Johannes Scherr Die Pilger der Wildnis. Historische Novelle Erster Band Erstes Buch. 1. He, hussah, ho! Die Jagd ist los, Die Jagd zur See, und pfeilschnell schoß Wie durch die Luft durchs Meer der Kahn – Bluträcher folgten seiner Bahn. Dana . Die schneidend kalten Nordostwinde, welche in den nördlich gelegenen Küstenstaaten der Union von Nordamerika den Anbruch des Frühlings zu verzögern pflegen, hatten im Jahre 1675 länger als gewöhnlich geweht. Die dichten Forste, welche damals den Boden der Kolonien von Neu-England noch überreichlich bedeckten, waren bis in den Monat Mai hinein mit Schnee und Eis angefüllt gewesen. Erst die zweite Hälfte dieses Monats hatte mildere Lüfte gebracht, und unter der Einwirkung einer wolkenlosen Sonne war dem rasch weichenden Winter die Jahreszeit der Blüten auf dem Fuße gefolgt. Die zahllosen Flüsse und Bäche sandten wieder fessellos ihre rauschenden Wasser aus dem Dunkel der Wälder hervor und dem Meere zu; die Vegetation erwachte mit der diesem Lande eigentümlichen Raschheit, das junge Grün schlang sein fröhliches Netz binnen weniger Tage über unermeßliche Länderstrecken hin, Busch und Kraut schlugen unterm Sonnenkusse die Blütenaugen auf, und in den lauwarmen Nächten sang der Whippoor-Will, die Nachtigall der transatlantischen Hemisphäre. Die Morgensonne des ersten Junisonntags leuchtete voll und klar ob dem Long-Island-Sund und übersäte die von einer sanften Brise gekräuselte Wasserfläche von Block-Island an bis hinab zur Mündung des Hudson, wo jetzt eine der größten Städte der Welt ihre menschenwimmelnden Straßen hinstreckt, mit purpurnen und goldenen Lichtern. Wem es vergönnt gewesen wäre, die ganze Länge und Breite dieser prächtigen Wasserstraße aus der Vogelperspektive zu überblicken, würde sie in so feierlicher Einsamkeit und Ruhe geschaut haben, als ob noch nie ein Kiel diese Fluten durchschnitten hätte. Auch das langhingestreckte, von zahlreichen Buchten und Flußmündungen durchschnittene Gestade von Konnektikut zeigte allwärts die erhabene Stille der Wildnis. Auf den Wäldern, deren Saum so weit ans Ufer vortrat, daß die Wipfel der Bäume sich in den purpurnen Wassern spiegelten, lag ein heiliges Schweigen, gleichsam eine Sabbatruhe, als hätte sich die Ehrfurcht vor den Satzungen einer Religion, welche erst vor einer kurzen Reihe von Jahren in diese früher nur von dem flüchtigen Fuße des schweifenden Indianers betretenen Einöden verpflanzt worden, auch der Natur mitgeteilt. Man gewahrte von der See aus längs der ganzen Küste kein Zeichen menschlicher Tätigkeit. Man hätte sogar das Vorhandensein von Menschen auf diesen Gestaden verneinen können, denn wenn auch die genannte Kolonie damals schon eine namhafte Anzahl von größeren und kleineren Ansiedlungen in sich faßte, so lagen dieselben doch insgesamt zu versteckt in tief einschneidenden Buchten oder zu tief in den Wäldern oder zu weit hinauf am Konnektikut und an den ihm zinsbaren oder parallel strömenden Flüssen, als daß sie einem zwischen dem Festland und Long-Island hinsegelnden hätten leicht ins Auge fallen können, namentlich zu einer Stunde, wo, wie mit Bestimmtheit behauptet werden kann, sämtliche Bewohner der Ansiedlungen aller Verrichtungen des gewöhnlichen Lebens strengstens sich enthielten, um in ihren schmucklosen Versammlungshäusern, für welche das stolze Wort Tempel in mehr als einer Beziehung nicht paßte, einem religiösen Bedürfnisse zu genügen, dessen Befriedigung sie so weit von den Sitzen ihrer Väter hinweg, über das Weltmeer und in die Schatten der Urwälder getrieben hatte. Da aber das Drama, dessen Szenen wir den Augen des Lesers zu entrollen im Begriffe sind, der handelnden Personen bedarf, so versetzen wir ihn von der Meerenge, auf welche wir zuerst seine Aufmerksamkeit richteten, auf eine schmale Landzunge, welche ostwärts von der breiten Mündung des Flusses Pawkatuck ziemlich weit in die See vorspringt. Dieser Ort hat ganz das Ansehen jungfräulichen Bodens. Die unbedeutende Brandung brach sich mit kaum hörbarem Geräusch an den Kieseln des flachen Ufers, welches sie mit einem Streifen weißen Schaumes säumte. Frischbelaubtes Gestrüppe netzte seine üppigen Ranken im Wasser und zog in seinen tausendfachen Verschlingungen eine, wie es schien, undurchdringliche Mauer um die Wurzeln der gewaltigen Stämme, die weiter landeinwärts sich erhoben und deren ineinander greifende Kronen eine düstere Wölbung bildeten, welche kaum da und dort einem Sonnenstrahle den Zugang gestattete. Auch hier herrschte die Stille, welche allum auf Land und Meer lag; allein sie sollte bald unterbrochen werden, wenn auch nur leise, leise. Ein kleiner Vogel, der pickend und schnabelwetzend auf einem Zweige des Strandgebüsches saß, flog plötzlich erschreckt empor und davon. Zu seinen Füßen war ein leichtes Geräusch hörbar geworden, welches man etwa auf Rechnung eines kleinen Wildes schreiben konnte, das sich durch Strauch und Dorn vorsichtig dem Ufer zudrängte. Indessen erschien es nicht an demselben, und das leichte Geräusch verstummte wieder. Doch schon in der nächsten Sekunde wurden die Zweige eines Sumachbusches, dessen Wurzeln die See bespülte, von unsichtbaren Händen auseinandergebogen, und in der Öffnung erschien der glattgeschorene, braune Kopf eines Indianers, dessen funkelnde schwarze Augen die Wasserfläche vor ihm zur Rechten, zur Linken und geradeaus blitzschnell überblickten und ausspähten. Nachdem er sich von der Einsamkeit der See überzeugt hatte, erweiterte er die Öffnung im Gestrüppe so weit, daß er die nackten Schultern dem Kopfe folgen lassen konnte, und verharrte dann, auf dem Bauche liegend und das Gesicht nur wenige Zoll über das Wasser erhoben, mit der Geduld eines indianischen Spähers wohl eine Stunde lang in einer Stellung, welche der einer auf Beute lauernden Schlange nicht unähnlich war. Endlich schien er in der Tat das Nahen einer Beute oder einer Gefahr zu hören oder zu wittern, denn er dehnte seinen Hals vorwärts, seine Nasenflügel erweiterten sich, seine Ohren spitzten sich lauschend, und seine Augen bohrten brennend rechtshin am Ufersaum hinab. Seine scharfen Sinne hatten den roten Mann nicht getäuscht. Eine kleine Barke kam mit geschwelltem Segel hinter einem Vorsprunge der zackigen Küste hervor, und fuhr, wenige Klafter vom Ufer entfernt das Wasser durchstreichend, ziemlich rasch gegen die Landzunge herauf, an deren äußerstem Ende der Indianer im Verstecke lag. Der Wilde schien keine Feindseligkeit gegen die Bemannung des Kahnes im Schilde zu führen. Er zog Schultern und Kopf in den Busch zurück und begnügte sich, hinter dem Laubwerk hervor die Leute in dem Fahrzeuge zu mustern. Er vergewisserte sich, daß es drei Personen waren: ein Greis, ein Mann in reiferen Jahren, welcher das Steuer des Schiffleins lenkte, und ein junges Mädchen, alle drei der weißen Rasse angehörend. Etwas wie Freude flammte in den Augen des roten Spähers auf; aber er verriet seine Empfindung durch keinen Laut und bewegte nicht einmal die Lippen. Mit einer Vorsicht, die keinen Zweig unter ihm knacken ließ, kroch er rückwärts durch das Gesträuche, dann richtete er sich im Schutze desselben behutsam auf und eilte hierauf mit der Schnelligkeit des gejagten Hirsches forsteinwärts. Die drei im Kahne hatten von der Anwesenheit der Rothaut auf dem Ufer und von ihrem Verschwinden nicht das geringste bemerkt und fuhren arglos an der Landzunge vorüber. Sie waren jedoch noch nicht viel über eine Seemeile weiter gen Osten zu gesegelt, als sie erfahren sollten, daß ihre Küstenfahrt in der Morgenstille des Sabbats keineswegs so unbeachtet geblieben, wie sie vielleicht gewähnt und jedenfalls gewünscht hatten. Denn sie waren Flüchtlinge, ja, und zwar Flüchtlinge, die schon manchen Tag lang vor unerbittlichen Verfolgern her geflohen waren, geflohen über Meeresbuchten und Ströme, durch Sümpfe, pfadlose Wälder und das Gestrüppe der Prärien, unablässig gehetzt von der weit unten am Long-Island-Sund liegenden Kolonie Newhaven bis nach Branford, von da nach Haddam am Konnektikut, von da nach Norvich am Shetucket und jetzt von Southorton an der Mündung des Pawkatuck die Südküste des Naragansetterlandes entlang. Gestern abend hatten die Verfolger die Spur der Flüchtlinge verloren, und sie würde ihnen verloren geblieben sein, wenn nicht die Spürkraft eines Eingeborenen – eben des Spähers auf der Landzunge – ihnen zu Hilfe gekommen wäre. Die Jäger hatten das Wild überjagt, das heißt, sie hatten in ihrer Ungewißheit und ihrem Eifer die Flüchtlinge überholt, welche die Nacht in einer verborgenen Bucht der linken Seite der Pawkatuckmündung zugebracht. Beim ersten Tagesgrauen hatten sie ihre Barke aus dem schilfbewachsenen Verstecke hervor in See gebracht und fuhren nun mit günstigem Winde und mit einem verhältnismäßigen Gefühle von Sicherheit an der Küste hin. Indessen sollten sie, wie schon angedeutet worden, nur zu bald erfahren, daß die Jagd auf sie keineswegs aufgegeben war. Das kleine Fahrzeug hatte wieder die Spitze eines der zahlreichen Landausläufer dieser Gestade umfahren und verfolgte dann aufs neue seinen nordöstlichen Kurs, als in seinem Rücken ein Boot aus der Mündung eines Küstenflusses hervorschoß und, kaum in der offenen See angelangt, seinen Bug dem Stern des voransegelnden Fahrzeugs zukehrte. Dieses Boot ward von vier matrosenmäßig aussehenden Männern gerudert. Ein fünfter, noch jung an Jahren, hielt das Steuer, ein sechster, dessen grauer Bart sein Alter bezeugte, stand im Vorderteil der Barke, neben dem Indianer, welchen wir vorhin auf der Landzunge belauschten. Der Anzug des Graubartes und des Steuermannes war der wohlhabender Bürgersleute jener Zeit. Sie waren in feines Brabantertuch gekleidet und trugen über dem langschößigen Wams einen kurzen Mantel. Wer da weiß, wie die Mitglieder der damaligen religiösen und politischen Parteien in Schnitt und Farbe der Kleidung sich zu unterscheiden liebten, wird leicht den Wink verstehen, daß die beiden Männer in beiderlei Beziehung der düstern, strengen Tracht der puritanischen Kolonisten von Neuengland nicht huldigten. Sie schienen auf einem nicht gefahrlosen Unternehmen begriffen zu sein, wenigstens deuteten die Waffen, womit sie sich versehen, darauf hin, daß sie auf alle Fälle gefaßt waren. Jeder der beiden trug ein paar der ungeschlacht langen Pistolen im Gürtel, welche die Reiter Cromwells und die Kavaliere Karls I. in so vielen Treffen aufeinander losgebrannt hatten; jeder hatte seinen Stoßdegen an der Seite und am Fuße der Maststange lagen zu augenblicklichem Gebrauche bereit vier oder fünf der schwerfälligen Feuergewehre, deren Handhabung einem jeden Soldaten unserer Zeit einige Schwierigkeit verursachen dürfte. Die Matrosen hatten das kurze, breite Entermesser ihres Gewerbes im Gürtel stecken und sahen ganz danach aus, als wüßten sie bei Gelegenheit den geeigneten Gebrauch von dieser im Handgemenge schrecklichen Waffe zu machen. Als das Fahrzeug, von kräftigen Ruderschlägen getrieben, zuerst hinter den Weiden und Binsen der Flußmündung hervorgeglitten, streckte der Indianer den Arm aus und deutete mit einem lakonischen, aber ausdrucksvollen Hugh! auf den Nachen der Flüchtlinge, welcher in der Entfernung einer halben Seemeile dahinsegelte. »Ja, hughe nur, Rothaut,« versetzte der neben dem Sohn der Wildnis stehende Weiße. »Hughe nur, hast ein Recht dazu, Gott verdamm' mich! Hatten die Fährte der blutigen Schurken total verloren, als du sie wieder aufschnüffeltest. Siehst du, Tom Kirk,« fuhr er fort, indem er sich rückwärts zu dem jungen Manne am Steuerruder wandte, »siehst du nun, daß das rothäutige Ungeziefer manchmal auch zu etwas taugt?« »Ah bah, Master Kellond,« entgegnete der Angeredete, »ich denke, 's war eben keine Hexerei nötig. – Sagte Euch ja gestern abend schon, wir brauchten nur die See zu halten, um unsere Leute wieder zu Gesicht zu bekommen. Und da haben wir sie jetzt und zwar auf 'ner offenen Straße, die ich mir nicht genug loben kann nach dem tagelangen Herumkriechen in Wald und Sumpf und all der kotigen Teufelei. Sag' Euch, Master, hatt' es schier überdick, dies verdammte Herumkriechen. – Seht nur mal meine oder Eure eigenen Kleider an – ist ein rarer Anblick! Gerade herausgesagt, wie's einem ehemaligen Lehrbursch von Altlondon zukommt, ich will mich hängen lassen, wenn ich mich um König Karls willen zu dieser wilden Gänsejagd hergegeben. Es geschah bloß um Euretwillen –« »Und mehr noch um Effies willen, Tom.« »Nun ja, ich will's nicht leugnen. Effie ist ein schönes Mädchen und hat mir's angetan, die kleine Hexe. Wäre sie nur ein bißchen weniger hochmütig, Master Kellond; denn ich sag' Euch, Euer Töchterlein weiß sich zu spreizen wie 'ne Herzogin im lustigen Altengland.« »Das wird sich geben, Tom. Das hochmütigste Jüngferchen tanzt nach der Pfeife des Mannes, wenn's ein rechter Mann ist. Und dann darf Effie wohl was auf sich halten, sollt' ich meinen; denn gelingt unser Fang, so kehren wir alle nach England zurück, ich erhalte, was mir versprochen ist, und das reicht hin, Effie in den Stand zu setzen, daß sie mit jeder Aldermannsfrau wetteifern kann. Ich erleb's noch, Tom, daß du dich selber mächtig freust, wenn du dein Weibchen Effie in Samt und Seide durch die City stolzieren siehst.« »Hm, Master,« erwiderte Tom Kirk und ließ für einen Augenblick das Steuerruder fahren, um sich bedenklich hinter dem Ohre zu kratzen, »was Ihr von der Heimkehr nach Altengland sagt, ist mir ganz aus der Seele gesprochen, denn ich bin dieses Landes hier, des Landes der Heiligen, wo man vor Langeweile stirbt, von Herzen überdrüssig. Was aber Effie betrifft, so fürcht' ich, das vertrackt launische Geschöpf wird sich, wenn Ihr erst wieder im Besitz Eures Hauses in der City seid, nach einem andern Freier umsehen, etwa nach so 'nem luftigen, lumpigen Kavalier, der Schmachtlocken trägt, auf der Laute klimpert und –« »Und dessen verpfändete, halb in Trümmern liegende Burg ich mit meinem sauer erworbenen Geld einlösen müßte, nicht wahr? Mach dir doch kein solch dummes Zeug vor, mein Junge. Du hast mein Wort, Effie wird dein Weib, sobald wir dieses Unternehmen glücklich zu Ende geführt; dann verlassen wir dieses Land voll roten Ungeziefers und näselnder Puritaner und machen uns daheim gute Tage.« »Wohl, und der Teufel hole die stutzohrigen Schufte, die uns verhinderten, unser Geschäft schon vor acht Tagen abzutun. Hattet Ihr nicht des Königs Befehl und Siegel in der Tasche, Master, und konnten wir nicht schon drunten in Newhaven die Hand auf den Fang decken, wenn uns die verdammten Psalmenorgler nur einigermaßen behilflich gewesen wären?« »Allerdings, und ich bin sogar überzeugt, daß diese eingefleischten Rundköpfe ihren sauberen Gesinnungsgenossen zur Flucht verholfen haben, während sie uns mit nichtigen Einwänden hinhielten. Sagte mir doch der Governor Leete, als ich ihn endlich geradezu fragte, ob die Kolonie den Befehl des Königs respektieren wolle, sie ehrten freilich Se. Majestät, aber sie hätten zarte Gewissen, was soviel heißen wollte als: sie würden tun, was ihnen beliebte. Und als ich weiter fragte, ob sie Se. Majestät den König anerkennen, erwiderte der unverschämte stutzohrige Hund, sie möchten vor allen Dingen wissen, ob Se. Majestät sie anerkenne.« »Ich will mich in eine Feldschlange laden lassen, wenn das nicht entschieden nach dem alten Noll schmeckt.« »Freilich, freilich! Die Leute in diesem Lande reden und tun, als wäre der alte Noll, der jetzt, Gott sei Dank, schon lange in der Hölle bratet, noch immer Lordprotektor von England. Ich sag' dir, Tom, es muß ein tüchtiger Besen über Neuengland gehen, um all den puritanisch-republikanischen Unrat wegzukehren. Aber laß mich nur erst wieder drüben sein, und ich will mich selber einen Rundkopf schelten lassen, wenn ich nicht aus dem, was ich in diesem Lande der Heiligen, unter diesen Pilgern der Wildnis, wie die Schufte sich nennen, gesehen und gehört habe, einen Strick zu drehen weiß, stark genug, um allen Sektierern und Hochverrätern den Hals zuzuschnüren. – Doch was ist das?« unterbrach sich Mr. Kellond. »Wir schwatzen hier wie zwei alte Weiber, und inzwischen vergrößert sich der Zwischenraum zwischen uns und den Flüchtigen eher, als er sich vermindert. Hollah, Bursche,« fügte er zu den Matrosen gewandt hinzu, »greift aus mit den Rudern und vergeßt nicht, daß ich versprochen, eure Hände mit Silber zu füllen, sobald wir das Boot dort eingeholt haben werden.« Indem er so sprach, ging er aus dem Stern des Bootes, wo er während des vorhergehenden Gespräches neben dem Freier der »vertrackt launischen« Effie gestanden, wieder nach vorn und schaute eifrigst nach dem Fahrzeuge der Flüchtlinge aus, welches mit Windeseile über die Wogen hinflog. »Bei der schwärzlichen Gesichtsfarbe Seiner geheiligten Majestät,« rief der ungeduldige Verfolger aus, »sie gewinnen immer mehr Vorsprung. Was meinst du, Rothaut?« Der Indianer, welcher mit der seiner Rasse in Augenblicken der Ruhe eigentümlichen Apathie auf dem Boden der Barke saß, begnügte sich, ohne den Kopf zu wenden, in seinem gebrochenen Englisch zu erwidern: »Wamatut nichts verstehen von weißen Mannes Kanoe.« »Aber, zum Henker, sie waren uns doch nur wenige Klafter voraus, als wir aus dem Flusse hervorkamen, und jetzt wird die Entfernung zwischen uns immer größer, obgleich der nämliche Wind unser Segel füllt, welcher das ihrige bläht, und wir vier Ruder haben, während sie im besten Fall nur zwei in Bewegung setzen können.« »Mit Eurer Erlaubnis, Master,« nahm einer der Matrosen das Wort, »das Ding kommt mir schon lange nicht recht geheuer vor. Ich hab' mir von dem Bootsmann auf der guten alten Brigg Königin Mary mal sagen lassen, daß alle Anhänger des alten Noll von ihrem Herrn und Meister das Geheimnis ererbt hätten, den Bösen sich dienstbar zu machen, und –« »Ah bah, papistischer Unsinn!« unterbrach Kellond den Sprecher und bewies durch diesen Ausruf, daß er von den freigeisterischen Ansichten, welche am Hofe Karls II. gang und gäbe waren, nicht unberührt geblieben war. »Na, na,« sagte ein zweiter Matrose. »Allan steckt freilich von Altschottland her in seinem Papismus, das muß wahr sein. Jedennoch, Master, muß jeder ehrliche Seemann wissen und glauben, daß der Teufel zur See noch ärger wütet als auf dem festen Lande.« »Auch du, Bill?« versetzte Kellond ärgerlich. »Nun, glaube, was dir Spaß macht, aber sorge dafür, daß diese verdammte alte Schachtel von Boot schneller vorwärts kommt.« Bill ließ sein Ruder fahren, stand auf und prüfte mit der Miene eines erfahrenen Schiffers Wind und Wetter. In diesem Augenblicke schlug das Segel träge und flappig an den Mast. »Verdammt!« schrie Kellond. »Auch das noch? Der Wind hört auf zu blasen.« »Ei, Master,« sagte Bill, wieder zum Ruder greifend, »das ist's gerade, was wir brauchen. Rechne, wenn uns der Wind ausgeht, geht er auch denen dort vorn aus. Wir aber sind die Stärkeren, und wenn die faule Rothaut und, nehmt's nicht krumm, auch Ihr, Master, ein Ruder nehmen wolltet, so müßt' es doch mit allen Satanassen der siebzehn Höllen zugehen, wenn wir nicht bald ein Wort mit den Herren sprechen sollten, auf deren nähere Bekanntschaft Ihr so erpicht seid.« In der nächsten Sekunde war das nutzlose Segel niedergelassen, und von sechs Rudern vorwärts gestoßen, folgte die Barke eiligst dem Fahrwasser der Flüchtlinge. Von Westen nach Osten streichend schwellte die Brise in ihrem Verhauchen das Segel des voranschiffenden Bootes noch einige Minuten, nachdem die Verfolger das ihrige schon hatten einziehen müssen. Dieser Umstand ließ den Zwischenraum zwischen den beiden Booten noch eine Weile unvermindert erscheinen, allein bald zeigte es sich, daß Bill richtig geraten, als er die Windstille einen glücklichen Zufall nannte. Die verfolgende Barke rückte der verfolgten allmählich näher. »Drauf, Bursche!« rief Kellond mit wildem Frohlocken; »sie können uns nicht mehr entgehen. Legt euch auf die Ruder, es gilt den Dienst Sr. Majestät und eine Handvoll Piaster.« Tom Kirk stand auf, ohne das Steuer aus der Hand zu geben, und lugte scharf nach der gejagten Barke aus. »Sie haben uns bemerkt,« sagte er, »und, beim Himmel, sie halten auf das Land zu, wahrscheinlich um wieder in den verfluchten Wäldern Zuflucht zu suchen. Mag ich selber erschossen werden, wenn ich nicht meine Büchse mit ihnen sprechen lasse, bevor sie uns wieder in das höllische Baumlabyrinth entschlüpfen.« »Das wirst du bleibenlassen, Tom,« versetzte Kellond. »Lebendig müssen wir sie haben, weißt du. Das wird das Herz Sr. Majestät ganz anders erfreuen, als wenn wir dem königlichen Herrn nur sagen könnten, die beiden Bluthunde wären an irgend einer namenlosen Küste von Neuengland von uns niedergemacht worden. Auch hat es gar nichts zu sagen, wenn sie sich wieder in die Wälder machen, denn wir haben jetzt die Rothaut da bei uns, welche ihre Spürkraft bereits bewiesen hat. In den Wäldern können wir die Flüchtlinge besser beschleichen als auf offener See und gefahrloser obendrein.« »Beschleichen, Master!« versetzte der junge Mann unwillig. »Das ist nicht meine Sache. Ich will sie nicht beschleichen, sondern offen anfallen, Hand gegen Hand. Wir sind zu sechs gegen zwei und können es, denk' ich, auch zu zwei mit einem Greis und einem nicht mehr jungen Mann aufnehmen. Beschleichen, wahrhaftig!« »Ich sage dir ja, daß wir sie lebendig fangen müssen, und dann, mein Junge, kennst du die beiden Obersten verdammt schlecht, wenn du so leichtes Spiel mit ihnen zu haben glaubst. Hättest du gesehen, wie der eine von ihnen an der Spitze seines Regiments bei Dunbar die wilden Hochländer vor sich hertrieb und wie der andere bei Worcester mit Kromwells Eisenseiten auf die Kavaliere einhieb, so würdest du dir unser Geschäft als ein ziemlich schwieriges vorstellen. Was wahr ist, muß man sagen, und gält' es auch dem Teufel selbst. Sie waren im Kampfe immer zuerst und zu oberst und haben ihre Titel redlich verdient.« »Ei, wenn sie solche Kampfhähne sind, wie Ihr sagt, warum sind sie dann so viele Tage vor uns geflohen wie ein Trupp Haselhühner, statt sich uns kühn entgegenzustellen?« »Du vergißt, daß sie ein Weib bei sich haben, welches die Enkelin des einen und die Tochter des andern ist.« »Wahr, aber was werden wir denn mit dem Dämchen anfangen?« »Hm,« versetzte Kellond, mehr zu sich als zu seinem Gesellen sprechend, »wenn sie so schön ist, wie die Rede geht, so will ich mir die Mühe nehmen, sie vom Puritanismus zu bekehren zur –« »Was sagt Ihr?« »Ich sage,« erwiderte Kellond, seinen Gedanken verschluckend, »daß wir sie nach Virginien verkaufen wollen, wo sie Tabak pflanzen mag.« 2. Noch immer können wir entrinnen, Wenn bei den Haaren die Gelegenheit wir fassen. Shelley. Der große König aller Könige Gebot in seiner Tafel der Gesetze: Du sollest töten nicht und Mord begehn! Gib acht, denn in der Hand hat er die Rache, Des Haupt zu treffen, der bricht sein Gesetz. Shakespeare. Statt der geräuschvollen, etwas profanen Unterhaltung, welche die Verfolger führten, herrschte auf dem Boote der Flüchtlinge ein ernstes Schweigen, welches weniger eine Folge von Befürchtung und Angst war, als vielmehr aus der eigentümlichen Sinnesweise der kleinen Gesellschaft entsprang. Die Mitglieder dieser Gesellschaft waren durch die innigsten Bande des Blutes miteinander verbunden. Das junge Mädchen, welches kaum achtzehn Sommer zählen mochte, verehrte und liebte in dem jüngern seiner Begleiter den Vater, in dem ältern den Großvater von mütterlicher Seite. Dieser war ein Greis von wahrhaft ehrfurchtgebietendem Aussehen. Sein kurz geschorenes weißes Haar verband sich an den Schläfen mit einem Barte, welcher voll, lang und silbern bis auf die Brust niederfiel. Er hatte, um sein Ruder ungehemmter handhaben zu können, wie den Mantel, so auch den Hut abgelegt und zeigte so, mit einem unserer Dichter zu sprechen – »Die Heldenstirn, Freiheit begehrend, Die Furche drauf, den tiefen Pfad, Den, rastlos immer wiederkehrend, Ein mächtiger Gedanke trat.« Der übrige Teil des Gesichtes entsprach der edlen Bildung der Stirn. Es war ein wahrhaft antikes Antlitz, in welchem jeder Zug eine fest in sich gefaßte Seele, einen unbeugsamen Geist verriet. Die großen grauen Augen hatten ihren Glanz noch nicht verloren, und von Zeit zu Zeit stieg sogar eine Flamme in ihnen auf, welche von einem Enthusiasmus, vielleicht sogar von einem Fanatismus zeugte, wie er sonst nur der leidenschaftlichen Jugend eigen zu sein pflegt. Die straffe Haltung des Greises, die Kraft, womit er das Ruder führte, ließen den Schluß zu, daß dieser Mann seinen Körper lange im Kriege und in Strapazen abgehärtet habe und noch jetzt befähigt sei, letztere zu ertragen. Sein Schwiegersohn, dessen Haare an den Schläfen ebenfalls zu ergrauen begannen, war von breitschulteriger, gedrungener Gestalt. Das ruhige Feuer seines Auges, seine Adlernase, der kleine festgeschlossene Mund und das energische Kinn verliehen seiner ganzen Erscheinung den Charakter von imponierender Kühnheit und Entschlossenheit. Auch sein Gebaren hatte etwas entschieden Kriegerisches, aber auf seiner Stirn lag eine düstere Wolke der Schwermut oder Schwärmerei, welche, wie es schien, nur durch das Lächeln seiner Tochter und auch von diesem nur auf Augenblicke verscheucht werden konnte. Wem die historischen Porträts jener Zeit und namentlich die aus der damaligen Geschichte Englands nicht unbekannt sind, der würde bei der genauen Betrachtung dieser Männer mit Interesse verweilt und in ihnen wohl Genossen jener kriegerischen Glaubenseiferer vermutet haben, welche den Thron Karls I. umgestürzt und der weltlichen Tyrannei Straffords und der geistlichen Lauds zugleich ein Ende gemacht hatten. Die Tracht der beiden strafte eine solche Vermutung keineswegs Lügen. Sie war von dem hochkegeligen, breitrandigen schwarzen Hute bis zu dem schmucklosen Stahlgriff des Schwertes herab streng nach puritanischem Schnitt und Brauch, welcher bekanntlich Schmuck und Modekünste als einen Beweis grober Weltlichkeit, wenn nicht erklärter Sündhaftigkeit verachtete und verdammte. Die beiden Obersten, denn als solche waren diese in der Geschichte ihres Vaterlandes berühmten Personen von Kellund richtig bezeichnet worden, nahmen die Vorschritte, welche das Boot der Verfolger binnen kurzem augenscheinlich gemacht, mit einer Ruhe und Gelassenheit wahr, welche einesteils von ungewöhnlicher Charakterstärke, andernteils von langem Vertrautsein mit der Gefahr zeugten. Wie entschlossen sie aber auch waren, dem, was ihnen selber drohte, mit dem Gleichmut eines Stoikers oder vielmehr mit dem ergebungsvollen Glaubensmut eines Anhängers der Prädestinationslehre Kalvins entgegenzugehen, so hätten sie doch mit übermenschlicher Kraft oder mit unmenschlicher Gefühllosigkeit begabt sein müssen, wenn ihre Herzen beim Hinblick auf das schöne, junge, hilflose Wesen, welches mit ihnen war, nicht heimlich in bangster Sorge gepocht hätten. Der jüngere der beiden Männer brach endlich das Schweigen. »Die Philister sind hinter uns,« murmelte er, »wie bei der Flucht Israels gen Gilboa hinter Jonathan und Abinadab.« Und zu seiner Tochter gewendet, welche sich in der Mitte des Nachens mit einem Ruder abmühte, setzte er lauter hinzu: »Lovely, mein Kind, nimm du das Steuer zur Hand. Du bist nicht ganz unerfahren in der Führung desselben. Mir aber gib dein Ruder, welches in meiner Hand uns mit der Hilfe Gottes nützlicher werden mag, als es in der deinigen sein kann.« An augenblicklichen ehrerbietigen Gehorsam gewöhnt, wechselte das Mädchen ihren Platz mit dem Vater, welcher sofort seine Anstrengungen mit denen des Großvaters vereinigte, der mit stetiger Beharrlichkeit im Vorderteile der kleinen Barke sein Ruder bewegte. Lovely – wir werden später erfahren, warum das schöne Kind diesen hübschen, aber etwas seltsamen Namen trug – war infolge einer auf strengen Grundsätzen beruhenden Erziehung in der schweren Kunst der Selbstbeherrschung zu geübt, um beim Anblicke der offenbaren Gefahr, worin ihre und ihrer Teuersten Sicherheit und Leben schwebte, der natürlichen Schwäche ihres Geschlechts sich zu überlassen. Sie wußte, daß sie von mitleidslosen Feinden, die sich nun schon so manchen Tag an ihre Fersen geheftet hatten, verfolgt würden, aber in den Adern des zarten Mädchens kreiste von väterlicher und mütterlicher Seite das Blut eines kühnen Stammes. Außerdem war sie in letzter Zeit und schon früher mit Gefahren vertraut geworden, und endlich durfte sie mit Zuversicht auf die bewährte Umsicht und Entschlossenheit ihrer Begleiter blicken. So regierte sie denn das Steuer mit fester Hand, und nur dann legte sich ein Flor von Trauer und Angst über ihre seelenvollen dunkelblauen Augen, wenn sie dieselben auf ihre Verwandten und Beschützer richtete. Aber sie tat dies nur verstohlen, als fürchtete sie, durch den Ausdruck ihrer Blicke die Besorgnisse der Männer zu vermehren. Der Vater erhaschte jedoch einen dieser Blicke seines Kindes, und der Schatten auf seiner Stirn wurde gramschwerer. Er wandte sich nach den Verfolgern um, deren einzelne Gestalten in dem näher und näher kommenden Boot immer deutlicher sichtbar wurden, und prüfte ihre Bewegungen mit gespanntester Aufmerksamkeit. »Vater,« sagte er dann zu dem Greise, »der Augenblick naht, wo wir zu den Waffen greifen müssen, um uns jener übelberatenen Leute zu erwehren. Sie möchten uns gern dem Baal ihrer Eitelkeit zum Opfer bringen, doch das soll, so der Herr es gestattet, nicht geschehen, solange meine Hand ein Feuerrohr heben oder ein Schwert schwingen kann.« Ein Strahl kriegerischen Feuers schoß aus dem Auge des Mannes, als er so sprach und sein Blick auf die Stelle fiel, wo ihre Waffen lagen. »Der Wille des Herrn geschehe ewiglich,« entgegnete der Greis. »Dürsten jene Menschen nach dem Blute von zwei armen Wanderern, welche Heimat, Haus und Hof verließen, als die Leuchter des reinen Glaubens von dem geschändeten Altar genommen wurden, und in die Wildnis überm Weltmeer flohen, um bescheidentlich an dem Tempel der alten guten Sache fortzubauen, wohlan, so möge das Blut, das in diesem Kampfe vergossen wird, über sie kommen.« »So sei es, und hat der Allbarmherzige beschlossen, daß wir aus dieser zeitlichen Trübsal eingehen in die ewige Herrlichkeit, so wollen wir sterben, wie es freigeborenen Engländern zukommt.« »Wir wollen es, mein Sohn, aber –« Der Greis vollendete den Satz nicht, jedoch der Blick womit er auf seine Enkeltochter hinwies, ließ den Vater derselben verstehen, was er nicht ausgesprochen. Auch Lovely verstand die Bedeutung dieses Blicks, und als zugleich ein halbunterdrückter Seufzer ihres Vaters an ihr Ohr schlug, überwand der Enthusiasmus ihrer Seele für einen Augenblick ihre mädchenhafte Bescheidenheit und Zurückhaltung. Mit strahlendem Auge und hochgeröteter Wange rief sie aus: »Großvater, Vater, wenn Gott es will, so laßt uns sterben, zusammen sterben, auf daß wir nie und nimmer getrennt werden!« »Gesprochen, wie es der Tochter deines Vaters zukommt, mein Kind,« entgegnete ihr der Greis und gab sich keine Mühe, das Lächeln stolzer Befriedigung, welches um seine Lippen spielte, zu unterdrücken. Nach dieser kurzen Äußerung des Aufschwungs ihrer Gefühle nahmen alle drei ihre vorige gefaßte Haltung wieder an. Der Vater Lovelys musterte achtsam das waldige Ufer, von welchem sie in der Entfernung von nur ein Paar Büchsenschüssen hinfuhren, und äußerte hierauf: »Müssen wir kämpfen, so wollen wir den Kampf wenigstens nicht in so nachteiliger Stellung auf der See annehmen, sondern uns auf geeignete Weise des Schutzes der Bäume und Felsen am Gestade bedienen. Steuere Backbord, Kind! Wir wollen die Landzunge umfahren, welcher wir uns gegenüber befinden, und in die Bucht dahinter einlaufen. Vielleicht bieten uns die Ufer derselben geeignete Deckungsmittel. Was meinst du, Vater?« »Handle nach deinem Gutdünken als erfahrener Kriegsmann,« erwiderte der Greis; »aber laßt uns in dieser Prüfung nicht vergessen, unsere Stimme zu dem zu erheben, welcher seinen schützenden Schild gehalten über den Sohn Isai, als der Atem der Lanzenträger Sauls in seinem Nacken war.« So sprechend sah er Lovely an, und das Mädchen verstand unschwer seine Meinung. Mittels eines Druckes auf die Lenkstange des Steuerruders gab sie der Barke die anbefohlene Richtung, dann zog sie mit der einen Hand, welche sie frei hatte, eine Taschenbibel hervor, schlug das Buch auf ihren Knien auf und las mit ihrer von innigster Andacht getragenen Stimme die Worte des Psalmisten: »Wer in dem geheimen Schutz des Höchsten wohnt, der wird sicher sein in dem Schatten des Allmächtigen. Darum sage ich zu dem Herrn: Mein Asyl und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe! Denn er wird mich erretten von des Verfolgers Schlinge. Er wird mit seinen Flügeln mich bedecken, und unter seinen Fittichen wird meine Zuversicht sein; seine Wahrheit ist Schirm und Schild. Nicht werde ich zagen vor dem Schrecken der Nacht, noch vor den Pfeilen, die da bei Tage stiegen. Wenn schon Tausende fallen an meiner Seite und Zehntausende zu meiner Rechten, so wird es doch mich nicht treffen. Ja, mit meinen Augen werde ich es schauen und sehen, wie den Gottlosen vergolten wird. Denn du, o Herr, bist meine Zuversicht; meine Zuflucht, der Allerhöchste ist sie. Es wird kein Leid mir begegnen, und keine Plage wird nahen meiner Hütte. Denn der Herr, mein Gott, hat seinen Engeln befohlen, daß sie mich behüten auf allen meinen Wegen. Auf den Händen werden sie mich tragen, damit ich meinen Fuß nicht an einen Stein stoße. Auf Löwen und Schlangen werde ich gehen und die jungen Löwen und Drachen zertreten. Denn so spricht der Herr: Weil du so sehr nach mir rufest, so will ich dich erhören; ich will dich schützen, denn du kennest meinen Namen. Du rufst mich an, ich höre dich; ich bin bei dir in der Not, ich will dich retten und wieder zu Ehren bringen. Mit langem Leben will ich dich ersättigen und meine Rettung dich sehen lassen.« Die aus Erhabenheit und brennender Klage gemischte Sprache der Bibel wird nur in seltenen Fällen ihres Eindrucks verfehlen und nur wenige Menschen ganz unbewegt lassen. Selbst die Verständigen und Gebildeten unserer Zeit, welchen die Bibel kaum etwas andres sein kann als die zufällige Sammlung dichterischer und geschichtlicher Schriftwerke des hebräischen Volks, selbst diesen muß, falls sie nicht etwa ganz blasiert und verknöchert sind, die erquickende Frische und Naivität einer Sprache zu Herzen gehen, wie nur naturwüchsige Poesie sie zu ihrem Organ schaffen konnte. Wie ganz anders aber, wie gewaltig und unwiderstehlich mußten die Gemüter der Puritaner des siebzehnten Jahrhunderts von dem Inhalte der Bibel erbaut, ergriffen, begeistert werden, sie, welche dieses Buch als die einzige Quelle und Richtschnur ihres Tuns und Lassens verehrten, welche aufs innigste überzeugt waren, es sei von der Hand des Höchsten selbst, das heißt auf die unmittelbare Eingebung Gottes hin geschrieben worden. Es braucht daher kaum gesagt zu werden, daß unsere Flüchtlinge durch die heiligen Worte, welche den Lippen Lovelys entquollen, sich mächtig erhoben und gekräftigt fühlten. Das Gebet des Psalmisten paßte so ganz auf ihre Lage, war ihnen so recht aus der Seele gesprochen und atmete so bedeutsamen Trost, daß ihnen der Zufall, welcher die Augen des Mädchens gerade auf diese Stelle gelenkt hatte, keineswegs als solcher, sondern vielmehr als eine gute Vorbedeutung, als ein Zeichen der göttlichen Gnade und Hilfe erschien. Gehörte es doch zu den Eigentümlichkeiten dieser wirklich großartigen Sektierer, an eine durch Gebet zu erstehende unmittelbare Einwirkung der Gottheit auf die Geschicke der Menschen, ja auf die Vorkommnisse des täglichen Lebens zu glauben, mit einer Zuversicht zu glauben, infolge welcher es sie nicht sonderlich überraschte, als ihnen unmittelbar nach Beendigung ihres Gebetes eine Aussicht auf Rettung sich auftat. Sowie sie nämlich die Landzunge umrudert hatten und in die kleine dahinter liegende Bucht einfahren wollten, zeigte sich ihren Blicken plötzlich ein indianisches Kanoe, welches, von zwei weißen Männern geführt, rasch auf sie zukam. Die beiden Flüchtlinge betrachteten diese Erscheinung mit gewohnter Selbstbeherrschung. In der Rüstung ihres Glaubens sich sicher fühlend, kam es ihnen nicht in den Sinn, zu vermuten, daß sie hier auf neue Feinde stoßen könnten, welche wohl imstande wären, ihnen jeden Ausweg zur Flucht abzuschneiden. Das junge Mädchen aber gab der schmerzlichen Aufregung nach, welche sie als Tochter und Enkelin fühlen mußte. Sie stieß beim Anblick des fremden Kanoes einen leisen Schrei der Überraschung und Befürchtung aus, welchen der Gedanke an die Möglichkeit, Verbündete der Verfolger vor sich zu haben, auf ihre Lippen drängte. Zudem war die Erscheinung der beiden Fremden oder wenigstens des einen derselben derart, daß sie ein so zartes weibliches Wesen wohl erschrecken konnte. Der Mann, welchen wir meinen, stand im Vorderteil des Kanoes, mit der einen Hand nachlässig sein Ruder ins Wasser tauchend. Er war von fast riesenmäßigem Wuchse und stand, um einen Ausdruck des Landes zu gebrauchen, in welchem unsere Geschichte spielt, weit über sechs Fuß hoch in seinen Schuhen oder vielmehr Mokasins (indianischen Schuhen), an welche sich Kamaschen von Hirschhaut anschlossen, die bis über die Knie hinaufreichten. Er trug ein Koller von Büffelhaut, und ein Mantel vom nämlichen Stoffe lag zu seinen Füßen. Auf dem Kopfe hatte er eine Mütze von Wolfsfell, um die Lenden einen roh gearbeiteten Gurt von Otternpelz, an welchem Pulverhorn und Kugelbeutel hingen und in welchem ein breites Jagdmesser mit einem Griffe von Elentierhorn steckte. Die Büchse, welche er an einem Lederstrick auf dem Rücken trug, entsprach an Größe und Schwere der Gestalt ihres Eigentümers, denn man würde sie heutzutage füglich ein Standrohr nennen. Die Züge des Kolosses waren grimmig. Die Runzeln seiner Stirn hatten sich ob der Nasenwurzel zu einem dicken, hufeisenförmigen Knäuel geballt, unter welchem die kleinen Augen von unbestimmter Farbe wie Dolchspitzen hervorblitzten. Gegen die Bronzefarbe des Gesichts stach das bläuliche Rot einer schrecklichen Narbe ab, welche die linke Wange ihrer ganzen Länge nach durchfurchte und am Kinn unter einem struppigen grauen Barte verschwand. Auch über die unförmlich dicke Nase lief die Spur einer tiefen Wunde hin, und des rechte Ohr war an seiner Wurzel von einem schneidenden Instrumente weggetilgt. Man wird gestehen müssen, daß das durchaus kein liebenswürdiges Äußeres war, und doch wird man finden, daß der riesige Waldbewohner unter Umständen Zutrauen erweckte und rechtfertigte. Sein Gefährte war um viele Jahre jünger als er und erschien in dem ganzen Glänze jünglingshafter Kraft und Schönheit. Von schlanker und dabei sehniger Statur, bezeugte die hellblonde Farbe seines Haares, das in kurzen krausen Locken unter der Mütze von Biberfell hervorquoll, wie des jungen Bartes, welcher sich um Kinn und Lippe kräuselte, seine nordische Abkunft. Seine Gesichtsfarbe verbürgte diese gleichfalls, denn die hohe und gewölbte Stirn zeigte, wenigstens soweit sie durch die Mütze vor dem Einflusse von Unwetter und Sonnenbrand geschützt wurde, ein fleckenloses Weiß. Nase und Mund waren gutgeschnitten und wohlgebildet, und in einem eigentümlichen, aber nicht unschönen Gegensatze zu dem Blond des Haares, der Brauen und des Bartes standen die schwarzen, feuervollen Augen mit ihrem offenen, braven und mutigen Ausdruck. Der Anzug des jungen Mannes ähnelte in Stoff und Schnitt sehr genau der primitiven Tracht seines ältern Begleiters, nur trug er statt des Jagdmessers ein indianisches Beil – Tomahawk – im Gürtel und waren seine Kleider reinlicher gehalten, wie es der Jugend dem in dieser Beziehung sorgloseren Alter gegenüber wohl ansteht. Beiden Männern konnte ein mit dem Leben und Treiben der Wildnis auch nur oberflächlich vertrautes Auge leicht ansehen, daß sie zu einer Menschenklasse gehörten, welche auch jetzt in den Wäldern und Savannen der neuen Welt noch nicht ausgestorben ist. Die Mitglieder dieser Klasse waren schon damals, was sie heute noch sind, die Vorläufer und Wegbahner europäischer Kultur, welche, von bescheidenen Anfängen an der Ostküste Amerikas ausgehend, in unaufhörlichem Siegeslaufe über den ganzen ungeheuren Kontinent hin bis zu den Gestaden des stillen Weltmeeres vorgedrungen ist und in ihrer Ausbreitung eine der bedeutsamsten Erscheinungen der Weltgeschichte bildet. Wie heute noch im fernen Westen der Union, so gab es schon damals in Neu-England Männer, welche, obgleich von weißer Abkunft, den Gewohnheiten einer ackerbauenden seßhaften Kultur den Rücken wandten, um in den unermeßlichen Wäldern und auf den unbegrenzten Prärien ein freies, frankes Jägerleben zu führen, alle ihre Lebensbedürfnisse mit der Büchse oder der Biberfalle sich gewinnend, den Büffel und das Elentier jagend, den Bären in seiner Höhle angreifend, dem Honig der wilden Bienen nachspürend, bald mit den roten Eingeborenen im Kampfe liegend, bald mit denselben verbündet und nur in unregelmäßigen Zwischenräumen die Ansiedlungen besuchend, um ihren Vorrat von Fellen und Pelzen gegen Waffen, Munition und andere wenige Artikel der Zivilisation auszutauschen. Man nennt diese kühnen Jäger heutzutage Trapper, und wir wollen diese Bezeichnung für unsere Geschichte beibehalten, selbst auf die Gefahr hin, einen kleinen Anachronismus zu begehen. Es gab und gibt unter ihnen Leute, welche ohne Frage zu den verworfensten unseres Geschlechtes gehören und an Wildheit, Zügellosigkeit und Grausamkeit die ursprünglichen Bewohner des Bodens, auf welchem sie sich herumtrieben und herumtreiben, weit übertreffen, Menschen, welche ihre angeborene Roheit aus der Gesellschaft trieb und treibt, um den Eingebungen wilder Instinkte in schrankenloser Ungebundenheit sich überlassen zu können. Es gab und gibt aber auch Trapper, welche glaubwürdigsten Zeugnissen zufolge von einer unwiderstehlichen Neigung zum einsamen Naturleben in die Wildnis gelockt wurden und werden, von einer hochromantischen Lust an Gefahr und Wagnis beseelt sind, ungesehen von den Augen der Menschen Leiden und Abenteuer der furchtbarsten Art bestehen und unter rauher Außenseite oft eine Fülle von tiefem Gefühl und ritterlicher Hochherzigkeit in sich tragen. Wenn auf irgend eine Menschenklasse, so ist auf diese im guten und schlechten das berühmte Wort anzuwenden, daß die Freiheit Extreme und Kolosse ausbrüte. Sobald die beiden Trapper des in die Bucht einfahrenden Bootes ansichtig geworden, hatten sie aufgehört, ihre leichte Rindenbarke vorwärts zu bewegen. Vertraut mit Abenteuern und Gefahren aller Art und gewohnt, auf die Schärfe ihres Blicks und die Stärke ihres Arms sich zu verlassen, sahen sie dem Herankommen der Flüchtlinge mit schweigsamer Ruhe entgegen, wenn auch nicht ganz ohne jene Neugierde, welche die in der Wildnis Lebenden beim Anblick von Leuten ihrer Rasse notwendig aufregen muß. Lovely hielt einem kurzen Befehl ihres Vaters gemäß gerade auf das Kanoe zu und ließ dann, während ihre Begleiter die Ruder einzogen, das Boot langsam am Steuerbord der Fremden hingleiten. Zu weitläufigen Versuchen, eine Bekanntschaft einzuleiten, war keine Zeit, denn ein Blick rückwärts auf die See hinaus zeigte das emsige Bemühen der Verfolger, ihrem Wild auf der Ferse zu bleiben. Deshalb erhob sich, sobald das Boot stillstand, der Greis von seinem Sitze und sprach die beiden im Kanoe an mit den Worten: »So ihr Männer, so ihr Christen seid, so steht uns bei gegen ungerechte Verfolgung!« »Wer seid Ihr?« entgegnete der ältere Trapper mit einer Brummbaßstimme und nicht sehr freundlichem Ausdruck. »Wir sind Anhänger und Kämpfer der alten guten Sache und sind verfolgt, weil wir vordem das Schwert zogen für die Freiheit des guten Volkes von Altengland und unsere geringen Kräfte mit denen vereinigten, welche Gerechtigkeit übten an den Feinden der Gemeinde des Herrn.« »Hm,« versetzte der Trapper mit einem verächtlichen Kopfruck, »dies Kauderwelsch versteh' ich nicht. Aber wer sind denn Eure Verfolger?« Diese Frage beantwortete der jüngere der Flüchtlinge, indem er mit unverhehltem Grolle sagte: »Es sind Mietlinge des Mannes, welcher sich Karl Stuart nennt und durch Gottes Zorn dermalen auf dem Throne von England sitzt.« »Ah so!« erwiderte der Trapper, indem er die Flüchtlinge mit durchdringenden Blicken musterte. Dann ging er in den Stern des Kanoes, flüsterte seinem Gefährten ein paar Worte ins Ohr und fügte laut die Frage bei: »Was meinst du, Thorkil?« Der Jüngling war regungslos dagestanden, offenbar höchlich überrascht und bewegt von dem Anblick Lovelys, welche sich von ihrem Sitze erhoben und eine flehende Stellung angenommen hatte, wie die Natur und kindliche Sorge sie annehmen lehrten. Mit gesenktem Haupte, das schöne Antlitz von hoher Röte übergossen, stand sie vor dem jungen Manne, auf welchen sie unter den seidenen Lidern hervor nur dann und wann einen schüchtern bittenden Blick zu werfen wagte, während er seinerseits sie mit Blicken ansah, in welchen hinter der Bewunderung schon rege Teilnahme lauschte. Ungeduldig wiederholte der alte Trapper seine Frage. Thorkil fuhr aus seinem Staunen auf. »Nun, was gibt es?« fragte er, wie unwillig über die Störung. »Was es gibt?« versetzte der andere. »Wo hast du denn deine Augen?« Und leise setzte er hinzu: »Denk doch an die Neuigkeit, die wir in Newport hörten. Es läßt sich da ein hübscher Fang machen. Ich sag' dir, es sind die –« Das übrige verklang in einem unhörbaren Geflüster. Der Jüngling schüttelte den Kopf und sagte barsch: »Nein, Groot Willem, nein und abermals nein! Ich will nicht, und Ihr sollt auch nicht wollen.« »Ich soll nicht wollen? Ei, hört doch mal den Jungen!« »Wollt Ihr denn, daß man von uns sage, wir hätten denen unsern Beistand versagt, welche in der Wildnis unsern Schutz angesprochen? Oder wollt Ihr, falls nämlich diese Leute überhaupt die sind, für welche Ihr sie haltet, wollt Ihr, sage ich, daß man uns künftig für die Helfershelfer der Häscher und Gerichtsfrone irgend einer Kolonialregierung ansähe?« »Das nicht, Thorkil, das nicht. Du weißt, wie ich mit den Kolonialregierungen stehe – hole sie der Duivel allesamt! Aber ich will nie mehr einen Biberschwanz unter meine Zähne kriegen, Junge, wenn du so viel Eifer für diese Fremden zeigtest, falls das Mädchen nicht bei ihnen wäre. Am Ende willst du dich von dem hübschen Ding gar anwerben lassen für die Gemeinde der Heiligen.« Diese kurze Unterredung war ebenso rasch als leise geführt worden. Die letzten Worte, welche der Alte seinem jungen Begleiter gesagt, riefen ein dunkles Rot auf Stirn und Wangen des letzteren, ein Rot, das ebensogut für ein Symptom der Verlegenheit als der Entrüstung gelten konnte. Der junge Mann bemeisterte indessen seine Bewegung und begnügte sich, mit der Hand auf Lovely weisend, seinen Begleiter zu fragen: »Seht Ihr, was das Mädchen in der Hand hält?« »Meiner Treu, ich meine, 's ist ein Buch; wahrscheinlich die Bibel, welche diese Puritaner im Wachen und Schlafen mit sich herumschleppen.« »Und seht Ihr auch die Schnur, womit das Buch umwickelt ist?« »Nun ja – ha! ist das nicht eine Wampumschnur?« »Freilich, und wenn Ihr Eure Augen ein wenig schärfen wolltet, Willem, so würdet Ihr bemerken, daß es der Wampum Wampum, sagt George Katlin in seinem trefflichen Werke über die Sitten der Indianer Nordamerikas, ist der Name eines Schmuckes, den die Indianer aus bunten Muscheln verfertigen, die sie an den Flüssen aufsuchen. Sie zerschneiden dieselben in Stücke von einem Zoll Länge, durchbohren sie, reihen sie auf Hirschsehnen aneinander und tragen sie um den Hals oder als Gürtel um den Leib. Unter den zahlreichen Stämmen, welche früher die atlantische Küste und dasjenige Land bewohnten, welches gegenwärtig den Hauptteil der Vereinigten Staaten bildet, wurden diese Wampums stets angefertigt und hatten einen hohen Wert, da sie statt des Geldes dienten, welches den Indianern unbekannt ist. Eine gewisse Anzahl Schnüre waren für den Wert eines Pferdes, einer Büchse, eines Kleidungsstückes usf. festgesetzt. Außerdem galt der Wampum bei Unterhandlungen und Verträgen als Freundschaftspfand, seit den ältesten Zeiten sandte man ihn als Friedenszeichen an die feindlichen Stämme, und endlich bediente man sich desselben auch als Zeichen der Wiedererkennnng oder Empfehlung. Seine Bedeutung im vorliegenden Falle ergibt sich aus dem Texte. von Roger Williams ist.« »Der Wampum von Roger Williams? Wenn das ist, so müssen wir uns der Leute annehmen, Thorkil.« »Das mein' ich auch,« versetzte der junge Mann. Und sofort wandte er sich mit der Freimütigkeit eines Waldbewohners, aber zugleich auch mit der achtungsvollen Bescheidenheit, welche weibliche Liebenswürdigkeit unverdorbenen Gemütern stets und überall einflößt, zu Lovely und redete sie folgendermaßen an: »Mistreß« – dieser Titel wurde damals noch Mädchen und Frauen von höherem Stande gleichmäßig gegeben – »wollt Ihr mir erlauben, Euch zu fragen, wie Ihr in den Besitz jener Wampumschnur gekommen, welche ich um das Buch in Eurer Hand geschlungen sehe?« »Sir,« erwiderte das Mädchen, dem Vertrauen erweckenden Blicke des Jünglings begegnend, »diese Muschelschnur wurde mir von einem würdigen Freunde meines Vaters und Großvaters gegeben.« »Und heißt der Geber nicht Roger William?« »So ist es, Fremder,« nahm Lovelys Vater das Wort. »Der Mann, dessen Namen Ihr nanntet, ist ein Gerechter in Israel. Er gab meinem Kinde dieses indianische Spielwerk, als wir uns vor wenigen Wochen zu Hartford am Konnektikut trafen, indem er meinte, es könnte uns in unsern Fährlichkeiten vielleicht von Nutzen sein. Er sagte, seine in diesem Lande zerstreuten weißen und roten Freunde würden leicht die Hand erkennen, welche diese Schnur geflochten, und er hoffte, sie würden um dieses Zeichens willen auch unsere Freunde werden.« »Roger Williams hat, wie immer, so auch in diesem Falle die Wahrheit gesprochen, Sir,« entgegnete Thorkil, »und sein Wampum soll alle die Achtung erfahren, die er verdient. Verfügt über unsere Kräfte. Mein väterlicher Freund Willem Klopper hier, genannt Groot Willem – der große Wilhelm – denn er ist von Holländischer Abkunft, wird Euch sagen, daß wir gewohnt sind, die Angelegenheiten unserer Freunde als unsere eigenen zu betrachten.« »Ja, ja, Junge,« sagte der alte Jäger. »Aber 's ist jetzt nicht Zeit, länger zu schwatzen. Wir müssen handeln, denn die Wichte da draußen haben die Landzunge umfahren und sind schon in der Bai. Wir müssen eilen, ans Land zu kommen,« fuhr er gegen die Flüchtlinge gewendet fort; »ich habe zwischen den Bäumen dort eine Art Blockhütte und denke, es wird sich vom festen Lande aus, das noch dazu mein eigner Grund und Boden ist, besser mit den Kerlen reden lassen, wenn sie danach Begehren tragen.« Demzufolge setzten sich die beiden Boote gegen das zunächstliegende Ufer hin in Bewegung und erreichten dasselbe mittels weniger Ruderschläge. Die ganze Gesellschaft stieg ans Land, und die leichten Fahrzeuge wurden aufs Gestade gezogen. Der Platz, wo sie gelandet, lag an einem kleinen Winkel der Bai, gleichsam an einer Bucht in der Bucht. Der Boden stieg, wenige Schritte vom Wasser einwärts, jäh an und war dicht mit den Stämmen riesiger Schwarzkiefern besetzt. Hatte man die Böschung erklommen, so bemerkte man, daß die Hand des Menschen in dieser Öde tätig gewesen sei, denn hart am Rande des Abhangs stand zwischen vier, fast in regelmäßigem Quadrat aufragenden mächtigen Bäumen eine aus unbehauenen Stämmen roh, aber fest aufgeblockte Hütte. Ein prächtiger Wolfshund, welcher vor derselben Wacht gehalten, sprang den Kommenden entgegen, umkreiste wedelnd seine Bekannten, blickte die Fremden mit klugen Augen an, schnupperte, zog dann die Oberlippe in die Höhe und ließ ein leises Geknurre hören. »Ruhig, Prinslo, ruhig, alter Narr, und untersteh dich nicht, unsere Gäste anzuknurren,« sagte Groot Willem zu dem wohldressierten Tiere, welches sich sofort dadurch besänftigen ließ. »Thorkil,« fuhr der Alte fort, »führe die Fremden in die Hütte, wo sie sich ausruhen mögen, während wir nach den andern ausschauen. Ei, da kommen sie ja!« Thorkil stieß die aus Flechtwerk bestehende, mit Riemen von Büffelhaut befestigte Tür der Hütte auf und lud die Flüchtlinge ein, hineinzugehen. Lovely und der Greis folgten der Einladung, der Jüngere aber blieb stehen, untersuchte seine Büchse und sagte bedächtig, sogar mit einem leichten Anflug von Mißtrauen: »Warum sollen wir uns in der Hütte da einsperren? Mein Kind mag es tun, aber ich will hier außen bleiben, um handeln zu können, wie es die Umstände verlangen.« »Wie Ihr wollt, Mann,« entgegnete Willem trocken. »Aber ich weiß, was Ihr denkt. Habt jedoch unrecht, Mann. Sag' Euch, müßte der noch geboren werden, welcher sagen könnte, Groot Willem und Thorkil Wikingsson hätten Verrat geübt an solchen, denen sie ihren Schutz zugesagt.« »Ja, Freund, ich hatte unrecht,« erwiderte der Oberst und reichte mit freimütigem Wesen dem alten Waldmann die Hand. »Verzeiht einem Sohn, der das Leben seines Vaters, und einem Vater, der das Leben seines Kindes bedroht sieht.« »Wohl, wohl, es hat nichts zu sagen. Aber seht, das Boot dort ist schon im Begriffe, in die kleine Bucht einzufahren. Geht in die Hütte und laßt Thorkil und mich machen. Helfen Worte nichts und kommt es zu Taten, so sollt Ihr Euren Anteil daran haben.« Der Oberst folgte dem Rate und verschwand in der Hütte. Die beiden Trapper wechselten einige kurze Worte, während sie ihre Waffen bereit machten. Thorkil faßte nahe an der Blockhütte Posto, Groot Willem dagegen stellte sich, auf seine mächtige Büchse gestützt, am Rande der von der Natur gebildeten Terrasse auf, doch so, daß er mit einem einzigen Schritte den Schutz eines hundertjährigen Baumstamms erreichen konnte, falls dies rätlich scheinen sollte. Prinslo stellte sich seinem Herrn zur Seite und prüfte mit Blick und Nase die Herannahenden. Das edle Tier mochte erkennen, daß der Besuch kein freundschaftlicher sei, denn plötzlich rannte es den Abhang hinab ans Wasser und sandte dem nahenden Boote ein wütendes Gebell entgegen. Gehorsam einem kurzen, gellenden Pfiff seines Herrn, verstummte er und sprang die Böschung wieder hinan, wo er sich ruhig verhielt, jedoch die Bewegungen der Nahenden fortwährend mit funkelndem Auge und gesträubtem Haar beobachtend. Der alte Trapper ließ das Boot, nachdem es in die schmale Bucht eingefahren, bis auf etwa zweihundert Schritte an das Gestade herankommen und musterte mit Falkenblicken die Bemannung. »Sie haben fünf Büchsen und außerdem zwei Paar Faustrohre, Willem,« flüsterte Thorkil. »Ja, ja, Junge, ich sehe es,« versetzte der Angeredete, »und sehen die Burschen auch danach aus, als ob sie im Notfalle von ihren Waffen Gebrauch machen wollten. Verstehen aber nichts vom Waldkrieg, verlaß dich darauf; würden sonst nicht in einem offenen Boote gegen eine so gedeckte Stellung, wie wir da haben, anfahren. Hm, die Geschichte erinnert mich an unsre erste Bekanntschaft mit dem Häuptling des Donnerkanoes, wie ihn unsere indianischen Freunde nennen. Machten sie auch zuerst an dieser Stelle. Dürfte aber heute nicht so friedfertig hergehen wie damals, wenn die Burschen nicht etwa Vernunft annehmen. – Ha, sie haben eine Rothaut bei sich! Und ein Pequod ist's – verdammt sei er und sein ganzer Stamm! – Mein Roer wird Arbeit bekommen, ich wette.« Plötzlich unterbrach er seine Betrachtungen, indem er sein Roer, wie er das ungefüge Gewehr auf gut holländisch nannte, schußgerecht vorwarf und mit einer Stimme, die dem Gebrülle des Büffels nicht unähnlich war, den Heranfahrenden zurief: »Halt! oder ich schieße den Mann am Steuer weg.« Gestalt, Stellung, Gebärde und Stimme des Mannes überzeugten die im Boote, daß die Drohung keine eitle, sondern eine wörtlich zu nehmende sei. Die Matrosen ließen wie auf Verabredung zumal die Ruder ruhen, und der junge Tom Kirk machte auf seinem Sitze am Steuer eine Bewegung, welche verriet, daß es ihm in gerader Schußlinie mit dem Büchsenlaufe des Fremden auf der Uferhöhe nicht so ganz geheuer sei. »Was ist das für ein ungeschlachter Kerl?« fragte er halblaut seinen Begleiter, mit der einen Hand nach seiner Büchse greifend. »Weiß nicht, Tom,« erwiderte Kellond, »denke aber, 's wird einer der gottverdammten Waldläufer sein, eine eigentümliche Spezies von Ungeziefer in diesem Lande der Psalmenquinkelierer und Gurgelabschneider. Tu die Hand von der Büchse, Bursch! Wir müssen es zuerst mit glatten Worten versuchen, sonst hast du eine Kugel vorm Schädel, bevor du Amen sagen kannst.« Dies gesagt, erhob er seine Stimme, und es entspann sich folgender Dialog zwischen ihm und dem Trapper. »Wer seid Ihr, Fremder, und mit welchem Rechte haltet Ihr uns hier auf?« »Wer ich bin? Ei, das geht Euch gar nichts an, rein gar nichts, sollt' ich meinen. Mein Recht, Euch Halt zu gebieten, ist aber das eines Mannes, der seinen Grund und Boden nur von solchen betreten läßt, die ihm zusagen. Verstanden?« »Ihr sprecht, als wäret Ihr der Besitzer dieser Einöde.« »Nicht der ganzen, Mann, nicht der ganzen. Das zu sagen, wär' 'ne Prahlerei, so 'ne echte franzmänn'sche Prahlerei. Aber der Wald rings um die Bucht hier gehört mir, ja, und auch die Bucht dazu, wenn nämlich irgend ein Mensch Meerwasser sein eigen nennen kann. Ich habe den Boden mit allem, was darauf ist, von dem jungen Sachem der Naragansetts erworben und manchen lieben Tag mit Jagen und Fischen hier verbracht.« »Gut, wenn das Land hier Euer Eigentum ist, Fremder, so müßt Ihr auch anerkennen, daß es zu Neuengland gehört. Die Oberherrlichkeit über Neuengland aber kommt Sr. Majestät König Karl von Großbritannien und Irland zu.« »König Karl? Oberherrlichkeit? Hört, Mann, und merkt's Euch, ich kümmere mich keinen Pfifferling um König Karl und seine Oberherrlichkeit. Meint Ihr, ich sei so dumm, zu glauben, die Könige drüben in Europa könnten sich die Länder hier diesseits der See dadurch Untertan machen, daß sie Schiffe herüberschicken, deren Kapitäne eine Stange mit 'nem bunten Lappen am Ufer aufpflanzen? Geht, solchen Firlefanz mag man in den Städten und Ansiedlungen glauben, aber im Walde lacht man darüber.« »Wie, Ihr leugnet die Oberherrschaft König Karls über Neuengland?« »So tu' ich, wenn's Euch beliebt oder auch nicht beliebt. Neuengland, wie Ihr das Land nennt, gehört von Rechts wegen niemand zu als den Rothäuten, und Euer König Karl hat nicht mehr Anspruch darauf als auf meine Tabakspfeife.« »Verdammt will ich sein, wenn das nicht gesprochen ist, wie nur ein Erzrebell sprechen kann,« schrie der hitzige Kirk auf. »Laßt den Gelbschnabel schweigen, Mann,« erwiderte der Trapper mit unstörbarer Ruhe vom Ufer her; »laßt ihn schweigen, wenn Ihr nicht wollt, daß statt meiner mein Roer mit Euch reden soll.« »Ruhig, Tom, in's Teufels Namen,« sagte Kellond zu seinem Gefährten. »Wir sind, fürcht' ich, etwas unvorsichtig in eine häklige Lage hineingerannt. Der riesenhafte Lümmel und sein Kamerad, der dort am Blockhaus lauert, haben den Vorteil des Terrains für sich. Also con sagitad y con prudencia , wie die Spanier sagen.« Nach dieser Zwischenbemerkung wandte sich Master Kellond wieder zu dem Trapper und sagte oder rief vielmehr: »Wir wollen einen unnützen Streit nicht verlängern, Fremder. Ich gebe Euch auch die Versicherung, daß wir nicht hierher gekommen sind, Euch oder Euer Eigentum irgendwie zu schädigen oder zu beeinträchtigen. Ich frage Euch nur, wo die Leute hingekommen sind, welche wir vor wenigen Minuten in diese Bucht einfahren sahen und deren Boot ich dort am Ufer bemerke?« »Hm, diese Leute sind vermutlich nicht weit von hier.« »Vermutlich? Ei, Ihr wollt mich schrauben? Wißt Ihr auch, wer diese Leute sind?« »Dermalen sind sie meine Gäste.« »An denen Ihr Euch garstig die Finger verbrennen könntet, glaubt mir. Es sind zwei der –« »Halt, kein Wort mehr, Mann! Wer immer sie seien, dermalen sind sie meine Gäste und genießen den Schutz meines Daches. Ihr sollt sie in Frieden lassen, solange meine Hand noch mein Roer regieren kann.« »Aber bedenkt, Fremder, was Ihr tut. Auf der einen Seite, das heißt auf der unsrigen, könnt Ihr, so Ihr Vernunft annehmt, eine Handvoll der schönsten Nobels verdienen, welche je den Prägstock verlassen; auf der andern Seite macht Ihr Euch des Hochverrats an König Karl schuldig.« »Zum Duivel mit Euren Nobels, zum Duivel auch mit Eurem König Karl!« »Nehmt Euch in acht, sag' ich, nehmt Euch in acht! Ich führe den königlichen Befehl in der Tasche und die Vollmacht der Kolonialregierung von Massachusetts, aufzuspüren, zu ergreifen, festzunehmen, einzuliefern tot oder lebendig die –« »Holla, schont Eure Lunge und laßt mich mit all dem Gesetzeskram in Ruhe. Und sag' Euch, Mann, scheint mir unser Gespräch jetzt gerade lange genug gedauert zu haben. Rate Euch daher –« »Genug des Palavers und verdammt sei Euer Rat!« schrie der ungeduldige Tom Kirk erbost, riß seine Büchse an sich, zielte und im nächsten Augenblick brach der Schuß aus der Mündung des Gewehrs und warf sein Gekrach dem endlosen Widerhall der Wälder zu. Als der Pulverdampf sich verzogen, zeigte es sich, daß die beiden Trapper von ihrem vorigen Standpunkte verschwunden waren. Auch der Hund war weg und die Blockhütte lag wie von allen lebenden Wesen verlassen auf der steilen Uferbank. »Ich habe sie weggeblasen,« schrie Tom Kirk frohlockend. »Die großsprecherischen Schufte haben sich auf die Socken gemacht. Drauf, ihr Burschen, rührt die Ruder, damit wir ans Land kommen.« »Ja, streicht aus, streicht aus!« rief Kellond. »Es läßt sich jetzt schon nichts andres mehr tun,« setzte er leise hinzu, »obgleich ich fürchte, daß es mit dem Wegblasen nicht ganz richtig sei.« Die Matrosen stemmten ihre Ruder ein, und das Boot schoß vorwärts dem Ufer zu. Allein sein Lauf sollte bald gehemmt werden. Der Indianer, welcher im Bug des Bootes zusammengekauert lag, erhob vorsichtig seinen Kopf über den Rand der Barke, ließ ihn jedoch schon im nächsten Augenblick wieder verschwinden. Er hatte die beiden Trapper in schußfertiger Stellung hinter zwei Baumstämmen erblickt. Mit der einen Hand rückwärts fassend ergriff er, ohne seine Lage zu verändern, eine der im Boote liegenden Feuerwaffen, untersuchte tastend das Schloß, zog den Hahn auf, brachte den Kolben an die Wange und richtete den Lauf über die Bootwand weg nach der Stelle, wo das linke Ellbogengelenk des Groot Willem kaum bemerkbar hinter dem Schwarzkieferstamm sichtbar war. Aber bevor er abdrücken konnte, verschwand sein Zielpunkt, und rasch wie der Blitz kam die Mündung des Roers hinter dem Stamm hervor und entsandte Feuer, Dampf und Donner. Der Pequod hatte im Eifer des Zielens die Oberfläche seines Schädels dem Gegner einen Moment preisgegeben, und schon hatte der Tod ihn erfaßt, denn die Kugel des Trappers zerschmetterte ihm Stirn und Schläfe, daß das warme Gehirn des Getroffenen die Kleider der zunächstsitzenden Matrosen überspritzte. Schaudernd ließen sie die Ruder fahren, allein Kellond und Kirk, welche wohl erkannten, daß jetzt das Äußerste gewagt werden müsse, trieben mit wildem Geschrei vorwärts. »Voran, voran!« riefen sie. »Wir müssen ans Ufer und können nicht zurück. Hussa, für König Karl, für König Karl!« Ihrem herausfordernden Rufe antwortete sogleich ein anderer. Ihre Waffen schwingend stürzten die beiden Obersten aus der Blockhütte auf die Terrasse. »Verderben über die Söhne Edoms!« rief der eine. »Schlagt sie mit der Schärfe des Schwertes, wie Josua den Adoni-Zedek bei Gideon schlug!« der andere. »Fahrt zur Hölle, zu eurem Meister, dem alten Noll, und –« Der junge Tom Kirk, welcher die Worte ausstieß, während er auf den ältern der beiden Flüchtlinge anlegte, konnte die Verwünschung nicht vollenden. Ein Schuß des jüngern Trappers streckte ihn nieder. Er taumelte, tödlich getroffen, riß im Fallen seinem Gefährten, an welchem er sich zu halten suchte, das Gewehr aus den Händen und schlug schwer auf den Boden des Fahrzeugs nieder, welches er dadurch in bedrohliches Schwanken brachte. »'s ist aus, Master,« röchelte er. »Verdammt! – Effie wird nun –« Ein Blutstrom, der ihm aus dem Munde brach, erstickte seine Stimme für immer. Sobald Kellond wieder fest auf seinen Füßen stand, ließ er einen Schrei der Wut hören, raffte seine Büchse auf und fuhr die Matrosen, welche zu rudern aufgehört hatten, mit einem rohen Fluche an. »Ei, ja doch,« murrte Bill. »Ihr glaubt wohl, Master, wir wollten uns auch noch totschießen lassen, wie wilde Gänse?« So sprechend erhob er sich von der Ruderbank und schrie den Verteidigern des Ufers zu: »Hoiho! ihr Männer! Auf Seemannswort, meine Kameraden und ich sind gewillt, die Sache aufzugeben, denn es wäre Narrheit, länger gegen eine Bastion, wie die eurige da, anzurennen. Gewährt uns freien Abzug, und wir wollen euch, so wahr ich Bill heiße, unser Leben lang nicht mehr belästigen.« »Nein, nein, Hundesohn!« schrie Kellond, dessen Wut ihren Kulminationspunkt erreicht hatte. »Ich will meine Leute tot oder lebendig haben!« Und er schlug an und drückte ab, aber das Gewehr versagte. Lästernd warf er es weg und riß eine Pistole aus dem Gürtel. »Du willst es, Tor,« rief die tiefe grollende Stimme des jüngern der Flüchtlinge vom Ufer her. »So fahre denn hin in deinen Sünden!« Die Büchse des Sprechenden richtete sich auf die Brust Kellonds und im nächsten Augenblick würde sie sich ihres todbringenden Inhalts entladen haben, wenn nicht dem Schützen der zielende Arm und die Waffe mit sanfter Gewalt niedergedrückt worden wären. Die Einsprache kam von Lovely, welche aus der Hütte getreten war und ihren Vater in der angedeuteten Weise verhinderte, seine Drohung zu erfüllen. »Vergieße nicht unnützerweise Blut, Vater,« bat sie mit ihrer sanften Stimme. »Der Herr hat uns wunderbarlich beschützt, und wir sind ihm Dank schuldig.« »Wohl, mein Kind,« versetzte der Vater widerstrebend. »Aber steht nicht geschrieben: Aug' um Auge, Zahn um Zahn?« »O, Vater, ich weiß einen bessern Spruch, und der lautet: ›Liebet, die euch hassen, und tut Gutes denen, die euch verfolgen.‹« »Lovely hat recht,« nahm der Großvater das Wort mit einem Ausdruck von Autorität, welche gewohnt ist, Gehorsam zu finden. »Die Anschläge der Bösen sind zuschanden geworden, wir aber bedürfen des Blutes jenes übelberatenen Mannes nicht.« Alles, was von dem Augenblicke an, wo der unglückliche Tom Kirk zuerst sein Gewehr losgebrannt, vorgegangen war, hatte sich schneller ereignet, als es erzählt werden kann. In solchen Lagen, wo um Sein oder Nichtsein gespielt wird, drängt sich viel in die Zeitspanne eines Moments zusammen. Als die Erscheinung Lovelys auf der Terrasse die Feindseligkeiten unterbrach, hatte Thorkil sogleich den Kolben seiner Büchse zur Erde gesenkt, wie um anzudeuten, daß wenigstens er ihrer Friedfertigkeit nicht ungehorsam sein wolle. Sein älterer Gefährte murmelte zwar in den Bart: »Hm, es wäre besser, die Sache ein für allemal abzumachen« – wollte jedoch auch seinerseits der schönen Friedensstifterin nicht entgegenhandeln. Er trat daher an den Rand des Abhangs und rief denen im Boote zu: »Macht, daß ihr fortkommt, und laßt euch nie wieder einfallen, dem Jagdgrund Willem Kloppers nahezukommen, sonst –« Ein derber Schlag an den Lauf seines Roers vervollständigte den Satz auf eine sehr verständliche Weise. Kellond war seiner unmächtigen Wut noch nicht Meister geworden, obgleich es seinem Blicke nicht hatte entgehen können, daß nur die mutige Dazwischenkunft des Mädchens ihm das Leben gerettet. Er hielt den Griff der Pistole noch immer krampfhaft fest, stampfte mit dem Fuße und murmelte Drohungen und Verwünschungen. Allein der alte Bill wollte sich die Mahnung des Trappers nicht zweimal sagen lassen. Er entriß dem Erbosten ohne weiteres die Waffe, indem er sagte: »Genug jetzt, Master, und wenn Ihr noch irgend einen feindlichen Versuch gegen die Leute dort macht, so renne ich Euch mein Messer in den Leib, sollte ich darum auch unter die Bukanier gehen müssen.« Dann schob er Kellond beiseite, trat in den Stern des Bootes, faßte das Steuer, wandte die Barke und rief seinen Kameraden zu, die Ruder einzusetzen. Sie gehorchten eifrig, und das kleine Fahrzeug, dessen Boden mit Blut bedeckt war, trug seine lebende und tote Bemannung rasch aus der kleinen Bucht in die Bai hinaus. 3. Unser der Wald und des Waldes Getier! Freier durchbricht ihn der Hirsch nicht als wir! Keiner, der spräche: »Nicht weiter! Halt!« Unser die Steppe, soweit sie wallt! Unser das Elen, stattlich und schnell, Unser sein Mark und unser sein Fell! Hemans. Uralt und seltsam hob die Halle sich In Inseleinsamkeit am Meeresufer. Halleck. Eine Stunde war vorübergegangen, seit das Boot seinen fluchtähnlichen Rückzug angetreten, und längst hatte es sich in der Ferne verloren. Die Sonne, welche den Höhepunkt ihrer Bahn durchmessen, stieg westwärts hinab. Wo ihre Strahlen die üppigen Wipfel des Urwalds zu durchdringen vermochten, fielen sie um die Blockhütte des Groot Willem her auf eine Szene, deren friedliche Stille nicht hätte erraten lassen, was so kurz zuvor hier vorgegangen war. Durch die offenstehende Tür der Hütte konnte man den kunstlos aufgeschichteten Herd erblicken, auf welchem ein mächtiges Feuer prasselte, welches, wie es schien, das Mittel zur Bereitung eines üppigen Waldmahles abgeben sollte. Ich sage, zu einem üppigen, denn nicht nur brodelte ein großer eiserner Topf am Feuer, sondern die Spitzen der Flamme leckten auch gierig an einem saftigen Stücke Wildbret, welches an einem von dem alten Trapper eigenhändig in Bewegung gesetzten, allerdings sehr primitiv aussehenden Bratspieße schmorte. Auf dem weichen Moose vor der Hütte saßen die beiden Flüchtlinge. Der ältere schlug soeben die Bibel zu, welche ihm zum Ausdruck seines innigen Dankgefühls gegen Gott, der sich heute so gnädig erwiesen, gedient hatte. Jetzt kam Lovely aus der Hütte, um, nachdem sie dem Trapper bei seinen kulinarischen Verrichtungen geholfen, draußen die einfachen Vorbereitungen zum Mahle zu treffen. Es war dies bald geschehen, denn diese Vorbereitungen bestanden nur darin, daß das Mädchen eine ungeheure hölzerne Schüssel, welche den Dienst des Tischtuches und der Teller zugleich versah, auf den Rasen setzte und ein plumpes hölzernes Salzgefäß daneben stellte. Groot Willem säumte nicht, seine Speiseschätze sofort aufzutragen. Er legte den am Spieße steckenden Wildbraten auf die erwähnte Schüssel und brachte auch den eisernen Topf herbei, in welchem ein Büffelhöcker dampfte. Thorkil kam mit einem großen Rindenbecher aus dem Gebüsche, wo er Wasser aus einer Quelle geschöpft hatte. So war die Gruppe vollständig, und das Waldmahl begann ohne Umstände, indem die Männer dem Beispiele riesenhaften Appetits, welches ihnen der alte Trapper gab, nach Bedürfnis nachfolgten. Nur Thorkil schien wenig oder gar keinen Hunger zu haben, oder er hatte, wenn er solchen empfand, keine Zeit, denselben zu stillen. Er war nämlich mit einer Aufmerksamkeit und einem Eifer, wie sie nur je ein wohlerzogener Page seiner Gebieterin erwiesen, um Lovely beschäftigt. Er hatte ihr einen bequemen Sitz zu bereiten gewußt, er legte ihr die zartesten und schmackhaftesten Bissen vor, kredenzte ihr den Wasserbecher, kurz, benahm sich so fein und dienstbeflissen, daß Groot Willem höchlich verwundert die Augen möglichst weit aufriß und eine Weile vergaß, das gewaltige Stück Fleisch, welches er gerade zwischen den Zähnen hatte, zu beißen und zu schlucken. Der alte Jäger war in seiner gewöhnlichen Gemütsverfassung ein Stück von einem Humoristen. Ein Demokrit der Wälder sozusagen, war er mehr geneigt, die Erscheinungen des Lebens zu belachen, als zu beweinen. Falls die starken, aber nicht unedlen Leidenschaften, welche unter seinem holländischen Phlegma schlummerten, nicht aufgestachelt wurden, besaß er vollauf jene köstliche Gabe der Kinder des Humors, die Gabe, alles in tröstlichem Lichte zu sehen oder vielmehr in jener neckischen, putzigen Streiflichter- und Schlagschattenbeleuchtung, welche die Lachmuskeln beinahe unwiderstehlich in Bewegung setzt. In dieser Beleuchtung mochte ihm nun wohl auch das ritterliche Gebaren seines jungen Begleiters erscheinen, denn als er bemeldeten Fleischbrocken glücklich bewältigt hatte, ließ er ein Gekicher hören, welches so ziemlich dem Gebrumm ähnelte, womit der Bär in glücklichen Augenblicken sein Wohlbehagen ausdrückt. Thorkil verstand die Bedeutung dieses Gebrumms, zu welchem die lachend zwinkernden Augen des Alten überdies einen deutlichen Kommentar lieferten. Etwas wie Zorn wollte in den Augen des jungen Mannes aufleuchten, Zorn über den Spott seines Gefährten, vielleicht aber noch mehr Zorn über die Rosenkette, deren sanften, aber allmächtigen Druck er bereits auf seinem Nacken fühlte. Die Entrüstung wußte sich jedoch keine Bahn zu brechen. Der Jüngling schlug seine Augen nieder und errötete über und über. Kaum nahm Lovely dies Erröten wahr, als auch sie die Blicke senkte und tiefer Purpur ihre Wangen überzog. Der alte Trapper kicherte jetzt nicht mehr. Das junge Paar war gar zu schön anzusehen in seiner Verlegenheit. Das grimmige Gesicht des Alten nahm den Ausdruck gutmütiger Teilnahme an, und seine Lippen bewegten sich leise. »Ja, ja, ich sehe, wie's steht,« flüsterte er in sich hinein. »So sahen die arme Mabel und ich einander an, als wir uns zum erstenmal begegneten; so saßen wir einander gegenüber und wußten uns nicht zu raten und nicht zu helfen. Das war ein Drängen und ein Treiben von innen heraus und doch eine Scheu, eine Furcht, ein Zittern! Ich wette, sie möchten sich gar zu gern gegenseitig um den Hals fallen – hm – aber ich fürchte, der Junge wird diese Begegnung nicht so bald wieder vergessen, als es zu wünschen wäre. Mit unserm freien, franken Waldleben wird's nun auch vorbei sein, denn er wird dem Mädchen eifriger auf den Fersen sein als ein Naragansett einem Pequod, dessen Skalp er zu erbeuten hofft. – Hm, was ist da zu machen? Nicht viel, denk' ich. Das ist Natur, und die muß ihr Recht und ihren Willen haben.« Groot Willem hatte die Gefühle, welche den Jüngling und das Mädchen bewegten, richtig erraten. Jede Minute ihres Beisammenseins schmiedete einen neuen Ring an der goldenen Kette, welche ihre Herzen zueinander hinzog. Und das war eben kein großes Wunder. Beide waren jung, schön, empfänglich, beide waren liebenswürdig. Mußte in der Seele Lovelys nicht ein warmes, innig warmes Gefühl für den jungen Mann aufblühen, dessen Äußeres und Benehmen so zutrauenerweckend war, für ihn, welcher so brav für ihr und ihrer Lieben Leben eingestanden? Und mußte auf den Jüngling, welcher in der das Gemüt für alles Schöne und Gute empfänglich machenden Schule der Natur und Freiheit erzogen war, diese Jungfrau mit dem harmonischen Ebenmaß ihrer zierlichen Gestalt, mit ihrem reizenden Antlitz, ihren anmutsvollen Bewegungen, ihren unter dunkelbraunen Locken hervorblickenden großen Veilchenaugen, mit all dem Schmelz ihrer Schönheit und Unschuld nicht notwendig den tiefsten Eindruck hervorbringen? Stand sie nicht vor ihm wie »ein Gebild aus Himmelshöhn« und hatte ihre süße Stimme nicht beim ersten Wort sein Herz mit wunderbarer Gewalt bewegt? Das einfache Mahl ging vorüber ohne belebtes Gespräch und endigte damit, daß Lovelys Großvater das Mädchen aufforderte, das Dankgebet zu sprechen. Alle erhoben sich, mit Ausnahme des Groot Willem, der keineswegs zu den Frommen zu gehören schien. Er zog eine kurzröhrige, nach indianischer Weise aus rotem Speckstein geschnittene Pfeife hervor, füllte sie aus dem Tabaksbeutel, welcher neben seinem Pulverhorn am Gürtel hing, und ging dann in die Hütte, um eine glühende Kohle auf das duftende Kraut aus Virginien zu legen, dessen Genuß damals unter dem Namen des Tabaktrinkens auch in der alten Welt bekannt und beliebt zu werden anfing, während die Europäer in der neuen Welt den Gebrauch desselben von den Eingeborenen gelernt und angenommen hatten. Indessen wollte es dem alten Jäger mit dem Rauchen diesmal nicht recht glücken. Die Tür der Hütte stand offen, und während er seine Pfeife anrauchte, drangen die leisen, innigen Töne von Lovelys Gebet dem Waldmann zu Ohren. Er warf zuerst den Kopf trotzig rückwärts, allein der Klang dieser Stimme hatte etwas magisch Rührendes und verfehlte seine Wirkung auch auf Willem nicht. Er stand unbeweglich still, nahm die Pfeife aus dem Munde und regte murmelnd die Lippen, als spräche er die Worte des schönen Kindes unwillkürlich nach. Als das Gebet zu Ende war, gesellte er sich wieder zu den übrigen. Der ältere der beiden Obersten ging auf ihn und Thorkil zu, faßte ihre Hände und sagte: »Nächst dem Herrn, dessen Hand heute so augenscheinlich über mir, und den Meinigen schützend gewaltet, gebührt euch, wackere Jäger, unser lebhaftester und tiefgefühltester Dank. Um euch die Aufrichtigkeit desselben darzutun, will ich euch vor allem überzeugen, daß ihr nicht etwa Unwürdigen oder gar Verbrechern euren Beistand zugute kommen ließet. Ich will euch sagen, wer wir sind und wie und weswegen wir hierher in die Wildnis gekommen. Wir sind –« »Halt, nicht weiter!« unterbrach der Trapper den Greis. »Wir verlangen nicht mehr zu wissen. Ihr seid unsere Gäste, damit genug. Noch mehr, ihr tragt ein Pfand von einem Freunde bei euch, welches uns mehr gilt als ein Pergament mit Siegel und Namensunterschrift aller Könige jenseits des Meeres.« »Aber, meine Freunde, ihr dürft doch wohl verlangen, zu erfahren, wem ihr so großmütig euren Schutz verliehen habt?« »Nein, nein,« nahm Thorkil das Wort. »Es gibt ja Zeiten und Lagen, in welchen wackere Männer wohl daran tun, ihre Namen nicht dem nächsten besten anzuvertrauen.« Ein vielsagender, aber wohlwollender Blick begleitete diese Worte des jungen Mannes, welcher noch beifügte: »Seht, Willem und ich leben infolge unseres Jägerberufes viel unter und mit den roten Ureinwohnern dieses Landes, und so ging es ganz natürlich zu, daß wir uns diese oder jene indianische Eigenheit angeeignet haben. Es ist aber eine indianische Eigenheit, vielleicht dürfen wir es eine Tugend nennen, einen Gast niemals auch nur durch den leisesten Wink zur Mitteilung von Dingen zu verleiten, welche er möglicherweise lieber verschweigen möchte.« »Ihr irrt Euch, junger Mann,« bemerkte der jüngere Oberst mit einem Anflug von Stolz. »Was wir zu sagen haben, kann uns nur in den Augen derer zur Unehre gereichen, welche der alten guten Sache abtrünnig geworden und hingegangen sind, um dem Baal zu räuchern und dem Moloch zu opfern.« »Wir glauben es, wir glauben es,« entgegnete Groot Willem, indem er seine Versicherung mit einem Kopfruck begleitete, welcher bei ihm immer ein Zeichen von Ungeduld war. »Meint ihr, wir hätten unsere Hand für Schurken erhoben? – Und nun, Männer, sagt uns an, wie wir euch und der jungen Mistreß ferner dienen können. Wollt ihr ein Paar Tage hier bleiben in Willems Vrolykheid , wie ich die Hütte und den Platz da genannt habe, weil es sich hier gar einsam und fröhlich lebt, so soll es an Moos und Fellen zu eurem Lager nicht fehlen, auch nicht an Wildbret zur Speise, obgleich dermalen eigentlich keine Jagdzeit ist. Indessen will ich euch nicht verschweigen, daß unser Aufenthalt hier schon morgen nicht mehr ganz sicher sein dürfte. Der Tod des jungen Brausekopfs, welcher wähnte, ein alter Waldkrieger lasse sich von einem Gelbschnabel mir nichts dir nichts totschießen, wird an der Küste hinunter Lärm machen, und der Tod des Indianers wird uns sicherlich eine Bande Pequoden oder Mohikaner auf den Hals bringen.« »So wollen wir unsere Reise fortsetzen,« sagte der Greis, »und wenn es sein muß, heute noch.« »Das ist nicht nötig,« erwiderte der alte Jäger. »Ich stehe dafür, daß wir die Nacht über nicht beunruhigt werden.« »In diesem Falle wollen wir den Rest des Sabbats in Ruhe verbringen und morgen in der Frühe aufbrechen.« »Gut.« Und mit der nämlichen Offenheit, womit er sich vorhin jede überflüssige Mitteilung verbeten, stellte der Trapper jetzt die nötige Frage: »Wohin wollt ihr euren Weg richten?« »Nach Swanzey, in das Haus des würdigen Richters Eaton,« gab der Greis zur Antwort. »Zum Richter Eaton wollt ihr?« rief Thorkil im Tone unangenehmer Überraschung aus. Groot Willem warf ihm einen mißbilligenden Blick zu und murmelte in den Bart: »Der Junge sprach vorhin von indianischen Tugenden. Ich dächte Selbstbeherrschung sei auch eine derselben, und zwar die vornehmste von allen.« »Ja, zum Richter Eaton wollen wir,« erwiderte der Greis arglos auf den lebhaften Ausruf des Jünglings. »Wir tragen für ihn einen Brief von Roger Williams bei uns, und sind gewiß, willkommen geheißen zu werden.« »Ohne Zweifel, ohne Zweifel,« entgegnete Thorkil mit schnell wiedererrungener Fassung. »So wollen wir denn in der Morgenfrühe aufbrechen, und so ihr es nicht verschmäht, werden wir euch Führer und Begleiter sein.« Hier endigte einstweilen das Gespräch, und die Gruppe zerstreute sich. Willem schob sein Kanoe ins Wasser, um ein Paar Fische zu angeln, die beiden Obersten gingen in die Hütte und vertieften sich in jene stillen und ernsten Betrachtungen, wie die sabbatliche Stunde den Anhängern des Puritanismus sie vorschrieb. Lovely setzte sich auf ein Felsstück am Ufer und ließ ihre Blicke hinausschweifen in die Pracht des Abends, welche feierlich auf Wald und Meer lag. Ein tiefempfängliches Gemüt, liebte sie die Natur und ihren Frieden und sog mit Entzücken den wohlgeruchsvollen Hauch der Abendkühle und mit ihm jenen eigentümlichen Zauber der Wildnis ein. Und doch erfüllte nicht allein die Größe und Lieblichkeit des vor ihr liegenden Schauplatzes ihre Seele. Sie ließ die Szenen des heutigen Tages an sich vorübergehen, und unter den Gestalten derselben gab es eine, die nicht aus dem Sehkreis ihres Auges weichen wollte. Sie schloß es, wie erschreckt von der Macht eines ihr bis heute unbekannten Gefühles, aber auch bei geschlossenem Auge sah sie den Jüngling immer und immer vor sich stehen. Hätte sie rückwärts geschaut, so würde sie mit dem Instinkte der Liebe haben erraten können, daß das magische Netz nicht über ihr Haupt allein geworfen worden. Denn wenige Schritte hinter ihr stand Thorkil, den es im Walde, wohin er mit seiner Büchse gegangen, nicht gelitten hatte, und seine Blicke sagten deutlich, daß er von allem, was seine Augen erfassen konnten, nichts sah, aber auch gar nichts, außer dem am Gestade sitzenden Mädchen. Sie ihrerseits fühlte seine Nähe, obgleich seine Mokassins beim Kommen nicht das geringste Geräusch auf dem Rasen hervorgebracht hatten. Ja, sie fühlte den Magnetismus seines Blickes, und der alte Willem würde wieder leise in sich hineingelacht haben, wenn er bemerkt hätte, wie das scheue züchtige Kind sich gleichsam in sich selber zusammenschmiegte, wie es abwechselnd hochrot und tiefblaß ward, wie es gar zu gern sich umgewandt hätte und es doch nicht wagte. Endlich wagte sie es aber dennoch, und der zutuliche Prinslo lieh ihr einen willkommenen Vorwand. Das Tier umsprang wedelnd den jungen Freund seines Herrn und eilte dann auf Lovely zu, um auch ihr Beweise seiner Freundschaft zu geben. Er leckte ihr die Hand, und indem sie sich halb umwandte, um das freundliche Tier zu streicheln, konnte sie ungezwungen und ohne der jungfräulichen Zurückhaltung etwas zu vergeben, ein Gespräch mit dem jungen Jäger anknüpfen. »Ihr seid glücklich,« sagte sie, »daß Ihr Euer Leben in der unermeßlichen Freiheit und Schönheit der Schöpfung des Herrn zubringen könnt. Ich habe Wald und Meer immer geliebt, schon in meiner Kindheit, aber erst in diesem Lande habe ich recht begreifen lernen, welchen wohltätigen Zauber Meeresstille und Waldeinsamkeit über die Seele üben.« »Ja,« versetzte er, »es ist schön auf der See, und schöner noch ist's im Walde.« Und an diese Wiederholung ihrer soeben vernommenen Äußerung knüpfte er, ermuntert von den freundlich schüchternen Blicken, welche sie ihm unter ihren dunkelseidenen Wimpern hervor zuwarf, eine einfache, aber anschauliche Schilderung des Jägerlebens, welches er und sein alter Gefährte führten. Er erzählte von all ihrem Treiben im Urwald und auf der Prärie, vom Biberfang, von der Jagd des Büffels und Elens. Ein naiver Enthusiasmus beseelte seine Rede, als er die Lust und Gefahr der Jagd auf den grimmigen grauen Bären schilderte, welcher damals noch in jenen Landstrichen nicht selten angetroffen wurde, während er jetzt in die endlosen Ebenen am Fuße der Felsgebirge sich zurückgezogen hat. Ein tiefes Naturgefühl sprach aus den Worten, womit er das Dahingleiten auf den mächtigen Waldströmen in einem leichten Rindenkanoe beschrieb. Das Herz seiner Zuhörerin schlug höher, und ihr Atem ging schneller, als er in ungesuchter Redewendung auf die Listen und Schrecken eines indianischen Krieges zu sprechen kam, als er das Verfolgen einer feindlichen Spur schilderte und wie er und sein Begleiter bei diesem Geschäfte plötzlich von einem Wald- und Steppenbrande überrascht worden seien, einem Ereignisse, mit dessen Schrecklichkeit nur seine Schönheit sich messen könne. Der Hauch der Freiheit, das Bewußtsein selbständiger Manneskraft durchzog seine Rede, und Lovely lauschte ihr mit einer Teilnahme, wie Brabantios schöne Tochter nur jemals den Erzählungen des tapfern Mohren widmete. Er sprach so gut, und seine Zuhörerin fühlte wohl, daß er nicht wußte, wie gut er sprach. Schon im Laufe des Tages hatte sie Gelegenheit gehabt, wahrzunehmen, daß der junge Mann im Besitze jener gewählten Ausdrucksweise und Redeform sei, welche zu allen Zeiten das schöne Vorrecht derer ist, die man Gebildete nennt. Seine Rede war bei aller Einfachheit und Anspruchslosigkeit dennoch weit feiner als sein rauhes Jägerkleid. Die Frauen haben in solchen Dingen ein sehr richtiges Gefühl. Lovely verlieh demselben Worte und gab einer verzeihlichen Neugierde nach, indem sie an Thorkil die Frage richtete, ob er sein ganzes Leben von Jugend auf in den Wäldern zugebracht habe. »Ja,« lautete die Antwort, »mit Ausnahme weniger Jahre, welche ich bei dem trefflichen Roger Williams in Providence verlebte. Der wackere Mann hat sich in meinen Knabenjahren viele Mühe mit mir gegeben. Er wollte mich zu einem Prediger machen, aber ein unwiderstehlicher Hang und das Beispiel von Groot Willem, der mein Adoptivvater ist und stets wie ein rechter Vater an mir gehandelt hat, trieben mich wieder in die Wälder zurück.« Lovely schwieg eine Weile. Dann fragte sie plötzlich: »Ihr kennt den Richter Eaton in Swanzey?« Die Stirne Thorkils bräunte sich bei Nennung dieses Namens, und seine Augen funkelten zornig. Indessen bemeisterte er sich und erwiderte kurz: »Ja, ich kenne ihn.« »Der edle Williams hält große Stücke auf diesen Mann.« »Ich weiß es.« »Ihr scheint den Richter nicht zu lieben?« »Nein. Er ist mein und meines väterlichen Freundes Feind. Aber erlaubt mir, über Eaton zu schweigen, denn ich möchte selbst über einen Feind hinter dessen Rücken nicht Böses sprechen. Wir werden Euch sicher nach Swanzey bringen und dann –« »Und dann?« fragte Lovely mit einem Augenaufschlag, welcher zeigte, daß sie das Stocken des Jünglings verstand. »Dann scheiden wir,« stammelte Thorkil. »Aber nicht für immer, nein, nicht für immer!« entgegnete sie rasch und bedeckte sich dann, wie erschrocken über ihre Kühnheit, die errötenden Wangen mit den Händen, während ein frohlockendes Lächeln die Züge des jungen Mannes überflog. Die Nacht verging ruhig, und die Flüchtlinge genossen eines so festen Schlafes, wie er den von Gefahren Umringten seit vielen Nächten nicht mehr zuteil geworden war. Bei Tagesanbruch schiffte sich die ganze Gesellschaft auf dem größeren Boote ein, welches seinen Lauf nordöstlich richtete, sobald es aus der Bai hinaus in die offene See gelangt war. Sie durchschifften den rechten Arm der großen Naragansettbai, und als die Sonne zur Rüste ging, stand die Küste der Insel Rhode-Island in naher Sicht. Sie hielten darauf zu und landeten kurz nach Sonnenuntergang, um die Nacht am Lande zu verbringen. Am Südgestade der Insel, welche damals noch zum Gebiete des Sachems der Naragansetts gehörte, jedoch schon an zwei Stellen von den Pilgrimen besiedelt war, in einer schmalen Bucht vor Anker gegangen, folgten sie ihren Führern auf einem wenig betretenen Fußpfade, welcher wenige Schritte weit rechts an der Küste hinlief, dann plötzlich linkshin auf eine Waldlichtung einbog, wo er unter Gerölle verschwand. »Wir sind am Ziele und haben unsere Nachtherberge erreicht,« sagte Thorkil und wies auf ein seltsames Bauwerk, welches sich mitten auf der kleinen Lichtung erhob und dessen graue, verwitterte Mauern im Scheine des eben aufgegangenen Mondes deutlich sichtbar waren. Der Ort hatte ein einsames, ödes, fast unheimliches Ansehen. Der Wald, welchen die Erbauer des altertümlichen Rundbaues vorzeiten zurückgedrängt, um für ihr Werk Platz zu erhalten, war seither wieder erobernd vorgedrungen und hatte seine grünen Siegesstandarten in unmittelbarer Nähe, da und dort sogar auf dem halbzertrümmerten Mauerwerk aufgepflanzt, während er überdies das ganze Gebäude in die Haft seiner dasselbe um und um überwuchernden Efeuranken gelegt. In dem Gebäude und um dasselbe her herrschte eine lautlose Stille, nur unterbrochen von dem Gemurmel einer Quelle, welche ihren mächtigen Strahl in ein plumpes und halbgeborstenes Becken an der Ostseite des Mauerwerkes ergoß. Thorkil öffnete eine hinter Buschwerk verborgene Tür, verschwand für einige Augenblicke, erschien dann wieder mit einer Kienfackel und forderte die Gäste zum Eintritt auf. Sie folgten der Einladung und befanden sich nun in einem Räume, welcher einen Altertümler an die ältesten Bauten der christlichen Kirche in dem kaum bekehrten Norden Europas hätte gemahnen müssen. Es war eine Rotunde von etwa vierundzwanzig Fuß Durchmesser, getragen von acht dicken Rundpfeilern mit roher Deckplatte. Über den Pfeilern wölbten sich Halbkreisbogen, und um den ganzen Raum her lief nach außen zu ein niedriger Umgang, welcher durch mehrere Türöffnungen mit dem Innern in Verbindung stand. Zwischen zwei Pfeilern in einer weiten Nische gegen Osten führten drei Stufen zu einer großen Steinplatte, in welcher der Sockel eines verschwundenen Altars nicht zu verkennen war, obgleich die Steinplatte jetzt als Herd benutzt wurde. Der Nische zur Seite und unterhalb der Stufen erhob sich auf einem plumpen Piedestal eine Art Schüssel, roh aus Sandstein gemeißelt, ganz von dem Aussehen, welches in alten katholischen Kirchen der sogenannte Taufstein hat. Der ganze Bau trug im Äußern und Innern entschieden das Gepräge jener europäisch-romanischen Architektur, wie sie im elften und zwölften Jahrhundert üblich war. Der junge Jäger hatte die Fackel in eine eiserne Klammer an einem der Pfeiler befestigt und war hinausgegangen, um draußen einige Vorbereitungen zum Abendessen und zur Unterkunft der Gäste zu treffen, welche sich verwundert in dem Gebäude umsahen, das mit den Bauwerken des Landes, in welchem sie sich befanden, so sehr kontrastierte. Groot Willem fachte Feuer auf dem Herde an und sagte, nachdem er damit zustande gekommen: »Ihr möchtet wissen, wo ihr seid, nicht? Nun laßt euch sagen, wir befinden uns in einem uralten normannischen Bau, welcher in früherer Zeit wohl als Kirche gedient hat und von den Vorfahren meines jungen Freundes Thorkil errichtet wurde.« »Von den Vorfahren Eures Freundes?« fragte der ältere Oberst erstaunt. »Ja, und wenn auf Familienüberlieferungen irgend ein Gewicht zu legen, wenn irgend Wahrheit darin ist, so hätte Thorkil guten Grund, auf seine Abkunft stolz zu sein. Aber in den Wäldern legt man dem, was sie drüben in Holland und England und auch hier in den Umsiedlungen Ahnenstolz nennen, keinen Wert bei. Da gilt der Mann bloß, was er selber ist.« »Ihr sagt, die Vorfahren des jungen Jägers hätten dieses Bauwerk errichtet. Da müßten sie ja schon vor langer Zeit hier gehaust haben.« »So ist es. Habt ihr nie davon sprechen hören, daß normannische Seefahrer von Island und Grönland her diese Gestade betraten, lange bevor der Genuese Kolon in Amerika landete? Daß die Überlieferung wahr, bezeugt dieser Bau, welchen nur die Hände von Weißen und Christen errichtet haben können. Doch sprecht nicht darüber mit Thorkil. Es macht ihn traurig, den armen Jungen. Und nicht ohne Grund. Denn seht,« fuhr der Trapper leise fort, indem er auf eine lose Platte des Fußbodens neben dem Taufstein wies, »hier wurde sein Vater erwürgt.« »Erwürgt? Thorkils Vater?« »Ja, erwürgt und zwar in dem Augenblicke, wo er im Begriffe war, einen Schatz zu heben, den einer seiner Ahnen hier vergraben und um derentwillen er mit seinem Sohne, der damals noch ein Kind war, aus Island herübergekommen. Ich fand den Toten und bei ihm den Knaben, der geschlafen hatte, während die Untat geschah. Das Kind hielt den starren Leichnam umklammert, und sein Jammern war herzzerreißend. Seither sind wir Freunde.« »Und wurde der Mörder entdeckt?« »Noch nicht, noch nicht. Zwar ich glaube ihn zu kennen, aber nur Gott kennt ihn. Erhalten Thorkil und ich Gewißheit, so soll der Schändliche sterben, hier sterben, auf jenem Steine, wo er gemordet und gestohlen. Und wir werden Gewißheit erhalten, wir haben die Spur, wir haben die Spur! Doch still davon, dort kommt der Junge; laßt ihn nichts hören von dieser Sache.« 4. O Namen gibt's, die mit Magie Das Ohr berühren, die Erinnrung weckend. Allston. Wer sind die fremden Gäste wohl, so ungleich sich An Farbe, Tracht, an Sprache und Gebärden? Pierpont. Wir haben oben erwähnt, daß um die innere Halle des uralten Bauwerks, in welchem unsre Wandrer zur Nachtherberge eingekehrt, ein niedrigerer Umgang herlief, welcher durch mehrere Türöffnungen mit jener in Verbindung stand. Diese Türen führten zu kleinen Gelassen, welche zur Zeit der Erbauung des tempelartigen Ganzen zur Aufbewahrung priesterlicher Gerätschaften oder auch zur Behausung der Geistlichen selbst gedient haben mochten. In diesen Räumen war den Gästen von ihren Wirten die Nachtruhe gerüstet worden, welche sie auf dem weichen Lager von Moos, Büffel- und Bärenfellen nicht lange zu erwarten brauchten. Auch das junge Mädchen genoß mehrere Stunden der Nacht hindurch eines ununterbrochenen Schlafes, bis der Traum jenes rätselhafte Spiel mit ihrer Seele begann, das den Menschen auf so wunderbare, ja fast unheimliche Weise an die Zweiseitigkeit und Zerspaltenheit seines Wesens mahnt. Leider vermögen wir den Erwartungen unsrer Leserinnen, welche sicherlich meinen, den Gegenstand von Lovelys Träumen zum voraus erraten zu können, nicht zu entsprechen. Nicht Jüngstgesehenes und Jüngsterlebtes warf seinen Reflex in die träumende Seele des Mädchens; in seiner launenhaften Willkür führte der Traum sie weit hinweg aus der Gegenwart und zurück in die Vergangenheit, weit hinweg aus der neuen Welt und zurück in die alte Heimat. Sie tummelte sich wieder, ein fröhlich Kind, auf dem Rasen des Parkes, welcher sich still und grün um ihr großväterliches Haus im lieben Altengland herzog, bespült von den murmelnden Wellen der jungen Themse. Dort auf der Rampe des alten Herrenhauses stand der Großvater und wies einer schönen bleichen Matrone, seiner Tochter, die sich auf seinen Arm lehnte, die muntern Sprünge der Kleinen, welche jubelnd einem Schmetterling nachjagte. Der farbenprächtige Falter umgaukelte wie neckend seine Verfolgerin, setzte sich auf Blumen nieder, mit den Flügeln schlagend und schimmernd, ließ das Kind nahekommen, und wenn es ihn dann zu haschen wähnte, husch, war er wieder auf und davon und weit weg. Indem Lovely dem Flüchtlinge folgte, kam sie an einem uralten Baume vorbei, in dessen Schatten ein Mädchen saß, dessen strahlende Schönheit sich kaum der Knospe entrungen hatte. Im Grase sitzend und das edelgeformte Haupt mit der einen Hand stützend, hielt das Mädchen einen der schwerfälligen Foliobände jener Zeit auf ihren Knien aufgeschlagen und hing mit ihren großen, schwarzen, glutvollen Augen an den Lettern. »Hilf mir ihn fangen, Schwester!« rief die Kleine der Leserin zu, »hilf mir –« Sie wollte den Namen der Angerufenen aussprechen, allein die Träumende vermochte es nicht. Eine jener wunderlichen Launen des Traumgottes fesselte ihre Zunge. Vergebens mühte sie sich ab, den geliebten, vertrauten Namen hervorzubringen; er klebte ihr am Gaumen, er lag ihr wie Blei auf der Zunge. Während sie sich aber in der Beängstigung dieser vergeblichen Bemühung unruhig auf dem Lager hin und her warf, schlug der gesuchte Name plötzlich von außen her deutlich an ihr Ohr: »Desdemona!« Ja, war das noch träumen? War es wachen? Sie wußte es selbst nicht, aber sie erhob lauschend den Kopf, sie setzte sich aufrecht und wandte das Ohr nach der Richtung, von woher der schwesterliche Name, wie ihr vorkam, erklungen war. Er erklang nicht wieder. Und doch, horch – der Name wurde abermals genannt, draußen in der Halle, von welcher Lovely nur durch eine Tür von schlecht gefügtem Flechtwerke getrennt war. Eine tiefe, klangvolle Männerstimme sprach die Worte: »Ich wiederhole es, Desdemona will nicht, daß ich meine Flagge in dieser Sache wehen lasse, bevor Metakom gelobt und Ihr, Sachem, sein Gelöbnis verbürgt.« Eine andre Männerstimme, deren scharfe Gutturallaute nur aus einer indianischen Kehle kommen konnten, versetzte in gebrochenem Englisch: »Blaßgesichtertorheit! Hat man je gehört, daß die Stimme einer Squaw laut werden durfte am Ratfeuer von Häuptlingen?« »Bah, Sachem,« erwiderte die vorige Stimme, »es ist hier nicht die Rede von Euren Squaws, obgleich ich den guten Eigenschaften derselben alle Anerkennung zolle; es ist die Rede von der Königin meines Schiffs, und das macht denn doch einen Unterschied, sollt' ich meinen.« »Der Häuptling des Donnerschiffs hat also eine Squaw zum Häuptling?« »Sachem,« entgegnete der andre, ohne die Stimme zu erheben, aber mit einem Nachdruck der Betonung, welcher nicht mißverstanden werden konnte, »genug davon. Ihr versteht das nicht.« »Was will mein Bruder damit sagen?« »Daß mein Bruder nicht wisse, welche Stellung die Frauen in der Gesellschaft der Weißen einnehmen. Das lernt man nicht in dem Wäldern dieses Landes, sondern nur drüben in der alten Welt und am besten im schönen Frankreich.« Lovely, welcher kein Wort dieses seltsamen Gesprächs entgangen, konnte nicht daran zweifeln, daß sie wach sei. Mit einer Neugier, die, nicht nur einem jungen Mädchen, sondern überhaupt verzeihlich war, näherte sie ihre Augen der weiten Ritze in der Tür ihres Schlafkämmerchens, durch welche ein starker Lichtstrahl aus der Rotunde hereindrang. Ihr Herz pochte laut, denn der Name Desdemona, welcher vorhin genannt worden war, machte eine Flut von Erinnerungen in ihrer Seele aufwogen, von Erinnerungen, welche, ihr die freudehellsten Stunden der Kindheit wie die trübsten Augenblicke spätrer Zeit wiederkehren ließen und unter den letztern besonders einen Moment voll bitterster Qual, eine herzzerreißende Szene, in welcher ein von Schmerz und Zorn bis zur Raserei getriebener Vater die eine seiner Töchter in Gegenwart der andern verflucht hatte – verflucht hatte am Lager der kaum entseelten Mutter, deren Mörderin der Rasende die mit seinem Fluche Beladne nannte. Oft schon hatte Lovely seitdem in schweren Träumen und schmerzlicher Rückerinnerung diese unglückselige Stunde wieder durchlebt, aber nie noch war die schreckliche Szene so belebt und furchtbar vor ihr Auge getreten als jetzt, wo zwischen Traum und Erwachen der mit Verwünschung belastete und doch so teure Name der Schwester ihr Ohr mit allem Zauber des Unvermuteten und Plötzlichen getroffen hatte. Lovely fuhr sich leise mit der Hand über das Gesicht, als wollte sie mittels dieser Bewegung die peinliche Vision verscheuchen. Dann richtete sie ihre Blicke auf das nächtliche Gemälde, welches das Innere der alten Kapelle darbot. Das Feuer war auf dem zerstörten Altar wieder angefacht worden und übergoß die nächste Umgebung desselben mit einer grellen Helle. Auf den Altarstufen saßen vier Männer, wovon zwei unsrer Lauscherin wohlbekannt waren, denn sie konnte in denselben ihre Führer und Beschützer, den alten Trapper und den jungen Thorkil, nicht verkennen. Anders verhielt es sich mit den zwei weiteren, welche ihr völlig unbekannt waren. Der eine derselben schien vermöge seines ganzen Wesens und Gebarens auf eine höhere Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie Anspruch machen zu können, obgleich sein Anzug nur auf eine untergeordnete deutete. Denn er trug das Kleid eines gewöhnlichen Matrosen, die weiten Pluderhosen von Segelleinwand, welche in weit hinaufreichenden, unzierlichen Stulpstiefeln verschwanden, und die schlichte langschößige Jacke von dunkelfarbigem Tuch. Mit der Einfachheit dieser Tracht stand freilich der schneeweiße, spitzenbesetzte Hemdkragen in Widerspruch, ferner ein breiter golddurchwirkter Seidengurt, in welchem zwei Pistolen und ein breiter Dolch mit gebogener Klinge und goldenem Griff steckten, Waffen, die äußerst kunstvoll gearbeitet und verschwenderisch verziert waren; ferner ein Ring, welchen der Fremde am Mittelfinger der linken Hand trug und dessen Stein blendende Funken umhersprühte, so oft ihn ein Strahl des Feuers traf. Die Gesichtsbildung des Mannes war fein und edel. Ein Wald von sorgfältig gepflegten Locken von dunkelbrauner Farbe fiel von seinem Scheitel lang und voll auf die breiten Schultern nieder, deren Bau, zusammengehalten mit dem der gewölbten Brust, eine ungewöhnliche Körperkraft verriet, obgleich die ganze Gestalt nur von mittelgroßem Wüchse war und eher weich und zierlich als sehnig und kraftvoll erschien. Unter einer Stirn von mächtigem Umfang, auf welcher nicht die kleinste Furche zu entdecken war, sprang eine lange, vielleicht zu lange Nase hervor, deren Rücken schmal wie ein Messerrücken. Große dunkle Augen voll Feuer und Ungeduld verliehen je nach ihrem Ausdruck dem Gesichte bald eine schelmisch ironische, bald eine energisch gebieterische, bald eine hinreißend schmeichlerische, bald eine imponierend würdevolle Miene. Der kleine Mund mit den sinnlich aufgeworfenen Lippen hätte vielleicht mit seinem halb wollüstigen, halb grausamen Ausdruck den Zauber dieser Physiognomie beeinträchtigt, wäre er nicht fast ganz unter einem Schnurrbart von außerordentlicher Üppigkeit verschwunden, dessen Enden bis zur Brust herabreichten und der seinem Träger ein um so eigentümlicheres Ansehen verlieh, als Wange und Kinn aufs sorgfältigste rasiert waren. Diesem Manne, welchen man mit gutem Grunde einen Mustertypus der weißen Rasse hätte nennen können, saß ein andrer gegenüber, welcher noch unbestreitbareren Anspruch darauf hatte, ein Mustertypus der roten Rasse genannt zu werden. In der Tat, nie hatte die Natur in den Urwäldern Amerikas eine schönere Mannesgestalt geschaffen, als der edle Krieger besaß, welcher hier mit drei Weißen gemeinschaftlich die Beratungspfeife rauchte. In der ersten Blüte des männlichen Alters stehend, war er hoch und schlank gewachsen, und sein Gliederbau zeigte durchgehends ein bewundernswertes Ebenmaß. Seine Stirn bog sich weniger jäh zurück, seine Backenknochen standen weniger schroff hervor, als dies bei seiner Rasse gewöhnlich der Fall zu sein pflegt, dagegen besaß er in hohem Grade die charakteristischen Schönheiten derselben, das wildfeurig und doch klug blickende Auge, die stolze Römernase und das feste, Energie verratende Kinn. In seiner Haltung lag die natürlichste, ungezwungenste Würde, in seinem Blicke stolzes Selbstgefühl, in seinem Lächeln, das freilich ein nicht häufiges war, herzgewinnende Anmut. Seine Züge waren nicht durch die grelle Malerei verunstaltet, womit sich indianische Krieger ihren Feinden gegenüber ein schreckhaftes Aussehen zu geben lieben, und sein reiches schwarzes Haar, welches, auch wenn er stand, fast den Boden berühren mochte, floß ihm in einer glänzenden Welle über den Rücken hinab. Sein Anzug war prachtvoll, wenigstens nach den Begriffen seines Volks. Sein Kopfschmuck, der mit einer Art wilder Eleganz geordnet war, bestand ans Hermelinfell und den Federn des Kriegsadlers. Sein Unterkleid war eine Tunika, bestehend aus zwei Hirschhäuten, mit dem Halsteile abwärts und so aneinander gefügt, daß die Hinterläufe zusammengenäht waren, und die Nähte längs des Arms von den Schultern bis zu den Handknöcheln hinliefen. Jede Naht war mit einer schönen Stickerei von Stacheln des Stachelschweins bedeckt, und von dem untern Rand derselben, von der Schulter bis zur Hand, hingen Fransen von schwarzem Haar, gewonnen aus den Kopfhäuten (Skalpen), welche er erschlagenen Feinden abgezogen. Seine Beinkleider bestanden aus demselben Stoffe, und von der Hüfte bis zum Fuße hinab lief an denselben ein auf gleiche Weise mit Stacheln und Haarlocken verzierter Streifen. Aus gleichem Stoffe und mit gleicher Zierat versehen waren endlich die Mokassins des Häuptlings. Einen aus der Haut eines jungen Büffelstiers verfertigten und auf der Außenseite abermals mit Stickerei der erwähnten Art versehenen Mantel trug er lose um die Schultern geschlagen, so daß der rechte Arm frei blieb. Also bekleidet, führte er im Gürtel Tomahawk und Skalpiermesser, auf dem Rücken hing ihm ein Köcher aus Pantherfell nebst einem etwa drei Fuß langen Bogen von Eschenholz, der in ein Futteral von Otternhaut gesteckt war, und in der Hand hielt er eine indianische Pfeife, deren Rohr eine Länge von drei bis vier Fuß erreichte. Als ihm der Weiße die von uns zuletzt erwähnte Antwort gegeben, setzte er die Pfeife an den Mund und hüllte sich in eine dichte Rauchwolke. Ein mehrere Minuten langes Schweigen trat ein und wurde nur dadurch gestört, daß der Seemann leise die Melodie eines französischen Liedchens vor sich hinsummte. Je länger das Schweigen dauerte, desto lauter wurde dieses Gesumm und bald hätte ein kundiges Ohr Worte und Weise des berühmten Liedes »Charmante Gabrielle« unterscheiden können, welches König Heinrich IV. auf die geliebteste seiner Geliebten gedichtet hatte und das bis auf den heutigen Tag eines der gesungensten in Frankreich geblieben ist. Der alte Trapper warf dem Sänger einen mißbilligenden Blick zu, welchen dieser auch sogleich verstand, denn er hielt inne und sagte: »Verzeiht, meine Freunde, aber, sacré nom de Dieu , ich kann mich an die steife Feierlichkeit eurer Beratungen nach indianischem Zuschnitte nicht gewöhnen.« »Hm,« versetzte der alte Jäger achselzuckend, »darüber verwundre ich mich nicht, denn es ist bekannt, daß die Franzosen nichts ohne unnützen Lärm zu tun vermögen.« »Nicht unrichtig bemerkt, wenn auch nicht sehr höflich, alter Brummbär,« entgegnete der Seemann lachend. »Übrigens müssen wir zum Schlusse kommen, weil ich eine gute Strecke Seepfad zwischen dieser Insel und meinem Boote haben will, bevor der Tag anbricht.« Der Indianer hatte von dieser Episode so wenig Notiz genommen, als ob er sie gar nicht gehört hätte. Seinen Arm aus der schwindenden Rauchwolke hervorstreckend, bot er die Pfeife dem alten Trapper hin und sagte kurz, aber mit einer höflichen Beugung des Kopfes: »Was meint mein Vater?« Groot Willem hatte sich in seinem vielfachen und langjährigen Verkehr mit den Eingebornen manche der Eigentümlichkeiten ihres Wesens und Benehmens angeeignet. Anstatt daher nach Art der Weißen schnell mit einer Antwort zur Hand zu sein, nahm er die dargereichte Pfeife mit würdevoller Ruhe entgegen, tat einige Züge daraus und sagte dann mit Nachdruck: »Mein Sohn, der Sachem, weiß, daß der Häuptling des Donnerschiffs ein großer Krieger?