfachheit Weatherton die Hand reichte; »es spricht aus Euch wahre Besorgnis und freundliche Teilnahme, für die ich Euch ebenfalls nur mit aufrichtigen Worten zu danken vermag. Eure Befürchtungen sind indessen ungerechtfertigt, und wollte ich wirklich Mißtrauen in diejenigen setzen, die vielleicht nicht ohne Einfluß auf meinen Entschluß gewesen, nämlich in meinem Onkel und in meinen Vormund, so halte ich doch Beweise in Händen, welche dafür einstehen, daß dort, wohin es mich zieht, mir kein Unheil droht, im Gegenteil, treue Liebe und Anhänglichkeit meiner warten. Glaubt mir, wenn es sich um den Frieden des Herzens und der Seele handelt, da kann eine Schwester nicht täuschen, selbst auch dann nicht, wo ein aus zärtlicher Neigung entspringender und deshalb verzeihlicher Egoismus sie alle Mittel möchte versuchen lassen, sich nach langer herber Trennung wieder mit der Schwester zu vereinigen. O, Mr. Weatherton, ich könnte Euch Briefe zeigen, Briefe, die überfließen von Glück und Zufriedenheit, und kein einziger ist unter denselben, der nicht die dringende Aufforderung enthielte, mich der Gemeinde, welcher ich im Geiste schon längst angehöre, auch in der Wirklichkeit zuzugesellen. Selbst die Spuren reichlich vergossener Tränen, welche namentlich die letzten Briefe meiner Schwester tragen, erzählen von ihrer Sehnsucht nach mir, und von ihrem, vor innigster Dankbarkeit gegen den Erlöser, überströmenden Herzen«. Indem Hertha sprach, war ihre Stimme immer erregter geworden. Aus ihren dargelegten Ansichten leuchtete eine so unerschütterliche Überzeugung, ein so frommer, heiliger Glaube hervor, daß Weatherton wohl einsah, er würde hier mit seinen Gründen nie durchdringen, im Gegenteil sich selbst nur in den Augen der holden Schwärmerin herabsetzen und das offene Vertrauen, mit welchem sie ihm bis jetzt seine, ihm selbst fast unerklärliche, warme Teilnahme lohnte, zerstören. Eine Art Wehgefühl zog daher in seine Brust ein, während er sich die wahrscheinlich traurige Zukunft des jungen Mädchens vergegenwärtigte und zugleich seine Ohnmacht erwog, entscheidend eingreifen zu können. »Solltet Ihr Euch aber nicht selbst haben täuschen können?« fragte er in eigentümlich zaghaftem Tone; »sollte es nicht hauptsächlich die Sehnsucht nach der Schwester sein, was Euch dorthin treibt? Es wäre so natürlich, da sie die Einzige ist, die Euch von dem engeren Familienkreise geblieben«. Hertha antwortete nicht sogleich; Weatherton's Worte schienen sie zu überraschen, weil sie selbst noch nie eine ähnliche Frage an sich gerichtet hatte, »Die Sehnsucht nach meiner Schwester ist in der Tat sehr groß«, begann sie nach längerem Sinnen träumerisch und innig, »ich möchte sie unwiderstehlich nennen, denn schwere Opfer würde ich freudigen Herzens bringen, könnte ich dadurch das Wiedersehen beschleunigen. Ach, und ihr Knabe, wie gern suchte ich in seinem lieben Gesichtchen nach der Ähnlichkeit mit mir, von welcher meine Schwester schreibt – gewiß, die Sehnsucht nach den beiden Lieben hat nicht wenig dazu beigetragen, den Entschluß, auszuwandern, in mir zur Reife gelangen zu lassen, allein – eh' ich noch daran dachte, meinem Heimatslande Lebewohl zu sagen, hatte ich mich ja schon zur Lehre des Mormonentums bekannt – aber – ich bitte Euch, Lieutenant Weatherton«, fuhr sie mit einem leisen Vorwurf im Ton ihrer Stimme fort, wobei sie, um ihn nicht zu kränken, mit kindlichem Vertrauen ihm abermals die Hand reichte, »haltet ein, in dieser Weise mit mir zu sprechen und Zweifel in mir wachzurufen, die ich sonst nie kannte und die meinen Seelenfrieden zu stören drohen. Ich habe vielleicht schon mehr vernommen, als ich hätte hören sollen«. »Weatherton ergriff die dargebotene Hand, welche Hertha ihm gerade so lange ließ, wie er sprach; er fühlte den sanften, vielleicht unwillkürlichen Druck ihrer zarten Finger, es war eine Äußerung ihrer ehrlichen, wohlwollenden Gesinnungen, und ein süßes, mit bitterer Wehmut vermischtes Gefühl trieb ihm alles Blut zum Herzen. Ihre freundliche Bitte: nicht mehr auf einen Gegenstand zurückzukommen, der ihr peinlich zu werden schien, ließ er nicht unbeachtet, obgleich es ihn drängte, ihr mit den grellsten Farben ein Bild ihrer Zukunft zu entwerfen, wie diese beständig seinem Geiste vorschwebte. Er sah daher nur noch einen einzigen Weg vor sich offen, sie möglicherweise einem traurigen Geschick zu entreißen, nämlich, sie nach ihrer Trennung nicht aus den Augen zu verlieren und selbst in weiter Ferne, wenn auch nur einen brieflichen Verkehr mit ihr aufrecht zu erhalten. »Und wenn wir uns nicht wiedersehen sollen«, fragte Weatherton, sobald Hertha geendigt, »und Eure freundliche Teilnahme für den Leoparden würde im Drange der Ereignisse nicht erstickt, würdet Ihr dann vor dem Gedanken so sehr erfreut, Nachricht von Euch zu geben?« »Warum sollte ich vor einem solchen Gedanken zurückschrecken?« fragte Hertha unbefangen und treuherzig; »fühle ich doch, daß es für mich eine sehr, sehr große Freude sein würde, durch Euch Nachricht über den getreuen Leoparden zu erhalten, dem ich mein Leben verdanke. Einen andern Eurer Schiffsgenossen vermag ich nicht darum zu bitten; sie stehen mir alle zu fremd gegenüber«, fügte sie entschuldigend hinzu. Dieses süße Geständnis, gegeben mit der natürlichen Offenherzigkeit eines Kindes und der edlen Einfachheit eines reinen Herzens, machten Weatherton erheben. Es fehlten ihm die Worte, irgend etwas darauf zu entgegnen, ohne zu viel von seinen Gedanken zu verraten, er kam deshalb noch einmal auf seinen eigenen Vorschlag zurück. »Die Tage, die hinter uns liegen, kennen wir genau«, sagte er ernst, fast feierlich; »dagegen bleibt uns verborgen, ob nicht Ereignisse auf uns einstürmen, die es vielleicht als ein Glück erscheinen lassen, selbst in der Ferne einen Freund zu wissen, dem wir uns vertrauensvoll nähern dürfen. Möget Ihr nie in die Lage kommen, Miß Hertha, Euch von Fremden Rat einholen zu müssen; sollten indessen Verhältnisse widriger Natur, oder, nennen wir es beim rechten Namen, Unglück Euch mit Mißtrauen gegen Eure Umgebung erfüllen, und das Gefühl des Alleinstehens, der Verlassenheit in Euch zum Durchbruch kommen, dann, ja dann vor allem erinnert Euch Eurer Freunde auf dem Leoparden und des Versprechens, welches Ihr ihnen aus freiem Willen gegeben habt«. »Ich hoffe Euch wiederzusehen, wo es auch immer sei«, antwortete Hertha, als sie sich am Fuß der Treppe von Weatherton verabschiedete. »Gute Nacht« rief sie ihm noch einmal zu, und im nächsten Augenblick war sie hinter der Kajütentür verschwunden. Ende des ersten Teiles. Zweiter Teil 1. Im Atelier In vielen, ja in den meisten Fällen bietet das Atelier eines Malers das Bild einer gewissen genialen Unordnung, die indessen nicht unangenehm berührt, weil gewöhnlich die Aufmerksamkeit auf angefangene und fertige Gemälde hingelenkt wird, hier, um mit reger Phantasie die noch nicht ausgeführten Gedanken des Künstlers zu erraten, dort, um laut zu bewundern oder auch im Stillen zu tadeln. Wo nun in größeren amerikanischen Städten Künstler ihre Werkstätten aufgeschlagen haben, da tritt diese Unordnung noch mehr in den Vordergrund, weil eben der Mangel an geeigneten Räumlichkeiten sie zwingt, jedes kleinste Fleckchen, mit sehr wenig Rücksicht auf Symmetrie, zu benutzen und die Gegenstände, die nicht nebeneinander Platz haben, übereinander aufzustapeln. So war es auch in Falk's Häuslichkeit, die, obgleich er sich ganz nach dem äußersten Ende der Stadt zurückgezogen hatte, wo die Wohnungen noch verhältnismäßig billig vermietet wurden, ihm kaum gestattete, eine größere Gesellschaft bei sich aufzunehmen. Seine Häuslichkeit bestand nämlich nur aus zwei Gemächern: einer Kammer, in welcher sein einfaches Bett stand, und einer großen Stube, die ihren Zweck zugleich als Wohnzimmer und Atelier erfüllte. An dem Nachmittag, an welchem Falk den Lieutenant Weatherton und Raft erwartete, herrschte eine ungewöhnliche Ordnung in dem Atelier, indem auf dem Sofa und auf einem Stuhl, durch Zusammenschieben und Übereinander- stapeln der Sachen, so viel Platz gewonnen war, daß drei Personen, ohne sich gegenseitig viel zu hindern, bequem sitzen konnten. Weatherton war wirklich eingetroffen und hatte, wie Falk vorhergesehen, den alten Bootsmann mitgebracht. In dem Augenblick, in welchem wir einen Blick in das Atelier werfen, mußte der Besuch sich schon längere Zeit bei dem Künstler befunden haben; denn aus der nachdenklichen Stellung, in welcher die beiden jungen Leute, die sich schnell miteinander befreundet hatten, auf dem Sofa saßen, ging hervor, daß Falk mit seinem Bericht zu Ende gekommen war, das Erzählte ihren Geist aber noch ernst und rege beschäftigte. Jim Raft, der erst auf des Künstlers ausdrücklichen Wunsch den einzigen leeren Stuhl für sich in Anspruch genommen hatte, saß vor ihnen an dem Tisch. Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit war er Falk's Mitteilungen gefolgt, hatte sich dabei aber doch nicht enthalten können, das Tau- und Segelwerk einer kleinen Modellfregatte, die nicht ohne Absicht vor ihn auf den Tisch gestellt worden war, etwas zu ordnen. Es entschlüpfte seinen Lippen wohl hin und wieder ein leises ungeduldiges »Goddam«, wenn die schwachen Fäden an den zierlich geschnitzten Masten sich als zu wenig haltbar für seine mächtigen Fäuste auswiesen, oder wenn Falk einzelne Punkte in seiner Erzählung besonders hervorhob; weiter ging indessen seine Beteiligung an der Unterhaltung nicht, und mochten auch, wer weiß was für Pläne und Gedanken in seinem Kopfe herumschwirren, seinem eisenharten Gesicht war nichts anzumerken, und nur das Blauwerden seiner furchtbaren Narbe deutete zuweilen auf eine vorübergehende innere Erregung. – »Was Ihr durch einen so merkwürdigen Zufall erfuhret«, hob er an, »beweist nur, daß ich nicht irrte, indem ich mutmaßte, es sei nicht nur auf eine Täuschung des jungen hilflosen Mädchens abgesehen, sondern auch auf eine Übervorteilung oder Beraubung desselben.« »Ihr sagtet doch wohl, es befände sich in ihrer Umgebung eine Dame; haltet Ihr diese ebenfalls für treulos?« fragte der Künstler. »Ebenso treulos, ja noch treuloser, als alle Übrigen«, antwortete Weatherton schnell. »Dieselbe ist eine alte, eitle Person, die sich offenbar nur deshalb zum Mormonismus bekehrte, um ihre Tage nicht unverheiratet beschließen zu müssen. Habe ich sie richtig durchschaut, so rechnet sie darauf, die zweite oder dritte Gattin Desjenigen zu werden, dem das junge unschuldvolle Wesen geopfert werden soll. Sie will heiraten und zugleich Vorteil von dem nicht unbedeutenden Vermögen ihrer Schutzbefohlenen ziehen«. »Es ist schändlich«, versetzte Falk mit einer Gebärde des Abscheus, »ich glaube indessen kaum, daß in diesem Falle, so ganz ohne alle Beweismittel, von den Gerichten Beistand zu erwarten wäre.« »Auch ich bezweifle das«, pflichtete Weatherton bei, »darum aber habe ich mir eben die Aufgabe gestellt, alles aufzubieten, um dergleichen Beweismittel zu erlangen.« »Aber sagt, wozu würdet ihr raten?« fragte Weatherton weiter, und zwar mit einer Ängstlichkeit, die mehr von seinen Gefühlen verriet, als er ahnte. »Ich rate vor allen Dingen, die Gesellschaft nicht aus den Augen zu verlieren. Ihr wißt ja, wo sie in New York wohnen wird.« »Keine Ahnung habe ich davon«, erwiderte Weatherton erschrocken. »Sie verließ in Begleitung ihrer Gouvernante, ihres Onkels und des Vormundes den Leoparden schon heute Vormittag, nachdem alle den herzlichsten Abschied von fast jedem an Bord genommen hatten. Ich selbst erfreute mich bei dieser Gelegenheit der anerkennendsten Worte, und Rynolds sagte sogar sehr verbindlich: er hoffe, mich noch vor seiner Abreise bei sich zu sehen, und er wolle, sobald das vorläufige Absteigequartier mit einer angemesseneren Wohnung vertauscht sei, mich von diesem Wechsel in Kenntnis setzen. Ich sehe ein, ich werde vergeblich auf Nachricht von ihm harren, denn die übrigen an Bord befindlichen Mormonen haben sich nicht nur gleich nach ihrem Landen nach allen Richtungen hin zerstreut, sondern es sind auch, auffälliger Weise, offenbar um jeden Verkehr mit allen Mitreisenden abzubrechen, schon an Bord des Leoparden die Zeugenaussagen der Passagiere, betreffs des Unterganges der Brigg, von einem Notar aufgenommen worden. Das Einzige wäre, daß die junge Dame selbst mir über ihren Aufenthaltsort Auskunft gäbe; sie versprach wenigstens« – Bis hierher hatte Falk ruhig zugehört. Als Weatherton aber ein Versprechens des jungen Mädchens erwähnte, erhellte wiederum das bezeichnende teilnahmvolle Lächeln sein kluges Gesicht, und indem er, wie spielend, mit ein paar flüchtigen Strichen das wohlgetroffene Portrait des aufmerksam und respektvoll lauschenden Raft beendigte, rief er aus: »Ihr glaubt also, dieser Zerberus von Gouvernante würde einen Brief der jungen Mormonin, und wäre er nicht größer, als ein Kupfercent, an seine Bestimmung gelangen lassen? Ich für meine Person glaube es nicht; wüßte ich nicht zufällig, in welchem Hause sie ein Unterkommen gefunden haben« – »Ihr wißt?« fuhr Weatherton auf, und für jemanden, der aus reiner Menschlichkeit seinem von unbekannten Gefahren bedrohten Nächsten zu dienen wünscht, wechselten Hoffnung und Besorgnis fast zu schnell und seltsam seinen gespannten Zügen. »Ich kenne das Haus, und Mr. Raft kennt es auch«, versicherte Falk, den es höchlichst ergötzte, daß der Bootsmann bei Nennung seines Namens emporsprang und, wie bei der Musterung, mit lauter Stimme ausrief: »Hier!« »Ja wir kennen das Haus«, wiederholte er, nachdem Raft, sein Gesicht zu einem grimmigen Erstaunen verziehend, wieder Platz genommen hatte. »Entweder habt Ihr es überhört, oder ich bin in meinem Bericht nicht deutlich genug gewesen; doch sei dem, wie es wolle, es unterliegt kaum einem Zweifel, daß sie im Hause Abraham's, wie die beiden Mormonen ihren Gefährten nannten, eingekehrt sind. Ich weiß zwar nicht die Nummer des Hauses, allein da ich die Straße kenne, so getraue ich mir auch bei Tage das Gebäude wieder herauszufinden, vor welchem ich gestern Abend so lange mit unserem Freunde Raft gestanden habe«. »Vielleicht entdecken wir an den Fenstern irgend etwas, das auf die Anwesenheit des jungen Mädchens deutet«, sagte Weatherton, indem er sich erhob und nach seiner Mütze griff. »Möglich, aber nicht wahrscheinlich«, entgegnete Falk, dem Beispiele des Offiziers folgend. »Aber Halt!« rief er plötzlich aus, an der Tür stehenbleibend, »wir dürfen nicht vergessen, daß Eure alten Reisegefährten Euch und Mr. Raft kennen; ebenso liegt es außer allem Zweifel, daß sie mich gestern Abend in der Laube sehr genau betrachtet haben. Gesetzt den Fall, einer der Männer befände sich statt des jungen Mädchens am Fenster, und er sähe uns zusammen vorübergehen und unsere Aufmerksamkeit« – »Wir dürfen unbedingt nicht zusammenbleiben«, unterbrach Weatherton den Maler hastig; »bemerkten sie uns, so würden sie Verdacht fassen und ihre Vorkehrungen treffen. Begeben wir uns daher bis in die Nähe der bezeichneten Straße; dort trennen wir uns. Raft wird mich dann begleiten und mir das Haus zeigen; Ihr selbst aber folgt, vielleicht eine Viertelstunde später, nach und wir treffen uns dann an einer verabredeten Stelle«. »Gut«, antwortete Falk, »ich habe ohnehin die Absicht, einen Freund im Hotel Dietz zu besuchen, und wenn es Euch genehm ist –« »Also Hotel Dietz«, sagte Weatherton zustimmend, und gleich darauf traten sie auf die Straße hinaus. Vor der Tür wendeten sie sogleich links, und nachdem sie eine kurze Strecke fortgeschritten waren, gelangten sie an eine schmale Querstraße, die nach der Pferdeeisenbahn führte, und da sie letztere, der Entfernung wegen, zu benutzen gedachten, bogen sie ohne Zögern in die Verbindungsgasse ein. – Kaum waren Weatherton's, Falk's und des Bootsmannes Gestalten in der Querstraße verschwunden, so traten aus dem Hofraum des neben der Wohnung des Künstlers gelegenen Hauses der Graf und der Baron, die am Abend vorher in der Konzerthalle eine so wenig ergötzliche Rolle gespielt hatten. Vorsichtig schauten sie sich um. Gleich darauf aber eilten sie den augenscheinlich von ihnen beobachteten drei Männern nach, jedoch nur bis an die Ecke der Quergasse, von wo aus sie ihnen schweigend nachschauten. Ihre Blicke reichten bis nach der Pferdeeisenbahn hin; sie konnten also deutlich gewahren, daß Falk und seine Gefährten gerade vor der Eisenbahn stehen blieben, um den nächsten in die Stadt fahrenden Wagen zu erwarten. »Weiter brauchen wir ihnen nicht nachzusetzen, Kamerad«, sagte der Baron, als es keinem Zweifel mehr unterlag, daß sie die bezeichnete Fahrgelegenheit benutzen würden. »Aber wir haben etwas anderes zu tun, mein Brüderchen«, antwortete der Graf, sich umkehrend und mit eiligen Schritten der Straße weiter abwärts folgend. »Schlaue Kerls, diese Mormonen; begriff gar nicht, warum sie uns auf dem Werft so lange schildern ließen und uns endlich auf die Fährte dieses abgeschmackten Schiffslieutenants setzten. Ha ha ha! Es ist unser erster Dienst im Solde der Mormonenregierung. Leichter Dienst, gute Bezahlung; auf Ehre, wollen ihnen dafür ihre Armee auf anständigen Fuß bringen, habe schon meine Pläne; statiöse Uniformen, gute Pferde, neues Dienstreglement statt ihrer barbarischen Gewohnheiten, und, mein Brüderchen, Orientalismus ist wert, die Seele zehnmal dem Teufel zu verschreiben, geschweige denn Mormone zu werden. Bin lieber Mormonengeneral, als Kapitän oder Lieutenant in irgend einem beliebigen kleinen Staat«. »Geld ist die Hauptsache, seit es in diesem Lande Mode geworden, niemandem etwas auf sein ehrliches Gesicht zu borgen«, versetzte der Baron mit blasiertem Wesen. »Ob es wohl Karten am Salzsee gibt?« fragte er gleich darauf. »Wenn sie noch nicht da sind, beim Jupiter! dann müssen wir sie einführen«, antwortete der Graf, der in Gedanken schon die Generalspauletten auf seinen Schultern fühlte. »Ich werde überhaupt meinen ganzen Einfluß aufbieten, die noblen Passionen etwas zu wecken und, wenigstens in meiner Umgebung, den notdürftigen Grad der verfeinerten Zivilisation verbreiten«. »Das hindert uns indessen nicht, jetzt Spionsdienste zu verrichten«, bemerkte der Baron mit einem Anflug von Sarkasmus. »Dienst ist Dienst«, tröstete der Graf, »wir befinden uns in Feindes Land, und zum Spionieren gehört oft mehr Mut, als vor die Mündung eines geladenen Geschützes zu treten. Sind übrigens verhenkert schlaue Kerls, diese Mormonen; hätte ihnen nicht so viel Scharfsinn zugetraut; wundere mich selbst über unsern Erfolg; müssen daher ihren Anordnungen, wenigstens vorläufig, pünktlich Folge leisten«. »Und was zunächst?« fragte der Baron gelangweilt. »So schnell wie möglich zu Abraham«, antwortete der Graf. »Abraham, Abraham? Judenname; ist aber nie Jude gewesen, würde mich schämen, Israelitenpack Gefälligkeiten zu erweisen. Ja, zum Mr. Abraham; wer weiß, wozu er sich nach unseren wichtigen Mitteilungen entschließt! Merkwürdig! dieser perfide Farbenkleckser im Bündniß mit dem abgeschmackten Schiffslieutenant. Seltsames Zusammentreffen, auf Ehre!« Unter solchen Gesprächen waren die beiden würdigen Kameraden an eine andere Querstraße gelangt, und als sie um die nächste Ecke herumtraten, befanden sie sich vor einem eleganten einspännigen Mietscabriolet, dessen Kutscher bei ihrem Anblick sogleich die Peitsche hob und die Zügel straff anzog. »Augenblicklich nach dem Hause zurück, vor welchem wir aufgestiegen sind, und zugefahren!« kommandierte der Graf, ohne den Kutscher eines Blickes zu würdigen, in schnarrendem Tone, worauf er sich nachlässig auf den einen Eckplatz warf, und es dem Baron überließ, mit etwas mehr Unbeholfenheit den anderen Sitz für sich in Anspruch zu nehmen. »Hier sind wir, meine Freunde, und nun augenblicklich aus meinem Wagen und schnell gemacht!« tönte des Kutschers Stimme plötzlich barsch in ihre verwöhnten Ohren, und gleichzeitig standen Pferd und Wagen mit einer kurzen heftigen Bewegung still. Der Graf warf dem Kutscher schweigend einen durchbohrenden Blick zu. Dieser aber lachte ihm höhnisch in's Gesicht und wiederholte die Aufforderung, ohne Säumen seinen Wagen zu verlassen. Um sich daher nicht weiter durch einen Wortwechsel mit einem so rohen Menschen zu erniedrigen, erhoben sich die beiden Herren und stiegen auf den entgegengesetzten Seiten aus. Kaum berührten aber ihre Füße festen Boden, so knallte auch schon wieder die Peitsche, das Pferd zog an, und nur mit genauer Not retteten sie sich durch einen kühnen Seitensprung aus der Gefahr, von den Rädern des dahinrollenden Wägelchens unsanft berührt zu werden; dagegen berührte das laute Hohnlachen des Kutschers um so empfindlicher ihre empörten Gemüter. »Es ist himmelschreiend, mit welcher rohen Anmaßung der nordamerikanische Pöbel sich den gebildeten Ständen gegenüber benimmt«, sagte der Graf, bleich vor innerer Wut dem Fuhrwerk nachblickend; in solcher Weise zu sprechen! der Mensch verdiente mit der Hetzpeitsche durch die Straßen New Yorks gegeißelt zu werden. Wie sind die europäischen Zustände doch golden gegen die hiesigen!« »Die schönen Tage von Aranguez sind vorüber! In Europa ist es auch nicht viel besser, denn was der Plebs dort nicht auszusprechen wagt, das denkt er«, versetzte der Baron, dem es viel zu unbequem war, sich noch zu ereifern, dabei aber nicht ahnte, wie nahe er mit seiner oberflächlichen und gar nicht durchdachten Bemerkung der Wahrheit gekommen. «Beim Jupiter!« rief der Graf plötzlich aus, in die Vorhalle von Abraham's Haus springend und den Baron nach sich ziehend, »beim Jupiter und bei allen schönen Mormonengöttinen! Schau hin, mein Brüderchen, dort kommen sie! Gut manövriert! Wären auf Ehre mit ihnen gerade hier zusammengetroffen, hätte ich den schurkischen Kutscher nicht gezwungen, sich zu beeilen!« Sie überzeugten sich noch, daß es wirklich kein Irrtum sei, als sie dem anderen Ende der Straße die Gestalten Weatherton's und Raft's zu erkennen glaubten, die sich langsamen Schrittes dem Hause Abraham's näherten, dann aber eilten sie, so schnell ihre Füße sie zu tragen vermochten, die Treppe hinauf, und mit der Miene von Überbringern wichtiger Nachrichten traten sie in das Geschäftszimmer Abraham's, den sie in tiefem Gespräch mit Jansen und Rynolds fanden. Weatherton und sein getreuer Bootsmann verfolgten unterdessen ungestört ihren Weg. Schon lange vorher, ehe sie Abraham's Haus erreichten, hatte Raft dasselbe seinem Lieutenant bezeichnet, weshalb sie, ohne sich oder ihre Absichten durch forschende Bewegungen zu verraten, mit der gleichgültigen Miene vorübergingen. Nur einmal richtete Weatherton seine Augen, wie zufällig, auf das Haus, um die Nummer desselben seinem Gedächtnis einzuprägen, und zugleich flogen seine Blicke blitzschnell über alle Fenster. Dies geschah indessen mit einem solchen Ausdruck, daß selbst der mißtrauischste Mormone nicht, wenn er seine Absichten nicht lange vorher geahnt hätte, dadurch zum Argwohn veranlaßt worden wäre. Er entdeckte nichts, was auf die Anwesenheit von Frauen gedeutet hätte, ebensowenig bemerkte er irgendeinen anderen Menschen. Es war alles so still und öde in dem Hause, als sei es unbewohnt gewesen, doch bewiesen die geöffneten Fensterladen der mit sauberen Gardinen verhangenen unteren Etagen, wie die der oberen, offenbar zu Speichern und Warenlagern benutzten Räume das Gegenteil. Bis zu einem gewissen Grade enttäuscht, aber auch wieder zufrieden, daß es ihm gelungen war, Hertha's Aufenthaltsort auszukundschaften, ohne selbst bemerkt worden zu sein, entfernte er sich langsamen Schrittes und fortwährend plaudernd mit Raft, der ihn noch immer mit seinen enthusiastischen Lobpreisungen des Seestückes unterhielt. – Weatherton hatte also keine lebende Seele in dem Hause wahrgenommen. Wären seine Blicke aber tiefer durch die blendenen Fensterscheiben in Abraham's Geschäftszimmer eingedrungen, so würde er sich gewundert haben über den Ausdruck, mit welchem man, von einem sichern Standpunkte aus, ihn und seinen Gefährten beobachtete und ihre Bewegungen aufs sorgfältigste bewachte; nicht zu gedenken der drohenden Äußerungen, die betreffs seiner gewechselt wurden. »Es unterliegt keinem Zweifel«, sagte nämlich Abraham finster, sobald Weatherton ihm nicht mehr sichtbar war; »er hat auf irgendeine Art Euren Zufluchtsort ausfindig zu machen gewußt, und es steht zu erwarten, daß er uns nächstens persönlich einen Besuch abstattet«. »Und welchen Erfolg würde es für ihn haben, wenn er nur Euch träfe? Denn das, was er eigentlich und am meisten sucht, ist doch wohl sicher genug aufgehoben«, versetzte Jansen, noch einen zornigen Blick dahin sendend, wo Weatherton eben verschwunden war. »Aber er und diejenigen, die ihn vielleicht begleiten, könnten etwas finden, was sie nicht suchen!« entgegnete Abraham heftig. »Bedenkt die Vorräte, die oben aufgespeichert liegen und über deren Bestimmung, jetzt, nach voraufgegangener, wenn auch vorläufig noch bedingter Kriegserklärung, wohl kaum ein Schulknabe lange in Zweifel bleiben dürfte. Es würden uns dadurch nicht allein unersetzliche Verluste, sondern auch Gefahren für uns selbst erwachsen«. Hier zupfte Rynolds ihn leise am Rock, indem er mit den Augen verstohlen auf die beiden neuangeordneten Offiziere deutete. Abraham verstand den Wink und wendete sich sogleich zu diesen. »Ihr habt Euer militärisches Talent bewährt, meine Herren«, redete er den Grafen und seinen Kameraden mit einer verbindlichen Verbeugung an, »es ist in der Tat ein großer Dienst, welchen Ihr uns leistet. Ihr werdet aber auch die Überzeugung gewonnen haben, daß unsere Macht wohl organisiert ist, und daß kein Wort unüberlegt gesprochen, keine Handlung ohne bestimmten Zweck angeordnet wird. Nur das genaueste Ineinandergreifen unserer Pläne und die größte Einigkeit und Übereinstimmung in der Verfolgung derselben machen uns, selbst hier im Herzen des uns feindlichen Landes, stark, und deshalb müssen wir auf die strengste Disziplin halten. »Sagtet Ihr nicht, es sei noch ein Dritter in der Gesellschaft der beiden Seeleute gewesen?« »Gewiß«, antwortete der Graf, der stets auf Anciennität hielt und daher gewöhnlich das Wort ergriff; »es war indessen nur eine höchst nichtssagende Persönlichkeit, ein Anstreicher, den wir schon seit längerer Zeit kennen, das heißt, von Ansehen kennen. Er liebt es, sich Künstler zu nennen; wie gesagt, eine höchst nichtssagende, unbedeutende Persönlichkeit.« »Ich danke Euch«, versetzte der Mormonenagent, sich nach einer neuen höflichen Verbeugung dem Fenster zuzuwendend. Kaum hatte er aber einen Blick auf die Straße gworfen, so verfärbte er sich, und die beiden Edelleute, die sich schon an der Tür befanden, zurückrufend, deutete er auf Falk, der, ohne rechts oder links zu schauen, eben vorüberschritt. »Es ist doch wohl nicht der dort?« fragte er, kaum fähig, seine Besorgnis zu unterdrücken; denn er sowohl wie Jansen und Rynolds erkannten denselben Deutschen wieder, der am vorhergehenden Abend in ihrer nächsten Nachbarschaft sich so sehr in seine Berechnungen und Betrachtungen vertieft hatte, und nur Gedanken für die in seinem Taschenbuch enthaltenen Notizen zu haben schien. »Derselbe Anstreicher«, antwortete der Graf in wegwerfendem Tone, »eine Persönlichkeit, welche den unteren Schichten angehört. Sieht übrigens aus, wie eine verabredete Recognoszierung. Die beiden Seeleute bildeten die Spitze, der Anstreicher die Verbindung« – »Allerdings ist es eine Recognoszierung«, unterbrach Abraham etwas ungeduldig den mit seinen militärischen Kenntnissen kokettierenden Grafen, »doch wollen wir uns dadurch nicht in unseren ferneren Arbeiten stören lassen.« Die beiden Offiziere glaubten zu verstehen, daß ihre Anwesenheit in dem Geschäftszimmer überflüssig sei, und entfernten sich daher. Der laute Schall der Klingel aber, der gleich darauf mit einem gewissen gebieterischen Ausdruck herauftönte, verriet, daß sie Abraham's Mahnung, sich gänzlich wie zu Hause zu fühlen, nicht vergessen hatten. Die drei Mormonen achteten nicht auf das Geräusch. Die Gestalt des Malers war wie ein unheimliches Gespenst vor ihnen aufgetaucht, und vergeblich suchten sie zu enträtseln, was gerade ihn in ihren Weg und demnächst mit Weatherton zusammengeführt habe. »Es ist der Fremde, der gestern Abend neben uns in der Laube saß«, sagte Jansen endlich, und seine Zähne knirschten aufeinander. »Derselbe«, pflichteten Abraham und Rynolds ihm gleichzeitig bei. »Derselbe«, wiederholte Abraham sinnend, »ich würde ihn unter Hunderten an seinem ungarischen Hut, an seinem Bart und an seinem ernsten Blick wiedererkannt haben. Mir ahnte nichts Gutes, als ich ihn so in sich versunken dasitzen sah. Ja, er war zu tief mit sich und seinen Gedanken beschäftigt, als daß es natürlich hätte sein können«. »Versteht er schwedisch«, so dürften manche Ungelegenheiten, ja Gefahren für uns daraus hervorgehen«, bemerkte Rynolds kleinlaut. »Wenn wir keine Gegenminen anlegen«, fügte Abraham mit bestimmterem Wesen hinzu. »Zwei Fälle sind nur möglich«, fuhr er sodann fort, und die Falten auf seiner hohen kahlen Stirn legten sich noch dichter zusammen. »Entweder hat er unsere ganze Unterhaltung erlauscht und sich in Folge dessen an den Schiffslieutenant gewendet, oder er hat sie nicht verstanden und der Zufall führte Letzteren samt dem groben Matrosen zu ihm ins Haus. Wir sind gezwungen, so lange das Schlimmste anzunehmen, bis das Gegenteil erwiesen ist, und müssen noch heute demgemäß unsere Vorbereitungen treffen. Es steht zu viel auf dem Spiele; wir dürfen uns keine Unvorsichtigkeit zu Schulden kommen lassen; und ich rate Euch daher, noch heute dieses Haus mit einer anderen Wohnung zu vertauschen«. Nachdem Jansen und Rynolds ihm beigestimmt und sich zum sofortigen Wohnungswechsel bereiterklärt hatten, fuhr Abraham fort: »Soweit ich bis jetzt die ganze Sachlage zu beurteilen vermag, gilt das Spähen und Spüren des Offiziers vorläufig dem Mädchen. Ich bezweifle nicht, daß er seine Forschungen auch bis hierher forsetzen wird. Trifft er in diesem Hause auf keine Spuren von Euch, so mag alles abgetan sein; entgegengesetzten Falls dürften die Forschungen bis in unsere Lagerräume ausgedehnt werden, und das Auffinden von Waffen und Kriegsbedarf zu immer weiteren Entdeckungen und endlicher Versiegung einer der erheblichsten Zufuhrquellen unserer Brüder am Salzsee leiten. Ferner müssen wir zu erfahren suchen, ob der Lieutenant und der Maler wirklich in den Besitz unserer Geheimnisse gelangten. Bestätigt sich dies, so müssen wir alles aufbieten, sie unschädlich zu machen. Den Maler werden wohl die unten befindlichen Herren am besten beobachten« – »Doch ist es wohl nicht ratsam, ihnen zu viel Vertrauen zu schenken«, unterbrach Rynolds den Mormonenagenten; »sie machen eben nicht den Eindruck von zuverlässigen Leuten«. »Fürchtet nichts, meine Brüder«, entgegnete Abraham; »ich halte sie nur für das, was sie sind, nämlich für ein paar gewissenlose Abenteurer, die sich einbilden, mit uns spielen zu können, wenn wir sie nur richtig zu benutzen verstehen. Schmeichelt ihrer albernen, auf nichts begründeten Eitelkeit, so gehen sie für Euch durch's Feuer. Entsprechen sie unseren Erwartungen nicht, wohlan, so hindert uns Niemand, sie jederzeit fallen zu lassen«. 