Gustav Schwab Volkssagen und Legenden Die schöne Melusine Zu Poitiers in Frankreich lebte einst der Graf Emmerich, ein gelehrter Herr, der besonders in der Wissenschaft der Himmelskunde und zukünftiger Dinge wohlerfahren war. Er besaß viele Güter und hatte große Freude an der Jagd. Er hatte nur einen Sohn und eine einzige Tochter, die er beide innig liebte. Der Sohn hieß Bertram, die Tochter Blaniferte. Sie war eine schöne und tugendreiche Jungfrau. In dieser Landschaft gab es überaus große Wälder. Dort, wo Graf Emmerich lebte, war ein Wald, den man den Kürbisforst nannte. In ihm lebte zur selben Zeit ein berühmter Graf von gutem Geschlecht, arm an Habe, aber reich an Kindern. Doch ersetzte er seine Armut durch viele Tugenden. Er war ein weiser und verständiger Herr von redlichem Gemüt, der mit seinem jährlichen Einkommen bescheiden und ohne Pracht haushielt. Seine Kinder hatte er in guter Zucht, weshalb er von jedermann geehrt und geschätzt wurde. Dieser Graf stammte auch aus dem Geschlecht derer von Poitiers, führte in seinem Wappen den gleichen Schild und Helm und war dessen Vetter. Weil nun dieser Graf von dem Forst sehr arm und mit vielen Kindern gesegnet war, erwog der Graf Emmerich von Poitiers bei sich, seinen Vetter zu entlasten und ihm unter die Arme zu greifen, damit er sein Leben besser gestalten und einst seine Kinder standesgemäß aussteuern könnte. Bald darauf veranstaltete der reiche Graf von Poitiers ein großes Bankett in seiner Residenz, zu dem er auch seinen Vetter, den Grafen von dem Forst, einladen ließ. Dieser kam zu dem Fest samt seinen drei Söhnen, die junge, wohlerzogene Herren waren. Ihnen wurde alle nur erdenkliche Ehre und Freundlichkeit erwiesen. Das Herz des Grafen Emmerich entflammte in einer solch großen Liebe und Zuneigung für die drei Jünglinge, am allermeisten aber für den jüngsten, der Raimund hieß, daß er darüber nicht länger schweigen konnte. So erschloß er sein Herz seinem Vetter, dem Grafen von dem Forst, mit der herzlichen Anrede: »Lieber Vetter, ich sehe wohl, daß Eure Kinderschar groß ist. Darum habe ich den Wunsch, Ihr wollet erlauben, daß ich einen Eurer Söhne an Kindes Statt annehme. Er soll zu allem Guten erzogen und wohl versorgt werden.« Der redliche alte Vater stellte ihm auf ein solch freundliches Anerbieten frei, sich einen von den dreien auszuwählen. Graf Emmerich erbat sich Raimund, den jüngsten, der ihm am allerbesten gefiel. Dafür bedankte sich der Graf vom Forst aus ganzem Herzen und übergab seinem Vetter den schönen, jungen, wohlgewachsenen jüngsten Sohn mit großer Freude. Nachdem das herrliche Bankett nach drei Tagen beendet war, nahm der alte Graf Abschied von seinem Vetter, um wieder nach Hause zu ziehen. Er ließ seinen jüngsten Sohn Raimund also zurück, obwohl er darüber traurig war und nasse Augen bekam. Raimund aber hätte sich kein besseres Heim wünschen können. Er zeigte sich in seinem Dienst vor allen anderen angenehm und wußte sich höchst beliebt zu machen. Daher wurde er nicht nur von seinem Oheim als ein Freund recht innig geliebt, sondern dieser befahl auch allen Haus- und Hofgenossen, auf ihn zu achten, damit ihm von niemandem ein Leid geschehe. Als Graf Emmerich wieder einmal auf der Jagd war und die Seinigen einem Wildschwein nachjagten, ritt auch Raimund neben seinem Oheim ihm nach. Das Schwein aber wollte sich vor den Hunden retten und zog den ganzen Schwarm der Jäger nach sich. Auch Raimund war unter ihnen, da er seinen Herrn nicht verlassen wollte, zumal später Abend und trügerisches Mondlicht war. Das Schwein hatte inzwischen viele Hunde teils getötet, teils verwundet. Nach und nach hatten sich alle Jäger aus der Nähe des Grafen verloren, so daß keiner wußte, wo er hingekommen, außer Raimund, der bei ihm geblieben war. Als nun beide ihre Verlassenheit bemerkten, begann Raimund endlich seinen Oheim wohlmeinend anzureden: »Gnädiger Oheim, wir sind von unserem Volk ganz abgekommen, haben Hunde und Jäger verloren. Es wird wegen der hereingebrochenen Nacht nicht möglich sein, zu ihnen zurückzureiten, auch dürften wir sie so leicht nicht finden. Darum rate ich, daß wir in dem nächsten Bauernhof einkehren, wo wir diese Nacht Herberge haben können.« Der Graf antwortete ihm: »Du redest recht und redest sehr gut, getreuer Raimund, denn die Sterne stehen bereits am Himmel und der Mond scheint gar hell.« Also fingen sie an quer durch das Holz zu reiten und fanden zuletzt nach vieler Mühe einen schönen Weg, von dem Raimund meinte, daß er sie nach Poitiers leiten würde. Der Graf hoffte, einige seiner Leute wiederzutreffen und sprach: »Laß uns eilen, unser Poitiers wird uns auch noch bei später Nachtzeit unversperrt aufnehmen.« So ritten sie den Weg, Graf Emmerich voran, Raimund als sein Diener hinter ihm drein. Als beide so dahinritten, sah der Graf, der ein guter Himmelskundiger war und den Lauf der Sterne kannte, unter den bekannten einen ganz fremden Stern. Darüber seufzte er tief und sprach aus Herzensgrund: »Ach Gott, wie sind doch deine Wunder so mannigfaltig! Wie kann die Natur ein so widerwärtiges Spiel mit sich selbst treiben, daß sie einen Menschen werden läßt, der durch eine üble Tat zu großen zeitlichen Ehren erhöht wird, während es doch unziemlich ist, wenn sich jemand wegen einer Missetat hoch ehren läßt.« In solcher Verwunderung über die seltsame Himmelsoffenbarung sagte er zu Raimund, wobei er wieder tief seufzte: »Komm herzu, Sohn, ich will dir ein großes Wunder und eine bedenkliche Vorbedeutung am Himmel zeigen, wie eine solche nicht leicht zu sehen ist.« Der lernbegierige Raimund fragte, was denn das wäre. Graf Emmerich sagte: »Ich sehe am Himmel, daß in dieser Stunde einer seinen Herrn töten und ein gewaltiger Herr werden wird, mächtiger, als je einer seines Geschlechts gewesen ist.« Raimund schwieg still und redete kein Wort. Indessen fand er ein Feuer, das die Herren, die im Gefolge des Grafen gewesen, im Holz entfacht hatten. Deswegen stieg er vom Pferd und klaubte kleines Holz zusammen, womit er das Feuer unterhielt, denn es war kalt. Sein Oheim stieg auch ab und wärmte sich, aber dies sollte ihm zum tödlichen Verhängnis werden. Denn in demselben Augenblick hörten sie im Holz etwas durchbrechen. Raimund griff schnell zu seinem Schwert, der Graf zu seinem Spieß. Kaum hatten sie sich zur Wehr bereitgemacht, als ein großes Schwein mit wildem Grunzen daherkam. Es rannte knirschend und schnaubend in voller Wut auf sie zu. Raimund bat seinen Oheim inständig, auf einen Baum zu flüchten, um sein Leben zu retten, er werde allein mit dem Schwein fertig werden. Aber den Grafen, der nicht furchtsam war, verdroß es, wider seine Gewohnheit vor einer Bestie zu flüchten und ihr ängstlich auszuweichen. Er beschloß standzuhalten und den Willen des Himmels über sich ergehen zu lassen. Er sagte auch Raimund, daß er ihn fernerhin mit solchen Zumutungen verschonen möge. Zugleich setzte er seinen Spieß an und ging dem Schwein entgegen, um es zu töten. Er versetzte dem Tier auch wirklich einen Fang. Aber das Schwein schlug den Stoss, der zu schwach war, mit einem Satz ab und warf seinen Feind ergrimmt zu Boden. Raimund rückte geschwind mit seinem Spieß vor, um der Bestie den Rest zu geben und seinen Oheim zu retten. Allein er fehlte zu allem Unglück, und im großen Eifer glitt der Spieß vom Schwein ab. Während Raimund hitzig nachdrückte, fuhr der Speer dem Grafen, der auf der Erde lag, tief in den Leib hinein. Raimund zog ihn zwar gleich wieder heraus, verfolgte das Schwein und fällte es auch. Aber als er zurückkehrte, fand er den Oheim in seinem Blute schwimmend und tot. In größtem Schmerz floh er von dem Ort und sprengte davon. So hatte Raimund, ohne es zu wollen, seinen besten Freund, den Förderer seines Glücks, ums Leben gebracht. Er wehklagte, rang die Hände und blickte zum Himmel empor, während unaufhörlich seine Tränen flossen. Er ritt dabei immer weiter fort und führte mit sich ein herzerschütterndes Jammergespräch. Bald klagte er über die Mißgunst seines Geschicks, bald über den unseligen Stoss seines Speers, bald verfluchte er die Stunde, in der er zu seinem Oheim gekommen war. Bald hub er an, über seine unglücksvolle Geburtsstunde zu klagen. Solche Gedanken vergrößerten seine Betrübnis noch mehr. Er seufzte: »Du unbarmherziges Glück, hast du denn alle Herzensplagen über mich auf einmal ausgeschüttet? Warum habe ich denn all meine Hoffnung ganz auf dich und nicht auf den gütigen Gott gesetzt? Du Betrügerin aller Menschen, um uns alberne Jünglinge zu ködern, reichst du uns ein Quentchen Wohlergehen und ergötzliche Freude, aber nachher einen Zentner Herzeleid. Du läßt uns nach dem Schatten der Reichtümer und der eitlen Freude schnappen und uns nachher unseren Wohlstand verlieren. Nun hast du mich zu einem Bettler gemacht, da ich gedachte, ein begüterter, reicher Herr zu werden. Dem, der mir sein Herz geschenkt, habe ich sein Leben und mir selbst alle Hoffnung und die Ruhe meines Gewissens genommen. Ach, Oheim, lieber Oheim, warum durfte ich nicht vor dir sterben? Nun werden mich die Rache und der Argwohn aller Menschen verfolgen. Alle Bäume des Waldes werden ihre Äste von mir abkehren. Die Luft wird mich nicht mehr anhauchen, die Sonne ihr fröhliches Licht mir mißgönnen, und nimmer werde ich für eine solche Tat an meinem Wohltäter dem gerechten Himmel Genugtuung leisten können.« Unter solchen und ähnlichen Klagen ließ er sein Pferd gehen, wohin es wollte und wohin das Schicksal ihn führen würde. So kam er zu einem Brunnen, der Durstbrunnen genannt wurde. Bei ihm standen drei Jungfrauen von überaus schöner Gestalt, die er vor Leid und Jammer nicht bemerkte. Von ihnen trat die schönste und jüngste zu ihm an den Weg heran und sprach: »Mein Freund, Ihr seid unhöflich für einen Ritter, daß Ihr an uns Frauen ohne Gruß und Anrede vorbeireitet.« Raimund achtete darauf gar nicht und klagte weiter wie vorher, bis die Jungfrau das Pferd beim Zügel ergriff und sprach: »Fürwahr, Ihr wißt nicht, was Euer Stand fordert, da Ihr so stillschweigend vorüberreiten wollt.« Da Raimund in seinem Schmerz die wunderschöne Nymphe erst jetzt erblickte, erschrak er und wußte nicht, ob er lebendig oder tot sei oder ob ein Gespenst mit ihm rede. Die Nymphe Melusine – denn so hieß die jüngste von ihnen – bemerkte, daß er wie von einer tödlichen Erscheinung überrascht und vor Schreck rot und blaß wurde. Da fing sie an, ihn noch mehr zu versuchen. Sie beschuldigte ihn noch heftiger großer Unfreundlichkeit, weil er nicht mit ihr rede. Obwohl Raimund noch voll trüber Gedanken war, erkannte er endlich die unvergleichliche Schönheit der Nymphe immer mehr, und die Augen begannen ihm aufzugehen. Er sprang schnell vom Pferde und sprach: »Ach, erhabene Göttin, ich bitte in tiefster Demut, meinen Fehler zu vergessen und mir Eure holden Blicke nicht zu entziehen. Ich bin ohnehin in großer Betrübnis wie in einem Labyrinth gefangen, so daß ich nicht weiß, wie ich mich aus ihm herausfinden soll. Deswegen war ich mit sehenden Augen blind und nachher von solcher Schönheit entzückt und entrückt und zugleich von meiner inneren Unruhe ganz betäubt. Damit ich aber auch wegen meiner Unhöflichkeit Busse tun und die schuldige Strafe dafür erhalten möge, befehlt Eurem Diener, Allerschönste, was er vollbringen muß, um Eure holden Blicke wieder zu genießen.« Die holdselige Nymphe erwiderte: »Nicht so, mein Raimund, steht zuvor auf! Ein so edler Ritter hat nicht Ursache zu knien. Die Reue über einen solch kleinen Fehler und der Anlaß dazu sind schon Strafe genug. Wir sind Euch gewogen, tapferer Gallier.« Raimund erstaunte über diese Worte und noch mehr darüber, daß sie seinen Namen nannte, denn er wußte nicht, wie dies zuging. Er sprach: »Göttergleiche Jungfrau, nun merke ich recht, daß Ihr vom Himmel gesandt seid, mich aus meiner Unruhe zu erlösen und aufs neue zu erquicken. Denn kein Mensch ist in der Gegend, der meinen Namen weiß. Auch der Eurige ist mir unbekannt. Ich halte Euch für ein Engelsbild in Menschengestalt. Könnt Ihr deswegen, schöner Engel, mein Gemüt mit einigem Trost erfrischen, wie ich durch Eure Lieblichkeit erquickt werde, so fahrt fort, meine halberstorbenen Kräfte durch solche Anmut neu zu beleben und Euren Diener glücklich zu machen.« Die liebliche Nymphe fing wieder an: »Vergeßt Euren Kummer, lieber Raimund, und laßt Euer Herz durch Euren Unfall nicht allzusehr betrüben. Ich kenne Eure Not und Klage. Wollt Ihr aber meiner Lehre folgen, so will ich dafür sorgen, daß Ihr wieder zu Wohlstand kommt und an Gut, Ehre und Glück nimmermehr Mangel leidet. Lieber Raimund, alles, was Euer Oheim aus dem Stand der Sterne gelesen hat, muß durch die Gnade des Himmels, der alle Dinge leitet, an Euch vollbracht werden.« Als Raimund hörte, daß sie von der Gnade Gottes sprach, gewann er allmählich neuen Trost in seinem bekümmerten Herzen, weil die Nymphe kein Gespenst und keine Heidin, sondern Christin sein mußte. Er sprach demnach zu ihr: »Schönste Gebieterin, ich werde aufmerksam und gehorsam Euren getreuen Rat anhören und mein ganzes Gemüt Eurem Willen unterwerfen. Laßt mich aber zuvor Eure Zuneigung und Euer Wohlwollen dadurch erfahren, daß Ihr mir sagt, woher Ihr meinen Namen und das unselige Ereignis kennt. Dann werde ich allem Zweifel enthoben sein und die milde Schickung des Himmels um so mehr erkennen und loben, da er sich zu meinem Trost einer so wunderbaren Jungfrau bedient.« Hierauf tröstete die Nymphe ihn aufs neue: »Zweifle nicht, lieber Raimund, daß ich dein Glück und deine Ehre erneuern werde. Frage nicht nach meinem Wissen und woher mir dein Name bekannt ist, sondern glaube vielmehr, daß der Himmel alles so schickt. Sieh mich demnach nicht für ein verborgenes Engelsbild an, sondern für eine gute Christin. Was ich bin, bin ich durch die Gnade des Himmels. Ich glaube alles, was ein Christ glauben muß: daß ein Kind von einer keuschen Jungfrau geboren wurde und der Sohn Gottes ist, daß er in der Zeit für alle Menschen gelitten hat, als Gott und Mensch wahrhaftig auferstanden und wieder zum Himmel aufgefahren ist. Dies alles weiß und glaube ich. So verbanne denn allen Kleinmut und alle Traurigkeit aus deiner geängstigten Brust und gib dich keinem Zweifel mehr hin. Betrachte das Glück, das bereits vor deinen Augen schwebt.« Durch solchen Zuspruch wurden die Lebensgeister des guten Raimund wieder munter, und eine lebhafte Röte schimmerte auf seinen Wangen. Er sprach: »Schönste, liebenswürdigste Nymphe, alle meine Kräfte und all mein Wollen sollen nach Euren Befehlen wie der Schatten nach der Sonne gerichtet sein. Ich vergehe fast vor Verlangen, von meinem Glück aus Eurem klugen Munde zu hören.« Sie sprach: »Wohl denn, wißbegieriger Raimund, so hört, was Ihr zu tun habt, wenn Ihr Euer Glück erreichen wollt. Ich verlange ernstlich, daß Ihr mir beim Himmel schwört und bei dem Heiligsten, das er hat, daß Ihr mich zu Eurer ehelichen Gemahlin nehmt. An jedem Sonnabend sollt Ihr mich in Ruhe lassen und mich nichts fragen, mir auch an diesem Tag nichts befehlen, ja, ganz und gar nicht mit mir reden, mich nicht sehen, auch nicht durch jemand anderen beobachten lassen, sondern mich ganz in Ruhe lassen, so daß ich den ganzen Sonnabend frei und unbekümmert bleiben kann. Dagegen gelobe ich Euch, daß ich die ganze Zeit meines Lebens, besonders aber am Sonnabend nirgends hingehen will, sondern mich an ihm ganz still, sittsam und verschlossen halten werde.« All dies gelobte und schwur sofort Raimund, ihr getreu und unverbrüchlich zu halten. Sein rasches Einverständnis und sein schneller Eid schienen der Nymphe unüberlegt zu sein. Sie glaubte, er verspreche mehr, als er halten könne. Doch gab sie ihm dies nur ganz gelinde zu verstehen. Sie sprach: »Ihr gehorcht meinem Willen gern, obwohl Ihr noch nicht alles vernommen habt. Aber ich sehe aus Eurer Miene, daß Ihr mehr gelobt, als Ihr zu halten gedenkt. Sollte es aber je geschehen, daß Ihr mir untreu würdet, davon Euch der Himmel behüte, so wißt, daß Ihr selbst der einzige Urheber wäret, der einzige Schlüssel, der die Tür zu Eurem Unglück öffnet. Denn Ihr würdet dabei nicht nur mich unfehlbar sofort verlieren und nimmermehr wiederbekommen, sondern auch Euch und Euren Erben schaden und Unglück bis auf Eure Kindeskinder heraufbeschwören.« Als Raimund dies vernahm, schwur er vermessentlich noch einmal und wollte nicht als der angesehen sein, den sie in ihm argwöhnte. Die Nymphe sprach darauf: »Wohlan, ich nehme Euren guten Willen an, den Ihr mir zeigt. Reist hin, mein Geliebter, nach Poitiers, der Himmel begleitet Euch mit seinem Schutz. Wenn Euch aber jemand fragt, wo Euer Oheim hingekommen ist, so antwortet, daß Ihr ihn im Walde verloren und er vielleicht in die Irre geritten sei, was auch seine anderen Diener sagen und Euch beistimmen werden. Dann wird man ihn eiligst suchen und auch finden und mit großer Klage nach Poitiers bringen. Der Himmel weiß, mit welch großer Betrübnis die Gräfin ihn mit ihren Kindern und allen Untertanen beweinen wird. Alle sollt Ihr dann trösten und ihren Kummer mildern helfen. Dann wird ihre Zuneigung und ihr Dank wie ein reicher Strom auf Euch fließen, und jedermann wird Euch an Stelle des toten Grafen zu seinem Herrn wünschen. Nach seiner Beerdigung werden sich seine Verwandten und die Edlen des Landes einfinden, um von seinem Sohn als ihrem neuen Herrn die Lehen zu empfangen. Dann sollt Ihr Euch auch in Demut melden und bitten, daß er Euch für Eure treu geleisteten Dienste ein Stück Land beim Durstbrunnen schenken wolle, wäre es auch nur so viel Land und Wald, wie Ihr mit einer Hirschhaut umspannen könnt. Diese bescheidene und ehrerbietige Bitte wird des Grafen Herz dermaßen bewegen, daß er sie Euch gewähren wird.« Dann sagte die Listige weiter voll Freuden: »Eilt, mein teuerster Raimund, und vergeßt nicht, Brief und Siegel darüber zu bekommen, die von des Grafen Hand unterzeichnet sein müssen. Und trachtet ja danach, daß beide schleunigst ausgefertigt werden. Der Brief muß enthalten, was die Gabe sei, wann und warum sie Euch verliehen wurde, samt Jahr und Tag, an dem dies alles geschehen und vollzogen worden ist. Nach alledem wird Euch ein Mann begegnen, der eine Hirschhaut nach Hause trägt. Diesem kauft sie ohne vieles Handeln ab und laßt sie in einen schmalen Riemen schneiden, so schmal, wie es nur möglich ist, bis die ganze Haut aufgebracht ist. Alsdann geht hin und laßt Euch das Versprechen erfüllen und beginnt beim Brunnen zu messen. Das wird Euch eine ganze Tagreise Land im Umkreis bis wieder an die Stelle verschaffen, von der Ihr ausgegangen seid. Und niemand wird Euch dies streitig machen können.« So entließ die schlaue Nymphe ihren Liebling mit listigem Rat und empfahl ihn dem Schutz des Himmels. Raimund nahm mit vielen Küssen von seiner liebsten Melusine zärtlichen Abschied. Er ritt Poitiers zu und gedachte auszuführen, was sie ihm angeraten hatte. Damit handelte er ganz nach ihrem Sinn und kam am frühen Morgen in der Stadt an. Während er hineinging, fragte ein Mann: »Wie kommt es, Raimund, daß Ihr ohne Euren Herrn erscheint?« Raimund antwortete: »Ich habe ihn seit dem vergangenen Abend nicht gesehen. Er ritt mir im Walde voraus den Jägern nach, so daß ich ihn nicht einholen konnte. Ich habe ihn dann verloren und ihn später nicht mehr gesehen.« Diese Antwort ließ der Mann gelten, und niemand war da, der an ein Unglück dachte oder etwas Schlimmes geargwöhnt hätte. Raimund aber wußte nach der klugen Art, die ihm seine Braut angeraten hatte, sein Leid auf das beste zu verbergen. Nur seufzte er bisweilen bei sich, durfte es jedoch nicht merken lassen. Inzwischen kamen alle Diener des Grafen bis auf zwei von der Jagd nach Hause geritten. Keiner von ihnen wußte zu sagen, an welcher Stelle ihr Herr sich von ihnen getrennt hatte und wo sie ihn am vorigen Abend zuletzt gesehen hätten. Dies verursachte am Hofe ein großes Klagen, besonders bei der Gräfin und ihren Kindern. Als sie am lautesten jammerten, kamen die zwei letzten Diener aus dem Jagdgefolge herbei und brachten ihren toten Herrn auf einer Bahre von Zweigen, was sehr traurig anzusehen war und das Weinen aller Anwesenden noch vermehrte. Auch dem unschuldigen Täter Raimund wurden die Augen naß, und das Herz schlug schnell und laut. Die Diener erzählten, wie sie den Grafen in seinem Blute, blaß und entseelt, bei dem Wildschwein gefunden hätten. Verzweifelt rangen alle im Schloß die Hände, besonders die vaterlosen Kinder und die Witwe. Ihr Weinen wollte nicht enden, und sie waren selbst totenblaß. Um die endlosen Klagen zu mildern und ihnen den Leichnam aus den Augen zu schaffen, wurde das Begräbnis schon für den folgenden Tag angesagt. Es fand mit großem Trauergefolge, doch in schönster Ordnung statt. Raimund, der tief betrübt war und laut mitklagte, wurde wegen seiner treuen Dienste von allen Anwesenden sehr gelobt, besonders deshalb, weil er seinem Herrn noch die letzte Ehre mit vielen Tränen erwies. Dies alles hatte er niemandem zu danken als seiner geliebten Melusine, die beim Durstbrunnen zu ihm gekommen war. Als Graf Emmerich bestattet war, fanden sich alle Edlen des Landes bei seinem Sohne, dem Grafen Bertram, ein und empfingen von ihm ihre Lehen, wie dies bei einem neuen Herrn zu geschehen pflegt. Da trat auch Raimund heran und brachte seine Bitte vor, wie er von Melusine unterrichtet war. Der Graf ließ sich seine demütige Bitte wohl gefallen und versprach ihm auf der Stelle, sie zu gewähren. Auch seine Räte gaben einmütig ihre Zustimmung. Nach diesem allseitigen Einverständnis bat Raimund um die Ausfertigung eines versiegelten Lehensbriefes, von des Grafen Hand unterschrieben, der ihm sofort ohne Widerspruch gewährt und ausgehändigt wurde. Kaum hatte Raimund diesen Brief empfangen und sich entfernt, da traf er einen Mann, der eine schön gegerbte Hirschhaut feilbot, die er unverzüglich kaufte und in einen ganz schmalen, dünnen Riemen zerschneiden ließ Nachdem dies geschehen war, meldete er sich beim Grafen und stellte die Bitte, daß man ihm das Stück Land, das er um den Durstbrunnen herum auswählen würde, als Lehen übergeben möge. Der Graf bestellte sofort einige Amtsleute und Räte, die mit Raimund nach dem Brunnen ritten. Dort sahen sie, daß Raimund eine Hirschhaut zu einem ganz schmalen Riemen hatte zerschneiden lassen. Sie staunten gar sehr über diese List. Sie wußten nicht, was sie in diesem Falle zu tun hätten, denn sie dachten wohl, daß die lederne Schnur ein großes Stück Wald, Feld und Felsen umspannen würde, wie es sich auch zeigte. Auch erschienen zur selben Stunde zwei hierzu bestellte unbekannte Männer. Sie nahmen die zerschnittene Haut, banden das eine Ende an einen Pfahl und umspannten ein großes Stück Land vom Durstbrunnen an bis wieder zu ihm hin. In diesem großen Umkreis war eingeschlossen, was man nur wünschen mochte. Selbst ein schönes, großes Wasser floß hindurch. Die Amtsleute lobten Raimund wegen der Klugheit seines Planes, von dem sie nicht wußten, woher er kam. Obgleich sie gestanden, daß sie es mit der Hirschhaut ganz anders gemeint hätten, ließen sie es doch bei der Schenkung, weil der Graf sein Wort dazu gegeben hatte. Sie kehrten um und ritten auf einen Ort zu, die Kartause genannt, der nicht weit vom Brunnen lag. Von dort reisten sie weiter und nach Poitiers zurück. Hier erzählten sie dem jungen Grafen alles, was sich zugetragen hatte. Als er die seltsame Begebenheit vernommen hatte, konnte er sich nicht genug verwundern. Doch mußte auch er es geschehen lassen, zumal er sich einbildete, es müsse beim Brunnen gespenstisch und geisterhaft zugehen, weil es dort schon mehrere Abenteuer gegeben hatte. Er schloß daraus, daß auch Raimund dort etwas Außergewöhnliches zugestoßen sei. Doch gönnte er ihm als seinem lieben Vetter und Freund, der sich auch um seinen lieben Vater wohlverdient gemacht hatte, alles Gute mit dem Wunsch, daß es ihm dabei wohl ergehen und kein Übel daraus entstehen möge. So treumeinend ist die heutige Welt nicht mehr gesinnt. Mittlerweile hatte sich auch Raimund bei Hofe selbst eingestellt. Er dankte seinem Vetter aufs höflichste für seine Güte. Die Verwunderung und Bestürzung wurden dadurch noch vermehrt, weil man sah, daß Graf Bertram so lieb und Raimund so kühn sein konnte. Doch Bertram mußte in all seinem Leid unwillkürlich über die List seines Vetters herzlich lachen, weil er sich damit so wohl geholfen hatte. Raimund setzte sich wieder auf sein Ross, nachdem sein Ritt an den Hof besser ausgegangen war, als er geglaubt hatte, und begab sich am frühen Morgen an den Durstbrunnen. Hier traf er seine Verlobte, die unvergleichlich schöne Melusine, die auf seine Ankunft mit großer Sehnsucht gewartet hatte und ihn herzlich mit lieben Blicken und Grüssen bewillkommnete. Sie rief: »Seid mir gegrüßt, mein Beherrscher, mein liebster Raimund. Ihr habt klug vollzogen, was ich Euch geraten habe. Dafür sage ich Euch als meinem Geliebten innigsten Dank. Folgt mir nun und laßt uns für das gute Gedeihen unseres Vorhabens dem Himmel gütigen Dank sagen.« Mit diesen Worten faßte sie ihn bei der Hand und führte ihn zu einer abgelegenen Waldkapelle. Als sie dort eintraten, erblickte Raimund viel Volk, Ritter und Bürger, Frauen und Jungfrauen, Alte und Junge, auch Priester, die ihren Gottesdienst verrichteten. Er wußte nicht, ob er sich unter Menschen oder unter Geistern befand. Nachdem er sich lange umgesehen, hatte er nicht einen einzigen bekannten Menschen entdeckt. In höchster Verwunderung fragte er seine Braut: »Mein Kind, was ist das für ein unbekanntes Volk? Wem gehören die Leute, die ich so schön geschmückt vor mir sehe?« Melusine erwiderte: »Wundert Euch nicht. Es sind lauter Leute, denen Ihr zu gebieten habt und die Euch künftig ihren Herrn nennen werden, kurz, mein Volk und meine Untertanen sind es.« Nun wandte sie sich zu ihnen und gebot allen mit lauter Stimme, daß sie Raimund als ihrem rechtmäßigen Herrn und Gebieter von jetzt an gehorsam und untertan sein sollten. Alle verneigten sich tief und gaben ihre Untertänigkeit sofort zu erkennen. Ihre Augen waren ehrfurchtsvoll auf Raimund gerichtet, solange der Gottesdienst währte. Da Raimund alles nicht ohne Staunen und Schrecken sah, mußte er den Gehorsam heimlich, aber mit Zittern und Entsetzen, bewundern. Er schwieg jedoch still, denn er wußte nicht, was er denken oder sagen sollte. Melusine merkte, daß er in schwere Gedanken versunken war, und sprach ihm deshalb leise zu: »Lieber Raimund, entsetzt Euch nicht über das, was Euch so seltsam und fremd vorkommt. Es ist kein Zweifel, daß Ihr mein eigentliches Wesen noch nicht erkannt habt. Es wird Euch nicht eher möglich sein, als bis Ihr mich zur Gemahlin genommen habt. Ihr habt zwar geschworen, mir in allem getreu zu sein, und gelobt, die Ehe mit mir zu schließen, doch vollzogen ist unsere priesterliche Einsegnung noch nicht. Ohne sie wird Euch die völlige Erkenntnis meiner Person fehlen.« Raimund fühlte sich durch diese Worte wieder aus seinen Zweifeln herausgehoben und sagte zu ihr: »Ich bin bereit, jederzeit Euren Willen zu tun.« Sie erwiderte: »Mein Raimund, ich kann es nicht leugnen, daß Ihr mir alle Treue und Ehre erwiesen habt. Aber nur noch dieses eine ist notwendig, dann werdet Ihr alle Glückseligkeit vollkommen genießen. Ihr müßt eine feierliche Hochzeit herrichten, vornehme Gäste dazu einladen, die Trauung vollziehen lassen, das Mahl bereiten und jeden Anwesenden fröhlich machen. Dann wird unsere Liebe eine ganz andere Gestalt gewinnen. Wenn Ihr ganz glücklich sein wollt, muß dies aber innerhalb von acht Tagen, und zwar am frühen Morgen geschehen.« Raimund bewilligte Melusine alle Wünsche, um den rechten Grund dessen, was ihm noch unbekannt war, bald zu erfahren. Er schwang sich ungesäumt und mit höchstem Eifer auf sein Ross und begab sich wieder nach Poitiers zu seinem Vetter. Jeder fragte sich, was diese baldige Rückkehr Raimunds an den Hof wohl bedeuten möge. Er wurde bald vorgelassen, und der Graf war begierig, sein Anliegen zu hören. Er staunte, als Raimund als sein eigener Hochzeitsbitter zu reden begann: »Gnädiger Herr Vetter, seid nicht unwillig darüber, daß ich mich so bald und unverhofft wieder bei Hofe einfinde, um Euch etwas Neues mitzuteilen. Ich halte es für meine Schuldigkeit, vor Euch keine Heimlichkeiten zu haben. So wißt denn, ich bin Bräutigam und komme, Euch und Eure Frau Mutter ehrerbietig zu meinem Hochzeitsfest einzuladen, das bei dem Euch bekannten Durstbrunnen stattfinden soll. Gebt mir die Ehre, Euch mit Eurer lieben Mutter dabei begrüßen zu können. Das wäre für mich und meine Liebste ein besonderes Glück, und wir würden es niemals vergessen.« Kaum hatte Raimund diese höfliche Einladung ausgesprochen, als der Graf höchst neugierig fragte, wer denn seine Liebste sei. Raimund antwortete: »Sie ist eine edle, reiche und mächtige Dame, deren Herkunft ich eigentlich selbst noch nicht weiß und erst nach der Trauung erfahren werde.« Graf Bertram konnte seine Verwunderung und sein Lachen kaum unterdrücken. Doch gab er ihm höflichen Bescheid: »Liebster Vetter, wir vernehmen mit höchstem Vergnügen und Wohlgefallen Euer Glück und wollen gern auf Euer freundliches Ersuchen am Hochzeitsfest teilnehmen. Der Himmel möge Euch seinen Segen hierzu geben. Aber seht zu, daß Euch diese Heirat nicht zum Unglück werde. Denn wenn Eure Liebste von unedlem Geschlecht abstammt, könnte sie Eurer edlen Herkunft einen Schandfleck beibringen.« Raimund antwortete sogleich: »Edler Vetter, obwohl ich die Abstammung meiner Braut selbst noch nicht recht kenne, so bin ich doch dessen gewiß, daß sie meinem Stande gleich, wenn nicht gar überlegen ist. Ich wünsche daher nichts anderes, als daß Ihr sie mit ihren vortrefflichen Eigenschaften persönlich kennenlernt.« Der Graf antwortete lächelnd: »Es sei so, wie wir Euch schon vorhin versprochen haben. Wir werden gewiß kommen und die unbekannte Braut betrachten, ob Ihr Euch auch etwas Schönes ausersehen habt.« Raimund sprach: »Zweifelt daran nicht. Ihre Schönheit und Sittsamkeit lassen sie wie eine Königin erscheinen. Sie wird wohl eines Herzogs oder Markgrafen Tochter sein.« Der Graf erwiderte: »Der Himmel bestätige Euren Glauben, daß Ihr nicht betrogen seid. Ich möchte bald diese Göttin sehen.« Nach dieser Zusage schied Raimund mit höflichem Dank und ritt zu seiner Braut davon. Der bestimmte Montag kam heran. Mit dem frühesten Morgen machte sich Graf Bertram samt seiner verwitweten Mutter und allem Hofgesinde von Poitiers auf, um seinem Versprechen nachzukommen und am Ehrenfest seines Vetters teilzunehmen. Unterwegs hatten sie immer den belustigenden Gedanken, daß beim Durstbrunnen ein gespenstisches Gaukelspiel und Blendwerk getrieben werde, worüber sie dann genug lachen und den Bräutigam necken wollten. Nun ging die Reise dem Walde zu nach Colombiers und von da gegen einen hochgelegenen Felsen. Kaum aber waren sie bei ihm angelangt, erblickten sie im Grunde auf einer schönen, grünen und anmutigen Ebene verschiedene wohlgestaltete Bäume und zwischen ihnen eine Menge trefflicher Zelte, aus denen hier und dort Rauch aufstieg, woran zu erkennen war, daß man dort beim Sieden und Braten war. Auch sahen sie sehr viel Volk, lauter unbekannte Leute, die bei den Zelten umherwandelten. Dies bestätigte ihre Meinung, daß alles nur ein Blendwerk sein könne, besonders auf einer solchen Einöde, wo sonst kein Mensch anzutreffen war. In diesen Gedanken wurden sie unterbrochen, als etwa sechzig junge Ritter und Edelleute, die ihnen entgegenritten, bei ihnen ankamen. Alle waren landfremd, aber im schönsten Schmuck und bestens bewaffnet. Sie empfingen den Grafen, seine Mutter und ihr Gefolge im Namen ihres Herrn Raimund auf das allerhöflichste und begleiteten sie in schöner Ordnung bis vor die Zelte. Diese artige Aufnahme, die sorgfältige Verteilung der Gäste in die Zelte und die treffliche Herberge machten den Grafen Bertram nicht wenig bestürzt und brachten ihn von seinen bösen Vermutungen ab. Nicht allein die Zelte waren schön und kostbar und an einem gut gelegenen Platz aufgeschlagen, sondern auch die Krippen für die Pferde waren aufs beste eingerichtet. Kaum hatten die fremden Gäste sich in den Zelten niedergelassen, da kamen schon eine Anzahl schöngeschmückter Frauen und Jungfrauen herbei, die im Namen der Braut die Gräfin-Mutter mit den Ihrigen artig begrüßten. Alle Gemächer fanden sie mit Bequemlichkeiten und kunstvollen Gefäßen aufs kostbarste eingerichtet, wie man es in dieser Einöde nie hätte erwarten können. Jetzt kam auch Raimund mit einem Gefolge von Kavalieren daher, um seinen Vetter zu begrüßen und ihn in seine Wohnung zu begleiten. Da es bereits Zeit zur Trauung war und die Glocken zum Kirchgang läuteten, gingen alle Gäste nach der Kapelle, wo sie sich in einem kleinen Ring in bester Ordnung aufstellten. In ihrer Mitte wurde ein Altar aufgebaut, der mit den größten Kostbarkeiten geziert war. Auch die Kapelle war mit Tapeten und Kleinodien auf das prächtigste geschmückt. Die Braut besaß so viel Schönheit und prächtigen Kleiderschmuck, daß sie mehr einem Engel als einem Menschen ähnlich war. Die Gewänder glänzten und schimmerten von Gold, Perlen und Edelsteinen wie der gestirnte Himmel; kurz alles war schön und köstlich anzuschauen. Als der Graf von Poitiers mit seinem Gefolge in die Kapelle eintrat, wandte er sich zur Braut, umfing sie und beglückwünschte sie mit aller Ehrerbietung. Melusine und ihre Jungfrauen erwiderten den Gruß mit einer tiefen Verneigung. Nachdem alle sich gesetzt hatten, erklang eine vortreffliche Musik von allerlei lieblich tönenden Saiteninstrumenten, Flöten und Posaunen. Die Fremden hatten in der Kapelle genug zu hören, zu sehen und zu staunen, so daß sie bei sich bekennen mußten, eine solche Hochzeit noch niemals erlebt zu haben. Nach beendeter Messe schritten Raimund und Melusine zur Trauung, wobei die Braut in ihrem Schmuck von zwei Jungfrauen und Raimund von zwei Rittern zum Altar geleitet wurde. Dort stand die Braut mit dem Bräutigam unter einem köstlichen Thronhimmel, und der Priester segnete beide ein. Nach der Trauung führte sie der Graf von Poitiers und ein anderer vornehmer Herr einem Zelt zu, um sie besonders zu ehren. Hier wurde das Handwasser in goldenen Schalen herumgetragen und jedem Gast auf die Hände gegossen. Dann setzte man sich zu Tisch. Die gräflichen Gäste nahmen neben dem Brautpaar in goldenen Sesseln Platz. Die köstlichsten Speisen wurden aufgetragen, und bei allem wendete man eine solche Pracht an, daß es fast königlich anzuschauen war. Nachdem die Vorgerichte genossen waren, stand Raimund mit einigen seiner Ritter auf; er und sie begannen die Gäste bei Tisch zu bedienen. Es wurden so viele Gerichte hereingetragen, daß man nicht wußte, wo man sie hinsetzen sollte. Den Wein kredenzte man nur in goldenen Pokalen von der köstlichsten Art. Und alle gingen mit ihm so verschwenderisch um, als wäre es bloßes Bier. Ja, selbst Diener und Knechte tranken nur edlen Wein und taten sich an ihm gütlich. Auf die Tafel folgte ein fröhliches Turnier. In herrlichem Putz und Geschmeide stellten sich die Ritter, in zwei Parteien geteilt, auf den Plan. Der eine Haufen wollte für Melusine, der andere für Raimund zur besonderen Ehre streiten. Die köstlich geschmückten Frauen schauten den Ritterspielen zu, doch keine war schöner im Schmuck von Edelsteinen als die Braut. Jeder wartete voller Neugier, wer siegen werde. Die Ritter taten ihr Bestes, aber Raimunds Partei trug den Sieg davon. Er erhielt ein herrliches Kleinod von Diamanten. Darüber freute sich Melusine sehr. Als das Fest am späten Abend beendet war, wurde das Brautpaar mit Fackeln und Windlichtern zu seinem Zelt geleitet. Es war von reiner Seide, mit dichten Goldstreifen und Vogelgestalten herrlich durchwirkt. Das Lager und die Decken waren aus Seide, mit gestickten goldenen Lilien geschmückt, so daß ihr Glanz die Augen blendete. Die Priester segneten das Paar noch einmal, und alle Hochzeitsgäste verabschiedeten sich. Um das Zelt herum ertönte von allerlei Instrumenten eine liebliche, gedämpfte Musik. Die jungen Burschen und Diener blieben die ganze Nacht wach und belustigten sich mit Singen und Springen. Melusine aber sprach zu ihrem Gemahl: »Ich bin jetzt deine Hälfte, wie du die meinige bist. Und das laß uns bleiben, bis der Tod uns trennen wird. Nur gelüste es dich nicht, nach meiner Herkunft zu forschen, auch denke nicht daran, dein Gelübde zu brechen, mich Sonnabends nicht zu sehen, wenn du nicht selbst schuld an deinem Unglück sein und mich sofort verlieren willst.« Raimund umarmte seine Gemahlin und schwur ihr zum dritten Male, alles zu halten, wie er es schon zweimal gelobt hatte. Dann begaben sie sich zur Ruhe. Am nächsten Morgen versammelten sich die Gäste wieder. Sie wurden von allen freundlich begrüßt, und man setzte sich in Fröhlichkeit wieder zusammen zum Schmausen, Trinken und Turnieren. So währte die Hochzeitsfeier fünfzehn Tage lang. Endlich kam der Abschiedstag herbei, an dem alle Gäste aufbrachen. Anstatt aber die Braut zu beschenken, beschenkte Melusine sie. Sie öffnete einen mit Elfenbein ausgelegten großen Schrein, in dem kostbare Kleinodien von Gold, Perlen und Edelsteinen in großer Menge aufbewahrt waren, wie man sie zuvor nie gesehen hatte. Damit erfreute sie die meisten ihrer Gäste, vor allem den Grafen, seine Mutter und ihre Hofdamen. Darüber verwunderten sich alle sehr. Sie dachten, welch ein glücklicher Herr doch Raimund sein müsse, daß er eine solch gute Wahl getroffen habe. Hierauf verabschiedeten sich die Gäste von allen mit herzlichem Dank, besonders aber von der schönen Melusine. Zwar hätte Graf Bertram gern gefragt, welcher Abstammung die junge Frau sei, weil er sie immer noch nicht für einen Menschen halten wollte. Allein er fürchtete den Zorn, in den Raimund wegen eines solchen Verdachts geraten würde. So schieden alle in Liebe voneinander, jedoch wußten die Gäste aus Poitiers nicht, bei wem sie gewesen waren und woher Raimunds reiche Braut stammte. Von ihm und seinen Rittern wurden sie bis vor den Waldsaum begleitet. Dann ritt er wieder zurück. Melusine empfing ihn mit vielen Küssen und liebkoste ihn. Da nun die Unruhe vorbei war, wollte sie bald einen denkwürdigen Bau zu Ehren ihres Gemahls errichten lassen. Das gefiel Raimund sehr. Als acht Tage verflossen waren, kamen eine Menge Handwerker beim Durstbrunnen an. Sie fällten die Bäume ringsumher, die innerhalb der Begrenzung durch den Hirschriemen standen, und zerkleinerten sie zu Bau- und Brennholz. Dann machten sie um die Felsen tiefe Gräben. Melusine bezahlte sie alle Tage mit barem Geld, daher verrichteten sie ihre Arbeit um so williger. Sie legten ein tiefes, starkes Fundament und setzten die ersten Grundsteine auf den Fels. Durch ihren großen Fleiß hatten sie in kurzer Zeit mächtige Türme und dabei eine übermäßig hohe und dicke Ringmauer errichtet. Innerhalb der Mauer bauten sie zwei schöne, starke Schlösser. Um das untere errichtete man einen hohen und festen Zwinger. Als die Leute des Landes ein solch großes und starkes Werk in so kurzer Zeit aufgeführt sahen, konnten sie sich darüber nicht genug wundern. Und weil das Schloß zur Verteidigung ausreichend gerüstet war, nannte es Melusine nach ihrem Taufnamen und sprach: »Lusinia soll dies Schloß heißen und hoffentlich ewig diesen Namen führen.« Nach einiger Zeit schenkte Melusine ihrem Gemahl einen Sohn, den sie Uriens nannte. Er kam später zu großen Ehren. Doch war er keineswegs schön. Er war kurz und breit, flach unter den Augen, das eine war rot, das andere grün. Dazu hatte er einen breiten Mund und lange Ohren, sonst aber war er von schönem Wuchs, und seine Bewegungen waren zierlich. Hierauf ließ Melusine den Bau des Schlosses beenden und es einrichten. Es wurde mit Kriegern und Waffen so besetzt, daß es schwer einzunehmen oder zu stürmen war. Die Gräben waren ungeheuer tief, Mauern und Türme sehr hoch und stark. Die Tore waren mit mächtigen Riegeln und einem Schloßturm versehen. In diesen ließ sie heidnische Türmer legen, die das Schloß am Tage bewachen und ankommende Fremde mit einer bestimmten Losung anmelden mußten. Noch im selben Jahr gebar Melusine einen zweiten Sohn, der Gedes genannt wurde. Er hatte eine solch brennende Röte in seinem Gesicht, daß sie gleichsam einen Widerschein gab, sonst aber war er schön und wohlgestaltet. Darauf baute sie wieder ein Schloß, das sie Favent und dessen Turm sie Mervent nannte. Zu Ehren der Mutter Gottes ließ sie ein schönes Kloster errichten, das Mallières genannt wurde. Zuletzt ließ sie das Schloß und die Stadt Portenach ausbessern und erneuern. Als all diese Gebäude fertig waren, gebar Melusine abermals einen Sohn, der gar schön war, nur stand ihm das eine Auge ein wenig höher als das andere. Er bekam den Namen Gyot. In demselben Jahr baute Melusine wieder ein Schloß, Larochelle genannt. Zu Soniets ließ sie eine herrliche Brücke errichten. Dann erhielt sie wieder einen Sohn, Antonius gehießen. Er brachte das Zeichen einer Löwenklaue an seiner Wange mit auf die Welt. Er war auch sehr behaart und hatte lange und scharfe Fingernägel. Antonius war so scheußlich anzusehen, daß jeder sich vor ihm fürchten mußte. Doch vollbrachte er später als Mann in Luxemburg große Taten, so daß alle Welt darüber staunte. Dann gebar sie wieder einen Sohn, der aber nur ein Auge mitten auf der Stirn hatte. Er wurde Reinhard genannt. Er sah mit dem einen Auge besser als mit zweien. Als er groß war, vollbrachte er nicht weniger herrliche Taten als die anderen. Es folgte nun auch der sechste Sohn, den man Geoffroy mit dem Zahne hieß, weil er einen großen Zahn mit auf die Welt brachte, der ihm wie ein Eberzahn aus dem Mund hing. Geoffroy wurde überaus dick und hatte fremde und wilde Sitten an sich. Dem sechsten Sohne folgte ein siebenter, der Freimund genannt wurde. Er war von Körper und Angesicht sehr schön, hatte jedoch auf der Nase ein haariges Mal, als wäre ihm ein Stück Wolfsfell eingesetzt worden. Freimund wurde verständig und weise, lebte aber nicht lange. Bald nach ihm kam der achte Sohn, der drei Augen hatte, eins davon mitten auf der Stirn. Weil er so häßlich aussah, wurde er Horribil genannt. Schon in zarter Kindheit zeigte er böse Eigenschaften. Sein ganzes Sinnen war darauf gerichtet, Arges zu tun. Ihm folgte der neunte Sohn, den man Dietrich nannte. Er hatte keine besonderen Merkmale und wurde ein tapferer und kühner Ritter. Der letzte Sohn hieß nach dem Vater Raimund und wurde später auch Graf vom Forst. Uriens, der älteste Sohn, war indessen zum Manne herangewachsen. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als hohen Kriegsruhm zu ernten. Deshalb nahm er einige Segel- und Ruderschiffe und ließ sie mit allem Nötigen ausrüsten, so daß sie den Namen Galeeren führen durften. Auch bestellte er zu dieser Heerfahrt die Besten und Wehrhaftesten aus dem Land seiner Mutter. Als sein jüngerer Bruder Gyot dies sah, bekam er Lust mitzufahren, obwohl er jünger als sein Bruder Gedes war, der auch an dieser Fahrt Gefallen gefunden hatte. Uriens aber hatte seinen Bruder Gyot lieber, so daß er sich ihn zum Reisegefährten wählte und Gedes diesmal zurückließ. Melusine lobte den Vorsatz ihrer Söhne und hoffte, daß es ihnen auf der Reise gut ergehen werde. Sie rüstete sie mit Lebensmitteln und Geld reichlich aus und ließ sie mit ihrem Segen hinausfahren. So hißten sie ihre Segel voller Freude und stießen von Land. Nach kurzer Fahrt kamen sie in das Königreich Zypern. Dort hatten sie die beste Gelegenheit, ritterliche Taten zu vollbringen, denn der König von Zypern wurde in seiner Stadt Famagusta von dem mächtigen Heidensultan mit mehr als hunderttausend Mann belagert. In der Stadt herrschte große Hungersnot, und dem König blieb nichts anderes übrig, als sich den Heiden zu unterwerfen und seinem Glauben abzuschwören. Dies rief großes Jammern und Wehklagen in der Stadt hervor. Der Himmel aber verließ die Seinigen nicht. Denn kaum hatte Uriens von der Belagerung gehört, wandte er sich mit der Flotte nach der Stadt, um ihr zu helfen. Stolz flatterte sein köstlich in Seide gesticktes Panier im Winde. Die Heiden vernahmen bald das Herannahen der Flotte. Auch die Einwohner der belagerten Stadt hörten davon. Sie wußten aber nicht, ob es Christen oder Heiden waren. Als der Sultan aber die mächtige Flotte heransegeln sah, zog er sein Kriegsvolk zusammen. Da glaubte der König von Zypern, die Heiden wollten die Flucht ergreifen. Er befahl den Seinigen, sich zum Streite zu rüsten und steckte die rote Blutfahne auf. Die Trompeter bliesen zum Kampfe, die Tore wurden geöffnet, und das ganze Heer zog mutig zum Kampf hinaus. Der König ließ nur die Prinzessin Herminia, seine Tochter, in der Stadt zurück. Es entstand ein gewaltiger Kampf. Die Heiden widerstanden mit großer Macht. Viele Christen wurden erschlagen, ja der König von Zypern wurde durch einen vergifteten Pfeil tödlich verwundet, so daß man kaum hoffte, ihn lebendig vom Schlachtfeld hinwegzubringen. Von den Heiden arg bedrängt, zogen die Zyprier sich in heftiger Gegenwehr und mit großen Verlusten in die Stadt zurück. Dort erhob sich großes Klagen um die Toten und Verwundeten. Frauen und Kinder weinten und schrien, und viele liefen ratlos und händeringend umher. Am trostlosesten aber war die Prinzessin Herminia, denn sie hatte aus dem Bericht der Ärzte geschlossen, daß ihr Vater nicht mehr lange leben werde, da seine Wunde unheilbar sei. Unterdessen war Uriens mit seinem Bruder Gyot und der Heerschar gelandet und sofort gegen die Feinde gezogen. Voll Heldenmut fielen sie in ihre Reihen ein. Uriens tötete und verwundete einige mit eigener Hand, auch Gyot zeigte sich nicht weniger tapfer, so daß die Heiden von großem Schrecken ergriffen wurden und den Rückzug antraten. Sie erkämpften ihn aber nur unter großen Opfern. Der Sultan wehrte sich mit mächtigen Streichen seines krummen Säbels und streckte einen Angreifer nach dem anderen zu Boden. Das sah Uriens. Er drang auf ihn ein und spaltete ihm mit einem gewaltigen Schwertstreich das Haupt, so daß er elend in den Staub sank. Als dies seine heidnischen Völker sahen, ergriffen sie voll Entsetzen die Flucht. Uriens und sein Bruder eilten ihnen mit anderen Rittern nach, und so wurden noch viele von ihnen vernichtet; der Sieg war errungen. Als die Schlacht beendet war, nahmen Uriens und Gyot mit ihren Kriegern von dem Lager und den Zelten der Heiden Besitz und ruhten sich dort zufrieden aus. Der todkranke König von Zypern schickte durch einen Landesfürsten und einige seiner Räte eine Gesandtschaft an Uriens mit der Bitte, zu ihm in die Stadt Famagusta und an seinen Hof zu kommen. Er ließ ihm sagen, er würde ihm als dem Sieger über seine Feinde selbst einen Besuch im Lager abstatten, wenn er nicht an einer tödlichen Wunde darniederläge. Uriens nahm die Einladung mit vielem Dank an und versprach der Gesandtschaft, sich einzufinden und Seiner Majestät aufzuwarten. Er machte sich bald mit seinem Bruder Gyot auf und ritt an den Hof des Königs. Aber das Volk der Stadt Famagusta empfing ihn anfangs nicht sehr freundlich, sondern sah ihn wegen seines unförmigen Gesichts mit Befremden und Erstaunen an. Ein jeder sagte, noch nie hätte er ein solch seltsames Gesicht gesehen. Ja, manche bekreuzten sich und sprachen: »Der hat wohl die Gestalt, viel Land und Leute zu überwinden, weil sich jeder vor ihm fürchten muß.« Indessen kamen sie in den Palast des Königs und fanden ihn, geschwollen und schwach von der Wunde des vergifteten Pfeils, in seinem Bett liegen. Uriens begrüßte den König mit einer tiefen Verneigung und beklagte sein Geschick. Der König antwortete: »Mein Freund, Ihr habt gar tapfer gefochten und mit Eurer ritterlichen Hand großen Ruhm erworben, auch uns und der ganzen Christenheit damit gedient, so daß Ihr von aller Welt Lob und Ehre verdient. Noch Eure Nachkommen werden wegen dieser Heldentat gepriesen werden. Doch eins wünschen wir von Euch zu wissen: Von welchem Geschlecht und woher seid Ihr?« Uriens antwortete ihm mit tiefer Verbeugung: »Allergnädigster König und Herr, ich bin vom Stammhaus zu Lusinia geboren. Ich verschweige meinen Namen nicht.« Der König sprach: »Von Eurem Geschlecht haben wir viel vernommen, daß alle, die daraus geboren sind, tapfere Leute seien. Jetzt aber bitte ich Euch, daß Ihr uns in einer Sache willig einen besonderen Gefallen erweist. Es soll Euch dies zur eigenen großen Ehre gereichen.« Der König seufzte laut, holte tief Atem und sprach weiter: »Unsere Tochter Herminia ist die einzige Erbin unseres Königreichs, das sie bald nach unserem Tode übernehmen wird. Wir spüren das Gift des eingedrungenen Geschosses schon am Herzen. Unsere Tochter Herminia bedarf eines Schutzes und dieses Reich eines heldenmütigen Thronfolgers, weil es den heidnischen Grenzen zu nahe liegt. Darum begehren wir von Euch, daß Ihr unsere Tochter und das Reich zusammen übernehmt und vor allem Überfall der Feinde schützen wollt. Derzeit ist in allen Landen und unter allen Rittern der Welt kein besserer Held zu finden als Ihr, keiner, der an Klugheit und tapferen Taten Euch gleichkommt, keiner, mit dem unsere Tochter und unser Reich besser versorgt wären.« Uriens erschrak vor großer Freude hierüber nicht wenig. Er antwortete dem König ehrerbietig: »Großmächtiger König, ich sage für diese hohe und unverdiente Gnade meinen untertänigen Dank und halte mich für viel zu gering, die Erbin einer Königskrone als Gemahlin zu erhalten, noch geringer aber, ein so mächtiges Reich zu beherrschen. Jedoch wäre es mehr Vermessenheit als Demut, eine solche Gnade auszuschlagen. Deshalb will ich Eurem Beschluß gehorchen. So nenne ich die jetzt so betrübte Fürstin meine Braut und mich selbst ihren Diener.« Der König war über die kluge Antwort sehr erfreut und sprach: »Nun danke ich dem gütigen Himmel, daß ich noch vor meinem Tode Tochter und Reich nach meinem Wunsch versorgt habe.« Hierauf entließ er Uriens und befahl die Hof- und Reichsstände zu sich, um ihnen seinen Willen vorzutragen. Hierzu sollten auch seine Räte, besonders aber seine Tochter kommen. Zu den Männern sprach er alsdann: »Wir haben unser Reich mit bewaffneter Hand bisher gegen die Heiden beschützt. Nun aber sind wir durch ein vergiftetes Geschoß zu Tode verwundet. Deshalb braucht ihr einen tapferen Helden zum Herrn, denn ihr seid den Ungläubigen zu nahe. Das Reich fällt an unsere einzige Erbin Herminia. Aus ihren Händen sollt ihr eure Lehen empfangen, ihr auch als eurer gnädigen Königin und Herrscherin huldigen und schwören.« Dies alles geschah von Hof und Ständen nach dem Willen des Königs. Dann fuhr er fort: »Ihr Lieben und Getreuen wißt, daß einem schwachen, jungen Weib nicht immer möglich ist, Reiche und Länder zu regieren und vor feindlichen Angriffen zu schützen. Wir möchten ihr gern eine solche Last abnehmen und sie doch als Königin anerkannt wissen. In unserem ganzen Reich und in allen Nachbarländern aber finden wir keinen würdigeren Ritter, der ihr Gemahl und königlicher Herrscher zu sein verdient, als den Helden Uriens von Lusinia. An unseren Hof berufen, befindet er sich hier. Er hat diese Stadt aus den Händen der Feinde errettet und den Sultan und sein mächtiges Kriegsvolk besiegt. Mit eurer Einwilligung sind wir entschlossen, ihm unser einziges Kind, die Prinzessin Herminia, zu vermählen und ihm das Szepter des Reichs zu übergeben. Wir bauen auf eure Treue, daß ihr unseren Willen anerkennt und den Ritter ersucht, die angebotene Gnade anzunehmen. Ihr wißt, daß ihr mit des gütigen Himmels Hilfe durch ihn vor den Heiden gesichert sein werdet.« Die Landesherren kamen dem königlichen Wunsch freudig nach und trugen Uriens ihre Bitte vor, sich mit der Prinzessin Herminia zu vermählen. Wenn dies geschehe, würden sie ihm auf der Stelle die Treue schwören und ihn zu ihrem König krönen. Uriens willigte freudig und dankbar ein. Er entließ die Abgeordneten, dies dem König zu melden, der ihn alsbald wieder zu sich rufen ließ. Er sprach: »Ihr seid würdig, das Szepter zu führen und das Königreich zu beherrschen. Das ganze Volk freut sich, Euch als seinem künftigen Gebieter zu huldigen.« Uriens dankte noch einmal mit tiefer Verneigung und versprach willig seine Dienste. Er und Herminia wurden sodann im Angesicht des sterbenden Königs vermählt, der alsbald verschied. So wurde die Hochzeit in Trauer und Jammer begangen. Kein Tanz fand statt, kein Saitenspiel ertönte. Der König aber wurde mit großem Gepränge bestattet. Uriens und Herminia lebten in inniger Liebe miteinander, und zu ihrer Zeit genas die junge Königin eines Prinzen, dem sie den Namen Greif gaben. Dieser Sohn war später so tapfer, daß er in einem fremden Land viele Städte und große Herzogtümer gewann. Den Palast zu Colliers, der sehr stark war, eroberte er, dazu eine Insel, auf der ein großer Schatz verborgen war, und das Goldene Vlies, das Jason vor Zeiten hergebracht hatte. Er nahm auch eine Stadt im Mohrenlande ein und steckte auf ihren Zinnen sein Panier auf. Damals erkrankte auch der König von Armenien, ein Oheim der Königin Herminia. Seine Krankheit verschlimmerte sich dermaßen, daß sein Ende bevorstand. Die Kunde davon kam nach Zypern und bald darauf die Nachricht von seinem Tode. Er hinterließ eine einzige Tochter, die Floria hieß und unvermählt war. Da traten die Landesherren zusammen und berieten, was zu tun sei. Weil die verstorbenen Könige von Zypern und Armenien Brüder gewesen waren, schickten sie eine Abordnung an den König von Zypern und baten ihn, seinen Bruder Gyot zu ihnen zu senden, damit er der Gemahl der Prinzessin Floria werde. Dann wollten sie ihm huldigen und ihn zum König krönen. Uriens hielt deswegen einen geheimen Rat. Man billigte einstimmig den Wunsch der Armenier, und Gyot reiste alsbald ab. Er wurde aufs trefflichste empfangen, und die schöne Floria begrüßte ihn als ihren Bräutigam. Nach kurzer Zeit wurde die Hochzeit gefeiert und Gyot feierlich zum König gekrönt. Von dieser Zeit an waren beide Königreiche wieder in den Händen zweier Brüder. Beide regierten klug und stark und leisteten dem Heidenvolk kräftigen Widerstand. Beide Königsfamilien hatten viele tapfere und schöne Söhne, die ebenfalls siegreich gegen die Heiden kämpften. Inzwischen erhielten Raimund und Melusine Nachricht, daß ihre beiden Söhne durch ihre Tapferkeit zu hoben Ehren und sogar zu Thronen gekommen seien. Darüber freuten sie sich über alle Massen. Zum Dank für diese Fügung des Himmels ließ Melusine eine Kirche bauen, die Kapelle zu Unserer Lieben Frauen von Portenach genannt wurde. Auch ließ sie noch viele andere Kirchlein und Kapellen errichten. Darauf vermählte sie ihren zweiten Sohn, Gedes, an eine Tochter des Grafen von der Mark. Inzwischen wurde auch ihr Sohn Reinhard, der nur ein Auge hatte, groß und stark. Er entschloß sich, mit seinem Bruder Antonius in die Fremde zu gehen wie seine beiden älteren Brüder und dort durch ritterliche Taten Ehre zu erwerben. So zogen sie mit großem Gefolge und gut ausgerüstet von Lusinia gegen Luxemburg, das der Fürst von Elsaß mit starker Macht belagerte. Er hätte diese Stadt ohne Zweifel genommen, wenn ihr nicht durch jene beiden Helden unerwartete Hilfe gekommen wäre. Der Fürst von Elsaß war von Herkunft König von Böhmen, daher man ihn auch allgemein den König von Elsaß nannte. Jeder wußte, daß sein Angriff mutwillig und freventlich war, mit dem er die verwaiste und hilflose Herzogin von Luxemburg schrecken wollte. Er versuchte nämlich, sie entweder zur Gemahlin oder Schloß und Stadt mit Gewalt von ihr zu holen. Von dieser Gewalttätigkeit hörten die Brüder. Von Mitleid bewogen, sandten sie eilends einen Herold an den König von Elsaß und erklärten ihm den Krieg. Zum Beweise dessen steckten sie sofort ihr Kriegsbanner auf. Ungesäumt rückten sie gegen das feindliche Lager an, fanden den Feind schon in Schlachtreihe aufgestellt und mit Schwertern, Spießen und Hellebarden gut ausgerüstet. Darauf stellten sie auch ihre Mannschaft in Schlachtreihen auf und griffen die Elsässer mutig an. Diese wehrten sich und drangen auf das fremde Heer mit großer Gewalt ein. Doch die Lusinier warfen sie in heftigem Kampf zurück, wobei viele Elsässer ihr Leben lassen mußten. Der Sieg neigte sich den Lusiniern zu. Beide Brüder verrichteten in diesem Streit wahre Heldentaten. So wurde der Schrecken bei den Feinden überaus groß. Ihre anfängliche Siegeszuversicht und ihr prahlerisches Geschrei verstummten. Die Lusinier dagegen feuerten einander mit lauten Rufen an. Inzwischen geriet der junge Held Antonius in die Nähe des Königs von Elsaß und focht mit ihm so geschickt und ungestüm, daß zuletzt der König sich gefangengeben mußte und ihm sein Schwert überreichte; es wäre ihm sonst ans Leben gegangen. Antonius behandelte ihn ritterlich. Als das rheinische Volk seinen Herrn gefangen sah, ergriff es die Flucht. Die Lusinier verfolgten sie, und besonders einer richtete unter ihnen großen Schaden an. Nachdem der Feind völlig geschlagen war, schickten beide Brüder den gefangenen König nach Luxemburg in die Stadt und ließen ihn durch sechs ihrer Ritter der Erbin des Landes als Siegeszeichen übergeben. Als die Prinzessin solch königliche Beute erblickte, erinnerte sie sich der Drangsale, die ihr der Gefangene zugefügt und des Übermuts, den er an ihr ausgelassen hatte. Kein Wunder, wenn ihr die Rache, die der Himmel an ihm genommen, und ihre eigene Rettung tief zu Herzen gingen. Sie sprach daher zu den Rittern, die ihr den König brachten: »Tapfere Ritter, werte Freunde, ihr habt mir meinen Feind und mächtigen Verfolger in die Hände gegeben, und ich kann an ihm den Wechsel des Glücks und die Nichtigkeit allen Hochmuts erkennen. Der Himmel hat meine gerechte Sache zu einem guten Ende geführt und mir viel Geduld verliehen, euch aber den Sieg geschenkt. So sagt mir, wer die siegreichen Helden sind, die unser Land aus den Händen dieses Tyrannen errettet haben?« Ein alter Ritter antwortete ihr: »Durchlauchtigste Fürstin, die tapferen Überwinder stammen aus Lusinia in Frankreich und sind zwei Brüder, der eine heißt Antonius und der andere Reinhard. Ihre Losung und ihr Feldgeschrei waren das Wort Lusinia.« Die Prinzessin antwortete darauf: »So danken wir denn dem gütigen Gott und jenen, die sich unser erbarmt haben. Weil wir durch diese mutigen Ritter von aller Angst befreit sind und uns sicher fühlen, soll zukünftig nichts ohne ihren Willen und klugen Rat von uns unternommen werden. Ja, alles, was der Himmel in unsere Hände gegeben hat, soll ihnen zu Diensten stehen.« Dann befahl sie, daß man sofort beiden Siegern die besten Herbergen der Stadt zuweisen und reichlich ausstatten solle. Außerdem sollte für ihre Krieger Unterkunft bei den Bürgern vorbereitet werden, damit bei ihrer Ankunft alles fertig wäre. So wurden die sechs Ritter von ihr in Gnaden entlassen. Sie eilten zu den Brüdern und berichteten ihnen, was sie gehört und gesehen hatten. Kaum waren sie damit fertig, als schon Abgeordnete der Herzogin im Zelt ankamen, um die Brüder im Namen ihrer Herrin zu begrüßen und zum Aufbruch in die Stadt zu veranlassen. Hier sahen sie das Königszelt mit einer reichen Beute von Silber, Gold und Kleinodien angefüllt. Dies ließen jedoch beide Sieger meist unter das Kriegsvolk austeilen, das wenigste behielten sie für sich selbst. Hierauf wurde zum Aufbruch geblasen und der Einzug in die Stadt befohlen. Man bestellte Führer und Vorreiter, denen fünfzehnhundert Reiter in schöner Ordnung nachfolgten. Dann kamen beide Sieger nebeneinander auf buntgeschmückten Rossen und hinter ihnen ihr ganzes Volk mit fliegenden Fahnen. So ging der Zug nach der Stadt. Vor ihr wurden sie mit lieblicher Musik und allerlei Saitenspiel empfangen und ihnen als Dank für die Erlösung von der gesamten Bürgerschaft ein kräftiges Lebehoch zugerufen. Hierauf fanden sich zwei hohe Landesfürsten als Abgeordnete ein, die Reinhard und Antonius freundlich empfingen, sie auf die Burg begleiteten und bei der Herzogin einführten. Sie eilte ihnen entgegen und rief ihnen zu: »Seid willkommen, ihr meine Erlöser, und auch ihr, tapfere Mitstreiter eurer siegreichen Anführer! Seid alle herzlich willkommen! Rastet aus von eurer Mühe und seid fröhlich! Ihr sollt bei einem Ehrenmahl all eure Anstrengungen vergessen.« Bei allerlei Gesprächen und Glückwünschen wurde das Bankett hergerichtet. Man brachte das Handwasser in einem goldenen Becken. Speisen wurden reichlich aufgetragen und die Gäste zur Tafel geführt. Obenan wurde der gefangene König gesetzt. Beide Sieger wurden zur Mitte der Tafel geführt; ihnen gegenüber saß die Herzogin. Danach folgten drei hohe Landesfürsten und verschiedene andere Kavaliere und Edle. Da gab es mancherlei frohe Gespräche und Glückwünsche. Jeder war fröhlich, am meisten waren es die beiden Brüder von Lusinia. Nur der gefangene König seufzte öfter zwischen seinen Worten. Er dachte, niemand merke es. Der Verlust seiner Männer und der verlorenen kostbaren Schätze bedrückte ihn zwischen aller Fröhlichkeit der anderen. Als endlich die Tafel aufgehoben wurde und das Dankgebet gesprochen war, sprach der König von Elsaß zu beiden Siegern: »Meine Herren, nachdem ich heute durch euer Kriegsglück und mein widriges Schicksal in eure Hände gefallen bin, bitte ich euch, mir zu sagen, welches Lösegeld ihr für mich fordert. Möge es die Kräfte meines Landes nicht übersteigen. Dafür will ich mich gegen euch in jeder Weise erkenntlich zeigen.« Beide Brüder gaben ihm höflich folgende Antwort: »Zwar seid Ihr unser Gefangener, doch haben wir Euch der Herzogin übergeben. Was sie beschließen und tun wird, das wird auch uns recht sein. Anders wollen wir es nicht haben.« Als der König dies hörte, erbleichte er vor Schreck, denn er konnte sich wohl denken, daß er bei der Fürstin wegen seiner Gewalttaten wenig Gnade oder Milderung des schweren Lösegeldes finden werde, obwohl sie freundlich mit ihm sprach. Die kluge Herzogin hatte alle Gespräche ungewollt mit angehört. Sie sagte großmütig: »Euch, meinen werten Errettern, danke ich nicht nur für eure getreue Hilfe, sondern ich überlasse euch auch den Gefangenen. Ihr selbst sollt das Urteil über ihn sprechen.« Als der König dies hörte, wurde er wieder zuversichtlich. Die Brüder erwiderten mit lauter Stimme: »Durchlauchtigste Fürstin, wir nehmen Eure Siegesbeute mit Dank an, erklären aber, daß wir kein Lösegeld verlangen, sondern unserem Gefangenen die Freiheit schenken. Dafür aber soll der König Euch kniend seinen Dank sagen und Euch für alle Beleidigungen und Bedrängnisse abbitten und schriftlich mit Unterschrift und Siegel geloben, dies nicht mehr zu tun.« Nicht nur die Herzogin, sondern auch der gefangene König hielten diese Forderung für gerecht und annehmbar. Er leistete auf der Stelle mit tiefer Verbeugung Dank und Abbitte, wobei er bedachte, wie nachsichtig er behandelt worden und wie billig er davongekommen war. Um seinen Dank zu bekräftigen, versprach er den Brüdern treue Freundschaft und königliche Hilfe, wenn diese nötig sein werde. Dann wandte er sich an die Herzogin, dankte auch ihr und riet wohlmeinend, daß sie sich mit dem Helden Antonius vermählen möge. Dieser gute Rat gefiel nicht nur den Räten und Landesfürsten, sondern auch der Herzogin. Sie bedankte sich und gab lächelnd zu verstehen, daß sie ihn überdenken wolle. Nicht mit Unrecht wird die Liebe mit einem Feuer verglichen. Jenes Wort des Königs von Elsaß bestätigte diesen Vergleich. Kaum war es gesprochen, fing das Fünklein an im Herzen der schönen Herzogin Feuer zu fangen, weiter zu glimmen und in Flammen auszubrechen. Die kluge Fürstin erkannte, daß diese Heirat ihrem Land nur von großem Nutzen sein könnte. Als Antonius inzwischen selbst um sie geworben hatte, gab sie ihm ihr Jawort und ließ die Hochzeit ohne Aufschub vorbereiten. Den Räten war dies sehr willkommen, weil sie es dem Lande für höchst dienlich hielten. Das Hochzeitsfest wurde bald gefeiert. Der König von Elsaß war dabei Ehrengast. Außerdem nahm eine große Zahl hochgeborener Gäste acht Tage lang an der Feier teil. Der König von Elsaß hielt sich bei den Turnieren trefflich im Sattel und erhielt auch einen Preis. Kaum waren die fröhlichen Tage zu Ende, kam eine Schreckenspost. Denn als sich bereits alle Gäste verabschiedeten, langte ein Eilbote aus Böhmen am Hofe an. Er fragte nach dem König von Elsaß und verlangte, auf der Stelle vorgelassen zu werden. Er übergab dem König einen Bericht seiner Brüder und ergänzte ihn mündlich dahin, daß die Stadt Prag vom türkischen Großsultan mit einer gewaltigen Heeresmacht von allen Seiten eingeschlossen sei und auf keinen Entsatz zu hoffen habe. Der König von Böhmen ersuche daher seinen Bruder um schnelle Hilfe. Der König von Elsaß erschrak über diese Hiobspost. Er ließ das Schreiben laut vorlesen und bat beide Brüder, Antonius und Reinhard, zum Zeichen der Freundschaft an seiner Seite dem bedrängten Bruder mit vereinter Heeresmacht zu Hilfe zu eilen und das Land Böhmen vor dem Christenfeind zu erretten. Dadurch würden sie ihren Heldennamen noch weiter bekannt machen und sich Ruhm in aller Welt erwerben. Nun wollte freilich die Gemahlin des Antonius ihren neuvermählten Gatten nicht von sich lassen. Er versprach deshalb dem König, seinen Bruder Reinhard zu bewegen, mit seinen Kriegern sofort aufzubrechen. Sollte die vereinigte Macht seines Bruders und des Königs nicht ausreichen, dann wollte er selbst mit einem Heer beiden zu Hilfe eilen. Aus großer Freude versprach der König von Elsaß, seinen Bruder, den König von Böhmen, zu bewegen, Reinhard seine einzige Tochter zur Gemahlin zu geben. Nach dessen Tod könne Reinhard die Krone Böhmens aus den Händen der Stände erhalten. Die Herren von Lusinia sagten ihm dafür ihren Dank und waren um so entschlossener, Sieg und Ehre zu erringen. Sofort boten der König und Reinhard ihre Kriegsleute auf, eilten über den Rhein und hatten keine Ruhe, bis sie auf böhmischem Boden standen. Aber dort sahen sie die Feinde in ungeheurer Zahl, so mächtig und stark, daß sie allein keinen Angriff wagten. Deswegen sandten sie einen Eilboten an den Herzog Antonius ab, mit der dringenden Bitte, ihnen mit seiner Heeresmacht zu Hilfe zu kommen, um desto sicherer den Sieg zu erringen. Antonius verabschiedete sich sofort von seiner geliebten Gemahlin und zog mit mehreren tausend Streitern davon. Er hatte viele mutige Bretagner und einen guten Teil tapferer Luxemburger bei sich, so daß die Macht beider Brüder allein über vierzigtausend Mann stark war. Als Antonius bei Reinhard und dem König von Elsaß anlangte, begann den Türken doch bange zu werden. Sie erwarteten keinen leichten Kampf. Indessen flehte die fromme Herzogin Christina von Luxemburg für das Wohlergehen ihres Herrn, und im ganzen Land betete das Volk in den Kirchen um Glück für seines Königs Waffen. Auch hatte die Fürstin ihren Gemahl gebeten, Schild, Helm und Panzer ihres seligen Vaters nie abzulegen, dabei auch sein Wappen zu führen. Er aber sagte ihr, sie solle unbekümmert sein, denn er habe von seinem Vater ein ererbtes Wappen, das er nicht aufgeben dürfe, auch habe ihn die Natur von Geburt an gleichsam mit einem Wappen, nämlich mit einer Löwenklaue in seiner Wange, gezeichnet, so daß er aus Tausenden zu erkennen sei. Deshalb wolle er auf seinem Helm einen Löwen als Losung führen und auch an ihren beiden Wappen einen Löwen anbringen lassen. So tröstete Antonius beim Abschied seine Gemahlin und hoffte, eine große Ernte unter den Feinden abzuhalten. Als er sich auf böhmischer Erde befand und dem Lager nahe war, verbreitete sich noch größerer Schrecken unter den Feinden, und sie machten sich auf einen heißen Kampf gefaßt. Der König von Elsaß aber war vor Freude außer sich und eilte Antonius etliche Meilen entgegen. Er dankte beiden Brüdern für ihre Hilfe aufs herzlichste und sprach voller Zuversicht von einem glücklichen Ausgang. Die Zelte wurden aufgeschlagen und den umliegenden Ortschaften der Befehl erteilt, beide Herren und ihr Volk gut zu bewirten. Alles stand ihnen offen. In allen Städten, durch die sie kamen, wurden sie mit herzlicher Freundlichkeit aufgenommen. Das Volk jubelte ihnen zu: »Jetzt kommen unsere Befreier. Seid willkommen, ihr tapferen Retter des Reiches Böhmen! Helft uns, daß wir nicht in die Hände der Ungläubigen geraten!« Endlich gelangten sie bei Prag an den Feind. Die Ungläubigen waren zwei Tage vorher der Stadt durch Eilmärsche näher gerückt und hatten den besten Platz zum Sturm ausersehen, so daß der eingeschlossene König von Böhmen ob der Übermacht seiner Feinde verzagte. Jetzt aber, da er wußte, daß sein Bruder und die Herren von Lusinia zum Entsatz der Stadt ihm zu Hilfe eilten, faßte er wieder Mut. Da wollte er zeigen, daß er ein tapferer König sei und sich noch wohl getraue, eine Heldentat zu vollbringen. Als daher der türkische Kaiser mit prahlerischen Worten vor die Stadt ritt und die Belagerten mit schimpflichen Reden und seinem aufgesteckten Panier herausforderte, wollte der König solchen Hochmut nicht länger dulden. Er nahm eine Anzahl seiner Reiter und tüchtigsten Streiter und befahl ihnen, sich mit Schild und Helm zu wappnen. Er ließ das Tor öffnen und zog an ihrer Spitze, im Vertrauen auf Gottes Hilfe, den Türken zum Trotz hinaus. Alsbald entspann sich ein lebhaftes Geplänkel. Sehr viele Türken fielen. Es war eine rechte Lust zu sehen, wie die Christen über die Ungläubigen herfielen. Diese wehrten sich verzweifelt, und zuletzt sahen der König und seine Getreuen doch, daß sie zu einem solchen Ausfall zu schwach waren. Daher zogen sie sich in guter Ordnung zurück, ohne einen Mann zu verlieren. Der König hatte löwenmutig gekämpft und war mit dem Sieg nicht zufrieden. Deshalb hieb er noch auf dem Rückzug um sich, erlegte auch mehrere Feinde mit eigener Hand, wurde aber zuletzt von dem vergifteten Pfeil eines türkischen Schützen der Janitscharen zwischen den Panzer getroffen und zu Tode verwundet, da das Gift allmählich in sein Herz drang. So wurde die Freude der Böhmen jäh in Leid verwandelt. Und sobald das Volk vom Unglück des Königs hörte, erhob sich bei Groß und Klein ein lautes Jammern und Klagen. Als die Türken davon erfuhren, wurden sie noch hochmütiger, als sie es bisher gewesen. Sie prahlten, daß sie gewaltige Taten verrichtet hätten und noch gewaltigere verrichten wollten. Sie nahmen sich auch vor, den Belagerten alles mögliche Leid und viel Schande anzutun. Aber es kam nicht soweit, denn die Rache Gottes brach über sie herein. Inzwischen machten die Böhmen einen Ausfall, um ihren toten König hereinzuholen. Dabei streckten die Barbaren viele streitbare Ritter nieder, so daß der Verlust der Tapfersten immer größer wurde. Die Prinzessin, die auch in der Stadt eingeschlossen war und die der Tod ihres Vaters tief niedergebeugt hatte, wurde noch trostloser. Ihr Schmerz stieg noch mehr, als sie sah, wie die Türken vor den Toren ein großes Feuer anfachten, die Leichname der Christen darauf warfen und unter Jubelgeschrei verbrannten. Die Prinzessin sprach zu sich selbst: »Ach, trostlose Eglantia, wie kannst du solchen Jammer ansehen, ohne dich von der Mauer hinabzustürzen und so deinem Vater nachzufolgen? Bekränzt man so die siegreichen Helden? Geht man so mit Kron- und Szepterträgern um? Brecht hervor, ihr Tränen! Löscht, wenn es möglich ist, die mörderische Flamme mit eurem Strome aus. So bin ich nun eine verlassene Waise, und der Thron meines Reichs ist seines vortrefflichen Herrschers beraubt. Sollen die Ungläubigen ihr Siegesbanner auf meinen Mauern aufpflanzen und ihre Waffen unter den Stadttoren anlehnen? Ach, höre mich, gütiger Himmel, und laß nicht zu, daß dieses heidnische Volk über das Häuflein starkmütiger Christen herrsche!« So seufzte die Betrübte, und mit ihr klagte die ganze Stadt, so daß man die Wehlaute weithin hören und selbst im türkischen Lager vernehmen konnte. Angetrieben durch das klägliche Jammergeschrei, das aus der Stadt herübertönte, stellten sich die Heere der Brüder von Lusinia und des Königs von Elsaß zum Kampf in drei Haufen auf. Sie kamen im Sturmschritt gegen die Feinde gezogen. Alle waren voll Mut und begierig, die Stadt recht bald von ihren grausamen Bedrückern zu befreien. Vorher hatten sie einen Eilboten abgesandt, der sich mit List in Prag einschlich und den Bürgern die Kunde der herannahenden Rettung brachte. Er lief die Strassen entlang und rief: »Seid getrost, ihr Bürger, seid guten Muts! Ich bringe euch gute Nachricht. Eure tapferen Befreier marschieren bereits gegen euren Feind. Der König von Elsaß und der Herzog von Luxemburg mit Reinhard von Lusinia werden ihn bald geschlagen haben.« Diese Nachricht machte die Einwohner in ihrer Betrübnis wieder zuversichtlich. Der Bote erzählte ihnen auch, was sich vor Luxemburg ereignet hatte; wie der König von Elsaß gefangengenommen und wieder freigelassen worden und danach der tapfere Antonius zum Herzog von Luxemburg ausgerufen worden sei. Mit neuem Mut erfüllt, begaben sich die wehrhaften Männer wohlbewaffnet auf die Mauer und fochten gegen die andringenden Türken so tapfer, daß diese staunend den Rückzug antraten. Sie sprachen untereinander: »Ihr Gott streitet für sie, oder sie haben Verstärkung erhalten.« Während sie sich noch wunderten, kam unter großem Geschrei ein Bote aus den Zelten zu ihnen gerannt. Er rief, sie sollten sofort den Ansturm beenden und sich in das Lager zurückziehen, wenn sie nicht alle des Todes sein wollten, denn fremdes Volk rücke zum Entsatz dicht wie eine Nebelwolke heran und werde bald angreifen. In aller Eile zogen sich die Türken zurück und stellten sich in Schlachtordnung auf. Die Trompeten schmetterten, und die Christen gingen wie Löwen auf die Feinde los. Sie zerbrachen ihre Reihen, durchstachen ihnen Schilde und Helme und fällten eine große Anzahl von ihnen. Besonders tapfer kämpfte Reinhard von Lusinia, und sein Bruder Antonius gab ihm nichts nach. Die Ungläubigen wurden ganz verzagt, die Christen dagegen immer mutiger. Sie riefen einander zu: »Voran, ihr Männer, schlagt eure Feinde, der Sieg ist unser!« Der Sultan sah die Niederlage seines Volkes und gebärdete sich wie unsinnig. Er griff zu den Waffen, eilte aus seinem Zeit und raste selbst unter die Christen, von denen er auch in seiner Wut viele erlegte. Als Reinhard aber den Sultan erblickte, griff er zum Schwert, spornte sein Ross und sprengte auf ihn los. Er holte aus, spaltete dem türkischen Kaiser den Kopf in zwei Hälften und streckte ihn so in den Staub. Als dies die Türken sahen, ergriffen sie in wilder Unordnung die Flucht. Aber Reinhard, Antonius und der König von Elsaß setzten ihnen mit ihren Kriegern nach und trieben sie vor sich her, wobei viele Türken den Tod fanden. Der Sieg war errungen. Als der König von Elsaß ins Lager zurückkehrte, erfuhr er, daß der Sultan seinen Bruder getötet und die Leiber vieler Helden habe verbrennen lassen. Sofort ließ er einen großen Holzstoß zusammentragen, den Leichnam des Sultans und sämtlicher gefallener Türken darauf werfen und verbrennen, wie die Ungläubigen es mit den Christen getan hatten. So endete die Türkenniederlage und die Befreiung der Stadt Prag. Als die Türken sich weit entfernt hatten, besetzten beide Brüder das feindliche Lager und zogen in die Zelte ein. Der König von Elsaß aber begab sich in die Stadt Prag und besuchte seine Nichte, die verwaiste Königstochter. Sie ging ihrem königlichen Oheim entgegen und bedankte sich, wiewohl tiefbetrübt, beim König und den Helden, die in seinem Gefolge waren. Der König dagegen sprach ihr freundlich Trost zu und beklagte zugleich mit ihr den Tod seines Bruders, der ihr und dem ganzen Lande Vater gewesen war. Hierauf wurde die Leiche des Königs feierlich begraben. Alle Feldhauptleute und Krieger, die im verlassenen türkischen Lager waren, erschienen dazu. Beide Brüder von Lusinia wurden vom Volke der Stadt mit Bewunderung betrachtet als zwei löwenmutige Helden, besonders aber Antonius, der die Löwenklaue auf der Wange zum Wahrzeichen mit auf die Welt gebracht hatte. An Reinhard aber wurde seine königliche Haltung bewundert und er daher vom Volke für würdig erachtet, eine Krone zu tragen. Während sie die Helden anstaunten, nahm die Trauerfeier ein Ende. Dann ließ der König von Elsaß alle Grossen des Landes und den gesamten böhmischen Adel zu sich rufen und stellte ihnen mit bewegten Worten vor, was dem Vaterland nötig sei. Er sprach: »Liebe Herren und Edle, treue Freunde meines seligen Bruders, euch allen ist der Trauerfall, der euer Königreich verwaist gemacht hat, bekannt. Deswegen ist vonnöten, auf die Wiederbesetzung des Thrones bedacht zu sein, damit das Reich nicht ohne Vater sei und der Thron nicht leer stehe. Weil nun mein Bruder eine einzige Erbin als eure Gebieterin hinterlassen hat, ist zu beraten, was für das Heil des böhmischen Reiches und der Krone zu tun ist.« Die Ritterschaften und der ganze Reichsadel dankten dem König für seine wohlgemeinten Worte und sagten einstimmig, daß sie keinen besseren Rat wüßten, als daß Seine Majestät die Sorge für das Land übernehme. Darauf versetzte der König: »Gut, weil ihr dies Vertrauen zu uns habt, sagen wir euch folgendes: Wir wissen und finden keinen Tauglicheren, den Thron zu besteigen und das Szepter zu führen und Gemahl der königlichen Erbin zu sein als den jungen Helden, den Grafen Reinhard von Lusinia, der so ritterlich und kühn zur Befreiung eurer Stadt gekämpft hat. Ihn empfehlen wir als neuen Szepterträger und sorgsamen Landesvater und hoffen auf eure Einwilligung hierzu.« Auf diese Erklärung des Königs ertönte Jauchzen und Frohlocken aus der Mitte der Landesstände, und auch das Volk jubelte über einen solch klugen Rat. Die ganze Stadt erscholl von Freudenrufen, daß sie einen so schönen und tapferen König haben sollten. Auch die Prinzessin war außer sich vor Freude, denn sie hatte den jungen Helden schon in ihr Herz geschlossen. Herzog Antonius dankte hierauf für die Ehre, die seinem Bruder Reinhard erwiesen wurde. Dieser sagte überaus fröhlich selbst seinen Dank und versprach feierlich, jederzeit ein sorgender Vater des Reichs zu sein und mit Maß und Milde zu regieren. Er wurde von allen beglückwünscht, und man wünschte, daß er nur recht bald die Regierung antreten möge. So erhielt nach Gottes Willen Reinhard ein Königreich und eine schöne Königstochter zur Gemahlin, das Reich aber einen würdigen König. Als die Hochzeitsfeierlichkeiten zu Ende waren, trat Reinhard seine Regierung an. Er zeigte sich als ein recht liebreicher Landesvater und ein großmütiger Herrscher, der nur das Glück seines Landes wünschte. Er gewann auch mehrere Landschaften, dazu das ferne Königreich Dänemark, so daß jeder diesen heldenmütigen Fürsten nicht genug loben konnte. Als der König von Elsaß nach den Hochzeitsfeierlichkeiten heimzog und sein Kriegsvolk zum größten Teil entließ, reiste auch Herzog Antonius in seine neue Heimat Luxemburg zurück. Hier blieb er bei seiner geliebten Gemahlin, die ihm zwei schöne Prinzen schenkte, von denen der eine Bertram, der andere Loyers genannt wurde. Viele Jahre lebten sie so in Liebe miteinander. Dann unternahm der Herzog einen Krieg gegen den mächtigen Grafen von Freiburg und zog darauf auch gegen Österreich, wo er verschiedene Orte und Landschaften eroberte. Bei alledem hatte er großes Glück. Sein ältester Sohn Bertram tat sich als Ritter auch hervor und bekam eine Tochter des Königs von Elsaß zur Gemahlin, wodurch er nach dem Tode ihres Vaters den Thron erhielt. Der andere Sohn, Loyers, wurde auch ein wackerer Held. Er war mächtig in der Dordogne, baute das Schloß von Jaly und später die schöne Brücke von Mallières und verrichtete allerlei ritterliche Taten. Nun wollen wir uns zu Raimund und Melusine zurückwenden und vom Schicksal ihrer übrigen Kinder erzählen. Beide gingen ihren Söhnen mit ihren Tugenden als leuchtendes Beispiel voran. Raimund eroberte fast das ganze französische Land gegen die Bretagne zu. Sein Sohn Geoffroy, der den großen Zahn mit auf die Welt gebracht hatte, erwies sich ebenfalls als sehr tapfer. Denn als die schreckliche Nachricht gebracht wurde, daß im Land Garande ein Riese sich aufhalte, der Land und Gegend bis an die Stadt Rochelle verwüste, erbot er sich, das Land von diesem Ungeheuer zu befreien. Sein Vater hörte dies nicht gern, denn er befürchtete, der starke Riese würde ihn überwältigen. Aber der junge Held blieb bei seinem Entschluß, ließ sein Ross satteln und zäumen und ritt in die Landschaft Garande, um dem ungeheuren Riesen den Hals zu brechen. Inzwischen wuchs auch Freimund, der jüngste Sohn Melusinens, heran. Er war ein stiller, gelehrter und frommer Jüngling, der den geistlichen Stand liebte. Er besuchte gern das Kloster zu Mallières und verlangte endlich, in den Orden der Mönche aufgenommen zu werden, um Gott lieber in Demut als in hohen Würden zu dienen. Bald trat er in den Orden ein, worüber die Mönche sich sehr freuten. Sie wußten nicht, daß ihnen die Aufnahme des Grafen viel Herzeleid bringen würde. Während sich die Eltern innerlich betrübten, erhielten sie am Hof zu Favent durch einen Eilboten die frohe Nachricht vom Sieg ihrer beiden Söhne vor Luxemburg und Prag. Dabei wurde ihnen berichtet, wie Antonius das Herzogtum, Reinhard die böhmische Krone und beide schöne, reiche Fürstentöchter zu Gemahlinnen bekommen hätten. Es läßt sich kaum denken, welche Freude und welchen Trost in ihrer Betrübnis diese Botschaft den Eltern brachte. Sie dankten Gott von ganzem Herzen für dieses Glück ihrer Söhne und waren nun zufrieden, bei drei Königen und einem Herzog auch einen Mönch in ihrem Geschlecht zu haben, der darum beten könnte, daß die übrigen Kinder ebenfalls wohl geraten und zu gleich hohen Würden emporsteigen mögen. Wie aber das Leid die Freude auf der Welt begleitet oder ihr doch auf dem Fuße folgt, so geschah es auch hier. Und wie vorher das Glück, so fing auch das Unglück diesmal zuerst bei den Eltern an. Raimund verlor nämlich eines Sonnabends zufällig seine Melusine aus den Augen. Weil er ihr aber durch das Gelübde versprochen hatte, an keinem Sonnabend ein Wort mit ihr zu wechseln oder auch nur nach ihr zu fragen, so machte er sich über ihre Abwesenheit keine Gedanken. Nun starb zur selben Zeit der alte Graf vom Forst, und der ältere Bruder Raimunds kam nach Lusinia, um den Tod des Vaters anzuzeigen. Er traf mit vielen hohen Herren ein und wurde würdig empfangen und geehrt. Es war aber gerade Sonnabend. Der Graf vom Forst vermißte seine Schwägerin Melusine und bat seinen Bruder mit freundlichen Worten: »Lieber Bruder, wir möchten gern auch Eure Gemahlin begrüßen und ihr die gebührende Ehre erweisen.« Raimund erwiderte ihm höflich, daß es heute nicht gehe, aber morgen geschehen solle. Der Graf wollte sich mit dieser Antwort nicht begnügen. Er führte bei der Mahlzeit seinen Bruder beiseite und flüsterte ihm ins Ohr: »Lieber Bruder, mich dünkt, Ihr seid bezaubert. Das ganze Land hat auch diese Meinung von Euch. Wie könnt Ihr so geduldig sein und gar nicht nach dem Tun und Lassen Eurer Gattin fragen? Meint Ihr, daß Ihr Ehre davon habt und nicht allmählich beim Volke Verdacht über einen solch seltsamen Lebenswandel entsteht? Es ist bekannt genug, daß Eure Frau wirklich ein gespenstischer Geist ist, der sein Spiel mit Euch treibt.« Ein grimmiger Zorn erfüllte Raimund bei diesen Worten. Er wurde blaß und wieder rot. Der Schimpf, den er durch sie erfuhr, nahm ihm die Besinnung. Voller Wut ergriff er das beste und größte Schwert und drang damit in das Geheimzimmer seiner Gemahlin. Hier stieß er aber auf eine verschlossene und mit eisernen Bändern beschlagene Tür, die sich gleichsam seinem Grimm widersetzen und ihn zur Besinnung zurückrufen wollte. Doch der rasende Verdacht kehrte immer wieder, und wenn er auch nicht an das Gerede seines Bruders glaubte, so vermutete er doch nichts Besseres und gab argwöhnischen Gedanken über die Untreue seiner Gattin Raum. Er bohrte mit seinem Schwert an einer unbeschlagenen Stelle ein Loch durch die Tür von Eichenholz und starrte finsteren Blicks hinein, um sein eigenes Unglück zu schauen. Zu seinem ungeheuren Schrecken sah er seine Gemahlin mit ganz verwandelter Gestalt in einem Becken sitzen. Das Gesicht und die obere Hälfte des Körpers waren wunderschön, aber von der Hälfte abwärts ging Melusine in einen langen, mißgestalteten, schlangenartigen Schweif über, der lasurblau und silbern glänzte. Raimund stand vor der Tür, ihn überlief kalter Schweiß, und die Bangigkeit wollte ihm das Herz sprengen. Er konnte nichts denken und nichts sagen. Doch fiel ihm endlich das heilige Versprechen ein, das er seiner Gattin gegeben und jetzt im Zorn treulos gebrochen hatte. Er verklebte daher mit Wachs das Loch, das er mit dem Schwert gebohrt hatte und hoffte, Melusine werde seinen Treubruch nicht gemerkt haben. Dann verließ er mit heimlichem Grimm und in tiefer Schwermut still das Vorgemach und begab sich wieder zu seinem Bruder. Er konnte sich nicht verstellen, und der Bruder bemerkte sofort an Miene und Gesichtsfarbe die große Veränderung, die mit Raimund vorgegangen war. Sogleich stieg in ihm der Gedanke auf, Raimund müsse seine Gemahlin auf irgendeiner bösen Tat ertappt haben. Er sprach deswegen ohne Scheu zu ihm: »Lieber Bruder, ich merke wohl, daß Ihr von Eurer Gemahlin betrogen werdet!« Raimund aber erwiderte darauf ganz entrüstet, um seinen Kummer zu verbergen: »Ihr irrt Euch. Man versuche nicht, die Ehre meiner Gemahlin zu beflecken. Es sei denn, daß jemand Lust habe, sich unglücklich zu machen. Ihre Frömmigkeit leidet keine solche Beschimpfung, wie Ihr sie Euch erlaubt habt. Darum geht rasch aus meinem Angesicht und reizt nicht ferner meinen Zorn, so lieb Euch Euer Leben ist. Eure Gegenwart ist mir ein Dorn im Auge und ein Pfeil im Herzen, darum geht!« Als der Graf seinen Bruder Raimund so erregt und bedrückt sah, schwang er sich in höchster Bestürzung wieder auf sein Pferd. Es tat ihm leid, durch sein Wort solchen Zorn auf sich geladen zu haben. Indessen schmerzte es Raimund immer mehr, daß er sein Gelübde gebrochen hatte, denn er konnte sich leicht denken, daß Melusine ihre Drohung wahr machen und sich von ihm trennen werde. Dies alles ging ihm sehr zu Herzen, und er brach in seiner Einsamkeit in bittere Klageworte aus: »Unglückseliger, warum verfluchst du nicht die Stunde deiner Geburt? Nur darum bist du zu solchem Glück erhoben worden, um jetzt desto tiefer zu fallen. So ist denn durch meine eigene Schuld die größte Freude meines Lebens dahin, sie, die ich wie meine Seele liebe.« Er warf sich in größtem Schmerz auf sein Lager, aber die Tränen, die er vergoß, brachten ihm keine Ruhe. Von Liebe und Ungeduld gepeinigt, rief er: »Melusine, meine einzige Freude, mein einziger Trost, du Schöpferin meines Glücks, wenn ich dich verliere, verliere ich auch mein Glück. Soll ich aber ohne dich einsam leben, so will ich mich lieber in der Einöde verbergen.« Und so währten seine Klagen den ganzen Tag und die schlaflose Nacht hindurch. Die Trauer wollte aus seinem Herzen nicht weichen, bis endlich der erwünschte Sonntag anbrach. Nun ging seine Sonne wieder auf, und der Stern seines Glücks begann wieder zu leuchten. Denn die Kammertür wurde geöffnet, und Melusine trat mit dem gewohnten freundlichen Herzensgruß vor ihn hin in all ihrer Schönheit. Sie sprach: »Mein Geliebter, welche Schwermut hält Euer Herz gefangen? Was für eine Wolke ruht auf Eurer Stirn? Sagt mir, was Euch bedrückt, damit ich Euch helfen kann!« Wer war fröhlicher als Raimund, da er solch liebe Worte hörte! Er glaubte, Melusine wisse nichts davon, daß er die Tür durchbohrt und sie in ihrem unnatürlichen Zustand gesehen habe. Daher erwiderte er: »Weil ich Euch gestern nicht sah, hat dies eine solch große Sehnsucht nach Euch in mir erweckt, daß ich schlaflos war und noch matt bin. Aber Eure liebe Gegenwart, mein bester Arzt, wird diese Betrübnis von mir scheuchen. Ich fühle gar nichts mehr, mir ist sehr wohl zumute.« Melusine aber wußte alles, was geschehen war. Sie mußte bei sich selber lächeln, daß Raimund seinen Fehler so gut zu beschönigen und sich anzustellen wußte, als wenn er nicht das geringste gesehen hätte. Während dies geschehen war, befand sich Geoffroy auf der Fahrt zu dem Riesen. Er fragte überall, wohin er kam, nach seinem Aufenthalt. Endlich erfuhr er, daß jener in einem sehr festen Schloß hause und sein Name Gedeon sei. Es gelang Geoffroy glücklich, ohne Aufsehen in die Nähe der Burg zu gelangen. Dort sprang er vom Pferd, wappnete sich mit Harnisch, Helm, Schwert und einem herrlichen Goldschild. Er nahm einen trefflichen Speer zur Hand, schwang sich wieder auf sein ungeduldiges Ross und ritt weiter. Die Zuschauer gönnten ihm zwar von Herzen den Sieg und sahen seinen Feuergeist aus seinen Mienen hell hervorleuchten, doch waren sie von Herzen betrübt, denn sie dachten, daß der junge Ritter nach seiner Größe und Stärke nur wie ein Kind gegen jenes Ungeheuer wirke. So zweifelten sie am Gelingen seines Unternehmens. Er ließ sich aber durch ihre Bangigkeit nicht abhalten, und so wünschten sie ihm zu seinem Vorhaben Glück und Segen. Er war nicht im geringsten verzagt, ja, er tröstete die Betrübten und ermunterte sie. Er sprach: »Seid getrost und sorgt euch nicht. Ich reite dahin, Ruhm zu ernten, dem Lande Heil zu bringen, Eure Furcht und Euren Schrecken zu beseitigen und mit Hilfe des Himmels das Ungeheuer zu besiegen.« So ritt Geoffroy kampfeslustig bis vor die Brücke des Schlosses, in dem der Riese wohnte. Er sah sich zuerst vorsichtig um, ob er ihn nicht erblicke. Dann begann er mit heller Stimme zu rufen: »Wo bist du, schändlicher Bösewicht, der mein Land verwüstet? Hier steht dein Richter und der Rächer deiner Verbrechen, der dich mit Gottes Hilfe dem Tod ausliefern wird. Heute, du Bluthund, sollen dein Blut die Hunde lecken, deine ganze Macht werde ich zur Erde strecken.« Kaum hatte er diese Aufforderung beendet, öffnete der Riese im obersten Stockwerk des Schlosses ein Fenster. Sein Haupt übertraf an Größe bei weitem den größten Büffelkopf. Er sah den jungen Ritter und wunderte sich, daß er ganz allein und ohne Begleitung zu ihm käme. Darüber begann er zu lachen, schüttelte spöttisch seinen Kopf und rief herab: »Woher so allein, du Kleiner? Suchst du deinen Tod, bist du des Lebens müde? Fast schäme ich mich, dich aus der Welt zu befördern. Doch weil du es so haben willst, bin ich bereit, deinen Übermut zu bestrafen.« Hierauf legte der Riese schnell seinen Harnisch an und stellte sich mit einem Schild aus Stahl, drei eisernen Stangen und drei Hämmern, die er an den Gurt hängte, vor das Schloß. Seine Länge betrug fünfzehn Schuh, doch Geoffroy fürchtete sich nicht und zeigte nicht das geringste Entsetzen. Er wunderte sich nur, daß es einen solch ungeheuer großen Menschen auf Erden gab. Indessen ritt er zu ernstlichem Kampf, aber voller Zuversicht auf den Platz, dem Riesen entgegen. Dieser fragte ihn, wer er sei. Jener antwortete: »Ich bin Geoffroy mit dem Zahn und bin gekommen, dich noch heute zu töten.« Gedeon lachte darüber und antwortete: »Mich jammerst du, winziges Menschlein, du milchbärtiger Kleiner, daß ich dich mit einem einzigen Streich umbringen soll. Suche dir besser einen Menschen, wie du es bist, als mit mir zu kämpfen. Reite wieder nach Hause und freue dich deiner Jugend, denn für diesmal ist dir dein Leben geschenkt.« Geoffroy ärgerte diese höhnische Rede. Ganz entrüstet versetzte er: »Es ist gar nicht nötig, daß du solch ein Mitleid mit mir hast. Ich bin nicht hierher gekommen, dein Erbarmen zu wecken, sondern dir dein Leben zu nehmen.