« »Ja.« »Ein großer Krieger faßt seine Entschlüsse mit Bedacht.« »So tut er, mein Vater. Aber er achtet dessen nicht, was eine Squaw ihm ins Ohr lispelt.« »Hat mein Sohn nie vernommen, daß auch der große Sachem der Wampanogs auf die Stimme der Wetamoe hört?« Der Indianer neigte bejahend das Haupt. Der Trapper fuhr nach einer kleinen Pause bedeutsam fort: »Metakom achtet der Worte Wetamoes, und doch ist Wetamoe ein Weib.« »Wetamoe ist sehr klug,« warf der Indianer ein, aber in einem Tone, welcher bemerken ließ, daß der Sprecher das Gewicht der Argumentation des alten Waldmanns wohl fühlte. »Ja, Wetamoe ist klug,« entgegnete Groot Willem, »Aber ich kenne ein Weib, welches noch klüger als Wetamoe.« »Mein Vater meint Ih-nis-kin, deren Auge leuchtet wie die aufgehende Sonne, und deren Stimme süß tönt wie der Frühlingswind im jungen Laube.« »Ja, Sachem, ich meine Ih-nis-kin, wie Ihr sie nennt, ich meine das Weib des Häuptlings des Donnerschiffs.« Der Indianer legte mit einer Gebärde voll natürlicher Anmut seine Rechte auf die Brust, um der Genannten seine Achtung zu beweisen. »Dank Euch, Sachem,« sagte der Seemann, seine feine Hand in die des roten Kriegers legend. »Ih-nis-kin nennt Ihr meine Gebieterin? Darf ich fragen, was dies auf englisch heißt?« »Kristall.« »Kristall? Verteufelt hübscher Name das, foi de gentilhomme! Desdemona wird sich freuen, von dieser indianischen Galanterie zu hören. Hätte kaum geglaubt, daß in den Urwäldern so allerliebste poetische Einfälle ausgeheckt würden. Ich will ein Madrigal daraus machen, meiner Treu, das will ich.« Der alte Trapper ließ diesen Ausbruch französischer Lebhaftigkeit ruhig vorübergehen. Dann sagte er, immer zu dem roten Krieger gewandt: »Mein Sohn, der Sachem, hat die Meinung des Häuptlings des Donnerschiffes vernommen. Ich teile sie. Wenn der Tomahawk erhoben wird, darf er nicht Schuldlose und Wehrlose treffen. Das ist gegen die Natur und gegen die Gaben unsrer Farbe.« Der Indianer schwieg und senkte die Blicke zu Boden. Als er sie wieder erhob, entfunkelte ihnen ein Strahl wilden Spottes, und im Tone grimmiger, aber sich selbst beherrschender Ironie versetzte er: »Die Gaben der Blaßgesichter sind veränderlicher als das Frühlingswetter. Wo war ihre Abneigung gegen das Vergießen von unschuldigem Blut, als sie den großen Miantonomo seinem Todfeind Unkas überlieferten, um ihn meuchlerisch zu erschlagen?« »Ja, das war ein schandbarer Mord, eine grausame, niederträchtige Tat. Der Sachem mag sie rächen, aber nicht an Wehrlosen. So wahr ich Groot Willem heiße, mein gutes Roer soll nicht auf seiten derer knallen, auf deren Schlachtruf das Wehgeschrei von Weibern und Kindern Antwort gibt.« »Wenn der Tomahawk der roten Krieger einmal Blut getrunken, ist er berauscht wie die Blaßgesichter von ihrem Feuerwasser. Er schlägt zu, ohne zu achten, wohin oder wen er treffe.« »Er soll aber darauf achten, Sachem, ja, er soll. Groot Willem will so wenig mit berauschten Tomahawks zu tun haben als mit berauschten Kolonisten, wie deren auf Mount Wallaston ihr törichtes Wesen treiben.« Nach einer abermaligen Pause von wenigen Sekunden stand der Indianer auf, näherte sich dem Alten und sagte, indem er mit dem Zeigefinger seiner linken Hand leicht über die Narbe fuhr, welche das abgeschnittne Ohr unterhalb der rechten Schläfe des Trappers zurückgelassen: »Mein Vater ist sehr alt geworden. Ochkih-Häddäh hat sein Gedächtnis geschwächt. Er erinnert sich nicht mehr der Hand, welche diese Wunde schlug.« Der Alte fuhr bei der leisen Berührung zusammen, als fühlte er den Biß einer Schlange. Sein Gesicht färbte sich dunkelbraun, und seinen bebenden Lippen entfloh ein halbunterdrückter Zornschrei. Aber geübt in dem Stoizismus, welcher bei der roten Rasse so große Geltung verschafft, überwand er rasch seine Aufwallung und erwiderte in dem ruhigen Ton, welchen er bisher behauptet hatte: »Nein, Naragansett, das ist nicht vergessen und soll heimbezahlt werden mit Wucherzinsen, sobald die rechte Stunde gekommen.« »Es ist gut,« versetzte der Sachem, an seinen Platz zurückkehrend. »Laßt meinen Bruder, das Goldhaar, sprechen.« Groot Willem übergab mit der gleichen Förmlichkeit, womit er sie empfangen, die Ratspfeife seinem Gefährten Thorkil, welcher bis jetzt ein bescheidnes Schweigen beobachtet hatte. Vielleicht war er auch mit seinen Gedanken nicht vollständig bei der obschwebenden Verhandlung gewesen, denn erst der durchdringende, erwartungsvolle Blick, welchen der Sachem auf ihn heftete, führte ihn zu derselben zurück. Nachdem der junge Mann einige Züge aus der Pfeife getan, richtete er, wohlbekannt mit der Redeweise der Indianer, welche selten gerade auf das Ziel losgeht, an den Häuptling die Frage: »Mein Bruder liebt den Roger Williams gewiß noch immer als seinen väterlichen Freund?« » Hahdoh-Manitu ist allen Kindern der roten Rasse teuer. Er lebt in meinem Herzen.« »Und hat mein Bruder die Lehren vergessen, welche die Zunge des guten Geistes ihm gab?« Der Indianer schwieg einen Augenblick wie verlegen. Dann sagte er: »Der Manitu der Blaßgesichter ist nicht der Manitu der roten Männer.« »Darüber kann ich nicht mit Euch streiten, Sachem. Aber das Klaggeschrei erwürgter Weiber und Kinder ist nur dem bösen Geiste angenehm.« »Und ist das Stöhnen eines Vaters, den ein böses Blaßgesicht neben seinem schlafenden Kinde tückisch erwürgt, dem Manitu der Blaßgesichter angenehm?« fragte der Sachem. Dann wandte er sich, ohne eine Antwort abzuwarten, von dem jungen Jäger ab und heftete seine Augen starr und regungslos auf die lose Steinplatte neben dem Taufstein. Thorkil folgte der Richtung der Blicke des Indianers, und sein Gesicht wurde blaß. »Die Augen der Weißen sind sehr schwach, aber die der roten Männer sind scharf,« sagte der Sachem eintönig. »Ich sehe einen Toten, dessen Sohn zögert, den Tomahawk der Rache zu erheben.« Eine heftige Bewegung schüttelte den Körper Thorkils. Er stieß einen halberstickten Seufzer aus und murmelte mit wutbebender Stimme: »Die Rache wird den Schuldigen finden und treffen, so wahr ich Thorkil Wikingson heiße! Aber sprecht nicht zum zweitenmal so zu mir, Sachem, oder –« Und er legte mit einer drohenden Gebärde die Hand an den Griff seines Messers. Der Sachem winkte ihm abwehrend zu und sagte begütigend: »Mein Bruder weiß, daß ein Freund zu ihm sprach. Freundesworte schlagen keine Wunden.« Hierauf schwieg er nachdenklich eine Weile und sagte dann: »Meine weißen Brüder müssen wissen, was sie zu tun haben. Aber was soll ich dem großen Sachem der Wampanogen sagen?« »Sagt ihm,« erwiderte der Seemann, »daß wir zu der Zusammenkunft, welche er vorgeschlagen hat, bereit sind. Sagt ihm ferner, daß wir bereit sind, gemeinschaftlich mit ihm und Euch unsre gemeinschaftlichen Feinde zu bekämpfen, aber unter Bedingungen, welche festzusetzen uns geziemt, und welche nicht gebrochen werden dürfen.« »Ja, das sagt ihm,« nahm Groot Willem das Wort, »und weiter –« Ein Geknurr Prinslos, welcher zu den Füßen seines Herrn lag, unterbrach diesen in seiner Rede. Das scharfhörende Tier mochte Kenntnis von den leisen Bewegungen der lauschenden Lovely erhalten, oder auch das Erwachen eines der beiden Flüchtlinge vermerkt haben, welche in einem Gelasse neben dem des Mädchens schliefen. »Hst!« zischelte der alte Trapper, stand auf, trat von den Stufen des Altars herunter, winkte seinen Gefährten, ihm zu folgen, und mit leisen Tritten verließen sofort alle vier die Rotunde. Von den verschiedenartigsten Empfindungen bewegt, legte sich die Lauscherin auf ihr Lager zurück. Eine düstre Ahnung sagte ihr, daß soeben ein verhängnisvolles Geheimnis halb und halb vor ihr entschleiert worden sei. Sie bemühte sich, die dunkeln Anspielungen und Drohungen, welche sie vernommen, zu enträtseln und zu deuten, und ein heftiger Schmerz schnürte ihre Brust zusammen bei dem Gedanken, daß Thorkil in einen unheilvollen, vielleicht verbrecherischen Anschlag verwickelt sei. Doch ihr Herz beschuldigte ihren Verstand sogleich der Voreiligkeit. Thorkil kann nichts Böses tun oder wollen, flüsterte sie in sich hinein, und während sie die Möglichkeit und Unmöglichkeit des Schlimmen, welches sie instinktmäßig befürchtete, gegeneinander abwog, überwältigte sie der Schlaf wieder. Als nach tiefem, nicht mehr unterbrochenem Schlummer bei Tagesgrauen die Stimme ihres Vaters sie weckte, als ihre beiden Wirte beim Eintritt in die Rotunde ihr mit unbefangenem Morgengruße entgegentraten, wußte sie in Wahrheit nicht zu sagen, ob das, was sie gesehen und gehört, Traum oder Wirklichkeit gewesen. Hier verlassen wir einstweilen die Flüchtlinge und ihre Führer, und erbitten uns von dem Leser die Erlaubnis, ihn auf die geschichtlichen Verhältnisse aufmerksam zu machen, auf welchen unsre Erzählung als auf ihrem Fundamente sich aufbaut. 5. Kein Staat in der Welt kann sich einer so rein moralischen Basis rühmen als diejenigen Staaten der nordamerikanischen Union, welche unter dem gemeinsamen Namen von Neuengland begriffen werden. Ruhmsucht, Herrschbegierde und der edle Drang nach Unabhängigkeit haben Reiche gestiftet, Ehrgeiz und Gelddurst neue Regionen entdeckt; aber keins dieser Motive hatte Anteil an dem Entschluß des Häufleins heldenmütiger Männer, die das Vaterland mit der Wildnis vertauschten, um dem Herrn einen Tempel zu bauen. Eng verwoben, wie in ihrer Überzeugung das Diesseits und Jenseits des Christen, ward dieser Tempel zugleich auch die Grundfeste ihres bürgerlichen Daseins. Talvj. In keinem Lande, nicht einmal Deutschland oder Schweden ausgenommen, war die Reformation von so positiven und bedeutsamen politischen Folgen begleitet wie in England, wo die religiösen Zerwürfnisse zu einer staatlichen Revolution führten, welche, nachdem sie eine lange Reihe von Jahren hindurch das Land mit Bürgerkrieg erfüllt, König Karl I. Thron und Leben genommen, unter dem Protektorate des gewaltigen Cromwell den Grund zur weltbeherrschenden Größe Großbritanniens gelegt hatte, scheinbar durch die Restauration Karls II. beschlossen wurde, aber nur, um unter seines Nachfolgers, des starrköpfigen zweiten Jakob tyrannischer Regierung mit ungeschwächter Kraft, jedoch größrer Milde wieder aufzuleben, und mit der Vertreibung der verblendeten Stuarts, mit der Thronbesteigung Wilhelms des Oraniers und mit der Festbegründung der englischen Verfassung zu endigen im Jahre 1689. Es ist nicht unsre Aufgabe oder Absicht, den Verlauf dieses großen Kampfes hier des nähern zu beleuchten. Allein wir dürfen, um dem in den Einzelheiten der Geschichte Englands und Amerikas weniger bewanderten Leser das Verständnis der vorliegenden Erzählung zu erleichtern, nicht unterlassen, wenigstens eine rapide Skizze der geschichtlichen Ereignisse zu entwerfen, welche England vom Beginn des sechzehnten Jahrhunderts an bis weit in das siebzehnte hinein bewegten. Wie bekannt, regten sich in England schon früh reformistische Bestrebungen, unter denen die Wikliffes (im vierzehnten Jahrhundert) voranstehen. Zu einem wirklichen Bruche mit der römischen Kirche und der päpstlichen Autorität kam es jedoch erst unter König Heinrich VIII., und man muß ohne Umschweife gestehen, daß dieser Bruch zunächst auf den unlautersten Motiven beruhte. Heinrich VIII. war ohne Frage einer der gewalttätigsten und grausamsten Menschen, welche je einen Thron verunziert haben. Seine lange Regierung (1509-1547) war nur eine ununterbrochene Kette von Torheiten, Willkürlichkeiten und groben Verbrechen. Jederzeit seine persönlichen Launen und Grillen zur Basis seiner Politik machend, trat er anfangs gegen die auch in England vielfach verbreiteten lutherischen Ansichten ebenso leidenschaftlich auf, als er später das Papsttum befehdete. Die Veranlassung zu letzterem war eine rein persönliche. Der König wollte seine Geliebte, Anna Boleyn, heiraten und verlangte zu diesem Zwecke, daß der Papst seine Ehe mit Katharina von Aragonien, welche ihm mehrere Kinder geboren hatte, für ungültig erklären und trennen sollte. Die Kurie verweigerte dem Könige, welcher nachmals verschiedene Frauen heiratete, um dieselben meist auf die nichtigsten Vorwände hin hinrichten zu lassen, in dieser unehrlichen Sache ihren Beistand. Hierüber erbost, beschloß Heinrich, sich und sein Reich der geistlichen Oberhoheit des Papstes zu entziehen. Durchaus selbstisch und überzeugungslos in ihrer Idee, war demnach die Reformation in England, wie der König sie betrieb, in ihrer Ausführung ebenso oberflächlich als gewalttätig. Von dem Enthusiasmus der Überzeugung, welcher anderwärts die Geister gegen Rom in den Kampf trieb, konnte natürlich bei dem herzlosen Wollüstling keine Rede sein. Seine Reformation bestand daher auch nur darin, daß er den Supremat des Papstes auf sich selber übertrug, die reichen geistlichen Güter und Stiftungen einzog, die Abteien unwürdigen Günstlingen verlieh und die Liturgie einer nicht sehr wesentlichen Änderung unterwarf. Der Episkopat, die hierarchische Verfassung, welche der römischen Kirche so viele und leider oft begründete Vorwürfe zugezogen, blieben auch in der anglikanischen, um eine reichliche Quelle der Sektiererei zu werden, weil redlichere und entschlossenere Geister ihre religiösen Ansichten und Bedürfnisse nicht nach den willkürlichen Satzungen des Königs regeln wollten. Unter dem Nachfolger desselben, Eduard VI., wurde die Dogmatik und Liturgie der anglikanischen Kirche in entschiedener protestantischem Sinne, als bisher der Fall gewesen, ausgebaut und festgestellt. Der junge König war reformatorischen Grundsätzen eifrig ergeben. Unter seiner Regierung wurde das berühmte, nachher nur unwesentlich modifizierte »Allgemeine Gebetbuch« ( Common Prayer Book ) publiziert, dessen Inhalt im anglikanischen Gottesdienste noch heutzutage die größte Rolle spielt. Die Gebete dieses Buches sind wirklich meist schön, einfach und würdig, allein sie erregten unter den strenger protestantisch Gesinnten, welche von Genf her, dem Hauptsitze des Calvinismus, ihre Anregungen empfingen, schon darum Widerwillen, weil sie, wie die ganze anglikanische Liturgie, ihnen mit Gewalt aufgezwungen wurden. Gewalt war und blieb überhaupt das vornehmste, fast einzige Überzeugungsmittel der englischen Episkopalkirche. Aber sie selber sollte die Bitterkeit dieses Mittels schmecken, als Maria, Heinrichs VIII. ältere Tochter ihrem Bruder Eduard auf dem Throne folgte (1553). Schon als Tochter der verstoßenen Katharina war Maria feindselig gegen den Protestantismus gesinnt und zögerte nicht, ihren Katholizismus dem Lande ganz in der Manier aufzuzwingen, in welcher ihm ihr Vater seinen Protestantismus aufgezwungen hatte. Sie verfuhr bei dem Versuche, den alten Glauben wiederherzustellen, mit einer Grausamkeit, welche es vollständig rechtfertigt, daß man ihr den verhaßten Namen der »blutigen« Maria beigelegt hat. Vor den Flammen der allwärts entzündeten Scheiterhaufen entwichen viele Protestanten, denen ein günstiges Geschick die Flucht noch ermöglichte, nach dem Kontinent. Protestantische Städte, wie Frankfurt, Basel, Straßburg, Zürich, Genf, nahmen diese Flüchtlinge gastfreundlich auf. In Frankfurt am Main, wohin sie in größter Anzahl gekommen, bildeten sie eine Gemeinde, deren Verfassung und Kultus sich möglichst der Einfachheit der ersten Zeiten des Christentums näherten. Der Gottesdienst wurde mit einem allgemeinen Sündenbekenntnis begonnen, dann sang die Gemeinde einen Psalm, hierauf folgte die Predigt des Geistlichen, welcher das Vaterunser und die Verlesung der Glaubensartikel sich anschlossen. Endlich sang die Gemeinde wieder einen Psalm, und der an die Mitglieder derselben gespendete Segen des Predigers beschloß das Ganze. In diesem von dem zeremoniösern Gottesdienste der anglikanischen Kirche, bei welchem der Geistliche in priesterlichen Gewändern fungierte, abweichenden Kultus der Frankfurter englischen Gemeinde haben wir den Ursprung jener englisch-protestantischen Sekte zu suchen, welche unter dem Namen der Puritaner so berühmt geworden ist. Inzwischen ließ sich daheim in England alles zu einer Veränderung an, welche den Puritanismus bald nachher zu einer verhängnisvollen Rolle auf der Bühne der Weltgeschichte berief. Als die blutige Maria im Jahre 1558 gestorben war, zeigte es sich deutlich, daß sie mit ihrem blindwütenden Fanatismus gerade das Gegenteil von dem, was sie gewollt, erreicht hatte. Mit Klugheit und Milde wäre vielleicht der Katholizismus in England wiederherzustellen gewesen, der maßlose Eifer seiner Verteidigerin hatte ihm nur neue Feinde geworben. Kaum war Marias Halbschwester Elisabeth, die Tochter Heinrichs VIII. von der hingerichteten Anna Boleyn, zur Regierung gelangt, so erhob der unterdrückte Protestantismus wieder kühn das Haupt. Die neue Königin hielt es mit ihm, nicht aus Überzeugung, denn sie war innerlichst dem Katholizismus zugetan und liebte dessen Pracht und Formen, wohl aber aus Politik. Ihr Anrecht an den Thron war ein nicht unbestrittenes; sie erkannte, daß sie dasselbe nur mit Hilfe der öffentlichen Meinung, welche sich vorwiegend dem Protestantismus zuneigte, zu behaupten vermöchte. Erbin jedoch des hartnäckigen, tyrannischen Sinnes ihres Vaters und in höchstem Grade für die Machtvollkommenheit ihrer Krone und des damit verbundenen kirchlichen Supremats eingenommen, war Elisabeth keineswegs geneigt, die Konsequenzen der protestantischen Lehre irgendwie zuzulassen. Sie war demnach Protestantin bloß so weit, als es ihrem politischen Vorteil entsprach. Sie verfolgte die Katholiken hauptsächlich deshalb, weil sie ihr den Supremat streitig machten und dadurch ihre königlichen Prärogative zu schmälern drohten; sie verfolgte aber zugleich auch die Anhänger der strengeren Protestantischen Lehre, die Kalvinisten, die Puritaner, und zwar verfolgte sie diese mit bitterstem Hasse und rücksichtslosester Härte, weil sie mit Grund befürchtete, aus dem religiösen Puritanismus würde sich, falls er geduldet würde, mit Notwendigkeit auch ein politischer entwickeln. Sie verabscheute insbesondre die sogenannte Prophetenfreiheit, das heißt, die Freiheit der Kanzelvorträge, nach welcher die puritanischen Prediger trachteten. Diese Kanzelfreiheit war in der Tat damals das, was jetzt die Preßfreiheit ist, und schon fingen die Geistlichen der Puritaner an, als Volkstribunen aufzutreten. Während der Regierung Elisabeths gingen die beiden großen kirchlichen Parteien Englands, die Episkopalen (Bischöflichen) und die Kalvanisten allmählich immer weiter und feindseliger auseinander. Beide stimmen zwar darin überein, daß die Bibel die vollkommenste Richtschnur des Glaubens sei, außerdem aber folgten sie entgegengesetzten Meinungen. Die Bischöflichen ließen die Kirche Roms als eine wirkliche christliche Kirche gelten, die Puritaner dagegen erklärten folgerichtig den Papst geradezu für den Antichrist und alle Gemeinschaft mit ihm und seinen Anhängern für sündhaft und götzendienerisch. Die Bischöflichen lehrten, daß solche Dinge, welche an sich gleichgültig und in der heiligen Schrift weder geboten noch verboten seien, wie kirchliche Zeremonien, Priesterkleider u. dgl. m., durch die bürgerliche Obrigkeit eingeführt werden dürften; die Puritaner ihrerseits behaupteten, daß durch Menschensatzungen das nicht für notwendig ausgegeben werden dürfte, was Christus für gleichgültig erachtet oder gar verworfen habe, und ferner, alle Zeremonien, welche unschriftgemäß seien, müßten als sündhaft angesehen und aufgegeben werden. Hierzu kam noch, daß beide Parteien das wirkliche Leben von ganz verschiedenen Standpunkten betrachteten. Der Bischöfliche war und blieb ein echter Sohn des lustigen Altengland ( merry Old-England ), ein Freund und Pfleger geselligen Vergnügens, lustiger Aufzüge und muntrer Volksfeste, ein Liebhaber von bunten Farben, von Ale und Sekt, Tanz und Rundgesang; der Puritaner dagegen war ein finster blickender Gesell, der aus dem alten Testament, seinem Lieblingsbuch, seine Anschauungen und seine Sprachweise schöpfte, in einer jüdisch nüchternen und tristen Auffassung des Menschenlebens sich gefiel, geselliger Heiterkeit mürrisch auswich, theatralische und ähnliche Belustigungen für Fallstricke des Satans ansah, seine Seele mit düsterer Schwärmerei erfüllte und seinen Leib in die Farbe der Trauer kleidete. Schon die Art, sein Haar glatt am Kopfe zu scheren, so daß die Ohren lang und unschön hervorstanden und der Spitzname Rundkopf, welchen ihm die Gegner gaben, nicht ungerechtfertigt war, unterschied den Puritaner auffällig genug von dem Anhänger der bischöflichen Staatskirche, welcher es liebte, sein Haar in langen Locken auf die Schultern niederfallen zu lassen. Bedürfte die traurige Wahrheit, daß gerade das Unwesentliche und Einfältige den heftigsten Hader unter den Menschen zu entzünden pflegt, überhaupt noch eines Beweises, so würde der Punkt der englischen Reformationsgeschichte, bei welchem wir jetzt angelangt sind, diesen Beweis liefern. Die Puritaner hatten einer Vereinigung mit der Episkopalkirche viele Jahre lang entschieden sich geweigert. Endlich ließen sie sich doch herbei, den Supremat der Königin anzuerkennen und das Glaubensbekenntnis der Bischöflichen zu unterschreiben. Aber Äußerlichkeiten, das heißt, die Bestimmungen über die Gebräuche des Kultus, hintertrieben eine vollständige und feste Einigung. Die Konformität oder Gleichförmigkeit des Gottesdienstes im ganzen Königreiche ward von der Königin befohlen, damit nicht, wie es in einer Akte des Jahres 1564 heißt, »in einigen Kirchen der Kommuniontisch im Schiffe, in andern an der Mauer im Chore stehe, damit er nicht in diesen mit einem Teppich versehen, in jenen ohne Teppich sei; damit nicht einige Prediger Chorhemd und Barett, andre bloß das Chorhemd, wieder andre auch dieses nicht tragen; damit nicht hier das Abendmahl sitzend, dort kniend, wieder anderswo stehend empfange werde.« Aus dem Streit über diese und andre dergleichen hochwichtige Dinge entwickelte sich das große Schisma in der protestantischen Kirche Englands immer unheilbarer und bedrohlicher. Der Konformitätszwang rief die ganze Kraft ihres Glaubenseifers in den Puritanern wach. Diese Kraft begann sich sofort als unbesieglich zu erweisen, wenn auch vorerst nur im Dulden. Die hochfahrende Handlungsweise der Königin, die Intoleranz der servilen und eigensüchtigen Bischöfe führten die Trennung der Sektierer von der Staatskirche herbei. Die puritanischen Kirchen wurden geschlossen, die puritanischen Prediger verjagt. Allein die standhaften Gläubigen versammelten sich auf Heiden, in Wäldern und Privathäusern, um unter den allereinfachsten Formen sich zu erbauen. Einkerkerung, Pranger, Verbannung wurden vergebens gegen sie in Anwendung gebracht; die Verfolgung vermehrte nur ihre Zahl und erhöhte ihre Beharrlichkeit. Königin Elisabeth hatte übrigens richtig gesehen, wenn sie hinter der religiösen Opposition der Puritaner auch eine politische erblickte. Aber indem sie um dieser willen jene nur um so schärfer verfolgte, vergaß sie, daß fortgesetzter Druck zuletzt immer einen Gegendruck hervorruft. Wirklich bildete sich denn auch unter den Verfolgten während der letzten Dezennien des sechzehnten Jahrhunderts eine Fraktion, welche ihre reformistischen Forderungen nicht mehr auf die Kirche einschränkte, sondern auch auf das Gebiet des Staates ausdehnte. Das waren die Separatisten, welche die bischöfliche Kirche Englands als ein Institut der Abgötterei verabscheuten und mit derselben zugleich auch den Staat niederreißen wollten, um ihn nach ihren eignen biblisch-demokratischen Grundsätzen wieder aufzubauen. Diese Sektierer waren der Kern des Puritanismus und bestimmt, im folgenden Jahrhundert unter dem Namen der Independenten ihren König zu besiegen, zu richten, zu verurteilen. Im Jahre 1603 führte der Tod Elisabeths den Sohn der unglücklichen Maria Stuart, Jakob I., auf den Thron von Großbritannien. Wenn aber die Puritaner sich der Hoffnung überlassen hatten, unter dem neuen Könige, welcher in dem streng kalvinistisch gesinnten Schottland erzogen worden, größere Duldung zu erfahren, so sahen sie sich bald bitterlich getäuscht. Jakob war in eben dem Grade für seine königlichen Prärogative eingenommen, als er dieselben von den unwürdigsten Günstlingen mißbrauchen ließ. Er machte demnach mit der bischöflichen Kirche und Partei gemeinschaftliche Sache und unterdrückte die Nichtkonformisten, das heißt die Gegner der Konformitätsakte, die Puritaner, ebenso streng, wo nicht strenger, als seine Vorgängerin es getan. Das Fehlschlagen ihrer Hoffnungen, die Erneuerung der Verfolgung scheint in den Unterdrückten zuerst den Gedanken angeregt zu haben, fern überm Meer ein Asyl für ihren Glauben zu suchen. Sie wollten, wie sie sich in ihrer biblischen Sprachweise ausdrückten, aus dem »Gosen der Knechtschaft«, wozu die Heimat ihnen geworden, ausziehen, um das »Kanaan der Befreiung« zu erreichen. Die Wanderungen der Pilgrime begannen, denn Pilger nannten sich, mit einem ihrer Geschichtschreiber zu sprechen, die strengen, frommen Männer, die ersten Ansiedler Neuenglands, welche den Wanderstab ergriffen, das Land der Verheißung aufzusuchen, wo ihnen vergönnt sein sollte, ihren Gott in Formen zu verehren, wie sie allein ihrem asketischen, allen sinnlichen Schmuck verschmähenden Sinne gemäß waren. Die Auswanderung der Puritaner schlug jedoch nicht den direkten Weg ein. Eine Anzahl von Separatisten hatte sich im Jahre 1602 im Norden von England zu einer Gemeinde zusammengetan und einen feierlichen Glaubensbund (Konvenant) geschlossen. An dem Prediger John Robinson hatte die Gemeinde einen trefflichen Führer und Berater gefunden. Männer von Rang, Vermögen und Bildung schlossen sich hier an. Als der weltliche und geistliche Druck immer unerträglicher wurde, wanderte die Gemeinde 1608 nach Besiegung von mancherlei Plackereien und Gefahren nach Holland aus, wo sie sich in der Stadt Leyden niederließ. Hier lebten die Ausgewanderten elf Jahre, während welcher sie ihre kirchliche Verfassung vollständig ausbildeten. Die Bestimmungen derselben sind von Interesse und haben nachmals auf die Entwicklung der Kolonien von Neuengland großen Einfluß geübt. Vorbild war die primitive Kirche der apostolischen Zeit. Dem Eintritt in die Gemeinde mußte ein öffentliches Glaubensbekenntnis des Eintretenden und die Prüfung desselben durch die Gemeinde vorangehen. Jede Gemeinde ist eine unabhängige Körperschaft und wählt ihre Kirchenbeamten selbst. Diese bestehen aus dem Prediger und dem »lehrenden Ältesten«; ferner aus dem »lenkenden Ältesten«, welcher den weltlichen Teil der Kirchenangelegenheiten zu besorgen hat; drittens aus Diakonen, das heißt aus Laien, welche das Vermögen der Kirche zu verwalten, für die Armen zu sorgen und für des Pastors Unterhalt einzusammeln haben. Auf die strenge Kirchenzucht, welche mit dieser Verfassung sich verband, werden wir weiter unten zurückkommen. Im Jahre 1617 begann die Leydener Gemeinde mit allem Ernste an die Verwirklichung ihres Plans zu denken, nach Nordamerika auszuwandern. Die Engländer besaßen bereits einige unbedeutende Kolonien. Die Regierung König Jakobs hatte durch den ungeheuren Landstrich, welchen englische Seefahrer für die Krone Englands in Besitz genommen und der damals unter dem Gesamtnamen Virginien bekannt war, eine imaginäre Linie gezogen und die beiden Teile des Landes zwei Londoner Handelsgesellschaften zur Benutzung und Besiedlung überlassen. Die Leydener Gemeinde schickte Agenten nach London, um mit der Kompagnie von Virginien betreffs einer Niederlassung daselbst zu unterhandeln, und diese Agenten erwirkten ihr ein Patent, welches ihr das Recht auf das anzubauende Land und die Freiheit einräumte, sich dort zu einer staatlichen Gemeinschaft zu gestalten. Auf dieses hin verließ der erste Wanderzug der Pilger, gleichsam die Vorhut, hundertundzwanzig Personen an der Zahl, am 5. August 1620 von Southampton aus, wohin sie von Holland gesegelt, die vaterländische Küste und ging auf dem Schiffe Mayflower (Maiblume) nach der neuen Welt unter Segel, um dort den Grund zu einem Gemeinwesen zu legen, dessen reinem Ursprung sein glorreiches Wachstum entsprach. 6. Wir sehen hier ein zahlreiches Volk, dessen Ursprung in undurchdringliches Dunkel gehüllt, dessen frühere Geschichte unbekannt ist, dessen nationale Existenz sich ihrem Ende naht, von dessen Gebiet in dem kurzen Zeitraum von 250 Jahren drei Viertel in den Besitz der weißen Männer gekommen sind, von dem zwölf Millionen dem Feuerwasser, den Blattern und dem Bajonett zum Opfer gefallen sind und von dem nur noch ein kleiner Teil übrig ist, in der gewissen Voraussicht, bald demselben Schicksal anheimzufallen. Katlin. Aus kleinen Anfängen sind schon große Dinge hervorgegangen, und wie ein kleines Licht Tausenden leuchten kann, so hat auch das Licht, das hier angezündet wurde, vielen geschienen. Bradford. Eins der traurigsten Schauspiele, welches dem Auge des Philanthropen sich bieten kann, ist unstreitig das schreckliche und unaufhaltsame Geschick der Eingebornen von Nordamerika. Schneller, weit schneller als die Urwälder ihrer Heimat verschwinden die Söhne der roten Rasse vom Erdboden. Für sie ist die Zivilisation, welche die Weißen über das Atlantische Meer getragen hat, nur ein fressendes Feuer gewesen, welches sie von Zufluchtsort zu Zufluchtsort verfolgte und noch verfolgt, sie elend macht, entwürdigt und aufreibt. Die gänzliche Vertilgung, das Aussterben der Indianer läßt sich sozusagen mit mathematischer Genauigkeit vorherbestimmen. Bald werden sie nur noch in Lied und Sage leben. Die Flut der Weltgeschichte wird sie hinwegschwemmen und die Kunde von ihnen wird den Menschen späterer Jahrhunderte so seltsam klingen, wie jetzt uns die Erzählung der Naturforscher von den Bewohnern der antediluvianischen Erde. Was wir von der Geschichte der roten Männer mit Bestimmtheit wissen, geht nicht weiter zurück als die Geschichte der europäischen Entdeckungen und Ansiedlungen in Amerika. Die Eingebornen selbst besitzen keine schriftlichen Denkmäler ihrer früheren Geschichte, die berühmteste ihrer Überlieferungen aber weist auf die Sage von jener großen Flut hin, welche auch in der Urgeschichte der kaukasischen und semitischen Rasse eine so große Rolle spielt. Man vermutet, daß Amerika mittels der Beringstraße von Asien her zuerst bevölkert worden sei, daß die Urbewohner Amerikas Stammverwandte der Mongolen des östlichen Asien seien. Gewichtige Gründe unterstützen die Annahme, daß das Mississippital in früher Zeit von einem zivilisierteren Volke bewohnt worden sei, welches dann, von roheren Feinden südwärts gedrängt, in Mexiko, Zentralamerika und Peru sich niedergelassen habe. Die drei letztgenannten Länder haben bekanntlich Denkmale alter Baukunst aufzuweisen, deren Entstehung einen höhern Grad von Kultur mit Notwendigkeit voraussetzt. Auch beweist die Geschichte des Untergangs der Kaisertümer Peru und Mexiko, wie sie uns von den spanischen Konquistadoren erzählt wird, mit Evidenz, daß die kupferfarbene Rasse dort politische und soziale Institute gegründet, welche an Umfang und Kompliziertheit gleichzeitigen europäischen keineswegs nachstanden. Wir können uns jedoch hier nicht dabei aufhalten, die verworrenen Sagen und Traditionen der nordamerikanischen Indianer, welche im Gegensatz zu ihren Rassegenossen in Peru und Mexiko stets ein Naturvolk geblieben sind, zusammenzustellen und zu erläutern. Uns genügt anzugeben, daß zur Zeit des Beginns der Kolonisation Neuenglands durch die Puritaner dieses Land von fünf Nationen oder vielmehr Völkerbündnissen der roten Männer bewohnt war, die unter sich wieder in eine große Anzahl einzelner Stamme zerfielen. Jeder dieser Stämme befand sich unter der Leitung eines Häuptlings, um welchen sich die angesehensten Krieger als Unterhäuptlinge oder Berater gruppierten. An der Spitze der Konföderation stand der Häuptling des mächtigsten der konföderierten Stämme. Die Gewalt der Häuptlinge war jedoch durchaus keine despotische, wie denn die Verfassung der Indianer überhaupt mehr eine aristokratisch-republikanische als eine monarchische war und ist. Die Stellung der Häuptlinge, deren Würde bei einigen Stämmen auch in weiblicher Linie sich forterbte, ähnelte sehr der Stellung der altgermanischen Stammherzöge. Oberste Anführerschaft im Kriege war ihr wichtigstes und allgemeinst anerkanntes Prärogativ. Fünf indianische Konföderationen also bewohnten bei der Ankunft der Pilgrime die Küsten, Inseln, Wälder und Savannen von Neuengland. Es waren erstens die Pokanoketen, unter denen der Stamm der Wampanogen die führende Stelle einnahm, im südöstlichen Teile des jetzigen Staates Massachusetts und in einem kleinen Teile von Rhode-Island; zweitens die Naragansetter, westlich von den Wampanogen im letztgenannten Staate; drittens die Stämme von Konnektikut, unter welchen die Pequoden und die unter der Oberherrschaft derselben stehenden Mohikaner vorragten; viertens die Massachusetter; fünftens die Pawtucketter, deren Hauptsitz am Flusse Merrima im Süden von Neuhampshire aufgeschlagen war. Mit diesen fünf »Nationen« kamen die Neuengländer während der ersten fünfzig Jahre ihrer Niederlassung in häufige Berührung; in die Geschichte der Kolonien eingegriffen aber haben vornehmlich die Wampanogen, die Naragansetter und die Pequoden. Auch in vorliegender Erzählung wird von diesen Stämmen mehrfach die Rede sein. Das Ziel der Pilger, welche sich, wie wir oben berichtet haben, zu Southampton 1620 auf der Maiblume eingeschifft hatten, war die Mündung des Hudson. Allein ungünstige Winde trieben das Schiff nordwärts, so daß es bei der Ankunft an der Küste Nordamerikas in der Bai von Kap Kod Anker warf. Angesichts des Ufers, welches dicht mit Eichen, Tannen, Wacholderbäumen und wilden Weinstöcken besetzt war, vereinigten sich die Wandrer in der Kajüte zur Aufsetzung einer Schrift, welche das Fundament ihres Gemeinwesens werden sollte und deren Bestimmungen sie alle getreulich nachleben wollten. Zugleich wählten sie zum Governor der zu gründenden Kolonie für das erste Jahr den John Karver. Die eigentliche Landung fand am 22. Dezember neuen Stils statt, welcher Tag noch heute im ganzen Umkreis der Vereinigten Staaten festlich begangen wird. Zum Andenken an den letzten Ort, welchen die Pilger im Mutterlande verlassen, nannten sie den Landungsplatz und die auf demselben zu errichtende Niederlassung Neuplymouth. Wir müßten viel zu weitschweifig werden, wollten wir das Wachstum der Kolonie Schritt für Schritt verfolgen und alle die furchtbaren Leiden, Prüfungen und Anstrengungen berichten, von welchen dieses Wachstum begleitet war. Auch die Gründung der Kolonien von Massachusetts, deren Hauptstadt Boston sich schnell zur Blüte hob, von Konnektikut, von Rhode-Island, welche der von Plymouth folgten, können wir nur erwähnen, nicht erzählen. Der Ursprung dieser Niederlassungen war derselbe wie der der älteren Schwesterkolonie. Die im Mutterlande fortdauernde Verfolgung der Nichtkonformisten führte alljährlich Hunderte, ja Tausende der Verfolgten übers Meer und in das Land, wo ihre vorangegangenen Brüder eine freie Heimat gefunden. Unter der Leitung von weisen, klugen und mutigen Männern aus den Geschlechtern der Bradford, Winslow, Wintrop, Eaton, Endekott, Hooker und andrer gediehen nach Überwindung unsäglicher Schwierigkeiten und bedeutender Hindernisse aller Art die Kolonien von Neuengland. Die strengen Grundsätze, welche ihre Gründer in religiöser und sittlicher Beziehung geübt hatten, blieben fortwährend in Kraft und Ansehen, und wenn die Kolonisten in bürgerlichen Dingen von Anfang an und unablässig jenes Selfgovernment, welches der Stolz und das Palladium von Nordamerika geblieben ist, handhabten und festhielten, so war die Gesetzgebung dieses Selfgovernments eine so strenge und ernste, daß anarchische Gelüste in den Kolonien niemals auftauchen oder gar Wurzel schlagen konnten. Diese eisernen Männer, welche der Zivilisation eine neue Welt eroberten, waren eher geneigt, zu große Strenge als zu große Milde walten zu lassen gegenüber allen Störungen, welche ihr Kirchen- und Gemeinwesen beeinträchtigen konnten. Eine Kirchenzucht, welche dem finstern Glaubenseifer des Puritanismus gemäß war und weltliche Strafgewalt sich angeeignet hatte, überwachte und regelte das ganze Leben und hatte eine Unduldsamkeit in ihrem Gefolge, die erleuchteten und weiterblickenden Geistern ebenso mißfällig war, als sie widerspenstigen und leidenschaftlichen Brechern ihrer Vorschriften unnachsichtig und furchtbar sich erwies. Sie drückte dem ganzen Dasein der Kolonisten den Stempel der Eintönigkeit, der Entsagung, der Schwermut auf, allein sie beförderte auch die häuslichen und öffentlichen Tugenden und stattete Männer und Frauen mit jener Standhaftigkeit und Energie aus, welche die Kolonisten befähigte, inmitten der Entbehrungen und Gefahren der Wildnis einen neuen und glücklichen Staat zu gründen, dessen Anfänge ebenso klein und unbedeutend waren, als seine Fortschritte wunderbar und riesenhaft werden sollten. Der Verkehr mit den Eingebornen war lange Zeit, kurze Unterbrechungen abgerechnet, ein friedlicher, da die puritanischen Ansiedler in ihren Beziehungen zu den roten Männern der Vorschriften strengster Redlichkeit eingedenk waren. Sie berücksichtigten die Eigentumsrechte der Indianer weit gewissenhafter, als andre Europäer es zu tun pflegten. Es wurde darauf gesehen, daß Ländereien der Eingebornen nur auf dem Wege des Kaufs und Tausches in die Hände der Weißen übergingen, wobei freilich gesagt werden muß, daß ungeheure Strecken indianischer Jagdgründe von ihren Eigentümern oft um kindisches Spielzeug verhandelt wurden. Allerdings darf dabei nicht außer acht gelassen werden, daß diese wohlfeil erworbenen Ländereien aus Urwald und Prärie bestanden und demnach von dem Käufer zum zweitenmal erkauft werden mußten und zwar um den Preis seines Schweißes und der anstrengendsten Tätigkeit seiner Hände. Die Kolonisten von Plymouth waren zuerst mit dem Sachem (Häuptling) der Wampanogen, Massasoit, in Berührung gekommen, dessen Wohnsitz Montaup – von den Engländern des ähnlichen Klangs wegen Mount Hope genannt – auf einer Landzunge gelegen war, welche weit in einen Nebenarm der Naragansettbai hineinreicht. Abgesandte der Kolonisten hatten Gelegenheit gehabt, den Häuptling von einer Krankheit zu heilen, gegen welche seine Pauwaus (Beschwörer, Zauberer, Medizinmänner) nichts vermochten, und von da ab blieb der dankbare Rote sein Leben lang ein standhafter Freund der Weißen. Mit weniger günstigen Augen betrachtete Kanonikus, das Haupt des Naragansettbundes, die weißen Eindringlinge. Er scheint geahnt zuhaben, welches Schicksal seiner Rasse von seiten der Kolonisten drohte, und beschloß daher, einen Schlag zu führen, solange die Anzahl derselben noch klein war. Als ehrlicher Mann ging er offen zu Werke und sandte dem Governor Bradford eine Kriegserklärung in Form eines mit Klapperschlangenhaut zusammengebundnen Pfeilbündels. Allein Bradford ließ sich nicht einschüchtern, sondern erwiderte die Höflichkeit dadurch, daß er die Schlangenhaut mit Pulver und Blei füllte und so zurückschickte, denn die Indianer hatten natürlicherweise vor den Feuerwaffen der Weißen, woraus Blitz und Donner entsandt werden konnten, den gehörigen Respekt, und lange hörte man nichts mehr von feindlichen Absichten der Naragansetter. Dagegen brach ein höchst blutiger Krieg zwischen den Ansiedlern von Konnektikut und den ursprünglichen Besitzern des Landes, den Pequoden, aus und erfüllte die junge Kolonie mit Schrecken und Trauer. Sassakus, der kühne und hochsinnige Sachem der Pequoden, suchte alle roten Stämme von Neuengland gegen die Weißen zu vereinigen. Es gelang ihm teilweise. Allein der Stamm der Mohikaner vermochte seinen Haß gegen die Pequoden nicht zu zähmen und leistete unter seinem Häuptling Unkas den Weißen jetzt und später wichtige Dienste. Auch Miantonomo, der Mitsachem des Kanonikus, ließ zweihundert Naragansetter als Hilfstruppen zu den Weißen stoßen. So verstärkt, unternahmen diese den Kampf gegen den Sassakus und führten denselben mit glücklichem Erfolg zu Ende. Sechzehnhundert Pequoden wurden erschlagen und Sassakus mußte bei den Mohawkern am Hudson Zuflucht suchen, wo er später eines gewaltsamen Todes starb. Die Ländereien der Pequoden wurden als erobertes Eigentum von den Weißen in Besitz genommen, die Überbleibsel des besiegten Stammes als Untertanen betrachtet und behandelt. Zwischen den Mohikanern unter Unkas und den Naragansettern unter Miantonomo schien sich unter dem Protektorate der Weißen ein festes Freundschaftsbündnis knüpfen zu wollen, allein der angeerbte Haß der beiden Stämme, jener Haß der Indianer untereinander, welcher stets eine Hauptursache ihres Unglücks war und noch ist, schlummerte nicht lange. Die Gefahr, welche den jungen Kolonien im Pequodenkrieg von seiten der Eingebornen gedroht hatte, beschleunigte die Ausführung einer Maßregel, deren Naturgemäßheit und Notwendigkeit schon seit längerer Zeit erkannt worden war. Diese Maßregel bestand in der Vereinigung der Kolonien von Neuengland mittels eines Vertrags (1643), kraft dessen die einzelnen Gemeinwesen ein Schutz- und Trutzbündnis gegen alle äußern Feinde unter sich abschlossen. Es scheint, der stolze und kluge Miantonomo, welcher von seiner Hinneigung zu den gefährlichen Weißen bald zurückgekommen war, habe sich ihr Beispiel zu Gemüte geführt und lange Zeit im stillen über Plänen gebrütet, wie der unglückliche Sassakus solche hatte ins Werk setzen wollen. Die rastlosen Fortschritte der Eindringlinge ließen ihm keine Ruhe, und die Begünstigungen, welche der Mohikaner Unkas von seiten der Weißen erfuhr, stachelten noch seinen Haß und Groll. Das Schicksal des Sassakus warnte ihn jedoch vor einem ähnlichen Unternehmen, allein er suchte die Mohawker insgeheim gegen die Kolonisten aufzureizen und ließ sich in allerlei feindliche Praktiken ein. Wenigstens behaupteten dies die Ansiedler, welche übrigens um diese Zeit auch nicht mehr durchweg das gerechte und rücksichtsvolle Benehmen der »Pilgerväter« gegen die Roten beobachteten und diesen durch willkürliche Übergriffe und Gebietsverletzungen nicht selten Veranlassung zu gegründeter Klage gaben. Durch ihre Vereinigung war die Macht der Kolonien so angewachsen, daß sie imstande waren, den Indianern Gesetze vorzuschreiben. Unkas unterwarf sich daher den Weißen ohne Rückhalt, und er sowohl als Miantonomo gelobten aufs neue, einander nicht ohne Bewilligung der Engländer zu bekriegen und diese bei etwaigen Streitigkeiten zu Schiedsrichtern zu wählen. Allein der Sachem der Naragansetter ließ darum nicht ab von seinen Verschwörungsplänen gegen die Blaßgesichter, und als alle seine Versuche, seinen Nebenbuhler Unkas für diese Pläne zu gewinnen, scheiterten, beschloß er, denselben aus dem Wege zu räumen. Diese Absicht galt bei den Kolonisten für eine ausgemachte Sache. Gewiß ist, daß ein Krieger Miantonomos auf einem Mordversuch gegen Unkas ertappt wurde. Der Naragansett wurde hierüber von den Kolonisten zur Rede gestellt und angegangen, den Mörder, welcher entkommen war, dem Unkas auszuliefern. Statt dieses zutun, erschlug Miantonomo den Schuldigen mit eigner Hand, was dem Verdachte gegen ihn nur neue Nahrung gab. Um jedoch feindlichen Maßregeln zuvorzukommen, erhob der Sachem nun offne Fehde gegen Unkas, fiel aber im ersten Treffen durch Verrat zweier Unterhäuptlinge in die Hände seines Gegners, welcher ihn zu Hartford den Kolonisten von Konnektikut überlieferte. Der Rat der Kolonie war der Ansicht, daß es für Unkas wie für die Weißen keine Sicherheit gäbe, solange Miantonomo am Leben wäre, und so wurde dessen Tod beschlossen. Charakteristisch hierbei war, daß die Meinung mehrerer angesehener Geistlichen aus Massachusetts über den Fall eingeholt wurde und daß diese Diener des Evangeliums sämtlich der Ansicht waren, der Naragansett sollte getötet werden. Weiter kam man mit einer verdammenswerten Sophisterei und Heuchelei überein, das Blut des Sachems dürfte die Kolonie nicht beflecken, und so ward er seinem über diese Christlichkeit nicht wenig erstaunten Todfeinde Unkas zum Töten übergeben, welcher dem Unglücklichen im Gebiete der Mohikaner mit einer Keule von hinten den Kopf zerschmetterte. Der Ort, wo dieser Mord geschah, heißt noch jetzt die Sachemsebene. Unbeschreibliche Wut erfüllte die Naragansetter beim Empfange der Trauerbotschaft. Allein die Stunde der Rache mußte vertagt werden. Da der Sohn des Gemordeten, Kanonchet, minderjährig war, trat einstweilen der Bruder Miantonomos, Pessakus, an die Spitze des Stammes und machte sich durch einen zu Boston abgeschlossenen Vertrag anheischig, mit Unkas und den Kolonien Frieden zu halten. Am unabhängigsten von der Superiorität der Weißen hielten sich von allen Indianern Neuenglands fortwährend die Völkerschaften der Pokanoketen, an deren Spitze noch immer der Stamm der Wampanogen stand. Massasoit wurde bis zu seinem um das Jahr 1656 erfolgten Tode von den Kolonisten als Verbündeter geachtet, ohne daß ein Versuch zu seiner Unterwerfung gemacht ward. Kurz nach seinem Ableben kamen seine beiden Söhne und Erben nach Plymouth, um den Freundschaftsvertrag zu erneuern. Der ältere, Wamsuta, stand im Mannesalter, der jüngere, Metakom oder Metakumet, war erst ins Jünglingsalter eingetreten. Die Kolonisten gaben ihnen auf ihr Begehren englische Namen und nannten jenen Alexander, diesen Philipp. Mehrere Jahre verflossen in Frieden, aber 1662 ging in den Kolonien die Rede um, Wamsuta hegte feindselige Absichten und suchte die Naragansetter zu einem Bündnis mit den Pokanoketen zu bestimmen, obgleich die beiden Nationen von alters her in Feindschaft lebten. Auf dieses hin sandten die Plymouther den Milizmajor Josias Winslow, einen tapfern Mann, mit Bewaffneten aus, um Wamsuta mit Gewalt nach Plymouth zu bringen, damit er sich rechtfertigte. Winslow traf den Sachem auf der Jagd und bemächtigte sich seiner mit List. Als er ihm aber seinen Auftrag eröffnete, verfiel der stolze Wamsuta vor Zorn in ein hitziges Fieber, an welchem er – auf sein Wort, nach erfolgter Genesung sich zu stellen, von den Weißen entlassen – auf dem Heimwege starb. Jetzt war Metakom, von den Weißen König Philipp genannt und zweifelsohne einer der ausgezeichnetsten Männer, welche seine Rasse jemals hervorgebracht, alleiniges Oberhaupt der Wampanogen und Bundeshäuptling der Pokanoketen. Ihm beseelte ein glühender Haß gegen die weißen Eindringlinge, und er machte es zur Aufgabe seines Lebens, die Jagdgründe seiner Väter von den Blaßgesichtern zu säubern. Vorerst jedoch gebot ihm die Lage der Dinge, die er mit klarem Blick überschaute, seinen Gedanken tief in seiner Brust verschlossen zu halten. Mit echt indianischer Schlauheit wußte er seine Absichten zu verbergen und hielt acht Jahre lang gewissenhaften Frieden mit seinen weißen Nachbarn. Erst von 1670 an ließ er seine feindliche Gesinnung unverhohlener durchblicken, doch wurden die Zerwürfnisse, in welche er mit den Kolonisten geriet, immer wieder vermittelt, bis endlich in dem Zeitpunkte, in welchem unsre Erzählung spielt, die trügerische Ruhe plötzlich in schrecklicher Weise unterbrochen wurde. Vielleicht dürfte der Leser geneigt sein, die Berichterstattung über alle diese Geschichten für überflüssig zu halten. Wenn er aber zu lesen fortfährt, so wird er finden, daß das Gesagte mit unsrer Erzählung in zu naher Beziehung steht, als daß es hätte übergangen werden dürfen. Wir müssen ihn auch noch bitten, mit uns einen raschen Blick auf die gleichzeitige Geschichte Englands zu werfen, weil nur in dieser manche Erscheinung in den Kolonien ihre Erklärung findet. So selbständig die Kolonien im Innern ihren bürgerlichen und religiösen Haushalt einrichteten und so selbsttätig und auf sich allein angewiesen sie den Gefahren von seiten der roten Urbevölkerung die Stirn boten, so kam es ihnen doch nicht in den Sinn, ihr Untertanenverhältnis zu der Krone von England irgendwie ändern zu wollen. Sie betrachteten sich, obgleich durch das Weltmeer von dem Mutterlande getrennt, fortwährend als Angehörige und Bürger desselben und verfolgten daher den Gang der großen Ereignisse, welche England damals bewegten, mit gespanntester Aufmerksamkeit und Teilnahme. Mit der Thronbesteigung Karls I., welcher seinem Vater Jakob 1625 folgte, begann jener Kampf zwischen Krone und Parlament, welcher für den König einen so tragischen Ausgang nahm und das lustige monarchische Altengland in das biblisch-strenge puritanisch-republikanische umwandelte. Nachdem von beiden Seiten alle gesetzlichen Mittel, alle Klugheit, alle Ränke und Sophistereien umsonst erschöpft worden waren, mußte das Schwert, der alte und ewige Händelschlichter, den Streit entscheiden. Die berühmten Vorbilder gesetzlichen Widerstands und parlamentarischer Taktik, die Prynne, Pym, Hampden und ihre Genossen im sogenannten langen Parlament, mußten sich, wenn sie das Wohl ihres Landes nicht den despotischen Gelüsten Karls und seiner Ratgeber opfern wollten, doch zuletzt entschließen, den passiven Widerstand in einen aktiven zu verwandeln und den Soldaten und Feldschlangen des Königs ebenfalls Soldaten und Feldschlangen entgegenzustellen. Der Bürgerkrieg, welcher die Insel durchtobte, blieb ein blutiges Wechselspiel des Kriegsglücks, bis die alles wagende Partei der Independenten, deren Seele und Haupt Oliver Cromwell war, im Parlament und im Parlamentsheer das Übergewicht erhielt. Cromwells Schwadronen, bestehend aus den eifrigsten Sektierern, welche mit der Bibel in der einen und mit dem Schwert in der andern Hand ins Gefecht gingen und eher tot auf der Walstatt blieben, als dieselbe sieglos verließen, trieben die königlichen Kavaliere überall vor sich her und entschieden die Entscheidungsschlacht von Naseby, wie später die Schlachten von Dunbar und Worcester. König Karl hatte sich nach dem Verfall der königlichen Sache und Partei in England nach Schottland, dem angestammten Königreich seines Hauses, geflüchtet. Aber die Schotten lieferten den gedemütigten Fürsten an das englische Parlament aus, und als er auch jetzt noch seine gewohnten treulosen Ränke fortspann, wurde er auf Begehren der Armee von einem eigens dazu bestellten Gerichtshof prozessiert, zum Tode verurteilt und vor den Fenstern seines Palasts Whitehall mit dem Beile hingerichtet (9. Februar 1649 n. St.). Die Republikaner und Weichmacher waren nun entschieden obenauf. Das Oberhaus ward abgeschafft, und im Hause der Gemeinen ging der Beschluß durch: »Es ist durch die Erfahrung erwiesen worden, und dieses Haus erklärt, daß das Königsamt in diesem Lande nutzlos, lästig und für die Freiheit, Sicherheit und das Wohl des Volkes gefährlich ist. Infolge davon ist es von heute an abgeschafft.« An die Spitze der Republik trat als Lordprotektor der gewaltige Cromwell, der mit Hilfe der Armee das Land unumschränkter beherrschte, als dies die Stuarts jemals imstande gewesen waren. Allerdings herrschte er zum Besten Englands, welches unter seiner Leitung zum erstenmal eine gebietende Stellung im europäischen Staatensystem einnahm und im Innern zu Ruhe, Gewerbtätigkeit und Wohlstand, nach außen zu Machtfülle gedieh. Allein Freiheit gedieh unter dem Regiments der »Heiligen des Herrn« keineswegs. Die siegreichen Puritaner übertrafen womöglich ihre früheren Unterdrücker an Unduldsamkeit, und der Druck ihres trübseligen Fanatismus lastete um so härter, als er nicht nur das öffentliche, sondern auch das häusliche und gesellige Leben mit aberwitziger Pedanterei zu regeln sich anmaßte. Ein großer englischer Historiker unsrer Tage hat die Umwandlung, welche das lustige Altengland durch die Puritaner erfahren, und die Reaktion, welche solchem Zwange mit Notwendigkeit folgen mußte, anschaulich geschildert. »Dem strengen puritanischen Grübler,« sagt er, »erschien selbst das unschuldige Spiel der Phantasie als ein Verbrechen. Den leichten und fröhlichen Naturen lieferte das feierliche Wesen der eifrigen Brüder reichen Stoff, sich darüber lustig zu machen. Von der Reformation an bis zum Bürgerkriege hatte fast jeder mit Sinn für das Lächerliche begabte Schriftsteller irgend einen Anlaß ergriffen, die kurzhaarigen, näselnden, grinsenden »Heiligen« anzugreifen. Endlich kam für die Lacher die Zeit des Ernsthaftsehens. Nachdem die starren, ungeschlachten Eiferer zwei Generationen hindurch viel guten Stoff zum Scherz geliefert hatten, erhoben sie sich in Waffen, siegten, herrschten und traten mit grimmigem Lächeln den ganzen Haufen der Spötter unter die Füße. Die Wunden, die von der heitern und mutwilligen Bosheit geschlagen worden, wurden von der finstern und unversöhnlichen Bosheit wiedervergolten, wie sie Bigotten eigen ist, die ihren Haß für Tugend halten. Die Theater wurden geschlossen, die Schauspieler wurden gestäupt, die Presse ward unter die Vormundschaft strenger Zensoren gestellt, die Musen wurden von ihren Lieblingsstätten verbannt. Solch ein System war natürlich an Heuchelei fruchtbar. Unter schlichter Kleidung und unter einem in die Falten der Strenge gelegten Gesichte lag mehrere Jahre lang das heftige Verlangen nach Lust und Rache verborgen. Endlich ward dies Verlangen befriedigt. Die Restauration entband Tausende von Geistern von einem Joche, was unerträglich gewesen war.« In der Tat, die puritanische Maßlosigkeit bahnte der royalistischen wieder den Weg. Die soziale Tyrannei, vor welcher einzelne edlere Geister unter den Puritanern ihre Partei vergeblich gewarnt hatten, machte eine politische Reaktion möglich, wie wir sie kurz nach Cromwells Tode und nach Beseitigung seines schwachen Sohnes in England eintreten sehen (1660). Müde des trübseligen Regiments der »Heiligen«, rief die Nation die verbannten Stuarts aus dem Exile zurück, und Karls I. ältrer Sohn, Karl II., bestieg den wiederaufgerichteten Thron. Nun begann eine Periode unglaublicher Zügellosigkeit und Ausschweifung, wozu der Hof Signal und Vorbild gab, während nach außen das kaum noch so stolz gebietende England tief gedemütigt wurde. Für schnödes Geld ward Karl II. ein geschmeidiger Vasall Frankreichs, welches der übermütige Ludwig XIV. beherrschte. Die Gesetze Englands, von einem fanatisch servilen Parlamente preisgegeben, waren ein Spiel in den Händen höfischer Wüstlinge. Wütender Haß gegen alle Erinnerungen der puritanischen Herrschaft verleitete die jetzt florierende Partei zur Nichtbeachtung aller göttlichen und menschlichen Gesetze. Freche Witzlinge verhöhnten das Heiligste, und schamloseste Genußsucht, raffinierteste Liederlichkeit wurden gepflegt, aufgemuntert, belohnt. Erst nach Jahren ermannte sich die Nation wieder, um unter Karls Nachfolger, Jakob II., eine zweite glückliche Revolution durchzufechten. Unter den Opfern politischer Verfolgung, welche die Stuartsche Restauration sich ausersah, standen obenan die Mitglieder des hohen Gerichtshofs, welcher Karl I. gerichtet hatte. Mehrere dieser Männer, welche von der einen Partei als Königsrichter geehrt, von der andern als Königsmörder verabscheut wurden, erlitten den Tod durch Henkershand; andre entkamen und suchten in verschiednen Ländern Zuflucht. Die, welche nach Neuengland flohen, wurden von den Kolonisten, deren Gesinnungen wie bürgerlich-kirchliche Einrichtungen sie den Untergang der puritanischen Republik im Mutterlande höchlich bedauern ließen, gastlich aufgenommen, und wenn auch nicht öffentlich, so doch heimlich gegen die Vollstrecker der königlichen Rache, welche dem edlen Wilde gefolgt war, in Schutz genommen. 7. Wenn es stürmet mit Macht, spann das Segel zuhöchst, So ist's lustig auf brausendem Meer. Laß es gehn, laß es gehn; wer da reffet, ist feig, In den Strudel versinke du eh'r. Stößt auf feindliche Schiff' du, gilt's Entern und Kampf, Blutig heiß da drängt Schild gegen Schild; Weichst zurück einen Schritt du, folgt Abschied von uns – 's ist die Satzung, nun tu, wie du willst. Frithjofs-Saga. Die Geschichte Amerikas hat einige Ähnlichkeit mit der von Rom. Wie bei der Gründung der ewigen Stadt aus allen Gegenden Italiens her ein buntes Gemisch von Menschen zusammenströmte, um am Ufer des Tiber Sicherheit, Wohnsitze, Beute zu suchen, so wurde der neue Weltteil bald nach seiner Entdeckung das Ziel und der Sammelplatz der verschiedenartigsten Wandrer. Nur ein kleiner, sehr kleiner Teil durchschiffte in so lautrer, ich möchte sagen, in so ideeller Absicht, wie die englischen Nichtkonformisten, das Atlantische Meer. Zügellose Sitten, Lust an schrankenloser Freiheit und Habgier beseelten den weitaus größern Teil der Abenteurer, welche sich nach der westlichen Hemisphäre aufmachten, deren Reichtümer der Ruf ins Märchenhafte steigerte. Des Goldes »magnetische Kraft« war es vornehmlich, welche die große zweite Völkerwandrung in Bewegung setzte, die vom Ausgange des fünfzehnten Jahrhunderts an bis auf unsre Tage zu strömen nicht aufgehört hat, von Jahr zu Jahr zu riesenhafterem Umfange anschwillt und ganz danach aussieht, als sollte durch sie für die Zukunft der Schwerpunkt der Weltgeschichte von den gealterten Nationen Europas hinweg zu ihren jugendfrischen Sprößlingen einer neuen Welt versetzt werden. Alle seefahrenden Völker Europas stellten ihr Kontingent zu der bunten Schar, welche sich, gelockt von Beutelust, Ehrgeiz und Lust an kühnem Wagen, auf die unermeßlichen Küsten des neuentdeckten Erdteils warf. Die fabelhaft klingenden und doch historisch verbürgten Erfolge, welche eine Handvoll spanischer Abenteurer unter Führern, wie Kortez und Pizarro, in Mexiko und Peru erlangt hatte, stachelten den Unternehmungsgeist auf eine bis dahin unerhörte Weise und trieben ihn zu Wagnissen, bei deren Erzählung die Geschichte die Farben der Dichtkunst entlehnen muß, um hinter der Wirklichkeit nicht allzusehr zurückzubleiben. Es ist, als hätten sich die verschiednen Völker Europas bei ihren Unternehmungen auf Amerika instinktmäßig oder vorbedacht von ihren heimatlichen, durch das Klima bedingten Verhältnissen und Gewohnheiten leiten lassen. Die nördlicheren, wie Franzosen, Holländer und Engländer, wählten sich hauptsächlich Nordamerika zu ihren Niederlassungen, die südlicheren, wie Portugiesen und Spanier, Südamerika, Mexiko und die westindischen Inseln. Die Spanier hatten sich ihrem kirchlichen Sinne gemäß vom Papste Alexander VI. im Jahre 1493 eine Bulle erwirkt, welche ihnen die neu entdeckten Länder schenkte, Länder, von deren Ausdehnung weder der Schenker noch die Beschenkten die geringste Ahnung hatten und auf welche der Papst und Spanien gerade so viel Recht hatten als irgend ein andrer Staat, das heißt keins. Dessenungeachtet hielten sich die Spanier demzufolge für die einzigen rechtmäßigen Besitzer der transatlantischen Küsten und betrachteten und behandelten die Seefahrer andrer Nationen, welche sie zwischen den Wendekreisen trafen, als Piraten. Dies hielt indessen holländische, englische und französische Abenteurer und Handelsleute keineswegs ab, in der neuen Welt ihr Glück zu versuchen, und insbesondre machte der feindliche Zusammenstoß französischer Glücksritter mit den Spaniern die Meere und Gestade Westindiens zu einem Tummelplatze erbitterter Kämpfe, unter welchen ein Seeräuberstaat von ganz eigentümlicher, höchst romantischer Färbung großwuchs. Wir meinen den Staat oder besser die Genossenschaft der Flibustier und Bukanier, deren Treiben eine der eigentümlichsten Episoden der Weltgeschichte bildet. Der jüngere Sohn eines adligen Hauses der Normandie, d'Enambuc, ging 1625 mit einer Schar tapfrer Gesellen in einem kleinen Kriegsschiffe von Dieppe aus nach der neuen Welt unter Segel. Er landete nach einem blutigen Kampfe mit einer spanischen Galeone auf der Insel St. Christoph und setzte sich daselbst fest. Dies War der Anfang der Flibustiergesellschaft, die sich bald aus verzweifelten Männern verschiedner Nationen, vorwiegend jedoch aus der französischen rekrutierte, und einen unaufhörlichen Raubkrieg gegen die Spanier führte, welche ihrerseits in jedem einen Verbrecher sahen, der »außerhalb Spaniens das Licht der Welt erblickt und dennoch die Verwegenheit besaß, in die neue Welt einzudringen und die Gewässer zu befahren, die sie als zugehörig ansahen zu dem Erdstrich, welchen der Statthalter Christi ihnen geschenkt.« Eine Anzahl der verwegenen Abenteurer hatte sich der kleinen Insel La Tortue, unfern der Nordküste Haitis, bemächtigt und führte dort ein rohes Jägerleben, dessen Bedürfnisse besonders das nahegelegene, von wildgewordenen Schweinen und Rindern wimmelnde Gestade Haitis deckte. Sie erhielten den Namen Bukanier, denn das indianische Wort Bukan bezeichnete den Platz, wo die Jäger ihre Jagdbeute gemeinschaftlich dörrten und räucherten, oder auch den hölzernen Rost, der zu diesem Behufe aufgestellt wurde. In ihrer verhältnismäßig friedlichen und harmlosen Existenz von den Spaniern gestört, vergalten sie Feindschaft mit Feindschaft und nahmen das Piratenhandwerk mit neuer Lust und Energie wieder auf. Sie bedienten sich zur Ausübung desselben meistens offener, schnellsegelnder Boote, von deren Namen ( Fly-boat, Flybot ) die Benennung Flibustier herzuleiten ist. In ein Fahrzeug dieser Art zusammengedrängt, trotzten sie Tag und Nacht auf hoher See und in den verworrenen Klippenlabyrinthen der Antillen dem Hunger und den Stürmen, und gingen jedem spanischen Fahrzeug, welches sie zu Gesicht bekamen, unbedenklich zu Leibe, gleichviel, ob es zu den größten und bestbewaffneten gehörte oder nicht. Mit tollkühnster Verwegenheit und zugleich mit ruhigster Berechnung ruderten sie auf den Feind heran, um ihn zu entern. Eine einzige, wohlgezielte Lage desselben mußte sie vernichten; allein sie kehrten dem Gegner immer nur den Schnabel ihrer Pirogue zu, und dann unterhielten ihre nie fehlenden Büchsenschützen auf die Stückpforten des angegriffenen Schiffs ein so wirksames Feuer, daß eine gehörige Bedienung der Kanonen desselben fast zur Unmöglichkeit wurde. Gelang ihnen vollends die Enterung, und hatten sie einmal auf dem feindlichen Verdeck festen Fuß gefaßt, so warfen sie mit unwiderstehlichem Anprall alles vor sich nieder. Gewöhnlich hatten die Überwundenen ihre Niederlage mit dem Leben zu bezahlen, denn die Flibustier gaben ebenso wenig Pardon, als sie solchen empfingen. Das Hauptziel ihrer Angriffe waren und blieben fortwährend die spanischen Silberflotten, welche, mit der Ausbeute der Minen Amerikas beladen, die Fahrt nach Europa antraten. Zur Bergung der gemachten Beute, zur Ausbesserung der Waffen und Schiffe, wie zu wildrauschendem Lebensgenuß nach Ertragung furchtbarer Strapazen boten die Schlupfwinkel der Bukanier geeignete Gelegenheit. Bukanier und eigentliche Flibustier bildeten daher eine Art Kompanie unter dem Namen der Küstenbrüder. Ihr unüberwindlicher Mut, ihr festes Zusammenhalten, ihre treffliche Übung in den Waffen und in allen Zweigen des Seelebens machten sie den Spaniern so furchtbar, daß sie von diesen für Leute, die mit Satan einen Pakt geschlossen hätten, ja geradezu für Teufel selbst gehalten wurden. Ihr Haupttummelplatz war und blieb Westindien, doch dehnten sie ihre Unternehmungen auch weiter nach Süden und Norden aus. Ihr Hauptwaffenplatz war La Tortue, wo der Gefährte d'Enambucs, der Hugenott Levasseur, ein starkes Fort angelegt hatte. Von hier aus beherrschte er dreizehn Jahre lang die Küstenbrüderschaft mit unumschränkter Machtvollkommenheit, bis er von seinem Adoptivsohn, dessen Geliebte er verführt hatte, ermordet wurde. Die Kämpfe, welche nach seinem Tode zwischen den Spaniern und Flibustiern um den Besitz von La Tortue gefochten wurden, können sich an Reiz des Abenteuerlichen mit allem messen, was je die Phantasie romantischer Dichter derartiges ersonnen. In dieser Fehde, sowie vorher und nachher trat unter den Küstenbrüdern eine Reihe von Helden auf, deren Taten würdig wären, von einem großen Poeten besungen zu werden. War ja doch jene Periode recht eigentlich das Heroenzeitalter der neuen Welt. Das Unwahrscheinlichste, ja geradezu unmöglich Scheinendes ward vollbracht. Der Flibustierkapitän Michel Basque griff ein mit einer Million Piaster beladnes Schiff der spanischen Silberflotte unter den Kanonen von Porto Bello an und nahm es wirklich. Ein andrer Flibustierheld, Pierre le Grand, enterte mit nur achtundzwanzig Gefährten die Galeone des spanischen Admirals, nachdem er in das eigne Fahrzeug ein Loch gehauen, um seinen Leuten nur die Wahl zwischen Sieg oder Tod zu lassen. Den gefürchtetsten Namen aber machte sich ein Franzose aus Languedoc, Montbars geheißen, welchen ein edler Rachegedanke unter die Flibustier geführt. Er hatte als Knabe von den unerhörten Grausamkeiten gehört und gelesen, welche die Spanier an den Ureinwohnern von Westindien geübt hatten. Eine unauslöschliche Flamme des Hasses loderte in seinem jungen Herzen auf, und als er vernahm, daß die Flibustier die unerbittlichsten Bekämpfer der Spanier seien, beschloß er, in die Küstenbrüderschaft zu treten, um seiner Rachelust Genüge zu tun. Bald wurde er der Schrecken der westindischen Meere, und die Spanier gaben ihm den wohlverdienten Namen »der Vertilger« (el Exterminador). Es hatte den Anschein, als sollte durch die Energie der Küstenbrüder in der neuen Welt ein mächtiges Neufrankreich gegründet werden, besonders dann, als durch sie die Kolonisation von Haiti (S.-Domingo), als deren eigentlicher Begründer Bertrand Dogeron anzusehen ist, einen glänzenden Aufschwung nahm. Allein die Zeit rechtfertigte diese Annahme nicht, und die Erfahrung hat gezeigt, daß die Franzosen einem so schwierigen Werke, wie die Kolonisation fremder Länder ist, auf die Dauer nicht gewachsen sind. Sie haben alle ihre Eroberungen und Kolonien in Amerika, geringfügige Ausnahmen abgerechnet, wieder eingebüßt, während die anglo-germanische Rasse dort einen Staat gründete, welcher den Willen und die Kraft hat, über den ganzen transatlantischen Kontinent sich auszudehnen, weil eine große Idee ihn beseelt. Dem Flibustiertum fehlte eine solche Beseelung. Meteorgleich, wild und Prächtig war es aufgeflackert; bevor das siebzehnte Jahrhundert zu Ende ging, hatte es seine Bedeutung verloren. Den Glanzpunkt seiner Geschichte aber bildet ein Unternehmen, auf das wir im Laufe unsrer Erzählung, deren Faden wir nach dieser langen historischen Abschweifung wieder aufnehmen, zurückkommen werden. Zweites Buch. 1. Da saß die holde Wilde sanft und lind, An Wuchs ein Weib, an Jahren noch ein Kind, Kind einer Unschuldswelt, ganz ohne Harm, Rein von Natur, frühreif und hold und warm. Byron. Weh, Minne, was verschont nicht deine Kraft die Kinder! Einer, der nicht Augen hat, würde dich doch spüren, ein Blinder. Zu vielfach, Minne, bist du stets gewesen; Alle Schreiber schrieben deine Art nicht aus noch dein Wesen. Wolfram von Eschenbach. Jeden Menschen, welcher nicht ganz ohne Natursinn ist, wandelt ein zugleich feierliches und frohes Gefühl an, wenn er an einem schönen Sommermorgen in die Stille und Einsamkeit eines weiten Waldes sich verliert. Mit der Andacht weckenden Dämmerung eines ungeheuren gotischen Doms umfängt ihn der kühle Forst. Das Auge badet sich mit Wollust in den harmonisch ineinanderfließenden Schattierungen saftigen Grüns, der frische Harzgeruch schmeichelt den Sinnen wie entzündeter Weihrauch, durch die Kreuzbogendecke der tausendfach verschlungenen Wipfel rieselt verstohlen grüngoldnes Licht herab, rings in Moos und Busch regt sich leise schwirrend zahlloses Insektenleben, ein entzückend kühles Säuseln macht die Blätter kaum hörbar rauschen; dann hebt da drüben im schattigsten Dickicht die Drossel ihr schmelzendes Morgenlied an, und dort hämmert der muntere Specht den Takt dazu. Deine Brust hebt und weitet sich, du fühlst dich beglückt, wieder einmal in recht unmittelbaren Verkehr mit der Natur getreten zu sein, und mischst stillselig deinen Odem mit dem ihrigen. Zu solcher Stunde und auf solchem Gange spürst du so deutlich wie sonst nie jenes geheimnisvolle Etwas dich anhauchen, was die Menschen Begeisterung, Andacht, Poesie zu nennen pflegen, jenes Emporgehobensein über die Schranken kleinlich konventioneller Verhältnisse in die Sphäre süßbestrickender Naturgewalten, welche nun und nimmer müde werden, fortzudichten an ihrem ewigen Wundermärchen. Du träumst, du dichtest es mit, ein Gefühl uranfänglicher Freiheit kommt über dich, der elastische Schritt der Jugend beflügelt wieder deine Füße, liebste Erinnerungen harmloser Kinderzeit umgaukeln dich, und dir ist, als müßtest du dich einspinnen für immer und allzeit in die grüne, duftige Waldeinsamkeit. Solche Empfindungen mochten auch den Busen des jungen Mädchens heben, welches an einem hellen Junimorgen einsam auf einem schmalen, vielfach kaum wahrnehmbaren Fußpfad durch einen der Urforste Neuenglands dahinschritt. Wir erkennen in der Wandelnden unschwer das schöne Kind, welches wir dem Leser im ersten Buch unsrer Geschichte unter dem Namen Lovely vorgestellt. Lieblich, wie ihr Name bedeutsam ankündigte, und voll unbewußter Grazie war ihr Gang. Die Anstrengung eines weiten, labyrinthischen Wegs hatte ihre Wangen mit einem höheren Inkarnat gefärbt, und ihre Augen wetteiferten an feuchter Frische mit der taufunkelnden Waldgenziane. Sie hatte, um ungehinderter ausschreiten zu können, das lange dunkle Gewand aufgeschürzt, mit der rechten Hand hielt sie den Henkel eines großen tönernen Krugs, und am linken Arm trug sie einen mit einem Deckel verschlossenen, aus Schilf geflochtenen Korb, dessen Schwere die zarte Gestalt seiner Trägerin manchmal aus dem Gleichgewichte bringen zu wollen schien. Jetzt stand sie unter einer vielhundertjährigen Lebenseiche, deren dunkles Blätterwerk über und über mit silbergrau blinkenden Büscheln spanischen Mooses behangen war, einen Augenblick still, um auszuruhen. Ihre rotschwellenden Lippen sogen mit Begierde den frischen Waldhauch ein, und wie sie ihre schimmernden Augen ringsher in die prächtige Wildnis tauchte, verriet der Ausdruck ihrer Blicke, daß ihre Seele erfüllt sei von jener Waldpoesie, deren Zauber wir oben mit schwachen Worten anzudeuten versuchten. Alle Reisenden stimmen darin überein, daß dieser Zauber den Urforsten der neuen Welt in erhöhtem Maße innewohne. Die geheimnisvollen Schauer unbetretener Waldnacht vereinigen sich hier mit der Macht und Fülle einer Vegetation, zu welcher die gebändigte, allüberall den Schranken und Bedürfnissen der Zivilisation unterworfene Natur Europas es nicht mehr bringen kann. Die Neuengland-Staaten wetteifern heutzutage an ausgedehnter und emsiger Bodenkultur mit manchem der bestbestellten Ackerbauländer unsres Erdteils. Zur Zeit aber, in welche unsre Erzählung fällt, waren alle die Länderstrecken, die der Hudson, der Lorenzstrom und der Atlantische Ozean einschließen, noch ein Wäldermeer, aus dessen dunklem Grün die Dörfer der Indianer und die Ansiedlungen der Kolonisten wie Inseln hervortauchten. Wie aber die grandiose Monotonie der See den Stempel der Erhabenheit trägt, so auch die Unermeßlichkeit des Urwaldes, welcher zwar in den nördlicheren Gegenden des amerikanischen Kontinents der exotisch üppigen Pracht und Mannigfaltigkeit der Tropenländer nicht teilhaft ist, immerhin aber vor zweihundert Jahren noch eine Frische und Größe der Vegetation entfaltete, die auf ein jugendlich empfängliches Gemüt ihre Wirkung nicht verfehlen konnten. Nur ungern entzog sich Lovely dem beschaulichen Sinnen, in welches die Waldmorgenstille sie versenken wollte. Nachdenklich schritt sie weiter, mit dem Instinkt der Gewohnheit leicht durch das Baumlabyrinth hingleitend und gewandt die Hindernisse vermeidend, welche dichtverschlungenes Schlingpflanzengeranke ihr häufig in den Weg legte. Am Ufer eines Baches angekommen, welcher lautrauschend in felsigem Bette einherfloß, verließ sie ihre bisherige Richtung, die geradeaus von Osten nach Westen gegangen, und stieg eine jäh ansteigende Anhöhe hinan, das von dort herabfallende Wasser zum Führer nehmend. Oben angelangt, sprang sie über ein zweites Bächlein hinweg, welches sich, aus dichtem Buschwerk hervorschleichend, hier mit dem größeren Gießbach vereinigte, umging dann den Stamm einer ungeheuren Fichte, und drang rasch und sicher in das Gestrüpp hinein. Es öffnete sich nach wenigen Schritten, und Lovely befand sich jetzt auf einer schmalen eirunden Lichtung, welche von hochwipfeligen Eichen, Fichten und Ahornbäumen so eng umschlossen war, daß der Schein des Tages nur dämmernd den kleinen Platz erfüllte. Am Ende desselben erhob sich das Terrain zu einer wildzerrissenen Felsengruppe von mäßiger Höhe, über welche himmelhohe Tannen finster hereinblickten. Aus einer Spalte des verwitterten, von Efeu üppig umwucherten Gesteins rieselte mit dumpfem Gemurmel der Abfluß einer reichen Quelle hervor. Der Platz war so still, so einsam, so schattenheimlich, als hätte ihn niemals noch der Fuß eines lebenden Wesens betreten. Dem war aber nicht so. Schon manchen Morgen war Lovely in Erfüllung einer heiligen Pflicht hier gewesen, um ihren Krug mit der klaren Flut des verborgenen Brunnens zu füllen. Obgleich demnach mit der wilden Schönheit des Orts vertraut, ließ das Mädchen, vor dem Felsspalt stillstehend, den Zauber derselben abermals mit erneutem Behagen einige Sekunden lang auf sich wirken. Dann stellte sie ihren Korb auf das Moos und bückte sich nieder, um ihren Krug in das kühle Wasserbecken zu tauchen. Aber plötzlich fuhr sie, ohne ihr Geschäft verrichtet zu haben, mit einem leisen Schrei des Schreckens in die Höhe. Sie hatte in der Felsenspalte eine dunkle menschliche Gestalt wahrgenommen. Ihr Schrecken ging indessen rasch vorüber, als sie aus dem romantischen Verstecke eine junge Indianerin hervorkommen und auf sich zutreten sah, mit freundlicher Gebärde die rechte Hand gegen sie ausstreckend, und in fremdartig betontem und gefügtem, jedoch verständlichem Englisch die Worte sprechend: »Nicht fürchten, junge Squaw. Hih-lah-dih Freundin sein vom jungen Weißgesichtmädchen; kein Krieger sein, der auf Skalpe ausgeht.« Lovely gewann schnell ihre Fassung wieder, denn schon das Lächeln und die sanfte, liebliche Stimme des anmutigen Mädchens, welches vor ihr stand, mußten beruhigend wirken. Das Indianermädchen war von mittelhohem, äußerst zierlichem und schlankem Wuchse. In der ersten Blüte der Jungfräulichkeit stehend, zeigte sie Gesichtszüge und Körperformen von vollendeter Schönheit, in allen Gebärden und Bewegungen eine unbeschreibliche Grazie. Ihre großen, schwarzen, in bläulichem Weiß schwimmenden Augen waren von seelenvoller Milde, wenn nicht etwa eine heftige Regung denselben einen funkensprühenden Glanz verlieh. Sie war einfach, aber sittsam gekleidet. An ihre mit Stickereien von Stachelschweinnadeln verzierten Mokassins schlossen sich Beinkleider von dunkelbraunem Wollenzeug an und eine Tunika vom nämlichen Stoffe verhüllte ihren Oberkörper, jedoch nicht so neidisch, daß nicht die schöngerundete Bildung der Arme, des Nackens und Busens bemerkbar gewesen wäre. Um die Fülle ihres glänzend schwarzen, hinten in einem einfachen Knoten geschürzten Haares hatte sie ein rosaseidnes Tuch turbanartig gewunden, und um ihren schlanken Hals schlang sich eine in Gold gefaßte Korallenschnur. Wie sie so, die blühenden zarten Lippen im Lächeln etwas über die blendend weißen Zähne zurückgezogen, dastand, durfte sie auf eine Erwiderung ihres Grußes von seiten Lovelys nicht lange warten. Die letztere hatte während ihres Aufenthalts in Konnektikut häufig Gelegenheit gehabt, mit Eingeborenen zusammenzutreffen und die Redeweise wie sonstige Eigentümlichkeiten der Indianer einigermaßen kennen zu lernen. Die Anrede des roten Mädchens und die ganze Erscheinung desselben waren ganz geeignet, die Saite des Vertrauens anzuschlagen, welche in jungen Gemütern bei der leisesten Berührung so mächtig ertönt, und so zögerte Lovely nicht, die dargebotene Hand der Fremden freundlich zu ergreifen und mit Herzlichkeit zu sagen: »Meine Schwester ist willkommen.« Die Indianerin erwiderte den Händedruck, behielt die Hand Lovelys in der ihrigen, legte der Weißen die linke Hand auf die rechte Schulter und betrachtete die neugewonnene Bekannte vom Kopf bis zum Fuß mit scharfsichtiger Genauigkeit. Das bescheidene Mädchen schlug vor dieser Besichtigung mit Erröten die Augen nieder. »Nicht rot werden,« sagte die Eingeborene mit silberhellem Lachen, »nicht haben nötig zu schämen; meine weiße Schwester sehr schön sein, sehr viel schöner sein als alle die jungen Squaws in den Wigwams der Blaßgesichter, fast sein schöner noch als Ih-nis-kin auf dem großen Donnerkanoe.« Lovely hätte müssen kein Weib sein, wenn dieser naive Ausbruch ungeheuchelter Bewunderung ihre Ohren unangenehm getroffen hätte. Der Name Ih-nis-kin jedoch erinnerte sie an jene seltsame nächtliche Szene in der Ruine auf Rhode-Island und lenkte so ihre Gedanken von sich selber ab und auf die Teilnehmer an jener Zusammenkunft. Die Indianerin ließ ihr aber nicht Zeit, nach dieser Ih-nis-kin zu fragen, wie sie beabsichtigte. »Mein Blaßgesichtbruder, das Goldhaar –« fuhr die Tochter der Wildnis fort. »Das Goldhaar? Thorkil Wikingson?« unterbrach Lovely lebhaft die Sprecherin. »Thorkil Wikingson«, versetzte die Indianerin, den Namen mit Mühe aussprechend, »nicht sein guter Name für Indianermund, Goldhaar schöner klingen.« Lovely bemerkte trotz ihrer Verwirrung den etwas gedehnten Ton, womit die Indianerin dies sprach, und fühlte, ungeachtet ihrer gesenkten Lider, daß die Augen der Fremden mit brennendem Forschen auf ihr ruhten. »Mein Bruder, das Goldhaar,« begann die Indianerin wieder mit dem ganzen ungezwungen herzlichen Ton ihrer Stimme, »hat mir gesagt, so würde ich meine Schwester finden, so würden sein ihre Haare, ihre Augen, ihr Mund. Aber wie sein der Name von meiner Schwester?« »Man hat mir in der heiligen Taufe den Namen gegeben: Lieblich vor dem Angesicht des Herrn Kordelia.« Die Indianerin schlug mit der Naivität des Naturkindes über diesen langen Namen ein lautes Lachen auf. Wir besorgen nicht ohne Grund, daß unsere Leser ziemlich geneigt sein möchten, die Heiterkeit des Indianermädchens über den seltsamen Namen zu teilen, müssen jedoch unsrerseits bemerken, daß mit Anführung desselben durchaus nicht etwa ein schlechter Spaß beabsichtigt war. Es gehörte nämlich in Wahrheit zu den auffallendsten der vielen Geschmacklosigkeiten der Puritaner, daß sie nicht nur mit Vorliebe alttestamentliche Namen wählten, wie Zorobabel, Obededom, Jedediah, Mirjam usf., sondern als Tauf- und Vornamen förmliche Bibelsprüche und andere fromme Sentenzen führten, welchen der Geschlechtsname als bescheidenes Anhängsel folgte. Da gab es denn Namen, wie diese: »Lebe du der Auferstehung Jerobeam Emer«; »Was auch der Ungerechte mag beginnen, den Herrn preise Ezechiel Pimpleton.« Außerdem waren moralische Begriffe als Frauennamen sehr beliebt, wie Hope (Hoffnung), Temperance (Mäßigkeit), Love (Liebe) u. dgl. m. Lovelys Vater nun hatte seiner Tochter jenen langatmigen frommen Namen beigelegt, um den seiner Meinung nach zu weltlich klingenden Kordelia, welchen die Mutter ihrem Kinde gegeben wünschte, möglichst zu verdecken. Gewöhnlich wurde aber das Mädchen nur mit dem Anfangswort ihres Namens bezeichnet und angeredet, und dabei wollen auch wir wie bisher es bewenden lassen. »Langer Name, lang wie der Konnektikutfluß,« sagte die Indianerin, noch immer lachend; »zu lang für indianisch Gedächtnis. Lovely gut sein, Lovely schön sein, Lovely mein Bruder, das Goldhaar, meine Blaßgesichtschwester nennen. Aber nicht böse sein, daß Hih-lah-dih lachen ob langem Namen.« »Ach nein doch,« entgegnete Lovely, welche das reizende junge Wesen, das sich so unerwartet zu ihr gefunden, von Augenblick zu Augenblick mehr liebgewann. »Und du nennst dich Hih-lah-dih?« »Ja, Hih-lah-dih. Sieh, der Brunnen da viel berühmt sein bei meinem Volke, heißen Hih-lah-dih bei roten Leuten, das ist bei Englischleuten die reine Quelle. Da bei der Quelle hat Mutter geboren mich und die Squaws mir darum den Namen Hih-lah-dih gaben. Wir uns Lovely und Hih-lah-dih nennen, so uns verstehen gut.« »Wohl, Hih-lah-dih klingt gut und ist ein Name von guter Vorbedeutung. Aber meine Schwester sage mir, ob sie in die Nähe der Ansiedlungen gekommen, um die Stätte ihrer Geburt wieder einmal zu besuchen.« »Hih-lah-dih,« erwiderte die Indianerin, in liebkosender Weise ihren linken Arm um den Nacken Lovelys schlingend, »Hih-lah-dih kam, nicht um Stätte der Geburt, sondern weiße Schwester zu suchen.« »Wie?« entgegnete Lovely verwundert und die Liebkosung des lieblichen Wesens unwillkürlich erwidernd. »Ja,« bekräftigte die Indianerin, »Hih-lah-dih gekommen, um weiße Schwester aufzusuchen, und schon gestern sein gewesen am Brunnen hier im Verstecke, als Lovely ihren Krug füllte, um greisen weißen Häuptling und großen weißen Krieger zu tränken.« Erschrocken entzog sich Lovely der Umarmung des roten Mädchens, dessen Worte ein Geheimnis verrieten, das, wie sie glaubte, außer ihr nur dem Richter Eaton, seinem vertrauten Knechte und seit gestern noch einer dritten Person bekannt wäre. Hih-lah-dih erriet mit dem Instinkt ihrer Rasse den Grund der Bewegung Lovelys und sagte daher in teilnehmend beruhigendem Tone: »Indianer haben scharfe Augen, sehen bei Tag, sehen bei Nacht alles, was in den Wäldern geschieht, sehen über die Wolken hinaus, sehen unter die Erde. Warum also nicht sehen die Spur von zwei großen Kriegern, welche im Lande der Blaßgesichter jenseits des großen Salzsees den Skalp eines großen Sachems genommen haben? Indianer auch scharfe Ohren haben, alles hören, was hören wollen. Hih-lah-dih nur schwaches Mädchen sein, aber gestern alles gehört, was meine weiße Schwester auf dem Weg nach der Höhle mit dem Plymouthkrieger, den rote Leute nennen kleinen Feuerspeier, hat geredet.« Lovelys Beklemmung steigerte sich durch diese Worte der Indianerin außerordentlich. Sie faltete bittend die Hände und sah das rote Mädchen stehend an. »Nicht sein bange, nicht haben Furcht!« sagte Hih-lah-dih lebhaft. »Rote Leute keinem Blaßgesicht die Höhle verraten. Wampanogen, Pokanoketen, Naragansetter treu sein ihren Freunden, Hahdoh-Manitu Freund sein von rotem Mann, und roter Mann gern sein bereit, die Freunde der Zunge des guten Geistes zu schützen.« »Meine Schwester kommt von Roger Williams, welchen ihr Volk die Zunge des guten Geistes nennt?« fragte Lovely aufatmend. »Hih-lah-dih horcht gern der Stimme des Hahdoh-Manitu, die sanft klingt wie Säuseln des Frühlingswindes im jungen Laube,« entgegnete die Indianerin mit einem jener poetischen Bilder, welche der Sprache ihres Volks bis auf den heutigen Tag herab eine so charakteristische Färbung verleihen. »Aber,« fuhr sie fort, »Hih-lah-dih die Zunge des guten Geistes seit vielen Sonnen nicht gesehen haben, sie kommen herauf von der Salzsee, sie kommen als Botin eines jungen Blaßgesichtkriegers, schlank wie die Schillingstanne, stark wie die Eiche, hellsehend wie der Luchs, rasch wie der Panther, großer Jäger, großer Krieger, so groß wie der graue Bär, wie der Sachem der Naragansetter, wie der Sachem der Wampanogen!« Der Busen des reizenden Geschöpfes hob sich, während sie in solcher Steigerung das Lob eines Mannes anstimmte, dessen Namen Lovelys lautpochendes Herz erriet, so daß sie nicht überrascht war, als die Indianerin hinzufügte: »Hih-lah-dih kommen als Botin des Goldhaars.« Trotzdem aber, daß sie auf dieses Wort gefaßt war, schoß ihr das Blut verräterisch ins Antlitz und bedeckte dasselbe über und über mit Purpur. Dieses Symptom entzündete eine helle Lohe in den Augen der Indianerin. Sie funkelte das weiße Mädchen mit wilden Blicken an, das feine Geäder ihrer Schläfe schwoll sichtbar, sie trat hastig einen Schritt zurück, machte eine Gebärde, als wolle sie auf Lovely losspringen, und rief ihr mit zornbebender Stimme zu: »Das Goldhaar lebt in dem Herzen des Blaßgesichtmädchens!« Ein schrecklicher Schmerz preßte die Brust Lovelys zusammen. Die leidenschaftliche Äußerung der Indianerin zeigte ihr blitzartig in der Tiefe ihrer Seele ein Geheimnis, welches sie bisher scheu vor sich selber zu verbergen gesucht hatte. Sie erfuhr mit einem Schlage, daß sie Thorkil liebte, grenzenlos liebte, und zugleich, daß sie sich einer Nebenbuhlerin gegenüber befände. Sie war weit entfernt, in diesem schmerzlichen Augenblick nach Beruhigung durch den Gedanken zu haschen, daß ja Natur und Religion eine nicht zu überspringende Schranke zwischen dem Geliebten und dem indianischen Mädchen aufgerichtet hätten; aber jungfräuliche Scham und die Nachwirkungen einer auf Selbstbeherrschung und Entsagungsmut gerichteten Erziehung kamen ihr in dieser Prüfung zur Hilfe, so daß sie mit gehaltener Stimme zu sagen vermochte: »Ja, Thorkil Wikingson hat einen Platz in meinem Herzen. Gebietet doch der Herr, unser Gott, Dankbarkeit gegen unsre Wohltäter. Thorkil hat mir und denen, die ich mehr liebe als mein Leben, die größten Dienste geleistet – ich möchte ihm Schwester sein.« »Schwester sein, bloß Schwester sein wollen?« rief die Indianerin aus und fügte mit einer Stimme, welche von der Glut der innigsten und heftigsten Leidenschaft gleichsam schmolz, hinzu: »Hih-lah-dih ihm mehr sein wollen, viel mehr! Immer wollen sein bei ihm. ihm nachtragen seine Waffen, ihm nähen sein Jagdhemd, ihm rösten sein Wildbret, ihm –« Die Worte versagten dem hocherregten Kinde, und es warf sich, in einen Strom von Tränen ausbrechend, an die Brust Lovelys. Diese gab auch ihrerseits dem qualvollen Schmerze nach; sie fühlte, sie bereute, daß ihre soeben getane Äußerung Heuchelei war, sie mochte an Innigkeit der Leidenschaft der Tochter der Wildnis nicht nachstehen, sie umschlang in himmlischem Mitleid die Indianerin, und so vermischten sie ihre Seufzer, ihre Tränen, das herbste Weh, welches noch über ihre jungen Herzen gekommen war. Sie hielten sich lange umfaßt. Binnen Minuten machte die gegenseitige Zuneigung dieser frischen, reinen Mädchenherzen jahreweite Vorschritte. Die Tochter der Zivilisation, welche, mit einer neuen Welt von Gefühlen in der Brust, ihr Alleinstehen in dem starr dogmatischen Kreise ihrer Glaubensgenossen seit einiger Zeit peinlich genug empfunden hatte, reichte dem Kinde der Wildnis die Hand, als einer Mitleidenden, als einer Vertrauten, von welcher sie den Zustand ihres Innern wenigstens erraten lassen durfte. Hih-lah-dih ihrerseits fühlte mit der ganzen Lebhaftigkeit und Hingebung ihres Wesens, daß sie mit einer Altersgenossin zusammengetroffen wäre, welche sie in einem unendlich tieferen Sinne, als in der Redeweise ihres Volkes lag, Schwester zu nennen begehrte. So tat denn die unerschöpfliche Wundertäterin Natur auch hier wieder eins ihrer Wunder, indem sie vor dem Drange gegenseitigen schwesterlichen Wohlgefallens sogar die Stimme der ausschließlichsten Leidenschaft, die Stimme der Liebe des Weibes zum Manne, verstummen machte. Als sich die beiden Mädchen wieder einigermaßen gefaßt und gesammelt, war ihnen zumute, als wären sie schon seit langer Zeit miteinander bekannt und vertraut. Sofort, mit der Wiederkehr einer ruhigeren Stimmung, erinnerte sich die Indianerin des Zweckes ihres Hierseins und sagte: »Hih-lah-dih muß weit weg sein von hier, wenn die Sonne erreicht hat Mittagshöhe. Sie muß übernommene Botschaft bestellen, meine Blaßgesichtschwester Ohren öffnen mag.« »Ich höre, liebe Hih-lah-dih.« »Gut. Das Goldhaar und auch der graue Bär lassen sagen meiner Schwester, daß nicht gut sei bleiben in Swanzey. Meine Schwester aufmachen sich soll mit Vater und altem Vater und gehen nach Providence in das Wigwam des Hahdoh-Manitu, wo bald sein größte Sicherheit für Blaßgesichter.« »Wie, sind den Meinigen die grausamen Verfolger wieder auf der Spur?« »Nicht Verfolger von jenseits des großen Salzsees auf Späherzug sein, nein. Roter Mann den Kriegstanz tanzen in allen Dörfern. Die Pfade zwischen denselben von Dornen gereinigt sein, rote Krieger kommen in Freundschaft zusammen, nur nicht Hunde von Pequoden. Indianer sagen, Tomahawk müsse ausgegraben und erhoben werden gegen die Blaßgesichter. Zu viele derselben für armen roten Mann. Blaßgesichtsvolk erst klein wie Bächlein da, aber geworden nach und nach groß wie großer Strom im Norden, wie Salzsee, und wegschwemmen wollen rotes Volk. Rote Krieger aber Jagdgründe ihrer Väter behaupten müssen, sonst zürnen Manitu.« »Wenn ich meine Schwester recht verstehe,« sagte Lovely höchlich beängstigt, »so will ihr Volk in Feindseligkeit aufstehen gegen das meinige. Aber es ist ja Friede zwischen den Eingeborenen und den Pilgern der Wildnis.« »Friede sein noch,« versetzte die Indianerin, »aber Sachems meinen, Zeit sein, das Kriegsgeschrei anzustimmen.« »Das ist eine traurige Nachricht. Aber will meine Schwester nicht mit mir in das Dorf gehen, um sich dort deutlicher auszusprechen? Mein Volk würde ihr großen Dank wissen.« »Was in Dorf tun Hih-lah-dih?« entgegnete das rote Mädchen mit einem leichten Anflug von Mißtrauen. »Wampanogenmädchen nicht gern gesehen in Blaßgesichtsdorf. Hih-lah-dih nicht sein gesendet in Dorf, keinen Dank will von altem, bösem Häuptling in Dorf. Hih-lah-dih gesendet sein von dem Goldhaar an Lovely, nur an Lovely, und Dank haben will nur von dem Goldhaar.« Lovely schwieg nachdenklich. Der Gedanke, welche Beziehungen zwischen Thorkil und der Indianerin statthaben möchten oder könnten, machte sich denn doch in seiner ganzen Schwere wieder geltend. »Meine Schwester die Warnung des Goldhaars nicht darf lassen unbeachtet,« nahm Hih-lah-dih abermals das Wort. »Das Goldhaar und der graue Bär große Krieger sein, viel gelten bei roten Leuten, viel gelten bei Sachems. Beide es gut meinen mit Lovely. Sagen lassen, Schwester sich aufmachen mit Vater und altem Vater, zu gehen nach Providence. Heute noch offen sein der Pfad durch die Wälder. Gehen rasch, nicht sich umsehen, nicht gut sein bleiben in Swanzey, wenn rote Krieger zornig sein und mit dem Tomahawk haben in den Kriegspfahl gehauen.« »Du erregst mir große Bangigkeit, Hih-lah-dih. Aber es kommt mir nicht zu, in dieser bedrohlichen Sache einen Entschluß zu fassen. Ich muß vor allem denen Mitteilung machen, welchen mein Leben angehört. Doch was auch beschlossen werden solle, deine Warnung soll beherzigt werden und – und – mein – unser Dank Thorkil nicht fehlen.« »Gut. Lovely gehört haben die Botschaft des Goldhaars. Aber Hih-lah-dih wollen, daß das Goldhaar sagen, Hih-lah-dih gute Botin sein. Schwester ihr mitgeben ein Zeichen, welches sagen, daß Botschaft sei gut bestellt worden.« Lovely besann sich einen Augenblick, dann knüpfte sie mit Erröten das dunkelfarbige, unter dem Kinn festgebundne Flortüchlein los, womit sie nach der Sitte der puritanischen Frauen Scheitel und Schläfe züchtig verhüllt hatte, und reichte es der Indianerin hin mit den Worten: »Nimm dies und sag' ihm, daß weder seine früheren Dienste noch dieser von mir vergessen werden sollen – und sag' ihm auch, er möge sorgen, daß er nicht böse Wege wandle, und bedenken, was seiner Abstammung, seiner Farbe und seinem Glauben gezieme.« »Hih-lah-dih alles sagen will, was junges Mädchen einem so großen Krieger sagen darf,« entgegnete die Indianerin, das Tuch an ihrem Busen bergend. Hierauf nahm sie rasch das Korallenhalsband von ihrem Halse, schlang es um den Lovelys und sagte: »Gut sein, dies anhaben. Krieger der Wampanogen es kennen, auch Häuptlinge es kennen; gut sein, wenn meine Schwester zusammentrifft mit roten Männern.« Mit diesen Worten befestigte sie das Schloß des Schmuckes am Halse Lovelys und küßte diese auf Stirn, Augen und Mund, wandte sich dann, winkte noch einmal freundlich mit der Hand und war mit dem graziösen Sprung einer Antilope im nahen Gebüsche verschwunden. 2. Wir ließen das liebe Land der holden Heimat, Wir sollen's mit diesen Augen nie fürder sehn. Wir wallten durch Wogen Weit aus, wallten durch Stürme Der heiligen Freiheit nach und halten sie stet. De la Motte Fouqué. ... Die Zeiten sind jetzt schwer Und allwärtsher vernimmt man Wunderdinge, Die man auf großes Landesunglück deutet. Schiller. Während die eben geschilderte Szene im Walde sich abspielte, ergingen sich am Saum desselben zwei Männer in ernster Unterredung. Sie waren langsamen Schrittes aus den zerstreuten Häusergruppen des Dorfes Swanzey hervorgekommen, welches damals noch wie eine Oase der Zivilisation in der grünen Urwaldwildnis dalag, die sich, von spärlichen Rodungen unterbrochen, zwischen dem Pawtucket- und dem Tauntonflusse zur Naragansettbai hinabzog. Ein lebhaft strömendes Wasser, mehr Bach als Fluß, bildete das Band, welches die in unregelmäßiger Weitläufigkeit erbaute Kolonie zusammenhielt. Wir haben diesen Bach schon vorhin im Walde angetroffen. Aus demselben hervorbrechend, durchschlängelte er in launischer Wellenlinie eine muldenartige Niederung, deren sanftansteigende Seitenwände überall von dem regen Fleiß einer ackerbauenden Bevölkerung Zeugnis gaben. Maisfelder wechselten hier mit Anpflanzungen von Hülsenfrüchten und tiefgrünen Matten, und einen eigentümlich wohltuenden Gegensatz zu dem ringsher Schritt für Schritt vor der Kultur zurückweichenden Urforste bildeten die treuen Begleiter des gesitteten Menschen, die Obstbäume, welche, zum Teil noch in ihrem Blütenschmuck prangend, in der breiten Talsohle allwärts ihre jugendkräftigen Stämme erhoben und mit ihren Ästen die Häuser und Gehöfte beschatteten. Meistens deckten sie denselben gleichsam den Rücken, denn die Vorderseite der Wohnungen nahm gewöhnlich ein wohlbebauter Gemüsegarten ein, welcher neben dem Nützlichen auch das Schöne, das heißt die Pflege der Blumen, nicht ganz vernachlässigte. Von rechts und links fielen diese Gärten sanft gegen den lebhaft daherrauschenden Bach ab, dessen beide Ufer durch mehrere Stege miteinander verbunden waren. Das Dorf bildete durchaus keine regelrechten Gassen. Wo die vielfachen Krümmungen des Wassers zur Erbauung von Wohnungen gerade passende Baustellen dargeboten hatten, erhoben sich die Behausungen der Ansiedler bald völlig einzeln, bald, und zwar viel seltner, in näher zusammenstehenden Gruppen von drei oder vier Häusern. Bei Anlage derselben war auf die Gesetze der Baukunst wenig oder keine Rücksicht genommen worden. Notdurft und etwa die Bequemlichkeit des einzelnen waren hier die einzige architektonische Regel. Doch nein, es gab auch eine allgemeinere: den strengen puritanischen Sinn, welcher in Herstellung und Einrichtung der Wohnung die größte Einfachheit forderte und ebendadurch eine gewisse Einförmigkeit in der Bauweise zuwege brachte. Als Baumaterial war fast durchgängig Holz angewandt, und man unterschied an der helleren oder dunkleren Farbe desselben nicht nur die altern und jüngern Gebäude, sondern konnte auch vermittelst dieses Farbenunterschiedes vielfach an einem und demselben Hause wahrnehmen, wie es sich im Verlaufe der Zeit aus der rohen hinterwäldlerischen Blockhütte allmählich zu einer behaglicheren Behausung gestaltet hatte. Zunächst dem Walde stand eine Mahl- und Sägmühle, deren zwei Räder der hier mittels eines kunstlosen Wehrs gedämmte Bach in Bewegung setzte. Auf der entgegengesetzten Seite des Wassers, näher dem Dorfe zu, sprang aus der mählich sich abdachenden Talwand eine Art natürlicher Terrasse vor, deren Rand auf allen vier Seiten mit einer Reihe starker Palisaden eingegrenzt war. Innerhalb dieser Umzäunung erhob sich ein aus Backsteinen erbautes Haus, dessen Front dem Dorfe zugekehrt war und an dessen Hinterwand ziemlich ausgedehnte Stallungen und Schuppen sich anlehnten. Dies Gebäude, im Dorfe kurzweg des Richters Haus genannt, sah, wenn wir so sagen dürfen, entschieden zivilisierter aus als irgend ein anderes. Es hatte in seiner ganzen Erscheinung etwas von jener Reinlichkeit und Solidität, welche schon im siebzehnten Jahrhundert die Wohnungen englischer Grundbesitzer auszeichneten. Ein heutzutage geringfügiger, damals aber noch sehr bedeutsamer Umstand bewies, daß dieses Haus einem wohlhabenden Manne angehören müsse; es hatte nämlich Glasfenster, eine Bequemlichkeit und Zierde, welche bei den übrigen Häusern der Niederlassung durchweg ölgetränkte Papierscheiben ersetzen mußten. Vielleicht war des Richters Haus auch das älteste im Dorfe, seines jetzigen Aussehens ungeachtet; wenigstens machten die verhältnismäßig alten Obstbäume, welche den hinter dem Gehöfte hügelansteigenden Garten beschatteten, eine solche Annahme wahrscheinlich. Von dem durch ein mächtiges Bohlentor verschlossenen Haupteingang der Umzäunung führte ein steiler, jedoch auch für Fuhrwerke zugänglicher Weg an den Bach herunter und über einen breiten Steg auf das jenseitige Ufer. Hier stand inmitten eines freien Platzes von ziemlich großer Ausdehnung ein Gebäude, dessen Wände ebenfalls mit Backsteinen ausgemauert waren, und das an Größe die Wohnungen der Dörfer weit übertraf, nicht aber an kunstloser Einfachheit. Diesem schuppenartigen Würfel von Haus hätte ein Nichtpuritaner schwerlich seine heilige Bestimmung angesehen. Aber es war ganz und gar der Sinnesweise der Pilgrime angemessen, die Stätten ihrer gemeinschaftlichen Andacht durch keine jener architektonischen Zierden auszuzeichnen, womit sonst die Frömmigkeit die Orte öffentlicher Andachtsübungen zu schmücken liebt. Sie vermieden sogar den Ausdruck Kirche, und in der Tat entsprach der Anblick ihrer »Versammlungshäuser« dem Bilde, welches wir uns von einer Kirche, und wäre es die dürftigste Dorfkirche, zu machen pflegen, nicht im entferntesten. So war denn auch das Versammlungshaus von Swanzey im strengpuritanischen Stil erbaut und wurde sein Äußeres und Inneres mit derselben Ängstlichkeit vor Befleckung mit religiösen Zieraten und symbolischem Schmucke gehütet, womit seine Erbauer in ihrer eigenen persönlichen Erscheinung alles beiseite ließen, was, wie sie sich ausdrückten, an den alten Götzendienst erinnern könnte. Nie und nimmer ist die christlich-spiritualistische Feindseligkeit gegen die Schönheit so weit getrieben worden, wie sie von den Puritanern in der Blütezeit ihrer finstern Schwärmerei getrieben wurde. Es war ihnen mit ihrer Askese furchtbarer, ja blutiger Ernst, denn sie rechneten es sich zum Verdienste an, mit den »Götzendienern«, das heißt mit Andersdenkenden, bei Gelegenheit gerade so unerbittlich umzuspringen, wie die Juden zuzeiten gegen die Baalspriester verfahren waren. Doch machen wir uns, statt uns in allgemeine Betrachtungen zu verlieren, lieber auf, um den beiden Männern, welche aus dem Hause des Richters getreten waren, und die Halde gegen den Waldsaum zu aufwärts wandelten, auf ihrem Morgengange nachzugehen. Sie kehren uns, oben angelangt, gerade die Gesichter zu, und geben uns so Gelegenheit, sie näher ins Auge zu fassen. Der ältere von beiden ist ein Greis von strengem Aussehen, dessen hohe Gestalt die Last der Jahre und der Sorgen nicht zu beugen vermocht hatte. In dem scharfen grauen Auge, in der Physiognomie und Haltung des Mannes lag etwas Gebieterisches, etwas Altrömisches, und wir wissen fürwahr aus den geschichtlichen Quellen, aus welchen wir bei unserer Erzählung schöpfen, daß der Richter Theophilus Eaton – diesen haben wir vor uns – ein Charakter gewesen sei, welcher an eiserner Willenskraft und stoischer Selbstbeherrschung mit den Herren der römischen Republik hätte wetteifern können, während ihm seine strenge Religiosität, sein konsequentes Durchführen der Grundsätze des Puritanismus zu außerordentlichem Ansehen in den Kolonien verhalf. Gefaßte Ruhe und äußerste Einfachheit in Tracht, Ton; Gebärde und Rede zeichneten seine äußere Erscheinung aus, und die granitfesten Züge seines Antlitzes verrieten keinem, daß eine Welt von Schmerzen in der Brust dieses Mannes gelebt habe und vielleicht noch lebte. Er hatte in einem reichbewegten Leben viel gelitten und noch in seinen alten Tagen, noch unlängst war ihm das Herbste geschehen: der Tod hatte ihm den einzigen Sohn in der Kraft des besten Mannesalters geraubt. Eatons Begleiter trug einen Namen, der in den Annalen der Pilgrime einen unvergänglichen Klang hat, den Namen Miles Standish. Das unansehnliche Äußere dieses Mannes ließ es keineswegs erraten, daß er eine lange Reihe von Jahren hindurch der Held und Ritter der Kolonie von Plymouth gewesen. Seine Gestalt erreichte nicht einmal das mittlere Höhemaß und machte es erklärlich, daß ihm ein Gegner den Spottnamen »Hauptmann Knirps« gegeben. Aber nicht nur wohnte in diesem kleinen Körper eine Heldenseele, sondern sein gedrungener Bau, seine sehnenstarken Glieder machten ihn auch geeignet, Anstrengungen aller Art mit Leichtigkeit zu ertragen. Seine Haltung hatte nichts von der puritanischen Steifheit an sich; er bewegte sich zwanglos und rasch in einem Lederkoller und hohen Reitstiefeln. Sein langer Degen und die mächtigen Faustrohre, welche er im Gürtel trug, erschienen als ein passender Schmuck für ihn und hatten durchaus nicht das Lächerliche, welches gewaltige Waffen einer kleinen Figur sonst zu verleihen pflegen. Sein Haar war zwar nach puritanischem Brauche kurz geschoren, allein eine hohe Stirn, dunkle, unter buschigen Brauen feurig hervorleuchtende Augen und eine Habichtsnase gaben seinem gebräunten Gesichte einen kühnen, imponierenden Ausdruck, wie er den Rundköpfen nicht eben gewöhnlich war. Die beiden Männer waren bisher schweigend nebeneinander hergegangen, nur hier und da mit einer leichten Kopf- oder Handbewegung den Morgengruß erwidernd, welcher von seiten einzelner Dörfler, die an ihre Feldarbeiten gingen, beim Begegnen an sie gerichtet wurde. Am Saume des Waldes angelangt, standen sie auf einer erst kurz zuvor gerodeten Stelle still, wandten sich um und blickten auf das Dorf hernieder, welches in idyllischem Morgenfrieden vor ihnen lag. »Es ist ein lieblicher Ort, Richter,« begann Standish das Gespräch, »welchen Ihr Euch da unten zurechtgemacht habt. Welche Felder, Wiesen und Gärten! Seht nur, wie alles grünt und blüht, und wie der beginnende Sommer einen gesegneten Herbst verspricht.« »Ja, Kapitän,« lautete die Antwort Eatons, »die Hand des Herrn, der gepriesen sei für und für, hat sich uns gnädig erwiesen. Wenn ich daran denke, wie der Platz, wo jetzt Swanzey steht, aussah, als ich ihn, es sind jetzt gerade sechsunddreißig Jahre her, zuerst betrat, muß ich mit dankbarem Heizen die Huld des Höchsten anerkennen, der uns gestattete, inmitten der Wildnis ein sicheres Zelt für seine Bundeslade zu gründen. Wir fanden kaum eine freie Stelle, um unsere Erdhütte aufzubauen, so wildverschlungen war der Wald, und es kostete Mühe und Schweiß genug, bis wir nur zum ersten Blockhause Raum gewonnen hatten. Seht, dort stand es, wo jetzt mein Haus steht. Am Tage, als die Hütte aufgeblockt war, gab mir mein Weib den Sohn, der –« Ein leises Zittern seiner Stimme wurde bemerkbar, als er abbrach. Standish besaß Zartsinn genug, das erst kürzlich so schmerzlich verwundete Gefühl des Vaters zu schonen. Er schwieg daher. Der Blick des Greises richtete sich unwillkürlich auf den Friedhof, welcher von drei Seiten das Versammlungshaus umgab, und wie er dort mit den Augen ein Grab suchte, feuchteten sie sich, und zwei große Tränen rollten ihm über die gefurchten Wangen herab. Aber als schämte er sich seiner Schwäche, fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht und drängte mit einer gewaltsamen Bewegung den Schmerz in seine Brust zurück. Standish jedoch faßte mit freundschaftlicher Wärme die Rechte seines Begleiters und fugte nachdrücklich: »Freund, es ist nicht gut, der Natur ihren Tribut zu verweigern.« »Ja,« versetzte Eaton sich fassend, »der alte Adam ist mächtig in uns allen und – und – es ist, denk' ich, ein Unterschied zwischen gefühlloser Stumpfheit unter der Hand Gottes und dem kindlichen Beugen darunter. Ich beuge mich ihr ohne Murren, wenn auch nicht ohne Schmerz. Der Herr hat mir mein Kind gegeben, er nahm es mir – sein Name sei hochgelobt für und für! Muß ich doch dankbar sein für all die große Freude, die mir der Sohn lange Jahre bereitete.« »Ja, er war ein Trefflicher, Richter, bescheiden und klug in seiner Rede, kühn und wacker im Handeln. Sein Auge wie seine Herzensgüte erinnerten an seine Tante, die arme Mabel –« »Nichts von ihr, Freund, nichts von ihr,« unterbrach Eaton den Kapitän streng, fast unwillig. »Sie ist ausgelöscht aus dem Buche des Lebens, aus dem Register der Gemeinde des Herrn.« »Aber nicht aus Eurem Herzen, verzeiht mir; nein, nicht aus Eurem Herzen. Eine Schwester, die man so geliebt hat, wie Ihr Mabel liebtet, eine Schwester, die einem eine so treue Gefährtin in der Wildnis war, wie sie Euch gewesen, die vergißt man nicht.« »Wenn nicht so ist es Sünde vor Gott, der seinen Weizenacker vom Unkraut gesäubert wissen will. Ich habe sie vergessen, ich habe mich bemüht, sie zu vergessen. Der Herr hat mich in ihr gezüchtigt, weil mein törichter Stolz frohlockte, eine solche Schwester zu haben.« »Wohl, aber nur noch dieses: was ist aus ihr geworden?« »Ich weiß es nicht, ich will es nicht wissen. – O, lieber zehn Söhne verlieren, so, wie ich den einzigen verlor, als eine Schwester, so, wie ich sie verlor! – Sie ist ihrem Verführer gefolgt, ihm, dem Sohne Belials, der wie ein reißender Wolf in unsere Herde brach, ihm, der lieber mit den roten Heiden zusammenleben wollte, als mit den Anhängern des ewigen Wortes. Ja, sie ist ihm gefolgt, denn der Verworfene wagte es, nachdem er die gerechte Strafe für seine fluchwürdigen Irrtümer erlitten und bei Todesstrafe aus der Gemeinde gebannt worden war, hierher zurückzukehren, und das unglückselige, sündhafte Weib hatte nicht die Kraft, seinen Lockungen zu widerstehen.« »Aber durfte sie das? War sie nicht sein Weib? War es nicht ihre Pflicht, dem Manne zu folgen?« »Es gibt nur eine Pflicht, die, das Gebot des Herrn zu vollbringen. Sein Gebot aber lautet: Du sollst keine Gemeinschaft haben mit den Gottlosen und nicht sitzen, wo die Spötter sitzen. Doch genug von dieser Sache und für immer, ich bitt' Euch, Freund.« »Ich ehre Euer Gefühl, Richter, und würde den peinlichen Gegenstand wohl gar nicht berührt haben, wenn mich infolge meines gestern abend in der Höhle abgestatteten Besuchs nicht die ganze Nacht hindurch die Erinnerung an eine Zeit gepeinigt hätte, in welcher ich vielleicht noch herber litt als Ihr und aus ähnlicher Ursache.« Eaton wollte offenbar ablenken, indem er fragte: »Wie fandet Ihr unsere teuren Brüder?« »Gefaßt und stark im Vertrauen auf den, der die alte gute Sache schon einmal so glorreich triumphieren machte. Aber es war dennoch ein schmerzliches Wiedersehen.« »Ich verstehe,« versetzte der Richter, und mit einem jener plötzlichen Aufschwünge glühenden Gefühls, welche seinen Glaubensgenossen eigen waren, schlug er die Augen zum Himmel auf und sprach: »Wie lange, o Herr, wie lange noch sollen die, so dein Werk mit unermüdlichem Eifer geschafft haben, in der Wildnis sich bergen müssen wie der gejagte Panther? Wie lange sollen sie fliehen müssen vor den Schergen der götzendienerischen Pharao, dessen schamlose Buhlerei und Tyrannei jetzt das Land verpestet, in welchem dein Erwählter, Cromwell, so herrlich gewaltet hat als ein gerechter Richter in Israel?« »Es war nicht das allein, Freund, obwohl ich sagen darf, daß ich so gut wie einer ein Herz habe für die Trübsale von Altengland. Aber es war nicht das allein. Das Zusammentreffen mit unsern Freunden rief mir eine Zeit ins Gedächtnis zurück, wo kaum ein Tag verging, ohne daß ich der Gast derer war, welchen im jetzigen Augenblick mein Haus nicht als Zufluchtsort anbieten zu können mir bitter wehtut, eine Zeit, sag' ich Euch, wo ich fühlte, daß ich hätte grenzenlos glücklich werden können, aber statt dessen sehr unglücklich wurde.