2. Der Abschied Vier Tage waren seit Weatherton's Besuch bei dem Maler verstrichen, vier lange Tage, ohne daß es ihm geglückt wäre, auch nur die leiseste Spur von Hertha und ihrer Begleitung zu entdecken. Er selbst hatte nichts versäumt, was zu einer Aufklärung des geheimnisvollen Verschwindens der Gesellschaft hätte führen können, und in allen seinen Bemühungen war er auf das Treueste von Werner sowohl wie von Falk unterstützt worden. Sogar Raft, dem auf seine Verwendung der erforderliche Urlaub erteilt worden war, hatte Tage lang in der Nachbarschaft vor Abraham's Wohnung Ausguck halten müssen; doch alles blieb vergeblich. Die Mormonen waren verschwunden, und obgleich keiner der bei den Forschungen Beteiligten bezweifelte, daß sie noch in der Stadt verborgen seien, so verloren sie doch allmählich die Hoffnung, jemals wieder mit ihnen zusammenzutreffen. Anfangs war Weatherton geneigt, anzunehmen, daß Falk wie Raft sich an jenem Abend getäuscht hätten; allein dies dauerte nur so lange, bis er Abraham einen Besuch abstattete, um sich, wie er vorgab, von dem Wohlbefinden seiner früheren Reisegefährten zu überzeugen. Ganz wider sein Erwarten räumte der schlaue Agent ein, daß die Gesuchten sich allerdings einen Tag und eine Nacht unter seinem Dache befunden hätten, daß es sich aber nur darum gehandelt habe, mehrere bedeutende auf ihn gezogene Wechsel flüssig zu machen, worauf sie schleunigst nach dem Missouri abgereist seien, um sich dort einer bestimmten, nach dem Salzssee aufbrechenden Karawane anzuschließen. Weatherton durchschaute die Täuschung und maß Abraham's Worten nicht mehr Wert bei, als sie verdienten. Seine letzten Zweifel über Falk's Mitteilungen wichen, dagegen gelangte er zu der Überzeugung, daß die Gesuchte nicht mehr in des Agenten Hause weile und man alles aufbiete, das junge Mädchen weder mit ihm, noch mit anderen, die auf dasselbe irgendwelchen Einfluß gewinnen konnten, in Berührung kommen zu lassen. Auf seine Andeutungen, daß die Gerichtsbarkeit von New York sich bewogen finden könne, in seinen Lagerräumen nach Kriegscontrebande zu forschen, hatte Abraham nur mit einem beleidigenden Lächeln geantwortet und ihm anheimgestellt, um sich jede weitere Mühe zu ersparen, sogleich selbst mit den Nachforschungen zu beginnen. Ihr werdet vielleicht manches entdecken, was Euch verächtlich erscheinen mag«, sagte ihm der Agent mit einem Anflug von Hohn, »allein die Regierung in Washington selber hat kein Recht, sich um das zu kümmern, womit ich Handel treibe, es sei denn, daß ich Steuerhinterziehungen beginge. Übrigens steht mein Lagerhaus jedem mit rechtskräftiger Vollmacht versehenen Beamten offen, dagegen dürfte, nachdem der Verdacht sich als ungerechtfertigt erwiesen, ein kostspieliger Prozeß gegen Denjenigen eingeleitet werden, der sich eine derartige Anklage gegen meine Firma erlaubte«. Weatherton ging, aber im Stillen bereute er den Schritt, welchen er bei Abraham getan hatte. Er fühlte, er war im Eifer zu weit gegangen, und mit Bedauern gelangte er zu dem Schluß, daß diejenigen, die ein Interesse dabei hatten, Hertha von der Außenwelt abzuschließen, in seinen Worten eine Warnung erblicken und fortan nur noch mehr auf ihrer Hut sein würden.– In demselben Grade nun, in welchem sich seinem Vorhaben immer größere Schwierigkeiten entgegenstellten, befestigte sich aber auch sein Wille, dasselbe dennoch durchzusetzen; und da Falk, teils aus Teilnahme für die Sache selbst, teils aus einem angeborenen Hange zum Außergewöhnlichen, ihm in jeder Beziehung beipflichtete und dadurch seiner leidenschaftlich erregten Phantasie immer neue Nahrung gewährte, so würde er schon jetzt nicht gezögert haben, eine Reise nach der Salzseestadt zu unternehmen, wenn er nur die Gewißheit gehabt hätte, daß Hertha und ihre Begleitung wirklich dorthin aufgebrochen seien. »Wie nun Weatherton und seine Freunde in das geheimnisvolle Treiben der Mormonen und ihrer Helfershelfer einzudringen trachteten, so wurde ihnen nicht minder von den Mormonen überall hin nachgespäht; nur mit dem Unterschiede, daß letztere erfolgreicher wirkten. Denn bei den bedeutenden Mitteln, über welche dieselben zu verfügen hatten, bei den Erfahrungen, welche sie in der gleichen Angelegenheit gesammelt, und bei der großen Zahl feiler Menschen, die sie besoldeten und mit unglaublichem Scharfblick aus der Hefe der untersten Klasse der Bevölkerung herauszufinden verstanden, konnte man darauf rechnen, daß alle ihnen verdächtige Personen, oder solche, denen sie nur im Geringsten mißtrauten, eigentlich keine Stunde unbeobachtet und unbewacht blieben. So erhielten denn Abraham, Jansen und Rynolds stets die genauesten Mitteilungen über das von Weatherton und seinen Gefährten eingeschlagene Verfahren; weshalb es ihnen leicht wurde, jeder persönlichen Begegnung rechtzeitig auszuweichen und alle deren Pläne, noch ehe dieselben zur Reife gelangten, zu hintertreiben und die ihnen entsprechenden Vorkehrungen zu treffen. So war es ergangen, als Weatherton Abraham den längst vorhergesehenen Besuch abstattete, so erging es, als man in dem Büro der Dampfschifffahrtsgesellschaften nach den Verschwundenen forschte. Überall stieß man entweder auf gar keine Nachrichten, oder auf solche, die absichtlich verworren und unbestimmt erteilt wurden, um auf falsche Fährten zu leiten.– Es war also am vierten Tage nach dem, an welchem Weatherton mit Falk Freundschaft geschlossen hatte und durch diesen auch mit Werner in Dietz's Hotel bekannt gemacht worden war. Es mochte gegen acht Uhr des Abends sein; das Leben in dem hellerleuchteten Broadway hatte seinen höchsten Grad erreicht, die breiten Bürgersteige waren von Fußgängern bedeckt, die endlosen Reihen der Wagen rasselten hinauf und hinunter, und Gruppen von Menschen saßen vor den Haustüren, sich des milden Herbstabends erfreuend, oder über die neuesten Tagesereignisse plaudernd. Die geräumige, mit vergoldeter Stukkatur und geschmackvoller Malerei reich ausgeschmückte Vorhalle in Dietz's Hotel hatte sich schon geleert, die Kostgänger und Gäste des Hauses waren ihrem Vergnügen nachgeeilt, oder ließen in der Trinkhalle bei vollen Gläsern und Zigarren die Zeit verstreichen, und nur einzelne Personen saßen noch auf den ringsum an den Wänden angebrachten weich gepolsterten Bänken, um die Ankunft eines Freundes oder Bekannten zu irgendeinem verabredeten Spaziergange zu erwarten. Auch Weatherton und Falk schienen dort auf jemanden zu harren, doch zogen sie es vor, wahrscheinlich um außer dem Bereich neugieriger Ohren zu bleiben, in der Halle auf und ab zu wandern. Ihre Züge verrieten, wie ernst der Gegenstand sei, welchen ihre Unterhaltung betraf; außerdem standen sie von Zeit zu Zeit still, um irgendetwas genauer zu erörtern, worauf sie dann gewöhnlich nach der Uhr sahen, um mit einem Kopfschütteln oder einem anderen äußerlichen Zeichen der Ungeduld ihren Spaziergang wieder aufzunehmen. »Acht Uhr vorbei, und noch nicht eingetroffen«, sagte Weatherton, als sie wieder einmal eine Weile stehen geblieben waren und sehr eifrig miteinander verhandelt hatten; »ich hoffe, er hat uns nicht vergessen«. »Vergessen hat er uns nicht«, entgegnete Falk, »er ist zu gewissenhaft dazu; allein er kann in seinen eigenen Angelegenheiten aufgehalten worden sein, weil er sich auf dem morgen absegelnden Dampfboot nach Panama und San Francisco einzuschiffen gedenkt. Heute Vormittag, als er nach dem Büro gegangen war, dauerte es ebenfalls mehrere Stunden, eh' er wieder zurückkehrte. Es hat seine Schwierigkeiten, die Listen der eingeschriebenen Passagiere vorgelegt zu erhalten«. »Aber er hat sie doch gesehen!« versetzte Weatherton. »Er hat sie gesehen und durchgesehen vom Anfang bis zu Ende –« »Und nicht die Namen von zwei Herren und zwei Damen gefunden, die, als zusammenreisend, für unsere Mormonengesellschaft gehalten werden könnte?« fragte Weatherton, indem er kurz stehenblieb, »denn nach ihren wirklichen Namen brauchen wir nicht zu forschen, sie werden vorsichtig genug gewesen sein, dieselben zu verschweigen«, fügte er mit Bitterkeit hinzu. Falk lächelte in seiner stillen Weise vor sich hin, denn er sollte abermals eine Frage beantworten, die Weatherton schon wenigstens zehnmal an ihn gestellt hatte. »Nein, heute Morgen hat er nichts entdeckt, was uns zu einem Verdacht berechtigte«, erwiderte er endlich, sich wieder vorwärts bewegend. »Unmöglich ist es nicht, daß seine Nachrichten heute Abend anders lauten; auf alle Fälle dürfen wir es uns nicht verdrießen lassen, morgen schon in aller Frühe nach dem Werft hinabzugehen und jeden einzelnen Passagier, indem er sich an Bord begibt, genau zu betrachten. Beabsichtigen sie mit diesem Boot abzureisen, so können sie unserer Aufmerksamkeit nicht entgehen. Entdecken wir sie nicht, so unterliegt es kaum noch einem Zweifel, daß sie, anstatt noch vierzehn Tage auf den Abgang des nächsten Dampfers zu warten, den Landweg durch die Prärien wählen«, »Jedenfalls kommt mir der Durchsuchungsbefehl zu statten, welchen ich mir zu verschaffen gewußt habe«. »Durchsuchungsbefehl?« fragte Falk überrascht. »Ja, ein Befehl von der entsprechenden Behörde, kurz vor Abgang des Dampfers an Bord zu erscheinen und nach Kriegscontrebande, die für die Mormonen am Salzsee bestimmt ist, zu suchen. Der Befehl ist mir erst heute Mittag zugstellt worden, ich konnte euch also nicht früher davon in Kenntnis setzen«. Falk sann eine Weile nach. »Ich weiß nicht, ob dieses nicht übereilt gehandelt war«, wendete er sich dann wieder an Weatherton, »der Abgang des Dampfers wird dadurch bedeutend verzögert werden, und Ihr erbittert nicht nur die in New York anwesenden Mormonen gegen Euch, sondern auch die Mitglieder der Dampfschiffahrts-Gesellschaft, vor allem aber die Passagiere«. »Mag man mir zürnen oder nicht«, versetzte Weatherton achselzuckend, »ich werde handeln, wie mir die Pflicht gebietet, obgleich ich Euch gegenüber einräume, daß ich mich nur überzeugen will, ob das junge Mädchen an Bord ist. Vor meiner Vollmacht müssen sich alle Türen öffnen«. »Und wenn Ihr sie findet?« fragte Falk zweifelnd, »in welcher Weise wollt Ihr alsdann auftreten?« Weatherton legte einen Augenblick seine Hand an die Stirn. »Ich habe darüber noch nicht nachgedacht«, antwortete er endlich zögernd, »vorläufig war ich nur von dem einzigen Wunsch beseelt, zu erfahren, ob sie wirklich mit dieser Gelegenheit nach Kalifornien reist. Ich will wissen, wo sie geblieben ist, und sollte ich –« Werner's Anblick, der eben von der Straße in die Halle trat, ließ ihn den Nachsatz nicht beendigen. Er eilte auf ihn zu, und ihm die Hand entgegenstreckend, blickte er ihm fragend in die Augen. Werner gab ein verneinendes Zeichen. »Es ist nichts«, sagte er, »ich blieb, bis das Büro geschlossen wurde; ich las die Namen aller Eingeschriebenen noch einmal durch und überzeugte mich, daß schon seit heute Nachmittag um vier Uhr alle Plätze bis auf den letzten verkauft sind, und sogar in den Kajüten und Rauchzimmern des Abends Betten aufgeschlagen werden müssen, um alle Passagiere unterzubringen«. »Andere Nachricht erwartete ich nicht«, versetzte Falk, als er eine bittere Enttäuschung auf Weatherton's Zügen gewahrte. »Haben sie sich einschreiben lassen, so geschah es unter anderem Namen: jedenfalls muß es sich morgen früh aufklären«. »Wenn es zu spät ist«, sagte Weatherton ernst, »wenn es zu spät ist und das arme, unschuldige Opfer seinen Weg in's Elend schon angetreten hat. Denn finde ich sie wirklich, so besitze ich, da ich nur nach Kriegscontrebande forschen soll, nicht das Recht, in die Familienangelegenheiten mir fern und fremd stehender Personen einzugreifen; selbst auch dann nicht, wenn es Mormonen, also erklärte Feinde der Vereinigten Staaten wären«. »Ihr könnt' kaum aufrichtigere Teilnahme für die junge Dame hegen, als ich«, nahm Falk das Wort, indem er die Freunde nach einer Bank hinführte, die eben leer geworden war. »Es besteht bloß der Unterschied, daß Ihr sie von Angesicht zu Angesicht kennt und sich in Folge dessen ihr Bild tiefer in Eure Seele eingegraben hat, während bei mir nur die Phantasie eine Erscheinung zu schaffen vermag, die gewiß weit hinter der Wirklichkeit zurückbleibt«. »O, Ihr solltet sie kennen«, fiel Weatherton mit Wärme ein, »und Ihr würdet meine Teilnahme natürlich finden« – »Ich kenne sie aber nicht, und dennoch finde ich Eure Teilnahme sowohl, wie die meinige natürlich«, unterbrach ihn Falk mit einem gutmütigen Lachen, »wie weit meine Teilnahme aber reicht, mögt Ihr daraus ermessen, daß ich viel weiter als Ihr in die Zukunft gedacht habe«. Weatherton schaute überrascht und fragend zu dem Maler auf. »Ja, in die Zukunft«, wiederholte dieser freundlich, »entgeht sie nämlich morgen unserer Aufmerksamkeit, weil man sie irgendwo auf dem Dampfboot verborgen hält, so wird sie dennoch während der ganzen Reise und sogar noch in San Francisco aufs Schärfste bewacht und behütet werden. Ich habe nämlich meinem Freunde Werner hier die beiden Mormonen so genau beschrieben, daß er, im Fall er mit ihnen zusammentrifft, nicht einen Augenblick im Zweifel über sie bleiben kann; und wenn Ihr ihm eine ähnliche Beschreibung von den Damen gebt, so dürften wir mit Gewißheit darauf rechnen, schon von Havanna und demnächst von Panama aus, genaue und umständliche Berichte über alles, was wir zu wissen wünschen, übermittelt zu erhalten«. »Und daß sie in San Francisco, sollten sie sich dorthin wenden, beobachtet werden, dafür bürgt mein Versprechen«, bekräftigte Werner aus vollem Herzen. »Ich besitze daselbst Freunde und werde Personen finden, die mit Freunden ihren ganzen Einfluß aufbieten, einer beabsichtigten verbrecherischen Handlung hindernd in den Weg zu treten«. › »Ihr reist nach Kalifornien«, sagte Weatherton nachdenkend, indem er mit einem verstohlenen eifersüchtigen Blicke die schlanke Gestalt des jungen Kaufmannes maß. »Ihr werdet immer in ihrer Nähe sein und sie täglich sehen« – »Das heißt, wenn sie mit demselben Dampfer reist, was noch höchst unwahrscheinlich ist«, schaltete Falk ein, und seine Physiognomie verriet, daß ihm die Gefühle nicht fremd waren, welche Weatherton's Brust bestürmten. »Allerdings ist es noch unwahrscheinlich«, versetzte Weatherton freier und offenherziger zu Werner gewendet, »aber ich will für alle Fälle die beiden Damen so genau beschreiben, wie ich es nur immer vermag. Vielleicht daß dennoch in dem guten Werk, zu welchem wir uns vereinigt haben, Euch gerade der angenehmste Teil der Aufgabe zufällt«. »Aber nicht hier, nicht hier laßt uns diesen Gegenstand weiter erörtern», sagte Werner dringend, als Weatherton eben mit seiner Schilderung beginnen wollte. »Begeben wir uns hinauf; in meiner Stube sind wir ungestörter, und nachteilig kann es nach keiner Richtung hin wirken, wenn wir den letzten Rest meiner California-Weinproben auf guten Erfolg leeren«. Weatherton und Falk gingen auf den Vorschlag ein, und bald darauf saßen sie bei dem stark duftenden, edelsten Erzeugnis des Goldlandes, vertieft in die Unterhaltung, welche sie unten in der Halle abgebrochen hatten. – Während die drei Freunde, von Niemand beobachtet, ihre Gedanken und Pläne für die Zukunft austauschten und die entsprechenden Verabredungen trafen, war die Landungsbrücke, neben welcher der California-Dampfer lag, schon leer geworden. Auch auf den angrenzenden, aus Brettern und Balken gezimmerten Werften zeigte sich nur noch wenig Leben. Hin und wieder schwankte ein Matrose, der des Guten etwas zuviel getan, dem heimatlichen Schiff zu; andere, denen es gelungen war, die Wachsamkeit der Posten zu täuschen, schlüpften wie Schatten in die Stadt nach den wohlbekannten Schänken. Auch sah man wohl ein paar Schiffsreeder, die den Abend bei ihrem Kapitän zugebracht, Arm in Arm den Heimweg antreten, doch vermochten alle diese Gestalten nicht den Charakter tiefster Ruhe zu verdrängen, der sich nach einem geräuschvollen Tage auf die Werfte und die vor denselben liegenden zahlreichen Kauffahrern gesenkt hatte. Die hellen Gaslaternen warfen ein unbestimmtes Licht auf die schwarzen Schiffsrumpfe, die ihnen zunächst lagen, und auf die unteren Masten. Über die nächsten Schiffsrumpfe hinaus und bis in die obere Takelage hinein drang die Beleuchtung indessen nicht. Was außerhalb des Lichtkreises der Laternen lag, das fiel mit der nächtlichen Dunkelheit zusammen, dort als schwarze Masse, ähnlich schlummernden gigantischen Ungeheuern, sich mit dem dunklen Wasserspiegel vereinigend, hier nur schwach und mit verwischten Umrissen vor dem gestirnten Firmament abhebend. Wenn auch in der Ferne Fährdampfer und kolossale Flußschiffe mit ihren zahlreichen erleuchteten Fenstern, wie schwimmende Städte, dumpf stöhnend und ächzend dahinbrausten und eilig die ihnen vorgeschriebene Bahn verfolgten, so schien in der Nähe des California-Dampfers alles zu schlafen. Verschlafen gurgelte das Flutwasser an den gekupferten Wanten entlang; verschlafen hingen die Wimpel, von keinem Lufthauch bewegt, niederwärts, und selbst die Laternen, die als Signale auf den verschiedenen vereinsamten Verdecken aufgestellt worden waren, wie die durch die Kajütenfenster schimmernden Lampen brannten, im Vergleich mit den Gasflammen, so trübe und düster, als wenn auch sie sich schon halb im Traume befunden hätten. Die an den Werften vorüberführende Straße war noch belebt; dieselbe bildete aber gewissermaßen ein Reich für sich selbst, und die Leute, die sich dort noch geräuschvoll hin und her bewegten, waren eben nur Betrunkene, oder solche, die sich irgendwo verspätet hatten und mit schnellen Schritten nach Hause eilten. Nur vor dem Eckhause, in welchem sich das Büro der California-Dampfschiffahrts-Gesellschaft befand, stand ein Mann, der keine Eile zu haben schien. Er hatte sich in einen weiten Mantel gehüllt, ein runder Filzhut saß ihm tief auf der Stirn, so daß von seinen Gesichtszügen gar nichts zu erkennen war, und wie er sich an einen der das einfache eiserne Gitter vor der Haustür tragenden Pfeiler lehnte, zeitweise auch wohl einige Schritte auf und ab ging, da hätte man ihn für eine Schildwache halten mögen, die hier zur Sicherheit des Hauses aufgeteilt worden. Die meisten der Vorübergehenden mochten ihn auch wohl für einen Wachposten ansehen, denn nur selten nahm sich jemand die Zeit, die dicht verhüllte Gestalt genauer zu betrachten, dagegen kam keiner auf deren Nähe, ohne daß ein Paar finstere Augen sich unter dem schirmenden Rande des Hutes hervor mit durchbohrendem, forschendem Ausdruck auf ihn gerichtet hätten. Die Zeit verrann, die Straßen wurden leerer, doch der Mann verharrte auf seinem Posten. Bald sitzend, bald sich anlehnend, oder auf und ab schreitend, verriet er nicht den geringsten Grad von Ungeduld. Da meldeten Turmuhren und Schiffsglocken die elfte Stunde an, und noch zitterten die letzten Schläge in leisen Schwingungen durch die stille Atmosphäre, da ließ sich von der Mitte der Stadt her das in diesem Teil der Straße zur Nachtzeit nicht gewöhnliche Rollen eines Wagens vernehmen. Der Wachposten schaute gespannt die Straße hinauf, von woher sich das Geräusch näherte. In der Entfernung von ungefähr zweihundert Schritten hielt der Wagen plötzlich still. »Sie sind es, endlich!« murmelte der Mann vor sich hin, und zugleich bewegte er sich langsam auf den Wagen zu. Er hatte die Strecken, die ihn von demselben trennte, noch nicht zur Hälfte durchmessen, da trat ihm ein anderer, ebenfalls sorgfältig verhüllter Mann entgegen. »Jansen«, redete ihn derselbe an. »Abraham«, lautete die Antwort, und schweigend reichten sich beide Männer die Hände. »Ist alles sicher?« fragte Abraham sodann, sich an Jansen's Seite stellend und, gleich ihm, die Straße hinaufblickend. »Alles sicher«, antwortete dieser. »Bis gegen sieben Uhr befand sich im Büro ein junger Mensch, den wir häufig in der Gesellschaft des Malers beobachteten, sobald aber das Büro geschlossen wurde, entfernte er sich. Seit jener Zeit hat sich kein verdächtiges Gesicht mehr blicken lassen. Sind wir sicher, daß die Durchsuchung des Schiffes nicht stattfindet?« »Ich hoffe es«, antwortete Abraham mit eigentümlich drohender Ruhe. Ihre Unterhaltung wurde durch das Rasseln des davoneilenden Wagens unterbrochen, und gleich darauf gesellten sich noch drei Gestalten zu ihnen, die offenbar in dem Wagen gekommen und weiter oben ausgestiegen waren. Zwei derselben ließen in ihrer noch dichteren Umhüllung Damen erraten, während die dritte sich in ihrem Äußeren nur durch die Größenverhältnisse von den beiden zuerst erwähnten Männern unterschied. Als sie in unmittelbarer Nähe von Jansen und Abraham angekommen waren, warf die schlankere und höhere der beiden Frauengestalten den dichten Schleier von ihrem Antlitz zurück, und in dem hellen Schein der nahen Laterne zeigten sich die lieblichen, mit einem schwärmerischen Ernst angehauchten Züge Hertha's. »Onkel!« sagte sie leise und doch mit so melodischer Stimme, daß bei deren Klang das starre Herz eines Urwilden hätte erweicht werden können; »Onkel!« wiederholte sie, Jansen's dargebotene Hand ergreifend; »ist es denn wahr, müssen wir, wie Verbrecher, unter dem Schutze nächtlicher Dunkelheit unsere Flucht bewerkstelligen«. »Selig sind, die um des Herrn willen verfolgt werden, denn sie werden das Himmelreich erschauen!« antwortete er hohl und unheimlich, indem er des jungen Mädchens Arm durch den seinen zog und dann, sich kurz umkehrend, die Richtung nach dem Werft hinunter einschlug. »Amen«, sagte Hertha mit Ergebenheit, und schweigend schlossen sich Abraham, Rynolds und Demoiselle Corbillon an. »Lieutenant Weatherton hat sich also auch bei Dir nicht blicken lassen?« fragte Hertha, nachdem sie einige Schritte zurückgelegt hatten, und in ihrer Stimme offenbarte sich eine Traurigkeit und Teilnahme, wie Jansen noch nie an ihr bemerkt zu haben glaubte. »Sprich nicht von ihm«, erwiderte er so finster, daß Hertha von einem innern Beben befallen wurde. »Er steht an der Spitze derjenigen, welche die Auserwählten des Herrn verfolgen. Arglos teilte Rynolds ihm mit, wo wir zu finden sein würden, und er antwortete darauf, daß er sich eine Vollmacht zur Durchsuchung des morgen abgehenden Dampfbootes ausfertigen ließ«. »Sollte darüber kein Irrtum obwalten können?« fragte Hertha schüchtern, nachdem sie sich einige Schritte, schweigend und in Gedanken versunken, an der Seite ihres Onkels hinbewegt hatte. »Er ist der Letzte, von dem ich eine derartige Unaufrichtigkeit erwartet hätte. Seine Worte klangen so ehrlich, so wohlmeinend, und was er zu mir sprach, schien mir –« »Schien Dir?« fragte Jansen heftig auffahrend und den Arm seiner Nichte fest an sich drückend. »Schien mir aus einem teilnahmsvollen Herzen, aus den edelsten Gesinnungen zu entspringen«. Sie bogen jetzt, an der Werftstraße angekommen, um die Ecke und schritten nach der Richtung hin, in welcher der California-Dampfer lag. »Wie kannst Du, mein Kind, bei den erklärten Feinden unserer auserwählten heiligen Gemeinde freundliche Teilnahme und edle Gesinnungen erwarten?« fragte Jansen nach einer Weile, denn die Art, in welcher Hertha des Offiziers gedachte, flößte ihm Besorgnis ein. »Sie verfolgen uns, sie suchen uns Schaden zuzufügen, weil einst das Volk Israel von seinen Widersachern heimgesucht wurde. Du zweifelst vielleicht an meinen Worten; aber wenn morgen der Lieutenant Weatherton kurz vor der Abfahrt des Bootes an Bord erscheint, in der einen Hand die Vollmacht zur Durchsuchung, in der anderen einen Verhaftsbefehl gegen uns, im Falle er eine Waffensendung und unsere Beziehung zu derselben entdecken sollte, dann wirst Du erkennen, wie recht ich handelte, in meinem Verkehr mit ihm nie über die gewöhnlichen Grenzen der Höflichkeit hinauszugehen, unsere Abreise aber in das strengste Geheimnis zu hüllen. Sprich also nicht mehr von ihm, gedenke seiner auch nicht weiter; er verdient es nicht; er hat sich gezeigt als Wolf im Schafskleide, und das Schwert Gideon's wird auch ihn erreichen«. Hertha seufzte tief; sie konnte sich mit dem Gedanken nicht aussöhnen, auch Weatherton als einen Feind ihres Glaubens betrachten zu müssen. Und dennoch erschien es ihr als ein untrüglicher Beweis seiner Falschheit, daß er nicht mehr vor sie hingetreten war; wie er es an Bord des Leoparden so fest versprochen, statt dessen aber einen Durchsuchungsbefehl für sich erwirkt hatte. Was veranlaßte ihn zu solch feindlichem Auftreten? Was aber konnte er bezwecken, als er, anstatt in seinem Verkehr mit ihr sich als offenen, ehrlichen Feind auszuweisen, sich hinterlistig mit der Maske opferwilliger Freundschaft umgab? Indem Hertha so dachte, vergegenwärtigte sie sich alles was Weatherton während der kurzen Bekanntschaft zu ihr gesprochen hatte, und so lebhaft schwebten die Szenen ihres letzten Zusammenseins mit ihm ihrem Geiste vor, daß sie sogar den wohlwollenden Ton seiner Stimme zu vernehmen meinte. »Unmöglich, unmöglich«, klang es traurig und zweifelnd unter ihrem Schleier hervor, den sie wieder hatte fallen lassen. »Warum entfernen wir uns denn heimlich, wie Verbrecher?« fragte Jansen, und seine Zähne rieben heftig aufeinander vor fanatischer Wildheit, und weil Hertha noch immer an der mit so viel Überlegung vorgespiegelten Verräterei des verhaßten und zugleich gefürchteten Offiziers zweifelte. »Leider, leider bin ich gezwungen, an seine Unaufrichtig- keit zu glauben«, erwiderte Hertha leise, »es wurde uns schwer, die gute Meinung, die ich von ihm hegte, so plötzlich aus meinem Herzen zu reißen. Aber an ihn denken muß ich unwillkürlich, lieber Onkel«, fügte sie mit kindlicher Offenheit hinzu, »ich werde seiner gedenken, so wie er sich auf dem Schiff zeigte, freundlich und teilnehmend, jedoch wie eines Verstorbenen; ich werde denken, es sei Jemand anders, der uns feindlich nachstellt; und wenn ich mich dadurch gegen unsere heilige Lehre versündige, so mag Gott mir vergeben, denn ich kann nicht anders.« Sie bogen jetzt über die Straße nach der Landungsbrücke der California-Dampfer hinüber. Jansen antwortete daher nicht mehr auf die Äußerungen seiner Nichte; aber besorgt schaute er nach beiden Seiten, und vorsichtig vermied er mit den vereinzelten Gestalten, welchen sie hin und wieder auf der Werftstraße begegneten, in zu nahe Berührung zu kommen. Die anderen beiden Mormonen und Demoiselle Corbillon folgten ihm schweigend nach. Als Jansen die Brücke erreichte und die schwarzen Umrisse des zur Fahrt bestimmten Bootes deutlicher hervortraten, blieb er stehen, scheinbar um sich nach seinen Genossen umzuschauen. Es mußte dies ein verabredetes Zeichen sein, denn es bewegte sich ein Mann hinter einem der mächtigen hölzernen Tragpfeiler hervor und schritt gerade auf die Gruppe der Mormonen zu. Hertha wurde von heftigem Zittern befallen und schmiegte sich ängstlich an den Arm ihres Onkels an. »Beruhige Dich, es ist ein Freund«, flüsterte Jansen, und gleichzeitig wandte er sich dem Angekommenen zu, der sich jetzt dicht vor ihm befand. »Ist alles sicher?« fragte er hastig. »Ich habe nichts Verdächtiges wahrgenommen«, antwortete der Baron in wichtigem Tone, denn er war es, der von seinen neuen Brotherren hier als Schildwache aufgestellt worden war. »Sind Eure Sachen an Bord?« fragte Abraham herantretend, »Alle an Bord; wir können jeden Augenblick nachfolgen.« »Gut, Herr; begebt Euch also nach der bewußten Stelle, um Euern Freund daselbst zu erwarten. Sobald er bei Euch eingetroffen ist, kommt Ihr aufs Schiff, wo Ihr Euch Mr. Jansen, Eurem nächsten Vorgesetzten, zur Verfügung stellt. Vor allen Dingen vergeßt nicht, was ich Euch betreffs der Tür ans Herz legte.« »Ich werde, um das Anrufen zu vermeiden, bis dahin auf dem Verdeck bleiben«, fügte Jansen hinzu, sobald Abraham geendigt. »Verlaßt Euch auf mich«, versetzte der Baron etwas gedehnt, denn er strengte sich aufs äußerste an, durch die Dunkelheit hindurch einen Blick auf Hertha's und demnächst auf Demoiselle Corbillon's Züge zu erhaschen. »Die Damen waren aber zu dicht verschleiert, und als er, vielleicht mehr als Gewohnheit, als um seine Sehkraft zu verschärfen, das Lorgnon vor sein Auge gebracht hatte, da war die ganze Gesellschaft schon, ohne ihn weiter zu beachten, bei ihm vorübergeglitten. »Famos!« murmelte er vor sich hin, indem er auf dem Hacken umkehrte und der Stadt wieder zuschritt. »Entführungen, verschleierte Frauen, eifersüchtige Männer? Famos! Die Sache wird interessant. Fortuna ist nicht blind, und weiß wohl, wen sie mit ihren Gunstbezeugungen zu beehren hat. Auf Ehre! Verspricht eine famose Existenz zu werden!« So denkend, schlenderte er langsam davon. Er war so zufrieden mit sich selbst und den sich ihm eröffnenden Aussichten, als wenn die von ihm angerufene Glücksgöttin wirklich ihr ganzes Füllhorn voll lauter Blumen und süßer, wonniger Träume über ihn ausgeleert hätte. Die Mormonen waren unterdessen bei dem Dampfer angekommen, wo sie, in Folge eines kurz vorher gegebenen, wenig auffälligen Signals, am Fuße der treppenähnlichen Laufplanke von einem Manne in Seemannstracht empfangen wurden. Nur einige Worte wechselten sie mit diesem in flüsterndem Tone, worauf sie beim Schein einer trüben Schiffslaterne die Treppe hinaufstiegen. Derselbe Mann, der sie unten erwartet hatte und der offenbar mit zu der Bemannung des Dampfers gehörte, begleitete sie bis an die Kajütentreppe, auf welcher ein schwarzer Aufwärter mit einem Lichte stand, um ihnen hinunter zu leuchten. Der zuerst erwähnte Mann löschte seine Laterne aus und entfernte sich. Er hatte das, was man von ihm verlangte und wofür er gewiß sehr hoch bezahlt worden war, ausgeführt und wollte daher nicht weiter hindern. »Wir müssen scheiden«, sagte Abraham, als Jansen eben im Begriff stand, seine Nichte hinunterzuführen. »Schon?« fragte Jansen, die Stufe, die er hinuntergestiegen war, schnell wieder hinauftretend. »Es dürfte nicht ratsam für mich sein, hier länger zu verweilen«, versetzte Abraham, indem er zuerst Jansen und dann Rynolds die Hand reichte. »Wir haben beraten, was zu beraten war; Ihr seid im Besitz der Briefe und Dokumente; Ihr wißt, an wen Dir Euch nach Eurer Ankunft in Kalifornien zu wenden habt; es bleibt mir daher nur noch übrig, die Grüße zu wiederholen, welche ich Euch an unsere Brüder und Schwestern aufgetragen habe. Versichert sie meiner opferwilligen Treue, und ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr fern, in welcher auch ich meine Heimat in der heiligen Salzseestadt aufschlage, die dann wohl schon die Metropole eines unabhängigen, starken, im steten Wachstum begriffenen Staates sein wird.