Gabriele Reuter Frauenseelen Novellen   S. Fischer, Verlag, Berlin Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.   Treue Nein – so ging es nicht weiter. Sie konnte ihr Leben, wie es jetzt war, nicht länger ertragen, und sie wollte auch nicht! Fort, fort – gleichviel wohin! Nur ein paar Tage lang andere Luft atmen. Fremde Möbel um sich sehen und unbekannte Menschen, die sie nicht bemitleideten. Andere Wege wandern – Wege, von denen man noch nicht wußte, wohin sie führten. Nachts den Kopf auf ein Kissen legen, das nicht so viele, viele Tränen aufgesogen hatte ... O Gott, o Gott – einmal dem ewigen Schmerz entfliehen! Sie hütete und pflegte ihn schon lange genug, müde, hilf- und trostlos, wie eine Mutter ihr Kind, das niemals wieder gesund werden kann. Aber allein mußte sie gehen. Das war die Hauptsache. Wenn sie Ernstchen mitnahm, würde der sie immer erinnern ... Er hatte zu viel Ähnlichkeit mit seinem Vater. Darin lag die tägliche Qual, von der der arme kleine Schelm nichts ahnte. Sie konnte die schmerzhafte Wollust nicht lassen: zu belauschen, wie die feinsten, seltsamsten Züge, die sie an Friedrich geliebt und durch die er sie gepeinigt hatte, in dem kleinen Jungen auferstanden und weiter wuchsen. Das nervös-sensible Temperament, das in Freude und Leid gleich über alle Grenzen ging, und damit vereint das kalt Grüblerische, die beinahe lauernde Beobachtungsgabe – der ungeduldige Ekel an jeder Unvollkommenheit und bei einem Hang zur Melancholie die heftige Sehnsucht nach ruhiger, stetiger Heiterkeit ... Übrigens – kein Wunder – sie besaß all diese widersprechenden Eigenschaften ja selbst. Sie war eine ihrem Manne zu verwandte Natur, so sagte sie sich tausendmal. Darum hatten sie sich nicht ineinander finden können. Die Schwierigkeiten, das Zerrissene, an dem er schon im eignen Wesen schwer genug trug, fand er bei ihr wieder. Es mußte ihn bis zum Wahnsinn reizen – da er sie einmal nicht mehr liebte oder vielleicht niemals geliebt hatte. Bei dem Kleinen lag die Gefahr in der großen, altklugen Zärtlichkeit und Sorge, die er für sie empfand. Ein Bübchen von kaum sieben Jahren sein und Tag und Nacht den Jammer einer verlassenen Frau mittragen und mitfühlen – es war ja eigentlich grauenhaft ... Sie spürte es oft dem Kinde an, wie sich etwas in ihm gegen das fortwährende Leiden empörte. Wie er dann bei geringen äußeren Anlässen gehässig und boshaft und zornig werden konnte – ganz wie sein Vater. Und nachher die Gewissensqualen, die die arme kleine Seele wieder durchmachen mußte. – Dem Jungen würde es eine größere Erholung sein, in der Stadt mit der alten Köchin zu hausen, als mit ihr aufs Land zu gehen, sagte sich Walborg mit herzzerschneidender Bitterkeit. Sie rieben sich gegenseitig auf. Wie sie und Friedrich es getan ... Bis ihr schließlich für ihre heiße Liebe ein hysterischer Haß und Widerwille zum Dank wurde. Das durfte nicht sein. Sie sah es kommen – und zum zweitenmal in ihrem Leben durfte ihr das nicht geschehen. * Sie stellte sich einsame Waldwege vor, auf denen sie schweigend wandern und stille werden würde. Und dann friedlich und ein wenig gestärkt heimkehren. In solchen Gedanken richtete Walborg ihren Koffer. Zwischendurch beschlich sie der Zweifel. Mit jedem Stück des täglichen Gebrauchs packte sie etwas von ihrem täglichen Leiden ein – ging es also nicht mit ihr? Mußte sie es nicht an dem fremden Ort mit den Dingen wieder hervorholen? Aber trotzdem ... Sie hatte noch niemals den Versuch gemacht, sich zu retten. Seitdem das Gericht vor nun bald zwei Jahren die Scheidung ausgesprochen, und sie damit in dem verzweifelten Kampf um ihres Gatten Herz und Liebe endgültig besiegt worden, galt es ihr als unabänderliche Tatsache, daß ihr Leben bis in seine Wurzeln zerstört war. In diesem Sommer begann sie zuerst aus dumpfer Finsternis aufzublicken und die Zerstörung in ihr mit dem Verstande schaudernd zu betrachten. Von dem Zeitpunkte an fragte sie sich, was geschehen könne, um die Wunden zu heilen. Sie wollte das in der Einsamkeit überdenken.   Am Rande des Kiefernwaldes stand der Gasthof, auf dem weißen Sand der märkischen Ebene. Ein rötlich-violetter Streifen Heidekraut, der breite, zerwühlte Fahrweg und dann Kartoffel-, Rüben- und Roggenfelder, weitgedehnt, um den Horizont rings der Saum blaudunkler Wälder. Ein sehr einfaches Landschaftsbild, aber es gefiel Frau Walborg. Eine Bekannte hatte das Gasthaus empfohlen. Sie sei im Juli mit ihren Kindern draußen gewesen und gut verpflegt worden. Man sei auch so ungeniert. Das alles hatte Walborg zugesagt und sie auf die Idee gebracht, ihre eingeschlossene Existenz zu durchbrechen. Für eine weitere Reise, die planvoll ins Werk gesetzt werden mußte und mit allerlei Schwierigkeiten und dem Verkehr mit Menschen verknüpft war, hätte sie doch nicht den Mut gefunden. Sie wollte ja auch nichts Ungeheuerliches erleben. Nur Ruhe und Frieden wollte sie genießen. Nun saß sie am Morgen nach ihrer Ankunft im Heidekraut. Ein dünnes Bändchen, eine Novelle von Turgenieff, lag ihr im Schoß. Sie hatte ein paar Seiten gelesen, und dann mochte sie nicht mehr. Irgend etwas in ihr widerstrebte plötzlich heftig und wollte sich nicht vom Dichter in seine Stimmung zwingen lassen. Dieser graue Nebel über den Dingen – diese Traurigkeit, in die er seine Menschen einspinnt – der dumpfe Bann, der sich sacht auf den Leser lenkt, bis eine müde Hoffnungslosigkeit wie ein unabwendbares Schicksal seinen Geist und seine Seele lähmt ... Das war heute nichts für sie. Damit wollte sie hier nicht wieder beginnen. Und als sie lange hinaus in den blauen Himmel sah, das Flimmern der Sonne auf dem weißen Sandweg, über den Gewächsen der Felder beobachtete und auf die verschiedenen Düfte merkte, die bald herbe, bald honigsüß, harzscharf oder mildkräftig aus Wald und Rain, von den Skabiosen und den Erikakelchen und von den Breiten des reifen Roggens zu dem unbegreiflich wundervollen Arom des heißen stillen Sommermorgens zusammenströmten, da fühlte sie schon, daß sie noch empfinden konnte. Es stahl sich eine zarte Freude an der Erscheinung der Welt in ihre Sinne. Ihre Glieder dehnten sich, sie legte sich auf das weiche, nachgebende Blumenpolster, verschränkte die Arme unter den Kopf und reckte sich aus. Ach, war das wohlig angenehm. Wie gut, daß sie nicht gezögert hatte, und nun gerade die schönen Tage fand, die ersten ganz sicher schönen nach vielem Regen. Mittags war sie erstaunt, eine ganze Table d'hote vorzufinden. Man hatte in der Veranda gedeckt, die aus rohem Kiefernholz etwas unmotiviert neben das alte Haus gebaut war. Die Gaste bestanden meist aus Städtern, welche mit den Vorortzügen herausgekommen waren. Das Haus selbst beherbergte nur ein paar alte Damen und deren Nichten oder Töchter. Walborg hatte gar keine Toilette gemacht, nicht einmal das Haar geordnet; kleine Blättchen und winzige Erikazweige hingen ihr noch in dem Nacken-Knoten, der wirr und lose geworden war vom Liegen. Die Sonne hatte sie förmlich durchglüht, sie fühlte, wie ihr die Wangen brannten. Die Hausgenossinnen ihr gegenüber am Tisch redeten sie gleich an und betrachteten sie mit augenscheinlichem Vergnügen. Walborg schwatzte munter, sie wunderte sich über sich selbst, wie zutraulich und lebhaft sie war. Als sie aufstand, um zu gehen, grüßte man sie von allen Seiten. Das machte ihr Spaß. Früher hatte sie große Macht über die Menschen besessen – dann war sie unsicher geworden, weil die schöne Herrscherkraft bei dem Einen versagte. Und selbstquälerisch hatte sie beobachtet, wie die vergrämte Frau auch den Freunden gleichgültig zu werden begann. Die alten Damen hatten ihr innig die Hand gedrückt. Heiter ging Walborg über den mit bescheidenen Blumenanlagen dürftig gezierten Vorplatz durch die offenstehende Haustür in den breiten, altmodischen Flur. Sie hatte eine Frage an die Wirtin zu richten. Diese, eine behäbige Frau, stand in Unterhandlung mit einem soeben angelangten Radfahrer. Sein Fahrzeug lehnte am Tor. Er glühte vor Hitze. Walborg sah seinen braunroten Nacken, auf dem kleine Tropfen glitzerten. Nein, war der Mann echauffiert! Er blickte sich nach ihr um und lächelte, halb verlegen, sich in diesem Überzug von Staub und Schmutz vor einer Dame zeigen zu müssen. Aber es stand ihm nicht schlecht, denn er war jung und kräftig und seine Augen glänzten lustig. Es strahlte förmlich eine heiße Lebensfreude von ihm aus. Als er Walborg wartend stehen sah, ließ er ihr höflich den Vorrang. Nachdem ihr Anliegen seine Erledigung gefunden, dankte sie ihm mit einer Kopfbewegung und ging durch den Flur auf den Wirtschaftshof hinaus. Sie wohnte im Rückgebäude, das nach dem Walde lag, in der oberen Etage. Man hatte sie hier einquartiert, weil sie um Ruhe gebeten hatte und weil man hier nichts von dem Kommen und Gehen der Tagesgäste spürte. Neben ihrem Zimmer befand sich ein großer, leerer Tanzsaal, der nur einigemal im Jahre benutzt wurde. Walborg schloß, in ihrem Zimmer angelangt, die Jalousien, zog ihr Kleid aus und legte sich aufs Bett. Ein unendliches Wohlgefühl durchströmte sie. Im Einschlafen hörte sie Poltern vor ihrer Tür, Stimmen und Schritte, die sich wieder entfernten.   Von dem Tanzsaal führte eine Glastür auf einen breiten Balkon. Walborg hatte ihn gleich bei ihrer Ankunft entdeckt. Wenn man dort oben saß, schaute man mitten in das Geäst der alten Kiefern hinein. Sie hatte nach der Reise, froh dieser völligen Abgeschiedenheit, stundenlang träumend dem leisen Rauschen der Wipfel gelauscht, und bei dem eintönigen Wogen und Summen war sie schließlich doch wieder dahin gelangt, ihren alten Jammer neu zu zergrübeln. Heute durchschritt sie wieder das große, verstaubte Gemach und trat hinaus, als das Abendrot den Wald zu färben begann. Sie sah eine Gestalt am Geländer lehnen, bestrahlt von rötlichem Licht, auch drang der Duft einer Zigarre zu ihr. Sie erkannte den Radfahrer, der am Mittag eingetroffen war. Er grüßte. Sie empfand einen ärgerlichen Verdruß. Es war ihr fatal, daß sie in ihrem Reich nun nicht mehr allein war. Am liebsten wäre sie sofort wieder umgekehrt. »Es scheint, man hat uns beide hier oben mutterseelenallein einquartiert«, sagte der junge Mann lächelnd. »Ich lege Wert auf völlige Ruhe«, antwortete Walborg kühl, er konnte merken, daß seine Gegenwart ihr lästig fiel. »Nun – ich pflege mich nach einer weiten Tour in der Nacht außerordentlich still zu verhalten«, versicherte er eifrig; »ich hoffe also, die gnädige Frau nicht allzusehr zu stören.« »Ich glaube, es ist für uns beide Platz in dieser weitläufigen Etage«, bemerkte Walborg liebenswürdiger. Auf ihren freundlichen Ton hin redete er noch ein wenig und erzählte ihr, daß er beabsichtige, am nächsten Tage mit seinem Rade weiter zu gehen. Und dann verstummten sie. Von der schwindenden Sonne gesandt, wandelte das Abendglühen durch den Wald und glitt an den braunen Stämmen und Ästen empor, daß ihre Rinde sich rot und röter zu färben begann, bis ein purpurnes Leuchten überall, so weit das Auge reichte, aus dem dunklen Nadelwerk hervorstrahlte. Und immer höher stieg der feurige Schein. Ein mächtiges, ein geheimnisvolles Leben in den alten Kiefernkronen. Als bräche die Glut, die sie den Tag über in ruhiger Kraft bezwungen und an sich gehalten, nun aus ihrem Innern hervor. Gleichsam von einer gewaltigen Leidenschaft entzündet, heiß, stark und innigglühend stand der Wald. Und plötzlich war alles vorüber: das Leuchten – die Farbe – die Form – das Leben der Bäume. Mit einem Schlage. Starr, kalt, tot, in unbestimmten Massen verschwanden sie im fahlen Grau der aufsteigenden Dämmerung. Der Mann neben Walborg wendete ihr sein Antlitz zu. »So möchte man leben und so sterben«, sagte er. »Wenn das Glück uns faßt, sich ganz durchflammen lassen und dann – kein Sehnen und Zappeln und Sperren und Haltenwollen ... Aus – und vorbei!« »Wohl dem, der die Kraft hat, so zu fühlen«, antwortete Walborg. »Ha, – man kann sich dazu erziehen«, rief der Radfahrer fröhlich. »Glauben Sie mir, gnädige Frau, nur dann hat man was und manchmal sogar recht viel vom Leben.« »Das mag wohl sein«, erwiderte sie ausweichend. Er berichtete ihr nun plaudernd von seinen Abenteuern den Tag über, und ließ harmlos, mit einer Art von kindlich-liebenswürdiger Eitelkeit merken, wie er auf seinem Rade der eigenen Gewandtheit und Geschicklichkeit froh werde. Walborg konnte das ganz gut verstehen, und die Offenheit, die Natürlichkeit, mit der er sich zeigte, wie er war, gefiel ihr. Nebenbei bemerkte sie, daß eine angenehme Frische von seinem Körper ausging. Er hatte also gebadet. Das gab ihr gleich ein gutes Vorurteil für ihn. Als sie sich zurückzog, schüttelten sie sich die Hände. Nachdem Walborg ihre kleinen Halbschuhe vor die Türe gesetzt hatte, während sie den Riegel vorschob, wurde sie plötzlich in der Einsamkeit ihres Zimmers ganz rot. Es war ihr ein wunderlicher Gedanke durch den Kopf gegangen.   »Gnädige Frau,« sagte der Kellner, »ich habe Ihr Frühstück auf den Balkon getragen.« »'s ist recht, Georg.« »Es wird heut sehr schwül. Jetzt geht die Luft noch ein wenig. Der Herr, der gestern angekommen ist, sitzt auch schon draußen.« Walborg stutzte. Ach Unsinn – sie war doch kein Kind mehr. Warum sollte sie nicht mit diesem Fremden eine halbe Stunde schwatzen, da sie sich doch gut unterhielten ... Mit schmerzhafter Wehmut ergriff sie das Bewußtsein: sie war eine freie Frau – sie hatte nach niemand zu fragen. Er stand auf, als sie heraustrat, wischte sich eilig den Bart mit dem kleinen Serviettchen und verbeugte sich. Seine Blicke liefen an ihrer Erscheinung hinab, und ein leises Lächeln, halb, schelmisch, halb bewundernd, zuckte um seine Nasenflügel. Sie setzte sich und schenkte Tee aus dem kleinen, neusilbernen Kännchen in die Tasse. Er klagte etwas über die Hitze. Heut sei kein Tag, an dem man radeln könne. Zerstreut stimmte sie zu. »Nein, wie verwandelt der Wald ist«, sagte sie ... »Gestern abend die tiefen, satten Farben: Purpur, Braun, Schwarzgrün – heut alles hell, zart, duftig. Der feine Glanz der Nadeln gegen den blauen Himmel – und jetzt, wo der Wind durch die Kronen weht, das silberig-grüne Flirren und Flimmern ...« Er betrachtete sie, nicht die Baumkronen, während sie sprach, und lächelte wieder. »Wundervoll«, sagte er leicht ironisch. »Sie haben ja gar nicht hingesehen.« »Was wollen Sie – ich bin kein Naturschwärmer.« »O –!« »Ja – ich habe mich nach der Richtung hin geprüft ... Sie mögen mich nun verachten, ich fühle positiv nichts. Eine hübsche Gegend ist mir nur wichtig als Rahmen für sonstiges Gute: für den Sport – für die Liebe!« »Sie übertreiben – gestern abend zum Beispiel ...« »Das war ein Sensationsstück, das die Natur uns vorspielte – man betrachtet es, wie man sich eben ein gelungenes Theaterstück ansieht. Aber die geheimen, wundersamen Entzückungen ... Ich denke oft: da steckt auch ein rechtes Stück konventionelle Heuchelei.« »Viele Menschen empfinden sie in Wahrheit.« »Viele –? Einzelne!« »Nun ja, einzelne«, sagte Walborg nachdenklich, und sie dachte der Angst, wenn sie gefühlt, daß sie Friedrichs Farben-, Formen- und Stimmungsschwelgereien nicht verständnisvoll genug hatte folgen können – der Furcht, ihn durch einen unrichtig gewählten Ausdruck, durch Schweigen oder Reden zu reizen und zu kränken. »Freude an der Natur ist eben ein Genuß wie ein anderer auch – man muß sich nur nicht einbilden, daß er besser oder edler oder gütiger macht«, sagte sie, und es war ihr dabei angenehm, wie wenig man ihrem leichten Ton die schwere Erfahrung anhören konnte. »Wenn Sie es so meinen, bin ich einverstanden«, rief er lebhaft. »Nur der Kultus, den man in Deutschland mit so etwas treibt, ist mir verhaßt, wie jeder Kultus. Deutsche Naturempfindung – deutsches Gemüt – deutsche Treue usw. Das letzte ist auch so ein Kapitel ... Warum bewundern wir eigentlich Treue? Im Augenblick, wo sie bewußt ausgeübte Pflicht wird, vernichtet sie sich selbst und ist in Wahrheit schon gebrochen.« »Sie ist eben keine Tugend, sondern eine Eigenschaft. Weh' dem, der sie hat, sie kann zu einem bösen Schicksal werden.« »Das ist eine arge Ketzerei, gnädige Frau!« Walborg lachte. Rieger sah mit Erstaunen und Interesse, wie ernst ihre Augen blieben, während dieses leise spöttische Lachen ihren Mund umspielte. Sie plauderten noch eine Weile so fort. Walborg fand plötzlich ein aufregendes Vergnügen darin, um die Wette mit dem fremden Manne ihre eignen Ideale, die sie so elend gemacht, zu zerpflücken und in alle Winde zu verstreuen. An diesem Nachmittag schlief sie nicht. Mit fieberhaft arbeitendem Hirn und pochenden Schläfen lag sie auf ihrem Sofa. Wieder der seltsame Gedanke von gestern abend. Er ließ sie nicht. Und er wuchs und wuchs – nahm Gestalt an ... Hatte je eine Frau den Mut gehabt, solchen Gedanken zu packen, festzuhalten – danach zu handeln? Mit klarer, kalter Überlegung? Und wenn sie den Mut besaß? Was hatte sie denn zu verlieren? * Während sie mit Rieger auf der Veranda über Fragen der Literatur und der Kunst disputierte, und lebhafter und kühner wurde, harrte eine tödliche Angst in ihrer Seele – ein Grauen vor dem eignen Wollen. Das Gespräch geriet auf gefährliche Pfade – wie war es möglich, die Liebe zu umgehen? »– Wissen Sie wohl, daß ich noch niemals einer Frau begegnet bin, die so rücksichtslos und zugleich so graziös mit ihrem ganzen Seelenvermögen va banque spielen kann?« sagte der Mann. »Alle Achtung!« Und da blitzte und funkelte das Lachen auch in ihren ernsten Augen. Mit einem Schlage verwandelten sich Angst und Grauen in eine wilde Lust an jedem Wagnis. Am nächsten Morgen auf dem Balkon, wo sie nun schon wie gute Freunde miteinander hausten, teilte Rieger Walborg mit, er warte auf Briefe und müsse deshalb noch bleiben. Sie hatte gewußt, daß es so kommen mußte. Sie hatte seinen Entschluß ja selbst herbeigeführt. Und doch war sie bestürzt und erschüttert. Gleich nachdem sie das Frühstück genossen, ergriff sie ihr Buch und ging in den Wald. Rieger hatte gefragt, was sie vornehmen wolle, aber in ihrer unbestimmten Auskunft lag die Antwort, sie wünsche seine Begleitung nicht. Beklommen saß sie auf den knisternden, dürren Nadeln. Die Luft war heiß und still, von Harzgeruch erfüllt, fast betäubend. Walborg saß mit geöffneten, trockenen Lippen, die Hände matt im Schoß; ein atemraubendes Warten zehrte in ihr, wie ein glimmender, noch eingeschlossener Brand. Nein – durfte das sein? Was tat sie denn? Liebe war ja doch etwas Furchtbares! Aber sie liebte ihn auch nicht, den Fremden. Es war nur ein toller Siegerstolz, daß sie wieder begehrt wurde. Ha – ha –! Sie sprang auf und warf die Arme über den Kopf zurück und reckte sich empor. Endlich wieder – endlich wieder ...! Sie strich mit den Händen über ihr Gesicht, über Stirn und Haar, als müsse sie die Schmach der letzten Jahre von sich streifen, gleich einer welken Haut. * Mittags war Rieger zurückhaltender, förmlicher und ernster, als sie ihn noch gesehen. Aber sie wollte ihn nicht wieder lassen. Sie mußte den Triumph auskosten. Hatte Friedrich nicht gesagt, sie gehöre nicht zu den Frauen, in die Männer sich verliebten? Darum könne sie sich nicht wundern – er habe sich eben geirrt, und Freundschaft reiche zur Ehe nicht aus. Wie ihr das Wort als eine ewige Wunde im Herzen brannte –. Sie hatte das Mittel gefunden, ihre Seele von dem Gehaßten zu lösen ... Nur rücksichtslos, grausam gegen sich selbst – nur kein Schwanken und Zweifeln ... Rieger begleitete sie nach Tisch um das Haus, durch den Garten. Er ging stumm neben ihr, und sie schwieg auch. Ein trockner, glühender Wind raschelte mit den verdorrten Blättern der Gebüsche und wirbelte kleine Wolken feinen Sandes von den Wegen empor. Die Augen schmerzten Walborg in dem grellen, weißen Sonnenglanz; wenn sie die Lider schloß, sah sie rote Funken durch blaue Finsternis tanzen. »Ich will hinaufgehen«, murmelte sie leise. »Warum?« »Ich bin müde.« »Gehen wir in den Wald, Sie können dort ruhen.« Sie schüttelte den Kopf. »Es ist zu heiß.« »Ja, es ist sehr heiß.« Sie sahen sich an. Seine Lippen bebten unter dem Bart. »Also – auf Wiedersehen ...?« Sie standen und sahen sich an. Langsam, schwer hoben sie die Hände und legten sie ineinander. Fest umklammerte er die ihre. »Hätten wir uns früher gefunden«, murmelte er. Sie ging mit gesenktem Haupte. Er blieb auf demselben Fleck. Sie fühlte seinen Blick, als schreite sie in Flammen. – – – – Eine Zeit darauf hörte sie seinen Schritt in dem leeren langen Korridor vor ihrem Zimmer. Sie sprang auf, glitt nach der Tür und lauschte, das Ohr am Holzwerk. Sie war entkleidet und schauderte, die nackten Arme über die Brust zusammengedrückt; sie fror in der Mittagsglut. Sein Schritt zögerte und hielt inne. Sie hatte darauf gewartet. Zitternd tastete sie nach dem Riegel. Ja – er war geschlossen. Ihr deuchte, sie müsse ersticken. Der Mann ging langsam weiter. Sie schlüpfte auf ihr Lager zurück, drückte den Kopf in die Kissen und weinte. Später entfloh sie in den Wald. Trotz der schwülen Luft ging sie immer weiter zwischen den schlank aufstrebenden, dünnen Stämmen. Und sie ging sehr weit. Unruhe und Fieber trieben sie, doch war sie froh gestimmt. Sie kam bis zu einem See, der flach und grau in einem Ausschnitt des Kiefernbestandes lag. Der Wald war hier für eine Weile zu Ende, man sah über andere Felder. Schweres Dunstgewölk von einer seltsam fahlen, gelbrötlichen Farbe stand am Himmel. Man spürte hier auch wieder den heißen Wirbelwind. Wenn er über das graue Gewässer fuhr, zeichnete er es mit flimmernden Kreisen und Kurven, daß es schien wie eine mit gekräuselten Ornamenten geschmückte Stahlplatte. Dort saß Walborg lange in einer Ecke, wo die Bäume sie vor dem Winde schützten. Vor ihr kroch eine Schnecke über ein bestaubtes Klettenblatt. Ihr fiel eine Beobachtung ein, die sie vor Jahren gemacht; wie sie einmal zwei Schnecken zugesehen hatte, die sich einander näherten, schwerfällig und doch für Schnecken erstaunlich eifrig, und sich mit den Fühlhörnern betasteten, als küßten sie sich. Walborg war grausam genug gewesen, die armen Liebenden zu stören, kleine Barrikaden von Hölzern zwischen sie zu bauen, und mit dem größten Erstaunen hatte sie nun bemerkt, wie energisch der Wille der trägen, schleichenden Tiere da wurde, wie sie sich hoch aufreckten und gegeneinander stürmten, wie leidenschaftlich sie sich zeigten. Das Schauspiel hatte sie gespannt und erregt. An jenem Maimorgen bei den vernunftlosen, armseligen Tieren war ihr plötzlich der tiefe Zusammenhang klar geworden, der durch die ganze Natur geht und sie alle – alle die Lebewesen ewig und fest miteinander verbindet. Es war ihr wie eine Offenbarung. Jetzt kroch das Schnecklein einsam seinen Weg über das verstaubte Blatt, denn es war August, und wo war seine Maigefährtin geblieben? Die Menschen hatten doch manches vor den Schnecken voraus, dachte Walborg. * »Wir verstehen uns eigentlich recht gut«, sagte Rieger einmal zu ihr. Walborg schüttelte den Kopf. »Sie kennen mich nicht.« Sein Wesen, seine Art – der selbstverständliche, heitere Zynismus seiner Lebensauffassung waren ihr fremd, kaum sympathisch, doch erregend. Oder schürten nur die eigenen Gedanken, der krampfhaft ergriffene Wille ihn zu erringen, das Feuer in ihr? Als er sich einen Stuhl holte und neben sie setzte, abends auf der Veranda, fühlte sie eine bange Freude durch ihren Leib rinnen, den heimlichen Genuß an seiner körperlichen Nahe. Sie sprachen auch kaum noch miteinander – Worte ohne rechten Sinn. Sie lächelten ohne Ursache und fragten sich viel mit den Augen. Aber keines wagte noch die rechte Antwort zu geben. Einmal griff er über den Tisch, um Streichhölzer für seine Zigaretten heranzuziehen. Da fühlte sie, wie seine Schulter die ihre berührte, vorsichtig, es konnte auch Zufall sein, so flüchtig war es – die fremden Menschen saßen ringsum und keiner hätte es bemerken können. Aber sie litt und verstand atemlos eine erste, wortlose, verstohlene, fragende Liebkosung. Zwei Stunden später, als sie heim wollte, sich vor dem wilden Pochen ihres Blutes – sich vor ihm in ihrem stillen Stübchen zu retten, verabschiedete sich Rieger in Gegenwart der übrigen Gäste förmlich von ihr. Das machte sie sicher. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, noch ein Stück in den Wald zu gehen. Es war totenstill, beängstigend still, zwischen dem Gewirr der hohen Stämme. Das Mondlicht fiel hell durch die dürren Baumkronen auf den Boden – eine gespenstische Helle, verschleiert von den Schatten der Nadelzweige. Walborg drückte beide Hände an das springende, schlagende Herz. Ein unbändiger Jubel war in ihr. Er will mich, er begehrt mich ... –! Ihr war, als könne Friedrich fühlen, daß ein anderer sie an sich reißen wollte – als müsse es ihm auf eine geheimnisvoll magnetische Weise weh tun. Er war seiner Macht über sie zu sicher gewesen. O – sie war stark – viel stärker, als sie selbst gewußt. Sie ballte die Hände und knirschte mit den Zähnen, und ihre Augen glänzten kriegerisch. Frei sein – frei und erlöst von all dem Leiden. Neu beginnen – neu genießen ... Und geliebt werden ... Geliebt ... Ach – sie war auch klug geworden. Sie wollte gewiß nicht wieder nach Seelenharmonie und dergleichen bedenklich schmerzlichen Dingen verlangen ... Sie sah Riegers weiße Stirn vor sich, die so scharf von dem sonnverbrannten Gesicht abstach, das kurze, dichte, dunkle Haar, das vergebens versuchte, sich zu kleinen Löckchen zu krümmen, – sie sah seinen kräftigen, verführerischen Mund mit den festen, weißen Zähnen – und sie bebte vor Lust. Mit geschlossenen Augen, in taumelnder Müdigkeit schwankte sie weiter – blieb stehen – versuchte sich zu beherrschen. Eilig ging sie zurück. Am Waldrand fand sie Rieger. Er hatte hier auf sie gewartet, unter den Asten einer breiten Kiefer, wo er sie sehen mußte, wann sie daher kam, im Mondschein, der auf dem weißen Wege lag. »Warum wollen Sie schon hinein?« bat er. »Es ist ja so schön hier. Und dort ist eine Bank – Sie kennen sie ja. Lassen Sie uns noch ein wenig plaudern.« Sie schüttelte den Kopf. »O bitte – bitte –« »Nein – ich will nicht.« Sie wußte selbst nicht, warum sie das sagte. Sie wollte ja. Aber sie fürchtete sich plötzlich. Eine Feigheit ergriff sie vor dem Sturm in der eigenen Brust. Und ihr schauderte vor dem Manne. Schnell und rücksichtslos schritt sie weiter. »Was ist denn geschehen«, so hört sie seine Stimme. »Sind Sie mir böse? habe ich etwas getan, sie zu beleidigen?« »Nein, nein. Aber es ist ja schon viel zu spät, sehen Sie denn das nicht ein?« »Durchaus nicht. Wir sind doch selbständige Menschen.« »Ja schon. Ich will nicht.« »O – das ist etwas anderes«, sagte er verletzt und kalt. Da schämte sie sich wieder ihrer wilden Angst. Vielleicht war alles nur in ihr, und er meinte nichts als Freundlichkeit und harmlose Bewunderung. Ja – sie wünschte, daß es so wäre. »Gute Nacht, Herr Rieger, schlafen Sie wohl«, sagte sie mit einem Versuch zu ruhiger Heiterkeit und wendete sich zu ihm zurück, denn sie war schon einige Schritte vorangegangen. »Gute Nacht, gnädige Frau«, antwortete er, nachdem er ihr die Hand gedrückt. »Sind Sie mir auch nicht böse?« »Nein – warum sollte ich?« »Ja – was war denn das eben – der Ton? – Ich bin ganz erschrocken – ich hatte mir wirklich nichts gedacht, als daß es oben erstickend heiß sein würde, und daß wir noch ein wenig plaudern könnten. Dabei ist doch kein Unrecht.« »Gewiß nicht. Ich bin müde.« »Sie sind nicht müde.« Nun wußte sie, daß er eben gelogen hatte. Und sie wurde weich und übermütig zugleich, indem sie schnell weiter schritt und hörte, daß er ihr folgte. »Nehmen Sie sich in acht, Herr Rieger, hier sind Stufen.« Er war neben ihr und faßte ihre Hand. »Führen Sie mich«, bat er leise. »Ob die Tür noch offen ist? Ich möchte nicht wieder über den Hof.« »Sie ist offen. Ich habe sie vorhin versucht.« Das Haus war schon dunkel. Er zündete ein Streichholz an und leuchtete ihr durch den Flur und ein Stück Treppe hinauf. »Unser einsames Reich«, murmelte er zärtlich. »O – in den Dachstuben hausen die Mädchen und die Knechte«, scherzte sie. Die winzige Leuchte verlosch. »Ich habe kein zweites«, flüsterte er. »Darf ich Sie leiten?« Er nahm ihren Arm und drückte ihn an seine Brust. Aneinandergeschmiegt stiegen sie schweigend die übrigen Stufen empor. Oben faßte er sie heftig und suchte ihre Lippen. Sie sträubte sich ein wenig, aber et hielt sie fest und küßte sie, bis ihr Atem und Besinnung verging. Zuletzt riß sie sich doch erschrocken los, lief davon und schloß sich ein. Sie wußten beide, daß es nur eine kurze, letzte Pause war, ehe sie sich angehörten. * In ihrem einsamen Reich, wo niemand sie störte und niemand sich um sie kümmerte, genossen sie ihr jähes Glück und die heißen Sommernächte. Auf dem mondbeleuchteten Balkon, den nur die schweigenden, dunklen, hohen Waldbäume belauschen konnten, in dem weiten, weißgetünchten Tanzsaal mit dem verstaubten Kronleuchter und den aufeinandergelegten Stühlen im erhöhten Orchester tollten sie, und küßten und neckten sich. Es war, als habe Rieger die Macht, ihr von feiner derberen, genußfreudigen Natur zu schenken. Am Tage lagen sie mit Büchern, die nicht gelesen wurden, und Zigaretten, die Rieger trotz heftigster Verliebtheit rauchte, im rötlichen Heidekraut am Waldsaum – schläfrig, über die Gluten seufzend, nach Regen und Abkühlung verlangend und doch sehr fröhlich. Oder sie schlenderten durch die Felder, und führten törichte, frivole Gespräche, von denen sie außerordentlich befriedigt waren. In Gegenwart anderer Menschen waren sie sehr gesetzt und hüteten ihr Geheimnis sorgfältig. Aber die alten Damen hielten sich jetzt auffällig von ihnen fern, und Wirt und Wirtin zeigten ihnen eine freundliche Protektion. Mit kraftvollem Leichtsinn riß der Mann Walborg über alle Gefahren scherzend hinweg. Bei seinem geflissentlich zur Schau getragenen Egoismus war viel zarte Güte in ihm. Und seine Liebe kannte kein Pein-Bereiten. Walborgs Herz brannte vor Dankbarkeit. Sie lernte viel in diesen Sommertagen. Sie lernte die große Wahrheit von der Notwendigkeit der Freude. Nicht nur ein bedenklicher Luxus war sie ihr nun. Nein, o nein – durch Schrecken und tödliche Schauer hatte sie mit starker Hand das rettende Kleinod ergriffen und brückte es triumphierend an die erlöste Brust.   Walborg trat aus der Bahnhofshalle. Ein Dienstmann sollte ihr den Koffer heimbringen. Warum denn einen Wagen nehmen an diesem feuchten, schattigen Abend, der so erquickend war, nachdem der Mittag das ersehnte Gewitter gebracht hatte. Sie fühlte sich nicht ermüdet von der kurzen Reise, im Gegenteil: sie sehnte sich danach, ihre Glieder zu bewegen. Mit einem gütigen Lächeln blickte sie auf die Spaziergänger, die durch die Straßen strömten, auf die Bürgermädchen mit den bunten Hüten und den hellen Kleidern, die am Arme ihrer Liebsten still-befriedigt oder lebhaft-kokett umherwandelten. Walborg erinnerte sich, wie die Menschen sie gereizt und geärgert hatten, als sie vor zehn Tagen die Stadt verließ. Jetzt konnte sie sich mit humoristischer Fröhlichkeit an dem alltäglichen, ein wenig albernen Glück ihrer Mitmenschen ergötzen. Sie war nicht mehr getrennt von ihnen durch einen alten, starren, fürchterlichen Schmerz – sie war den kleinen Mädchen mit den lächerlichen Hüten und den hellen Kleidern ordentlich gut. Denn sie fühlte etwas Gemeinsames mit ihnen. Und die auf dem Pflaster spielenden Kinder hätte sie bei den Händen fassen und mit ihnen Ringelreihen tanzen mögen. Sie beschleunigte ihren Schritt – hatte sie nicht ihren eignen kleinen Jungen fast vergessen in dem Genesungsrausch nach langer Todesqual ...   