Josef Ponten Der babylonische Turm Geschichte der Sprachverwirrung einer Familie — Roman   Begonnen in Griechenland im Jahre 1912, während der Jahre 1913 und 1914 in Italien fortgesetzt, 1916 wieder aufgenommen und 1918 vollendet.     Deutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H. Berlin     Einleitung Der erste Haufen Geld Der Maurer ging mit langen Schritten die Stube auf und ab. Die Dielen knarrten. »Nimm die Bibel, Ziska.« Franziska, hinter dem weißgescheuerten Tische sitzend, griff hinter sich und nahm die schwarze Bibel. Sie zog die Kerze näher, knipste das verkohlte Dochtende ab und öffnete kräftig das Buch. »Laß sehen«, sagte der Mann, griff über den Tisch und drehte das Buch sich zu. »Das ist gut«, meinte er, und seine Lippen zuckten. Sie sah ihn mit schmalen Augen an und sagte: »Du hast Ärger auf dem Bauplatz gehabt?« – »Bah!« »– – Du hast doch nicht etwa dem Meister gekündigt, Hermann?« – »Wie sollte ich! Was sollten wir denn anfangen?« frug er und sah sie gespannt an. Er schien sich zu fürchten. »Lies«, sagte er trocken. »Und sie sprachen zueinander: Wohlan, laßt uns Ziegel streichen und brennen! Und sie nahmen Ziegel als Stein und Thon als Kalk, und sprachen: Wohlauf, laßt uns einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, auf daß wir uns einen Namen machen!« 6 Der im Gehen zuhörende Mann drehte sich vorzeitig um. Die Diele knarrte laut. »Das waren Leute! Daß ich da hätte Handlanger sein dürfen! Das waren keine Krämerleute! Die bauten nicht für den gemeinen Zins!« – »Worüber hast du dich geärgert, Hermann?« – »Bauen, Franziska, bauen! Ach, wer das einmal so recht aus dem vollen könnte! Kirchen, Schlösser, Paläste, Tore, Hallen, Denkmäler! Noch besser – denn das alles dient noch Zwecken und wird bezahlt – bauen, nur bauen, damit man sage: Dies alles hat ein Mensch gemacht! Einen Turm bauen, der bis an die Wolken ragt, auf daß wir uns einen Namen machen, den die Völker bestaunen! Die Bibel ist doch ein Buch! Daß ich damals lebte, als man solche Bücher schrieb und solche Türme baute!« »Du bist noch jung. Du hast deine Lehre bestanden, bist auf Wanderschaft gewesen und verstehst zu mauern.« – »Ob ich das verstehe, Franziska, weiß Gott! Besser als der Vorarbeiter, nimm's nicht übel. Der legt einen Stein neben den andern und denkt sich nichts dabei. Als ob das Mauern wäre! Eine Läuferreihe, eine Binderreihe. Hier, wo's nur füllen soll, verschwendet er den besten Stein und da, wo's zu tragen hat, legt er den morschen und schädigt den Unternehmer. Jeder Geselle sollte bauen, als ob es für eigene Rechnung wäre! Das ist anständig! Wenn ich einmal Meister sein sollte . . .« – »Du wirst doch sicher Meister werden! Wie kannst du reden?« »Ziska, bauen! Hör', von so einem Turme träum' ich.« Er schob einen Stuhl heran und setzte sich seiner Frau gegenüber. »Es sind ja nur Gedanken, die ich spinne, wenn in der Kirche die Orgel braust, oder 7 nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Aber es sind doch keine Fantastereien, so etwas ist doch wirklich schon gebaut worden. Die Bibel sagt es ja.« – »Dann ist es wahr«, stimmte Franziska zu. »Wie sieht der Turm denn aus?« frug sie. – »Ich habe da Entwürfe auf dem Reißbrett gemacht, aber ich wage sie niemand zu zeigen. Die Gesellen lachen mich aus. Du sollst zu niemand davon sprechen. Ich habe mir gedacht, wenn ich die Geschichte von dem Turme las: Wie sah der Turm denn aus? Und da habe ich versucht, ihn im Geiste wiederherzustellen. Sieh, hier.« Er nahm eine dicke Rolle an sich, die von Franziska unbeachtet in der Ecke gestanden hatte, zog die Röhre des Packpapiers davon ab und entfaltete eine Zeichnung. Das untere Ende schob er Franziska zu, sodaß die Zeichnung für ihn auf dem Kopfe stand. Die Rolle ließ er auf seinen Schoß fallen, wo sie sich abwickelte, indem er das knatternde Papier, es an den Seiten fassend, langsam über den Tisch hinschob. Da las Franziska, indem sie mit dem Finger an den Buchstaben vorüberglitt: »Der Babylonische Turm. Versuch einer Wiederherstellung. Von Hermann Großjohann.« Sie zog das Papier über die Tischkante herab und ließ das Ende, indem sich neue Teile ihr zuschoben, auf ihren Schoß niederfallen, wo die Rolle sich wieder aufwickelte. »Nun bin ich aber neugierig, wie das aussieht!« rief sie. – »Groß! Groß!« sagte er so heiß, daß sein glühender Atem sie über den Tisch hinweg erreichte, »nur wenig an äußerer Form, denn es muß als Ganzes wirken!« – »Ist das schon alles?« frug sie, auf die Zeichnung mit ihren kurzen Fingernägeln 8 deutend, »so hoch wie unser Kirchturm muß er doch werden.« – »Das sind nur die Fundamente. Das steckt alles in der Erde. Ohne das geht es nicht.« Er schob ihr die Rolle weiter zu, sodaß die Fundamente in ihrem Schoße versanken und ein neues Bild die Tischfläche zwischen der Kante hüben und drüben füllte. – »Aha, das also ist der Turm!« rief sie. – »Nein, das ist nur das Erdgeschoß!« – »Wieviel Stockwerke soll der Turm denn haben?« frug sie, von der Zeichnung aufsehend, »drei wie unser Kirchturm?« – »Drei? Was denkst du? Zwanzig, dreißig, vierzig, was weiß ich? Auf die Fundamente, die du da eben sahst, kann man schon etwas draufsetzen.« – »Aber das ist ja mehr breit als hoch!« behauptete sie. – »Wir sind ja noch immer unten an der Erde. Und breit soll das Ding überhaupt sein, nicht so 'ne Nadel wie der Eiffelturm. Breit, breit und aus altem Stein und Holz, nicht aus windigem Eisen.« – »So, so,« sagte sie, in den Linien forschend, »wir sind noch immer an der Erde. Und das unterste Stockwerk vermietest du an einen Händler, wie der ist, der die Halle unter dem Rathausturm der Stadt hat. Der soll hohe Pacht zahlen.« – »Nein, Ziska, das verstehst du nicht. Da unten sind die Mauern ganz dick. Denk' doch, wieviel noch drauf kommt. Da kann niemand wohnen. Der Raum soll offen bleiben, und Handwerksburschen auf der Walze dürfen darin nächtigen. Ich habe oft genug auf der Polizeistube die Nacht verbringen müssen, als ich auf Wanderschaft war. Deshalb werde ich mir diese Verwendung ausdrücklich ausbedingen, wenn ich den Turm dem Staate schenke.« »Schenke?« – »Schenke!« 9 Sie schüttelte den Kopf. Er verschob wieder die Rolle, die Mauerklötze sanken in ihren Schoß, und ein neues Bild füllte den Tisch. »Siehst du, Ziska, wie die Mauermasse allmählich ab- und der umbaute Raum zunimmt, können jetzt Anstalten und Gesellschaften untergebracht werden. Was du da gerade vor dir hast, ist eine öffentliche Bücherei. Da gehen 500 000 Bände hinein. Und was jetzt auf dem Tische liegt, ist der Lesesaal –« – »Da hast du ja auch Figürchen gezeichnet!« rief sie überrascht, »so klein!« – »Aber denk' dir doch die Maße des Ganzen, Ziska, daneben verschwindet ein Mensch. Sie sitzen an Tischen und lesen. Kannst du es erkennen? Ich bin nicht sehr sicher im Figurenzeichnen. Es sind 1000 Tische in dem Saale und 3000 Plätze. Und nun kommen« – er ließ die Rolle eine Weile schnell ablaufen, sodaß es Franziska ein wenig wirr vor den Augen wurde – »Räume für gelehrte Gesellschaften. Das hier ist eine Kirche, im Mauerpfeiler siehst du die Treppen und Aufzüge –« – »Eine Kirche?« unterbrach sie, die Hände auf die vorübergleitende Rolle legend; »wie klein ist der Altar!« – »Sag' lieber: wie groß ist die Halle. Denk' dir doch endlich die Maße des Ganzen. Der Altar ist so hoch, daß er in unsere Kirche überhaupt nicht hineingehen würde. Denk' dir, daß allein diese Halle höher ist als unser Kirchturm. So, nun kommt die evangelische Kirche.« »Was,« rief sie erschrocken, »die blauen Geusen sollen auch eine Kirche haben?« – »Natürlich! Natürlich! Die verehren doch denselben Gott. Aber ihre Kirche kommt nach der katholischen. Die katholische geht vor, das gehört sich so. Und nun kommt« – 10 ein neues Bild stieg herauf – »die Kirche der Juden.« – »Aber Hermann!« – »Ja, die auch!« – »Die den lieben Heiland gekreuzigt haben?« beschuldigte sie. – »Die von heute waren ja nicht dabei, und wer weiß, was wir getan hätten, wenn wir damals gelebt hätten. Wenn der Heiland wie damals so aufrührerisch gegen die geistliche Obrigkeit predigte!« – Franziska schüttelte den Kopf. »Du bist ein lutherischer Klöppel in einer katholischen Glocke«, meinte sie. Hermann lachte und ließ einen Tempel »für Leute, die nicht glauben« vor der entsetzten Franziska vorübergleiten. »Siehst du,« sagte er, mit dem langen Nagel seiner kräftigen Hand auf die schraffierten Mauerteile deutend, »die Pfeiler werden dünner, denn wir sind höher gekommen.« – »Sind wir denn nicht bald oben?« frug sie. – »Oben?« lachte er. »wir sind doch erst im fünften Stocke.« – »Mir wird ganz schwindlig!« Sie griff an den Kopf. »Du brauchst ja nicht hinauszuschauen. Sieh, hier sind wir in einer Halle, in der das Volk seine Andenken unterbringen kann, eroberte Fahnen oder alte Kaiserkronen oder was es hat.« – »Da sind einmal richtige Leute,« rief sie, »die kann man erkennen!« – »Das glaub' ich, Ziska, die sind sieben- bis zehnmal lebensgroß. Du würdest dem da kaum bis an die Knie reichen und bist doch keine kleine Person. Denn wir sind in einer Denkmälerhalle für die Geistesgrößen.« – »Und das sind Soldaten!« rief sie, »die hast du aber gut gezeichnet!« – »Soldaten zeichnen ist auch leicht. Die sind so steif, daß sie auch einem steifen Finger gelingen. Wir sind in einer Feldherrnhalle. Und nun kommt der Palast für den König.« 11 – »Endlich einmal einer, der zahlen kann!« sagte Franziska, die Hand schwer auf die Rolle legend. – »Ach was, zahlen! Ich stell' ihn dem Könige zur Verfügung.« – »Wenn es ihm nun aber zu teuer ist?« – »Nichts von teuer und billig! Ich schenke ihm das.« »Wieder schenken?« frug sie. – »Schenken! Ja! Ja! Schenken! Alles Große, was die Menschheit bekam, hat sie sich schenken lassen, hat sie sich oft gar aufdrängen, aufzwingen lassen. Nur das Kleine hat sie bezahlt, denn nur das Kleine kann sie bezahlen. Nun kommt eine Dichterstadt . . .« – »Da sind ja Zellen wie in einem Kloster!« sagte sie. – »Ja, an ein Kloster hab' ich gedacht. Das sind die schönsten Orte der Sammlung. Jeder bekommt zwei oder drei solcher Zellen. Ich denke mir das so ähnlich wie ein Trappistenkloster. Schweigen und arbeiten ist da die Losung.« – »Ob die aber in ein Kloster gehen?« – »Das können sie halten, wie sie wollen. Es wird ja auch kein richtiges Kloster. Überhaupt kann jeder tun, was er will. Sie sollen nur eine ordentliche Wohnung haben, und ich werde vorschlagen, ein paar Klöster im Lande aufzuheben und ihre Einkünfte dem Dichterkloster zuzuwenden.« – »Hermann! Hermann!« tadelte Franziska; »und an Leute, wie du bist, denkst du nicht. Die, welche Bauzeichnungen machen . . .« – »Alles bedacht! Alles vorgesehen! Die müssen viel höher hinauf, die Maler und Architekten, denn die brauchen Himmelslicht. Die Pfeiler sind noch immer beträchtlich, wie du im Querschnitt sehen kannst.« – »Wie hoch sind wir denn eigentlich?« frug sie mit großen Augen. – »Vielleicht so hoch wie die Kreuzblumen auf den Kölner Domtürmen.« 12 Sie sagte nichts mehr, sie schüttelte stumm den Kopf. »Nun kommt noch alles mögliche,« sagte Hermann, die Rolle über den Tisch weg ablaufen lassend, »ich habe mir da keine besondere Verwendung mehr gedacht. Das kann man alles später überlegen, denn die Hauptsache ist, daß wir hochkommen. Wir müssen ja bis an die Wolken heran . . .« »Hast du deine Werkkiste mitgebracht?« frug Franziska aufsehend plötzlich dazwischen. – »Meine Werkkiste mit Kelle, Lot und Wasserwage?« frug er mißtrauisch und erstaunt, »die brauch' ich doch auf dem Bauplatz.« – »Ich dachte, du brauchtest sie nicht mehr«, sagte sie ausweichend und wieder auf die Zeichnung schauend. – »Die kann ich doch erst mitbringen,« sagte er, auch die Zeichnung betrachtend, »wenn ich dem Meister kündige«, und sah sie plötzlich scharf an. – »Nun, ich hab' mir gedacht, du . . . du . . . Ich hab' doch keinen Wäscheschrank!« rief sie; »du weißt doch, daß ich bald mehr Wäsche brauche. Wir haben ja nur Bett, Tisch und Stühle. Wir haben zu früh geheiratet, Hermann.« Sie legte die Arme auf die Zeichnung und den Kopf darauf. Das Licht der Kerze spiegelte sich in dem glattangelegten schwarzen Haar des Kopfes, über den eine weiße Scheide lief. – »Du wirst doch nicht weinen, Ziska«, sagte er, über den Tisch weg ihr Haar streichelnd; »wir haben's eben gewagt, und Gott wird weiter helfen. Du liegst mit deinen Armen auch gerade in dem lieben Gott seiner Wohnung.« – »Wie?« rief sie erschrocken. »Siehst du, das soll das kühnste an Baukunst werden, was die Menschen sahen. Ich werde da Gewölbe 13 versuchen, die man sich nicht träumt. Die schweben wie Wolken, so hoch und so schön, daß Gott selbst mit seinen Engeln und Heiligen sein Quartier bei mir aufschlagen mag. Dann wird kein Lästermund mehr das freche Wort aussprechen, daß es keinen Gott gäbe, weil eine Wissenschaft ihm die Wohnung genommen habe. Nach außen glänzt die offene Halle in Kupfer, siehst du, ich habe das durch weiße und grüne Tusche anzudeuten versucht, und Mond und Sterne spiegeln sich darin. Denk' dir, wie das über die dunkle Welt leuchten wird! Jetzt sind wir ganz oben – ich weiß nicht genau, wie hoch – es kommt noch ein Turm – laß etwas schneller ablaufen, Ziska, zieh am Papier, damit du eine Vorstellung von der Größe dieses Türmchens bekommst, es geht nicht ganz auf die Tischfläche drauf. Dieser Turm allein ist nämlich so hoch wie unser Kirchturm und ist doch nichts weiter als der Blitzfängerstab auf dem Ganzen. Er ist aus gediegenem Stahl. Glockenspiele sind in diesen Nebentürmchen, und auf allen sind goldene Hähne drauf. Und jetzt, was jetzt die Tischfläche füllt, ist nichts weiter als der metallene Turmknauf, und darin kann noch ein Einsiedler wohnen, den es über die Menschen hinausverlangt.« »Das ist ja verrückt!« fuhr Franziska auf und schlug auf den Tisch, »das kann man nicht bauen!« Das Ende der Rolle lief über die Tischplatte her, und ihre Faust wurde von dem dicken Papiere eingefangen. Sie sprang auf, die Rolle in ihrem Schoße aber zog noch das Ende ein, sie faßte die Rolle und schleuderte sie in die Stube. »Das ist ja verrückt! Das ist Gotteslästerung!« Hermann, auf seinem Stuhle sitzend, bedeckte das 14 Gesicht mit den Händen, und seine Schultern zuckten. »Du hast recht, Ziska, es ist verrückt. So träum' ich . . . so träum' ich und bin ganz marode davon. Aber muß man denn alles bauen können, was man träumt –?« Sie trat an den Tisch zurück, reichte darüber hin und fuhr ihm mit der Hand über das dunkle krause Haar. Da zuckten seine Lippen, und er sagte: »Wenn ich so träume, sind mir die Tränen nahe.« Nach einer Weile sagte er: »Ich möchte einmal etwas Schönes bauen, das Haus für einen reichen Mann oder eine Dorfkirche für den lieben Gott, und bin ein Maurergeselle unter streitsüchtigen Menschen.« »Und nachts, Hermann?« – »Du weißt es, Ziska? Ich dachte, du weißt es nicht: Dann träume ich immer von großen Bauten.« – »Ich höre dich reden, ich liege ganz still, denn ich kann dir nicht helfen. Ich kann nichts erwerben, aber ich will es zusammenhalten, ich will sparen, sparen . . .« Er legte ihr seine Hand hin und sagte, als sie die ihre hineinlegte: »Ich weiß das! Ich weiß das! Du bist das Größte zu erleiden fähig. Wir beide wollen doch etwas Großes erreichen in dieser Welt der Nichtigkeiten. Wir beide können es. Nichts sei zu bitter, zu hoch und zu dunkel! Mit dir kann ich alles!« »Mit dir!« »Nein, mit dir!« – »Nein, mit dir!« »Es ist gut! So lies noch etwas aus dem Buche, Ziska!« »Da sprach Gott: Was unterfangen sie sich zu tun? Ich will niederfahren und ihre Sprache verwirren, daß keiner den andern verstehe. Und der Herr fuhr nieder und verwirrte ihre Sprache, daß keiner den 15 andern verstand. Wenn der Bauleiter befahl: bringe Steine, so brachte der Geselle Mörtel, und das Wasser gossen sie in das Häcksel statt in den Kalk.« »Haha!« lachte Hermann. Franziska schaute vom Buche auf und sah ihn strenge an. Da er nun auch nichts sagte, fuhr sie zu lesen fort: »Da sprachen sie: wir wollen den Turm lassen, und jeder soll seines Weges in der Richtung gehen, wo er gerade ist . . .« – »Das ist ja alles Unsinn!« rief Hermann und sprang auf, »warum sollen sie einander nicht mehr verstanden haben?« – »Lästere nicht,« befahl Franziska, »das hat Gott geschrieben.« – »Ich versteh' das nicht«, sagte Hermann kopfschüttelnd. Er wanderte wieder auf und nieder, und die Dielen knarrten.   Am nächsten Nachmittag, Ostersonntag war es, klopfte es, und der welsche Bauer trat herein. Frau Franziska saß und strickte. Der Bauer hatte ein glattgeschorenes Gesicht und trug eine blauleinene faltenreiche lose Bluse, die so glatt gebügelt war, daß die Falten spiegelten, einen kleinen Strohhut, Ringe in den Ohrläppchen und einen gelben weichen Riedstock in der Hand. Er saß auf dem Stuhle, hatte die Hände auf den Knopf des Stockes gelegt und drückte ihn spielend zu einem flachen Bogen ein. Er sah sich mit kleinen rotgeränderten Augen im Zimmer um. Besonders betrachtete er Frau Franziska. Sie empfand eine heftige Abneigung gegen den Mann, stand auf und ging, ohne ein Wort zu sagen, in die Nebenstube. Sie dachte: »Er sieht mich an, als ob er mich mit den Augen wiegen könnte wie ein Kalb.« Dort setzte sie sich ans Fenster und strickte. Mittlerweile sagte drinnen der Bauer zu Hermann Großjohann: 16 »Ich möchte wohl so 'n Schweineställchen gebaut haben.« Großjohann stand auf, lief in die Nebenstube, legte den Arm um den Hals Franziskas und flüsterte mit leuchtenden Augen: »Er möchte wohl so 'n Schweineställchen gebaut haben.« Franziska ließ die Nadeln sinken und verlor den Stich. Doch sie achtete es nicht, sie folgte schnell ihrem Manne in die Wohnstube, setzte sich zwischen ihn und den Bauer und frug freundlich: »Ihr möchtet wohl so 'n Schweineställchen gebaut haben?« – »Ja,« sagte langsam der Bauer und umfuhr sie wieder mit seinen roten Äuglein, »ich möchte wohl so 'n Schweineställchen gebaut haben. Ja . . .« Dann schweiften seine Augen und anscheinend auch seine Gedanken ins Leere, sodaß Frau Franziska sich ihm näherbeugend erinnerte: »Das Schweineställchen . . .?« – »Dann können wir nach den Feiertagen beginnen«, sagte Großjohann, dessen Beredsamkeit vor Herzklopfen versiegt war. Nun sahen die drei einander an, stumm, erstaunt, fragend. Da sagte Hermann schnell: »Ich will es dir sagen, Franziska, ich habe doch dem Meister gekündigt.« – »Das ist gut,« sagte diese schnell und zu dem Bauer: »Dann kann er nach den Feiertagen beginnen.« – »Das hab' ich nicht gedacht,« sagte der Bauer, »daß Ihr ohne Arbeit seid, Maurer. Ein Arbeiter ohne Stelle ist wie ein Mädchen ohne Unschuld. Dann kann ich das Schweineställchen nicht bauen.« Und machte Miene aufzustehen. »Ich will mich nämlich auf mich selbst stellen, müßt Ihr wissen«, sagte Großjohann voll Angst. – »Er will sich nämlich auf sich selbst stellen«, sagte Frau Franziska voll Angst. Der Bauer sah 17 schweigend zwischen den beiden hin und her. – »– Dann will ich das Schweineställchen bauen«, sagte er langsam. An diesem Abend in der dunkeln köstlichen Stunde vor dem Einschlafen genossen Hermann und Franziska das vollkommene Glück. Sie berieten und waren selige Bauleute. Erst nach Mitternacht schlief Franziska und gegen Morgen Hermann ein. Er baute träumend in der Stunde, die er noch bis zum Frühlicht schlief, eine ganze Stadt.   Heute war der welsche Bauer dagewesen und hatte die Schuld für den Stallbau beglichen, indem er einen Eimer mit Mark, Groschen und Pfennigen, wie er sie für Milch und Käse in der Stadt eingenommen, auf den Tisch stellte. »Zählt nach, ob's stimmt«, hatte er gesagt und war fortgegangen. Den ganzen Nachmittag bis in die Nacht hinein hatten sie gezählt. Jetzt saßen sie da, zu müde, zur Ruhe zu gehen. Die Kerze brannte, und es war still. Auf dem Tische lag der Berg Geld, die Pfennige wie Sand, die Groschen wie Kies, die Mark wie Steine. Daneben stand der Eimer. Franziska hatte die Arme auf den metallenen Hügel gelegt und den Kopf auf die Arme. Sie schlief nicht, sie schien zu schluchzen oder zu beten. Hermann sah im Halbschlummer, wie Tränen über ihre Wangen liefen. Er sah, wie die Träne auf einen Groschen fiel und im Gefieder des Reichsadlers hangen blieb. Nun richtete Franziska den Kopf auf, Haarsträhnen und die gelösten Flechten fielen zur Seite ihres Hauptes herab, sie griff mit beiden Händen in den Geldhaufen und rief: »So viel Geld! Gott, kann es so viel Geld geben?« 18 Sie ließ die Groschen durch die Fingerlücken fallen, wie man Sand zwischen den Fingern zurückrieseln läßt, und sie murmelte: »So viel Geld!« Hermann wurde wach, stand schnell auf, trat an den Tisch und faßte den Arm Franziskas, denn es sagte ihm etwas, er müsse das Treiben dieser Frau einhalten. Sie hob das Gesicht zu ihm auf, schaute ihn mit halb glasigen Augen an und sagte: »Tu' mir einmal weh, Hermann! Ich zerspringe!« Er preßte ihren Arm. Da sie es aber nicht fühlte, ließ er ihn wieder auf den Pfennigberg zurückfallen. Ihr schwindelte, sie fühlte Übelkeit in Magen und Mund. Dann breitete sich Dunkelheit über ihren Geist, während ein Faden Speichel aus dem Winkel der Lippen lief und im Haufen der Groschen und Pfennige versickerte. Die Kerze brannte zu Ende und erlosch, und Großjohanns schliefen, erschöpft von Arbeit, Tränen und Träumen, schwer und traumlos bis in den hellen neuen Tag.   »Ist das immer so, Frau Helfereich?« frug Franziska die Hebamme. – »Was?« frug diese, ohne sich zu rühren. – »So . . . so . . . daß man sich so quält?« – »Junge Frauen!« antwortete die Hebamme, die nackten Arme vor der Brust gekreuzt, ohne sich zu rühren. – »Ach,« sagte Frau Franziska, »warum ist das immer so . . . daß junge Frauen . . . sich so quälen?« – »Die anderen Male wird's besser gehen«, sagte Frau Karitas Helfereich. Frau Franziska stieß einen Wehruf aus. – »Man sollte doch keine Kinder erzeugen«, sprach Hermann darauf zu sich in der Nebenkammer; »ganz erbärmlich tritt der Mensch ins Dasein, und die Mutter kommt in die 19 schmerzenreichste und der Vater in die lächerlichste Lage von der Welt.« »Frau Helfereich,« sagte nach einer Weile Frau Franziska, »geht es allen Frauen so schlecht wie mir?« Karitas Helfereich hatte sich einen leichten Schlaf angewöhnt; darum durfte sie an Wehelagern sich mit gutem Gewissen der Ruhe überlassen. Sie wachte denn auch jetzt auf und gab Antwort wie ein aufgestochenes Buch: »Kann man nicht sagen. Doch geht es Euch nicht am schlimmsten. Ich habe am Bette von einem Dutzend Frauen gesessen, denen es noch schlechter ging.« – »So?« sagte leise Franziska. – »Sie sind dann gestorben«, sagte Karitas Helfereich und entschlief wieder so plötzlich, wie man ein Buch zuklappt. – »So –?« sagte noch leiser Franziska. Hermann, von Unruhe getrieben, steckte den Kopf zur Türe herein. Franziska sah ihn an aus Augen, die in Schmerzen schwammen. Sie sagte: »Hermann . . . ich will nie mehr ein Kind haben . . .« Als Hermann wieder in der Nebenkammer war, hörte er einen neuen Wehruf Franziskas, der sich für ihn nicht von den früheren unterschied. Karitas Helfereich aber war plötzlich aus ihrem Schlummer aufgesprungen, ihre Hände griffen hierhin und dorthin, hin und wieder fiel ein Wort der Ermunterung und des Trostes von ihrem Munde, alltäglichen Inhalts zwar, doch Franziska ward davon aufgemuntert und getröstet. Frau Franziska fühlte sich plötzlich von allen Schmerzen verlassen. Sie war einen Augenblick wie betäubt, als wäre sie aus einem rasenden Zuge hinausgeschleudert worden und läge nun ohne Bewegung auf fester Erde. Sie suchte sich zu erinnern, was 20 für fürchterliche Schmerzen sie soeben erlitten hatte. Aber sie konnte es nicht mehr, sie erinnerte sich noch dunkel der Art des Schmerzes, aber das Maß konnte sie sich nicht mehr vorstellen. Die Erstgeburt war ein Mädchen. Es war magerer als gewöhnlich Säuglinge sind und kräftiger. Dem Vater schaute es mit so festem Blicke in die Augen, daß dieser sagte: »Man sollte meinen, es wäre mit Verstand geboren.« Die Mutter sagte: »Das Kind sieht uns an, als hasse es uns.« Sie tauften das Kind Brigitta, mit Beinamen Semiramis. Hermann hatte verlangt: Brigitta Kleopatra, aber der Pfarrer meinte, Kleopatra sei ein heidnischer Name und komme in der Bibel nicht vor. Auch Semiramis war heidnisch, aber immerhin durch die Bibel geheiligt.   Frau Franziska gebar wieder. Die Geburt war leichter als die Brigittas, aber schwerer als die der meisten Menschenkinder. Die jungen Großjohanns schienen sich schwer zu entschließen, in die Welt zu kommen. In ihren Leiden ließ Franziska Hermann rufen und sagte zu ihm: »Ich will nie wieder ein Kind haben.« Ein Knabe war da. Sie tauften ihn nach dem Onkel Franz Xaver, nannten das Kind aber Fränzchen. Mit dem Beinamen Antonius. Großjohann meinte den von Alexandrien, den mit der Kleopatra, der Pfarrer aber den von Padua, den mit dem Schwein, und ließ ihn ohne Anstand durch. Nach einer Reihe von Monaten wurde Großjohann nachts durch einen Schrei geweckt. »Sieh, Hermann! Sieh, hier! Der Kleine! Er verdreht die Augen!« Hermann sah die Ärmchen und Beinchen 21 des Kindes im Krampfe zucken. »Hermann! Fränzchen!« Karitas Helfereich kam. »Das Kind hat die Fallsucht«, sagte sie. Hermann war zerschmettert. Er sah, wie Karitas eine Zwiebel brachte und dem Kinde unter die Nase hielt. Er sah, daß die Augen nicht mehr zuckten. Hatte es nun der Anfall des kleinen Fränzchen verschuldet – Frau Franziska kam schnell, vorschnell wieder nieder. »Warum muß gerade ich soviel leiden, Hermann? Sind meine Kinder Gott nicht wohlgefällig? Weiß er, daß es Tunichtgute werden?« – »Tunichtgute?« verwies ihr Hermann die Rede. – »Ach, Hermann, man kann das alles nicht wissen. Weißt du, das Geborenwerden und Sterben ist so ähnlich.« – »Wie hellsichtig sie redet!« dachte er, »sie wird mir doch nicht sterben? Franziska!« schrie er. – »Mir ist, als sagtest du was, Hermann?« – »Nichts, Franziska. Schlaf'!« Hermann ging hinaus und begegnete der Hebamme. »Eilt Euch, Frau Helfereich!« – »Geduld, Mann Gottes, das hat Zeit. Das geht bei Eurer Frau nicht so.« Er kehrte mit der Hebamme an das Bett Franziskas zurück. – »Ich will . . . nie wieder . . . ein Kind haben . . .« stöhnte sie. »Seht Ihr wohl, sagte ich damals nicht, daß es immer besser gehen wird?« tröstete Karitas Helfereich, »gleich sind wir soweit. Geht hinaus, Herr Großjohann, das geht Euch nichts an. – Sagte ich es damals nicht, Frau Großjohann, daß es immer besser gehen wird? Wenn Ihr erst ein Dutzend gehabt habt, werdet Ihr die Kinder verlieren.« – »Verlieren?« frug Franziska, halb irr vor Schmerzen, und 22 griff unwillkürlich neben sich, wo in der Wiege Fränzchen lag. – »Wie man ein Strumpfband verliert, auf dem Wege, ohne daß man's merkt«, ergänzte Karitas. Als die Hebamme hinausging, stand Großjohann vor der Türe. Er frug sorgenvoll: »Soll ich den Arzt rufen lassen?« – »Laßt lieber den Pfarrer rufen, das kostet nichts.« Franziska, die Riesin, aber starb nicht, und nach drei Tagen wurde das vorzeitige Knäblein auf die Namen Gabriel Markus Alexander Großjohann getauft, mit seinem gebrechlichen Körperchen sozusagen in eine schimmernde klirrende Rüstung von Namen gesteckt. Frau Merlin Zu der Zeit, als Großjohann, nunmehr in die Stadt übergesiedelt, in die Baugeschichte der Reichsstadt eintrat, hatte das Baugewerbe eben das Frankenviertel angegriffen. Die Reichsstadt näherte sich langsam den neuen Baugründen. Das Sachsenviertel war zugebaut, und die Stadt mußte sich nach dem Flusse hinuntersenken. Die letzten Baustellen des Sachsenviertels ließ eine Frau Merlin bebauen, eine reiche Dame, und Großjohann war ihr Unternehmer und Sachwalter. »Aber warum bauen Sie nicht für eigene Rechnung, Herr Großjohann?« frug die Dame; »warum begnügen Sie sich damit, mein Unternehmer zu sein?« – »Das Geld zum Anfangen fehlt«, sagte er. – »Ich geb's Ihnen«, sagte sie. Großjohann, der sich die Antwort nicht denken konnte, überhörte sie. »Etwas muß da sein,« sagte 23 er ernst, »aus nichts wird nichts.« – »Ich sagte Ihnen ja, ich geb's Ihnen«, lächelte sie. Jetzt hatte er verstanden, aber auch nur mit dem Ohre, nicht mit dem Verstande verstanden. – »Wirklich, ich geb's Ihnen«, sagte sie. Er hätte sich auf die schöne, ein wenig üppige Hand küssend niederneigen mögen, die da auf seiner blauen Bauzeichnung lag, aber er hatte bei seiner Herkunft doch nicht genug Übung in den Geschäften zärtlicher Höflichkeit. Ein bitteres Lächeln des Zweifels zog über sein Gesicht: »Sie soll die Summe hören!« dachte er. Er schaute die schöne Frau fest an und sagte: »Mindestens 10 000 Mark wären nötig . . .« Die schöne Hand – ach, sie wurde immer schöner! – griff nach einem Schreibebuche und schrieb einige Zeilen. Dann hörte Großjohann, wie ein Blatt an einer gelochten Linie abgerissen wurde. Er hörte deutlich, wie der Riß von Brücke zu Brücke zwischen den Löchern sprang, und hörte gleich darauf sagen: »Da sind die 10 000.« Nun riß er ein Blatt aus seinem Taschenbuche und schrieb darauf: »Ich habe 10 000 Mark von Frau Merlin leihweise erhalten.« Seine Lippen bebten leise, als er ihr das Blättchen hinreichte: »Auf das Papierblättchen hin?« Die Lippen der Frau lächelten ein wenig, als sie sprach: »Versuchen Sie bei der Bank die Macht dieses Papierchens. Es ist ein Scheck.« – »Ich meinte mein Papierchen«, sagte er, und die Augen wurden ihm feucht. Als sie seine Augen quellen sah, wandte sie sich ab. Er aber stürzte auf ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. »Auf mein Papierchen hin«, hörte sie ihn flüstern. 24 Jetzt aber sagte er: »Das ist ja alles nicht wahr! Das gibt's ja nicht! Ich kenne doch die Welt. Sagen Sie, welche Sicherheit Sie wollen. Und ich sage Ihnen, daß ich keine habe. Man leiht nicht ohne Pfand. Das würde nur ein schlechter Geschäftsmann tun. Wollen Sie mir auf meine Hemdenknöpfe leihen? Die sind mein.« – »Auf Ihre Hemdenknöpfe, Ja! Und auf Ihre Zukunft!« »Beste Frau, ach welche Worte finde ich . . . Dann leihen Sie lieber auf meine Hemdenknöpfe.« – »Jetzt wollen Sie hören, für welchen Bramante ich Sie halte . . .« »Mit Ihnen ist schön zu plaudern, Frau Merlin. Es ist wie Beichten. Und wenn ich von Ihnen fortgehe, bin ich froh wie ein Bauer nach der Beichte, sagen sie draußen im Dorfe. Meine Frau sagt auch: Warst du wieder bei Frau Merlin beichten?« – »Ist Ihre Frau argwöhnisch?« – »Ich weiß es nicht. Sie hätte keinen Grund dazu. Sie sagt nichts.« »Da ich nun einmal Ihre Beichte abnehme, wie Ihre Frau sagt, lassen Sie mich Ihnen sagen: Nicht so hastig! Wer langsam geht, kommt auch an und bricht kein Bein. Zeit haben ist auch etwas Schönes. Mein Mann spricht von Ihnen nur als von dem, der nie Zeit hat. War der wieder da: der keine Zeit hat? Hat er in der Haustür seine Geschäfte erledigt oder hat er einen Stuhl genommen? fragt er.« – »Ich habe doch Zeit! Mit Ihnen verplaudere ich doch Stunden.« – »Ja, mit mir haben Sie Zeit«, sagte sie. Währenddessen saß Herr Merlin in seinem mit vielen Büchern ausgestatteten Zimmer. Es war bedeutungsvoll dunkel und gewichtig ernst, wie es sich 25 für Männerwohnungen geziemt. Das weiße Marmorbild der Juno Ludovisi beherrschte den Raum. Herr Merlin war ein großer Mann. Seine schon ergrauenden Haupthaare, den starken Schnurrbart und den reichen Bart trug er kräftig gescheitelt. Er las in einem Buche. Ohne Hast schlug er die leise knatternden Seiten um. Es wurde Abend; er legte das Buch weg und die Augen überschattend dachte er dem Gelesenen nach. Dann griff er nach seinem Tagebuche und schrieb hinein, was durch die Lesung in ihm angeregt worden war: ». . . Die Unruhe gebiert das Häßliche und das Häßliche das Schlechte. Die Eitelkeit, das Geld und der Bauch beherrschen die Welt und niemals mehr als in unserem großartigen und erleuchteten Zeitalter, wie es selbst wenigstens sich nennt. O Urteil der Geschichte, wie wirst du lauten! Das Zeitalter unserer Väter war wohl nur bescheiden, aber bei seinem milden Kerzenlichte strahlte der Geist und blühte die Schönheit. Sollte ich meine stillen Neigungen um irgendeines menschlichen Ehrgeizes willen, eines Amtes, eines Einflusses, der lärmenden Achtung der Straße wegen opfern? Nein, Gertrud, die Zeit wird schon kommen, wo du mir recht gibst . . .« Er legte Stift und Buch aus der Hand, als er Schritte draußen vernahm. Die ledergepolsterte Tür öffnete sich und schloß sich wieder mit einem leisen Ansaugen der Luft. »Die Geschäfte erledigt, Gertrud?« frug er ein wenig spöttisch. – »Ja«, sagte die große Frau, und die Last ihres reifen Körpers drückte sich in den Teppich ein. – »Dann hast du dein Abendbrot wenigstens verdient«, sagte er in demselben Tone. 26 Sie ging nicht darauf ein, sondern trat an ihn heran, hockte auf dem einen Arme seines Sessels nieder und sagte: »Ich habe dem Großjohann Geld zum Bauen gegeben.« – »Du kennst meine Gedanken, die ich darüber habe. Du weißt, ich bin dir nicht im Wege, und ich verstehe dich. Eine Unruhe– eine edle Unruhe, weil du es bist – wie soviele heute hat dich erfaßt. Darum hast du dich in diese neuen Baugeschäfte gemischt. Aber wenn es dir Freude macht – wie du willst! Schade, daß das Schicksal dich nicht beruhigte wie andere Frauen, indem es ihnen Kinder schenkt. Na, dein Schützling wird sich gefreut haben.« – »Er hat mir mit Tränen in den Augen die Hände geküßt.« »Dir ist er lieber als mir. Ich mag diese neumodischen Streber nicht.« Sie trat näher und sagte: »Bist du eifersüchtig, Theodor?« – »Eifersüchtig?« sagte er betroffen; »nein! Ich glaube nicht. Nein, bestimmt nicht!« – »Du hättest auch keinen Grund dazu«, sagte sie. »Meinst du, Trude, daß es auf die Dauer gut gehen wird mit dem Großjohann? Fürchtest du kein schlimmes Ende? Es liegt etwas Unnatürliches in aller übermäßigen Tatkraft. Das Gleichmaß ist das Gute, darunter oder darüber liegt das Böse. Auch das Gute nicht im Übermaße, das ergibt Heilige und Märtyrer, und das sind unangenehme Gestalten. Und er ist doch vorläufig nichts als eine Hoffnung, deine Hoffnung.« – »Und vieler Leute«, warf sie ein. – »Meinetwegen vieler, meinetwegen aller Leute, was beweist die Menge? Nicht umsonst schlossen die Alten das Unglück immer an den Hochmut an. Aber nochmals, ich bin deinen Geschäften nicht 27 im Wege.« – »Das dürftest du auch nicht. Sie machen mir solche Freude. Schließen wir einen Vertrag, du bei deinen Büchern und ich bei meinen Geschäften.« – »Recht so!« Sie gaben sich die Hände und lächelten beide. »Glaub' mir, Trude, es ist genug Beruf, schöne Bücher kaufen, sie lesen und mit ihnen leben. Wozu wurden sie geschrieben, wenn nicht zum Gelesenwerden? Die Welt von heute wird noch verrückt an ihren Berufen, Pflichten und Fortschritten!« – »Ausfälle gegen die andere Seite sind wider den Vertrag«, sagte sie und drohte lächelnd mit dem Finger. – »Hast recht, entschuldige, Trude. In uns ist die Welt sonderbar umgekehrt. Aber warum soll es nicht auch das geben? Es geht nirgendwo so toll zu wie in der Welt.«   Das Beispiel und der Erfolg Großjohanns lockten viele Bauhandwerker vom Handwerk weg zum Bauen. Da waren der Zimmermeister Endenich und der Schlossermeister Schröder, gute Leute und Freunde Großjohanns. Der Schlossermeister kam abends von einer Begegnung mit Großjohann, dessen Glück ihm wie die Sonne gestrahlt hatte, nachhause. Seine Hausfrau trat erstaunt an ihn heran und schaute in ein Paar hinter einer dicken Brille fremd dreinblickender Augen. Sie fürchtete sich gar ein wenig. Sie war hager und mager wie ein ausdauerndes Pferd. »Wieviel Schulden haben wir?« frug der Schlossermeister. Die Frau holte eine Schiefertafel mit angebundenem Griffel von der Wand, sie machte einen 28 Strich unter die Aufrechnung und reichte ihm lächelnd die Tafel: »Keine!« »Also!« sagte Schröder ernst und bestimmt und stieß den Atem durch die Nase, daß die Brillengläser beschlugen. – »Es ist schwer genug durchzuführen,« sagte die Frau, »ich kann den Metzger kaum bestimmen, wöchentlich Rechnung zu geben, und viele wollen einfach nicht gleich bezahlt sein. Aber du willst es so haben.« – »Nicht mehr! Jetzt wollen wir Schulden machen!« – »Wie?« rief die Frau erschrocken. »Weißt du, das ist kein richtiges Geschäft, ohne Schulden.« – »Mann! Mann!« – »Wir sind von den Dörfern draußen und altmodisch! Nun ist das viele Geld im Lande und schreit förmlich nach Benutztwerden. Ohne Schulden kann man keine großen Geschäfte machen. Niemand hat soviel Geld im Hause, um alle Auslagen bar zu decken. Und wer es hat, der macht keine Geschäfte, es müßte denn diese sonderbare Frau Merlin sein. Wir müssen etwas riskieren! Wir mühen uns nun schon jahrelang, aber zu mehr als zu einem anständigen schuldenfreien Auskommen reicht es nicht. Zum Aufsteigen reicht es nicht. Wenn ich mich nicht dahinterhalte, laufe ich zu Fuß, während die anderen, der Endenich und der Großjohann vor allen, vierspännig fahren. Kein Geld leihen können sich nur die ganz Armen und die ganz Reichen leisten; diese brauchen keins und den anderen gibt man keins, denn sie haben nichts, worauf sie leihen. Keine Schulden haben ist sozusagen dasselbe wie keinen Kredit haben, und Kredit ist der gute Ruf des Geschäftsmannes. Wir wollen Kredit nehmen, und du wirst sehen, wir werden auch noch, 29 bevor's in die Grube geht, unser Pferdchen kutschieren.«   Ganz plötzlich erlosch die Begierde Frau Merlins, zu schaffen und zu unternehmen. »Weiberart!