« »Das walte Gott!« sagten wie aus einem Munde Jansen und Hertha, während Rynolds diese Worte nur mechanisch aussprach, und Demoiselle Corbillon einen sehr vielsagenden, tiefen Seufzer ausstieß. »Nur noch eine Bitte richte ich an Euch«, sagte Hertha, als Abraham auch ihr die Hand zum Abschied drückte, »nur noch eine Bitte«, wiederholte sie, und der Ton ihrer Stimme verriet, daß sie mit Gewalt gegen eine mächtige innere Erregung ankämpfte. »Wenn vor Abgang dieses Schiffes Nachrichten von meiner Schwester einlaufen sollten, o, dann sucht es möglich zu machen, mir dieselben noch zuzustellen.« »Es soll geschehen, mein liebes Kind«, antwortete Abraham zögernd, denn er vergegenwärtigte sich unwillkürlich den Schmerz, welchen Hertha bei der Nachricht, daß sie keine Schwester mehr habe, empfinden würde. »So lange vernahm ich nichts Zuverlässiges über sie«, fuhr Hertha sanft klagend fort, »und eine unerklärliche Angst ergreift mich, wenn ich überhaupt an sie denke. Ich hatte so sicher daraufgerechnet, Briefe von ihr vorzufinden; aber es war eine bittere Täuschung. Wenn ihr nur kein Unglück widerfahren ist!« Jansen hatte sich abgewendet; das ursprünglich weiche, aber mit harter Rinde umgebene Herz des finsteren Fanatikers rührte sich bei den Ausbrüchen inniger, schwesterlicher Liebe und Besorgniß. Er wagte in diesem Augenblick nicht zu seiner Nichte zu sprechen. »Der Krieg, der unheilvolle Krieg«, sagte Abraham, nachdem er eine Weile vergeblich darauf geharrt, daß ein anderer das Wort ergreifen würde; »auch Ihr, meine Tochter seid bis zu einem gewissen Grade, trotz Eurer Jugend, schon eine Märthyrin des Mormonentums; auch Ihr seid dazu auserkoren, zu leiden von den Nachstellungen der ruchlosen Feinde, die fast jede Verbindung unserer heiligen Stadt mit der Außenwelt abgeschnitten haben. Aber Gott wird sie züchtigen und jeden Tag unserer irdischen Sorgen in ein Jahrhundert paradiesischer Freuden verwandeln. Darum vertraut auf ihn, der sichtbar sein Wohlgefallen an der Gemeinde der Heiligen der letzten Tage durch die wunderbare Übermittelung der verlorenen Gesetzestafeln an den Tag gelegt hat.« – »Ich vertraue auf ihn!« entgegnete Hertha mit festerer Stimme, indem sie sich aufrichtete, »aber solcher erhebender Ermahnungen, wie die Eurigen, werde ich noch oft bedürfen, sollen die irdischen Sorgen in schwachen Stunden mein Vertrauen und meinen Glauben nicht erschüttern.« »So lebt denn wohl; was ich eben zu Euch sprach, ist nur ein schwacher Abglanz der göttlichen Lehren unserer weisen Propheten. Gottes Segen geleitete Euch auf Eurer langen Reise und führe Euch wohlbehalten dahin, wo Dir im Kreise von Schwestern und Brüdern die Herrlichkeit des Erlösers erschaut und mit ganzer Hingebung verehren lernt.« »Amen!« sagte Hertha innig, ihre großen unschuldigen Augen andächtig zum nächtlich erleuchteten Firmament aufschlagend. Abraham gab der Gouvernante die Hand und lüftete zugleich seinen Hut etwas. Die genannte Dame verneigte sich übermäßig höflich, hätten ihre Augen aber die Dunkelheit besser zu durchdringen vermocht, so würde sie erschrocken sein vor dem höhnischen Zug, der um Abraham's Mund spielte. In der nächsten Minute befand der Mormonen-Agent sich auf der Treppe, die nach der Landungsbrücke hinunterführte. Hertha und ihre Begleitung dagegen begaben sich nach der Kajüte hinab. Der Neger leuchtete ihnen voran und zeigte ihnen die Kojen, die sie vor Abfahrt des Bootes nicht mehr zu verlassen gedachten. – Draußen indes wurde es stiller und stiller. Nur noch selten schallte das Schnauben von Flußdampfern herüber, die den Werften zueilten. Die Laternen auf den Schiffen brannten düsterer; das summende und rasselnde Geräusch in den Straßen der Stadt begann zu ersterben; die Nachtschwärmer dachten daran, sich auf den Heimweg zu begeben; der ehrsame Bürger aber lag schon längst im tiefsten Schlaf, nur noch in seinen Träumen den Verkehr mit der übrigen Welt aufrecht erhaltend. Hier zählte er Unmassen von Goldstücken, die sich plötzlich und zu seinem Schrecken unter seinen Händen in lauter Austernschalen verwandelten; dort ordnete er mühsam die in seinem Laden befindlichen Verkaufsgegenstände, die alle Leben erhalten hatten und sich auf beängstigende Weise durcheinander bewegten. Auch gebetet wurde in den Träumen, und Neger wurden gepeitscht, und sogar von Leuten, die Beides noch nicht oft in ihrem Leben getan hatten. Dann erwachte auch wohl der eine oder andere, um sich zu freuen; dieser, weil sein schrecklicher Traum eben nur ein Traum gewesen, jener, weil er an glückliche Verheißungen glaubte. Und so streute der Schlaf zusammen mit seinen Mohnkörnern die neckischsten Bilder auf die müden Menschen herab, hier ängstigend und strafend, dort tröstend, erfreuend und die Schmerzen lindernd. Unter dem Schutze der Dunkelheit aber schlichen einher in den verödeten Straßen die Sünde und das Verbrechen. 3. Der Freundschaftsdienst In der geräumigen Marmorhalle des St. Nikolas-Hotel, in der Ecke einer sehr bequemen, gepolsterten Bank saß Raft und schlief. Er schlief ruhig und fest, unbekümmert darum, daß in seiner Nähe Gläser klirrten, Männer geräuschvoll sprachen und unausgesetzt eine oder mehrere der über seinem Haupte angebrachten zahlreichen Klingelzüge ihre die Nummer des entsprechenden Gemachs tragenden Türchen aufklappten. Er schlief ruhig und fest; hatte er doch so manches liebe Mal die ihm zufallenden Stunden der Rast verträumt, wenn über ihm der Donner rollte, der Sturmwind durch das Tauwerk heulte und die schäumenden Wogen auf der ändern Seite seiner Bettwand unheimlich rauschend brandeten, wie hätte ihn da das wirre Gasthofsleben zu stören vermocht? Er schlief mit der Absicht, die Zeit bis zur Ankunft Wea- thertons, von dem er sich auch auf dem Festlande nicht trennen mochte, auszufüllen; und da er sich einmal vorgenommen hatte zu schlafen, so gehörte auch Weathertons Stimme dazu, ihn zu ermuntern, etwa wie auf dem Meere, wo das Schlagen der Ablösungsstunde oder das »alle Hand« Pfeifen des diensttuenden Bootsmannes ihn aus einer totenähnlichen Erstarrung zum Leben zurückzurufen vermochte, wenn alle Posaunenengel des jünsten Gerichts ihre Wangen vergeblich bis zum Zerplatzen aufgeblasen hätten, um ihn zu wecken. Übrigens muß zur Ehre der zahlreichen ab- und zugehenden Gäste eingeräumt werden, daß alle mit einer gewissen Achtung auf den alten schnarchenden Seemann schauten und sorgfältig vermieden, ihn zu stören, und daß niemand sich einfallen ließ, vielleicht sich auf Kosten desselben zu belustigen. Jim Raft erwartete also seinen Lieutenant Dickie; er hatte ihn in der Tat schon seit Stunden erwartet, und sich deshalb so hingesetzt, daß er von demselben bei seinem Eintritt sogleich bemerkt werden mußte. Daß er gerade so saß, hatte seine Vorteile, aber auch seine Nachteile, denn die Person, die vor dem Portal auf dem mit glatten Fliesen belegten Vorplatz langsam auf und ab schritt und den Bootsmann kaum eine Minute aus den Augen ließ, schien eben nicht die freundlichsten Absichten und Gefühle gegen denselben zu hegen, und nichts mehr zu fürchten, als von ihm entdeckt und seiner besonderen Aufmerksamkeit gewürdigt zu werden. Diese Person war der Graf, der hier auf Wunsch des allmächtigen Abraham schilderte und den Posten eines gewöhnlichen Spions versah, oder, was seinen Ohren vielleicht angenehmer klang: der sich zum Recognoszieren in Feindesland mitten ins feindliche Lager gewagt hatte. Eine ziemlich langweilige Aufgabe, allein der Graf, dessen schwache Seiten den schlauen Mormonen nicht lange ein Geheimnis geblieben, unterhielt sich vortrefflich mit dem Verrauchen von Abraham's besten Havanna-Zigarren, und dieselben schmeckten um so besser, als in einem abgesonderten Nebengemach, so daß er nicht jedesmal bei dem gefürchteten Seemanne vorüberzuschreiten brauchte, ein edler Wein zu seiner ausschließlichen Verfügung auf Eis gestellt worden war.– Er hatte sich nach einer sehr philosophischen Betrachtung und nach einem mißtrauischen Seitenblick auf Jim Raft wieder einmal in das kleine Gemach verfügt, und war eben im Begriff, die Neige aus der Flasche in ein großes Glas zu gießen, als ein Aufwärter sich zu ihm gesellte und, nachdem er scheu hinter sich geblickt, ihm ein versiegeltes Paketchen überreichte. Der Graf nahm das Schreiben entgegen, las die Aufschrift: »Ordre für den Lieutenant Weatherton«, worauf er dem Aufwärter durch eine herablassende Gebärde zu verstehen gab, daß er seiner nicht weiter bedürfe. Dieser lächelte mit unverschämt vertraulichem Ausdruck, als wenn er in dem Grafen nur seinesgleichen vor sich gehabt hätte, und schnell dicht zu ihm herantretend, zog er einen Brief aus der Brusttasche, welchen er ihm mit gewandter Bewegung und dem Zeichen des Stillschweigens in die Hand drückte. Der Graf war überrascht und wollte fragen, von wem der Brief herrühre, allein der Kellner war schon wieder verschwunden. Mechanisch las er die Aufschrift, er glaubte, derselbe sei, gleich der aus Weatherton's Gemach entwendeten Durchsuchungsordre, für Abraham bestimmt. Um so mehr wunderte er sich daher, seinen eigenen Namen und das Wort »eilig« zu entdecken. Ohne Zögern erbrach er das Siegel, und aus dem geöffneten Couvert fielen ihm zwei besondere Schreiben entgegen. Das eine war verschlossen und trug die von einer Damenhand zierlich ausgeführte Adresse: »An den Lieutenant Weatherton«, während das andere offene an ihn selbst gerichtet war. »Nur einem erfahrenen Soldaten durfte ein so wichtiger Auftrag erteilt werden, deshalb, Herr Graf, werdet Ihr die unzeremonielle Art freundlichst entschuldigen, in welcher man Euch die nötigen Mitteilungen macht«, las der Graf, indem er sich mit einem beifälligen Kopfnicken stolz emporrichtete. Die Form des Briefes sagte ihm zu, und mit einer graziösen Bewegung führte er das volle Glas an die Lippen. Nachdem er das leere Glas wieder auf den Tisch gestellt und die beiden kleinen, schwarzen Haarbüschel auf seiner Oberlippe noch kühner emporgeschraubt hatte, fuhr er fort zu lesen: »Wir befinden uns in Feindesland, und wo uns die Macht mangelt, müssen wir zur Kriegslist unsere Zuflucht nehmen.« »Ganz richtig«, unterbrach sich der Graf, sich noch mehr in die Brust werfend, worauf er weiter las: »Alles hängt davon ab, daß unsere Anordnungen auf das Pünktlichste ausgeführt werden. Die strengste militärische Disziplin herrscht in unseren Reihen; Ihr werdet dies finden, wenn Ihr erst in Euern umfangreichen Wirkungskreis eingetreten seid. – Ob zur Zeit, wenn Ihr diesen Brief erhaltet, Weatherton schon nach seinem Hotel zurückgekehrt ist, oder nicht, werdet Ihr wissen. Befindet er sich noch außer dem Hause, so erleichtert das Eure Aufgabe. Ihr erwartet ihn dann, um dem grimmigen alten Bootsmann auszuweichen, auf der Straße. Händigt ihm beiliegenden Brief ein und bietet Euch an, ihn dahin zu begleiten, wohin der Brief ihn ruft. Ein Weltmann, wie Ihr, führt sich mit Leichtigkeit bei einem anderen Gentleman ein. Sagt ihm, die Dame, die Euch um Beförderung des Briefes gebeten hat, befinde sich an Bord eines Hudson-Dampfers, um mit Tagesanbruch nach dem Westen abzureisen. Geht alsdann mit ihm nach dem Werft hinunter, nach derselben Stelle, auf welcher Ihr vor vier Tagen auf seine Ankunft harrtet. Mitten auf dem Werft werdet Ihr einen weißen Fleck bemerken. Es liegt dort Mehl, welches dem Anschein nach aus einem zerrissenen Sacke verloren gegangen ist. Laßt ihn also auf den weißen Fleck treten und seine Blicke genau gegen Westen richten. Er wird dann eine grüne und eine rote Laterne entdecken. Dieselben bezeichnen das Dampfboot, auf welchem die bewußte Dame ihn erwartet. Ihr weigert Euch weiter mitzugehen, er kann den Weg von dort aus bequem ohne Führer finden. Euer Freund wird sich, nachdem Weatherton sich entfernte, zu Euch gesellen und Euch an Bord des California-Dampfers begleiten. Wundert Euch über nichts, seid vorsichtig und verschwiegen, denn wir befinden uns in Feindesland. A.« »Sehr richtig«, sagte der Graf, als er die letzten Worte gelesen hatte, und erfüllt von der Wichtigkeit seines Auftrages reckte er sich noch höher empor, wobei er seine niedergedrückten Vatermörder wieder gerade zupfte. Da mochte er sich plötzlich der Schreckensgestalt des schlafenden Bootsmannes erinnern, denn er sprang schnell nach der Tür hin und ließ, behutsam um den Türpfeiler herumlugend, seine Blicke durch die schon leerer werdende Halle schweifen. Jim Raft saß noch immer in seiner Ecke und schlummerte. Weatherton konnte also noch nicht heimgekehrt sein. Kaum gewahrte dies der Graf, so schlüpfte er auch schon durch das Portal hinaus ins Freie, um dort, wie ihm geheißen worden war, der Ankuft des Lieutenants entgegenzusehen.– Wohl eine Stunde mochte er schon wieder geschildert haben, eine Stunde, die er gewiß viel lieber wer weiß wo, als gerade dort, zugebracht hätte, da weckte ihn Falk's Stimme gar barsch aus seinen ehrgeizigen Träumen, in welchen er als Diktator des Mormonenstaates eine unumschränkte Gewalt ausübte. Erschreckt fuhr er zusammen, denn für ihn hatte des Künstlers tiefe wohlwollende Stimme, so lange er denselben kannte, immer etwas unangenehm Drohendes gehabt. Er beruhigte sich indessen schnell wieder, als er ihn mitten auf der Querstraße zwischen dem St. Nikolaus- und Dietz's Hotel, entdeckte, wo er eben im Begriff stand, sich mit den herzlichsten Worten von Weatherton zu verabschieden. Seine Befürchtungen, daß Falk den neugewonnenen Freund ganz nach Hause begleiten würde, erwiesen sich als grundlos; denn nachdem beide noch einmal näher zusammengetreten waren und in leiserem Tone einige Worte miteinander gewechselt hatten, wendete Falk sich den Broadway hinauf, während Weatherton schnellen Schrittes gerade auf den Grafen zukam. Er wollte, da er den Grafen nicht kannte, vorübereilen, als dieser ihm mit einer höflichen Verbeugung den Weg vertrat und zugleich fragte, ob er die Ehre habe, mit dem Seelieutenant Weatherton zu sprechen. »Weatherton ist mein Name«, antwortete der Offizier, die den gebildeten Mann bezeichnende Begrüßung nicht minder höflich erwidernd. »Dann verzeiht meine Störung«, fuhr der Graf in derselben verbindlichen Weise fort, indem er den Brief hervorzog; »mein Auftrag gestattet keine Zögerung, obgleich ich nur sagen kann, daß er von einer mir nicht bekannten jungen Dame herrührt, die morgen schon bei Tagesanbruch auf einem Flußdampfboot ihre Reise nach dem Westen antritt.« »Von einer jungen Dame, und nach dem Westen?« fragte Weatherton erstaunt, indem er den Brief öffnete und dicht an die nächste Laterne herantrat. »Es ist dies die einzige Nachricht, welche zu erteilen ich im Stande bin«, antwortete der Graf, »es soll mir indessen zur besonderen Ehre gereichen, Euch bis dahin zu begleiten, wo man von mir die Dienste eines Gentlemans wünschte. Ich vermute nämlich, daß der Inhalt des in Euern Händen befindlichen Schreibens mir noch weitere Pflichten auferlegt.« »Morgen schon treten wir unsere Reise nach dem fernen Westen an«, las Weatherton erwartungsvoll. »Ich löse ein gern gegebenes Wort, indem ich Euch benachrichtige, daß ich bis gegen ein Uhr in der Damenkajüte des Columbus, der um sieben Uhr abfährt, zu finden sein werde. Die Lage des Schiffes kann Euch der freundliche Herr, der so bereitwillig die Beförderung dieses Briefes übernahm, am besten bezeichnen. H. J.« »Nicht weit mehr von zwölf Uhr«, sagte Weatherton hastig, sobald er den Brief zu Ende gelesen hatte; »also nur noch eine Stunde; gestattet mir die Frage, Herr, liegt der Columbus sehr entfernt von hier?« »Wenn Ihr unter Columbus das Boot meint, auf welchem sich die mutmaßliche Schreiberin dieses Briefchens einschiffte, so liegt derselbe nicht ganz nahe. Ich mache mir indessen ein besonderes Vergnügen daraus, Euch nach dem Werft hinunter zu begleiten und Euch die Lage so genau zu bezeichnen, daß Ihr nicht irren könnt.« »Es wäre zu viel verlangt –« »Keine Entschuldigungen, Herr Kamerad«, unterbrach der Graf den Lieutenant wohlwollend, indem er einen ängstlichen Seitenblick nach dem Hotel zurücksandte, wo er in jedem Augenblick den schrecklichen Bootsmann zu erblicken befürchtete; »auch ich bin ein alter Offizier, und ein Kamerad soll dem andern gegenüber kein Opfer scheuen, noch weniger jeden kleinen Freundschaftsdienst gleich auf die Waagschale legen. Kommt, Herr Kamerad, die Zeit entflieht«, und so sprechend schob er mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit seinen Arm durch den Weatherton's und drängte ihn freundlich der nach dem Wasser hinunterführenden Querstraße zu. »Ich nehme Euer Anerbieten mit dem größten Dank an«, entgegnete Weatherton mit Wärme, »ja, ich muß es annehmen, denn es handelt sich hier nicht um eine zärtliche Zusammenkunft, wie es Euch vielleicht scheinen mag, sondern um wichtigere Angelegenheiten. Jedenfalls hoffe ich, daß uns das Geschick so wunderbar zusammengeführt hat, um den Grund zu einem dauernden freundschaftlichen Verkehr zwischen uns zu legen.« »Es wird eine Ehre für mich sein«, erwiderte der Graf, seine Schritte noch beschleunigend, um seine Verlegenheit zu verbergen; denn daß es gerade ein Offizier war, den er ohne Zweifel hinterging, entsprach doch nicht so ganz seinen Gefühlen. »Morgen soll es mein Erstes sein, Euch aufzusuchen«, bemerkte Weatherton nach einer Weile des Schweigens. »Bemüht Euch nicht, wenn ich bitten darf«, antwortete der Graf, jetzt aber schon wieder mit mehr Leichtigkeit, weil er sich erinnerte, daß er zu der verabredeten Zeit von den Wogen des atlantischen Ozeans geschaukelt werden würde; »an mir ist es, unsere junge Bekanntschaft fester zu knüpfen, und wenn es Euch genehm ist, so speise ich morgen bei Euch zu Mittag. Ihr habt ja gewissermaßen die Verpflichtung, mir zu Ehren einer Flasche Champagner den Hals zu brechen«, fügte er in vornehm tändelnder Weise hinzu. »Ein Mann, ein Wort!« sagte Weatherton, seine innere Erregung hinter einer erheuchelten Sorglosigkeit verbergend. Es war das Letzte, was sie längere Zeit hindurch miteinander sprachen. Sie gingen zu schnell, um eine zusammenhängende Unterhaltung führen zu können; außerdem war jeder zu sehr der Wirkung der auf ihn einstürmenden Gedanken unterworfen. Weatherton befand sich im Geiste schon bei Hertha, und vernahm von ihr die Gründe für ihr rätselhaftes Verschwinden und demnächstiges plötzliches Auftauchen, während der Graf sich vergeblich bemühte, das dunkle Gewebe der Mormonen zu durchdringen und die Zwecke zu erraten, zu welchen man ihn in diesem Augenblick benutzte. – Der Baron hatte sich unterdessen nach der Stelle hinbegeben, die ihm von den Mormonen bezeichnet worden war, und zwar nach derselben Werftüberbrückung, nach welcher der Graf, laut der an ihn gerichteten brieflichen Verhaltungsbefehle, den Lieutenant Weatherton führte. Seine Instruktionen mußten sehr genau gewesen sein, denn er schritt geraden Weges auf den weißen Fleck zu, dessen in dem Briefe als verschüttetes Mehl erwähnt war und welcher sich bei der dem späten Aufgange des Mondes vorauseilenden Helligkeit und dem flackernden Laternenücht weithin auszeichnete. Kaum zwei Fuß weit von dem Zeichen entfernt und oben auf den Planken ruhend, lief ein mächtiger Tragebalken an der Seite der vorspringenden Überbrückung hin, die nicht von schwarzen Schiffswänden, sondern von einer Reihe hölzerner Schuppen begrenzt wurde. Die Schuppen waren nur zur Tageszeit bewohnt und dienten zu Schänken, Bäckerladen und Tabak- und Zigarrenhandlungen, wurden also zur Nachtzeit nur dem Schutz der Hafenwachen überlassen, die wieder darauf rechneten, daß der Inhalt derselben zu wenig wertvoll sei, einen ehrlichen Menschen, und noch viel weniger einen Dieb von Profession zum Einbruch zu verlocken. Der Bequemlichkeit halber waren dicht vor diesen Buden, wo also die zwischen den Schiffen und den Lagerhäusern vermittelnden Lastkarren nicht darüber hinrollten, mehrere Falltüren in die Überbrückung hineingezimmert worden, von welchen steile, leiterähnliche Treppen bis zum Wasserspiegel niederführten. Dieselben dienten dazu, mittels Booten auf kürzestem Wege und auf am wenigsten kostspielige Art, Waren nach den Schuppen zu schaffen, wurden aber auch hin und wieder dazu benutzt, kleine Ladungen von Contrebande, oder vielmehr heimlich von den Matrosen und Steuerleuten eingebrachte Güter von den Schiffen unbemerkt unter das Werftpublikum zu paschen. Die zum Aufschlagen eingerichteten Türen hingen auf der einen Seite in starken eisernen Angeln, während sie auf der entgegengesetzten Seite von einer Überfallkrampe und einem davorgeschobenen eisernen Keil gehalten wurden. Ob nun durch Zufall oder mit Absicht, der Baron, umgaukelt von den süßesten Zukunftsträumen, nahm sich nicht die Mühe, darüber nachzudenken, war das Mehl gerade auf einer dieser Türen verstreut worden, was ihm den sichersten Beweis lieferte, daß er Abraham vollkommen verstanden, dieser dagegen seinen Scharfsinn nicht überschätzt habe. Der Schein der nächsten Laterne drang nur matt bis zu ihm hin; er konnte sich daher mit Leichtigkeit zwischen den Buden den spähenden Augen einer sich vielleicht zufällig dorthin verirrenden Hafenwache entziehen, was ihm keine geringe Beruhigung gewährte, indem er schon von seiner Heimat her eine unüberwindliche Scheu vor allen Feinden des nächtlichen Unfugs mitgebracht hatte. Zu welchem Zweck er eigentlich dorthin gesendet worden war, vermochte er nicht recht zu ergründen; sein Vertrauen zu den neuen Freunden war indessen so groß, daß er sich fest vorgenommen hatte, durch die pünktlichste Befolgung und Ausführung der ihm erteilten Aufträge sich ein ähnliches Vertrauen zu erwerben. Nachdem er also ein sicheres Versteck ausgekundschaftet hatte, ging er noch einmal nach der mit Mehl bestreuten Falltür zurück; vorsichtig zog er den Keil aus der Krampe, und eben so vorsichtig legte er den Überfallring zurück, wobei er den an ihn ergangenen Warnung, der Tür nicht zu nahe zu kommen, eingedenk war. Als er sich dann überzeugt hatte, daß der Ring von selbst nicht mehr zufalle, begab er sich wieder nach seinem Versteck, um von dort aus den Dingen, die da folgen sollten, geduldig entgegenzuharren. Er erwartete nichts anderes, als daß Leute von unten die Falltür heben und auf der Oberwelt erscheinen würden, und in seinem Glauben wurde er bestärkt, als er nach einer Weile tief unter sich ein plätscherndes Geräusch vernahm, wie wenn jemand ein Boot leise zwischen den festeingerammten kolossalen Trägern hindurchsteuere. Hätte er die Falltür genauer untersucht, so wäre es ihm vielleicht nicht entgangen, daß alle Schrauben, welche die Angeln mit dem Holze verbanden, herausgezogen, die vorspringenden Latten aber, auf welchen die Tür außerdem noch ruhte, weggesplittert worden waren. Hätte er aber sogar unter die Tür zu blicken vermocht, so würde er zu seinem Entsetzen die Entdeckung gemacht haben, daß, nachdem von dem geheimnisvollen Boot aus eine sinnig angebrachte haltbares Stütze behutsam entfernt worden war, die ganze Last, wie der schwere Deckel einer Mausefalle, nur durch zwei gebrechliche Stäbe von dem Hinunterstürzen bewahrt wurde. Doch er ahnte dergleichen ja nicht und hielt daher seine Blicke so harmlos auf die kleine Mehlfläche geheftet, als wenn es die letzten Zuckerüberreste eines eben verzehrten Apfelkuchens gewesen wären, und einmal über das andere Mal murmelte er mit unbeschreiblicher Selbstzufriedenheit vor sich hin: »Famoses Dasein, verschleierte Frauen«, und was sonst noch für phantastische Bilder seiner Seele vorschweben mochten.– Die Mitternachtsstunde war vorüber, öder und stiller wurden die Straßen, und nur noch selten widerhallten zwischen den nächsten Häuserreihen die Schritte einsamer Fußgänger. Der Baron wurde schläfrig; er hatte auf einer zwischen den Schuppen angebrachten Bank Platz genommen. Fröstelnd seinen weiten Überrock dichter um sich zusammenziehend, ließ er das Haupt auf die Brust sinken, und bald darauf befand er sich in einem behaglichen Mittelzustand zwischen Träumen und Wachen. Plötzlich traf das Geräusch von Schritten, die sich eilig näherten, sein Ohr. Da er aber von der Straße her niemand erwartete, sondern nur dem Heben der Falltür entgegensah, so ließ er sich in seinen Träumen nicht stören, noch weniger veränderte er seine bequeme Lage. Der scharfe Ton, mit welchem die Stiefel auf die Steine fielen, verwandelte sich in den dumpfen Hall, wie ihn hohlliegende Bretter von sich geben, wenn man über dieselben hinschreitet, doch der Baron rührte sich nicht. Das Geräusch verstummte endlich dicht vor ihm, und erschreckt schaute er empor. Ungefähr fünf Schritte von ihm entfernt, auf der entgegengesetzten Seite der Falltür, erblickte er zwei Männer, deren Umrisse, bei der doppelten Beleuchtung der langsam über den Horizont emporsteigenden Mondsichel und der abwärts stehenden Laterne, sich ziemlich genau verfolgen ließen. Anfangs erkannte der Baron keinen von beiden; als aber Weatherton sprach und gleich darauf der Graf antwortete, da wußte er, daß sie es seien, auf die zu harren man ihn angewiesen hatte. Er strengte sich an, zu erraten, was nun zunächst vor sich gehen würde. Die Falltür hatte er vergessen, indem er es für selbstverständlich hielt, daß die beiden Männer durch dieselbe auf die Überbrückung gelangt seien, dabei vergaß er aber nicht, daß ihm das tiefste Schweigen und möglichste Unbeweglichkeit zur strengsten Pflicht gemacht worden waren. »Ich vermag in der Tat nicht weit um mich zu schauen«, sagte Weatherton ungeduldig. »Tretet nur einen Schritt weiter vor«, versetzte der Graf beruhigend, »und wendet Eure Blicke zwischen den Schuppen hindurch, genau gegen Osten; Ihr werdet dann eine grüne und–« »Verräter!« rief Weatherton aus, denn die Tür war unter ihm gewichen, und krachend und polternd stürzte er in die Tiefe hinab. Mehr als dieses einzige Wort brachte er nicht über die Lippen, denn er war im Sturz mit dem Kopf so heftig auf die Planken aufgeschlagen, daß er die Besinnung verlor; aber das Geräusch von aufspritzendem Wasser und plätschernden Wellen drang durch die gähnende Öffnung und erfüllte die am Rande derselben stehenden Genossen mit nie gekanntem Entsetzen und der gräßlichen Todesangst. Sie schienen zu Leichen erstarrt zu sein, so bleich und regungslos schimmerten ihre vom Monde spärlich beleuchteten Physiognomien. Doch wie das Entsetzen sie anfänglich geistig und körperlich gelähmt hatte, so rief dasselbe Entsetzen sie schnell wieder zum Bewußtsein ihrer eigenen gefährlichen Lage. »Ich hätte mit hinabstürzen können«, flüsterte der Graf, förmlich zerschmettert über die Tat, zu deren Ausführung man ihn wie ein willenloses Werkzeug gebraucht hatte. »Man kommt«, versetzte der Baron, zitternd vor Furcht. Der Graf lauschte. Er vernahm, daß ein Mann sich vollen Laufes näherte, er erkannte des alten Bootsmannes Stimme, der laut ausrief: »Dickie! halte Dich, mein Kind! ich komme!« und die Knie drohten unter ihm zusammenzubrechen. »Wir werden als Mörder verhaftet werden!« keuchte er mühsam heraus. »Hierher! hierher!« flüsterte der Baron dringend, indem er den Grafen mit Gewalt zwischen die Schuppen drängte, und kaum hatten sie sich in ihr ziemlich sicheres Versteck zurückgezogen, da kam auch schon Jim Raft herbeigestürmt, daß die Plankeen der Überbrückung unter ihm dröhnten. Mitten auf der Brücke, etwa zehn Schritte weit von der Falltür blieb er stehen. »Dicke! Dickie! Kind! Junge, wo bist du? antworte deinem armen Jim!« rief er angstvoll aus, und seine heisere Stimme bebte, indem er sich nach allen Richtungen hin umschaute. Da fielen seine Blicke auf die Öffnung und auf die goldverbrämte Mütze, welche dicht neben derselben lag. »Dickie! mein armer Dickie! sie haben ihn ermordet!« schrie er mit so wilder Verzweiflung, daß es den zitternden Lauschern durch Mark und Bein ging. Im nächsten Augenblick stand er vor der Öffnung, und nachdem er sich durch kurzes Betasten von der Stellung der niederführenden Leiter überzeugt, stieg er mit der Gewandtheit einer Katze in das finstere, unterirdische Reich hinab, fortwährend in klagendem Tone den Namen desjenigen ausrufend, den er gewissermaßen als ein Stück von seinem eigenen Leben betrachtete.– Der Graf und der Baron hatten bis jetzt kaum zu atmen gewagt; als aber der Bootsmann in der Öffnung verschwand und sie gleichzeitig das Plätschern eines sich schleunigst entfernenden Bootes vernahmen, da erwachte das Gefühl der Selbsterhaltung mit doppelter Gewalt in ihnen. »Wir müssen fort, eh' sich mehr Menschen hier ansammeln«, sagte der Baron, seinen Mund dem Ohr des Grafen nähernd. »Ja, fort«, entgegnete dieser ebenso leise, »ich bin unschuldig, aber nichts in der Welt vermöchte unsere Unschuld zu beweisen«. »Auch ich bin unschuldig«, stöhnte der Baron, und behutsam schlichen sie im Schatten der Schuppen hin, bis sie die Straße erreichten. Noch war niemand zu sehen, von dem sie Verrat zu befürchten gehabt hätten. Sie wendeten sich daher schnell der Richtung zu, in welcher sie den California- Dampfer wußten. Nach Verlauf von zehn Minuten wurden sie am Fuße der Treppe, die nach dem bezeichneten Dampfboot hinaufführte, von Jansen mit einer Laterne empfangen. Sie hatten sich zwar vorgenommen, diejenigen, von denen sie mißbraucht worden waren, über ihr Verfahren zur Rede zu stellen; allein als sie vor dem finstern Mormonen standen, da erstarben ihnen die Worte auf den Lippen. Sie fürchteten sich selbst zu verraten, indem sie den gräßlichen Vorfall laut erwähnten, und wenn auch außer Jansen keine lebende Wesen sie in Hörweite umgaben, so waren doch die schwarze Schiffswand, die Treppe, ja die Planken, auf welchen sie standen, da, die ihre Angaben hätten verstehen und weiter tragen können. Ehe Jansen sie anredete, weidete er sich wohl eine Minute lang an ihrem verstörten Aussehen, welches ihm mehr als zur Genüge bewies, daß Abraham's schlau angelegte Pläne, die er selbst nicht einmal in ihrem ganzen Umfange kannte und auch schwerlich gebilligt haben würde, vollständig geglückt, und alle blindlings in die ihnen gestellte Falle gegangen seien. »Wo sind die Papiere, welche der Kellner im St. Nicolas-Hotel Euch übergab?