« Der Riese, der alles noch immer für einen Scherz hielt, unterließ, sich zum Kampf zu stellen. Nachdem Geoffroy ihn allen Ernstes hierzu wiederholt aufgefordert hatte, rannte er plötzlich auf ihn zu und stieß ihm mit dem Speer so heftig gegen die Brust, daß er zu Boden stürzte und die Erde von seinem Fall erzitterte. Als der Riese den Ernst des Ritters sah, geriet er vor Scham und Wut ganz außer sich. Er schäumte vor Zorn, daß ihn jener kleine Fant mit einem einzigen Stoss niedergeworfen hatte. Tolpatschig richtete er sich wieder auf, ergriff eine seiner stählernen Stangen und holte zu einem, Streich gegen Geoffroy aus, der bereits zum zweiten Male gegen ihn anrannte. Der Hieb traf Geoffroys Pferd und schlug ihm mitten im Lauf beide Vorderbeine ab. Das Ross fiel zu Boden, blieb liegen, Geoffroy achtete nicht darauf, sondern sprang behende ab und ergriff schnell sein Schwert. Damit rannte er auf den Riesen zu und versetzte ihm, ehe er es sich versah, einen so starken Streich, daß der Schild ihm aus der Hand fiel. Doch der Riese schwang seine stählerne Stange und versetzte dem Ritter damit einen so kräftigen Schlag auf den Helm, daß Geoffroy wie betäubt war und fast zu Boden gefallen wäre. Doch erholte er sich gleich wieder und steckte das Schwert schnell ein. Dann eilte er mit einem Sprung auf das Pferd zu und riß seinen stählernen Kolben mit solcher Geschwindigkeit vom Sattelknopf, daß es jener nicht sah. Mit ihm schlug er dem Riesen unversehens die Stange aus der Hand. Da ergriff dieser einen seiner Hämmer und warf ihn nach dem Ritter. Er traf und schleuderte ihm den Kolben aus der Hand. Als der Riese dies sah, bückte er sich mit großer Freude, um den Kolben aufzuheben. Da ergriff Geoffroy wieder sein Schwert und hieb ihm einen Arm von der Schulter. Gedeon wollte sich den Schmerz nicht anmerken lassen; voller Wut, griff er mit der anderen Hand nach einer Stange und holte aus. Der hurtige Geoffroy aber wich ihm aus, so daß jener vom starken Schwung auf die Knie fiel und seine Götter um Hilfe anzurufen begann. Der Ritter nahm die Gelegenheit wahr, führte einen tüchtigen Hieb auf den Helm des Riesen und spaltete Helm und Kopf zugleich. Dann schlug er ihm das Haupt ganz ab. So wurde der Bösewicht überwunden und das Land von ihm befreit. Dann begann der Sieger in des Besiegten Horn zu stoßen, um das Volk zusammenzurufen. Darauf eilte es zum Wiesengrund hinab, um das traurige Schauspiel zu betrachten. Denn alle meinten, der kleine junge Ritter habe seine Kampflust mit dem Leben bezahlen müssen. Aber sie fanden es ganz anders, als sie es sich gedacht hatten. Das tote Ungeheuer lag in seinem Blute hingestreckt und das Haupt vom Rumpf getrennt. Der junge Ritter hingegen wandelte unversehrt, frisch und gesund auf dem Kampfplatze umher. Alle Zuschauer waren voller Freude und beglückwünschten Geoffroy. Man hörte von ihnen nur die Worte: »Seht den tapferen Helden, unseren Erretter. Der Himmel hat ihm den Sieg verliehen. Seht, seht, wie frisch und mutig er umhergeht! Wie feurig sind doch seine Blicke und wie lebhaft seine Gebärden! Er ist es, den ihr dort seht. Ihm laßt uns danken.« So rief das Volk eine ganze Weile, und sogar die Leute des Riesen freuten sich über dessen Niederlage. Die Menge drängte sich hinzu, und viele wollten wissen, wie es beim Kampf zugegangen sei. Doch niemand wagte es, den jungen Sieger zu fragen. Geoffroy merkte dies und sprach endlich zu ihnen: »Liebe Freunde, ihr seht hier den Prahler und schädlichen Landesfeind am Boden liegen. Er drang mit großer Gewalt auf mich ein und machte mir viel zu schaffen. Der Himmel war auf meiner Seite. Umsonst rief er seine Götzen an. Dankt Gott mit mir, der mir Fäuste und Arme gestärkt hat, daß sie gegen diesen riesigen Unmenschen bestehen konnten.« Das erste, was Geoffroy im Schloß tat, war, einen Eilboten an seine Eltern nach Favent zu schicken, der ihnen die Botschaft vom Tod des Riesen überbringen mußte. Die Freude der Eltern über den Sieg ihres tapferen Sohnes war unendlich. Der Bote wurde reichlich belohnt und mußte gleich wieder ein Schreiben Raimunds an seinen Sohn mitnehmen. Mit dem elterlichen Gruß erhielt er ihre Glückwünsche und zugleich den Bericht, daß sein Bruder Freimund im Kloster zu Mallières Mönch geworden sei. Diesen Brief hätte der gute Raimund nicht schreiben sollen, denn er war Anlaß zu seinem eigenen Unglück, wie wir hören werden. Während Geoffroy zu Garande allerlei Ehren erwiesen wurden, kam ein Eilbote zu ihm geritten, der die Nachricht brachte, daß auch im fernen Land Norwegen in der Landschaft Norheim sich ein Riese aufhalte, der fast das ganze Land verheere und den Leuten großen Schaden anrichte. Er, der berühmte Riesentöter, werde von allen Landesherren Norwegens gebeten, alsbald zu ihnen zu kommen und das Land von diesem Ungeheuer zu befreien. Dafür wollten sie ihn statt des schuldigen Dankes als ihren Herrn anerkennen und ihm huldigen. Diesen Brief las Geoffroy mit lautem Lachen. Er sagte dem Boten, er möge seinen Herren mitteilen, daß er ihnen alles Gute wünsche. Er komme bald, aber nicht um einer Belohnung willen, auch nicht, um Land und Leute zu gewinnen, sondern aus Mitleid für die Bedrängten. Aus diesem Grund wolle er Leib und Leben wagen und mit Gottes Hilfe, wie hier, den Sieg davontragen. Geoffroy hatte seine Ausrüstung beendet und wollte eben das Schiff besteigen, da kam der Bote mit des Vaters Brief, in dem geschrieben war, daß Freimund Mönch geworden sei. Die Eltern baten Geoffroy in dieser Sache um seinen Rat. Über den Bruder ergrimmte er so sehr, daß er vor Zorn bleich wurde und mit den Füssen stampfte, ja, daß sogar Schaum vor seinem Munde stand. Alle, die um ihn standen, zitterten vor Schreck. Niemand wagte es, ihm zu widersprechen. Er schrie voller Wut: »Ich will die verführerischen Mönche von Mallières züchtigen und es rächen, daß sie aus einem jungen Ritter einen faulen, schüchternen Stubenbuben gemacht haben. Sollte er seinen Ritterorden um eine Kutte und eine Tonsur vertauschen und das Feuer seiner Jugend in Trägheit verrauchen lassen? Ich schwöre, daß dieser Frevel an dem ganzen Kloster mit Feuer bestraft werden soll.« Der Bote aus Norwegen, der noch zugegen war und alles mit anhörte, zitterte vor Furcht über diesen Plan, weil er die Abreise des Ritters nach Norwegen verhindern könnte. Aber Geoffroy, der seine Besorgnis sah, sprach zu ihm: »Ihr zieht nicht eher von hier, bis ich in einer gewissen Sache Rache genommen habe. Dann will ich mit Euch kommen, um den Feind Eures Landes zu vernichten.« Mit diesem Versprechen mußte sich der Fremde zufriedengeben. Hierauf ließ Geoffroy in aller Eile die Pferde satteln und ritt mit wenigen seiner Diener dem Kloster Mallières zu. Es war ein Dienstag, als er dort ankam. Der Abt ging ihm mit dem ganzen Konvent mit großer Freude und Ehrenbezeugung entgegen, um ihn zu begrüßen. Allein Geoffroy achtete nicht darauf, sondern redete sie zornig an: »Ihr Verführer habt ein junges Ritterblut in euer Kloster gelockt! Wer zum Henker hat euch befohlen, meinen Bruder Freimund auf die faule Haut zu legen, auf daß sein edles Gemüt der Trägheit verfalle und er den blanken Degen gegen die härene Kutte vertausche? Wißt ihr auch, daß ihr für solch ein Verbrechen alle miteinander den Feuertod verdient habt? Und er soll augenblicklich durch diese meine Hand an euch vollzogen werden, an euch, die ihr so freventlich die alten Stämme der jungen Äste beraubt.« Der Abt und der ganze Konvent zitterten in größter Sorge, keiner wußte vor Schreck, was er auf die schnaubenden Worte des ergrimmten Ritters antworten sollte. Doch endlich erholte sich der Abt von seinem Schreck und beteuerte, daß nur die eigene Frömmigkeit seinen Bruder bewogen hätte, dem Orden beizutreten, und daß Freimund dies selbst bezeugen könne. Freimund sprach: »Mein Bruder, so ist es. Nicht der Konvent, sondern mein freier Wille war es, daß ich mich entschlossen habe, Gott zu dienen und ein Mönch zu werden. Warum sollen die Unschuldigen die Strafe des Schuldigen leiden? Bin ich straffällig, so mag der Himmel mich bestrafen, der allein mein Verbrechen oder mein Rechttun zu richten hat. Vergreife dich nicht an dem geweihten Ort und seinen Mönchen, die wir doch unablässig für das Wohl des ganzen Lusinischen Hauses und somit auch für das deinige beten.« Diese Worte machten den Zornigen noch grimmiger. Er stieg eilends vom Pferd, ließ sofort einen großen Haufen von Holz, Heu und Stroh zusammentragen und zündete ihn mit eigener Hand an; und der Wind trieb die Flamme gegen das Kloster. Die Mönche waren in die Kirche geflohen und mußten hier in Flammen und Rauch ihr Leben lassen. Über hundert Mönche, den Abt und seinen Bruder nicht mitgerechnet, starben so durch die Hände eines tyrannischen Bruders, der auch dabei das Eigentum seiner Eltern nicht schonte. Allein die Reue blieb nicht aus, sie folgte vielmehr der bösen Tat auf dem Fuße. Als der Mörder den Aschenhaufen sah und an die verbrannten Mönche dachte, deren Todesschreie er gehört hatte, da erwachte sein Gewissen. Doch es war zu spät. Er ritt in größter Bestürzung nach Garande zurück, wo der Bote von Norheim auf ihn wartete. Er freute sich, als er Geoffroy sah, der sich unverzüglich zur Reise rüstete und schnell nach Norwegen segelte, um seine böse Tat desto eher zu vergessen. Inzwischen saßen Geoffroys Eltern zu Favent in lebhaften Gesprächen und in trauter Gemeinschaft beisammen. Da kam ein Bote von Mallières an, der wenig Worte machte und gleich vorgelassen werden wollte, da er Wichtiges zu melden hätte. Er wurde sofort zum Grafen geführt, der ihn fragte, was er Wichtiges zu sagen habe. »Wenig Gutes«, antwortete er und schwieg still. Er seufzte tief und konnte kaum vor Betrübnis reden. Endlich sprach er: »Gnädiger Herr, Euer Sohn Freimund ist samt allen Mönchen tot. Das ganze Kloster ist verbrannt. Ich bin allein entronnen. So kann ich Euch den Jammer anzeigen, denn weder Abt noch Mönch ist übriggeblieben. Dies alles hat der Ritter Geoffroy verübt, der in grimmigem Zorn das Kloster vorsätzlich angezündet hat.« Dann begann der Bote den ganzen Verlauf des Unglücks umständlich zu erzählen. Als Raimund den Jammerbericht vernommen hatte, setzte er sich ganz traurig zu Pferde und ritt eilig nach Mallières, um mit eigenen Augen zu sehen, was geschehen war. Hier aber fand er nur Trümmer und klagendes Landvolk, das seinen Sohn Geoffroy verwünschte. Da wurde er so zornig, daß er den Aschenhaufen nicht mehr sehen konnte. In größter Eile ritt er wieder nach Favent heim, wo er noch am selben Tage eintraf. Dort verschloß er sich in seine Kammer und weinte vor Herzeleid, das ihm sein Sohn Geoffroy bereitet hatte. Zugleich fiel ihm das Unrecht wieder ein, das er im Zorn übereilt an seinem Bruder, dem Grafen von Poitiers, begangen hatte. Es schien ihm jetzt, daß jener recht gehabt habe in dem, was er ihm vorgeworfen, daß er an Melusine ein wirkliches Meerwunder und einen halben Geist und nicht ein menschliches Weib habe, obschon sie ihm zehn Kinder geschenkt, von denen der eine jetzt so jämmerlich von der Hand des eigenen Bruders ums Leben gekommen war. In solchem Unmut traf ihn seine Gemahlin Melusine, die eben die Tür der Kammer aufschloß und in Begleitung vieler Ritter und Frauen eintrat, um ihren betrübten Herrn, der noch immer in den Reisekleidern auf dem Bett lag, in seinem doppelten Leid zu trösten. Sie schien aber gar nicht willkommen zu sein, denn Raimund gab durch seine finstere Miene ihr genügend zu verstehen, daß ihre Gegenwart ihm nicht erwünscht sei. Sie achtete aber nicht darauf, sondern fuhr fort, ihm weiter herzlich Trost zuzusprechen. Sie stellte ihm vor, daß man das, was geschehen sei, nicht ändern könne. Aber Raimund sah sie trotzig und mit abwehrenden Gebärden an, was sie sonst nicht von ihm gewöhnt war. Zuletzt brach er ungestüm in die unglückseligen Worte aus: »Hebe dich hinweg von mir, du böse Schlange und schändlicher Wurm! Siehst du nicht, was dein Sohn Geoffroy mit dem Zahn für einen schrecklichen Anfang seines Manneslebens gemacht hat? Ach, mein Sohn Freimund ist dahin, von der Hand des Bruders ermordet.« Er warf sich weinend und händeringend auf die andere Seite des Lagers und würdigte seine treue Melusine keines Blickes. Sie sprach ihm in tiefster Betrübnis und ganz bescheiden zu und erinnerte ihn an den Fehler, den er begangen hatte und der nicht wieder gutgemacht werden könne. Sie sprach: »Ach, unbesonnener und ungeduldiger Raimund, welche Kurzsichtigkeit hält deine Vernunft gefangen, daß du über all unserem Unglück auch an mir unschuldigem Weib eidbrüchig wirst! Habe ich nicht dein Wohlergehen gesucht, dich geliebt, getröstet und vor allem Unglück gewarnt? Und dieses kommt nun gleichsam zum Dach herein, denn in kurzem wirst du mich verlieren. Unglücklicher, keines Erbarmens würdiger Mensch, warum hast du dich nicht eines Besseren bedacht und mich so vor allen, die hier sind, beschimpft?« Dann wurde sie ganz still und sank vor Erregung in einer tiefen Ohnmacht zur Erde. So lag sie eine halbe Stunde ohne Besinnung da und wurde für tot gehalten. Alle Diener und Hofherren erschraken über die bedenklichen Reden, deren Inhalt niemand verstand. Jeder konnte leicht denken, da dieses Gespräch große Erbitterung bei beiden nach sich ziehen würde. Es war ihnen gar nicht lieb, diese geheimnisvollen Reden und Offenbarungen eines jähen Zornes mithören zu müssen. Auch ahnten sie wohl, daß bei beiden zu späte Reue nachfolgen werde. Indessen eilte man sofort der ohnmächtigen Melusine zu Hilfe und bespritzte sie mit kaltem Wasser, um zu sehen, ob noch Leben in ihr wäre. Dann holte man andere Mittel, um sie zu stärken, bis sie endlich wieder zu sich kam. Sie richtete sich auf und sprach mit langsamer, deutlicher und nachdrucksvoller, klagender Stimme: »Ach, Raimund, was hast du getan? Oh, ich Törichte, die ich mich von deinem schönen Gesicht blenden ließ und deinen verführerischen Umarmungen und einschmeichelnden Worten geglaubt habe! Zu welch unglückseliger Stunde habe ich dich am Brunnen getroffen und diese falsche Brust umfangen? Ist dies Pflicht und Treue gehalten, dies Wohltat mit Dank bezahlt? Habe ich dich darum so mächtig und reich gemacht, da ich durch dich ins Unglück versinken muß? Undankbarer, nicht ich, du bist eine Schlange, die ich mir selbst, mir zum Unglück, an meinem Busen großgezogen habe. War es dir nicht genug, du Treuloser, mich heimlich zu belauschen, ohne daß ich ein Zeichen der Mißgunst oder der Rachgier merken ließ? Hätte nur dein treubrüchiges Herz sich bescheiden wollen, dein falscher Mund geschwiegen! Nun hast du mir und dir geschadet und uns beide mutwillig um unser Glück gebracht. Denn ich brauchte nicht von dir zu scheiden, bis der Tod uns voneinander getrennt hätte. So aber bringst du mir Leib und Seele bis an den jüngsten Tag in Pein und Trübsal. Dein Land wird von dir gerissen und nach deinem Tode dahin und dorthin verteilt werden. Ich sehe schon das Unglück deines Geschlechts vor meinen Augen. Nichts als Zwietracht wird in ihm herrschen, weil mit mir dein Glücksstern schwindet. Und ich selbst, wie gern ich es wollte und wie wehe es mir tut, ich selbst vermag das alles nicht mehr zu ändern.« Nachdem sie solche Klage- und Strafworte gesprochen hatte, nahm sie drei Grosse des Landes bei der Hand, trat mit ihnen vor Raimund und begann noch einmal nachdrücklich zu reden: »Falscher Raimund, die Stunde meines Abschieds rückt immer näher. So merke dir, was ich vor diesen Zeugen aus Mitleid dir zum Guten sage. Unsern jüngsten Sohn Horribil, der drei Augen hat, darfst du nicht leben lassen. Ihn mußt du gleich nach meinem Abschied töten, um großes Unglück zu verhüten. Bleibt er am Leben, so wird Krieg dein ganzes fruchtbares Land in eine Wüste verwandeln. In ihm siehst du den Verderber aller deiner Söhne und den Schänder deines Geschlechts. Darum vertilge diese Schlange, wenn du nicht noch mehr Leid beweinen willst. Den Zorn aber, den du wegen Geoffroy hast, gib auf. Denn wisse, daß jenes Jammergeschick vom Himmel über die Mönche wegen sündhafter Ausschweifungen verhängt worden ist, um das Ärgernis zu beseitigen. Und wisse, daß Geoffroy das Kloster weit herrlicher aufbauen und ausstatten wird, als es bisher gewesen ist. Endlich sage ich dir, und das will ich nicht vergebens geredet haben, ehe ich dich verlasse: Wenn man mich einst über Lusinia in der Luft schweben sieht, dann sollt ihr wissen, daß das Schloß im selben Jahr einen anderen Herrn erhalten wird. Ja, sollte ich in der Luft nicht gesehen werden, so wird man doch meine Gegenwart beim Durstbrunnen verspüren können, weil dort das Schloß zu meinen Ehren gebaut wurde und meinen Namen trägt. Ich aber werde den Freitag vorher gesehen werden, ehe das Schloß seinen Herrn ändert. Und dies ist es, was am meisten meinem Herzen Schmerz bereitet. Die Zeit meines Abschieds ist jetzt da, und ich gehe dorthin, wo mein Kummer erst recht beginnt.« Die Worte Melusinens fuhren Raimund wie ein Dolch ins Herz, und er brach in Tränen aus und rang die Hände. Er wünschte sich nichts anderes, als augenblicklich sterben zu dürfen. Er blickte seine treue Melusine lange und tief ergriffen an und konnte sich nicht mehr halten. Er fiel ihr um den Hals und küßte sie und wollte sie nicht von sich lassen, so daß allen, die zugegen waren, die Tränen kamen und selbst die Hofdiener weinten. Es war ein Jammer, den Abschied anzusehen, denn beide fielen vor Schmerz in Ohnmacht. Endlich begann Raimund seufzend zu reden: »Verzeihe mir, Geliebte, und bleib bei mir!« Melusine antwortete: »Ich kann nicht, denn das Schicksal hat es so beschlossen. Darum denke nicht mehr an deinen armen Sohn Freimund, vergiß aber nichts von dem, was ich dir gesagt habe. Sorge auch besonders für deinen Sohn Raimund, denn er wird an deines Bruders Stelle Graf vom Forst werden.« Melusine fuhr fort: »Erinnere dich auch öfter deines jüngsten Sohnes Dietrich. Er wird dereinst zu Portenach und Rochelle Herr sein und große Rittertaten verrichten. Auch alle seine Söhne werden heldenmütige und berühmte Männer werden. Soviel sei dir, hartherziger, Raimund, noch aus Mitleid und Zuneigung gesagt. Vergiß nicht, künftighin den Himmel für mich zu bitten. Auch ich will deiner nicht vergessen, sondern dir noch viel Trost und Hilfe in all deinen Anliegen bringen, obwohl du mich in weiblicher Gestalt von nun an nimmer sehen wirst.« Als Melusine diese Worte gesprochen hatte, verwandelte sie ihre Gestalt, blieb zur Hälfte in Frauengestalt, nahm aber zur anderen Hälfte die Gestalt einer Sirene oder eines Fisches an. Sie sprang mit einem Satz auf das Fenster, um sich hinauszuschwingen. Doch kehrte sie sich noch einmal um und rief ihm die allerletzten Abschiedsworte zu: »Lebe wohl, mein Raimund, ich vergesse, was du mir zuleide getan hast! Lebe wohl, du, dem ich meine Liebe schenkte, du, bisher mein einziger treuer Freund! Ich verlasse dich mit Schmerzen. Obwohl du mich bitter betrübt hast, habe ich dich dennoch geliebt. Lebt auch ihr wohl, treue Herren des Landes und Diener des Hofes! Ihr werdet mich nun nimmermehr bedienen. Der Himmel segne euch und auch mein Volk, dessen Gebieterin ich war. Lebt wohl, glücklich und gehorsam unter meinem Raimund, solange ihr in seinen Diensten sein werdet. Der Himmel schenke dir Glück, du mein herrliches Schloß Lusinia, wenn auch ich, deine Stifterin, in leiblicher Gestalt fern von dir bin.« Indem sie dies sagte, verwandelte sie sich noch entsetzlicher, sprang vom Fenster auf und fuhr zu aller Schreck hinaus in Gestalt eines Wurmes vom Gürtel an, wie Raimund sie schon einmal allein gesehen hatte. Dabei hörten alle ein Rauschen in der Luft, das sich dreimal mit großem Klagegeschrei um das ganze Schloß bewegte. Melusine ward nicht mehr gesehen. So war es eine recht unglückliche Stunde, als Raimund mit Melusine Streit wegen Geoffroy begonnen hatte. Er stand mit weit geöffneten Augen staunend und sprachlos da, dann fing er an bitterlich zu weinen und zu klagen und sich sein Haar zu raufen. Und er rief ihr mit wehmütiger Stimme viele Abschiedsgrüsse nach. Seitdem sah man ihn nicht mehr fröhlich, solange er lebte, obwohl ihm gute Leute oft Trost zusprachen. Einer seiner Räte erinnerte ihn noch in derselben Stunde daran, was Melusine über seinen Sohn Horribil gesagt hatte. Raimund antwortete: »Es ist wahr, aber ich kann es nicht tun. Geht ihr hin und vollzieht ihren Willen. Es sterbe die Natter, die solches Blutbad mit der Zeit anrichten will, damit die Ruhe des Landes erhalten bleibe.« Mit diesen Worten ging Raimund von ihnen, verschloß sich in ein einsames Gemach und gab sich seinem Schmerz seufzend hin. Die Diener aber, denen er aufgetragen hatte, Horribil zu töten, nahmen den Knaben und führten ihn in einen Keller. Hier verstopften sie alle Fenster und Türen, trugen nasses Heu und Stroh hinein und zündeten es an, um nicht selbst Hand an ihn zu legen. So erstickte der Knabe in Rauch und Qualm. Hernach beerdigten sie ihn ganz still in der Kirche. Damit war Melusinens und Raimunds Wille vollzogen. Ihn sah man lange Zeit nicht, da er sich still in seinem Gemach aufhielt. Melusine hatte ihrem Gemahl zwei junge Söhne in der Wiege zurückgelassen, die einer Amme übergeben waren. Sie hießen Dietrich und Raimund. Die Amme nahm mehrere Male wahr, daß Melusine in gespenstischer Gestalt spät nachts in die Schlafkammer kam, ein Kind nach dem anderen aus dem Bett hob, es am Feuer wärmte, an ihre Brust legte und nährte und dann wieder sanft ins Bett legte. Obwohl die Amme diesem Schauspiel nicht ohne Entsetzen zusah, brachte sie es doch nicht fertig, dem Geist zu wehren oder Lärm zu machen. Sie ließ es mit Staunen geschehen, weil sie sah, daß den Kindern kein Leid geschah, und meldete es ihrem Herrn und berichtete ihm darüber. Er hörte es mit großer Freude, tröstete sich damit in seinem Kummer und hoffte, seine Gemahlin einst wiederzubekommen. Er befahl strengstens, daß man auf keine Weise den Geist, sooft er komme, beschreien, noch weniger ihn behindern oder ihm zuwider sein solle, denn er hielt es für ein gutes Zeichen und fühlte sich seitdem in seiner Betrübnis merklich erleichtert. Indessen nahmen beide Kinder, besonders das Knäblein Dietrich, in kurzer Zeit trefflich zu, so daß an ihren Kräften und an ihrer Gesundheit nichts fehlte. Man verwunderte sich vielmehr sehr darüber, daß sie in einem Monat fast mehr als andere Kinder in einem halben Jahr wuchsen, und schrieb dieses Wachstum der mütterlichen Nahrung zu, obwohl niemand begreifen konnte, wie das zuging. Wir vernehmen jetzt wieder, wie es Geoffroy im Lande Norheim ergangen ist. Er langte dort glücklich an, und sofort erscholl im ganzen Land das Freudengeschrei, der junge, tapfere Ritter sei angekommen, er, der im Land Garande den ungeheuren Riesen erlegt habe. Jeder wollte ihn sehen. ja, es kamen alle Herren des Landes, um ihm Glück zu wünschen und ihn zu ehren. Dabei wurde ihm erzählt, wie grausam der Riese in Norheim bisher gehaust und wie er schon manchen tapferen Ritter erwürgt, ja, noch vor kurzem wohl hundert von ihnen auf einmal erschlagen hätte, die anderen Männer gar nicht gerechnet. Das ganze Land sei verwüstet und ausgeraubt. »Das muß ein Teufel und kein Mensch sein«, antwortete Geoffroy, »doch seid getrost, ihr Herren, nur helft mir, daß ich ihn treffe. Ich hoffe mit Hilfe des Himmels, ihn zu besiegen und euch von diesem Ungeheuer zu befreien, wofür mir das ganze Land danken möge.« Sofort wurde ihm von den Landesherren ein erfahrener Führer beigegeben, dem die Gegend, in der sich der Riese aufhielt, gut bekannt war. Geschwind wurde alles Notwendige zur Reise zurechtgemacht. Dann nahm Geoffroy von den Herren Abschied und ritt furchtlos dem Berg zu, in dem der Riese meistens hauste. Als sie bereits den Berg hinaufritten, sprach der Führer: »Gnädiger Herr, auf diesem Berg, Avelon genannt, und in dieser Gegend hat der Riese seine Wohnung.« Geoffroy blickte auf, denn sie waren gerade neben einem Felsen, in dessen Höhle der Riese gern saß. Der Führer zitterte, denn es war ihm bei der Sache nicht wohl zumute. Er sah sich ängstlich um, ob sie nicht von einer Seite überfallen werden konnten. Dabei bemerkte er, daß der Valand oder Teufel – wie das Volk den Riesen nannte – unter einem lieblichen, schattigen Baum saß. Der erschrockene Führer schrie: »Herr, wir sind des Todes, wenn wir nicht eilends zurückgehen. Ich bitte, entlaßt mich! Dort oben auf der Anhöhe sehe ich das Ungeheuer sitzen.« Geoffroy sprach: »Habt keine Angst und bleibt bei mir, ich werde Euch und das ganze Land befreien.« Jener erwiderte: »Das mag sein, aber laßt mich unten. Ich habe Euch den Weg hierher gewiesen, wo Ihr Euren Tod finden könnt. Kommen wir weiter hinauf, so treten wir schon auf Totengebeine.« Geoffroy sprach: »Angsthase, du bleibst bei mir! Wenn ich auch deine Hilfe nicht brauche, so sollst du doch meinen Sieg sehen.« Und so zwang er ihn, wenn auch unwillig und in höchster Angst, den Berg mit hinaufzureiten. Geoffroy mußte über den Zitternden lachen, der sich gebärdete, als hätte er das dreitägige Fieber. Sie wurden auch bereits vom Riesen Grymold (dies war sein rechter Name) gesehen, der aber aus Verachtung regungslos sitzen blieb. Als sie ganz nahe waren, hieß endlich Geoffroy lachend und mitleidig seinen Führer mit seinem Pferd stillhalten und dem Spiel ruhig zusehen. Der Führer versprach ihm zu bleiben, wenn der Kampf nicht zu lange andauern würde. »Sonst«, sprach er, »ehe mich der Schwindel erfaßt, werde ich das Weite suchen. Darum wagt Euer Leben nicht allzu verwegen, denn dieser Wüterich hat schon viele tapfere Helden umgebracht.« Geoffroy sprach: »Sorgt Euch nicht, mein Freund!« Dann ritt er noch eine kleine Strecke aufwärts, bis er den Riesen erreichte. Dieser wunderte sich über die Kühnheit des Ritters, der so allein bei ihm erschien. Doch dachte er, es könnte vielleicht ein Gesandter des Landes sein, der ihm etwas mitzuteilen hätte. Er stand deshalb von seinem Sitz auf, nahm eine lange, dicke Stange von Wacholderholz und ging dem Ritter entgegen. Wenige Schritte vor Geoffroy hielt er still und schrie: »Wer und von wo bist du, Vermessener, daß du dich so freventlich erkühnst, allein gegen mich zu reiten?« Geoffroy erwiderte: »Ich komme, um mit dir zu streiten, du Ungeheuer, und dich ohne weiteres Federlesen herauszufordern.« Der Riese sprach: »So bist du deines Lebens müde?« Darauf sagte Geoffroy: »Komm und mach nicht viel Worte! Töte mich, wenn du kannst.« Der Riese spottete: »Ei, nicht so, schone mein Leben, du Ohnmächtiger, und bring mich nicht so schnell um!« Geoffroy war von dieser Hohnrede tief beleidigt. Er zückte seinen Schild, ritt ohne ein Wort auf den Prahler mit eingelegtem Speer los und traf ihn so kräftig auf die Brust, daß er stürzte. Geoffroy hätte ihn mit dem ersten Stoss durchrannt, wenn ihn nicht sein stählerner Harnisch geschützt hätte. Beim Fall kehrte er die Beine in die Höhe, doch raffte er geschwind sich wieder auf, so sehr ihn auch der Stoss schmerzte. Der Ritter merkte, daß der Riese einen Streich gegen sein Ross führen wollte. Er sprang behend vom Pferd. Da rief der Riese: »Du hast mir einen empfindlichen Stoss versetzt, kühner Ritter. Bist du redlich und von guter Abstammung, so nenne mir deinen Namen!« Der Ritter sprach: »Ich bin weltbekannt und heiße Geoffroy mit dem Zahn.« Der Riese erwiderte: »So habe ich doch von dir gehört, daß du meinen Oheim, den Riesen Gedeon von Garande, gefällt hast. Dafür soll dir bald dein Lohn werden.« Schnell ergriff der Riese seine Stange und führte mit ihr einen furchtbaren Streich gegen Geoffroys rechte Hand. Aber dieser wich dem Hieb aus, so daß die Stange gegen den Felsen schlug und man den Streich einen Schuh tief darin sehen konnte. Unterdessen ergriff Geoffroy sein Schwert und schlug dem Riesen auf den Harnisch, daß Splitter davon absprangen und das Blut aus den Ritzen hervorquoll. Voller Wut führte der Riese nun einen zweiten und dritten Streich, denen Geoffroy geschickt auswich, so daß die Stange am Felsen zersplitterte und in der Mitte zerbrach und der Arm des Riesen ermattete. Jetzt versetzte der Ritter dem Riesen einen Schwerthieb auf den Helm, daß ihm Hören und Sehen verging. Aber noch war seine Faust so kräftig, daß ihr Schlag auf Geoffroys Helm diesen wie einen Trunkenen taumeln machte. Doch das schreckte den Ritter nicht. Er holte aus und traf mit einem Streich durch den Panzer die Achsel des Riesen so tief, daß das Blut in Strömen von ihm floß. Jetzt warf sich der rasende Riese auf Geoffroy und begann mit ihm zu ringen. Sie faßten sich so kräftig, daß jedem der Atem ausgehen wollte. Aber der große Blutverlust machte den Riesen kraftlos, so daß er von Geoffroy ablassen mußte. Dadurch konnte der Ritter wieder sein Schwert ergreifen. Er versetzte ihm einen neuen Streich und zwang das Ungetüm, in seine Höhle zu flüchten und sich dort zu verbergen. Das Felsenloch, in das der Riese hineinsprang, war wie ein Keller anzuschauen, und der Ritter konnte ihn hier nicht erreichen. Deshalb schwang er sich auf sein Ross und ritt zu seinem Führer zurück, der noch zaghaft an derselben Stelle stand. Ihm erzählte er den Kampf und zeigte ihm den getroffenen Harnisch und den zerbeulten Helm. Während Geoffroy mit dem Führer sprach, kamen die Herren des Landes mit vielem Volk daher. Sie dachten, der Sieg sei errungen und der Riese sei tot. Sie überschütteten Geoffroy mit Glückwünschen, hörten aber bald, daß es anders stand. Da fragten sie den Ritter, ob der Riese sich nicht nach seinem Namen erkundigt habe. Geoffroy antwortete: »Ja, ich habe es ihm ohne jegliches Bedenken frei heraus gesagt.« Da sagte einer der Herren: »Dann wird er auch nicht mehr aus seiner Höhle herauskommen, solange der tapfere Geoffroy im Lande ist. Denn er hat eine sichere Voraussagung, daß er von ihm getötet werden soll.« Der Ritter antwortete: »Wenn er sich auch nicht herauswagt, so will ich ihn dennoch töten, um den Sieg zu vollenden. Ich mag aus diesem Lande nicht eher scheiden, bis meine Faust dieses Ungeheuer erlegt hat.« Ein anderer Landesherr, der Mitleid mit dem jungen Ritter hatte, warnte ihn vor Gespenstern und seltsamen Abenteuern, die es im Berg gebe. König Helmas, der alte Herrscher des Landes Norheim, sei von seinen drei Töchtern in diesem Berg bis zu seinem Tode eingeschlossen worden, weil er seine Gemahlin Persina im Wochenbett besucht und dadurch ihre Geheimnisse erkundet habe. Auch wisse man nicht, wo die Mutter mit ihren drei Töchtern nachher hingekommen sei. Einen Riesen habe es an diesem Ort immer gegeben, und er habe den Berg gehütet. Der jetzige sei bereits der fünfte oder der sechste. Und alle hätten das Land verwüstet und mit Feuer verheert. Besonders habe dieser alle Helden, die gegen ihn ausgezogen waren, bezwungen und getötet. Geoffroy sei glücklicher gewesen als alle Könige des Landes, die nicht hätten wagen dürfen, was er gewagt habe. Jedoch solle er den Riesen nur außerhalb des Berges aufsuchen und bekämpfen. Diese Rede bewog Geoffroy, den Landesherren zu sagen, daß er den Riesen erlegen wolle, wo er ihn finde. Weil die Nacht schon herangerückt war, begleiteten sie den Ritter mit großer Ehrerbietung in die Stadt zur Abendtafel. Als der frühe Morgen anbrach, ritt Geoffroy wieder dem Berg zu. Dort angekommen, mußte er lange suchen, bis er unter so vielen Höhlen und Klüften den Eingang zur Riesenhöhle fand. Als er den Riesen sah, sprang er geschwind vom Pferd und verabschiedete sich von dem Ritter, der ihn begleitete. Dann ergriff er seinen Speer, bezeichnete sich mit einem Kreuz und ließ sich in das Felsenloch hinab. Als er Grund spürte, stieß er mit vorgehaltenem Speer überall herum, um den Riesen in irgendeinem Winkel aufzufinden. So kam er immer tiefer hinein, bis er einen Lichtschimmer sah, dem er nachging. Er führte ihn in eine helle Kammer, die nur eine Tür hatte, aber mit Gold, Silber und Edelsteinen herrlich angefüllt war. Er sah sich verwundert in dem Gemach um. In der Mitte stand ein hohes Grabmal auf sechs zierlichen Pfeilern, mit Edelsteinen besetzt, die in diesem Berg häufig zu finden waren. Auf dem Grabstein lag die Gestalt eines gekrönten Königs in voller Rüstung aus milchblauem durchsichtigem Chalzedon. Zu seinen Füssen war ein Frauenbild zu sehen, das eine Tafel aus etlichen Blättern in den Händen hielt. Auf ihr war folgende Schrift deutlich zu lesen: »Dies ist der König Helmas, mein lieber Gemahl, der hier begraben liegt. Er hat mir geschworen, mich zur Gemahlin zu nehmen, doch nie im Wochenbett mich zu besuchen, noch besuchen zu lassen. Weil er treubrüchig geworden ist, verlor er mich. Drei schöne Töchter, die ich im selben Jahr geboren hatte, nahm ich mit mir, ernährte und erzog sie bis ins fünfzehnte Jahr. Er wußte nicht, wo. Dann erzählte ich ihnen von des Vaters Untreue. Darüber wurden sie zornig, und Melusine, die jüngste, beschloß, ihre Mutter zu rächen. So schloß sie ihn bis ans Ende seines Lebens in diesen Felsen ein. Ich selbst begrub ihn unter diesem Stein. Um sein Grab vor Dieben, Räubern und Schatzgräbern zu sichern, habe ich den Riesen hierher gelegt. Meine drei Töchter haben drei besondere Merkzeichen. Die jüngste, Melusine, die sehr klug ist und einen scharfen Verstand hat, wird alle Sonnabende vom Gürtel an zur Schlange. Wer sie freit, soll ihr geloben, sie am Samstag weder zu besuchen noch zu sehen, noch nach ihr zu fragen, auch keinem Menschen das Geheimnis zu entdecken. Melora, meiner zweiten wunderschönen Tochter, befahl ich, daß sie als Geist ein herrliches Bergschloß in Armenien hüten, daneben immer einen Sperber auf dem Haupt haben soll. Wer sich ihr nahen will, der muß von adligem Ritterblut sein, ohne Entsetzen drei Tage und drei Nächte den Sperber schlaflos hüten und keine Furcht haben. Kann er dies, soll ihm der jungfräuliche Geist eine Bitte gewähren, welche er will, dabei ausgeschlossen ihre Person und Liebe. Wer sich aber vom Schlaf überwinden läßt, der soll sein ganzes Leben, ja, bis zum jüngsten Tag, der Gefangene des Geistes sein. Meiner dritten Tochter, Plantina, befahl ich, auf dem hohen Berg Roniche in Aragonien ihres Vaters unermeßliche Schätze zu hüten, bis sich einer unseres Geschlechts findet, der Burg und Schatz mit wehrhafter Hand erobert und König von Jerusalem werden wird. Dies alles habe ich, ihre Mutter Persina, ihnen aufgetragen. Damit begnüge sich jeder, der diese Tafel zu sehen bekommt.« Geoffroy hatte diese Blätter aufmerksam gelesen und geriet in großes Staunen. Er wußte jetzt, daß seine Mutter die Nymphe Melusine, König Helmas aber sein Großvater und Persina seine Ahnfrau gewesen war. Aber ganz wollte er es erst glauben, wenn er den Riesen glücklich erlegt hätte. Dann erst wollte er sich für jenen wahren Erben ansehen. Mit neuem Eifer verließ er das Gemach, wobei er überall mit dem Speer in der Dunkelheit umherfühlte. Unterwegs geriet er auf einen großen Platz, auf dem ein hoher Turm stand, so daß er aufrecht gehen konnte. Er nahm seinen Speer bequem auf die Achsel und ging, scharf umherblickend, zum Turm, den er offen und darin er herrliche Gemälde fand. Im Hingehen jedoch bemerkte er unter dem Gebäude einen abscheulichen Kerker, in dem sich viele Gefangene befanden, die sich alle sehr wunderten, woher er käme und welch entschlossener Mut ihn so weit gebracht habe. Einige warnten ihn vor dem Riesen, dagegen riefen andere: »Schweigt, ihr redet zu unserer aller Schaden. Laßt den jungen Helden doch ziehen, er wird vielleicht unser Erlöser werden. Gott der Herr, der ihn hierher geleitet hat, wird ihn auch noch weiter bewahren können.« Diese Rede gefiel Geoffroy wohl. Er wurde noch mutiger und fragte lächelnd: »Wo ist das Ungeheuer, das euch so quält? Zeigt mir den Ort, daß ich meinen ritterlichen Mut an ihm beweisen kann.« Darauf sprach einer der Gefangenen: »Nehmt Euer Leben in acht, Herr Ritter, Ihr werdet ihn bald zu sehen bekommen!« Kaum waren diese Worte gesprochen, kam der Riese dahergetrottet. Aber statt daß Geoffroy vor ihm hätte fliehen sollen, erschrak der Riese und verkroch sich in ein Gemach, dessen Tür er schnell hinter sich zuschloß. Geoffroy, dadurch kühn gemacht, sprang ihm nach und schlug so mächtig an die Tür, daß sie in Stücke sprang. Der Riese hatte aber einen großen viereckigen Hammer aus Stahl, mit ihm gab er dem Ritter einen Schlag aufs Haupt, aber der Helm blieb unbeschädigt. Geoffroy rief: »Dieser Streich soll dir verdoppelt auf deinen verfluchten Schädel fallen.« Er zog sein Schwert und stach den Riesen durch und durch, so daß er auf die Erde fiel. Dies geschah mit einem solchen Schrei, daß der ganze Turm davon erzitterte. Damit blies er zugleich seinen Atem aus, und die Leiche lag ausgestreckt auf der Erde. Da dankte Geoffroy dem Höchsten für den verliehenen Sieg, steckte das Schwert in die Scheide, eilte zu den Gefangenen im Turm und fragte sie, ob sie aus dem Lande der Norheimer wären. Als sie dies bejahten, fragte er sie, was denn ihr Verbrechen sei. Darauf antworteten sie, daß sie den Tribut nicht bezahlen konnten, den der Riese von ihnen forderte. Geoffroy sprach: »Nun, so sei er euch mitsamt eurer Freiheit geschenkt.« Er versprach ihnen unter ihrem Jauchzen und Frohlocken, den Kerker zu öffnen. Dabei verlangte er, daß sie ihm sagten, wo die Schlüssel des Gefängnisses wären. Das wußte keiner. Geoffroy selbst mußte lange Zeit suchen, bis er endlich den Schlüssel fand und über 200 Gefangene befreite. Er führte sie in das Zimmer, in dem er den Riesen erlegt hatte. Sie betrachteten die Leiche des Ungeheuers mit Entsetzen und staunten über die Heldentat des jungen Ritters. Dann sprach Geoffroy zu ihnen: »Hört, liebe Freunde und erlöste Gefangene, womit ich euch erfreuen will. In diesem Berg und seinen Höhlen ist ein großer Schatz an Gold, Silber und Edelsteinen verborgen. Das alles schenke ich euch, denn ich will von dem übel gesparten Gut nichts haben.« Die armen Leute konnten nicht aufhören zu danken. Sie wollten auch das Geschlecht des edlen Ritters wissen, denn seit König Helmas' Tod war kein Mann lebendig aus diesem Felsen gekommen. Der Ritter sagte ihnen, daß er Geoffroy mit dem Zahne heiße. Dann erzählte er ihnen weitläufig von seiner Herkunft. Hierauf begleiteten die Befreiten ihn voll Dank aus der Höhle. Vorher hatten sie noch einen Karren angefertigt, auf den der ungeheure Riese geworfen und aus dem Berg gefahren wurde. Die Leiche saß, mit Ketten gebunden, aufrecht auf dem Karren, als lebe das Ungeheuer noch. So führten sie das Scheusal im Lande umher, jedermann zum Staunen und zum Abscheu. Alles Volk lief herzu und dankte Gott und lobte den Sieger Geoffroy, der zur rechten Stunde gekommen war. Mittlerweile kam Geoffroy wieder zu den Herren des Landes, von denen er vor kurzer Zeit geschieden war und die mit großer Betrübnis und unter vielem Zweifel auf ihn gewartet hatten. Da wurde ihm und den befreiten Gefangenen alle erdenkliche Ehre angetan. Und weil gerade der König von Norheim ohne Erben gestorben war, wurde ihm nicht nur viel Geld und Gut, sondern die königliche Krone selbst angeboten, wenn er bei ihnen bleiben wolle. Dies alles aber schlug Geoffroy mit großer Höflichkeit ab. Von ihnen allen gesegnet, machte er sich nach kurzer Zeit wieder reisefertig auf den Weg, nachdem er zuvor den Landesfürsten die Verwaltung des Reiches und sein Wohlergehen sorgfältig anbefohlen hatte. Dann reiste er mit großem Verlangen von dannen, seinen Vater und seine Mutter recht bald wiederzusehen. So kam er ans Meer, wo er ein Schiff bestieg und nach seinem Vaterland, der Herrschaft Garande, segelte. Als das Volk seine Ankunft gewahr wurde, liefen alt und jung voll Freuden herzu, ihren Retter wiederzusehen und zu bewillkommnen, weil es noch nicht lange her war, daß er sie von dem Riesen Gedeon erlöst hatte. Die Kunde seiner Rückkehr kam auch zu seinem Vater Raimund. Um seinen Sohn Geoffroy zu empfangen, ritt er ihm entgegen und hielt auf der Strasse, wo er vorbeikommen mußte. Es war ihm schon hinterbracht worden, wieviel Ruhm und Ehre jener im ganzen Reich Norheim erlangt hatte. Diese neue Freude ließ den guten Raimund wieder ein wenig seinen schweren Kummer vergessen. Er ritt deswegen fröhlich bis an das Gestade des Meeres, wo sein Sohn bei seiner Ankunft unfehlbar landen mußte. Dies geschah, und es war ein freudiges Wiedersehen beider, das gar rührend anzuschauen war, so daß vielen die Tränen darüber ausbrachen. Endlich nahm der Vater Raimund seinen Sohn bei der Hand, führte ihn beiseite und entdeckte ihm sein ganzes Herzeleid, den Verlust seiner Mutter und alles, was sich bisher zugetragen hatte. Geoffroy erschrak darüber heftig. Er merkte wohl, daß auch seine böse Tat hierzu nicht wenig beigetragen hatte. Von innerlicher Reue und Bewegung des Herzens brach ihm der Angstschweiß aus, und er sprach: »Dem Himmel sei es geklagt, in welchen Jammer ich mich selbst gesetzt habe.« Unter solchen Seufzern der Reue stand er eine gute Weile in sich gekehrt, dann fing er an und erzählte dem Vater von der Tafel und der Schrift, die er im Gespensterberg im Norheimer Land gefunden und gelesen hatte, und von dem ganzen Begräbnis. Raimund vernahm zu seinem Trost, wer Melusine, seine Gemahlin und Geoffroys Mutter, gewesen und daß sie aus königlichem Geschlecht stammte. Dagegen erfuhr sein Sohn hinwieder, was er noch nicht gewußt, daß nämlich des Vaters Bruder ihn gereizt hatte, seine Melusine an einem Sonnabend zu besuchen und der Vater zuletzt gar ihren Zustand ihr vorgeworfen und sie damit beschämt habe. Geoffroy schwur deshalb dem Grafen den Tod. Er setzte sich zu Pferde und ritt in Begleitung seines jüngeren Bruders Raimund Tag und Nacht auf den Forst zu, worüber sein Vater in neuen Kummer fiel. Es reute ihn, daß er seinem Sohn alles so klar geoffenbart hatte und nun vielleicht auch dieses zu einem bösen Ende ausschlagen würde. Geoffroy aber gelangte, von niemand erkannt und in aller Stille, in die Grafschaft vom Forst und bis dicht an das Schloß des Grafen. Dies fand er offen, stieg alsbald vom Pferd und kam unversehens in den Saal, in dem sein Oheim sich aufhielt. Geschwind griff er nach dem Schwert, rannte auf ihn zu und fuhr ihn in ungestümer Rede an: »Ha, Verräter, du bist derjenige, durch den wir unsere Mutter verloren haben. Du Bösewicht, du mußt des Todes sterben!« Der Graf vom Forst, von dieser Überraschung ganz bestürzt, wußte nichts anderes zu tun, als sich zu retten und sein Heil in der Flucht zu suchen. Er verschloß sich in einem Turm, eilte die hohen Treppen hinauf und war froh, als er sich vor dem Zorn des Ritters geborgen sah. Weil nun Geoffroy diesmal nichts ausrichten konnte, hob er an, aufs heftigste gegen die Diener des Grafen zu toben, die ihm aber entliefen. Dadurch fand er den Weg frei, den Grafen noch weiter zu verfolgen, so daß dieser endlich zu einem Fenster des Turms hinaussteigen mußte, um sich auf ein gegenüberliegendes Dach zu flüchten. Er verfehlte aber mit dem Sprung das Dach und fiel zu Tode. Geoffroy ließ ihn begraben, und die Seinen, die ihn nicht zu rächen wagten, beklagten ihn sehr. Dann befahl Geoffroy den Dienern, daß sie seinem Bruder Raimund ohne Widerrede huldigen sollten. Dies taten sie mehr aus Furcht als aus gutem Willen, denn das ganze Land scheute seinen Namen. Der schwermütige Vater Raimund war inzwischen nach Lusinia zurückgekehrt, aber voll Unmut und Betrübnis, denn der Tod seines Bruders, durch seinen Sohn Geoffroy veranlaßt, war ihm berichtet worden. Aber er konnte nichts ändern an dem, was geschehen war. Er versank aufs neue in tiefste Reue und beschloß, nach Rom zu ziehen, dort ernstlich Busse zu tun und nimmermehr nach Hause zu kommen, sondern sein Leben in einem Kloster mit Weinen und Beten zu beschließen. Während er sich mit solch traurigen Gedanken abquälte, kam sein Sohn Geoffroy in den Schloßhof geritten, stieg vom Pferd, ging zu seinem betrübten Vater hinauf und fiel vor ihm auf die Knie. Er bat ihn um Gnade wegen aller seiner Missetaten und gestand ganz freimütig, daß er die einzige Ursache aller Verluste sei, die seinen Vater getroffen hatten. Raimund sprach zu seinem Sohn: »Es ist so, mein Sohn, wie du sagst, allein wir können die Toten mit allen unseren Klagen nicht erwecken. Doch lege ich dir hiermit zur väterlichen Strafe auf, das verbrannte Kloster Mallières wieder aufzubauen und andere Mönche zu Dienst und Ehre Gottes dahin zu berufen.« Geoffroy willigte gern ein und versprach, das Kloster herrlicher und reicher zu bauen, als es zuvor gewesen war. Dies tröstete den alten Raimund. Er sprach: »Wohlan, die Erfüllung deines Versprechens wird deinen Gehorsam beweisen, mein Sohn Geoffroy. Doch höre, was ich dir jetzt sagen will. Ich habe mir zur Busse eine Reise in fernes Land vorgenommen und will dies jetzt als ein Gelübde vollbringen. Deshalb befehle ich dir, das Land gut zu regieren, daß du dich als ein Vater und nicht als ein Tyrann, wie du es bisher gewesen bist, gegen die Untertanen erweisest. Deinen jüngsten Bruder aber, meinen Sohn Dietrich, sollst du in aller Frömmigkeit und Tugend getreulich anstatt meiner aufziehen. Wenn er erwachsen ist, übergib ihm die Herrschaft Portenach, Favent und Rochelle zum Besitz. So hat es mir deine selige Mutter anempfohlen, und ich will es so auch dir ans Herz legen. Denn es scheint ein besonderes Licht aus dem Knaben, das wohl zu pflegen ist.« Geoffroy versprach ihm reumütig unverbrüchlichen Gehorsam, und dem Vater kamen über seine treu gemeinten Worte die Freudentränen. Er berief alle Untertanen zusammen, stellte ihnen seinen Sohn als künftigen Regenten vor, ließ die Huldigung vor sich gehen und trat die Reise an. Seine Söhne Geoffroy und Dietrich gaben ihm mit einem kleinen Gefolge zu Ross das Ehrengeleit. Beim Abschied umhalsten sie den Vater unter vielen Tränen. Der junge Dietrich wuchs zu einem schlanken und herrlichen Manne heran. Dem väterlichen Befehl gemäß ritt er nach Portenach und nahm Besitz von seinem Erbteil und den anderen ihm zugehörigen Orten. Er regierte klug und glücklich und galt für einen weisen Regenten im ganzen Lande. An Tugend, Tapferkeit und Heldentaten nahm er täglich zu. Sein Vater Raimund aber, obgleich er noch lebte, war dem Land längst gestorben. Bald darauf heiratete Dietrich eine schöne Dame aus der Bretagne, und es stammt bis auf diesen Tag von ihm das hohe Geschlecht derer von Portenach. Geoffroy hatte nach einem halben Jahr das Kloster Mallières schöner und größer, als es zuvor gewesen, wieder aufgebaut. Der vorher so wilde und grausame Mann zeigte bei diesem Bau einen solchen Eifer und eine solche Reue, daß im ganzen Land das Sprichwort von ihm galt: »Geoffroy ist ein Mönch, der Wolf ist ein Schaf geworden.« Obwohl ihm dieser Spott zu Ohren kam, fuhr er doch im Bau des Klosters fort und ruhte nicht eher, bis es fertig war. Inzwischen war Raimund zu Rom angelangt und hatte vor dem Papst reumütig seine Beichte abgelegt, Lossprechung erhalten und die auferlegte Busse mit demütigem Gehorsam angenommen. Auf die Frage des Papstes, was jetzt sein Vorsatz wäre, erwiderte er: »Heiliger Vater, ich gedenke mein Leben an einem Ort zu beschließen, wo nicht viele Leute um mich sind, denn ich möchte mich von der Welt absondern.« Als der Papst diesen Vorsatz lobte und ihn nach dem Ort befragte, den er sich ausersehen hätte, da sagte er, daß er nach Montserrat in Aragonien zu Unserer Lieben Frauen Kloster gehen wolle, denn der schöne, reine Gottesdienst, der dort gepflegt werde, gefalle ihm vor allem andern. Da wurden ihm vom Papst ein Priester und ein Schüler zugeordnet, die ihn sein Leben lang bedienen sollten. So nahm er seinen Abschied, und sie ritten zusammen mit einem großen Gefolge von Rom weg. Als er zu Tolosa ankam, wurde er dort wider seinen Willen herrlich empfangen und geehrt. Jetzt entließ Raimund alle Diener und behielt nur den Priester und den Schüler bei sich. Als er in Montserrat angekommen war, ließ er für sich und den Priester Einsiedlerkleider anfertigen und begab sich in das Gotteshaus, dem Herrn dort zu dienen, solange er lebte. Als seinem Sohn Geoffroy die Ankunft Raimunds zu Rom berichtet wurde, beschloß er, seinen Vater noch einmal zu sehen und in Rom aufzusuchen. Er übergab seinem Bruder Dietrich die Regierung für einige Zeit und machte sich auf die Reise. Zu Rom angelangt, beichtete auch er dem Papst und erfuhr von ihm, daß sein Vater Einsiedler zu Montserrat geworden sei. Geoffroy aber wurde eine weit härtere Busse auferlegt, insbesondere, daß er darauf bedacht sein sollte, vor allen Dingen das Kloster Mallières wieder aufzubauen und hundertzwanzig Mönche einzusetzen. Der Ritter erklärte dem Papst, daß das Gebäude bereits weit größer und herrlicher, als es zuvor war, wieder aufgerichtet sei. Da lobte der Papst diese gute Tat und nahm sie für hinreichende Busse an. Der Heilige Vater sagte zu ihm: »Euer Vorsatz ist gut, und der Himmel schenke Euch seine Gnade noch fernerhin. Wenn Ihr Euren Vater am Ort seiner Andacht besuchen wollt, so begleitet Euch mein väterlicher Segen.« Der Ritter zog weiter und traf seinen Vater zu Montserrat. Sie umarmten und küßten sich ohne Ende. Vergebens bemühte sich Geoffroy, den Vater zu bewegen, mit ihm zurückzukehren und sein Leben zu Lusinia in Ruhe zu beschließen. Er machte sich daher nach fünftägigem Aufenthalt bei ihm wieder auf den Heimweg, nachdem beide in froher Unterhaltung beisammen gesessen und Geoffroy von allem Bericht erstattet hatte. Der Abschied war für Vater und Sohn sehr schwer. Kaum war Geoffroy wieder zu Mallières angelangt, besetzte er das Kloster mit der verlangten Anzahl von Mönchen und sorgte in allem für ihren Unterhalt. Als auch er alt geworden war und wie sein hochbejahrter Vater dem Ende entgegenging, begab er sich noch einmal nach Aragonien zu ihm, den er, obwohl er schwach und hinfällig war, noch am Leben traf. Er empfing von ihm den Segen, drückte dem lebensmüden Greis die Augen zu und bestattete ihn feierlich. Drei Tage vor Raimunds Tod hörte man zu Lusinia über dem Schloß ein Rauschen. Das war der Geist Melusinens, der das Schloß dreimal umkreiste und allem Volk seinen Tod ansagte, wie sie einst ihrem Gemahl verkündet hatte. Der alte Raimund hinterließ ein blühendes Geschlecht, das überall in hohen Ehren stand. Sein Sohn Reinhard regierte in Böhmen und leistete den Ungläubigen heftigen Widerstand. Antonius führte das fürstliche Regiment als Herzog von Luxemburg. Der jüngere Raimund war Graf vom Forst. Uriens regierte in Zypern, kämpfte auch gegen die Heiden und stand den Rittern auf der Insel Rhodos getreulich in ihren Nöten bei. Gyot aber war König von Armenien und stritt auch hart gegen die Heiden. Gedes war frühzeitig gestorben, Horribil im Keller erstickt, Freimund mit dem Kloster verbrannt. Geoffroy, der tapfere Riesenwürger, war Herr in Mallières und Lusinia. Und Dietrich, auch ein berühmter Held und Ritter, hielt zu Portenach Hof. Dies alles aber lassen wir jetzt beiseite und erzählen eine sonderbare Begebenheit aus Armenien, wo Gyot als König regierte. In diesem Königreich war ein Schloß, in dem ein Geist hauste, der genau der Beschreibung entsprach, die Geoffroy auf dem Denkmal im Riesenberg zu Norheim von dem Geist auf dem Berg Avelon gelesen hatte. Dort fand sich auch ein Sperber von sonderbarer Art. Wer bei diesem Gespenst Gnade finden und seines Lebens sicher sein wollte, der mußte sein Geschlecht vom lusinischen Stamm nachweisen, dann drei Tage und drei Nächte ohne Schlaf beim Sperber wachen und ihn hüten können. Anders durfte er nicht ohne Lebensgefahr sich dem Schloß nähern. Hatte er aber dies richtig getan, so durfte er eine Gabe fordern, nur die Person und die Liebe der Jungfrau Melora nicht. So nämlich hieß der Geist, wie es auf der Grabtafel gestanden hatte. Nun war nach Gyots Zeit ein König in Armenien, der wollte beim Sperber wachen, sich aber die verzauberte Jungfrau selbst als Preis ausbitten, um sie zu erlösen. Doch spielte er damit nur in seinen Gedanken. Aber endlich machte er sich wie zum Scherz auf, um das Schloß anzusehen. Als er unfern des Ortes auf eine Wiese unterhalb des Schlosses gelangte, ließ er ein Zelt aufschlagen, ritt aber in voller Rüstung den Berg hinan bis an das Tor des Schlosses, darin sich der Geist und der Sperber befanden. Für den Vogel hielt er einen Köder in der Hand, um ihn damit zu füttern. Unterwegs begegnete ihm vor dem Schloß ein alter, weißgekleideter Mann, der ganz bleich und mager von Gestalt war. Dieser fragte ihn, was er hier suche. »Ich will die Bedingungen, die für dieses Schloß festgelegt sind, erfüllen und beim Sperber wachen«, sagte der unternehmungslustige König. Der Alte sprach: »Wohlan, so kommt mit mir. Ich will Euch anweisen und an den Ort führen, wo Ihr leisten könnt, was Ihr zu tun habt.« Hierauf führte der Alte ihn in einen herrlichen Palast und Saal, der nach der Meinung des Königs ganz oben im Schloß zu sein schien. Alles sah so majestätisch und prächtig darin aus, daß er aus dem Staunen nicht herauskam. In diesem schönen Gemach saß der Sperber auf einer Stange. Er war schön und wohlgestaltet. Der Alte sprach: »Hier ist der Ort, wo Ihr drei Tage und drei Nächte wachen müßt. Wenn dies vorüber ist, habt Ihr Erlaubnis, um alles zu bitten, was Ihr wollt, nur nicht um die Person und die Liebe der Jungfrau. Wenn Ihr aber Eure Wache schläfrig und also zum Unglück verrichtet, so sollt Ihr wissen, daß Ihr bis an den jüngsten Tag in diesem Schloß bleiben müßt.« Der kecke König erwiderte: »Wohl, ich werde bestens tun, was zu tun ist, hernach aber auch die gebührende Gabe fordern.« Dabei dachte er einzig und allein daran, die Jungfrau selbst als Preis zu verlangen. Er hätte aber viel klüger getan, wenn er dem Alten gefolgt wäre. Nun wachte er einen Tag und eine Nacht vergnügt und fütterte den Sperber auch aufs beste, so daß es schien, als ob einer mit dem anderen zufrieden wäre. An köstlichem Essen und Trinken zu bestimmten Zeiten war kein Mangel, und dies gefiel dem König, so daß er sich pflegen konnte, als ob er an seiner königlichen Tafel selbst säße. Am nächsten Morgen fütterte er wieder den Sperber und verrichtete seine Wache vortrefflich. Dabei erblickte er eine überaus schöne Kammer, deren Tür offenstand. Er trat ein und betrachtete staunend, wie kunstvoll die Tür mit Abbildungen von Vögeln aller Art bemalt war. Die Felder waren mit Gold aufs feinste ausgefüllt; dazwischen aber sah er allerlei Bilder von gepanzerten Rittern in Lebensgröße mit ihren Namen. Diese alle hatten beim Sperber gewacht, waren aber nachlässig gewesen und eingeschlafen. Unter den Bildern war ihre Gefangenschaft bis an den jüngsten Tag angegeben, dazu das Jahr und der Tag, an dem es ihnen mißlungen war. Nicht minder standen an besonderen Stellen noch drei andere Ritter abgebildet, ebenfalls bewaffnet, die ihre Wache gut verrichtet hatten, wie es die Inschrift nebst Jahr und Tag meldete. Darunter stand eingeätzt ihr Name und das Land, aus dem sie stammten. Aber der König wollte in diesem Gemach nicht lange verweilen, sondern kehrte zum Sperber zurück, um ihn nicht bei seinen Wachen ungeduldig zu machen. So erreichte er den dritten Morgen. Da trat die gespenstische Jungfrau, in grünem Kleid aufs prächtigste angetan, mit freundlicher Miene auf ihn zu. Sie grüßte den König und redete ihn an: »Ihr habt Eure Aufgabe gar klug und glücklich beendet und der Sache gut gedient. So fordert denn auch Eure Gabe, damit sie Euch gereicht werde.« Der König rückte an seiner Rüstung, dankte für das gute Anerbieten und fing ganz hochmütig an: »Ich will keine andere Gabe, als Euch selbst und Eure Liebe davonzutragen.« Als die Jungfrau dies hörte, wurde sie zornig und erwiderte ihm: »Ihr müßt eine andere Gabe fordern, Freund, denn was Ihr verlangt, könnt Ihr nicht erhalten.« Der König aber wollte von seiner Forderung nicht abstehen, sondern beharrte auf ihr. Darüber wurde die Jungfrau noch zorniger und gab ihm folgende Antwort: »Ihr strebt nach Unglück, ich warne Euch davor und rate Euch, von Eurem Verlangen abzusehen, wenn Ihr nicht wollt, daß Ihr Euer Königreich verliert.« Der vermessene König begann wieder: »Sei es töricht oder klug gehandelt, so werde ich doch nicht ablassen, Eure Person als Preis zu fordern und mich mit keiner anderen Gabe zufriedengeben, so wahr ich König von Armenien heiße.« Die Jungfrau war darüber noch mehr entrüstet und antwortete dem Ritter: »Du handelst so töricht wie dein Großvater Raimund, der in beharrlicher Torheit den weisen Rat verwarf und sein Gelübde brach, worüber er alles verlor, was er gehabt hatte. Auch du hast nun all deine Gaben, nach denen du getrachtet hast, verloren. Von nun an ist nichts als Unglück und Trübsal dein Anteil, wie es, deinem Großvater ergangen ist, als er seine Gemahlin Melusine, die meine Schwester war, verlor.« Dann erzählte sie ihm die ganze Geschichte von Helmas und Persina, und er hörte, daß sein Vater Gyot der Sohn ihrer Schwester Melusine gewesen sei. Sie schloß: »Du siehst also, wie töricht deine Forderung und dein verstocktes Beharren ist. Du hast dadurch dein Reich verloren, das nicht nur von dir genommen werden, sondern auf ein ganz anderes Geschlecht übergehen wird. Alles Glück und alle Ehre hast du mit deiner Torheit verscherzt. So geh denn, du armseliger Gyot, Gyots Sohn, denn du hast schlecht gehandelt, und sofort wird dein Unglück beginnen.« Der junge Gyot aber war wie verblendet und gedachte, seine Forderung zu erzwingen. Er vergaß, was ihm der Alte vor dem Tore gesagt hatte, und wollte durch Bitten und Flehen ihre Gunst gewinnen. So eilte er in ihre Arme. Aber er fand sich betrogen. Das schöne Bild zerrann in seinen Armen, und er hielt nichts als einen Schatten. Mit diesem Schatten aber schwanden sein Glück und sein Heil. Doch war der junge König nicht lange allein, denn ein anderer abscheulicher Geist zeigte sich, den er nicht sehen, wohl aber hören und fühlen konnte. Dieser schlug ihn zur Erde und spielte ihm so übel mit, daß er Arme und Beine von sich streckte und auf dem Boden liegen blieb. Als er erbärmlich zu schreien anfing, wurde er nur noch ärger von dem Geist geschlagen. Er rief: »Wehe mir, wenn diese Geisterplage nicht aufhört, so bin ich des Todes. Ich Armseliger, daß ich ohne Gegenwehr Streiche erdulden muß! Kommst du mir nicht zu Hilfe, o gütiger Gott, so muß ich in Schmach und Schande verderben.« Er hatte diesen Seufzer noch nicht ausgestoßen, als er in einem Augenblick von dem Gespenst aus dem Schloß geworfen wurde, so daß er halbtot auf der Erde lag und mehr einem Wurm als einem König ähnlich sah. Doch zwang er sich empor und schwankte mit schwachen Kräften den Schloßberg hinab auf den Wiesengrund zu seinem Zelt. Dort konnte er vor Mattigkeit und Zittern kaum mit den Seinigen reden, und sie waren über den Zustand ihres Herrn ganz bestürzt. Endlich wagten es einige, ihn zu fragen, ob der König beim Sperber gewacht und die Gaben gewonnen habe. Er versetzte ihnen ganz wehmütig: »Elender Gewinn! Mich hat ein unglückliches Gestirn hierher geleitet. Geschwind sattelt die Pferde und schickt Euch zum Aufbruch an, daß ich nicht auf dem Weg sterbe.« Bald wurde alles zugerüstet und der todschwache König auf sein Pferd gehoben. Mit ihm eilten sie an das Gestade des Meeres. Hier nahmen sie ihm den Harnisch ab, brachten ihn auf ein Schiff und segelten der Heimat zu. Unterwegs gingen ihm erst die Augen auf, und er sah ein, wie er guten Rat und treue Warnung in den Wind geschlagen und in welches Elend er sich gebracht hatte. Auf der Reise verfolgte ihn ein Sturm mit ungeheuren Meereswellen, durch die er abermals in Todesgefahr kam. Wasser und Erde schienen durch des Himmels Gewalt seine Feinde zu sein. Nach vielen Trübsalen kam er endlich nach Hause und regierte mit schwachen Kräften. Sie nahmen von Tag zu Tag ab. Und so ging es, wie der jungfräuliche Geist angekündigt hatte, mit ihm zu Ende. Bald starb er an gänzlicher Auszehrung. Nach ihm wurde ein König aus ganz anderem Geschlecht erwählt und auf den Thron gesetzt. Dieser aber hatte gar wenig Glück in seiner Regierung, so daß das Königreich gleichsam mit seinem Herrscher erkrankte und augenscheinlich elend dahinschwand. So währte es von diesem Gyot an gerechnet bis ins neunte Glied und auf den neunten Kronenträger. Die dritte Tochter des Königs Heimas, Plantina, war von ihrer Mutter Persina als Hüterin des väterlichen Schatzes auf einem Berg in Aragonien bestimmt worden. Sie war eine wunderschöne Jungfrau. Dieser Schatz sollte nur von jemand gehoben werden können, der aus dem Geschlecht des Königs Helmas stammte. An jenem Berg aber hielten sich grausame Drachen und andere wilde Tiere in großer Menge auf, so daß man ohne großen Kampf und ohne Lebensgefahr sich diesem Berg nicht nähern konnte. Viele tapfere Ritter hatten dort schon ihr Leben gelassen, und keiner von denen, die es gewagt hatten, war zurückgekehrt. Nun kam einst ein mutiger junger Ritter aus England dahin, mit dem kühnen Plan, erst den verborgenen Schatz und dann das Heilige Land zu erobern. Als er nun in Aragonien anlangte, war sein erster Schritt der, daß er nach dem verzauberten Berg fragte, in dem der Schatz verborgen sein sollte. Da wurde ihm alles gesagt und urkundlich gezeigt. Der Ritter stammte von einem hoben Geschlecht ab. Er war einer aus der Tafelrunde des Königs Artus und ein Freund des Helden Tristan. Dieser Ritter kam endlich an den Fuß des Berges und traf hier ein ungestaltes und abscheuliches Tier, vor dem der ganzen Natur hätte grauen sollen. Sein Bauch war einem Weinfaß ähnlich. Es hatte nur ein einziges Ohr und nur ein einziges Auge, das ihm auf der Stirn stand. Die Nase war drei Schuh breit und ebenso lang, aber es war kein Nasenloch darin, sondern sein Atem ging zu dem Ohr aus und ein. So abscheulich nun dieses Ungeheuer aussah, so wild und grausam war auch seine Natur, so daß es dem Ritter genug zu schaffen machte. Die Höhle, in welcher der Schatz verborgen war, befand sich in der Mitte des Berges, wo schon mancher tapfere Held sein Leben hatte lassen müssen. Rings um die Höhle waren kleinere Löcher, in denen allerlei abscheuliche Lindwürmer und wilde Tiere hausten. An allen mußte derjenige vorbeigehen, der zur Höhle mitten auf dem Berg gehen wollte. Der Berg selbst war drei aragonische Meilen lang, und es führte nur ein schmaler Weg hinauf. Wer dahin gelangen wollte, mußte schnell reiten oder gehen, ohne sich lange umzusehen, denn man hatte weder Weile noch Raum, um lange auszuruhen, da der Weg weit war und viele Schlangen und anderes Ungeziefer jeden Schritt umlagerten. Dessen ungeachtet war der kühne Ritter, nur von einem einzigen Führer begleitet, getrost zum Berg geritten, wobei der Führer voranging und der Ritter zu Pferd folgte. Endlich wollte der Führer umkehren, aber der Ritter ließ ihn halten, stieg vom Pferd ab und gab es ihm an die Hand. Er sagte: »Bleib eine Weile hier und weiche nicht von der Stelle bis ich zurückkomme.« Aber der gute Führer hätte dort ewig warten müssen, wenn er nicht endlich davongeritten wäre. Indessen betrat der Ritter den schmalen Steig, der unendlich mühselig zu gehen war. Er war wohlbewaffnet und trug sein Schwert in der Hand. Es begegnete ihm bald ein großer Drache, der mit offenem Rachen auf ihn zuschoß. Als der Ritter das Untier auf sich zueilen sah, zog er sein Schwert und hieb ihm mit einem einzigen Streich den Kopf ab. Es war nicht weniger als zwanzig Schuh lang. Hierauf ging der Ritter auf dem schmalen Steg mutig vorwärts. Da begegnete ihm ein ungeheuer großer Bär, der ganz grimmig auf ihn zulief und ihm so nahe kam, daß er ihm sogar seinen Schild aus der Hand zu zerren suchte und den Harnisch an mehreren Stellen beschädigte. Als der Ritter den Grimm dieser Bestie sah, holte er aus und traf den Bären glücklich mit dem Schwert auf den Kopf, so daß er zur Erde stürzte. Hierüber wurde der Bär noch grimmiger, schlug nach dem Ritter und rückte ihm immer näher auf den Leib. Der Ritter aber wich mit einem Sprung zur Seite und hieb dem Tier zugleich eine Tatze ab. Jetzt wich das Ungetüm einige Schritte rückwärts, setzte sich auf die Hinterbeine und schlug so stark nach dem Ritter, daß es seinem Harnisch Löcher beibrachte. Durch die heftige Bewegung gerieten beide zu Fall, so daß sie sich nicht mehr halten konnten und den Berg hinabrollten. Der tapfere Ritter verlor zwar dabei sein Schwert, griff jedoch nach seinem Dolch, den er an seiner Seite stecken hatte. Er zückte ihn und gab dem Bären hinterrücks den Todesstoß, wobei dieser ein schreckliches Brüllen ausstieß. Der Ritter kam nun den Berg abermals hinauf. Er suchte sein Schwert, fand es auch und erlegte noch viel scheußliches Gewürm und andere wilde Tiere, die ihm den Weg streitig machten, wobei er ziemlich ermattete. Zuletzt gelangte er auch an die eiserne Tür, vor der ein entsetzliches Ungeheuer lag, das die Höhle hütete, in welcher der große Schatz und die gespenstische Jungfrau seit langen Jahren verborgen waren. Der mutige Jüngling trat zuerst in die Höhle, um das gräßliche Tier dort aufzusuchen. Er traf es nur allzu früh an. Sobald das Ungeheuer ihn erblickte, richtete es sich mit solchem Ungestüm gegen ihn auf, daß jeder vor Schrecken umgesunken wäre, der es sonst gesehen hätte. So lief es in höchstem Grimm mit offenem Rachen auf ihn zu. Der Ritter zog behend sein Schwert und versuchte, der Bestie den Fang zu geben. Er stieß und schlug es und rannte ihm das Eisen in den Rachen, doch wollte dies auf keine Weise bei dem durch Zaubermittel unverwundbar gemachten Untier etwas nützen. Der Ritter aber wurde müde und kraftlos, weil Stahl und Eisen nicht stark genug waren, es zu verwunden. Als er endlich das Schwert in die halbe Tiefe des Rachens gestoßen hatte, ergriff das Tier es mit seinen Zähnen, biß es in zwei Stücke, ließ vor Schreck ein entsetzliches Gebrüll hören und verschlang den armen Ritter, der solch große Taten verrichtet und es weiter gebracht hatte, als irgendeiner vor ihm. Jedermann bedauerte und beklagte ihn, als sein Tod bekannt wurde. Der Führer hatte zwei Tage und zwei Nächte gewartet und war dann des Wartens überdrüssig geworden. Er setzte sich endlich auf das Ross und kehrte ohne seinen Herrn nach England zurück, um dort zu erzählen, daß sein Herr nicht aus dem Berg zurückgekommen und zweifellos umgekommen sei. Er selbst konnte über den Hergang der Sache nichts berichten. Es geschah aber, daß er von ungefähr zu einem weltweisen Manne geriet, der Melisii Jünger hieß. Dieser hatte lange bei dem Berg in Aragonien gesessen und kannte dort jede Lage und Örtlichkeit. Weil dieser Mann neben anderem Wissen auch in der Schwarzen Kunst wohl erfahren war und sie vollkommen erlernt hatte, entdeckte er durch seine Wissenschaft alles klar, daß nämlich der Herr, der Ritter von England, mit dem der Führer nach Aragonien gereist, mit verschiedenen wilden Tieren gekämpft und sie überwältigt hatte, zuletzt aber von einem ganz ungeheuren und wunderbaren Tier auf jenem Berg verschlungen worden sei. Der Führer glaubte dem Weisen, der über 20 Jahre jene Wissenschaft studiert hatte und erzählte die Begebenheit, wo immer er hinkam, so daß das Gerücht davon in ganz England bekannt wurde. Ein anderer kühner Ritter, aus Ungarn gebürtig, nahm sich ebenfalls vor, in den Kampf zu ziehen, um den Schatz zu erobern. Allein, ehe er noch zwanzig Schritte den Berg hinangestiegen war, wurde der Ritter, der des Sieges schon sicher war, von einem abscheulichen Lindwurm umgebracht und wahrscheinlich verschlungen. Er hatte es also lange nicht so weit gebracht wie der englische Ritter. Ihm freilich war vor- und nachher keiner gleichgekommen, und er hätte unfehlbar den verborgenen Schatz erreicht, wenn er nur aus dem Geschlecht des norheimischen Königs Helmas geboren wäre. Als nun einst Geoffroy, der tapfere Held und Riesenstreiter, zu Lusinia im Lustgarten seines Schlosses bei einem Bankett in guter Gesellschaft fröhlich saß, kam ein Bote dahergeeilt, der gewiß besondere Neuigkeiten oder wichtige Sachen zu überbringen hatte. Als er dem Schloß näher kam, ließ Geoffroy ihn fragen, welch wichtigen Auftrag er auszurichten hätte, daß ihn der Weg an diesen abgelegenen Ort führe. Der Bote sprach: »Ich soll einen Ritter und beherzten Mann suchen, der das Land Aragonien von einem unruhigen Berggeist erlösen kann. Um diesen herum sollen sich auch schreckliche Würmer und grausame Bestien aufhalten, durch die schon viele tapfere Ritter ihr Leben eingebüßt haben.« Das berichtete der Diener dem Grafen, wie der Bote es ihm gesagt hatte. Darauf ließ Geoffroy diesen auf der Stelle rufen und vernahm die Kunde genauer aus seinem Munde. Insbesondere berichtete er von dem Unglück, das die beiden Ritter aus England und Ungarn getroffen hätte, und daß den Schatz niemand heben könne, der nicht aus dem Geschlecht des Königs Helmas stamme. Auf diesen Bericht, der Geoffroy schon genügte, befahl er sogleich, alle Fröhlichkeit einzustellen. Dem Boten ließ er Speise und Trank reichen, dann befahl er vielen Rittern seines Landes, die Pferde zu richten und sich fertigzumachen. Hierauf schickte er ein Schreiben an seinen Bruder Dietrich mit dem Bericht, daß er unverzüglich zu ihm kommen und auf kurze Zeit die Regierung des Landes anstatt seiner übernehmen möge, bis er von einer notwendigen Reise glücklich zurückgekehrt sei. Dietrich fand sich auf diesen Ruf schnell ein, und es wurde ihm von Geoffroy die Regierung übergeben. Zu dem Boten aber sagte der Graf: »Wartet und scheidet nicht von hier, bis ich selbst aufbreche, denn ich bin gesonnen, Euer Land mit Gottes Hilfe von jenem Übel zu erlösen.« Darüber freute sich der Bote in seinem Herzen. Aber wie eitel und nichtig sind doch die Pläne aller Menschen gegen Gottes verborgenen Ratschluß! Dies mußte Geoffroy an sich selbst erfahren. Denn als alles zum Aufbruch bereitstand, kam ein anderer, der seinen Auftrag und seine Abfertigung noch vor dem aus Aragonien erledigt wissen wollte. Dieser Bote war der Tod. Geoffroy erkrankte plötzlich, und weil er schon bei Jahren und durch viele ritterliche Taten sehr geschwächt war, wurde seine Krankheit immer schlimmer, so daß er bald starb und die aragonische Bergreise mit der Reise in die Grabestiefe vertauschte. Er wurde wegen seiner kühnen Taten von jedermann sehr beklagt, und alle Welt meinte, er sei zu früh gestorben, weil er besonders in der Grafschaft Poitiers angefangen hatte, mehrere Kirchen und Kapellen zu bauen, die noch nicht fertig waren. Auch hatte er vorher noch viel anderes Rühmenswerte getan und gestiftet. Das alles blieb jetzt unausgeführt und unausgebaut. Nach Geoffroys seligem Ende war sein Bruder Dietrich der einzige Erbe aller seiner Güter. Er regierte sehr klug, teilte das Erbe, das ihm zugefallen war, in vier Teile und gab sie später seinen Kindern zur Morgengabe. Er hatte vier Söhne, die alle tapfere und berühmte Helden wurden. Diese Geschichte hat einer aus dem lusinischen Geschlecht, Wilhelm von Portenach mit Namen, vor vielen hundert Jahren zuerst in welscher Sprache geschrieben. Damals war dieses edle Geschlecht in vielen Stämmen über viele Lande verbreitet und mit Königen und Fürsten und uralten Geschlechtern befreundet und verwandt. Der arme Heinrich In Schwaben war ein Herr ansässig, dem keine Tugend fehlte, die ein junger Ritter, der nach vollem Lobe strebet, haben soll, so daß im ganzen Lande von niemand so viel Gutes gesagt ward. Er war reich und von edler Geburt; sein Name war wohlbekannt, er hieß Heinrich, und sein Geschlecht war von Aue genannt. Wie nun dieser Mann, gepriesen und geehrt, sich Reichtums und fröhlichen Sinnes erfreute, da ward auf einmal sein hoher Mut in ein gar armes Leben herabgebeugt; denn wer in der höchsten Weltseligkeit lebt, der ist vor Gott gering. Darum fiel auch Herr Heinrich mit Gottes Willen aus seinem besten Glücke in ein gar schmähliches Leid und ihn ergriff der Aussatz. Als nun diese Heimsuchung an seinem Leibe sichtbar ward, da wendeten sich Mann und Weib von ihm ab, und, wie angenehm er der Welt zuvor war, so unerträglich ward er ihr jetzt, so daß ihn, wie den geschlagenen Hiob, niemand mehr ansehen wollte. Als der arme Heinrich sah, daß er, gleich allen Aussätzigen, der Welt widerwärtig war, da unterschied ihn jedoch sein bitterer Schmerz von Hiobs Geduld. Er trauerte, daß er so viel Glück hinter sich lassen mußte, ja oft verwünschte und verfluchte er den Tag, an welchem er zur Welt geboren war. Doch empfand er wieder ein wenig Freude, als ihm zum Troste gesagt wurde, daß diese Krankheit gar verschieden sei, und zuweilen heilbar. Da dachte er hin und her, wie er wohl genesen könnte, zog gen Montpellier und fragte die Ärzte um Rat; aber es wurde ihm geantwortet, er sei nicht zu heilen und werde nimmer vom Aussatze rein. Traurig hörte er dies an, und zog weiter gen Salerno in Italien, die weisen Ärzte auch dort zu befragen. Nun sagte ihm der beste Meister, der dort war, eine wunderbare Sache, nämlich daß er zwar heilbar wäre, aber doch nimmermehr werde geheilt werden. »Wie mag das zugehen,« sprach Heinrich, »du redest gar unverständlich! Bin ich heilbar, so werde ich auch geheilt; denn was an Geld oder Zurüstung verlangt wird, das getraue ich mir beizuschaffen!« – »Lasset das Dingen,« antwortete der Meister. »Eure Krankheit ist nun einmal der Art! Was frommt's, daß ich's Euch sage! Es gibt wohl eine Arznei dafür, die Euch heilt, aber kein Mensch ist so mächtig oder klug, daß er sie gewinnen könnte; darum werdet Ihr nimmer geheilt, Gott wolle denn Euer Arzt sein.« – Da sprach der arme Heinrich: »Was nehmet Ihr mir meinen Trost hinweg? Ich habe doch so großes Gut; ich kann Euch mir gewiß geneigt machen, daß Ihr mir gerne helfet!« – »Mir fehlet nicht der Wille,« antwortete der Meister. »Wär es eine Arznei, die man feil fände oder sonst auf irgendeine Art erlangen könnte, so ließe ich Euch gewiß nicht verderben! Aber es ist leider nicht so, und wäre Eure Not noch größer, so müßte Euch doch meine Hilfe versagt bleiben! Höret an: Ihr müßt eine reine Jungfrau haben, die aus freiem Willen den Tod für Euch leidet. Nun ist's aber nicht der Menschen Art, daß jemand so etwas freiwillig tut. Und doch, wie ich Euch gesagt habe, dies allein ist die rechte Arznei für Eure Krankheit!« Nun erkannte der arme Heinrich wohl, wie es unmöglich sei, daß jemand gern für ihn stürbe, und aller Trost, auf den er ausgezogen, war ihm hinweggenommen. Fernerhin hatte er keinen Gedanken mehr an seine Genesung, und war des Lebens überdrüssig. Er zog heim und fing an, sein Erbe, wie es ihm am besten schien, auszuteilen. Im stillen machte er seine armen Verwandten reich, und linderte auch das Elend Fremder; das übrige gab er Gotteshäusern, damit sich der Herr seiner Seele erbarme. Von aller seiner Habe behielt er nur ein neu angebautes Land, wohin er vor den Menschen floh. Aber nicht er selbst nur klagte über dieses traurige Verhängnis, sondern er wurde auch von allen, die ihn selbst oder nach anderer Sage kannten, bejammert. Jenes Neuland aber baute ein freier Meier, der hier in Ruhe und Frieden lebte, während andere Bauern, unter böser Herrschaft, nicht einmal mit Steuer und Gabe großes Ungemach meiden konnten. Was dieser Meier tat, das war dem armen Heinrich recht, der ihn auch von aller fremden Last befreit hatte, so daß keiner im ganzen Lande so wohlhabend war. Zu diesem Manne zog der arme Heinrich; der vergalt ihm alle seine Milde, und nichts verdroß ihn, was er um des Kranken willen leiden mußte; er war so treu gesinnt, daß er Sorgen und Mühe willig ertrug und seinem Herrn alles gemächlich einrichtete. Gott hatte dem Meier ein glückliches Leben beschieden, denn er hatte einen gesunden, frischen Leib, eine fleißige sittsame Frau, dazu schöne Kinder, recht, wie sie des Mannes Freude sind. Darunter war ein Mägdlein von zwölf Jahren, von gar freundlichen Sitten. Sie war so lieblich, daß sie nach ihrer schönen Gestalt dem Alleredelsten im Reiche als Kind wohl angestanden hätte. Die andern Hausgenossen waren solchen Sinnes, daß sie den Kranken wohl zu Zeiten, wie es sich schickte, mieden; sie aber eilte in jeder Stunde zu ihm, und wollte nirgends anderswohin; mit reiner Kindesgüte hatte sie ihm ihr Herz so ganz zugewendet, daß man das süße Mädchen allezeit zu seinen Füssen sitzend fand, dagegen liebte auch er sie wiederum vor allen, und was ihr Freude machte, was Kindern bei ihren Spielen gefällt und ihr Herz so leicht gewinnt, das schenkte er ihr oft; bald einen kleinen Spiegel, bald ein Haarband, oder was sonst zu kaufen war. Durch solche Freundlichkeit machte er sie so zutraulich und heimlich, daß er sie seine Frau zu nennen pflegte. So diente sie ihm drei Jahre, welche der arme Heinrich bei dem Meier zubrachte. Nun trug es sich zu, daß dieser mit seinem Weib und seiner Tochter, von der Arbeit ruhend, bei ihm saß und sie sein Leid beklagten. Denn es tat ihnen weh; auch mußten sie fürchten, daß sie sein Tod schwer treffen und ein neuer hartgesinnter Herr sie um ihr Glück bringen würde. So saßen sie in Sorgen beisammen, bis endlich der Meier anfing: »Lieber Herr, wenn es mit Euren Hulden sein kann, so fragte ich gerne: da zu Salerno so viele Meister in der Heilkunst sind, wie kommt es, daß keiner so weise ist, und für Eure Krankheit einen Rat findet? Herr, das wundert mich!« Da holte der arme Heinrich mit bitterlichem Schmerz einen Seufzer aus dem Herzensgrund und antwortete so traurig, daß das Seufzen ihm die Worte im Munde zerbrach: »Ich habe diese schimpfliche und verspottete Krankheit wohl verdient, du hast ja gesehen, daß mein Tor weltlicher Lust weit offen stand. Da achtete ich wenig darauf, daß Gott mir dieses Wunschleben nur nach seiner Gnade verliehen; ich dachte in meinem Sinne, wie alle Weltkinder, daß ich solche Ehre und Freude auch ohne Gott haben könnte. Nun hat Gott eine Krankheit auf mich gelegt, von der mich niemand befreien kann. Die Guten fliehen mich, die Bösen verschmähen mich; ja keiner ist so schlecht, der mir nicht seine Verachtung zeigt und die Augen von mir abwendet. Nun leuchtet deine Treue erst recht an mir, daß du mich Siechen bei dir duldest und nicht fliehest. Und dennoch, so wenig du mich scheuest – so wie die Sachen mit mir stehen, ertrügest du doch wohl leicht meinen Tod! Nun sage, wessen Unwert, wessen Not war je größer in der Welt? Vorher war ich dein Herr, nun bin ich dein bedürftig, lieber Freund; und so, dein Weib und meine Frau hier, ihr drei verdient das ewige Leben, daß ihr mich Kranken also pfleget. – Was du mich aber gefragt hast, darauf will ich dir antworten: ich ging nach Salerno und konnte dort keinen Meister finden, der sich meiner Heilung unterwinden durfte oder wollte, denn ich sollte ein Mittel herbeischaffen, wie es niemand auf der Erde mit irgend etwas gewinnen kann. Mir ward nichts andres gesagt, als daß ich eine Jungfrau haben müßte, die entschlossen wäre, für mich den Tod zu leiden. Würde ihr ins Herz geschnitten und ihr Herzblut gewonnen, das allein könnte mir helfen. Aber das ist ganz unmöglich, daß für mich jemand gerne den Tod leide; darum muß ich diese schwere Schande bis an mein Ende tragen, das mir Gott bald gewähre!« Was der arme Heinrich dem Vater sagte, das hörte die reine Jungfrau mit an. Sie achtete auf seine Worte und merkte sie wohl und sie blieben in ihrem Herzen bis zur Nacht eingeschlossen. Als sie sich aber nach ihrer Gewohnheit zu Füssen ihres Vaters und ihrer Mutter niedergelegt hatte und beide eingeschlafen waren, da holte sie über das Unglück ihres Herrn manchen tiefen Seufzer. Da erwachten die Eltern und fragten, was ihr wäre und welch Unglück sie so heimlich beklagte. Sie wollte es aber lange nicht sagen, bis endlich ihr Vater durch sanfte und strenge Worte es dahin brachte, daß sie sprach: »Ihr möget immerhin auch mit mir klagen; denn was kann uns leider sein als das Unglück unseres Herrn, den wir verlieren sollen. Nimmermehr bekommen wir einen so guten Herrn, der an uns tut, wie dieser!« Sie antworteten: »Du sprichst wahr. Doch frommt uns leider unsre herbe Trauer und Klage nicht haarbreit. Liebes Kind, wende deine Gedanken davon ab; es tut uns gewiß so weh wie dir, aber leider steht es nicht in unsrer Macht ihm zu helfen. Gott hat es getan; wär' es ein anderer, so müßten wir ihm fluchen.« So geschweigten sie das Kind; aber sie schlief nicht und blieb traurig die ganze Nacht und den folgenden Tag; was man auch vorbrachte, es kam nicht aus ihrem Herzen. Als sie die andere Nacht wieder schlafen gingen, und sie selbst sich in ihre Bettstätte gelegt hatte, da beschloß sie festiglich bei sich, wenn sie den morgenden Tag erlebte, so wollte sie ihr Leben für ihren Herrn dahingeben. Über diesem Entschlusse ward sie froh und leichten Mutes; ihre einzige Sorge war, daß Herr Heinrich, wenn sie es ihm verkündigte, daran verzagen und daß alle drei es ihr nicht zugeben möchten. Darüber wurde ihre Unruhe so groß, daß Vater und Mutter wie in voriger Nacht davon erwachten. Sie richteten sich auf und sprachen: »Was nimmt dir die Ruhe? Du bist recht albern, daß du mit solcher Klage, die doch niemand enden kann, dir dein Herz schwer machst! Warum läsest du uns nicht schlafen?« So verwiesen sie ihr die unnütze Sorge und meinten sie beschwichtigt zu haben; aber ihr Entschluß war ihnen noch nicht kund. Da antwortete sie: »Und doch hat mein Herr gesagt, daß er wohl erhalten werden könnte. Bei Gott! Wenn ihr mir es nicht wehret, so bin ich zu seiner Arznei gut; denn ich bin fest entschlossen, ehe ich ihn verderben sehe, den Tod für ihn zu leiden.« Über diese Rede wurden Vater und Mutter sehr betrübt. Der Vater sprach: »Von solchen Dingen laß ab, und verheiße unserem Herrn nicht mehr, als du vollbringen kannst, denn dies geht über deine Kräfte. Du bist ein Kind, du hast den Tod noch nicht gesehen; kommt es dann dazu und du sollst sterben, so möchtest du gerne noch leben, und dann ist es zu spät; du hast noch nie in den finstern Abgrund geblickt. Darum schließe deinen Mund, oder es soll dir übel gehen!« So meinte er sie mit Bitten und Drohungen zum Schweigen zu bringen, aber er vermochte es nicht. »Lieber Vater,« sprach sie, »so unerfahren ich bin, so wohnt mir doch so viel Verstand bei, daß ich die Not des Todes aus der Sage kenne, und weiß, daß es etwas Herbes ist. Aber wer sein Leben mit mühsamer Arbeit hoch bringt, dem ist auch nicht allzu wohl; denn wenn er mit großer Not seinen Leib bis ins Alter fristet, so muß er doch den Tod leiden, und vielleicht ist alsdann seine Seele dahin, und es wäre ihm besser, er wäre niemals zur Welt geboren. Mir aber ist's zuteil geworden, daß ich noch in jungen Jahren für das ewige Leben meinen Leib hingeben mag. Ihr sollt mir's nicht verleiden; ich tue uns allen damit wohl, denn so lange unser Herr lebt, steht auch eure Sache wohl. Gönnet mir's, denn es muß sein.« Die Mutter, als sie ihres Kindes Ernst sah, sprach weinend: »Gedenke, liebste Tochter, wie groß die Beschwerden sind, die ich deinetwillen erlitten, und laß mich bessern Lohn empfangen, als von dem ich dich sprechen höre. Du willst mir das Herz brechen! Und willst du denn auch bei Gott dein Heil verwirken? Denkst du nicht an sein Wort, daß man Vater und Mutter ehren soll, und daß er uns zum Lohn dort der Seele Wohlfahrt und hier auf Erden ein langes Leben verheißen hat? Du solltest ein Stab unseres Alters sein, und willst schuld werden, daß wir weinend über deinem Grabe stehen?« Die Jungfrau antwortete: »Ich glaube wohl, Mutter, daß du und der Vater mir mit Liebe zugetan sind, und finde es auch täglich. Von eurer Liebe habe ich Seele und einen schönen Leib, um den mich jedermann preiset. Wem sollte ich also nächst Gott mehr Gnade verdanken als euch zweien? Aber eben weil ich Leib und Seele durch eure Liebe habe, so gönnet mir, daß ich beides vom Teufel erlöse und mich Gott ergebe. Ich fürchte, würde ich älter, daß die Süßigkeit der Welt mich unter ihre Füße brächte, wie sie so manchen zur Hölle hinabgezogen hat. Und bedenket noch weiter: stirbt unser Herr, so kommet ihr in große Arbeit und Not; lebt er aber in seiner Krankheit noch so lange fort, bis man mich einem reichen und ehrenwerten Mann gebe, so denkt ihr freilich, mir sei Heil widerfahren, und es ist geschehen, was ihr nur immer hoffen könnet. Aber ganz anders sagt es mir mein Herz: wird mir mein Mann lieb, das ist eine Not, denn ich habe meinen leidenden Herrn vor Augen; wird er mir verhaßt, so ist es gar der Tod. Setzet mich lieber in das volle Glück, das nimmer vergeht! Ihr habt noch mehr Kinder, die laßt eure weltliche Freude sein und tröstet euch über meinen Tod!« Als die Eltern sahen, daß ihr Kind so fest zum Tode entschlossen war, so weise redete und menschlichen Rechtes Schranke zerbrach, da wagten sie nicht länger, sie von dem abzuwenden, was sie so fest ergriffen hatte und wozu ihr der Entschluß von Gott gekommen war. Doch als sie dann wieder nur der Liebe zu ihrem Kinde gedachten, saßen sie beide still in ihrem Bett, frierend vor Jammer, und keines sprach ein Wort, und die Mutter hatte zuerst ihre Rede vor Leid abgebrochen. Am Ende dachten sie doch, es wäre das beste, sie gönnten ihr's, weil sie doch ihr Kind nie herrlicher verlören. Da sprachen sie zu ihr, es möge geschehen, was sie erbeten hätte. Nun freute sich das reine Mägdlein und kaum als der Tag angebrochen war, ging sie in das Schlafgemach ihres Herrn und rief ihn an: »Herr, schlafet Ihr?« – »Nein, liebe Frau, aber sage, warum bist du heute so früh auf?« – »Ach, Herr, dazu zwingt mich der Jammer über Eure Krankheit!« Er antwortete: »Liebe Frau, damit zeigst du ein gutes Gemüt gegen mich. Gott vergelte dir's! Aber Rat für dieses Übel gibt es nicht!« – »Ei gewiß, lieber Herr, es wird dafür guter Rat. Ihr habt ums doch gesagt, wenn Ihr eine Jungfrau hättet, die gerne für Euch den Tod leide, so könnet Ihr wohl durch sie geheilt werden. Nun, weiß Gott, die will ich selber sein, denn Euer Leben ist besser und edler als das meine.« Da dankte ihr der Herr für ihren guten Willen, und seine Augen füllten sich mit heimlichen Tränen. »Liebe Frau,« sprach er, »sterben ist nicht eine sanfte Not, wie du dir vielleicht gedacht. Ich bin überzeugt, daß du mir gerne hälfest. Ich erkenne deinen guten und reinen Willen; das genügt mir. Deine Treue wolle dir Gott vergelten; aber alle, die davon höreten, würden spotten, daß ich, nachdem meine Krankheit so weit gekommen und alle Mittel nicht halfen, noch zu einem neuen greife. Liebe Frau, du tust wie Kinder tun, die ein Gelüste haben, und hernach reut es sie wieder. Bedenke doch, Vater und Mutter können dich nicht entbehren; auch ich kann nicht dessen Unglück verlangen, der mir allezeit Liebe erzeigt hat; was die beiden dir raten werden, liebe Frau, das tue!« So redete er zu der Guten, lächelte und versah sich dessen wenig, was hernach geschah. Denn Vater und Mutter sprachen: »Herr, Ihr habt uns geliebt und geehrt, es wäre nicht recht von uns gehandelt, wenn wir es Euch nicht mit Gutem vergelten wollten. Unsere Tochter ist des Willens, den Tod für Euch zu leiden, und wir gönnen's ihr wohl. Heute ist der dritte Tag, daß sie uns um Gewährung ihrer Bitte anlag, und nun hat sie es von uns erhalten. Gott lasse Euch genesen, denn wir wollen sie für Euch hingeben.« Als dem armen Heinrich auf diese Weise die Jungfrau für seine Krankheit den Tod anbot und er ihren Ernst sah, da erhub sich großes Leid unter den Vieren. Vater und Mutter konnten nicht anders, sie mußten um ihr Kind bitterlich weinen. Aber auch den Kranken ergriff ein Schmerz, daß er zu weinen anhub, und nicht wußte, was besser wäre, getan oder gelassen. Vor Furcht weinte auch das Mägdlein, denn es meinte, er verzage an ihrem Entschlusse. Zuletzt bedachte sich der arme Heinrich, dankte allen für ihre Treue und willigte ein. Da wurde das Mägdlein fröhlichen Mutes und nun bereitete sie sich aufs beste zur Fahrt nach Salerno. Was sie nur bedurfte, das ward ihr gegeben, schöne Pferde und reiche Kleidung, wie sie vorher nie getragen, von Hermelin, Samt und dem köstlichsten Zobel. Wer könnte das Herzeleid ihrer Eltern beschreiben? Gewiß wäre das Scheiden jämmerlich gewesen, als sie ihr liebes Kind so schön und frisch in den Tod fortschickten, wenn nicht Gottes Güte ihre Not gesänftigt hätte, desselben Gottes, von dem auch dem jungen Mägdlein der Mut erwuchs, daß es den Tod willig hinnahm. So fuhr denn die Jungfrau mit ihrem Herrn fröhlich und zufrieden nach Salerno. Was konnte sie nun noch betrüben, als daß der Weg so weit war und sie nicht eher ihn erlöste. Sobald sie dort angelangt waren, ging Herr Heinrich zu seinem Meister und sagte ihm: »Hier bringe ich eine Jungfrau, wie du sie verlangt hast!« Mit diesen Worten zeigte er sie ihm. Dem Meister däuchte das unglaublich, und er sprach: »Kind, hast du solchen Entschluß selbst gefaßt, oder haben Bitten und Drohungen deines Herrn bewirkt, daß du so sprichst?« – »Nein,« antwortete sie, »dieser Entschluß ist aus meinem eigenen Herzen gekommen.« Darüber verwunderte sich der Arzt, führte sie beiseite und beschwur sie, ihm zu sagen, ob etwa ihr Herr solche Worte von ihr mit Drohen erzwungen habe. »Kind,« sprach er, »dir ist not, daß du dich besser berätst; ich will dir recht sagen, wie es ist: wenn du den Tod nicht ganz freiwillig leidest, und was du tust, nicht gerne tust, so ist dein junges Leben dahin und hilft uns nicht so viel als ein Brosamen. Auch will ich dir sagen, wie dir geschehen wird: ich schneide dir nach dem Herzen, und breche es noch lebend heraus. Mägdlein, nun sage mir, wie steht dir dein Mut? Es geschah nie einem Kinde so weh, wie dir geschehen wird; nur daß ich es tun und ansehen soll, macht mir schon große Angst. Und bedenke weiter, gereuet es dich eines Haares breit, so habe ich meine Mühe und du hast dein Leben verloren.« So beschwor er sie noch einmal. Sie aber fühlte sich zu standhaft, als daß sie abgelassen hätte. Daher sprach sie mit Lachen: »Gott lohne Euch, lieber Herr, daß Ihr mir so die Wahrheit herausgesagt habt; ja, wahrhaftig, ich fange an, ein wenig zu verzagen, und es ist mir ein Zweifel aufgekommen, den ich Euch vorlegen will: ich fürchte nämlich, daß unser Vorhaben durch Eure Zaghaftigkeit unterwegs bleibt. Getrauet Ihr mich zu schneiden; ich getraue mir wohl, zu leiden! Die Angst und Not, von der Ihr mit da vorgesprochen habt, die habe ich schon vorher auch ohne Euch gewußt. Gewiß, ich wäre nicht hieher gekommen, wenn nicht mein Entschluß so fest und sicher gewesen wäre, daß ich wußte, ich würde nimmermehr schwanken. Laßt Eure Meisterschaft sehen, was zaudert Ihr länger? Versucht's und fürchtet Euch nicht, meinem Herrn seine Gesundheit wiederzugeben, mir aber das ewige Leben.« Als der Meister sie so gar unwandelbar fand, brachte er sie zu dem Siechen zurück und sprach zu ihm: »Uns irrt kein Zweifel mehr, ob Eure Jungfrau vollkommen tüchtig sei. Wohlan, freut Euch, ich mache Euch bald gesund!« Hierauf führte er das Mädchen in ein verborgenes Kämmerlein, und schloß den armen Heinrich zur Türe hinaus, damit er ihr Ende nicht mit ansehen sollte. In dieser Kammer, die mit mancherlei Arzneien verstellt war, hieß er das Mägdlein die Kleider ablegen. Als sie der alte Meister ansah, dachte er, daß in der ganzen Welt keine schönere Kreatur gefunden werden könnte, und es erbarmte ihn so sehr, daß ihm das Herz fast verzagte. Es stand da ein hoher Tisch; auf den hieß er sie steigen und sich niederlegen, und band sie fest. Dann nahm er ein Messer in die Hand, das für solche Dinge bereit lag und lang und breit war, das versuchte er, aber es schnitt nicht so gut, als ihm lieb gewesen wäre. Und da sie nun doch einmal nicht leben sollte, so erbarmte ihn ihre Not, und er wollte ihr den Tod sanft antun. Daher faßte er einen guten Wetzstein, der dabei lag, und fing an, das Messer langsam auf und ab zu streichen, zu schärfen und zu wetzen. Das hörte draußen der, für den sie sterben sollte, der arme Heinrich, und es jammerte ihn unsäglich, daß er sie nimmermehr lebendig mit den Augen erblicken sollte. Da suchte er, ob er nicht eine Öffnung in der Wand fände, und sah durch einen Ritz, wie sie gebunden dalag, und ihre Gestalt so gar schön und lieblich war. Er schaute sie an und wieder sich; da wandte sich sein Sinn; ihm däuchte nicht mehr gut, was er gedacht hatte, und der alte, finstere Entschluß machte milder Güte Platz. »Du Tor,« sprach er zu sich selber, »begehrst du zu leben, ohne das Wohlgefallen dessen, gegen den niemand etwas vermag? Fürwahr, du weißt nicht, was du tust, wenn du dieses schmähliche Leben, das Gott über dich hat kommen lassen, nicht willig und demütig erträgst. Und weißt du denn, ob dich dieses Kindes Tod sicher heilt? Was dir Gott beschieden hat, das laß dir widerfahren! Nein, ich will dieses Kindes Tod nicht sehen!« Da hielt er nicht länger zurück, klopfte an die Wand und rief: »Laßt mich hinein!« Der Meister antwortete: »Ich habe jetzt nicht Zeit, Euch einzulassen!« – »Nein, Meister, redet mit mir!« – »Herr, jetzt kann ich nicht, wartet bis ich fertig bin!« – »Nein, Meister, redet zuvor mit mir!« – »So sagt mir's durch die Türe!« – »Es läßt sich so nicht sagen!« – Da ließ ihn der Meister ein, und Heinrich ging zu dem Mägdlein, wo es gebunden lag und sprach: »Dies Kind ist so wonniglich, daß ich wahrhaftig seinen Tod nicht zu sehen vermag. Es geschehe Gottes Wille an mir! Wir wollen sie wieder aufstehen lassen. Wie ich mit Euch gedingt habe, Silber und Gold gebe ich Euch; aber die Jungfrau sollt Ihr leben lassen!