« spottete Herr Merlin, obgleich er sich freute. Sie aber flüsterte ihm etwas zu, daß er auffuhr, seine Frau umarmte und umhalste wie ein stürmischer Jüngling und still versonnen ins Leere sah. Frau Merlin baute nun nicht mehr an den Häusern im Sachsenviertel, sie baute an einem andern Gehäuse, an einer neuen Welt in sich. Sie hatte die werdenden Neubauten ihrem Schützling Großjohann verkauft. Ja, sie hätte sie ihm geschenkt, wenn es sich geschickt und nicht hätte mißdeutet werden können. – »Wie geschenkt habe ich die Bauten bekommen!« jubelte Großjohann zu Franziska. So sehr diese sich freute, so fand sie das Gebaren der Frau Merlin doch sonderbar, sehr sonderbar. Sie suchte sich in ihrem kleinen Hirn einen Reim darauf zu machen, sie sagte aber nichts. Frau Merlins Schicksal erfüllte sich. Als der Frühling kam, gebar sie eine gesunde starke Tochter und starb an der Geburt. Das Kind aber lebte.   Karitas Helfereich war nach dem Fortgang der Großjohanns vom Dorfe in die Stadt mißvergnügt auf dem Lande zurückgeblieben. Eine solche Familie hatte sie nicht wieder getroffen. Die war nicht schwächlich und überzärtlich! »In diesem Sommer ist wieder ein Kind fällig«, dachte das schreckliche Weib in seinem Riesenstile und wartete, ob sie in die Stadt gerufen würde. In der Tat war für Frau Franziska die Stunde wieder da, aber Karitas wartete 30 vergebens. Großjohanns hatten eine städtische Hebamme genommen, mit gelehrtem Wissen und weichen Händen. Die ging zart mit der Kindsbetterin um, sie frug: »Drückt es hier? Tut es da weh? Es ist gleich vorüber! Legen Sie sich höher! Legen Sie sich tiefer! Legen Sie sich auf den Rücken! Reden Sie nicht! Ermüden Sie sich nicht! Decken Sie sich zu, Sie werden kalt! Trocknen Sie sich ab, Sie schwitzen! Haben Sie Durst? Haben Sie Schwindel?« Sie ermüdete Franziska so sehr, daß Hermann, gerade als Franziska ihm wieder unter Schmerzen gesagt hatte: ich will nie wieder ein Kind haben . . ., dumpf und versunken antwortete: »Wir wollen das nächstemal die Helfereich wieder nehmen.« Obgleich das nun eine grausame Antwort war, so beruhigte Franziska sich doch sogleich, und das Bewußtsein, das nächstemal wieder unter dem Schutze von Karitas Helfereich zu sein, ließ sie schnell zu einem glücklichen Ende kommen. Großjohann holte am gleichen Tage schon Karitas vom Dorfe, und sie konnte noch acht Tage Frau Franziska betreuen. Sie kehrte nicht nachhause zurück, sondern blieb bei den Großjohanns dauernd in Dienst. Der neue Großjohann war ein Knabe, Philipp, sein zweiter Name war Jakobus, der Pfarrer meinte den Apostel, Großjohann natürlich den Sohn Isaaks, den Enkel Abrahams, den Vater Josefs des Ägypters. Er bekam auch den Beinamen Emanuel. Emanuel aber heißt: Gott mit uns. »Der Mann ist vom Größenwahn besessen«, brummte der städtische Pfarrer, als er die Namen ins Kirchenbuch schrieb. 31 Die Maurer Die Bauleute singen ein Lied: Maurer mauern dieses Haus, Winde blasen ein und aus, Fenster gähnen, Böden klaffen, und die Zimmerleute schaffen. Aber bald – –                     ist die Kammer rund und traut,                     festgeschlossen Stein und Brett.                     In der Ecke steht ein Bett,                     in dem Bette liegt die Braut. So sangen die Bauleute in mächtigem Chore, daß es durch die Siegesstraße schallte und das Frankenviertel füllte. Mit Leidenschaft beim Baugeschäfte, hatte der Kalkbereiter an der Erdgrube es gedichtet aus der Sehnsucht seines Herzens, bald zum Maurer aufzurücken und da oben zu stehen, wo die Gerüste unter der Last der Männer und der Ziegel sich bogen, und es nach einer landläufigen Melodie so für sich und vor sich hin gesungen in der stillen Beschaulichkeit, mit der ein leichtes Lied die Arbeit begleitet. Die Mörtelbereiter nahmen es auf, wenn sie kamen, den gelöschten Kalk aus der Grube schöpften und mit Sand verrührten, die Mörtelträger lernten es, wenn die Mörtelbereiter ihnen die auf Dreifüße gelegten Schultertröge füllten. Die Mörtelträger, lungenstarke Handlanger, summten das Lied sogar, während sie die ausgeschlissenen Sprossen der Leitern unter ihrer Last hinaufklommen, und so verbreitete sich das Lied über den ganzen Bau. Die Ziegellasten krachten, von den Ziegelzuträgern 32 niedergeworfen, auf den Gerüsteboden, und die metallenen Mörteltragbecken schlugen dumpf auf den Rand der Mörtelzuber nieder. Die Hämmer klangen auf den Steinen, wenn die Maurer mit einem gewissen taktmäßigen Schlage die Ziegelsteine in den weichen Mörtel betteten. Wie ein gedämpftes Glockenspiel klang das, und einer der Maurer schuf dabei das ungenügende Taktmaß des Liedes um. Die Arbeit ruhte währenddessen nicht. Die musikalisch Begabten hatten sich schon ausgesondert, und bald hatte ein Mann aus dem Gebirge mit blondem Barte und hellen Kinderaugen die Führung. Da zeigte sich, daß die Natur dem Dichter die Gabe der Töne vorenthalten und dem Maurer Hubert Käferling verliehen hatte. Alle Sänger hörten auf ihn, wie er im Singen die überkommene Melodie einen Vers nach dem andern verwarf und nur das von einem andern erfundene Taktmaß beibehaltend das Lied nach einer neuen Weise sang. Die Arbeit ruhte währenddessen nicht. Die vier ersten Verse: Maurer mauern dieses Haus, Winde blasen ein und aus, Fenster gähnen, Böden klaffen, und die Zimmerleute schaffen, sangen die Maurer in einem leichtbewegten, in den Reihen ähnlichen Tonfalle; nur die »Zimmerleute« des vierten Verses hoben sich auf, und »schaffen« war ein schneller, kühn zum Schlusse drängender Ausruf. Die Stimme Käferlings trennte sich bei den »Zimmerleuten« vom Chore und überstieg ihn. Jetzt sang sie allein: Aber bald – – 33 »bald« schwebt hoch in den Lüften, ein silberner Klang, eine Hoffnung, ein Lachen, eine Glückseligkeit, lange, lange schwebte der Hoffnungston über dem irdischen Gewühle – – – Jetzt fielen die Handlanger ein, die Jünglinge ohne Haus und Herd – die Maurer hatten alle Eh' und Weh' – und sangen die zierlichen vier weiteren Verse keck, auch leidenschaftlich, aber melodisch und schnell zu Ende: ist die Kammer rund und traut, festgeschlossen Stein und Brett. In der Ecke steht ein Bett, in dem Bette liegt die Braut. Die Braut lag, dem Gesange nach, hoch in einem silbernen Bette der Vergötterung bei den goldenen Wolken. Die Handlanger gingen ab und zu und streuten die neue Melodie des Liedes über Gerüste, durch offene Kammern und gähnende Stockwerke über das ganze Bauwesen aus bis in den Hof und die Straße hinab. Auch der Dichter an der rauchenden Kalkgrube nahm es aus ihrem Munde verändert zurück. Die Arbeit ruhte währenddessen nicht. Großjohann kam. Sofort verstummte aller Gesang in dem Maße, wie die Zuträger die Leitern hinaufstiegen. Sie machten den Maurern ein Zeichen, indem sie das Kinn strichen. Das bedeutete: Er kommt! Oder sie sagten einfach: »Er!« Und auf dem zweiten Stocke an der werdenden Mauer entlang lief es: »Er!« Stumm ging Großjohann, gefolgt von seinem Bruder, dem ersten Werkmeister, umher, hin und wieder einen Tadel, niemals ein Lob aussprechend. Seine Kinder lobte er nie, wie sollte er seine Arbeiter loben? In der Bauhütte legte er seine 34 Guttagskleider ab, zog eine steife Hose mit Kalkspritzern und eine blaue Leinenjacke an und ging selbst an die Arbeit. Die Maurer verwünschten ihn. Der Bauherr auf der Baustelle ist wie Frost im Frühling. Aber die Mauern wachsen unter den Augen des Meisters. Wenn Großjohann sprach, tat er es mit strengen und harten Worten, wie die Patriarchen der Bibel sprechen. Die Kinder wuchsen daheim heran, und es war Zeit, einen festen Ton anzuschlagen. Der schnell wachsende Doppelbau der Siegesstraße hatte allerwärts in der Geschäftswelt den besten Eindruck gemacht. Man sagte in den Kreisen der Agenten, der Makler, der Bauherren: »Der versteht's! Los mit Dampf! In einer Woche ist er unter Dach!« Kaum war der dritte Stock des Doppelbaues angegriffen worden, da meldeten sich schon die Makler, welche die erststellige Belastung zu 4¼ v. H. Zinsen und ½ v. H. Maklergebühr besorgen wollten. Großjohann ließ einen von den Maklern die steilen Leitern bis auf den dritten Stock zu sich heraufklettern. Als der Makler vor dem schönen Manne stand, hielt er unwillkürlich den gelüfteten Hut in der Hand. Es war ganz still auf dem Gerüste. Die Arbeiter lauschten. Sie hörten »30 000 . . .  4¼ Zinsen . . . ½ Gebühr.« – »Ich brauche keinen Makler«, sagte Großjohann. Da sagte der Makler: »⅓ . . .«, schließlich: »¼ Gebühr . . . 30 000 . . .« – »Ich sagte Ihnen schon, Herr Silberzahn, ich brauche keinen Makler.« Der Makler war entlassen. Er kletterte kleinlaut, unterstützt von einem Handlanger, den Großjohann ihm durch einen Augenwink beigeordnet hatte, und ängstlich mit beiden Händen sich festhaltend die fasrigen Leitern hinab. »30 000!« flüsterten die Arbeiter, 35 und machten Grimassen des Staunens. »30 000, angeboten mit dem Hute in der Hand, weggeworfen wie einen Katzendreck! Und wie bös er heute ist! Ein Topf voll Teufel!« – »Rot im Gesicht, als hätt' er in die Hölle geblasen und kitzlig wie der Teufel im Weihwasser!« flüsterte Käferling hinter des Meisters Rücken; »püh, das stinkt heute! Püh!« »Käferling,« rief Großjohann, indem er das Lehrgerüst über der kleinen Kuppel im Festsaale des Hauses zornig mit dem Fuße hinaustrat, »was quält Ihr Euch da mit dem Gewölbe, und es wird doch nichts draus!« Käferling war ein aufrechter Mensch, er sagte, der Meister solle es ihm vormachen. »Brüllen kann er auswendig wie ein geneckter Stier!« zischte der Holländer. Alle Maurer legten im Einverständnis die Kelle nieder. Welcher Teufel war in Franz Xaver, den Werkmeister, gefahren, der einen Augenblick wünschte, der Bruder, der Alleskönner, möchte sich blamieren! Im nächsten Augenblicke aber herrschte er die Maurer an zu arbeiten. Diese, sich unter dem Schutze eines Mächtigeren wissend, warfen ihm nur einen spöttischen Blick zu. »Schon Pferde sind von Arbeit verreckt«, brummte einer. »Ich will Euch zeigen, wie man das Gewölbe freihändig mauert«, sagte der Meister. – »Nicht möglich!« rief Käferling. – »Was, freihändig?« frug einer. – »Ohne Schalung?« ein anderer. – »Ein fliegendes Gewölbe?« ein dritter. Der Meister stand auf dem Gerüste über dem Saale, die Maurer standen höher. Die Lehrlinge hielten sich abseits mit einer Miene, als wollten sie sagen: das brauchen wir noch nicht zu wissen. Als aber einige von ihnen sich knufften, langte der Holländer 36 stumm herzu und kniff einen der Lehrlinge so ins Ohr, daß der wie ein Hahn auf einem Beine stand und eine lautlose Grimasse des Schmerzes schnitt. Währenddessen legte der Meister auf die vier Seiten und die abgeeckten Winkel des Mauervierecks einen Kreis von Steinen. Jeder Kreis war ein liegender Doppelbogen. Wie in einem stehenden Bogen ein Stein den andern hindert, nach unten durchzufallen, so mußte auch in diesem liegenden das Durchbrechen nach innen von selbst unmöglich sein, wenn es nur gelang, die Bogensteine solange haften zu machen, bis der Bogen geschlossen war. Und das gelang, denn im nassen Mörtel klebten die Steine solange, bis der Kreis geschlossen war und zur statischen Ruhe in sich kam. Der zweite Bogenkreis lag zur Hälfte auf dem ersten, zur andern Hälfte kragte er über. Immer enger schlossen sich die kleiner werdenden Kreise um den mauernden Meister, jetzt verschwand er unter dem wachsenden Gewölbe und mauerte von unten her. »Wo habt Ihr das nur gelernt, Meister?« frug Käferling nach unten hinab, und Großjohann antwortete aus dem Loche herauf, während Stein um Stein und eine Kelle Mörtel um die andere herauskamen: »Das haben die Alten so gemacht. Glaubt ihr, sie haben die Gewölbe in den Domen auf Schalung gemauert, die ein halbes Gewölbe kosten? Aus der Freihändigkeit erklären sich die Unregelmäßigkeiten in den Gewölben; gerade sie brachten mich darauf. Ich hab's mir überlegt und mit meinem Bruder darüber gesprochen. Er glaubte es zwar nicht, aber – –« Jetzt ließ Großjohann einen Zapfenstein in das Loch herab, das damit geschlossen war, 37 seine Stimme, die nun einen Umweg um das Gewölbe herum machen mußte, klang plötzlich fern: »– – aber es geht, wie ihr seht.« – »Ja, es geht!« riefen die Maurer, »Donner und Doria, es geht! Und das Gewölbe schwebt! Donner und Doria! Was seine Augen sehen, können seine Hände machen!« – »Daß ihr mir nun gleich davonlauft, wenn ihr es könnt, zu anderen Meistern!« entrüstete sich der Meister. – »Nein! O nein! Das sei ferne!« schwuren die Bauleute. Sie begaben sich nicht sogleich wieder an die Arbeit, sondern folgten dem Meister mit achtungsvollem Blicke, wie er gewandt und mit einer Hand sich haltend die Leitern hinablief und in der Baubude verschwand, um sich umzukleiden. Die Maurer standen an der Baukante und sahen in die Straße hinab. »Da unten die Herren, das sind die Makler,« sagte Käferling, »und der da angefahren kommt, ist der Bankdirektor Hagelstange.« – »Der Käferling bildet sich schon zum Meister aus«, spottete der Holländer. Aber Käferling rief lustig: »Seht, wie sie alle vor ihm katzbuckeln! In sieben Falten legt sich ihr Hemd auf dem Bauch. Das ist ein Geschmeiß, die Makler! So ist es! Jetzt läßt der Bankdirektor halten, seht!« Sie konnten nicht verstehen, was der Bankdirektor die Makler frug, dafür standen sie zu hoch, aber es mochte heißen: »Was ist denn los? Sie machen so bestürzte Gesichter!« Da sahen sie den Makler Silberzahn, der vorher bei ihnen auf dem Gerüste war, mit gezogenem Hute an den Wagen herantreten, und er schien zu sagen: Ja, so und so! Erstaunt sah der Bankherr auf und nach dem Gerüste hinauf. »Er wünscht dich zu sprechen, 38 Käferling!« höhnte man. Sie sahen die Makler an den Wagen herantreten und mit dem Kopfe nicken. »Uff!« rief Käferling, »da geht er aus der Bude, unser Meister!« Neugierig lugten sie, sich vorbeugend, in die Straße hinab. Sie sahen, wie die Makler auseinandertraten, als der Meister herankam, sodaß eine Gasse entstand, der Bankherr lüftete den Hut und schien »unserm« Meister sich vorzustellen und ihn einzuladen, im Wagen Platz zu nehmen. »Unser« Meister schien etwas verwirrt zu sein, doch sich schnell zu fassen, und während unter den schwarzen Hüten der Makler ihre weißen Glatzen erschienen, setzte der Wagen sich in Bewegung. »Uff!« riefen die Maurer, und der Holländer meinte: »Wenn das nur gut geht! Als der Dreck Mist wurde, da wollte er gefahren sein.« – »Halt's Maul,« sagte Hubert Käferling, »es könnt' einer glauben, du bist neidisch!« – »Hu, neidisch,« lachte der Holländer, »ich gönn' ihm die Augen im Kopfe! Der Meister ist doch auch nicht von Samt und Seide. Er kriegt nicht gleich Flecke davon.« – »Er hat gleich ein hohes Roß bestiegen,« sagte in einer andern Gruppe ein Maurer zum andern, »wenn er fällt, bricht er sich die Knochen.« – »Unser Meister fällt aber nicht, das wirst du nicht erleben, er kann reiten!« sagte der andere. – »Nun, Bäume wird er auch nicht umreiten!« – »Unser Meister!« – »Er!« Unter diesen Gesprächen suchten, während die Makler sich verloren, die Maurer wieder ihre Werkplätze auf. Franz Xaver war verschwunden, denn er fühlte sein Herz zerrissen. Wenn es nicht sein jüngerer Bruder, der »grüne Meister«, gewesen wäre! Er hatte, Maurer wie Hermann, schweren Herzens 39 bei diesem den Dienst des ersten Werkmeisters angenommen, als Hermann sich vor Aufträgen kaum zu helfen wußte – nichts hat solchen Erfolg wie der Erfolg –, während er selbst »augenblicklich keine größeren Aufträge hatte, nicht durch Verträge gebunden und leicht abkömmlich war«. Aber der Neid auf den Bruder, auf dem er sich jetzt ertappte, bereitete ihm einen solchen Ärger, daß er sich davon durch Bewunderung und Lob des Bruders zu entsühnen sich gedrängt fühlte. Himmelhoch lobte er denn in der Baubude Hermann in das Ohr des zweiten Werkmeisters Winterfeld hinein. Er erzählte aus der Zeit ihrer gemeinsamen Wanderschaft durch die gotischen Städte zwischen Rhein und Loire, wie sie in den Bauhütten der wiederherstellungsbedürftigen Dome gearbeitet, gelernt, geschwärmt hatten. Was für ein Kerl da Hermann gewesen sei, Schrecken der Stümper, Freude der Meister, Wonne der Weiber! Süße der Demut und Lust der Selbsterniedrigung erpreßten dem Bruder Tränen. Er schwärmte von fabelhaften vieltürmigen weißen Domen und sagte, daß nur die Erinnerung daran ihn in dem Miste des Baugeschäftes aufrechterhalte. Das habe Hermann ganz verdorben. Der Aufgeräumte von früher sei schweigsam und verdrießlich, der Planer praktisch und rechnerisch, der Schwärmer unternehmungswütig und unnatürlich, unmenschlich fleißig geworden. Traum sei von Gott, aber Eifer vom Teufel. Das nehme kein gutes Ende. Neid und Bewunderung, Liebe und Haß zerrten Franz Xaver Großjohann hin und her. Währenddessen fuhr Hermann Großjohann im Wagen des Bankherrn Hagelstange in die Altstadt. 40 Der Bankherr, schnell von der Zukunft des neuen Mannes überzeugt, bot ihm die erste Hypothek von seiten der Bank an. Der starke Leo Es ging durch jene Stadt auf der Suche nach eigenartigen Unternehmungen ein grauer Mann umher, den man den starken Leo nannte. Er hieß aber nicht Leo, sondern Kornel und war nicht stark, sondern ein Krüppel. Er nannte sich selbst auch nur den armseligen Job. Sein Leben war ein unerhörtes Beispiel von Unterdrücktsein gewesen. Als uneheliches Kind geboren, in einem Findelhause aufgewachsen, in der Schule verhöhnt, in der Lehre verlacht, beim Militär gequält, in fremden Ländern herumgeworfen, war er durch Unvorsichtigkeit eines reichen Sonderlings zum Krüppel geworden; in hoher Gewissenhaftigkeit und strengem Schuldgefühle hatte der den Krüppel zu sich genommen und zum Erben seines großen Vermögens gemacht. Jetzt war es dieses Job Rache am Schicksal, den Armen und Unterdrückten zu helfen. Seine Freude war es, mit seinem Gelde zu spielen, und weil er heimatlos gewesen war, Häuser zu kaufen und zu Preisen zu vermieten, über welche die Hausbesitzer der Reichsstadt als über einen unlauteren Wettbewerb klagten. Er war so reich, daß er durch plötzliche Käufe und Verkäufe den ganzen Grundstücksmarkt stören und aus reichen Leuten arme und aus armen reiche machen konnte. Aus den Kirchenliedern kennt man ein wenig Latein, und das Psalmbild des »Löwen, der umhergeht suchend wen er verschlinge« – leo ist Löwe – trug Kornel 41 Schmitz den Namen des starken Leo ein. Aber Leo Kornel Schmitz hatte den Kummer, daß sein Sohn Josef Maria Schmitz die Gedanken edler Rache des Vaters nicht teilen wollte, sondern auf dem Wege war, ein kalter und grausamer Geldmensch zu werden. Daher sah man die beiden nie anders als miteinander zankend. Leo Kornel Schmitz hatte das Aufsteigen des neuen Turmes Großjohann unter den ragenden Größen der Stadt mit aufmerksamen Augen betrachtet. Der Mann aus sich war ihm von Natur aus angenehm, aber Großjohann hatte schon gar zuviel Glück gehabt, Leo Kornel Schmitz rechnete ihn, obgleich er ihn nicht einmal von Gesicht kannte, zu den kalten grausamen Geldmenschen, den ideallosen Mächtigen der Reichsstadt, sodaß er ihn bereits haßte und überlegte, wie er ihn gelegentlich verderben wollte, sobald er eine Grausamkeit von ihm hören würde. Leo Kornel und Josef Maria Schmitz bogen streitend in die Witukindstraße ein. Da sahen sie einen Herrn einem alten Handelsweibe beispringen, das sich vergeblich mühte, einen Korb mit Besen und Mäusefallen auf den Rücken zu nehmen. Sie hörten im Vorbeigehen ihn sagen: »Mütterchen, soll ich Euch helfen?« Das alte Weibchen sagte verwirrt: »Ja . . . nein . . . Ich danke aber auch, Herr Großjohann . . . ich danke . . . Gott soll Euch lohnen.« »Das also ist der Großjohann!« sagte Leo. Gerührt quollen ihm die Augen über, so weich war sein Herz. Der Sohn aber lachte.   Großjohann kam nachhause. Er strahlte wie die Sonne. Er warf die Winterhandschuhe auf den Tisch 42 und rief: »Ich habe meine Häuser auf einen Schlag dem starken Leo verkauft!« – Franziska flüsterte: »Du lästerst Gott!« – »Aber so glaub's doch, Ziska,« rief Hermann, indem er auf Franziska zusprang und sie stürmisch in die Arme schloß, »ich habe die beiden Häuser bar verkauft!« Franziska ließ sich herzen und küssen, in seinen Armen lachte sie: »Natürlich glaub' ich's. Es ist ja auch nicht anders möglich!« – »Nun lästerst du Gott«, sagte Hermann, Franziska auf seinem Schoße liebkosend; »es ist sehr wohl anders möglich! Wer weiß, welchem glücklichen Zufall man den Erfolg verdankt?« – »Zufall?« frug sie, indem sie sich, die Arme gegen seine Brust stemmend, aus seiner Umarmung freimachte, »dir selbst! Dir selbst!« – »Ja, Ziska, du bist eine von jenen Naturen, die es nicht begreifen könnten, wenn ihr ehrliches Streben nicht von Erfolg gekrönt wäre. Du nimmst ihn als ein Recht, und doch ist er ebensosehr Laune.« – »Du denkst zuviel, Hermann. Ich versteh' nicht, was du sagst.« – »Das glaub' ich. Das gehört eben dazu.« »Nun, und jetzt?« unterbrach ihn Franziska, »was wirst du jetzt unternehmen?« – »Nichts. Fürs erste nichts. Verschnaufen und sammeln. Ich bin froh, daß das Erste gelang.« – »Das wirst du nicht! Warum verschnaufen? Du wirst doch nicht schon müde sein? Zum Schlafen ist keine Zeit! Am Kaiser-Karl-Platz ist noch eine große Baustelle offen. Geh, eh du dich umgezogen hast, und kauf' sie mit dem Gelde, das du in der Hand hast.« – »Am Kaiser-Karl-Platz? Niemand wagt da zu bauen. Da steht eine Kirche, eine Schule, eine Bank . . .« – »Und es fehlt da noch ein Haus von Großjohann. Wenn du der bist, für den ich dich halte, so gehst du hin und baust 43 ein Haus von hundert Zimmern da. Wenn keiner von den Stümpern da zu bauen wagt, warum sollst du es nicht tun? Weil keiner es wagt, gerade darum sollst du es wagen! Du hattest mir von dem freihändigen Wölben erzählt und was für Gedanken du dir darüber machtest. Und als ich dir sagte: so wag's doch, mach's deinen Arbeitern vor, daß sie Achtung vor dir haben, da ging es.« – »Aber wenn es diesmal nicht gut geht?« – »Es kann nicht schlecht gehen!« »Du solltest mich nicht treiben, Franziska!« sagte Hermann unruhig und schob sie von seinem Schoße hinab, »du verstehst mich nicht. Fantasie hast du nur wie ein Huhn. Siehst du denn nicht, daß die Stadt sich zum Flusse hinabzieht? Da ist der Grund billig, und das Geld liegt auf der Erde. Da sollte ich bauen, aber ich muß Zeit zum Überlegen haben. Eile mit Weile. Es muß durchaus nicht immer gut gehen, wie du denkst. Man muß ebensoviel Glück haben wie . . .« – »Das Glück hat der Mutige!« – »Nicht so, Franziska, nicht so! Du bist auch nicht ein bißchen dem starken Leo dankbar.« – »Dankbar? Wofür?« frug sie. »Gott hat es ihm eingegeben, daß er uns auf unserm Wege helfen mußte! In den Flußbenden bauen wir auch. Überall bauen wir, aber zuerst am Kaiser-Karl-Platz. Damit die andern sehen, daß wir können, was sie nicht können. Wenn du der bist, für den ich dich genommen habe, so gehst du jetzt gleich hin und kaufst.« Damit ging sie aus dem Zimmer. Hermann Großjohann stand in Hut und Mantel wie ein Fremder in seinem Zimmer. »Was soll ich tun?« überlegte er; »spricht Gott oder der Teufel aus 44 Franziska? Gut, sie zwingt mich. Sie soll es verantworten. Zwing' mich, dann tu' ich keine Sünde, sagte das Mädchen.« Er ging hin, kaufte mit dem eben gelösten Gelde den Bauplatz zwischen Kirche, Schule und Bank, Gebäuden, die von Gottes und der Menschen wegen Ehrfurcht geboten, und entwarf auf dem Heimwege im Geiste einen hundertzimmerigen Wohnpalast. Er kam eilig nachhause und stürmte auf die Kammer zu, um es Franziska zu melden und ihr Lob zu hören. Als er die Türklinke in der Hand hatte, hörte er Franziska, die den kleinen Philipp säugte, zur aufräumenden Karitas sagen: »In den Flußbenden liegt das Gold auf der Erde.« Karitas frug: »Auf dem bloßen Boden, oder muß man graben?« Da leuchteten die Augen Franziskas seltsam auf, ihr Zeigefinger drückte sich rot in ihre weiße Mutterbrust, und sie sagte halblaut: »Wir wollen abends mal hingehen.« Hermann erschrak heftig, ließ die Türklinke fahren und entfernte sich unbemerkt. In seinem Kopfe hallte es sonderbar, als er sich, noch immer in Hut und Mantel, in seinem Zimmer in den Sessel fallen ließ. »Wie sie das sagte! Sie ist bis zum Wahnsinn tüchtig! Aber Fantasie hat sie nur wie ein Huhn und Intelligenz wie ein Maulwurf. Wie sie alles mißversteht! Nichts mehr werde ich ihr sagen dürfen. Ich muß schweigen.« Die Abendglocke sandte ihre Klänge durchs offene Fenster herein, im Werkhofe war Schicht gemacht, und in Stille und Glockenklang glitt sein Denken in Traum hinüber. »So möchte ich läuten,« träumte er, »immerzu läuten . . . auf einem hohen Turme . . . 45 der bis in die Wolken ragt . . . Wenn Franziska ihr Leben lang läuten wollte, sie wär' Glöckner! Sie wär's sofort! Ganz von selbst! Alles würde springen, ihren Wunsch zu erfüllen, ich, die Engel und Gott. Sie ist nicht fromm, sie hat es nicht nötig fromm zu sein. Sie ist wie Gott. Sie meint, man könnte alles, was man wollte. Das war doch schon einmal so . . . das war doch schon einmal so . . . da waren Engel, die sagten: Wir wollen dir gleich sein. Darum warf Gott sie in die Hölle, weil er Furcht vor ihnen hatte. Und es wurden die Teufel. Franziska würde auch so gesagt haben. Gott! Gott! Ich muß wie du für die Engel eine Hölle für Franziska schaffen. Franziska muß Furcht haben. Sie ist wie die Juden und ist auch aus einem Hirtenvolke. Warum holte ich sie mir aus dem Hirtenvolke? . . . Ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich mußte sie mitnehmen, als ich sie sah. Sie sagte zu mir wie Jakob zum Engel: Ich lasse dich nicht! Ich lasse dich nicht! Ich war damals so dreist und kühn, und die ganze Welt war meinem grünen Geiste zu klein. Und als ich ihr meine wilden Träume von Größe und Schönheit erzählt hatte, da sagte sie zu mir: Ich liebe dich! Das war, als wir über die rote Haide gingen . . . Und sie hat nichts gelernt. Sie verachtet das Denken . . . Der Traum ist eine große Welt, aber die wirkliche Welt ist eine kleine . . . Von Vorsicht, von Maßhalten, von allen männlichen Tugenden lernte sie nichts. Sie darf meine Sorge nicht mehr sehen! Sie darf nicht! Sie darf nicht! O Gott, sonst macht sie sich wie die anderen Hirten einen andern goldenen Götzen. Ihr Gott muß in der Wolke sein und daraus donnern und blitzen. Ich muß mich in die Wolke hüllen. Schweigen ist das 46 Geheimnis! Wenn Gott zu ihr reden und sich ihr verständlich machen könnte, so würde sie auch ihn verachten. O Gott, hilf mir im Kampfe gegen dieses gottlose Weib, denn sieh, ich bin fromm. Denn sieh, ich lernte die Grenzen kennen und bin fromm. Sie sagt: Wir müssen alle Gott nachstreben und ihm ähnlich werden. Sie wird es, denn sie will es, denn das Weib ist böse von Natur aus, und durch ein Weib ist die Sünde in die Welt gekommen. Das Weib ist noch Tier, das Weib ist noch Natur, du aber, du Gott und wir anderen Männer alle, wir müssen zusammenhalten. Wir lieben das Leben, wie du Gott die Welt geliebt hast, da du sie machtest mit all ihren Mängeln. Wir lieben, was wir sehen, uns selbst, Franziska liebt, was sie nicht sehen kann, sie liebt sich selbst nicht, und darum ist sie schlecht . . .« Der Engel des Herrn hörte in diesem Augenblicke zu läuten auf. Großjohann erwachte. »Ich muß wohl ein Weilchen genickt haben«, dachte er, »und allerhand geträumt.« Er wußte gar nicht mehr, was er geträumt hatte, aber es war ihm, als habe es Dinge in ihm gedacht und geträumt, die er selbst nicht habe träumen und denken können; »und so scharf habe ich gedacht, meine ich! Sonderbar, daß man im Schlafe schärfer denken kann als im Wachen und sich doch nicht erinnert! Ich weiß nicht, was es war . . . aber jedenfalls war es etwas Frommes.« Aus dieser frommen Stimmung also beschloß er, christlicher und strenger im Hause und verschlossen gegen Franziska zu sein. »Wie solch ein Angelusläuten doch religiös stimmt!« dachte er. 47 Die hoffnungsvollen Kinder Es war einige Jahre weiter, im Mai, wenn die Natur ihre höchsten Reize ausspielt, um die Denker, die in den langen Winternächten Zeit hatten, über sie zu grübeln und ihre Nichtigkeit zu durchschauen, an ihrem Verstande irre zu machen und sie von neuem zum Leben zu verführen. Es war der Monat der Blüten, der Monat Marias, der Monat der Jungfrau. Die Kirche feierte ihn durch Marienandachten allabendlich ums Angelusläuten. Hermann Großjohann ging mit seinen beiden Söhnen Fränzchen und Gabriel in die Kirche der Minnebrüder in der Pfalzstraße. Philipp war vorweggegangen und kniete schon irgendwo in der Tiefe der Kirche, als der Vater mit den Brüdern an die Tür kam. Auf den Stufen stand ein steinernes Weihwasserbecken. Fränzchen langte, auf den Zehen sich erhebend, hinein und bot Vater und Bruder den genetzten Mittelfinger hin, den ihren daran zu netzen. Als der Vater das nur flüchtig tat, hielt Fränzchen den Finger der großen Hand fest und strich ihn ordentlich an. Dann beobachtete er den Vater scharf, ob er auch ein richtiges Kreuzzeichen mache. Großjohann fühlte den Blick seines Kindes von unten herauf, während er nachlässig ein Kreuz schlug, und dachte: »Vor dem Jungen sollte man sich fürchten!« Jetzt reichte Fränzchen wieder ins Becken und machte mit der Hand ein großes Kreuzzeichen über sich, ein ordentliches Kreuzzeichen zwischen Stirne und Nabel, Schulter und Schulter. Währenddessen rief drinnen auf der Kanzel der Prediger mit gewaltiger Stimme: »Was nützen alle Reichtümer und Ehren? Alle Macht 48 und Pracht? Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, aber Schaden litte an seiner Seele?« Großjohann dachte: »Ein wahres Wort! Ein wahres Wort!« Mit dem wahren Worte hatte der Prediger seine Rede geschlossen und die Kanzel verlassen. Der Priester am großen Altare, schwebend in einer blauweißen Wolke von Weihrauch, sang einen lateinischen Vers. Die hundert Kerzen des Altars flimmerten unruhig, so laut sang er. Die Orgel fiel ein (der Orgelspieler hatte leicht geschlafen und war von dem Gesange überrascht worden, er tastete nach den ersten Tönen) – » gis ! – muß es heißen!« rief da plötzlich eine Kinderstimme von der Tür in die Kirche hinein. Die Stimme war die Gabriels. Der Knabe stand aufgeregt atmend in der Kirchentür. Fränzchen blitzte den den Kirchenfrieden brechenden Bruder mit unverhohlenem Hasse an, der Vater selbst wollte Gabriel Vorwürfe machen, aber er frug: »Woher weißt du das?« – »Was meinen Sie, Vater?« – »Das mit dem gis ! Du bist doch kaum sechs Jahre alt! Wer hat dich das gelehrt?« – »Gelehrt . . .? Ich weiß nicht . . . Oh, der hat so schrecklich falsch gespielt! Haben Sie das denn nicht gehört? Wie kann man das nur nicht hören!« – »Aber du mußt doch wissen, daß das Ding gis heißt!« – »Ich weiß nicht . . .« sagte der Knabe. Fränzchen drängte in die Kirche und zog den Vater mit, Gabriel blieb, in der Menge unbemerkt, auf der Treppe zurück. Plötzlich stand ein kleines Mädchen neben ihm und schaute neugierig in das geheimnisvolle Lichtergeflimmer hinein. Jetzt faßte Gabriel das 49 Kind bei der Hand und frug: »Bist du denn nicht katholisch?« – »Nein«, sagte das Mädchen. – »Komisch«, meinte der Knabe. »Du,« sagte er plötzlich, »du gefällst mir!« Er schaute das Mädchen selig an. Es war gleichaltrig, sein Haar war schwarz und das Gesichtchen lang und fein. »Du gefällst mir,« sagte der Knabe, »das ist wirklich wahr!« »Wahr und wahrhaftig!« bekräftigte er, als das Mädchen noch in seinen glänzenden Augen forschte und seine Kleidung mißtrauisch zu prüfen schien. – »Du gefällst mir auch«, sagte sie schließlich langsam. »Seid ihr reich?« frug der Knabe, die Kleidung des Mädchens prüfend. – »Ja –« sagte das Kind. – »Das ist fein! Gehört euch der Wagen da?« frug er. – »Ja«, sagte sie. – »Habt ihr auch ein Klavier?« frug er. – »Ja, auch«, sagte sie. – »Du, das ist fein . . . darf ich einmal zu euch kommen und auf dem Klavier spielen?« Das kleine Mädchen sah ihn sehr freundlich an und – aber sie schaute erst noch mal den Anzug des Knaben an. Der war zwar nicht sehr fein, doch immerhin –, sie sagte: »Habt ihr denn kein Klavier?« – »Nein«, sagte der Knabe traurig. – »Komisch!« sagte das Mädchen. »Darf ich?« drängte der Knabe aufs neue. – »Wir wollen Vater fragen, komm!« sagte sie. Ein herrschaftlicher offener Wagen hielt nahebei auf dem Platze, wo die enge Pfalzstraße sich zur viereckigen Pfalz mit den Säulenhallen erweiterte. Ein freundlicher Herr stand neben den Pferden und klopfte ihnen den Hals, der Kutscher saß steif auf dem Bocke. »Nun, hast du in die Kirche 50 hineingeschaut, Traudchen? War's schön? Wen bringst du denn da?« frug der Herr. »Vater, darf der kleine Junge Klavierspielen kommen?« – »Ei!« sagte der Herr überrascht, »wie heißt er denn?« – »Das weiß ich nicht«, sagte das Kind. – »Wie heißt du denn, kleiner Mann?« frug der Herr. »Gabriel Großjohann.« Das Gesicht des Herrn verfinsterte sich. N–ein, wollte er sagen, da aber sah er in das besorgte Gesicht seines Töchterchens, aus dem die dunkeln Augen ihn bittend anschauten. »N–un ja«, änderte er seinen Entschluß. »Was kann man einem solchen Geschöpfchen abschlagen?« dachte er. Gabriel war schon in den Wagen gesprungen, ihm war Traudchen gefolgt. Er wollte auf den Rücksitz fallen, sie drückte ihn aber schnell auf den Vordersitz hin. Der Vater kam und nahm zur Linken seines Töchterchens Platz. Ehe der Kutscher anziehen ließ, schaute er über die Schulter in den Wagen hinab und sah, daß der Bursche nicht einmal ruhig sitzen konnte. Er langte mit dem dicken Ende des Peitschenstieles hinunter und berührte die baumelnden Füße des Knaben. »Wenn die Kinder nicht aus feiner Familie sind . . . !« dachte er. Traudchen errötete. Die zwei blanken Pferde zogen an, die Kutsche rollte davon.   Als Großjohann mit Fränzchen die Kirche verließ, war Gabriel nicht mehr da. »Er wird sich allein nachhause finden«, dachte der Vater; »sonderbar, was für ein Gehör der Junge hat! Begabt sind meine 51 Kinder.« – »Gabriel ist an der Kirche vorbeigelaufen«, knurrte Fränzchen und ärgerte sich. Fränzchen ärgerte sich so, daß er zuhause plötzlich in seine Krämpfe fiel. Er lag auf dem Boden, Schaum stand vor seinem Munde, und er schlug mit Armen und Beinen. Großjohann wandte sich ab und bedeckte das Gesicht mit den Händen, das Elend nicht zu sehen. An seiner Stelle kniete Onkel Franz Xaver neben Fränzchen am Boden, des Knaben Arme und Beine festhaltend. Als der Anfall vorüber war, sagte Franz Xaver: »Hermann, gib mir mein Patenkind mit nachhause. Meine Frau und ich haben keine Kinder. Laß Fränzchen das unsere sein, ihr habt ja Kinder genug. Wir wollen gut für ihn sorgen.« Er dachte: »Bei dir ist das Kind ja doch verlassen! Wie sollte mein großer Bruder sich mit einem Kinde abgeben, das die Kränke hat!« Hermann Großjohann atmete auf. »In der Tat,« dachte er, »ich kann das Elend nicht ansehen. – Wenn Franziska nichts dagegen hat –?« sagte er. Franziska hatte nichts dagegen.   Gabriel spielte in der Zeit, wo er nicht mit den Händen auf dem Flügel des Herrn Merlin spielte, in Gedanken in der Schule so viel Klavier, daß er mit dem Rechnen zuhause nicht ins reine kam. Er ging zum Vater und bat: »Helfen Sie mir.« Der Vater saß am Tische vor Blättern mit unendlichen Zahlenreihen und sagte unwirsch, ohne aufzusehen: »Geh zur Mutter.« – »Mutter, helfen Sie mir.« – Die Mutter, mit Karitas nähend, sagte: »Geh zum Vater.« Als jetzt der Knabe zornig weinend zwischen 52 den Eltern stand, lief plötzlich seine Schwester von irgendwoher auf ihn zu, Brigitta, die älteste, die niemals einer Hilfe bedurfte, packte ihn derb am Kragen und zog ihn ins Nebenzimmer. Der Knabe saß neben der strengen Schwester, vollendete seine Aufgabe und wagte nicht sie anzusehen, nicht einmal, sich bei ihr zu bedanken. »Und wenn die Eltern morgen wieder keine Zeit für dich haben,« sagte Brigitta am Schlusse spöttisch, »kommst du zu mir.« Dann war sie plötzlich verschwunden, als hätte der Boden sie verschluckt. »Wo ist Brigitta?« rief der Vater durchs Haus. – »Ich weiß es nicht,« sagte Gabriel voll Angst, »eben war sie noch da.« – »Wo ist Brigitta?« rief der Vater durch die Räume. »Wo ist Brigitta?« klang seine Stimme aus dem Hofe. Im Hofe erhoben sich ein- und mehrstöckige Lagerhäuser von Holz und hohe dreiseitige prismenförmige Bretterstapel. »Wo zum Teufel ist sie?« rief der Vater in immer wachsender Wut. »Hast du Brigitta gesehen, Franz Xaver?« Franz Xaver war mit dem Ausmessen des Inhaltes eines gewaltigen Eichenstammes beschäftigt. »Ich weiß es nicht«, sagte er ohne aufzusehen, und Hermann erzürnte sich noch mehr, als er sah, daß der Bruder log. Da plötzlich glühten ihn aus dem finstern Grunde des Schuppens Brigittens Augen wie die einer Katze an. Zornig zog der Vater sie hervor und schlug sie. Sie weinte nicht. Als sie unempfindlich blieb, ließ er ermüdet ab. »Du solltest deine Kinder nicht so schlagen, Hermann«, sagte Franz Xaver schüchtern. – »Haben wir von Vater keine Schläge bekommen?« erwiderte 53 Hermann; »sie sollen mir nicht mißraten!« – »Wir sind nicht mißraten trotz den Schlägen, Hermann. Es müssen schon gute Kinder sein, die der Vater durch Schläge nicht verderben kann.« »Charaktere wie Felsen sind die Kinder,« dachte Franz Xaver sinnend, »Franziskas Kinder. Wie die Wurzel, so der Baum!« Franz Xaver aber haßte seinen Bruder mehr und mehr. Er klagte zu Winterfeld: »Ist das noch ein Leben? Das ist kein Leben mehr, das ist Sklaverei! Wer keine Brache kennt, hat schlechte Ernten. Warum hetzen wir so? Mein Bruder treibt's zu arg. Nur Samstags läßt er mich nachhause aufs Land in die Grünstraße zu meiner Frau Lambertina und Fränzchen fahren. Ach, wenn ich nur Zeit hätte! Nicht Reichtum, nicht Macht – nur Zeit! Aber wie soll ein Arbeitsmann, und besonders bei meinem Bruder, Zeit haben? Wer läuft, den jagt man noch!