« »Eitelkeiten des Fleisches,« murmelte Eaton und runzelte die Stirn. Allein Standish fühlte nun einmal das Bedürfnis, sich auszusprechen, fand daher für gut, die strenge Bemerkung seines Begleiters nicht zu beachten, und fuhr fort: »Duxborough, die alte Halle meiner Vorfahren, liegt nur eine kleine Meile von dem Wohnsitz des Mannes entfernt, welcher, vormals einer der angesehensten unseres Heimatlands, samt seinem Schwiegersohn jetzt keinen Fleck Erde hat, um sein greises Haupt in Frieden zur Ruhe zu legen. Ich kam häufig nach Whalley-Park, und bald mußte ich mir gestehen, daß ich in Betracht meiner Ruhe zu häufig hingekommen wäre. Bei meinem Gastfreunde lebten seine Tochter und zwei Enkeltöchter, weil das Haus des Schwiegersohns, welcher seines kriegerischen Berufes halber meistens abwesend war, für die Mutter und die Mädchen gar zu einsam gewesen wäre. Die jüngere derselben war damals noch ein bloßes Kind; es ist Kordelia, die Ihr kennt. Die ältere, Desdemona, war im Alter von sechzehn Jahren schön und herrlich wie unsere Stammmutter Eva vor dem Sündenfalle.« »Redet nicht weiter, redet nicht weiter. Ich kenne die unglückselige Geschichte. Die Weisheit und Tugend meines alten Freundes verkehrte sich in seiner Enkelin in Torheit und Sünde. Ein Hund von Franzose trat als Versucher zu ihr und entführte sie dem großväterlichen Hause. Es war eine schreckliche Prüfung für den Großvater und den Vater. Und doch – war es nicht zugleich eine gerechte Züchtigung? Hatten sie dem eitlen Tande der Welt nicht zu großen Raum in ihrem Hause gestattet? Hatten sie nicht die sündhafte Schwäche gehabt, der Mutter der beiden Mädchen ihr leichtfertiges Gefallen an den gotteslästerlichen Gaukelspielen des Lotterbuben, genannt William Shakespeare, nachzusehen? Hatten sie ihr nicht gestattet, die Torheit so weit zu treiben, daß das Weib ihren Töchtern Namen gab, welche aus den elenden Komödien jenes buhlerischen Sittenverderbers entlehnt sind?« »Ich will mit Euch darüber nicht rechten, Richter,« entgegnete Standish und gab sich keine Mühe, seinen Mißmut über diesen Ausbruch fanatischer Unduldsamkeit zu verbergen. »Ich weiß nur, daß die Mutter der Mädchen ihr Leben lang als das Muster einer Tochter und Ehefrau geachtet war. Und ferner weiß ich, daß ich, obgleich ich wußte, daß auch Desdemona häufig im Shakespeare las, den Tag gesegnet hätte, an welchem es mir vergönnt gewesen wäre, das Mädchen als meine Gattin in die Halle meiner Väter einzuführen. Ich Tor sah über die Ungleichheit des Alters hinweg und vergaß, daß die Augen eines sechzehnjährigen Mädchens nicht mit Wohlgefallen auf einer Gestalt ruhen konnten, wie die meinige ist. Mein Nebenbuhler hatte zu viele persönliche Vorzüge vor mir voraus.« »Ja, der Satan weiß seine Werkzeuge zu wählen. Doch tröstet Euch, wenn Ihr nicht längst getröstet sein solltet. Der Herr hat alles Wohl gemacht. Wäre Euer irdisches Streben Euch gelungen, so hättet Ihr wohl nie daran gedacht, Euch übers Weltmeer hierher zu der Verfolgten Gemeinde Gottes zu wenden, so wäre es Euch nicht vergönnt gewesen, in der Hand des Höchsten ein so kräftiges Rüstzeug für seine heilige Sache zu werden, ein Werkführer an dem Bau eines gottseligen Gemeinwesens, welches, mir sagt es der Geist, aller Feindschaft der Hölle und ihrer Anhänger zum Trotz in der Vollkraft des göttlichen Segens wachsen und gedeihen wird bis ans Ende der Zeiten.« »Ihr wollt Balsam in die alte Wunde träufeln, welche gestern abend wieder zu bluten angefangen hat; ich dank' Euch, Freund. Sie wird sich rasch wieder schließen, denn ich bin nicht so geartet, daß ich über verlorenes Liebesglück seufzen sollte wie die Schäfer in Sidneys Arkadia – verzeiht, daß ich abermals eines profanen Poeten erwähne. Was mir aber am Herzen liegt, ist das Schicksal des trefflichen Mädchens, welches mich gestern zu den Ihrigen geführt hat. Wie leicht kann eine unglückliche Schickung das gute Kind zur schutzlosen Waise machen!« »Laßt Euch das nicht bekümmern, Kapitän. Mein Haus ist kinderlos, da mein Sohn keine Kinder hinterließ, und ich sehe es fürwahr als eine Gabe des Herrn an, daß er mir Lovely unter mein Dach schickte. Sie soll meine Tochter sein, und es wird ihr auch dann, wann ich der irdischen Trübsal entnommen sein werde, an des Lebens Notdurft nicht fehlen. Das Kind ist in der Furcht Gottes erzogen und eine echte Frucht von dem alten guten Stamm seines Vaters und Großvaters.« »So ist es, und je mehr ich gestern auf unserem Gange nach der Höhle das reine Gemüt und den edlen Geist des Kindes lieben lernte, um, so mehr beunruhigte mich seine Zukunft. Doch nun Ihr es unter Euren väterlichen Schutz genommen, ist alles gut. Ich hoffe auch, daß unsere verfolgten Freunde nicht allzulange wie gehetztes Wild in Schluchten und Höhlen sich werden verbergen müssen. Die Wut der Verfolgung wird nachlassen, und wir werden den Flüchtlingen eine warme Stelle an unserem Herde bereiten können.« »Wir wollen Gott in Demut bitten, daß er es geschehen lasse. Einstweilen sind sie sicher da, wo sie sind. Nur Lovely, ich, mein vertrauter Knecht Obededom und jetzt Ihr kennen ihren Zufluchtsort, und sollte derselbe sonst einem unserer Brüder bekannt werden, so glaube ich nicht, daß unter den Bewohnern von Swanzey irgendeiner verworfen genug dächte, die Heiligen des Herrn an die Sendlinge des Mannes zu verraten, dem selbst ein Zeichen, wie es am dreißigsten Januar des gesegneten Jahres 1649 zu Whitehall geschah, nicht zur Warnung dienen mochte. Aber mir will scheinen, Kapitän, als ob wir alle schon abgewichen seien von den Wegen des Herrn, weil wir es nicht wagen, denen, die für unsere Sache in unserem schwergeprüften Heimatlande so mannhaft eingestanden, hier in den Zufluchtsstätten der verfolgten Kinder Israel offen unsern Schutz angedeihen zu lassen und den Schergen des ungläubigen Ahab zu sagen: Es sind unsere Brüder; so sie strafbar, sind wir es auch; wir stehen einer für alle und alle für einen.« »Die Zeiten sind jetzt schwer, Freund, und es geziemt denen, welchen von ihren Mitbürgern die Leitung der Kolonien anvertraut worden, neben dem Eifer auch die Klugheit walten zu lassen. Bedenkt, mehr noch durch List als durch Gewalt entging der Sohn Isai den Fangstricken Sauls. Und dann, wie wir es dermalen noch mit dem schwarzen Stuart und seinen Helfershelfern diesseits und jenseits des Meeres allein zu tun hätten, ja, so möchte ein unverhohlenes Auftreten in dieser Sache wohl zu wagen sein, aber es droht uns ja eine viel nähere Gefahr.« Hier trat eine kurze Pause in dem Gespräche ein, und die beiden Männer schritten nachdenklich nebeneinander über den Rasen dahin. Hierauf sagte Eaton: »Die Zeit der Heimsuchung ist wiedergekommen und wehe denen, welche Gottes Zorn unvorbereitet ereilt. Aber als Männer, welche mit den Anfechtungen dessen, der umhergeht wie ein brüllender Löwe, schon manch einen guten Kampf bestanden haben, wollen wir mit dem Schilde des Glaubens und dem Panzer des Vertrauens auf den, der uns arme Pilger der Wildnis bisher so wunderbarlich geleitet hat, uns gegen die nahende Prüfung rüsten.« »So wollen wir, und auch der weltlichen Rüstung sollen wir daneben nicht vergessen.« »Nein, obwohl dergleichen in den Augen des Herrn nur eitler Tand ist. Ihr wollt von den Gefahren sprechen, Kapitän, womit der rote Heide unsere Ansiedlungen bedroht. Lange schon hat der barmherzige Gott allen denen, die nicht blind sind gegen seine mahnenden Wunder, Zeichen und Warnungen offenbar werden lassen, welche verrieten, daß er sich wieder einmal aufmachen wolle, Gericht zu halten und die Spreu vom Weizen zu sondern.« »Wie meint Ihr das, Freund?« fragte Standish, welcher, obgleich ein entschiedner Anhänger der puritanischen Sache, dennoch von der finstern Schwärmerei und den subtilen Grübeleien, in welchen die meisten seiner Mitbürger so sehr sich gefielen, jederzeit sich ferngehalten hatte. »Wie ich das meine?« versetzte der Richter mit einem leisen Anflug von Mißbehagen in seiner Stimme. »So meine ich es, daß Zeichen und Wunder am Himmel und auf Erden geschehen sind die letzte Zeit her, welche uns hätten warnen sollen, dem Strafgerichte Gottes nicht unvorbereitet entgegenzugehen. Hat man nicht drüben in Rehoboth während des vergangenen Winters zu wiederholten Malen am hellen Tage deutlich einen indianischen Bogen in der Luft erblickt? Hat man nicht droben in der Baikolonie im Sausen der Frühlingsstürme hell und klar ein Getrappel und Gewieher vernommen als von zum Angriff stürmenden Reitergeschwadern? Aber am schreckbarsten wohl hat sich hier in Swanzey die bevorstehende Heimsuchung zum voraus angekündigt, denn beim letzten Vollmond sahen wir eine Erscheinung, die wohl geeignet war, jedes Herz mit Sorge und Schrecken zu erfüllen. Denkt Euch, Freund, in der klaren Mondscheibe erschien greifbar deutlich das Bild jener abscheulichen Trophäe, welche die roten Heiden, die Anbeter Molochs und Astarots, ihren getöteten Feinden zu entreißen pflegen.« »Das Bild eines Skalpes?« »Ja, ein Skalp, und greifbar deutlich, ich wiederhole es. Als meine Augen dieses Wunderzeichens ansichtig geworden, konnte ich keinen Augenblick mehr zweifeln, daß eine große Heimsuchung herannahe, und daß der Herr im Begriffe sei, die Rute der Züchtigung wider sein Volk zu erheben.« Ein kaum merkliches Lächeln machte die Mundwinkel des Kapitäns für einen Moment zucken, während ihm sein Begleiter mit dem ganzen Ernste gläubigster Überzeugung diese wunderbare Skalpgeschichte mitteilte. Weil aber seine Achtung vor Eaton zu groß war, als daß er auch nur den leisesten Zweifel hätte laut werden lassen mögen, hielt er es für angemessen, nicht weiter auf die Sache einzugehen, und sagte daher: »Gott hat uns in seiner Güte auch andere Mahnungen und Warnungen zugehen lassen. Selbst in den Reihen unserer Feinde hat er uns einen Kundschafter erweckt, welcher uns über die bösen Anschläge der Feinde Aufschlüsse gab. Ihr habt ohne Zweifel davon gehört, Richter?« »Nichts Bestimmtes. Mein Sinn war in letzter Zeit vielleicht mehr, als er sollte, von den Angelegenheiten unserer Brüder abgezogen. Ich fürchte, daß ich ob der Hingabe an meinen selbstischen Schmerz meine Pflichten als Richter und Ältester dieser Gemeinde in strafbarer Weise vernachlässigt habe.« »Ihr tut Euch Unrecht an, Freund. Wollte Gott, daß alle Leiter der Gemeinwesen dieser Kolonien an Eifer und Tätigkeit für das gemeine Beste dem Richter von Swanzey gleichkämen. Da Ihr aber in Eurer Zurückgezogenheit von dem neuesten Stande unserer Verhältnisse zu den Indianern nicht genau unterrichtet sein mögt, so will ich das nötige kurz mitteilen. Der Wampanog Metakom, welchen wir König Philipp zu nennen pflegen –« »Fluch sei diesem Nabuchodonosor der Wälder!« murmelte Eaton zwischen den Zähnen. »Ja, der falsche Heide scheint allen Ernstes über einem Werke der Finsternis zu brüten, obgleich die Kolonien bisher allen seinen billigen Wünschen Rechnung getragen und noch jüngst einigen seiner Beschwerden, welche irgendwie begründet waren, abgeholfen haben. Man muß sagen, daß nicht alle unsere Brüder im Verkehre mit den Eingeborenen jederzeit der Stimme der Klugheit und Gerechtigkeit die gehörige Achtsamkeit geschenkt haben, allein ebenso wahr ist es, daß im ganzen die Indianer von seiten der Kolonisten mit hilfreicher und dienstbereiter Freundlichkeit behandelt worden sind. Der Sohn Massasoits hat aber einen viel ehrgeizigeren und gewalttätigeren Sinn als sein Vater, und es scheint keinem Zweifel zu unterliegen, daß er sich geradezu mit dem Plane trägt, alle Weißen in Neuengland auszurotten. Die ausgezeichneten Gaben, welche er besitzt, hat er dazu angewandt, ein großes Verbündnis unter den Rothäuten zu stiften. Nicht nur hat er die Stämme der Pokanoketen unbedingt seiner Herrschaft zu unterwerfen gewußt, sondern es steht auch zu befürchten, daß er den feurigen und kühnen Sachem der Naragansetter völlig in sein Interesse zu ziehen gewußt hat, und leider müssen wir uns gestehen, daß Kanonchet vollwiegenden Grund zur Rachelust hat.« »Ihr meint von wegen der Tat auf der Sachemsebene, Kapitän. Aber hat nicht der Herr geboten, die Brut der Götzendiener hinwegzutilgen von der Oberfläche der Erde?« »Wohl, Richter, aber trotzdem glaube ich, daß man mit Miantonomo nicht ganz so verfahren ist, wie es Christen geziemte. Doch geschehene Dinge lassen sich nicht ändern. Die Regierungen der Kolonien haben wahrgenommen, daß seit einiger Zeit unter den Eingeborenen von ganz Neuengland ein ungewöhnlich bewegtes und gärendes Leben und Treiben stattfindet. Der Trotz, womit die Häuptlinge auftreten, und andere Symptome verraten, daß die Heiden zu einem gewaltsamen Ausbruche sich bereiten. Die Leiter der Baikolonie wie die von Plymouth und Konnektikut gaben sich Mühe, den Umtrieben Philipps auf die Spur zu kommen, aber der schlaue Wilde wußte diese Bemühungen lange zu vereiteln. Endlich verschaffte uns John Sasamon einen Einblick in das dunkle Gewebe indianischer Ränke.« »John Sasamon, der verworfene Abtrünnige?« »Dieser Indianer war ein Abtrünniger, gewiß, denn er entwich nach seiner Bekehrung durch den trefflichen Elliot wieder in die Wälder, um sein altes Vagabundenleben fortzusetzen. Allein die Reue faßte ihn, er kehrte zu uns zurück, tat in strengster Form Kirchenbuße und wurde ein gesegneter Gehilfe seines Bekehrers. Auf einem seiner Bekehrungsgänge traf er zufällig mit seinem alten Bekannten Metakom und andern Häuptlingen zusammen, und seine Klugheit wußte bei dieser Gelegenheit zu erkunden, daß ein großer Schlag gegen die Weißen im Werke sei. Sofort machte er von dem, was er gehört, gesehen und erraten, dem Governor von Plymouth, unserem Freunde Winslow, ausführliche Anzeige. Aber drei Tage darauf wurde er von drei Indianern grausam ermordet. Zwei der Mörder gelang es zu fangen, und sie erlitten den Tod, wie Rechtens. Der dritte aber entkam, und es war dies kein anderer als Metakoms vertrautester Unterhäuptling, der teuflische Annawon. Demnach steht fest, daß die mörderische Tat von Philipp angestiftet oder geradezu befohlen worden ist, obgleich die zwei Erwischten jedes Zeugnis gegen ihren Sachem verweigerten, sogar auf der Folter, ein Beweis, in welchem Grade dieser Heide die Gemüter seiner Leute seinem überlegenen Willen untertan zu machen versteht.« »O, Satan hat zu allen Zeiten seinen Anhängern die Macht der Verführung gegeben. Doch sprecht, Kapitän, welche Maßregeln hat die Regierung der Kolonie auf Sasamons Eröffnungen hin getroffen?« »Vorerst die, alle Gemeinden zum Aufsehen zu mahnen, Waffenübungen für die Milizen anzuordnen und den Brüderkolonien Nachricht von der bedrohlichen Gefahr zu geben. Ich selbst bin, wie Ihr wißt, auf einer Rundreise begriffen, um in allen Niederlassungen nach den Vorräten von Waffen und Munition zu sehen, die waffenfähigen Männer zu mustern und nötigenfalls da und dort Anstalten zum Widerstande zu treffen. Zu meinem Bedauern muß ich jedoch sagen, daß der Vorfall mit Sasamon die Leiter der Kolonie mit fast zu ängstlicher Besorgnis erfüllt hat. Namentlich wirkt die Wahrnehmung, daß Philipp auf eine uns rätselhafte Weise so schnell von den Angaben Sasamons Kenntnis erhalten hatte, sehr niederschlagend, weil daraus hervorgeht, daß die Fühlfäden seiner Schlauheit bis in unsere Mitte sich erstrecken.« »Die List der Bösen wird zu schanden werden an mir, spricht der Herr, und wohl dem, der seiner Verheißung vertraut. Ja,« fuhr der Greis fort, seine hohe Gestalt aufrichtend und mit dem ganzen Feuer jener kriegerischen Begeisterung, welche dem Puritanismus so außerordentliche Erfolge verschafft hatte, »ja, laßt den blutigen Heiden ankommen! Er soll in uns Männer finden, welche allen seinen Teufeleien Trotz zu bieten wissen. Der Herr hat uns hierher geführt in dieses Land als in ein neues Kanaan, welches er seinem erwählten Volke bereitet hat. Redlich haben wir diesen Boden erworben, mit unserem Schweiße haben wir ihn gedüngt, mit unserer Hände Arbeit ihn urbar gemacht. Fest wollen wir darauf stehen und uns von keinem davon verdrängen lassen, von keinem, und wäre er auch verbündet mit allen Mächten der Hölle!« »Amen,« sprach der Kapitän und schlug an sein Schwert, daß es freudig in der Scheide klirrte; »Amen von ganzem Herzen. Aber seht, was kommt denn dort für ein wunderlicher Geselle daher?« Eaton folgte mit den Augen der auf den nächsten Waldvorsprung deutenden Hand des Freundes und sagte dann: »Das ist ja fürwahr der alte Blackstone. Sicherlich hat seine Erscheinung etwas zu bedeuten, denn ohne gewichtigen Grund hätte der menschenscheue Einsiedler seine Wälder nicht verlassen. Seht, er hat uns wahrgenommen und kommt gerade auf uns zu.« 3. Und als wir watend durch die Furt nun setzten, Voran den Führer, den vorsicht'gen Schreiter, Da spornte jenseits einen schaumbenetzten, Langmähn'gen Rappen ein Savannenreiter. Gedrungne Formen, Glieder wie von Erze, Lichtblaues Jagdhemd mit scharlachner Franse, Buntfarb'ges Tüchlein um des Haares Schwärze, So kam er näher mit gefällter Lanze. Im Flug nur, schien es, wollt' er uns betrachten; Umsonst hinüber sandt' ich Ruf und Zeichen. Er sah mich winken, ohne drauf zu achten, Wandte sein Roß und trat es in die Weichen. Freiligrath. Der Herankommende war, schon seiner äußern Erscheinung wegen, von Standish nicht mit Unrecht als ein wunderlicher Geselle bezeichnet worden. Eine lange, hagere Greisengestalt, saß er auf einem kleinen, munter ausschreitenden Ochsen, welchen er mittels eines durch den Nasenring des Tieres gezogenen Strickes lenkte. Das gehörnte Roß und sein Reiter schienen sich gegenseitig vortrefflich zu verstehen und durch die Gewohnheit eines langen Umgangs miteinander vertraut worden zu sein. Wenn sein Alter nicht im Wege gestanden, hätte unser Reisender kein übles Bild von einem Johannes in der Wüste dargeboten, so primitiv sah sein Anzug aus, so abgewettert sein Gesicht, von welchem ein langer grauer Bart in zwei nicht sehr gepflegten Strängen bis auf den Ledergürtel herabfiel, welcher seinen abgetragenen, ehemals schwarzen, jetzt aber in allen Farben spielenden Leibrock zusammenhielt. Seine langen Beine staken in Beinkleidern von Hirschhaut und die ungeschlacht großen, fast den Boden berührenden Füße in Mokassins desselben Stoffes. Er hatte eine alte langläufige Büchse auf dem Rücken hängen und trug in der Hand einen kurzen Stab mit eiserner Spitze, welcher die Dienste von Reitpeitsche und Sporen versehen mußte. Lange Jahre hindurch war der Vater Blackstone – so wurde er allgemein genannt – in diesem Aufzuge im Innern der Kolonien von Neuengland eine bekannte und überall willkommene Erscheinung. Früher daheim in England ein wohlbestallter Pfarrer der bischöflichen Kirche, hatten ihn die ungerechten Plackereien von seiten des Oberhauptes seiner Diözese veranlaßt, jenseits des Ozeans nach einer friedlicheren Existenz sich umzusehen. Er schloß sich zwar keiner der puritanischen Gemeinden an, lebte aber mit allen im besten Einverständnis, das um so leichter aufrecht zu erhalten war, als Blackstone mit den Kolonisten nur selten in nähere Berührung kam. Von ungewöhnlicher Liebe zur Einsamkeit getrieben, hatte er sich in die dichtesten Forste südlich vom Charlesflusse zurückgezogen. Dort lebte er in einer eigenhändig erbauten Blockhütte vom Ertrage eines Gartens, welchen er mit unendlicher Mühe und Sorgfalt angelegt und in welchem er eine Obstkultur zuwege gebracht, die im ganzen Lande nicht ihresgleichen hatte. Zwei junge Ochsen hatte er sich, den einen zum Lasttier, den andern zum Reitpferd, abgerichtet, und man wußte außerdem Wunderdinge zu erzählen von der Geschicklichkeit, womit er junge Bären, Elentiere, Vögel und anderes Getier zu zähmen und zu anstelligen Genossen seines einsamen Lebens zu machen verstand. Nur ein paarmal im Jahre pflegte er in den Ansiedlungen zu erscheinen, um sein Obst, seine Sämereien, seine Honigwaben gegen sonstige Bedürfnisse der höchst einfachen Lebensweise, welche er führte, auszutauschen, und bei solchen Gelegenheiten wurde er namentlich von den Kindern, welchen er allerlei hübsche Raritäten und gute Sächelchen mitzubringen pflegte, jubelnd begrüßt. Im übrigen war er trotz seiner Menschenscheu durchaus kein sauertöpfischer, sondern im Gegenteile ein heiterer, jovialer, dem Scherze geneigter Mann. Als der des schwierigen Terrains ungeachtet rüstig vorwärts trabende Bukephalos – diesen klassischen Namen hatte der Einsiedler seinem Ochsen gegeben – in einer Entfernung von einigen hundert Schritten die beiden Männer erblickte, stand er still, wandte den Kopf nach seinem Reiter zurück und ließ ein dumpfes Gemuhe hören. Ein leichtes Schütteln mit dem Stricke von seiten Blackstones setzte aber das Tier sogleich wieder in Gang, und in der nächsten Minute trafen die drei zusammen. Die Begegnung war von beiden Seiten eine höchst freundliche. Selbst Eatons strenge Züge milderten sich beim Anblick des alten Bekannten, und er sagte in einem leichteren Tone, als ihm gewöhnlich eigen war: »Willkommen Vater Blackstone, willkommen in Swanzey. Welcher gute Wind hat Euch denn so weit nach Süden herabgeweht?« »Hm, Richter,« versetzte der Anachoret, das rechte Bein mit großer Gelenkigkeit über den rohgearbeiteten Holzsattel hebend und absteigend, »hm, vermute fast, der Wind, der mich so weit südwärts trieb, möchte Euch nicht viel Gutes bringen.« »Wie meint Ihr das, alter Freund?« »Ja, das ist nicht so bald gesagt, und wir täten vielleicht gut, in Euer Haus zu gehen, denn ich möchte meinen Neuigkeitssack nicht so ohne alles weitere auf öffentlichem Felde ausleeren.« Ein zweifelhafter Blick auf Standish begleitete diese Worte Blackstones. »Laßt Euch die Gegenwart meines Freundes hier nicht anfechten, Vater Blackstone,« sagte der Richter. »Es ist der Kapitän Sir Miles Standish von der Plymouthbai, dessen Name Euch wohl auch schon zu Ohren gedrungen ist.« »Freilich, freilich, müßte ja taub sein, so ich noch nie von dem kleinen Feuerspeier gehört hätte. Verzeiht, Kapitän, so nennen Euch die Roten, und versichere Euch, sie tun's mit dem gehörigen Respekt. Sie haben einen tüchtigen Zahn auf Euch, fürchten Euch aber ganz passabel.« Standish gab dem Alten lachend die Hand und sagte: »Habt Ihr mir vielleicht Grüße von meinen rothäutigen Freunden zu bestellen?« »Das nicht, nein, aber ich fürchte fast, sie möchten Euch diese Grüße demnächst persönlich überbringen, und ihre Ansprache dürfte nicht die freundlichste sein. Doch genug des Scherzes,« fuhr der Einsiedler fort, und sein Gesicht wurde ernst. »Es geziemt mir nicht, in spaßhaftem Tone zu sprechen, da ich der Überbringer bedenklicher Neuigkeiten bin.« »Sprecht Freund,« sagte Eaton. »Was führt Euch hierher?« »Die Besorgnis um das Heil der Kolonisten, Richter. Ihr wißt, ich gelte etwas bei den Roten, weil ich mich allen jederzeit freundlich erwiesen und vielen in Krankheitsfällen beigestanden bin. Außerdem halten sie mich für einen großen Medizinmann oder Powow, was freilich unter Christenmenschen keine große Ehre ist, denn so, wißt Ihr, nennen die armen verblendeten Leute ihre armseligen Gaukler. Indessen verleiht mir der Ruf, in welchem ich stehe, Ruhe und Sicherheit in meiner Zurückgezogenheit, und so halte ich mich nicht für verpflichtet, gegen den Titel eines Medizinmannes ausdrücklich zu protestieren. – Ich sehe an Eurer gefurchten Stirn, was Ihr darüber denkt, Richter, allein erinnert Euch an den Spruch Christi: Seid klug wie die Schlangen. – Nun wohl, schon den ganzen Winter über hatte ich Gelegenheit zu bemerken, daß ein ungewöhnlich bewegtes Leben unter den Eingeborenen angefangen habe. Meine Siedelei ist eine Art neutraler Boden für alle Weißen und Roten, welche zwischen dem Charlesfluß, dem Pawtucket und dem Taunton nord- oder südwärts, ost- oder westwärts wandern, und die häufige Einkehr hätte mich schon längst dazu gebracht, mein Zelt abzubrechen und es weiter westwärts in die Wälder hineinzutragen, wenn ich's über mich gewinnen könnte, meine prächtig herangewachsenen Obstbäume zu verlassen.« »Ja, man weiß, daß Ihr lieber mit Bäumen und Tieren umgeht als mit Menschen, alter Freund,« warf hier der Richter ein. »Und warum nicht? Sind Bäume und Tiere doch auch Geschöpfe Gottes und dann, wißt Ihr? die haben mir nie Verdruß gemacht. Doch ich fahre in meiner Historie fort. Es war da die letzten Monate her ein Hin- und Hergehen von Boten und Läufern, ein Anzünden von Ratsfeuern, ein geheimnisvolles Getue und Wispern unter den Roten, daß ich bei mir denken mußte: Alter Blackstone, die Heiden haben etwas vor, etwas, was den Ansiedlern gilt; denn der friedliche und freundschaftliche Verkehr, welcher sich sozusagen unter meinen Augen zwischen Stämmen angesponnen, welche sich früher bitter haßten und verfolgten, läßt die Annahme nicht zu, daß es sich nur um eine der gewöhnlichen Familienzänkereien der Indianer handle. Während ich mich nun anstrengte, zu ergattern, warum, wie und wann der Tomahawk gegen die Weißen erhoben werden sollte, wurde in voriger Woche meine Siedelei mit einem Besuche beehrt, der mich anfangs ganz perplex machte, hernach aber mir die Überzeugung beibrachte, daß ein umfassender, höchst feindseliger Plan gegen die Kolonien im Werke sein müßte. Denkt Euch, ich war gerade in meinem Garten beschäftigt, einen jungen Birnbaumstamm zu veredeln, als ich meine Hunde anschlagen, meine Bären brummen und fast zu gleicher Zeit eine Frauenstimme von wunderbar lieblichem Klange zu mir sagen hörte: ›Guten Morgen, Vater Blackstone.‹ Ich schaute auf und über die Fenz, herein blickte eine Dame, die auf einem hübschen Pony saß und mir freundlich zunickte, wie einem alten Bekannten. Hatte sie aber mein Lebtag noch nie gesehen, hatte überhaupt noch nie eine so schöne Lady gesehen. Mußte auch ihrem Anzug und ihrer ganzen Haltung nach eine wirkliche und wahrhafte Lady sein. Nahm sich ganz prächtig aus in ihren Gewändern von Sammet und Seide, hatte etwas so Anmutiges und doch auch wieder etwas so Majestätisches an sich.« »Spiegelfechterei der Hölle!« murmelte Eaton und sagte dann laut und mit großem Ernste: »Vater Blackstone, ich fürchte, Ihr habt in letzter Zeit unter Euren Bäumen und Bestien allzusehr vergessen, daß der Christ unablässig mit Wachen und Gebet wider die Versuchungen des bösen Feindes ringen soll. Darum hat er Euch denn heimgesucht mit seinen höllischen Gaukeleien.« »Nein, Richter, es war keine höllische Gaukelei. Die fremde Dame war, wenn auch engelschön, dennoch ein Wesen von Fleisch und Blut, so gut wie Ihr und ich.« »Wie sollte ein solches Weib in Eure wilden Hinterwälder kommen?« »Die Fremde kam nicht allein. Sie hatte tapfere und in den Wäldern wohlbekannte Männer zum Geleite. Mit ihr kamen zwei berühmte Jäger, ein alter von furchtbarem Aussehen, den die Rothäute Mato, das ist der graue Bär, nennen –« »Mato?« fragte Standish. »Mir ist, als hätte ich drunten an der Naragansettbai den Namen nennen hören.« »Das kann wohl sein, Kapitän. Der Jäger ist weitum bekannt, bei den Naragansettern und Wampanogen sehr geachtet und beliebt, von den Pequoden dagegen gefürchtet wie der Teufel. Übrigens ist er ein alter Bekannter von mir, ein Holländer von Geburt, Willem Klopper, sonst auch Groot Willem geheißen.« »Groot Willem?« schrie der Richter auf, seine Selbstbeherrschung für einen Augenblick vergessend. Ja, nun handelt es sich fürwahr um ein teuflisches Werk, da dieser Ungläubige und Gottesleugner mit dabei ist.« Blackstone sah den Aufgeregten verwundert an, dieser aber bemeisterte sich rasch wieder und sagte: »Fahre fort, Freund.« »Den jüngeren Jäger, welchen Willem wie seinen Sohn hält, nennen die Indianer das Goldhaar, weil das Haar des stattlichen Jünglings in der Tat einen goldblonden Schimmer hat. Ich weiß weiter nichts von ihm, obgleich er schon früher dann und wann bei mir einsprach.« »Also mit diesen beiden kam die fremde Lady?« »Ja, aber nicht mit diesen allein. Es war bei ihr auch ein Mann von seemännischem Gebaren und einer so gebieterischen Haltung, daß mir schien, er sei gewohnt, vom Hinterdeck eines Orlogschiffes herab Befehle zu erteilen. Ich weiß nicht recht, war er der Bruder oder der Mann der Lady, jedenfalls behandelte er sie mit außerordentlicher Zartheit und Achtung. Seine Manieren waren die eines Franzmanns, und als solchen verriet ihn auch die Art und Weise, wie er das Englische sprach. Groot Willem redete ihn mit Kapitän an, aber der jüngere Jäger nannte ihn einmal – ja, wartet – richtig, er nannte ihn einmal De Lussan.« »De Lussan?« fuhr nun seinerseits Standish auf, als hätte ihn unversehens eine Natter gebissen. »De Lussan? Wie, Mann, hörtet Ihr recht?« Die Lippen des Fragenden zuckten, und seine Augen schossen Blitze unter den zusammengezogenen Brauen hervor. »De Lussan?« fragte auch Eaton. »Wie, ist das nicht der Name des Franzosen, welcher –« »Still, mein Freund,« fiel ihm Standish mit einer abwehrenden Gebärde ins Wort. »Und Ihr, Vater Blackstone, besinnt Euch, habt Ihr wirklich den fraglichen Namen deutlich gehört?« »So deutlich, wie gerade jetzt der meinige aus Eurem Munde ging. Der Mann scheint aber mehrere Namen zu führen.« »Welchen noch?« »Ihr sollt es sogleich hören. Zuvörderst aber muß ich berichten, daß die Dame noch einen weiteren Begleiter hatte. Wer der war, würdet Ihr wohl schwerlich erraten.« »Haltet uns nicht auf, sprecht, sprecht!« sagte Slandish in heftiger Aufregung. »Es war kein anderer als der kühne Kanonchet, Sachem der Naragansetter.« Das Erstaunen der Zuhörer des Einsiedlers steigerte sich immer mehr. »Die Lady,« fuhr Blackstone fort, »sprach mich um Gastfreundschaft an und rastete in meiner Hütte, während sich die Männer im Garten unter einem Baume niederließen und ein flüsterndes Gespräch führten. Nach einigen Stunden erschien ein Läufer Kanonchets mit einer Meldung, und wenige Minuten darauf hielt ein ziemlich starker Indianertrupp am Eingange der Lichtung, auf welcher meine Siedelei steht. Ein Häuptling von imponierendem Aussehen sonderte sich von dem Haufen und kam auf die Hütte zu. Ich erkannte ihn auf der Stelle: es war der Sachem der Wampanogen, Metakom, welchen wir König Philipp zu nennen pflegen. Der Naragansett ging ihm entgegen, um ihn zu empfangen, und die beiden mächtigen Häuptlinge begrüßten sich mit würdevoller Freundlichkeit, worüber ich mich höchlich verwunderte, denn die beiden Stämme haben sich ja seit alter Zeit gehaßt und befehdet. Nach geschehener Begrüßung schritten sie nebeneinander dem Garten zu, und da hörte ich Metakom seinen Begleiter fragen: ›Ist el Exterminador angekommen?‹ – ›Ja,‹ erwiderte Kanonchet, ›der Häuptling des Donnerschiffes ist hier und erwartet meinen Bruder Metakom.‹« »El Exterminador?« rief Standish aus. »Ihr erzählt uns Rätsel über Rätsel. El Exterminador, der Häuptling des Donnerschiffes? Das Wort ist spanisch und bedeutet: der Vertilger. Diesen Namen aber führt der verwegene Flibustier, welcher sich in der westindischen und mexikanischen See einen furchtbaren Ruf erworben hat. Die Kolonien sind voll von Erzählungen seiner Taten, und es kommt kaum ein Schiff aus dem Süden her in unsere Häfen, ohne eine neue Geschichte von dem Piraten mitzubringen, welchem die Spanier, seine Todfeinde, jenen bezeichnenden Namen gegeben. De Lussan und el Exterminador eine und dieselbe Person? Wunderbar, wunderbar! Doch sagt, hattet Ihr nicht Gelegenheit, den Namen der Lady zu vernehmen?« »O doch! Der Franzmann nannte sie Ih-nis-kin.« »Ih-nis-kin? Mit diesem wunderlichen Namen weiß ich nichts zu machen.« »Es ist ein indianischer Name, müßt Ihr wissen, Kapitän. Ich bin mit dem Kauderwelsch der Rothäute ziemlich gut bekannt, und so kann ich Euch sagen, daß Ih-nis-kin Kristall bedeutet.« »Kristall? Vater Blackstone, erinnert Ihr Euch nicht, von welcher Farbe die Haare und die Augen der Lady waren?« »Freilich, wenn Euch das Vergnügen macht. Ihre Augen hatten den dunkelbraunen Schmelz der Augen einer jungen Hindin, ihr Haar aber war rabenschwarz,« »Das trifft zu, das trifft zu,« murmelte Standish in sich hinein. »Sollte es wahr, sollte es möglich sein?« »Was Kapitän?« »Nichts, Freund. Erzählt weiter.« »Ja, ich habe nicht eben viel noch zu erzählen. Die Fremden hielten alle zusammen eine Beratung, welcher auch die Lady beiwohnte. Ich konnte aber die Gesellschaft bloß aus der Ferne beobachten, denn eine gebieterische Bewegung Metakoms verbot mir, näher zu treten. Nur so viel bemerkte ich, daß die Verhandlung lange dauerte, daß zuerst Uneinigkeit in der Gesellschaft zu herrschen schien, daß die beiden Häuptlinge der einen, die übrigen der andern Meinung waren, daß der Franzmann und der junge Jäger lebhaft auf die beiden Sachems hineinsprachen, noch lebhafter aber die Lady, die endlich die Hände der Wilden ergriff und ihnen ein Versprechen abzunötigen schien, welches sie zuletzt auch zu geben schienen, Metakom jedoch nur nach langem Widerstreben. Gegen Abend zu verließ die ganze Gesellschaft, nachdem sie ein Mahl eingenommen, wie ich es zu geben vermochte, meine Siedelei. Die Lady dankte mir mit holdseligen Worten, und der Franzmann warf beim Weggehen ein halb Dutzend goldener Louis auf den Tisch. Metakom aber winkte mich noch beiseite und sagte mit der ihm eigenen nachdrücklichen Betonung zu mir: ›Mein Vater war stets ein Freund der roten Männer. Er bleibe es. Er vergesse, wen er heute in seinem Wigwam gesehen. Sein Haupt ist grau, und er ist weise: er denke daran, wie es dem Hund Sasamon erging, der den Blaßgesichtern von Plymouth Lügen über seine Stammgenossen in die Ohren flüsterte.‹ – ›Sasamon?‹ entgegnete ich. ›Ich weiß nichts von Sasamon, Sachem. Wie erging's ihm denn?‹ – ›Der Tomahawk der Wampanogen fand den Weg zum Gehirne des Verräters,‹ erwiderte der Häuptling mit einem seiner schrecklichen Blicke und eilte den andern nach. – Als das Grün des Waldes meine Gäste verschlungen hatte, ward mir wahrhaftig ganz wirbelig in meinem alten Kopfe. Ich wußte mir nicht zu raten, noch zu helfen, aber der Gedanke ließ mir keine Ruhe, daß aus der Vereinigung so vieler fremdartiger Elemente, wie sie heute in meiner Siedelei stattgefunden, den Kolonien Unheil entstehen müsse. Die Drohung Metakoms bestärkte mich noch in dieser Vorstellung, und so sattelte ich am andern Morgen in aller Frühe meinen Bukephalos und machte mich nach den Ansiedlungen auf, damit den Bewohnern derselben die Erzählung des von mir Erlebten vielleicht zu rechtzeitiger Warnung dienen möchte. Ich nahm meinen Weg über Providence, denn mir war unklar im Geiste, und ich wollte vor allem den Rat meines Freundes Roger Williams einholen.« »Da wart Ihr auf dem unrechten Wege, Bruder Blackstone,« sagte Eaton streng. »Es geziemt sich nicht für einen Mann in Euren Jahren, Gemeinschaft mit solchen zu haben, welche der Bund der Gläubigen als Irrlehrer und Unruhstifter ausgestoßen hat.« »Freund,« entgegnete der Einsiedler lebhaft, »ich will über Euer Verfahren gegen Roger Williams nicht mit Euch rechten. Aber niemand soll je von dem alten Blackstone sagen, daß er alten Freundschaften untreu geworden. Williams hat mir große Dienste erwiesen, und ich ehre und liebe ihn. So sollten auch billig die Leute in den Ansiedlungen tun, denn Williams ist auch jetzt noch mehr für ihr als für sein eigenes Wohl besorgt und hat diese Gesinnung bei jeder Gelegenheit durch die Tat erwiesen.« »Das ist wahr,« bestätigte der Kapitän. »Williams hat sich große Verdienste um die Kolonien erworben, und manchmal will mir scheinen, er sei von den Leitern unserer Kirche mit mehr Härte als christlicher Liebe behandelt worden.« Eaton wollte etwas erwidern, aber Blackstone schnitt ihm das Wort ab, indem er in seiner Erzählung fortfuhr: »Ich traf Williams krank und leidend. Wäre er das nicht gewesen, so hätt' ich ihn gar nicht getroffen, denn er würde sich, wie er sagte, selber aufgemacht haben, um seine Brüder in den Ansiedlungen vor den Gefahren zu warnen, welche von seiten der Indianer sie bedrohten. Mancherlei Symptome hatten ihm das Herannahen dieser Gefahr angezeigt und er hatte sie, gestützt auf das hohe Ansehen, dessen er bei allen Stämmen der Eingeborenen von Neuengland genießt, zu beschworen versucht, namentlich mittels seines sonst so bedeutenden Einflusses auf den Sachem der Naragansetter. Aber er fand diesen verschlossen und unzugänglich, obwohl ihm persönlich noch immer sehr freundlich gesinnt. Williams ist überzeugt, daß Metakom mit den Schlingen seiner Schlauheit den Naragansett umgarnt und den kühnen Ehrgeiz des letzteren zum Verderben der Kolonie benutzen will. Er wurde sehr traurig, als ich ihm von der Zusammenkunft sprach, welche in meinem Hause stattgefunden, sowie von dem kleinen Abenteuer, welches ich unterwegs noch gehabt.« »Was war das?« fragte Standish. »Ich kam am Mount Wallaston vorüber, welchen Ort die törichten Leute, die dort ihr ausgelassenes Wesen treiben, Merry-Mount (der lustige Berg) genannt haben.« »Mount Dagon sollte er heißen,« murmelte Eaton zornig. »Ich mag mit Tom Morton und seiner tollen Bande nichts zu schaffen haben, und so trieb ich den Bukephalos an, rasch an der Ansiedlung vorüberzugehen. Allein Morton stand gerade unter der Tür und nötigte mich fast mit Gewalt zur Einkehr, um, wie er sich ausdrückte, einen Becher Hippokras auf das Wohl König Karls und einen zweiten auf den Untergang aller psalmierenden Nasenfistulierer zu trinken.« »Verderben über die Söhne Moabs und Amaleks!« sagte der Richter. »Es herrschte ein heilloser Lärm in dem Fort,« fuhr Blackstone fort. »Sie hielten gerade wieder eine ihrer zügellosen Schlemmereien. Trunkene Indianer taumelten durch die Gänge, und im Hofe tanzten Mortuns Spießgesellen mit indianischen Weibern einen unzüchtigen Tanz um einen frischgepflanzten Maibaum her.« »Greuel der Abgötterei!« rief Eaton ingrimmig aus. »Da seht Ihr, Kapitän, die Folgen der unzeitigen und sündlichen Nachsicht, welche die Regierung der Kolonien gegen diese Rotte Korah hegte und hegt. Ist nicht jede Heimsuchung, die der Herr uns bereitet, eine nur allzu verdiente, wenn wir es dulden, daß der Boden des Landes der Pilgrime mit solchem heidnischen Frevel befleckt wird? Fürwahr, eine strenge Züchtigung ist uns vonnöten, um uns zu dem Eifer und der Lauterkeit der Gründer dieser Ansiedlungen zurückzuführen.« »Ihr habt recht, Freund,« versetzte der Kapitän. »Es ist ein großer Fehler begangen worden, fürcht' ich, daß der verworfene Morton und seine schändlichen Gesellen so lange im Lande geduldet wurden.« »Ja, es ist eine verderbliche und gefährliche Bande,« sagte Blackstone. »Sie ziehen nicht nur alles Gesindel von ganz Neuengland an sich, stecken nicht nur die Eingeborenen mit ihren Lastern an, sondern treiben auch dem Verbot der Kolonialregierungen zum Trotz einen Handel mit Feuergewehren, Pulver und Blei, so daß bei den Indianern immer mehr die Büchse an die Stelle des Bogens tritt. Außerdem haben sie ihrer feindseligen Gesinnungen gegen die Kolonisten gar kein Hehl mehr, und ein prahlerisches Wort Mortons hat mich sehr besorgt gemacht. Der Mann war freilich stark betrunken, wie er es fast immer zu sein pflegt. Er ließ nicht ab, bis ich, um nur wieder von ihm loszukommen, einen Becher angenommen. Dann führte er mich im Hause umher und zeigte mir drei oder vier Kisten voll neuer und, soviel ich davon verstehe, trefflich gearbeiteter Feuergewehre und sagte: ›Seht, alter Pfaffenbart, diese Dinger da sollen die näselnden Psalmenorgler aus Neuengland wegblasen, und dann wollen wir das lustige Leben von Altengland überall etablieren.‹ – ›Bah,‹ entgegnete ich, ›Feuergewehre bedürfen geschickter Hände.‹ – ›O,‹ sagte er, ›macht Euch keine Sorge drum. Die Hände werden sich finden, weiße und rote, versichere Euch. Habt Ihr schon einmal vom el Exterminador gehört?‹ – ›Nein,‹ erwiderte ich möglichst unbefangen. – ›Nicht? Nun Ihr werdet wohl bald von ihm hören und von Tom Morton und sonst noch von allerlei Leuten.‹« »Richter,« sagte der Kapitän, als Blackstone seine Erzählung beendigt hatte, »dieser Schurke Morton hat in seinem Rausche Worte gesprochen, die für uns kostbar sind. Alles zusammengehalten, was unser Freund hier uns mitteilte und was wir außerdem noch in Erfahrung gebracht, scheint es keinem Zweifel zu unterliegen, daß ein Komplott gefährlichster Art gegen die Kolonien existiert und vielleicht eher, als wir glauben möchten, zum Ausbruche kommen wird.« »Dies ist auch die Meinung von Roger Williams,« bemerkte der Einsiedler. »Er hat daher ungesäumt Eilboten nach Konnektikut hinüber und nach Massachusetts hinauf abgesendet, um Warnungen in die Ansiedlungen zu bringen; mich aber bat er, zum nämlichen Zwecke in die Niederlassungen von Plymouth herüberzugehen, und da bin ich.« »Ihr habt Euch durch Euren Botenritt verdient gemacht um die Gemeinde des Herrn,« sagte Eaton, »und er wird an dem Tage der großen Rechenschaftsablegung dessen eingedenk sein. – Kapitän, was ist bei so bewandten Umständen an unserer Stelle zunächst von uns zu tun?« »Wir müssen zunächst,« lautete die Antwort des Gefragten, »die angeordnete Musterung beschleunigen. Der Zusammentritt der waffenfähigen Mannschaft von Swanzey und von den kleineren, weiter gegen Osten und Süden zerstreuten Ansiedlungen, welche zur hiesigen Gemeinde gehören, muß statt erst übermorgen schon morgigen Tages stattfinden –« »Morgen, Kapitän?« fiel der Richter dem Kriegsmann ins Wort. »Ihr vergeßt, daß morgen Sabbat ist, an welchem alle weltlichen Geschäfte ruhen müssen.« »Mein Freund, ich vergaß das nicht. Aber ich denke, ein so dringender Fall gestattet eine Abweichung von dem Buchstaben des Gesetzes.« »Zuerst Gott die Ehre immer und allezeit!« sagte Eaton nachdrücklich. »Gefahr ist im Anzuge, ich verkenne es nicht. Ob sie aber so dringend sei, um eine sündhafte Entweihung des Sabbats zu entschuldigen, das ist noch zu untersuchen und soll untersucht werden, bevor ich in eine Störung der Sabbatsfeier willige. Eine Anzahl verläßlicher, mit den Zeichen der Wälder vertrauter Männer soll sofort in der Nachbarschaft auf Kundschaft ausgehen. Wir inzwischen wollen uns vor allem mit dem Rüstzeug des Gebetes antun, und ich will mit unserem würdigen Prediger Rücksprache nehmen, daß der morgige Sabbat als ein außerordentlicher Buß- und Bettag gefeiert werde. Ist erst der Geist vorbereitet zum Streite, wird er den Leib nur desto kräftiger und eifriger machen.« Standish kannte seinen Mann zu gut, um nicht zu wissen, daß eine Opposition von seiner Seite hier nichts bezwecken würde. Daher begnügte er sich zu sagen: »Handelt nach Eurem Gutdünken, aber Ihr werdet mir, falls wir die Erfahrung machen sollten, daß unsere Gegner ihrerseits ganz und gar nichts um die Sabbatsruhe sich kümmern, bezeugen, daß ich meinerseits die Anstalten zum Widerstand gegen ihre Pläne beschleunigen wollte. Und damit genug hiervon. Übrigens will ich wenigstens den heutigen Tag nach Kräften nützen. Ich werde die Waffen- und Munitionsvorräte untersuchen, welche, wie Ihr mir sagtet, in Eurem Hause verwahrt sind, und dann werde ich die Führung der Streifpartie übernehmen, welche in den Wäldern ihre Runde machen soll.« »Gut,« versetzte Eaton, »und nun laßt uns ins Dorf zurückkehren. Unser Freund Blackstone wird das Bedürfnis fühlen, nach seinem Morgenritte einige leibliche Stärkung zu sich zu nehmen.« So gingen sie langsam die Anhöhe hinab, gefolgt vom Bukephalos, welcher seinem Herrn wie ein Hund nachschritt. Alle drei waren schweigsam, denn ein Versuch des gesprächigen Einsiedlers, die Unterhaltung wieder anzuknüpfen, mißlang, weil Eaton sowohl als Standish vollauf mit ihren Gedanken zu tun hatten. Der greise Puritaner versenkte sich in seine schwärmerischen Vorstellungen von der Heimsuchung, welche ja Gott selbst durch Wunderzeichen angekündigt hatte, und dem Kapitän gab ein Umstand, dessen Blackstone in seiner Erzählung erwähnt hatte, viel zu denken. Unten am Ufer des kleinen Flusses angekommen, schaute Eaton auf und sagte: »Wir wollen, wenn es Euch ansteht, im Vorübergehen beim Prediger einsprechen. Es ist nur ein kleiner Umweg, denn wir befinden uns hier ohnehin am Ende des Dorfes. Seht, dort unter der Föhrengruppe liegt seine Wohnung, und dieser Fußweg führt uns darauf zu.« Da sich kein Widerspruch erhob, ging der Richter den übrigen voran noch eine Strecke am Ufer hinab. Hier erweiterte sich das Bett des Wassers, wie auch das Talbecken, und das jenseitige Ufer lief in eine verhältnismäßig große Ebene aus, in eine sorgfältig gerodete Wiese, deren Frühlingsblumenschmuck erst gestern der Heuernte zum Opfer gefallen war. »Wir müssen über den Bach,« sagte der Richter, »aber er ist hier ganz seicht; kommt nur.« So sprechend war er im Begriffe, seinen Fuß auf einen der großen Steine zu setzen, welche die Dorfbewohner zu ihrer Bequemlichkeit Schritt für Schritt von einem Ufer zum andern in das Wasser gelegt hatten, als ein plötzlicher Ausruf Blackstones ihn zurückhielt. »Was gibt es?« fragte Standish, aus seinem Sinnen aufgestört und gleich Eaton stillstehend. »Seht!« erwiderte der Einsiedler, mit der Hand nach der Wiese hinüberdeutend. Eaton und der Kapitän wandten ihre Blicke der bezeichneten Stelle zu und sahen einen Reiter in vollem Rosseslauf über die grüne Fläche daherkommen. Die Erscheinung eines einzelnen Reiters wäre im gewöhnlichen Laufe der Dinge kein Ereignis gewesen, welches große Beachtung erregt hätte; allein die Gemüter unserer Freunde waren von Vorstellungen und Besorgnissen erfüllt, welche sie geneigt machten, auch dem Gewöhnlichen eine ungewöhnliche Bedeutung beizulegen. Mit gespannter Erwartung sahen sie dem Näherkommen des Reiters entgegen, und ihre Unruhe steigerte sich, als sie gewahr wurden, daß es ein Indianer sei. »Ha, 's ist eine Rothaut,« sagte der Kapitän. »Der Bursche reitet einen stattlichen Rappen. Möchte wissen, wo er den gestohlen hat. Sollte es vielleicht ein Krieger aus einem der uns befreundeten Stämme der Pequoden oder Mohikaner sein, der eine Botschaft aus den Ansiedlungen an der Naragansettbai heraufbringt?« »Nein, 's ist ein Wampanog, verlaßt Euch drauf,« entgegnete Blackstone. »Seht nur das rote Tuch, welches die Häuptlinge seines Stammes turbanartig um den Kopf gewickelt zu tragen pflegen.« »Ihr habt recht. Auch ist's wohl kein gemeiner Krieger, sondern ein Häuptling, wenigstens seinem rotbefransten Jagdhemd und dem Adlerfederbüschel an der Spitze seiner Lanze nach zu schließen. Außerdem hat er eine Büchse auf dem Rücken hängen. Was meint Ihr, Richter?« »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es ist lange her, seit sich einer der störrischen Heiden in Swanzey hat blicken lassen. Aber seht nur, wie er reitet! Scheinen er und sein Roß nicht mehr Gebilde von Luft als Geschöpfe von Fleisch und Blut zu sein? Fürwahr, vielleicht ist diese Erscheinung nur ein abermaliges Zeichen, daß wir Buße tun und wachsam sein sollen.« Der Kapitän zuckte über diese schwärmerische Gespensterseherei am hellen Tage leicht die Schultern, antwortete aber nicht, sondern sah mit bohrenden Blicken dem Beginnen des Fremden zu. Dieser galoppierte in gerader Linie auf den Bach zu. In einer Entfernung von hundert Schritten wandte er jedoch plötzlich sein Pferd, beschrieb einen Kreis auf der Wiese und jagte dann, seine Lanze über dem Kopfe schwingend, linkshin gegen das Dorf hinauf. Doch nur wenige Sekunden blieb er hinter den Baumgruppen verschwunden, dann erschien er wieder auf der Wiese, tummelte sein Roß in den kühnsten Wendungen im Kreise, spornte es abermals zum schnellsten Lauf, eilte davon, kam wieder und hielt endlich regungslos, kaum dreißig Schritte vom jenseitigen Ufer des Baches entfernt. »Komm näher, wenn du ein Freund bist,« rief Eaton hinüber und winkte mit der Hand. Der rote Krieger hatte sein Gesicht gerade den dreien zugekehrt, und der Ruf des Richters mußte sein Ohr erreicht haben. Allein er rührte und regte sich nicht. »Wahrscheinlich versteht er kein Englisch,« sagte Blackstone und rief dann im Dialekt der Pokanoketen dem Indianer zu: »Was bringst du uns, Bruder Wampanog?« Der Angerufene verharrte auch jetzt in seiner Regungslosigkeit, aber Standish schrie mit einmal auf: »Ha, ein sauberer Bruder das! Es ist der teuflische Annawon, der Mörder Sasamons, ich erkenn' ihn. Auf ihn, der Schurke ist vogelfrei!« Und wie er diesen zornigen Ruf ausstieß, riß der Kapitän zugleich eins seiner Faustrohre aus dem Gurt, spannte den Hahn, zielte und feuerte mit Gedankenschnelligkeit. Eine plötzliche heftige Bewegung des roten Kriegers schien zu verraten, daß die Kugel ihr Ziel nicht verfehlt habe. Aber Annawon blieb dennoch fest im Sattel, warf sein Roß herum, jagte in die Wiese hinein, kehrte wieder um, sprengte am Ufer des Baches hin, schwang seine Lanze und stieß, bis jetzt so schweigsam, im herausforderndsten, fast höhnischen Tone das Kriegsgeschrei seines Stammes aus. »Steh, Heide, steh, wenn du ein Mann bist!« schrie der tapfere Kapitän und stürzte mit gezücktem Schwerte durch den Bach dem gegenüberliegenden Ufer zu. Als er die Wiese erreicht hatte, kam der Wilde mit gefällter Lanze auf ihn zugeflogen. Standish erwartete ihn festen Fußes. Allein der Indianer machte plötzlich wieder kehrt, zügelte dann in einer Entfernung von etwa zweihundert Schritten sein Roß, nahm die Büchse vom Rücken und schoß sie, ruhig zielend, auf den gegen ihn anrennenden Kapitän los. Die Kugel riß diesem den Hut vom Kopfe und schleuderte denselben weithin auf den Rasen. Standish wankte einen Augenblick, aber sogleich ermannte er sich wieder und entlud sein zweites Pistol auf den Gegner. Der Wilde verhöhnte die geringe Tragweite des Gewehrs mit gellendem Gelächter, schien aber keineswegs gewillt, dem mutig vorwärtseilenden Angreifer standzuhalten, denn er rückte die Zügel, ließ noch einmal sein gellendes »Huh-rup-roh-noh!« ertönen, sprengte dann schnell wie der Wind die Wiese ihrer ganzen Länge nach rechts hinab und verschwand am Ausgange des Tälchens in den Schatten des Urwalds. Standish murmelte einen herzhaften Fluch zwischen den Zähnen, während er sein Schwert in die Scheide steckte, seinen durchlöcherten Hut aufhob und zu seinen Freunden zurückkehrte, welche inzwischen den Bach überschritten hatten. »Hätte ich doch meinen Grauschimmel zur Stelle gehabt statt Eures Ochsen da, Meister Blackstone,« sagte er mißmutig; »der rote Schuft hätte nicht so ungestraft sein Spiel mit mir getrieben.« »Beruhigt Euch, Freund,« ermahnte ihn der Richter. »Ihr seid soeben einer großen Gefahr entgangen und solltet dem Herrn dafür dankbar sein.« »Das bin ich, das bin ich, Richter, aber deshalb darf ich doch wohl wünschen, daß es mir hätte vergönnt sein mögen, dem mörderischen Hund auf Schwerteslänge nahezukommen.« »Ihr habt ihm auch aus der Ferne einen Denkzettel zugestellt, Kapitän,« sagte Blackstone, »und er hat, will mir scheinen, die Bescheinigung richtigen Empfangs mit roter Tinte hier ins Gras geschrieben. Seht, da hielt der Heide, als Ihr Euren ersten Schuß auf ihn losbranntet, und meine alternden Augen müßten mich täuschen, wenn hier nicht Blutstropfen an den Grasspitzen hingen.« »Hm,« versetzte der Kapitän, die Stelle untersuchend, »wenn ich auch wirklich ihn und nicht bloß das Pferd getroffen, so ist's jedenfalls nur ein Streifschuß, und der schadet dem Gewürme nicht mehr als 'ne Ohrfeige. Aber sagt doch, was hatte wohl die Erscheinung des Kerls zu bedeuten?« »Er mag als Späher gekommen sein,« meinte Blackstone. »Als Späher?« entgegnete Standish. »Nein, Vater Blackstone. Ihr müßt, verzeiht mir, wenig vom indianischen Kriege verstehen, um zu glauben, eine Rothaut gehe am hellen Tage und in so unvorsichtiger, ja frech herausfordernder Manier auf Kundschaft. Hierzu, wie überhaupt zur Ausführung ihrer Teufeleien, wählen die Roten am liebsten die Nacht. Und doch muß dieser Besuch irgend eine Bedeutung haben, denn die Indianer, so blinde Heiden sie auch sind, tun nichts ohne Bedacht und Absicht. Was es wohl sein mag? Der Bursche, welcher sicher weiß, daß er von dem Plymouther Gericht geächtet ist, legte es ja ordentlich darauf an, angegriffen zu werden.« »Ja,« bemerkte Eaton, »und gerade dieser Umstand scheint mir geeignet, über sein rätselhaftes Beginnen einen Fingerzeig zu geben.« »Wieso? Sprecht!« »In ihrer Verstocktheit gegen die Erkenntnis des wahren Gottes halten die roten Heiden viel von den abgöttischen Wahrsagereien ihrer Zauberer und Baalspriester. Ich erinnere mich, gehört zu haben, daß seit dem Pequodkriege eine Prophezeiung unter ihnen umlaufe, des Inhalts, im nächsten Kampfe der Indianer mit den Blaßgesichtern werde diejenige Partei zuletzt den Sieg davontragen, welche von der andern zuerst angegriffen und verwundet würde, und so möchte es sein, daß der Erscheinung des roten Mörders dieser götzendienerische Wahn zugrunde läge.« »Allerdings,« bestätigte Standish. »Doch kommt, wir haben keine Zeit mehr mit Reden zu verlieren. Wir müssen sofort in die Wälder, um nach der Spur dieses Burschen zu sehen und zu erkunden, ob die Nachbarschaft nicht noch mehr derartige Besucher berge.« So sprechend schritt er den beiden andern rasch voran dem Dorfe zu. 4. Und Og, der König zu Bajan, zog aus, uns entgegen, mit seinem ganzen Volke zu Edrei zu streiten. Deuteronomion , 3, 1. Die Streifpartei, welche der tapfere Kapitän in die umliegenden Wälder geführt hatte, kehrte nach Einbruch der Nacht zurück, ohne daß ihre Nachforschungen irgend welches Resultat von Bedeutung gehabt hätten. Zwar die Spur Annawons war in südlicher Richtung weithin auf beiden Ufern des Baches verfolgt worden, allein der Wilde hatte einen zu großen Vorsprung, als daß von einem Einholen desselben hätte die Rede sein können. Außerdem wurde von den ihrem Geschäfte durchaus gewachsenen Männern keins jener verdächtigen Zeichen bemerkt, aus welchen die Anwesenheit eines Feindes in den Wäldern gefolgert werden konnte. Standish erklärte daher bei seiner Rückkehr seinem Wirte mit vollkommener Überzeugung, daß die Erscheinung Annawons vorerst wohl weiter nichts zu bedeuten hätte als die trotzige Absicht eines ehrsüchtigen Kriegers, den Aberglauben seiner Landsleute zu seinen Gunsten auszubeuten. Diese Ansicht eines im Waldkriege so erfahrenen Mannes beruhigte den Richter nicht wenig und es gereichte ihm zu stiller Freude, nun mit seinem ganzen Sinnen und Denken den feierlich ernsten Betrachtungen des morgigen Sabbats sich überlassen zu können, um so mehr, da er vor der Zurückkunft des Kapitäns eine ungestörte Sabbatsfeier kaum zu hoffen gewagt hatte. Seine Besorgnisse waren nämlich durch Lovely, deren Heimkunft kurz nach Standish' Weggang in den Wald erfolgte, um ein Bedeutendes vermehrt worden. Das Mädchen hatte ihm mit der ganzen Offenherzigkeit ihres Wesens ihr Abenteuer mit der Indianerin erzählt und in ihrem Berichte nur einen Punkt ausgelassen, den schmerzlichen Moment, wo ihr die Eifersucht der jungen Wilden die Beschaffenheit ihrer Gefühle für Thorkil Wikingson geoffenbart. Ihre Verschämtheit konnte es nicht über sich bringen, auch nur den Namen des so eifrig um sie und die Ihrigen besorgten Warners auszusprechen, und sie begnügte sich, denselben dem Richter gegenüber mit dem indianischen Namen »das Goldhaar« zu bezeichnen. Auch des alten Trappers erwähnte sie, wie Hih-lah-dih getan, nur als des »grauen Bären«, allein gerade diese Benamsung, deren Bedeutung er aus Blackstones Mitteilungen kannte, machte den Richter stutzig. Er wußte nicht, in welchen Beziehungen der graue Bär und das Goldhaar zu Lovely und den Ihrigen standen, denn Groot Willem und sein junger Begleiter hatten wie zur Belohnung der Dienste, welche sie den Flüchtlingen geleistet, das Versprechen gefordert, dem Richter das Zusammentreffen mit ihnen zu verschweigen, und dieses Versprechen war gegeben und streng gehalten worden. Da aber nichts Inquisitorisches in seiner Natur lag, so beschränkte er sich darauf, anzunehmen, die verfolgten Wanderer müßten bei ihrer Flucht von Konnektikut her irgendwo mit Groot Willem zusammengetroffen sein, zu welchem er in einem entschieden feindlichen Verhältnisse stand, das später von unserer Seite eine nähere Beleuchtung erfahren soll. Der Richter teilte das von Lovely Gehörte dem Kapitän mit, und dieser nahm sich vor, am nächsten Morgen selber mit dem Mädchen zu sprechen, um eine Sache, welche für das Gemeinwohl der Kolonien von vielleicht nicht geringer Bedeutung sein konnte, womöglich mehr aufzuklären. Die Nacht vom Sonnabend auf den Sabbat verfloß für das Haus des Richters sowohl als für das ganze Dorf in vollkommener Ruhe. Der Sonntagsmorgen stieg klar und schön über die Wälder herauf. Eine feierliche Stille herrschte in der ganzen Ansiedlung, denn nicht nur ruhten alle Geschäfte, sondern die Bewohner enthielten sich sogar jeder lauten Äußerung, und hielten sich auch die Kinder gleich den Erwachsenen still in den Häusern, bis die Stunde zum Kirchgange gekommen wäre. Einige Bewegung, um nicht zu sagen Geschäftigkeit, war jedoch auf dem Hof von Eatons Hause wahrzunehmen. Standish hatte nämlich bei dem Hausherrn zweierlei durchgesetzt, erstlich, daß das wohlgelegene und verpalisadierte Haus, welches der Ansiedlung gleichsam als Zitadelle diente, auf alle Fälle hin einigermaßen in Verteidigungszustand gesetzt würde, und zweitens, daß Blackstone von der Strenge der Sabbatsfeier im puritanischen Sinne freigesprochen und beauftragt werden sollte, seinen Botenritt weiter nach den ostwärts gelegenen Ansiedlungen hin fortzusetzen. Der Richter hatte zwar gegen beide Wünsche eifrige Einwendungen erhoben, denn die Zucht der kirchlichen Gemeinschaft, deren Mitglied er war, rechnete das Reisen in weltlichen Geschäften am Sabbat durchaus zu den unerlaubten Dingen und schrieb überhaupt eine Enthaltsamkeit von körperlicher Tätigkeit vor, wie sie nur von den strengsten Befolgern der mosaischen Gesetze beobachtet werden konnte und kann. Indessen war die Notwendigkeit, die Ansiedlungen gegen die Meeresküste hin zur Wachsamkeit aufzufordern und einstweilen auch an Ort und Stelle selbst gegen alle Möglichkeiten einiges vorzukehren, denn doch zu gebieterisch, als daß nicht eine Abweichung von dem Buchstaben der kirchlichen Satzungen statthaft befunden worden wäre. So sattelte denn der alte Blackstone bei Sonnenaufgang seinen Bukephalos, und Standish stand ihm bei diesem Geschäfte bei, indem er ihm zugleich Aufträge für diese oder jene Ansiedlung erteilte, welche der Einsiedler im Laufe des Tages zu berühren hoffen konnte. »Tätet Ihr nicht besser, Vater Blackstone,« fragte der Kapitän, »statt des langsamen wunderlichen Tieres da eins von des Richters Pferden zu nehmen?« »Nein, Sir, nein. Erstlich sind Bukephalos und ich zu vertraut miteinander, als daß wir uns ohne Not trennen sollten; zweitens ist Bukephalos keineswegs so langsam, als Ihr zu glauben scheint, und kommt in den Wäldern, wo man ohnehin selten galoppieren kann, wohl so schnell vorwärts wie ein Gaul; drittens könnte es einer herumlungernden Rothaut, falls sie den alten Blackstone auf einem der hübschen Pferde des Richters einherstolzieren sähe, trotz aller Freundschaft der Heiden gegen mich einfallen, mich vom Kavalleristen zum Infanteristen zu degradieren, das heißt, mir das Roß zu stehlen, während der gute Bukephalos bei Leuten, die seine Tugenden nicht kennen, schwerlich derartige Raubgedanken erregen wird.« »Gut, gut, aber ist Eure Büchse in Ordnung, und seid Ihr mit Munition versehen?« »Laßt Euch sagen, Kapitän, daß ich, obgleich ein ordinierter Geistlicher, niemals zur streitenden Kirche gehört habe und all mein Lebtag mit Kampf und dergleichen Teufeleien nichts zu tun haben mochte. Meine alte rostige Donnerbüchse wurde noch nie auf ein menschliches Wesen angelegt und soll es auch nie werden. Sollte mir ein unhöflicher Bär oder Wolf in die Quere kommen, so hab' ich für den eine Kugel im Rohre und mehr braucht's nicht. Sollte ich aber auf feindlich gesinnte Indianer stoßen, so wird mir, hoff' ich, mein Ruf als Mann des Friedens nützlicher sein, als mir ein Dutzend der besten Büchsen und ein wohlgefüllter Munitionswagen sein könnten.« Der Fortgang des Gesprächs wurde hier durch Lovely unterbrochen, welche aus der Tür des Hauses trat und die beiden Männer, nachdem sie ihnen den Morgengruß geboten, mit den Worten ansprach: »Der Richter läßt Master Standish und Master Blackstone einladen, an der Morgenandacht teilzunehmen, zu welcher die Bewohner des Hauses soeben sich versammelt haben.« Blackstone hatte das schöne Mädchen, welches zu sehen er gestern zufällig keine Gelegenheit gehabt, mit Erstaunen herankommen sehen und sah jetzt der sich wieder Entfernenden verwundert nach. »Wie ist mir denn?« sagte er lebhaft. »Welche wunderbare Ähnlichkeit! Wer ist dieses Mädchen, Kapitän?« »Die Tochter eines alten Freundes von Eaton, welcher sie in sein Haus aufgenommen hat und adoptieren will. Aber von welcher Ähnlichkeit sprecht Ihr?« »Von welcher Ähnlichkeit ich spreche? Ei nun, von der, welche dieses Mädchen mit der fremden Lady hat, die neulich meine Siedelei besuchte.« »Sprecht Ihr im Ernst?« fragte der Kapitän, ungewöhnlich bewegt. »Warum sollt ich nicht? Es ist zwischen den beiden eine wunderbare Ähnlichkeit in Haltung, Gang und Zügen. Nur die Farbe der Augen und der Haare ist verschieden.« »Wir müssen nachher noch ein Wort darüber sprechen,« sagte der Kapitän, nach dem Hause vorangehend. »Jetzt kommt, unser Freund liebt es nicht, bei solchen Gelegenheiten zu warten.« Eine nähere Schilderung der Morgenandacht, zu welcher der Kapitän und Blackstone die ganze Hausbewohnerschaft in einem umfangreichen niedrigen Gemache des Erdgeschosses versammelt fanden, dürfte kaum von Interesse sein. Eaton hielt dergleichen fromme Übungen Tag für Tag beim Aufgang und Untergang der Sonne ab. Er las dabei ein Stück aus der Bibel und wählte, seinem grüblerischen Sinne gemäß, meistens die dunkeln orakelhaften Visionen und Reden der Propheten des alten Testamentes, welche er mit Kommentaren begleitete, wie sie der finstern calvinistischen Theologie jener Zeit eigentümlich waren, und wie sie von den Puritanern mit größter Begierde und Andacht gefordert und angehört wurden. Heute schloß er seine Exegese mit einem langen Gebet, einem unmittelbaren Ergusse seines Gemütes, in welchem viele mehr oder weniger dunkle Winke über eine bevorstehende Heimsuchung und Trübsal der Kinder Israel vorkamen und welchem das versammelte Gesinde mit großer Zerknirschung lauschte. Eigentümlich war bei dieser Szene auch die äußerliche Haltung der Anwesenden. Alle standen aufrecht, die Frauen mit leicht unter der Brust gefalteten Händen, die Männer dagegen meist ohne diese Gebärde der Andacht, denn der Puritanismus ging in seiner Verwerfung alles dessen, was er götzendienerische Werke nannte, so weit, daß er das Kniebeugen beim Gebete entschieden verwarf und das Händefalten beim weiblichen Geschlechte mehr duldete als forderte. Ernst und stumm verließen die Knechte und Mägde nach Beendigung der Erbauungsstunde das Gemach. Erstere schritten voran unter Vortritt eines alten Dieners des Hauses, welcher mit dem Richter schon die Mühsale der ersten Ansiedlung in Swanzey geteilt hatte; letztere ließen mit der fast peinlichen Förmlichkeit, welche die Bewohner der Kolonien von Neuengland von jeher ausgezeichnet hat, Lovely den Vortritt; denn Eaton hatte vor wenigen Tagen erklärt, daß das schöne und sanfte Mädchen in allen Stücken als seine Tochter anzusehen sei. Der Richter verabschiedete sich darauf von Blackstone und begleitete denselben zum Bukephalos, welcher sich sofort mit seinem Reiter in Bewegung setzte. Standish schien noch etwas auf dem Herzen zu haben, was er gern dem Alten mitgeteilt hätte. Er schloß sich daher dem Abreisenden an, um demselben, wie er sagte, einen Büchsenschuß weit das Geleite zu geben. Allein er wurde an diesem Vorhaben verhindert durch den greisen Obededom, welcher herbeikam mit der Bitte, der Kapitän möchte die Anordnungen übernehmen, welche die Aufstellung des Geschützes erheischte. Das Wort Geschütz klang dem »kleinen Feuerspeier« zu lockend in die Ohren, als daß er darob für den Augenblick nicht alles andere hätte vergessen sollen, und so sagte er dem wegreitenden Einsiedler ein rasches Lebewohl und folgte dem alten Knechte quer über den Hofraum zu dem Schuppen, wo das Geschütz aufbewahrt wurde. Unter diesem vielsagenden Wort hat man sich jedoch nicht etwa eine ganze Batterie von Kanonen vorzustellen, sondern der Geschützvorrat von Swanzey beschränkte sich auf ein einziges Stück, auf eine plumpe Feldschlange von mäßigem Kaliber, auf einer ungeschlachten Laffette befestigt und nach Art einer sogenannten Drehbasse so eingerichtet, daß die Mündung mit nicht allzu vieler Mühe nach verschiedenen Seiten gewendet werden konnte. Der Kapitän betrachtete die Maschine mit kundigem Auge und faßte das Resultat seiner Untersuchung in die Äußerung zusammen: »In einem wohlgeordneten regelrechten Treffen oder bei Abwehr einer Bestürmung des Hauses durch disziplinierte Truppen würde das alte Ding da eine schlechte Rolle spielen; auf einen Trupp nackter Wilden mit der gehörigen Umsicht abgebrannt, kann es aber noch erkleckliche Dienste leisten.« Dann befahl er den stämmigen Leuten des Richters, das Geschütz auf den Hofraum zu fahren, und ging an die Palisaden, welche denselben einschlossen, um eine passende Stelle zur Aufpflanzung des »alten Dinges« auszusuchen. Es war bei Anlage der einfachen Befestigung für eine solche Stelle gesorgt worden, und der Kapitän fand sie auch alsbald heraus. Die Terrasse, auf welcher das Haus stand, war gegen das Dorf hinunter mit einer Art von Bastei versehen worden, von welcher aus die Drehbasse den Weg, der vom Dorfe zum Hügel herausführte, seiner ganzen Länge nach bestreichen, sowie den Haupteingang der Palisadenreihe beherrschen konnte. Hierher wurde nun die Feldschlange samt ihrem Munitionskasten gebracht, abgeprotzt und zu augenblicklichem Gebrauche fertig gemacht. Über diesem Geschäfte war der Morgen vorgerückt, ohne daß Standish Zeit gefunden hätte, seinem Vorsatze gemäß mit Lovely über ihr gestriges Abenteuer zu reden. Auch jetzt fand er hierzu keine Gelegenheit, denn die kleine Glocke des Versammlungshauses gab das Zeichen zum Beginn des vormittäglichen Gottesdienstes. Diesem Rufe durfte sich niemand entziehen, es sei denn, daß schwere Krankheit oder eine dringende Verrichtung im Dienste der Gemeinde eine Ausnahme gestattete. Der Kapitän wußte sehr wohl, daß er in Swanzey um allen Kredit gekommen wäre, wenn er sich hätte von der andächtigen Versammlung ausschließen wollen. Indessen brachte er es mit einiger Mühe zuwege, daß Eaton dem alten Obededom aufgab oder vielmehr gestattete, als Wächter in dem Hause zurückzubleiben, dessen übrige Bewohner sämtlich im Hofe sich sammelten, um dem Hausherrn zur Kirche zu folgen. »Ich gestehe Euch, Freund,« sagte der Kapitän zu dem Richter, welcher in seinem feiertäglichen schwarzen Gewande aus der Tür des Hauses trat, »ja, ich gestehe Euch, daß die Erscheinung der Indianerin im Walde und mehr noch die des höllischen Annawon mir bleischwer in den Gliedern liegt. Mir ist, als wittere ich Unheil. Gestattet mir, daß ich mit Miß Kordelia, bevor wir ins Dorf hinabgehen, hinsichtlich des ersterwähnten Umstandes ein Wort rede.« »Kapitän,« lautete die Antwort des starren Puritaners, »Ihr wißt, daß dem heutigen Tage schon allzu viele Stunden durch weltliche Geschäfte entzogen worden sind. Es geziemt mir aber, mit meinen Leuten der erste und nicht der letzte zu erscheinen an dem Orte, wo wir uns mit ganzer Seele vor dem Herrn demütigen sollen, daß er die Wucht seines zur Züchtigung über uns ausgestreckten Armes mäßigen möge. Es wäre unrecht, durch Zögern ein übles Beispiel zu geben. Daher kommt jetzt mit mir, und nach Beendigung unserer sabbatlichen Andacht wird Lovely bereit sein, Eure Fragen zu beantworten.« Der Richter winkte seinen Knechten, ihm zu folgen, und schritt mit Standish voran. Lovely folgte mit dem weiblichen Gesinde, und Obededom schloß die Palisadenpforte hinter dem kleinen Zuge, auf welchen zurückblickend der Kapitän, wie zu seiner Beruhigung, zu sich sagte: »Wenigstens haben die Männer ihre Waffen bei sich.« Dies war jedoch nichts Ungewöhnliches, sondern etwas in den der indianischen Grenze naheliegenden Kolonien allgemein Bräuchliches. Wer in einer dieser Ansiedlungen während des sonntäglichen Gottesdienstes an einem der Versammlungshäuser vorbeiging, konnte in der Vorhalle die Feuergewehre der männlichen Bevölkerung an der Wand lehnen sehen, denn die Pilger der Wildnis mußten, während sie den Worten ihrer Prediger lauschten oder einen Psalm zum Lobe des Ewigen anstimmten, stets darauf gefaßt sein, das Kriegsgeschrei ihrer roten Nachbarn zu vernehmen. Eaton bemerkte beim Eintritt in das Versammlungshaus nicht ohne Mißbehagen, daß die Gemeinde schon ziemlich vollständig versammelt und er demnach mit den Seinigen einer der letzten war, welche kamen, »den Durst der Seele an der Quelle des Heils« zu löschen. Er nahm aber sofort seinen Platz mit der Miene eines Mannes ein, welcher entschlossen ist, jetzt ganz und gar seine Gedanken vom Irdischen ab und höheren Regionen zuzuwenden. Der monotonen Einfachheit und hölzernen Schmucklosigkeit der puritanischen Andachtshäuser entsprach völlig der Kultus, welcher innerhalb ihrer Wände geübt wurde, jener allem Schönen, Phantasievollen, Gemütlichen feindselige calvinistische Kultus, welcher das Herz anfröstelt. Allein diese finsteren Sektierer verwarfen alles Äußerliche mit einer Konsequenz, welcher man unbedenklich den Namen Barbarei geben darf. Sie wußten mit raffiniertem Ungeschmacke sogar ihrem Psalmengesang etwas Widerwärtiges zu geben, denn es war puritanischer Brauch, die Töne der Melodie auf garstige Weise durch die Nase hervorzuzwingen, zu dehnen und zu quetschen. Standish, welcher diese Torheit schon oft im stillen verwünscht hatte, wurde angenehm berührt, als inmitten der schnarrenden Nasallaute, welche sein Ohr beleidigten, die rein und sonor aus der Brust kommende Altstimme Lovelys siegreich sich geltend machte, und er konnte sich nicht enthalten, einen Blick des Dankes und der Billigung nach der andern Seite der kleinen Kirche zu werfen, wo die fromme Sängerin in der Mitte einer Schar von Mädchen und Frauen stand, welche die ungeziert schöne Weise ihres Gesangs keineswegs nachahmten. Als der einleitende Psalm verklungen, erschien Jeremia Makpherson, der Prediger von Swanzey, auf der Kanzel. Es war eine lange, dünne Gestalt mit kränklich blassem Gesicht, aus welchem zwei große feurige Augen wie Fackeln der Schwärmerei hervorleuchteten. Ein Schotte von Geburt, huldigte er der grüblerischen Theologie seiner Glaubensgenossen mit einem bis zur Extravaganz fortschreitenden Eifer, der aber ein achtungswerter, insofern er von allem Eigennutz frei war und aus der innigsten Überzeugung entsprang. Obgleich noch in jungen Jahren stehend, war er durchaus Asket und Verächter der »Eitelkeiten dieser Welt.« Er war bei seiner Gemeinde sehr beliebt, sowohl seines redlichen, wenn auch strengen Charakters als auch der Manier wegen, in welcher er das Wort Gottes verkündigte. Als echter Puritaner schöpfte er die Anregungen zu seinen seelsorgerischen Worten und Werken mit Vorliebe aus dem alten Testament, und seine Redeweise hatte sich durch fortwährendes Studium des großen Propheten, dessen Namen er trug, der Sprache desselben auffallend angenähert. Für heute glaubte er, angeregt durch ein Gespräch, welches er gestern mit Eaton gehabt, den passendsten Text für eine Predigt gefunden zu haben in jenem Kapitel des fünften Buches Mosis, dessen Anfangsworte wir diesem Abschnitt unserer Erzählung voranstellten. Er ging mit Wendungen, welche von nicht gemeiner Begabung zeugten, darauf aus, den in seinem Text berichteten Kampf der Israeliten gegen den König von Basan auf die schwierigen Verhältnisse seiner Gemeinde zu den roten Eingeborenen zu beziehen, und die regungslose Aufmerksamkeit, womit ihm seine Zuhörer lauschten, verriet deutlich, wie sehr sie trotz der orakelhaften Sprache ihres Predigers seine des längeren durchgeführte Vergleichung zwischen den Kolonien von Neuengland und Kanaan, zwischen den Kolonisten und den Kindern Israel, zwischen dem König Og und dem Sachem der Wampanogen verstanden und billigten. Das Gefühl der Wirkung seiner Worte teilte sich sympathisch dem Redner mit und befeuerte seinen Eifer noch mehr. Seine hagere, schmale Gestalt richtete sich auf, seine bleichen Wangen erglühten, als er in stundenlangem Vortrage sein gutgewähltes Thema nach allen Seiten hin variierte, um endlich zum Kulminationspunkte seiner Predigt zu gelangen, wo er mit prophetischem Aufschwunge den Sieg der Pilger der Wildnis über die abgöttischen Eingeborenen derselben verkündigte. »Ja,« rief er aus, »der Herr, unser Gott, wird den König Og zu Basan in unsere Hände geben, samt seinem ganzen Volke, daß wir ihn schlagen und vernichten, daß nichts von ihm übrig bleibe. Sein Land werden wir gewinnen und alle seine Dörfer und all sein Vieh und all seine Habe, und schlagen werden wir mit des Schwertes Schärfe seine Männer, Weiber und Kinder.« Er konnte diesen Ausbruch alttestamentlichen Ingrimms kaum vollenden, denn eine mächtigere Stimme unterbrach ihn vom Eingänge des Hauses her und rief mit Donnertönen in die Versammlung hinein: »Zu deinen Gezelten, Israel! Der rote Heide kommt über dich!« 5. Wer bist du denn, geheimnisvolles Wesen? De Musset. O, welcher Mordkampf hat sich da entsponnen! Julius Mosen. So streng und wirksam war die kirchliche Disziplin der puritanischen Gemeinden, daß der bedrohliche Ruf keineswegs eine tumultuarische Störung der Versammlung zur Folge hatte. Die Männer und sogar die Frauen verharrten in der sitzenden Stellung, in welcher sie der Predigt gelauscht hatten, und dieses Beispiel von Selbstbeherrschung übte auch auf die Kinder seine Wirkung, so daß sie sich still hielten. Nur einen Schrei der Natur lockte die Schreckensbotschaft unmittelbar aus der Versammlung hervor, den unwillkürlichen Angstruf der Müllerin, welche ihrem Gatten vor wenigen Tagen Zwillinge geboren, welche die entsetzte Mutter in der am Ende des Dorfes gelegenen Mühle dem Mordmesser der Wilden zunächst preisgegeben glauben mußte. Aber auch sie unterdrückte sogleich wieder den Ausbruch ihrer Gefühle und richtete nur ängstliche Blicke auf ihren Mann, welcher seinerseits mit verhaltener Ungeduld nach der vordersten Bank schaute, wo der Richter mit den Kirchenältesten saß. Jeremia Makpherson unterbrach die Pause atemloser Spannung. Seine Stelle auf der Kanzel behauptend, streckte er den Arm gegen die Pforte aus und richtete ebendahin die strengbetonte Frage: »Wer bist du, der du es wagst, die Sabbatsfeier zu stören?« »Einer,« lautete die Antwort, »der vordem sein Schwert schwang für die gute alte Sache früh und spät und der es jetzt noch einmal gezogen im Dienste des Herrn. Doch verliert die kostbare Zeit nicht mit unnützen Fragen, ihr Männer von Swanzey. Ich sage euch, der rote Heide kommt über euch mit aller seiner Macht. Zu den Waffen, zu den Waffen!« Standish sprang auf und wiederholte den Alarmruf, aber seine Stimme, wie die des Richters, wie die des Predigers, ward sofort übertönt von einem Gebrülle von außenher, das links und rechts, hüben und drüben in so gellenden schrecklichen Modulationen erscholl, als wären alle Dämonen der Unterwelt zu einem höllischen Konzerte vereinigt. Mitten in dieses ohrzerreißende Geheul hinein krachte die Feldschlange, deren wir erwähnten, und machte es plötzlich verstummen. »Zu den Waffen, zu den Waffen!« rief es wieder vom Eingange her. »Zu den Waffen!« wiederholte Standish, der Pforte zustürzend. »Zu den Waffen mit Gott!« rief auch der Richter aus und schritt an der Spitze der Männer rasch dem Kapitän nach, während die in dem Versammlungshause zurückbleibenden Frauen und Kinder jetzt dem Drange der Natur nachgaben und in mühsam verhaltene Wehklagen ausbrachen. Lovely befand sich nicht mehr unter ihnen. Die ersten Laute der Stimme des fremden Warners hatten sie unwiderstehlich von ihrem Platze weg und der Tür zugezogen. Als Standish und Eaton diese erreichten, fanden sie das Mädchen am Halse des Großvaters, der mit den beiden einen raschen Blick des Verständnisses wechselte und dann Lovely zuflüsterte: »Fassung, mein Kind; der Vater ist im Hause des Richters. Halte dich zu den übrigen Frauen – geh, und der Herr segne dich!« Der Pflicht des Gehorsams selbst in diesem furchtbaren Moment eingedenk, schlüpfte Lovely hinter dem letzten der Männer, welcher aus der Kirche trat, wieder in diese zurück. Die Vorhalle ertönte einige Augenblicke von dem Gestampfe der ihre Waffen ergreifenden Männer, dann wurde es ruhig, und aller Blicke richteten sich auf den fremden Greis mit den imponierenden Zügen und dem silberweiß auf die Brust niederwallenden Barte. Sein Gesicht war wie von der Anstrengung raschen Laufes gerötet, aber seine großen grauen Augen glühten von dem ruhigen Feuer des versuchten Kriegers. Ein gewaltiges Schwert trug er entblößt in der Hand, und wie er so dastand, war seine ganze Erscheinung so edel und ehrfurchtgebietend, daß es sich leicht erklärt, wie die von der Predigt ihres Geistlichen ohnehin erhitzte Phantasie der Männer von Swanzey im ersten Augenblick geneigt war, den Fremden für ein überirdisches, vom höchsten Gott zu ihrem Beistände gesandtes Wesen zu halten. Ja, so gewaltig und nachhaltig war der Eindruck seiner plötzlichen und der Menge unerklärlichen Erscheinung, daß diese im Bewußtsein des Volkes von Stunde an eine mythische Färbung annahm und noch bei späteren Generationen beibehalten hat. »Männer von Swanzey,« nahm der Greis mit der Miene eines Mannes das Wort, welcher gewohnt ist, in schwierigen Lagen zu befehlen und Gehorsam zu finden, »es gilt, keinen Augenblick zu verlieren, aber auch, nicht in blindem Eifer zu handeln. Das Dorf ist von allen Seiten von den Heiden umringt und wohl größtenteils schon in ihrer Gewalt –« Das allwärts wieder sich erhebende Kriegsgeheul unterbrach den Redner und bestätigte seine Worte nur allzusehr. »Seht, dort stürmt eine Rotte den Weg nach dem Hause des Richters empor,« rief der Kapitän aus. »Ha, da spricht die Feldschlange wieder!« Das Geschütz entlud wirklich von der Bastion herab seine Ladung, die, wie es schien, aus einer Anzahl von Musketenkugeln bestand, denn man hörte das Einschlagen derselben in die Baumstämme an dem Wege, welchen das Geschütz bestrich, und sah drei Indianer fallen, um nicht wieder aufzustehen. Im nächsten Augenblick waren die Stürmenden wie weggeblasen, und der Weg war frei. »Ha, mein Sohn versteht sein altes Handwerk noch,« rief der Greis aus. »Doch seht, die Elenden wüten schon mit Feuer.« »O, mein Haus, o, meine Kinder!« schrie der Müller auf und wollte in wahnwitziger Vaterangst der Mühle zustürzen, aus deren Dach die Flamme hoch in den reinen Mittagshimmel emporschlug. »Nicht von der Stelle!« befahl der Greis, dem Geängstigten den Weg vertretend. »Und wer seid Ihr, der Ihr mir befehlen wollt?« erwiderte der Mann trotzig. »Einer,« sagte Eaton nachdrücklich, »der die Gabe und das Recht hat, zu befehlen. Ihr Männer von Swanzey,« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »folgt in allem und jedem den Befehlen dieses Gerechten in Israel. Und du, Richard,« setzte er zu dem Greise gewendet hinzu, »erhebe das Schwert Gideons und schlage mit der Schärfe desselben die Götzendiener in diesem Lande, wie du sie vordem jenseits des Meeres geschlagen.« »Bei dem Herrn allein ist Hilfe in dieser Not,« lautete die Antwort des Alten. »Aber was in Menschenkräften liegt, soll getan werden.« Und rasch aus der Vorhalle der Kirche auf den freien Platz vor derselben vorschreitend, sammelte er mit Wort und Gebärde die Männer um sich. »Wir haben keine Zeit zu langen Beratungen,« sagte er; »daher tut, wie ich euch sage. Wir müssen das rechte Ufer des Baches aufgeben und das linke vom Feinde zu säubern suchen. Dort steht das Haus des Richters, welches uns als fester Anhaltspunkt dienen soll. Dorthin müssen wir vor allem die Wehrlosen bringen. Kapitän Standish, nehmt zwanzig Büchsenschützen und säubert links und rechts den Weg über den Steg und aufwärts zu dem Hause. Ihr, Freund Theophil, ruft die Weiber und Kinder aus dem Versammlungshaus, umgebt sie mit vierzig der unerschrockensten Männer und folgt so der Schar des Kapitäns auf dem Fuße. Ich selbst will euch mit dem Reste der Mannschaft den Rücken decken. Wir müssen hinüber und den Hügel gewinnen, denn die Kirche ist nicht haltbar.« Im nächsten Augenblick schon ließ der Kapitän an der Spitze seines kleinen Trupps sein mutiges »Vorwärts!« erschallen und setzte sich gegen den Steg hin in Bewegung. Eaton rief die Frauen und Kinder aus der Kirche, umgab sie, die sich wie eine Schar geängstigter Tauben zusammendrängten und willenlos fortführen ließen, mit einer starken Schutzwache und gab dem Zuge das Zeichen zu möglichst raschem Vorschreiten. Der Greis wartete an der Spitze der um ihn gesammelten Nachhut den Abzug des Mitteltreffens ruhig ab und setzte dann seine Mannschaft ebenfalls in Marsch, zur Rechten und Linken hin scharf aussehend und jeden Moment bereit, den Vorangehenden Beistand zu bringen. Der Kapitän erreichte ungehindert den Steg. Hier machte er Halt, ließ in die Gebüsche an beiden Seiten des Baches und aufwärts den Weg eine Salve geben und rückte hierauf, nachdem seine Leute wieder geladen, langsam vorwärts und hügelan. Kein Feind ließ sich blicken und das schreckliche »Huh-hup-roh-noh« war gänzlich verstummt, aber die Gegenwart der Eingeborenen verriet sich dennoch furchtbar genug. Links und rechts am Wasser hinab, allüberall im Dorfe knisterte, prasselte, brauste es in dem Gebälke der Wohnungen, und aus manchem Hause stieg nicht nur die verheerende Flamme, sondern auch das von der Todesnot ausgepreßte Wehgeschrei von Kindern und Gebrechlichen auf. Bei diesen gräßlichen Anzeichen von der Mord- und Vernichtungswut der Indianer knirschten die Männer mit den Zähnen und brachen die Frauen und Kinder in ein lautes Schmerzensgestöhn aus. Die Ordnung im Zuge begann zu wanken, aber Eatons Energie wußte sie wiederherzustellen. »Vertraut dem Herrn, unserm Gott!« rief er aus. »Er ist ein starker und eifriger Gott, der da züchtiget, welche er liebt.« So schritt er vorwärts, und zu ihm gesellte sich der wackere Prediger. Neben dem Richter an der Spitze des Zuges einherschreitend, hielt er die Bibel aufgeschlagen in der Rechten und las im Gehen abgerissene Stellen aus seinem Lieblingspropheten. Voll und hell klangen die prophetischen Worte über den Platz hin: »Tretet in Ordnung wider Babel rings umher, ihr alle, die ihr den Bogen spannet. Schießet auf sie und sparet keine Pfeile, denn sie hat wider den Herrn gesündiget. Jauchzet wider sie rings umher, sie wird sich ergeben; ihre Grundfesten werden fallen, und ihre Mauern werden geschleift werden, denn das wird sein die Rache des Herrn. – Und siehe, so spricht der Herr: Reutet aus den Sämann von Babel und den, welcher ergreift die Sichel zur Zeit der Ernte. – Und weiter spricht er: Machet euch auf wider das abgöttische Volk, und Verderben will ich bringen über sie, den Grimm meines Zorns, und will sie verfolgen mit dem Schwerte, bis ich gänzlich sie vertilge!« Hier brach seine Stimme plötzlich mit einem gellenden Wehlaut ab. Das heilige Buch entfiel seinen Händen, und er stürzte schwer vornüber auf das Antlitz nieder. Ein Pfeil war ihm tief in die Brust gefahren und hatte mit seiner Spitze das Herz des mutvollen Glaubensstreiters durchdrungen, der noch einen krampfhaften Versuch machte, das geweihte Buch an sich zu ziehen und die heiligen Blätter zu entfalten, und dann lautlos sein Leben verhauchte. »Nehmt den Toten auf,« befahl Eaton mit fester Stimme, »damit, wofern uns selber ein christlich Grab wird, auch ihm eins werde.« Zwei Männer gehorchten diesem Befehle, während ein halbes Dutzend anderer, ergrimmt über den Mord des geliebten Seelsorgers, ihre Büchsen auf Geratewohl dorthin ins Gebüsch abfeuerten, woher ihrer Meinung nach der Todespfeil gekommen. Aber in dem Strauchwerk am Bache und an dem jenseits desselben emporsteigenden Abhänge verriet nichts, kein Laut, keine Bewegung, daß eine der Kugeln ihr beabsichtigtes Ziel gefunden. Die drei Abteilungen setzten ihren Marsch fort. Standish war mit der Vorhut nur noch wenige Schritte von der Palisadenpforte entfernt, der mittlere Haufe wand sich langgestreckt den Weg zu der Terrasse hinauf, die Nachhut ihrerseits hatte soeben die Brücke passiert. Da erhob sich über das Brausen der mit Macht sich verbreitenden Feuersbrunst plötzlich, in scharfen Gutturaltönen angestimmt, der Kriegsschrei eines einzelnen Indianers, und dies war das Signal zu dem Losbrechen jenes markdurchdröhnenden Gebrülls und Geheuls, womit die Krieger der eingeborenen Stämme von Nordamerika in den Kampf zu gehen pflegen. Und von der Höhe des Abhangs herab, vom Ufer des Baches herauf, hinter den brennenden Häusern hervor schwirrten Pfeile, krachten Schüsse, und von allen Seiten her stürzten und stürmten Massen von roten Kriegern auf die Umringten ein, Tomahawk und Skalpiermesser schwingend und die Luft mit barbarischen Rufen erfüllend. Es begann eine jener Szenen von Kampf und Mord, deren Wildheit des Malerpinsels wie der Feder des Erzählers spottet. Mit mannhafter Festigkeit hielten die Pilger der Wildnis den wütenden Anprall der feindlichen Übermacht aus. Wie der Schall der Schlachtdrommete klang durch das schreckliche Gelärme die Stimme des greisen Führers der Nachhut: »Hie Schwert des Herrn und Gideons!« Mit Römermut focht der Richter und der Degen des tapfern Kapitäns schuf nach vorn immer wieder Bahn. Allein stets warfen sich neue Scharen der Wilden zwischen die Vorhut und die rettende Pforte, immer wilder drängten die Feinde von unten herauf und von beiden Seiten heran, und bald barst jede Ordnung des Zuges auseinander, so daß die Dorfbewohner, Männer, Weiber und Kinder, Fechtende und Jammernde, in einen chaotischen Knäuel zusammengepreßt wurden. Nicht allein ihre überlegene Anzahl kam den Angreifern zu statten, ihr Führer hatte auch den Ort und die Zeit des Angriffs schlau berechnet, indem er voraussah, daß der Besitz des Geschützes, welches seine Krieger am meisten fürchteten, den Weißen hier nutzlos sein würde, weil es nicht auf den Weg hernieder abgefeuert werden konnte, ohne daß seine Ladung den Freunden ebenso verderblich wie den Feinden geworden wäre. Es konnte überhaupt von den Feuerwaffen kein Gebrauch mehr gemacht werden. Dazu war kein Raum mehr. Degen und Dolch, Tomahawk und Skalpiermesser bildeten in diesem wilden Wirbel von Handgemenge die einzigen Verteidigungs- und Angriffswaffen. Die Wilden hatten ihre sonstige, mehr im Legen und Vermeiden von Hinterhalten als in offenem Gefechte von Mann gegen Mann bestehende Kriegsweise am heutigen Tage völlig aufgegeben. Sie stürmten, Wunden und Tod verachtend, heran mit einer Wut, hielten stand mit einer Beharrlichkeit, wie selbst der im Wald- und Grenzkriege vielerfahrene Standish noch nie erlebt hatte. Der energische Wille ihres Führers schien sie zur rücksichtslosesten Tapferkeit entflammt zu haben. Dieser Führer, kenntlich an seinem hohen Wuchs, an seiner Tunika von Scharlach und an der von seiner Skalplocke weit den Rücken hinabflatternden schwarzen Adlerfeder, war mit Wort und Arm überall zugegen. Er führte als Waffe einen Tomahawk, dessen Schneide nicht nur, sondern auch dessen Handhabe von Stahl war und der von Blut triefte. Seine Anwesenheit flößte den Weißen ebenso sehr Schrecken ein, als sie ihren Grimm und ihre Rachelust reizte. »Hund von verräterischem Heiden!« schrie ihm Standish zu, indem er sich zu ihm Bahn zu brechen suchte. »Sohn Belials!« rief ihn der Richter an, in der nämlichen Absicht durch das Getümmel sich drängend. Ein dämonisches Hohnlachen war die einzige Antwort des Häuptlings, welcher im nämlichen Augenblick sein Beil in dem Schädel eines Gegners begrub, dem er die Büchse aus der Hand geschlagen und der ihn wütend an der Schulter gepackt hatte. Wir verzichten darauf, das schreckliche Bild weiter in seinen Einzelheiten auszuführen. Unser Gefühl sträubt sich dagegen, die Todesschreie erbarmungslos niedergemetzelter Weiber und Kinder zu verzeichnen oder alle die entsetzlichen Blicke, Bewegungen und Töne zu beschreiben, die an den Menschen bemerkbar werden, wenn sie das, was die alten Nordländer Berserkerwut nannten, zu reißenden Tieren macht. Die Schur der Weißen schmolz immer mehr zusammen, während die Stellen der ebenfalls in großer Anzahl gefallenen Indianer sogleich von neuen Kämpfern eingenommen wurden. Nur einmal noch schien es, als wollte in dem für die Ansiedler schon völlig verzweifelt sich gestaltenden Kampfe eine günstigere Wendung eintreten. Die Palisaden-Pforte, um welche sich allmählich der Kampf konzentriert hatte, ward aufgerissen und heraus stürzte mit geschwungenem Schwerte der Mann, welcher während des Gottesdienstes in das Haus des Richters gekommen war und zweimal die Feldschlange abgefeuert hatte. Mit der Losung: »Herrgott Jebaoth!« spaltet« er einem Wilden das Haupt und schuf einen Augenblick freien Raum vor der Pforte. »Hie Israel!« antwortete ihm die Stimme des heldenhaften Greises, welcher, seine Enkeltochter mit dem linken Arm umfaßt haltend, mit seinem gewaltigen Schwerte schützende Kreise um das halb bewußtlose Kind zog. Zugleich entlud sich, von dem alten Obededom losgebrannt, die Feldschlange noch einmal auf die nachdrängenden Wilden. Sie stoben heulend auseinander, aber schon im nächsten Moment führte der Häuptling in der Scharlachtunika eine neue Wolke seiner Leute heran. »Stehe fest, wer noch stehen kann!« rief Standish aus. »Wir müssen das Tor halten.« Aber es war an kein Stehen und Halten mehr zu denken. Alles drängte, schob, stürmte gegen die offene Pforte zu, und durch dieselbe keilte und wälzte sich nun die ganze Masse, Weiße und Rote im wildesten Wirrwarr durcheinander tosend. Auf dem Hofraum erneute sich sofort das Blutbad, Während die allgemeine Feuersbrunst, welche das Dorf verzehrte, glühenden Qualm, Rauchwolken und Flammenwirbel heraufschnob. Überwältigt von allen diesen Schrecken der Vernichtung, war es Lovely wie im Traume, als sähe sie den Richter, den Kapitän, ihren Großvater und Vater, mit dem Rücken an die Mauer des Hauses gestemmt, den letzten Verzweiflungskampf gegen die anstürmenden Wilden kämpfen. War das alles Wirklichkeit? Wie denn lebte sie noch? Welches Wunder hatte sie gerettet? Plötzlich stieß sie einen Schrei aus und stürzte vorwärts. Ein riesenhafter Indianer hatte ihren Vater angefallen und mit dem Kolbenschlag einer aufgerafften Büchse die Schwertklinge des Weißen zersplittert. Schon holte er zum Todesstreiche aus, als sich das Mädchen an die Brust des Vaters warf und in verzweiflungsvollem Flehen die Hände gegen den Wilden ausstreckte. Dieser verzog nur den Mund zu einem höhnischen Grinsen des Triumphs und schwang die Waffe höher empor. Aber im selben Augenblick wurde er von dem Häuptling am Arme gefaßt und rückwärts geschleudert. Mit halbwahnsinniger Spannung starrte Lovely dem Retter in die bronzenen Züge. Sie hörte nur noch, wie der Mann im Scharlachwams ein gellendes, dreimal wiederholtes Pfeifen ertönen ließ. Dann schwamm und wirbelte ihr alles vor den Augen, und sie sank bewußtlos ihrem Vater in die Arme. 6. Sein Auge kalt verdeckt, was heiß Und stürmisch seine Brust erfüllt, Wie wenn das erste dünne Eis Des Meeres dunkeln Schlund verhüllt Bis zu den nächsten Sturmesschauern. Furchtbare Leidenschaft versteckt In dieser stolzen Brust sich tief, Wie Löwen in der Höhle lauern, Bis sie ihr Opfertier entdeckt, Und wild erwacht, was scheinbar schlief. Schien wie ein Stein sein Herz zu sein: Der Stahl lockt Funken aus dem Stein. Michail Lermontoff. Wir müssen unsere Leser, bevor wir sie auf neue Schauplätze und zu neuen Szenen unserer Geschichte führen, zunächst noch auf der Stätte der Zerstörung und Trauer, welche das Dorf Swanzey durch den Überfall der Wilden geworden war, festhalten. Der Kampf war schon seit mehreren Stunden beendigt. Der Sieg der Wilden, die Niederlage der Kolonisten war vollständig. Mit Ausnahme von einigen wenigen, denen es, als der Kampf um die Palisadenpforte her wütete, gelungen, abseits den Rain aufwärts in den Wald zu entkommen, war die ganze Dorfbevölkerung der Mordlust der Sieger zum Opfer gefallen. So bildete der Überfall von Swanzey durch die Eingeborenen am 24. Juni 1675 das schreckliche Vorspiel zu einem Kriege auf Leben und Tod, zu einem Kriege, in welchem es sich ganz ernstlich um die Ausrottung der Weißen durch die Roten oder aber um ein bleibendes Übergewicht der ersteren über die letzteren handelte. Mit blutigen Zügen ist dieser Kampf oder diese Reihenfolge von Kämpfen in den Annalen der Staaten von Neuengland verzeichnet, und wir werden im Verlaufe unserer Erzählung noch manches Blatt voll Schrecken und Entsetzen aufzuschlagen haben. Für jetzt kehren wir auf den Hofraum von Eatons Haus zurück. Es geht gegen Abend zu. Die Sonne nähert sich schon dem unermeßlichen Wäldermeere im Westen; aber ihre Kugel strahlt nicht hell und voll auf den Schauplatz, sondern steht weißlich trübe hinter den grauen Dünsten, womit die immer noch rauchenden Brandstätten des Dorfes die Atmosphäre erfüllten. Die Brunst, welche sämtliche Wohnstätten, das Haus des Richters ausgenommen, erreicht und verzehrt hatte, war mächtig genug gewesen, den ganzen Dunstkreis der Niederlassung mit einer erstickenden Hitze zu schwängern, welche jetzt erst unter der Einwirkung der abendlichen Brise nachzulassen begann. Das furchtbare Getöse, welches kurz zuvor hier geherrscht hatte, war verstummt. Der Boden des Hofes war mit Blut bedeckt. Die gefallenen Indianer waren von den Ihrigen bereits weggeschafft und sorgsam im nahen Walde bestattet worden. Dagegen lagen die Leichen der Weißen unordentlich über den ganzen Raum hin zerstreut, da, wo der Tod sie erreicht hatte, und es ist schrecklich zu sagen, daß das Messer der Sieger nicht einmal der Toten geschont hatte. Alle, selbst Weiber und Kinder waren der Hirnhaut beraubt worden, und diese gräßlichen Siegeszeichen schmückten, von geronnenem Blute starrend, die Gürtel einer starken Horde von Indianern, welche zwei Seiten des viereckigen Platzes einnahm. Sie standen, saßen und lagen an verschiedenen Feuern, an welchen sie ihr Wildbret und ihren Kaves (Mais) geröstet hatten. Vor ihnen waren die erbeuteten Waffen in Haufen aufgeschichtet. Die meisten hatten sich mit Beutestücken europäischer Kleidung wunderlich herausgeputzt, sahen aber keineswegs grotesk-komisch aus, sondern glichen in der von Dampf und Schweiß verwischten weiß und schwarzen Kriegsbemalung ihrer grimmigen Züge einer Bande höllischer Dämonen. Das Haus des Richters selbst zeigte starke Spuren mutwilliger Zerstörungslust. Die Fenster waren eingeschlagen, das Mauerwerk vieler Orten zertrümmert, das Hausgeräte hatte die Kochfeuer der Wilden nähren müssen. Abseits von dem Schwarm lehnte der Häuptling in der scharlachroten Tunika an der Lafette der eroberten Feldschlange. Er hatte den blutigen Tomahawk in den Gürtel gesteckt und die Arme im Nachdenken über die breite Brust gekreuzt. Zuweilen hob er den gesenkten Kopf und ließ seine schwarzen glühenden Augen über den Platz schweifen. Dann irrte momentan ein triumphierendes Lächeln über seine stolzen Züge, die wie aus Marmor gehauen erschienen wären, hätte ihnen die Natur nicht vielmehr die Färbung von Bronze gegeben. Er stand in der Vollkraft des männlichen Alters. Seine ganze Erscheinung war edel, gemessen, würdevoll. Man sah ihm auf den ersten Blick an, daß er gewohnt sei, zu herrschen. Den Stempel des Genies, welcher seinem Antlitz aufgedrückt war, beeinträchtigte selbst der Umstand nicht, daß nach Art seiner Rasse seine Backenknochen weit mehr hervorstanden, als dies bei einem andern berühmten Helden seines Volkes, dessen Äußeres wir früher beschrieben, der Fall war. Zwischen den Brauen des Häuptlings lag eine tiefe Falte, wie wir sie oft bei Männern wahrnehmen, deren ganzes Leben ein großer Gedanke erfüllt und – verzehrt, jene von dem rastlos arbeitenden Geiste gezogene Furche, welche der Physiognomie einen finstern und zugleich rührenden Ausdruck verleiht. In der Tat erfüllte und verzehrte ein solcher Gedanke das ganze Dasein von Metakom, dem großen Sachem der Wampanogen und Pokanoketen, denn diesen haben wir vor uns. Er hatte es sich, in richtiger Erkenntnis der Vernichtungsgefahr, welche seinem Volke, den indianischen Nationen überhaupt von seiten der weißen Eindringlinge drohte, zur Aufgabe seines Lebens gemacht, diese Gefahr durch Ausrottung der Weißen zu beschwören, und er setzte alle seine Gaben und Kräfte, er setzte das Leben selbst an die Erfüllung dieser Aufgabe. Er hatte es zur Erreichung seines Zweckes sogar nicht verschmäht, bei den Verhaßten, welche sein Volk Schritt für Schritt aus den Jagdgründen der Väter verdrängten, in die Schule zu gehen. Er hatte ihre Sprache erlernt, mit ihren Sitten und Gebräuchen sich bekannt gemacht. Lange Jahre hatte er, im geheimen unaufhörlich mit den Vorbereitungen zur Ausführung seines großen Planes beschäftigt, mit der ganzen Schlauheit seiner Rasse die friedlichen und freundlichen Gesinnungen geheuchelt, welche sein beschränkter Vater Massasoit, wie wir gesehen, wirklich gegen die Kolonisten gehegt. Mit unendlicher Mühe war es ihm gelungen, die alte Erbfeindschaft zwischen den zwei mächtigsten roten Nationen von Neuengland, den Pokanoketen und Naragansettern, beizulegen und sie zu einem Schutz- und Trutzbündnis gegen die Weißen zu vereinigen, und dieses diplomatische Meisterstück war ihm zur nämlichen Zeit geglückt, als der Verrat Sasamons ihn nötigte, die Maske des Friedens und der Freundschaft abzuwerfen. Metakom oder König Philipp ist von den älteren Annalisten der Kolonien von Neuengland mit unbilliger Parteilichkeit und Härte beurteilt worden. Man kann diesen Männern, welche die Schrecken des Krieges, womit der große Sachem die Pilger der Wildnis heimsuchte, als Augenzeugen erlebten, ihre leidenschaftliche Hitze in Beurteilung eines ihnen rein unverständlichen Charakters, den sie geradezu für einen Sohn des Teufels ansahen, zugute halten; allein die Nachwelt war einsichtig und gerecht genug, einen andern Maßstab an Philipp zu legen. Es ist wahr, daß er mit manchem Gebrechen seines Volkes, wie zum Beispiel mit Hinterlist und grausamer Rachelust stark behaftet war, aber der größte Autor, welchen Amerika bis jetzt hervorgebracht, Irving, hat mit Recht auch die Lichtseiten seines Wesens dargelegt, indem er sagt, daß Metakom ein kräftiges Gemüt, einen großen Reichtum von Hilfemitteln, Verachtung aller körperlichen Leiden und Beschwerden und unbesiegbare Entschlossenheit bewiesen habe, und dann hinzufügt: »Mit den heldenmütigen Eigenschaften und der kühnen Tapferkeit begabt, welche einem Krieger aus der gebildeten Welt Ehre und ihn zum Gegenstande der Dichtung und Geschichte gemacht haben würden, war König Philipp ein Wanderer und Flüchtling in seinem Geburtslande und ging wie eine einsame Barke in der Dunkelheit und im Sturme unter, ohne daß das Auge des Mitleids seinen Fall beweint oder eine Freundeshand seinen letzten Kampf aufgezeichnet hätte.« Zur Zeit jedoch, von welcher wir hier sprechen, schien der Sachem eher der Erreichung seines Zieles als einem so tragischen Ausgange nahe zu stehen, besonders in der Stunde, wo ihm der erste offene Schlag gegen die Ansiedler so vollständig gelungen war. Er stand auf den Trümmern einer zerstörten Ansiedlung da als Sieger, als Träger einer großartigen Idee, wie sie nach ihm nur noch ein Mann seiner Rasse, der kühne Tekumseh, Häuptling der Shawanesen, hegen und verfechten sollte (in den Jahren 1810–1813). Es herrschte unter den Indianern, welche sich auf dem Hofraume gelagert hatten, durchaus nicht die lärmende Fröhlichkeit, zu welcher der Rausch des Sieges naturgemäß verleitet. Einesteils mochte der starke Verlust, welchen sie erlitten hatten, die Freude der Krieger dämpfen, andernteils hielt die Anwesenheit und strenge Haltung ihres angebeteten Führers sie in gehörigem Respekt. Keiner wagte ihn in seinem Sinnen zu stören; die meisten gaben sich, nachdem sie ihr frugales Mahl verzehrt, der apathischen Ruhe hin, welche dieses Volk nach heftigen Strapazen so sehr liebt. Jetzt glitt durch die Öffnung des aus seinen Angeln gerissenen Hoftors herein einer der Untersachems Metakoms, welcher von diesem befehligt worden war, die Bestattung der indianischen Toten zu beaufsichtigen. Er kommt, dem Häuptling zu melden, daß dessen Anordnungen vollzogen seien, bleibt aber, der indianischen Etikette getreu, stumm vor seinem Chef stehen, bis dieser die Worte an ihn richtet: »Mag Annawon reden, meine Ohren sind offen.« »Unsere Brüder,« versetzte Metakoms Vertrauter, an dessen linkem Oberarm ein Verband von Kräutern zeigte, daß er am Tage zuvor den wackern Standish nicht ungestraft gereizt habe, »unsere Brüder sind in die glücklichen Jagdgründe gegangen. Der Grabhügel ist getürmt und die Totenklage angestimmt worden.« »Gut. Die Skalpe an den Gürteln der Wampanogen werden den Müttern und Squaws meiner gefallenen Krieger bezeugen, daß diese nicht ungerächt gestorben.« Annawon schaute mit einem grimmigen Lächeln der Befriedigung auf seinen eigenen Gurt herab, an welchem drei der schrecklichen Trophäen hingen. Nach einer Pause sagte der Häuptling zu ihm: »Bring die gefangenen Blaßgesichter hierher.« Annawon ging in das Haus und erschien binnen kurzem wieder unter der Tür, deren einer Pfosten umgestürzt worden war, gefolgt von fünf Personen, welche beim Ende des Kampfes statt raschen Todes das vielleicht noch schrecklichere Los getroffen hatte, die Gefangenen erbarmungsloser Feinde zu werden. Es waren Eaton, Standish, der Vater und Großvater Lovelys und diese selbst. Von den vier Männern war keiner ohne Wunde: dem Richter hatte ein Pfeil den Ballen der linken Hand zerrissen, dem Kapitän ein Beilschlag die rechte Schulter getroffen, dem älteren Oberst ein Lanzenstoß die Rippen der rechten Seite tief gestreift, dem jüngeren ein Messerstoß den linken Vorderarm durchdrungen. Die Gefangenen hatten Zeit gehabt, der ersten namenlosen Betäubung des Schmerzes Herr zu werden, eines Schmerzes, dessen Heftigkeit sie zuerst hatte bedauern lassen, daß sie das Schicksal ihrer Glaubensgenossen nicht geteilt. Aber selbst in der leidenvollsten Brust waltet mit geheimer Macht des Daseins süße Gewohnheit, wie unser großer Dichter den gewaltigen Lebensdrang des Menschen so treffend bezeichnet hat. So hatten sie es sich denn gefallen lassen, daß, während sie in einem der halbzerstörten Gemächer des Hauses bewacht wurden, ihre Wächter ihnen, auf höheren Befehl, nicht nur Wasser zur Stillung ihres heißen Durstes reichten, sondern daß auch einer derselben, der sich auf die Heilkünste seines Volkes verstand, ihnen ihre Wunden untersuchte, wusch und verband. Sie hatten verwundert fragende Blicke über diese Sorgfalt getauscht, und der Kapitän hatte mit der Resignation eines auf alles gefaßten Mannes geäußert: »Ich denke, ich weiß, was das zu bedeuten hat: sie wollen uns einstweilen am Leben erhalten, um den Glanz eines ihrer höllischen Siegesfeste durch die Martern, welchen man uns unterwerfen wird, zu erhöhen.« Annawon führte die Gefangenen vor den Sachem und sagte, einen Blick wilden Hasses auf Standish schießend, absichtlich in englischer Sprache: »Es ist noch Platz, viel Platz für Skalpe an den Gürteln der Krieger der Wampanogen.« Metakom erwiderte nichts auf diese rachsüchtige Insinuation, sondern bedeutete nur den Sprecher mit einer gebieterischen Gebärde sich zu entfernen. Dann erhob er den Kopf und betrachtete einen seiner Gefangenen nach dem andern mit marmorkaltem und marmorfestem Blicke. Lovely, welche sich krampfhaft am Arme ihres Großvaters festhielt, schlug die verweinten Augen vor diesem Blicke entsetzt zu Boden, die Männer aber erwiderten denselben jeder in seiner Art mit Festigkeit. Zwar hatte der Anblick der verstümmelten Leichen ihrer Brüder und der Blutgeruch, welcher gleichsam die ganze Atmosphäre erfüllte, ihnen die Schrecklichkeit ihrer Lage von neuem so recht klar gemacht, aber alle fühlten, daß das geringste Zeichen von Schwäche in diesem Augenblicke entehrend für sie wäre. Eaton schaute den Sachem an, als sähe er den bösen Feind leibhaftig vor sich; in den Augen des Kapitäns blitzte ein Zorn, als könnte er sich kaum enthalten, dem Sieger an die Kehle zu springen; der jüngere Oberst ballte krampfhaft die Rechte, als hielte er noch den Schwertgriff in derselben; nur der ehrwürdige Greis tat es in angemessener Haltung dem Indianerfürsten gleich und schaute ihm mit ruhiger Würde in die Augen. Metakom ließ seinen Blick von den Männern langsam auf das todbleiche Mädchen gleiten. »Junges Blaßgesichtmädchen,« redete er dann mit klangvollem Organ und in vollkommen verständlichem Englisch Lovely an, »du hast noch nicht genug Sommer gesehen, um in der Lügenkunst deines Volkes erfahren zu sein. Sage mir, wer hat dir das Kinderspielzeug gegeben, welches du um den Hals trägst?« »Ein Indianermädchen, Hih-lah-dih geheißen,« erwiderte Lovely mit bebender Stimme, aber belebt durch einen schwachen Hoffnungsschimmer. »Sie traf gestern mit mir im Walde zusammen und, ach, wir haben es schwer gebüßt, daß wir ihrer warnenden Stimme nicht größere Beachtung schenkten!« »Hih-lah-dih?« fragte der Sachem. »Hih-lah-dih hat dich und die Blaßgesichter gewarnt und gestern noch?« Ein finsterer Schatten flog über sein Gesicht, verschwand aber ebenso schnell wieder, als er gekommen. »Hih-lah-dih warnte mich im Namen eines – eines fernen Freundes und riet mir, mit den Meinigen« – die Sprecherin faßte dabei die Hände ihres Vaters und Großvaters – »nach Providence zu gehen, weil die roten Krieger den Tomahawk wider mein Volk erheben wollten.« Das blasse Mädchen errötete bis zur Stirn hinauf, als sie des fernen Freundes erwähnte. Dem Falkenblick des Sachems entging dieses Erröten nicht. »Jung Blaßgesichtsquaw Freund haben, der Hih-lah-dih als Botin schicken,« sagte er forschend. »Sein Name welcher sein?« Lovely besann sich einen Augenblick, hielt es aber für das Beste, die Wahrheit zu sagen, und erwiderte leise: »Das Goldhaar.« Ein kaum merkliches Lächeln kräuselte für einen Augenblick die Lippen Metakoms. Lovely erriet mit dem Instinkt eines liebenden Weibes die Bedeutung dieses Lächelns und glaubte vor jungfräulicher Scham vergehen zu müssen. Aber zugleich ließ ihr kindliches Gefühl sie erkennen, daß der Moment, wo der furchtbare Häuptling von einer menschlichen Regung erfaßt worden sei, nicht ungenützt vorübergehen dürfe. Sie trat daher einen Schritt vorwärts, ließ sich auf ihre Knie nieder, umfaßte die des Sachems und flehte mit ihrer süßen Stimme zu ihm empor: »O, König Philipp, du hast Eltern gehabt, bei ihren Gebeinen beschwöre ich dich und bei den Häuptern deiner Kinder, schone meines Vaters und Großvaters, schone unserer Freunde, und der Herr, unser Gott, soll es dir und den Deinigen vergelten tausendfach.« »Stehe auf, Kind,« rief ihr Vater in streng verweisendem Tone der Flehenden zu. »Es ist Sünde, schwarze Sünde, vor einem blinden Heiden das Knie zu beugen, und gälte es, tausend Leben zu erbitten.