« Da das Mägdlein nun erst recht sah, daß es nicht sterben und ihn nicht erlösen sollte, da war ihr das Herz schwer; sie raufte zornig ihre Haare und gebärdete sich zum Erbarmen. Bitterlich weinte sie und rief: »Wehe mir Armen, wehe! Wie soll es mir nun ergehen? Soll ich die reiche Himmelskrone, die mir um diese kurze Not geschenkt worden wäre, verlieren? Jetzt bin ich erst tot! Nun entbehrt mein Herr und entbehre ich die Ehre, die uns zugedacht war!« Umsonst bat sie um den Tod, der sie glücklich machen sollte. Dann wandte sie sich zu dem armen Heinrich, hub an, ihn zu schelten und sprach: »Ich muß leiden für meines Herrn Zaghaftigkeit; ich sehe wohl, die Menschen haben mich getäuscht; ich hörte sie allezeit sagen, Ihr hättet festen Mannesmut! Gott helfe mir, sie haben gelogen. Ihr getrauet Euch nicht einmal geschehen zu lassen, was ich doch mir zu leiden getraue!« So bat und schalt sie ihn; aber umsonst. Sie mußte ihr Leben behalten. Der arme Heinrich nahm Vorwurf und Spott tugendlich hin, wie einem frommen Ritter geziemte. Als er die unglückliche Jungfrau wieder angekleidet und den Arzt bezahlt hatte, wie ausgemacht war, fuhr er zurück in die Heimat, obgleich er wußte, daß er dort in aller Mund nur Hohn und Schmähung finden würde. Aber alles dieses stellte er Gott anheim. Das gute Mägdlein aber hatte sich so verweint und verklagt, daß sie dem Tode nahe war. Da erkannte ihre Not der, der die Nieren prüft, vor dem kein Herzenstor verschlossen ist. Er hatte beide nach seiner Liebe und Macht recht aus dem Grunde versuchen wollen, wie er es bei dem reichen Hiob getan. Da zeigte der Herr, wie lieb ihm Treue und Erbarmung ist; er schied beide von ihrem Elend und machte ihn zur Stunde rein und gesund. So schnell besserte es sich mit dem guten Heinrich, daß er noch unterwegs wieder rein und schön wurde, ja er genas so durch Gottes Pflege, daß er so jung ward wie vor zwanzig Jahren. Dieses Heil, das ihm widerfahren war, ließ er allen ansagen, von denen er wußte, daß sie Liebe und Güte gegen ihn im Herzen trugen. Als nun seine besten Freunde von seiner Ankunft hörten, ritten und gingen sie ihm drei Tagreisen entgegen, ihn wohl zu empfangen. Sie wollten keiner Sage, nur ihren eigenen Augen glauben, bis sie selbst die Wunder an seinem Leibe gesehen hätten. Der Meier und sein Weib blieben auch nicht still zu Hause sitzen. Die Freude, die sie empfanden, ist unbeschreiblich; ihre Herzen waren so bewegt, daß den lachenden Mund der Augen Regen begoß; ihr Mund wollte nicht mehr los werden vom Mund ihrer Tochter. Auch wer die Schwaben je in ihrem Lande sah, der muß sagen, daß von ihnen nie größere Liebe erzeigt wurde, als da sie Herrn Heinrich bei seiner Heimkehr empfingen. Dieser ward reicher, als er vorher war, an Gut und Ehren. Nun aber wendete er sich stets an Gott und hielt seine Gebote strenger als zuvor; und deswegen war seine Ehre unvergänglich. Dem Meier und seinem Weib, denen er so großen Dank schuldig war, gab er das Neubruchland, wo er krank gelegen hatte, zum Eigentum. Als nun seine Freunde in ihn drangen, sich zu verehelichen, da sprach er: »Ich bin entschlossen, und will nach meinen Verwandten senden, damit ich ihrem Rate folge.« Als dies geschehen und alle beisammen waren, Männer und Frauen, so sagten alle aus einem Munde, es wäre recht und Zeit, daß er sich vermähle. Nun aber erhob sich ein großer Streit im Rate seiner Verwandten, wen er sich wählen sollte. Der eine riet hin, der andere her, wie Leute pflegen, wenn sie Rat geben sollen. Als sie sich nun nicht vereinigen konnten, sprach der arme Heinrich: »Ihr Herren und Frauen, es ist euch allen wohl bekannt, daß ich vor kurzer Zeit in schmählicher Krankheit lag und allen Menschen widerwärtig war; jetzt scheut mich niemand mehr, und durch Gottes Gnade habe ich wieder einen gesunden Leib. Jetzt ratet mir alle, wie soll ich es dem vergelten, durch den ich wieder gesund worden bin?« Sie antworteten: »Fasset den Entschluß, daß Euer Leib und Gut ihm untertänig sei!« – Das Mägdlein stand neben ihm, als sie dieses sagten. Da sah er sie liebreich an, umfing sie und sprach: »Ihr Herren und Frauen, ich sage euch allen, daß ich durch diese gute Jungfrau, die ihr hier bei mir stehen seht, mich meiner Gesundheit wieder erfreue. Nun ist sie ledig und frei, wie ich es bin, und mein Herz rät mir, daß ich sie zum Weibe nehme. Wenn dies Gott und euch gefällt, so soll es geschehen. Ist es aber nicht möglich, so will ich unverehelicht sterben; denn Ehre und Leben habe ich von ihr allein! Bei Gottes Hulden aber will ich euch insgesamt bitten, daß es euch wohl gefalle!« Da antworteten alle, die zugegen waren: »Ja, so ist es ziemlich und recht!« Und da auch geistliche Herren darunter waren, so stand es nicht weiter an, daß sie zusammen getraut wurden. Nach süßem, langem Leben kamen sie zusammen ins ewige Reich der Liebe. Die über die Bosheit triumphierende Unschuld, das ist: Das Buch Hirlanda Die Geschichte einer geborenen Herzogin die sieben Jahre als Dienstmagd unter dem Vieh gelebt hat, nachmalen wieder an den Hof berufen, durch Verleumdung zum Scheiterhaufen verdammt und von ihrem Sohne gerettet ward. Vorgestellt in einer anmutigen Historie. Vor vielen hundert Jahren lebte in England ein Herzog namens Artus, der sich mit der Herzogin Hirlanda von der Bretagne vermählte. Die Bretagne war eine Landschaft, die, obwohl in Frankreich gelegen, damals der Krone Englands als Lehen angehörte. Dort verbrachte der Herzog mit seiner jungen Gemahlin Hirlanda die ersten fünf Monate seiner Ehe in großer Liebe und Einigkeit. Eines Tages wurde er genötigt, von ihr zu scheiden, um in den Diensten seines Königs einen Ritterzug in das Feld zu wagen. Wie bitter diese unverhoffte Trennung den jungen Eheleuten vorkommen mußte, vermögen gewiß diejenigen zu verstehen, die selbst durch zarter Liebe Bande innig verknüpft sind. Nach dem traurigen Abschied war der Herzog immer in schweren Gedanken, und er befürchtete, daß seiner Gemahlin ein großes Unglück bevorstünde. Diese Furcht wurde noch gewaltig durch einen Traum vermehrt, der ihn bald darauf im Schlaf heimsuchte und den er einem vertrauten Diener mit großer Bekümmernis erzählte: »Ich war kaum eingeschlummert«, sagte er, »da kam mir vor, als sähe ich meine geliebte Hirlanda ohnmächtig im Bette liegen, und auf ihrem Leibe saß ein grausamer Geier, der ihr das innerste Eingeweide mit Gewalt herauszerrte. Ich sah mich schmerzlich um, ob dem halbtoten Weibe nicht irgend jemand zu Hilfe käme; bald aber wurde ich gewahr, daß noch zwei andere Raubvögel herzuflogen und mit ihren spitzigen Schnäbeln ihr das Herz aus dem Leibe reißen wollten. Dieser Traum verstörte mich so, daß ich fürchtete, meine geliebte Gemahlin schwebe in irgendeinem Unglück oder sie sei, was Gott verhüten wolle, gar schon gestorben.« Der Herzog hatte keine Ruhe, bis er einen Diener nach Hause abgeschickt und durch diesen über das Wohlbefinden seiner Frau günstige Nachrichten bekommen hatte. Während nun der Herzog zu Felde lag, ereignete es sich, daß Richard, der König, von einer abscheulichen Krankheit heimgesucht wurde, die zu einem häßlichen Aussatz ward und von der kein Arzt im ganzen Königreich ihn heilen konnte. Endlich ließ der elende König einen Wunderdoktor rufen, dessen Kunst und Name im ganzen Lande sehr berühmt waren. Diesem entdeckte er sein Anliegen und bat ihn freundlich, allen seinen Fleiß anzuwenden, daß er von der entsetzlichen Plage befreit würde. Der Wunderdoktor tat dem König zu Liebe sein Bestes; dennoch wurde die Krankheit immer ärger. Am Ende kam der Arzt auf einen gräßlichen Gedanken, den der Satan selbst nicht teuflischer hätte ausdenken können. »Jetzt weiß ich ein kräftiges Mittel«, sprach er zu dem Könige, »doch ich zweifle, daß Eure Majestät Herz und Mut genug haben, es zu gebrauchen.« Der König, der in seinem verzweifelten Zustand sich nicht gescheut hätte, Gift zu schlucken, erwiderte: »Du weißt, daß ich Dir bisher in allem gefolgt habe; zweifle nicht, daß, falls Du einen guten Vorschlag hast, ich mich auch in diesen willig fügen werde.« Da sprach der Schalksknecht: »Allergnädigster König! Wisset, daß Ihr wieder zu Eurer völligen Gesundheit gelangen würdet, sobald Ihr Euch entschließen könnte, in dem Blute eines jungen Kindes zu baden. Ich beteure Euch, daß nichts in der Welt so kräftig gegen die Fäulnis ist, die sich an Eurem Leibe angesetzt hat, als das frische Blut eines neugebornen Kindes. Nur muß man diesem äußerlichen Mittel mit einer Zugabe nachhelfen, die auch die innerliche Wurzel der Krankheit heilt. Es muß nämlich das Herz des Kindes dazukommen, welches Eure Majestät ganz warm und roh, wie es aus dem Leibe genommen wird, essen und ganz aufzehren soll.« Über diesen Vorschlag kam den König ein Grausen an, aber aus Liebe zur Gesundheit und Hoffnung eines längeren Lebens entschloß er sich endlich, dieses unnatürliche Mittel zu gebrauchen. Sein Gewissen beschwichtigte er mit solchen Überlegungen: »Es muß dem gemeinen Wesen mehr an der Wohlfahrt eines Königs liegen als an dem Leben eines kleinen Kindes in seinem Reiche. Darum tue ich nicht unrecht, wenn ich in meiner großen Not zu dem verzweifelten Mittel greife, vor dem mir selber graut.« Wie der Wunderarzt merkte, daß der König bereit sei, in allem zu folgen, so sprach er weiter: »Mein König muß auch wissen, daß das Kind von hohem, ja fürstlichem Geblüte sein muß, dazu darf es auch noch nicht getauft sein.« Der König entsetzte sich abermals, wenn er bedachte, daß um seinetwillen ein unschuldiges Kind an Leib und Seele verderbt werden sollte; doch nachdem er sich eine Weile besonnen hatte, sprach er die Worte: »Not bricht Eisen; warum sollte sie nicht auch rechtfertigen können, was nicht ziemlich ist?« Kaum war der Entschluß des Königs gefaßt, so entzündete der böse Geist in dem Fürsten Gerhard, dem leiblichen Bruder des Herzogs Artus, die Begierde, seines Bruders Güter einst ungeteilt zu besitzen, so daß der Vorsatz in ihm reifte, an dem glücklichen Paare zum Verräter zu werden. Sobald er nämlich von dem schelmischen Vorschlage des Wunderarztes Nachricht erhielt, verfügte er sich insgeheim zu dem Könige und erklärte: »Weil es schwer wäre, ein fürstliches Kind zu finden, das ohne Geräusch und Widerstreben der Eltern hinweggenommen werden könnte, so sei er bereit, falls der König ihm die Sache anheimstellen wollte, allen Fleiß anzuwenden, ihm das Kind seines Bruders, das die Herzogin unter dem Herzen trage, ohne alles Aufsehen in die Hände zu spielen.« Über dieses Anerbieten war der König hoch erfreut und gelobte dem Fürsten eine königliche Vergeltung, wenn er sein Versprechen ins Werk setzen könnte. * Gottes Langmut läßt den Gottlosen zuweilen eine Zeitlang den Zügel ihrer Bosheit schießen und die Prüfung der Unschuldigen auf Erden walten. Aufgemuntert durch das Versprechen des Königs, beurlaubte sich der Fürst Gerhard ohne Säumen vom englischen Hofe und fuhr über Meer nach der Bretagne, wo die Herzogin während der Abwesenheit ihres Gemahls hofhielt und ihrer Niederkunft harrte. Hirlanda wurde durch die Ankunft ihres fürstlichen Schwagers aufrichtig erfreut und erzeigte ihm alle Liebe und Freundlichkeit. Äußerlich stellte sich auch der Fürst an, als wenn er ihr bester Freund wäre; aber im Herzen suchte er nach allen Mitteln und Wegen, sein böses Vorhaben auszuführen. Inzwischen kam die Zeit der Geburt heran, und man machte alle Anstalten, das erstgeborne Herzogskind würdig zu empfangen. Der schlimme Gerhard aber suchte die Hebamme und die Säugamme auf seine Seite zu bringen und teils mit schmeichlerischen Worten, teils mit reichen Geschenken zu bestechen. Damit aber niemand Argwohn schöpfen möchte, so bat er sie öffentlich ohne Aufhören, der Herzogin in ihrem Wochenbette getreulich beizustehen und allen Fleiß anzuwenden, daß die Gefahr glücklich vorüberginge. Nachdem er diese beiden ganz gewonnen und auch die vornehmsten Frauen der Herzogin durch die kühnsten Versprechungen auf seine Seite gebracht hatte, verlangte er nichts anderes von ihnen, als daß sie zur Zeit der Geburt aussprengen sollten, das Kind der Herzogin sei während der Geburtswehen gestorben. Die Amme sollte sich dann mit dem Kind an einen geheimen Ort begeben, wo er es in Empfang nehmen wollte. Die Stunde der Niederkunft war da; die Kindesnöte dauerten einen ganzen Tag und einen guten Teil der folgenden Nacht und waren so hart, daß man sehr fürchtete, die Mutter würde mit dem Kinde zugrunde gehen. Endlich wurde das Kind geboren, die Herzogin aber von solchen Schmerzen befallen, daß sie eine gute Weile ohnmächtig dalag. Die boshaften Weiber, die der meineidige Gerhard bestochen hatte, bekamen also Zeit genug, mit dem Kind aus dem Schlosse zu fliehen und der See zuzueilen. Dort wartete ihrer ein segelfertiges Rennschiff. Kaum aber waren sie mit gutem Geleite eingeschifft, als eine Menge bewaffneter Knechte daherkam, die von dem Fürsten Gerhard bestellt waren und den neugebornen Prinzen nach England bringen sollten. Während nun diese glücklich davonsegelten, erschien der Engel des Herrn einem frommen Abte des Klosters Sankt Malo, mit Namen Bertrand, und brachte ihm den Befehl Gottes, alsbald einige Mannschaft zusammenzubringen und nach dem Hafen Aleth zu schicken; dort sollten sie am Ufer einige Flüchtlinge anhalten, die ein fürstliches Kind, das noch nicht getauft sei, bei sich hätten. Dieses Kind sollte er taufen und erziehen lassen, die Säugamme aber so lange im Gefängnis halten, bis Gott ihm neue Befehle zusenden würde. Der Abt beeilte sich, dem Befehle Gottes zu gehorchen; er schickte Mannschaft nach dem Hafen, welche die Flüchtlinge bei ihrer Landung überraschte und die Kriegsknechte teils niedermachte, teils in der See ertränkte. Die Amme mit dem Kind allein war in Gewahrsam genommen und vor den Abt geführt. Auf seine Fragen gab sie lügenhafterweise vor, daß ein Trupp Seeräuber sie und das Kind am Meerufer gefangengenommen hätte. Das Söhnchen übrigens sei gemeiner Eltern Kind. Der Abt strafte mit ernsten Worten die Falschheit des lügnerischen Weibes und bewies ihr aus der kostbaren Seide, in welche das Kind eingewickelt war, daß es nicht nur kein gemeines Kind sein könne, sondern daß es Fürsten zu Eltern haben müsse. Hierauf warf er die boshafte Amme ins Gefängnis, ließ das Kind taufen und gab ihm seinen eigenen Namen Bertrand. Er selbst hob das Kind aus der Taufe, und seine eigene Schwester, der vor wenigen Tagen ihr Töchterchen von der Brust weg gestorben war, nährte das Findelkind mit ihrer eigenen Milch. * Nachdem der junge Bertrand durch Gottes wunderbare Schickung dem Messer des Schlächters entzogen und in Sicherheit gebracht wurde, wenden wir uns wieder zu der betrogenen Wöchnerin, der armen Herzogin Hirlanda. Sobald diese nach der Geburt von ihrer schweren Ohnmacht wieder zu sich gekommen war, fragte sie zuerst nach ihrem lieben Kinde und begehrte zu sehen, was sie geboren hätte. Sogleich sagte eine der bestochenen Frauen seufzend zu ihr: »Ach, durchlauchtigste Frau, wollet doch nicht begehren Eure Leibesfrucht mit Augen zu sehen, denn sie ist so gestaltet, daß sie Euch mehr Schrecken als Trost verursachen würde.« Hierüber wurde die kranke Mutter sehr bestürzt, doch siegte in ihr die Begierde, ihr Kind zu sehen. »Es liegt nichts daran«, sagte sie, »wie es gestaltet sei; ich will, daß man mir das Kind zeige!« Da sprach die Lügnerin weiter: »Lasset doch Euren verderblichen Vorwitz fahren, gnädige Herzogin, denn Ihr habt gar kein natürliches Kind geboren, es hatte keinen wohlformierten Leib, sondern war nur ein Klumpen Fleisch, und kaum hatte es einige Zeichen des Lebens gegeben, so ist es alsbald gestorben.« Die Herzogin ließ sich noch nicht beruhigen; sie sprach unter bitteren Zähren: »So sage nur, liebe Tochter, ob doch das arme Kind getauft worden ist und wohin man seinen Leichnam gebracht hat?« Das böse Weib antwortete: »Wie sollte man eine Frucht taufen dürfen, die keine menschliche Gestalt an sich hat? Man hat es ohne Taufe unter die Erde gescharrt!« Diese Worte durchstachen das Herz der betrübten Hirlanda, und man glaubte, sie würde vor Trauer bei lebendigem Leibe dahinsterben. Sie klagte Gott ihren Jammer so schmerzlich und beweinte ihr Kind so kläglich, daß selbst die feindlichen Herzen der Weiber zum Mitleiden bewegt und zur Vergießung von Tränen getrieben wurden. Aber ihr großes Herzeleid wurde von Tag zu Tag vermehrt durch ihren falschen Schwager, den Fürsten Gerhard: Dieser gottvergessene Mensch redete die bedrängte Frau mit vielen Schmähworten an, nannte sie eine Mörderin ihres Kindes und behauptete, die Mißgeburt müsse eine Frucht des Ehebruchs oder noch größerer Greuel sein. So mußte sich die bedrängte Fürstin in ihrem eigenen Palaste, während sie ohnedem in der tiefsten Betrübnis war, ihr unschuldiges Heiz von einem Bösewicht zerfleischen lassen, der auf nichts anderes dachte, als wie er sie unter die Erde bringen könnte. Unter den Frauenzimmern der Herzogin befand sich ein Edelfräulein, auf welches sie immer ein besonderes Vertrauen gesetzt hatte; aber eben die war es, welche zu ihrem Unglück am meisten helfen sollte. Denn auch diese hatte der trügerische Gerhard mit Geld bestochen und durch schmeichelnde Liebkosungen auf seine Seite gebracht. Auf seine Anstiftung ängstete sie ihre gnädige Frau unaufhörlich, hinterbrachte ihr, wie schlimm ihre Sache stehe und wie sie in gewisser Lebensgefahr schwebe. So ging sie einstmals zu ihr und sprach mit erheuchelter großer Betrübnis: »Ach Herrin, wie wird es .Euch ergehen! Was hat der Himmel in seinem Zorne mit Euch vor! Wie wollet ihr der großen Gefahr, in der Ihr schwebet, entfliehen?« Die Fürstin wurde bei diesen Worten so niedergeschlagen, daß sie nicht wußte, was sie sagen sollte. Doch trieb sie die große Angst zu fragen, was diese Worte bedeuten sollten. Das lose Fräulein holte einen tiefen Seufzer und sprach: »Unglückseligste Frau, laßt Euch anvertrauen, was ich mit List aus dem Fürsten, Eurem falschen Schwager, herausgelockt habe. Wisset, daß dieser Euch fälschlich angeklagt hat, Euer Kind sei die Frucht eines unaussprechlichen Greuels. Und deswegen hat er den bestimmten Befehl von dem Herzog erhalten, Euch heimlich hinrichten zu lassen, bevor er selbst wieder zurückkäme.« Auf diese Rede kam die Herzogin eine tödliche Angst an, und sie ward von ihren Sinnen verlassen. Als sie wieder zu sich selbst gekommen war, sprach sie schluchzend und wehklagend zu dem Fräulein: »Mein liebes Kind, Ihr wisset, wie ich Euch immer vertraut habe; darum ratet mir auch in dieser fürchterlichen Not, wo ich mir selbst vor Schrecken nicht zu raten weiß.« »Liebe Frau«, antwortete die Falsche, »ich weiß Euch keinen bessern Rat, als daß Ihr Euch heimlich auf die Flucht begebet; denn seid gewiß, wenn Ihr dieses nicht tut, so müßt Ihr schon in der folgenden Nacht sterben.« Die Herzogin fand keinen bessern Rat, nahm von Kostbarkeiten zu sich, was sie konnte, und verließ mit anbrechender Nacht heimlich das Schloß. Die erste Nacht blieb sie unter großer Angst in einem dunklen Walde liegen; vor Tag stand sie wieder auf, und floh so weiter Tage und Nächte durch lauter Heiden und unbewohnte Gegenden. Endlich, nach langem Umherirren, kam sie auf einen Edelsitz, der ihr gänzlich unbekannt war. Hier hoffte sie sicher zu sein und trug den Bewohnern als eine arme Magd ihre Dienste an: sie wurde aber zu nichts anderem angenommen, als den Tag über das Vieh zu hüten und des Abends den Viehmägden zu helfen. Diesen verächtlichen Dienst nahm sie demütig an. Sie war getrosten Mutes, nur wenn sie manchmal des Tages ganz einsam im offnen Walde war, weinte sie über ihr unaussprechliches Unglück mit so viel heißen Zähren, daß ihre Kleider ganz naß wurden. Dennoch sagte sie dem gnädigen Gott herzlichen Dank, daß er sie der schnöden Welt so wunderbar entrückt und sie in diesen niedrigen Stand versetzt habe, in welchem sie ihm wohlgefälliger dienen und für ihr Seelenheil besser besorgt sein könne. Vielmals kniete sie unter den grünen Bäumen, erhob Herz und Auge gen Himmel und betete mit tiefer Inbrunst. So führte sie mitten im Elend ein frommes und gottseliges Leben und nahm an allen Tugenden zu. * Sobald Hirlanda das Schloß verlassen hatte, sprang dem falschen Gerhard das Herz vor Freuden auf. Ihre unbesonnene Flucht schien ihm eine kräftige Anklage wider ihre Unschuld an die Hand zu geben. Es war ihm tausendmal lieber, daß die Fürstin noch am Leben war, als wenn sie gestorben wäre; so durfte ja sein Bruder nicht mehr heiraten, und er hoffte unfehlbar das Herzogtum zu erben. Damit jedoch sein Bruder keinen Argwohn gegen ihn schöpfen möchte, als hätte er dessen Gemahlin durch böse Ränke vertrieben, so stellte sich der arglistige Fuchs, als wäre er über die Flucht seiner Schwägerin trostlos; er klagte vor allen Hofbedienten schmerzlich über ihr Verschwinden; auch ließ er im ganzen Schlosse fleißig suchen und fragen, ob sie nicht irgendwo erforscht werden möchte, und schickte zu Roß und zu Fuß Leute aus, denen er große Reichtümer versprach, wenn es ihnen gelänge, Hirlanda zu finden. Als die Boten unverrichteterdinge zurückkehrten, eilte er ins Feldlager des Königs zu seinem Bruder, um mündlichen Bericht über den ganzen Verlauf der Sache abzustatten. Dort stellte er sich so traurig, als könnte er alle Tage seines Lebens nicht mehr fröhlich werden. Sein Bruder erschrak über diese verstellte Traurigkeit sehr und fragte ihn eifrig darüber aus, was doch dieselbe zu bedeuten hätte. Hierauf sprach der Schalk: »Herzliebster Bruder, ich bringe Dir eine so schlechte Zeitung, daß ich sie Dir lieber verschweigen als mitteilen möchte!« In vollem Schrecken fragte der Herzog: »Ist doch nicht meine Hirlanda gestorben?« »Wollte Gott, sie wäre gestorben«, erwiderte Gerhard mit gesenktem Haupte, »dann wäre das Leid noch zu verschmerzen. Nun aber sollst Du wissen, daß sie in ihrem letzten Wochenbette eine solche Mißgeburt geboren hat, daß ihre Weiber sie auf der Stelle begraben mußten und einhellig sagten, eine solche Frucht könne von keinem Menschen herrühren. Als die Sünderin merkte, daß der Greuel an den Tag kommen würde, hat sie bei der Nacht ihr Heil in der Flucht gesucht; und wiewohl ich zu Roß und zu Fuß Leute nach ihr ausgesandt, habe ich doch keine Spur von ihr entdecken können.« Wer wollte beschreiben, welche Wirkung diese Botschaft in dem Gemüte des Herzogs verursacht habe. Auf die erste Bestürzung folgte in seinem leichtgläubigen Herzen eine grausame Erbitterung über die Missetat seiner Gemahlin. Die Wut wurde bei ihm immer heftiger und raubte ihm zuletzt alle Besinnung. Er machte seinem Feldzug ein kurzes Ende und eilte mit Gerhard in vollem Grimme nach Haus. Dort durchforschte und befragte er alle Vornehmen seines Hofes, was sich, solange er von der Heimat ferne gewesen, mit Hirlanda zugetragen habe. Weil aber alle von dem Fürsten Gerhard mit Geld bestochen waren, so stimmten sie meisterlich in seine Lügen ein. Dadurch wurde der Herzog in seinem falschen Wahn bekräftigt. Er schwor, daß er Hirlanda, wenn er sie jemals wiederfinde, ums Leben bringen würde. Der boshafte Gerhard indessen nahm Abschied von seinem Bruder und verfügte sich wieder nach England. Dort hoffte er den versprochenen Lohn in Empfang zu nehmen; denn er dachte nicht anders, als daß Hirlandas Sohn dem König ausgeliefert und geschlachtet worden sei. Wie er aber dort angekommen war, mußte er wider all sein Verhoffen erfahren, daß kein Kind in England angekommen sei, sondern daß dasselbe noch an der bretagnischen Küste zu Aleth von gewaffneter Mannschaft aufgefangen worden. So hatte es ein Bootsknecht, der mit dem Kind auf dem Schiffe gewesen und durch die Flucht sich gerettet, zu London erzählt. Dies brachte den Bösewicht ganz aus der Fassung; er getraute sich nicht, bei dem Könige sich anmelden zu lassen, sondern floh zurück auf seinen Herrensitz, und hier quälten ihn immer schwere Gedanken und Sorgen, was sich wohl mit dem Kinde zugetragen haben möchte und daß es, großgewachsen, sich dereinst wohl an ihm rächen könnte. * Sieben ganze Jahre waren verflossen. Herzog Artus hatte als ein Witwer gelebt und zuerst die Falschheit seines ungetreuen Weibes, später aber seine eigene Unbesonnenheit angeklagt, denn es stiegen ihm von Zeit zu Zeit Zweifel gegen die Ehrlichkeit seines Bruders auf, und er konnte über nichts mehr in der Welt eine rechte Freude empfinden. Da trug es sich zu, daß eine große Schar benachbarter Edelleute bei ihm um die Erlaubnis anhielt, eine Wallfahrt nach dem Sankt Michaelsberge anzustellen, welcher weit im Süden an der Grenze von Frankreich und Spanien liegt und durch großen Zulauf vielen Volkes verherrlicht wird. Der Herzog erlaubte es, und die große Wallfahrt ging vonstatten. Nachdem nun die Edelleute ihre Andacht bei dem heiligen Michael verrichtet hatten, nahm einer von den Vornehmsten, Herr d'Olive genannt, Abschied von der Gesellschaft, um eine Verwandte, welche weiter hineinwärts nach der Normandie zu wohnte, zu besuchen. Nach langer Reise kam er an das gewünschte Schloß, das in einer tiefen Wildnis lag. Hier fand er auf einer Trift Trift = Viehweide (vom mittelhochdeutschen trip = das Treiben) eine Hirtin, die er anfangs nicht erkannte. Sie sah wohl feiner aus als sonst Bauernweiber, aber ihre Schönheit war ganz verblichen. Als sie jedoch auf seine Bitte ihre Herde für eine Weile verließ und ihn, der irregegangen war, auf den rechten Pfad geleitet und unterwegs mit ihm in ein Gespräch geriet, da erkannte er an der Sprache ihre vornehme Herkunft, und er argwohnte alsbald, es möchte die flüchtige Herzogin Hirlanda von Bretagne sein. Als er nun von seiner Verwandten auf dem Schlosse freundlich empfangen und zu Abend herrlich bewirtet worden war, erblickte er zufällig unter den Dienstmägden abermals jene Hirtin, welche in dem Speisezimmer irgend etwas zu verrichten hatte. Er faßte sie aufmerksam ins Auge, erinnerte sich ihrer früheren Gestalt und erkannte endlich mit Sicherheit, daß es Hirlanda sei. Er fragte darauf die Frau des Hauses, welche neben ihm am Mahle saß, was das für eine Magd sei und woher sie dieselbe erhalten habe. Diese antwortete »Woher sie sei, kann ich Euch nicht sagen: ich weiß nur, daß sie vor sieben Jahren auf mein Schloß gekommen ist und um einen Dienst bei mir angehalten hat. So habe ich sie als ein verlassenes, armes Weibsbild zu mir genommen und ihr das Vieh zu hüten aufgetragen.« Der Ritter erstaunte und sprach: »Liebe Base, glaubet mir, daß diese Magd niemand anders ist als die Herzogin Hirlanda von Bretagne, die ihren Adel unter diesen schlechten Kleidern verbirgt!« Die Edelfrau ward bei diesen Worten ganz nachdenklich und gestand endlich, daß diese ihre Magd ihr oft seltsam vorgekommen sei und wie sie ihr oft an Sitten und Gebärden abgemerkt, daß sie keine Bauernmagd, sondern edleren Standes sei. Nach dem Mahle, als die Gäste voneinandergingen, berief die Edelfrau in Beisein des Herrn d'Olive jene Magd auf ihr Zimmer und forschte aus ihr, wer sie sei und von wannen sie auf das Schloß gekommen. Hirlanda, die nicht erkannt sein wollte, erzählte darauf: »Sie sei eines Bauern Tochter und wegen Armut von ihrem Dorfe hinweggelaufen, um einen Dienst zu suchen.« Der Bretagner aber sprach: »Frau, Eure Gestalt und Gebärde zeigt etwas ganz anderes an, und wenn ich meinen Augen trauen darf, so sage ich, daß Ihr der Herzogin von Bretagne ganz ähnlich sehet!« Als Hirlanda diesen Namen nennen hörte, wurde sie ganz schamrot und wußte kein einziges Wort zu erwidern. Um so ernstlicher drang der Edelmann in sie; er wollte es erzwingen, daß sie aufrichtig die Wahrheit bekennen sollte. Endlich kam er so weit, daß Hirlanda nach vielen Ausreden in ihren eignen Reden gefangen wurde und nicht umhinkonnte, sich ihm zu erkennen zu geben. Auf dieses Bekenntnis wollten sowohl die Edelfrau als der Ritter ihr zu Füßen fallen und ihr die tiefste Ehrerbietung beweisen. Die Herzogin gestattete es aber nicht, sondern bat inständig, sie doch ja nicht zu verraten. Dann erzählte sie den beiden ihre ganze Geschichte und überzeugte sie von ihrer Unschuld. Als der Ritter d'Olive dieses vernommen, erbot er sich auf der Stelle, sie nach ihrem Schloß in der Bretagne zurückzubringen und mit ihrem herzoglichen Gemahl zu versöhnen. Die demütige Fürstin bat ihn jedoch inständig, ihr Geschick nicht zu offenbaren, sondern sie in ihrem niedrigen Stande bis ans Ende verharren zu lassen. So machte er sich allein auf die Reise, doch mit dem festen Entschluß, seinem Herrn, dem Herzog, sobald er könnte, die frohe Botschaft mitzuteilen. Dazu zeigte sich auch bald günstige Gelegenheit auf einer Jagd, die der Herzog veranstaltet hatte. Der Ritter d'Olive trachtete dabei, neben dem Herzog zu reiten. Beiläufig sagte er dann, daß er ihn, den Herzog, als einen besonders glücklichen Mann einschätze, da er doch alles besitze, was er auf Erden nur wünschen möge. Der Herzog dagegen sagte: Nichts von allem, was er besitze, sei vermögend, ihn zu vergnügen, da er in der Ehe so unglücklich gewesen sei und keinen Erben seines Gutes hinterlassen würde. »Wie aber«, fiel da der Ritter ein, »wenn Eure heimlich von Euch betrauerte und sehnlich vermißte Hirlanda noch am Leben wäre? Wolltet ihr, Durchlauchtiger Herzog, Euch auch alsdann nicht mehr glücklich preisen?« »Ja, freilich«, sprach der Fürst, »dann wüßte ich nicht, was mir auf Erden zu wünschen übrigbliebe. Und wenn mir sie einer lebendig in die Arme führen wollte, ich weiß nicht, wie ich mich ihm dankbar genug zeigen könnte!« Als der Edelmann diese Worte hörte, fing er an, dem Herzog alles, was sich zwischen ihm und Hirlanda zugetragen, zu erzählen: wie er sie in gemeiner Bauerntracht, das Vieh hütend, angetroffen und an nichts als an ihrer Sprache erkannt habe und wie er so lange in sie gedrungen, bis sie ihm endlich bekennen mußte, daß sie die unglückliche Hirlanda sei. Über diese unerwartete Botschaft wurde das Herz des Herzogs mit Leid und Freude so ganz angefüllt, daß ihm süße und bittere Zähren mit Macht aus den Augen hervordrangen. Er beschenkte den Edelmann fürstlich und hieß ihn sich aufs geschwindeste aufmachen und seine vielgeliebte Hirlanda abholen. Pferd und Wagen, Diener und Geld wurden zu seiner Verfügung gestellt; nirgend auf dem Wege sollte er sich aufhalten, sondern so bald als möglich die Ersehnte ihrem Gemahl in die Arme führen. Eilends machte sich der Ritter d'Olive auf den Weg, und in wenigen Tagen war er auf dem Schlosse der Normandie, begrüßte seine Verwandte, richtete der Herzogin den Auftrag ihres reumütigen Gemahls aus und brachte durch dringende Vorstellungen die frohe und erschrockene Fürstin so weit, daß sie sich entschloß, nach der Bretagne zurückzukehren. In dem Edelsitze wurde es indessen unter allen Bewohnern ruchbar, daß die arme Hirtin, die sieben Jahre lang das Vieh gehütet, eine gewaltige Herzogsfrau sei, und alles eilte herbei, ihr die tiefste Verehrung zu bezeugen und nachzuholen, was bisher an Ehrerbietung versäumt worden war. Dies tat besonders die adelige Besitzerin des Schlosses, die sich zwar glücklich pries, eine so hohe Fürstin so lange beherbergt, aber auch höchst unglücklich achtete, sie nicht eher erkannt und besser bewirtet zu haben. Aber Hirlanda dankte ihr, als wenn sie das Beste bei ihr genossen hätte, und nahm unter vielen Tränen einen wehmütigen Abschied. Sobald der Herzog vernommen, daß seine sehnlich erwartete Gemahlin nur noch eine Tagesreise von seinem Schlosse entfernt sei, kam er ihr mit allem seinem Adel und seiner ganzen Dienerschaft entgegen, um sie mit möglichster Ehre und Liebe zu empfangen und heimzuführen. Sobald er an den Wagen kam, in welchem sie saß, fiel er ihr mit großer Inbrunst um den Hals, und Liebe und Leid schloß ihm den Mund, so daß er kein Wort mit ihr reden konnte. Ebenso erging es der Herzogin, als sie denjenigen wieder sah, dessen Abwesenheit ihr so viele tausend Zähren ausgetrieben hatte. Lange waren beide sprachlos, bis ihre stummen Zungen endlich wieder gelöst wurden und sie einander aufs freundlichste willkommen hießen. Der Herzog bat sie wohl tausendmal um Verzeihung, wenn er sie auf irgendeine Weise erzürnt hätte, wiewohl seine Schuld an ihrem Unheil keine andere war, als daß er seinem falschen Bruder so leicht geglaubt hatte. Aber auch Hirlanda bat ihren Gemahl demütig um Vergebung, daß sie ihn durch ihre unbesonnene Flucht betrübt hätte, wiewohl sie dies aus keiner andern Ursache getan als aus Furcht vor dem ihr angedrohten Tode. Und wie sie nun zusammen in dem Wagen heimfuhren, da erzählte die Herzogin, was sich mit ihr in den sieben Jahren zugetragen. Durch diese Erwähnung ihres ausgestandenen Elends bewegte sie ihren Ehegemahl zu solchem Mitleiden, daß er sich anließ, als wenn er nimmer zu trösten wäre. Als sie in die Hofburg und Hauptstadt des Landes kamen, zogen ihnen der ganze Rat und alle Bürgerschaft entgegen. Die geliebte Fürstin wurde empfangen, als wenn sie von den Toten erstanden wäre. Was Festliches angestellt werden konnte, wurde nicht gespart, und der Tag der glücklichen Wiedervereinigung schien viel fröhlicher zu sein als der erste Tag des herzoglichen Beilagers gewesen war. Wenn die Sonne am hellsten scheint, pflegen erfahrene Seeleute am ersten einen Sturm zu befürchten. So sind alle menschlichen Dinge der Veränderlichkeit unterworfen, und oft, wenn man meint, dem Glück im Schoß zu sitzen, kommt unvermutet wieder ein neues Ungewitter, das uns in den vorigen Abgrund, ja in einen noch weit tieferen zurückwirft. Hirlanda hat dies erfahren. Denn während noch alles in Lust und Freuden schwebte und wegen der Wiederkunft der verlorenen Landesmutter jubelte, siehe, da schmiedete der gottlose Gerhard neue Anschläge, die Unschuld zu stürzen; denn es war ihm, als müßte er vor Zorn und Grimm wütend werden, als er hörte, daß seine Schwägerin wieder heimgekommen sei. Er war damals, als Hirlanda in der Bretagne anlangte, nicht im Lande. Damit nun niemand seinen Widerwillen merken sollte, schickte er schleunig einen von seinen Hofjunkern ab, welcher seiner Schwägerin versichern sollte: wenn er nicht bettlägerig wäre, so würde er selbst gekommen sein, ihr wegen ihrer Wiederkunft Glück zu wünschen. Der Herzog und seine Gemahlin empfingen den Abgesandten aufs freundlichste und ließen mit keinem Worte ihren Widerwillen gegen den tückischen Gerhard merken. Dies veranlaßte den Falschen, daß er einen ganz freundlichen Brief an die Herzogin schrieb, in welchem er bei Himmel und Erde beteuerte, daß ihre Wiederkehr niemand mehr zu Herzen gehen könne als ihm. Er schwur sieben schwere Eide, daß er an ihrem früheren Unheil keine Schuld habe: vielmehr sei die Säugamme, die gleich nach der Geburt heimlich mit dem Kinde davongeflohen war, die erste Anstifterin jenes Unglücks gewesen. Kurz, er wußte so natürlich zu lügen, so freundlich zu schmeicheln, daß der Herzog und die Herzogin seinen Worten glaubten und ihn wieder an den Hof beriefen. So kam der falsche Gerhard wieder heim und wurde mit besonders großen Freuden empfangen. Er stellte sich auch äußerlich an, als wenn er ein wahres brüderliches Herz hätte, innerlich ging er mit keinem andern Gedanken um, als wie er neues Unheil anstiften könnte. Unterdessen lebten die beiden neuen Eheleute in solcher Herzlichkeit zusammen, daß es schien, ihr Glück könne hinfort durch kein Leid mehr unterbrochen werden. Was der Herzog seiner geliebten Hirlanda Freundliches erweisen konnte, tat er um so beflissener, je mehr er die Pflicht erkannte, ihr das siebenjährige Elend durch Beweise seiner innigen Liebe zu vergüten. Auch war da nichts, was die fromme Fürstin ferner betrübte, als allein, daß ihr in den ersten Jahren des neuen Zusammenseins kein Erbe geschenkt wurde. Und das erste Kind, das sie so zu Schmerzen geboren, konnte sie nicht vergessen. Im übrigen stand alles am Hofe wohl, und jedermann bemühte sich, der lieben Gebieterin nach Schuldigkeit dienstbar zu sein. Auch der Fürst Gerhard ließ es seinerseits an nichts fehlen, was ihm den Ruhm eines bescheidenen Bruders und den Namen eines getreuen Freundes verschaffen konnte, so daß jene beiden, durch seine List hintergangen, nichts als Gutes von ihm glaubten und seines begangenen Unrechtes ganz vergaßen. * Sieben Jahre hatte die erneute glückliche Ehe gedauert; zu Ende dieser Zeit wurde die Herzogin Hirlanda mit einem Mägdlein gesegnet. Als nun der falsche Gerhard sah, daß durch die Geburt dieser Erbin der Anspruch auf seines Bruders Erbschaft ihm wieder aus den Händen schlüpfte, so dachte er darauf, durch falsche Klagen seinen Bruder aufs neue gegen die Herzogin aufzubringen. Als daher am Tage der Niederkunft seiner Gemahlin der Herzog in dem Schloßgarten sich erging und mit einiger Schwermut darüber brütete, daß die Herzogin keinen männlichen Erben zur Welt gebracht hatte, trat der Bösewicht allein zu ihm und stellte sich, als ob des Bruders Kummer ihm sehr zu Herzen ginge. Dann wünschte er ihm Glück zu der gebornen Herzogstochter, weil er nun doch eine Erbin seiner Güter habe, worauf er so lange geharrt hätte. Der Herzog aber sprach: »Du hast keine Ursache, Bruder, mir Glück zu wünschen und Dich mit mir zu erfreuen; Hirlanda hat mir eine Tochter geboren, und ich hatte nach einem Sohne geseufzt.« Auf diese Antwort hatte Gerhard gewartet; mit Begierde griff er nach der Gelegenheit, die Herzogin ihrem Gemahl verhaßt zu machen. Darum sprach er weiter: »Es steht freilich nicht in unserer Gewalt, Erben ganz nach unserem Wunsche zu erwerben. Doch meine ich, an der Geburt dieser unverlangten Tochter sei Hirlanda zum großen Teil selbst schuld. Durch übermäßige Buße und übertriebenes Fasten hat sie die Gesundheit ihres Leibes so geschwächt, daß sie für immer untauglich werden wird, einen männlichen kräftigen Erben zu gebären!« Dies und anderes sagte Gerhard zu seinem Bruder und versenkte ihn in immer tiefere Schwermut. Einige Tage nachher, als er merkte, daß sein Bruder in seiner Kaltsinnigkeit nicht nachließ, machte er bei seiner Schwägerin unter dem Scheine der Freundschaft einen Besuch, und nachdem er ihr insgeheim offenbart hatte, warum ihr Gemahl sich nicht mehr so freundlich gegen sie erzeige, gab er ihr den Rat, durch größere Zärtlichkeit das Herz des Herzogs zu gewinnen. Warum er dieses riet, wird sich bald zeigen. Die unschuldige Fürstin befolgte den scheinbar gutgemeinten Rat; der Herzog aber, von Natur wild und mißtrauisch, wurde hierdurch nicht zur Freundlichkeit bewogen, sondern fing an zu argwöhnen, ob nicht unter dieser Liebkosung irgendein Trug verborgen sein könnte. Der böse Gerhard, welcher seinen Bruder in diesem Argwohn bestärken wollte, ließ nun durch einen Vertrauten ein kleines Briefchen schreiben und es dem Herzoge zu Tisch unter sein Handtuch legen. Es waren folgende Zeilen: Trau nicht, o Fürst, des Weibes List / Das gegen Dich so freundlich ist! Diese wenigen Worte machten den Herzog so verstört, daß er von demselben Tag an nie mehr ein freundliches Wort zu der Fürstin redete. Ja, sooft er ihr begegnete, tat er ihr mit spitzigen Worten wehe oder erwies ihr mit spöttischen Gebärden eine Unehre. Der armen Hirlanda machte dies so bittere Schmerzen, daß sie in Tränen zerfloß und niemand sie zu trösten vermochte. Der ehrvergessene Gerhard aber, der das ganze Spiel angefangen hatte, gedachte nicht eher davon abzulassen, als bis er die Herzogin um Ruf und Gut, ja um Leib und Leben gebracht hätte. Es wohnte in der Nähe ein Edelmann, der wegen seiner Verworfenheit von allen Menschen gefürchtet und gehaßt wurde, selbst aber so vermessen war, daß er niemand fürchtete und alle Ungerechtigkeiten ohne die mindeste Scheu beging. Zu diesem gottlosen Menschen begab sich Gerhard und versprach ihm eine große Belohnung, wenn er ihm in einer gewissen Sache dienen wollte. Der Edelmann zeigte sich sogleich bereit; nur begehrte er zu wissen, worin er ihm einen Gefallen erweisen könnte. Da sagte ihm der tückische Gerhard, daß sein Bruder, der Herzog, sehr zornig auf seine Gemahlin sei, weil sie ihm keinen Erben geboren habe; von ihm, dem Edelmanne nun, verlange er, daß er den Zorn seines Bruders noch mehr erhitzen und ihm einflüstern solle, daß die Tochter, welche Hirlanda dem Herzog geboren, eine Frucht der Treulosigkeit sei und daß der Ritter d'Olive, welcher die Herzogin zuerst auf der normannischen Viehtrift entdeckt habe und eine schändliche Neigung zu der Fürstin trage, von dieser erhört worden sei. Dieser Vorschlag gefiel dem schlechten Manne außerordentlich wohl; sobald es daher Gelegenheit gab, verfügte er sich zu dem Herzog und redete ihn also an: »Gnädigster Fürst und Herr! Stets war ich von einem besondern Eifer beseelt, für das hohe Ansehen Eurer Durchlaucht, meines Landesfürsten, mich zu wehren; so werde ich auch jetzt von meinem Gewissen getrieben, meinem Herrn eine Sache, die seine Person betrifft, vertraulich zu offenbaren. Und wenn Eure Durchlaucht das, wovon ich sichere Kenntnis habe, sich anzuhören entschließen können, so werde ich nichts vorbringen, wofür ich nicht mein eigenes Leben verpfänden könnte. Ich kann mir freilich kaum denken; daß nicht auch meinem gnädigsten Herrn etwas von der Sage zu Ohren gekommen sein sollte, die sich ganz öffentlich über den genauen Umgang verbreitet, welchen der Ritter d'Olive mit der Herzogin pflegt. Denn dieser Edelmann ist unablässig bemüht, sie in Unehre zu stürzen. Schon solange mein Herr abwesend war, ist er nicht von ihrer Seite gekommen, und wenn er sich nicht füglich zu ihr begeben konnte, so hat er sie durch eine seiner Freundinnen in sein eigenes Haus gelockt. Ist es ein Wunder, wenn jedermann die neugeborne Tochter der Fürstin mit verdächtigem Auge betrachtet? Glaubet mir, gnädigster Herr, ich würde von allem diesem nicht sprechen, wenn ich nicht mit Augen gesehen hätte, was für verbotene Händel jene beiden miteinander getrieben haben!« Über diese Mitteilung wurde der Herzog so entrüstet, daß er sich vor Zorn kaum zu fassen wußte. Er glaubte, alles dieses müsse wahr sein, weil der ruchlose Edelmann erklärt hatte, er wolle Gut und Blut an die Verteidigung seiner Wahrheit setzen. So befahl er denn voll Ingrimm, man sollte der Herzogin ihr Kind nehmen und an einem entlegenen Ort einer fremden Säugamme geben. Die tugendhafte Fürstin war auf ihrem Zimmer und hielt ihr liebes Töchterlein auf den Armen, als unversehens eine Rotte grober Kriegsknechte hereintrat, welche mit frechen Worten die Herzogin anfuhren, sie sollte ihren Bastard aus den Händen geben. Bei dieser schimpflichen Anrede erschrak die Fürstin in tiefster Seele und rief Gott und Menschen zu Zeugen des Unrechts, das ihr geschehe. Aber die ruchlosen Menschen hörten auf ihre Klage nicht, sondern rissen ihr das Kind mit Gewalt aus den Armen und verließen das Zimmer mit Lärmen und Gespötte. Die Fürstin jammerte so herzzerreißend, daß es auch hätte wilde Tiere erbarmen sollen; doch konnte sie mit allem ihrem Weinen ihren Ehgemahl nicht erweichen. Im Gegenteil: Sein Zorn wurde so groß, daß er eben jenen Kriegsknechten gebot, die Herzogin zu fahen Fahen = fangen (vom althochdeutschen fahan) und als Ehebrecherin in ein schimpfliches Gefängnis zu werfen. Wie war doch der gütige Gott so streng gegen diese unschuldige Seele, und wie hart suchte sein Zorn sie heim! Sie hatte sich alle Tage ihres Lebens beflissen, ihm zu gefallen und zu dienen; und doch schien ihrer keine andere Vergeltung zu warten als Not und Tod. Mit Schimpf vom Hofe ausgestoßen, mußte sie wie ein ehrloses Geschöpf sich in einem finstern Kerker einsperren lassen. Ihre Feinde sprengten indessen unter allem Volke aus, daß sie eine gemeine Verbrecherin wäre, deren jahrelang getriebene Schande jetzt endlich aufgedeckt worden sei. Inzwischen beratschlagte der verblendete Herzog mit den Seinigen, welchen Todes er sie sterben lassen sollte, denn er nahm sie für überwiesen und überführt an. Und endlich wurde beschlossen, daß sie lebendig auf offenem Marktplatz verbrannt werden sollte, es sei denn, daß sich ein Ritter ihrer annehmen und mit dem verleumderischen Edelmann, der als Zeuge wider sie gesprochen hatte, in ehrlichem Kampf um sie streiten wollte. Dieses wurde nach dem Brauche jener alten Zeit in dem ganzen Lande verkündigt, und ein Tag wurde anberaumt, an welchem auf dem Kampfplatze erscheinen sollte, wer Lust hätte, sich der schwerverklagten Herzogin anzunehmen. Aber da war niemand im ganzen Lande, der sich gegen den boshaften Edelmann zu kämpfen getraute, weil er wegen seiner Grausamkeit von allen verabscheut und noch mehr gefürchtet war. * Aber der gerechte Gott sah die Zähren der unschuldigen Gefangenen, und in seinem Rate war ihre Rettung von Anbeginn beschlossen. Und jetzt erschien wieder sein Engel dem frommen Abte Bertrand zu St. Malo! Der Engel offenbarte ihm, was der Mutter seines Patensohnes bevorstand, und befahl ihm, den jungen Bertrand wohl auszustatten und mit ihm und der gefangenen Säugamme sowie mit des Abtes Schwester und ihrem Manne, die des Knaben Pflegeeltern waren, vor dem Herzog von Bretagne auf einen bestimmten Tag zu erscheinen. Der Knabe sollte sich vor seinem Gegenpart nicht fürchten, sondern herzhaft auf den falschen Zeugen losgehen und seine unschuldige Mutter erretten. Sobald es Tag geworden, erzählte der Prälat seinem Patensohne die Erscheinung, worüber beide neben großer Freude bitteres Herzeleid empfanden. Sie wußten jetzt, daß der junge Bertrand ein geborner Herzog sei, aber es machte ihnen auch großen Jammer, daß seine Mutter so unverschuldete Schande und Not zu dulden habe. Um so eifriger rüsteten sie sich zu dem bevorstehenden Kampfe, und befahlen die Herzogin dem Beschirmer der Unschuld in ihren Gebeten. * Allgemach kam der bestimmte Tag herbei, und in der Bretagne fand sich niemand, der sich gemeldet hätte, für die Herzogin zu kämpfen. Den Abend zuvor schickten daher die Richter ein altes Weib, das bisher der Gefangenen aufgewartet hatte, zu Hirlanda in den Kerker, mit dem Befehl, ihr anzusagen, daß sie am andern Tage sterben müsse. Das alte Weib kam ganz traurig ins Gefängnis, und beim Anblick ihrer Herrin entfuhr ihr ein Seufzer. Die Herzogin fragte ihre Magd, warum sie so traurig aussähe und was der Seufzer Böses bedeute. »Ach, gnädigste Frau«, sprach die Alte mit heißen Zähren, »ich habe die ganze Zeit Eurer Gefangenschaft herzliches Mitleid mit Euch getragen; jetzt aber will mir das Herz vor Kummer brechen. Denn ich komme auf Befehl der Richter hierher, Euch anzusagen, daß Ihr morgen des gräßlichsten Todes sterben und lebendig verbrannt werden sollet.« Hirlanda, als sie dieses hörte, schlug ihre Hände über dem Haupte zusammen und tat einen lauten Schrei, daß man es vor dem Kerker hören konnte. »O Gott«, rief sie, »womit habe ich mich an Dir versündigt, daß Du mich so hart heimsuchest? Ist es Dir nicht genug gewesen, daß ich sieben Jahre im Elend und in Knechtschaft leben sollte, muß ich auch noch zur Schande meines Namens und Geschlechts als Ehebrecherin lebendig in den Flammentod gehen? Sieh mein Elend an, mildreicher Vater! Du weißt ja, daß es mir unmöglich ist, solche Qualen auszustehen, und wenn Du mich nicht auf wunderbare Weise stärkest, so werde ich in der schweren Pein verzagen müssen.« Darauf fragte sie die Magd, ob denn keine Gnade für sie zu hoffen wäre. Das Weib antwortete: »Nein, es ist bis diese Stunde noch kein Kämpfer für Euch erschienen.« Da gedachte Hirlanda des Ritters d'Olive. »Dieser ist längst außer Landes«, erwiderte die alte Frau, »und Euer Ankläger gibt vor, er habe sich aus dem Staube gemacht, weil er mit Recht fürchte, es werde ihm ergehen wie Euch.« Da warf sich die Herzogin weinend auf die Knie und betete so lang und so inbrünstig, bis sie Trost vom Himmel in ihrem zerschlagenen Herzen empfand. Dann erbat sie sich als letzte Gunst einen Priester, dem sie beichtete. Und als die Beichte vorüber war, sprach sie mit starker Stimme: »Siehe, Herr! Hier ist mein schwacher Leib, der morgen verbrannt werden soll. Ich opfere ihn in deine göttlichen, barmherzigen Hände. Verleih mir Standhaftigkeit in meinem Leiden und nimm meinen entfliehenden Geist aus Gnade zur Seligkeit an!« * Kaum war der Tag angebrochen, so bereitete man sich von allen Seiten zu dem traurigen Schauspiel, das der Herzog den Bretagnern geben wollte. Die Stadt Rennes war zu diesem Jammer ausersehen, und eine unzählige Menge Volkes strömte dahin. Vor der Stadt auf einem ebenen Platze war eine große erhöhte Schaubühne errichtet, auf welcher der betörte Herzog und sein ganzer Hof zuschauen wollten. Nicht ferne davon war ein Scheiterhaufen aufgeschichtet und über ihn einige Bretter festgelegt und mit schwarzem Trauertuche bedeckt. Auf diesen Brettern stand ein schwarzer, samtner Sessel für den Beichtvater, der andere für den Scharfrichter. Vor Hirlandas Sessel befand sich ein schwarzgedeckter Tisch und auf diesem ein Kruzifix mit schwarzem Flor überzogen. Wer nur von ferne dieses Totengerüste erblickte, wurde im tiefsten Herzen erschüttert. Alles war fertig; der Herzog, seine Räte und seine obersten Diener saßen auf der hohen Bühne und harrten der verurteilten Herzogin. Da kam ein Trupp Kriegsknechte mit Trommeln und Heerpauken herangezogen, welche die unglückliche Hirlanda zum Richtplatze führten. Sie selbst ging in einem langen schwarzen Talar, das Angesicht mit einem Schleier bedeckt, der auf beiden Seiten vom Haupt bis auf die Füße herabwallte. Ihre Hände hatte sie kreuzweise über die Brust zusammengelegt, ihr Antlitz schamhaft gegen die Erde gesenkt. Zur rechten Seite ging der Beichtvater, ein Kreuz in der Hand tragend, zur andern sein Gehilfe, aus einem Buch Gebete für das Heil der Sterbenden lesend. Hinter ihr ging der Scharfrichter in stolzem Gewand und um ihn her eine Schar von Henkersknechten. Eine endlose Menge von Zuschauern folgt nach. Alle rührte die klägliche Gestalt der Herzogin. Und wer die Zähren durch ihren Schleier schimmern sah, dessen Augen blieben nicht trocken. So wurde denn das unschuldige Lamm zur Schlachtbank geführt, von dem Beichtvater und Henker auf den Scheiterhaufen begleitet und zwischen beide niedergesetzt. Da trat ein Herold hervor und rief mit gewaltiger Stimme: »Höret, ihr Adligen und ihr Unadligen! Höret, ihr Alten und ihr Jungen! Es wird Euch hiermit angekündigt, daß diese Hirlanda hier wegen vieler begangenen Schandtaten rechtmäßigerweise zum Tode verurteilt und zum Feuer verdammt worden. Dennoch ist ihr nach Gewohnheit des Landes die Gnade vergönnt, daß sich ein jeder ihres Lebens annehmen und sie von dem Tod erretten kann, wenn er mit dem Zeugen, der wider sie ausgesagt hat, kämpfen will und sich getraut, ihn zu überwinden. Darum, wer Hirlanda für unschuldig hält und Lust hat, ihr das Leben zu erhalten, der trete hervor und kämpfe mit Gottes Hilfe!« Nun waren in dem Kreise wohl viele, die gerne Hirlandas Unschuld verteidigt hätten, aber niemand war so kühn, sich wider den falschen Zeugen zu wagen. Dieser war sich zu sicher seiner Kunst und Stärke bewußt und jagte allen Zuschauern einen gewaltigen Schrecken ein. Er ritt einen mutigen, kohlschwarzen Rappen und war vom Haupte bis zu den Füßen mit einem blinkenden Harnisch bedeckt. Auf seinem Sturmhut trug er einen schwarzen Federbusch, einen großen Speer in der rechten, einen starken Schild in der linken Hand. Auf diesem Schilde führte er im Wappen einen goldenen Drachen auf schwarzem Felde, der ein silbernes Schaf im Rachen hielt, darunter war der Denkspruch geschrieben: »Ohne Gnade!« Dieser Verleumder ritt ganz hochmütig in dem Kreise auf und ab und rief mit lauter Stimme. »Wer ist's, der diese Ehebrecherin wider mich verteidigen will? Er trete hervor und zeige seine Stärke!« Da war unter der großen Menge niemand, der es wagte. Jetzt gab die erschrockene Fürstin ihr Leben verloren und begann an allen Gliedern ihres Leibes zu zittern. Sie stand von ihrem Sessel auf, fiel vor dem Kruzifix, das auf dem Tische stand, nieder und befahl weinend ihre Seele Gott. Dann erhob sie sich wieder, wandte sich zu dem umstehenden Volk und sprach von dem Scheiterhaufen herab: »Liebe Leute! Ich bezeuge vor Gott, daß ich des Verbrechens, das man mir aufbürdet, nicht schuldig bin. Ich will sterben zu Ehren desjenigen, der für mich am Kreuz gestorben ist, als arme Sünderin, aber nicht als Ehebrecherin. Ich verzeihe allen denen, die Ursache meines Todes sind, denn sie wissen nicht, was sie tun. Euch allen sage ich von Herzen gute Nacht; betet für meine Seele!« Nachdem sie dies gesprochen, gab ihr der Priester den Segen und verließ mit dem Scharfrichter den Scheiterhaufen. Alsdann fingen die Trompeter an zu blasen und gaben den Henkern das Zeichen, den Holzstoß anzuzünden. Wie nun die Trompeter mit vollem Atem bliesen und die Henkersknechte geschäftig waren, den Scheiterhaufen anzuzünden, da sah man eine Staubwolke in der Ferne sich erheben und immer näher kommen. Bald erkannte man einen Ritter, der dahergesprengt kam und dem in einiger Ferne mehrere Personen nachfolgten. Der Reiter drang mit Gewalt durch die dichten Volkshaufen in die Schranken hinein und tummelte sein Roß einige Male aufs schnellste im Kreise herum. Sein Pferd war so weiß wie der Schnee, die Tracht des Ritters lichtgrün, mit goldenen Blumen durchsät, sein Wappen ein silberner Hermelin in grünem Felde, darunter der Denkspruch: »Nichts kann mich beflecken.« Die Herzogin, die vor Angst und Schrecken schon halb tot war, wurde des Ritters gewahr. Wer aber wahres Mitleid mit ihr fühlte, den erfüllte seine frische Erscheinung mit großen Freuden. Einige meinten, es sei der Schutzengel der Fürstin; andere hielten ihn für den Ritter d'Olive, der seine eigene Ehre retten wollte. Als sie ihn jedoch näher ins Auge faßten, wurde den Freunden der Herzogin wieder bange, und sie zweifelten sehr an dem glücklichen Ausgange des Kampfes, denn der Jüngling war gar zart und schwach, der Edelmann dagegen ein geübter, beherzter, starker Ritter. Sobald der Jüngling in die Mitte des Planes eingeritten war, grüßte er mit allen Sitten den Herzog und den gesamten Adel und sprach mit heller Stimme: »Durchlauchtigster Fürst und Herr! Weil ich durch wahrhaftigen Bericht erfahren habe, daß Eure liebe Gemahlin fälschlich angeklagt und unschuldigerweise zum Tode verurteilt worden, so fühle ich mich verbunden, Leib und Leben zum Schutz ihrer Unschuld einzusetzen und wider ihren Verleumder den Ritterkampf zu wagen. Ich hoffe dadurch Gott und der Wahrheit zu dienen und Euer eigenes Fürstenhaus von einer Schmach zu befreien.« Der Herzog ließ sich dieses Anerbieten gefallen und sprach: »Dein Entschluß, junger Held, gefällt mir. Zeige dich tapfer und strebe nach dem Sieg. Aber sieh zu, was du tust; du bist jung und schwach, und dein Widersacher ist stark und wohlgeübt!« Der Ritter antwortete: »Was meine Kräfte nicht vermögen, wird die Gerechtigkeit meiner Sache ersetzen, denn ich bin gewiß, daß die Fürstin fälschlich verklagt worden ist.« Unterdessen war die Herzogin wieder zu sich selbst gekommen; sie ward inne, daß ein Verteidiger ihrer Unschuld sich eingefunden, und blickte den Ritter mit Verwunderung an; als sie aber sah, daß er noch so gar jung und zart war, wurde ihr todesangst, und sie rief im Grund ihres Herzens Gottes Hilfe für ihn an. Nun tummelte der junge Kavalier seinen schneeweißen Zelter noch einmal und rief laut, daß alles Volk es hören konnte: »Wo ist der verwegene Bösewicht, der es gewagt hat, die unschuldige Herzogin anzuklagen? Er komme hervor, ich will ihm mit Hilfe Gottes den Hals brechen!« Diese Schmachrede erbitterte den falschen Zeugen. Er sprengte hervor und rief: »Du Milchbart, wie darfst Du so kühn sein, diese Ehebrecherin zu rechtfertigen? Du sollst deine Vermessenheit teuer bezahlen; es wird mir wenig Mühe machen, Dich zum Henker heimzuschicken!« Darauf bliesen die Trompeten zum Kampfe, und beide Ritter spornten ihre Rosse und rannten mit den Speeren gegeneinander. Ihr Ungestüm war so groß, daß der Verräter halb, der junge Ritter aber ganz aus dem Sattel gehoben ward. Da erhub alles Volk seine Stimme, und alle Guten jammerten über das unschuldige Blut; die Herzogin selbst war nahe daran umzusinken; man sah sie beide Hände zum Himmel erheben und Gottes Beistand anflehen. Als nun der Jüngling auf der Erde lag, wollte der Verleumder vom Pferde springen und ihn mit dem Schwert durchstoßen. Kaum aber hatte er einen Fuß auf die Erde gesetzt, als man den jungen Ritter ebenso schnell auf sein Pferd springen sah, wie er davon gefallen war. Der falsche Zeuge jedoch faßte einen schnellen Entschluß; er stieß dem Pferd des jungen Helden sein Schwert mit solcher Gewalt und so tief in den Vorderleib, daß er es mit keiner Macht wieder herausziehen konnte. Da sprang der junge Ritter geschwind vom Rosse herab und brachte dem alten Bösewicht einen so gründlichen Schwertstich unter dem Halsringe bei, daß er plötzlich zu Boden fiel. Jetzt erhoben die Umstehenden vor Freuden ihre Stimme und riefen mit fröhlichem Mut: »Es lebe, es lebe Hirlanda!« Der Herzog aber fing an vor Freuden zu weinen; er glaubte fest, es sei ein Wunder von Gott, daß ein junges Kind einen geübten Ritter zu Boden werfe. Der Herzogin selbst war nicht anders zumut, als wenn sie aus dem Rachen des Todes hervorkäme und durch ein Wunder aus dem Grabe erweckt wäre. »Gepriesen sei der Gott der Christen, der mich vom Tod erlöset hat!« rief sie und streckte die Hände gen Himmel. Als der alte Sünder den tödlichen Streich empfangen, lästerte er Gott und den jungen Ritter und verfluchte Hirlanda samt Herrn d'Olive in den Abgrund der Hölle. Der tapfere Held aber stand ihm auf dem Leib und drohte ihn in Stücke zu zerhauen, wenn er die Wahrheit nicht aussagte. Da bekannte der Verräter, daß der Fürst Gerhard ihn angestiftet, seine Schwägerin fälschlich zu verklagen und ihren Ehegemahl wider sie aufzuhetzen. Er widerrief alles feierlich, was er je gegen die Fürstin und den Ritter d'Olive ausgesagt; mit diesen Worten verschied er. Der Fürst Gerhard, als er das Zeugnis gegen sich vernommen, sprang von der Schaubühne und wollte sich unter dem Volke verkriechen, um sich auf die Flucht zu machen. Aber der Herzog rief, man sollte ihn greifen und festhalten. * Nachdem der falsche Zeuge seinen Geist ausgehaucht, waren die Herolde alsbald beschäftigt, den glorreichen Sieger ihrer Fürstin mit großem Gepränge zuzuführen' Hirlanda hatte ein großes Verlangen, ihren Erretter zu sprechen und seinen Namen und Stamm kennenzulernen. Während nun der junge Ritter dem Scheiterhaufen nahte und das Gerüst hinaufstieg, wollte es Hirlanda dünken, der Hermelin des Helden sei eine Kunstarbeit ihrer Hände, ja sein ganzes Wappenzeug verglich sie mit den Windeln, die sie für die Geburt ihres ersten Kindes gemacht hatte. Ehe sie sich jedoch weiterbesinnen konnte, lag der Ritter vor ihr auf den Knien und sprach: »Durchlauchtige Fürstin; wenn ich Euch zu Diensten mein Leben gewagt, so war dies nur meine heiligste Pflicht, denn ich habe es von Euch empfangen. Ich bin Euer unglücklicher Sohn, der Euch so viel Schmerzen und Leid bereitet hat, jetzt aber halte ich mich für das glücklichste Kind unter der Sonne, weil mir Gott die Gnade verliehen hat, Euch das Leben zu erhalten. Ja, herzliebste Mutter, ich bin Euer erstgeborner Sohn Bertrand, durch Feinde Euch am Tage meiner Geburt entrissen, am heutigen Tage durch Gottes Schickung Euch wieder zugestellt!« Was Hirlanda im Herzen empfand, als sie diese Worte des Ritters vernahm, läßt sich nicht beschreiben. Sie konnte es nicht glauben, weil es ihr gar zu fremd vorkam; sie konnte es aber nicht leugnen, weil alle Zeichen dafür sprachen. Bertrand aber hieß sie nicht zweifeln, fiel ihr um den Hals und gab ihr einen Sohneskuß. Da umfing ihn die Mutter mit beiden Armen und war von Liebe so durchdrungen, daß sie kein Wort reden konnte. Ihre Antwort bestand in lauter Freudentränen, so daß sie durch ihren Zährenschleier den kaum mehr sah, den sie in den Armen hielt. Endlich brach sie in die Worte aus: »O herzliebster Sohn, o goldenes Kind! Bist Du es, den ich mit Schmerzen geboren, den ich mit so bitterem Herzeleid betrauert habe? 0 ich glückselige Mutter! Nun will ich gerne sterben, weil meine Augen den gesehen haben, nach dem meine Seele verlangt hat.« Der Herzog Artus und der ganze Hof sahen diesem Schauspiel mit höchster Verwunderung zu und konnten die Ursachen dieser öffentlichen Liebkosungen so lange nicht begreifen, bis Hirlanda ihrem Gemahl den jungen Ritter zeigte und nur die wenigen Worte zurief: »Herr! Sehet da Euren Sohn!« Bei diesen Worten erstarrte Artus. Als er aber seine Augen fest auf das Gesicht des Ritters heftete, so mußte er bekennen, daß sein Antlitz dem der Herzogin so ähnlich war, als ob es ihr eigenes wäre. Da konnte er nicht mehr zweifeln, obgleich er es nicht begriff. Inzwischen drang auch der Abt von Sankt Malo durch die Volkshaufen auf den Platz vor, redete den Herzog an und erzählte ihm, was sich mit seinem Sohn zugetragen; er stellte ihm seine Schwester als Erzieherin des Knaben vor und ließ ihm die gebundene Säugamme zum Zeugnis und Bekenntnis herbeiführen. Das armselige Weib warf sich der Herzogin zu Füßen, bekannte alles und flehete um Gnade, indem sie als Hauptschuldigen den Fürsten Gerhard angab. Nach diesem Zeugnis konnte der Herzog nicht mehr an der Wahrheit zweifeln; er stieg mit reumütigem Herzen von der Schaubühne herab, hieß seine Gemahlin vom Scheiterhaufen herunterkommen, ging ihr entgegen und sprach zu ihr demütig: »Durchlauchtige Fürstin, ich wage es kaum, die Augen gegen Euch aufzuschlagen, viel weniger Euch meine Gemahlin zu nennen. Ich habe wider Gott und Euch gesündigt und bin nicht würdig, von Euch Vergebung zu erlangen. Verzeihet mir um unseres Sohnes willen, den Gott uns heute zur Freude unseres Herzens beschert hat.« Hirlanda ließ den Herzog nicht ausreden, sondern reichte ihm liebreich ihre Hand und sprach: »Ja, um Gottes und unseres lieben Sohnes willen verzeihe ich Euch alles Übel, das Ihr mir zugefügt habt. Gedenke der gerechte Gott desselben so wenig, als ich daran denken will!« Der Herzog dankte ihr mit erleichtertem Herzen, wandte sich darauf zu seinem Sohn, fiel ihm um den Hals und hieß ihn willkommen. Auch die Mutter neigte sich auf das Haupt ihres Kindes und weinte so süße Zähren, daß sie ihm sein weiches Haar durch und durch befeuchtete. Alle Umstehenden, die zu einem ganz anderen Schauspiel gekommen waren, weideten sich an diesem Anblicke. Hierauf bewillkommnete der Herzog auch den Abt, dankte ihm tausendmal für die Bewahrung seines Sohnes und ließ seine Schwester fürstliche Gnade genießen. Auch der Säugamme wurde auf des Abtes Fürbitt verziehen, weil sie vierzehn Jahre in Angst und Buße zugebracht hatte. Endlich wurde auf Befehl des Herzogs auch der Fürst Gerhard herbeigeführt, der vor Scham seine Augen nicht aufzuschlagen, viel weniger bei seinem Bruder um Gnade zu flehen wagte. Ihn allein sah der Herzog mit zornigen Augen an und hielt ihm mit erbittertem Gemüte alle seine Missetaten vor. »Deine Verbrechen«, sprach er, »rufen vor Gott und der Welt um Rache, und es ist keine Pein zu erdenken, die Deiner Bosheit gleichkäme! Verstümmelt sollst Du werden und auf ewig in demselben Gefängnisse schmachten, in welchem meine unschuldige Gemahlin gelegen!« Die Herzogin suchte dieses strenge Urteil zu mildern und brachte zur Entschuldigung ihres Schwagers vor, was sie konnte. Aber der erzürnte Herzog ließ sich nicht besänftigen und wollte das gefällte Urteil auf keine Weise mildern. Gerhard ward dem Henker, der noch auf der Stelle war, übergeben, vor allem Volk an Händen und Füßen verstümmelt und durch die Henkersknechte schimpflich in den Kerker geschleppt. In dem ganzen Lande war Freude, und ein allgemeines Fest wurde gefeiert. Der Herzog und Hirlanda, der junge Fürst Bertrand und der ganze Adel zogen in voller Pracht und Herrlichkeit in die Hauptstadt des Landes ein. Aber der Herzog ward still im Gemüte, zog sich vom Regimente des Landes zurück und führte, nachdem er seinem jungen Sohn Bertrand die Grafschaft übergeben, mit seiner Gemahlin ein einsames, doch glückliches Leben. Im ganzen Lande trauerte niemand als der boshafte Gerhard, welcher, der allgemeinen Freude beraubt, in bittern Schmerzen in seinem Gefängnisse lag und Zeit hatte, seine schweren Missetaten einzusehen und zu bereuen. Doch währte seine peinliche Gefangenschaft nicht lange mehr. Leibliche Qualen, Hunger und Kummer zehrten an ihm, und in kurzem geriet er in Sterbensgefahr. Wie ihm nun sein Ende bevorstand, ließ er die fromme Herzogin flehentlich ersuchen, sie möchte ihm um des gekreuzigten Jesu willen seine große Mißhandlung verzeihen. Auf diese Bitte begab sich die fromme Fürstin selbst in den Kerker, begrüßte ihren sterbenden Schwager freundlich und bemühte sich, ihn in den letzten Nöten zu trösten. Sie sagte ihm, daß sie alles Unrecht, das er ihr angetan, ihm von ganzem Herzen verzeihe. Sie blieb beständig bei ihm, erquickte ihn mit geistlichem Trost in seinen Todesängsten und schied nicht eher von ihm, als bis sie ihm mit eigenen Händen die Augen zugeschlossen und über dem Toten schmerzliche Tränen geweint hatte. * Diese denkwürdige Geschichte ist für arme Frauen geschrieben, die von ihren Männern Übles zu leiden haben. So schlimm wird es schwerlich einem Weibe gehen, wie es der frommen Herzogin Hirlanda ergangen ist, und doch sind die meisten Weiber viel ungeduldiger in ihren kleinen Trübsalen, als es Hirlanda in so großem Jammer gewesen ist. Und hier können sie nicht sagen: »Hirlanda war eine Heilige, darum hatte sie es leicht, in ihrem Kreuze geduldig zu sein!« Nein, Hirlanda war nicht heilig, sie war ebensowohl eine arme Sünderin, als es andere Frauen auch sind. Daß sie in ihren großen Verfolgungen so standhaft geblieben, kam besonders daher, daß sie der Ungeduld großen Widerstand leistete, in ihren vielen Widerwärtigkeiten getreulich die Hilfe Gottes anrief und sich dem Willen des Allerhöchsten vollkommen übergab. Wenn alle unschuldig Verfolgten getreulich diesem Muster nachfolgen wollten, so würden sie auch die göttliche Hilfe ebenso gegenwärtig empfinden wie Hirlanda und durch zeitliches Leiden ewige Freude erwerben. Genovefa Zu den Frauen, die von ihren Männern unschuldig verfolgt worden sind, gehört auch die tugendreiche und geduldige Genovefa, deren Schicksal ebenso traurig, wie die Erzählung anmutig ist. Diese Geschichte hat sich zur Zeit des Bischofs Hidulfus von Trier zugetragen. Damals lebte im trierischen Lande ein vornehmer Graf namens Siegfried, der mit Genovefa, der reichen und tugendhaften Tochter des Herzogs von Brabant, vermählt war. Das junge Ehepaar lebte in inniger Liebe und Freundschaft zusammen. Es war zur Zeit, als der Mohrenkönig Aberofam mit großer Macht in Spanien einfiel. Nachdem er das Land verheert hatte, wollte er auch in Frankreich einbrechen. Als Martell, der König in Frankreich, die große Gefahr sah, befahl er allen Fürsten und Grafen seines Landes, ihm Hilfe zu leisten und gegen den Mohrenkönig zu kämpfen. Weil aber das Gebiet von Trier zum Frankenreich gehörte, mußte auch der Graf Siegfried ins Feld ziehen. Als er sich mit den Seinigen zum Feldzug rüstete und von seiner Gemahlin Abschied nehmen wollte, wurde die Gräfin von solchem Schmerz ergriffen, daß sie mit ihren bitteren Tränen alle, die zugegen waren, zum Mitleid bewegte. Ja, als ihr der Graf die Hand gab und das letzte Lebewohl sagte, überkam sie ein solches Herzeleid, daß sie vor Ohnmacht halb tot zu Boden sank. Der Graf suchte sie zu trösten, aber alle seine Worte waren vergebens. Endlich befahl er sie dem Schutz der Heiligen Jungfrau Maria. Er sprach: »Auch bleibt bei Euch mein getreuester Diener, der Golo, er wird Euch in meinem Namen aufs beste dienen und für Euch sorgen.« Genovefa konnte vor Tränen kein Wort reden, sondern fiel wieder in die Arme ihrer Dienerinnen. Voll Schmerz wandte sich der Graf Siegfried von ihr ab und ritt davon, ohne weiteren Abschied zu nehmen. Der Graf Siegfried kam mit seiner Schar rechtzeitig im königlichen Lager an, in dem alle Fürsten und Herren sich allmählich versammelt hatten. Bald zog König Martell mit 60 000 Mann Fußvolk und 12 000 Reitern gegen das Lager der Barbaren, die wohl viermal stärker waren. Dennoch verlieh ihm Gott großes Glück, und seine Krieger schlugen so tapfer auf den Feind ein, daß an die 100 000 Mohren auf dem Platze blieben, während die Christen nur wenig tausend Krieger verloren. Die übriggebliebenen Feinde samt ihrem König flohen in die Stadt Ageon, und sie wehrten sich darin so tapfer, daß die Christen sie dort lange belagern mußten. Dadurch geschah es, daß auch Graf Siegfried länger ausbleiben mußte, als er angenommen hatte, so daß sich seine Rückreise über ein ganzes Jahr verschob. Die Gräfin wurde über sein langes Ausbleiben immer betrübter und hatte keinen anderen Trost in der Welt als Gott und das Gebet. Sie führte ein frommes Leben und hielt auch alle ihre Diener dazu an. Aber der leidige Satan, dem ihre Tugend zuwider war, sann auf jede Weise, wie er sie stürzen und wenigstens vor der Welt zu Schaden bringen könnte. Dies suchte er durch folgendes Mittel zu vollbringen: Der Graf hatte bei seiner Abreise seine geliebte Frau Genovefa dem Hofmeister Golo anempfohlen, der täglich um sie war und sie bediente. Da entzündete der Böse das Herz dieses jungen Dieners mit einer unlauteren Liebe zu seiner Gebieterin und erfüllte ihn mit solcher Begehrlichkeit, daß er endlich nicht länger schweigen konnte, sondern auf allerlei Weise anfing, der Gräfin seine bösen Gedanken zu offenbaren. Als die Gräfin dies bemerkte, sprach sie mit zornigen Worten zu ihm: »Schämst du dich nicht, leichtfertiger Diener, solche Gedanken zu haben? Und ist dies die Treue, die du deinem Herrn versprochen hast, ist das der Dank, den du ihm für seine Liebe erweist? Wenn dich dein Torheit nicht gereuen soll, so wage nicht mehr, von solchen Dingen zu mir zu reden.« Der gottlose Golo erschrak über diese Antwort und wagte lange kein zudringliches Wort mehr. Die fromme Genovefa aber glaubte, er hätte seine bösen Gedanken von sich gewiesen und fing wieder an, freundlicher mit ihm umzugehen. Da wurde seine sündige Neigung durch den täglichen Umgang von neuem entflammt. Als sie einst ihr eigenes Bild beschaute, das sie für den Grafen hatte malen lassen, und Golo zufällig hinzukam, fragte ihn die Gräfin, ob er meine, daß diesem schönen Gemälde noch etwas fehle. Da sprach er mit wilder Gier: »Gräfin, diesem Bilde kommt nichts an Schönheit gleich, und doch fehlt ihm eins, nämlich, daß es nicht lebend und mir zu eigen ist.« Bei diesen frechen Worten stieg der Gräfin der rote Zorn ins Angesicht und sie schalt ihn so streng, daß er ganz beschämt davonging. Doch vermochte dieser Tadel das Feuer der Leidenschaft in seinem Herzen nicht auszulöschen. Als einst die Gräfin nach dem Abendmahl allein im Schloßgarten wandelte, trat er ihr immer näher, schmeichelte ihr mit den süßesten Worten und gab ihr endlich deutlich zu verstehen, daß er von großem Liebesbrand verzehrt werde und vor der Zeit sterben müßte, wenn seine Glut keine Gegenliebe fände. Über solch offene Worte wurde die Gräfin mehr als bisher entrüstet und schwur ernstlich, wenn er noch ein einziges Mal Ähnliches verlangen würde, so werde sie unwiderruflich dies ihrem Herrn und Gemahl berichten. Jetzt merkte Golo freilich, daß er keine Hoffnung habe, sein Ziel zu erreichen. Darum verkehrte sich seine Liebe in grimmigen Hass, und sein einziger Wunsch war, sich an der Gräfin zu rächen. Er lauerte auf all ihr Tun und Lassen und entdeckte endlich, daß sie eine besondere Zuneigung für Drago, einen ihrer Köche, zeigte, weil er in aller seiner Einfalt ein frommer Mann war. Diesem Menschen war die Gräfin mehr gewogen als allen anderen Hofdienern. Sooft sie an ihm vorüberging, redete sie ihn an, und wo sie ihm einen Gefallen tun oder ihn in einer Widerwärtigkeit trösten konnte, tat sie es von Herzen gern. Golo aber legte diese Nächstenliebe nach seiner wilden Liebe aus und fand darin den rechten Grund, seine Gebieterin zu verklagen. Zuerst sagte er zu wiederholtem Male vertrauten Freunden, daß ihm das liebreiche Betragen der Gräfin gegen den Koch sehr verdächtig vorkomme, und daß er fürchte, es würde zu einem üblen Ende ausschlagen. Er bat sie auch, etwas genauer achtzugeben und die Freundlichkeiten der Gräfin zu beobachten. Sie würden dann selbst sehen, was von dieser Vertraulichkeit zu denken sei. Mit solchen Worten wußte er die Tugend der Gräfin bei einigen Dienern zu verdächtigen und erreichte, daß er endlich einige auf seine Seite brachte. Einstmals sagte er dem Koch, die Gräfin, die damals gerade allein auf ihrem Zimmer war, wünsche ihn zu sprechen. Der ehrliche Mensch glaubte dies und eilte zu Genovefa. Da kam Golo herbei, überraschte den Koch bei der Gräfin und verließ, ohne ein Wort zu sprechen, wieder das Zimmer. Ihm folgte der Koch auf dem Fuße, als er gehört hatte, daß die Gräfin ihn nicht gerufen hätte. Sogleich berief Golo seine Vertrauten und klagte ihnen mit erheucheltem Zorn, daß er den Koch bei der Gräfin im Gemach angetroffen habe. Er sagte: »Meine lieben Freunde, was ist dagegen zu tun? Wenn wir dem Übel nicht abhelfen, wird ein größeres daraus werden, und wir werden bei der Rückkehr unseres Herrn nicht bestehen können. Ich bin gewiß, der elende Koch hat unsere Herrin verzaubert und ihr einen Liebestrank unter die Speisen gemischt. Deswegen kann sie nicht von ihm lassen, wenn es sie auch Ehre und Leben kosten sollte. Darum ist es wohl ratsam, daß man den Koch ins Gefängnis wirft, die Gräfin aber so gut beaufsichtigt, daß ihr der Zugang zu dem Menschen versperrt ist.« Die Freunde erwiderten dem Hofmeister, weil der Graf ihm die Sorge für die Gräfin aufgetragen habe, so solle er tun, was ihm am besten erscheine. Hierauf ließ Golo den Koch rufen, fuhr ihn mit rauhen Worten an und warf ihm vor, daß er die Gräfin verzaubert und ihr Liebespulver in die Speisen gemischt habe. Darum verdiene er, in Eisen geschmiedet und in den tiefsten Turm geworfen zu werden. Vergebens schwur der erschrockene Drago, daß er eine solche Sünde nie getan habe. Er rief Himmel und Erde als Zeugen an, daß ihm niemals in den Sinn gekommen sei, sich so schändlich an seinem Herrn zu versündigen. Trotzdem wurde er in Bande und Kerker geworfen und ging nicht eher daraus hervor, als bis man ihn tot hinaustrug. Mit dieser Grausamkeit war der ruchlose Golo noch nicht zufrieden, sondern stürmte mit einigen seiner Helfershelfer in das Zimmer der Gräfin und rief ihr zu, daß er ihrer verdächtigen Gemeinschaft mit dem Koch Drago nun genug zugesehen habe und dieses Ärgernis nicht länger dulden könne, wenn er vor seinem Herrn bestehen wollte. Darum sollte auch sie, die die Ehe gebrochen habe, dafür im Gefängnis so lange büßen, bis der Graf sein eigenes Urteil gesprochen habe. So wurde die Gräfin vom treulosen Diener Golo, der sie beschützen sollte, nur deshalb als Gefangene in einen festen Turm eingeschlossen, weil sie ihre Unschuld verteidigte. Genovefa klagte den einsamen Kerkerwänden ihre Unschuld, und die Engel trugen ihre Wehrufe vor Gottes Thron. Niemand besuchte sie in dem finsteren Turm als die Amme des bösen Hofmeisters, die der gefangenen Gräfin täglich eine geringe Menge Nahrung brachte. Endlich erschien auch Golo selbst mehrere Male und wandte alle Mittel an, das reine Herz seiner unlauteren Liebe geneigter zu machen. Er drang mit guten und bösen Worten in sie, er lockte mit Verheißungen und schreckte mit Drohungen. Er schmeichelte ihr als ein erfahrener Liebhaber, und doch richtete er mit allem nichts weiter aus, als die Gräfin immer standhafter zu machen. Als er nun einst gar seinen Arm um sie legen wollte stieß sie ihn mit starker Hand von sich und sprach zu ihm: »Du Bösewicht, ist es dir nicht genug, daß du mich unschuldig in den Kerker geworfen hast, willst du mich auch noch um meine Ehre und meine Seligkeit bringen? Doch sei versichert, daß du dich in mir getäuscht hast. Ich bin bereit, lieber tausendmal zu sterben, als das Geringste wider meine Ehre und meine Frauenunschuld zu begehen.« Durch diese Sprache hätte Golo endlich abgeschreckt sein müssen, dennoch gab er seine Hoffnungen nicht auf, sondern versprach seiner Amme einen hohen Lohn, wenn sie etwas bei der Gräfin ausrichten könnte. Das lose Weib lag nun der Gefangenen in den Ohren, sooft es ihr Speise brachte. Es meinte, sie solle dem Hofmeister doch wenigstens freundliche Worte schenken, um aus ihrer Gefangenschaft herauszukommen oder zum mindesten mit besserer Nahrung versorgt zu werden. Aber die standhafte Frau war entschlossen, lieber im Kerker zu verhungern, als ihren Gott zu erzürnen und ihr Gewissen zu beflecken. Inzwischen nahte die Zeit ihrer Entbindung heran, und die geängstigte Frau bat ihre Aufwärterin, ihr doch nur ein paar Frauen zu beschaffen, die ihr bei der ersten Geburt beistehen könnten. Das boshafte Weib schlug ihr aber nicht nur dieses aus, sondern gab ihr nicht einmal eine Windel für das Kind. So war Genovefa in der Stunde der Geburt ganz verlassen. Sie bekam einen schönen, kräftigen Sohn und wickelte ihn in ein Handtuch, weil sie keine Windeln hatte. Nun bat sie inständig, daß man das arme Kind zur heiligen Taufe tragen möge. Weil ihr aber auch dieses verweigert wurde, taufte sie es selbst und gab ihm den Namen Schmerzenreich. Darauf nahm sie es auf ihre Arme, drückte es an ihr Herz, begoß es mit ihren Tränen und sprach voll Mitleid: »Ach, du mein armes Kind, du mein einziger Schatz! Mit Recht nenne ich dich Schmerzenreich, denn mit Schmerzen habe ich dich unter dem Herzen getragen und mit Schmerzen geboren, aber mit noch größeren Schmerzen werde ich dich erziehen. Mit unsäglichem Schmerz werde ich dich verschmachten sehen, denn aus Mangel an Nahrung werde ich dich nicht sättigen können. Ich habe ja kaum selbst soviel, mein Leben zu erhalten. Du armer Schmerzenreich, du unglückseliges Kind!« Die von Golo angestellte Wärterin brachte ihm inzwischen die Nachricht, daß von nun an zwei Gefangene im Kerker seien, daß die arme Gräfin vor Herzeleid fast verschmachte und daß ihr wohl eine bessere Nahrung zu gönnen sei, damit sie sich und das arme Kind ernähren könne. Aber der unbarmherzige Mann hatte weniger Mitleid mit der trostlosen jungen Mutter als mit seinem Hund, der Junge geworfen hatte. Er hoffte durch dieses äußerste Elend sie zu seiner Liebe zu zwingen. Doch damit sie nicht ganz verschmachte, ließ er ihr etwas mehr Brot geben als zuvor, sonst aber neben dem Wasser gar nichts weiter, und anstatt des Trostes speiste der Unmensch sie mit Schmähworten. Von all dem, was vorgegangen war, hatte der Graf Siegfried noch nichts vernommen, denn aus Furcht vor dem Hofmeister wagte niemand aus dem Schloß, ihm etwas davon zu schreiben. Seine Abwesenheit verzögerte sich auch noch länger, als er gehofft hatte, weil er vor Ageon eine Wunde erhielt, die nur langsam hellte. Golo aber wollte die Mißhandlung bei ihm rechtfertigen. Er sandte zwei Monate nach Genovefas Niederkunft einen Diener ab, der dem Grafen die Botschaft von allem, was sich ereignet hatte, überbringen sollte. Der Inhalt des Briefes, den er an den Grafen schrieb, lautete: »Gnädiger Herr! Wenn ich nicht fürchtete, Euch zu belügen, so wollte ich Euer Gnaden eine Sache, die ich mit vielem Fleiß geheimzuhalten suche, in diesem Brieflein offenbaren. Alle Hausgenossen und insbesondere der Überbringer dieses Schreibens haben sich mit mir die äußerste Mühe gegeben, ein großes Unheil zu verhüten. Dennoch ist alle meine Aufsicht durch die List der Boshaften hintergangen worden. Dafür brauche ich kein anderes Zeugnis, als das, welches mir alle Schloßbewohner geben können, wodurch hoffentlich meine Treue außer Zweifel gesetzt und mein Diensteifer bestätigt werden wird. Belieben dafür Euer Gnaden von dem Boten, den ich sende, ausführlichen Bericht anzuhören und seinen Erzählungen vollen Glauben zu schenken. Ich bitte, mir durch den Diener Eure Befehle kundzutun, wie ich mich in dieser schweren Sache verhalten solle.« Diesen Brief erhielt der Graf gerade damals, als er in einer Stadt in Languedoc die Wunde, die er erhalten hatte, heilen ließ. Er wurde durch diese Nachricht so entrüstet und verstört, daß seine Wunde sich verschlimmerte. Der Diener erzählte ihm nämlich ausführlich, was für eine verdächtige Gemeinschaft die Gräfin mit dem Koch die ganze Zeit über gehabt und wie der Hofmeister sie allein mit ihm in ihrer Kammer überrascht habe. Weil sie nun beide trotz mehrmaliger Ermahnung nicht voneinander lassen wollten, so habe sich der Hofmeister genötigt gesehen, sie voneinander zu trennen und in zwei verschiedene Gefängnisse sperren zu lassen. Hier im Kerker habe sie einen Sohn geboren. Jedermann im Schloß wisse, wessen Kind es sei. Der Graf fragte, zu welcher Zeit die Gräfin das Kind geboren habe. Da log der Diener, es sei erst ein Monat verflossen, obwohl sie es schon vor zwei Monaten geboren hatte. Der Graf fing an zu rasen, als wollte er wahnsinnig werden und lästerte die Gräfin samt dem Koch Drago, als ob sie die schlimmste Ehebrecherin wäre. Er sprach: »Du verruchtes Weib, sollst du die versprochene Treue so schändlich brechen? Und stellst dich bei mir an, als ob du ganz heilig wärst!« In solchen Worten machte er seinem Zorn Luft, und nachdem er sich lange besonnen, auf welche Weise er den begangenen Ehebruch bestrafen wollte, schickte er den Diener mit dem ausdrücklichen Befehl zurück, Golo solle die Gräfin so eng einschließen, daß niemand mit ihr reden noch zu ihr kommen könne. Den ehebrecherischen Koch solle er aber mit der Marter hinrichten lassen, die seine Missetat verdient habe. Mit diesem ungerechten Befehl eilte der Bote nach Hause, und Golo belohnte ihn zum Dank dafür, daß er seinen Auftrag so treulich ausgerichtet hatte. Damit nun die Hinrichtung Dragos kein Aufsehen errege, ließ er dem armen, unschuldigen Koch Gift in seine Speisen mengen. Als er daran jämmerlich gestorben war, mußte man ihn samt den Ketten, in denen er gefangen lag, in einer abgelegenen Grube beerdigen. Die Gräfin brauchte aber nicht enger eingeschlossen zu werden, weil ja von Anfang an niemand als Golo und seine falsche Amme zu ihr gekommen waren. Und doch war der Bösewicht mit dieser grausamen Behandlung noch nicht zufrieden, denn er fürchtete immer, seine List und Falschheit könnten durch Genovefa einmal an den Tag kommen. Auch fehlte es nicht an Leuten im Schloß, die über die ungerechte Hinrichtung des Kochs und die schwere Gefangenschaft der Gräfin aufgebracht waren. Dazu lief die Nachricht ein, daß der Graf Siegfried vom König in Frankreich seinen Abschied erhalten habe und bereits auf der Rückreise sei. Als Golo dies hörte, überlief ihn kalter Schweiß. Er mußte sich schnell besinnen, was in dieser schlimmen Lage anzufangen sei. Deswegen setzte er sich eilends zu Pferd und ritt seinem Herrn entgegen, aber er traf ihn erst in Straßburg. In dieser Stadt wohnte eine alte Frau, die sich mit einem Schein von Heiligkeit umgeben hatte und für eine gottselige Matrone gehalten wurde. Sie war die Schwester der Amme Golos, daher kannte sie ihn seit vielen Jahren. Zu ihr begab sich der Bösewicht, ehe er zu seinem Herrn ging, und erzählte ihr den ganzen Verlauf der Sache. Zugleich verlangte er von ihr, sie sollte gestatten, daß er den Grafen gegen Abend zu ihr brächte, da sollte sie ihm durch Gaukelei vorspiegeln, daß er glaube, die Gräfin habe mit dem Koch gesündigt. Dafür gab er ihr ein Stück Geld. Dann ritt er zum Grafen, ihn zu bewillkommnen. Nach Gruß und Gegengruß nahm ihn sein Herr beiseite und forderte vollständigen Bericht über den bösen Zustand, in dem sich sein Haus befand. Der listige Golo stellte sich, als könnte er vor Leid kaum reden, und falsche Zähren gaben seinen Lügen einen Schein von Wahrheit. Er erzählte lang und breit, was seine Bosheit der frommen Gräfin angedichtet hatte, und belegte dies mit so wohl ausgesponnenen Beweisen, daß der gute Graf glaubte, es müsse alles wahr sein. Golo setzte auch hinzu, daß er den Koch ohne öffentlichen Prozeß habe hinrichten lassen, damit die Schande der Gräfin verborgen bleibe. Der Graf hörte alles in tiefem Kummer an und verlangte immer wieder neue Beweise. Als nun der Falsche merkte, daß seinem Herrn Zweifel aufstiegen, und er fürchtete, in seinen eigenen Worten gefangen zu werden, sprach er zu ihm: »Gnädiger Herr, solltet Ihr etwa gegen meine Worte Mißtrauen hegen, so ist in dieser Stadt eine ehrwürdige Frau, die wegen ihrer Gabe berühmt ist, verborgene Dinge zu offenbaren. Wenn ihr sie eingehend befragen wollt, so würdet ihr durch gewiß vollständig von dem Verlauf der Sache unterrichtet werden.« Siegfried ließ sich den Vorschlag gefallen und ging mit einbrechender Nacht, von seinem Hofmeister begleitet, zu der Betrügerin. Ihr erzählte er offen, daß er einen Verdacht gegen seine Gemahlin hege, und bat sie, vermöge ihrer Einsicht in die verborgenen Dinge, ihm zu entdecken, was sich zwischen der Gräfin und dem Koch zugetragen habe. Die Frau erwiderte mit erheuchelter Demut, sie sei keine Heilige; soviel jedoch Gott ihr in dieser Sache offenbarte, würde sie gern aufdecken. Dann führte sie beide Männer in einen dunklen Keller hinab, in dem ein grünes Licht brannte, das einen schwachen Schein von sich gab. Hier beschrieb sie mit einem kleinen Stab zwei Kreise auf dem Boden und stellte den Grafen in deren Mitte. Hierauf warf sie einen Spiegel in ein Geschirr voll Wasser und murmelte darüber so ungewöhnliche Worte, daß den Grafen ein Schauer ankam und ihm die Haare zu Berge standen. Danach drehte sie sich dreimal vor dem Geschirr um, hauchte dreimal hinein, rührte es mit den Händen um und sprach einen wunderlichen, zauberischen Segen darüber. Auf ihr Geheiß blickte jetzt der Graf in das Wasser. Da glaubte er in dem Spiegel die Gestalten zweier Personen zu entdecken, die zärtlich miteinander sprachen. Je länger er hineinblickte, desto mehr schien ihm, als gliche die Frau seiner Gemahlin Genovefa, die einen Mann mit lächelndem Angesicht liebkoste, und es schien ihm, als wäre der Mann sein Koch Drago. Doch sagte der Graf noch mit freundlichen Worten: »Ich erblicke nichts Unrechtes.« Die Zauberin sprach: »Gut, wir wollen weiter sehen, ob es Gott gefällt, uns mehr zu zeigen.« Sie wiederholte dann die vorigen Zeremonien und hieß den Grafen abermals ins Wasser schauen. Da wurde ihm vorgegaukelt, wie die Gräfin mit ihren Händen die Wangen des Kochs liebkoste und ihn küßte. Darüber wurde der Graf schamrot und wartete mit Angst, was zum drittenmal in dem Spiegel erscheinen würde. Als er nun nach denselben Zeremonien zum letzten Mal in das Wasser sah, wurde ihm zu seinem Entsetzen vorgespiegelt, daß der Koch mit seiner Gemahlin schändlich sündigte. Da kochte das Herz des Grafen vor Rachgier. Er rief seinem Hofmeister zu: »Golo, reite voran und laß die Ehebrecherin samt dem Kinde eines schimpflichen Todes sterben! Ich will sie nicht mehr lebend treffen, wenn ich ankomme.« Wer war froher denn der rachgierige Golo, als er diesen Befehl vernahm? Er flog auf seinem Ross nach Hause, besprach sich schnell mit der Amme und teilte ihr im geheimsten Vertrauen das Todesurteil mit. Doch sollte sie keinen Menschen etwas davon wissen lassen, damit unter den Freunden der Gräfin und im Schloß kein Aufruhr entstünde. Als Golo dies seiner Amme anvertraute, war die kleine Enkeltochter der Frau in der Stube, vor der sich beide wenig in acht nahmen. Nun war das Mädchen wohl noch ganz klein, aber klug und der Gräfin, die es vom Hörensagen kannte und bemitleidete, mehr zugetan als seiner boshaften Großmutter. Dies Mägdlein schlüpfte sogleich zum Kerker, stellte sich vor das kleine Fenster, durch das der Gräfin Brot und Wasser hineingereicht wurde, und weinte so bitterlich, daß Genovefa es hörte und darüber erschrocken ans Fenster kam. Sie fragte das Mädchen mit freundlicher Stimme, warum es so weine. Da antwortete das Kind: »Gnädige Frau, Euer großes Elend treibt mir diese Zähren aus den Augen, denn es ist mit Eurem Leben aus. Golo hat von unserem Herrn Befehl erhalten, Euch hinzurichten.« Die Gräfin dachte nicht an sich, sondern nur an ihren Schmerzenreich. Sie fragte: »Und wie wird es meinem Kinde gehen?« Das Mädchen erwiderte schluchzend: »Nicht besser als Euch!« Jetzt erschrak die arme Gräfin so, daß sie fast in Ohnmacht sank. Als sie wieder zur Besinnung gekommen war, fing sie an zu weinen und zu beten. Sie rief: »Ach, mein Gott, hilf mir! Bewahre mein Kind und mich vor dem grimmigen Tode!« Dann sprach sie zum Mägdelein: »Mein liebes Kind, geh schnell in mein Zimmer und bring mir Papier, Feder und Tinte. Für deine Mühe nimm dir von meinen Kleinodien, soviel du willst. Da hast du den Schlüssel zu allem.« Das Mädchen brachte das Verlangte, und nun schrieb Genovefa einen Brief folgenden Inhalts: »Gnädiger Herr, herzgeliebter Gemahl! Da mir zu Ohren gekommen ist, daß ich auf Euren Befehl sterben soll, so wollte ich Euch mit diesen Zeilen noch Lebewohl sagen und einen freundlichen Abschied von Euch nehmen. Ich will gerne sterben, wenn Ihr es befehlt, obgleich es mich bitter kränkt, daß Ihr mich, die Unschuldige, zum Tode verurteilt. Die Ursache, weshalb ich sterben muß, ist die, daß ich meine Euch gelobte Treue nicht brechen und dem schändlichen Hofmeister Golo nicht willfahren wollte. Doch messe ich Euch, meinem Herrn, keine andere Schuld zu, als daß Ihr meinen Anklägern zu leichten Glauben geschenkt und mir zur Verantwortung keine Gelegenheit gegönnt habt. So kann ich nur vor Gott bezeugen, vor dessen strengem Gesicht ich morgen schon erscheinen werde, daß ich mein Leben lang an keinen anderen Mann gedacht habe als an Euch. Mein Trost bleibt, daß dereinst ein Tag aufgehen wird, an dem meine Unschuld ans Licht kommen und die Falschheit meiner Ankläger offenbar werden wird. Lebt wohl, gnädiger Herr, liebster Freund! Ich verzeihe Euch von Herzen, ja, nach meinem Tode will ich Gott bitten, daß mein unschuldiges Blut keine Rache über Euch und über meine Ankläger schreie. Dies schreibe ich mit zitternden Händen und tränenden Augen, denn in meinem Herzen wohnt der Tod und erfüllt mich mit Schrecken. Eure bis in den Tod getreue und um der Treue willen zum Tod verdammte Genovefa.« Diesen Brief gab sie dem Mägdelein, daß es ihn heimlich in das Gemach der Gräfin legen und keinem Menschen davon sagen sollte. Die ganze folgende Nacht verbrachte sie im Gebet und befahl Gott ihren schweren Seelenkampf und bevorstehenden Tod. In aller Frühe des nächsten Morgens berief Golo zwei seiner treuesten Diener und eröffnete ihnen den Befehl seines Herrn. Er hieß sie deshalb die Gräfin mit dem Kind in einen Wald hinausführen, dort töten und zum Zeichen des vollbrachten Befehls ihre ausgestochenen Augen mitbringen. Wenn sie dies tun würden, wollte er ihre Treue reichlich belohnen, widrigenfalls sie mit Weib und Kindern umbringen lassen. Die Diener unterwarfen sich dem Befehl und gingen alsbald zur Gräfin Genovefa ins Gefängnis. Hier legten sie ihr ein schlechtes Kleid an, bedeckten ihr Angesicht, damit man sie nicht erkennen sollte, und befahlen ihr, in tiefster Stille ihnen zu folgen. Da ging die arme Genovefa wie ein unschuldiges Schaf zur Schlachtbank und tat ihren Mund nicht auf, um sich mit einem einzigen Wörtlein zu beklagen. Sie trug ihr kleines Lamm, ihr Söhnlein, auf dem Arm und drückte es ohne Unterlaß an ihr Herz und flüsterte über ihm: »Ach, du mein herzliebstes Engelein, dürfte ich dich nur so lang noch auf meinen Armen tragen, als ich dich unter meinem Herzen getragen habe. Nun aber mußt du sterben, ehe du weißt, was schuldig sein heißt, und mußt als schuldig leiden, obwohl du niemals eine Schuld begangen hast.« Die Diener hörten diese leisen Worte, und ihr Herz wurde von Mitleid gerührt, so daß es ihnen schwerfiel, den Befehl ihres Herrn zu vollstrecken. Nachdem sie den Wald und einen geeigneten Ort erreicht hatten, sagten sie der Gräfin, ihr Herr habe befohlen, sie wegen vollbrachten Ehebruchs hinzurichten, und der Hofmeister Golo habe sie geheißen, dieses Gebot zu vollbringen. Darum sollte sie dieses grausame Schicksal nicht ihnen zuschreiben und sich zu einem seligen Tode vorbereiten. Dem Befehl ihres Herrn gehorsam, kniete Genovefa demütig nieder und betete zu Gott aus dem Innersten ihres Herzens. Inzwischen ergriffen die Diener das unschuldige Kind, zogen ihre Messer hervor und wollten es töten. Als die erschrockene Mutter dies sah, sprang sie von ihrem Gebet auf, fiel den Dienern in die Arme und rief mit gebrochener Stimme: »Haltet ein, haltet ein, ihr lieben Leute, schont das unschuldige Blut! Wenn ihr das arme Kind töten wollt, so bringt mich zuvor um, damit ich nicht gezwungen werde, zweimal zu sterben.