« Winterfeld sagte nichts, denn er hatte gelernt, daß im Leben oft eine Meinung richtig und ihr Gegenteil doch nicht falsch ist. »Glaubt Ihr nicht, Winterfeld, daß Zeithaben geradezu mit der Sittlichkeit zusammenhängt? Nur in Muße kann man glücklich, auch nur in Muße gut sein. Das ist meine Meinung.« Als Hermann am nächsten Tage Überschicht vom Angelus bis Mitternacht befahl, kündigte Franz Xaver ihm zornig den Dienst. Hermann aber lächelte nur, denn Franz Xaver hatte »noch immer keine größeren Aufträge und war noch immer leicht abkömmlich«. Und Franz Xaver blieb. 54 Die langsam-stetig wachsende Familie, das sich vergrößernde Haus, die sich mehrenden Ansprüche des Standes, alles stellte Frau Franziska zufrieden mit Hilfe dieser einzigen Dienerin, der gewesenen Hebamme Karitas Helfereich. Sie gebar auch mit ihrer Hilfe sicher, doch unter vielen Schmerzen ein fünftes Kind, ein erbärmliches Mädchen. Erbärmlich in der Sprache Franziskas, besonders der Karitas, für andere Leute wäre es ein zartes Geschöpf gewesen, aber bei der Geburt war niemand außer der Hilfe zugegen. Das Kindchen hatte sonderbarerweise die Augen schon geöffnet, so tiefe stille Augen, daß es mit dem Verstande eines Erwachsenen auf die Welt gekommen zu sein schien. Mit diesen Augen und diesem Verstande sah es sich diese Welt und diese Familie einige Minuten an, dann schloß es die Lider und schien zu sagen: Dafür danke ich . . . Das Kind war tot, ehe die Mutter es lebend gesehen hatte. Als sie eben, noch halb betäubt, flüsterte: »Ich will nie wieder ein Kind haben«, kündigte ihr Karitas den Tod des Kindes an mit den Worten: »Es wär' nicht nötig gewesen.« Philipp Emanuel Jakobus – Emanuel aber bedeutet: Gott mit uns! – jetzt ein siebenjähriger Knabe, stand eine Weile stumm am Bette der Mutter. Plötzlich sagte er: »Jetzt haben Sie einen schönen Engel im Himmel, Mutter.« Da war es der Mutter, als sähe sie ihren Sohn als Geistlichen am Wochenbette einer verwaisten Mutter und hörte ihn die Trostworte sagen: Jetzt haben Sie einen schönen Engel im Himmel. Wenn andere Leute denken: der Knabe könnte Geistlicher werden, wenn er dazu Lust hat, so dachte 55 Frau Franziska: Der Knabe hat Lust zum Geistlichen, oder: der Knabe hat mir Lust zum Geistlichen . . . Der Vater, der den harten trüben Trost hörte, dachte auch: Der Junge könnte vielleicht Geistlicher werden . . . Für die Mutter nahm der Knabe bald etwas von dem Reize an, den die Dinge der Tempelweihe haben. Einzig mit Philipp gab sie sich ein wenig ab, soviel der Drang des Haushaltes und der Geschäfte ihr Zeit ließ, und nährte seinen Geist mit den Geschichten der Bibel. Sie lenkte ihn einen Weg entlang, an dessen sehnsüchtig geschautem Ende der Altar Philipps stand, denn es gehörte sich ja auch, daß eine aufstrebende Familie eines ihrer Glieder unter den Dienern der mächtigen Kirche hatte, und so kam es, daß Philipp in den Jahren, wo der Bart kommt, sich nachträglich freiwillig für den geistlichen Stand entschied. Er wußte nicht, daß sein Beruf das Ergebnis einer Reihe von Wirkungen war, deren erste von ihm ausgegangen war, als er beim Tode der namenlosen Schwester die Mutter zu trösten versucht hatte. Hätte er damals gesagt: Mutter, haben Sie Lust auf Schokolade? – so wäre er vielleicht Konditor geworden.   Erstes Kapitel Die Großjohannstraße Soweit war alles gut gegangen. Ein halbes Dutzend glücklicher Jahre folgte noch. Eines Tages im Sommer aber wurden irgendwo bei den dunkeln Leuten, deren Füße gegen die unsrigen gerichtet sind, zwei Missionare getötet, die Minister der äußeren Geschäfte brachen eilends ihre Sommerruhe ab und reisten in die Hauptstädte. Eine unfreudige Stimmung breitete sich aus um die Welt, und niemand war froh. Großjohann saß mit einem reichen Manne im Warteraum eines Notars. Sie hatten Preis und Verkaufsbedingungen der neuen Häuser in der Merowingerstraße vereinbart, die Fenster standen offen, und ein warmer Luftzug des lauen Tages strich herein, der Notar öffnete eben die verpolsterte Türe seines Arbeitsraumes, ließ die abgefertigte Partei hinaus und forderte die neue, Großjohann und den Kauflustigen, mit höflichen Worten auf einzutreten – – da ging draußen ein Mann vorbei, der zu seinem Begleiter sagte: »Der Minister des Auswärtigen hat seinen Urlaub abgebrochen.« Der Kauflustige stürzte ans Fenster und rief hinaus: »Heda! Sie! Mann! Freundschaft! Was ist . . .? 58 Wer hat . . .? Woher wissen Sie . . .?« Der Kauflustige schob für heute die Unterzeichnung des Kaufvertrages auf und brach am nächsten Tage die Verhandlungen ab. Die Minister kehrten nicht wieder in ihren Urlaub zurück, die Nerven der Welt schienen empfindlich gereizt zu sein, das Geld war teuer, und man sah viele verdrießliche Gesichter. Wie ein fernes Erdbeben schlechtgebaute Häuser auch dort noch einstürzen macht, wohin nur seine äußersten Wellen reichen, wo in gutgebauten höchstens die Fensterscheiben klirren, so bewirkte die plötzliche Geldspannung die Zahlungsunfähigkeit einiger kleiner Unternehmer. Das Haus Schröder zeigte Risse, und nur eine starke Klammer – in Gestalt einer Bankbürgschaft Großjohanns – bewahrte es vor dem Einsturz. Aber wie der Hahn auf dem Kirchturm noch golden leuchtet, wenn das Dorf schon im Abendschatten liegt, so strahlte das Glück Großjohanns noch in vollem Glanze. Großjohann selbst aber sah es nicht, denn er fühlte seinen Nacken zu schwer belastet, um den Blick auf die Spitzen der Türme zu richten. Als die Partei der reichen Leute, die aufgeklärt-gemäßigte, um die Angriffe des vierten Standes abzulenken, ihre Zeitungsschreiber andeuten ließ, daß in unseren gesunden Verhältnissen dem Tüchtigen der Erfolg sicher sei, wie doch vor einem guten Dutzend Jahre ein gewisser Mann arm und bloß in die Reichsstadt gewandert und jetzt so reich sei, daß ihm das halbe Ripuarierviertel gehöre – da hielt Großjohann einen von den törichten Zeitungsschreibern auf der Straße an und sagte zu ihm: »Ich verkaufe Ihnen das ganze Ripuarierviertel für Ihr festes Gehalt.« 59 Die Partei der Aufgeklärt-Gemäßigten aber ging, um das Volk zu gewinnen, noch weiter: in einer Stadtratssitzung schlug der Bankdirektor Hagelstange vor, die neue Straße, die über die noch unbebauten Gründe Großjohanns im Ripuarierviertel führen sollte, Großjohannstraße zu nennen. Das war aber doch den meisten Stadträten zu frei! Zu kühn! Der bloße Grundstücksbesitz könne doch nicht die Straßentaufe rechtfertigen! Und im übrigen wisse man ja, was für ein Besitz das sei! Mit dem schwierigen Straßentaufen solle man einen unabhängigen und klugen Mann wie etwa den Herrn Merlin beauftragen, der sich dadurch auch vielleicht für die Politik gewinnen ließe. Da legte der Graf Wetter, der noch ziemlich weit vom Weichbilde unten am Flusse ausgedehnte Wiesengründe hatte und Großjohann für den richtigen Mann hielt, die Stadt bis dorthin auszudehnen, das Gewicht seines Namens und Beutels in die schwankende Wage der Entscheidung – und es wurde beschlossen, zu Ehren des verdienten Mitbürgers Hermann Großjohann, der in der Reichsstadt ein bisher unerhörtes Beispiel von Bürgerfleiß gegeben habe, die neue Straße zwischen Eginhard- und Merowingerstraße Großjohannstraße zu nennen. Die Augen des Volkes waren geblendet. Das müsse man sagen, das sei doch zugleich eine Ehrung des kleinen Mannes! Es sei also wahr, daß dem Tüchtigen der Erfolg winke, und daß Erfolglosigkeit nur der Beweis der Untüchtigkeit sei. Der Herr Großjohann sei also wirklich »der große Johann«, wie das neuaufgekommene Lied sage, das die Knaben in den Straßen sängen, und er sei noch immer einer 60 der ihrigen, so freundlich und leutselig sei er, obgleich ihm das ganze Ripuarierviertel gehöre. Die Großjohannstraße war noch ziemlich entlegen. Man mußte sich schon einen besondern Grund machen, durch die Straße zu gehen und schicklicherweise den Genuß zu haben, den Namen »Großjohannstraße« zu lesen, wenn man ein Großjohann war. Es war allen Gliedern der Familie, als ob an der Ecke der Straße ein böser Geist stünde, der ein höhnisches Gelächter anstimmte, sooft ein Großjohann durch die Großjohannstraße ging. Nur Franziska bedurfte keines besondern Grundes. Gabriel wollte eben aus der Großjohannstraße in die Eginhardstraße einbiegen und hob den Kopf zu dem Schilde »Großjohannstraße« auf – da stieß er mit einem Manne zusammen, der ebenfalls den Kopf zu dem Schilde erhoben hatte. Es war der Vater. Sie erröteten beide. Sie begrüßten sich nicht. »Wohin gehst du?« – »Zu Merlins, klavierspielen.« – »Daß du nicht zu spät nachhause kommst!« Damit war das Gespräch zu Ende, und der Vater wollte weitergehen. Gabriel aber faßte sich ein Herz und sagte: »Sind Sie nicht zufrieden, Vater? Es scheint mir seit einiger Zeit so.« Der Vater errötete. Das war ihm doch noch nicht vorgekommen! Vor einem Kinde von seinem Gefühle zeugen müssen?! So standen sie nicht zueinander! Und noch dazu von einem Gefühle des Schmerzes! Was fiel dem Burschen ein?! Indessen rührte ihn die Frage des Sohnes so wider Willen, daß er nachdenklich wurde und es ihm einen Augenblick schien, als habe er einen teilnehmenden Menschen vor sich. Er sagte: »Ich weiß nicht . . . es kommt 61 mir vor, als ob ich nicht mehr frei wäre . . . als ob ich in etwas Furchtbares eingespannt wäre . . .« – Was hatte er da gesagt?! Und zu wem gesagt?! Zu einem grünen Jungen! Zu seinem Sohne! Der würde wohl hochmütig werden und ihm auf der Nase tanzen wollen! Er sagte: »Daß du dich nicht unterstehst, zu spät nachhause zu kommen!« Dann rannten Vater und Sohn auseinander. Gabriel dachte: »Warum mag er so drohend gesagt haben: daß du dich nicht unterstehst, zu spät nachhause zu kommen? Ich komme doch nie zu spät nachhause, und wenn es einmal dunkel wird, läßt Herr Merlin mich doch im Wagen nachhause bringen. Der Vater kommt doch nachhause, wann er will! Er macht sich doch keine Regel daraus! Er könnte unser Nachhausekommen ja gar nicht beaufsichtigen, er weiß nicht, wo wir sind, und wir wissen nicht, wo er ist. Ob das in anderen Familien auch so ist –?« Hermann Großjohann eilte die Großjohannstraße fast fliehend hinab. Er verwünschte es, hierher gekommen zu sein. Er atmete auf, da er jetzt um die Ecke der Merowingerstraße biegen wollte, er hob aber noch einmal verstohlen die Augen zu dem Straßenschilde auf – da lief er mit einem Mädchen zusammen, das auch das Gesicht zu dem Schilde erhoben hatte. Es war Brigitta. Vater und Tochter erröteten. Sie begrüßten sich nicht. »Wohin gehst du?« frug der Vater streng. – »Zu Endenichs, sticken.« – »Daß du mir nicht zu spät nachhause kommst!« Schon wollte der Vater weitergehen, da frug er noch: »Warum gingst du nicht mit Gabriel das Stück Weges zusammen? Er ging eben hinten um die Ecke.« – »Gabriel sagt mir 62 nicht, wenn er ausgeht«, sagte Brigitta. – »Ja, ihr seid störrische Kinder! Bruder und Schwester sollen freundlich zueinander sein.« – »Eltern und Kinder!« schrie Brigitta auf, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. – »Was sagst du, dreistes Ding?« rief der Vater, und Zorn umwölkte seine Stirne. – »Nichts, nichts!« sagte leise Brigitta und suchte ihre Tränen zu trocknen. »Eltern und Kinder!« hallte es dem Vater im Ohre nach. Er stand untätig und dachte: »Richtig! Aber es muß von den Kindern ausgehen. Die Kinder sollen den Eltern Ehrfurcht und Liebe erzeigen. Ach, ich habe so störrische Kinder, ich Unglücklicher . . .« »Eltern und Kinder!« hallte Brigitten das eigene Wort im Ohre nach, »aber es muß von den Eltern ausgehen . . . die Eltern sind groß . . . wir schämen uns . . . wir schämen uns . . .« Sie lugte nach des Vaters Hand. Wie gerne hätte sie sie gefaßt und gedrückt, denn sie sah, daß der Vater litt, sie hätte sie beinahe gefaßt und gedrückt, aber sie konnte sie doch nicht fassen und drücken . . . ! Sie konnte doch nicht . . . ! Der Vater würde wahrscheinlich über den Zärtling spöttisch lachen, und sie würde sich schämen. Der Vater hatte nun einmal eine große Seele, aber sie nicht! Sie nicht! Sie liebte die Zärtlichkeit und weiche Worte! Warum frug er nicht, wieso sie sticken ging? Sie war ja jetzt erwachsen und war zu Frau Endenich gekommen, die als eine wahre Künstlerin stickte. Der Vater hatte noch niemals gefragt, was sie täte, was sie bei Frau Endenich täte. Jetzt hörte sie, in ihren Jammer wie in einen Brunnen versunken, den Vater sagen: »Daß du nicht zu spät nachhause kommst!« – Da rief sie: »Was 63 geht's Sie an?« Sie sah den Vater entsetzt sie anblicken, dann aber zuckte er schmerzvoll die Schultern, und ging. »Was kann man machen?« dachte Großjohann, »man hört den Donner und will sich schützen, aber es hat schon geblitzt.«   Als Gabriel bei Merlins ankam, trat fast gleichzeitig Traudchen, aus der Schule kommend, ins Zimmer. Sie flog auf den Vater zu und gab ihm herzlich die Hand, er aber zog das Kind an sich, küßte es und sagte: »Ich freue mich, daß mein Täubchen so früh zum Schlage zurückkehrt.« – »Ja, eine Stunde ist ausgefallen,« sagte Traudchen, ging auf Gabriel zu, gab ihm herzlich die Hand und sagte: »Wie fein, nun versäume ich nichts vom Spiele.« – »Gabriel ist, scheint mir, heute nicht recht aufgelegt zum Spielen«, sagte der Vater und schaute Gabriel prüfend an. Gabriel sah fast bestürzt Herrn Merlin an, und Traudchen legte ihm den Arm um die Schulter – da sagte Herr Merlin: »Das war geschmacklos von deinem Vater.« – »Urteile nicht, Onkel Merlin,« rief Gabriel, »er ist durchaus nicht so frei, wie er scheint.« – »Aber er sollte doch sehen, daß man ihn nur zu ködern versucht! Daß man etwas mit ihm vorhat. Er sollte sich das verbitten«, sagte Herr Merlin. – »Wie gesagt, er tat ja nichts«, verteidigte Gabriel. – »Eben, er tat nichts,« eiferte Herr Merlin unbefriedigt, »er bewirkte nicht, daß es geschah, er bewirkte nicht, daß es nicht geschah. Warum sagte er nicht einfach: Nein! Bleibt mir vom Leibe!« – »Nun, schließlich ist es doch angenehm«, meinte Gabriel. – »Eben, mit Honig ködert man auch Bären. 64 Dein Vater hat keine Grundsätze.« – »Du mußt nicht so böse von ihm reden, Onkel Merlin, mein Vater hat Grundsätze; was er nicht hat, das ist Zeit.« Herr Merlin legte Gabriel die Hand auf den Kopf und sagte: »Das ist brav, mein Sohn.« Gabriel sah den geliebten Mann an; ein feiner Rauch der letzten Zigarre Herrn Merlins schwebte bläulich durchs Zimmer, Blumen standen in einer langhalsigen Vase am unteren Ende des schwarzen Flügels, zwei feine Menschen gingen leise und behutsam durch den köstlichen Raum – da konnte er nicht mehr an sich halten, da machte sich in ihm los, was die kurze lange Zeit seines Lebens, seit er denken und beobachten konnte, in ihm aufgespeichert war. Er brach in lautes Jammern aus und fiel auf das Sofa hin, auf dem er saß. »Aber ich weiß ja das alles nicht! Ich weiß ja nichts von meinem Vater! Er spricht ja nicht zu uns, und wenn er zu uns spricht, spricht er böse! Er meint, wir sind ein sündiges Volk Israel und nicht anders zu bändigen, als daß er uns zittern macht . . . nein, ich tu' ihm Unrecht, er schämt sich einfach seiner Gefühle. Er schämt sich uns zu zeigen, daß er uns liebt, daß er für uns arbeitet, daß er uns reich und vornehm machen will . . . ach, ich weiß auch das nicht! O Vater, was für unglückliche Kinder hast du! Nein, ich will uns nicht bedauern, denn auch die Eltern müssen unglücklich sein, sie nicht anklagen, denn auch wir haben Schuld. Aber wir wissen nichts voneinander, wir sind einander fremd! Seit einiger Zeit grüßt keiner mehr den andern. Denkt euch an, man kommt ins Zimmer und sagt nicht: guten Tag! Man geht zu Bett und sagt nicht: gute Nacht! Man kommt herein und sieht die 65 anderen an, ob sie etwas sagen werden, oder ob sie lächeln werden, wenn man selbst ihnen den Tag beut. Oh, das ist fürchterlich!« Gabriel fing an zu zittern, sein Unterkiefer bebte, sein Weinen war ein Weinkrampf geworden, er schämte sich, aber er hatte die Herrschaft über sich verloren. Da kniete Traudchen vor ihm nieder, faßte seine Arme, legte sie auf ihre Schultern, bettete seinen Kopf wider sich und streichelte ihn. Allmählich beruhigte sich sein Krampf, und ein seliges Schmerzgefühl nahm von ihm Besitz. »Gabriel, willst du zu uns kommen? Zu uns ins Haus ziehen? Dein einer Bruder ist ja schon von Hause fort. Dein Vater wird es gestatten. Unser Vater wird auch nichts dagegen haben. Willst du bei uns sein? Willst du mein Bruder sein?« Aber der Knabe schaute dem Mädchen in die Augen, und es war keine Trauer in ihm, als er sagte: »Das kann ich nicht! Du weißt doch, Trude, ich kann nicht dein Bruder sein! Du weißt es doch!« Da ließ ihn die Jungfrau zurücksinken, stand auf und errötete. »Ich darf auch nicht,« sagte Gabriel, »ich darf nicht. Zuhause ist es, als wenn ich in einem Schneelande lebte und hier in einem warmen Paradiese. Wir sind Eskimos zuhause, aber wir müssen weiter frieren. Ich darf nicht fortgehen. Wer weiß, wie das zuhause wird. Die anderen sehen nicht, was geschehen muß, oder können es nicht ausführen. Ich muß es tun.« – »Wenn du nun versuchtest, Gabriel, du , freundlich zu sein? Sie werden dir gewiß folgen. Tu' du's – fang damit an, Gabriel, gib du, wenn du aufstehst und wenn du schlafen gehst, jedesmal die Hand. Du wirst sehen, sie werden verstehen und folgen.« – »Ich will's tun, Trude.« – »So, genug der Trauer, nun spiel' uns etwas, Gabriel«, sagte Herr Merlin. »Ja, ich will spielen.« Gabriel spielte ein Intermezzo von Schubert. Die Trauer löste sich auf in ein erhabenes Gefühl des »Soseinmüssens«, »Nichtandersseinkönnens«. Als er geendet hatte, sagte Herr Merlin: »Nun wäre es auch an der Zeit, daß du zu lernen anfingst; dieser wilde Selbstunterricht kann dich verderben.« – »Nein, jetzt nicht lernen, Onkel Merlin,« sagte Gabriel aufstehend und den Flügel schließend mit heiterer entschlossener Miene, »du weißt, was ich jetzt zu tun habe. Ich habe es euch ja eben versprochen. Das ist wichtiger. Später, ja später will ich gern einmal lernen, wie gerne!« Und er strich leise mit der Hand über den schwarzen Flügel, als liebkoste er ihn. Brigitta Endenich »Brigi–gi–gitta, Kindchen, du stickst ja wie eine Alte! Wie meine alte Be–be–berta! Be–be– berta, nimm dich in acht,« sagte Herr Endenich hinter den Stühlen der Frauen stehend und, die Hände auf dem Rücken, auf sie niederschauend, »die Schülerin überflügelt dich.« – »Ach, Onkel Endenich, es mag wohl für eine Schülerin noch weit bis zur Kunst sein«, wehrte Brigitta ab. – »Nein, wenn die Schülerin Brigitta Großjohann heißt«, sagte geruhig Frau Endenich, indem sie den Wollkorb heranzog. – »Be– be–berta, ich sag's dir, nimm dich in acht! Der Schüler überflügelt den Meister.« – »Das ist das Los des Meisters, Mann. Er kann sich kein besseres 67 wünschen.« – »Be–be–be–be–berta,« lachte strahlend Herr Endenich, »du bist eine große Seele!« »Dich hat doch auch ein Anfänger im Bauwesen überflügelt, Albert . . .« – »Ja, der auch! Das ist ganz was anderes! Das gehört sich auch so! Und dann hat dieser Mann eine Frau, eine Frau, sage ich . . . ! Eine starke Seele! Ein Preußenweib!« Frau Berta hatte die Arbeit beiseitegelegt, sie schob den Wollkorb zurück und sah Albert in die Augen, während Brigitta sich tiefer über die Arbeit beugte. Wie von innen getrieben kamen Bertas Worte heraus: »Und hat dazu ihrem Manne so viele Kinder geschenkt.« Brigitta ließ die Arbeit sinken und kroch fast in sich zusammen. »Quäl' dich nicht«, sagte Herr Endenich kurz, drehte sich um und ging, die Hände auf dem Rücken, vom Fenster weg, wo die Frauen saßen, in die dunkle Tiefe des Zimmers und setzte sich. Als es Herrn Endenich nach einer langen Weile schien, daß man sich beruhigt habe, und die Frauen wieder in ihre Arbeit vertieft waren, sagte er sich erhebend: »Dieser Mann ist sozusagen gezeichnet vom Glücke.« Da weinte Brigitta laut auf, stürzte neben Frau Endenich auf die Knie nieder und barg ihr Gesicht an Bertas Brust: »Das ist ja nicht wahr!« schrie sie, »wir sind unglücklich! Wir sind die unglücklichsten Menschen, die es gibt! Die Eltern sind unglücklich, und wir Kinder noch mehr! O Jammer! O Jammer!« Frau Endenich erschrak, Herr Endenich noch mehr, er flüsterte seiner Frau zu: »Ich geh auf den Bau.« – »Ja, geh, Albert«, flüsterte Frau Endenich und 68 nahm durch eine Augenbewegung von ihm Abschied, während sie die Arme um die schluchzende Brigitta geschlungen hielt. Albert küßte Berta auf die Stirn und streichelte Brigitten leicht über das Haar. Sie rührte sich nicht. Albert Endenich ging leise hinaus. Nachdem Brigitta eine Viertelstunde geweint hatte, erhob sich Berta mit kräftigem Ruck und zog das Mädchen mit auf. »Jetzt ist es genug des Weinens! Das ist ja ein ganz krankhaftes Weinen! Mädchen, wie lange hast du das aufgespeichert? Leg' dich auf's Sofa und ruh' etwas.« Sie führte Brigitta zum Sofa, bettete sie hin und legte ihr eine weiche Kamelhaardecke über. Dann sang sie ein leises Lied, Brigitta aber war sofort eingeschlafen, als sie die Wärme der Decke gefühlt hatte. Nach einer halben Stunde kam Herr Endenich auf den Zehen zurück. »Schon da?« frug Berta leise. – »Ja, das übrige überlaß ich dem Polier.« – »Du verschleißest nicht sehr den Boden in deinem Geschäfte«, flüsterte Berta und lächelte. – »Ja,« sagte Endenich, »die anderen sagen auch: der Endenich, der bringt es zu nichts, der hockt zuviel bei seiner Frau. Aber was kann ich dafür, daß ich nach zwanzig Jahren in meine Frau noch verliebt bin?« – »Pst . . . ! – Laß die Leute reden, Albert. Bleib du bei mir . . . Nein, geh jetzt, Albert, sie erwacht!« Endenich schlich wieder eilig hinaus. »Du, Tante!« – »Ja, Kind?« – »Mutter bekommt wieder ein Kind . . .« »Ja, ihr Großjohanns seid ein starkes Geschlecht.« – »Das sind wir!« sagte Brigitta, »die Mutter ist aus dem Gebirge. Da sind auch noch Wölfe! Meine Mutter, als sie jung war und die Herden hütete, hat 69 einmal mit einem Wolfe gerungen und ihn erwürgt.« – »Ha! Wer sagt das, Brigitta?« – »Meine Mutter! Was meine Mutter sagt, ist wahr. Aber sie hat sich nicht gerühmt. Als ich noch in der Schule war und zuhause die Geschichte aus der Bibel auswendig lernte vom Wolfstöter, da sagte die Mutter: Bah! Das soll auch was sein! Ich habe auch einen Wolf getötet. Meine Mutter lügt nie. Das ist schon lange her, und der Vater weiß es sicher nicht. Ich weiß es allein, und doch hasse ich die Mutter.« »Ihr seid schrecklich!« sagte Berta, sich von Brigitta lösend. – »Das würdest du auch tun, Berta!« sagte Brigitta; »die Mutter hat mich so tief beleidigt. Sie bekommt bald wieder ein Kind, und ich faßte mir ein Herz, ich wollte ihr freundlich sein und dabei nahe sein, denn sie hat ja niemand, der Vater hat keine Zeit, sie hat keine Freundin, und die Karitas ist so roh. Sie suchte die Kinderwäsche hervor aus dem Schranke, um sie instand zu setzen, da sagte ich: Mutter, was tun Sie? Und sie antwortete: Das Zeug muß einmal gewaschen werden, es verkommt sonst. Siehst du, Tante, ich bin ihre älteste Tochter, bald 17 Jahre und doch auch ein Weib, aber es war mir, als wollte sie sagen: Du bist ein grünes Ding, und du bist überhaupt kein Weib. Darum hasse ich sie, und ich wünsche, daß das Kind, das sie bekommt, stirbt . . .« »Furchtbares Weib!« rief Berta zornig aufspringend, »ich hasse dich , und deiner Mutter will ich beistehen. Fühlst du denn nicht, daß sie in all ihrer Stärke eine scheue keusche Seele hat? Nein, du bist kein Weib, und deine Mutter hat recht!« Indem sie so sprach, sah sie, daß Brigitta nicht 70 zugehört hatte und von ihrem Weinen bis in den Grund erschüttert wieder eingeschlafen war. Der Engel des Herrn läutete von der Kirche. Albert Endenich kam leise herein. »Es ist doch viel schöner bei euch!« flüsterte er strahlend. »Was stehst du denn so bleich an der Türe, Berta? Schläft Brigitta?« »Albert, das Mädchen da ist ein Teufel. Wir müssen sie zu uns nehmen, es kann ein schöner Geist daraus werden. Wenn sie in jenem wüsten Hause bleibt, verwildert sie und wird furchtbar.« »Berta!« Von dem lauten Rufe erwachte Brigitta. »Sagtest du etwas, Onkel Albert?« »Willst du bei uns bleiben, Bri–gi–gitta?« – »Heute nacht, Onkel? Tante? Das ginge. Zuhause wird man's kaum merken.« »Für immer!« »Für – immer – sagst du, Tante? Sagtest du das? Meinst du das? Meinst du das wirklich? Ach, das wäre schön! Ihr habt so weiche Sofas! Bei uns gibt es nur hölzerne Bänke. Und es ist so still bei euch. Und wenn man klingelt, erscheint eine Magd – nein, Tante Berta, ich kann bei euch nicht sein. Ich muß zuhause bleiben. Wenn ich ein Junge wäre, könnte ich bei euch wohnen. So wie Gabriel bei Merlins sozusagen wohnt. Ein Junge kann das. Aber ein Mädchen nicht. Mutter braucht Hilfe, denn der Vater hat keine Zeit. Gute Nacht, ich bin froh, wenn ich von Zeit zu Zeit zu euch kommen kann. Bei euch ist es viel schöner als bei uns.« »Sei nicht so bi–bitter, Brigi–gitta,« sagte Herr Endenich noch, als Brigitta schon in der Tür stand, 71 »der Vater denkt an dich. Ich traf ihn eben an der Dreifaltigkeitskirche. Er ging zum Bau, er frug mich: Wo gehen Sie hin, und als ich antwortete: nachhause, sagte er: Sie haben's gut, Endenich. Er sagte auch noch: Brigitta ist bei Ihnen –« »Sagte er das –?« »Das sagte er, und ich sagte: ich weiß es. Da sagte er: bei Euch ist sie gut aufgehoben.« »Sagte er das wirklich?« »Das sagte er, und . . .« »Oh, dann muß ich aber schnell nachhause gehen und sorgen, daß er etwas Gutes zu essen findet, wenn er nachhause kommt. Mutter setzt ihm das Essen immer so schweigend hin, wenn er nicht rechtzeitig da ist. Wie man es einem Schweine in den Trog schüttet, sagte der Vater gestern zornig, stieß den Teller von sich und ging ungegessen zu Bett. Und der Vater kann doch nicht immer rechtzeitig da sein! Er hat ja soviel auf den Bauten zu tun! Das müßte Mutter doch einsehen! Ich will es ihm heute auftragen und mich danebensetzen und ihm zusehen. Nun muß ich eilen. Gute Nacht, Onkel! Gute Nacht, Tante!« –   »Guten Abend«, sagte jemand, der zur Tür hereingekommen war. Die Eltern sagten nichts. »Guten Abend, Vater! Guten Abend, Mutter!« wiederholte Gabriel. Da blickten die Eltern auf. »'n Abend«, sagte der Vater. Und schon wollte er die strenge Frage stellen: wo bist du gewesen? obgleich er natürlich wußte, wo Gabriel gewesen war – da reichte ihm dieser die Hand. »Guten Abend, Vater!« 72 Der Vater sah den dreisten Jungen einen Augenblick fast zornig an; dann ging es doch wie Wärme über ihn, er gab Gabriel Zeige und Mittelfinger der rechten Hand. Gabriel schauderte es, als er sozusagen zum erstenmale die edelkräftigen Finger des Vaters mit den langen Nägeln in seiner Hand fühlte. Er sah zu Boden, er hätte in die Erde sinken mögen vor Scham, denn der Vater dachte in diesem Augenblicke gewiß, sein Sohn sei ein Weichling geworden. Jetzt räusperte sich der Vater heftig und fast zornig. Gabriel biß die Zähne zusammen, reichte der Mutter ohne aufzusehen die Hand und preßte zwischen den Zähnen hinaus: »Guten Abend, Mu–« – Bei »Mutter« schluckte er. Nur mit Mühe hemmte er die Tränen. Mit Schaudern fühlte er sozusagen zum erstenmal die fleischigen Finger der Mutter mit den kurzen Nägeln in seiner Hand. Die Mutter sah Gabriel verdutzt an und dachte: »Ob der Junge krank ist?« Dann wandte sie sich ab, denn sie konnte ein Lächeln nicht verbergen. Sie lächelte aber nur, weil sie verlegen war, verlegen, weil sie sich schämte, denn sie konnte sich nicht verhehlen, daß das Liebeszeichen des Kindes ihr wohlgetan hatte. Gabriel sah das Lächeln, »sie hält dich für einen Schwächling«, rief es in ihm, er wurde rot und verließ eilig die Stube. Einen Augenblick war es still zwischen den Eltern. Sie sahen einander indessen nicht an, sondern schauten jeder vor sich nieder. Hermann Großjohann dachte: »Der Junge . . . der Bursche . . . er will mich wohl zu Tränen rühren?« Franziska Großjohann dachte: »Warum tut er das nur einmal? Warum nicht immer, der Schlingel . . . lieber Gabriel!« Dann räusperte sich der Vater wieder, ging zu seinem 73 Rechenbuche und lief mit dem Finger die Zahlenreihen hinauf, so tuend, als ob er schnell zusammenzählen könnte; in Wirklichkeit aber faßte er nicht eine Zahl auf. Es stach ihn auch etwas im Auge. Gabriel kam nicht zum Abendbrote. Er lag im Bett, hatte die Decke über den Kopf gezogen, schämte sich, und weinte. »Aber ich muß durchhalten,« sagte er verbissen, »es ist meine Pflicht, ich bin der Klügste.« Er wußte, wenn es gar keinen Eindruck auf die Eltern gemacht hatte, würde er zum Abendessen gerufen werden. Aber er wurde heute abend nicht gerufen.   Brigitta kam kurz nach Gabriel, rechtzeitig vor dem Abendbrot, nachhause. Gabriel war schon in der Knabenkammer verschwunden. Nach den vergossenen Tränen war Brigitta milde gestimmt, und sie hatte beschlossen, heute besonders zärtlich zu sein, wie es für ein Mädchen leicht und schicklich ist. Ihr Vorhaben dünkte sie nicht schwer; als sie aber nachhause kam und alle die gewohnten Dinge sah, dünkte es sie sehr schwer. Doch sie hatte es sich vorgenommen –. Guten Abend zu sagen, brachte sie zwar nicht über sich, aber sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und sagte: »Ich bin müde.« Weiß Gott, wie schwer es ihr wurde, einzugestehen, daß sie müde sei! Freilich, daß sie Kopfschmerzen hatte, würde sie nie, unter keinen Umständen, bekannt haben, denn sie war doch kein weibischer Zärtling! Hermann Großjohann saß vor seinem Rechenbuche, er beschattete das Gesicht mit der Hand, um seine Rührung zu verbergen, denn das Mädchen durfte ihn doch nicht für einen Weibskerl halten. Er wartete nur darauf, daß sie noch das Wort »Vater« hinzufügen würde, daß sie sagen 74 würde: ich bin müde, Vater. Wie würde er ihr das Wort »Vater« mit Zärtlichkeit bezahlt haben! Er würde aufgesprungen sein und seine Tochter in die Arme geschlossen haben – aber Brigitta sagte das Wort »Vater« nicht. Plötzlich sprang Brigitta auf, verschwand ohne Nachtgruß in der Mädchenkammer, legte sich zu Bett, schämte sich, und weinte. Die Mutter hatte Brigitta nicht nachhause kommen sehen, denn sie stand bereits in der Küche am Herde; aber sie war heute unsicher geworden durch das Benehmen der Kinder, und so kam es, daß auch Brigitta nicht zum Abendbrot gerufen wurde. Kastor und Pollux Frau Franziska fehlte während dieses Monats in den Abendandachten der Kirche. Brigitta hatte richtig beobachtet. Die ältesten Kinder tragend war Franziska fast bis zum letzten Tage in die Kirche gegangen, wenn sie Zeit hatte. Als jüngst Hermann ihr sagte, er sähe nicht gerne, wenn sie guter Hoffnung über die Straße ginge, war sie zornig geworden und hatte erwidert, sie lasse sich durch niemanden ihren Gott und ihre Mutter Gottes verbieten. Hermann aber hatte gesagt: »Nur die Arbeiterfrauen gehen schwanger über die Straße und in die Kirche, Damen nicht.« Von da an blieb auch Franziska zuhause. Am Nachmittag eines Tages, als Brigitta wieder bei Endenichs war, als der Engel des Herrn läutete und Franziska, ihre Arbeit einen Augenblick unterbrechend. kniend Marias Worte auf die Botschaft 75 des Engels wiederholt hatte: Siehe, ich bin eine Magd des Herrn – da mußte sie plötzlich aufstehen und schleunigst das Bett aufsuchen. So früh hatte sie die Geburt nicht erwartet, nicht einmal Karitas Helfereich war zuhause. Selbst Franziska mußte unter Schmerzen grimmig darüber lachen, daß sie nicht rechtzeitig eine Hilfe haben konnte, obschon eine Hebamme als Magd bei ihr diente. Franziska hatte bis jetzt sieben Kinder geboren, die vier schon großen, das namenlose Mädchen, das gleich nach der Geburt gestorben war, und ein Zwillingspaar, das nebenan in der Kammer still spielte. Es waren zwei Knaben, der Vater hatte sie natürlich Kastor und Pollux geheißen und selbst bei der Taufe vor dem Pfarrer die Namen durchgesetzt, nachdem er sich dazu verstanden hatte, sie in die christlichen Karl und Paul sozusagen einzuwickeln. »Das sind ja Namen für Hunde!« hatte Franziska gerufen, aber sobald sie erfahren hatte, wer Kastor und Pollux waren und daß Glanz und Größe der Familie mit den Namen verbunden war, gab sie willig nach. Sie rief die Knaben indessen Karl und Paul, Kastor und Pollux mochten sie für die Welt heißen. Franziska hatte bei der Geburt dieser Zwillinge solche übermenschlichen Schmerzen gelitten, daß sie Gott inständig gebeten hatte, sie lieber sterben zu lassen, als daß sie noch einmal unter solchen Schmerzen Kinder bekäme; und daß er es doch mit diesen beiden genug sein lasse. Auch jetzt litt sie. Eben tat sie, so allein daliegend, den Mund auf und sagte: »Ich will – nie wieder –«, da öffnete sich die Tür, und Karitas kam eilig herein. Während der kurzen Zeit, da die Tür offen war, um Karitas 76 hereinzulassen, hörte Franziska in der Nebenstube Philipp sagen: »Ich meine, wir hätten auch bald Kinder genug.« Im ersten Augenblick erschrak Franziska. »Wie, Philipp weiß das auch schon? Was für Kinder sind das nur, welche Dinge wissen, die wir kaum als Verheiratete wußten?« Im zweiten Augenblick mußte sie über die trockene Weise Philipps laut lachen – und sieh da, das Kind war da! Sozusagen mit dem kühnen Satze eines Zirkusmannes hatte sich der Knabe in die Arena des Lebens hereingeschwungen. Auch der Knabe schien zu lachen, selbst Karitas lachte. Franziska aber sagte, selig und unter Tränen lachend: »So will ich noch viele, viele Kinder haben!« Dieser Knabe aber war das letzte. Nach einiger Zeit schlich sich eine Ratte in das Bettchen des Kindes. Man hat gehört, daß Ratten kleine Kinder getötet haben. Der Knabe aber würgte die Ratte, ohne durch Schreien die schlafende Mutter zu wecken. Da beschloß der Vater, den starken Knaben Herkules zu nennen. Franziska rief zornig: »Das ist der Name eines Zirkusmannes!« Als aber Hermann sie belehrte, daß Herkules die Schlangen der bösen Göttin Hera in der Wiege erwürgt habe und daß also Glanz und Größe der Familie in gewisser Weise mit dem Namen verbunden sei, gab sie willig nach. Diesmal aber gelang es Hermann nicht, den Pfarrer zu bestimmen, den Namen ins Kirchenbuch einzutragen. Der Pfarrer sagte: »Das ist ein aufgeklärt-gemäßigter Name, nein, Freundchen – ich meinte, bedaure, Herr Großjohann, das ist nicht gestattet! Ich glaube ja, daß die Geschichte mit der Ratte ein Zeichen 77 Gottes ist, daß der Knabe berufen sein mag, dereinst die vielköpfige lernäische Schlange der Aufgeklärt-Gemäßigten zu töten und den Augiasstall der Aufgeklärt-Gemäßigten auszumisten, aber ich schlage Ihnen Georg vor. Der heilige Georg war ein Ritter und Drachentöter.« 78   Zweites Kapitel Der Heilige In der graugrünen hohen Hallenkirche der Minnebrüder spielte sich die sonntägliche Hochmesse ab. Unter den vom Kalksinter gleichsam bemoosten Gewölben standen, aus silbernen Kübeln am Boden aufrauchend, Wolken von Weihrauch. Sänger und Musikinstrumente auf der rückwärtigen Orgelbühne sah man nicht, und so war es, als ob Schwärme unsichtbarer, da oben über den Wolken kreisender Engelschöre vielstimmig und unirdisch sängen zum Preise des ungeheuern Gottes. Wenigstens einer unter den tausend Andächtigen hatte vor seinen geistigen Augen dieses himmlische Gesicht. Zu hinterst standen dichtgedrängt und aufrecht die Männer. Vor ihnen in geschnitzten Bänken hockten die Frauen, vor diesen knieten auf Schemeln die Kinder, und vor denen, ganz nahe dem goldenen Altare, lag ein Knabe ausgebreitet im Gebete. Jetzt stand er, jetzt kniete er nieder, jetzt neigte er das Haupt, jetzt beugte er den Rücken, jetzt warf er sich hin und berührte mit der Stirn die Erde. »Wenn doch mein Junge auch so fromm wäre!« dachte manch andächtige Frau in den Bänken; »freilich, ich würde seinen 79 Rock bei einem besseren Schneider machen lassen.« Unter den Männern dachte der ein' und andere: »Seht da den Pharisäer!« Undeutlich im Kerzengeflimmer und fast schleppend an der Last seines Goldbrokates wandelte der amtierende Priester vor dem Altare. Jetzt stand er in der Mitte – und jedesmal, wenn in seinem Gebete der Name Jesus vorkam, ließ er sich auf ein Knie nieder; jetzt stand er auf einem der Flügel des Altares, und jedesmal, wenn in seinem Gebete der Name Jesus vorkam, neigte er das Haupt. Der Knabe betete nicht wie viele der Männer aus einem Buche – »nichts dränge sich zwischen dich und mich, mein Jesus« – er neigte den Kopf – »sondern du seist ganz mein und ich sei dein!« Er ließ auch nicht die Perlen eines Rosenkranzes durch die Finger gleiten wie viele der Frauen – »du willst nichts Geistloses, sondern das Beste von mir wie ich von dir, mein Jesus« – er neigte den Kopf. »Ich gebe mich dir hin, mach' aus mir, was du willst, nur nichts Kleines und Erbärmliches, nichts vom Alltage und nichts wie alle anderen Menschen, mein Jesus« – er neigte den Kopf. »Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe jetzt und in Ewigkeit!« Die Hohe Messe war zu Ende. Das Volk entströmte dem Kirchentor gleich einem Brunnenmunde, verlief sich und versickerte wie Wasser in allen Straßen und Winkeln der Stadt. Auf der Kirchentreppe sagte eine Frau zur andern, indem sie den noch warmen Rosenkranz einsteckte: »Habt Ihr's auch schon gehört, Liebste, von unserer Nachbarin? Nein? Die tat immer so stolz mit ihrer saubern Tochter. Na, da will ich Euch mal erzählen . . .« Und 80 ein Mann sagte zum andern, indem er sein Gebetbuch, auf dem noch frische Fingerabdrücke sichtbar waren, in die Rocktasche schob: »Also wir machen das Geschäft, nicht wahr?