« Der Indianerfürst achtete dieser Worte nicht, sondern hob Lovely vom Boden auf und sagte ruhig, aber nicht ungütig: »Nicht weinen, junges Mädchen. Wer Hih-lah-dihs Halsband trägt, sicher sein vor dem Skalpiermesser meiner Krieger. Aber warum Vater und alter Vater nicht ruhig in der Höhle bleiben im Walde dort? Warum kommen in das Dorf und meine Krieger töten mit Donnerrohr da und langem Messer?« »Häuptling,« entgegnete der Greis auf diesen Vorwurf, »es ist nicht die Sitte christlicher Krieger, das Schwert in der Scheide zu lassen, wenn der Feind ihren Brüdern an Leib und Leben geht.« »Gut,« versetzte der Sachen ruhig und mit all der gemessenen Höflichkeit seines Volkes. »Meines Vaters Haar und Bart ist sehr weiß, er hat viele Sommer gesehen, er ist sehr weise und ein großer Krieger. Er hat vormals im Rate der Häuptlinge seines Volkes gesessen, und sein Wort, wie das seines Sohnes, klang laut und wurde gehört, als es sich darum handelte, eines großen, großen Sachems Skalp zu nehmen. Ist es so?« »Ja, Häuptling,« erwiderte der Greis mit Würde. »Mein Sohn und ich waren mit im Rate an jenem großen Tage des Gerichts, welchen ich trotz aller Leiden, die er mich gekostet hat, noch immer für den schönsten meines Lebens halte!« »Gut,« sagte Metakom abermals mit Nachdruck. »Weiser alter Krieger nicht lügen, Zunge geradeaus gehen wie ein wohlgerichteter Pfeil. Eine Krähe von jenseits des Salzsees hat in Metakoms Ohr geflüstert, sie wolle die Hände der Wampanogen mit Silber füllen, wenn Metakom die beiden Häuptlinge aus dem Lande der Blaßgesichter ihr, der Krähe, in die Hände lieferte.« Die beiden Obersten wechselten einen bedeutungsvollen Blick. »Metakom,« fuhr der Indianerfürst fort, »jagte die Krähe aus seinem Wigwam und verbot seinen Kriegern, die Spur derer zu verfolgen, für welche seine Freunde, der graue Bär und das Goldhaar, an der Bucht des Salzsees gefochten.« Hier brach der Sachem ab, und es entstand eine lange Pause, welche endlich der feurige Standish ungeduldig unterbrach, indem er sagte: »Wo will das alles hinaus, Heide? Sicherlich steckt eine indianische Teufelei hinter deinen Worten, aus welchen ich nicht klug werde. Doch was mich angeht, so begehre ich weiter nichts, als dir mit meinem guten Degen in der Hand auf Schwerteslänge gegenüberzustehen, um Rache zu nehmen für alle deine Verräterei.« »Der kleine Feuerspeier ist ein tapferer Krieger, ich weiß es,« erwiderte der Sachem nachlässig; »aber Metakom weiß kleine und große Feuerspeier zum Schweigen zu bringen.« Und so sprechend klopfte er mit dem gekrümmten Zeigefinger seiner Rechten leicht an das Geschützrohr, an welchem er lehnte. »Mörderischer Heide, eingeborener Sohn Belials,« rief Eaton aus, unfähig, die kochenden Gefühle seiner Brust länger zu dämmen, »prahle nicht mit deinem heutigen Tun, das verflucht ist vor Gott und vor den Menschen.« Und seine Augen auf die verstümmelten Leichen umher werfend und dann sie zum Himmel aufhebend, fuhr der Richter mit den Worten des Psalmisten fort: »O, Gott, Herr, dessen die Rache ist! Gott, dessen die Rache ist, erscheine! Erhebe dich, du Richter der Welt, vergilt den Hoffärtigen nach ihrem Tun! Herr, wie lange sollen die Gottlosen, ja, wie lange sollen die Gottlosen frohlocken? Wie lange werden sie trotzige Reden ausschütten und ihrer Übeltaten sich rühmen? Herr, sie zerschlagen dein Volk und Plagen dein Erbteil. Sie erwürgen die Witwen und töten den Fremdling und morden die Waisen und sagen: Der Herr siehet es nicht und der Gott Jakobs achtet es nicht. O, Gott, Herr, du, dessen die Rache ist, erscheine!« »Alter Mann, der Manitu, zu welchem du rufest, hört dich nicht. Er hat sein Angesicht von dir und deinem Volke gewendet. Er ist kein starker und eifriger Manitu, wie die Powows der Blaßgesichter sagen; sonst hätte er heute die Skalpe auf den Schädeln deiner Brüder festgehalten.« »Heide,« versetzte der Richter mit dem Ton düsterer Drohung, in welchem etwas Prophetisches lag, »es wird ein Tag kommen, wo dir dieser gotteslästerliche Spott wie geschmolzenes Blei auf dem Herzen brennen wird. Die Vergeltung des Gottes der Christen wird über dich kommen, und es wird kein Entrinnen für dich sein.« Der Häuptling ließ diese Drohung mit kalter Ruhe über sich ergehen, aber als ergötzte es ihn, den glaubenseifrigen Richter, dessen Eigenheiten er wohl kannte, an der verwundbarsten Stelle zu treffen, riß er einen der Knöpfe, welche seine Tunika am Halse zusammenhielten, ab, nahm ihn zwischen die Finger, schnellte ihn durch die Luft und sagte: »So viel, so viel gerade macht sich der Sachem der Wampanogen und Pokanoketen aus deinem Christentum, so viel wie aus diesem Knopfe.« Dann aus der nachlässigen Stellung, welche er bisher behauptet hatte, zu seiner vollen Höhe sich aufrichtend, kam er der heftigen Entgegnung Eatons zuvor, indem er mit dem der Redeweise seines Volkes so natürlichen Pathos fortfuhr: »Alter Mann, laß deine Ohren offen sein und achte meiner Worte. Metakoms Herz ist von Stahl und fürchtet weder kaltes noch geschmolzenes Blei. Er hat mit dem Manitu seines Volkes, welcher den roten Kindern dieses Landes gnädig war Jahrhunderte lang, bevor die Blaßgesichter auf ihren großen Kanoes über den Salzsee kamen, geredet, und der gute Geist hat sein Wollen gebilligt und seinen Arm stark gemacht zu dem Werke, welches er zu vollbringen hat. Dies Werk war der Traum Metakoms, als er noch ein Knabe war, jetzt, da er ein Mann geworden, wird er es zur Wirklichkeit machen. Er will die Pfade seines Volkes säubern von dem weißen Gewürm und Ungeziefer, welches allwärts darüber kriecht, er will die Jagdgründe der roten Männer wieder vorrücken bis zum östlichen Ufer des großen Salzsees. Er hat die roten Nationen zu Brüdern gemacht und den Tomahawk erhoben, um ihn nicht wieder zu begraben, bis die Brut der räuberischen Fremdlinge erschlagen und in dem Gewässer des Meeres ersäuft ist. Er hat Waffen gesammelt und Bundesgenossen geworben, er hat geheuchelt und sich gedemütigt, bis seine Zeit kam. Und sie ist gekommen. Metakom hat seinen Kriegsruf angestimmt, und dieser wird durch die Wälder rollen bis zu den großen Strömen gegen Mittag und Mitternacht. Seine Brüder werden ihn hören und wiederholen allüberall und sich erheben zu einem Kampfe auf Leben und Tod gegen die weißen Eindringlinge. Die Wampanogen sind hervorgebrochen aus ihren Wäldern wie Blitze aus Wetterwolken. Der erste Schlag ist gefallen und hat gut getroffen. Die Listen und krummen Reden der Blaßgesichter, durch welche sie Massasoit, der jetzt in den seligen Jagdgründen wandelt, so lange und arg betrogen haben, verfangen nicht mehr. Mein Volk fordert das ganze und volle Erbteil seiner Väter von den Blaßgesichtern zurück, die es um dasselbe betrogen haben. Metakom wird seinen Brüdern die erbeuteten Skalpe zeigen, er wird ihnen seine Gefangenen zeigen und ihnen sagen: Seht, die Blaßgesichter sind besiegbar trotz ihrer kleinen und großen Donnerrohre, trotzdem daß große Krieger an ihrer Spitze stehen. Sein Volk wird frohlocken, es wird den Tomahawk ausgraben und Tausende werden ihn erheben und den Kriegsruf anstimmen, und für euch, ja für euch wird kein Entrinnen mehr sein.« So sprechend schüttelte der Sachem den Arm gegen Eaton mit einer Gebärde, welche etwas Erhabenes hatte, und schritt dann, ohne sich weiter auf eine Gegenrede einzulassen, hinweg zu seinen Leuten. Eine Stunde darauf verließ der ganze Trupp das zerstörte Dorf. Metakom selbst stellte sich an die Spitze des größeren Haufens, welcher die fünf Gefangenen in die Mitte nahm. Was aber auch der Sachem mit ihnen vorhatte, sie wurden für jetzt nicht hart behandelt und sogar behufs schnelleren Fortkommens mit den aus Eatons Stalle geraubten Pferden versehen. Bevor die Indianer, welche unter Annawons Führung den Nachtrab bildeten, im Dunkel der Wälder verschwanden, machten sie noch einen Augenblick Halt, wandten sich und ließen einen letzten Schrei des Frohlockens über das Tal hingellen. Dann ward es still, tiefstill über der dunkelnden Gegend. Der Mond ging auf und blickte ebenso klar und mild auf das verwüstete Dorf und die Leichen seiner Bewohner herab, wie er gestern die Sommernachtsruhe der blühenden Ansiedlung bestrahlt hatte. Zuweilen unterbrach ein heiser melancholischer Ton das unheimliche Schweigen. Es war der Vogel der Nacht, der über der einsamen Stätte des Mordes und der Verwüstung sein klagendes Lied anstimmte. Drittes Buch. 1. Gewiß, Diana, der Keuschheit Göttin, Sie wählte sich, der Glieder Duft zu frischen, Verständiger den Grottenquell nicht aus. Hier hätt' Aktäon sie, der Menschen ärmster, Niemals entdeckt und seine junge Stirn Wär' ungehörnt bis auf den heut'gen Tag. Wie einsam hier der See den Felsen klatscht! Und wie die Ulme hoch vom Felsen her Sich niederbeugt, von Schlee umrankt und Flieder, Als hätt' ein Eifersücht'ger sie verwebt, Daß selbst die Sonne nicht das holde Weib, Wie schön es Gott der Herr erschuf, kann sehn. Heinrich von Kleist. Die rote Abendglut eines heißen Julitages lag auf den Wäldern von Neuengland. Die Sonne ging zur Rüste, doch schwebte ihre rötlich angeglommene Kugel noch über dem unendlichen Grün der westlichen Forste und goß eine Flut von warmen Lichtern über die östlichen Gestade der Naragansettbai aus. Die See lag in ruhigem Frieden, kaum daß eine leichte Abendbrise ihre Oberfläche kräuselte und mit leisem Klatschen spielende Wellenlinien an das schweigende Ufer trieb. Der Waldsaum seiner zackigen Einschnitte und Vorsprünge war, soweit das Auge reichte, nur an einer Stelle unterbrochen, da, wo ein ziemlich bedeutender Fluß in die Bai mündete. Dies geschah ohne Geräusch, denn der Fluß strömte tief und still über ebenen Waldboden daher, und die See empfing seine Wasser ohne Ungestüm. Schickte man die Blicke von der Mündung aus den Lauf des Flusses entlang landeinwärts, so verloren sie sich in der Dämmerung eines dunkelgrünen Gewölbes, welches der üppige Baumwuchs mit seinem Rankengeflechte über der sanft hingleitenden Strömung bildete, so daß diese wie aus einer geheimnisvollen Grotte hervorzukommen schien. Aber bewegte sich nicht dort etwas zwischen der Wölbung dieser Grotte und dem Wasser? Nein, es war weiter nichts als das leise Schwanken einer Liane, die aus der Wipfelverschlingung hinabflatterte, als wollte sie sich im Flusse tränken. Und doch – klang dorther nicht etwas wie ein Ruderschlag? Ja, jetzt kam es näher, und aus dem grünen Düster hervor schoß der Schnabel eines Rindenkanoes. Dann wurde die ganze Barke sichtbar, welche geräuschlos rasch der Mündung des Flusses zuglitt. Erst als sie die Salzflut erreicht hatte und über den Waldschattenkreis hinaus war, konnte man die Gestalt, welche die Bewegungen des leichten Fahrzeugs lenkte, deutlich erkennen. Es war ein Indianermädchen und zwar kein anderes als die anmutige Hih-lah-dih, welche wir bei ihrer Zusammenkunft mit Lovely kennen gelernt haben. Die schöne Tochter des Waldes brachte mit einer geschickten Wendung des Ruders, welches sie, aufrecht im Stern des Kanoes stehend, in den Händen hielt, den Nachen zum Stehen, so daß er sich nur noch langsam um sich selber drehte. Sie strich sich die von der Natur gelockten Haare aus der Stirn zurück, atmete hoch auf und ließ mit Wohlgefallen den frischen Seehauch um ihren halb sichtbaren Busen spielen. Dann, nachdem sie die Erhitzung einer eilfertigen Fahrt einigermaßen gekühlt, tauchte sie das Ruder wieder ins Wasser und trieb ihre Barke linkshin in südlicher Richtung am Ufer hinab. Kaum aber hatte der flaumleicht über den Wasserspiegel hinwippende Nachen einige Knoten zurückgelegt, als die Schifferin dessen Lauf abermals hemmte. Das angestemmte Ruder fest gegen ihren Leib drückend, ließ sie den spähenden Blick auf einem Gegenstande haften, welcher innerhalb einer schmalen, tief in das Ufer schneidenden Bucht in ihren Gesichtskreis getreten war. Nur das scharfe Auge einer Eingeborenen vermochte in diesem Gegenstände die Bugspitze eines zu zwei Dritteilen unter dem Ufergebüsch versteckten kleinen Bootes von europäischer Bauart zu bemerken, nur ein solches Auge vermochte sogar zu unterscheiden, daß diese Bugspitze mit meergrüner Farbe bemalt war und in einen zierlich vergoldeten Schwanenhals auslief. »Ih-nis-kin!« flüsterte Hih-lah-dih vor sich hin, und ein schalkhaftes Lächeln umspielte ihre dunkelroten Lippen. Mit äußerster Vorsicht lenkte sie ihr Kanoe in die kleine Bucht hinein, ließ es ans Land treiben, legte das Ruder nieder, betrat das Ufer und zog den Stern der Barke so achtsam auf die Küste, daß die Kieselerde kaum merklich unter dem Kiele knirschte. Hierauf warf sie noch einen spähenden Blick auf den Hintergrund der Bucht, wo der fremde Nachen die Anwesenheit eines menschlichen Wesens zu verraten schien, duckte sich nieder und glitt mit der lautlosen Behendigkeit einer Elfin in das Gebüsch. Ihre Tunika eng um sich faltend, schlüpfte sie geschmeidig durch die Sträucher und Ranken. Kein dürrer Zweig knackte unter ihren schwebenden Tritten, denn ihre zierlichen Mokassins schienen den Boden kaum zu berühren. So wand sie sich durch das wuchernde Dickicht, welches die Bucht umsäumte, bis sie, nahe am Ende derselben angelangt, plötzlich mehr in den Wald einbog und unter den Stämmen desselben einen kleinen Halbkreis beschrieb, dessen Ausgangspunkt sie zu einem mit Moos und Eppich überzogenen Felsblock führte, auf welchem zwei ungeheure Schirlingstannen ihre schweren Äste herabsenkten. Mit sorgsamer Hand die Eufeuranken prüfend, kletterte sie mittels derselben an dem Felsen empor, und als ihr Kopf über die abgeplattete Spitze desselben wegsah, blieb sie in halb schwebender Stellung unbeweglich und lauschte mit angehaltenem Atem in das Versteck unter ihr hinab. Der reizendste Anblick bot sich ihren Blicken dar. Der Fels, über welchen sie herabsah, setzte sich unter dem Wasser, das ihn bespülte, bis zum entgegengesetzten Ufer der kleinen Bucht fort, so daß sein unterseeisches Gestein eine Art Muschel bildete, welche die von draußen hereinleckenden Wogen allmählich ausgehöhlt hatten. Ringsher, nur die Felswand ausgenommen, war die Muschel von der saftigsten Vegetation so um- und überbaut, daß die Abendsonnenstrahlen nur spärlichen Zugang fanden und ihr gebrochenes Licht den lauschigen Raum mit einem sanftrötlich dämmernden Schein erfüllte. Es war ein Badeplatz für eine Göttin und – die Göttin fehlte ihm in der Tat nicht. Mitten in der natürlichen Badewanne lag ein wunderschönes Weib, die weiße Pracht der Glieder unter dem durchsichtigen Schleier des klaren Wassers halb verbergend. »Sie stützt ihr Haupt wie sinnend mit der Rechten Und sieht mit träumerisch gesenktem Lid, Wie ihres Haars gelöste dunkle Flechten Die Welle wogend auf und nieder zieht. Bald schweift ihr Blick, die eigne Schönheit fühlend Entlang des Leibes Formenmelodie, Bald legt die Hand, im weichen Haare wühlend, Die Enden spielend auf das weiße Knie. Als ob ein Andachtsschauer sie beschleicht, Daß sie der Blüte Mittelpunkt erreicht, Umfliegt ihr Antlitz jetzt ein Wehmutshauch, Verratend die geheime Frage: ›So bin ich heute, bin ich's morgen auch? Was bringen mir die künftigen Tage?‹ Als ob der Augenblick sich halten ließe, Wenn man die Augen fest verschließe, Deckt sie sie zu mit ihrer Hand, Um ganz der Außenwelt entwandt Sich selber einzig zu empfinden Im vollsten höchsten Daseinsschwung, Bevor das erste leise Schwinden Gemahne: Fühlst nun minder jung!« Wir möchten nicht behaupten, daß der Dichter, welchen wir zur Hilfe gerufen, in seinen melodischen Versen die Stimmung der schönen Badenden vollständig dargelegt habe. Es lag noch mehr, als er geschildert, in den Zügen dieses griechisch edlen Gesichtes: eine gedankenvolle Energie, der Ausdruck eines Geistes, welcher weit über die Sphäre gewöhnlicher Weiblichkeit und ihrer Sorgen hinausreichte. Während sie scheinbar ganz der Wonne des erfrischenden Bades hingegeben war, flog doch manchmal ein leichter Schatten der Trauer über ihre prächtig geformte Stirn, und wenn sie die tiefbraunen großen Augen öffnete, kam zwischen den dunkeln Wimpern hervor ein so seelenvoller Strahl, wie wir ihn nur in den Augen von Frauen wahrnehmen, welche schon viel Lust und viel Weh erlebt. Die marmorfesten, herrlich gerundeten Glieder, das Kinn mit seinem reizenden Grübchen, der sinnlich schön gebildete Mund, dessen Unterlippe etwas vorstand, als wollte sie Küsse auffangen, hatten etwas Wollüstiges, und doch war über diesen Leib von belebtem Alabaster eine Grazie der Keuschheit ausgegossen, die selbst dem verwegensten Blick imponieren mußte. So lag sie da, ein vollendetes Kunstwerk der Natur, dessen leise sich andeutende Widersprüche von der lauten Harmonie des Ganzen völlig aufgehoben wurden. »Auf einmal fährt sie auf – ein Rascheln und ein Rauschen! Ist es ein Menschenfuß? – Sie lauscht mit bangem Lauschen; Ihr Antlitz sinkt aufs Knie. Rot wird sie wie die Frucht des welschen Maulbeerbaumes, Sie biegt zusammen sich und in des Wellenschaumes Gekräusel zittert sie –« Bald erhob jedoch die schamhaft in sich Geschmiegte das Antlitz wieder. »Es ist nur ein hüpfendes Eichhorn,« murmelte sie und richtete den Blick aufwärts in das grüne Rankengeflecht, aus welchem jetzt das Pfeifen des genannten Tierchens herabkam. Während aber das Auge der Badenden suchend nach oben gerichtet war, schwirrte seitwärts her ein Ton wie das Zischen einer Schlange. Mit wundersamer Elastizität schnellte sich die aufs neue Erschreckte aus der Bademuschel auf, erreichte mit leichtem Sprung das Ufer, wo ihre Kleider lagen, raffte ein großes weißes Tuch vom Boden auf, und im nächsten Augenblick war die Pracht ihrer Glieder vom Halse bis zu den Knöcheln sittsam verhüllt. Nachdem so dem ersten Instinkt des Weibes genügt war, bückte sich die Aufgescheuchte abermals rasch, und als sie sich wieder aufrichtete, ward in ihrer rechten Hand eine blitzende Waffe sichtbar, eine Art türkischen Yatagans, dessen etwas gekrümmte Klinge in einem kunstreich ziselierten Goldgriffe stak. Diese Waffe fest mit der Rechten fassend und mit der Linken die Falten ihrer Verhüllung über dem Busen zusammenhaltend, so daß nur die rechte Schulter und der rechte Arm sichtbar waren, blickte sie über das Wasser nach dem efeuumsponnenen Fels hinüber, mit so kühnem Ausdruck, als erwartete sie furchtlos den von dorther kommenden Angriff des zischenden Gewürms. Das Gezisch erneute sich, aber plötzlich schlug es in ein silberhell tönendes Lachen um. Die Spannung wich aus den Zügen der überraschten Schönen, sie gewahrte das über den First des Felsens schelmisch lachend herüberblickende Gesicht der Indianerin, ließ den Yatagan fallen, drohte dem Mädchen lächelnd mit aufgehobenem Finger und sagte mit einer prächtigen Altstimme: »Warte, böses Kind! Wie hast du mich erschreckt!« In der nächsten Sekunde lag Hih-lah-dih in den Armen der Weißen, deren Antlitz sie mit Küssen bedeckte. »Ih-nis-kin nicht zürnen auf Hih-lah-dih,« bat die Tochter des Waldes schmeichelnd und in einem Tone, welcher der Verzeihung zum voraus gewiß war. Dann rührte sich das geschmeidige Kind geschäftig, um der Freundin bei ihrer Toilette behilflich zu sein. Der Eifer der Indianerin ließ sie hierbei jedoch mehr als einen Mißgriff begehen, was dem Gegenstand ihrer Bemühungen ein wohlwollendes Lächeln entlockte, welches dann von Hih-lah-dih mit herzlichem Lachen erwidert wurde. Endlich war der Anzug der Weißen so weit beendigt, daß nur noch ihre Füße mit den Schuhen – und allerliebste blausammetene, mit zierlichen roten, fast zollhohen Absätzen oder vielmehr Stelzchen versehene Schuhe waren es – bekleidet werden mußten. Hih-lah-dih kauerte in jener anmutigen Stellung, wie sie nur ein indianisches Mädchen annehmen kann, auf die Fersen nieder, um der Weißen den angegebenen Dienst zu leisten, und diese ließ sich denselben mit dem Anstand einer Königin gefallen. Es war überhaupt etwas Königliches in ihrer Haltung und all ihrem Gebaren, vorausgesetzt, daß man mit dem Worte königlich eine durchaus edle, vollendet harmonische persönliche Erscheinung bezeichnen will. Ihrerseits war auch die Indianerin, wie schon früher berührt worden, eine Musterschönheit ihres Stammes, und so bildeten die beiden Frauen, die eine der kaukasischen, die andere der amerikanischen Rasse angehörend, unter der Wölbung der Laubgrotte, überrieselt von den roten Abendsonnenstrahlen, eine Gruppe, deren märchenhafter Zauber dem Malergenie eines Tizian einen Ausruf des Entzückens entlockt haben würde. »Aber,« fragte jetzt die Weiße, »wie fand meine Schwester dieses mein Badegemach, welches, wie ich glaubte, keines Menschen Auge außer dem meinigen bekannt war?« »O, rote Leute scharfe Augen haben; sehen durch das hohe Präriegras, sehen durch das Gebüsch, sehen über die Wolken hinaus,« versetzte die Indianerin nicht ohne einen leisen Anflug jenes Hanges zur Prahlerei, welcher ihrem Volke eigen war und ist. »Hih-lah-dih das Salzwasser herunterkommen in Kanoe, Ih-nis-kin nicht gut verbergen im Strauchwerk ihr Schwanenkanoe, Hih-lah-dih es sehen und denken, Schwester nicht weit sein.« »Meine Schwester kommt aus dem Norden? Sie war in dem Wigwam des großen Sachems der Wampanogen auf der Landzunge von Mount Hope?« Die Indianerin schüttelte das Haupt und erwiderte mit einem Anklang von Trauer in ihrer Stimme: »Der Wigwam Metakoms steht öde. Hih-lah-dih war weiter landeinwärts, in den Wäldern um die Wigwams her, welche die Blaßgesichter Swanzey nennen, nein, nicht nennen, aber nannten.« »Nannten?« »Hih-lah-dih hat es gesagt. Der große Sachem hat den Tomahawk erhoben. Wo sein Schlag hinfallen, Blaßgesichter zu Boden stürzen; wo sein Kriegsgeschrei tönen, Flammen die Wigwams der Blaßgesichter fressen, wie Jägerfeuer zur Herbstzeit das Gras der Prärie verzehren. Hih-lah-dih noch jetzt riechen Brand von Swanzey an kleinem Fluß im Tale. Wampanogen tapfere Krieger, Herzen von Eisen, Metakom großer Häuptling!« Die Indianerin hatte diese Worte mit dem ganzen Pathos des wilden Stolzes ihrer Rasse vorgebracht. Ihre Augen funkelten, und ein triumphierendes Gefühl machte ihre Nasenflügel schwellen. Die Weiße war sehr aufmerksam geworden. »Also ist der Kampf zwischen deinem Volk und den Kolonisten losgebrochen?« fragte sie. »Ih-nis-kin sehr weise, gut verstehen roter Leute Zunge. Häuptling des großen Donnerkanoes sich freuen, wenn hören, daß der Kriegsruf durch die Jagdgründe der Pokanoketen, der Wampanogen und Naragansetter geht. Metakoms Wampum überall mit Frohlocken empfangen, rote Männer sich sammeln in den Wäldern, hauen mit Tomahawk in den Kriegspfahl, Kriegstanz tanzen um Ratsfeuer, junge Krieger ihre Gürtel mit Skalpen füllen, Blaßgesichter erschlagen, fangen, in großen Salzsee jagen.« Die Weiße war von dieser Nachricht offenbar tief bewegt. »So ist denn,« sagte sie leise für sich, »die Kriegsfackel in die friedlichen Dörfer der Pilgrime getragen worden. Und es sind Engländer, Engländer, auf welche diese wilden Horden losgelassen wurden! – O, Raoul, ich fürchte, dein Tatendrang ist auf eine schlimme Bahn geraten!« »Was sagen Schwester?« fragte die Indianerin. »Nichts, Mädchen. Aber komm, die Sonne ist im Begriffe zu verschwinden und wird uns kaum noch bis zum Schiffe leuchten. Du begleitest mich doch?« »Hih-lah-dih will mit dir gehen. Sie hat eine Botschaft zu tragen.« »An den Häuptling des Donnerbootes?« »Nein, eine Botschaft von dem grauen Bären an das Goldhaar.« »An Thorkil? Wußtest du, daß er sich auf dem Schiffe befindet?« fragte die Weiße und warf im Vorwärtsschreiten einen gutmütig forschenden Blick auf ihre Begleiterin. Hih-lah-dih senkte die Augen, und ihre braune Wange färbte sich mit dunklerem Rot. Ein wohlwollendes Lächeln umspielte die Lippen der Weißen. Schüchtern unter den Lidern hervoräugelnd, bemerkte es die Indianerin, und blitzschnell den Gedanken der andern erratend, warf sie sich ihr an die Brust und flüsterte, in Tränen ausbrechend: »Nichts sagen dem Goldhaar! – Hih-lah-dih ihm sein eine treue Schwester – nichts wollen weiter.« »Armes Kind,« versetzte die Weiße, indem sie mit dem Ausdruck inniger Teilnahme die Haare der Indianerin streichelte und ihr die Tränen von den Wimpern küßte, »sei unbesorgt, ich werde nicht verraten, was sich ja ohnehin selbst verrät. Ach,« fuhr sie fort, mehr zu sich als zu ihrer Gefährtin redend, »ich sehe, daß der kleine große Gott in den Wäldern der neuen Welt nicht minder allmächtig herrscht als in den Hütten und Palästen der alten.« Die Indianerin verstand den Sinn der letzten Äußerung nicht. Sie faßte bloß das Wort Gott auf und sagte, mit dem raschen Empfindungswechsel des Naturkindes dem jähen Anfall von Schmerz sich entreißend: »Ih-nis-kin spricht von dem Gotte der Blaßgesichter, aber Hih-lah-dih erfahren, daß er kein mächtiger Manitu sein.« »Was sagst du, Kind?« »Blaßgesichter von Swanzey gehen in Beratungswigwam, anzurufen ihren Manitu, aber Manitu taub sein oder machtlos. Roten Mannes Manitu hören mit offenen Ohren Kriegsgesang der Wampanogen; mächtig sein, viel mächtig roter Manitu. Metakom Kriegsgeschrei erheben, Beratungshaus umzingelt sein, Dorf voll von roten Kriegern. Kommen silberhaariger Krieger mit Sohn aus Höhle im Wald, Blaßgesichter zu warnen. Aber zu spät sein. Medizinmann von Blaßgesichtern rufen aus großem Medizinbuch zum Manitu, aber Manitu taub sein, Medizinmann von Wampanogenpfeil getroffen. Sohn von silberhaarigem Krieger aus großem, großem Donnerrohr unter rote Krieger blitzen, fallen viel, Blaßgesichter in Häuptlings von Swanzey großes Wigwam sich retten, aber Wampanogen mutig sein, viel mutig, stürmen Palisaden, Blaßgesichter sein tot oder gefangen alle.« Dieser Bericht von der Katastrophe von Swanzey, welche wir im vorigen Buch erzählt haben, war freilich zu indianisch, um von der Zuhörerin Hih-lah-dihs in allen seinen Einzelheiten verstanden zu werden, obgleich jene mit der Sprachweise der Eingeborenen so ziemlich vertraut war. So viel jedoch wurde ihr klar, daß die Indianer den Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen ihnen und den Ansiedlern mit einem blutigen Sieg bezeichnet hätten. Ferner entnahm sie dem Berichte des Mädchens, daß der Überfall von Swanzey stattgefunden hätte, während die Bewohner in ihrem Bethaus versammelt waren, und daß der Prediger eins der ersten Opfer gewesen sein müßte. Sie wußte nämlich, daß die Eingeborenen ihre Zauberer und Beschwörer, die Träger ihrer vagen, religiösen Verrichtungen, Powows oder Medizinmänner nannten und diesen Namen auch auf die christlichen Prediger übertragen hatten, wie sie überhaupt alles Außerordentliche, Geheimnisvolle, ihnen Rätselhafte mit dem Begriffe Medizin bezeichneten. Während sich die Weiße in dieser Art die erhaltene Neuigkeit zurechtzulegen suchte, war die Indianerin mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, bis sie dieselben kundgab mit dem Ausruf: »O, was für große Freude es machen dem Goldhaar, wenn hören, daß der Häuptling von Swanzey gefangen!« »Der Häuptling von Swanzey?« »Ja, der Häuptling von Swanzey. Blaßgesichter ihn nennen Richter Eaton. Mato sagen zu Hih-lah-dih: Geh, es sagen dem Goldhaar.« »Ich verstehe, der Feind von Thorkil und Groot Willem befindet sich in den Händen der roten Krieger.« »Ja, und auch kleiner Feuerspeier und silberhaariger Krieger und sein Sohn und schönes junges Blaßgesichtmädchen – o, der Sachem der Wampanogen großer Krieger, sehr großer!« »Ein schönes junges Blaßgesichtmädchen?« fragte die Weiße, ohne sich etwas Besonderes bei dieser Frage zu denken, indem sie in die zierliche leichte Gondel trat, bei welcher sie inzwischen angelangt waren, und mit kundiger Hand das Ruder faßte. »Junges Blaßgesichtmädchen, ja,« entgegnete die Indianerin; schön, viel schön, Wuchs wie junge Zypresse, Augen blau wie der Himmel, nein, wie Veilchen.« »Hatte denn meine Schwester Gelegenheit, der jungen Gefangenen so nahe zu kommen? War Hih-lah-dih mit im Getümmel des Kampfes?« fragte die Weiße und bewegte ihre Barke mit leisem Ruderschlag der Mündung der kleinen Bucht zu. »Hih-lah-dih nicht mit im Getümmel des Kampfes sein, rote Krieger die Squaws nicht mitnehmen, wenn auf den Kriegspfad gehen. Aber Hih-lah-dih in den Wäldern von Swanzey im Versteck, haben gute Augen, gute Ohren, sehen viel, hören viel. Hih-lah-dih dorthin gegangen, um Botschaft zu tragen von Goldhaar an junges Blaßgesichtmädchen; treffen es im Wald an der reinen Quelle, wo Hih-lah-dih geboren worden. Dort junges Blaßgesichtmädchen füllen Krug für Vater und alten Vatervater in der Höhle. Junges Mädchen gut, sehr gut. Aber,« fügte die Sprecherin leiser hinzu, »zu schön, zu weiß, alles schön an jungem Mädchen, auch Name sehr schön, denn heißen, was in roten Mannes Zunge sein lieblich, in englisch Zunge Lovely.« Und das arme Kind legte die Hand auf den Busen, um einen schweren Seufzer zurückzudrängen, und eilte, ihre Verlegenheit zu verbergen, der Stelle zu, wo das leichte Rindenkanoe halb auf dem Ufer lag. Sie schob es ins Wasser, trat hinein und lenkte den Nachen ebenfalls dem Ausgange der Bucht zu. Vielleicht um sich von einer quälenden Erinnerung loszureißen, erhob sie hierauf ihre Stimme und rief, ohne rückwärts zu blicken, der Weißen zu: »Will meine Schwester wettrudern mit Hih-lah-dih, zu sehen, ob Schwanenboot schneller geht als Rindenkanoe?« Als sie keine Antwort erhielt, schaute sie sich um und bemerkte mit Schrecken, daß ihre Begleiterin das Ruder hatte fallen lassen und wie ohnmächtig auf den Sitz im Stern der Gondel niedergesunken war, das erblaßte Antlitz mit den Händen bedeckend. Wir hatten bereits an zwei Stellen dieser unserer Geschichte Gelegenheit, die rätselhafte Wirkung zu beobachten, welche manchmal der Schall eines Namens hervorzubringen vermag. Man erinnere sich der nächtlichen Szene, deren Zeugin Kordelia in der Ruine auf Rhode-Island gewesen, sowie der Bewegung, welche der Kapitän Standish bei einem gewissen Wort in dem Bericht des alten Blackstone an Eaton verraten hatte. Zu beiden Malen hatte der Name Desdemona wahrhaft elektrisch gewirkt. Auch andern Namen schien eine solche geheimnisvolle Macht innezuwohnen. Denn kaum war das Wort Lovely den Lippen Hih-lah-dihs entflohen, so schrak die Führerin der Schwanenbarke heftig zusammen, das Ruder entsank ihr, sie warf sich auf die Bank nieder und verhüllte ihr Gesicht, aus welchem alles Blut gewaltsam zum Herzen zurückströmte, mit den Händen. »Lovely! Lovely! Wäre es möglich?« flüsterte sie tonlos in sich hinein. Im Augenblick war das Kanoe Hih-lah-dihs an der Seite der Gondel. »Was fehlen meiner Schwester?« fragte die Indianerin mit besorgter Hast und legte ihr die Hand auf die Schulter. Die Weiße raffte sich zusammen und sagte aufstehend: »Es ist nichts – ein augenblicklicher Schwindel befiel mich – er ist vorüber.« Allein das Beben ihrer Stimme bezeugte ein tiefes Ergriffensein, und sie gab demselben nach, indem sie die Hand der Indianerin ergriff und hastig fragte: »Lovely, sagtest du? Wirklich Lovely? Besinne dich, Mädchen! War der Name Lovely?« »Lovely der Name des jungen Blaßgesichtmädchens sein, ja. Hih-lah-dih ihn gut behalten. Junges Blaßgesichtmädchen bei der Quelle im Wald sagen, daß es heißen Lovely.« »Weiter, weiter!« rief die Weiße mit krampfhafter Spannung. »War dies der ganze Name?« »Junges Blaßgesichtmädchen haben langen Namen, viel langen, längeren als größter Krieger; langen Namen Hih-lah-dih sagen, aber Hih-lah-dih wissen nur Anfang.« »Und – und,« sagte die Weiße wieder, sichtbar mit einer außerordentlichen Bewegung kämpfend, »das Mädchen hatte blaue Augen?« »Blau wie Veilchen, wenn Schnee vergangen.« »Und die Haare? Die Haare?« »Braun und glänzend wie das Fell der Antilope im Winter und weich wie das Gefieder des Eisvogels.« »Das trifft zu, das trifft zu. – Und sprachst du nicht von einem Vater und Großvater des Mädchens?« »Hih-lah-dih sprechen von jungen Blaßgesichtmädchens Vater und Vatervater, die in der Höhle im Walde bei Swanzey verborgen waren.« »Im Walde bei Swanzey? In der Höhle?« fragte die Weiße mechanisch. »Ja, in der Höhle,« erwiderte die Indianerin. »Hih-lah-dih denken, die beiden Blaßgesichtkrieger sich verbergen, weil haben jenseits des großen Salzsees den Skalp eines großen Sachems genommen und ihnen die jungen Krieger als Bluträcher auf der Spur.« »Seltsam, seltsam!« murmelte die Weiße. »Auch das träfe zu. – Mein Gott, mein Gott! – Doch was zaudern wir hier? Sagtest du nicht, Mädchen, du hättest eine Botschaft von Thorkil an das Blaßgesichtmädchen, welches Lovely heißt, besorgt? Thorkil muß also mehr von diesem Geheimnis wissen, als ich erraten kann. Fort, fort, damit wir zur Fregatte kommen!« So sprechend ergriff sie das Ruder, senkt es mit Energie ins Wasser und machte die leichte Barke pfeilschnell aus der Bai in die offene See hinausschießen, wo sie die Spitze des Fahrzeugs südwärts kehrte, daß es am Ufer hinabzufliegen begann. Das Kanoe der Indianerin folgte, hielt bald gleichen Schritt mit der Gondel, und da war es schön anzusehen, wie die beiden Schönen, in hastiger und doch anmutiger Bewegung wetteifernd, ihre Nachen über die spiegelglatte, von den letzten Strahlen der im fernen Westen hinabsinkenden Sonnenscheibe bepurpurte Meeresfläche hintrieben. 2. Wie so schön war die Fregatte, Wenn sie unterm Winde lief! Prächtig war der Segel Wehn, Schier wie Atlas anzusehn! Über scharlachroter Latte Trug der Rumpf, der lange, platte, Vierundzwanzig Stück Geschütze. Müde wohl auf ihrem Sitze Bog sich tief der Masten Spitze. Kein hispanisch Schiff noch hatte Je sie eingeholt, die glatte Flut wie sie durchschneidend schief. Wie so schön war die Fregatte, Wenn sie unterm Winde lief! De Vigny. »Wohl ein Herz von Erz muß der im Busen getragen haben, welcher zuerst auf schwankem Kiel sich hinauswagte auf die dräuende Meerflut« – singt der römische Dichter. Und in der Tat, die Dienstbarmachung des gewaltigen, erdumspannenden Elements ist einer der größten Triumphe menschlicher Kühnheit, eins der wichtigsten Resultate menschlicher Erfindungsgabe. In alter und neuer Zeit haben Poeten sich bemüht, diesen Sieg des Geistes über die Naturkraft zu feiern und den »ersten Schiffer« mit dem Nimbus der Mythe zu umgeben. Keiner hat die Höhe seines Gegenstandes erreicht, aber schön ist die uralte Sage, daß die Hand eines Liebenden den ersten Kahn aus einem Baumstamm gehöhlt, daß die Sehnsucht der Liebe das erste Segel am ersten Maste befestigt habe. Welch ein unermeßlicher Fortschritt von diesem primitiven Fahrzeug bis zu den riesenhaften Dampfern, welche die Fahrt zwischen der alten und der neuen Welt zu einer Vergnügungspartie machen oder, mit hundert und mehr Kanonen bewaffnet, aus den Kriegshäfen Englands und Frankreichs in See gehen! Man kann mit Grund sagen, die Geschichte der Schiffsbaukunst und der Schiffahrt sei die Geschichte der menschlichen Zivilisation, und doch bildet sie wieder eine ganz eigentümliche Seite der letztern, sofern sie in all ihren Wandlungen jenen ursprünglichen Zauber der Poesie beibehalten hat, welchen so viele andere Erscheinungen des Kulturlebens in ihrem Vorschreiten einbüßten und einbüßen mußten. Sollte, wie ängstliche Gemüter schon jetzt prophezeien, dereinst eine Zeit kommen, wo in dem Getöse des materiellen und mechanischen Treibens der Gesellschaft die »erstgeborene Tochter Jovis« keine bleibende Stätte mehr finden könnte – das Meer wird ihr ein Asyl gewähren, aus welchem sie nicht zu verdrängen ist, solange die Wogen rollen, die Brandung rauscht, die Stürme rasen und die Lichter des Firmaments in der unendlichen Tiefe sich spiegeln. Der letzte Seemann wird der letzte Dichter sein. Schön, erhaben schön ist ein Schiff, das bei zuckenden Blitzen und schmetterndem Donner auf Leben und Tod mit dem Orkan kämpft, jetzt emporgehoben auf den schaumbrodelnden Gipfel einer ungeheuren Welle, jetzt jach hinabschießend in einen schwindeltiefen Abgrund. Aber schön auch ist ein Schiff, welches bei ruhiger See und klarem Himmel, nur mit seinen leichten Obersegeln bekleidet, über die Tiefe hingleitet, welche allen Glanz und alle Bläue der Luft in sich gesogen zu haben scheint, lavierend bald vor sich wendet, bald zurück, bald dahin, bald dorthin, und endlich alle Leinwand seines Takelwerks einholend, regungslos still liegt, dem Delphin gleich, der seines Tummelns und Spielens müde auf dem Wasser einschläft. So das Fahrzeug, welches den ganzen Nachmittag unter seinen Bramsegeln nordwärts von der nördlichen Spitze Rhode-Islands gekreuzt, gegen Abend zu die Segel geborgen, und unweit der Westküste von Plymouth Anker geworfen hatte. Es war ein Schiff, dessen vollendet symmetrischer Bau ein Seemannsauge erfreuen mußte. Über dem länglichen, nicht sehr hohen Rumpf erhoben sich drei Masten mit ihren Rahen und Spieren und ihrem bis ins kleinste Detail mit äußerster Sorgsamkeit geordneten Takelwerk. Nach der Sitte der Zeit stieg die sogenannte Hütte, das oberste Stockwerk des Hinterkastells, sehr weit über das übrige Deck empor, und ihr Hackebord zeigte zierliches Schnitzwerk, welches auch die Kajütenfenster einrahmte. Über der Reihe dieser Fenster war ein kolossaler Lorbeerkranz gemalt, und inmitten desselben las man auf hochrotem Grunde in großen Goldbuchstaben das Wort Gloria. Ganz eigen war auch die Bemalung des Rumpfes, denn dieser trug statt des gewöhnlichen schwarzen ein blendend weißes Gewand, das nur durch einen breiten, rings um das Schiff laufenden roten Streifen unterbrochen wurde, wie das weiße Ballkleid einer Schönen durch einen roten Gürtel. Dieser Streifen oder Gürtel verjüngte sich gegen Stern und Bugspriet zu, entfaltete sich dagegen an den beiden Seiten, da, wo sich bei Kriegsschiffen die Stückpforten befinden, zu seiner vollsten Breite. Das Anmutige, Leichte, wir möchten fast sagen Kokette, welches dem Äußern des Schiffes eigen war, zeichnete es auch im Innern aus. Das Deck wies eine holländische Reinlichkeit und aus der Art und Weise, womit alle Schiffsgerätschaften geordnet waren, erkannte man, daß der Dienst in diesem Fahrzeug mit äußerster Pünktlichkeit gehandhabt würde. Obgleich das Schiff seiner Größe nach eine starke Bemannung haben mußte, ging es doch in der Back nicht minder geräuschlos zu als an jenen Stellen des Decks, welche den Offizieren vorbehalten sind. Da und dort lehnte sich ein halb Dutzend Matrosen über die Galerie des Vorkastells, in träger Ruhe sich des schönen Abends erfreuend und daneben ihres Kautabaks, dessen Saft sie von Zeit zu Zeit in zischenden Strahlen in die See hinabspritzten. Außer der Wache im Mastkorbe und dem wachthabenden Offizier, welcher vorn auf der Schanze hin und her schritt, schien niemand im Schiffe mit Dienstobliegenheiten belästigt zu sein, ausgenommen etwa noch die zwei athletisch gebauten Neger, welche, in türkischer Tracht und mit kurzstieligen Hellebarden bewaffnet, links und rechts am Eingang der Kajütentreppe sich hielten. Dieser Doppelposten hatte etwas Auffallendes, und ein Auge, welchem die Eigentümlichkeiten des Seelebens nicht fremd gewesen wären, würde außerdem noch auf einiges gestoßen sein, was ihm seltsam vorkommen mußte. Abgesehen von dem Umstande, daß die Bemannung des Schiffes offenbar eine ganz ungewöhnlich bunte Mischung der verschiedenartigsten Nationen und Rassen war, hatte das Fahrzeug in seiner ganzen Erscheinung etwas Rätselhaftes. Seine Gaffel trug keine Flagge. Ein Kauffahrer konnte es nicht sein, denn dazu war es viel zu reinlich und zierlich. War es aber ein Kriegsschiff, so mußte es Stückpforten haben, und doch schien der erwähnte rote Streifen den Seitenwänden so fest eingefügt zu sein, daß er kaum annehmen ließ, er sei nur da, um die Geschützluken zu verbergen. Und warum überhaupt diese verbergen, falls das Schiff eine kriegerische Bestimmung hatte? Halb und halb deutete auf eine solche der Umstand hin, daß zu beiden Seiten des Hauptmastes zwei lange Drehbassen aufgepflanzt waren, deren Mündungen aber seltsamerweise nicht steuer- und backbordwärts, sondern nach dem Vorkastell gerichtet waren, so daß jener Teil des Verdecks damit bestrichen werden konnte. Endlich konnte es auch als ungewöhnlich erscheinen, daß sämtliche sichtbare Mannschaft in ihrem Anzug durchaus nur die eigene persönliche Phantasie zu Rate gezogen hatte. Allerdings herrschte zu jener Zeit bei Landtruppen und Seemannschaften noch nicht der monotone Uniformszwang unserer Tage, dennoch aber hatte die Sitte der Uniformierung, von den Heeren Ludwigs XIV. ausgehend, schon angefangen, so weit sich bemerkbar zu machen, daß die einzelnen Regimenter, wie auch die Bemannungen einzelner Schiffe, in Schnitt und Farbe ihrer Tracht eine gewisse Gleichförmigkeit aufzeigten. Von einer solchen war aber hier keine Spur zu sehen, und während der wachthabende Offizier, ein ältlicher, gesetzter Mann, die Allongeperücke und den mit Stickerei überladenen Rock eines Franzosen von Stande trug, sah man an einem Matrosen das enge spanische Wams, an einem andern die holländischen Pumphosen, an einem dritten die langschößige Jacke der Küstenbewohner der Normandie, an einem vierten das beutelförmige Haarnetz des Katalanen, an einem fünften den griechischen Fez, an einem sechsten den Sombrero der Kolonisten Westindiens. Eigen aber war es, daß die Kleidung sämtlicher Matrosen nicht nur höchst sauber sich wies, sondern auch fast durchweg aus feinen und sogar kostbaren Stoffen bestand. Man sah überall Seide und Sammet von lebhaften Farben, mancher tiefgebräunte Hals erhob sich aus einem prächtigen Spitzenkragen, und der vierschrötige Oberbootsmann, welcher dort vom Gangspill her zu dem wachthabenden Offizier trat, um demselben eine Meldung zu machen, hatte die silberne Pfeife, das Zeichen und Instrument seines Amtes, an einer dickgliederigen goldenen Kette auf der Brust hängen. »Wache im Mastkorb,« ließ sich jetzt eine sonore Stimme von der Höhe der Hütte her vernehmen, »kein Boot in Sicht?« »Keins, Sir,« tönte die schrille Antwort. Der Fragesteller erschien für einen Augenblick oben an der Treppe, welche von der Hütte auf das Deck herabführte. Wir erkennen in ihm den Mann, welchen wir unserem Leser zuerst in dem alten Bauwerk auf Rhode-Island vorgeführt haben und dessen unter den Namen De Lussan und el Exterminador schon zu wiederholten Malen gedacht worden ist. »Monsieur Legrand,« rief er dem wachthabenden Offizier zu, »laßt den Bootsmann ein Boot in Bereitschaft halten, daß es zu augenblicklichem Gebrauche fertig sei.« Monsieur Legrand gab den geforderten Befehl, und während das Boot mit geräuschloser Schnelligkeit in See gelassen wurde, wandte sich der Kommandeur des Schiffes, denn als solchen kennzeichneten De Lussan schon die wenigen Worte, die er gesprochen, von der Hüttentreppe rückwärts zum Hackebord, wo wir einen zweiten Bekannten treffen, nämlich Thorkil Wikingsson, welcher seit einigen Tagen als Gast an Bord der Gloria sich befand. »Meine Gebieterin zögert heute lange, zu dem Schiff zurückzukehren,« sagte De Lussan. »Fast bereue ich, daß ich ihrer Laune nachgegeben und sie allein habe gehen lassen.« »Seid unbesorgt, Kapitän,« entgegnete Thorkil, »die Küste ist ganz verlassen und birgt keine Gefahren. Auch sagte ja die Mistreß, sie würde nicht vor Sonnenuntergang zurückkommen.« »Wohl, aber die Sonne steht schon ganz niedrig, und – nun, Ihr wißt nicht, mein Freund, wie besorgt die Liebe macht!« Thorkil kehrte sein Gesicht der Küste zu und unterdrückte ein schweres Aufatmen. »Es ist überhaupt eine mißliche Sache um das Warten,« nahm De Lussan wieder das Wort und ließ seinen prächtigen Schnurrbart durch die Finger laufen. »Ich bin ganz und gar nicht dazu gemacht.« »Und doch meine ich,« bemerkte Thorkil, »daß Geduld dem Seemann fast noch mehr nötig ist als dem Jäger.« »Da habt Ihr recht, aber ich lobe mir eine bewegte See und eine heiße Jagd. Doch Ihr seid mir noch die Antwort auf meine Frage von vorhin schuldig, wie es Euch zur See gefalle.« »Die Wahrheit zu sagen, lange nicht so gut wie in den Wäldern. So ein Schiff ist doch ein enges Ding, und ich glaube kaum, daß ich je darin heimisch werden könnte.« »Und doch stammt Ihr, gleich mir, von einer Familie von Seefahrern.« »Allerdings, aber Erziehung und Gewohnheit haben mich, fürchte ich, für immer zu dem gemacht, was ihr Seeleute mit dem verächtlichen Ausdruck Landratte bezeichnet.« »Ah,« sagte De Lussan lachend, »ich sehe, Ihr habt Euch bereits mit einigen Seemannsausdrücken vertraut gemacht. Sie klingen freilich nicht übertrieben höflich.« »Das muß wahr sein,« entgegnete der Jüngling. »Denkt Euch, bei unserer letzten Zusammenkunft mit den beiden Sachems fragte mich Euer Oberbootsmann Terrible, was das für bemalte Pickelheringe seien. Meiner Treu, ich war froh, daß ihn die Häuptlinge nicht hörten.« » Foi de gentilhomme , ich ebenfalls. Diese Könige der Wildnis hegen in ihren Wäldern einen Stolz, welcher dem, womit König Ludwig über die Terrasse von Versailles wandelt, wahrhaftig nichts nachgibt. Aber auf das Warten zurückzukommen, die Zeit wird mir allmählich sehr lang in diesen engen Buchten und Meerarmen, und unsere Freunde lassen beharrlich nichts von sich hören. Was meint Ihr?« »Ich erwarte zuversichtlich, morgen Groot Willem zu sehen oder eine Botschaft von ihm zu erhalten.« »Ja, die Zeit drängt. Ich kann mich unmöglich mehr lange in dieser See aufhalten und namentlich nicht untätig. – Aber Ihr seid doch überzeugt, daß den beiden Häuptlingen vollständig zu trauen ist?« »Für Kanonchets Wahrhaftigkeit bürge ich wie für meine eigene.« »Und König Philipp?« »Er hat mir nie eine tatsächliche Veranlassung zum Mißtrauen gegeben, aber –« »Aber?« »Seht, Kapitän, ich kann mich des Gedankens nicht entschlagen, Metakom sei auf eine der Hauptbedingungen unserer Übereinkunft nur mit einem Widerstreben eingegangen, welches mich befürchten läßt, daß er sich nicht sehr bemühen werde, sie zu halten, wenn erst der Tomahawk seiner Krieger erhoben ist.« »Ihr seid ein scharfer Beobachter. Auch mir gefiel der Ausdruck seines Gesichtes nicht sehr, als von jenem Punkte die Rede war. Doch wir müssen die Sache abwarten und dürfen es überhaupt nicht so genau nehmen, ob ein paar Kopfhäute mehr oder weniger mit in den Kauf gehen.« »Sprecht nicht so, Kapitän. Ich habe doch wahrlich keine so verzärtelten Nerven wie Eure Hofdamen, von denen Ihr mir erzähltet, aber manchmal plagt es mich doch, daß ich gegen Leute meiner Farbe, gegen Christenmenschen mit den Rothäuten ein Verbündnis gemacht habe.« »Bah, junger Mann, was sind das für Grillen! Erinnert Euch doch, wie diese liebenswürdigen Christenmenschen Eurem Adoptivvater und Euch selber mitgespielt haben! Foi de gentilhomme , es gehört ein isländisches Blut dazu, um sich da noch Skrupel zu machen.« »Laßt es gut sein mit dem isländischen Blut. Sag' Euch, es ist kein Fischblut, und ich weiß, was meines Vaters Sohn geziemt. Aber bei alledem soll der Wampanoge seinem Versprechen nachkommen, wenn er Willem und mich zu Freunden haben will. Wir beide, Willem und ich, wollen nur unser Recht; auch den Rothäuten soll das ihrige werden, damit sie nicht Heimatlose auf den Jagdgründen ihrer Väter seien, allein deshalb brauchen nicht Wehrlose der Blutgier der Wilden preisgegeben zu werden. Zudem – doch das gehört nicht hierher.« »Was wolltet Ihr sagen?« fragte De Lussan, als Thorkil plötzlich abbrach. Der Jüngling blickte forschend in das offene Gesicht des Seemanns und setzte der Frage desselben eine andere entgegen, indem er sagte: »Glaubt Ihr an Ahnungen, Kapitän?« »Hm, mein Freund, wir Seeleute sind im allgemeinen ein abergläubisches Volk und ich will nicht behaupten, daß es mir gelungen sei, mich von den Vorurteilen meines Standes völlig zu befreien. Ih-nis-kin – ich habe mich in diesen Namen, ein allerliebstes Zeugnis indianischer Galanterie, ganz verliebt – Ih-nis-kin hält viel auf Ahnungen. Ihr Lieblingsdichter behauptet, es gäbe viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von welchen sich die Schulweisheit nichts träumen ließe, und derselbe Poet, der unstreitig ein weiser Mann war, sagt, wenn ich nicht irre, Zukünftiges werfe seinen Schatten in die Gegenwart.« »Ihr stellt also nicht in Abrede, daß die menschliche Seele ein dunkles Vorgefühl von künftigem Unheil haben könne?« »Ich will die Möglichkeit davon nicht leugnen, obgleich ich für meine Person als ein Mann, der weit, weit mehr in der Wirklichkeit als in Träumereien lebt, mich nie viel mit solchen dunkeln Vorgefühlen beschäftige.« »Wohl, ich bin sonst auch kein Träumer, obgleich das Leben in den Wäldern sehr geeignet ist, den Menschen zum Nachdenken zu stimmen.« »Ei, lieber Freund, Nachdenken und Träumerei sind zweierlei Dinge, und was vollends die Ahnungen betrifft, so haben diese, denk' ich, mit der klaren Tätigkeit des Verstandes durchaus nichts gemein.« »Nun, nennt es, wie Ihr wollt; die Wahrheit aber ist, daß ich seit gestern die Vorstellung nicht loswerden kann, es müßte etwas geschehen sein, was mir Unglück bringt. Seltsamerweise ist diese Ahnung ganz eng mit der Befürchtung verknüpft, Metakom sei seinem uns gegebenen Versprechen untreu geworden.« »Das ist in der Tat seltsam. Aber seht, die Sonnenscheibe ist wahrhaftig schon bis auf einen schmalen Streifen versunken.« »Ja,« bemerkte Thorkil, der, in seinem Gedankengange befangen, die ungeduldige Äußerung De Lussans nicht beachtet hatte, »entweder ist Groot Willem ein Unglück begegnet oder –« »Boot ahoi!« schrie es aus dem Mastkorb herab. Die Pfeife Terribles ließ einen gellenden Triller hören. »Ach, endlich!« rief der Kapitän und eilte die Hüttentreppe hinab. »Das Boot von Madame und ein indianisches Kanoe auf der Leeseite des Schiffes,« meldete Monsieur Legrand mit gezogenem Hute. »Hinab mit der Fallreefstreppe, Burschen!« befahl De Lussan einem halben Dutzend Matrosen, welche dienstfertig herbeieilten. Die Treppe senkte sich in ihren Rollen an der Seite des Schiffes abwärts, unten hörte man leichtes Geplätscher, und De Lussans ihr entgegengestreckte Hand ergreifend, stieg, von Hih-lah-dih gefolgt, die schöne Badende an Bord. »Ich habe mich sehr um dich geängstigt, Teuerste,« flüsterte ihr der Kapitän zu, indes die Seeleute ehrerbietig zurücktraten. »Du sollst mir aber nicht mehr allein gehen. Du bliebst so lange aus, daß ich zu befürchten begann, deine Schwestern, die Nymphen, hätten dich entführt.« Als aber der Sprechende die tiefe Bewegung der Dame, die Unruhe ihres Auges bemerkte, ließ er sogleich den scherzenden Ton fallen und sagte: »Was ist geschehen? Sprich! Du bist erhitzt und wie verstört.« »Raoul,« versetzte sie hastig, »ich habe mit dir zu reden; komm und rufe auch Thorkil.« Hiermit ergriff sie die Hand der Indianerin, deren Blick an dem herankommenden Thorkil haftete, und ging schnell nach dem Eingang zur Kajütentreppe, deren Wächter ihre Waffen salutierend anzogen. De Lussan blickte ihr einen Augenblick erstaunt nach und sagte halblaut zu dem jungen Jäger: »Es muß etwas Außerordentliches sein, was die edle Harmonie, welche die ganze Erscheinung Desdemonas auszeichnet, so zu stören vermag. – Monsieur Legrand,« unterbrach er sich, rückwärtsschauend, »sorgt für das Schiff. Die Atmosphäre verspricht eine stille Nacht, wir bleiben bis zum Morgen, wo wir sind.« Dann folgte er mit Thorkil den beiden Frauen. 3. Der Mensch Trägt Adler in dem Haupte Und steckt mit seinen Füßen tief im Kote Grabbe. Es vergingen drei volle Stunden, bevor De Lussan und sein Gast wieder auf dem Deck erschienen, welches der inzwischen aufgegangene Mond erhellte. Die Nacht war schön und warm, die Luft kaum merklich bewegt, das Schiff gierte leise an seiner Ankerkette. Monsieur Legrand, welcher an Bord der Gloria als erster Leutnant fungierte, hatte seinen Posten auf der Schanze einem andern Offizier überlassen und seine Kajüte aufgesucht. Der Kapitän maß das Deck der Quere nach ein paarmal mit hastigen Schritten. Dann stand er still und richtete an den wachthabenden Offizier die Frage: »Wie ist das Wetter, Senhor Estevan?« Der Angeredete gab in französischer Sprache, aber mit dem starken Beiklang einer Akzentuierung, welche den spanischen Kreolen verriet, zur Antwort: »Alles klar, Sieur; eine kleine Kühlte kommt von Süden, die nach Mitternacht stärker zu werden verspricht.« De Lussan trat backbordwärts, um die Zeichen von Wind und Wetter zu prüfen. Seine Untersuchung war bald beendigt, und mit der bestimmten Kürze, welche seine Befehle charakterisierte, sagte er: »Senhor Estevan, laßt das Gangspill bemannen und den Anker sogleich heben. Bringt das Schiff unter Segel und haltet den Kurs nach Nord-West-Nord, bis wir die Mündung des Pawtucketflusses erreicht haben.« »Wohl, Sieur. Sollen wir an der bezeichneten Stelle vor Anker gehen?« »Nein, weitere Befehle abwarten.« Und indem er die französische Sprache, welche an Bord der Gloria sozusagen die offizielle war, mit der englischen vertauschte, wandte sich der Kapitän zu Thorkil mit den Worten: »Kommt, wir wollen noch ein Stündchen plaudern, denn ich glaube voraussetzen zu dürfen, daß die Neuigkeiten, welche uns Hih-lah-dih gebracht hat, nicht geeignet sind, Euch in Schlummer zu wiegen.« Er sprach dies in seinem gewöhnlichen ruhig leichten Ton, aber als er mit Thorkil das Hackebord erreicht hatte und der Mond, ungehindert durch Masten und Tauwerk, seine Züge voll bescheinen konnte, da war an den blitzenden Augen und den zusammengezogenen Brauen des Seemanns wahrzunehmen, daß sein Inneres heftig bewegt sein mußte. Noch deutlicher trat die innere Aufgeregtheit auf dem Antlitz des jungen Jägers hervor, der sich auch gar keine Mühe gab, dieselbe zu verbergen. » Foi de gentilhomme !« sagte De Lussan, nachdem er sich überzeugt hatte, daß kein Ohr außer dem Thorkils in Hörweite war, » foi de gentilhomme , das ist eine seltsame Geschichte.« »Mehr als seltsam,« versetzte Thorkil. »Aber ich werde es mir nie verzeihen, daß ich nicht in den Wäldern war, obgleich ich wußte, daß Metakom einen Streich vorhatte. Doch da hilft nun schon kein Gerede mehr. Sagt mir schnell, Sir, was Ihr mir zu sagen habt, denn meine Zeit ist gemessen. Ich muß nach Providence, will das Kanoe Hih-lah-dihs nehmen –« »Das werdet Ihr bleiben lassen, Freund.« »Bleiben lassen?« fuhr Thorkil auf. »Bah, nur ruhig! Tut doch Eure Ohren und Augen auf! Hört, da ruft Terribles Pfeife die Leute auf ihre Posten. Binnen zehn Minuten wird das Schiff mit Segeln bedeckt sein und seinen Lauf nach Norden nehmen. Die Gloria bringt Euch sicherlich rascher in die Bai von Providence, als das Kanoe des Indianermädchens dies zu tun vermöchte.« »Ihr segelt nach der Bai von Providence?« »Ja, die Herrin will's, und am Ende kann es auch meinen Plänen zustatten kommen. Wenn aber nicht, je nun, ich habe geschworen, daß Desdemona die Königin meines Schiffes sein soll, solange die Planken desselben zusammenhalten.« Man hörte jetzt das Ächzen der Ankerwinde und das taktmäßige Stampfen der dieselbe drehenden Matrosen. Zugleich füllte sich die Takelage mit dunkeln Gestalten, die geräuschlos das Nötige zum Entrollen der Segel vorbereiteten. »Anker klar!« tönte nach einer Weile die heisere Stimme des Bootsmannes. »Setzt bei!« erwiderte die Stimme Don Estevans. Die Segel fielen von den Rahen und hingen einige Augenblicke schlaff nieder. Mählich jedoch verkündete ein erst leises, dann stärkeres Klatschen, daß die Kühlte auf das Segelwerk zu wirken beginne. »Alles fertig, Sieur,« meldete der wachthabende Offizier von der Schanze her. »Gut, Senhor,« entgegnete der Kapitän. »Herum mit dem Steuer, und sorgt, daß Ihr vor dem Winde bleibt. Sobald wir die Mündung des Pawtucket gekreuzt haben, soll die Barkasse nebst ihrer Bemannung zu augenblicklichem Dienste bereit sein.« Die weißen Leinwandflächen fingen an zu schwellen, das Schiff machte, dem Drucke des Steuerruders gehorchend, eine halbe Wendung und glitt dann nach kurzem und kaum merklichem Schlingern mit graziöser Leichtigkeit dahin auf seiner Bahn. »So, jetzt ist alles getan, was sich für den Augenblick tun läßt, mein Freund. Wollt mir daher sagen, was Ihr von den in der Kajüte vernommenen Neuigkeiten haltet.« »Ich weiß darüber nicht eben viel zu sagen,« versetzte Thorkil. »Wir wissen nur, daß der Sachem der Wampanogen einen Schlag auf Swanzey geführt und daß er dabei seines Versprechens nicht eingedenk gewesen. Ferner, daß Metakom Gefangene gemacht, daß er sie in die Wälder geschleppt und dann nach den Grundsätzen rothäutiger Politik voneinander getrennt hat. In Providence soll ich Groot Willem treffen und weiteres vernehmen.« »Wohl, aber was meint Ihr zu der sonderbaren Vermutung meiner Gebieterin?« »Wenn ich die von mir gemachten Wahrnehmungen mit den Zeichen zusammenhalte, welche die Mistreß angegeben, so muß ich mit Bestimmtheit glauben, jene Vermutung sei wohlbegründet.« De Lussan sah sehr nachdenklich vor sich nieder. »Seltsam, seltsam,« murmelte er, und seine Stirn zog sich in finstere Falten. »Freund Thorkil,« begann er dann wieder, »diese Sache kann für mich von unermeßlicher Wichtigkeit werden. Ruht die Phantasie, welche, wie Ihr bemerktet, das Gemüt meiner Herrin so leidenschaftlich ergriff, auf dem Grunde der Wirklichkeit, so ist Gefahr vorhanden, daß ein großer Plan einer Herzenssache geopfert werden muß, ein Plan, der seit Jahren meinen Geist und auch den meiner Gebieterin beschäftigt hat, und der, falls nicht alle Symptome trügerisch sind, eben jetzt im Begriffe war, zur Verwirklichung vorzuschreiten.« »Ich verstehe Euch nicht recht.« »Ihr sollt mich bald verstehen, wenn ich Euch gesagt, was Euch zu sagen ich mir schon lange vorgenommen habe. Die Stunde ist günstig,« fuhr der Seemann fort, indem er die Hand des Jägers faßte und demselben prüfend in das offene männliche Antlitz sah; »ich habe Vertrauen zu Euch, viel Vertrauen, und Ihr werdet mir zugeben, daß, solange wir uns kennen, ich stets wie ein Mann aufgetreten bin, der auch seinerseits Anspruch auf Vertrauen hat.« »Das ist wahr, und ich bekenne offen, daß ich Euch von Herzen liebgewonnen habe.« »Ich Euch nicht minder, Thorkil. Ihr erschient mir beim ersten Anblick als ein Mann vom echten Metall und Guß, obgleich ich bekennen muß, daß mir Euer Gebaren in letzter Zeit nicht mehr so recht frank und frei, sondern – wie soll ich sagen? – trübe und träumerisch vorgekommen ist.« Der Jüngling wandte sich verlegen zur Seite und versetzte ausweichend: »Ja, Groot Willem meint, es müsse mit meiner Gesundheit nicht ganz richtig sein.« »Ah bah, geht doch! Groot Willem meint allerdings, daß Euch etwas fehle, aber nicht die Gesundheit ist es. Ihr habt eine Muskulatur von Eisen. Nein, nein, Ihr habt Herzweh, Freund, das ist alles. Der kleine Gott, von welchem schon tausend gute und schlechte Poeten gesungen, hat Euch getroffen, auf jener Fahrt von Willems Brolykheid nach Rhode-Island, und Ihr fühlt die Widerhaken seines Pfeiles in der Brust.« Thorkil blieb stumm und unterdrückte einen Seufzer. »O, ziert Euch nur nicht! Glaubt mir, ich kenne diese Schmerzen, und nach dem, was mir Groot Willem von dem Mädchen gesagt –« »Sprecht nicht weiter, ich bitt' Euch. Das arme Kind ist in den Händen der Wilden – ich hätte es vielleicht hindern können – aber wenn Ihr auch nur ein Haar ihres Hauptes gekrümmt wird –« Er brach ab und legte mit einer vielsagenden Gebärde die Hand an den Griff des Weidmessers, das er im Gürtel trug. »So gefallt Ihr mir,« sagte De Lussan. »Nach der Liebe und dem Ruhm ist die Rache das Süßeste, was der Mensch empfinden und genießen kann. Aber faßt Euch, ich bin fest überzeugt, daß der Häuptling keine Gewalttat gegen seine Gefangenen beabsichtigt. Er hätte sie sonst auf der Stelle den übrigen Toten der von ihm überfallenen Ansiedelung beigesellt. Er muß sie herausgeben, freiwillig oder gezwungen, und sollte Zwang nötig sein, so werde ich in dieser Sache fest bei Euch stehen. Da, nehmt meine Hand darauf!« Thorkil schlug in die dargebotene Rechte des Seemanns, und dieser fuhr fort: »Es ist nötig, daß Ihr, bevor wir ans Land gehen, einen vollkommen klaren Blick in meine Pläne erhaltet. Seid Ihr bereit, mich zu hören?« »Ich bin bereit.« Beide nahmen ans der Bank Platz, welche von der Galerie der Hütte überragt wurde, und De Lussan begann sofort seine Mitteilung folgendermaßen: »Ich rühme mich wie Ihr normannischer Abkunft. Während Eure Vorfahren von unserem Stammlande nach Westen fuhren, um am Fuße der feuerspeienden Eisberge Islands sich anzusiedeln, gingen die meinigen mit Rollo nach Süden und ließen sich in der Normandie nieder. Meine Familie behauptete einen Rang in der Baronschaft jenes berühmten Bastards, welcher unter dem Namen Wilhelms des Eroberers die Normannenherrschaft über England ausdehnte. Ein Zweig der Familie ging mit Wilhelm nach England hinüber und bildet noch jetzt ein Glied der englischen Peerschaft, ein anderer blieb in der Normandie zurück, und von diesem stamme ich. Getreu dem kriegerischen Geiste unseres Geschlechts, spielten mein Großvater und mein Vater eine Rolle in den Händeln des französischen Adels mit Richelieu und Mazarin. In den Unruhen der Fronde wurde unser altes Kastell von den Mazarinisten fast bis auf den Grund zerstört, und die sehr gesunkenen Vermögensumstände meines Vaters erlaubten demselben nur eine teilweise Wiederherstellung des alten Stammsitzes. Es ging überhaupt traurig zu auf Mont de Lussan. Der Vater konnte sich nach Beilegung der bürgerlichen Unruhen in den stillen und ziemlich knappen Haushalt nicht finden, und sein unwirsches Wesen, sowie die rauhen und mitunter brutalen Weidmannsmanieren meines älteren Bruders trugen unzweifelhaft die Mitschuld an dem frühen Tode meiner Mutter, einer geistvollen und milden Frau, deren anmutige Erscheinung mir noch immer lebhaft vor der Seele schwebt. Nach ihrem Tode fühlte ich mich ziemlich verlassen unter dem väterlichen Dache und war froh, als ich behufs meiner Ausbildung zu einem Diener der Kirche, was ich als jüngerer Sohn werden sollte, in das Jesuitenkollegium zu Rouen gebracht wurde. Ich studierte eifrig und machte Vorschritte. Meine Erholung bestand in den gewagtesten körperlichen Übungen, die mich zu einem tüchtigen Reiter, Schwimmer, Schützen und Fechter machten, mein größtes Vergnügen war die Lektüre der alten Ritterbücher und Chroniken, in deren abenteuerlicher Welt ich mich berauschte. Verworrene Träume von Heldenleben und Ruhm beschäftigten meine junge Einbildungskraft. Ich glaubte Talent und Energie in mir wahrzunehmen, und in kindischer Eitelkeit empfand ich Freude bei der Entdeckung, daß mein Name Raoul Ähnlichkeit habe mit dem Rollos, des Begründers der weltgeschichtlichen Größe des normannischen Stammes. Dabei beseelte mich ein ingrimmiger Haß gegen alle Unterdrückung und Tyrannei, und dieser Haß sollte bald eine bestimmte Richtung erhalten. Einer der Patres, welche unsere Studien leiteten, hatte mich liebgewonnen. Er war ein Mann von Geist und Herz und hatte lange einer Mission seines Ordens in Westindien vorgestanden. Mit brennenden Farben schilderte er mir die Greuel der spanischen Herrschaft in der neuen Welt, die unerhörten Grausamkeiten, deren sich die Spanier gegen die Ureinwohner schuldig gemacht, die eifersüchtige Feindseligkeit, womit sie alle übrigen Nationen der Vorteile zu berauben suchten, welche Handel und Kolonisation auf den Küsten Amerikas gewährten. Meine vagen Träumereien von Ruhm, mein angeborener Haß gegen Unrecht und Vergewaltigung bekamen durch diese begierig eingesogenen Schilderungen ein festes Ziel. In den Spaniern glaubte ich die Erbfeinde der Freiheit und Menschlichkeit zu erkennen, und ich schwur ihnen jene unauslöschliche Feindschaft, welche der alte Karthager seinen Sohn Hannibal den Römern hatte schwören lassen. Dieses, wenn Ihr wollt, ganz knabenhafte Gefühl kam zu einem lächerlichen Ausbruch, welcher aber einen bedeutenden Wendepunkt in meinem Leben zur Folge hatte. Die Väter der Gesellschaft Jesu hatten und haben, glaube ich, noch jetzt in ihren Kollegien den Brauch, durch die Schüler von Zeit zu Zeit geistliche und profane Schauspiele aufführen zu lassen. Bei einer solchen Gelegenheit hatte ich die Rolle eines französischen Soldaten zu spielen, der in einer Prügelszene mit einem spanischen zusammengerät. Mitten in dieser Szene ergriff mich der Dämon meines Hasses mit einer solchen Leidenschaftlichkeit, daß ich gänzlich vergaß, der angebliche Spanier sei ja einer meiner besten Kameraden, und mit solcher Wut über den Armen herfiel, daß derselbe, aus Mund, Nase und einer Stichwunde in dem linken Arm blutend, halbtot von der Bühne getragen werden mußte. Ich erhielt eine sehr strenge Pönitenz, die mir auf einmal klar machte, was ich schon längst dunkel gefühlt, nämlich daß ich durchaus nicht zum Priester geschaffen sei. Einen Tag nach Gewinnung dieser Überzeugung entsprang ich dem Kollegium und ging zu Honfleur an Bord eines Westindienfahrers. Ich mußte Schiffsjungendienste tun, um die Kosten der Überfahrt zu decken, wußte aber das Wohlwollen der Mannschaft zu gewinnen, welches ich zur Erwerbung der Elemente praktischer Seefahrtskunde benutzte. Es muß wohl ein gut Teil von der altnormannischen Vertrautheit mit dem Meere in meinem Blute gelegen haben, daß ich die Einzelnheiten des Seedienstes so rasch faßte, wie das wirklich der Fall war. Nach einer langen und höchst beschwerlichen Fahrt wurden wir auf der Hohe der Bahama-Inseln von einer spanischen Galione genommen. Ich sollte, wie die ganze übrige Mannschaft unseres Schiffes, als Sklave in die Pflanzungen von Haiti gebracht werden. So verstanden und übten die Spanier ihr Seerecht in jenen Meeren. Ihr könnt Euch denken, daß die Aussicht auf das fragliche Los meinen Haß gegen alles, was spanisch hieß, nicht sehr verminderte. Im übrigen aber war ich entschlossen, eher zugrunde zu gehen, als mich zum Sklaven machen zu lassen. Die Galione wurde vom Sturme an die wilde Nordküste Haitis verschlagen. Eines Nachts, als das Schiff lavierte, um seinen ursprünglichen Kurs wiederzugewinnen, gelang es mir, aus dem Raum, wo wir Gefangenen eingesperrt waren, auf das Verdeck zu kommen. Der Sturm hatte sich gelegt, und im Schein des tropischen Mondes sah ich gegen Norden hin die Brandung blitzend an einer Küste sich brechen. Blitzschnell durchfuhr mich der Gedanke, daß dort vielleicht die kleine Insel La Tortue läge, welche nur durch einen schmalen Meeresarm von der Nordküste Haitis getrennt ist. Ich hatte während unserer Fahrt über das Atlantische Meer viel von dieser Insel sprechen hören, als von dem Hauptsitze der Flibustier oder Bukanier, welche sich in meiner Phantasie mit dem verschmolzen, was ich in alten Büchern von den Wikingerfahrten der normannischen Seekönige gelesen hatte, und in meinen Augen schon darum als vollkommene Helden dastanden, weil sie unerbittliche Feinde der Spanier waren. Mein Entschluß war augenblicklich gefaßt. Ich wußte, daß die See dort herum von Haifischen wimmelte, allein das kam mir in jenem Moment gar nicht zu Sinne. Ich sah nur Freiheit und Rache vor mir. und stürzte mich, die Kleider von mir werfend, mit einem Fluch auf die Spanier ins Meer. Ich weiß nicht, ob meine Flucht an Bord der Gallone bemerkt wurde, ich weiß nur, daß ich, aus der Tiefe wieder auftauchend, mit rasendem Eifer meine Kräfte anstrengte, um der Sklaverei hinter mir zu entschwimmen. Ich kam vorwärts, die von Bord aus wahrgenommene Brandung fest im Auge behaltend. Aber die Entfernung derselben war größer, als ich im trügerischen Schein des Mondes hatte ermessen können. Schon fühlte ich meine Muskeln erschlaffen, als mich die Strömung ergriff und mit furchtbarer Gewalt der Brandung zuführte, die mir wie Donner ins Ohr scholl. Eine Woge faßte mich, inmitten der Angst, im nächsten Augenblick an eine Klippe geschmettert zu werden, verlor ich das Bewußtsein und fand es erst in der Hütte eines Bukaniers wieder, welcher bei Tagesanbruch den Besinnungslosen am Strande aufgelesen. Nackt und bloß, hatte mich die Brandung sozusagen in die Mitte der Flibustier geschleudert.« Hier unterbrach sich der Erzähler, indem er sich mit der Frage an Thorkil wandte: »Ihr kennt die Geschichte der Flibustier?« »So ziemlich,« erwiderte Thorkil. »Mein Lehrer Roger Williams hat mir sie erzählt.« »Und was wußte dieser Puritaner davon zu sagen?« »Daß die Küstenbrüder die kühnsten Männer seien, die je das Meer befahren, jedoch zugleich – « »Nun?« »Zugleich auch die gesetzloseste Bande, die es je gegeben.« »Bah, der gute Prediger, vor welchem ich übrigens nach allem, was Ihr mir von ihm gesagt, die größte Achtung habe, hätte sich besser unterrichten sollen. Ich sage Euch, mein Freund, es hat vielleicht nie eine Genossenschaft existiert, bei welcher auf die Erfüllung der Gesetze, welche sie sich selbst gegeben, so streng gehalten wurde wie bei den Küstenbrüdern. Habt Ihr an Bord der Gloria jemals etwas bemerkt, was mit der strengsten Ordnung unverträglich wäre?« »In Wahrheit, nein, und ich gestehe, daß ich die Kunst, womit Ihr Eure Leute beherrscht, höchlich bewundere.« »Ja, die Burschen kennen mich, und jeder derselben weiß, daß der Augenblick, wo er sich durch einen Blick, durch eine Gebärde, durch ein Wort auch nur die geringste Widersetzlichkeit gegen meinen Willen erlaubte, sein letzter sein würde. Doch ich fahre in meiner Erzählung fort. – Die Mehrzahl der Flibustier, welche damals von La Tortue aus ihre Wikingerzüge gegen die Schiffe und Kolonien der Spanier ausführten, waren Franzosen, und so wurde ich als ein Landsmann mit der rauhen Gastfreundlichkeit von ihnen aufgenommen, welche in den Niederlassungen der Bukanier herrscht. Ich erzählte meine Geschichte, und der Grimm der Rachgierde, womit ich von der spanischen Galione sprach, gewann mir die Zuneigung der Männer. Wenige Stunden darauf schon war eins der kleinen Fahrzeuge in See, womit diese Unverzagten die grüßten spanischen Schiffe zu jagen und zu entern pflegen. Ich war mit an Bord. Wir holten die Galione beim Kap Isabella ein und enterten sie trotz ihres mörderischen Feuers. Ihr seid ein Normann und müßt also von jener rasenden Kampflust gehört haben, welche unsere Vorfahren die Berserkerwut nannten. Wohl, bei Enterung der Gallione erfuhr ich an mir selber, daß die Berserkerwut noch jetzt ein normannisch Blut siedend machen kann. Bloß mit einem kurzen Pallasch bewaffnet, stürzte ich mich als der erste auf das feindliche Deck, brach mir blutige Bahn durch die Spanier und warf alles vor mir nieder, was sich mir entgegenstellte. Noch klingt mir im Ohr der wilde Jauchzlaut, welchen ich ausstieß, als ich vor dem Hauptmaste dem Senhor Kapitano, der mich zum Sklaven in einer Zuckerplantage hatte machen wollen, mit einem wütenden Hiebe das Haupt vom Rumpfe schlug. In einem Nu war die Galione genommen. Dies war der Anfang einer Laufbahn, die mich schon nach Jahresfrist an die Spitze einer Schiffsmannschaft brachte, welche noch jetzt den Kern der Schlachtrolle der Gloria ausmacht, einer Laufbahn, die mir von Seiten der Spanier den Namen des Vertilgers, el Exterminador, einbrachte, einen Namen, der in der westindischen See, von den Küsten Neufundlands bis hinab zur Meerenge von Panama, von den Dons gefürchtet und gehaßt genug ist. Ich will Euch nicht mit Herzählung meiner Abenteuer ermüden, obgleich ich glaube, viele derselben würden sich an einem Jägerfeuer recht gut anhören lassen. Durch einen Zufall vernahm ich den Tod meines Vaters und meines Bruders und fühlte mich dadurch von einer Art Heimweh nach dem schönen Frankreich angewandelt. Ich stellte meine Leute unter die Befehle von Monsieur Legrand, dem ich unbedingt vertrauen konnte, und schiffte mich nach Europa ein. Mein Ruf und mehr noch mein Gold setzten mich in den Stand, in Paris und Versailles das Leben eines großen Herrn zu führen, was ich auf eine Zeitlang mit aller Lust eines Neulings tat. Bald indessen ward ich dieser tatlosen Schwelgerexistenz überdrüssig. Ich besuchte unser zerfallenes Stammschloß in der Normandie und fand es im Besitze eines entfernten Vetters, welchem die Ruinen streitig zu machen ich nicht die geringste Lust hatte. Unter den hinterlassenen Familienpapieren meines Vaters stieß ich auf Dokumente, welche besagten, daß unsere Familie seit langer Zeit eine bedeutende Forderung an den englischen Zweig des Hauses geltend zu machen hätte, eine Forderung, welche mein Vater aus Mangel an Geldmitteln nicht hatte verfolgen können. Ich ging nach England und begann einen langwierigen Prozeß, den ich verlor. Aber statt seiner gewann ich dort einen Schatze welchen alles Gold der Erde nicht aufwiegen könnte, einen Schatz, der ein nie geahntes, unermeßliches Glück in mein Leben brachte und demselben erst einen rechten Mittelpunkt gab. Ihr versteht, was ich meine, Thorkil. Ich führte meine Herrin nach Frankreich, zeigte ihr die Herrlichkeiten des Hofes und sonnte mich in der Atmosphäre von Bewunderung, welche ihre Erscheinung allwärts um sie verbreitete. Allein meine Gebieterin war von einer Poesie erfüllt, welche ihr nicht wohl werden ließ in den Kreisen der sogenannten großen Welt. Meine Erzählungen vom Meer und von der neuen Welt hatten sie von Anfang an entzückt, und als ich sie an Bord der Gloria führte, die ich auf den Werften von Brest durch einen Künstler in der Schiffsbaukunst hatte erbauen lassen, strahlten ihre süßen Augen vor Vergnügen. Wir gingen unter Segel und durchkreuzten das Atlantische Meer. Auf La Tortue vervollständigte ich mit meiner alten Mannschaft die Equipage der Gloria, deren guter Genius Desdemona wurde. Der Sieg war an meine Flagge gefesselt, und mein Name nahm zu an Schrecken und Ruhm, Ich beabsichtigte, seine Geltung über die Schranken eines Schiffes auszudehnen, ich hätte meiner Herrin ein Königreich zu Füßen legen mögen. Die Unternehmungen eines Kortez, eines Pizarro, eines Almagro und anderer schwebten mir vor, und ich sagte mir, was jene Abenteurer aus eitlem Golddurst zuwege gebracht, das müsse doch wohl auch dem von der Liebe inspirierten Streben nach Ruhm gelingen. Von diesem Gedanken erfüllt, richtete ich mein Augenmerk zuerst auf die südlichen Breitegrade von Amerika, unter denen noch unermeßliche und reiche Länderstriche liegen, die nur nominell von den Spaniern und Portugiesen in Besitz genommen sind. Schon hatte ich angefangen, auf einer kleinen Insel im Golf von Honduras, welche ich seit Jahren als mein Eigentum betrachten konnte, eine umfassende Expedition nach dem Innern von Zentralamerika auszurüsten, als ich die Entdeckung machte, daß das Klima der Tropen einen entschieden nachteiligen Einfluß auf die Gesundheit meiner Gebieterin ausübte. Sogleich ließ ich die Vorbereitung zu einer Unternehmung fallen, welche ich um so lieber ausgeführt hätte, als meinem Naturell die Pracht und Glut der tropischen Natur vollkommen entspricht und ich mich völlig heimisch in derselben gemacht hatte. Genug, die Sache mußte aufgegeben werden, oder vielmehr meine Pläne mußten die Lokalität wechseln. Indem sich aber mein Blick den nördlicheren Breiten des amerikanischen Kontinents zukehrte, konnte ich mir nicht verhehlen, daß ich dort ganz andere Schwierigkeiten zu überwinden haben würde, als solche den spanischen Konquistadoren in Mexiko und Peru entgegengestanden hatten. Diese nördlicheren Küsten waren bereits von Europäern besetzt und in großer Ausdehnung kolonisiert, von Europäern germanischer Rasse, deren Zähigkeit und Ausdauer einem neuen Eindringling unzweifelhaft den hartnäckigsten Widerstand entgegensetzen würde. Allerdings liegen hinter den Ansiedelungen von Virginien und Neuengland unübersehbar große Länderflächen, welche noch keinen Weißen gesehen, geschweige einem botmäßig sind. Allein zur Eroberung dieser Wildnisse und zur Gründung eines – nun, wie soll ich sagen? – eines Staates in denselben scheint es mir schlechterdings notwendig, daß man zuerst an der Küste festen Fuß fasse, um mit dem Meere und durch dieses mit der zivilisierten Welt in gesicherter Verbindung zu bleiben. Je mehr ich in die Einzelnheiten meines Vorhabens einging, um so schwieriger mußte es mir erscheinen, allein ich war nie der Mann, einen einmal gefaßten Entschluß aufzugeben, weil dessen Ausführung keine leichte Sache war. Zwar hätte ich mich zur Ruhe setzen können, die Mittel fehlten mir dazu nicht; allein Untätigkeit wäre mein Tod, und auch meine Herrin liebt die Aufregungen, welche ein Leben der Tätigkeit und Abenteuer mit sich bringt. Auf der andern Seite aber war gerade um Desdemonas willen an die Fortführung einer Flibustierlaufbahn gewöhnlichen Stils nicht zu denken, und so blieb mir nur übrig, den Plan einer Konquista in Nordamerika mit allem Nachdruck zu verfolgen. Die Ausführung dieses Plans hieße ohne Zweifel ein Flibustiertum höchsten und edelsten Stils ins Leben rufen, ein Flibustiertum, wie es der alte Normannenherzog Rollo übte, als er das Seinetal eroberte und die Normandie gründete. Was meint Ihr, Thorkil?« »Euer Plan ist kühn und groß, Kapitän, aber seine Abenteuerlichkeit erschreckt mich fast. Ihr wißt, ich bin ganz frei von dem, was die Leute Ehrgeiz nennen.« »Bei den Augen meiner Herrin, das glaub' ich nicht. Ihr seid ein kühner Waldgänger, und mit der Kühnheit ist stets der Drang nach Ruf und Ehre verbunden. Ihr seid nur noch zu jung, um die Süßigkeit des Ruhms schon zu kennen und gehörig würdigen zu können. Kostet nur erst davon, und das Gericht wird Euch immer besser schmecken. L'appétit vient en mangeant , das heißt, gutes Essen steigert die Eßlust, pflegen wir in Frankreich zu sagen, und das Sprichwort lügt nicht, versichere Euch. Um jedoch zum Schlüsse meiner Geschichte zu kommen: ich machte auf einem Ausflug, welchen ich zur Erforschung des Innern von Neuengland unternommen hatte, die Bekanntschaft des Zwischenhändlers Thomas Morton auf Mount Wallaston –« »Traut Ihr diesem Menschen, Kapitän?« »Trauen? Nicht von hier bis zum Besanmast meines Schiffes.« »Und doch habt Ihr Euch mit ihm eingelassen?« »Was Ihr für eine liebe naive Unschuld seid, Master Thorkil! Glaubt Ihr denn, daß Männer, welche je Großes ausführten oder je ausführen werden, zum Ziele gekommen wären oder kommen würden, wenn sie skrupulös darauf gesehen hätten oder sähen, ob alle ihre Werkzeuge reine Hände und frischgewaschene Wäsche hatten oder haben. Wie es einmal in der Welt zugeht, eignet sich oft gerade der heilloseste Schuft in verwickelten Unternehmungen zum besten Werkzeug. Hat es seine Dienste getan, so wirft man es weg oder zerbricht es, je nach den Umständen. Ich weiß recht wohl, daß Tom Morton ein verdorbener Londoner Winkeladvokat ist, gemeinster Ausschweifung ergeben, ein Spieler und Säufer, der mit seinen Trunkenbolden von Genossen auf Mount Wallaston, welchen sie in Merry-Mount umgetauft haben, eine ärgerlich liederliche Wirtschaft führt. Aber er konnte mir nützlich werden und ist mir auch wirklich nützlich geworden. Erinnert Euch nur, daß Morton es war, welcher mich zuerst mit Euch und Groot Willem bekannt machte.« »Meiner Treu, Kapitän, so lieb mir auch unsere Bekanntschaft ist, so wollt' ich doch, sie hätte einen andern Mittelsmann gehabt. Ich für meine Person ging immer mit dem größten Widerwillen nach Merry-Mount und auch nur dann, wann es durchaus nötig war, unsere Felle gegen Munition und andere Bedürfnisse umzutauschen.« »Ja, seht Ihr, Freund, der trunkene Tom wußte sich doch nützlich zu machen, und ich wette, Ihr seid bei Eurem Handel mit ihm billiger gefahren, als wenn Ihr mit einem dieser näselnden, psalmplärrenden Heiligen des Herrn, wie sich die Schufte nennen, gehandelt hättet.« »Das ist möglich; aber wißt Ihr, Kapitän, der brüllende Tom, wie er ganz passend genannt wird, hat einen gewaltigen Respekt vor Groot Willems Roer und wagt nicht zu vergessen, daß mein Adoptivvater, mit der Hand an den Lauf des besagten Roers klopfend, beim Anfang unseres Tauschverkehrs zu ihm sagte: ,Wir Trapper werden von allen Zwischenhändlern betrogen, Mann, das ist so die herkömmliche Ordnung; aber wenn Ihr Eure verdammten Betrügereien uns gegenüber zu arg macht, so wird der Advokat da, genannt Groot Willems Roer, den Prozeß zwischen uns ausmachen und zwar schleunig und bündig genug, bürg' Euch dafür, Mann. – Im übrigen, Kapitän, tut Ihr unrecht, wenn Ihr die Kolonisten in ihrer Gesamtheit, ja auch nur in ihrer Mehrzahl als Schufte bezeichnet. Ich zwar habe keinen Grund, die Puritaner zu lieben, denn sie haben, von meines Vaters Tod ganz zu schweigen, den beiden Männern, welchen ich so viel, ja alles verdanke, Groot Willem und Roger Williams, schweres Leid angetan. Aber bei alledem muß ich sagen, daß es unter ihnen Männer gibt, und zwar nicht einen oder den andern, sondern viele, welche dem makellosesten Wollen eine eiserne Tatkraft gesellen.« »Die letztere Eigenschaft lasse ich gelten, doch wie mögt Ihr, von einem makellosen Wollen sprechen bei Leuten, welche all ihr Sinnen und Trachten nach der Schnur des engherzigsten Zelotismus regeln?« »Dieser Zelotismus ist eine Tatsache, die sich nicht leugnen läßt, aber mein Lehrer Williams, welcher doch durch dieselbe so viel zu leiden hatte, pflegt zu sagen, ohne die Zähigkeit, womit die Kolonisten an ihren religiösen Grundsätzen hängen, wäre die Gründung der Ansiedelungen von Neuengland vielleicht geradezu eine Unmöglichkeit gewesen.« Der Flibustier versank in ein kurzes Nachdenken, Dann sagte er: »Ich habe Euch einen Blick in meinen Plan eröffnet, Thorkil. Ihr wißt, was ich will; Ihr wißt auch, was ich mittels meiner Verbindung mit den Eingeborenen, die ja hauptsächlich durch Euch und Euren väterlichen Freund Willem bewerkstelligt wurde, zur Ausführung des Unternehmens bereits getan. Sagt mir offen, ob Ihr glaubt, daß dieses Unternehmen glücklich durchgeführt werden könne.« »Das zu entscheiden vermag ich nicht, aber so viel weiß ich, daß die Kolonisten Euch den zähesten Widerstand entgegensetzen werden.« »Desto besser; nur der Triumph ist schön, welcher mit Anstrengung aller Kräfte errungen wird. Ich verachte die leichten Erfolge und liebe es, alles einzusetzen, um alles zu gewinnen. Seht, der Webstuhl der Ereignisse hat schon angefangen, die von mir zugerichteten Fäden sausend zu verweben. Der Kampf der Eingeborenen gegen die Kolonisten ist ausgebrochen. Mögen sich untereinander würgen und schwächen! Dann werde ich über sie kommen. Ich habe Gold in Fülle, die Mannschaft meines Schiffes ist mir unbedingt auf Tod und Leben ergeben, ich sende Monsieur Legrand nach den westindischen Inseln hinab, und er wird auf meinen Ruf Hunderte von Freibeutern, die selbst den Teufel nicht fürchten, heraufbringen.« »Hunderte von –« »Piraten, wollt Ihr sagen. Ah, das macht Euch stutzig? Ihr meint, das Fundament meiner Macht sei nicht sauber und blank genug? Aber da Ihr ja nicht unbewandert in der Geschichte seid, so müßt Ihr wissen, daß die ersten Eroberer fast durchweg nichts anderes waren als Räuber. Was waren Romulus, der Gründer von Rom, Rollo, Robert Guiskard, Wilhelm der Eroberer, Kortez, Pizarro? Bei Licht betrachtet lauter Räuberhauptleute.« »Man sagt so, aber erinnert Euch, wie es Kortez und Pizarro erging. Lohnte ihnen ihr König nicht mit Undank, nachdem sie so Ungeheures für ihn vollbracht?« »Und warum vollbrachten sie es für ihn und nicht für sich selbst, die Toren? Wähnt Ihr, es sei mir auch nur im Traume eingefallen, zugunsten irgend eines Königs den Eroberer spielen zu wollen? Meint Ihr, ich wüßte nichts Besseres zu tun, als ein von mir erobertes Land dem hochmütigen Louis in Versailles zu Füßen zu legen? Foi de gentilhomme , es gibt nur ein Wesen, welchem ich meine Freiheit und meine Macht willig unterordne, meine Herrin. Indem ich sie erhöhe, erhöhe ich mich selbst. – Doch der Flug der Phantasie führt mich zu weit. Kehren wir zur Wirklichkeit zurück und zu dem, was zunächst zu tun ist. Ich habe Euch schon angedeutet, daß das, was das Gemüt meiner Gebieterin seit diesem Abend bewegt, einen bedenklichen Riß in meinen Plan machen könnte. Wir müssen uns Gewißheit zu verschaffen suchen, Gewißheit um jeden Preis und so rasch als nur immer möglich. Denn solange diese Beklemmung, diese Ungewißheit und Sorge die Augen meiner Dame umdunkelt, sind meine glücklichen Sterne verdüstert und fühle ich mich auf allen Seiten gehemmt. Was ratet Ihr?« »Wären wir in den Wäldern, so würde ich sagen, daß meine Stimme noch zu jung sei, um am Ratsfeuer gehört zu werden. Ich weiß aber, was mir zu tun zukommt. Sobald ich die furchtbare Pflicht erfüllt, zu deren Erfüllung mich die Botschaft Groot Willems nach Providence ruft, werde ich mich aufmachen, um die Spur Metakoms aufzuspüren, und nicht ablassen, bis ich sie gefunden. Der Häuptling soll uns Rechenschaft ablegen, und kann er es nicht, so sind wir geschiedene Leute.« »Ich werde Euch begleiten, Freund, denn Ihr begreift, wie sehr mir daran liegen muß, einen Bruch mit den Eingeborenen zu verhüten, deren Aufstand gegen die Kolonisten einen so wesentlichen Posten in meinem Kalkül ausmacht. Es wäre heillos, wenn die Maschen eines mit so großem Aufwande von Zeit und Mühe geknüpften Gewebes durch diesen unvorhergesehenen Zufall, durch diese romantische Episode zerrissen würden. Und doch,« fuhr der Flibustier fort, indem er sich mit der Hand über die hohe Stirn fuhr, »und doch – wir sprachen heute abend von Ahnungen, Master Thorkil, und ich fürchte, die Sache zu scherzhaft genommen zu haben. Denn seht, seit ich gehört, was meine Gebieterin und das Indianermädchen uns mitteilten, liegt eine Ahnung mir auf der Brust, schwer wie ein Alp. Mag meine Herrin in ihrer Vermutung sich täuschen, oder mag sich dieselbe bestätigen, in jedem Falle fürchte ich für sie. Es ist da eine Wunde aufgerissen worden, welche ich mittels des Balsams einer unendlichen Liebe glücklich geheilt zu haben glaubte. – Aber wir wollen von Euren Angelegenheiten sprechen. Ihr glaubt also, die Stunde, wo Ihr das schreckliche Amt des Bluträchers zu üben habt, sei gekommen?« »Die Botschaft Willems läßt mir daran keinen Zweifel.« »Und seid ihr beide vollständig überzeugt, daß die Rache den rechten Mann treffe?« »Wir sind es. Aber in einer so ernsten Sache soll sogar der Schein einer Übereilung vermieden werden. Auf Willems Veranstaltung wird der von Metakom gefangene Richter von Swanzey nach Providence gebracht, welche Kolonie infolge der Freundschaft, die der Sachem der Naragansetter für Roger Williams hegt, ein neutraler Boden ist. Dort, in Gegenwart von Williams, der sein Freund ist, soll Eaton meine Anklage hören, er soll vor einer Geschworenenbank, wie sie ein freigeborener Engländer verlangen kann, seine Verteidigung führen, und soll gerichtet, nicht gemordet werden.« »Das ist umsichtig und ehrenhaft gehandelt. Aber glaubt Ihr, ein Haß, wie ihn, nach abgebrochenen Äußerungen zu schließen, Groot Willem gegen Eaton hegt, sei durch das Verdikt einer Jury zu stillen, falls dieselbe auf Nichtschuldig erkennen würde?« »Was den Mord angeht, wohl, denn Willem ist vor allem ein gerechter Mann. Was aber seine Rechnung mit Eaton betrifft, so wird er dieselbe früher oder später auf seine eigene Weise abmachen.« »Darf ich fragen, wie diese Rechnung aufgelaufen? Ihr verzeiht meine Neugierde der Teilnahme, welche Euer Freund mir einflößt.« »Groot Willem spricht nicht gern von der Sache, doch glaube ich mich keines Fehlers schuldig zu machen, wenn ich sie Euch kurz mitteile. Willem und Eaton waren in ihrer Jugend engverbundene Freunde, obgleich ihre verschiedenen Ansichten in Sachen der Religion immer einen Stein des Anstoßes zwischen ihnen ließen. Eaton war stets ein starrer Anhänger des Puritanismus, dessen Satzungen er mit der größten Strenge beobachtete und beobachtet wissen wollte, Willem dagegen hielt sich außerhalb der puritanischen Kirchengemeinschaft und bekannte sich offen zu dem Grundsatz, daß jeder Mensch berechtigt sei, zu denken und zu glauben oder auch nicht zu glauben, was ihm beliebe. Er hatte seinem Freunde bei der Gründung der Ansiedelung von Swanzey außerordentliche Dienste geleistet, und bei den Bewohnern des Dorfes galt es für ausgemacht, daß Eaton seine einzige Schwester Mabel; deren Zuneigung zu Willem eine offenkundige war, diesem zur Frau geben würde. Eaton war nicht abgeneigt, aber zugleich wollte er sich die Gelegenheit, Willem für seine Kirche zu gewinnen, nicht entgehen lassen. Willem gesteht dem ehemaligen Freunde trotz allem, was vorgegangen, noch jetzt zu, daß derselbe in gutem Glauben gehandelt habe. Aber dieser gute Glaube artete leider zum rücksichtslosesten Fanatismus aus. Willem mochte den Besitz Mabels, so hoch er ihn auch hielt, nicht mit einer Heuchelei erkaufen und weigerte sich des entschiedensten, der Gemeinde der Heiligen des Herrn beizutreten. Darauf versagte ihm Eaton die Hand der Schwester. Mißgünstige taten das Ihrige, den Hader weiter zu leiten. Willem, damals noch nicht der unerschütterlich kaltblütige Waldgänger, als welchen Ihr ihn kennt, ließ sich zu harten Äußerungen hinreißen, weniger über die Person seines Freundes als vielmehr über die aberwitzige Unduldsamkeit von dessen religiösem Bekenntnis. Diese Äußerungen wurden dem Richter von einem Nebenbuhler Willems um Mabels Hand hinterbracht und wohl gar noch übertrieben. Eaton in seinem Fanatismus glaubte seinen Glauben gelästert und meinte diesem eine Genugtuung schuldig zu sein. Willem wurde vor die Kirchenältesten gefordert, um sich zu verantworten. Er weigerte sich in verächtlichen Ausdrücken zu erscheinen. Nun ward er verurteilt, öffentliche Kirchenbuße zu tun, das heißt, vor versammelter Gemeinde seine Irrtümer zu bekennen. Willem schlug zur Antwort dem Boten, welcher ihm diese Sentenz überbrachte, dieselbe um die Ohren. Nun ward er mit Gewalt ergriffen und vor ein Gericht gestellt, welchem Eaton vorsaß. Der Angeklagte verweigerte trotzig jeden Widerruf. Er wurde zu öffentlicher Stäupung und zum Verlust des rechten Ohrs verurteilt. Nach furchtbarem Widerstand überwältigt, mußte er die grausame Strafe über sich ergehen lassen. In der Nacht, aber fand Mabel Mittel, in das Blockhaus zu dringen, wo der Gemißhandelte verwahrt wurde. Das edle Mädchen löste die Bande des Geliebten und entfloh mit ihm in die Wälder. Sie gingen nach Providence, wo Roger Williams ihre Hände vereinigte. Aber ihr Glück währte nicht lange. Mabel starb an der Geburt ihres ersten Kindes, welches das Licht nur wenige Augenblicke sah. Sie ruht mit demselben unter einer Weide am Ufer der Naragansettbai.« 4. Mein Fluch, er sei – Vergebung! Hab' ich nicht – O Erd' und o ihr himmlischen Gewalten! – Hab' ich gekämpft nicht, wie der Tapfre sicht? Hab' ich unsäglich Weh nicht ausgehalten? War glühend nicht mein Hirn, mein Herz gespalten? Hoffnung und Ruf vergiftet, wie mein Leben? – Wohl trotzt' ich der Verzweiflung Wahngestalten, Weil nicht an mir dieselben Stoffe kleben, Die in den Seelen, die ich übersehe, weben. Byron. In der Frühe eines tauschweren Sommermorgens öffnete sich die Tür eines Hauses der zwischen der Mündung des Pawtucket und der des Moshasneck an der Bai gelegenen Kolonie Providence, welche damals freilich noch nicht die belebte Handelsstadt von heutzutage war und nach europäischen Begriffen weit eher den Namen eines Weilers als den einer Stadt verdient hätte. Die Häuser lagen unter Baumgruppen zerstreut, und die Wege, mittels welcher eine Art Verbindung zwischen ihnen hergestellt war, liefen noch durch die Überreste des Urwaldes, der von dem Beil der Zivilisation wohl gelichtet, noch lange aber nicht völlig von den Wohnungen des Häufleins von Pilgern der Wildnis, das sich hier angesiedelt hatte, weiter landeinwärts gedrängt war. Das Haus, welches wir im Auge haben, lag ganz einsam und von dem seines nächsten Nachbars wenigstens ein paar Büchsenschüsse weit entfernt. Es war, wie die übrigen Wohnungen der Ansiedelung, im echt englisch-amerikanischen Block-House-Charakter erbaut, und zeichnete sich nur etwa dadurch vor den andern ans, daß die Ranken einer ungeheuren wilden Rebe mit Sorgfalt um und über das von der Zeit gebräunte Balken- und Sparrenwerk gezogen waren, und daß sich von dem Porch ein mit Sorgfalt umfriedeter Garten bis zur Bai hinabzog, dessen Obstbäume und Blumensträuche eine ungewöhnlich liebevolle Pflege beurkundeten. In der geöffneten Tür erschien eine hohe Greisengestalt, und als sie in den Garten heraustrat, fielen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne auf ein Antlitz voll milder Würde, dem große, sinnende Augen, eine breite, von dem Pfluge des Gedankens durchfurchte Stirn und der in zwei dichten Strängen silbern bis zum Gürtel, welcher das aus schwarzgefärbtem Linnen bestehende Obergewand zusammenhielt, herabfallende Bart etwas Prophetisches, Apostelhaftes verliehen. Der Greis stand eine Weile mit gefalteten Händen und himmelwärts gerichteten Blicken, als betete er. Dann kam er vorwärts und atmete mit Entzücken den würzigen Morgenhauch ein. Er sah auf die Bai hinaus, deren von der Frühbrise sanftgekräuselte Wasser in der Morgensonne zu leuchten begannen, und wandte sich dann zu seinen Blumen und Bäumen, mit achtsamer Hand hier eine vom Tau gebeugte Blütendolde wieder an das stützende Stäbchen befestigend, dort eine Knospe von dem sie benagenden Insekt befreiend. Ein trüber Gedanke schien ihn mit einmal in dieser harmlosen Beschäftigung zu stören. Er richtete sich auf, warf einen nachdenklichen und trüben Blick auf die da und dort aus den Baumgruppen hervorschauenden Dachfirste der Ansiedelung, seufzte und schritt dann mit über der Brust gekreuzten Armen und gesenktem Haupte, in tiefes Nachsinnen verloren, am Gestade der Bai hin und her. Beschäftigten ihn die gewöhnlichen Sorgen und Kümmernisse der Menschenbrust, oder gehörte er etwa zu der Klasse derer, welche das erhabene, aber wenig beneidenswerte Privilegium besitzen, für das gemeine Beste denken und sorgen zu müssen? Wir haben vollauf Ursache, das letztere anzunehmen, denn dieser Greis, unter dem Namen Roger Williams in unserer Erzählung schon zu wiederholten Malen genannt, war einer der Väter der Freistaaten von Nordamerika, der Gründer des Staats Rhode-Island, welcher, wenn auch dem Umfange nach der kleinste der jetzigen Union, an Ruhm des Ursprungs keinem der übrigen nachsteht, sondern eher allen vorgeht. Wir glauben das mit gutem Grunde sagen zu dürfen, denn die von Williams gegründete Kolonie Providence, welche im Laufe der Zeit zu dem Staate Rhode-Island heranwuchs, war das erste Asyl, welches sich in der alten und in der neuen Welt jenem großen Prinzip, der vollkommenen Freiheit und Unverletzlichkeit des Gewissens, auftat. Roger Williams war zu Anfang des Jahres 1631 in die Kolonien von Neuengland herübergekommen. Er hatte sich daheim der Wissenschaft des Zeitalters, der Theologie, gewidmet und als Mitglied der puritanischen Sekte Verfolgung zu erdulden gehabt. Bei weitaus den meisten seiner Glaubensgenossen hatte die Verfolgung jene Starrheit der Gedanken und Gefühle, jene einseitige Beharrung auf einmal gefaßten Meinungen erzeugt, wie wir sie an dem Richter Eaton von Swanzey bemerkten, und wie sie ganz geeignet war, zur Unduldsamkeit und Feindseligkeit gegen Andersdenkende sich zu verhärten. Nicht so bei Roger Williams. Von der Natur mit einem hellen und umfassenden Geiste ausgestattet, hatte er über das Wesen der Intoleranz nachgedacht und war zu dem Schlusse gelangt, daß es nur ein Mittel dagegen gäbe, die Proklamierung und Geltendmachung des Satzes von der unverletzlichen Freiheit des Gewissens, woraus mit Notwendigkeit folgte, daß die bürgerliche Obrigkeit zwar die Pflicht habe, das Verbrechen zu überwachen und zu strafen, nie aber das Recht, die Meinung vorzuschreiben und dadurch die Freiheit der Seele zu verletzen. Diese Lehre, sagt Bankroft, der berühmte Geschichtschreiber der Vereinigten Staaten, in seiner Charakteristik Williams', diese Lehre enthielt eine vollständige Reform der theologischen Jurisprudenz, sie strich das Verbrechen der Nonkonformität aus dem Gesetzbuche, löschte die Flammen, welche die Glaubensverfolgung so lange genährt hatte, verwarf jedes Gesetz, welches auf Teilnahme am öffentlichen Gottesdienste drang, hob Zehnten und alle erzwungenen Beiträge zur Erhaltung der Religion auf, gab jeder Form des religiösen Glaubens gleichen Schutz und duldete nicht, daß die Macht der weltlichen Regierung gegen die Moschee des Muselmanen oder den Altar des Feueranbeters, gegen die jüdische Synagoge oder gegen die römische Kathedrale zur Hilfe gerufen werde. Alle diese Folgerungen zog Williams mit ebenso großer Klarheit als Entschiedenheit aus seinem edlen Prinzip. Mit seiner hohen Gewissenhaftigkeit, mit seinem ängstlichen Streben nach Konsequenz verband er sodann die edelmütigste Nächstenliebe, die verzeihendste Milde und Güte, und stand demnach an Geist und Herz weit über seiner Zeit. Trotzdem jedoch, oder vielmehr gerade deshalb konnte es nicht fehlen, daß er bald nach seiner Ankunft in Neuengland mit den Regierungen der Kolonien, welche nach der Richtschnur des streng puritanischen Separatismus geregelt waren, in Kollisionen geriet. Denn ungeachtet der Milde seines Wesens bestand Williams unerschütterlich auf der Behauptung des Grundsatzes der Geistesfreiheit und weigerte sich entschieden, denselben der Autorität der Kolonialkirchen zu opfern. Diese begannen daher unverzüglich den Kampf gegen den Selbstdenker. Williams verteidigte seine Meinung mit siegreichen Gründen. Allein die Gewalt ist nie und nirgends gewohnt, durch Gründe sich belehren zu lassen. Williams ward von Salem, wo er sich aufhielt, nach Boston zitiert, um dort, als wäre er ein Verbrecher und der Gemeinschaft der Pilgrime unwürdig, auf einem bereitliegenden Fahrzeug eingeschifft und nach England geschafft zu werden. Als der Vorgeladene sagen ließ, er wäre krank und könnte ohne Lebensgefahr nicht reisen, wurde eine Pinasse abgeschickt, ihn mit Gewalt zu holen. Aber die Häscher fanden ihn nicht mehr. Beizeiten gewarnt, hatte der Kranke sein Haus verlassen. Er fuhr, von wenigen treuen Freunden begleitet, in einem Boote quer über die Massachusettsbai, landete im Gebiete von Plymouth und arbeitete sich mitten im Winterschnee durch die Wälder zu den Indianern hin, deren Sprache er gelernt, deren Freundschaft er auf früheren Wanderungen erworben hatte. »Vierzehn Wochen lang,« schrieb er später, »ward ich in bitterer Jahreszeit schmählich umhergeworfen, ohne zu wissen, was ein Stück Brot oder ein Bett sei. Ohne Führer wanderte ich umher in der Wildnis, hatte oft in stürmischer Nacht nicht Feuer, nicht Nahrung, nicht Gefährten, einen hohlen Baum als einziges Haus.« So kam der Apostel der Geistesfreiheit, der edelste Pilger der Wildnis, in den Wigwam Massasoits, des Sachems der Pokanoketen, welcher gerade mit Kanonikus, dem Sachem der Naragansetter, in Fehde lag. Gastfreundlich aufgenommen, stiftete der Wanderer Frieden und Versöhnung unter den Häuptlingen, welche ihn, wie ihre Nachfolger und die roten Männer überhaupt, fortan als ihren aufrichtigsten Freund, als den Redlichsten der Blaßgesichter betrachteten und behandelten, und ihn mit dem Namen Hahdoh-Manitu, das ist, Zunge des guten Geistes, ehrten. Unfern dem jetzigen Rehoboth, unfern dem östlichen Ufer der Bai von Naragansett, auf einem Stücke Land, welches ihm Massasoit abgelassen, fing er 1636 zu bauen und zu pflanzen an und hierher folgten ihm fünf einfache Männer aus Salem, welche die Kraft seiner Überzeugung ihm zu Freunden gewonnen hatte. Allein er sollte noch keine Ruhe finden. Ein Brief von Eduard Winslow, damaligem Gouverneur von Plymouth, unterrichtete den Wanderer, daß der Platz, wo er sich niedergelassen, zu dem Gebiet der Kolonie gehörte, und fügte den Rat bei, am westlichen Ufer der Bai sich anzusiedeln, wo er völlig unabhängig sein würde. Dankbar für den Rat seiner Feinde, äußerte Williams, er hätte denselben wie eine Stimme Gottes aufgenommen, und fügte bei, daß er seine Brüder, die Kolonisten, immer geehrt und geliebt hätte, selbst da, als ihr Urteil sie dahin brachte, ihn zu verfolgen. Auf einem indianischen Kanoe ruderte er mit seinen fünf Freunden über die Bai ins Land der Naragansetter, die ihn freundlich empfingen. Die Großmut des Sachems Kanonikus beschenkte ihn mit dem ganzen Landstriche zwischen den beiden Flüssen Moshasneck und Pawtucket. Williams, dem Antrieb seiner hochsinnigen Seele folgend, verteilte das Land unter seine Freunde, denen sich inzwischen noch sieben andere aus Salem und Plymouth angeschlossen hatten, ohne auch nur eine Fußbreite Boden mehr für sich zu behalten oder irgend eine Entschädigung begehrend. Die dreizehn Pilger der Wildnis vereinigten sich zu einer religiösen und politischen Gemeinschaft, als deren oberster Grundsatz festgestellt wurde, daß keiner je um des Gewissens willen zu leiden haben sollte. Um sein unerschütterliches Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit auszudrücken, nannte Williams den Ort, wo er und seine Gefährten den Urwald zu roden und ihre Hütten aufzuschlagen begannen, Providence, und sprach als Weihe der Grundlegung einer neuen Kolonie den Wunsch aus, sie möchte stets ein Zufluchtsort für Menschen sein, die um des Gewissens willen bedrückt würden. Es ging freilich anfangs ärmlich genug her in der neuen Ansiedelung, welche nur harte Arbeit und kärglichen Unterhalt zu bieten vermochte. »Meine Zeit,« schrieb Williams später, »ward keineswegs ausschließlich mit geistiger Arbeit, mit Lehren und Predigen unter meinen Gefährten und den Indianern verbracht, sondern bei Tag und Nacht zu Hause und auswärts, zu Lande und zu Wasser, mit der Hacke und dem Ruder, um Brot zu gewinnen.« Dennoch begann, nach Überwindung der ersten Schwierigkeiten, die Kolonie zu wachsen und zu gedeihen. Der Zauber der Glaubensfreiheit, verbunden mit der unerschöpflichen Güte Williams', welcher für jeden neuen Ankömmling väterlich sorgte, lockte viele, und im Verlauf zweier Jahre schon stieg die Zahl der Ansiedler auf etwa hundert Köpfe. Williams' Weisheit wußte den auf die Prinzipien der vollkommensten Toleranz basierten jungen Staat, in welchem in bürgerlichen Dingen der Wille der Mehrzahl herrschte, als Herrscher des Gewissens aber Gott allein anerkannt war, vor allen schlimmen Folgen innerer Gärungen wie äußerer Gefahren zu bewahren. Ungemein kam ihm hierbei fein gutes Verhältnis zu den Eingeborenen zustatten. Kein zudringlicher Bekehrer, achtete er auch an dem roten Manne die Gewissensfreiheit, und wollte ihn einzig und allein auf dem Wege der Überzeugung zum Christentum herübergezogen wissen. Seine Achtung vor den materiellen und moralischen Rechten der Indianer, seine in zahllosen Fällen erprobte Redlichkeit und Herzensgüte, jener humane Sinn, der jedem und allen das Seinige und Ihrige gönnte und sicherte, seine Bereitwilligkeit, die Fülle seiner Einsichten Roten und Weißen, Heiden und Christen ohne Unterschied zugute kommen zu lassen, ließen ihn den eingeborenen Kindern der Wildnis als eine Art höhern Wesens erscheinen. Auch zu den übrigen Kolonien von Neuengland waren Williams' und seiner Ansiedelung Beziehungen allmählich freundlichere geworden. Williams hatte nämlich reichliche Gelegenheit gehabt, auf seiner Gegner Häupter feurige Kohlen zu sammeln. Verzeihung und Wohltun war die einzige Rache, die diesem hochherzigen Manne anstand. Mit großmütiger und eifrigster Dienstbeflissenheit vergalt er die Verfolgungen, welche ihm die puritanischen Zionswächter angetan hatten. Nicht nur, daß er einzelnen derselben bei jeder Gelegenheit als getreuer Landsmann und Bruder sich erwies und dadurch alte, durch religiöse Zwistigkeiten gelockerte Freundschaftsbande, wie die, welche ihn mit dem Richter Eaton verknüpft hatten, wieder festigte, nein, den Kolonien als solchen gereichte er zu Heil und Segen. Als die Pequoden, wie früher gemeldet worden, die Streitaxt gegen die Blaßgesichter erhoben und die Gefahr, daß sämtliche indianische Stämme von Neuengland diesem Beispiele folgen würden, unausweichlich schien, da war es Roger Williams, welcher diese große Gefahr beschwor. Die Regierung von Massachusetts wandte sich an ihn mit der Bitte, alles aufzubieten, ein allgemeines Bündnis der Roten gegen die Weißen zu verhindern. Williams gedachte nicht einen Augenblick der grausamen Verfolgung, welche gerade jene Regierung über ihn verhängt hatte. Er sah nur die Not und Bedrängnis seiner Brüder. Rastlos, meldet der Geschichtschreiber, sah man ihn nun hin und her fahren, in einem ärmlichen Kanoe Sturm und Wogen trotzend, bei einem Zusammentreffen mit den Abgesandten der Pequoden im Beratungshaus der Naragansetterhäuptlinge ihrer Wut und ihrer Rache eine unerschrockene Stirn bietend, alle Kräfte seiner Beredsamkeit in ihrer mühsam erlernten Sprache anwendend, das gefürchtete Bündnis zu verhindern. Und es gelang ihm, es gelang ihm sogar, die Naragansetter zu einem Schutz- und Trutzbündnis mit den Kolonisten zu vermögen, wodurch für die letzteren der Pequodenkrieg eine sehr günstige Wendung nahm. So war Roger Williams. Er stand jetzt im siebenundsiebzigsten Jahre seines Lebens, die hohe, hagere Gestalt noch ungebeugt tragend, im Auge und in der Seele die schöne Frische und Wärme der Jugend, der Patriarch des fröhlich um ihn her aufwachsenden Staates. Aber seinem Alter auch sollten die Prüfungen nicht erspart werden. Was er lange vorausgesehen und gefürchtet hatte, was er in seiner versöhnlichen Weise im Keime zu ersticken lange Jahre bemüht gewesen, den Ausbruch tödlicher Feindseligkeiten zwischen Roten und Weißen, war zu seinem tiefen Grame eingetroffen. In seinem hohen Sinne für Gerechtigkeit mußte er zugeben, daß beide Teile Grund zu Klagen hatten, und zwar die Roten wohl mehr als die Weißen, sofern es am Tage lag, daß jene offenkundig Gefahr liefen, durch die vorschreitende, nach links und rechts sich ausbreitende Kolonisation völlig aus ihrem angestammten Erbe, aus den Jagdgründen ihrer Väter verdrängt zu werden. Als Kenner der Geschichte der menschlichen Gesellschaft mußte sich zwar Williams sagen, es sei die natürliche Ordnung der Dinge, daß die Unkultur von der Zivilisation bemeistert und verdrängt werde, dennoch aber blutete ihm das Herz bei dem Gedanken, daß die eingeborenen Kinder des Bodens, sie, welche ihn selbst, den von seinen Landsleuten grausam Verstoßenen, aufgenommen und gespeist hatten, wie die Raben die verstoßenen Propheten Israels speisten, durch die fremden Eindringlinge von dem Grund und Boden vertrieben oder gar vertilgt werden sollten, wo sie ein nach ihren Begriffen glückliches Leben geführt hatten. Auf der andern Seite verhehlte er sich auch nicht, daß die Gefahr für die Kolonisten groß war. Der Abschluß eines Bündnisses zwischen dem ehrgeizigen Metakom und dem kühnen Kanouchet stellte sich ihm als eine Tatsache dar, aus welcher geradezu das Verderben der Kolonien resultieren konnte. Er machte sich auch keine Illusion darüber, daß König Philipp, wenn erst siegreich gegen die Ansiedler von Plymouth, Massachusetts und Konnektikut, denen von Providence jene Schonung und Freundschaft angedeihen lassen würde, welche er seinem Bundesgenossen Kanonchet zugesagt hatte. Gequält von allen diesen Umstanden, hatte sich Williams bemüht, den Sachem der Naragansetter, welcher ihm mit wahrhaft kindlicher Ergebenheit zugetan war, von dem Bündnisse mit Metakom abzuziehen, dessen weitgreifende Pläne er ahnte und fürchtete. Allein seine Bemühungen waren vergeblich gewesen und von einem großartigen Vorschlag, welchen er den beiden Häuptlingen gemacht, von dem Vorschlag, sie möchten, da sie von der stetig wachsenden Macht der Kolonisten doch über kurz oder lang erdrückt werden würden, sämtliche Stämme der Eingeborenen von Neuengland um sich sammeln, um sie westwärts zu führen und ihnen dort in den unermeßlichen Wäldern und Savannen, fern den Weißen, neue Jagdgründe und Wohnsitze zu gewinnen, hatten jene nichts hören wollen. Zu alledem war noch eine ganz naheliegende Sorge gekommen. Er kannte die Feindschaft, welche seine zwei Freunde Willem und Thorkil gegen den Richter Eaton hegten, welchen er ebenfalls von alter Zeit her Freund nannte, und jetzt war dieser in der Gewalt von jenen, um, des Mordes angeklagt, auf Leben und Tod Rede zu stehen. Alle Fibern seines Geistes anstrengend, um irgend einen Ausweg aus allen diesen Wirrsalen zu finden, hatte es der Greis nicht beachtet, daß zwei Männer von der Ansiedelung her dem Garten sich näherten und jetzt denselben betraten. Sie standen schon dicht vor ihm, als er aufschaute und die edle Gestalt des Sachems der Naragansetter, sowie die riesenhafte des alten Trappers wahrnahm. Die drei Männer blickten sich nach stillem Gruße einige Augenblicke schweigend an. Dann sagte Williams: »Der Herr wende diesen Tag zum Guten, damit er ein gesegneter heiße!