Ihr Heim empfing sie mit Lichtern, Kränzen und Blumen. Und Erni stürzte ihr mit einem hellen Jubelschrei entgegen, sprang ihr jauchzend, schreiend vor Entzücken an den Hals. Sie hielt ihn, küßte ihn, drehte ihn im Kreise umher, wirbelte mit ihm in den Salon hinein, und atemlos, lachend fielen sie in einem zärtlichen Knäuel auf die Chaiselongue nieder. »Gnädige Frau sind aber munter«, sagte die alte Dienerin erstaunt. Später saß Erni ihr auf dem Schoß, der dünne, schmächtige Junge mit dem feinen, spitzen Gesichtchen, streichelte ihr die Wangen und betrachtete sie eingehend. »Mama – du bist so anders«, sagte er nachdenklich. »Dummes Bübchen, wieso denn?« »Ja – ich weiß nicht – du bist so anders ...« Walborg wurde rot. »Ach, was du redest.« »Du gehst so leicht, und deine Kleider wiegen sich, wenn du gehst. Du bist so lieb, so lustig ... Ach – Mamachen – du gefällst mir so gut!« Walborg lächelte resigniert. Ihre Augen hatten einen tiefen, feuchten Schimmer, ihre Brauen zogen sich im Leiden zusammen. – Zu denken, daß sie den sogenannten ewigen Moralgesetzen nach in diesem Augenblick hätte Reue empfinden müssen ... Was galt Reue gegen den totenstillen Gram der Erkenntnis, der unter ihrer Freude lag? * Sie drückte das Köpfchen ihres Kindes an ihre Brust, daß es ihr nicht mehr ins Gesicht zu sehen vermochte, und liebkoste sein Haar mit zarter, leichter Hand. »Du Erni – jetzt laufen wir viel spazieren, was? Und legen uns ins Gras und erzählen uns Geschichten ...« »Ach ja!« schrie der Junge begeistert. »Bist du nicht mehr immer so müde. Mamachen?« »Nein, ich bin nicht mehr müde.« »Mamachen –« »Was denn, mein Junge?« »Es ist auch ein Brief gekommen ...« »Ja,« fragte Walborg zerstreut, »von wem denn?« Der Knabe zögerte mit der Antwort. Er schmiegte sich an seine Mutter. Geheimnisvoll flüsterte er ihr ins Ohr: »Ich glaube, er ist von Papa.« Walborg ließ ihren Sohn los. Sie wurde kalt und blaß vor Schrecken. »Du irrst dich wohl, Kind«, antwortete sie still. Was sollte er ihr schreiben? Erni brachte den Brief herbei. »Sieh mal, das ist doch Papas Handschrift.« »Ja – du hast recht.« »Kommt er denn wieder?« fragte das Kind gespannt. »Lies doch schnell!« »Erni, sei verständig,« sagte Walborg scharf, »Papa fragt jedenfalls nach Dingen, die dich nichts angehen. Und wiederkommen tut er nicht.« Sie steckte den Brief in die Tasche. Der Kleine sah enttäuscht drein. Sie erhob sich und schickte das Kind hinaus. Was wollte er? – Was konnte er noch von ihr wollen? Nachdem er sich zwei Jahre lang nicht um sie gekümmert ... Gerade heut –? Sie riß das Kuvert auf und las. Ihre Brust spannte sich unter einem tiefen Atemzuge, ihre Nasenflügel bebten, ihre Wangen brannten. Mit einem innern Jauchzen der Verachtung warf sie das Schreiben auf den Tisch. Er meldete ihr seinen Besuch in einer geschäftlichen Angelegenheit, fragte dringend und demütig, ob sie ihn empfangen würde. Ja – sie wollte ihn schon empfangen ... Und sie durfte ihm zeigen, daß seine Macht über sie gebrechen war ... Er kam wieder, nun er sie für immer verloren hatte ... Wie sie das genießen würde!   Sie hatte Friedrich nach seinem Wunsch ihre zusagende Antwort telegraphiert. Schwere, wirre Träume peinigten sie die ganze Nacht hindurch. Was in aller Welt konnte er von ihr wollen, fragte sie sich zornig in jeder Viertelstunde. Es war ganz seine Art – sie so unnötig zu quälen. Und das Wiedersehen würde Erni aufregen. Der Junge würde dann eine lange Weile immerfort von seinem Vater sprechen, und davor fürchtete sie sich. Sie mußte ihn entfernen – aber Friedrich würde jedenfalls seinen Sohn sehen wollen. Sie kam zu keinem Entschluß. Abends ging sie noch eine halbe Stunde an die Luft. Die Sache erregte sie doch ein wenig, sagte sie sich – aber das war natürlich – ganz natürlich. Als sie heimkam, gegen halb neun, öffnete die alte Dienerin ihr mit etwas verstörtem Gesicht die Tür. »Der Herr ist drin. Gerade seit ein paar Minuten ist er da. Ich traute mich doch nicht, ihn abzuweisen.« »Ich erwartete seinen Besuch – aber erst morgen«, antwortete Walborg kühl. »Und Erni?« »Schläft schon. Ich habe ihm gesagt, er sollte bloß den Jungen nicht wecken.« »Das ist gut, Auguste.« Walborg nahm Hut und Mäntelchen ab, trat vor den Spiegel und ordnete das Gelock über der Stirn. Mochte er warten. Es war doch wundervoll angenehm, keine Angst mehr zu fühlen vor seiner bösen, ungeduldigen Laune. Sie lächelte spöttisch in sich hinein. In ihrem Salon schaute sie suchend umher, erstaunt, Friedrich nicht zu erblicken. Die nur angelehnte Tür ihres Schlafzimmers öffnete sich. Den Kopf mit dem spitzen, blonden Bart ein wenig vorgestreckt, den weichen, braunen Hut in der Hand, trat Friedrich, auf den Zehen balancierend, heraus. So hatte sie ihn unzählige Male aus der Tür kommen sehen, wenn er abends noch ausging und das schlummernde Kind nicht stören wollte. »Er schläft ganz fest«, sagte der Mann leise mit gerührtem Lächeln. »Wie groß er geworden ist – gar kein kleines Kind mehr – schon ein richtiger Junge.« Sie nickte mit dem Kopf, ohne ein Wort der Begrüßung finden zu können. »Ich muß mich entschuldigen, hier eingedrungen zu sein während deiner Abwesenheit«, begann er befangen und kühler im Ton. »Aber ich ...ich konnte die Zeit nicht erwarten. Das war doch begreiflich.« Sie blickte ihn an und bemerkte, daß er den Bart kürzer trug als früher. Beinahe hätte sie eine Äußerung darüber gemacht, als ihr einfiel, daß es sie gar nichts mehr anging, daß es ein fremder Mann sei, der dort aus ihrem Schlafzimmer und von ihrem Kinde kam. Ein fremder Mann? Wie ähnlich Erni ihm war. Ganz derselbe Blick, mit dem er sie anschaute, mitleidig, freundlich und bittend. Wie erwachsen der Blick bei dem Kinde, wie kindlich er bei dem Manne wirkte. Und immer hatte Friedrich sie so angeschaut, wenn er etwas von ihr verlangte, was ihr furchtbar erschien ... »Du bist gewiß erstaunt, mich hier zu sehen«, begann er wieder verlegen. »Ja – was wünschest du von mir?« fragte sie kalt. Der Ton klang viel herber und feindseliger, als sie beabsichtigt hatte. Denn sie war ja doch auch von dem Haß gegen ihn befreit. »Willst du dich nicht setzen?« fügte sie freundlicher hinzu. Er nahm einen Stuhl und legte den Hut neben sich auf einen Tisch. Sie stand noch eine Sekunde, wollte zum Sofa gehen, um ihm ferne zu sein, und setzte sich plötzlich auf ein Fauteuil, weil die Knie ihr einknickten und es ihr schwindlig wurde. »Ja – da ist man nun wieder in den alten Räumen ... Wunderlich, – wunderlich ...« Sie hob überrascht den Kopf. Ihr war, als erwache sie aus einem tiefen Schlaf, der ihr Bewußtsein noch halb umnebelte. Es war doch natürlich, daß er hier saß – zum Erstaunen war es nur gewesen, daß er gegangen und so lange fern geblieben. »Ich komme nämlich, um eine Angelegenheit mit dir zu erledigen, die uns beiden gleich sehr am Herzen liegen muß«, begann er in seiner etwas pedantischen Weise, und dann lachte er unbehaglich. »Wir sind am Ende doch verständige Menschen. Nun alle die unangenehmen Geschichten so lange hinter uns liegen, können wir ja auch wieder ganz gute Freunde werden.« »Gewiß«, sagte sie höflich, weil sie sich aufs neue zu der Empfindung durchrang, daß sie von der Liebe und dem Haß zu ihm ja befreit sei. »Soll ich nicht die Lampe ...« »Ach nein – es bleibt ja jetzt so lange hell.« »Ich würde dir eine Zigarre ..., aber ich habe keine im Haus ...« »Es macht nichts. Ich kann mich nur kurz aufhalten. Und ich rauche auch fast gar nicht mehr.« Dies berichtete er ihr ganz in seinem alten vertraulichen Ton, dem Ton, der sie immer wieder in die Täuschung eingewiegt hatte, er liebe sie doch noch, ohne es selbst zu wissen. Jetzt tat es ihr plötzlich weh, daß irgendein anderer Einfluß erreicht, was sie so oft und vergebens versucht hatte: ihm das unmäßige Rauchen abzugewöhnen. »Du siehst übrigens gut aus«, bemerkte er. »Ganz frisch und verjüngt!« »Du auch, Friedrich.« »Es ist mir lieb, wenn du das findest«, rief er lebhaft. »Warum sollte es mich nicht freuen?« fragte sie heiter. »Ja – es gibt nichts Besseres, als auseinander zu gehen, wenn man seiner gegenseitig überdrüssig geworden ist.« Und er streckte sich behaglich in seinem Stuhl. »Da hast du wohl recht«, antwortete sie träumend. »Siehst du? Ich wußte ja, daß du schließlich auch zu der Erkenntnis kommen mußtest. Du bist doch im Grunde eine gescheute und großdenkende Frau, wenn nur das unglückselige weibliche Gemüt dir keine Streiche spielt.« Sie dachte, während er sprach, sie müsse ihn einmal genau betrachten. Neugierig fragte sie sich, wie er ihr wohl erscheinen würde, nun er ihr nicht mehr als ein Feind, sondern als ein gleichgültiger Mensch gegenübersaß. – Sie sah die gekrümmte rote Narbe an seinem linken Auge, die sie so oft im Scherz geküßt hatte. Und die eingedrückten Schläfen, die Furche, die auf dem schmalen, nervösen, geistreichen Männergesicht von der Nase bis zum Munde herunterlief, die seinen, witternden Nüstern, der spitze, blonde Bart um das vorgestreckte Kinn, der sich beim Sprechen ein wenig auf und nieder bewegte. »Man kommt schließlich auch dahin, das weibliche Gemüt zu überwinden«, sagte sie und wußte dabei, daß sie irgend etwas ganz anderes hatte sagen wollen. Aber es freute ihn augenscheinlich, daß sie gerade dies aussprach. Er beugte sich zu ihr und antwortete herzlich: »So ist's recht. Dann werden wir uns schnell verstehen.« Sie sprach nicht, sondern blickte in Gedanken versunken vor sich nieder. »Ja – ja ...« Eine Pause. »Es geht mir gut, Walborg. Denk' nur, ich habe die Absicht, mich wieder zu verheiraten ... –Ja – ja ... so ist das Leben …« – * »Ich habe nun eine Bitte an dich. Fahre nicht gleich auf und schrei' nicht nein, sondern höre mich ruhig an ... Sie schrie ja gar nicht. Sie saß ganz still. Sie hätte nicht einen Finger rühren können vor Schrecken. * Verheiraten ...? Er wollte sich verheiraten ... Nicht eine Geliebte – eine Ehefrau ... Ihr Mann – Ja freilich – sie waren geschieden – das hatte sie vergessen. Und sie ... Jetzt fiel ihr alles wieder ein ... Und doch, doch so eine fürchterliche Enttäuschung? Hatte sie denn trotz allem, was geschehen war, immer noch die wahnsinnige Hoffnung festgehalten, Friedrich könne zu ihr zurückkehren? Hatte sie es nicht im verborgenen Grunde ihres Gefühls vor einer Stunde noch gehofft? – Das war ja grauenhaft ... Nein – nein – es konnte ihr vollständig gleichgültig sein, daß Friedrich sich wieder verheiraten wollte. Im Gegenteil, sie mußte es freudig begrüßen. Sie war um so freier. Es war ja nun wirklich alles aus zwischen ihnen beiden ... Ihr äußeres Ohr hörte dabei immer, was Friedrich weitersprach. »Also das Mädchen ist wirklich ein reizendes Geschöpf. Voll Humor und Lustigkeit. Gerade was ich brauche. Das glücklichste Gegengewicht. Diese unverwüstliche gute Laune! – Weißt du, Walborg – mir ist in letzter Zeit ganz klar geworden, was uns getrennt hat. Wir machten beide fortwährend zuviel Ansprüche aneinander. Das hält auf die Dauer kein Mensch aus. Das erbittert und geht einem auf die Nerven. Ich habe da auch manches Unrecht an dir begangen. Aus der Entfernung lernt man gerechter urteilen. Ich verlangte ein Wesen von dir, das dir die Natur doch nun einmal nicht gegeben hat.« »Vielleicht wenn ich glücklicher gewesen wäre«, sagte sie mit großer Selbstüberwindung. »Es waren doch Fähigkeiten zur Lebensfreude da. Ich fühlte nur vom ersten Tage an, daß irgend etwas in mir dich irritierte. Schon in der Brautzeit. Und das machte mich unsicher ...« »Das hätte eine andere Frau eben den Mann nicht merken lassen«, belehrte er sie überlegen. »Ich bin gar nicht so schwer zu behandeln, und auch im Grunde nicht schwer zu gewinnen. Man muß es nur auf die rechte Weise anfangen. Du warst nie harmlos unbefangen – nie ...« Walborg blieb stumm. Sie lauschte dumpf gespannt, mit kaltem, starrem Entsetzen nach innen: Wie ein Gefühl, das sie abgestorben glaubte, sich wieder meldete. Während er redete, kam und ging es ruckweise, dann als beginne er behutsam ein Messer in ihre Brust zu bohren, anfangs nur ein taubes, wehes Empfinden ... und plötzlich der rasende Schmerz – – Er lachte mit einemmal laut und ärgerlich. »Warum reden wir nur über die alten abgetanen Geschichten. Kaum bin ich mit dir zusammen, fängt's schon wieder an!« Er sprang auf und ging im Zimmer umher. Bei seinem Wandern nahm er eine Vase vom Schreibtisch und betrachtete sie. »Schade – gekittet. War so ein hübsches Ding! Man sollte Sachen, die zerbrochen sind, wegtun.« Walborg dachte an den Morgen, als er sie zur Überraschung auf den Frühstückstisch gestellt hatte – die ganze Stube war voll Sonnenschein gewesen – und er so lieb –. Die Erinnerung an einen der wenigen warmglücklichen Tage in ihrem Verhältnis – und sie hätte sie wegtun sollen ... »Erni hat sie an die Erde geworfen«, murmelte sie entschuldigend. »Er weinte so, daß ich ihn nicht strafen konnte ...« Friedrich schüttelte den Kopf und stellte das Glasgefäß gleichgültig beiseite. »Ist er immer noch so zart und empfindsam? Erni meine ich?« »Ja, sehr.« »Er hat doch eine trübe Kindheit – der arme, kleine Mensch.« »Ich kann's nicht ändern«, antwortete sie hart. »Ich weiß – ich weiß«, sagte er traurig und sehr sanft. »Ich mache dir keinen Vorwurf. Aber er ist doch auch mein Sohn, und sein Wohl liegt mir am Herzen.« Ihre Lippen öffneten sich und schlossen sich wieder. »Überhaupt fehlt mir der Junge grausam«, rief er ungeduldig. »Eigentlich könntest du ihn mir für eine Weile mitgeben. Die Eltern meiner Braut – ja – wir sind einig ... es ist nur noch nicht veröffentlicht. Sie möchte den Jungen gern erst kennen lernen. Ja – also – sie hat mir selbst den Vorschlag gemacht. Sie haben da so ein Häuschen gekauft – sehr nett, im Grünen – unter uns gesagt: sie wollen es uns später überlassen, ich freue mich sehr darauf ... – Ich habe ihr viel von Erni erzählt, sie ist ein so gutes Herz, hat ihn schon lieb. Sie wird reizend mit ihm sein. Wir bummeln im Wald – sie erzählt ihm Geschichten, das kann sie so hübsch. Ich sage das nur, um dir ein Bild zu geben. Der Junge muß durchaus einmal in eine heitere, vergnügte Umgebung. – Es ist ja ein großes Verlangen und fordert Selbstüberwindung von dir. Darüber bin ich mir ganz klar. Ich möchte dich nur überzeugen ...« »Daß er bei dir besser aufgehoben ist als bei mir.« »Wie hämisch nun wieder.« »Ich wollte nicht hämisch sein.« »Nun dann nicht. Verzeih.« Ein mattes, blödes Lächeln zog ihren Mund schief, daß er anzusehen war wie der Mund einer sehr alten, häßlichen, boshaften Frau. »Siehst du, liebe Walborg,« sagte der Mann ernst, »so ein Gesicht sollte der Junge nicht zu sehen bekommen. Das ist ihm nicht gut. Er verkümmert einfach in dieser giftigen Atmosphäre.« Sie schlug ihm nicht mit der Faust ins Gesicht – sie wies ihm nicht die Tür ... Sie fühlte nur, wie seine Stimme mit uralter, bekannter Melodie den tödlichen Zauber wieder übte – wie er durch seine Gegenwart, durch seine Person ihre ganze Kraft betäubte. Willenlos saß sie vor ihm und hielt ihm ihre zitternde Seele entgegen, daß er sie marterte, so viel er begehrte. Er blieb neben ihr stehen, legte seine Hand auf die ihre und blickte sie mit seinen eindringlichen, blauen Augen verlangend an. »– Schickst du mir den Jungen morgen früh an die Bahn? Es ist, wie gesagt, nur ein Versuch.« »Ein Versuch?« lallte sie mit schwerer Zunge und starren Lippen, »du willst ihn behalten.« »Ich denke nicht daran, dir das Kind fortzunehmen. Nun – nun – das wird sich ja finden. Jedenfalls kannst du ihn immer sehen, wenn du magst.« »Nein – ich gebe ihn nicht her«, wollte sie schreien, aber sie konnte nicht, denn sie mußte ihre ganze Lebenskraft aufwenden, um nicht in ein wildes Weinen auszubrechen. »Jetzt soll der Junge sich ja nur ein wenig zerstreuen ... Lebe wohl, Walborg. Ich hole ihn mir lieber selbst, morgen, nicht wahr? – – Antworte mir doch nur ein Wort?« Sie nickte geistesabwesend mit dem Kopfe, wie ein Mensch auf der Folterbank auch das Unglaublichste zugibt. »Dank dir, Walborg. Es ist mir ein rechter Trost, dich so beruhigt und vernünftig gefunden zu haben.« Der Mann nahm eilig seinen Hut, während er einen mitleidigen Blick über die Frau warf. Er sah, wie etwas in den Zügen ihres Gesichts wühlte, das ihn erinnerte und erschreckte – dem er zu entfliehen wünschte. Er wollte ihr die Hand reichen, sie riß die ihre jäh zurück. Friedrich zuckte ein wenig die Achseln und ging schnell hinaus. Walborg fiel schlaff in sich zusammen und starrte in die nächtliche Dämmerung, die grau und fahl das Zimmer zu füllen begann. – – Es war umsonst gewesen – alles umsonst. Sie war nicht vor ihm gerettet – sie mußte die Qual weiter tragen, ihr Leben lang. – Graue Stunden Es hatte den ganzen Tag geregnet. Helene trat ans Fenster und blickte hinaus. Noch immer rann die graue Flut vom Himmel nieder. Noch immer das leise Picken der Tropfen an den Fensterscheiben. Noch immer das eintönige Rieseln und Rauschen. Noch immer das Stöhnen des Windes im Ofenrohr. Helene hatte genäht und dann einen kurzen Brief geschrieben. Nun war es sechs Uhr, und die Dämmerung kam schon geschlichen. Wie Nebel auf der See die stillgleitenden Schiffe einhüllt, sank Traurigkeit über die Frau. Eine trübe Melancholie – von den schmutzigen, naßglänzenden Straßen, von den kahlen, triefenden Baumzweigen, die sich vor ihren Augen wie in Schmerzen wanden, aus der schweren feuchten Luft schien sie durch die mit Dunst und Gerinnsel bedeckten Fensterscheiben zu ihr einzudringen. Helene seufzte ungeduldig. Sie hatte gehofft, der Regen werde aufhören, daß sie noch ein wenig ausgehen könne. Sie war ja nicht unbescheiden gewesen und hatte gleich auf Sonnenschein und blauen Himmel gerechnet. Nur ein wenig ausruhende Stille in der Natur. Es lag ihr so schwer auf der Brust ... Und jetzt rauschte es wieder heftiger, das feine Rieseln wurde ein hartes Klatschen, große Blasen tanzten auf den braunen Lachen über dem Pflaster. Ein Wagen fuhr vorüber. Sein Leder blinkte vor Nässe – wie häßlich bespritzt es war, – wie trübselig die Mähnen der Pferde niederhingen, – wie demütig in sein Schicksal ergeben der alte Droschkenkutscher mit dem Wachstuchhut, von dem kleine Bäche ihm in den Kragen liefen, sich in seinen großen Mantel hineinduckte. Ach Gott – so ein dummes, armes Leben – Tag und Nacht da auf seinem Bocke zu sitzen und nur zur Abwechselung den müden, lahmen Gaul durch die Straßen treiben ... Jämmerlich ... Helene wartete – wußte nicht, was sie wollte, und überlegte, warum sie sich durchaus in das abscheuliche Wetter hinauswagen müsse. Sie konnte ja auch daheimbleiben. Es wäre viel verständiger gewesen. Sie hatte nur so eine klägliche Sehnsucht nach Menschen ... Sie, die sonst stolz darauf war, die Einsamkeit zu lieben und sich selbst genug zu sein. Nur irgend eine Zerstreuung – ein törichtes Geschwätz, das ihr über die Stunden weghalf, in denen sie den Tag nicht mehr ertragen konnte. Es kam immer so über sie um diese Zeit. Ja, ja ... auch im goldensten Frühlingslicht – da eigentlich erst recht. Eine wunderliche Ungeduld ... Sehnsucht und Verzagen – Überdruß und Begehren – Langeweile oder Lebensfieber ... Sie wußte nicht. Gewöhnlich wartete sie nicht, bis das Gefühl ein Schmerz geworden, sondern rannte fort, sobald sie es nur von weitem kommen ahnte. Rannte? ... Natürlich rannte sie nicht, sondern ging still und gesittet, einen Besuch oder eine Besorgung zu machen. Aber eine Flucht war es doch. Zu wem könnte sie jetzt z. B. gehen? Zu der Professor Berthold? Guten Tee fand sie dort wenigstens. Auch Geschwätz. Wie der Gedanke daran sie degoutierte. Diese geistreichen Disputationen über »Fragen« –: über die Frauenfrage, die soziale Frage, die Ehefrage, die Übervölkerungsfrage ... Als überböte man sich, Leitern hinaufzuklettern, einer immer höher und kühner als der andere – aber die Leitern führten gar nirgends hin, sondern ragten nur so in die Luft hinein – – das war auch wert, sich darum eine Lungenentzündung zu holen! Allerdings – dann hätte ja alles auf einmal ein Ende. Warum fürchtete sie sich also davor? Ach – sie würde wahrscheinlich keine Lungenentzündung bekommen, sondern einen albernen Schnupfen, der sie nur noch ein wenig müder und mißvergnügter machen würde, als sie sich ohnehin schon fühlte. Ob Rudolf jetzt wohl eine ähnliche Stimmung zu leiden hatte? Der Gedanke machte sie lachen. In seinem Anwaltsbureau, mit dem schwierigen, verantwortungsvollen Prozeß im Kopf und auf dem Gewissen – der hatte gerade Zeit zu aussichtslosen Melancholien! Wie grundverschieden doch das innere Leben vom Manne und von der Frau bleibt – auch wenn sie noch so glücklich verheiratet sind. Helene ging in das Zimmer zurück, nahm den eben geschriebenen Brief, blickte zerstreut auf die Adresse und warf ihn mit einer gleichgiltigen Bewegung wieder auf den Tisch. – Auch eine Freundschaft, von der man sich einmal unendlich viel Schönes versprach – nun hatte man sich schon längst nichts mehr zu sagen. Es hatte keinen Sinn, sich überhaupt noch zu schreiben, sie nahm auch immer ihre kleinsten Briefbogen. Wie viel Überflüssiges man auf die Weise mit sich schleppte – Dinge, Verhältnisse, die einem anhingen, ohne daß man es doch wollte. – – Lag es an ihr, daß ihr alles Erleben so zerrann, wie Sand, der einem Kinde zwischen den Fingern hindurch läuft, weil es nicht gelernt hat, was Festhalten ist? Warum sollte sie festhalten, was ihr nicht wertvoll erschien? Warum das bißchen Kraft vergeuden, um gewaltsam abzuschütteln, was ja doch endlich von selbst sich löste? Hu – da schlug ein gewaltiger Schauer gegen die Glasscheiben. Wie das Wetter draußen plötzlich leidenschaftlich werden konnte: als bräche aus den Wolken ein zorniges Schluchzen hervor – und dann rannen die Tränen wieder gelassener in müder Wehmut eine lange Weile, bis der Wind und der Regen aufs neue lautere Klage begannen. Sonderbar – als fühle die Natur auch hin und wieder das Bedürfnis, alle Lebensfreudigkeit aufzugeben und sich einem haltlosen, geheimnisvollen Kummer zu überlassen. Helene träumte hinaus. Sie fröstelte. Ihre Hände wurden kalt. Und es erschien ihr mehr und mehr, sie habe ein Recht, eine zwingende Pflicht, traurig zu sein. Ja – und dabei hielt man sie für eine Frau, die auf der Höhe des Daseins stand. Eine glückliche Frau ... Sie glaubte das ja auch von sich selbst. Sie hielt Unglück nicht nur für einen Schicksalsschlag – es kam ihr blamabel vor, niedrig und gemein. Oft und oft hatte sie sich gesagt, daß sie auch die Kraft haben wollte, glücklich zu sein, wenn ihr Mann sein Vermögen verlor, wenn Krankheit und Not sie prüfen würden. Und sie begann ihrer Seele verständig zuzureden, wie man einem verdrossenen Kinde zuspricht. Sie erzählte sich von ihrem lieben, guten Mann, von ihren Sommerreisen, von Musik und Blumen und Bildern ... – Was hatte es nur auf sich mit dieser Traurigkeit, die im Hintergrunde von allem lauerte, mit diesem trostlosen Widerwillen gegen die ganze Welt? Vielleicht war es körperlich? Vielleicht ... Wenn es einen besonderen Grund hätte? Sie hielt den Atem an vor plötzlichem Schreck, vor jäher Freude. Aber – nein ... dann ... Unsinn! Es konnte ja nicht sein. Sie war ja kindisch. Wer weiß wie oft – als Kind schon, als junges Mädchen war sie so lebensmüde gewesen. Und das war es hauptsächlich – so offenbarte ihr jetzt plötzlich eine aus ihrem tiefsten Seelenleben emporquellende Stimme, – weshalb sie die Hoffnung hegte, durch die Liebe von diesem heimlichen Schmerz befreit zu werden. Alles andere kam erst in zweiter Linie. Sie fühlte deutlich, wie es wieder dieselbe Hoffnung war, aus der hervor sie sich so heftig ein Kind wünschte. Und ihr wurde klar, daß ihr dann nur eine neue, die letzte und ödeste Enttäuschung bevorstand: die Erfahrung, daß auch das Mutterglück sie nicht ausfüllen und befriedigen würde. Keine Rettung – keine auf dieser Erde. War es ein Wunder, daß die Menschen sich ein Jenseits schufen und in unbestimmten Träumen eines Kommenden sich trösteten? Oder sie erkünstelten sich seltsame Freuden: legten Briefmarkensammlungen an oder schrieben Dramen, lernten Radfahren, machten Bergtouren, – oder sie arbeiteten fieberhaft für irgend etwas, von dem sie doch selbst wußten, daß es nicht viel Zweck hatte. Und wieder andere legten Feuer an die Häuser ihrer Nachbarn – wenn sie zufällig die Macht besaßen, verwüsteten sie auch die Welt durch Kriege und Schlachten ... – und die Frau ihr gegenüber im ersten Stock räumte unaufhörlich ihre Möbel um und schalt mit ihrem Dienstmädchen. Es war im Grunde alles ein und dasselbe: ein fortwährendes Fliehen, ein ängstlicher, banger Kampf gegen das Eine – Unaussprechliche – Unbegreifliche, das allen Menschen auflauerte, und von dem doch niemand wußte, was es war, woher es kam und wohin es trieb. Und endlich überwältigt es uns doch – alle – alle ... Oder sind wir es, die da siegen? Wer will das sagen. Ist der Tod ein Sieg oder ein Unterliegen ...? Helene schloß die Augen und versuchte sich das Verschwimmen und Vergehen jeder Empfindung vorzustellen – die große Stille. Langsam und schwer rannen ihr die Tränen aus den geschlossenen Wimpern, glitten an ihren Wangen nieder und tropften lautlos auf ihr Kleid. Der Regen rann über die Scheiben, als pochten Geisterfinger eintönig gegen das trübe Glas. Der Wind stöhnte, wie er über die Stadt und die weiten Felder fuhr. Und ihre Seele seufzte in einer verborgenen, tonlosen, eingeschlossenen Welt. * O, wie allein – wie allein sie war ... Nur einen Menschen! Einen Menschen zum Liebhaben! Wenn Rudolf jetzt nur kommen wollte – sie in die Arme nehmen, in unendlichem Verstehen ... – – Und käme er wirklich – was konnte er ihr helfen? Sie blieb ja doch allein – und er blieb auch allein. Immer war da ein Rest, in dem sie sich nicht verstanden – ein weites Gebiet, zu dem er den Eintritt nicht fand. Und oft war es ihr, als spiele sich hier ihr ganzes, wahres, eigentliches Leben ab. Liebesstunden ... Ein Aneinanderpressen von Herz an Herz, von Mund an Mund – ein wildes schmerzliches Versuchen, eins zu werden ... Und dann alles wieder wie vorher. Und keines wußte, wie das andere dachte – fühlte – empfand – wie es tief, tief in ihm aussah. Man redete miteinander. Man schonte sich nur. So fremd – so fremd ... zum wahnsinnig werden fremd. – Darum war Ehe so etwas Aufreibendes: ein fruchtloser Versuch, das Unerreichbare zu greifen, das Unmögliche zu verwirklichen. Sonderbar, daß es Zeiten gab, wo sie trotzdem ganz fröhlich war. Aber dann regnete es auch nicht so unaufhörlich. Es half nichts. Sie wollte ankämpfen. Und so holte sie ihren Mantel, ihren Hut, zog ihre Gummischuhe an und beschloß zu Walborg zu gehen. Das war ein erlösender Einfall. Warum war er ihr nicht schon früher gekommen? Walborg – die war eine von den Vorsichtigen. Die wußte, was es mit den Tücken und Bosheiten des Schicksals auf sich hatte, die glaubte nicht mehr an Freundschaft – beteuerte keinem, daß sie ihn brauche. Sie verlangte auch von niemand, daß er glücklich sein sollte, wenn er keine Lust dazu hatte. Das war so angenehm. Sie war so gelassen. Mit ihren ruhigen Händen würde sie ihr den nassen Mantel abnehmen. Und die Lampe würde schon brennen. Und sie saßen auf dem kleinen Sofa und redeten leise mit einander: wie wunderlich doch alles sei und wie närrisch die Menschen, wie verworren und nutzlos ihr Tun. Und Helene dachte daran, wie Walborg den Ausspruch ihrer alten Waschfrau über das Leben zu zitieren pflegte: »so alles in allem kann die Geschichte mich nicht gefallen« – ein Ausspruch, über den sie einmal sehr gelacht hatten und der stets etwas Erheiterndes für sie behielt, weil er alles, wofür sie die feinsten und delikatesten Worte suchten, so kurz und bündig zusammenfaßte. Helene stellte sich das deutlich vor, während sie durch die Straßen schritt, um sich Mut zu machen. Die Luft wehte ihr frisch über die Wangen, und der Kampf, den sie mit dem Sturm um ihren Schirm zu führen hatte, belustigte sie. Als sie ihr Ziel erreicht hatte und die Treppe hinaufstieg, fiel ihr plötzlich auf, daß die Stufen noch unbeleuchtet waren. Wenn Walborg nicht zu Haus wäre? Nein – daran mochte sie gar nicht denken. Sie verlangte so sehr nach ihr. Helene drückte mit erwartungsvoll klopfendem Herzen an der Klingel. Sie war zitternd gespannt und lauschte auf den ihr so wohlbekannten Schritt. Nichts ... Alles blieb still. Sie drückte noch einmal. Trostlos blickte sie einige Augenblicke die Treppe hinab und klingelte dann ganz hoffnungslos zum drittenmal. Mit schmerzzuckenden Lippen ging sie, und unterwegs auf der dunklen Straße, unter dem schützenden Schirm, brach sie in Weinen aus. Das tat ihr gut. Ihre Brust bebte in kindlichem, heftigem Schluchzen. Ihre Tränen strömten in reichlicher Flut, wie der Regen, mit dem sie sich mischten. Sie dachte nicht mehr an das öde, widerwärtige Wetter. Sie verfolgte ihren Schmerz nicht mehr bis zu seiner Wurzel und von dort wieder zu allen Ausstrahlungen hinaus. Fühlte sie überhaupt noch Schmerz? Sie weinte nur – anfangs stürmisch, dann gelinde, friedlich – beruhigt. Als sie auf einem weiten Umweg wieder nach Hause kam, trocknete sie sich mit ihrem Tuch die letzten Tropfen von dem feuchten Antlitz, indem sie zu den Fenstern ihrer Wohnung emporsah. Jetzt schimmerte hinter ihnen ein rötlicher Lampenschein. Er verbreitere nicht viel Helle in der Finsternis rings umher. Ein bescheidenes engumgrenztes Licht ging von ihm aus. Und doch empfand Helene Vergnügen, als sie ihn erblickte. Es war ein Zeichen, daß Rudolf sie erwartete. »Du, Frau,« sagte er, als sie zu ihm trat, »ich habe prachtvolles Material! Jetzt keinen Zweifel mehr – mein Klient ist unschuldig. Das war ein Laufen und Umherjagen bei dem Hundewetter ... Aber so Schritt für Schritt zu sehen, wie man sein Ziel erreicht – das macht doch Freude!