« . . . Der Knabe stand, als er dies sah und hörte, wie erstarrt auf der Treppe. Er meinte, es zerschneide ihm das Herz, und es schien einem ihn beobachtenden Herrn, als wollte der Kleine kopfschüttelnd sagen: Diesen Weltsinn versteh' ich nicht! Jetzt legte der Herr dem Knaben die Hand auf die Schulter und frug: »Wie heißt du, mein Junge?« Der Knabe sah den fremden Herrn mit heißen und festen Blicken an. Dann sagte er: »Philipp Emanuel Großjohann.« »So, so!« sagte der Herr, »daher!« Und nach einer Weile: »Ich kenne deinen Vater. Ich bin ein Geschäftsfreund deines Vaters. Ich bin Bankdirektor Hagelstange.« »Sind Sie auch einer von denen da, die noch den Namen Jesus auf der Zunge schon das Wort Geschäft auf den Lippen haben?« frug Philipp heiß und streng. »Laß mich dir erst erzählen, mein Sohn. Komm, gehen wir unter den Pfalzlauben spazieren. Du gefielst mir, und ich beschloß, deine Bekanntschaft zu machen.« – »Aber bitte die Hand von meiner Schulter nehmen, das kann ich nicht ertragen«, sagte der Knabe. – »Schön, wie du willst! Du bist mit Zärtlichkeit nicht verwöhnt, scheint mir. Und so will ich dir denn zuerst sagen, was mir nicht an dir gefiel.« – »Bitte«, sagte Philipp Emanuel, und sein Herz krümmte sich in Demut. »Im Morgenland . . .« – »Sie waren im Morgenland?« frug Philipp Emanuel heftig, und eine 81 Weihe nahm für ihn der Menschenkörper an, der schon soviel Raum überwunden hatte. »Ja, und ich besuchte auch die heiligen Stätten, wo der Herr Jesus geweilt hat, und auch die heiligen Stätten der Mohammedaner. Da sah ich sie beten, die Türken und die Perser. Geradeso wie dich. Sie stehen da, sie beugen sich, sie knien nieder und werfen sich hin, und jedesmal, wenn sie den Namen Allah oder Mohammed aussprechen, neigen sie den Kopf. Aber so beten wir nicht. Wir Christen und besonders wir Deutsche beten mit dem Herzen. Wir sprechen mit Gott, der ins Verborgene schaut. Jesus sagte einmal: Das Himmelreich kommt nicht mit äußerlichen Gebärden, man wird auch nicht sagen: hier oder da ist es, denn wisset, das Himmelreich ist inwendig, in euch! Ich glaube ja, daß du mit dem Herrn Jesus im Verborgenen gesprochen hast. Aber das sollst du nicht zeigen. Der Mensch ist, was er ist, und nicht, was er scheint. Was er scheint, ist er meistens nicht. Es tat mir leid um dich, daß viele Leute gewißlich dachten: Seht da den Pharisäer! Ich glaube, daß du auch gebetet hast: Laß mich nicht sein wie die übrigen Menschen! Es tut mir leid um dich, denn du bist nicht wie die anderen Knaben. Kurz und gut: ich habe zwei Söhne, und ich möchte, daß du deren Freund würdest.« »Ich werde sie mir ansehen«, sagte Philipp Emanuel. Herr Hagelstange lächelte ein wenig. »Also gut, sieh sie dir an.«   Die »Freundschaft« Emanuels mit den beiden Hagelstanges war nun schon einige Zeit alt. Diese 82 fanden nichts Auffälliges dabei, daß der Vater, als er mit allen dreien am Sonntagmorgen spazieren ging, sich nur mit Emanuel beschäftigte, während sie beide stumm mitliefen. »Wenn er nur besseres Schuhzeug hätte!« dachte Fritz, denn am Sonntagmorgen war der Graben voller Leute. Sie kamen auf den Platz, wo das prächtige Sandsteinhaus der Hagelstange lag, und traten ein. Frau Hagelstange hatte am Fenster gewartet, denn sie war stolz auf den Mann und noch mehr auf die Söhne. »Aber da schleppen sie ja einen Jungen mit, und meine Söhne laufen nebenher wie zwei Hunde!« Als die Männer den Teppichpfad der Marmortreppe heraufkamen – »meine Söhne natürlich hinterdrein!« dachte bitter Frau Hagelstange – kreuzte sie kurz vor ihnen auf dem Treppenabsatz den Weg und verschwand in ihrem Zimmer. Herr Hagelstange trat allein bei seiner Frau ein. Die Knaben warteten in Herrn Hagelstanges Privatzimmer, das mit viel Holz und Leder ausgestattet war. Philipp Emanuel saß, die Hagelstanges standen, ihre langen Beine unbeholfen umeinander spielen lassend. »Was habt ihr diese Woche getrieben?« frug Philipp Emanuel. – »No . . . wir haben unsere Aufgaben gemacht, und so . . .« sagte Fritz. – »So, so, ihr habt eure Aufgaben gemacht«, sagte Philipp. – »Und wir haben uns rasieren lassen!« rief Heinz. – »So, so, ihr habt euch rasieren lassen! So, so!« – »Du solltest dich auch rasieren lassen, Philipp!« – »So? Meinst du, Heinz?« – »Das ist köstlich, sich rasieren lassen,« rief Fritz, »das kribbelt so angenehm ums Kinn. Das solltest du auch tun lassen.« – »Ja, ist 83 denn überhaupt schon etwas bei mir da?« frug Philipp, nach seinem grauen Kinn schielend. Die beiden Brüder wurden rot, denn bei ihnen war so gut wie nichts dagewesen. Heinz aber sagte: »Ja, du hast genug dreckige Wolle da herum.« Fritz dachte: »Der Philipp ist kein rechter Junge, sonst hätte er sich schon längst rasieren lassen.«   »Aber sieh ihn dir doch einmal an, Mechtild,« sagte Herr Hagelstange drüben zu seiner Frau, indem er den Kopf der Weinenden in seine Hände nahm, »und sei nicht eifersüchtig wegen deiner Söhne! Das ist etwas Außerordentliches!« – »Ich will nichts Außerordentliches sehen,« sagte Frau Mechtild, »ich will, daß meine Söhne brave und glückliche Menschen werden.« – »Nun, dann schon aus Höflichkeit. Glaubst du, der Junge empfindet es nicht, daß du ihn schneidest?« – »Das glaube ich nicht. Diese Menschen haben keine Nerven«, rief sie. – »Es wäre besser für sie, wenn sie keine hätten, aber sie haben welche, glaub' mir das. Man sieht es ihnen nur nicht an. Denn sie sind das Unterdrücken der Gefühle und die Selbstbeherrschung gewohnt wie Fürsten.« – »Fürsten mit dem schlechten Schuhzeug!« rief Frau Mechtild. »Aber Mechtild, ich kenne dich nicht wieder! Sonst die zärtlichste Frau und ein Engel in den Hütten und Dachkammern!« – »Genug, Maximilian! Wenn du es denn willst, sehe ich ihn mir an.« – »Ich will dir etwas sagen, Mechtild: dieser Knabe wird noch dein Stolz werden.« – »Nie! Nie!« rief sie. – »Abwarten!« sagte er. 84 »Was findest du denn überhaupt an ihm? Er mag ja klüger sein als die meinen . . .« sagte Frau Mechtild. – »Klüger ist zu wenig«, erwiderte Herr Hagelstange; »es ist eine höhere Art als wir, eine andere Rasse!« – »Meinetwegen! Meinetwegen! Aber jedenfalls sind meine besser gekleidet!« – »Mach' dich nicht lächerlich, Mechtild.« – »Ich kann ihn nun einmal nicht leiden!« rief sie, mit dem Fuße aufstampfend. – »Das ist kein schlechtes Zeichen für einen Menschen, wenn man bestimmt meint, daß man ihn nicht leiden kann. Vor den Lauen und Flauen weiß man das nicht von vornherein. Die Großjohanns, und seien sie auch noch so klein, sind schon Charaktere. Sie fordern es heraus, daß man sie liebe oder hasse. Sie wollen geliebt oder gehaßt werden, wie sie selbst nicht anders können als lieben und hassen.« – »Du bist nun mal in den Vater vernarrt und wirst es jetzt in den Sohn«, spottete sie. – »Ja, was gefällt mir eigentlich an den Großjohanns?« frug sich Herr Hagelstange selbst. – »Die überlegene Art! Die höhere Rasse!« höhnte sie. – »Die Weihe des Unglücks, Mechtild!« Sie schwiegen. »Laß uns Philipp Emanuel zu unserer Familie rechnen, Mechtild«, sagte Max Hagelstange, ihre Hand fassend; »unsere Söhne haben keinen Schaden davon. Denk', Engel Mechtild, Philipp ist eine mutterlose Waise.« – »Wieso? Er hat doch eine Mutter!« – »Er hat keine Mutter. Seine Mutter ist eine Löwin. Sie hat ihre Kinder mit gefährlicher Milch gesäugt. Sie wird sich jeden Augenblick für sie in Stücke reißen lassen, aber sie ist ihnen keine Mutter.« »Ich werde ihn mir ansehen, Maximilian«, sagte 85 sie mit gesenktem Blicke. – »Ich danke dir, Mechtild.« Er küßte ihre Hand.   »Das ist Philipp Emanuel Großjohann, der Sohn des Bauherrn. Das ist meine Frau, Philipp.« Philipp war aufgestanden. Er sah Frau Hagelstange steif an. Sie trug ein anschließendes Kleid aus dunkelrotem Samt. Philipp sah schweigend die stattliche Dame an, indem er mit dem Gekränktsein kämpfte, weil sie auf der Treppe an ihm vorbeigegangen war – und sie gefiel ihm. Frau Hagelstange sagte auch nichts. Sie sah schweigend und prüfend den Jungen an, indem sie mit Eifersucht und Abneigung kämpfte – und er gefiel ihr. Da ging Philipp auf sie zu, ergriff ihre Hand und sagte einfach: »Seien Sie gut zu mir.« Er hatte das Herz der Frau erobert. Sie legte ihm die Hand auf den Kopf und sagte: »Ich bin gut zu dir, meine Junge.« Dann ging sie eilig hinaus, denn so etwas war ihr noch nicht vorgekommen. Befriedigt setzte Herr Hagelstange sich hin, und mit den jungen Herren Zigaretten rauchend, begann er ein Gespräch über dies und jenes. Nur immer er redete und Philipp. Halb belustigt und halb voll Achtung hörte der Mann die oft gar unreifen und grünen, niemals aber platten und immer strengen Meinungen des Jungen an. Die Söhne sagten nichts. So mochte wohl eine Stunde vergangen sein, da schlug im Nebenzimmer ein Fenster. »Ich will das Fenster schließen«, unterbrach leise Heinz, ging hinaus – und kam nicht wieder. Der Vater und der Gast redeten. »Da kommt der 86 Briefträger herüber,« unterbrach leise Fritz, »ich will sehen, ob er etwas hat«, ging hinaus – und kam nicht wieder. Hagelstange saß im Klubsessel zurückgelehnt und sagte allerhand mit Hilfe der starken Zigarettenwolken, die er aus seinem Munde blies, während er Philipp Emanuel anschaute, ihn gleichsam mit seinen Blicken wog. Eine Spur von Mißtrauen war in seinem Blicke. Mit einem leichten Beben hielt Philipp den Blick aus, mit einem Grade von Furcht, gewogen und zu leicht befunden zu werden. Aber nein, er hatte keine Furcht, und das Mißtrauen, sagte er sich, ist die üble Krankheit aller Weltmänner, die weise zu sein wähnen, wenn sie die Menschen von vornherein für erbärmlich halten. Jetzt sagte Herr Hagelstange, und sein Ton war ganz herzlich: »Wie alt bist du, Philipp?« – »16 Jahre.« – »Hm . . . frühreif . . . hm. Im Vertrauen, was willst du eigentlich werden, Philipp?« – »Ich will Geistlicher werden, Herr Hagelstange.« »Ei sieh! Das dachte ich mir auch: er sollte Geistlicher werden.« – »Im Vertrauen – ich will etwas ganz anderes werden!« »Etwas anderes werden? Du sagtest nicht die Wahrheit?« – »Nicht die Wahrheit und doch die Wahrheit. Geistlicher ist nur der nächste, aber durchaus nicht der einzige Weg zu meinem Berufe.« – »Was willst du denn werden, Philipp Emanuel?« »Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, zu niemandem davon zu sprechen?« – »Mein Ehrenwort!« – »Zu niemandem?« – »Zu niemandem!« »Ich will ein Heiliger werden!« Herr Hagelstange sprang auf. Er stand vor 87 Philipp, als wollte er ihn packen, dann gab er sich daran, auf und ab zu gehen. Plötzlich sagte er, fast böse: »Du bist verrückt, Philipp!« »Warum?« Das klang so kühn und kühl und sicher, und ein so fanatisches Feuer glühte in Philipps Augen, daß Maximilian Hagelstange vor ihm stehenblieb. Auch Philipp stand auf. »Im Ernst, mein Freund und Vater, warum sollte ich das nicht werden?« »Ja – warum – solltest du das – schließlich – nicht werden?« wiederholte langsam Herr Hagelstange und sah entsetzt den Knaben an. »Freund und Vater, wenn ich etwas will, ganz will , warum sollte ich das nicht erreichen?« – »Ja – warum solltest du das – nicht erreichen?« »Also wenn nur Wollen dazu notwendig ist –? Sehen Sie, ich bin nicht vermessen. Man kann nicht alles in der Welt mit dem bloßen Wollen erreichen. Wenn ich sagte, ich will Künstler werden, so wäre das eine Torheit, verrückt, wie Sie sagen, denn dazu gehört vor allem Begabung. Oder Schauspieler. Dazu bedarf's körperlicher Wohlgestalt. Der Sänger braucht eine Stimme, der Offizier Geld, und Staatsmann kann man bei uns nicht werden ohne Verbindungen und vornehme Geburt. Aber Heiliger – ? Was braucht's dazu als den Willen, es zu werden? Und Wollen ist wohlfeil.« »Ja, bei den Großjohanns!« rief Herr Hagelstange. »Nochmals, ich bitte, halten Sie mich nicht für vermessen. Gott hat gewußt, wie er seine Gaben zumaß, und mir hat er die kleinste gegeben.« 88 Hagelstange legte dem Knaben die Hand auf die Schulter und sagte: »Schweig. Du weißt nicht, was du sagst« – »Im Ernst –« sagte Philipp. – »Ernst!« rief Herr Hagelstange, »bitterer Ernst! Großjohann heißt eine Welt außer der Welt. Weißt du denn nicht, kleiner Mann, daß es der Welt gerade an dem fehlt, was euch selbstverständlich ist?« – »Das glaube ich nicht.« »Schweig! Du kennst die Welt nicht. Lerne sie nie kennen! Dich wird ekeln!« »Also hab' ich unrecht?« frug Philipp. – »Nein, du hast recht! Ich bin vollkommen überzeugt. Und du wirst erreichen, was du willst, davon bin ich vollkommen überzeugt.« »Sie sagen, ich sei weltfremd, mein Vater. Auch das ist nicht wahr. Ich habe es wohl bedacht. Es hat immer Heilige gegeben. Der eine hat gefastet. Was ist dabei? Der andere hat sich der Weiber enthalten. Was ist denn dabei? Wieder ein anderer hat sich vor seinen Versuchungen in Brennesseln und Dornen gewälzt. Einer hat immer in Einsamkeit in der Wüste gelebt, einer auf einer Säule, und noch einer, in einem Stadtkloster, hat vierzig Jahre lang nicht aus dem Fenster seiner Zelle auf die Straße geschaut.« »Schrecklich! Schrecklich! Vierzig Jahre nicht aus dem Fenster auf die Straße schauen!« stöhnte Herr Hagelstange. Philipp aber rief mit glühenden Augen: »Ich frage, was ist denn dabei?« »Nichts ist dabei! Nichts ist dabei! Nur ich und alle anderen könnten es nicht!« »Und so etwas Weltfremdes will ich gar nicht. Ich will ein Heiliger aus dem Volke und im Volke sein. Es hat auch in neuer und jüngster Zeit Heilige 89 gegeben. Denken Sie an Franz von Sales, an Vinzenz Liguori, an Gerard Majella.« – »Und Philipp Emanuel Großjohann wird sich dieser Reihe anschließen?« frug der Bankdirektor und strich dem Knaben liebevoll über die Haare. »Ja«, sagte fest Philipp Emanuel. Emanuel aber heißt: Gott sei mit uns! »Meiner Frau darf ich sagen, daß du Geistlicher werden willst? Meine Frau ist fromm, mußt du wissen, das wird dich ihr empfehlen.« – »Meinetwegen, doch lieber nicht, die Weiber sind nicht reif dafür.« Hagelstange lächelte; er frug: »Weiß dein Vater, was du mir gesagt hast?« – »Um Gottes willen!« rief Philipp, »mein Vater darf das nicht wissen. Man darf nie vertraulich sein, am wenigsten mit seinen Blutsverwandten, auch mit sich selbst nicht. Man kramt sonst zu sehr in seinem Innern herum, und das ist immer schamlos.« Frau Hagelstange kam herein. »Kommt ihr denn nicht zu Tische? Die Küche hat schon dreimal geläutet. Willst du mit uns essen, Philipp?« – »Gern«, sagte Philipp Emanuel herzlich, denn er hätte kein Mittel gewußt, sich aus der milden Luft, die um diese mütterliche Frau war, und aus dem Frieden und der Behaglichkeit des wohlgegründeten Hauses zu entfernen. »Dann will ich deine Eltern benachrichtigen lassen, daß du bei uns issest«, sagte der Bankdirektor. – »Das ist nicht nötig. Wer nicht da ist, ist nicht da«, sagte Philipp. »Entsetzlich, diese Familie!« dachte Frau Hagelstange, »wie in einem Gasthause!« 90 Der Wechsel Es war am Tage der Halbjahrswende. Die Frühpost um 8 Uhr brachte einen Unglücksbrief. Um 9 Uhr klingelte es. Als Frau Franziska die Tür öffnete, stand draußen ein ernster, leicht ergrauter Mann, »ein besserer Mann aus dem Volke«, dachte Franziska, der am starken Riemen eine große wohlverschlossene schwarze Ledertasche trug. Dieser Mann wußte von vielen Schicksalen zu erzählen, wußte, daß er nirgendwo gern gesehen war, und drückte in seinem Ernst die Unerbittlichkeit des Geldgeschäftes und in seiner zuverlässigen Erscheinung aus, daß er sein Amt eines Kassenboten nur durch Sicherstellung von zehntausend Mark erhalten hatte. Obgleich er selbst ein ganz armer Mann war und erst den starken Leo zu bürgen vermocht hatte, so lag doch in seinem Wesen etwas vom Hochmut des Geldes und vom Machtgefühl der Bank. Er schien die Armen zu verachten. Er trug einen etwas schäbigen vieljährigen dunkeln Überzieher, eine schwarze Halsbinde, als wäre er stets in Trauer, und einen steifen schwarzen Hut, der röhrenförmig doch kein Zylinder war. In der Art seines Grußes drückte er aus, was er zu finden erwartete. Wenn er den Hut lüftete, so hieß es: hier wird wie immer bar bezahlt! Wenn er den Hut nicht berührte, das bedeutete: letzte Stunde! Aus! Nichts zu machen! Er hatte sich im Laufe der Jahre angewöhnt, vor Großjohanns Tür den Hut, der röhrenförmig doch kein Zylinder war, in der Hand zu halten. Heute sah er in Frau Großjohanns bekümmertes Gesicht – » so 91 stehen hier die Sachen? Ah!« dachte er und setzte schnell den Hut auf. Mit trockener erzener Stimme sagte er: »Sie sind durch die Post benachrichtigt worden, daß der Bauunternehmer Kreutz den Ihnen für Ihre Forderung von ihm ausgestellten Wechsel auf 10 000 Mark gestern zurückgewiesen und seine augenblickliche Zahlungsunfähigkeit behauptet hat. Sie sind daher an seiner Stelle für die Einlösung haftbar. Der Wechsel verfällt in 24 Stunden. Darf die Bank auf reine Rechnung zählen?« frug er, obgleich seines Amtes nur war, den Wechsel vorzuzeigen. Er wollte damit seine Hochachtung vor der untadeligen Baufirma Hermann Großjohann ausdrücken. Was tut man nicht, wenn man jemanden ins Herz geschlossen hat! Franziska Großjohann, die sehr unwirscher Laune war, beantwortete die Frage mit einem kurzen Ja. »Sehr gut,« nickte der Bankbote und nahm seinen Hut wieder ab, »der Wechsel soll wohl jetzt gleich gegen die Summe ausgehändigt werden, oder –« – »Er wird morgen vor 9 Uhr eingelöst werden«, sagte Frau Großjohann. – »Gut,« sagte der Bote und setzte den Hut wieder auf, »also morgen, Gebäude der Westdeutschen Bank, Schalter 7.« Er schloß das Papier in die schwarze gediegene Ledertasche zurück, deren silbernes Schloß kräftig einsprang. Da war Franziska Großjohann so unvorsichtig, sich einen Augenblick gehen zu lassen und zu flüstern: »Ich hoffe . . .« Erstaunt sah der Bankbote sie an. »So, so, sie hofft nur!« dachte er, bereute seine Weichherzigkeit und verabschiedete sich mit dem Gruße, den er bereit hatte für die kleinen Geschäftsleute, bei denen man von Wechsel zu Wechsel nie wußte wie und wo: er legte den Zeigefinger an den 92 Rand des Hutes, der röhrenförmig doch kein Zylinder war. Gabriel, der nicht wußte, warum heute früh die Eltern plötzlich so niedergeschlagen waren, denn sie sprachen nicht zu den Kindern, nahm entschlossen den auf dem Tische liegenden Geschäftsbrief in die Hand. Zu seinem Erstaunen verbot der Vater es nicht. Gabriel las: »Heute ist mir der Wechsel über 10 000 Mark auf Westdeutsche Bank vorgezeigt worden, den Sie vor drei Monaten als Zahlung der für mich an meinem Neubau Eginhardstraße ausgeführten Maurerarbeiten von mir erhalten haben. Ich bedaure, nicht in der Lage zu sein, ihn morgen einzulösen, und erwarte, daß Ihre Firma es tut. Für Anfragen usw. bin ich nicht zuhause, da ich heute zur Jagd ins Gebirge fahre. Hochachtend usf. Kreutz.« Wie der Vater in Gabriel einen Mitwisser seines Leides sah, war es, als ob ein Deckel von seinem überhitzten Herzen spränge. »Diese Unverschämtheit!« rief er aus; »daß er nicht zahlen kann, ist nicht das Schlimme, das kann dem Besten von uns zustoßen. Aber daß er mir das erst heute mitteilt, was er selbst lange gewußt hat, als ob man 10 000 lose in der Westentasche trüge, mitteilt in so formloser dreister Art! Wenn ich nun den Wechsel nicht einlöse, ist er zugrunde gerichtet! Und dann fährt er auf die Jagd! Solch ein Zwerg, der von der Gnade von uns großen Unternehmern lebt, hält sich eine Jagd! Woran ich, Großjohann, nicht einmal zu denken wagte, denn es ist unanständig, wenn sich unsereins als großen Herrn aufspielt.« Hermann Großjohann war tief erschüttert. Auch die Kinder waren erschüttert. Brigitta saß 93 still in einer Ecke. Da frug Gabriel: »Vater, haben Sie denn das Geld nicht?« – »Da liegen die 10 000,« antwortete der Vater, auf den Schrank weisend, »aber sie sind heute fällig als Zinsen für die Hypotheken des starken Leo. Jetzt muß ich zu dem hingehen und betteln, sich zu vertrösten.« – »Also ist es doch nicht hoffnungslos, Vater,« sagte Gabriel – fast hätte er gesagt: lieber Vater, doch ein anderesmal! – »ich habe gehört, der starke Leo ist ein menschenfreundlicher Mann.« – »Ich zweifle nicht, daß er sich getröstet« – fast hätte der Vater gesagt: daß er sich getröstet, Gabriel! – »aber daß ich ihn bitten muß . . . !« »Ich muß zur Schule,« sagte Gabriel, »aber gehen Sie nur hin, Vater, es wird schon gut werden.« Jetzt wurde es Gabriel ganz leicht, Vater und Mutter die Hand zu geben, und im Fortgehen wünschte er sich wohl noch mehr solcher Unglückstage, an denen Zärtlichkeiten so leicht waren.   »Aha,« sagte der starke Leo, »Herr Großjohann! Das ist mir eine Ehre, wenn mich Herr Großjohann besucht!« Leo war alt und grau, stand schwach auf den Beinen, zitterte mit den Händen und dem Unterkiefer und trug eine Brille, hinter der seine glanzlosen Augen unnatürlich groß erschienen. Weil er schwerhörig war, schrie er: »Solcher Geschäftsleute müßten wir mehr haben! Wie? Sagten Sie was? Aufrecht, zuverlässig, kühn, doch nicht verwegen, ja, solcher Geschäftsleute müßten wir mehr haben. Dann gäbe es nicht diese Schwindler . . .« – »Gerade ein solcher Schwindler hat mich zu Ihnen geführt . . .« nahm Großjohann auf. – ». . . dann wäre das 94 Geschäft noch eine Freude, während es heute ein Kreuz ist . . .« fuhr Leo fort. – »Ja, dieser Kreutz,« suchte Großjohann einzuspringen, »eben den meine ich . . .« – ». . . ein Kreuz,« rief der andere, »das einem die Lust und Liebe zur Sache nehmen könnte. Ich weiß, daß ich im Rufe stehe, ein schlechter Geschäftsmann zu sein . . .« – »Oh, oh«, warf Großjohann ein. – ». . . weil ich Geschäfte nicht nur mit dem Kopfe, auch mit dem Herzen mache!« schrie der starke Leo; »so ist heute die Welt. Solche Leute verachtet man.« – »Keine Ursache wahrlich . . .« wehrte Großjohann ab. Der junge Leo kam herein. Er begrüßte Großjohann freundlich. »Ach, Herr Großjohann! Pünktlich mit den Zinsen!« – »Heute ist der Erste . . .« sagte Großjohann, »ja, das heißt . . .« Aber der alte Leo schrie wieder: »So ist heute die Welt! Ich helfe gern jungen aufstrebenden Talenten und sehe bei der Zinszahlung am Ersten mal durch die Finger, der Welt zum Ärger und meinem Herrn Sohne, haha! Aber ich hab' natürlich doch lieber, wenn die jungen aufstrebenden Talente, schon um ihrer selbst willen, damit sie nicht verludern, pünktlich am Ersten mit den Zinsen erscheinen, wie wir es von Herrn Großjohann gewohnt sind. Ja, ich sag' immer wieder, wenn wir mehr solcher Geschäftsleute hätten . . .« So redeten Großjohann und Leo eine Viertelstunde aneinander vorbei. »Vater, du siehst doch, daß Großjohann heute nicht zahlen kann«, sagte der Sohn. Stille. Der Alte faßte die Enden seines Brillengestelles mit Daumen und Zeigefinger einer jeden Hand und rückte die Brille zurecht, als müßte er genauer 95 zuschauen. Dann sagte er: »Wie . . . was . . . Herr Großjohann sagte doch, er käme, die Zinsen zu zahlen? Heute am Halbjahrsersten?« – »Das eben nicht, hörst du doch«, rief ihm der Sohn ins Ohr; »du solltest nicht soviel schwatzen, Alter, sondern mehr zuhören. Der Großjohann kann nicht zahlen.« – »Oh, das macht nichts!« schrie der Alte mit bebender Stimme den Sohn an, »das macht nichts, hörst du! Noch bin ich der Herr im Hause! Noch habe ich zu verfügen! Verstanden!« Der Sohn zuckte kurz mit seinen Schultern und saß da mit gekniffenen Lippen. »Das macht nichts, Herr Großjohann, wenn Sie augenblicklich nicht zahlen können. Im Gegenteil!« rief der Alte und sah giftig seinen Sohn an, »es ist mir eine Ehre, eine Freude, ein Vergnügen, Ihnen einmal dienen zu können, Herr Großjohann. Wenn wir mehr solcher Geschäftsleute hätten . . . !« – »Was war das mit dem Kreutz, Großjohann, sprechen Sie«, sagte kurz und scharf der junge Leo. Großjohann erzählte, daß die 10 000 für die Zinszahlung bereit lägen, ja, er habe sie in der Tasche. Er sei nur in die Verlegenheit gekommen durch diesen Kreutz, diesen Schwindler, der eben heute den Wechsel einzulösen abgelehnt habe. Wenn er sich auch nur 8 Tage darauf hätte vorbereiten können, wäre natürlich alles in Ordnung gewesen. – »Hm, ja, das versteht man,« brummte der Sohn. »das kann ja vorkommen, das ist ja wohl möglich. Wir können Ihnen die Zinsen einen Monat stunden und Sie verzinsen mit 8 v. H.« Der Sohn hatte leise gesprochen, aber der Vater hatte sich horchend so angestrengt, daß er alles verstanden hatte, und schrie: »Was, 8 v. H.? Nichts vom Hundert! Was, einen Monat 96 stunden? Ich stunde sie ihm ein Jahr, ich schenke sie ihm . . .« Er zitterte; Großjohann fürchtete, es könnte ihm etwas zustoßen. »Davon ist ja keine Rede,« sagte Großjohann, »von Schenken! Wenn Sie mir nur einen Monat stunden wollen. Ich bin auch zu einem mäßigen Zinsfuße für die Stundung bereit. Nach einem Monat ist alles in Ordnung.« – »Aber gewiß! Aber sicher!« rief der alte Leo, »machen Sie sich keine Sorge! Schlafen Sie ruhig! Und nichts von Erhöhung der Zinsen! Und wenn Sie nach einem Monat nicht können, kommen Sie nach zwei, und wenn dann nicht, nach einem halben Jahre. Es soll mir eine Ehre sein! Wie war es doch auch mit dem Kreutz – ?« Großjohann erzählte noch einmal die Geschichte des Wechsels. Der Alte verstand und sagte: »Der Unverschämte! So kann ja der Ehrlichste und Reichste an den Bettelstab gebracht werden! Wer hat 10 000 Mark in der Schublade liegen? Aber, Herr Großjohann, vor dem Kreutz habe ich Sie schon gewarnt. Sie sehen, daß ich recht gehabt habe. Lassen Sie sich nicht mehr mit dem ein!« riet er. – »Nein, jetzt sicherlich nicht mehr,« sagte Großjohann, »und Sie haben auch recht gehabt.« Und er dachte: »Wenn du jemand 10 000 Mark schuldig bist, mußt du mindestens gute Lehren von ihm anhören.« Er verabschiedete sich. Der alte Leo entließ ihn mit großer herzlicher Freundlichkeit, der junge Leo sagte nicht mal ein Wort. Vor der Tür trocknete Großjohann den Schweiß von der Stirn. 97 In Gottesruh Vor der Stadt gegen das Gebirge zu lag in einem anmutigen herbstbunten Tale das Kloster Gottesruh, weiß und grün. Grün waren die Gewände der Fenster und Türen, die flachen Pilaster und die Simse unter der Traufe. Das Dach war mit roten, aber bemoosten Schindeln gedeckt und überragt von dem gefälligen Zwiebelturme der Kirche. In dem Kloster war eine berühmte höhere Schule, die alle guten Familien der Stadt und darum noch mehr die werdenden neuen Familien der Bauunternehmer mit ihren Söhnen beschickten. Vor der weißen Langseite des Baues stand ein Wäldchen schöner Edelkastanien, eine einzige Kuppel herbstroten Laubes auf sieben schwarzen Baumsäulen. Sie spiegelte sich in dem mächtigen Rund eines Wasserbeckens von fast römischen Maßen. Das Spiegelbild aber wurde beständig zerbrochen von dem Rückfall eines starken Wasserstrahles, der aus der Mitte des Brunnenbeckens bis zur Gesimshöhe des Gebäudes aufbrauste. Ein riesiger grüner Plei umrahmte das Wasserspiel. Der grüne Rasen war sehr abgenutzt, als ob er als Spielplatz diente. Eine Glocke läutete drinnen kurz und laut, und noch war ihr letzter Ton nicht verhallt, da stürzten aus einem vergitterten Bogen unter der Freitreppe lärmend die Schüler auf den Plei, während die Lehrer, die schwarzen Benediktiner, die Freitreppe aus körniger Nagelfluh langsam herabkamen. »Uns läßt man gleich Gladiatoren durch ein vomitorium aus dem Keller in die arena hinaus, während Zeus und die übrigen himmlischen Götter und Halbgötter die 98 Treppe herabwallen«, sagte Philipp Emanuel zu Fritz und Heinz Hagelstange. Die Hagelstanges fanden sich mit der Ordnung ab in der Art reicher Kinder, die auch das Unbequeme der Welt als ein gottgewolltes Schicksal gleich dem Wohlstande ihrer Eltern zu betrachten gewohnt sind. Die Armen sind mit nichts zufrieden. – »Dann stürme gleich einem Gladiator in die arena hinaus und prügle dich mit uns,« sagte Heinz, die Arme erhebend, »wollen mal sehen, wer da«– das ›da‹ betonte er – »der Stärkere ist!« – »Bah!« sagte Philipp Emanuel und verließ sie. Bald sah man auf dem Rasenplei nur verschränkte Arme und fliegende Beine und hörte Kreischen und Schreien. Auch das Reißen eines Rockes – und es war auffällig, daß allemal, wenn ein Rock zerrissen wurde, es ein guter Rock war. Unter der weißen Gartenmauer her gingen andere Knaben, das waren die Gesetzteren, die Klügeren, die Reifen, diejenigen, die eine Zukunft vor sich hatten und auch in der Spielstunde sie mit heißen Sinnen erstrebten. Sie wandelten mit den würdigen Schritten der Lehrer, und diese Knaben waren bescheiden gekleidet. Einige lasen auch aus umgebrochenen Büchern. Alle Knaben aber staken in Halbschuhen, schwarzen Strümpfen und engen Kniehosen, und bei allen stieg der Kragen über den Rock, auch über den gutgeschneiderten, hinaus; bei den meisten war auch das Kragenknöpfchen hinten im Nacken sichtbar, doch das nur über bescheidenen Röcken. Die bescheidenen Röcke hatten jetzt im Schreiten innegehalten und standen in einer Gruppe vor der Mauer. Da wurde man an junge Tiere, an Hunde, Pferde, Kälber, Kamele erinnert. 99 Wie Fohlen über ihre eigenen langen Beine stolpern und junge Hunde nach ihren Pfoten springen, so schlugen die Jungens mit ihren Beinen nach hinten aus und nestelten und bastelten mit ihren Fingern an den Knöpfen der Jacke des Nachbarn herum. Indem sagte einer: »Dem Großjohann seine Mutter ist eine Viehhirtin gewesen.« – »Eine Viehhirtin«, wiederholten die anderen und sahen höhnisch Philipp Großjohann an. – »Ja, sie hat das Vieh gehütet im Gebirge, müßt ihr wissen. Der Kreutz sagt es, und der hat es von seinem Onkel Endenich gehört.« – »Das Vieh gehütet! Das Vieh gehütet!« schrien die anderen. »Was sagst du da?« frug Philipp Emanuel, und der dreiste Erzähler wich schnell hinter den Rücken des Nachbarn zurück. – »Ehe der Hahn dreimal kräht, verleugnet Großjohann seine Mutter«, sagte einer. – »Kikeriki! Kikeriki!« krähte die Gesellschaft. »Was sagst du da?« frug wieder und noch wilder Philipp. – »Ja, der Kreutz sagt,« rief der Erzähler hinter dem Rücken des Nebenmannes hervor, »daß dem Großjohann seine Mutter das Vieh hütete und einen Wolf getötet hat« »Einen Wolf getötet! Einen Wolf getötet!« kicherten nun alle und schlugen mit den Beinen nach hinten aus, einem Rudel Pferde gleichend, die von Wölfen bedrängt die Köpfe zusammenstecken und nach hinten ausschlagen. »Ist das wahr, Großjohann?« frug einer. Philipp Emanuel wurde rot und verlegen, denn er wußte nicht – er hatte nichts dergleichen gehört – aber da hatte er sich schon gefunden! »Ja, das hat sie auch«, rief er zornig aus; »sie hat die Herden 100 gehütet, und als ein Wolf in die Herde fiel, hat sie ihn getötet.« – »So, so? Hat sie ihn getötet? Wie hat sie das denn getan?« riefen sie. – »Nicht etwa mit einer Kugel aus dem Hinterhalte . . .« – »Sondern – ?« drängten sie. – »Sondern sie hat ihn am Halse gepackt, so –« Jetzt hatte Philipp den kleinen Schmäher, blitzschnell um den Nachbarn herumbiegend, am Halse gepackt, zerrte ihn hervor und würgte ihn, daß dem im Nu die Backen blau wurden und die Augen hervorquollen. Die anderen warfen sich dazwischen – »und hat ihn gewürgt!« rief Philipp, »sie hat sich mit ihm am Boden gewälzt und ihn langsam erwürgt.« »Der Großjohann ist nämlich dabeigewesen«, flüsterte einer höhnisch. Aber – »Halt's Maul, du Affe!« riefen ihm die anderen zu, denn die Kraftäußerung Großjohanns hatte sie überzeugt, daß da nichts zum Lachen war. »Erzähl', Großjohann, erzähl'!« »Nun,« sagte dieser, die Lage jetzt völlig beherrschend, »was denn weiter, sie hat ihn eben erwürgt. Und eure Mütter, was haben denn die getan, he? Sie haben vielleicht einmal Fliegen an der Fensterscheibe gefangen und haben ihnen die Flügel ausgerissen? Fragt sie doch einmal! Oder sie haben einmal mit Speck eine Maus in einer Falle gefangen und haben sich nicht entschließen können, das arme kleine Biest in einem Eimer Wasser zu ertränken. Es ist ja so niedlich, das Mäuschen, so niedlich . . . !« ahmte Philipp Emanuel höhnisch Mädchenstimmen nach. »Oder war es vielleicht eine Ratte? Und als die Ratte sich durch den Drahtkorb durchgebissen hatte, da sind sie kreischend auf die Tische und 101 Schränke gestiegen! He? Was haben also eure Mütter getan?« »Er hat recht! Der Großjohann hat recht! So sind die Mädchen!« stimmten alle bei. »Willst du, daß wir dem Silberzahn sein Maul stopfen? Willst du, daß wir ihn durchwalken, Philipp?« Voller Bewunderung standen sie alle um Philipp. – »Laßt den Wicht, er ist mir zu erbärmlich!« sagte stolz Großjohann. »Hihihi! Kikeriki!« krähten sie nun und lachten alle, »das ist richtig! Dem Großjohann seine Mutter! Bravo! Und die Mäuse! Und die Ratten! Wie sie auf die Stühle stiegen und schrien, und schrien: Mama! Mama! Das ist gut! So ist es! So schreien die Gänse von Mädchen!« So lachten sie und krähten, indem sie noch lebhafter als vorher mit den Beinen nach hinten schlugen, und sahen in höchster Achtung Großjohann an. Und jeder von ihnen suchte in seine Nähe zu kommen, sodaß ein Gedränge um ihn entstand wie um den Herrn Lehrer, wenn man einen Ausflug machte.   Die jungen Hagelstanges beschlossen, Philipp Emanuel zu ärgern, machten sich an die »Großen«, die demnächst die Schule verlassen würden, heran und luden Gabriel Großjohann, der bereits unter den Großen war, ein, ins Haus Hagelstange zu kommen. Gabriel dachte: »Warum soll ich mir nicht einmal Philipps Stiefheimat ansehen?« Eines Tages gingen er und Philipp gleichzeitig aus, ohne daß einer dem andern sagte wohin. Sie gingen nebeneinander ohne zu sprechen, und Philipp dachte: »Jetzt gleich muß er abbiegen.« Gabriel 102 aber bog nicht ab, ihr Weg blieb derselbe. Schweigend gingen die Brüder, ein wenig getrennt voneinander, nebeneinander her, und Philipp dachte: »Am Frankenplatz spätestens muß er für Merlins zum Seilergraben abbiegen.« Gabriel aber schlug nicht den alten Stadtmauerzug der Gräben ein, sondern betrat neben Philipp in der Sachsenstraße die Altstadt. »Er macht einen Umweg«, dachte Philipp. Und als der Schritt seines Bruders noch immer neben ihm schallte, frug Philipp plötzlich über die Breite des Gehsteigs weg: »Wohin gehst du denn?« Philipp war Gabrielen durchaus zuwider, und ob Gabriel zu allen Gliedern der Familie ein freundliches Verhältnis suchte, Philipp gegenüber konnte er es nicht. »Du wirst es ja sehen, Flipp!« sagte Gabriel kurz. Jetzt standen sie vor dem Hause der Hagelstange und hoben beide den Fuß, um die Schwelle zu betreten. »Was hast du denn hier zu suchen?« fuhr Philipp Gabriel an. – »Warum soll ich nicht zum Bankdirektor gehen?« gab dieser zurück. – »Du könntest dir doch daran genug sein lassen, daß du zu Herrn Merlin gehst!« – »Warum soll ich nicht auch zum Bankdirektor gehen?« sagte Gabriel. Philipp wußte nichts zu sagen. Kurz drehte er sich ab und ging fort. »Sollten die Hagelstanges Gabriel eingeladen haben?« dachte er. Dann würde er, Philipp, sie strafen, indem er ihnen für einige Zeit seine Gesellschaft entzog. Das war ein feines Haus, nicht so vornehm und still wie das Merlinsche, doch voll Leben und Luxus. Die Diener trugen weiße Handschuhe, und auf den Tischen lagen die Karten der Besucher mit Titeln und 103 Kronen. Auch zum Abendessen blieb Gabriel da. Der Bankdirektor litt ihn wohl, wenngleich Gabriel ihm still und nicht so strebsam wie Philipp erschien. »Gabriel ist kein rechter Großjohann«, sagte er zu seiner Frau, als sich die Kinder nach dem Essen zu Spiel und Gesang in die Nachbarzimmer verstreut hatten. – »Er ist ungläubig, sagt Philipp,« entgegnete Frau Hagelstange, »der Unglaube macht unfroh, ich mag ihn nicht.« – »Ja, Philipp ist nun mal dein Liebling!« sagte lächelnd Herr Hagelstange. – »Ja, ich habe Philipp Emanuel gern«, sagte träumerisch Frau Hagelstange; »warum mag er heute nicht kommen?« Um 10 Uhr abends kamen die Kinder, die beiden Söhne und die jüngeren Geschwister, zu Vater und Mutter zurück, und Gabriel schickte sich an zu gehen. Die Kinder küßten der Reihe nach Vater und Mutter obenhin auf die Stirn oder neben das Ohr. Eine steinalte eisgraue Tante im falben rauschenden Seidenkleide saß da, mit der niemand redete, die aber alle küßten. Sie sprach nur plattdeutsch und französisch und sagte zu dem küssenden Knaben, indem sie tiefsinnig zu Boden schaute und mit dem Zeigefinger auf ihre Stirn wies: » Embrassez-moi là, paaß op, domme Jong.« Ein Mädchen war unartig gewesen und sollte schwer bestraft werden: Vater und Mutter hielten ihm nicht die Wange hin, sondern reichten ihm nur die Hand. Als Gabriel das Küssen sah, wurde er rot und wandte sich ab. Fritz aber war, schien es, sehr unartig gewesen, denn die Mutter sagte: »Fritz, du bekommst auch morgen früh keinen Kuß.« Also auch morgens küßten sie sich? Und wohl immer so obenhin, auf die Stirn oder neben das Ohr? »Nein,« sagte Gabriel zu sich, »dann ist es 104 schon besser, wie es bei uns ist.« Er verabschiedete sich höflich, und Herr Hagelstange wagte nicht, ihn wieder einzuladen. »Schade, ich hätte ihn gerne näher kennengelernt«, dachte er; »das ist ein anderer Großjohann, ein sonderbarer. Er kommt sicher nicht wieder.« Gabriel kam nachhause und gab den Eltern wiederum die Hand. Aber der Vater, der in dieser Unglückswoche verärgert dasaß, erschrak über den plötzlich ihn anredenden Sohn und brummte: »Ach, laß mich in Ruh!« Da zog Gabriel die Hand zurück. »Den Eltern ist es lästig«, dachte er. Er gab fürder niemandem mehr die Hand. Er fühlte sich unglücklich und doch wie von einer Plage befreit. Eulenspiegel Eines Tages im vorigen Winter kam Eulenspiegel das Pappelland herauf in die Stadt und klopfte bei Großjohann an. »Was machst du hier, Eulenspiegel?