« Die Diener erhörten diese Bitte und befahlen ihr, den Hals zu entblößen und zum Streich zu beugen. Genovefa erschauerte bei diesen Worten und zitterte an allen Gliedern. Doch sprach sie tränenden Auges: »Ich bin bereit zu sterben, aber glaubt mir, gute Männer, daß ihr euch gröblich an mir versündigt, denn ich bezeuge euch vor Gott, daß ich unschuldig bin, daß ich fälschlich vom Hofmeister verklagt worden bin, weil ich seinen bösen Willen nicht tun wollte. Glaubt mir auch, wenn ihr mich schont, so wird es Gott euch und euren Kindern vergelten. Bringt ihr mich aber um, so wird mein unschuldiges Blut über euch und eure Kinder Rache schreien.« Durch diese Worte wurden die Herzen der Diener so bewegt, daß es ihnen unmöglich war, der Gräfin ein Leid anzutun. Beide sprachen deswegen mit freundlichen Worten zu ihr: »Gnädige Frau, uns ist zwar bei Lebensgefahr befohlen, Euch hinzurichten, wenn Ihr uns aber versprechen wollt, nimmermehr unter die Menschen zu gehen, sondern Euch in dieser oder einer anderen Gegend verborgen aufzuhalten, so mögt Ihr in Gottes Namen hingehen und unser in Eurem Gebet gedenken.« Die Gräfin hob ihre Augen zum Himmel, stand freudig auf, versprach den Dienern, was sie verlangten, und dankte ihnen von ganzer Seele für die erzeigte Barmherzigkeit. Die Diener stachen nun einem Windspiel, das mit ihnen gelaufen war, die Augen aus und überbrachten sie ihrem Herrn als Beweis ihrer unseligen Mordtat. Golo grauste es jedoch, die Augen der Frau zu sehen, die er geliebt hatte. Er sprach daher abgewandt, sie sollten die Augen der Ehebrecherin den Hunden vorwerfen. Von allen Menschen verlassen, ging die gerettete Genovefa in dem wilden Wald umher und suchte einen Ort, an dem sie, vor Unwetter geschützt, sich aufhalten könnte. Sie fand aber den ganzen Tag keinen, sondern wurde genötigt, unter einem Baum ihre Nachtherberge zu nehmen. So brachte sie die kalte Nacht ohne allen Schlaf, fröstelnd und in großer Furcht zu, die weinenden Augen und die zitternden Hände zum Himmel gerichtet. Als der Morgen anbrach, stand sie auf und nahm ihr Kind, das auf ihrem Schoß geruht hatte, auf den Arm. Dann ging sie abermals den ganzen Tag im Wald umher, eine geeignete Höhle oder einen hohlen Baum zu suchen, um darin zu wohnen. Aber es war wieder vergebens. Da sie nun zwei Tage nichts gegessen und getrunken hatte, waren ihr Hunger und ihr Durst so groß, daß sie die rohen Wurzeln der Kräuter auszuraufen anfing, um sich daran zu erfrischen. Die zweite Nacht brachte sie wieder ohne Schlummer und voll Angst unter einem Baum zu. Endlich am dritten Tage fand sie im Felsgestein eine Höhle und nahe dabei eine kleine Quelle, als sie noch tiefer in die Wildnis hineingegangen war. Die Gräfin nahm diese Wohnung als ein Geschenk Gottes an und beschloß, ihr übriges Leben in der Höhle zuzubringen. Sie machte sich ein Bett aus Baumzweigen und Laub und suchte sich täglich frische Wurzeln zur Nahrung. Weil sie aber ein so kümmerliches Leben führen mußte, konnte sie ihr Kind nicht mehr ernähren, und es fing an zu verschmachten. Sein klägliches Wimmern schnitt der Mutter so tief ins Herz, daß sie meinte, vor Leid sterben zu müssen. Voller Verzweiflung legte sie das Kind unter einen Baum und ging weit weg, wo sie es nicht hören und sehen konnte. Dort kniete sie mit aufgehobenen Händen nieder und rief den guten Gott so inbrünstig an, daß er sie erhören mußte. Sie sprach: »Mein Gott und Erlöser, können deine gnädigen Augen ohne Mitleid ansehen, wie dieses unschuldige Kind verschmachten muß? Sieh doch an, barmherziger Gott, wie das arme Lamm vor deinen Augen liegt und mit seinem kläglichen Weinen dich innig um die nötige Nahrung bittet. Ach, erbarme dich über die Waise, deren Vater so hart ist und deren Mutter nicht helfen kann. Ich habe ja keinen Trost mehr auf Erden als dies mein einziges Söhnlein. Nimmst du es mir, so muß ich mein Leben in dieser öden Wildnis vertrauern. Darum gib es mir wieder, barmherziger Gott, ich will es gewiß dir zur Ehre und zu deinem Dienst aufziehen.« Kaum hatte die weinende Mutter dieses Gebet beendet, da lief eine Hirschkuh auf sie zu. Sie benahm sich wie ein zahmes Tier und strich zutraulich um sie herum, als wollte sie sagen: »Siehe, mich hat Gott gesandt, dein Kindlein zu ernähren.« Genovefa erkannte mit freudigem Erstaunen die Vorsehung Gottes. Sie eilte zu ihrem Kind zurück, und da die Hirschkuh ihr nachlief, so ließ sie das Kind die Milch der Hirschkuh trinken, bis es gesättigt war. Durch diese himmlische Wohltat wurde die gute Gräfin so erfreut, daß sie sich auf die Knie warf und mit vielen Tränen dem gütigen Gott dankte und in Demut flehte, die Hilfe fortzusetzen. Ihr Gebet wurde erhört. Die Hirschkuh kam täglich zweimal, um das Kind zu nähren, solange beide in der Wildnis waren. Dies war die einzige Hilfe, die das schuldlose Kind sieben Jahre lang von dem Tier empfing, während seine Mutter von Wurzeln und Kräutern leben mußte. Ihre Grafenwohnung hatte sie mit der wilden Einöde vertauscht, ihr schönes Zimmer mit einer finsteren Höhle, ihre reichbeladene Tafel mit wilden Kräutern. Ihre Kammerjungfern waren die unvernünftigen Tiere. Statt auf ihr weiches Ruhebett legte sie sich des Nachts auf Laub und harte Reiser. Anstatt ihrer kostbaren Perlen hatte sie bittere Tränen und statt Freude und Spiel nichts als Leid und Traurigkeit. Im Sommer war ihr Elend noch erträglich, aber im Winter quälte sie die Kälte. Die Nahrung aus der Erde war kaum zu beschaffen. Wenn sie trinken wollte, mußte sie das Eis so lange im Munde halten, bis es schmolz. Wenn sie Wurzeln suchen wollte, mußte sie den tiefen Schnee wegscharren und mühselig mit einem Holzstück die gefrorene Erde aufgraben. Wollte sie sich erwärmen, so mußte sie die eiskalten Hände so lange zusammenschlagen und reiben, bis das Blut wiederkam. Und die langen Winternächte, die kein Ende nehmen wollten, mußte sie mit ihrem Knaben in der dunklen Höhle zubringen. Doch waren ihre eigenen Schmerzen gering gegen den Kummer, den ihr mütterliches Herz über dem Elend ihres Kindes empfand. Schmerzenreich wuchs heran und spürte bald sein eigenes Elend. Wie oft drückte die Mutter ihren Schatz an die Brust, um seine kleinen vorn Frost erstarrten Glieder zu wärmen. Wenn sie dann sah, wie sein ganzer Leib vor Kälte zitterte, konnte sie sich vor Trauer nicht halten und mußte unaufhörlich weinen, und das arme Kind weinte mit, als es seine Mutter so traurig sah. Allmählich gewöhnte sie sich an solch große Not, und auch der Knabe wurde abgehärtet und stark. Da dankte sie Gott, daß er sie und ihn aus der Gefahr der Welt errettet und in die Einöde geführt hatte. Die meiste Zeit brachte sie im Gebet zu und übte sich immer mehr in der Andacht und der himmlischen Liebe. Als sie einst vor ihrer Höhle kniete und betete, dabei ihre Augen zum Himmel emporhob, sah sie mit Staunen ein Wunder sich ereignen. Ein Engel flog aus der Höhe herab. Er trug ein schönes Kreuz in seinen Händen, an dem der sterbende Heiland aus Elfenbein hing, kunstvoller geschnitzt, als Menschenhände es vermögen. Dieses Kruzifix reichte ihr der Engel und sprach mit liebreichen Worten: »Nimm dieses heilige Kreuz, Genovefa, das dein Erlöser dir zum Trost vom Himmel herabsendet. In ihm sollst du dich beschauen und bespiegeln, vor ihm dein Gebet verrichten. Tröste dich mit diesem Kreuz, wenn du betrübt bist, fliehe zu ihm, wenn du angefochten wirst. Wenn dich die Ungeduld überfällt, so erinnere dich an die Geburt dessen, der an diesem Kreuz hing.« Als der Engel dies gesprochen hatte, legte er das Kreuz vor ihr nieder und verschwand vor ihren Augen. Das Kreuz aber blieb zurück. Genovefa nahm es und entdeckte bald in ihrer Höhle einen natürlichen Felsenaltar. Dort stellte sie es auf und warf sich mit andächtiger Demut vor ihm nieder, betrachtete ihren gekreuzigten Erlöser vom Haupt bis zu den Füssen, vergaß so ihr eigenes Leid und wurde von so großem Mitleid gerührt, daß ihr das Herz im Leibe zerspringen wollte. An dem Kreuz hatte sie ihren größten Trost, dem Kreuz klagte sie ihr Leid. Im Sommer zierte sie es mit blühenden Maien und kleinen Waldblümlein, im Winter umschlang sie es mit Tannenreisern und immergrünen Wacholderstauden. Inzwischen wurde ihr lieber Sohn Schmerzenreich größer und lernte allmählich gehen und reden. Genovefa unterrichtete ihn, so gut sie es in der Einsamkeit konnte, und hatte mancherlei Unterhaltung und herzlichen Trost durch das Kind. Gott und die Natur hatten den Knaben mit besonderem Verstand ausgerüstet, so daß er vor der Zeit klug wurde und alles leicht begriff, was die Mutter ihm sagte. Nur war es jammervoll anzusehen, wie das arme Kind zuletzt ganz nackt und barfuß einherging, denn die schlechten Tücher, in welche die Mutter es von Kindheit an eingewickelt hatte, waren zerrissen, und auch die Stücke Tuch, welche die Mutter von ihren eigenen Kleidern abtrennte, wurden bald zu Fetzen. Am Ende kam es soweit, daß Mutter und Kind ihre Blöße mit Moos und Zweigen bedecken mußten. Da erbarmte sich Gott und sandte einen Wolf daher, der die Haut eines zerrissenen Schafes im Rachen trug und sie dicht vor dem Kind niederwarf. Die Mutter nahm dieses Geschenk mit großem Dank von Gott an, trocknete das Fell und band es ihrem Schmerzenreich um. Zu dieser Zeit fingen auch die wilden Tiere an, zutraulich gegen die Waldbewohnerin zu werden. Sie kamen täglich vor die Höhle und spielten mit dem Kind. Der Wolf, der das Schaffell gebracht hatte, ließ den Knaben auf sich reiten, und oft speiste der Kleine mitten unter den Hasen und anderem Wild, das um ihn herumlief. Die Vögel flogen ihm auf die Hand und auf das Haupt und erfreuten Mutter und Kind mit ihrem lieblichen Gesang. Wenn das Kind ausging, Kräuter für die Mutter zu suchen, liefen allerlei Tiere mit ihm und scharrten mit den Füssen, um ihm zu zeigen, wo die besten Kräuter wären. Die fromme Mutter hatte auch große Freude an dem Gespräch des Knaben und wunderte sich oft über seine klugen Fragen und Antworten. Sie lehrte ihn auch das Vaterunser und andere Gebete, niemals aber sagte sie ihm, von welchem Geschlecht er abstamme, damit sie sein Leid nicht noch vermehre oder die Weltlust in ihm erwecke. Als sie einst ein freundliches Gespräch mit ihm hielt, sagte Schmerzenreich zu ihr: »Mutter, du befahlst mir oft zu sagen: Vater unser, der du bist im Himmel. So sage mir doch, wer ist denn mein Vater!« Die Mutter antwortete: »Dein Vater ist Gott, der droben wohnt, wo Sonne und Mond scheinen.« Das Kind sprach: »Kennt mich denn mein Vater auch?« Die Mutter sprach: »Freilich kennt er dich. Ich habe dich ja von ihm.« Das Kind sagte: »Wie kommt es denn, daß er mir nichts Gutes tut und mich in der Not schmachten läßt?« Genovefa erwiderte: »Lieber Sohn, wir sind hier auf der Erde in einem Jammertal und müssen vieles leiden. Wenn wir aber in den Himmel kommen, dann werden wir alle Freuden haben.« Schmerzenreich fragte weiter: »Liebe Mutter, hat mein Vater noch mehr Söhne neben mir?« Sie sprach: »Ja freilich!« Er aber sagte: »Wo sind sie denn? Ich dachte, du und ich, wir sind nur allein auf der Welt.« Genovefa antwortete: »Obwohl du in deinem Leben nie aus diesem Wald herausgekommen bist, sollst du doch wissen, daß draußen noch viele Menschenhäuser sind; darin wohnen allerhand Leute. Einige von ihnen tun Gutes, andere Böses, und die Böses tun, die kommen in die Hölle, in der sie ewige Pein dulden.« Der Knabe sprach endlich: »Mutter, warum gehen wir nicht zu den anderen Leuten, was tun wir denn in diesem Wald allein?« Genovefa erwiderte: »Wir tun es, um unserem himmlischen Vater desto besser zu dienen und um so sicherer in den Himmel zu kommen.« Solche Reden führte das kluge Kind gar viele mit seiner Mutter und lernte durch seine Wißbegier mancherlei. Im siebenten Jahre ihres Einsiedlerlebens wurde die fromme Gräfin todkrank und glaubte, daß sie sterben müsse. Die Not und der Mangel an allen Dingen hatten ihren Leib so abgezehrt, daß sie sich nicht mehr ähnlich sah, sondern ein Schatten des Todes zu sein schien. Ein heftiges Fieber ergriff sie, und sie wurde an allen Gliedern kraftlos und voller Schmerzen. Als nun der arme, verlassene Schmerzenreich seine Mutter allmählich dahinsiechen sah, warf er sich über ihren kranken Leib und rief in Verzweiflung aus: »Was fange ich an, geliebte Mutter, wo soll ich hin, wenn du stirbst? In dieser Wildnis bin ich allein, und in der Welt kenne ich keinen Menschen. Mutter, bitte doch den lieben Gott, daß er dich länger leben läßt, denn ohne dich muß ich verkümmern.« Die sterbende Genovefa suchte nach einem Trost für ihr Kind. Darum sagte sie ihm, was sie bisher verschwiegen hatte, und sprach: »Betrübe dich nicht wegen meines Todes und klage nicht so sehr über deine Verlassenheit. Du sollst wissen, daß du neben dem himmlischen Vater auch noch einen Vater auf Erden hast. Er wohnt nicht weit von diesem wilden Wald in der Stadt Trier. Zu ihm gehe nach meinem Tode hin und sage ihm, daß du sein Kind bist. Er wird dich leicht erkennen, denn du siehst ihm ganz ähnlich. Ja, alle Leute dort werden dich erkennen.« Und dann erzählte sie ihm ihr ganzes Unglück, soweit es der Knabe erfahren durfte und fassen konnte. Dennoch ließ sie sich von ihm versprechen, das Unrecht, das ihnen geschehen war, nicht zu rächen. Dann legte die müde Genovefa ihr Haupt zum Schlummer auf die Seite und erwartete den Tod. Da war ihr, als träten zwei glänzende Engel in die Höhle und einer beugte sich über ihre Lagerstatt. Er rührte ihre Hand an und sprach: »Du sollst leben, Genovefa, und jetzt nicht sterben, denn das ist der Wille Gottes.« Mit diesem Wort verschwanden die Engel, und die Kranke erwachte gestärkt und mit neuer Lebenskraft. Der kleine Schmerzenreich sah dies. Er fuhr fort, seine Mutter zu pflegen und erkannte mit seliger Freude, wie sie von Stunde zu Stunde neue Kräfte gewann und endlich völlig gesund wurde. Nun kehren wir zum Grafen Siegfried zurück. Als er von Straßburg wieder in seinem Schloß zu Trier angekommen war, berichtete ihm sein Hofmeister Golo, daß er die Ehebrecherin in einem Wald habe heimlich umbringen lassen. Der Graf war damit zufrieden, lobte die Vorsicht seines Dieners und kehrte zu seiner früheren Lebensgewohnheit zurück. Aber nach einigen Tagen fing sein Gewissen an, ihn zu ängstigen, und die Erinnerung an Genovefa erfüllte ihn mit bitterer Sehnsucht. Er dachte, es sei doch möglich, daß ihr Unrecht geschehen wäre. Er sah ein, daß er sich sehr versündigt habe, weil er ihre Sache nicht auf dem richtigen Weg habe untersuchen lassen. In der folgenden Nacht hatte er einen schweren Traum. Ihm war, als risse ein Drache seine geliebte Gemahlin hinweg, und niemand war da, der ihm in dieser Not Hilfe leistete. Dieser Traum vermehrte seine Angst, und er erzählte ihn am anderen Morgen seinem Schloßhofmeister Golo. Der aber war arglistig genug, ihn sogleich nach seinem Sinne auszulegen. Er erwiderte: »Herr, der Drache bedeutet den Koch, der ja Drago hieß. Das ist gedolmetscht 'Drache'. Er hat seine Treue gebrochen und die Gräfin ihrem rechtmäßigen Herrn entrissen.« Golo beredete auch seinen Herrn, solchen schwermütigen Träumen fernerhin keine Aufmerksamkeit zu schenken, sondern fest überzeugt zu sein, die Gräfin und der Koch hätten wohl noch einen übleren Tod verdient. Um den Grafen zu zerstreuen, veranstaltete Golo auch mancherlei Gastereien, Tänze, Besuche bei Freunden und was er sonst wußte, das den Grafen erheitern konnte. All diese Dinge erfreuten nun freilich seinen Sinn, aber die Wunden seines angstvollen Herzens konnten sie nicht heilen, sie wurden nur größer und unheilbarer. Eines Tages kam der Graf in das Zimmer seiner Gemahlin und fand unter anderen Schriften den Brief, den Genovefa im Kerker geschrieben und den das Kind dort gut versteckt hatte. Er las ihn in höchster Spannung und konnte keinen Augenblick länger an der gänzlichen Unschuld seiner Gemahlin zweifeln. Da wurde er von solcher Reue und solchem Mitleid bewegt, daß er bitterlich weinte und vor Herzeleid sterben zu müssen meinte. Golo aber schalt er einen Verräter, der voller Falschheit sei, und nannte ihn einen gewissenlosen Mörder. Er verfluchte ihn den Abgrund der Hölle. Ja, wenn jener bei ihm gewesen wäre, hätte er ihn auf der Stelle durchstochen. Aber der Arglistige sah von ferne an der Miene seines Herrn, was ihn erwartete. Er mied deswegen den Hof für einige Tage, bis der Zorn des Grafen sich gelegt hatte. Dann kam er wieder und wußte dem Grafen so triftig scheinende Gründe entgegenzuhalten und den Brief der Gräfin so lügenhaft zu verdrehen, daß jener seinen Worten mehr als dem Brief glaubte. Er sprach: »Genovefa bezeugt in ihrem Schreiben, sie sei unschuldig und habe nimmermehr solch eine Tat begangen. Ei, eine schöne Rechtfertigung! Wenn das Leugnen als Beweis der Unschuld genug ist, dann sind alle Diebe und Ehebrecher unschuldig.« So wiegte er das Gewissen seines Herrn in Schlaf und brachte sich selbst wieder in Gnaden. Aber die innere Ruhe des Grafen dauerte nicht lange. Die alten Zweifel kamen wieder und nagten immer mehr an seinem schuldigen Gewissen. Es war ihm so, als raunte ihm eine Stimme in die Ohren: »Du hast dein Weib Genovefa umbringen lassen. Du hast das unschuldige Kind töten lassen. Du hast den frommen Koch hinrichten lassen.« So lief er umher wie einer, der keine Ruhe findet. Golo merkte dies alles wohl. Er sah, daß der Gemütszustand des Grafen immer bedenklicher wurde, und er glaubte sich bald nicht mehr sicher. In aller Stille verließ er den Hof und das Land, denn er fürchtete, sein Herr möchte ihn zuletzt ergreifen lassen. Einige Zeit darauf entdeckte man an einem entlegenen Ort im Felde Spuren eines verscharrten Leichnams. Man öffnete die Erde, grub tiefer und stieß endlich auf den Körper des hier vergrabenen Kochs, den Golo hatte vergiften und dorthin schaffen lassen, und den man an verschiedenen Merkzeichen erkannte. Der Graf sah den Leichnam selbst, und von da an nahmen seine Zweifel über den unverschuldeten Tod des Kochs zu. Nach einigen Jahren wurde die Frau zu Straßburg, die den Grafen durch ihre Vorspiegelung belogen und betrogen hatte, eingekerkert und als schändliche Betrügerin vom Gericht zum Feuertod verurteilt. Vor ihrem Ende bekannte sie auch diesen Betrug und erklärte, daß die Gräfin und der Koch unschuldig seien. Auch bat sie, dem Grafen zu berichten, daß sie auf Anstiften des Hofmeisters Golo jenes Gaukelspiel angestellt habe. Dies wurde dem Grafen Siegfried in aller Eile gemeldet. Jetzt erst erkannte er ganz klar, daß er von Golo umstrickt und umnebelt worden war und er seine arme Gemahlin mit ihrem Kind unschuldig hatte töten lassen. Zorn, Mitleid, Reue, Verzweiflung durchwühlten sein Herz. Sein ganzes Trachten ging fortan dahin, den Verräter zu suchen. Endlich erfuhr er seinen Aufenthaltsort. Zwei Jahre war Golo schon vom Hofe weg, und der Graf wußte nicht, wie er den Fuchs fangen sollte. Da entschloß er sich endlich zu einer List. Er schrieb dem Bösewicht einen freundlichen Brief, in dem er sich scheinbar darüber wunderte, warum er den Hof verlassen habe, an dem er doch nichts als Liebe und Ehre genossen hatte. Golo antwortete ausweichend und zur Entschuldigung seiner Abwesenheit mit unvermeidlichen Abhaltungen und Familiengeschäften. Der Graf wiederholte seinen Brief, verbarg allen Widerwillen und gab zu erkennen, wie sehr er seinen freundlichen Umgang brauche. Dieser Briefwechsel dauerte eine geraume Zeit, bis endlich Golo wirklich glaubte, der Graf sei ihm wieder gewogen. Da veranstaltete der Graf Siegfried gegen den Heiligendreikönigstag eine herrliche Jagd und festliche Mahlzeit, wozu er alle seine Freunde einlud. Unter diesem Vorwand erging auch an Golo eine Einladung, und er rannte arglos in das gestellte Netz. Golo war vor den übrigen Gästen eingetroffen. Der Graf hieß ihn willkommen und freute sich wirklich sehr über seine Ankunft. Beide führten einige Tage lang allein die freundlichsten Gespräche, als wäre gar nichts zwischen ihnen vorgefallen. Sieben Jahre waren verflossen, die Genovefa in der Wildnis zugebracht hatte; von aller Welt wurde sie für tot gehalten. Der Dreikönigstag und die Feste des Grafen nahten heran. Um den geladenen Gästen eine bessere Tafel zu bereiten, ritt Herr Siegfried selbst zuvor hinaus, um zu jagen, und nahm unter anderen Dienern auch Golo mit sich. Da rannten sie in der Wildnis umher, der eine dahin, der andere dorthin, und jeder bemühte sich, ein Stück Wild einzutreiben. Dabei erblickte der Graf eine schöne Hirschkuh. Er setzte ihr zu Ross durch Hecken und durch Sträucher nach und verfolgte sie so lange, bis sie sich in eine Höhle rettete, die sich den Augen des Grafen zwischen Sträuchern und Gestein auftat. Er warf einen Blick hinein und sah neben dem Wild eine unbekleidete Frau stehen. Er erschrak und meinte nichts anderes, als daß es ein Gespenst oder ein Spuk der Hölle sei. Deswegen bezeichnete er sich mit dem Kreuz und sprach mit Entsetzen: »Wenn du von Gott bist, so komm zu mir heraus und sage mir, wer du bist.« Genovefa - denn ihre Höhle war es - erkannte den Grafen auf den ersten Blick und sprach mit zitternder Stimme: »Ja, ich bin von Gott her. Ich bin ein unglückliches, nacktes Weib. Wollt Ihr, daß ich zu Euch herauskomme, so werft mir ein Kleid her, meine Blöße zu bedecken!« Der Graf zog den Mantel vom Leibe und warf ihn in die Höhle. Sie wickelte sich hinein und trat aus der Höhle hervor, die unerschrockene Hindin an ihrer Seite. Schmerzenreich aber war gerade nicht zugegen, sondern hinaus in den Wald gegangen, um Kräuter und Wurzeln zu suchen. Der Graf wunderte sich über die abgemagerte Gestalt des Weibes, die er vor sich sah, und fragte, wer und woher sie sei. Genovefa sprach: »Mein Herr, ich bin ein armes Weib und aus Brabant gebürtig. Aus Not bin ich hierher geflohen, denn man hat mich, die ich nichts verschuldet hatte, mit meinem armen Kind umbringen wollen.« Der Graf zuckte zusammen, doch fragte er weiter, wie lange es her sei und wie es zugegangen war. Genovefa faßte Mut und sprach: »Ich war mit einem edlen Herrn vermählt, der hatte einen Argwohn gegen mich und übergab mich seinem Hofmeister, daß er mich mit dem Kind, das ich meinem Herrn geboren hatte, umbringen lassen sollte. Die Diener aber schenkten mir aus Erbarmen das Leben, und ich versprach ihnen, daß ich nimmermehr vor meinen Herrn kommen, sondern in diesem Wald leben wolle, und das sind schon sieben Jahre her.« Siegfried zitterte am ganzen Leibe, denn Genovefas Bild stieg vor seiner Seele auf, aber in dieser abgezehrten Gestalt konnte er sie nicht wiedererkennen. Darum sprach er weiter zu ihr: »Liebe Freundin, ich bitte Euch um Gottes willen, sagt mir, wie ist Euer Name und wie der Name Eures Eheherrn?« Da sprach sie seufzend: »Mein Eheherr heißt Siegfried, ich Armselige aber nenne mich Genovefa.« Diese wenigen Worte durchzuckten den Grafen mächtiger, als wenn ihn ein Blitz getroffen hätte. Er bäumte sich in seinen Bügeln und stürzte vom Pferd auf den Boden herab. Da lag er lange wie tot, mit dem Angesicht auf der Erde. Als er wieder zur Besinnung kam, hob er sein Haupt, kniete nieder und sprach: »Genovefa, ach Genovefa, seid Ihr es?« Sie sprach: »Lieber Herr Siegfried, ja, ich bin die arme Genovefa.« Dem Grafen rollten die Tränen über das Gesicht. Er fiel wieder wie tot nieder und konnte kein einziges Wort vorbringen. Nach langem, heißem Weinen sprach er endlich, noch immer kniend: »Oh, daß Gott im Himmel sich erbarme! In solchem Elend muß ich Euch antreffen. Ich gottloser Bösewicht bin nicht wert, daß mich die Erde trage. Ja, ich verdiene, daß sie sich auftue und mich der Abgrund der Hölle verschlinge. Bin doch ich allein schuld an all Eurem Unheil, ich, der boshafte Mann, der sein unschuldiges Weib aus falschem Argwohn umbringen hieß. Verzeiht mir, geliebte Genovefa, nicht um meinetwillen, nein, um des Gekreuzigten willen, der dort auf Eurem Felsen steht! Ich stehe nicht eher auf vor Euren Füssen, bis ich Gnade erlangt habe.« Die Gräfin hörte auf zu weinen und sprach mit halberstickter Stimme: »Betrübt Euch nicht, mein Herr Siegfried, betrübt Euch nicht so sehr! Nicht durch Eure Schuld, sondern durch Gottes Zulassung ist es geschehen, daß ich in diese Wildnis versetzt worden bin. Ich verzeihe Euch von Herzen und habe Euch schon von Anfang an verziehen. Der barmherzige Gott verzeihe uns beiden unsere Sünden und mache uns seiner Gnade würdig.« Darauf reichte sie dem Grafen die Hand und zog ihn zu sich empor. Da stand nun der betrübte Graf und blickte in das abgezehrte Angesicht seiner Gemahlin. Er meinte, das Herz im Leibe müßte ihm vor Mitleid zerspringen, als er das holdselige Antlitz, das einst den Engeln glich, jetzt so grausam entstellt sah. Er fühlte eine solche Ehrerbietung gegen Genovefa, als ob er vor einer Heiligen stünde, und wiewohl sie ihm alle Freundlichkeit erwies, wagte er doch kaum mit ihr zu reden. Nach einigen tiefen Seufzern sprach er endlich: »Und wo ist denn das arme Kind, das Ihr im Kerker geboren habt? Ist es denn nicht mehr am Leben?« Genovefa erwiderte: »Freilich ist es ein großes Wunder von Gott, daß es noch lebt. Ich allein hätte es nicht ernähren können, aber Gott hat mir diese Hindin geschickt, und das treue Tier hat mein Kind zweimal des Tages genährt.« Als sie noch redete, kam der kleine Schmerzenreich, mit seinem Schaffell bekleidet, barfuß dahergelaufen. Beide Hände hatte er voll wilder Wurzeln. Als er den Grafen bei seiner Mutter sah, erschrak er sehr und rief: »Mutter, was ist das für ein wilder Mensch, der bei dir steht? Ich fürchte mich vor ihm.« Die Mutter sprach: »Fürchte dich nicht, lieber Sohn! Komm nur ohne Furcht her! Der Mann tut dir nichts.« Da waren bei dem Grafen Leid und Freude so groß, daß er nicht wußte, was von beiden mächtiger war. Als das Kind näher trat, nahm es die Mutter bei der Hand und sagte zu ihm: »Siehe, mein Sohn, das ist dein Vater. Geh hin, nimm seine Hand und küsse sie!« Das Kind gehorchte. Der Graf aber nahm es auf seine Arme, drückte es an sein entzücktes Herz, küßte es innig ohne Unterlaß und brachte nichts weiter hervor als: »O mein herzliebster Sohn, o mein herzgüldnes Kind!« Als der Graf sich an der Umarmung seines Sohnes gesättigt hatte, blies er stark in sein Jägerhorn und rief die Jäger und die Knechte zusammen. Eilfertig kam einer nach dem anderen, und alle wunderten sich, als sie die wilde Frau bei dem Herrn und das Kind auf seinen Armen sahen. Der Graf sprach: »Kennt ihr diese Frau?« Da sie die, Frage verneinten, sprach er weiter: »Kennt ihr denn meine Gemahlin Genovefa nicht mehr?« Da wunderten sie sich so sehr, daß sie nicht wußten, was sie sagen oder denken sollten. Einer nach dem anderen ging zu ihr hin, hieß sie freundlich willkommen und freute sich von Herzen, daß diejenige noch lebte, um die alle im Schloß sieben Jahre lang getrauert hatten. Zwei von ihnen ritten eilig nach Hause und kamen mit einer Sänfte und Gewändern zurück, um die Gräfin schön zu kleiden und heimzutragen. Unter allen Dienern, die auf den Jagdruf des Grafen herbeikamen, war Golo der letzte, da er ahnte, daß ihn nichts Gutes erwarte. Der Graf hatte ihm zwei Diener entgegengeschickt mit dem Befehl, er solle eilen, es sei ein seltsames Wild gefangen worden. Als er nun hinzukam, sprach Herr Siegfried: »Golo, kennst du dieses Weib?« Er schreckte zusammen, doch sagte er: »Nein, ich kenne es nicht.« Weiter sprach der Graf: »Du ruchlosester aller Bösewichte, die unter Gottes Sonne wandeln, kennst du Genovefa nicht, die du fälschlich bei mir verklagt und unschuldig in den Tod geschickt hast? Du Mörder, wie soll ich dich genug strafen, welche Qualen soll ich ersinnen, mit denen ich dich martern kann?« Golo lag indessen auf der Erde und wälzte sich und bat um Barmherzigkeit. Der ergrimmte Graf aber befahl, ihn festzubinden und als den größten Übeltäter gefangen abzuführen. Hierauf bat Siegfried, Genovefa möge mit ihm in das Schloß zurückkehren. Sie aber betrat zuvor noch einmal ihre Höhle und fiel vor dem Kruzifix nieder, um Gott für alle an diesem Ort empfangenen Wohltaten zu danken. Alsdann nahm sie der Graf bei der Hand, und ein edler Ritter trug den jungen Grafen nach. Muntere Vöglein flogen über Genovefas Haupt und zeigten mit dem Flattern ihrer Flügel an, wie ungern sie die Frau und das Kind von sich ließen. Die Hirschkuh folgte der Gräfin wie ein sanftmütiges Lamm und wollte keinen Schritt von ihr weichen. Endlich kam man zur Sänfte, in die sie gesetzt wurde, und nun bewegte sich der Zug dem Schloß zu. Hier war das große Wunder schon bekannt geworden. Jeder wollte die Wiedergefundene sehen. Freunde und geladene Gäste kamen scharenweise auf das Schloß, wo sie voll Freude die teure Verwandte wie von den Toten auferstanden fanden und hörten, wie wunderbar Gott ihre Unschuld geoffenbart hatte. Als das gräfliche Ehepaar angekommen und begrüßt worden war, begannen die Feste und dauerten die ganze Woche. Mahl folgte auf Mahl, aber Genovefa konnte von keiner Speise genießen und den Freudenwein nicht kosten. Aus Wurzeln und Kräutern mußte man ihr die Speisen bereiten, die sie allein essen konnte. Als die Freudenwoche vorüber war, wurde auch über Golo Gericht gehalten. Der Graf ließ ihn aus seinem Gefängnis holen und allen Gästen vorführen. Er erzählte ihnen seinen Frevel und ließ sie urteilen, welche Strafe ein so teuflischer Bösewicht verdient habe. Die ganze Verwandtschaft schrie Rache über den boshaften Verräter und verurteilte ihn zum grausamsten Tode. Da warf sich der Bösewicht zu Genovefas Füssen, und sie bat ihren Herrn inständig, dem armen, gedemütigten Sünder zu verzeihen. Der Graf hätte ihr diese Gunst bewilligt, er wagte aber nichts ohne seine versammelten Verwandten zu tun. Diese gewährten jedoch keine Gnade, damit nicht in künftigen Zeiten gesagt werden könne, Golo sei unschuldig gewesen, und darum habe man ihm das Leben nicht nehmen können. So wurde er abgeführt und litt, was er verschuldet hatte. Auch alle diejenigen, die es mit Golo gehalten hatten, wurden mit dem Schwert gerichtet. Alle dagegen, die der Gräfin treu geblieben waren oder ihr einen Dienst erwiesen hatten, wurden reichlich belohnt, darunter auch das Mägdlein, das der Gräfin Feder und Tinte in das Gefängnis gebracht hatte, sowie einer der Diener, die ihr das Leben geschenkt hatten. Der andere war schon gestorben, dafür erhielten seine Kinder die Wohltat. Die Feste waren zu Ende, und die Gäste hatten das Schloß des Grafen verlassen. Fortan lebte Genovefa mit ihrem Gemahl in großer Heiligkeit, und er wußte nicht, wie er ihr genug dienen und aufwarten sollte. Er liebte sie, wie die Engel im Himmel sich lieben, und ließ ihr alle Ehre erweisen, die man einer durchlauchtigsten Fürstin erweist. Aber die Gräfin freute sich irdischer Ehre nicht mehr, und ihr Körper war von dem langen Elend so schwach, daß ihr keine Pflege mehr helfen konnte. Kaum hatte sie drei Monate aufs neue mit ihrem lieben Herrn verlebt, wurde sie eines Tages beim Gebet entrückt und sah eine herrliche Erscheinung. Eine Schar heiliger Frauen und Jungfrauen nahte sich ihr, und mitten unter ihnen ging die Mutter Gottes glorwürdig einher. Jede dieser Heiligen reichte der Gräfin eine himmlische Blume, die Himmelskönigin aber hielt eine mit köstlichen Edelsteinen besetzte Krone in der Hand und sprach: »Geliebte Tochter, betrachte diese Krone! Du hast sie erworben durch die Dornenkrone, die du in der Wildnis getragen hast. Empfange sie aus meinen Händen, denn es ist Zeit, daß du ewige Freuden erhältst.« Mit diesen Worten setzte sie ihr die Krone auf das Haupt und entschwand mit ihren Begleitern wieder in den Himmel. Über diese Erscheinung war Genovefa sehr froh, denn sie wußte dadurch, daß ihr Elend bald ein Ende nehmen werde. Doch sagte sie ihrem Gemahl nichts davon, damit er sich nicht vor der Zeit betrübe. Aber die Erfüllung blieb nicht lange aus. Denn bald darauf überfiel die fromme Gräfin ein Fieber, das sie aufs Krankenbett warf. Gegen diese Krankheit fruchtete kein Mittel, so daß Siegfried und sein Sohn Schmerzenreich bald in trostloses Leid versanken. Der Graf rief an ihrem Lager aus: »Ach, geliebte Genovefa, wollt Ihr denn, kaum daß ich Euch gefunden habe, wieder von mir scheiden und mein Herz aufs neue betrüben? Habt Mitleid mit meinem Jammer und bittet den lieben Gott, daß er Euch noch eine Weile bei mir lassen wolle.« Genovefa sprach darauf freundlich: »Betrübt Euch nicht so sehr wegen meines Todes, lieber Gemahl. Ihr richtet damit nichts anderes aus, als daß Ihr mich mit Euch betrübt. Ihr seht ja wohl, daß es nicht anders sein kann, darum ergebt Euch freiwillig in den göttlichen Willen. Mich bekümmert es am meisten, daß ich Euch und meinen lieben Schmerzenreich in solcher Traurigkeit sehen muß. Wenn ihr beide getrost wärt, so wollte ich freudig sterben und dies elende Leben mit einem besseren vertauschen.« Von da an brachte die Gräfin ihre ganze Zeit in inniger Andacht zu. Sie ließ alle, die im Schloß waren, zu sich rufen, und gab ihnen ihren mütterlichen Segen, besonders segnete und tröstete sie ihren geliebten Sohn Schmerzenreich, dessen Verlassenheit ihr am meisten zu Herzen ging. Und so entfloh endlich ihr seliger Geist dem schwachen Leib und ging ein in das ewige Leben. Siegfried und sein Söhnlein warfen sich jammernd über den Leichnam. Alle Diener und Frauen im Schloß wehklagten. Der Graf lag Tag und Nacht auf den Knien vor der Leiche und weinte mit gefalteten Händen so herzzerreißend, daß man meinte, er müsse die Verstorbene mit seinen heißen Zähren wieder lebendig machen. Die Hirschkuh, die der Gräfin aus der Wildnis in das Schloß gefolgt war und hier zahm umherging, fing an zu trauern, als ihre Herrin gestorben war. Und als man endlich den Leichnam bestattete, ging sie mit gesenktem Kopf der Leiche nach und schrie so herzergreifend, daß es die Menschen erbarmte. Nach dem Begräbnis legte sie sich auf das Grab und wich nicht mehr von ihm. Dort starb sie vor lauter Trauer. Mit der heiligen Genovefa war alle Freude des Grafen begraben worden, und nichts mehr in der Welt genügte ihm fernerhin. In der Kirche war er allezeit kniend an ihrem Grab, und im Schloß verriegelte er sich täglich in seiner Kammer. Da war ihm, als hätte er sie vor Augen, und er führte ein klagendes Zwiegespräch mit ihr und bat ihr unter Tränen ab, daß er sie im Leben so hart verfolgt hatte. Auch zur Höhle, in der Genovefa gelebt hatte, ging er hinaus, und als er vor dem Kruzifix auf den Knien lag, sprach er zu sich selbst: »Dies ist die Höhle, die mit den Seufzern der verlassenen Unschuld angefüllt war. Hier hat deine treue Gemahlin fremde Sünden abgebüßt. Warum solltest du hier nicht deine eigenen Sünden abbüssen?« Als er dies bei sich selbst gesprochen hatte, faßte er, wie durch Eingebung, den Vorsatz, in jener Höhle ein Einsiedlerleben zu führen. Er kehrte aus der Stille nach Trier zurück, begehrte und erhielt vom Bischof Hidulf die Erlaubnis, eine Kapelle an dem Ort zu erbauen. Als nun eine schöne Kirche in der Wildnis fertig war, mit zwei oder drei Einsiedeleien für Menschen, die dort Busse tun wollten, wurde der Leichnam der frommen Genovefa dorthin gebracht, um da zu ruhen, wo sie so lange ein strenges und ruheloses Leben geführt hatte. Da konnte man Wunder sehen. Denn obwohl der Leichnam in einem marmornen Sarg lag, den kaum sechs Ochsen hätten fortbewegen können, zogen ihn doch zwei Pferde so leicht, als wenn sie gar keine Last hätten. Und wo der Trauerwagen vorübergeführt wurde, da neigten sich die Hecken des Waldes, als würden sie vom Winde bewegt. Ja, selbst die höchsten Bäume bogen ihre Äste tief gegen ihn herunter. So wurde der Leichnam der heiligen Frau beigesetzt und das himmlische Kreuz auf den hohen Altar gestellt. Der Graf bestellte nun seine Sachen im Schloß und ordnete alles so an, wie er es vor seinem Ende hätte tun müssen. Dann rief er seinen Bruder und sprach in Gegenwart seines Sohnes: »Lieber Bruder, Ihr habt schon seit geraumer Zeit an mir bemerken können, daß mir auf Erden nichts mehr genügen kann als nur die Trauer um meine geliebte Genovefa. Darum habe ich mich entschlossen, die Welt gänzlich zu verlassen und an dem Ort, wo meine Gemahlin gelebt hat, zu leben und zu sterben. Deswegen setze ich Euch zum Vormund meines Sohnes Schmerzenreich ein und bitte Euch, Ihr wollt ihn erziehen, als ob er Euer leiblicher Sohn wäre. Ich bin gewiß, auch er wird Euch Gehorsam und Ehrerbietung bezeigen, wie ein Kind es seinem Vater schuldig ist.« Dann sprach er zu seinem Sohn: »Hörst du es, mein herzliebstes Kind, daß ich die Welt verlassen will und dir meine ganze Grafschaft übergebe? Dein Herr Oheim soll hinfort dein Vater sein.« Da sprach Schmerzenreich: »Ei, lieber Vater, meint Ihr auch, daß es recht sei, daß Ihr für Euren Teil den Himmel erwählen wollt und mir für meinen Teil nur ein wenig Erde hinterlaßt? Nein, Vater, das tu' ich nicht. Ich will, wie Ihr, den Himmel haben. Wo Ihr leben wollt, will auch ich leben. Wo Ihr sterben wollt, will auch ich sterben.« Alle wunderten sich über die Sprache des Knaben. Der Graf brachte ihn weinend davon ab und sprach: »Mein lieber Sohn, das strenge Leben dort wird dir schwerfallen. Dein zarter Leib wird es nicht aushalten können.« Der junge Schmerzenreich antwortete: »Ei, besser als Ihr, mein Vater, habe ich doch viele Jahre lang die Probe ausgehalten.« So überließ Schmerzenreich die Grafschaft seinem Oheim. Dieser und der Vater umfingen das Kind in herzlicher Liebe. Vater und Sohn legten Pilgerkleider an, nahmen von der Verwandtschaft schmerzlichen Abschied und zogen in die rauhe Wildnis, um dort Gott bis an ihr Ende zu dienen. Als der kleine Schmerzenreich hier ankam, erkannten ihn seine alten Gespielen, die wilden Tiere, wieder, kamen in großer Menge herbei und freuten sich seiner Ankunft. Da bezogen Vater und Sohn die Einsiedelei, brachten darin ihr Leben im Andenken an die fromme Genovefa heilig zu und sind auch dort gottselig im Herrn entschlafen. Die schöne Magelone Zur Zeit, als die Provence mit anderen Landschaften Frankreichs schon den christlichen Glauben besaß, herrschte dort ein edler Graf, dem seine Frau einen einzigen Sohn geschenkt hatte, den sie Peter nannten. Als Jüngling übertraf er alle seines Alters im Waffengang, Ritterspiel und anderen Dingen. Er war nicht nur beim Adel beliebt, sondern auch beim ganzen Volke. Ja, die Untertanen dankten dem allmächtigen Gott, daß sie einst einen solchen Herrscher bekommen sollten. Auch der Graf und die Gräfin hatten die größte Freude an ihrem Sohne, und ihm zuliebe wurde mancherlei Kurzweil am Hofe betrieben. So veranstalteten auch eines Tages die Freiherren und Edlen des Landes ein Turnier, bei dem Peter vor allen anderen den Siegespreis erlangte, obwohl viel fremde und waffengeübte Ritter dabei waren. Sein Ruhm drang weit über Frankreichs Grenzen hinaus, als ob es seinesgleichen nimmer gäbe. Nach dem Turnier wurden die Ritter festlich vom Grafen bewirtet. Sie erzählten dabei einander mancherlei von schönen Frauen. Insbesondere pries einer die schöne Magelone, die Tochter des Königs von Neapel. Ihresgleichen an Tugend und Schönheit sei nirgendwo zu finden, und ihr zu gefallen übten sich viele Jünglinge in Ritterspielen. Ein anderer Ritter sagte zu Peter: »Junger Graf, Ihr solltet wandern und die Welt ansehen und Euch in ritterlichen Spielen üben. Ihr würdet weit und breit bekannt werden und schließlich eine schöne Braut heimführen.« Dem Grafen Peter gefiel diese Rede wohl, zumal er schon viel von der schönen Magelone gehört hatte. Er nahm sich vor, seine Eltern um Urlaub zu bitten und in die Welt hinauszureiten. Als daher das Festspiel zu Ende war und er Vater und Mutter eines Tages allein beieinander sitzen sah, ließ er sich vor ihnen auf ein Knie nieder und sprach: »Gnädige Eltern, hört mich als euren gehorsamen Sohn an. Ich weiß und erkenne es mit Dank, wie gut ihr mich bisher erzogen, wieviel Freude ihr mir gemacht, wieviel Ehre ihr mir angetan habt. Daran aber habt ihr noch nicht gedacht, wie es anzufangen wäre, daß ich auch die Welt kennenlernen würde wie andere Ritter und Herren. Seid daher nicht dagegen, wenn ich euch bitte, mir zu erlauben, daß ich reisen und der Welt Lauf erfahren darf. Ich glaube gewiß, es würde eure Ehre und mein großer Nutzen sein.« Als Peters Eltern den Wunsch ihres Sohnes vernahmen, fiel es ihnen schwer aufs Herz, und sie wurden traurig. Der Vater antwortete ihm: »Peter, lieber Sohn, du weißt ja wohl, daß wir kein anderes Kind haben als dich allein, keinen Erben, nur dich. All unsere Hoffnung und unser Trost beruhen auf dir. Wenn dich ein Unglück träfe, wovor dich Gott behüten wolle, so hätten wir keinen Erben für unsere Herrschaft und für unser Haus.« Seine Mutter sagte ihm: »Liebster Sohn, was hast du nötig, die Welt zu suchen? Diejenigen, die danach streben, tun es, um Herrengunst oder Geld zu erwerben. Du aber hast an Reichtum, Waffenehre, Wissenschaft, Adel, Schönheit und Anmut so viel wie irgendein Fürst in dieser Welt. Berühmt bist du auch schon allenthalben. Die Landschaft, die du erben wirst, ist so schön wie selten eine. Was begehrst du denn anderes Gut zu erwerben? Was treibt dich denn dazu, uns zu verlassen? Sieh doch deines Vaters Alter, ja selbst das meine an! Bedenke, daß du unsere einzige Freude bist! Ich bitte dich wie eine Mutter ihr Kind, daß du nicht ferner daran denkst, uns zu verlassen!« Peter erschrak über diese Einwendung nicht wenig. Immer noch kniend, fing er mit niedergeschlagenen Augen von neuem an und sprach: »Liebe Eltern, ich will euch in allen Dingen gehorsam sein, aber bedenket doch, daß ein junger Mensch nichts Besseres tun kann, als sich im Leben bewähren und die Welt anzuschauen. Darum wiederhole ich mein flehentliches Begehren und bitte euch, es nicht übel aufzunehmen und es mir nicht abzuschlagen.« Der Graf und die Gräfin sahen wohl, daß ihr Sohn einen festen Vorsatz gefaßt hatte. Sie wußten nicht, was sie tun sollten, denn Peter lag noch immer auf den Knien und harrte auf ihre Antwort. Da sie lange schwiegen, begann er noch einmal so dringend zu bitten, daß Vater und Mutter endlich ihre Einwilligung gaben. Der Vater schloß seine Rede: »Nur denke daran, daß du nichts tust, was deinen Adel beflecken könnte. Und vor allen Dingen habe Gott, den Allmächtigen, lieb und diene ihm. Endlich mach auch, daß du bald wieder zurückkommst. Nimm dir Pferde, Harnisch, Gold und Silber von meinem, soviel du nötig hast.« Ganz gerührt dankte Peter seinen Eltern. Dann nahm ihn seine Mutter beiseite und gab ihm drei köstliche Ringe, die von höchstem Wert waren. Sie sprach weinend: »Suche gute Gesellschaft, fliehe die böse, und gedenke unser!« Alsbald bereitete sich Peter auf die Fahrt vor, verabschiedete sich von den Eltern und nahm Adlige und Unadlige mit, damit sie ihm dienten. Seinen Zug führte er so heimlich aus als möglich, so daß er ganz unerwartet und unerkannt nach der Stadt Neapolis kam, wo der Vater der schönen Magelone, der König von Neapel, mit Gemahlin und Tochter Hof hielt. In dieser Stadt bezog der Graf Peter eine Herberge auf dem Fürstenplatz. Er fragte alsbald seinen Wirt nach den Gewohnheiten des königlichen Hofes und ob sonst auch fremde und namhafte Ritter am Hofe wären. Der Wirt sagte ihm, daß vor kurzem ein angesehener Ritter, Herr Heinrich von Carpona, an den Hof gekommen sei, dem zu Ehren der König ein Rennen und ein Turnier am Sonntag veranstalten wolle, bei denen auch fremde Ritter, wenn sie gerüstet auf die Bahn kämen, Zutritt erhalten könnten. Als der Sonntag angebrochen war, stand Peter früh auf, ließ sein Pferd mit allem Zubehör versehen und legte seine schönsten Kleider an, denn er gedachte, an diesem Tage Ehre einzulegen und brannte vor Begierde, die schöne Magelone zu sehen und sich vor ihr zu zeigen. Als Helmzier hatte er sich zwei kostbare silberne Schlüssel anfertigen lassen, um daran kenntlich zu sein. Dies tat er zu Ehren des Himmelsfürsten St. Peter, des Apostels, dessen Namen er trug. Auch alle Decken seiner Pferde ließ er mit Schlüsseln zieren. Die Bahn wurde eröffnet, und der König mit Gemahlin und Tochter, auch vielen anderen Frauen und Jungfrauen, betrat das Schaugerüst. Da kam auch Peter mit einem Knecht und einem Knaben auf die Bahn gezogen. Er stellte sich aber an letzter Stelle auf, denn er war fremd und unbekannt. Niemand wurde auf ihn aufmerksam, der ihn herausgeführt und obenan gestellt hätte. Nun begann die Stunde, den Jungfrauen und Frauen in voller Rüstung Ehre zu bezeigen. Ein Herold trat auf und rief auf Befehl des Königs, wer bereit sei, um der Jungfrauen und Frauen willen eine Lanze zu brechen, der sollte auf die Bahn ziehen. Da trat zuerst Herr Heinrich von Carpona in die Schranken. Gegen ihn zog ein Ritter des Königs, den Herr Heinrich so gut traf, daß er bügellos im Sattel hing und vor Schrecken und vor Erschütterung den Spieß von sich warf. Dieser kam dem Rosse des Herrn Heinrich vor die Füße, daß es strauchelte und mitsamt seinem Herrn zu Boden stürzte. Da sagten die Freunde des Ritters vom Hofe, daß Herr Heinrich redlich im Kampfe gefallen wäre, und so wurde jenem der Sieg zugesprochen. Dies verdroß Herrn Heinrich von Carpona so, daß er nicht mehr rennen wollte. Auch der Graf Peter war darüber unwillig, der wohl sah, welch ein tapferer Ritter Herr Heinrich war. Als der Herold zum zweiten Male auf Befehl des Königs rief, wenn ein anderer hier wäre, der eine Lanze zu brechen Lust hätte, der solle auf die Bahn ziehen, da trat Peter gegen den Königlichen in die Schranken und traf ihn bald so heftig, daß Mann und Ross zu Boden fielen und alle Zuschauer staunten. Auch der König lobte den Ritter mit den silbernen Schlüsseln und hätte gern erfahren, wer er wäre und woher er komme. Daher schickte er einen Herold mit diesen Fragen zu ihm. Peter antwortete dem Herold: »Sage dem Herrn, deinem König, daß er es mir nicht übelnehmen möge, wenn ich ihm meinen Namen verschweige. Ich habe ein Gelübde getan, keinem Menschen zu bekennen, wie ich heiße. Doch so viel kannst du deinem König sagen, ich sei ein armer Edelmann aus Frankreich und suche bei Jungfrauen und Frauen in der Welt Preis und Lob zu erlangen.« Der König begnügte sich mit der Antwort und schrieb sie der Bescheidenheit des Ritters zu. Jetzt begann Peter erst recht, seine Kunst zu zeigen. Jeder Ritter wollte sein Bestes tun und sich mit ihm messen, aber Peter warf die Fremden schmählich in den Sand. Der König und alle erkannten, daß er Sieger über alle Gegner war, und er erhielt den Preis. Unter den Jungfrauen und Frauen ging ein Flüstern über den Ritter mit den silbernen Schlüsseln. Die schöne Magelone, die Peter in der großen Ferne nicht recht gesehen hatte, konnte seine Taten und seine Gestalt nicht vergessen. Herr Heinrich von Carpona, der tapfere Ritter, begleitete den Sieger mit einigen anderen in die Herberge, um ihn recht zu ehren. Bald darauf bat die schöne Magelone ihren Vater gar sehr, wieder ein Turnier abzuhalten. Sie tat dies aber, ohne es selbst zu wissen, aus heimlicher Liebe zum Ritter mit den silbernen Schlüsseln, denn sie freute sich darauf, ihn wiederzusehen. Als Peter in seiner bekannten Waffenrüstung in die Schranken trat und dabei die Trompeten schmetterten und die Lanzen an die Schilde krachten, wurde sie ganz rot. Unverwandt blickte sie auf Peter, obgleich sie sein Angesicht nicht erkennen konnte, so wie er selbst die schöne Magelone nur aus der Ferne sah und von ihren Frauen noch nicht zu unterscheiden vermochte. Auch dem König gefiel der Ritter mit den silbernen Schlüsseln in jeder Beziehung gut, besonders weil er jung war und ein edles und höfisches, Benehmen hatte. Zuweilen sprach er zu sich selbst: »Dieser Ritter kann von keinem niederen Geschlecht sein, all sein Wesen spricht vom Gegenteil. Er ist auch würdig, daß wir ihm mehr Ehre erweisen, als ihm bisher von uns widerfahren ist.« Als die Wettkämpfe zu Ende waren, ließ der König ihn an seine Tafel laden, worüber Peter sehr erfreut war, denn nun durfte er hoffen, die schöne Magelone einmal in der Nähe zu sehen. Der Ritter erschien zur bestimmten Stunde. Und als der König, seine Gemahlin und seine Tochter sich zu Tische setzten, wurde er der Prinzessin gegenübergesetzt. Die Mahlzeit war mit fremden Gerichten auf das beste bestellt, aber der Ritter achtete wenig auf das Essen. Die unübertreffliche Schönheit der Jungfrau beschäftigte ihn ganz, so daß er nichts tun konnte, als sie anzuschauen. Da sättigte er denn seinen Geist mit Blicken und mußte sich gestehen, daß es auf Erden keine schönere Frau gebe als die schöne Magelone. Sie aber blickte immer freundlich zu ihm hinüber, und so wurde er in Liebe entzündet und sprach zu sich selbst: »Der ist glückselig, dem sie ihre Liebe schenkt.« Doch dachte er dabei nicht an sich selbst. Er hielt es für unmöglich, daß ihm ein solches Glück widerfahren könnte. Auch zwang er sich, munter und klug mit dem König zu reden, was diesem wohl gefiel, wie denn sein edler Anstand das ganze Hofgesinde in Staunen setzte. Als sie gegessen hatten, wurde allerlei Spiel im Saale veranstaltet. Und als der König die Gesellschaft verließ, gab er seiner Tochter die Erlaubnis, noch länger mit dem Ritter im Saal zu bleiben. Die schöne Magelone rief den Ritter mit den silbernen Schlüsseln gar freundlich zu sich, und er eilte auf den süßen Laut ihrer Stimme schnell ihr entgegen. Sie sprach zu ihm: »Edler Ritter, mein Vater und wir anderen alle, die hier sind, haben an Eurem bescheidenen Wesen, Euren ritterlichen Taten und Eurem redlichen Gemüt großen Gefallen. Ich soll Euch deshalb bitten, daß Ihr zu uns kommt, sooft es Euch gefällt, damit Ihr Euch im Hause meines Vaters Unterhaltung schafft.« Peter dankte ihr in ehrerbietigen Worten, und sein Herz war voller Freuden. Indessen befahl die Königin ihrer Tochter, mit ihr den Saal zu verlassen. Magelone nahm nur ungern von dem Ritter Abschied. Doch sagte sie noch beim Scheiden: »Kommt ja oft, edler Ritter! Ich hätte noch gar zu gerne von Ritterspielen und anderem, was in Eurer Heimat vorgehen mag, mit Euch gesprochen. Es beschwert mich, daß ich diesmal nicht mehr Zeit habe, mit Euch zu reden.« So nahm sie von ihm Abschied und sah ihn so freundlich an, daß er noch tiefer in seinem Herzen verwundet wurde, als er es zuvor schon gewesen. Die schöne Magelone war mit ihren Jungfrauen in ihre Kammer gegangen, als der König wieder in den Saal trat und mancherlei mit den Herren besprach, die am Hofe zugegen waren. Da trat er auch zum Ritter mit den silbernen Schlüsseln und bat ihn freundlich, ihm seinen Namen und seinen Stand zu nennen, wenn er wolle. Aber er konnte von Peter nichts anderes erfahren, als daß er ein armer Edelmann sei, der die Welt durchziehe, um sie sich anzuschauen und Ritterspiele zu üben. Der König erkundigte sich auch nicht weiter. Er bewunderte vielmehr die Bescheidenheit und die Standhaftigkeit des Jünglings und verabschiedete ihn sehr gütig. So verließ der Ritter mit anderen Herren den Hof und ging nach seiner Herberge. Sobald Peter sich allein sah, begab er sich an einen abgelegenen Ort. Er dachte an die unvergleichliche Schönheit der Jungfrau Magelone und erinnerte sich an alle freundlichen Reden und jeden huldvollen Blick der Geliebten. Ebenso dachte die schöne Magelone, als sie in ihre Kammer eintrat, an niemand anderen als an den Ritter. Sie quälte sich in ihrem Innern ab, woher er wohl stamme und wie er heiße. Sie konnte nicht glauben, daß er so geringen Standes sei, wie er angab. Endlich nahm sie sich vor, ihre Zuneigung zu dem Ritter, die sie allein nicht mehr zu ertragen vermochte, ihrer Amme zu offenbaren, die sie besonders liebte und von deren Treue sie überzeugt war. Eines Tages nahm Magelone sie heimlich in ihr Gemach und sagte zu ihr: »Liebe Amme, du hast mir in meinem ganzen Leben eine solche Treue bewiesen, daß ich auf keinen Menschen in der Welt ein so großes Vertrauen setze wie auf dich. So will ich dir denn auch etwas sagen, was du keiner Seele mitteilen darfst. Wenn du es geheimhältst und mir deinen Rat mitteilst, will Ich dir es nimmermehr vergessen.« Die Amme antwortete: »Liebe Tochter, ich weiß in der Welt nichts, das ich nicht täte, wenn du es begehrst, und sollte ich deswegen sterben, ich täte es. Öffne mir daher ohne jede Furcht dein Herz.« Da sprach die schöne Magelone voll Zutrauen zu ihr: »Hast du den jungen Ritter gesehen, der vor wenigen Tagen den Preis im Turnier erlangt hat? Sieh, ihm gehört mein Herz, und ich kann deshalb nicht essen, trinken und schlafen. Ja, erführe ich, daß er von hohem Geschlecht ist, so wollte ich all meine Hoffnung auf ihn setzen und ihn zu meinem Gemahl machen. Nun rate mir, liebe Amme, und wenn du kannst, erkunde, woher er stammt und wer er ist!« Die Amme erschrak nicht wenig, als sie diese Rede vernommen hatte. Sie wußte nicht, was sie antworten sollte. Doch erwiderte sie endlich: »Liebes Kind, was sagst du da? Mir ist dein hoher Stand wohl bewußt. Und wenn der mächtigste Herr der Welt dich bekäme, müßte er sich freuen. Dennoch setzt du deine Hoffnung auf einen jungen, fremden Ritter, der dir mitsamt den Seinen unbekannt ist, der, wenn er dich begehrt, dich vielleicht nur in Spott und Schande bringen will. Liebe Tochter, schlage dir solche Gedanken aus dem Kopfe!« Magelone verstand die Alte wohl und wurde ganz traurig. Die Neigung zu dem Fremden hatte sie so umstrickt, daß sie ihrer selbst nicht mehr mächtig war. Sie sprach: »Amme, ist das die Liebe, die du zu mir trägst? Willst du, daß ich elend sterbe? Was verlange ich denn von dir? Ist denn die Arznei, die du mir holen sollst, so ferne? Schicke ich dich denn weit fort von mir? Braucht dir denn über dem, was ich dich heiße, vor meinem Vater und vor meiner Mutter oder vor mir zu bangen? Sieh, wenn du tust, um was ich dich bitte, so ist mir geholfen. Folgst du mir aber nicht, so wirst du mich in kurzer Zeit vor deinen Augen an Kummer und Schmerzen sterben sehen.« Nach diesen Worten fiel sie ohnmächtig auf ihr Lager. Als sie endlich wieder zu sich kam, fuhr sie fort: »Liebe Amme, glaube nur, daß er von hohem Geschlecht ist. Wie wäre es bei solchen Tugenden auch anders möglich? Und eben darum will er seinen Namen nicht nennen. Aber ich bin gewiß, wenn du ihn in meinem Auftrag nach seinem Namen und Stand fragen wolltest, er würde dir beides sagen.« Als die Amme sah, wie groß die Liebe der schönen Magelone zu dem jungen Ritter war, brachte sie es nicht übers Herz, der Jungfrau die Bitte abzuschlagen. Sie tröstete sie und versprach ihr, nach dem zu fragen, was sie wissen wollte. Als der Morgen anbrach, ging die Amme in die Kirche, um den Ritter zu suchen; denn kein frommer Ritter versäumte damals sein Morgengebet. Sie fand ihn auch dort allein beim Gebet. Sie kniete neben ihm nieder und betete auch. Als beide sich erhoben, begrüßte sie der Ritter. Er hatte sie schon am Hofe gesehen. Nun nahm die Amme den Augenblick wahr und sprach: »Herr Ritter, ich muß mich wundern, daß ihr Euern Stand und Euer Herkommen so verheimlicht. Ich weiß gewiß, daß der König und die Königin, besonders aber die schöne Magelone, eine große Freude hätten zu erfahren, woher und wer Ihr seid. Ja, wenn Ihr dies der Prinzessin bekennen wolltet, versichere ich Euch, Ihr tätet ihr einen großen Gefallen.« Als der Ritter die Frau so reden hörte, verlor er sich in Gedanken. Er dachte, solche Reden verrieten wirklich den Wunsch Magelonens, ihn näher kennenzulernen. Das Herz schlug ihm dabei höher, weil er daraus schloß, daß sie ihn liebte. Daher antwortete er: »Liebe Frau, seit ich von Hause fort bin, habe ich mich keinem Menschen zu erkennen gegeben. Aber weil niemand auf der Welt ist, dem ich Besseres gönnte und lieber gehorsam sein möchte als Eurer schönen Gebieterin, so sagt Ihr, wenn sie meinen Namen wissen will, daß mein Geschlecht groß und hoch geadelt ist. Bittet sie aber in meinem Namen freundlich, sie wolle sich damit begnügen. Auch bitte ich Euch, nehmt von meiner kleinen Habe dieses Andenken mit.« Er übergab hierauf der Amme einen von den drei Ringen, die ihm seine Mutter, die Gräfin von Provence, auf die Reise mitgegeben hatte. Dann schieden beide voneinander. Die Amme ging fröhlich dem Schlosse zu. »Er muß wohl, wie Magelone sagt, von hohem Geschlecht sein«, sprach sie zu sich selbst, »denn er ist voller Zucht und Ehren.« Magelone harrte mit großer Sehnsucht auf ihre Rückkehr. Als die Amme eintrat, zog sie den Ring hervor, hielt ihn ihr entgegen und berichtete ihr alles, was der Ritter gesagt hatte. Magelone griff freudig nach dem Ring, betrachtete ihn und rief: »Siehst du nun, Amme, habe ich dir nicht gesagt, er müßte von hohem Geschlechte sein! Meinst du, ein solch kostbarer Ring würde einem Armen und Niedrigen gehören? Ja, diese Liebe wird mein Glück sein. Ich will ihn besitzen, und kein Gedanke soll je in mein Herz kommen, einen anderen zu lieben und zu begehren! Als ich ihn das erstemal sah, ergab sich ihm gleich mein Herz. Ich erkenne jetzt, daß er mir zu Gefallen hierhergekommen ist. Ich bitte dich aber, laß mir diesen Ring, der von ihm kommt, und nimm ein anderes Kleinod dafür.« Die Amme willigte, gern ein. Als aber Magelone verlangte, sie solle gehen und dem Ritter ihr ganzes Gemüt und ihren Willen kundtun, erschrak sie und bat, diesen Wunsch aufzugeben und ihre Liebe nicht so schnell einem fremden und unbekannten Ritter zu schenken. Diese Worte wollte die schöne Magelone nicht dulden. Sie sprach mit bewegter Stimme: »Du sollst mir ihn nicht einen Fremden nennen! Ich habe auf der ganzen Welt niemand, der mir lieber wäre!« Die Amme sah die große Erregung im Gemüt der Jungfrau und wollte ihr nicht mehr dagegenreden. Sie sagte: »Teures Kind, alles, was ich tu', tu' ich ja deinetwillen und dir zu Ehren. Glaube mir, alles, was auf unordentliche und unbedachte Weise geschieht, kann dir nicht zur Ehre gereichen. Ich zweifle nicht daran, daß du ihn liebhast, und er ist es auch wohl wert, doch muß ein Wiedersehen auf züchtige und anständige Weise geschehen. Dazu will ich dir gewiß guten Rat geben und getreulich helfen. Auch hoffe ich zu Gott, daß er alles zum besten geschehen lasse.« Durch diese Reden wurde Magelone ein wenig beruhigt. Sie legte sich zu Bett, den Ring des Ritters am Finger, den sie oft küßte, und dachte mit Sehnsucht an ihren Freund. Dabei schlief sie endlich ein. Da kam es ihr im Traume vor, als wären der Ritter und sie allein beieinander in einem schönen Garten, und sie sagte zu ihm: »Ich bitte Euch freundlich, Herr Ritter, um der Liebe willen, die ich zu Euch trage, sagt mir, woher und welchen Geschlechts Ihr seid!« Aber der Ritter bat sie, nicht weiter zu fragen, sie werde es bald erfahren. Dann schenkte er ihr einen Ring, der noch köstlicher als der erste war, den er der Amme gegeben hatte. Und sie waren in großer Freude beieinander. So lag die schöne Magelone in süßen Träumen bis zum nächsten Morgen. Als sie erwachte, erzählte sie den Traum ihrer Amme. Diese sah jetzt, daß sie ihr ganzes Herz dem Ritter geschenkt hatte. Da dachte sie nicht länger daran, sie von ihm abzubringen. Unterdessen versuchte der Ritter immer wieder, die Amme der schönen Magelone zu sehen. Da auch sie darauf brannte, ihm zu begegnen, dauerte es nicht lange, daß beide einander in der Kirche trafen. Dort gab Peter ihr ein Zeichen, daß er etwas heimlich mit ihr zu reden habe. Die Amme verstand dies gleich, ging zu ihm hin und erzählte ihm leise, welche Freude Magelone an dem Ring habe, den er ihr geschenkt und den sie ihrer Herrin hatte überlassen müssen. Da antwortete der Ritter: »Liebe Frau, ich habe den Ring Euch gegeben und nicht der schönen Magelone. Ich weiß wohl, daß eine solch kleine Gabe einer so mächtigen Fürstin nicht würdig ist, aber alles, mein Leib und mein Gut gehört ihr. Ihre Schönheit hat mein Herz so verwundet, daß ich Euch anvertrauen muß, ohne ihre Liebe nicht leben zu können, um nicht der unglücklichste Ritter auf der Welt zu sein. Ich bitte Euch, meldet ihr dies, denn ich weiß, daß die Fürstin keine vertrautere Freundin hat als Euch.« Die Amme sagte zu ihm: »Ich will alles tun, was Ihr befehlt, und es meiner Herrin getreulich ausrichten. Ich hoffe, Euch eine günstige Antwort zurückzubringen, nur möchte ich wissen, wie Ihr es mit Eurer Liebe meint. Denn verstündet Ihr darunter eine törichte und unreine Liebe, so schweigt nur und redet mir nichts mehr davon!« Da sprach der edle Ritter: »Ich will eines unglücklichen, bösen Todes sterben, wenn ich je an eine solche Liebe oder vielmehr Schande gedacht habe. Eine ehrliche, treue, aufrichtige Liebe ist es, mit der ich die Jungfrau liebe und ihr bescheiden dienen will.« Mit dieser Erklärung war die Amme sehr zufrieden, doch fragte sie: »Weil Ihr mir beteuert, daß Ihr sie mit getreuer Liebe lieben wollt, warum verbergt Ihr da immer noch Euren Namen und Euer Geschlecht vor ihr? Denn wenn Ihr nachweisen könnt, daß Ihr von hohem Adel seid, so dürfte mit Gottes Hilfe wohl die Ehe zwischen euch beiden zustande kommen. Es ist wahr, daß ihr einander von Herzen liebt.« Bei diesen Worten flammte die Liebe Peters hoch auf. Er rief: »Ich bitte Euch, Amme, helft mir dazu, daß ich mit der Jungfrau sprechen kann, dann will ich ihr mein Geschlecht anvertrauen und alles, was sie von mir wissen will.« Die Amme sagte ihm dies zu, da gab er ihr den zweiten Ring für Magelone mit und verabschiedete sich frohen Herzens von ihr. Die Amme verließ die Kirche und ging den nächsten Weg nach den Gemächern der schönen Magelone, die vor großer Liebe krank war und auf ihrem Bett lag. Sobald sie aber die Amme erblickte, sprang sie auf, lief ihr entgegen und rief: »Sei mir willkommen, liebe Freundin! Wehe mir, wenn du nicht gute Botschaft bringst von ihm, den meine Seele liebt! Ach, liebe Amme, ich muß sterben, wenn du mir nicht einen Rat gibst, wie ich ihn sehen und sprechen kann.« Die Amme erwiderte: »Sei getrost, liebes Kind, ich bringe dir günstige Nachricht.« Da fiel ihr Magelone um den Hals und herzte sie. Sie erfuhr nun alles, was der Ritter gesagt hatte. Die Alte sagte: »Glaubt mir, wenn Ihr seinetwegen große Schmerzen duldet, so trägt er um Euretwillen nicht geringere. Aber seine Liebe ist getreu, züchtig und ehrbar, worüber ich sehr erfreut bin. Ja, ich kann Euch sagen, Tochter, daß ich noch nie einen jungen Ritter gekannt habe, der so weise geredet hat. Und nun begehrt er, heimlich mit Euch zu sprechen. Dabei will er Euch seine Geburt und seinen Stand bekennen. Auch bittet er Euch, diesen Ring aus seiner Hand anzunehmen.« Bei dieser guten Nachricht färbte sich das Antlitz Magelonens mit tiefer Röte. Sie betrachtete den Ring und sagte zur Amme: »Ach, das ist ja derselbe Ring, den ich heute nacht im Traum gesehen habe. Ja, mein Herz sagt mir alles, was geschehen wird. Jetzt glaube ich auch, daß dieser Ritter mein Gemahl werden wird. Darum, Amme, versuche alles, wie ich ihn sehen und mit ihm reden kann.« Die Amme versprach ihr, keine Mühe zu scheuen, damit ihr Verlangen erfüllt werde. Nun war Magelone den ganzen Tag fröhlich wie ein Kind. Sie sah den einen Ring an und dann wieder den anderen. Sie spielte mit ihnen, steckte sie jetzt an diesen Finger, dann an jenen, küßte sie und dankte im Herzen ihrem Freund viel hundertmal für diese Gaben seiner Liebe. Am nächsten Tag traf die Amme den Ritter in einer Kapelle, in die er zu gehen pflegte. Als er sie sah, eilte er auf sie zu und fragte, was die schöne Magelone beginne und ob er in ihrer Gnade stünde. Die Amme antwortete ihm: »Edler Herr, kein Ritter lebt in der Welt, der den Harnisch trägt und Ritterspiele übt, der so glücklich ist wie Ihr. Zur guten Stunde seid Ihr in dieses Land gekommen, und durch Eure Tapferkeit habt Ihr die schönste Jungfrau auf der Erde erobert. Wisset nur, sie wünscht herzlich, Euch zu sehen und mit Euch zu reden, und ich will mich ihr nicht widersetzen. Nur müßt Ihr mir bei Edelmanns Treue und Glauben versprechen, daß Eure Liebe nichts anderes sei, denn Zucht und Ehre, wie es Eurem hohen Stande ziemt.« Der Ritter kniete vor der Amme nieder und schwur ihr vor seinem Schöpfer, daß er nichts anderes zu erlangen begehre als das heilige Sakrament der Ehe und daß sonst Gott in dieser Welt ihm nicht helfen möge. Da gab ihm das Weib die Hand, hob ihn auf und sprach: »So macht Euch bereit und kommt morgen nachmittag durch das kleine Pförtchen unseres Gartens zu meiner schönen Herrin in ihre Kammer, in der sie allein mit mir sein wird. Dann will auch ich die Kammer verlassen, daß ihr beide miteinander allein seid. Da möget ihr einander euer Anliegen nach Herzenswunsch erzählen.« Mit dieser Hoffnung schied der Ritter von der Amme. Als die Stunde tags darauf gekommen war, fand er das Pförtchen offen, eilte mit großer Sehnsucht durch den Garten und hinauf zur Kammer der schönen Magelone. Hier fand er die Jungfrau mit der Amme allein vor. Als sie ihn erblickte, wurde ihr Antlitz rot wie eine Rose. Wäre sie der Vernunft, die jedes adlige Herz regieren soll, nicht gefolgt, so hätte sie ihn aus Liebe in die Arme genommen. So ließen nur ihr holdes Antlitz und ihr liebliches, freundliches Auge die Neigung durchschimmern, die sie für den Ritter im Herzen trug. Auch der Ritter errötete tief, als er so plötzlich die Geliebte seines Herzens vor sich stehen sah. Er wußte nicht, wie er zu reden anfangen sollte, wußte auch nicht, ob er in den Lüften oder auf der Erde sei. Endlich kniete er ganz verschämt vor ihr nieder und sprach: »Hochgeborene Fürstin, der allmächtige Gott verleihe Euch Ehre und alles, was Euer Herz begehrt.« Da faßte ihn Magelone bei der Hand und sagte mit leiser Stimme zu ihm: »Seid mir willkommen, edler Ritter!« Sie setzte sich und hieß ihn, sich neben sie zu setzen. Nun ging die Amme in die Nebenkammer. Darauf fing die schöne Magelone also zu reden an: »Wohl ziemt es sich nicht für ein so junges Mädchen, wie ich es bin, mit einem Ritter heimlich zu reden. Doch als ich Euer adliges Gemüt bedachte, wurde ich keck und sicher, mein Verlangen zu erfüllen. Wisset auch, als ich Euch den ersten Tag gesehen, da hat mein Herz Euch alsbald Gutes gewünscht. Ja, es ist kein Mensch auf der Erde, dem ich so wohl will wie Euch. Darum möchte ich gerne erfahren, wer Ihr seid, aus welchem Lande Ihr stammt und warum Ihr hierhergekommen seid.« Da stand, der Ritter voll Freuden auf und sprach: »Dank sei Euch, gnädigste Fürstin, für die Freundlichkeit, die Ihr mir erweist, wiewohl in mir keine Tugend ist, die solches verdient. Ja, es ist recht, daß Ihr erfahrt, wer ich bin und warum ich hierherkam. Doch war mein Vorsatz, es niemandem zu offenbaren. Ich bitte Euch daher, es vor jedermann geheimzuhalten. Wißt, edle Fürstin, ich bin der einzige Sohn des Grafen von Provence, der ein Oheim des Königs von Frankreich ist. Ich bin allein deshalb von Vater und Mutter weggezogen, um Eure Liebe zu erlangen. Ich hörte bei uns sagen, daß es keine schönere Fürstin gebe als Euch. Und das ist auch wahr. Eure Schönheit ist unaussprechlich. Also bin ich nicht hierhergekommen, die Gesellschaft edler Ritter zu suchen und mit ihnen um den Preis zu kämpfen, denn ich weiß, daß sie in allen Dingen gewandter sind als ich. Doch wiewohl ich der Geringste unter ihnen bin, habe ich mir in meinem Herzen vorgenommen, Eure Gunst und Liebe zu erlangen. Das ist die ganze Wahrheit, wie Ihr verlangt habt, sie von mir zu erfahren. In meinem Herzen ist beschlossen, niemand lieber zu haben bis in den Tod als Euch.« Auf diese Worte erwiderte Magelone: »Mein edler Ritter und Herr, ich danke dem gütigen Gott, daß er uns einen solch glücklichen Tag geschenkt hat, denn ich schätze mich für das glücklichste Wesen der Welt, daß ich einen so edlen Menschen gefunden habe, der an Hoheit des Geschlechts, an Tapferkeit, Zucht und Weisheit seinesgleichen nicht hat. Nein, Eure Mühe soll nicht vergeblich sein, die Ihr so treulich für mich angewendet habt. Und weil Ihr mir Euer Herz und Gemüt enthüllt habt, ist es billig, daß ich vor Euch das gleiche tue. So sehet hier Eure Magelone. Sie ist ganz und gar Euer. Ich setze Euch zum Herrn und Meister meines Herzens ein. Nur bitte ich Euch, es bis zur Stunde unseres Verlöbnisses geheimzuhalten. Ich verspreche Euch, daß ich lieber den Tod suchen will, als mich und mein Herz einem anderen zuzusagen.« Magelone nahm nun eine goldene Kette, daran ein köstliches Schloß war, von ihrem Halse und sprach: »Mit dieser Kette, geliebter Freund und Bräutigam, setze ich Euch in den Besitz meines Lebens und verheiße Euch treulich, wie es einem Königskinde geziemt, keinen anderen als Euch zu ehelichen.« Mit diesen Worten schloß sie ihn voller Liebe in ihre Arme. Peter beugte vor seiner Geliebten das Knie, dankte ihr und versprach, ihr ganz zu gehören. Dann steckte er ihr den dritten und köstlichsten Ring, den er von seiner Mutter erhalten hatte, an den Finger. Sie neigte sich zu ihm herab, und er gab ihr den ersten Kuß als seiner Braut. Dann riefen sie die Amme in die Kammer zurück. Hierauf verabschiedete sich Peter von seiner schönen Freundin und ging in die Herberge viel fröhlicher als sonst zurück. Magelone aber ließ niemand merken, was geschehen war. Nur mit der Amme sprach sie von nichts anderem als von ihrem Ritter. Die Amme aber sagte: »Es ist alles wahr, was Ihr Gutes und Liebes von ihm sprecht. Nur, liebstes Fräulein, bitte ich Euch, seid nicht leichtsinnig in der Liebe. Wenn ihr zu Hofe bei Euren Jungfrauen oder in der Ritter Gesellschaft sein werdet, so laßt Euch nichts merken. Würden Vater oder Mutter es wissen, so würden daraus dreierlei Übel entstehen. Erstens würdet Ihr schamrot werden und die Gunst Eurer Eltern verlieren. Zweitens könnte der Ritter getötet werden, und Ihr wäret schuld am Tode dessen, der Euch lieber hat als sich selbst. Drittens endlich würde auch ich bestraft werden, was Ihr gewiß nicht haben wollt.« Magelone versprach, der Alten in allem getreulich zu folgen. Sie sprach: »Siehst du etwas an mir, das mir zu tun nicht geziemt, so sage es mir, oder gib mir ein Zeichen. Aber wenn wir allein beieinander sind, dann bitte ich dich, du wolltest mir vergönnen, von dem liebsten Menschen mit dir zu reden. So wird die lange Zeit bis zum Wiedersehen schneller verfließen.« Als der Ritter wieder zu Hause war, dachte er an nichts anderes als an Magelones Freundlichkeit und Schönheit. Es trieb ihn, eher an den Hof zu gehen, als er sich vorgenommen hatte. Doch hielt er sich wohlweislich vor dem König und allen anderen ganz still, wodurch jedermann ihn wegen seiner Bescheidenheit um so lieber gewann, nicht nur die großen Herren, sondern auch das gemeine Hofgesinde. Wenn er aber einen Augenblick erhaschen konnte, unbemerkt seine Augen zu erheben, warf er der schönen Magelone einen freundlichen Blick zu. Doch geschah dies immer vorsichtig und ganz verborgen. Nur wenn er vom König oder von der Königin Befehl erhielt, mit der Fürstin zu reden, ging er zu ihr. Dann vertrieben sie ihre Zeit mit holdem Gespräch. Zu dieser Zeit lebte in der Normandie ein reicher und edler Ritter, der wegen seiner Macht und Redlichkeit überall gepriesen und beliebt war. Er hieß Friedrich von der Krone. Er gewann die schöne Magelone auch lieb, denn er hatte sie vorzeiten gesehen, sie aber achtete seiner nicht. Nun nahm er sich vor, Ritterspiele in der Stadt Neapel zu veranstalten. Er vertraute hierbei auf seine Stärke, durch die er den Preis und damit vielleicht die Huld der schönen Magelone gewinnen könnte. Daher bat er den König von Frankreich, in Neapel turnieren zu dürfen. Und nun wurde in Frankreich und in allen Landen ausgerufen, Ritter, die willens wären, aus Liebe zu Frauen oder Jungfrauen eine Lanze zu brechen, sollten am Tage von Mariens Geburt in der Stadt Neapel erscheinen. Da würde man sehen, wen sie liebhätten. Dies bewog viele Herren zu erscheinen, aus Savoyen, aus England, aus Böhmen und Rußland. Auch Jakob kam, der Bruder des Grafen von Provence, der Oheim Peters. Aber er erkannte seinen Neffen nicht. Herr Friedrich von der Krone, Herr Heinrich von Carpona und andere Edle hatten sich auch eingefunden. Und der Ritter mit den silbernen Schlüsseln war ohnehin auf dem Platze. Sechs Tage warteten die erschienenen Fürsten und Herren in der Stadt, bis der anberaumte Tag anbrach. Da standen sie frühmorgens auf und hörten die Messe. Dann rüsteten sie sich, ein jeder so herrlich, wie er nur konnte. So zogen sie auf den Ritterplatz, wo der König und die Königin mit ihrer Tochter, der schönen Magelone, und anderen Jungfrauen und Frauen auf einer Schaubühne saßen, um dem Stechen zuzusehen. Es war ein gar bunter Kranz, aber unter so vielen schönen Frauen leuchtete Magelone wie der Morgenstern beim Tagesaufgang. Alle Ritter warteten auf den königlichen Befehl. Herr Ritter Friedrich von der Krone war der erste, der sich mit aller Pracht sehen ließ. Nach ihm waren es viele andere, jeder in seiner Ordnung. Aber die schöne Magelone wandte ihr Auge nur nach Peter, der zuallerletzt kam. Dann befahl der König seinem Herold, auszurufen, daß das Turnier beginnen solle, freundschaftlich und mit Liebe, aber auch ohne alle Scheu. Darauf rief Herr Friedrich von der Krone laut: »Am heutigen Tage will ich meine Stärke und Männlichkeit der edlen und allerschönsten Magelone zu Ehren beweisen.« Dann zog er als erster auf die Bahn. Gegen ihn trat Herr Heinrich auf, der Sohn des Königs von England, ein schöner Ritter. Sie trafen sich so gut, daß die Lanzen beider brachen. Nach ihm kam der Ritter Lancelot von Valois, der stach gleich im ersten Zusammentreffen Herrn Friedrich aus dem Sattel. Jetzt ritt Peter von Provence wider Lancelot, denn sein mutiges Herz konnte nicht länger warten. Beide trafen so heftig aufeinander, daß die Pferde mit ihnen zu Boden fielen. Auf Befehl des Königs mußten sie die Pferde wechseln und noch einmal gegeneinander rennen. Die schöne Magelone war schon ganz traurig geworden, als sie das Ross ihres Geliebten stürzen sah. Nun aber zogen die Kämpfer abermals auf die Bahn, und Peter rannte mit solcher Gewalt wider seinen Gegner, daß er ihm einen Arm entzweibrach. Lancelot fiel dabei wie tot auf die Erde und mußte durch die Seinen von der Bahn hinweg in seine Herberge getragen werden. Darauf ritt Herr Jakob von Provence gegen Peter an. Dieser erkannte sogleich seinen Oheim, wurde aber von ihm nicht erkannt. Als nun der edle Peter sah, wie seines Vaters Bruder sich zum Streit gegen ihn rüstete, rief er den Herold zu sich und sprach zu ihm: »Sagt jenem Ritter, daß er nicht wider mich auftrete, denn er hat mir einstmals einen Dienst in der Ritterschaft erwiesen, daher bin ich es ihm schuldig, ihm wieder zu dienen. Sagt ihm auch, ich lasse ihn bitten, mich zu schonen, so will ich gern bekennen, daß er ein besserer Ritter als ich sei.« Als Herr Jakob dies hörte, wurde er zornig, denn er war ein tüchtiger Ritter. Er hatte einst mit eigener Hand seinen Neffen Peter zum Ritter geschlagen, daher scheute Peter sich jetzt aus Ehrerbietung, mit ihm zu kämpfen. Davon aber ahnte Herr Jakob von Provence nichts. Er sprach: »Sagt dem Ritter, wenn ich ihm Gutes erwiesen habe, so sollte er um so mehr wider mich rennen, um auch mir einen Gefallen zu tun, denn er wird hier für einen tapferen Ritter gehalten. Ich fürchte aber, daß dem nicht so sei und daß er nicht genug Kraft in sich fühle, sich gegen mich zu wehren.« Der Herold überbrachte dies dem Grafen Peter, und so schwer es ihm fiel, gegen seinen Oheim zu kämpfen, mußte er es doch tun, um von den Zuschauern nicht verkannt zu werden. Als es nun zum Treffen kam, hielt Peter seinen Speer quer über den Sattel. Er mochte seinen Oheim nicht treffen. Dieser hingegen schonte ihn nicht, sondern traf seine Brust. Der Stoss war so heftig, daß Herrn Jakobs Speer dabei zerbrach und er selbst aus dem Sattel gehoben wurde. Peter rührte sich nicht. Es war ihm nur, als ob eine Flamme an ihm vorübergegangen wäre und ihn kaum berührt hätte. Der König sah dies und erkannte, daß der Ritter mit den silbernen Schlüsseln nur aus Höflichkeit so handelte. Er begriff jedoch nicht, weshalb dies geschah. Die schöne Magelone wußte aber wohl, warum Peter es tat. Indessen traten beide zum zweiten Male gegeneinander an. Peter machte es wieder so wie zuvor. Sein Oheim dagegen sparte keine Kraft und stach so heftig, daß er selbst durch den Stoss vom Pferd fiel. Peter aber hatte sich im Steigbügel nicht gerührt und war zu keinem Gegenstoß zu bewegen. Hierüber wunderte sich jedermann und auch Herr Jakob selbst, der seine Stärke gespürt hatte und doch sah, daß der Ritter sich nicht die Mühe gab, die Lanze gegen ihn zu heben. Deshalb wollte er nicht wiederkommen und zog ab. Er wußte nicht, daß der Gegner Peter, sein edler Neffe, gewesen war. Es kamen nun noch viele andere Herren. Sie alle schonte der Ritter mit den silbernen Schlüsseln nicht, sondern hob einen um den andern aus dem Sattel. Als niemand mehr vorhanden war, der es gegen ihn wagen wollte, klappte er sein Visier auf und ritt zum König. Dieser ließ ihn durch den Herold als Sieger ausrufen, und die Königin, die schöne Magelone und alle anderen Frauen und Jungfrauen sagten ihm Dank. Der König erwies den Rittern noch viel Ehre; dem mit den silbernen Schlüssels aber ging er entgegen, umarmte ihn und sprach: »Lieber Freund, ich danke Euch für die Ehre, die Ihr mir heute erwiesen habt. Ich darf mich wohl rühmen, daß kein Fürst auf Erden ist, der einen solch guten Ritter an seinem Hofe hat, wie Ihr es seid, so voll Zucht, Ehre und Tapferkeit. Eure Werke loben Euch mehr, als ich selbst es kann. Gott lasse Euch finden, was Euer Herz begehrt, denn Ihr seid dessen würdig.« Von nun an wurde der Ritter vom König und allen anderen hochgeschätzt. Wer mit ihm in ein Gespräch kommen konnte, freute sich seiner Gesellschaft. Je öfter man ihn sah, desto lieber hatte man ihn. Er war aber auch ein schöner, holdseliger, junger Geselle, weiß wie eine Lilie, und hatte freundliche Augen und Haare wie Gold. Jedermann sagte, Gott habe ihm besondere Tugenden und Gaben verliehen. Bei allem wurden die Verwundeten nicht vergessen, und besonders Herr Lancelot wurde von einem Arzt des Königs besucht und sorgfältig geheilt. Alle anderen Fürsten tafelten bei köstlichen Speisen fünfzehn Tage lang am königlichen Hof. Dabei wurde von nichts anderem als von dem Ritter mit den silbernen Schlüsseln gesprochen. Sooft es die schöne Magelone hörte, war sie hoch erfreut, doch ließ sie sich nicht das geringste merken. Die anderen Ritter und Edlen zogen endlich ziemlich ärgerlich nach Hause. Es war weniger deshalb, weil sie besiegt worden waren, vielmehr deswegen, weil sie durchaus nicht erfahren konnten, wer der siegreiche Ritter gewesen, der beim Turnier unter so vielen Tapferen als Bester hervorgegangen war. Als alles vorüber war, kam der Ritter auch wieder mit seiner schönen Magelone zusammen. Als sie genug miteinander geredet hatten, wollte Peter sie prüfen und sprach zu ihr: »Edelste, schönste, liebste Magelone, Ihr wißt, wie lange ich Euretwegen von Eltern und Heimat fern bin. Allerliebste, weil Ihr dazu die einzige Ursache seid, so bitte ich Euch, erlaubt mir, nach Hause zu reiten. Ich bin gewiß, daß Vater und Mutter große Sorge um mich haben, und das beschwert mein Gewissen.« Als Magelone dies hörte, standen ihr sogleich Tränen in den Augen und rannen über ihr schönes Angesicht. Sie schwieg lange ganz schwermütig. Endlich begann sie mit Seufzen: »Ja, geht nur! Ich weiß ja, daß ein Sohn Vater und Mutter gehorsam sein soll. Aber das schmerzt mich, daß Ihr Eure Geliebte zurücklassen wollt, die doch ohne Euch weder Rast noch Ruhe in dieser Welt haben kann. Glaubt nur, wenn Ihr wegreitet, werdet Ihr bald von meinem Tode hören.« Diese Klagen gingen dem Grafen Peter sehr zu Herzen, und er sagte zu ihr: »Ach, Magelone, Geliebte, weint nicht und sorgt Euch nicht mehr. Glaubt, daß ich lieber sterben will, als Euch verlassen. Wenn Ihr aber mit mir ziehen wollt, so seid gewiß, daß ich Euch in Zucht und Ehren führen und mein Versprechen halten werde.« Als Magelone diese Worte ihres Geliebten hörte, wurde sie von Freude erfüllt und machte ihm selbst den Vorschlag, bald und so heimlich wie möglich von dannen zu ziehen. Sie sagte: »Hört, was ich Euch bisher verschwiegen habe: Mein Vater hat mir seinen Willen kundgetan, mich nächstens mit Herrn Heinrich von Carpona zu vermählen. Mir aber war dabei nicht anders zumute, als ob er mir mit dem Tod drohte.« Darauf beschlossen sie, am dritten Tage, wenn die Welt im ersten Schlaf läge, von dannen zu ziehen. Peter sollte sich mit allem Nötigen versehen und mit den Pferden zum kleinen Pförtchen beim Garten kommen. Magelone bat ihn inständig, doch ja gute und starke Pferde mitzubringen, damit sie schnellstens aus dem Lande kämen. Sie sprach: »Wenn mein Vater uns einholt, wird er uns beide töten.« Von diesem Entschluß sagte die schöne Magelone sogar ihrer Amme nichts. Sie befürchtete, daß diese den Schritt verhindern oder gar dem König melden würde. So harrte sie allein mit ihrem Geheimnis, als Peter sie verlassen hatte, auf den Anbruch der dritten Nacht. Nach dem ersten Schlaf kam Peter mit drei wohlbeschlagenen Pferden vor das Gartentorpförtchen. Eins von ihnen hatte er mit Brot und anderer Speise für zwei Tage beladen, damit sie nicht Essen und Trinken in der Herberge suchen müßten. Die schöne Magelone hatte inzwischen Gold, Silber und was sie sonst für nötig hielt, an sich genommen. Sie setzte sich auf einen schönen englischen Zelter, der sehr sanft ging. Peter saß auf einem herrlichen Ross. So ritten sie die ganze Nacht hindurch, bis der Tag anbrach. Peter suchte die dichtesten Wälder auf, gegen das Meer zu, um von niemand gesehen zu werden. Als sie tief genug in den Wald hineingekommen waren, hob er die schöne Magelone vom Pferd, wies den Rossen eine Stelle an und ließ sie grasen. Sie selbst saßen im grünen Gras im Schatten eines Baumes, redeten von ihrer Liebe und baten Gott, sie zu beschirmen. Als beide miteinander zärtlich geredet hatten, überkam die schöne Magelone Müdigkeit und Schlaf, weil sie die ganze Nacht nicht geruht hatte. So legte sie denn ihr Haupt in Peters Schoß und schlief bald ein. Peter behütete sie. Inzwischen kam zu Neapel, als es Tag geworden war, die Amme in die Kammer der schönen Magelone und blieb eine gute Weile an der Tür stehen, denn sie meinte, ihre Herrin schliefe noch. Als sich aber nichts rührte, trat die Amme vor das Bett und erschrak, denn sie fand es leer und die Linnen frisch und unberührt, als ob niemand darin gelegen hätte. Ihr erster Gedanke war, daß Peter die schöne Magelone entführt habe. Sie eilte in die Herberge des Ritters und fragte dort nach ihm. Da erfuhr sie, daß der Ritter mit allen seinen Rossen fortgeritten sei. Jetzt begann die Amme zu jammern, als müßte sie sterben. Sogleich ging sie in das Gemach der Königin und meldete ihr, daß sie ihre Tochter in ihrer Kammer gesucht und nicht gefunden habe. Die Königin erschrak sehr und wurde zornig. Sie ließ überall nach der Prinzessin suchen, bis auch der König aufmerksam wurde und endlich das Gerücht sich verbreitete, der Ritter mit den silbernen Schlüsseln sei verschwunden. Da dachte der König sogleich, dieser habe seine Tochter entführt. Er ließ eine große Schar Berittener aufbieten, die ihr folgen und sie suchen sollte. Wenn man den Ritter fänge, solle man ihn lebendig abliefern. Er wolle ihn so bestrafen, daß die ganze Welt davon sprechen werde. Während nun Geharnischte sich auf alle Wege verteilten, blieben der König und die Königin in großem Unmut beieinander. Die Königin meinte, verzweifeln zu müssen. Als sie gar zu sehr jammerte, schickte der König nach der Amme. Sie eilte herbei, und er rief ihr zornig zu: »Du mußt von der Sache wissen, wenn sonst auch niemand etwas davon weiß.« Da warf sich die arme Amme dem König zu Füssen und sprach: »Gnädigster Herr, wenn Ihr an mir eine Schuld findet, so bin ich bereit, den grausamsten Tod zu sterben, den Ihr Euch ausdenken könnt. Vielmehr habe ich, sobald ich die Flucht entdeckte, sie der Königin gemeldet.« Der König glaubte ihr, ging in sein Zimmer, aß und trank vor Trauer den ganzen Tag nichts. Die Königin, alle Jungfrauen des Hofes, ja, die Stadt Neapel selbst, alle boten einen Anblick des Jammers. Die Bewaffneten, die ausgesandt waren, kamen unverrichteter Sache zurück, die einen nach sechs Tagen, die anderen noch später, einige erst nach fünfzehn Tagen. Der König ergrimmte von neuem, bis er mit der Königin und dem ganzen Hofstaat in die vorige stumme Trauer verfiel. Die schöne Magelone schlief im tiefen Wald im Schoß Peters, der keine größere Freude kannte, als seine Geliebte anzuschauen. Er konnte sich am Anblick ihres roten Mundes und des rosenfarbigen Angesichts nicht satt sehen. Als sie im Traum ängstlich und schwer atmete, schnürte er ihr Kleid etwas auf, damit ihr Hals frei wurde. Peter war über ihre unaussprechliche Schönheit entzückt und glaubte, im Himmel zu sein. Alle seine Sinne waren überwältigt. Er meinte, durch diesen Anblick sei er gegen alles Böse gefeit und kein Unglück könne ihm von nun an schaden. Nun bemerkte er auf der Herzgrube ein kleines rotes Bündel und bekam große Lust zu erfahren, was es wäre. Er nahm das Bündel heraus und wickelte es auseinander. Darin fand er die drei kostbaren Ringe, die er seiner Geliebten geschenkt hatte. Er freute sich innig darüber, daß sie diese so hoch schätzte und so gut bewahrte. Er wickelte sie wieder ein und legte sie neben sich auf das moosige Gestein. Dann schaute er die schöne Magelone wieder an und war in Liebe so entzückt, daß er nicht wußte, wo er war und auch die Ringe ganz vergaß. Da zeigte ihm Gott, daß in der Welt mehr Traurigkeit als Freude sei. Denn es schoß ein Raubvogel herab, der das rote Bündel erblickt hatte und für ein Stück Fleisch halten mochte. Er faßte es mit dem Schnabel und trug es in die Lüfte davon. Da erwachte Peter aus seinem Traum und fuhr erschreckt auf. Er fürchtete, Magelone würde ihm zürnen, wenn ihr beim Erwachen die Ringe fehlten. Er legte daher seiner Geliebten sorglich den Mantel unter das Haupt, damit sie ruhig weiterschlafen könnte. Dann verfolgte er den Vogel und warf mit Steinen nach ihm, aber keiner traf ihn. So war Peter ihm eine Weile nachgegangen und kam endlich an das Meeresufer. Hier setzte sich der Raubvogel auf eine kleine spitze Klippe am Meer. Peter warf einen Stein so wohlgezielt nach ihm, daß er den Vogel traf und dieser vor Schreck im Auffliegen den Beutel ins Meer fallen ließ. Da sah Peter, wie er von den Wellen weiter hinausgetragen wurde, aber er konnte nicht hoffen, ihn durch Schwimmen zu erreichen. Vergebens suchte er am Ufer, ob er nicht etwas fände, das ihm als Fahrzeug dienen könnte. Ihn peinigte der Gedanke, daß die Ringe nicht verlorengegangen wären, wenn er sie an dem Ort gelassen hätte, wo sie wohlverwahrt und sicher geruht hatten. Endlich fand er einen alten Nachen, den die Fischer verlassen hatten, und wurde wieder froh. Aber die Freude währte nicht lange. Denn kaum war er eingestiegen und hatte mit dem Waldstecken, den er sich unterwegs geschnitten, zu rudern begonnen, um das Bündel zu erreichen, da erhob sich ein Sturm, der den Schiffer mit Gewalt gegen seinen Willen auf das hohe Meer hinaustrieb. Der Sturm nahm auch das Bündel mit sich fort, so daß es Peter bald aus den Augen schwand. Er war voll Verzweiflung und sah den eigenen Tod vor Augen. Dann dachte er an die schöne Magelone, die er im Wald verlassen hatte und die er doch mehr liebte als sich selbst. Sie würde nun, wie er befürchtete, in Verzweiflung sterben. In seiner Verlassenheit dachte er einen Augenblick daran, sich ins Meer zu stürzen. Bald aber kam er wieder zu sich und sagte: »Ach, wie töricht bin ich! Warum wollte ich mir selbst das Leben nehmen, da ich doch dem Tod so nahe bin? Er läuft mir ja nach, um mich zu fassen. Ich darf ihn nicht suchen. Gnädiger Gott, vergib mir meine Sünde! Ich will ja gerne alles leiden, wenn nur meine geliebte Magelone nicht in Gefahr kommt. Ach, was wird sie zu dulden haben, die Tochter des mächtigen Königs, wenn sie sich auf einmal ganz allein in der Wildnis findet! Welch falscher und ungetreuer Mensch bin ich doch, daß ich dich aus dem Lande deines Vaters und deiner Mutter geführt habe, in dem du in Herrlichkeit und zärtlicher Pflege aufgezogen wurdest. Jetzt spüre ich, daß der Tod mir nahe ist, und ich kann ihm nicht entgehen. Doch um mich ist es nur wenig schade, aber daß Magelone sterben soll, die allerschönste Jungfrau auf Erden, das darf nicht sein. O gütiger Gott, bewahre sie vor allem Übel! Du weißt ja, daß keine unehrenhafte Liebe zwischen uns war; darum erbarme dich ihrer, denn sie ist unschuldig!« So sprach Peter zu sich selbst. Er saß in der Mitte des lecken Nachens und wartete, wohin ihn das Meer werfen werde und auf den Augenblick seines Untergangs, denn es war genug Wasser im Nachen. In dieser Todesangst mußte er vom Morgen bis zum Mittag ausharren. Da kam ein Schiff herangesegelt. Es war ein Raubschiff der Mohren. Sie sahen ihn allein dahertreiben, wie der Wind ihn führte, nahmen ihn aus Mitleid auf und setzten ihn in ihr Schiff. Peter war vor Liebesschmerz halb tot und wußte nicht, wie ihm geschah. Als der Herr des Schiffes Peter recht ansah, gefiel er ihm wohl, denn er war gut gekleidet und schön. Da dachte der Seeräuber bei sich, er wolle ihn dem Sultan schenken. Darauf segelten sie viele Tage weiter, bis sie nach Alexandrien kamen, und dort machte der Schiffsherr wirklich Peter dem Sultan von Babylon zum Geschenk. Auch diesem gefiel der junge Mann, und er dankte dem Seeräuber. Weil Peter immer die goldene Kette um den Hals trug, die Magelone ihm geschenkt hatte, schloß der Sultan daraus, daß er von hohem Geschlecht sein müsse. Er ließ ihn deshalb durch seinen Dolmetscher fragen, ob er verstünde, bei Tisch aufzuwarten. Als Peter die Frage bejahte, ließ der Sultan ihn in den türkischen Gepflogenheiten unterweisen. Peter lernte es so gut, daß er es darin bald allen anderen zuvortat. Ja, der Sultan gewann ihn so lieb, als wäre er sein eigener Sohn. In kurzer Zeit lernte er die griechische und die türkische Sprache. Er benahm sich gegen jedermann so höflich und freundlich, daß alle Leute am Hof ihn so gerne sahen, als wäre er ihr eigener Sohn oder Bruder. Er selbst schickte sich auch in seine Lage. Was ihm beim Sultan zu tun oder auszurichten befohlen wurde, das tat er mit großem Fleiß. Und dies war der Grund, warum er bevorzugt wurde. Doch konnte all diese Ehre Peter nicht fröhlich machen. Sein Herz war immer schwer. Er mußte beständig an seine unglückliche Magelone denken. Ja, er wünschte, lieber im Meer ertrunken zu sein, als noch länger seinen Schmerz zu ertragen. Doch ließ er sich davon nichts merken, so betrübt er auch immer war. Er bat nur Gott, daß er ihn als einen Christenmenschen sterben und ihn vorher das Sterbesakrament empfangen lasse. Als die schöne Magelone im Walde nach der schlummerlosen und anstrengenden Nacht endlich aufwachte, hob sie ihr Haupt und meinte, sie sei noch bei ihrem geliebten Peter, in dessen Schoß sie es niedergelegt hätte. Emporschauend rief sie: »Mein liebster Freund, ich habe recht gut geschlafen; aber Ihr schweigt? Ich glaube, ich habe Euch verdrießlich gemacht.« Dann sah sie um sich und gewahrte niemand. Sie erschrak und sprang auf. Mit lauter Stimme fing sie an, durch den Wald zu rufen: »Peter, Peter!« Aber niemand wollte ihr antworten. Es wäre kein Wunder gewesen, wenn sie von Sinnen gekommen wäre, als sie niemand hörte und sah. Endlich begann sie zu weinen und ging rufend und jammernd durch den Wald, bis sie vor Schmerz und Weh ohnmächtig niedersank. Als sie nach langer Zeit wieder zu sich kam und sich erhoben hatte, fing sie kläglich zu jammern an und rief: »Peter, ach geliebter Peter, du meine Liebe und Hoffnung, hab' ich dich denn verloren? Oh, warum bist du von deiner treuen Gefährtin geschieden? Du wußtest ja, daß ich ohne dich in meines Vaters Hause nicht leben wollte. Meinst du denn, ich könne leben ohne dich in dieser Wildnis und Wüste, in diesen rauhen Büschen, wo ich eines jämmerlichen Todes sterben muß? Was habe ich dir zuleide getan, daß du mich verlassen hast? Ach, ich habe mich dir nur zuviel offenbart. Aber wenn es auch so ist, so habe ich es ja nur aus großer Liebe getan. Denn nie ist mir ein Mensch so tief ins Herz gewachsen wie du. O Peter, wo ist deine Treue und dein Wort? Fürwahr, du bist der elendeste Mann auf Erden, den je eine Mutter geboren hat. Und doch weiß und vermag mein Herz nichts Böses von dir zu sagen. Du bist gewiß nicht freiwillig von mir geschieden. Du bist der Getreue, und ich bin dir untreu, daß ich dich so geschmäht habe. Ach, darüber ist mein Herz bis in den Tod betrübt. Welch Unglück hat uns voneinander geschieden? Peter, bist du tot? Warum bin ich nicht mit dir tot? Ach, keinem Menschen ist ein solch großes Leid widerfahren wie mir. O Gott, behüte meine Sinne und meinen Verstand, damit ich nicht Leib und Seele verliere. Laß mich meinen Bräutigam sehen, bevor ich sterbe.