« – Sie interessierte sich nicht sehr für den Mann, den Rudolf verteidigte. Gott mochte wissen, ob diese viele Mühe nicht verschwendet war. Sie lächelte dennoch und setzte sich auf die Armlehne seines Stuhles und ließ sich erzählen. Lauter Dinge und Verhältnisse, die ihr fremd waren, die sie nicht recht verstand. Und dazwischen bereitete sie ihm Tee, und er fütterte sie mit kleinen Fischen, die er mitgebracht hatte, weil er wußte, daß sie eine Schwäche dafür besaß. Und sie fühlte seine Freude, die er mit ihr teilen wollte. Und sie empfand die Lebensgemeinschaft, die sie beide verband. Und es war, als rettete sie sich aus tiefen, dunklen Wassern auf eine kleine, grüne Insel. Und draußen rauschte der Regen. Und draußen stöhnte der Wind. Clementine Holm Frau Clementine Holm wohnte in einem Hause, dessen rechte Seite das Freskogemälde eines Drachens mit blauem Kopf und gelbem Schweif zeigte, während sich links von der Eingangstür drei Mandarinenbäume und eine große Sonne mit einem Menschengesicht befanden. Frau Clementine war begeistert von diesen primitiven Malereien und hatte das Haus nur um ihretwillen gewählt, trotzdem seine Lage im Levantiner Viertel unbequem war und auch nicht für comme il faut galt. Sie hatte eine Neigung zum Ungewöhnlichen und gab der deutschen Kolonie in Alexandrien einige Jahre hindurch reichlichen Anlaß, sich mit ihr zu beschäftigen; bis sie dann stiller wurde und endlich ganz still. Nicht, daß sie aufregende und skandalöse Liebesabenteuer gehabt hätte, was ja bei einer noch ansehnlichen Witwe von üppigen Formen und mit schönen braunen Augen nicht unerhört gewesen wäre. Aber schon der Umstand, daß sie meist – in ihrem Hause immer – barfuß und in langen, weiten, wallenden Gewändern von leuchtenden Farben einherwandelte, erregte bei den deutschen Frauen, die eine solide, ehrbare Sitte unter dem fremden Mischvolk hoch zu halten wünschten, einigen Anstoß. Frau Holms lebhaftes Temperament suchte Betätigung und fand sie in der Barmherzigkeit und Nächstenliebe, die sie auf ihre eigene, etwas romantische und gewaltsame Weise betrieb. Sie weigerte sich standhaft, Mitglied des deutschen Nähvereins zu werden, weil sie befürchtete, der Schlag könne sie dort vor langer Weile rühren. Sie tat nichts für das Diakonissenhaus, dieses Lieblingskind der Kolonie, und ihr Name fehlte regelmäßig auf den Sammelbögen für die protestantische Kirche. Sie befand sich stets in Opposition zu dem, was offiziell vorgeschlagen wurde. Dagegen hatte sie eine ganze Reihe von Privatschützlingen, für die sie wirkte und schaffte. Bald stöberte sie irgend ein illegitimes Paar auf, das weder Glück noch Stern gehabt hatte und gerade am Verhungern war, als sie mit köstlichen Fleischgelees und Hühnerpasteten eigener Fabrikation anrückte. Bald war es die ganze kinderreiche Familie eines verkrachten Kaufmannes, für die gesorgt, genäht und gekocht werden mußte. Bald war es ein unsäglich talentvoller Musiker, den sie dem Schicksale entriß, in einem Kontor sein Brot verdienen zu müssen, indem sie ihn ohne Bedenken für ihren Ruf in ihr Haus aufnahm, mit ihm vierhändig spielte und ihm aus ihrer Chaiselongue-Decke von braunem Peluche einen Rock machen ließ, welchen der Unglückliche bei dem Konzert, das sie für ihn arrangierte, tragen mußte. Junge Leute, männlichen und weiblichen Geschlechts, die in der Hafenstadt nach irgend einer Existenz suchten, waren ihre bevorzugten Protegés. Ihnen eine Anstellung zu verschaffen war ihr eine wahre Lust. In den Geschäftsstuben der großen Handelshäuser, auf dem Konsulat, ja in den türkischen Ministerien, überall kannte man Frau Clementine Holm und empfand einen bangen Schrecken, wenn die umfangreiche Gestalt in ihren phantastischen Gewändern und großem, wogenden Hute erschien und sich zu energischen Vorschlägen breit und wuchtig in den ihr höflich gebotenen Sessel niederließ. So kam es, daß Frau Holms Haus immer von Persönlichkeiten bevölkert wurde, die nicht gerade zu den sicher gefestigten Stützen der Gesellschaft gehörten und dem Ton in ihrem Salon einige lärmende und freie Noten verliehen. Sie hatte ihre großen, weißgetünchten Räume in einem romantisch-orientalischen Stil herausgeputzt, der mehr auf deutschen Künstlermaskenbällen als im Orient selbst zu Hause ist. Mit besonderer Freude drapierte sie junge Mädchen, die bei ihr aus- und eingingen, stellesuchende Bonnen und Lehrerinnen, angehende Chansonetten-Sängerinnen und Novizen für das Ballett der Kairiner Oper in die wunderbaren Stoffe und Schmucksachen, welche sie in Menge besaß. Die jungen Damen, die allmählich von ihr zusammengeschleppt waren, mußten zu der Beleuchtung bunter Papierballons auf dem flachen Dache des Hauses phantastische Stellungen einnehmen oder auch Tänze ausführen, zu denen Frau Holm begleitende Gesänge dichtete und komponierte. Unten auf der Straße sammelte sich bei solchen Gelegenheiten eine Menge von Arabervolk, das lachend die »Fantasia« bewunderte und sich zuletzt kreischend und brüllend um die Reste des festlichen Imbisses prügelte, die Frau Holm ihm hinunterwarf. Es geschah nun wohl, daß eines oder das andere der Mitwirkenden, von so viel Publikum erschreckt, sich weigerte, ferner an den Kunstübungen teilzunehmen. Aber dann konnte Frau Clementine Holm sehr böse werden. Sie haßte »Kleinlichkeiten«. Entzog sie infolge solcher Zwistigkeiten einem Schützling plötzlich ihre Gunst, so ging dieser in der Stadt umher, hob die Schultern, machte eine wichtige, geheimnisreiche Miene und deutete an, daß die Dankbarkeit ihm zu reden verbiete, sonst ... Selbst Leute, welche die warmherzige, impulsive Frau hochhielten, verstanden es zuletzt nicht mehr, daß sie es nicht müde wurde, sich von undankbaren jungen Menschen zum Narren halten zu lassen. Es begannen Stimmen laut zu werden, die ihrer Güte gegen Jünglinge zwischen siebzehn und vierundzwanzig Jahren böse Gründe unterschoben. Frau Clementine Holm pflegte zuweilen weich und wehmütig zu sagen: Vielleicht hilft eine andere gute Seele dafür auch meinem Ottokar, wenn er in Not ist. Aber das rührte niemanden, denn man glaubte nicht recht an diesen Ottokar, von dessen Existenz die eigene Mutter, wenn man sie darnach ausforschte, nur einen höchst unbestimmten Begriff zu geben vermochte. In Wahrheit hatte er seit zehn Jahren nichts von sich hören lassen. Aber das sagte Frau Holm niemandem. Auch nicht, wie sehr ihr ganzes Tun und Lassen durch diesen schemenhaft gewordenen Sohn regiert wurde. Die kirchlich durchaus freidenkende Frau hegte den mystischen Glauben, daß sie auf eine ihr selbst unerklärliche Weise durch ihre Liebe in die Ferne wirken und das Schicksal ihres Ottokar durch ihr Handeln beeinflussen könne. Selbst von einer leidenschaftlichen Sehnsucht nach Schönheit, welche vielleicht in irgend einem schlummernden Talente ihren Grund hatte, beunruhigt, war es allmählich zur fixen Idee bei ihr geworden, daß ihr Junge seinen Pensionseltern in Deutschland entflohen war, weil das trübe Alltagsdasein eines Gymnasiasten seinem schwärmerischen Geiste unerträglich gewesen sei, daß er nun, ein Pilger auf den Pfaden der Romantik, die Erde durchstreife. Mit lebendiger Phantasie nährte sie diesen Traum: was die weite Welt ihm nicht geboten, solle er, wenn er endlich heimkehren würde, bei seiner Mutter finden. Darum ging ihr Sinnen und Trachten immerwährend darauf, ihr Haus zu einem Hort der Schönheit und der Heiterkeit zu gestalten. Der Ottokar, von dessen Männlichkeit, Intelligenz, Feinfühligkeit und Güte sie unaufhörlich sprach, ohne das mindeste davon zu wissen, wurde ihren jungen Mädchen, all diesen hübschen, auf schwankem Boden mühsam sich aufrechthaltenden Kindern als ein ferner wunderbarer Lockvogel zur Tugend gezeigt ... »Denn natürlich für meinen Ottokar kann ich nur eine tadellos anständige Frau brauchen – also merkt's euch!« Ein »himmlisches Geschöpf«, welches Frau Holm besonders ins Herz geschlossen hatte, weil ihre kecke Anmut sie entzückte, merkte sich's leider nicht. Sie hielt den Ottokar auch für eine Mythe und zog nach kurzer Zeit der Protektion von Frau Holm die eines reichen englischen Junggesellen vor. Frau Holm weinte bittere Tränen über die Verlorene. Dann meinte sie zu ihren anderen Gästen: Daß es ein reicher Mann ist, finde ich gemein. Ich hätte sie einem armen, schönen Künstlerjungen gegönnt. Auch dieses »Wort« fand seinen Weg in die Öffentlichkeit. Das Künstlerische stand nun aber in der Kolonie, die wie alle überseeischen Kolonien in ihren Familien ein arbeitsames und etwas nüchternes Element repräsentierte, nicht gerade in hohem Ansehen. Man rechnete es noch so ziemlich zum Vagabundentum. Hätte man nicht den verstorbenen Herrn Holm als einen tüchtigen und soliden Kaufmann gekannt, man hätte seine Witwe wohl ganz mit ihren Schützlingen identifiziert. Man zog sich mehr und mehr von ihr zurück. Zu seinen Lebzeiten hatte sie sich in ihrer Eigenart nicht so gehen lassen dürfen. Er hatte wohl auch den Jungen ihrem Einfluß entziehen wollen und ihn deshalb so früh nach Deutschland in Pension getan, meinten die Leute. Frau Holm sprach niemals über ihren Mann. Sie konnte es ihm nicht eine Stunde lang vergessen, daß es ihr mißlungen war, die Spur des entflohenen Sohnes wiederzufinden. Sie haßte sein Andenken, wie ein leidenschaftliches Weib nur hassen kann. An einem glühenden Chamsintage, den sie liegend zugebracht hatte, einen Turban von nassen Tüchern um den Kopf gewickelt, verfiel sie aus einem Zustand von nervöser Angst und Aufregung gegen Abend in eine sonderbare Apathie. Und endlich mußte sie wohl eingeschlummert sein und geträumt haben. Oder war es eine Halluzination? Sie ist sich selbst darüber niemals ganz klar geworden. Genug, sie sah ein Bild: In ihrem Salon, in dem sie lag, stand vor dem Klavier, wie vor einem Altar, ein junges Paar, bereit zur Trauung. Der Mann war hochgewachsen und besaß eine große Nase; das Gesicht des Mädchens konnte sie nicht unterscheiden, sie trug nicht das übliche weiße Brautkleid mit dem grünen Kranz, sondern Rosen im Haar und rosenrote Gewänder. Auch das Klavier war mit Rosen- und Geranien-Girlanden geschmückt, Kerzen brannten, ein Prediger im Talar schlug eine Bibel auf. Ein Gefühl von beinahe kindlicher Glückseligkeit durchströmte Frau Holms Herz. Sie blieb liegen, ohne sich zu rühren, um die Gewißheit länger zu genießen, daß sie ihren Sohn wiedersehen werde ... Wie es denn wohl Wirkungen in die Ferne gibt, mochte der Traum eine solche gewesen sein. Durch Vermittelung des Konsulats gelangte nach ungefähr einer Woche ein Brief in die Hände von Frau Holm, in dem ihr Sohn zum ersten Male seit seiner kindischen Flucht Nachricht von sich gab und ihr mitteilte, er hoffe, sie im nächsten Jahre besuchen zu können. Nachdem Frau Clementine aus dem ersten Freudenrausch wieder zu sich gekommen war, begann ein verdoppelt freudiges und geschäftiges Leben für sie. Wieder tauchte sie bei den einflußreichen Persönlichkeiten der Alexandriner Gesellschaft auf, wo sie zwar viel für andere, aber noch niemals etwas für sich erbeten hatte. Diesmal setzte sie ihnen mit ihrer naiven und eindringlichen Beredsamkeit auseinander, daß sie eine sehr einträgliche und ehrenvolle Stellung für ihren Sohn brauche, denn jeder Mensch müsse doch einsehen, daß sie ihren Ottokar, nachdem sie ihn zehn Jahre entbehrt, jetzt in ihrer Nähe zu haben wünsche. Noch einmal hielt sie ernste Umschau unter ihren jungen Mädchen und wählte zuletzt eine hübsche, bescheidene Gouvernante als Schwiegertochter. Einige Erfahrungen von Widerspenstigkeit hatten sie gewitzigt. Daß das arme Ding keinerlei Anverwandte besaß und in ihrer kläglich besoldeten Stelle bei ein paar verzogenen Griechenkindern ihr Leben vertrauerte, hatte ihre Wahl vielleicht ein wenig beeinflußt. Desto mehr würde Gretchen den Glücksfall, der sie traf, zu schätzen wissen. Und Gretchen ... wie dieser Name schon den Weltfahrer heimatlich und traulich anmuten mußte ... Frau Clementine vernachlässigte alle ihre anderen Schützlinge um dieses Zukunftskindes willen. Die Waldhexe konnte Hänsel und Gretel nicht mit größerer Sorgfalt füttern und mästen, als Frau Holm ihr zartes Gretchen. Denn »Männer lieben das Füllige«, sagte sie mit ruhiger Sicherheit. Vor allem mußte Gretchen die konventionelle Modetracht aufgeben, den schönen jungen Körper nicht mehr einschnüren und sich mit den Gewändern bekleiden, die Frau Holm ihr aus selbstgewählten Stoffen schnitt und nähte. Ihr glattes, seidiges, dunkles Haar, welches ihr bis über die Knie reichte, mußte sie aufgelöst herabwallen lassen, um den Kopf nur von einem silbernen Reifen zusammengehalten, und statt Stöckelschuhen trug sie Sandalen. So wurde Gretchen mit ihrer weichen, stimmungsvollen Haltung eine Erscheinung, die in den Kreisen englischer Ästheten Aufsehen erregt haben würde. Ein Londoner Maler von bedeutendem Ruf, der sich gerade in Ägypten aufhielt, lief ihr auch einmal, als sie mit ihren Zöglingen spazieren ging, straßenweit nach und belästigte sie mit der Beschwörung, ihm Modell zu stehen. Infolgedessen wurde ihr die Stellung in dem griechischen Hause gekündigt. Aber Frau Holm war selig. Die Anerkennung ihres Geschmacks durch den englischen Künstler war ihr ein hoher Triumph. Sie liebte von da ab die erwählte Schwiegertochter noch weit zärtlicher. Sie nahm Gretchen nun zu sich ins Haus, um durch keinen fremden Einfluß mehr ihren Erziehungsplan stören zu lassen. Sie las und musizierte mit ihr, sie gab ihr Gesangsunterricht, und Gretchen entwickelte eine Stimme, die so weich und friedlich klang, wie ihre ganze Person anmutete. Sie ließ geduldig alles mit sich vornehmen und sah mit einem so sanften, gelassenen Lächeln dem Unwahrscheinlichsten entgegen, daß sie ein wenig an jene griechischen Schönen erinnerte, denen ein göttlicher Gemahl in Gestalt einer Wolke oder eines Schwanes nahte, ohne daß sie sich besonders darüber verwunderten. In den heißen Sommernächten, wenn die Moskitos ihre leisen, bösen Summlieder sangen, hatte Frau Holm dagegen manchen inneren Kampf zu bestehen. Da bekam die Freude selbst ein verzerrtes Gesicht und legte ihr schwere, kalte Geisterhände auf die nach Atem ringende Brust. Wie würde Ottokar wiederkehren ...? So sicher, wie sie sich in Bezug auf ihn vor den Leuten zeigte, war sie denn doch nicht. Welche Art von Mensch war er geworden? Er schrieb ihr, daß er eine Stellung auf einer Plantage errungen habe, von der er leben könne. Aber was wollte denn das besagen? Was schließt das Wort »leben können« nicht für verschiedene Existenzen ein! Welche Erfahrungen mochten hinter ihm liegen, welche dunklen Wege mochte er gegangen sein! Und wie viel von dem Schmutz und Staub dieser Wege war nicht vielleicht auf seine Seele gefallen und haften geblieben? Ihm wollte sie das reine, gute Kind, das Gretchen, ohne Besinnen in die Arme legen ... War das nicht ein verruchter Leichtsinn oder noch Schlimmeres? Aber wenn sie so weit in ihren schweren Gedanken gekommen war, dann richtete sie sich auf ihrem Lager in die Höhe und blickte mit heißen Augen in die Nacht ... Ja gerade wenn es so war, wenn ihr Junge als ein zerbrochenes, unglückliches, krankes Geschöpf heimkehren würde, dürfte kein Mittel zu kostbar sein, um ihn der Freude, dem Leben, dem Glücke zurückzugewinnen. Und mit entzückter Grausamkeit opferte Frau Holm in ihren schlaflosen Nächten hundertmal das ahnungslose Mädchen auf dem Altar ihrer phantasievollen Mutterliebe. Je näher die Zeit kam, für die Ottokar seine Ankunft gemeldet hatte, desto leidenschaftlicher und schmerzensvoller wurde Frau Holms Sehnsucht. Die zehn Jahre hatte sie erduldet, die letzten zwei Monate vermochte sie fast nicht mehr zu ertragen. Lag sie nicht wach, in bangen Befürchtungen, so hatte sie quälende Träume, sah ihn in schrecklichen und jammervollen Lagen und konnte ihm nicht helfen. Dann erwachte sie mit lautem Schrei, rief Gretchen und fragte erregt, ob es nicht geläutet habe – sie meine, es stehe jemand an der Haustür. Hatte Gretchen dann durch die geschnitzten Läden geschaut und ihr versichert, nur der Türhüter schlafe draußen auf seinem Baumwollensack, so legte sie sich mit einem tiefen Seufzer wieder nieder. Zuweilen aber wurde die Angst so groß, daß die gewaltige Frau weinend und klagend umherlief und sich und Gretchen alle Gefahren ausmalte, die Ottokar noch auf der Reise treffen könnten. Das gute Kind ging dann stundenlang mit ihr auf und nieder in den Zimmern mit den bunten Draperien, wo Krokodil-Mumien und mit Schildkrot und Silber eingelegte Laternen von der Decke herabhingen. Hatte sie ihre mütterliche Freundin ins Bett zurückgeschmeichelt, so sang sie sie endlich, wie man es bei aufgeregten Kindern tut, mit sanfter, leiser Stimme in Schlaf. Zuletzt stellte sich starkes Fieber bei Frau Holm ein, und sie verfiel so sichtlich, daß Gretchen an Ottokar schreiben mußte, wenn er seine Mutter noch am Leben finden wolle, so möge er seine Reise beschleunigen. Ottokar dankte ihr in einem leidlich stilisierten Brief für ihre Liebe zu seiner Mutter und bat sie um ihr Bild. Das durfte sie ihm zwar nicht senden, denn Photographien, meinte Frau Holm, geben oft bedenklich falsche Begriffe von einer Persönlichkeit. Aber es war doch eine Verbindung zwischen ihnen hergestellt. Ottokar wußte von seiner Mutter Plänen für sein Glück. Gretchen hatte zwar den schüchternen Vorbehalt zu machen gewagt: sie wolle Ottokar erst sehen, ehe sie endgiltig ihr Jawort gebe. Über diese mädchenhafte kleine Schrulle ging Frau Holm mit kurzem, sicherem Triumphlachen hinweg. Endlich kam Ottokar. Merkwürdig, wie nüchtern meist solche Augenblicke, in denen sich die Sehnsucht und das Empfinden eines ganzen Lebens zusammendrängt, nach außen wirken. Der junge Holm küßte seine Mutter auf den Mund, und ihr war schwindlig und wirr im Kopfe. Sie sagte nur: »Mein Junge!« und begann zu weinen und streichelte seine Hände. Darauf führte sie ihn in ihren orientalischen Salon, wo Gretchen stand, mit aufgelösten Haaren und zwei blasse Rosen in dem silbernen Kopfreifen. Ottokar nahm die Vorbereitungen für das, was sie waren. Er warf einen schnellen, prüfenden Blick auf das Mädchen, das verlegen vor sich niederlächelte, ergriff energisch seine Hände, zog es zu sich, küßte es auf den Mund und sagte: »Das ist jetzt also meine Braut!« Dazu lachte er, mit einem tiefen behaglichen Lachen, und nickte seiner Mutter freundlich zu. Frau Holm war die schnelle und einfache Entwicklung der Dinge nicht ganz recht. Sie hatte an stummes Werben, vor allem an lange und innige Beratungen zwischen sich und ihrem Sohne gedacht. Und nun war ihr alles gewissermaßen über dem Kopfe weggenommen. Das kränkte sie ein wenig. Sie hätte es mädchenhafter von Gretchen gefunden, wenn diese fürs erste noch scheu vor Ottokar geflohen wäre. Aber Gretchen staunte glänzenden Auges den schlanken, großen, schönen Herrn an. Gott sie wäre ja schon dankbar gewesen, wenn er keinen Buckel und keine Trinkernase gehabt hätte. Und nun –! Die zartfarbige Kravatte mit der grauen Perle ... und die sicheren nonchalanten Bewegungen eines Mannes, der sich in der Welt umgesehen hat. Und dies verwirrende Lächeln in seinen Augen, um seine Mundwinkel, das irgendwie mit ein klein wenig Spott gemischt schien und welches sie nicht zu deuten wußte. Er beobachtete sie unausgesetzt, während er seiner Mutter Hand hielt und deren Fragen beantwortete. Das bescheidene Gretchen fühlte mit Entzücken, daß sie unvermerkt in diesem Kreise zur Hauptperson wurde. Es wirkte auf das Mädchen wie starker Wein. Ihr hübsches Gesichtchen war ganz in Rosenröte getaucht, sie lachte über Ottokars Scherze und erwiderte sie mit einer lustigen Schelmerei, die Frau Holm noch gar nicht an ihr kannte. Sie ließ sich nicht zwei Sekunden bitten, sondern setzte sich ans Klavier und sang ihre Lieder, die Frau Holm ihr mit unermüdlicher Geduld eingeprägt hatte, denn Gretchen war nicht besonders musikalisch. Der junge Mann trat zu ihr und wendete ihr die Noten um. Als sie das Lied zu Ende gesungen hatte, beugte er sich über sie und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie antwortete ebenso leise, und es entspann sich eine ernsthafte und eifrige Unterhaltung zwischen den beiden. Frau Holm saß in der anderen Ecke des Zimmers allein auf ihrem Divan. Es war nur eine kurze Zeit. Und sie hätte still für sich in der Freude schwelgen können, daß ihre Wünsche sich so über alles Hoffen und Erwarten zu erfüllen schienen. Aber statt der Freude überfiel sie eine unbegreifliche Traurigkeit, und sie kam sich so einsam und verlassen vor wie noch niemals in ihrem Leben. – – Als es zehn Uhr schlug, sagte sie zu ihrer Schwiegertochter: »Du siehst müde aus, Kind, geh' zu Bett.« Ihr Sohn wollte Einspruch erheben, aber es klang ein scharfer Ton in ihrer Stimme, als sie kurz antwortete: »Gretchen ist gewöhnt, um zehn Uhr ins Bett zu gehen.« Gretchen war gehorsam. Als sie das Zimmer verlassen hatte, fiel Frau Holm ihrem Sohne mit stürmischer Leidenschaft um den Hals und rief: »Du hattest ja keinen Blick mehr für mich, und ich habe gehungert in Sehnsucht nach dir, zehn Jahre lang ...« Der Schrei ging wie ein Messer durch Ottokars Herz. Aber es ist nicht angenehm, Messerstiche zu fühlen, deshalb suchte Ottokar seine Mutter zu beschwichtigen und sagte ruhig, indem er sie zum Divan führte: »Man muß doch gegen die von der Frau Mama erwählte zukünftige Gattin höflich sein ... – Aber sag' mal, Mütterchen, wo hast du eigentlich dies exzentrische Prinzeßchen aufgegabelt?« »Ach, exzentrisch – das gute Gretchen? Ich habe Mühe genug gehabt, ihre philisterhaften Anschauungen zu überwinden und sie aus dem alltäglichen Gänschen zu einer Frau heranzubilden, die meines Sohnes würdig ist.« »So – so! Du hast dies Erziehungswerk an ihr vollbracht«, sagte Ottokar nachdenklich, indem er sich eine Zigarre anzündete. »Nun – da brauchen wir ja noch nicht zu verzweifeln. Aber du bist ganz blaß geworden, Mütterchen, die Erregungen dieses Abends sind doch etwas zu viel für dich geworden, du mußt schlafen gehen.« »Wie kann ich schlafen,« sagte Frau Holm mit erstickter Stimme, »wenn ich sehe, daß meine Pläne für dich mißglückt sind, daß Gretchen dir nicht gefällt.« »Morgen ist noch ein Tag, an dem wir weiter über die Sache reden können«, antwortete Ottokar in einer bestimmten Weise, die für den Augenblick das Gespräch definitiv abschloß. – – Beim Frühstück am nächsten Morgen trug Gretchen die dunklen Zöpfe in einem Kranz um das Haupt gewunden, das lose Gewand war von einem weißen Schürzchen zusammengehalten. Ottokar klatschte in die Hände und rief: »Bravo! Das lasse ich mir schon eher gefallen.« »Fandest du sie nicht entzückend in dem Kleide, das sie gestern trug?« fragte seine Mutter verletzt. »Scheußlich!« antwortete Ottokar ruhig. »Ich wäre am liebsten gleich wieder abgereist.« »Ottokar!« »Wahrhaftig – ich bekam einen Todesschrecken und habe alle meine Selbstbeherrschung nötig gehabt, um dir den ersten Abend nicht zu verderben. Selten habe ich eine solche Herzenserleichterung gespürt als in dem Augenblick, wo du mir gestandest, daß Fräulein Gretchen sich nur auf deinen Wunsch so hergerichtet habe.« »Aber Ottokar!« rief Frau Clementine empört, »du willst doch nicht etwa, daß deine Frau sich kleiden soll wie ein Ladenmädchen.« »Nein, nicht wie ein Ladenmädchen, aber wie eine Dame.« »Und findest du, daß deine Mutter sich nicht kleidet wie eine Dame?« Er warf einen Blick über sie hin. »Ach, Mutter«, sagte er und seufzte. Er dachte an seine Kindheit, und wie die Jungen in der kleinen deutschen Stadt ihn gehöhnt und gefoppt hatten wegen seiner langen Locken und seiner blauen Samtpumphöschen. Und wie er die Samtkostüme verabscheut hatte und seine Mutter dazu ... Vielleicht war es einer der Gründe, um derentwillen er ihr in den zehn Jahren nicht geschrieben ... Das Herz hat heimliche Falten, wohin sich alte Kinderschmerzen verkriechen und lange leben bleiben. Jedenfalls war Ottokar jetzt ein Mann, der seinen Geschmack und seinen Willen ohne besondere Erregung durchsetzte. Er nahm einfach einen Wagen, fuhr mit seiner Braut in ein großes Ausstattungsgeschäft – eine Märchenprinzessin trat hinein, eine fein taillierte junge Pariser Mondaine trat heraus. Gretchens glückliches Gesicht bei dieser Metamorphose beruhigte ihn sehr und schmeichelte auch ein wenig seiner Eitelkeit. Frau Clementines Mienen waren nicht ganz so befriedigt als die des jungen Paares, während es sich vor ihr zeigte. »Siehst du, Mütterchen, so kommt Gretchens reizende Figur zur Geltung.« »Ihr schönes Haar soll niemand sehen als du, ihre Figur willst du zur Geltung bringen ... Das finde ich eine undelikate Auffassung«, sagte Frau Holm kalt. »Sie ist doch eine allgemeine«, sagte ihr Sohn freundlich beschwichtigend. »Wenn du dich nach der Allgemeinheit richtest ...« »Gewiß, sie hat meistens recht.« »So sagen alle alltäglichen Menschen.« »Ich will auch weiter nichts sein als ein alltäglicher Mensch.« »Wenn du nur das werden wolltest, hättest du nicht auf und davon und zur See zu gehen brauchen.« »Mutter, erinnere mich nicht an den wahnsinnigen Streich. Ich habe ihn so bitter gebüßt, daß ich dadurch von allen Extravaganzen gründlich geheilt bin. Aber du machst ein so ernsthaftes Gesicht – hättest du lieber gesehen, ich wäre als ein romantischer Vagabund zu dir zurückgekehrt?« Frau Holm schwieg und verließ das Zimmer. Dieser Sohn, an dem es so gar nichts zu beschützen, zu pflegen, zu beeinflussen gab, der so wohlgenährt, stattlich und in sich gefestet vor ihr stand, was sollte sie mit ihm anfangen? In ihr erhob sich ein rebellischer Trotz. Seit vielen Jahren war sie es gewöhnt, immer und überall die Gebende zu sein und die mit etwas Geräusch und Tätigkeit Gebende. Hier sollte sie nun mit einem Male still sitzen und nichts tun als lieben? Lieben – und sich mit den spärlichen Überresten begnügen, die von seinem Gefühle und von seinem Interesse für sie abbröckelten? ... Der Löwenanteil fiel ja Gretchen in den Schoß. Ihr, die ihn friedlich hinnahm, die nicht wie Frau Holm sich, seit man ihr das zehnjährige Kind vom Halse gerissen, in Sehnsucht verzehrte, in einer Sehnsucht, die schließlich wurde wie ein verschwiegener, heimlicher Wahnsinn. Ihre Seele schrie nach all den Küssen, den Zärtlichkeiten, der Liebe, die ihr vorenthalten worden war und die nun dieses junge Ding in Empfang nahm. Ja, sie hatte schenken, königlich spenden wollen. Aber sie hatte auch eine heiße und stürmische Hingebung von beiden Seiten dafür in Empfang nehmen wollen. Und nun ... Über diesem quälenden Schmerz wollte sie nicht bemerken, wie das arme Gretchen, welches Ottokar täglich versicherte, wie froh sie sei, nicht mehr zum Staunen der Leute herumgehen zu müssen, sich zugleich bemühte, ihrer Schwiegermutter zu beweisen, daß sie auch unter einem Pariser Korsett ihr dankbares Herz bewahrt habe. Frau Holm scheuchte die zarten töchterlichen Liebkosungen durch eisige Schweigsamkeit von sich. Und Gretchen weinte sich an Ottokars Brust aus über den Zwiespalt, in den ihr Gefühl geriet, und er tröstete sie, wie ein verständiger, nüchterner Mann tröstet, und das verband die beiden noch viel inniger. In Frau Clementine aber tobte und raste die Eifersucht. Sie wurde förmlich zu einer physischen Qual. Gretchens Gegenwart wurde der unglücklichen Frau unerträglich. Schon ihr Schritt, ihre Stimme regte sie auf, kränkte sie, erboste sie. Überraschte sie das junge Pärchen, wie es sich schnäbelte, oder bemerkte sie, wie Ottokar leise die Hand seiner Braut faßte, so kam eine blinde Wut des Hasses gegen das Mädchen über sie. Und sie vergiftete den beiden alle Tage und alle Stunden mit boshaften Reden, mit kaltem Schweigen, mit rotgeweinten Augen und einem schlaffen, matten Märtyrergesicht. Zwischen diesen Seelenerschütterungen aber förderte sie mit aller Energie ihren Plan, dem Sohn eine Lebensstellung in ihrer Nähe zu verschaffen. Gleich nach seiner Ankunft hatte sie ihm ihre Absichten und Hoffnungen mitgeteilt. Ottokar antwortete ihr zwar, er sei mit seiner jetzigen Anstellung im ganzen zufrieden. Aber wenn sie es wirklich erreiche, ihn als Administrator vizeköniglicher Besitzungen zu plazieren, so würde er sich das schon gefallen lassen. Denn seine Gesundheit würde am Ende ein Leben in den Tropen auf die Dauer nicht vertragen. Frau Holm veranstaltete nun zur Feier von ihres Sohnes Rückkehr ein großes Fest. Sie lud die alten Freunde ihres Gatten dazu ein, und eine Menge Leute, von denen sie glaubte, daß sie ihr zu ihrem Ziele verhelfen könnten. Die ganze Schar ihrer Protegés wurde aufgeboten, denn es sollte etwas ganz Originelles werden, mit Musik, Aufzügen, lebenden Bildern und Tänzen, so wie es die Alexandriner Gesellschaft noch niemals gesehen hatte. Die Vorbereitungen waren für Frau Holm dasselbe, was für einen Dichter die Proben zur Premiere seines Lebenswerkes sind. Sie strahlte vor Glück. Man hörte ihre tiefe, klangvolle Stimme durch alle Räume tönen, über allem Schwatzen und Lachen der jungen Welt, mit der sie umging wie mit Marionetten, die sie an Fäden lenkte. Für Ottokar hingegen gestalteten sich diese Vorbereitungstage nicht sehr gemütlich. Seine Braut entwischte ihm alle Augenblicke, um Spitzenrosetten an verzwickte Samtspenzer zu nähen, aus Fenster-Rouleaux griechische Gewänder herzustellen und Girlanden von Papierrosen über den Türen zu befestigen. Aber Frau Holm bemerkte in ihrem Eifer Ottokars Verstimmung gar nicht. Alles geschah ja doch für ihn! Sie lebte wieder in ihrem Traumlande, wo die Papierrosen zu duftenden Wunderblüten wurden, wo die ein wenig lächerlichen und törichten Reigentänze eine tiefe, feierliche Bedeutung erhielten. Im Grunde ihres Herzens war sie froh, als der festliche Abend anbrach und von den geladenen Familien fast alle sich entschuldigen ließen; da war man die Philister los und konnte unter sich vergnügt sein. Ihr Lachen klang wie das eines jungen, frohen Geschöpfes, als sie, in einen orangegelben Seidenstoff gekleidet, einen Zweig großer weißer Datturablüten wie ein Zepter in der Hand, neben ihrem Sohne saß und die in griechische Gewänder gehüllten jungen Leute tanzend und singend Blumen über sie ausstreuten. Ottokar machte ein finsteres, gepeinigtes Gesicht. Später traf ihn Frau Holm, wie er mitten in der allgemeinen Fröhlichkeit einem schönen, jungen Italienerburschen, der eines der Mädchen auf den nackten Arm küssen wollte, sehr ernst bedeutete, sofort das Haus zu verlassen. Zu seiner Mutter sprach er ein böses Wort von Tingel-Tangel-Lustbarkeit. Er, der Abenteurer, hatte aus allen wilden Fahrten seines Lebens nur ein Ideal gerettet: das bürgerlich Korrekte. Es ging ihm wie manchem vielerfahrenen Manne, der nicht versteht, wie eine Frau unschuldige Freude an Dingen haben kann, die ihm durch unreinliche Erinnerungen vergiftet sind. Seit jener Abendgesellschaft war seine gelassene Liebenswürdigkeit gegen seine Mutter einem kühlen, fremden Wesen gewichen. Ottokar hatte Frau Holm schon während der ersten Erwähnung ihrer Zukunftspläne gebeten, bei den Schritten, die sie tun wolle, vor allen Dingen ihrer Würde nichts zu vergeben. Ob sie diesen Wink völlig verstand und beherzigte? Es war später nicht wieder die Rede von ihren Hoffnungen und Absichten gewesen. Ottokar nahm sie nicht mehr ernst. Eines Abends kam Frau Holm mit wogender Brust und mit fliegendem Atem heim, bleich vor Erregung, von Staub und Schweiß bedeckt. »Ich habe es erreicht! Ich habe es erreicht!« rief sie jauchzend ihrem Sohne zu und fiel erschöpft auf einen Stuhl. »Ich habe den Khedive selbst gesprochen, er hat deine Anstellung genehmigt! ...« »Ismail Pascha selbst?« fragte Ottokar ungläubig. »Aber Mutter, wie hast du denn das angestellt?« »Seit Wochen schon bot ich alles auf, damit der Konsul mir eine Audienz verschaffe. Oder der Minister. Aber sie haben mich immer mit leeren Versprechungen hingehalten. Nun wußte ich aber, daß der Vizekönig in diesen Tagen in Alexandrien ist und seine Mutter besucht. Da habe ich einen Wagen genommen und bin hinausgefahren nach Nummero Talata, dem Schlosse da draußen am Kanal, wo die alte Vizekönigin-Mutter wohnt. Und Zigarren und Gold hatte ich mit mir und einen Korb mit Kuchen und Süßigkeiten. Und Gott sei Dank, schwatzen kann ich ja Arabisch wie Deutsch. Da habe ich bei dem Soldaten im Schilderhause angefangen und ihm vorgeredet, ich müsse den Vizekönig sprechen, weil mein Kind, das ich seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hätte, seit es ein kleiner Bub' war, endlich zu mir zurückgekommen sei, und nun wolle es wieder fort übers Meer, wo die Menschen sterben vor Hitze und von den wilden Tieren gefressen werden. Und habe ihm Zigarren zugesteckt und Rupien und Zuckerzeug für seine Kinder ... Ihr wißt ja – die Araber und Türken – was bei denen die Mutter gilt ... Überall haben sie mich durchgelassen. Und das Zuckerzeug hat noch mehr gewirkt als das Geld und die Zigarren, weil es für ihre Kinder war. Und so habe ich im Garten warten dürfen, bis der Vizekönig aus der Stadt gekommen ist im offenen Wagen, mit vier Läufern; deren weiße Ärmel blies der Wind auf, daß sie wie mit ausgebreiteten Flügeln liefen ... Und wie sie näher und näher getanzt kamen, die braunen Jungen vor den sausenden Pferden her, da war es mir, als brächten sie mir das Glück. Und ich wurde so mutig! Und als der kleine dicke Herr mit seinem roten Fez ausstieg und durch das Portal kam, bin ich ihm einfach zu Füßen gefallen, auf den Gartenkies hin und habe ihm alles gesagt, was ich schon dem Schilderhaussoldaten und den Gärtnern und Türhütern und Kawassen und all den Kerls gesagt hatte. Ganz dasselbe. Bei ihm war Achmed Pascha, der mich kannte und ihm bestätigen konnte, daß ich die Wahrheit redete. Und Ismail ist eben auch Türke, und Ihr wißt ja, wie viel er auf seine Mutter hält. Und halb war er gerührt und halb hat er gelacht. Wenn man ihn amüsiert, soll man ja alles bei ihm erreichen. Da habe ich mich denn recht zum Hanswurst gemacht. – Was schadete es – es war ja für meinen Jungen. Und da habt ihr nun das Resultat: Administrator in Kaffr Zagat und zwanzigtausend Francs Gehalt im Jahr ...! Ismail läßt sich nicht lumpen!