« – »Ja, Großjohann, was mach' ich hier? Ich muß sie alle kennenlernen, die Leute, von denen man redet, um zu sehen, ob die Welt sich von ihnen keinen Staub in die Augen streuen läßt, denn die meisten Großen sind Blender. Wie ich hierher komme und alle Welt und die Kinder nur ›Großjohann‹ sagen höre, da denke ich bei mir: den Großjohann mußt du kennenlernen. Großjohann, ich warne dich vor mir! An den schwachen Tagen, wenn ich mich unten fühle, will ich mich an den Großen erbauen, und an den starken, wenn ich selbst obenauf bin, über sie spotten. Bald sehe ich sie durchs Vergrößerungs-, bald durchs Verkleinerungsglas!« – »Du scheinst noch immer der alte Wortkünstler und Schalk zu sein, 105 Eulenspiegel.« – »Unsere Haut ist ein Hemd, das wir nicht ausziehen können,« entgegnete der, »und wir brauchen's auch nicht, denn es bleibt immer rein. Du siehst, ich glaube an das unzerstörbar Gute im Menschen. Wenn wir aber nicht an uns selbst glauben, wer soll denn an uns glauben?« – »Du gibst zu denken, Eulenspiegel. Du kannst, wenn du willst, bei mir bleiben.« »Das tu' ich gern, Großjohann. Mich hat noch kein Großer landaus, landein vom Hofe gewiesen, kein Bischof, Graf oder Herr. Kein Kluger ist so klug, daß nicht ein Dummer hin und wieder noch klüger sein könnte. Wir lernen alle voneinander, und in dieser Lebensschule lernt man nie aus.« »Wielange willst du bei mir bleiben?« – »Solange ich was lernen kann.« – »Wielange meinst du wird das sein, Eulenspiegel?« – »Sagen wir zwei, drei Wochen, Großjohann.« – »Alle Wetter, du machst kurze Semester! Und für welches Fach willst du dich entscheiden?« frug Großjohann. – »Nun, für die Baukunst, natürlich!« sagte Eulenspiegel. – »Und die denkst du in sagen wir zwei, drei Wochen zu lernen, Eulenspiegel?« – »Was man so lernen nennt! Ich hoffe, du wirst mich verstehen. Den Witz einer Sache hat man nämlich schnell begriffen, die Sache selbst braucht man nicht in allen ihren Weiten und Seiten zu durchforschen. Da kommt nur neuer Stoff, aber kein neuer Geist zutage.« – Großjohann nickte. »Du meinst studieren nach der Tiefen, nicht nach der Breitenlinie«, sagte er. – »Ganz richtig!« rief Eulenspiegel, »und das ist ein kurzes Studium. Wir sind ungeheuer in die Breite gegangen, aber wenig in die Tiefe. Es ist 106 unglaublich, was alles an früher öden und wilden Strecken angebaut wurde, ein so alter Landläufer wie ich kann das sagen, aber wir bauen eben immer noch die gleichen guten Früchte und denselben alten Kohl.« – »Hm . . .« brummte nachdenklich Großjohann. – »Hm, sagte auch der Pfarrer auf der Kanzel, da wußte er nichts anderes«, lachte Eulenspiegel; »und noch etwas, Großjohann. Ich bin ein Menschenfresser! Du schaust aus, wie ich das wohl meine? Die Sachen sind ja nun langweilig. Wenn nun wenigstens die Menschen kurzweilig wären! Aber auch die sind langweilig. Deren verspeise ich alle Tage ein paar von der Durchschnittssorte und alle Wochen einen bedeutenden. Vielleicht werde ich an dir sogar sagen wir zwei, drei Wochen verdauen.« – »Aha, du hattest mich vor dir gewarnt!« erinnerte sich Großjohann. – »Siehst du, daß ich recht hatte?« rief Eulenspiegel;»du kannst in den zwei, drei Wochen noch viel mit mir ausstehen.« »Also gut, Eulenspiegel! Du scheinst mir durchnäßt und durchkältet zu sein. Jetzt im Winter werden die Bauten ausgetrocknet. Melde dich bei meinem Bruder, dem Werkmeister, du kannst die Koksfeuer unterhalten. Ich habe auch ein paar gar nicht dumme Söhne. Die kannst du ein bißchen in die Schule nehmen, es schadet ihnen nichts. Ich habe dazu keine Zeit.« – »Also Prinzenlehrer am Hofe Großjohann? Hoffentlich sind deine Söhne nicht zu dumm für meine Torheit. Ich kann nichts dafür, daß die Frösche keine Schwänze haben, sagen die Westfälinger.«   »Sind deine Kartoffeln gar, Gabriel?« 107 Gabriel griff in die Asche, grub hinein und quetschte prüfend die knisternden Kartoffeln. »Noch nicht ganz«, sagte er. – »Hunger hab' ich, ich kann's nicht sagen,« rief Eulenspiegel, »aber Geduld, Geduld, sagt Meister Schult, da lebte er noch.« – »Du weißt immer so drollige Sprüche, Eulenspiegel.« – »Wenn das Maul spricht, schweigt der Bauch. Merk' dir das, Gabriel, wenn du einmal hungrig bist. Bist du schon mal hungrig gewesen?« – »Ja, ich denke doch«, sagte Gabriel. – »Hungrig, mein' ich!« rief der andere, »richtig hungrig! So, daß du erst Kopfschmerzen und nachher Schwindel fühlst?« – »Nein, so noch nicht«, gestand Gabriel. – »Dann warst du auch noch nicht hungrig. Wer ist heutzutage noch hungrig außer einem armen Landläufer? Niemand mehr. Schade drum. Die Menschen vergessen dadurch, wie nah sie dem Tiere sind. Hunger schützt vor Einbildung. Die Menschen von heute verwechseln Hunger mit Appetit und sagen, sie haben Hunger, wenn der Bauch sagt, daß noch was drauf geht. Jetzt sind die Kartoffeln aber gar!« rief er, grub sie aus der Asche, brach sie auf, bestreute die dampfende Innenseite mit Salz und aß. Auch Gabriel aß die seinen. »Selber essen schmeckt am besten, sagen die Preußen«, meinte Eulenspiegel. Und als er einen Haufen verzehrt hatte, rief er, sich in die Asche streckend: »So, nun ist das Leben wieder schön und die Welt wieder die beste! Ist der Bauch voll, dann ist der Kopf klug. Es ist lecker warm, was? Ich schwitze. Man muß abrücken.« Er tat es, auch Gabriel rutschte einen Fuß weit vom Feuer weg. Der Gitterofen strahlte Glut aus. Eulenspiegel stand auf und deckte eine neue Lage Koks in den 108 Gitterkorb. Die Kohlen sackten langsam nach unten. Gelbe und blaue Flämmchen züngelten auf, und hier und da zersprang eine Kohle, einen Funkenregen versprühend. Sie hörten es von den Decken des Baues tropfen, und Eulenspiegel sagte, einen auf seine Stirn gefallenen Tropfen wegwischend: »Muß ich ein guter Christ sein! Ich bin in diesen Tagen der Trocknerei schon ein halbes Hundert Male getauft worden.« Sie sahen die Mauern schwitzen und Bächlein die frischgekalkten Wände herablaufen. Der Widerschein des offenen Ofens malte das Wasser rot. Es war in der frühen Mitternacht und dunkel. »Es riecht ganz sauer von dem Kalk,« meinte Gabriel, »und benimmt einem den Kopf.« – »Aber es riecht nicht schlecht«, sagte Eulenspiegel; »ich hätte nicht gedacht, daß die Baukunst so gut riechen könnte. Man muß sich nur daran gewöhnen, denn man gewöhnt sich an alles, sagte die Köchin zum Aal, als sie ihm die Haut abzog.« »Wie alt bist du eigentlich, Eulenspiegel?« frug Gabriel, in dem Gesichte mit der pergamentenen, aber glatten Haut forschend und das Haar studierend, von dem es fraglich war, ob es schon weiß oder nur falb war. – »So alt wie mein großer Zeh, das heißt etwas älter, denn er ist zuletzt aus der Mutter gekommen.« – »Du bist ein Schalk, Eulenspiegel.« »Und du ein altkluger Bursche. Altklug lebt nicht lange, merk' dir das, mein Junge, und du wirst früh graue Haare haben, Gabriel. Nach dem Fressen gehen die Löwen an die Tränke, darum reich' mir mal den Wasserkrug. Schade um den schönen Durst, sagte der Handwerksbursche, als er Wasser trinken mußte.« Gabriel lachte drauf. 109 »Nun lach' mal ordentlich los, Junge!« rief Eulenspiegel, »du lachst wie der Bauer, dem's Haus abbrennt. Du mußt lachen, daß dir der Bauch wehtut. Das ist gesund. Andere Jungens in deinem Alter können das. Aber bei euch zuhause scheint das Lachen chinesisch zu sein. Ihr macht immer Gesichter, als ob euch die Backzähne wachsen.« Gabriel lachte wieder. »Lache! Mal immer zu! Wag' es nur! Versaufen sie, so versaufen sie, sagte der Bauer, als er die jungen Enten aufs Wasser ließ.« Gabriel lachte laut auf. »Nur nicht die gute Laune verlieren!« rief Eulenspiegel; »wie sagte doch die Hexe: Heute gibt's einen heißen Tag – da wurde sie verbrannt. Aber der Mann – ich bin auf die Weiber nicht gut zu sprechen, du wirst da auch noch deine Erfahrungen machen – der Mann war natürlich noch einen Grad feiner. Ich seh es kommen, daß ich vor Lachen sterbe, sagte jener kitzlige Strolch, als ihm der Scharfrichter den Strick um den Hals legte.« Gabriel platzte aus. Sein Lachen schallte durch den nächtlichen Bau. »Oho!« rief Eulenspiegel, »Gabriel, du lachst ja, als hättest du hier allein zu lachen! Mach' dich mal nicht so wichtig! Mach' dich mal nicht so wichtig, sagte auch der Dieb zum Henker, der ihn hängen sollte, die Hauptperson bin ich!« »Nimmst du es auch immer genau mit dem, was du erzählst, Eulenspiegel? Ich glaube, du lügst gern.« – »Ein bißchen Lügen ziert die Rede, mein Junge. Das wirst du auch noch lernen. Genau! Genau! Nur nicht bange sein! Genau ist die Schlinge, die dir der Henker um den Hals wirft. Man muß reden, wie's einem ums Herz ist. Was vom Herzen kommt, das 110 geht auch zum Herzen, wenn es auch nicht ›genau‹ ist. Von der Lunge auf die Zunge! Was ist das?« – »Ja, was soll das sein, Eulenspiegel – ?« – »Wer kann lügen, daß es wie Wahrheit und mehr als Wahrheit die Herzen ergreift, Gabriel?« »Der Dichter!« »Richtig! Siehst du, du bist nicht so dumm und trüb, wie du ausstehst.« – »Deine Zunge hat auch Borsten«, sagte Gabriel. – »Grobheiten sind das Salz der Schmeichelei,« belehrte Eulenspiegel, »ohne die wird sie fad. Ich habe dir schon zuviel Liebenswürdigkeiten gesagt, denn du bist, das muß man sagen, ein begabter Junge. Ich wäre ein schlechter Prinzenerzieher und dein königlicher Vater Johann der Große würde mir den Laufpaß geben, wenn ich seinen Kronprinzen verzärtelte. Mit Zärtelei kommt man nicht durch die Welt. Die Welt ist ein steiniges Feld, sag' ich dir. Ich bin ein Landläufer! Hans Landauf-Landab weiß das. Er versteht das Hungern und Frieren und hat gelernt, auf Schelte und Püffe zu blasen. Gleichmut in allen Lebenslagen, das ist, was ich dich lehren kann. Das hätte schlimm werden können, sagte der Bauer, als ihm der wütende Stier den Bauch aufschlitzte. Hollah, bei dieser guten Gelegenheit! Was willst du eigentlich werden, Gabriel? Baumeister, wie dein Vater?« – »Bist du schon mal einem Sohne begegnet, der werden wollte, was der Vater war, Eulenspiegel?« – »Selten, auf allen meinen Läufen selten«, bestätigte der Lehrer. – »Kein Ding verträgt es, daß man es zu nah ansieht«, erklärte der Schüler. – »Ganz gescheit! Oder doch: läßt sich hören. Das klingt sogar viel zu gut für einen grünen Jungen.« – »Also, Eulenspiegel, ich 111 will Musiker werden.« – »Die Trompete blasen auf den Märkten?« frug der; »nicht schlecht, du erlebst was. Aber ob das deinem Vater nicht zu wenig ist?« »Tondichter!« »Hm, also nicht die Trompete blasen und dein Brot verdienen? Hm, ich versteh'. Was willst du werden, frug man den andern Jungen, und er sagte: Ich will mich ins Fenster legen und die lange Pfeife rauchen.« – Gabriel lachte laut auf. – »Na, bis dahin wird ja noch viel Wasser den Rhein hinabgehen«, meinte Eulenspiegel. »Jetzt hast du mich genug gekitzelt, Eulenspiegel, jetzt will ich nachhause und schlafen gehen.« Er stand auf. – »Ich will mich auch hinstrecken,« sagte Eulenspiegel, noch eine Schaufel Kohlen auf die Glut legend und eine Decke auf die Asche breitend, »die Asche ist ein warmes Bett.« – »Ich muß sagen, das tut ordentlich wohl, mal richtig zu lachen«, sagte Gabriel, sich die Asche aus den Kleidern klopfend. – »Tüchtig lachen, Gabriel. Du wirst alt davon. Über alles lachen, das macht gescheit. Da lach' ich drüber! sagt man, und das ist der beste Spruch.« »Soll das eine Abschiedsrede sein, Eulenspiegel? Du willst doch nicht . . . ?«– »Das weiß ich jetzt noch nicht, mein Sohn. Das weiß ich erst morgen früh. Ich bin nun schon vier Wochen hier. Solange hab' ich es noch nirgendwo ausgehalten. Man muß sich vom Geiste führen lassen. Alles Gute sind Einfälle. Du kannst dir zwar Hühner anschaffen und sie füttern, aber nicht sie zwingen, Eier zu legen. Na, schlaf gut, mein Junge, du verdienst es.« – »Schlaf gut, Eulenspiegel.« Am nächsten Morgen war Eulenspiegel fort. 112   Drittes Kapitel Mädchenfreundschaft Brigitta machte sich zum Ausgehen bereit. Sie zog ein blaues knappes Tuchkleid an und setzte einen kleinen weißen Strohhut auf. »Wohin gehst du?« frug die Mutter. – »Sie wissen es«, sagte Brigitta und ging. Die Mutter dachte: »Ein störrisches Mädchen! Ich hätte ja fragen können: Gehst du wieder zu Endenichs? Oder vielleicht: Gehst du wieder zu Endenichs, Kind? Aber es war genug.« Brigitta dachte: »So hart fährt sie mich an. Ich hätte ja antworten können: Wie gewöhnlich, zu Endenichs, Mutter. Aber es war genug.« Im Hofe zwischen Vorder- und Hinterhaus mußte sie warten, denn ein großer Leiterwagen mit Baumstämmen wurde abgeladen. Laut warnten die Merkrufe der Arbeiter, die Pferde scharrten auf dem Pflaster, Onkel Franz Xaver stand zwischen den Arbeitern und verzeichnete in einem Buche die Stämme. Der Vater stand unter dem Torweg, die Hände auf dem Rücken und beobachtete Zu- und Abfahren der Wagen. Er frug: »Wohin gehst du?« Sie antwortete: »Zu Endenichs.« – »Könnte sie nicht ein Wort mehr an die Antwort wenden?« dachte der Vater. – 113 »Warum mußte er so streng fragen?« dachte Brigitta. Sie kam zu Endenichs. »Wie schön es bei euch ist!« rief Brigitta, »mir geht immer das Herz auf, wenn ich die Blumen mir entgegenlachen sehe. Bei uns ist es so garstig, und der Werkhof ist so laut.« – »Ich verstehe nicht, wie dein Vater, ein so reicher Mann, so schlecht wohnen kann«, meinte Endenich; »Großjohann ist doch sonst so weltmännisch.« – »Der Vater spricht davon, daß er uns eine Villa bauen will, das heißt, ich habe gehört, wie er es jemandem sagte, der uns besuchte. Er will uns eine Villa bauen draußen vor dem Walde, deren Terrassen und Gärten mit Standbildern, Springbrunnen, Wasserfällen und Wasserspielen, mit Zypressenhainen und Kastanienbüschen, mit Laubengängen und Labyrinthen, mit Obstpflanzung und Weinberg sich bis zum Flusse hinabziehen sollen.« – »Wenn es für die Villa nur nicht zu spät wird«, sagte Herr Endenich; »ich will lieber heute mit meiner Familie ein stilles Haus mit Blumengarten bewohnen als später, wenn wir alle tot sind, eine Villa, deren Terrassen und Gärten sich bis an den Fluß hinabziehen.« »Willst du gehen, Brigitta?« frug Frau Endenich. – »Ja, Tante Berta.« – »Ich fürchte nämlich, es wird zu spät,« fuhr Frau Endenich fort, »und die Herrschaften sind ausgefahren. Der Treuhänder, der dem Herrn Merlin seine Güter verwaltet, hat geschrieben, wir sollen nach Anweisung der Herrschaft das Geld nicht mehr in seinem Geschäftshause, sondern in der Herrschaftswohnung zahlen.« – »Ah!« sagte Brigitta. – »Du kennst das weiße Haus am 114 Seilergraben?« frug Frau Endenich. – »Wer sollte das nicht kennen? Das schönste Haus der Stadt!« rief Brigitta. – »Also geh, Brigitta. Und Dank, daß du mir soviele Wege abnimmst.«   Brigitta bewegte, sehr gespannt, am weißen Hause den Glockenzug, der eine schmiedeeiserne Rose war. Sie mußte lange warten. »Die scheinen es nicht eilig zu haben, die Leute von der Straße hereinzulassen«, dachte sie. Sie sah derweilen das Tor an. Es war ein dunkelbraunes Tor aus schweren Eichenbohlen, das wohl selten geöffnet wurde, denn Grashalme sproßten ungeknickt unten vor dem Stoßbrette in der Ritze des Pflasters. Oben war die Füllung geschnitzt, und unter dem geschwungenen Ziergiebel, eingefaßt von reichen Schnörkeln in Stein, hing ein adliges Wappen mit einer Freiherrnkrone. Es zeigte einen über dem Meere absteigenden Stern. Jetzt wurden im Hofe gemächliche Schritte laut, und in den Bohlen tat sich das Schlupfpförtchen auf. Ein alter Mann mit weißem Barte stand dahinter. »Nun, mein Töchterchen, was wünschest du? Du bist wohl Fräulein Großjohann, mein Töchterchen, wie? So! Dann nur geschwind herein. Geh nur hinten geradezu, das Fräulein erwartet dich.« – »Das Fräulein erwartet dich?« frug sich Brigitta; »wieso das Fräulein?« Der Alte stieg rechts ein paar Stufen hinauf in einen kleinen Bau. Eine weiße Tür mit vielen Rauten stand offen, die Rautenfelder reichten fast bis auf den Boden. Der Alte setzte sich auf einen Stuhl in der weißen Tür und sah mit großem Wohlgefallen dem Mädchen nach, wie es den Hof hinaufschritt. 115 »Was für ein Haus muß das sein,« dachte Brigitta, »in dem der Türsteher aussieht wie ein alter Graf und spricht wie ein Prälat!« Sie dachte es sozusagen halblaut, flüsternd, denn der Friede und Glanz dieses Hofes bedrückten sie fast. Doch schritt sie wacker zu. Der Hof war länglich. »Zu was mögen wohl die kleinen Bauten und Häuschen gedient haben?« dachte Brigitta. Jetzt standen Pflanzen und Topfbäume hinter den vielen Scheiben der weißen Türen, zu denen geschwungene Stufen hinaufführten. »Wenn das die Räume für die Pflanzen sind, wie müssen dann die für die Menschen sein?« Steinerne Vasen standen auf den Treppenwangen, in den erdbraunen Töpfen blühten rote Geranien. Eine langhaarige schwarze Katze mit bernsteingelben Augen sonnte sich unbeweglich auf einem Vasenfuße. Der Ehrenhof verengte sich, die Flügelbauten wurden größer und höher, bis zuletzt eine breite Hausmasse den Hof schloß. Eine doppelläufige Treppe führte auf drei weiße Türen zu, deren Glasfüllungen bis auf den Boden reichten. Schwalben, die ihre Nester unter den Gesimsen hatten, schossen durch den Hof. Zwei Windspiele lagen auf der untersten Treppenstufe in der Sonne. Sie hoben, als Brigitta herankam, den Kopf von den Vorderpfoten auf, spitzten die Ohren und bewegten langsam ihre Fahnen. In der Nische unter der Plattform der Freitreppe floß aus einem Mosaik ein Brünnchen. Als die Glocke geklungen hatte, war im Flügel rechter Hand Traudchen aufgesprungen. Sie schob mit ihren langen Fingern den Zipfel des Musselinvorhanges ein wenig beiseite und äugte durch die kleinen Rauten neugierig hinaus. Dann überflog sie 116 mit erregten Blicken das Zimmer und lief hierher und dorthin, einen Sessel zu verschieben oder ein Kissen zu rücken. Sie trug einen grünseidenen Kimono mit großen blauen Chrysanthemen, einem schwarzseidenen Schulterkragen und einer goldenen Gürtelschnur. Auf dem schwarzen Kragen lag eine mattgelbe Bernsteinkette, die Perlen milchig gewölkt. Jetzt sah sie Fräulein Großjohann schwanken, ob sie die Freitreppe hinaufsteigen oder auf eine der Türen in den Flügeln zuschreiten solle. Das Fräulein, das denken mochte, daß das wunderbare Haus verwunschen oder verschlafen sei, drehte sich nach dem Türsteher zurück. In diesem Augenblicke stand ihr Profil vor der weißen Türe des gegenüberliegenden Flügels: die Nase war ein wenig gebogen, das Kinn sprang fest heraus, die Sonne streifte den Rand des Strohhutes und ließ krause Haarlöckchen wie Goldfiligran aufglühen; das Auge aber schoß gleichsam einen Blick wie einen goldenen Pfeil nach dem Torhäuschen, von dessen Treppe der Türsteher sich ins Innere zurückgezogen haben mußte. Als Traudchen Fräulein Großjohann so stehen sah, griff sie unwillkürlich schnell in einen braunen Metallkasten aus Chinabronze. Die Spitzen ihrer Finger wühlten darin herum. Jetzt streifte sie schnell einen Brillantring über den Zeigefinger der rechten Hand und schlang eine goldene Armkette zweimal um das Handgelenk. Dann sprang sie zur Tür. Als Brigitta stehenblieb, wurden die Hunde unruhig. Sie wußten, daß Bettler und Unbefugte einen unsichern, Berechtigte einen sichern Gang haben. Eben wollten sie anschlagen, als Traudchen auf die Treppenstufe heraustrat und leise rief: »Kastor! Pollux!« 117 Brigitta drehte sich ihr zu. Die Mädchen sahen sich stumm an. Traudchen hatte Brigitta auf dem obersten Treppentritte erwarten wollen, aber sie flog die Stufen hinab. Sie hatte Brigitta die Hand darreichen wollen; als sie aber vor ihr stand, meinte sie es dieser überlassen zu müssen. Die aber gab die Hand nicht. Jetzt sagte Traudchen schnell: »Guten Tag, Fräulein Großjohann!« – »Sind Sie Fräulein Merlin?« »Das bin ich. Willkommen. Bemühen Sie sich nur bitte zu mir,« sagte Traudchen fast atemlos, während sie die Stufen hinaufsprang, »mein Vater schläft dort in seinem Flügel.« Jetzt mußte Traudchen aus dem weiten Ärmel ihres Gewandes ein Spitzentuch hervorziehen, um Schweißtropfen aufzutrocknen, die auf ihrer weißen Stirn perlten. Während Brigitta langsam die Stufen heranstieg, gelang es Traudchen, sich zusammenzunehmen und lächelnd zu sagen: »Der Nachmittagsschlaf, behauptet mein Vater, ist das Geheimnis aller Kultur . . . nämlich . . .« – Brigitta sagte: »Ich komme von Herrn Endenich mit den Zinsen für das Kapital, das Herr Endenich von Ihnen . . .« – »Oh, das eilt nicht! Später! Geben Sie es nur dem Türsteher ab! Wollen Sie mir ein Plauderstündchen gönnen? Das heißt, wenn Sie nicht eilig sind . . . bitte!« Brigitta nickte. Dann folgte sie Traudchen durch die Tür, deren Flügel Traudchen geöffnet hielt. Brigitta setzte sich in den geblümten Sessel mit den zierlich geschwungenen Füßen und sah erwartungsvoll das Fräulein vom Hause an. Diese konnte den festen Blick nicht aushalten, erhob sich aus ihrem Sessel, machte sich am Teegeschirr zu schaffen, wußte, daß 118 sie auf Fräulein Großjohann einen schlechten Eindruck machte, und ärgerte sich über sich selbst. Schließlich kam sie doch in ihrem Sessel zur Ruhe. Brigitta sah sie noch immer an. Das war also Gabriels . . . Nein! Sie wußte nichts! Sie wollte nichts wissen! Sie wollte nicht erfahren, was man ihr nicht sagte! Sie sah Fräulein Merlin an, denn sie erwartete, daß diese reden werde. Dann ließ sie ihre Blicke durch den Raum gehen. Es war eine trauliche Stube. Wie traulich! An der Decke hing ein kleiner venezianischer weißer Leuchter mit Glasperlenschnüren. Blaue Kerzen standen darauf, und blaue Kerzen spiegelten sich in blanken Messingplatten mit gestanzten Rändern an der Wand. Diese war mit verblichener grauer Seide bespannt, in der blaßrote Blumen eingewebt waren. Zwei Ecken des Zimmers waren abgeschrägt durch dreieckige hohe zierliche Schränkchen mit gebauchten Türen und seinem Stabwerk im Glase; hinter den Rauten standen Porzellanfigürchen vor alten blauen Tellern. In der Mitte der Wand, in einem hohen Eichenkasten, tickte die Uhr schwer und dunkel. Die Musselinvorhänge vor der offenen Türe schwankten im leichten Sommerhauche hin und her, die Sonne lag draußen im Hofe, und man hörte das Rieseln des Brunnens und das leise Schnarchen der Hunde. Traudchen folgte den Blicken des Mädchens, und plötzlich schnappten ihrer beider Augen fest aufeinander ein. Brigitta erschrak und errötete ein wenig, als sähe sie sich auf einer Unschicklichkeit ertappt. Brigittas Gestörtsein gab Traudchen alle Sicherheit wieder. Sie sagte: »Das ist nämlich hier mein Flügel, Vater wohnt im andern, der Mittelbau ist 119 gemeinsam.« Dann begann sie von der Kunstausstellung zu sprechen, die Brigitta nicht kannte, von der neuen Kleiderauslage beim Modeschneider, die Brigitta nur im Vorübergehen gesehen hatte. Sie schenkte Tee ein und bot auf einer außen schwarzen innen roten Lackschüssel Gebäck an. Brigitta studierte das etwas längliche Gesicht mit der weißen vorstehenden Stirn über den dunkeln Augen und dem schwarzen, in einem Wulste über der Stirn liegenden Haar, in dem hinten zwei lange silberne Nadeln staken. Traudchen sah das Kleid aus festem Tuche an, das einen herrlichen Körper verhüllen mußte. Sie dachte: »Sie verachtet mich«, und verwünschte den Schmuck, den sie im letzten Augenblick über Finger und Handgelenk gestreift hatte, aber sie fand keine Gelegenheit, ihn unauffällig in den Kasten zurückzulegen. Die Damen verabredeten, daß Brigitta jede Woche am gleichen Tag zur selben Stunde wiederkommen solle. Brigitta hatte kaum gesprochen. Von Gabriel sprachen die Mädchen nicht. Als Brigitta gegangen war, warf sich Traudchen auf das geblümte Sofa, zerrte Ring und Kette von den Gelenken, warf sie in die Stube und fing an, heftig zu weinen. Sie weinte wohl eine halbe Stunde lang darüber, daß Brigitta offenbar unglücklich war. Sie liebte Brigitta, sie hielt sie für eine Heldin und betete sie an. Sie dachte: »Wenn ich ein Mann wäre, wie würde ich dieses Mädchen lieben!« Als Brigitta heimging, dachte sie: »Wie schön ist dieses Mädchen! Und wie klug! Wie gebildet und doch natürlich! Und wie fein gekleidet!« Sie kam den garstigen Stuben ihrer elterlichen Wohnung näher, in denen es ihr mit keiner Mühe gelang, den 120 Küchengeruch aus den Wohnzimmern fernzuhalten. Da empfand sie den Zauber des Wundergehäuses Merlin, sie freute sich, daß es wenn nicht ihr doch einer andern vergönnt war, den holden Kreis zu beleben und zu hüten. »Wäre es denn besser, dieses Haus bestände gar nicht,« frug sie sich selbst im Zorne, »oder es wäre leer, seine Fenster und Türen verschlossen, die Uhr verrostet und die Spinnen zögen in den Zimmern ihre Netze? Wie froh bin ich, daß Fräulein Merlin glücklich ist!« Als sie das gedacht hatte, fühlte sie selbst sich glücklich. Sie ging nun alle Wochen am Donnerstag nachmittag um die Teestunde zu Fräulein Merlin. Brigitta saß in ihrem Sessel und hörte Traudchen zu. Es gelang Traudchen nicht, zu einer andern Anrede als »Fräulein Großjohann« zu kommen. Wenn sie »Brigitta« oder »Du« oder »Freundin« vorgeschlagen hätte, so würde Brigitta es sicher nicht zurückgewiesen haben, aber Traudchen wagte den Vorschlag nicht, und Brigitta schien eine Änderung der äußeren Formen nicht für nötig zu halten. Sie saß still und glücklich in ihrem Sessel und hörte zu. Die Mädchen sprachen nie von Gabriel. Eines Nachmittags – die Mädchenfreundschaft war schon einen Monat alt – als Brigitta eben weggegangen war, kam Herr Merlin in brauner loser Samtjoppe aus seinem Flügel quer über den Hof und die Stufen heraufgeschritten. Er setzte sich in den Sessel, frug seine Tochter, ob er eine Tasse Tee haben könne, und sagte, als er sie hatte: »Fräulein Großjohann ging ja eben von dir weg.« – »Ja, Vater«, sagte überrascht Traudchen. – »Sie besucht dich oft?« – »Ja, Vater. Woher weißt du das?« – »Ich sehe 121 sie ja über den Hof gehen«, sagte der Vater. – »Ich denke, du schläfst um diese Zeit?« – »Wenn schöne Damen über den Hof gehen und man selbst eine schöne Tochter hat . . . ?« lächelte der Vater. – »Woher weißt du denn aber, daß es Fräulein Großjohann ist?« frug die Tochter. – »Ich höre es an ihrem Tritt im Hofe. Ihr Tritt heißt: Ein Großjohann kommt!« »– Vater, du willst nicht gestatten, daß ich mit Fräulein Großjohann verkehre.« – »Nicht gestatten ist wohl zu stark gesagt, mein Töchterchen, du bist erwachsen – darf ich übrigens noch eine Tasse Tee haben? – nicht gestatten ist wohl zu stark gesagt . . .« – »Also du wünschest es nicht?« – »Das vielleicht, gewiß, das heißt . . .« »Hast du etwas wider Fräulein Großjohann? Wo du sie nicht kennst!« rief Traudchen unwillkürlich laut; »weißt du auch, was für ein Mensch das ist?« – »Das eben ist es, Kind,« sagte Herr Merlin leise, indem er sich im Sessel vorneigte, »die Großjohanns passen nicht zu uns – das heißt, nein, das wollte ich nicht sagen, sei ruhig, von Gabriel spreche ich ja nicht. Gabriel ist klug und kann die Schäden vielleicht durch die Klugheit heilen. Großjohanns sind ungewöhnlich tüchtige Menschen, viel zu tüchtig für die gesellschaftliche Lage, in der sie sich befinden. Sie gehörten, wenn diese Welt vernünftig eingerichtet wäre, an die Spitze. Vor denen schämt man sich ja ordentlich, reich zu sein. Es ist mir jedesmal, als müßte ich sie um Verzeihung bitten, daß ich mehr Güter habe als sie. Aber wir können ihnen doch aus Vernunft nichts schenken, und sie können aus Anstand nichts annehmen! Indem sie unsere 122 guteingerichteten Häuser kennenlernen, verachten sie das ihrige. Wir schaffen also nur Unzufriedene . . .« – »Halt ein, Vater!« »Beklage dich bei dem, der die Welt gemacht hat, wir müssen sie nehmen, wie sie ist«, sagte Herr Merlin aufstehend; »ich danke dir für den Tee, mein Kind; wenn du ausfahren willst, befiehl's, und ich lasse anspannen.« »Mir ist nicht nach Ausfahren zumute«, rief Traudchen, das Gesicht mit den Händen bedeckend, zwischen deren Fingern die dicken Tränen quollen. »Wenn ich dich herzensguten Vater nicht kennte, ich würde dich für einen abgefeimten Sofisten halten.« – »Mit dem bloßen rechnerischen Aufteilen des Besitzes«, sagte Herr Merlin, »sind die schwierigen Rätsel des Menschenglückes nicht zu lösen.« – »Aber Vater, trotz deinen schönen Worten, trotz deinen klugen Reden – wenn du mit ihnen nur die Bequemlichkeit decken und dich über Pflichten hinwegtäuschen willst, dann . . . dann verachte ich dich, dann verlasse ich dich und gehe hinaus zu den garstigen Großjohanns!« Der Vater trat nahe an die Tochter heran und faßte ihre beiden Handgelenke mit seinen großen Händen. »Ganz die Mutter!« sagte er mit strahlenden Augen. »Sieh, Kind, ich schwöre es, wenn ich mit dem bloßen Aufteilen dessen, was ich habe, das Glück der Menschen machen könnte, ich täte es!« – »O Vater!« rief Traudchen, indem sie ihre Arme frei machte und Herrn Merlin um den Nacken legte, »Vater! Vater!« Der Vater ließ sie gewähren, er streichelte ihr das glatte Haar. Dann sagte er: »Nun hör' auf mit 123 deinen Klagen, so kommen wir nicht zum Ziele. Es ekelt uns schnell der schaurigen Trübsal, heißt es im Homer. Ich will für dich anspannen lassen, mein Kind.« »Nein, Vater, nicht anspannen! Nicht in der Kutsche fahren! Zufuß gehn, auf nackten Sohlen gehen, auf dem Boden kriechen . . . !« rief Traudchen außer sich. »Du hast mir die Freude am Wagen, am Hause, an meinen Zimmern, an meinen Hunden verdorben.« – »Nicht verderben wollte ich dir die Freude, wenn ich auch, ich gesteh' es, mit Absicht auf die Dinge zu reden kam. Denn du bist nun so alt, daß du die Dankbarkeit lernen mußt. In unserem Staate ist es so, daß einer nur besitzen kann, weil zehn andere entbehren. Bei anderen Völkern ist das Verhältnis noch schlimmer. Ein reicher Mann müßte eigentlich hundert armen auf der Straße die Hand drücken und sagen: ich danke euch, daß ihr mir gestattet, reich zu sein. Du sollst denken, wenn du in deiner Kutsche sitzest und schöne Kleider trägst: es ist eine Vergünstigung, ein unverdientes Glück, daß ich in einer Kutsche sitze und schöne Kleider trage, während fünfzig andere, die nicht weniger sind als ich, zufuß gehen und schlechte Kleider oder gar Lumpen tragen. Du sollst dich darüber freuen, daß du in der Kutsche sitzest und schöne Kleider trägst, dich aufrichtig freuen und von Herzen heiter sein, aber du sollst nicht hochmütig sein. Dein Glück ist eine Gnade, kein Recht. Du sollst mit Freude edlen Wein trinken, während zahllose andere ihren Durst in Wasser löschen, aber du sollst ihn sozusagen auf das Wohl derer trinken, die ihn nicht trinken können. Es gibt auch Leute in schönen Kleidern, welche andere 124 verachten, weil diese keine schönen Kleider tragen. Denen sollte man die schönen Kleider vom Leibe reißen und die Nackten peitschen! Sei dankbar, Kind! Nun genug. Und das mit Fräulein Großjohann überlege dir. Entschuldige, daß ich dir Schmerz bereitete. Auf Wiedersehen zum Abendessen. Gabriel wird auch wohl da sein.« Herr Merlin ging die Stufen dieses Flügels hinab, querte den Hof, stieg die Treppe seines Flügels hinauf und schritt auf die weiße Türe zu. »Es ist nichts mit dem Gehirn der Weiber,« dachte er, »es ist zu zart für das Denken.« Die weiße Tür schnappte leise hinter ihm ins Schloß.   Als Theodor Merlin Traudchen entgegentrat, begegneten sich vor dem Tore Brigitta und Gabriel. Beide wurden glühend rot und wandten sich erst nach verschiedenen Seiten, um die Röte verflammen zu lassen. An dieser Tür sich treffen, das hieß für Gabriel doch, der Schwester, einem Weibe, mit dem man wie mit einem geschlechtslosen Wesen aufwuchs, gestehen, daß er ein Weib liebe, er, der geschlechtslose Bruder! Nein, das war zu beschämend! Jetzt mußten sie sprechen. »Woher kennst du . . . Fräulein Merlin?« frug Gabriel mit bösem Gesichte. – »Ich kann doch auch in vornehmen Häusern verkehren!« erwiderte Brigitta trotzig. – »Ich kann es mir denken,« sagte Gabriel, »es geht von ihr aus.« In der Tat ging es von ihr, von Traudchen, aus. Sie hatte ohne Vorwissen des Vaters den Treuhänder veranlaßt, an Herrn Endenich zu schreiben, die Zinsen künftig im Herrschaftshause zu zahlen. Sie hatte gehört, daß Brigitta das Geld zu bringen 125 pflegte. Sie wollte um jeden Preis in das Geheimnis der Familie Großjohann eindringen, das Gabriel vor ihr, aus Scham, zu verhüllen bestrebt war. Was kann eine Braut mehr reizen, als die Schwester des Geliebten kennenzulernen? Sie heuchelte Eifersucht auf diese Schwester. »Deine Schwester liebt dich!« hatte sie gesagt. – »Wie willst du das wissen?« hatte Gabriel gefragt. – »Deine Schwester ist eifersüchtig. Sie will dich uns entziehen.« – »Nicht möglich! Ganz unmöglich!« hatte Gabriel gerufen. – »Dann mach' mich mit ihr bekannt. Ich will sie sehen, sie fragen!« – »Das geht nicht«, hatte Gabriel gesagt, denn er würde es nicht ertragen haben, vor der Geliebten mit der Schwester nicht zärtlich zu sprechen oder vor der Schwester mit der Geliebten zärtlich zu sprechen. So war es gewesen! Plötzlich frug Brigitta: »Sind wir eigentlich arm oder reich, Gabriel?« Daß sie ihrer Frage »Gabriel« anhängte, tat diesem wohl, und er erwiderte: »Das weiß ich nicht . . . – Brigitta,« hatte er sagen wollen, aber er war doch über die Hinterlist der Mädchen noch zu böse und unterdrückte den Namen – »die Leute sagen, wir sind reich, der Vater sagt, er weiß es selbst nicht, und die Mutter sagt, sie ist froh, wenn sie am Vierteljahrsersten immer rechtzeitig die Zinsen beisammen hat.« – »Haben dir Vater und Mutter das gesagt?« frug erstaunt Brigitta. – »Nein, ich habe es durch List erfahren«, gestand Gabriel. Als Gabriel von seinem Tun das Wort List gesagt hatte, war es ihm, als habe er keinen rechten Grund mehr, den listigen Mädchen zu zürnen, und er wurde aufgeräumter. »Ich habe der Mutter 126 gesagt, wenn wir so reich sind, wie die Leute sagen, können wir uns auch besser kleiden und überhaupt besser leben. Da sagte sie mir denn unwirsch, was ich wissen wollte. Und dem Vater sagte ich: Meine Schulkameraden sagen: Wenn wir uns beim Schuldirektor über den Lateinlehrer beklagen, dann muß uns der Sohn des großen reichen Großjohann vertreten, das gehört sich so. Das sagte ich und frug: Sind wir nun wirklich reich, Vater?« – »›Vater‹ hat er sicher nicht gesagt«, dachte Brigitta dazwischen. – »Der Vater«, fuhr Gabriel fort, »war geschmeichelt und wurde ein wenig rot, dann sagte er: Das weiß ich selbst nicht . . .« – Der Vater hatte noch, als Dank für die teilnehmende Frage, hinzugefügt: mein Junge, aber das verschwieg Gabriel in diesem Augenblicke. – »Das war gut gemacht,« sagte Brigitta, »aber sind wir denn nun reich oder nicht?« – »Ich habe dem Sohn des Steuerbeamten, weißt du, dessen Name auf den großen Steuerzetteln steht, die Mutter immer hinter den Spiegel steckt, den deutschen Aufsatz geschrieben, wenn er dafür in den Büchern seines Vaters nachsehen will, wieviel Schulden wir haben. Er hat es getan, aber . . . wenn ich gewußt hätte . . .« – »Ist es viel?« frug sie leise. »Es beweist natürlich nichts, es kann einer eine Million Schulden haben und zwei Millionen besitzen,« sagte Gabriel, »der Schulkamerad sagt, wir haben eine halbe Million Schulden.« Brigitta erbleichte. »Das beweist, wie gesagt, natürlich gar nichts,« beeilte sich Gabriel zu erklären, »wir können daneben auch eine halbe Million besitzen, oder mehr. Ja, wir werden es wahrscheinlich. Und Bauschulden sind 127 keine gewöhnlichen Schulden. Das ist ja nur Geld, das mir andere Leute anvertrauen, daß ich damit für sie arbeite. Aber es ist mir doch peinlich, denn der Bengel hat nicht reinen Mund gehalten, als ich ihm den nächsten Aufsatz nicht mehr schreiben wollte, und nun ruft mir die ganze Prima zu: Eine halbe Million.« – »Was mag dem denn gegenüberstehen?« frug zitternd Brigitta. »Sicher ist nichts, sicher ist nur die Summe der Schulden, sagen wir besser der aufgenommenen Gelder, die Zahl für Zahl vom Notar aufgeschrieben und beglaubigt sind, wie sie auf jedem Grundstück lasten.« »Wenn man nur etwas Bestimmtes wüßte«, sagte Brigitta nach einer Weile des Grübelns; »man wagt ja kaum noch, zuhause zu essen und um einen Schuhriemen zu bitten. Der Vater muß etwas Bestimmtes wissen, sonst könnte er doch nicht mehr in Ruhe essen und schlafen! Warum sagt er uns nichts? Wir sind doch erwachsen!« – »Er sieht das als unter seiner Würde an«, sagte Gabriel bitter; »dann hält er es vielleicht für ungeschäftlich, und mag damit wohl recht haben. Übrigens meine Schulkameraden wissen auch nicht, was ihre Väter haben und wieviel sie verdienen. Das sagen die Väter niemals. Nur die Beamtensöhne kennen das Einkommen ihrer Väter. Wir haben uns nämlich eine gedruckte Liste verschafft, in der die Beamteneinkommen drinstehen.« Brigitta ging. Als Gabriel sich zum Tor wandte, fühlte er aufs neue den Zorn über Brigitta und Traudchen in sich aufsteigen. Er beschloß, Traudchen heute nicht zu besuchen. Er ging an den Fluß hinab und ging sich in immer größeren Zorn hinein. Besonders war er zornig auf Brigitta, die ihn des 128 Zusammenseins mit Traudchen beraubt hatte. Wenn er gewußt hätte, wäre er deshalb nicht zornig auf Brigitta gewesen, denn Traudchen lag auf dem geblümten Sofa und weinte, sie würde ihn nicht empfangen haben. Als Gabriel in den nächsten Tagen sah, daß Brigitta bei Tisch sich nicht satt zu essen wagte, verrauchte langsam sein Zorn, und er flüsterte ihr zu: »Man kann nichts Bestimmtes wissen. Der halben Million Schulden wird auch eine halbe Million Besitz gegenüber stehen. Gewöhnlich beleiht man Häuser bis zum halben Werte. Und Bauschulden sind überhaupt keine gewöhnlichen Schulden. Wenn der Besitz nicht da wäre, würde man uns schon bald zum Bankerott zwingen.