« So sprach die schöne Magelone zu sich selbst und lief verzweifelt im Gehölz hin und her. Sie horchte, ob sie nicht etwas hören könnte. Sie stieg auf einen Baum, um in die Ferne zu sehen. Aber sie sah nichts um sich als unwirtlichen Wald und in der Ferne das große Meer. So blieb sie den ganzen Tag traurig, aß und trank nichts. Als die Nacht anbrach, suchte sie sich einen starken, hohen Baum aus, den bestieg sie mit vieler Mühe und blieb die ganze Nacht auf seinen breiten Ästen sitzen. Sie schlief und ruhte wenig, denn sie hatte große Furcht vor den wilden Tieren. Da hatte sie Zeit, über ihr Schicksal nachzudenken. Sie sah ein, daß sie nicht mehr nach Hause zu ihren Eltern gehen könne, denn sie fürchtete den Zorn ihres strengen Vaters. Endlich beschloß sie, ihren Geliebten in der weiten Welt zu suchen. Als daher der Tag anbrach, stieg sie vom Baum herab und ging an den Ort, wo sie die Pferde noch angebunden fand. Unter Tränen löste sie ihnen die Fesseln und sagte zu ihnen, indem sie ihren Kopf streichelte: »Weil euer Herr verloren ist und mich in der Welt sucht, so lauft auch ihr hin, wohin ihr wollt.« Mit diesen Worten nahm sie ihnen die Zäume ab und ließ sie laufen. Dann ging sie selbst zu Fuß im Wald lange dahin und fand endlich die Landstrasse, die nach Rom führte. Sie bestieg in der Nähe eine steile Anhöhe um zu sehen, ob sie nicht einen Wanderer erblicken könnte. Nach langer Zeit erspähte sie eine arme Pilgerin. Sie rief jene herbei und bat sie um ihren Pilgerrock und ihre übrigen Kleider. Die Frau meinte, eine so schön gekleidete Jungfrau könne nicht allein im Walde sein und nichts dergleichen begehren. Sie glaubte also, die schöne Fremde spotte ihrer und sagte: »Gnädige Frau, Ihr seid freilich köstlich geschmückt, aber deswegen solltet Ihr die Leute Christi nicht verhöhnen. Ein so schöner Rock, wie Ihr ihn tragt, ziert nur den Leib; aber mein Rock, hoffe ich, soll meine Seele zieren.« Die schöne Magelone sprach darauf: »Liebe Schwester, ich bitte dich, ärgere dich nicht über meine Rede. Ich spreche aus guter Absicht und will freiwillig mit dir tauschen.« Die Pilgerin überzeugte sich bald, daß die schöne Jungfrau aufrichtig mit ihr redete. Voll Verwunderung zog sie ihre Pilgerkleider aus, und Magelone tat dasselbe mit den ihrigen. Sie bekleidete sich dann mit den Gewändern der Pilgerin so, daß man ihr nicht ins Gesicht sehen konnte, und machte sich auch sonst auf mancherlei Weise unkenntlich. In dieser Kleidung machte sich die schöne Magelone auf den Weg nach Rom und ging so lange, bis sie die Stadt erreicht hatte. Dort war ihr erster Gang in die St. Peterskirche. Hier kniete sie vor dem Hochaltar nieder und verrichtete unter bitteren Zähren ihr Gebet für sich und Peter. Als sie den Dom verlassen wollte, um nach einer Herberge zu suchen, sah sie zu ihrem großen Schrecken den Bruder ihrer Mutter mit großem Gepränge und vielem Gefolge in die Kirche treten. Er war auch ausgezogen, seine entflohene Nichte zu suchen. Aber in den schlechten Pilgerkleidern erkannte er sie nicht; weder er noch seine Begleiter ahnten ihre Gegenwart. Magelone aber meldete sich als Pilgerin im Spital, blieb dort fünfzehn Tage in großer Niedrigkeit und Demut, besuchte täglich die Kirche von St. Peter, wo sie in tiefer Trauer um Erhörung zum Allmächtigen flehte. Dann gedachte sie, nach Frankreich in die Grafschaft Provence zu wandern, weil sie hoffte, dort am ehesten etwas über ihren Geliebten zu erfahren. So machte sie sich denn auf den Weg. Als sie in die Stadt Genua kam, erfragte sie den nächsten Pfad nach dem Meer. Hier fand sie zum Glück ein Schiff segelfertig, das nach Aiguesmortes segeln wollte. Mit ihm konnte sie dorthin fahren. In dieser Stadt wurde sie von einer frommen Frau aus Mitleid aufgenommen, die ihr zu essen und zu trinken und ein gutes Bett gab. Magelone mußte der alten Frau viel von Rom und ihrer Wallfahrt erzählen, und sie fragte sie nach der Beschaffenheit der Länder, durch die sie zu reisen hatte, besonders nach der Grafschaft Provence. Da erzählte ihr die Frau viel Gutes vom alten Grafen von Provence, wie mächtig er sei, wie er seinem Land den Frieden erhalte, wie nie ein Mensch gehört habe, daß jemand ein Leid widerfahren sei. Gegen arme Leute seien er und die Gräfin besonders freundlich. Aber sie seien auch sehr betrübt um ihres Sohnes willen, der Peter heiße und der edelste Ritter in der Welt sei, denn er sei vor zwei Jahren weggezogen, dem Ritterspiel nach, und nicht mehr heimgekommen. Ja, niemand wisse, was aus ihm geworden sei. Da mußte Magelone laut aufschluchzen, als sie die fromme Frau solches von Peter erzählen hörte. Und weil diese glaubte, sie weine aus Mitleid mit den alten Eltern des Grafen, hatte sie die fremde Pilgerin um so lieber. Gleich in jener ersten Nacht nahm sich die schöne Magelone vor, einen Ort zu suchen, wo sie Gott täglich dienen und in sicherer Ordnung leben könnte. Am nächsten Morgen erkundigte sie sich bei ihrer Wirtin und erfuhr von ihr, daß in der Nähe im Hafen, welcher der Heidenport heiße, eine kleine Insel sei, wohin aus allen Ländern die Kaufleute mit ihren Waren kämen und wo auch viele arme und kranke Leute lebten. Diesen Ort besuchte Magelone, und da er ihr gut gefiel, ließ sie von den Schätzen, die sie aus Neapel mitgenommen und sorgfältig verborgen hatte, ein Kirchlein zu St. Peters Ehren und ihrem geliebten Peter zum Gedenken nebst einem Spital bauen. Hier pflegte sie die Armen mit großer Liebe und führte ein solch strenges Leben, daß alle Leute der Insel und der Umgebung sie nur die heilige Pilgerin nannten. Von allen Seiten bekam das Kirchlein Opfer und Schenkungen und wurde weit und breit bekannt, so daß zuletzt auch Peters Eltern kamen, um ihre Andacht dort zu verrichten. Die fremde Pilgerin ging ihnen entgegen und erwies ihnen große Ehrerbietung, was von beiden wie von einer Heiligen aufgenommen wurde. Die Gräfin redete mit ihr von mancherlei und endlich auch, wie betrübt sie um ihren verlorenen Sohn sei. Dabei begann sie herzlich zu weinen. Die schöne Magelone versuchte, sie zu trösten, obwohl ihr die Tränen ebenso nahe waren und ihr der Trost noch nötiger gewesen wäre. Doch stillten ihre sanften Worte die Trauer der Gräfin. Sie hatte großen Gefallen an ihren Reden und sagte, was sie für ihr Spital brauche, das solle sie nur sagen; jeden Wunsch wolle sie ihr erfüllen. Auch bat sie die Pilgerin beim Abschied, für die Heimkehr ihres Sohnes Peter fleißig zu Gott zu beten. Das versprach Magelone gern, und es wurde ihr auch nicht schwer, dies zu halten. Eines Tages fingen die Fischer der Insel einen schönen Fisch, der Meerwolf genannt wird. Sie brachten ihn dem Grafen von Provence zum Geschenk. Als der Fisch von einem Diener zubereitet wurde, fand sich in seinem Bauch ein roter Beutel, und einer der Köche eilte, das wunderliche Ding der Gräfin zu bringen. Als sie es aufwickelte, fand sie darin die drei Ringe, die sie ihrem Sohn mitgegeben hatte, als er in die Ferne zog. Sobald sie diese erkannte, fing sie an, bitterlich zu weinen und rief: »Allmächtiger Gott, was will ich weiter Zeugnis, daß mein geliebter Sohn tot ist? Nun bin ich aller Hoffnung beraubt.« Auf ihr Jammern kam der Graf herbei, erkannte auch die Ringe, legte sein Haupt auf ein Kissen und weinte. Dann befahl er seinen Dienern, die köstlichen Teppiche seines Palastes hinwegzunehmen und das ganze Haus mit schwarzen Tüchern zu behängen. Seine Untertanen, die dies sahen, trauerten mit ihm, denn sie hatten ihn sehr lieb. Die Gräfin aber suchte Trost bei der frommen Pilgerin. Sie kam auf die Insel. Nachdem sie ihr Gebet in der Kirche vollendet hatte, ging sie in das Spital, nahm die schöne Magelone bei der Hand, führte sie in einen Betstuhl und erzählte ihr mit großen Schmerzen, wie es ihr ergangen und sie jetzt gar keine Hoffnung habe, ihren Sohn wiederzusehen. Magelone, die über Peters Verschwinden nicht mehr an die Ringe gedacht hatte, fing an, mit ihr von Herzen zu weinen. Sie bat die Gräfin, die Ringe ihr zu zeigen, wenn sie diese bei sich hätte. Die Gräfin holte die Ringe unter Seufzen hervor und reichte sie ihr. Da erkannte die schöne Magelone freilich, daß es Peters Ringe waren, und es wäre kein Wunder gewesen, wenn ihr das Herz gebrochen wäre. Aber ihre Krankenpflege im Spital hatte sie im Dulden gestärkt, und so sprach sie gefaßt: »Gnädige Frau, betrübt Euch nicht über Dinge, die noch ungewiß sind. Sind es immerhin die Ringe, die Ihr Eurem lieben Sohn Peter gegeben habt, so kann er sie ja verloren oder einer anderen Person gegeben haben. Darum vertreibt Euren Kummer, tut dies Eurem Gemahl zuliebe. Denn wenn er Euch so betrübt sieht, wird er auch traurig. Wendet Euch zu Gott, dem Allmächtigen, und bittet ihn um Hilfe.« So tröstete Magelone die Gräfin. Aber als sie allein in der Kirche war, fiel sie vor dem Altar nieder, und die Tränen strömten ihr über das Gesicht. Sie bat Gott, wenn Peter noch lebe, so möge er ihn gesund und glücklich seinen Freunden zuführen. Wäre er aber tot, so wolle er sich seiner Seele erbarmen und sie selbst bald im Tode mit ihm vereinen. Während dies alles geschah, blieb Peter am Hof des Sultans von Babylon und wurde von ihm geliebt, als wäre er sein eigener Sohn. Der Sultan hatte keine Freude, wenn Peter sie nicht mitgenoß. Aber Peters Herz war bei seiner armen Magelone, von der er nichts erfahren konnte. Ebenso dachte er an seine Eltern, von denen er auch nichts hörte. Einst gab der Sultan ein großes Fest, war fröhlich und teilte große Geschenke aus. Jetzt gedachte Peter, sich auch seinen Anteil zu holen. Er fiel vor dem Sultan auf die Knie und sprach: »Herr, ich bin lange an Eurem Hofe, habe Euch die wichtigsten Sachen vortragen dürfen, habe bei Euch für viele andere Leute um Hilfe gebeten, für mich selbst aber noch nie etwas begehrt. Jetzt wage ich, von Euch etwas zu erbitten, was Ihr mir nicht abschlagen wollt.« Als der Sultan ihn so demütig bitten sah, sprach er freundlich: »Lieber Peter, habe ich dir gewährt, was du von mir für andere erbeten hast, wieviel mehr werde ich dir mit fröhlichem Herzen gewähren, was du für dich begehrst.« Als aber Peter ihm sein Gesuch vortrug, Vater und Mutter in Frankreich besuchen zu dürfen, wurde der Sultan unwillig und sagte: »Guter Freund, an dein Weggehen denke nicht mehr. Wohin du auch kommen magst, so gut hast du es nirgends mehr. Und einen Freund wie ich, der dir so viel Gutes erweist, findest du auch nicht. Ich will dich zum gewaltigsten Mann in meinem Lande machen.« Peter aber ließ nicht nach zu bitten, bis der Sultan sprach: »Nun, weil ich dir es zugesagt habe, will ich es auch halten. Du aber versprich mir, wiederzukommen, wenn du deine Eltern besucht hast.« Peter versprach es ihm. Darauf ließ der Sultan im ganzen Land den Befehl ausgehen, wohin Peter im Mohrenreiche käme, solle man ihn halten wie den Sultan selbst und ihm in allem behilflich sein. Auch gab der Sultan ihm viel Gold, Silber und andere Kleinode zum Geschenk mit. So zog Peter fort, und viele weinten, die ihn liebhatten. Er kam in kurzer Zeit nach Alexandria, wo er seinen Brief dem Statthalter des Sultans übergab. Dieser erwies ihm große Ehre und führte ihn in eine köstliche Herberge. Peter versah sich mit allem Nötigen. Er ließ vierzehn Fässer machen, die er oben und unten mit Salz füllte, in der Mitte versteckte er aber seinen Schatz. Als alles zugerüstet war, ging er an das Meer und war so glücklich, ein Schiff zu finden, das eben nach der Provence fahren wollte. Er wurde bald mit dem Schiffsherrn einig, doch lachte dieser, als er ihn die vierzehn Salzfässer herbeibringen sah. Er sprach: »Die könnt Ihr zu Hause lassen, denn in der Provence gibt es Salz zu billigem Preis genug. Ihr werdet wenig Gewinn davon haben.« Aber Peter erklärte, die Fracht gut bezahlen zu wollen, und so war der Patron auch zufrieden. Noch in der Nacht stellte sich guter Wind ein, die Segel wurden aufgezogen, die Anker gelichtet, und sie fuhren fröhlich davon. Unterwegs legten sie bei der Insel Sagona an, um süßes Wasser an Bord zu nehmen. Peter stieg an Land und durchwanderte die Insel. Er fand die schönsten Brunnen, legte sich ins grüne Gras unter einen Baum und vergaß seine Leiden, nur die schöne Magelone nicht, der er mit großen Schmerzen gedachte. Dabei überkam ihn der Schlaf, dem er sich sorglos überließ. Mittlerweile hatte sich ein frischer Wind erhoben, und der Schiffsherr ließ ausrufen, man solle ins Schiff gehen. Als er sah, daß Peter nicht zugegen war, ließ er ihn suchen, aber die Leute fanden ihn nicht. Sie riefen laut ins Gebüsch hinein, aber er hörte es nicht, denn er schlief zu fest. Der Schiffspatron wollte den Wind nicht versäumen, ließ die Segel ausspannen und fuhr davon. Peter aber schlief weiter. Jene segelten so lange, bis sie in den Heidenport der Provence gelangten. Hier gingen sie vor Anker und luden aus. Als sie die vierzehn Fässer fanden, sprach der Schiffsherr: »Was sollen wir mit dem Salz des Edelmanns tun, der auf der Insel Sagona zurückgeblieben ist und sein Schiffsgeld so gut bezahlt hat?« Zuletzt wurden sie einig darüber, das Gut dem Spital St. Peter zu übergeben. Sie dachten, besser könne es nicht angewandt werden. Der Patron ging zu der Vorsteherin, der schönen Magelone, und sagte ihr, daß der Besitzer der Fässer verlorengegangen sei. Er übergebe sein Gut dem Spital. Sie möge für seine Seele Gott um Gnade bitten. Nun fehlte es eines Tages im Spital an Salz, und Magelone öffnete eins der Fässer. Da fand sie in der Mitte des Salzes einen großen Schatz, worüber sie gewaltig erschrak. Sie öffnete auch die anderen Fässer und fand sie im gleichen Zustand wie das erste. Da sagte sie zu sich: »Ach, du armer Mensch, wer bist du gewesen? Gott, der Allmächtige, erbarme sich deiner Seele.« So war die Pilgerin in den Besitz eines großen Schatzes gekommen. Sie ließ sogleich Maurer und andere Handwerker kommen, um die Kirche und das Hospital vergrößern zu lassen. Das Volk, das schaulustig herbeiströmte, wunderte sich über die Zurüstungen und konnte sich nicht denken, wer das Geld dazu hergebe. Auch der Graf und die Gräfin kamen, um die Kirche mit großer Andacht zu besuchen. Dann holten sie wieder Trost bei der frommen Pilgerin, die ihnen Hoffnung machte, während sie selbst um Bräutigam, Vater, Mutter und Königreich hoffnungslos trauerte. Peter hatte auf der Insel eine gute Zeit lang geschlafen. Als er erwachte, war es Nacht. Erschrocken eilte er an das Meer zu der Stelle, an der er das Schiff verlassen hatte. Anfangs glaubte er, nur wegen der Dunkelheit es nicht zu sehen, und begann daher, laut zu rufen. Aber kein Mensch antwortete ihm. Da warf er sich vor großem Schmerz auf die Erde und schrie: »Barmherziger Gott, wann werden endlich meine bösen Tage vorüber sein? Kann ich denn nicht sterben? Ist es nicht genug gewesen, daß ich meine Geliebte, die schöne Magelone, verloren habe und daß ich einem Heiden dienen muß? Ich habe wenigstens gehofft, Vater und Mutter trösten zu können, aber nun bin ich in eine Wüste verbannt, in der ich selbst keinen menschlichen Trost finde, wo mir der Tod nützlicher wäre als das Leben.« So wurde es bei seinen Klagen Tag und wieder Nacht Trostlos lief er am Strande hin und her und blickte nach allen Seiten aufs Meer hinaus, ob nicht irgendwo ein Schiff zu erspähen wäre, das ihn mitnehmen würde. Aber seine Hoffnung war vergebens. Endlich fiel er vor Hunger und Müdigkeit bewußtlos auf die Erde nieder. Da fügte es Gott, daß ein kleiner Fischerkahn an der Insel beilegte, um frisches Wasser einzunehmen. Einige der Fischer betraten deshalb das Land und fanden Peter ausgestreckt auf dem Boden liegen, hatten großes Mitleid mit ihm, erquickten ihn mit stärkendem Trank und brachten ihn so wieder mit großer Mühe zu sich. Dann trugen sie ihn in das Schifflein und brachten ihn nach der Stadt Cragona. Dort übergaben sie den Kranken dem Spitalmeister zur Pflege und gingen fort. Peter blieb hier neun Monate liegen und wurde gut gepflegt. Aber er konnte nicht gesunden, denn der Kummer nagte an seinem Herzen. Als er wieder so weit hergestellt war, daß er langsam am Meer hin und her wandeln konnte, erblickte er einmal ein Schiff im Hafen, dessen Schiffsleute die Sprache seines Vaterlandes redeten. Peter zitterte bei diesen Lauten vor Freude. Er fragte sie, wann sie wieder nach Frankreich fahren wollten. Sie erwiderten: »Spätestens in zwei Tagen.« Da ging Peter zum Schiffsherrn und bat ihn um Gottes willen, ihn mitzunehmen, denn er sei aus diesem Lande und habe lange Zeit hier in dieser fremden Gegend krank gelegen. Der Patron erklärte sich bereit, ihm diesen Dienst zu erweisen, weil er sein Landsmann sei, nur müsse er mit ihm fahren, wohin er steuere, nach Aiguesmortes in den Heidenport. Peter war damit zufrieden und ging auf das Schiff. Unterwegs sprachen die Schiffsleute einmal auch von der schönen Kirche St. Peter, von Magelone und ihrem Spital. Als Peter diesen Namen hörte, fuhr er wie aus einem langen Schlafe auf und fragte verwundert, wo in der Welt eine Kirche wäre, die diesen Namen trüge. Da sagten ihm die Schiffer: »Im Heidenport, auf der Insel, wohin wir fahren, liegen eine schöne Kirche und ein Hospital, gar köstlich erbaut. Beide tragen diesen Namen, und Gott tut dort viel Zeichen an den Kranken. Auch Euch raten wir, dorthin zu wallfahrten und dort für Eure Gesundung ein Gelübde abzulegen.« Da gelobte Peter bei sich selbst, einen ganzen Monat in dem Spital zu bleiben, das denselben Namen trage wie seine Verlobte. Dann erst, wenn er gesund sein werde, wollte er sich seinen Eltern zu erkennen geben. Vielleicht könnte er auch etwas von der Magelone hören, obwohl er glaubte, sie sei schon lange tot. So fuhren sie dahin und kamen in den Heidenport. Sobald Peter sich auf dem Lande befand, eilte er in die Kirche und dankte dem allmächtigen Gott, daß er ihn sicher in die Heimat geleitet habe. Dann begab er sich als Kranker in das Spital, um dort auszuruhen und sein Gelübde zu erfüllen. Als die Pilgerin nach ihrer Gewohnheit umherging, um die Kranken zu besuchen, sah sie auch den neuen Ankömmling, hieß ihn aufstehen und wusch ihm das müde Haupt. Dann gab sie ihm den Schwesternkuß, wie sie es gewohnt war, und brachte ihm zu essen. Nachher legte sie ihm schöne weiße Tücher unter und versprach, ihm alles zu geben, was er brauche und wünsche, damit er recht bald wieder gesund werde. Magelone hatte ihn nicht genauer angesehen als alle anderen Kranken und ihn daher nicht wiedererkannt. Auch sein Auge war durch Mattigkeit und Krankheit verdunkelt, so daß er sie in ihrer Pilgertracht und Verschleierung nicht erkannte. Er ruhte eine gute Zeit lang im Spital aus und kam bald wieder zu Kräften, denn Magelone pflegte ihn so gut, daß er sich oft darüber verwunderte und bei sich sprach: »Diese Vorsteherin muß eine heilige Frau sein.« Einmal dachte er recht sehnsüchtig an seine schöne Braut und seufzte laut nach ihr, während Magelone nach ihrer Gewohnheit von Bett zu Bett ging. Sie hörte sein Seufzen und meinte, er habe ein leibliches Anliegen. Sie trat zu ihm und sprach: »Lieber guter Mann, was fehlt Euch? Sagt es mir, wenn Ihr einen Wunsch habt. Er soll Euch erfüllt werden, und ich will dabei kein Geld sparen.« Peter dankte ihr und sprach: »Es fehlt mir gar nichts, es geht mir nur wie allen Kranken und Betrübten. Wenn sie an ihr Unglück denken, wird ihnen das Herz schwer, und sie seufzen.« Als die Pilgerin ihn von Unglück reden hörte, wurde sie aufmerksam und sprach ihm freundlich zu, ihr seinen Kummer zu erzählen. Ihr Bitten war voll Mitgefühl, so daß Peter sein Anliegen vor ihr nicht länger verbergen konnte. Doch nannte er niemand, sondern erzählte nur also: »Es ist ein reicher Sohn gewesen, der hörte von einer schönen Jungfrau in fremden Landen reden. Ihretwegen verließ er Vater und Mutter und zog weg, um sie zu sehen. Gott gab ihm das Glück, daß er ihre Liebe erlangte, doch ganz heimlich, daß es niemand merkte, und sie verlobten sich. Er führte sie ohne ihrer Eltern Wissen hinweg. Dann ließ er sie in einem großen Walde schlafend liegen, um einer verlorenen Sache nachzugehen.« Und so erzählte er weiter seine ganze Lebensgeschichte bis zu der Zeit, da er in das Spital gekommen war. Die schöne Magelone merkte bald, mit wem sie sprach. Ja, sie erkannte ihn nicht nur an seinen Worten, sondern an allen seinen Bewegungen, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen. Doch verbarg sie dies, sammelte sich und sprach aufs freundlichste zu ihm: »Lieber guter Freund, tröstet Euch, wendet Euch zu Gott, dem Allmächtigen. Glaubt nur, wenn Ihr ihn anruft, seid Ihr nicht verlassen. Ihr werdet erhört werden und erlangen, was ihr begehrt. Gewiß werdet Ihr Eure Braut, die Ihr so herzlich und treu liebt, wiederbekommen.« Als Peter solche Tröstungen hörte, stand er vom Lager auf und dankte ihr. Sie aber floh aus der Stube in die Kirche, warf sich vor den Altar und weinte sich vor großer Freude aus. Als sie ihr stilles Gebet vollendet hatte, ließ sie sich königliche Kleider anfertigen, denn sie hatte Geld genug. Dann befahl sie, ihr Frauengemach aufs herrlichste und köstlichste herzurichten und auszuschmücken. Als dies geschehen war, ging sie zu Peter und sagte zu ihm: »Mein lieber Freund, ich habe Euch ein Bad bestellt, damit Ihr Euch waschen könnt. Das wird Euch guttun, denn ich hoffe zu Gott, er werde Euch erhören und frisch und gesund machen.« Da ging er mit ihr in die Kammer, und sie hieß ihn sich niedersetzen und warten, bis sie wieder zu ihm käme. Magelone ging in ihr Gemach und kleidete sich in die herrlichen Gewänder, vor das Gesicht aber nahm sie wieder den Schleier, damit er sie nicht gleich erkennen sollte. Unter dem Schleier hatte sie ihr schönes goldenes Haar in Locken gelegt. So ging sie zu Peter und sprach: »Edler Ritter, seid fröhlich! Eure Freundin steht vor Euch, Eure treue Magelone, um derentwillen Ihr so viel gelitten habt. Aber ich habe nicht weniger gelitten um Euch. Ich bin diejenige, die Ihr im Walde allein habt schlafend liegen lassen. Ihr seid es, der mich aus dem Hause des Königs von Neapolis, meines Vaters, geführt hat. Hier seht Ihr die, der Ihr Zucht und Ehre bis zum Abschluß unserer Ehe verheißen habt. Ich bin es, die Euch diese goldene Kette um den Hals gehängt hat und der ihr drei goldene Ringe geschenkt habt. Ja, seht zu, ob ich es bin, nach der Ihr Euch von Herzen sehnt.« Ehe sich Peter besinnen konnte, warf sie ihren Schleier zurück. Da fiel ihr schönes Haar wie wallendes Gold herab. Als Peter von Provence die schöne Magelone ohne Schleier sah, erkannte er erst ganz, daß sie die war, die er so lange gesucht hatte. Er sprang auf, fiel ihr um den Hals und küßte sie wieder und immer wieder aus inniger Liebe. Beide weinten und konnten lange kein Wort hervorbringen. Endlich aber setzten sie sich zusammen und erzählten einander ihr Unglück und konnten sich dabei mit Klagen und Küssen nicht sättigen. Vier Tage fehlten noch, dann war Peters Gelübde, einen Monat im St.-Peters-Spital zu bleiben, erfüllt. Als der letzte Tag gekommen war, bekleidete sich die schöne Magelone wieder mit den Gewändern, die sie im Spital zu tragen gewohnt war und an denen Peter sie als die fromme Vorsteherin erkannte. Sie beurlaubte sich von ihrem Freund und zog zu dem Grafen und der Gräfin von Provence. Beide empfingen ihre liebe Pilgerin gar freundlich und erwiesen ihr aus Liebe große Ehre. Da begann Magelone also zu reden: »Gnädiger Herr, gnädige Frau, ich bin zu euch gekommen, euch ein Traumgesicht zu eröffnen, das ich die vergangene Nacht gesehen habe. Mir ist ein Engel vorn Himmel erschienen, der führte einen schönen jungen Ritter an der Hand und sprach zu mir: 'Siehe hier denjenigen, um dessen Rückkehr dein Herr und deine Frau sowie du selber, Gott so lange gebeten haben.' Dies habe ich euch nicht verschweigen wollen, denn ich weiß ja, wie sehr ihr um euren geliebten Sohn betrübt seid. Glaubt es aber, ihr werdet ihn sicherlich in kurzer Zeit frisch und gesund wiedersehen. Darum bitte ich euch, laßt die schwarzen Trauerteppiche hinwegnehmen und schmückt euer Haus mit Freudenfahnen.« So schwer es dem Grafen und der Gräfin fiel zu glauben, was die Pilgerin sagte, so befahlen sie doch, ihr zu Gefallen die Trauerteppiche wegzunehmen. Sie baten Magelone, mit ihnen zu frühstücken, aber sie konnte es ihnen aus Sehnsucht nach Peter nicht zusagen. Sie schützte deswegen ihre Arbeit vor und bat den Grafen und seine Gemahlin freundlich, am nächsten Sonntag bei ihr in der St.-Peters-Kirche zu erscheinen. Sie hege gute Hoffnung zum allmächtigen Gott, daß sie erfreut werden würden, ehe sie wieder von ihr schieden. Und sie verhießen ihr zu kommen. Peter wartete indessen mit großer Sehnsucht auf Magelone. Als sie zurückkam, erzählte sie ihm, wie sie die Sache veranstaltet habe, und versprach ihm einen baldigen Besuch seiner Eltern. Und wirklich, als der Sonntag kam, brach das gräfliche Paar mit seinem Gesinde auf und zog nach St. Peter zu Magelone. Dort hörten sie zuerst die Messe in der Kirche. Als sie zu Ende war, nahm die Pilgerin den Grafen und die Gräfin beiseite und erklärte ihnen, etwas Geheimes mit ihnen besprechen zu müssen. Sie bat beide, mit ihr in die Kammer zu kommen, was sie auch gern taten. Da sprach die Pilgerin zu ihnen: »Würdet ihr euren Sohn wiedererkennen, wenn ihr ihn sähet?« Sie sprachen: »Ja, freilich!« Da trat plötzlich Peter in die Kammer und kniete vor Vater und Mutter nieder. Sie sahen, erkannten ihn und fielen ihm mit einem Freudenschrei um den Hals. Unbegreiflich schnell verbreitete sich das Gerücht, des Grafen Sohn sei wiedergekommen. Edle und Unedle strömten herbei und erwiesen ihm große Ehre. Alle waren fröhlich, und Peter konnte seinen Eltern nicht genug erzählen. Inzwischen war die schöne Magelone in ihre Kammer gegangen und hatte sich aufs kostbarste gekleidet. So königlich angetan, trat sie wieder zu ihnen herein. Der Graf und die Gräfin wunderten sich, woher die wunderschöne Jungfrau käme, deren Angesicht sie vorher nie in ihrem Leben gesehen hatten. Aber Peter ging auf sie wie auf eine Altbekannte zu, grüßte sie, ja küßte sie vor den Augen der Eltern. Als dies die Leute sahen, staunten sie. Dann nahm Peter sie bei der Hand und sprach: »Gnädige Eltern, hier seht ihr die Jungfrau, um derentwillen ich in die Welt gezogen bin. Sie ist die Tochter des Königs von Neapel.« Da gingen der Graf und die Gräfin auf die schöne Magelone zu, umarmten sie zärtlich und dankten Gott für alles, was geschehen war. Als das Gerücht von Peters Rückkehr sich immer weiter verbreitete, strömten viele Leute aus dem ganzen Lande herbei. Sie kamen zu Ross und zu Fuß, jeder wollte ihn sehen und ihm Glück wünschen. Der Adel turnierte, die anderen tanzten und waren fröhlich. Und als die Eltern die ganze Geschichte seiner Liebe vernommen hatten, nahm der Graf seinen Sohn bei der Hand und führte ihn in der Kirche von St. Peter zum Altar. Dasselbe tat die Gräfin mit der schönen Magelone. Dort knieten alle nieder und dankten Gott, dem Allmächtigen. Dann sprach der Graf: »Sohn, ich will, daß du die Jungfrau, die deinetwegen so viel gelitten hat, zur Ehe nimmst.« Peter entgegnete: »Liebster Vater, das war schon mein Wille, als ich sie aus dem Hause ihres Vaters führte. Wie freue ich mich, daß dies auch Euer Wille ist.« Der Bischof vollzog die Trauung, die bald darauf stattfand. Die Gräfin gab Peter den schönsten Ring von den dreien, die man im Bauch des Fisches gefunden hatte. Er nahm ihn mit Verwunderung und steckte ihn der nicht minder erstaunten Braut an den Finger. Die Hochzeit dauerte vierzehn Tage in großer Fröhlichkeit. Der Graf und die Gräfin lebten noch viele Jahre in Frieden und Freude mit dem jungen Paar. Einmal aber machte Peter mit seiner Frau eine weite Reise nach Babylon zum Sultan, der schalt ihn freundlich, verzieh ihm und ließ ihn mit reichen Geschenken heimziehen. Peter und Magelone führten ein langes und glückliches Leben miteinander. Sie bekamen einen schönen Sohn, der wurde König von Neapel und Graf von Provence. Sie selbst liegen in St. Peter auf der Insel begraben. Die schöne Kirche und das Spital, von Magelone gegründet, schauen noch heute vom Heidenport weit auf das Meer hinaus. Herzog Ernst Eine lesenswürdige Historia vom Herzog Ernst in Bayern und Österreich. Wie er durch wunderliche Unfälle sich auf gefährliche Reise begeben, jedoch endlich vom Kaiser Otto, der ihm nach dem Leben getrachtet, wiederum begnadigt worden. Es regierte in dem Herzogtum von Bayern und Östreich vor Zeiten ein hochgeborner Fürst, mit Namen Herzog Ernst, der sein väterliches Erbe friedsam, in Gerechtigkeit und Einigkeit, beisammenhielt. Dieser vermählte sich mit einer hochgeborenen und schönen Jungfrau, Adelheid genannt, eines Königs Tochter, der Lotharius hieß. Dieselbe gebar ihm einen überaus schönen Sohn, dem er in der heiligen Taufe seinen eigenen Namen Ernst beilegte. Über kurze Zeit jedoch wurde nach des allmächtigen Gottes Schickung dem Kind sein Vater durch den bittern Tod hinweggenommen und seine Mutter Adelheid dadurch in großen Kummer versetzt. Die einzige Freude, die ihr blieb, war der nachgelassene adelige Sohn, der bald in vielen Sprachen unterrichtet und in Latein, Griechisch und Welsch wohl bewandert wurde, auch ein männliches Gemüt zu entfalten begann und in allen guten Tugenden aufwuchs. Das Hofgesinde gehorchte ihm gern, und sein ganzes Land, das er von seinem Vater ererbt hatte, war ihm in Liebe untertänig. Als er anfing, Ritterspiel zu treiben, erwarb er sich auch bei den Rittern und Grafen gutes Lob; insonderheit war ein Graf bei ihm, der Wetzel hieß und ihm nahe verwandt war. Diese beiden Herren hielten stets zueinander, und die Mutter des jungen Herzogs hatte ihre große Freude daran, doch setzte sie ihre Hoffnung auf Gott und nicht auf Menschen, hielt Tag und Nacht in der Andacht ihres Gebetes an und bestrebte sich durch Werke der Barmherzigkeit ein christliches Leben zu führen, um dereinst ein Kind des ewigen Lebens zu werden. Aber die Ritter und Herren des Landes baten ihren Sohn, den Herzog Ernst, er sollte seiner Mutter Adelheid doch raten, daß sie wieder zur einer Ehe schreiten möchte. Auch an die Herzogin selbst richteten sie dies ihr Begehren. Sie aber schlug es ihnen immer ab; doch wurde sie von ihrem geliebten Sohn so heftig mit Bitten bestürmt, daß sie ihm endlich angelobte, wenn es etwas wäre, was ihrem Geschlechte keinen Schaden brächte, so wollte sie sich willig darein ergeben. Nun herrschte zu denselbigen Zeiten im römischen Reich mit ganzer Gewalt Kaiser Otto, der erste Kaiser desselben Namens, der war geboren zu Braunschweig und gekrönt zu Aachen. Dieser Kaiser nun gewann die Stadt Straßburg und zerstörte sie mit Gewalt und gab ihr den Namen, den sie jetzt führt; denn vorher hieß sie, wie sie noch in Latein heißt, Silberthai. Er überwand auch die Ungarn, die, ehe er Kaiser ward, von Augsburg aus alles Land verdarben und großen Schaden anrichteten. Er unterwarf dem römischen Reiche viele Länder, war ein Freund der Gerechtigkeit und hieß darum des Landes Vater. Als er noch in der grünenden Blüte seiner Jugend war, wurde ihm eine überaus schöne Hausfrau angetraut, mit Namen Ottogeba, die voll Zucht und Tugend war und aus dem erlauchten Hause der Könige von England stammte. Aber nur kurze Zeit hatte Kaiser Otto in süßem Glücke mit ihr gelebt, da kam die Stunde, in welcher Gott sie aus diesem Erdenleben forderte. Als die fromme Kaiserin Ottogeba nach fürstlichem Brauche feierlich zur Erde bestattet war, lebte der Kaiser Otto einige Zeit in Trauer und Einsamkeit. Dann aber betrachtete er in seinem Gemüte die Worte des heiligen Apostels Paulus, daß es besser wäre, sich ehrlich zu vermählen, als allerlei Anfechtung zu leiden, forderte seinen Rat zusammen und trug ihm die Sache vor. Da beschlossen seine Räte allesamt, daß sie einen Boten an die Herzogin Adelheid in Bayern senden wollten und sie befragen lassen, ob sie den gewaltigen Kaiser Otto zum ehelichen Gemahl haben wollte. Hierzu wählten sie einen ansehnlichen Herrn und geboten ihm, alle Sachen aufs treulichste auszurichten, wie es ihm vom Kaiser und seinen Räten befohlen würde. Diese Botschaft kam vor die Herzogin; sie aber erschrak im Herzensgrunde, da sie solche neue Mär hören mußte, denn sie hatte lange Zeit in stillem und ehrbarem Wesen ihren Witwenstand tugendhaft gehalten und sich vorgesetzt, darin zu verharren. Darum berief sie von Stund an die Edeln ihres Landes, samt dem Herzog Ernst, ihrem lieben Sohn, legte ihnen den Antrag vor und bat sie, dem Kaiser eine höfliche Antwort zu geben. Dies versprachen die Herren und gingen darüber zu Rat; und allesamt waren für die Einwilligung in die Heirat. Sie baten daher den Herrn Ernst, den Sohn der Herzogin, und den Grafen Wetzel, seinen vertrauten Freund, sie möchten der Herzogin anzeigen, was der Rat ihrer Edeln beschlossen habe. Jene beiden taten dies. Die Herzogin erschrak von ganzem Herzen und sprach: Mein lieber Sohn! Ich fürchte sehr, wenn ich, nach dem Rate der Gewaltigen dieses Landes und Deinem eigenen, mit dem Kaiser mich vermähle, so dürfte zwischen ihm und Dir Zwietracht und Uneinigkeit entstehen, wodurch ich in großem Jammern vor dem Tode meine Zeit verzehren würde.« Dawider sprach Herzog Ernst: Herzallerliebste Frau Mutter, eine so sorgliche Furcht sollte Euch nicht von der Vereinigung mit dem allerwürdigsten Fürsten abhalten. Ich selbst will mich mit Hilfe des barmherzigen Gottes, der unser alleroberster Kaiser ist, jenem meinem irdischen Kaiser in glücksamen wie in widerwärtigen Sachen dienstbar erzeigen und ihm allzeit gehorsam sein, will ihn und die Seinen mit meinen Armen umfangen, so daß ich stets die Gnade seiner kaiserlichen Majestät zu genießen habe. Von so mannlichen Worten des jungen Fürsten, ihres geliebten Sohnes, wurde die Frau gestärkt; sie faßte alle Worte, die ihr Sohn geredet, in ihr Herz und tat dem römischen Kaiser Otto durch seinen Boten ihres Herzens Willfährigkeit zu wissen, bestimmte auch Zeit und Tag der Vermählung. Kaiser Otto ward über die Maßen froh, als sein Bote mit so fröhlicher Nachricht wiederkehrte; sofort versammelte er alle seine Fürsten und Lehensherren zu einem gemeinsamen Hofgelage; dann machte er sich samt ihnen allen mit großer Macht und Herrlichkeit auf und ritt nach Bayern, wo die Herzogin wohnte. Diese wand ihm hinwiederum von ihrem Sohne Herzog Ernst und andern Herrn ihres Landes würdiglich und mit großem Gefolge entgegengeführt und überantwortet. Der Kaiser aber führte sie mit all seinem Volk unter lautem Jubel nach der Stadt Mainz. Daselbst hielt er eine große Hochzeit, wie einem so mächtigen Kaiser wohl gebührte. Dann ritten die Gäste alle wieder heim, ein jeglicher in seinen Ort, woher er gekommen war. Herzog Ernst bezeigte dem Kaiser alle Ehrfurcht, fiel ihm zu Füßen und erwies sich in allem gegen ihn als ein gutwilliger Sohn, der ihm gerne untertänig und gehorsam sein wollte. Als sie einmal beieinander waren, nahm der Kaiser den Herzog Ernst bei der Hand und sprach zu ihm: »Wisse, mein geliebter Sohn, daß ich Deine Mutter von ganzem Herzen liebe. Auch Dir möchte ich gerne mehr dienen, denn ich vermag. Doch auch so will ich darauf denken, daß ich Dir Dein Land vergrößere, denn ich habe ein herzliches Wohlgefallen an Dir, um Deiner Frömmigkeit und Mannheit willen.« Während sie im Gespräche waren, kam die Kaiserin dazu und redete also zu ihrem Sohne: »Geliebtester Sohn, ich bitte Dich flehentlich, Du wolltest Deinen Vater in allen Ehren halten und ihm immer gehorsam sein«. Zugleich schenkte sie ihm herrliche Kleinodien. Aber dieses friedliche Leben währte nicht lange. Denn es war einer am Hofe, der die Einigkeit und das ruhige Leben, das der Kaiser und die Kaiserin mit ihrem Sohne führten, nicht mit ansehen konnte. Darum dachte er oft, wie er doch bösen Samen darein säen könnte, damit der junge Fürst, Herzog Ernst, des Vaters Huld verliere; und endlich ersann er eine falsche List, von der ihr bald hören sollet, die ihm aber doch zuletzt allzu sauer wurde. Sonst hielt das ganze Hofgesinde den jungen Fürsten in großen Ehren, und auch er vertrug sich gut mit jedermann, und wenn dem Lande eine Widerwärtigkeit zustieß, so beschirmte er dasselbe im Namen seines Vaters, so daß der Kaiser eine Zeitlang ganz ruhig und in Freuden bei seiner Gemahlin leben konnte. Jetzt aber geschah es, daß der Pfalzgraf Heinrich die Esse seines Herzens mit dem Feuer des Neides in Flammen setzte. Dieser Pfalzgraf verklagte den jungen Fürsten fälschlich bei seinem Stiefvater, Kaiser Otto, und sprach einstmals, als er vor ihn kam, zu dem Herrscher: »O wie ein getreuer Vater des Kaiserreiches seid Ihr, allergnädigster Herr! Aber ich habe einige wunderliche, ja boshafte Reden vor Eure kaiserliche Majestät zu bringen, von Eurem Sohne, Herzog Ernst, den Ihr so liebhabt, den Ihr vor andern Räten ehret. Dieser Fürst trachtet früh und spät, Eurem alten Leben ein Ende zu machen, um das ganze Reich allein besitzen zu können. Darum sehet Euch vor, daß Ihr das abwehret, ehe er seinem bösen, begierigen Herzen, das zu solcher Bosheit nur allein geneigt ist, Raum gibt, sonst ist Euer Leben ohne allen Zweifel verloren!« Da der Kaiser solche Worte von Heinrich, dem Pfalzgrafen, vernommen hatte, ward er ganz zornig über ihn und sprach: »Was sagst Du, Heinrich? Von wem kommt Dir solche Nachricht? Fürwahr, wenn mir das ein anderer sagte, ich wollte ihm den Kopf abhauen lassen! Und wenn ich wüßte, daß Du solches aus Haß gegen meinen Sohn tust, so sollte auch Dir das gleiche widerfahren; denn ich habe noch nie Unrechtes von Herzog Ernst gesehen noch gehört, sowenig als von seiner Mutter, der Kaiserin; er schützet mich in allen meinen Angelegenheiten, worin es immer sein mag, mit Kriegen oder Verträgen; darum kann ich es nun und nimmer glauben. Doch sage mir, von wem Du solches gehöret hast, damit ich der Sache auf den rechten Grund komme!« Da sprach Pfalzgraf Heinrich: »Das kann ich Eurer Majestät wohl sagen, wenn es nötig ist; denn nicht von einem allein habe ich es gehört, sondern von zweien und dreien; dazu habe ich auch an ihm selbst gemerkt, daß er auf Bübereien sinnt. Darum, gnädigster Herr und Kaiser, wollte ich Eure Majestät treulich vor solchem Schaden gewarnt haben. Denn das bin ich schuldig und verpflichtet zu tun.« Nun fing der Kaiser mit traurigem Mute an und sprach zu dem Verleumder: ~O, mein lieber Heinrich, wenn dem also ist, wie Du mir von meinem Sohne angezeigt hast, so bitte ich Dich weiter um guten Rat, wie ich ihn aus dem Lande vertreiben kann, ehe er sich untersteht, sein Vorhaben auszuführen. « .Das will ich meinem kaiserlichen Herrn wohl anzeigen, erwiderte der Falsche; »während Euer Sohn gen Regensburg geritten ist, so sammelt Ihr insgeheim und ohne der Kaiserin Wissen viel Kriegsvolkes, schicket die hin und lasset ihn aus dem ganzen Lande verjagen!« Der Kaiser tat also. Er brachte durch Herrn Heinrich in kurzer Zeit einen großen Haufen mannlicher Ritter zusammen, an deren Spitze der Pfalzgraf selbst gestellt wurde; und das geschah alles ohne Wissen der Kaiserin. Dann zog der Arge wider den frommen Herzog Ernst, verwüstete Ostreich, schlug viel Volkes zu Tode, hauste grimmig mit Sengen und Brennen und zog dann nach dem Bistum Würzburg, wo er gleichen Schaden verübte. Auch schickte er heimlich Kriegsvolk gen Bamberg und befahl ihnen, daß sie eine Zeitlang stille liegen und sich nicht merken lassen sollten, was sie im Sinne hätten, bis er selbst mit dem ganzen Zuge käme; alsdann sollten sie sich plötzlich in ihre Rüstung stecken und die Bürger in aller Schnelligkeit überfallen. Das geschah auch; doch wehrten sich die Bürger und schlugen ihrer viel hundert zu Tode. Erst als sie sahen, daß sie überwältigt waren und solches Blutvergießen auf des Kaisers Befehl durch den Pfalzgrafen Heinrich angerichtet worden, ergaben sie sich. Nichtsdestoweniger schickten sie eilends einen Boten an ihren Schutzherrn, den Herzog Ernst, nach Regensburg und ließen ihm alles anzeigen, was sich mit ihnen begeben hatte. Als der Bote mit dieser Zeitung vor den Herzog kam, erschrak dieser sehr, ging zu seinem Freunde Wetzel und erzählte es ihm unter bitteren Tränen. »O allmächtiger Gott«, rief er, »welche Verleumdung mag zu meines Vaters, des Kaisers, Ohren gekommen sein, daß er es über sich vermocht hat, mich also zu verderben!« So ging er mit bekümmertem Herzen und in schweren Gedanken auf und nieder. Endlich befahl er seinen Räten, sich zu versammeln, denn er habe ihnen Ernsthaftes anzuzeigen. Und sie versammelten sich auf sein Geheiß. Da trat der junge Fürst mit seinem Freunde, Grafen Wetzel, unter sie und gab den Räten den Brief, den die Bürger von Bamberg an ihn abgeschickt hatten. Als diese ihn gelesen und das Blutvergießen daraus ersehen hatten, das der Pfalzgraf angerichtet, wurden sie ganz traurig, doch beschlossen sie schnell, daß Herzog Ernst sein bestes Kriegsvolk, das er im Lande hätte, an sich ziehen und den Feind aus dem Lande schlagen sollte. Aber sie wußten noch nichts von der Verleumdung, die ihnen zugerichtet worden war. Also sammelte der kühne Herzog Ernst seine Ritter, wohl an viertausend streitbarer Männer, und zog mit dem Volke Bamberg zu. Wie das Heinrich, der Pfalzgraf, vernahm, besetzte er die Stadt Bamberg mit Kriegsvolk und zog mit seiner übrigen Macht dem Herzog Ernst entgegen; und das Ziehen währte nicht lang, da trafen ihre Scharen zusammen und schlugen einander auf beiden Seiten viel Volkes zu Tod. Zuletzt behielt Herzog Ernst das Feld, und der Pfalzgraf entkam mit wenigen Reitern. Dieser ritt geradenwegs zum Kaiser und meldete ihm, wie es gekommen sei, daß ihm sein Sohn Ernst fast all sein Volk erschlagen habe, und wie er ihm mit seinen Scharen zu mächtig gewesen sei. Als der Kaiser alles gehört, wurde er ergrimmt über den guten Herzog Ernst und sprach: »Das will ich nicht ungerächet lassen; von aller seiner Habe soll mein Sohn verjagt werden.« Und jetzt nahm er viel Kriegsvolk und eroberte eine Stadt nach der andern. Wie das der junge Fürst sah, wurde er hart bekümmert, schickte einen Boten zu seinem Vater, dem Kaiser, und ließ ihn bitten, daß er doch sein Land nicht also verwüsten möchte, denn er habe doch seiner Majestät sein Leben lang nichts Böses zugefügt, weder mit Worten noch in der Tat. Er wisse sich in allem unschuldig und könne daher nicht begreifen, warum er von dem Kaiser mit Krieg heimgesucht werde. Der Bote brachte dem Kaiser den Brief in Beisein der Kaiserin, und diese verbot demselben heimlich, wider ihrem Willen heimzuziehen, sondern er sollte sie wiederum aufsuchen, ehe er ginge; und dazu verstand sich auch der Bote. Der Kaiser hatte den Brief durch und durch gelesen; er ging hin und wieder in dem Saal mit zornigem Mute; wie ein grimmiger Löwe. Die Kaiserin aber merkte wohl, daß es ihrem Sohne galt, näherte sich ihrem Herrn, dem Kaiser, und sprach: »Allergnädigster Herr, ich bitte Euch um Gottes Barmherzigkeit willen, daß Ihr in dem Zorne, den Ihr gegen unsern Sohn tragt, nicht beharret!« Da sprach der Kaiser zu ihr: »Liebe Frau! ich lasse mich nicht überreden; darum entfernet Euch nur und geht Euren Geschäften nach; die Übeltat, die er an mir verübt hat, ist zu groß, als daß ich es vergessen könnte.« Aber die Kaiserin sprach nur noch kläglicher: »So bitte ich um Gottes willen, Ihr wollet wenigstens eine Versammlung und Zusammenkunft beider Teile anstellen, damit man doch auf einen sichern Grund der Verfolgung komme, die gegen meinen unschuldigen Sohn angezettelt worden ist!« Aber bei dem Kaiser war keine Barmherzigkeit zu finden. Als dies die Kaiserin sah, ging sie mit betrübtem Herzen in ihre Kammer und schrie im Gebete zu Gott. Da war es, als käme ihr eine Stimme vom Himmel, die ihr sagte: »An all diesen Dingen ist der Pfalzgraf schuldig.« Wie die Frau die Stimme vernommen hatte, sprach sie weiter im Gebet: »O allmächtiger Gott, wie ist es möglich, was hat den Pfalzgrafen veranlaßt, meinen lieben Sohn bei meinem Herrn so zu verleumden! O Gott, erbarme dich meiner!« In diesem Elend schickte sie einen Diener nach dem Boten ihres Sohnes Ernst und befahl ihm, diesen über alles zu unterrichten, wie es um ihn bei seinem Vater, dem Kaiser, stünde; insonderheit gab sie dem Boten auf, daß er ihrem Sohne sagen sollte, all das Unglück habe der Pfalzgraf Heinrich angerichtet und er allein sei der Urheber dieser Verräterei. Wie der Bote seinen Bescheid hatte, ritt er in Eile Regensburg zu und hinterbrachte alles getreulich seinem Herrn, dem Herzog, wie ihm von des Fürsten Mutter befohlen war. Nachdem Herzog Ernst alles vernommen hatte, gab er dem Boten reichen Lohn für seine Bemühung, eilte zu seinem Gesellen, dem Grafen Wetzel, und teilte ihm alles mit, was er erfahren hatte. Und dieser geriet in große Verwunderung. Seitdem war der junge Fürst stets von schwermütigen Gedanken gequält und wußte nicht, ob er wieder Gnade bei seinem Vater finden werde. Endlich wandte er sich abermals an seinen Freund Wetzel und bat ihn, daß er ihm einen Zug vollbringen helfen möge, auf welchem sie sich nur von einem einzigen Diener begleiten lassen wollten. Das verhieß ihm Wetzel. Damals nämlich hielt der Kaiser gerade mit seinen Kurfürsten einen Reichstag zu Speyer und war dort eine große Versammlung von Fürsten und Herren. Diese Gelegenheit nahm Herzog Ernst wahr und ritt mit seinem Freund und dem Diener gen Speyer. Dort stiegen sie in des Kaisers Hofe von ihren Rossen, hießen den Diener die Pferde halten und gingen hinauf in den Palast. Da fanden sie den Kaiser mit dem Pfalzgrafen allein in der Kammer sitzen, und Herzog Ernst ging zu letzterem hin und sprach: »Du meineidiger, treuloser Pfalzgraf, warum verleumdest Du mich so bei meinem Vater?« Mit diesen Worten zog er sein Schwert aus und durchstach im wilden Zorne seinen Feind. Als der Kaiser dies sah, fürchtete er sich vor seinem Sohn und sprang wohl vier Klafter tief hinab in eine Kapelle, deren Wölbung an die Kammer grenzte, wo sie waren; darein verbarg er sich aus Furcht vor seinem Sohne. Herzog Ernst, wie er sah, daß sein Vater entronnen war und der Pfalzgraf tot vor seinen Füßen lag, lief mit seinem Gesellen Wetzel die Treppe wieder hinab zu den Rossen, bei denen sie den Diener fanden. Da saßen alle drei wieder auf, ritten in Eile durch die Stadt und nahmen ihren Weg einem unbekannten Orte zu. Der Kaiser blieb eine gute Weile in der Kapelle und hatte große Angst. Erst wie er kein Getümmel mehr hörte, kam er heraus und sagte den Herren, was sich Unerhörtes begeben habe. Auf die Kunde von diesem großen, unsühnbaren Morde entstand in der ganzen Stadt ein Aufruhr; Reiter wurden auf allen Straßen hin und wieder abgeschickt, mit dem Befehl, wo sie Herzog Ernst mit seinem Gesellen, dem Grafen Wetzel, und einem Diener begegneten, da sollten sie alle drei ohne Gnade totschlagen. Aber Gott, wiewohl er dem Fürsten den Mord nicht verzieh, nahm die Verfolgten doch in seinen Schirm und führte sie auf eine sichere Straße, so daß sie nicht ereilt wurden. Die Reiter und Knechte kamen zurück und sagten dem Kaiser, daß sie niemand hätten finden können. Darüber wurde der Kaiser grimmig und Schwur bei seinem Reiche, daß er es nicht ungerächt lassen wolle. Durch das große Geschrei, das hin und her in der Stadt ertönte, und das viele Volks, welches zusammenlief, wurde endlich auch die Kaiserin aufmerksam, suchte ihren Gemahl auf und fragte ihn: »Lieber Herr, saget mir an, was dieses ungestüme Hinundherrennen bedeutet?« Da erzählte ihr der Kaiser Wort für Wort, daß ihr Sohn den Pfalzgrafen erstochen habe und, wenn ihm der Kaiser nicht entronnen wäre, auch seinen Vater umgebracht haben würde. Die Kaiserin dankte ihrem Gemahl für diese Mitteilung, eilte aber sogleich in ihr Kämmerlein und betete zu Gott mit allem Ernste, daß er ihren Sohn doch behüten und nicht in des Vaters Hände fallen lassen wolle. Inzwischen war der Leichnam des Pfalzgrafen mit großer Feierlichkeit begraben worden. Dann ging der Kaiser mit seinen Fürsten und Herrn zu Rate, und es wurde beschlossen, daß Herzog Ernst, der junge Fürst, aus seinem Lande ganz und gar vertrieben werden sollte, auch wollte ihn der Kaiser nimmermehr zu Gnaden annehmen, denn er war ihm von Herzen feind geworden. Er sammelte daher ein Heer von zwölftausend Mann, und ritt selbst den nächsten Weg auf Regensburg zu, denn er meinte, sein Sohn wäre dort. Er begann die Stadt zu belagern. Die Belagerung währte lange Zeit, und die Einwohner wurden sehr betrübt, weil ihr Herr, der Herzog Ernst, nicht zum Entsatze kam. Doch hielten sie sich, wie es frommen Bürgern und Untertanen zusteht, und wollten an ihm nicht treulos werden. Auch versammelten sie einen Rat und beschlossen, ihrem Herrn und Herzog einen Boten zu schickten (denn sie kannten seinen Aufenthalt), um ihm die große Not zu klagen, in der sie durch seinen Vater schwebten; auch ihm zu melden, daß, wenn ihnen nicht bald Hilfe käme, sie sich dem Kaiser ergeben müßten. Die Botschaft gelangte glücklich zu dem jungen Fürsten, und dieser sprach gar betrübt zu seinem Freunde Wetzel. »Mein allerliebster Freund, was soll ich Unglücklicher anfangen? Des Landes und der Leute bin ich beraubt. Niemanden hab ich, auf den ich mich verlassen könnte, hilft Gott meinen Untertanen nicht, so sind sie verloren!« Dann schickte er den Boten eilig wieder nach Regensburg zurück und ließ die Bürger bitten, sie sollten sich nur noch eine kleine Weile halten, er verhoffte bald bei ihnen zu sein. Der Bote eilte heim und zeigte dies den Bürgern an. Herzog Ernst aber ritt ohne Verzug zu dem Herzog von Sachsen und wurde von ihm mit seinen Dienern so gut und schön empfangen, so wie es auch billig war. Nach der ersten Begrüi3ung klagte der gebeugte Fürst dem Sachsenherzog seine Not, erzählte ihm alles, was ihm widerfahren war und was er begangen hatte und wie er jetzt ein Vertriebener sei und seine Hauptstadt Regensburg belagert würde. »Darum, gnädigster Fürst«, schloß er, »bitte ich Euch, Ihr wollet mir eine Anzahl Kriegsleute geben, daß ich in Sicherheit gen Regensburg kommen möge, damit ich meine kostbarsten Kleinode wegschaffen und meine getreuen Bürger trösten und kräftigen kann. Dann will ich in ein anderes Land ziehen, wohin mich Gott führet. Solche Bitte hoffe ich, Herr Herzog, wollet Ihr mir nicht abschlagen in diesem meinem Elend!« Der Herzog antwortete gar freundlich: »Lieber junger Herr und Fürst! Eure Bitte soll Euch nicht abgeschlagen sein!« Und von Stund' an gebot er, daß sich fünftausend Pferde rüsten sollten, was auch alsbald geschah. Der Herzog von Sachsen ritt selbst mit dem Heerhaufen; und als sie gen Regensburg kamen, sahen sie den Kaiser mit seinem Heere davor gelagert. Doch ritten die Herzöge mit ihren Reitern bis dicht vor das Lager. Als der Kaiser so viel Volks kommen sah, gebot er seinem Heer auf der Stelle, sich zu rüsten und die Feinde von dannen zu schlagen. Aber der Herzog von Sachsen begehrte mit dem Kaiser zu unterhandeln, und so vernahm dieser aus des Herzogs eignem Munde, daß es seine Absicht sei, den Fürsten Ernst in seine Stadt Regensburg zu bringen. Da sprach Herr Otto: »Ist es auch recht, daß Ihr meinen Feind beschützen helfen wollet, der meinen guten Freund Heinrich, den Pfalzgrafen, an meiner Seite erstochen hat und mir dasselbe getan hätte, wenn ich nicht entsprungen wäre? Sollte ich dem ungetreuen Sohn meine Treue beweisen? Nein, fürwahr, er hat es nicht um mich verdient!« Der gute Herzog von Sachsen wurde solcher Klage nicht froh, sondern er sprach mit demütigen Worten: »Allergnädigster Herr und Kaiser, wollet diese meine Weise nicht für übelnehmen, ich habe solches um des gemeinen Besten willen getan. Ich wollt' Euch aufs untertänigste bitten, daß Ihr Eurem Sohn gnädig sein möget und ihm vergeben; wer weiß, ob er an den Dingen wirklich schuld hat, wegen deren er bei Euch angeschwärzt worden ist.« Aber der Kaiser, als er solche Worte vernahm, hieß den Herzog von sich gehen. Dieser gehorchte, und ritt zu seinem Freunde zurück. Unterdessen begannen die Bürger in der Stadt zu merken, daß Ernst, ihr Herzog, in der Nähe sei. Von Stund' an schickten sie ihm Boten, daß er doch sollte in die Stadt kommen; sie wollten Leib und Leben für ihn lassen und ihm in Liebe untertänig sein. Auf dieses rüstete sich Herzog Ernst, ging zu dem Fürsten von Sachsen, sagte ihm großen Dank für seine Begleitung und bat ihn um einige Reiter und Knechte; der aber gab ihm mit gutem Willen viele von seinem Volk. So machte sich Herzog Ernst auf und ritt mit seinem Kriegsvolk unangefochten in die Stadt; denn der Kaiser fürchtete die Sachsen. Nachdem Herzog Ernst hinter den Toren der Stadt Regensburg wohlbehalten angekommen war, ging der Herzog von Sachsen wieder vor den Kaiser und sprach: »Allergnädigster Herr, mein Dank sei Euch gesagt; und wollet Eurem Sohne gnädig sein!« So schieden sie traurig voneinander, und der Sachsenherzog ritt wieder in seine Heimat. Große Freude war bei den Bürgern, als sie ihren Herrn wieder in der Stadt hatten; sie empfingen ihn mit seinem wohlgerüsteten Volk aufs beste und hofften, er würde jetzt bei ihnen bleiben. Aber es geschah ganz anders. Denn Herzog Ernst befahl, alle Bürger sollten zusammenkommen, und wie sie alle beieinander waren, redete er sie also an: »Liebste Bürger und gute Freunde! Ihr sehet den großen Trotz meines Vaters, des Kaisers, der sich unterfängt, mich von Land und Leuten zu vertreiben. Er hat auch wohl die Gewalt dazu, und ich will mich dessen nicht mehr wehren, wie ich getan habe. Darum, liebe Brüder, bin ich zu Euch hergekommen, Euch aufs dringendste zu bitten, daß Ihr meinen Vater den Kaiser beschicken wollet und ihn um Gnade bitten, daß er einem jeden von Euch erlaube, so viel von den Seinigen mitzunehmen, als er tragen kann, und Euch so aus der Stadt ziehen lasse; die andre Habe wollet Ihr dahinten lassen!« Dieser Rat gefiel einem Bürger wohl, dem andern nicht. Endlich beschlossen sie und zeigten ihrem Herrn an, sie wollten bleiben und bei Weib und Kind sterben und genesen. Also nahm ihr Herr unter Tränen Abschied von ihnen und ritt im Schutze des geliehenen Sachsenheeres wieder aus der Stadt Regensburg hinaus und durch das kaiserliche Kriegsvolk hindurch. Solange Herzog Ernst von den sächsischen Kriegern begleitet ward, drohte ihm kein Gefährde von dem Kaiser. Als er sich aber eine Strecke Weges entfernt hatte, entschloß er sich, die geliehenen Kriegsleute dem Herzog von Sachsen zurückzusenden, und siehe, da setzte ihm der Kaiser nach, um ihn zu verderben. Herzog Ernst, der dies erfuhr, sprach nun zu seinem Gesellen Wetzel und dem Rest von fünfzig bayerischen und österreichischen Rittern, die ihm noch verblieben war: »Liebe Herren«, sagte er, »ich bitte Euch getreulich, daß Ihr mir wollet einen Zug vollbringen helfen nach dem Heiligen Grabe. Ihr sehet ja meines Vaters Zorn; dazu habe ich kein Schloß und keine Stadt mehr, darin ich sicher wäre, ich bin ganz elend: darum will ich das Land verlassen, vielleicht, daß sich der Kaiser indessen eines andern bedenkt und sein großer Grimm sich legt. Meinethalben soll kein unschuldiges Blut mehr vergossen werden, es ist dessen schon jetzt zu viel!« Den Rittern gefiel die Rede des jungen Fürsten, sie gelobten, ihm die Reise vollbringen zu helfen, wofür er ihnen sehr dankbar war. Er sorgte sogleich dafür, daß den edlen Rittern ganz neue Rüstung und Wehr verfertigt wurde, damit sie mit allem, was zur Reise gehörte, wohl versehen wären. Auch die Kaiserin erfuhr, daß ihr Sohn aus Deutschland hinwegziehen wollte; sie schickte ihm daher ohne Wissen seines Vaters und ganz im geheimen hundert Mark Silbers, dazu viel andere Kleinode, und entbot ihm viel tausend gute Nacht. Dieses Gut teilte der junge Fürst unter seine Ritter aus und besoldete sie damit; denn sonst hatte er nicht mehr viel Guts und Geldes, weil er so elendiglich von seinem Vater aus allen seinen Landen vertrieben war. Und wie er nun mit seinen Rittern vom Lande schied, da hub er an zu weinen und sprach: »Nun erbarme es Gott, daß ich so elendiglich aus meiner Väter Lande ziehen muß!« Doch getröstete er sich seiner mannlichen Ritter, die alle so gutwillig mit ihm gingen. Darauf zogen sie die nächste Straße nach Ungarn. Alldort wurden sie gut empfangen von dem König und blieben acht Tage da. Darnach gab der König dem Herzog und seiner löblichen Ritterschaft etliche Boten, die ihm den rechten Weg durch den Wald nach der Bulgarey weisen sollten. Als sie glücklich hindurchgekommen waren, schickten sie die ungarischen Wegweiser zurück, nachdem sie sie reichlich beschenkt und ihnen aufgegeben hatten, dem König ihren großen Dank zu vermelden. Wie sie sich nun im Kaiserreich der Griechen befanden, ritten sie den nächsten Weg auf Konstantinopel zu. Als sie dort angelangt waren, empfing sie der Kaiser gar schön und tat ihnen große Ehre an. Besonders empfand er große Liebe für Herzog Ernst, weil dieser sich gegen seinen Vater, den römischen Kaiser, so mutig zur Wehre gestellt hatte. An diesem Hofe blieb Herzog Ernst mit seiner Gesellschaft wohl drei Wochen lang, bis ein überaus großes Schiff kam, welches der Kaiser mit allen Lebensbedürfnissen versehen ließ. Dann befahl derselbe den besten Schiffsleuten, die er hatte, den jungen Fürsten mit allem Fleiße zu fahren, damit derselbe keinen Schiffbruch zu befürchten hatte. Als nun das Fahrzeug mit allem Vorrat wohl versehen, auch mit Segelstangen, Stricken, Segeltüchern und allem, was zu einem solchen Schiffe gehört, vollkommen ausgerüstet war, segnete Herzog Ernst mit seiner Ritterschaft den Kaiser und fuhr in Gottes Namen dahin. Mit ihm fuhren viel Griechen, die ihm Gesellschaft leisteten und ihn in zwölf Schiffen begleiteten, weil sie die heilige Fahrt nach Jerusalem auch gerne vollbracht hätten. Sechs Wochen waren sie mit gutem Winde gefahren; da erhub sich in der Nacht ein starkes Ungewitter auf dem Meere, so daß die Fahrzeuge große Not von den Wellen litten. Der Sturmwind war so heftig, daß die zwölf Schiffe mit den Griechen von den grausamen Stößen des Orkanes alle entzweigingen und versanken, weil es keine so wohlerbaute, starke Fahrzeuge waren als die Herzog Ernsts; denn nur sein Schiff war so gut mit Eisen beschlagen, daß die Wellen es nicht so bald auseinanderzureißen vermochten. Jedoch, hätte es länger gedauert, so würde es das Ungestüm der Wogen auch nicht mehr ertragen haben können, sondern in Stücke gegangen sein. Als der Herzog seine Begleiter so jämmerlich ertrinken sah, weinte er mit allen seinen Genossen und bat Gott, daß er doch ihnen selbst möge gnädig und barmherzig sein. Nun wußten die Schiffsleute nicht, in welcher Gegend oder in welcher Landesnähe sie waren; auch fing der Vorrat an, ihnen auszugehen, denn sie waren wohl schon vierzig Wochen auf dem Meere gefahren und hatten nichts gesehen als Himmel und Wasser. Deswegen flehten sie brünstig zu Gott, daß er sie dem Lande zuführen wolle; sie litten großen Mangel, und wären sie noch einen halben Monat auf dem Wasser gefahren, so würden sie Hungers gestorben sein. Endlich erblickten sie eine Küste, steuerten mutig zu und erreichten in kurzer Zeit das Land. Sobald sie aus dem Schiffe gestiegen, setzten sie sich auf ihre Rosse, ließen das Fahrzeug am Strande und mit den Schiffleuten einige Knappen darin; die Ritter selbst gingen mit dem Herzog und besichtigten von ferne eine Stadt, die sie vor sich sahen. In ihre Nähe sich zu begeben wagten sie nicht, weil niemand wußte, in welcher Landschaft sie waren und welche Leute da wohnten. Die Stadt war sehr schön gebaut, hatte eine hohe und dicke Mauer und einen breiten Wassergraben, auch gewaltige Basteien und einen schönen Wall. Nachdem sie lange hin und her geritten, entschlossen sie sich, zu ihrem Schiffe zurückzukehren, und aßen und tranken dort, so gut sie es hatten; denn es war nicht mehr viel übrig bei ihnen. Nach dem Essen warfen sie sich in ihre Rüstung, und Herzog Ernst gab dem Grafen Wetzel die Fahnen, auf welchen ein goldenes Kruzifix gestickt und der Spruch daruntergeschrieben war: »Gottes Wort bleibet ewiglich«. In dieser Stadt wohnten die Agrippiner. Sie waren mit ihrem König gerade ausgezogen, um eines Königs Tochter aus Indien zu rauben, die einem fernen Königssohn zugeführt werden sollte und in Begleitung von Brautführern durch das Land reiste. Deshalb war die Stadt leer. Herzog Ernst aber wußte das nicht. Er ritt mit seiner Ritterschaft um die Stadt herum und fürchtete sich sehr. Nach vier Tagen entschloß er sich, die Stadt zu betreten. Kein Mensch war darin. Lange ritten sie hin und her in den Gassen, gelangten endlich vor ein schönes Schloß, stiegen von ihren Rossen, gingen hinein und kamen bald in einen hohen Saal. Da fanden sie schön zugerüstete Tische, die mit Essen und Trinken reichlich versehen waren, wie wenn ein Fest gehalten werden sollte. Das geschah denn auch insoweit, als Herzog Ernst mit seiner ganzen Ritterschaft sich niedersetzte und sich alle recht satt aßen und tranken. Dann schickten sie auch den Schiffsleuten Essens genug, sich daran zu erlaben. Und darauf befahl Herzog Ernst, daß man das Schiff mit Lebensmitteln versehen solle. Da trugen die Diener von den Speisen, soviel sie konnten, zu Schiffe, so daß sie wohl für ein halbes Jahr genug hatten. Jetzt gingen Herzog Ernst und Graf Wetzel im Schlosse herum; sie betrachteten sich alle Gebäude, die sehr köstlich waren. Dann begaben sie sich wieder auf das Schiff und blieben die ganze Nacht auf demselben. Wie der andre Tag anbrach, ging Herzog Ernst zu seinem Freunde Wetzel und bat ihn, wieder mit ihm in die Stadt zu gehen. Das tat der willig. Als sie die Stadt wieder betreten hatten, gingen sie aufs neue durch die Straßen lustwandeln und sahen manchen schönen Bau, über den sie sich verwundern. Dann betraten sie wieder den Saal, aßen und tranken vom Besten, das vorhanden war, und besahen sich auch sonst den Palast. Da fanden sie eine Kammer, in der standen zwei herrlich bereitete Betten mit Decken von Goldstoff, und auch die Bettstellen waren von lauterem Golde; mitten in der Kammer stand ein Tisch mit einem köstlichen Teppiche gedeckt und auf diesem die lieblichsten Gerichte. Zunächst an diese Kammer stieß ein kleiner Saal und an diesen ein Garten mit einem gar schönen Brunnen. Da sprach Herzog Ernst: »Lieber Freund Wetzel, wir wollen uns ausziehen und baden«; das taten sie und wuschen sich zum besten. Dann gingen sie in die Kammer, legten sich in die zwei köstlichen Betten und ließen sich den Schlaf eine gute Zeit behagen. Nachdem sie genug gerastet hatten, gingen sie abermals in dem Schlosse herum und betrachteten sich alle seine Herrlichkeiten, dann besahen sie mit Gemächlichkeit alle angenehmen Plätze der Stadt. Auf einmal sieht Graf Wetzel ein großes Heer daherziehen. Alle Leute desselben waren so gestaltet, daß sie von unten bis an den Hals ganz schön waren; oben aber hatten sie Kranichsköpfe. »Liebster Herr«, sprach Wetzel zu seinem Freund Ernst, »sehet Ihr nicht dieses ungeheure Volk, das dort herzieht?« Da ward es auch Herzog Ernst gewahr und sprach: »Was wollen wir tun? Ich denke, wir verbergen uns, damit wir sehen, was sie anfangen!« So verbargen sich die zwei Helden hinter der Türe in einem Winkel und sahen da zu, was die Agrippiner taten. Diese zogen feierlich in die Stadt, und ihr König betrat das Schloß; er hatte eine schöne Jungfrau bei sich, die von königlichem Stamme war; es war eben die, welche der König mit seinen Untertanen den Brautfahrern abgenommen hatte. Nun setzte sich der beschnabelte König mit seinen Bürgern zu Tische; aber sie merkten bald, daß mehrere Speisen ihnen entrückt waren, und konnten sich nicht denken, wie das zugegangen. Doch aßen und tranken sie sich voll und fingen an zu schnattern und zu singen; auch war unter ihnen mancherlei Saitenspiel, und sie trieben gar wunderliche Abenteuer mit Springen und Tanzen und Gaukeln. Der König saß bei der schönen Jungfrau am Tisch und bot ihr öfters den Schnabel, damit sie ihn küssen sollte. Aber die gute Jungfrau war voll Traurigkeit, wandte den Mund stets seitwärts und dachte: »O allmächtiger Gott, wäre ich weit weg von diesen scheußlichen Geschöpfen; ja, wenn ich in einem Walde wäre, wo die wilden Tiere wohnen, ich wollte mich nicht hierher wünschen!« Solche Trübseligkeit der Jungfrau sahen die beiden Herren hinter der Türe in ihrem Winkel und sprachen zueinander: »Wie könnten wir doch die Jungfrau erretten!« »Ich will«, sprach Herzog Ernst, »mein Leben daransetzen und die schöne Magd befreien!« So sprachen sie leise miteinander, wie sie es anfangen wollten. Doch ließen sie die Sache eine Weile auf sich beruhen; endlich sagten sie, einer zum andern: »Wenn es nur unsern Rittern im Schiffe gutgeht und sie nicht von diesen Halbmenschen erschlagen werden! Und Herzog Ernst sprach: »Ich wollte, sie wären bei uns im Saale, wir wollten hier unter sie fahren!« Die Mahlzeit der Agrippiner hatte inzwischen lange gewährt, und sie hatten groß Geschnatter zuhauf getrieben. Da kam die Zeit, daß jedermann nach Hause gehen sollte. »Mein lieber Freund«, flüsterte der Herzog Ernst seinem Gesellen Wetzel zu, »wie wollen wir es anfangen, daß uns die Jungfrau zuteil wird? Ich denke, es ist am besten, wir springen hervor und stechen den König tot!« »Nein«, sprach Wetzel, »wir wollen achtgeben, wenn der König zu Bette geht, dann wollen wir ihm die Jungfrau nehmen.« Dieser Rat gefiel dem Herzog. Wie nun das Mahl ein Ende hatte, ging alles nach Hause; das schnablichte Gesinde war trunken und schnalzte wie die Enten, der König aber begab sich in die schön geschmückte Kammer, die aller Orten mit lauterem Golde verziert war. Dann fertigte er zwei Diener ab, welche die Jungfrau holen sollten: als nun diese mit ihr unterwegs waren, kamen Ernst und Wetzel aus ihrem Schlupfwinkel ihnen nachgefolgt, sprangen hervor und schlugen dem einen Diener den Kopf ab; der andre entrann ihnen, kam in des Königs Kammer und schrie: »Die Inder sind da und wollen die Jungfrau wieder nehmen!« Da schnalzte der König, sprang auf und der Jungfrau entgegen: diese stach er mit seinem spitzigen Schnabel in beide Seiten; so daß ihr das Blut herunterfloß und sie zur Erde fiel. Als die Helden dies sahen, wurden sie grimmig wie Löwen: Herzog Ernst sprang auf den König zu und durchstach ihn mit dem Schwert, daß er zu Boden stürzte. Nun wurden die Herren von den Agrippinern umringt, daß sie sich ihrer kaum erwehren konnten. Doch trieben sie diese zur Kammer hinaus, verschlossen dieselbe fest und gingen dann zu der Jungfrau, die sie von der Erde aufhoben und trösteten. Aber sie war von des Königs Schnabel so verwundet, daß sie vor Sterbensangst fast nicht reden konnte. Endlich sprach sie: »O ihr kühnen Helden, hättet Ihr mich meinem Vater lebendig heimgebracht, so wäre ich einem von Euch zuteil geworden; jetzt aber kann das nicht sein, die Zeit meines Verscheidens ist da; Gott wolle meiner Seele barmherzig sein! So gab sie ihren Geist in Herzog Ernsts Armen auf und starb. Wie die Helden sahen, daß die Jungfrau tot war, sprachen sie zueinander: »Nun wollen wir uns wehren, oder wir sind des Todes!« Damit tat Herzog Ernst die Kammertür auf; da stand es voll von Agrippinern, die schlugen und stachen gegen die beiden. Die wehrten sich jedoch gar männlich, schlugen ihrer viele zu Tode und machten sich endlich eine Bahn bis zum Stadttore; aber dies war verschlossen. Jetzt standen sie erst recht in Ängsten und riefen Gott und den Heiland um Hilfe an. Da schickte es Gott, daß ihre Ritter das Schiff verließen, auf die Pferde saßen und nach ihren Herren sehen wollten. Sie ritten bis ans Tor und fanden es zu. Nun hörten sie großes Rauschen und Schlagen in der Stadt; da erschraken sie, rannten wieder nach den Schiffen, rüsteten sich mit ihren besten Wehren und eilten zurück nach dem Tor. Aber sie konnten es nicht öffnen. Endlich schlugen sie es mit Streitäxten entzwei und kamen so zu ihren Herren hinein. Da schöpften diese wieder Mut und zerarbeiteten sich so lang an den Agrippinern, bis sie mit dem Leichnam der Jungfrau vor das Tor kamen. Dort erhub sich ein neuer Streit, und sie wurden so hart bedrängt, daß sie die Jungfrau unter den Feinden liegenlassen mußten; denn jetzt zogen diese mit großer Macht in das Feld und gedachten den Herzog Ernst mit seiner Ritterschaft zu erschlagen. Diese aber hielten sich, wie mannlichen Leuten geziemt, zogen in guter Ordnung nach dem Schiff, schlugen um sich, stachen und hieben tapfer in die Feinde; aber die Agrippiner schossen mit vergifteten Pfeilen nach ihnen: da wichen die Helden allgemach in ihr Schiff zurück und hatten große Arbeit, bis sie die vielen Verwundeten ins Schiff gebracht. Dann segelten sie davon. Die Agrippiner hatten auch Schiffe, in die warfen sie sich, fuhren ihnen nach und schossen mit ihren Giftpfeilen, als ob es schneiete. Nun hatte Herzog Ernst in seinem Schiff einen Wurfzug, mit dem warf er drei bis vier Schiffe in den Grund, so daß alle Kranichsleute, die darauf waren, ertranken. Wie die übrigen sahen, daß sie den Helden nichts abgewinnen konnten, kehrten sie wieder heim und beklagten ihren König, der in der Stadt umgekommen war. Aber Herzog Ernst und seine Ritterschaft schifften auf dem ungestümen Meere dahin und dankten Gott von ganzem Herzen, daß er sie von den Kranichsköpfen erlöst hatte. Doch lagen mehrere Ritter hart verwundet von der Feinde Geschoß; denn diese hatten große Pfeile, deren Spitzen alle vorn vergiftet waren; wen sie damit getroffen, und war auch nur die Haut geritzt, der mußte sterben. Mit solchem Geschoß waren wohl an acht tapfere Ritter verletzt worden; diese lagen ganz elend auf ihrem Lager, denn niemand konnte ihnen helfen, und keiner war im Schiff, der ihnen ihre Schmerzen wenden konnte. Das Meer selbst wollte die kranken Ritter nicht länger auf seinem Rücken dulden, es wurde wild und warf das Schiff hoch auf den Wellen empor. Wären sie nicht bald gestorben, so hätten der Herzog und seine Ritter sie über Bord werfen müssen; aber Gott schickte ihnen den Tod. Als sie nun christlich verschieden, band man sie auf einige Dielen und heftete wohlverwahrtes Geld daran, daß sie ehrlich begraben werden konnten, wo man sie am Ufer fände. Dann wurden sie unter großem Weinen der Übergebliebenen ins Meer geworfen. Vier Tage fuhren jetzt die Ritter ganz still und mit gutem Winde dahin, aber ihrer wartete das Unglück. Denn am fünften Tage fing der Wind an aus Süden zu blasen und erregte ein großes Ungewitter, so daß Herzog Ernst meinte, das Schiff müßte untergehen. Der Steuermann wußte nicht, in welcher Gegend sie wären; denn es war finstere Nacht. Als der Tag anzubrechen begann, ging der oberste Schiffsmann hinaus aufs Verdeck und sah sich um. Da erschrak er gewaltig und rief mit lauter Stimme: »O allmächtiger Gott, komm uns am heutigen Tage zu Hilfe, sonst müssen wir verderben!« »Schiffsmann, was ist's, daß Du so schreiest?« sprach drunten im Schiffe der Herzog Ernst. »Herr, bittet Gott mit allen den Eurigen um Gnade«, antwortete der Schiffsmann, »wir sind ganz nahe beim Magnetenberg und können nicht mehr davonkommen. Alle diese Schiff, die Ihr da sehet, sind schon verdorben!« Herzog Ernst rief ihm zu: »Steig herunter und versuche, ob wir das Schiff nicht mit Gottes Hilfe wenden können!« Aber der Schiffer sprach: »Das ist unmöglich, wir müßten wider Gottes Gewalt handeln. Darum bittet ihn, daß er Euch gnädig und barmherzig sein wolle!« Wie nun der Herzog sah, daß der Schiffsmann so verzagt war, wußte er nicht, was er tun sollte, und sprach zu seinen Rittern: »Liebe Freunde, weil es Gott so haben will, daß wir unser Leben in dem wilden Wasser lassen sollen, so falle ein jeder auf seine Knie, bitte Gott den Herrn um Gnade, daß er jedem seine Sünden verzeihen wolle.« Alle fielen auf die Knie. Nun fing Herzog Ernst an und sprach: »O allmächtiger Gott, der Du mich armen Sünder mit meinem Volke beschützet hast, wenn jetzt unsere Stunde gekommen ist, in der wir unser Leben enden sollen, so bitten wir Dich, Du wollest uns Deinen Heiland senden, daß er unsere Seelen in seine Hände nehme!« Bei solchen Worten ergab sich ein jeder Ritter in Gottes Willen. Da begann die Kraft des Berges das Schiff an sich zu ziehen, daß es in Stücke ging. Jetzt fing erst ein rechter Jammer an; einige von ihnen faßten die Trümmer des zerbrochenen Schiffs und arbeiteten ängstlich, wie sie sich auf die am Berge liegenden zertrümmerten Schiffe retten könnten. Nun trafen hier Herzog Ernst und sein Freund Wetzel mit noch einigen Rittern zusammen, ihrer sieben auf einem solchen Schiff. In diesem fanden sie viele Tote; dieselben legten sie oben auf das Schiff. Da kamen die Greifen geflogen, nahmen die Leichname hinweg und brachten sie ihren Jungen zum Fraße. Nun erscholl ein jämmerlich Geschrei; die Ritter und Herren, die sich hin und wieder noch auf die Schiffe flüchteten, schrien und weinten und riefen zu Gott, daß er ihnen gnaden wolle. Diese Klagen hörte Herzog Ernst und die bei ihm waren; das jammerte sie sehr, aber sie konnten ihnen nicht zu Hilfe kommen, sondern baten nur stets Gott unter Tränen, daß er sich ihrer erbarmen wolle. So irrten sie traurig auf dem Schiffe hin und her, da kam Wetzel von ungefähr in eine Kammer, in der er viel Ochsenhäute beieinander liegen sah. Er ging zurück zu Ernst und sprach: »Allerliebster Herr, wir müssen unser Leben doch wagen; sollen wir hier so elendiglich unsern Tod abwarten? Es wäre viel besser, Ihr folgtet mir dieses Mal; eine andere Zeit will ich wieder Euch folgen.« »Mein lieber Freund«, antwortete Ernst, »wohl kommt die Zeit, wo ein guter Geselle dem andern folgen soll! Je nachdem Du Rat gibst, je nachdem folge ich!« Da sprach Graf Wetzel: »Weil wir unser Leben einsetzen müssen, so wäre das meine Meinung: es sind hier im Schiffe viele Ochsenhäute, darein wollen wir uns nähen lassen, und dann sollen uns die Diener auf das Schiff legen. Wann nun die Greifen kommen, so meinten sie, es sei irgendein Leichnam; alsdann führen sie uns in ihr Nest, den Jungen zur Speise. So möchte dann Gott ein weiteres Mittel schicken, daß wir mit dem Leben davonkämen, und so gelangen wir wenigstens glücklich über das Meer!« Herzog Ernst war dies zufrieden. »Aber es dünkt mich«, sprach er, »daß wir uns mit unserer Rüstung versehen müssen, denn der Greif wird uns sonst mit seinen spitzigen Klauen häßlich durchgreifen!« So, nachdem sie alles im Schiffe gemustert, kamen sie in einen Winkel, da fanden sie viel Edelsteine, von diesen nahmen beide ein gutes Teil zu sich, legten ihre Rüstung an, versorgten sich aufs beste und ließen sich zusammen in zwei Ochsenhäute nähen, worüber sich die guten Diener sehr betrübten, sie taten es gar ungern; doch mußten sie nach ihres Herrn Geheiß handeln. So wurden sie fest eingenäht und oben auf das Schiff gelegt. Kaum lagen sie eine Stunde da, so kam ein grausam großer Greif, der nahm beide mit und führte sie in die Luft, als wenn ein Habicht eine Lerche dahintrüge. Die Diener sahen ihren Herrn mitsamt Wetzel hinfahren und wurden sehr traurig. Auch die zwei waren betrübt; denn der Greif hatte sie so hart gefaßt, daß sie sich nicht rühren konnten, und wenn sie nicht in ihrer Rüstung so wohl verwahrt gewesen wären, so würden sie nicht davongekommen sein; denn sie meinten, der Atem würde ihnen ausbleiben. Da nun der Greif in seinem Neste war, legte er sie nieder, schwang sich wieder in die Luft und ließ die zwei Herren bei den jungen Greifen liegen. Als diese sich allein fanden, sprach Herzog Ernst zu Wetzel: »O, lieber Geselle, lebst Du noch?« Dieser konnte vor Müdigkeit und Ohnmacht kaum antworten und sprach: »Wenn uns Gott nicht hilft, so können wir nicht von hinnen kommen. Denn ich habe in meinen Armen keine Stärke mehr, daß ich mich aus der Ochsenhaut schneiden könnte!« Da sprach Herzog Ernst: »Rasten wir noch eine kleine Weile, bis wir besser zu Kräften kommen!« So lagen die beiden eine Stunde und fürchteten sich seht vor dem alten Greifen, daß er wiederkommen würde. Doch fing Herzog Ernst an, sich aus der Ochsenhaut zu schneiden, und als er aufgestanden, schnitt er seinen Freund Wetzel auch heraus. Da alle beide los waren, sahen sie die jungen Greifen an: die waren so groß als Kälber. Die Ritter stiegen bald aus dem Nest und sahen sich um; da wurden sie gewahr, daß sie der Greif über das große Meer geführt hatte; doch wußten sie nicht, an welchem Orte sie sich befanden. Es war ihnen aber auch einerlei; sie dachten nur an ihren Hunger und aßen Wurzeln. Dann fielen sie wieder auf ihre Knie, lobeten und preiseten Gottes Allmacht. Nur wußten sie nicht, wo sie heruntersteigen sollten; denn wenn der alte Greif sie ereilt hätte, wären sie von ihm umgebracht worden. Alsdann stiegen sie mit großem Kummer von dem hohen Berge hinab, und wie sie hinuntergekommen waren, liefen sie in einen großen Wald und beklagten ihre fünf Diener sehr, die sie in dem Schiffe verlassen hatten. Nun aber berieten sich eben in dieser Zeit die Diener in dem Schiff, und zwei von ihnen ließen sich von den drei anderen auch in eine Ochsenhaut nähen; und diese wurden von dem vorigen Greifen ebenfalls geholt und in sein Nest geführt. Auch diese schnitten sich mit vieler Mühe aus der Ochsenhaut. Als sie merkten, daß der Greif hinweggeflogen war, stiegen sie mit großer Sorge aus dem Nest und gingen in den Wald; sie hofften hier ihren Herrn und seinen Freund aufsuchen zu können. Da nun die übrigen drei Diener noch allein im Schiff waren, wußten sie nicht, was sie tun sollten. Zuletzt sprach einer von ihnen: »Meine Meinung wäre, daß Ihr Euch beide auch in eine Ochsenhaut nähen ließet, und das wollte ich tun, so ich hoffe auf Gott den Allmächtigen; hat er unseren Herren, Herzog Ernst und dem Grafen Wetzel, davongeholfen und darnach den andern zwei Dienern, die der Greif hinweggeführt hat, so wird Euch Gott auch helfen. Dann will ich allein in dem Schiff bleiben, solang mir Gott das Leben vergönnt!« Diesem Rat folgten die zwei und zogen ihre Rüstung an, dann nähte sie der eine Genosse in zwei Ochsenhäute. Er mühte sich lange mit ihnen ab, bis er sie auf das Verdeck brachte. Wie sie nun bereits vier Stunden gelegen waren, kam der Greif in schnellem Fluge, nahm sie in seine Klauen und trug sie über das Meer zu seinem Nest. Als nun der eine Diener sah, daß er ganz allein auf dem Schiffe war, fing er an ganz traurig zu werden, aber mehr um seiner Genossen und seines Herrn als um seiner selbst willen. Bald hatte er nichts mehr zu essen als ein halbes Brot, dies genoß er ohne einen Trunk; wie nun alles verzehrt war und er sich so ganz allein sah und von keiner Seele mehr Trost empfangen konnte, mußte er in Hunger und Durst elendiglich in dem Schiffe sterben. Inzwischen waren die zwei andern Gesellen in großer Furcht und Müdigkeit eine Zeitlang im Neste des Greifen gelegen, bis sie wieder zum Bewußtsein kamen. Auch sie schnitten sich mit vieler Mühe und Arbeit aus der Ochsenhaut und kamen aus dem Nest in den Wald, wohin die zwei vorigen gegangen waren, ihren Herrn zu suchen; aber sie konnten ihn nicht finden. Alle vier liefen zerstreut hin und her, wie die Schafe, die ihren Hirten verloren haben, und hatten nichts zu essen als die Wurzeln aus der Erde. Die zwei letzten Diener gingen und suchten einen Brunnen, denn sie hatten sich gar müde an dem Berge gestiegen. Wie sie nun so durstig in dem Walde umliefen, dabei über ihren Herrn und ihre Gesellen klagten; so siehet der eine einen Hirsch daherspringen, der am Brunnen trinken wollte. Als der Hirsch sich dem Brunnen näherte, ward er scheu und lief, als wenn man ihn jagte: da merkten die zween, daß jemand in derselben Gegend wäre, und gingen hinzu. Dort fanden sie die zwei andern Gesellen beim Brunnen sitzend, wodurch alle vier nicht wenig erfreut wurden. Sie erquickten sich an dem fließenden Wasser: dann beratschlagten sie, wie sie ihren Herren in dem dicken Walde suchen wollten, und stiegen durch manche tiefe Kluft, zuletzt schwang sich einer der Genossen auf einen hohen Baum und sah ihrer zween Leute in dem Walde gehen; da fing er an zu pfeifen und zu rufen. Als Herzog Ernst und der Graf das Geschrei und Pfeifen hörten, standen sie stille und wußten nicht, was das für Laute wären. Plötzlich sah Ernst vier seiner Diener daherkommen. Des wurden sie von Herzen froh und empfingen einander mit lauter Freude. Ein jeder erzählte, wie es ihm ergangen war, dann gingen sie eine Weile im Walde fort: Da sahen sie einen tiefen Grund, in dem ein reißendes Wasser floß; hier stiegen sie mit vieler Mühe über die Felsen, bis sie zu dem Wasser kamen. Denselben Weg, von wo sie gekommen waren, konnten sie nicht wieder hinauf, denn er war voll großer Steinklippen. Nun gingen sie längs dem Wasser hinunter, in der Hoffnung, irgendeinen Weg zu finden; aber es war vergebens, denn je länger sie gingen, je schlimmer begann der Pfad zu werden, und je höher die Berge waren, desto breiter wurde das Wasser und verlor sich zuletzt in eine tiefe Kluft, da brauste es so abscheulich, daß es ein Schrecken zu hören war. Nun wußten sie nicht, was sie tun sollten, standen beieinander und ratschlagten. Da befahl Herzog Ernst seinen Rittern, sie sollten große Bäume abhauen und ein Floß bauen, mit dem sie durch die Kluft fahren konnten. Als das Floß fertig war, banden sie ihre Harnische drauf. Nun sprach Herzog Ernst: Meine lieben Freunde! Wer von Euch mit durch diesen Berg fahren will, der befehle sich Gott dem Allmächtigen und bitte ihn um Gnade, daß er uns den Heiland zum Geleitsmann schicken wolle, damit wir glücklich mögen durchkommen!« Die Diener taten dieses alles und baten den Allmächtigen um Sicherung ihres Lebens. Dann bestiegen sie das Floß, das sie verfertigt hatten, und stießen es in das Wasser. Da schoß es hin wie ein Pfeil. Als sie nun in das Loch hineingekommen waren, wurde es stockfinster, so daß keiner den andern auf dem Floß sehen konnte. Da schwamm das Fahrzeug schwankend von einer Seite zur andern, so daß sie meinten, es würde in Stücken gehen. Eine Weile ging es quer, dann wieder der Länge nach: das Wasser brauste so sehr, daß keiner hören konnte, was der andere sprach. Dies ungestüme Fahren trieben sie wohl einen halben Tag, während welcher Zeit keiner etwas sah. Später begann der Berg, durch dessen Schlucht sie fuhren, zu leuchten, so daß er schimmerte wie Feuer. Als sie ganz nahe waren, schlug Herzog Ernst ein Stück vom Gestein ab. Diesen Stein heißt man auf Latein Unio und zu deutsch Karfunkel. Herzog Ernst steckte ihn in seine Tasche, weil er mit dem Edelstein eine besondere Absicht hatte. Nachdem nun Herzog Ernst, der Graf Wetzel und die Ritter durch den Berg gefahren waren, kamen sie an einen großen Wald, und dort arbeiteten sie sich mit dem Floß an das Land: da sahen sie viel schöner Städte und Schlösser, worüber sie von Herzen froh waren, wiewohl sie der Hunger sehr hart quälte. Nun taten sie alle ihre Harnische an, gingen miteinander nach einer großen Stadt und stellten sich unter das Tor. Da kamen Menschen gegangen mit einem Auge, das hatten sie über der Nase; diese heißt man zu Latein Cyklopen, und sie wohnen in Indien, sonst nennt man das Volk auch Arimasper. Viele derselben kamen herbeigelaufen, besahen Herzog Ernst mit seinen Leuten und verwunderten sich sehr, daß es Menschen gebe, die zwei Augen hätten, denn sie meinten, das wären Wilde; darum gingen sie fort und zeigten dem Herrn der Stadt an, es seien Leute vor den Toren mit zwei Augen. Als der Herr der Stadt das vernahm, wunderte er sich sehr mit allen seinen Bürgern und schickte nach ihnen. Der oberste Stadthalter ging hin zu dem Tor und fragte sie, aus welchem Lande sie gekommen wären. Da antwortete ihm Herzog Ernst, sie kämen aus dem Königreiche der Agrippiner. Nun führte sie jener zu dem Herrn der Stadt, äußerte die Vermutung, die Fremden seien Saryrn oder Waldmenschen, das heißt halb Menschen und halb Böcke, und sie seien etwa durch Verirrung aus dem Walde gekommen. Der Herr aber empfing sie aufs freundlichste, und sie dankten ihm mit großer Ehrerbietung. Als er sah, daß sie sich so höflich erzeigten, gewann er sie sehr lieb. Da sprach Herzog Ernst: Lieber Herr! Machet doch, daß Eure Diener uns etwas zu essen bringen, damit wir uns des Hungers erwehren mögen, denn wir haben seit sechs Tagen nichts als Wurzeln gegessen.« Der Herr befahl, daß man ihnen zu essen brächte. Dies geschah auf der Stelle. Herzog Ernst und Graf Wetzel setzten sich mit den vier dienenden Rittern zu Tische und aßen und tranken sich recht satt. Nach vollbrachter Mahlzeit führte der Herr der Stadt den Herzog Ernst und seinen Freund in die Kammer und fragte sie, von warmen sie denn wären. Da sprach der Herzog zu ihm: »Ich und meine Gesellen sind aus Deutschland, und mein Vater ist der allgewaltigste Kaiser in der Christenheit. Ich wollte eine Wallfahrt vollbringen nach dem Heiligen Grabe gen Jerusalem, da habe ich auf dem Meer vor großem Ungewitter viel Gesindel verloren.« Und nun erzählte Ernst seinem Wirte alle Abenteuer, die ihn und seine Genossen betroffen hatten, und dieser verwunderte sich nicht wenig über solche Rede. Am Ende erfuhr der König der Arimasper selbst, daß Herzog Ernst in seinem Reiche wäre. Er wandte einen Boten an den Herrn der Stadt, der ihm diese Fremden schicken sollte, wiewohl derselbe sie nur ungern von sich ließ. Wie nun Ernst mit seinen Rittern vor den König kam, wurde er von ihm aufs beste empfangen, und dieser gewann sie in der Folge gar lieb, besonders den Herzog Ernst und den Grafen Wetzel. Sie waren eine gute Zeit bei dem Könige gewesen, als dieser einmal um Mitternacht auf die Jagd ritt und seine beiden neuen Freunde mitnahm. Wie sie eine kleine Weile geritten waren, sieht der König mit den Seinen, daß die Sciapoden wieder ins Land gefallen waren. Ernst fragte ihn, was das für Feinde wären, da sprach der König: »Es sind unüberwindliche Feinde, Leute, die aus Morgenland kommen; man nennt sie Sciapoden oder Monokolen, das heißt auf deutsch Einfüßler, denn sie haben nur einen einzigen Fuß, und überdies bedecken sie sich damit, wenn die Sonne heiß scheint, und hüpfen so geschwind, daß sie niemand erreichen kann, zumal wenn sie auf das Meer kommen, da springen sie noch viel geschwinder als auf dem trockenen Lande.« Da antwortete Herzog Ernst dem Könige: »Gnädiger Herr! ich bitte Euch ernstlich, daß Ihr mir einige streitbare, tapfere Männer gebet, dann will ich es mit Gottes Hilfe wagen und sie zurück oder gar zu Tode schlagen.« Das ward dem Herzog Ernst vom Könige zugesagt, und so ritt er mit seinen Gesellen und dem ihm zugegebenen Volk an das Meergestade und schlug die Einfüßler fast alle zu Tode; nur einen fing er, und diesen führte er zum Könige. Wie sie nun heimkamen, wurden sie mit Jubel empfangen von allen Leuten und besonders von dem Könige, wegen des großen Siegs, den sie gewonnen hatten. Bald nach diesem Streite kamen andere Völker, Panochen genannt, und forderten auch Zins von dem Könige der Arimasper. Diese Völker haben so große Ohren, daß die Lappen bis auf die Erde hingen. So wurde der König von seinen Feinden aufs neue betrübet, denn kaum hatte er einen Teil aus dem Lande gebracht, so waren andere da. Da fragte er den Herzog Ernst um Rat, wie er es mit ihnen machen sollte, ob er ihnen den gewohnten Zins zuschicken sollte oder nicht. Der kühne Held sprach: »Nein! Gebt mir das Kriegsvolk wieder, das ich vorhin gehabt; dann will ich sie wohl mit List vertreiben!« Da der König solchen Trost von Herzog Ernst hörte, wunderte er sich sehr über seine Kühnheit und befahl dem Volk aufzubrechen. Dies geschah, und so zog Herzog Ernst den Feinden mit Macht entgegen. Er merkte, daß sie in einem Wald ihre Versammlung hatten, umlegte den Ort mit seinem Volke und zündete ihn auf der einen Seite an. Als die Feinde nun den Wald brennen sahen, liefen sie zerstreut. und wollten entfliehen; aber Herzog Ernst hatte ihnen den Weg verlegt und schlug sie fast alle tot, außer zweien, die nahm er gefangen und führte sie mit sich in das Königreich der Arimasper zurück. Hier wurde er nach errungenem Siege vom König und allem Volk aufs feierlichste empfangen. Aber das Königreich der Arimasper hatte großes Unglück, denn es war von vielen Völkern hart angefochten. Es kamen die Riesen und forderten ebenfalls Tribut von dem König. Der Riesenbote, welcher vor ihn kam, war so groß, daß er nahezu das Maß von zwölf Schuhen hatte, und das Volk, das ihn sah, entsetzte sich von seiner Größe. Dieser sprach mit trotzigen Worten zu dem Könige: »König, Du sollst wissen, daß Du meinem Herrn, dem Riesenkönig, den Zins zu geben schuldig bist; wenn Du dies nicht bald tust, so werden wir Dein Land bis auf den Grund verderben!« Über solch freche Rede erschrak der König sehr und wußte dem Boten keine Antwort darauf zu geben; er ließ denselben warten und schickte unterdessen nach dem Herzog Ernst. Als dieser kam, fragte ihn der König um Rat, wie er es mit den Riesen machen sollte. Ob es nicht besser wäre, ihnen den Zins zu schicken. Herzog Ernst jedoch widerriet das dem König und sprach zu dem Riesenboten, er solle wieder heimziehen und seinem Herrn sagen, wenn ihm die Haut juckte, so sollte er kommen, sie werde ihm gekratzt werden. Diese Rede verdroß den Boten, er ging wieder heim zu seinen Riesen und zeigte ihnen die schnöde Botschaft an. Da wurden diese zornig, machten sich in schnellem Grimm auf und fielen in das Gebiet der Arimasper ein. Als der König dies gewahr wurde, rief er viel Volks auf und befahl ihnen, Herzog Ernst gehorsam zu sein. Diese waren willig dazu. Nun zog der Herzog den Riesen entgegen; wie sie nahe aneinander kamen, hielten sich jene in einem Wald und beabsichtigten den Feind bei Nacht zu überfallen. Aber Herzog Ernst hielt gute Wache, so daß sie es nicht vollbringen konnten. So lagen sie wohl einen Monat lang einander gegenüber und scharmützelten alle Tage. Der Herzog verlor viel Volks und dachte auf etwas anderes; er achtete sorgfältig darauf, wann die Riesen sich zum Mittagsmahle anschickten, da wollte er sie in großer Eile überfallen. So brach er heimlich mit seinem Volke auf und fiel in der Mittagsstunde in das Holz, da sich die Riesen dessen nicht versehen hatten; ihrer viele wurden zu Tode gestochen; doch blieb auch auf des Herzogs Seite mancher im Walde liegen, von den Riesen mit Bäumen erschlagen. Dennoch arbeitete Herzog Ernst unter ihnen so, daß sie am Ende weichen mußten. Einige Riesen, die sahen, daß es so übel stand, flohen aus dem Walde in ein weites Feld, aber der Herzog, der dies gewahr wurde, ritt ihnen eilends mit seinem Volke nach, doch waren sie ihm entronnen bis auf einen. Derselbe war gar hart verwundet: da nahm ihn Herzog Ernst mit sich, ließ ihm einen Arzt holen und die Wunden verbinden. Als er wieder aufgekommen war, ritt der Herzog mit seinem Kriegsvolk zu dem Könige zurück und wurde von diesem vor allem Volke seiner Mannheit halber gelobt, denn seinesgleichen war nie einer in das Land der Cyklopen gekommen. Aber Herzog Ernst wollte nicht daheim bleiben, sondern nahm seine Genossen mit einigem andern Gefolge und zog weiter. Da er nun mancherlei Leute beieinander hatte, gefiel es ihm wohl; er sprach zu seinem Freunde Wetzel: »Lieber Geselle, rate mir nun; ich habe von den Leuten gehört, daß es in Indien ganz kleine Menschen gibt, die in stetem Streite mit den Kranichen liegen. Nun habe ich Lust, solche Menschen auch zu sehen. Darum ziehe mit mir, dann wollen wir noch einige tapfere Männer mit uns nehmen.« Graf Wetzel war dies wohl zufrieden. Sie bestiegen alsbald ein Schiff mit Speise und aller Notdurft und fuhren den nächsten Weg nach Indien. Wie sie in das Land gekommen waren, nahmen sie ihre Straße nach den Pygmäen oder dem Zwergvolke. Als diese den Herzog mit seinem Gefolge sahen, erschraken sie vor den großen Leuten, gingen ihnen entgegen und baten sie um Frieden. Da sprach Herzog Ernst: »Wir sind nicht gekommen, den Frieden zu brechen; wir wollen Euch vielmehr Frieden machen!