« Gretchen fiel ihr um den Hals, weinte, küßte ihr die Hände. Ottokar ging nachdenklich im Zimmer auf und nieder. »Junge – ist es dir nicht recht?« fragte Frau Holm, aus der siegreichen Aufregung plötzlich niederstürzend in eine klägliche, bedrückte, demütige Stimmung. »Mutter – du bist eine merkwürdige Frau«, sagte Ottokar. »Man muß dich bewundern und doch – ich möchte, du hättest das nicht für mich getan.« »Ottokar – bist du so klein?« »Vielleicht bin ich kleinlich. Aber ich komme nicht darüber hinweg, in Gedanken dich dort knien zu sehen vor dem Manne, der doch nur ein großer Narr ist ... Ich wollte, du hättest das nicht getan – – Wir reden noch darüber ...« »Ottokar – –?« »Nicht jetzt – nicht jetzt ... Wenn du ruhiger geworden bist.« Frau Clementine Holm lag die ganze Nacht hindurch mit unruhigen Gedanken wachend auf dem Lager. Ihr großer Herzenswunsch war der Erfüllung nahe, sie würde ihren Sohn in der Nähe behalten. Trotz seiner Bedenken zweifelte sie keinen Augenblick an seinem Glück über diese Stellung. Zwanzigtausend Francs Gehalt – das weist man doch nicht von der Hand. Natürlich würde sie mit nach Kaffr Zagat hinausziehen. Wenn er sich nun nicht verheiratete ... Welch ein herrliches Leben konnten sie beide mit einander führen. Gewiß würde sie dann nach und nach auch wieder Einfluß auf ihn gewinnen. Sie wollte es ja so gut und klug beginnen, ihn unvermerkt zu den Geistesquellen zu führen, aus denen sie die Nahrung für ihre Seele schöpfte. Denn es ließ sich ja nicht leugnen, daß er ein rechter Alltagsmensch geworden war – ihr Traumgott und Held. Wer mochte übrigens wissen, wie weit auch hier Gretchens heimliche Einflüsterungen im Spiele waren. Sie hatte sich gründlich in dem Mädchen getäuscht. Eine tückische, falsche Person war sie, wie hatte sie sich zu verstellen gewußt, um ihr Ziel zu erreichen! Könnte Ottokar mit einer Frau glücklich werden, die ihn lehrte, die eigene Mutter zu mißachten? Nicht durch ihre Schuld sollte sein Leben verpfuscht werden. Die Liebe zwischen den beiden war törichte Sinnenlust. Man durfte sie nicht berücksichtigen. Redeten sie denn je ein ernstes Wort miteinander? War es nicht ein unaufhörliches Necken und Küssen, eine Lust am Oberflächlichsten? Sie mußte sie trennen – es war ihre Mutterpflicht. Sie empfand Gretchen so sehr als ihr Geschöpf, daß sie sich förmlich wunderte, sie nicht durch ihren Wunsch allein in irgend einer Versenkung verschwinden lassen zu können. Am nächsten Morgen, als Frau Holm am Kaffeetische erschien, war ihr Sohn schon ausgegangen. Frau Holm zog die Brauen unzufrieden zusammen. Sie hatte ausführlich mit ihm über die Zukunft reden wollen. Und immer, wenn sie diese Absicht hatte, war es, als ob er sie schon ahnte und ihr entschlüpfen wolle. »Wird er Mittags zurückkommen?« fragte sie Gretchen. »Wenn du die Güte haben willst, es mir zu sagen?« »Ich weiß es nicht, Mama.« Frau Holm lachte bitter. »Als ob du es nicht wüßtest.« »Wirklich nicht, Mama.« »Na ja – nenne mich nicht immer Mama. Ich bin nicht deine Mama.« Gretchen schwieg erschrocken und hielt es für geraten, nach einer Weile im Nebenzimmer zu verschwinden. Von dort hörte man sie einen Walzer probieren, anfangs etwas stümperhaft, dann glatter, munterer. Die Tür wurde aufgerissen. Ein Rauschen und Flattern, wie von einem großen Vogel, der mit den Flügeln schlägt; ein heftiges Atemholen. »Was spielst du da?« rief Frau Holm. »Den Walzer aus der ›Fledermaus‹.« »Wie kommst du dazu?« schrie Frau Holm zornig. »Weißt du nicht, daß ich das leichtfertige Stück hasse?« »Ottokar hat mir die Noten geschenkt. Er wollte gern etwas Lustiges von mir hören. Alle Welt spielt es in diesem Winter!« »Ich verbitte mir, daß in meinem Hause dieser frivole Schund gespielt wird!« »Aber wenn es doch Ottokars Lieblingsstück ist ...« »Lüge nicht, du hinterlistiges Geschöpf!« Frau Holm geriet in blinden, wütenden Zorn, in dem alle Qual der letzten Wochen einen jähen Ausbruch fand. Sie riß die Notenblätter vom Pulte und schlug sie dem Mädchen um die Ohren. Am Arme zerrte sie Gretchen vom Klavierstuhle empor, und die haßglühenden Augen auf sie geheftet, schrie sie: »In einer Stunde hast du mein Haus zu verlassen. Nimm deine Sachen – was dir geschenkt worden ist, kannst du behalten – ich gönne dir den Plunder. Aber komme mir und meinem Sohne nicht mehr unter die Augen!« Aufschluchzend, in Todesangst vor der großen, gewaltigen, ihrer Sinne kaum noch mächtigen Frau lief Gretchen hinaus, griff nach Hut und Mäntelchen, flog die Treppe hinunter und warf sich in einen Wagen. Gott sei Dank, wußte sie ja, in welchem Café ihr Ottokar saß und darüber nachdachte, wie dieses schwierige und gefährliche Verhältnis zwischen ihnen und der Mutter am friedlichsten zu lösen sei. Einige Stunden später erschien Ottokar bei Frau Holm. Milde, friedlich, ausgeweint, kam sie ihm entgegen. Aber er ging an ihr vorüber, er sah sie gar nicht. ... Ja – konnte er denn schon wissen, was geschehen war? Sie versuchte zu erklären. Er schnitt ihr das Wort ab. »Reden wir nicht mehr über die Sache, Mutter. Ich habe Gretchen gesprochen – es ist wohl am besten, so wie es gekommen ist.« Frau Holm blickte ihn ängstlich und demütig an. Sehr bleich sah er doch aus – es ging ihm nahe ... O, sie wollte ihn ja auch so pflegen und lieben ... Wenn er sich nur ausgesprochen hätte ... Aber er ging schweigend in sein Zimmer und schloß die Tür hinter sich ab. Und so verrann der Tag in einem beklommenen, dumpfen Schweigen. Gegen sechs Uhr ging Frau Holm aus, etwas zum Abendessen zu besorgen. »Reis mit Kurry« sollte es geben, eine Speise, die sie verabscheute und für ungesund hielt, die aber Ottokar liebte ... Als sie heimkam, hatte ihr Sohn sich inzwischen entfernt. Sie hielt bis um neun Uhr abends das Essen warm. Dann sagte ihre Dienerin: »Ich denke nicht, daß der Herr heute abends zurückkommt, er hat ja seinen Koffer mitgenommen.« Frau Holm starrte sie aus großen Augen an. Ein kalter Schauer lief ihr durch die Glieder. Sie ging mit schweren Schritten in Ottokars Zimmer. Papier lag umher, angerauchte Zigarrenenden, Streichhölzer, auf dem Tische ein paar alte Handschuhe ... Sie fiel auf den Rand seines Bettes, wo er die Nacht vorher noch geschlafen, und dort saß sie, bis es dunkler und dunkler wurde und endlich ganz finster. Das Mädchen kam und fragte, ob sie sich nicht niederlegen wolle, aber sie schüttelte nur den Kopf. In der Nacht schrak die kleine Araberin in ihrer Kammer hin und wieder aus dem Schlafe auf und lauschte furchtsam. Es drang zu ihr ein heiseres Schreien und Stöhnen, wie es sich dem Menschen in unerträglichen Schmerzen entringt. Ein Tag – ein ganzer Tag verging noch ohne Nachricht. Dann am Abend brachte ein Bote einen Brief von Ottokar. Er schrieb der Mutter, daß er es für besser halte, in seine bisherige Stellung zurückzukehren. Gretchen habe er mit sich genommen und werde sich in Aden mit ihr trauen lassen. * Von dieser Zeit an sah und hörte man nicht mehr viel von Frau Holm in der europäischen Kolonie. Sie lebte still in ihrem leergewordenen Hause und hegte einen bösen Haß auf ihre Landsleute. Zuweilen holte sie sich kranke Fellahkinder von der Straße und pflegte sie. Von den umwohnenden Türken und Arabern würbe ihr eine demütige Ehrfurcht entgegengebracht, und sie erhielt von ihnen den Beinamen: die Mutter der großen Trauer. Es ging ein Gerücht, daß sie zum Islam übergetreten sei, aber das wurde nie als sicher bestätigt. Kinder Gertie war zwölf Jahre alt und »liebte« zum erstenmal. Das heißt – wenn sie es recht überlegte – war es eigentlich das erstemal? Vergangenen Sommer auf der Vogelwiese, im Zirkus der eine Reiter–! der furchtbar lustige, der wie toll im Kreise herumjagte, seinen Jockeianzug von sich warf und als Matrose erschien, zuletzt sogar als Indianer! Auf ungesatteltem Pferde – was das heißen wollte! Und wenn er an Gertie vorübersauste, die vor Vergnügen hoch von ihrem Stuhl in die Höhe hüpfte, riß er immer die Kopfbedeckung, die er gerade trug, von seinen wunderschönen, schwarzen Locken, schwenkte sie grüßend und stieß einen hellen Juchzer aus. Heinz behauptete zwar, sie hätte sich das nur eingebildet – der dumme Heinz wußte es auch gerade! Aber damals war es ja nur Spaß gewesen; denn Papa würde Gertie wohl niemals erlaubt haben, daß sie den Reiter mit den vielen Kleidern heiratete. Jetzt war es schon eine ganz andere, ernsthafte Geschichte. Zwar trug Fritz nur eine graue Joppe und besaß keine schwarzen Locken, sondern einen rattenkahl geschorenen Kopf. Und sehr große Ohren hatte er – leider – sie standen sogar ein bißchen ab. Gertie hatte sie erst komisch gefunden – aber schließlich, wenn man größer wird, gibt man nicht mehr so viel auf Äußerlichkeiten. Er konnte auch mit den Ohren wackeln, und das war doch wieder sehr fein. Es war zu nett von Papa, daß er Fräulein Wächter erlaubt hatte, ihren Neffen Fritz für die Sommerferien einzuladen. Sie schwärmten alle für ihn – Heinz und die kleine Erna auch. Er hatte so etwas Großstädtisches an sich. Und dann schrieb er auch immer die besten Extemporalien – wenigstens erzählte er es. Und Verse konnte er machen, die sich manchmal sogar ordentlich reimten. Sie waren alle so gern mit ihm verwandt gewesen. Auf einem Spaziergang in den Wald überlegten sie miteinander, ob sie nicht irgendwo in der Familie einen Onkel entdecken könnten, der ein Vetter von Fritzens Tante gewesen wäre. Aber sie fanden keinen. Da machte Gertie einfach den Vorschlag, sie könne ja Fritz heiraten, dann wären sie gleich verwandt. Fritz war einverstanden. Heinz und Erna lachten und sagten, das sollten sie nur tun. Später kletterte Fritz zum Bach herunter, machte sich die Stiefel sehr naß, pflückte Vergißmeinnicht und überreichte sie Gertie – wie ein richtiger Herr. Und beim Abendessen, als sie unter den hohen Buchenkronen lagerten, müde und glücklich vom Springen und Laufen und Schreien im Sonnenschein, zeigte es sich, daß Fräulein Wächter zu wenig Biergläser mitgenommen hatte. Da rief Fritz so laut, daß alle es hören konnten: »Ich brauche kein Glas, ich trinke mit meiner Braut aus einem Glase!« Gertie quiekte und kicherte vor Vergnügen. Sie war also wirklich und wahrhaftig seine Braut! Ach entzückend! Ach, wonnig! Der liebe, süße Junge! – Ob sie sich wohl küßten? Die Frage beunruhigte Heinz ganz außerordentlich. Sie taten es sicher, die Racker – sie wurde ja so rot, wenn man Witze darüber machte. Aber wo und wann? Heinz entwarf die schönsten Schlachtpläne, um das Pärchen zu überraschen. Auf Strümpfen schlich er durchs Haus und erschreckte Fräulein Wächter und die Köchin fast zu Tode, wenn er plötzlich lautlos und immer unerwartet aus dunklen Ecken hervorsprang. Zuletzt versuchte er sogar, die kleine Erna auszuforschen. Aber Erna lachte nur, als sei sie närrisch geworden. Dann stand Heinz, den Mund ein wenig offen, den Blick der hellen Augen ins Leere gerichtet, wie geistesabwesend da und grübelte und sann über die Liebe, die so interessant und so geheimnisvoll war. Abends, nachdem Fräulein die Lampe ausgelöscht und die Mädchen in ihrer Schlafkammer allein gelassen hatte, erfuhr die kleine Erna alles. Aber sie mußte die Finger in die Höhe heben und bei Gott schwören, sie wolle Heinz nichts sagen. Und sie verriet auch nichts; denn sie war schrecklich neugierig und hörte zu gern auf alles, was Gertie mit leiser Stimme aus ihrem weißen Kopfkissen heraus erzählte. »Du, Erna – schläfst du schon? Heut hat er mich viermal geküßt – aber er muß jedesmal vorher mit den Ohren wackeln, sonst geb' ich ihm keinen! Einmal war's in der Speisekammer – Fräulein kam gerade herein – ach, ich war so erschrocken! Er faßte gleich in die Tüte mit den gebackenen Pflaumen – er wollte so tun, als hätte er genascht, der himmlische Junge!« Erna kicherte. Gertie lag ein Weilchen still und dachte, wie süß die Küsse gewesen: wie wenn man ein Cremeschnittchen auf ein Stück Apfelkuchen legt und beides miteinander verspeist. »Es ist nur gut, daß Fritz noch keinen Bart hat«, begann Erna. »Ach, ich wollte, er hätte schon einen«, flüsterte Gertie. »Ja – aber,« meinte Erna, »Fräulein sagt doch immer, wenn kleine Mädchen einen Herrn küssen, bekommen sie 'nen Bart. Denk' mal Gertie, wenn du ... ach wie komisch – Gertie mit'n Schnurrbart – Gertie mit'n Schnurrbart!« Das Kichern ließ sich jetzt durch die über die Köpfe gezogenen Bettdecken nicht mehr ersticken. Es drang bis ins Nebenzimmer, wo die Jungen ihre Ferienarbeiten machten. Man hörte Fritzens dünne Stimme: »Was haben sie nur?« »Worüber lacht ihr denn?« schrie Heinz. Die kleinen Mädchen starben beinahe. »Wenn er's gehört hätte! Hihihi – hi – hi! Nein wie schrecklich! Er wird doch nicht?« »Ich sag's ihm, ich sag's ihm«, neckte Erna. Gertie fuhr wie ein Wirbelwind aus ihrem Bett und über die Schwester her. »Pfui, Erna! Das tust du nicht! Pfui, schäme dich.« »Schenk' mir deinen Badeengel!« kam's noch ganz atemlos aus der erstickten Kehle der Kleinen. Gertie versprach alles. Erna hatte schon ein blaues Seidenläppchen zu einer Puppenschürze und einen Ball auf diese Weise an sich gebracht. Sie wollte doch auch etwas Vergnügen aus der Situation ziehen. Gertie legte jetzt nicht mehr so viel Wert aus ihr Spielzeug. Wenn man Braut ist, bietet das Leben so viel andere Interessen. Nebenan verglichen Fritz und Heinz ihre griechischen Aufgaben. »Weißt du, ich finde unser Gymnasium so ent–setz–lich langweilig – besonders die Lehrer!« sagte Heinz mit einem tiefen Seufzer. »Ja – man muß aber das Abiturium machen«, sagte Fritz und blickte in sein Vokabelheft. »Wie es nur einmal sein wird, wenn ich auch liebe!« sagte Heinz und träumte ins Unbestimmte. Aus vergangenen Kindertagen tauchte eine Erinnerung in ihm auf. Tief in der Nacht war es gewesen, als er von einem Lichtschein erwachte. Mama kam vom Ball und beugte sich über ihn. In ihren dunklen Haaren funkelten Brillanten, an ihrem weißen, schlanken Halse, an ihren zarten Armen trug sie goldenen Schmuck, ein köstlicher Duft ging von ihr aus, und die lichtblaue Schleppe rauschte und rieselte, sobald sie sich bewegte. Er hatte entzückt die Arme um ihren Hals geschlungen und schlaftrunken gemurmelt: »Ach Mama, wie schön bist du!« Mama lag nun schon viele Jahre in ihrem umgitterten Grabe auf dem Friedhof. Doch wenn Heinz an ihre Erscheinung in jener Nacht zurückdachte, schlich eine Sehnsucht nach etwas unaussprechlich Schönem, Süßem durch sein Herz. Seine Frau mußte auch Brillanten in ihrem Haar tragen und lichte Seide, die geheimnisvoll rieselte und rauschte. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend sollte sie so wunderschön gekleidet gehen. Und sie mußte aussehen wie Mama. Fritz lächelte mit einem altklugen Aug auf dem blassen, scharfen Knabengesicht. Er bedachte, während er seine Arbeit niederschrieb, daß die Ecke zwischen dem Buffet und der Portiere ein ganz guter Platz wäre, um Gertie einen Kuß zu geben, auf ihre sonnverbrannte, kleine, runde Wange – für morgen. Aber er bemerkte dabei einen Fehler in seinem Heft und verbesserte ihn.   Fritz sollte zu Weihnachten wiederkommen. Gertie hatte einen Brief von ihrem jungen Freunde erhalten. Er war mit einem Vergißmeinnicht geziert und begann: »Du Maid meines Herzens« – dann folgten drei Ausrufungszeichen. Das war wie in einem Märchen. Gertie konnte ihr Glück unmöglich für sich behalten. »Du Maid meines Herzens!« Sie zeigte Erna ein Stückchen von der Überschrift und dann auch Heinz. Nur das »Du« und das große »M«. Aber dann waren die beiden zu neugierig, und das Fingerchen rückte immer weiter, bis sie das Ganze lesen konnten. Weiter rechnete Fritz ihr vor: »Jetzt bin ich in Obertertia, zwei Jahr Sekunda, zwei Jahr Prima, drei Jahr Studieren, dann bekomme ich eine Stelle als Lehrer am Gymnasium. Und dann heiraten wir uns. Ich werde übrigens Direktor. Ja – das habe ich mir fest vorgenommen, und was ich mir vorgenommen habe, das führe ich auch aus.« War er nicht ein wundervoller Junge? Heinz konnte sich nicht im entferntesten mit ihm messen. Philosophisch bemerkte er zu Fräulein Wächter: »Es gibt eben Menschen, die Sinn fürs Griechische haben.« Daß die Menschen ohne Sinn fürs Griechische eine minderwertige Klasse bilden – davon war er trübselig überzeugt. Er freute sich nicht auf das Fest, nicht auf den Besuch von Fritz. Er fürchtete sich vor der schlechten Zensur, die er sicher bekommen mußte. Und Fritz würde ihn höhnen und Gertie viel lieber haben als ihn, das würde ihm weh tun, und er fürchtete den Schmerz. Er konnte über sich selbst fast verzweifeln. Oft betete er zum lieben Gott um Hilfe, und dabei mußte er denken: Wenn Gott so außerordentliche Freude an fleißigen Schülern hatte, so war's doch unbegreiflich, daß der Allmächtige sich die Freude nicht verschaffte und ihm den Fleiß endlich schenkte, ohne daß er sich selbst besonders anzustrengen brauchte. Alle Augenblicke machte er Beobachtungen, die im Widerspruch mit dem standen, was ihm eben in der Schule, von seinem Vater oder von Fräulein Wächter – den drei Gewalten, die sein Leben beherrschten – gepredigt worden war. Und diese erhabenen Gewalten bemerkten den Widerspruch nicht, der doch ihm, dem zurückgebliebenen Tertianer, auffiel. Waren sie also – er wagte es kaum zu denken – waren sie dumm? Oder hatten sie ihre besonderen Gründe, ihn nicht beachten zu wollen? So saß er stundenlang träumend bei den Büchern, mit den toten Regeln und Wortformen, die ihm kein Rätsel lösten, die er haßte, weil sie sich wie ein hohes, kunstvolles Gitter, das er nicht zu erklimmen vermochte, vor seinem Geist erhoben und ihm die Welt verschlossen. Die Tränen tropften auf sein Heft, und er wischte sie eilig fort. So ein großer Junge und noch zu weinen – pfui, wie erbärmlich!   Die Kinder machten einen Winterspaziergang in den Wald. Es schneite zum erstenmal in diesem Jahr, und doch stand das Weihnachtsfest vor der Tür. Große, weiche Flocken sanken ganz ruhig in gleichförmigem Fluge auf die Erde nieder, hingen als weiße Federblüten in den hohen, dürren Herbstgräsern und hefteten sich an die Baumstämme, wo man die feinen Formen ihrer Kristallsterne auf dem grünen Rindenmoos flimmern sah. Dann kam eine Hast in das Schweben, eine Unruhe, als würden die Flocken heftig aus dem grauen Wolkenbett verjagt; immer eiliger flatterten und taumelten sie durcheinander, bis sie in tollem Wirbel alle Gegenstände einhüllten. Heinz blickte entzückt sein Schwesterchen an. Wie ihre Augen und ihre kleinen, runden Bäckchen leuchteten unter dem weißen Flaum, der ihr Samtkäppchen, ihre Schultern und ihren Muff bedeckte! Welch ein reizender Schmuck das war! Sie stand wie eine kleine Winterkönigin unter den beschneiten Tannen. Konnte man sich etwas Hübscheres vorstellen? Und der Wald, der kahl, grau und langweilig öde dalag, als die Kinder auszogen, hatte binnen einer Stunde ein völlig anderes, geheimnisvoll prächtiges und doch trauliches Ansehen bekommen durch das schimmernde Weiß, das einen so kräftigen Gegensatz zu dem Grün der Fichten und dem dunklen Baumgeäst bildete. Heinz schwelgte in dem Vergnügen an dieser jähen Verwandlung der Dinge ringsumher. Ohne sich darüber klar zu sein, litt der vierzehnjährige Knabe fortwährend unter dem Mangel an Schönheit in seinem Leben. Und er wußte – es war einmal anders gewesen. Er konnte verdrießlich gegen Fräulein Wächter sein und launenhaft und kindisch und boshaft, weil sie die Manie hatte, über die Möbel bunte Schutzdeckchen zu breiten und alles ein wenig anders zu rücken, bis die künstlerische Harmonie in den Zimmern seines Elternhauses gestört war. Er empfand, wie sie allmählich den Geist seiner Mutter, der unsichtbar noch in den Räumen schwebte, durch ihren eigenen Geist verdrängte und allem den Stempel einer praktischen Trivialität aufdrückte. Und dann litt er wieder unter den Gefühlen, die ihn weit von den Knaben seines Alters schieden, die er gar niemand hätte mitteilen können. Er fand sich so albern und verrückt; doch war er heimlich stolz auf sich selbst und seine wunderlichen Träume. Er träumte, daß seine Mutter in den grauen Wolken lag und mit ihren weißen Händen die Schneeflocken herabwarf – immer mehr – immer mehr, um ihm die häßliche Erde zu verhüllen. Und endlich löste sie sich in seinen Empfindungen ganz zu Schneeflocken auf und schwebte lustig und feierlich im Reigentanz durch die Luft zu ihm nieder. »Junge, starre nicht so,« schrie Fräulein Wächter, »mir wird ganz übel, wenn ich deinen dummen Ausdruck sehe!« Da schlug seine Stimmung plötzlich um, er griff eine Hand voll Schnee, ballte sie und warf sie Gertie in den Nacken. Dann balgten sie sich gehörig, lachten und kreischten. »Juchhe – in drei Tagen kommt Fritz!« jubelte Gertie und machte einen Luftsprung. Aber während der drei Tage und alle Nächte hindurch schneite es unaufhörlich. In den Straßen der Stadt ging man in ausgeschaufelten Hohlwegen zwischen weißen, kalten Wänden. Kein Mensch erinnerte sich, einen so ungeheuren Schneefall erlebt zu haben. Fortwährend liefen Nachrichten über Eisenbahnunfälle ein, die Beförderung der Briefpost war unterbrochen. Es herrschte eine große Aufregung in der Stadt; denn viele Leute wollten noch verreisen, unzählige Kinder befanden sich auf dem Weg zum Elternhaus. »Wenn nur Fritz verständig in seiner Pension geblieben ist«, sagte Fräulein Wächter. Gertie sah sie bestürzt an. Umsonst sollte sie auf ihrem Wandkalender jeden verflossenen Tag mit einem dicken Strich ausgelöscht haben? Vor Enttäuschung weinte sie heiße Tränen in ihr kleines, blaugerändertes, tintenfleckiges Tüchlein. Früh – im Dämmergrau des eisigen Wintermorgens klingelte es an der Haustür. Die Köchin sah eine klappernde, halb erstarrte Knabengestalt auf der Schwelle stehen. »Fritz ist da! Fritz ist da!« Mit lautem Freudengeschrei wurde der mutige Reisende von den Kindern empfangen. Gertie flog ihm vor aller Welt jauchzend an den Hals. Sie schauderte erschrocken zurück, eine große Kälte ging von ihm aus, und er blickte sie müde und gleichgültig an. Der Zug war im Schnee stecken geblieben, berichtete Fritz verdrossen. Aber immer war man mit zwei Lokomotiven doch zuletzt wieder ein Stück weiter gekommen. Endlich, mitten in der Nacht, zwischen Höhenzügen – da ging's nicht länger. Man mußte dort den Tag erwarten. Aber sie waren alle schon halb erfroren; denn die Heizung versagte. Ein Trupp Reisender hatte sich den Beamten angeschlossen, welche Hilfe holen wollten und sich aufmachten, die nächste Station zu Fuß zu erreichen. Mit ihnen Fritz. Vier Stunden waren sie über die Felder gewandert, oft bis an die Knie im Schnee versunken.« »Das hättest du nicht getan, Heinz – du Hasenfuß!« rief Gertie außer sich vor Bewunderung und strahlte ihren Fritz mit leuchtenden Augen an. »Ich hatte es mir doch einmal vorgenommen«, sagte Fritz. »Was man sich vorgenommen hat, muß man auch ausführen!« Er sprach das gleichsam mechanisch, ein Zittern flog durch seine Glieder, die Zähne schlugen ihm leise klirrend gegeneinander. Zwei Stunden darauf lauschte Heinz an der Tür seiner Schlafkammer, wo Fritz, nachdem er heißen Kaffee bekommen hatte, in ein durchwärmtes Bett gesteckt worden war. Heinz vernahm mit Erstaunen ein leises Sprechen dort drinnen. Er öffnete vorsichtig die Tür. Fritz saß aufrecht in den Kissen, sein Gesicht glühte dunkelrot, seine Augen standen weit offen. Mit den Händen fuhr er unruhig auf der Decke umher, eifrig und hastig sprach er griechische Worte vor sich hin – mit einer sonderbar fremden Stimme. Dazwischen murmelte er: »Ich habe es mir vorgenommen – vorgenommen – vorgenommen ...« »Fritz!« rief ihn Heinz erschrocken an. Er erhielt keine Antwort und stürzte davon, um Fräulein Wächter zu holen.   Man hatte einen Schwerkranken im Haus. Ungeschmückt stand der Tannenbaum im Saal. Fräulein Wächter wich nicht von dem Lager ihres Neffen, und keines der Kinder durfte zu ihm. Nur Papa ging mit ernstem, traurigem Gesicht in die Krankenstube. Und der Arzt erschien zweimal täglich. Die Nacht kam – die dritte Nacht, in der Fräulein Wächter bei Fritz blieb. Gertie saß in ihrem langen Nachtröckchen mit dem wirren, braunen Zopf auf ihrem Bett und lauschte ängstlich. Sie hörte, wie Papa die Haustür aufschloß, sie vernahm seine eiligen Schritte, die sich auf der Straße entfernten. Er holte den Doktor. O – der schauerliche Ton, der nun schon seit vielen Stunden durch alle Räume der Wohnung drang, wo sie ihr friedliches Kinderdasein gelebt hatte – ein Wimmern und Winseln, wie die Klagelaute eines leidenden Tieres. Ab und zu steigerte es sich zu einem lauten, hilfeflehenden Ächzen, um dann wieder leiser zu werden und wieder anzuschwellen. Vorsichtige Tritte näherten sich – ein Licht in der Hand kam Heinz zu seiner Schwester. Er sah bleich und ganz verstört aus. »Gertie,« murmelte er, »darf ich hier bei euch bleiben? Mir ist so bange allein. Hörst du, Gertie? – Hörst du?« Sie nickte nur statt der Antwort. »Wir hatten uns so über den Schnee gefreut«, flüsterte sie nach einer Weile, als klage sie sich einer Schuld an. Heinz starrte vor sich nieder. Die zarten Schneeflocken – etwas so Lustiges, Reizendes, waren die Ursache zu diesem Jammer geworden. Wie seltsam – wie unbegreiflich! »Heinz,« flüsterte Gertie, von Schluchzen fast erstickt, »glaubst du, daß – daß Fritz sterben muß?« Heinz blickte sie schweigend an; auf seinem blonden, rosigen, noch so kindlichen Gesicht lagen Furcht und Erstaunen vor dem großen Geheimnis, das langsam und leise durch das Haus schlich – langsam und leise einen aus ihrer Mitte hinwegnahm. Wohin? Gertie träumte mit einer unbestimmten Traurigkeit von allem, was sie in ihrem Leben schon verloren hatte – ihre liebe Mama war gestorben, und sie konnte sich kaum noch auf sie besinnen. An ihre Stelle war Fräulein Wächter gekommen. Und die Großmutter war gestorben – und jetzt würde Fritz sterben – alles, was man lieb hatte, mußte man verlieren. Papa würde sterben – und Heinz – und Erna. Sie würde allein übrig bleiben – ganz allein auf der weiten Welt. Sie sah sich in einem schwarzen Kleidchen, mit einem blassen Gesicht und offnen Haaren auf der Straße stehen und um ein Stückchen Brot betteln. Aber die fremden Menschen gingen kalt an ihr vorüber. Und ihre Tränen flossen, ihre Brust hob sich unter einem mitleidigen, kindischen Schluchzen. Heinz grübelte, von wem die Macht ausging, die so grausam und so blind war – so ungerecht ... Ein schweres Leiden peinigte ihn, wenn er daran dachte, wie tüchtig Fritz alles erfaßte und grade immer das tat, was im Augenblick notwendig war – während er selbst, beunruhigt und doch lässig, in seine Zukunft wie in ein dunkles Wirrsal hinausblickte – im voraus überzeugt, daß er nicht die Kraft haben würde, sich in der Welt eine gute Stellung zu erobern. Und dumpf gespannt wartete er, wie das Schicksal entscheiden würde. Er hatte eine unklare Empfindung, als müsse selbst der Tod Respekt vor einem Menschen zeigen, der so viel Sinn fürs Griechische besaß. So kauerten Heinz und Gertie auf dem Bettrand, bei dem Schein der niederbrennenden Kerze, der nur wie ein helles Fleckchen in der großen Dunkelheit flimmerte. Sie beneideten Erna, die ganz ruhig schlief. »Hörst du – Gertie!« flüsterte Heinz zitternd. Und Gertie nickte. »Wenn es doch einmal aufhörte«, murmelte sie. Und sie rückten eng aneinander, als die Schauer der Einsamkeit, der Nacht und der bangen Erwartung sie mehr und mehr quälten. Gertie schmiegte den heißen, verweinten Kopf an ihres Bruders Schulter. Furchtsam und beklommen lauschten sie dem Ton, der mit einer schrecklichen Gleichmäßigkeit durch die Wände zu ihnen drang – dem Winseln und Wimmern, das zu einem angstvollen Ächzen wurde und wieder zurücksank zu einem wehklagenden Wimmern. Und so auf und nieder, auf und nieder mit einer Eintönigkeit, die ermüdete und aufregte, die fast zur Verzweiflung führte, daß man hätte fliehen mögen bis ans Ende der Welt – nur um nichts mehr zu hören. Und endlich kam ein Augenblick, in dem der Schmerzenston verstummte und alles plötzlich in eine große, feierliche Stille versank. Die Kinder klammerten sich atemlos aneinander und lauschten weiter ... Die Stille war nicht erlösend – sie war fürchterlicher und schreckenerregender als alles Frühere. »Er ist wohl eingeschlafen«, hauchte Gertie. Heinz antwortete nicht. Er wußte, daß Fritz in dem Augenblick gestorben war. Er hat niemals in seinem Leben vergessen, was Todesstille bedeutet.   Fritz wurde begraben. Sein Vater kam zur Beerdigung. Er war still und ernst, etwas steif und förmlich, wie Männer werden, wenn sie einen großen Schmerz beherrschen wollen. Gertie hielt sich viel in seiner Nähe. Ihr kleines, von Trauer, Sehnsucht und Eitelkeit erfülltes Herz begehrte, von ihm beachtet und getröstet zu werden. Aber er bemerkte ihre Versuche, seine Aufmerksamkeit zu erregen, gar nicht. Heinz ging zerstreuter und verträumter denn je im Hause umher. Fräulein Wächter äußerte mit ihrer von Tränen heiseren Stimme ärgerlich: sie fürchte, der Junge würde noch ganz blödsinnig. Seine Augen blickten so geistesabwesend, daß man es schon nicht mehr mit ansehen könne. In ihm arbeitete es; Gedanken und Gefühle, die ihn quälten, rangen nach Form und Ausdruck. Auf dem Kirchhof, die Füße im kalten Schnee, an Fritzens offenem Grabe, während der langen Rede des Predigers, die in einförmigem Tonfall ungehört an sein Ohr schlug – da kam es plötzlich – da wurde es mit einemmal lebendig in seinem Kopf: Worte, Gedanken, Bilder, Reimklänge tauchten in ihm auf und fügten sich leicht und harmonisch ineinander, daß er selber fast davor erschrak – vor dieser neuen Fähigkeit, die er noch nicht in sich kannte. Die leichten, anmutig tanzenden Schneeflocken, die dem jubelnden Mädchen die Ankunft des lieben Knaben kündeten, und die schweren, kalten Schneemassen, die ihm den Tod gebracht und nun sein Grab umschlossen – wie eines aus dem andern geschah, wurde es ihm zum Sinnbild der heimlichen Tücke, die tödlich in aller Lust und Lieb und Fröhlichkeit lauert. Er stahl sich davon, als die Leidtragenden auseinandergingen, und kritzelte in seinen Schüler-Mentor nieder, was in seinem Kopfe entstanden. Und siehe, es war ein Gedicht. Als er es las – wieder und wieder, mit Schauern des Entzückens, mutete es ihn fremd an, ganz unähnlich den kleinen Reimereien des bewunderten Fritz – als hatte ein Größerer es gedacht und geschrieben – ein Unbekannter, vor dem man Ehrfurcht haben müsse.   