« Der taube Leo Am Ende des Monates hatte Großjohann die ausgefallenen 10 000 Mark noch nicht zu ersetzen vermocht. So mußte er denn wiederum zu den Leos gehen. Er hörte zu seiner Freude, daß der junge Leo verreist sei. Der alte Leo, fast blind, ließ sich hereinführen. Er verstand nicht, daß Großjohann um neuen Aufschub bitten kam, ja schien gar nicht mehr zu wissen, daß noch 10 000 Mark Zinsen zu zahlen waren. Er sagte, er freue sich unbändig, daß sein Sohn verreist sei, der wegen zu guten Lebens ein Bad habe aufsuchen müssen, und er freue sich des Leidens seines Sohnes. Er habe die Gelegenheit benutzt, viele auf Großjohann ausgestellte Schuldbriefe zu kaufen und deren größten Teil in seiner Hand zu vereinigen. Weil er ihn liebe! Nun brauche Großjohann 129 von niemandem mehr etwas zu befürchten. Er habe ja schon 200 000 Mark an Hypotheken Großjohanns gehabt, er erinnere sich nicht genau, aber es entspreche ja einer jährlichen Zinssumme von 10 000 Mark . . . »Aha, da fällt mir ein, Sie wollten heute die 10 000 Mark zahlen. Die standen ja noch aus. Haben Sie sie bekommen? Wie? Was? Warum sprechen Sie denn nicht? Wie?« Aber Großjohann sprach immerzu. Er sagte: »Leider . . . die gespannte politische Lage . . . das Geld sei plötzlich teuer wie nie . . . die Bank werde ihm gewiß Kredit geben, aber er sei teuer . . . noch einen Monat Aufschub . . . einen halben! Er bitte!« Der Alte aber hörte gar nichts, schien gänzlich taub und war auch so blind, daß er nicht sah, daß Großjohann die Lippen bewegte. »Wie? Was?« rief Leo, »warum sagen Sie denn nichts? So reden Sie doch! . . . Wie? Paßt Ihnen das nicht, daß ich noch 200 000 aufgekauft habe? . . . Wie? Na! Aber jetzt machen Sie sich keine Sorge. Jetzt können Sie nicht mehr in Verlegenheit kommen. Sie wissen, ich tu' keinem den Hals zu. Keinem von den aufstrebenden Bauleuten. Ja, wenn man einem von den eingesessenen Reichen, den Nichtstuern, den Blutsaugern, an den Kragen könnte, diesen namenlosen Grundstücksbanken oder so einem wie dem Grafen Wetter oder dem Schlemmer Merlin! Ich tu' niemandem den Hals zu, keinem von den aufstrebenden Bauleuten. Also machen Sie sich keine Sorge. Haha, mein Söhnchen! Du wirst Augen machen! . . . Wie? Was? Was wollten Sie sagen? Mir war doch, Sie sagten etwas? . . . Wie? – Nicht? Dann nicht! Ist es Ihnen recht? Es könnte Ihnen schon recht sein! Und keine Sorge wegen der Zinsen. Wenn Sie zahlen können, zahlen 130 Sie, wenn Sie nicht zahlen können, zahlen Sie nicht. Verstanden? . . . Wie? Wollten Sie was sagen?« Großjohann dankte mit glühenden Worten, aber kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. »Wie abständig ist der Alte in einem Monat geworden! Und kann sich kaum auf den Beinen halten! Der Zucker greift um sich!« dachte er. Und neuer Schweiß brach Großjohann aus. »Ja, nun klingeln Sie mal bitte meinem Schreiber, ich . . . ich sehe heute nicht gut. Neben der Tür ist die Klingel . . . Wie? Haben Sie sie? Sagten Sie was? – Na, da ist der Schreiber. Also keine Sorge, Herr Großjohann, es kann Ihnen nichts mehr geschehen. Die Papiere liegen bei mir gut.« Der alte Leo dachte, während er hinausgeführt wurde: »Er hätte doch wenigstens Danke sagen können. Er hat mir ja warm die Hand gedrückt, aber er hätte doch wenigstens Danke sagen können –!« Der Büßer Fränzchen – Franz Antonius Großjohann (Antonius von Alexandria!) – lebte bei Onkel Franz ein herrliches Leben. Zehn Jahre war er nun in der von hohen Pappelbäumen bestandenen Grünstraße an der Landesgrenze. Napoleon hatte sie als Heerstraße gebaut und gepflastert. Zwischen ihren Steinen sproßte das Gras. Am Tage war sie von Zöllnern und nachts von Schmugglern still und abenteuerlich begangen. So sehr liebte Franz Xaver diese Straße, diese Landschaft und sein Häuschen darin, daß er nicht wie sein Bruder Hermann in die Stadt zog, obgleich er nur alle Wochen einmal, von 131 Samstag abend bis Montag früh, daheim verweilen konnte. In dem Hause Franz Xavers, in dem Aufregungen unbekannt waren und das auch die Sorge verlassen hatte, seitdem Franz Xaver dem grünen Meister diente – denn Franz Xaver hatte noch keinen dringenden Auftrag bekommen und war noch immer leicht abkömmlich – befiel die Kränke immer seltener Fränzchen, und es schien, als wäre er geheilt. Dabei fastete Fränzchen, fastete streng, aß gar kein Fleisch mehr und suchte sich soviel wie möglich nur von Milch und Honig zu nähren. Er tat nichts als seiner Krankheit und ihrer Heilung leben. Er stand jede Mitternacht auf, trat ans Fenster, betrachtete die Sterne und dachte darüber nach, wie groß Gott sei. Er verfertigte sich eine Kniebank zur Selbstpeinigung. Zwanzig Nägel schlug er so von unten her durch ein Brett, daß die Spitzen um Millimeter hervorragten. Auf diesen Spitzen betete er mit entblößten Knien seine Morgen- und Abendgebete. In die Kirche aber ging Fränzchen wenig, nicht mehr als nötig war, und es schien Onkel und Tante, als versuche er den Glauben zu erwecken, nicht fromm zu sein. »Er weiß nicht, daß wir wissen, wie fromm er ist«, dachte der Onkel. »Wie edel ist Fränzchen! Der stellt sich nicht hin in den Tempel, um zu beten!« In schlaflosen Sommernächten aber, wenn sie der Nachtkühle wegen die Fenster offen ließen, hörten Onkel und Tante oft aus dem offenen Kammerfenster über sich das dumpfe Fallen schwerer Geißelhiebe, und Tante Lambertina fand Blutflecken im Hemde Fränzchens. Es gelang Franz Xaver nicht, die Geißel zu finden, so eifrig er danach suchte, denn Fränzchen trug sie stets unter dem Hemd um den Leib 132 gebunden. In solchen Nächten, wenn sie brünstiges Wimmern und zuweilen einen unterdrückten Schmerzensschrei hörten, sagten Franz Xaver und Lambertina erschreckt: »Das ist doch nicht das, was wir für das rechte halten. Das scheint uns denn doch zu weit gegangen. Wo Gott eine Kirche hat, da hat der Teufel noch eine Kapelle. Das ist ein verirrter Wille. Er ist einer von den Großjohanns Franziskas! Wir wollen ihn seinem Vater zurückschicken.« Als Franz Xaver von dieser Absicht zu Fränzchen sprach, sagte dieser, immer fromme Sprüche im Munde führend, auch diesmal mit den Worten des Petrus: »Ich kenne diesen Menschen nicht!« Franz Xaver und Lambertina erschraken so, daß sie nicht wagten, Fränzchen zu seinen Eltern zurückzuschicken, denn sie fürchteten, er könne dort irgendeine Untat begehen. Fränzchen strich einsam in dem grünen Graslande umher. Er sprach, um sich abzutöten, mit niemandem, desto mehr aber mit sich selbst. Er sprach laut mit sich selbst, wie schlecht die Welt sei, wie sie in eitlem Streben befangen sei – besonders der Hermann Großjohann! – und das Wort: Was nützt es dem Menschen! nicht achte, wie leicht es doch sei, gut zu sein, und welch ein edler Mensch er sei. Wenn er dies dachte, wurden ihm die Augen naß. Onkel Winfried Eines Tages im Herbst stieg vom Gebirge Onkel Winfried, der Bruder Frau Franziskas, ins Niederland herab, um das in den Bergen vielgerühmte Glück seiner Schwester in der Stadt da unten zu sehen. 133 Seine gelben Herden gingen auf den roten Berghalden, und er selbst war ein Menschenleben lang schweigsam hinter den Schafen hergegangen. Die Westwinde sausten um Hirt und Herde, und Winfried mußte laut tönen, wenn er gegen den Wind seinen Hund rief. »Tönen« war ein Wort aus seiner Sprache und bedeutete: sprechen. »Nun tön' mir, Franziska, wie es dir geht«, sagte er im Toreingang, und er tönte so laut, daß alle Kinder über den Lärm des Bauhofes hinweg aufhorchten. Sie strömten herbei – da stand der Onkel. Von Gestalt klein und windverweht wie ein Gebirgsbaum. Seine Haut war rotbraun, der Bart, viereckig gestutzt, war strohgelb und schien von der Sonne angesengt zu sein, seine Augen aber waren vom reinsten Frühlingshimmelblau. Sein Anzug war dunkel, aus festem Soldatentuche und sehr altmodisch. »Du siehst krank aus, Franziska,« tönte Winfried, »das Stadtleben bekommt dir nicht.« – »O nein, ich bin ganz gesund,« sagte Franziska, »nur habe ich soviele Sorgen.« – »Ihr seid ja auch so reich! Das Geld bringt Sorgen!« tönte Winfried; »ein Hirt begegnete mir kürzlich in den Bergen mit einem Trieb Böcke, und während wir die Böcke meine Schafe decken ließen, tönte er mir: Ich bin in der Stadt gewesen, die dein Schwager gebaut hat. Da dachte ich mir, ich will doch auch einmal in die Stadt meiner Schwester gehen.« – »Das ist nicht so, Winfried,« sagte Franziska, »wir sind gar nicht reich.« – »Oh, ich will kein Geld leihen,« tönte Winfried, »ich habe genug.« »Da sind meine Kinder«, sagte Franziska, die Treppe hinaufweisend, auf deren Absatz die Kinder 134 erschienen waren. Gabriel kam zuerst heran, weil doch der Bruder der Mutter gekommen war, und begrüßte ihn. Philipp, der im Hause eines Bankdirektors verkehrte, entfernte sich, ohne den Hirten zu begrüßen. Die Zwillinge Kastor und Pollux dachten nur einer durch den andern, sahen sich an und konnten nicht ins reine darüber kommen, wie sich gegen den Onkel zu verhalten sei. Am zutraulichsten war der kleine Herkules. Er ritt auf des Onkels Knien und riß an seinem gelben Barte. Winfried ließ sich von Franziska immer wieder die Geschichte von der erwürgten Ratte erzählen und lachte schallend dazu. Franziska saß neben dem Bruder, und wie sie so mit ihm sprach, sich nach einem Leitbock erkundigte, ob der alte Jäger noch lebe, ob die Windmühle noch arbeite, und ob noch immer die Bäume auf der Schneise abwärts geschleift würden, wo damals der Vater zwischen zwei Stämmen zerquetscht worden war, da wurde ihre Stimme laut und lauter, und schließlich tönte sie wie Winfried. »Du hast ganz rote Wangen bekommen«, tönte lachend Winfried. Gabriel sah staunend die Mutter sich nach Onkel Winfried hin verändern. Als man zu Tisch ging, frug Winfried: »Wo ist denn der Schwager?« – »Der kommt erst später zum Essen, wenn wir fertig sind, der kann nicht von den Bauten weg«, sagte Franziska. – »So? Das ist aber merkwürdig,« meinte Onkel Winfried, »die Maurer auf dem Bau essen doch wohl auch zu Mittag. Ich esse und schlafe, wenn meine Hunde essen und schlafen.« Hermann kam und begrüßte lebhaft den Schwager. Dann führte er ihn durch die Stadt, »durch deine 135 Stadt«, wie Winfried tönend meinte. Winfried entzückte sich an dem liebenswürdigen Wesen des Schwagers und tönte auf den Straßen noch lauter, sodaß die Leute stehenblieben. Das focht Hermann Großjohann aber nicht an. Schließlich kamen sie in die Großjohannstraße. Da wuchs Winfried die Achtung vor dem Schwager ins Unermeßliche, denn in seinen Bergen hieß eine große gepflasterte Landstraße »die Napoleonsbahn«. Zuhause tönte er zu Franziska: »Du kannst wohl glücklich sein! Nun, es kann nicht allen gleich gut gehen. Ich freue mich, daß es meiner Schwester gut geht, und nun muß ich wieder in die Berge hinauf.« Als Onkel Winfried fort war, blieb im Zimmer noch lange ein Geruch von Harz und Haide zurück. Franziska ging umher, ihn zu riechen. Das leise Rot auf ihren Wangen hielt ein paar Tage an, bis es allmählich verblich. Die Trinker »Glück haben!« sagte Hermann Großjohann zu Albert Endenich, den er zu einem Glase Wein in der »Kalk und Stein« getauften Schenke der Baustraße beredet hatte;» du magst wollen und streben und die ganze Welt bezwingen, schließlich fragt sich's doch nur, ob es will, und es lächelt zu deinem Versuch, es zu zwingen. In der Hand des Glückes fühlt man sich wie in der Gottes. Man muß machtlos vertrauen. Seht her, Endenich, mein linkes Ohrläppchen, seht Ihr, daß dem die Spitze fehlt? Ihr seht es kaum. Ein Schuß im Kriege. Eine Handbreit weiter, und alles, alles kam anders. Da schauert einen.« 136 Endenich nickte lebhaft. »Das Glück ist geradezu etwas Religiöses«, sagte Hermann Großjohann vor sich hin. Endenich aber meinte, daß Großjohann sich doch wahrlich nicht zu beklagen habe. Ihm habe das Glück doch Tür und Fenster eingelaufen. Großjohann aber sagte: »Das Glück geht in einen hohlen Zahn, das Unglück in keinen hohlen Baum.« Jetzt erhob sich Endenich, denn es verlangte ihn gewaltig nach seiner Be–be–berta. »Ich muß auch das Geschäft ändern«, dachte sich Großjohann allein geblieben aus; »ich darf nicht immer auf eigene Rechnung bauen, es ist zu gefährlich. Ich muß sorgen, im Auftrag und auf Gefahr anderer zu bauen.« Er machte sich von nun an häufig einen Weg durch die neuen Bauviertel und knüpfte mit den vor ihren Neubauten stehenden Bauleuten Gespräche an. Die kleinen Bauunternehmer und Handwerksmeister fühlten sich sehr geehrt, daß der »große Johann« bei ihnen stehenblieb. Da war ein Schreinermeister Bertholet, vor kurzem noch Geselle. Den hatte das Glück Großjohanns nicht schlafen lassen. Nun hatte er eine kleine Erbschaft gemacht, und die Taler in der Tasche lief er seit drei Tagen umher, im Herzen die jubelnde Frage: was kostet das Rathaus? Was soll ich tun? Soll ich bauen? Soll ich nicht? Soll ich an den Knöpfen abzählen, was ich tun soll? frug sich Bertholet, schon mehr als halb entschlossen; herrje, was soll ich tun? Und er sprach zu sich: »Man rate mir; aber man rate mir nicht ab.« Ei, da kam ja Großjohann selbst die Straße herab! »Wenn er mich nur flüchtig ansieht – nein, wie sollte der große Johann einen Bertholet ansehen? – 137 wenn er rechts an mir vorbeigeht, dann ist's entschieden! Dann baue ich!« Aber der große Johann ging weder rechts noch links vorbei, sondern blieb stehen, und er sah Bertholet nicht nur flüchtig an, sondern er zog den Hut und sagte: »Guten Tag, Herr Bertholet. Ich habe gehört, Sie tragen sich mit Baugedanken. Recht so. Ich schlage Ihnen vor, ich mache für Sie die Maurerarbeiten.« Es war Herbst, ein kalter Wind kehrte die Baustraße und trieb Wolken körnigen Ziegelstaubes vor sich her. Plötzlich fing es an zu regnen. »Wir wollen in die Schenke gehen und das Weitere besprechen«, schlug Großjohann vor.   »Sieh da!« rief Großjohann aus, als er wieder auf der Streife nach baulustigen Unternehmern war, »ist das nicht der Käferling?« – »Alle Wetter, Herr Großjohann! Nein, das ist mir aber eine Freude! So ist es!« Es war in der Tat Käferling, der klügste jener Maurer, die Großjohann vorzeiten das freihändige Wölben gelehrt hatte. Käferling hatte sich auf sich selbst gestellt, so wie Großjohann es vorausgesagt hatte: Wenn ihr das Wölben versteht, lauft ihr mir davon. »Sind Sie mir böse, Herr Großjohann, daß ich damals so schnell davongelaufen bin? Aber wie sollten Sie? Die von Ihnen wiedererfundene Kunst des freihändigen Wölbens hat sich ja doch über alle Bauplätze in Stadt und Land verbreitet. Allenthalben übt man sie.« – »Wirklich wertvolle Erfindungen,« sagte Großjohann, »lassen sich gar nicht geheimhalten und 138 schützen, sie gehen sofort in das allgemeine Können über. Nur kleinliche Geister hüten ängstlich ihr ertüfteltes Gemächt.« – »Das ist recht! So ist es!« rief erfreut Käferling;»ich hatte tatsächlich Angst, Sie könnten mir böse sein. Aber da habe ich Herrn Großjohann nicht gekannt! Nur kleinliche Geister hüten ängstlich ihr ertüfteltes Gemächt, großartige geben ihre Erfindungen gern hin und sind nicht bange, daß ihr Erfindername vergessen werden könnte. So ist es!« »Sie sehen fein aus, Käferling«, sagte Großjohann, an dem gutgekleideten Manne heruntersehend. – »Ja, es ist mir auch Gott sei Dank! unberufen! gut gegangen«, meinte Käferling; »bisher, unberufen, denn Bauen ist Lotteriespiel. So ist es!« – »Nein, Käferling, Sie sind der Klügere gewesen. Sie haben nie auf eigene Rechnung gebaut. Ich höre, Sie sind der Baumeister von Dorfkirchen geworden. Allüberall erstehen die Käferlingschen Kirchen. Sie verkaufen Ihre Arbeit, Ihre Erfindung und Ihren Geist wie ein Arbeiter, und die ganze Gefahr fällt auf die Stifter und Auftraggeber. Das ist recht. Das hätte ich auch tun sollen. Warum ich das nicht getan habe? Ich habe doch an den Domen gelernt, ich hätte doch wenigstens mit Pfarrkirchen enden können!« – »Aber damals konnten Sie vielleicht noch nicht freihändig wölben?« meinte Käferling. – »Das ist es, Käferling, das hatte ich damals noch nicht versucht.« – »Und darauf beruht das Ganze, Herr Großjohann, so ist es! Ohne das wär's nicht möglich. Es wächst nicht Holz genug in den Wäldern für die Schalungen, soviel Kirchen wollen sie heute haben.« – »Ja,« sagte Großjohann, »erst wird den 139 Menschen, dann Gott die Wohnung zu klein. Alles dehnt sich aus. Die Welt ist breiter geworden heutzutage.« – »So ist es! Heutzutage! Und Sie, Herr Großjohann, müssen sich trösten wie der Pflanzer, der einen Park pflanzte; er selbst geht nicht darin spazieren. Aber der Park wird seinen Namen tragen! So ist es!« »Ein schlechter Trost! Aber besser eine Mücke gebraten als Hunger gelitten, sagte mein Vater selig. Wie ich nur an die Häuserbauerei kam? Da war eine Frau Merlin, eine betriebsame Dame, sie ist nun schon lange tot. Die veranlaßte mich, für sie zu bauen und dann für mich selbst. Und so floß mein Schicksal dahin, wie ein angestochenes Faß leer läuft. Daher kam das Unglück.« – »Unglück, Herr Großjohann? Wenn Ihr einen Bock melken würdet, er würde Milch geben. Wer ein Glück gehabt hat wie im Sprichwort, spricht von Unglück? Das ist Undank!« – »Sprecht nicht von Undank, Käferling! Nein! Sprecht von Übermut! Oder doch von zu großem Mut, meinetwegen. Ich war von dem Wahn befallen, alles selbst tun zu können. Und von hausbackener Ehrlichkeit auch. Ich habe gemeint, man müsse alles bezahlen können, was man baut. Für alles einstehen, was man unternimmt. Man glaubt, man ist das Meer und kann das Schiff tragen, und ist schließlich die Nußschale auf dem Wasser.« »Trübe Gedanken, aber gute Gedanken. Aus dem Trübsinn kommt die Philosophie, und die Philosophen sind immer schlechter Laune, sonst wären sie keine. Aber für uns Wirkende sind es Teufelsgedanken! So ist es! Weg damit! Durch Euch, Herr Großjohann, bin ich geworden, was ich bin. Ich möchte 140 darauf eine gute Flasche Wein mit Euch trinken, wollen wir?« Sie gingen in die Schenke, und Käferling erzählte. Von dem, was er mit Pfarrern ausstand, die in ihrem Dorfe eine Kirche haben wollten, die möglichst dem Kölner Dome ähnlich sei. – »Ja, überall heute derselbe Größenwahn!« sagte Großjohann. – »Und mit den Nonnen erst, Herr Großjohann, mit den Nonnen in den Klöstern, sag' ich Euch! Was man sich mit denen herumbalgt . . . ich meine nur so, was man mit denen aussteht! Denn die Weiber reden überall hinein! Von allem verstehen sie was. Geschoren oder ungeschoren, sie sind alle gleich! Alle gleich oberflächlich! So ist es!« Nachdem sie mit der ersten Flasche sozusagen das Recht auf den Platz erkauft und sie gleichsam unwillig getrunken hatten, nahm sie die Wonne des Weines gefangen. Sie tranken eine zweite, und tranken bis tief in die Nacht. »Ich habe mich nie verleiten lassen, billig und liederlich im Bauen zu werden«, sagte Käferling; »ich will zeigen, daß ein Großjohann nicht vergebens in die Reichsstadt gekommen ist! Und daß er Jünger gefunden hat!« Das gefiel Großjohann sehr, und auch er bestellte eine Flasche. Die beiden Baumeister träumten im Frieden dieser Nacht wieder einmal vom Bauen im großen Stile, das sie über dem Zahlenwesen des augenblicklichen Baugewerbes fast vergessen hatten. Sie waren glücklich. Franziska aber machte sich in dieser Nacht viel Sorge, denn wenn Hermann auch oft erst gegen Mitternacht heimkehrte, ohne einen Grund für sein Ausbleiben anzugeben, über Mitternacht hinaus war er noch nie geblieben. Schließlich verweilten die 141 Gäste selbst dem Wirte zu lange, er sagte unwirsch: »Meine Herren, es ist Bürgerzeit!«   Mit dem Schlossermeister Schröder war es eigentlich von allem Anfang an abwärts gegangen. Alle Krankheiten des Baugewerbes hatten ihn getroffen, Streik der Arbeiter, Fließsand im Baugrunde, Einsprüche der Baupolizei. Hinter der Stahlbrille stand jetzt ein finsteres Auge, und Frau Schröder war magerer als je. Am Ubierring traf Großjohann den Schröder an einem frosthellen Tage. Die Kälte preßte Schröder die Tränen aus den Augen, Großjohann aber glaubte, er weine. »Armer Schröder, geht es Euch so schlecht?« Obgleich es Schröder im Augenblick nicht schlechter ging als sonst, so tat ihm die Anteilnahme doch wohl, er antwortete nicht und ließ sich bedauern. Großjohann legte seinen Arm in den Schröders und sagte: »Wir wollen gehen, wo es warm ist, und etwas trinken, das wohlig macht. Wir wollen ins Wirtshaus gehen!« Sie gingen. Sie tranken. »Man kann's nicht zwingen,« sagte Schröder, »man muß es gewähren lassen. Ich spiele Suchen mit dem Glücke, aber Ihr spielt Findenlassen.« – »Nicht die Hoffnung verlieren, alter Schröder!« – »Ja gewiß nicht! Aber die Hoffnung ist wie Milch im Topfe, sie wird vom langen Stehen sauer.« Sie lachten, und mit Freude sah Großjohann das Auge hinter der Stahlbrille hell und heller werden. Er sah Schröder, wie er ihn damals gesehen hatte, als sie miteinander anfingen. Die Bauleute verloren sich ganz in Erinnerungen an eine Zeit, in der sie wenig 142 Macht, aber viel Hoffnung hatten, während jetzt ihre Macht sich mehrte, ihre Hoffnung sich minderte. »Damals«. sagte Großjohann, »konnte ich durch die Straßen gehen und mit dem Psalmisten sagen: Daß die Berge über mein Glück frohlocken und die Hügel hüpfen wie Lämmer! Jetzt möchte ich manchmal die Straßenwände anrufen: Ihr Berge fallet über mich, ihr Hügel bedecket mich!« Sie merkten nicht, daß die Mitternachtsglocke schlug. 143   Viertes Kapitel Der junge Leo Der alte Leo war wirklich ein liebenswerter und kluger Mann. Ganz zuletzt kam es ihm selbst vor, daß die Großjohann erwiesene Wohltat ein furchtbares Geschenk, des Bauherrn Verderben sein könne; denn Leo sah ein, daß es plötzlich mit ihm zu Ende ging. Er lag aber schon auf dem Sterbebett. Der junge Leo, drahtlich aus dem Bade zurückgerufen, hatte vor dem Krankenbett des Vaters zuerst getobt, als er die heimtückische Tat des Alten erfuhr. Plötzlich aber, als er sah, wie der Alte bleich und blau wurde, änderte er seinen Ton, denn er erkannte, was ihm nützlich war. Der Alte nahm es für Liebe, und es verschönte ihm die letzten Augenblicke. Sein Leben lang hatte ihm der Sohn nur Kummer gemacht, er verzieh es ihm alles wegen der Freude, die jener ihm in den letzten Minuten bereitete. Trotzdem rief er nach dem Notar. Der Notar kam. Der alte Leo erhob sich mit nackter keuchender Brust aus dem Bette, auf der einen Seite stand der Notar, auf der andern der junge Leo. Der Alte sagte: »Herr Notar . . . mein letzter Wille . . . die Hypotheken des Großjohann . . . schenke ich« – »diesem« wollte er 144 sagen, aber der junge Leo stieß, nicht gerade in schlimmer Absicht, aber er stieß doch im Zorn den Vater heftig mit der Faust in den Rücken, daß dem das Wort verging. Der alte Leo fiel hintüber und war tot. »War das nun ein Mord?« dachte der Notar im Fortgehen; »es ist offenbar, daß der Alte die letzten Züge tat. Einen Menschen aus dem vollen Leben reißen, ist Mord. Auch einen Kranken töten, der noch Hoffnung hat, ist Mord. Das Leben eines Mannes um einige Sekunden verkürzen, kann man das füglich Mord nennen? Es kam auch so plötzlich und war wohl mehr unglücklicher Zufall als Absicht. Ich bin auch nicht Staatsanwalt, Anzeigen und Verhandeln ist mir widerlich. Warum bin ich denn vom Richter Rechtsanwalt und vom Rechtsanwalt Notar geworden, wenn ich die Gerichtsschranken nicht haßte? Und wer beweist denn, daß der alte Kornel Schmitz ohne den Faustschlag wirklich noch eine Sekunde länger gelebt hätte? Ich halte mich draus.« Der alte Leo starb einen Monat, nachdem er den größten Teil der Bauschulden Großjohanns aufgekauft hatte. Noch ehe die Leiche kalt war, forderte der junge Leo von Hermann Großjohann die seit zwei Monaten ausstehende Summe von 10 000 Mark ein. Er gab eine Frist von vierundzwanzig Stunden. Als der eingeschriebene Brief des jungen Leo im Hause Großjohann ankam, war es, als ob ein großes Unglück die Familie getroffen hätte. Bei dem guten Gang der Geschäfte waren den Großjohanns wirkliche Schwierigkeiten noch etwas so Ungewohntes, daß schon ein kleines Hindernis als reines 145 Unglück aufgefaßt werden konnte. Hermann Großjohann saß dumpf da, er sah, sonderbar genug, nur das Verderben. Frau Franziska stieß einen Schrei aus. Die Kinder stürzten erschreckt herbei. Sie konnten aber nicht erfahren, was geschehen war. So überschätzten sie die Gefahr. Brigitta setzte sich stumm in eine Ecke, entschlossen zu allem, was nötig sein würde. Philipp flüsterte der Mutter zu: »Sie sollten eine Messe lesen lassen.« Kastor und Pollux hockten nebeneinander am Boden nieder und stimmten ein Geheul an, um die unbekannte Gefahr zu verscheuchen. Der kleine Herkules stand da mit breiten Beinen und die Arme in die Hüften gestemmt, als müsse er einen Feind annehmen. So waren alle Kinder in ihrer Weise erregt, ohne daß eines den Grund gewußt hätte. Bis schließlich Gabriel, als die Eltern auf seine Frage stumm blieben – »du kannst ja doch nicht helfen!« rief ihm die Mutter zu – wieder wie das anderemal entschlossen nach dem Briefe griff und ihn las. Da sagte Gabriel: »Aber das kommt mir doch nicht so schlimm vor! Es handelt sich doch nur um Zinsen! 10 000 Mark müssen sich doch aufbringen lassen!« Als Gabriel sprach, waren alle still und sahen ihn an, als wüßte er die Rettung. Und als es ihm doch nicht so schlimm vorkam, kam es allen nicht so schlimm vor. Gabriel erschien es sonderbar, daß der Vater sich von der für einen großen Geschäftsmann kleinen Schwierigkeit schrecken ließ. Hermann Großjohann war gewiß von den fehlenden 10 000 Mark nicht erschreckt, die aufzubringen, und sei es durch Kreditnehmen bei der Bank, ihm nicht schwer sein 146 konnte; aber er sah größere nicht so leicht zu nehmende Hindernisse voraus, die ahnungsvolle Furcht vor einer schwereren Zukunft lähmte ihn, wie schon der Anblick der Schlange die Frösche lähmt, sodaß sie nicht entfliehen können, obschon es noch Zeit ist. Gabriel sagte: »Es muß etwas geschehen!« Der Vater glaubte, die Worte seien an ihn gerichtet. »Der Junge soll mich doch nicht beschämen«, dachte er und machte sich schnell auf, um etwas ins Werk zu setzen. Die Mutter glaubte, die Worte seien an sie gerichtet, sie ging hinaus an ihre Arbeit, sie betete und machte auf ihre Weise etwas geschehen. Brigitta glaubte, die Worte seien an sie gerichtet, sie stand auf und ging dorthin, wo nach ihrer Meinung etwas zu tun war. Gabriel aber hatte die Worte an sich selbst gerichtet, auch er ging dorthin, wo er am ehesten Hilfe erwartete. Das Unglück entstand daraus, daß es im Hause nicht Sitte war, einander zu sagen, was man füreinander tat. Brigitta ging zum jungen Leo. Sie sagte, sie müsse unbedingt den Herrn sprechen. Der Diener entgegnete, daß der Herr beim Essen sei; aber das Fräulein hatte etwas so Bestimmtes im Tone, daß der Diener glaubte, sie melden zu müssen. Er führte sie schlankweg in das Speisezimmer, in dem der junge Leo saß, den Rücken gegen die Tür. Als der Diener die ganze mächtige Gestalt des eben gutgespeisten Herrn dasitzen sah, getraute er sich nicht, die Dame zu melden, sondern überließ sie sich selbst, machte die Tür schnell hinter ihr zu und ging von dannen. Brigitta sah vor sich einen breiten Rücken, über den Rockkragen quoll ein Speckhals heraus, überragt von einer Glatze, in der ein Fenster des Zimmers mit 147 dem Fensterkreuze sich spiegelte. Neben dem Rücken sah sie die fleischigen Hände des Mannes; eine von ihnen hielt eben ein großes Weinglas umspannt, das der Mann vom Munde abgesetzt hatte. Brigitta sah am Glasrande die fettige Trinkstelle. Eben stieß es dem Manne auf. Das alles flößte Brigitten einen ungeheuren Ekel ein. Sie sagte: »Ich bin Brigitta Großjohann.« Da drehte der Mann sich um, das Glas fest umspannt haltend, als wollte er es dem Diener, der ihn nach Tisch zu stören wagte, an den Kopf werfen. Brigitta sah auf der Seite des halb zugewandten Kopfes hervorquellende Augen, die Äderchen im Weiß waren vom Weingenuß geschwollen und rot. Wie diese Augen die Gestalt des Mädchens erblickten, lösten sich die Finger langsam vom Weinglase, die Augen verloren allmählich den stechenden Blick; die Überraschung des Mannes war aber zu groß, als daß er sofort gewußt hätte, was tun. Wieder stieß es ihm auf. Brigitta sagte: »Ich komme, Sie zu bitten, mit dem Vater etwas Geduld zu haben. Er wird sicher in einigen Wochen das Geld beisammen haben.« Leo erwiderte: »Setzen Sie sich, Fräulein.« Brigitta entgegnete: »Nein, ich will mich nicht setzen, ich will Sie nur bitten, etwas Geduld zu haben.« Da sagte Leo verbindlich: »Ja, wenn Sie stehen, muß ich auch stehen, Fräulein.« Wie Brigitta nun den satten Mann sich mühsam erheben sah, setzte sie sich auf einen Stuhl; Leo sagte, indem er sich niederfallen ließ: »So, das ist nett von Ihnen«, und es stieß ihm wieder auf. Er trank noch 148 einen Schluck Wein und sagte: »Was sagten Sie doch eben, Fräulein –?« »Ich möchte Sie bitten, mit dem Vater . . .« – »Wollen Sie nicht ein Glas Wein trinken?« fiel ihr Leo in die Rede. Aber gleich erkannte er, daß diese Frage sich einer Dame gegenüber nicht schicke, er suchte sie vergessen zu machen, indem er die Antwort nicht abwartete, sondern sagte: »Was sagten Sie doch eben, Fräulein –?« Brigitta wiederholte: »Ich will Sie bitten, mit meinem Vater etwas Geduld zu haben.« – »Wie heißt denn Ihr Vater, Fräulein?« frug Leo und fuhr sich über die schläfrigen Augen. – »Hermann Großjohann.« – »So, so, Hermann Großjohann? So, so«, sagte er und unterdrückte ein Gähnen. – ». . . Geduld zu haben. Wegen des Geldes«, nahm Brigitta wieder auf. – »So, so, wegen des Geldes«, sagte Leo und griff nach einem Zahnstocher, mit dem er sich in die Zähne fuhr. Aber auch jetzt fiel ihm ein, daß das vor einer Dame sich nicht schicke. Er ärgerte sich darüber, daß ihm alles immer zu spät einfiel, und er sagte darum unwirsch: »Mit dem Gelde, ja so . . . wie gesagt, kommen Sie heute abend wieder.« Jetzt nach der Tafel war ihm das Denken wirklich zu schwer, und er war froh, als das Mädchen fortgegangen war. Er stand auf und wankte ein paar Schritte bis zum Sofa, auf das er niederfiel. Sofort schlief er ein. Brigitta ging zufrieden hinweg. Sie wollte aber nicht einzig mit einer Versprechung nachhause kommen. Das sähe ja aus, als ob sie sich schon dieses halben Erfolges rühmen wollte! Überhaupt schien ihr nicht am schwersten, am Abend zum jungen Leo 149 zurückzukehren, sondern nachhause zu gehen und zu sagen: Vater und Mutter – sie würde ganz sicher nicht Vater und Mutter, höchstens Eltern, nein, auch das nicht, sagen! – die Gefahr ist vorüber! Dann würden die Eltern sagen: Kind, wie hast du denn das gemacht? Und würden ihr vielleicht danken. Wenn der Vater doch nur hart, wie gewöhnlich, fragen würde: Wo bist du gewesen? Ich dulde nicht, daß du herumläufst. Dann würde sie beiläufig sagen: Ich bin beim jungen Leo gewesen, er sagt, er gibt vier Wochen Zeit. Dann würde sie still hinausgehen. So dachte sie sich alles aus, ging zu Endenichs, verbrachte dort aufgeräumt den Nachmittag, ohne etwas von Sorge und Freude merken zu lassen, und begab sich gegen Abend wieder auf den Weg zum jungen Leo. Gabriel Merlin Mittlerweile war Gabriel zu Merlins gegangen. Unterwegs griff er an den Schlüssel, den er immer bei sich trug und richtete seinen Mut auf: Der Mann, der mir den Schlüssel zu seinem Hause gegeben hat, wird mich sicher nicht im Stiche lassen! Am letzten Heiligen Abend nämlich hatte er unter dem Weihnachtsbaume den großen altmodischen Schlüssel mit dem kunstvoll verzierten Griff gefunden. Das Geschenk war ihm wertvoller vorgekommen als irgendeines, das man ihm hätte machen können. Er hatte nun die Erlaubnis, zu jeder Stunde zu kommen. Jetzt war er der Sohn des Hauses. Er öffnete das Schlupfpförtchen, und der Türsteher, vom Mittagessen schläfrig auf der Plattform vor seiner weißen Tür sitzend, nickte ihm vertraut zu. 150 Schon längst rührten sich die Hunde bei seiner Ankunft nicht mehr. Gabriel stieg die drei Stufen hinauf und stieß die weiße Türe auf – da fuhr Traudchen aus dem Schlafe vom geblümten Sofa auf und frug, ein wenig überrascht: »Zu dieser Stunde?« Nun erzählte ihr Gabriel, was geschehen war. »Armer Lieber,« sagte Traudchen, den einen langen Arm auf den Tisch gestützt und den andern in Gabriels Arm gelegt, »da hast du eine schlechte Zeit gewählt. Der Vater wird dir sicher nicht helfen. Seit drei Tagen hält er sich eingeschlossen. Er kommt nur flüchtig zu den Mahlzeiten und ist einsilbig. Er scheint etwas Schweres zu tragen, ich weiß nicht was. Er muß einen Brief gefunden haben, den dein Vater vor vielen Jahren an meine Mutter geschrieben hat, die ich ja nicht gekannt habe. Es scheint mir, als ob der Brief – verzeih – sehr dreist gewesen sei. Der Vater deutete etwas an, ich weiß aber nichts Genaues. Und gerade heute ist Mutters Geburtstag.« Gabriel errötete. Nicht wegen des dreisten Briefes seines Vaters, sondern wegen des Briefes seines Vaters, des Briefes an eine Frau. Der Vater hatte einer Frau einen Brief geschrieben, doch wohl einen Liebesbrief! Der Vater hatte eine Frau geliebt wie er, Gabriel, der Sohn! Der Vater, der allen Kindern als ein spartanischer Held, keinem Gefühle dienstbar erschien, hatte geliebt! Wie beschämend! Der Vater, der daheim alle zarten Gefühle verrufen zu haben schien! »Nein, mein Kind,« sagte hinter den beiden Herrn Merlins Stimme, »Gabriels Vater hat an deine Mutter keinen Brief geschrieben, am wenigsten einen dreisten Brief. Ihr beide seid klug und alt genug, um 151 zu verstehen, was ich euch jetzt sagen will – darf ich mich setzen, Traudchen? Ich fand einen Brief, den deine Mutter in ihren letzten Lebenstagen geschrieben hat in der Besorgnis, ich möchte, wenn sie nicht mehr sprechen könne, auf irgendwelche törichten Gedanken kommen. Verlegt, fiel mir der Brief aus alten Papieren erst vorgestern nach achtzehn Jahren in die Hände. Ich teile euch den Inhalt mit, weil ich mich leider in diesen Tagen habe gehen lassen und Grund zu falschen Vermutungen gegeben habe, wie ich denn auch eben höre, und weil ich meine, daß man Kinder nicht zu lange für dumm halten soll. Deine Mutter scheint, nachdem sie Gabriels Vater gesehen hat, ein geistiges Doppelleben geführt zu haben. Sie schreibt: Damit ich bereit bin, wenn, wie nicht zu erwarten, das bevorstehende ersehnte Ereignis unglücklich ablaufen sollte, hinterlasse ich Dir, lieber Mann, diese Zeilen, welche Dich aufklären sollen, so klar ich selbst sehe. Wenn eine Liebe wachsen kann – die unsrige hat es getan. Die milde Sonne Deines Wesens hat in dem Sturmlande meiner Seele einen neuen Frühling der Gefühle hervorgezaubert, aber –. Du hast langsam auf mich eingewirkt, dennoch –. Glaubst Du, Liebster, daß man einen Menschen umwandeln kann? Daß auch der Stärkste, Beste, Klügste den Erbärmlichsten ändern kann? Glaubst Du das? Ich glaube es nicht. Ich glaube, daß wir ewig bleiben, was wir sind, und daß unser mitgebrachter Charakter unser Schicksal ist. Kommt der Mensch oder das Ereignis, die den alten Kern unseres Wesens reizen, so antwortet es sofort und grenzenlos. Das Ereignis war für mich die große Betriebsamkeit, die unser Volk und unsere Stadt nach dem Kriege ergriff. Ich meinte, 152 mittun zu müssen. – »Das war,« warf Herr Merlin erklärend ein, »als diese sonderbare Lust zu bauen sie ergriff, ich erzählte euch schon.« – Der Mensch war für mich Hermann Großjohann. Ich suchte einen, der mir helfen sollte, und fand gleich den, auf welchen ich lange gewartet zu haben schien. Es gibt Menschen, die ohne es zu wollen und zu wissen aus uns etwas anderes machen, als wir sind, nämlich das, was wir eigentlich sind; die durch ihr bloßes Sein einen Zwiespalt in uns auftun, uns eine Binde von den Augen reißen und uns sagen: Das bist du! Trotzdem, da wir Frauen zu opfern gewohnt sind, habe ich ihn kaum wiedergesehen, seit ich wußte, daß Du ihn nicht littest. Was Du mit »Weiberart« verspottetest, als mein Eifer erlosch, das war zur Hälfte dieses Opfer und zur Hälfte die Aussicht auf ein Preiswürdigeres, das es zu erbauen galt. Aber der seelische Einfluß des Gemiedenen wirkte trotzdem. Ich unterliege einfach einem Zauber. Worin er denn besteht? Es ist schwer zu sagen. Mich bezaubert ein Mensch, der wollen kann. Wollen bis zum Unsinn, zur Selbstvernichtung. Wir Wohlhabenden können nicht wollen, weil wir nicht zu wollen brauchen. »Doch das Folgende ist nicht für euch«, sagte eilig Herr Merlin, der merkte, daß er in Hinsicht auf Gabriel schon zu weit gelesen hatte. Obgleich er nun den Brief in diesen drei schweren Tagen vielemale gelesen hatte, so las er ihn doch auch jetzt wiederum stumm für sich zu Ende: Es sind die Menschen, die ein Ideal verkörpern wollen. Eine Fähigkeit und Kraft auf die Spitze treiben. Das Ideal ist an sich schon etwas Tragisches. Sie müssen untergehen, man mag ihnen helfen 153 oder nicht. Sie gehen einfach durch ihren eigenen Übermut zugrunde, sie sinken durch ihre eigene Schwere; und ihr Übermut ist das Reizende an ihnen. Sie schauen begeistert in blaue Weiten und sehen ihr fernes Ziel nah mit verzückten Augen – und sehen die Knüppel nicht, die man ihnen in den Weg wirft, und die Gräben nicht, in denen sie ertrinken müssen. Denn ihr Untergang ist ihr Ziel, ihr Glück, ist der ganze Zweck ihres Daseins. – Dann aber, könntest Du sagen, müßte Frau Großjohann einen noch stärkeren Bann auf mich ausüben. Sie ist der stärkste Wille. Aber – wir sind Menschen, und ich bin eine Frau, das andere Geschlecht wiegt für uns doppelt. Doch auch, wenn sie ein Mann wäre – nein! Ihr Wille ist etwas fast Tierisches. Niemals schwanken, das ist uns menschlich zu fern. Zum Zauber gehört, daß der Mensch sein Unglück ahnt. Daß er den verderblichen Kreisen auszuweichen sucht und doch in sie hineingezogen wird. Sein Schritt stockt, und er zaudert hin und wieder. Das Schaf, das blind in die Flamme rennt, ist ein dummes Tier. – So ist es, Theodor, vielleicht würdest Du es besser sagen, so ist es oder ähnlich, aber im Grunde ist es richtig. Man kann gar nicht irren, wenn man so ernst von sich spricht. Und man kann etwas Ernstes viel besser schreiben als sagen. Auch wenn Du nicht gezwungen bist, diese Zeilen nach meinem Tode zu lesen, ich würde doch einmal verreisen und sie Dir hinterlassen, denn ich kann nicht lügen, auch nicht durch Schweigen. Und wenn sie weh tun sollten, bedenke: wer heilen will, muß schneiden dürfen. Gertrud.       