« Er sah dabei auf Groot Willem, als erwartete er eine Antwort von ihm; als aber der alte Jäger schwieg, setzte er im Tone leisen Vorwurfs hinzu: »Ihr sagt nicht Amen, Freund Willem? Und doch müßt Ihr als Christ mich verstanden haben.« »Das habe ich, ehrwürdiger Freund,« versetzte Groot Willem. »Aber verzeiht, mir kommt es heute wunderlicherweise vor, als schmerze mich die Stelle, wo einst mein rechtes Ohr gesessen, gerade so arg wie damals, als –« »Sprecht nicht weiter, sprecht nicht weiter! Euer Herz ist verhärtet in Kummer und Alter. Doch ich hoffe, daß Thorkil der Lehren, welche ich in sein junges Herz geflößt habe, eingedenk sein werde.« »Hm, der Junge ist nicht, wie er sein sollte,« erwiderte der Trapper, den Kolben seines Roers unwirsch auf den Boden stoßend. »Ich merke, die Geschichte von der Gefangennahme der beiden Obersten und des jungen Mädchens durch Metakom spukt ihm im Kopfe.« »Und Ihr habt nichts Näheres über diese rätselhafte Sache erkunden können, Willem?« fragte Williams lebhaft. »Nein. Ich ging dem finstern Annawon, welcher den Richter hierher brachte, mit den drängendsten Fragen zu Leibe. Aber Ihr wißt, wenn ein Indianer sich vorgenommen hat, zu schweigen, so macht ihn der Teufel selber nicht reden.« Der Greis legte seine Rechte auf die Schulter des Sachems, welcher bisher keinen Anteil an dem Gespräche genommen hatte, und sagte: »Mein Herz ist bekümmert um das Los zweier weißen Häuptlinge und ihrer Tochter, welche Metakom von der Brandstätte von Swanzey weg in die Wälder geführt. Hat mein Sohn das Ende ihrer Spur nicht gesehen?« »Der Sachem der Wampanogen großer Krieger,« entgegnete Kanonchet mit gesenkten Blicken; »Metakom sehr weise, sehr klug, so klug, daß er seine Spur selbst den Augen von Freunden verbergen kann.« »Jawohl, Sachem, wir wissen das,« sagte Willem. »Aber einer Eurer Läufer befand sich bei Metakom, als der Tomahawk über Swanzey erhoben wurde, und die jungen Krieger der Naragansetter haben scharfe Augen.« »Sieh mich an, mein Sohn,« sprach Williams ernst. »Soll ich glauben, daß das Herz des Häuptlings nicht mehr offen vor meinen Augen liege?« Der Sachem erhob den Blick und begegnete dem liebevollen des Patriarchen, welcher eine magische Gewalt über ihn zu üben schien. Er ergriff mit edler Gebärde Williams' Hand, drückte sie an seine Brust und erwiderte: »Nein, Kanonchets Herz soll dem Auge des Hahdoh-Manitu nie verhüllt sein, nicht einmal dann, wann es die Wolke beschattet, aus welcher eine Stimme flüstert: Miantonomo!« Der Ton, womit der Häuptling das letzte Wort sprach, war ein so klagender, daß er nicht nur Williams, sondern auch den stahlnervigen Trapper tief bewegte. Beide fühlten, was in der Brust Kanonchets vorging, beide wußten, wie sehr er zur Zurückhaltung, ja zum grimmigsten Hasse gegen die Kolonisten berechtigt war, welche ihm auf eine ebenso grausame als niederträchtige Weise hatten den Vater ermorden lassen. Groot Willem machte seinem Mitgefühl durch einen halb unterdrückten Fluch Luft, der Patriarch aber faßte voll Teilnahme die Hände des Sachems und sagte: »Es war eine Tat der Ungerechtigkeit und des schnödesten Blutdurstes. Mein Sohn weiß, wie ich darüber dachte und denke.« »Kanonchet weiß es, er weiß, daß mein weißer Vater seine Stimme laut erhob gegen den tückischen Beschluß der Blaßgesichter. – Kanonchet,« fuhr der Sachem nach kurzem Bedenken fort, »war fern, als sein Bruder Metakom den Tomahawk erhob und die Wigwams von Swanzey mit Feuer verheerte, aber sein junger Krieger sah, daß der Sachem der Wampanogen die beiden gefangenen weißen Häuptlinge und den kleinen Feuerspeier und die junge Squaw nach Mitternacht zu fortführte.« »Nach Mitternacht zu?« rief Willem aus und setzte nach kurzem Besinnen hinzu: »Verdammt, wenn ich auf der richtigen Fährte wäre! Hih-lah-dih wußte nichts davon, das ist sicher. – Nach Mitternacht zu, sagt Ihr, Sachem?« »Nach Mitternacht zu,« bestätigte Kanonchet. »Verdammt, sag' ich nochmals. Wohin könnte er sie in jener Richtung gebracht haben, wenn nicht nach Mount Wallaston?« »Nach Mount Wallaston, wo die Bande des unseligen Morton haust?« bemerkte Williams. »Ihr erschreckt mich, Freund, mit Eurer Vermutung.« »Sie erschreckt mich selber, Död und Duivel! Der brüllende Tom wäre imstande – Wir dürfen wahrhaftig dem Jungen vorerst gar nichts davon sagen; er muß heute seine fünf Sinne beisammen haben, das muß er – 's ist vielleicht der wichtigste Tag seines Lebens. – Nach Mount Wallaston? Wenn es so ist, hat der Wampanoge falsch an uns gehandelt, und bei der Seele von einer, die nicht mehr ist, er soll es büßen! – Doch, horch, da tönt die Glocke!« In der Tat unterbrach hier ein über die Baumwipfel von der Ansiedelung herschallender Ton einer Glocke das Gespräch. Die drei lauschten einige Augenblicke den metallenen Klängen, in welchen etwas Schwermutsvolles, Ergreifendes lag. Dann sagte Williams: »So laßt uns denn gehen, und,« fügte er, zum Himmel aufblickend, mit gemessenem Ernste hinzu, »Gott möge seine Gerechtigkeit sichtbar werden lassen!« Sie gingen, und indem der Erzähler den drei Männern nach der Ansiedelung folgt, führt er den Leser zu einer feierlichen Szene. 5. In der Talschlucht, unter einer Felsenwand Liegt ein Toter, dessen Blut dahin nicht schwand. Als er ging, legt' er auf mich die Bürde schwer, Mit der Bürde schreit' ich aufrecht grad' einher. Und nun haben wir die Rach' ihm angefrischt – Hamasa. Tolstoi:   Verdient Alexis Petrowitsch den Tod? Die Generale:   Er sterbe! Die Senatoren:   Sterbe! Tolstoi:   Einhellig also? Allgemeiner Ruf:   Tod! Immermann. Inmitten einer Prärie von mäßigem Umfange, welche sich hinter dem lockeren Gürtel der Ansiedlerwohnungen von Providence gegen Westen sanft absteigend zwischen den Lichtungen am Ufer der Bai und den düsteren Schatten des Urwaldes hindehnte, erhob sich eine kolossale Eiche. Im Schatten ihrer Äste sprang eine Quelle, welche ihren reichen Strahl aus einer plumpen Röhre in ein Becken von roh zugehauenen Steinen ergoß. Diese Stelle war für die Ansiedelung gleichsam ein geheiligter Platz. Die fromme Überlieferung erzählte, daß aus dieser Quelle der Gründer der Kolonie, als er zuerst den Ort betreten, seinen Durst gestillt, und daß er dann, an den Stamm der Eiche gelehnt, an seine fünf Gefährten, die ihm in die Wildnis gefolgt waren, Worte voll ermutigender Kraft und prophetischen Geistes gerichtet habe. Als die ersten Hütten aufgeblockt waren, hatten die Pioniere, von löblicher Pietät geleitet, ihre Aufmerksamkeit der Quelle zugewandt. Sie wurde gefaßt und erhielt den Namen Williamsbrunnen, während die sie beschattende Eiche die Pilgrimseiche genannt ward. So war dieser Stelle von Anfang an in der Geschichte der Ansiedelung eine fast religiöse Bedeutung gesichert, die sie noch jetzt nicht verloren hat. Hier hatte Williams seine Genossen am ersten Sabbat ihrer Niederlassung zum ersten Gottesdienste versammelt, hier war der entstehenden Ansiedelung der Name Providence geschöpft worden, hier hatte Williams die einfachen, auf Vernunft und Humanität basierten Grundzüge einer Verfassung zur Annahme vorgelegt, einer Verfassung, die im wesentlichen noch heutzutage die von Rhode-Island ist. Seither war es in der Ansiedelung stehender Brauch geblieben, in allen wichtigen Fällen das Volk beim Williamsbrunnen unter der Pilgrimseiche zu versammeln. Auch heute wurde dieser Brauch geübt, und wichtig genug war der in Frage stehende Fall, wenn er auch die Kolonie als solche nicht des näheren berührte. Die Pilgrimseiche hatte noch nie eine zahlreichere Versammlung gesehen. Im Schatten des Baumes stand eine lange Tafel, an deren beiden Seiten je sechs Männer saßen, Ansiedler von Providence. Den Platz oben an diesem Tische hatte als Vorsitzender Samuel Endekott eingenommen, ein würdiger Mann in grauen Haaren, nächst dem Patriarchen der Kolonie das angesehenste Mitglied derselben. Am untern Ende der Tafel erhob sich eine Schranke, diesseits welcher einander gegenüber zwei Sitze angebracht waren. Den zur rechten Hand nahm Thorkil Wikingson, den zur linken Theophilus Eaton ein. Links, rechts und geradeaus vor der Schranke machten sich verschiedene Gruppen bemerkbar, welche zusammen einen weiten Halbkreis bildeten. An dem einen Ende dieses Halbkreises bemerkte man De Lussan, Desdemona, Hih-lah-dih und ein halb Dutzend Seeleute von der Gloria, die, gehorchend dem Antriebe der strengen Disziplin, unter welcher sie standen, einen ehrerbietigen Zwischenraum zwischen ihren derben und phantastisch aufgeputzten Gestalten und denen ihres Kapitäns und seiner Herrin ließen. Dann kamen die Bewohner von Providence, mit Ausschluß jedoch der Weiber und Kinder, welche man, wie es scheint, mit Absicht von dem Platze fernhielt. Die linke Seite des Halbkreises nahm das zahlreiche Gefolge des Sachems der Naragansetter ein. Die roten Krieger waren streng nach der indianischen Etikette geordnet. Zuvorderst saßen, um Kanonchet geschart, die Häuptlinge in einem Halbzirkel auf dem Rasen. In zweiter Linie hinter ihnen saß eine Reihe von Kriegern, deren Geltung unter ihrem Volke eine entschiedene, nur der Bedeutung der Häuptlinge nachstehende war. Endlich in dritter Linie standen die Jünglinge, welche erst noch zu beweisen hatten, daß sie den Kriegspfad zu wandeln verständen, bevor sie sich der zweiten Gruppe anschließen durften. Da, wo die beiden Seiten des Halbkreises sich näherten, war zwischen den Roten und den Weißen eine Lücke gelassen. Hier bemerkte man den Patriarchen der Kolonie und etwas weiter zurück den alten Trapper, der sich auf sein mächtiges Roer stützte. Außer dieser Waffe, von der sich der Alte seit langen Jahren weder im Wachen noch im Schlafen trennte, sah man in der ganzen Versammlung nur noch eine einzige, einen kurzen Dolch mit dreiseitiger Klinge und angerostetem Metallgriff. Dieser Dolch lag neben einer Bibel vor dem Sitze Endekotts auf der Tafel. Wir haben schon zum voraus die Szene als eine feierliche bezeichnet und durften es. Ein klarer blauer Sommermorgenhimmel spannte sich über der Versammlung aus, welche in stiller Sammlung der Dinge harrte, die da kommen sollten. Die Luft war ruhig und trug den vollen Schall der Glocke, die noch immer läutete, von dem Bethause der Ansiedelung herüber. Ein leises Wehen machte den Wipfel der Eiche kaum hörbar flüstern, und der vernehmbarste Laut neben dem Schall der Glocke war das Geplätscher des Williamsbrunnens. In den Reihen der Indianer machte das Kalumet die Runde, wie das bei allen Beratungen unter ihnen üblich, und sandte seinen blauen Rauchwirbel in die Luft empor. Sonst bemerkte man nicht die geringste Bewegung unter den Eingeborenen, welche von der weisen Politik Roger Williams' berufen worden waren, damit sie Zeugen eines Aktes wären, der ihnen beweisen sollte, daß die Blaßgesichter strenge Gerechtigkeit übten. Jetzt verstummte die Glocke, und alsbald erhob sich Samuel Endekott. Er entblößte das Haupt, ließ seine Blicke über die Versammlung schweifen und sprach: »Im Namen Gottes, des Allmächtigen und Allwissenden, der da ins Verborgene sieht und die Herzen und Nieren prüft, erkläre ich, Samuel Endekott, Obmann der Geschworenenbank von Providence, die Sitzung des Gerichts für eröffnet.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort, das Wort an die Mitglieder der Gerichtstafel richtend: »Mitbürger, Geschworene! Ein ernster und trauriger Fall wird eurem Urteil unterbreitet werden. Es handelt sich um Meuchelmord, begangen an einem Fremden, begangen in der Absicht des Raubes. An euch ist es, besonnen zu erwägen und gerecht zu richten. Seid eures Eides eingedenk und entscheidet so, daß ihr euer Verdikt dereinst vor dem höchsten Richter zu vertreten vermögt.« Wieder eine Pause, und dann wandte sich Endekott an Eaton mit der Anrede: »Theophilus Eaton von Swanzey, ein furchtbarer Verdacht lastet auf Euch: Ihr seid des Mordes angeklagt. Habt Ihr gegen die Rechtmäßigkeit dieses Gerichts etwas einzuwenden?« Aller Augen richteten sich auf den alten Puritaner, welcher allem Volke der Ansiedelungen so lange als Muster in allen Tugenden vorgeleuchtet hatte. Er erhob sich langsam von seinem Sitze. Seine Haltung war die eines schwer gebeugten Mannes. Die Katastrophe von Swanzey, seine Gefangenschaft, die plötzlich gegen ihn geschleuderte furchtbare Anklage, das alles schien den Mut des Greises gebrochen zu haben. Als das Wort Mord sein Ohr traf, zuckte er zusammen und machte mit der Hand eine zornig abweisende Gebärde. Doch sogleich neigte er das Haupt und sagte gelassen: »Die Hand des Herrn liegt schwer auf mir. Meine Seele stöhnt unter der Last ihrer Schmerzen; aber ich trage sie in Demut, bis es Gott gefällt, der Trübsal ein Ende zu machen.« »Ihr anerkennt also das Gericht?« »Ich beuge mich der Fügung des Herrn. Er gießt die Schale seines Zornes aus über die Gemeinde der Pilger um ihrer Sünde willen. Tut, was ihr für recht haltet. Der Wille Gottes sei gelobt in Ewigkeit!« Er blickte gen Himmel, setzte sich und bedeckte sein bleiches Gesicht mit den Händen. »Thorkil Wikingson,« nahm Endekott wieder das Wort, »tretet an die Schranke und bringt Eure Anklage vor. Zuvor aber schwört bei Gott dem Allmächtigen, daß Ihr in allem und jedem die Wahrheit sagen wollt und nur die Wahrheit. Wollt Ihr?« Die Aufmerksamkeit der ganzen Versammlung wandte sich jetzt dem Jüngling zu, der aufstand und an die Schranke vorschritt. Eine mächtige Bewegung durchzitterte seine schlanke Gestalt, und seine Brauen zogen sich zusammen, als fühlte seine Stirn die Wucht einer schweren Pflicht. Er atmete tief auf und gewann nur mittels einer gewaltsamen Anstrengung seine volle Fassung. Als Desdemona ihre Augen einen Moment von ihm abwandle, bemerkte sie, daß die neben ihr stehende Hih-lah-dih die verschlungenen Hände fest auf ihren schwellenden Busen drückte und die Unterlippe mit den Zähnen beißend in atemloser Teilnahme auf den jungen Jäger blickte, dessen Situation sie mehr nur instinktmäßig ahnte, als klar begriff. »Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, die Wahrheit zu reden und nur die Wahrheit!« erwiderte Thorkil auf die Anrede Endekotts und erhob die Rechte zum Schwur. »So sprecht!« »Mein Name ist Thorkil Wikingson, ihr Männer von Providence, wie ihr alle wißt,« begann der Jüngling. »Ich wurde geboren auf Island, der fernen Insel im Nordmeer, welche von Norwegen aus, dem Stammlande der Normänner, bevölkert worden. In alter Zeit, so melden die Überlieferungen meines Volkes, wurde eine Schar Isländer auf einem Seezug an die Küsten dieses Landes verschlagen, welches sie um der Menge seiner wilden Reben willen Winland nannten, und welches jetzt Neuengland heißt. Sie kehrten heim mit der Kunde ihrer Entdeckung, und bald wurde das neugefundene Land das Ziel vieler normannischen Seezüge. Die kühnen Männer unterwarfen sich die Küsten und Inseln Neuenglands, aber Ereignisse, welche in Dunkel gehüllt sind, ließen sie ihre Eroberungen wieder aufgeben. Doch nicht, ohne daß sie Spuren ihrer Anwesenheit hinterlassen hätten. Auf der Insel Rhode-Island in der Naragansettbai erbauten sie eine christliche Kirche, welche, wenn auch halb in Ruinen gesunken, noch jetzt vorhanden ist. Von diesem Bauwerke hörte ich daheim auf Island sprechen in der frühesten Zeit, in welche meine Erinnerung zurückreicht. In meiner Familie ging eine vom Vater auf den Sohn durch viele Geschlechter herab überlieferte Sage um, daß der Ahnherr des Hauses, von dessen Abenteuern alte Lieder singen, der Erbauer des erwähnten Tempels gewesen sei. Mein Vater Björn, welcher den abenteuerlichen Sinn seiner Vorfahren geerbt hatte, sprach viel und gern und mit allerlei geheimnisvollen Andeutungen von dieser Sache. Als sieben Jahre nach meiner Geburt in harter Winterzeit unser Haus öde wurde, weil eine bösartige Seuche meine Mutter und alle meine Geschwister wegraffte, ließ es meinem Vater keine Ruhe mehr unter seinem Dache. Eines Tages sagte er zu mir: ›Thorkil, mein Junge, hier bringt mich die Trauer um. Wir wollen nach Winland fahren. Dort, auf einer Insel in der schmalen Bai, hat mein Ahnherr Olaf in der von ihm erbauten Kapelle, dem Taufstein zur Seite, einen Schatz vergraben; den will ich heben; er ist mein Eigentum, denn die alte Sage lügt nicht.‹ Er raffte zusammen, was er besaß, wir schifften uns auf einem Walfischfänger ein und landeten in Plymouth. Von dort wanderten wir durch die Wälder der Naragansettbai zu und fanden zu Swanzey gastfreundliche Herberge im Hause des Richters Eaton, des Mannes, welchen auf Leben und Tod anzuklagen mir heute die kindliche Pflicht gebietet.« Eaton hatte bis jetzt den Worten Thorkils geringe Aufmerksamkeit geschenkt. Die Nennung seines Namens jedoch machte ihn aufschauen, und er sah den jungen Jäger mit einem Ausdruck an, als bemühte er sich, eine halb erloschene Erinnerung wieder vor die Seele zu rufen. »Unser junger Freund spricht klar,« flüsterte De Lussan seiner Herrin zu. »Man merkt, daß der Unterricht von Roger Williams auf kein unfruchtbares Feld gefallen. Foi de gentilhomme, es wäre schade, wenn er in den Wäldern verkümmerte.« »Er spricht einfach und klar, wie die Wahrheit,« erwiderte Desdemona leise. »Das Goldhaar großer Redner, viel groß am Beratungsfeuer,« murmelte Hih-lah-dih bewunderungsvoll. Thorkil fuhr fort: »Mein Vater, der sanft ruhen möge, war seines abenteuerlichen Sinnes ungeachtet ein ernster und frommer Mann. Er und Eaton fanden Gefallen aneinander, und mein Vater vertraute seinem Wirte, in welcher Absicht er in dieses Land gekommen sei. Ich erinnere mich noch deutlich, daß die beiden Männer häufige Gespräche über die Sache führten. Master Eaton verhehlte nicht, daß ihm der Umstand mit dem vergrabenen Schatze sehr unwahrscheinlich vorkäme. Als aber mein Vater fest auf seinem Glauben bestand, erbot sich Eaton, uns selber nach Rhode-Island hinüberzubringen. Er tat so. Wir schifften uns in der kleinen Bucht westlich von der Landzunge von Mount Hope auf einem Boote ein, dessen Ruder gehandhabt wurden von den beiden Knechten Eatons, einem Weißen, namens Obededom, und einem Eingeborenen vom Stamme der Wampanogen, dessen Name, wenn mein Gedächtnis nicht trügt, Pe-toh-pi-kiß war, welcher jedoch, als getauft, auch den christlichen Namen Josua führte. Wir gingen bei der neugegründeten Ansiedelung Portsmouth ans Land. Hier verließ uns Master Eaton mit seinen Knechten, denn er hatte, wie er sagte, am genannten Orte Geschäfte abzutun und wollte daselbst unsere Rückkehr abwarten.« »Angeklagter vor den Schranken,« unterbrach hier Endekott den Ankläger, »erinnert Ihr Euch der soeben von Thorkil Wikingson angegebenen Umstände?« »Ja. Es ist so, wie er sagte. Ich harrte der Verabredung gemäß drei Tage auf den fremden Mann und seinen Knaben. Sie kamen nicht zurück. Die Pflicht rief mich heimwärts, und ich habe nie mehr etwas von ihnen gehört. Vielleicht hätte ich Nachforschungen nach ihnen angestellt, aber die Heimsuchung des Pequodenkriegs, welche damals die Kolonien traf, ließ mich dessen vergessen.« »Es wurden zwei Knechte von Euch erwähnt, die Euch auf dieser Fahrt begleiteten. Leben diese Männer noch?« »Obededom, ein Gerechter vor dem Herrn, wurde bei dem Überfall von Swanzey von den Heiden erschlagen. Der andere, Josua, war ein Abtrünniger und, wie sich später herausstellte, von jenem ruchlosen Ahab, den sie König Philipp nennen, als Späher in mein Haus geschickt, das er bald nach jenem Ereignis verließ, um in die Blindheit des Heidentums zurückzufallen.« »Verließ Euch dieser Wampanoge nie während der drei Tage, welche Ihr damals in Portsmouth zubrachtet?« »Nein, soweit ich mich erinnere. Er kehrte mit mir nach Swanzey zurück.« Endekott zuckte die Schultern, als bedauerte er, daß dieses kurze Verhör weiter keinen für den Angeklagten günstigen Umstand herausgestellt hätte, und forderte mittels eines Winkes mit der Hand den jungen Jäger auf, fortzufahren. »Mein Vater und ich,« nahm Thorkil seine Rede wieder auf, »durchwanderten die Wälder der Insel bis zur südöstlichen Spitze derselben. Dort mußte sich unser Ziel finden, wenn anders Wahrheit in den alten Familienüberlieferungen war. Und diese hatten in der Tat nicht gelogen. Wir fanden die uralte Kapelle, wie sie, halb in Trümmern liegend, noch jetzt dort zu sehen ist. Mein Vater durchschritt prüfend die runde Halle. Er stellte sich an den Taufstein, ging dann ein paar Schritte linkshin, blieb auf einer großen Steinplatte stehen und sagte: ›Hier, Thorkil, muß es sein.‹ Mittels einer mitgebrachten Brechstange hob er mühsam den schweren Stein. Eine Höhlung zeigte sich darunter, angefüllt mit von Schimmel und Moder angeflogenen schweren Goldmünzen von plumper, viereckiger Form und uralt unverständlichem Gepräge. Der Schatz des Ahnherrn war gefunden. Der Höhlung zur Seite schliefen wir ein, da die Nacht hereingebrochen. Im Schlafe war mir, als hörte ich einen kurzen Schrei. Als ich erwachte, lag mein armer Vater regungslos – in einer Blutlache. Eine mörderische Hand hatte ihm die Kehle zugeschnürt. Der Dolch, welcher dort auf dem Tische liegt, stak in seiner Brust –« Von seinen Gefühlen übermannt, brach der Jüngling ab und fügte nur noch tonlos hinzu: »Es ist eine schreckliche Erinnerung – laßt meinen Freund Willem sprechen.« Nachdem das dumpfe Gemurmel des Grauens, welches unwillkürlich in der Versammlung sich geregt, verstummt war, sprach der Obmann der Geschworenenbank: »Groot Willem, tretet vor und sagt, was Ihr zu sagen habt.« Der Trapper schritt vor an die Schranke. Sein Blick fiel im Vorübergehen auf Eaton, der ihn mit der apathischen Haltung, welche dem schwergeprüften Manne während der ganzen Verhandlung eigen war, herankommen sah. Ein leises Lächeln des Triumphs glitt über die benarbten und verwitterten Züge Willems. Aber es lag in der ruhigen Ergebung des halbgeknickten Puritaners etwas, was den Stachel der Rachelust in der Brust seines ehemaligen Freundes stumpfte. Wären die Augen Eatons denen Willems in diesem Augenblick begegnet, so hätte vielleicht die angeborene Gutmütigkeit des Trappers die Oberhand über seinen Haß erhalten. Eaton jedoch sah ihm nicht ins Gesicht, sondern murmelte, als Willem vorüberschritt, die Worte des Psalmisten: »Meine Feinde haben sich verschworen wider mich, und sie haben den Bogen der Verleumdung zur Hand genommen.« Der Trapper vernahm das Wort Verleumdung und ging mit einem zornigen Kopfruck weiter, um vor der Schranke stillstehend sein Zeugnis abzulegen. »Ich bin, wie allen bekannt,« sagte er, »meines Gewerbes ein Jäger. Zur Zeit, von der da die Rede ist, waren die Wälder der Insel Rhode-Island noch weniger vom Beile der Kolonisten gelichtet als heutzutage und boten mir ein Jagdrevier, das ich oft besucht habe. Das alte Bauwerk, von welchem mein junger Freund hier gesprochen hat, kannte ich seit langer Zeit, ließ mir jedoch nicht einfallen, daß in der alten Halle ein Haufen Goldes vergraben sei. Bekümmere mich übrigens auch nicht viel um das gelbe Zeug, brauch' es nicht in den Wäldern, wißt ihr, Männer. Nun ja, eines Morgens, ich hatte im Busch geschlafen, schoß ich dort herum 'nen fetten Bock, und da ich Appetit zu 'nem reellen Frühstück fühlte, trug ich das ausgeweidete Tier nach der alten Halle, wo ich schon oft mein Feuer angezündet hatte. Wie ich aber dem Gemäuer mich näherte, hört' ich drinnen ein Gejammer und Gestöhne, und als ich eintrat, was sah ich da? Einen mir fremden Knaben, welcher schluchzend und halb besinnungslos vor Schmerz und Jammer den blutbedeckten Leichnam eines mir ebenfalls fremden Mannes umklammert hielt und auf meine Fragen nur die Worte: ›Mein Vater, mein armer Vater!‹ hervorbringen konnte. Der Knabe war Thorkil. Als er infolge meines Zuspruchs einigermaßen zusammenhängender Rede mächtig geworden und mir das Wichtigste von seiner Geschichte mitgeteilt hatte, untersuchte ich den Ort. Die Höhlung, wo der Schatz gelegen, war leer und, das dreischneidige Messer ausgenommen, welches ich aus der Brust des Ermordeten zog und welches mir seltsamerweise halb und halb bekannt vorkam, keine Spur von dem Mörder innerhalb der Halle zu finden. Ich sage: innerhalb der Halle, denn als ich meine Untersuchung fortsetzend hinausging, bemerkte ich in dem Gerölle, welches um das alte Bauwerk aufgehäuft lag und noch liegt, die Spuren der Fußtritte von zwei Männern.« »Von zwei Männern?« fragte Endekott gespannt. »Von zwei Männern, und zur Schande meiner Farbe muß ich es sagen, diese Spuren waren dem Gerölle von Schuhen eingedrückt, wie sie die Leute in den Ansiedelungen zu tragen pflegen. Da ich, ohne den Prahler zu machen, sagen darf, daß ich mich für einen Mann, der kein indianisches Blut in den Adern hat, ganz leidlich auf das Verfolgen einer Fährte, rühre sie von Menschen oder Tieren her, verstehe, so hatte ich eben keine große Mühe, besagten Spuren durch das Röhricht die kurze Strecke bis ans Gestade der See nachzugehen. Dort verschwanden sie und zwar gerade an der Stelle, wo der Ufersand einen leichtgehöhlten Schliff wahrnehmen ließ, wie ihn ein Boot, wenn es ans Ufer stößt, zu verursachen pflegt, wißt ihr?« »Was tatet Ihr weiter, Mann?« »Ich begrub den Toten an der Stätte und nahm den Knaben mit mir. Da er aber noch zu jung und zart war, um mit mir in den Wäldern leben zu können, brachte ich ihn hierher nach Providence zu meinem ehrwürdigen Freund Roger Williams, der ihm ein treuer Vater und Lehrer war, bis die Zeit kam, wo er mit mir in die Wälder ging, um als ehrlicher Jäger zu leben. Ich teilte meinem ehrwürdigen Freund Williams mit, was ich in der alten Halle gesehen hatte, und brachte ihm auch das Mordmesser. Er wird, wenn Ihr ihn fragen wollt, sagen, daß er schier erschrak, als er sah, daß auf dem Hefte der Waffe zwei Buchstaben eingegraben waren, deren Laut mir erklärlich machte, warum ich mir eingebildet, ich müßte das Ding schon früher einmal zu Gesichte gekriegt haben.« »Master Willem, seid Ihr bereit, Eure Aussage zu beschwören?« »Zu beschwören? Warum nicht, wenn's sein muß? Denke aber, mein Wort könnt' es auch tun.« »Wohl, Mann, kennen Euch,« entgegnete Endekott und rief dann mit einer Gebärde der Achtung dem Patriarchen der Kolonie zu: »Euer Ehrwürden, das Gericht bedarf Eures Zeugnisses. Wollt an die Schranke treten.« Als Roger Williams seine Stellung eingenommen, nicht ohne im Vorübergehen einen Blick des tiefsten Mitleids auf den Angeklagten zu werfen, richtete Endekott an ihn die Frage: »Erinnert Ihr Euch, Sir, daß der hier anwesende Willem Klopper, genannt Groot Willem, Euch seinerzeit die fraglichen Umstände so mitgeteilt hat, wie er sie jetzt bezeugte?« »Ja, ich erinnere mich. Der Inhalt seiner Erzählung war der soeben von ihm mitgeteilte.« »Erkennt Ihr,« fragte der Obmann weiter, die vor ihm liegende Mordwaffe dem Zeugen vorweisend, »diesen Dolch als den nämlichen, welchen Euch Groot Willem damals gezeigt hat?« »Ja, Sir.« »Der Trapper sprach von zwei Buchstaben, welche dem Griff des Messers eingegraben waren. Erinnert Ihr Euch mit Bestimmtheit dieser Buchstaben?« »Ja, es war ein Th. und ein E.« Um die Bank der Geschworenen ging das Gemurmel: »Theophilus Eaton!« »Angeklagter vor den Schranken,« sprach Endekott, »steht auf, gebt Antwort und beachtet wohl, was Ihr sagt.« Eaton erhob sich mechanisch. »Angeklagter,« fuhr Endekott fort, »Eure Anwesenheit auf der Insel zur Zeit des Mordes ist behauptet und von Euch selber zugegeben. Seht Euch diesen Dolch hier, womit der Mord vollbracht wurde, genau an. Der Griff desselben trägt die Anfangsbuchstaben Eures Namens. War die Waffe jemals in Eurem Besitz?« Der Puritaner nahm den Dolch mit einer mechanischen Regung seiner Hand entgegen. Doch schien die Waffe alsbald seine Aufmerksamkeit zu erregen, wie wenn sein Auge auf einen längst vermißten und jetzt wiedergefundenen Gegenstand gefallen wäre. »Ich kenne den Dolch,« erwiderte er. »Diese Zeichen da auf dem Griffe sind die Anfangsbuchstaben vom Namen meines Vaters – Segen seinem Andenken! Er hieß wie ich. Er hat den Dolch noch mit aus England herübergebracht. Die Waffe war lange in unserer Familie.« »Ihr anerkennt also den Dolch als den Eurigen?« »So tue ich, aber ich habe dieses Messer lange, lange Jahre nicht gesehen. Ich glaubte es dort, wo die übrigen Gewehre in meinem Hause, das nun mit Zulassung des Allmächtigen in Trümmern liegt, verwahrt wurden. Wie es hierher gekommen, vermag ich nicht zu sagen.« Er legte den Dolch wieder auf den Tisch und setzte sich. Williams trat zu ihm, legte ihm die Hände auf die Schultern und sagte traurig: »Armer, unglücklicher Freund, was auch gegen Euch zeuge, ich glaube, daß Ihr keinen Teil habt an dieser gräßlichen Tat.« »Nur Gott der Allweise,« entgegnete Eaton, »kennt diese dunkle Schickung. Was er tut, ist wohlgetan – gepriesen sei sein Name!« »Ankläger,« wandte sich Endekott an Thorkil, »ich gebe Euch wieder das Wort. Was habt Ihr weiter vorzubringen?« »Lange Jahre, Sir,« versetzte der junge Jäger, welcher inzwischen Zeit gehabt, sich wieder zu sammeln, »habe ich gesonnen, wie ich den Schwur, meines Vaters Tod zu rächen, in Vollziehung setzte, den Schwur, den ich halb unbewußt an jenem schrecklichen Morgen bei mir geschworen und den ich später erneuert habe. Als ich Gewißheit über die Person des Mörders zu haben glaubte, da drängte mich mein junges Blut, Mord mit Mord zu vergelten. Mein zweiter Vater, Groot Willem hier, der mehr an mir getan, als je zu sagen ist, bewahrte mich vor dieser Schuld. Die Gerechtigkeit Gottes hat den Schuldigen in meine Hand gegeben, damit ich ihn vor aller Ohren des Mordes anklage, und ich klage ihn an. Niemand außer Theophilus Eaton wußte von dem Vorhaben, welches meinen armen Vater nach der alten Halle auf Rhode-Island führte. Eatons Anwesenheit auf der Insel zur Zeit der schändlichen Tat ist von ihm selbst zugestanden, das Mordmesser von ihm selbst als sein Eigentum anerkannt worden. – Laßt der Gerechtigkeit den Lauf, ihr Richter!« »Junger Mann,« versetzte Endekott ernst, »ich fürchte, Euer, wie ich zugebe, gerechter Schmerz macht Euch die Gefühle eines Christen vergessen. – Doch wir haben hier nur zu richten, und wir kennen unsere Pflicht. Diese gebietet aber, Euch zu sagen, daß, so beschwerender Art auch die für die Schuld des Angeklagten bis jetzt vorgebrachten Beweise sein mögen, dieselben dennoch nicht hinreichen, einen Spruch auf Leben und Tod zu begründen.« »Wohl, Sir, ich bin noch nicht zu Ende.« So sprechend öffnete Thorkil sein Jagdhemd und zog einen Gegenstand hervor, welchen er an einer um den Hals gehenden Schnur auf der bloßen Brust trug. Es war eine große, dicke, vierkantige Goldmünze von sehr altertümlichem Aussehen. »Hier seht,« sprach der junge Jäger, das Goldstück auf den Tisch legend. »Bei meiner Seele zeitlichem und ewigem Heil will ich schwören, daß diese Münze in Größe, Form und Gepräge eine so vollständige Ähnlichkeit mit den Münzen des Schatzes hat, der meinem Vater das Leben kostete, eine solche Gleichheit, daß es nur eine von jenen Münzen sein kann.« Die Vorbringung dieses neuen Beweisstückes steigerte die Aufmerksamkeit der Richter und der Zuhörerschaft bedeutend. »Wie kam diese Münze in Eure Hand?« fragte Endekott, nachdem er das Goldstück betrachtet hatte. »Mein väterlicher Freund Williams gab mir sie vor Jahresfrist.« »Roger Williams?« »Ja. Er hatte das Goldstück aus der Hand Eatons empfangen.« Ein Murmeln der Entrüstung lief durch den Kreis. »Euer Ehrwürden,« wandte sich der Obmann zu dem Patriarchen, »wollt Ihr dem Gericht Aufschluß über diesen seltsamen Umstand geben?« »Ich will, weil ich muß, um der Wahrheit willen, obgleich selbst das verfänglichste Anzeichen meinen Glauben an die Unschuld meines Freundes nicht erschüttern kann. Es mag gerade vierzehn Jahre her sein, als ich in Rehoboth eine Zusammenkunft mit Eaton hatte. Es galt, eine Grenzstreitigkeit zwischen unserer Kolonie und der von Plymouth zu bereinigen. Eaton kam als Bevollmächtigter unserer Brüder von Plymouth. Bei dieser Gelegenheit gab er mir das Goldstück, welches hier auf dem Tische liegt, weil er wußte, daß ich mich in freien Stunden gern mit Nachforschungen über altertümliche Seltenheiten beschäftigte. Ich erklärte damals meinem Freunde das Gepräge der Münze, welches beweist, daß das Goldstück aus der Münzstätte eines alten Königs von Frankreich hervorgegangen sein muß.« »Angeklagter, Ihr hörtet, was der Zeuge aussagte. Bekennt Ihr Euch zu dem Gesagten?« »Roger Williams sprach die Wahrheit. Ich erinnere mich jetzt, daß ich ihm bei der erwähnten Gelegenheit das Goldstück gab.« »Und wie war dasselbe in Eure Hände gekommen?« »Ich hatte es wenige Tage zuvor gefunden.« »Gefunden?« »Ja. Die Väter unserer Kolonie hatten mich beauftragt, mit dem grausamen Ahab, genannt König Philipp, einen der vielen Händel zu schlichten, welche dieser Sohn Belials allzeit gegen den Frieden der Pilgrime anzettelte. Da ich hörte, der rote Heide hielte sich unweit von seinem Sitze Mount Hope gerade in einem Jagdlager auf, machte ich mich dahin auf den Weg. Der Heide hatte aber den Ort schon verlassen, als ich ankam. Auf dem verödeten Lagerplatz sah ich zufällig das fragliche Goldstück neben der Asche einer Feuerstelle im dürren Grase liegen und hob es auf.« Bei den meisten Mitgliedern der Gerichtsbank rief diese Aussage ein Kopfschütteln des Unglaubens hervor. »Glaubt ihm, glaubt ihm!« rief der Patriarch aus. »Der Mund von Theophilus Eaton hat nie eine Lüge gesprochen.« »Thorkil Wikingson,« sprach Endekott wieder, »Ihr habt gehört, womit der Angeklagte den zuletzt von Euch vorgebrachten Anzeichenbeweis zu entkräften suchte. Ich frage Euch jetzt: Beharrt Ihr auf Eurer Anklage?« »Ich beharre.« »Angeklagter vor den Schranken dieser nach Brauch und Recht unserer Kolonie berufenen und von Euch selber als berechtigt anerkannten Jury, Ihr habt vernommen, welcher Tat man Euch zeiht, Ihr habt die Anklage gehört und die Beweisversuche, welche die Anklage stützen. Ich habe Euch jetzt zu fragen: Erklärt Ihr Euch für schuldig oder nichtschuldig?« »Für schuldig,« Ein verhaltener Schrei entfuhr der Versammlung. »Ja, für schuldig,« fuhr Eaton das Haupt erhebend fort, »für schuldig all der Sünden, deren sich die schwache Kreatur gegenüber ihrem Schöpfer und Herrn allzeit anzuklagen hat, aber für nichtschuldig des verabscheuungswürdigen Verbrechens, dessen man mich zeiht.« »Und was habt Ihr zur Bekräftigung dessen zu sagen?« »Was soll ich sagen?« erwiderte der Puritaner und ließ, wie erdrückt von der Last dieser Stunde, den Kopf wieder sinken. »Der Schein ist gegen mich. Die Zeit der Heimsuchung ist da, der Herr will, daß ich den Kelch der Prüfung bis auf die letzte Hefe leere. Er hat das Horn meiner Kraft zerbrochen, mein Herz ist geschlagen mit Kummer, der Brand der Schmerzen verzehrt meine Gebeine, meine Tage sind wie ein sich neigender Schatten, und ich verdorre wie welkes Gras. Aber die Herrlichkeit des Allmächtigen währet ewiglich, sein Wille geschehe.« Mit diesem Ausbruche puritanischer Frömmigkeit, welche die Klagelaute, die dereinst der Psalmist ausgestoßen, mit denen des eigenen Herzens vermischte, setzte sich Eaton gelassen nieder. Seine Miene war die eines Mannes, der das Unabänderliche ohne fernere Widerrede über sich gehen lassen will. »So erkläre ich denn die Prozedur für geschlossen und bitte euch, Männer von der Jury, und sämtliche Anwesende, Mitbürger und Fremde, meiner Rede ein achtsames Ohr zu leihen.« Mit diesen Worten leitete Endekott die Zusammenstellung des ganzen Falles ein, welche zu geben ihm als Vorsitzendem des Gerichts oblag. Er entledigte sich dieser Pflicht mit jener Sicherheit und Klarheit, welche aus langer Geschäftsführung resultiert, zugleich aber auch mit der ganzen Unparteilichkeit, welche dem Obmann einer Gerichtsbank geziemt. Als er zu Ende war, sammelten sich die Geschworenen um seinen Sitz. Die atemlose Spannung, welche den ganzen Kreis, oder zum wenigsten den weißen Teil der Zuhörerschaft beherrschte, löste sich bald, denn die Beratung der Geschworenen währte nicht lange. Sie nahmen ihre Sitze wieder ein. »Männer von der Jury,« sprach Endekott mit feierlichem Nachdruck, »vor Gott und vor eurem Gewissen richte ich an euch die Frage: Ist der Angeklagte, Theophilus Eaton von Swanzey, des Raubmordes, begangen an Björn Wikingson, dem Vater des Klägers, Thorkil Wikingson, schuldig oder nichtschuldig?« Der älteste der Geschworenen stand auf, entblößte das Haupt und gab die Antwort: »Vor Gott und unserem Gewissen schuldig!« »Ist dieses Verdikt ein einmütiges?« »Es ist ein einmütiges,« entgegneten die Geschworenen wie aus einem Munde, indem sie sich erhoben. »Und welche Strafe, Männer von der Jury, bestimmt ihr dem von euch Schuldiggesprochenen?« »Den Tod!« lautete die Antwort. Und wie ein dumpfes Echo rauschte es durch die Versammlung: »Den Tod!« 6. Wie, wann in schwüle Mitternacht Berg und Tal sich mummt, In tiefen Odemzügen des Lebens Mund verstummt: Dann plötzlich durch die Finsternis fähret der Wetterschein, So brennt mit einem Schlage der ganze Tannenhain – Also zerfleucht wie Höh'nrauch Zweifel, Angst und Wahn, Und jede Menschenseele ist wieder aufgetan, Und was da schlief im Herzen in wundertiefer Nacht, Bricht aus in tausend Kerzen, ist Licht zum Licht erwacht. Follenius. Eine lange und bange Pause trat ein. Endekott machte ihr ein Ende, indem er sprach: »Angeklagter an der Schranke, Ihr habt den Wahrspruch der Jury vernommen. Steht auf, damit ich Euch die Sentenz verkündige, wie es Recht und Brauch in den Kolonien.« Eaton verließ seinen Sitz und trat an die Schranke. Das Verdikt der Geschworenen hatte weiter keine Veränderung bei ihm hervorgebracht, und als das Todesurteil über ihn gesprochen worden, hatte er sich begnügt, vor sich hin zu murmeln: »Gott Zebaoth, gib Kraft deinem Knechte!« Endekott schickte sich an, seiner Pflicht zu genügen, als ihm Roger Williams zuvorkam. »Haltet ein,« rief der Patriarch aus, und es kam niemand zu Sinne, gegen eine solche Störung der gerichtlichen Formen Einwand zu erheben, »haltet ein! Eine Stimme in meiner Brust schreit mir zu: Ihr begeht einen Mord, ihr Männer, indem ihr einen Mord zu sühnen glaubt. Bedenkt, was ihr tut. Wer unter uns, wer unter allem Volk der Kolonien hätte es gestern noch für eine Möglichkeit gehalten, daß gegen Theophilus Eaton, auf welchen die Pilger der Wildnis als auf eine Säule ihres Glaubens und ihres Gemeinwesens schauten, eine Anklage auf Mord erhoben werden könnte? Nein, nein, es ist unmöglich, er kann das Verbrechen nicht begangen haben. Die furchtbare Heimsuchung, welche vor wenigen Tagen über ihn erging, hat seinen Geist mit den Banden der Trauer beladen und seine Zunge gelähmt, so daß er nicht imstande war, die schreckliche Anklage zu entkräften. Die vorgebrachten Beweise scheinen gegen ihn zu sprechen, aber wollt ihr auf solchen Schein hin ein Menschenleben nehmen? Gebt wenigstens Frist, holt den Rat unserer Brüder ein in dieser traurigen Sache. Bedenkt, ihr Männer, was werden unsere Brüder in Plymouth und Boston sagen, wenn sie hören, daß ihr Theuphilus Eaton getötet, getötet zu einer Zeit drohender Gefahren, wo die Kolonien von Neuengland den Verlust eines solchen Mannes doppelt und dreifach beklagen müßten! – Und du, mein Sohn,« fuhr der Greis fort, das Wort an den jungen Jäger richtend, »hüte dich, den Einflüsterungen des teuflischen Geistes der Rache ferner zu gehorchen. Ich sage dir, er wird deine Brust mit einer Bürde beladen, von welcher keine Reue, kein Gebet dich wird ledig machen können. Gedenke der Zeit, wo dein Herz weich und mild war. Sei eingedenk der Lehren unseres heiligen Erlösers, welcher am Kreuze für seine Mörder um Vergebung ihrer Schuld betete. Laß mich dir die Stunden ins Gedächtnis zurückrufen, wo du in deinen Knabenjahren Tränen der Rührung weintest, wenn ich die Leidensgeschichte unseres Herrn und Heilands mit dir las oder dir die Sage von jenem Weisen des Morgenlandes erzählte, welcher, in der Wüste von einem Räuber überfallen und tödlich getroffen, seine letzten Augenblicke noch benutzte, seinen Verderber vom Bösen zu bekehren, woher dann der schöne Spruch rührt: ›Nicht heischt die Pflicht vom Edlen, dem Mörder zu verzeihen nur, nein, wohlzutun, vermag er es, selbst im Moment des Mordes ihm! Um gleich zu sein dem Sandelbaum, der in des Sturzes Augenblick das seinen Stamm durchhauende Beil in seine süßen Düfte hüllt.‹ Wohlan, sei auch du gleich dem Sandelbaum, auch wenn du, wie ich annehme, vollständig überzeugt bist von der Schuld Eatons. Ja, sei auch du gleich dem Sandelbaum, oder vielmehr handle, wie es einem Menschen von Gesittung, wie es einem Christen zukommt.« Als der Jüngling stumm blieb, wandte sich Williams an den alten Trapper und sagte: »Willem, alter Freund, steht mir bei. Es lebt kein Mensch, dessen Stimme Thorkil mehr zu achten hätte als die Eurige. Laßt sie laut werden in dieser Sache, damit man nicht von Euch sage, Groot Willem habe seinen Pflegesohn vorgeschoben in einem Rachewerk, was eigentlich sein eigenes gewesen sei.« Der alte Waldgänger richtete bei dieser Anrede seine herkulische Gestalt auf und ließ seinen Blick rings im Kreise umhergehen, als sei er begierig, einen herauszufinden, der versucht sein könnte, so etwas von ihm zu sagen. Dann entgegnete er dem Patriarchen: »Meiner Treu, ehrwürdiger Freund, Euer Wort in Ehren, aber ich glaube nicht, daß sich in dieser oder in anderer Sache weder in den Ansiedelungen noch in den Wäldern jemand finden wird, welcher sagen möchte, Groot Willem handelte wie ein Schuft. Im gegenwärtigen Falle habe ich nur getan, was auch Ihr tatet, indem ich der Wahrheit gemäß mein Zeugnis ablegte. Was meinen eigenen Handel mit jenem Manne angeht, ja, da muß ich sagen, daß selbigen Handel mein Roer da wohl längst geschlichtet haben würde, hätt' ich nicht einer, die nicht mehr ist, versprochen – doch das gehört nicht hierher. Nun aber dem Jungen einreden, sein Recht fahren zu lassen und seinem Schwur untreu zu werden, hm, das kann und will ich nicht.« »Ehrwürdiger Vater,« nahm jetzt Thorkil, zu Williams gewendet, das Wort, »Gott weiß, Ihr tut mir wehe. Ich darf behaupten, daß ich Eurer Lehren allezeit nach Kräften eingedenk gewesen bin, aber – das Blut meines Vaters schreit um Rache. Aug' um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut! so lautet das Gesetz der Wälder, und so sagt auch das heilige Buch dort auf dem Tische.« Tiefbekümmerten Blickes schickte sich Williams zu einer neuen Anstrengung zugunsten des Verurteilten an, aber diesmal schnitt ihm Endekott das Wort ab. »Ehrwürdiger Freund,« sagte der Vorsitzende der Richterbank mit ernstem Nachdruck, »wir alle achten, was Eure Herzensgüte Euch eingibt; allein die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben. Erinnert Euch, daß Ihr selbst mit tätig gewesen seid, dieses Gericht zusammenzuberufen, damit unsere Kolonie nicht durch einen Akt ungesetzlicher Selbsthilfe und Selbstrache befleckt würde. Ihr tatet so in der bestimmten Erwartung, daß die Unschuld des Angeklagten zutage kommen würde. Aber es war Gottes Wille, daß die Prozedur ein anderes Ergebnis lieferte. Diese Jury, bestehend aus freigeborenen Engländern und nach Brauch und Recht der Kolonie zusammengerufen, um einen freigeborenen Engländer zu richten, hat den Angeklagten schuldig gefunden und verurteilt. Ich muß meine Pflicht tun. – Schuldiggesprochener an der Schranke, vernehmt die Sentenz!« So sprechend nahm Endekott die Bibel vom Tische auf, öffnete sie und las aus dem dritten Buch Mosis die Stelle: »Moses aber sagte den Kindern Israel solches: Wenn jemand eine Seele des Menschen erschlägt, der soll des Todes sterben. Wer aber die Seele eines Viehes erschlägt, der soll es bezahlen; Seele für Seele. Und wer seinem Nächsten einen Schaden zufügt, dem soll man tun, wie er getan hat. Bruch um Bruch, Aug' um Aug', Zahn um Zahn; wie er einem Menschen Schaden zugefüget hat, so soll man ihm wieder tun. Also daß, wer ein Vieh erschlägt, der soll es bezahlen, wer aber einen Menschen erschlägt, der soll sterben. Und es soll einerlei Recht unter euch sein, dem Fremdling wie dem Einheimischen, denn ich bin der Herr, euer Gott. – Und also,« setzte Endekott, das Buch schließend, hinzu, »also, Theophilus Eaton von Swanzey, angeklagt, prozediert und schuldig gesprochen wegen Mordes und Raubes, sage ich Euch an, daß Ihr sollt –« »Halt, Sir!« unterbrach hier plötzlich De Lussans Stimme den Obmann des Gerichts. Diese Stimme klang nicht weniger gebieterisch, als hätte sie auf dem Deck der Gloria einen Befehl erteilt. Endekott wandte sich unwillig gegen den Störer mit der Frage: »Was wollt Ihr, Fremder, daß Ihr es wagt, in das Geschäft dieser freien und rechtmäßigen Gerichtsbank einzugreifen?« »Ich sage: Halt, Sir!« versetzte der Gefragte mit ruhiger Bestimmtheit. »Sprecht das Todesurteil noch nicht aus, sondern laßt zuvor das Indianermädchen da reden. Sie hat etwas zu sagen.« Schon lange hatte Hih-lah-dih eine lebhafte Aufregung kundgegeben. Ihr Auge war unverwandt auf Thorkil gerichtet gewesen. Sie hatte leicht begriffen, daß es sich darum handle, den Mord von des Goldhaars Vater zu rächen, allein die Art und Weise, wie die Blaßgesichter diese Angelegenheit behandelten, widersprach doch so ganz ihren indianischen Vorstellungen, daß ihre Gedanken sich verwirrten. Als sie vollends sah, mit welcher Sorgfalt Thorkil das Goldstück auf seiner Brust verwahrt hatte, als sie bemerkte, welche Wichtigkeit diesem Stück »gelben Metalls« offenbar beigelegt wurde, da leiteten die ungestümen Gefühle ihres Herzens ihren Geist auf eine ganz falsche Fährte, welche aber dennoch wunderbarerweise einen Ausweg aus dem Labyrinth dieses dunkeln Prozesses andeuten sollte. »Die Blaßgesichter lieben das gelbe Metall,« hatte Hih-lah-dih ihrer Nachbarin zugeraunt. »Wenn das Goldhaar gelbes Metall lieben, Hih-lah-dih ihm sagen kann, wo viel, viel solche Dinger verborgen sein, wie dort eins auf Tisch liegt.« Desdemona, welche der Verhandlung mit größter Spannung gefolgt war und die Überzeugung des Patriarchen von der Unschuld des Angeklagten teilte, hatte sich beeilt, die Äußerung der Indianerin De Lussan mitzuteilen. Daher die Unterbrechung Endekotts durch den Flibustier. Roger Williams seinerseits, begierig, jeden, auch den schwächsten Hoffnungsstrahl aufzusaugen, hatte kaum den Zwischenruf De Lussans vernommen, als er Endekott zurief: »Um des ewigen Heils Eurer Seele willen, Freund, laßt die Indianerin sprechen!« Endekott gehorchte dieser feierlichen Beschwörung. »Indianermädchen,« sagte er, »tritt vor und sage, was du zu sagen hast.« Hih-lah-dih trat unbefangen an die Schranke. »Wie heißt du, Mädchen, und wer und woher bist du?« »Hih-lah-dih schon viel in den Wigwams der Blaßgesichter von Providence gewesen.« »Wohl, wir wissen es, Mädchen, du bist die Schwester des Häuptlings der Wampanogen.« »Ugh!« ertönte es von der Seite her, wo die Indianer saßen. Als Hih-lah-dih diesen ausdrucksvollen Kehllaut vernahm, in welchen ihr Volk ebensowohl Erstaunen als Warnung zu legen weiß, schrak sie leicht zusammen. Sie wandte sich um und begegnete den finstern Zügen und dem durchbohrenden Blicke Annawons, welcher sich aus der Gruppe der Naragansetter-Häuptlinge halben Leibes emporgerichtet hatte. Verwirrt kehrte sie sich ab und schwieg. »Wir harren deiner Rede, Mädchen,« sagte Endekott. »Ja, sprich meine Tochter,« drängte Williams die Verschüchterte. »Mir ist, als wollte der allgütige Gott mittels deiner Zunge das Leben eines Gerechten retten.« Hih-lah-dih blieb stumm. Der Warnungsruf Annawons hatte den Instinkt der Vorsicht und Zurückhaltung, welcher der indianischen Rasse in so hohem Grade eigentümlich ist, in seiner ganzen Stärke in der Brust der Tochter des Waldes wachgerufen. »Meine Schwester öffne ihren Mund,« sagte Thorkil sanften Tones, »die Ohren meiner Brüder sind offen.« Das Mädchen schien mit Entzücken den Klang dieser Stimme zu trinken. Ein Blick, strahlend wie ein diamantener Funke, zuckte unter ihren gesenkten Lidern hervor auf den jungen Jäger. Aber die indianische Erziehung behielt noch einen Augenblick die Oberhand über das natürliche Gefühl. »Mein Bruder weiß,« entgegnete sie mit gesenkter Stirn, »die Stimme einer Squaw nicht darf werden laut im Rate der Krieger.« »Ich weiß es, aber wenn meine Schwester sich scheut, zu meinen Brüdern zu reden, so mag sie zu mir reden.« Die Stimme des jungen Jägers mußte eine unwiderstehliche Gewalt üben. Nur noch einen Moment besann sich Hih-lah-dih, dann sagte sie: »Wenn mein Bruder, das Goldhaar, gelbes Metall lieben« – und sie zeigte dabei mit dem Finger auf die alte Goldmünze – »Hih-lah-dih ihm kann sagen, wo er viel, viel gelbes Metall finden.« »Solches gelbes Metall, Mädchen?« fragte Thorkil halb atemlos, indem er das Goldstück vom Tische nahm und es der Indianerin hinhielt. Sie betrachtete es genau und versetzte augenblicklich: »Hih-lah-dih nie anderes gelbes Metall gesehen als solches.« »Und wo? wo?« »Zu Mountaup, im Wigwam des Sachems der Wampanogen.« Thorkil fuhr zurück, als hätte ein Keulenschlag seine Stirn getroffen. »Im Wigwam deines Bruders?« fragte er, mühsam sich fassend. »Hih-lah-dih sagte es, im Wigwam Metakoms.« »Und seit welcher Zeit ist das gelbe Metall dort?« »Hih-lah-dih noch klein, sehr klein, kaum größer als Papus , als sie sehen gelbes Metall zum erstenmal. Rote Krieger es nicht brauchen, in einer Ecke unter Erde liegen. Hih-lah-dih das Goldhaar hinführen, sagen dem Sachem, daß gelbes Metall meinem Blaßgesichtbruder gehören, Goldhaar es holen.« Hih-lah-dih hatte leise gesprochen, und doch war keins ihrer Worte der atemlos lauschenden Versammlung entgangen. Die Wirkung ihrer einfachen Aussage war eine gewaltige. Der rätselhaft verschwundene Schatz von Thorkils Ahnherrn befand sich in den Händen König Philipps! In wie ganz anderem Lichte erschien jetzt die Angabe Eatons, er habe das Goldstück, welches in der Anklage eine so wichtige Rolle gespielt, unfern Mount Hope, wie die Kolonisten Mountaup nannten, in einem Jagdlager Metakoms gefunden! Das Licht der Wahrheit, so lange hinter den Wolken des Wahns und Hasses verborgen, brach jetzt mit der Raschheit und Kraft des Blitzes hervor. »Durch den Mund eines Kindes tut Gott seine Gerechtigkeit kund – gepriesen sei sein Name!« rief Roger Williams frohlockend aus. »Sprecht das Urteil nicht, Sir, sprecht das Urteil nicht! Ich ziehe meine Anklage zurück. – O Gott, wer konnte das ahnen?« rief Thorkil mit halberstickter Stimme dem Obmann der Gerichtsbank zu und stürzte aus dem Kreise. »Wir richteten nach menschlicher Einsicht,« sprach Endekott erschüttert. »Schwäche und Irrtum ist das Erbteil der menschlichen Natur, wenn ihr nicht der Herr mit seiner Weisheit zur Hilfe kommt. Mitbürger, Geschworene, wo kein Ankläger, da kein Richter. Das Gericht ist aufgelöst. – Laßt uns den Höchsten preisen, ihr Männer, daß seine Gnade unsere Hände davor bewahrt hat, schuldloses Blut zu vergießen.« »Amen,« erwiderten die Geschworenen und verließen ihre Sitze. »Mein Freund, mein Bruder,« rief der Patriarch aus, auf Eaton zueilend, »Ihr seid gerettet, seid entlastet dieser gräßlichen Anklage!« Alles drängte sich glückwünschend und händeschüttelnd um den Puritaner. Die Natur regte sich auch in ihm und sprengte die Fesseln der starren Apathie, in welcher er während der ganzen Verhandlung befangen gewesen. Er erhob Augen und Hände gen Himmel und strömte seine Beklemmung, seine Freude in einem feurigen Dankgebet aus. »Aus der Tiefe meines Elends,« betete er, »habe ich zu dir gerufen, o, mein Gott, und du hast meine Stimme gehört. Du bist barmherzig und gnädig, langsam im Zürnen und von großer Güte. Du hast Gericht und Recht für alle, die unrecht leiden. Deine Prüfung währet nicht immerdar, dein Zorn wandelt sich in Gnade. Du hast mein Leben vom Verderben erlöset und mich mit Rechtfertigung bekrönet. Lobe den Herrn, du meine Seele, und alles, was in mir ist, preise seinen heiligen Namen!« Die Versammlung brach tumultuarisch auf, um den Freigegebenen im Triumphe nach der Ansiedelung zurückzuführen. Hih-lah-dih blieb wie angewurzelt vor der Schranke stehen. Das Wegeilen Thorkils hatte sie erschreckt, und die Wendung, welche die ganze Sache infolge ihrer Aussage genommen, drängte ihr die dunkle Ahnung auf, daß es sich hier um anderes und größeres handle, als um Stücke gelben Metalls. Plötzlich fuhr sie aus ihrem Sinnen auf. Die Stimme Annawons hatte ihr Ohr berührt, und der grimmige Krieger stand dicht vor ihr. »Die Schwester des Sachems,« sagte er in der Sprache ihres Volkes und mit Nachdruck, »wird jetzt Annawon folgen.« »Wohin?« »Zu den Wigwams unseres Stammes.« Das Mädchen bemühte sich vergeblich, in dem Gewirre der Weggehenden die Gestalt des jungen Jägers zu erspähen. »Und wenn Hih-lah-dih nicht will?« sagte sie dann, zornig mit dem Fuße stampfend. »Hih-lah-dih muß wollen. Dies ist kein Aufenthaltsort mehr für die Schwester Metakoms. Die Blaßgesichter sind Hunde allesamt. Sie bellen gegeneinander, aber sie beißen sich nicht. Annawon ist ein kluger Häuptling. Meine Tochter höre, was er ihr zu sagen hat. Sie hat dem Sachem heute großen Schaden zugefügt. Annawon will ihr vieles sagen. Komm!« Er hatte ihren Arm gefaßt und sprach so ernst und eindringlich, daß sie sich mechanisch von ihm fortziehen ließ. Inzwischen hatte sich Thorkil nach der Stelle gewandt, welche der Häuptling der Naragansetter zu Anfang der Szene innegehabt. Er traf ihn noch dort und wandte sich an ihn mit den Worten: »Will der Sachem hören, was ihm sein weißer Bruder zu sagen hat?« Kanonchet machte eine bejahende Gebärde, erhob sich und folgte dem jungen Jäger eine Strecke weit in die Prärie hinaus. Als sie abseits von den übrigen waren, kehrte sich Thorkil ihm zu und sagte aufgeregt, wie er war: »Sachem, manchen Tag und manches Jahr haben wir zusammen den Büffel gejagt, dem springenden Panther aufgelauert und die schleichenden Pequoden verfolgt. Mein Bruder weiß, daß, wie mein Leib öfter in den Wigwams der roten Männer war als in den Ansiedelungen, so auch mein Herz fast mehr den Roten zugewandt war als den Leuten meiner Farbe.« »Das Goldhaar spricht wahr,« entgegnete Kanonchet. »Goldhaar großer Freund von rotem Manne, und roter Mann großer Freund von Goldhaar.« »Wohl, Sachem, aber ich fürchte, das wird nun ein Ende haben, wenigstens teilweise.« Der Indianerfürst blickte den Weißen an, als wollte er dessen innersten Gedanken erforschen, und sah dann nachdenklich zu Boden. »Ihr wißt, Sachem, auf welche Bedingungen hin Mato, der Häuptling des Donnerschiffes und ich mit dem Sachem der Wampanogen gehandelt haben. Er hat sein uns gegebenes Versprechen schon bei seinem ersten Unternehmen gebrochen.« »Metakom ist ein großer Krieger, ein sehr weiser Häuptling.« »Darüber wollen wir jetzt nicht streiten, Sachem. Aber Ihr habt es gehört, der Schatz gelben Metalls, um deswillen mein Vater ermordet worden, befindet sich im Wigwam Metakoms.« Kanonchet fühlte offenbar das ganze Gewicht dieser Worte und erwiderte nach einer kurzen Pause: »Mein Bruder will den Tomahawk gegen den Sachem der Wampanogen erheben?« »Ich will seine Spur aufsuchen, ja. Er soll mir Rechenschaft geben über seine Gefangenen und Rechenschaft über den Mord meines Vaters, und ist er schuldig, so will ich mein Leben daran setzen, das seinige zu nehmen.« Kanonchet neigte das Haupt, als wollte er andeuten, er finde diesen Entschluß begreiflich. Hierauf sagte er: »Wenn weise Krieger auf den Kriegspfad gehen wollen, zünden sie zuvor das Beratungsfeuer an, um mit ihren Freunden das Kalumet zu rauchen und ihren Rat zu hören,« »Wohl, Sachem, aber das ist in diesem Falle nicht nötig. Da ich jedoch bei Euch und Eurem Stamme meinen guten Ruf als ehrlicher Mann bewahren möchte, so hielt ich es für passend, Euch zu sagen, was ich beabsichtige. Solltet Ihr hören, daß ich oder Mato den Wampanogen getötet, so seid versichert, daß wir in unserem Rechte waren und nicht unvorbedacht handelten.« »So soll also die unkluge Zunge einer Squaw den Wampum der Freundschaft zwischen dem Goldhaar und seinen roten Brüdern zerschneiden?« » Nicht die Freundschaft zwischen mir und Euch, hoff' ich. Nein, nein, wir wollen Freunde bleiben. Was aber den Wampanogen angeht – hört, Sachem, Ihr kennt die Pflichten eines Sohnes – soll ich Euch einen Namen nennen, der auch Euch das Blut sieden macht?« »Miantonomo!« rief Kanonchet aus, und seine Augen schossen Blitze. »Seht Ihr, Sachem, Ihr versteht mich, und so gebt mir denn Eure Hand und sagt, daß Ihr mir zugetan bleiben wollt, wie ich Euch von Herzen zugetan bleiben werde.« Der Indianer nahm mit ungeheuchelter Herzlichkeit die dargebotene Rechte Thorkils und drückte sie in der seinigen, indem er sagte: »Mein weißer Bruder ist ein gerechter Mann, er wird nicht dem Antriebe blinden Zornes folgen. Aber die Seele eines gemordeten Vaters findet keine Ruhe in den seligen Jagdgründen, bevor sein Blut gesühnt ist. – Geh, Bruder, wohin die Stimme des Manitu dich ruft. – Kanonchets Wigwam, Kanonchets Herz wird stets dem Goldhaar offen stehen.« »Ich wußte es, daß Ihr so sprechen würdet, Sachem. In Euch ist kein Falsch. Und so lebt denn wohl auf Wiedersehen!« Während einerseits zwischen Thorkil und Kanonchet, andererseits zwischen Hih-lah-dih und Annawon die eben erwähnten kurzen Zwiegespräche stattfanden, ging Eaton an der Hand Williams' der Ansiedelung zu, begleitet von der ganzen männlichen Bewohnerschaft derselben. Innerhalb des Kreises der Wohnungen angekommen, entließ der Patriarch, welcher seinem Freunde Ruhe gönnen wollte, die Gefolgschaft mit einer passenden Ermahnung und schritt dann mit dem Puritaner seinem Hause zu. Noch hatten sie aber dasselbe nicht erreicht, als Eaton seine Schulter berührt fühlte. Er wandte sich um und erblickte Groot Willem an seiner Seite. »Theophil,« sagte der alte Trapper, und bemühte sich vergeblich, in sein Gebaren und in seine Stimme die gewöhnliche Ruhe seines Wesens zu bringen, »Theophil, Ihr habt mich vorzeiten Bruder genannt, kommt und gönnt mir einige Augenblicke Gehör.« Es war in den Worten Willems etwas wie ein Klang aus ferner Jugendzeit, etwas, was Widerhall in der Brust des Puritaners erregte, etwas, was ihn, dessen heute in seinen Grundfesten erschüttertes Gemüt die unnatürlich straffe Spannung verloren hatte, gleichsam anheimelte. Es lebt wohl kein Mensch, welcher nie in seinem Leben einen ähnlichen Zauber der Menschenstimme empfunden hätte. Es hätte auch wirklich der Mahnung des Patriarchen: »Folgt ihm, Freund, folgt ihm, damit der Segen dieser Stunde ein vollständiger werde!« gar nicht bedurft, denn der Puritaner hatte schon unwillkürlich den Fuß gehoben, um dem alten Waldgänger zu folgen. Willem führte den Richter von Swanzey linkshin und durch den Tann hinab an das Gestade der See. Dort blieb er vor einer mächtigen Weide stehen, welche ihr wehendes Gezweige auf einem über und über berasten, aber offenbar von Zeit zu Zeit mit Sorgfalt von Unkraut und Dorngesträuch gereinigten kleinen Hügel senkte, dessen Form die Ruhestätte eines Toten nicht verkennen ließ. »Seht, Theophil,« sagte der alte Trapper mit bebender Stimme, »wir stehen da auf einem Boden, der Euch und mir heilig sein muß. Hier ruht die arme Mabel, mein Weib, Eure Schwester –« Der Puritaner starrte auf den Hügel nieder, seine Lippen bewegten sich murmelnd, seinen Blick verhüllte ein nasser Schleier. »Und bei dem Andenken Mabels,« fuhr Willem fort, »bei dem Andenken Mabels bitte ich Euch um Verzeihung, daß ich Euch für einen Meuchelmörder halten konnte.« »Wie starb sie?« fragte Eaton tonlos. »Sagt mir, wie starb sie? Hinterließ sie dem Bruder für das Leid, welches er ihr angetan, ihren Fluch?« »Ihren Fluch? Was denkt Ihr, Mann? O, Mabels Lippen waren nicht gemacht, einen Fluch auszusprechen. Sie starb, den Segen des Himmels über Euch herabrufend, sie starb, nachdem das von ihr mir abgenötigte Versprechen, meine Hand nie gegen Euer Haupt zu erheben, das letzte Lächeln auf ihr Antlitz gerufen hatte.« Es arbeitete heftig in der Brust Eatons. Nach einer Weile erhob er sein beträntes Auge und blickte forschend in die abgewetterten Züge des Jugendfreundes. Sein Blick fiel auf die Spuren der Verstümmelung, welche den Trapper des rechten Ohrs beraubt hatte. »Willem, mein Bruder,« sagte er dann gebrochenen Tones, »ich fürchte, daß ich zu hart, daß ich grausam an dir gehandelt. – Verzeih mir, um Mabels willen,!« Der Trapper ließ sein Roer auf den Boden fallen und öffnete die Arme weit. Schluchzend warf sich ihm der Puritaner an die Brust, und die beiden Greise vermischten Tränen, wie sie solche seit langer, langer Zeit nicht mehr geweint hatten. Nahende Fußtritte störten sie auf. »Sieh, Theophil,« sagte Willem, auf den herankommenden Thorkil zeigend, »da kommt noch einer, dich um Verzeihung zu bitten. Gewähre sie ihm, er ist ein wackerer Junge und glaubte nur seine Pflicht zu tun.« Als am Abend des Tages die Sonne gegangen und der Mond gekommen war, wandelten in seinen Strahlen der Flibustier und die, welche er seine Herrin nannte, im Garten des Patriarchen der Ansiedelung hin und her. Die Nacht war sommerlich warm und schön, die Wasser der Bai klatschten so sanft und traulich an die Kiesel des Ufers, als wollten sie die Erde liebkosen. Es war etwas Wollüstiges in der Luft, und das jovial-lüsterne Gesicht des Mondes schien nach Küssen und Umarmungen auszuschauen. Im Garten an der Bai sah er aber nur eine Abschiedsszene. De Lussan und Desdemona hatten sich lange in melancholisch-innigem Gespräche ergangen. Es war vieles von ihnen durchgesprochen worden, doch kehrten die Gedanken der schönen Frau immer wieder zu einem Gegenstande zurück, welcher dermalen ihr Gemüt erfüllte. Sie hatte eine Unterredung mit Groot Willem und Thorkil, dann eine noch längere mit Roger Williams gehabt. Von letzterer war sie tiefbewegt und in Tränen gebadet zurückgekommen, so daß es all der herzlichen Tröstungen, welche der Liebe zu Gebote stehen, bedurft hatte, sie zu beruhigen. Zum festesten Halt in ihrer Erschütterung war ihr die auch hier wieder neugewonnene Überzeugung geworden, daß der Geliebte jederzeit bereit war, vor ihren Wünschen die seinigen verstummen zu lassen. »Und Raoul,« sagte sie jetzt, »du bleibst also dabei, dich mit den beiden Jägern aufzumachen, ohne eine kleine Anzahl von deinen Leuten mitzunehmen?« »Ja, mein Herz. Unsere Freunde sind der bestimmten Ansicht, daß Seeleute in den Wäldern wenig taugen und daß ein Trupp lärmender Matrosen unserem Unternehmen eher hinderlich als förderlich wäre. Ich glaube das selbst.« »Und du meinst, daß du den beiden Jägern unbedingt vertrauen könnest?« »Unbedingt.« »Aber sage, Raoul, wäre es nicht besser, ich ginge mit? Du weißt, ich habe mich bei unserer neulichen Waldfahrt ganz gut in die Sache gefunden.« »Ohne Zweifel, ohne Zweifel. Allein, du hast die Triftigkeit der Gründe, welche mich bestimmen, zu wünschen, du mögest meine Rückkehr an Bord der Gloria abwarten, bereits zugegeben. Ich weiß dich dort am besten aufgehoben, meine Leute beten dich an – wer sollte auch das nicht tun? – und du hast mir schon mehrfach bewiesen, daß du für mein teures Schiff trefflich zu sorgen verstehst. Die Barkasse bringt dich morgen an Bord zurück, Monsieur Legrand und Estevan erhalten durch Terrible meine Weisungen, die mit unsern Verabredungen genau übereinstimmen. Das Schiff wird die See zwischen der Westküste von Plymouth, der Insel Rhode-Island und der Landzunge von Mount Hope halten. Die Gewässer der Bai sind ganz ruhig, und so könnt ihr die Küste nach drei Seiten hin fast immer in Sicht behalten, um auf die zwischen uns verabredeten Signale zu achten. Ich wollte freilich, Hih-lah-dih wäre mit dir gegangen; das Mädchen hat eine wunderbare Gabe, was Botschaften und Kundschafterei betrifft; aber die Kleine ist plötzlich fort, und so mußt du dich ohne Gesellschafterin behelfen.« »O, du vergissest, daß ich meine alte Mirjam habe, mit der ich von früheren Tagen sprechen kann und von denen, welche du aufsuchen gehst, und –« »Und?« fragte De Lussan, der wohl wußte, was noch kommen werde, mit einem zärtlichen Lächeln. »Von dir,« entgegnete sie, ihre schönen Arme um seinen Hals legend und ihr Antlitz an seiner Brust bergend. Er küßte ihre Stirn, ihre feuchten Wimpern, ihre seidenen Rabenhaare. Sie schlug ihre Gazellenaugen, die sein Entzücken waren, zu ihm auf und flüsterte: »Raoul, du gehst vielleicht großen Gefahren entgegen – erinnere dich den Eingebungen deiner Kühnheit zum Trotz, daß ich – daß ich nicht leben kann ohne dich.« »Ängstige dich nicht, Teuerste!« versetzte er, sie fester an sich ziehend. »Du kennst meinen Glauben: solange mir deine Augen strahlen, leuchtet der Stein meines Glückes glorreich durch alles Gewölk der Gefahr.« Ende des ersten Bandes. Zweiter Band Viertes Buch. 1. Der Wald, der Wald, daß Gott ihn grün erhalt', Gibt gut Quartier und nimmt doch nichts dafür – Zum Wald, zum Wald, zum schönen, grünen Wald! Eichendorff. »Hört, Meister Willem, wenn die Muskeln, womit Ihr Eure höchst ehrenwerten Beine in Bewegung setzt, aus Stahl geschmiedet sind, so berechtigt Euch das doch keineswegs zu der Annahme, die Beine eines Seemanns seien in der nämlichen Schmiede gefertigt worden. Legt bei, Mann, legt bei! Wir sind diesen Morgen schon Gott weiß wie viele Knoten gesegelt, und der Wind in meinen Lungen ist alle – foi de gentilhomme!« Der alte Trapper kehrte sich bei diesem Zuruf um und erwartete, auf sein Roer gestützt, das Herankommen De Lussans. »Bah, Kapitän,« rief er ihm scherzend entgegen, denn Groot Willem war seit zwei Tagen ganz rosenfarbenen Humors, »ich weiß nicht, was Ihr mit Euren Knoten sagen wollt. Da sind Hundeleinen und Angelschnüre und Lassos und Wampumgürtel, an welchen Dingern allen Knoten anzubringen die Möglichkeit ist –« »Zum Henker mit Euren Wampums und Lassos, Ihr alter Waldteufel!« unterbrach ihn der Flibustier, welcher jetzt den niedrigen Hügel erklommen hatte, auf dessen Spitze Willem seiner wartete. »Gebt mir das Takelwerk meines Bootes und einen Ost-Nord-Ost in die Segel, das ist doch, bei den Augen meiner Dame! ein hübscheres Metier als dieses verdammte Kreuzen in den Wäldern, gradaus und zickzack, hin und her, hinüber und herüber, bergan und talab, daß einem die Fußsohlen allerlei schlechte Stücklein vorsummen und man jenem Mechaniker herzlich beistimmt, welcher behauptete, das Gangwerk des Menschen sei eine nichtswürdige Erfindung, welche man durch Anbringung verschiedener ineinandergreifender Hebel entschieden verbessern könnte und sollte.« »Muß ein rares Stück von Kerl gewesen sein. Euer Mechaniker. Ihr seid nur das Gehen in den Mokassins nicht gewohnt, Kapitän. Habt Ihr die Hirschhaut noch ein paar Tage unter den Füßen, so werdet Ihr finden, daß man in den Wäldern eigentlich gar nicht müde werden kann.« »Wenn das nicht ist, was man in der zivilisierten Welt Jägerlatein nennt, so will ich nie mehr das Deck der Gloria beschreiten.« »Latein? Ich gebe mich nicht mit solchem papistischen Zeug ab.« »O, guter Freund,« versetzte der Flibustier lachend, »das Latein ist eine gute Anzahl von Jahrhunderten älter als der Papismus. Übrigens ein bißchen mehr Respekt vor dem letzteren, Kamerad, denn Ihr wißt, Euer gehorsamer Diener hat die Ehre, ein Papist zu sein.« »Bah,« entgegnete der Trapper mit einem ironischen Kopfruck, »vermute, Euer Papismus und mein Kalvinismus werden sich nicht in die Haare geraten, Mann.« »Ihr seid stark in Vermutungen – foi de gentilhomme! Ja, auf der See da hat man weder Zeit noch Lust, an das Larifarizeug zu denken, welches die superklugen Herren Theologen Kontroversen nennen.« »Ihr führt Worte im Munde, die ich nicht recht verstehe, Kapitän. Wenn Ihr aber meint, zur See frage man einen Mann stets nur, was er sei, und nie oder doch so gut wie nie, was er glaube, so will ich Euch sagen, daß wir's in den Wäldern gerade so halten.« »Desto besser, desto besser. Ich finde außerdem, daß die Waldluft und die Seeluft nicht nur den Leuten das dumpfe Gehirn tüchtig auszufegen imstande sind, sondern daß sie auch die Eigenschaft, den Appetit eines gesunden Magens merkwürdig zu schärfen, miteinander gemein haben. Sage Euch, ich hungere wie ein Bruder Teer, der seit acht Tagen auf Viertelsrationen gesetzt war.« »Das ist ein Zeichen, daß Euch die Waldluft gut bekommt. Ihr sollt auch ein so reelles Waldfrühstück haben, als nur immer der Höcker des Büffels, welchen Thorkil bei Tagesanbruch geschossen, eins bieten kann. Wär's noch um einen Moment später, so würde das Fleisch viel zarter und saftiger sein, einem Anfänger in solcher Schmauserei wird es übrigens auch jetzt gut genug schmecken. Schaut dort hinaus, und Ihr werdet die dünne Rauchsäule von der Stelle am Waldsaum aufsteigen sehen, wo unser junger Freund Euch ein Stück Waldkochkunst zeigen wird.« »Ich habe schon oft sagen hören, daß ein unter dem Rasen geschmorter Büffelhöcker ein Essen für Götter sei,« sagte De Lussan, mit der Gourmandise eines Franzosen mit der Zunge schnalzend. »Mein Oberbootsmann Terrible, der in seiner Jugend in den Kanadas das Jägerhandwerk probierte, pflegt in überschwenglichen Ausdrücken davon zu sprechen. Werde mir also nicht zweimal sagen lassen: Greif zu! Im übrigen, sehr ehrenwerter Veteran der Wälder, werdet Ihr mir, denk' ich, bezeugen, daß ich mich für einen Rekruten in der edlen Waldgängerei auf unserem vorgestrigen, gestrigen und heutigen Marsche ganz passabel gehalten habe.« »O ja, es geht an, es geht an. Aber seht Euch doch einmal um, Kapitän. Ist das nicht prächtig?« Der Alte wies mit der Hand auf die unermeßliche Fernsicht, welche sich von der Anhöhe aus, wo sie standen, den Blicken der Männer auftat. Gegen Süden, von woher die Wanderer gekommen, gegen Norden und Westen dehnten sich in leichten Wellenschwingungen die ungeheuren Massen des Urwaldes aus, der damals auch in diesen jetzt längst dem regsten Treiben des Ackerbaues und der Industrie anheimgefallenen Landstrichen noch seine Oberherrschaft so entschieden behauptete, daß die Ansiedelungen der Puritaner nur wie zerstreute Inseln im weiten Raume des Waldmeeres lagen. Um die Hunderttausende und aber Hunderttausende von Wipfeln kräuselten sich Schichten des leichten Morgennebels, welchen die dem Zenit zueilende Sonne ein weiteres Aufsteigen nicht gestattete. Durch die phantastisch sich verschlingenden Gestalten des Nebelschleiers hindurch tauchte sich das Auge mit immer neuer Lust in diese Welt von Grün, auf welcher jene sabbatliche Stille der sich selbst überlassenen Natur, jener Zauber der Einsamkeit lag, welchen noch kein Dichter erschöpfend geschildert und welchen nur der Pinsel Karl Friedrich Lessings in seinen Waldlandschaften annähernd wiederzugeben verstand. »Foi de gentilhomme!« sagte der Flibustier, nachdem er das in seiner Monotonie großartige Panorama mit den Blicken eines Mannes betrachtet hatte, welcher gewohnt ist, Naturszenen mit sozusagen künstlerischem Auge aufzufassen, » foigentilhomme, ich wollte, meine Herrin wäre hier. Sie hat zwar mit mir auf Hayti, in Südmexiko und Zentralamerika tropische Urwälder gesehen, aber doch wollt' ich, sie wäre hier. Was für hübsche Sachen sie über dieses unermeßliche, in seiner Einförmigkeit und Verlassenheit doch so belebte Gemälde vorzubringen wissen würde! Die Wälder der Tropenländer sind prächtiger, das ist wahr, dort ist mehr, ganz unvergleichlich mehr Farbe, Glanz und Duft, alles wächst dort ins Riesenhafte, und die üppige Vegetation drückt einen gleichsam zu Boden. Dieses nordische Waldmeer aber haucht einen ganz eigentümlichen Zauber aus. Es heimelt mich an und mir ist, als atmete ich den Harzgeruch der Forste ein, welche daheim in der Normandie grünen. Wie tut es dem Auge wohl, in diese grünen Tiefen sich zu versenken! Ah, es müßte schön sein, diese Waldeinsamkeit vom Getön der Jagdhörnerfanfaren widerhallen zu lassen und, an der Seite der Geliebten auf brausendem Roß über den schwellenden Moosgrund hinfliegend, den Hirsch zu verfolgen. – 's ist ein schönes Land, bei alledem, und schade wäre es, wenn es diesem tristen Geschlechte von schäbigen puritanischen Heiligen – die Pest auf sie! – als Erbteil verbliebe. – Nun, wir wollen sehen, ob sich das nicht ändern ließe, wenn erst diese Episode im Drama meines Lebens zu Ende gespielt sein wird. Fortes fortuna juvat, pflegte mein alter Pater im Rouener Collège zu sagen und – foi de gentilhomme – ich denke, meine bisherigen Erfolge haben dieses Sprichwort nicht Lügen gestraft.« Der alte Trapper schien dieses Selbstgespräch seines Gefährten nicht zu beachten, sondern schaute mit glänzenden Blicken in eine Szene hinein, welche ihm Augen und Herz stets aufs neue erfrischte. »Freund Willem,« sagte De Lussan jetzt zu ihm, »es wird mir allmählich klar, daß sich Eure Wälder doch so ziemlich neben dem Meere sehen lassen dürfen. Ein Poet würde sagen, dieses Waldmeer sei in seiner Unendlichkeit ebenso erhaben wie der unendliche Wasserspiegel der See.« »Ich weiß nicht, wie sich so ein Versmacher ausdrücken würde, Kapitän, aber das weiß ich, daß es auf der Welt nichts Schöneres gibt als die Wälder, in denen ich leben und sterben will. – Ach,« setzte der Alte mit einem Anflug von Trauer hinzu, »es wird, fürcht' ich, eine Zeit kommen, und sie mag nicht mehr so fern sein, wo all diese Waldherrlichkeit dem unersättlichen Beile der Kolonisten zum Opfer fallen wird. Aber ich danke meinem Schöpfer, daß meine Augen den Greuel der Verwüstung nicht mehr werden mitansehen müssen, daß ich schon lange unter dem Rasen liegen werde, wann die Verheerung von der Seeküste her allwärts tiefer ins Land vorschreiten wird.« »Ihr seid selber ein Stück von einem Poeten, Freund, obgleich Euch das Versemachen schlecht von der Hand gehen würde. Aber ich habe einmal einen gescheiten Mann sagen hören, die besten Dichter wären oft die, welche keine Verse machten. Doch sprecht nicht vom Sterben, Mann, das kommt ohnehin von selbst und noch immer früh genug. Noch leben wir, und mein Magen sagt mir, daß wir sehr leben. Kommt, mir ist, als rieche dorther von der Lichtung etwas wie Bratengeruch. Es ist merkwürdig, wie der Hunger die Sinne schärft, und seht, da kommt Euer Hund, wahrscheinlich von Freund Thorkil geschickt, uns anzusagen, daß die Tafel serviert sei.« »Ja, 's wird wohl so etwas sein,« versetzte der Trapper, dem Tiere, welches ihm die Hand leckte, den Hals streichelnd. »Prinslo ist ein kluges Geschöpf und oft schon, namentlich wenn er mir beim Biberfang – ein verdammt schlaues Beest, der Biber – Beistand leistete, dacht' ich bei mir, es fehlte ihm nur die Sprache. Doch er hat in seiner Art auch eine Sprache, man muß sie nur verstehen. Seht einmal, Kapitän, ist's nicht, als wollte er uns bedeuten, mitzukommen?« Der Hund umtanzte mit munteren Sprüngen die beiden und lief dann in der Richtung, von wo er gekommen, die Anhöhe hinab, oft stillstehend, zurückblickend und mit dem Schweife wedelnd. »Er riecht den Braten ebenfalls,« sagte De Lussan lachend und folgte ohne Säumen dem Tiere. Der Trapper warf noch einen Blick auf die Waldlandschaft und schloß sich dann im Hinabschreiten von dem Hügel wieder seinem Begleiter an. Sie waren nur eine kurze Strecke in östlicher Richtung gegangen, als sich der Forst zu lichten und allmählich in Buschwerk auszulaufen begann. Nachdem die Wanderer dasselbe durchbrochen, traten sie auf eine Lichtung hinaus, die sich zur Prärie erweiterte, deren üppigen, halb mannshohen Graswuchs die Glut der Julisonne auf den Stengeln welken gemacht und zu Boden gedrückt hatte. Hart am Waldsaume, an einer Stelle, deren frisches Grün die Nähe einer Quelle andeutete, bemerkten sie Thorkil, welcher Waffen und Weidtasche abgelegt und sogar das Jagdhemd ausgezogen hatte, um seine Obliegenheiten als Koch der Wildnis ungehinderter verrichten zu können. »Ihr bleibt lange aus,« sagte der junge Jäger zu den Herankommenden, »und Prinslo hat, vermute ich, meine Besorgnisse, der Haunch möchte zu gar werden, so sehr geteilt, daß er fortlief, euch zu holen.« »Ja, was willst du, Junge?« entgegnete der Alte, ebenfalls die Weidtasche ablegend und sich's möglichst bequem machend. »Die Seeleute sind der Ansicht, es segle sich leichter auf dem Meere, als es sich in den Wäldern gehe, und meinen ferner, es wäre anzuraten, das menschliche Gangwerk durch künstliche Hebel zu ersetzen.« Der Flibustier beachtete diese gutmütig spottende Anspielung nicht, sondern schaute mit Blicken umher, in welchen sich eine nicht sehr angenehme Überraschung kundgab. »Sehr werte Kameraden, edle Jäger und geliebte Mitabenteurer,« sagte er dann, »darf ich mir hinsichtlich des in Aussicht gestellten delikaten Frühstücks einige Aufklärungen erbitten? Ihr wißt, seit wir Providence verlassen, haben wir von gedörrtem Fleische gelebt, welchem die Eigenschaft unlieblicher Zähigkeit nicht völlig abzusprechen war, und nun sehe ich, mit den Augen des Magens umherblickend, welche, wenn meinem Bootsmann Terrible irgendwie zu glauben ist, die scharfsichtigsten aller Augen sind, weiter nichts als eine kleine Erhöhung von Rasen, welche so ziemlich einem großen Bienenkorbe ähnlich ist. Selbst das Feuer, dessen Rauch wir doch vorhin sahen, ist verschwunden, und ich erblicke nur noch einen Haufen Asche neben besagtem Bienenkorbe.« »Bienenkorb oder nicht, Kapitän,« unterbrach Willem die Elegie De Lussans, »das Ding hat die rechte Form. – Nun, Thorkil, brich den Bratofen auf, damit der Gaumen unseres Freundes einen echten und gerechten Büffelhaunch zu kosten kriege.« Thorkil machte sich sofort ans Werk. Er brach die Rasenerhöhung auf und zog aus der Höhlung unter derselben, welche mittels eines engen Kanals mit dem verglosteten Feuer in Verbindung gewesen war, eine unförmliche Masse hervor, welche heftig dampfte. Als die Haut, in welche der in seinem eignen Fette geschmorte Braten eingeschlagen gewesen war, zurückgeschlagen wurde, verbreitete sich ein Duft, welchen der Flibustier mit weitgeöffneten Nasenflügeln einsog. »Das riecht ja ganz wollüstig – foi de gentilhomme! « rief er aus. »Entspricht der Geschmack nur einigermaßen dem Geruche, so will ich schwören, daß Eure waldursprüngliche Kochkunst die aller Köche der Höfe Europas beschämt, Freund Thorkil.« Die Zubereitungen zum Mahle waren die einfachsten von der Welt. Die Haut wurde auf dem Rasen ausgebreitet und diente zugleich als Tischtuch, Schüssel und Teller. Die Männer zogen ihre Messer hervor, und De Lussan ließ sich wirklich nicht erst sagen: Greif zu! so daß der junge Jäger, obzwar auch er, wie Groot Willem, einen tüchtigen Waldappetit bewies, nach einer Weile sich veranlaßt sah, lächelnd zu sagen: »Meiner Treu, Kapitän, hättet Ihr Euch Euren Kriegsnamen el Exterminador nicht bereits an den Spaniern verdient, Ihr würdet selbigen sicherlich an diesem Haunch verdienen.« »Nicht wahr?« versetzte der Flibustier naiv und atmete von seiner schweren, aber angenehmen Arbeit auf. »Alle Teufel der siebzehn Höllen, wie die Spanier sagen – die Pest auf sie! – sollen mich holen, wenn ich in meinem Leben jemals besser gefrühstückt habe. Ihr seid nicht ohne klassische Bildung, Freund Thorkil, und so werdet Ihr mich verstehen, wenn ich sage, daß ich, falls wir im alten Rom lebten, beantragen würde, Euer Haupt mit einer Bürgerkrone zu schmücken; wahrhaftig, so tät' ich.« »Ihr seid wirklich großartig in der Anerkennung meines Verdienstes,« entgegnete Thorkil lachend. »Aber Ihr müßt Euren Dank meinem Vater Willem zollen, dessen bescheidener Schüler in diesem wie in allen andern Zweigen des Jägerlebens ich bin.« »Wahre Größe ist immer bescheiden,« bemerkte De Lussan mit komischem Pathos, indem er die gravitätische Ausdrucksweise eines auf dem Katheder stehenden Professors der Moral nachahmte; »ja, wahre Größe ist immer bescheiden, und die Tugend verzehnfacht ihren Wert durch Anspruchslosigkeit. Sprechende Beispiele hierfür lassen sich schon aus den Zeiten des Heidentums anführen, während uns deren die Geschichte der christlichen Heiligen und Märtyrer eine unabsehbare Fülle darbietet. Wir wollen jedoch, meine aufmerksamen Zuhörer, für heute bei dem glänzendsten dieser Exempla stehen bleiben. Wie ihr wißt, ist Seine Heiligkeit der Papst der Stellvertreter und Statthalter Gottes auf Erden, folglich ohne Frage der tugendhafteste und verdienteste aller Menschen, und trotzdem geht seine Demut so wunderbar weit, daß er sich den Knecht der Knechte Gottes nennt. Ergo glauben wir unwiderlegbar dargetan zu haben, daß Verdienst und Bescheidenheit leibliche Geschwister sind. – Quod erat demonstrandum. « Der Gegensatz zwischen den abgedroschenen Gemeinplätzen dieser Moral und der hochtrabenden, von entsprechendem Gebärdenspiel begleiteten Kathedermanier, womit sie vorgebracht wurden, machte die beiden Jäger hell auflachen, und Groot Willem sagte: »Nichts für ungut, Kapitän, aber Ihr erinnert mich daran, daß ich meinen Freund Williams einmal sagen hörte, alle Franzmänner seien geborene Komödianten.« »Das Kompliment ist zwar nicht sehr schmeichelhaft, lieber Freund,« entgegnete De Lussan ebenfalls lachend, »aber es ist viel Wahres daran – foi, de gentilhomme! Ich habe das an meinen Landsleuten, aus denen die Mehrzahl meiner Schiffsmannschaft besteht, hundertmal wahrzunehmen Gelegenheit gehabt. Muß ich ihnen etwas recht Halsbrechendes zumuten, so darf ich nur dafür sorgen, daß sie dabei Gelegenheit haben, sich zu zeigen, zu brillieren. Ah, la gloire ist ein Wort, welches auf die Kinder von la belle France jeder Zeit seine zauberkräftige Wirkung tut. Hätten wir Wein hier, so würde ich mir erlauben, einen Toast auf die Göttin Gloria auszubringen, in Ermangelung dessen aber will ich das Beispiel Thorkils nachahmen und ohne Trinkspruch mit einem Schluck aus der Quelle dort vorlieb nehmen.« Nachdem Hunger und Durst gestillt waren, saßen die Männer noch eine Weile plaudernd im Schatten. Allmählich aber verstummte das Gespräch, indem sich zuerst De Lussan und dann auch Thorkil dem Schlummer hingaben und selbst der alte Trapper anfing, zu duseln, wie er sich ausdrückte. So waren einige Stunden vergangen, als Prinslo, der sich, nachdem er die Überreste des Büffelhöckers verzehrt, ebenfalls mit Befriedigung ins Gras gestreckt hatte, langsam aufstand, die Ohren spitzte, einen halben Büchsenschuß weit in die Prärie hinaustrabte, dort schnobbernd und schnüffelnd die Schnauze in die Luft reckte und dann ein kurzabgebrochenes Gebell ausstieß. Groot Willem war schon bei der ersten Bewegung seines Hundes völlig munter geworden. Er schaute, achtsam auf das Gebaren Prinslos rings um sich, trat dann ebenfalls von dem Schattenplatz am Waldsaum in die Prärie hinaus und murmelte: »Ja, ja, es wird wohl so sein, wie der Hund meint.« »Büffel?« fragte Thorkil, seinem Adoptivvater zur Seite tretend, während der Flibustier, den Schlaf aus den Augen reibend, sich erkundigte, was es denn gäbe. »O, nichts Besonderes, Kapitän, 's ist nur 'ne Herde Büffel, die von Mittag her die Prärie heraufkommt. Dachte mir's gleich, Thorkil, daß der Stier, welchen du heute morgen geschossen, sich von einem Trupp verlaufen haben müßte. Aber 's ist nicht gewöhnlich, daß die Kreaturen um diese Tageszeit wandern, und kann ich mir auch nicht denken, daß die Indianer dermalen auf die Tiere aus sind. Doch seht, dort kommen sie herauf, 's ist 'ne stattliche Herde.« Ein dumpfes Gebrülle kam über die Prairie herüber. Dann wurde in der Entfernung von etwa einer englischen Meile eine dunkle Masse sichtbar, die sich allmählich zu einer langen Linie entrollte, welche in erst langsamer, dann in immer rascherer Bewegung die Prärie von Süden nach Norden zu durchschnitt. Bald konnte man die Tiere deutlicher unterscheiden, obwohl der hohe Graswuchs nur ihr mächtiges Gehörne und ihre schwarzen Rücken zu sehen gestattete. »Wollen wir Jagd auf sie machen?« fragte De Lussan. »Wozu, Kapitän?« entgegnete Willem, »Wir haben, vermut' ich, für heute Büffelfleisch genug gekostet, und was die Häute angeht, so taugen sie um diese Jahreszeit nicht viel. Ohnehin könnten wir uns nicht damit schleppen. – Aber was hast du denn Prinslo?« Der Hund hatte aufgehört zu bellen, sprang mit mächtigen Sätzen in das Gras hinein, kehrte dann zurück und ließ ein eigentümliches leises Geheul oder vielmehr Gegilfe hören. »'s ist ein Stück Rothaut um die Wege, gewiß und wahrhaftig!« sagte der alte Trapper. »Prinslo weiß, was er tut, und spricht nicht blindlings in den Tag hinein. Seht nach euren Büchsen, Freunde, damit uns nicht irgend etwas unvorbereitet überrasche.« »Was besorgt Ihr, Freund?« fragte De Lussan. »Besorgen? Vorerst gar nichts, aber in der Wildnis, wißt Ihr, muß man stets auf alles gefaßt sein. – Hei, Thorkil, du hast jüngere und schärfere Augen als ich – schau doch einmal dorthin, dort am Ende der Büffelreihe – was siehst du dort?« »Einen weißen Büffel, meiner Treu.« »Ja, freilich einen weißen Büffel, Junge, aber auf demselben? auf demselben? – Ha, jetzt seh' ich alles. Der Unglückliche ist ausgegangen, um die große Medizin zu erjagen, und diese war stärker als er.« »Große Medizin?« fragte der Flibustier verwundert. »Ihr sprecht in Rätseln, Freund Willem.« »Nun, Kapitän, Ihr wißt doch, daß die Indianer alles Ungewöhnliche, ihnen Rätselhafte oder Geheimnisvolle Medizin nennen. Das Wort muß von den Franzmännern aus den Kanadas herübergekommen sein, und der indianische Ausdruck, welcher demselben entspricht, bedeutet Geheimnis. Der Ansicht der indianischen Powows oder Zauberer oder Medizinmänner zufolge – es sind übrigens lächerliche Gesellen mit all ihren Schnurren – ist die Haut eines weißen Büffels eine sehr große Medizin, welche ihren Besitzer in den Augen des Manitu wohlgefällig machen und ihn vor den Teufeleien des Ochkih-Häddäh sicherstellen kann. 's mag daher kommen, daß oft unter vielen Tausenden von Büffeln nicht ein einziger weißer gefunden wird. Hab' ich doch selbst während meines ganzen Jägerlebens erst zwei zu Gesicht bekommen, und der dort ist der dritte.« »Er kommt auf uns zu, er macht rasende Sprünge, als ob er verwundet wäre, und – ha! – was schleppt er dort mit sich?« »Einen armen Teufel von Indianer, kannst dich drauf verlassen, Thorkil. Er hat ihn an sein Gehörn gespießt. Der Mann hat die große Medizin unter der Herde entdeckt, er ist, der Ehre eines solchen Unternehmens wohlbewußt, allein ausgezogen, die kostbare Haut zu gewinnen, hat das Tier vielleicht schon tagelang verfolgt, hat es mit seinen Pfeilen zu Falle gebracht, aber wie er ihm mit seinem Messer den Garaus machen wollte, ist der Büffel wieder aufgesprungen, hat in seiner Wut den Gegner gespießt, und da hängt er nun.« »Ihr sprecht, als wärt Ihr dabei gewesen und hättet das alles mit angesehen, Freund Willem,« bemerkte der Flibustier. »Ich habe solches oder doch ähnliches oft genug gesehen,« lautete die Antwort des Alten, »um vermuten zu können, wie der Mann dort auf die Hörner des Büffels gekommen. Aber wir müssen sehen, was zu tun ist.« Die jetzt folgende Szene entwickelte sich mit einer Raschheit, welcher eine langatmige Beschreibung sehr schlecht entsprechen würde. Der Büffel, sei es, daß er nach Art verwundeten Wildes das Dickicht des Waldes aufsuchen wollte, sei es, daß Wut und Schmerz ihn ganz zufällig diese Richtung nehmen ließen, kam der Stelle, wo unsere drei Abenteurer beisammenstanden, immer näher, indem er wirklich, wie Thorkil bemerkt hatte, rasende Sprünge machte. Sein Anblick war furchtbar. Seine lange zottige Mähne hing, indem er mit gesenktem Haupte einhertobte, bis auf den Boden nieder. Sein Schweif mit dem reichen Haarbüschel am Ende starrte in gleicher Linie mit dem Rückgrat in die Luft hinaus. Blutstriemen, die von Pfeilwunden herrührten, bedeckten sein weißes Fell, und in seiner linken Hüfte steckte ein nahe an der Spitze abgebrochener Schaft einer Lanze. Sein Leib war von Wut bis zum Bersten aufgeschwollen, seine blutunterlaufenen Augen schienen grünliches Feuer auszuwerfen, aus Maul und Nase stieß er Ströme von Dampf und Blut hervor. Auf seinem buschigen Haupte hockte oder hing, halben Leibs gegen den Fetthöcker der Bestie zurückgelehnt, ein menschlicher Leib, welcher, offenbar der indianischen Rasse angehörend, noch schlimmer zugerichtet war als der des Tieres. Der Büffel hatte, wahrscheinlich in der von Willem angedeuteten Situation, dem Angreifer eins seiner gewundenen, stahlharten, spitz zulaufenden Hörner durch den Unterleib gerannt, und an dem andern hielt sich der Gespießte während seines entsetzlichen Rittes im Todeskampf mit beiden Händen fest. Das Ungetüm rannte in blindem Ingrimm einher, als ob es die plötzlich vor ihm aus dem Gras der Prärie auftauchenden menschlichen Gestalten gar nicht wahrnehme. Sein Gebrüll war entsetzlich. »Achtung, Thorkil, wenn ich fehlen sollte.« So sprechend brachte Groot Willem sein Roer leicht, als wär's eine Feder, an die rechte Wange. Der Lauf der Waffe richtete sich in gedankenschnellem Zielen auf das zottige Haupt des Tieres, die Ladung entfuhr der Mündung, und der Schuß schallte über die Prärie hin. Thorkil hatte nicht nötig, auch seinerseits die Büchse zu erheben. Der Büffel empfing in einer Distanz von etwa fünfzig Schritten die zerschmetternde Kugel vorn auf der Stirn, mitten zwischen den beiden Hörnern, und brach lautlos zusammen, in seinem Falle den unglücklichen Reiter weit von sich schleudernd. Die Männer eilten zu seiner Hilfe herbei. Der Indianer, welcher alle Spuren des Alters an sich trug, war auf das Gesicht gefallen. Ohne das krampfhafte Zittern und Zucken, welches über seinen nur mit einem zerfetzten Lederhemd bekleideten Körper hinlief, hätte man ihn für bereits tot halten müssen. »'s ist ein Wampanoge,« sagte Willem, »aber wäre er auch ein Pequode, es soll alles für ihn getan werden, was wir tun können.« »Ich glaube, da kommt alle Hilfe zu spät,« versetzte Thorkil, welcher den gebrochenen, schlotternden Körper des Wilden umgewandt hatte. »Seht nur, die Bestie hat ihm den Bauch aufgeschlitzt, und die Eingeweide hängen heraus.« »Das ist die schauderhafteste Wunde, welche ich je gesehen,« bemerkte der Flibustier, »und doch bin ich kein Neuling in solchen Dingen. Der Mann hat nur noch wenige Minuten zu leben.« Der Verwundete entrang sich inzwischen der Betäubung, in welche ihn sein Sturz versetzt hatte, und öffnete die schon halb erloschenen und verglasten Augen weit. »Wasser! Wasser!« stöhnte das unglückliche Geschöpf im Dialekt der Pukanoketen-Stämme. Thorkil eilte zur Quelle, füllte seine Ledermütze mit dem Naß, nach welchem alle Verwundeten so brennend verlangen, und hielt sie, zurückgekommen, dem Indianer an die lechzenden Lippen, indem er dessen Oberkörper mit seinem linken Arm aufrecht erhielt. »Weißer Bruder guter Bruder,« ächzte der Gelabte und ließ seine sich verdunkelnden Augen im Kreise umhergehen. Der Anblick des toten Büffels rief ihm die Gedanken, welche seine Seele in den letzten Tagen erfüllt hatten, noch einmal zurück. »Große Medizin tot,« sagte er in abgebrochenen Lauten; »große Medizin stärker als roter Mann, viel stark, hatte den Ochkih-Häddäh im Leibe.« Das Delirium des Todes bemächtigte sich seiner. Er versuchte aufzustehen, schwenkte die Arme und sprach verworren durcheinander. »Ochkih-Häddäh bös, viel bös – roter Krieger gehen in glückliche Jagdgründe – Pe-toh-Pi-kiß großer Jäger.« »Pe-toh-Pi-kiß?« schrie Thorkil auf, wie vom Biß einer Natter getroffen. Und er ließ den Indianer aus seinen Armen gleiten, daß derselbe schwerfällig in das Gras zurücksank, stand auf und riß das Jagdmesser aus dem Gurt. Der alte Trapper legte ihm aber seine Hand nachdrucksam auf den Arm und sagte abwehrend: »Thorkil, du hast einen Sterbenden vor dir.« »Pe-toh-pi-kiß,« murmelte der Wilde wieder, »großer Jäger, großer Krieger, nehmen Skalp von Pequoden und Mohikanern, viel zu sagen im Rat der Häuptlinge.« »Er singt seinen Todesgesang, Kapitän,« bemerkte der alte Trapper. »Es ist merkwürdig, welche Prahler die Rothäute in ihren letzten Augenblicken werden. Höre, Bruder Pe-toh-Pi-kiß,« wandte er sich dann an den Wilden, »du hast Pequoden und Mohikaner getötet, aber wie ist's mit den Blaßgesichtern?« »Blaßgesichter sind gierige Hunde, Metakom sie alle vertilgen von den Jagdgründen der roten Männer.« »Hießest du nicht vorzeiten Josua, Wampanoge?« fragte Thoikil, nur mit äußerster Mühe seine Gefühle zügelnd. »Pe-toh-Pi-kiß speit auf den Blaßgesichtsnamen, den ihm geben der Powow der Blaßgesichter, als er Pe-toh-pi-kiß begießen mit Wasser.« Thorkil wollte wieder mit einer Frage hervorstürmen, aber Willem schob ihn beiseite und sagte: »Mein Bruder Pe-toh-pi-kiß sprach von dem Sachem der Wampanogen und Pokanoketen. Wo ist er?« »Metakom auf Kriegspfad; gehen Blaßgesichter auszurotten. Metakom großer Sachem, seine Krieger zahlreich wie das Laub des Waldes im Sommer – Metakom haben viel Donnerrohre, haben auch in Wigwam gelbes Metall, damit die Hände der Blaßgesichter zu füllen, welche den Donner und Blitz verkaufen.« »Gelbes Metall? Woher sollte der Sachem, gelbes Metall haben?« »O, Metakom sehr weise, sehr. Gelbes Metall holen auf Insel in Salzsee – Pe-toh-Pi-kiß mit ihm gehen, ihm zeigen fremdes Blaßgesicht mit kleinem Knaben –« Die Spannung sprengte dem jungen Jäger fast die Adern seiner Schläfe, aber Willem fuhr ruhig fort: »Das fremde Blaßgesicht gab also dem Sachem das gelbe Metall?« »Geben? Nein, Blaßgesichter lieben gelbes Metall zu sehr. Metakom mit Pe-toh-vi-kiß gehen in altes Steinwigwam, Blaßgesicht mit Knaben schlafen, Sachem und Pe-toh-Pi-kiß Blaßgesicht töten, aber nicht nehmen Skalp.« »Nicht nehmen Skalp?« »Nicht nehmen Skalp – Sachem mit Pe-toh-pi-kiß kommen in Blaßgesichtsmokassins, mit Blaßgesichtsmesser –« Hier schnappte die Stimme des Wilden plötzlich ab. Der Tod griff ihm ans Herz, ein schreckliches Röcheln machte ihm Brust und Kehle schwellen, dann rieselte ein Blutstrom aus seinem Munde, und sein Leben war entflohen. »Es ist eine wunderbare Fügung!« sagte der alte Waldgänger tief bewegt. »Ein wütender Büffel mußte uns den Mann vor die Füße schleudern, damit er ein schreckliches Zeugnis ablege in der Verwirrung seines Todeskampfes. Thorkil, als ich Hih-lah-dih in Providence sprechen hörte, begann ich zu ahnen, daß Metakom der Mörder deines Vaters sei; aber jetzt erst haben wir Gewißheit. Es ist wunderbar, höchst wunderbar!« 2. Es war ein Mann, mit Namen Hirbed, voll Von Arglist, Ränken und von bösem Groll. Firdusi. Genieß, solange du noch lebst, der Freude! Bedenk, vergänglich ist das Weltgebäude, Und jede Lust, die du dir hier versagt, Wird, wann im Grab du liegst, von dir beklagt. Derselbe. Eine Gesellschaft englischer Edelleute, in der ein Kapitän Wallaston vorragte, hatte vor der Zeit, in welcher unsere Erzählung spielt, östlich von Pawtucket und südlich vom Charlesfluß mit reichen Mitteln eine Niederlassung gegründet, welche Mount Wallaston genannt worden war. Die vornehmen Kolonisten verstanden aber so wenig das Geschäft, die Wildnis zu bewältigen, daß nach jahrelangem bedeutendem Aufwand von Mühe und Kosten die Ansiedelung in einem nichts weniger als gedeihlichen Zustande sich befand. Da sich außerdem die Herren in dem Kanaan der Puritaner, wie die Gegner der letzteren die Kolonien von Neuengland spottend zu nennen pflegten, nicht sehr behagen mochten, so gaben sie die Sache auf und zogen weg, um in Virginien ihr Glück zu versuchen. Sie ließen jedoch auf Mount Wallaston eine zahlreiche Dienerschaft zurück, um die Pflanzung zu bebauen. Im Gefolge dieser Edelleute befand sich ein gewisser Thomas Morton, ein Mensch von allerlei Gaben, aber verworfener Gesinnung, ein verdorbener Advokat aus London, der, wie er in die neue Welt gekommen, sein Glück zu versuchen, nun auch mit einer geringen Summe Geldes sich einen unbedeutenden Anteil an jenem Unternehmen erkauft hatte. Als die, welche er bisher gescheut und gefürchtet, entfernt waren, regte er die Dienerschaft zu einem förmlichen Aufstand auf, der damit endigte, daß sie den Verwalter fortjagten, sich für vollkommen unabhängig erklärten und ein wüstes Leben voll roher Luft begannen. Die Güter, welche die Besitzer hinterlassen, verkauften sie an die Indianer, erwarben mehr noch durch geschickten Tauschhandel und brachten sonst ihre Zeit mit Trinkgelagen und andern abgeschmackten Roheiten zu. Am ersten Mai pflanzten sie nach alter englischer Sitte eine Maistange auf, bekleideten und behingen sie mit schmutzigen Reimen, luden die indianischen Weiber zur Teilnahme an ihren Bacchanalien ein und erschöpften sich, einer den andern an wilder Ausgelassenheit zu überbieten. Wenn diese Aufführung nun jedem Wohlgesinnten gehässig und verächtlich erscheinen mußte, wie sehr mußten sich die strengen Väter der Kolonien verletzt und empört fühlen, sie, in deren Augen auch der unschuldigste Tanz um den Maibaum eine an die heidnischen Spiele der Flora mahnende Sünde war. Aber dies war nicht alles. Der tolle Unfug nahm einen gefährlichem Charakter an. Da nämlich den ausgelassenen Gesellen endlich das Geld und sonstige Tauschwaren ausgingen, sing Morton an, Schießgewehre nebst Pulver und Blei an die Indianer zu verkaufen, und belehrte sie sorgsam über den Gebrauch; dies letztere namentlich, indem er sie für sich und seine Gesellschaft auf die Jagd schickte und sich durch sie mit reichlichem Wildbret zu seinen Gelagen versehen ließ. Die Indianer ergriffen diese Vorteile mit grenzenloser Begierde, benutzten sie mit großer Geschicklichkeit und waren zu ungeheuren Preisen für diese übermächtigen Verteidigungsmittel willig. Dies aber war hinreichend, um alle die im Lande zerstreuten Pflanzer zur größten Furcht aufzuregen. Überdem waren sie schon lange keines ihrer Diener mehr sicher, denn bei der geringsten Unzufriedenheit entwichen sie und gesellten sich Mortons verlaufenem Gesindel zu, vor dem die einsam liegenden Pflanzungen zeither in größerer Angst gewesen waren, als vor den Indianern selbst. Unter so bewandten Umständen mußten sich zur Zeit, als die Beziehungen der Eingeborenen zu den Ansiedlern immer offener den Charakter der Feindseligkeit annahmen, die Blicke der Pilgrime mit starkem und gerechtem Argwohn auf Mount Wallaston richten, welchen die Bande Mortons, wie wir schon früher erwähnten, in Merry-Mount umgetauft und dem die Puritaner den biblischen Namen Mount Dagon gegeben hatten. Nach allem bisher Vorgefallenen konnte man mit Bestimmtheit erwarten, daß die Gesellen vom lustigen Berge mit den Indianern gemeinsame Sache machen würden. Aber der brüllende Tom – diesen charakteristischen Namen führte Morton unter seinen Bekannten – war auch ein schlauer Tom. Er hatte seine Gründe, gerade jetzt sich den Anschein zu geben, als wollte er es unter allen Umständen fest mit den Leuten seiner Farbe halten und als sei er entschlossen, in dem Kampfe zwischen Weißen und Roten den letzteren mit seiner Bande gegenüberzutreten. War dies auch, wie wir bald sehen werden, nur eine Maske, so wurde sie doch mit so guter Manier getragen, daß viele der Kolonisten sich täuschen ließen. Morton ließ es sich angelegen sein, diese Täuschung zu unterhalten und zu steigern. Die geräuschvollen Lustbarkeiten auf dem Berge hörten auf, der Maibaum verschwand vom Hofraume der Niederlassung, und es schien, als ob der lebhafte frühere Verkehr mit den Eingeborenen gänzlich abgebrochen worden wäre. Mount Wallaston erhob sich an einem der dem Charlesflusse zinsbaren Bäche auf einer Prärie, welche eine ziemlich weite Umschau gestattete. Auf der Seite des Waldbaches, der sein Wasser tosend zwischen großen Kieseln hinführte, stieg eine über hundertundfünfzig Fuß hohe, senkrecht und glatt sich aufgipfelnde Felswand empor, welche die westliche Seite des Hügels bildete, der in Neuengland allerdings auf den Namen eines Berges Anspruch machen konnte. Gerade über dieser Felswand erblickte man das Hauptgebäude der Niederlassung, ein offenbar mit viel größerem Aufwand von Kosten und Fleiß, als den Farmhäusern der Kolonisten gewöhnlich zuteil wurde, aufgeblocktes Wohnhaus von ziemlich bedeutendem Umfange, welches zwei Stockwerke hoch war. Um das obere lief eine Galerie her, die gleichsam über dem Abgrund in der Luft hing und von welcher aus sich dem Auge eine weite Fernsicht über die Prärie hinweg auf die umliegenden Wälder darbieten mußte. Der Hügel verlängerte, sich gegen Osten zu und verlor sich, während seine südliche und nördliche Seite sanft abfiel, allmählich unmerklich in die Ebene. Zur Zeit der Gründung der Ansiedelung war die Anhöhe auf allen Seiten, mit Ausnahme der westlichen, deren natürliche Beschaffenheit jeden Zugang unmöglich machte, mit einer Palisadenreihe umgeben worden, die sich aber jetzt in sehr mangelhaftem Zustande befand, wie denn die Niederlassung im Innern und Äußern überall von Sorglosigkeit und Unsauberkeit zeugte. Die Nebengebäude, welche auf der Fläche des Hügels, ohne an das Wohnhaus angebaut zu sein, dennoch mit demselben eine Art unregelmäßigen Vierecks bildeten und so einen großen Hof umschlossen, waren halb zerfallen. Die Türen und Tore der Stallungen und Schuppen standen offen, und allenthalben lagen leere Kisten und Fässer, Jagdgerätschaften und Reitzeug unordentlich umher. Mitten auf dem mit Gras überwachsenen Hofraum war der Stumpf des unlängst gefällten Maibaums zu sehen, und in der Nähe desselben weideten einige Pferde, die ebenfalls die Spuren der Vernachlässigung an sich trugen wie hier alles, mit Ausnahme etwa von zwei großen Wolfshunden, die, offenbar wohlgenährt, in der Nähe des Eingangs zum Hauptgebäude herumlungerten. Der Abendhimmel hing grau und mit Dunstmassen angefüllt, die ein nächtliches Gewitter verkündigten, über dem lustigen Berge, der in seiner jetzigen Verlassenheit und Stille seinem Namen keineswegs entsprach. Man hätte glauben können, es seien gar keine menschlichen Wesen in der Ansiedelung vorhanden, wäre jetzt auf der Galerie nicht eine alte Indianerin erschienen, welche in der einen Hand eine Hornlaterne, in der andern eine mit einem Tuche bedeckte Schüssel trug. Dieses Weib, nur von den Hüften abwärts mit einem schmutzigen blauen Rock bekleidet, war mit seinem struppigen Haar, seinen Runzeln und seinen unmäßig stark hervortretenden Backenknochen ein wahrer Ausbund von Häßlichkeit und verdiente seiner ganzen Erscheinung nach den Namen der Hexe von Endor, womit es auf Merry-Mount allgemein genannt wurde, damit, wie der brüllende Tom einmal gesagt hatte, doch auch etwas Biblisches im Hause sei. Die Alte wandte sich nach der Westseite des Gebäudes, stand dort vor einer Tür still, welche von der Galerie ins Innere führte, schob den Riegel derselben zurück und verschwand in der Öffnung, die Tür hinter sich zuziehend. Die Hexe von Endor war jedoch in der öde und fast unheimlich aussehenden Ansiedelung nicht allein. In einem Gemache des untern Stockwerks saßen zwei Männer zechend an einem großen Tische. Das Zimmer verriet trotzdem, daß seine Decke schwarzgeräuchert, sein Wandgetäfel beschmiert, sein Möbelwerk befleckt und bestaubt und sein Boden mit einer Schmutzkruste überzogen war, immer noch Spuren, daß es vordem die wohlgepflegte, nach altenglischer Sitte eingerichtete Speisehalle eines wohlhabenden Hauses gewesen. Die beiden Männer bliesen aus indianischen Pfeifen starke Rauchwolken und unterbrachen dieses Geschäft nur, um wechselsweise einen mächtigen Henkelkrug mit erblindetem silbernem Beschläge, welcher zwischen ihnen auf dem Tische stand, an die Lippen zu führen. Das Gesicht des einen zeigt uns die brutale Physiognomie von Master Thomas Kellond, welcher uns bei Eröffnung unserer Geschichte in der Rolle eines Häschers entgegengetreten und den wir seither aus den Augen verloren. Sein Gesellschafter war kein anderer als der brüllende Tom in eigener Person, ein Mann mit dem überkupferten Gesicht eines Trunkenboldes, welchem Gesicht jedoch ein Paar kleine graue Augen den entschiedenen Ausdruck der Verschmitztheit und Schelmerei, um nicht zu sagen der Schurkerei gaben. Es war in diesen Augen, die, wie es bei starken Trinkern gewöhnlich der Fall ist, weit aus ihren hochgeröteten Höhlen hervortraten, jener stechende Metallglanz, welcher den Zügen von Verbrechern mitunter eine ganz eigentümliche unheimliche Beleuchtung verleiht. Einigermaßen im Widerspruch hierzu lag auf der untern Partie von Mortons Gesicht der Stempel brutalen Humors und roher Jovialität, welchen Eigenschaften er sein Sobriquet verdankte. Die beiden tranken und sprachen miteinander im Stil von alten Bekannten, was sie auch wirklich noch von London her waren. »Beim schwarzen Gesichte König Karls,« sagte Kellond nach einem tüchtigen Zug aus dem Henkelkrug, »solange ich in diesem verdammten Lande der Psalmengurgler mich befinde, habe ich nie einen so kostbaren Wein über die Zunge gebracht wie hier bei Euch auf Merry-Mount. 's ist echter spanischer und noch dazu von keiner geringen Sorte.« »Ich sehe,« versetzte Morton, »Ihr habt immer noch Eure gute alte Weinzunge, wie zur Zeit, wo Mutter Magda – die luftige alte Kupplerin im Elsaß von Alt-London, wißt Ihr – uns beide ihren Kunden als untrügliche Autoritäten anpries in allem, was Weine und Weintrinken betraf.« »O, ich weiß, ich weiß; aber Ihr vergeßt einen Artikel, Tom. Mutter Magda, ein treffliches Stück von Weibsbild in ihrer Art, pflegte zu sagen: Tom Morton und Tom Kellond seien die besten Kenner von Weinen und Mädchen, soweit es Weine und Mädchen gäbe. Ja, beim alten Nick, wir waren rare Burschen! Aber wo habt Ihr diesen Wein her, Tom?« »Aus erster Hand. Meint Ihr, ich möge die Hunde von Hafenaufsehern und Zöllnern bemühen, zwischen mir und meinen Lieferanten die Mittelspersonen zu machen?« »Verstehe, verstehe. Ihr bezieht, wie Eure übrigen Waren, so auch den Wein direkt und ohne Zoll und Akzise. Jetzt weiß ich auch, warum der ganze Trupp Eurer flotten Jungen nach der Seeküste hinüber ist. Ihr seid ein wahres Genie von Zwischenhändler, Tom. Sicherlich habt Ihr Euch was Hübsches gemacht, und ich denke, Ihr geht mit mir hinüber nach London, um Eure Tage dort so munter zu beschließen, wie Ihr sie begonnen.« »Was Hübsches gemacht? Hm, es ging stets zu lustig her auf dem lustigen Berg, als daß ich hätte ans Geldmachen denken können. Und was das Hinübergehen betrifft, Mann, so wißt Ihr, daß ich zuviel alten Kot an den Schuhen habe, um mich auf den Straßen von London zeigen zu wollen.