« fragte er mit sehr wenig Förmlichkeit, dem Grafen seine Hand entgegenhaltend. »Hier sind sie«, antwortete dieser kleinlaut, die versiegelte Durchsuchungsordre darreichend. Jansen zerbrach das Siegel und warf einen Blick auf das Papier. »Es ist gut«, sagte er, sobald er sich von der Richtigkeit desselben überzeugt hatte. »Zeigt mir doch auch Abraham's Brief«, fuhr er in demselben gebieterischen Tone fort. Der Graf zögerte, er wußte selbst nicht warum. Die Ahnung einer unbekannten Gefahr schien vor seinem Geiste aufzusteigen. »Ich will den Brief sehen, um mich zu überzeugen, welcher Art die Dienste waren, die Abraham von Euch verlangte«, wiederholte Jansen ernster und dringender, »ich hoffe, Ihr seid nicht mißbraucht worden«. »Mißbraucht, auf die niederträchtigste Art«, preßte der Graf heraus, indem er den verlangten Brief darreichte. »Überzeugt Euch, in dem Schreiben steht es deutlich und klar; o, die Folgen unserer Bereitwilligkeit waren fürchterlich«. »Das ist allerdings schlimm«, versetzte der Mormone, der den ganzen Zusammenhang ahnte, mit erkünstelter Ruhe, den Brief, nachdem er ihn eine Weile in den Schein der Laterne gehalten, in seiner Faust zusammenknitternd. Der Graf erbleichte, er hatte das letzte Mittel, wodurch seine Unschuld an dem Morde bewiesen werden konnte, törichter Weise hingegeben. »Der Brief gehört mir«, sagte er mit gehobener Stimme, Jansen einen Schritt nähertretend. Ruhig, ruhig, meine Freunde«, unterbrach ihn der Mormone, »laßt die Deckwache nicht zu viel von Euren Erlebnissen hören, es möchte Euch sonst der Weg nach Kalifornien abgeschnitten werden. Wir befinden uns noch immer im Lande unserer Feinde; tröstet Euch über das, was Ihr in allzu großem Eifer für unsere gute Sache getan, und fügt Euch in's Unvermeidliche. Vor Euch liegt ein edles Ziel, hinter Euch Kerker und Galgen«. Wie spitze Stacheln drangen Jansen's Worte in die Brust der beiden Unglücklichen ein; allein eine innere Stimme sagte ihnen, daß ihnen nur übrig bleibe, sich so weit als möglich von einem Orte, wo ihnen ein so furchtbares Verbrechen zur Last gelegt werden konnte, zu entfernen und, wenigstens vorläufig, noch nicht von der einmal eingeschlagenen Bahn abzuweichen. Mechanisch und ohne Worte zu verlieren, folgten sie daher Jansen die Treppe hinauf. Als sie oben ankamen, befahl der Mormone einem dort harrenden Neger, sie nach der zweiten Kajüte in die für sie bestimmten Kojen zu bringen. »Zweite Kajüte?« fragten der Graf und der Baron wie aus einem Munde. »Ja, zweite Kajüte, der Ersparnis wegen«, antwortete Jansen laut; sich dann aber ihren Ohren zuneigend, flüsterte er: »Ihr werdet einsehen, daß nach dem, was vorgefallen ist, Ihr nicht in derselben Kajüte mit unseren Damen reisen dürft. Ihr gelangt dort ebenso schnell nach Kalifornien wie wir. Nehmt aber noch meinen Rat, und haltet Euch hübsch verborgen, wenigstens so lange, bis wir den Hafen hinter uns haben. Im Fall einer Entdeckung seid Ihr für uns unbekannte Leute. Gute Nacht!« Mit diesen Worten schritt Jansen davon. Der Graf und der Baron standen wie vom Blitz getroffen da, und kaum ihrer Sinne noch mächtig, folgten sie dem Neger endlich nach. Ihre Träume, ihre Hoffnungen und ihre unberechtigte Eitelkeit waren in Nichts zusammengefallen. Sie hatten darauf gerechnet, die glänzende Rolle anmaßender Herren zu spielen und ihre neuen Brotherren allmählich zu knechten, und sie waren zu deren willenlosen Werkzeugen, zu Sklaven herabgesunken. 4. In der Krankenstube Zweimal donnerten am folgenden Mittage die beiden eisernen Karronaden von dem Vorderdeck des California- Dampfers, als derselbe seinen Landungsplatz verließ und stolz an der Stadt vorüber und der Hafenöffnung zubrauste. Weatherton war noch immer besinnungslos; er ruhte auf dem harten Bette des alten Stelzfußes in der Matrosenschänke, und an seinem Lager saßen, gespannt auf seine leisen Atemzüge lauschend, Jim Raft, der ehrliche Stelzfuß und ein in der Eile herbeigerufener Chirurg. Seit zwei Uhr Morgens waren sie nicht von der Seite des jungen Offiziers gewichen und nur dann hatten sie ihre Stellung verändert, wenn der Chirurg es für gut befand, die Wiederbelebungsversuche zu erneuern, Blut abzulassen, oder dem Kranken stärkende Tropfen einzuflößen. So waren sie denn so weit gekommen, daß sie sein endliches Erwachen nicht mehr bezweifelten und seine vollständige Genesung nur für eine Frage der Zeit halten durften. Die breite Wunde, welche Weatherton auf der Stirn trug, hatte dem Arzt anfänglich Besorgnis erregt; da sich dieselbe aber nach genauer Prüfung als ungefährlich erwies, so nahm er an, daß die tiefe, langanhaltende Ohnmacht mit eine Folge des in die Lungen eingedrungenen Wassers sei, welche sich, ohne nachteilige Spuren zurückzulassen, verhältnismäßig schnell und leicht würde beseitigen lassen. Über die Art, wie Weatherton zu der Wunde gekommen, und über diejenigen, die ihn zu seinem Verderben nach dem Werft hinuntergelockt hatten, wußte Jim Raft durchaus gar keine Auskunft zu geben; doch glaubte er ein Werk persönlicher Rache zu entdecken, weil bei einem beabsichtigten Raubmorde, vor dem Hinunterstürzen in's Wasser, wohl jedenfalls Uhr und Börse entwendet worden wären. Nach des Bootsmannes Bericht hatte die Mitternachtsstunde eben geschlagen, als er von dem Schläfchen, welches er auf der Bank in der Halle des St. Nicolas-Hotel gehalten, erwachte, und aus alter Gewohnheit, weil dieses eben die Ablösungszeit war, vor dem Portal einen kurzen Spaziergang zu machen und demnächst den entsprechenden Grog zu sich zu nehmen beabsichtigte. Er trat gerade in demselben Augenblick auf die Straße hinaus, in welchem Weatherton und der Graf in die Querstraße einbogen, so daß er die Gestalt des Ersteren ungefähr noch eine Sekunde lang sah und ihn auch wirklich zu erkennen glaubte. Seiner Sache nicht ganz gewiß schritt er noch einmal auf und ab, eh' er sich dazu entschloß, bis an die Ecke zu gehen, um sich zu überzeugen, inwieweit er richtig gesehen habe. Als er dort anlangte, bemerkte er die beiden Gestalten wohl noch, aber schon so weit entfernt, daß ein genaues Unterscheiden nicht mehr möglich war, was den alten Sonderling erst recht in dem Glauben bestärkte, daß es kein anderer, als Lieutenant Dickie sein könne. Ein nächtlicher, nicht ganz planloser Spaziergang kam Jim Raft gerade gelegen, und ohne sich zu besinnen bog er ebenfalls in die Straße ein, um den beiden Gestalten nachzufolgen. Wenn ihn nun auch der schuldige Respekt vor dem Lieutenant abhielt, sich ihm zu sehr aufzudrängen, so hatte er indes auch nicht Lust, die Entfernung, die ihn von demselben trennte, noch mehr anwachsen zu lassen. Mit einem gewissen Eigensinn beflügelte er daher seine Schritte in demselben Maße, in welchem er die vor ihm hineilenden keine Zeit verlieren sah. Die Folge davon war, daß er, ohne es eigentlich zu wünschen, ihnen immer näher rückte und sich, als sie endlich die Werkstraße erreichten, kaum noch zweihundert Schritte weit hinter ihnen befand. Am Ende der Straße angekommen, stand er still und überrascht schaute er nach der einen und dann nach der anderen Seite hinüber. Die beiden Gestalten waren verschwunden; sie mußten also in ein Haus getreten sein, denn daß sie nach einer der zahlreichen Landungsbrücken hinaufgegangen sein könnten, kam ihm nicht in den Sinn. Er überlegte noch, wohin er sich zu wenden habe, da vernahm er Weatherton's Stimme, die mit einem unverkennbaren Ausdruck des Schreckens das Wort »Verräter!« ausrief. Sein Haar sträubte sich, denn so hatte er ihn noch nie rufen hören. Im nächsten Augenblick war er aber auch schon in Bewegung, und vollen Laufes stürmte er in der ihm von Weatherton's Stimme angedeuteten Richtung dahin. Sobald er die niedergeschlagene Falltür und Weatherton's leicht kenntliche Mütze erblickte, wußte er auch, was geschehen sei, und ohne zu zaudern kletterte er auf der unsicheren Leiter niederwärts. Auf welche Weise hier noch gerettet werden könne, war ihm nicht klar; er hegte den einzigen instinktartigen Wunsch, in Weatherton's Nähe zu gelangen und ihn zu sehen, und was dann noch zu tun übrig bleiben würde, das hielt er nur für Kinderspiel. – Die Ebbe hatte gerade ihren tiefsten Stand erreicht; er mußte also gegen achtzehn Sprossen niedersteigen, eh' seine Füße die Fluten berührten, welche dann noch eine Tiefe von mindestens zwanzig Fuß deckten, Raft war des Schwimmens nicht kundig; er berechnete daher, daß, wolle er Weatherton Hilfe bringen, vor allen Dingen er selbst flott bleiben müsse; außerdem herrschte dort unten auch eine solche undurchdringliche Finsternis, daß er keine zwei Schritte weit um sich zu schauen vermochte, er sich mithin mehr auf sein Gehör, als auf seine Augen verlassen mußte. Die Berührung des Wassers schien dem alten erregten Seemann indessen plötzlich seine ganze Kaltblütigkeit zurückgegeben zu haben, denn mochte sein Herz sich auch vor Angst um seinen Liebling krampfhaft zusammenschnüren, über seine Lippen kam kein Laut der Klage oder der Besorgnis mehr, und dabei erfüllte ihn ein so furchtbarer Grimm gegen die unsichtbaren Feinde, daß, wäre irgendein menschliches Wesen in den Bereich seiner mächtigen Fäuste gelangt, er dasselbe, ohne nach dem Grade seiner Schuld zu fragen, an dem nächsten Tragepfeiler zerschmettert haben würde. Von dem Augenblick an, daß er die geöffnete Falltür entdeckte, bis zur Zeit, zu welcher er am Fuße der Leiter anlangte, waren kaum zwei Minuten verstrichen, so schnell hatte er alle Bewegungen ausgeführt. Da glaubte er plötzlich das Plätschern eines sich heimlich entfernenden Bootes zu vernehmen, und zugleich erwachte in ihm der Argwohn, daß Weatherton sich in demselben befinde, um mit Gewalt wer weiß wohin gebracht zu werden. »Dickie!« rief er dringend hinüber, indem er, unbekümmert um sich selbst, tiefer in das Wasser hinabstieg, um weiter und genauer um sich sehen zu können. »Dickie!« wiederholte er schärfer, zugleich aber fuhr er erschreckt empor, denn indem er abermals seinen Fuß auf eine andere Sprosse stellte, fühlte er einen breiten Gegenstand zwischen seiner dicken Stiefelsohle und dem festen Holz. Blitzschnell fuhr er nach dieser Entdeckung mit der rechten Hand hinunter, während er sich mit der linken oben an der Leiter festklammerte. Er arbeitete lange, er arbeitete schwer, und als er sich endlich wieder aufrichtete, da hielt seine Faust die Knöchel einer noch warmen Hand umspannt, die sich im Starrkrampf mit eisernem Griff um die Leitersprosse geschlossen hatte. Während er sodann, atemlos vor innerer Aufregung, mit der Gewandtheit eines alten Seemannes sich wieder an der Leiter hinaufzog, folgte der Hand ein schwerer schlaffer Körper nach, doch nicht eher nahm er sich Zeit, zu untersuchen, was er hinter sich habe, als bis er festen Boden erreichte und in der regungslosen lang ausgestreckten Gestalt den Lieutenant Weatherton erkannte. Nur einem wunderbaren Zufall hatte dieser es zu verdanken, daß er nicht in die Tiefe gesunken, oder von den in der Nähe der Leiter auf ihn lauernden Mietlingen Abraham's vorher mittels Riemen und Handpeitschen erschlagen worden war. Man hatte nämlich darauf gerechnet, daß er nach seinem Sturz sich durch Schwimmen zu retten suchen würde, in welchem Falle es ein Leichtes gewesen wäre, ihn auf ewig von der Welt verschwinden zu lassen. Der betäubende Stoß aber, den er beim Hinunterstürzen an seinen Kopf erhielt, hatte ihn unfähig zum Schwimmen gemacht, wogegen die Hände sich, als sie unterhalb der Oberfläche des Wassers über die Leitersprossen hinglitten, ehe sie erstarrten, an einer derselben festklammerten. Raft's geräuschvolles Herbeieilen und seine drohende Stimme verscheuchten wohl die Verbrecher, doch würde der unglückliche Offizier schwerlich dem Verderben entronnen sein, wenn der Bootsmann nicht gerade auf seine Hand getreten und ihn dadurch entdeckt hätte. – Als nun Raft seinen Liebling, über den er seit langen Jahren mit der Sorgfalt einer Mutter gewacht, anscheinend tot vor sich liegen sah, hatte ihn eine wilde Verzweiflung ergriffen. Er war ratlos geworden, so ratlos, wie noch nie in seinem Leben. Laut stöhnte er vor grimmem Schmerz, und wütend krallte er sich mit beiden Fäusten in die dünnen Haare, bis es endlich vor seiner Seele aufleuchtete, daß das Leben vielleicht noch nicht ganz entschwunden sei. Kaum hatte er den Gedanken gefaßt, da hing Weatherton's Körper auch schon auf seiner Schulter, und dahin eilte er mit seiner Last, als wenn er nur ein Kind zu tragen gehabt hätte. »Zu späte Hilfe ist gar keine Hilfe, das ist originell, denn wenn der Leck unter Wasser ist, mag der Teufel ihn zustopfen«, hatte er vor sich hingemurmelt, als er, anstatt den weiten Weg nach dem St. Nicolas-Hotel einzuschlagen, in die nächste Querstraße einbog und spornstreichs der Schänke seines Freundes Stelzfuß zurannte. Glücklicherweise traf er denselben noch auf. Es befanden sich sogar noch einige verspätete Matrosen dort, die sogleich nach einem Chirurg geschickt werden konnten. Als dieser dann eintraf, da lag Weatherton schon entkleidet zwischen warmen Decken, und an jeder Seite von ihm stand einer der beiden alten Schiffsgefährten, die seinen Körper mit Schrecken erregender Heftigkeit kneteten und blutig rieben, und sich wie kleine Kinder darüber freuten, als er unter ihren Händen endlich wieder ganz leise zu atmen begann. Doch weitere Zeichen von Leben gab er nicht von sich, und die Sonne stand schon hoch am Himmel, als der Chirurg erklärte, daß Weatherton nunmehr als gerettet betrachtet werden dürfe. So war die Mittagsstunde herangekommen; der California-Dampfer steuerte lustig dem Karibischen Meere zu, und an der Stelle, wo er gelegen hatte, drängte sich ein anderes schweres Fahrzeug an die Landungsbrücke heran. – Weatherton fuhr mit der Hand nach seiner verwundeten Stirn, schlug die Augen auf, und blickte verwirrt und überrascht bald auf Jim Raft, bald auf den Stelzfuß und auf den Chirurgen. »Alles in Ordnung, Herr!« rief Jim Raft aus, als wenn er sich auf Deckwache befunden hätte, und sein Entzücken prägte sich in seinen Augen, aber noch deutlicher in seiner Narbe aus, die plötzlich kirschbraun erglänzte. »Alles in Ordnung, Herr!« wiederholte er, in ein lautes Lachen ausbrechend, »nur ein kleiner Leck am Stern, hoch genug über dem Wasserspiegel, und hier ist der Mann, der ihn wieder zuzuflicken versteht«, schloß er, indem er auf den Chirurg deutete. »St«, beschwichtigte ihn der Arzt, Ruhe gebietend. »Verdammt, Herr! allen Respekt vor Eurer Gelehrsamkeit, aber mir zu lehren, was Dickie, wollte sagen, Lieutenant Weatherton vertragen kann, seid Ihr noch lange nicht gelehrt genug! Das ist originell!« Weatherton lächelte dem Arzt, wie um Entschuldigung bittend, zu; dieser antwortete mit einem ähnlichen Lächeln, der Stelzfuß war aber so erfreut über die gute Wendung in des Kranken Befinden und über die kräftige Antwort seines alten Busenfreundes, daß er sich leise davonschlich, um für alle Hände einen steifen Grog zu mischen. »Ich habe Durst«, sagte Weatherton nach einer kleinen Weile. »Geht, laßt Euch ein Glas Zuckerwasser mit etwas Zitronensaft geben und bringt es hierher«, wendete sich der Arzt an Raft. Dieser erhob sich, blieb aber plötzlich wieder stehen, als ob er etwas vergessen habe. »Ich denke, er hat Wasser genug geschluckt«, entgegnete er bedächtig, das linke Auge zukneifend, »wenigstens genug für die nächsten drei Monate; schlage vor, Rum mit etwas Zucker, Zitronensaft und einem Tröpfchen Eiswasser zu nehmen, etwa halb und halb; fünfzig Tropfen davon würden keinem kranken Kinde von sechs Wochen schaden«. »Noch nicht, noch nicht«, versetzte der Arzt gutmütig, »wenn es ihm nicht schaden soll, dann trinkt Ihr den Rum lieber selbst und bringt Eurem Herrn die anderen Bestandteile des Grogs.« »Ay, ay, Herr!« antwortete Raft im Davonschreiten, und gleich darauf herrschte wieder Totenstille in dem Gemach. Als Jim in Begleitung des mit vollen Gläsern beladenen Stelzfußes zurückkehrte, hatte Weatherton die Augen geschlossen; er schlug dieselben aber wieder auf, sobald der Arzt ihm den Trunk reichte, und lächelnd dankte er, als die beiden alten Burschen verstohlen auf seine Gesundheit tranken. »Das war ein schwerer Fall«, sagte er, das halbleere Glas zurückgebend. »Ein schwerer Fall, Herr!« bekräftigte Raft, »habt aber zu gute Vordersteven, um wie ein gewöhnlicher Mensch auf gewöhnliche Art und obendrein auf dem Festlande zugrunde zu gehen«, »Wäre wohl keine ganz gewöhnliche Art gewesen«, entgegnete Weatherton, und aus seinem Mienenspiel ergab sich, daß er sich auf etwas besinne. »Laßt jetzt das Grübeln«, ermahnte der Doktor ernst; »Ihr habt morgen und übermorgen noch Zeit genug, um über den Vorfall nachzudenken. Ruhe ist alles, was Ihr bedürft«. Der Bootsmann verschluckte die derbe Bemerkung, die ihm auf der Zunge schwebte, und mehrer Minuten herrschte wieder das tiefste Schweigen. »Wie viel Uhr ist es?« unterbrach Weatherton nach einer längeren Pause die Stille. »Zwei Glocken in der ersten Wache«, antwortete Raft, der es für selbstverständlich hielt, daß die Frage an keinen andern, als an ihn gerichtet sein könne. »Ist das California-Boot schon fort?« fragte er weiter. »Schon vor einer Stunde brummten seine Abschiedsschüsse. Kein reiner Schall drin; muß eiserne Geschütze von der allerschlechtesten Sorte an Bord haben; reiner Ausschuß; gebt ihnen doppelte Ladung, und sie zerspringen wie 'ne Eierschale auf dem Kochherd, das ist originell«, lautete Raft's Antwort. Über Weatherton's Züge glitt eine Wolke. Es lag am Tage, daß er durch diese Nachricht tief berührt wurde. »Wo bin ich, und wie bin ich überhaupt hierher gekommen?« fragte er nach kurzem Sinnen. Raft öffnete schon den Mund, um den gewünschten Aufschluß zu geben, denn so ernst und schweigsam er auch immer an Bord seines Schiffes sein mochte, so gesprächig und mitteilsam wurde er, sobald er sich nicht mehr auf seinem Element befand; aber ehe er noch beginnen konnte, nahm der Arzt das Wort: »Später, später«, sagte derselbe dringend, »solange ich aber noch hier meinen Einfluß geltend machen darf, muß ich darauf bestehen, daß jede aufregende Unterhaltung vermieden werde«. »Gut«, versetzte Weatherton mit einem Anflug von Mißvergnügen, »daß ich nicht in St. Nicolas-Hotel liege, sehe und begreife ich deutlich, wenn die Pflege dort auch füglich nicht freundlicher und sorgfältiger sein könnte, wie hier. Allein ich muß meinen Freund, den Mr. Falk, sehen und sprechen, und zwar noch heute, so bald wie möglich, soll ich nicht vor Erwartung und Ungeduld vergehen«. Der Arzt bezweifelte nicht, daß jeder Widerspruch von seiner Seite vergeblich sei und sogar nachteilig auf den durch den Blutverlust sehr geschwächten Kranken einwirken würde. Er fragte daher teilnahmsvoll, wer der erwähnte Mr. Falk sei. »Raft kennt ihn –« »Gewiß kenn ich ihn«, unterbrach Raft den Lieutenant sehr unzeremoniell, »ein Gentleman ist er, aufgetakelt wie ein Kommodore; malt Schiffe, als wäre er bei einem Schiffszimmermann in der Lehre gewesen, und Wasser? Bei Gott! um 'nen Kadetten seekrank zu machen!« »Jim, wenn Du ihn so genau kennst«, versetzte Weatherton so freundlich, daß der alte Bootsmann für ihn hätte durch's Feuer gehen mögen, »dann wirst du ihn auch am besten auffinden können. Geh, alter Freund, hole ihn herbei, er wird in unserm Hotel zur Zeit wohl auf uns warten, und wenn er dort nicht ist, dann suche ihn in seiner Wohnung, und ist er dort auch nicht –« »Dann ist er woanders, und ich kreuze so lange in der Stadt herum, bis ich ihn sehen kann«, fügte der Bootsmann, halb dienstlich, halb vertraulich hinzu, und da Weatherton ihm beipflichtend zunickte, so schritt er geraden Weges auf die Tür zu. Unter der Tür drehte er sich indessen noch einmal um. »Verzeiht, Herr«, hob er an, seinen in's Genick hängenden Hut lüftend, »wie wär's wenn ich einen andern schickte und dafür selbst die Wache bei Euch bezöge? Ich meine, wenn Ihr 'was braucht, oder so?« »Wer, außer Dir, kennt denn den Maler?« fragte Weatherton, innerlich gerührt von der treuen Anhänglichkeit seines alten Lehrmeisters, »wem aber, außer Dir, würde er Glauben beimessen, wenn es wirklich jemand gelänge, ihn aufzufinden? Und daß ich jetzt keinen Brief schreiben kann, wirst Du doch wohl einsehen«. »Ay, Ay, Herr!« antwortete Raft, dessen Einwände durch die letzten Gründe vollständig besiegt waren, und im nächsten Augenblick schritt er leise und behutsam die ächzende Stiege hinunter. Die Überzeugung, daß Raft nicht ohne Falk zurückkehren würde, schien einen beruhigenden Einfluß auf Weatherton's aufgeregtes Gemüt auszuüben; denn nachdem der Arzt ihm noch einen stärkenden Trank verabreicht, verfiel er in einen tiefen Schlaf, aus welchem er bedeutend gekräftigt erwachen sollte. – Die Zeit verrann, schnell für die Menschen, die nach gewohnter Weise ihren täglichen Geschäften oblagen, langsam für den Arzt und den alten gewissenhaften Stelzfuß, die nicht aus Weatherton's Nähe wichen. – O, die langen, endlosen Stunden, die man am Lager eines befreundeten teuren Menschen verbringt, wenn der Tod seine kalte Hand gierig nach demselben ausstreckt, ungewiß, ob er es wagen darf, die von wilden Fieberphantasien umfangene Seele zu entführen, oder ob er gezwungen ist, den schon sicher geglaubten Raub wieder fahren zu lassen! O, die traurigen, langen Stunden, die unter bangen Hoffnungen und den schwärzesten Befürchtungen verrinnen! Mag die trübe Nachtlampe das stille Gemach unheimlich erhellen, das bläuliche Mondlicht verstohlen zwischen den Vorhängen hindurchschimmern, oder der junge Tag freundlich und erquickend durch die geöffneten Fenster dringen, wo das Gemüt gefesselt liegt in Trübsal und Besorgnis, wo das Ohr gespannt lauscht auf die leisen, kaum hörbaren Atemzüge, wo die vom Wachen und von Tränen geröteten Augen angstvoll haften an bleichen Zügen und geschlossenen Augenlidern, und aus jedem Zucken der Wimpern, aus jedem Heben und Senken der Brust das letzte Endurteil zu erraten suchen, da folgen die Minuten so langsam, so träge aufeinander, wie Sandkorn auf Sandkorn dem altertümlichen Stundenzeiger entrinnt. Wer weiß, was die nächste Minute bringt?! Eine fromme Frage; und doch, wie selten wird sie getan, wenn nicht ein drohendes Geschick sie der bewegten Brust auspreßt. – Auch in dem Gemach, in welchem Weatherton untergebracht worden war, und welches sich durch seemännische Einfachheit und Sauberkeit auszeichnete, herrschte tiefe Stille. Furcht und Besorgnis dagegen waren aus demselben gewichen, und an deren Stelle jene freudige Zuversicht getreten, welche den Arzt erfüllt, wenn er seine Bemühungen vom besten Erfolg gekrönt sieht, den alten Stelzfuß aber heiter stimmte, weil er in seines alten Maats Zögling eine Art von Halbgott erblickte. Der Doktor las in einer Zeitung; geheimnisvoll rauschte der zerknitterte mächtige Papierbogen in seinen Händen, und ebenso geheimnisvoll knisterte der auf den Fußboden gestreute Sand, wenn der alte Stelzfuß behutsam hierhin und dorthin schlich, und seinen Körper, sobald er dessen Gewicht auf das hölzerne Bein zu bringen im Begriff stand, jedesmal durch hohes Emporziehen seiner Schultern so leicht wie eine Feder zu machen glaubte. – Über dem Kopfende des Bettes war ein großer Bilderbogen an die Wand geklebt worden; auf demselben befand sich ein feuerrot angestrichener Neptun, der mit seinem Dreizack ein dunkelblau, grün und weiß schattiertes Meer in lauter Berge aufwühlte, und ein ganzes Heer von Delphinen und ungestaltenen Meerungeheuern kommandierte. Der alte schielende, langbärtige Bursche schaute recht behaglich von seinem gelben, flutumrauschten Muschelwagen auf Weatherton nieder, und der Stelzfuß schaute wieder ebenso behaglich zu dem Meergott auf, das heißt, wenn es ihm die Zeit gerade erlaubte, und dann stellte er höchst philosophische Betrachtungen über den Wechsel der Zeit an. Er sah sich selbst als lustigen Leichtmatrosen, wie er unter dem Äquator von einem als Neptun verkleideten Maat und von dessen als Götter und Najaden herausgeputzten Gehilfen die Taufe erhielt. Dann gedachte er des Tages, an welchem er als Vollmatrose und Vortopmann selbst zum ersten Mal die Rolle des Neptun übernommen hatte und den Schiffsdoktor vorzugsweise mit dem salzigen Taufstrahl aus der Feuerspritze bedenken ließ. Er bückte sinnend auf den lesenden Arzt und lächelte; er vergegenwärtigte sich nämlich, wie derselbe sich wohl bei einer Äquatorialtaufe sträuben würde. Von dem Arzt wanderten seine Blicke zu dem ruhig schlummernden Weatherton hinüber, »Dickie war damals noch nicht vom Stapel gelaufen«, sagte er in Gedanken, »aber sein Vater war ein schmucker Lieutenant, und ich? Ich war ein Kerl, wie Dickie heute ist; der lustigste Bursche auf dem Tanzplatz, und die flinke Hand beim Segelauslassen und Reffen«. Er schaute auf seinen Stelzfuß, und ein wehmütiger Zug glitt über seine harte, bärtige Physiognomie, indem er traurig den Kopf schüttelte. Es mußten recht trübe Gedanken sein, die plötzlich Besitz von ihm ergriffen hatten, denn er warf mit einer gewandten Bewegung das hölzerne Bein über sein gesundes Knie, und dann zog er sein langes Zuschlagemesser hervor, um dessen Spitze mit einem Ausdruck von Grimm immer und immer wieder in das unschuldige harte Beinholz zu bohren. Es ergötzte ihn offenbar, sein eigenes Glied verwunden zu können, ohne Schmerz zu fühlen oder Blut zu verlieren. Hatte es doch den Anschein, als ob der feuerrote Neptun von seinem Bilderbogen aus, trotzdem seine etwas verzeichneten Augen über's Kreuz schauten, ein besonderes Wohlgefallen an dem Benehmen der alten Teerjacke empfinde und nicht übel Lust habe, die Spitzen seines Dreizacks ebenfalls an dem hölzernen Bein zu versuchen. – Stunden waren schon seit Raft's Entfernung verstrichen, und Weatherton hatte sich noch nicht geregt. Seine Atemzüge folgten langsam und regelmäßig aufeinander, und so fest schlief er, daß er gar nicht merkte, wie der Arzt die Binde von seinem Kopfe nahm und die Umschläge auf der Wunde erneuerte. Je länger der Schlaf aber dauerte, umso häufiger sah der Arzt nach der Uhr, und mit einer gewissen ungeduldigen Spannung blickte er jedesmal nach der Tür, wenn das Geräusch unten im Hause die Ankunft eines Gastes bekundete. Offenbar wünschte er, daß Raft noch vor Weatherton's Erwachen zurückkehren möge, und zwar in Falk's Begleitung, um die so dringend ersehnte Beruhigung erteilen zu können. Er hielt diese Beruhigung sogar von großem, wenn auch nicht entscheidendem Einfluß auf den Zustand des Kranken. Doch immer häufiger öffnete sich die Tür von den ankommenden Abendgästen, ohne daß einer den Weg nach der Treppe eingeschlagen hätte. Endlich, als es bereits dunkelte und der Doktor schon längst seine Zeitung zur Seite gelegt hatte, knarrte die Stiege unter der Last von hinaufsteigenden, die indessen den Schall ihrer Tritte behutsam dämpften. Weatherton fuhr empor. »Ist Raft noch nicht eingetroffen?« fragte er besorgt. In demselben Augenblick öffnete sich die Tür und der Bootsmann, der die Frage vernommen hatte, antwortete in einem Tone, der an sich schon den guten Erfolg seiner Sendung verriet: »Ay, Ay, Herr! eingetroffen, ganz selbst!« »Und Falk?« fragte Weatherton, sich trotz des Arztes Warnung emporrichtend. »Hab' ihn im Schlepptau, Dickie! War 'ne heiße Jagd, bei Gott! Das ist originell!« Weatherton sprach nicht weiter, reichte aber dem Freunde die Hand entgegen, welche dieser mit Herzlichkeit drückte. »Ich fühle mich vollkommen gesund«, sagte er dann zu dem Arzt gewendet, »und werde noch heute Abend in mein Hotel übersiedeln«. Der Arzt erteilte eine ausweichende Antwort, überzeugte sich indessen, daß jede Gefahr für den Kranken abgewendet sei, und da er zu erraten glaubte, daß Weatherton sich mit Falk ohne Zeugen zu unterhalten wünsche, so gab er vor, noch einige notwendige Gänge abmachen zu müssen, bat aber dringend darum, daß vor seiner Rückkehr ein Versuch der Übersiedelung nicht unternommen werde. Als er sich entfernt hatte, forderte Weatherton den Stelzfuß und Jim Raft auf, nach der Schänke hinabzugehen und sich dort gütlich zu tun. Die beiden alten Teerjacken zögerten wohl etwas und zählten verschiedene Gründe auf, die es wünschenswert erscheinen ließen, so lange beizulegen, bis er wieder vollständig flott geworden; Weatherton aber, der vor Ungeduld brannte, mit Falk ungestört über die letzten Begebenheiten zu beraten, war unerbittlich, und sogar als Raft sich erbot, Licht herbeizuschaffen, lehnte er es unter dem Verwande ab, daß gerade die Dunkelheit ihm angenehm sei. Kaum hatte sich die Tür hinter den Davonschreitenden geschlossen, da setzte Weatherton sich aufrecht hin. »Mr. Falk«, hob er an, »was bringt Ihr für Nachrichten von dem California-Dampfboot? Mir ist, als hätte sie an Bord sein müssen, und als ob der Unfall auf mein Leben mit der Abreise der Mormonen in Verbindung zu bringen sei«. »Ich glaube behaupten zu dürfen, daß keiner der uns bekannten Mormonen mit dieser Gelegenheit nach Kalifornien abgereist ist«, antwortete Falk, indem er sich zu Weatherton auf das Lager setzte. »Schon seit Tagesanbruch befand ich mich mit Werner an Bord des Schiffes, und nicht ein Mensch ist die Laufplanke heraufgekommen, den wir nicht aufmerksam betrachtet hätten. Nein, wir können sie nicht übersehen haben, es ist nicht möglich, wir waren zu wachsam. Daß aber der Plan gegen Euer Leben von den Mormonen angelegt wurde, will ich nicht in Abrede stellen. Man kann sogar als erwiesen betrachten, daß der Brief des Mormonenmädchens nur geschrieben wurde, um Euch in die Falle zu locken –«. »Was wißt Ihr von dem Briefe?« fragte Weatherton überrascht. »Euer Bootsmann hat mir auf dem Herwege die ganze Begebenheit so weit geschildert, wie sie ihm selbst bekannt ist«, entgegnete Falk, »außerdem gab er mir aber auch noch einen vom Wasser ziemlich zerstörten Brief, welchen er aus Eurer im Starrkrampf geschlossenen Faust förmlich herausgebrochen hat. Dem festen Griff ist es übrigens zu danken, daß er noch leserlich blieb. Ich bewundere die Überlegung des alten Burschen, denn wie er mir versicherte, hat er den Brief nur aufgehoben, weil er vermutete, es sei in demselben etwas enthalten, was zur Entdeckung der Mörder fuhren könne«. »Wo ist der Brief?« fragte Weatherton erregt. »Hier«, antwortete Falk, ihm das wieder geglättete und getrocknete Papier darreichend. Weatherton nahm es und betrachtete es sinnend. »Ihr kennt den Inhalt?« fuhr er fort zu fragen. »Gewiß kenne ich den Inhalt?« erwiderte der Maler, »und mag ihn das junge Mädchen oder jemand anders geschrieben haben, jedenfalls besitzen wir in diesem unscheinbaren Dokument ein Mittel, von Gerichtswegen gegen die Mormonengesellschaft vorgehen zu können, die unbedingt noch in New York verborgen sein muß«. »Wenn Hertha Jansen den Brief wirklich schrieb, was ich nicht zu entscheiden vermag, indem ich ihre Hand nicht kenne, dann hat sie ihn nicht mit der Absicht, mir zu schaden, geschrieben; nein, ich verpfände meine Ehre dafür«, versetzte Weatherton heftig. »Auch ich bezweifle das nicht«, beruhigte Falk, »das junge Mädchen kann ebensogut ein unschuldiges Opfer verbrecherischer Pläne sein, wie Ihr. In dem Brief aber besitzen wir das, was wir so lange zu besitzen gewünscht haben, nämlich einen Faden, um mit Hilfe der Polizei den Mormonen auf die Spur zu kommen, möglichenfalls ihnen sogar das Mädchen zu entreißen und unter gesetzlichen Schutz zu stellen«. Weatherton sann eine Weile nach. Er schien mit sich selbst im Kampfe zu liegen. »Weiß außer Euch noch Jemand um diesen Brief?