154 »Nun, Kinder,« nahm Herr Merlin die Rede wieder auf nach der Pause, in der Traudchen und Gabriel aneinandergeklammert in atemloser Spannung gesessen hatten, »ihr seht, daß meine Eitelkeit sich mit diesem Briefe wohl einige Zeit auseinandersetzen mußte. Sehr klug hat die Mutter geschrieben, aber einen tüchtigen Brief kann jeder in seinem Leben schreiben, dann, wenn er von seinem innersten Ich schreibt, das nur er wirklich kennen kann, und besonders, wenn er wie die Mutter es schreibt in dem eigenartigen überirdischen, durch alles dringenden Lichte, das die Ewigkeit vor dem Tode in sein Leben hereinwirft. Und nun, Gabriel, was gibt es Schreckliches? Du siehst aus wie ein Fisch an Land.« Gabriel sagte, was zu sagen war. Er fügte aber keine Bitte um das Geld daran, sondern frug Herrn Merlin um seinen Rat. »Gut,« sagte dieser, »um der Mutter willen! Heute ist ihr Geburtstag. Ich habe auch gerade viel Geld flüssig und suche nach einer Stelle, es anzulegen. Ich fahre sofort zum jungen Leo und bringe die Sache in Ordnung.« Er ließ anspannen, und bald rollte sein Wagen zum Hofe hinaus, die Kinder in jener Zärtlichkeit zurücklassend, die nach einer überstandenen Gefahr sich meldet. Herr Merlin traf den jungen Leo, wie er eben vom Nachmittagsschlaf erwacht war. Er sprach von Großjohann und den 10 000. Er erfuhr, daß Leo im Besitze des größten Teiles der Bauschulden Großjohanns war. Herr Merlin stutzte über die Höhe der Summe. Wohl erinnerte er sich des Satzes jenes spätangekommenen Briefes: Ein solcher Mann muß untergehen, man mag ihm helfen oder nicht. »Aber 155 man kann doch das Ende hinauszögern, sozusagen das Schauspiel verlängern«, dachte Theodor Merlin. »Vielleicht stirbt mittlerweile der Held, und sein Nachfolger setzt das Spiel fort. Wenn der Nachfolger Gabriel wird, so ist es möglich, daß aus dem traurigen ein heiteres Spiel wird. Und später kommen die beiden Posten ja doch einmal zusammen. Ich lege mit dem Gelde ein Vermögen für Traudchen und Gabriel an.« Herr Merlin kannte den Ruf des jungen Leo. Er schlug ihm also günstige Bedingungen vor, wenn er ihm die Großjohannschen Papiere überließe. Leo, vom Schlafe noch halb benommen, sagte zu. Als Herr Merlin mit den Papieren weggegangen war, fiel dem jungen Leo ein, daß ja Fräulein Großjohann noch am Abend kommen würde, um Aufschub der Zahlung zu erbitten. Und wieder ärgerte er sich, daß ihm alles zu spät einfiel. »Was ist nun da sonst zu tun?« überlegte er, das Kinn in der Hand, »was ist nun da zu tun . . . ? Tja, was nun . . . ? Ein guter Gedanke kommt mich immer nur langsam an wie den Ochsen die Milch . . . Tja, was nun . . . ?« Das Opfer Brigitta kam. Als sie in ihrer ganzen jungfräulichen Schönheit bittend vor ihm stand, meinte Leo einen Augenblick fähig zu sein, ihr die Ehe anzubieten. Aber er war nun doch schon ein alter Junggeselle, der die Lust der Ehe ohne die Last der Ehe zu finden gewohnt war. Nie hatte ihm ein Weib gefallen wie Brigitta Großjohann. Er sagte mit wichtigtuender Miene: »Ja, Fräulein 156 Großjohann, ich habe es nun in der Hand, Ihren Vater zu verderben. Ich habe seine sämtlichen Schulden: 6 mal 100 000 Mark.« – »6 . . .« fiel Brigitta erschrocken ein, und der Atem verging ihr. – ». . . mal 100 000 Mark, jawohl!« rief Leo aus, »Sie wissen das nicht?« – »6 mal . . .« flüsterte entsetzt Brigitta. – ». . . 100 000 Mark!« vollendete wieder Leo; »wissen Sie das nicht? Welch eine Gewissenlosigkeit eines Vaters, seine Kinder über seine Schulden im unklaren zu lassen!« – »So . . . arm . . . sind wir?« hauchte Brigitta.– »Ich weiß nicht, wie arm Sie sind«, sagte unwillig Leo und unterließ es, ihr zu sagen, wieviel dieser Schuldsumme an Besitz gegenüberstehen mußte, denn er sah wohl, daß das arme Kind von diesen Baugeschäften nichts verstand, und daß Bauschulden keine gewöhnlichen . . . Da unterbrach Brigitta sein Denken: »Aber Bauschulden sind keine gewöhnlichen Schulden!« – »So, so?« höhnte er, »Bauschulden sind keine gewöhnlichen Schulden? Woher haben Sie denn diese Weisheit? Na, da warten Sie mal, bis es zur Versteigerung kommt! Dann werden Sie erleben, was Bauschulden heißt. Das Hemd müssen Sie ausziehen, um sie zu bezahlen!« Das knickte wieder Brigitta. Leo sah es und lachte. »Ja, ja, ein schöner Schuldenmacher, Ihr Vater!« rief er höhnend aus. »Mein Gott,« stöhnte leise Brigitta, »nun sind wir Ihnen in die Hand gegeben, Vater, Mutter, die Brüder und Gabriel?« – » So kann ich Ihren Vater zerquetschen!« rief Leo, indem er die Abendzeitung faßte, sie in einer Hand zerknüllte und in die Ecke warf. Seine Augen brannten, und Brigitta sah wieder die roten Äderchen in dem hervorquellenden 157 Weiß wie diesen Mittag, als Leo Wein getrunken hatte. Leo hielt es doch für vorsichtig, noch einmal zu fragen, ob sie von den Geldgeschäften ihres Vaters nichts wisse. »Nichts«, sagte Brigitta. – »Auch nicht, in wessen Händen die Schuldbriefe sind? Wer die Gläubiger sind? Wieso die Papiere wandern?« frug Leo. – »Schuldbriefe? In wessen Händen? Was ist das? Wieso können Schuldbriefe wandern?« – »Ich leihe Ihnen Geld,« erklärte Leo, »das Geld wird auf Ihr Haus eingetragen, ich verschenke, verkaufe oder vererbe den Anspruch.« – »Ich verstehe davon nichts«, sagte Brigitta. Aber Leo frug der Sicherheit halber noch mehr: »Also Ihr Vater spricht nie von Geschäften?« – »Nie«, sagte Brigitta. – »Ihr Ehrenwort?« »Was mag das nur bedeuten? Was will er mit meinem Ehrenwort?« dachte Brigitta. Aber sie war von der schrecklichen Zahl – nicht von diesem Menschen, o nein! – so in Furcht gejagt, daß sie sagte: »Mein Ehrenwort!« Aber Leo frug noch mehr und kam dabei langsam näher. Brigitta fürchtete sich nicht und blieb auf dem Fleck stehen. Leo frug: »Und lesen Sie auch keine Geschäftsbriefe?« – »Was habe ich vor diesem Menschen zu verbergen?« dachte Brigitta und sagte fest: »Nein!« – »Ihr Ehrenwort?« – »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort nicht mehr. Wenn ich sage nein, so ist es nein!« Leo lächelte gefällig auf das trotzige Mädchen nieder. »Sie gefallen mir,« sagte er, »aber Ihr Ehrenwort wäre mir lieber.« – »Ich habe nein gesagt! Mein Wort ist gut!« – »Gewiß,« sagte Leo, näher rückend und immer leiser redend, »Ihr Wort ist gut, aber Ihr Ehrenwort wäre besser!« 158 »Er muß doch ein ehrenwerter Mann sein,« dachte Brigitta, »weil er soviel auf das Ehrenwort gibt.« Sie sagte ruhig: »Ich kann Ihnen jetzt mein Ehrenwort nicht mehr geben, nachdem ich einmal erklärt habe, daß ich es nicht tun werde. Wenn ich es jetzt gäbe, würde ich mich ja selbst Lügen strafen und meinem Worte die Kraft nehmen.« – »Sie sind mir gut«, flüsterte Leo zwischen den Zähnen, ganz nah über ihr stehend und sie mit Blicken gierig verzehrend. Brigitta wußte nicht, wie sie diese Worte zu deuten habe. Obgleich der Mensch ihr in allen seinen Teilen einen unüberwindlichen Ekel einflößte, so wich sie doch nicht um ein Haar zurück. »Ich fürchte mich nicht«, dachte Brigitta; »wenn er mich anfaßte, ich würde nicht zucken!« Leo faßte sie an. »Sie sind mir gut«, flüsterte er wieder, und nun wußte Brigitta die Worte zu deuten. Sie waren in dieser Deutung nicht mal eine Frage, ein Befehl waren sie! Nun zuckte Brigitta doch zusammen, aber sie wich nicht. »Wenn sie doch schreien, wenn sie doch auf die Knie fallen und bitten würde,« dachte Leo einen Augenblick, »ich würde ihr gewiß nichts tun! Aber dieser Trotz entflammt mich, ich verliere die Besinnung. Wenn sie mich ins Gesicht schlägt, heirate ich sie.« Aber Brigitta schlug ihn nicht ins Gesicht. Sie hatte es tun wollen, aber im gleichen Augenblicke war ihr Auge auf das Knäuel Papier in der Ecke gefallen, und sie hatte sich erinnert, daß sie des Vaters wegen gekommen war. »Was wollen Sie von mir?« frug sie ruhig, » ich will von Ihnen ein paar 159 Wochen Aufschub und daß Sie meinem Vater nichts antun«, sagte sie, das Papier ansehend. Leo war nicht das erstemal in solcher Lage. Er erinnerte sich, daß ihm Beuten, die er festzuhalten meinte, im letzten Augenblicke entgangen waren. Er kannte seine beiden Fehler, zu langsam zu denken und dann zu schnell zu handeln. Er ging von Brigitta fort, schritt durchs Zimmer und frug nach einer Weile: »Lieben Sie Ihren Vater?« Brigitta antwortete nicht. »Lieben Sie Ihren Vater?« frug Leo, durch das Ausbleiben der Antwort gereizt. Brigitta antwortete nicht. »Lieben Sie Ihren Vater?« frug Leo, nachdem er einige neue Runden durch den Saal gemacht hatte. – »Mein Gott,« flüsterte Brigitta, »was geht's Sie an!« Sie fühlte sich plötzlich sehr müde, griff nach einem Stuhle und setzte sich. Als Leo das sah, frohlockte sein Herz. »Lieben Sie Ihren Vater?« frug er zum letztenmale. – »Mein Gott, ich weiß es nicht, fragen Sie mich nicht.« – »Sie lieben Ihren Vater nicht! Sie sind eine schlechte Tochter. Ihr Vater ist ein bedeutender Mann. Darum ist er mein Feind, darum will ich ihn zerquetschen wie das Zeitungsknäuel da. Sie sagen vielleicht: Lieber Vater! Sie küssen ihn morgens beim Aufstehen und abends beim Schlafengehen. Sie herzen ihn, wenn er auf Reisen geht. Sie schreiben ihm Briefe voller Liebesworte. Aber es sind nur Worte! Worte! Einer Tat ist kein Weib fähig.« – »Reizen Sie mich nicht!« rief plötzlich Brigitta aufspringend und die Fäuste ballend. Sie führte die Fäuste in ihre Augenhöhlen, und während ihre Augen auf diese Weise geschlossen 160 waren, grinste Leo selbstgefällig. »Aber gerade, mein schönes Kind, will ich dich reizen!« dachte er; »aber gerade, mein schönes böses Kind!« »Wie stehen Sie mit Ihrem Vater?« frug Leo jetzt ruhig, indem er einen Stuhl nahm, »läßt er Ihnen Freiheit?« – »Was geht Sie das an?« rief Brigitta zornig. Aber Leo frug ruhig weiter: »Ich meine, läßt er Sie viel ausgehen?« – »Was soll das?« rief Brigitta in bösem Argwohn aus. – »Ihr Vater ist ein Tyrann! So ist er in der Geschäftswelt bekannt. Er meint euch mit Gewalt zu erziehen. Jawohl, Gewalt! Mit Gewalt kann man ein Ei an einem Stein zerschlagen, aber keinen Kinderkopf brechen. Ihr Vater ist ein Rabenvater, der die vielen und guten Kinder, die er hat, nicht verdient! Das sagen alle Leute von ihm. Er möchte seine Kinder am liebsten an die Kette legen.« – »So? Ja, was Sie nicht alles wissen!« höhnte Brigitta, sich wiederum setzend; »so will ich Ihnen sagen, daß ich bei unseren Freunden, Herrn und Frau Endenich, ganze Nächte bleibe, ohne daß der Vater es weiß.« Da sprang Leo von seinem Stuhle auf. Brigitta saß in einem Sessel mit Armlehnen. Leo stand vor dem Sessel, stützte seine Hände auf die Lehnen und sperrte den Ausgang aus dem Stuhle. Brigitta fühlte seinen glühenden Atem in ihrem Haar. – »Ich habe Ihrem Vater heute sämtliche Hypotheken gekündigt. Es ist ausgeschlossen, daß er bei der jetzigen Geldlage das Geld beschafft. Morgen ist er ein zertretener Mann. Ich rufe aber den Bescheid zurück –« und nun flüsterte er: »– wenn Sie heute nacht bei Endenichs bleiben.« Brigitta schrie. Aber im nächsten Augenblicke fühlte 161 sie sich an die furchtbare Brust des Mannes gezogen und einen Regen von heißen Küssen über sich niedergehen. »Ich liebe dich, Brigitta!« stöhnte der Mann.   Der Vater Hermann Großjohann saß derweil beim Bankdirektor Hagelstange, der entgegen aller Sitte eine Flasche Wein in sein Arbeitszimmer hatte bringen lassen und mit dem Vater auf die Größe des Namens Großjohann trank. Die geschäftlichen Dinge waren längst erledigt. Hagelstange hatte Großjohann ohne Umstände die fehlenden 10 000 Mark aus Bankmitteln geliehen. Freilich die langen Schreibereien, die Umständlichkeit des Sicherstellens, das Ausfüllen und Unterschreiben einiger Bogen bedruckten Papiers waren Großjohann sehr ärgerlich erschienen. Solches Verfahren war er seit seinen Anfängen nicht mehr gewohnt. Auch die Beamten der Bank, die unterrichtet werden und helfen mußten, sahen plötzlich Großjohann – so meinte dieser wenigstens – mit anderen Augen an. Gertrud Großjohann Herr Merlin hatte geholfen! Man brauchte nicht in Sorge zu sein! Gabriel eilte über den Werkhof und stürmte die Treppe hinauf – als er aber die Tür aufmachte und Vater und Mutter sah, konnte er ihnen nicht sagen, daß Herr Merlin geholfen hatte. Er würgte den ganzen Abend daran, er konnte nicht. Denn die Eltern würden doch fragen, warum Herr Merlin geholfen habe, und er müßte seine Liebe zu Gertrud bekennen. Das war unmöglich! 162 Er frug nach Brigitta. Brigitta wußte ja von seiner Liebe, sie wußte es nun einmal auf heimtückische Weise, ihr wollte er es sagen, sie mochte es den Eltern sagen. Aber Brigitta war nicht da. »Sie ist zu Endenichs gegangen«, sagte die Mutter, »und wird wohl die Nacht dort bleiben.« Da legte sich Gabriel ohne zu essen zu Bett und grübelte die ganze Nacht. Er hatte die Rettung, aber er konnte sie den Eltern nicht zeigen. Es jammerte ihn, daß sie die ganze Nacht in ihren Sorgen bleiben mußten, aber es war ihm doch aufgefallen, wie ruhig die Eltern am Abend gewesen waren. Diese nämlich sagten den Kindern nicht, daß der Vater das Geld in der Bank erhalten hatte. Auch Philipp machte sich in der Nacht eine halbe Stunde lang Sorge. Gabriel schämte sich, daß die Eltern wissen sollten, er liebe ein Weib. Die Eltern aber wußten das längst, denn so hatten sie sich seine durch die Jahre währenden Gänge zu Merlins schließlich gedeutet. Sie sprachen aber nicht davon, auch nicht zueinander. Als Gabriel aufgestanden war, war es ihm klar, daß es jetzt gesagt werden mußte. Zwischen 9 und 10 Uhr würden die Eltern ja den Gerichtsbeamten oder jenen schrecklichen Bankboten erwarten. Die Aufregung, die morgens in der Familie war wie in jeder Familie, in der Kinder zur Schule geschickt werden müssen, schien ihm geeignet zu sein, die beschämende Enthüllung mitten zwischen dem Lärm und Gelaufe zu machen. Als er den Mund öffnete, fiel ihm ein, die Tür zum Nachbarzimmer zu öffnen, damit Durchzug entstände, in einem Gefühle, daß seine Worte aus dem Gedächtnis der Eltern schneller entflögen, wenn sie im Durchzug gesprochen würden. 163 Dann sagte er: »Herr Merlin hat mir gestern gesagt, er will die Sache in Ordnung bringen, ich bin nämlich mit Fräulein Merlin verlobt« – er eilte davon. Wenn er geblieben wäre, würde der Vater ihm gesagt haben, daß er das Geld bereits in der Bank erhalten habe. Jetzt sagte der Vater ärgerlich: »Was mischt sich dieser Merlin in meine Angelegenheiten?« Er frug aber Gabriel nie, was denn Herr Merlin getan habe, nur um den Sohn nicht wieder nach der peinlichen Verlobung fragen zu müssen. Über die Tatsache selbst freute er sich, denn Merlins waren der angesehensten und reichsten Familien eine. Gabriels Zukunft war durch die Heirat mit einer Merlin gesichert, und der Vater freute sich über den wackern Sohn, der sein Ziel, die Familie zur Höhe zu führen und vornehm zu machen, so rüstig, was ihn selbst anging, verfolgte. Auch an Frau Merlin dachte Großjohann einen Augenblick mit Dankbarkeit und Wehmut. »Frau Merlins Kind wird meine Schwiegertochter.« Für die Mutter aber war Gabriels Enthüllung entsetzlich. Sie begriff nicht, daß ihr Mann dabei so ruhig bleiben konnte. Freute er sich gar? War er denn so verderbt, war denn aller natürliche Sinn in ihm tot? Nach dem Mittagessen im Hinausgehen aus dem Zimmer, als Gabriel in seine Kammer gehen wollte, sagte sie ihm leise: »Hör' mal eben.« Sie ging auf den Flur hinaus voran. Gabriel sagte: »Hier bin ich. Ich bitte Sie kurz zu sein, Mutter, wenn's möglich ist.« Er fürchtete nämlich, die Mutter würde ihn wie andere zärtliche Mütter beiseite nehmen, ihm sagen, wie sie sich freue, daß er Fräulein Merlin heiraten werde, und sich mit ihm in ein holdes Geschwätz über sein Bräutchen einlassen. Zwar 164 wußte er nicht recht, wie das bei der Art seiner Mutter geschehen könnte, aber schließlich, dachte er voll Furcht, sind alle Mütter gleich. »Gabriel,« sagte Frau Franziska, »du darfst das Mädchen nicht heiraten.« – »Aber wieso, Mutter,« rief Gabriel erstaunt aus, »was können Sie denn gegen sie haben?« – »Du darfst das Mädchen nicht heiraten, Gabriel. Es ist doch Fräulein Merlin, nicht wahr?« – »Aber ich versteh' nicht . . . versteh' nicht.« – »Es wäre ein Verbrechen, Gabriel«, sagte sie, die Augen am Boden. »Mutter,« sagte Gabriel in tiefstem Schrecken leise, »was ist geschehen?« – »Verstehst du denn nicht? Dann muß ich es dir schließlich sagen. Gott ist mein Zeuge, daß ich es nur tu', um ein Verbrechen zu verhüten, um Unglück von dir – und deinen Kindern fernzuhalten. Noch nicht?« – »Mutter!« rief Gabriel, »Mutter! Mutter!« – »Still, Gabriel, sei nicht so laut. Du verstehst also?« – »Nein, Mutter, nein, es ist nicht möglich! Ich verstehe nichts, gar nichts! Gar nichts!« »Fräulein Merlin ist deine Schwester.« Gabriel verfärbte sich. Er sagte nichts. Er schien an etwas zu kauen. Schließlich sagte er leise: »Ich begreife das nicht.« »Dein Vater ging früher oft zu Frau Merlin. Damals verstand ich das nicht. Besonders oft ging er die bestimmte Zeit vor der Geburt des Kindes, an der Frau Merlin starb. Merlins waren lange verheiratet, ohne ein Kind zu haben. Als dein Vater dort verkehrte, war das plötzlich anders. Ich konnte die Frau nie leiden. Alle Leute sagten, sie sei die schönste 165 Frau der Stadt. Ich fand sie häßlich. Ich glaube, sie hatte keine Religion. Sie hat uns auch mit Geld geholfen. Sie liebte deinen Vater, denn sonst hätte sie ihm nicht geholfen. Aber das wurde mir erst später klar. Herr Merlin weiß von allem sicher nichts. Du sollst ihm auch nichts sagen, sondern einen Grund suchen, dich unauffällig zurückzuziehen. Du wirst schon was finden, du bist ja klug.« – »Mutter,« stammelte Gabriel, »haben Sie denn Fräulein Merlin einmal gesehen? Wenn Sie sie gesehen hätten, würden Sie es für unmöglich halten.« – »Ich habe sie nicht gesehen und will sie nicht sehen. Ich hasse sie mit ihrer Mutter, die Gott verdammt haben wird. All unser Unglück kommt von diesem schlechten Weibe her. Seitdem der Vater mit ihr sprach, ist er nicht mehr fromm. Seitdem sind die Engel aus unserem Hause fortgezogen und die Teufel eingekehrt. Wie kann es einem Hause gut gehen, in dem keine Gottesfurcht ist? Sie hat Gott schnell genug für ihre Sünde geschlagen, das ist doch für den Blinden offenbar, ihn , deinen Vater, wird er auch schlagen. Seitdem ist er ein Ehebrecher und Trinker geworden. Frau Schröder kam in einer der letzten Nächte um Mitternacht schellen, um nach ihrem Manne zu fragen. Der ist auch nicht besser als dein Vater. Sie saßen im Wirtshause, die beiden Herren! Und Frau Schröder sagt, sie versage sich die Milch zum Kaffee. Auch sonst habe ich gehört, daß dein Vater sich in die Straßen stellen geht, wo sie bauen, die Unternehmer von ihren Bauten wegschwätzt und sie fragt, ob sie mit ihm trinken gehen wollen. Gott ist mein Zeuge, daß ich das nicht sage, um den Vater zu verkleinern, sondern nur, damit du verstehst, was ich 166 sagte. Du sollst ihn immer in Ehren halten, wie im vierten Gebot steht. Da kommt er.« Sie hörten den Vater die Treppe heraufkommen, und Mutter und Sohn verschwanden vom Flure. Als Gabriel, ein Halbtoter, in seiner Kammer auf dem Bette lag, hörte er aus dem mittagsstillen Hofe herauf, auf den das Fenster des Eßzimmers ging, einen lebhaften Wortwechsel zwischen Vater und Mutter. »Ich komme nachhause, wann ich will!« rief der Vater; »ein Geschäft ist nicht gerade zu Ende mit der Mittagsglocke. Ich bin der Herr im Hause! Was verstehst du davon, was wir im Wirtshause tun? Im Wirtshaus machen die Bauleute ihre Geschäfte. Soll man die etwa auf der Straße machen? Soll man auf dem Pflaster Zeichnungen aufrollen und Verträge auf den Bordsteinen niederschreiben?« Die Mutter sagte, wenn Gabriel richtig verstand, daß es doch früher anders gewesen sei. »Früher ja,« erwiderte laut der Vater, »leider! Ich habe immer für eigene Rechnung gebaut. Das war falsch, und es rächt sich. Es gilt schleunigst ein anderes Verfahren. Dann aber muß ich mich an die Leute heranmachen, wenn ich Aufträge haben will. Dann bin ich nicht mehr der große Herr, dann komme ich als Bittender.« Jetzt sagte die Mutter aus der Tiefe des Zimmers etwas, das Gabriel nicht verstand. »Trinker?« rief der Vater. »Ist man darum ein Trinker? Du ahnst ja nicht, wieviel man mit einer Flasche Wein verdienen kann. Wenn wir in den Baustraßen stehen, so will ich mir bei gutem Wetter gern die Beine steif stehen, um dich nicht zu ärgern. Wenn es aber windet und regnet, wo soll man dann hingehen, bitte? Sollen wir die Zeichnungen naß 167 werden lassen, nur damit unsere Frauen keine nassen Augen bekommen? Denn sie scheinen alle so töricht zu sein wie du! Sollen wir etwa in die Rohbauten treten, die, wie eine Baumannsfrau wissen sollte, noch keine Böden und Dächer haben und wo gelegentlich ein Ziegelstein von oben bis in den Keller durchfällt? Soll man sich da den Schädel einschlagen lassen? Manch' einer von euch Frauen könnte das ja passen, sollte man meinen. Wo soll man also hingehen? In die Kirche?« – »Das wäre schon besser«, hörte Gabriel deutlich die Mutter sagen, die in die Nähe des Fensters gekommen sein mußte. – »Gut, aber wenn ich nach deinem Befehle in die Kirche ginge, die anderen gingen nicht mit, sondern lachten mich aus«, sagte der Vater. »Trinker? Ist man deshalb ein Trinker, weil man ein Glas Wein trinkt? Ja, für dich ist der Wein noch wie bei euch Bauern im Gebirge Medizin, den nur Kranke trinken, du findest ihn abscheulich wie Medizin und wirst betrunken von einem Glase, wie sich neulich an Kaisers Geburtstag gezeigt hat, wo ich dich vom Rathause fortführen mußte. Übrigens, mach' das Fenster zu, man braucht nicht in der Nachbarschaft zu hören, was wir uns zu sagen haben.« Die Mutter schloß das Fenster, und Gabriel hörte nichts mehr. 168   Fünftes Kapitel Viele Fragezeichen Ist etwas geeigneter, einen unbewußten glimmenden Wunsch zu grellbewußtem Begehren aufflammen zu lassen, als der Befehl, ihn zu ersticken? Ruft nicht die grobe Gewalt der sittlichen Ordnung den Trotz dessen wach, der dem leichten Zwange der guten Sitte sich willig beugte? Ist nicht der Augenblick der Gefahr zu verlieren der günstigste, kräftig Besitz zu ergreifen? – Waren die Arme Gertruds nicht gerade jetzt mehr denn je der einzige Hafen, in den sich Gabriel retten konnte? Ja, war denn Gertrud auch wirklich seine Halbschwester –? Wer beweist das denn? Und wenn, war es denn so ganz unnatürlich, sie zu lieben? Hatte er sie nicht bis jetzt geliebt? Warum hatte die Natur denn bisheran nicht gesprochen, wenn sie so mächtig sein sollte? Mußte einen das nicht neugierig machen? Ja, ist nicht auch ein Verbrechen denkbar – aus Neugierde? Damit man erfahre, ob es wirklich eines sei –? Die Botschaft Franziska schwankte lange, durch wen sie die Botschaft an den Vater wollte gelangen lassen. Brigitten, einer Tochter, konnte sie es zwar leichter sagen, aber 169 die Tochter konnte es schwerer dem Vater sagen. Einem Sohne konnte sie es zwar schwerer sagen, aber dieser konnte es leichter dem Vater sagen. Daß diese Wahl das Schwerere für sie enthielt, war für sie ein Grund, sie für die richtige zu halten. Und im übrigen: Ein Sohn ist doch etwas ganz anderes als eine Tochter! Eine Tochter kann im Augenblick stärker sein, kann ihr Glück, ihr Leben für einen oder etwas hingeben, ein Sohn aber hat den weiteren Blick. Ein Sohn versteht so etwas viel einfacher zu behandeln. Ein Mann hat doch immer etwas Königliches, ein Mädchen hat immer etwas von einer Magd! So dachte Franziska. »Wem von den Jungens soll ich es nun sagen?« dachte sie. »Soll ich es Gabriel sagen? Gabriel denkt am weitesten, aber er ist nicht fromm. Philipp ist fromm, aber – nein, er ist nicht der rechte. Fränzchen? Fränzchen ist fromm und ist dumm, er ist uns auch schon fast ein Fremder geworden, und ich weiß nicht, es kommt mir vor, als ob er nur ein halber Mann wäre. Obgleich ich mich vor einem halben Manne ja weniger zu schämen brauchte . . . ich weiß nicht, ich glaube, ich könnte es ihm doch nicht sagen. Ich glaube, ich würde mich vor einem Nichtwissenden mehr schämen als vor einem Wissenden. Die anderen sind noch zu klein, bleibt also doch nur Gabriel. Ja, Gabriel! Es ist auch wahr! Er ist der Beste dazu. Ich gehe zu Gabriel!« So dachte Franziska. Als sie gedacht hatte: ich gehe zu Gabriel! stand sie auch sofort schon auf, Gabriel zu suchen. Gabriel saß vor dem Klavier, das der Vater nun auch angeschafft hatte, als er sich über die 170 Einmischung des Herrn Merlin in seine Angelegenheiten geärgert hatte, aber er spielte nicht. Er konnte heute durchaus nicht spielen. Die Gedanken, die Gedanken dieser letzten Tage und Nächte! Er erstaunte, als die Mutter ihn besuchen kam, und fürchtete, sie könnte noch eine dieser schrecklichen Enthüllungen haben. Obgleich er es ja nicht verstanden hätte, wenn die Mutter mit spannenden und aufregenden Neuigkeiten sozusagen hausieren gegangen wäre. Aber er dachte im Augenblick doch: »Man kann bei einer Frau niemals sicher sagen, was sie tun wird. Und besonders in dem Alter, in dem die Mutter jetzt wohl sein wird.« Darum sah er die Mutter mißtrauisch am »Gabriel,« sagte die Mutter, die Augen am Boden, »sage gelegentlich deinem Vater, daß er sich ein Schlafzimmer für sich macht. Ich will von jetzt an in Brigittas Zimmer schlafen.« Gabriel sah mit tiefem Mitgefühl die Mutter an. »Ja, Mutter, das will ich tun. Gelegentlich, nicht wahr?« – »Ja, Gabriel.« – »Ja, Mutter.« Als Franziska die Tür geschlossen hatte, wogte ihre Brust, und sie blieb stehen. »Wie leicht das doch ging!« dachte sie aufatmend; »ja, Gabriel! Er ist merkwürdig verständig!« Jetzt spielte Gabriel, sehr breit und sehr laut, wie sie es an seinem Spielen nicht gewohnt war. Sie verstand zwar nichts von seinem Spielen. Was er sonst spielte, hörte sie anderswo niemals, aber sie hörte doch, daß Gabriel derb und mit grober Kraft spielte. »Er will mir über das Peinliche hinweghelfen, er will mir sagen, daß er schon vergessen hat. Es ist gut von ihm!« 171 Entdeckt Es war fast acht Tage her, seit Brigitta den jungen Leo bestimmt hatte, nichts Böses gegen ihren Vater zu unternehmen. Heute war zwar erst Mittwoch, aber sie hielt es nicht mehr aus, sie mußte zu Traudchen Merlin gehen. »Fräulein Großjohann?« rief Traudchen, »heute? Ich freue mich, daß Sie heute schon kommen, aber ich hoffe, daß nichts geschehen ist, daß . . .« – »Ich mußte heute zu Ihnen kommen, Fräulein Merlin, ich muß Ihnen sagen, daß . . .« – »Ist Gabriel krank?« frug unwillkürlich Traudchen – es war die erste Erwähnung Gabriels unter den Mädchen – »er war gestern noch hier.« – » Ich bin krank.« »Krank? Sie? Aber Sie sehen so gesund aus!« – »Eine solche Krankheit meine ich nicht. Sagen Sie mir, Fräulein Merlin . . .« Sie konnte nicht mehr sprechen. Sie weinte laut. »Brigitta«, sagte Traudchen, Du, wollte sie sagen, Schwester, wollte sie sagen, aber sie getraute sich vor Brigitta nicht. Sollte sie von Gabriel sprechen? Sollte sie eingestehen, daß sie ihn liebe? »Fräulein Merlin,« sagte Brigitta, »ist es Sünde, wenn ein Mädchen . . . ? Wenn ein Mädchen . . . ?« Traudchen wurde über und über rot. »Woher weiß sie das –?« dachte sie – »woher wissen Sie das?« rief sie aus; »ich liebe ihn! Es ist keine Sünde!« Nun wurde Brigitta über und über rot. Darüber, daß ihr Bruder das Liebesglück eines Weibes, dieses Weibes da, genossen hatte. Dann sagte sie: »Das wollte ich nicht erfahren, sondern . . .« 172 »Sondern?« frug Traudchen, denn sie konnte doch nicht denken, daß Brigitta . . . – » Ich hab's getan!« rief Brigitta. »Sie, Brigitta?« – »Ja, ich! Dem Vater zuliebe!« »Dem Vater zuliebe –? Wie versteh' ich das? Hat« – unser, wollte sie sagen – »hat Ihr Vater sich . . .? Hat er« – auch, wollte sie sagen, doch sie unterdrückte es – »das auf dem Gewissen –?« »Was denken Sie von meinem Vater!« rief Brigitta zornig. Entrüstet schwieg sie. – »Verzeihen Sie, Brigitta, reden Sie!« sagte Traudchen, »hören Sie nicht auf mich. Ich habe in den letzten Tagen soviel Schreckliches erlebt und soviel Unerhörtes gehört! Vergessen Sie mein törichtes Gerede.« Nun erzählte Brigitta, was geschehen war. Sie hatte ja erwartet, daß Fräulein Merlin betroffen sein würde, aber so betroffen –? Gertrud saß mit verzerrtem Gesicht da. »Es sind noch nicht acht Tage her,« erzählte Brigitta, »ich ging zum erstenmal am Freitag zu ihm, und schon dreimal habe ich zu ihm gehen müssen. Er ist rasend vor Leidenschaft. Er will mich heiraten. Aber ich will dieses Scheusal nicht heiraten! Ich will frei von ihm werden! Wenn ich ihn heirate, geschieht eines Tages ein Unglück, das weiß ich. Ich hatte gedacht, was ich einmal tat, würde genügen, der Vater wäre gerettet, und das Wie würde vergessen. So, Fräulein Merlin, jetzt stehen Sie auf und weisen mich aus Ihrem Hause hinaus. Aber ich hatte das Bedürfnis, einem zu beichten, Ihnen zu beichten, da ich an den Priester nicht glaube und schon im Voraus weiß, was er sagen wird. Jetzt nennen Sie mich –« »Einen Engel nenne ich Sie!« rief Traudchen, fiel 173 vor Brigittens Stuhl nieder und schlang die Arme um ihren Leib, »Engel! Ich bete Sie an! Ich wäre dessen nicht fähig gewesen.« »Ich danke Ihnen«. sagte Brigitta leise und erstrahlte. Aber entsetzt sprang Traudchen auf. »Wann war es? Sagten Sie nicht Freitag? Wann Freitag, morgens oder abends? Schnell!« – »Es war Freitag abend, zuhause glaubten sie mich die Nacht wie oft bei Endenichs.« – »Wirklich Freitag?« rief Traudchen; »wissen Sie das ganz genau? Erforschen Sie Ihr Gedächtnis!« – »Am Freitag abend um neun Uhr ging ich hin«, sagte Brigitta. »O weh! O weh! O arme Brigitta. Ich sollte Sie im Wahn lassen und kann es nicht!« – »Was ist? Was ist los?« rief Brigitta aufspringend und faßte die Hände Traudchens mit dem eisernen Griffe von Männerhänden. »Reden Sie!« rief sie streng. – »Nein, ich kann's nicht, ich darf's nicht, verzeihen Sie, daß ich mich hinreißen ließ . . .« – »Reden Sie!« rief Brigitta mit lauter Stimme und warf die Freundin in den Sessel nieder, stemmte ihr die von ihren Fäusten gehaltenen Hände auf die Brust, daß Traudchen der Atem zu vergehen drohte, »reden Sie! Bei allem, was Ihnen heilig ist! Was wissen Sie?« Traudchen, mit Brigitta ringend, sah ein, daß es unnütz sei, dieses wütende Weib durch eine Lüge beruhigen zu wollen. So sagte sie leise: »Das Opfer war überflüssig. Der junge Leo besaß die Papiere am Abend gar nicht mehr. Mein Vater hat sie ihm am Nachmittag abgekauft.« Brigitta stieß einen gurgelnden Schrei aus. Er war wie der eines angeschossenen Tieres. Bald aber beruhigte sie sich, setzte ihren Hut auf und suchte ihre 174 Sachen zusammen. Traudchen fürchtete sich vor ihr, sie fürchtete sich, die Hände von den Augen zu nehmen. Jetzt fühlte sie, wie Brigitta ihre Hand ergriff, sie sah auf und sah Brigitta straßenfertig vor sich stehen. Sie war wunderschön. Ein leichtes Rot belebte ihr Gesicht, ihre Augen schienen noch klarer, die Nase und das Kinn noch fester gebildet zu sein. Plötzlich fühlte sich Traudchen von den Armen der Freundin umschlungen – mein Gott, welchen Griff hatte das Mädchen! – fühlte einen Kuß auf ihre Lippen gedrückt und hörte Brigitta leise sagen: »Leb' wohl, Trude.« So verabschiedete sich sonst wohl Gabriel von ihr. Brigitta hatte niemals Trude gesagt. Ehe Gertrud sich von ihrem Staunen erholt hatte, war Brigitta weggegangen. Gertrud hörte den festen Tritt im Hofe verhallen. Jetzt fiel das Tor ins Schloß. Brigitta Kleopatra Semiramis Der junge Leo bewohnte nach dem Tode des starken Leo ein wunderbares altes Haus. Es war ein ehemaliges Ritterhaus und lag in den Templerbenden an den alten Stadtwällen. Noch stand ein Wappen im Giebel. Er hatte es mit dem vielen Gelde seines Vaters gekauft, der in einem häßlichen kalten Stadthause wohnen geblieben war. Das Templerlandhaus war einstöckig, weinrot, hatte weißgestrichene Türen und Vorhallen und lag in einem Park uralter Linden. Ein bürgerlicher Geschmack hatte spiegelnde Glaskugeln in die Blumenbeete der baumleeren nächsten Umgebung des Hauses gestellt. Der 175 Mond schien, und der junge Leo am Fenster seines ebenerdigen Schlafzimmers stehend überlegte eben, ob er die bäuerisch-barbarisch leuchtenden Spiegelkugeln nicht doch sollte entfernen lassen. Die Stille ging hörbar im Parke um. Auch im weitläufigen Hause war es still. Leo hatte ein Buch aus der Hand gelegt, in dem er noch ein wenig gelesen, ein Buch aus einer kleinen Lieblingsbücherei, die er auf einem Borde im Schlafzimmer immer zur Hand hatte. Da stand, was es an galantem Schrifttum auf der frohen genießenden Erde gab, von lüsternen Künstlerhänden mit Bildern geschmückt, welche einer schwachen Fantasie, die zu schnell zum Ziele kommt, auf reizende Umwege halfen. Die Bilder, klug ausgewählt und allmählich sich steigernd, dienten ihm dazu, die schlafende oder schüchterne Fantasie der Frauen zu entzünden. Auch Brigitten hatte er sie bei ihrem ersten Besuche vorgelegt – Brigitta! Aber sie war kalt geblieben. Sie schien sie nicht zu verstehen. Brigitta! Es tönte ihm im Ohre nach, was er eben in dem Buche gelesen hatte, das noch aufgeschlagen auf dem Tischchen lag: Deine Brüste sind wie junge Rehzwillinge, die unter Rosen weiden. Dein Leib ist wie ein Weizenhaufen, umsteckt mit Rosen. Brigitta! Brigitta! Es war in der Nacht gegen Morgen. Er hatte auf dem Feste sehr gut gegessen und getrunken, und in seinem sandfarbenen Seidenhemde und in rosaseidenen Unterkleidern am offenen Fenster stehend strich er sich in unendlichem Behagen über den glatten Kopf und den dicken Hals bis auf den runden Leib hinab. Leicht stieß es ihm auf. Die Linden dufteten, und jetzt röhrte er wie ein brünstiger Hirsch in die laue 176 Nacht des dunklen Parks hinaus: »Brigitta! Brigitta! Jetzt sollte sie da sein! Warum kommt sie nicht? Sie hat doch die Schlüssel. Warum kommt meine Brigitta nicht, jetzt! Jetzt! –« Da knackte hinter ihm ein Dielenbrett, er drehte sich um und sah Brigitta an der Zimmertür stehen. Leo stieß ein Freudengeheul aus und stürzte auf sie zu, er rief: »Engel! Weib! Hast du mein Glück, meine Seligkeit, meine Sehnsucht erraten –?« Er fuhr zurück. Stand plötzlich steif da. Die Beine im Schreiten erstarrt. Den Mund halb geöffnet. Denn Brigitta hatte die rechte Hand aus der Tasche ihres engen Tuchkleides genommen, und in der Hand sah er etwas gleich einem Vögelchen, das den Kopf aus dem Kanal zwischen Daumen und Zeigefinger hervorstreckt – ein schwarzes Stahlröhrchen. »Schließ das Fenster«, sagte sie kurz. Er vermochte nicht, sich zu rühren. Schweiß brach ihm aus und perlte an den Enden seiner dünnen Haare, Schweiß lief den fetten Nacken hinab. »Schließ das Fenster«, befahl sie wieder leise. Jetzt bewegte er seine Glieder. Auch sein Geist erholte sich, und ihm kam der Gedanke: »– und springst dabei zum Fenster hinaus.« Aber sie sah den Gedanken auf seinem Gesichte und sagte kurz: »Geh rückwärts.« So schloß er denn rückwärts gehend und ohne sich zu wenden das Fenster. Dann stand er an die Fensterbank gelehnt wie ein zitternder Knabe. Sie steckte das Eisen in die Tasche. Aber er dachte nur eins: »Sie tut's! Sie tut's! Sie droht nicht nur! Ich kenne sie! Sie tut, was sie droht!« Der Schweiß lief ihm in Bächen an den Gliedern hinab. 177 Sie sagte: » Wann hast du die Papiere meines Vaters verkauft? Am Freitag – aber zu welcher Stunde?« Da fiel er auf die Knie und sagte, und rief, und jammerte: »Schone mich! Es war erbärmlich! Es war bübisch von mir! Aber du hattest mich berauscht mit deiner königlichen Gestalt, mit deinem ganzen jungfräulichen köstlichen Weibtum. So wie du war keine andere! Ich habe dich getäuscht, aber ich will dich auf den Händen tragen. Ich heirate dich, ich werde dich auf den Händen tragen, dich kleiden wie eine Fürstin, dich nicht anrühren, nicht kommen, bis du mich rufst. Ich werde dich mit vier und mit sechs Pferden fahren lassen, ich will dir dies Haus geben und selbst im Parkhäuschen wohnen. Ich werde dir Pferde halten und werde sie mit goldenen Hufen beschlagen lassen. Und deinen Vater will ich reich machen und ihm einen Dom zu bauen geben, deine Brüder mache ich zu Herren, und dich will ich zur ersten Frau dieser Stadt und dieses Landes machen. Oder ich will auch davongehen und büßen in welcher Gestalt du willst, ich will barfuß nach Rom wandern, denn ich bin ein Sünder und Verbrecher – nur schone mich! Nur töte mich nicht!« »Wenn ich ein Verbrecher wäre, so würde ich es wenigstens mit Stolz sein!« sagte Brigitta mit zusammengebissenen Zähnen; »warum machst du dich gemein?