« Darüber wurden die Zwergvölker froh, und einer fing an und sprach zu dem Herzog: »Wisset, gnädiger Herr, daß uns die Vögel großen Schaden tun; denn wir können vor ihnen am Tage gar nichts arbeiten, sondern müssen es bei Nacht tun!« Indem kam ihr König gegangen, fiel dem Herzoge zu Fuß und empfing ihn mit seiner Ritterschaft gar tugendlich, ließ ihm auch ein gutes Nachtlager bereiten. Mit Tagesanbruch ging Herzog Ernst nebst einigen der Zwerge aus und ließ sie einen Streit mit den Kranichen anfangen. Die Vögel kamen geflogen und stachen mit ihren spitzen Schnäbeln der Kleinen viel zu Tode. Herzog Ernst aber ritt mit etlichen Dienern hinzu, schlug und schoß der Vögel eine solche Menge zusammen, daß das Feld voller Kraniche lag und die Bewohner ein ganzes Jahr von ihrem Fleisch zu essen hatten. Als Herzog Ernst wieder bei dem Könige war, nach gewonnenem Siege, ließ dieser ihm viel Golds und allerlei Edelsteine vortragen und bat ihn sehr, er möchte nehmen, was ihm gefiele; aber der Herzog wollte nichts davon, sondern bat den König nur, daß er ihm zwei kleine Männlein gebe. Das tat der König mit Freuden und gab ihm zwei Zwerge zu Knechten. Nun beurlaubte sich Herzog Ernst von dem Könige und fuhr mit seinem Volke wieder zu den Arimaspern und hatte die wunderlichen Leute, die er gefangen, die zwei Zwerge und den ungefügen Riesen bei sich. Wenn er sich dann eine Kurzweil machen wollte, ließ er sie miteinander streiten. So hatte er es gut in dem Lande, denn der Cyklopenkönig hatte ihm fünf große Städte und Schlösser geschenkt. Einmal, als er das Mittagsmahl genommen hatte, ging er zu seiner Lust ein wenig am Meeresgestade mit seinen Dienern spazieren. Wie er sich nun so in der Gegend umtat, da sah er ein Schiff ans Land kommen. Neugierig ging er hinzu und fragte die Leute, die alle die dunkle Hautfarbe der Mohren hatten, von warmen sie wären. Der Patron sprach: »Wir kommen aus Indien und sind vom Winde hergetrieben worden!« Herzog Ernst fragte sie weiter, welches Glaubens sie wären. Der Patron antwortete, sie glaubten an den eingebornen Sohn Gottes, den Erlöser, und wollten ihn nicht verleugnen, wenn sie auch darüber sterben müßten. Diese Rede gefiel dem Herzog Ernst sehr wohl. Er sprach zu dem Schiffsherrn: »Lieber Schiffsmann, sage mir, hat jenes Land auch Krieg mit einem Könige?« .Ja«, sprach der Patron, »es hat eine Zeitlang schweren Krieg mit dem Sultan in Babylonien gehabt; dieser hat sie des christlichen Glaubens halber bekriegt und so angegriffen, daß er über das halbe Land mit Feuer verwüstet hat; aber jetzt, seit einem Jahre, hat es mit diesem Könige guten Frieden; doch fürchte ich, er werde bald wieder anfangen, denn ehe wir aus unsrem Lande zogen, ging die Sage, er schicke sich wieder an, in unser Königreich einzufallen!« Da sprach Herzog Ernst zu dem Patron, er solle ohne sein Wissen nicht hinwegfahren, denn er hoffe, wenn es nach seinem Wunsche gehe, auch mitfahren zu können. Da lud er den Schiffsherrn mit allen den Seinigen zu sich auf das Schloß ein und ließ sie dort aufs beste verpflegen. Dann rief er seinen Freund Wetzel samt seinem Kämmerer zu sich und sprach zu ihnen: »Liebe Freunde, was ratet Ihr dazu? Sollen wir uns aufmachen und zu diesen Mohren nach Indien ziehen? denn der dortige Mohrenkönig hat die Christen sehr lieb. Auch wisset Ihr wohl, daß wir uns hier nicht recht regen dürfen, obwohl mir der König etliche Landschaften geschenkt hat; soll ich aber deswegen unter den Heiden mein Leben enden? Das will ich nicht tun, selbst nicht, wenn ich wüßte, daß es mir übler gehen sollte, als es mir ergangen ist. Darum, liebe Herren, was ratet Ihr dazu?« Sie sprachen, das gefalle ihnen gar wohl und zeigten sich willig, ihm auf die Reise zu folgen. Jetzt befahl Herzog Ernst seinen Dienern, das Mohrenschiff mit Speise zu versehen; dann nahm er seine wunderbaren Leute, bestieg das Schiff mit Wetzel und seinen andern Rittern samt den Mohren, fuhr ohne Urlaub aus dem Königreiche der Arimasper weg und ließ die Städte, die ihm geschenkt waren, dem Könige liegen. Ein guter Wind trieb ihr Schiff nach Indien. Wie sie dort angekommen waren, gingen die Mohren sofort zu ihrem König und zeigten ihm an, daß ein mannlicher Held mit ihnen gefahren, ein christgläubiger Mensch; der König ging gleich hinaus an das Meeresgestade und empfing den Herzog Ernst mit großer Achtung; er führte ihn heim und hielt ihn gar herrlich mit seinen Rittern und Dienern. Sie aber blieben eine Zeitlang in gutem Frieden bei dem König. Da kam eines Tags ein Bote von dem Sultan in Babylon, während sie über der Mittagstafel saßen, der sprach zum Könige: »Du König der Mohren wisse, daß ich von meinem Herrn zu Dir geschickt bin und Dir sagen soll: wenn Du von Deinem Glauben nicht abstehen wirst, so will er Dich mit Deinem ganzen Lande verderben; darnach richte Dich!« Der König hinter dem Tisch erschrak über solche Worte und wußte nicht, was er dem Boten antworten sollte. Aber Herzog Ernst als ein mutiger Held sprach zu dem Boten: »Sage Deinem König, er solle kommen; wir wollen seiner warten als Kriegsleute!« Und dann sprach er zum Könige: »Gnädiger Herr! was denket Ihr, daß Ihr ein so betrübtes Herz habt? Wisset Ihr nicht, daß Ihr ein Herr und Sultan in Eurem Lande seid? Und wenn Ihr nur zehn Männer hättet, so solltet Ihr Euch nicht fürchten! Tut Ihr ja doch solches um des Worts Gottes willen! Er hat durch seinen Sohn gesprochen: Was Ihr tut und leidet um meines Namens willen, das soll Euch tausendfältig vergolten werden!« Diese Rede gefiel dem König; er sprach zu Herzog Ernst: »Lieber, Eure Warte, die haben mir mein Herz erquickt; nun will ich es wagen, und sollte mein Königreich darum zu Scheitern gehen; denn der König von Babylon hat mir früher mein Land mit Raub und Brand verwüstet, auch zur See mir großen Schaden getan.« Der Bote kehrte also zu dem Sultan von Babylonien wieder heim und zeigte ihm an, was er von Herzog Ernst gehört hatte: (Allergnädigster Herr König«, sagte er, ich darf Euch die Worte nicht vorenthalten, die einer der Herren des Königs von Indien, der neben ihm stand, an mich gerichtet hat. Dieser sprach also: »Sage Deinem König, er soll kommen, wir wollen ihm Kriegsleute genug sein!\< und noch mehr schnöder Worte fügte er bei, die ich Euch nicht sagen mag, denn ich fürchte meines Königs Zorn.« Diese Botschaft verdroß den Sultan sehr. Von Stund an rief er an hunderttausend Heiden zusammen, fiel dem Könige von Indien in sein Land, verwüstete, was er fand, schlug Männer, Weiber und Kinder tot und vergoß viel unschuldig Blut. Nun zog auch der König von Indien notgedrungen zu Feld und ließ sein Gezelt aufschlagen. Am andern Tage hieß er sein Volk in aller Frühe auf sein und sich zur Feldschlacht anschicken. Er selbst durchritt seine Heerhaufen, tröstete sie und sprach, sie sollten nur tapfer wider die Heiden streiten; wenn sie dies nicht täten, so wären sie auf ewig aus ihrem Lande gestoßen. Dazu würde es ihren Weibern und Kindern übel ergehen. Während der König solche Rede hielt, kam Herzog Ernst geritten; den bat der König dringend, das Panier zu tragen, wozu sich Ernst gern bequemte, denn er hatte sich mit Graf Wetzel wohl gerüstet; ebenso hatte er auch den großen Riesen stets bei sich. Als nun beide Heere eine gute Zeit in Schlachtordnung einander gegenübergestanden hätten, ritt der König von Babylon auch um seinen Heerhaufen, tröstete sie und hieß sie beherzt dreinschlagen, denn sie sähen ja, daß der König von Indien nicht viel Volks hätte; darum sollten sie mit Eifer nach dem Panier trachten. Er wußte aber nicht, daß es ein kühner Held trug. Wie man nun zum ersten und andern Male geblasen hatte, schickte sich ein jeder mit seiner Wehr aufs beste. Als man zum dritten Mal zum Angriffe blies, da hub sich ein Spießkrachen an und ein Geschrei, daß man es auf eine Meile hätte hören können. Die Heiden wagten es, dem Herzog das Panier streitig zu machen, aber das wurde ihnen übel gelohnt: denn Graf Wetzel stand mit seinen Rittern nahe an demselben und schlug so tapfer unter die Heiden, daß es um ihn her voll von Toten lag. Besonders der Riese, den Herzog Ernst aus Arimaspien mit sich gebracht hatte, der schlug mit seiner Keule so tapfer um sich, daß ihm kein Heide mehr standhalten wollte. Mitten unter diesem grausamen Schlagen von beiden Seiten ritt der König von Indien hinter seine Schlachtreihen, stieg von seinem Pferd und kniete auf die Erde nieder, hub seine Hände gen Himmel auf und flehte zu Gott, daß er ihm den Erlöser zu Hilfe senden und sein gläubig Volk gegen die Heiden beschirmen möge. Indessen dauerte das Blutvergießen fort; es floß unter den Toten das Blut dahin wie ein Bach, darin mancher Heide und mancher Mohr ertrinken mußte. Der König von Babylon sah das große Gemetzel um Herzog Ernsts Banner; er jagte in Eile auf ihn zu, als wollte er ihn niederreißen, aber Graf Wetzel unterlief ihn, und versetzte ihm mit seinem guten Schwert einen so harten Schlag, daß der Sultan mitsamt dem Rosse zu Boden fiel. Als die andern Heiden das sahen, wollten sie ihrem Könige zu Hilfe kommen, aber der Riese stand mit seiner Keule dabei und schlug unsäglich viele Heiden nieder, so daß ihrer keiner zu dem Könige kommen konnte. Und so nahm diesen Graf Wetzel gefangen. Da wurden die Heiden verzagt und fingen an die Flucht zu ergreifen. Jetzt bekamen die Mohren erst ein Herz, rannten ihnen mit aller Gewalt nach und erstachen ihrer viele auf der Flucht, so daß der Heiden nur wenige davonkamen. Eine ganze Meile Wegs sah man nichts denn Leichname. Als die Mohren sahen, daß sie das Feld behielten, ritten sie zurück nach dem Wahlplatz und nun suchte jeder seinen Freund; da fand mancher den seinen tot liegen, ein anderer ihn ohnmächtig. Herzog Ernst aber berief seine Ritter zusammen. Es kamen ihrer nur drei, der vierte blieb aus. Alsbald ließ er unter den Toten suchen so lange, bis sie ihn fanden, und der Leichnam wurde vor Ernst und Wetzel gebracht. Als ihn Herzog Ernst so tot vor sich liegen sah, fing er mit seinem Freund und seinen Dienern bitterlich zu weinen an und sprach: »O Du lieber Diener, soll ich Dich jetzt so tot vor mir sehen? Gott hatte Dich so wunderbar in Deinem Leben erhalten, aber weil er Dich nicht mehr darin haben will, nun, so nehmet Deine Seele in seine Hände!« Also ließ er ihn nach christlicher Ordnung zur Erde bestatten. Dann ritt er mit traurigem Herzen zu dem König von Indien zurück und klagte ihm den Tod seines Dieners; diesen jammerte es auch. Darauf ging Ernst mit seinem Freunde Wetzel zum König von Babylon und sprach: »Du König der Heiden, warum unterstehest Du Dich, die Christenluft also zu schwächen, und willst sie von ihrem Glauben abbringen, das doch der einzig wahre Weg ist, der vor Gott gilt?« Der König von Babylon sprach darauf zu Herzog Ernst. »Du mannlicher Held! Wer magst Du doch sein? Fürwahr, großer Schaden ist von Deiner Hand meinem Volke geschehen. Und wenn Du mit Deinem Gesellen, der mich gefangen hat, nicht gewesen wärest, so würde ich den Mohrenkönig wohl überwanden haben. Nun aber bin ich ein gefangener Mann.« Da fing Herzog Ernst an und erzählte dem König von Babylon seine ganze Reise, die er vollbracht hatte. Dann ließ er seine wunderlichen Leute vor sich bringen, stellte sie vor den König und sprach: »Diese Menschen habe ich mit meinen Genossen in seltsamen Landen überwunden. Daran, Herr König aus Babylonien, könnet Ihr wohl abnehmen, wie es mir ergangen ist.« Da sprach der König von Babylon: »Lieber Herr, wenn Ihr mir nicht aus dieser Gefangenschaft helfet, so muß ich all mein Lebtag hier gefangen bleiben. Und komme ich los, so will ich Euch bis nach der Stadt Jerusalem mit meinem Volke begleiten, und Ihr sollt für keine Zehrung zu sorgen haben!« Diese Verheißung gefiel dem Herzog Ernst gar nicht übel, er ging sofort zu dem Mohrenkönig und sprach zu ihm: »Gnädiger König, weil ich Euren großen Feind gefangen habe, deucht es mir das beste zu sein, daß Ihr von ihm Euch eine Versicherung geben laßt, und gebet ihn gegen selbige ledig!« Da sprach der König von Indien: »Nein, der Sultan von Babylon wird nicht so bald ledig aus meinen Banden, sondern er muß den christlichen Glauben annehmen!« Über diese Worte erschrak Herzog Ernst und sprach: »Wie wollt Ihr einen dazu zwingen? Wisset Ihr nicht, daß niemand zum Glauben zwingen soll? Wer ihn nicht aus eigenem Willen annehmen mag, den soll man in Ruhe lassen; wie er dann glaubt, so wird er's am Gerichte Gottes empfinden! So wollen wir den König der Heiden darum fragen.« Alsbald schickte der König von Indien zu dem von Babylon, und hieß ihn zu sich kommen. Dieser gehorchte auf der Stelle. Wie ihn nun die Mohren, die ihn verwahren mußten, brachten, da fragte ihn der König von Indien: »Ihr König von Babylon, Ihr wisset, daß Ihr mein Gefangener seid! Wollt Ihr Euch nun taufen lassen und den Christenglauben annehmen, so möget Ihr Eurer Bande ledig werden. Tut Ihr aber dies nicht, so müßt Ihr Euer Leben lang mein Gefangener bleiben. Darnach habt Ihr Euch zu richten.« Darauf erwiderte der König von Babylonien: »Ich weiß wohl, daß ich Euer Gefangener bin, aber Euren Glauben nehme ich nicht an. Wenn ich mich sonst loskaufen kann, sei es mit Gold oder Silber, soviel Ihr immer verlangen möget, das will ich gerne tun, dazu Euch verheißen, daß Ihr nimmermehr von mir sollt bekriegt werden, solang ich lebe; was ich Euch vom Lande genommen habe, will ich Euch auch zurückgeben.« So willige Worte des Heidenkönigs hörte der Mohr nicht ungern, er nahm den Herzog Ernst beiseite und sprach zu ihm: »Was meinet Ihr von solchen Verheißungen?« Herzog Ernst sagte: »Habt Ihr meine vorige Rede nicht behalten? mein Rat wäre, daß Ihr ihn losgebet und Euch einen Eid schwören lasset, daß er seine Zusage halten wolle; dann will ich mich mit ihm aufmachen und den nächsten Weg nach Jerusalem mit ihm ziehen, denn er hat mir sicher Geleit durch sein ganzes Land zugesagt.« Nun traten sie miteinander wieder zum König von Babylon, und der König von Indien zeigte diesem seine Meinung an. Da Schwur er vor Gott und den Menschen für sich und seine Nachkommen, alle seine Zusage zu halten und das Königreich der Mohren nimmermehr mit Krieg anzufechten. Das alles gefiel dem König von Indien gar wohl, doch war er sehr betrübt, daß Herzog Ernst von ihm scheiden wollte; er redete ihm auf das allerfreundlichste zu, daß er doch bei ihm bleiben möchte; er wollte ihm sein halbes Königreich geben. Aber der Herzog schlug es ihm ab. Der babylonische König, nachdem er dem Könige von Indien geschworen hatte, nahm nun mit Herzog Ernst Urlaub von dem Mohrenfürsten. Dieser segnete den Herzog und sprach: »Liebster Freund, ich bitte Euch aufs ernstlichste, wann Ihr ja nicht bleiben wollet, daß Ihr doch wenigstens Eurer Diener einen bei mir lasset.« Aber auch diese Bitte schlug ihm Herzog Ernst unter vielem Dank ab. Er ritt mit großen Freuden samt dem Sultan von Babylon in sein Land. Wie sie nun zwei bis drei Tagereisen landeinwärts gekommen waren, wurden viele heidnische Herren die Wiederkunft ihres Königs gewahr, ritten ihm mit viel Volks entgegen und empfingen ihn herrlich, samt Herzog Ernst und Graf Wetzel. Auch verwunderten sie sich über die seltsamen Geschöpfe Gottes, die Herzog Ernst mit sich aus den Ländern genommen. Nun zogen sie weiter unter mancherlei Kurzweil, bis sie in die schöne Stadt Babylon kamen. Daselbst blieb Herzog Ernst drei Wochen und besah die Stadt mit aller Aufmerksamkeit; dann beauftragte er seinen Freund Wetzel, alles zur Reise vorzubereiten, denn er wollte aufbrechen und seinen Weg nach Jerusalem nehmen. Und nun ging er zum Sultan und verabschiedete sich von ihm, was diesem gar leid tat; denn wiewohl er kein Christ war, so gefiel ihm doch Herzog Ernsts Tapferkeit wohl, und er sprach zu ihm: »Weil Euer Bleiben nicht länger bei mir sein soll, so danke ich Euch aufs höflichste; denn wenn Ihr nicht gewesen wäret, so hätte ich müssen ein gefangener Mann bleiben, solange mein Leben gewährt hätte. Nun aber bin ich durch Eure Bitte losgeworden. Dagegen habe ich Euch verheißen, Euch mit meinem Volke bis zur Stadt Jerusalem zu geleiten.« Hiermit ließ er ihm viel Gold und Silber bringen und schenkte ihm mancherlei Kleinode. Diese Schenkung nahm Herzog Ernst mit großem Dank an und bat den König um zweitausend Heiden mit ihren besten Wehren. Als dies geschehen, nahm Herzog Ernst Urlaub von seinem Wirte und ritt mit seinen Dienern auf Jerusalem zu. Als sie nahe bei Jerusalem waren, da sprachen die Heiden zu ihm: »Ihr wisset, liebster Herr, daß wir jetzt von Euch scheiden müssen, denn nun seid Ihr in der Christenheit, da dürfen wir nicht hinein, denn sonst schlügen sie uns alle tot. Darum begehren wir jetzt einen freundlichen Abschied von Euch!« Da Herzog Ernst sah, daß sie nicht länger mitziehen durften, dankte er ihnen herzlich für die Ehre, die sie ihm erwiesen hatten. So schieden sie voneinander; dann ritt Herzog Ernst der Stadt zu. Als er nun hart davor war, schickte er seine wunderlichen Leute mit einem Diener vor ihm her und behielt nur den Riesen mit seiner großen Stange bei sich. Wie der Diener mit den seltsamen Geschöpfen durch die Stadt Jerusalem zog, erschrak das Volk sehr, lief dem Diener zu und besah die wunderlichen Leute. Nun wurde die Straße so voll von Pilgern, daß niemand zu dem Hause kommen konnte, in das der Diener zur Herberge gezogen war. Indem ritt Herzog Ernst mit seinem Freunde herrlich in die Stadt ein, nebst dem Riesen und zwei Dienern. Als er nun in die Straße kam, sah er viel Volks stehen, so daß er nicht wohl zur Herberge gelangen konnte. Da bat er den Riesen, Platz zu machen mit seiner Keule, was dieser auch unverzüglich tat, indem er durch das Volk mit vieler Mühe drang, bis sie in die Herberge kamen. Herzog Ernst hieß das Volk unter die Fenster stehen, damit er und seine Gesellen genug von jedermann gesehen würden. Als nun die Pilger hörten, daß es Herzog Ernst sei, zeigten sie das ihrem Könige an, der solcher Märe froh war und ihn mit großer Freude empfing. Nachdem sich das Getümmel des Volks ein wenig verlaufen hatte, gingen einige vornehme Pilger, die Herzog Ernst kannten, zu dem König von Jerusalem und zeigten ihm an, wie dieser Herr mit seltsamen Menschen gekommen wäre und wie er eine so große Wallfahrt vollbracht habe, auch seine Genossen fast alle auf dem ungestümen Meer umgekommen seien, bis auf sein eigen Schiff, auf dem er allein mit wenigen Dienern davongekommen. Der König hörte diese Kunde ausnehmend gern, ging alsobald zu Herzog Ernst in die Stadt, empfing ihn voll Hochachtung und führte ihn mit sich heim in seinen königlichen Palast. Hier fragte er den Helden nach allem, was ihm widerfahren sei. Herzog Ernst erzählte ihm seine ganze Geschichte, und der König verwunderte sich über die Maßen. Nun kam die Zeit, daß sie mit großen Freuden das Mittagsmahl nahmen; darauf gingen sie zum Heiligen Grab, darin unser Herr Christus geruht hat. Daselbst fiel Herzog Ernst auf seine Knie, dankte Gott und sprach: »O Du barmherziger Gott, Du hast mich wunderbar erhalten und mir Deinen lieben Sohn mehr als einmal geschickt, der mich gestärkt und erhalten hat, bis auf diese Stunde. Darum sage ich Dir Lob, Ehre und Dank bis in Ewigkeit!« Nach diesem Gebete zog er mit dem Könige wieder in seinen Palast und blieb eine lange Zeit zu Jerusalem. Wie nun Herzog Ernst ein halbes Jahr zu Jerusalem gewesen war, kamen dahin zween Pilger, die kannten den Herzog wohl, und als sie die Fahrt vollbracht hatten und wieder heimkamen, gingen sie zu dem Kaiser Otto und zeigten ihm an, daß sein Sohn Herzog Ernst zu Jerusalem sei und viele wunderliche Leute aus seltsamen Ländern mit sich gebracht habe. Darüber wunderte sich der Kaiser sehr und gab den Pilgern große Geschenke. Dann ging er zu seinem Gemahl, der Kaiserin, und sprach: »Liebe Frau, ich will Euch eine Märe sagen! Euer Sohn Herzog Ernst ist zu Jerusalem und ist ganz grau geworden.« Vor solchen Worten erschrak die Kaiserin vor Freuden und sprach zu dem Kaiser: »Fürwahr, mein gnädiger Herr, die grauen Haare, die er hat, die kommen ihm nicht von kleinem Unglück, denn er hat manchen großen Schaden in seinem Leben leiden müssen!« Herzog Ernst hatte nun ein ganzes Jahr zu Jerusalem verweilt, da sprach er einstmals zu dem König: »Gnädiger Herr, ich begehre einen freundlichen Abschied von Euch, denn es ist nunmehr Zeit, mein Vaterland zu besuchen.« Der König erschrak über dieser Rede, denn er meinte, der gute Herzog sollte sein Leben zu Jerusalem endigen. Doch weil das nicht sein konnte, ließ er ihm zwei große Schiffe mit aller Beigehör zubereiten. Darauf verabschiedete sich Herzog Ernst von dem König zu Jerusalem und fuhr mit seinem Volk nach Frankreich; auch viele andere fuhren mit ihm. Sie kamen mit gutem Wind an die Küste und von da glücklich in Paris an. Nachdem sie zwei Tage in der Stadt gewesen, wurde einer seiner wunderlichen Männer, den er aus dem Arimasperlande mitgebracht hatte, krank. Es war einer der Sciapoden, der einen so großen Fuß hatte, daß er sich vor den Sonnenstrahlen damit bedecken konnte. Dieser starb zu Paris. Herzog Ernst war darüber sehr bekümmert und sprach zu Graf Wetzel: »Mich dünkt's, lieber Freund, wir wollen wieder auf die See und nach Rom schiffen und diese Stadt auch besuchen. Dann wollen wir zusehen, wie wir nach Deutschland kommen!« So fuhren sie nach Rom in kurzer Zeit und wurden hier mit ihrem Gefolge schön empfangen. Alle Leute verwunderten sich über die seltsamen Menschen, die der Herzog mit sich führte und die er alle Tage auf den Straßen herumführen ließ, damit sie jedermann genau besehen konnte. Nun war Herzog Ernst wohl acht Tage zu Rom gewesen, und nachdem er alle Merkwürdigkeiten der Stadt genau besehen hatte, ging er mit dem Grafen Wetzel zu Rat und sprach zu ihm: »O mein allerliebster Freund! Wir wollen uns aufmachen und nach unserem Vatertande ziehen. Denn Du weißt ja, daß wir mancherlei Gefahren hin und wieder ausgestanden haben und in großen Ängsten um Leib und Leben gewesen sind. Dennoch sind wir durch Gottes Hilfe darausgekommen. Jetzt aber will es mich bedünken, daß ich allererst in das größte Elend kommen werde, denn mein Vater wird von seinem grimmigen Zorne wider mich noch nicht gelassen haben, obwohl ich nicht schuldig daran bin. Darum bitte ich Dich, lieber Freund, um einen getreuen Rat, wie ich mich hierin verhalten soll.« Da sprach Graf Wetzel: »Lieber Herr und Freund, ich sehe wohl, daß es uns jetzt übler gehen dürfte, als es uns bisher auf unserer ganzen Fahrt gegangen ist. Doch bitte ich Euch, Ihr wollet mir diesmal folgen. Ich habe gehört, daß der Kaiser Otto einen Reichstag zu Nürnberg mit seinem Fürsten und Herren halten will. Darum lasset uns aufsitzen, daß wir bald dahin kommen; dann wollen wir unsere Leute heimlich auf einem Wagen hinauffuhren lassen, damit der Kaiser unsere Ankunft nicht gewahr wird. Wer weiß, was für ein Mittel uns Gott inzwischen schickt!« Dies gefiel Herzog Ernst, und er sprach zu ihm: »Noch den heutigen Tag wollen wir uns hinwegmachen!« Und das taten sie auch. Nach dem Mittagessen ließ Herzog Ernst zwei große gedeckte Wagen zurichten und kaufte für jeden derselben vier Pferde, nahm noch zwei Knechte an, verbot ihnen aber, jemand zu sagen, was auf den Wagen sei. Und nun ritt Herzog Ernst mit seinem Freunde Wetzel aus der Stadt Rom, und sie ließen die Diener hinter sich nachreiten, die so viel Unglück mit ihnen erlitten hatten; die zwei Wagen fuhren hinten nach. Wo sie in eine Herberge kamen, gebot Herzog Ernst dem Wirt, daß er niemand etwas von den wunderlichen Leuten sagen sollte, die er mit sich führte. Aber der Riese lief stets neben ihm her, wo er in eine Stadt kam. Über dessen Größe staunten die Leute sehr. Und so ritt Herzog Ernst mit den Seinigen in die Stadt Nürnberg, wo sie kein Mensch kannte; auch hielten sie sich mit ihrem Gefolge ganz heimlich in der Stadt auf. Später kam auch der Kaiser mit seiner Gemahlin und allen seinen Herren in die Stadt. Nun war es an einem Christtage zu Morgen, daß jedermann in die Kirche ging. Die Kaiserin war auch hineingefahren mit etlichen Jungfrauen; das wurde Herzog Ernst gewahr, er sprach deswegen zu seinem Gesellen, Grafen Wetzel: »Was rätst Du mir? Jetzt ist meine Mutter, die Kaiserin, in der Kirche; ich dürfte wohl hineingehen und mich ihr zu erkennen geben; dann will ich mich gegen sie anstellen wie ein Bettler, der ein Almosen begehrt.« Das billigte Wetzel, und nun begaben sie sich miteinander zu der Kirche. Da ging Herzog Ernst von Stund an durch das Volk zu der Kaiserin seiner Mutter, und als er vor sie kam, grüßte er sie freundlich und sprach: »Gebet mir doch ein Almosen, um Christi willen, von wegen Eures Sohnes Ernst!« Da sprach die Kaiserin: »Ach lieber Freund! meinen Sohn hab' ich lange Zeit nicht gesehen. Wollte Gott, daß er noch am Leben wäre, ich würde Euch ein gutes Botenbrot geben!« Schnell sprach Herzog Ernst: »Gnädige Frau, gebt mir das Botenbrot, dann will ich mich wieder von hinnen machen, denn ich bin einmal in Ungnade bei meinem Vater und kann nicht wieder zu Gnaden kommen!« Die Kaiserin sagte: »So seid Ihr selbst mein Sohn Ernst!« Da entgegnete Herzog Ernst: »Mutter, ich bin Euer Sohn; darum helfet mir!« Wie nun die Kaiserin inneward, daß ihr Sohn wieder in das Land gekommen war, so sprach sie zu ihm: »O Du mein geliebter Sohn, da wir nicht Zeit haben, jetzt miteinander zu reden, so will ich Dir einen Weg anzeigen, wie Du bei Deinem Vater Gnade erwerben kannst. Ich rate Dir, daß Du morgen kommest, wann der Bischof von Bamberg das Evangelium gesungen hat, und mit Deinem Freunde, Graf Wetzel, dem Kaiser zu Fuße fallest und ihn bittest, Dir um Christi willen zu verzeihen; dann will ich heute den Bischof und andere Herren ersuchen, daß sie sich bei Deinem Vater für Dich mit einem Fußfall verwenden. So hoffe ich, daß sich des Kaisers Herz erweichen werde.« Herzog Ernst nahm mit großem Trost im Herzen Abschied von seiner Mutter, ging wieder zu seinem Genossen Wetzel und erzählte ihm alles. Der ward von Herzen erfreut, und nun gingen sie zusammen in die Herberge und harrten auf den andern Tag. Als aber die Kaiserin aus der Kirche heimgekommen war, schickte sie sogleich nach dem Bischof von Bamberg. Dieser kam, und sie führte ihn in ihr Kämmerlein und bat ihn mit weinenden Augen, daß er ihr doch eine Bitte gewähren wollte. Das verhieß er ihr gerne, und sie sprach zu ihm: »Wisset, lieber Herr, daß mein Sohn Ernst bei mir in der Kirche gewesen ist, und hat sich gegen mich wegen des Kaisers Ungnade beklagt, wie Ihr ja selber wisset, daß er unschuldig ist. Darum bitte ich Euch, wenn Ihr morgen das Evangelium gesungen habt, so wollet hernach ein klein wenig stille halten; dann wird mein Sohn kommen und einen Fußfall vor dem Kaiser tun und ihn um Gnade bitten: nun seid treulich gebeten, solches etlichen Fürsten und Herren anzuzeigen, damit auch sie ihm Gnade erwerben helfen.« Diese klägliche Rede der Kaiserin erbarmte den Bischof sehr, er versprach ihr, alles zu tun, und beurlaubte sich. Dann ging er zu vielen Fürsten und Herren und meldete ihnen der Kaiserin Begehren; die verhießen ihm willig, das Ihrige zu tun. Herzog Ernst hatte mit großem Verlangen auf den andern Tag gewartet; endlich war der Kaiser mit seinen Herren in die Kirche gegangen. Da machten sich Ernst und Wetzel auf, zogen miteinander in die Kirche und ließen ihre Diener von ferne nachgehen. Als sie eingetreten, stand Herzog Ernst bei der Türe still; Graf Wetzel trat hinter den Altar und wartete der Zeit; denn wenn der Kaiser seinen Sohn nicht begnadigt haben würde und ihn wieder zum Gefängnis verurteilt, so hätte er ihn erstochen. Da saß der Kaiser auf seinem Stuhl ganz herrlich und die Kaiserin neben ihm. Der Bischof von Bamberg fing an, das Evangelium mit lauter Stimme zu singen. Wie das Amt aus war, ging Herzog Ernst mit großem Mut vor den Kaiser, seinen Vater, hatte seinen Mantel um sein Angesicht geschlagen, fiel vor ihm nieder auf seine Knie, neigte sein Haupt dreimal gegen ihn und sprach: »Allergnädigster Herr und Kaiser, ich bitte Eure Majestät, daß Ihr einem Sünder verzeihen wollet, der vor langer Zeit sich wider Euch vergangen hat, aber Gott weiß doch wohl, daß er in der Hauptsache unschuldig ist!« Der Kaiser hörte die Bitte an und sprach zu ihm: »Je nachdem die Übeltat ist, wegen der Du Dich entschuldigst, so kann ich Dir verzeihen!« Da stund die Kaiserin von ihrem Stuhl auf und sprach: »Gnädiger Herr, vergebet diesem Menschen, weil er Euch an einem hohen Feste so inständig bittet!« Desgleichen kam der Bischof von Bamberg mit vielen Fürsten und Herren; der bat auch und sprach: »Liebster Herr und Kaiser! Ihr sollt diesem armen Menschen vergeben, denn Ihr wisset wohl, es ist vor Gott kein Sünder so groß, wenn er rechte Reue über seine Sünden hat, so werden sie ihm verziehen!« Da sprach der Kaiser: Sie sollen ihm verziehen sein; doch will ich wissen, wer er ist!« Nun warf Herzog Ernst den Mantel von seinem Angesicht zurück, und der Kaiser erkannte ihn und entfärbte sich in seinem Angesicht vor Zorn. Herzog Ernst sah das, erschrak sehr und winkte seinem Gesellen Wetzel am Altar, daß er Achtung haben sollte. Aber der Kaiser, da er sah, daß alle Herren so eifrige Bitte für seinen Sohn einlegten, sprach: Lieber Sohn, wo ist denn Dein Freund, Graf Wetzel, hingekommen?« Da sprach Herzog Ernst: »Dort bei dem Altar steht er!« Damit rief er ihn, und Wetzel kam mit großen Freuden gegangen und der Kaiser gab ihnen den Kuß des Friedens. Darüber war die Kaiserin sehr erfreut. So blieben sie in der Kirche, bis das Evangelium von dem Bischof von Bamberg ausgelegt war. Dann gingen sie mit großen Freuden heim und jedermänniglich verwunderte sich. Hierauf wurde das Mittagsmahl unter vieler Ergötzung und allerhand erfreulichen Gesprächen eingenommen. Herzog Ernst fing unter anderm an und sprach: »Lieber Vater, ich bitte in Untertänigkeit, daß Ihr mir doch sagen wollet, warum Ihr mich also aus meinem Lande vertrieben habt, und ich habe Euch doch in keiner Sache etwas zum Verdruß getan!« Da sprach der Kaiser: »Lieber Sohn, ich will Dir nicht verhehlen, warum ich dieses getan habe. Der Pfalzgraf Heinrich kam einmal zu mir in meinen Saal und sprach zu mir: \>Wisset, gnädiger Herr, es ist meine Schuldigkeit, Euch vor Schaden zu warnen. Denn Euer Sohn Ernst hat sich bei mehreren Herren vernehmen lassen, wenn er allein zu seinem Vater käme, wolle er ihn erstechen, damit er das Reich allein bekäme.\< Der Pfalzgraf beteuerte, er selbst habe dies aus Deinem Munde gehört; er überredete mich dermaßen, daß kein Mensch den Zorn, den ich über Dich hatte, mir hätte ausreden können; darum schickte ich Kriegsleute gegen Dich und wollte Dich vertreiben lassen: die schlugest Du alle tot; dann, wie ich auf dem Reichstag zu Speyer war, kamst Du in meine Kammer und stachest den Pfalzgrafen an meiner Seite tot, und wenn ich nicht in meine Kapelle entflohen wäre, ich glaube, Du hättest mich auch erstochen! Da ward ich noch mehr von Zorn gegen Dich bewegt und vertrieb Dich ganz aus dem Lande.« Darauf sprach Herzog Ernst: »So wahr Gott lebt, gnädiger Herr Vater, ich habe nie mit einem Wort wider Euch geredet; sondern als ich erfuhr, daß Euch der Pfalzgraf so schändlich belogen hatte, da hab' ich ihn getötet.« Der Kaiser verwunderte sich nicht wenig über des Pfalzgrafen Verräterei. Dann schickte Herzog Ernst, als die Mahlzeit vorüber war, einen seiner Diener in die Herberge und sprach zu ihm: »Bring das wunderliche Volk hierher, das ich mitgebracht habe!« Das tat der Diener. Wie er sie aber über die Straße brachte, lief alles Volk ihnen nach, und der Riese hatte sich genug zu wehren. Als sie in dem Saal waren, schob man die Riegel vor, sonst wäre das Volk nachgedrungen, so neugierig war es, sie zu schauen. Dann sagte Herzog Ernst: »Lieber Vater, diese Leute hier habe ich dem König der Arimasper ganz untertan gemacht; der Mensch mit dem einen Auge aber ist in jenem Königreich zu Hause. Nun möget Ihr wohl schließen, wie mancherlei Gefahr ich ausgestanden habe. Einer von den Leuten, der nur einen einzigen gar breiten Fuß hatte, ist mir in Paris gestorben. Einen Agrippiner konnte ich nicht mitbringen, deren König habe ich erstochen; diese Leute haben Köpfe und Hälse wie Kraniche und besitzen ein großes Königreich. Von diesen schifften wir weiter und kamen an den Magnetberg, da ging unser Schiff zu Stücken, und sieben von uns retteten sich auf ein anderes Schiff. Dort nähten wir uns in Ochsenhäute, und der Greif trug uns ans Land in sein Nest. Gott half uns in einem Walde zueinander, da befuhren wir auf einem Floß im tiefen Grund ein Wasser und fuhren durch einen großen Berg und kamen an leuchtendem Gesteine vorüber; von dem hab' ich dies Stück abgeschlagen.« Damit zog Herzog Ernst den Karfunkel heraus und gab ihn seinem Vater. Dann erzählte er noch weiter alle seine Abenteuer. Der Kaiser konnte des Staunens gar nicht müde werden. Endlich sprach er zu Herzog Ernst: »Mein lieber Sohn, weil Du so vielfältig versucht worden bist, so verheiße ich Dir hier vor allen diesen Herren, daß Du all Dein Land wiederhaben sollst, und noch mehr Städte will ich Dir dazu schenken!« Das tat der Kaiser auch. Alles schied fröhlich voneinander. Die Kaiserin lobte Gott in ihrem Herzen; Herzog Ernst mit seinem treuen Freunde, dem Grafen Wetzel, ritt in sein Land und regierte dort in guter Ruhe. Der Kaiser aber zog gen Speyer auf den Reichstag, blieb lange Zeit daselbst und hielt einen köstlichen Hof, weil sein Sohn in das Land gekommen war. Die Kaiserin aber, Herzog Ernsts Mutter, bestellte Bauleute zu Salza und ließ Gott zu Danke ein herrlich Münster aufrichten, in welchem sie auch nach ihrem Tode begraben worden ist. Das Schloß in der Höhle Xa Xa Einst lebte in Europa ein Zauberer namens Mattetai, der es in seiner Kunst so weit brachte, daß er alle verborgenen Schätze finden und sie nach Belieben gebrauchen konnte. Doch hatte er daran noch nicht genug. In einem alten Buche las er, daß in der afrikanischen Höhle Xa Xa ein Schlüsselschloß versteckt liege, das die Eigenschaft habe, seinen Besitzer zum glücklichsten Menschen zu machen, der mit ihm alles durch die Erdgeister erlangen könne. Sie müssen demjenigen gehorchen, der das Schloß besitzt. Schon lange wässerte ihm der Mund auch nach diesem seltenen Schatz. Um das Schloß zu erlangen, mußten allerlei Förmlichkeiten beachtet werden, die Mattetai noch nicht kannte. So wollte er sich darüber erst erkundigen. Weil er unter anderen Dingen auch einen Ring besaß, an den die Luftgeister gefesselt waren, berief er sie, indem er den Ring um seinen Finger drehte. Alsbald kamen drei Luftgeister herangeflogen und fragten Mattetai, was er begehre. Er antwortete: »Ich möchte gern das unschätzbare Schloß in der Höhle Xa Xa haben und rufe euch, daß ihr mir dabei zu Hilfe kommen sollt.« Die Luftgeister antworteten: »Mit Gewalt, Herr, können wir Euch in dieser Sache nicht dienen, denn das Schloß wird von Erdgeistern bewacht, die stärker sind als wir und gegen die wir wenig ausrichten können. Bedient Euch aber einer List so werdet Ihr vielleicht allein siegen und das Schloß in Eure Gewalt bekommen.« Mattetai erwiderte: »Wohlan, wie muß ich es aber angreifen?« Sie sagten: »Ganz so, wie es in Eurem großen Buch geschrieben steht. Vor allen Dingen müßt Ihr einen türkischen Knaben dazu haben, der noch ein unschuldiges Kind ist und Euch in allem folgt, was Ihr ihm nach den Worten des Buches befehlen werdet.« Mattetai griff nach dem Buch, sah sich genau darin um, sprang endlich auf und sagte zu den Luftgeistern: »Gut, bringt mich nach Konstantinopel, dort hoffe ich anzutreffen, was ich suche.« Flugs ergriffen ihn die willigen Luftgeister und führten ihn durch die Luft in ein paar Augenblicken nach Asien hinüber, wo sie ihn nahe bei der Stadt Konstantinopel auf den Erdboden niedersetzten. Hier entließ er die Geister, ging in die Stadt hinein und durchwanderte viele Strassen, bis er endlich einen Knaben traf, der diejenigen Eigenschaften zu haben schien, die dazu nötig waren, das Werk, das er vollbringen wollte, glücklich auszuführen. Es war ein armer mutterloser Taglöhnersohn namens Lameth. Ihm nahte sich Mattetai, während er gerade mit anderen Jungen seinesgleichen auf der Strasse spielte. Er grüßte ihn freundlich und fragte: »Wo wohnt dein Vater?« Lameth antwortete: »Nicht weit von hier.« Mattetai bat, ihn zu seinem Vater zu führen. Lameth brachte ihn zu seinem Vater, der Achim hieß. Diesen redete Mattetai ganz höflich an und fragte ihn, ob er ihm nicht seinen Sohn gegen Geld des Tages zur Bedienung überlassen wolle, solange er hier bleiben würde. Der Knabe solle ihm die Strassen zeigen, die er in seinen Geschäften zu gehen hätte; denn als Fremder wisse er da keinen Bescheid in dieser ungeheuren Stadt. Auf die Frage Achims, wo denn der Fremde wohne, gab er zur Antwort: »Ich komme eben zum Tor herein und will gerade von Euch hören, wo ich wohl unterkommen könnte.« Achim zeigte ihm ein Haus in der Nachbarschaft und sagte: »Hier werdet Ihr in allem gut bedient werden, und weil es in unserer Nähe ist, kann auch mein Sohn besser zu Euren Diensten sein.« Mattetai bedankte sich für den guten Rat, schenkte dem Taglöhner einen Dukaten, bestimmte den Lohn des Knaben und erklärte sich noch außerdem bereit, für seine Zukunft zu sorgen, wenn er ihm treu dienen würde. Als Achim von so vielem Geld hörte, das er durch seine harte Arbeit im ganzen Monat nicht verdiente und das der Knabe alle Tage für so geringe Mühe bekommen sollte, dankte er dem Gott Mohammeds in seinem Herzen und wünschte nur, daß Mattetai recht lange in Konstantinopel verweilen möge. Er übergab ihm seinen Sohn und prägte diesem ernstlich ein, seinem neuen Herrn in allem gehorsam zu sein und ihm treulich zu dienen. Mattetai dankte noch einmal und begab sich mit Lameth in das angewiesene Haus, ließ sich dort ein gutes Mahl herrichten, das der Knabe mit ihm teilen und noch dazu den Rest in seines Vaters Haus tragen durfte. Gleich für den ersten Tag gab ihm der Zauberer einen Dukaten Lohn, obgleich er ihm noch wenig gedient hatte und nur etliche Stunden bei ihm geblieben war. Er schickte ihn damit beizeiten fort, weil er vorgab, reisemüde zu sein und nicht mehr ausgehen, sondern ruhen wolle. Lameth überbrachte seinem Vater alles mit Freuden, und dieser kam ganz außer sich, als er auf einmal so viel Geld vor sich sah. Er befahl seinem Sohn, dem Herrn alles zu tun, was er ihm an den Augen absehen könnte, und schickte ihn am frühen Morgen zu dem Fremden. Mattetai ließ sogleich einen Kleiderhändler rufen, der ein sauberes Gewand für den Knaben bringen mußte. Darauf befahl er Lameth, zwei gute Pferde zu mieten. Auf diese setzten sie sich und ritten so in Konstantinopel umher, um alle Seltenheiten anzuschauen. Des Abends kehrten sie wieder heim und speisten zu Nacht, und Lameth erhielt wieder den versprochenen Taglohn und wurde, mit den übriggebliebenen Speisen beladen, zum Vater heimgesandt. So hatte auch Achim rechte Herrentage, dachte fast an kein Arbeiten mehr und wünschte nur, daß Mattetai sein Leben lang dableiben möge. Vierzehn Tage währte es so, und Vater und Sohn hätten dem Fremden gern die Hände unter die Füße gebreitet. Allein Mattetai mußte sich ganz wider seinen Willen so lang in Konstantinopel aufhalten, um den rechten Tag abzuwarten, an dem das große Geschäft unternommen werden konnte. Am Abend vor diesem entscheidenden Tag befahl der Zauberer dem Lameth, die besten Pferde, die er bekommen könnte, zu mieten. Gleich bei Anbruch des Tages sollte er mit ihnen zu ihm kommen, denn er wollte, nachdem er alles Schöne in der Stadt angesehen hatte, morgen auf das Land gehen, die Gegend außerhalb der Stadt besichtigen und ihre Annehmlichkeiten genießen. Lameth tat mit Freuden, was ihm Mattetai befahl und kam am anderen Tag in aller Frühe mit zwei der besten Pferde, die er hatte bekommen können. Auf das eine setzte sich Mattetai, und Lameth folgte ihm auf dem anderen willig nach. Als sie einige Meilen von der Stadt entfernt waren, verließ der Zauberer auf einmal die Strasse und ritt in das Gebüsch hinein. Lameth rief: »Herr, wir wollen der Landstrasse folgen, sonst könnten wir uns verirren.« Aber Mattetai sprach: »Folge mir nur nach! Weil die Sonne so heiß scheint, will ich lieber im Waldesschatten reiten. Nachher werde ich den Weg auf die Landstrasse schon wiederfinden.« Nach diesen Worten gab er seinem Pferd die Sporen und ritt durch Hecken und Stauden so scharf zu, daß Lameth ihm fast nicht nachfolgen konnte. Endlich vermochte es der Knabe nicht länger auszuhalten. Er rief deswegen dem Zauberer nach und bat ihn stehenzubleiben. Dies tat jener endlich. An einer öden Stelle angekommen, stieg er vom Pferd, band es an einen Baum und befahl Lameth, ein gleiches zu tun und ein wenig auszuruhen. Lameth war recht froh darüber. Sobald er sein Pferd angebunden hatte, lagerte er sich und verschnaufte ein wenig. Indessen zog Mattetai ein großes Buch aus seiner Manteltasche, schlug es im Grase auf und las eine Weile darin. Nachher drehte er den Ring am Finger um und murmelte etwas in seinen Bart. Und siehe da, im Augenblick standen drei Luftgeister vor ihm, die fragten, was er zu befehlen habe. Lameth hatte solche Zaubereien noch niemals gesehen und erschrak darüber so sehr, daß er umfiel. Aber Mattetai richtete ihn wieder auf und sagte: »Fürchte dich nicht, mein Sohn, es soll dir kein Haar gekrümmt werden, folge mir nur! Ich versichere dir, es soll dich nicht gereuen. Ich will dich so reich machen, daß du es mir dein Lebtag lang danken wirst.« Mit diesen und anderen Worten beruhigte er den Knaben. Dann wandte er sich an seine Luftgeister und sagte zu einem von ihnen: »Da, nimm diese beiden Pferde und gib sie ihrem Herrn zurück!« Zu den beiden anderen Luftgeistern sprach er: »Ihr bringt mich und meinen getreuen Diener unversehrt nach Afrika, zu der berühmten Höhle Xa Xa.« Augenblicklich wurden beide von den Geistern ergriffen, durch die Luft davongetragen und im Nu nach Afrika hinübergebracht, wo die Geister sie vor einem großen Hügel niedersetzten. Mattetai verabschiedete hier seine Luftgeister, zog sein Buch wieder heraus und las darin. Dann holte er ein Feuerzeug aus der Tasche hervor, zündete ein Feuer an und beschrieb einen Kreis darum. Hernach streute er Weihrauch in die Flamme und murmelte einige unverständliche Worte. Während er dies tat, entstand im Hügel ein großes Getöse, als ob es donnerte. Alsdann ertönte ein entsetzlicher Knall, mit dem der Hügel sich öffnete, und viele feurige Flammen fuhren aus der Höhle heraus. Als dies geschehen war, trat Mattetai aus dem Kreis heraus und auf Lameth zu, der vor Furcht und Schrecken nicht wußte, ob er noch lebe oder gestorben sei. Mattetai aber ergriff ihn beim Arm, richtete den Zusammengesunkenen auf und sagte zu ihm: »Lieber Lameth, jetzt ist die Stunde gekommen, in der du mich und dich für unser ganzes Leben glücklich machen kannst. Merke deswegen genau auf alles, was ich dir sagen will: Du siehst hier die Öffnung dieses Hügels, in ihn hinein mußt du gehen. Fürchte dich nicht, es wird dir, wenn du mir in allem folgst, nichts Böses geschehen. Zuerst nimm hier diesen Ring« – mit diesen Worten steckte er ihm einen Ring an den Finger – »und gib acht, so lieb dir dein Leben ist, daß du ihn weder verlierst noch ihn dir von jemand nehmen läßt. Denn solange du ihn am Finger trägst, wird dir niemand etwas anhaben können. Darauf geh nur furchtlos in die Höhle, wandere den langen finsteren Gang gerade durch. Schau dich weder nach rechts noch nach links um, und wenn man dich ruft, so hör nicht darauf und blicke nicht hinter dich. Wenn du aus dem finsteren Gang herausgetreten bist, wirst du durch drei Zimmer kommen, die voll von Gold, Silber, Edelsteinen und anderen köstlichen Sachen sind. Rühre beileibe nichts davon an, sondern gehe geradenwegs fort, dann kommst du in einen schönen Garten, der voller Bäume mit süßen Früchten ist. Von ihnen kannst du, wenn es dich nach etwas gelüstet, pflücken, soviel du willst. Doch halte dich nicht zu lange auf, denn sonst würde die Zeit vergehen, während der die Kluft offenbleibt. Eile deshalb nur weiter vorwärts, dann wirst du endlich an einer marmornen Säule ein großes Schloß sehen, das mit einem Schlüssel an einer Perlenschnur hängt. Schneide die Schnur entzwei, schiebe sie mit Schloß und Schlüssel geschwind in die Tasche und laufe geradenwegs wieder zu mir heraus. Laß dich durch nichts, was in der Welt es auch sein mag, an deiner Rückkehr hindern, sondern eile den Weg zurück, den du gekommen bist, ohne dabei ein Wort zu reden.« Lameth entsetzte sich über die Worte des Fremden. Er war ängstlich und konnte sich nicht entschließen, ein so gefährliches Werk zu unternehmen. Mattetai redete ihm indessen eindringlich zu und ließ ihn einen Blick in das glänzende Leben tun, das er ihm bereiten wolle. Als aber Lameth immerfort noch zitterte und sich zu nichts willig zeigte, fürchtete der Zauberer, daß die rechte Stunde verrinne und er mit aller Welt Hilfe das, was er suchte, nicht mehr erlangen könnte. Er wurde daher zornig, ergriff Lameth beim Kragen, warf ihn zu Boden und schrie: »Ich bringe dich um, wenn du nicht vollführst, was ich dir befehle!« Da bat Lameth ihn um Gnade und versprach zu tun, was er verlange. Jetzt wurde der Zauberer wieder ganz freundlich. Er wischte ihm den Staub ab, stärkte ihn mit kräftigen Arzneien, die er bei sich hatte, und begleitete ihn bis an den Hügel. Hier hieß er ihn in den Spalt der Höhle hineingehen. Als der Knabe den Eingang überschritten hatte, setzte er sich an ihm nieder und wartete vor der Höhle mit Schmerzen auf die Rückkehr Lameths. Als der Knabe sich am Eingang der Höhle befand, folgte er der Angabe seines Meisters. Er ging schnell, doch mit Furcht und Behutsamkeit vorwärts, denn im Gang war es so finster, daß er gar nichts um sich sehen konnte. Eingedenk der Warnungen seines Meisters, ließ er sich dadurch nicht hindern, sondern ging seinen geraden Weg fort. Da wurde es plötzlich hell, und er kam in ein Zimmer, in dem lauter silberne blumengezierte Gefäße standen. Lameth verstand ihre Kostbarkeit nicht. Er hielt sie für gewöhnliches Metall, sah sie mit Staunen an, berührte jedoch nicht das geringste davon, sondern ging vorwärts. Da kam er in ein anderes Zimmer, in dem goldene Körbe und Schalen standen, in denen Edelsteine, Perlen und andere Kleinodien waren. Diese Dinge kannte Lameth noch weniger. Er hielt sie für schöne Spielsachen und beachtete sie nicht, sondern ging seines Weges fort. So kam er in ein drittes Zimmer, das mit silbernen und goldenen Münzen ganz gefüllt war. Sie waren in Haufen aufgeschüttet, als wäre es Korn. Was Münzen sind, wußte Lameth wohl. Er hatte Lust, seine Taschen damit anzufüllen, doch noch zur rechten Zeit fielen ihm Mattetais Drohungen ein. Er fürchtete, sein Gelüst mit dem Tode bezahlen zu müssen, so eilte er weiter fort. Jetzt kam er in den schönen lachenden Garten, von dem ihm Mattetai erzählt hatte. Da standen viele Bäume, alle geziert mit weißen, gelben, grünen, roten Früchten, die wie durchsichtig schimmerten. Er sah sie mit Staunen und Verlangen an, wußte er doch, daß er von ihnen nehmen dürfe, soviel er wollte. Doch hielt er sie für keine echten Früchte, sondern glaubte, es seien bunte, schön geschliffene Gläser. Er begann, seine Taschen damit zu füllen. Da fiel ihm plötzlich ein; daß der Fremde ihn gewarnt hatte, nicht viel Zeit damit zu versäumen, da sonst die Höhle geschlossen werden könnte. So eilte er weiter. und erblickte bald eine marmorne Säule. An ihr hing an einer Perlenschnur das wunderbare Schloß. Als er es sah, lief er darauf zu, schnitt es geschwind ab und wollte es in die Tasche stecken. Aber seine breiten Taschen waren voll von den Wunderfrüchten, die er gepflückt hatte. Da besann er sich nicht lange, nahm seinen Turban ab, rollte ihn auf und verbarg das Schloß mit der Perlenschnur sorgfältig darin. Dann band er ihn wieder fest um seinen Kopf und rannte schneller, als er hineingegangen war, den geraden Weg wieder zurück. Da umtönte ihn in dem Garten und in den Zimmern, die er zu durchlaufen hatte, ein solches Geheul, Gepolter und Geprassel, daß ihm alle Haare zu Berge standen und er meinte, die Höhle und das Firmament darüber würden zusammenstürzen. Er war deswegen froh, als er den engen Gang wieder erreichte. Aber dieser, der vorhin stockfinster gewesen war, flammte jetzt in feurigem Widerschein, und Lameth getraute sich deswegen lange nicht, sich dem Feuer zu nahen. Als er aber befürchtete, zu lange zu zögern, lief er mitten in die Flammen hinein. Da empfand er, daß sie nicht brannten, sondern ganz kühl waren. Und so freute er sich sehr, denn schon leuchtete ihm durch die Öffnung das Tageslicht entgegen. Er hoffte, in wenigen Minuten aus seinem Jammer befreit und wieder bei seinem Meister zu sein. Da hörte er plötzlich einen großen Knall. Es war wie ein mächtiger Donnerschlag, und mit ihm schloß sich die Höhle, und es wurde so finster, daß er gar nichts mehr sehen konnte. Lameth tappte umher und seinem Pfade nach. Endlich kam er an die Stelle, wo zuvor die Öffnung war. Allein jetzt fand er keine Spur mehr von ihr, und bald mußte er sich sagen, daß er lebendig in der Erde begraben sei. Während Lameth in der Höhle war, wartete Mattetai draußen mit Ungeduld, bis er wiederkommen und ihm das Schloß aus der Höhle Xa Xa bringen würde. Schon war die meiste Zeit verflossen, nach der die Höhle sich wieder schließen mußte. Als er den Knaben nicht wiederkommen sah, geriet er fast in Verzweiflung, weil er wohl wußte, daß in wenigen Augenblicken seine Hoffnung verloren sein würde. Darum jammerte er kläglich und schrie immerzu: »Lameth, o Lameth, komm, eile, erfreue den unglücklichen Mattetai mit deiner Gegenwart!« Der Zauberer gab sich seiner Trostlosigkeit hin. Kam der Knabe nicht rechtzeitig, so hatte er nicht nur das Schloß von Xa Xa, sondern auch seinen herrlichen Ring dazu verloren und damit seine ganze zeitliche Glückseligkeit verschenkt. Noch einmal rief er: »Lameth, Lameth!«, als plötzlich ein entsetzlicher Knall sich hören ließ und eine feurige Flamme aus der Höhle herausfuhr, nach der sie sich schloß. Die Flamme ergriff den Zauberer, schleifte ihn eine Meile Weges von dannen und warf ihn in einen großen Sumpf, in dem er wie ein Frosch ausgestreckt lag, ohne Besinnung und Empfinden, bis die Sonne unterging und er durch die Kühle wie aus einem Traum erwachte. Aber noch wußte er nicht, wo er war, noch wie er dahin gekommen sei. Nach und nach fiel ihm sein unglückliches Schicksal wieder ein, und er bejammerte aufs neue den Verlust seines Ringes, denn mit dessen Hilfe hätte er sich leicht durch die Luftgeister aus diesem Elend retten und von ihnen nach Europa zurückbringen lassen können. Jetzt aber waren ihm Hoffnung und Besitz entschwunden. Aus dem Sumpf hatte er sich zwar emporgearbeitet, aber er lag in der tiefsten Finsternis, und um ihn brüllten wilde Tiere, daß ihm die Haut schauerte. Doch schlug er mit seinem Feuerzeug ein Licht, und da er als seinen einzigen Trost das Buch bei sich hatte, in dem noch große Geheimnisse standen, so durchblätterte er es. Da stieß er zu seiner Freude auf eine Anweisung, wie man die Wassergeister rufen könne. Er zögerte nicht einen Augenblick, dies zu tun. Und siehe, auf der Stelle erschienen zwei dienstbare, pudelnasse Wassergeister vor ihm. Sie schüttelten sich heftig und fragten, was er verlange. Mattetai rief sie an: »Sagt mir, in welchem Teil der Welt ich mich jetzt befinde!« Sie erwiderten: »In Afrika.« Er sprach: »Nun, so befehle ich euch, daß ihr mich auf der Stelle unbeschädigt nach Europa hinüberbringt.« Die Geister setzten Mattetai auf ihre Achseln, fuhren mit ihm wie der Blitz durch das Meer und setzten ihn in Europa auf das Trockene. Mattetai war froh, daß er wieder in den Teil der Welt gebracht worden war, in dem er geboren war und wo er seinen bleibenden Aufenthalt hatte. Er setzte also mit vieler Unbequemlichkeit seine Reise fort, bis er wieder in sein Vaterland gelangte. Dabei beklagte er seinen schweren Verlust. Er wandte alle Kräfte an, um ihn mit Geduld zu verschmerzen. Auch konnte er sich wirklich darüber trösten, denn seine große Kunst machte ihn zum Herrn über viele Schätze. Er konnte sich ihrer nach Belieben bedienen und es sich dabei wohl sein lassen. Zu Konstantinopel war der Taglöhner Achim in großer Not. Er forschte allerorten nach seinem Sohn Lameth, aber niemand konnte ihm etwas von ihm sagen. Er ging zu dem Mann, von dem Lameth die Pferde gemietet hatte. Hier erfuhr er nur so viel, daß die Pferde wiedergekommen seien, ohne daß jemand darauf gesessen hätte. Man habe sie an dem Hause angebunden gefunden. Darüber machte sich Achim ängstliche Gedanken. Er ging nach Mattetais Wohnung, traf aber weder Herrn noch Diener. Noch hoffte er, sie würden sich am Abend einstellen. Als aber der zweite und dritte Tag verflossen waren, ohne daß er von seinem Sohn etwas erfahren konnte, wurde er ganz verzagt, schalt den Mattetai einen Betrüger und Verführer und wünschte ihm die Pest auf den Hals. Lameth war noch immer in der Höhle Xa Xa eingeschlossen und wehklagte laut als ein lebendig Begrabener, der nicht wußte, wie er aus seiner Gruft herauskommen sollte. Er lief endlich in die Höhle zurück, denn er hoffte, wieder in die schönen Zimmer und in den Garten zu gelangen, um dort vielleicht einen anderen Ausweg zu finden. Allein er täuschte sich sehr, die Türen waren fest zugeriegelt, und er mußte unverrichteter Dinge wieder zurückkehren. Weil er von dem Hin- und Herrennen ganz müde geworden war, setzte er sich auf einen Stein in der Höhle. Es begann ihn zu hungern und zu dürsten. Darüber wurde er sehr kleinmütig, bis ihm einfiel, daß er noch etwas von den Speisen bei sich hatte, die ihm Mattetai mitgegeben hatte. Er langte sie aus seiner Rocktasche hervor und erquickte sich damit, und da ihn sehr schläferte, suchte er sich einen besseren Ort zum Schlummern aus, fand auch bald einen höheren Stein, der ihm als Kopfkissen diente. Er legte sich auf den Boden und sein Haupt auf den Stein. So schlief er sanft ein und hatte einen schönen Traum, als wäre er seinem Grab entronnen und wieder daheim bei seinem Vater. Als er erwachte, hatte er keine Ahnung davon, daß er dreimal vierundzwanzig Stunden geschlafen hatte. Er weinte nur um so lauter, als er sich noch in seinem finsteren Kerker eingeschlossen fand. Er rief nach seinem Vater und rang die Hände. Ohne es zu wollen und zu ahnen, drehte er dabei den Ring um, den ihm Mattetai an den Finger gesteckt hatte. Im Augenblick wurde die Höhle ganz hell, und zwei Luftgeister, die vorher in des Zauberers Diensten gewesen waren, standen vor Lameths Augen. Er erschrak zwar ein wenig, doch weil er früher die Unschädlichkeit jener Geister erfahren hatte, ermannte er sich bald wieder, zumal als er die Geister zu sich sprechen hörte: »Was verlangst du von uns? Womit können wir dir dienen?« Lameth seufzte: »Ach, aus meinem Gefängnis wäre ich gerne heraus und wieder bei meinem Vater!« Da antwortete einer der Geister: »Lameth, o Lameth, wenn du das Glück kennen würdest, das in deinen Händen ist, du schätztest dich höher als der türkische Kaiser. Aber sei zufrieden; da du jetzt die Erdgeister gefunden hast, können wir dir zu Diensten sein und dein Wille soll erfüllt werden.« Darauf öffnete sich in einem Nu und mit großem Krach die Höhle. Die Luftgeister erfaßten den Knaben und führten ihn wie der Wind nach Konstantinopel hinüber, wo sie ihn vor seines Vaters Haus niedersetzten. Er dankte den dienstbaren Geistern herzlich und ging getrost in das Haus hinein. Hier saß der alte Achim und trauerte über den Verlust seines Sohnes. Als dieser plötzlich vor ihm stand, war seine Freude unbeschreiblich. Er fiel ihm um den Hals und rief einmal ums andere: »Lameth, ach lieber Lameth, wo bist du so lange geblieben, und wo ist dein guter Herr hingekommen?« Der Sohn sprach: »Lieber Vater, sagt mir von dem Schelmen und Zauberer Mattetai nichts mehr, sondern schafft mir etwas zu essen, denn mich hungert sehr. Seit ich von Euch gegangen bin, habe ich nichts als ein paar Zuckerstengel über meine Zunge bekommen.« Achim hatte noch Geld von Mattetuis Lohn, lief in die Wirtsküche und brachte zu essen und zu trinken. Nachdem sich Lameth gütlich getan hatte, erzählte er seinem Vater umständlich die ganze Geschichte. Aber Achim wollte ihm keinen Glauben schenken. Er meinte vielmehr, sein Sohn erzählte Märchen oder es habe ihm geträumt. Als aber Lameth seinen Turban auflöste und aus ihm das Schloß nebst der schönen Perlenschnur herauszog, außerdem seine Taschen ausleerte und die schönen durchsichtigen Früchte zeigte, die er in dem unterirdischen Zaubergang von den Bäumen gepflückt hatte, mußte Achim glauben, daß es seinem Sohn nicht geträumt, sondern daß er alles erlebt habe, wie er es erzählt hatte. Indessen achteten sie die schönen Früchte nicht höher als bunte Gläser, schätzten auch das Schloß nicht höher als ein anderes gemeines Vorlegeschloß, so daß Lameth alles zusammen in seine Kammer legte und sich nicht mehr darum kümmerte. Weil aber Vater und Sohn von dem vielen Geld her, das ihnen Mattetai gegeben hatte, an gute Tage gewöhnt waren, dachten sie auch ferner an kein Arbeiten und zehrten so lange von dem, was vorhanden war. Als jedoch alles verbraucht war, kam sie das Arbeiten blutsauer an. Eines Tages holte Lameth sein Schloß hervor, zeigte es seinem Vater und sagte: »Mattetai muß doch ein rechter Tor gewesen sein, daß er wegen eines solchen Quarks sich so viele Mühe gegeben und mich wegen ihm in so große Gefahr gebracht hat.« Auch der Vater lachte und sagte: »Ja, um des rostigen Schlosses willen ist es auch der Mühe wert gewesen, so viel Lärm zu machen.« Er nahm das Schloß dem Sohn aus der Hand, wischte den Staub davon ab und drehte den Schlüssel herum. Es war aber so stark verschlossen, daß er seine ganze Kraft gebrauchen mußte, um es zu öffnen. Als es nun endlich mit einem lauten Schnapper aufging, siehe, da stand augenblicklich ein riesengroßer Geist vor ihm, der fragte: »Was verlangt ihr von mir?« Achim erschrak über diesen Anblick so sehr, daß er rücklings in Ohnmacht zu Boden fiel. Lameth aber hatte zu seinem Glück das unschätzbare Schloß zur Hand genommen, und weil er Geister zu sehen schon gewohnt war, erschrak er nicht so sehr, sondern sagte zu dem Riesengeist: »Mich hungert, bringt mir etwas zu essen!« Der Geist verschwand im Augenblick, und gleich darauf brachte er zwei große silberne Schalen mit frischen und eingemachten Früchten, setzte sie vor Lameth nieder und sagte: »Steht nichts mehr zu Diensten?« Der Knabe antwortete: »Ja so, zu trinken möchte ich auch etwas haben.« Im Nu brachte der Geist ein Dutzend Flaschen vom besten Wein in einem großen silbernen Kessel und fragte, was er noch verlange. Lameth sagte: »Für jetzt nichts mehr.« Er klappte sein Schloß wieder zu und legte es an seinen Ort. Doch machte er sich über dieses allerlei Gedanken, konnte jedoch in der Einfalt seines Geistes nicht auf den rechten Grund der Sache kommen. Der erschrockene Achim lag indessen immer noch in tiefer Ohnmacht darnieder. Da ergriff Lameth eine der Weinflaschen und bespritzte ihm das Gesicht. Dadurch brachte er ihn zur Besinnung. Als Achim die Augen öffnete, fiel sein erster Blick auf die silbernen Becken mit Essen und Trinken. Er konnte nicht begreifen, wie die hergekommen waren, bis sein Sohn ihn belehrte, daß der erschienene Geist alles gebracht habe. Achim, dem das Ding nicht natürlich vorkam, wollte nichts davon anrühren. Lameth aber fragte nichts darnach, denn es hungerte ihn, und er ließ es sich wohlschmecken. Dadurch machte er seinem Vater auch Appetit. Dieser kostete anfangs nur wenig. Da er aber fand, daß es ganz gut schmeckte, griff er zu und bediente sich besonders mit dem wohlschmeckenden Wein reichlich. So lebten Vater und Sohn von dem, was der Geist gebracht hatte, bis es aufgezehrt war. Weil sie aber das Arbeiten ganz und gar verlernt hatten, sagte der Vater: »Lameth, weißt du was, gehe hin und verkaufe eine der Schalen, die wir ja doch nicht mit aufessen können.« Lameth willigte ein, steckte die Schale in sein Oberkleid und wollte damit zu einem Zinngießer gelten, weil er dachte, daß sie von solch geringem Metall sei. Allein unterwegs begegnete ihm ein Händler, der ihn fragte, wohin er mit der Schale gehen wolle. Lameth antwortete: »Ich will sie verkaufen.« Der Händler führte ihn in einen offenen Durchgang, ließ sich die Schale vorzeigen und fragte, was er dafür verlange. Lameth antwortete: »Ihr werdet selbst am besten wissen, was sie wert ist. Sagt mir, was Ihr mir dafür geben wollt.« Der Händler besah die Schale von vorn und von hinten und bot ihm endlich zwölf Löwentaler dafür. Dabei setzte er hinzu: »Sie ist eigentlich nicht so viel wert, aber die Arbeit daran gefällt mir.« Lameth lief ganz vergnügt mit dem vielen Geld zu seinem Vater zurück, und Achim, der so wenig wie sein Sohn den wahren Wert der Schale kannte, freute sich ebenfalls über den guten Verkauf. Nun schmeckte beiden der Müßiggang immer besser, bald kam die zweite Schale dran. Der Händler, der an der vorigen so großen Nutzen gezogen hatte, lauerte schon auf Lameth und fragte ihn, ob er noch eine Schale zu verkaufen hätte. Lameth war schlau genug zu sagen: »Ja, aber die vorige habe ich Euch zu billig gegeben. Mein Vater hat mich darüber arg gescholten. Ihr sollt mir mehr für sie geben, sonst muß ich die Schale weitertragen.« Der Händler erwiderte: »Junge, sie ist nicht mehr wert gewesen. Aber weil mir eine Schale ohne die andere nichts nützt und ich deren zwei haben muß, wenn ich sie wieder verkaufen will, will ich dir zwanzig Taler für diese da geben.« Lameth war sehr froh, dies zu hören, gab ihm die Schale, lief mit dem Geld zu seinem Vater und rief ihm freudig entgegen: »Dieser Händler muß wohl ein ehrlicher Mann sein, daß er mir so viel Geld für die Schale gegeben hat.« Achim bejahte es und war froh, wieder einige Zeit ohne Arbeit sich's wohl sein lassen zu können. Aber das Geld währte nicht lange, und so sollte endlich auch der große Kessel, in dem der Geist die Weinflaschen gebracht hatte, zum Händler wandern. Weil aber der Kessel schwer war, nahm ihn Lameth auf den Kopf und trug ihn öffentlich davon. Da begegnete ihm ein Goldschmied und fragte ihn, wohin er mit dem Kessel wolle. Lameth sagte: »Ich will einen Händler suchen, der ihn mir abkauft.« Der Goldschmied erwiderte: »Ja, ein solcher Schelm wird dir viel dafür geben. Ich habe dich schon zweimal mit einer Schale bei mir vorbeigehen sehen. Was hat dir denn der Händler jedesmal dafür gegeben?« Lameth gestand in seiner Einfalt, was er empfangen hatte. Da versetzte der Goldschmied: »Nun, siehst du wohl, wie der schelmische Händler dich betrogen hat? Jede dieser Schalen war wenigstens hundert Löwentaler wert.« Lameth meinte, der Goldschmied treibe seinen Spott mit ihm und fragte: »Ei nun, wieviel ist denn alsdann dieser Kessel wert?« Der Goldschmied wog ihn mit den Händen, untersuchte ihn genau und sagte endlich: »Ich will dir fünfhundert Löwentaler dafür geben.« Lameth wußte nicht, ob er noch in seiner Haut stecke, als er von der großen Summe hörte. Der Schmied sagte, er sollte den Kessel noch einen anderen Goldschmied sehen lassen. Wenn der ihm mehr dafür geben wollte, so sei er dann auch bereit, ihm so viel zu geben. Da mochte Lameth keinen Schritt weitergehen, sondern übergab ihm den Kessel, stopfte die fünfhundert Löwentaler in seinen Sack, schwang ihn in aller Eile auf den Kopf und jagte wie ein Windspiel nach Hause. Als er zu seinem Vater kam, konnte er vor, schnellem Atmen kaum reden. Er warf den Geldsack auf den Tisch, daß er entzweibarst und die Taler im Zimmer umherrollten. »Vater, sehet nur, was ich für einen Fang gemacht habe«, rief er, »der schelmische Händler hat uns recht betrogen. Wäre ich nur gleich zu dem ehrlichen Mann, dem Goldschmied, gegangen, da hätte ich für meine zwei Schalen weit mehr bekommen.« Aber der alte Achim sagte: »Ei, zürne dich nicht, mein Sohn! Sei froh, daß du das größte Stück so gut angebracht hast. Jetzt wollen wir klüger mit dem Geld umgehen, denn ein solches Glück wird uns wohl nimmermehr zuteil werden.« Lameth war zufrieden damit, nur bat er sich von dem Geld so viel aus, um sich etwas besser zu kleiden. Vierhundert Löwentaler aber legte er davon zurück, damit er in Zukunft etwas davon kaufen könnte. Was übrigblieb, gebrauchten sie für Essen und Trinken und ließen sich's dabei wohl sein. Einst kam Lameth die Lust an, ein wenig aufs Land zu gehen. Während er vor der Stadt Konstantinopel draußen die Lusthäuser des türkischen Kaisers beschaute, hörte er von ferne die Kanonen donnern. Dies war das Zeichen, daß sich alle Männer zurückziehen sollten, weil die Frauen des Großsultans auf dem Weg nach den Lustgärten waren. Lameth, der wohl wußte, daß auf Übertretung dieses Befehls Todesstrafe stand, fühlte sich aber von Neugier getrieben, diesen Zug heimlich zu beobachten. Weil er gerade einen hohlen Baum am Wege erblickte, in dem er sich verbergen konnte, stieg er hinein und erwartete dort den Zug so wohl verborgen, daß ihn niemand in seinem Versteck bemerkte, er aber alle an sich vorübergehen sah. Da zerbrach wider alles Erwarten nahe diesem hohlen Baum die Sänfte der älteren Prinzessin des Sultans, Bellastra, so daß sie mit dem Tragstuhl zur Erde stürzte und in Ohnmacht fiel. Sogleich umringten Diener und Frauen die Sänfte und beschäftigten sich mit der Fürstin. Der Schleier wurde ihr abgenommen, man träufelte ihr köstliches Wasser auf die Schläfe, und so wurde sie endlich wieder zur Besinnung gebracht. Dies alles konnte Lameth mit ansehen. Die Schönheit der Prinzessin Bellastra war so nahe vor seinen Augen, daß er alles um sich her vergaß. Er streckte beständig den Kopf aus dem Baum heraus, und hätten nicht diejenigen, die der Prinzessin zu Hilfe geeilt waren, genug mit ihr zu tun gehabt, so wäre er gewiß entdeckt worden und verloren gewesen. So aber hatte er das Glück zu sehen, daß der ganze Zug wegging, nachdem Bellastra sich erholt hatte, um die Prinzessin wieder in ihres Vaters Palast zu bringen. Lameth saß noch immer in seinem hohlen Baum und blickte der Prinzessin nach, solange er es tun konnte. Als er sie aus den Augen verloren hatte, rang er die Hände und rief: »Bellastra, Bellastra, mein Leitstern! Wohin entschwindest du? Ohne dich muß ich sterben.« Als er die Hände rang, drehte sich der Ring an seinem Finger wieder. Auf der Stelle erschien ein Luftgeist und fragte: »Lameth, was ist dein Begehr?« So verwundert Lameth über die Erscheinung war, so faßte er sich doch bald und sagte offen: »Ach, ich liebe die Prinzessin Bellastra. Kannst du mir nicht helfen, sie als Braut zu erhalten?« Der Luftgeist antwortete: »Nein, das steht nicht in meinen und meiner Gesellen Kräfte. Aber verzage deshalb nicht, Lameth! Du hast ja das herrliche Schloß aus der Höhle Xa Xa, durch das du des Dienstes der Erdgeister sicher bist. Sie können dir dazu behilflich sein, wenn du die Sache richtig angreifst.« Bei diesen Worten des Geistes erwachte Lameth wie aus einem Traum. Erst jetzt begriff er, welch einen herrlichen Schatz er mit dem Schloß habe, das er bisher so wenig beachtet hatte. Auch bemerkte er jetzt erst, daß sein Ring über die Luftgeister eine Herrschaft ausübe. Er verabschiedete daher den Geist ganz wohlgemut und ging viel vergnügter nach der Stadt zurück. Doch dachte er immer darüber nach, wie er seinen Plan klug ausführen wollte. Deswegen wurde er wider seine Gewohnheit ganz still, so daß sein Vater eines Tages ihn fragte, was ihm fehle. Da gestand Lameth, daß er Bellastra, die Tochter des Sultans, liebe und nun darüber nachdenke, wie er sie erlangen könne. Achim meinte, sein Sohn sei närrisch geworden, und er redete ihm zu, sich solche Hirngespinste aus dem Sinn zu schlagen und an etwas anderes zu denken. Lameth ließ sich aber davon nicht abbringen und verlangte von seinem Vater, er solle versuchen, beim Großsultan eine Audienz zu erhalten und für ihn um die Prinzessin zu werben. Sein Vater antwortete ganz aufgebracht: »Du Tor, wie sollte ich vor seiner Hoheit erscheinen und ein so lächerliches Begehren vorbringen! Zudem weißt du, daß man vor dem Sultan nicht ohne ein Geschenk erscheinen darf. Wenn wir auch all unser Geld darauf verwenden wollten, so würde es doch für nichts geachtet werden. Was hätten wir dann davon?« Lameth antwortete: »Vater, kümmert Euch darum nicht. Ich bin jetzt älter und klüger geworden und weiß, daß ich derlei Dinge besitze. Die Steine, die ich besitze und die ich vorher so geringgeachtet habe, sind keine Gläser. Es sind Edelsteine, die von großen Herren hoch geschätzt werden. Aller Schmuck, den die Prinzessin Bellastra in den Haaren und an der Brust trug, kam mir wie Spielsteine der Kinder vor gegen die meinigen. Drum, lieber Vater, wenn Ihr nicht wollt, daß ich sterben soll, so tut mir den Gefallen und bringt meine Bitte für mich an und laßt mich für das weitere sorgen.« Achim hatte seinen Sohn lieb und gab ihm endlich nach. Er verwahrte sich aber zum voraus, daß Lameth ihm keine Schuld geben dürfe, wenn die Sache ein unglückliches Ende nehme. Doch Lameth war guten Muts und trieb immer wieder seinen Vater an. Dieser machte sich auch wirklich am folgenden Morgen auf, um zum Sultan zu gehen, und sein Sohn übergab ihm zwölf von den mittleren Sorten seiner Steine in allerlei Farben. Er legte sie in schöner Ordnung in ein Körbchen, deckte ein sauberes Tuch darauf und händigte sie seinem Vater ein. Dabei unterrichtete er ihn, was er reden und auf des Sultans Fragen antworten sollte. Außerdem gab er ihm noch einen schönen roten Stein mit, den sollte er jenem in die Hand drücken, der die Leute bei dem Großsultan zur Audienz zu führen hätte. Der alte Vater ging voll Bekümmernis hin. Er bildete es sich im voraus recht lebhaft ein, wie übel er empfangen werde, wenn er Lameths törichtes Verlangen vorbringen würde. Aber die Liebe zu seinem Sohn überwand alles. So gelangte er in den Audienzsaal. Hier stand er lange und sah, wie andere zur Audienz geführt wurden, bei ihm aber ging man vorüber, gerade, als ob er nicht da wäre. Endlich erwischte er beim Ärmel einen der Hofbedienten, welche die Leute vor den Sultan riefen. Er drückte ihm geschwind den Stein in die Hand und bat um Audienz. Der Diener betrachtete den Stein in seiner hohlen Hand heimlich und erkannte bald, daß es ein Rubin von großem Wert war. Gleich sah er den alten Achim viel freundlicher an, ließ alle anderen Vornehmen stehen und brachte den Taglöhner vor den Großsultan. Achim warf sich vor seinen Füssen nieder und sagte: »Großmächtigster Sultan, hier überbringe ich Eurer Hoheit ein kleines Geschenk von meinem Sohne, der sich in seines Herrn Huld empfehlen möchte.« Der Großsultan ließ sich das Körbchen zeigen. Und als das Tuch abgenommen war, funkelten ihm zwölf herrliche Kleinodien entgegen. Er wußte vor Verwunderung nicht, was er sagen sollte, denn obwohl er den größten Schatz der Welt hatte, so besaß er doch solche Herrlichkeiten nicht. Ja, er hatte so vollkommene Edelsteine noch nie gesehen. Er hieß daher jedermann abtreten und fragte seinen Großwesir, indem er ihm das Körbchen zeigte: »Was hältst du von diesem Geschenk?« Der Großwesir verstummte, als er die Herrlichkeiten sah. Er mußte nur immer den Mann ansehen, der die Gabe überliefert hatte. Endlich sagte er leise zum Sultan: »Herr, ich kann mir nicht erklären, wie dieser Mann zu solchen Schätzen gekommen ist.« Darauf fragte der Sultan den Achim, wer denn sein Sohn wäre. Dieser erwiderte: »Mein Sohn hat seine Schätze aus Afrika geholt. Er besitzt davon so viel, daß Euer Majestät nur befehlen dürfen, was Ihr Begehr ist.« Der Großsultan fragte mit sichtlichem Erstaunen: »Hast du nichts weiter anzubringen?« Achim zuckte die Achseln und sagte mit stammelnder Zunge: »Großmächtigster Monarch! Wenn Eure Hoheit das, was ich vortragen will, nicht ungnädig aufnehmen wollte, so möchte ich wohl in Untertänigkeit eine Bitte meines Sohnes vortragen.« Der Sultan sprach: »Sage, was er von mir verlangt. Es soll dir darum nichts Ungutes widerfahren. Rede deswegen mit aller Freiheit!« Da hub Achim an: »Großer Monarch, notgedrungen muß ich Eurer Majestät bekennen, daß mein Sohn, Lameth mit Namen, Eurer Hoheit älteste Tochter, die Prinzessin Bellastra, liebt und bei ihrem hohen Vater durch mich untertänigst werben läßt. Mein Sohn versichert, daß er es sich angelegen sein lassen wird, einen Brautschatz herbeizuschaffen, wie sich ihn Eure Hoheit nur wünschen kann.« Die anwesenden Hofleute konnten sich des Lachens bei dieser Brautwerbung nicht enthalten. Der Großwesir, dessen Sohn schon lange die feste Hoffnung hegte, die Hand der Prinzessin zu erhalten, flüsterte seinem Herrn ins Ohr: »Großmächtigster Monarch, das ist doch eine schöne Zumutung, daß Eure Hoheit ihre erstgeborene Tochter dem nächstbesten Landläufer zur Ehe geben soll!« Aber der Sultan warf einen Blick auf das Körbchen und antwortete: »Achim, sage deinem Sohn, daß er sich nach sechs Monaten bei mir wieder anmelden soll.« Mit dieser huldreichen Antwort war Achim sehr zufrieden. Lameth begnügte sich auch damit und beschloß, die vorgeschriebene Zeit ruhig abzuwarten. Es läßt sich denken, daß der Großwesir auch nicht untätig blieb. Er wußte es so einzurichten, daß der Großsultan, der an den seltsamen Achim und das ihm gegebene Wort nicht mehr dachte, in die Vermählung seiner Toter mit dem Sohn des Wesirs willigte. Und nun wurden große Vorbereitungen zu Bellastras baldigem Verlöbnis gemacht. Das hörte Achim und wurde betrübt, doch Lameth blieb unbekümmert und flößte seinem Vater Mut ein. Indessen rückte der Tag heran, an dem Bellastra mit dem Sohn des Großwesirs nach türkischer Sitte getraut werden sollte. Lameth erfuhr dies auch. Er blieb aber so sorglos, daß sein Vater nichts anderes dachte, als sein Sohn sei von der närrischen Einbildung genesen, die Prinzessin heiraten zu wollen, und habe es sich gänzlich aus dem Sinn geschlagen. Lameth aber hatte ganz andere Gedanken. Er wartete bis zum Abend. Dann verschloß er sich in seine Kammer, berief mit Hilfe seines Ringes einen Luftgeist und sprach zu dem augenblicklich Erschienenen: »Ich will, daß du in des Großsultans Palast gehst, und wenn der Sohn des Großwesirs in das Gemach seiner Braut treten will, so nimm und entführe ihn nach Damaskus. Dort sollst du ihn in dem Lorbeerwald niedersetzen und so lange zurückhalten, bis ich es anders befehlen werde.« Der Geist richtete aus, was ihm Lameth befohlen hatte. Bellastra erwartete vergebens ihren Bräutigam. Am Morgen fand sie der Sultan allein, und Bellastra schwur bei Mohammed, daß sie den Sohn des Großwesirs seit gestern abend nicht gesehen habe. Der Großsultan war hierüber höchst aufgebracht, schickte um den Großwesir und redete ihn zornig an: »Wie, achtet Euer Sohn, der Sklave, meine Tochter so gering, daß er sie in der ersten Stunde verläßt?« Der Großwesir begriff nichts von diesem Vorwurf. Er versicherte, daß sein Sohn ihn verlassen habe, um zu seiner vermählten Braut zu gehen, und daß er ihn, seit er Abschied genommen, mit keinem Auge wiedergesehen habe. Traurig verließ der Wesir den Sultan und erkundigte sich an allen Orten nach seinem Sohn, aber er konnte keine Spur von ihm entdecken. So ging der Tag nach der Hochzeit mit allgemeinem Mißvergnügen und großer Stille hin, und Bellastras Verlöbnis wurde für nichtig erklärt. Ein Vierteljahr war vergangen, ohne daß man etwas von dem Sohn des Großwesirs hätte erfahren können. Da erkühnte sich der Sohn des Großadmirals, um Bellastra zu werben und erhielt das Jawort des Sultans, und neue Anstalten zur Hochzeit wurden getroffen. Lameth erhielt von allem sichere Nachrichten und war wieder ganz unbekümmert. Er ließ die Trauung vorübergehen. Abends berief er abermals einen Luftgeist. Als dieser erschien, befahl er ihm, wenn der Bräutigam sich zu seiner Braut begeben wollte, so solle er ihn ergreifen und ihn gegen Ägypten nach Kairo entführen, dort in einem Orangenwald niedersetzen und gleich dem Sohn des Großwesirs dort lassen, bis er ihm anderen Befehl geben würde. Der Geist war gehorsam, faßte den Bräutigam und trug ihn davon. Bellastra aber wartete wieder vergebens und härmte sich ab. Am anderen Morgen fand sie der Großsultan ganz in Tränen schwimmend auf ihrem Ruhebett liegen. Auf seine Frage, wie es ihr gehe, antwortete sie mit Seufzen: »Ich Unglückselige muß wohl von jedermann verspottet werden, da mich schon der zweite Bräutigam wie der erste verhöhnt hat und mich allein ließ.« Der Großsultan schüttelte den Kopf und sprach: »Liebe Tochter, darunter muß etwas verborgen liegen. Eben jetzt ist der Großadmiral bei mir gewesen und hat mir berichtet, daß er aus Vorsicht einige bewährte Diener seinem Sohne zu Aufsehern gestellt und von weitem hinter ihm hergeschickt habe. Sie hätten ihm hinterbracht, daß der Bräutigam glücklich bis vor Eure Kammertür gekommen sei, dort aber sei er vor ihrer aller Augen verschwunden. Noch wisse der Großadmiral nichts von seinem Sohn, obwohl er ihn bis auf diese Stunde vergebens habe suchen lassen.« Diese Worte gaben der Prinzessin wenig Trost. Es wagte auch fortan niemand mehr, sich um sie zu bewerben. Nachdem die sechs Monate verstrichen waren, sagte Lameth zu seinem Vater: »Jetzt ist es Zeit, daß Ihr den Großsultan an sein Wort erinnert, um zu vernehmen, wofür er sich meinetwegen entschlossen hat.« Nun legte Lameth ihm zwölf andere Steine in ein Körbchen, die schönsten und größten, die er hatte. Zugleich fügte er die Perlenschnur, an der das Schloß gehangen hatte, hinzu. Diese sandte er der schönen Bellastra zum Geschenk. Er sprach: »Lieber Vater, nun gehet und erfreut mich bald mit einer guten Antwort.« Der Alte ging getrost fort. Als ihn der Sultan im Audienzsaal erblickte, gedachte er sogleich seines früher getanen Versprechens und befahl allen außer Achim abzutreten. Er ließ ihn vor sich kommen und fragte ihn, was sein Anliegen wäre. Achim warf sich vor dem Großsultan nieder und sagte: »Großer Monarch, mein Sohn Lameth empfiehlt sich seiner Hoheit besonderer Gnade. Da die sechs Monate vorbei sind, nach denen unser Herr versprochen hat, eine gütige Antwort auf sein untertäniges Ansuchen zu erteilen, so sendet er mich deswegen hierher und schickt Eurer Hoheit dies geringe Geschenk. Zugleich wagt er es, der Prinzessin Bellastra diese Perlenschnur zu Füssen zu legen.« Der Sultan ließ sich das Körbchen reichen, und als er die köstlichen Steine sah, fuhr er auf und rief: »Welcher König kann mir solche Dinge senden?« Darauf berief er seine Räte und beratschlagte mit ihnen, was in der Sache zu tun sei. Er stellte ihnen vor, obgleich er den Menschen nicht kenne, von dem die herrlichen Geschenke herrührten, so ersehe er doch aus ihnen, daß er der Reichste in seinem Lande sein müsse. Der Großwesir aber, der noch immer unzufrieden war, daß sein Sohn die Prinzessin Bellastra nicht erhalten hatte, sagte: »Großmächtigster Monarch, es steht in Eurer Macht, in dieser Sache nach Belieben zu verfahren. Weil aber der Menschen Tun so sehr voller Betrug ist, meine ich, Eure Hoheit täte nicht übel, wenn sie denjenigen, dem sie ihre Tochter zu geben entschlossen ist, vorher recht auf die Probe stellte. Er hat sich ja erboten, alles mögliche herbeizuschaffen, was zu einem Brautschatz gehörte. Prüfet ihn, so werdet Ihr bald erfahren, was hinter seinen Worten steckt!« Dem Sultan gefiel dieser Vorschlag. Er kehrte in den Audienzsaal zurück, wandte sich zu Achim und sagte zu ihm: »Gehe hin und berichte deinem Sohn, daß ich mir seine Geschenke in Gnaden gefallen lasse. Wisse, wenn er mir zum Brautschatz für meine Tochter sechs Kamele mit Gold und sechs mit Silber beladen, dann sechs weiße Sklaven, jeden mit einem Sack der schönsten persischen Stoffe, und sechs schwarze Sklaven, jeden mit einem Korb voll solcher Juwelen übersenden wird, so soll er mein Eidam werden.« Als Achim dies hörte, machte er eine traurige Verbeugung und ging mit schwermütigen Gedanken nach Hause. Der Großsultan aber ging zu Bellastra. Indem er ihr die herrliche Perlenschnur übergab, sprach er: »Ein unbekannter Mensch läßt um dich werben. Er hat mir die kostbarsten Geschenke gemacht, wie ich solche noch nie gesehen habe. Heute sendet er dir diese Perlenschnur. Was denkst du darüber?« Bellastra nahm die Perlen und betrachtete sie. Die Schnur war so groß, daß sie ihr sechsmal um den Hals ging und dazu noch sechsmal um beide Hände. Jede Perle war schön, groß, rund und ohne Tadel. Da sagte die Prinzessin zu ihrem Vater: »Ich möchte den Menschen wohl kennenlernen, der solche Kleinodien hat. Ich glaube, es gibt nicht eine gleiche Perlenschnur auf der Welt.« Der Sultan bejahte dies und sagte zugleich: »Es reut mich, daß ich ihm eine Antwort erteilt habe, die ihn im Grunde abweist, denn ich habe ihm Dinge zum Brautschatz zugemutet, die er unmöglich herbeischaffen kann.« Als die Prinzessin hörte, was er gefordert hatte, wurde sie ganz traurig und sagte: »Nun werde ich wohl mein Leben lang unvermählt bleiben müssen.« Lameth wartete inzwischen mit Sehnsucht auf die Rückkunft seines Vaters. Als er ihn erblickte, fragte er mit großer Wißbegierde: »Vater, habt Ihr alles gut ausgerichtet?« Achim antwortete: »Sohn, laß dir doch diese Gedanken für Bellastra vergehen! Sowenig du die Sterne am Himmel mit deinen Händen erlangen kannst, sowenig wirst du die Prinzessin zur Frau erhalten.« Darauf erzählte er ihm, was der Sultan zum Brautschatz verlange. Lameth hörte ganz geduldig zu, und als sein Vater ausgeredet hatte, fragte er ihn: »Verlangt der Sultan nicht mehr als dies?« Achim erwiderte: »Ich glaube, du bist von Sinnen gekommen, und wenn du alle Pflastersteine von Konstantinopel zu Gold, Silber und Juwelen machen würdest, so hättest du nicht genug, die Bedingungen des Sultans zu erfüllen.« Lameth aber lachte nur darüber und sagte: »Geduldet Euch nur ein klein wenig, morgen werdet Ihr gewiß anders reden.« Und er legte sich, da der Tag zu Ende ging, ruhig schlafen und hieß seinen Vater morgen recht früh aufstehen. Er selbst erhob sich vor Tagesanbruch, nahm sein kostbares Schloß zur Hand, drehte den Schlüssel um und rief dadurch die Erdgeister zu sich, die ganz willig erschienen. Sie sagten: »Würdiger Besitzer des vortrefflichen Schlosses, was ist dein Verlangen?« Lameth antwortete schnell: »Daß ihr alsbald sechs Kamele mit Silber, sechs mit Gold beladen, dann sechs schwarze Sklaven, jeden mit einem silbernen Becken voll Kleinodien, und sechs weiße Sklaven, jeden mit einem Sack voll persischer Stoffe, Decken, europäischer Spitzen, alles aus der Höhle Xa Xa, herbeischafft!« Die Erdgeister antworteten freudig: »Sofort!« Und noch vor dem völligen Anbruch des Tages waren sie wieder da und brachten alles mit, wie es Lameth verlangt hatte. Achim, der noch schlief, wurde durch das Getümmel der Sklaven und Kamele aufgeweckt, öffnete das Fenster und erstaunte nicht wenig, als er alles, was der Sultan verlangt hatte, vor sich sah. Atemlos lief er zu seinem Sohn die Stiege hinauf und verkündigte ihm dies mit Freuden. Lameth lachte und sprach: »Nun sag, ob es mich viel Mühe gekostet hat, die Wünsche des Großsultans zu erfüllen? Macht Euch darum nur auf, übergebt dem Sultan das Verlangte und sagt ihm, daß ich alles das viel geringer schätze als das Glück, die schöne Bellastra zu besitzen.« Achim meinte immer noch, es träume ihm. Als er aber auf die Strasse hinabging und sah, daß alles noch vorhanden war, machte er sich eilig auf die Beine und ließ den Zug nachfolgen. Das Volk staunte über diesen Anblick und jagte den beladenen Tieren und Sklaven nach. Als sie daher nahe an dem Palast des Sultans waren und die Wache das Laufen der vielen Leute gewahr wurde, glaubte sie, es sei ein Aufruhr, schloß das Tor zu und sorgte, daß dem Großsultan von dem Auflauf Meldung gemacht wurde. Dieser blickte mit Besorgnis zu einem der Fenster des Palastes hinaus. Da sah er, wie der versprochene Brautschatz, den er für seine Tochter verlangt hatte, daherzog. Sogleich ließ er den Achim vor sich kommen, der stellte ihm im Namen seines Sohnes alles vor und empfahl sich in seine hohe Huld und Gnade. Der Sultan ließ seine Tochter Bellastra rufen, und nun traten die Sklaven hervor und legten alles zu seinen Füssen nieder. Die mit Gold und Silber gefüllten Kisten waren zu schwer, um alsbald vor dem König abgeladen zu werden. Sie wurden daher von den Kamelen fortgetragen und zur Schatzkammer verwiesen. Der Sultan besah die edlen Steine und kostbaren Stoffe, die ihm zum größten Teil unbekannt und die alle von unendlichem Wert waren. Er sprach endlich zu seiner Tochter: »Nun, was denkst du von deinem Bräutigam, meinst du, daß er diesmal deiner würdig sei?« Bellastra antwortete: »Nach dem zu urteilen, was ich vor mir sehe, muß er der reichste und glücklichste Mann der Welt sein.« Nun versammelte der Großsultan auch seine Räte und zeigte ihnen den Brautschatz. Sie verstummten alle, und keiner, selbst der Großwesir nicht, getraute sich ein Wort zu reden. Da brach der Sultan das Stillschweigen, ging zu Achim hin und sprach: »Macht Euch auf und richtet Eurem Sohn, dem künftigen Bräutigam meiner Tochter, meinen Gruß aus. Er soll nicht säumen und je eher, je lieber kommen und mich mit seiner Gegenwart erfreuen.« Achim geriet vor Freude ganz außer sich und verbeugte sich zum Abschied. Der alte Mann lief wie ein junges Reh nach Hause und verkündete seinem Sohn die Botschaft. Dieser konnte sich auch vor Freude kaum fassen. Er rief: »Vater, jetzt müssen wir uns vor allen Dingen standesgemäß ausrüsten, um dem Großsultan aufzuwarten.« So ging er in seine Kammer, rief mit Hilfe seines Schlosses die Erdgeister und sprach: »Schafft mir vor allem ein schönes englisches Reitpferd, dann so schmucke Kleider, wie sie dem Schwiegersohn eines Sultans geziemen. Hernach besorgt mir eine vornehme Begleitung, daß ich unter Pauken- und Trompetenschall meinen Einzug halten kann.« Die Erdgeister taten alles mit Eifer. Vor allem aber führten sie den zukünftigen Herrn des Schlosses unaufgefordert in das Bad der Weisheit. Hier untergetaucht, wurde er alsbald so verändert, daß er an Gestalt, Sitte, Tugend und Weisheit nicht mehr der Sohn des Taglöhners war und auf einmal alle Eigenschaften an sich hatte, die ein großer Herr von Rechtes wegen haben soll. Dann führten sie ihn wieder nach Hause. Da schon alles vorbereitet war, womit Lameth und Achim sich schmücken konnten, und von den hilfsbereiten Geistern bedient, waren sie in ganz kurzer Zeit fertig. Lameth hatte einen herrlichen Kaftan mit Hermelinfutter und Diamantknöpfen an, wie ihn der Sultan selbst noch nicht getragen hatte. Er setzte sich mit viel Anstand auf das treffliche englische Pferd, das ihn erwartete, eine Menge Sklaven zu Ross und zu Fuß umgaben ihn. Mit solchem Gefolge ritt er an den Hof des Sultans. Achim mußte mit einem Vorreiter den Zug eröffnen. In dessen Mitte befand sich Lameth auf seinem tänzelnden englischen Pferd, das sich in den schönsten Sprüngen gefiel. So kam er wie der vornehmste Ritter daher, so daß aller Augen sich auf ihn richteten und alle gestehen mußten, daß sie dergleichen noch nie gesehen hatten. Hinter ihm beschloß den Zug eine Menge von Dienern, die Stirnbänder von Gold- und Silberblech hatten, darein der Name Lameths gegraben war und auf denen sich die Sonne spiegelte, daß jeder, der sie ansah, seine Blicke wegwenden mußte. Der Sultan hörte von ferne den Schall der Pauken und Trompeten. Endlich sah er auch den Zug herannahen. Er konnte jedoch den alten Taglöhner Achim in seiner verwandelten Kleidung nicht erkennen, bis er vom Pferde stieg, vor dem Großsultan sich niederwarf und die Ankunft seines Sohnes verkündete. Der Sultan hob ihn auf und hieß ihn freundlich willkommen. Lameth näherte sich indessen dem Schloß und wollte vor dem Tor absteigen, aber zwei Hofbediente, die sich ihm ehrfurchtsvoll nahten, duldeten dies nicht, sondern führten ihn zu Pferd in den Schloßhof und halfen ihm hier vom Rosse. Als er die Treppe hinaufgestiegen war, empfing ihn der Großsultan mit einer Umarmung und führte ihn in ein Zimmer, in dem er die vor Schönheit strahlende Prinzessin Bellastra fand. Lameth warf sich ihr zu Füssen und sprach: »Auf Eures großmächtigsten Vaters Erlaubnis untersteht sich ein Sklave, sich vor Eure Füße zu werfen, anbetungswürdige Schönheit, Euch die demütigen Dienste seiner Liebe anzubieten und um Eure Gegenliebe zu flehen.« Bellastra reichte ihm verschämt ihre Hand und sprach: »Was mein Vater zugesagt hat, bin ich schuldig zu erfüllen. Doch versichere ich, daß es ohne Zwang geschieht und wünsche Euch, daß Ihr glücklicher sein möget als meine früheren Bewerber.« Lameth verstand die letzten Worte nur allzu wohl und war daher ein wenig bestürzt. Doch behielt er die Fassung, sich in Bellastras Huld und Gnade zu empfehlen. Nun wurde zur Tafel geblasen. Der Sultan und der Taglöhner saßen auf der einen, Lameth und Bellastra auf der anderen Seite. Die Großen des Hofes bedienten sie. Lameth hatte unter seiner Begleitung allerlei Musikanten, die bald afrikanische, bald indische, bald europäische Weisen aufspielen mußten, worüber sich der Sultan und Bellastra so ergötzten, daß sie Essen und Trinken vergaßen. Lameth selbst betrug sich gegen seine Braut und den Sultan aufs feinste und wußte auf dessen Fragen so klug zu antworten, daß er ihm recht gewogen wurde. Bellastra aber seufzte öfters in ihrem Herzen: »Möge es doch meinem Bräutigam nicht so ergehen wie meinen beiden vorigen.« Während der Tafel besprach sich der Sultan auch mit Lameth über den Tag der Vermählung. Da erbat sich Lameth zuvor die Erlaubnis, einen anständigen Wohnsitz für sich und seine Gemahlin erbauen zu dürfen. Als darauf der Sultan seinem Eidam eine Wohnung in seinem eigenen Palast anbot, bis diesem gegenüber ein gleicher gebaut sein würde, dankte Lameth für das gütige Anerbieten und erklärte, er werde mit seinem Bau nicht viel Zeit verlieren, denn alle Materialien seien schon beisammen. Er bitte deshalb, so lange mit der Vermählung zu warten Der Sultan stellte alles seinem Willen anheim, und als es Abend geworden war, verabschiedete sich Lameth mit seiner ganzen Begleitung. Der Zug setzte sich, mit Windlichtern versehen, in Bewegung und verteilte sich bald in der Nachbarschaft, wo allen vom Sultan Quartiere angewiesen waren. Ehe Lameth zu Bett ging, rief er kraft seines Schlosses und Ringes eine Anzahl von Erd- und Luftgeistern zu sich und sagte ihnen: »Ich befehle euch hiermit, daß ihr ohne alles Geräusch, ganz in der Stille, heute nacht dem Palast des Sultans gegenüber mir einen neuen Palast erbaut, der an Herrlichkeit seinesgleichen nicht haben soll. Er muß mit vier Toren und mit einem geräumigen Hof versehen sein. Alle Zimmer und Säle sollen regelmäßig und wohl ausgestattet, die Ställe mit schönen und guten Pferden, Küche und Keller mit allem erforderlichen Gerät, mit Speisen und Weinen, die Schatzkammer mit hinreichendem Geld versehen sein. Was zu einem königlichen Hofstaat gehört, muß darin im Überfluß vorhanden sein. Wenn ihr dieses tut, werde ich ein besonderes Wohlgefallen daran haben.