« »Ei, dieser alte Kot wird sich wohl abwischen lassen. König Karl soll von mir hören, daß mir mein Unternehmen ohne Tom Morton gar nicht gelungen wäre, das soll er. Es war, beim Blitz, doch ein guter Gedanke, daß ich den Entschluß faßte, Euch aufzusuchen, als ich da unten am Konnektikut zufällig Euren Namen nennen hörte. Ihr habt mir Glück gebracht, Tom, mächtiges Glück. Ich wollte das ganze Unternehmen aufgeben, als die zwei Höllenhunde von Waldläufern, die verdammt sein mögen, den armen Tom Kirk totgeschossen und nur die Beute aus dem Rachen gerissen hatten, und siehe da, kaum war ich auf dem lustigen Berg angelangt, so triebt Ihr mir das Wild ins Netz. Ein gutes Drittel meiner Belohnung soll Euer sein, verlaßt Euch drauf.« »So tu' ich, Tom. Im übrigen machte es mir selber Spaß, meinen guten Freunden, den Heiligen des Herrn, einen Possen zu spielen. Hätte der Häuptling nach gut indianischer Manier seine Gefangenen skalpiert, die lieben Puritaner von Neuengland und Altengland würden sich nicht halb so darüber geärgert und gegrämt haben, als sie tun werden, wenn sie hören, daß die beiden Busenfreunde von Oliver Cromwell am Galgen von Tyburn baumeln. Ein schöner Anblick, hol' mich der Teufel, wenn zwei solche Lichter in Israel das dreibeinige Gerüst beleuchten!« »Ja, wahrhaftig; ich freue mich auch unbändig auf den Anblick dieser Illumination. Wenn uns nur der Wilde keinen Trick spielt.« »Seid ganz ruhig. Metakom weiß recht gut, daß er mich dermalen nötiger hat als je. Er wird sein Wort buchstäblich halten, und ich kenne den Unterhäuptling, durch welchen er die Gefangenen nach den Sümpfen der Landzunge von Mount Hope bringen ließ. Dort sind sie gut verwahrt, bürge Euch dafür, bis Ihr eine gute Gelegenheit, sie einzuschiffen, ausfindig gemacht habt. Müßt Euch nur beizeiten nach dieser Gelegenheit umtun, damit Euch nicht etwa ein Wechsel des Kriegsglückes einen Strich durch die Rechnung macht. Will Euch aber durch meine Schmugglerverbindungen, in der Sache nach Kräften behilflich sein.« »Tut das, tut das, es soll Euer Schade nicht sein, Tom. Wäre aber zu meinem Zwecke nicht vielleicht das Schiff des Flibustiers zu benutzen, mit welchem in Verbindung zu stehen Ihr gestern Euch gerühmt habt?« »Das Schiff des Flibustiers? Hm, da kennt Ihr den stolzen Franzmann schlecht, wenn Ihr glaubt, er würde für Euch oder für irgend einen Menschen sozusagen Häscherdienste verrichten. Sag' Euch, der Mann strebt hoch, obgleich er für gut findet, seine Pläne zu verbergen, und Gold hat er wie Spreu.« »Nun, da müssen wir uns anderwärts umsehen. Aber Ihr spracht vorhin von Kriegsglück, Tom. Der Krieg zwischen den Rothäuten und diesen verdammten Bibelwiederkäuern ist also in vollem Gange?« »Seit dem Überfall von Swanzey in vollem und prächtigem Gange, hol mich der Teufel! Die Heiligen des Herrn werden Mühe haben, diesen rothäutigen Satanaffen zu widerstehen. Metakom hat mit seinen Wampanogen und Pokanoketen einen Einfall in die Ansiedelungen von Konnektikut gemacht. Hadley und Springfield sind niedergebrannt, und in der Ebene von Northfield haben die Wilden einen Trupp Kolonisten, der sich ihnen entgegenstellte, bis auf den letzten Mann niedergemacht. Dutzende von einzelnen Gehöften sind zerstört und ihre Bewohner erschlagen. Nur noch einige Tage oder Wochen Geduld, und die Psalmenheuler sollen auch hier herum und gegen Boston hinauf und gegen Plymouth hinab erfahren, daß der Herr züchtiget, wen er lieb hat.« »Hahaha! Ihr seid noch immer ein kapitaler Spaßmacher, Tom. Aber sagt mir, wo befindet sich dermalen der Häuptling, den sie König Philipp nennen? Ein sauberes Stück von König, Gott verdamm mich! Ein halbnackter Bettelprinz, mit Ruß und Ocker bemalt.« »Sachte, sachte! Metakom ist so gut ein König als irgend ein anderer. Und rat' Euch, Tom, geht behutsam mit ihm um, wenn Ihr wieder mit ihm zusammentrefft. Der Mann versteht keinen Spaß, gar keinen, versichere Euch.« »O, das hab' ich schon gemerkt, 's ist ein allmächtig hochnäsiger Kerl, Gott verdamm mich! Aber freut mich, daß er diesem puritanischen Gezüchte, welches mir in dem Geschäft, das mich in dieses höllische Land geführt hat, auf offene und versteckte Weise hinderlich war, so teufelmäßig mitspielt. Wo ist er jetzt?« »Wo er jetzt ist? Hm, da fragt Ihr mehr, als ich beantworten kann. Ein Indianer auf dem Kriegspfad ist wie der Wind, den man zwar spürt, von dem man aber nicht sagen kann, von wannen er kommt und wohin er geht. Ihr seht, beiläufig gesagt, an diesem Beispiel, wie sehr mir die Schufte von Puritanern unrecht tun, wenn sie behaupten, der brüllende Tom hätte nie ein Wort in der Bibel gelesen.« »Ihr seid in einem prächtigen Humor heute, Bruder Tom, Gott verdamm mich! Aber um nochmals auf Metakom zurückzukommen, 's muß doch ein dummer Kerl sein, daß er das allerliebste Jüngferchen mir oder vielmehr Euch so leicht abgelassen.« »Bah, der Häuptling hat dermalen anderes zu denken und zu tun, als sich mit solchem Firlefanz abzugeben.« »Firlefanz? Tom, wo denkt Ihr hin? Ich kann mich ganz gut der Zeiten erinnern, wo Ihr alle Finger nach so 'nem Firlefanz geleckt hättet.« »Wohl möglich, aber wir werden allmählich zu alt für dergleichen Torheiten.« »In alt? Laßt mich das Wort nicht mehr hören, Bruder Tom; es hat einen höchst widerwärtigen Klang, Gott verdamm mich! Zu alt? Beim alten Nick, ich will mir selber noch heute den Beweis liefern, daß ich nicht zu alt für dergleichen Torheiten bin. Ja, das will ich, Gott verdamm mich! Torheiten? Warum nicht gar Torheiten und Firlefanz! Hört, ich habe einmal meinen Freund Chiffinch – der kleine Chiffinch, wißt Ihr, erster Agent der Privatvergnügungen unserer schwärzlichen Majestät von Großbritannien – ja, den kleinen Chiffinch hab' ich einmal sagen hören, es gehe auf der Welt nichts, aber auch gar nichts über einen Liebeshandel mit einer Nonne.« »Nonnen! Was wollt Ihr mit Euren Nonnen? Haben diesen Artikel nicht im Lande.« »Ich sagte Nonne,« entgegnete Kellond, mit der Zähigkeit eines halb Betrunkenen die Vorstellung, welche in ihm aufgestiegen war, festhaltend und ausspinnend. »Der kleine Chiffinch meinte freilich echte Nonnen, aber ich will verdammt sein, wenn diese blauäugige Puritanerin nicht das hübscheste Nönnchen abgeben würde, welches je seine jungen Tage in einem Kloster verseufzte, und so werdet Ihr nichts dagegen haben, wenn es mir behagt, das Jüngferchen für eine Nonne anzusehen. Fromm genug ist sie jedenfalls, und puritanisch oder papistisch fromm, wißt Ihr, das kommt am Ende auf eins heraus.« »Hm, darüber ließe sich noch streiten, wie gescheite Leute glauben. Doch das ist mir all' eins.« »Ei, Tom, wie kommt Ihr mir vor? Ich fange an zu fürchten, daß Ihr in dieser Waldwüste verbauert seid; so gleichgültig kommt Ihr mir in betreff der hübschesten Sachen vor. Wollt Ihr Euch am Ende gar bekehren?« »Bah, schweigt von solchen Flausen!« »Flausen? Ja, da habt Ihr recht, Gott verdamm mich! Lustig, sehr lustig, allmächtig lustig gelebt, das ist das Wahre. Das andere wollen wir diesen Predigttextschluckern und Psalmennäselern überlassen. Ich freue mich höllisch auf das Jüngferchen, sag' ich Euch, 's wird ein kapitaler Spaß sein, Gott verdamm mich!« »Ihr seid also entschlossen, heute noch den Galan und Amoroso zu spielen, wie sie zu London in der Komödie zu sagen Pflegen?« »Das bin ich, und wie! Nennt mich einen Betbruder, wenn ich es nicht bin.« »Wohl, so ist es Zeit, daß wir aufhören zu schwatzen,« sagte Morton, indem er aufstand und ans Fenster trat. »Unser Palaver hat, glaub' ich, ohnehin schon zu lange gedauert, denn das Wetter zieht heran, und doch muß ich, wie Ihr wißt, noch nach dem Fort hinüberreiten, um den Stierkopf von Major vollends sicher zu machen. Ich vermute, Metakom wird nicht gar so weit von hier sein, und wenn er kommt, muß getan sein, was ich drüben im Fort zu verrichten habe. – Hört, Tom, haltet gut Haus. Bis morgen mittag bin ich wieder zurück, und bis dahin werden, denk ich, auch meine Burschen von der Küste her auf dem lustigen Berg eintreffen. Im übrigen wünsche ich Euch alles mögliche Glück zur Durchführung Eurer Amoroso-Rolle.« Er ging, kehrte sich aber unter der Tür noch einmal um und sagte mit trockenem Hohn: »Wartet einmal, Tom, das hätt' ich schier vergessen. Falls Euch die Puritanerin trotz all Eurer Liebenswürdigkeit dennoch ein bißchen zu – zu – ehrwürdig, ich meine, zu großvatermäßig finden sollte, je nun, so haltet Euch an der Hexe von Endor schadlos. Die wird Euch in keinem Fall einen Korb geben – Sela.« Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß, und man hörte ihn draußen ein Gelächter aufschlagen, dessen Geräusch dem Namen des brüllenden Tom vollkommen entsprach. 3. Heil, klarer Glaub', und dir, weißhänd'ge Hoffnung, du goldbeschwingtes flatternd Engelskind, Und dir, untadelig Gebild der Keuschheit! Ich seh' mit Augen euch und glaube jetzt, Daß er, das höchste Gut, dem alles Böse Nur sklavisch Werkzeug seiner Strafhand ist, So 's nötig war', den glanzerfüllten Wachtel Zu Ehr- und Lebensschutz mir senden würde. Milton Wer die Gazelle in der Jungle jagt, dem springt oft plötzlich der Löwe entgegen. Sprichwort der Hindu »Ein grober Gesell, Gott verdamm mich!« brummte der Zurückgebliebene, als er das schallende Hohngelächter seines weggegangenen Freundes vernahm. »Da steht man doch, wie sich in diesem heillosen Lande, wo nur Puritaner gedeihen können, alles verschlechtert. Da ist dieser Tom Mortun, der zu seiner Zeit ein so firmer Gentleman war, als nur je einer über die Londonbrücke ging oder im Elsaß zechte oder die Würfel schüttelte oder hübsche Dirnen küßte, und was für ein gemeiner, bäuerischer Kerl ist er auf dieser Seite des großen Wassers geworden! Großvatermäßig nannte mich der Hund – ich will ihn begroßvatern! Soviel er sich auch auf seine Schlauheit einbilden mag, er soll sich gewaltig verrechnen, wenn er meint, Tom Kellond sei einfältig genug, die schönen Rosenobles König Karls mit ihm zu teilen. Teilen? Ich will verdammt sein, wenn ich mit irgend jemand teilen will. Den andern Hund, den Gelbschnabel Kirk, hat der Teufel zur rechten Zeit geholt; er kann mir nun nicht mehr wegen Effies in den Ohren liegen. Aber ich muß verdammt gescheit zu Werke gehen, um den brüllenden Tom über die Ohren zu hauen, con prudentia , wie die Spanier sagen, soviel ist sicher. Für jetzt brauch ich ihn noch, brauch' ihn sehr. – Wollte, ich wäre erst mit heiler Haut und meinem Fang aus diesem höllischen Lande hinweg.« In dieser Weise monologisierte er noch eine gute Weile fort, bis seine Pfeife ausgeraucht und der Weinkrug bis auf den letzten Tropfen geleert war. Dann stand er auf, und als sich ihm bei dieser Operation das Gefühl aufdrang, daß es mit seinem Gleichgewicht nicht ganz war, wie es hätte sein sollen, murmelte er: »Na, Gott verdamm mich! Ich glaube fast, du hast ein bißchen zuviel geladen, Tom Kellond. Hörte einmal 'nen Versmacher sagen, Bacchus und Diana, nein, Bacchus und Venus vertrügen sich schlecht. Aber 's muß doch gehen, und hält' ich allen Wein, der je gezapft wurde, im Leibe – 's muß doch gehen! Nur gescheit, Tom Kellond, con sagitad y prudencia , wie die Spanier sagen.« Und er reckte und schüttelte sich, als hätte er sich mittels dessen des Weindunstes, der ihm den Kopf einnahm, entledigen wollen. Während er dann in der Halle auf und ab ging, um sich eine feste Haltung zu geben, zuckte draußen ein Blitz auf, welcher in das dämmerige Gemach eine grelle Helle warf, und zeigte ein dumpfer Donnerschlag den Ausbruch des Gewitters an. »Hei,« rief Kellond mit wilder Luftigkeit aus, »das kommt ja wie gerufen! Beleuchtung und Musik gehören zu so 'ner kapitalen Frolik. Vorwärts, vorwärts! Wollen doch sehen, ob der Blitzkerl, der kleine Chiffinch, recht hatte.« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, tappte sich durch den Gang bis zur Treppe hin und stieg diese langsam aufwärts. Droben stand er vor einer Tür still, durch deren Schlüsselloch ein schwacher Lichtstrahl fiel. Er zog sofort einen Schlüssel hervor, öffnete die Tür, trat ein und verschloß den Eingang sorgfältig hinter sich. Das Gemach, welches er betreten, war ziemlich groß, sah aber so vernachlässigt aus wie der ganze Haushalt auf Merry-Mount. In einer Ecke stand ein plumper Tisch und auf diesem eine brennende Lampe, in einer andern ein kolossales Bett, dessen Vorhänge aber in Fetzen niederhingen. Die Fensteröffnungen waren von außen her durch schwere Laden verschlossen. Gegenüber der Tür, durch welche Kellond eingetreten, befand sich eine zweite, welche auf die oben erwähnte Galerie zu führen schien, aber ebenfalls von außen verschlossen war. Zur Seite des Tisches saß auf einem Schemel ein junges Mädchen, welches, den Kopf mit den auf die Knie gestemmten Armen stützend, die Augen auf die Blätter der Taschenbibel geheftet hatte, welche aufgeschlagen auf seinem Schoße lag. Auf dem Tische stand die Schüssel, welche wir in den Händen der alten indianischen Vettel bemerkten. Ihr Inhalt schien unberührt zu sein. Bei dem Geräusche, welches der Eintritt Kellonds verursachte, schrak die Andächtige leicht zusammen und hob den Kopf. Es war Lovely, wie der Leser nach den zwischen Morton und Kellond gefallenen Äußerungen bereits geahnt haben wird. Das arme Kind war sehr blaß geworden seit dem Tage, wo wir es im Walde von Swanzey mit Hih-lah-dih an der Quelle zusammentreffen sahen. Lovely hatte seither Schreckliches erlebt, aber das Bitterste war gewesen, als man sie auf Merry-Mount ihrem Vater und Großvater von der Seite riß und die beiden samt dem Kapitän Standish wegführte, sie wußte nicht wohin. Seither war sie in das Gemach, in welchem wir sie jetzt finden, eingeschlossen gewesen und hatte niemand zu Gesicht bekommen, als die alte Indianerin, welche ihre schüchternen Fragen entweder gar nicht beachtete oder nur mit einem mürrischen Gebrumm erwiderte. Trotz der qualvollen Sorgen aber, denen sie hingegeben war, trotz der Verlassenheit, in welcher sie sich befand, glimmte in den Augen Lovelys eine Funke von Mut und Vertrauen. Seit sie mit den Ihrigen aus ihrem Heimatlande geflohen, hatte sie eine lange, lange Reihe von Gefahren und Schrecknissen durchgemacht. Die menschliche Natur besitzt ungeachtet ihrer Schwäche auch wieder eine Zähigkeit, die aus dem Übermaß der Leiden eine gewisse stoische Resignation schöpft, eine Resignation, welche in edleren Gemütern gleichsam mit den sie bedrängenden Gefahren und Schmerzen wächst. Ist der Mensch erst über jene gefährliche Phase des Kummers hinaus, wo die Erschlaffung seiner Seele ihn der Verzweiflung in die Arme schleudert, so regt sich in ihm immer wieder jenes elastische Gefühl, welches man Hoffnung nennt. Sie flüstert ihm zu: Das Unglück wird seine Wut erschöpfen, der Sturm wird vertoben, nach dem Gewitter lächelt die Sonne wieder durch die Wolken. Sie hebt ihn über die Schmerzen der Gegenwart hinweg, tut die Zukunft vor ihm auf und gestaltet seine Wünsche zu frohen Ahnungen. So kann es unmöglich fortgehen, also muß es anders werden, sagt sich der Unglückliche, und wie oft auch diese Folgerung als eine trügerische sich erweist, immer ist sie tröstlich und ermutigend. Lovely schöpfte jedoch ihre Kraft nicht aus derartigen scheinbaren Vernunftgründen, sondern aus einer andern Quelle, aus ihrem religiösen Glauben. Wie wir schon früher erwähnten, war sie streng in den Grundsätzen des Puritanismus erzogen worden, der mit seiner unbedingten Ergebung in die Ratschlüsse Gottes eine starke Ähnlichkeit mit dem Fatalismus des Islam hatte. Wenn je ein Christ den Ausspruch der Schrift, daß ohne Wissen und Zulassung Gottes kein Haar vom Haupte eines Menschen falle, wörtlich nahm und mit allen seinen Konsequenzen festhielt, so tat es der Puritaner, welcher sich demzufolge stets im unmittelbaren Schutze des Höchsten wußte. Alles Mißgeschick, welches ihn traf, sah er nur als eine Prüfung und Läuterung seiner Überzeugung von der Gerechtigkeit Gottes an, um so mehr, da seine Vorstellungen von Gott durchweg eine alttestamentliche Färbung trugen. Sein Gott war der Jahve der Kinder Israel, der in Wetterwolken einherfährt und die Schalen seines Zorns ausgießt über das schwache, sündhafte Menschengeschlecht, welches sich ohne Murren seinem unerforschlichen Willen zu fügen hat. Wie man auch über diese religiöse Anschauungsweise denken mag, so viel ist gewiß, daß die von ihr erfüllten Puritaner Dinge vollbrachten, welche zu den größten der Weltgeschichte gehören. Wir wollen uns jedoch hier nicht des näheren darauf einlassen, sondern das uns Zunächstliegende ins Auge fassend, nur sagen, daß, so jung und zart und schmerzerfüllt auch Lovely war, sie aus dem puritanischen Gottvertrauen eine Stärke schöpfte, welche sie aufrecht erhielt. Außerdem aber regte sich in ihr noch ein Gefühl, welches sie freilich sittsam vor sich selber zu verbergen bemüht war, das Gefühl, daß der junge Mann, welcher in einem entscheidenden Augenblicke schon einmal ihr und der Ihrigen Retter geworden, abermals hilfreich in die düsteren Wirrsale, von denen sie umgeben war, eingreifen würde. Sie konnte nicht müde werden, an jene Szene an der Seebucht, welche Groot Willem seine Vrolykheid nannte, zurückzudenken und sich dieselbe in allen ihren Einzelheiten auszumalen. Dabei trat ihr freilich auch der schreckliche Mensch entgegen, welcher damals nahe daran gewesen, sie und die Ihrigen zu ergreifen, und der sie unlängst auf Merry-Mount mit teuflischem Triumphlachen empfangen hatte. Sie befand sich jetzt, während die Ihrigen in der Gewalt des furchtbaren Zerstörers von Swanzey geblieben, in den Händen jenes Menschen, vor dessen Absichten sie, ohne dieselben zu ahnen, dennoch eine dunkle Furcht hegte. Den ganzen Tag hatte diese unheimliche Empfindung ihr das Herz beschwert, bis sie endlich, nachdem die indianische Alte ihre Lampe angezündet, in dem Buch, welches sie von Kindheit an als Quelle alles Trostes anzusehen gewohnt war, Beruhigung gesucht und gefunden. Aufgestört durch den Eintritt Kellonds, warf sie einen scheuen Blick auf ihn. Dann ließ sie den Kopf wieder sinken und verharrte unbeweglich in ihrer Stellung. Draußen begann das Gewitter zu tosen, ohne jedoch schon sein ganzes Ungestüm zu entfalten. Kellond blieb an der Tür stehen und betrachtete Lovely mit Kennerblicken. Sie fühlte instinktmäßig die Frechheit dieser Blicke, das Rot der Beklemmung und Scham färbte ihre bleichen Wangen, sie legte die Bibel auf den Tisch und verhüllte sich das Gesicht mit den Händen. Den Mund des graubärtigen Wüstlings umzog ein lüsternes Lächeln, seine Augen blinzelten, und er murmelte für sich: »Ein appetitliches Dingelchen und ganz wie ein Nönnchen, Gott verdamm mich!« Das Mädchen war in der Tat reizend, nur zu reizend anzusehen. Von ihrem gesenkten Kopf wallten ihre schönen dunkelbraunen Haare halb aufgelöst über Nacken und Arme herab, und es lag in ihrer Stellung jenes jungfräuliche Entsetzen, welches für alte Sünder so lockend sein soll. Endlich ging er vorwärts mit einem Schritt, welchen die Anstrengung, womit seine aufgestachelte Begierde gegen den Taumel der Trunkenheit ankämpfte, zu einem ziemlich festen machte, ergriff die Hand des Mädchens und versuchte sie an seine Lippen zu führen. Lovely stand mit einem leisen Angstruf auf, öffnete erschrocken ihre Augen und entzog ihm ihre Hand. Kellond zwang sich einen Anschein von Mäßigung auf, als er den verwirrten und entsetzten Blick sah, welcher unter ihren langen seidenen Wimpern hervorkam. »Mein liebes Täubchen,« sagte er, »du brauchst dich gar nicht zu fürchten. Ich bin der gutmütigste Mensch von der Welt und komme her, dir zu sagen, daß ich dein Beschützer sein will und die Absicht habe, dich sicher zu den Deinigen zu geleiten, welche für kurze Zeit von dir zu trennen Umstände geboten, die ich dir seinerzeit auseinandersetzen werde.« Einen Moment, aber auch nur einen Moment lang beruhigte diese Sprache das Mädchen. Sie hob den Blick, um ihn fragend auf Kellond zu richten, aber alsbald schlug sie ihr Auge wieder zu Boden. Denn sie hatte auf den Zügen des Mannes ein Lächeln wahrgenommen, dessen Bedeutung ihre Unschuld zwar nicht erraten konnte, das aber ihre Seele mit hoher Bangigkeit erfüllte. Es war ein Lächeln, welches den Verteidigungsinstinkt, der in jungfräulichen Wesen schlummert, wachruft. Kellond fühlte, daß er nicht ganz leicht zum Ziele kommen würde. Seine Brutalität war überdies großen und feinen Umschweifen abhold. »Hör, mein Schätzchen,« hob er wieder an, »das Wetter draußen orgelt so laut, daß das Schwatzen beschwerlich ist. Wollen daher damit nicht die Zeit verlieren. Du bist ein schmuckes Dämchen, Gott verdamm mich, und mir geht nichts über schmucke Dämchen. Noch keins hat mirs aber so angetan wie du, kleine Hexe. Ich bin dir heftig, allmächtig heftig zugetan, siehst du. Ich will dich zu den Deinigen bringen, das will ich, Gott verdamm mich! Aber du wirst begreifen, daß meine Güte auch ihres Lohnes wert ist. Das begreifst du, Kleine, nicht wahr? Ja, mit ein bißchen Liebe, die meinethalb nicht länger zu währen braucht als 'ne Nacht, kann man mit mir alles anfangen.« Und er langte nach der Hand Lovelys. Sie verbarg die eine ihrer Hände hinter sich und preßte die andere fest auf ihr von Angst zusammengeschnürtes Herz. Zwei große Tränen rollten aus ihren Augen über ihre Wangen herab. Kellond verschlang sie mit seinen Blicken. »Wie herzig du bist, mein Täubchen,« sagte er, »ja allerliebst, Gott verdamm mich! Aber auch wie närrisch! Was ist denn da zu weinen, wenn ein Mann dich schön findet und es dir beweisen will?« Damit streckte er die Arme aus, um sie um ihren schlanken Leib zu legen. Lovely entschlüpfte ihm, trat einige Schritte zurück und richtete sich hoch auf. Ein furchtbarer Donnerschlag machte die Wände des Hauses schüttern. »Hört,« sagte sie mit einem Anflug von religiösem Enthusiasmus, »hört Ihr, wie der Herr im Wetter spricht? Demütigt Euch vor seiner Stimme!« Ihr Busen hob sich, ihre Wangen färbten sich purpurn, keine Spur von Tränen hing mehr an ihren Wimpern, und auf ihrer Stirn thronte ein edler Stolz. Allein unter diesem Stolz der Jungfrau barg sich die Schwäche des Kindes, welches durch das Gefühl der Verlassenheit fast zu Boden gedrückt wird. Sie senkte ihr schönes Köpfchen wieder unter der Wucht ihrer Angst, und ein schwerer Seufzer entströmte ihren Lippen. »Ich höre und sehe nichts, gar nichts als dich, mein Täubchen,« versetzte Kellond, abermals auf sie zuschreitend und mit seinen dreisten Händen eine Liebkosung versuchend. Lovely schwankte, als müßte sie vor Scham zu Boden sinken. Da plötzlich in ihrem Entsetzen Kraft findend, stürzte sie vorwärts, und ihre ausgestreckten Hände trafen die Brust des rohen Menschen so heftig, daß er das Gleichgewicht verlor und schwerfällig rücklings hinfiel. »Verdammt sei dieser spanische Wein!« murmelte der Elende, indem er sich nicht ohne Anstrengung erhob. Die Adern seiner Schläfen schwollen an, sein Gesicht war braunrot. »Warte, Närrchen,« rief er aus, auf das Mädchen losfahrend, »wir wollen dem Spiel ein Ende machen. Deine Sprödigkeit ist größer, als die einer Nonne sein kann, und ich will dir zeigen, daß Tom Kellond nicht der Mann ist, welcher sich Faxen vormachen läßt.« Und nun begann zwischen dem Mädchen und dem Manne ein Ringen und Jagen, welches eine furchtbare Katastrophe vorhersehen ließ. Von Angst beflügelt, floh Lovely leicht wie ein Vogel durch das Gemach. Kellond verfolgte sie und erschöpfte seine Kräfte bei dieser Verfolgung. Seine Kehle schnaubte, und keuchend mischte er in gemeine Schmeichelworte die Eingebungen seines Zorns. Lovely war auf die Tür zugeeilt, welche der, durch die der Schändliche eingetreten, gegenüberlag. Sie stemmte sich mit der ganzen Kraft ihres armen schwachen Körpers dagegen und stieß einen herzzerreißenden Hilferuf aus. Aber nur das Geroll des Donners antwortete ihr, und die von außen verriegelte Tür wich und wankte nicht. Kellond stürzte auf sie zu, und es gelang ihm, sie für einen Augenblick zu fassen. Aber wieder entwischte sie ihm, und die schreckliche Jagd begann abermals. Doch die Kräfte des Mädchens schwanden, ihr Schluchzen benahm ihr den Atem, die Tränen verdunkelten ihren Blick, sie schwankte und hielt sich nur mit äußerster Anstrengung aufrecht. Der Frevler, welcher seinen Sieg nahe sah, bot alles auf, denselben zu beschleunigen. Sein Keuchen war entsetzlich anzuhören, er lachte und fluchte in einem Atem und stieß abscheuliche Schimpfworte und niederträchtige Drohungen aus. Seine blutunterlaufenen Augen traten aus ihren Höhlen, sein grauer Bart sträubte sich, sein abwechselnd mit Bleifarbe und mit Violett bedecktes Gesicht verzerrte sich. Als Lovelys irrer Blick diesem Gesicht begegnete, diesem Gesicht, welches nichts Menschliches mehr hatte, sondern einer wütenden Bestie anzugehören schien, da verließ sie ihr Mut und ihre Kraft. Sie fiel mit einem Klageruf zu Boden. Aber auch seine Kräfte waren zu Ende. Der Weindunst wirbelte in seinem Gehirn, und die krampfhafte Begierde schüttelte seinen Körper. Unfähig, sich länger auf den Beinen zu halten, schlug er wenige Schritte vor Lovely plump auf den Boden hin. Draußen hatte das Toben des Ungewitters für einen Augenblick nachgelassen. Das Gebell der Wolfshunde drang in die Stille des Gemaches. Das Schnauben und Keuchen Kellonds erweckte Lovely aus ihrer Lethargie. Sie sah, wie der Nichtswürdige sich auf seine Knie aufrichtete und sich ihr näher schleppte. Ein häßliches Lächeln des Triumphs lag auf seinen verzerrten Zügen. Schon berührte seine Hand den Saum von Lovelys Kleid, als sie vom Boden sich emporschnellte. Der namenlose Abscheu, womit der Anblick des wüsten Menschen sie erfüllte, gab ihr Kraft und Geistesgegenwart zurück. »Sei verflucht und verdammt!« schrie Kellond mit schäumendem Munde und raffte sich auf, um die Verfolgung von neuem zu beginnen, während draußen das Gewitter wieder mit verstärkter Macht losbrach. Ein glücklicher Einfall durchblitzte Lovely. Sie flog auf den Tisch zu und stürzte die Lampe um, daß sie erlosch. Kellond stieß ein Gebrüll der Wut aus. »Und es soll dir doch nichts helfen, vermaledeite Hexe!« schrie er im Paroxysmus seines Wahnsinns. »Ich will dich zur Metze machen, und stellte sich euer puritanischer Herrgott leibhaftig zwischen mich und dich.« Ein Donnerschlag übertönte die Stimme des Schurken, welcher mit ausgestreckten Armen in dem finstern Gemach umherraste, sein Opfer zu ergreifen. Lovely zwang den Atem in ihre wogende Brust zurück, um durch keinen Laut ihre Stellung zu verraten. Da verriet sie ein Blitz, dessen Schwefellicht durch die Spalte eines der Fensterladen züngelte. Sie lehnte an der Tür, welche auf die Galerie führte. »Hab' ich dich?« schrie der Wütende und warf sich mit dämonischem Lachen auf sie. Ein Schrei tödlicher Angst brach aus dem Munde Lovelys. Aber in dem Augenblicke, wo sie den heißen Atem des Rasenden ihre Wange beflecken fühlte, wich die Tür hinter ihr, und sie wäre rücklings zu Boden gestürzt, wenn sie nicht ein starker Arm aufgefangen hätte. Mit einem schrecklichen Fluche stürzte ihr Kellond nach. Da flimmerte es dem Mädchen vor den Augen. Sie hörte Männerstimmen und ein Getrappel von Fußtritten. Die frische Luft schlug ihr ins Antlitz, und nun sah sie halb bewußtlos das Gesicht des Unbekannten, der sie in seinen Armen hielt, über sie gebeugt, und sah im Schein der Blitze, wie Thorkil Wikingson mit nervigen Armen ihren Verfolger an Brust und Kehle faßte, ihn emporwirbelte und über das Geländer der Galerie hinweg in den Abgrund schleuderte. Weiter sah sie nichts mehr, aber indem sie ohnmächtig zusammenbrach, gellte ihr der furchtbare Todesschrei in die Ohren, womit der Elende in seinem Falle den Donner überbrüllte. Das Gewitter war vorüber, die Wolken hatten sich entleert, und das bleiche Licht der Sterne erhellte die Prärie, während im Osten das erste Tagesgrauen am Horizont emporstieg. Ein paar Büchsenschüsse von Merry-Mount entfernt sah man eine kleine Gruppe in westlicher Richtung sich gegen den Wald hinbewegen. Lovely saß auf einem Pferde, dessen Zügel von dem zur Seite schreitenden jungen Jäger gehalten wurde. »O, Thorkil, 0, mein Retter!« hatte die Gerettete ausgerufen, als sie durch die liebevollen Bemühungen des Jünglings wieder zum Bewußtsein gebracht worden war. Es war in diesen Worten die ganze Fülle unaussprechlichen Dankes gelegen, aber mehr noch hatten die Augen des Mädchens gesagt. Während er jetzt mit der einen Hand das Pferd leitete, ruhte seine andere in der Lovelys. Sie hatte dieselbe nicht mehr losgelassen, seit er sie in den Sattel gehoben. Auf der andern Seite der Reiterin ging De Lussan. »Was hätte ich meiner Herrin sagen müssen, wenn wir eine Stunde später gekommen!« hatte der Flibustier ausgerufen, nachdem der schreckliche Auftritt auf der Galerie vorüber war. Als die drei die Prärie durchschritten hatten und am Waldsaum angelangt waren, machten sie Halt, als warteten sie auf jemand. »Wie ist Euch, Mistreß Kordelia?« flüsterte Thorkil. »Ihr müßt furchtbar erschöpft sein.« »O, nein,« versetzte sie leise, den Druck seiner Hand erwidernd. »Es ist alles gut. Ihr seid ja bei mir, Thorkil.« Und die Worte: »Ihr seid ja bei mir!« hatten jenen Klang, der das Herz eines Liebenden vor Entzücken hoch aufpochen macht. »Wo nur Willem so lange bleibt,« sagte De Lussan nach einer Weile ungeduldig. »Wir sollten keinen Augenblick verlieren, um das arme Kind nach einem Orte zu bringen, wo es Pflege und Ruhe finden kann. Doch da kommt er ja.« Vollen Laufs sah man den alten Trapper von seinem Hunde begleitet, über die Prärie daherkommen. In dem Augenblick, wo er die Gruppe erreichte, hörte man von dem Hügel her ein furchtbares Gekrach, wie unterirdischen Donner. Die Erde zitterte, eine ungeheure Qualmschicht erhob sich in die Luft, und dann schlug eine rote Lohe durch die schwarze Dunstmasse und flammte prächtig himmelan. »Was ist das?« riefen Thorkil und De Lussun wie aus einem Munde. »Ein kleines Feuerwerk,« versetzte Groot Willem mit zornigem Lachen. »Seht, dort geht der lustige Berg zum Teufel! Ich wußte, wo das Pulver lag – 's ist aus mit der Wirtschaft des brüllenden Tom. Die Trümmer mögen ihm sagen, daß es Leute gibt, welche Übeltaten zu rächen wissen. – Doch jetzt vorwärts! Wir haben weit bis zu Vater Blackstones Einsiedelei.« 4. Und Ruth antwortete: Rede mir nicht davon, daß ich dich verlassen und von dir umkehren solle. Denn wo du hingehest, da will auch ich hingehen, und wo du bleibest, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk, und dem Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, dort sterbe auch ich, dort will auch ich begraben werden. Der Herr tue mir dies und das und noch mehr, wenn nicht der Tod allein uns scheiden muß. Buch Ruth , 1, 15–17. Wir machten die Bekanntschaft des Vater Blackstone, als er, reitend auf seinem Bukephalos, nach dem seither vom Verderben heimgesuchten Swanzey kam, um seinen Freund Eaton von seinen Beobachtungen und Befürchtungen in Kenntnis zu setzen. Die Siedelei des Alten lag eine kurze Tagereise westwärts von Merry-Mount im dichtesten Urwald, welchem das Beil des Einsiedlers eine kleine Lichtung abgewonnen hatte. Seine Hütte, wie sie inmitten eines sorgfältig gepflegten Gemüse- und Obstgartens auf dieser Lichtung errichtet war, hatte etwas Trauliches zugleich und Malerisches. Man sah es dem Häuschen, dessen Wände hinter Baumspalieren verschwanden und dessen Dach das üppige Geranke wilder Reben mit einem dichten grünen Netz überzogen hatte, gleichsam schon von weitem an, daß es einem Menschen zur Heimat diente, welcher, wie mit sich selbst, so auch mit aller Welt in Frieden lebte. In einer Einfenzung zur Seite weidete Bukephalos in Gesellschaft des Pferdes, welches Lovely hergebracht hatte, sowie einer kleinen Kuh und einer ganzen Kolonie jener Murmeltiere der amerikanischen Savannen, welche man Präriehunde nennt. Am Eingänge des Häuschens lag, an einem Lederstrick angekettet, ein Wächter, wie er dieser Waldeinsamkeit wohl anstand, ein zahmer Bär, dem ein gezähmter Steinadler, welcher über ihm auf einer Stange saß, zur Gesellschaft diente. Ein junges Musetier, dessen stattliches Geweih zum erstenmal »schob«, lief frei umher und stutzte nur leicht, als jetzt Groot Willem, der im Walde gewesen, über die Lichtung auf die Hütte zuschritt. Der alte Trapper war, wie alle Menschen, welche die Einsamkeit lieben, ein großer Freund von Tieren und sowohl er als sein Hund, der ihm auf den Fersen folgte, waren hier alte Bekannte. Der Bär erhob sich bei seinem Herannahen und wiegte sich mit freudigem Gebrumm auf den Hinterpfoten, der Adler schlug kreischend mit den Flügeln, das Musetier rieb sich den Hals am Arm des Jägers und schaute ihn mit seinen schönen braunen Augen zutraulich an, als er stillstand, um die ihm gegebenen Beweise von Freundschaft gebührendermaßen zu erwidern. »Der Vater Blackstone,« sagte er bei sich, »führt doch mit seinen Tieren ein recht froliksames Leben. Wenn mir die Knochen einmal steif werden, muß ich trachten, mir tief im Walde auch so 'ne Art von Einsiedlerklause anzulegen, wahrhaftig, das muß ich. Und Tiere muß ich mir zur Gesellschaft zähmen,« fügte er hinzu, indem sich seine Züge verdüsterten, »denn mein lieber Junge wird sich, vermut' ich, sein eigenes Nest bauen wollen – ja, ja. Doch das ist Natur, und die muß ihr Recht haben.« So trat er in das Haus und durch die Hintertür in den Garten, von woher er die Stimmen des Einsiedlers und De Lussans vernahm. Die beiden saßen im Schatten eines Apfelbaumes, und der Flibustier hörte den Erzählungen seines Wirtes mit der Artigkeit eines wohlerzogenen Franzosen zu. Zugleich bemühte er sich, einem vor ihm stehenden Getränke, welches aus gegorenem Ahornsaft bestand und von dem Vater Blackstone als der Gesundheit höchst zuträglich gerühmt wurde, Geschmack abzugewinnen, was ihm aber nicht sehr zu gelingen schien. »Nun, wie ist's?« rief er dem Ankömmling entgegen. »Bringt Ihr eine Bestätigung der Vermutungen unseres ehrenwerten Wirtes?« »Vater Blackstone,« versetzte Willem, »ist in den Zeichen der Wälder zu erfahren, um sich in so etwas zu täuschen. Es ist etwas in den Forsten, Kapitän, was mich um des lieben Mädchens willen wünschen läßt, daß wir ungesäumt aufbrechen, um noch heute Fort Tabor zu erreichen. Es liegt ohnehin an unserem Wege, der uns nach Süden zu gegen die Landzunge von Mountaup hinabführt, wo wir den Nachrichten zufolge, die ich aus der höllischen roten Vettel auf Mount Wallaston herauspreßte, wißt Ihr – beim Duivel, 's war kein geringes Stück Arbeit! – die Leute finden sollen, welche wir suchen,« »Ihr glaubt also, wir seien hier nicht sicher?« »Wir? Bah, Kapitän, was uns angeht, so brauchen wir uns nicht zu fürchten. Aber das arme Kind, wißt Ihr, möchte ich, bevor die Nacht anbricht, hinter den Palisaden des Forts wissen. Es sind rote Krieger in den Wäldern und, wie ich glaube, auf unserer Spur. Wer kann sagen, was sie für eine Teufelei anrichten, wenn es erst Nacht geworden? Ich fürchte, wir haben eine große Unbesonnenheit begangen, daß wir uns in Providence nicht des grimmen Annawon zu versichern suchten. Er ist ein eingefleischter Teufel. Wir müssen fort, um des Mädchens willen. Die Sonne steht noch hoch genug, um uns mehr als die Hälfte des Weges zu leuchten. Ja, der verteufelte Annawon! Hätte den Burschen fassen sollen, sag' ich Euch, Kapitän. Metakom hat sicher schon lange Wind von dem, was in Providence vorgegangen, und weiß, wie wir jetzt zu ihm stehen. – Aber wo sind denn die Kinder?« Der Seemann lächelte schelmisch, indem er sagte: »Sie waren gerade noch da. Ich sah das schöne Kind mit seiner Bibel dort hinausgehen, und Thorkil ist ihm gefolgt, wahrscheinlich um die Responsen des Gebetes herzusagen.« »Wahrscheinlich hat er dem Mädchen den Wasserfall hinten bei den beiden Ulmen zeigen wollen,« bemerkte der gute Einsiedler arglos. »Es ist ein lieblicher Ort.« »Wahrscheinlich, ja, sehr wahrscheinlich,« versetzte Groot Willem, indem sowohl er als De Lussan das Gesicht abwandten, um ihr Lachen zu verbergen. »Doch kommt, Kapitän,« setzte er hinzu, »wir wollen sie suchen, Während uns Vater Blackstone den Gefallen tut, das Pferd zu satteln.« Der Kapitän folgte dem Trapper, welcher rasch den Garten durchschritt. »Hört, Freund,« sagte De Lussan im Gehen, »ich will Euch einmal einen Beweis liefern, daß ich es in der bildlichen Ausdrucksweise der Eingeborenen dieses Landes schon ziemlich weit gebracht habe. Es kommt mir vor – foi de gentilhomme ! – als sähe ich eine Blumenkette, deren eines Ende an dem Herzen unseres jungen Freundes, deren anderes Ende an dem Lovelys befestigt ist. Ist das richtig indianisch gesprochen?« »Richtig indianisch und richtig menschlich. Aber was wollt Ihr, Kapitän? Das ist Natur, und ich war dabei, als die ersten Glieder dieser Kette geflochten wurden. 's war an dem Ort, welchen ich meine Vrolijheid zu nennen pflege, wißt Ihr? – Doch still,« fügte er bei, vor einem hohen und dichten Sumachgebüsche stehen bleibend, dessen Zweige er auseinandergebogen, um hindurchzuschreiten, »still, Kapitän, und seht dorthin.« Der Flibustier brachte sein Auge an die kleine Öffnung in der grünen Wand, und beide Männer blieben regungslos stehen. Seit Lovely gestern in der Siedelei angekommen, hatte sie mittels eines langen und tiefen Schlafes ihre physischen und psychischen Kräfte wiederhergestellt. Sowie sie sich nun im Vollbesitz derselben fühlte, drängte es sie, vor allem dem ihren Dank darzubringen, welcher ihrem innigen Glauben zufolge ihr die Freunde zur Hilfe gesandt, durch die sie im Augenblicke höchster Gefahr dem Verderben entrissen worden war. Sie nahm daher das heilige Buch zur Hand und suchte einen stillen Platz, ihre Andacht zu verrichten. So ging sie durch den Garten und trat aus demselben in den Wald hinaus. Am Rande eines schmalen klaren Baches, der, aus der Tiefe des Forstes hervorkommend, die Gartenanlagen des Einsiedlers bespülte und unfern von der Siedelei den von Blackstone erwähnten Wasserfall bildete, ließ sie sich nieder und strömte, wie sie gewohnt war, ihren Dank gegen Gott mit den Worten der Bibel aus. Und doch war, wohl zum erstenmal in ihrem Leben, die Seele des Mädchens nicht völlig und ganz bei dem, an welchen ihre Worte gerichtet waren. Wir schließen dies daraus, daß sie der leisesten Störung acht hatte, einer Störung, welche durch das kaum hörbare Hingleiten eines Fußtrittes über das Moos verursacht wurde. Lovely blickte auf und sah jenseits des Büchleins den jungen Jäger vor sich. In welcher Absicht Thorkil gekommen, wissen wir nicht, aber daß er kam, ist eine Tatsache. »Die bewußte Kette hat eine größere Zugkraft als die stärkste Bulie meines Schiffes,« flüsterte hinter dem Sumachgebüsch der Seemann dem alten Trapper ins Ohr. Lovely faltete die Hände über der Bibel, welche auf ihrem Schoße aufgeschlagen war, und senkte tief errötend das Köpfchen. Auch Thorkil war sehr verlegen und wußte sozusagen nicht, wohin er seine Hände und Beine tun sollte. Endlich faßte er sich einigermaßen und sagte stockend: »Verzeiht, Mistreß Kordelia« – er wagte es nicht, der arme Junge, das Mädchen mit dessen traulicherem Namen Lovely anzureden – »verzeiht, wenn ich Euch störe. Ich wollte – ich –« »Ihr stört mich nicht, Thorkil,« versetzte sie, und es tat ihm ordentlich wohl, daß sie das steife Master vor seinem Namen wegließ – »Ihr stört mich nicht, aber Euer Anblick erinnert mich daran, daß ich die große Schuld des Dankes, welche Ihr mir auferlegt, noch nicht einmal mit Worten abzutragen oder vielmehr anzuerkennen bemüht war.« »Sprecht nicht davon, sprecht nicht davon! Wenn von Dank die Rede sein soll, so bin ich es, der ihn schuldet. Doch ich wollte sagen, Mistreß, daß Ihr Euch über das Schicksal der Eurigen nicht zu sehr grämen sollt. Wir wissen, daß ihr Leben unversehrt ist, wir wissen, wo wir sie zu suchen haben, und meine Freunde und ich wollen unser Leben einsetzen, um sie Euch wiederzugeben.« »Ich glaub' Euch, ich glaub' Euch, Thorkil. Ihr seid brav und edelgesinnt. O, ich fühle es wohl, daß ich nicht mehr verlassen bin, wie in dem schrecklichen Haus auf dem Hügel.« »Nein, das seid Ihr nicht und werdet es nie mehr sein, wenigstens solange ein Funke von Leben in mir ist. Seht, ich bin nur ein armer einfacher Jäger, aber ich – ja, ich möchte–« Er hielt inne, als fürchtete er, zu viel zu sagen. Lovely hob die Augen zu ihm auf, und ihr Herz lag in ihren Augen. »Ich wollte sagen,« hob er wieder an, »daß wir hoffen, Euch binnen wenigen Tagen den Eurigen wiedergeben zu können, aber dann – dann werdet Ihr mich verlassen, vielleicht für immer – und seht –« Abermals brach er ab, und in dem fragenden Blick, womit er das Mädchen ansah, lag eine brennende Angst. Purpurglut überzog Stirn, Wangen und Nacken Lovelys, ihre Augen, die sich von denen des Jünglings nicht loszureißen vermochten, feuchteten sich, und mit bebender Stimme entgegnete sie: »Thorkil, ein sittsames Mädchen sollte Euch vielleicht nicht verstehen wollen; aber die Fügung Gottes, die uns zusammenführte, ist so wunderbar, daß ich nicht heucheln kann oder mag. Ja, Thorkil, ich verstehe Euch, ich verstehe Eure stumme Frage und – ich kann nicht anders – da nehmt meine Antwort.« Sie schlug die Blätter der Bibel um, stand auf und hielt das heilige Buch dem Jüngling über den Bach hin, mit dem Zeigefinger der Rechten auf die aufgeschlagene Stelle weisend und zugleich mit holder Züchtigkeit ihr Antlitz abwendend. Der junge Jäger faßte das Buch, welches sie mit der linken Hand festhielt, und las entzückt die Stelle, auf deren Anfangsbuchstaben ihre Fingerspitze ruhte. Es waren die rührenden Worte, welche wir an die Spitze des Kapitels gestellt haben, die Worte, welche die kindliche Ruth zu Naemi sprach. »Das ist die seltsamste Liebeserklärung, von welcher ich je gehört!« flüsterte De Lussan, nicht ohne sympathische Regung, seinem Begleiter zu. Der Jüngling las die Stelle wieder und immer wieder, er las sie leise, er las sie laut. Dann offenbarte er all das Glück, welches seine Seele erfüllte, indem er nur halblaut ausrief: »Lovely!« »Thorkil!« erwiderte das Mädchen, das strahlende Antlitz dem Geliebten zukehrend. Und ihre von Seligkeit überströmenden Augen ineinander tauchend, gehorchten sie dem Impulse heiliger Begeisterung, indem sie unwillkürlich die Hände auf den Blättern des teuren Buches verschlangen und so ihre Gelübde ewiger Liebe und Treue austauschten. Der Jüngling überschritt den Bach und drückte seine Lippen auf die reine Stirn seiner Verlobten. Ihren Mund zu berühren, war er nicht kühn genug. Aber in der Jungfrau erwachte die Zärtlichkeit ihres Geschlechtes. Sie schlang die Arme um den Nacken des Geliebten, schmiegte sich bebend an seine Brust und verwehrte ihm nicht ihren süßen Mund. Die Lauscher hinter dem Gebüsche wandten ihre Blicke von dem anmutigen Schauspiel ab, auf welchem der Hauch einer religiösen Weihe lag. »Ich wußte, daß es so kommen müßte,« murmelte der alte Trapper mit väterlicher Befriedigung in seinen Zügen. »Ja, ich wußte es. Das ist Natur, echte, unverfälschte Natur, und die findet ihre Wege.« »Sie sind glücklich, sehr glücklich,« versetzte De Lussan; »ich kann es ermessen, wie glücklich sie sind. foi de gentilhomme , es ist schade, daß wir sie stören müssen.« »Ja, Kapitän, es ist wahrhaftig schade, sehr schade!« 5. Hopp heisa! Zum lustigen Spiele herbei! Ein Wald von Gesichtern in jeglicher Reih! Tripp trapp! Wie schreiten sie stattlich und frei! Heisa, zum lustigen Spiele herbei! Lied der Arena. Das Fort Tabor, wie es puritanischem Brauch zufolge mit einem biblischen Namen genannt wurde, war auf dem linken Ufer des Pawtucket, da, wo die Grenzen der Kolonien von Massachusetts und Plymouth zusammenstießen, durch gemeinschaftliche Fürsorge der beiden Regierungen kurz nach Beendigung des Pequodenkriegs auf einem mäßigen Hügel erbaut worden. Damals hatte man lebhaft das Bedürfnis empfunden, an dem bezeichneten Orte, welcher zwischen den Ansiedelungen an der Seeküste und den weiter im Innern des Landes gelegenen, so ziemlich in der Mitte lag und überdies durch eine sichere Furt über den Fluß ein sehr begangener war, eine befestigte Niederlassung zu gründen, welche bei künftigen Streitigkeiten mit den Eingeborenen den in der Gegend zerstreuten Ansiedlern als Zufluchtsort dienen und zugleich durch Beherrschung der Furt die Verbindung zwischen den beiden Ufern des Pawtucket offen halten könnte. Man darf sich jedoch unter dieser Befestigung keine solche denken, wie sie damals in Europa nach den komplizierten Plänen der militärischen Architektur eines Vauban und eines Koehorn mit Aufwendung ungeheurer Kosten erbaut wurden. Fort Tabor war nicht mehr und nicht weniger als ein echt amerikanisches Blockfort, das heißt eine doppelte Palisadeneinfriedung in Gestalt eines länglichen Vierecks, dessen vier Winkel gebildet wurden durch ebenso viele Blockhäuser, welche der Besatzung zur Behausung dienten und auch solchen Unterkommen boten, die im Fort Sicherheit suchten. Außerdem war für letztere auf dem freien Raum inmitten des Vierecks eine Anzahl von Hütten aufgeschlagen und ein großer Schuppen für das Vieh, welches als eine wesentliche Bedingung ihrer Existenz hierher zu retten die umwohnenden Ansiedler beim ersten Zeichen von Gefahr nicht zögerten. Mitten in der dem Fluß abgekehrten Fronte, welche auf die Pawtucketprärie hinaussah, war der Haupteingang angebracht, ein Bohlentor, dessen zwei Flügel von innen durch einen schweren Balken zugesperrt werden konnten. Über dieser Pforte erhob sich noch eine Aufblockung, eine Warte, welcher man, wenn man sich einige Mühe geben wollte, ansah, daß der Baumeister sich höchlich angestrengt hatte, um ihr eine Art entfernter Ähnlichkeit mit den Zinnen europäischer Festungen zu geben. Auf dieser Warte war der Stolz von Fort Tabor postiert, nämlich eins jener Feldgeschütze, die man im Dreißigjährigen Kriege Falkaunen nannte und welche, zwischen dem Falkonet und der Notschlange mitten inne stehend, Eisenkugeln von zwei bis vier Pfund Schwere schleuderten. Außer diesem Stücke, welches allerdings geeignet war, schon durch seinen Donner den Indianern Respekt einzuflößen, befand sich kein schweres Geschütz in dem Fort. In gewöhnlichen Zeiten war die Besatzung desselben eine sehr friedliche, denn sie bestand nur aus einem Halbdutzend Invaliden, welchen die Kolonialregierungen auf diese Art eine anständige Versorgung sicherten und denen ein Sergeant vorgesetzt war, der zugleich die Rolle eines Zwischenhändlers zwischen den Stämmen der Eingeborenen und den Ansiedelungen spielte. Er besorgte auf Rechnung seiner Auftraggeber den Tauschhandel zwischen den Produkten der Wildnis und denen der Zivilisation, ein Geschäft, in welchem ihm freilich die Insassen vom Merry-Mount, der ein Dutzend englischer Meilen nordöstlich vom Fort lag, meistens den Rang abliefen. Dessen ungeachtet hatten die Indianer Fort Tabor als einen wichtigen Punkt ansehen gelernt. Hier waren viele Verhandlungen zwischen ihren Häuptlingen und den Bevollmächtigten der Kolonien geführt worden. Hier hatte das Ratsfeuer gelodert, die Friedenspfeife ihren Umgang gehalten und war mancher Vertrag abgeschlossen worden. Auf der Prärie hatte auch seit langen Jahren John Elliot, der ehrwürdige Apostel der Indianer, die umwohnenden Stämme alljährlich an bestimmten Tagen versammelt, um ihnen die Lehre des Evangeliums zu predigen, eine Lehre, welche im ganzen allerdings geringen Eindruck auf die Kinder des Waldes gemacht, deren Verkündiger sie jedoch um seiner unerschöpflichen Herzensgüte willen ehren gelernt hatten. In Betracht der angegebenen Punkte war Fort Tabor ein von den Eingeborenen vielbesuchter Ort, und unter gewöhnlichen Umständen hätten es Willem und Thorkil gar nicht auffallend gefunden, daß sie, nach Einbruch der Nacht mit Lovely und De Lussan beim Fort angelangt, einen großen Raum auf der Prärie mit indianischen Büffelfellzelten bedeckt sahen. Ihrem Ansuchen um Einlaß in die Garnison – wie diese Grenzfestungen gewöhnlich genannt wurden – war bereitwillig entsprochen worden, und Thorkil hatte in einem der Blockhäuser gegen die Flußseite ein bequemes Plätzchen für Lovely ausfindig gemacht, obgleich das Fort ziemlich mit Menschen vollgepfropft war, namentlich mit Frauen und Kindern, welche von ihren Männern und Vätern hierher geflüchtet worden, nachdem die Katastrophe von Swanzey und der Zug König Philipps gegen die Ansiedelungen im Westen keinen Zweifel mehr übrig gelassen, daß ein ernsthafter Indianerkrieg mit allen demselben anhaftenden Greueln ausgebrochen sei. Am folgenden Morgen treffen wir den alten Trapper auf der Warte über dem Tore mit einem Manne von soldatischem Aussehen im Gespräche. Dieser Mann, dessen derbe, untersetzte Gestalt seine sechzig Jahre nicht im geringsten hatten beugen können, wurde von Willem mit dem Namen Moseley angeredet und zwar unter Vorsetzung des Titels Major, welchen Rang er wirklich unter den Milizen von Massachusetts einnahm und der bei den damaligen Verhältnissen der Kolonien jedenfalls ein so hoher war als heutzutage der eines Generals in der Union der nordamerikanischen Freistaaten. Als die Regierung von Plymouth die von Boston vom Losbrechen König Philipps in Kenntnis gesetzt, hatte die letztere sogleich einen Trupp von dreißig Milizen unter dem Kommando Moseleys abgesandt, um Fort Tabor zu besetzen. Der Major fand das Fort mit Weibern und Kindern, wie auch mit gerettetem Vieh angefüllt, und da er von dem Sergeanten hörte, daß noch nicht die geringste Feindseligkeit gegen den Platz versucht worden sei, so verwünschte er einen Posten, welcher ihn zwang, untätig hinter den Palisaden zu liegen, statt draußen in den Wäldern auf die grölzenden Giaurs, wie er die Eingeborenen verächtlich nannte, loszuklopfen. Moseley war ein tapferer Soldat. Engländer von Geburt, hatte er, kaum ins Jünglingsalter getreten, unter den Fahnen Gustav Adolfs in Deutschland und später unter dem kaiserlichen Banner in Ungarn gegen die Türken gefochten, von welchen er das Wort entlehnte, womit er die Indianer bezeichnete. Später, ging die Sage, habe er sich auch in Westindien als Bukanier versucht, doch erfuhr man hierüber nichts Bestimmtes. Er war mit einer hübschen Summe Geldes in die Kolonien gekommen, hatte sich an der Massachusetts-Bai angekauft und war, da er, obgleich nicht sehr religiösen Sinnes, dem Glaubensbekenntnis der Bostoner Gemeinde beitrat, um seiner militärischen Eigenschaften willen bald ein angesehener Mann geworden. Er hatte Gelegenheit gehabt, in früheren Konflikten der Kolonisten mit den Eingeborenen seine Tapferkeit so sehr zu bewähren, daß die letzteren den »Häuptling mit den zwei Skalpen« gehörig fürchteten. Dieser seltsame Name war ihm nämlich von den roten Kriegern gegeben worden, weil er eine Perücke trug, die erste, welche in den Kolonien getragen wurde, und diese Perücke zur unbeschreiblichen Verwunderung der Rothäute bei Anfang des Treffens an einen Baum zu hängen pflegte. Groot Willem hatte einmal Gelegenheit gehabt, das kostbare Haarkunstwerk in einem Scharmützel den Händen eines Pequoden zu entreißen, und seither existierte eine Art Freundschaft zwischen dem Major und dem alten Trapper. Ungeachtet der guten Dienste aber, welche Moseley den Kolonien geleistet hatte, war seine Wahl zum Befehlshaber von Fort Tabor, falls man auf die Behauptung dieses Platzes irgendwie Gewicht legte, keine glückliche zu nennen. Denn fürs erste verachtete er die »grölzenden Giaurs« viel zu sehr, um ihnen gegenüber stets die nötige Vorsicht zu beobachten, fürs zweite war er stolz auf seine in der alten Welt gemachten kriegerischen Erfahrungen, ganz darauf versessen, den Krieg nach europäischen Grundsätzen zu führen, gerade wie er es sich nicht nehmen ließ, in der für den Waldkrieg höchst unpassenden Tracht eines Hauptmanns einer Musketierkompagnie Kaiser Leopolds I. an der Spitze seiner Milizen zu marschieren. Er war leichtgläubig, so daß man ihm leicht etwas weismachen konnte, und doch trug er zugleich unter seiner Perücke einen Starrkopf, der sich von einer einmal gefaßten Meinung, war es eine richtige oder falsche, schlechterdings nicht mehr abbringen ließ. Der Major lehnte an der Lafette der Falkaune und war eifrig damit beschäftigt, eine von dem alten Jäger vorgebrachte Meinung zu bestreiten. »Sag' Euch, Mann,« bemerkte er, »Ihr seid gewaltig auf dem Holzweg, wie die Deutschländer zu sagen pflegen. Ist nicht die Spur eines Schattens einer Idee von Gefahr vorhanden – Passateremtetem! Die grölzenden Giaurs da unten sind gar nicht von der Bande des Sumpfkönigs von Mount Hope, welchem die Pest in den Leib fahren möge! Sag' Euch, 's sind Nipmuken, lauter Nipmuken, kein Bein von Wampanogen oder Pokanoketen oder Naragansettern unter ihnen. Ja, 's sind Nipmuken, pure Nipmuken. Wollte, als sie gestern auf die Prärie kamen, zuerst auf sie lospfeffern, so wollt' ich. Kam aber ihr Häuptling, der Truthahn – was dieses Gesindel für schnakische Namen führt! – ins Fort und überreichte mir die Friedenspfeife, die ich auch annahm.« »Ah-ton-wi-tuck (der Truthahn) ist unter ihnen?« versetzte Willem, der über die Brustwehr der Warte hinweg das indianische Lager auf der Prärie draußen scharfen Blickes musterte. »Nehmt Euch in acht, Major, dieser Häuptling ist einer der verschlagensten Bursche, welche je eine indianische Teufelei ausheckten.« »Bah, mit Euren Teufeleien! Ist eitel dummes Zeug – Passateremtetem! Ja, wenn's Türken wären, da wär's noch der Mühe wert, von Teufeleien zu reden. Das Lumpengesindel da unten hat seine Maisernte eingeheimst und ist nun nach seiner Gewohnheit gekommen, das große Ballspielfest zu begehen, wie dasselbe seit unvordenklicher Zeit alljährlich nach der Maisernte auf der Pawtucket-Prärie begangen wird.« »Das klingt ganz unverfänglich, und möglicherweise ist's auch unverfänglich. Aber dennoch, Major, seid auf Eurer Hut!« »Ei, zum Teufel, Mann, meint Ihr, ich wüßte nicht, was meine Pflicht sei? Aber Ihr kommt mir ja ganz wunderlich vor, 's ist, als ob Ihr Furcht hättet – Passateremtetem! Sag' Euch, dieser ganze indianische Kriegslärm – wollt' ihm übrigens schnell ein Ende machen, wenn man mir ein paar tüchtige Kompagnien und zwei Kartaunen gäbe – ja, dieser ganze indianische Kriegslärm ist schon am Ausmachen. Da war gestern am späten Abend der Tom Morton von Merry-Mount da – ein lustiger Hund bei Krug und Becher, Passateremtetem! – der gab mir Nachricht, daß Roger Williams in Providence nahe daran sei, den ganzen Span beizulegen. Er hätte namens der Kolonien dem Wampanogen und dem Naragansetter Vergleichsvorschläge gemacht, und die Sachems hätten sich bereit erklärt, dieselben anzunehmen. So wird denn der Spaß ein ganz miserables Ende nehmen.« »Der brüllende Tom war gestern hier?« »Ja, eben der. Der Kerl wollte mir noch mehr sagen, aber da sahen wir gegen Tagesanbruch einen mächtigen Feuerschein über den Wäldern aufgehen, und weil er sich die närrische Idee in den Kopf setzte, sein Merry-Mount stände in Flammen, ist er wie toll weggeritten.« »So, so!« entgegnete Willem, ein Lächeln verbeißend. »Aber glaubt Ihr denn, Major, das, was Euch der brüllende Tom vormachte, sei wahr? Ihr wißt doch, wie er zu dem Volk in den Ansiedelungen steht?« »Stand, wollt Ihr sagen, Mann. Ja freilich, schlecht genug stand er zu den Pilgern der Wildnis – ein dummer Name, Passateremtetem! – aber der Hund will sich, scheint es, bekehren und hat der Bostoner Regierung seine guten Dienste angeboten. Man sagt, der alte John Elliot, der die merkwürdige Liebhaberei hat, den grölzenden Giaurs vorzupredigen in ihrer eigenen gottverdammten Gurgelei, welche sie für eine Sprache ausgeben – ja, man sagt, der alte John hätte ein Bekehrungswunder an dem brüllenden Tom getan, was weiß ich? Kurz und gut, ich habe die Order, mich besagten Mortons bei Gelegenheit zu bedienen, weil selbiger vermöge seiner ausgebreiteten Bekanntschaft mit den rothäutigen Lumpen zur Kundschafterei und sonstigen Negotiationen sehr tauglich sei.« »Was die ausgebreitete Bekanntschaft angeht, so hat es damit seine Richtigkeit. Was Euch aber der brüllende Tom von einem bevorstehenden Friedensschlusse mit den beiden Sachems vorgeflunkert hat, ist, vermut' ich und glaub' ich, pure Teufelei. Ich komme sozusagen auf dem kürzesten Weg von Providence her, und dort weiß man nichts von diesem Frieden. Allerdings hat sich Roger Williams die äußerste Mühe gegeben, einen Vergleich zustande zu bringen, aber ohne allen Erfolg. Metakom und Kanonchet sind auf Leben und Tod verbunden, und ich bin fest überzeugt, daß der kluge Wampanoge es dahin gebracht hat, alle Eingeborenen von Neuengland gegen die Kolonisten zu vereinigen.« »Und wenn auch, desto besser. Mein alter Pallasch wird gern einmal wieder einen lustigen Tanz mitmachen – Passateremtetem!« »Wohl, Major, aber seid auf Eurer Hut vor diesen Nipmuken.« »Blitz, Donner und alle Wetter! Was wollt Ihr nur mit diesen Tröpfen da unten? Sie wollen ihr abgeschmacktes Spiel treiben, weiter nichts. Haben ja auch ihre Weiber bei sich und schleppen doch bekanntlich dieses Zeug nicht mit auf den Kriegspfad. Und sie sind nicht einmal bewaffnet, aber wären sie's auch, ich habe dreißig gute Büchsen im Fort, Euer Roer ist auch in Anschlag zu bringen, wenns je zum Fechten käme, Euer Junge, der Thorkil, weiß auch seinen Mann zu stellen, und was Euren zweiten Begleiter angeht, den mit dem allmächtigen Schnurrbart, so mein' ich, er sehe ganz danach aus; als wüßte er von dem Türkensäbel, welchen er an der Seite trägt – ich sah nie einen schönern, Passateremtetem! – bei Gelegenheit den richtigen Gebrauch zu machen. Aber 's kommt nicht zum Fechten, sag' ich Euch. Und jetzt, Mann, guckt Euch nicht blind an den grölzenden Giaurs da unten, sondern sagt mir lieber, wo ihr das allmächtig hübsche Dämchen aufgelesen, welches ihr in das Fort brachtet.« »Es ist die Verlobte meines Sohnes,« erwiderte der Trapper ernst. »Die Verlobte Thorkils? Na, beim Kriegsgott Mars, der Junge hat einen feinen Geschmack, das muß man sagen. Aber wie ist er denn zu dieser Eroberung gekommen? Das schöne Kind sieht nicht aus, als wär' es in den Wäldern aufgewachsen.« »Das ist eine lange Geschichte, Major und – ha, was ist das?« unterbrach sich der Alte und bohrte mit den Augen, alle Sehnerven anstrengend, gegen die Prärie hinab. »Nun, was ist? Was ficht Euch an, Mann?« »Was mich anficht? Hört, Major, ich will mein Roer gegen einen indianischen Bogen wetten, wenn ich nicht da unten den höllischen Annawon, König Philipps rechte Hand, wißt Ihr, aus einem Zelt in ein anderes schlüpfen sah.« »Bah, vermute, Ihr seht Gespenster am hellen Tag, alter Waldmensch. Wie sollte Annawon, der allerdings ein schlimmes Stück von grölzendem Giaur ist, hierher kommen?« »Auf seinen Beinen oder auf denen eines der vielen Pferde, die der Schurke schon gestohlen hat. Zum letztenmal, Major, ich fürchte, es ist Unheil um den Weg; habt acht auf das Fort!« »Ei, so will ich alles rothäutige Strolchenpack mit Haut und Haar auffressen, wenn Ihr mir nicht allmählich höllisch langweilig vorkommt – Passateremtetem! Hört auf mit Eurer Litanei, Mann, und gebt mir die Geschichte von dem schönen Mädchen zum Besten, das Euer Junge irgendwo aufgefischt hat.« »Död und Duivel!« brummte Willem in den Bart, »dieser Perückenmensch hat einen Schädel, härter als der des ältesten Büffels. Major,« sagte er dann laut, »ich will in das indianische Lager hinab, um zu sehen, ob ich mich getäuscht haben sollte. Ist der bewußte Bursche wirklich da, so müßte es mit dem Satan zugehen, wenn ich ihn nicht aufspürte.« So sprechend schulterte der Trapper sein Roer und stieg eilends die Treppe oder vielmehr die Leiter hinab, welche von der Warte in den freien Raum innerhalb des Tores führte. »Da geht er, um seinem Gespenste, seiner Fantasia, wie die Welschen sagen, nachzujagen,« polterte der starrköpfige Kriegsmann dem Alten hinterdrein. »Beim Bart des Propheten, wie die beschnittenen Türkenhunde zu schwören pflegen, die Waldkerle, weiße und rote, sind doch 'ne kuriose Spezies von Menschen; das sind sie – Passateremtetem!« Zwei Stunden darauf kehrte Groot Willem aus dem indianischen Lager zurück, dessen Zelte etwa tausend Schritte von den Palisaden des Forts entfernt aufgeschlagen waren. Er hatte weder Annawon noch sonst etwas gefunden, was seinen vagen, aber starken Argwohn hätte bestätigen können, und dennoch konnte er sich desselben nicht ganz entschlagen. Er war in dem Lager wie ein alter Freund aufgenommen worden, da er unter dem Stamme seit alten Zeiten Bekannte hatte, und der Häuptling Ah-ton-wi-tuck war artig genug gewesen, ihm in seinem Zelte einen mit Büffelmark belegten Bärenschinken zum Frühstück vorzusehen. Willem hatte die Einladung angenommen, indem er hoffte, bei dieser Gelegenheit den Hintergedanken seines Wirtes, welche er voraussetzte, auf den Sprung zu kommen. Wenn aber der Truthahn solche Hintergedanken hatte, so war er in den Künsten indianischer Redeweise zu erfahren, um seinen Gast auch nur das Geringste davon merken zu lassen. Im übrigen schien das ganze Aussehen des Lagers von den friedfertigen Absichten der Eingeborenen zu zeugen. Willem sah von Waffen nur wenige Bogen und leichte Jagdspeere. Alles schien in lärmender Fröhlichkeit mit den Zurüstungen zu dem beabsichtigten Spiele beschäftigt, zu welchem unterdessen auf dem freien Platz zwischen dem Fort und dem Lager die nötigen Vorbereitungen getroffen wurden. Als der Trapper das Lager verließ, setzten sich auch die Indianer, in zwei Parteien von je hundert Mann geschieden, in ihrem Spielanzuge nach dem Spielplatz in Bewegung. Voran schritten die beiden Spieler, welche die Trupps führen sollten, ihre mit Bändern, Stachelschweinstacheln und anderem Zierat phantastisch aufgeputzten Ballstöcke hoch in den Händen tragend. Zwischen den beiden Reihen der Männer gingen die Squaws, einen monotonen Gesang anstimmend, welcher sich auf das beabsichtigte Spiel bezog, und den Zug beschloß der Häuptling, begleitet von vier alten Powows oder Medizinmännern des Stammes, welche dem Spiel als Preisrichter vorsitzen sollten und mit den Rasseln, welche sie in den Händen schüttelten, einen gewaltigen Lärm machten. Der Aufzug hatte in seiner wilden Einfachheit viel Anziehendes. Alle, welche das Spiel mitmachen wollten, trugen ihre schlanken, wohlgeformten Leiber ganz bloß. Nur um die Hüften hatten sie einen Schurz gebunden, den sogenannten Breech-Kloth, welcher durch einen mit Glasperlen verzierten Gürtel festgehalten wurde und an welchem hinten ein flügelartiger Schweif von Büffelschwanzhaaren und weißen Federn befestigt war. Mit dem dem Indianer in seinem Naturzustande eigenen franken und stolzen Wesen schritten die Männer und Jünglinge gemessenen und doch elastischen Trittes einher, und in ihren schwarzen Augen und auf ihren dunkeln Gesichtern sprach sich das Vorgefühl der Festfreude unverhohlen aus. Die Insassen des Forts drängten sich, froh, daß in den einförmigen Aufenthalt auf der Prärie einmal eine Abwechslung kam, dem Bohlentor zu, dessen beide Flügel weit offen standen. Die Frauen kamen mit ihren Kindern auf den Armen und an den Händen heraus und vergaßen in ihrer Neugierde alle Furcht vor den roten Männern, mit deren Stammverwandten ihre Männer vielleicht zur nämlichen Stunde in den Wäldern am Konnektikut auf Tod und Leben kämpften. Die Milizmänner, welche die Besatzung des Forts bildeten, wollten des zu erwartenden Schauspiels auch nicht verlustig gehen und folgten hierin nur dem Beispiel ihres Befehlshabers, welcher einhalbhundert Schritte seitwärts von der Pforte auf der Prärie stand und arglos mit dem Sergeanten plauderte. »Nun, wie ist's Mann?« rief er dem herankommenden Trapper entgegen. »Habt Ihr Euer Gespenst am Kragen gekriegt, oder ist es verschwunden, verdunstet, in Nebel zerflossen, in Rauch aufgegangen?« »Sag' Euch, Major,« entgegnete Groot Willem unwirsch, »Ihr könntet Gescheiteres tun, als Späße machen. Wollt Ihr nicht wenigstens, um doch einigermaßen auf alle Fälle gefaßt zu sein, die Blockhäuser und das Tor durch Eure Leute besetzen lassen?« »Wozu denn, Mann? Laßt doch die alberne Grille fahren, 's ist keine Idee von Gefahr vorhanden. Wollen uns in aller Gemütlichkeit die Schnurrpfeiferei ansehen, welche die grölzenden Giaurs da vor uns aufführen werden. Das Ding verspricht amüsant zu werden, wie die Franzmänner sagen, und die ewigen Kupfergesichter mit ihren Flügelschwänzen sehen recht schnackisch aus – Passateremtetem!« Der alte Jäger antwortete nur mit einem zornigen Kopfruck und ging durch das Tor, um zu der Warte emporzusteigen, auf welcher er Lovely, Thorkil und De Lussan wahrgenommen hatte. »Nun, der Junge hat doch wenigstens seine Büchse nicht vergessen, wie da unten die törichten Kerle aus den Ansiedelungen,« murmelte er zwischen den Zähnen. »Wir werden ein Schauspiel haben,« sagte der Flibustier mit der Munterkeit eines Franzosen. »Ich sehe jetzt, Freund Willem, daß es dem Trapperleben nicht an Mannigfaltigkeit und Amüsements fehlt.« »Ein Schauspiel, ja, hol's der Teufel!« »Was habt Ihr denn, Willem?« fragte Thorkil obenhin, indem er sich der harmlosen Neugier freute, womit Lovely die fremdartige Szene zu ihren Füßen betrachtete. »Was ich habe? Nichts, Junge,« entgegnete der Alte. – »Aber,« brummte er in sich hinein, »der lebendige Satan muß mich betört haben, daß ich den Gedanken faßte, das arme Kind in dieses verdammte Fort zu bringen.« 6. Wie oft sie drängen wollten die Feinde von der Burg Mit Werfen und mit Schießen, drang Wate doch hindurch Und nahm im Sturm die Feste. ... Gudrun , Abenteuer 29. Das Feld floß vom Blute, Als der Kampf sich erfüllte: Doch ging über alles gar, Was die Giukungen wirkten. Solange sie lebten, ließen sie Die Schwerter schwirren, Die Brünnen schwinden, Hieben Helme durch Nach Herzensgelüsten. Atlamal (Ältere Edda). Das Spiel, zu welchem die Nipmuken auf der Prärie sich geschart hatten, ist noch in unsern Tagen die aufregendste, mit außerordentlicher Lebhaftigkeit, ja mit Leidenschaft betriebene Unterhaltung der Indianer Nordamerikas. Sie spielen es tagelang ununterbrochen und setzen es sogar die Nacht hindurch bei Fackelschein fort. Auf dem freien Platze, wohin der Zug der Indianer von ihrem Lager aus gegangen war, sah man zwei aufrecht stehende, etwa fünfundzwanzig Fuß hohe und sechs Fuß voneinander entfernte Stangen, die oben durch eine dritte Stange verbunden waren. Ein ganz gleiches Malzeichen erhob sich dem geschilderten gegenüber in einer Entfernung von etwa fünfzig Ruten. In der Mitte zwischen beiden war eine einzelne Stange errichtet, um den Ort zu bezeichnen, wo der Ball ausgeworfen werden sollte. Die beiden Spielparteien ordneten sich um die erwähnten Malzeichen. Jeder Spieler hielt in jeder seiner Hände einen Stock, dessen kurzer Stiel am Ende zu einem länglichen, mit einem Netz überzogenen Reifen umgebogen war. Die Kunst des Spiels bestand darin, daß der Spieler hochaufspringend den Ball zwischen den Netzen seiner Stöcke auffing und weiter schleuderte, wobei er ihn aber nicht schlagen oder mit den Händen fangen durfte. Der Truthahn, welcher durch Abschießen eines Pfeils in die Luft das Zeichen zum eigentlichen Beginn des Spieles geben sollte, nahm mit den vier Powows, die mit dem Auswerfen des Balles und mit dem Richteramt beauftragt waren, Platz bei der mittleren Stange und zündete das Kalumet an, welches zwischen ihm und den Medizinmännern etwa eine Viertelstunde lang die Runde machte. Inzwischen führten die Squaws auf dem zwischen den beiden Trupps offen gelassenen Raum einen Tanz auf und stimmten einen Gesang an den großen Geist an. Dann zogen sie sich zurück und stellten sich ganz nahe an dem Tore des Forts in einem dichtgedrängten Haufen auf, scherzend und lachend und zum voraus mit der Geschicklichkeit ihrer Gatten oder Liebhaber gegeneinander großtuend. Sofort begannen auch die beiden Spielparteien, jede um ihr Malzeichen her, im Kreise zu tanzen, wobei sie die Stöcke heftig über ihren Häuptern zusammenschlugen und einen schreienden Gesang hören ließen, welchen die Powows mit ihren den Tamburins ähnlichen Rasseln begleiteten. Nachdem dies ebenfalls ungefähr eine Viertelstunde lang gewährt, erhob sich Ah-ton-wi-tuck, spannte den Bogen und schoß rückwärts gewandt einen Pfeil hoch über den Köpfen der Schar hinweg in die Prärie hinaus. Augenblicklich warf einer der Medizinmänner den Ball hoch in die Luft. Hunderte von Netzstöcken wurden ausgestreckt, um den Ball zu fassen. Jede Partei strengte alle Kräfte an, den Ball zu fangen und zwischen die Stangen ihres Malzeichens zu werfen. Gelang dies, so zählte es für sie eins, und es trat eine Pause ein. Dann wurde der Ball wieder in die Luft geworfen, und so sollte das Spiel fortgehen, bis es der einen oder andern Partei gelungen wäre, den Ball hundertmal in ihr Malzeichen zu werfen. Der Kampf zwischen den beiden Parteien, ein Kampf, wobei alles lief, sprang, sich tummelte, einander drängte und stieß und jeder mit Aufbietung aller Kraft seiner Lunge schrie und fistulierte, bot ein höchst belebtes Schauspiel dar, und das Durcheinanderwimmeln von Hunderten schlanker Gestalten, die in unermüdlicher Beweglichkeit die mannigfaltigsten Gruppen bildeten, war voll malerischen Reizes. Hüben und drüben wurde mit der gleichen Geschicklichkeit und Hartnäckigkeit gespielt, und die Szene war vollauf geeignet, die Aufmerksamkeit der Zuschauer vollständig zu fesseln. »Nun, wie gefällt's Euch, Mann?« rief der Major in rosenfarbener Laune dem alten Jäger auf der Warte zu. »Die Kerle haben eine pompöse Gelenkigkeit, das muß man sagen – Passateremtetem!« »Ich habe das Spiel schon hundertmal gesehen, Major,« entgegnete Groot Willem, »und wenn's Spiel bleibt, so hab' ich gar nichts dawider einzuwenden. Die Rothäute haben eine merkwürdige Gabe dafür, und es sieht sich ganz hübsch an.« »Ja, beim Bart des Propheten, ganz hübsch, und will ich deshalb zum Schluß den Kerlen eine Gallone Feuerwasser, wie sie's nennen, zum Besten geben, so will ich, und will ihnen zeigen, wie man das Ding braut, was die Seeleute einen steifen Grog nennen. Amüsieren uns die Burschen, so wollen wir sie wieder amüsieren, damit sie nicht sagen können, die Hände der Blaßgesichter seien zugeleimt.« Die kurze Pause, welche Moseley benutzt hatte, um seinem Wohlgefallen an dem Schauspiel Luft zu machen, war vorüber, und das Spiel begann von neuem. Bis jetzt hatte keine der beiden Parteien einen wesentlichen Vorteil über die andere erlangt; nun aber gelang es der einen, den Ball fünfmal hintereinander in ihr Malzeichen zu werfen und dadurch den Gegnern einen Vorsprung abzugewinnen. Die letzteren verdoppelten daher ihre Anstrengungen, um den Nachteil wieder auszugleichen, und das Spiel nahm einen immer aufgeregteren Charakter an. Die Augen der Spieler funkeln, die Muskeln ihrer Arme und Beine schwellen an, ihre Wangen bedecken sich mit dunklerem Rot, ihr ganzes Wesen entzündet sich. Der Ball schwebt einen Moment in der Luft, alle drängen sich mit heftigem und jubelndem Geschrei heran, ihn zu ergattern, die Schnellfüßigsten rennen voran, treiben den Ball geradeaus, senden ihn seitwärts, es waltet in dem Gewirre eine unablässige leidenschaftliche Tätigkeit, welche durch die je nach den Umständen ertönenden Triumphschreie oder Hohnrufe der Squaws noch mehr befeuert wird. Nur ein Mann behauptet in dem tobenden Gewirre seine kalte Haltung, der Truthahn, welcher sich erhoben hat und seine Blicke unbeweglich auf dem Fort haften läßt. Der alte Trapper seinerseits kann sich der steigenden Teilnahme, welche das Spiel in allen Zuschauern erregt, nicht völlig entschlagen. Indem er aber zufällig seinen Platz verändert, fällt sein Blick rückwärts auf das Fort, und er sieht aus den beiden Blockhäusern an der dem Fluß zugekehrten Fronte plötzlich zwei schwarze Rauchsäulen emporsteigen. Eine instinktmäßige Ahnung von dem, was kommen würde, durchblitzt ihn. In diesem Augenblicke stiegt, der Ball, einen weiten Bogen in der Luft beschreibend, aus dem Kreise der Spieler hervor und rollt gegen die offene Pforte hin. Ah-ton-wi-tuck springt einige Schritte vorwärts, erhebt zielend seinen Bogen, der Pfeil schwirrt von der Sehne und zittert im nächsten Moment in der Brust des Majors. Der ganze Schwarm der Spieler stürzt dem Balle nach, wie um denselben zurückzuholen, aber indem sie an den Squaws vorübereilen, reichen ihnen diese Tomahawks dar, welche sie unter ihren Tuniken verborgen hatten, und diese Waffen emporschwingend fallen die Wilden in das von dem Häuptling angestimmte Kriegsgeschrei ein und stürmen auf das offene Tor los. »Feuer im Fort!« brüllt die Stimme Groot Willems von der Warte herab. »Passateremte ...« schreit der unglückliche Major auf, aber sein Lieblingsfluch verschwebt unvollendet auf seiner Lippe, und mit durchbohrtem Herzen schlägt der sorglose Kriegsmann auf sein Angesicht nieder. Wie ein Falke auf seine Beute schießt der Truthahn auf ihn los. Das Skalpiermesser blitzt in der Hand des Wilden, in einem Nu hat er dem Verröchelnden die Perücke abgerissen, mit einem Kreisschnitt die Hirnhaut gelöst und die blutige Trophäe gewonnen. Er schwingt in der einen Hand den falschen, in der andern den wahren Skalp des Ermordeten hoch empor. Aber der Triumphschrei, welchen er ausstoßen will, kommt nicht über seine Lippen, denn eine Kugel aus Willems Roer zerschmettert ihm das Gehirn. Wie ein Echo folgt dem Knall des Roers das Krachen von Thorkils Büchse, deren Kugel den Indianer, welcher dem Tor am nächsten ist, niederwirft. »Herein mit euch, Männer, und werft die Pforte zu, wenn euch euer Leben lieb ist!« ruft der Trapper den vor Schreck erstarrten Weißen zu. Aber seine Mahnung verhallt in dem furchtbaren Tumult. Einen Augenblick stutzen die Wilden beim Fall ihres Häuptlings, aber jetzt erschallt aus dem Innern des Forts das Kriegsgeheul der Wampanogen, und von den brennenden Blockhäusern her stürmt eine Bande in der Kriegsmalerei des genannten Stammes mit rasendem Geschrei gegen das Tor an, allen voraus der grimmige Annawon, welcher seinen listigen Anschlag, das verlassene Fort während des Spiels von der Fußseite her zu ersteigen, so glücklich ausgeführt und das Feuer angelegt hatte. »Ha, du bist's, Höllenhund?« schreit der Trapper und schlägt die wiedergeladene Büchse auf Annawon an. Aber schon ist dieser in dem chaotischen Menschenknäuel verschwunden, welcher sich um die Pforte her gebildet hat. Eine Szene wildester, unbeschreiblicher Verwirrung beginnt. Das Feuer verbreitet sich mit reißender Schnelligkeit. In das Geheul der Wilden, welche mit Tomahawk und Messer unter den wehrlosen Frauen und Kindern der Blaßgesichter wüten, in die Todesschreie der Schlachtopfer, in das Geprassel des Brandes mischt sich das Brüllen des Viehes, dessen Schuppen von den Flammen ergriffen worden ist. »Thorkil, hab acht auf Lovely!« ruft Willem aus. »Wir müssen hinaus. Voran, Kapitän!« De Lussan stürzt sich mit gezogenem Säbel die Leiter hinunter, ihm nach der alte Jäger und diesem Thorkil, seine Braut mit dem linken Arm umfassend, mit der Rechten die Büchse zum Kolbenkampf umklammernd. Groot Willem jagt die Ladung seines Roers dem nächsten Indianer, der ihm vorkommt, in den Leib, kehrt dann die schwere Waffe um, schmettert einen zweiten mit einem Kolbenschlag nieder und wirft sich mit der ganzen Wucht seines riesenhaften Leibes auf den Knäuel der Wampanogen, welche von innen das Tor sperren. Ihm zur Seite läßt De Lussan seine Damaszenerklinge blitzen, und wo sie hinfährt, stürzt ein Feind zu Boden. Sein Auge sprüht Flammen, seine Gestalt reckt sich in die Höhe, und er ist herrlich anzusehen in seiner todverachtenden Kühnheit. Vor dem wütenden Ansturm der beiden Kämpfer stieben die Wilden auseinander. Der Platz vor dem Tore wird frei, aber schon im nächsten Augenblicke verstopft der Schwall von weißen Männern und Frauen, welche von den Nipmuken draußen hereingedrängt werden, die Öffnung wieder. »Steht fest, ihr Männer!« herrscht der Flibustier den Milizen zu. »Sammelt euch um mich! Kämpft mit Fausten und Zähnen!« Seine Löwenstimme, seine imponierende, Gebärde beherrscht für einen Moment den Tumult. Einige der Männer haben ihre Messer zur Hand, andere raffen die Tomahawks der erschlagenen Wilden vom Boden auf, sie scharen sich, bilden eine Phalanx um die Frauen her, in deren Mitte Thorkil seine Verlobte läßt, um sich mit seinen beiden Freunden an die Spitze des Haufens zu stellen. »Wir müssen den Durchbruch nach der Prärie versuchen,« ruft Groot Willem aus, »denn das Feuer kommt uns auf den Nacken. Ha, es hat dort hinten den Pulverraum erfaßt!« Ein entsetzliches Gekrach und Geprassel bestätigt seine Worte. Eine ungeheure Flammengarbe wirbelt in die Luft und überschüttet die verzweiflungsvolle Gruppe mit einem Funkenregen. »Haltet zusammen wie die Stränge eines Ankertaues!« donnerte De Lussan. »Vorwärts! Hussa, Glorie und Desdemona!« Der Ausfall gelingt. Vor Willems und Thorkils Kolbenschlagen, vor De Lussans Schwertstreichen prallen draußen die Nipmuken zurück. Die drei Männer scheinen gefeit und schreiten, des sie von allen Seiten umschwirrenden Pfeilhagels ungeachtet, vorwärts, jeden Feind, der sich in den Bereich ihrer Waffen wagt, niederstreckend. So gelangen sie auf die Prärie. Aber die Wampanogen heften sich an die Fersen der kleinen Schar. Man hört in gellenden Tönen Annawon das Kriegsgeschrei seines Stammes wieder erheben, und das Geheul der Nipmuken gibt ihm Antwort. Eine doppelte und dreifache Kette von roten Kriegern bildet sich um das Häuflein der Weißen her. Bei jedem Schritt, welchen diese vorwärts tun, verengt sich die Kette mehr und mehr, den Ringen der Riesenschlange gleich, die stärker und stärker das von ihr umschlungene Opfer zusammenpreßt. Ein Schauer von Pfeilen und Wurfspeeren bricht auf die Unglücklichen ein. Das Gebrüll der Indianer steigert sich zur Raserei, sie stürmen, drücken und pressen allüberall heran. Noch sieht man eine kleine Weile den Säbel des Flibustiers über dem schrecklichen Gewühle blitzen und die Büchsenkolben Willems und Thorkils im Schwünge kreisen – dann quillt und brodelt alles in einen wilden, wüsten Wirbel zusammen, und das Siegesgeschrei der Wilden erschüttert die Lüfte. 7. Nadowessier, Tschippewäer, Heult den Kriegsruf, werft den Speer' Schüttelt ab die Europäer, Schüttelt ab das Raupenheer! Weh, daß ihr sie nicht verscheuchtet, Da sie Land von euch erfleht! Weh, daß fromm ihr ihnen reichtet Das geschmückte Kalumet. Bietet Trotz, ihr Tätowierten, Eurer Feindin, der Kultur! Knüpft die Stirnhaut von skalpierten Weißen an des Gürtels Schnur! Freiligrath »Die Zeit der Heimsuchung ist gekommen!« hatte, wie wir früheren Ortes berichteten, der düstere Eaton ausgerufen, als der Fittich des nahenden Würgengels über den Wäldern von Swanzey rauschte. Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen: der Kampf mit den Eingeborenen, welcher in den Annalen der Kolonien von Neuengland unter der Benennung »König Philipps Krieg« benannt ist, sollte die heftigste Heimsuchung und Prüfung werden, welcher die Pilgrime seit der Landung der Pilgerväter unterworfen wurden. Alle früheren Reibungen und Fehden zwischen den Weißen und Roten waren im Vergleiche mit diesem Kriege von keinem Belang, und selbst die Gefahr, welche der tapfere Sassakus den jungen Ansiedelungen bereitet hatte, trat weit zurück vor der, welche der umfassendere Geist Metakoms über sie heraufbeschwor. Es handelte sich hierbei um nichts Geringeres, als um die Existenz der Kolonien, andererseits aber auch um das nationale Dasein der indianischen Stämme von Neuengland. Der Scharfblick des Sachems der Wampanogen, dem bei allen Makeln, welche seinem Ruf anhaften, der Ruhm eines Patrioten der Wälder, eines Helden im indianischen Sinne nicht bestritten werden kann, hatte wohl erkannt, daß sein Volk in die Länge nicht imstande wäre, der Schritt vor Schritt sich ausbreitenden Macht der Weißen sich zu erwehren. Er wußte auch oder fühlte es wenigstens instinktmäßig, daß der ganzen Anlage des indianischen Charakters zufolge der Versuch, der Zivilisation der Blaßgesichter sich zu assimilieren, für die Eingeborenen nicht minder unheilvoll ausschlagen müßte. Die Geschichte der roten Rasse hat dieses Vorgefühl traurig genug bestätigt: der Zivilisation sich unterwerfend ist der Indianer überall nicht minder von ihr verzehrt worden, als ihr sich erwehrend. In diesem Dilemma spornte sein kühner Geist den Sachem, das äußerste zu versuchen, und wir haben ja im Verlaufe unserer Erzählung angedeutet, wie er sich jahrelang bemühte, seine Pläne gegen die Weißen zur Tat zu gestalten. Der Verrat Sasamons hatte den Ausbruch seines Hasses früher herbeigeführt, als es in seiner Absicht lag, welche dahin ging, vor dem Erheben des Tomahawks alles aufzubieten, um sämtliche Stämme seines Volkes gegen die Weißen zu vereinigen. Hierzu war ihm die nötige Zeit nicht gegönnt gewesen, und gerade der Umstand, daß es ihm nicht gelungen, die Überreste der Pequoden und Mohikaner unter ihrem Sachem Unkas in ihrer anhänglichen Treue gegen die Ansiedler wankend zu machen, verursachte eine sehr bedenkliche Lücke in seiner Rechnung. Allein nachdem einmal das Mißtrauen der Kolonisten gegen Metakom die von seiten Sasamons gelieferten Beweisstücke in Händen hatte, blieb dem Sachem nur noch die Wahl, entweder auf die demütigendsten Bedingungen hin den verhaßten Eindringlingen sich zu unterwerfen oder loszuschlagen, gleichviel ob mit oder ohne Aussicht auf Erfolg. »Wenn der Mensch« – sagt Bankroft, der große Geschichtschreiber der Vereinigten Staaten – »durch die drohende Gefahr die Besinnung verliert, so stürzt er sich gleichsam in sein Schicksal.« Das war auch bei den Indianern von Neuengland der Fall. Die Verzweiflung beschleunigte ihren Aufstand. Es war der Sturm, welcher die alten Bewohner des Landes hinwegfegen sollte. Sie erhoben sich zum Kampfe ohne Hoffnung und fochten daher meistens ohne Erbarmen. Als Nation gab es für sie keine Zukunft. Als der einzige Mann, welchen seine Stellung in der Vergangenheit und Gegenwart befähigte, noch einen letzten Vermittelungsversuch zu machen, nachdem die Kriegsfackel das unglückliche Swanzey bereits in Asche gelegt, erschien den Ansiedlern der greise Roger Williams. Er hatte die Aufforderung, als Friedensstifter aufzutreten, nicht abgewartet und allen seinen Einfluß auf die roten Männer erschöpft, ohne seinen Zweck zu erreichen. Nach jener Szene am Williamsbrunnen zu Providence, der wir anwohnten, hatte er noch einmal das ganze Ansehen, dessen er unter den Naragansettern genoß, aufgeboten, um Kanonchet und dessen Untersachems von dem Bündnis mit Metakom abzuziehen. »Was wollt ihr?« hatte er zu den Häuptlingen gesagt. »Ihr rennt in euer Verderben. Die Kolonie von Massachusetts allein kann im Nu tausend Krieger stellen, und wenn auch diese gefallen sind, so werden die Kolonien von Konnektikut und Plymouth neue Scharen auf die Beine bringen.« – »Gut,« war ihm hierauf von Kanonchet erwidert worden, »wir wissen, daß Hahdoh-Manitu die Wahrheit spricht. Doch laß sie nur ankommen, wir wollen sie erwarten. Dir aber, Vater, der du dein lebelang des roten Mannes Freund gewesen, dir soll kein Haar auf deinem Haupte gekrümmt werden.« Der bei allen schlimmen Erwartungen und Befürchtungen, welche seit längerer Zeit schon in den Ansiedelungen in bezug auf Metakoms Gesinnungen und Umtriebe gehegt wurden, dennoch überraschend schnelle Beginn der Feindseligkeiten durch den Häuptling hatte zuerst keinen geringen Schrecken unter den Weißen verbreitet. Die Väter der Kolonien verloren aber die Besinnung nicht und gingen mit gewohnter Energie daran, die nötigen Maßregeln zu ergreifen. Es traten Kommissarien der vereinigten Kolonien zusammen und faßten den Beschluß, daß der Krieg als eine gemeinschaftliche Angelegenheit betrieben werden müßte, daß einer für alle und alle für einen stehen sollten. Gemäß diesem Beschlüsse wurden sofort tausend Mann Milizen aufgeboten, und unter im Waldkrieg erfahrenen Führern sammelten sich Freischaren, welche in den über ganz Neuengland sich verbreitenden Guerrillaskämpfen Ausgezeichnetes leisteten. Die Schreckensszenen, welche wir im Vorschritte dieser Erzählung dem Leser vorführten, mögen ihm die Art und Weise indianischer Kriegführung einigermaßen veranschaulicht haben. »Längs der ganzen Grenze« – so läßt sich der vorhin angezogene Historiker über diesen Gegenstand aus – »längs der ganzen Grenze zwischen den Jagdgründen der Roten und den Ansiedelungen der Weißen verbreiteten sich Verwirrung und Verwüstung. Der Krieg ward von seiten der Indianer hauptsächlich aus Hinterhalten und vermittelst Überfällen geführt. Nie traten sie den Kolonisten im offenen Felde entgegen, sondern flohen dann allemal, und wenn sie an Zahl weit überlegen waren. Allein sie waren schlau und heimlich wie Raubtiere, geübte Schützen, zum Teil mit Feuergewehr versehen, flüchtig auf den Füßen, bekannt mit allen Pfaden des Waldes, abgehärtet gegen Strapazen und von Durst nach Raub und Rache erfüllt. Ihre Festungen waren die Moraste oder die dichtbelaubten Wälder, durch welche das Auge des Verfolgers nicht zu dringen vermochte.« Mit der Schnelligkeit des Blitzes erschienen sie auf einmal in den zerstreuten Dörfern, welche sie verheerten gleich einem vorüberbrausenden Sturm. Einzelne Streifparteien der Weißen wurden abgelauert und niedergemetzelt und die skalpierten Leichname zum Schrecken der Verfolger an den Bäumen aufgehangen. Der Arbeiter auf dem Felde, die Schnitter in der Ernte, Leute auf dem Wege zur Mühle, der Hirtenknabe bei seinen Schafen wurden von den schleichenden, unsichtbaren Feinden niedergeschossen. Wer schildert die schweren Stunden der Frauen in diesen Bedrängnissen? Die allein im Hause weilende Mutter hatte jeden Augenblick zu befürchten, daß der Tomahawk ihrem Leben und dem ihrer Kinder ein Ende machte. Bei einem plötzlichen Überfalle floh oft der Mann mit einem Kinde, die Frau mit dem andern, und vielleicht rettete sich nur eins von beiden. Sonntags, wenn man in langen Reihen zur Kirche ritt, hielt der Farmer den Zügel in der einen Hand und ein Kind in der andern; sein Weib saß hinter ihm, vielleicht mit einem zweiten Kinde auf dem Schoße; in dem Augenblick aber, da sie es am wenigsten erwarteten, pfiffen die aus dem Hinterhalte auf sie abgefeuerten Kugeln unter sie hinein. Der Wald, der das Herankommen der Indianer deckte, schützte auch ihren Rückzug. Sie umschlichen die Grenzen der Ansiedelungen »wie der Blitz den Rand der Wolken«. Da es, wie schon gesagt, nicht die Gabe und Gewohnheit der Eingeborenen war, dem Feinde im offenen Felde stand zu halten, so hatte sich Metakom bald nach dem Überfalle von Swanzey veranlaßt gesehen, beim Vordringen der Milizen von Plymouth und Massachusetts die Gegend zwischen dem Taunton und dem Pawtucket zu räumen, aber nur, um sich mit seinen Banden in mehr nördlicher und westlicher Richtung auszubreiten und dorthin Tod und Verderben zu tragen. Er brachte den Stamm der Nipmuken, welcher halb und halb entschlossen war, sich neutral zu halten, dahin, sofort den Tomahawk auszugraben und das Kriegsgeschrei gegen die Weißen zu erheben; dann wütete er, wie schon der brüllende Tom in seiner Unterredung mit Kellond auf Merry-Mount erwähnte, in den Dörfern von Konnektikut mit Mord und Brand. Aber die Bewohner dieser Kolonie, welche sich durch unbeugsamen Hinterwäldlermut vor allen Ansiedlern auszeichneten, gingen den roten Heiden so tüchtig zu Leibe, daß die Scharen König Philipps für einige Zeit völlig zersprengt wurden. Viele seiner Krieger flüchteten sich, während er selbst seinen Haß und Grimm unstet von Wigwam zu Wigwam, von Stamm zu Stamm trug, zu den Naragansettern, welche noch nicht losgeschlagen hatten. Freilich konnte auch über die Absichten der letzteren nicht mehr lange ein Zweifel obwalten, denn als Boten der Kolonisten an Kanonchet die Forderung stellten, daß er die Wampanogen, welchen er ein Asyl gewährt, den Weißen ausliefere, rief er aus: »Ich meine Brüder, die Wampanogen, ausliefern! Nicht eines Wampanogen abgeschnittenen Nagel!« Das war deutlich genug gesprochen und wurde von den Ansiedlern unter den obwaltenden Umständen mit Recht als eine Kriegserklärung betrachtet. Sie beschlossen daher, dem unvermeidlichen Losbruch der Naragansetter zuvorzukommen, hoben in den verschiedenen Kolonien abermals tausend Milizen aus und bestellten den trefflichen Governor von Plymouth, Josias Winslow, zum Oberbefehlshaber ihrer gesamten Streitmacht. Die Naragansetter wurden durch rastlose Späher unterrichtet, daß die Blaßgesichter Vorbereitungen zu einem entscheidenden Schlage träfen, und waren daher ihrerseits nicht müßig. Sie verschanzten sich in einem Fort, welches sie von alten Zeiten her als den sichersten Zufluchtsort in Tagen der Gefahr zu betrachten gewohnt waren. Die Befestigungsmittel desselben bestanden nach indianischer Art aus einer Reihe hoher Palisaden und aus einer rings um letztere herlaufenden natürlichen Hecke von sechzehn Fuß Dicke. Der einzige Zugang war durch einen Verhau von Baumstämmen gedeckt, und es lag dieses einen Raum von etwa vier bis fünf Morgen einnehmende Fort oder vielmehr Lager auf einem erhöhten Stücke Landes, welches rings von einem jener Zedernsümpfe umgeben war, in deren Morast der schwere Fuß des Weißen stecken bleibt, während der leichte Tritt des Indianers über den verräterischen Boden weggleitet. Die Naragansetter vertrauten allzusehr den natürlichen Vorteilen des Terrains, auf welches sich ein großer Teil ihres Stammes mit Weibern und Kindern und der besten Habe zurückgezogen hatte, und doch hätten sie Ursache gehabt, ihre gewohnte Wachsamkeit weniger als je zu vernachlässigen. Denn Winslow hatte auf Betrieb des tapfern Freischarenhauptmanns Church, der sich in dem ganzen Kriege höchlich hervortat, den kühnen Entschluß gefaßt, die Naragansetter im Squaw-Sonk, so hieß der Ort, wo das erwähnte Lager errichtet war, anzugreifen, um ihnen eine Lektion zu geben, die vielleicht geeignet wäre, die Kolonisten von dieser Seite her ein für allemal sicher zu stellen. Das Unternehmen war allerdings gefahrvoll, aber nicht unausführbar für Männer, welche wußten, daß sie für ihr Bestes und Heiligstes in den Kampf gingen. Sie wählten die Nacht zur Ausführung ihres Vorhabens, und indianische Bundesgenossen vom Stamme der Mohikaner gingen vor der Kolonne einher, um den Pfad durch den gefährlichen Zedernsumpf auszuspüren. Trotzdem führte sie nur ein glückliches Ungefähr an diejenige Seite des Forts, an welcher der Eingang sich befand. Während sie aber zum Angriffe sich ordneten, war ihr Herankommen von den Naragansettern bemerkt worden, und sofort geriet das ganze Lager in Alarm. Die Weißen erkannten, daß ein Rückzug gefährlicher sein würde als ein Angriff, und schritten demnach unverzagt zum Sturme vor. Zu allen Zeiten und unter allen Völkern hat es in solchen Lagen Männer gegeben, die ohne Zaudern dem gemeinen Besten ihr Leben zum Opfer darbrachten. Viele derselben glänzen auf den schönsten Seiten des Buches der Geschichte, wenn gleich nicht alle des verdienten Ruhmes genießen. Hier übernahmen diese Rolle zwei schlichte Milizhauptleute aus Massachusetts, Johnson und Davenport. Sie wußten, daß die, welche zum Sturme auf den Verhau vorangehen würden, unfehlbar der Tod begrüßen mußte, aber sie fühlten auch, daß ein großes Beispiel nötig sei. Und sie stellten sich an die Spitze der Kolonne und warfen sich, die ersten, auf den Verhau, Sie wurden sogleich niedergeschossen, ihre nächsten Nachfolger ebenso. Allein die Bahn war gebrochen, und mit Rachegeschrei drangen die Hintermänner voran. Ihrerseits fochten die Indianer wie Wütende, und es gelang ihnen, die in das Lager gedrungenen Weißen mit großem Verlust in den Sumpf zurückzuwerfen. Aber die Kolonisten gaben den Kampf nicht auf, und nach dreistündigem mörderischem Gefechte faßten sie festen Fuß in dem Fort. Ihre roten Verbündeten warfen Feuerbrände in die Wigwams, und binnen kurzem loderten fünf- bis sechshundert der leichten Hütten in hellen Flammen auf. In ihrem Scheine begann ein schreckliches Gemetzel, in welchem die Weißen der Greise, der Weiber und Kinder so wenig schonten, als dies der Indianer im Kampfe zu tun gewohnt war. In dieser gräßlichen Nacht verloren die Naragansetter ihren eigenen Angaben zufolge an tausend Krieger, von denen siebenhundert auf dem Platze blieben und dreihundert kurz nachher an ihren Wunden starben. Aber auch die Weißen hatten den Sieg mit schwerem Verluste erkauft: es fielen ihrer fünfundachtzig Mann, und an hundertundfünfzig wurden durch empfangene Wunden kampfunfähig gemacht. Kanonchet bewährte bei dieser Gelegenheit den Ruf seines Heroismus glänzend. Er focht, solange noch irgend eine Möglichkeit der Gegenwehr da war, und als dieselbe verschwunden, zog er sich mit dem kleinen Rest seiner Getreuen in so drohender Haltung in den Sumpfwald zurück, daß die Sieger weder eine Verfolgung noch auch die Behauptung des zerstörten Forts wagten. Auch sie zogen mit Tagesanbruch ab, und wenn diese Unternehmung darauf berechnet war, den Mut der Naragansetter zu brechen, so sollte sich bald herausstellen, daß sie eine verfehlte genannt werden mußte. Denn wie Kanonchets Abneigung gegen die Weißen durch den Überfall von Squaw-Sonk zur höchsten Glut des Ingrimms gesteigert wurde, so begann jetzt der edle Sachem alle Hilfemittel seiner Kühnheit erst recht zu entwickeln. Friedensanträge, die ihm, auf seine Unterwerfung abzielend, von seiten der Kolonisten gemacht wurden, wies er mit Verachtung zurück. »Lieber bis auf den letzten Mann sterben,« rief er aus, »als der Blaßgesichter Knechte sein!« Gemäß dieser Gesinnung führte er seinen Stamm aus den heimatlichen Jagdgründen hinweg, wo die zerstörerische Hand der Weißen Wohnsitze und Fruchtvorräte vernichtet hatte, und richtete seinen mit Leichen und Brandstätten bezeichneten Weg nach Norden, um sich mit den Nipmuken zu vereinigen, welche seit dem Überfall von Fort Tabor bedeutende Vorschritte gemacht hatten. Kanonchets kriegerisches Feuer brachte alles, was Metakoms Diplomatik so lange im stillen vorbereitet hatte, nunmehr recht zum Ausbruch. Allenthalben erhoben sich die Eingeborenen, der Krieg trug seine erbarmungslosen Verwüstungen bis ins Herz der Kolonien von Konnektikut, Massachusetts und Plymouth; selbst Rhode-Island wurde nicht völlig verschont, wenngleich die Freundschaft Kanonchets für den Patriarchen dieser Kolonie und für seine nächste Umgebung ein nie verletzter Schutzbrief war, und so hatte es eine Zeitlang den Anschein, als ob König Philipps Idee, die Blaßgesichter vom Boden Neuenglands zu vertilgen, zur Wirklichkeit werden sollte. Die Indianer hatten ihren Gegnern den Vorteil der Massenwirkung abgelernt, und während Metakom mit seinen Wampanogen sein angeerbtes väterliches Land um Montaup her gegen die Angriffe vereinzelter Freischaren mit Glück verteidigte und die Streitkräfte der Kolonisten vom Süden her in Schach hielt, sammelten sich alle waffenfähigen Männer und Jünglinge der übrigen rebellischen Stämme in hellen Haufen um den Sachem der Naragansetter, welcher in den Hügeln und Wäldern zwischen Brookfield und Marlborough in Massachusetts eine Stellung genommen hatte, von welcher aus er nach allen Seiten hin seine blitzschnellen, verheerenden Expeditionen ins Werk setzte. Gelang es den beiden Sachems, ihre Kriegerscharen zu vereinigen, so war das Verderben der Kolonien fast unausweichlich. Beide Teile, die Weißen und die Roten, erkannten dies, und jene suchten das Gefürchtete um so mehr zu hintertreiben, als sie in Erfahrung gebracht, daß Kanonchet mit einer unter seinem Volke seltenen Hochherzigkeit seine unbedingte Bereitwilligkeit kundgegeben hätte, die oberste Führerschaft seinem Verbündeten zu überlassen, was bezeugte, daß die Eingeborenen ob dem großen Zwecke, die Fremdlinge auszurotten, ihre ihnen oft so verderblichen Stammeifersüchteleien zu vergessen verstanden. 8. Den Leichnam des Tapfern legten sie In die frische Erde, gegraben früh Am Beigesabhang, wo das Säuseln nie Verstummet von Gebüsch und Wald. Sie legten auch in sein friedlich Bette Ganz oben, zu seines Hauptes Stätte, Seinen Bogen und Pfeile, weil er hätte Ein neues Jagdrevier gefunden. Und über Waffen und Gebeinen Häuften sie einen Berg von Steinen, Der, eingeweiht mit Seufzen und Weinen, Des Indianers Denkmal ist. Percival. Da, wo die Jagdgründe der Pokanoketen und Wampanogen einerseits gegen die Bai von Manumet, andererseits gegen die Naragansettbai zu abfielen, bildeten sie die beiden Landschaften Pokasset und Sakonnet, echt indianische Reviere, in welchen die Weißen noch gar nicht heimisch geworden, ja, welche ihnen geradezu unheimlich waren. Die ganze Gegend, von der südlichsten Spitze von Sakonnet an bis hinauf nach Montaup jenseits der Mündung des Taunton, war vorherrschend Sumpfland. Unser deutsches Wort Sumpf reicht aber nicht aus, den Charakter der Landschaft zu bezeichnen: es sagt zu viel oder zu wenig, wie man will. Die Amerikaner haben dafür ein mehrsagendes Wort, das Wort Swamp, welches aus dem Angelsächsischen stammt und alles das in sich zusammenfaßt, was wir mit den Worten Sumpf, Moor, Morast, Röhricht, Sumpfwald ausdrücken. Aus Bodenverhältnissen, wie die eben erwähnten Begriffe sie andeuten, setzte sich der ganze Landstrich, welchen wir im Auge haben, zusammen, und man kann sich daher leicht vorstellen, daß er kein erfreuliches Bild darbot. »Ein wilder Fleck ist's und von düsterm Aussehn; Der Vogel singt nie fröhlich auf dem Baum, Versengt scheint stets das grüne Laub. Es wuchern Giftige Pflanzen rings, aussätzig machend Mit böser Feuchtigkeit die Hand, die sich Wagt unbedacht in ihre Näh'. Zypressen Entwachsen nassem Grund; von schönen Pflanzen Zu schauen nichts! Nur wilde, knorr'ge Bäume, Bösen Gespenstern gleich, stinkende Sträuche, Die schwere Luft vergiftend, graue Nebel, Die, Wolken halb, halb Teufel von Gestalt, Sich sammeln überm Rand des wüsten Sumpfes, Machen mit ihrer Düsterkeit und Schwärze Unhold die ganze Ansicht. Seine Flügel Schwingt der betrübte Falter und schwebt fort Und mahnt mit seinem Flug auch uns zur Eile Nach besserem Quartier und schönrer Szene, Als dies Revier uns bietet für die Nacht... In diesen Zeilen hat ein amerikanischer Poet die Swamps seines Vaterlandes so trefflich geschildert, daß wir seiner Skizze nichts beizufügen wüßten. Die melancholischen Eindrücke, welche der Schluß der angeführten Zeilen atmet, mochten auch das Gemüt eines einsamen Reiters erfüllen, welcher an einem trüben Spätsommertag, von Süden herkommend, an der Grenze des Sumpflandes angelangt war, ein kleiner, untersetzter, mit der Haltung eines tüchtigen Reiters zu Pferde sitzender Mann, dessen offene, kühne Züge keine andern sind als die unseres alten Bekannten Miles Standish. Der Kapitän hielt sein Roß an und warf einen Blick rückwärts auf die trostlose Gegend, von wo er hergekommen. »Alle Wetter,« sagte er aufatmend, »ich bin froh, daß ich endlich aus diesen verräterischen Swamps heraus bin. Ein höllisches Land das! Ein Land für Schlangen und Indianer, brrr! Aber wenn auch die Sonne nicht sichtbar ist, so sagt mir doch mein Magen, daß Mittag lange vorüber sein muß, Also vorwärts, mein gutes Tier! Nach den Anweisungen meines rothäutigen Führers, ohne welchen ich aus diesem verdammten Sumpflabyrinth nun und nimmer mich herausgefunden, muß hier herum irgendwo die Quelle sein, wo du und ich frisches Wasser finden sollen und wo ich sehen will, was sich noch für meine Kauwerkzeuge im Mantelsack vorfinden mag. Ein höllisches Land, man möchte fluchen, wenn man's ansieht. Gebe Gott, daß ich es nie wiedersehe!« Nach Beendigung dieses Monologs wandte der Reiter den Kopf seines Pferdes gen Norden und trabte, da er jetzt festeren Boden unter sich hatte, eine Strecke rüstig vorwärts. Plötzlich aber blieb das Pferd stehen und spitzte prustend die Ohren. »Ei, was hast du denn, alter Grauschimmel? Ja so, der Rauch dort? Hm, kommt von einem Feuer, ohne Zweifel. Wäre vielleicht meine Gesandtenrolle schon ausgespielt, wenn sich dort in der Bauminsel so 'ne Bande von rothäutigen Satanassen gelagert hätte. Müssen's aber doch probieren, komme, was da wolle.« So sprechend setzte er sein Pferd wieder in Gang, nachdem er die auf seinem Rücken hängende Büchse zur Hand genommen, das Schloß untersucht, seinen Degen in der Scheide gelockert und eine glänzende Wampumschnur, die ihm wie eine Ordenskette um den Hals hing, so geordnet hatte, daß sie auf seinem beschmutzten Lederkoller recht deutlich sichtbar war. Gerade vor ihm lag auf der wellenförmigen Steppe eine jener vereinzelten Baumgruppen, welche wie Inseln aus dem Meere der Savannen Amerikas auftauchen. Aus dieser Bauminsel stieg eine Rauchsäule empor, von einem Feuer herrührend, welches ein anderer einsamer Wanderer kurz zuvor am Fuß einer mächtigen Eiche angezündet hatte, um sich eine Rehkeule zu rösten. Wie Standish von Süden herkam, so war dieser Wanderer von Norden gekommen, und wie wir in dem erstern einen alten Bekannten wiederfanden, so treffen wir einen solchen auch in dem letztern. Mit einem Worte, der Mann, welcher sich nach scharfem Morgengang in der Bauminsel zur Rast niedergelassen hatte, war Groot Willem. Der alte Mann, welchem die Bezeichnung als eines Pilgers der Wildnis mit so gutem, wo nicht mit besserem Recht zukam, als irgend einem Weißen, beschäftigte sich angelegentlich mit den Vorbereitungen zur Befriedigung der Bedürfnisse seines gewaltigen Körpers, der noch so aufrecht und ungebeugt war, wie damals, als wir ihm zuerst begegneten. Eine genaue Prüfung seiner verheerten und abgewetterten Züge hätte vielleicht das Resultat ergeben, daß der alte Waldgänger in letzter Zeit furchtbare körperliche Strapazen durchgemacht und zugleich heftige Seelenpein ausgestanden haben müsse. Der Furchenknäuel zwischen seinen Brauen erschien noch dichter und finsterer als früher; der schrecklichen Narbe, welche über seine linke Wange hinlief, hatte sich jetzt auf der rechten eine weitere gesellt, die, offenbar von neuem Datum, noch nicht völlig zugeheilt war. Sonst war er in Erscheinung und Gebaren noch ganz der Alte: sein geliebtes Roer lehnte auf Armslänge neben ihm an einem jungen Stamm, und sein treuer Hund lag zu seinen Füßen im Grase. Er war des herankommenden Reiters viel früher ansichtig geworden, als das stutzende Pferd des Kapitäns diesen auf den Rauch des Feuers aufmerksam gemacht hatte. Prinslo war im Begriffe gewesen, dem Reiter bellend entgegenzuspringen, allein der Trapper hatte ruhig bemerkt: »Bst, Hund, 's ist ein Weißer!« worauf Prinslo feine Stellung beibehielt, nur mit den Augen die Bewegungen des Reiters achtsam verfolgend. »'s ist einer von unserer Farbe, Prinslo,« sagte der Waldgänger, gewohnt, mit seinem vierbeinigen Begleiter wie mit einem zweibeinigen zu verkehren. »Ja, 's ist ein Weißer, ein kleiner Kerl, aber er reitet gut und sieht aus wie ein Kriegsmann. Ha, er langt nach seiner Büchse. Wer, zum Duivel, das sein mag?« Mit diesen Worten griff er nach seinem Roer, trat an den Rand der Insel vor und erwartete, lässig auf seine Waffe gestützt, das Herankommen des Fremden. Der Kapitän zog in einer Entfernung von etwa fünfzig Schritten die Zügel an und betrachtete die herkulische Gestalt des Waldgängers nicht ganz ohne Mißtrauen. »Holla, Mann,« rief er dann, »wollt Ihr mir sagen, mit wem ich es hier zu tun habe?« »Hm,« versetzte der Trapper, »'s ist ein alter guter Waldbrauch, daß der, welcher zuerst am Platze ist, das Recht hat, Ankommende zu fragen, wer sie seien. Wer seid Ihr, Fremder?« »Nun, wenn Ihr einen alten guten Waldbrauch für Euch habt, so füg' ich mich. Ich bin Miles Standish aus der Plymouth-Kolonie.« »Miles Standish? So seid Ihr also der Mann, welchen die Leute von unserer Farbe den Hauptmann Knirps und die Rothäute den kleinen Feuerspeier nennen? Ei, nehmt's nicht krumm, Mann,« fügte der Alte hinzu, als er bemerkte, daß der Näherreitende die Stirn runzelte, »nehmt's nicht krumm, denn welche Namen Euch die Weißen und die Roten geben mögen, ich hörte Leute von beiden Farben oft genug sagen, Ihr hättet das Herz auf dem rechten Fleck.« Schnell besänftigt versetzte der Kapitän, indem er abstieg: »Ihr habt mir Euren Namen noch nicht gesagt, Fremder, aber wenn ich Eure Gestalt und Euer omnipotent großes Schießzeug da ansehe, so mein' ich, Ihr könntet niemand sein, als der an der ganzen Grenze hin wohlbekannte Trapper, welchen unsere Leute den Groot Willem und die Rothäute den grauen Bär nennen.« »Eure Augen sehen gut, Hauptmann. Ja, ich bin der Mann, welchen die Roten Mato nennen, und haben sie, vermut' ich, noch unlängst gespürt, daß dem alten Bären die Klauen noch nicht ausgefallen sind.« »Ihr habt mit dem höllischen Gezüchte gekämpft, Mann? Habt Ihr?« »Ich denke, ich darf sagen, daß ich mit den Burschen gefochten, in frühern Tagen und neulich noch. Die Nipmuken –« »Die Nipmuken? Sind die auch losgebrochen?« »Freilich sind sie losgebrochen und haben, unterstützt von dem teuflischen Annawon und einer Bande Wampanogen, Fort Tabor überrumpelt und verbrannt.« »Fort Tabor eingenommen und vernichtet? Verdammt das!« »Jawohl, verdammt das! Aber warum haben die klugen Herren von Boston den Stierkopf von Major Moseley als Kommandanten in die Garnison geschickt? Sag' Euch, der Mann wollte schlechterdings keine Vernunft annehmen und hat das Fort sozusagen mit aller Gewalt dem Duivel in den Rachen gejagt. Es war ein schreckliches Blutbad!« »Ihr waret dabei?« »Ja. Es war eine böse Stunde, als ich den Entschluß faßte, meine und anderer Schritte nach dem Fort zu lenken. – Aber kommt, Ihr, seid weit geritten und werdet, vermut' ich, nichts dagegen haben, eine Rehkeule, die eben gar geworden, mit mir zu teilen.« »Ganz und gar nichts hab' ich dagegen, versichere Euch. Doch Ihr müßt mir mehr von dem erzählen, was in der Welt vorgegangen, seit ich abwesend war. Ich komme aus der Gefangenschaft der Rothäute, müßt Ihr wissen, und bin sehr besorgt um das Schicksal meiner Freunde.« »Ich nicht minder, Mann, ich nicht minder, und aus der Gefangenschaft komm' ich ebenfalls, wenn auch nicht geraden Weges.« »Wie?« »Ja, seht, die Strolche von Nipmuken wollten sich das Vergnügen machen, zu erfahren, welche Sprünge ein alter Waldläufer am Marterpfahl machen würde, und es wäre beim Duivel schlimm um mich gestanden, wenn nicht der arme Sachem der Naragansetter noch zur rechten Zeit hilfreich dazwischen gekommen. O, der Mann war brav durch und durch, keine falsche Ader in ihm vom Wirbel bis zur Zehe.« »Er war brav, sagt Ihr?« »Ja, er war es, denn er ist tot.« »Tot? Kanonchet tot? Ihr seht mein Erstaunen. Sprecht, Freund, erzählt!« »Laßt Euch nieder und kostet diesen Braten, Hauptmann, und dann wollen wir, wenn's Euch recht ist, unsere Neuigkeiten gegeneinander austauschen. Ihr kommt, vermut' ich, aus der Gegend von Montaup herauf?« »Ja.« »Wohl, da hab' ich Euch nicht minder viel zu fragen als Ihr mich. Doch vor allen Dingen langt zu, das Fleisch ist saftig und ich will Euer Pferd abschirren, damit das Tier auch seine Bequemlichkeit habe.