Der Sommer kam wieder. Den Wald schmückten Millionen neuer, grüner Blatter und frischer, gelber und weißer Blumen. Die Kinder aßen Abendbrot unter den Bäumen. Gerties Augen glänzten, als scheine die Sonne hinein. Der Vetter Max war bei ihnen zum Besuch, und er trug eine richtige Uniform, wenn er auch nur Kadett war – nein, wie fesch! Und was er für lustige Geschichten erzählen konnte – Gertie mußte sich halb tot lachen. Heinz saß neben Fräulein Wächter und sah träumerisch, wie der Kadett und seine kleine Schwester sich neckten. »Morgen wird es ein Jahr, daß wir mit Fritz hier waren«, sagte er nachdenklich. Er wußte, daß er Fritz niemals vergessen konnte. Aus dem Tode des armen Jungen war ihm die lebendige Kraft entsprungen, die er sorgsam und heimlich hütete als eine schicksalsmächtige Gabe, welche ihm seinen Weg in die Zukunft wies. Die Frau mit den Ziegenfüßen Es war noch früh am Morgen. Über dem See, der zwischen den Bäumen heraufschimmerte, lag ein zarter, bläulicher Duft, die Gartenbänke waren feucht vom Tau. Der Bildhauer saß auf dem freien Platz bei den Hängebirken, wo leicht bewegter Schatten die helle Sonne von ihm abhielt. Er arbeitete an der kleinen Gruppe, die er seinen Gastfreunden als Erinnerung lassen wollte. Am Abend mußte er reisen. Mit eiligen Bewegungen griffen seine Hände in den Ton vor ihm auf dem Gartentisch, kneteten, strichen, drückten, bildeten aus roh angelegten Massen die Gestalten eines Mannes mit großen Fledermausflügeln, der sich über eine schlafende Faunin beugt, sie zu küssen. Behende Füße sprangen den Kiesweg des Hügels hinan. Luigi blickte auf, sah Nellys lachendes Gesicht, ihre lustige, kleine Nase, die bewegliche Gestalt unter den zitternden Birkenzweigen. Seine Augen grüßten hinüber. Er arbeitete weiter. Nelly wischte mit ihrem Tüchlein den Tau von einem Stuhl, setzte sich zu ihm. Als schaue sie in die Werkstatt der Natur, wo mühelos die Formen der Wesen entstehen, mit unbeirrbarer Sicherheit ihr Leben, ihren Charakter erhalten. »So würde es mir gefallen,« sagte der junge Italiener in seinem unbehilflichen Deutsch, »durch die Lande wandern, im Schatten von Felsen liegen und träumen – einkehren bei einfachen Menschen, welche die Schönheit lieben – nicht so die aus den Museen – nicht so gebildet – nur ganz heimlich eine große Sehnsucht haben ... denen möchte ich eine Figur – eine Vase – eine Gruppe lassen zum Andenken. Man kann den Ton brennen, damit er sich hält ... Und dann weiter gehen – und so meine Werke ausstreuen über die weite Welt – sie hätten meinen Namen längst vergessen, aber die schönen Dinge wären bei den Menschen geblieben ... O mein Atelier – Sie glauben nicht – ich ersticke da! – man friert, oder ein großer Ofen muß brennen ... Als Kind lag ich auf den Stufen von St. Peter – Tag und Nacht. Ich kann nur im Freien arbeiten. Sie sehen ja, wie es geht. Gefällt es Ihnen? Ich glaube, es wird gut. Wie der Kerl lacht – ja, der freut sich – der hat sie gefunden, die Wilde, Ziegenfüßige ...! Ah – ist das reizend – dieser Übergang vom Weib zum Tier ...« Das Mädchen lachte hell, unbezwinglich, mit kindlicher, verständnisloser Lustigkeit. »Ja – Sie halten mich für verrückt – meine Frau auch ... Es ärgert sie, wenn ich von meiner Liebe erzähle. Sie ist eifersüchtig wie auf ein lebendiges Geschöpf – und sie hat ja auch recht – meine Seele geht von ihr fort – weit fort in ganz fremde Gegenden, wo sie sich nicht mehr auskennt. – – – Das lebt mir alles, und ich lebe mit dem wilden Gesindel! Die Männer mit den Flügeln, spitze Ohren und Hörnchen zwischen den krausen Haaren, oder Pferdeleiber – und die kleinen, behenden Frauen, die wie flüchtige Tiere die Felsen erklimmen, sich auf leichten Baumästen schaukeln ... Ich belausche sie, wie sie im Sonnenschein, ganz versteckt in duftendem Rosmaringebüsch, schlafen, wie die tollen Gesellen sie finden und sie sich lieben unter Lachen und Geschrei in den Mondnächten, und wie dann neue, kleine, seltsame Wesen entstehen von den fabelhaftesten Formen und Farben ... Entzückend die krausen, weichen Fellchen – ihr Spielen – ihre Bewegungen, die Sprünge der kleinen Bocksfüße – ihre drolligen Gesichter – Ha, wie ich sie liebe! Das ist meine Familie! Das sind die Kinder meiner Sehnsucht ... Das sind Geheimnisse, sage ich Ihnen ... Vielleicht liebte einer meiner Ahnen in der Kampagna eine Faunin ... Und seine Seele ist in meinen Leib zurückgekehrt ... Was weiß man denn ...« Er lächelte entrückt auf das ziegenfüßige Weib zwischen seinen Händen nieder, mit sanften Bewegungen modelten seine Fingerspitzen an ihrem Körper, als liebkose er ihre Formen. Und das Mädel, das Menschenmädel sah ihm zu, mit heißen Wangen, fühlte die Zärtlichkeit, die aus seinen Händen strömte, in ihren Nerven. Ihre Seele brannte in hellen Feuern glückseligen Staunens. Da war ja, was sie nur geträumt: das seltsame, unbegreifliche Künstlertier ... Herrgott ... Nicht Atem holen vor Spannung konnte man. »Sie wissen doch, daß ich glücklich verheiratet bin – drei Engel von Kindern, und meine Frau – von hoher Kultur, sage ich Ihnen. – Eine Frau, die mich vergöttert! Aber fände ich die Frau mit den Ziegenfüßen ... Ah –!« Das hatte er ihr gestern schon dreimal gesagt und sie dabei angeschaut mit seinen schwarzen Augen. ... Ich habe eine Frau, die mich vergöttert – die ich anbete – und ich brenne, ich verdurste nach Sünde! sagten diese Augen. Nelly kannte seine Geschichte. Er war wie ein Kind, das nichts auf dem Herzen behalten konnte. Mit einem Brett voll Gipsfiguren auf dem Kopfe war er nach Deutschland gekommen, eine wohlhabende, schöne Witwe hatte sich unsinnig in den hübschen Italienerjungen verliebt, sein Talent erkannt, ihn ausbilden lassen, dann geheiratet. Es war noch eine Frau, fähig einer großen, gewaltigen Leidenschaft. Nelly lief es kalt den Rücken hinab, wenn sie ihrer dachte. Luigi hatte sie angesteckt mit seiner heimlichen Furcht vor seinem Weibe. Gestern Abend hatte sie telegraphiert, warum er nicht heimkehre, ob er krank sei, ob sie kommen solle. – Sie wohnten in München. Und er hatte pathetisch versichert, er sei noch nie länger als drei Tage von ihr getrennt gewesen. Und so, während er mit Nelly im hellen Sonnenscheine, nahe bei dem gastlichen Hause von Nellys Tante saß, wußten sie beide, daß er heut abend heimkehren würde. Und: Wenn er nur ginge, dachte Nelly beklommen. Was will er denn, ich habe doch keine Ziegenfüße ... So etwas Heidnisches! Ich verstehe ihn gar nicht. Er ist verrückt. Morgen wird alles sein wie ein Traum. O – ginge er doch nur ... – Denn sie verstand ihn sehr gut – sie wollte nur nicht. Abends stand sie im Garten, wußte, daß er sich von Tante und Onkel verabschiedete ... Nein – ging er wahrhaftig? War er so feige? Dann hatte er doch kein Recht gehabt zu dem spöttischen Blick, mit dem er sie betrachtete, während er am Nachmittag der kleinen Faunin ihr lachendes Gesichtchen gab ... Dann mochte er reisen – und sie – sie würde ihn schon vergessen! Ihre Zähne knirschten, ihre zitternden Hände rissen Blätter und Zweige von den Gebüschen und warfen sie in die Dunkelheit. Und dann hörte sie seinen Schritt. Sie wußte ja, daß sie tun mußte, was er von ihr verlangte, so ungeheuerlich es ihr auch scheinen mochte. Als sie um Mitternacht leise die Haustür öffnete und hinausschlüpfte durch den Garten in den Wald, hinauf den Bergweg zu der kleinen Waldhütte unter den finsteren Tannen, wo er sie erwartete, meinte sie, einen Abgrund zu überspringen, der sie von ihrem ganzen übrigen Leben schied; dennoch war ihr so leicht und froh, daß sie in ein triumphierendes Gelächter ausbrach, als sie das ferne Brausen des Schnellzuges hörte, in dem Luigi nicht saß. Nun gehörte er ihr! Und sie warf sich an seine Brust, schlang ihm die Arme wie Klammern um den Hals, schluchzte im Fieber: »Nun bist du mein – mein – mein! Nichts kann uns mehr trennen … nichts! Nicht wahr, Luigi? Und du wirst mir treu sein? Du gehörst mir? Nicht wahr?« Er löste ihr leise die Arme, hielt sie von sich entfernt. »Sagst du das auch? Verlangst du auch Treue?« Sie wurde unsicher. »Was meinst du denn, Luigi? Liebst du mich nicht?« Er antwortete nicht, trat von ihr fort, blickte ins Mondlicht hinaus. Eine Veränderung war mit ihm vorgegangen, er sah bleich, müde und verfallen aus. »Ich liebe die Frau mit den Ziegenfüßen. Sie kennt keine Treue, keinen Haushalt, keine ehelichen Pflichten. Sie weiß nicht, was Dankbarkeit ist. Sie fragt nicht – sie liebt nur. Sie liebt wie die üppige Natur ... Vor ihr will ich knien und sie anbeten ... – – Geh, Nelly – du hast keine Ziegenfüße. Du bist ein sentimentales, deutsches Mädchen. – Aber ich kenne euch! Ich fürchte mich vor den deutschen Gefühlen. Sie würgen – sie töten, wo sie glauben zu lieben ...« Nelly stand bestürzt, Tränen strömten über ihr Gesicht. Luigi griff nach ihren Händen, küßte sie, streichelte sie. »Geh, verzeihe mir – ich war brutal – ein Vieh! Wenn du nur wüßtest ... Ich liebe dich! Du süße Kleine – du liebes Mädchen ... Wir sehen uns wieder – bald – ich schreibe dir ... Dank, daß du gekommen bist. Dank!« Er streichelte ihr das Haar, küßte sie und leitete sie vorsichtig heim. Aber er schrieb ihr niemals. Und Nelly hatte keinen Abgrund übersprungen, nichts trennte sie von ihrem vorigen Leben, es ging äußerlich genau so weiter wie bisher. Am Ende des Sommers reiste sie mit Onkel und Tante nach Norddeutschland zurück. Als man München passierte, stand sie am bestaubten Fenster des Schnellzuges – vielleicht war es derselbe, den sie damals hatte durch die Nacht brausen hören – und starrte ins Bahnhofsgewühl. Und dann fuhr sie weiter. Die kleine Gruppe, die Luigi ihr zum Andenken geschenkt hatte, war beim Brand zersprungen. Nelly hatte nur das Köpfchen der Faunin gerettet, dem er zu ihrem eigenen Gesichtchen zwei kleine Spitzöhrchen gegeben hatte. Das lag immer vor ihr und erinnerte sie und ließ ihr keine Ruhe. Aus Zorn und Qual und Verlangen wurde etwas in ihr lebendig, das bisher geschlafen hatte, etwas Waghalsiges, Gefährliches, Kampflustiges, das mit leichten, behenden Füßen auf steinige Höhen klettern wollte. Es litt sie nicht mehr in dem eng umgrenzten Frieden einer harmlosen Familientochter. Der Abgrund war doch übersprungen, es war doch eine Trennung da zwischen Sonst und jetzt. Nur kam es Nelly nicht mit einem Male zum Bewußtsein, sondern nach und nach. Dann fand sie schnell den Weg. Der Mann hatte ihr die Sehnsucht wachgeküßt, und die umherirrende Sehnsucht wurde Begierde nach Leben, nach Ruhm, nach goldenen Sternen, die über fernen Lorbeerbäumen glänzten. * Jeder Abend auf der Bühne bedeutete nun einen Kampf mit Niederlage oder Sieg. Jede neue Rolle ein neues Erklimmen neuer Höhen, jede Station ihres bewegten, farbigen Künstlerdaseins eine neue Probe auf Schwindelfreiheit und frohe Kraft. Einmal kam sie zu einem Gastspiel nach München. Da dachte sie wieder an Luigi. Hier hatte er gelebt mit der Frau, die ihn anbetete, mit seinen Kindern – hier mußte sie wieder von ihm hören. Und sie freute sich plötzlich, ihn zu sehen – wie auf ein neues Glück freute sie sich. Sie fragte, man wußte nicht viel von ihm. Ach der ...? Ein wohlhabender Mann. Spekulierte in Häusern und Baustellen draußen in Schwabing. Sie ging hinaus, fand die Villa, wo er wohnen sollte, nahe bei dem Englischen Garten, erkannte sie an großen Ateliers mit verblindeten Fenstern in einem verwilderten Garten. Sie trat durch das eiserne Gittertor. Auf dem Rasen, im hohen Gras, der Torso einer ziegenfüßigen Frau, von den Vögeln beschmutzt, von den Schnecken bekrochen, in langjährigem Staube ergraut. Nelly stand still und blickte träumerisch darauf nieder. Ein dicker Italiener mit einer weißen Weste und einer bunten Krawatte, eine lange Zigarre im Munde, kam die Stufen der Veranda herunter. »Eh, Sie wollen wohl die Wohnung sehen, die oben leer steht?« rief er herüber und näherte sich ihr. »Luigi Donata?« sagte Nelly leise und blickte den Mann an, von einer maßlosen Traurigkeit erschüttert. Er zog die Brauen zusammen. »Ah – Dio mio !« Er lachte laut. »Jetzt erkenne ich Sie erst! O – das ist sehr freundlich! Donna Carmen! Ja – ich las in der Zeitung von Ihrem Gastspiel ... Wir waren im Theater gestern! Groß, berühmt geworden? Ah – eine Leistung ... Aber ich wußte es immer! Ich habe es Ihnen immer gesagt – es lag etwas Besonderes in Ihnen. Ich habe einen Blick für dergleichen!« »Ich wollte Sie bitten, mir Ihr Studio zu zeigen.« Luigi wandte sich ab und spie aus. »Danach fragt kein Hund mehr. Wünschen Sie nicht meine Frau zu sehen? Ich glaube – ich weiß nicht ... Wir leben sehr zurückgezogen. Bitte, treten Sie ein. Es ist uns ja eine große Ehre ...« Nelly schüttelte den Kopf. »Ich will Ihre Frau Gemahlin nicht stören. Wir können hier draußen plaudern – sagen Sie mir von Ihrer Kunst. Haben Sie nichts hier?« Ein böser, fast tückischer Blick traf sie. »Mein Gott ja – ich war einmal auf dem Wege ... Im Luxembourg haben sie meinen »sterbenden Satyr« gekauft. Was wollen Sie – so ist das Leben. Es gibt zu viel zu tun. Die Frau macht Ansprüche, die Kinder müssen erzogen werden – drei Häuser – diese Villa, zwei Zinshäuser in der Leopoldstraße – viele Mieter – das zankt sich – da muß gebaut werden – die Sorgen ... Man kommt nicht zum Arbeiten ... Luigi Donato ist tot. Reden wir nicht von ihm – reden wir von Ihnen, Gnädige. Sie leben ...« »Ja – ich lebe«, erwiderte Nelly nachdenklich. Sie sehnte sich fort, weit fort von der Stelle, wo sie stand, neben dem feisten Herrn, in der weißen Weste, mit der goldenen Uhrkette und den vielen Berlockes – dem gewöhnlichen, reich gewordenen, geldgierigen Italiener, der mit theatralischen Gesten die Komödie seiner eigenen Erniedrigung spielte. »Sehen Sie, das ist mein letztes Werk«, sagte er und stieß mit dem Fuß an die Faunin. »Ich habe es eines Tages zerschlagen, der ewigen häuslichen Szenen müde ... Meine Frau verstand sonst die Kunst ... so – im allgemeinen ... Aber die Kunst des Mannes, den sie liebt, haßt jedes Weib. Sie war zu stark für meine Nerven. Ein Künstler – o das will so leise berührt werden. Nun hat sie mich da, wo sie mich hat haben wollen. Glauben Sie, es wäre ihr recht? Nun will sie, ich soll arbeiten – ha – ich werde mich hüten. Eines Tages vielleicht. – – Die Liebe – die Liebe ... Ein Künstler sollte niemals eine Frau heiraten, die ihn liebt!« Nelly drückte die Hand an die Stirn. Das laute pathetische Reden tat ihr weh. »Leben Sie wohl«, sagte sie kühl. »Ich werde erwartet.« Er öffnete ihr das Gartentor. »Sehen Sie, von hier – den Blick über den Englischen Garten – da stehe ich morgens – rauche meine Zigarre – träume ... O, man sollte nichts tun als träumen ... Ich wollte, ich wäre noch der kleine Knabe, der mit dem Brett voll Figuren durchs Land wanderte ...« Er hatte plötzlich die Augen voll Tränen. »– Ah – Nelly ... wir hätten beide miteinander davonlaufen sollen – damals!« »Dann wäre wahrscheinlich etwas aus Ihnen geworden, und ich wäre untergegangen«, sagte Nelly kalt. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und blickte sie mit spöttischem Hasse an. »Wie reizend Sie noch sind – kein Wunder, daß Sie Erfolg hatten – der Erfolg ist schönen Frauen immer hold ...« »Wenn sie Ziegenfüße haben, um ihn zu fangen und halten zu können«, antwortete Nelly, lachte auf und verließ ihn. Sie ging schnell und schüttelte sich. Vorbei. Abgetan. Auf dem Schattenweg des Englischen Gartens, auf dem sie zur Stadt zurückging, stand sie still und starrte in das träge unter den Bäumen dahinfließende Gewässer ihr zur Seite. Ein sonderbarer Druck lag auf ihr, wie das Gefühl einer heimlichen Schuld. Was ging es sie an, daß dieser Mann unterlegen war? – – Sie wußte plötzlich, daß sie geholfen hatte, ihn zu töten. Und was sie geworden, dankte sie doch dem Funken seines Geistes, der einst das Lebensfeuer in ihr entzündet hatte – dem toten Künstler Luigi Donato. Five o'clock Den stumpfen, dumpfen Krepp der tiefen Trauer hatte Frau von Necker abgelegt. Sobald sie sich bewegte, wenn sie sich zum Kamin beugte und mit poliertem Stahl zwischen dem Koks wühlte, daß die Glut aufflammte, dann glitzerte es aus allen Rüschen und Falten ihres schwarzen Kleides von winzigen Jett-Pailletten, ihre dünne, feine Gestalt schien plötzlich hunderte von blauen und gelben Lichtfünkchen auszustrahlen. Und trotz des wehen Zuges über den Brauen und um ihre Lippen, sprühte etwas wie verstohlene Lebenslust aus dem neckischen Flimmerspiel, das so verschwenderisch über die finsteren Spitzen verstreut war. Frau von Necker hielt eine blütenweiße Teeschale in der Hand, durchsichtig und leicht, wie die Eierschale eines Singvogels. Sie nippte von dem Trank, den sie ohne Rahm und Zucker nahm, um das ihm eigene Aroma nicht zu verderben und seine rötlich-goldene Farbe rein zu genießen. Ihr berühmtes Haar, welches immer den Eindruck hervorrief, als müßten alle Schildpattnadeln darin zerbrechen und der große wirre Knoten langsam in den Nacken gleiten, – dieses Haar besaß genau die Farbe vom russischen Tee. Walther Scharling hatte einige sehr schöne Verse gemacht – auf den russischen Tee und auf ihr Haar. ... Wie sonderbar, daß er noch nicht hier war. Sie hatte ihre Ankunft zwar nicht gemeldet – natürlich nicht – wie hätte sie ... Aber auf irgend einem Wege hätte er es doch erfahren können. Fürchtete er sich vielleicht? O Walther! Es sähe ihm ähnlich. Weil sie nun frei war? Sie sah über die flache Teeschale hinweg in die Glut und errötete plötzlich. Sie war ja frei ... Wie seltsam. Frei – –! Ja ... Und? Sie lächelte – so geheimnisvoll traurig, wie sie immer lächelte aus Gewohnheit und wie es so gut zu ihrer bleichen Farbe und zu dem ganzen Stil ihrer Schönheit stimmte. Während sie die Schale auf den Bambustisch niedersetzte, zitterte ihre Hand. Sie blickte unter halb gesenkten Lidern vor sich hin, als schaue ihre Seele ein tiefes Geheimnis. Aber es war auch nur die alte Gewohnheit so zu blicken. Frei –! – – – Aus dem unbestimmten Dämmern der Erinnerung traten ihr die Momente, in denen sie gesprochen hatte: »Ich bin nicht frei.« Immer wieder das eine Wort – wie eine Zauberformel, welche böse, wilde, verführerische Geister zu dienendem Gehorsam bannen mußte. ... Warum nicht frei? Ihr Mann saß über seinen Büchern oder im Café. Und sie kam und ging im Hause, wie sie mochte – empfing an ihrem Teetisch, wen sie wollte ... Aber sie schüttelte den Kopf und hob die Hand ein wenig, als schiebe sie etwas Unsichtbares von sich. Das genügte. Um ihre Gestalt schwebte die Stimmung einer ewigen Entsagung und zugleich etwas so Weiches, in Empfindung Vergehendes, daß der heißeste und härteste Manneswille vor ihr zerschmolz bis zu schmerzlich-süßer Vereinigung zweier Seelen in sehnsuchtsvollem Verzicht. Nataly von Necker seufzte leise – es war fast ein Seufzer des Glückes – bei diesen Erinnerungen. Alle waren ihre Freunde geworden – ihre guten, treuen und ergebenen Freunde. Und wie lange hatte sie keinen von ihnen gesehen ... Um diese Stunde pflegte sie niemals allein in ihrem Salon zu sitzen ... Entweder es kamen gleichgiltige Bekannte und die Schar ihrer Getreuen war vollzählig darunter. Oder es gab ein Tete-a-Tete in schwülen, gefährlichen Stimmungen, über die sie gleichsam mit einer geistigen Balancierstange auf ganz dünnem Seile hinwegzugaukeln wußte, den Siegerkitzel im Herzen, so hoch über dem Abgrund zu schweben, aus dem ein anderer in stummer Pein die sehnenden Arme hob. Aber oft verging auch ihr fast der Atem dabei ... * Und dann die tödliche Langeweile der Trauerzeit. Und der ganze endlose Sommer auf dem Gut der Schwester, bei den vielen kleinen Neffen und Nichten. Sie liebte ja das Landleben – aber doch noch mehr von der Stadt aus, hatte Doktor Schneider sie einmal in seiner sarkastischen Weise geneckt. Daß er nicht dort drüben im Schatten an der Tür zum Nebenzimmer lehnte, von wo aus seine Bemerkungen wie Blitzschläge in die Plauderei vor dem Kamin niedergezuckt waren ... Das kahle Zimmer bei ihrer Ankunft – so ungewohnt leer – ohne Blumen, ohne den Duft aus den Veilchensträußen des guten Legationsrates ... Frau von Necker lächelte nicht mehr melancholisch, sondern ganz erwartungsvoll und beinahe übermütig. Wenn Walther Scharling nur ahnte, daß sie hier säße – allein ... Wie er da eilen und fliegen würde, irgend eine fabelhafte Sezessionslilie oder Orchidee aufzutreiben, um sie zu begrüßen. Dann konnte sie gleich beginnen, ihm mütterlich-schwesterliche Ermahnungen wegen seiner Extravaganzen zu machen, er würde sie in einem seiner Anfälle von Kindlichkeit um ihre Meinung über seine neueste Halsbinde bitten ... Sie sah ihn noch, wie er einmal vor ihr kniete und sie ihm den Knoten geschmackvoller ordnete, während der Legationsrat als Begleitung ein undeutliches Eifersuchtsgemurmel hören ließ. So wäre man gleich wieder im alten Gleise. Oder doch nicht? Nein, nein – in demselben Gleise sicher nicht. Etwas Neues lauerte auf sie. Mit angehaltenem Atem spürte sie, wie es in der ungewohnten Stille, die sie umgab, sich vorbereitete. Neue, noch nie empfundene Erregungen, Eindrücke, Empfindungen ... Mit Augen, in denen ein neues glänzendes Leben erwachte, blickte sie umher. Ach, die Tannenzweige, die der vor Ehrfurcht bebende Hauslehrer der kleinen Neffen ihr noch in den Wagen gereicht hatte – sie rochen fade, nach vergangenen Tagen. Eine Lilie mußte dort auf dem dünnbeinigen Empiretischchen stehen. Auf hohem Stengel schwankte die große, weiße Blume mit unheimlichen, grüngelben Flecken. Sie meinte ihren schwülen Duft zu spüren, und er wiegte sie in durstige, fieberhafte Träume. Und Reimklänge aus den Liedern Walther Scharlings gingen ihr durch den Sinn – erlesene Wortmusik, mit denen der junge Dichter ihre Seele liebkoste und die auf sie wirkten wie leise Berührungen von bebenden Lippen. Oft, oft, wenn er gegangen war, nachdem er ihr seine Lieder gelesen hatte, in schwermütig-feierlichen singenden Tönen, hatte sie sich über seine Blume gebeugt und sie geküßt – die seltsam kühlen, linden Kelchblätter mit den gelb-grünen Flecken. Sie küßte gern Blumen. Nicht Männer. Nicht Walther Scharling. Nur wenn sie in allen Nerven ihres Leibes empfand, wie seine Phantasien sie umschlangen, das war ihr eine feine Wollust. Er mußte ja doch so brav auf seinem Stuhl sitzen bleiben. Er wußte ja, daß er nicht durfte ... So hart war sie einmal mit ihm gewesen, daß er es nie vergaß. Damals wäre er fast geflohen. Aber der Zauber, immer von seiner Liebe zu ihr reden zu dürfen, hielt ihn. Sie sah, wie das dem jungen Menschen zu einem törichten, schwelgerischen Genusse wurde, der seine Kraft verzehrte. Und sie empfand eine heimliche Freude, die fast etwas von Rachgier hatte. Sie durfte ja auch nicht. Es war geschmacklos für eine verheiratete Frau. Es war nicht vornehm. * Und nun durfte sie plötzlich! Sie sprang mit einem Satz aus dem Lehnstuhl, als wolle sie das Glück mit beiden Händen packen. Ihre Blässe war Röte geworden, ihr schmerzverzogener Mund glühte wie eine junge, zarte Rose. Das Gefühl ... Allein das Gefühl: frei zu sein, auf alles Verbotene, heimlich Umschlichene die Hand legen zu können! Alles zu dürfen! Nur die Wahl haben: was und wie. Wenn das schon war wie ein entzückender Rausch, wie mußte erst das Erleben sein! ... – Er – Walther – kniete bei ihr und trieb kindische, sentimentale Dummheiten, nur um heimlich ihr Kleid zwischen seinen Fingern fühlen zu dürfen. Ein langsames Heben der Lider ... Anfangs würde er nicht wagen, zu begreifen ... Ein wenig zögerte sie – weidete sich an seiner stummen Angst. Ein weiches, fast nur zu ahnendes Neigen ihm entgegen. Und das Lächeln an den Mundwinkeln. Sie trat langsam, wie eine Schlafwandelnde, vor den Spiegel. Und blinzelte durch die sich müde und hingebend schließenden glücklichen Augen. Und reckte und dehnte die feinen, langen, dünnen Glieder. Und lachte. Und plötzlich war es nicht mehr Walther, an den sie dachte. Der junge Mensch hatte sich in einen kräftigen, sehr gesunden Mann verwandelt, der sie mit sicheren Armen hielt, und sie fühlte mit einer schaudernden Lust ihre Zartheit hingegeben unter seine Stärke. War es nicht noch herrlicher? Kein gnadenvolles Spenden, sondern nur Empfangen und darin wieder jung werden! Sechzehnjährig! ... Gott im Himmel – das alles wartete auf sie ... Und sie war frei! Leicht und bewegt schritt sie im Zimmer zwischen den vielen kleinen Möbeln umher, schaute alles an und wunderte sich, daß die Dinge noch genau an denselben Stellen standen, wie vor einem Jahr. Sie begann zu singen, aus einem träumerischen Summen wurde es lauter und immer lauter in einem aufquellenden Jubel: Lachen möcht' ich, möchte weinen, Ist mir's doch, als könnt's nicht sein, Alte Wunder wieder scheinen Mit dem Mondenglanz herein * Warum er nur nicht kam – jetzt – in diesem Augenblick, und sie keck eroberte? Und dabei ganz kühl und selbstverständlich sagte: das muß doch so sein; hattest du noch irgend einen Zweifel, daß ich dich gewinnen würde? Natürlich, er fürchtete heut die anderen zu finden, und so kam er eben nicht, denn er wollte nicht erst noch einmal mit ihr in das alte, öde, geistreiche Geplänkel verfallen. Aber das war doch eigentlich allzu sicher. Denn wenn nun Walther ... wer vermochte zu wissen, wie sie sich entschieden hätte. Am Ende machte sich auch der Legationsrat Hoffnungen ... Er war ja der Einzige, der ihr eine gesellschaftliche Stellung bieten konnte, wie sie ihr zusagte. Und so ritterlich. Immer Billetts zu den Premieren. Auch über Toiletten konnte man gut mit ihm reden. Freilich – eine strenge Sichtung ihres Umgangs stand ihr dann bevor. Es war ihm nie recht gewesen, daß sie mit Künstlern und allerlei Leuten verkehrte, die nicht zur exklusiven Gesellschaft gehörten. Höchstens würde er einen Flirt mit einem Offizier dulden. Und das kaum. Senile Eifersucht, die sich hinter der Sorge um die Form versteckte ... Degoutant! Schneider war der einzige, der ernstlich in Betracht kam, weil sie im Grunde ihres Herzens Respekt vor ihm hatte und ein bißchen Angst. Aber Schneider ... Frau Dr. Schneider – nicht mehr Nataly von Necker. »Arztensgattin.« O weh. – Und die Unerbittlichkeit von Julius Schneider. (Auch Julius!) Das ahnte sie schon – im Verhältnis zu ihm war sie die Schwächere. Und er hatte so vorsintflutliche Begriffe von »Familie gründen« – von dem Beruf der Frau als Mutter. Die Frau ist auf der Welt, um Kinder zu gebären ... Gebären ... Er hatte das wirklich einmal gesagt. Nicht als Witz. Der Schleier, den sie in ihrer Erinnerung über ihre ersten Ehejahre gebreitet hatte, riß plötzlich vor ihrer Phantasie entzwei. Sie ballte die Hände und wurde dunkelrot vor Zorn und murmelte mit zusammengekniffenen Lippen: Nie wieder. Nie! Und hob die geballten Hände wie zum Schwur empor. Und stand wie eine Drohende vor dem unsichtbaren Dr. Julius Schneider. Solche grausige Dinge würde Walther Scharling nicht von ihr verlangen. Ihr Mund löste sich aus dem verbissenen Zornkampf und lächelte nur noch ganz wenig verächtlich. Dem kleinen Walther wäre es ja viel interessanter, sie würde seine Geliebte. Einmal den Rausch des Lebens kosten! Aber dann –? Dieser wahnsinnig leidenschaftlichen, zügellosen Jugend Rechte über ihr tägliches Leben einräumen ... Immer und immer wieder den Liebestaumel fingieren, die überspannte Seligkeit, die sie vielleicht eine halbe Stunde lang empfunden hatte ...? Liebst du mich auch? Liebst du mich auch allein? Ich vergifte diesen Dr. Julius Schneider wie meinen Hund, wenn du ihm noch einen Blick gönnst. Ich will nicht, daß du dir vom Legationsrat Billetts besorgen läßt. Ich kann es nicht vertragen, wenn du die Dramen anderer Leute anhörst. Bleibe zu Haus – ich lese dir meine Verse. Diese Verse, die sie schon Silbe für Silbe kannte – bei denen sie einschlief, wenn er sie so schwermütig feierlich vortrug ... Frau von Necker stand vor dem Kamin, die Arme hingen schlaff herab, sie starrte trübe in die Glut. Ach, langweilig. Eine Wahl treffen müssen unter Menschen, die sie zum Behagen ihres Lebens alle gleich nötig hatte. Warum kam denn keiner von ihnen? Schon mißtrauten sie dieser altgewohnten Stunde – weil jeder sie allein sehen wollte. Alles würde sich verschieben. Aus den guten, guten Freunden würden erbitterte Feinde werden. Und so würde sie alle verlieren ... Eine Uhr schlug irgendwo mit hellem, dünnem, silbernem Klang. Frau von Necker sah in die rote Glut, über der blaue Lichtreflexe zitterten. Jetzt kam die Zeit, wo er sonst heimkehrte, er, dessen Leben nach der Uhr geregelt war. Ihr Mann. Wo er ruhig ins Zimmer trat, nachdem die anderen gegangen waren und nur die Dünste ihrer Zigaretten zurückgelassen hatten. Er nahm die Abendzeitung auf und setzte sich an den Kamin. Frau von Necker zog seinen Stuhl ein wenig näher und ließ sich verträumt darauf nieder ... ... Er legte die Zeitung auf die Knie und beugte sich vor und rieb fröstelnd die bleichen, hageren Gelehrten-Hände gegeneinander. Und dann hob er den Kopf und schaute sie an mit seinen stillen, klugen Augen und fragte freundlich: »Hast du dich gut unterhalten?« Er verlangte keine Beichte – er kümmerte sich ja schon lange nicht mehr um ihr Tun und Lassen. Er ließ ihr volle Freiheit. Er war nur höflich. Und sie hörte seine resignierte Stimme – sie sah seinen verstehenden Blick. Ein Sehnen schlich durch ihr ganzes Wesen nach seiner ruhigen, unverlangenden Gegenwart. Sie streichelte mit ihren Fingern die Lehnen des Stuhles, wo seine Arme zu ruhen pflegten. Unter ihren Lidern sammelten sich Tränen und rannen in langsamen Tropfen nieder. Ach, lebte er noch und alles könnte so bleiben wie es gewesen, zu der Zeit, als sie noch nicht frei war ... Eines Toten Wiederkehr Sehen Sie, liebe Frau Dorrit – Sie können mir das nicht verdenken – man möchte doch ... Mein Gott, die jungen Mädchen sind heutzutage schon so sensitiv und erregbar ... Verstehen Sie mich nur – ich wollte um die Welt nicht, daß wir in Kälte voneinander schieden – unsere Kinder sind ja Freundinnen! Marie hat sich in Ihrem Hause so wohl gefühlt – ich und mein Mann sind einig, daß sie sich prächtig entwickelt hat im letzten Jahre. An Leib und Seele, muß ich sagen ...« »Frau Professor – ich würde selbstverständlich dafür sorgen, daß die jungen Mädchen von ... von dem neuen Hausbewohner wenig sehen würden. Man könnte wohl auch ... jedenfalls getrennte Mahlzeiten ...« »Liebe Frau Dorrit, machen Sie sich keine Illusionen, dergleichen läßt sich niemals durchführen. Es ist ja doch Ihr Mann – damit ist alles gesagt.« Frau Dorrit schwieg. Mit dem letzten Wort war in der Tat alles gesagt. Die Besucherin erhob sich und gab Frau Dorrit die Hand. »Es war mir lieb, Sie allein gesprochen zu haben. Ich konnte nicht schreiben, daß wir Marie zurücknehmen wollen. Es schien mir so grausam. Bitte, schicken Sie sie mir nachher ins Hotel. Nicht wahr, Sie verstehen, daß wir nicht anders handeln können, im Interesse unseres Kindes!« »Gewiß, gnädige Frau, ich verstehe vollkommen!« Aufs neue lagen die Hände der beiden Frauen ineinander. Die Professorin versuchte einen herzlichen Druck, doch wurde er nur schwach erwidert. Frau Dorrit war allein. Sie blieb, nachdem sie die Besucherin hinausgeleitet hatte und wieder zurückgekehrt war, an der Tür stehen und blickte ratlos in das Zimmer hinein. Eine sanfte Frühlingsdämmerung begann alle Ecken und Winkel mit grauen Schatten anzufüllen, nur um die Fenster war noch eine bleiche Helle, in der die weißen Hyazinthen silbern leuchteten und starke schwere Düfte ausströmten. Es war sehr warm, denn man hatte zu stark geheizt. Frau Dorrit legte beunruhigt die Hand an die Stirne, ihr Herz klopfte angstvoll. Sie lief plötzlich auf den Schreibtisch zu, raffte einige Briefe auf, trat in die letzte Tageshelle, zog einen nach dem andern aus den Umschlägen, blickte hinein, legte sie beiseite, und es schien, als werde mit jeder dieser Bewegungen auch ein neuer Schleier von Sorge über ihr freundliches Antlitz gezogen. »Drei bleiben mir von zehn«, dachte sie. »Am Ende werden sie mir alle genommen. Es geht ja auch nicht – wie soll es denn gehen ... Nein – ich würde es selbst nicht tun. Ich am wenigsten ... Ach Helge – Helge ...