« Die Geister gingen hin und taten, wie ihnen Lameth befohlen hatte. Ein herrlicher Palast aus weiß, blau, rot und grün gestreiften Marmorsteinen stieg empor. Was sonst von Eisen ist, war daran aus Gold und Silber, künstlerisch gearbeitet. Die Zimmer waren inwendig mit köstlichem Gerät versehen, wie sonst nirgends zu erblicken ist. Und dieser ganz große Palast wurde in solcher Stille erbaut, daß die Schildwache, die vor des Sultans Palasttoren stand und ganz nahe dabei war, nicht das geringste davon hörte, und weil eben eine finstere Nacht war, auch nichts davon sehen konnte. Der Sultan war schon ein alter Herr, der wenig schlafen konnte und deswegen die Gewohnheit hatte, am Morgen nach dem Erwachen sogleich ans Fenster zu gehen, um die kühle Morgenluft und die schöne Aussicht zu genießen, denn er konnte von seinem Schloß aus ganz Konstantinopel übersehen. So erhob er sich auch an diesem Morgen, als es noch halb dunkel war, und sah zum Fenster hinaus. Da erblickte er in der Dämmerung etwas, das ihm gegenüber stand und die gewohnte Fernsicht benahm. Er wischte sich die Augen und meinte, der Nebel schwimme ihm noch davor. Als er aber wieder scharf nach jener Stelle sah, dünkte ihm, als ob ein großes Haus oder ein Schloß sich vor seinen Augen erhebe. Da nun am vorigen Abend dort noch nichts gewesen war, fragte er die unten stehende Schildwache laut, was da gegenüber auf dem großen Platz stehe. Sie antwortete, es scheine ein großer und herrlicher Palast zu sein. Voll Verwunderung schickte er einen seiner Trabanten an Ort und Stelle, und dieser kam bald zurück und erzählte, daß wirklich ein so prächtiges Schloß dastehe, wie Menschenaugen es noch nie gesehen hätten. Aber niemand hatte ihm sagen können, wie es hergekommen wäre, denn die Nacht über sei alles still gewesen. Doch konnte der Trabant nicht genügend rühmen, wie alles von Marmor, Jaspis, Porphyr und anderen schön polierten Steinen glänze, alle Rahmen und Fenstereinfassungen von Silber, alle Fenstergläser von Kristall seien. Der Sultan staunte darüber, zumal da ihm die Pracht des Palastes in die Augen stach, als es allmählich heller wurde. Er ließ deswegen seine Tochter Bellastra rufen und sagte zu ihr: »Du wirst gewiß nicht lange mehr auf deine Vermählung warten dürfen, denn siehe, hier steht das Haus schon, das für dich und deinen Gemahl in dieser einen Nacht erbaut worden ist.« Indessen warf die aufgegangene Sonne ihre ersten Strahlen auf den Palast, und man konnte ihn vor Glanz kaum ansehen. Bellastra staunte nicht wenig über diesen Anblick, doch war sie auch von Herzen froh darüber, daß sie so bald mit ihrem Bräutigam vereint werden sollte. Indessen kam auch Lameth mit seiner prächtigen Begleitung dahergezogen. Er quartierte sich in seinem neu erbauten Palast ein und fand darin alles so wohl geordnet, als er es nur irgend wünschen konnte. Deswegen war er auch mit allem zufrieden und lobte seine dienstbaren Geister. Dann schickte er seinen Haushofmeister zum Sultan, ließ ihm seinen untertänigen Morgengruß überbringen und ihm sagen, sein neues Schloß sei fertig und alles stehe darin bereit. Seine Hoheit möge deshalb einverstanden sein, daß jetzt die Feier der Trauung in dem neuen Gebäude veranstaltet werde. Um weiteres sollte sich der Sultan nicht kümmern und sich die geringe Aufwartung, mit der er ihn bedienen werde, gefallen lassen. Der Sultan gab seinen freundlichen Gegengruß zurück und befahl, alles zur Vollziehung der Trauung bereitzumachen. Als Lameth erfuhr, daß Bellastra gerüstet sei, holte er sie ab mit einem weit prächtigeren Zug, als der frühere war, und führte sie mit dem Großsultan und dem ganzen Hofstaat in den neuen Palast, dessen Herrlichkeit sie nicht genug bewundern konnten. Hier wurde die Trauung vollzogen und ein kostbares Mahl abgehalten, bei dem des Sultans Tafel in lauterem Golde, der Hofstaat aber in Silber bedient wurde. Hierüber erstaunte der Sultan sehr und gestand sich, daß er solches nachzutun nicht imstande sei. Die anmutigsten Musikchöre ließen sich abwechselnd vernehmen, und ein eigener Sängerchor sang zu Saitenspielen von Bellastras Tugenden und Schönheit. So verstrich der Tag unter lauter Lustbarkeiten. Lameth war glückselig an der Seite seiner engelschönen Braut, und sie wäre es auch gewesen, wenn sie nicht die geheime Sorge gequält hätte, daß der Bräutigam ihr am Abend geraubt werden könne. Aber nichts dergleichen geschah. Ihr Gemahl kam nicht von ihrer Seite, und das junge Ehepaar begann ein glückliches und ungetrübtes Leben. Bellastra liebte Lameth wie sich selbst, und er liebte und ehrte sie als die hohe Fürstentochter und tat alles, was er ihr an den Augen absehen konnte. Der Sultan war Lameths bester Freund. Große und Kleine am Hofe gewann er für sich durch seine Güte. Armen und Notleidenden half er. Niemand tat bei ihm je eine Fehlbitte, daher wurde auch Lameths Palast nur schlechtweg die Burg der Hilfe genannt. Aber bei alledem war Lameth in seinem Glück nicht so sicher, daß ein Unglück ihm nicht noch einen harten Streich versetzt hätte. Es lebte nämlich der böse Zauberer Mattetai noch immer in Europa nach seinem Wohlgefallen, und er übte täglich viele Bosheiten aus. Zuletzt brachte er es noch weiter in seiner Kunst. Wie ihm früher Luft- und Erdgeister untertan waren und die Wassergeister ihm noch dienten, konnte er jetzt auch die Feuergeister in seinen Dienst zwingen. Einmal kam ihm wieder sein verlorener herrlicher Ring in den Sinn. Er wollte auch wissen, wie es mit dem Schloß in der Höhle Xa Xa stehe und ob er es nicht noch bekommen könnte. Da rief er die Feuergeister zu sich, die zornig erschienen und sich ungebärdig darüber stellten, daß man sie belästigte. Sie schüttelten sich, daß die Funken stoben und schrien den Zauberer mit gräßlicher Stimme an: »Was willst du von uns?« Mattetai sprach: »Sagt mir, ob es nicht möglich ist, daß ich meinen verlorenen köstlichen Ring wiedererhalte und das treffliche Schloß in der Höhle Xa Xa in meine Gewalt bekomme.« Die Geister antworteten: »Das können wir nicht beschaffen, wir sind nicht mächtig genug dazu. Beide besitzt Lameth und mißbraucht sie nicht. Und weil er Erd- und Luftgeister in seinen Diensten hat, so können wir ihm öffentlich nichts nehmen.« Als Mattetai dies hörte, staunte er nicht wenig. Er hatte schon lange nicht mehr an Lameth gedacht und gemeint, dieser wäre längst zu Staub und Asche vermodert. Deswegen rief er: »Was muß ich hören? Wie, Lameth lebt noch? Und er besitzt die zwei größten Schätze der Welt? Ich Unglückseliger, ich habe mit all meiner Kunst, Mühe und Arbeit nicht soviel zuwege bringen können! Der Lotterbube hat mich hintergangen und mich um beide Schätze gebracht.« So gebärdete er sich wie ein Rasender, daß selbst die Feuergeister Mitleid mit ihm hatten und zu ihm sagten: »Mattetai, dem Lameth hat sich das Glück zugewendet, das du mit all deiner Kunst nicht hast erlangen können. Doch verzweifle deshalb nicht. Vielleicht kannst du mit List gewinnen, was du so sehnlich wünschest. Lameth lebt vergnügt in aller Sicherheit. Er denkt nur wenig an sein Schloß und läßt es in einem Winkel in guter Ruhe liegen. Versuche daher, ihm dies zu entwenden. Was wir dir dabei helfen können, wollen wir gerne tun.« Mattetai war froh. Er verabschiedete die Feuergeister und dachte darüber nach, wie er den herrlichen Schatz erlangen könnte. Er berief die Wassergeister, die ihm auch noch dienstbar waren, und ließ sich von ihnen durch das Meer schnell nach Konstantinopel tragen. Hier suchte er sich eine bequeme Wohnung aus und erkundigte sich nach Lameths Ergehen. Jedermann sagte Gutes von ihm, lobte seine Güte und andere Tugenden. Man erzählte ihm, daß er von seiner Gemahlin Bellastra geliebt, von dem Großsultan, seinem Schwiegervater, und allen Großen des Hofes hoch geachtet, von aller Welt in Konstantinopel geehrt werde. Mattetai biß die Zähne über diese Nachricht zusammen, doch überwand er seinen Kummer und ließ sich nach dem Platz führen, wo Lameths schöner Palast stand. Zu ihrem Unglück sah Bellastra gerade zum Fenster hinaus, und der alte Zauberer wurde von ihrer Schönheit so entzückt, daß er jetzt nicht mehr bloß daran dachte, wie er den armen Lameth seines Ringes und Schlosses berauben, sondern wie er ihm seine engelgleiche Gemahlin entführen könne. Freilich, eben dazu hatte er das Schloß nötig. Mit diesen Gedanken eilte er in sein Quartier zurück, genoß das Abendessen und schloß sich frühzeitig, als wäre er von der weiten Reise schläfrig, in seine Kammer ein. Hier berief er die Feuergeister und bat sie dringend, ihm behilflich zu sein, das Schloß zu erlangen. Da sie sich willig zeigten, sandte er sie auf Kundschaft in das Schloß, und bald brachten sie die Botschaft, daß Lameth nicht zu Hause, sondern auf einer Jagd abwesend sei und vor mehreren Tagen nicht heimkommen werde. Auch berichteten sie ihm, daß das treffliche Schloß in einer Schlafkammer auf einem Samtkissen liege. Mattetai schalt seine Geister, daß sie ihm das Kleinod nicht sogleich mitgebracht hätten. Die Geister antworteten, das stehe nicht in ihrer Macht, denn sie dürften sich dem Schloß nicht nähern. Da legte er den Kopf in beide Hände und sann lange nach. Endlich sprach er zu den Geistern: »Höret, morgen früh verschafft mir eine schmucke Begleitung von Dienern und für mich selbst ein herrliches persisches Kleid mit einem guten Reitpferd, dann will ich mein Glück versuchen.« Die Geister versprachen, alles herbeizuschaffen. Und am anderen Morgen erschienen zehn persische Trabanten, die ein prächtiges Kleid und ein treffliches Ross für Mattetai brachten. Mattetai rüstete sich nun aus und ritt auf den Palast zu, nachdem er seinen dienstbaren Geistern das Nötige aufgetragen hatte. Davor angekommen, sandte Mattetai einen Diener voraus und ließ sich als persischer Gesandter anmelden, der mit Lameth, als seinem alten Bekannten, sich zu unterhalten begehre. Bellastra ließ dem Fremden sagen, es tue ihr leid, daß ihr Gemahl abwesend sei und das Glück nicht haben sollte, seinen Besuch zu empfangen. Wenn sich aber der Gesandte ein paar Tage gedulden wollte, so werde sie ihrem Gemahl Boten senden, damit er einem alten Freunde seine Ergebenheit bezeigen könnte. Der abgesandte Diener, ein gut unterrichteter Feuergeist, erwiderte: »So unlieb diese Botschaft meinem Herrn zu vernehmen sein wird, so hat er, auf der Durchreise begriffen, doch zu sehr Eile, um länger als bis zum Abend verweilen zu können. Jedoch bittet er sich die Ehre aus, den herrlichen Palast seines Freundes, dessen Ruf bis nach Persien gedrungen ist, betrachten zu dürfen. Es hat ihm nämlich der König, sein Herr, aufgetragen, ihn zu besichtigen und eine genaue Beschreibung und Zeichnung davon mitzubringen.« Bellastra glaubte nichts Unrechtes zu tun, wenn sie dem Fremden diese Bitte erfüllte. Sie sandte ihm also ihren Haushofmeister entgegen und ließ ihn abholen und im ganzen Palast umherführen. Als Mattetai in das Zimmer kam, in dem Bellastra war, bezeigte er ihr alle mögliche Ehrerbietung, küßte den Saum ihres Kleides und entschuldigte sich, daß er so viel Unruhe verursache. Bellastra begegnete ihm wiederum freundlich, und da sich Mattetai als ein rechter Hofmann zu benehmen wußte, so ließ sie ihn alle Zimmer nach seinem Wunsche sehen. Als sie aber vor Lameths Schlafgemach kamen, scheuten sich die Diener des Palastes, ihm auch dieses zu öffnen und entschuldigten sich damit, daß es nicht ganz in Ordnung sei. Aber Mattetai bestand darauf, auch dieses Gemach zu sehen, weil er einen Abriß des ganzen Palastes mit allen seinen Teilen für seinen Herrn anzufertigen habe. Zum Schein hatte er auch immer die Schreibtafel in der Hand und zeichnete bei jedem Zimmer seine Anmerkungen darauf. Er würde, sprach er, wenig Ehre einlegen, wenn er das Werk unvollendet ablieferte. So wurde ihm endlich auch dieses Zimmer aufgeschlossen, auf das er freilich wenig Aufmerksamkeit richtete, denn seine Augen schweiften nur umher, um das Schloß zu entdecken. Sobald er es sah, gab er mit einem starken Husten seinen Geistern das verabredete Zeichen, und in dem Augenblick entstand im Hof unten ein Geschrei. »Feuer, Feuer!« Und wirklich sah man überall die Flammen in die Höhe flackern, denn obgleich der Palast aus lauter Steinen erbaut war, so schienen sie doch über und über zu brennen, als wenn es Holz oder ein anderer feuerfangender Stoff wäre. Jedermann lief hinab, das Feuer zu löschen. In dieser allgemeinen Verwirrung ergriff Mattetai das treffliche Schloß aus der Höhle Xa Xa und steckte es geschwind in die Tasche. Dann lief er mit seinen dienstbaren Geistern dem Feuer zu und half löschen, so daß man nach dem Brand dem persischen Gesandten und seinen Leuten den höflichsten Dank für ihre wirksame Hilfe aussprach. Nun wartete der Zauberer nicht mehr lange. Er nahm ehrerbietigen Abschied und ging vergnügt seines Weges, denn er hatte den ersehnten Schatz in der Tasche. Er ritt in seine Behausung, bezahlte, was er verzehrt hatte, eilte mit seinem Zug wieder zum Tor hinaus und verabschiedete, sobald er in einem Walde war, seine verkappte Geisterschar. Dann nahm er Einkehr im nächsten Dorf und erwartete mit Schmerzen die Nacht. Sowie es Mitternacht war, verschloß er sich in sein Zimmer, zog sein liebes Schloß heraus und küßte es vor Freuden. Darauf drehte er den Schlüssel um und rief die daran gebundenen Erdgeister. Es erschienen vier von ihnen. Sie stellten sich aber sehr unwillig, brummten wie die Bären und sprachen: »Unwürdiger Besitzer des vortrefflichen Schlosses, was willst du von uns?« Mattetai antwortete: »Geschwind, nehmt Lameths herrlichen Palast mit Bellastra und allem, was darinnen ist, und tragt ihn mit mir unversehrt nach Amerika, dort setzt ihn in einer schönen Gegend nieder!« Als die Geister dies hörten, schäumten sie vor Zorn, stampften mit den Füssen auf die Erde, daß alles erzitterte und antworteten: »Unwürdiger Besitzer des trefflichen Schlosses, wisse, daß wir dir zwar jetzt gehorchen müssen, aber glaube sicherlich, deine Bosheit wird zu rechter Zeit bestraft werden.« Trotz dieser unwilligen Rede faßte ein Erdgeist den Zauberer am Schopf und führte ihn nach seinem Willen nach Amerika. Die anderen Geister entrückten Lameths schönen Palast nebst Bellastra und Gesinde ebenfalls dahin und setzten ihn in einer schönen Ebene neben einem grünenden Palmenwald nieder. Mattetai entließ nun seine Geister, dagegen rief er die Feuergeister und befahl ihnen, alle diejenigen, die mit Bellastra hergekommen waren, zu nehmen und in eine wohnungslose Einöde zu tragen, was auch im Augenblick geschah. Nur Bellastra und ihre Kammerfrau blieben nach des Zauberers Willen zurück. Der Morgen brach an. Als Bellastra erwachte und in ihrem Palast alles so still fand, als wenn er ausgestorben wäre, wußte sie nicht, was dies bedeuten sollte. Als sie aufstand und einen Blick ins Freie warf, zweifelte sie lange, ob sie schlafe oder wache. Sie sah wohl, daß sie in ihrem Palast war, aber anstatt wie sonst die rauschende Stadt Konstantinopel zu übersehen, blickte sie in eine fremde, ihr ganz unbekannte Gegend, in eine stille, grüne Einöde hinaus. Sie rief angstvoll ihre Kammerfrau, aber diese antwortete ihr ebenso erschrocken, im ganzen Schloß sei kein Mensch anzutreffen, und alle Türen seien versperrt. Bellastra betrübte sich nicht wenig. Noch während sie miteinander redeten, trat der Zauberer Mattetai ins Zimmer, machte eine tiefe Verbeugung und wollte eine Entschuldigung gegen die Fürstin vorbringen. Allein sie war über sein Erscheinen so erschrocken, daß sie mit ihrer Kammerfrau in ein anderes Zimmer eilte und den Riegel hinter sich zuzog, um die widerwärtige Erscheinung nicht mehr zu sehen. In jener Nacht, als der Palast seiner Tochter entführt wurde, konnte der Sultan wieder einmal nicht schlafen. Er warf sich hin und her, und es wurde ihm überdrüssig, länger zu liegen. Weil der Mond so klar schien, stand er auf und sah zum Fenster hinaus in der Richtung von Lameths Palast. Wie riß er nun die Augen auf, als er keinen Palast mehr auf jener Stelle, sondern den Platz leer sah! Anfangs meinte er, ihm träume nur so. Als er aber das Fenster öffnete und genauer hinsah und den Palast immer noch nicht erblicken konnte, rief er den Leibdiener, der im nächsten Zimmer die Wache hatte, und befahl ihm, zum Fenster hinauszuschauen und zu sagen, was er sehe. Als dieser einen Blick hinausgetan hatte, rief er: »Hilf Himmel, ich sehe kein Schloß mehr! Ich weiß nicht, ist es unter die Erde versunken, oder wo ist's hingekommen?« Nun ließ der Sultan Lärm schlagen. Der Großwesir und die übrigen Minister wurden gerufen, und er fragte sie, wie sich das Verschwinden des Palastes mit seiner Tochter erklären lasse. Der Wesir, der, obgleich er sich äußerlich immer ganz anders gezeigt hatte, in seinem Herzen dem Lameth aber gram war und ihn verdächtigte, daß er seinen Sohn hatte entführen lassen, sagte: »Gewiß, dieser Lameth muß ein Erzzauberer sein, der sich verstellen konnte, wie er wollte, um die weisesten und schönsten Personen in der Welt zu betrügen und sie aus dem Weg zu räumen, wenn er ihrer satt ist.« Der Sultan entbrannte in Zorn. Er gab seinem Gardehauptmann Befehl, den Fürsten Lameth dort aufzusuchen, wo er zu jagen pflegte, ihn gefangenzunehmen und unter sicherer Begleitung an den Hof zu bringen. Der Hauptmann tat dieses ungern, denn Lameth war ihm sehr lieb, doch mußte er den Befehl vollziehen. Er ritt daher mit seinen Leuten aus, um ihn aufzusuchen. Er brauchte nicht lange zu forschen, da traf er ihn. Lameth war von einer ihm selbst unerklärlichen Schwermut befallen worden, hatte viel eher als er wollte, die Jagd beendet und eilte gerade nach Konstantinopel zurück. Als er den Hauptmann der Garde sah, fragte er ihn, was es gutes Neues in Konstantinopel gäbe. Dieser aber zuckte die Achseln und antwortete: »Wenig, o Herr! Ich habe den Befehl, Euch gefangenzunehmen, und wollte, der Auftrag hätte einen anderen getroffen.« Lameth war sich keiner Schuld bewußt und fragte nach dem Grund seiner Ungnade. Der Hauptmann aber erwiderte, dies würde er vom Sultan selbst erfahren. Da überreichte Lameth ihm willig seinen Degen. Er sagte dabei: »Freund, ich habe ein gutes Gewissen und fürchte mich vor nichts.« So ritt er mit dem Hauptmann und von dessen Leuten umringt in die Stadt zurück und von der Rückseite her in die Burg des Großsultans hinein. Dieser blickte Lameth mit zornigen Augen an, ergriff ihn bei der Hand, führte ihn zum Fenster und sprach: »Nun sage mir, wo ist dein zauberischer Palast, wohin hast du meine Tochter Bellastra gebracht?« Lameth sah zum Fenster hinaus, und als er seinen Palast nicht mehr erblickte, erschrak er so sehr, daß er rücklings in Ohnmacht fiel, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Man brachte ihn mit allerlei Mitteln wieder zur Besinnung. Und nun klagte er über den Verlust seiner geliebten Bellastra, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Aber der Großsultan blieb ungerührt und war so erbittert, daß er ihm nur drei Tage Frist gönnte, in der er seine Tochter wieder herbeischaffen oder sterben sollte. Lameth war durch sein Unglück von Sinnen gekommen. Er wünschte sich selbst recht bald die Stunde, in der er das Verdrießliche enden könnte. Indessen kamen die Söhne des Großwesirs und Großadmirals unvermutet wieder zum Vorschein. Sie berichteten, daß sie von unsichtbaren Wesen hinweggeführt und bis auf diese Stunde gleichsam in Haft gehalten worden seien. Übrigens wären sie wohl versorgt worden, der eine in einem Olivenwald, der andere in einem Pomeranzenhain, bis sich beide wieder zugleich hierher gebracht sahen. Weil nämlich die Erdgeister nicht mehr unter Lameths Gewalt waren, hatte auch sein Befehl ein Ende. Die Geister mußten dem dienen, der das Wunderschloß besaß. Die ehrlichen Geister aber glaubten Lameth selbst zu dienen, wenn sie jene beiden nicht in der Einsamkeit zurückließen, sondern wieder an den Ort brachten, von dem sie diese entführt hatten. Jetzt schimpften der Wesir und der Admiral über Lameth und sagten, daß kein anderer es gewesen sei, der ihre Söhne bezaubert habe. Sie ließen daher dem Sultan keine Ruhe. Als nun der dritte Tag erschien und Lameth unter Seufzen und Tränen schweigend vor ihm stand, befahl er, daß man ihn im Hof des Schlosses aufhängen solle. Aber die Soldaten, die dem Lameth sehr gewogen waren, widersetzten sich diesem grausamen Befehl. Einige rannten aus der Hofburg hinaus und machten es dem Volke kund. Da entstand ein gewaltiger Auflauf. Die Schloßtore wurden eingeschlagen. Die Masse drang mit Wut herein und schrie, wenn Lameth sterben sollte, so wollten sie mitsterben oder aber allen die Hälse brechen, die an seinem Tode schuld wären. Da besannen sich der Sultan und die Großen des Hofes anders. Der Sultan rief in den Hof hinab, das Volk solle sich beruhigen, Lameths Leben werde ihm geschenkt. Er befahl auch auf der Stelle, ihn freizulassen. Und wirklich führten einige Vornehme, von vielem Volk begleitet, den trauernden Lameth zum Tor hinaus. Er ging ohne Freude über seine Rettung wie ein Trunkener taumelnd fort, bis er allein in einen tiefen Wald kam, wo er sich im Gebüsch niedersetzte und sein unglückliches Schicksal überlegte. Da fiel ihm plötzlich ein, daß er den trefflichen Ring noch am Finger trug, durch dessen Kraft er die Luftgeister in seiner Gewalt hatte. Schnell drehte er den Ring herum, und ein Luftgeist erschien. Lameth sprach zu ihm: »Treuer Diener, dir wird bekannt sein, daß mir ein Bösewicht das unvergleichliche Schloß geraubt und dadurch bewirkt hat, daß mein neu gebauter Palast nebst meiner geliebten Bellastra weggeführt worden ist; gewiß weißt du, wo beide sich zur Zeit befinden. Ich bitte dich, sage mir, wo ich sie antreffen und ob ich meine teure Gemahlin wiederbekommen kann.« Der Luftgeist antwortete: »Es ist der Verräter Mattetai, der dich durch List um das Schloß gebracht und sofort Bellastra in ihrem Palast nach Amerika entführt hat. Dort hat sie viel Verfolgung von diesem Bösewicht auszustehen. Dennoch sei guten Mutes, Lameth! Die Erdgeister dienen dem Zauberer nur aus Zwang und werden selbst froh sein, wenn sie von seinem Dienst erlöst werden. Wenn du aber willst, so bringe ich dich nach Amerika und dahin, wo Mattetai deine Gemahlin eingeschlossen hält. Dann mußt du ihn wieder mit List hintergehen, wie er dich hintergangen hat.« Als Lameth dies hörte, wurde er wieder lebendiger, weil er nun wußte, wo seine Bellastra zu finden war. Er bat den Geist, ihn auf der Stelle nach Amerika zu bringen. Dieser ergriff ihn, führte ihn dahin und setzte ihn in einem Palmenhain nieder, von dem aus er seinen wohlbekannten, herrlichen Palast erblicken konnte. Nun befahl Lameth seinem Luftgeist, ihm Bettelkleider zu bringen und ihn so zu entstellen, daß ihn niemand erkenne. Der Geist gehorchte, und bald war Lameth in einen armen, abgezehrten, hinkenden Bettler verwandelt, so daß sein eigener Vater ihn nicht wiedererkannt hätte. In dieser Jammergestalt wankte er aus dem Walde heraus und dem Palast zu. Sein Herz hätte ihm brechen mögen, als er Bellastra erblickte, wie sie ganz traurig zum Fenster hinaussah, den Kopf in beide Hände gestützt und in tiefe Gedanken versunken. Sie wurde den Bettler nicht eher gewahr, bis er vor ihr stand und sie um ein Almosen anflehte. Bellastra warf ihm eine Silbermünze hinunter und sagte dabei: »Betet für mich, Alter, daß ich aus meinem Elend endlich erlöst werden möge!« Der verstellte Lameth erwiderte: »Ja, schöne Frau, das will ich tun. Ich versichere Euch, es soll nicht lange dauern, so wird Euer Wunsch in Erfüllung gehen.« Bellastra sah den Alten vom Kopf bis zu den Füssen an, seufzte und sprach: »Ach, wenn du recht hättest, ich wollte für dich sorgen, daß du nimmermehr betteln brauchtest.« Der verwandelte Lameth antwortete: »Ja, wenn Ihr mir erlauben wollt, ein paar Minuten mit Euch allein zu sprechen, so könnte ich Euch gewiß dienen, denn ich weiß Euer ganzes Geheimnis.« Bellastra betrachtete den alten Bettler immer aufmerksamer. Da ihr seine Reden so bedeutsam vorkamen, sagte sie zu ihm: »Komm heute abend, wenn es dunkel ist, meine Kammerfrau soll dich zu mir geleiten.« Lameth machte eine hinkende Verbeugung und sagte: »Ja, ja, es soll dich nicht gereuen, die Tat soll meine Worte erfüllen.« Er hinkte seinen Weg in den Palmenwald zurück und wartete, bis es recht finster wurde. Unterdessen rief er seinen Luftgeist und verabredete mit ihm das Nötige. Dieser entdeckte ihm, daß Mattetai das Schloß aus der Höhle Xa Xa allezeit an einer starken goldenen Kette um den Hals hängen habe. Solange er dieses besitze, sei er nicht mit Schwert, Gift, Feuer und Strick ums Leben zu bringen. Ja, wenn man ihn zwischen zwei Mühlsteine werfen würde, müßten eher diese in Stücke springen, als daß sie ihm einen Schaden zufügen könnten. Lameth müßte daher eine List ersinnen und versuchen, den alten Zauberer durch ein starkes Getränk zu berauschen, damit er alsdann, wenn jener besinnungslos wäre, das Schloß von seinem Halse lösen und über sein Leben gebieten könnte. Weil nun Mattetai den Wein aus Kalabrien am meisten liebte, so versprach der Geist, ihm solchen zu verschaffen. Zugleich wollte er ein Gegenmittel für den bringen, der Mattetai trunken machte. Dieses sollte den Wein unschädlich machen, so daß er davon trinken könne, soviel er wollte. Dies alles sollte Lameth in Bettlergestalt seiner Gemahlin Bellastra überbringen und ihr sagen, wie sie sich dabei klug zu verhalten hätte, um den Zauberer in die Falle zu locken. Hocherfreut über den guten Rat des dienenden Geistes, ging Lameth mit sechs Flaschen kalabrischen Weines und dem wirksamen Gegenmittel, alles in einem Korb verborgen, in der Dunkelheit nach Bellastras Palast. Sie schickte auf ein verabredetes Zeichen die Kammerfrau hinab, um ihn heraufzugeleiten. Dies konnte um so leichter geschehen, da der Bösewicht auf einige Tage verreist war. Als Lameth in Bellastras Zimmer trat, fand er sie traurig auf ihrem Ruhepolster sitzen. Sie redete ihn also an: »Wie ist's, guter Alter, kommt ihr, Euer Wort zu erfüllen und mir ein Mittel an die Hand zu geben, wie ich von meinem Elend loskommen könne?« Lameth erwiderte: »Tut, was ich Euch sage, wenn morgen Mattetai zurückkehrt, so trachtet dahin, daß er sich an diesem Weine berausche, den ich hier mitbringe, seht, das sind sechs Flaschen des besten kalabrischen Weines, den trinkt er am liebsten. Sprecht ihm zu, ja, muntert ihn durch Euer eigenes Beispiel auf zu trinken, bis seine Sinne ihn verlassen. Ehe Ihr selbst aber zu trinken anfangt, nehmt dieses Gegenmittel ein, das ich Euch hier übergebe und das Euch vor den Wirkungen des Weines bewahren soll. Ist Mattetai betrunken, so gebt mir mit einem weißen Tuch ein Zeichen zum Fenster hinaus. Dann will ich kommen und Eurem Elend ein Ende machen.« Bellastra hörte ihm mit Freuden zu und versprach, allen Verstand zusammenzunehmen, um den Anschlag glücklich auszuführen. Der vermeintliche Bettler stellte die Flaschen mit Wein und das Fläschchen mit dem Gegenmittel auf den Tisch, wünschte ihr Glück zu ihrem Vorhaben und ging seines Weges. Bellastra sann die ganze Nacht über das Spiel nach, das sie vorhatte. Als es Tag wurde, legte sie ihre schönsten Kleider an und erwartete den Zauberer, der auch bald kam. Sie ließ ihn sogleich durch ihre Kammerfrau rufen und redete ihn bei seinem Eintritt ganz freundlich also an: »Mein Freund, da ich mich so lange vergeblich gegrämt habe und doch nicht zu den Meinigen zurückgelangen kann, so habe ich mich entschlossen, mein übriges Leben nicht in gleicher Traurigkeit zuzubringen. Wenn Ihr Euch daher künftig in meine Launen schicken und meine gewohnte Lebensart annehmen wollt, so will ich Euch zu meinem Gemahl nehmen.« Mattetai wallte das Herz im Leibe vor Freude, als er die Prinzessin so sprechen hörte, denn früher war sie allezeit vor ihm geflohen und hatte mit Wort und Tat auf alle Weise ihren Widerwillen gegen den Bösewicht ausgedrückt. Er konnte nicht Worte genug finden, Bellastra zu versprechen, daß er sich in allem ihrem Befehl unterwerfen werde, und brachte dabei einen närrischen Haufen von Worten untereinander her, so daß sie sich kaum des Lachens enthalten konnte. Sie unterbrach ihn daher und sprach: »Ich glaube alles, was Ihr mir sagt, nur eines macht mir Zweifel. Ihr wißt nicht, daß ich am türkischen Hof erzogen worden bin, wo man heimlich allezeit wacker zu trinken pflegt. Da möchte ich denn wissen, wenn mich die Lust dazu ankommen wird, ob Ihr mir dies auch zulassen und mir wacker Bescheid tun werdet.« Mattetai antwortete lachend: »Oho, wenn es nichts weiter ist als dieses, so werden wir bald miteinander einig werden. Ich hasse den Trunk auch nicht, und Euch zuliebe wollte ich einen ganzen Becher voll Gift austrinken. Warum sollte ich Euch nicht bei einem guten Glase Weins Bescheid tun, denn Schlechtes werde ich bei Euch doch nicht zu trinken bekommen!« Bellastra erwiderte: »Nein, schlechte Weine mag ich auch nicht, aber der Wein aus Kalabrien ist mein Leibtrunk.« Da lachte Mattetai wieder und sprach: »Potz Element, da taugen wir gut zusammen, den Wein aus Kalabrien liebe ich mehr als alle anderen.« Bellastra sagte: »Nun, so kommt her und setzt Euch zu mir!« Sie stand auf und nahm die sechs Flaschen, eine nach der anderen, aus dem Schrank. »Laßt uns um die Wette zechen! Aber es fehlt noch ein Glas.« Mattetai erhob sich, warf einen zärtlichen Blick auf die Fürstin und ging, um schöne Becher zu holen. Diesen Augenblick benützte Bellastra, nahm das Fläschchen mit dem Gegenmittel aus dem Schrank und tat geschwind einen kräftigen Zug daraus. Gleich darauf kam der Zauberer mit dem Pokal, und Bellastra schenkte ihm ein. Sie sprach: »Dies auf mein Wohlsein getrunken, Freund!« Und Mattetai ließ sich nicht lange bitten. So leerten sie eine Flasche nach der anderen, und der Zauberer konnte sich über die Ausdauer Bellastras nicht genug wundern. Denn als sie an die vierte Flasche kamen, wurde ihm bereits taumelig im Kopfe. Bellastra schien zu bedauern, daß sie nur noch zwei Flaschen übrig habe. Sie sprach und trank ihm dabei wacker zu. Die letzte Flasche goß sie gar nicht in die Pokale, sondern setzte sie an den Mund und trank sie zur Hälfte auf Mattetais Gesundheit aus. Dann stellte sie ihm den Rest hin und sprach: »Trinkt das auf meine Gesundheit, Lieber! Dann wollen wir zur Ruhe gehen.« Mattetai, von Liebe und Wein trunken, ergriff die Flasche. Ehe er sie jedoch an den Mund setzen konnte, fiel er im Rausch zu Boden und ließ auch die Flasche fallen, daß sie in tausend Stücke zersprang. Bellastra rüttelte den Liegenden, als wollte sie ihm helfen, eigentlich aber nur um zu sehen, ob er auch tief genug berauscht sei. Als sie merkte, daß er völlig bewußtlos war, öffnete sie das Fenster und gab das Zeichen mit dem Tuch, der lahme Bettler flog die Treppe hinauf und wurde von der Kammerfrau in das Gemach geführt, in dem der böse Mattetai wie ein Stein auf dem Boden lag. Lameth hieß nun seine Gemahlin und ihre Kammerfrau hinausgehen. Dann fiel er über den Zauberer her, riß ihm das Oberkleid auf und suchte das Schloß, das er auch sogleich an seiner Brust fand. Er zog es ihm samt der Kette ab und drehte den Schlüssel schnell um. Die Erdgeister erschienen sofort und fragten tanzend und springend vor Freuden: »Würdiger Besitzer des unschätzbaren Schlosses, was befehlt Ihr?« Lameth sagte: »Nehmt hier dem boshaften Zauberer das Leben!« Keinen angenehmeren Befehl hätte Lameth seinen dienstbaren Geistern geben können. Zwei ergriffen ihn bei den Händen, zwei bei den Füssen und zerrissen ihn in vier Stücke. Schnell drehte Lameth seinen Ring um. Die Luftgeister kamen und trugen auf seinen Befehl den zerrissenen Leib des Zauberers hinaus in alle Erdteile der Welt, dann mußten sie das Zimmer reinigen, ihm selbst seine vorige Gestalt wiedergeben und ihm die früher getragenen Fürstenkleider wieder anlegen. Dann mußten sie den Palast mit allem was darin war auf der Stelle wieder nach Konstantinopel versetzen und die von Mattetai verwandelte Dienerschaft wieder herbeischaffen. Nachdem alles geschehen und die Diener wieder zur Stelle waren, rief Lameth seine geliebte Bellastra. Als sie in das Zimmer trat, erwartete sie den hinkenden Bettler vorzufinden, doch da erblickte sie ihren schönen Gemahl und warf sich ihm in die Arme. Lameth erzählte ihr, daß er den Bettler vorgestellt habe und wie alles ergangen sei. Die Diener stürzten herbei, um ihren Herrn zu grüßen. Ein gutes Nachtmahl wurde bereitet, und alle waren guter Dinge. Als Bellastra in der Frühe erwachte, fiel ihr erster Blick zum Fenster hinaus und wieder auf die Stadt Konstantinopel. Der Sultan aber, der nach seiner Gewohnheit früh aufstand und an das Fenster trat, sah den Palast wieder an der alten Stelle stehen. Außer sich vor Freude kleidete er sich eilends an und begab sich mit seiner Leibwache an den Ort. Hier flog ihm seine Tochter Bellastra entgegen, bewillkommnete ihren Vater mit kindlicher Freude und reinigte ihren Gemahl von aller Schuld, indem sie die Begebenheit der Wahrheit gemäß erzählte. Der Großsultan schämte sich seiner Übereilung und empfing Lameth, der zu seiner Begrüßung herbeigeeilt war, aufs zärtlichste. Großwesir und Admiral, die ihn hatten töten wollen, warfen sich dem Wiedergekehrten zu Füssen und erhielten Verzeihung. Lameth und Bellastra lebten viele Jahre in Glück und Frieden. Das Schloß aus der afrikanischen Höhle Xa Xa aber wurde von Lameth besser verwahrt als zuvor, und er blieb des unschätzbaren Kleinods ruhiger Besitzer bis an sein Ende. Kaiser Oktavianus Als der König Dagobert in Frankreich regierte, war zu Rom ein gewaltiger Kaiser, Oktavianus genannt. Dieser hatte eine Gemahlin, die als die schönste und klügste Frau gepriesen wurde. In aller Menschen Augen erschien sie lieblich und tugendsam, und das römische Volk war ihres Lobes voll. Der Kaiser und seine Gemahlin wohnten glücklich beieinander; lange Zeit jedoch war ihre Ehe mit keinen Kindern gesegnet. Endlich aber gebar die Kaiserin zwei Söhne auf einmal; schönere und lieblichere Knaben konnte man nicht sehen. Das ärgerte des Kaisers Mutter, denn sie war ihrer Schwiegertochter sehr feind. Darum dachte sie darauf, in die schöne Saat Gift zu säen. Nachdem sie vergebens versucht hatte, dem Kaiser Zweifel gegen die Treue seines Weibes einzuflössen, bestach sie einen unehrlichen Diener, daß er sich in das Gemach der schlummernden Kaiserin schlich und dort von dem Kaiser, den das tückische Weib gerufen hatte, betreffen ließ. Der Kaiser, in großem Zorn, zog sein Schwert; doch bedachte er sich und wollte sie nicht im Schlaf ermorden. »Warum tötet Ihr sie nicht?«, sprach die alte Mutter zu ihrem Sohne. »Ist sie Euch nicht überwiesen genug? Folget meinem Rat und bringet beide um.« Dem Knechte aber hatte das falsche Weib verheißen, es sollte ihm kein Leid widerfahren. Oktavianus antwortete seiner Mutter: »Es will sich nicht geziemen, daß ein Kaiser jemand unerhört im Schlafe hinrichte.« Er sah dabei seine fromme Gemahlin, welche so sanft schlief wie eine, die nichts Arges im Herzen hat, unverwandt an. Indem nun der Kaiser vor ihr stand, kam ihr ein schwerer Traum vor die Seele. Ihr deuchte, ein starker Löwe nahe sich, werfe sie auf die Erde nieder, reiße ihren schneeweißen Schleier ab und zerre ihn in Stücke. Alsdann fasse er ihre beiden Kinder an, sie wegzutragen. Da fing sie laut an zu schreien: »Ach Gott, meine lieben Kinder! Wer will mich an dem starken Löwen rächen?« Indem sie so schrie, erwachte sie und sah den Kaiser mit bloßem Schwerte vor sich stehen. Doch nicht dieses machte ihr Not, sondern sie suchte nur nach ihren Kindern, ob sie noch da wären. Da erblickte sie den Diener neben sich und schrie mit lauter Stimme: »Ewiger Gott! Wer hat mich so verraten? Wer ist dieser Mensch? Ich habe ihn nie gesehen!« – »Ach, liebe Frau«, sprach da des Kaisers falsche Mutter, »es ist ja der, den Ihr so lange lieb gehabt habt, und den Ihr jetzt in des Kaisers Abwesenheit habt rufen lassen. Aber der Kaiser«, fuhr sie fort, »mein Herr und Sohn, ist es längst gewahr geworden, und du magst immerhin leugnen. Du Dirne, deine Sache ist endlich an den Tag gekommen!« Die arme Kaiserin rechtfertigte sich unter Seufzen und Weinen, und der Kaiser selbst war so betrübt, daß er lieber hätte tot sein wollen. Doch sprach er: »Wer ist, der seine Frau mit einem Buben findet und nicht glauben wollte, daß sie an ihm treubrüchig geworden?« Die Kaiserin konnte nicht mehr sprechen, sie weinte nur. Der Kaiser aber ergrimmte und sprach: »Frau, Euer Weinen hilft Euch nichts; denn ich habe die Sache mit meinen eigenen Augen gesehen!« Darauf rief er Ritterschaft und Diener herbei und sprach zu ihnen: »Ihr sehet, liebe Herren, die ehrlose Tat, deren sich meine Frau wider mich schuldig gemacht hat. Darum nehmet sie mitsamt ihren Kindern gefangen und werfet sie in das tiefste Gefängnis!« Als die Kaiserin nun von den Dienern weggeführt worden war und der Kaiser sich mit dem falschen Knecht allein sah, kam ihn ein solcher Grimm an, daß er ohne Verhör und Verantwortung ihm sein Haupt mit dem Schwerte spaltete. Am andern Morgen ward der Leichnam hinausgeschleift und an den Galgen gehenkt. Hierauf ging der Kaiser weiter zu Rate, was mit der Kaiserin und ihren zwei Kindern, die er nicht mehr für die seinigen hielt, zu tun wäre; er gedachte, sie alle drei verbrennen zu lassen. Als nun die Herren zu Rate saßen, stellte ihnen der Kaiser die Schmach vor, welche seine Gemahlin an ihm begangen hätte, und verkündigte ihnen seinen Entschluß. Wie er seine lange Rede geendet, sahen die Räte einander an, und keiner wollte zuerst sprechen. Endlich wagte es der Älteste, welcher sich immer mehr um das Tun und Lassen der Kaiserin bekümmert hatte als die andern, und sprach: »Gnädiger Herr! Ihr verlangt, wir sollen die Kaiserin verurteilen und doch ist die Tat noch nicht bezeugt. Auch hat sich die Beklagte noch nicht verantworten können, und es kann zudem Verrat im Spiel sein.« Jetzt wagte es auch ein anderer und sprach: »Gedenkt, Herr, an den Eid, den Ihr der Kaiserin geschworen, als Ihr sie zur Ehe begehrtet: daß Ihr ihren Leib schirmen wollet wie Euern eignen. Nun ist diese Tat nicht bezeugt, und wissen wir nicht, ob nicht Neid und Verrat im Spiele sind. Darum seht zu, daß Ihr nicht treulos an Eurer Frau werdet und Euren Eid an ihr nicht brecht!« Alle Räte traten dieser Meinung bei, so daß niemand mehr auf der Seite des Kaisers war als seine alte Mutter, die ihm stets anlag, er sollte die fromme Kaiserin, die mit ihren wimmernden Kindern hart gefangen lag, verbrennen. Die arme Frau im Kerker gab den Kindern manchen Kuß und sprach: »Liebe Kinder, was haben wir unserem Gott getan, daß wir so unschuldig sterben müssen?« Als drei Tage um waren, versammelte der Kaiser seine Räte wieder und begehrte, daß sie das Urteil über die Kaiserin sprechen sollten. Da die Räte des Kaisers Ernst sahen, sprachen sie einmütig: »Allergnädigster Herr! Seht zu, was Ihr tut. Wir können die fromme Kaiserin auf keine Weise verurteilen und haben nichts über sie gefunden; werdet nicht meineidig an ihr. Unser Rat wäre, Ihr solltet die Unschuldige zufrieden lassen und die beiden Knaben aufziehen, bis sie den Harnisch tragen könnten und man sähe, was aus ihnen wird.« Der Kaiser besann diese Worte; denn er hatte sie sehr lieb gehabt. Doch fiel ihm der Diener wieder ein, von dem er meinte, daß sie so lange mit ihm gebuhlt hätte, so daß er seine eigenen Kinder nicht für solche anerkennen mochte. Da ging er zu seiner Mutter und fragte sie. Diese schalt die Räte meineidige Bösewichter und drang in ihn, Mutter und Kinder verbrennen zu lassen. Nun fügten sich die Obersten und Räte, als sie sahen, daß der Kaiser unerbittlich war. Jetzt wurde ein großes Feuer vor der Stadt Rom aufgemacht, und dreißig Stadtknechte erhielten den Befehl, die Kaiserin samt ihren zwei Kindern aus dem Gefängnis zu holen und vor die Stadt hinauszuführen. Reich und arm, jung und alt, wer es mitansah, hatte ein großes Mitleiden mit der hohen Frau und den zwei unschuldigen Kindern. »Liebe Männer«, sprach die Kaiserin zu den Dienern, als sie das Feuer von ferne auflodern sah, »saget mir um Gottes willen, was wird man mit mir und meinen Kindern anfangen?« Da erhub sich einer unter den Stadtknechten und sprach: »Weh mir, daß ich es Euch sagen soll! Aber wißt, daß der Kaiser uns befohlen, Euch und Eure beiden Kinder zu verbrennen.« Da das die Kaiserin hörte, erschrak sie, doch wandte sie sich zum Gebet und sprach: »Allmächtiger Gott! Wer weiß, womit ich es verdient habe; wenn es dein Wille ist, so mag ich ihm nicht widerstreben!« So kam sie unter Weinen und Beten vor den Kaiser und die andern Herrn, die ein großes Erbarmen mit ihr hatten. Der Kaiser aber, sobald er ihrer ansichtig wurde, hieß sie samt ihren Kindern ins Feuer werfen. Und doch war es ihm, als wollte ihm sein Herz vor Leid zerspringen; denn er hatte sie sehr lieb gehabt. Die arme, gefangene Frau fiel vor dem Kaiser aufs Knie und mahnte ihn an seinen Eid. Alle Menschen, die zugegen waren, fingen an zu weinen, besonders die Armen, denen sie täglich viele Almosen ausgeteilt hatte. Der Kaiser sah seine Frau ganz traurig an, als er sie so kläglich weinen und doch so willig zum Tode sah. Auch die unschuldigen Kinder dauerten ihn, so daß er sehr bestürzt wurde und lange nicht wußte, was er tun sollte; denn es stieg ihm der Gedanke auf, daß er ihr vielleicht doch Unrecht tue. Seine Mutter aber schrie: »Sohn und Kaiser, was zögert Ihr? Lasset sie ins Feuer werfen; denn sie hat es längst verdient!« Da antwortete ihr der Kaiser und sprach: »Mutter, Ihr habt unrecht; denn als ich sie zur Ehe nahm, schwur ich einen Eid, ihr Leib und Leben zu beschirmen. Den Schwur muß ich halten, darum wird sie nicht verbrannt.« So rettete die Frau des Kaisers Eid. »Steht auf«, sprach er, »ich habe mich über Euch erbarmt; verlaßt mein Reich mit Euren beiden Kindern. Wo Ihr weiter in meinem Lande gefunden werdet, werde ich Euch verbrennen lassen!« Die fromme Kaiserin erholte sich bei diesen Worten von ihrer großen Angst und sprach: »Herr, wenn es so sein muß, so bitte ich Euch: gebt mir einen frommen Mann zum Begleiter, damit ich auf der Strasse nicht verunehrt werde. Aber wie dies sei, so weiß ich doch, daß durch mich weder Eure noch meine Ehre befleckt worden ist!« Aber da half keine Verantwortung mehr. Der Kaiser kehrte sich um, er konnte vor Weinen kein Wort mehr reden. Seine Gemahlin fiel ohnmächtig zur Erde, wurde jedoch von den edeln Frauen bald wieder aufgehoben. Als sie wieder zu sich kam, nahm sie ihre zwei Kinder auf die Arme und rüstete sich zum Wandern. Von Seiten des Kaisers wurde ihr ein starkes, wohlgesatteltes Pferd vorgeführt und hundert Kronen zur Zehrung mitgegeben. Fünf frommen und mitleidigen Rittern ward der Auftrag erteilt, sie aus dem Lande zu führen und sie, wie sie eidlich versprechen mußten, in einem öden Wald an der Reichsgrenze, der voll wilder Tiere und Mörder war, sich selbst zu überlassen. Als sie hier angekommen waren, schieden die Ritter von ihr und befahlen sie Gott. Die Kaiserin dankte ihnen herzlich für ihr Geleit und sprach: »Grüßt mir meinen lieben Herrn, den Kaiser, noch einmal zuletzt; sagt ihm, er werde mich nun nimmer wiedersehen, und meldet ihm, daß ich seine zwei Söhne, welche wahrlich sein Fleisch und Blut sind, mit mir trage. Wenn mich Gott behütet, so will ich sie ritterlich erziehen.« Die Ritter hatten sie verlassen, und die Kaiserin überlegte, welchen Weg sie einschlagen sollte. So zog sie in Gedanken fort und verlor bald die rechte Strasse. Als sie weit geritten war, kam sie auf einen Fußpfad, der sie zu einem hohen Felsen führte, an dem sie einen schönen Brunnen fand; über dem Brunnen stand ein Baum, der duftete lieblich wie Balsam. Sowie die Kaiserin den Born erblickt hatte, stieg sie von ihrem Pferd und nahm ihm das Gebiß aus dem Maul, daß es von den Kräutern im Walde weiden konnte; denn Heu und Haber war nicht vorhanden. Die Verirrte sah um sich, und da sie keinen Menschen sah, verfiel sie in tiefe Kümmernis; doch erfreute sie wieder ein Blick auf ihre zwei Kinder, die küßte sie und legte sie nieder in die schönen Blumen und in das Gras. Dann labte sie sich mit einem Trunk des köstlichen Wassers aus dem Brunnen und aß von den Speisen, die ihr aus des Kaisers Küche mitgegeben waren. Und jetzt setzte sie sich nieder und überdachte ihr großes Leid; aber sie war so müde, daß sie bald einzuschlafen begann. Nun hielten sich in jenem Walde viel wilde Tiere auf. Als daher die Kaiserin mit ihren beiden Kindern eingeschlafen war, kam von ungefähr ein großer und starker Affe, der sah die Kinder so lieblich schlummern. Da bekam er große Lust, das eine Kind zu stehlen, schlich deswegen zu den Kleinen heran und erwischte behend das eine; mit dem eilte er durch den Wald, so lange, bis er zu einem grünen Platz kam; dort setzte der Affe es nieder und wollte das Kind nackt sehen, deswegen wickelte er es aus den Windeln, bis es ganz bloß vor ihm lag. So saß er vor dem Kinde, fing an, freundlich zu grinsen, und bleckte die Zähne, kurz, er gebärdete sich, wie eine Mutter gegen ihr Kind tut, und meinte, das Kind sollte auch gegen ihn lachen. Aber das Kind fing an zu weinen und zu schreien. Nun fügte es Gott, daß ein Ritter mit seinen Dienern sich auch in dem Walde verirrt hatte. Der Ritter kam getrabt, seine Knechte voran, die ihm Bahn machen und ihn vor dem Angriff der Mörder und der Bestien schirmen sollten. Als nun der Ritter den Affen gewahr wurde, der ein nacktes Kind mit seinen Tatzen handhabte, sprengte er mit seinem Pferde hinzu, zog sein Schwert und schrie: »Ei, Meister Affe, laß das Kind los!« Sobald der Affe den Ritter sah, machte er einen Satz auf den Ritter zu und wollte ihn vom Pferde zerren, ja er riß ihm ein großes Stück aus dem Rock. Der Ritter aber, der ein starker und beherzter Mann war, führte einen so sichern Streich, daß er dem Affen den rechten Arm vom Leibe hieb. Als der Affe diese Verstümmelung empfand, sprang er vor Schmerz und Zorn wohl zehn Schuh hoch. Zugleich schlug das Pferd des Ritters hintenaus und traf den Affen so hart an die Seite, daß er zur Erde fiel. Jetzt sprang der Ritter behend auf seine Füße, hieb dem Affen den Kopf ab und nahm das Kind auf sein Pferd. Bald hatte er seine Diener eingeholt; er erzählte ihnen zu ihrer Verwunderung die Geschichte, und so ritten sie miteinander durch den Wald, obwohl sie Strasse und Fußpfad verloren hatten. Endlich gerieten sie unter eine Rotte Mörder, die daselbst schon manchen braven Mann beraubt und getötet hatten. Der Ritter, als er sich von den Räubern dicht umringt sah, rief Gott um Beistand an und sparte sein Schwert nicht; einem schlug er sein Haupt ab, drei andere verwundete er so, daß sie ihre Waffen fallen lassen mußten. Als die übrigen Mörder, deren noch sechse waren, dies sahen, schrien sie dem Ritter zu, er sollte stillehalten und das Kind liegen lassen; denn er habe es gewiß einem mächtigen Fürsten gestohlen. Der Ritter aber sprach: »Nein, ihr Bösewichter; wollt ihr die Wahrheit hören, so wisset, daß ich das Kind einem Affen abgenommen habe; ich kann euch die Stelle zeigen, wo ich das Tier erlegt habe!« Jetzt meinten die Mörder erst recht, es müsse eines großen Herren Kind sein, weil der Ritter so albern lüge; sprengten von neuem auf ihn ein und wollten eher sterben als das Kind dahinten lassen, so daß am Ende der Ritter und seine Diener, obwohl sie einige verwundet und umgebracht, sich genötigt sahen, das Kind zu verlassen und davonzureiten. Nachdem die Mörder sie vergebens verfolgt hatten, kehrten sie zu dem Kinde zurück und warfen das Los, welcher unter ihnen es tragen sollte. Das Los fiel auf den Vornehmsten der Räuber. Dieser trug das Kind, bis es ihm zu schwer wurde. Dann sprach er zu seinen Gesellen: »Liebe Freunde, gebt mir einen Rat, was wollen mir mit dem Kinde anfangen? Seine Schönheit zeigt, daß es nicht von niedriger Geburt ist. Ich meine, wir sollten es an das Gestade des Meeres bringen und dort verkaufen; denn da finden sich Kaufleute aus Frankreich und andern Ländern, die vielleicht das Kind in Betracht seiner Schönheit uns wohl bezahlen werden.« Indem nun die Mörder dem Meeresufer zugehen, finden sie unterwegs den Affen tot liegen, wie ihnen der Ritter gesagt hatte. »Fürwahr«, sprach einer zu dem andern, »der Ritter hat die Wahrheit gesagt; er hat das Kind ritterlich erlöst und erobert.« Dessen ungeachtet behielten sie das Kind; denn was sollten sie jetzt anderes tun, und eilten ans Gestade zu den Kaufleuten, die sie bald fragten, ob ihnen das Kind feil sei. Ein Kaufmann fragte: »Wie hoch schlagt ihr das Kind an?« Die Mörder sprachen: »Es kann kein schöneres Kind auf der Erde gefunden werden. Wir wollen es Euch um vierzig Pfund geben.« Die Kaufleute fanden das Kind zu teuer. »Behaltet es nur«, sagten sie, »ihr habt es doch aus eines Biedermanns Hause gestohlen.« – »Nein«, erwiderten die Räuber, »wir haben es einem Ritter abgejagt, der hat es von einem Affen erlöst, den er totgeschlagen.« – »Liebe Herren«, sprachen da die Kaufleute, »wollt ihr zehn Pfund, damit ist es unser Ernst. Bedenkt's, der erste Kauf ist der beste!« Dafür wollten die Mörder das Kind nicht geben. Nun war in diesem Kaufmannsschiffe ein frommer Pilger, Klemens genannt, der sah sich das Kleine an und fand es schön; dachte, es werde wohl adliger Abkunft sein. Er faßte auch eine solche Liebe zu dem Kinde, daß er nach kurzen Worten mit den Räubern eins wurde und ihnen dreißig Kronen dafür gab. Als die andern Kaufleute dies sahen, spotteten sie des Klemens und sagten: »Fürwahr, Ihr scheint Geld genug zu haben, daß Ihr so teuer einkauft!« Klemens achtete aber nicht darauf. Erst als das Schiff sein Ziel erreicht hatte, wo Klemens und die andern Pilger dann zu Fuße gehen mußten, wollte den Pilger, als er den Knaben auf dem Rücken hatte, sein Geld auch reuen. »Was bin ich für ein närrischer Mann«, sagte er zu sich selbst, »daß ich mir solche Mühe aufgeladen und ein Kind gekauft habe, das ich tragen muß.« Doch dachte er wieder: »Gott hat mir das Kind beschert, so will ich's annehmen; hab' ich doch daheim nur einen einzigen Sohn bei meinem Weibe gelassen und weiß nicht einmal, ob er noch am Leben ist oder nicht. Das Kind ist so hübsch; daheim habe ich Geld genug, es zu erziehen. Drum sei es!« Und so nahm er den Knaben, gab ihm einen Kuß, hängte ihn wieder auf seinen Rücken und zog durch Frankreich. Als das Kind ihm zu beschwerlich wurde, kaufte er ihm einen Esel und mietete eine Wärterin, die er, mit dem Knaben im Arm, auf das Tier setzte, und so wanderte er auf Paris zu wie ein Zigeuner. Dort wurde er namentlich von seinen besten Freunden aufs herrlichste empfangen. Als er aber gefragt wurde, woher er denn das schöne Kind bringe, antwortete er: »Ich habe es jenseits des Meeres erobert: seine Mutter ist auf dem Wege gestorben; deswegen mußte ich diese Frau bestellen, obgleich sie aus einem andern Lande ist als das Kind; wäre seine Mutter gesund geblieben, die hätte ich lieber mit mir gebracht als diese alte Frau!« So sprach der ehrliche Klemens lachend und zog weiter nach der Vorstadt St. Germain, wo seine Wohnung war. Hier wurde ihm von seiner Hausfrau große Ehre bewiesen. Die gute Frau meinte, das Kind gehöre einem großen Herrn in Frankreich, welcher es ihrem Manne zur Erziehung anbefohlen habe. Sie fragte auch nicht weiter danach, wie weise Frauen zu tun pflegen, sondern sie lebten freundlich miteinander, ließen das Kind taufen und Florens nennen und zogen es gut auf. Florens aber war schön, wuchs lustig heran und wurde in kurzer Zeit stark und männlich. Wir haben gehört, wie die Kaiserin bei dem Brunnen eingeschlafen war und das eine Kind ihr von dem Affen gestohlen wurde. Sie schlief noch, als bald darauf eine Löwin durch den Wald gelaufen kam und das andere Kindlein bei seiner Mutter schlummern sah; sie schlich hinzu, nahm das Kind in den Rachen und wollte es ihren jungen Löwen zu essen bringen. Indem sie nun das Kind mit den Zähnen faßte, erwachte die Kaiserin und sah, wie das reißende Tier das eine ihrer Kinder von dann trug und ihr anderes nicht mehr da war. Sie meinte nicht anders, als dieses hätte die Löwin schon gefressen, und das andere werde sie auch zerreißen. Deswegen fing sie an zu weinen und nach Gott zu schreien, nahm das weidende Pferd, setzte sich darauf und tat einen Schwur, daß sie nicht aufhören wollte zu reiten, bis sie die Löwin eingeholt und sich an ihr gerächt hätte. Die Löwin aber rannte vor ihr her und hörte nicht auf zu laufen, bis der Wald zu Ende war, so schnell, daß die Kaiserin nicht nachfolgen konnte und das Tier aus den Augen verlor. Doch bekam diesem seine Beute auch nicht gut; denn sowie die Löwin den Wald verließ, ward sie von einem gewaltigen Greifen erblickt, der wütend auf sie zuflog und sie mitsamt dem Kinde so heftig mit seinen Klauen packte, daß die Löwin sich nicht zu regen vermochte. Der Greif schwang sein Gefieder mächtig, flog über Berg und Tal, Wald und Wasser, und endlich eilte er einer Insel zu. Die Löwin aber wollte nicht von dem Kinde Lassen; denn Gott hütete es, und so behielt sie es in ihrem Rachen, bis sich der Greif auf einem meerumflossenen Eilande zur Erde niederließ. Da legte die Löwin das Kind in den Sand und ergriff den Vogel Greif im grimmigen Zorn so scharf beim Hinterfuße, daß er entzweibrach. Der Greif fiel zur Erde nieder vor Schmerz; doch wehrte er sich, so gut er konnte: er schlug auf die Löwin mit Flügeln und Klauen ein wie ein erbittertes Tier, aber es half nichts; die Löwin stürzte mit Hast auf den Vogel und zerriß ihn; so wurde er der Stärkeren Speise. Nachdem die Löwin satt war von des Greifen Fleisch, legte sie sich neben dem Kinde nieder, als ob sie bei ihren jungen Löwen wäre. Das Kindlein aber erreichte das Euter der Löwin, und als es spürte, daß es voller Milch war, hub es an zu saugen. So ward das Kind gespeist; denn Gott der Herr wollte es nicht verderben lassen. Hierauf grub die Löwin eine tiefe Grube in der Insel mit ihren spitzen Klauen, nahm das Kind, trug es in die Grube und blieb bei ihm acht Tage und Nächte. Sie leckte es mit der Zunge, damit es gesäubert würde, und von ihrer langen Mähne machte sie ihm ein Bett, darin es gut lag. Trinken konnte es, wann es wollte, und war die Löwin hungrig, so aß sie von des Greifen Fleisch. Nun begab es sich, daß Schiffsleute, denen der Wind ungünstig war, genötigt wurden, mit ihrem Fahrzeug an der Meeresküste zu landen, wo eben die Kaiserin ihr Kind und die Löwin suchte. Sie hörte das Geschrei, eilte herbei und sah, wie die Pilger mit ihrer Galeere ans Land gefahren waren. Die Seefahrer kamen ihr vor wie Christenleute, daher sprach sie zu ihnen: »Liebe Herren, wo wollet ihr hinreisen? Ich komme aus fernen Landen und bin eine arme verirrte Frau, ich weiß nicht, wo in der Welt ich bin und wo ich hinsoll!« – »Frau«, antworteten ihr die Schiffsleute, »wir wollen in das Heilige Land fahren; wenn der Wind uns nicht zuwider ist, so hören wir nicht auf zu schiffen, bis wir nach Jerusalem kommen.« Da bat die Frau aufs inständigste, sie doch mitzunehmen, bis der Patron und die Schiffsleute ihr gestatteten, sich zu ihnen in die Galeere zu setzen; und als das Meer still wurde, fuhren sie weiter. Die Pilger wurden der schönen Frau bald geneigt, und als sie in sie drangen, ihnen zu sagen, wie sie an diese wilde Stätte gekommen wäre, fing sie an, ihnen ohne Hehl zu berichten, wer sie sei und wie es ihr ergangen. Sie waren wieder eine gute Weile geschifft und eben der Insel gegenüber, auf welche die Löwin samt dem Kinde von dem Greifen getragen worden war, als der ungünstige Wind sie wieder ergriff und zu ankern nötigte. Es waren unter den Pilgern einige kühne Leute, die an Land gingen. Als sie nun so hin und der wandelten, kamen sie vor die Höhle, worin jene Löwin lag und schlief. Die Pilger sahen das schöne Kind in der Grotte liegen und hatten sich von ihrem Staunen noch nicht erholt, als die Löwin erwachte und mit einem gräßlichen Satze aufsprang, so daß die Pilger kaum fliehen konnten und außer Atem auf dem Schiffe ankamen. Die andern Pilger, die sie so atemlos daherkommen sahen, fragten sie nach der Ursache und nun meldeten jene, was sie erblickt hatten, und bejammerten es, daß sie das Kind nicht erretten konnten. »Denn wenn auch die alte Löwin es schont«, sprachen sie, »so werden doch die jungen Löwen es später auffressen!« Als die Kaiserin das hörte, sagte sie: »Ach, liebe Männer, Gott sei gelobt, daß ich das höre; denn es ist fürwahr mein Kind, das die Löwin hinweggetragen hat! Laßt mich zu ihm!« Die Pilger stellten der Frau das Verderben vor, das ihrer bei der Löwin warte. »Was wollt Ihr von uns ziehen«, sprachen sie, »erbarmt Euch über Euch selbst und laßt das Kind fahren. Es ist besser, ein Mensch sterbe als zwei!« Da sie sich aber nicht wehren ließ, sagten die Pilger: »Nun, wenn Ihr es durchaus wollt, dort sitzt ein Priester, beichtet ihm; denn Ihr geht dem Tod in den Rachen, und bittet Gott, daß er Euch helfen möge!« Die Kaiserin kniete vor dem Priester nieder, beichtete und empfing den Segen; dann bat sie die frommen Pilger, zu warten, und trat ans Land. Es währte nicht lange, so kam sie zu der Grube. Da erblickte sie ihr Kind, welches mit der Löwin spielte und fröhlich war. Als die Frau das sah, erschrak sie, fiel nieder auf die Knie und beschwor die Löwin: »Ich sage dir bei Gott, dem Allmächtigen, bei seinem Sohn und seinem Tod am Kreuz, daß du keine Macht und Gewalt über mich habest.« Kaum hatte die Kaiserin diese Worte gesprochen, als die Löwin wie ein gehorsames Haustier das Kind vor sich auf den Boden legte. Nun ging die Kaiserin ohne Furcht in die Höhle, umarmte das Kind, küßte es wieder und wieder und trug es auf den Armen nach dem Schiffe. Die Löwin, die sich ihres Kindes beraubt sah, folgte traurig nach und wollte mit in die Galeere; die Pilger aber fürchteten sich und wollten sich zur Wehre setzen und auch die Kaiserin nicht einlassen. Diese gab jedoch so guten Bericht über das Tier, daß wenigstens sie selbst auf das Schiff zugelassen wurde. So stießen sie schnell von Land; die Löwin wollte auch in das Schiff hineinspringen, aber der Sprung fehlte; denn die Schiffsleute waren zu behend. Da schwamm das Tier neben dem Schiffe her. Die Pilger spannten eilig die Segel auf, um zu entfliehen; aber es half nichts; die Löwin klammerte sich mit ihren spitzigen Klauen und scharfen Zähnen an das Schiff und versuchte von Zeit zu Zeit den Sprung, bis es ihr endlich gelang. Die Pilger schrien vor Entsetzen. »Beschirmt uns vor der Löwin«, riefen sie die Frau an, »sonst werfen wir Euch samt dem Kind über Bord.« – »Fürchtet nichts!«, sprach die Kaiserin. Und wirklich ging die Löwin mitten durch die Pilger hindurch wie ein zahmer Hund, bis sie zu der Kaiserin kam. Als sie das Kind auf der Fürstin Arm erblickte, hob sie den Kopf über sich zum Zeichen, daß sie dem Kinde wohlwolle. Hierauf legte sie sich der Kaiserin zu Füssen und verließ sie nicht mehr. Die Kaiserin sorgte von nun an für die Löwin. Die Löwin aber beschirmte sie, daß ihr auf dem ganzen Wege von dem Schiffsvolk kein Leid geschah; und als nur einmal einer es wagte, der Herrin auf unziemliche Weise zu nahen, so sprang die Löwin auf, ergriff den frechen Schiffsmann und zerriß ihn in vier Stücke. Als die Schiffsmannschaft das sah, sprachen sie alle, ihm wäre recht geschehen, und warfen seinen zerrissenen Leichnam in die See. Der Kaiserin geschah kein Leid mehr; von allen wurde ihr die größte Ehre erwiesen. Endlich kam das Fahrzeug beim gelobten Lande an. Die Kaiserin trat mit ihrem Kind aus dem Schiffe, die Löwin sprang ihr nach. Dann segnete sie Pilger und Schiffsleute und gab ihnen reichlichen Lohn. Das Kind im Arm ritt sie noch dieselbe Nacht weiter und in die nächste Stadt; die andern Pilger folgten von ferne. Am nächsten Morgen reisten alle zusammen und kamen in die Stadt Jerusalem. Hier ging die Kaiserin alsbald zu Gottes Tempel und betete am Heiligen Grabe. Auch legte sie ihr Kind auf den Altar, nahm etwas Geld aus ihrem Säckel und warf es auf den Altar, als wollte sie sprechen: »Gott sei gelobt, ich habe mein Kind wieder erkauft und erlöset.« Dann betete sie fleißig, daß Gott ihren lieben Herrn, den Kaiser Oktavianus, friedsam, glücklich und gesund wolle leben lassen; denn sie hoffte nicht mehr, ihn jemals wiederzusehen. Hierauf verließ sie den Tempel, setzte sich mit ihrem Kind auf das Pferd und ritt durch die Stadt Jerusalem. Die Löwin aber wollte keinen Tritt von ihr weichen; mochte sie durch Paläste, Kirchen oder Höfe gehen, überall ging sie mit, so daß die Leute große Furcht ankam. Während nun die Kaiserin so durch die Stadt ritt, begegnete ihr ein fremder Edelmann, den redete sie freundlich um Herberge an; denn sie sah, daß er gläubig, gut und aus edlem Stamm entsprossen war. Der Edelmann empfing sie würdig in seinem Hause und befahl, man sollte sie pflegen und ihr dienen wie ihm selbst und seiner Hausfrau. Dies nahm die Kaiserin mit großem Danke an und blieb eine Zeitlang bei dem Edelmann mit ihrem Kinde und der Löwin, die so zahm war, daß sie niemand etwas tat. Florens erging es bei dem Pilger Klemens so: Das Kind war gut erzogen, so daß es jedermann gefiel. Klemens kleidete und hielt ihn wie seinen eigenen Sohn, welcher Klaudius hieß. Wenn diese beiden Knaben über die Strasse gingen, so sagten die Bürger: »Selig ist der Vater, der so wohlerzogene Kinder hat!« Auch meinte Florens nicht anders, denn daß Klaudius sein leiblicher Bruder sei und Klemens sein rechter Vater; denn als der Affe ihn seiner Mutter stahl, war er erst sechs bis sieben Wochen alt. Allmählich wurde er stattlicher und größer als sein Bruder Klaudius, und auch unter den Nachbarkindern war keines, das sich mit Florens vergleichen konnte. Jedermann wunderte sich über seine Schönheit und Stärke; denn er glich seinem Vater, dem Kaiser. Oft sagten auch die Nachbarn: »Fürwahr, der Knabe ist des Klemens natürlicher Sohn nicht; sondern er hat ihn irgend von einem großen Herrn heimlich entführt.« Klemens' Frau mußte das nicht selten hören, aber sie schwieg stille dazu; denn sie hatte den Florens so lieb wie ihren eigenen Sohn. Nun wuchsen die beiden Knaben miteinander auf, so daß sie beide tüchtig wurden, Handwerke zu erlernen, wiewohl Florens stärker war als Klaudius. Klemens beriet sich deswegen mit seiner Hausfrau, was er aus den beiden Knaben machen sollte, daß sie sich später auch ehrlich nähren könnten. Da sprach seine Frau: »Lieber Hauswirt! Unser Sohn Klaudius ist von wenig Stärke und deswegen zu keinem groben Geschäfte zu gebrauchen; darum ist mein Rat, wir sollten ihn zu einem Wechsler tun, und Ihr sollt ihm Euer Gut geben, daß er damit Handel treibt; dadurch könnte er reich, berühmt, ja, zu einem Herren werden. Der andere Sohn, Florens, nun, der wird recht zum Fleischerhandwerk sein; denn er ist stark; Rinder und anderes Vieh zu schlachten, wird ihm nicht schwer werden. So wären unsere beiden Söhne versorgt.« – »Wahrlich, Frau, du hast recht geraten«, sprach Klemens, »ich will deinem Rate folgen.« Sofort rief er seine beiden Söhne und sagte zu ihnen: »Liebe Söhne, ihr sollt meinem Rat folgen und tun, wie gehorsamen Kindern geziemt.« Dann nahm er zuerst seinen Sohn Klaudius vor und sprach zu ihm: »Lieber Sohn, höre mein Wort; geh morgen früh zu dem Wechsler, da mußt du Gold und Münze wechseln lernen, damit du ein rechter Handelsmann werdest.« – »Von Herzen gern, Herr Vater«, sprach Klaudius, »ich will nach Euren Willen leben; auch wäre es mir lieb, wenn Ihr mir meinen Bruder Florens mitgäbet, und er würde ein Wechsler wie ich.« – »Ach, lieber Sohn Klaudius, laß den Florens zufrieden«, sagte der Vater, »der soll eine andere Hantierung treiben, bei welcher es ihm gut gehen wird; du siehst ja, wie stark er ist; ich denke, er wird die gemästeten Schweine wohl auf dem Rücken tragen können.« So stellte er den Klaudius zufrieden und rief den guten Florens auch vor sich. »Florens, mein lieber Sohn«, sprach er zu ihm, »sei unerschrocken; du weißt, daß ich dich sehr lieb habe. Morgen, wenn du aufgestanden bist, gebe ich dir Geld, damit gehst du zu einem Fleischer und gibst es ihm, daß er dich sein Handwerk lehre. Das wird etwas für dich sein; denn du bist stark; ich glaube, wenn du einen Ochsen, wie stark er auch ist, bei den Hörnern erwischen könntest, du würdest ihn nicht gehen lassen! Auch haben wir dahinten im Stalle zwei gute, feiste Rinder, die mußt du mit dir in das Schlachthaus treiben, da wird dein Lehrmeister dir zeigen, wie du sie schlachten sollst. Dann nimm sie auf deinen Hals und trage sie an den rechten Ort, wo du sie zuhauen und verkaufen mußt. Sei fleißig und geschickt mit der Waage und tue niemand unrecht, so wirst du aus einem Pfennige drei machen und Geld genug bekommen.« Als Florens die Lehren seines Vaters Klemens vernommen hatte, stimmte er allem zu. Mit Tagesanbruch nun stand der alte Klemens auf, weckte seinen Sohn Klaudius und schickte ihn auf die Wechselbank mit viel Geld, daß er damit wechseln und gewinnen solle. Dann weckte er auch seinen andern Sohn Florens und schickte ihn mit zwei fetten Ochsen auf die Fleischerbank. Hier fand der neue Fleischerjunge einen Knecht, den er nach dem Fleischer Gumbrecht fragte. Als der Knecht den Florens mit den zwei feisten Ochsen vor sich stehen sah, fragte er ihn: »Was willst du vom Meister? Ich meine, du möchtest auch gern ein Fleischer werden?« Florens antwortete und sprach: »Ja, warum nicht? Mein Vater ist wohl reich, so daß er mich gut versorgen wird, und ich soll immer Rinder, Schweine, Hämmel und Schafe genug zu schlachten haben. Darum will ich das Handwerk lernen; denn mein Vater sagt mir, daß ich drei Pfennige mit einem gewinnen könne und gute Bissen essen, wie die Fleischer gewöhnlich essen, auch guten weißen und roten Wein trinken. So hat mich mein Vater unterwiesen.« Als der Fleischerknecht dies hörte, lachte er und rief höhnisch: »Der Teufel hat dich hergetragen, willst du auch ein Fleischer werden? Pack dich hinweg in aller bösen Geister Namen; willst du mit dem Handwerk dein Spiel treiben? Nimm deine Rinder mit dir, ehe ich dir den Kopf zerschlage!« Da dachte Florens: »Auf diese Weise komme ich nicht in das Schlachthaus; ich will gehen und meinen Vater mit mir bringen, der wird mir wohl einen Meister besorgen.« So trieb er die Rinder wieder nach seines Vaters Hause. Unterwegs sah er einen Edelmann reiten, der auf seiner Hand einen schönen Sperber trug, welcher an den Füssen glänzende, hellklingende Schellen hatte. Der Vogel gefiel dem Florens so überaus wohl, daß er den Edelmann fragte, ob ihm der Sperber nicht feil sei; er wolle ihm darum geben, was er begehre. Der Edelmann wurde zornig auf Florens; denn er wußte nicht, ob er seiner spottete. Der Junge sah ihm gar nicht danach aus, als ob er ihm den Vogel bezahlen könnte. Darum sprach er: »Ja, du Bettlerbub, es tut mir not, ihn an dich zu verkaufen! Führe du deine Rinder ins Schlachthaus, dann verkaufe das Fleisch; das wird dir nützer sein als Sperber kaufen!« – »Ach, mein guter Herr«, erwiderte Florens, »Rinder schlachten ist nun einmal meine Hantierung nicht; damit kann ich mich nicht ernähren. Drum verkauft mir den Sperber, lieber Herr! Was er wert ist, kann ich Euch geben!« Der Edelmann sah Florens an und dachte: »Laß sehen, was der Junge machen will. – Ich will dir den Sperber zu kaufen geben«, sprach er, »aber um die zwei Rinder, und auch so nicht gerne; denn ich möchte ihn lieber selbst behalten!« Florens war sehr erfreut und dachte: »Wenn er nicht mehr als die zwei Rinder kostet, was ist das viel? Der Sperber muß mein werden!« So machten sie den Kauf, und Florens nahm den Vogel; der Edelmann aber trieb die Rinder vor sich her in sein Haus, lachte und sagte: »Nun ist aus dem Weidmann ein Viehtreiber geworden!« Florens hingegen trug den Sperber auf seiner Hand und dachte: »Heute bin ich zu einer glücklichen Stunde aufgestanden, daß mir ein so trefflicher Tausch geraten ist; denn der Vogel ist sicher seine hundert Mark Silbers wert! Wie wird mein Vater fröhlich werden, wenn er mich mit dem Vogel kommen sieht!« Klemens saß auf einer Bank vor der Tür, auf einen Stock gestützt, und dachte über das Schicksal seiner beiden Söhne nach. »Mein Sohn Florens«, dachte er, »hat nun wohl die beiden Rinder geschlachtet, diesen Nachmittag wird er sie verkaufen und Geld lösen; hoffentlich schickt er sich in sein Handwerk und lernt brav.« Wie er so in Gedanken sitzt, blickt er auf und sieht Florens mit dem Vogel daherziehen. »Was ist das für ein Vogel«, rief er ihm entgegen, »wo kommt er her? Wo sind deine beiden Rinder?« – »Mein lieber Vater«, antwortete Florens, »ich habe die zwei Rinder um den Vogel gegeben; so einen schönen habt Ihr Euer Lebtage nicht gesehen! Freut Euch, daß ich Eure Ochsen so wohl angelegt habe!« – »Wie?«, sagte Klemens, »ich glaube, du bist unsinnig.« »Bei Gott«, sprach Florens, »ich habe sie um den Vogel gegeben und spotte nicht! Darum ratet mir, lieber Vater, wo soll ich den Sperber aufheben? Ich denke, in Eurer Kammer wäre er am besten versorgt.« Als nun Klemens hörte, daß es wirklich so geschehen war, hätte er mögen von Sinnen kommen und sagte zu Florens: »Bei Gott, wenn ich meiner nicht schonte, so wollte ich dir jetzt mit diesem Stock hier Rippen und Kopf entzweischlagen! Du Narr! Mir einen solchen Kaufmannsschatz ins Haus zu bringen; da du doch weißt, daß ich kein Weidmann bin!« – »Ach, lieber Vater«, sagte Florens betrübt, »seht Ihr denn nicht an seinen Federn, daß es ein hübscher Vogel ist? Wahrlich, Ihr habt unrecht! Gewiß, der Vogel ist einen großen Schatz wert!« Klemens hätte vor Wut lachen mögen, doch faßte er sich und sprach: »So geh und versorge den Vogel; wenn du ihn recht wartest, wird er dich schnell reich machen. Iß nur nicht mehr, als er dir einträgt, so wirst du seinen Nutzen bald erkennen!« Dann mußte ihm Florens noch weiter berichten, wie es ihm auf der Fleischerbank ergangen sei. Als nun Klemens seine einfache Erzählung hörte, konnte er ihm nicht länger zürnen. Er dachte: »Ich will den Burschen nicht mehr auf die Schlachtbank, sondern auf die Wechselbank schicken; dort gehen vielleicht seine Sachen besser!« Indem kam sein andrer Sohn Klaudius von dem Wechsler; er hatte sein Geschäft an diesem Tage gut gemacht, und von dem Vogel wußte er nichts. Klemens aber, als er seinen Schaden ein wenig verschmerzt hatte, sprach zu seinem Sohn Klaudius: »Sei so gut, lieber Sohn, und nimm deinen Bruder Florens mit zum Wechsler; denn ich fürchte, auf dem Schlachthause wird er nicht gut tun!« – »Gerne«, sprach Klaudius, »lieber Vater! Folgt er mir, so will ich mein Bestes tun!« – »Ich hoffe, er soll dir folgen«, antwortete Klemens, »er ist stark und mag dir den Geldsack leicht nachtragen.« Nun hielt sich anfangs Florens auf der Wechselbank recht gut, und sein Bruder Klaudius lehrte ihn zuerst mit Zahlpfennigen rechnen und die Münze kennen. So trieb er es einen Monat lang, und Klemens meinte, die Sache könne gut werden. Jetzt teilten sie sich so in das Geschäft: des Morgens ging Klaudius auf die Börse, bestellte die Bank und bereitete den Sitz zu. Wenn der Tag ganz heraufgekommen, brachte Florens den Sack mit dem Gelde; und das währte einige Zeit. Nach kurzer Zeit, als Florens wieder den Sack mit dem Gelde trug, in welchem wohl sechshundert Pfund Münze waren, begegnete ihm bei der Brücke ein überaus schöner Hengst, welcher aufgezäumt war und zum Verkaufe geritten werden sollte. Florens ging auf den Kaufmann zu, den Geldsack auf dem Rücken; und da er den schönen Hengst sah, dachte er: »Wie selig ist, wer ein solches Pferd hat und es zu brauchen versteht! Du hast Münze genug in dem Sack. Wem ist sie nütze? Mein Vater Klemens hat sie ohnedies lange genug in der Truhe liegen gehabt, und niemand ist ihrer froh geworden; ich wollte, daß mir der Kaufmann das Ross darum gäbe!« Gedacht, getan; er grüßte den Kaufmann und sagte: »Herr, ist Euch das Tier feil? Ich habe Geld genug; darum sagt mir mit einem Worte, wie Ihr es geben wollt!« Der Kaufmann sprach: »Willst du das Ross haben, so wirst du es nicht unter dreißig Pfund Münze von mir bekommen; es ist noch jung und stark und läuft vortrefflich.« Florens war froh, daß ihm der Mann das Pferd so wohlfeil gönne, und sagte treuherzig: »Ich meine, Ihr seid nicht bei Sinnen, daß Ihr mir ein so schönes Tier um dreißig Pfund überlassen wollt; ich gebe Euch vierzig drum; ich will nicht, daß Ihr Verlust an mir haben sollt!« – »Grossen Dank, Junker«, sagte der Kaufmann und mußte heimlich lachen. Florens tat seinen Sack auf, der Kaufmann zählte die Münze heraus; dann gab er dem Jüngling das Pferd, segnete ihn und kehrte sich seiner Wohnung zu. Florens eilte mit dem Ross nach Hause; er fürchtete immer, der Kaufmann möchte ihm nacheilen und das Pferd zurückfordern, weil er es so guten Kaufs gegeben. So ritt er geradenwegs nach St. Germain. Klemens saß über Tisch mit seiner Hausfrau, die in allen Dingen gerecht und fromm war und den Florens so lieb hatte wie ihren eigenen Sohn Klaudius. Auch war sie von allen Nachbarn als klug und vorsichtig wohl gelitten. Nun kam Florens vor das Haus gesprengt. Klemens hörte ihn reiten und sprach verwundert: »Ei, Sohn, wer hat dir das große Ross gegeben?« – »Vater«, antwortete er, »das Ross hab ich gekauft; ich habe vierzig Pfund von dem Gelde drum gegeben, das ich auf die Wechselbank tragen sollte; ich hoffe, ich habe recht damit getan und das Geld wohl angelegt. Besehet es nur: es hat gute Augen und kann recht laufen; es wäre um hundert Pfund Münze nicht zu teuer!« Als Klemens das hörte, sank er vor Zorn vom Tische zurück und verwünschte sich, daß er den bösen Buben, der ihn noch an den Bettelstab bringen werde, mit sich übers Meer genommen. Dann erhob er sich vom Tische, nahm den Florens beim Haar, warf ihn zur Erde und trat ihn mit Füssen. Ja, er hätte ihn totgeschlagen, wenn nicht seine gute Hausfrau dringend gebeten hätte, daß er ihr den Sohn ließ. Dann machte sie dem Vater sanfte Vorwürfe und sprach: »Euer Sohn hat doch noch nichts getan, das nicht adelig wäre; wer weiß«, setzte sie leise hinzu, »von welcher Geburt er ist.« Da reute es den Vater, ihn so hart geschlagen zu haben. Florens aber sprach: »Lieber Vater, ich bin Euer Kind; darum schlaget mich, sooft ihr wollt, aber besehet mir nur den Hengst; ist es nicht ein starkes Pferd? Ich hoffe, er soll mir noch gute Dienste tun!« Da Klemens sah, daß sein Pflegesohn von dem Pferde zu reden nicht aufhören wollte, dachte er an die Worte seiner Hausfrau, verschmerzte den Verlust und hieß Florens am Tische sitzen und essen. Inzwischen kam sein Bruder Klaudius, der den ganzen Morgen auf der Börse das Geld erwartet hatte. Wie er den Bruder tafeln sieht, wird er zornig und spricht zu seinem Vater: »Warum tut ihr das und laßt mich so lange auf der Wechselbank sitzen? Wie kommt es, daß Ihr mir das Geld nicht schickt und bei dem Burschen da sitzt, der Euch mit den zwei feisten Rindern so großen Schaden getan hat?« Wie er nun auch das Pferd in dem Hofe stehen sah, fragte er verdrießlich: »Wo kommt denn das grausame Tier her?« Der Vater erzählte ihm die ganze Geschichte mit Seufzen und fügte hinzu: »Ich will nichts von dem Ross, will es auch nicht pflegen und sollte es verhungern!« – »Es geschieht Euch recht«, sprach der Sohn Klaudius, »er wird Euch verderben; es wäre besser, wenn er gar nicht geboren wäre! Ich will sein Pferd auch nicht warten; wenn es seinen Kopf aufhebt, meine ich, es wolle mich fressen!« – »Tut, was ihr wollt«, sagte Florens, »ich will schon für das Tier sorgen!« Damit brachte er das Pferd in den Stall und versorgte es. Am andern Morgen eilte er in den Stall, sattelte und zäumte sein Pferd, sah es mit Freuden an und dachte: »Es ist doch viel mehr wert, als es kostet!« Dann sprang er auf und gab ihm die Sporen, daß es einen Sprung nach dem andern machte und seine ganze Stärke zeigte. Das Reiten stand Florens so gut, daß ihn jeder darum lobte. Als das Pferd müde war, ritt er es wieder nach Hause, ließ es sich erkühlen und an Haber, Heu und Stroh keinen Mangel leiden. Dabei sah er es an und dachte: »Könnte mir nicht vielleicht das Ross einmal zustatten kommen? Ich habe große Lust, Waffen zu tragen.« Zu der Zeit, als König Dagobert in Frankreich regierte, waren die Heiden noch nicht lang aus dem Lande abgezogen, das sie eine Weile innegehabt und im Kriege wieder verloren hatten. Die Stadt Paris lag an vielen Stellen öde; aber jetzt fing das Volk an, sich wieder zu vermehren, und die Hauptstadt wurde unter Dagoberts Regierung groß und herrlich, dazu sicher und fest gebaut, und wo zuvor ein wüster Platz gewesen, da ließ der König das herrliche Münster zu St. Denis bauen, nicht weit von Paris. Nun entspann sich wieder ein Krieg zwischen dem König von Frankreich und den Ungläubigen, welche gewohnt waren, sich noch als Herren dieses Landes zu betrachten. Die Obersten der Heiden und der Türken saßen miteinander zu Rat und beklagten sich bei dem Sultan zu Babylonien über die französische Nation, daß sie sich zu Paris unterstünden, einen Tempel zu bauen wider den wahren Gott Mahomets, wie sie denn überhaupt meineidigerweise vom heidnischen Glauben abgefallen seien. Als der Sultan das hörte, sprach er zu ihnen: »Wohlan, meine lieben Herrn, ich will Frankreich von Grund aus zerstören, seinen König aber an den Galgen hängen und verbrennen lassen!« Auf diese Zusage ließ er in alle heidnischen Königreiche eine Aufforderung ergehen, sie sollten mit ihm Frankreich verderben. Da kamen zusammen die Könige aus Arabien und Persien mit großer Macht, dann der König der Riesen mit dreißigtausend Mann, dann der König aus Äthiopien, aus Merach und Krypte. Diese miteinander brachten an zwanzigtausend Mann. Es kam auch der Admiral oder Emir aus Persien, des Sultans Bruder, und brachte einen großen Haufen mit sich, so daß auf das Aufgebot des Sultans in dreißig Tagen an hunderttausend Mann zu Ross und zu Fuß beisammen waren. Diesen allen zog der Sultan entgegen und hieß sie willkommen. Der Riesenkönig, welcher der mächtigste unter ihnen war, sprach zu dem Sultan: »Herr und König von Babylon, unser Begehren ist, daß Ihr Euer Vorhaben so schnell als möglich ausführt. Laßt Schiffe und Galeeren stark besetzen und nach Venedig schicken. Denn, beim Gott Mahomets und meiner Treue, komme ich glücklich übers Meer und finde den König Dagobert, so will ich ihn mit meinen eigenen Händen erwürgen und mich nicht eher schlafen legen, bis ich mit meinem Heerhaufen in die Stadt Paris eingezogen bin, daselbst Haus und Hof gehalten und das ganze Frankreich bezwungen habe. Und dann soll Euch das Land geschenkt sein, König von Babylon!« Dies zu hören, war dem Sultan sehr tröstlich, und er dankte dem Riesenkönige. Jetzt hatte er keine Ruhe mehr, bis die Schiffe zugerüstet und mit Erz beschlagen waren, zweitausend an der Zahl. Dann besetzte er sein Land mit Wachen und bereitete sich zur Abfahrt. Der Sultan hatte von seinen vielen Weibern dreißig starke Söhne und einige Töchter. Unter ihnen befand sich eine schöne Jungfrau, die ihm vor den andern Kindern lieb war; denn sie war schön, daß man meinte, in der ganzen Heidenschaft wäre kein schöneres Mädchen geboren. Ihr Leib war zierlich und edel gestaltet, ihr Mündlein rot wie Rubin, ihr Hals weiß wie Milch, ihr Angesicht prangte wie eine Rose; ihre Augen waren durchsichtig wie Falkenaugen; sie war der schönen Helena zu vergleichen. Diese Tochter trat vor ihren Vater, den König von Babylonien, und bat ihn freundlich, sie mit über das Meer fahren zu lassen; denn sie hätte ein großes Verlangen, Frankreich zu sehen. Sie sprach: »Da Ihr willens seid, mich zu vermählen, so kann ich nun sehen, welcher König streitbar ist; denn fürwahr dem, der am ritterlichsten ficht, den will ich zur Ehe nehmen. Dann rächet den Schaden, den Euch Frankreich angetan hat, als ihr aus dem Lande vertrieben worden seid, und wenn es Euch gefällig ist, so schenkt mir das Haupt des Königs Dagobert.« – »Ja, bei Mahomet, das sollst du haben«, sprach der Sultan, und darauf gingen die Fürsten und Herren alle zu Schiff. Der Sultan mit den dreißig gekrönten Fürsten nahm seinen Sitz auf keiner gewöhnlichen Galeere, sondern er bestieg mit ihnen und seiner Tochter einen herrlichen Dreimaster, auf welchem vier Adler aus lautrem arabischen Golde ihre Schnäbel gegen Frankreich kehrten. Auf diesem Schiffe saß der König von Babylon und seine Tochter ihm zur Seite. Der Wind wehte günstig, unablässig arbeiteten die Ruderer, und in wenigen Tagen gingen sie bei Venedig vor Anker. Auch hatten die Türken den Plan des ganzen Kriegs schon entworfen. Demzufolge schlugen sie ihr Lager in Venedig auf und verwüsteten einen ganzen Monat das Land mit Sengen und Brennen. Sie jagten durch die Stadt und ihre Dörfer wie Drachen, schonten nicht Weib und Kind, nicht alt und jung, und auf ihrem ganzen Wege ließen sie keinen Stein auf dem andern stehen. Die Fürsten und Herren der Christenheit ringsum kamen in große Not und begaben sich in den Schirm des Königs von Frankreich. Durch diese Flucht erfuhr der König Dagobert von dem Einfalle der Heiden; denn sie trafen ihn gerade über dem Bau des schönen Münsters zu St. Denis. Da sprachen die Fürsten zu ihm: »Seid von uns gewarnt, Herr König, verseht Euch mit Kriegsvorräten; denn der heidnischen und türkischen Hunde sind sehr viele. Wenn Eure Macht nicht gut bestellt ist, so sind wir alle verraten und verloren!« Und nun erzählten sie ihm von all den Streitkräften, die gegen Frankreich aufgeboten worden. Der König Dagobert wandte sich aber mit Zuversicht an seinen Schutzpatron und sprach: »Heiliger Dionys! Beschirme Frankreich vor allem Unglück! Wenn die Türken und Heiden überhand nehmen, so wird dein Münster nimmermehr ausgebaut; die Ungläubigen werden es zerstören oder einen heidnischen Tempel daraus machen. Darum, heiliger Dionys, beschirme deine Stadt Paris!« Darauf fertigte er Boten ab an die Heere der Christenheit, und vor allen an den Kaiser Oktavianus zu Rom, die überbrachten an alle Fürsten die Bitte, mit ihrer Heeresmacht zu kommen, damit ihm und ihnen geholfen werde. Von allen diesen erhielt er gute Botschaft, und während er sich selbst rüstete, trafen seine Bundesgenossen schon allmählich ein. Der König von Holland mit vierzehntausend Mann; der König aus Irland mit fünfzehntausend Mann und der König von England mit unbeschreiblicher Macht. Jeder König lagerte sich vor einem andern Tor, und da die Heiden schon herangekommen waren und nicht ferne von der Stadt ihr Lager hatten, so gab es, noch ehe der König seine Erlaubnis dazu erteilt hatte, hier und dort Gefechte. Endlich kam auch der mächtige Kaiser Oktavianus mit seinen Römern bis an die Stadt Paris. Aber beinahe kam er zu spät; denn der Sultan war schon zu weit ins Land hereingekommen. Jedoch den Heiden erschien er immer noch frühe genug. Der Kaiser hatte seine Gemahlin und seine Kinder noch nicht vergessen, und sooft er an sie dachte, konnte er sich des Weinens nicht enthalten. Um darüber hinwegzukommen, war er nach der Stadt Paris aufgebrochen. Da er aber sah, daß alle Fürsten und Heere ihr Lager außerhalb der Stadt aufgeschlagen hatten und vor den Toren selbst kein Platz mehr war, so lagerte er sich mit den Seinigen in der Vorstadt St. Germain. Als nun der König von Frankreich vernommen, daß Kaiser Oktavianus wohlgerüstet mit dreizehntausend Mann herangekommen und mit seinem Volke vor St. Germain sein Lager genommen hatte, ritt er zu ihm mit großer Pracht in sein Zelt und bat ihn freundlich, bei ihm selbst in seinem Palaste zu wohnen. Der Kaiser bedankte sich und erklärte, die erste Nacht mit seinem Volke hier bleiben zu wollen. »Doch eines muß ich Euch sagen, Herr König«, sprach er, »wem gehört das schöne und große Haus, das da vor uns stehet? Ohne Zweifel ist auch der Hausherr sehr angesehen!« – »Nein, das ist er nicht«, sprach der König, »er ist einer meiner Bürger, Klemens mit Namen; aber er ist verständig, und durch seine Klugheit, durch viel Sorgen und Mühen ist er endlich zu solcher Wohlhabenheit gediehen! Vor Jahren ist er über das Meer gekommen und hat ein fremdes Kind mit sich gebracht, so schön und adelig, als man in Paris kaum eines sehen kann!« Als der Kaiser Oktavianus das hörte, entfuhr ihm ein Seufzer, und er konnte sich des Weinens kaum enthalten. König Dagobert fragte ihn freundlich, was sein Anliegen wäre. Da erzählte Kaiser Oktavianus, wie es ihm mit Frau und Kindern ergangen. Der König Dagobert schüttelte sein Haupt und strafte den Kaiser mit weisen Worten, daß er so rasch verfahren sei. Auch verschwieg er nicht den Verdacht, den er hegte, daß die Mutter des Kaisers die Urheberin dieses Übels sei. »Wenn jedoch Eure Frau und Kinder noch leben«, fügte er hinzu, »so vertraut auf Gott, der sie behüten und Unlust wohl noch in Freude kehren mag!« Damit beurlaubte sich der König Dagobert von dem Kaiser und ritt nach seiner Stadt Paris zurück. Der Kaiser Oktavianus aber blieb mit großem Kummer in St. Germain. Inzwischen verstärkten sich die Türken und Heiden und verderbten das ganze Land. Vor der großen Heerschar her zog ein verlorener Hauf von zehntausend Mann, die kein Erbarmen mit den Christen hatten, sondern Mann und Weib, auch die unschuldigen Kinder zu Tobe schlugen. So erhub sich Heulen und Jammern im ganzen Lande, und endlich kam diese Vorschar in den ersten Tagen des Aprils vor Paris an und schlug ihr Lager auf. Bald nach ihnen kam der Sultan von Babylon, mit lauter Gold bekleidet. Vorn an der Brust seines Pferdes hing ein güldenes Kleinod, mit Diamanten und Rubinen besetzt. Sein Bart war so lang, daß er bis an den Sattelknopf reichte, dazu weiß wie Schnee. Sein Helm war mit goldnen Knöpfen geziert; er hatte große Augen und war von stattlichem Wuchse, so daß man nicht leicht seinesgleichen finden mochte. Sein Pferd hatte auf der Stirn ein Horn aus lautrem Golde geschmiedet. Neben dem Sultan ritt Marcebylla, seine Tochter, aufs köstlichste gekleidet und geschmückt. An der Stirn ihres Pferdes hing eine goldene Sonne, mit einem Rubin, einem Smaragd, einem Diamant und vielen Perlen des Morgenlands schön verziert. Vor und nach ihr ritten dreihundert Jungfrauen, Königs- und Herrentöchter, die wären manches guten Gesellen Freude gewesen. Den Gott Mahomets ließ der Sultan auf einem vergoldeten Wagen führen, und täglich betete er ihn auf den Knien an. So ritt er Tag und Nacht mit seiner Ritterschaft, den König von Frankreich bald zu grüßen. Auf diese Weise kam er endlich vor Paris und ließ sein Zelt kostbarer als manches Fürstentum aufschlagen. Er stellte Wachen aus und schickte Kundschafter ab, das französische Heerlager zu besehen. Diese kamen zurück und berichteten dem Sultan, wie sie die Franzosen in guter Ordnung gefunden, die Tore und Mauern wohlbesetzt, der Christen Kriegsheer so groß, daß es ihnen unmöglich gewesen, die Menge zu erkunden. Diese Kundschaft brachten sie dem Sultan in Gegenwart des Riesenkönigs, der zornig zu dem Sultan sprach: »Ich will keine Ruhe haben, bis diese Stadt samt dem Lande zerstört ist, daß kein Stein auf dem anderen bleibt!« Aber viele Fürsten, welche die Botschaft auch vernommen hatten, entsetzten sich vor den Christen und dachten bei sich, wenn sie nur zu Hause geblieben wären. Als die Boten abgehört waren, kam die Jungfrau Marcebylla vor ihren Vater und bat ihn, er möge ihr erlauben, vor die Stadt Paris zu reiten, weil sie große Lust hätte, sie zu sehen. Dies gestattete auch ihr Vater, doch befahl er sie in den Schutz des Riesenkönigs, was diesem keine kleine Freude machte; denn er fand dadurch Gelegenheit, sich bei dem Sultan in Gunst zu setzen, und überdies war er der Jungfrau von Herzen hold. Die Franzosen und ihre Verbündeten ihrerseits, als sie die Ungläubigen so nahe an die Stadt Paris gerückt sahen, schwuren, sich so bald als möglich zu schlagen. Als sich Dagobert mit den Königen und allem Volke zur Schlacht gegen die Heiden vorbereitete, kam ein ungestalter Bote mit einem großen Höcker auf dem Rücken; seine Augen standen handbreit voneinander, er hatte krumme Schenkel, eine breitgedrückte Nase, einen dicken Kopf; kurz, er war greulich anzusehen. In seiner Hand trug er anstatt der Peitsche ein Seil mit scharfen Knöpfen, damit schlug er seinem Pferde zwischen die Rippen. Als ihn einige Franzosen gewahr wurden, machten sie sich in seine Nähe; denn sie meinten, es wäre ein Meerwunder. Dieser ungestalte Bote ritt durch die französischen Heerhaufen und rief: »Wo ist Dagobert, König von Frankreich, welcher Ehre und Ruhm in der Stadt Paris behauptet? Ich bringe ihm Botschaft von meiner gnädigen Frau, der Tochter des Königs von Babylon, und habe mit ihm zu reden.« Als die Franzosen das hörten, verwunderten sich alle über den haarigen, häßlichen Kerl, der zum Boten gewählt worden; doch führten sie ihn vor den König, zu hören, was sein Anbringen wäre. Wie nun der mißgestaltete Mann vor den König kam, kniete er nieder und sprach zum König und allen anwesenden Herren: »Merket auf, Herr König in Frankreich! Meine gnädigste Herrin Marcebylla, Prinzessin von Babylon, läßt Euch sagen, daß sie gekommen sei, Euch und die Eurigen zu verderben. Zu dem Ende hat sie das Land zum größten Teil verwüstet und jetzt ihr Lager vor dem Tore von Paris auf dem Montmartre aufgeschlagen. Deswegen läßt sie Euch fragen, ob Ihr Euch getrauet, die Stadt Paris zu beschützen, oder ob Ihr nicht vorziehet, Euch gutwillig zu ergeben. Weiter entbeut sie, daß morgen zur rechten Tageszeit ihr Geliebter vor der Stadt Paris erscheinen wird im Panier und mit Schild und Speer, wie es einem Streiter gebührt, und mit dem besten Ritter, den Ihr unter den Eurigen finden möget, zu fechten bereit ist. Findet Ihr unter eurer Ritterschaft keinen, so wird der Kämpfer meiner gnädigen Frau doch nicht kampflos von Paris abziehen. Vielmehr wird von ihm morgenden Tages die Stadt Paris bestürmt werden. Darum, Herr König, bedenkt Euch kurz, was zu tun ist.« Der König erwiderte: »Lieber Freund, hat deiner Gebieterin Liebhaber Lust zu streiten, so soll es ihm gewährt sein, und er mag sich zur rechten Stunde auf dem Kampfplatze einfinden.« Da sagte der Bote dem König großen Dank. »Aber wahrlich«, fügte er hinzu, »es wird Euch gereuen; denn ehe ein Monat vergeht, trägt meiner Herrin Liebster Eure königliche Krone auf dem Haupt, und euer Volk hat er ausgerottet.« Mit diesen Worten schied er von dem Könige und meldete des Königs von Babylonien Tochter den günstigen Erfolg seiner Botschaft. Der Riesenkönig wurde halb unsinnig vor Freuden. Er verhieß der Jungfrau, daß er am andern Morgen vor der Stadt Paris erscheinen und allen Franzosen Fehde verkünden wollte. Ja, alle, die er in seine Gewalt bekäme, wollte er mit seinen Händen in Stücke reißen. Dies gefiel der Jungfrau wohl, und sie bedankte sich für seinen guten Willen. Am andern Tage vor Sonnenaufgang wappnete sich der Riesenkönig von Kopf bis zu den Füssen; er begehrte jedoch weder Spieß noch Speer, sondern einzig sein Heidenschwert. Ebenso wollte er auch auf kein Ross sitzen, sondern frei zu Fuße gehen; denn er war bei zwölf Fuß lang. Als er nun gerüstet war, begab er sich zu der Jungfrau, beurlaubte sich von ihr und schlug den geraden Weg nach Paris ein. Vor die Stadt gekommen, zog er sein Schwert und schrie: »Ich streite für meine Herzallerliebste. Wer da Lust hat, komme, ich erwarte ihn!« Die Einwohner der Stadt Paris hatten dieses Geschrei gehört, liefen eilig auf ihre Mauern, und als sie den entsetzlichen Riesenkönig sahen, erschraken sie vor ihm über alle Massen, so daß sich keiner vor die Mauern hinauswagte. Auch König Dagobert empfand keine sonderliche Freude, als ihm der Riesenkönig gezeigt ward. »Heiliger Dionysius«, rief er, »beschirme dein Münster und bitte Gott für uns, daß wir nicht von den Widerspenstigen vertrieben werden!« Aber kein Fürst noch Herr wollte es wagen, mit dem Riesen zu streiten, bis sich endlich ein junger, edler Ritter aus Frankreich fand, der sprach: »Wahrhaftig, wir sind nicht eines faulen Apfels wert, wenn keiner unter uns ist, der das Herz hätte, diesen Feind zu bestehen! Darum bringt mir meinen Harnisch, Schild und Speer, Stiefel und Sporen, vor allem aber mein Pferd und mein Schwert; denn ich habe große Lust, mit dem Riesen zu streiten!