« Nachdem die beiden Männer, welche so unvermutet in der Wildnis zusammengetroffen, an der kräftigen Speise sich geletzt hatten, gab Groot Willem dem Kapitän auf dessen ungeduldiges Befragen zunächst einen Bericht über die Umstände, welche die Einnahme des Forts Tabor durch die Eingeborenen begleitet hatten. »Einen Augenblick,« schloß er seine Erzählung, »bevor mir die Schlinge des verfluchten Lassos, der mich zu Boden riß, um den Hals geworfen wurde, hatte ich mit ansehen müssen, daß die zwei Freunde, von welchen ich Euch gesagt, und das arme Kind, die Verlobte meines Sohnes, von Annawon und seinen Wampanogen gefangen genommen waren. Dann sah ich sie nicht mehr. Ich wurde von den Nipmuken fortgeschleppt, und wie schon gesagt, rettete mich nur die Dazwischenkunft Kanonchets, mit welchem ich seit lange her befreundet war, vor ihren höllischen Marterkünsten. – Aber, Hauptmann, Ihr kommt von Montaup, wahrscheinlich aus dem Lager Metakoms, sagt mir – ich bitt' Euch – sagt mir, habt Ihr da unten, in Montaup, im Lager der Wampanogen nichts von meinen Freunden gesehen?« Es war der Ausdruck höchster Angst in dieser Frage, und die grimmigen Züge des alten Mannes verrieten eine so schmerzliche Spannung, daß der Kapitän mit teilnehmender Bewegung die Antwort gab: »Beruhigt Euch, Freund, ich habe die Männer und auch das Mädchen gesehen.« »Ihr habt sie gesehen! Ihr habt sie wirklich gesehen? – Tot oder lebendig? Sprecht! Redet!« »Lebendig, lebendig. Sie sind Gefangene im Lager Metakoms.« »Prinslo, komm her, alter Hund! Komm her, sag' ich; Thorkil lebt, unser Thorkil lebt, hörst du, altes Tier? Ei, so freu dich doch, Köter! Thorkil lebt! Död und Duivel, das ist gut, sag' ich.« Der Kapitän ließ diesen charakteristischen Ausbruch der Freude des Trappers vorübergehen und sagte dann: »Hört, alter Jäger, das Mädchen, Lovely, ist mir durch alte Freundschaft teuer, welche mich mit den Ihrigen verbindet, mit ihrem Vater und Großvater, die zugleich mit mir von Swanzey weggeführt wurden und ebenfalls noch von dem roten Heiden gefangen gehalten werden. Auch der Jüngling, den Ihr Euren Sohn nennt, trägt in Gestalt und Gebaren das Gepräge einer Tüchtigkeit, welche es leicht erklärt, daß sich ihm das Herz des schönen Kindes zugewandt hat. Mögen sie glücklich mitsammen sein, wenn anders die Schickung Gottes es zuläßt, daß die Prüfung, in der sie sich befinden, glücklich vorübergeht. Aber wollt mir nun auch einige Fragen beantworten. Habt Ihr nicht gehört, was aus meinem Freund Eaton, dem Richter von Swanzey, geworden, welcher nach unserer Gefangennahme von mir und meinen beiden andern Unglücksgenossen getrennt wurde?« »Eaton lebt, lebt unter dem Schutze Roger Williams' in Providence, nachdem er einer großen Gefahr entgangen, und da Euch als seinem Freunde vielleicht nicht unbekannt ist, daß er und ich bittere Feinde waren, so mag Euch nicht verschwiegen sein, daß wir uns ausgesöhnt haben, auf dem Grabe von einer, die nicht mehr ist.« »Das ist brav, wahrhaftig. Die gute Mabel wird sich im Himmel darüber freuen, das wird sie, Freund; doch sagt – seht, ich habe in letzter Zeit so viel Abenteuerliches erlebt, und doch war es das Abenteuerlichste von allem, daß mit Thorkil und Lovely zugleich ein Mann als Gefangener in das Lager König Philipps eingebracht wurde, durch den Satan von Annawon, wißt Ihr – ein Mann, den ich in früheren Tagen gesehen. Ich hätte damals zehn Jahre meines Lebens darum gegeben, mit diesem Manne auf Leben und Tod kämpfen zu können. – Ich erkannte ihn auf der Stelle, obgleich die Zeit sein Äußeres einigermaßen verändert hat und er statt im schmucken Kavaliersanzug in grober und hart mitgenommener Waldtracht einherging.« »Ihr meint den Franzmann De Lussan?« »Ja, den meine ich.« »Er ist also auch Gefangener im Lager des Sachems?« »Das ist er. Aber sagt, Freund, wie kommt denn dieser Mann plötzlich nach Neuengland? Was hat er hier zu tun? Welches sind seine Pläne?« »Da fragt Ihr mehr, als ich beantworten kann, Hauptmann. So viel ist sicher, daß De Lussan auf seinem eigenen Schiff – und ein schmuckes Schiff ist es, meiner Treu – an diese Küste kam.« »Ich hatte also das Recht, anzunehmen, schon vor dem Unglück von Swanzey, daß De Lussan und jener berufene Flibustier, welchem die Spanier mit gutem Grund einen Namen gaben, den früher der schreckliche Montbars führte, eine und dieselbe Person sei?« » Das Recht hattet Ihr in der Tat.« »Seltsam, seltsam! Aber was hatte er in diesem Lande zu tun? Was will der Verwegene hier?« »Das müßt Ihr andere Leute als mich fragen, Hauptmann. Der Seemann ist mein Freund und hat an meiner Seite gefochten, daher stände es mir, vorausgesetzt, daß ich in seine Absichten eingeweiht wäre, schlecht an, dieselben so ohne weiteres auszuplaudern.« »Wohl, Freund, das begreife ich. Aber über einen Punkt könnt Ihr mir doch Aufschluß geben. Ich bemerkte, obgleich der schlaue Wilde uns Gefangene ziemlich streng auseinander hielt, daß De Lussan von ihm ganz anders empfangen wurde als der junge Jäger, gegen welchen Metakom einen, irre ich nicht, mit Besorgnis gemischten Groll zu hegen scheint. Der Flibustier wurde wie ein alter und hochgeehrter Freund empfangen, gab sich aber seinerseits keine Mühe, diese freundlichen Manieren zu erwidern, sondern verlangte, soviel ich von der Verhandlung verstehen konnte, gebieterisch, daß der Häuptling sofort alle seine Gefangenen freilassen und ihm, De Lussan, übergeben solle, ein Verlangen, welches jedoch Metakom ablehnen zu wollen schien. Sagt mir doch, in welchem Verhältnisse stehen denn die beiden zueinander?« »Sie standen in einem freundschaftlichen, Hauptmann. Aber das mörderische Benehmen des Wampanogen beim Überfalle von Swanzey lockerte die Freundschaft. Als wir, De Lussan, Thorkil und ich, erfuhren, daß Metakom Eure Freunde, die beiden Obersten, wißt Ihr? und das Mädchen von der Brandstätte zu Swanzey in die Wälder geschleppt hätte, machten wir uns von Providence auf zur Befreiung der Gefangenen. Auf Mount Wallaston entrissen wir Lovely den Krallen des Schurken, der von England herübergekommen, die beiden Obersten zu fangen. Er wird nie mehr den Häscher oder Mädchenjäger spielen, meiner Treu, denn sein zerschmetterter Leib fault unter den Trümmern des luftigen Berges.« »Unter den Trümmern des luftigen Berges?« »Ja, so sagte ich, denn ich habe mit dieser meiner Hand das Lasternest in die Luft gesprengt.« »Da habt Ihr eine gute Tat getan, beim Himmel! Jetzt weiß ich mir auch die Anwesenheit des brüllenden Tom in dem Lager der Wampanogen zu erklären.« »So, der ist auch dort?« »Allerdings, und er geht umher wie ein wütender Wolf, der nach Fraß heult. Er fuhr den jungen Jäger grimmig an, ich hörte ihn denselben und Euch bezichtigen, daß ihr ihn zum Bettler gemacht, und als er Euch einen heimtückischen Schurken nannte, schlug ihn Thorkil mit der Faust zu Boden.« »Wollte, er hätte ihm gerade den Schädel eingeschlagen, der brave Junge, denn die Anwesenheit Mortons in dem Lager ist, vermute ich, ein schlimmer Umstand.« »Da habt Ihr sicherlich nicht unrecht. Aber, um auf De Lussan zurückzukommen – ich will nicht in Euch dringen, mehr über den Mann zu sagen, als Euch gut dünkt – nur eins möchte ich noch wissen, und das könnt Ihr mir wohl mitteilen. – Ihr wißt nicht, wie viel mir daran gelegen ist. – Lebt das Mädchen – die Frau noch, welche der – der Flibustier ihrem Vaterhaus in England entführte?« Der alte Jäger schwieg nachdenklich eine Weile. Dann sagte er: »Ihr meint Mistreß Desdemona?« »So ist es. Ihr kennt also diese Dame?« »Ich habe sie gesehen.« »Sagt mir, Mann, bei Eurem Gewissen: ist sie glücklich?« »Wenn eines Mannes Achtung und Liebe ein Weib glücklich machen kann, so ist die Mistreß glücklich.« »Er achtet sie, sagt Ihr?« »Er achtet und ehrt sie. Er nennt sie die Königin seines Schiffes, und sie ist es in Wahrheit. Es bedurfte nur eines Wortes von ihr, um ihn zu bestimmen, seine eigenen Pläne beiseite zu stellen und sich Thorkil und mir anzuschließen, als wir auszogen, die Spur der Gefangenen zu verfolgen.« »Gott sei Dank! Er hat also edler an ihr gehandelt, als ich glaubte. Habt Dank, daß Ihr mir diesen Trost gegeben, denn es ist mir ein Trost. – Seht mich nicht so verwundert an, Freund. Ihr habt auch geliebt in Euren Tagen. – Gesetzt den Fall, Mabel Eaton hätte Euch einen andern vorgezogen, so wäre es tröstlich für Euch gewesen, zu wissen, daß ihre Wahl sie nicht unglücklich gemacht.« »Ich versteh' Euch, Sir,« versetzte der Alte und reichte dem Kapitän die Hand. »Ja, ich versteh' Euch, und wenn ich den andern nicht getötet, so hätte ich ihn vielleicht um Mabels willen liebgewonnen. – Doch genug davon. – Es ist nicht gut, soviel von der Vergangenheit zu sprechen, wenn einem die Gegenwart vollauf zu tun gibt. – Ihr habt mir noch nicht gesagt, Hauptmann, wie es Euch gelungen, aus der Gefangenschaft des Wampanogen loszukommen. Darf ich es wissen?« »Ei freilich, aber es war ganz und gar kein Verdienst von meiner Seite dabei. Der rote Heide hat mich mit allen Ehren und in gutem Frieden entlassen, obgleich er mich anfangs noch unwirscher behandelte als meine Schicksalsgenossen.« »Seltsam das, aber ich vermutete so etwas, weil ich Euch im Besitze Eurer Waffen und Eures Pferdes sah und den Wampum Metakoms auf Eurer Brust bemerkte.« »Ja, seht, die Sache kam mir selbst unerwartet genug. Ihr müßt aber wissen, Freund, daß ich die Ehre habe, als Gesandter seiner rothäutigen Majestät König Philipps zu reisen.« »Wie?« »Es ist, wie ich sagte. Vorgestern war große Bewegung in dem Lager der Wilden. Der Sachem, die Häuptlinge und alle angesehenen Krieger waren viele Stunden im Beratungswigwam versammelt. Was dort verhandelt wurde, weiß ich nicht. Als die Versammlung zu Ende war, wurde ich vor Metakom gebracht, der mich aufforderte, als Friedensbote zu meinem Freund Josias Winslow zu gehen, welcher, sagte mir der Heide, als Oberster unsere Truppen befehlige und sicherlich unweit vom nördlichen Ufer des Nipmukflusses anzutreffen sei. Er, Metakom, sei erbötig, den Tomahawk zu begraben und auch, seine Bundesgenossen zum Begraben desselben zu vermögen, falls ihm die Regierungen der Kolonien den Besitz der Jagdgründe seiner Väter aufs neue feierlich garantierten. Außerdem erklärte er sich bereit, um den Preis des Friedens die beiden großen Krieger von jenseits des großen Salzsees, wie er sich ausdrückte, und ihre Tochter in Freiheit zu setzen und zudem als Schadenersatz für die von ihm angerichteten Verheerungen eine beträchtliche Summe gelben Metalls – Lucifer mag wissen, wo der Mann das Gold her hat – zu bezahlen.« »Und von meinem Sohne, von Thorkil, sagte er nichts in diesen Vorschlägen?« »Nein, er scheint einen besondern Ingrimm gegen den jungen Jäger zu haben, wie ich schon erwähnte.« »Jawohl, jawohl,« murmelte Groot Willem. »Annawon hat ihm gesagt, was unter der Pilgereiche zu Providence vorgegangen, und er weiß also, daß Thorkil sein Todfeind ist.« »Was sagt Ihr?« »Ich sage, Gott gebe, daß meine Augen den Jungen noch lebend wiedersehen.« »Wenn, was freilich eine zweifelhafte Sache, auf die Worte Metakoms irgend ein Verlaß ist, so mag Euch das nicht allzusehr kümmern, denn indem ich mich bereit erklärte, den Auftrag des Sachems zu übernehmen, stellte ich die Bedingung, daß keinem der Gefangenen ein Haar gekrümmt werden dürfte, bevor ich zurückkäme.« »Bevor Ihr zurückkämt? Ihr wolltet Euch noch einmal in die Höhle des Tigers wagen?« »Die Wahrheit zu sagen, Freund, war mein Versprechen, die Antwort Winslows zurückzubringen, kein freiwilliges, denn der Heide forderte es, und ich müßte mein gegebenes Wort lösen, wenn mich auch nicht die Sorge für meine Freunde zur Rückkehr spornte. Also ich übernahm die Friedensbotschaft, worauf man mir meinen Grauschimmel und meine Waffen zurückgab und mich durch einen des Weges kundigen Läufer bis nahe zur Grenze des verfluchten Sumpflandes da unten geleiten ließ.« »Die Botschaft, welche Ihr übernommen, Sir, wird, vermute ich, schwerlich den von Eurem Auftraggeber beabsichtigten Erfolg haben.« »Vermutet Ihr? Aber es muß doch meinen Brüdern, den Kolonisten, sehr viel daran liegen, einem so verheerenden Kriege ein schleuniges Ende zu machen.« »Gewiß, daran liegt ihnen viel, aber ich wette, sie sind zu dieser Zeit der Meinung, dieser Krieg sei sicherer und rascher auf dem Wege des Krieges, als auf dem des Friedens zu beendigen.« »Zu dieser Zeit? Wie meint Ihr das?« »Ihr sagtet, vorgestern hätte Euch Metakom die Friedensbotschaft übertragen. Nun wohl, ich will nicht Groot Willem heißen, wenn der schlaue Häuptling da nicht bereits durch seine windschnellen Läufer Wind hatte von dem, was an den Fällen des Konnektikut und am Nipmuk vorgefallen. Die Kolonisten haben das Heft des Messers in Händen, sie werden es gebrauchen wollen, um die Sache zu Ende zu bringen, ohne sich durch die Pfiffigkeit Metakoms dahin bringen zu lassen, ihm Zeit zu neuen Listen und Rüstungen zu geben.« »Ah, Ihr wollt sagen, die Streitmacht der Kolonien habe in letzter Zeit bedeutende Vorteile über das wilde Ungeziefer davongetragen?« »Nennt die unglücklichen Leute nicht Ungeziefer, Hauptmann. Es steht einem tapfern Manne, der Ihr seid, nicht an, einem Feinde Schmähungen anzuhängen, welcher durch eine Kette unglücklicher Verhältnisse zu einem verzweifelten Kampfe getrieben wurde. Sag' Euch, wenn die Wampanogen meinem Jungen ein Leid antun, will ich mein Roer auf sie losbrennen, solange Lauf und Schaft zusammenhalten, aber trotzdem, ich will es männiglich sagen, wer's hören will, hab' ich unter den Roten so wackere Leute getroffen, als nur je unter den Leuten von unserer Farbe. Seht mich an, Hauptmann, und Ihr werdet gestehen müssen, daß ich nicht aussehe wie ein weichherziges Mädchen, und dennoch, müßt Ihr wissen, habe ich geweint wie ein Weib, als sie den edlen, tapfern, hochherzigen Sachem der Naragansetter droben am Nipmuk einscharrten. Ein braverer Mann wird nie mehr einen Bogen spannen oder das Kalumet anzünden.« Standish schwieg eine Weile, wie um den Gefühlen des alten Jägers seine Achtung zu bezeugen, bevor er das Gespräch wieder aufnahm mit der Frage: »Und wie kam das alles, Freund?« »Nachdem mich Kanonchet von den Teufeleien der Nipmuken errettet hatte, kehrte ich auf die Walstatt beim Fort Tabor zurück, um nach Spuren von meinen Freunden zu suchen. Sie waren nicht unter den Leichen, welche dort den Bussards zum Fraße preisgegeben wurden, und ich fand eine Spur, deren Verfolgung mich aber wochenlang ohne Resultat in den Wäldern und Prärien im Kreise herumführte. Ein versprengter Naragansetter, auf den ich stieß, gab mir Nachricht, daß bei den Fällen des Konnektikut ein blutiges Treffen geschlagen worden sei, in welchem die Hauptmacht der Eingeborenen vernichtet wurde. Und weiter sagte er mir, daß Kanonchet mit dem Überreste seiner Krieger nach Süden aufgebrochen wäre, um sich nach Montaup zu Metakom durchzuschlagen. Aber er wurde von den Konnektikuter Freiwilligen unter dem Hauptmanne Church, mit welchem die Pequoden und Mohikaner unter Unkas zogen, verfolgt, umzingelt, beim Übergange über den Nipmuk angegriffen und, nachdem er sich wie ein Löwe gewehrt und seinen letzten Schuß verschossen hatte, gefangen. Das Los, welches man vordem schändlicherweise über seinen Vater Miantonomo verhängte, war mich das seine. Die Sieger verurteilten ihn zum Tode und übergaben ihn den Hundesöhnen von Pequoden zum Erschießen. Ich kam gerade dazu, als die Untat geschehen war. Er hatte seine heldenmütige Fassung bis zum letzten Augenblick bewahrt. Seine letzten Worte waren, wie man mir erzählte: ›Kanonchet wird sterben, bevor sein Herz weich geworden; er wird fallen, ohne ein Wort gesprochen zu haben, dessen er sich vor seinen Vätern in den glücklichen Jagdgründen schämen müßte.‹ Ja, Sir, das war ein Mann, und was für ein Mann er war, das fühlten selbst seine Mörder. Sie ehrten den im Tode, welchen sie im Leben so sehr gefürchtet hatten. Unkas und seine Leute gruben am Abhange des Flußufers dem Sachem ein Grab, bestatteten ihn nach den Bräuchen bei Eingeborenen mit allen Ehren und häuften einen Erdhügel über seinen Gebeinen. Ich weiß nicht, war es Heuchelei von Unkas, daß er an diesem Hügel zu seinen Leuten sprach: ›Brüder, ein großer und gerechter Sachem hat den Weg in die glücklichen Jagdgründe betreten; er war der bravste Mann unter den roten Kindern des Manitu!‹ – ich weiß nicht, ob das Heuchelei war, aber das weiß ich, daß ich auf alle Gefahr hin den verdammten Pequoden an dem Hügel niedergeschossen hätte, so mich nicht eine heilige Pflicht, die erfüllt werden muß, daran hinderte.« »Er war ein sehr gefährlicher Feind der Kolonien, aber, der Wahrheit die Ehre, er war, wie Ihr sagtet, ein Mann, ein braver Mann. Darum Friede seinen Gebeinen. – Doch die Zeit verrinnt,« setzte der Kapitän hinzu, indem er aufstand und seinem weidenden Pferde Sattel und Zaum auflegte, »und ich muß vor Einbruch der Nacht noch eine gute Strecke nach Norden zu hinter mich bringen.« »Ich vermute, Ihr werdet nicht allzuweit zu reiten haben, ohne auf Leute von unserer Farbe zu stoßen. Ich hörte droben an den Flüssen sagen, der tapfere Church marschierte mit seiner Freischar südwärts, Montaup zu, um den Eingeborenen den letzten Streich zu versetzen, bevor Metakom die Gemüter der Seinigen von dem Schrecken wieder aufgerichtet hätte, welchen die Trauerbotschaft von dem Untergang der Naragansetter notwendig auf dieselben üben müßte. Euer Ritt wird übrigens, vermut' ich, insofern er Frieden zum Zweck hat, ein vergeblicher sein. Ich kenne Church. Der ist nicht der Mann, sich indianische Pfiffe und Kniffe vormachen zu lassen, wenn er weiß, daß er die ganze Geschichte mit einem kühnen Schlag beendigen kann.« »Wohl, Freund, aber ich habe die Botschaft übernommen, und sie soll bestellt werden, bei meinem Wort! Doch Ihr spracht vorhin von einer heiligen Pflicht. Ich denke, ich kann sie erraten. Sie treibt Euch nach Montaup hinab. Warum habt Ihr Euch nicht dem Zuge des wackern Church angeschlossen, statt das Abenteuer allein zu unternehmen?« »Konnte ich einen Tag warten, wo Tod und Leben auf dem Spiele steht? Es könnte aber vielleicht nichts schaden, wenn Ihr, falls Ihr auf Church und seine Leute stoßt, Euer Ansehen geltend machtet, um ihren Marsch zu beschleunigen.« »Das will ich, Freund, könnt Euch darauf verlassen.« »Gut. Und wo befindet sich das Lager Metakoms?« »Auf der äußersten Spitze der Landzunge von Montaup, hart an der See. Der Platz ist gut gewählt. Ein dichtes, fast undurchdringliches Kiefern- und Zederngehölz schließt ihn nach Norden zu ab, und hinter diesem Gehölze breitet sich ein Gürtel allmächtig verwünschter Swamps aus. Ich zweifle, ob Ihr den Zugang finden werdet.« »Seid ohne Sorgen. Ich kenne den Platz. Liegt nicht an dem Saume des Gehölzes, von welchem Ihr sprecht, gegen die See zu ein ungeheurer, seltsam gestalteter Felsblock?« »Ei, freilich, ein seltsam Ding von Steinwerk. Es befinden sich zwei Höhlen darin, und in diesen werden die Gefangenen verwahrt.« »In den Höhlen des Felsens?« »Ja.« »Und die Lagerhütten liegen mehr dem Wasser zu?« »So ist's. Dem Felsen gerade gegenüber steht das sogenannte Medizinwigwam, wo ich den ersten Powow des Stammes seine armseligen Gaukeleien treiben sah.« »Gut, Kapitän, und habt Dank für Eure Nachweisungen. Seht, die Abendsonne zerteilt das Nebelgewölk, ich werde zur Nacht den allerschönsten Mondschein zum Marschieren haben. Habt nur acht, daß der Kopf Eures Grauschimmels fest nach Norden gerichtet bleibt. So werdet ihr bald den Taunton erreichen, welchen, ich möchte drauf wetten, Church zum Führer genommen hat. Trefft Ihr ihn, so beschleunigt seinen Marsch, ich bitt' Euch, um unserer Freunde willen. Und jetzt vorwärts, Prinslo, und Gott befohlen, Hauptmann.« »Halt,« rief der Kapitän dem zum Weggehen sich anschickenden Trapper zu, indem er sich auf seinem Pferde zurechtsetzte, »halt, noch eins! Es könnte Euch vielleicht dienlich sein, zu wissen, daß der Wampanoge unter seinen Kriegern einen Mann hat, der insgeheim den Häuptling glühend haßt.« »Wer ist der Mann?« »Es ist der Läufer, welcher mich durch die Swamps geführt hat. Sein Name ist, ja, wartet – Satan hole diese rothäutigen Namen! – in englischer Sprache heißt er Bogen und Köcher.« »Bogen und Köcher? Das heißt in der Sprache der Pokanoketenstämme Ischäkohnih.« »Richtig, richtig, Ischähkohnih – was das für ein Mundvoll barbarischen Zeugs ist! – Aber einerlei, besagter Bogen und Köcher könnte Euch bei Eurem Unternehmen vielleicht von Nutzen sein.« »Freilich, freilich. Er ist dem Sachem feindlich gesinnt, sagt Ihr?« »So sagt' ich. Ich gewann auf unserem Wege durch die gottverlassenen Swamps das Vertrauen des Mannes. Er ist ein kluger Bursche und nährt heißes Rachegefühl. Er teilte mir mit, daß es unter seinem Stamm eine kleine Partei gegeben, welche von Anfang an dem Kriege mit den Weißen entgegengewesen sei. Als die Angelegenheiten Metakoms, vor dem Losbrechen der Naragansetter, schief standen, traten jene Friedlichgesinnten mit Friedensvorschlägen hervor, und der Bruder der Bogens und Köchers, genannt der Biber –« »Hahnih?« »Ganz recht, Hahnih, ein angesehener Krieger, verlangte, Metakom solle die Weißen zu versöhnen trachten. In einem Anfall von Jähzorn zerschmetterte der Sachem dem Biber mit dem Tomahawk den Schädel.« »Hei, das ist vortrefflich. Die Blutrache ist unter den Roten ein heiliges Gesetz.« »Der Bogen und Köcher ist von der Heiligkeit dieses Gesetzes vollkommen überzeugt, hat aber noch keine Gelegenheit gehabt, ihm zu gehorchen.« »Ich kenne den Mann ein bißchen.« »Desto besser. Ich habe auf alle Fälle hin ein Losungswort mit ihm verabredet.« »Welches?« »Hanih.« »Hahnih? Gut. Ich will trachten, mit ihm in Verbindung zu treten. Trägt er nicht ein Halsband von Bärenklauen als Schmuck?« »Ja, das trägt er.« »Gut, aber da fällt mir noch etwas ein. Sagt, befindet sich die Schwester Metakoms im Lager desselben?« »Ihr meint wohl das junge schöne Mädchen, welches die Wilden die reine Quelle nennen?« »Ja, ich meine Hih-lah-dih, und nie hat ein menschliches Wesen seinen Namen mit besserm Rechte geführt als dieses Mädchen.« »Ich bin geneigt, Euch zu glauben, denn ich sah das Kind mit schwesterlicher Teilnahme um Lovely beschäftigt.« »Sie ist ein Engel, glaubt mir, Hauptmann. Doch jetzt, lebt wohl, Gott gebe, auf Wiedersehen!« »Amen, von ganzem Herzen, alter Jäger, und Segen Eurem Vorhaben!« So schüttelten sie sich die Hände und traten nach entgegengesetzten Richtungen hin ihre Wanderung an. 9. ... Er sieht vom Uferrand, Wie lüstern, schwätzig in den Wassern kreisen Die Mädchen lachend, scherzend, vielgewandt, Bald spritzend, neckend sich in tollen Weisen, Wettschwimmend bald nach einem Ziel am Strand; Bald tauchen sie, bald zeigen sie die Glieder Nach lang verdecktem Schwimmen glänzend wieder, Der Reiz der schönen nackten Schwimmerinnen Rührt wohl des Kriegers Brust, so hart wie Erz. Er steht und schaut. Noch lachend, froh von Sinnen, Verfolgen jene Lust und Spiel und Scherz. Tasso. Groot Willem kannte das Terrain, auf welchem er sich bewegte, genau und so sehen wir ihn schon am Abend des zweiten Tages, nachdem er mit Standish zusammengetroffen war, in der Umgebung von Montaup angelangt. Er hatte auf den Umstand, daß Hih-lah-dih im Lager ihres Bruders anwesend war, sowie auf das, was ihm der Kapitän in Beziehung auf Ischähkohnih mitgeteilt, einen Plan zur Befreiung der Gefangenen gebaut, welcher ihm freilich erst in sehr allgemeinen Umrissen vorschwebte. Seine Erfahrung mußte ihn lehren, daß er, so wie die Sachen standen, mit äußerster Behutsamkeit zu Werke gehen müßte. Er selbst konnte sich, seit sein Roer beim Fort Tabor unter den Indianern gewütet hatte, von ihrer Seite nur des Schlimmsten versehen, aber wenn er, dessen Herz keine Furcht kannte, davon auch ganz absah, so wußte er doch, daß jeder unbesonnene Versuch nur zum Verderben derer, welchen er Beistand bringen wollte, ausfallen würde. Er machte sich keine Illusion darüber, daß die indianische Moral den Sachem der Wampanogen abhalten könnte, sein dem Kapitän Standish in Bezug auf Thorkil gegebenes Versprechen zu erfüllen, und er zitterte bei dem Gedanken, daß der brüllende Tom, welcher die Zerstörer des lustigen Berges richtig erraten und ihre Spuren bis in die Umgebung von Blackstones Einsiedelei verfolgt hatte, nicht verfehlen würde, den Häuptling zur Beseitigung eines Mannes anzutreiben, welcher wie Metakom durch Annawon unzweifelhaft erfahren hatte, jenem gegenüber nicht mehr die Stellung eines geschätzten Freundes einnahm, sondern die des Trägers einer Rache, welche nach dem Sittengesetze der Weißen und der Roten gleich sehr geheiligt war. Der alte Trapper gestattete jedoch seiner Angst, die wohl eine väterliche genannt werden darf, keinen lähmenden Einfluß auf sein Gemüt. Melancholisches Brüten oder gar ratloses Klagen konnte hier wenig helfen. Man mußte Sinne und Geist straff beisammenhalten auf einem Boden, wo jeder falsche Tritt in einen Abgrund führen konnte. Willem hielt es für eine glückliche Vorbedeutung, daß der Zufall am Morgen nach seiner Ankunft in der Umgegend von Montaup den Bogen und Köcher in die Nähe seines mit der ganzen Schlauheit eines alten Waldläufers gewählten Versteckes geführt hatte. Er hatte diesen Zufall benutzt, indem er sich mit Erfolg des Losungswortes Hahnih bediente, und seine Kenntnis des indianischen Charakters überzeugte ihn, daß Ischähkohnih nicht heuchelte, als er die Zusage der Mitwirkung bei dem Vorhaben des grauen Bären gab. Worin diese Mitwirkung bestehen sollte, war freilich noch unbestimmt genug. Alles, was der rachedurstige Krieger vorderhand tun konnte, war, daß er den Jäger seines Beistandes versicherte und ihm eine genaue Beschreibung von den Verhältnissen des Lagers entwarf. Eine zweite Zusammenkunft, die bei herannahendem Abend stattgefunden, hatte nicht viel weiter geführt. Der Ort dieser Zusammenkunft war eine schmale, tiefe Waldschlucht, von Sassafrasstauden und Brombeergestrüppe über und über so umwuchert, daß ihr Dasein selbst indianisch scharfen Blicken leicht entgehen konnte. In dem engen Raume dieses Schlupfwinkels, welcher dem Licht nur spärlichen Zugang gestattete, saß der Trapper auf einem Steine, sein Roer zwischen den Knien und seinen Hund zwischen den Füßen. Mit seiner Skalplocke an dem Geranke über seinem Haupte anstoßend, stand Ischähkohnih vor ihm, harrend, ob der graue Bär noch etwas zu sagen habe. Groot Willem war in tiefes Nachdenken versunken, indem er die Tatsachen, welche ihm der Indianer mitgeteilt, sowie die mögliche Benutzung derselben erwog. Endlich unterbrach der Bogen und Köcher das lange Schweigen, indem er mittels einer leichten Bewegung zu verstehen gab, daß die Zusammenkunft abgebrochen werden müßte. »Wein Bruder will fort,« sagte der Trapper leise im Dialekt der Pokanoketen. »Ich will ihn nicht aufhalten, aber er wird morgen, bevor die Sonne aufgegangen, noch einmal hierher kommen, mir zu sagen, wie es dann im Lager aussieht. Will er?« »Ischähkohnih wird kommen.« »Gut. Ich weiß für jetzt weiter nichts zu sagen – doch halt, eine Frage noch. Kann mir mein Bruder angeben, wo sich zu dieser Zeit Hih-lah-dih befinden mag?« »Wenn mein Vater an den Fluß und am Ufer desselben hinabgehen will, wird er wohl die Schwester des Sachems treffen. Ischähkohnih sah sie mit den jungen Squaws zum Bade gehen.« »Gut. Mein Bruder vergesse nicht, dem Goldhaar, wenn nur immer möglich, ins Ohr zu raunen, daß Mato am Leben und in seiner Nähe sei.« »Ischähkohnih wird es nicht vergessen.« So sprechend schlug der Indianer seinen Büffelmantel um sich und glitt hinweg. Willem blieb noch einige Minuten regungslos sitzen, dann erhob er sich, bog die Ranken von der Öffnung weg, durch welche der Rote verschwunden, und spähte vorsichtig in den Wald hinaus. Prinslo steckte den Kopf zwischen den Beinen seines Herrn durch, zog schnüffelnd den Waldgeruch ein und blickte mit einem Ausdruck zu dem Greise auf, als wollte er sagen: Alles sicher. Willem verließ die Schlucht, sah nach dem Schloß seines Roers, warf das Gewehr schußgerecht in die Ellenbogenhöhlung seines rechten Arms und schritt geräuschlos durch den Forst dahin, unter dessen dunkelgrünem Gewölbe es schon zu dämmern begann, obgleich die Abendsonne noch die Wipfel rötete. Er war aber nicht weit gegangen, als sein geübtes Ohr einen Ton auffing, welcher ihn stillstehen machte. Es klang wie das Rauschen eines Flusses, dem sich jedoch ein verworrenes Summen wie von Menschenstimmen beimischte. Prinslo stutzte, schnobberte und ließ ein leises Knurren hören. »Still, alter Hund,« sagte der Trapper zu dem Tiere, welches im Begriffe war, vorzuspringen. »Still, hierher! Es werden die Mädchen sein. Bst, mache deiner Erziehung Ehre und muckse nicht. Hinter mich, hinter mich!« Prinslo befolgte die Weisung und hielt sich hinter seinem Herrn, welcher ruhig weiterging. Er erreichte das dicht umbuschte Ufer eines munteren Flusses, welcher sich in niedrigen Kaskaden durch sein enges steiniges Bett drängte und südwärts der See zueilte. Willem untersuchte mit den Augen die Umgebung des Wassers und verfolgte dann den Lauf desselben abwärts, indem er acht hatte, so durch das hohe Gebüsch sich durchzuwinden, daß er weder vom Walde her, noch von der Flußseite aus wahrgenommen werden konnte. Wie er vorschritt, drangen die Laute menschlicher Stimmen, welche er schon vorhin vernommen hatte, deutlicher zu seinen Ohren. Es waren helle, fröhliche Töne, es war jenes anmutige Geräusch, welches die Stimmen lachender Mädchen zu verursachen pflegen. Nachdem Willem noch ein paar Büchsenschüsse weiter vorgedrungen war, stand er still, griff mit den Händen in die grüne Wand, welche das Wasser verbarg, brachte vorsichtig eine Öffnung zuwege und blickte hindurch. Eine Szene voll Anmut und malerischen Reizes bot sich seinen Augen dar. Der Fluß machte hier eine Krümmung nach links hin und breitete sich zu einem weiten Becken aus, in dessen Raum das Wasser, wie ermüdet von den Sprüngen, die es auf seinem bisherigen Laufe gemacht hatte, gleichsam ausruhte. Von drei Seiten umgab undurchdringliches Dickicht dieses Wasserbecken, aber von einer Seite her, von der südwestlichen, hatte die rote Abendsonne Zugang und überströmte den glatten Spiegel mit goldener Glut. Der Ort wäre schon in seiner gewöhnlichen Waldeinsamkeit reizend gewesen, aber die menschlichen Wesen, welche ihn zu dieser Stunde bevölkerten, machten ihn ohne Zweifel noch reizender. In dem Wasserbecken tummelte sich eine Gruppe von einem Dutzend und mehr indianischen Mädchen, welche alle in jenem Alter der Jugendfrische und Harmlosigkeit standen, in welchem das Weib ihrer Rasse so lieblich in Gestalt, so graziös in Gebärden und Bewegungen zu sein pflegt. Die Badenden überließen sich ganz der Fröhlichkeit ihres Alters. Sie teilten schwimmend die ruhige Flut, peitschten sie mit den Händen zu Schaum, überspritzten sich mit Wasserstrahlen, entzogen sich untertauchend der Verfolgung, erhoben sich, faßten sich bei den Schultern, rangen miteinander, verschlangen ihre Arme ineinander, um wassertretend einen Rundtanz zu versuchen, bis eine Mutwillige die Tänzerinnen unter dem Wasser bei den Beinen faßte und sie niederzog, worauf dann alle mit schallendem Gelächter in das lauwarme Element hinabsanken, um, wieder emporschnellend, den reizenden Wechsel ihrer Spiele von neuem zu beginnen. Es war ein Schauspiel, das bei all dem Verführerischen, welches der Anblick dieser schönen schlanken Gestalten haben mochte, dennoch von einem Dufte der Unschuld und Züchtigkeit überflogen war. Der alte Trapper betrachtete es, aber keineswegs mit den Blicken und Gefühlen eines Fauns, welcher badende Nymphen belauscht. »Arme Kinder,« flüsterte er traurig bewegt in sich hinein, »ihr ahnt nicht, daß es mit euren unschuldigen Freuden wohl bald und für immer zu Ende sein wird; ihr ahnt nicht, daß ein schreckliches Los über eurem Volke schwebt, daß sein Untergang beschlossen und besiegelt ist. Ja, nach dem, was ich diesen unseligen Sommer her erlebt habe, weiß ich, daß die rote Rasse der weißen weichen muß. Es kommt die Zeit, und mit raschen Schritten kommt sie, wo die Flußufer dieses Landes nicht mehr vom fröhlichen Gelächter indianischer Mädchen widerhallen werden, wo kein roter Jäger mehr den Bogen in diesen Wäldern spannen wird. Dann wird es hier herum auch aus sein mit dem freien schönen Waldleben. Die Kolonisten werden jeden Winkel von den Jagdgründen der ausgerotteten Eingeborenen in Besitz nehmen, sie werden die Forste niederschlagen, das Wild vertilgen, den Büffel dem fernen Westen zutreiben, den jungfräulichen Boden mit dem Pfluge quälen und da, wo an den Ratsfeuern der Häuptlinge das Kalumet die Runde machte, ihre betrügerischen Kramläden und ihre von Psalmengenäsel gellenden Bethäuser aufschlagen. Dann wird es sehr trübselig aussehen in Neuengland. Und daß ich selber noch mithelfen muß, die wahren und echten Eigentümer dieses Bodens zu vertilgen, das ist bitter, sehr bitter. Hätte wahrlich nie gedacht, daß es dazu kommen könnte. Aber wenn es Menschenkräfte nicht übersteigt, muß der Mord in der Ruine auf der Insel gesühnt, muß der arme Junge befreit werden, und hernach, ja hernach will ich mich aufmachen gen Westen zu, wo es noch Wälder gibt, in welchen die Axt des Ansiedlers nicht klingt.« Der mit neuer Kraft unter den braunen Wassernixen losbrechende fröhliche Tumult zog den Greis von seinen düsteren Betrachtungen ab. Eins der Mädchen war ans Ufer geeilt, wo ihre leichten Kleider lagen, und hatte von dort eine mit Luft gefüllte Blase geholt, die es mit der flachen Hand wie einen Ball mitten in das Getümmel der Badenden schlug. Sogleich entspann sich der anmutigste Wettkampf. Springend, schwimmend, lachend und jubelnd mühten sich alle, die Blase zu haschen, welche bald hoch in der Luft schwebte, bald auf das Wasser niederklatschte, um sogleich wieder aufgegriffen und von einer Hand in die andere geschleudert zu werden. In diesem Augenblicke fiel Willems Auge auf einen Gegenstand, welcher ihn das allerliebste Schauspiel vergessen machte. Auf der rechten Seite des Wassers, auf der er selber sich befand, sah Willem an der Krümmung des Ufers eine weibliche Gestalt im Grase sitzen, ein Mädchen, welches die Kleider nicht abgelegt hatte und an der lärmenden Unterhaltung seiner Gespielinnen keinen Anteil nahm, sondern, die Hände unter den aufwärts gebogenen Knien gefaltet, bald mit teilnahmlosen Blicken in das gegenüberliegende Waldesdunkel starrte, bald regungslos vor sich nieder sah. »Es ist Hih-lah-dih, ja wahrhaftig,« sagte der Trapper bei sich. »Ich glaubte schon, Ischähkohnih hätte mich falsch berichtet, aber er hat nicht. Ich muß ihr ein Zeichen geben.« Er wartete, bis das lustige Getöse, welches die Mädchen im Wasser machten, einen Augenblick stiller wurde. Dann hielt er die Hand vor den Mund und brachte einen Ton hervor, welcher mit täuschender Kunst die Stimme des Whip-poor-will nachahmte, wenn er zu schlagen anheben will. Man mußte glauben, der genannte Vogel sitze in dem Gezweige einer der Eichen, welche das Ufer beschatteten. Willem blickte am Wasser hinab, um zu sehen, ob sein Signal von der, welcher es galt, gehört worden sei. Hih-lah-dih saß unbeweglich. Der Greis wiederholte das Zeichen etwas lauter. Das Mädchen hob fast unmerklich den Kopf, ließ ihn aber sogleich wieder sinken. »Sie hat mich gehört,« dachte Willem. »Wollte, diese lärmenden Kinder wären weit von hier. Aber ich muß Geduld haben.« Die lärmenden Kinder jedoch schienen sich an dem Orte, wo sie sich befanden, so zu behagen, daß sie keine Miene machten, denselben zu räumen. Mit der Beharrlichkeit, womit die indianische Rasse, wie ihre ernsten Angelegenheiten, so auch ihre Ergötzlichkeiten zu betreiben pflegt, lagen die Badenden ihrem Ballspiel ob, welches so lange dauern zu wollen schien, als die Blase aushielt. Zum Glück wurde jetzt dieselbe durch einen ungeschickten Schlag weiter stromabwärts geführt. Das ganze Rudel stürzte ihr nach. Die vorderste haschte die Blase vom Wasser auf, eine andere wollte sie ihr streitig machen, jene aber lief weiter hinab, alle eilten watend und hüpfend hinterdrein, bald war die Verfolgte umringt, sie wollte den Ball nicht loslassen, und da sie keinen andern Ausweg fand, schleuderte sie ihn über die Köpfe der Schar hinweg auf das gegenüberliegende Ufer, wohin sich der ganze Schwarm eilends wandte. In diesem Augenblick sah der Trapper Hih-lah-dih aufstehen und in das Ufergebüsch hinter ihrem Rücken schlüpfen. Ihr den Ort zu bezeichnen, wo er stand, brachte er wieder die hohle Hand vor den Mund und ließ abermals den Vogelruf hören. Das Gebüsch längs des Wassers bewegte sich mit leisem Rascheln. Prinslo stand auf und spitzte die Ohren, duckte sich aber auf einen Wink seines Herrn sogleich wieder. Die Zweige der Weiden wurden auseinandergebogen, und in der Öffnung erschien Hih-lah-dih. Der Trapper trat auf sie zu. Sie aber legte den Zeigefinger der linken Hand auf die Lippen, winkte mit der rechten waldeinwärts und glitt dem alten Jäger lautlos in die Tiefen des Forstes voran. 10. Mit dem Saum des Kleides streif' ich Immer an des Freundes Duft, Aber mit den Blicken greif ich Ach, vergebens durch die Luft. Mir so nah! und nicht begreif' ich, Wie er mir so fernher ruft! Die Gedanken Stehn und schwanken An der ungeheuren Kluft. Dschelaleddin Rumi. Im Wildesten Dickicht, wo die Dämmerung schon in die Schatten der nahenden Nacht überging, hielt die Indianerin an, kehrte sich gegen ihren Begleiter und sah ihm schweigend ins Gesicht. Es lag eine unbeschreibliche Mischung von Überraschung und Freude, Beklemmung und Schmerz in diesem Blicke. »Ich sehe,« sagte der Trapper in der Sprache ihres Volkes zu ihr, »ich sehe, meine Tochter hat noch nicht gelernt, ihre Ohren den Stimmen ihrer Freunde zu verschließen.« »Hih-lah-dih,« lautete die Antwort des Mädchens, »weiß die Stimme Matos von der des Vogels der Nacht zu unterscheiden. Es war gut, daß die jungen Squaws nur auf ihr Spiel achteten; sie hätten sonst merken müssen, daß etwas Fremdes in den Wäldern. Der Whish-ton-wish singt nicht zu dieser Jahreszeit.« Die reine Quelle bemühte sich, in ihrer Haltung und Sprache die ruhige Fassung darzulegen, welche ihr Volk in so hohem Grade auszeichnet. Allein die Natur, die allgewaltige, sprengte sogleich die Bande dieser erkünstelten Zurückhaltung. Sie machte zwar noch eine Anstrengung, ihr Gefühl zu bemeistern, dann aber faßte sie leidenschaftlich die Hände des alten Jägers und sagte mit tränenden Augen, fliegendem Busen und halberstickter Stimme: »Das Goldhaar – er ist gefangen im Lager des Sachems – der Tod schwebt über ihm!« Dieser Ausbruch von Hih-lah-dihs Schmerz offenbarte dem Greis die Beschaffenheit der Gefühle, welche die Tochter der Wälder für seinen Adoptivsohn hegte. Es war ein so rein menschlicher Schmerzenslaut, die abgemagerten Wangen des Mädchens gaben eine so rührende Erläuterung zu demselben, daß der gute Willem vom innigsten Mitleid ergriffen wurde. »Armes Kind,« murmelte er, die Hände des Mädchens in den seinigen drückend, »also auch du leidest unter dem allgemeinen Unglück dieser bösen Tage, leidest doppelt und dreifach, und ich weiß nicht, was ich dir zum Troste sagen könnte. Was sollen da überhaupt Worte? – Aber,« fuhr er lauter fort, »meine Tochter sagt, der Tod schwebe über Thorkil – er muß gerettet werden!« »Gerettet werden? O, er muß gerettet werden, mein Vater spricht wahr – aber wie soll er gerettet werden? Hih-lah-dih ist unklug, sie weiß es nicht. – Der Sachem ist grimmig und sein Zorn ein fressendes Feuer, das nichts löscht. – Das Goldhaar beschuldigte Metakom, er hätte den Skalp seines Vaters genommen. Nun will der Sachem auch den Skalp des Goldhaars nehmen. – Der Manitu hat sein Angesicht verhüllt vor seinen roten Kindern, und die Powows sagen, er hätte dem Ochkih-Häddäh Macht gegeben über unser Volk, bis sein Zorn gesühnt werde durch ein großes Opfer.« Diese rasch hervorgesprudelten Worte enthielten namentlich in ihrer letzten Wendung etwas, das die Bekümmernis des alten Jägers zu verschärfen sehr geeignet war. Denn er war mit der Denkungsart, den Sitten und Bräuchen der Eingeborenen zu bekannt, um nicht zu wissen, daß ihre Religion, so tolerant, ja indifferent sie in ihrer Unbestimmtheit gewöhnlich war, dennoch unter Umständen den fanatischen Charakter aller übrigen Religionen annehmen konnte. Daß aber religiöser Fanatismus das Erbarmungsloseste sei, was es auf der Welt geben könne, das hatte Groot Willem bitter genug erfahren, um nicht für Thorkil mehr als je zu fürchten. Sein Nervensystem war indessen das eines alten Grenzkriegers, das heißt, er wußte seine Empfindungen vollkommen zu beherrschen. »Meine Tochter spricht von einem Opfer, einem großen Opfer,« sagte er, »ich verstehe sie nicht.« »Mato ist ein weiser Krieger,« versetzte das Mädchen, »er wird Hih-lah-dih verstehen, wenn sie sagt, daß die Powows drei Tage und drei Nächte in der Medizinhütte gefastet und dann den Ausspruch getan haben, der Manitu heische ein Opfer und das Goldhaar solle dieses Opfer sein und der Mann, welchen die Blaßgesichter den brüllenden Tom nennen, solle das Opfer schlachten.« »Vermaledeite Teufelei! Kind, das ist nicht der Wille des guten Geistes, sondern grausamer Menschen, die vom Ochkih-Häddäh, wie ihr ihn nennt, getrieben werden.« »Hih-lah-dih glaubt das auch, und sie hat es ihrem Bruder, dem Sachem, in die Ohren geflüstert, aber Metakoms Herz ist zu Stein geworden, seit die Blaßgesichter seine Lieblingssquaw Mongschongschah und ihren Knaben gefangen genommen haben.« »Wie, die sich beugende Weide und ihr Knabe, der einzige Sohn des Häuptlings, sind den Leuten meiner Farbe in die Hände gefallen?« »Ja. Es war, als der Stamm von den Flüssen herab nach Montaup zog. Die Späher des Sachems sagen, die Blaßgesichter hätten die gefangene Mongschongschah getötet.« »Schmach über sie, wenn das wahr ist. Ein gefangenes Weib töten? Niederträchtig! Ich hoffe um der Ehre meiner Farbe willen, daß es nicht geschehen sei.« »Warum soll es nicht geschehen sein? Blaßgesichter alles töten, Krieger, Squaws, und Papuse, wollen armes rotes Volk vertilgen vom Boden unserer Väter. Naragansetterstamm verbrannt worden in seinen Wigwams in Squaw-Sonk, großer Sachem der Naragansetter ermordet worden von Pequodenhunden.« »Rede mir nicht davon, Mädchen, rede mir nicht davon! Es war eine schmähliche Untat. – Sprich mir lieber von Thorkil. – Du hast ihn gesehen und mit ihm geredet, nicht? Ist er gesund und aufrecht?« »Das Goldhaar ist in den Höhlen des großen Steins verwahrt, wo auch der Häuptling des Donnerkanoes und der silberhaarige Häuptling und sein Sohn und Lovely –« »Was ist's mit Lovely? Was ist's mit dem armen Kind?« Ein peinliches Gefühl schnürte die Brust der Indianerin zusammen, als sie ihrer Nebenbuhlerin gedachte, allein der Edelmut ihres Wesens gewann sogleich wieder die Oberhand. »Hih-lah-dih,« sagte sie aufatmend, »hörte einmal den Hahdoh-Manitu sagen, der Manitu der Blaßgesichter habe um sich eine unzählbare Schar guter Geister, welche in der Sprache von meines Vaters Volk Engel genannt werden. Hih-lah-dih denkt, ihre Blaßgesichtschwester Lovely einer von diesen Engeln sein.« »Du selber bist ein Engel des guten Gottes, Kind,« versetzte der Greis tief gerührt. »Aber wie ist's mit meinem Jungen? Wie ist's mit Thorkil?« »Hih-lah-dih sah ihn, als Annawon ihn und den Häuptling des Donnerschiffes und Lovely ins Lager brachte; seither sah Hih-lah-dih das Goldhaar nicht mehr mit Augen, aber immer sehen den jungen Jäger mit Herzen, immer, immer!« So sprechend barg sie errötend das Gesicht mit den Händen, und große Tränen quollen zwischen ihren Fingern hervor. »Ja, immer ihn sehen mit Herzen,« fuhr sie leise weinend fort, »hören mit Herzen, fühlen mit Herzen und doch wieder glauben müssen, das Goldhaar sei weiter von Hih-lah-dih weg, als der große Salzsee breit ist,« »Glaube das nicht, Kind. Ich weiß, Thorkil hat dich lieb wie eine Schwester.« »Wie Schwester, ja, doch Lovely – aber sie ist weiß, weißer als die Blüte der Wasserlilie, und er ist auch weiß – Lovely wird ihm nähen sein Jagdhemd, ihm rösten sein Wildbret, Lovely wird sein bei ihm in Wigwam, Lovely wird ihm – doch Hih-lah-dih ist rot, ist armes Indianermädchen, ihm nur sein kann Schwester.« Sie verstummte und fügte nach einer Pause mit gewaltsamer Fassung hinzu: »Hih-lah-dih ihm sein will Schwester, treue Schwester; er Blaßgesichtbruder, sie Rothautschwester: so es wollen Manitu.« »Das ist ein frommes Wort, wenn ich je ein solches vernommen habe, entgegnete der Trapper. »Ja, ein gutes und frommes Wort ist es, meine Tochter, und Gott segne dich dafür! – Aber meine Tochter höre mich und beachte meine Rede. Ich bin hierher gekommen, das Goldhaar zu befreien. Wird Hih-lah-dih mich verraten?« »Verraten? Mein Vater kennt seine Tochter nicht.« »Doch, er kennt sie und gesteht, daß seine Frage eine unstatthafte und einfältige war.« »Hih-lah-dih wußte, daß Mato kommen würde, dem Goldhaar zu helfen. Als er so lange zögerte, fürchtete sie, er wäre in die glücklichen Jagdgründe gegangen.« »Ei, was das betrifft, Mädchen, so lag es weder an mir noch an den Nipmuken, daß es nicht geschah. Ich war arg in der Klemme, Död und Duivel! höllisch arg – doch sage mir: wie steht dein Volk zu dem Häuptling des Donnerschiffes?« »Rote Krieger lassen die Squaws nicht unter ihnen sitzen am Ratsfeuer.« »Wohl, wohl, ich weiß das, Kind. Aber Hih-lah-dih ist klug, sie kann mir sagen, ob der Wampum der Freundschaft zwischen ihrem Volk und dem Häuptling des Donnerschiffes, welcher Wampum, vermut' ich, durch die Vorgänge beim Fort Tabor etwas gelockert oder gar zerrissen worden sein mag, wieder fest geknüpft wurde.« »Hih-lah-dih hat eine Stimme raunen hören, Metakom hätte dem Sachem des Donnerkanoes angeboten, das Kalumet mit ihm zu rauchen und silberhaarigen Häuptling von jenseits des Salzsees und Lovely und Vater von Lovely freizugeben, wenn der Sachem des Donnerkanoes seine Krieger aus großem Schiff herbeirufen wollte, um vereint mit Wampanogen den Tomahawk gegen die Blaßgesichter zu erheben.« »Ah, das ist ein Stück indianischer Klugheit. Aber wie nahm der Häuptling des Donnerbootes den Antrag auf?« »Nicht gut, er sagen Metakom harte Worte, viel harte. Die Squaws im Lager flüstern, der Sachem des Donnerkanoes sei voll Zornmut, und flüstern auch, das daher rühren, daß meiner Blaßgesichtschwester Vater dem Sachem des Donnerkanoes böse, zornige Worte ins Gesicht geworfen.« »Ha, er hat den Kapitän erkannt ohne Zweifel, und weder die Jahre noch das Unglück scheinen den starren Sinn des Mannes gemildert zu haben. Ja, diese Puritaner tragen statt des Herzens die schwarze Bibel in der Brust. Doch lassen wir das. – Meine Tochter sprach von einem großen Opfer, welches stattfinden würde. Wann ist der Tag?« »Morgen.« »Morgen schon?« »Morgen bei Sonnenaufgang wird die Medizinhütte geöffnet und werden die jungen Krieger der großen Blutprobe unterworfen werden, um die Wolke vom Angesicht des Manitu zu vertreiben. Wenn Wolke nicht weichen, dann –« »Dann?« »Das Goldhaar –« »Ich verstehe dich, Mädchen, aber mein Roer soll ein Wort darein sprechen und müßte ich tausend Leben verlieren. – Aber halt – ha, gut, daß mir das einfällt! Warum dachte ich nicht früher daran? – Höre, Kind, liegt dir daran, daß Thorkil gerettet werde?« »Warum so fragen armes Indianermädchen?« »Wohl, aber würdest du etwas tun und wagen, um Thorkil zu retten?« »Alles, was Hih-lah-dih können. Aber was können schwache Squaw? Sie nur ihr Leben haben.« »Es bedarf dieses Opfers nicht. Es bedarf nur einer verstohlenen Kanoefahrt in die Salzsee hinaus, diese Nacht. Es ist keine Gefahr dabei, der Mond wird scheinen, und das Meer ist ruhig bei dieser Windstille.« Bevor die Indianerin antworten konnte, hörte man durch das Walddüster die Stimmen der Mädchen vom Flusse herüber, welche nach Hih-lah-dih riefen und sich zu nähern schienen. »Was will mein Vater sagen?« fragte die Gerufene. »Nicht gut, wenn junge Squaws uns hier finden.« »Freilich nicht. Aber höre. Unserer Abrede mit Ih-nis-kin zufolge muß das Donnerschiff unfern von dieser Landzunge kreuzen. Meine Tochter versuche heimlich, es zu finden. Mehr brauche ich nicht zu sagen. – Du hast mich verstanden, Kind?« Die Stimmen der rufenden Mädchen klangen näher und lauter. »Hih-lah-dih versteht, was mein Vater will. Sie wird auf dem Salzwasser nach dem Donnerkanoe spähen und die Botschaft Matos an Ih-nis-kin bestellen.« So sprechend winkte die Indianerin dem Trapper ein hastiges Lebewohl und eilte durch das dunkle Baumlabyrinth dem Flusse zu. Der Greis sah ihr nach, bis ihre Elfengestalt zwischen den Stämmen verschwunden war, und schlug sich dann seitwärts ins Gebüsch. 11. Ein Mysterium wird tragiert – »Menschenopfer« heißt das Stück, Uralt ist der Stoff, die Fabel – In der christlichen Behandlung Ist das Schauspiel nicht so gräßlich. Diesmal aber, bei den Wilden, War der Spaß sehr roh und ernsthaft Aufgefaßt ... Heine. Wir haben die Religion der Eingeborenen von Nordamerika gelegentlich bereits als eine vage und gleichgültige charakterisiert, als eine gleichgültige in bezug auf das religiöse Verhalten der Indianer gegen Andersglaubende, welches das toleranteste von der Welt war und ist, als eine vage, weil ihre mythologischen Vorstellungen sehr unbestimmt und unentwickelt waren. Der letztere Umstand hat seinen Grund darin, daß der Indianer weit mehr Leidenschaft als Einbildungskraft besitzt. Die indianische Phantasie ist nicht sehr produktiv: sie hat einige wenige Kriegs-, Jagd- und Liebeslieder hervorgebracht, sowie zahlreiche mythologische Traditionen, aber diese sind sehr alt und wurden von späteren Generationen nicht vermehrt oder systematisiert. Ihre kosmogonischen Ideen sind sehr unzusammenhängend und kindlich, wo nicht zu sagen kindisch, doch findet sich darunter da und dort eine, welche tiefer dringt und höher steigt. So, wenn der Indianer die belebte Welt als einen großen Körper betrachtet, dessen Glieder einem und demselben Prinzip von Geburt, Wachstum, Fortdauer und Auflösung unterworfen sind, oder wenn er die Erde als die gemeinschaftliche Mutter von allem, was ist, verehrt. Der große Zwiespalt in der moralischen Welt, der Unterschied zwischen dem Guten und Bösen, hatte auch in den religiösen Ansichten der Indianer seinen mythologischen Ausdruck gefunden. Was dem Anhänger der altpersischen Lehre Zerduschts Ormuzd und Ahriman, was dem Juden Jahve und Satan, das waren dem Indianer der gute Geist (Manitu) und der böse Geist (Ochkih-Häddäh). Das Verhältnis dieser beiden Prinzipien oder Personen zueinander wie zu den Menschen war freilich so schwankend und unbestimmt wie die ganze indianische Religion: gerade diese Unbestimmtheit und Dunkelheit aber wurde eine unerschöpfliche Fundgrube für die Machenschaften der Powows oder Medizinmänner, welche die Eigenschaften des Priesters, Arztes, Wahrsagers und Zauberers in sich vereinigten, bei dem gemeinen Manne in sehr hohem Ansehen standen und gerade deshalb von solchen, welche über den Aberglauben des großen Haufens erhaben waren, häufig als die passendsten Werkzeuge zur Erreichung gewisser Absichten gebraucht wurden. Merkwürdig ist, daß sich unter den indianischen Stämmen manche Überlieferung findet, welche mit den Mythen der altorientalischen und der christlichen Welt überraschende Ähnlichkeit hat. So hat die Sage von der großen Flut, welche unter ihnen heimisch ist, Veranlassung zu der von einigen Pedanten im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert mit Heftigkeit verfochtenen Hypothese gegeben, die Indianer seien einer der verlorenen Stämme Israel und daher im Grunde echte und gerechte Juden. Georg Katlin, der von allen Weißen dem Indianertum das umfassendste und liebevollste Studium gewidmet hat und dessen jahrelange Forschungen auf diesem Gebiete so höchst anziehende Resultate lieferten, teilt eine andere Sage mit, welche Anklänge an den christlichen Mythus enthält und mit der berühmten keltischen Mythe von Merlin, welchen bekanntlich der Teufel, als Affe Gottes, mit einer Jungfrau zeugte, frappant übereinstimmt. Vor langer, langer Zeit kam Ochkih-Häddäh in Begleitung des Numank-Machana, das ist des ersten Menschen, vom Westen her in das Dorf der Mandaner und setzte sich neben eine Frau, welche Mais ausbrach. Zu dieser kam ihre Tochter, die sehr schön war. Der böse Geist bat die Jungfrau, ihm Wasser zu holen, wünschte aber, daß sie vorher noch etwas Büffelfleisch essen möchte. Sie solle, sagte er, nur ein Stück aus seinen Lenden nehmen. Sie tat so, aß und fand, es schmecke wie Büffelfleisch. Hierauf holte sie Wasser, von dem beide mitsammen tranken, und das war vorderhand das ganze Abenteuer. Bald darauf aber suchten die Bekannten der Jungfrau diese zu verunehren, indem sie aussprengten, jene sei guter Hoffnung. Sie selbst zwar leugnete das nicht, zugleich aber beteuerte sie ihre Unschuld und forderte alle Männer des Stammes auf, sie anzuklagen, wenn sie könnten. Dies brachte eine gewaltige Aufregung im Dorfe hervor, und da kein Ankläger gegen sie auftrat, so wurde sie als »große Medizin« betrachtet. Unlange darauf entfernte sie sich aus dem Dorfe und gebar an einem abgelegenen Orte. Man suchte eifrig nach ihr und dem Kinde, weil man glaubte, das letztere sei ebenfalls große Medizin und für das Wohlergehen des Stammes sehr wichtig. Diese Annahme, welche durch die wunderbare Art der Empfängnis motiviert war, wurde bestätigt durch die Wunder und Zeichen, welche das Kind wirkte. Unter anderem gab es einmal den Mandanern, als sie dem Hungertode nahe waren, vier Büffel und zwar wunderbare Büffel, denn nachdem der ganze Stamm sich an dem Fleische der Tiere gesättigt hatte, war dessen noch mehr vorhanden, als zum Anfang. Numank-Machana hatte jedoch den Entschluß gefaßt, das Wunderkind zu töten, und nachdem er es lange vergeblich gesucht, fand er es an einem dunkeln Orte, ergriff es und warf es in den Fluß, wo es ertrank. Sobald Ochkih-Häddäh dies erfuhr, verfolgte er die Spur des Numank-Machana, um ihn umzubringen. Nach langem Suchen fand er ihn, allein der erste Mensch hatte die große Medizinpfeife in der Hand, deren Zauber ihn gegen jeden Feind sicherstellte. Deshalb fand es Ochkih-Häddah für gut, sich mit ihm zu versöhnen, worauf beide freundschaftlich aus der großen Pfeife rauchten. Das ist so ein Stück indianischer Mythologie, ein Stück, aus welchem man hat schließen wollen, daß die Eingeborenen von Nordamerika eine dunkle und verworrene Kenntnis von dem Sündenfalle Evas und von dem Erscheinen und dem Tode des Erlösers besessen hätten. Wir unsererseits können uns auf eine nähere Untersuchung hier nicht einlassen, sondern teilten die Sage nur episodisch mit, einigermaßen als Vorspiel zu der Szene, welche wir jetzt zu beschreiben haben. Bevor wir daran gehen, sagen wir nur noch, daß Metakom, wie es scheint, für passend erachtet hatte, den gesunkenen Mut seines stark dezimierten Stammes mittels eines Schauspiels religiösen Fanatismus wieder zu beleben, wie ja schlaue Politiker in alter und neuer Zeit häufig versuchten, und zwar oft mit Glück, den großen Haufen durch Anwendung religiöser Reizmittel zu galvanisieren. Ob der große Häuptling durch die vielen öffentlichen und persönlichen Mißgeschicke, welche in letzter Zeit ihn betroffen, in seinem Sinne verstört, die religiöse Zeremonie, von welcher zu berichten ist, nebenbei zur Befriedigung eines Privathasses benutzen wollte, lassen wir dahingestellt. Mit Sonnenaufgang war in dem Lager der Wampanogen alles lebendig. Das Lager befand sich, wie schon erwähnt worden, auf der äußersten Spitze der Landzunge von Montaup. Da, wo die See das Land berührte, war der Platz ein paar Schritte breit frei. Dann erhob sich längs dieses schmalen Erdsaumes eine Reihe von Rasenhütten und Büffelhautzelten, welche die ganze Breite der Landzunge einnahm. In der Mitte dieser Linie von Wigwams, aber abgesondert von derselben, stand die sogenannte Medizinhütte, der Mittelpunkt der heutigen Verhandlung. Auf der Nordseite derselben war ein ziemlich großer freier Raum, welcher nordwärts von einem dichten Waldgürtel geschlossen wurde und gegen Westen offen war. Seine östliche und südöstliche Seite war zur Aufnahme der Zuschauer des feierlichen Aktes bestimmt, welcher sich vorbereitete. In gerader Richtung zwischen der Medizinhütte und dem Walde, nur ein paar Schritte vom Saume desselben entfernt, sprang der isolierte Felsblock in die Höhe, dessen ebenfalls schon früher gedacht wurde. Wer von unsern Lesern schon das Vergnügen gehabt hat, die Gotthardsstraße von Amsteg bis Andermatt zu sehen, wird sich eines kolossalen Felskegels erinnern, welcher unweit oberhalb des Dorfes Wasen hart am Wege ganz frei dasteht und unter dem Namen des Teufelsfelsens bekannt ist. Diesem war der Fels, welchen wir hier im Auge haben, auffallend ähnlich, nur mit dem Unterschiede, daß letzterer noch entschiedener als jener die Gestalt einer umgekehrten Pyramide und in der Mitte einen weitklaffenden Spalt hatte, in welchem mehrere Waldbäume wurzelten, die ihre Äste und Wipfel über die Oberfläche des Felsens hinweg in die Luft streckten. Dieser Spalt befand sich auf der nördlichen Seite des Steins, etwa in halber Höhe desselben, welche ganz schroff anstieg und ohne künstliche Hilfemittel unzugänglich zu sein schien. Die Medizinhütte selber verlangt ebenfalls eine kurze Beschreibung. Sie war in bedeutender Größe aus Stämmen aufgeblockt und auf drei Seiten ohne irgend eine Öffnung, die vierte aber, die nördliche, war ganz offen, indem die Büffel- und Hirschfelle, welche an gewöhnlichen Tagen die Zwischenräume des Gebälkes bedeckt hatten, entfernt worden waren. Mitten in der Hütte, deren Pfosten, Wände und Dachfirst mit Adlerfedern, Schlangenhäuten und Stücken roten und blauen Tuches verziert worden, waren in zwei eigentümlich geschichteten Gruppen weißgebleichte Menschen-, Büffel- und Elentierschädel aufgestellt. Zwischen denselben lagen ein Messer und mehrere an beiden Enden gespitzte Stäbchen von hartem Holz am Boden. Eine Anzahl Stricke von rohem Leder hing von der Decke der Hütte herab. In den vier Ecken derselben, welche die vier Weltgegenden bedeuteten, bemerkte man vier mit Wasser gefüllte Ledersäcke, deren Form die Gestalt der Schildkröte nachahmte, ohne Zweifel eine symbolische Erinnerung an die große Flut. Auf jedem dieser Schläuche lag eine Art Trommelstock und eine tamburinartige Rassel, gefertigt aus einer mit Leder überzogenen Kürbisschale. Die Trommelstöcke und Rasseln wurden während der Zeremonie von vier Powows fortwährend in Bewegung gesetzt. Draußen vor der Hütte, an der nordöstlichen Ecke derselben, war ein mächtiger Eichenstumpf aufrecht hingestellt, und auf demselben lag eine gewaltige Kriegskeule, aus Speckstein geschnitten. Die Zeremonie begann, wie schon gemeldet, mit Aufgang der Sonne. Eine kleine Streifpartei, welche unter Anführung Ischähkohnihs die Wälder und Sümpfe vor Tagesanbruch ausgekundschaftet hatte, war mit der Meldung zurückgekehrt, daß alles sicher sei. Sofort konnte der Sachem, vor sein Wigwam tretend, mittels eines Büchsenschusses das Zeichen zum Beginn der seltsamen Feierlichkeit geben, denn die Powows hatten die Nacht über alles dazu Erforderliche vorbereitet und ihre Rollen unter sich verteilt. Kaum war der Schuß gefallen, als sich der ganze Stamm, welcher, Weiber und Kinder eingeschlossen, etwa noch zweihundert Köpfe stark war, zu einem Zuge ordnete, auf den freien Platz vorschritt, langsamen Schrittes und schweigend die Medizinhütte in Prozession umschritt und dann in einem Halbkreise an der schon bezeichneten Stelle Platz nahm. Die Ordnung der Versammlung hierbei war ganz dieselbe, wie wir sie früher einmal angaben. In der Sehne des Halbbogens saß der Sachem allein. Ein paar Schritte hinter ihm saßen Annawon und ein Weißer, der brüllende Tom. Nun folgte eine Reihe von Untersachems und vorragenden Kriegern. Am äußersten nördlichen Ende der Linie bemerkte man Ischähkohnih. Dann kamen mehrere Reihen von Männern, und noch weiter zurück hatten die Frauen und Kinder ihren Platz. Am südwestlichen Ende des Halbbogens sah man eine Gruppe von Jünglingen, die erst unlängst in das Alter der Mannbarkeit eingetreten. Ihre nackten Körper waren über und über mit Ton bemalt, gelb, rot, weiß und schwarz, und sie sollten heute eine wichtige Rolle spielen. Metakom trug seinen besten Häuptlingsschmuck. Sämtliche Krieger erschienen in ihrer Kriegsbemalung und hatten sich festlich herausgeputzt. Von Waffen jedoch sah man nur die Tomahawks, welche die Männer im Gürtel trugen. Sei es, daß die ganze Versammlung das düstere Schweigen des Sachems nachahmte, dessen bronzene Züge und kühne Stirn von finsteren Schatten umwölkt waren, oder sei es, daß die bevorstehende Feier es verlangte, alles schwieg, niemand regte sich und man hätte diese laut- und regungslose Menge für eine Sammlung von Mumien halten können, wäre nicht das erwartungsvolle Rollen und Glühen der schwarzen Augen gewesen. Endlich traten vier Powows in phantastischem Anzug aus der Medizinhütte, und ein fünfter ging in ihrer Mitte. Dieses Individuum, der erste Powow des Stammes, war eine höchst groteske Erscheinung. Die Kopfhaut eines grauen Bären hatte er über das Haupt gestülpt, so daß sein Gesicht völlig darunter verschwand. An diesem barocken Helme waren lang herabfallende Felle von allerlei größeren Wildtieren des Landes befestigt, an den Fellen aber Häute von Schlangen, Fischen, Vögeln, Fröschen, Eichhörnchen, Fledermäusen, ferner Bärenklauen, Hufe von Hirschen, Biberschwänze, Federn von allem fliegenden Getier. Die Rassel, welche er mit der Linken über dem Kopfe schwang, war mit Insekten, Federn und Hörnern verziert, der Zauberstab in seiner Rechten mit Skalphaaren, großen und kleinen Eidechsen, Muscheln und allerhand Kräuterbüscheln. Ähnlich waren auch seine Kollegen angetan, doch boten sie in ihrer Erscheinung kein so überreiches Sammelsurium von allem, was geht, fliegt, kriecht und schwimmt, wie ihr würdiges Oberhaupt. Auf den Platz vortretend, beschrieb der Ober-Powow mit seinem Stab verschiedene geheimnisvolle Kreise in der Luft, kehrte sich dann den vier Weltgegenden zu und rief viermal den Namen Numank-Machana. Jedesmal wiederholten seine Leviten diesen Namen und lärmten dazu fürchterlich mit ihren Rasseln. Die Beschwörung mußte große Kraft haben, denn am westlichen Ende des Platzes trat aus dem Gebüsche hervor ein Mann, dessen Körper vom Wirbel bis zur Sohle mit einer dicken Kruste glänzend weißen Tons bedeckt war. Über dieser Bemalung trug er einen Mantel von weißen Wolfshäuten, außerdem einen Kopfputz von zwei Rabenfellen, und in den Händen hielt er eine außerordentlich große Pfeife. Es war keine geringere Person als Numank-Machana, der »erste« oder einzige Mensch. Von den Powows feierlich eingeholt und ehrerbietigst begrüßt, schritt er über den Platz und stellte sich vor den Sachem, welcher es sich angelegen sein ließ, in seinen Gruß die größtmögliche Achtung zu legen. »Der Manitu,« so begann Numank-Machana seine Rede, »hat mich zu seinen Kindern gesandt, mich, der ich allein aus der großen Flut gerettet wurde, indem ich in meinem großen Kanoe auf dem hohen Berge im Westen landete, wo ich jetzt wohne.« Er beschrieb nun dieses Ereignis des näheren und fügte dann hinzu: »Der Manitu hat mich gesandt, um die Medizinhütte zu weihen, damit die große Blutprobe und das Opfer vor sich gehen könne. Doch zuvörderst reicht mir die Gaben, das große Wasser zu versöhnen, damit die Flut nicht wiederkehre. Reinigt eure Pfade von Dornen und erfüllt den Willen des Manitu, damit die Wolke von seinem Angesichte schwinde.« »Dummes Zeug!« brummte Tom Morton in englischer Sprache und verhielt nur mit Mühe das Lachen. Metakom warf ihm aber einen Seitenblick zu, welcher den unzeitigen Lachkitzel sofort stumpfte. Dann stand der Häuptling auf, nahm seinen Tomahawk aus seinem Gurt und reichte ihn dem Numank-Machana, indem er sagte: »Mein Vater ist sehr willkommen.« Der erste Mensch nahm die Gabe in Empfang und durchschritt die Reihen der Krieger, welche ihm alle ihre Streitäxte darboten. Dann ging er mit dem Armvoll Tomahawks, die er gesammelt, an das Meer, ersah sich eine tiefe Stelle und warf die wunderliche Opfergabe hinein. Nachdem die See ihr Opfer empfangen, verfügte sich Numank-Machana in die Medizinhütte, die er mit lautem Gemurmel und seltsamem Gebärdenspiel weihte. Auch zündete er dort die große Medizinpfeife an. Hierauf trat er mit dieser heraus, blies nach jeder der vier Weltgegenden eine große Rauchwolke und überreichte die Pfeife dem Ober-Powow, welcher hiermit zum Leiter der weiteren Zeremonien bestellt war. Dies abgemacht, verneigte sich der erste Mensch vor dem Sachem und der ganzen Versammlung, eilte windschnell über den Platz und verschwand in dem Gebüsche, aus welchem er hervorgekommen. Der Ober-Powow blies nun ebenfalls große Rauchwolken nach allen vier Winden; dann richtete er die Spitze des Pfeifenrohrs gerade in die Höhe und stieß einen schrillen Ton aus. Diesen wiederholten seine vier Leviten und setzten ihre Rasseln in Bewegung. Sogleich erhoben sich die Jünglinge, welche die Hauptrolle in der »Okippe«, das ist, in dem Fest der großen Blut- und Mutprobe, spielen sollten, und schritten paarweise bis in die Mitte des Platzes vor. Die Powows stellten sich an ihre Spitze und führten den Zug langsam um die Medizinhütte, wobei die Jünglinge sangen: »Nun geh' ich, nun geh' ich zum freud'gen Geschäfte – O großer Geist, erbarme dich mein, Im freud'gen Geschäft hab' Erbarmen mit mir! Auf meinem Wege gib gutes Glück Und habe Erbarmen, o großer Geist, Mit meinem freud'gen Geschäfte! Nun geh' ich, nun geh' ich zum freud'gen Geschäfte – O gib mir Sieg und Gelingen, O großer Geist, erbarme dich mein!« Nachdem die kleine Prozession wieder mitten auf dem Platz angelangt war, verstummte der Gesang, und die Okippe nahm jetzt wirklich ihren Anfang. Sie zerfiel in drei Abteilungen, in den Büffelstiertanz (Bellohknähpick), die Schneide (Pohkhong) und das letzte Rennen (Ehkenahkanahpick). Indem die zwölf Jünglinge sich zum Tanze aufstellten, bildeten sie eine Gruppe um den Ober-Powow her. Je drei und drei zusammengeordnet, stellten sie die vier Weltgegenden dar. Jedem der Tänzer wurde von den Powows in die linke Hand ein dünner weißer Stab und in die Rechte eine Rassel gegeben. Als darauf der Leiter der Zeremonie wiederum ein Rauchopfer aus der Medizinpfeife dargebracht hatte, gab er das Zeichen zum Beginne des Tanzes. Sofort gaben die Powows die monotone Melodie desselben an, welche sie, wie auch die Tänzer selbst, mit ihren Rasseln begleiteten, was ein großes Geräusch hervorbrachte. Die Tänzer bewegten sich in jenen mehr grotesken als schönen Sprüngen im Kreise, welche den indianischen Tänzen überhaupt eigen sind. Sie ahmten dabei die Bewegungen und das Gebrüll der Tiere nach, von welchen der Tanz seinen Namen hatte, und wetteiferten miteinander in wildem Gebärdenspiel und Geschrei. In dieser Weise hatte der Tanz eine gute Weile gewährt, als ihn eine Erscheinung unterbrach, welche an der Stelle, wo der erste Mensch verschwunden, aus dem Gebüsche auftauchte. Diese Erscheinung war ein Mann, dessen völlig nackter Körper mit einer Mischung von gestoßenen Kohlen und Bärenfett schwarz wie der eines Mohren angestrichen war. Auf diesem dunkeln Grunde liefen um seine Arme, Lenden, Schenkel und Beine weiße Ringe von etwa einem Zoll Durchmesser, und am Munde trug er ein schreckliches Bärengebiß. Es war seine satanische Majestät in eigener Person, welche in solchem Kostüm sich offenbarte. Beim Anblick dieser scheußlichen Figur erhoben die Frauen und Kinder ein lautes Angstgeschrei und kreischten: »Ochkih-Häddäh! Ochkih-Häddäh!« Der böse Geist sprang mit einem mächtigen Satze aus dem Dickicht, wobei er eine rote Kugel, welche an einem acht bis neun Fuß langen schwarzen Stab befestigt war, vor sich her auf der Erde schleifte. Ein furchtbares Gebrüll ausstoßend, rannte er auf den Kreis der Tanzenden zu, welchen er, drohend seinen Stab schüttelnd, zu durchbrechen Miene machte. In dieser Gefahr, welche die ganze Zeremonie zu stören drohte, tat der Ober-Powow seine Pflicht, indem er aus dem Kreise hervortrat, dem Ochkih-Häddäh gravitätisch entgegenging, ihn mit festen Blicken fixierte und mit beiden Händen ihm die Medizinpfeife unter die Nase hielt. Vergebens schwenkte der böse Geist seinen Stab, vergebens fletschte er die Zähne und brüllte entsetzlich, die heilige Pfeife war mächtiger als er. Er krümmte und wand sich unter dem zauberkräftigen Einflüsse derselben, trippelte ängstlich hin und her, wobei ihm der Powow auf Schritt und Tritt folgte, und schlich endlich mit gesenktem Kopf dem Gebüsche zu. Als er verschwunden, brach die ganze Versammlung in ein lautes Freudengeschrei aus, der Büffeltanz hörte auf, und der zweite Akt der Okippe hob an. Die Jünglinge ordneten sich paarweise hinternander und schritten, von dem Zeremonienmeister und seinen Leviten geführt, der Medizinhütte zu. Dabei sangen sie im Gehen abermals: »Nun geh' ich, nun geh' ich zum freud'gen Geschäfte – O großer Geist, erbarme dich mein, Im freud'gen Geschäft hab' Erbarmen mit mir!« Der Ober-Powow nahm in der Mitte der Hütte zwischen den beiden Pyramiden von Menschen- und Tierschädeln Platz und rauchte eifrig. Seine Leviten stellten sich zu den erwähnten vier Lederschläuchen und ergriffen die Trommelstöcke. Zwei weitere Powows kamen aus dem Hintergrunde der Hütte, und der eine von ihnen nahm das am Boden liegende Messer, der andere die hölzernen Stäbchen zur Hand. Hinter ihnen stellten sich die Jünglinge schweigend in eine Reihe. Auf ein durch Erheben der Medizinpfeife über seinen Kopf von dem Zeremonienmeister gegebenes Zeichen begannen die Musikanten mit Stimme, Trommelstöcken und Rasseln ihre betäubende Musik, und die Jünglinge traten einer nach dem andern vorwärts, um sich der fürchterlichen Mut- und Blutprobe zu unterwerfen. Bei dieser Marter ging es folgendermaßen zu. Wir halten nicht für überflüssig, zu bemerken, daß wir dem Leser im folgenden keineswegs etwa eine grausame Phantasie auftischen, sondern durchaus nur wirkliche, durch authentische Zeugnisse erhärtete Bräuche schildern. Der zu Marternde stellte sich vor den Powow, welcher das Messer in der Hand hielt. Dieser zog ihm auf jeder Schulter oder auch auf jeder Seite der Brust ein Stück Fleisch vermittelst des Daumens und Zeigefingers in die Höhe, nahm das Messer, welches vorher absichtlich schartig gemacht worden war, und stieß es unter seinen Fingern durch das heraufgezogene Fleisch hindurch. Hierauf trat der andere Powow hinzu und steckte eins der Holzstäbchen durch jede der Wunden. An die beiden Enden der Holzstäbchen wurden sodann die Enden der von der Decke herabhängenden Lederstricke befestigt und wurde der Gemarterte daran in die Höhe gezogen, so daß er über dem Boden frei in der Luft schwebte. Hierauf wurden dem Opfer noch an den Armen, an den Schenkeln und Waden ähnliche Einschnitte gemacht und Stäbchen hindurchgesteckt, an die man Bogen, Köcher, Streitäxte oder Büffelschädel hing. Dann wurde der Gemarterte, dessen Körper das Blut seiner Wunden überströmte, an den Lederseilen so weit hinaufgezogen, daß die an ihm hängenden Gegenstände den Boden nicht mehr berührten, sondern fünf bis sechs Fuß hoch über dem Boden schwebten. Hierbei bot das Opfer einen schrecklichen Anblick dar, und sein Kopf sank entweder hintenüber oder auf die Brust herab, je nachdem der Gemarterte an der Brust oder an den Schultern aufgehangen war. Aber noch nicht genug. Sowie alle zwölf Jünglinge in der Luft schwebten, nahmen die zwei Powows lange Stangen zur Hand und brachten mittels derselben die Körper der Unglücklichen in eine drehende Bewegung, die allmählich immer schneller und schneller wurde und die Schmerzen entsetzlich steigerte. Die Standhaftigkeit, womit die gräßlichen Martern ertragen wurden, grenzt geradezu ans Unglaubliche. Der indianische Stoizismus feierte hier einen Triumph, von welchem sich das humane Gefühl mit Schauder abwenden muß. Keiner der Jünglinge verzog eine Miene, wenn das schartige Messer sein Fleisch zerriß, und mehrere hatten bei dieser Operation ein Lächeln auf den Lippen, welches sagen zu wollen schien: »Seht, ich bestehe vor dem Manitu als ein Mann, welcher würdig ist, den Kriegspfad zu wandeln.« Auch während die Gemarterten in der Luft hingen, hielt ihr Mut die entsetzliche Probe aus, und es war rührend anzuhören, wie sie, vor Schmerzen halb ohnmächtig, dann und wann ihre gebrochenen Stimmen über das Getöse der barbarischen Musik erhoben und sangen: »Ich gehe, ich gehe – zum freud'gen Geschäfte – O gib mir Sieg und Gelingen, O großer Geist und erbarme dich mein!« Inzwischen wurde das Drehen so lange fortgesetzt, bis die Gemarterten anscheinend leblos dahingen oder, wie die Terminologie der Powows es ausdrückte, »ganz tot waren«. Nun ließ man sie langsam auf den Boden der Hütte hinab, wo sie wie Leichen lagen, und machte sie von den Lederstricken los, indem man ihnen die Stäbchen aus Brust und Schultern zog. Sobald sie, was so ziemlich nach Verfluß von acht bis zehn Minuten eintrat, wieder so viel Kraft erlangt hatten, daß sie sich regen und bewegen konnten, krochen sie auf Händen und Füßen mit der ganzen an ihrem Körper hängenden Last nach der Seitenwand der Hütte, wo sie eine Weile ruhen durften, bis der dritte Akt der furchtbaren Probe begann. Der Ober-Powow füllte die Medizinpfeife mit neuem Tabak, brachte sie in Brand, rauchte und richtete ein langes Gebet an den guten Geist, indem er ihm für das bisherige glückliche Resultat der Okippe Dank sagte und zu ihrer Vollendung seinen Beistand erflehte. Hierauf sangen die Musikanten ein Lied, in welchem sie die Macht und Wirksamkeit der Medizinpfeife priesen, die den bösen Geist aus dem Lager vertrieben hätte und die jungen Leute in der ihnen noch bevorstehenden Prüfung sicherlich beschützen würde. Der Zeremonienmeister verließ nun die Hütte, stellte sich mitten auf den freien Platz und winkte mit dem Rohr der Medizinpfeife aus den Reihen der Versammlung einige zwanzig der jüngeren Krieger herbei, welche bei dem »letzten Rennen« mitagieren sollten. Und ein »letztes Rennen« schien es in der Tat werden zu wollen, denn man mußte glauben, die Gemarterten seien nicht imstande, auch diese schreckliche Strapaze noch zu überleben. Die armen Jünglinge schwankten aus der Hütte, indem sie die an ihrem zuckenden Fleisch befestigten Lasten hinter sich herschleppten. Blutüberströmt, in jeder Fiber gepeinigt, bändigten sie dennoch die ungeheuren Schmerzen und stimmten wiederum, wenn auch mit fast erloschenen Stimmen, den Gesang an: »Nun geh' ich, nun geh' ich zum freud'gen Geschäfte – O großer Geist, erbarme dich mein, Im freud'gen Geschäft hab' Erbarmen mit mir!« Jeder von ihnen wurde von zwei Kriegern in Empfang genommen, so zwar, daß ihn dieselben zwischen sich nahmen und einen breiten Lederriemen um sein Handgelenk schlangen. Der Ober-Powow erhob die Medizinpfeife und stieß schreiend das Wort »Ehkenahkanahpick« aus. Sogleich fingen die Krieger mit aller Schnelligkeit zu laufen an und schleppten die von ihnen an den Riemen Festgehaltenen mit sich fort, bis dieselben vor Schwäche niederstürzten. Aber auch dann wurden sie nicht losgelassen, sondern an den um ihre Handgelenke geschlungenen Riemen so lange im Kreise herumgeschleift, bis alle an ihrem Körper hängenden Gegenstände losgerissen waren, was oft nur dadurch möglich war, daß ganze Streifen Fleisches von den Gliedern sich lösten. Es war ein empörender Anblick, der jedoch nicht nach der Anschauungsweise europäischer Zivilisation beurteilt werden darf. Indianischen Augen war dieses blutige Schauspiel ein höchst wohlgefälliges. Die Versammlung gab durch Gemurmel ihren Beifall zu erkennen, als sämtliche der Okippe Unterworfenen die verschiedenen Grade der Probe ausgehalten hatten, ohne einen Klageruf hören zu lassen, ohne ein Zeichen unmännlicher Schwäche zu geben, und als sich nun die Gemarterten vom ersten bis zum letzten von dem blutbetauten Rasen, auf welchen sie nach dem letzten Rennen hingesunken, erhoben und mit Schritten, welche unbezähmbarer Stolz zu festen machte, nach den Wigwams am Seegestade gingen, wo ihren Wunden die Pflege von Müttern und Schwestern zuteil werden sollte, da brauste aus der Versammlung ein Jubelruf auf, welcher weit über das in hellem Sonnenglanze funkelnde Meer hinscholl. 12. ... Liebe ist der Seele Sonne! Auf diesem Erdenrund, wo alles schwindet, Gibt's nur ein Göttliches: es ist die Liebe! Das Leben ist nur einer Blüte gleich, Ihr Honig ist die Liebe; eine Taube, Die mit dem Adler sich im Himmel eint. Victor Hugo. Erschüttre meine Seele nicht, die du Nach deinem Willen nicht bewegen kannst. Du machst dir Müh' und mir erregst du Schmerzen: Vergebens beides; darum laß mich nun. Goethe. Nachdem die Versammlung, wie eben erwähnt worden, ihrer Zufriedenheit mit dem Ausgange der Okippe Luft gemacht hatte, versank sie wieder in ihre frühere ernste und schweigsame Haltung. Mit dem Abtreten der Gemarterten vom Schauplatze verstummte auch die Musik, und Stille breitete sich über die Szene aus. Der Ober-Powow richtete sodann abermals ein Dankgebet an den guten Geist, durchschritt hierauf den Platz und ging auf die Stelle zu, welche Metakom, einer sitzenden Bildsäule gleich, noch immer inne hatte. Wer den Häuptling näher ins Auge gefaßt hätte, würde bemerkt haben, daß seine Züge mehr gefurcht waren, sein Auge weniger stolz leuchtete als vor wenigen Monaten, zur Zeit, wo er seinen ersten Sieg über die verhaßten Blaßgesichter davongetragen. Wie schwer die Hand des Unglücks seither auf seinem Haupt gewuchtet, mochte ein aufmerksamer Beobachter schon daran erkennen, daß die von uns früher erwähnte Falte zwischen seinen Brauen jetzt eine fingertiefe Höhlung bildete und so von der Nasenwurzel an fast über die ganze Höhe der Stirn hinlief. Seine hohe, muskulöse Gestalt war nicht gebeugt, aber um seinen Mundwinkel lief jener Zug, wie ihn verbissener Schmerz dorthin zu schreiben pflegt, und wenn er den Ausdruck seines Auges nicht gerade beherrschte, so zeugte derselbe von einer innerlich kochenden Verbitterung, von einem verzweifelten Ingrimm, welcher Furcht einzuflößen wohl geeignet war. König Philipps Lage war trostlos genug, um eine solche Stimmung zu rechtfertigen. Die Nachricht von der Niederlage und dem Ausgange seines Bundesgenossen, des Sachems der Naragansetter, hatte ihm die traurige Überzeugung aufdringen müssen, daß sein umfassend angelegter, mit jahrelanger Mühwaltung geförderter Plan eines Vernichtungskrieges gegen die weißen Eindringlinge gescheitert wäre, und daß ihm nichts mehr übrig bliebe, als auf die Rettung der Überbleibsel seines eigenen Stammes bedacht zu sein. Wenigstens für jetzt. Denn nachdem er, um Zeit zu gewinnen, den gefangenen Standish mit Friedensvorschlägen an die Kolonisten abgeordnet, hatte sein ruheloser Geist sogleich wieder die Möglichkeit, den Kampf zu erneuern, ins Auge gefaßt. In erster Linie stand hierbei die Aussicht, die Schiffsmannschaft De Lussans zu sofortiger und direkter Teilnahme an dem Kriege herbeiziehen zu können, aber wenn es auch der Flibustier mit den Mitteln, seine Absichten zu erreichen, nicht gar zu genau zu nehmen gewohnt war, so hatte sich sein ritterlicher Sinn doch zu tief verletzt gefühlt durch die Art und Weise der indianischen Kriegführung, als daß er, zudem noch durch persönlich erfahrene Unbill gereizt, den Vorschlägen des Sachems ein geneigtes Ohr geliehen hätte. Indessen war es dem Scharfblicke Metakoms nicht entgangen, daß der Flibustier zu Lovely und den Ihrigen in Beziehungen stand, welche er, Metakom, zwar nicht völlig zu enträtseln vermochte, welche aber jedenfalls der Art waren, daß sich aus denselben zugunsten seiner Forderung Vorteil ziehen ließ. Deshalb behandelte er nicht nur De Lussan selber, sondern auch die beiden Obersten und Lovely, wenn er sie auch gefangen und sogar gefesselt hielt, immer noch mit Rücksicht und hatte auch das Ansinnen Mortons, ihm die beiden Engländer auszuliefern, ausweichend beantwortet. Was dagegen Thorkil betrifft, so hatte der Sachem beschlossen, sich des jungen Jägers zu entledigen, sobald ihm dieser bei seiner Ankunft im Lager die Anklage des Meuchelmords, begangen an seinem Vater, ins Gesicht geschleudert hatte. Diese Anklage war eine nur zu wohl begründete. Das Motiv dieser Untat, welche übrigens in dem indianischen Moralkodex nicht für eine solche galt, war einfach das Verlangen gewesen, sich des Schatzes zu bemächtigen, dessen Vorhandensein Pe-toh-pi-kiß, welchen Metakom allerdings als Kundschafter in das Haus Eatons gesandt, dem Häuptling verraten hatte. Schon damals war der Sachem von seinem großen Lebenszwecke ganz erfüllt gewesen, und er hatte von den Weißen gelernt, daß der Besitz von Gold zur Realisierung seiner kriegerischen Pläne bedeutend mitzuwirken imstande sein würde. Die Art, wie er sich Thorkil für immer vom Halse schaffen wollte, war übrigens charakteristisch für seinen Haß gegen das ganze Geschlecht der Blaßgesichter, insofern er zum Werkzeuge des beabsichtigten Mordes einen Weißen, den brüllenden Tom, ausersehen hatte, den die eigene Rachgier dazu ganz willig machte. Der Blick des Sachems reichte jedoch über das Zunächstliegende, über dieses finstere Gewirre von Mißgeschick und Leidenschaft, weit hinaus. Er wandte – und darum hauptsächlich lag ihm soviel daran, daß er durch einen günstigen Erfolg seines Friedensbotschafters Standish Zeit gewänne – das Auge seines Geistes den Ländern gegen Sonnenuntergang zu, in deren unermeßlichen Wildnissen Tausende und aber Tausende von roten Kriegern hausten, die er für seine, wir müssen sagen, patriotischen Absichten gewinnen zu können hoffte. Ungesäumt wollte er an diesen Versuch gehen, sowie er aus der Klemme des Augenblicks heraus wäre – sicherlich ein Beweis, daß in diesem Manne eine Energie lebte, welche nicht einer besseren Sache, denn in indianischen Augen war sie ja die beste, aber eines besseren Erfolges würdig genannt werden muß. Der Ober-Powow blieb vor dem Häuptlinge stehen und wartete der indianischen Etikette gemäß, bis er zum Reden aufgefordert wurde. »Metakoms Ohren sind offen,« sagte der Sachem nach einer Pause. »Was hat mein Vater mir zu sagen?« »Mahtoiohpah,« entgegnete der Powow, »hat die Gebräuche der Okippe erfüllt, wie die Überlieferungen der Kinder des Manitu sie vorschreiben.« »Und ist der Manitu seinem Volke gnädig gewesen?« »Der Sachem hat gesehen, wie der Ochkih-Häddäh es unternahm, die heiligen Bräuche zu stören. Er hat gesehen, wie der böse Geist mittels der Wunderkraft der Medizinpfeife, welche Numank-Machana an Mahtotohpah gegeben, in die Flucht getrieben wurde. Er hat gesehen, wie meine jungen Männer dem Ochkih-Häddäh zum Trotze den Bellohknähpick tanzten, wie sie dem Pohkhong sich unterwarfen und das Ehkenahkanahpick aushielten. Meine jungen Männer sind sehr wacker, echte Sprößlinge vom Wampanogenstamm. Der Manitu hat sich ihnen gnädig erwiesen. Der Sachem mag sich freuen: wann morgen das große Gestirn aufgeht, werden zwölf Krieger mehr bereit sein, auf seinen Wink den Tomahawk in den Kriegspfahl zu schlagen.« »Es ist gut,« erwiderte Metakom, indem er eine achtungsvolle Gebärde mit der Hand machte. Die ganze Versammlung lauschte dieser Unterredung mit lautloser Aufmerksamkeit. Nach einer Weile nahm Metakom wieder das Wort und sagte zu dem Medizinmann: »Mein Vater weiß, der Manitu hatte sein Angesicht hinter Wolken verborgen, so daß es seinen Kindern nicht, leuchtete. Trauer zog in unsere Herzen ein, und unsere Füße strauchelten auf dem dunkeln Pfade. Kummer beulte unsere Häupter zur Erde, wie der Winterschnee die Äste der Schirlingstanne. Wir trauerten still, wie das vom Pfeil getroffene Elentier, oder brüllten vor Schmerz, wie der von Wölfen eingehegte und von ihren Zähnen zerfleischte Büffel. – Mein Vater Mahtotohpah ist ein großer Powow. Er raunte Metakom in die Ohren, der Manitu verlange nach einer Okippe zur Sühnung seines Zorns, und Metakom zauderte nicht, den Willen des großen Geistes zu erfüllen. Die Okippe hat stattgefunden; sie ist wohl bestanden worden. Meine jungen Männer zeigten, daß sie die Sehnen und den Mut ihrer Väter geerbt haben. Der Stamm der Wampanogen treibt noch immer kräftige Zweige. Doch mein Vater helfe mir, den Sinn des Manitu zu verstehen. Mahtotohpah ist ein großer Powow, sein Blick dringt über die Nebel hinaus, welche Metakoms Blick umdunkeln. Mein Vater sage mir: Ist der Zorn des Manitu gesühnt? Ist die Wolke von seinem Angesicht entfernt? Ist seine Hand wieder segnend über mein Volk erhoben?« Der Powow zögerte einige Sekunden mit seiner Antwort. Dann, nachdem er den Kopf gegen den Himmel gerichtet, wie um dessen unendliche Tiefen zu prüfen, versetzte er: »Ich sehe den Manitu seine Hand erheben, um die Wolke wegzutun von seinem Antlitz.« »Und was sieht mein Vater weiter?« »Mahtotohpah sieht –« Eine leise Bewegung in der Reihe der hinter Metakom sitzenden Häuptlinge unterbrach den Powow und machte den Sachem umschauen. Er bemerkte, daß Annawon, welcher dort seinen Platz hatte, aufgestanden war, ohne jedoch zu sprechen. »Mahtotohpah sieht,« fuhr der Powow fort, »daß der Ochkih-Häddäh auf neuen Trug gegen die Kinder des Manitu sinnt, aber die Kraft der Medizinpfeife hält ihn fern.« »Ugh!« machte Annawon und streckte seinen Arm gegen das Gebüsch aus, welches die westliche Seite des Platzes begrenzte. Metakoms Blick richtete sich ebenfalls dorthin. Dann berührte der Sachem mit dem Zeigefinger seiner Rechten den Zauberstab des Powows und sagte: »Mein Vater ist ein großer Medizinmann, seine Medizin ist stark, aber die Macht des bösen Geistes ist noch nicht gebrochen. Mein Vater mag sich umkehren und seine Augen öffnen.« Der Powow gehorchte dieser Weisung und rief alsbald im Tone der Überraschung: »Ochkih-Häddäh!« »Ochkih-Häddäh!« echote das Angstgeschrei der Weiber seinen Ausruf. Die gräßliche Gestalt des bösen Geistes war wieder aus dem Dickicht aufgetaucht, und schon stürzte er hervor, rannte auf die Medizinhütte zu, umkreiste sie in rasenden Sprüngen dreimal, stieß ein rauhes Gebrüll aus und schüttelte dräuend seinen schwarzen Stab mit der roten Kugel gegen die Versammlung. »Die Wolke dunkelt noch vor dem Angesichte des Manitu,« sagte Metakom. »Sein Zorn ist noch nicht gesühnt. Die Medizin der Medizinpfeife ist groß, aber der Ochkih-Häddäh spottet ihrer.« Der Powow machte sich sogleich daran, diese Meinung zu widerlegen. Er faßte die Pfeife wieder mit beiden Händen, hielt sie aufrecht vor sich hin und schritt auf den brüllenden Vertreter des bösen Prinzips los. Nun wiederholte sich die schon einmal abgespielte Szene. Der Ochkih-Häddäh vermochte vor dem Talisman nicht standzuhalten. Er blieb stehen, gab durch groteske Verrenkungen seiner Glieder sein Unbehagen zu erkennen, retirierte, von Mahtotohpah verfolgt, und verschwand endlich wieder in dem Buschwerk, aber nicht ohne sein Gebiß greulich zu fletschen und durch ein drohendes Geheul anzudeuten, daß er nur geschlagen, nicht aber besiegt sei. Mahtotohpah ging nachdenklich in die Medizinhütte und winkte seine Kollegen herbei, um eine Beratungspfeife mit ihnen zu rauchen. Weder der Sachem noch sonst jemand aus der Versammlung ließ sich beikommen, diese Beratung stören zu wollen. Mit der Geduld ihres Volkes harrten alle dessen, was noch kommen sollte. Die murmelnd gefühlte Unterredung der Medizinmänner währte etwa eine halbe Stunde, worauf der Ober-Powow aus der Hütte trat und sich wieder schweigend vor den Häuptling hinstellte. Metakom ließ einige Minuten verstreichen, bevor er den Powow ansprach mit den Worten: »Was sieht mein Vater jetzt?« »Mahtotohpah,« lautete die Antwort, »sieht den Ochkih-Häddäh in der Ferne lauern, bereit, neues Unheil über das Volk der Wampanogen zu bringen. Mahtotohpah hat sich getäuscht, als er sagte, der Manitu sei im Begriffe, die Wolke wegzutun von seinem Antlitz. Der Zorn des großen Geistes ist noch nicht vollständig gesühnt. Er will, daß sein Wille vollzogen werde, bevor er dem Ochkih-Häddäh die Macht zu schaden entzieht.« »Gut. Hat mein Vater den Willen des Manitu erforscht?« »Mahtotohpah tat so und hat dabei seine Brüder, die Powows, zu Hilfe gerufen.« »Und was will der Manitu?« »Er will ein großes Opfer.« »Welches?« »Den Tod des Goldhaars.« Ohne einen Zug seines Gesichtes zu verändern, wandte sich Metakom zu den hinter ihm sitzenden Häuptlingen und sagte: »Meine Brüder haben den Willen des Manitu vernommen. Was soll geschehen?« »Das junge Blaßgesicht sterbe!« versetzte Annawon nachdrücklich. »Es sterbe!« stimmte ein Dutzend Krieger bei. »Das Goldhaar sterbe!« murmelte es wie ein Widerhall weiterhin durch die Reihen. »Aha,« brummte Tom Morton in den Bart, »jetzt kommt die Reihe an mich, in dieser Komödie eine Rolle zu spielen.« Er hatte recht, denn der Sachem wandte sich sofort an ihn mit der Frage: »Ist mein weißer Bruder bereit, sein Werk zu tun?« »Fix und fertig, Häuptling,« versetzte Tom. »Aber weil es doch einmal sein muß, so macht schnell. Die Faxen eurer Hokuspokusmacher da haben allbereits lange genug gewährt, denk ich.« »Aber ist meines Bruders Herz stark genug zu dem Werke?« »Fragt nicht lange. Ich habe gesagt, daß ich es tun werde, und ich werde es tun. Der junge Hund war mit dabei, als der verdammte Knochenberg von holländischem Bankert, dessen Seele der Teufel vom Marterpfahl der Nipmuken weggeholt hat, den Merry-Mount in die Luft sprengte und meinen guten Gesellen Kellond erschlug – ich will die Rechnung tilgen oder verdammt sein. Drum macht vorwärts, sag' ich.« Nach diesem kurzen in englischer Sprache geführten Zwiegespräche kehrte sich der Sachem wieder dem Powow zu und sagte: »Mein Vater hörte, daß meine Krieger bereit sind, den Willen des Manitu zu erfüllen. Mein Vater gehe, zu tun, was ihm zukommt.« »Gut,« entgegnete der Powow. »Und welcher von des Sachems Kriegern soll die Opferkeule führen?« »Keiner von meinen Kriegern, sondern dieses Blaßgesicht da.« »Das Blaßgesicht komme mit mir.« Der Sachem gab Morton einen Wink, und dieser stand auf, um dem Powow zu folgen. Die beiden lenkten ihre Schritte zu dem Eichenstumpf, dessen wir weiter oben gedachten, und blieben bei demselben stehen. Der Powow blies aus der Medizinpfeife drei Rauchwolken über die auf dem Stumpfe liegende Keule hin, ergriff sie dann und gab sie Morton in die Hand mit den Worten: »Das junge Blaßgesicht wird seinen Kopf auf Block von Eiche legen. Wenn Mahtotohpah die Medizinpfeife erhebt, erhebe mein Bruder die Keule und –« »Schon gut, schon gut, Master Pickelhering,« unterbrach der brüllende Tom den Priester ungeduldig. »Bringt den Burschen her und überlaßt das weitere mir. Will ihn gehörig abfertigen, Gott verdamm mich!« Der Powow verschwand in der Medizinhütte und kam nach einer kurzen Weile wieder heraus, an der Spitze eines kleinen Zuges, welcher bei dem Eichenstumpf Halt machte. Voran ging Mahtotohpah und zwei seiner Kollegen, dann folgten zwei stämmige Krieger, welche den gefangenen Thorkil zwischen sich führten, und zwei Powows schlossen den Zug. Mahtotohpah schwenkte mit der einen Hand seinen Zauberstab, mit der andern die Medizinpfeife und murmelte Zaubersprüche und Gebete, deren Refrains von seinen Kollegen wiederholt und mit dem Getön ihrer Rasseln begleitet wurden. Während dies geschah, konnte ein Auge, welches nicht ausschließlich mit dem Gefangenen beschäftigt war, an zwei verschiedenen Stellen des Platzes zwei leichte Bewegungen wahrnehmen, die in keinem Zusammenhange miteinander standen und, wie es schien, völlig unbeachtet blieben. Von dem östlichen Ende der Reihe der Lagerwigwams her kam Hih-lah-dih gegangen und mischte sich unter die übrigen Squaws. Zugleich verließ Ischähkohnih geräuschlos seinen Sitz und verschwand hinter dem Felsblock. Thorkil war bleich und offenbar von physischen und psychischen Leiden sehr erschöpft. Die gräßliche Marterszene, deren Zeuge er in der Medizinhütte hatte sein müssen, war nicht geeignet gewesen, seine Verzweiflung zu schwächen, sondern im Gegenteil, sie zu steigern. Der junge Mann war kein Romanheld, weder ein sentimentaler noch ein heroisch aufgereckter. Es war, obgleich sein Geist lebhaft und sein Gemüt tiefer Eindrücke fähig, nichts Überspanntes in ihm. Die Mißgeschicke, welche er in letzter Zeit erlebt, hatten seine Kraft nicht gebrochen, aber doch gebeugt. Er wußte, daß er dem Tode geweiht sei, und es wäre Lüge, zu sagen, des »Daseins süße Gewohnheit« hätte sich nicht mächtig in ihm gesträubt gegen den Gedanken der Vernichtung, dessen Bitterkeit noch unendlich erhöht wurde, wenn er bedachte, daß er von der Türschwelle zum höchsten Glück hinweggerafft werden sollte, oder wenn er des geliebten Mädchens dachte, das er in so trostloser Lage wußte, ohne hoffen zu dürfen, daß es daraus befreit werden konnte. Als ihm aber der Powow das Unvermeidliche ankündigte, errang er wenigstens so viel Fassung, dem Tode mit einer Haltung entgegenzugehen, wie sie seiner Farbe anstand. Der männliche Stolz regte sich in ihm und spornte ihn an, seinen Mördern nicht den Triumph zu bereiten, daß sie sagen könnten, ein Blaßgesicht wisse nicht mit Würde zu sterben. Es war gut, daß ihm diese stolze Regung zur Hilfe kam, denn ob er auch auf seiner bisherigen Laufbahn dem Tode schon oft gegenübergestanden hatte, so fühlte er dennoch, daß es ein ungeheurer Unterschied sei, als freier Mann und mit den Waffen in der Hand dem Vernichter ins Auge zu blicken, oder aber als wehrloser Gefangener zur Schlachtbank geschleppt zu werden. Daß er völlig wehrlos, das sagten ihm nicht nur seine mittels eines Lederstrickes auf den Rücken geschnürten Arme, er brauchte, aus der Hütte tretend, nur seine Blicke umherzuwerfen, um zu sehen, daß sogar der Gedanke der Gegenwehr eine Unmöglichkeit wäre. Er richtete sein Auge auf den Felsblock, in dessen Höhlung er die Geliebte verwahrt wußte, aber er wandte es sogleich wieder ab, denn er fühlte sein Herz brechen und wollte doch kein Zeichen der Schwäche geben. Er biß die Lippe mit den Zähnen, um dem Seufzer, der sich aus seiner Brust empordrängte, den Durchgang zu verwehren. So stand er vor dem Eichenstumpf und sah die Keule, welche sein Haupt zerschmettern sollte, in der Hand des brüllenden Tom, dessen Mund ein häßlich boshaftes Grinsen verzerrte. Er kehrte dem Elenden den Rücken zu und schickte sich, von dem Powow bedeutet, an, seinen Kopf auf den Block zu legen, indem er, eingedenk der Lehren seines Glaubens, zu Gott flehte, seine Seele gnädig entgegennehmen zu wollen. Es herrschte rings eine atemlose Stille, und wir wollen zur Ehre des menschlichen Geschlechtes annehmen, daß mehr als ein Mitglied der Versammlung nicht ohne Beklemmung den Zurüstungen zu dem kaltblütigen Mord eines Mannes zusah, mit welchem viele der Anwesenden auf Jagdzügen und am Beratungsfeuer so oft freundschaftlich verkehrt hatten. Metakom saß unbeweglich mit auf die Brust gesenktem Kopf, als berührte ihn die Sache nicht im entferntesten, und als wären seine Gedanken weit von hier. Der Powow stellte sich Morton zur Seite und faßte die Medizinpfeife mit beiden Händen, um sie zu erheben. In diesem Augenblick glitt ein weibliches Wesen pfeilschnell aus den Reihen der Indianer hervor und eilte auf den Eichstumpf zu. Es geschah eine Tat der rührendsten Aufopferung, und die Liebe feierte einen jener Triumphe, welche dem Dichter vorschwebten, als er die schönen, wie für unsern Fall gedichteten Zeilen schrieb: ... »Es lebt, der Erde Räumen Entrückt, der Fromme ganz in seinen Träumen; Nicht Zeit und Welt ficht den Verzückten an, Zum Himmel flog sein Geist dem Staub voran. Ist Liebe minder mächtig? Nein! hinauf Zu Gott lenkt sie auch den erhabnen Lauf! Mit allem, was uns von dem sel'gen Droben Hienieden wird bekannt, ist sie verwoben; Das andre, bessre Ich ist sie, des Lust Und Schmerz mehr als den eignen fühlt die Brust; Sie ist der Zug, der die geschiednen Flammen Zu einer Lohe mächtig zwingt zusammen; Das Leichenfeuer, drin mit heitern Mienen Dem Tod sich Herzen weihen wie Brahminen. Weg mit der falschen Zärtlichkeit zum Ich! Wer, auf zum Himmel schau'nd, denkt noch an sich? Und wer hat je in seinen jungen Jahren, Eh' Zeit und Leben seine Lehrer waren, Bedacht, welch schnöd Geschöpf der Erdensohn? Sein Reich ist die Natur – Liebe sein Thron!« Indem Thorkil, wie schon gesagt, sich anschickte, den Todesstreich zu empfangen, fühlte er, wie zwei weiche Arme sich nm seinen Nacken legten. Umschauend gewahrte er Hih-lah-dih. Das Mädchen schmiegte sich fest an seine Brust, sah ihm mit unendlicher Zärtlichkeit in die Augen und flüsterte zu ihm empor: »»Mein Blaßgesichtbruder nicht allein gehen in die glücklichen Jagdgründe. Wenn das Goldhaar sterben, seine Rothautschwester mit ihm sterben.« Und sie drängte sich zwischen ihn und Morton, flocht ihren linken Arm fest um den Nacken des Jünglings und streckte den rechten gegen den Schlächter aus, als wollte sie den Streich der Keule auffangen. »Gutes Kind, du bemühst dich umsonst,« sagte Thorkil zu ihr, aber seine Worte wurden verschlungen von dem Schrei der Überraschung, welchen der Powow ausstieß und den alsbald die ganze Versammlung wiederholte. Das Getöse störte den Sachem aus seinem Brüten auf. Er erhob sich, und ein greller Zornblitz entfuhr seinem Auge, als er es auf die Gruppe bei dem Eichenstumpf warf. Ein Blick genügte ihm, um die Sachlage zu verstehen. Eine furchtbare Wallung des Grimms jagte ihm das Blut ins Gesicht, aber er kämpfte sie mit der Selbstbeherrschung eines großen Häuptlings nieder, gebot mittels eines Winkes der Versammlung, ruhig zu bleiben, und schritt dann langsam auf die Gruppe zu. Hih-lah-dih erwartete das Herankommen ihres Bruders festen Fußes. Ohne Thorkil loszulassen, richtete sie ihre schlanke Gestalt auf, und ihr Blick hielt den Metakoms aus. Der Häuptling blieb stehen und sagte ruhig: »Was hat die junge Squaw hier zu tun?« »Hih-lah-dih ist gekommen,« versetzte das Mädchen, »ihren Blaßgesichtbruder zu retten oder mit ihm zu sterben.« »O,« bemerkte Metakom mit bitterem Lachen, »Mahtotohpah sprach weise, als er sagte, der Ochkih-Häddäh umlauere das Lager der Wampanogen, um neues Unheil auszubrüten. Er hat das Herz meiner Schwester mit dem Unrat der Torheit angefüllt, daß sie, aller Scham und Zucht vergessend, sich dem Feind ihres Volkes an den Hals wirft und den Sachem, ihren Bruder, zum Gespötte der Squaws macht.« »Nein,« entgegnete die reine Quelle mutig, »nein, nicht Ochkih-Häddäh hat mich angestiftet, zu tun, was ich tat; der Manitu hat mich angetrieben, damit das Blut meines Blaßgesichtbruders nicht über das Haupt des Sachems komme. – Metakom weiß,« fuhr sie weicheren Tones fort, »daß Hih-lah-dih ihm stets eine gute Schwester gewesen. Sein Wigwam ist öde, will er auch Hih-lah-dih noch aus demselben vertreiben? Wenn er es will, so lasse er sie mit dem Goldhaar sterben. Hih-lah-dih wird ihren Blaßgesichtbruder nicht überleben.« »Meine Schwester mag das junge Blaßgesicht fragen, ob dasselbe es der Würde eines Mannes, der schon den Kriegspfad gewandelt ist, angemessen halte, sein Leben einer Squaw zu verdanken.« »Sachem,« nahm Thorkil das Wort, »ich wäre ein törichter Lügner, wollte ich dazu nein sagen. Das Leben ist jedenfalls dem Lose vorzuziehen, bei euren schnöden heidnischen Bräuchen das Opfertier abzugeben, und außerdem gibt es wenige Menschen, aus deren Händen ich das Geschenk des Lebens lieber annehmen möchte, als aus denen Eurer Schwester, welche stets an mir gehandelt hat, wie nur eine Schwester handeln kann. Aber, Sachem, glaubt deswegen nicht, die Aussicht auf Rettung lasse mich die ernste Pflicht vergessen, welche ich gegen Euch zu erfüllen habe; glaubt nicht, ich sei um den Preis meines Lebens bereit, zu vergessen, daß Ihr der Mörder meines Vaters seid, dessen Tod ich zu rächen habe. Ich mag und kann nicht heucheln und lügen: ich sage Euch, Sachem, daß, falls Ihr es nicht solltet übers Herz bringen können, mich so feigerweise abzuschlachten oder durch den Schuft von Trunkenbold da abschlachten zu lassen, meine Hand gegen Euch sein wird, sobald sie wieder den Griff einer Waffe fassen kann.« Statt zu antworten, schwieg der Sachem nachdenklich, und es trat eine Pause voll furchtbarer Spannung ein. Metakom trug ein marmorhartes Herz im Busen, ein Herz von jener Härte, wie es nur seiner Rasse eigen ist. Aber durch die Adern dieses Marmors rollte dennoch manchmal ein Tropfen von Milde. Ein solcher Tropfen war das Gefühl, welches der Sachem für seine Schwester Hih-lah-dih hegte. Sie stand von allen menschlichen Wesen seiner Seele am nächsten, nicht einmal sein Weib, die sich beugende Weide, und seinen jungen Sohn ausgenommen, deren Verlust doch den leidenschaftlichen Mann in halbe Raserei versetzt hatte. Einen Beweis, wie hoch er die Schwester hielt, gab das Benehmen ab, welches er nach dem gelungenen Überfall von Swanzey gegen seine Gefangenen beobachtet hatte. Nur der an und für sich so geringfügige Umstand, daß damals Lovely die Korallenschnur Hih-lah-dihs um den Hals trug und sich dadurch gleichsam als die Schutzbefohlene der letzteren legitimierte, nur dieser Umstand hatte den Sachem bewogen, die Häupter der Gefangenen dem Skalpmesser seiner Krieger zu entziehen. Seit er nun Weib und Kind verloren, fühlte er in erhöhtem Maße das Bedürfnis, die Schwester sich zu erhalten, deren heitere Anmut in früheren Tagen so oft die düsteren Schatten von seiner Stirn verscheucht hatte, und deren Gefühle für den jungen Jäger seinem durchdringenden Blicke nicht verborgen geblieben waren. »Das Goldhaar,« sagte der Häuptling endlich mit ruhiger Würde und in englischer Sprache, »hat gesprochen wie ein Mann. Metakom achtet die Tapferen, auch wenn ihre Haut eine Blaßgesichthaut ist. Mein Bruder höre und erwäge seine Antwort wohl. Wenn Metakom seine Bande löst und ihn freiläßt, will dann das Goldhaar darauf verzichten, den Tomahawk ferner gegen mein Volk zu erheben, und will er Hih-lah-dih sofort als seine Squaw in sein Wigwam führen?« Hocherrötend bedeckte die reine Quelle mit der Hand, welche sie frei hatte, das Gesicht. Der zarteste Instinkt des Weibes empörte sich in ihr gegen die dem jungen Jäger von seiten ihres Bruders gemachte Zumutung. »Nein, nein!« rief sie aus, als sie zwischen ihren Fingern hervor den Ausdruck des Seelenkampfes sah, welcher für einen Moment das Auge des Jünglings verdüsterte, »nein, der Sachem soll nicht so sprechen. Hih-lah-dih will und kann dem Goldhaar nur Schwester sein.« »Sachem,« sagte Thorkil, in seiner Seelenpein seinen ganzen Mut wiederfindend, »die Natur, meine Religion und meine Gefühle verwehren einen solchen Bund. Ich halte Eure Schwester zu hoch, um sie täuschen zu können. Ich bin einem andern Weibe verlobt und will meine Treue mit ins Grab nehmen. Tut Euer ärgstes an mir: ich verwerfe Euren Vorschlag.« »Es ist gut,« erwiderte Metakom mit eisiger Kälte. »Der Mut des Goldhaars ist groß, sehr groß. Komm,« fuhr er fort, Hih-lah-dih bei der Hand ergreifend, »meine Schwester hat nichts mehr hier zu tun.« Aber das Mädchen warf sich, statt ihm zu folgen, vor ihm nieder, umschlang seine Knie und erflehte von ihm in den rührendsten Tönen das Leben des Jünglings. Dann, als sie sah, daß Metakom unbeweglich blieb, sprang sie auf und umklammerte Thorkil mit beiden Armen so leidenschaftlich innig, als wollte sie, mit ihm verwachsen, als sollte in Leben und Tod nichts sie von ihm trennen. »Macht ein Ende,« brummte Morton, »das Ding wird allgemach sehr langweilig.« Der Häuptling schritt vor, und im nächsten Augenblick hatte er das arme Kind, welches einen herzzerreißenden Schrei der Verzweiflung ausstieß, von dem Jüngling losgerissen. Dann nahm er die außer sich Gebrachte auf seine Arme und eilte so mit ihr gegen die Wigwams hinab. Bevor er in den Reihen derselben verschwand, wandte er den Kopf und gab dem Powow und Morton einen leicht zu verstehenden Wink. Der brüllende Tom riß den Jüngling zu dem Eichenstumpf und drückte ihn mit roher Gewalt auf denselben nieder. Der Powow erhob die Medizinpfeife. Morton schwang die Keule empor. Aber der tödliche Schlag fiel nicht. Hinter dem Felsen hervor krachte ein Schuß. Durch den Rücken in die Lunge geschossen, sprang der brüllende Tom mit einem furchtbaren Schrei hoch auf, drehte sich um und stürzte zu Boden, sich im Todeskampfe krümmend. Mit den Sprüngen einer Löwin, die ihren vom Jäger angefallenen Jungen zur Hilfe eilt, kommt Groot Willem über den Platz daher. Wie vom Donner gerührt, starren die Krieger. Dann springen sie tumultuarisch auf und stürzen herbei. Aber schon hat der herkulische Jäger seinen Sohn, bevor dieser weiß, wie ihm geschieht, auf seinen linken Arm geschwungen und ist im nächsten Augenblicke mit der teuren Last hinter dem Felsen verschwunden, einen Triumphschrei ausstoßend, der dem Gebrüll des gefürchteten Tieres, dessen Namen er trug, zum Verwechseln ähnelt. 