« In diesem Seufzer stöhnte ein alter Kummer und löste sich plötzlich aus jahrelanger Hast in einen Strom von Tränen auf, die still und eilig über die Wangen von Frau Dorrit liefen. Hastig wurden sie getrocknet. Denn draußen kam ein Getöse von trappelnden Füßen, von raschelnden Kleidern, von hellen Mädchenstimmen und Gelächter den Flur entlang und drang ins Zimmer, das sich gleich mit frischem, kaltem Frühlingsodem zu füllen begann. All' die jungen Gestalten brachten ihn von ihrem Spaziergang in ihren Röcken und Haaren heim. Und: Frau Dorrit hier, Frau Dorrit da – Frau Dorrit, der Sturm! Aber man wird heiß! Der Frühling kommt! Und der Helge ist der Hut davongeflogen! Und: Frau Dorrit, ich bekomme einen Kuß, denn ich hatte vorher meinen Aufsatz fertig! Und: Weidenkätzchen haben wir gefunden! Und: wir haben uns mit dürrem Laub geworfen, draußen im Wald, und Mademoiselle hat welches in den Kragen bekommen und schüttelt sich draußen wie ein ärgerlicher Pudel! »Aber Marie, welch' ein Vergleich!« »Ach Verzeihung, süße, himmlische Frau Dorrit! ... Dürfen wir? Dürfen wir?« »Nichts dürft Ihr, als euch ausziehen und an eure Arbeit gehen. Nur Helge und Marie bleiben ...« – – – »Marie, eine Überraschung für dich, deine Mutter ist heut Nachmittag gekommen. Mademoiselle wird dich zu ihr ins Hotel führen. Sie war bis vor kurzem bei mir.« »Mama! Mama? Ja, was ist denn los?« »Geh nur, mein Kind. Helge, ich habe mit dir zu sprechen. – Ja – Helge – Frau Professor möchte Marie schon einige Tage vor den Osterferien mit heimnehmen.« Die Lampe war gebracht, eine große Lampe mit rotseidenem Schirm, die das Zimmer traulich beleuchtete. Helge streckte sich müde und voll Behagen in einen niederen, englischen Korbstuhl, ein klein wenig verdrossen, weil ihre Freundin schon abreisen wollte, und zugleich mit junger Begehrlichkeit den Teller mit kleinen Kuchen auf dem Teetisch musternd. Jetzt mußte Frau Dorrit es ihr sagen. Und wie sollte sie nur beginnen? Welches sollte das erste Wort sein? Wie würde Helge es aufnehmen? Wie war es auch nur möglich gewesen, das Geheimnis vor dem Kinde zu wahren, und warum hatte sie es nur getan? Vielleicht ... Vielleicht wußte Helge schon längst davon – sechzehnjährige Mädchen wissen zuweilen so viel mehr, als ihre Mütter ahnen. Vielleicht würde sie sie gleich verstehen und ihr alles erleichtern. »Erinnerst du dich eigentlich noch an Vater?« fragte die Mutter in einem beklommenen Ton. Ihre braunen Augen blickten an der Tochter vorüber. »Nein, Mama.« Helge lachte hell heraus. »Ich war doch erst ein Jahr alt, als er starb.« »Ja, richtig. Ich hatte vergessen. Fünfzehn Jahre also – fünfzehn Jahre ... Natürlich kannst du dich nicht mehr erinnern – es war eine schreckliche Zeit – eine entsetzliche Zeit – jenes ganze Jahr ...« Frau Dorrit saß auf der Lehne des breiten Korbstuhles, Helge umfing sie mit den Armen. »Mein armes, gutes Mamachen!« Und dann tat sie plötzlich die Frage, die sie seltsamerweise nie vorher getan hatte ... Sie fragte so verständig, als wolle sie sagen: ich bin doch nun bald erwachsen, und man kann mir Vertrauen schenken: »Woran ist Papa nur gestorben? Du hast es mir niemals gesagt.« Frau Dorrit antwortete lange Zeit nicht. Dann sagte sie leise: »Er war geisteskrank.« Und wieder folgte eine lange Stille. Frau Dorrit fühlte nur, wie Helges Arme sie fester umklammerten, wie das weiche Gesichtchen sich ganz an ihrer Brust verbarg. »Mein Kind,« flüsterte sie zärtlich und strich ihr liebkosend über das Haar, »mein liebes, gutes Kind.« Sie hörte Helge endlich murmeln: »Wie schauerlich ist das,« und sie antwortete ihr sanft: »Ja, Kind, es war sehr schwer. Endlich konnte er nicht mehr bei uns im Hause bleiben. Er wurde in eine Anstalt gebracht. Dort ist er nun seit fünfzehn Jahren eingeschlossen.« »Mama – Mama – er lebt?« »Sein Körper lebte – sein Geist war tot – seine Seele ... O Gott, was wissen wir von diesen Geheimnissen? Helge – er hatte keine Erinnerung mehr an uns. Er existierte nur in wirren Träumen ... Die Ärzte sagten, es wäre nur eine schwache Hoffnung vorhanden, daß es einmal besser mit ihm werden könne. Ich glaubte längst nicht mehr an diese Hoffnung. Alle Jahre einmal besuchte ich ihn. Er kannte mich nicht mehr.« Frau Dorrit beobachtete aufmerksam das Mädchen, während sie sprach. Helge war sehr blaß. Ihre schönen Augenlider mit den langen Wimpern zitterten über den gesenkten Augen, welche ihre Mutter nicht anzublicken wagten, aus Furcht, ihre Blicke könnten ihr das Schwere, das sie auszusprechen im Begriffe stand, noch erschweren. Diese zarte, gespannte, nervöse Natur, die empfangen war von einem Vater, in dessen Hirn die Krankheit bereits heimliche Verheerungen anrichtete, die getragen war unter Ängsten und Seelenqualen einer gemarterten Mutter, die zum Dasein heranwuchs mit einer gesteigerten Erregbarkeit des Gefühlslebens, die empfindlich war, gleich jenen Pflanzen, welche ein zu heißer Sonnenstrahl, ein Windzug oder ein Regenschauer zur unrechten Zeit in ihrer Entwickelung hemmen kann, sie zum Kränkeln und Verdorren bringt. »Meine Helge!« Das Mädchen schlug die Augen auf. Die Mutter sah in ihrem Gesicht das wilde Entsetzen; die Phantasien, die bereits gierig, unaufhaltsam von dem jungen Gehirn Besitz ergriffen. »Helge«, sagte sie streng und erhob sich, stand als Erzieherin vor ihrer Tochter. »Du bist ein großes Mädchen, du wirst vernünftig sein! Höre, was ich dir sagen muß, und warum ich heute diese Dinge mit dir bespreche. Es geht Vater besser, viel besser. Es ist wie ein Wunder. Selbst die Ärzte sind voller Staunen über den Wechsel in seinem Zustande. Sein Gedächtnis ist zurückgekehrt, er verlangt wieder bei uns zu wohnen – wenigstens schreibt man mir so. Es ist kein Grund vorhanden, ihn noch länger in der Anstalt zu behalten. Wir werden ihn wieder bei uns haben, Helge.« Das Mädchen stand, als habe man ihm mit einem Hammer wiederholte Schläge auf den Kopf versetzt, und diese hatten irgendwelche Empfindungsnerven völlig betäubt. Vergebens erwartete Frau Dornt eine Äußerung aus dem Munde ihrer Tochter. Sie zog sie an sich, liebkoste sie, wie man ein kleines Kind liebkost. Sie setzte sich, nahm das lange, dünn aufgeschossene Mädchen auf ihre Knie, flüsterte ihr zärtliche, beruhigende Worte ins Ohr. Und an ihrem Halse begann Helge endlich heftig und unaufhaltsam zu weinen. Dann, als sie sich gefaßt hatte, faltete sie die Hände, und der Blick ihrer noch feuchten Augen hatte einen feierlichen Ausdruck, als sie andächtig, von ihren Schauern beklommen, flüsterte: »Es ist wie eine Auferstehung von den Toten.«   Frau Dorrit trat aus der Tür ihres Besitztumes, das, ein schmuckes Landhaus mit großen Balkonen, von Obst- und Blumengärten umringt, sich an eine Höhe der Bergstraße schmiegte. Es war Frau Dorrit ans Herz gewachsen, wie einem jedes Eigentum lieb wird, das man mit Arbeit, Sorgen und Mühen sich erwirbt. Durch die Einnahmen ihres blühenden Instituts hatte sie gehofft, die noch auf dem Grundstück lastenden Hypotheken nach und nach abtragen zu können. Diese Aussicht war natürlich nun endgiltig vorüber. Die Frau, welche gelernt hatte, ihre Lebensangelegenheiten klug und praktisch zu regeln, wie ein Mann, überschlug im Geiste die Sachlage, während sie den Garten durchschritt, der im Blütenschaum der Obstbäume prangte und bei jedem Lufthauch einen Schauer silberner Blumenblättchen auf das braune, fruchtbare Erdreich niedersandte. Die hohe Pension, welche sie bisher in der Irrenanstalt zu zahlen hatte, fiel fort. Das war eine Erleichterung. Aber was wollte das besagen gegenüber der Tatsache, daß ihre Existenz ruiniert war. Auf die Nachricht, daß der kranke Mann heimkehren werde, wurden die jungen Mädchen sämtlich von ihren Eltern zurückgefordert. Frau Dorrit hatte ihr Haus zum Verkauf ausgeschrieben und hegte doch die heimliche Hoffnung, so bald noch keinen Liebhaber dafür zu finden, denn die Vorstellung, mit dem Manne, von dessen Zustand sie sich kaum eine Vorstellung zu machen vermochte, bei fremden Leuten zur Miete zu wohnen, war ihr unbeschreiblich ängstigend. Trotzdem würde zuletzt nichts anderes übrig bleiben. Sie überlegte neue Möglichkeiten des Verdienstes, sie dachte an Übersetzen, an Handarbeiten, an all die aussichtslosen Notbehelfe der Frauen, die verurteilt sind, mit gebundenen Händen und Füßen zu arbeiten. Und dabei galt sie Augusts Geschwistern für eine wohlhabende Frau! Man hatte es ihr von dieser Seite aus in ziemlich scharfer Weise zu hören gegeben, wie unerhört es sei, den Gatten nicht bei sich aufnehmen zu wollen. Augusts Schwester hatte sogar, als sie versuchte, ein anderes Asyl für ihn ausfindig zu machen, wo er in Frieden hätte seine Tage beschließen können, einen ungeheuren Entrüstungssturm unter den Verwandten – die sich beiläufig nie um den Kranken gekümmert hatten – angefacht, und gedroht, die Hilfe der Gerichte in Anspruch zu nehmen, um die Gattin zu zwingen, ihren Pflichten nachzukommen. Und die Gerichte ... alles, alles hätte Frau Dorrit gelitten und getan, nur um nicht wieder mit diesen Mächten in irgend eine Berührung zu kommen. Das wußte Augusts Schwester gut genug. Seltsam, mit welchem heimlichen Haß diese Frau sie verfolgte, einem Haß, den sie anfänglich nicht begriffen, bis ihr Alter und Erfahrungen die Augen geschärft hatten. Augusts Geisteskrankheit sollte und mußte äußere Ursachen haben, das war für seine nächsten Blutsverwandten von ungeheurer Wichtigkeit. Was lag näher, als die Schuld an seiner Krankheit auf die Frau, auf die unglückliche Ehe zu schieben! Darum auch lag es der Schwester sehr daran, jetzt gewissermaßen vor aller Welt zu beweisen, daß kein organisches Leiden, sondern nur eine vorübergehende Störung vorgelegen hatte. Deshalb mußte August zu seiner Familie zurückkehren. Frau Dorrit fühlte fast Mitleid mit der Frau, die ihr schon so viel Leid im Leben angetan, denn sie begriff zu gut ihr ruheloses Streben, ihrem Manne, ihren Kindern und Freunden zu beweisen, daß sie gesund sei und einer gesunden Familie entstamme. Die Schwägerinnen hatten deshalb auch seit Augusts Krankheit fast keinen Verkehr unterhalten. Frau Dorrit war durch die Beschuldigungen von Augusts Verwandten in tiefster Seele beleidigt worden. Schon aus diesem Grunde wollte sie keine Gemeinschaft zwischen ihnen und Helge. Und es galt, dem Kinde gegenüber das Geheimnis von des Vaters Leiden gut zu hüten. Sie tat es auf den Rat eines erfahrenen Psychiaters, dessen Anweisungen für die Erziehung des zarten Kindes sie ängstlich befolgte. Und nun war Helge so lieblich aufgeblüht, so reizend in der Mischung von Neugier, Schelmerei und Furcht, mit der sie ins Leben hineinschaute! O – hätte sie sie behüten können – sie weiter in froher Ahnungslosigkeit erhalten! Schneller ging Frau Dorrit weiter, die Lippen zusammengekniffen, zwischen den Brauen eine Falte sorgenden Nachdenkens. Sie wollte zur nächsten Bahnstation, wohin sie einen Wagen bestellt hatte. Sie wollte ihren Mann abholen. Es war ihr peinlich, ihn zuerst wiederzusehen umringt von der Neugier ihrer Nachbarn. Jahrelang hatte sie als Witwe an dem Orte gelebt. Nun würde die Klatsch- und Schwatzsucht, die in der eingeengten Welt solcher kleinen Städte brodelt, mit einem Schlage wild aufgeregt werden und ihren Namen, ihr Schicksal wochenlang in ihren Wirbeln kreisen lassen. Schließlich – das bekümmerte sie nicht sonderlich. Sie hatte Zeiten durchlitten, in denen sie der Nachrede und der Neugier von Fremden und Freunden hatte trotzen lernen. Jene Zeiten, als die Krankheit ihres Mannes sich in wunderlichen Launen, unberechenbaren Taten und Worten zu zeigen begann, ohne daß man all diese Dinge noch als Krankheit erkannte oder erkennen wollte, jene Zeiten, da er sich durch wilde Wutausbrüche in öffentlichen Lokalen bittere Feinde schuf, welche Frau Dorrit später vergebens zu beruhigen strebte. Sie hatte die Erinnerungen mit Gewalt zurückgepreßt, sie hatte sie fast vergessen geglaubt – plötzlich drängten sie sich deutlich, in allen Einzelheiten wieder in ihre Phantasie, füllten ihr das Herz mit Unruhe und Bitterkeit. Zwar hatte der Arzt geschrieben, der Kranke sei still geworden. Szenen, wie die Vergangenheit sie gebracht, seien ganz ausgeschlossen. Dazu seien auch seine körperlichen Kräfte viel zu erschöpft. Er sei heiter und zufrieden. Mit Hilfe eines geübten Dieners werde sie die Pflege leicht durchführen. Leben möge der Mann in diesem Zustande vielleicht noch geraume Zeit. Das alles klang beruhigend. Sie wollte nicht in ferne Zukunft hinaus sorgen! Und vor allem nicht sich in schmerzliche Erinnerungen vergrübeln! Das Leben war nun einmal so, wie es war, und so mußte es gelebt werden. Vor zehn Jahren hatte sie leidenschaftlich eine gerichtliche Scheidung verlangt – und war zurückgewiesen worden. Die Ärzte konnten eine Aussicht auf Besserung nicht bestimmt verneinen. Und der Richter hielt ihr vor, wie unmenschlich es sein würde, den unglücklichen Kranken für den Fall seiner Heilung eines liebenden Weibes, eines Kindes und eines trauten Heims zu berauben. Luise Dorrit hatte damals herbe gelacht, und der würdige Herr setzte eine sehr strenge und tadelnde Miene auf. Eines liebenden Weibes ... Hatte denn dieser Mann, der selbst Gatte und Vater war, keine Ahnung, aus welchen zarten und feinen Bestandteilen sich eheliche Liebe zusammensetzt? Oder wollte er keine Ahnung haben? Eheliche Liebe – wie konnte sie sie im Herzen tragen zu einem Manne, der ihr längst, ehe sie sich entschloß, ihn einer Anstalt zu übergeben, nur noch Ekel und Grauen einflößte? – Ja gewiß – allmählich, als seine körperliche Nähe sie nicht mehr ängstigte, hatte sie gelernt, seiner in Barmherzigkeit und Güte zu gedenken. Sie war ja auch bereit, aus der Ferne für ihn zu sorgen. Nur frei von ihm wollte sie sein, nur nicht die Angst um seine Rückkehr ewig als Gespenst an ihrer Seite wandern fühlen. Grausam gegen den Kranken ... Wer fragte danach, wie grausam die Entscheidung des Gesetzes gegen sie, die Gesunde, war? Und wie man ihre frische Kraft dadurch zerstörte? Der blutige Hohn! Ihm, der armseligen Ruine, dem Manne, der unfähig geworden war, seine Gatten- und Vaterpflichten auszuüben, ihm wollte man Weib und Kind und Heim erhalten! Ihr, dem blühenden jungen Weibe ließ man die klirrende Kette am Fuß, verwehrte man jede Möglichkeit neuen Glückes, neuen Lebens, neuer Liebe, wie ihr kraftstrotzender, schöner Leib, ihr verlangendes Herz und alle gesunden Instinkte in ihr sie gebieterisch forderten. Und daß es nicht unabänderliches Schicksal war, sondern Menschenwille, superkluge Menschenweisheit, die sie elend machte – das empörte sie immer aufs neue. Am Ende hatte sie doch entsagen gelernt. Ein Frühling blühte auch ihr wieder in dem Kinde auf. Und mit der frischen Jugend um sich her freute auch sie sich wieder an der Welt und ihrer ewig sich erneuenden Schönheit. Doch schon tauchte in ihrem Kopfe, als sie an Helge denken wollte, um zu friedlicher Stimmung zu gelangen, der Gedanke auf, daß sie genötigt sein werde, sich von Helge zu trennen. Ein noch ferner Schrecken, dem sie durch eine unabwendbare Macht mit jäher Schnelle entgegengetrieben wurde. Helge – die Quelle ihrer Kraft und ihres Mutes – das unsäglich geliebte, bewachte und gehütete Sorgenkind ... sich von Helge trennen ... Ein Schmerz stieg in ihr auf, der ihr die Brust zerriß, der sie betäubte, so daß sie in ihrem gleichmäßigen Schritte innehalten und die Augen schließen mußte, bis die aufquellende Welle von Weh langsam wieder verebbte und nur ein taubes, dumpfes Qualgefühl zurückließ. * Wie göttlich kraftvoll sproßte rings um sie her die Pracht des jungen Lenzes in Grün und Blüten empor. Es war eine Wonne für das Auge, das helle Laubwerk der Birken, der edlen Kastanien zwischen dem Blauschwarz der Fichten an der Berglehne droben. Die Apfelbäume auf der Wiese, durch die ihr Weg sie führte, standen unter der Last ihrer rosenroten Blüten, die jedes Jahr wieder einen so merkwürdigen Gegensatz zu dem knorrigen, dürren, alten Geäst bildeten, aus denen sie so wundersam zart herauswuchsen. Und darunter im hohen Gras drängte sich in üppiger Fülle, saftstrotzend und doch so fein und bestimmt in tausend verschiedenen Formen das Gekräut, Vergißmeinnicht, Ehrenpreis und Löwenzahn und zahllose gelbe Butterblumen. Der Frühling war spät gekommen in diesem Jahr und hatte seine Gaben nun mit einer verschwenderischen Hast über das fruchtbare Gelände geschüttet. Es war ein Glühen und Duften, ein zitterndes, schwirrendes Atmen, ein Singen und Jubilieren in den Lüften, eine Wollust am Dasein, die sich auch der Menschen bemächtigte. Alles strömte, den Feierabend genießend, aus dem Städtchen mit seinen stillen, gepflasterten Gassen, seinen grauen Türmen und Mauerresten hinaus in die Obstgärten, auf die Weinberge, in den Wald. Es war wie eine allgemeine, große Frühlingsfeier. Die Kinder in den Wäglein schwenkten Zweige mit jungen, grünen Blättchen, das wimmelnde kleine Volk mit seinen blanken, lustigen, schwarzen Pfälzeraugen hatte die braunen Fäustchen voller Blumen. Die großen Mädchen kamen, untergefaßt, in breiten Reihen, unter kreischendem Kichern und Lachen aus dem lichten Waldgrün hervor, und ihnen ging ein Duft von Maiblumen voraus, die in großen Sträußen die runden, jungen Brüste schmückten. Von der Stadt her zog ihnen ein Trupp Burschen entgegen. Es mochte irgend ein Turn- oder Gesangverein sein, denn der Vorderste trug im Schweiße seines Angesichts eine große Fahne. Sie sangen und schwenkten die Hüte, um die sie die langen, grünen Sprossen der Lärchen gewunden hatten, von denen lila Fliederdolden wie Federn nickten. Und es war, als feiere, umschwebt vom Gesang der hochzeitlichen Vögel, all diese Jugend, indem sie so aneinander vorüber zog und sich mit verliebtem Lachen und Geschrei begrüßte, das Fest der Göttin des Lebens, der Fruchtbarkeit und der Liebe. Selbst auf den Gesichtern der alten Männer, die behaglich zum Abendtrunk heimkehrten, Bündel von Waldmeister am Stecken tragend für den Leinenschrank der Hausfrau, lag ein Abglanz der Lust, und sie schmunzelten bedächtig, indem sie, stehenbleibend, dem Zuge der Burschen nachschauten. Helge saß jetzt zu Haus und weinte, wußte die Mutter. Sie weinte sehr viel seit jener Eröffnung. Sie wußte den Aufruhr ihrer Gefühle nicht anders zu äußern, und es war vielleicht noch ein Glück, daß sie weinte. Aber sie zerstörte sich. Ihre Wangen waren blaß und schmal geworden in den letzten Wochen. Frau Dorrit hörte sie Nacht für Nacht verstohlen ins Kissen schluchzen. »Ich mache mir so viel Vorwürfe, weil ich mich nicht freuen kann, daß Vater lebt«, vertraute sie ihrer Mutter in einer stillen Nachtstunde. »Mutter – wir sollten uns doch freuen, daß er gesund geworden ist. Es ist ja eine solche Gnade von Gott«, hatte sie mit einer rührenden Inbrunst im Ton hinzugesetzt. »Aber siehst du,« hauchte sie nach einer Weile scheu, »ich fürchte mich – ich fürchte mich ...« Frau Dorrit war auf bloßen Füßen leise an ihr Bett gekommen und setzte sich zu ihr. »Sag, Mutter, ist er denn ganz gesund – ganz so wie andere Menschen? Warum sind denn dann die Mädchen alle fortgegangen?« »Liebes Herz, du mußt nicht vergessen, daß die furchtbare Krankheit seine Kräfte erschöpft hat. Er soll sehr still und in sich gekehrt sein, das muntere Treiben und Lärmen der jungen Mädchen bei uns würde ihm schwerlich gefallen haben.« Wie quälend doch solche Gespräche waren. Gestern hatte Helge schüchtern gefragt, ob sie eine Girlande um die Haustür winden solle und Vaters Zimmer mit Blumen schmücken, und ob sie ihr weißes Kleid anlegen solle. Frau Dorrit hatte den Kopf geschüttelt: »Stelle ihm einen Strauß Maiblumen auf den Tisch«, hatte sie nach einer Weile hinzugesetzt. Wußte sie denn selbst, wie sie ihm entgegentreten, wie ihr Zusammenleben sich gestalten würde? Festliche Veranstaltungen? – Ihr war nicht festlich zu Sinne. Es galt eben, eine schwere Pflicht zu erfüllen. Der Geruch der Maiblumen und des jungen Grüns tat ihr ohnehin weh. Düfte bringen oft Erinnerungen zu deutlich wieder vor die Seele. Der süße, betäubende Frühlingsgeruch mahnte sie in jedem Jahr wieder mit schmerzender Lust an den Tag, als sie zuerst in diese Gegend kam, die Villa anzusehen, die später ihr Eigentum werden sollte und welche damals durch die Zeitungen zum Vermieten ausgeschrieben wurde. Sie kam mit Rudolf Ratgen, dem treuen Freunde, der sie zuerst auf den Gedanken gebracht hatte, junge Mädchen um sich zu versammeln, und dadurch ihrem Leben eine Bestimmung zu geben sowie die Mittel zu Helges Erziehung aufzubringen. Er dachte und plante für sie, um ihr Energie und Lebensfreudigkeit zu schaffen, da es ihm versagt war, ihr das Glück zu schenken – wie er es lieber getan hatte. Ihr Freund – so nannte sie ihn – sie wollte ihn ja nicht verlieren, wenn sie auch nicht zusammenkommen durften. Und daß er ihr Freund, ihr Trost und Berater bleiben wollte, hatte er ihr versprochen, in der Stunde, als sie schluchzend vor ihm zusammengebrochen war, in der Verzweiflung über die Unerbittlichkeit des Schicksals, das über ihr lag. O, die schwermutsvolle Seligkeit jener letzten Tage des Beisammenseins, auf die die lange Trennung folgen mußte! Sie hatte ja tapfer ihr Los getragen, bis zu dem Tage, an dem sie Rudolf kennen lernte, bis zu der Nacht, die jenem Tage folgte, in der sie wachend lag und in die Dunkelheit hinauslauschte und das Glück leise an ihr Lager schlich und ihr ins Ohr flüsterte: Weißt du nun, wie ich aussehen würde? Weißt du, aus welchen Augen ich dich anschauen, mit welchen Lippen ich dich küssen möchte ...? Weißt du's? Fühlst du's? Fühlst du, daß du jung bist und gesund, und daß dein Kind dir nicht alles ist – längst nicht alles? Hätte sie doch nie erfahren, daß er sie so lieb hatte, so unsäglich lieb – dachte sie später oft – es wäre vieles leichter zu ertragen gewesen. Aber sie erfuhr es ... wie erfuhr sie es! Güte, Verständnis, warmes, zartes Schützen, starkes Wollen – alles war in ihm und warb und bat, und sie gab sich so gern! Wie sie aufblühte in all den Hoffnungen. Sie legten sich kaum noch Zwang auf, sie waren beide so sicher, daß das Gesetz ihr die Freiheit zurückgeben werde. Und dann kam der vernichtende Bescheid. Rudolfs Geliebte sein? Sie war nicht dazu geschaffen. Sie war zur Ehefrau geschaffen, die dem Manne sorgend waltet im hellen Sonnenlicht, die viele Kinder hat und mütterlich über ihnen wacht. Sie war kein Weib der schwülen Gluten, sondern warm und hell wie ein fruchtbarer Sommertag, so schrieb er ihr einmal, und er wollte sie nicht auf Wege locken, auf denen sie verlieren mußte, was er am meisten an ihr liebte, die sichere Klarheit und Heiterkeit ihres Wesens. Ob sie es ihm dankte? Sie wußte es nicht. Damals nicht und heute nicht. Sie wußte nur von Nächten voll Fieber und Leidenschaft – von Tagen, an denen sie aufschrie gegen die geforderte Entsagung, an denen sie die Zähne knirschte und in ohnmächtigem Haß die geballten Fäuste schüttelte gegen jenen Mann hinter den vergitterten Fenstern seiner Krankenzelle. Erwürgen – ihn erwürgen mit eigenen Händen – es wäre ihr Bedürfnis, Erlösung gewesen. Und sie zerriß sein Bild, sie trat es mit Füßen und spie darauf in dem Grimm ihrer Verzweiflung. Umsonst – das Gesetz wollte ihm das liebende Weib erhalten. Ja – wäre sie gläubig gewesen und hätte die Ehe als ein mystisches Sakrament betrachtet, dem man Leib und Seele zum Opfer bringt – eine Märtyrerin, welche in Augenblicken der Entzückung schon die himmlische Herrlichkeit vor sich aufgetan sieht –, aber sie war von ungläubigen Eltern erzogen. Was galt ihr Himmel und Seligkeit! Sie war andächtig vor dem Geheimnis ihrer Mutterschaft, vor der Kraft, die sie in sich fühlte, neue junge Wesen zu gebären, die nicht unter dem Fluch standen, unter dem ihr armes Kind litt. Und als die Menschen ihr verwehrten, ihren Beruf, zu dem sie geschaffen, zu erfüllen, im Namen Gottes und der Moral, war es ihr, als höhnten sie des Gottes, den sie um sich her weben und schaffen fühlte nach seiner eigenen Moral, die nichts zu schaffen hat mit der der Menschen. * Da – da war sie doch wieder bei der alten Qual, und das Herz wurde ihr schwer wie ein Stein in der Brust, die Augen brannten ihr wahrhaftig von verhaltenen Tränen ... Das alles war doch längst überwunden. Warum stieg nur heut ein so heißes Verlangen nach verlorenem Glück in ihr auf – heut – zur ungelegensten Stunde? Sie mußte sich zusammenraffen! Wochenlang unter allen Pflichten, die der Tag forderte, dachte sie kaum an Rudolf. Die böseste Zeit war die gewesen, in der sie sich beide noch an ihre Freundschaft klammerten, wie an ein schwankes Brett, daran sie aus dem Meere ihrer Leidenschaft sich retten wollten, und doch nur hilflos von seinen Wellen auf- und niedergeschleudert wurden. Dann fand man Rudolfs Besuche bei ihr, der Institutsvorsteherin, anstößig, und ihre Einladungen ergingen seltener an ihn, er hörte mehr Ablehnung als Aufforderung heraus und blieb fern. So kamen sie auseinander. Nicht nur das Gerede der Leute schied sie. Beide nahmen sie es als Vorwand, weil sie die Spannung und heimliche Qual dieser kühlen, verständigen Freundschaft nicht länger zu ertragen vermochten. Nun hatten sie sich schon jahrelang nicht mehr gesehen. Rudolf war verheiratet, hatte mehrere Kinder. Vorüber ... vorüber ... Frau Dorrit wollte sich zum Mitleid zwingen. In dieser Stimmung konnte sie ihren Mann unmöglich empfangen. Sie stellte sich seine jammervolle Existenz vor, diese vielen, vielen Jahre. Sie rief sich kluge Aussprüche von ihm ins Gedächtnis zurück und versuchte sich an die Zeit zu erinnern, als sie ihn kennen lernte und er noch frisch und gesund war. Wer ging den Geheimnissen in so einem kranken Hirn nach – wer mochte wissen, ob er das Elend, die Schmach seines Zustandes nicht doch fühlte? Und was mußte er dann für Augenblicke der Verzweiflung durchmachen! Was galt dagegen ihr Kummer, ihre Sorge? Aber der gesunde, lebenskräftige Mensch kann trotz allen guten Willens die Leiden einer Krankheit so wenig innerlich begreifen, wie er den Tod begreifen kann. Und so kehrten auch die Gedanken von Frau Dorrit wieder zu ihrem eigenen Leben zurück. Nun aber – sie mußte sich jetzt einrichten – sie durfte Helge nicht mehr so verwöhnen und verzärteln. Eine Dienerin würde sie kaum noch halten können. Wer weiß, vielleicht tat es Helge gerade gut, wenn sie arbeiten lernte. Nein, sie wollte gewiß den armen Kerl liebreich pflegen und hegen. Sie würde es schon lernen, ihr heimliches Grauen zu überwinden. Vielleicht ließ sich dann auch der Wärter entbehren, vor dem sie sich lächerlicherweise fast so fürchtete wie vor dem Kranken selbst. Es tat ihr wirklich Not, daß sie sich einmal selber derbe ausschalt, wie sie es heute der Helge getan. Und doch, als sie nun auf dem kleinen Bahnhof stand und den Zug daherbrausen hörte, da verging ihr wieder der Atem, und es wurde ihr schwarz vor den Augen vor großer innerer Bewegung. Der Zug hielt. In dem Fenster eines Kupees erster Klasse zeigte sich ein rundes, rotes, bartloses Männergesicht. Sie wußte sofort: das war der mitgesandte Hüter, obschon August in der Anstalt eine andere Person zu seiner Bedienung gehabt hatte. Sie trat herzu, der Mann öffnete die Tür, auch der Schaffner näherte sich. Beide Männer halfen einer fetten und schwer beweglichen Gestalt aus dem Wagen. Der Wärter forderte die Gestalt mit halblauter Stimme auf, zu gehen, und sie konnte nun auch wirklich, auf seinen Arm gestützt, vorwärts schreiten, was man anfangs nicht für möglich gehalten hätte. Frau Dorrit sorgte für das Gepäck. Der Ankömmling hatte sie gar nicht beachtet, und sie wußte nicht, ob es gut sein werde, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Bald saßen sie im Wagen und fuhren der Villa und Helge entgegen. Da konnte es Frau Dorrit doch nicht lassen, die gedunsene weiße Hand, die schlaff auf dem Knie des unförmlichen Mannes lag, leise zu berühren und, sich zu ihm beugend, herzlich zu sagen: »Es ist hübsch, daß du uns einmal besuchen willst.« Er sah sie an, zog die Stirn wie im Nachdenken zusammen und murmelte: »Warum soll ich euch denn nicht besuchen? Ich bin ja gesund, ganz gesund, verstehst du mich?« »Na, aber natürlich sind Sie gesund, Herr Dorrit,« rief der Begleiter mit einer unnatürlich lauten und lebhaften Jovialität, »das wollt' ich meinen! Spazieren gehen tun wir jetzt alle Tage in den Bergen! Das sollen Sie einmal sehen, Sie lernen noch laufen wie der Jüngste!« Dorrit wurde verdrießlich. »Spazieren gehen! Sie immer mit Ihrem dummen Spazierengehen! Dazu habe ich viel zu viel zu tun.« »Na ja,« rief der Wärter wieder mit seinem lauten Lachen, »die Sammlung, die muß auch besorgt werde. Frau Dorrit, Sie sollen nur einmal unsere Sammlung sehen! Fein, sage ich Ihnen.« Bei der Erwähnung ihres Namens sah Dorrit seine Frau einen Augenblick wie forschend an, versank dann aber gleich wieder in stilles Träumen. Irgendwie hatte Frau Dorrit sich die Genesung ihres Mannes doch anders vorgestellt. Sie hatte an Schilderungen von Gefangenen gedacht, die zum erstenmal wieder in die Freiheit hinausdürfen. Es setzte sie in Erstaunen und erschütterte sie fast, zu sehen, wie gleichgiltig Dorrit den ganzen Vorgang auffaßte, wie wenig Teilnahme er für die neue Umgebung bewies. Und doch fühlte sie zugleich eine Art von Erleichterung, als ihr klar wurde, daß dies kein Mann mehr war, der noch Forderungen an das Leben und an sie selbst stellen würde. In seinem Zimmer untersuchte er aufs sorgfältigste den Schreibtisch, freute sich über die vielen Schubladen darin und schloß jede einzelne mit Befriedigung auf und zu. Dann steckte er den Schlüssel in die Tasche und sagte zu seinem Begleitet: »Dahin kommt die Sammlung, Schulz. Glauben Sie, daß das Schloß sicher ist? Man könnte auch noch eine Kette davorlegen.« »Selbstverständlich!« rief der Pfleger. »Ich will gleich nachher zum Schlosser gehen und eine Kette holen.« Dorrit setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster, zog aus seiner Westentasche einige Postmarken und begann, sie aufmerksam zu betrachten und zwischen den Fingern zu befühlen. Frau Dorrit stand unschlüssig am Tisch. Helge war von ihr angewiesen worden, sich auf ihrem Zimmer zu halten, bis sie sie rufen würde. Sollte sie es tun oder nicht? Sollte sie sich entfernen oder bleiben? Ihre gewohnte frische Energie hatte sie plötzlich ganz verlassen. Sie fühlte sich mit Angst in der ihr ungewohnten, großen Unsicherheit. Schulz näherte sich ihr und flüsterte vertraulich: »Der ist müde. Wird wohl bald einschlafen. Grämen Sie sich nur nicht – der redet immer nicht viel. Er hat doch durchaus nach Haus gewollt. Viel ist ja nicht mehr mit ihm anzufangen. Aber ein gutes Herz hat er – ach ne – so wie mancher andere – so ist der nicht!« Frau Dorrit maß den Mann mit einem hochmütigen Blick. Wollte er sich unterstehen, sie zu trösten? »Das Abendessen des Herrn wird hier oben serviert werden«, sagte sie kühl und verließ das Zimmer. Sie fand Helge in einem beängstigenden Zustande. Das Mädchen kauerte auf einem Bänkchen, die Ellenbogen auf den Knien, den Kopf zwischen den Händen, und flog mit einem Schrei empor, als die Mutter eintrat, sie mit entsetzten Augen anstarrend. Und dann warf sie ihr die Arme um den Hals, klammerte sich leidenschaftlich an ihr fest und flüsterte atemlos: »Mama, ist es wahr, daß ich auch so – so krank werde wie Vater? – Muß ich auch ins Irrenhaus?« »Um Gotteswillen, Kind! Wer hat dir solche Sachen gesagt?« »Die Anna sagt's! Ich wär' schon nicht richtig im Kopf, und das wär' auch kein Wunder, das wär' erblich.« Unterbrochen von wildem Schluchzen rang sich das Geständnis aus der armen, geängstigten Seele. »Helge – wie kannst du dir nur einen Augenblick Gedanken machen über Torheiten, die ein dummer Dienstbote schwatzt.