« So wurde der Ritter in Eile bewaffnet. Er hatte ein gutes Ross, auf das er sich verlassen konnte; bestieg es, nahm den Speer in seine Hand, und ritt aus dem Stadttor ins Freie. Als der junge Ritter im freien Felde war, ritt er auf den Riesen zu. Beim Anblick des christlichen Ritters wurde der Riese zornig; er achtete es für einen Spott, mit einem solchen Männlein zu streiten. Der Ritter aber rannte mutig auf den Riesen los, so daß ihm sein Panier durchstoßen ward, doch drang der Speer nicht in den Leib, und der Riese stand unerschütterlich wie ein Turm. Dabei war er nicht säumig, sondern lauerte auf seinen Vorteil, und eh' sich's der Ritter versah, geriet dem Riesen ein Griff, daß er seinen Feind erwischte, aus dem Sattel hob und ihn wie eine Feder auf seiner Achsel mit ins Lager trug. Der Ritter saß auf der Schulter des Riesen und rief Gott und alle Heiligen zu Hilfe; denn ihm war's, als wär' es der lebendige Teufel und wollte er ihn geradezu in die Hölle tragen. Der Riese eilte zu seiner Jungfrau, setzte seinen Gefangenen auf die Erde und schenkte ihn seiner Geliebten. Der junge Ritter aber meinte, daß er auf der Stelle sterben müsse. Aber die Königstochter erbarmte sich seiner; denn sie war den Christen nicht feind. Doch wollte sie wissen, wie es gekommen, daß gerade dieser kleine Ritter ausgezogen, mit dem Riesenkönige zu kämpfen, und drang in ihn, die Wahrheit zu gestehen. Den Ritter kam aufs neue Furcht an; er erzählte alles und kniete dann in seinem Panier vor der Prinzessin nieder. Diese wunderte sich über seine Kühnheit, hieß ihn den Panier ablegen und sich gütlich tun. Der Ritter meinte, jetzt gehe es ihm an den Hals, aber es ward ein gutes Mahl aufgetragen, und die Fürstin hieß ihn zu Tische sitzen und fröhlich sein. Nun sah er wohl, daß ihm sein Leben geschenkt war, und dankte der Jungfrau. Das Nachtmahl wurde prächtig gefeiert des Sieges halber, den der Riesenkönig im Felde errungen hatte. Am andern Morgen begrüßte die Jungfrau ihren Buhlen, und der Riesenkönig bat sie um einen Kuß. Aber die Königstochter wehrte ihm und sagte: »Ja, wenn Ihr mir den König von Frankreich bringt, wie diesen Ritter, dann will ich Euch einen freundlichen Kuß geben.« Darüber ward der Riese hoch erfreut, neigte sich vor seiner Geliebten und waffnete sich abermals zum Streite. Bald darauf hörte man ihn am Tore von Paris gräßlich schreien: »Hier steh ich allestund zum Streite bereit; von meiner Geliebten Marcebylla gesandt! König Dagobert, dir soll es übel ergehen, wenn du die Stadt Paris nicht übergeben willst; denn du wirst keinen Ritter mehr finden, der mit mir streiten mag!« Und wirklich waren alle Fürsten und Herren erschrocken, und keiner von ihnen wollte mit dem Riesen kämpfen. Der fromme König Dagobert sprach: »Wohl denn, wappnet mich; denn ich will Leib und Leben gegen diesen Teufelsriesen wagen und ihn mit Gottes Hilfe umbringen, wo nicht, mag er mich totschlagen! Heiliger Dionys, du wirst nicht dulden, daß ich dein Münster unausgebaut lasse, komm mir zu Hilfe!« Als dies Oktavianus, der römische Kaiser, hörte, sprach er zu Dagobert: »Das wolle Gott nicht, mein Herr Bruder, daß Ihr selbst mit dem Riesen streitet, vielmehr laßt mich hingehen und den Kampf wagen!« Aber der König von Frankreich wollte es nicht gestatten, und so stritten sie miteinander um die Ehre des Kampfes. Während nun die Fürsten und die Herren so miteinander sprachen, spazierte der Bürger Klemens durch die Strassen von Paris, und sein Sohn Florens ging ihm an Dieners Statt nach. Wie sie nun sahen, daß die Herren auf dem Balkon des Schlosses so traurig beieinander standen, fragte Florens seinen Vater nach der Ursache. »Ach, lieber Sohn«, sagte Klemens, »du weißt ja, daß die Ungläubigen vor Paris sind. Nun ist da ein mächtiger Riesenkönig, ein Liebhaber der Tochter des Königs von Babylon, an den will sich kein Herr, kein Ritter oder Knecht wagen; denn er hat ganz plötzlich einen jungen tapferen Ritter überwunden. Darum sind die Fürsten so erschrocken; denn wäre der Riese besiegt, so würden die übrigen Heiden bald aus dem Lande geschlagen sein.« – »Wie?«, sprach Florens, »hat der Riese den Ritter denn gefressen?« – »O nein«, erwiderte Klemens, »er hob ihn mitsamt seinem Panier auf die Achsel und trug ihn in das Zelt der Jungfrau.« – »Oh, wenn mir das geschähe«, rief Florens, »ich wollte unerschrocken sein! Mit Jungfrauen ist gut handeln!« – »Lieber Sohn«, erwiderte ihm Klemens, »du bist wohl ein frischer Junge; aber bedenke, wie groß und stark der Riese ist; es ist kein Wunder, wenn sich die Fürsten bekümmern!« Da fing Florens an, seinen Vater inständig zu bitten, daß er ihn mit dem Riesen streiten und seine Stärke versuchen lasse. »Ich habe ja«, sprach er, »ohnedies ein Pferd, das mich teuer genug zu stehen kommt!« Als Klemens lange vergebens seinen Sohn abgemahnt und dieser endlich gedroht hatte, so wie er da stünde, ohne alle Waffen, zu dem Riesen zu gehen, da wurde der Vater zornig und sprach: »Tu, was du willst! Meinem Rat nach bliebest du daheim und ließest den Riesen zufrieden. Ich habe auch keinen doppelten Harnisch für dich, mein Krebs ist nichts mehr nütze, sondern rostig, die Armschienen sind ganz schmutzig; seit dreißig Jahren hab' ich kein Stück mehr am Leibe gehabt; auch mein Spieß ist ganz krumm und schwarz vom Rauche. Du weißt ja, ich bin lieber hinter dem Ofen gesessen als zu Felde gezogen. Harnisch tragen bringt selten Nutzen, wohl aber viel Schläge auf den Rücken!« – »Vater«, sagte Florens, »das schadet all nichts, gebt mir nur die Stücke, von denen Ihr gesprochen; so rostig sie sind, so will ich doch Ehre damit einlegen. Ja, ich möchte sie nicht mit andern vertauschen, die noch so schön glänzen!« – »Nun, so will ich dir meine rostige Rüstung holen«, sprach Klemens verdrießlich, »weiß ich doch wohl, daß du damit wirst ausgelacht werden. Aber es sei dem!« Jetzt war Florens vergnügt, und bald hatte er sich mit dem rostigen Harnisch gewaffnet. Sein Vater Klemens setzte ihm den alten Helm auf, der inwendig voll Spinnweben und außen ganz schwarz war; Mäuse und Ratten hatten darin lange genistet; dann gab er ihm sein Schwert, das wohl dreißig Jahre nicht aus der Scheide gekommen war und vor lauter Rost sich nicht ausziehen lassen wollte. Klemens nahm es beim Kreuz, der andere Sohn Klaudius bei der Scheide; sie zogen so hart, daß beide rückwärts fielen, Klemens mit dem Schwert in der Hand, Klaudius mit der Scheide. Da hätten beide lieber geweint als gelacht. Klemens sagte: »Weißt du was, mein Sohn, hänge das Schwert lieber ohne Scheide um, dann brauchst du beim Ausziehen nicht mehr auf den Rücken zu fallen!« Endlich brachte ihm Klemens auch das Ross, das er mit des Vaters Münze und Schätzen erworben hatte; es war stattlich anzuschauen und nach französischer Sitte wohlaufgezäumt, der Sattel hübsch durchbrochen, der Zaum an drei oder vier Orten mit Nesteln geziert. Das gefiel Florens gar wohl; er schwang sich hinauf und rief: »Wo ist der Riesenkönig? Nun gebt mir nur noch den Speer!« Der Vater reichte ihm auch den, der sah dünn aus; denn er hatte lang als Hühnerstange gedient. »Nun fahr hin, lieber Sohn«, sprach Klemens, »Gott gebe dir Gnade, daß du an diesem Tage Ehre einlegest. Ich will dir das Geleite geben bis zur Pforte der Stadt und auf der Zinne achthaben, wie es dir geht. Je größere Streiche du dem Riesen versetzest, je lieber wirst du mir sein!« –»Vater«, sagte Florens, »vermag ich's, so will ich Euern Willen tun. Ja, ich hoffe, dem König Dagobert noch heute das Haupt des Riesen in die Hände zu liefern!« Mit diesen Worten nahm Florens Urlaub von seiner Pflegemutter, die sehr um ihn weinte, und von seinem Bruder Klaudius. Er ritt in seiner rostigen Rüstung durch die Gassen von Paris, von Klemens begleitet, von allen andern Bürgern aber verspottet. »Seht doch«, sprach einer, »was da für ein glänzender Ritter kommt!« Ein anderer sprach: »Laßt ihn nur reiten, der wird uns großen Nutzen schaffen. Wenn den die Heiden erblicken, werden sie so erschrecken, daß sie die Flucht ergreifen!« – »Gewiß, der will mit dem Riesen streiten«, sagte ein Dritter, »und will des Königs von Babylon Tochter freien!« Auch unter den Fürsten und Herren wurde er so zum Gespötte. Er tat, als ob er es nicht hörte, und ritt fort bis ans Tor. Zur selben Stunde erschien auch der Riesenkönig vor den Toren und hub abermals zu schreien an: »Ihr Pariser, ihr Bastarde, wollet ihr nicht das Tor auftun? Ihr müßt alle von meinen Händen sterben, dawider vermag Euer Gott nichts. Euren König Dagobert hänge ich an den Galgen; was nicht umkommt, soll schmählich verjagt werden und nimmermehr zurückkommen.« Die Wächter auf den Mauern hörten das Geschrei, und die Fürsten und Herren erschraken. Florens aber hatte keine Ruhe mehr. Man mußte ihm das Tor auftun und ihn hinauslassen. Da lief in Paris alles auf die Mauern; denn jetzt merkten sie, daß der rostige Ritter mit dem Riesen streiten wolle. Der gute alte Klemens, um besser zusehen zu können, saß rittlings auf der Mauerzinne und rief seinem Sohn den Segen hinab. Indem sprengte Florens auf den Riesen zu. Als dieser ihn kommen sah, rief er ihm entgegen: »Wahrlich, du glänzender Ritter, du magst dem wohl billig Dank sagen, der dich gewappnet hat. Beim Gott Mahomets, dein Harnisch und deine Rüstung sind lustig; ich meine, du hast ihn in einer Pfütze aufbewahrt. Was willst du? Du wirst doch nicht etwa mit mir streiten wollen? Kehr um und sage deinem König Dagobert, er soll selber kommen, mit mir zu kämpfen. Mit einem so rostigen Ritter zu fechten, wäre mir Schande!« Bei diesen schimpflichen Worten zitterte Florens vor Zorn und sprach zum Riesen: »Ich merke wohl, daß du mein spottest, aber ich will dich bald besser reden lehren! Denn dein Haupt will ich meinem gnädigen König Dagobert schenken. Ein anderes Geschenk verlange ich nicht von dir!« Mit diesen Worten rannte Florens gegen den Riesen und sprach ein leises Gebet. Da stand ihm Gott in seinem ersten Ritte bei, daß er den Riesen zu Boden rannte. Er hatte ihm den Rücken so durchstochen, daß der Spieß ein Klafter lang herausragte. Das Blut floß auf die Erde wie das Wasser aus einem Röhrbrunnen. Als der alte Klemens auf der Mauer das sah, dankte er Gott und sprach: »Gesegnet sei die Stunde, in der ich dich übers Meer getragen habe!« Der Riesenkönig war durch den Stoss schwer erzürnt und holte, auf der Erde liegend, mit seinem gewaltigen Schwert aus. Aber Florens, der sorgte, er möchte ihn hinwegtragen, wie er es mit dem jungen Ritter gemacht, sprang mit dem Pferd beiseite und fing den Streich mit dem rostigen Schwert auf, das er nicht zu ziehen brauchte; denn er hatte es nach des Vaters lustigem Rat ohne Scheide an sich hangen. Dann holte er selbst zum Streiche aus, so sicher und stark, daß er dem Riesen den linken Arm abschlug, so daß dieser vor ihm nieder auf die Erde fiel. Den Streich sah Klemens abermals und schrie: »Gott stärke dich! Ich bin fröhlich, wenn ich dich ansehe! Glückselige Stunde, wo ich dich kaufte! Fürwahr, du hast mein Geld um das Pferd wohl angelegt! Auch werden die Franzosen deines rostigen Harnisches nimmer spotten! Schlag ihm den andern Arm auch entzwei, mein Sohn, daß er sich ergeben muß!« Dies Geschrei hörte Florens und sah, wie sich alle auf den Mauern mit seinem Vater Klemens für ihn freuten. Der Riese aber rief wütend: »Du Bösewicht, mit deinem rostigen Schwert hast du mich schwer verwundet. Meinst du aber, du habest mich überwunden? Nein, beim Gotte Mahomets, und wenn du fünfzehn der stärksten Ritter bei dir hättest, so müßten sie alle mit dir sterben!« – Florens antwortete: »Du lügst, mit mir ist der lebendige Gott!« Damit faßte er sein rostiges Schwert mit beiden Händen und tat einen so harten Streich auf den Riesen, daß er ihm den Helm vom Kopfe schlug. Der Riese aber erwischte den Florens bei seinem Schild und gedachte, ihn dadurch unter sich zu zerren. Aber Florens ließ den Schild in der Hand des Riesen. Dieser schleuderte ihn hoch in die Luft, dann schlug er ernstlich auf ihn ein und traf ihn mit seiner Faust auf den rechten Schenkel, so daß Florens beinahe rücklings vom Pferde gefallen wäre, doch kam er bald wieder in den Steigbügel. Klemens hatte alles von der Mauer herab gesehen. »Lieber Florens«, rief er, »ich glaube, du schläfst; erwache, denn wenn du von dem Riesen überwunden wirst, ist ganz Frankreich verdorben!« Florens hörte das Geschrei seines Vaters und machte sich mit seinem rostigen Schwert wieder an den Riesen; er gab ihm einen solchen Streich auf die Schulter, daß ein großes Stück des harten Leders samt seinem Fleisch zur Erde fiel. Das Blut floß auf den Boden, als hätte man einen Ochsen geschlachtet. Als der Riesenkönig sein Blut so rinnen sah, hätte er lieber gewollt, er wäre bei dem Sultan oder bei der Jungfrau Marcebylla, denn er empfand über sich einen, der sein Meister war, und der war ihm noch nie unter die Augen gekommen. Doch erholte er sich von seinem Entsetzen und eilte rasend auf Florens zu. Dieser wich einige Schritte zurück, doch der Riese verfolgte ihn und traf sein Ross auf den Kopf, daß es zur Erde fiel. Florens, der dem Tier auf dem Rücken lag, säumte nicht, sondern schwang sich herab, doch mit großen Sorgen; denn er fürchtete, den Fußkampf mit dem Riesen nicht auszuhalten. Die Ritter, die von der Mauer zusahen, schrien alle: »Oh, du starker Gott, hilf unsrem jungen Ritter, daß er den Feind deiner Christenheit überwinde!« Den Riesen machte dieser Zuruf wieder mutig, er trat auf Florens zu und sagte: »Nun hast du deinen letzten Tag erlebt; nun will ich Frankreich in dir überwinden! Du hast mir einen Arm abgehauen, aber ich habe einen Arzt, der mir meine Wunden bald heilen kann.« Florens antwortete: »Ich aber habe noch viel bessere Hilfe, ich habe den lebendigen Gott mit seiner Gnade. Und obwohl du mir den Schild genommen hast, hast du mich doch nicht überwunden!« – »Laß sehen«, sprach der Riese, »wir wollen es bald inne werden, wie stark dein Gott ist!« Und nun schlug er mit seinem Schwert so gräßlich auf Florens los, als wollte er ihn mit einem Streich voneinander hauen. Florens aber war viel zu geschwind, sprang aus dem Streich und wehrte sich so ritterlich, daß ihm der Riese keinen Schaden tat. Da wurde sein Feind immer wilder, aber in der Hitze übersah er die Schanze, an der sie fochten und fiel über einen Stock, daß der ganze Platz erzitterte. Jetzt sprang Florens mit seinem alten Schwert hinzu und gab dem Riesen einen Streich, daß er sterbend seinen Sieger um Gnade anflehen mußte. Aber Florens sprach: »Gott allein sei die Ehre, ihm, der mir geholfen hat; darum, du falscher Heide, mußt du sterben!« Und mit diesen Worten hieb er dem Riesen sein Haupt ab und sagte: »Dies Haupt soll ein Geschenk für meinen König Dagobert sein.« Das Haupt war aber so groß, daß es Florens mit all seiner Stärke kaum an seinen Sattel zu binden vermochte; denn sein Ross hatte sich während des Kampfes von dem Stoße erholt und sich neben dem Herrn aufgestellt. Nun dankten Klemens und alle, die auf der Mauer waren, Gott, daß er dem Florens so viel Gnade verliehen; sie sprangen hinab und rannten zum Tor hinaus, ihm entgegenzugehen; denn sie glaubten nicht anders, als der Ritter würde von Stund an mit ihnen in die Stadt reiten. Aber Florens hatte ein anderes Anliegen. Er gab ihnen das ungeheure Haupt des Riesen und befahl ihnen, dasselbe dem König Dagobert zum Geschenk zu bringen. Dann begab sich sein Vater Klemens mit den andern Franzosen in die Stadt zurück und brachte dem König Dagobert das Haupt des Riesen; der fand vor Staunen und Freude kein Ende. Kaum war Florens auf freiem Felde, als er einen Schwur tat, nimmermehr nach Paris zurückzukommen, er hätte denn zuvor des Königs Tochter aus Babylonien gesehen. Denn er hatte so viel von ihrer Schönheit gehört, daß er keine Ruhe hatte, ehe er sie gesehen hätte. So hörte er denn nicht auf zu reiten, bis er nach dem Berge Montmartre kam, wo der Jungfrauen Lager in Zelten aufgeschlagen stand. Wie nun Florens so den Heiden entgegenritt, da sprachen sie zueinander: »Was will dieser trefflich gerüstete, rostige Ritter? Um Gott Mahomets, sein Harnisch glänzt, obwohl meistenteils von Rost; seht, wie sein Speer bemalt ist; freilich hat es nur der Rauch getan! So ist auch sein Schild. Sein Schwert bedarf keiner Scheide; denn der Rost ist sein genügender Überzug! Ja, seine ganze Rüstung zeigt etwas Seltsames an; laßt uns ihn gefangennehmen und ihn samt seiner Bekleidung dem Riesenkönig übergeben, der macht ihn gewiß zu unserem Hauptmann; denn seine Rüstung zeigt uns an, daß er etwas Vortreffliches ist!« So redeten die Heiden die Wahrheit, ohne es zu wissen. Florens ritt inzwischen auf das Zelt der Jungfrau Marcebylla zu, die sich gerade mit ihren Jungfrauen vor dem Zelt im Grünen erging. Auf der einen Seite des Lagers war ein kleines dichtbelaubtes Wäldchen, in welchem die Nachtigallen sangen; auch waren grünende Matten voll bunter Blumen da. Die Prinzessin Marcebylla hatte dort einen Kranz gewunden und gedachte, ihn dem Riesenkönige zu übergeben, wenn er siegreich nach Hause käme. Auf der andern Seite des Lagers floß die Seine, so daß man keinen anmutigeren Ort hätte wählen können. Die Jungfrau Marcebylla selbst war köstlich geziert, sie hatte ein grünes Seidenkleid an, das zu Alexandrien gefertigt und mit lautrem Golde verbrämt war. Ihr Haar war nach heidnischer Sitte mit edlen Steinen geschmückt, die einen solchen Glanz von sich gaben, daß Florens dachte, es seien gewaffnete Heiden, die zur Hut der Jungfrau abgeordnet wären. Deswegen erschrak er beinah. Aber das brennende Verlangen, das er nach der unbekannten Jungfrau trug, trieb ihn vorwärts und auf der Fürstin Lager zu. Als die Jungfrau aufblickte und einen Ritter auf ihr Zelt zureiten sah, verwunderte sie sich über diesen unerwarteten Anblick, und mit ihr zugleich alle ihre Jungfrauen. Sie spotteten über die Rüstung des Fremden, am meisten aber Marcebylla selbst. »Ich glaube gar, er hat unser Oberhaupt, den Riesenkönig, getötet; denn sein Schwert ist voll Blut, wenn es nicht Rost ist.« – Sie spotteten um die Wette. Florens wußte von alledem nichts, er trabte auf das Zelt der Jungfrau zu und dachte: »Ich will auf dieser Reise Leib und Leben wagen; bekomme ich einen Kuß von des Sultans Tochter, so gehe ich nimmermehr nach Paris zurück.« Marcebylla stand vor ihrem Zelte still und war begierig, was der rostige Ritter begehren würde. Florens tat, als ob er ihrer nicht achtete. Dann wandte er sein wohlabgerichtetes Pferd, faßte sie beim Arm und schwang sie mit aller Geschicklichkeit zu sich auf den Sattel. Als er sie einmal auf dem Ross hatte, drückte er sie an seine Brust und küßte sie; denn der Pfeil der Liebe hatte sein Herz getroffen. So ritt er mit ihr davon. Die Fürstin Marcebylla aber rief jammernd: »O Gott Mahomets, ist denn kein frommer Held da, der mir zu Hilfe komme? Ach, mein Vater, ich werde dich nimmer sehen!« Auf diesen Hilfeschrei eilten Heiden und Türken herbei, schwangen sich auf ihre schnellen Pferde und rannten dem Florens mit Spießen und krummen Säbeln nach, um ihm die Jungfrau wieder abzunehmen. Florens indessen gab die Hoffnung nicht auf, ihnen mit seinem schnellen Ross zu entgehen; er setzte die Jungfrau vor sich auf den Sattel und rief: »Der soll fröhlich sein, der einen solchen Schatz erbeutet hat. Aber bekümmert Euch nicht, schöne Jungfrau! Seid fröhlich mit mir; denn Ihr seid der Trost und das Leben meines Lebens! Und in kurzer Zeit werdet Ihr mein Ehegemahl sein!« Die Jungfrau schwieg und seufzte nur. Jetzt waren ihm die Heiden auf die Fersen gekommen; er mußte sich zur Wehre setzen; denn die Ungläubigen schrien ihm zu: »Du Bösewicht, halte still und laß des Sultans Tochter zurück, wenn du nicht von unsern Händen sterben willst!« Florens merkte wohl, daß er die Jungfrau nicht behalten konnte. Drum wurde er traurig, küßte sie noch zweimal inbrünstig, und da sie sich sträubte, blieb ein Ärmel ihres schönen Gewandes in seinen Händen; dann ließ er sie vom Sattel auf die Erde gleiten. »Lieber wollte ich«, sprach er, »alles andere verlieren, was ich habe, denn Euch; das aber sage ich Euch: in kurzer Zeit will ich wieder bei Euch sein, und mein ganzes Leben lang sollt Ihr dann meine Herzgeliebte bleiben. Denn wisset, daß ich Euch ritterlich dem Riesenkönig abgefochten habe! Von mir liegt er erlegt, und sein Haupt habe ich dem Könige Dagobert geschenkt. Vor seiner Werbung dürft Ihr hinfort sicher sein!« Die Jungfrau aber schrie unaufhörlich um Hilfe, und mehr denn hundert Heiden hielten den tapfern Florens umringt und schlugen alle mit großem Geschrei grimmig auf ihn zu. Da fuhr er unter sie mit seinem rostigen Schwerte, daß mancher zu Boden fiel und viele riefen: »Das ist kein Mensch, sondern ein lebendiger Teufel aus der Hölle!« Diese Worte hörten zwei Könige aus der Heidenschaft und fragten: »Wo ist der grausame Teufel, daß wir ihm seinen Sold bezahlen!« – »Hier bin ich«, sprach Florens, und nun schlug er sich mit ihnen, bis sie beide zu Boden fielen und ein Jammern unter den Heiden entstand. Zwölf Heiden hatte Florens so erschlagen; als aber ihrer immer mehr und sie immer grimmer wurden, mußte er endlich fliehen. Auf seinem Wege sah er seinen Vater Klemens mit zweihundert wohlgerüsteten Franzosen sich entgegenreiten. Und gewiß hätten die Heiden den Fliehenden umgebracht, wenn sein Vater nicht erschienen wäre. Nun kehrte Florens um, und sie alle schlugen die Feinde. Die Jungfrau Marcebylla aber rettete sich nach ihren Zelten, sonst wäre sie gen Paris geführt worden; die andern Türken und Heiden mußten ihre Hälse hergeben bis auf zwei, welche sie übrigließen, um dem Sultan die Niederlage zu verkündigen. Klemens aber, so alt er war, hatte dennoch das Beste getan, und wenn man ihm gefolgt wäre, so würden sie bis Montmartre gerückt sein, wo die Jungfrau Marcebylla ihr Lager hatte. Aber Florens wollte dies seinem Vater nicht zugeben, weil die Heiden dort ihrer dreitausend wären: »Und doch«, sprach er, »wenn ich meinem Pferde trauen dürfte, so wollten wir die Sache versuchen!« Denn sie waren alle freudig und beherzt. Während sie sich so besprachen, hörten sie, daß die Feinde durch den unerwarteten Angriff in großer Bestürzung seien und schon auf die Flucht dächten. Florens und sein Vater berieten sich nicht lange mehr, sondern rannten auf die Türken los und nötigten sie, Panier und Gewehr im Stiche zu lassen und nach Dampmartin in das Hauptlager des Sultans zu flüchten. Auf dieser Flucht erschlugen die Franzosen an zweitausend Mann, plünderten das Vorlager der Heiden und führten sechstausend Mark Gold als Beute nach Paris. Die Ungläubigen aber sprachen: »Jetzt hat uns der Gott Mahomets ganz und gar verlassen; wenn er uns nicht besseres Glück gibt, so müssen wir mitten im Christenlande sterben!« So kamen sie nach Dampmartin vor den Sultan und klagten ihm ihre Not. Der Sultan sprach: »Seid unerschrocken; ich habe in meinem Lager noch fünfundzwanzig Könige und Geld und Mundvorrat auf vier Jahre.« Als sie ihm aber von dem Tode des Riesenkönigs und von seiner Tochter Marcebylla erzählten, wie sie von dem rostigen Ritter Florens, der den Riesen umgebracht, beinahe geraubt worden wäre: da fiel der Sultan von Babylon vor Zorn und Kummer auf den Boden. Als er wieder zu sich kam, schwur er, er wolle das ganze Land Frankreich verwüsten, alle Franzosen niedermachen und den König Dagobert elendiglich umbringen. Noch sprach er, als seine Tochter Marcebylla mit ihren Jungfrauen auf der Flucht dahergeritten kam. Sie ward vom Pferde gehoben, kniete weinend vor ihrem Vater nieder und grüßte ihn mit klagenden Worten. Der Sultan hob sie empor und fing an, sie zu trösten: »Liebe Tochter«, sagte er, »laß ab von deiner Bekümmernis; der Ritter, der deinen Liebhaber getötet hat, soll eines bösen Todes sterben. Ich will ihn zu Asche verbrennen lassen! Jetzt aber gehe in dein Zelt, erhole dich und schlafe!« – »Euer Wille geschehe, mein Vater!« sprach die Jungfrau, »aber ohne Rache darf der Mutwill der Christen nicht bleiben, und wäre es nur, weil der rostige Ritter unter ihnen ist, der mich fast eine Meile Weges entführt hat und mich ohne Erbarmen nach Paris gebracht hätte, wenn nicht große Macht unterwegs gewesen wäre.« So nahm sie Urlaub von ihrem Vater und ging mit ihren Gespielen in ihr Zelt. Hier war die Jungfrau sanft gebettet, doch lag sie hart auf ihren weichen Kissen und hatte die ganze Nacht keine Ruhe. Den Kuß, den ihr Florens gegeben hatte, den konnte sie nicht vergessen. Ihr ganzes Herz war von Liebe gegen ihn entzündet. Und wenn sie vor dem Einschlafen mit ihren Jungfrauen von anderen Dingen reden wollte, nannte sie unversehens den rostigen Ritter. »O Gott Mahomets«, dachte sie, »wie ist mir zu helfen, ich bin krank, und Leid habe ich in Fülle. Unglücklich war die Stunde, wo ich den rostigen Ritter das erste Mal angesehen habe, noch viel unglücklicher der Augenblick, wo er mir den ersten Kuß gab! Es war ein Kuß, der brannte, als wollte er mich töten. Seine Gebärde, als er mich zu Rosse hub, war fürstlich, männlich und mächtig. Gott Mahomets, warum hast du ihn nicht in deinem Glauben geboren werden lassen! Kein anderer Christenmann soll je in meine Nähe kommen; aber dieser Ritter, wenn er dich anbeten lernt, Gott Mahomets, muß mir zuteil werden!« Am andern Morgen, als sie aufgestanden war, fühlte sie sich so schwach, daß sie sich wieder niederlegte und sich wie eine Rasende gebärdete. Die Jungfrauen konnten nicht mehr dazu schweigen. »Herrin, was liegt Euch so schwer auf der Seele«, sprachen sie, »mit welcher Krankheit seid Ihr beladen?« – »Ach, ich weiß es selbst nicht«, erwiderte Marcebylla, »und wenn ich es wüßte, so darf ich es euch doch nicht sagen.« Da drangen die Gespielinnen nur um so mehr in sie, und endlich, nach langem Bitten, erzählte sie ihnen alles. »Liebe Freundinnen«, sagte sie, »der rostige Ritter, der so häßlich gewaffnet nach Montmartre kam, hat mich in solche Pein gebracht, denn er hat den Pfeil der Liebe mir mitten durchs Herz geschossen. Ich werde nimmermehr erfreut, bis ich ihn umarmt habe. Dann aber darf er nicht von mir weichen, bis er meinen Willen vollbracht und den Gott Mahomets angebetet hat. Tut er es nicht, so mag man ihn verbrennen oder schimpflich an den Galgen hängen!« Auf diese Rede antwortete ihr eine von den Jungfrauen, Atymedes', des Königs von Asia, Tochter: »Edle Jungfrau, was bekümmert sich Euer Herz um einen solchen armen, vielleicht unedeln Ritter; seht doch seine rostige Rüstung an, überdies ist er ein Christ! Darum ist mein Rat: schlagt es Euch aus dem Sinn. Euer Vater hat noch manchen Königssohn am Hofe, so daß er Euch wohl Eurer Würde gemäß vermählen kann.« – »Ach«, erwiderte Marcebylla, »wie kann man das sich aus dem Sinn schlagen, was das Herz am liebsten hat! Auch kann er nicht von niedriger Geburt sein; seine adelige Gebärde, sein freundliches Gespräch zeigen an, daß er von hohem Stamm entsprossen ist, so rostig er einhergeritten kam. Und wißt nur, wenn er mir nicht zuteil wird, so steht mein Leben in Gefahr!« Ihre Jungfrauen vermochten nicht, sie zu trösten. Nach dem Siege über die Heiden zog Klemens mit den Franzosen freudig und reich an Beute in der Stadt Paris ein. Dem Florens ward sein rostiges Schwert vorangetragen. Die Fürsten und Herren ritten ihm mit großen Ehren entgegen, alle Welt begehrte, ihn zu sehen, und gab ihm das Geleite bis in König Dagoberts Palast. Kaiser Oktavianus eilte ihnen entgegen und half dem Helden Florens aus den Steigbügeln. Und er wußte nicht, daß es sein leiblicher Sohn war, dem er dieses tat. Als Florens abgestiegen war, nahm er sein rostiges Schwert und wurde von sämtlichen Fürsten in den Palast des Königs geleitet. Hier trat er vor den König Dagobert, kniete nieder und sprach: »Allergnädigster Herr, mein Vater Klemens hat Euch des Riesen Haupt überreicht; hier bringe ich das rostige Schwert, womit ich die Gabe erobert habe. Es gehört Euch, wie Euch des Gefallenen Haupt gehört! Wenn Ihr mögt, so sei es mir vergolten!« Der König Dagobert dankte ihm mit lauter Stimme und hieß ihn aufstehen und an seine Seite sitzen. Dies schlug Florens dem König in aller Ehrerbietung ab und sprach: »Nein, das ziemt mir nicht, neben einem Könige zu sitzen!« Aber Dagobert nötigte ihn dazu. »Du hast es verdient«, sprach er, »und morgen zur rechten Zeit will ich dich zum Ritter schlagen. Dann sollst du bei mir wohnen und großes Gut von mir bekommen; wenn ich in der Stadt bin, mußt du bei mir stehen und meinen Königsstab vor mir hertragen!« Als Klemens den König so reden hörte, rief er dazwischen: »Herr König, laßt meinen Sohn Florens zufrieden, es ist nicht mein Wille, daß er zum Ritter geschlagen werde; denn dann wird er in alle Scharmützel reiten, vielleicht wird er auch erschlagen werden; dann trauert mein Herz um ihn. Mein Wunsch ist, daß er ein Wechsler werde, das ist eine Hantierung, die Gewinn bringt!« Darauf sprach Florens: »Lieber Vater, wenn es des Königs Wille ist, daß ich ein Ritter werden soll, so sperrt Euch nicht dagegen und sagt dem König Dank dafür!« Da warf sich Klemens auf die Knie und sprach: »Herr König, meinem Sohn geschehe nach Eurer Majestät Gefallen. Doch daß nicht zuviel Unkosten darauf gehen; denn Ihr wißt nicht, was dieser Sohn mich bis jetzt gekostet hat!« Der König Dagobert mußte lachen und sagte: »Florens, es ist mein königlicher Wille, daß du morgen zum Ritter geschlagen werdest!« Hierauf ließ der König das Haupt des Riesen mitten in der Stadt auf eine Stange stecken, daß alle Menschen das Wunder sehen könnten, das geschehen war. Als es tagte, wurden die Herren und Fürsten zusammenberufen, um dem Ritterschlage anzuwohnen. Da kam zuerst Kaiser Oktavianus, den eine besondere Zuneigung zu Florens trieb. Er mußte an Weib und Kinder denken; er konnte sich nicht enthalten, sondern er gab Florens einen Kuß. Nächst ihm waren auch der König von Spanien und der Herzog aus Irland beflissen, dem Florens zu dienen; auch der Fürst von Östreich und sonst viele Herren erwiesen ihm große Ehre. Nun wurden ihm Rücken- und Brustharnisch mit goldenen Spangen geziert. Der Kaiser Oktavianus legte ihm Armzeug und Beinschienen an, der Fürst aus Östreich setzte ihm den Helm auf, der mit goldenen Knöpfen geschmückt war. Zuletzt steckte ihm der König von Frankreich einen Goldenen Ring an den Finger und sprach: »Der Gott, der alle Dinge erschaffen hat, der wolle Euch erleuchten und beschirmen, daß Ihr im ritterlichen Stande mit Ehren und Gesundheit verharren möget!« Hierauf ließ der König Dagobert in einem schönen Garten einen Pfahl aufrichten, auf dem zwei starke Panzer und zwei mächtige Schilde angeknüpft wurden, und dorthin wurde Florens in großem Triumphe geführt. Mancher Fürst und Herr, Ritter und Knecht ritt ihm nach. Der König aber sprach zu ihm: »Guter Freund Florens, Ihr sollt den alten Brauch Frankreichs halten und als ein Ritter mit Eurem Speer wider den Pfahl rennen!« Aber der alte Klemens, der nahe dabeistand, sprach: »Gnädiger König, mit Verlaub, das ist ein närrischer Brauch in Frankreich; es wäre viel besser, der Stich wäre auf einen Heiden gerichtet als auf einen Panzer!« Fürsten und Herren lachten über diese einfältige Rede, und sein Sohn Florens sprach: »Lieber Vater, seid zufrieden, zu einer andern Zeit wollen wir nach den Heiden stechen; diesmal will ich des Königs Willen vollbringen; denn ich soll sein Ritter sein.« – »So gebe dir Gott Glück«, erwiderte Klemens, »daß du den Panzer erlegst!« Florens rannte so ritterlich gegen den Pfahl, daß er die zwei alten Panzer und die zwei neuen Schilde durchrannte, so daß Panzer und Schilde zu Boden fielen. »Gott gebe dem Ritter Glück und Heil!« rief das Volk, »gewiß ist er aus königlichem Stamme geboren! König Dagobert soll ihn am Hofe haben; lebt er noch kurze Zeit, jagt er uns alle Heiden aus dem Lande!« Das glückliche Rennen des neuen Ritters machte dem König Dagobert große Freude. Er ging auf Florens zu und reichte ihm herzlich die Hand. Das tat auch Kaiser Oktavianus; denn dem war niemand lieber als Florens. Und nun führte ihn der König wieder in seinen Palast zurück, und Klemens, der sich seines Sohnes überall erfreuen wollte, folgte nach. Im Schlosse war ein köstliches Mahl bereitet, und Fürsten und Herren waren gebeten. Saitenspieler, Geiger und Paukenschläger, Trommler und Trompeter waren aufgestellt und spielten um guten Lohn köstliche Stücke. Da ward es dem alten Klemens bange, denn er dachte an die Rinder und das Ross und meinte, am Ende für seinen Sohn die Zeche zahlen zu müssen. Und weil er höfischen Brauch nicht kannte, holte er sich einen Stecken und schlug auf die Spielleute ein, indem er rief: »Ihr Lotterbuben, seht ihr nicht, daß mein Sohn genug aufgehen läßt und daß er mich zum Bettler macht?« Als die Musikanten das hörten, fürchteten sie, es möchten noch mehrere mit Prügeln nachfolgen. Sie flohen deswegen mit leerem Magen zum königlichen Schlosse hinaus und waren übel zufrieden. Als Florens davon Kunde erhielt, schämte er sich für seinen Vater, rief ihn zu sich und sprach: »Vater, was denkt Ihr, daß Ihr so unvernünftig seid und die Spielleute, die mir zu Ehren erschienen sind, so schmählich vom Hofe gejagt und ihnen ihre Instrumente zerschlagen habt? Das muß ihnen doppelt wieder bezahlt werden!« Klemens erschrak und sagte: »Ach, mein lieber Sohn, ich hab' es nicht recht verstanden, sondern ich meinte, sie hätten Euer gespottet. Wenn es aber Euer Wille ist, so werde ich sie eilends wieder holen.« Und so lief der Alte zum Palaste hinaus und den Spielleuten nach. Doch diese, als sie den alten Klemens mit einem Stecken in der Hand daherrennen sahen, liefen noch viel mehr, und je gewaltiger ihnen Klemens nachschrie, je eifriger flohen sie, so daß er sie nicht mehr einholen konnte. Im Saale war darüber ein großes Gelächter, und die schönen Jungfrauen mußten ungetanzt nach Hause gehen. Jetzt nahm Kaiser Oktavianus den Ritter an der Hand, hieß ihn neben sich sitzen und sprach zu ihm: »Lieber Florens, sagt mir die Wahrheit. Ist der alte Klemens Euer rechter Vater?« – »Erhabener Kaiser«, erwiderte Florens, »das kann ich Euch nicht sagen, sondern nur, daß er mir so lieb ist, als ob er mein leiblicher Vater wäre. Aber das ist wahr, seine Hausfrau hat andern Leuten gesagt, er habe mich am Gestade des Meeres gefunden, einen guten Teil des Weges auf seinem Rücken getragen und dann auf einem Esel nach Paris gebracht und in St. Germain als sein Kind auferzogen. Ob sie recht hat oder mich damit verleugnen will, weiß ich nicht. Mir aber wird es bei Euch, Herr Kaiser, so wohl zumut, als ob Ihr mein rechter Vater wäret; denn ich weiß keinen Menschen auf Erden, den ich lieber sehe als Eure Kaiserliche Majestät.« – »Habt Ihr Eure rechte Mutter gekannt?«, sprach der Kaiser. »Ich habe sie mit Wissen nie gesehen«, erwiderte Florens. Da erkannte der Kaiser Oktavianus, daß Florens sein leiblicher Sohn sei. Das Herz wollte ihm zerspringen, und doch wollte er seine eigene Sünde nicht offenbaren, aber beinahe wäre ihm das Wort entfahren: »Ja, du bist mein rechter Sohn, die Natur spricht aus dir!« Aber er schwieg, und so blieb die Sache stehen. Inzwischen wurde das Mahl aufgetragen und jedermann setzte sich zu Tische. Der alte Klemens war bestellt, die Pforte zu hüten. Ihm war noch immer bange, daß er alles bezahlen müsse. Er dachte daher, wie er sich sichern wollte. Und als das Mahl vorüber war und die Fürsten vom Tische aufstanden und jeder sein Oberkleid suchte, fand keiner das seinige. Die Diener wurden gefragt, aber keiner konnte Bescheid geben; denn Klemens hatte die Kleider heimlich verborgen. Die Fürsten lachten und sagten: »Das ist noch nie geschehen!« Klemens hörte das Gemurmel. Er lachte und dachte: »So fängt man die Mäuse; hätte ich die Kleider nicht aufgehoben, sie wären wahrhaftig unbezahlt weggegangen!« Endlich aber rief er: »Liebe Herren, seid unbesorgt, ich habe die Kleider aufgehoben, sie sind unverloren. Aber das sage ich Euch, ihr werdet sie nur bekommen, wenn ihr die Zeche bezahlt!« Als Florens das hörte, wurde er zornig und wußte nicht, was er tun sollte. Er schämte sich vor den Fürsten und wollte doch seinen Pflegevater nicht beleidigen; denn er hatte ihn lieb. Zornig sprach er darum lachend: »Lieber Vater, gebt uns die Kleider wieder!« – »Nein«, sprach Klemens, »sie müssen vorher alle bezahlen, was an Unkosten aufgegangen ist!« – Da mußten alle lachen, und Florens stellte den Alten zufrieden; denn er verbürgte sich bei ihm mit seinem Pferde. Nun erhielten die Herren jeder das Seinige und schieden unter fröhlichem Gelächter. Der Tag war verflossen und die Nacht herbeigekommen. Aber Florens konnte nicht schlafen; er dachte nur daran, wie er den Sultan in seinem Feldlager sehen könnte, und nicht den Sultan allein, sondern auch seine schöne Tochter Marcebylla; denn das Feuer der Liebe flammte in seinem Herzen. Nach langem Hin- und Herdenken konnte er nicht länger im Zelte bleiben. Er stand mitten in der Nacht auf, rief seinem Kämmerling und hieß ihn Harnisch, Armzeug, Kragen, Helm und Schwert, und was zur Rüstung sonst gehört, bringen, wappnete sich und befahl dem Diener, ihm sein Ross zu satteln. Während Florens sich wappnete, fragte der Kämmerling, wohin er denn reiten wolle. Aber Florens sagte nur, er solle sich wegen des Reitens nicht kümmern. So setzte er sich zu Pferd und ritt um Mitternacht davon durch die langen Gassen von Paris bis ans Tor. Als er an die Pforte kam, weckte er den Torhüter und sprach: »Guter Freund, öffne mir die Pforte; denn ich habe ein Geschäft vor, das dir und allen Franzosen zugute kommen soll.« Der Torhüter sprach: »Lieber Junker, es kann nicht sein; es ist mir von unserem Herrn, dem Könige, bei Verlust meines Lebens verboten!« – »Ach«, sprach Florens, »es soll dir kein Ungemach daraus erwachsen; glaube mir, es wird dir vom Könige wohlbelohnt werden.« Und nun redete er dem Wächter so freundlich mit Geld zu, daß dieser ihm endlich heimlich das Tor aufschloß und ihn hinausließ. Florens ritt fröhlich fort und kam noch vor Tage zum Feldlager des Sultans. Das war köstlich zubereitet, und das Zelt des Sultans übertraf alle andern; denn es war mit Gold und Edelsteinen bedeckt und strahlte hell. Aus den Heidenzelten ertönten Pfeifen, Trompeten und Posaunen und ein greuliches Geschrei, so daß sich Florens einen Augenblick entsetzte. Doch bald wieder, seiner vorigen Tage und des Kampfes mit dem Riesenkönige eingedenk, ermannte er sich und sprach zu sich selbst: »Es gehe, wie es will, noch heute muß ich den Sultan in seinem Lager sehen und ihm sagen, was mein Vorhaben ist.« Als er jedoch die große Menge der Heiden sah, wurde er wieder unschlüssig. »Soll ich mit ihnen streiten«, dachte er, »so sind ihrer so viel, daß ich nicht davonkommen kann.« Inzwischen stieg er von dem Pferde, hieb einen Zweig von einem Ölbaum und hing ihn sich vor die Brust. Dann bestieg er das Ross wieder und dachte, sich für einen Boten auszugeben, der mit dem Sultan zu verhandeln hätte. So befahl er sich dem Allmächtigen und ritt auf das feindliche Lager zu. Dies hatten einige gewaffnete Heiden gesehen, und da sie in ihm einen Christen erkannten, so rannten sie auf ihn zu, um ihn niederzuhauen. Als sie jedoch den Ölzweig an seiner Brust sahen, der auch bei den Heiden ein Zeichen des Friedens ist, wagten sie nicht, ihm ein Leid zuzufügen; denn sie hielten ihn für einen Abgesandten und dachten, er habe vielleicht dem Sultan Gutes vom Könige von Frankreich zu überbringen. Also ritt Florens ungekränkt fort bis an das Zelt des Sultans; da stieg er ab, band sein Pferd an einen Baum und trat ein. Er fand den Sultan in großer Majestät auf dem Stuhle sitzen, der köstlich und mit golddurchwirkten Tüchern umhängt war, so daß man damit ein ganzes Fürstentum hätte bezahlen können. Um ihn saßen sechzehn Könige gelagert. Florens staunte, doch er faßte sich bald und sprach mit männlichem Stolze zu dem Sultan: »Der Gott, der am Kreuz den Tod für die Menschen gelitten hat, der ist's, der dem frommen König Dagobert täglich mehr Stärke gibt und alle seine Feinde zerstören will, zuerst dich, Sultan und König von Babylon; es sei denn, daß du den Befehl des Königs von Frankreich hören willst, welcher lautet: du sollst vor allen Dingen vor seiner königlichen Krone erscheinen und von ihr Gnade begehren, weil du gewagt hast, übers Meer in unser Land zu kommen. Tust du es nicht, so kommst du mit deinem Volke nimmermehr in die Heimat; dein Haupt muß dir abgehauen werden, danach kannst du dich richten; und was du für eine Antwort zu geben hast, das weißt du jetzt!« Der Sultan war über diese Rede fast von Sinnen gekommen. Er ergriff ein scharfes Messer und warf es nach Florens; der wich dem Wurf aus, und das Messer fuhr tief in einen Pfosten am Zelt. Florens war über diesen Wurf nicht wenig verdrossen; aber auch den Sultan reute, was er getan hatte, weil Florens ein Bote war. Daher sagte er: »Bei dem Gotte Mahomets, wenn du kein Bote wärest, müßte dein Leib in Stücke gehauen werden. So aber soll dir nichts geschehen, und mit dem Wurf habe ich mich übereilt; nimm dafür diesen Beutel mit vierhundert Dukaten, kehre zurück zu deinem Könige Dagobert und sag ihm: Wenn er unsern Gott Mahomets nicht anbeten und ihm dienen will, so werde ich nimmermehr übers Meer zurückkehren, und mein Herz wird keine Ruhe haben, ehe denn ich ihn getötet und sein Land unterjocht habe.« Der Sultan hatte eben diese Rede vollendet, als seine Tochter Marcebylla, von schmucken Jungfrauen begleitet, eintrat und ihren Vater mit tiefer Bewegung freundlich grüßte. Der Sultan samt den Königen, die bei ihm saßen, stand auf und empfing seine Tochter mit ihrer Begleitung gnädig. Dann mußte sie sich zu ihrem Vater setzen, und er mit allen Fürsten erfreute sich ihres holden Gesprächs und ihrer unaussprechlichen Schönheit. Sie war in Karmoisin gekleidet, der von goldenen Blumen durchsät und mit Perlen und Edelsteinen herrlich gestickt war, so daß ihre Gestalt das ganze Zelt erhellte. Als Florens sie sah, verlor er die Besinnung; und als Marcebyllas Blick auf ihn fiel, wich alle Farbe von ihr. Doch blickte sie den Florens mit zärtlichen Augen an und sprach mit verstellten Worten zu ihm: »Sag, du Christenmann, kennst du nicht einen Ritter am Hofe des Königs von Frankreich, der in einem rostigen Harnisch den Riesenkönig vor den Mauern von Paris getötet hat? Mein Verlangen, ihn zu sehen, ist groß; nicht aus Liebe, die ich zu ihm trage; sondern wenn ich ihn in meiner Gewalt hätte, von Stund an müßt' er verbrannt werden, weil er mir meinen Geliebten, den Riesenkönig, erschlagen hat.« Unter diesen Reden warf sie dem Ritter Florens heimlich manchen zärtlichen Blick zu und fuhr seufzend fort: »Oh, daß ich jenen Ritter, der mein Räuber ist, hier hätte; er müßte meinen Schmerz stillen. Ich leide an dem Kuß, den er mir gegeben hat. Daß ich mich nicht an ihm rächen kann, quält mich sehr!« Der Sultan und die Könige bei ihm verstanden diese Rede nicht recht, aber Florens verstand sie bald. Daher erwiderte er mit Ehrerbietung und sprach: »Ja, gnädigste Fürstin, ich kenne jenen Ritter sehr gut; er hat meine Länge und meinen Gang; im Rennen und Stechen kann man uns nicht unterscheiden, so gleich sind wir. Auch ist er ein getreuer Mehrer der Christenheit und Zerstörer der Abgötterei. Und wenn ihm Leids von Euch geschähe, so tätet Ihr großes Unrecht; denn ich weiß, daß er Euch liebt. Zum Zeichen führt er auf seinem Helm den rechten Ärmel, den er Euch entrissen hat, als Ihr mit ihm zu Pferde saßet, damit Ihr stets an ihn gedenkt, wo Ihr ihn in der Schlacht erblicken werdet!« Jetzt erkannte die Jungfrau Marcebylla gewiß, daß es der Ritter Florens sei, der mit ihr sprach, und gern hätte sie noch lange mit ihm geredet, wenn sie sich nicht vor ihrem Vater gefürchtet hätte. Florens aber setzte sich wieder auf sein Ross und rief dem Sultan zu: »Ich fahre diesmal wieder davon; aber du hast unredlich nach mir mit dem Messer geworfen. Darum sei dir gesagt, in kurzer Zeit soll es dich reuen; dein Leben steht auf der Spitze meines Speeres!« – »Was sagst du, schändlicher Bube«, rief der Sultan, »du gibst dich für einen Boten aus und verrätst dich doch durch freche Drohworte?« Und laut schrie er: »Liebe Könige und Herren, schlagt mir den Kerl tot!« Als das die Türken und Heiden hörten, rannten sie dem Florens mit Bogen und Pfeilen nach, schossen nach ihm und wollten ihn umbringen. Doch Florens wendete sein Pferd und schlug unter sie, daß bald zwei Könige tot am Boden lagen und drei andere Heiden lahmgehauen waren. Aber sein Ross wurde ihm hart verwundet, und nur mit Mühe erwehrte er sich ihrer. Dreihundert waren auf ihn; der Vorderste war der König von Alamphatin, der hoffte, den Ritter gewiß zu treffen, und rief: »Halt stille, du Bastard; denn von meiner Hand mußt du sterben!« Als Florens dies hörte, kehrte er sich um und sah, daß dieser König ihm allein nachgefolgt war. Da legte er seinen Speer ein, und sie rannten ritterlich aufeinander und trafen alle beide so gut, daß beider Speere in Stücke sprangen. Florens war betrübt, daß er keinen Speer mehr habe. Doch zückten jetzt beide ihre Schwerter und fochten ritterlich. Und endlich hieb Florens dem König durch die Hirnschale und zerspaltete ihm sein Haupt. Florens tauschte des Königs gesundes Pferd gegen sein verwundetes und ritt, so schnell er konnte, der Stadt Paris zu. Aber sein verwundetes Ross wollte ihn dennoch nicht verlassen und lief ihm nach bis an die Tore. Als die Heiden auf den Platz kamen, wo der König von Alamphatin tot in seinem Blute lag, mochte vor Leid keiner mehr dem Florens nachrennen. Sie nahmen den toten König und trugen ihn nach heidnischer Sitte unter lautem Wehklagen in das Lager. Dann meldeten sie dem Sultan alles. Der Sultan wurde ganz rasend, lief mit einem Prügel nach seinem Götzen, schlug ihm auf den Kopf vier harte Streiche und schrie: »Oh, du böser Gott Mahomets, du bist keines toten Hundes wert, daß du den Bastard entrinnen und den König, meinen Freund und Bruder, hast erschlagen lassen!« Und nun versammelte er alles Volk, tat kund, wie viel Schaden Florens angerichtet, und sprach: »Liebe Herren und gute Freunde, rüstet euch alle, denn die Stadt Paris muß zerstört werden. Achtzigtausend Mann will ich davor schicken, und kommt der König Dagobert und sein Bote in meine Gewalt, so müssen sie eines grausamen Todes sterben.« Die Jungfrau Marcebylla vernahm aus den Reden ihres Vaters, daß der König Alamphatin umgekommen und Florens kein Leid widerfahren sei; darüber freute sie sich und bat den Gott Mahomets, daß er ihn schirmen möge. Während die Heiden sich rüsteten, war Florens glücklich an das Stadttor von Paris gelangt und ritt wieder durch die langen Gassen zurück bis an Dagoberts Palast und wurde von dem König so freundlich empfangen, wie er es verdiente. Der Sultan tat, wie er geschworen hatte. Er schickte sein Kriegsvolk nach Paris, es aufs härteste zu belagern. Die Heiden lagen auf drei Seiten vor der Stadt. Sie hatten den Bauern alles Vieh weggenommen, die Dörfer verbrannt, die armen Leute totgeschlagen. Aber auch König Dagobert hatte alle seine Leute zur Schlachtordnung aufgeboten, und Florens war der erste, der, trefflich bewaffnet, auf des Königs Alamphatin Rosse sitzend, sich einstellte. So zogen die Franzosen mutig aus der Stadt und hatten den Eid geschworen, daß keiner von des andern Seite weichen wolle. Sie griffen die Heiden im Sturm an, und kein Christenfürst war, der nicht ritterlich in den Kampf gegangen wäre. Der mutigste Kämpfer war der König von Frankreich. Auch Kaiser Oktavianus wollte nicht säumen, er rannte seinen Speer durch die Heiden und leerte manchen Sattel. Der Herzog von Östreich, der König von Spanien und andere Fürsten brachten unzählige Feinde ums Leben. Aber keiner war über Florens; vor dem konnte kein feindlicher Held standhalten; sie flohen, sowie er gegen sie rannte. Dennoch wollten die Heiden nicht abziehen, sie schlugen sich so tapfer, daß zuletzt der König Dagobert von ihnen umringt wurde. Manch harter Streich traf ihn. Zuletzt wurde sein Ross unter ihm erstochen. Und noch auf der Erde schlug er wie ein Löwe um sich. Da wurde er müde und rief zuletzt: »Ach, mein Gott, und du, heiliger Dionysius!« Diesen Ruf hörte Florens und drang, so gut er vermochte, zu ihm, indem er eine lange Gasse vor sich der machte. Der erste, den er erstach, war der König von Persien. Dessen Ross nahm er, setzte den König von Frankreich darauf und sprach zu ihm: »Mut, Herr, wir wollen unsere Feinde bald dämpfen!« Jetzt aber fing die Schlacht von neuem an, und auf beiden Seiten wurde viel Blut vergossen. Endlich hielten die Heiden nicht länger stand, sie fingen an zu fliehen, und Florens samt dem Kaiser Oktavianus und dem König von Spanien setzten ihnen nach auf zwei Meilen Weges, und auf der Flucht erstachen sie über fünftausend Heiden. Mancher lag lahmgehauen, mancher halbtot vor der Stadt Paris; Äcker und Wiesen waren von Toten bedeckt, das Blut floß wie ein Bach. Am Ende waren dreißigtausend Heiden erschlagen. Der König mit seinem Volke zog wieder ein in Paris und lobte Gott. Die Heiden aber flohen in das Lager von Dampmartin zu ihrem Sultan und klagten ihm, was geschehen. Da sprach der Sultan: »Bei unserm Gott, der Tod unsers Volkes darf nicht ohne Rache bleiben! Vierzigtausend tapfere Streiter hab' ich noch. Die müssen zum zweiten Mal die Stadt belagern!« Dann rief er sieben Könige, die ihm übrig waren, und übergab ihnen dieses Heer. Auch schwur er, wenn er den Boten bekäme, so wolle er ihn durch vier starke Pferde in Stücke zerreißen lassen. Das hörte die Jungfrau Marcebylla und betete zu ihrem Gott, daß er den Ritter aus den Händen ihres Vaters reißen wolle. Aber zum Sultan sprach sie: »Möchte uns doch der Schurke zur Beute werden; denn er hat mir den Riesenkönig umgebracht! Darum, Vater, wenn Ihr meinem Rate folgen wollt, ich glaube, ich wollte das Wagnis unternehmen und ihn in Eure Gewalt bringen.« – »Wie sollte das möglich sein, liebe Tochter?«, fragte der Sultan. – »Ich will es Euch sagen«, erwiderte die Jungfrau. »Mit meinen Gespielinnen samt Zelten und Rüstung will ich mit den sieben Königen zu Felde ziehen. Auf der grünen Matte vor Paris am Seinefluß will ich mein Lager aufschlagen. Sobald der Schändliche meine Ankunft erfahren hat, wird er zu mir kommen, das weiß ich gewiß. Dann sollen ihn meine Ritter in Stücke reißen und sein Haupt Euch zum Geschenke bringen.« – »Wohlgeredet, schöne Tochter«, sprach der Sultan, »Euer Rat soll befolgt werden!« So zogen die Heiden noch einmal mit vierzigtausend Mann vor Paris. Sie schrien, daß die ganze Gegend zitterte. Aber in der Stadt lief alles auf die Mauern, schoß Pfeile und warf Steine auf die heranstürmenden Heiden. Am Gestade des Seinewassers war Marcebylla gelagert und wartete nur auf Florens. Der wußte nichts von ihr und rüstete sich zum Kampf gegen die Heiden. Da kam ein edler, ihm vertrauter Ritter zu ihm und sprach: »Wisset, edler Ritter Florens, die Jungfrau, die Euch so wohlgefällt und Euch so hold ist, hat ihr Lager samt ihren Jungfrauen am Gestade des Stromes errichtet.« Florens wurde von Liebe erfüllt, als er das hörte, und sprach: »Morgen erhaltet Ihr eine Rüstung zum Lohn, lieber Ritter!« und entließ ihn. Am andern Tage ließ Florens den Ritter waffnen und rüstete sich selbst. Unverweilt machten sie sich auf den Weg nach der Seine. Da sah Florens von weitem seine geliebte Marcebylla, und auch sie erkannte ihren Ritter von ferne; denn um den Helm trug er den Ärmel geknüpft, den er ihr einst abgenommen hatte. Sie erbleichte bei diesem Anblick, und ihre Jungfrauen fragten ängstlich, was ihr wäre. Da gestand sie ihnen die Ursache abermals. Ihre Gespielinnen riefen einstimmig: »Wir wollen Euch nicht verraten; ruft ihn getrost herbei; wir alle sind so gesinnt, daß wir Leib und Leben für Euch lassen wollen! Darum seid guter Dinge: seid Ihr noch in des Ritters Huld, so wird er von selbst herankommen; ist aber Eure Liebe in ihm verblichen, so hilft all Euer Trauern auch nicht.« Lange bedachte sich die Jungfrau Marcebylla, endlich aber sandte sie dem edeln Florens eine Freundin entgegen, die ihn von ihrer Nähe benachrichtigen sollte. Als Florens die Botin nur von weitem erblickte, hatte er keine Ruhe mehr. Gepanzert sprang er zu Ross in den Seinefluß, durchschwamm ihn und war bald auf der andern Seite, wo der Jungfrauen Zelte standen. Hier ging Marcebylla am Gestade auf und ab; sobald sie ihren Geliebten sah, begrüßte sie ihn freundlich und sprach: »Gelobt sei mein Gott, daß er Euch zu mir geführt hat! Welche Gefahr habt Ihr ausgestanden! Den Wellen habt Ihr mir zuliebe getrotzt!« – »Schöne Jungfrau«, erwiderte Florens, »die Liebe zu Euch hat mich über das Wasser getragen; wenn Euer Angesicht mich bescheint, kann mir nichts mißlingen!« – »Lieber Ritter«, sprach Marcebylla, »wie große Schmerzen habe ich um unserer Liebe willen erduldet; jetzt aber, wo Euer Licht mir leuchtet, bin ich gesund geworden.« Darauf nahm die Jungfrau den Ritter an der Hand und führte ihn in ihr Zelt; hier löste er Helm und Harnisch, umfing die Jungfrau und küßte sie. Da schwur sie dem Gott Mahomets ab, und der Ritter bekehrte sie zum wahren Glauben; auch mußte er ihr versprechen, sie fortzubringen. Darauf sagte Florens: »Hierzu weiß ich keinen andern Weg, Geliebte, als daß ich Euren Vater, den König von Babylon, zum Gefangenen mache. Dann könnt Ihr selbst mir auch nicht entgehen.« – »Geliebter Ritter Florens«, sprach Marcebylla, »kein Mensch auf Erden vermag meinen Vater zu fangen; er müßte denn von seinem guten Rosse Pontifex verlassen werden, das er nicht um die halbe Welt gäbe. Es ist schnell wie der Wind und so stark, daß darauf zwei Reiter im Harnisch in den Streit reiten und kämpfen können. Durch das Wasser schwimmt es wie ein Fisch. Es ist unvergleichlich.« Florens fragte eilig: »Was für eine Farbe hat das Ross Pontifex?« – »Es ist ganz weiß«, erwiderte die Jungfrau, »den Kopf trägt es allezeit aufrecht wie ein Löwe, mitten auf seiner Stirne aber hat es ein spitzes Horn, wie ein Schermesser so scharf: was es trifft, muß zugrunde gehen.« Nun war fast eine Stunde vergangen und Florens sagte: »Ich muß scheiden, Geliebte. Aber ich möchte wissen, wann ich Euch nach Paris bringen darf.« – »Ich will Euch eine List angeben«, sprach Marcebylla, »vielleicht dient sie, mich fortzuschaffen. Wenn es dazu kommt, daß mein Vater dem Könige von Frankreich eine Schlacht liefert, was nicht mehr lange dauern kann, der Kampf entbrannt ist, dann verliert Euch, wenn Ihr meinen Vater kämpfen seht, aus dem Streite und kommt heimlich zu mir. Mein Vater ahnt wohl unsere Liebe, aber er glaubt nicht daran, weil wir zweierlei Götter haben. Würde er sie gewiß inne – glaubt mir, vierundfünfzigtausend Mann würden ihm nicht zuviel sein, mich zu hüten. Ehe Ihr aber in die Schlacht reitet, bestellt ein Schiff, und sobald die Schlacht anfängt, soll der Fährmann das Schiff zu mir heraufführen; dorthin will ich alle meine Kleinodien tragen lassen, dann will ich mit meinen Jungfrauen und mit Euch nach Paris fahren. Dies ist das Mittel, wie Ihr mich hinwegbringen könnet.« Florens freute sich über den sinnreichen Einfall seiner Geliebten. »Ihr habt den rechten Weg gefunden«, rief er, »ich will ihm nachkommen.« Sie küßten sich, dann legte Florens den Panzer wieder an und befahl seine Jungfrau in Gottes Schutz. »Oh, du Leben meines Lebens«, antwortete ihm Marcebylla, »laß mein Herz in dem deinen beschlossen sein. Keinem Manne will ich untertänig sein als dir!« So schied Florens, schwamm über das Wasser und fand dort den Ritter, der auf ihn wartete. Kaum waren sie zusammengekommen, als Florens einen Türken dahertraben sah, der unter großem Geschrei mit ihm kämpfen wollte. Florens war nicht säumig; er legte den Speer ein und rannte auf den Türken, daß er stürzte und ein Bein brach. »Setzt Euch auf des Heiden Pferd«, sprach Florens zu seinem Begleiter, »es ist viel stärker als das Eure; so kommen wir schneller davon.« Aber kaum war dies geschehen, so sahen sich die beiden von einer wilden Heidenschar umgeben. Doch schlugen sie sich ritterlich mit ihren scharfen Schwertern, daß die Heiden wie der Schnee niederfallen mußten. So schlugen sie sich endlich durch und gelangten fröhlich nach Paris. König Dagobert schickte zu Florens und fragte ihn: »Nun, Florens, was macht die Jungfrau Marcebylla? Um ihretwillen werdet Ihr, deucht mir, noch manchen Heiden niederstrecken!« Da sprach Florens lachend: »Ja, es möchte so geschehen, mein Herr und König; denn meine Hoffnung steht allein zu ihr!« Und nun beurlaubte sich Florens von dem König Dagobert und ritt zu seinem Pflegevater Klemens. Diesem erzählte er alles, was sich begeben hatte, und verschwieg ihm seine Liebe zu Marcebylla nicht, und wie er sie mit ihrem Willen nach Paris bringen werde. Auch berichtete er ihm von dem köstlichen Pferde, Pontifex genannt. »Was hat das Pferd für Farbe«, fragte Klemens. – »Es ist ganz weiß wie ein Schwan«, sagte Florens, »und an der Stirn hat es ein langes Horn, scharf wie ein Schermesser.« – »Um Gott«, sprach Klemens, »da ist es wohl kaum zu bändigen? Doch getraue ich mich, es zu meistern.« Florens mußte lachen und hielt des alten Mannes Rede für einen Scherz. Aber Klemens ließ sich von seinem Weibe den Pilgermantel und Hut reichen, womit er am heiligen Grabe gewesen. Er warf den Mantel zur Hälfte über sich und machte sein Angesicht mit einer Salbe schwarz wie eine Kohle; einen kohlschwarzen langen Bart hatte er schon vorher. So entstellt sah er einem Heiden nicht unähnlich, und wer es sah, dem kam das Lachen. Danach nahm Klemens seinen Pilgerstab in die Hand und sprach zu Florens und zu seiner Hausfrau: »Nun lebt alle wohl; ich will nicht wiederkehren, ich habe denn das köstliche Ross Pontifex gewonnen!« Das ganze Hausgesinde hatte seine Freude darüber, daß der alte Mann noch so leichtsinnig war. Doch glaubten sie nicht, daß es ihm geraten würde. Und so hinkte er davon. Es dauerte nicht lange, so kam der alte Klemens unter die Heiden, und er grüßte jeden, dem er begegnete, treuherzig bei dem Gotte Mahomets. Klemens verstand nämlich die heidnische Sprache ganz gut, weil er lang über Meer gewesen war; und die Heiden dankten ihm wieder bei Mahomets Gott; denn sie dachten, er sei ein heidnischer Pilgersmann. So kam er ungefährdet bis Dampmartin, wo der Sultan sein Lager hatte. Er aber hatte zuvor wohl bedacht, was er mit dem Sultan reden wollte. Wie er nun in das königliche Zelt trat, zog er seinen Hut, grüßte ihn und sprach: »Der Gott Mahomets, welcher Tag und Nacht geschaffen hat, wolle den großmütigen Sultan von Babylonien segnen! Großmütiger König, um Euer Majestät willen bin ich diesen weiten Weg gereist und mit großer Mühe in Euer Lager aus der fernen Heimat gekommen, etwas zu schaffen, das meinem Herrn angenehm wäre.« Der Sultan dankte dem alten Klemens und sprach: »Sag an, mein Pilger, wie lebt man in unserm Lande? Spricht man davon, welch großen Schaden ich erlitten habe? Ich habe manchen Heiden verloren, vor allem den Riesenkönig, darüber werde ich noch zornig! Aber es soll gerächt werden, bei Mahomet! Nun, Pilger, was bringst du Neues?« – »Allergnädigster Herr«, sagte Klemens, »als ich aus unserm Lande zog, betete jedermann zum Gotte Mahomets, daß er es Euch nicht mißlingen lassen möge, sondern Euch Macht gebe, Frankreich zu verderben, und Euch glücklich wieder heimbringe.« Der Sultan sprach: »Wohl, ich will nicht weichen, bis Frankreich verloren ist. Aber sage mir, Pilger, was ist deine Hantierung?« Klemens antwortete ihm: »Herr, ich bin ein erfahrener Meister über alle Pferde; kein Pferd ist so groß und wild, von dem ich nicht sagen könnte, wie alt es ist und wie lang es noch leben wird; es wäre denn, daß ich nicht darauf zu sitzen käme.« – »Du bist ein geschickter Meister«, sagte der Sultan darauf, »und ich freue mich deiner Ankunft; denn ich habe ein Ross, das mir sehr lieb ist; das sollst du mir besehen; denn es gibt seinesgleichen nicht auf Erden.« – »Großmächtiger König«, sagte Klemens, »so gewiß ich Euch täglich gehorsam bin; so gewiß will ich Euch die Wahrheit über des Rosses Leben sagen, sobald ich auf seinem Rücken sitze.« Jetzt gebot der Sultan, daß man sein Pferd bringen sollte; dieses war mit zwei silbernen Ketten angelegt und mit einem Zaum von rotem Samt aufgezäumt, darin lag ein Gebiß von Silber, und silberne Spangen daran. Auf der Seite war das Gebiß mit Gold eingelegt und mit manchem edlen Stein besetzt. So wurde das Ross Pontifex vor den Sultan geführt und von ihm und allem Volke mit Lust betrachtet. Als Klemens das Ross ansah, ward er im Herzen betrübt; besonders das spitzige Horn an der Stirne wollte ihm gar nicht gefallen, und überhaupt war das Pferd furchtbar anzusehen. Da kehrte sich Klemens um, neigte sein Haupt und den Pilgerstab und rief den wahren Gott ernstlich an, daß er ihm sein Vorhaben gelingen lassen möge. »Nun, alter Vater«, sprach der Sultan vergnügt, »wie gefällt dir das Pferd? Sage mir etwas von seiner Art und Tugend!« – »Ja, Herr Sultan«, sagte Klemens, »sobald ich darauf sitze, eher kann ich nichts sagen!« – Der Sultan sprach: »Nun, so lege Sporen an, und man sattle dir das Ross!« So wurde das Pferd Pontifex gesattelt, die Steigbügel sorgfältig umgehängt und das Tier in seiner köstlichen Ausrüstung vor den Sultan geführt. Je länger dieser das Pferd ansah, desto größere Freude hatte er daran und sagte zu seinen Fürsten: »Habt ihr euer Lebtage so ein schönes und starkes Tier gesehen? Es ist wohl wert, daß es der Alte beschaue!« Und nun befahl er dem Klemens aufzusitzen. Dieser warf Pilgermantel und Hut auf die Erde, legte sich die Sporen an und wollte, seinen Pilgerstab in der Hand, das Ross besteigen; dieses aber stellte sich sehr ungebärdig, es schlug ihn mit den Hinterhufen so hart, daß er zwei Ellen zurückflog. Da hätte einer den Sultan und sein Volk sollen lachen sehen! Man mußte dem Alten wieder aufhelfen; als er nun wieder auf seinen Füssen stand, lachte auch er unter Weinen, gab dem Ross ein paar Streiche mit seinem Stab, nahm es am Zaum und führte es so lange im Kreise um, bis es ihm gelang, sich hinaufzuschwingen. Sowie er die Füße im Bügel, den Zaum fest in den Händen hielt, sprach er zum Sultan: »Sultan von Babylon, Euch sei mein Pilgermantel und Hut um das Ross Pontifex geschenkt, und damit Gott befohlen; denn ich will nach Paris reiten!« Damit gab Klemens dem Ross beide Sporen; da lief es wie ein Vogel davon. Jetzt erst merkte der Sultan, daß er um sein Pferd betrogen sei, und fiel vor Zorn und Schrecken wie tot zu Boden. Als er wieder zur Besinnung kam, versprach er dem, der es ereilen würde, hundert Mark Silbers. Da jagten ihm viele nach, aber es war vergebens; ehe sie auf die Pferde kamen, war Klemens weit davon und pries seinen Gott, daß er ihm so glücklich davongeholfen. Zuletzt kamen sie ihm aber näher, und er sah von weitem den Staub in den Lüften, da eilte er nur um so mehr und wäre noch zu rechter Zeit in die Stadt gekommen, wenn das Tor nicht verschlossen gewesen wäre. Nun waren die Heiden so nahe, daß er schon ihre Flüche vernehmen konnte. Klemens schrie kläglich nach dem Torwärter: »Ach, tut mir doch das Tor auf, ich habe des Sultans gutes Ross. Wenn Ihr mich nicht gleich einlaßt, muß ich sterben!« Zum Glück hörte Florens, der eben auf der Mauer war, seines Vaters Stimme und ließ ihm das Tor öffnen. Da kam Klemens gerade noch durchs Tor, das hinter ihm geschlossen wurde. Klemens ritt vor seinen Sohn, stieg ab und sprach: »Hier ist das köstliche Ross, das meine Kunst dem Sultan abgewonnen; dir sei es geschenkt, mein Sohn Florens!« Darüber wunderte sich Florens und dankte seinem Vater von Herzen. Er schwang sich auf das herrliche Ross und tummelte es auf einem Platze der Stadt vor vielen Zuschauern, darunter mancher Herr und Edler war. König Dagobert und Kaiser Oktavianus kamen auch herbei und hatten ihre Lust an dem Rosse Pontifex. Als Florens sah, daß dem Könige das Pferd besonders gefiel, stieg er ab und führte es dem König als Geschenk zu. Dafür schenkte der König Dagobert dem Ritter Florens zwei Herrschaften mit schönen Schlössern in seinem Lande, und Klemens ging auch nicht leer aus für seine Arbeit. In Paris wurde ein herrliches Fest gehalten; aber der Sultan zerschlug seine Götzen im Grimm und beschloß, Paris zum dritten Mal zu belagern. Bald lagen die Heiden Zelt an Zelt vor der Stadt. Auf des Sultans hohem Gezelte stand ein Adler von Gold, seinen Schnabel der Stadt Paris zugekehrt, als wollte der Sultan damit ihre Zerstörung andeuten. Auch diesmal rüsteten sich die Feinde zum Sturm, und mehr denn zwölftausend Heiden zogen bewaffnet heran. Aber auch Ritterschaft und Volk in Paris waren gerüstet, und das Tor tat sich auf, das Christenheer hinauszulassen. Das erste, was der Sultan erblickte, war sein gutes Ross Pontifex, auf dem der König Dagobert vor allem Volke ritt. Darüber war er vor Wut fast von Sinnen und rannte mit solchem Grimm auf den König ein, daß er ihn fast durchbohrte. Doch Gott führte den guten König; denn das Speereisen haftete nicht auf seinem Harnisch, so daß der Sultan zornig wurde. Nun legte auch Dagobert seinen Speer ein und rannte gegen den Sultan mit solcher Härte, daß dieser wohl empfand, mit wem er es zu tun hatte. Ehe es aber zum vollen Zweikampfe kam, verwundete des Sultans eigenes Ross diesen mit seinem scharfen Horne so schwer, daß er von seinem Pferde zu Boden stürzte. Dagobert zog sein Schwert und wollte dem Gefallenen das Haupt abschlagen, aber fünfhundert Heiden kamen ihrem Sultan zu Hilfe und halfen ihm wieder auf das Pferd. Nun wurde das Schlachtgetümmel erst recht allgemein. Da dachte Florens an Marcebyllas Rat, schlich sich, nachdem er aufs tapferste gestritten, heimlich aus der Schlachtordnung und begab sich in den Rücken der Stadt Paris, wo ein gut ausgerüstetes Schiff wartete, so daß er bald zu der Geliebten kam. Sie fielen sich um den Hals und küßten sich. Derweil wurde alles Gut der Fürstin auf das Schiff gebracht, und Florens und Marcebylla samt allen ihren Jungfrauen traten auf das Schiff und fuhren auf Paris zu. Froh saßen die zwei beieinander, und eins erzählte dem andern die Schmerzen, die sie erduldet hatten, bis sie zusammengekommen. Auch unterrichtete Florens die Jungfrau im christlichen Glauben. Die Zeit verflog ihnen und bald kamen sie in der Stadt an. Dort führte Florens seine Geliebte mit ihren Jungfrauen in das Haus seines Vaters Klemens und bestellte zwanzig Edelknaben, die ihrer warten sollten; dann führte er sie in ihre Kammer und nahm Urlaub von ihr, um die Schlacht zu vollbringen. Marcebylla aber befahl ihn seufzend dem wahren allmächtigen Gott; denn von Mahomets Gott wollte sie nichts mehr hören. Florens ritt indessen wieder in die Schlacht und war froh wie einer, der seine Beute geborgen hat. Er stürzte sich ins Getümmel und brachte viele Heiden um, bis er zu tief unter sie kam und zuletzt umringt wurde. Da vergalt ihm König Dagobert und kam ihm zu Hilfe. Auf einer andern Seite des Schlachtfeldes rannten der Kaiser Oktavianus und der Sultan gegeneinander; der Speer des Kaisers prallte an dem Harnisch des Sultans ab, und dieser schrie seinem Heidenvolk zu: »Wird der schändliche Verräter nicht von euch gefangen, dann spürt meinen Zorn!« Nun schlugen alle Heiden auf den Kaiser ein, und sein Pferde wurde ihm unter dem Leibe erstochen. Er kämpfte weiter und wollte sich nicht gefangengeben, sondern brachte noch manchen Heiden um. Aber jetzt konnte er sich nicht länger mehr wehren; sein Helm war zerschlagen, sein Leib verwundet, und all sein Volk war ferne von ihm. Florens sah des Kaisers Not, eilte zu ihm und verließ ihn nicht, auch fehlte keiner seiner Streiche. Als die Heiden den Schaden empfanden, da wollte jeder den Todesstreich auf Florens führen; sein Ross ward unter ihm erstochen, so daß er auf die Erde fiel. Doch erhob er sich wieder und focht wie ein grimmiger Löwe. Zuletzt aber wurden sie doch müde und mußten sich beide, der Kaiser und Florens, den Heiden gefangengeben, und so wurden die zwei vor den Sultan geführt und seiner Gewalt überantwortet. Der grimme Heide gebot, sie hart zu binden und abzuführen in sein Zelt. Florens war sehr betrübt; er dachte nur an die schöne Marcebylla, betete heimlich zu Gott um Errettung. Ebenso tat auch der Kaiser Oktavianus. Die Heiden aber schnürten sie so fest, daß die Stricke in das Fleisch gingen. So kamen sie zu des Sultans Zelt. Vergebens suchte der König Dagobert in der Schlacht nach seinen beiden Freunden; niemand wußte von ihnen zu sagen. Da ward er traurig und ergrimmt und schwur, die Heiden zu verderben. Aber ihrer waren zehn gegen einen Christen, so daß die Franzosen immer härter ins Gedränge kamen und es nahe an der Flucht war. Dagobert stellte sich an die Spitze der Seinigen; die Krone Frankreichs funkelte auf seinem Haupt, und er schrie gen Himmel: »Heiliger Dionys! Schirme die Krone Frankreichs!« In dieser Not sandte Gott den Christen eine wunderbare Hilfe; denn er stellte den Heiden ein Blendwerk vor die Augen, als wenn bei Montmartre ein fremdes Volk den Franzosen zu Hilfe gekommen wäre, alle mit weißen Kleidern angetan, mehr als zwanzigtausend. Der König Dagobert aber hörte eine Stimme vom Himmel: »König von Frankreich, sei unverzagt, die weißen Ritter werden dir zu Hilfe kommen.« Jetzt faßte sich Dagobert wieder ein Herz und rief den Seinen zu, sie sollten tapfer auf die Heiden schlagen. Zugleich rückten die weißen Ritter, die Gott gesandt hatte, von hinten gegen die Schlachtordnung der Feinde an, und der Anblick dieser neuen Heerscharen verwirrte deren Reihen, daß an zweitausend Heiden erschlagen wurden. Dieser Streit gefiel dem Sultan nicht: »Verwünscht sei die Stunde«, sagte er zu seinem Volke, »wo ich nach Frankreich gekommen bin! Laßt uns fliehen, die weißen Ritter werden uns alle umbringen!« So kehrten die Türken um und ergriffen die Flucht. Da schlugen die Franzosen unter sie, daß Äcker und Matten mit Leichnamen bedeckt wurden. Noch auf der Flucht erhielt der Sultan die Nachricht, daß seine Tochter Marcebylla gen Paris geführt worden sei. Da brach er in ein Jammergeschrei aus. Und als er in sein Zelt gekommen war, trat er mit dem Schwert vor seinen Götzen, der dastand, herrlich mit Gold und Silber geschmückt, hieb ihm das Haupt ab und steckte es in einen Sack. Man wußte nicht, ob es aus Zorn geschah oder um es vor den verfolgenden Christen zu retten. Zugleich sprach er: »Liebe Herren und Freunde, wir müssen uns von hinnen machen; seht zu, daß die zwei gefangenen Bösewichter wohl verwahrt seien, führt sie über das Meer mit in unser Land. Nicht das Gut aller Welt nähme ich für sie. Vier Pferde sollen sie unter den Galgen schleifen, dort will ich sie selbst in Stücke hauen.« Oktavianus und Florens merkten bald, was man mit ihnen vorhabe. Schimpflich mit Stricken gebunden, wurden sie von dem fliehenden Heere der Heiden weggeführt. Bei Dagobert und seinen Scharen war laute Klage um sie; denn niemand wußte, wo sie hingekommen waren. Nun kehren wir zu Florens Bruder Lion und der Kaiserin, seiner Mutter. Als diese zu Jerusalem bei dem redlichen Edelmann Herberge machte, nahm der sich des kleinen Kindes an und erzog es ritterlich. Alle Welt hatte den Knaben lieb, er wurde männlich und stark, schön und wohlerzogen. Seiner Mutter erwies er große Ehre und treuen Gehorsam. Es geschah aber um diese Zeit, daß der türkische Kaiser wider den König von Akron Krieg führte und mächtig zu Felde lag. Von ungefähr kam der junge Fürst Lion an den Hof dieses Königs und bot seine Dienste an. Der schöne und starke Jüngling gefiel dem Könige und ward willig angenommen. Lion war ein Christ; denn die Kaiserin hatte ihn zu Jerusalem taufen und seinen Namen nach der treuen Löwin, die immer ihre Hausgenossin war, nennen lassen. Die Löwin wich nicht von dem Knaben, und so zog sie mit ihm in diesen Krieg. Als die beiden Heerhaufen zusammenkamen, schlugen sie sich ritterlich. Lion focht mitten unter den Heiden, und seine Löwin half ihm streiten; er erschlug, sie erwürgte viele Feinde. Zuletzt flohen die Feinde. Der türkische Kaiser wurde gefangen und ihm das Haupt abgeschlagen. Der König von Akron, der die Heldentaten des jungen Lion mit angesehen hatte, ließ ihn rufen und fragte nach seiner Geburt. Der Jüngling erzählte dem Könige, was er von seiner Mutter gehört hatte. Sogleich wurde nach der Mutter gesandt, welche bald vor des Königs Angesicht erschien. Da sprach der König zu ihr: »Würdige Frau, sagt mir, von welchem Geschlecht Ihr seid.« Da sprach die Kaiserin: »Herr König, mein Gemahl ist Oktavianus, der Kaiser zu Rom.« Und damit erzählte sie ihre Verfolgung und ihr Geschick. Als der König das vernahm, war er erstaunt und sprach: »Erlauchte Frau, Ihr habt unrecht getan, daß Ihr so manches Jahr still in meinem Lande gewohnt habt. Gewiß, ich hätte Euch nicht im Elende gelassen. Nun aber seid fröhlich; was ich habe und vermag, will ich mit Euch teilen!« Die Kaiserin dankte dem Könige, und während sie miteinander redeten, kam Lion zu dem König und sprach: »Unüberwindlicher Herrscher, meine Bitte an Euch lautet, daß Ihr mich aus Euren Diensten entlassen wollet. Ihr wißt durch mich und meine Mutter, wie unschuldig ich enterbt worden bin. Darum will ich zu dem Könige von Frankreich fahren. Er ist ein Freund des Kaisers, und ich habe das Zutrauen zu ihm, daß er meine Mutter in ihre Würde und Ehre wiedereinsetzen wird.« Der König antwortete Lion: »Eure Bitte soll Euch gewährt werden, schon um der großen Hilfe willen, die Ihr mir gegen die Türken geleistet habt. Deswegen sollt Ihr auch von mir eine gute Summe Goldes als Geschenk erhalten und tausend wohlgerüstete Ritter, die Ihr von dem Gold ernähren möget.« Die Kaiserin und ihr Sohn dankten dem Könige von Akron, machten sich mit ihren Rittern auf, zogen durch das Land und fuhren über das Meer. In der Lombardei begegnete ihnen ein junger Ritter, der aus Frankreich gebürtig war. Diesen grüßte Lion und sprach: »Lieber Freund, zürnt nicht; ich muß Euch eins fragen. Aus Eurer Kleidung ersehe ich, daß Ihr aus Frankreich gebürtig seid.« Der Ritter antwortete: »Ihr habt recht gesehen. Es sind noch nicht vier Tage vergangen, daß ich in Paris bei dem Könige war.« Als Lion dies hörte, fragte er ihn, ob der König Dagobert zu Paris Hof halte, wie es ihm gehe, ob er gesund sei. Der Ritter sah Lion an und sprach: »Herr, ich glaube, ihr spottet mit Eurer Frage! Wißt Ihr denn nicht, daß die Heiden in Frankreich eingefallen sind und fast das ganze Land verwüstet haben? Obgleich große Fürsten und Herren dem Könige zu Hilfe kamen, so konnten sie den Heiden doch nicht genug widerstehen; denn die waren mehr als zweimal hunderttausend Mann stark. Ich glaube deswegen, eine gute Belohnung könnte Euch nicht fehlen, wenn Ihr dem bedrängten Könige mit Euren Reisigen zu Hilfe ziehen wolltet!« Die Kaiserin und ihr Sohn dankten dem Ritter und Lion sprach zu seinen Rittern: »Seid wohlgemut, liebe Freunde! Das Glück trifft uns, daß wir in den Sold des Königs von Frankreich kommen!« Und zu seiner Mutter: »Seid fröhlich, liebe Frau Mutter, bald sollt Ihr zu Rom als gewaltige Kaiserin gekrönt werden.« Sie waren noch nicht lange unterwegs, als die Kaiserin fern eine große Staubwolke sich erheben sah, wie sie von Kriegsleuten kommt. »Liebe Freunde«, sprach sie zu ihrem Sohn und seinen Rittern, »das sind wohl die Heiden, von denen uns gesagt ist, daß sie das ganze Frankreich verderbt haben. Laßt uns schnell eine Schlachtordnung bilden, damit ihr notfalls ritterlich wider sie streiten möget.« Dies taten die Ritter, und noch waren sie nicht weit geritten, als sie auf viele tausend Türken und Heiden stießen. Unter ihnen befand sich auch der Sultan; er war mit seinem ganzen Volke nach jener dritten Schlacht vor Paris auf der Flucht und im Begriffe, nach Babylon zurückzukehren. Auch führten sie zwei Gefangene hart gebunden mit sich, der eine war der Kaiser Oktavianus, der andere der Ritter Florens; sie waren wie Jagdhunde mit Stricken zusammengeknebelt und wurden schimpflich mit Prügeln getrieben. Florens sprach klagend: »O frommer König Dagobert, Gott helfe dir, denn du und ich werden uns nie wieder sehen; aber doch sei Gott gelobt, daß die Heiden von uns Christen überwunden sind!« Auf der andern Seite führte der Sultan große Klage wegen seiner Tochter Marcebylla, die von den Franzosen nach Paris entführt worden war. Inzwischen näherte sich Lion mit seinen Rittern den Heiden und erkannte, daß sie auf der Flucht und müde und atemlos waren. Auch gewahrte er den Sultan, der zwar das königliche Diadem auf dem Haupte trug, aber so traurig aussah, nicht als ob er von einem Schmause aus Frankreich käme. Darum sprach Lion zu den Seinigen: »Seid unerschrocken! Das sind die Heiden, die gegen das Christenblut toben! Dort führen sie zwei vornehme Gefangene: die werden hart von ihnen geschlagen! Es sind Fürsten. Laßt sehen, was ist!« Seine Genossen erklärten sich bereit, ihm in allem zu folgen. Die Löwin aber, die immer bei dem edlen Jüngling Lion war, begann in der Erde zu scharren, als wollte sie andeuten, daß sie bereit sei, zu kämpfen und unter den Heiden zu wüten. Das ermunterte alle. »Seid getrost«, rief der Jüngling seiner Mutter zu, »wir wollen sie so empfangen, daß keiner am Leben bleibt außer den zwei Gefangenen!« Mit diesen Worten führte er sie an einen sichern Platz, bis das Treffen vorüber wäre. Dann fiel er mit seinen Rittern unter die Heiden, die nichts dergleichen erwarteten und erwürgte in kurzer Zeit die Hälfte. Auch die ungeheure Löwin zerriß manchen Türken und Heiden. Als sie von einem Feinde wundgeschlagen worden war, wurde sie noch viel grimmiger und stürzte so rasend unter sie, daß sie den Sultan erreichte, ihn mit großem Ungestüm anfiel und zu Boden warf. Ja, sie hätte ihn in Stücke gerissen, wenn nicht Lion dazugekommen wäre. Der erkannte, daß es der Sultan sei und hielt die Löwin zurück. Doch tat er, als wollte er dem zu Boden Liegenden das Haupt abschlagen, bis der Sultan um Gnade flehte, sein Schwert als Gefangener darreichte, großen Tribut zu bezahlen versprach und am Ende seinen heidnischen Glauben abschwur. Darüber war Lion sehr erfreut und sagte ihm sein Leben zu. Doch wurde er hart gebunden und so an einem Strick vor die Kaiserin geführt. Inzwischen hatten die edlen Ritter und die Löwin auch die übrigen Heiden erlegt. Die Schlacht war vorüber und alle ruhten vom heißen Kampfe aus. Da trat Lion zu den beiden Gefangenen, dem Kaiser und Florens, und sprach: »Liebe Herren, sagt mir die Wahrheit, woher ihr stammt; denn ich will euch erlösen.« – Der erfreute Oktavianus erwiderte: »Edler Ritter, ich bin der römische Kaiser Oktavianus, und mein Genosse hier heißt Florens und ist ein rechter Held. Wir sind von den Heiden während der Schlacht gefangen worden, und jetzt wollen wir gern Eure Gefangenen sein und ganz nach Eurem Willen tun. Aber, wenn es Euch gefällt, so überliefert uns nur dem Könige Dagobert von Frankreich; der wird Euch so beschenken, daß Ihr nimmermehr in Armut kommt.« Als der Jüngling Lion diese Rede hörte, konnte er vor Freude nicht mehr reden; denn er erkannte in dem Redenden seinen leiblichen Vater, obwohl er ihn in seinem Leben noch nicht gesehen hatte. Darum lobte er Gott, daß er ihn seinen Vater hatte fangen lassen, und fragte den Kaiser: »Mein lieber Herr, saget mir, habt Ihr jemals eine Gemahlin gehabt?« – »Ja, lieber Freund«, erwiderte Oktavianus, »ihretwegen bin ich der allertraurigste Mensch auf Erden. Ich glaube gewiß, daß alles Übel und alle Schande, die ich bis auf diesen Tag erlitten habe, meiner Sünden Vergeltung ist, weil ich an meiner unschuldigen Gemahlin so freventlich gehandelt habe.« – »Was habt Ihr denn Unbilliges an ihr getan?«, fragte Lion, als wüßte er von nichts. – »Ach«, erwiderte der Kaiser, »die Frau war fromm gegen mich und jedermann, und ich hatte sie lieb. Aber durch eine große Verräterei, welche gegen sie erdacht wurde, habe ich sie aus meinem Lande verbannt und ins Elend geschickt. Die Kaiserin hatte mir zwei Söhne geboren: da wollte ich Mutter und Söhne verbrennen lassen, und nur mit Mühe begnadigte ich sie. Aber wahrlich, es hat mich bitter gereut, und ich habe keine gute Stunde mehr gehabt von jenem Augenblicke an.« So erzählte der Kaiser dem Jünglinge Lion alles, was sich mit seiner Gemahlin begeben; da fragte dieser noch weiter: »Lieber Herr und Kaiser, wie heißt denn Euer Genosse?« – »Der«, sprach Oktavianus, »wird Florens genannt, wie ich Euch schon gesagt habe; aber es ist wunderbar, meiner Lebtage habe ich keine zwei Männer getroffen, die einander so ähnlich sehen wie Ihr. Man sollte meinen, daß ihr leibliche Brüder wäret!« Kaum konnte sich Lion länger halten. »Herr Kaiser«, sprach er; »wenn Euer Majestät Gemahlin Euch vor die Augen gestellt würde, glaubt ihr, sie zu erkennen?« – »Sehr wohl«, erwiderte der Kaiser, »aber, Gott erbarm's, ich bin wohl sicher, daß ich sie nie mehr sehen werde.« Da nahm Lion den Kaiser bei der Hand und sprach zu ihm: »Folgt mir nach, beide Herren!« Und nun führte er sie dem Orte zu, wo er seine Mutter vor der Schlacht geborgen hatte. Sobald die Kaiserin von fern ihren Gemahl sah, erkannte sie ihn und mußte vor Freude weinen. Wie nun alle drei vor sie gekommen waren, sprach Lion zu dem Kaiser: »Lieber Herr, sehet diese Frau an, ob es nicht Eure Gemahlin sei.« Oktavianus erkannte die edle Frau sogleich, empfing sie weinend und nahm sie in seinen Arm. Sie selbst fiel dem Kaiser, ihrem Herrn und lieben Gemahl schluchzend um den Hals und küßte ihn mit liebevollem Seufzer wohl hundertmal. Der Kaiser bat sie voll Scham um Verzeihung; er erzählte ihr alles, was sich mit seiner Mutter begeben, und sagte ihr feierlich zu, daß er in kurzem zu Rom ihr die Kaiserkrone auf das Haupt setzen wolle. Dann fragte der Kaiser die fromme Frau weiter, ob der Jüngling Lion, der ihn gefangen und erlöst habe, ihr Sohn sei. »So wahr wir hier beisammenstehen, ist er Euer und mein Sohn«, sagte sie, »Gott hat es gefügt, daß er ein so beherzter Mann geworden ist. Aber wegen meines andern Sohnes bin ich sehr bekümmert; denn ihn habe ich elend verloren!« Der Kaiser fiel seinem Sohne Lion um den Hals und gab ihm vor großer Liebe einen Kuß um den andern. Die Kaiserin aber sah nur immer den Ritter Florens an und fragte ihn: »Lieber, junger Ritter, sagt mir, von wannen seid Ihr? Denn wahrlich, Ihr und mein lieber Sohn Lion seht einander so ähnlich!« Florens sprach: »Gnädige Frau, wo ich geboren bin, weiß ich nicht; das aber weiß ich, daß mich ein Bürger von Paris gütig erzogen hat. Der sprach bald zu mir, er habe mich gezeugt, bald, er habe mich am Meeresgestade gekauft.« Die Kaiserin fing an zu erkennen, daß Florens ihr anderer Sohn sein müsse; ihr Blut kam in heiße Regung, und sie sprach schnell: »Junger Ritter, ich glaube, daß ich Euch unter dem Herzen getragen habe, daß ich Eure Mutter und der Kaiser Euer Vater sei. Gott gebe, daß der Bürger von Paris euch gekauft oder gefunden habe. Doch, um die Wahrheit zu erfahren, laßt uns miteinander zu König Dagobert nach Paris ziehen!« Alle waren in großer Freude und Erwartung, und so rückten sie alle nach Paris. Bald kamen alle miteinander an, und der König Dagobert mit allen Rittern und Edeln war ihnen vor dem Tor entgegengezogen. Da mußte vor allen Dingen Marcebylla ihren Florens umhalsen und küssen, aber reden konnte sie nicht zu ihm. Alles Blut war ihr zum Herzen gelaufen. Als sie wieder zu sich kam, sprach sie: »Ach, du Trost meines Lebens, sei willkommen; warum hast du mich so lange verlassen?« Florens aber sprach nichts, sondern küßte sie nur. Und nun ritten sie alle, Kaiser Oktavianus und seine Söhne Florens und Lion und die fromme Kaiserin mit dem ganzen Gefolge, ein in Paris. Hier wurde der Sultan von dem jungen Fürsten Lion sogleich dem König Dagobert ausgeliefert. Aber ihm geschah kein Leid. Am gleichen Tage wurde er und seine Tochter Marcebylla durch den Bischof von Paris getauft und der edle Florens mit seiner Geliebten zur Kirche geführt und vermählt. Es war eine gute Ehe. Dem Sultan wies der König von Frankreich eine eigene Landschaft an, doch mußte er am Hofe des Königs wohnen. Der Christenglaube machte ihn fromm und sanft, und durch seinen hohen Geist wurde er des Königs oberster Rat in allen wichtigen Dingen. Jetzt schickte König Dagobert auch zu dem Bürger Klemens, welcher den Florens so lange erzogen hatte. Der war froh, daß sein Pflegesohn wieder erlöst worden war. Und als König Dagobert die drei, den Kaiser Oktavianus, den Ritter Florens und den jungen Lion ernstlich ins Auge faßte, da konnte er nicht mehr zweifeln, daß beide Jünglinge Brüder seien und Oktavianus beider Brüder Vater. Daher rief er den guten Klemens zu sich und sprach: »Klemens, ich habe etwas mit Euch zu reden. Bei dem Eide, den Ihr mir als guter Untertan geschworen habt, sagt mir, ist der Jüngling Eures Geschlechtes?« Klemens erschrak und erzählte, wie er den Knaben gekauft habe, ohne einen einzigen Umstand zu verschweigen. Sobald die Kaiserin das hörte, rief sie: »Ja, es ist mein Sohn; er ist mir in dem wilden Walde gestohlen worden!« – lief auf Florens zu und küßte ihn mit klopfendem Herzen. Dem Kaiser, als er seine liebe Gemahlin und die Kinder wiedergefunden hatte, gingen die Augen über. Der König von Frankreich bezeigte ihm seine große Freude. Da sprach Kaiser Oktavianus: »Ja, es ist eine große Gottesgabe, die mir armen Sünder zuteil geworben ist. Darum nehmt es nicht übel auf, lieber König und Bruder, wenn ich mit meinem Weib und meinen Söhnen wieder nach Rom ziehe.« Aber Dagobert bat ernstlich, ihm doch seinen lieben Sohn Florens zu lassen, damit er ihn mit einer Landschaft in Frankreich belehne, so daß der Kaiser es nicht abschlagen konnte. Doch unterblieb die Reise wohl noch zehn Tage, während welcher der König mit seinen Grossen allerlei Feste veranstaltete. Am elften Tage verließ der Kaiser Paris, und der König, Florens und sämtliche Ritter gaben ihm das Geleite. Die Römer empfingen ihren Kaiser prächtig, und Oktavianus setzte der Kaiserin eine köstliche Krone auf das Haupt, und die fromme Frau vergaß ihr Leid. Danach fragte der Kaiser, wo seine Mutter sei. Das Hofgesinde sprach: »Eure Mutter ist vor langer Zeit gestorben, aber fast unchristlich. Vor ihrem Ende ist sie taub und wahnsinnig geworden und wollte alle Leute lebendig auffressen. Zuletzt mußte man sie an eine starke Kette legen; so trug sie die Schuld ihrer Sünden, bis sie ihren Geist aufgab.« Der Kaiser war froh, daß er seine Mutter nicht bestrafen durfte. Er wandte sich nun zu fröhlicheren Dingen, schlug seinen Sohn Lion zum Ritter, und alles Volk hatte große Freude. Da begab es sich, daß der König von Spanien ein Turnier ausschrieb an alle Könige und Fürstenhöfe, jeder tapfere Ritter möge sich in der spanischen Stadt Valencia einfinden, da würde ein jeder Seinesgleichen finden. Als dies vor die Ohren des edlen Ritters Lion kam, säumte er nicht. Er erbat sich von seinem Vater die Erlaubnis zu reisen und zog mit zweihundert wohlgewaffneten Rittern nach Valencia. Hier blieben sie acht Tage stilleliegen, bis alle Ritterschaft zusammengekommen. Dann ließ der König von Spanien einen schönen Turnierplatz zurichten und ausrufen, wo ein Ritter wäre, der turnieren möchte um einen Kranz, den des Königs Tochter Rosamunde selbst gewunden, der solle sich des andern Tags zu guter Zeit auf den Platz verfügen. Als der Ritter Lion das hörte, konnte er kaum erwarten, bis die Sonne aufging, und ließ sich schon vor Tag seine Rüstung bringen. Diese war gut und schön gefertigt; vorn auf der Brust war sie mit feinem arabischem Golde zusammengeschmelzt und mit viel Edelsteinen besetzt. Auf seinem Helm führte er einen Löwen aus klarem Golde, der trug ein Wickelkind im Rachen. Sobald er nebst allen seinen Begleitern fertig war, begab er sich den nächsten Weg auf den Kampfplatz. Hier fand er manchen kühnen Ritter; doch war keiner so wohl gerüstet wie er, daher wurde er auch von allen Anwesenden mit Neugierde betrachtet. Wie nun die Zeit kam, daß man zusammentreffen sollte, teilten sich die Ritter in zwei Haufen; aber Lions Begleiter trennten sich nicht von ihrem Herrn; sie legten ihre Lanzen ein und rannten allweg mit ihm, und das so gewaltig, daß mancher von den Gegnern den Sattel räumen mußte. Auch Lion warf alle zu Boden, die ihm vorkamen. Die Königstochter Rosamunde lag auf den Zinnen mit ihren Jungfrauen und schaute dem Kampfe zu. Wie sie nun den Jüngling so ritterlich streiten sah, hätte sie gerne gewußt, wer der Ritter sei, der einen goldenen Löwen auf dem Helm hatte. Als das Turnier vorüber war und Lion sich entwaffnet hatte, begab er sich mit seiner Gesellschaft sofort zu dem Könige von Spanien und wurde von diesem höflich empfangen. Und als es Zeit war, zu Tische zu sitzen, und alle Ritterschaft zugegen war, trat Rosamunde mit ihren Jungfrauen in den Saal. Auf dem Haupte trug sie eine goldene Krone und auf der Krone das Kränzlein. Und als sie in dem Königssaale vor ihrem Vater stand, sprach der: »Liebe Herren und Ritter, der Kranz, der dem Tapfersten unter euch gehört, ist hier vor euch. Fragt ihr aber, wer der sei, so ist mein Bedenken, daß der Ritter mit dem goldenen Löwen auf dem Helm der würdigste sei, ihn zu tragen. Er melde sich, daß ihm gebührende Ehre geschehe.« Lion stand hinten unter den andern Rittern und scheute sich, seinen Namen zu nennen. Da trat einer von Lions Genossen hervor, deutete auf den Fürsten und sprach: »Hier steht der, nach dem Ihr fragt.« So mußte Lion sich dem Könige zeigen. Die schöne Rosamunde nahm den Kranz von ihrem Haupt und setzte ihn dem Jüngling Lion mit den Worten auf: »Edler Ritter, diesen Kranz tragt in Ehren; denn Ihr habt ritterlich gefochten!« Lion dankte ihr mit einer tiefen Verbeugung und trat wieder zurück zu seinen Kampfgenossen. Alsdann begann das Mahl, und der Jüngling wurde neben Rosamunde gesetzt. Die beiden vergaßen aber das Essen und sprachen nur miteinander. Und unter ihren Worten entzündete sich das unauslöschliche Feuer der Liebe, so daß sie am Ende verstummten und nur Seufzer ausstießen. Der alte König von Spanien merkte dieses; er fragte deswegen heimlich, wer denn der Ritter Lion wäre. Als ihm darauf geantwortet wurde, daß er des römischen Kaisers Oktavianus Sohn sei, war der König sehr darüber erfreut. Sowie man von der Tafel aufgestanden war, führte er seine Tochter Rosamunde und den Ritter Lion in seine Kammer und sprach zu diesem: »Lieber Herr und guter Freund, wir haben wohl vermerkt, daß Ihr und meine Tochter große Liebe zusammen tragt. Wenn es Euch nun beliebt, so will ich Euch meine Tochter zum ehelichen Gemahl geben.« Jener antwortete: »Gnädiger Herr, ich bin allezeit bereit, Euren königlichen Willen zu tun!« Darauf zog der König seinen Ring von der Hand und verlobte Lion mit Rosamunde, und bald darauf wurde eine köstliche Hochzeit gehalten; worauf der Ritter Urlaub nahm und mit seiner jungen Gemahlin und den zweihundert Rittern wieder nach Rom fuhr, wo er von seinem Vater, dem Kaiser, wohl empfangen wurde. Florens hatte dem Könige von Frankreich drei Jahre lang gedient und war nun schon ein Jahr darüber bei ihm, seitdem sein Vater wieder zu Rom hauste. Da kamen im vierten Jahre die Grossen von England zu dem Könige Dagobert und beklagten sich, daß ihr König gestorben sei und keinen Erben hinterlassen hätte, der die Krone antreten könnte. Sie baten ihn mit Ernst, er möchte ihnen einen König wählen, der sie regiere und wider ihre Feinde beschirme. Darauf sprach Dagobert: »Bei der Treue, die ich Gott schuldig bin, ich wüßte keinen auf Erden, der dies besser sein könnte als Florens, ein Sohn des römischen Kaisers Oktavianus. Denn wenn nicht erstlich Gott und dann er gewesen wäre, so wäre mein Land von den Ungläubigen erobert worden. Einen bessern Rat kann ich Euch nicht geben.« Die englischen Fürsten waren sehr zufrieden; denn sie hatten von Florens, seinen Tugenden und männlichen Taten schon vieles reden hören. Dagobert meldete seinem Freunde Florens die Sache, und dieser nahm das Königreich mit gutem Willen an. So ward er im Triumph in das Münster St. Denis geführt und vom Könige Dagobert zu einem König in England gekrönt. Als er nun nach England zog, wollte er seinen lieben Pflegevater Klemens, dessen Hausfrau und seinen vermeinten Bruder Klaudius nicht zurücklassen, sondern sie mußten alle drei mit ihm nach England ziehen. So saßen sie auf, zogen durch Brabant, setzten sich auf das Meer und schifften gen England, und bald waren sie in der Hauptstadt London. Hier wurden Florens und Marcebylla samt dem König Dagobert, der sie begleitet hatte, feierlich empfangen. Dem Florens wurde das Gesetz von England vorgelesen, dasselbe zu halten, wie es einem frommen Könige gebührt. Und Florens tat einen willigen Schwur. Darauf segnete König Dagobert sie alle und schied von dannen. Der König Florens, dem Gott allezeit beistand, regierte sein Volk weislich, und es gehorchte ihm in Ehrfurcht und Liebe. Auch wurde ihm und seiner Gemahlin Marcebylla ein schöner Sohn beschert, welchen sie Wilhelm nannten. Dieser wuchs in allen Tugenden auf und wurde von allen Menschen in Ehren gehalten. Nach langen Jahren starben Florens und seine geliebte Marcebylla kurz nacheinander, und Wilhelm ward zum König von England gekrönt. Auch dieser hielt gut Recht, achtete den Armen wie den Reichen und war seinem Volke sehr lieb. Dies ist die Geschichte vom Kaiser Oktavianus und seinen zwei Söhnen.