« fragte er endlich. »Niemand«. »Gut, so will ich auch nicht, daß sonst noch jemand um denselben wisse; denn durch mich soll Hertha Jansen nicht in Berührung mit den Gerichten gebracht werden. Nein, niemals, und sollte mein ferneres Forschen nach ihr vergeblich bleiben. Ich will zu den Leiden, welche sie zu tragen bestimmt ist, nicht auch noch die Scham einer öffentlichen Kränkung fügen. Denn wie die Sache sich auch immer verhalte, unvermeidlich wäre es, sie zum Zeugen gegen ihren eigenen Verwandten aufzufordern. Ich vermag den Gedanken nicht zu ertragen! Und welche Entschuldigung hätte ich, wenn diejenigen, gegen welche wir Verdacht hegen, dennoch unschuldig wären! Nein, solange ich es zu hindern imstande bin, sollen sie nicht auf diesen Beweis hin verfolgt werden«. »Was aber werdet Ihr antworten, wenn man Euch darüber zur Rechenschaft zieht, daß Ihr es unterließet, den Euch erteilten Befehlen nachzukommen und von dem Durchsuchungsrecht Gebrauch zu machen?« fragte Falk zweifelnd. »Alles, nur kein Wort von dem Verdacht gegen die Mormonen«, antwortete Weatherton bestimmt, indem er sich auf sein Lager zurückwarf. »Meine Absicht, dem jungen Mädchen Schutz angedeihen zu lassen, und deshalb meine Forschungen unermüdlich fortzusetzen, ist indessen nicht erschüttert. Im Gegenteil, je mehr ich zu der Überzeugung gelange, daß Hertha Jansen sich in unredlichen, ja verbrecherischen Händen befindet, um so fester steht mein Entschluß, nicht gleich da zurückzuschrecken, wo sich mir das erste Hindernis entgegenstellt. Wollt Ihr mir helfend und ratend zur Seite stehen, so bin ich euch zum größten Danke verpflichtet–« »Ihr habt ja schon mein Wort«, unterbrach ihn Falk mit Wärme, denn Weatherton's Edelmut gefiel ihm ebensosehr, wie er innige Teilnahme für dessen aufkeimende Leidenschaft und das Mormonenmädchen selbst empfand. »Die näheren Umstände meiner jüngsten Erlebnisse bleiben also ein Geheimnis zwischen uns«, versetzte Weatherton in fast bittendem Tone. »Bleiben ein Geheimnis zwischen uns«, pflichtete Falk bei, »und unseren vereinigten Kräften und Bemühungen wird gewiß Manches gelingen, was wir in diesem Augenblick für unmöglich und unerreichbar halten«. – Nach diesem feierlichen Übereinkommen schien Weatherton sich mehr zu beruhigen, und bereitwillig gab er seinem Freunde eine umständliche Erzählung dessen, was Raft nur stückweise und höchst unzusammenhängend mitgeteilt hatte. In dem Deutschen, welcher Weatherton den verhängnisvollen Brief übergeben und ihn demnächst nach dem Werft hinuntergeführt hatte, glaubte Falk wohl die aufgeblasene Gestalt des eitlen und charakterlosen Grafen zu erkennen; allein von der andern Seite schien es ihm auch wieder unglaublich, daß derselbe mit den Mormonen in Verbindung getreten und sogar zu einem gemeinen Verbrecher herabgesunken sein könne. Jedenfalls aber beabsichtige er, bei nächster Gelegenheit Veranlassung zu nehmen, über der beiden Edelleute heimliches Treiben genauere Erkundigungen einzuziehen, ob wirklich nur ihr meisterhaftes Kartenspiel ihnen in letzter Zeit die Mittel gewährt habe, sich mit einem ungewöhnlichen Luxus zu umgeben. Sich noch einmal an Abraham, den schlauen Mormonenagenten zu wenden, hielten die beiden Freunde für überflüssig. Sie wußten, derselbe war, hatte er wirklich eine Hand im Spiele, zu verschlagen, zu vorsichtig und zu gut von seinen Spionen bedient, um ihnen gegenüber auch nur eine Unsicherheit in seinem Benehmen zu zeigen; abgesehen davon, daß er sie, bei seinen weit reichenden Hilfsmitteln, erst recht von der Spur Jansen's und Rynolds' abgeleitet und diese von jeder Verfolgung rechtzeitig in Kenntnis gesetzt haben würde. Weatherton vertauschte in der Tat an demselben Abend noch des ehrlichen Stelzfußes Behausung mit dem St.-Nicolas-Hotel. Der Verdacht, den er sowohl wie Falk schon von Anfang an auf die in New York anwesenden Mormonen geworfen hatte, wurde zur Gewißheit, als sie entdeckten, daß die Durchsuchungsorder auf geheimnisvolle Art aus dem wohlverschlossenen Koffer Weatherton's verschwunden sei. Sie nahmen an, daß man, wahrscheinlich um einer Durchsuchung des mit Kriegsmaterial mancher Art befrachteten Dampfbootes vorzubeugen und jede weitere Verfolgung von dieser Seite abzuschneiden, Weatherton's Leben, als das eines gefährlichen Feindes, zu opfern beschlossen hatte. Wegen Nichtbefolgung des an ihn ergangenen Befehls gelang es Weatherton, sich zu rechtfertigen, ohne mehr von der Wahrheit zu verraten, als er für seine Zwecke dienlich hielt. Er gab nämlich vor, daß eben nur ein einfacher Raubmord gegen ihn unternommen worden sei. Seine Kopfwunde und Raft's Aussagen waren der beste Beweis dafür; dagegen erholte er sich nicht so schnell von den Folgen seines Sturzes, um an Bord des Leoparden gehen zu können, als dieser schon nach zwei Tagen die Anker zu einer Kreuzfahrt nach den ostasiatischen Gewässern lichtete. Versehen mit einem zwölfmonatigen Urlaub blieb er in New York zurück. Auch für Jim Raft gelang es ihm, Urlaub auszuwirken. Der alte Seemann schwankte lange in seiner Wahl zwischen dem Leoparden und dem Festlande. Die Zuneigung zu Lieutenant Dickie, dem Sohne des von ihm so hochverehrten, dahingeschiedenen alten Dickie, war indessen schließlich doch überwiegend, umso mehr, da dieser ihm bereitwillig versprach, sich durch den Urlaub nicht für gebunden zu erachten, sondern noch vor Ablauf der Frist den Leoparden auf dem anderen Ende der Welt aufzusuchen. 5. Fort Utah Der kulturfähige Boden, der vorzugsweise die heimatlosen, westlich wandernden Mormonen zur Gründung ihres neuen Zion veranlaßte, liegt auf der Ostseite des großen Salzsees, unter den westlichen Abhängen des Wahsatch- gebirges. Dasselbe erstreckt sich in einer Breite, die zwischen zehn und fünfzig englischen Meilen schwankt, von der nördlichen Spitze des Salzsees gegen hundertfünfzig Meilen weit südlich, wo er in dem umfangreichen Becken des Utahsees endigt. Der Jordan, ein von zahlreichen Gebirgsquellen genährter Strom, verbindet den Utahsee mit dem großen Salzsee, und führt das süße frische Wasser des ersteren in fast nördlicher Richtung dem letzteren zu. Er durchschneidet und bewässert daher einen Landstrich, der mit als der beste Teil des mächtigen Salzseetales bezeichnet werden darf, und der sogar dem Auge Szenerien bietet, auf welchem es gern und lange haften bleibt. Am anmutigsten erscheint dem Wanderer indessen der Utahsee selbst, mit seinem breiten stillen Wasserspiegel, mit der malerischen Einfassung zerklüfteter Gebirgszüge, die ihn von drei Seiten vollständig abschließen, mit den sanft ansteigenden Grasflächen, die von den Ufern nach den Basen der Berge hinaufreichen, und endlich mit der Fernsicht gegen Norden, der einzigen Richtung, in welcher die starren Bodenerhebungen ein weites Tor offen lassen, durch welches sich der Jordan seinen Weg gegen Norden gebrochen hat. Große Forellen beleben den See reichlich; fruchtbarer Boden, teils von der Natur schon zur Genüge bewässert, teils zur künstlichen Bewässerung sehr günstig gelegen, harrt der Urbarmachung und Bestellung entgegen; Holz, zur Feuerung und zu Bauzwecken verwendbar, schmückt die Schluchten und Ausläufer der nahen Gebirgsketten, und so darf mit Recht behauptet werden, daß die Talgründe des Utahsees und des Jordans alles bieten, was einem dem Ackerbau und der Viehzucht obliegenden Volke zur Gründung von Kolonien nur immer erforderlich erscheinen mag. Der beste und untrüglichste Beweis hierfür ist, daß die Mormonen, nachdem sie weiter nördlich am großen Salzsee ihre heilige Stadt angelegt hatten, sich auch über die eben genannten Territorien zerstreuten, und nicht nur Farm auf Farm errichteten, sondern auch zur Anlegung von größeren Städten schritten, und auf diese Weise den Boden für die nachfolgenden und fast täglich eintreffenden Brüder ihrer jungen Gemeinde gleichsam ebneten. Obgleich die Heiligen der letzten Tage, im Vergleich mit anderen zivilisierten Nationen, einen friedlichen Verkehr mit den wilden Eingeborenen aufrecht erhielten, deren Grund und Boden sie sich angeeignet hatten, so war von ihnen doch nichts verabsäumt worden, was zur Sicherheit ihrer, oftmals sehr weit von einander getrennt lebenden Ansiedler beitragen konnte. Hin und wieder entstanden Blockhäuser und von Pallisaden eingeschlossene Höfe, die von den anwohnenden Familien bei feindlichen Eingriffen der Indianer als Zufluchtsstätten betrachtet wurden. Das am Timpanogasfluß gelegene Fort Utah war einer der ersten befestigten Plätze, die man in der Nähe des prächtigen Utahsees errichtete. Dasselbe bildete eine Art Station, von welcher aus man immer wieder zur Anlage von neuen Niederlassungen schritt, und denselben dann auch noch fernerhin den nötigen Schutz angedeihen ließ. Was man im gewöhnlichen Leben unter der Bezeichnung »Fort« versteht, war die befestigte Ansiedlung eigentlich nicht, doch entsprach sie vollkommen den Zwecken, welche man bei ihrer Gründung im Auge hatte. Dabei entbehrte es nichts von den Annehmlichkeiten, welche den gerade nicht verwöhnten und mit bescheidenen Wünschen dorthin gekommenen Siedlern das Leben behaglich machen konnte. Eine Anzahl kleiner, fester Blockhäuser, durch Pallisaden miteinander verbunden, umgaben einen großen Hofraum, in dessen Mitte, auf starken Pfählen ruhend, eine Art von Plattform erbaut worden war. Diese Plattform, auf der man eine Berghaubitze aufgestellt hatte, welche die nähere Umgebung des Forts beherrschte, diente ebensowohl zur Verteidigung bei feindlichen Angriffen, als auch zu öffentlichen Versammlungen, in welchem letztern Falle man den Raum unterhalb des Schutzdaches zum Aufenthalt wählte. Die Beratungen, welche dort abgehalten wurden, verloren indessen durch ihre Einfachheit des luftigen Sitzungssaales nichts von ihrer Wichtigkeit; ebensowenig wie die etwaige Verteidigung des Postens vielleicht minder nachdrücklich gewesen wäre, weil derselbe, aus der Ferne betrachtet, den Eindruck einer friedlichen Niederlassung hervorrief. Denn gefährlicher noch, als die Berghaubitze, wären bei solchen Gelegenheiten die langen Büchsen gewesen, welche, obgleich nur gering an Zahl, aber geführt von eisernen Fäusten und furchtlosen Herzen, zwischen den Balken der kleinen Blockhütten hindurch den Angreifern entgegengestarrt hätten. Der Winter neigte sich seinem Ende zu, aber noch immer hielt er die Natur mit eisigen Fesseln umfangen. Unter einer tiefen Schneedecke schlummerten die Gärten und Felder, welche Fort Utah in weitem Umkreise umgaben, und wie in tiefem Schlummer versunken erschienen die in reines Weiß gekleideten Gebirgszüge. Selbst die Hütten mit der Schneelast auf den Dächern, die beschneite Plattform und die im Freien stehenden Wagen und Ackergerätschaften, auf deren oberen Flächen die in Masse gefallenen Flocken kleine Berge und lange blendende Streifen gebildet hatten, sahen aus, als wenn sie fröstelnd lauter wärmende Decken über ihre Häupter gezogen hätten, und unfähig, der Übermüdung länger zu widerstehen, Eins nach dem Anderen eingenickt wären. Nur der Timpanogas war noch munter und sprudelte und gurgelte lustig in seinem Bett dahin. Er war zu stark, zu jugendkräftig, als daß der Frost auch an ihm seine Gewalt hätte ausüben können. Bildete sich aber auf dem stillen Wasser in den Biegungen wirklich eine schwache Eiskruste, so hemmte das doch nicht seinen rüstigen, eiligen Lauf, und in wenigen Minuten spülte und riß er oftmals alles wieder fort, woran die Kälte eine ganze Nacht hindurch mit vieler Mühe gearbeitet und gebaut hatte. Ein Dutzend Krähen brachte ebenfalls noch etwas Leben in die stille Abendlandschaft. Die armen Tiere sahen indessen sehr verhungert aus, und wateten so schwerfällig durch den Schnee, wo sie in den Spuren von Menschen und Vieh einige Brosamen zu finden hofften, oder thronten so verdrießlich mit gesträubten Federn auf einem horizontalen Baumast, daß man hätte Mitleid mit ihnen empfinden und ihnen ein warmes Plätzchen in einer der Blockhütten wünschen mögen, die so einladend ihre schwarzen, von kienigem Holz herrührenden Rauchsäulen in die stille Atmosphäre hinaufsendeten. Der Himmel war grau und einfarbig, als habe er jeden Augenblick von neuem beginnen wollen, seine schwere Flockenlast von sich abzuschütteln. Doch gerade die Farbe des gleichmäßig verteilten Gewölks und die dem Einbruch der Nacht weit vorauf eilende Dämmerung waren es, was der ganzen winterlichen Landschaft, so weit das Auge reichte, den Charakter einer erhabenen, feierlichen Ruhe verlieh. Da schlug plötzlich ein Hund auf dem Westende des Forts an. Zuerst dumpf und verdrossen, als habe er sich gescheut, sein warmes Lager unter einem mit Stroh angefüllten Schuppen zu verlassen und einen Spaziergang durch den Schnee anzutreten. Als aber andere Hunde antworteten und sich ihm sogar bellend näherten, da schwanden seine letzten Bedenken. Grimmig heulend stürmte er aus seinem Versteck hervor, seine Kameraden schlossen sich ihm, nicht minder geräuschvoll, an, und dahin ging es in wilder Jagd, durch den stäubenden Schnee, einer nahen Bodenerhebung zu, von wo aus sie das Tal des Timpanogas bis fast zu seiner Vereinigung mit dem Utahsee zu überblicken vermochten. Auf das Gebell der Hunde öffneten sich mehrere Türen, die nach dem Innern des Hofes zu lagen, und in denselben wurden Männer sichtbar, welche sich gegenseitig anriefen und über die Ursache der unvermuteten Störung befragten. Die Männer verschwanden wieder in den Türen, gleich darauf erschienen indessen auf der Außenseite der Einfriedung zwei derselben, die sich mit ihren Büchsen bewaffnet hatten und geraden Weges auf die Hunde zuschritten, während ein dritter sich nach der Plattform hinaufbegab, um von dort aus in die Ferne zu spähen. Die Hunde hatten sich unterdessen auf dem Hügel niedergelassen, und aus dem kurzen, abgebrochenen Gebell, welches sie jetzt nur noch abwechselnd erschallen ließen, ging deutlich hervor, daß sie dasjenige, was sie aus ihrer Ruhe aufgestört hatte, mochte es nun sein, was es wolle, eben für keine drohende Gefahr erkannten. Die Männer, welche sich zu ihnen gesellten, mochten ein Ähnliches denken, denn kaum waren sie bei den wachsamen Tieren angekommen, die nunmehr ihren Lärm ganz einstellten und sich schmeichelnd und ihre buschigen Schweife wedelnd an sie herandrängten, so stützten sie ihre Büchsen vor sich auf den Boden, und sich dann auf dieselben lehnend, bekundeten sie die Absicht, die Ankunft der Personen abzuwarten, die sich auf der nach der Salzseestadt führenden Straße schnell näherten. Es waren dies drei Männer, welche, auf kräftigen Maultieren reitend, sich so in ihre weiten wollenen Decken gehüllt hatten, daß ihre Gestalten sich kaum noch als menschliche Figuren auszeichneten, sie wären in der Tat schwer von großen Warenballen zu unterscheiden gewesen, wenn nicht die breitkrämpigen, tief in die Stirn gedrückten Filzhüte und die quer auf den Sätteln ruhenden Büchsen auf ihren Charakter hingedeutet hätten. Sie ritten so, daß ein Tier immer in die Spuren des andern trat, und indem sie sich schweigend dahinbewegten, und die tiefe Schneelage den Schall der Hufe dämpfte, erhielt die kleine Karavane etwas Unheimliches, was aber im vollen Einklang mit der winterlichen Umgebung und der Öde stand, die trotz der mannigfachen Merkmale von der Nähe von Menschen auf Berg und Tal ruhte. Als die beiden Späher ihrer zuerst ansichtig wurden, mochten sie wohl noch gegen fünfhundert Schritte weit von dem Fort entfernt sein. Es verstrichen daher mehrere Minuten, bis sie nahe genug an die Bodenerhebung herangelangten, um angeredet werden zu können. Wenn die Späher sich aber in Mutmaßungen über den späten Besuch und dessen Zwecke ergingen, so taten sie es jeder für sich, denn seitdem sie die Blockhütten verlassen hatten, war noch kein einziges Wort zwischen ihnen gewechselt worden. Der Weg führte gerade an dem kleinen Hügel vorbei. Als die Reiter sich also am Fuße desselben befanden, waren sie kaum noch zehn Schritte weit von den schweigsamen Schildwachen entfernt, die noch immer keine Miene machten, ihnen entgegenzutreten. »Guten Abend, meine Brüder«, redete endlich der vorderste Reiter die Späher an, indem er sein Pferd anhielt und, die Decke zurückwerfend, ihnen ein hageres, wettergebräuntes Gesicht enthüllte, aus welchem ein Paar dunkle Augen mit eigentümlich ernstem, aber etwas verschmitztem Ausdruck hervorleuchteten. Sobald die Wachen den Fremden erkannt hatten, legten sie ihre Büchsen über die Schultern, und den Gruß erwidernd, traten sie zu den Reitern heran, um jedem einzelnen derselben die Hand zu reichen. Aus ihrem Benehmen ging übrigens hervor, daß sie mit allen auf mehr oder minder vertraulichem Fuße standen, und daß sogar der Reiter, der den Zug schloß, und der, als er seine Decke niedergleiten ließ, die sehnige, in Leder gekleidete Gestalt eines indianischen Kriegers zeigte, schon früher in näherem Verkehr mit ihnen gestanden haben mußte. »Wie geht es den Brüdern im Norden?« fragte der ältere der beiden Späher, indem er nach der ersten Begrüßung an die Seite des vordersten Reiters trat, und sodann mit diesem den Weg nach der Toröffnung der Palisaden einschlug. »Sie sind voller Vertrauen auf Gott und ihre gerechte Sache. Bereit, das heilige Zion zu beschützen, wird ihre Kraft nie erlahmen. Die Heiligen der letzten Tage sind stark in ihrem Glauben, und die Hand des Herrn wird ihnen helfen die Amalekiter schlagen,« antwortete der finstere Mormone, seine fanatischen Blicke auf die beschneiten Kuppen des Wahsatchgebirges richtend, als habe er von dort her ein göttliches Zeichen erwartet. »Amen«, sagte der Späher, indem er seinen Hut etwas lüftete. »Sind Nachrichten aus dem Osten eingelaufen?« fragte er gleich darauf weiter. »Die Horden der Gentiles halten die äußeren Eingänge der Pässe besetzt«, antwortete der Reiter, der sich zu der Würde eines Apostels emporgeschwungen hatte, »aber die Hand des Herrn liegt schwer auf ihnen. Es mangelt ihnen an Lebensmitteln, und es fehlen ihnen die Zelte, um sich gegen Sturm und Kälte zu schützen. Der Herr bekleidet die Tiere des Waldes, er füttert die hungrigen Raben, doch ihnen versagt er alles. Unsere Feinde sich geschwächt, und leicht gelingt es unseren Läufern, ihre Posten zu täuschen und den Verkehr mit den über die Vereinigten Staaten zerstreuten Brüdern aufrecht zu erhalten.« »Es sind also Nachrichten eingetroffen?« »Nachrichten der wichtigsten Art«, erwiderte der Apostel, »zu wichtig, um sie hier den Winden preiszugeben. Zwischen starken Wänden und umgeben von Gläubigen will ich sie verkünden.« Der Späher, wohl einsehend, daß es vergebliche Mühe sei, noch weiter in den Apostel zu dringen, schwieg und ließ das Haupt sinnend auf die Brust sinken, gleichsam anerkennend die Macht, welche derselbe als sein Vorgesetzter über ihn wie über alle anderen Mormonen, welche noch nicht denselben Rang erreicht hatten, besaß. Gleich darauf bogen sie in den Hofraum des Forts ein. Ohne die Blicke nach rechts oder links zu wenden, begaben sie sich nach der gegenüberliegenden Seite des Hüttenvierecks hinüber, wo sie vor einem größeren Blockhause von mehreren in einfachster Tracht gekleideten Männern und unter diesen vom Kommandanten des Postens erwartet wurden. Zugleich eilten aber aus allen Richtungen Männer herbei, die einen, um die Angekommenen zu begrüßen, die anderen, um die dampfenden Tiere in Empfang zu nehmen und in warme Ställe unterzubringen. Frauen bemerkte man nirgends. Es drückte sich wohl hin und wieder eine weiße Stirn an die trüben Scheiben der unregelmäßig angelegten Fensterchen, und neugierige Blicke schweiften nach der Wohnung des Kommandanten hinüber, weiter reichte aber das Vorrecht des schwächeren Geschlechts nicht, und wer nicht zufällig dergleichen Erscheinungen im Innern der Hütten entdeckte, der hätte das Fort für nur von Männern bewohnt halten mögen. Die Begrüßungen, die gewechselt wurden, waren nur sehr kurz, doch schien die eigentliche Begrüßung mehr in dem festen Druck der Hand, als in gesprochenen Worten zu bestehen. Die Spannung, mit welcher man den Nachrichten des so urplötzlich und unverhofft unter ihnen erschienenen Apostels entgegensah, mochte indessen mit zu dem tiefernsten Wesen aller beitragen; denn wenn die eigentlichen blutigen Feindseligkeiten zur Zeit noch nicht ausgebrochen waren, so sagte sich doch jeder, daß, bei der erbitterten Stimmung auf beiden Seiten der geringfügigste Umstand die Fackel eines erbarmungslosen Krieges entzünden und die letzte Hoffnung auf eine, aus noch schwebenden Verhandlungen hervorgehende Ausgleichung vollständig und unwiderruflich abschneiden könne. Auf ein einladendes Zeichen des Kommandanten, eines noch jugendlichen, hoch und kräftig gebauten, aber hageren Amerikaners, trat der Apostel in das Haus ein. Ihm nach folgten die Leute, die ihn auf seiner Reise begleitet hatten, welchen sich dann die herbeigeeilten Männer des Forts und ganz zuletzt der Kommandant selbst anschlossen. Kaum war die Tür hinter dem letzten zugefallen, da erhellten sich auch die drei kleinen Fenster, welche nach rechts von dem Eingang lagen, ein Zeichen, daß man zum Empfang der Gäste dürres Holz in den Kamin geworfen hatte, um zugleich Licht und Wärme zu verbreiten. Auf dem Hofe des Forts war es unterdessen wieder ganz ruhig geworden, und dunkler und schwerer wölbte sich der Himmel über der winterlichen Landschaft. Die Hunde lagen wieder in ihren warmen Winkeln; durch die kleinen Fenster der Hütten schimmerte der matte, flackernde Schein der Kaminfeuer, und gleichmäßig und geräuschlos sanken aus der stillen Atmosphäre große und dichte Flocken auf die Erde nieder. Schwärzer wurde die Dunkelheit, so schwarz, daß man nur noch in den durch die trüben Scheiben in's Freie fallenden Lichtstreifen die sich niederwärts wiegenden Flocken zu erkennen vermochte. Umso behaglicher fühlten sich dafür die Leute unter ihrem sichern Obdach; doppelt behaglich, wenn sie der grauenhaften Wildnis gedachten, welche sie in weitem Umkreise umgab, und an welche sie zeitweise durch das Geheul der Wölfe erinnert wurden, die, gepeinigt von Heißhunger, das Fort umstreiften. Ja, der tiefe Klageton der wilden Bestien drang bis in die Hütten; deutlich vernehmbar, weil keine lebhafte Unterhaltung, kein Lachen oder Singen das unheimliche Konzert übertönte, und selbst die an dergleichen gewöhnten Hunde nur selten auf die Herausforderung ihrer Todfeinde antworteten. Man sah ja allgemein mit Besorgnis schweren Kriegszeiten entgegen, und niemand konnte ahnen, wie lange er sich noch der kaum gegründeten neuen Heimat würde erfreuen können. Die Männer waren ernst und in sich gekehrt. All' ihr Sinnen und Trachten bezog sich auf den Widerstand, den sie ihren Feinden entgegenzustellen gedachten, und beseelt von dem grimmigsten Haß sprachen sie nur wenig und dann noch meist im flüsternden Tone zueinander. Sie wollten die Angst und Sorge, in welcher ihre Familien schwebten, nicht noch vergrößern. Aber wenn sie beobachteten, wie der Frohsinn immer mehr aus deren Kreise wich, und wie die Mütter, Verzweiflung im Herzen, auf ihre Kinder schauten, dann legte sich wohl hin und wieder eine Faust mit krampfhaftem Griff um das Heft des breiten Bowiemessers, und Rachedurst und Erbarmungslosigkeit sprühten aus den in fanatischer Wildheit glühenden Augen. Wenn nun in den Blockhütten eine gedrückte Stimmung herrschte, so machte sich die ängstliche Spannung nicht weniger im Hause des Kommandanten fühlbar, wo sich die Ältesten von Fort Utah zu einer ernsten Beratung um den Apostel geschart hatten. Dort saßen sie beieinander auf roh gezimmerten Bänken und Stühlen, allein wortkarg und scheinbar jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend, oder mit verstellter Teilnahmslosigkeit in die lodernden Flammen des Kamins stierend. Die Beratung hatte noch nicht begonnen; die beiden Frauen des Kommandanten gingen noch ab und zu, und versahen die eingetroffenen Fremden mit Speisen und Erfrischungen, wie sie ihre einfache Küche eben aufzuweisen hatte. Sie verrichteten ihr Amt als Wirtinnen freundlich und mit Aufmerksamkeit, und war auch in ihrer ganzen Haltung eine gewisse religiöse Überspanntheit nicht zu verkennen, so schienen sie doch mit ihrem Lose vollkommen zufrieden zu sein und sogar die schwesterlichsten Gefühle füreinander zu hegen. Schwestern waren sie indessen nicht; man brauchte nur auf ihre Physiognomien zu blicken, um darüber nicht in Zweifel zu bleiben, und in der einen eine Engländerin, in der anderen dagegen eine Französin zu erraten. Worin sie sich aber glichen, das war ihr Wesen, welches, trotz der einfachen, ja groben Stoffe, in welche sie gekleidet waren, zwei den gebildeten Ständen entsprossene Damen nicht verkennen ließ. Ihre Züge trugen die Spuren früherer Anmut, und daß dieselben, namentlich bei der Engländerin, schon so früh verwischt waren, stand in seltsamem Widerspruch zu ihrem Alter, welches gerade den Abschnitt erreicht hatte, in welchem die weibliche Schönheit gewöhnlich erst zur vollen Geltung gelangt. Es lag überhaupt etwas Teilnahme erregendes in ihrem Äußeren, denn wenn man sie betrachtete, dann konnte man nicht umhin, sich alle die geistigen Aufregungen und körperlichen Beschwerden und Entbehrungen zu vergegenwärtigen, welche eine so schnelle Zerstörung der Jugendreize bewirkt hatten. Ihrem Gatten begegneten beide mit wohlwollender Ergebenheit und zutraulicher Freundlichkeit, doch vermißte man in ihren Augen den zärtlichen Ausdruck, der, in einem liebewarmen Herzen entspringend, sich wohl beobachten, aber schwer mit Worten beschreiben läßt. Es waltete kein Zweifel, sie erblickten in allen ihren Obliegenheiten göttliche Anordnungen, und fanden in der gehorsamen treuen Pflichterfüllung ihre innere Zufriedenheit. Elliot, ihr gemeinsamer Gatte, war ein Mann, der in seinem Jünglingsalter sich nicht nur eines stattlichen, sondern auch eines einnehmbaren Äußeren erfreut haben mußte. Derselbe hatte sich aber im Laufe der Zeit und unter dem Einfluß der ihm durch die neue Lehre zugefallenen Pflichten und den daraus entspringenden Gemütsbewegungen so sehr verändert, daß man nur schwer wirkliches Zutrauen zu ihm zu fassen vermochte. Obgleich erst dreißig Jahre alt, lag sein Gesicht, dessen untere Hälfte ein dichter schwarzer Bart verbarg, doch beständig in strengen Falten. Der ganze Ausdruck desselben hatte für jeden, der ihn zum ersten Male sah, etwas Abstoßendes und verriet eine unbeugsame Willenskraft, die, wenn es den eigenen wie religiösen Zwecken galt, in die rücksichtsloseste Starrheit ausartete, denjenigen aber, die er haßte, sehr leicht gefährlich wurde. Seine dunklen Augen waren unstet und lugten drohend unter den zusammengezogenen Brauen hervor, und nie blickte er demjenigen, an welchen er seine Augen richtete, gerade in die Augen. Selbst seinen Frauen gegenüber beobachtete er stets das finstere, verschlossene Wesen. Wenn er ihnen im Allgemeinen auch nicht mit unfreundlicher Härte begegnete, so ließ er sich doch ebensowenig dazu verleiten, auch nur einen Blick zärtlicher Anhänglichkeit an sie zu verschwenden. Sobald der Apostel und seine Begleitung den ihnen dargereichten Speisen zur Genüge zugesprochen, traten die Frauen noch einmal zu Elliot heran. In flüsterndem Tone richteten sie eine Frage an ihn, die er, ohne aufzuschauen, mit leisem Kopfnicken beantwortete, worauf sie das Gemach schweigend verließen, um sich zu ihren Kindern auf der anderen Seite des Hausflurs zu begeben. Die Männer waren nunmehr allein; von keiner Seite her hatten sie eine Störung oder Unterbrechung ihrer Beratung zu befürchten. Ein tiefes Schweigen herrschte während mehrerer Minuten in dem Gemach. Da ergriff der Apostel endlich das Wort, und indem er sprach, rückten die übrigen Mormonen dichter um ihn zusammen. »Ich bringe Euch die Grüße des Propheten und aller Brüder und Schwestern in der heiligen Salzseestadt«, begann er, indem er die grauen schlichten Haare von seiner Stirn zurückstrich und seine stechenden Augen im Kreise herumwandern ließ. »Sie senden Euch Grüße und ermahnen Euch zur Eintracht und zum Vertrauen. Der Krieg ist unvermeidlich geworden, und wenn bis jetzt noch kein Blutvergießen erfolgte, so ist der Grund dafür darin zu suchen, daß unseren Feinden die Mittel und Kräfte mangelten, uns anzugreifen.« »Die Unterhandlungen schwebten noch«, unterbrach Elliot den Apostel mit Nachdruck, und aus seinen strengen Zügen sprach ein ungewöhnlicher Grad von Teilnahme; »sind sie denn so plötzlich abgebrochen, daß wir schon jetzt daran denken müssen, unseren Feinden mit einem Angriff zuvorzukommen?« »Die Verhandlungen schweben noch«, antwortete der Apostel, »und sie werden so lange schweben, bis unsere Widersacher es für angemessen halten, die Maske, unter welcher sie uns den Frieden anbieten, fallen zu lassen. Sie wollen nur Zeit gewinnen, um größere Truppenmassen außerhalb unseres Tales zusammenzuziehen und uns demnächst zertreten zu können. – Im Kampfe gegen die Elemente, gegen Hunger und Elend wendete sich unsere geächtete und vertriebene Gemeinde dem Westen zu; unermüdlich und in festem Vertrauen auf den Erlöser verfolgte sie ihren langen beschwerlichen Weg durch die endlosen Wildnisse, bis der Herr ihr die Stelle bezeichnete, wo er sein heiliges Zion, seinen Tempel gegründet haben wollte. »Der Segen des Herrn hat sichtbar auf uns und unseren Unternehmungen geruht. Unter unseren Händen entstanden Städte, Dörfer und Ansiedelungen, und in einem Mantel des üppigsten Getreides kleidete sich vor unserm Fleiß die Wildnis. Von nah und fern eilten die Gläubigen herbei; mit den Arbeitskräften wuchs unser Wohlstand, und da, wo vor wenigen Jahren noch die wilde Utah Wurzel zur Nahrung aus dem Erdboden gegraben wurde, da lebt jetzt das starke und reich gesegnete Volk der Mormonen. »Wenn wir nun einen Staat gründeten, bei der Gründung nur nach unseren eigentümlichen Gesetzen verfuhren und niemals unsere Pflichten gegen den großen Staatenbund verletzten, haben wir dann nicht ebensogut das Recht, uns einen Gouverneur aus unserer Mitte zu wählen, wie jeder einzelne Staat der großen Republik?! Sollen wir es dulden, daß die Regierung in Washington uns mit Waffengewalt eine Obrigkeit aufdrängt, die, mit unseren Gesetzen, mit unserer Religion nicht vertraut, nach Willkür in unserem Volke schaltet und unsere heiligsten Einrichtungen leichtsinnig verletzt und schändet?!