« »Ja, Mama – aber – Mademoiselle hat auch einmal von einer Familie erzählt, wo – wo – –« »Helge – hast du mich lieb?« Das kam aus tiefstem Herzen. Das Mädchen blickte mit erstaunten Augen zu seiner Mutter auf. »Dann zeige es jetzt. Erschwere uns beiden ernste Pflichten nicht mit unnötigen Phantasien. Bezwinge dich und hilf mir, Kind. Hilf mir!« »Mama, wie kann ich dir helfen?« sagte Helge kleinlaut, verzagt und reumütig. »Du weißt es, Helge.« Helge lehnte ihre nasse Wange gegen ihrer Mutter Hand. So standen sie lange schweigend. Im Herzen des jungen Kindes ebbte der Kummer zurück und ließ ihre Seele still werden, unter den Flügeln der mütterlichen Liebe, unter deren Hut sie sich vor allen Schrecken geborgen fühlte. Frau Dorrit lauschte dem unhörbaren Schreiten eines Gespenstes, das sie bisher aus ihrem Hause zu bannen gewußt hatte, und das nun doch Einlaß gefunden, das fortan mit ihnen wohnen und schlafen und sie immerfort ängstigen würde ... Ihr Gesicht verriet nichts von ihren traurigen Gedanken. Ihre braunen, mütterlichen Augen lächelten ihrem Kinde freundlich zu. Als sie sich später am Abend von Helge vorlesen ließ, hätte man meinen können, das Behagen selbst säße zu Gast in dem traulichen Zimmer, durch dessen geöffnete Verandatüren der Duft des Flieders und der blühenden Apfelbäume hereinschwebte. Helge hatte gefragt, ob ihr Vater sie nicht zu sehen wünsche, und die Mutter hatte sie auf den nächsten Morgen vertröstet. Sie wußte in der Tat nicht, wie weit bei dem unglücklichen Manne die Erinnerung an das Kind noch lebendig war. Jährlich hatte sie ihm Photographien von Helge geschickt und vom Arzte die Antwort erhalten: Dorrit zeige sie mit augenscheinlichem Vergnügen seinen Mitpatienten. Aber er hatte ja ihre eigene Gegenwart kaum bemerkt. Als Helge am Mittag des nächsten Tages von dem Unterricht heimkehrte, den ihr ein am Orte lebender früherer Gymnasialprofessor erteilte, sah sie ihre Mutter mit einem großen, starken Herrn langsam auf dem breiten Gartenwege wandeln. Sie blieb schüchtern in der Ferne stehen, bis ihre Mutter sie heranrief. »August, das ist unsere Helge«, sagte Frau Dorrit. »So, so, das freut mich«, murmelte der Mann, nahm höflich den Hut ab und sagte: »Guten Morgen, Fräulein Helge. Wie geht's?« Frau Dorrit sah, wie die Farbe auf dem jungen Gesicht in jähem Wechsel kam und ging, wie die Lider der gesenkten Augen, die nicht aufzublicken wagten, zitterten. Sie fühlte mit ihr die mächtige Bewegung, in der das Mädchen dort stand, zum erstenmal einem Vater gegenüber, den sie seit Jahren im Grabe schlummern geglaubt, dem sie mit Grauen und doch mit dem heimlichen Durst nach Sensation, der solche junge Seele foltert, entgegensah, allen Schauern unbegreiflicher Gefühle preisgegeben ... Und nun das trockene: »Guten Morgen, Fräulein Helge, wie geht's!« »Hole Vater den bequemen Korbstuhl«, sagte sie ablehnend, beruhigend. »Wir wollen uns ein wenig setzen. Ist's nicht schön hier, wo man so weit über das Tal sieht?« Er nickte und wiederholte zerstreut: »Sehr schön, sehr schön!« Als Helge den Stuhl und ein seidenes Kissen brachte, ihm in den Rücken zu legen, stahl sich ein Lächeln über das bleiche, gedunsene Gesicht. Er wandte sich zu Frau Dorrit und bemerkte: »Ein freundliches Kind, ein sehr freundliches Kind.« Es war Frau Dorrit seltsam rührend, zu sehen, wie Helge sich hinfort mit kleinen Diensten und Aufmerksamkeiten mühte, dieses schwache Lächeln wieder zu wecken und den Lobspruch zu ernten: »Ein freundliches Kind – ein sehr freundliches Kind.« Die hochmütige, kleine Helge, der sonst gleich ein verachtender Zug um die Lippen flog – sie schien keine Verachtung und keinen Ekel mehr zu kennen. Sie band dem gebrochenen Manne eine Serviette um, schnitt ihm das Fleisch, schalt ihn mütterlich-scherzhaft, wenn er die Suppe verschüttete, und verkehrte mit ihm in einer zutraulich-heiteren Art, wie mit einem Kinde, das behütet werden muß. Frau Dorrit würde sich nie zu diesem Ton entschlossen haben, aus Furcht, das vielleicht noch irgendwo vorhandene Selbstgefühl des Mannes zu verletzen. Doch Helge traf augenscheinlich das Richtige. Anfangs hatte er das junge Mädchen mit »Sie« angeredet, bis Helge es ihm liebenswürdig verbot. Nun sagte er »du« zu ihr. Saß er verdrießlich auf der Veranda, bis sie aus dem Unterricht kam, so sah man ihm an, daß er wartete. Machte sie sich daran, ihm bei seiner Sammlung zu helfen, und holte unzählige Postmarken, die sie sich bei ihren Freundinnen schriftlich erbat, herbei, so begann er ihr umständliche Anweisungen zu geben. Sie mußte sie in die abgegriffenen und vergilbten Hefte kleben, von denen er ganze Stöße besaß, bald in Karos, bald in Sternen ober Zickzacklinien geordnet, wie es gerade seine phantastische Laune wünschte. Dann nahm sein Gesicht einen zufriedenen Ausdruck an, und wenn sie es besonders gut gemacht hatte, versprach er ihr, einmal wolle er ihr auch das Geheimnis anvertrauen, das in der Sammlung verborgen sei, und den wunderbaren Sinn, den sie besitze. Seinen Pfleger ließ er nur widerstrebend an seine Schätze rühren. Helge war die einzige, vor der sein Mißtrauen für Augenblicke verschwand. Seiner Frau gegenüber blieb er zurückhaltend, von jener gemessenen, mechanischen Höflichkeit, wie sie offenbar die langjährige Erziehung der Anstalt ihm eingeprägt hatte. Frau Dorrit fragte sich zuweilen traurig, ob in dem ausgedörrten Hirn, dem erloschenen Geist ober vielleicht in irgendwelchen heimlichen Tiefen des Empfindungsvermögens doch noch eine Art von Instinkt ihn ahnen ließ, daß sie nur mit Mühe den Widerwillen, ja den Haß, den seine Person ihr einflößte, zu überwinden vermochte, obschon er sich niemals in ihrem Benehmen gegen ihn äußerte. In letzter Zeit kam eine sonderbare Eifersucht auf die Fülle von zarter Güte hinzu, die Helge an ihren Vater verschwendete. Sonst hatte Frau Dorrit in die Seele ihrer Tochter geblickt, wie in einen offenen Blütenkelch, mit immer neuem Entzücken an den feinen Farbenreizen, die sich da enthüllten – nun war etwas Fremdes zwischen sie getreten. Was an Gedanken und Gefühlen durch den Verkehr mit dem kranken Vater in Helge geweckt wurde – die Mutter erfuhr es nicht. Ein Ausdruck von Ernst und Reife war in das feine Gesichtchen gekommen, der zeigte, daß unter der oft kindischen Heiterkeit, in der Helge mit dem Vater umging, manches die junge Seele bewegte. Aber es war, als hindere eine zarte Scheu das Mädchen, mit der Mutter über den Vater zu reden – als empfinde sie das unsichtbare Band, welches sie näher an den Vater knüpfte als die Mutter, und als habe sie die Pflicht, seine Schwächen, seine Wunderlichkeiten selbst vor der Mutter zu hüten. Vielleicht hatte sich Frau Dorrit noch niemals in ihrem schweren Leben so trostlos und vereinsamt gefühlt als in diesen Wochen, in denen die gewohnte Beschäftigung mit ihren Zöglingen ihr genommen war, in denen die Sorge um das tägliche Brot ihr schlaflose Nächte bereitete, und in denen sie in ihrer Tochter eine Entwickelung vor sich gehen sah, die ihr verborgen blieb, und die sie gerade darum doppelt ängstigte. Mit dem Verstande betrachtet, gestaltete sich ja alles über Hoffen und Erwarten gut. Ihre Furcht, daß Helges Nerven diesen zum stumpfsinnigen Idioten beruhigten Mann nicht würden ertragen können, schien unbegründet. Das Mädchen bewährte sich als eine bessere Gesellschafterin des Ärmsten als sie selbst. Helge war ruhig, und daß ihre Augen oft, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, ernst und schwermütig blickten, wer hätte sich darüber wundern können. Das Gegenteil wäre unnatürlich gewesen. Und dennoch – dennoch saß in einem Winkel von Frau Dorrits Seele eine geheime Angst, die sie selbst nicht hätte bezeichnen können – die Angst vor etwas Unbestimmtem, dem sie keinen Namen zu geben vermochte. Wie oft besinnen wir uns, wenn wir von einem großen Unglück getroffen werden, daß wir es vorausgeahnt haben, lange ehe die nüchterne Vernunft spüren konnte, von welcher Seite es uns fassen würde. Wir wußten, ohne zu wissen. Die feinsten Fühlfäden unserer Seele hatten bereits die Gefahren betastet, die dem wachen Bewußtsein noch verborgen waren.   »Mama,« sagte Helge einmal, »ich glaube, Vater ist innerlich lebendiger, als wir so denken. Und ich glaube, er hat mich recht lieb. Du hättest nur sehen sollen, wie freundlich er mich anblickte, als ich ihm heute einen Rosenstrauß ins Zimmer trug. Sonst hat er doch nur Sinn für seine Marken, und heute interessierten ihn die Rosen. Er hat sie lange angesehen, mit ihnen gespielt und ... er hat mir die Hand gestreichelt«, fügte sie ganz leise in tiefer Bewegung hinzu. »Vielleicht wird er doch noch einmal kräftiger und ganz gesund ... Ach, Muttchen, ich denke auch: diese schreckliche Anstalt ... Manchmal kommt mir der Gedanke: wenn wir Vater bei uns gehabt hätten ...« »Liebes Kind«, unterbrach Frau Dorrit, »das sind Dinge, die du nicht verstehst. Vergiß nicht, daß Vater zu Zeiten so aufgeregt war – wir hätten ihn nicht zu Haus behalten dürfen, weil die Gefahr nahe lag, er könne sich oder andern ein Leid zufügen.« Helges Augen erweiterten sich. Sie schwieg, mit einem abwesenden Blick ins Weite starrend. Plötzlich umschlang sie ihre Mutter und drückte den Kopf an deren Schulter. Frau Dorrit fühlte, wie ein nervöses Zucken und Beben durch ihre Glieder ging. Endlich flüsterte sie ihrer Mutter ins Ohr: »Muttchen, liebes, süßes Muttchen – wenn ... wenn ich einmal ... Ach, schicke mich nicht dahin – dahin, wo Vater war! Ach, Mutter – schlag mich lieber tot – ich fürchte mich so sehr!« schrie sie plötzlich, die gefalteten Hände bittend emporhaltend, das blasse Gesicht von Tränen überströmt. »Versprich mir, daß du mich bei dir behalten willst!« »Kind, Kind – du bist ja gesund«, stammelte Frau Dorrit. »Warum quälst du dich nur so? Und was weißt du denn von der Anstalt, in der Vater gelebt hat? Es war ein schöner, freundlicher Ort ...« »Ja, ja,« schrie das Mädchen außer sich, »das sagst du mir –! Aber ich weiß es anders. O – was ich erfahren habe, ist schrecklich!« »Helge, hat dir denn Vater ...?« fragte Frau Dorrit entsetzt. »Vater – ach nein, der nicht – aber Schulz – Schulz hat mir viel erzählt, wie strenge sie gegen die Kranken sein müssen und wie die Ärmsten gestraft werden, wenn sie ungehorsam sind, und – und – manche sind gar nicht geisteskrank – sind ja da nur eingesperrt – weißt du, aus Rache!« »Helge, wie kannst du die albernen Schauergeschichten anhören. Wahrhaftig, ich hätte dich für verständiger und vornehmer gehalten. In Zukunft verbiete ich dir solche Unterhaltungen mit Vaters Pfleger – verstehst du mich?« Frau Dorrit sprach mit einer ungewöhnlichen Schärfe und Heftigkeit; die Aufregung, in der sie selbst sich befand, zitterte darin nach. Helge schwieg beschämt. Doch, indem sie das Zimmer verließ, traf ein kalter und mißtrauischer Blick ihre Mutter, wie diese ihn noch niemals zuvor in den sanften Mädchenaugen beobachtet hatte. Schulz wurde in strenges Verhör genommen. Aber der Mann fühlte sich unentbehrlich. Anfangs leugnete er; als Frau Dorrit ihm trotzdem Vorwürfe machte, wie er die Phantasie eines jungen Mädchens in dieser Weise vergiften könne, antwortete er boshaft: »Wenn doch das Fräulein so neugierig ist, daß man sich vor ihren Fragen nicht retten kann? Die fragt ja, daß unsereins dabei rot werden kann – was die alles wissen will!« Ein Blick so strenger Verachtung traf ihn aus Frau Dorrits Augen, ein so energisches: »Schweigen Sie mit Ihren Unverschämtheiten!« wurde ihm zugerufen, daß er es vorzog, sich mit unzufriedenem Gemurmel zurückzuziehen. Er log – er log zweifellos – aber – Frau Dorrit hatte zu merkwürdige Erfahrungen mit jungen Mädchen in Helges Alter gemacht, um sich nicht immer wieder bange zu fragen: Wie weit waren die Eröffnungen von Schulz gegangen? Wieviel Unheil hatten sie angerichtet? Und doch war Helge so bewacht worden! Doch war sie selbst beständig im Haus und in der Nähe gewesen! Freilich – die Spaziergänge im Garten, bei denen Helge den Vater sorglich führte und Schulz nebenher wanderte – das Markenkleben auf der Veranda, während sie in der Küche tätig war ... Frau Dorrit beschäftigte Helge in den nächsten Tagen unausgesetzt in ihrer Nähe, ließ sie nicht aus den Augen, nicht aus Hörweite. Aber wie ergriff es sie, als sie eines Morgens mit Helge in der Küche arbeitete, einen schweren Schritt den Korridor entlang schlürfen zu hören und plötzlich ihren Mann zu sehen, der sich mühsam die Souterraintreppe hinunterarbeitete, um Helge zu suchen, und plötzlich mit dem Lachen eines triumphierenden Kindes vor ihnen stand, dem Mädchen munter zurufend: »Komm, spazieren gehen!« Mußte sie sie nicht gewähren lassen? Als die beiden wieder hinaufstiegen, drang plötzlich ein Gefühl in ihr empor, das aus Mitleid und Angst und jähem, wildem Haß sich seltsam mischte, und sie ballte die Fäuste, in ihr schrie der Wunsch: »Tot – tot – wäre er tot – er nimmt mir mein Letztes! Könnte ich ihn töten!« Und die Frau, deren Leben Pflicht und Entsagung gewesen, stand an ihrem Herd – überlegte, wie es geschehen könne, diesen armseligen Lebensrest eines Menschen heimlich und sicher auszutilgen ... Wäre es ein Verbrechen, dachte sie? Wäre es wirklich Mord zu nennen? Würde nicht der Richter selbst die geängstigte Mutter freisprechen? O – das Gesetz – das Gesetz – wußte sie denn nicht, wie unmenschlich es war? Solche Dinge plant man – man tut sie nie, ging es ihr durch den Sinn, beruhigend und zugleich quälend, weil sie nicht den Mut besaß, sich und ihr Kind zu befreien. Zu dieser Zeit empfing Frau Dorrit einen Brief in einer Handschrift, die sie manches Jahr nicht mehr gesehen hatte. Wie nervös überreizt mußte sie sein, schalt sie sich selbst, weil es sie wie ein Schwindel befiel und sie den Brief vor sich auf den Tisch legte, mit nassen Augen in die Luft starrend. Dann öffnete sie und las. Rudolf Ratgen schrieb, er käme mit Frau und Kindern, auf einer Reise begriffen, durch ihren Wohnort. Er möchte gern einen Tag Rast machen und die alte Freundin besuchen. Auch seine Frau freue sich auf die Bekanntschaft, und es würde ihn beglücken, ihr seine Söhne vorstellen zu dürfen. Frau Dorrit verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln und schrieb: Selbstverständlich sähe sie einem Wiedersehen mit der größten Freude entgegen.   Sie saßen in der Laube im Vorgarten, um die ein großer Marschallnielrosenstock seine Ranken mit den gelben, schwerduftenden Blüten zog. Frau Dorrit fütterte die strammen, kleinen Knaben ihres Freundes mit Schokolade und Kuchen, und man sprach viel darüber, daß sie seiner Frau ähnlich sehe, nicht um den Mund, aber um die Augen und auch im Gang. Sie fand es selbst, und es schmerzte sie, während Rudolf mit ruhiger Befriedigung immer wieder darauf zurückkam. Später jagten die Knaben zwischen den Rasenplätzen und den Blumenbeeten nach Schmetterlingen. Helge wurde aufgefordert, mit den Kindern zu spielen, doch lehnte sie es ab und flüsterte: »Mutter, laß mich still sitzen, ich bin müde.« Und müde sah sie aus. Frau Dorrit bemerkte es wohl, wie Ratgens Blicke voll Teilnahme auf dem ernsten, schmalen Gesicht mit den melancholischen Augen haften blieben, und wie er in stilles Nachdenken versank. Was man in Gegenwart der Kinder zu nennen vermieden, wurde nun berührt, Dorrits Gegenwart im Hause. Frau Dorrit erzählte von Helges liebevoller Fürsorge für den Vater, und Ratgen bemerkte, welch ein schönes Gefühl es für sie sein müsse, ihm sein Alter noch verklären zu dürfen. Auch einige Worte über die wunderbare Genesung, und wie ergreifend es sei, daß er so sehr den Wunsch gehabt habe, bei den Seinen zu sein – wie man sähe, daß die Liebe zu ihnen doch in der Tiefe seiner Seele unberührt geblieben sei. Helge war unverändert ernst. Träumerisch sagte sie: »Ich möchte nicht so genesen. Ich möchte weit lieber sterben. Weit lieber – weit lieber.« Sie schloß die Augen und warf den Kopf zurück, ihr Mund blieb schmerzlich halb geöffnet. Sie glich dem Bilde einer jungen Märtyrerin, die mit Ergebung großer Qualen wartet. Ratgen kamen alle Phrasen, die er vorgebracht hatte, sehr banal und töricht vor. »Wüßte ich nur,« sagte Helge leise und furchtsam, »wie das zusammenhängt: manchmal ist es, als kenne er mich und habe mich lieb, dann wieder meint er, ich wäre Mama, als sie noch jung war, und schilt mich ärgerlich – dann wieder bin ich ihm eine Fremde, und er denkt, ich bin eben auch krank und in die Anstalt gekommen. Gestern Abend nahm er mich mit in sein Zimmer und sagte, er wolle mir etwas Schönes zeigen. Und dann hat er alle Bilder von mir geholt, sie auf den Tisch gelegt und mir stolz und geheimnisvoll erzählt, das sei seine Tochter und sie sei sehr weit fort von hier. Ich sagte ihm: Aber, Väterchen, es sind doch alles Bilder von mir, und ich bin dein Kind und bin doch bei dir. Da wurde er aber heftig und schalt: Ich dumme Person sollte mir doch nur so etwas nicht einbilden. Das wäre eine Unverschämtheit von mir, und er werde es dem Doktor sagen, damit er mich strenger hielte.« Ein Schweigen entstand an dem Tisch. Alle blickten mit bekümmerten Gesichtern hinaus in die blühende, duftende Pracht, in der die zwei kleinen Knaben zuweilen wie losgelassene schlanke Windhunde durch den Sonnenschein rasten. Die fremde Frau dachte mit einer gewissen Antipathie gegen die früher geliebte Freundin ihres Gatten: Wie unbehaglich und schrecklich sind diese Zustände. Wären wir doch nur nicht hierher gekommen. Ihr Mann überlegte: das Mädchen muß fort – unbedingt – ich muß mit ihrer Mutter reden – sie ist eine zu zarte Pflanze ... Frau Dorrits Gedanken bewegten sich mit einer Unaufhörlichkeit, die sie selbst peinigte, in einem ganz engen Kreise: Morphium ist das einzige – es wird ihm ja keine Schmerzen machen – wie bekomme ich es nur, ohne Verdacht zu erregen – ich muß verreisen – weit verreisen, um es zu holen. Ein Weg findet sich schon, sobald man will. Warum will ich nur nicht mit ganzer Seele? Warum bin ich so feige? Helge erhob sich leise und ging auf die Veranda zu ihrem Vater. Die Blicke der Zurückbleibenden folgten ihr. Frau Ratgen sprang plötzlich, als sie bemerkte, daß ihre Knaben dem Mädchen nachliefen, mit einem ängstlichen Ruf in die Höhe und eilte in den Garten hinunter. Sie wurde von der Furcht befallen, der Kranke könne den Kindern etwas tun, und beschloß, sie nicht mehr von ihrer Hand zu lassen. »Helge gefällt mir nicht«, begann Rudolf Ratgen, als er mit Frau Dorrit allein blieb. »Sie könnte ernst sein, ohne diese hoffnungslose Traurigkeit, die ich vorhin in ihren Augen bemerkte.« Frau Dorrit seufzte. Was soll ich tun? Ich bewundere oft die Geduld, mit der Helge sich Augusts Dienste widmet, mit der sie sich in seine Launen und in die spärlichen, unterbrochenen Reste seiner Gedanken hineinfühlt. Wie kommt das Kind zu dieser Seelenstärke?« »Seelenstärke?« sagte Ratgen zweifelnd. »Ja – wenn es das wäre. Ich fürchte, es ist etwas anderes.« Sein Arm wurde gefaßt, mit einem umkrallenden Griff, in dem die Angst eines Ertrinkenden bebte. »Ratgen – sagen Sie das nicht. Das darf nicht sein. Es wäre zu – zu hart.« Die Frau brach in fassungsloses Schluchzen aus. »Liebe Freundin, Sie sind selbst über die Maßen erregt. Geben Sie uns Helge. Sie ist bei uns in guter Hut, das wissen Sie. In acht Tagen kehren wir von Heidelberg heim und holen sie bei Ihnen ab. Ein Jahr der Trennung – was will das besagen? Die Tragödie hier muß ja doch bald ihr Ende erreichen.« Der Mann nahm die Hand der weinenden Frau. »Luise – ich war vorhin bei dem Kranken, habe ihn beobachtet – mir schien der Verfall der Kräfte sehr weit vorgeschritten. Mut, liebe Freundin! Sie haben noch ein langes Leben mit Helge vor sich. Nur müssen wir das liebe Ding daran hindern, sich in seiner Phantasie ein tragisches Schicksal zu konstruieren.« Er rief seine Frau. Man besprach den Plan in den Einzelheiten. Helge kam dazu. Marie teilte ihr mit, was über ihre nächste Zukunft beschlossen war. Ein Zug eigentümlicher Entschlossenheit, fast des Trotzes, zeigte sich in ihrem Gesicht. »Ich bleibe hier«, erklärte sie bestimmt. »Ich verlasse meine Eltern jetzt nicht.« Ratgen lächelte und klopfte ihr auf die Schulter. »Liebes Kind, Ihr Zögern ist sehr verständlich. Aber ich denke, Sie werden sich der größeren Einsicht Ihrer Mutter fügen.« Helge schüttelte wortlos den Kopf. Man drang nicht weiter in sie, doch galt es für ausgemacht, daß die Freunde sie nach einer Woche in Empfang nehmen würden. Frau Dorrit traf die nötigen Vorbereitungen, trotzdem ihre Tochter mit einer inbrünstigen Leidenschaft flehte, sie nicht von sich zu geben. »Siehst du, Mama,« rief sie schluchzend, »ich weiß, daß Vater mich vermissen wird. Es ist mir ein grauenhafter Gedanke, ihn allein mit diesem Schulz zu wissen.« »Kind – ich bleibe doch hier.« »Du – ja –« sagte das Mädchen zögernd. »Du ... Ach, Mutterchen, sei mir nur nicht böse ... Aber ich sehe es doch, daß es dir eine Überwindung ist, bei Vater zu sein.« »Kind, es kostet dir auch Überwindung.« Helge starrte trübe vor sich nieder. »Anfangs ja. Nur meine ich immer – wenn ich recht gut zu Vater bin, hat der liebe Gott vielleicht Erbarmen mit mir.« »Helge – hängst du so krankhaft überspannten Gedanken nach, so ist es sehr notwendig, daß du in eine andere Umgebung kommst.« »Meinst du, Mama?« fragte das Mädchen demütig. Der Ton, in dem sie das sagte, schnitt der Mutter tiefer ins Herz als das aufgeregte Weinen vorher. Frau Dorrit hörte sie des Nachts oft seufzen, wußte, daß sie nicht schlief, und sehnte den Tag ihrer Abreise herbei. Anfangs war es ihr schwer genug geworden, dem Plane zuzustimmen. Sie erwiderte Frau Ratgens verhaltene Antipathie von ganzem Herzen. Und sie mußte Helge heimlich Recht geben, als diese einmal sagte: »Du kannst es mir glauben, Mama, Frau Ratgen sieht es sehr ungern, wenn ich zu ihr komme. Ich weiß, sie wird häßlich zu mir sein. Ich fühle es. Ich habe es in ihren Augen gelesen. Mutter, Mutter, hast du mich denn gar nicht mehr lieb, daß du mich jetzt allein lassen willst?« Sie rang die Hände und warf sich neben ihrer Mutter auf den Boden, den Kopf in ihren Schoß drückend und sie mit beiden Armen umklammernd. Frau Dorrit redete ihr tröstend zu. Fast wäre sie in ihrem Vorsatz wankend geworden. War sie nicht am Ende die beste Stütze für das arme Kind in dieser Zeit, in der ihre Seele in den Wassern der Trübsal rang? Als am Tage darauf ein Telegramm von Ratgen eintraf, in dem er bat, alles bereit zu halten, da er Helge am nächsten Morgen abholen wolle, ließ Frau Dorrit doch die Koffer holen und begann ihrer Tochter Sachen zu packen. Helge sah ihr mit erblaßtem Gesicht schweigend zu. »Mama – du schickst mich wirklich fort?« fragte sie endlich leise. »Ja, Kind,« antwortete Frau Dorrit ein wenig hart und streng, denn sie wollte sich nicht von der Weichheit überwältigen lassen, »deine maßlose, krankhafte Erregung zeigt mir, wie notwendig diese Entfernung für dich ist.« Helge ging schnell aus dem Zimmer, und Frau Dorrit fuhr in ihrer Beschäftigung fort. Später begab sie sich zu dem Kranken, bei dem sie Helge zu finden glaubte. Es war ein schöner, warmer Sommerabend, die Welt erglänzte in einem goldenen Lichte, welches die scheidende Sonne über den blauen Himmel mit seinen leichtgeballten, schneeweißen Wolkenbergen strömte. Frau Dorrit begegnete Schulz, der das Zimmer des Kranken für die Nacht in Ordnung brachte und ihr sagte, er habe den Herrn vor einer Stunde im Grasgarten auf seinem Korbstuhl sitzend verlassen. Fräulein Helge sei nicht dort. Er habe ab und zu hinübergeschaut, Herr Dorrit scheine zu schlafen. Das war jetzt oft der Fall; der Kranke schlummerte stundenlang. Frau Dorrit nahm eine Decke, sie ihm über die Knie zu legen, und ging hinaus. Er saß unter einem Apfelbaum, dessen Äste sich, schwer von reifenden Früchten, niederbogen, und die Sonne spielte in funkelnden Lichtern durch die Zweige. Ein Summen von Bienen und Hummeln war in der Luft, ein Schrillen der Grillen im hohen Grase. Frau Dorrit trat näher. Der Kopf des Mannes war zur Seite gesunken und hing hilflos nieder. Sie griff zu, ihm das Kissen unter den Nacken zu schieben, und stand zitternd, die Hände fielen ihr nieder ... Sie sah in ein Antlitz mit halb geschlossenen, gebrochenen Augen, in das Antlitz eines Toten. Ihr Atem kam und ging. Erlösung – Erlösung ... Sie hob die gefalteten Hände und lehnte die Stirn dagegen. Gott war doch barmherzig! Mit einer zarten, scheuen Bewegung hob sie den Kopf des Mannes empor und bettete ihn gegen das Kissen. Es war ihr fast unerträglich, einen Fremden herbeizurufen – ein solcher Friede strömte von dem Anblicke dieses Toten unter dem fruchttragenden Baume in ihre Seele. Tränen flössen aus ihren Augen, eine heilige Dankbarkeit erfüllte sie gegen das Geschick, welches sie davor bewahrt hatte, sich mit frevelndem Wagen selbst zu befreien. Endlich ging sie und rief den Pfleger. Man mußte Hilfe holen, den schweren Körper ins Haus zu tragen. Es wurde auch zum Arzt geschickt. Als alles geschehen war und der Tote gebettet, suchte Frau Doritt ihre Tochter. Sie war zufrieden, daß Helge den Vater erst jetzt sehen würde, nun er so friedlich auf seinem Lager ruhte. Helge war nicht in ihrem Zimmer, war nirgends im Hause zu finden. Es befremdete Frau Dorrit einen Augenblick, daß das Mädchen ausgegangen war, ohne es ihr zu sagen. Sie wollte wohl noch eine Kleinigkeit zu der Reise kaufen. Und da fiel ihr ein, daß die Trennung jetzt unnötig geworden sei. Sie atmete tief auf, und es war ihr, als brauche sie nun um Helge nicht und niemals mehr so bange zu sorgen. Durch den Arzt wurde Frau Dorrit aufs neue in Anspruch genommen. Es war dunkel, als sie ihn hinausgeleitete, und sie blieb vor der Tür stehen, Helge zu erwarten. Da sah sie, wie der Arzt mit einer Frau der Nachbarschaft, die ihn angesprochen hatte, zurückkehrte und wieder auf sie zukam. Und plötzlich schüttelte sie ein kaltes, fürchterliches Grauen. Die Frau berichtete ihr, sie habe Helge oben im Walde getroffen, weinend und vor sich hinsprechend. »Es wäre wohl gut, das junge Mädchen zu suchen«, sagte der Arzt. »Sie kennt Weg und Steg – es kann ihr nichts geschehen«, murmelte die Mutter. »Aber es wird trotzdem besser sein, ich gehe hinauf.« »Ich werde Sie begleiten«, sagte der Arzt. Am nächsten Morgen, als die Sonne glorreich über der taufunkelnden, grünen Sommerwelt stand, brachte ein Trupp Männer die Leiche der jungen Helge in ihrer Mutter Haus. Im Waldweiher, droben in den Bergen, hatte man sie gefunden. Sie mußte im Dunkel den Weg verloren haben und in den Teich gestürzt sein, mutmaßten die Leute des Städtchens. Frau Dorrit wußte es besser. Sie hatte noch in der Nacht den Befehl gegeben, das Wasser zu durchsuchen. Schwester Elisabeth Schwester Elisabeth – hier bringe ich Ihnen einen neuen Gast für Ihre Station.« »Schön, liebe Schwester Bertha, legen Sie das Kind nur einstweilen dort auf den Wickeltisch.« »Bei Ihnen ist's aber heiß!« »Kaum zu ertragen«, seufzte Schwester Elisabeth, welche einen ihrer winzigen Pfleglinge auf dem Schoße hielt und ihm aus einem Fläschchen den Abendtrunk verabreichte. Sie war Oberschwester in dem Kindersaal der großen städtischen Entbindungsanstalt. »Nun, meine Puppe, so nimm doch! Sei doch gut, mein Herzchen, nur ein paar Schlückchen ...«, redete sie dem Würmchen zu. Aber das Kleine verdrehte die Augen und warf das Köpfchen zurück. »Wieder nichts!« sagte die Diakonissin traurig, stellte die volle Milchflasche auf den Tisch und legte das blasse Kind in sein Bettchen zurück. »Die Hitze wirkt bei den Kleinen wie eine böse Epidemie. Da rede und rede ich nun schon seit Tagen auf den Sanitätsrat ein, ob wir nicht für diese schrecklichen Juli- und Augustwochen den Nordsaal haben können, der jetzt nur zum Wäscheflicken benützt wird. Mit zwei Tagen tüchtiger Arbeit wäre der Umzug ja gemacht. Sonne ist gewiß recht gut für die Kleinen – aber Mittagssonne – bei dieser Tropentemperatur ... Natürlich, der Herr Sanitätsrat will sich den Mund nicht verbrennen bei der Frau Oberin.« »Ach, Schwester Elisabeth – was Sie denken – dieser Saal ist nun mal seit zehn Jahren Kinderstation«, sagte Schwester Bertha mit einem stillen Lachen. »Daran kann doch nichts geändert werden. Das Gesicht der Schwester Oberin möchte ich sehen, wenn man ihr mit solchen Vorschlägen kommen würde ... Sie wollen immer noch zu viel, Schwester Elisabeth. Wenn man länger hier ist, verlernt man das.« Schwester Elisabeth nickte stumm. Ihr blasses, intelligentes Gesicht wurde von einer unendlichen Wehmut überschüttet. »Heute früh sind uns wieder zwei gestorben. Gestern eins.« »Na – im Grunde,« tröstete Schwester Bertha, »was haben die armen Würmer von der Zukunft zu erwarten? Not und Plage.« »Ich mache mir doch immer Vorwürfe – als hätte ich's hindern können«, murmelte Elisabeth. »Schwester Luischen haßt mich schon, weil ich dreimal mit Karbol auswaschen lasse und gar nicht genug Badewasser haben kann. Aber was will das heißen? Lieber Gott – da haben wir nun alle modernsten Einrichtungen für Kinderhygiene, und die beste sterilisierte Milch und Isolierzimmer ... Es bleibt hier doch der reine Nährboden für Bazillen. Was sie auch schon alle für Leidenskeime mitbringen, die kleinen Geschöpfe – und wie sich das hier mit Riesenschnelle von einem Bettchen zum andern verpflanzt. So elend, so jammervoll, wie sie auf die Welt kommen und uns gebracht werden, da kann oft der Sanitätsrat selber nicht sagen, ob eine Krankheit sich anbahnt – bis die Nachbarn schon angesteckt sind. Selbst die kräftigen – so recht gedeihen will keines.« »Schwester Elisabeth, Sie haben ein zu weiches Herz für eine Diakonissin«, rief Schwester Bertha, den neuen kleinen Ankömmling, der in ein klägliches Gewimmer ausgebrochen war, vom Wickeltisch aufnehmend und kräftig in ihren Armen auf und nieder schwingend. »Mehr wie seine Pflicht kann man nicht tun. Das andere geht uns nichts an.« »Das sagt mir der Sanitätsrat auch. Wenn man nur das Grübeln lassen könnte ...« »Sehen Sie sich jetzt einmal den kleinen Kerl hier an – Sie werden ihn für eine lange Weile unter Ihrer Obhut haben. Die Mutter geht wohl diese Nacht hinüber. Herzschwäche. Schon bewußtlos.« »Du armes Ding«, sagte Schwester Elisabeth mit ihrer leisen, ein wenig belegten, seelenvollen Stimme und nahm ihren neuen Schützling in die Arme. »Ach, bist du niedlich. Sehen Sie, Schwester Bertha, da sagt man nun, alle kleinen Kinder sähen gleich aus! Welch ein Unsinn! Dieses Kind ist doch eine kleine Schönheit. Wie klar seine Äugelchen schon blicken, und das feine Mündchen ...!« »Ja – es ist wirklich ein auffallend hübsches Kind«, sagte Schwester Bertha. »Aber ich schwatze schon viel zu lange. Ich muß wieder hinüber auf meine Station.