13. Unser Anlauf soll sein wie die rollende See, Unser Kampf wie das Ringen der Gebärerin, Wie das Meer im Sturme, so sei er! Wie das Meer, gehoben von Unwetters Macht! Die Häupter der Menschen fanget wie Fische im Netze! Lasst uns stehn wie der Fels von Korallen, Aber schrecklich uns bewegen wie das Stachelschwein! Unsere Ausdauer sei wie die der Scharen der Vögel, Die auf den Wellen schlafen in der Mitte des Sturms! Kriegslied von Otaheiti. Indem wir noch einmal den Vorhang ziehen, damit der letzte Akt unserer Geschichte vor den Augen des Lesers sich abspiele, geben wir mit wenigen Worten die Szenerie des ersten Auftritts an. Es ist eine Felsschlucht oder vielmehr ein von unten nach oben sich erweiternder Spalt in dem mehrfach erwähnten kolossalen Felsblock, welcher durch irgend eine Laune der Natur isoliert auf seinen Platz gestellt worden war und zwar zu jener Zeit, wo die uralte Mutter Erde nach den ungeheuersten Revolutionen in ihrem Innern und nach den bizarrsten Wandelungen ihres Äußern ihre jetzige Physiognomie erhalten hatte. Die äußere Form des Felsens haben wir bereits gelegentlich beschrieben. Die Sohle des Spaltes mochte etwa zwanzig bis dreißig Fuß in die Länge und zehn bis zwölf Fuß in die Breite messen. Rechts und links tieften sich in ihre Seitenwände höhlenartige Räume ein, die ebenfalls nur der geheimnisvoll wirkenden Kraft, welche den Block hierher geschleudert hatte, ihre Entstehung verdankten. Die Eingänge zu diesen Höhlen verschwanden fast ganz hinter den natürlichen Gardinen, welche Efeu und andere Schlingpflanzen um sie gewoben hatten. Tannen und wilde Wallnußbäume wurzelten da und dort in dem Spalt, hatten ihre Stämme aufwärts dem Lichte zugezwängt und ließen durch ihre Äste und Kronen hindurch nur ein spärliches Licht hereinfallen. Die unteren Äste der Bäume gewährten ein Mittel, zu den Rändern des Felsenspaltes emporzuklimmen. Von drei Seiten war derselbe nach außen geschlossen; unfern von da, wo er sich auf der vierten nordwärts gegen den Wald hin öffnete, lehnte eine plump zusammengefügte Leiter an der Felswand. Mittels dieser Leiter, welche von Ischähkohnih, zufolge der Abrede mit Groot Willem, im entscheidenden Augenblicke von außen an den Eingang des Spaltes gelegt worden, waren der alte Trapper und der dem Tode entrissene Thorkil gestern in diese natürliche Festung gelangt und hatte Willem nicht gezaudert, das wohltätige Instrument sogleich in dieselbe heraufzuziehen, so daß eine augenblickliche Verfolgung unmöglich gewesen, auch wenn eine solche versucht worden wäre. Sie aber war nicht versucht worden. Der Indianer ist von Natur vorsichtig und rennt nur im äußersten Paroxysmus der Leidenschaft blindlings in die Gefahr. Sonst liebt er es, jeden seiner Schritte wohl zu bemessen und keinen Weg anzutreten, ohne zugleich an den Rückweg zu denken. Nun war allerdings bei dem plötzlichen Erscheinen Groot Willems die Überraschung der Krieger alsbald dem Zorne gewichen, und dem Impuls desselben gehorchend, waren sie dem Felsen zugestürzt, um dem grauen Bären seine mit unerhörter Kühnheit errungene Beute wieder abzujagen. Allein mitten auf dem Wege hatte sie ein gellender Schrei des Sachems stehen und dann umkehren gemacht. Metakom war durch das Gekrach von Willems Roer aus seinem Wigwam, wohin er seine Schwester gebracht hatte, hervorgerufen worden. Er hatte noch mit einem Blick die hinter dem Felsen verschwindende Riesengestalt des Trappers erhascht, welcher Thorkil wegtrug. Das Verschwinden des letzteren bedurfte also keiner weiteren Erklärung, nicht einmal der, welche Mortons am Boden liegender Leichnam gab. Der Häuptling kannte Mato, dessenungeachtet aber war er im ersten Augenblick geneigt zu glauben, daß derselbe keineswegs allein ein solches Wagnis unternommen hätte, sondern daß er mit einer Streifpartei der Blaßgesichter dem Lager unbemerkt sich genähert haben müßte, während aller Aufmerksamkeit auf die Vorgänge der Okippe gerichtet war. Diese Ansicht, verbunden mit der ihr anklebenden wohlbegründeten Besorgnis für die Sicherheit der Seinigen, dann der Ingrimm, daß der junge Jäger seinen Händen entronnen, endlich die zornige Verwunderung, wie es zugegangen, daß Mato dem Marterpfahl der Nipmuken entgangen – das alles ging dem Sachem blitzschnell durch den Kopf und wäre wohl imstande gewesen, ein weniger kräftig organisiertes Gehirn, als das seinige, zu verwirren, zumal ihn die Szene mit Hih-lah-dih keineswegs unbewegt gelassen hatte. Metakom faßte jedoch in diesem Augenblicke mit bewunderungswürdiger Selbstbeherrschung seine Pflicht als Oberhaupt seines Stammes ins Auge, um zu tun, was dieselbe ihm vorschrieb. Ein Ruf seines Mundes machte die Krieger stehen, ein zweiter machte sie umkehren, ein dritter säuberte wie mit Zaubergewalt den freien Platz von Männern, Weibern und Kindern. Nach Verfluß von wenigen Minuten hätte man glauben können, nicht nur der Platz, sondern auch das Lager sei von allen menschlichen Wesen verlassen, so still und tot lag es an der Seeküste da. Nur die geöffnete Medizinhütte und der neben dem Eichenstumpf ausgestreckte Leichnam, welchen ein Schwarm von Bussards gierig krächzend umflatterte, zeugte von dem, was hier vorgefallen war. Die Sonne stieg höher und höher und näherte sich dem Zenit. Zugleich aber verdüsterte sich das Wetter. Ein heftiger Nordostwind brauste über die Landzunge von Montaup herab, jagte die zu Wolken geballten Herbstnebel am Himmel vor sich her und peitschte die Gewässer der Bai zu hochgehenden Wellen. In dem Felsspalt, unfern des Eingangs zu demselben, stand der alte Trapper, auf sein treues Roer gelehnt, und an seiner Seite hielt sich der Filibustier, die Arme solchergestalt über der Brust kreuzend, daß seine rechte Hand leicht auf dem Griff seines Säbels ruhte. Weiter zurück und auf der andern Seite des beschränkten Raumes saß der ältere der beiden Obersten, welche wir seit dem Überfalle von Swanzey nicht wieder gesehen haben, am Fuß einer Tanne. Neben ihm bemerkte man seinen Schwiegersohn, welcher unter den buschigen Brauen hervor von Zeit zu Zeit finstere Blicke auf De Lussan warf, dessen kühnes Auge sich jedoch dadurch nicht im geringsten einschüchtern ließ. Die beiden Obersten waren mit Büchsen und Degen bewaffnet. Im Hintergrunde der Höhlung lehnte ein weiteres Gewehr an der Felswand, welches Thorkil gehören mochte, der in das Geäste eines Wallnußbaumes hinaufgeklettert war, um Späherdienste zu verrichten. Aus der Öffnung der höhlenartigen Eintiefung rechts vom Eingange des Spaltes sah man den Kopf Lovelys hervorlauschen, und man konnte wahrnehmen, daß die Augen des Mädchens voll Beklemmung und ängstlicher Teilnahme auf die Gruppe der vier Männer gerichtet waren. Zwischen dem jüngeren der beiden Obersten und dem Flibustier hatten Erklärungen von sehr zarter Natur stattgefunden, Erklärungen, die von der einen Seite mit grollender Bitterkeit gefordert, von der andern mit stolzem Freimut waren gegeben worden. Es standen sich hier zwei Charaktere gegenüber, die in ihrer ganzen Anlage himmelweit voneinander verschieden und trotzdem durch die Laune des Schicksals in eine wechselseitige Beziehung zueinander gebracht worden waren, welche die innigste hätte sein sollen. Ihre Unterredung, welche nur durch die besonnene und würdevolle Einmischung des älteren der beiden Flüchtlinge in den Schranken der Mäßigung war erhalten worden, hatte zu keinem befriedigenden Resultate geführt. Der alte Trapper, dessen instinktartige Kenntnis guter Sitte das Waldleben nicht verwischt hatte, war zartfühlend genug gewesen, bis dahin jeder Einmischung in das Gespräch sich zu enthalten. Auch jetzt gab er nur dem Drange der Umstände nach, indem er das Wort ergriff. »Man hat, denk ich,« sagte er, »dem Groot Willem nie nachsagen können, daß er sich unaufgefordert in anderer Leute Angelegenheiten mische, aber zu dieser Stunde kommt es mir, vermut' ich, einigermaßen zu, ein Wort mitzureden.« Die drei Männer, froh, der peinlichen Spannung des vorhin eingetretenen Stillschweigens überhoben zu werden, blickten zumal den alten Waldläufer an, als wollten sie ihn auffordern, fortzufahren. Er tat dies, indem er bemerkte: »Die Rothäute, wenigstens die besseren darunter, denn von den Hunden von Pequoden will ich nicht reden, haben nicht gezögert, ihre Feindschaften untereinander aufzugeben, als es sich darum handelte, das Kriegsgeschrei gegen die Kolonisten zu erheben. Ein gutes Beispiel aber, vermut' ich, ist nachahmungswert, mag es gegeben werden, von wem immer es wolle. Unserer Feinde sind viele, wir sind wenige: falls wir nicht fest zusammenhalten, wie ein wohlgeschnürtes Pfeilbündel, so sind wir verloren.« »Ihr glaubt also, die Heiden werden uns angreifen?« fragte der ältere Oberst. »Das werden sie, oder ich müßte mich schlecht auf den indianischen Charakter verstehen, und es wird gar nicht lange währen, bevor wir ihr Kriegsgeschrei hören. Wir sind zwar durch die hilfreiche List Ischähkohnihs mit Waffen und Munition versehen, und der Fels da gewährt uns eine vortreffliche Verteidigungsstellung, aber um sie gegen die Angriffe der listigen Feinde zu halten, bedarf es vereinter Kraft.« »Es ist besser unterzugehen, als durch einen Bund mit den Gottlosen nach Rettung zu trachten,« murmelte der jüngere Oberst. Sein Schwiegervater warf ihm einen mißbilligenden Blick zu und sagte mit Nachdruck: »Wenn der Allmächtige uns in seiner Güte die Mittel verleiht, der roten Heiden uns zu erwehren, so darf, und wäre es auch nur um des Kindes willen, seine Gnade nicht undankbar vernachlässigt werden. Alter Jäger, Ihr habt recht. Wir müssen zusammenstehen und zu dieser Stunde unseres Zwistes mit jenem Manne dort vergessen, um so mehr, da er für die Rettung Lovelys sein Leben gewagt hat.« »Das heiße ich vernünftig gesprochen,« entgegnete der alte Trapper. »Wir werden unserer vereinten Kräfte benötigt sein, vermut' ich. – Ja, hört, da singen sie schon ihren Kriegsgesang. – He, Thorkil, sag uns, Junge, kannst du nichts von den Roten zu Gesichte kriegen?« »Nein,« gab der Gefragte von seinem Luginsland herab zur Antwort. »Aber ich höre sie ganz gut. Sie sind dort hinter dem Waldausläufer offenbar mit den Vorbereitungen zu einem Angriffe beschäftigt.« »Ja, ja, ohne Zweifel,« sagte Groot Willem. »Sie hauen mit dem Tomahawk in den roten Pfahl und singen dazu ihren Kriegsgesang. Ich bin oft genug mit dabei gewesen, um zu wissen, was diese Töne zu bedeuten haben. Der Sachem weiß zu gut, daß sein ganzes Ansehen und alle seine Macht auf dem Spiele steht, wenn es ihm nicht gelingt, den Streich, den ich ihm mit seinem Gefangenen gespielt, für seinen Stamm wieder zum Vorteil zu wenden.« Der alte Waldläufer hatte völlig recht. Keine Regierungsgewalt kann von der Despotie weiter entfernt sein als die unter den Stämmen der Eingeborenen Nordamerikas herkömmliche. Zwar pflegt die Häuptlingswürde vom Vater auf den Sohn zu vererben oder auf einen andern nahen Verwandten, allein nur persönliche Tüchtigkeit und persönliches Glück sichern den Häuptling im Besitze seiner Macht. Das Prinzip der Legitimität, welches in Europa für heilig ausgegeben wird, würde von den Indianern verlacht werden. Bei ihnen gilt das Wort: »Selbst ist der Mann!« im vollsten und strengsten Sinne. Metakom konnte sich nicht darüber täuschen, daß seine Autorität durch die unglückliche Wendung, welche in letzter Zeit der Krieg gegen die Blaßgesichter genommen, einen gewaltigen Stoß erlitten habe. Er erkannte ferner, daß die Rettung Thorkils durch Mato dem abergläubischen Sinne der Seinigen als ein Zeichen von übelster Vorbedeutung erscheinen müßte, als ein Zeichen, welches leicht dahin gedeutet werden könnte, daß das Glück ganz von ihm, dem Sachem, gewichen wäre und daß demnach der Stamm wohl daran täte, einen von dem Manitu so offenbar Verlassenen von seiner Spitze zu entfernen. Er mußte daher, falls er nicht geradezu verzweifelnd sich selber aufgeben wollte, alles daran setzen, den der Opferkeule entrissenen Gefangenen wieder in seine Gewalt zu bekommen und an den sämtlichen Blaßgesichtern, welche zweifelsohne für das Goldhaar Partei ergriffen, Rache zu üben. Dies drängte alle andern Absichten und Rücksichten entschieden in den Hintergrund. Daher hatte er keinen Augenblick gezögert, seine Maßregeln zu ergreifen. Er hatte den ganzen Stamm hinter dem Waldvorsprunge versammelt, welcher an der Ostseite des Lagers fast bis zur Seeküste hinabreichte. Nachdem Späherposten ausgestellt worden, welche die etwaigen Bewegungen der Blaßgesichter beobachten sollten, hatte man das Beratungsfeuer angezündet und die Ratspfeife kreisen lassen. Die Energie des Sachems drängte aber zur Abkürzung der Beratungen, und da weitaus die Mehrzahl der Krieger mit ihm der Ansicht war, daß die dem Stamme durch Unterbrechung des Opfers zugefügte Schmach auf der Stelle zu rächen sei, so waren die nötigen Beschlüsse rasch gefaßt worden. Die Ausführung derselben knüpfte sich jedoch an eine Zeremonie, welche schlechterdings nicht unterlassen werden durfte. Dem Beratungsfeuer zur Seite war ein starker, seiner Rinde entkleideter und rotangestrichener Pfahl in den Boden gerannt worden. In einer indianischen Reihe, das heißt ein Krieger einzeln hinter dem andern, stellten sich die Wampanogen neben diesem Kriegspfahl auf, völlig zum Kampf bemalt und gerüstet. Metakom, an der Spitze der Reihe, nahm den Tomahawk aus dem Gurt, stimmte das Kriegslied des Stammes an, näherte sich dem Pfahl und führte mit dem Beil einen Streich auf denselben. Sämtliche Krieger folgten seinem Beispiele, den Pfahl im Kreise umschreitend und einfallend in den Gesang: »Am Tage, als unsere Helden gefallen, Als unsere Helden gefallen, Da focht' ich mit ihnen und dacht', eh' wir sterben, Bring' unsere Rache dem Feinde Verderben, Bring' unsere Rach' ihm Verderben! Am Tage, als unsere Häuptlinge sanken, Als unsere Häuptlinge sanken, Focht' ich Mann gegen Mann und kühn war mein Mut Und vorn aus der Brust, da floß mir das Blut, Da floß aus der Brust mir das Blut! Und nimmer die Häuptlinge wiederkehren, Und nimmer sie wiederkehren! Und ihre Kameraden, die Narben nicht tragen, Die sollen wie Weiber ihr Schicksal beklagen, Wie Weiber ihr Schicksal beklagen! Gar schöne Winter woll'n wir verjagen, Gar schöne Winter verjagen! Wenn unsere Knaben die Schlachten bestehen Und wir zu unseren Vätern gehen, Zu unseren Vätern wir gehen!« Dieses Lied, wie das oben bei Schilderung der Okippe eingeflochtene, ist wirklich indianischen Ursprungs. Die Übertragung ins Deutsche rührt von Talvj her. Der Gesang und das tanzartige Umwandeln des Pfahles wurden fortgesetzt, bis die Tomahawkhiebe den letzteren in Splitter verwandelt hatten. Dann wurde das Lied mit einem furchtbaren Aufschrei abgebrochen. »Seht nach euren Waffen, ihr Männer!« sagte Groot Willem, als dieser Schrei waldherüber in die Felsspalte drang. »Seht nach euren Waffen und vergeudet keinen Schuß. Sucht Schutz hinter den Vorsprüngen des Felsens und hinter den Bäumen. Es wäre Narrheit, den Pfeilen und Kugeln, welche nicht lange auf sich warten lassen werden, sich bloßzugeben. Aber verwendet dabei kein Auge von der Öffnung des Felsens gegen den Wald zu. Mögen sie auf den drei andern Seiten den Stein umheulen, nur von dieser kann der Angriff erfolgen.« Der erfahrene Grenzkrieger war mit seiner Warnung kaum zu Ende, als von allen Seiten das gellende Kampfgeschrei der Wampanogen erscholl. Offenbar wollte Metakom zuerst es versuchen, die Blaßgesichter vermittelst Entfaltung seiner Übermacht zu schrecken. In einem weiten Kreise den Felsen rings umzingelnd, gehorchten seine Krieger einem von dem Häuptling ausgestoßenen Signalruf und stürmten, den Kreis verengernd, allwärtsher auf die von der Natur erbaute Burg los. Ihr Anlauf war in Wahrheit wie der Anlauf der »rollenden See«, welche mit Wogengedonner auf einen in ihrer Mitte sich erhebenden Fels anstürmt. Sein Hauptaugenmerk hatte jedoch der Feind, wie natürlich, auf den Zugang zu dem Felsspalte gerichtet. Hinter den Stämmen des Waldes hervor krachten Büchsen, Kugeln schlugen in die Äste der Bäume, welche in der Vertiefung des Steins wurzelten, und eine Wolke von Pfeilen schwirrte darüber hin. Die Belagerten ihrerseits verhielten sich bis jetzt ganz passiv. Dieser Umstand versetzte die Belagerer in eine Täuschung hinsichtlich der Verteidigungsmittel der Blaßgesichter und trieb sie an, einen entschiedeneren Versuch zur Gewinnung des Zugangs zum Felsen zu machen. Der Versuch blieb aber nicht unbeobachtet. Thorkil, welcher noch immer seinen Platz in dem Geäste des Wallnußbaumes behauptete und sich nur seine Büchse hatte hinaufreichen lassen, rief dem alten Trapper zu, daß eine Anzahl von Feinden die Rotbuchen und Schwarzkiefern am Waldsaume erklettert habe, während sich andere unter dem Schutze des Dickichts sammelten. »Ich sehe sie, Junge, ich sehe sie,« versetzte der Alte. »Sie wollen sich sozusagen der Bäume als Sturmleitern bedienen.« »Ihr habt recht, Freund Willem,« bemerkte De Lussan. »Freilich erfordert es, um solches zu unternehmen, eine größere Sprungfertigkeit, als selbst der beste Springer an Bord der Gloria besitzt.« »Ja, solche Sprungfertigkeit, wie hier erforderlich ist, gibt's aber in den Wäldern, Kapitän,« entgegnete Willem. »Habt acht, Freunde, und laßt das Kind ganz in den Hintergrund der Höhle zurücktreten. Wir kriegen 'ne Salve. – Deckt euch, deckt euch!« Die Aufforderung war sehr am Platze, denn kaum hatte der Trapper sie gegeben, als, begleitet von dem aufs neue losbrechenden Schreien und Fistulieren der Angreifer, wieder Bogen und Feuergewehre vom Walde herauf ihre Ladungen nach dem Felsspalt entsandten. »Hat nichts zu sagen,« äußerte der Trapper, nachdem sich der Tumult etwas gelegt hatte. »Laßt sie ihre Kugeln und Pfeile an diesem Stein verschwenden, der sich blutwenig darum kümmern wird. Aber die lauernden Satanasse dort auf den Bäumen müssen herunter. Ihre Schüsse könnten uns verteufelt molestieren. – Ha, diese Kugel war nicht übel gezielt! – Thortil, hol mir doch den Kerl herunter, der dort in der Stammgabel des Hickorybaumes hockt und sich gerade zum Feuern fertig macht. – Paff, so ist's recht! Der Bursche hat genug, vermut' ich. Und jetzt, Freunde, wollen wir zeigen, daß auch wir eine Salve aufzuwenden haben. Wir sind unserer vier Büchsen, wohl, das wird's tun. Wollen einmal die Vormänner der Baumkletterer dort wegputzen. Die beiden Obersten mögen dort die zwei vorwitzigen Kerle auf der Tanne und der Schwarzkiefer aufs Korn nehmen. – Thorkil, mein Junge, siehst du den Krieger, welcher in dem dichten Wipfel der Blutbuche die Kriegsmalerei seines Gesichtes nicht völlig zu verbergen vermag? Ja? Gut, Junge, auf ihn, auf ihn! Ich selber will dem langen Gesellen dort zeigen, daß der Ast einer Eiche, mag er auch noch so stark sein, unter Umständen nur die Brücke zum Tode ist. – Alle fertig, he? Wohl, also Feuer!« Die Büchsen knallten zumal, und die zu Zielpunkten ausersehenen vier Krieger stürzten von den Bäumen. Ein klägliches Geheul erhob sich unten, die Klagerufe, welche die Indianer auszustoßen pflegen, wenn sie im Gefechte einen Verlust erleiden. Es mischte sich diesen Schreien auch der Ausdruck der Überraschung über den Umstand, daß die Blaßgesichter so wohl mit Feuergewehr versehen waren. Wie es ihr Brauch, wann sie auf dem Kriegspfad auf ein unerwartetes Hindernis stoßen oder eine unvorhergesehene Schlappe erfahren, zogen sich die Wampanogen plötzlich zurück. Das Getöse verstummte gänzlich, aber die demselben mit einmal folgende Stille hatte etwas Unheimliches. » Foi de gentilhomme ,« sagte der Flibustier, »mir deucht, sie haben genug für einmal.« »Für einmal, ja,« erwiderte Groot Willem. »Aber verlaßt Euch darauf, Kapitän, sie werden wiederkommen.« Und sie kamen in der Tat bald genug wieder. Der neue Angriff erfolgte ganz so wie das vorige Mal. Während von unten eine Anzahl Schützen den Zugang zu dem Felsen bestrich, erkletterten ein Dutzend und mehr Feinde die dem Felsspalt zunächststehenden Bäume. Sie gingen hierbei mit solcher rücksichtslosen Entschlossenheit zu Werke, daß augenscheinlich war, sie würden sich diesmal nicht so leicht zurückschrecken lassen. »Ha,« sagte der Trapper, »auf der Eiche dort ist Annawon. Freunde, wir werden einen harten Strauß haben. Gebt euch nicht bloß und feuert kaltblütig.« Das Feuer der Belagerten brachte wieder einige der Indianer von den Bäumen zu Boden, aber es wurde nicht mit einem Klageruf, sondern mit wütendem und herausforderndem Geschrei erwidert. Ein starker Ast der Eiche reichte bis auf wenige Schritte zu dem Eingänge des Felsspalts. Mit eichhornhafter Geschwindigkeit und Sicherheit sprangen mehrere der Indianer, Annawon unter ihnen, auf diesen Ast, sowie die Weißen ihre Gewehre losgebrannt hatten, und schwangen sich von dem Ende desselben mit einem mächtigen Satz in die Felsspalte. Während dies geschah, schrie Willem: »Thorkil, bleib, wo du bist, und säubere mit der Büchse die Eiche!« Dann riß er sein Messer aus dem Gurt und warf sich den Eindringenden entgegen. Der Flibustier und die beiden Obersten folgten seinem Beispiel, und sofort entspann sich in dem engen Raume ein schreckliches Ringen. Lovely, die demselben von ihrem Schlupfwinkel aus in Todesangst zusah, konnte später nur mit Schauder von dieser Szene sprechen. Einen Augenblick schien es ihr, als wären ihre Freunde rettungslos verloren. Sie sah Degen, Messer und Tomahawks erhoben und im Schwung und Stoß durcheinander zucken, sah ihren Großvater, durch einen Beilschlag auf die Brust betäubt, zu Boden stürzen, ihren Vater nur mit Mühe der Messerstöße eines riesenhaften Wilden sich erwehren und Groot Willem von den Armen Annawons umklammert. Dann änderte sich der bedrohliche Anblick. Der Flibustier hatte den Indianer, welcher ihn angefallen, niedergehauen, ein zweiter Streich seiner Damaszenerklinge befreite ihren Vater von seinem Bedränger, und mit seinem Schlachtruf: »Gloire und Desdemona!« rannte er den guten Stahl Annawon in die Seite, in dem Augenblick, als es diesem gelungen war, sein Messer zu erheben, um es dem Trapper in den Rücken zu stoßen; der vierte der eingedrungenen Indianer suchte jetzt sein Heil in der Flucht. Er wandte sich, um wieder auf den Ast der Eiche zurückzugelangen, aber im Sprunge erreichte ihn Thorkils Kugel und warf ihn leblos von dem Felsen hinab. 14. Es hat verheerender Waldbrand das junge Gras verdorrt, Und heftig treibt die Windsbraut die trocknen Blätter fort. Mit Windeseile getrieben umarmt die Feuerglut Der Bäum' und Sträuche Wipfel, verzehrt mit rascher Wut; Da springen die roten Funken, als würde von Ort zu Ort Zinnober und Safranblüte gestreuet fort und fort; Und wenn in Baumwollstauden das Feuer nun stärker loht, So dringt aus Baumesritzen die Flamme wie goldnes Rot; Sie springt mit Zweig und Blättern von Ästen hier und dort Und rast, vom Winde getrieben, im Walde weiter fort. Kalidasa »Död und Duivel! wir haben uns noch gut aus der Klemme gezogen. Hätte verteufelt schlimm ablaufen können, diese Frolick. Der Satan von Annawon da, welcher jetzt ausgekämpft hat für immer, was der für bärenmäßig starke Arme am Leibe hatte! Wie von Eisen, meiner Treu. Werden sich aber, vermut' ich, jetzt die Lust vergehen lassen, in unsere Höhle hereinzuspringen. Ist der Rückweg etwas weniger leicht, als die Burschen glauben mochten. – Nun, wie geht's, alter Sir? Sah Euch hinfallen. Seid Ihr verwundet? Nicht? Desto besser! – Aber das muß man sagen, Kapitän, Ihr habt das Beste getan. Habt gute Arbeit gemacht. Respekt vor Eurem Säbel; sag' Euch, ist das eine so gute Waffe, als nur je eine von der Hand eines Mannes geschwungen wurde. – Thorkil, komm einmal herunter und sieh nach Mistreß Lovely; der Schrecken könnte dem armen Kinde unwohl gemacht haben. Ah so, der Junge ist schon in der Höhle. Und jetzt, weil wir ein bißchen Ruhe haben, wollen wir die Leichen da den Fels hinabwerfen und unsere Gewehre reinigen, so gut es geht. Doch noch eins, Sir,« setzte der Trapper, zu dem jüngeren Oberst sich wendend, hinzu; »ich glaube Euch – Ihr habt's vermutlich im Gedränge der Balgerei übersehen – darauf aufmerksam machen zu müssen, daß mein Freund hier, der Kapitän, welcher auch den grimmigen Annawon in die glücklichen Jagdgründe beförderte, Euch das Leben gerettet hat.« Der Kapitän machte mit der Hand eine abwehrende Gebärde, als vertrüge sich diese Erinnerung an einen dem Manne, von welchem er sich gehaßt wußte, geleisteten Dienst schlecht mit seinem Stolze. In der Brust von Lovelys Vater kämpfte tiefeingewurzelter Groll mit dem Schicklichkeitsgefühl des Gentleman. Das letztere war indessen stark genug, eine Art Sieg davonzutragen. Der starre Puritaner trat dem Flibustier einen Schritt näher und sagte zu ihm mit kalter Höflichkeit: »Sir, es wird sich ein passenderer Ort und eine bessere Gelegenheit finden, unsern alten Streit auszufechten. Heute wollte es der Herr, dessen Fügungen ich mich zu beugen gelernt habe, daß Ihr, wie ich anerkenne, dieses mein irdisches Leben, welches nur um meines Kindes Lovely willen noch Wert für mich hat, vor dem Mordbeile des roten Heiden bewahrtet. Ich dank' Euch, Sir.« »Gebt Euch keine Mühe, Sir,« entgegnete De Lussan mit einer stolzen Verbeugung. »Ich würde um einer willen, die ich mehr liebe als mein Leben, diese Gelegenheit, in welcher ich etwas Providentielles sehe, zu dem Versuche benutzen, Euer Vatergefühl auch für Euer erstgeborenes Kind rege zu machen, allein ich bin nicht gewohnt, meine Worte vergebens zu verschwenden.« Lovely, welche diese Rede vernommen, bog den Kopf aus der Höhle hervor und warf, von dem brennenden Wunsche getrieben, den Augenblick zu einer Aussöhnung zwischen den Ihrigen und De Lussan benutzt zu sehen, ihrem Vater und Großvater demütig flehende Blicke zu. Das Auge des letzteren ruhte nicht ohne ein leises Wohlgefallen auf der edlen Gestalt des Flibustiers, aber der erstere wandte sich, die finsteren Brauen zusammenziehend, unbewegt von seiner Tochter und De Lussan ab, worauf auch dieser mit einem leichten Achselzucken sich wegkehrte und dem alten Trapper die Leichen der gefallenen Indianer den Felsen hinabstürzen half. Nachdem dies geschehen und Willem den jungen Jäger aufgefordert hatte, seinen Späherposten in dem Geäste des Baumes wieder aufzunehmen, machten sich die Männer an die Arbeit, ihre Gewehre, von deren Sicherheit im Treffen so viel abhing, vom Pulverschmutz zu reinigen. Sie konnten dies Geschäft ohne Störung zu Ende bringen. Es hatte den Anschein, als hätten die Wampanogen das Unternehmen, den Zufluchtsort der Weißen zu erstürmen, ganz aufgegeben. Der Wald, der freie Platz, das Lager waren wie ausgestorben, und man vernahm nur den Wind, welcher, wenn auch weniger heftig als vor Beginn des Kampfes, in den Wipfeln rauschte. Diese trügerische Ruhe war ganz geeignet, solchen, welche mit der indianischen Kriegsweise unbekannt waren, eine täuschende Sicherheit einzustoßen. Der alte Trapper verwunderte sich daher nicht sehr, als der ältere Oberst zu ihm sagte: »Mich dünkt, Freund, die Heiden haben auf die Ausführung ihrer blutdürstigen Absicht verzichtet und sich von diesem Orte zurückgezogen. Ich bin zwar sehr willig, mich Eurer Erfahrung unterzuordnen, glaube Euch jedoch die Frage vorlegen zu sollen, ob wir nicht gut täten, diesen unwirtbaren Platz zu verlassen, bevor es Abend wird und dessen Schatten den Heiden Gelegenheit geben, neue feindselige Ränke zu spinnen.« »Was die Ränke oder, wie ich es nenne, die Teufeleien der Rothäute angeht, Sir,« versetzte Willem, »so wird es, vermut' ich, daran nicht fehlen, sei es heller Tag, sei es Abend. Es ist einmal ihre natürliche Gabe, derartige Teufeleien auszuspintisieren und ins Werk zu setzen, und sie haben einen merkwürdigen Eifer, besagte Gabe recht tüchtig auszubilden. Das ist nun schon ihre Natur und läßt sich, vermut' ich, wenig oder nichts dawider sagen. Wenn Ihr aber meint, Sir, die Wampanogen hätten ihre Absicht auf diesen Stein aufgegeben, so ist das, vermut' ich, eine mehr europäische als amerikanische Meinung und konnte uns diese Meinung, falls danach gehandelt würde, um unsere Skalpe bringen, bevor wir, rechne ich, eine Viertelstunde älter wären. Sag' Euch, so verlassen und verödet das Lager und der ganze Platz aussehen, so sind wir doch, so wahr ich Willem Klopper heiße, rings von Feinden umgeben, von listigen Feinden, die, so wie die Sachen jetzt stehen, verteufelt kurzen Prozeß mit uns machen würden, wenn wir in ihre Hände fielen. Den Felsen verlassen?« fuhr er fort, mit einem Blick auf die Höhle, in welcher sich Lovely befand, die Stimme dämpfend, damit er von dem Mädchen nicht gehört würde – »den Felsen verlassen? Nein, das geht schlechterdings nicht. Der Fels ist die Mauer, die einzige Mauer, welche zwischen unsern Schädelhäuten und dem Skalpiermesser steht. Den Felsen verlassen, heißt unser Leben aufgeben. Da, wo wir sind, müssen wir ausharren, müssen, komme, was da wolle, ausharren, bis uns Hilfe kommt. Ich baue auf Churchs Rastlosigkeit und auf das mir von Eurem Freund, Kapitän Standish, gegebene Wort.« »Vergeßt nicht, Freund, die Hilfe des Höchsten mit in Anschlag zu bringen, welcher bisher so gnädiglich seine Hand schirmend über uns gehalten. Also Ihr seid der Ansicht, daß wir den Stein da durchaus nicht verlassen sollen, bevor uns Entsatz kommt?« »Der Ansicht bin ich, ja.« »Gut, aber wir haben weder Speise noch Wasser.« »Sprecht leise, Sir, sprecht leise, ich weiß es nur allzugut. Aber es macht die Leute noch hungriger und durstiger, als sie schon sind, wenn man von Speise und Trank redet. Wir müssen unsere Bedürfnisse bändigen, solange es gehen mag. Doch was ist das?« unterbrach er sich, indem er aufstand, mit starr auf den Wald gehefteten Augen Gesicht und Gehör anstrengte und mit weit geöffneten Nasenflügeln die Luft einsog. Mit einem bedenklichen Kopfruck ging der alte Waldläufer in den Hintergrund des Felsspaltes und richtete flüsternd eine Frage an Thorkil, welcher seinen Posten in der Krone des Wallnußbaumes wieder eingenommen hatte. »Ich sehe nichts Auffallendes,« lautete die Antwort des jungen Jägers. »Doch, halt! ja, über dem Wald erheben sich an verschiedenen Punkten Rauchsäulen, die der Wind gegen uns hertreibt.« »Rauchsäulen? Da haben wir die neue Teufelei der ewigen Satanasse. Sie wollen uns haben, lebendig oder tot, um jeden Preis. – Hör, Junge, kehr dich einmal seewärts und luge scharf aus. Siehst du nicht so was von einem Segel?« »Nicht. Die See ist ganz öde.« »Desto schlimmer, desto schlimmer,« murmelte der Alte. »Hih-lah-dih konnte entweder gar nicht abkommen, oder sie hat das Schiff nicht getroffen.« Kopfschüttelnd ging er wieder nach vorn und spähte besorgten Blickes in den Wald hinaus. Der ältere Oberst trat zu ihm und sagte: »Wie heiß und schwül die Luft auf einmal wird und wie düster der Himmel! Das Wetter scheint sich zu ändern.« »Das Wetter?« entgegnete der Trapper. »Eine saubere Wetterveränderung das, hol' sie der Duivel!« »Ei, scht doch, Freund Willem,« sagte der Flibustier, nach dem Wald hin- und aufwärts deutend, »was sind denn das für Dünste? Sie riechen wettermäßig räucherig – foi de gentilhomme ! – und jetzt, seht, röten sie sich und wälzen sich uns näher!« In diese Worte hinein klang vom Wald her etwas wie Knistern, das allmählich lauter und lauter wurde. Zugleich strich ein Flug Wildgänse mit schrillem Geschrei von Norden her seewärts eilends über den Felsen hin. Ihr Krächzen tönte wie eine unheimliche Weissagung. »Willem,« ließ sich Thorkils Stimme vernehmen, »kommt doch hierher!« »Ich weiß, was du sagen willst, Junge,« entgegnete der Alte. »Da ist alles Reden nutzlos.« Das Knistern verstärkte sich von Augenblick zu Augenblick, und bald glich es einem dumpfen Gekrache, als würden in der Ferne in unregelmäßigen Zwischenräumen Gewehre abgefeuert. Bei diesen Tönen wandelte den Vater Lovelys ein Gefühl an, wie das des Schlachtrosses, dessen Gebaren beim Schmettern der Drommeten im Buche Hiob so schon beschrieben ist. »Horch,« sagte er, »ist das nicht das Knattern des Gewehrfeuers einer Kompagnie Musketiere, die dort drüben, jenseits des Waldes, im Kampfe steht?« »Wollte, ich könnte glauben, es wäre so, Sir,« entgegnete der Trapper. »Wir wären dann sicher, daß Church mit seinen Milizen heranzöge. Aber da ist von keinem Gewehrfeuer die Rede, und da ferneres Schweigen die Gefahr nicht um das Gewicht einer Wildgansfeder verringern kann, so muß es gesagt werden – ha, der Rauch wälzt sich dicker und dicker heran! Wir haben es mit einem Waldbrande zu tun.« »Mit einem Waldbrande?« fragte der Oberst. »Ich sehe kein Feuer.« »Werdet es, vermut' ich, bald genug zu sehen kriegen, Sir, ja, und zu spüren obendrein. Kein Zweifel, die Wampanogen haben den Wald in Brand gesteckt. Wollen uns aus unserem Fort räuchern, wie man Luchse und Füchse aus ihren Höhlen räuchert, die ewigen Satanasse! Hört Ihr hinter dem Rauchknäuel das Knistern und Rascheln und Zischen, wie wenn Hunderttausend Klapperschlangen durch Busch und Röhricht brächen?« Die Männer lauschten, und die von dem Trapper ganz richtig bezeichneten Töne ließen sich zu deutlich vernehmen, um noch irgend eine Täuschung über die Natur des drohenden Schrecknisses zu gestatten. Die Rauchmassen nahmen von Sekunde zu Sekunde an Umfang, Schwere und Dichtigkeit zu, so daß den Belagerten das Atemholen bereits weniger leicht wurde. Mit dem Rauche kam eine heiße Luftschicht heran, und dann begannen durch das Schwarzgrau der Dunstwolken vom Walde her rote Streifen zu leuchten, welche bald heller und heller, greller und greller schimmerten und flackerten. Dabei drückte die Schwüle auf Kopf und Brust wie eine Decke von Blei. »O Gott, was ist das?« fragte Lovely, mit ängstlicher Hast aus der Höhle tretend. »Mein Kind,« versetzte ihr Großvater, das Mädchen mit Blicken verhaltener Besorgnis ansehend, »der Herr will unsere Geduld und Standhaftigkeit noch weiter prüfen. Geh hinein und richte deine Gedanken auf den, in dessen Hand Glück und Unglück, Untergang und Rettung liegt.« »Hört, Freund Willem,« sagte der Flibustier zu dem Trapper, welcher das Herankommen des Waldbrandes unverwandten Auges betrachtete, »ich muß Euch sagen, daß das Wasser mehr mein Element ist, als das Feuer – foi de gentilhomme! Auch sehe ich nicht ein, wie wir es, falls das Ding so fort geht, binnen einer Stunde noch hier sollen aushalten können. Ich für meine Person wenigstens fühle nichts von jenem feuerfesten, wie ich glaube, fabelhaften Tier in mir, von welchem der Pater Rens auf dem Collège so viel zu erzählen wußte. Nein, ich bin kein Salamander, ich, und ob ich mir auch nicht einfallen lassen will, in bezug auf diesen Waldkrieg, der allmählich sehr unangenehme Seiten herauskehrt, Eurer Erfahrung mit Vorschlägen beschwerlich zu fallen, so mag ich Euch doch nicht verbergen; daß ich lieber da unten, Mann gegen Mann mit den roten Teufeln fechtend, fallen, als hier oben bei langsamem Feuer geröstet werden will. Was meint Ihr, Mann?« »Ich meine, Kapitän, daß Ihr ganz Euren Gaben gemäß gesprochen habt, und wenn sich der Wind nicht dreht oder sonst ein glücklicher Zufall uns zur Hilfe kommt und zwar bald, so werden wir allerdings unser Fort zuletzt räumen müssen, um unsere Skalpe so teuer als möglich zu verkaufen. Denn das, Kapitän, läßt sich nicht verbergen, daß auf die Ebene hinabsteigen so viel heißt, als dem Tod in den Rachen laufen. – He, Thorkil da oben, kannst du durch den Rauch hindurch noch die See erblicken?« »Nein, der höllische Qualm verschleiert alles, und das Feuer kommt rasch heran.« »Und der Wind? Wie ist's mit dem Wind?« »Er hat ausgetobt, und mir will scheinen, als rege sich ein Luftzug von der See her.« »Das ist ein schwacher Trost,« bemerkte der jüngere Oberst düster. »Will es der Gott Israels, daß wir fallen, so sei es lieber im Kampfe mit den ruchlosen Heiden, als daß wir hier elendiglich dem wütenden Elemente zum Opfer werden.« »Sir, wenn großsprechen zu dieser Stunde mir anstände,« erwiderte Groot Willem, »so wär' ich, vermut' ich, zu sagen berechtigt, daß fechten auch mehr nach meinem Geschmack wäre. Aber wenn ich, ein Mann, der keine hilflose Tochter zu schützen hat, die einzige Möglichkeit der Rettung darin sehe, daß wir nicht von hier weggehen, bevor uns die Kleider auf dem Leibe Feuer fangen, so habt Ihr, denk' ich, keinen Grund, diesem Rat entgegenzuhandeln.« Unterdessen kamen die roten Streifen immer leuchtender den Wald herab, und vor ihnen her schwamm ein Dunst, dessen Hitze die Poren eintrocknen ließ. Das Pfeifen, Zischen, Rascheln und Brausen des Feuers wurde stärker, und dann schlug durch den erstickenden Qualm eine breite prachtvolle Flamme, eine Feuersäule, ein Feuermeer, das seine Wogen die ganze Länge des Waldsaumes entlang rauschend dahinwälzte. Ein jubelndes Geschrei der Indianer begrüßte von der Ebene herauf das furchtbare Schauspiel. »Ah, die Satanasse haben das Ufer besetzt,« bemerkte der Trapper mit seiner unerschütterlichen Ruhe. »Sie wissen wohl, daß wir nach Norden zu nicht entrinnen können und unser einziger Rettungsweg nach dem Wasser hinabführt.« Der Brand wurde immer großartiger. Die von der Hitze eines ungewöhnlich heißen Sommers durchglühten Pechkiefern, Weymouthsfichten, Tannen, Lärchen und Forchen lohten auf wie riesige Kerzen, wenn die über das zunderdürre Gras und Moos hinfegenden Flammen ihre tief herabhängenden Äste ergriffen. Diese Kerzen schleuderten prachtvolle Funkengarben empor und ringsumher, in allen Farben spielend und wie Millionen glühende Schlangen durch das Rauchdüster zuckend. Flammen hüpften am Boden hin, und im nächsten Augenblick schon waren sie einen gewaltigen Baum hinangesprungen, in den Harzrinnen hinaufgleitend, wie der elektrische Funke am Draht hinspringt. Unaufhörlich quollen schwerwuchtende Qualmwolken empor und ließen einen Aschenregen niederrieseln. Jetzt sank das Feuer, dann loderte es wieder majestätisch auf. Sein Rauschen und Brausen war schrecklich. Das Gekrach stürzender Stämme brach los und gesellte den Tausenden von Blitzen ein dumpfes Gedonner. Nur die Eichen und Buchen wußten sich des grimmigen Feindes länger zu erwehren als die Nadelholzbäume. Sie standen in dieser Schlacht der Natur, wie Veteranen im Kampfe stehen, während rings ihre jüngeren Kameraden niedergemäht werden. Zuweilen hoben sich die Rauchschichten hoch empor. Dann spiegelte sich der unten rasende Brand droben in der Luft: Feuer unten, Feuer oben, ein flammender Höllenrachen, der alles zu verschlingen drohte. Und immer wieder neue Stürze, neues Donnern, neue Glutgarben, neues Geloder, wütendes Sausen und Brausen. Das Feuer begann den Felsen heftiger anzuglühen: die Hitze wurde unerträglich. Ein Funkenregen wirbelte in den Felsspalt nieder. Thorkil, welcher von dem Baume herabgestiegen war, warf Blicke von unsäglicher Angst auf seine Verlobte, die nur durch den stützenden Arm ihres Vaters vor dem Zusammenbrechen bewahrt wurde. Der Flibustier und der Trapper behaupteten noch immer ihren Standpunkt im Vordergrunde des kleinen Raumes. Jener betrachtete das Entsetzliche, welchem dennoch ein unbeschreiblicher Zauber von Größe und Poesie innewohnte, mit einer romantischen Teilnahme, welche ihn fast die Qualen der Hitze und des Durstes vergessen machte; dieser, welcher heute nicht zum ersten Male einen Waldbrand sah, mit den Späherblicken eines Mannes, welcher das geringste Anzeichen einer günstigen Wendung der Gefahr aufzufassen begierig ist. »Glorios!« In diesen Ausruf faßte De Lussan die Gefühle zusammen, welche ihm die Erhabenheit des furchtbaren Schauspiels einflößte. Groot Willem äußerte sich prosaischer, obgleich er vielleicht die schreckensprühende Schönheit des Anblicks noch tiefer empfand. »Der Wind hat sich gelegt,« sagte er, »das ist mächtig gut; er springt vielleicht um, das wäre noch besser. Bringt die Gewehre in die Höhlen, damit nicht irgend ein fürwitziger Funke Unheil anrichtet. Wir selber täten gut, in die Höhlen zu treten, um diesem ewigen Sprühfeuerregen zu entgehen. Ha, da scheint auch die alte Eiche Feuer fangen zu wollen. Mißlich das, sehr mißlich! Aber wir müssen noch aushalten, solange unsere Lungen uns nicht den Dienst versagen.« »Erheben wir unsere Stimmen zu dem, welcher dem Feuer gebietet und den Wasserfluten ihre Bahnen vorzeichnet. Sein ist die Macht und die Hilfe und seine Herrlichkeit reicht hinweg über Raum und Zeit.« So sprechend erhob der edle Greis seine Stimme und ergoß seine Bekümmernis in das Gebet des Psalmisten, in welches sein Schwiegersohn und seine Enkeltochter alsbald einstimmten: »Die Augen des Herrn sind gerichtet auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien. Sie rufen zu ihm, und er erhöret sie und errettet sie aus aller Not. Der Herr ist nahe bei denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, deren Gemüt zerschlagen ist. Viel leiden muß der Gerechte, aber aus allem hilft ihm der Herr.. Die Gottlosen wird töten ihre Bosheit, und die den Gerechten hassen, werden verurteilt werden. Der Herr erlöset die Seelen seiner Knechte, und alle, die auf ihn vertrauen, werden nimmermehr zugrunde gehen.« 15. Unterdessen wehte hoch und stattlich Längs der Reede schon Selmiras Flagge. Platen. Mein Name ist Alkatar! ruft der Maure; Und Vargas meiner! ruf' ich ihm zurück. Dann dring' ich stärker auf ihn ein und bohre Das Schwert ihm in die Brust; ein Augenblick, Alarkon. Der Flibustier war zu sehr durch und durch französischer Gentilhomme, um sich anmerken zu lassen, daß derartige Ausbrüche puritanischer Frömmigkeit mit seiner Sinnesweise durchaus nicht übereinstimmten. Er beobachtete daher, wenn auch mehr nur aus Höflichkeit als aus Teilnahme, während des Gebetes ein achtungsvolles Schweigen und begnügte sich, nachdem der fromme Hilferuf vorüber, dem Trapper zuzuflüstern: »Wenn uns nur ein alttestamentliches Wunder retten kann, Freund Willem, so möchte es verteufelt schlecht mit uns stehen. Die Zeit dieser Wunder ist längst vorbei, vorausgesetzt, daß es je eine solche Zeit gegeben hat.« »Ich versteh' Euch nicht recht, Kapitän,« entgegnete der einfache Waldgänger auf diese Äußerung eines Skeptizismus, welcher zur Zeit, in der unsere Geschichte spielt, keineswegs zu den Seltenheiten gehörte. »Ich versteh' Euch nicht recht, aber soviel scheint sicher, daß, vermut' ich, ein Wunder geschehen muß, wenn wir dieser Teufelei entrinnen wollen.« »Es ist eine Teufelei, Ihr habt recht. Meine Herrin – ach, ich möchte noch einmal ihr süßes Antlitz wiedersehen – hat mir einmal einen italischen Poeten verdolmetscht, der eine lange Wanderung durch die Hölle beschreibt; ich meine aber, der Mann hätte zuerst einen Waldbrand erleben sollen, um zu wissen, wie man sich die Hölle vorzustellen hat. – Ich wurde einst zwei Tage und zwei Nächte hindurch in einem offenen Boote auf stürmischer See herumgeschleudert, hatte weder Proviant noch Wasser, aber was war jener Durst gegen den, welcher mir jetzt die Zunge im Munde zusammenschrumpfen macht!« »Wir müssen Wasser haben!« sagte der hinzutretende Thorkil. »Lovely stirbt vor Hitze und Durst – ich kann es nicht länger mit ansehen und will hinab. Es muß in der Nähe des Lagers eine Quelle geben. Ihr wißt vielleicht den Platz, Willem –« »Ja, ich kenne den Platz, aber bevor du denselben erreichst, raucht dein Skalp am Gürtel eines Wampanogen.« »Ich muß es versuchen,« versetzte der junge Jäger, die Feuerfunken abschüttelnd, welche auf sein Jagdhemd niederfielen. »Wenn es versucht werden soll, so will ich es tun,« entgegnete Willem; »ich kenne den Ort und –« »Hört,« unterbrach der Flibustier den Trapper, sich hoch aufrichtend und mit einer Miene lauschend, als wollte er alle Kräfte seines Geistes und Körpers im Ohre konzentrieren. »Es ist nur das Gekrach stürzender Stämme,« sagte Groot Willem. »Sie donnern im Falle wie losgebrannte Geschütze.« »Ja, sie donnern ungefähr so, aber sie donnern nicht von der Seeseite her. – foi de gentilhomme ! es wird unausstehlich hier – der Qualm, die Hitze, der Durst unerträglich! Wir sind wie die drei Männer im Feuerofen, von welchen, wenn mir recht ist, ein jüdischer Prophet erzählt. Die Luft atmet geschmolzenes Metall. – Ich sag' Euch, das arme Mädchen muß Wasser haben und müßten wir zehnmal unser Leben dafür einsetzen. – Ha, abermals! Hört! – Und wiederum! – Nein, das ist nicht das Gekrach stürzender Baumstämme!« In kurzen Pausen ließ sich von der dem brennenden Wald entgegenstehenden Seite ein dumpfer Schall vernehmen. Die Männer lauschten, nicht achtend des auf sie niederfallenden Funken- und Aschenregens, welcher übrigens, da der Wind sich entschieden gedreht, an Dichtigkeit abzunehmen anfing. Wiederum jener dumpfe Schall vom Wasser her, diesmal drei Schläge rasch nacheinander. »Die Gloria spricht!« schrie der Flibustier jubelnd auf. »Meine Herrin –« Er vollendete den angefangenen Satz nicht, sondern rannte in den Hintergrund des Felsspalts und schwang sich mit der Gelenkigkeit eines Matrosen, welcher die Takelage des Hauptmastes hinaneilt, in die Krone des Wallnußbaumes hinauf. Willem und Thorkil sahen einander an. In den Augen des Jünglings leuchtete ein Hoffnungsstrahl auf. »Es könnte sein, es könnte sein,« sagte der Alte bedächtig. »Hih-lah-dih, die treue Seele, könnte das Schiff in voriger Nacht getroffen haben, vielleicht auch führt es ein günstiger Zufall an diese Küste. Der Dampf des Waldbrands könnte die Bemannung aufmerksam gemacht haben, daß etwas am Ufer vorgehe, und nachdem der Nordwind das Herankommen des Fahrzeugs bis jetzt verhindert, befördert der umgeschlagene Wind sein Nahen. – Hm, ja, es könnte so sein, vermut' ich.« »Hussa, Freunde,« rief De Lussan aus dem Baumwipfel herab. »Mut, Mut, die Gloria ist auf dem Wasser!« Und seine Stimme zu einer Stärke anschwellend, welche ihm fast die Brust sprengte, schrie er gegen die See hinab: »Gloria und Desdemona!« Dann, eines bessern sich besinnend, rief er Willem zu: »Reicht mir Euer Roer herauf, Freund. Es gibt einen gewaltigen Krach und vielleicht kann ich zugleich einen der rothäutigen Schurken niederbüchsen, welche dort hinter den Lagerhütten lauern. O, wenn die Kerle nur standhalten, wenn sie nur standhalten! Sie sollen ihr höllisches Feuerwerk büßen – bei der Seele meiner Herrin!« Der Schuß fiel. Ein Geheul von dem Lager herauf gab Antwort. Ein dröhnender Donner kam über das Wasser daher. Die Gloria hatte seit mehreren Stunden lavierend gegen den konträren Wind angekämpft. Zur nämlichen Zeit aber, als die an der fernen Küste aufsteigenden Rauchmassen der Bemannung des Schiffes die dunkle Besorgnis einflößten, daß sich auf der Landzunge eine Katastrophe vorbereitete, sprang der Wind erst leise und dann stärker um. Sogleich bedeckte sich die Fregatte mit einem Gewölke von Segeln, und ihr Kiel durchfurchte die Flut mit einer Schnelligkeit, welche freilich hinter den glühenden Wünschen der Königin des Schiffes noch weit zurückblieb. Das Schiff entfaltete im Segeln seine kriegerische Schönheit: der breite rote Saum längs der Seiten seines Rumpfes war verschwunden, und in den dahinter gähnenden Stückpforten lauerten die metallenen Schlangen, bereit, Tod und Verderben zu speien; die ganze Mannschaft stand mit Lunten und Ladkolben bei den Geschützen oder war auf dem Deck versammelt, gleich bereit zum Entern wie zur Landung; auf allen Mastspitzen flatterten hochrote Fähnchen, und eine mächtige Flagge von derselben brennenden Farbe rollte in weiten Falten von der Gaffel herab. Von der Hütte aus musterte die Herrin des Schiffes vermittelst eines Fernglases die Küste. Ihr zur Seite hielt sich Monsieur Legrand, bereit, ehrerbietig ihre Befehle zu empfangen und zu vollziehen. »Die Brise treibt den Rauch landeinwärts, Madame,« bemerkte der Offizier. »Wir werden bald sehen, was die Sache zu bedeuten hat. Ein Stück Wald brennt dort, soviel können wir schon jetzt wahrnehmen. Unterdessen rückt das Schiff rasch vor, und wir müssen acht haben, daß wir nicht auf den Strand laufen. – Monsieur Terrible, he, sorgt dafür, daß das Senkblei unausgesetzt gehandhabt werde, und gebt dem Sieur Estevan von Sekunde zu Sekunde die Fadentiefe an. Ruft auch die Leute an das Gangspill, damit, so es nötig, der Anker sogleich in die Tiefe gehen kann.« »Ah, jetzt sehe ich das Feuer!« sagte Desdemona. »Welche Flammengarben! Und dort am Ufer, wie, sind das nicht Hütten oder Zelte, Monsieur Legrand? Ich meine, es bewegt sich dort etwas. Weiter zurück nehme ich einen Felsen oder etwas ähnliches wahr. – Mein Gott, mir ist, Raoul sei dort und in Not. – Laßt noch einmal ein Paar Geschütze lösen, Monsieur Legrand, um unser Kommen zu signalisieren.« Der Befehl wurde weiter befördert, und die Schüsse hallten donnernd über das Wasser hin. Das Auge Desdemonas hing unverwandt an der Landzunge. »O,« rief sie aus, »horch, war das nicht der Klang einer Menschenstimme, seiner Stimme? – Und jetzt, ha, ein Schuß! Eine Antwort auf unsere Signalschüsse! Voran mit dem Schiff, voran!« »Es war ein Schuß, Madame, ja, und er schien von dem Ding auszugehen, das, wie mein Glas verrät, wie ein Fels aussieht. Aber die Gloria fliegt dem Ufer zu und –« Don Estevan stieg mit einer eiligen Meldung die Treppe zur Hütte herauf. »Wir müssen wenden, Madame, das Lot zeigt nur noch zwei Faden Tiefe. – He, ihr dort, herum mit dem Steuer, herum mit ihm!« Dem Steuerruder gehorchend, fiel das Schiff von seinem Kurs ab, und als das von Don Estevan gegebene Kommandowort, die Segel zu reffen, in Vollzug gesetzt war, stampfte das Fahrzeug eine kurze Weile und glitt dann lavierend seitwärts. Nach einer kurzen hastigen Besprechung zwischen Desdemona und Legrand worin dieser die Unmöglichkeit, länger vor dem Winde zu segeln, ohne das Schiff auf den Strand rennen zu lassen, dartat und dagegen andere bestimmte Weisungen erhielt, setzte er das Sprachrohr, welches er an seinem Bandelier hängen hatte, an den Mund und ließ das kurze Losungswort: »Überall!« über das Deck hinschauen. Das Geschrill von Terribles Pfeife verkündigte, daß »alle zu Haus,« das heißt, daß alle auf ihren Posten seien. »Macht die Boote klar! Alle Boote klar!« schmetterte das Sprachrohr. »Die Boote stehen über ihren Klapläufern, Sieur,« schrie nach kurzer Weile der Hochbootsmann vom Vorkastell her. »So laßt los! Boote all in See!« »Die Boote sind flott, Sieur.« »Gut, laßt sämtliche Bootsmannschaften ihre Waffen nehmen, um ans Land zu gehen. Monsieur Terrible, Ihr werdet das Steuer der Pinasse führen, da Sennor Estevan, welcher die Expedition kommandiert, in der Barkasse gehen wird. Das Langboot befehligt Monsieur Ruyter, den Kutter Monsieur Bligh. Sennor Estevan, kommt her, die Befehle von Madame zu empfangen. Monsieur Terrible, hinunter mit den Leuten in die Boote, all hinunter!« Don Estevan empfing Desdemonas Befehle, worauf ihn Legrand an die Fallreefstreppe begleitete mit den Worten: »Es ist offenbar auf der Landzunge dort nicht alles, wie es sein sollte. – Horch, da kracht wieder ein Schuß, der Pardieu! akkurat wie ein Notschuß klingt. Faßt die Landzunge von der Steuer- und Backbordseite, Sieur. Findet die Landung Widerstand, so will ich die Breitseite der Gloria sprechen lassen. Im übrigen handelt nach Befund der Umstände. Adieu!« »Eilt Euch, Don Estevan, eilt Euch!« rief Desdemona vom Hackebord herab. Der junge Offizier schwang sich die Treppe hinab in die Barkasse, auf ein von ihm gegebenes Zeichen senkten die Ruderer ihre Riemen ins Wasser und sämtliche Boote entfernten sich rasch von dem Schiffe. Scharfe Augen beobachteten von dem Lager der Wampanogen aus die Bewegungen der Fregatte und ihrer Boote. Metakom mußte nach dem, was heute vorgefallen, befürchten, daß die Krieger des Häuptlings des Donnerschiffes gewiß in keiner freundlichen Absicht kämen. Zudem war ihr Kommen ein so unvorhergesehenes und rasches, daß es unmöglich, solche Maßregeln zu ergreifen, welche geeignet gewesen wären, das Bedrohliche dieses neuen Unglücks abzuwenden. Der Sachem erkannte sofort, daß das äußerste herannahte. Verzweiflung faßte sein stolzes Herz an, und seine Hand umklammerte krampfhaft das Heft seines Messers, als ob ihn der Gedanke des Selbstmordes durchzuckte. Dies ging jedoch vorüber, und der Stoizismus seiner Rasse befähigte ihn, auf seinem Posten auszuharren bis zuletzt. Ein zweiter Gedanke, der ihm kam, mußte als unausführbar verworfen werden. Er dachte nämlich, gestachelt von seinem furchtbaren Ingrimm gegen die Blaßgesichter, einen Augenblick daran, noch einen Sturm auf den Felsen zu unternehmen, um wenigstens nicht ohne Rache unterzugehen. Allein er stand alsbald wieder davon ab, weil nach den gemachten Erfahrungen schlechterdings keine Aussicht vorhanden war, den Stein zu nehmen, bevor die Boote am Lande wären. Er sah wohl ein, daß unverweilter Rückzug das beste wäre, aber wie denselben bewerkstelligen? Die Wampanogen befanden sich in einer Falle. Der von ihnen angefachte Waldbrand, berechnet auf das Verderben der Besatzung des Felsens, schlug nun zu ihrem eigenen aus: der brennende Wald sperrte ihnen den Rückzug zu Lande. Einen Rückzug zu Wasser aber, vorausgesetzt, daß derselbe auf den wenigen Kanoes, welche vorhanden, möglich war, machten die wohlbemannten Boote der Gloria unmöglich. »Meine Brüder müssen kämpfen,« sagte der Sachem mit kalter Fassung zu den Kriegern, welche sich in seinem Wigwam um ihn drängten. »Metakom wird ihnen zeigen, wie ein Wampanoge gegen die Hunde von Blaßgesichtern ficht bis zum letzten Hauch.« Es war zu langem Hin- und Herreden keine Zeit übrig, und man fügte sich daher schweigend den Anordnungen des Häuptlings. Es galt zunächst den Versuch, die Landung der Bootsmannschaften zu verhindern, wobei freilich die Rohrhütten und Lederzelte des Lagers eine schwache Verschanzung abgaben. Metakom postierte diejenigen seiner Krieger, welche mit Feuergewehren bewaffnet waren, so, daß sie in möglichst gedeckter Stellung auf die herankommenden Boote feuern konnten, und befahl den übrigen, mit Tomahawk und Messer zum Handgemenge sich bereit zu halten. Die Katastrophe entwickelte sich jetzt mit dramatischer Raschheit und Lebendigkeit. Da der alte Trapper sicher war, von dem mählich niederbrennenden Wald aus könne ein Angriff auf den Stein nicht mehr erfolgen, stieg er in das Geäste des Wallnußbaumes hinauf, von wo aus der Flibustier mit brennenden Blicken die Bewegungen der Gloria und ihrer Boote beobachtete. » Foi de gentilhomme , alter Waldteufel,« rief De Lussan munter dem Trapper entgegen, »wir wollen ihnen nun die Musik zu ihrem Feuerwerk aufspielen. Da, seht auf die See hinab. 's ist ein Anblick, der ein Seemannsauge erfreuen kann. O, ich wette, meine Herrin ahnt, wie es mit uns steht. Die Liebe sieht mit dem Herzen. Seht, die Boote kommen heran. Es wird eine hübsche Attacke abgeben. Ich meine, der höllische Durst ist mir ganz vergangen. Groot Willem betrachtete nach seiner Gewohnheit schweigend die Szene zu seinen Füßen, während er sein Roer, das er wieder zur Hand genommen, bedächtig lud. »Was sagt Ihr, Mann?« fragte der Flibustier. »Die Indianer, welche da unten in ihrem Lager im Versteck liegen, werden einen Versuch machen, die Landung der Boote zu hintertreiben, vermut' ich.« »Vermutet Ihr? Ja, hört, da knallen sie ihre Büchsen los. Mut hat König Philipp, das muß man sagen.« »Er wird fechten, Kapitän, bis ihm der Atem ausgeht. Bleibt ihm auch, rechne ich, sonst nichts übrig. Kommen nun die Burschen durch ihre eigene Teufelei, den Waldbrand, in die Klemme. Können nicht vorwärts und nicht rückwärts, wie ein Biber in der Falle.« »Wollen aber, vermut' ich,« versetzte De Lussan, in seiner Fröhlichkeit die Redeweise des Alten Parodierend, »unsererseits nicht die Rolle müßiger Zuschauer spielen, während man sich da unten schlägt. Wollen hinab, Mann, wollen wir nicht?« »Wollen hinab, Kapitän. Aber sachte, sachte. Ist unsere Zeit noch nicht gekommen,« »Noch nicht? Seht, die Boote bereiten sich, die Landzunge an ihren beiden Flanken zu attackieren. Ha, da legt sich die Gloria dwarsab und zeigt ihre Zähne. Aber seht dorthin, Alter! Ich will nie mehr das Deck meines Schiffes beschreiten, wenn ich nicht dort auf der Hütte den Schleier meiner Herrin flattern sehe!« Die Boote waren inzwischen auf Schußweite herangerudert. Von dem Lager her empfing sie ein lebhaftes Gewehrfeuer, welches mehrere Matrosen verwundete. Sogleich verließ Don Estevan die gerade Linie, auf welcher er vorrückte, und beorderte Terrible, mit der Pinasse und dem Langboot die rechte Seite der Landzunge anzugreifen, während er den Kutter und die Barkasse nach der linken dirigierte. Monsieur Legrand, welcher von der Schanze der Fregatte aus den Widerstand wahrnahm, welchen das Vorrücken der Boote fand, hielt es jetzt für passend, die Breitseite der Gloria sprechen zu lassen, wie er sich ausgedrückt hatte. Das Schiff legte sich dwarsab, ein langer Feuerstreif blitzte die Stückpforten entlang und, vor dem Donner der Geschütze einherfahrend, ergoß sich der eiserne Hagel einer vollen Lage auf das indianische Lager. Die Wirkung war schrecklich. Die Zelte und Hütten zerstoben vor den Kugeln wie Spreu vor dem Winde und bedeckten mit ihren Trümmern Getötete und tödlich Verwundete. Ein gräßlicher Wehruf stieg auf. »Gloire und Desdemona!« rief der Flibustier jubelnd von der Höhe des Felsens herab. Die Seeleute erkannten die Stimme und den Schlachtruf ihres Anführers, gaben ihm frohlockend die Losung zurück und bewerkstelligten unter wildem Jauchzen an den beiden Endpunkten der Landzunge ihre Landung. Dann trat eine kurze Pause ein, indem sich die beiden Parteien ordneten, die eine zum Angriff, die andere zur Verteidigung. Der Flibustier unterbrach die Stille mit seinem Ruf: »Drauf, Jungens, drauf! Vorwärts! Hussa, Gloire und Desdemona!« Die gelandeten Seeleute gehorchten mit hellem Hurrageschrei dem Kommando und drangen von beiden Seiten her in das Lager der Wampanogen vor. Von Willem und Thorkil gefolgt, sah man De Lussan, dessen Ungeduld sich nicht mehr bändigen ließ, von dem Felsen her über den freien Platz zwischen diesem und dem Lager herbeieilen, um sich an die Spitze seiner Leute zu stellen, deren Tapferkeit durch seinen Anblick zum wilden Enthusiasmus gesteigert wurde. Mit gewaltiger Stimme stieß er kurze, scharfbetonte Befehlsworte aus und gab seinen Scharen mit der Spitze seines Säbels die Richtung an, welche sie zu nehmen hatten. Und jetzt hob ein Schauspiel der Wut, Verzweiflung und Vernichtung an, zu welchem der glostende, dampfende Wald einen passenden Hintergrund bildete. Das furchtbare der Szene, die sich zu einem Pandämonium voll Mord und Geheul gestaltete, wurde dadurch vermehrt, daß eine der Rohrhütten durch einen Schuß entzündet worden war und das Feuer mit schwelgender Hast um sich fraß. Metakom erwies sich in dieser letzten Stunde seiner Laufbahn seines hohen Rufes vollkommen würdig. Der Widerstand, welchen er leistete, kam an Kühnheit und Feuer dem Angriff gleich. Der Sachem schien sich zu verdoppeln und zu verdreifachen, denn überall erschien er, wo es am heißesten herging. Seine Krieger mit Gebärde und Beispiel anfeuernd, ließ er den Kriegsruf seines Stammes mit Macht erschallen, als wollte er, daß diese Töne wenigstens mit Ehren verklingen sollten. Der Kampf wogte eine Weile mit abwechselndem Glück durch die Gassen des brennenden Lagers. Der tapfere Widerstand, welchen sie fanden, erhöhte aber nur die Wut der Flibustier, die alles niedermetzelten, was ihnen in den Weg kam, da der Zorn, welcher von der Stirn ihres Anführers leuchtete, keinerlei Schonung befahl. Zuletzt konzentrierte sich das Gefecht um die Medizinhütte, deren Absonderung von den übrigen Wigwams sie vor dem Feuer schützte. Ein Häuflein von Tapfern, welche der Tod noch verschont hatte, sammelte sich, um den Sachem, der hier seinen letzten Kampf kämpfte. Aber die Zahl seiner Mitstreiter minderte sich rasch, sie fielen rechts und links an seiner Seite, und bald stand er allein. Sein Mund schnaubte, seine Nasenflügel arbeiteten wie die eines kämpfenden Löwen, seine Augen sprühten Flammen umher, und sein Tomahawk schlug den Angreifern Todeswunden. Eine Schicht von Leichnamen hatte sich vor ihm aufgehäuft, während er so, mit dem Rücken an den Eichenstumpf gelehnt, von welchem früher mehrfach die Rede gewesen, um sein Leben stritt. Der Hochbootsmann, welcher dem Ding ein Ende machen wollte, wie er vor sich hin brummte, trat ein paar Schritte zurück, zog den Hahn seines Faustrohrs auf und wollte dasselbe auf den Sachem losbrennen, als ihm der herbeikommende De Lussan die Waffe aus der Hand schlug mit den Worten: »Der Mann gehört mir. Rühre ihn keiner an!« So sprechend schritt er vorwärts, wurde aber aufgehalten durch einen Ruf Thorkils. »Nein, Kapitän,« rief der junge Jäger, »mir gehört der Mann, und mein ist diese Arbeit!« Und er stürzte mit gezücktem Messer auf den Sachem los. Allein ein anderer kam ihm zuvor. Denn plötzlich warf sich Ischähkonih zwischen ihn und den Häuptling und schleuderte seine Keule gegen diesem mit dem gellendem Schrei: »Hahnih! Rache für Bruder.« Es war vielleicht für Metakom die bitterste der Bitterkeiten dieses Tages, als ihn bei diesem Angriff von seiten eines Mannes seiner Farbe blitzschnell der Gedanke durchzuckte, daß die Rettung Thorkils durch Mato und all das Unglück, was daran sich geknüpft, nur durch die Verrätern eines seiner eigenen Krieger ermöglicht worden. Ein Schrei der grimmigsten Wut brach aus seinem Munde. Er wandte die Keule mit dem Tomahawk zur Seite, holte vorspringend zum Schlage aus, und mit zerschmettertem Schädel sank der Verräter zur Erde. Dann warf er sich mit dem Satze eines Tigers auf Thorkil und rannte ihn zu Boden, wobei aber die Gewalt des Anpralls und Rückstoßes auch ihn taumeln machte. Bevor der Sachem wieder fest auf den Füßen stand, hatte sich der junge Jäger emporgeschnellt. Das Messer war ihm entfallen, aber er zuckte mit der Rechten den dreischneidigen Dolch, welcher als Beweisstück auf der Gerichtstafel zu Providence gelegen hatte. Sich umwendend, fühlte der Häuptling den heißen Atem des Bluträchers an seiner Wange. Er machte eine furchtbare Anstrengung, sich der Umschlingung Thorkils zu entwinden. Vergebens! Ein kurzes Ringen auf Leben und Tod, und der Dolch saß in der Brust Metakoms. 16. Laß nur die Welt dich tadeln, ich liebe dennoch dich! Erscheinen einst zwei Sonnen am Himmel auf einmal, Nur dann stirbt meine Liebe! Sink in die Erde du, Durch Feuer geh, ich folge, wohin du immer gehst! Ich liebe dich, du liebst mich, uns trennet kein Geschick! Makassarisches Liebeslied. Dem furchtbaren Getümmel und Getobe, welches den Lagerplatz erfüllt hatte, war Ruhe gefolgt, nachdem die Vernichtung ihr Werk getan. Die Seeleute waren unmittelbar nach Beendigung des Kampfes befehligt worden, ihre gefallenen Kameraden, deren nicht wenige waren, am Ufer zu begraben. Nachdem sie dies vollführt, hatte De Lussan sogleich den Befehl zur Einschiffung gegeben. »Haltet das Schiff zur Abfahrt bereit, Sennor Estevan,« hatte hierbei der Flibustier zu dem Leutnant gesagt. »Macht alles klar, so daß die Gloria unter Segel gehen kann, sobald ich an Bord zurückgekehrt sein werde, und meldet Monsieur Legrand, daß unser Kurs nach den westindischen Gewässern gehe.« Nur die Pinasse war an der Küste zurückgeblieben. Die Ruderer des Bootes lehnten sich lässig auf ihre Riemen, und Monsieur Terrible, welcher am Steuer saß, war unter allerlei Flüchen und Verwünschungen auf das »bettelhafte Geziefer der roten Pickelheringe« damit beschäftigt, eine Speerwunde zu verbinden, welche er in den Oberschenkel erhalten hatte. Draußen auf der ruhigen See, in geringer Entfernung von der Küste, kreuzte die Fregatte unter ihren leichten Obersegeln hin und wieder. Ihre Mastenspitzen und ihre Takelage zeichneten sich rein auf dem blaßblauen Hintergrunde des wolkenlosen Abendhimmels ab, und ihre rote Flagge glänzte im Widerschein der Sonne, welche im Begriffe war, im fernen Westen am Firmamente hinabzusinken. Ein unbeschreiblicher Hauch von Frieden und Stille lag auf den Wassern der Bai. Am Lande aber konnten die menschlichen Leidenschaften, welche hier soeben eine schreckliche Tragödie aufgeführt, noch nicht zur Ruhe kommen. Freilich, unter einer der beiden Gruppen, welche wir auf dem freien Platze wahrnehmen, herrschte Ruhe, die stumpfe Ruhe der Verzweiflung. Diese Gruppe bestand aus der Handvoll Wampanogen, welche nach dem Fall ihres Häuptlings die Waffen weggeworfen und durch Groot Willem dem Entermesser der Seeleute entrissen worden waren. Sie umgaben im Kreise die Leiche Metakoms, da, wo der Tod ihn ereilt hatte. Hih-lah-dih hielt sitzend das Haupt des Toten in ihrem Schoße, lautlos, unbeweglich, ein Bild von Stein. Weiter zurück, am Fuße des Felsens, stand die zweite Gruppe, bestehend aus dem alten Trapper, De Lussan, Thorkil, den beiden Obersten, Lovely und Desdemona. Groot Willem und der Flibustier hielten sich ein paar Schritte abseits von den übrigen, jener nach seiner Gewohnheit sinnend auf den Lauf seines Roers sich stützend, dieser die verschränkten Arme fest gegen die Brust pressend und sichtbar bemüht, einen sein Inneres durchtobenden Sturm unter gleichgültigem Gebaren zu verbergen. Lovely hielt die Hand der endlich wiedergefundenen Schwester fest in der ihrigen, als wollte sie dieselbe niemals mehr loslassen, und wandte die Augen von dem schönen Antlitz Desdemonas nur ab, um sie mit dem Ausdruck flehendster Bitte auf ihren Vater zu richten, der seine gewohnte finstere Haltung beibehalten hatte. Auf den ehrwürdigen Greis dagegen hatte der Anblick seiner lange verloren gegebenen Enkelin augenscheinlich erschütternd gewirkt. Zug für Zug rief sie ihm das Bild ihrer Mutter, seiner Tochter Ellen, ins Gedächtnis zurück, obgleich die wunderbare Schönheit Desdemonas eine prächtigere und mächtigere als die der Toten, deren Leben an der Seite des düster schwärmerischen Gatten nicht das glücklichste gewesen war. Das Erbarmen innigster Liebe stritt in dem Großvater mit seinen religiösen Grundsätzen, und dieser Kampf prägte sich in seinen peinlich aufgeregten Gesichtszügen aus. Schon hundertmal hatten sich in, der kurzen Frist, seit Desdemona ans Land gekommen war, seine Arme unwillkürlich ausgestreckt, um die Enkeltochter zu umfangen, und ebenso oft hatte das Vorurteil sie wieder zurückgezwungen. »Es gefällt dem Herrn, dessen Wille gepriesen sei ewiglich, die Rute der Züchtigung noch länger über dem Haupt seiner Knechte erhoben zu halten,« bemerkte der jüngere Oberst nach einem langen beängstigenden Schweigen. »Es gefällt ihm, uns auf dem Boden des Bechers der Gnade, welchen er uns heute dargereicht, den bittersten Wermut finden zu lassen. Seine Schickung sei gelobt, aber Wehe über die, durch welche da Ärgernis kommt. Ich habe viel Unglück erlebt seit dem Tage, wo ich das Land meiner Väter meiden mußte, um als Flüchtling in der Fremde zu irren, weil jenes dem Baalsdienste Edoms und der Herrschaft eines zuchtlosen Ahab wieder dienstbar geworden – viel Unglück, ja, hab' ich seit jenem Tage erlebt. Aber das schwerste hatte mir der Herr noch aufbehalten. Ich sollte meine Erstgeborene wiederfinden als – die Kebse eines vogelfreien Piraten.« De Lussans Stirn flog dunkles Rot an, und seine Rechte zuckte nach dem Griffe seines Säbels. Er stampfte mit dem Fuße und trat einen Schritt vorwärts. Allein ein Blick auf die in Tränen schwimmende Desdemona ließ ihn eine furchtbare Kraftanstrengung machen, um seinen Ingrimm zu bemeistern. »Sir,« versetzte er mit einer Stimme, welche die Gewalt, die er sich antat, beben machte, »ich vermag nicht in Eurer Redeweise mit Euch zu sprechen: mein Geschmack verbietet mir das. Aber wenn Ihr ein Mann seid, hört Ihr, wenn Ihr ein Mann seid, so unterlaßt es, ferner einen zu beleidigen, dessen Degen durch Rücksichten, die stärker sind als alle Erbitterung, in der Scheide zurückgehalten wird.« »Vater,« sagte Lovely mit schüchternem Vorwurf, »De Lussan hat mit Gefahr des seinigen dein Leben gerettet.« Desdemona war bleich geworden wie der Tod, und ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, als ihr Vater den bittern Schimpf auf sie schleuderte. Aber ihr starkes Gemüt hatte nur dem Plötzlichen des Schlages nachgegeben und gewann sogleich wieder seine Elastizität. Sie schüttelte die Tränen von den Wimpern und sagte sanft und ehrerbietig, aber fest: »Vater, Ihr tut Raoul und mir unrecht. Nach göttlichen und menschlichen Gesetzen bin ich sein Weib.« »Das Weib eines götzendienerischen Papisten!« grollte der Puritaner. »Eines götzendienerischen Papisten?« entgegnete der Flibustier nicht ohne Hohn. »Ei, Sir, sagt mir doch, was waren denn Eure Väter?« »Meine Väter, Sir, haben Ihren Irrtum beizeiten erkannt und sich vom Dienste des Baal gewandt, um der Gemeinde Israel anzuhängen. Der Herr sieht die mit Wohlgefallen an, welche dem Weg des Irrtums und der Sünde den Rücken kehren, sowie das Licht der Erkenntnis ihnen aufgegangen.« »Ja, so tut er,« nahm der ältere Oberst das Wort. »Gottes Barmherzigkeit ist ohne Grenzen und nicht auszuschöpfen der Born seiner Gnade. Es steht geschrieben, daß im Himmel mehr Freude ist über einen bußfertigen Sünder als über eine ganze Schar von Gerechten,– Sir,« fuhr er fort, direkt an De Lussan sich wendend, »ich sehe in unserem Zusammentreffen den Finger Gottes. Ich habe mich bemüht, meine Abneigung zu überwinden und Euch mit parteilosem Auge zu beobachten. Es ist meine Art, zu reden, wie ich fühle und denke, und so sage ich Euch, daß Ihr mir aus einem Stoffe geformt zu sein scheint, welchem edles Metall beigemischt ist. Meine Enkeltochter hängt an Euch. Unser wackerer Freund Willem dort hat mir mitgeteilt, daß Ihr sie hochhaltet. Sagt mir, besitzt Ihr die Kraft, auf den Pfad der Tugend zurückzukehren und Eure bisherige Laufbahn aufzugeben?« »Sir,« entgegnete De Lussan ehrfurchtsvoll, »Ihr flößtet mir beim ersten Anblick Achtung und Vertrauen ein. In Eurer Brust schlägt ein edles Herz, und glaubt mir, ich verstehe und würdige die Absicht, welche in Euren gütigen Worten liegt. Aber meine Laufbahn aufgeben? Mögen sie Toren die eines Piraten nennen: sie ist die Bahn der Freiheit und des Ruhms. Ich kam an diese Küste, um einen großen Plan ins Werk zu setzen, der, falls er gelungen, meinen Namen zu einem gefeierten in dem Buche der Geschichte gemacht und ein Diadem um die Stirn Eurer Enkeltochter gelegt hätte. Der Plan ist gescheitert, aber noch lebt in mir die Kraft, welche ihn ersann. Meine Laufbahn aufgeben? Nie!« Der Greis fühlte sich von dem Hauche der Kühnheit und des Stolzes, welcher in den Worten des Flibustiers wehte, sympathisch berührt. Er erkannte, daß einem solchen Charakter gegenüber jedes fernere Wort überflüssig sei. »Und du, mein Kind,« sagte er weich zu Desdemona, »willst du auch ferner dein Los mit dem dieses Mannes vereinigen? Oder willst du, erkennend die Gnade des Herrn, der uns so wunderbar zusammengeführt hat, zu uns zurückkehren, um durch Reue und Buße die Vergangenheit zu sühnen?« »O, Dank, Großvater, Dank für diese Worte!« rief Desdemona aus, die Hände des Greises ergreifend und sie mit Küssen bedeckend. Er sah sie fragend an. Sie schwieg. De Lussan blickte auf sie mit fieberhafter Spannung. Desdemona hielt mit der Linken die Hand ihres Großvaters fest und faßte mit der Rechten nach der widerstrebenden Hand ihres Vaters. Dann sagte sie mit ihrer tiefen Glockenstimme: »Es steht geschrieben: Die Liebe bleibt immerdar; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles. Und ferner steht geschrieben: Das Weib wird Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhängen. Ich bin Raouls Weib. Mein Herz, mein Eid, alles, alles bindet mich unauflöslich an ihn. Wenn alle Welt Acht und Bann über ihn spräche, ich würde ihn dennoch lieben und ehren. Er ist mein Held, mein Geliebter, mein Gatte, mein alles!« »Du willst ihn nicht verlassen?« fragte der Greis tiefbewegte »Ich kann nicht!« Ein Strahl des Triumphes fuhr über die Züge des Flibustiers. »So fahre denn hin in deinen Sünden,« rief der Puritaner aus, die Hand seiner Tochter von sich schleudernd, »und der Fluch, den ich am Totenbette deiner Mutter über dich gesprochen, möge dich begleiten.« »Zu mir, Desdemona!« rief De Lussan. »Der Himmel ist taub für die Flüche des Wahnwitzes.« Sie verhüllte ihr Antlitz mit den Händen und wandte sich wankenden Fußes zu gehen. »Nein,« sprach der Greis, unfähig, den Regungen seines Herzens länger zu widerstehen, »nein, so sollst du nicht von uns gehen, Tochter meiner Ellen. Komm zurück und nimm meinen Segen mit dir.« Die Tieferschütterte kehrte um und beugte ihre Knie vor dem Großvater, der seine Hände segnend auf ihr Haupt legte. Dann umfaßte sie die Füße ihres Vaters und flehte in herzzerreißenden Tönen zu ihm empor: »Vater, bei der Seele meiner Mutter, nimm den Fluch von mir!« Die Natur, die allmächtige, schmolz das Eis, welches der Fanatismus um die Brust des Puritaners gelegt. Es arbeitete heftig in seinen Zügen, und seine Lippen zuckten krampfhaft. Endlich aber lösten sich seine verschränkten Arme und seine Hände sanken wie von selbst auf die Stirnlocken der Tochter. »Ich nehme den Fluch von dir,« sagte er tonlos. »Leb wohl!« Sie sprang auf und bedeckte sein Antlitz mit Küssen und Tränen, sie warf sich in die ihrer harrenden Arme des Großvaters, sie drückte die Schwester an ihre Brust und flüsterte ihr zu: »Sei glücklich mit Thorkil!« Dann winkte sie allen ein letztes Lebewohl zu und legte ihre Hand in die De Lussans. Der aber hob sie in seine Arme und eilte mit der teuren Beute hinweg. Als er mit seiner kostbaren Last in das Boot sprang, stieß er einen jauchzenden Schrei aus. Die Matrosen setzten mit lautem Hussa ihre Riemen ein, und die Pinasse flog über das Wasser hin. Man sah das kleine Fahrzeug bei der Fregatte ankommen, welche sofort im letzten Sonnenstrahl ihre Segel entfaltete und ihr Bugspriet südwärts richtete. Man hörte das Jubelgeschrei, womit der Flibustier und seine Herrin an Bord des Schiffes von der Mannschaft empfangen wurden, über das Wasser schallen, und sofort fuhren Blitze aus allen Stückpforten und der majestätische Donner sämtlicher Geschütze rollte ans Ufer. Es war der Abschiedsgruß der Gloria. Als sich der Pulverdampf verzogen, erblickte man die Fregatte noch einmal, wie sie vollen Laufes, einer weißen Wolke gleich, in die Dämmerung hineinglitt, die sich auf Meer und Land gelagert hatte. 17. Getrost! Es wird zu Ende gehn: Ich werde von so blut'gen Wunden, Von so unendlich bittern Wehn Doch endlich in der Gruft gesunden. Die Gruft, die ist das Paradies, Das dunkle, das mich lockt alleine; O, welch ein Friede sanft und süß, Der Frieden unterm Leichensteine! O, Trost des Elends, stille Gruft! Ich kann nicht mehr hier oben hausen; Ich hasse Liebe, Licht und Luft – Bedecke mich mit deinem Grausen. Daumer. Am folgenden Morgen beschien die Sonne eine Szene der Verödung und Trauer. Die Hütten und Zelte des Lagers der Wampanogen lagen in Asche und der Platz, wo sie gestanden, zeigte überall die Spuren des schrecklichen Kampfes auf, welcher tags zuvor hier gewütet hatte. So war er ein düsteres Bild von dem Schicksale des unglücklichen Stammes, welcher da seine Existenz eingebüßt hatte. Der Name der Wampanogen war jetzt weiter nichts mehr als eine Erinnerung, ein schwacher Hauch, der sich unbeachtet in dem Sturmgetose der Weltgeschichte verlor, welches überall Ruinen hinter sich zurückläßt und keineswegs überall Keime eines neuen Lebens, wie an dieser Küste, die fortan in ihrer unermeßlichen Ausdehnung nach Süden und Norden das unbestrittene Erbteil der Pilger der Wildnis sein sollte. »Laßt die Toten ihre Toten begraben!« hatte Groot Willem beim Sonnenaufgang gesagt, indem er trüben Blickes auf das Halbdutzend Gefangener und dann auf die zwischen dem Schutte der Brandstätte zerstreut umherliegenden Leichen ihrer Landsleute deutete. »Laßt die Toten ihre Toten begraben, und dann mögen die armen Leute gehen, wohin, sie wollen. Sie werden sich, denk' ich, bald genug spurlos in den Wäldern verlieren. Die rechtmäßigen Besitzer des Bodens von Neuengland sind vernichtet, und ich fürchte, es wird eine Zeit kommen, wo man den roten Mann überall vergebens suchen wird, außer in den Geschriften der Bücherschreiber.« Der alte Trapper ahnte nicht, wie bald seine prophetischen Trauerworte der Erfüllung sich nähern sollten und daß es schon um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auf dem Kontinent von Nordamerika nur noch wenige Landstriche geben würde, wo es der roten Rasse vergönnt wäre, eine Existenz zu führen, wie sie ihrer Natur und ihren Gaben angemessen ist. »Der Herr will die Heiden austilgen mit dem fressenden Feuer seines Zornes,« bemerkte der jüngere der beiden Obersten auf die Äußerung des Trappers. »Das Geschlecht der verstockten Götzendiener will er wegfegen vom Boden dieses Landes, damit Platz werde für die Gemeinde Israel.« Groot Willem warf mit jenem eigentümlichen Ruck, welcher in seinem Gebärdenspiel immer eine Verneinung bedeutete, den Kopf zurück, allein ein bittender Blick von Thorkil ließ ihn das Wort, welches er auf der Zunge hatte, verschlucken. So begnügte er sich denn zu sagen: »Ich vermute, Sir, Rote und Weiße hätten in diesen unermeßlichen Länderstrichen ganz gut nebeneinander Platz gehabt, wenn sie sich ehrlich und gerecht miteinander hätten vertragen wollen.« »Ihr sprecht von Verträglichkeit, Freund,« versetzte der Oberst, welcher wie alle Puritaner das Disputieren ungemein liebte, »aber bedenkt, ob zwischen Heiden und Bekennern des wahren Glaubens von Verträglichkeit auch nur die Rede sein darf. Erinnert Euch, daß das Heilige Buch sagt, Jehova habe dem Josua befohlen, die götzendienerischen Kanaaniter auszutilgen aus dem Lande, welches er seinem auserwählten Volke zur Wohnstätte bestimmt hatte.« »Sir,« entgegnete der alte Jäger, »mein Beruf erlaubte mir nicht, meine Gaben nach der Seite der Bücher hin auszubilden, aber ich ließ mir sagen, daß in dem Buche, von welchem Ihr sprecht, Geschichten und Vorschriften stehen, die, vermut' ich, der Beherzigung eines Christen näher liegen sollten als grausame Vertilgungen und Verheerungen.« »Da habt Ihr nicht unrecht, Freund,« sagte der ältere Oberst, mit dem Gewichte seines Ansehens den Streit abschneidend. »Wir haben Ursache, mildgesinnt zu sein, um dem Herrn uns dankbar zu erweisen für die unverdiente Gnade, die er in diesen Tagen uns erwiesen. Doch komm, mein Sohn und du, Lovely, wir wollen hier am Saume des Waldes unsere Morgenandacht verrichten, während die unglücklichen Eingeborenen dort, denen der Herr sein Licht noch nicht hat aufgehen lassen, nach ihrer Weise ihre Toten zur Ruhe bringen.« »Aber,« warf der jüngere Oberst ein, »machen wir uns nicht einer Sünde schuldig, wenn wir den verblendeten Kreaturen gestatten, vor unsern Augen ihre heidnischen Greuel zu begehen?« »Erlaubt, Sir,« entgegnete Groot Willem mit Bestimmtheit, »erlaubt mir, zu bemerken, daß ich den Gefangenen zugesagt habe, es solle ihnen gestattet sein, den Ihrigen nach ihrer Sitte die letzte Ehre zu erweisen. Mein Wort muß erfüllt werden, und außerdem wäre es, vermut' ich, grausam, die Armen in diesem Werke der Liebe und Treue zu stören.« So sprechend schritt er, ohne eine Antwort abzuwarten, mit Thorkil dem Orte zu, welchen die Indianer zur Begräbnisstätte der Überreste ihres vernichteten Stammes ausersehen hatten. Der größere Teil der traurigen Arbeit war schon getan. Die Überlebenden hatten für die Toten am östlichen Saume des halbverkohlten Waldgürtels mehrere Gruben gegraben, in welchen die Leichen beigesetzt und mit Erde bedeckt wurden. Mit mehr Zeremonie als hierbei gingen die Indianer daran, ihren Sachem zu bestatten. Es war ein eigenes Grab für Metakom gehöhlt worden und zwar am Fuße einer gewaltigen Eiche, etwas abseits von andern Gräbern. Soweit es möglich, hatte man die Leiche des Mannes, dessen kühnes Herz nun schon in der durchbohrten Brust erstarrt war, mit all den Rücksichten behandelt, welche ein so großer Krieger ansprechen konnte. Hih-lah-dih hatte es sich nicht nehmen lassen, dem Bruder die letzten Liebesdienste zu erweisen. Sie hatte den verhängnisvollen dreischneidigen Dolch, womit Thorkils rächende Hand den Mörder seines Vaters getroffen, aus der Brust des Toten gezogen, sie hatte ihn zum Begräbnisse geschmückt. Vom Blute reingewaschen lag der Häuptling auf dem Moose ausgestreckt, dem offenen Grabe zur Seite. Er war mit seiner roten Tunika bekleidet, und seine Stirn umgab turbanartig das Scharlachtuch, welches die Sachems der Wampanogen als Kopfschmuck zu tragen pflegten. In seinem Gürtel steckte der Tomahawk, in der linken Hand hielt er das mit Federschmuck und Klapperschlangenhaut verzierte Kalumet, in der Rechten den Bogen. Ihm zu Häupten lagen Lanze und Büchse, ihm zu Füßen der mit Pfeilen gefüllte Köcher, samt einem Beutel von Bast, welcher gerösteten Mais und gedörrtes Fleisch enthielt. So war er zu seiner langen Reise nach den glücklichen Jagdgründen gerüstet und verproviantiert. An seiner Seite saß Hih-lah-dih, Antlitz und Arme mit ihrem Gewande verhüllend, unbeweglich und wortlos und tränenlos, wie sie seit der schrecklichen Katastrophe von gestern Abend stets gewesen. Nur von Zeit zu Zeit konnte man sie unter ihrer Verhüllung mit der rechten Hand an ihren Busen fassen sehen, als wollte sie sich vergewissern, daß ein Gegenstand, welchen sie dort geborgen, noch vorhanden sei. Jetzt nahte das kleine Häuflein ihrer Stammgenossen, welche mit dem Stoizismus ihrer Rasse das Totengräbergeschäft verrichtet hatten, und stellte sich zu Füßen des Leichnams in eine Reihe. Ein vom Alter gebeugter Greis trat vor und sagte, das Wort an Hih-lah-dih richtend: »Meine Tochter, der Sachem muß nun gehen. Der Weg in die glücklichen Jagdgründe ist weit und voll von Dornen: der Sachem muß sich einen Pfad bahnen und darf nicht länger zögern.« Ohne aufzusehen, machte das Mädchen mit der Hand eine beistimmende Gebärde. Groot Willem und Thorkil waren in ehrerbietiger Entfernung von der Gruppe stehen geblieben und begnügten sich, stumme Zuschauer abzugeben. Der alte Indianer begann, gefolgt von den übrigen, den Leichnam im Kreise zu umschreiten, und intonierte den Totengesang: »Mit Wolken hatte sein Antlitz bedeckt der Manitu: Da dunkelt es tief auf dem Pfad seiner Kinder, Und im Finstern strauchelt' des Sachems Fuß, Und er fiel. Schatteten schwer die Wolken, die scharzen Wolken, Die Wolken vor dem Antlitz des großen Geistes, Und der Sachem fehlte des richtigen Wegs, Und er fiel. Stets voran, wenn der Kriegsschrei ertönte, Ob auch Dunkel den Pfad ihm verhüllte, Glitt sein Fuß aus, sein Auge ging fehl, Und er fiel.« Als der Gesang, dessen Refrain die im Kreise Wandelnden in klagenden Gutturaltönen wiederholten, verklungen war, wurde auf einen Wink des Alten der Leichnam von vier Männern aufgehoben und in das Grab gebracht, Lanze, Kocher, Büchse und Maisbeutel wurden ihm sorgsam zur Seite gelegt, und dann bedeckte in wenigen Minuten die heimatliche Erde den, welcher dieselbe von den weißen Fremdlingen hatte säubern wollen. Den indianischen Leichengebräuchen gemäß hätten nun in einer Rede die Eigenschaften und Verdienste des Toten gepriesen werden sollen, allein dies unterblieb, weil keiner der wenigen Männer, welche den Untergang ihres Stammes überlebt hatten, sich für würdig hielt, einem so großen Häuptling die Grabrede zu halten. Dagegen ließen es sich die Indianer angelegen sein, den rundlichen Hügel über dem Grabe hoch aufzuwölben und denselben sorgfältig mit Rasen zu bekleiden. Nachdem dies geschehen, standen sie noch einige Minuten lang in stummer Trauer um den Hügel her. Dann trat der Alte zu Hih-lah-dih und sagte zu ihr: »Meine Tochter, es ist Zeit, zu gehen.« Die reine Quelle erhob sich mit ruhiger Fassung und sagte dem Greise leise einige Worte, worauf der Alte seinen Gefährten winkte und mit denselben der Stelle zuging, wo Groot Willem und Thorkil standen. »Bruder Mato,« redete der Alte den Trapper an, »unser Geschäft ist getan. Der Sachem befindet sich auf dem Wege nach den glücklichen Jagdgründen. Was haben meine Blaßgesichtbrüder den Wampanogen zu sagen?« »Nichts,« versetzte der alte Waldläufer, »den Wunsch ausgenommen, es möchte euch in den westlichen Wäldern eine sichere Zufluchtsstätte sich auftun. Geht hin in Frieden, und möge es euren Pfeilen nie an Wild und eurer Angel nie an Fischen fehlen.« Der Alte winkte mit der Hand zum Abschied, und bald hatte sich der kleine Trupp in dem Dickicht verloren, aus welchem gestern während der Feier der Okippe der Ochkih-Häddäh hervorgekommen war. »Da gehen sie hin,« bemerkte Groot Willem, den Verschwindenden teilnahmevoll nachsehend, »da gehen sie hin, um sich in der Wildnis zu verlieren, wie ein vertrocknendes Bächlein sich im Steppensand verliert.« »Es ist eine traurige Sache,« versetzte Thorkil, »aber es scheint, eine höhere Macht wolle es, daß die rote Rasse überall, wo sie mit der weißen zusammentrifft, dieser weichen müsse.« »Ah, Junge, du hast dir, vermut' ich, in letzter Zeit bereits die Ansichten der Pilger der Wildnis über diesen Punkt zu eigen gemacht. Ja, ja, es gibt kein Ding, und wär' es auch das ungerechteste, für welches die Menschen nicht wohlklingende Gründe beizubringen wüßten. Was mich betrifft, ich bin darin nicht sehr geschickt und kann zu dieser Stunde nur wiederholen, was ich schon oft gesagt: es wird höllisch unlustig und jammerselig sein in den Wäldern und auf den Prärien von Neuengland, wann die Rothäute und Büffel und Bären und Elentiere und Biber von dem unerquicklichen Zeug, was die Puritaner ihre Kultur oder ihre Religion nennen, verschwunden sein werden. Doch da kommt Hih-lah-dih. Was soll aus dem armen, guten, treuen Kinde werden?« Bevor der junge Jäger diese Frage beantworten konnte, war das Mädchen zu ihnen getreten, und mit der gehaltenen Ruhe, welche ein Herz voll Verzweiflung verbarg, sagte sie zu Thorkil: »Hih-lah-dih hat mit ihrem Blaßgesichtbruder zu sprechen, bevor sie geht. Komm!« Thorkil folgte der Vorangehenden, welche ihre Schritte nach der Schuttstätte des Lagers richtete. Dort angekommen, blieb sie bei dem Trümmerhaufen stehen, welcher von dem Wigwam des Sachems übrig geblieben war. Der junge Jäger mühte sich, auf dem Grunde seines Herzens ein Wort des Trostes für die Verlassene zu finden. Aber die Haltung derselben atmete eine so feierliche Resignation, daß sich Thorkil ein Gefühl der Ehrfurcht vor einem Unglück aufdrang, welches mit solcher Würde getragen wurde, und dieses Gefühl machte ihn stumm, um so mehr, da sich demselben eine Last des Dankes gesellte, welche vielleicht nur in einer Weise hätte abgetragen werden können, in einer Weise, die eine Unmöglichkeit war. Ihrerseits vermied auch Hih-lah-dih jede weitläufige Erörterung und beeilte sich, das zu tun, was sie an diesem Orte noch zu verrichten und bereits vorbereitet hatte. Sie störte mit dem Fuße die Asche auseinander, so daß unter derselben eine Elentierhaut sichtbar wurde. Diese mit der Linken wegziehend, zeigte sie mit der Rechten auf eine Vertiefung im Boden und sagte: »Mein Blaßgesichtbruder nehme, was sein ist.« Thorkil folgte mit den Augen der Richtung ihrer deutenden Hand und stieß einen Ruf der Überraschung aus. Der Schatz des Ahnherrn lag zu seinen Füßen. Es hatte sich viel Unheil an dieses alte Gold gehängt. Sein Anblick erinnerte den jungen Jäger an den schrecklichen Tod seines Vaters, und er wandte den Blick mit einem leichten Schauder von dem Horte ab. Der Indianerin entging diese Regung nicht. »Mein Bruder,« sagte sie, »freut sich nicht groß über das gelbe Metall, welches doch die Wonne der Blaßgesichter ist.« »Nein, Hih-lah-dih,« versetzte Thorkil, »ich kann mich nicht darüber freuen und wollte, meine Augen hätten dieses Gold nie gesehen. – Doch wir wollen von dir sprechen, armes Kind. Maw und ich und wir alle haben die heilige Verpflichtung, für deine Zukunft Sorge zu tragen.« »Hih-lah-dih,« entgegnete die Indianerin ruhig, »hat nichts mehr mit den Blaßgesichtern zu tun. Sie kennt den Pfad, welchen sie zu wandeln hat: er führt sie zu ihrem Volke.« »Zu deinem Volke, Kind? Du kannst ebensogut von dem Laub des vorjährigen Sommers reden. Wo ist es?« »Der Manitu wollte, daß die Söhne Wampanogs hinweggetilgt würden von diesem Boden. Wer darf mit ihm hadern?« Und nach einer Pause setzte sie hinzu: »Hih-lah-dih geht zu ihrem Volke.« Thorkil überhörte den doppelsinnigen Ausdruck, womit sie diese Worte sprach. Das Mädchen bot ihm jetzt die Hand und sagte mit einer Stimme, die ein leises Beben nicht verbarg: »Mein Bruder Goldhaar lebe wohl und lange, und glücklich lebe er! Der Manitu schaue mit gnädigem Auge auf ihn, und sein Pfad sei stets rein von Disteln und Dornen.« »Nein,« entgegnete Thorkil, die dargebotene Hand festhaltend, »nein, du darfst nicht gehen, darfst uns nicht verlassen. Du hast Furchtbares erlebt, und dein Gemüt ist sehr erschüttert. Aber die Hand der Freundschaft weiß tiefe Wunden zu heilen. Bleibe bei uns, Hih-lah-dih. Mato wird dir ein treuer Vater sein. Mich selbst hast du Bruder genannt, ich will es sein und mich bemühen, so brüderlich an dir zu handeln, wie du an mir schwesterlich gehandelt hast. Lovely glaubt nicht anders, als daß du bei uns bleiben werdest. Sie wird dich mit den Augen einer Schwester ansehen und dir durch innige Liebe zu vergelten trachten, was du an uns getan. O nein, du darfst nicht gehen, darfst nicht verlassen in den Wäldern irren. O, bleibe bei uns, um zu erfahren, daß auch die Leute von meiner Farbe Freunde sein können bis in den Tod.« Diese mit unverkennbar echter Herzenswärme gesprochenen Worte taten der Indianerin augenscheinlich sehr wohl. Sie blickte auf und dem jungen Jäger in die treuen Augen, deren Ausdruck dem herzlichen Ton seiner Stimme zur Hilfe kam. Ein mildes Gefühl, fast das der Freude, sänftigte die Starrheit der Züge des Mädchens. »Mein Bruder spricht gut,« sagte sie, »und Hih-lah-dih weiß, daß seine Stimme aus dem Herzen kommt. Allein Hih-lah-dih hat erfahren, daß der Manitu nicht will, weiße und rote Leute sollen zusammenwohnen. Das Goldhaar wird meine Blaßgesichtschwester, die Wasserlilie, in sein Wigwam führen. Die braune Waldbeere nicht passen zu der weißen Blume – Hih-lah-dih muß gehen. Mein Bruder lebe wohl, und wenn er durch die Wälder streift, aus denen mein Volk verschwunden, mag er zuweilen seiner Rothautschwester gedenken.« So sprechend, zog sie sanft ihre Hand aus der des Jünglings und wandte sich, der bittenden Gebärde, welche er machte, nicht achtend, zum Fortgehen. Doch die glühende, so innig gepflegte und doch so heldenmütig beherrschte Leidenschaft, welche die Tochter des Waldes vermehrte, forderte gebieterisch ihren Tribut. Hih-lah-dih kehrte um, nachdem sie einige Schritte gemacht, sah den jungen Jäger mit unendlicher Liebe und Zärtlichkeit an, sprang auf ihn zu, schlang ihre Arme um seinen Hals und bedeckte sein Gesicht mit Küssen und Tränen. So ruhte sie eine Sekunde an seiner Brust. Dann raffte sie sich, in allen Gliedern erzitternd, gewaltsam auf, ließ sich los und glitt mit der Schnelligkeit eines Sonnenstrahls über den Platz. Am Saume des Waldes angekommen, sah sie noch einmal zurück, warf auf Thorkil einen Blick, streifte mit einem zweiten den Grabhügel ihres Bruders und stürzte sich in das hinter ihr zusammenschlagende Dickicht. Sie durchschnitt in gerader Richtung rasch den Forst. Dornen verwundeten ihre Arme und Beine: sie achtete dessen nicht, sondern eilte immer gerade aus. Nachdem sie so eine Strecke zurückgelegt, machte sie eine Wendung rechtshin und gelangte an das Ufer des Flusses, an welchem Groot Willem sie getroffen hatte. Hier stand sie unter einer Rotbuche still, lehnte sich an den Stamm und atmete von der Eilfertigkeit ihres Laufes auf. Nachdem ihre Pulse wieder einen ruhigeren Schlag angenommen, trat sie näher an das Ufer und drang in ein dichtes Weidengestrüpp hinein. Inmitten dieses grünen Verstecks ließ sie sich nieder und versank, den Kopf auf die Brust neigend, in tiefes Sinnen. Nach einer Weile erhob sie das Haupt und bewegte murmelnd die Lippen. »Das Goldhaar,« flüsterte sie in sich hinein, »wird die Wasserlilie in sein Wigwam führen – er wird glücklich sein. Der Manitu der Roten und der Manitu der Weißen sei ihm hold – Hih-lah-dih kann nichts mehr für ihn tun – sie geht zu ihrem Volke.« Nun setzte sie sich in einer keuschen Stellung mit untergeschlagenen Beinen zurecht und zog aus den ihren Busen verhüllenden Falten ihrer Tunika den verhängnisvollen Dolch hervor, welcher die Brust von Thorkils Vater durchbohrt und womit der junge Jäger das Rachewerk an Metakom vollbracht hatte. Hih-lah-dih hatte die Waffe an dem Abend, dessen untergehende Sonne die Vernichtung ihres Stammes beschienen, aus der Brust des Bruders gezogen. Sie betrachtete die Schneide und befühlte die Spitze des Dolches. Dann faßte sie den Griff fest mit der Rechten, schob mit der Linken das Gewand von ihrer linken Brust zurück, fühlte nach dem Schlag ihres gepeinigten Herzens und versenkte in dasselbe langsam, mit tötlicher Sicherheit, die dreischneidige Klinge bis ans Heft. Das Benehmen Hih-lah-dihs an diesem Morgen und ihr plötzliches Verschwinden hatten Thorkil und Groot Willem mit banger Besorgnis erfüllt. Es bedurfte nicht erst der dringenden Aufforderung von seiten Lovelys, um die Männer zu vermögen, ohne Zögern dem Mädchen nachzugehen, um alles aufzubieten, dasselbe zurückzubringen. Mit Hilfe Prinslos gelangten sie bald auf die richtige Spur, welche nach dem Weidengebüsch am Flusse führte. Aber sie kamen zu spät und hatten nur noch die traurige Pflicht der Bestattung zu üben. Am Fuße des Stammes der Rotbuche, unfern von welcher die edelmütige Tochter der Wildnis ihr Leben ausgehaucht hatte, wurde ihr Grab gegraben. In kummervollem Schweigen erhöhten Willem und Thorkil den Rasenhügel über demselben, und weinend bepflanzte ihn Lovely ringsher mit Immergrün und wilden Reben. Ein amerikanischer Dichter unserer Zeit hat auf das Grab seiner Schwester seelenvolle Strophen gedichtet. Sie sind wie gemacht, um die Gefühle auszudrücken, welche die Bestattung und das Grab der hochherzigen, liebevollen, unglücklichen Hih-lah-dih ihren Freunden einstoßen mußten. »Wir legten sie ins enge Bettchen, Deckten die Brust mit Rasen zu, Und Abschiedstränen strömend sanken Aufs stille Plätzchen ihrer Ruh'. Mögen dort Engel hütend sitzen, Den Schlummer in der Wildnis schützen! Es ist kein Denkmal dort von Marmor Und keine Inschrift stellt sich dar, Zu rühmen eines Wesens Tugend, Das fast zu gut zum Sterben war. Wir brauchen das nicht, um den Platz Zu finden von so teurem Schatz. Sie schläft allein, sie schläft so einsam, Doch unter des Apriles Toben Hat unversehns der Wildnis Geist Sein segenschwangres Horn erhoben Und wirft sein Blütenkleid voll Duft, Ein treuer Wächter auf die Gruft. Sie schläft allein, sie schläft so einsam, Doch jährlich wird ihr Grab beschickt Mit grünem Rasen und im Sommer Mit schwerem Rebenkranz geschmückt; Der Herbst, tiefer aufseufzend dort, Bestreut mit Laub den heil'gen Ort.« 18. Das Stück ist aus, der Fürhang fällt – Ade! und klatscht, wenn's euch gefällt. Wenn's aber euch mißfallen tät', So schließt uns ein in eu'r Gebet, Daß Gott verleih' uns Kraft und Stärk' Ein andermal zu besserm Werk. Epilog zu einer alten Komödie. Der geneigte Leser, welcher dem Gange unserer Geschichte bis hierher gefolgt ist, hat ohne Zweifel die Bemerkung gemacht, daß wir seiner Phantasie etwas zumuteten, mehr, viel mehr, als jene breitspurigen Erzähler zu tun pflegen, welche das Publikum mit dem kleinfügigsten Detail behelligen und der Meinung zu sein scheinen, ein Werk der Fiktion sei um so wertvoller, je dickleibiger das Volumen desselben. Da wir uns zu diesem Glauben nicht bekennen, so könnten wir unserer bisherigen Manier treu bleiben und es der Einbildungskraft des Lesers überlassen, unserer Erzählung den Schlußstein zu setzen. Dem widerstreitet jedoch unsere Achtung vor einem alten Brauche, welcher verlangt, eine Erzählung dadurch abzurunden, daß der Autor die Hauptpersonen derselben dem Leser noch einmal in Erinnerung bringe und über ihre Schicksale schließlich das nötige beifüge. Thorkil und Lovely wurden einige Monate nach den zuletzt erzählten Ereignissen ein Ehepaar. Roger Williams vereinigte ihre Hände und segnete ihren Bund ein, dessen Innigkeit und Heiligkeit keine Prüfung des Lebens zu stören vermochte. Die Begründung einer Familie hat einen festen Wohnsitz zur Voraussetzung, und deshalb wurde Thorkil aus einem Jäger allmählich zu einem Farmer. Groot Willem trat seinem Adoptivsohn seine Vrolykheid ab, und so erblühte an dem Orte, wo die jungen Leute sich zuerst begegnet waren, das Glück einer reich gesegneten Familie, von welcher mehrere der geachtetsten Häuser Neuenglands mit dankbarer Pietät ihre Abstammung herleiten. Lovelys Vrolykheid, wie Thorkil seiner Gattin zu Ehren seinen Wohnsitz nannte und wie der Ort bis zum Anfange des neunzehnten Jahrhunderts hieß, bot den beiden Obersten, welche mit über König Karl I. zu Gericht gesessen hatten, einen sichern Zufluchtsort. Die Verfolgung gegen sie erneute sich nicht mehr, da bald darauf in England Ereignisse eintraten, welche geschehene Dinge weit in den Hintergrund drängten. In ungestörter Zurückgezogenheit verbrachten die beiden Verschollenen noch eine lange Reihe von Jahren, sahen Enkel und Urenkel heranwachsen und hofften, täglich über den Geheimnissen der Apokalypse brütend, von Jahr zu Jahr auf die Wiedergeburt der Gemeinde Israel in ihrem Vaterlande. Der Aufenthalt dieser Männer in den Kolonien wurde nachmals der Gegenstand eines gewissen romantischen Interesses, welches noch heutzutage nicht ganz erloschen ist. Noch jetzt wird an zwei Orten der Neuenglandstaaten eine Höhle gezeigt, welche den Flüchtlingen zum Asyl diente und an beiden Orten unter dem Namen der Richterhöhle bekannt ist. Nachdem sie in der englischen Geschichte eine Rolle gespielt hatte, bemächtigte sich der beiden Obersten die amerikanische Sage, durch deren Dunkel jedoch einzelne historische Lichtblitze brechen. Ein solcher geschichtlich beglaubigter Zug ist das von uns erwähnte Erscheinen der beiden Männer bei einer der furchtbarsten Szenen in dem Trauerspiele, welches die Annalen Nordamerikas König Philipps Krieg betiteln. In weit höherem Grade, als die beiden Königsrichter ihre phantastisch-apokalyptischen Hoffnungen in Erfüllung gehen sahen, sah der ehrwürdige Patriarch von Rhode-Island, Roger Williams, seine auf die Zukunft Amerikas gerichteten Erwartungen sich erfüllen. Denn seine segensreiche Laufbahn ging erst im Jahre 1683 zu Ende. Hochgeehrt von den Bewohnern des von ihm gegründeten Staates, geachtet und geliebt von allen, welche in nähere Berührung mit ihm kamen, starb er als rüstiger Greis von vierundachtzig Jahren. Auch Eaton erreichte ein hohes Alter; er sah sein Haus und die Ansiedelung Swanzey wieder aus ihren Ruinen erstehen, und seine ans dem Grabe der Schwester mit Groot Willem erneuerte Freundschaft erlitt keine Störung mehr, da die schwere Heimsuchung, welche über ihn gekommen, die Starrheit seines Charakters einigermaßen gemildert und ihn gelehrt hatte, daß Duldung den Glauben eher ziere als verunehre. Sein Andenken, wie das von Miles Standish, blieb leuchtend in der Reihe derer, welche die dankbaren Nachkommen der Pilger der Wildnis mit dem Ehrennamen der Pilgrimväter bezeichneten. Der alte Willem blieb ein unsteter Waldläufer bis an das Ende seiner Tage. Er war ein häufiger Gast in Lovelys Vrolykheid, wo er der Abgott der Kinder wurde, aber stets blieb er nur Gast, und keine Bitte Lovelys und Thorkils konnten ihn vermögen, seinen vorübergehenden Aufenthalt in einen bleibenden zu verwandeln. Der Pater Blackstone, welchem er in den Schwächen des Alters redlichen Beistand geleistet hatte, vermachte ihm bei seinem Tode seine Siedelei, und da hatte es eine Weile den Anschein, als wollte Willem sich seßhaft machen. Aber bald wich er vor der heranrückenden Kultur weiter in die westlichen Wälder zurück. Er gehörte mit zu den ersten der kühnen Abenteurer, welche der Zivilisation, wenn auch oft unfreiwillig, die Wege bahnend, das Alleghany-Gebirge überschritten und in das Tal des Ohio hinabstiegen. Auf den Grenzen zwischen den Ansiedelungen der Weißen und den Jagdgründen der Indianer des Westens gingen noch lange nachher Sagen um von dem riesenhaften, einohrigen Jäger, der, fast ein Hundertjähriger, durch Kühnheit und gerechten Sinn beiden Völkern Hochachtung abgenötigt hatte. Drei Jahre lang nach seinem letzten Erscheinen in ihrem Hause hatte die Familie, deren Begründern er ein so treuer Freund gewesen, nichts mehr von ihm gehört. Da sprach eines Tages ein Pelzhändler, der aus dem Westen kam, bei ihr ein und überbrachte Thorkil das Roer Willems. Es war der letzte Gruß des biedern, einfachen, hochsinnigen Waldgängers. Er war gestorben in den Wäldern, die er so sehr geliebt hatte. Das Schicksal De Lussans und Desdemonas blieb den Bewohnern von Lovelys Vrolykheid verhohlen und verborgen. In ihren traulichsten Gesprächen gedachten Thorkil und seine Gattin oft des verschwundenen Paares, während die beiden Obersten desselben nie erwähnten, und an hundert und wieder hundert Morgen und Abenden richtete Lovely ihre Blicke auf die See, um vielleicht das Flattern der Segel der Gloria zu erspähen. Aber nie mehr zeigte das Schiff seine rote Flagge an diesen Küsten. Auch wir wären in Verlegenheit, noch eine Spur des romantischen Paares aufzufinden, hätte nicht der Flibustier in den Büchern der Geschichte ein Zeugnis seines Daseins hinterlassen, ein Zeugnis, welches aus einer späteren Zeit stammt, als die Ereignisse unserer Erzählung. Der Geschichtschreiber von Haiti, Charlevoix, meldet, daß in den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts der Gouverneur dieser Insel, De Cussy, die Flibustier aufforderte, eine Expedition nach der Südsee zu unternehmen, und fügt hinzu: »Dieser Zug bildet den Höhepunkt der Flibustiergeschichte.« Charlevoix' Erzählungen von ihren Abenteuern erinnern unwillkürlich an die sagenhafte Zeit der griechischen Geschichte, an den Argonautenzug und an den Trojanischen Krieg. Die Fahrten einer kleine Schar, welche unweit der Halbinsel Kalifornien Schiffbruch erlitt und, nachdem sie drei Jahre lang auf drei kleinen unbewohnten Inseln gelebt, in selbstgefertigten gebrechlichen Booten längs der Küste bis in die Magellansstraße hinabsegelte, von hier aber, einer sie plötzlich überkommenden Laune nachgebend, wieder nach den Küsten Perus umkehrte, um nicht mit leeren Händen in St. Domingo anzukommen, im Hafen von Arika ein mit den Schätzen Potosis beladenes Schiff eroberte, auf diesem südwärts segelte, in der Magellansstraße zum zweitenmal Schiffbruch litt, aber dennoch mit einem großen Teil ihrer Beute in einer Schaluppe, die sie aus dem Wrack des spanischen Fahrzeugs gezimmert, glücklich auf der Insel Kayenne anlangte – diese Fahrten hätten es verdient, einen amerikanischen Homer zu finden und in einer neuen Odyssee besungen zu werden; denn an Abenteuerlichkeit und buntem Wechsel der überstandenen Gefahren und Erlebnisse können sie sich dreist messen mit den fabelhaften Irrfahrten des schlauen Sohnes des Laertes oder auch mit denen Sindbads, des arabischen Odysseus in den Märchen von Tausendundeine Nacht. Die Heimkehr einer andern größeren Schar von 300 Flibustiern, welche ihre untauglich gewordenen Fahrzeuge verbrannten und sich quer über das Festland an 200 Meilen weit durch die Besitzungen der Spanier durchschlugen, erinnert lebhaft, selbst in vielen Einzelheiten, an den Rückzug der zehntausend unter Xenophon. In der ersten Estancia, auf welche sie stießen, fanden sie einen Zettel angeschlagen, in welchem die Spanier höhnisch ihre Freude darüber aussprachen, daß sie ihre Provinz zum Durchzuge nach der Heimat gewählt hätten, und nur bedauerten, daß sie nicht noch schwerer mit Gold beladen seien. So sicher glaubte man die kleine Schar zu haben. Wohin sie kamen, fanden sie alle Lebensmittel fortgeschleppt oder verdorben, die Savannen in Brand gesteckt und ihren Weg an schwierigen Stellen durch Verhaue gesperrt. Ein Beobachtungskorps folgte ihnen auf den Fersen, um ihnen bei guter Gelegenheit in den Rücken zu fallen. Zu wiederholten Malen hatten sie sich mit einem drei- und mehrfach überlegenen Feind zu schlagen, und immer warf ihn ihre tollkühne Tapferkeit. Hinter Neu-Segovia, daß die Spanier völlig verlassen und ausgeräumt hatten, fanden sie den einzigen Paß durch das steile Gebirge, welches die Stadt rings umgab, durch drei Verschanzungen und 1500 Mann gesperrt. Der Vorschlag ihres Anführers De Lussan, achtzig Mann zum Schutze der Kranken und Verwundeten gegen die 300 Spanier in ihrem Rücken zurückzulassen und mit den übrigen, was es auch koste, über die steilen Felsenwände und Abgründe des Gebirges hinweg die Stellung des Feindes vor ihnen zu umgehen und ihn im Rücken anzugreifen, schien anfangs unausführbar, wurde aber doch als einziges Rettungsmittel angenommen. Nachdem sie für die Zurückbleibenden schnell ein festes Lager aufgeschlagen, machten sich die zweihundert Abenteurer während der Nacht auf und erreichten nach unsäglichen Beschwerden die Höhen hinter der letzten spanischen Verschanzung, von der aus der Weg weiter führte. Die fünfhundert Mann, welche diese Verschanzung besetzt hielten, ergriff ein panischer Schrecken, als im Augenblicke des Sonnenaufgangs eine Salve in ihrem Rücken krachte und eine Menge von Leuten niederstreckte. Hastig flohen sie hinter die vorderste Schanze. Allein auch hier vermochten sich die Spanier, ihrer fünfzehnhundert gegen zweihundert, kaum eine Stunde zu verteidigen. Mit dem Säbel in der Faust drangen die Flibustier auf sie ein, warfen sie und drängten sie bis an die Verhaue, welche jetzt ihr eigenes Verderben wurden, denn während sie mühsam hinüberkletterten, streckte fast jede Kugel der Verfolger ein Opfer zu Boden. Unter den Gefallenen befand sich auch der General der Spanier. »Sind die Flibustier Menschen,« hatte er gesagt, als ihn vor dem Kampfe jemand fragte, ob er sich auch vor dem Umgangenwerden gesichert, »so sollen sie es wohl bleiben lassen, an uns vorbeizukommen; sind sie aber Teufel, so kann uns keine Verschanzung, kein Gebirge etwas helfen.« Und wirklich galten sie nach diesem bewunderungswürdigen Siege für Teufel, denen man nichts anhaben könnte. Wohlberitten auf Kosten der Spanier gelangten sie hinfort unangefochten bis an den Fluß Herbias, der sich beim Vorgebirge Gracias a Dios in den mexikanischen Meerbusen ergießt. Hier schifften sie sich ein auf Piperis, Flößen von leichtem Holze, die höchstens zwei Mann tragen, weil sie der vielen, oft eng zusammenstehenden Felsen und der zahlreichen Wasserfälle wegen, welche dieser Strom hat, nur schmal und klein sein dürfen. Nach einer gefahrvollen und beschwerlichen Wasserfahrt von 150 Meilen erreichten sie endlich das heißersehnte Meer, das auch sie mit Freudengeschrei begrüßten, wie einst die zehntausend Griechen der Anabasis Xenophons »Thalassa! Thalassa!« gejubelt hatten. Dieser historische Exkurs enthält alles, was wir über De Lussan noch in Erfahrung zu bringen vermochten. Er beweist wenigstens, daß das glühende Trachten nach Ruhm, welches den Flibustier beseelte, ihm eine Stelle in der Geschichte Amerikas gesichert hat. Der romantische Nimbus, welcher ihn und seine Geliebte umgibt, wird durch die Ungewißheit über seinen und ihren Ausgang unseres Erachtens eher erhöht als gemindert. Der entschiedene Sieg, welchen die Weißen in König Philipps Krieg erfochten hatten, sicherte ihnen für immer die herrschende Stellung gegenüber den ursprünglichen Besitzern des Bodens von Neuengland, welche, so viele deren der Krieg übrig gelassen, unter strenger Bewachung und harten Gesetzen in dumpfer Untätigkeit fortlebten, bis sie allmählich ausstarben. Leider müssen wir sagen, daß die Kolonisten ihren Sieg durch Grausamkeit befleckten. Es herrschte im Volke eine furchtbare Erbitterung gegen die roten Männer. Man traute keinem Indianer mehr, und ganz ernstlich wurde der Vorschlag gemacht, das ganze Geschlecht der Heiden auszurotten. Ein puritanischer Geistlicher, Inkrease Mather, welcher die Begebenheiten des Kampfes beschrieben hat, erwähnt die blutigsten Greueltaten der Weißen mit unverhohlenem Lob und sagt an einer Stelle: »Unsere Leute entschlossen sich, mit dem Beistande Gottes die Wilden gänzlich zu vertilgen.« Keinem Indianer, habe er sich freiwillig ergeben oder sei er zum Gefangenen gemacht worden, wurde mehr gesichert als das nackte Leben. Welcher aber überwiesen ward, an der Tötung eines Weißen irgendwie sich beteiligt zu haben, der mußte ohne Gnade sterben. Zu Boston und zu Plymouth floß das Blut einer großen Anzahl von Häuptlingen vom Schaffote. Scharen von Indianern wurden nach den Westindischen Inseln in die Sklaverei verkauft. Dies war auch das Los von dem gefangenen neunjährigen Sohne Metakoms. Die Geistlichkeit wurde befragt, was mit dem armen Kinde angefangen werden sollte, und es ist charakteristisch für den Geist der puritanischen Theologie, daß ihre Lehrer, indem sie mit den Beispielen Sauls, Ahabs und Hamans argumentierten, für den Tod des Knaben stimmten. Endlich wurde beschlossen, ihn als Sklaven zu verkaufen, und er verschwand spurlos. Man muß hierbei der strafenden Worte gedenken, welche in späterer Zeit einer der größten Amerikaner aussprach, der Worte Jeffersons: »Ich zittere für mein Volk, wenn ich den Ungerechtigkeiten nachsinne, deren es sich gegen die Eingeborenen schuldig gemacht hat.« Die Kultur ist eine schonungslose Eroberin. Was sich ihr nicht zu assimilieren vermag, das vernichtet und verschlingt sie. Die Ureinwohner der westlichen Hemisphäre, in ihrer Masse der Zivilisation durchaus unfähig, mußten und müssen vom Erdboden verschwinden, um der angelsächsich-germanischen Rasse Raum zu gewähren. Diese hat mit einer Arbeits- und Tatkraft, wie sie ihr eigen, einen Freistaat von unerhörtem Wachstum geschaffen. Was auch in der Zukunft das Geschick dieses Staates sein mag, der weltgeschichtliche Ruhm, die Fundamente desselben gelegt zu haben, gehört für alle Zeit den »Pilgern der Wildnis«. Ende.