« »Nein! Nein! Wir sind die Herren des gelobten Landes, in welches uns die Hand des Erlösers führte! Lieber Kampf und Tod, als die reine Lehre verleugnen und sich unter das ungerechte Joch der verfluchten Gentiles beugen!« lautete die Antwort der durch die Ansprache des Apostels in Wut versetzten Versammlung. »Nun gut, meine Brüder«, fuhr der Redner nach einer Pause fort; »was bedarf es weiterer Erörterungen? Was Ihr eben spracht, sind meine, sind jedes rechtgläubigen Mormonen Gedanken. Doch vernehmt, schon wieder ist die Aufforderung an uns ergangen, die Truppen der Vereinigten Staaten in unser Tal aufzunehmen und den von ihnen vorgeschlagenen Gouverneur anzuerkennen, und wiederum ist ihre Aufforderung mit Abscheu zurückgewiesen worden. Es geschah mit Einstimmigkeit, in der Voraussetzung, daß jedes Mitglied unserer Gemeinde dieses Verfahren billigen würde.« »Einverstanden, einverstanden mit allem, was der Prophet und die Ältesten der Gemeinde beschließen! Einverstanden mit allem, was unsere Rechte sicher stellt und uns nicht in der Ausübung unserer Gottesverehrung hindert!« riefen die Mormonen wild durcheinander. »Die nächste Antwort auf unsere Zurückweisung wird ein Angriff auf die von uns befestigten und verteidigten Pässe sein«, entgegnete der Apostel, einen lauernden Blick im Kreise herumwerfend. »Lieber heute, als morgen!« antworteten die fanatischen Männer. »Nicht heute, nicht morgen«, versetzte der Apostel ruhig und bestimmt; »doch vielleicht nach drei Monaten. Der Weg nach Washington ist weit, und ehe der Befehl von dort eingetroffen, darf nicht zum Angriff geschritten werden. Beschlossen ist der Angriff längst; doch was wollen sie mit ihren paar Regimentern verhungerter und halb erfrorener Soldaten? Aber nach drei oder vier Monaten, wenn sie Verstärkungen und Kriegsmaterial an sich gezogen haben, dann werden sie nicht lange fragen, ob wir uns gutwillig ihren Anordnungen fügen wollen.« »Warum warten wir so lange, bis die Verstärkungen eingetroffen sind?« fragte Elliot emporspringend und mit dem Fuße heftig auf den Boden stampfend; »zehntausend kampffähige Männer sind in unserem Tale versammelt, und neue Streiter strömen uns vom Stillen Ozean her zu. Das Schwert des Herrn und Gideon sei unser Schlachtgeschrei, und nieder laßt uns fahren von den Bergen auf die Amalekiter. Was wir heute noch mit Leichtigkeit vermögen, ist nach vier Monaten vielleicht zur Unmöglichkeit geworden. Darum, meine Brüder, zerstreut sie, wie Spreu vor dem Winde! Der Krieg ist lange genug erklärt gewesen, gleichviel jetzt, wer den ersten Schlag führt! Das Schwert des Herrn und Gideon!« »Das Schwert des Herrn und Gideon, und nieder mit den Amalekitern!« antwortete die Versammlung im Chor, und die Fäuste ballten sich drohend, indem sie sich wie zum Schwur erhoben. »Sollen wir den ersten Schlag führen, damit das Vorgehen der Gentiles in den Augen der Welt gerechtfertigt werde und der Krieg der Regierung der Vereinigten Staaten sich in einen Krieg des Volkes verwandle?« fragte der Apostel vorwurfsvoll, sobald wieder Ruhe eingetreten war. »Nein, die erste Kugel darf nicht aus den Reihen der Mormonen entsendet werden. Es wäre unklug, es wäre töricht gehandelt. Aber was wir tun können, das soll geschehen, und während wir selbst uns immer mehr rüsten und zum Kampfe vorbereiten, müssen den Feinden die Gelegenheiten geschmälert werden, sich in demselben Maße zu einem Feldzuge zu verstärken. Ihr wißt, meine Brüder, auf jener Seite des Wahsatchgebirges lagert das Heer, welches ausgeschickt wurde, mit Gewalt der Waffen einen Heiden als Gouverneur bei uns einzusetzen. Kaum der zehnte Teil unserer Streitmacht war bis jetzt hinreichend, den Feinden die Pässe zu verlegen und ihnen den Eintritt in das gesegnete Tal der Auserwählten zu wehren, ohne daß deshalb Blutvergießen nötig geworden wäre. Die Truppen wurden gegen uns ausgeschickt, allein man vergaß ihnen die Mittel mitzugeben, dem unbarmherzigen Winter Trotz zu bieten. Man rechnete in Washington zu sehr auf unsere weltbekannte Gastfreundschaft. »Zu spät sah man den Irrtum ein, und um ihn wieder gut zu machen, rüstete man schleunigst zahlreiche Wagentrains aus, die den Darbenden Hufe bringen sollen. »Dieselben befinden sich jetzt unterwegs; einzelne auf der Santa Fé-Straße, andere auf der Emigrantenstraße, die sich am Flachen Fluß hinzieht, und endlich noch andere, die vorzugsweise in Vieh- und Maultierherden bestehen, bahnen sich ihren Weg von Neu-Mexico durch die Wildnis am Fuße der Rocky-Mountains hinauf. »Erreichen diese Trains ihre Bestimmung nicht, so wird Hunger und Not die Reihen der gegen uns aufgestellten Feinde lichten und sie zum Teil als Proselyten in unser Tal treiben. Auf diese Trains bleibe daher unsere Aufmerksamkeit gerichtet. Gelingt es uns nicht, sie für uns zu erbeuten, so müssen sie, wo es auch immer sei, vernichtet werden. Hört mich zu Ende, und unterbrecht mich nicht«, sagte er in Eifer geratend, als er bemerkte, daß der Kommandant ihm in die Rede fallen wollte, »hört mich zu Ende, denn es sind die Eingebungen des Herrn, die ich Euch verkünde. Ich weiß es, in Eurer heiligen Begeisterung sehnt Ihr Euch danach, Eure rächende Hand nach dem Eigentum der Gentiles auszustrecken und ihnen dadurch den Untergang zu bereiten; in Eurer heiligen Begeisterung vergeßt Ihr aber auch, daß es nicht die Mormonen sein dürfen, für jetzt wenigstens noch nicht, welche den Waffenstillstand brechen. Was die wilden Eingeborenen des Landes tun, kann nicht den Heiligen der letzten Tage zur Last gelegt werden, und darum sollen gerade sie hinziehen, als Werkzeuge der Auserwählten, und das Rächeramt verrichten. Die in unseren Territorien lebenden Indianer harren auf unsere Befehle; sie sind eingedenk der Segnungen, welche das Mormonentum ihnen brachte, und sie streben danach, sich dankbar zu beweisen. Ihnen also schenken wir die Trains mit allem, was sie enthalten, und überlassen ihnen zugleich, sich derselben auf jede ihnen beliebige Art zu bemächtigen.« »Aber werden die Indianer keinen Mißbrauch mit unserm Vertrauen treiben? Ihr wißt, sie sind oft treulos«, bemerkte Elliot, indem er mit dem Fuß die brennenden Holzscheite in dem Kamin übereinanderstieß, daß die Funken knisternd umhersprühten. »An alles haben wir gedacht«, versetzte der Apostel schnell. »Sie müssen geleitet werden von den mutigsten Herzen unserer Gemeinde, und ich denke, es werden sich genug Freiwillige finden, die den schweren Blanketüberrock mit dem leichten ledernen Jagdhemde auf einige Monate vertauschen, und die sich nicht scheuen, ihren Gesichtern die indianische Malerei aufzutragen. Es wäre nicht das erste Mal, daß weiße Männer als Indianer in den Reihen der Indianer kämpften.« »Freiwillige genug, die sogar bereit sind, ihren Feinden die Kopfhaut vom Schädel zu streifen«, ließ es sich mit drohendem Ausdruck aus der Versammlung vernehmen. »Der Prophet und oberste Kriegsherr weiß, daß er auf die Kinder seiner Herde bauen darf«, fuhr der Apostel fort; »er hat Euch durch mich seinen Willen kund getan; an Euch aber ist es jetzt, diejenigen aus Eurer Mitte auszuwählen, die zum Schutz der Weiber und Kinder zurückbleiben, wie diejenigen, welche sich den Expeditionen anzuschließen haben, die innerhalb weniger Tage von der Salzsee-Stadt aus nach verschiedenen Richtungen hin aufbrechen.« Als der Prophet geendigt, erfolgte ein langes, tiefes Schweigen. Jeder ging offenbar mit sich zu Rate, bei welcher der bezeichneten Expeditionen er seine Kenntnis des Landes am meisten zu verwerten im Stande sei. Denn bei früheren Forschungsreisen war der Eine hierhin, der Andere dorthin verschlagen worden, so daß es in den das Salzseetal umgebenden Wüsten kaum noch einen zugänglichen Winkel gab, der von den Mormonen nicht besucht worden wäre. Längere Zeit harrte der Apostel, daß einer der Anwesenden das Wort ergreifen würde; da aber alle beharrlich schwiegen, so begann er von Neuem: »Geht nach Euren Wohnungen jetzt, meine Brüder, zu Weib und Kind; überlegt und beratet im Kreise der Eurigen, denn auch die Frauen werden vom heiligen Geiste erleuchtet, und dürfen deren Stimmen in solchen Fällen nicht ungehört verhallen. Beratet mit Euren Familien und demnächst unter Euch, damit der kommende Tag eine Entscheidung herbeiführe und ich eine genaue Liste der Namen und der Dienste, zu welchen sich jeder erboten, dem Propheten vorzulegen vermag.« Die Mormonen erhoben sich, sie sahen das Angemessene des ihnen erteilten Rates ein, und nachdem sie der Reihe nach dem Apostel die Hand gereicht, entfernten sie sich stumm und geräuschlos. Sobald die Tür sich hinter dem letzten geschlossen hatte, warf der Apostel einen prüfenden Blick durch das Gemach. Außer seinen beiden Begleitern war nur noch Elliot, der Kommandant, anwesend. Erstere kauerten vor dem Kamin und beobachteten die knisternden Flammen, als wenn sie für weiter nichts in der Welt Sinn gehabt hätten. Bei dem eingeborenen Krieger, einem stattlichen Schlangenindianer, mochte dies für den Augenblick auch wohl der Fall sein; denn wie er so dasaß, das rotgefärbte Gesicht mit der Adlernase und den halbgeschlossenen Augen voll dem Feuer zugekehrt, die unzertrennliche Büchse in seinem linken Arm ruhend, die rechte Hand nachlässig zu dem blanken Kriegsbeil in den messingbeschlagenen Gurt geschoben, da hätte man ihn für erstarrt halten können, so regungslos blieb nicht nur seine Gestalt, welche die Draperie einer weiten scharlachfarbigen Decke teilweise verhüllte, sondern auch jeder einzelne Muskel seiner scharf ausgeprägten Züge. Nur die Federn, welche mittels dünner Riemen auf dem Wirbel seines schwarz und lang behaarten Hauptes sinnig befestigt waren, schienen noch Leben zu besitzen, denn sie schwankten und zitterten leise hin und her vor der Wärme, die oben in den Schlot hineinschlagenden Flammen entströmte. Dicht neben dem Indianer saß der andere Begleiter des Apostels. Derselbe hatte sich vornüber geneigt und stützte sein Haupt auf die linke Hand, die wieder mit dem Ellenbogen auf seinen Knien ruhte, während er mit einem in seiner anderen Hand befindlichen Holzsplitter Figuren in die weiße Asche zeichnete, welche im Halbkreise vor dem Kamin dünn gestreut umherlag. Wenn man nun diese beiden Männer, die so gänzlich verschieden in ihrer äußeren Erscheinung, näher betrachtete, so flößte der Indianer in seinem phantastischen Kostüm im ersten Augenblick allerdings größeres Interesse ein. Wendete man sich dann aber seinem weißen Gefährten zu, so war man überrascht, und unwillkürlich suchte man alle die Leidenschaften zu enträtseln, welche hinter der düstern, dabei aber keineswegs unbeweglichen Physiognomie schlummerten und zuweilen, je nachdem seine Gedanken wanderten, mehr oder minder sichtbar, und drohender oder milder zum Druchbruch kamen. Sein Gesicht hatte unbedingt einen edlen Schnitt, doch ging viel davon verloren, weil er die Gewohnheit angenommen hatte, den Unterkiefer etwas über den Oberkiefer hinauszuschieben und dabei Zähne und Lippen fest zusammenzupressen. Ein rötlicher, voller Bart umgab zwar Mund und Kinn, der brutale und grausame Ausdruck, welcher durch die seltsame Stellung des Unterkiefers entstand, wurde indessen durch den Bart nicht verdeckt, im Gegenteil, er trat noch deutlicher hervor, weil die Haare des Kinns sich in Folge dessen noch weiter nach vorn sträubten. Die Falten auf der hohen Stirn, die nicht horizontal liefen, wie es vielfach die Folge von tiefem Grübeln und Denken, sondern durch das beständige trotzige Zusammenziehen der Augenbrauen unauslöschlich geworden waren, trugen mit dazu bei, den wilden, entschlossenen Ausdruck zu erhöhen, und selbst in den großen hellblauen Augen, die aber fast unter den buschigen Brauen und langen Wimpern verschwanden, schlummerte ein unheimliches Feuer, welches zu wecken Demjenigen, der es vielleicht unternahm, gefährlich zu werden drohte. Seine Figur war groß, stark und wohlgebaut, seine Haltung, wenn auch nachlässig, doch noch immer elegant. Er hatte den Rock abgelegt und zeigte die einfache Tracht eines echten Hinterwäldlers, nämlich das weite, scharlachfarbige Flanellhemd und die von einem breiten Gurt gehaltenen ledernen Beinkleider; doch erkannte man auf den ersten Blick, daß er ursprünglich nicht für das an Mühseligkeiten und Entbehrungen so reiche Leben eines westlichen Ansiedlers erzogen worden war, und sich den größten Teil seines Lebens hindurch im glänzenderen Kreisen bewegt hatte. Daß die Gesellschaft auseinander gegangen war, schien er gar nicht bemerkt zu haben; denn als der Apostel seinen Stuhl dicht neben ihn an den Kamin zog, schaute er auf, wie jemand, der eben aus einem Traum erwacht, und eine gewisse Befremdung spielte auf seinen Zügen, außer seinen Reisegefährten und dem Kommandanten niemand mehr in dem Gemach zu erblicken. Ehe indessen die Unterhaltung zwischen diesen vier Männern begann, schritt Elliot nach der Tür, und dieselbe halb öffnend rief er den Namen »Jane« hinaus. Auf seinen Ruf erschien die ihm als Gattin angetraute Engländerin, und sich ihm nähernd fragte sie bescheiden nach seinen Wünschen. »Bringe Tabak und Pfeifen, wenn Du so gut sein willst«, antwortete Elliot. Die junge Frau, nachdem sie einen eigentümlich traurigen Blick auf den weißen Begleiter des Apostels geworfen, verschwand, und Elliot stellte sich so neben den Kamin hin, daß er sich eben erwähnten Manne gegenüber befand. Nach einigen Minuten trat die junge Frau wieder ein, in beiden Händen das Verlangte tragend, was sie sodann in der Nähe des Kamins auf einen Stuhl stellte. Ehe sie sich indessen wieder entfernte, heftete sie ihre Augen mit flehendem Ausdruck auf ihren Gatten, und eine wehmütige Freude erhellte ihre bleichen Züge, als dieser, wie zustimmend, leise nickte und ihr auf diese Weise das längere Verweilen in dem Gemach gestattete. »Erich Holmsten!« sagte er dann mit lauter, ausdrucksvoller Stimme, sich an des Apostels Begleiter wendend und seine Blicke gleichsam in dessen Brust senkend; »Erich Holmsten, sage mir treu und redlich, wie geht es dem Knaben?« Bei dieser Frage neigte die im Hintergrunde stehende junge Frau ihr Haupt den Männern zu, und erwartungsvoll preßte sie die Hand auf ihre Brust, als ob sie das Pochen ihres Herzens habe gewaltsam unterdrücken wollen. »Mein Kind, meinst Du?« fragte Holmsten befremdet zurück, das Wort »mein« stark betonend. »Erich Holmsten«, wiederholte Elliot dringender, und seine Stimme zitterte, während Tränen in die Augen seiner Gattin schossen; »Erich Holmsten, Du kennst unser Übereinkommen, Deine und meine Verpflichtungen; halte Dich nicht an eitle Worte. Ich frage Dich nochmals, wie geht es dem Kinde? Du weißt, welches Kind ich meine, und weißt auch, wie sehr wir uns an dasselbe gewöhnt hatten.« »Der Knabe ist gesund und gedeiht zur Freude seines Vaters«, versetzte der Apostel, der, wenn auch den eigentlichen Sinn der Frage nicht verstehend, dieselbe aber ganz als an ihrem Ort betrachtete. Holmsten dagegen schien noch immer nicht antworten zu wollen, doch weniger aus bösem Willen, als weil plötzlich trübe Erinnerungen Besitz von ihm ergriffen hatten, denn um seinen Mund zuckte es schmerzlich, während seine hellblonden Brauen sich in einer dicken Falte auf seiner Stirn vereinigten. »Ja, der Knabe gedeiht zur Freude seines Vaters«, preßte er endlich hervor; »er wächst an Geist und an Körper, und die neue Mutter, welche ich ihm gegeben, betrachtet ihn als ihren Liebling.« »Ist das wahr, Erich?« fragte Elliot, und ein Blick von ihm streifte seine gespannt lauschende Gattin. »Es ist wahr, so wahr mir Gott helfe«, antwortete Holmsten, seine Hand dem Kommandanten entgegenreichend. »Er ist mein Knabe, und wehe dem, der meinem Knaben auch nur mit einer Miene zu nahe tritt.« Die junge Frau seufzte, als sei eine schwere Last von ihrem Herzen genommen, und entfernte sich geräuschlos. Elliot biß die Zähne zusammen, wie um einen herben Schmerz zu bekämpfen. Holmsten aber ließ das Haupt auf die Brust sinken, und krampfhaft preßten seine Finger sich um den Holzsplitter, den er noch immer in der Hand hielt. Der Mann mit dem herkulischen Körper und der auf seinem Antlitz ausgeprägten unerschütterlichen Willenskraft schien durch die kurze Unterhaltung mit Elliot förmlich gebrochen zu sein und sich längere Zeit hindurch nicht von dem Schlage erholen zu können, der für ihn in der scheinbar harmlosen Frage gelegen haben mußte. Eine drückende Stille war eingetreten. »Fügt Euch in's Unvermeidliche«, hob der Apostel endlich an, nachdem er die beiden Männer eine Weile aufmerksam beobachtet, als ob er in ihrem Innern habe lesen wollen, denn ihr Benehmen hatte ihn befremdet, und schien ihm auf mehr als ein bloßes freundschaftliches Übereinkommen hinzudeuten. »Wir streben alle nach einem Ziel, und dürfen nicht auf die Dornen achten, mit welchen unser Lebensweg bestreut ist. Schmal und uneben ist der Pfad, der ins Himmelreich führt, aber herrlich der Lohn, welcher der Gläubigen dort oben harret. Kein Haar befindet sich auf Euern Häuptern, das nicht gezählt wäre, und keine Trübsale treffen Euch, welche der Erlöser in seiner unbegreiflichen Weisheit nicht zur Läuterung Eurer Seelen für Euch bestimmt hätte. Freudig sollen wir mit Leib und Seele dazu beitragen, den Glanz und die Herrlichkeit des auserwählten Volkes zu vergrößern und seine Macht immer mehr zu befestigen. O, meine Brüder! Wir sind die Glieder einer endlosen Kette, und die Zeit ist nicht mehr fern, in welcher das Mormonentum den Erdball frei und sicher in seinen Händen hält, und die Heiligen der letzten Tage die Stelle unter den Nationen einnehmen, die ihnen gebührt und ihnen von dem Erlöser zuerkannt wurde!« In dem Grade, in welchem der Apostel seine Stimme hob und immer mehr das Wesen eines Lehrers der Wüste annahm, klärten sich die Züge seiner Zuhörer auf. Was auch ihre Brust bewegen mochte, als er geendigt, da leuchteten ihre Physiognomien in einer Art von religiöser Verzückung, die mit einer wilden Entschlossenheit um den Vorrang kämpfte. »Ich danke Dir für die Liebe, welche mein mutterloser Knabe in Deinem Hause gefunden hat, und würdige die Anhänglichkeit, welche Du und Deine Gattin dem Kinde noch immer bewahrtet«, sagte Holmsten, Elliot die Hand mit einem leisen Wink des Einverständnisses reichend. »Ja, mit vieler Liebe hängen wir an dem Kinde«, antwortete dieser, den Händedruck erwidernd, »möge es gedeihen zur Freude seines Vaters, gedeihen zu einer starken Säule unserer Gemeinde.« »Amen«, fügte der Apostel ernst hinzu, und alle erhoben sich, um sich mit Pfeifen zu versehen. Der Indianer aber folgte dem gegebenen Beispiel mit einer Schnelligkeit, die außer allem Zweifel ließ, daß er die Zeit vor dem Kamin nicht so teilnahmslos verbracht hatte, wie man hätte glauben mögen. Bald darauf saßen die vier Männer nebeneinander vor dem Feuer. Neues Holz war auf die verkohlenden Scheite geworfen worden, und indem die Flammen hoch in den Schornstein hinaufschlugen, führten sie zugleich den Tabaksrauch mit sich, der, in blauen Wölkchen den Pfeifen entströmend, sich langsam, wie vor einem leichten Luftzuge, der Kaminöffnung zuwand. »Sind von der Familie Jansen weitere Nachrichten eingelaufen?« fragte Elliot zögernd, nachdem er eine Weile vergeblich gehofft, daß der Apostel die Unterhaltung auf diesen Gegenstand lenken würde. »Ganz neuerdings erhielt ich Briefe von unserm New Yorker Agenten, in welchen derselbe sich ziemlich eingehend über jene Familie ausspricht.« »Sie haben also in der Tat New York unangefochten verlassen?« fragte Elliot gespannt. »Wenn die Verbindungen nicht nach allen Richtungen hin unterbrochen wären, so hätten wir wahrscheinlich erfahren, daß sie schon längst in Kalifornien eingetroffen seien und die Landreise von dort aus antraten.« »Welche Route werden sie wählen?« fragte Elliot weiter, während Holmsten kaum noch im Stande war, seine ängstliche Spannung hinter einer finsteren Miene zu verbergen. »Unbedingt den Weg über San Diego. Sie werden der sogenannten spanischen Fährte folgen, und auf dem verlorenen Posten am Virgin-Flusse, nahe an dessen Mündung in den Colorado, Rast halten. Sie treffen dort vermutlich auf eine Abteilung der Unsrigen, die damit beschäftigt sind, die starken Stämme der Mohave- und Chimehuewe-Indianer, welche das Tal des Colorado reich bevölkern, zu bekehren und für unsere Zwecke zu gewinnen. Auf Anordnung des Propheten sind schon Boten dorthin entsendet worden, um die Familie Jansen, welcher sich eine beträchtliche Zahl neu angeworbener Streiter zugesellte, zu veranlassen, auf jenem Posten bis auf weitere Befehle zu verweilen. Wir sind nämlich noch nicht einig, wo wir sie am besten und sichersten unterbringen, ob hier unten, oder oben in der Stadt. Abraham warnt uns nämlich, nicht unüberlegt zu handeln und dem jungen Mädchen gegenüber vorsichtig zu verfahren.« »Weiß sie um den Tod ihrer Schwester«, fragte Holmsten mit erkünstelter Ruhe. »Keine Silbe«, entgegnete der Apostel, »es ist eine böse Aufgabe, sie von dem Verlust in Kenntnis zu setzen, eine Aufgabe, die natürlich demjenigen zu lösen anheimfällt, dem die reiche Erbin als Gattin zuerkannt wird«, und so sprechend wechselte er einen Blick des Einverständnisses mit Elliot. »Möge sie sich gefügiger und verständiger zeigen, als ihre dahingeschiedene Schwester getan hat«, bemerkte Holmsten finster, indem er den Kopf wieder auf seine Hände und Knie stützte und die Finger in seine dichten, hellblonden Haare vergrub. »Ihr bezieht Euch auf Eure erste Gattin, die an Euch mit der Liebe einer Romanprinzessin hing und deshalb keine Teilnehmerin an ihrem Glück dulden wollte«, erklärte der Apostel, ohne darauf zu achten, daß Holmsten's Finger sich immer fester in seine Haare einkrallten, wie um sie mit der Wurzel herauszuwinden. »Sie war noch zu schwach für solche Erfahrungen; die angestammten Gebräuche standen ihr höher, als die Gesetze und das Glaubensbekenntnis des heiligen Mormonentums. Anders wäre es gewesen, hättet Ihr, als Ihr sie heimführtet, schon eine Gattin besessen. Das weibliche Geschlecht ist im Allgemeinen nicht mit dem klaren Blick des Mannes begabt; die Frauen wollen geleitet sein, und zwar ohne zu merken, daß man sie leitet. So werdet Ihr erleben, daß unsere junge Bekehrte, wenn sie erst unter uns weilt, sich leichter fügen lernt. Freilich hat Elliot den Vorteil, ihr schon zwei Lebensgefährtinnen vorstellen zu können, womit er sich aber, nach meiner auf vielfache Erfahrungen begründeten Ansicht, nicht übereilen darf. Es ist eine Erfahrung, die wir leider noch täglich in unserer Gemeinde wiederholt sehen, daß es für ein junges Mädchen leichter ist, die dritte, vierte, oder sprechen wir von meiner eigenen Familie, die achtzehnte in der Reihe der Gattinnen zu werden, als eine junge Frau sich darüber beruhigt, von Zeit zu Zeit eine neue Gefährtin sich zur Seite gestellt zu sehen. Und dennoch, wodurch erwirbt das schwächere Geschlecht sich vor allen Dingen die erhebende Hoffnung und Zuversicht auf das Himmelreich?« »Es soll sich ja wohl noch eine andere Dame in der Gesellschaft der jungen Jansen befinden?« fragte Elliot, der den Abhandlungen des Apostels nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte. »Die Gouvernante, eine Französin und mit Leib und Seele der heiligen Lehre ergeben«, antwortete dieser im Geschäftstone; »es sind indessen noch keine Bestimmungen über dieselbe getroffen worden. Da aber die Bekehrung des jungen Mädchens zum großen Teil ihrem Einfluß zugeschrieben werden darf, so wäre es wohl recht und billig, dafür auch ihre eigenen Wünsche zu berücksichtigen. Überläßt sie die Wahl eines Gatten dem Propheten, so ist vorauszusehen, daß sie demjenigen angesiegelt wird, in dessen Besitz das junge Mädchen und dessen Reichtum übergehen. Ihr wißt, einem weniger begüterten Manne dürfen keine zu große Lasten aufgebürdet werden. Und dann«, fuhr der Apostel fort, und seine Augen leuchteten vorübergehend in unheimlichem Feuer, »und dann bedenkt, Hertha Jansen soll schön sein, schön wie der junge Tag.« Elliot zuckte verächtlich mit den Achseln. »Ich füge mich in den Willen unseres kirchlichen und politischen Oberhauptes, in meinen Augen die höchste Macht dieser Welt«, sagte er endlich mit dem Ausdruck eines Märtyrers, »und wenn ich selbst dabei einen Wunsch hege, so ist es der, daß Hertha Jansen, nachdem sie durch den Segen der Kirche die Meinige geworden ist, den Sohn ihrer verstorbenen Schwester an Kindes Statt annehme.« Holmsten fuhr aus seiner nachdenklichen Stellung empor und starrte den Kommandanten eine Weile verwundert an. »Sie soll es, sie soll es«, sagte er dann mit dumpfer Stimme, Elliot die Hand hinhaltend, »aber ich stelle die Bedingung: es bleibt bei der alten Verabredung.« Elliot schlug in die dargebotene Rechte ein, und was sie auch immer miteinander verabredet haben mochten, durch tausend Eidschwüre hätten sie sich nicht für gebundener halten können, als durch den in Gegenwart des Apostels gewechselten Handschlag. »Gehen wir also zu dem ernsteren Teil meiner Sendung über«, sagte der Apostel, sobald er gewahrte, daß Elliot und Holmsten sich über die zwischen ihnen schwebende Frage geeinigt hatten. »Es betrifft das Wohl und die Wehe unseres Staates, und nicht weniger Eure Privatangelegenheiten. »Niemand kann ahnen, ob die Vorsehung noch weitere Heimsuchungen über unser verfolgtes Volk verhängt hat, um es später zu um so höherem Glanze zu erheben und ihm dennoch eine andere Stelle zur Gründung des goldenen Zion und des heiligen Tempels anzuweisen. Wir müssen auf alles vorbereitet sein. Unsere Feinde mögen anrücken, wie Herden schädlicher Heuschrecken, sie mögen die Gebirgspässe mit ihren Leibern ausfüllen und in unser gesegnetes, Gott geweihtes Tal eindringen, aber sie dürfen nichts finden, als rauchende Trümmerhaufen und verwüstete Felder. Auf den unzugänglichen Abhängen der Berge aber werden die Mutigsten unseres Volkes auf sie lauern und, bei Nacht wie bei Tage, wo es am wenigsten erwartet wird, auf sie niederstürzen und Tod und Verderben in ihren Reihen verbreiten. »Doch Weiber, Greise und Kinder sind nicht geschaffen für den Guerillakrieg; für sie muß ein weites Tor geöffnet werden, durch welches sie, wie einst die Israeliten unter Moses Führung, durch die Wüsten einem friedlichen, gelobten Lande zuziehen. Der große Colorado berührt den südlichen Teil unseres Gebietes, und fließt hinunter in den Golf von Kalifornien, wo er sich angesichts der Küsten von Sonora mit dem Meer vereinigt. »Sonora ist unser Ziel, der Colorado unsere Straße, auf welcher wir, im schlimmsten Falle, unsere Weiber und Kinder in Sicherheit bringen. Der Colorado ist ein reißender, gefährlicher Strom, jedoch schiffbar für Flöße und flachgehende Fahrzeuge. Unsere Feinde stehen im Begriff, den großen Wüstenstrom mittelst eines kleinen Dampfbootes zu erforschen; nach den neusten Nachrichten waren sie schon bis zu den Dörfern der Mohave-Indianer vorgedrungen. Unsere dorthin entsendeten Männer haben den Auftrag erhalten, sich mit Hilfe der Eingeborenen des Dampfbootes zu bemächtigen und dessen Bemannung gefangen zu nehmen, sie im Fall des Widerstandes zu töten, oder durch die Eingeborenen töten zu lassen. Besitzen wir das Dampfboot, so gehört der Colorado uns; denn das nahe seiner Mündung gelegene Fort wird einigen Hundert unserer entschlossensten Gebirgsjäger nicht lange Stand halten. Ehe aber Verstärkungen in hinreichender Anzahl eingetroffen sind, um uns den Besitz des Colorado streitig zu machen, befindet sich das heilige Volk der Mormonen im Staate Sonora, wohin der Arm der Gentiles nicht reicht, und wo unserer eine gastliche Aufnahme harret. Doch merkt auf, meine Brüder, es ist dies ein Ausweg, der nur im äußersten Notfall eingeschlagen werden darf und bis dahin selbst unserem Volke ein Geheimnis bleiben muß. Es gibt sogar unter den Auserwählten des Herrn Schwachherzige, die, um einem blutigen Kampfe auszuweichen, auf sofortige Auswanderung dringen und Mißstimmung und Zwietracht in unseren Reihen verbreiten würden. Ihr gehört zu den wenigen Auserwählten, die mit allen Plänen des Propheten vertraut gemacht werden sollen, um ihm desto leichter und nachhaltiger mit Rat und Tat zur Seite stehen zu können. »Ihr, Bruder Elliot, seid dazu auserkoren, die Dinge am Colorado in Eure Hand zu nehmen und dort über unser Wohl zu wachen. Ihr werdet daher den Befehl über Fort Utah einem andern übertragen, und Euch schon innerhalb zweier Tage auf den Weg nach der Mündung des Rio Virgin begeben. Hier sind die Papiere, welche Euch als Kommandant jenes Postens beglaubigen«, fuhr der Apostel fort, indem er Elliot einen dicken versiegelten Brief überreichte. »Ihr seid Befehlshaber aller dort anwesenden Mormonen, so wie auch derjenigen, die voraussichtlich innerhalb der nächsten Monate von der kalifornischen Küste aus daselbst eintreffen werden. Der Prophet setzt in Euch das unbedingte Vertrauen, nehmt daher die Vorteile unseres Volkes wahr. Befestigt den Posten, wenn Ihr es für nötig haltet, gebt ihn auf, wenn er Euch überflüssig erscheint. Behaltet die Leute bei Euch, wenn Ihr glaubt, sie verwenden zu können, schickt hierher, was Ihr nicht gebraucht und was Euch hinderlich ist, oder kommt selbst mit allen, wenn Ihr es für ratsam erachtet.« Elliot schaute sinnend vor sich auf den Boden und nickte zustimmend mit dem Haupte. »Ist es wahrscheinlich, daß ich über kurz oder lang nach der Salzseestadt berufen werde?« fragte er dann, gespannt zu dem Apostel emporblickend. »Die Augen unseres Präsidenten sind beständig auf Euch gerichtet«, antwortete dieser, »und ich bezweifle nicht, daß Ihr bald in die Gesellschaft der Oberen eintreten werdet. Vorläufig aber gehorcht blindlings den Euch zugehenden Befehlen, die nur zum Wohle des Staates und zu dem Eurigen erteilt werden. Den Beweis dafür habt Ihr soeben erhalten, denn nicht der politischen Wichtigkeit wegen seid Ihr zu dieser Sendung auserkoren worden, sondern auch weil Ihr auf diesem Wege mit der Euch bestimmten Gattin zusammentrefft. Es wird Euch die Gelegenheit geboten, während der Herreise und im steten Verkehr mit dem jungen Mädchen einen entscheidenden Einfluß auf das noch ungeschulte Gemüt zu gewinnen und auszuüben. Abraham schreibt übrigens von New York aus Wunderdinge über den Charakter des schönen Kindes. Voraussichtlich haben aber Jansen und Rynolds, wenn auch nicht vertraut mit den von uns betreffs ihrer Schutzbefohlenen entworfenen Plänen und Absichten, dieselbe doch schon im Allgemeinen vorbereitet. Ihr werdet daher kaum noch auf ernste Schwierigkeiten stoßen, und da ferner das große Vermögen nur zwischen Euch und Holmsten zur Teilung kommt, so liegt es wohl klar genug am Tage, daß zwei Leute, die über so beträchtliche Stellen berechtigt sind, nicht lange in untergeordneten Verhältnissen bleiben können.