« Schwester Elisabeth blieb allein. Die lange Dämmerung des Sommerabends brach an. Weit geöffnet standen die hohen Fenster, ohne einen erquickenden Lufthauch einzulassen. Ein säuerlich-fader Dunst stieg aus den Lagerstätten und vermischte sich in dem weißgetünchten Saal mit dem scharfen Geruch des Karbols und dem schwachen Duft von Spiritus und Fencheltee. Ausnahmsweise herrschte einige Minuten Ruhe unter der Schar. Zwanzig kleine Schläfer atmeten friedlich um Schwester Elisabeth. Sie legte den neuen kleinen Ankömmling vor sich auf das Kissen und löste ihm die Windeln. Ja – es war ein reizendes Knäblein, ganz anders als die arme Elendsbrut, die ihr meistens durch die Hände ging. Schwester Elisabeth hatte ein Auge für dergleichen. Das gewölbte Brüstchen, die runden, strammen Schenkelchen, die rosige Farbe dieses Körperchens – wie verschieden von den welken, braunen, mageren Äffchen ringsumher. Die Mutter des Moses fiel ihr ein – der Kampf des armen Weibes, als sie ihr schönes, starkes Kind töten sollte – und wie sie nicht übers Herz brachte, es dem allgemeinen Geschick zu opfern, das verhängnisvoll grausam über ihrem Volke waltete. Diesem Knäblein hier mochte der kleine Moses geglichen haben, daß auch der Pharaonentochter der verwöhnte Sinn in Mitleid schmolz bei seinem Anblick. Schwester Elisabeth nahm das Kind auf, hielt das Köpfchen an ihre Wange, küßte es sanft und innig. Sein Händchen fuhr ihr ins Gesicht mit einer Bewegung, die leicht und zart war, als streife sie der Flügel eines Schmetterlings. Die Tränen traten ihr dabei in die Augen. Sie flößte ihm ein wenig Tee ein und wollte es seufzend in das Bettchen am Ende der Reihe legen. Da hielt sie inne. Ein Ausdruck verbreitete sich über ihre Züge, der, aus List und Schelmerei und Rührung und Trotz seltsam gemischt, dem blassen, wenig hübschen Mädchengesicht in dem weißen Häubchen einen merkwürdigen Zauber verlieh. Ihre braunen Augen erhellten sich und glänzten wie durchstrahlt von einem inneren Licht. Sie drückte das Kind an ihre Brust und eilte aus dem Saal. Die kleine, zarte Gestalt lief scheu und flüchtig auf den Zehen und blickte auf dem langen Korridor ängstlich umher, ob niemand sie bemerke. »– Schwester Luischen weiß ja noch gar nicht – hat es ja noch gar nicht gesehen ...« Sie erreichte ihr eigenes Zimmer, das, am Ende des Ganges gelegen, ein Fenster nach dem Garten zu besaß. Hier duftete feuchte Frische von den eben aus langen Schläuchen mit seinem Regen berieselten Pflanzen empor. Und ein großer Kastanienbaum schützte das Zimmer vor den Sonnenstrahlen. Der Baum war Elisabeths stete Freude, wenn sie am Abend eine kurze Viertelstunde der Ruhe pflegen durfte. Die anderen Schwestern beneideten sie alle um das hübsche Zimmerchen. Es war eben keine Bevorzugung, daß sie es besaß, sondern es war nur die Regel – dies war von jeher das Zimmer, in dem die Oberschwester der Kinderstation schlief. Schwester Elisabeth atmete tief auf, als sie eintrat und leise die Tür hinter sich schloß. Friedlich und kühl empfing sie der Raum, von einem stillen, grünen Licht erfüllt. Sie legte das Kindchen auf ihr weißes Bett. Es schlief und hielt die Fäustchen an die Brust gedrückt. Schweißperlen standen der Schwester auf der Stirn, sie lächelte glücklich. »Nur eine Nacht – nur diese eine Nacht –«, dachte sie. »Schwester Elisabeth!« hörte sie rufen und kehrte eilig zurück zu ihrer Pflicht. Die kurze Ruhepause war zu Ende in dem Kindersaal. Ein klägliches Stimmchen hatte begonnen und die kleinen Schläfer geweckt, bis ein allgemeines Konzert ertönte, das in seinem quäkenden, schrillen Jammergetön etwas Herzzerreißendes hatte. Schwester Elisabeth fand ihre junge Hilfe schon in voller Tätigkeit. Die beiden Mädchen hatten ein paar unruhige, arbeitsvolle Stunden. Dann überließ Schwester Elisabeth der Jüngeren die Nachtwache – sie pflegten sich darin abzuwechseln – und begab sich mit einer zitternden, bangen Freude im Herzen in ihr Schlafkämmerchen. Als Schwester Elisabeth am nächsten Morgen hörte, die Mutter des Kindes sei gestorben, empfand sie beinahe ein Gefühl von Befriedigung. Sie schämte und entsetzte sich, sie schalt sich ob dieser sündhaften Regung. Und dennoch ... Sie fühlte nun erst ein Eigentumsrecht an dem kleinen Wesen. Ach – sie wußte ja, daß ihre Liebe allen diesen Kindern der Armut, der Schande und des Elends gleichmäßig zugewandt sein sollte. Sie wußte, daß sie als barmherzige Schwester das persönliche Gefühl, die persönliche Sympathie oder Antipathie zu unterdrücken habe. War es doch den Schwestern auch nicht gestattet, besondere Freundschaften unter einander zu schließen. Ihre Seelen, ihre Herzen sollten der Allgemeinheit gehören. Aber die Allgemeinheit war ein so vager Begriff. Und das Herz wurde so müde, so traurig bei diesem fortwährenden Wechsel der Gestalten, die es alle mit gleicher Neigung empfangen, mit gleicher Gelassenheit dahingehen lassen sollte – ins weite Leben oder ins enge Grabkämmerchen. Wenn Schwester Elisabeth sich fragte, was sie eigentlich damit wollte, daß sie das Kindchen gewissermaßen aus dem Kindersaal gestohlen hatte, daß sie es verborgen auf ihrem Zimmer hielt und es dort mit einem Entzücken hegte und pflegte, wie sie es nie zuvor empfunden – daß sie dabei List und Schlauheit aufwendete, wie leichtfertige Mädchen ein böses Abenteuer ausführen ... sie hätte kaum Antwort zu geben vermocht. – Wie lange konnte sie ein solches Geheimnis hüten? Zwar betrat kaum je eine der übrigen Schwestern das Gemach. Am Morgen richtete sie es selbst her, und sonst hatten die Diakonissen auch keine Zeit, um sich gegenseitig freundschaftliche Besuche in ihren Zimmern abzustatten. Sie waren froh, wenn sie bei Tisch oder zwischen Tür und Angel auf den Korridoren einen kleinen Plausch miteinander halten konnten. Trotzdem mußte der Tag der Entdeckung bald genug kommen. Aber Schwester Elisabeth lebte wie in einem Traumzustande, in dem man auch die seltsamsten Dinge tut, ohne über ihre Folgen zu grübeln. In ihrem Herzen war eine leidenschaftliche, heftige, selbstsüchtige Liebe für das Kindchen erwacht, welches nachts in ihren Armen schlief, an ihrer Brust ruhte und seinen spärlichen, kleinen Lebensodem mit dem ihren vermischte. Sie wollte es vor den Gefahren des Krankensaales retten. Und mit unsäglicher Wonne beobachtete sie täglich, wie ihre Berechnung sie nicht täuschte, wie gut es gedieh, wie es in wohligem Behagen unter der Pflege ihrer weichen Hände mit den runden Gliederchen zappelte, wie friedlich es schlief und seine Nahrung zu sich nahm. Aber sie wollte es auch für sich haben, für sich ganz allein. Sie wollte es küssen und herzen können, wie es ihr gefiel, ohne von Schwester Luischen dabei beobachtet zu werden. In den Stunden der Nacht, wenn sie nicht die Wache auf der Station hatte und sich ihm widmen konnte, träumte sie törichte, mütterliche Träume voll weltlicher Eitelkeit über dem Kinde: wie es durch seine Schönheit, seine Klugheit und Begabung die Menschen bezaubern würde. Sie hielt in Gedanken lange Gespräche mit dem heranreifenden Knaben, und ihre feine Intelligenz richtete sich aus dem Halbschlaf, der sie in der harten, mechanischen Tagesarbeit befallen, wieder auf, wie Pflanzen, vom Regen befeuchtet, wieder frisch und kräftig werden. Sie hörte seine wißbegierigen Fragen, und sie dachte über eine Antwort. Ihr Geist flog hinaus über das Gebiet des Krankensaales und wagte sich wieder zum Flug durch die Welt und das Menschenleben. Und es kamen ihr so viele neue Gedanken über alles, daß sie fast erschrak ob des ungewohnten Reichtums. Sie wanderte mit dem ausblühenden Jüngling über Berg und Tal, sie reiste mit ihm und zeigte ihm ferne Gegenden und seltsame Bräuche, und die Schönheit von Meer und Gebirge. Sie vergaß, daß sie sich selbst in eine strenge Enge gebunden, durch ihr Wort und ihren Beruf. Sie war frei und lebte für ihn – mit ihm! Und er liebte sie. Heimlich, verstohlen – wie gesunde Knaben ihre Mütter lieben und das Gefühl schämig von der Kameraden verbergen. Später – wenn sie alt und gebrechlich geworden war, blieb sie doch immer in seiner Nähe, in seinem Hause und diente ihm, sah seine Kinder um sich heranwachsen und freute sich seiner frohen, stolzen Erfolge. Jahrelang hatte Schwester Elisabeth nicht an Männer gedacht, und nun lehnte sie im Traum ihren weißgewordenen Scheitel an eine treue, kräftige Männerbrust und fühlte mit zitterndem Glück, wie wohl das tun mußte. Schwester Elisabeth hauste ziemlich unabhängig von dem übrigen Krankenhaus in ihrem kleinen Reich, das außer dem Kindersaal noch aus einer Küche bestand, wo die Diakonissen die einfachen Mahlzeiten ihrer kleinen Pfleglinge selbst bereiteten. – Freilich, Schwester Luischen war da, und Schwester Luischen sah ihre Vorgesetzte zuweilen mit sonderbaren Blicken an. Doch Schwester Elisabeth merkte das nicht – ihr ging es wie jedem, der ein Geheimnis hegt. Beständig fürchtet er, es könne entdeckt werden, und dennoch wiegt er sich in der Hoffnung, noch wisse er allein davon. Täglich erwartete Schwester Elisabeth, daß Schwester Bertha aus dem Krankensaal heraufschauen und sich nach dem Kinde erkundigen werde – und sie hatte schon einen ganzen Feldzugsplan entworfen, wie sie Bertha zur Mitwisserin machen und sie um ihre Verschwiegenheit bitten wollte. Täglich wartete sie mit Zittern und Zagen, daß jemand aus der Welt da draußen Anspruch an das Kind erheben und es abholen würde. Aber keines von beiden geschah. An die dumme, kleine, dalberige Schwester Luise dachte sie gar nicht. Sie ärgerte sich nur, daß diese nach wie vor mit dem Assistenzarzt kokettierte, daß der junge Doktor bei seinen Besuchen länger auf der Station blieb, als nötig war, und Luischen verliebte Blicke mit ihm wechselte. Schwester Elisabeth konnte nicht verstehen, wie eine Krankenpflegerin noch Freude an so törichten Späßen haben mochte. Besonders kränkte es sie, wenn sie bemerkte, daß Schwester Luischen sogar ihre kleinen Pfleglinge als Mittel benutzte, die Augen des Doktors auf sich zu lenken, indem sie das ansehnlichste der Kinder zu seinen Besuchen herausputzte, es auf dem Arme hielt und mit ihm spielte und koste. Das gab dann ja freilich allemal ein hübsches Bild, denn Schwester Luischen war ein junges, frisches Mädel. In dieser Woche hatte sie gute Zeit gehabt. Sie wunderte sich selbst, wie wenig Schwester Elisabeth ihr aufpaßte. Aber darum wurde ihr Verkehr mit dem lustigen Doktor auch immer ungenierter, und ihr Lachen lief die langen, hallenden Korridore entlang und klang in dem hohen, gewölbten Treppenhause wieder. »Schwester Elisabeth, achten Sie mehr auf die junge Schwester«, sagte die Oberin, und Schwester Elisabeth erschrak. Hatte sie sich eine Pflichtvergessenheit zu Schulden kommen lassen über ihrem heimlichen Glück? Sie sprach eindringlich und strenge mit Schwester Luischen, das kleine Ding weinte bittere Tränen des Ärgers und warf trotzig die roten Lippen auf. Sie antwortete gar nicht. Aber am nächsten Morgen – unverhofft und ohne sich anzumelden – kam die Oberin zur Revision auf die Kinderstation. Sie äußerte sich befriedigt über den Zustand, in dem sie den Saal antraf, und sagte zuletzt ernst zu Schwester Elisabeth: »Ich habe noch mit Ihnen zu reden – führen Sie mich auf Ihr Zimmer.« Schwester Luischen lachte – ganz wenig, aber Schwester Elisabeth sah es. Da senkte sie den Kopf und folgte der Oberin schweigend und traurig durch den langen Korridor. Frau Oberin, eine Dame, die trotz des weißen, sanften Tüllhäubchens die Militärstochter nicht verleugnen konnte, in dem festen aufrechten Gang, dem energisch geschlossenen Munde, in den kühl und geradeaus blickenden, grauen Augen – Frau Oberin blieb vor der Tür von Elisabeths Zimmer stehen. »Was höre ich da, Schwester?« fragte sie ruhig. Ach ja – man hörte ... Man hörte schrecklich deutlich ... Welch kräftige Stimme der kleine Kerl schon bekommen hatte! Schwester Luise mochte ihn ja längst gehört haben. Die Oberin öffnete die Tür und fragte, auf das Bett deutend, wo der Kleine, krebsrot im Gesicht, nach seinem Frühstück brüllte: »Wie kommt das Kind in dieses Zimmer? Ich sah doch freie Betten auf der Station?« Schwester Elisabeth stand noch immer schweigend. »Nun, Schwester – ich erwarte eine Erklärung.« »Es ist so viel bessere Luft hier ...« stammelte Schwester Elisabeth, das blasse Gesicht von einer zarten Röte bedeckt. »Wenn in dem Kindersaal keine gute Luft herrscht, so ist das Ihre Schuld, Schwester«, sagte die Oberin trocken. »Es hat dort gute Luft zu herrschen.« »Ach, bedenken Sie doch nur, Frau Oberin – bei der Glühhitze und den vielen Kindern ... Ich meinte ... ich wollte dem Kleinen doch nur etwas Gutes antun.« »Schwester Elisabeth – eine Diakonissin hat nicht eigene Wege zu gehen. Sie hat sich der Ordnung, die über ihr waltet, zu fügen. Es ist durchaus unstatthaft, Patienten in den Privatzimmern unterzubringen. Es ist gegen die Regel. Tragen Sie das Kind hinüber auf die Station. Und daß mir solche Torheiten nicht wieder vorfallen.« Schwester Elisabeth neigte gehorsam den Kopf. Die Oberin ging auf das Kindlein zu und tippte ihm mit dem Finger ein paarmal auf die Brust, wobei sie sagte: »Ein nettes Kind.« Denn sie hatte bei ihren Rundgängen durch das von ihr beherrschte Reich für jeden Gast des Hauses ein freundliches Wort. Sie hielt das für ihre Pflicht. Schwester Elisabeth nahm das Kind und trug es hinüber. Gerade eine Woche hatte ihr heimliches Glück gewährt. Und wieder eine Woche später sah Schwester Bertha eines Abends in den Kindersaal, um einen neuen Ankömmling abzuliefern. »Was macht denn Ihr Spezialschützling?« fragte sie mit gutmütigem Spott. »Frau Oberin hat mir erzählt ...« »Wir hatten vier Fälle von Bräune in dieser Woche«, sagte Elisabeth leise. Und sie wies auf ein leeres Bettchen am Ende der Reihe. »Er hat sich so quälen müssen, bis es vorüber war«, murmelte sie mit heiserer, bedrückter Stimme. »– – Legen Sie das Kind nur auf den Wickeltisch. Ich will es sofort in die Bücher eintragen«, fügte sie gleichgültig hinzu. Die Barmherzigen Bei einem Five o'clock wurde er ihr vorgestellt, zog sich einen Stuhl an ihre Seite und blickte sie, während er eine Unterhaltung begann, erstaunt und entzückt an. Er war Österreicher und daher kannte er diesen Typus noch nicht ... Oder war sie vielleicht gar kein Typus? Er wurde so witzig, so lustig, wie er nur werden konnte, und sie fand ihn höchst amüsant. Zuweilen hob sie ernsthaft ihre Augen zu ihm auf – einen Blick von solcher Ruhe und Klarheit hatte er an einem hübschen und nicht mehr blutjungen Weibe noch niemals gesehen, auch nicht für möglich gehalten. Sagte er eine leichte Zweideutigkeit, ohne die eine geistreiche Unterhaltung doch nicht gut zu führen war, so errötete sie nicht etwa – sie ignorierte einfach, als verstehe sie nicht. Das war ja bezaubernd. Als alles um sie her aufbrach, waren die zwei noch festgebannt an ihren Stühlen, vertieft in das Gespräch, welches allmählich auf ein sehr ernsthaftes Gebiet übergeglitten war. Mit demselben freundlich-milden Ausdruck, den Eveline direkt aus irgendeinem fliederumbuschten, norddeutschen Pfarrhause geholt zu haben schien, sprach sie die gewagtesten Ansichten aus – Ansichten, wie man sie selbst in diesem, doch recht avancierten Kreise selten zu hören bekam. Und ein so sanftes, schüchternes Stimmchen ... Dann sprang er auf, mit den leichten Bewegungen seiner schlanken Jugend, küßte ihr die Hand und legte ihr zugleich in einem einzigen Blick sein ganzes Herz zu Füßen. Sie lächelte. Sie hatte ironisch lächeln wollen, aber es war plötzlich ein so schmerzlicher Ernst in dem blassen, kecken Männergesicht. Da tat er ihr leid. Und sie lächelte freundlich, milde.   Was hieß denn das? Eine gespannte, aufregende Erwartung beschäftigte Heinz. Könnte es sein, daß er hier die Frau gefunden, deren Existenz er für ganz unwahrscheinlich, mit dem heutigen Gesellschaftsleben gar nicht vereinbar gehalten hatte und nach der seine Seele sich doch fortwährend sehnte? O – o – es würde ja für ihn Gesundung, Rettung, heiligen Frieden bedeuten! * Wenn er sie liebte, würde er sie auch verderben. Das war ausgemacht. Das forderte schon seine Mannesehre als unglücklicher Dekadent. Er würde sich ja schämen müssen, wenn seine Gewissenlosigkeit nicht einmal so weit reichen würde, nicht so viel Kraft besäße, sie aus ihrer Ruhe aufzuscheuchen, mit voller Überlegung und Überlegenheit die klare Harmonie ihres Wesens, die ihn so sehr bezauberte, nach und nach zu zerstören und sie dann verzweifelt zu betrauern. Welche raffinierten Genüsse warteten seiner da ... Ob sie zwanzig oder dreißig Jahre alt sein mochte? Heinz hätte kein bestimmtes Urteil über diesen Punkt abzugeben gewagt. Übrigens Unschuld –? Unschuld geht mit starker Klugheit selten Hand in Hand ... Das wäre ja ein Phänomen der interessantesten Art. Sich unter dem Scheine der Freundschaft, der Liebe meinetwegen, in eine Seele einschleichen, sie listig aushorchen, vorsichtig an ihr Geheimstes tasten, es erbarmungslos gegen das Licht der Kritik halten und wägen und schätzen, wie ein Sammler seltene Kostbarkeiten abschätzt: alte Spitzen oder Medaillen oder venetianisches Glas – gab es eine feinere, geistigere Wollust? Und ging sie nicht über jedes banale Vergnügen? Nur lauerte auch hier im letzten Grunde die Enttäuschung. War es gelungen, hatte er durch einen geschickten Taschenspielerkunstgriff seines Geistes den Schleier fortgezogen, in den ein guter Freund, eine Freundin sich jahrelang kleidsam zu hüllen wußte – sah er arme, dürftige, kranke Nacktheit, so konnte er freilich mit schadenfrohem Triumph rufen: Ich habe es ja immer geahnt: auch diese Kraft ist nur geheuchelt, auch diese Schönheit ist nicht schön, auch diese Güte ist nicht gut. Aber aus der Schadenfreude entstand dann ein galliger, schmerzlicher Überdruß, der ihn fortwährend quälte.   Sie trafen sich wieder am Teetisch der Frau von Necker, welche die Leidenschaft hatte, absonderliche Leute einzuladen – solche, die es verstanden, absonderlich und comme il faut zugleich zu sein. Nein – comme il faut war doch nicht die richtige Bezeichnung für Eveline. Nichts in ihrer Toilette war von dieser Saison, sagte sich Heinz mit einem schnellen Blick über ihre zarte, blonde Erscheinung, die Erscheinung eines frommen Kindes. Gott sei Dank, auch kein aufdringliches Künstlertum im Anzug. Es schien, als wolle sie ihm entgegenkommen. Aber sie fand eine andere Dame auf ihrem Wege und sprach mit dieser. Danach wartete sie, bis Heinz sie anredete. Er tat es nur höflich und konventionell. Indessen ließ es ihm doch nicht lange Ruhe, und er begann mit einigen lustigen Paradoxen. Sie sagte ihm gleich, das sei jetzt so ein moderner Trick der jungen Leute. Ein bißchen ironisch blickte sie auf die weiße Nelke in seinem Knopfloch. Er meinte, paradoxe Anschauungen und ein guter Salonanzug vertrügen sich schon. »Besonders wenn die Ansichten auch nur amüsante Salonspielereien sind«, antwortete sie. Er stutzte. Hatte sie ihn bereits durchschaut und herausgefunden, daß er nun und nimmer eine seiner kühnen Theorien in seinem Leben verwirklichen würde? Und sie –? Würde sie es? »Warum leben Sie eigentlich in Deutschland?« fragte er. »Sie werden doch bei uns nur von sehr wenigen verstanden. Ihre Ansichten gehen doch z. B. weit über den Rahmen der bürgerlichen Frauenbewegung hinaus.« Statt zu antworten, griff sie nach einem Teller und wählte sich ein Brötchen. Es war fast, als zöge sie sich ein wenig in sich selbst zurück. Er verstand. Sie wollte sich von den Genossinnen im Kampf nicht scheiden, auch nicht durch ein hingeworfenes Wort. Also loyal ... Oder nur vorsichtig? Nein, nein, damit tat er ihr Unrecht. Alles an ihr war ruhig und klar. Keine Kämpferin mehr. Eine heitere Siegerin. Er mußte ihre Kraft doch prüfen und begann ihr im Laufe des Nachmittags heftig und feurig den Hof zu machen. Nur um zu sehen, wie es auf sie wirken würde. Und er sah gar keine Wirkung. Sie blieb sich vollkommen gleich. Das hatte er noch bei keiner Frau beobachtet. Später, nachdem man Tee getrunken, wurde etwas vorgelesen. Die Lampen waren mit dünner, bunter Seide verschleiert, nur auf das Gesicht, das Buch und die Hände des vortragenden Herrn fiel ein greller Lichtschein. Die Anwesenden verteilten sich zwanglos in dem großen, mit Palmen, Fauteuils, Divans und kleinen Tischen regellos angefüllten Zimmer. Heinz kam neben Eveline zu sitzen, ein wenig abseits von den anderen ... Er hatte mit Herzklopfen gewartet, ob er diesen Wunsch erfüllt sehen werde. Eveline hatte die Hände im Schoß gefaltet. Einmal lehnte sie den Kopf zurück und betrachtete den jungen Mann. Dann blickte sie vor sich nieder. ... »Sie haben so etwas – so etwas wie eine Alpenwiese«, stotterte er. Als der Lesende geendet hatte und man wieder durcheinander sprach, rief er leise und begeistert: »Auf der Zugspitz' möcht' ich mit Ihnen stehen – ganz oben, wo es keine Menschen mehr gibt.« »Ach, ich bin eine schlechte Bergsteigerin«, antwortete sie gelassen. »Ich komme nicht über die Mittelgipfel hinaus.« »Ich helfe Ihnen! Nicht wahr, wenn der Frühling kommt, steigen wir miteinander auf die Zugspitz'?« Sie lächelte: mitleidig, gütig, wie man einem Kinde tröstend zulächelt, wenn man seinen begehrenden Wunsch nicht erfüllen kann. Und durch dieses stille Lächeln war sie ihm plötzlich entrückt in ein fernes, einsames, ihm unbekanntes Leben. Eine trostlose Sehnsucht nach der schönen Friedensgegend, wo sie daheim war, überwältigte ihn. Er schwieg und verließ sie.   Eveline stand an der Tür und plauderte mit der Wirtin, weil sie sich nicht entschließen konnte zu gehen. Sie wollte sich entfernen, ohne Heinz Adieu zu sagen, damit es nicht scheinen sollte, als wolle sie von ihm heimbegleitet werden. Liebte er sie? Wie reizend konnte das werden ... In dieser fremden Stadt gleich einem Erlebnis zu begegnen, das lockt und anzieht – wohin? Liebte sie ihn? Unterdessen hatte sie Abschied genommen und befand sich nun auf dem Flur. Heinz folgte ihr. Sie war befriedigt und doch ein wenig gespannt. Er konnte ihr noch vor dem Hause Lebewohl sagen ... Heinz erzählte ihr, daß er heute Abend in eine Gesellschaft gehen müsse, daß es bereits halb neun Uhr sei und man mit dem Essen auf ihn warten werde. Nach einer Weile bemerkte sie: »Da gehen Sie ja doch mit mir?« Und nun lachte sie schelmisch. »– Ich habe es ja immer gewußt, daß es so kommen würde«, murmelte Heinz ernsthaft. Sie fühlte einen feinen, wollüstigen Schmerz am Herzen ... Er ging mit ihr, trotzdem er nicht wollte – Wie weit würde er mit ihr gehen? Und was würde dann geschehen, wenn sie ihm die Tür zu ihrem Leben öffnete? Wenn er all den verborgenen Plunder trauriger Erinnerungen sehen würde, den die Zeit in ihrer Seele angehäuft hatte? Wenn er entdeckte, daß die glückliche Harmonie ihres Wesens, der stimmungsvolle Friede, der sie umgab, ein geschmackvoller, liebenswürdiger Betrug der Natur war? Es mußte sich ihm ja so bald enthüllen, daß sie ebenso seelenkrank war, wie er selbst. Er tat ihr leid. Er war noch so jung ... – »Wie Sie einen anschauen! In einen geschnitzten Heiligenschrein möchte man Sie stellen und hinknien und anbeten!« stammelte er leidenschaftlich. Sie hob die Augen nicht wieder zu ihm auf. Ihr Antlitz blieb unbewegt. Die gesenkten Wimpern warfen einen Schatten auf ihre Wange. Schweigend gingen sie nebeneinander über den weißen Schnee, in dem kalten, blauen Mondlicht. Vor ihrer Haustür blieb sie stehen. »Nicht Madonna, nicht Anbetung, nur gute, ehrliche Freundin«, sagte sie unbefangen, heiter und reichte ihm ihre Hand. Er küßte ihr die Finger. »Darf ich Sie aufsuchen?« »Gewiß dürfen Sie!« Eveline stieg ihre Treppen empor. Mit einem wehen Lächeln an den Mundwinkeln dachte sie: Nun wird er nicht kommen ... Und er kam nicht. Er wollte sie schonen. Vielleicht wollte er auch nur sein eigenes Ideal von ihr schonen. Das Opernglas Ruhig lag das Meer, blaß und silbergrau. Ein leichter Morgendunst schwebte über dem Wasser. Schon blaute der Himmel, und die siegende Sonne wandelte die Milchfarbe des Nebels zu matt schimmerndem Opal. Lange, weiße Schaumstreifen zerrannen am Ufer. Die Luft war weich und still. Man hörte das murmelnde Anschlagen der Wellen am Quai. Noch war die Promenade ziemlich menschenleer. Eine alte Hökerin richtete ihren Stand. In ihrer Nähe bewegte sich ein Weib mit schwarzem Stirngelock und bronzegelber Haut – wie ihrer manch eine die Laune eines Schicksals von südlichen Ufern nach den nordischen Hafenstädten verschleudert. Gleichgültig sah sie der Händlerin zu, wie diese ihre Apfelsinen und ihr Johannisbrot aus den Körben packte. Ein Kohlenwagen rasselte vorüber, und ihm folgte ein Trupp Arbeiter. Auch Mädchen, die sich gähnend und ein wenig frostig zusammenschauernd in ihre Geschäfte begaben, trippelten den Weg entlang. Dann kam eine Dame mit einem Kinde an der Hand. Links breitete sich der Hafen. Dort tauchten Maste und Schlote gespenstisch aus den Dünsten auf. Die junge Frau, die mit ihrem Töchterchen auf dem Quai wandelte, beobachtete, wie die Umrisse immer deutlicher wurden, wie man jetzt die weißen und roten Streifen um die kurzen, schwarzen Dampferschornsteine unterscheiden konnte und jetzt das Gespinst der Taue an den Rahen der Segelschiffe. Ein großer Schoner löste sich aus der Masse der anderen Fahrzeuge und fuhr hinaus, langsam und vorsichtig seinen Weg in den schmalen Wasserstraßen des Hafens nehmend, bis er freie Bahn gewann. Und nun zog er wie eine aus Silber gewobene Erscheinung stolz und ruhig ins Weite. »Da – da – fährt der Onkel Fritz?« rief das Kind und zeigte fröhlich mit dem Fingerchen auf die hohen Masten, an denen die Segel sich blähten und in der blauen Helle schneeig glänzten. »Willst du still sein«, flüsterte die junge Frau errötend und blickte um sich, ob niemand den Ausruf der Kleinen gehört habe. Sie nahm das Opernglas aus seinem Futteral, das ihr am Riemen um die Schultern hing. Ihre Finger zitterten. Sie hielt das Glas an die Augen und blickte hindurch. Noch konnten sie nichts erkennen. Sie richtete an den Schrauben. Auf dem Verdeck des Schoners bewegten sich einzelne Leute der Mannschaft. Andere lehnten an der Brüstung und blickten nach dem Lande zurück. Das Kind sprang ungeduldig um seine Mutter her. »Ich kann niemand sehen«, rief es. »Gar niemand. O wie schade! Es ist schon so weit fort, das böse Schiff.« »Ich sehe ihn«, flüsterte die junge Frau. »Ich habe ihn gefunden! Er steht am Steuerbord, wie er uns gesagt hat. Neben ihm dreht ein Matrose das Rad. Er hält ein Fernrohr in der Hand – er sucht uns, Käthi!« Hastig zog sie ihr weißes Batisttüchlein und wehte hinaus zur Ferne. Er hielt ja seinen Krimstecher in der Hand – gewiß, er konnte sie noch entdecken, wie sie dort stand am äußersten Rande des Quais, schlank und fein im silbergrauen Mantel mit dem kleinen Hütchen – mädchenhaft und fraulich zugleich mit ihrem kleinen Mädchen, das mit seinen Händchen Abschiedsgrüße winkte. Und wieder hielt sie das Glas vor die Augen – das kostbare, liebe Glas, das ihr gestattete, ihn noch einmal zu sehen – scharf und deutlich: seine kräftige Gestalt, die doch so hübsch und elegant war – so elegant, als ginge er zu einer Gesandtschaft, statt als erster Steuermann auf ein Segelschiff, hatte sie gedacht, als er Abschied nahm –. Sein frisches, braunes Gesicht mit den schelmischen Augen – o hätte er nur einen Moment das Fernrohr fortgetan – so konnte sie seine Augen ja nicht sehen ... Aber ihr treuer Blick war immer in ihrer Seele. Er hatte ihr Kind so gern – er hatte so reizend mit ihm zu spielen verstanden – er war so gut zu ihm gewesen. Das hatte ihr zuerst Vertrauen gegeben. Er war nicht wie die anderen, die sich bestrebten, mit Schmeicheleien und zudringlichen Huldigungen um die junge Witwe zu werben. Er war ihr ein Freund gewesen und für die Kleine wie ein Vater. Alle Nachmittag um die Teestunde war er in ihrem stillen, kleinen Salon erschienen, mit ihr und Käthi zu plaudern. Seine warme Herzlichkeit, mit der er ihr klagte, wie sie ihn lehre, in Zukunft wieder heimwehkrank zu werden ... – – Noch einmal lieben – noch einmal hoffen dürfen ... Es ist doch süß, wenn man noch so jung ist. Noch einmal beginnen, zu leben ... Wie sein letzter Blick von dem Munde des Kindes zu ihren Lippen flog – wie sein letzter Handkuß brannte ... Tränen verdunkelten die Gläser. Sie konnte nichts mehr sehen. »Und wenn ich wieder komme – übers Jahr ...?« – – Das Weib mit dem wilden Stirngelock und der bronzegelben Haut, das bei der Hökerin gestanden, näherte sich langsam der jungen Frau. Sie hatte ebenfalls hinausgestarrt mit ihren schwarzen Augen auf das Meer. Und nun starrte sie auf das Opernglas. Und wieder auf das Meer und wieder auf das Glas mit einem gierigen Verlangen. »Madame?« fragte sie mit einer Stimme, die sich zur Bescheidenheit zwang, »Madame – wenn Sie es gütigst gestatten wollten ...« ein lautes Schluchzen brach aus ihrer Kehle, »wenn ich doch einmal durch das Glas schauen dürfte?« »O ja, gern«, sagte die junge Frau, verwundert und befangen die andere betrachtend – den dürftigen, bunten Schal über den üppigen Formen, das schwarze Spitzenfetzchen über dem schwarzen Gelock. Wie ihre Lippen bebten und die Tränen aufsogen, und sich plötzlich zu einem wollüstig-seligen Lachen öffneten. Da hatte sie ihn gefunden – der bei ihr gesessen. Abend für Abend, in der Kellerwirtschaft, wo die Matrosen rauchten, spielten und ärmliche Kost bekamen – er, der doch ein Herr war, wie man gleich sehen konnte – den sie bewunderte, weil er sich nie betrank – über den sie staunte, weil er keinen Lärm und keine Raufereien begann und nicht hinausgeworfen werden mußte, wie ihre anderen Gäste. Der ihr rechnen und einrichten und wirtschaften half mit der Klugheit eines Mannes und der Treuherzigkeit eines Kindes, den sie anbetete wie eine Mutter und eine Geliebte zugleich, mit der hündischen Ergebenheit einer Magd, für den sie ihre Sparpfennige opferte, um das junge Leckermaul an sich zu fesseln durch dicke Aalsuppe und guten Wein. Und der trotz seines feinen Rockes so wild und heftig lieben konnte. Ach – wenn sie hier, wohin er sie bestellt zum letzten Abschiedsgruß, hätte stehen müssen und so blind und ergeben nach dem fernen Schiffe starren ... Mit einer leidenschaftlichen Bewegung drückte sie das Opernglas an die Brust und küßte es. Wehmütig lächelnd sagte die Dame an ihrer Seite: »Geben wir das Glas auch dem Mädchen dort drüben, ihr fährt wohl auch etwas Liebes davon.« Atemlos, glutrot war sie angelaufen gekommen, den schweren Marktkorb schleppend, und die Blicke ihrer blauen Augen irrten verzweifelt über das Wasser nach dem ferne und ferner segelnden Fahrzeug, und sie hielt die Hand als Schirm über die Brauen und preßte dann trostlos die beiden kleinen, roten Fäuste vor das Gesicht und weinte. »Wollten Sie auch gern Ihren Schatz noch einmal sehen?« rief die junge Frau ihr zu. »Warten Sie, ich will das Glas für Sie richten.« Aber sie wollte nur selbst noch einen Blick hindurch tun. Das blonde Dienstmädchen mit dem weißen Häubchen über dem glattgestrichenen Scheitel knixte verlegen stumm. Aber dann schrie sie laut auf in kindlicher Freude. Dort lehnte er am Steuerbord – gleich als sähe sie ihn dicht vor sich, wie er Morgen für Morgen an der Straßenecke auf sie gewartet hatte ... Dessen frohe Munterkeit sie betörte, der nicht grob forderte wie die anderen, sondern zart und gütig mit ihr umging, wie ein Bruder, bis sie ihm willenlos die junge Blüte ihres Leibes zum Opfer brachte ... Oh, die heiße glückliche Nacht, in der heißen kleinen Dachkammer ... Oh, der liebe, gute Mann ... In einem Jahr, wenn er wiederkommen würde, sollte sie sein Weibchen heißen. Gläubig lächelte sie der Ferne entgegen, den Hoffnungen zu, die dort hinausfuhren, weiter – immer weiter ... Das Opernglas wanderte zwischen den Frauen hin und wieder. Und der Mann am Steuerbord des Schoners blickte nach dem Strande und auf die drei Gestalten, die dort so einträchtig beieinander standen. Wie gehorsam sie seiner Bitte gefolgt waren ... Und er lächelte. Seine treuherzigen, braunen Augen feuchtete die Rührung. Mit den Fingern wischte er eine Träne fort. Er hatte sie doch alle drei sehr gern gehabt – jede in ihrer Art. Und dann wandte er sich um und ging seiner Arbeit nach. Ein ferner, weißer Schemen, ein zartes Traumgebilde verschwand das Schiff am Horizont. Die Frauen tauschten einen Gruß, und wenn sie sich wieder begegneten, kannten sie einander nicht mehr. Das Opernglas hatte nichts verraten.   Ende