« Während des letzten Teils seiner Rede beobachtete der Apostel die beiden Männer aufs Schärfste, und es gereichte ihm zur größten Befriedigung, zu gewahren, daß sie sich aus ihrer jetzigen nachdenkenden Stellung aufrichten und mit enthusiastisch glühenden Augen zu ihm hinüberschauten. »Wen soll ich zu meinem Begleiter wählen, oder soll ich allein an den Rio Virgin hinabziehen?« fragte Elliot mit entschlossenem Wesen. »Allein die wochenlange Reise durch die winterlichen Wüsten anzutreten, dürfte wohl zu gefährlich sein«, antwortete der Apostel, kaum fähig, sein Erstaunen über Elliot's Mut zu unterdrücken. »Ihr wählt zwei oder drei von Euern Leuten, die Ihr am geeignetsten für das Unternehmen haltet, außerdem soll Euch der Schlangen-Indianer hier begleiten. Derselbe versteht notdürftig die Sprachen der Eingeborenen am Colorado, und kann Euch daher zugleich als Dolmetscher und Späher dienen.« Der Indianer saß noch immer in seiner teilnahmslosen Stellung da; nur gelegentlich machte er eine kurze Bewegung, um die weiße Asche in seiner Pfeife niederzudrücken, oder zwischen den flackernden Holzscheiten zu schüren. Die Unterhaltung, deren Zeuge er gewesen, schien er nicht verstanden oder nicht beachtet zu haben, denn sogar als der Apostel seiner erwähnte, blieb er so starr und unbeweglich, als sei er gegen alle äußeren Eindrücke vollständig abgestorben gewesen. Elliot betrachtete ihn eine Weile sinnend. Er kannte ihn schon lange als einen verschlagenen Menschen, der sich zwar bei mehr als einer Gelegenheit als treu und zuverlässig ausgewiesen hatte, und namentlich viel dazu beitrug, daß der Einfluß der Mormonen unter den eingeborenen Stämmen immer mehr an Gewicht und Umfang gewann, dem er aber, seiner Habgier wegen, doch nicht glaubte trauen zu dürfen. Er wußte daher nicht, sollte er sich freuen oder Mißvergnügen darüber empfinden, daß man ihm einen Häuptling mitgab, den er seiner außerordentlichen Verschlagenheit wegen vielleicht mehr fürchtete, als bewunderte. Daß derselbe in hohem Grade das Vertrauen des obersten Propheten besaß, bewies schon allein sein, nach indianischen Begriffen, verhältnismäßig sehr reicher und glänzender Anzug. Doch wenn auch andere ihm so unbedingt trauten und von seiner treuen Hingebung überzeugt waren, so war damit doch nicht festgestellt, daß auch er sich auf ihn so vollkommen verlassen dürfe. Indessen gab er sich mit schlauer Berechnung den Anschein, als wenn er sich über die Gesellschaft des Indianers freue, und ihm die Hand reichend fragte er ihn, ob er ihn auch gern an den Rio Virgin begleite. »La Bataille ein Mormone« antwortete der wilde Krieger, indem er seine Hand langsam in die Elliot's legte, »alle Indianer Mormonen; sie leben in der Wüste, als Kinder der verloren gegangenen Stämme. Viele wissen es, viele wissen es nicht. Die es aber wissen, hören gern die Befehle des weisen Vaters am Salzsee. Der weise Vater am Salzsee hat La Bataille geboten, an den Rio Virgin zu ziehen, und daher tut La Bataille es gern.« »Lieber hätte ich gehört, daß Du auch meinetwegen gern mitzögest«, versetzte Elliot mit einem Anflug von Mißvergnügen über die Antwort des mit allen Wendungen der zivilisierten Sprache so vertrauten Häuptlings, »doch wenn Du genau nach den Befehlen des weisen Vaters am Salzsee handelst, dann werden wir gute Gefährten sein.« Der Indianer nickte kaum merklich, und gleich darauf nahm er wieder seine scheinbar teilnahmslose Stellung ein. Elliot gab sich mit dieser Erörterung zufrieden, und da die Nacht schon ziemlich weit vorgeschritten war, so begann er aus Decken und Büffelhäuten für seine Gäste ein Lager vor dem Kamin herzustellen, worauf er sich nach der andern Seite des Hauses hinüber begab, um die Seinigen von der bevorstehenden schleunigen Abreise in Kenntnis zu setzen. Der Apostel, Holmsten und La Bataille wechselten nur noch wenige Worte miteinander. Der scharfe Ritt des Tages und die Kälte hatten sie ermüdet; sie wickelten sich daher in die für sie bestimmten Decken, und bald darauf verrieten die tiefen und regelmäßigen Atemzüge, daß sie eingeschlafen waren.– Draußen aber sank der Schnee fort und fort in dichten Massen nieder, und undurchdringlich schwarze Dunkelheit verhüllte das Fort und seine ganze Umgebung. Matte Lichtschimmer fielen durch einzelne kleine Fenster, hinter welchen die Nacht hindurch, zur Vermehrung der Behaglichkeit, helle Kaminfeuer in Brand gehalten wurden, während am Ausgang des inneren Hofes der helle Schein einer Lampe und eines flackernden Scheiterhaufens durch eine schlecht verhangene Tür ins Freie drang. Zwei, auch wohl drei bewaffnete Männer gingen daselbst von Zeit zu Zeit aus und ein. Es waren die Wachen, die abwechselnd in der Begleitung von abgerichteten Hunden die Pallisaden umkreisten, dann wieder in dem stallähnlichen Gemach die Flocken von ihren langhaarigen Röcken schüttelten und die an den kalten Büchsenläufen erstarrenden Hände aufwärmten. Obgleich sie sich von den Eingeborenen gefürchtet, die Vereinigten Staaten-Truppen aber weit auf jener Seite des Wahsatch-Gebirges wußten, so ließen sie doch keinen Augenblick in ihrer Wachsamkeit nach. Die Nacht war ja so schwarz, so recht zu feindlichen Überfällen, aber auch zu behaglicher Ruhe unter schirmendem Obdach geschaffen; und die Nacht in den westlichen wilden Regionen ist keines Menschen Freund. – 6. Am Rio Virgin Wenn es auf der Erde Punkte gibt, von denen man, ihrer Lieblichkeit wegen, sagen möchte: »Hier hat Gott die Welt geschaffen«, so gibt es auch wieder andere, von welchen man zu behaupten geneigt ist, daß sie an den Schöpfungstagen so weit entfernt und versteckt lagen, daß keine einzige der in Fülle ausgestreuten Segnungen sie erreichte, und sie daher öde und starr, als Überreste des vorweltlichen Chaos, liegen blieben, um auf ewige Zeiten von Menschen und Tieren, ja sogar von dem geringsten organischen Leben ängstlich gemieden zu werden. Ein solcher Punkt, oder vielmehr eine solch umfangreiche Fläche des vorweltlichen Chaos befindet sich da, wo der auf der Westseite der Rocky Mountains entspringende Colorado, auf seinem Wege nach dem Golf von Kalifornien, das gewaltige Hochland zwischen New Mexico und Kalifornien durchschneidet und diese beiden Staaten durch furchtbare, unübersteigliche und unzugängliche Schluchten voneinander trennt. Wer sich am Rande der endlosen Grasfluren Missouris befindet, oder die schrecklichen afrikanischen Sandsteppen vor sich sieht und seine Gedanken nach einem fernen Ziel hinübersendet, der weiß, daß keine unübersteiglichen Hindernisse ihn von demselben trennen, wenn er sich verständig mit allem ausgerüstet hat, was der Bodengestaltung, dem Klima und den ganzen Verhältnissen des von ihm zu durchwandernden Landes entspricht. Auf dem Hochlande von New Mexico ist es anders. Mag der Mensch sich umgeben haben mit den größten Bequemlichkeiten des Lebens; mögen kühne Herzen und starke Hände im Überfluß ihn begleiten; mag er mit sich führen alle Hilfsmittel und Gerätschaften, welche es ermöglichen, die höchsten Gebirge, die reißendsten Ströme zu überschreiten, gelangt er auf das zerklüftete Hochland von New Mexico, wo meilentiefe Schluchten mit senkrechten Wänden sich vor ihm öffnen und ihm gleichsam ein gebieterisches Halt zurufen, dann wird er sich seiner Ohnmacht bewußt. Er, der furchtlos nach den Gipfeln der über die Wolken hinausragenden Berge hinaufblickte und mit jugendlicher Vermessenheit das Leben an die Ersteigung derselben wagte, am Rande der Abgründe, in deren Tiefe alles vor dem überraschten Auge ineinander verschwimmt, wird er schwindelnd zurückbeben, und ratlos irrt sein Auge umher, nach einem Auswege aus diesem furchtbar erhabenen Labyrinth spähend! Überall die scheinbar ununterbrochene Ebene mit den spärlich zerstreuten, verkrüppelten Zederbüschen; überall festes, massives Gestein, durchfurcht von Schluchten, die, erst aus geringer Entfernung bemerkbar, in den Mittelpunkt der Erde hinabzuführen scheinen; über dem dürren, wasserarmen Hochlande aber der lichtblaue, regenlose Himmel, und tief, tief unten, unerreichbar tief, der wilde Strom, der schäumend über niedergebrochenen Felsblöcke und grobes Geröll dahindonnert. Wehe dem Menschen, der sich dorthin verirrt und bei seinem Suchen nach einem Labetrunk plötzlich den Weg hinter sich abgeschnitten findet! Das Auge, welches sich anfangs ergötzte an dem Farbenspiel der übereinandergeschichteten mächtigen Gesteinslagen tausendjähriger Epochen, entzündet sich durch den steten Anblick der im Sonnenschein flimmernden grellen Schattierungen; die Hitze des Tages dörrt seine Zunge und erschöpft seine Kräfte in den glühend heißen Steinkesseln; die eisige Nachtluft erstarrt seine Glieder auf derselben Stelle, auf welcher ihn wenige Stunden vorher die unerträgliche Glut zu ersticken drohte. Vergeblich forscht er nach Spuren des Wildes, um, denselben folgend, an das Ende seiner Qualen zu gelangen; denn scheu flieht das Wild jene Regionen, und wenn es wirklich dort hinabgelangte, der feste rote Sandstein, auf welchem der Wetterstrahl kaum eine Spur zurücklassen vermag, würde auch nicht den leisesten Abdruck des schärfsten Hufes annehmen. – In den Lüften kreist der Adler und majestätisch senkt er sich in die grausigen Tiefen hinab; im Schaum des Colorade spielt furchtlos die Gebirgsforelle, der Mensch aber schaut verzweifelnd um sich, von allen Seiten starrt ihm der Untergang in der gräßlichsten Gestalt entgegen. – Das eigentliche massive Hochland, welches sich bis zu neuntausend Fuß hoch über den Meeresspiegel erhebt, während der Colorado sein Bett schon bis auf fünfzehnhundert Fuß hinabgebrochen und gewühlt hat, beginnt von Süden aus erst oberhalb der Mündung des Rio Virgin. Bis dahin wechseln vegetationslose Kiesebenen mit nackten Gebirgszügen ab, und verhältnismäßig klein sind die kulturfähigen Talstreifen, welche den Lauf größerer Gewässer bezeichnen. Es erfordert daher eine gewisse Entsagung, gepaart mit unerschütterlicher Kühnheit, sich inmitten dieser furchtbaren Wüsten niederzulassen und irgend einen kleinen, fruchtbaren Talwinkel zur Heimat zu wählen, um dort die Zeit, ähnlich einem lebendig Begrabenen, hinzubringen. Wovor die meisten, welche die Zivilisation mit ihren Genüssen kennen lernten, zurückschrecken, damit macht der Mormone sich vertraut; seine Energie scheint mit den Hindernissen zu wachsen, welche sich ihm entgegenstellen, und beseelt von religiösem Fanatismus sucht er förmlich eine Ehre darin, den Kampf mit den Verhältnissen, den Elementen und der Bodengestaltung einzugehen und siegreich zu bestehen. So ist denn auch hart am Rande des eben beschriebenen Hochlandes und in der Mitte einer nicht minder ungastlichen Wildnis, nämlich am Rio Virgin, vom großen Salzsee aus eine kleine Niederlassung gegründet worden. Dieselbe wird indessen, des Mangels an hinreichendem fruchtbaren Boden wegen, weniger als ein dauernder Aufenthalt von Menschen betrachtet. Sie soll vielmehr eine Art von Station bilden, um den von der Küste der Südsee aus heraufkommenden Emigrantenzügen einen geeigneten Punkt zur längeren Rast zu bieten und ihnen die Weiterreise nach der heiligen Stadt zu erleichtern. Zur Zeit, als der Mormonenkrieg auszubrechen drohte, hatte jener Punkt aus strategischen Rücksichten eine größere Wichtigkeit erlangt. Es ist damit nicht gesagt, daß derselbe in eine Befestigung mit einer stehenden Besatzung umgewandelt worden wäre. Im Gegenteil, die wenigen dort lebenden Familien hatten sich nach Fort Utah und dem Salzsee hinaufziehen müssen, weshalb die unbewohnten Hütten dem Verfall geweiht zu sein schienen. Dieselben wurden indessen als ein Versammlungsort umherstreifender Expeditionen betrachtet, und als eine Station, von welcher aus, vermöge der günstigen Lage, am besten kleinere Patrouillen gegen Süden, namentlich am Colorado hinunter entsendet werden konnten. – Drei Wochen waren seit dem Besuch des Apostels auf Fort Utah verstrichen, da bot jene Ansiedelung am Rio Virgin das Bild eines überaus regen Verkehrs. In der Niederung, welche ein spärlicher Mantel frischen Frühlingsgrases deckte, weidete eine starke Herde von Maultieren und Pferden; um die Hütten herum standen Reihen großer, mit Leinwand gedeckter Wagen und mehrere leicht gebaute Reisekaleschen. Rauchsäulen entstiegen den Schornsteinen der Baulichkeiten und den Lagerfeuern, die in weiterem Umkreise um die Wagen angelegt worden waren, und zwischen Hütten und Wagen, bei den Herden und vor den Feuern bewegten sich Männer, Frauen und Kinder, denen man es wohl ansah, daß sie schon eine lange und beschwerliche Reise zurückgelegt hatten, und sich daher doppelt der ihnen gebotenen Tage der Rast erfreuten. Es war ein schöner Frühlingsmorgen; lieblich strahlte die Sonne von dem bläuen Himmel nieder, und die dem schmalen Talstreifen entkeimenden Gräser und Kräuter trugen einen so heiteren Schiller, der Rio Virgin, der zur Zeit kaum den Boden seines Bettes bedeckte, sprudelte so lustig über buntfarbiges Gestein dahin und polterte so ausgelassen gegen die in seinem Wege liegenden Porphyrblöcke, daß man sich ganz wo anders hatte wähnen mögen, als im Herzen der gefürchteten Coloradowüste, wenn die starren Trachytmassen, die sich ringsum zu den phantastischen Gebilden von gewaltigem Umfange auftürmten, nicht beständig daran gemahnt hätten. Ja, die Berge, deren schroffe und ausgezackten Abhänge jeder Spur von Vegetation entbehrten, verwischten schnell wieder den freundlichen Eindruck, welchen das zwischen ihnen liegende Bild menschlicher Regsamkeit hervorrief. Dieses aber verlor viel von seinem friedlichen Charakter, wenn man die mit langen Büchsen bewaffneten Schildwachen auf den nächsten Höhen beachtete, oder wenn man seine Aufmerksamkeit zwei abseits stehenden, schwarz angestrichenen Wagen zuwendete, auf deren Verdeck das Wort »Munition« mit großen Buchstaben geschrieben stand. Zwei leichte Berghaubitzen, die neben den Munitionswagen aufgefahren waren und an deren eine Lafette sich eine Schildwache lehnte, dienten ebenfalls nicht dazu, die dort lagernde Karavane als eine solche erscheinen zu lassen, die sich nur auf einen etwaigen Zusammenstoß mit den wilden Eingeborenen vorbereitet hatte. Eine gewisse Sorglosigkeit war indessen überall vorherrschend; selbst die Schildwachen schienen nicht für die Sicherheit des Lagers zu fürchten, oder sie würden, anstatt ihre Blicke nachlässig nur in die Ferne zu senden, auch der näheren Umgebung ihre Wachsamkeit zugewendet und dort vielleicht Manches entdeckt haben, wodurch ihr Mißtrauen wachgerufen worden wäre. Da das Tal ringsum von Felsen abgeschlossen war, der Ausgang wie der Eingang in dasselbe vom Lager aus übersehen werden konnte, so hatte man der Herde gestattet, sich nach Willkür zu zerstreuen und, je nach Bedürfnis und Neigung, bald nach verdorrten, aber süßen Grasbüscheln zwisehen dem Gestein, bald nach frischen Kräutern in der Niederung zu suchen, oder auch, um zu trinken, an den Fluß hinabzusteigen. Wie der Fluß sich auf der Südseite des Tales zwischen hoch aufstrebenden Felswänden verlor, so entströmte er auf der Nordseite einem ähnlichen Engpaß, und gerade in der Nähe von diesem letztern war es, wo die Tiere sich vorzugsweise zum Wasser hinabbegaben, weil derselbe dort bei einer kurzen Biegung durch das Anschwemmen von Sand eine natürliche, leicht zugängliche Tränke gebildet hatte. Die meisten der Leute hatten sich eben zum Frühmahl niedergelassen, und nur noch vereinzelte Gestalten bewegten sich zwischen den Feuern und Feldtischen hin und her, als abermals ein schönes, kräftiges Pferd sich der Tränke näherte und, die tiefste Stelle des Wassers aufsuchend, sich nach Herzenslust aus den klaren Fluten labte. Während es noch trank, fielen seine Blicke auf einen Streifen grüner Binsenhalme, die in dem Paß, hart am Rande des Wassers, dem feuchten Erdreich entsprossen zu sein schienen, in der Tat aber nur mit hinterlistiger Absicht dorthin gesteckt und gelegt worden waren. Das Pferd wieherte leise vor Freude, als es seine Lieblingsspeise erkannte, denn nur sehr kärglich war ihm dergleichen in den letzten Monaten zu Teil geworden, und ohne zu zögern schritt es in den Paß hinein, vorsichtig den mit Wasser bedeckten Boden unter sich prüfend. Sehr bald befand es sich, außerhalb des Gesichtskreises der Schildwachen und Hüter, und nur noch wenig Schritte trennten es von dem erwünschten Futter. Plötzlich schien sein Argwohn zu erwachen, denn es blieb stehen, und indem es den Kopf weit vorreckte und die jungen Binsen beschnupperte, stieß es schnaubend den Atem durch die gespreizten Nüstern. Es bestand gewissermaßen einen Kampf mit seiner Lüsternheit, denn indem es die deutlichen Zeichen von Furcht äußerte, reckte es seinen Hals immer weiter aus, bis es die ersten Binsen mit der Nase berührte. Abermals schnaubte es laut, und gleichzeitig richtete es sich, wie um zu lauschen, empor. Da schoben sich einige Fuß hoch über ihm aus einer Felsspalte zwei schwarz behaarte zottige Köpfe geräuschlos hervor, denen eben so leise vier braune, mit kurzen starken Bogen bewaffnete Hände nachfolgten. Die Bogen krümmten sich, ein singender, scharfer Ton wurde vernehmbar, und zwei lange Rohrpfeile hafteten gleich darauf in den Weichen und zwischen den Vorderrippen des armen Tieres. Schmerzlich zuckte es zusammen, als die mit scharfen Steinspitzen versehenen Geschossen in seinen Körper eindrangen, allein die Todesangst, von der es augenblicklich befallen wurde, war so groß, und das Entsetzen lähmte seine Kräfte in so hohem Grade, daß es sich, trotzdem die Wunden von keiner schnell tötenden Wirkung begleitet waren, nicht von der Stelle zu rühren vermochte, und ruhig duldete, daß die beiden Wilden ihm von ihrem Versteck aus, jeder schnell hintereinander, noch drei Pfeile zusendeten. Bei den letzten Schüssen erst wankte es, und einen flehenden Blick nach der Stelle hinaufsendend, von wo aus es den Tod empfangen hatte, sank es zuerst auf die Knie und dann auf die Seite nieder, in welcher die Geschosse hafteten, im Falle die schwanken Schäfte zerknickend. Kaum sahen die Wilden, daß ihre List von dem erhofften Erfolge gekrönt war, so kletterten sie wie Affen von der Felswand nieder, und während der eine sich auf den Hals des Pferdes warf und mittelst eines kurzen, schartigen Messers dessen Luftröhre durchschnitt, eilte der andere mit unglaublicher Gewandheit bis an die Öffnung des Passes vor, von wo aus er unbemerkt einen spähenden Blick über das Mormonenlager sandte. Eine teuflische Freude leuchtete in dem tierischen Gesicht des kleinen, hageren, ungestalteten Indianers auf, als er bemerkte, daß keine ungewöhnliche Bewegung sich unter den von ihm beobachteten Leuten kundgab, also sie und ihr hinterlistiges Verfahren unentdeckt geblieben waren. Der Ausdruck der Freude verwandelte sich aber in den der unersättlichen Gier einer hungrigen Bestie, sobald er sich umwendete und das Wasser, in welchem er watete, von Blut gerötet sah. Den Bogen hatte er zu dem zerrissenen Köcher auf den Rücken gehangen, ein breites langes Messer, welches er selbst aus einem Stück von dem Reifen eines Wagenrades angefertigt, blitzte in seiner Hand, doch ehe er sich gleich seinem Gefährten über das verendende Pferd hinwarf, ließ er einen kurzen zischenden Ton in den Paß hinein erschallen. Auf dieses Signal begann es hinter der nächsten Biegung der Felsenstraße in dem Wasser zu plätschern, und wie ein Rudel scheußlicher Gnomen kamen noch gegen zwanzig häßliche kleine Gestalten jeden Alters und Geschlechts herbeigestürzt. Alle waren unbekleidet, nur ein Bündel dürren Grases vertrat die Stelle des indianischen Schurzes, während die langen struppigen Haare, wie Stacheln, von den Schädeln steif abstanden, und die mit einer dicken Lage von Fett und Schmutz überzogenen Gesichtszüge und Glieder kaum noch eine Ähnlichkeit mit menschlichen Geschöpfen trugen. Eilfertig, wie losgelassene Wölfe, aber auch so geräuschlos sprangen sie herbei; in den Händen trugen sie Messer, geschärfte Metallstücke und Steine, und kaum hatten sie die Stelle erreicht, wo die beiden ersten Wilden schon mit dem Zerlegen des Fleisches beschäftigt waren, so verschwand auch der Körper des im seichten Wasser liegenden Pferdes in einem dichten Gewühl von braunen Gliedern, über welche dann gar seltsam hin und wieder die schwarzen zottigen Köpfe emportauchten. Mehrere Minuten vergingen, ohne daß ein anderes Geräusch zu vernehmen gewesen wäre, als das Zerren und Reißen an dem Fleisch und den Knochen, und das leise unwillige Schnattern, mit welchem die elenden Geschöpfe sich gegenseitig ihre Beute streitig machten. Dann aber löste sich das widerwärtige Knäuel auseinander, und einzeln entflohen die mit Blut besudelten Gestalten, jede beladen mit einem Gliede oder einem Stück Fleisch des geschlachteten Pferdes, wie es gerade der Zufall in die Hände geführt oder den Kräften entsprechend gewesen war. Die beiden Männer, welche das Pferd getötet hatten, waren die letzten, welche sich mit ihrer Beute beluden; doch nicht eher folgten sie ihren Stammesgenossen nach, als bis sie noch einmal in die Mündung des Passes geschlichen waren und von dort aus zu den beim Frühmahl beschäftigten Mormonen hinübergespäht hatten. Als dann endlich auch diese zwischen dem aufstrebenden Gestein verschwanden, da befand sich auf der eben noch so unheimlich belebten Stelle nichts, als der Kopf des Pferdes und eine große Blutlache, die von dem eilig fließenden Wasser dem Lager zugetrieben wurde. – Die Mormonen saßen noch immer bei ihrem Frühmahl. Sie gaben zwar keine äußeren Merkmale einer fröhlichen, hoffnungsvollen Stimmung von sich, doch dachten sie an nichts weniger, als daß sie zu der nämlichen Zeit an ihrem Eigentum geschädigt werden könnten. Allmählich erhob man sich von den Feldtischen und vom grünen Rasen, auf welchem für die meisten gedeckt gewesen, und geschäftig begaben sich Frauen und Kinder an den Fluß, um die gebrauchten Gerätschaften zu reinigen. Kaum aber hatten die ersten den nur wenig Wasser führenden Bach erreicht, so schauten sie verwundert und mit einer Anwandlung von Schrecken auf die getrübten und von Blut geröteten Fluten. Auf ihren Ruf eilten von allen Seiten Männer herbei, und nachdem diese sich überzeugt, daß die Farbe des Wassers wirklich von frisch vergossenem Blute herrühre, trennten sich ein Dutzend bewaffneter Jäger von der übrigen Gesellschaft und folgten langsamen Schrittes dem Flüßchen stromaufwärts, um die Ursache dieser verdächtigen Erscheinung zu erforschen. Sie näherten sich schnell dem Engpaß, in welchem das Pferd von den Wilden getötet worden war, und wenn auch das Wasser sich dort wieder geklärt hatte, so entdeckten sie doch bei genauerer Untersuchung noch immer einen schmalen roten Streifen, der eben erst im Begriff war, sich mit den sprudelnden Fluten zu vermischen. Mit größerer Vorsicht, als bisher, drangen sie in den Paß ein, und ein unbestimmter Schrecken bemächtigte sich aller, als sie plötzlich den blutigen Kopf eines ihrer besten Pferde gewahrten und den sichersten Beweis von der Nähe feindlicher Indianer erhielten. Ihr erster Gedanke war, daß ihr Lager umzingelt sei und daß im nächsten Augenblick die unsichtbaren Feinde aus den Schluchten und Felsspalten hervorstürzen und mit einem Blutbade unter den wehrlosen Weibern und Kindern beginnen würden. Vollen Laufs eilten sie daher nach dem Lager zurück, und indem sie die Schildwachen auf den Höhen ermahnten, auf ihrer Hut zu sein, riefen sie sogleich die ganze streitbare Mannschaft zusammen, um so schnell wie möglich die nötigen Maßregeln zur Verteidigung zu treffen. Ein wirres, lebhaftes Treiben entstand jetzt unter den Mormonen. An einer gewissen Ordnung aber, und an der Stille, mit welcher die erteilten Befehle sogar von Weibern und Kindern ausgeführt wurden, erkannte man sehr wohl, daß Umsicht und Strenge in dem Lager walteten und man keineswegs auf dergleichen störende Zwischenfälle unvorbereitet war. Hier flüchteten Frauen und Kinder nach den Blockhütten, dort verteilten sich die mit Büchsen bewaffneten Männer bei den Wagen, während eine größere Abteilung sich nach dem Rande des Tales hinüber begab, um die Pferde und Maultiere herbeizutreiben, und zwei andere, jede aus nur vier Mann bestehend, sich anschickten, in die Schluchten einzudringen, um sich eine genauere Kenntnis von ihrer vermeintlich gefahrvollen Lage zu verschaffen. Die Patrouillen waren aber noch nicht aus dem Gesichtskreise der Zurückbleibenden getreten, da lenkte plötzlich ein jauchzender Ruf und einige in ähnlicher Weise ausgestoßene, aber unverständliche Worte die Aufmerksamkeit aller nach dem südlichen Talende hinüber. Auf dem äußersten Rande der schroffen Felswand, hinter welcher der Rio Virgin in den bis an den Colorado fortlaufenden Engpaß eintrat, standen zwei unbewaffnete und unbekleidete Indianer von riesenhaftem Körperbau, welche offenbar sich nicht nur bemerklich machen wollten, sondern auch eine Zusammenkunft mit den Mormonen herbeizuführen wünschten. Wie sie dort hinaufgekommen waren und ob sie daselbst schon lange zugebracht hatten, wußte niemand; doch wurden sie von den Mormonen selbstverständlich als mit zu der Bande gehörig betrachtet, von welcher in dem gegenüberliegenden Paß die blutigen Zeichen zurückgelassen worden waren. Es ging wenigstens daraus hervor, daß die Mündungen mehrerer Büchsen sich hoben, und durch Gebärden und Ruf die Aufforderung an sie gerichtet wurde, in das Tal hinabzusteigen und dort Rede zu stehen. Die drohende Art, in welcher man von allen Seiten herbeieilte, und die ungestümen, feindliche Absichten verratenden Zeichen schienen den Fremdlingen indessen keine Besorgnis einzuflößen. Sie verharrten in ihrer ruhigen, bis zu einem gewissen Grade würdevollen Haltung und beratschlagten so ungestört miteinander, als wenn sie die Unverwundbarkeit eines Achilles besessen hätten. Als die Mormonen aber, um die vermeintlichen Räuber nicht entfliehen zu lassen, sich in einen Halbkreis vor der Felswand aufstellten und ihre Aufforderung an die Indianer immer drohender und dringender wiederholten, schlug der größere der beiden Krieger, der sich vor seinem Kameraden durch einen um sein Haupt geschlungenen buntfarbigen Schal auszeichnete, die Arme über seine hohe Brust zusammen, und indem er noch dichter an den Rand des Felsens herantrat, rief er mehrere Male mit wohlklingender, auffallend sanfter Stimme das Wort »Achotka« (beste Absicht bedeutende Begrüßung der Colorado-Indianer) hinunter, wobei er in der zutraulichsten Weise lächelte und nickte. Die Aufregung der Mormonen wurde dadurch nicht beschwichtigt; im Gegenteil, sie schrieben die sichere Haltung der Fremdlinge dem Bewußtsein zu, sich dort nicht ohne hinreichenden Schutz zu befinden, und von neuem brachen die Patrouillen auf, um die Schluchten nach verborgenen Feinden zu durchspähen. Ein großer Teil blieb dagegen vor der Felswand zurück, entschlossen, die Indianer lieber herunterzuschießen, als sie entkommen zu lassen. Dieser Vorsorge bedurfte es jedoch nicht; denn der mit dem Schal geschmückte Krieger wendete plötzlich den Kopf rückwärts und rief laut und deutlich den Namen »Nava- rupe« aus, worauf er, seinem breitschulterigen Gefährten voran, gewandt den Abhang hinunterzuklettern begann. Sie hatten die Hälfte ihres gefährlichen Weges zurückgelegt, da stießen die sie bewachenden Mormonen einen Ruf besorgnisvoller Bewunderung aus, denn sie bemerkten, daß auf der Stelle, wo die beiden Krieger eben noch standen, jetzt ein junger, schlanker Bursche kauerte, der auf geheimnisvolle Weise hinter den nächsten Felsblöcken hervorgeglitten war. Derselbe zeigte ebenfalls, trotzdem er sein Gesicht, bis auf einen von der Stirn über die Nase und das Kinn laufenden feuerfarbigen Strich, schwarz bemalt hatte, ein durchaus friedfertiges Äußeres. Dagegen weigerte er sich standhaft, in das Tal hinabzusteigen, und alle an ihn ergehenden Rufe und Aufforderungen beantwortete er nur durch ein stoisches verneinendes Schütteln seines Kopfes. Die Mormonen drangen endlich nicht weiter in ihn, denn sie begriffen, daß er als Schildwache dort aufgestellt sei, um über das Geschick seiner Gefährten zu wachen und, im Falle dasselbe eine böse Wendung nehmen sollte, seine übrigen Stammesgenossen, die vielleicht zu vielen Hunderten ringsum zwischen den Felsen verborgen waren, sogleich davon in Kenntnis zu setzen. Die beiden Krieger waren unterdessen im Tal bei den Mormonen eingetroffen und von diesen sogleich umringt worden. Wenn aber ein Teil der über den Verlust des Pferdes erbitterten Männer die Absicht hegte, sie die hinterlistige Tat der Räuber entgelten zu lassen und sie demgemäß zu behandeln, so änderten sie ihren Vorsatz, als dieselben ihnen vertrauensvoll entgegentraten und ihnen mit offener, freundlicher Gebärde und vielfach wiederholtem »Achotka«, die Hände reichten. Daß diese nicht bei der Räuberei beteiligt gewesen, war kaum zu bezweifeln, doch hielt man es für ratsam, sie strenge zu bewachen, um sie für die von ihren mutmaßlichen Genossen verübte Tat verantwortlich zu machen und durch ihren Einfluß sich gegen eine Wiederholung derartiger feindlicher Eingriffe zu schützen. Die äußere Erscheinung dieser Urwilden mochte mit dazu beitragen, daß man sich rücksichtsvoller gegen sie benahm und sie mehr mit bewundernder Teilnahme, als mit besorgnisvoller Abneigung betrachtete. Denn außer dem, daß sie noch fast eine Kopfeslänge über die größten Mitglieder der Mormonen-Gesellschaft emporragten, waren ihre Körper, ohne auffallend muskulös zu sein, von so kräftigem, untadelhaftem Bau und so klassisch schönem Ebenmaß, daß man sie mit den Göttergestalten des antiken Olymp hätte vergleichen können, wie sie einst als Ideale der Phantasie der alten griechischen und römischen Künstler vorgeschwebt haben mögen. Ein langer, flatternder Schurz von weißem Baumwollenzeug bildete ihre einzige Bekleidung, während Sandalen von dickem, ungegerbtem Leder ihre Füße gegen das scharfe Gestein schützten. Als Schmuck hatten sie nur mehrere Schnüre weißer Perlen um ihren Hals geschlungen, wozu derjenige, welcher den Turban auf seinem Kopfe trug, noch einen blauen Stein und eine weiße Perle mittelst eines dünnen Riemens an seinem durchstochenen Nasenknorpel befestigt hatte. Ihr Hauptschmuck bestand indessen in den pechschwarzen Haaren, welche in unglaublicher Länge und Stärke über ihre Nacken niederfielen. Dieselben waren mit Hilfe von klebriger Erde in sechzehn bis zwanzig dicke Strähnen zusammengedreht worden und reichten bis tief aufs Kreuz hinab, wo sie alle in gleicher Länge endigten. Ihre Physiognomien trugen den echten indianischen Typus, zeigten aber nichts von dem wilden verschlagenen Ausdruck, welcher den größten Teil der nordamerikanischen Indianerstämme charakterisiert. Es ruhte sogar eine gewisse Offenheit und Redlichkeit auf denselben, was von vornherein zu der Vermutung verleitete, daß sie, anstatt von dem Fleische des Wildes zu leben, ihre Nahrungsstoffe einzig und allein einem üppig spendenden Boden verdankten, was im Laufe von Generationen nicht ohne Einfluß auf die Körperbeschaffenheit und Neigungen des Menschen bleiben kann. Furchtlos und ohne ein Zeichen von Befremdung schritten sie im Kreise ihrer Eskorte dahin, als diese sie den Hütten zuführte. Der freundliche Ausdruck wich nicht von ihren dunkelbraunen Zügen, er verstärkte sich aber zu einem fröhlichen, harmlosen Lachen, wenn sie gewahrten, daß die Frauen und Kinder scheu vor ihnen zurückprallten und sie nur aus der Ferne mit unverhohlener Scheu betrachteten. Während sie sich nun auf dem Ufer des Flüßchens dahin- bewegten, machte einer ihrer Begleiter sie auf die schwindenden Blutspuren im Wasser aufmerksam, und verdeutlichte ihnen zugleich durch Zeichen, daß weiter oberhalb ein Pferd geraubt und getötet worden sei. Der Krieger mit dem Schal warf bei dieser Nachricht verächtlich die Lippen empor. »Wallpais töten Amerikanerpferd!« sagte er in schwer verständlichen englischen Worten, der sicherste Beweis, daß er schon früher mit Weißen verkehrt hatte. »Mohaves achotka! Mohaves nicht töten Pferd! Wallpais schlecht; töten Amerikanerpferd, töten Amerikanermann schlafend!« Die einfachen Versicherungen des Indianers trugen so sehr das Gepräge der Wahrheit, daß kaum noch einer aus seiner Begleitung die Aussage bezweifelte. Da man aber ebensowenig die Wallpais wie die Mohaves kannte, so glaubte man noch immer mit der größten Vorsicht handeln, vor allem aber die beiden Krieger nicht mehr aus den Händen lassen zu dürfen. Auf dem Wege fragten sie mehrfach nach dem »Commandante« der Karawane, wobei sie andeuteten, daß sie ihm Mitteilungen zu machen hätten. Sie wiederholten ihre Frage noch einmal, als sie vor der geräumigsten der Hütten angekommen waren, und gleich darauf Jansen und Rynolds ihnen aus der Tür entgegentraten. »Ich bin der Kommandat«, sagte Jansen, indem er auf seine Brust wies und zugleich mit einer Art von Bewunderung die prachtvollen Gestalten in Augenschein nahm. »Achotka«, versetzten die Indianer mit Befriedigung; dann aber kniete der Wortführer nieder, und nachdem er den Schal von seinem Kopfe losgewunden und vor sich auseinandergebreitet hatte, nahm er mehrere Papiere aus demselben hervor, von welchen er eins seinem Gefährten, das andere aber Jansen darreichte. Jansen faltete das Papier, welches sorgfältig in einer ledernen Umhüllung verborgen gewesen, auseinander. »Kairuk, Häuptling des mittleren Mohave-Stammes«, las er laut. »Ich, Mohave-Häuptling«, versetzte der Träger der Briefschaften, sich stolz in die Brust werfend. Jansen schaute ihn ernst und prüfend an und las weiter. Es war eben eins jener Zeugnisse, wie sie von Reisenden, namentlich von den Offizieren der Vereinigten Staaten solchen Indianern erteilt werden, die sich durch besondere Dientsleistungen und Treue bei irgendeiner Gelegenheit ausgezeichnet haben. Die Eingeborenen legen im Allgemeinen großen Wert auf dergleichen »sprechende Papiere«, welchen sie geheime Zauberkräfte zuschreiben; so leuchteten auch Kairuk's Augen vor innerem Entzücken, als er abermals einen Beweis von den noch ungebrochenen Kräften seines Amuletts erhielt. Hatte Jansen ihn doch nach dem Anblick des Papiers beim Namen genannt, ohne daß ihm derselbe vorher verraten worden wäre. Nachdem Jansen das Zeugnis Kairuk's zu Ende gelesen, reichte der andere Indianer mit einem eigentümlich schüchternen Lächeln, welches gar merkwürdig gegen seine Hünengestalt kontrastierte, ebenfalls sein sprechendes Papier hin. »Jreteba, ein angesehender Krieger, der schon bei mehreren Gelegenheiten seine Friedfertigkeit und seine uneigennützige Vorliebe für die Weißen an den Tag gelegt hat«, las Jansen laut genug, um von seiner Umgebung verstanden zu werden. Jreteba nickte freundlich zustimmend, und fast verlegen machte es ihn, als er die Blicke aller Umstehenden mit einer Mischung von Neugier und Teilnahme auf sich gerichtet sah. »Kairuk und Jreteba«, begann Jansen, nachdem er Kenntnis von den Zeugnissen genommen, indem er seine Brauen finster zusammenzog, »was führt Euch hierher? Wollt Ihr vielleicht das Pferd bezahlen, welches Eure Mohaves getötet haben?« »Mohaves töten nicht Pferd«, antwortete Kairuk, und seine Gestalt schien, indem er sich aufrichtete, noch zu wachsen, »Wallpais schlecht, Wallpais töten mehr Pferde, wenn Amerikaner schlafend. Wallpai nicht Bruder von Mohave, Kairuk getauft, Kairuk Mormone«, und indem er so sprach, zog er einen anderen mit Bleistift geschriebenen Zettel hervor, den er in Jansen's Hand legte. Jansen sah zuerst nach der Unterschrift. Dieselbe mußte ihm nicht fremd sein, denn mit gesteigertem Interesse las er den an den zeitigen Kommandanten am Rio Virgin gerichteten Brief Zeile für Zeile zu Ende. Angenehme Nachrichten enthielt derselbe offenbar nicht, denn indem er die oft undeutlichen Schriftzüge nicht ohne Mühe entzifferte, verfinsterte sich sein ehernes, undruchdringliches Antlitz immer mehr. »Der Versuch ist mißglückt«, hieß es in dem Schreiben; »die Mohaves, die anfangs geneigt schienen, für uns gegen die Amerikaner Partei zu ergreifen, sind uns im letzten Augenblick untreu geworden. Sie folgten dem schlauen Rat der Gentiles und verhielten sich neutral. Infolgedessen schwimmt das Dampfboot, welches wir schon in den Händen zu halten glaubten, wohlbehalten den Colorado hinunter, während der größere Teil der bewußten Forschungsexpedition auf Maultieren den Weg gen Osten eingeschlagen hat.« »Kairuk, ein einflußreicher Häuptling, und Jreteba, sein Busenfreund, sind diejenigen, welche durch ihr Auftreten unsere Pläne durchkreuzten. Beide sind schon bei einer früheren Gelegenheit getauft worden, zeigen sich aber seit ihrer letzten Zusammenkunft mit den Gentiles dem Mormonismus nur wenig hold. Der Colorado wird mit Gewalt der Waffen offen für uns gehalten werden müssen, und dürften Überbringer dieses Schreibens wohl als Geiseln zu behandeln sein, um später durch ihr Leben und, wenn möglich, durch ihren Einfluß einen freien Abzug auf dem Strome für uns und unsere Gemeinde zu erzwingen. Übersender dieses befinden sich noch im Gebirge, um die Colorado-Indianer zu überwachen.« Jansen hatte den Brief schon längst zu Ende gelesen, und noch immer ruhten seine Blicke auf dem in seinen Händen befindlichen Blatte. Er ging mit sich zu Rate, welchen Weg er nunmehr einzuschlagen habe, und auf welche Weise er den Repräsentanten einer starken und mutigen Nation gegenübertreten solle. Er wünschte sie zugleich in seinem Lager festzuhalten und doch nicht dadurch Veranlassung zu einem feindlichen Zusammenstoß zu geben, oder das Leben des Schreibers des Briefes, den er samt seinen Begleitern in der Gewalt der Mohaves wußte, zu gefährden. Kairuk und Jreteba ahnten nicht, was in der Seele des finsteren Mormonen vorging. Wie schon mehrfach bei früheren Gelegenheiten, so hofften sie auch hier auf freundliche Anerkennung der pünktlich ausgeführten Aufträge, und mit erwartungsvoller Spannung beobachteten sie Jansen, der noch immer wie mit Lesen beschäftigt dastand. Endlich gelangte er zu einem Entschluß; er schaute zu den beiden Kriegern empor, und ihnen zum Zeichen des Dankes die Hand reichend, bedeutete er sie, in die Hütte einzutreten. Die Mohaves taten, wie ihnen geheißen wurde; ehe Jansen ihnen aber nachfolgte, wendete er sich zu den Leuten, welche die Fremdlinge so lange bewacht hatten. »Laßt sie nicht aus den Augen«, sagte er leise genug, um von den Mohaves nicht gehört zu werden, obgleich diese seine Worte nicht verstanden hätten. »Sie müssen mit Güte oder Gewalt unsere Gefangenen bleiben.« »Wäre es nicht am geratesten, sie zu fesseln?« fragte Rynolds, dessen Herz sich beim Anblick der riesenhaften Gestalten zusammenschnürte; denn so furchtlos er im gewöhnlichen Leben auch immer war, und so viel Kühnheit er entwickelte, wenn es galt, irgendjemand zu täuschen und zu übervorteilen, so mutlos wurde er, indem er sich die Möglichkeit vergegenwärtigte, inmitten der Wildnis von einigen hunderten solcher furchtbaren Feinde überfallen zu werden. »Wir sollen sehen«, antwortete Jansen im Davonschreiten, »lieber lasse ich diesen Abtrünnigen die Glieder bis auf die Knochen zusammenschnüren, ehe ich ihnen die Freiheit wiedergebe.« »Tue das nicht, lieber Onkel«, sagte plötzlich eine sanfte, mitleidige Stimme, und als er emporschaute, erblickte er Hertha, die von der scheibenlosen Fensteröffnung aus die ganze Unterhaltung überhört hatte. »Nein, lieber Onkel, tue es nicht«, wiederholte sie dringender, »diese armen Menschen besitzen ja keinen klaren Begriff von unserer Religion und den Pflichten eines rechtgläubigen Christen. Haben sie sich aber vergangen, so kann es gewiß nicht in böser Absicht geschehen sein. Betrachte sie nur, wie freundlich und harmlos sie zu uns herüberschauen. Stets habe ich die Indianer für schreckliche, blutdürstige Menschen gehalten und mich in meinen Träumen vor ihnen entsetzt. Sind aber alle wie diese hier, so hege ich keine Furcht vor ihnen, »und indem das junge warmherzige Mädchen so sparch, näherte es sich festen Schrittes den beiden Wilden, ihnen mit dem lieblichsten Lächeln die Hand reichend. Jansen war durch die Worte seiner Nichte unangenehm berührt worden; allein auch er befand sich unbewußt so sehr unter dem Einfluß des reinen, edeldenkenden Wesens, daß er im ersten Augenblick nichts zu entgegnen vermochte und, in das Haus eintretend, seine Aufmerksamkeit mechanisch den Mohaves zuwendete. Dieselben waren bis in die Mitte des Gemachs vorgeschritten, als sie plötzlich die am Fenster lauschende junge Mormonin entdeckten und wie gebannt auf derselben Stelle stehen blieben. Auf ihren Zügen spiegelten sich zugleich Furcht und Bewunderung, denn wenn sie auch kurz vorher schon weißen Frauen begegnet waren, so hatten sie doch nie in ihrem Leben etwas kennengelernt, was Hertha's anmutiger Erscheinung gleichgekommen wäre. Sie hielten sie offenbar für ein überirdisches Wesen, und kaum wagten sie zu atmen, als das junge Mädchen sich ihnen zuwendete und dann, Jansen entgegentretend, mit gütigen Worten die Rolle der Vermittlerin übernahm. Als sie aber, ohne die geringste Spur von Besorgnis, Kairuk und demnächst Jreteba die Hand drückte, da strahlten deren braune gutmütige Physiognomien vor Entzücken, und indem sie mit ihren schmalen schöngeformten Händen schmeichelnd über Hertha's Arm strichen, wiederholten sie einmal über das andere in tiefen milden Tönen das bezeichnende Wort »Achotka«. Demoiselle Corbülon befand sich während der ganzen Zeit auf der entgegengesetzten Seite des Gemachs. Ihr Gesicht hatte sie halb abgewendet, und Entsetzen, Abscheu und Zorn wechselten komisch auf ihren scharfen Zügen, indem sie ihre stechenden Seitenblicke bald auf Hertha, bald auf die martialischen Gestalten der Mohaves heftete. »Entfernt die schrecklichen Menschen von hier!« rief sie Jansen entgegen, eh' dieser auf die Anrede seiner Nichte zu antworten vermochte, »sie sehen aus wie Verräter, und sind nur gekommen, um zu morden und zu plündern. Entfernt sie, um Gotteswillen, wenn auch nur des Kindes wegen!« Hertha lächelte ihrer Gouvernante schelmisch zu, als sie deren Angst gewahrte. Kairuk und Jreteba, die mit den Augen der Richtung von des jungen Mädchens Blicken gefolgt waren und in der bebenden Gestalt der Französin wohl den Grund von Hertha's Fröhlichkeit ahnen mochte, lächelten ebenfalls. Der Zorn der Gouvernante aber wurde dadurch in so hohem Grade rege, daß sie sich ein Herz faßte, und an den beiden Mohaves vorbei in's Freie hinausstürzte, um Schutz bei den nächsten Wagen zu suchen und von dort aus ihre verzweiflungsvollen Blicke über das Tal zu senden, in welchem sie überall Unruhe und Besorgnis erregende Geschäftigkeit gewahrte. Jansen hatte unterdessen seine Nichte sanft zur Seite geschoben und betrachtete noch immer aufmerksam den jetzt vor ihm stehenden Häuptling. »Kind«, hob er endlich an, sich halb nach Hertha umwendend, »Du glaubst überall nur gute Menschen zu sehen; selbst diesen Wilden, die uns den größten Schaden zugefügt haben, schreibst Du ehrenwerte Gesinnungen zu. Überlasse es Männern, in dieser Sache eine Entscheidung zu treffen. Ich wiederhole Dir daher, es ist von Wichtigkeit, ja, unser aller Leben hängt vielleicht davon ab, diese mehr als verdächtigen Krieger in unserer Gewalt zurückzubehalten. Es bleibt dabei, sie verlassen unser Lager nicht wieder, und müßte ich ihnen selbst die Glieder bis auf die Sehnen durchschnüren.« »Sie kamen vertrauensvoll und unbewaffhet, sie kamen als Boten«, unterbrach Hertha ihren Onkel, nur mit Mühe die Tränen zurückdrängend, welche dessen zornig erhobene Stimme ihr in die Augen getrieben hatte. »Sie kamen als Abtrünnige, die vergessen haben, daß sie die heilige Taufe empfingen», entgegnete Jansen etwas milder. »Du glaubst mir nicht, trotzdem Du weißt, daß durch diese Eingeborenen, durch ihre Genossen wenigstens, erst vor einer halben Stunde unser bestes Pferd getötet wurde.« »Wallpais töten Mormon Pferd, Wallpais böse«, sagte Kairuk, der die letzten Worte Jansen's verstanden hatte. »Du hörst es, diese Leute sind unschuldig, behandle sie daher nicht so streng«, versetzte Hertha, die in den Augen ihres Onkels eine verhaltene Drohung zu entdecken glaubte. Jansen war im Begriff, etwas zu entgegnen, wurde aber unterbrochen durch lautes Rufen, welches von der Nordseite des kleinen Tales herüberschallte und sogleich von allen Seiten beantwortet wurde. Kaum hatten dieselben sich aber einige Schritte vor der Tür entfernt, so sahen sie sich von mehreren bewaffneten Mormonen umringt, welche sie bedeuteten, sich wieder in das Innere der Hütte zurückzubegeben. Erstaunt blickten die beiden Krieger sich gegenseitig an; sie, die in ihrem Leben noch keinen Zwang kennengelernt hatten, schienen ein derartiges Ansinnen gar nicht zu verstehen, und erst als sie halb mit Gewalt wieder in das Gemach hineingedrängt wurden, gelangten sie zu dem Bewußtsein, sich wirklich als Gefangene betrachten zu müssen. Die Folge davon zeigte sich fast augenblicklich in ihren Zügen, doch keineswegs in einem Ausdruck von Zorn oder Schrecken. Im Gegenteil, sie waren viel ruhiger geworden, und wenn sich auch eine gewisse Ängstlichkeit in ihren Bewegungen ausdrückte und eine Art von Trauer über die Täuschung aus ihren Augen sprach, so glühte doch auch wieder die Wildheit eines Panthers aus ihren Augen, der sich plötzlich durch eine listig aufgestellte Falle in die Gewalt des Jägers gegeben sieht. Leise schlichen sie nach dem Fenster und besorgt blickten sie nach dem Felsen hinüber, von welchem aus sie die im Lager Versammelten zuerst beobachtet hatten. Die dort von ihnen aufgestellte Schildwache war verschwunden, dafür aber vernahmen sie aus derselben Richtung einen langen jauchzenden Ton, der, mit eigentümlichen Modulationen ausgestoßen, weithin zwischen den Bergen widerhallte. Über Kairuk's braunes Gesicht glitt ein Lächeln der Befriedigung; denn noch spielte das Echo mit dem Signalruf der indianischen Schildwache, der es nicht entgangen war, daß man den Häuptling und seine Gefährten als Gefangene behandelte, da schlüpfte es auf den Abhängen hinter den Felsblöcken, aus den Schluchten und aus den Spalten im Gestein hervor, und eh' eine weitere Minute verstrich, war die südliche Hälfte der zackigen Taleinfassung übersät mit schwarzbehaarten Köpfen und braunen schlanken Gliedern, die nur auf ein Zeichen harrten, sich zu erheben und sich als einige Hundert mit Keulen, Bogen und Pfeilen bewaffneter Mohaves auszuweisen. Unter den Mormonen war plötzlich eine Stille eingetreten; man vernahm nur noch die kurzen halblauten Rufe, mit welchen die Frauen und Kinder aufgefordert wurden, sich in den Schutz der Hütten zurückzuziehen, und das Getrappel der Herden, welche man der, durch die in einen Kreis zusammengefahrenen und mittelst Ketten aneinander- gefesselten Wagen hergestellten Einfriedigung zutrieb. Alles befand sich in der größten Verwirrung, und während die Männer die nötigen Anstalten zur Verteidigung trafen, die Frauen und Kinder dagegen sich zagend hinter den festen Blockwänden verbargen, stahl sich mancher besorgte Blick nach den nahen Felsabhängen hinüber, auf welchen die Zahl der Mohaves noch immer zu wachsen schien. Demoiselle Corbillon rang die Hände und wußte nicht, wohin sie sich in ihrer Verzweiflung wenden sollte. Das für sie und Hertha bestimmte Gemach war ja schon von Kairuk und Jreteba besetzt, welche ihrer angstvoll aufgeregten Phantasie nur noch riesenhafter und entsetzlicher vorschwebten. Rynolds, nicht weniger besorgt als die Französin, wich Jansen nicht von der Seite; selbst Hertha erbleichte, als sie das plötzliche Auftauchen einer ansehnlichen Streitmacht gewahrte und zugleich bemerkte, daß ihr Onkel, unentschlossen, zu welchem Mittel er seine Zuflucht nehmen solle, mit den Zähnen knirschte und ihr befahl, in der Nähe der Hütte zu bleiben. – Das unverhoffte Erscheinen der zahlreichen eingeborenen Krieger, und die vollständige Ungewißheit über deren Absichten wirkten so lähmend auf alle Mitglieder der Karawane, daß man darüber ganz vergaß, weshalb kurz vorher das Lager alarmiert worden war. Jansen glaubte daher seinen Augen nicht trauen zu dürfen, als er plötzlich hinter den Hügeln hervor ein halbes Dutzend Reiter auf sich zutraben sah, die er sogleich für reisende Mormonen erkannte. »Beruhige Dich, mein Kind«, sagte er zu Hertha, die mit ängstlicher Spannung dem weiteren Verlauf der Dinge entgegenharrte, »beruhige Dich, die Gefahr ist nur vorübergehend, denn siehe, dort erhalten wir Verstärkung. Geh' nicht in die Hütte«, fuhr er fort, als er bemerkte, daß Hertha sich nach der Tür zurückzog; »die Mohaves sind drinnen, man kann diesen Wilden nicht trauen.« Hertha schien aber die Worte ihres Onkels zu überhören; denn ohne die Ankunft der Fremden, welche jetzt Jansen's ungeteilte Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, vorher abzuwarten, begab sie sich in das Gemach, und furchtlos trat sie zu Kairuk, der, gleich seinem Gefährten, mit ernster Teilnahme durch das Fenster nach den durch die Stammesgenossen so reich belebten Bergabhängen hinaufblickte. Der Häuptling war so sehr in Betrachtungen versunken, daß er Hertha nicht eher bemerkte, als bis sie leise seinen Arm berührte und dann mit fragender Gebärde nach den besetzten Höhen hinaufwies. »Mohaves, Mohaves, viel Mohaves«, sagte er mit freundlichem Kopfnicken, indem er einen Schritt von dem Fenster zurücktrat, um Hertha einen besseren Überblick zu gewähren. »Mohaves gut, achotka, nicht töten Pferd, nicht töten Amerikaner«, und um seine friedfertigen Gesinnungen zu verdeutlichen, strich er mit seiner braunen Hand schmeichelnd über die hellblonden Flechten des jungen Mädchens, während seine großen schwarzen Augen wieder bewundernd die liebliche Gestalt maßen. »Die Mohaves sind gut«, entgegnete Hertha, um verstanden zu werden, des Häuptlings eigene Worte gebrauchend; »wenn sie aber gut sind, dann sagt ihnen, daß sie sich entfernen sollen; sie ängstigen unsere Leute; schaut nur dort hinüber, die Kinder, wie sie weinen, und die Mütter, wie sie für das Leben ihrer Kinder zittern.« Kairuk zuckte lächelnd die Achseln; er hatte Hertha's Absicht nicht verstanden. Um der jungen Mormonin Herz aber legte es sich wie Eis, weil sie des Indianers Bewegung deutete, als wenn er unfähig oder nicht geneigt sei, dem drohenden Kampfe vorzubeugen. Ihre Angst entging den beiden scharfsinnigen Kriegern nicht, und Verlegenheit malte sich auf ihren klugen Physiognomien, während sie leise miteinander sprachen und den Grund von Hertha's Besorgnis zu enträtseln strebten. »Mohaves fort?« fragte Jreteba endlich, sein ehrliches Gesicht freudestrahlend Hertha zuwendend, denn es erfüllte ihn förmlich mit Entzücken, unter den wenigen englischen Worten, die er seinem Gedächtnis eingeprägt hatte, vielleicht das rechte aufgefunden zu haben, »Ja, ja, Mohaves fort!« antwortete Hertha mit Eifer, und die Besorgnis, die sich auf ihrem schönen Antlitz spiegelte, verwandelte sich plötzlich in den sprechenden Ausdruck banger Hoffnung. »Achotka, Mohaves fort, Mohaves fort!« wiederholte Kairuk triumphierend, und ohne eine weitere Äußerung abzuwarten, schritt er eilig zur Tür hinaus. Offenbar wollte er seinen Kriegern gebieten, sich zurückzuziehen; in seinem Eifer aber, dem jungen Mädchen zu dienen, vergaß er, daß er Gefangener war, und nicht eher erinnerte er sich dieses Umstandes, als bis die draußen aufgestellten Schildwachen, die nicht anders glaubten, als daß er entfliehen wolle, ihm die Mündungen ihrer Büchsen entgegenhielten, Kairuk erschrak, und aus jeder Linie seines Gesichts sprach der bittere Schmerz, den er über die Beschränkung seiner Freiheit empfand. Auf den Höhen aber richteten sich hundertweise die Hünengestalten der Mohaves empor, und ein Geheul, so drohend, laut und durchdringend erschallte ringsum, daß selbst die Herzen der kühnsten Mormonen bebten und alle besorgt nach den Hütten hinüberschauten, in welchen die Weiber und Kinder untergebracht worden waren. Kairuk hob seine Arme hoch empor, und fast augenblicklich verstummte der schreckliche Lärm. Seine Krieger hatten das Zeichen wahrgenommen, und gehorsam fügten sie sich seinem Willen. Er selbst warf noch einen trüben Blick um sich, und gesenkten Hauptes schritt er dann wieder der Tür zu, doch was er dachte und was er fühlte, das lag in den Worten: »Mohaves gut; Mormons, Amerikaner, schlecht«, die er mit einem tiefen Seufzer vor sich hinmurmelte. Er war niedergeschlagen, doch lag eine natürliche, schwer zu beschreibende Würde in seiner ganzen Haltung, indem er darüber nachdachte, wie er fernerhin seine erbitterten Krieger beruhigen und dem drohenden Blutvergießen vorbeugen könne. Er hatte indessen die Tür noch nicht erreicht, da stürmten Elliot, der auf der anderen Seite der Hütte vom Pferde gestiegen war, Jansen und Rynolds mit verstörten Gesichtern herbei. Jansen hielt den Brief des Propheten in Händen, kraft dessen er den Befehl an den jüngeren, aber erfahrenem Elliot übertragen mußte. Er hatte ihn noch nicht geöffnet, doch instinktmäßig duldete er, daß jener sogleich das Kommando übernahm und, um den Frieden wieder herzustellen, einschritt. »Wer vertritt dem Häuptling den Weg?« fragte Elliot fest und bestimmt, jedoch ohne Hitze oder Zorn, denn er, der schon seit Jahren im Verkehr mit den wildesten Eingeborenen des amerikanischen Kontinents gelebt, übersah auf den ersten Blick die ganze Sachlage. »Entfernt Euch, meine Brüder«, fuhr er fort, als niemand antwortete, »und wenn Euch Euer Leben und das Eurer Frauen und Kinder lieb ist, dann wage niemand seine Hand gegen die Indianer aufzuheben, es sei denn zur Verteidigung.« Die Wachen entfernten sich, und Elliot trat nunmehr auf Kairuk zu, welcher, sobald er Erstern erblickte, auf der Schwelle der Tür stehengeblieben war. »La Bataille!« rief der Kommandant aus, und im nächsten Augenblick stand der Schlangen-Indianer an seiner Seite, bereit, bei der bevorstehenden Verhandlung als Dolmetscher zu dienen. Letzterer, obgleich schlank und schön gewachsen, verschwand fast dem riesenhaften Mohave gegenüber. Eine unnachahmliche Geringschätzung thronte aber auf seinem scharfen Adlergesicht, als er sich dem, ihn wenigstens um anderthalb Fuß überragenden unbekleideten Kairuk zuwendete, und zugleich die, nach seinen Begriffen einen höheren Grad von Zivilisation verratende Scharlachdecke in malerische Falten um seinen Körper zusammenzog, so daß nur der mit einem leichten zierlichen Tomahawk bewaffnete rechte Arm sichtbar blieb, der, wie der untere Teil seines Körpers, noch eine sauber gearbeitete Umhüllung von weich gegerbtem Antilopenleder zur Schau trug. Kairuk hatte derartigen Reichtum allerdings nicht aufzuweisen, doch konnte er nicht umhin, dem fremden Indianer gegenüber mit dem zu prahlen, was ihm von der Natur verliehen worden war. Er verschränkte nämlich die Arme über die breite Brust, eine Lieblingsgewohnheit von ihm, und indem er sich noch gerader emporrichtete und ausstreckte, blickte er mit einem mitleidigen Lächeln auf seine Umgebung, selbst auf den hochgewachsenen Jansen und den fast ebensogroßen Elliot nieder. »Die Mormonen sind Kinder der Wüste, wie die Mohaves und alle übrigen Indianerstämme«, begann La Bataille endlich im Auftrage Elliot's in der Mohave-Sprache, »und deshalb sind die Mormonen Brüder der Mohaves. Warum aber sehe ich so viele Mohaves ohne ihre Weiber, aber bewaffnet mit Keulen und Bogen?« »Der Weg ist zu weit und zu steinig für die nackten Füße unserer Weiber und Kinder«, antwortete Kairuk, noch immer mitleidig lächelnd; »wenn ein Häuptling der Mohaves sich aus seinem Tale entfernt, dann folgen ihm seine Krieger nach; sie folgen ihm nach mit Keulen und Bogen, denn die Wallpais und Pai-Utes sind nicht Brüder der Mohaves. Die Mohaves essen Bohnen und Kürbisse, die Wallpais Ratten und Mäuse. – Aber die Mohaves sind Brüder aller weißen Menschen, der Mormonen und der Amerikaner; sie dienen beiden und wollen keinen Krieg; sie wollen aber auch nicht, daß die Amerikaner und Mormonen den Krieg in das Tal des Colorado tragen.« Bei der Mitteilung, daß die Mohaves nicht gesonnen seien, in irgendeiner Weise, ebensowenig für die Mormonen, als gegen sie Partei zu ergreifen, erhielt Elliot's Physiognomie einen noch finsterem Ausdruck. Er bezwang indessen seinen Unmut, und Kairuk zum Zeichen der Freundschaft die Hand reichend, ließ er ihm durch La Bataille erklären, daß er vollkommen mit ihm einverstanden und nur ein Irrtum Ursache der Beraubung ihrer Freiheit gewesen sei. Kairuk's Gesicht erheiterte sich bei dieser Nachricht, und er rief, wie um die Wahrheit der Aussage zu prüfen, Jreteba aus der Hütte, mit welchem er sodann dem nächsten Felsen zuschritt. Elliot schaute ihnen mit einem Anflug von Argwohn nach; er beruhigte sich indessen wieder, als sie am Fuße der Felsen stehenblieben und einige Worte nach denselben hinaufriefen. Was sie hinaufriefen, verstand selbst der Schlangen-Indianer nicht; die Wirkung ihrer Worte war aber eine gewichtige, denn es erhob sich augenblicklich auf allen Abhängen ein ohrenzerreißendes Jauchzen und Gellen, und statt der schwarz behaarten Köpfe und der nackten Glieder wurden die ganzen Gestalten sichtbar, wie sie in kleinere und größere Gruppen zusammentraten und jubelnd sich in der Richtung nach dem Colorado hin entfernten. Wenn sie auch nicht weit gingen, so war doch anzunehmen, daß sie einen bequemeren Aufenthaltsort aufsuchten, als die Felsenabhänge, wo sie schon den größten Teil der Nacht zugebracht hatten, gewesen. Jedenfalls entfernten sie sich so geräuschvoll um ihre friedlichen Gesinnungen an den Tag zu legen. Kairuk und Jreteba warteten mir so lange, bis sich ihnen drei andere Mohaves zugesellt hatten, worauf sie sich sogleich wieder nach den Hütten zurückbegaben. Sie waren jetzt bewaffnet mit langen Bogen und Rohrpfeilen, ebenso ihre Begleiter; offenbar wollten sie dadurch bekunden, daß sie auf beiden Seiten jeden ferneren Grund zum Mißtrauen als verschwunden betrachteten. Zu der Wahl ihrer Begleiter mußte aber wieder eine kleine Eitelkeit maßgebend gewesen sein, denn alle drei, obgleich nicht ganz so groß und kräftig gebaut wie Kairuk und Jreteba, überragten dieselben noch, wozu sich gesellte, daß sie sich auf das Merkwürdigste bemalt und jeder seinen Kopf mit einem Busch von rotgefärbten Kranichfedern geschmückt hatte. So glich der eine vollständig einer lebendigen, aus Metall gegossenen Statue, indem er seinen ganzen Körper, bis auf einen roten Strich über Nase und Kinn, mit einer Mischung von pulverisiertem Bleierz und Fett eingerieben hatte, während die beiden anderen vom Kopf bis zu den Füßen in breiten Bändern von ziegelgelber und weißer Farbe prangten. Mit dem Erscheinen Elliot's und der durch sein festes und verständiges Auftreten veranlaßten Entfernung der eingeborenen Kriegerhaufen kehrte auch die Ruhe in das Lager der Mormonen zurück, und von allen Seiten eilten die Mitglieder der Karawane herbei, um den Abgesandten des Propheten zu begrüßen und ihren Dank für die Rettung aus der drohenden Gefahr auszusprechen. Elliot benahm sich wie ein kluger Feldherr, und wenn sein abgeschlossenes, ernstes Wesen ihn auch keinen Augenblick verließ, so wußte er doch jeden kleinen Umstand schlau zu benutzen, um seinen Einfluß zu heben und das Vertrauen in das Mormonentum, welches bei manchem infolge der beschwerlichen Reise vielleicht schon wankend geworden, zu befestigen. Namentlich waren es die Frauen, welche er durch einige leicht hingeworfene Worte aufmunterte und auf das friedliche Leben am Salzsee vorbereitete, und geschickt wußte er auszuweichen, wenn die eine oder die andere mit besorgnisvollem Tone des zu ihren Ohren gedrungenen Gerüchts der am Salzsee herrschenden Sitte der Vielweiberei erwähnte. Jansen hatte unterdessen die ihm eigenhändigen Briefschaften durchgelesen und aus denselben ersehen, daß Elliot, ausgerüstet mit den weitreichendsten Vollmachten, nicht nur den Zeitpunkt des Aufbruchs zu bestimmen habe, sondern auch nach Gutdünken die Karawane teilen oder eine kleine Besatzung bei den Hütten zurücklassen könne. Auch die beabsichtigte Vereinigung Elliot's und Hertha's war in einem besonderen Schreiben des Propheten erörtert worden, eine Nachricht, die ihn zwar anfangs überraschte, nach kurzem Überlegen jedoch mit Befriedigung zu erfüllen schien; denn indem er Elliot, der ihn beständig von der Seite beobachtet hatte, die Hand drückte, sprach er seine vollste Übereinstimmung mit den Ansichten und Plänen des obersten Propheten aus, und fügte nur noch den Wunsch hinzu, daß keine unvorhergesehenen Umstände ihnen bei ihrem Vorhaben hindernd in den Weg treten möchten. Die Mohaves waren wieder bei der Hütte eingetroffen und kauerten behaglich um ein kleines Feuer, wo ihnen auf Elliot's Anordnung Speisen verabreicht wurden. Die dort versammelten Männer, Frauen und Kinder zerstreuten sich, um ihren verschiedenen Lagerbeschäftigungen nachzugehen, und erst als Elliot sich überzeugt hatte, daß die nötigen Vorsichtsmaßregeln nicht vernachlässigt wurden und eine Abteilung Jäger zu einer voraussichtlich vergeblichen Verfolgung der Wallpai-Räuber aufgebrochen sei, schickte er sich an, in die Hütte einzutreten und sich den Damen vorzustellen. Ende des zweiten Teiles