« »Was hilft es mir, stolz zu sein,« winselte Leo mit gefaltenen Händen und auf seinen Knien rutschend, »wenn du mich tötest?« – »Ich töte dich noch nicht«, sagte sie kalt; »hoffe nicht, daß du nur mit dem Tode davonkommst.« – »Das ist die Rettung!« dachte 178 Leo; » noch nicht, sagte sie, noch nicht – jetzt heißt's nur, koste es was es wolle, Zeit gewinnen.« In Brigitta aber sprang schon das Feuer auf, ihre Nasenflügel zitterten. Leo sah es und rief voll Angst, und in der Angst voll Verschmitztheit: »Du hast recht, Brigitta, kühle deine Rache! Nimm dir Zeit! Martere mich langsam, langsam! Was hast du davon, mich schnell zu töten? Wenn ich an deiner Stelle wäre, ich würde einen solchen Leo, solch einen gemeinen Betrüger, solch einen niederträchtigen Hund kriechen und winseln lassen! Und ich würde diesen Menschen nicht einfach sterben lassen. Was ist sterben? O nein – ich würde ihn nicht einfach – zweifach, vielfach würde ich ihn sterben lassen! Ich würde ihn geistig töten, ihn moralisch töten und dann erst den erbärmlichen Rest hinrichten. Und vielleicht gar ließe ich ihn leben, denn wäre dem, der so vernichtet wäre, der Tod nicht eine Erlösung und das Leben eine Strafe? Ich würde . . . ich würde . . .« – er wußte nichts mehr. Schmerz und Angst erfüllten ihn und drohten ihm den Unterkiefer zu versteifen. Brigitta aber lachte voll Hohn auf – (»Gut, daß sie lacht!« dachte Leo) – und frug: »Warum tust du das, Leo? Warum machst du dich vor mir zum Hanswurst?« Sie ging tiefer ins Zimmer hinein. Er verfolgte jede ihrer Bewegungen, und allmählich klarer sehend und zu Ruhe und Überlegung kommend glaubte er jetzt den Augenblick da, sich auf sie zu stürzen, ihr das schwarze Ding zu entwinden und dem Tode zu entgehen – da aber hatte sie sich schon umgedreht und sich hinter einigen eilig zusammengerafften Stühlen und Sesseln verbarrikadiert. »Bemühe dich nicht,« 179 sagte sie, jetzt tiefernst, »so klug wie du bin ich im Schlafe. Du hast mich klug gemacht. Ich war dumm und voll Vertrauen zu den Menschen, aber jetzt kenne ich sie durch dich und bin dir über Nacht in Menschenkenntnis zuvorgekommen. Wir sind zuhause weltfremd und blind, aber wenn wir sehen lernen, sehen wir durch Mauern. Darum täusche dich nicht!« »Ich bin wahrhaftig kein Heiliger,« seufzte Leo auf seinen Knien, »aber ich bin doch nicht viel schlimmer als die anderen heutzutage. Ich bin ein Verbrecher, aber ich habe solche Angst zu sterben. Wenn du mich leben lassen könntest, damit ich mein Leben lang büße – was meinst du, Brigitta? Die Rache ist mein, spricht der Herr.« – »Nein, die Rache ist mein. Sie ist das Gegengewicht zur Tat und im tiefsten Grunde vernünftig. Ohne sie müßte ich wahnsinnig werden«, sagte Brigitta finster mehr zu sich als zu ihm; »ich weiß nicht, ob das bißchen Rache das Gleichgewicht in mir herstellt, damit ich selbst noch leben kann.« »Zeit gewinnen! Zeit gewinnen!« sorgte sich Leo, »früh um sechs ist der Reitknecht mit den Pferden bestellt.« Und er fing an: »Ich will dir meine anderen Sünden beichten, Brigitta, es wird dich entspannen und zerstreuen. Du wirst sehen, daß du nicht allein Unrecht littest, und sollst überhaupt erfahren, daß es kein süßeres Leiden gibt als Unrecht leiden.« Und Leo erzählte. Er erzählte von Geschäftsleuten, denen er den Hals zugetan, von Frauen der Bauleute, die er sich durch das Geld folgsam gemacht hatte. Immer sonst hatte er das Los der Männer erleichtert, Zinsen gestundet oder gekündigte Hypotheken stehen lassen, gelogen hatte er jetzt zum erstenmale. Denn Brigitta sei die schönste von allen gewesen, und er habe kein 180 anderes Mittel gewußt, sich diese schönste zu eigen zu machen. Er pries Brigittens Schönheit mit den süßesten Worten eines Bräutigams und eines Dichters, er nannte sie Heilige! Gebenedeite! Reine Jungfrau! Elfenbeinerner Turm! Aber da ihm diese Dichterworte bald ausgingen, so griff er keck neben sich auf den Tisch, nahm das Buch und las laut: »Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her. Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist verrauscht und dahin. Die Blumen sind hervorgekommen im Lande, und die Turteltaube läßt sich hören in unserem Garten. Meine Taube in den Felsklüften, zeige mir deine Gestalt. Denn sieh, du bist schön, schön bist du, und kein Makel ist an dir . . .« – »Ja –?« unterbrach grimmig fragend Brigitta. – »Kein Makel ist an dir!« schwur Leo, die Hand hoch und feierlich erhebend, »deine Augen sind wie Taubenaugen, und dein wildes Haar ist wie eine Herde Ziegen am Berge Gilead. Dein Hals ist wie der elfenbeinerne Turm Davids, und deine zwei Brüste sind wie junge Rehzwillinge, die unter Rosen weiden . . .« Brigitta sah zornig auf, und Leo beschwichtigte sie schnell, indem er die Hände erhob und um lauter und schneller zu deklamieren aufstand. Er ärgerte sich über seine Langsamkeit im Denken und daß ihm solch eine gefährliche Wendung hatte entschlüpfen können. »Meine Schwester, du bist ein verschlossener Garten, ein bedeckter Brunnen, ein versiegelter Quell . . .« »Ja, Leo,« unterbrach ihn Brigitta, »hättest du das früher bedacht, daß ich ein verschlossener Garten bin! Ein bedeckter Brunnen, ein versiegelter Quell . . .« – Leo unterbrach sie und las: »Stehe auf, Nordwind, und komme, Südwind, und wehe durch meinen 181 Garten, daß seine Düfte fließen . . .« – ». . .  triefen , steht da, Leo, du liesest schlecht, ich kann das auswendig besser. Daß seine Düfte triefen! Du hättest der Sohn meines Vaters sein müssen, dann kenntest du die Bibel besser. Wenn wir Kinder Märchen zu lesen begehrten, dann erzählte uns Karitas diese alten Geschichten. Und wenn wir später Indianerbücher verlangten, dann gab der Vater uns das Buch da und sagte: Das ist besser als Indianerbücher; was wollt ihr mit dem Zeug? Also komm nicht einem Großjohann mit der Bibel.« So geschlagen stand er nun schweigend da in seidenen Unterkleidern, die vom Schweiße wie eine Fischhaut kalt an seinen Beinen klebten. Ein Schweißbächlein floß ihm den Spannberg des nackten Fußes hinab und mündete in der weiten Bucht zwischen der großen und der nächsten Zehe. Brigitta aber sprach in seltsamem Genusse hinhaltender Rache mit dunkler Stimme auswendig weiter: »Seht mich nicht an. Meiner Mutter Kinder zürnen mit mir. Sie haben mich zur Hüterin der Weinberge gesetzt, aber ich habe meinen eigenen Weinberg nicht gehütet  . . . !« Als sie das sprach, wurde sie zornig, ihre Stimme zitterte, und es flimmerte in ihren Augen. Leo streckte beide Arme und die großen Hände weit aus wie ein Dirigent, wenn er das Orchester beruhigen will. Brigitta beruhigte sich auch, aber ihre Stimme schnitt plötzlich scharf: »Mein Freund ist wie ein Büschel Myrrhen, das zwischen meinen Brüsten . . .« Sie schloß wie vor Ekel die Augen und schien etwas von ihrer Brust reißen zu wollen. Leo hob sich auf die Zehen und dirigierte wieder piano und Ruhe. Wilder Hohn aber war auf 182 Brigittens Gesichte. »Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Männern. Er erquickt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe  . . . Leo, hörst du, denn . . . ich bin . . . krank . . .vor Liebe . Nicht wahr, so ist es, du wirst es doch wissen! Nicht wahr? Antworte!« schrie sie plötzlich wild. Ihre Hand zuckte nach der Tasche, aber noch einmal bezwang sie sich. Sie setzte sich. Sie wies ihn auf einen Stuhl hin, und er setzte sich gehorsam in einen Sessel unter dem Bücherborde nieder. »Wir wollen ganz vernünftig miteinander reden,« sagte Brigitta, »es hilft ja auch nichts. Du mußt sterben, das siehst du nun auch wohl ein. Ich selbst kann ja nicht leben. Es handelt sich also nicht um den Tod, sondern um einen würdigen Tod. Wenn ich du wäre und du ich, so würde ich vorschlagen, mir das, was ich jetzt in der Tasche habe, auf den Tisch zu legen und hinauszugehen, und ehe du zu weit entfernt wärest, würdest du hören, daß alles in Ordnung sei. Wenn du also ritterlich bist, so nimm es mir ab. Doch ich glaube, ich darf es dir kaum zumuten.« Leo verneinte lebhaft mit dem Kopfe, indem er einen halben Blick zum Fenster hinauswarf, ob es noch nicht Tag würde. »Siehst du, das habe ich mir gedacht. Also –! Und das Sterben ist ja auch nicht schrecklich, Leo, nur das ehrlose Leben ist schrecklich.« »Nein! Nein!« bestritt Leo, »das Sterben ist das einzig Schreckliche. Ich ziehe das ehrlose Leben dem ruhmvollsten Sterben vor. Siehst du, ich bin ja noch so jung, im besten Alter, bei voller Kraft, und ich habe so viel Geld, und alle Genüsse der Welt kann 183 ich haben. Vielleicht weiß ich auch etwas zu meiner Ehre zu sagen.« – »Also heraus damit!« sagte Brigitta mit der Miene, mit welcher der Richter dem armen Sünder noch ein letztes Wort vergönnt. Doch Leo wußte nicht viel zu seiner Ehre zu sagen. Er hatte einmal einer alten Dame geholfen, in die Straßenbahn zu steigen. Er hatte einmal einen Knaben geohrfeigt, der einen Betrunkenen verspottete. Halt, da fällt ihm noch etwas ein! Eine gute Tat! Damals, als er seinen Vater schlug, mit der Faust in den Rücken, da schlug er mit der platten Faust, nicht mit dem herausgeklemmten Mittelfinger, es tat nicht so weh. Da hörte er einen Hahn krähen. Jetzt wurde Leo zuversichtlich, und schließlich, als er gar nichts mehr wußte, um Zeit zu gewinnen, bat er, das Morgengebet sprechen zu dürfen, der Tag graue ja schon. Er kniete nieder, faltete die Hände wie ein Kind, und indem er mit dem einen Auge das Fenster betrachtete, das anfing, aus schwarz nach grau hin sich zu verändern, betete er das Morgengebet, wie er es vor vielen Jahren auf Mutters Schoße gebetet hatte. Es war still in der Kammer, ein frühwacher Fink fing draußen zu schlagen an. Plötzlich, mit einem Ruck gleichsam, schien es Tag zu werden, und nun war Leo sicher, daß er am Leben bleiben werde. Bekanntmachung! Am gestrigen Morgen wurde in seinem Hause am Templergraben der Rentner Josef Maria Schmitz, 39 Jahre alt, erschossen aufgefunden. Des Mordes verdächtig (und in Kenntnis des Verdachtes flüchtig) 184 ist Brigitta Semiramis Großjohann, 22 Jahre alt, Tochter des hiesigen Großunternehmers Hermann Großjohann. Die Verdächtige bezeichnet sich selbst als die Täterin durch einen Zettel, der sich bei der Leiche fand, des Inhalts: »Diesen Mann tötete Brigitta Semiramis Großjohann aus gerechter Rache. Sucht mich nicht, ihr werdet mich nicht finden.« Der sonderbare Widerspruch zwischen Flucht und Selbstanklage läßt auch die Vermutung zu, daß die mutmaßliche Täterin in einem Zustande von Geistesgestörtheit gehandelt habe. Die mutmaßliche Täterin ist etwas über mittelgroß, hat sehr schöne Gesichtszüge, leicht gebogene Nase, vorspringendes Kinn, dunkle Augen und Haare, die in der Mitte gescheitelt sind. Sie wurde zuletzt in einem blauen Tuchkleide gesehen. Auf ihre Ergreifung wird eine Belohnung von 3000 Mark ausgesetzt. Der Staatsanwalt. 185   Sechstes Kapitel Beweise! Vater, ich mußte es dir sagen. Ich bin nicht gewohnt, mich allein zu grämen. Vater – wenn du mein Vater bist . . . !« – »Der Teufel ist in die Großjohanns gefahren, er soll sie sich holen!« rief Herr Merlin, wider seine Art aufbrausend und aufspringend, indem er Gertrud, die am Boden zwischen seinen Knien saß, zurückstieß; »ich werde diesem Gabriel den Schlüssel abnehmen! Ich werde ihm mein Haus verbieten! Ich . . . !« – »Mach' das Übel nicht noch schlimmer, Vater! Strafe mich nicht auch, wo das Schicksal mich schon straft! Vater! Ich nenne dich noch so! Immer so! Vater!« – »Was richtet dieser Unglücksmensch von Gabriel denn nur an?« rief Herr Merlin. – »Er hat es doch von seiner Mutter gehört, er muß doch sagen, was wahr ist!« – »Wahr? Wahr? Hat er denn Beweise? Hat seine Mutter denn Beweise, daß du jenes Mannes Kind bist?« – »Hast du denn Beweise, daß sie dein Kind ist, Vater?« frug Gabriel eintretend. Da war es still im Zimmer. Herr Merlin ließ sich in einen Sessel fallen und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Gabriel setzte sich zu der am Boden 186 hockenden Gertrud nieder. Sie sagte leise zu ihm: »Deine Schwester war am Nachmittag hier. Sie ist weggegangen, und ich fürchte, es gibt da ein Unglück mit ihr.« – »Sind wir nicht des Unglücks voll?« rief in Verzweiflung Gabriel. »Hört mich an, Kinder! Ich kenne doch deine Mutter, Trude, ganz genau, ich habe doch ihren Brief gefunden und euch vorgelesen, ich . . . ich . . . ich bin felsenfest überzeugt: es kann nicht sein!« – »Vater,« sagte Gabriel, Herrn Merlins Hand ergreifend, »du bist mir in dem, was du sagst, Eid und Evangelium, aber meine Mutter ist mir auch Eid und Evangelium. Mein Vater wäre es mir nicht. Mein Vater träumt bisweilen und verwechselt Traum und Wirklichkeit. Wenn mein Vater es sagte, würde ich vielleicht zweifeln. Aber was meine Mutter sagt, ist lauteres Gold. Vater, dein Wort ist mir nicht ein Gramm weniger, wenn ich es auf die Wage lege, aber das meiner Mutter auch nicht.« Tränen füllten seine Augen. »Beweise! Beweise!« rief er. »Man kann nicht alles beweisen, was man glaubt«, sagte Herr Merlin; »man muß oft glauben, einfach glauben, wo jeder Beweis unmöglich ist. Vieles glauben, was trotzdem nicht weniger zuverlässig ist, was man so aus der vollen Kenntnis des Lebens und der Menschen glaubt, daß, wenn es nicht zuverlässig wäre, das ganze Leben ein Trug und alle Menschen Betrüger wären. So bin ich von Gertruds Mutter überzeugt.« – »Ja, ähnlich sicher würde meine Mutter auch reden, wenn sie überhaupt so zu reden verstände«, sagte Gabriel. »Sprich du aus deiner Herzenserfahrung, Trude, fühlst du denn nicht, wer dein Vater ist?« –»Nein, 187 Vater, das fühle ich nicht. Ich habe ja auch Gabriels Vater noch nie gesehen. Wenn ich mich nicht selbst täuschen und meine Liebe zu dir einfach für die Wahrheit halten will.« – »Das war recht gesprochen«, sagte Gabriel; »Beweise! Beweise!« »Sieh, Vater, ich werde dich immer lieben, auch wenn ich nicht dein Fleisch und Blut bin. Du bist so gut zu mir. Du hast mir die schönste Kindheit bereitet, die ein Mensch haben kann. Deine Gesellschaft bin ich so gewohnt. Wenn du nicht mein Vater wärst, so bist du es geworden. Das sage ich, wenn du mich aufs Gefühl fragst. Aber beweisen kann man daraus nichts.« – »Beweise! Beweise!« rief Gabriel. »Und . . . und Gabriel? Du, und Gabriel?« rief Herr Merlin und errötete. Traudchen erglühte in Scham und bedeckte ihr Gesicht. Gabriel aber erglühte in Zorn und rief: »Beweise!« »Man kann nichts beweisen«, sagte Herr Merlin sich erhebend; »wir müssen nun glauben, daß es ist, wie wir wünschen, daß es sei. Und im übrigen im Zweifel leben bleiben. Ein Gott, der auf unser Leben herabsieht, und einer, der gleich Gott in das Gefüge unseres Lebens sieht, kann wissen . Selbst Gabriels Vater, wenn er getan hätte, was Gabriels Mutter ihm vorwirft, und bekennen wollte, wenn es etwas zu bekennen gibt, könnte nichts Bestimmtes wissen. Die einzige, die etwas Bestimmtes wissen könnte – immer vorausgesetzt, daß es dergleichen zu wissen gibt – ist tot. So laßt uns im Zweifel fröhlich leben. Es ist ein alter Satz im römischen Recht: mater certa est, pater nunquam, der Mutter kann man sicher sein, des Vaters niemals.« Damit ging er hinaus, die Kinder im Zwielicht des Abends zurücklassend. 188 Keine Spur! Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde, daß der junge Leo durch die Hand der Tochter Großjohanns gefallen war. Als ein stumpfer Schlag wirkte sie im Hause Großjohann. Kaum sprach man miteinander darüber. Jeder suchte einen einsamen Winkel wie ein krankes Tier, seinen Schmerz zu verwinden. Nicht so sehr davon litt man, daß Tochter und Schwester eine Mörderin war, sondern davon, daß man nicht wußte, warum sie es war. Da man im Hause Großjohann nicht über Schmerzen und Sorgen sprach, die man trug, auch nicht über die guten und großen Taten, die man füreinander tat, so blieben die Gründe für Brigittas Tun unbegreiflich. Niemand dachte daran, daß es mit der Geldangelegenheit zusammenhangen könnte, denn der junge Leo hatte ja kaum noch etwas von Großjohannschen Grundstücksschulden besessen. Hermann Großjohann, in seinem Winkel sitzend, stieß den Kopf wider die Wand und rief: »Warum kann sie das wohl getan haben? O ich unglücklicher Vater! Ich bin zu gut gewesen! Das ist die Liebe, die ich von den Kindern erfahre! Ich hätte strenger sein müssen! Nur mit eiserner Zucht kann man Kinder halten.« – Die Mutter Franziska saß in einem dunklen Winkel der Küche, die Schürze über das Gesicht geschlagen und jammerte still für sich: »Die Engel sind aus diesem Hause gezogen, die Teufel sind eingekehrt! Der Himmel ist verbannt, die Hölle ist da! Wäre ich doch bei meinen Herden geblieben im Gebirge! Der Mann ein Ehebrecher und Trinker, die Tochter eine Mörderin. So fängt es an. Was 189 werden die anderen nun tun? Gabriel, was wirst du nun tun? Voran, du bist dran! Was zögerst du noch? Blutschande! Das kann ja dein Beruf sein. Fränzchen? Willst du nicht das Stehlen lernen? Schnell, es wird Zeit! Philipp, wenn du Priester wirst, mußt du ja ein Ketzer werden, mußt abfallen von der Kirche und ein Weib nehmen wie Luther!« In dem Augenblick kam Philipp in die Küche, Franziska sprang aus ihrer Ecke auf, tat als ob ihr die Augen vom Herdfeuer tränten und sagte ruhig: »Heute gibt's Bohnensalat, Philipp.« Philipp aber sagte: »Ich gehe in die Heiligkreuzkapelle, Mutter, für das Seelenheil der armen Sünderin zu beten, daß sie sich selbst dem rächenden Richter stellt, damit sie ihre Strafe erhält und ihre Sünde getilgt wird. Oder doch wenigstens in den Beichtstuhl geht. Ich glaube, Brigitta ist lange nicht mehr zur Beichte gegangen. Sie war ein schlechtes Weib; beim Apostel steht . . .« – Gabriel lag auf dem Teppich am Boden in Traudchens Zimmer, den Kopf in ihrem Schoße. Sie streichelte sein Haar und sagte: »Tröste dich, Gabriel. Brigitta war eine Heldin. Ich habe sie geliebt. Ich will dir erzählen, soviel deine Schwester mir gesagt hat und soviel ich davon zu verstehen glaube.« – Fränzchen – o wie häßlich war Fränzchen! Fränzchen hatte eine gelbe Haut und glotzende Augen, seine Finger waren wie Spinnenbeine, und er schien auch etwas krumm zu sein, in seiner Seele war es auch nicht eben schön – Fränzchen, der gerade zuhause in der Stadt war, hatte sich in das Sparrenwerk des Daches verkrochen, wie die Katzen am Tage tun, und sagte zu sich: »Hier steige ich nicht mehr herunter! Ich will mich auf der Straße nicht mehr sehen lassen! Ich schäme mich dieser 190 erbärmlichen Familie. Warum bin ich nicht Onkel Franz Xavers Sohn? Hier bleibe ich sitzen, bis ich verhungere. Dann können sie denken, auch ich habe ein Verbrechen begangen, und mich vergebens suchen. Bis sie mich finden, bin ich ein Gerippe. Ich schäme mich, ich rühre mich nicht, ich verhungere!« Als er eine Stunde dort gesessen hatte, dachte er: »Wollte die Mutter heute abend nicht Bohnensalat machen? Ich will doch mal hinuntergehen und sehen, ob ich mich nicht geirrt habe?« Die anderen Kinder waren zu klein, zu begreifen. Sie hatten auch schon gelernt, wie die Großen zu schweigen, ihre Leiden nicht an die Münsterglocke zu hängen, und wenn sie trübe Gesichter sahen, nicht zu fragen. In der Welt der kleinen Bauleute wirkte der Tod des jungen Leo befreiend. Viele kannten den Blutsauger und freuten sich aufrichtig über seinen Tod, besonders darüber, daß er so schmählich geendet hatte. Sie freuten sich aber nur heimlich, denn sie waren doch Christen! Einer ging laut singend und frohlockend über die Straße, aber das war ein Jude. Die christlichen Bauleute wandten sich von ihm ab und sagten untereinander: »Das ist ein schlechter Mensch! Gott und die heilige Jungfrau gehaben die Seele des jungen Leo in Gnaden, aber ich freue mich herzlich, daß das Aas verreckt ist!« Bei Großjohann meldeten sich in den nächsten Tagen die Gläubiger. Der Name Großjohann wurde so oft in der Öffentlichkeit genannt, Steckbriefe standen in den Blättern, das rote Plakat des Staatsanwalts hing an den Anschlagsäulen, es kamen so merkwürdige Dinge über das Leben der Familie an den Tag, daß sich plötzlich, obgleich von Großjohanns 191 Geld und Geschäft nicht die Rede war, das Gerücht verbreitete: Großjohann macht Bankerott! Zwar waren es nur die kleinen Leute, die ihre Rechnungen an Großjohanns Tür vorzeigten, Bäcker und Schuster, Fuhrleute und Dachziegler, aber dieser allgemeine Zulauf zu Großjohanns Hause erschütterte das Ansehen und erschöpfte die Tageskasse. Von Brigitta keine Spur.   Von Brigitta keine Spur auch nach Monaten nicht. Das öffentliche Gerede erstarb wie ein ungenährtes Feuer, die roten Plakate wurden überklebt, und der Staatsanwalt schloß vorläufig seine Akten über den Fall. »Das Dunkel ist das Furchtbare«, sagte Gabriel zu Traudchen und Vater Merlin; »wo mag sie nur sein? Schon als Kind pflegte sie tagelang zu verschwinden, als hätte die Erde sie verschluckt. Das Dunkel ängstigt. Man wähnt Feinde in allen Ecken, unter dem Boden, in der Luft! Traudchen hat uns ja sehr viel aufgeklärt, und wir drei wissen nun, daß Brigitta keine gemeine Mörderin ist.« – »Du mußt es auch deinen Eltern sagen, Gabriel«, meinte Herr Merlin. – »Ich kann nicht, Vater! Ich kann nicht! Wenn da nicht dieses Weibsopfer des Mädchens wäre, könnte ich es. Bei den Großjohanns ist alles, was mit dem Leibe und der Erde zu tun hat, verschwiegen und verpönt. Die Großjohanns, müßt ihr wissen, stammen nicht von der gemeinen Erde ab! Die werden nicht vom Manne erzeugt und vom Weibe geboren! Die sind sozusagen ein höheres Geschlecht! Die hat ein erhabener Geist erzeugt, wenn es auch der Teufel war!« So höhnend brach er über den Schoß Traudchens geneigt in Schluchzen aus, das 192 seinen ganzen Körper erschütterte. – »Weine nicht, Geliebter«, flüsterte Traudchen. »Du darfst über deine Eltern nicht so bitter reden, Gabriel«, sagte Herr Merlin; »deine Eltern mit ihren Kindern leben, wie sie's verstehen.« »Aber wir leben doch nicht,« schrie Gabriel außer sich, »wir leben nicht, wir sterben immerzu! Unser Leben ist ein verzweifeltes qualvolles Sterben. Wir trampeln die Erde wie die Giganten und können doch nicht auf ihr Fuß fassen. Wir töten Wölfe und Männer, und können uns selbst nicht das bißchen Ruhe erraffen, das zum guten und schönen Leben nötig ist. Wir haben kein Gleichgewicht in uns und können darum nicht leben. Wir zischen und sausen regellos wie Meteore dahin durch den Raum . . .« Schluchzen zerbrach ihm die Rede. Dann war es ganz still in Traudchens Zimmer. Die Standuhr tickte schwer. »Wenn man nun einem dieser gleichgewichtslosen Dinge«, sagte Traudchen nach einer Weile, »ein anderes Stück anbindet – mich, so wird es, so wirst du das schöne Gleichgewicht finden, Gabriel.« – »Willst du es wagen, Trude?« frug Herr Merlin ängstlich. – »Ja!« sagte Gertrud, »dieser Großjohann wenigstens soll ein einfacher schöner glücklicher Mensch werden, der seines Daseins froh sein kann.« – »Ja, tu' es, Trude«, sagte Herr Merlin. »Nein, tu's nicht, Gertrud!« rief Gabriel. – »Nicht?« frug sie. – »Warum denn nicht?« frug leise Herr Merlin. »Ich wag' es nicht. Ich wag's nicht mehr. Ich habe den Mut nicht mehr, dein Leben an meines zu 193 binden. Wer weiß, eines Tages bricht auch bei mir der Wahnsinn aus, dieser versteckte Wahnsinn meines Vaters.« – »Wie du es willst«, flüsterte Gertrud, sich über den Kopf Gabriels, den sie umfaßt hielt, senkend. Ihre Tränen fielen in sein Haupthaar. »Wanken! Dunkel! Zweifel!« flüsterte Gabriel in das trauervolle Schweigen der Stube. »Im Zweifel fröhlich leben!« flüsterte Herr Merlin. »Kinder, ich kann's nicht«, lächelte er. Das war nicht mehr sein altes Lächeln der heitern Seele. »Ich kann's nicht, Kinder. Ich bin bis zur Sicherheit von tausend Eiden überzeugt, daß deine Mutter, Gertrud, nicht gelogen hat. Ich habe eine unerschütterte Sicherheit, aber es ist doch nicht die, daß das Anderssein wider alle Vernunft und Natur wäre. Vielleicht . . . wer weiß, vielleicht bin ich mein Leben lang blind gewesen, und die Welt ist doch anders, als ich geglaubt habe. Aber ich kann nicht mehr umlernen. Und plötzlich erheben auch andere Zweifel ihr Haupt, wenn ich den einen zulasse, die an der Schönheit und der Kunst, von denen ich lebte, die an dem rechten Weg und der Zukunft des Volkes, unter dem ich lebe. Ich kann nicht mehr fröhlich leben. Ich bin zu alt, Kinder. Ich kann nicht anders leben. Meine Zeit hat's auch nicht gekonnt. Sie bedurfte immer noch der Gewißheit, und wenn sie sie nicht hatte, so täuschte sie sich durch Glauben. Aber ich denke, eine neue Zeit wird auch im Schaukeln der Zweifel leben können. Wir haben noch immer um Ziele gelebt, vielleicht wird man in Zukunft um des reinen Lebens willen leben. Warum soll man darum nicht leben können? Man darf nur nicht seekrank werden auf dem Schaukelmeere aller Begriffe. Ich bin alt, aber ihr seid jung, 194 Kinder. Ich kann's nicht, darum müßt ihr es können. Lebt glücklich, denn ich werde bald sterben.« Er stand auf und ging langsam zur stillen Stube hinaus. Herr Silberzahn »Ich weiß keinen andern Ausweg mehr,« sagte Hermann Großjohann, »als daß ich noch viel mehr baue. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber das Geld fängt an zu fehlen. Ich muß aufs neue bauen und hätte es so gern eingeschränkt.« – »Also baue!« sagte Franziska kurz. »Ich habe den Makler bestellt. Wenn er kommt, mach' ihm ein freundliches Gesicht. Saure Mienen sind der größte Luxus, den sich auf der Welt nur die ganz Reichen erlauben können. Es ist doch eigentlich sonderbar,« lachte Hermann grimmig in sich hinein, »daß ich aus Geldnot baue. Richtig aus Geldnot baue! Man sollte meinen, man baut, weil man Geld hat? Aber ich baue, weil ich keins habe!« – »Also baue!« antwortete kurz das Echo Franziskas. Hermann fuhr erschrocken herum, denn er hatte geglaubt, Franziska sei hinausgegangen. »Dummes Tier!« brummte er, »was verstehst du? Du meinst, es sei genug, sich tot zu arbeiten!« Doch sprach er nicht so laut, daß Franziska ihn verstanden hätte. Es klingelte, und Franziska ging hinaus. Der Makler kam. Er trug eine weiße Weste und hatte schmutzige Fingernägel. Er legte seine mit einem silbernen Schlosse besetzte lederne Aktentasche auf den Tisch. Sie war abgegriffen und die Farbe vom ätzenden Handschweiß angefressen. Er setzte sich, kurz und trocken wie ein Schaf hustend, auf den Stuhl nieder, 195 der krachte, und wischte seinen heißen kahlen Kopf ab, über dem gegen das Fenster gesehen ein Dampfwölkchen rauchte. Dann sah er Großjohann mit einem kalten Blicke seiner wimperlosen rotgeränderten Augen an, und seine glattrasierten Lippen sagten: »Sie haben mich rufen lassen.« – »Ja, ich dachte ein Geschäft mit Ihnen zu machen«, warf Großjohann leicht hin. »Sie haben mich rufen lassen«, sagte der Makler. »Sie wissen, daß Sie vor Jahren auf Ihrem ersten Bau in der Siegesstraße mich haben stehen lassen. Damals, als ich kam, weil ich mit Ihnen ein Geschäft machen wollte.« – »Nun, jetzt will ich das Geschäft machen«, sagte Großjohann. ». . . als ich kam, weil ich mit Ihnen ein Geschäft machen wollte. Jetzt wollen Sie mit mir ein Geschäft machen. Hm. Wir werden ja sehen. Wa . . . was soll es denn sein – ?« »Sie kennen meine Neubauten an der Pariser Straße, Herr Silberzahn.« – »Jaja, die da draußen vor den Toren«, nickte der. – »Sie wissen, die sind nun bald hoch, und da . . .« – »Hoch ja, und weit. Man hat geglaubt, Sie haben da draußen eine Stadt gründen wollen, Herr Großjohann. Johannopolis, sagen die Leute, soll die neue Stadt heißen«, höhnten die dünnen Lippen des Maklers, und er ließ, vom Lachen erregt, wieder seinen trockenen Schafshusten hören. – »Nun, das ist doch Baugrund des Grafen Wetter . . .« meinte Großjohann. – »Ja, der auf seine Äcker Kohl pflanzt und Gold – durch Sie – ernten will«, fügte der Makler hinzu. – »Guter Baugrund, sage ich Ihnen, das Gelände hat eine Zukunft«, rief Großjohann. – » Sie werden es doch 196 sicher nicht schlecht machen«, lächelte Silberzahn. – »Also ich möchte bald daran denken, mir eine erste Hypothek zu sichern«, fuhr Großjohann fort. »Es hatte ja freilich noch Zeit, aber Sie wissen, der Geldmarkt ist steif, alles Geld wird heute in Industriepapieren angelegt und für den Grundstücksmarkt bleibt wenig übrig. Es hätte ja gewiß noch Zeit, aber ich habe soviel zu tun, ich kann mich um die Beschaffung der Hypothek nicht kümmern.« – »Jaja, so ungefähr sagen die anderen auch. Keine Zeit. In der Tat aber heißt es: kein Geld!« Großjohann stieg die Zornröte ins Gesicht. Er bezwang sich aber und sagte: »Wir trinken doch eine Flasche Wein mitsammen? Karitas!« rief er. Die alte Dienerin kam. »Bring' Wein, Karitas. Weißt du, von dem in der zweiten Lage.« – »Ich danke,« sagte Herr Silberzahn, »ich habe schon zuviel Wein heute getrunken.« – »Das ist doch nicht möglich, Herr Silberzahn, es ist ja noch Morgen, kaum elf Uhr!« – »Was glauben Sie, ich war schon bei vier Leuten, keinen schlechten Leuten, gewiß nicht, die auch alle keine Zeit haben, sich selbst um die Hypothek umzutun, und sie alle setzten mir Wein vor, aus der zweiten Lage.« Großjohann hätte mit der Faust auf den Tisch schlagen und rufen mögen: Hinaus mit dir, du Dreckschwein! Geh nachhaus und putz' dir erst deine Fingernägel! Er sagte aber: »Es ist mir eine besondere Freude, mit Ihnen ein Geschäft zu machen, Herr Silberzahn. Zwischen den Geldleuten und den Bauunternehmern stehen die Makler. Das ist eine natürliche Ordnung, und in einer gesunden Gesellschaft müssen alle Glieder ihr Teil, ihre Beschäftigung und 197 ihren Vorteil haben.« – »Hätten Sie das nur früher bedacht!« sagte Herr Silberzahn. – »Ist es noch nicht genug mit deiner groben Rache, du schlechter Spieler?« dachte Großjohann. Er sagte aber, doch ein wenig unwillig: »Nun gut, ich bedenke es jetzt! Also!« Silberzahn rückte näher und sah mit seinen nackten roten Augen Großjohann aus der Nähe an: »Sie haben Bauvorschuß genommen.« »Woher wissen Sie das?« brauste Großjohann auf. – »Nun, man weiß so allerlei.« Silberzahn verzog die dünnen Lippen zu einem vielsagenden Lächeln. – »Das ist Geschäftsgeheimnis!« rief Großjohann, »wie können Sie das erfahren haben? Die Amtsstube des Notars soll doch sein wie ein Beichtstuhl!« – » Ist sie auch! Ist sie auch!« beeilte sich Silberzahn zu sagen, »besonders die des Notars, bei dem Sie den Vertrag mit dem Grafen Wetter gemacht haben. Aber – man erfährt's halt doch. Ohne Bruch des Amtsgeheimnisses. Es gibt so viele Wege, Herr Großjohann.« »Als Geschäftsmann werden Sie doch sagen, daß dieser Gedanke des Bauvorschusses kein übler Gedanke ist. Bei den Wohlhabenden liegt noch immer Geld. Die Grundstücksbesitzer an der Stadtgrenze haben den berechtigten Wunsch, ihre Kohl- und Rübenfelder als Bauplätze zu verkaufen, die Stadt möchte sich auch immer noch vergrößern – also? Da ist es doch ein guter Gedanke des Grafen, den Kaufpreis als vorläufige Hypothek auf das Grundstück einzutragen und dann, wenn das Gebäude aufgeht, Vorschuß zu geben, beim ersten Stock so viel, beim zweiten so viel und so weiter, bis das Gebäude fix 198 und fertig ist. Dann wird eine regelrechte erste Hypothek genommen – die Sie jetzt besorgen sollen –, damit wird die kleine vorläufige und der ganze Vorschuß getilgt. So hat der Mann sein Geld, und auch dem Unternehmer ist geholfen. Er bezahlt seine Leute, Stadt und Staat bekommen ihre Steuern, und der Unternehmer mag auch noch eine Kleinigkeit verdienen. Wenigstens lebt er während der Zeit.« – »Man sollte meinen, nicht Großjohann reden zu hören«, lächelte spitzig der Makler. Großjohann überhörte es und sagte: »So schafft der Bauvorschuß ein gutes Verhältnis zwischen den Geldbesitzenden aber Untätigen und den Nichtbesitzenden aber gern Arbeitenden. Ich behaupte sogar, daß diesem Gedanken die Zukunft im Baugewerbe gehört.« – »Ja, wenn die Zukunft so schlecht wird, wie es den Anschein hat«, orakelte Silberzahn und hustete. »Der Bauvorschuß ist ein gefährliches Mittel,« nahm nach einer Pause peinlichen Schweigens der Makler die Rede auf, »ein sehr gefährliches Mittel, Herr Großjohann! Das Unternehmertum ist ein Rädergetriebe, in dem viele Zähne ineinandergreifen. Solange das Getriebe unbeschädigt ist, arbeitet die Maschine. Wenn aber ein Zahn fehlt, Herr Großjohann –? Und ein Zahn fehlt eigentlich bei dem, der Bauvorschuß nimmt. Das geben Sie selbst zu, indem Sie so geheimhalten wollen, daß auch Sie letzthin Bauvorschuß genommen haben. Wer mit etwas Eigenem arbeitet, dessen Maschine hat einen inneren Antrieb. Das Eigene arbeitet, das Eigene mehrt sich. Auf eine mühe- und gefahrvolle Weise freilich, aber Städtebauen ist nun einmal nichts für Schwache und Zärtlinge. Plötzlich fällt durch irgendwelche Ursachen 199 dieses Eigene aus. Der Antrieb fehlt! Gut! Die Maschine braucht nicht gleich still zu stehen. Bewahre! Sie kommt durch ihre eigene Schwere über den toten Punkt hinweg. Wenn sie in gutem Schwung ist, wird sie vielleicht auch weiterlaufen, vielleicht ungestört weiterlaufen, aber –« »Dann ruft man eben einen erfahrenen Sachverständigen der Geldmaschine,« nahm Großjohann nach dieser unheilschweren »Aber«pause auf, »der durch die richtigen Griffe über den toten Punkt hinweghilft. Ich meine also, der Geld für Hypotheken bei den Geldgebern loszumachen versteht«, schloß er kurz. »Es wäre schon besser, wenn sich diese jungen Leute von früh auf einen erfahrenen Sachverständigen sicherten. Und nicht, wenn sich gar einer anbietet, ihn stehen lassen, mit einem flüchtigen Gruße vorbeigehen und mit dem Herrn Bankdirektor davonfahren.« Der Makler griff nach seiner Mappe. »Diese hoffnungsvollen Anfänger! Da kommen sie, treten auf, die Brust geschwellt und wirklich einigen Wind in den Segeln. Gott weiß, woher der Wind kommen mag. Aber sie fahren! Sie fahren! Sie lassen die anderen wirklich hinter sich zurück, andere, zum Beispiel ehrliche Makler, die auch die Wonne von Kalk und Stein verspüren, die auch wohl in die Lüfte bauen möchten . . .« – »Also gut –« wollte Großjohann abbrechen, da warf ihm der Makler zu: »Sie haben dem Schröder Geld geliehen?« – »Woher zum Teufel wissen Sie auch das?« rief Großjohann. »Mein Gott,« flüsterte geheimnisvoll der Makler, »woher wird man das wissen? Von Schröder selbst doch wohl nicht, nicht wahr? Der hat keine 200 Veranlassung, seine Schulden an die Rathausglocke zu hängen. Aber ich kann Ihnen sagen, daß Sie das Geld in den Schornstein schreiben können. Mit dem geht es den Berg hinab! Ich könnte sie Ihnen alle mit Namen aufzählen, die innerhalb eines oder zweier Jahre wieder als Arbeiter Stellung suchen, die kleinen Meister und Unternehmer.« »Also sehen Sie zu,« sagte Großjohann aufstehend und das Gespräch schließend, »ob Sie das Geld finden. Ich gebe Ihnen 1 v. H. der vermittelten Summe.« – »1 v. H.?« rief plötzlich freudig der Makler, »das läßt sich hören. Sonst bekomme ich ¾ v. H. Sonst bieten 1 v. H. nur die, welche schon ganz unten liegen. Wenn einer 1 v. H. bietet, weiß unsereins, daß keine Hoffnung mehr mit dem ist, und bemüht sich schon gar nicht. Aber bei Großjohann ist das doch was anderes. Das will ich meinen! Ja, der Großjohannsche großartige Sinn ist bekannt, und es wird bei mir an nichts fehlen. Leben und leben lassen! Die Hypothek ist Ihnen schon sicher, kann ich Ihnen sagen. Ich habe immer Fässer in meinem Keller bereit« – er hob seine Mappe hoch – »die ich nur anzuzapfen brauche. Alte reiche Jungfern, die von Geschäften nichts verstehen, oder verdrehte Kunstsammler und Bücherleser, die froh sind, wenn man ihnen einen fertigen Vorschlag bringt, und flugs unterschreiben sie, indem sie nur in ein so ehrliches Gesicht sehen – wie meines.« Sehr freundlich und sehr höflich entfernte sich der Makler. Großjohann führte ihn nicht bis zur Zimmertür; aber es tat nichts, der Makler machte sie schon selbst auf und zu. Als die Tür zu war, schüttelte Großjohann sich. 201 Der Taschenspieler Die Tür ging wieder auf. »Hinaus!« wollte Großjohann in Wut und Ekel schreien, denn er glaubte, der Makler käme zurück, aber ein großes Mädchen kam herein. »Entschuldigen Sie, Herr Großjohann, ich habe geklopft, Sie hörten es nicht.« – »Aha, du bist's, Margarete,« sagte Großjohann noch etwas zerstreut, »so komm nur herein.« Margarete hatte goldgelbe krause Haarlöckchen über der Stirn und lange blonde Wimpern. Weil die Augen auch noch in tiefen Höhlen lagen und fast immer halb zugedrückt waren, hatten sie einen weichen berückenden Ausdruck. »So komm doch herein und setz' dich, Margarete«, sagte Großjohann, allmählich aufgeräumt. Margarete setzte sich. »Ich komme vom Vater. Sie müssen Geduld mit uns haben, Herr Großjohann. Wir tun, was wir können. Hier sind zwanzig Mark . . .« Der kleine Herkules kam herein. Er ging auf Margarete zu und gab ihr strahlend die Hand. »Ich habe von Karitas gehört, daß Sie gekommen sind, Fräulein Schröder,« sagte Herkules, »und da muß ich Ihnen guten Tag sagen.« – »Ich danke schön, Georg«, sagte das Mädchen. »Du nennst ihn, wie die Mutter ihn nennt,« sagte Großjohann, »aber ich möchte ihn lieber Herkules nennen. Er hat in der Wiege eine große Tat vollbracht. Ein bißchen ungewöhnlich ist der Name, ich geb' es zu, aber soll man in dieser platten Welt das Ungewöhnliche scheuen?« – »Sehen Sie, Fräulein Schröder, was für Muskeln ich habe!« sagte 202 Herkules. Er streifte seine Ärmel hoch und ließ lachend die Muskeln spielen. – »Erstaunlich in der Tat, was ein zwölfjähriger Knabe stark sein kann!« sagte Margarete Schröder. – »Ja, es ist ungewöhnlich«, sagte Großjohann; »jetzt geh, Georg Herkules oder wie du heißen sollst.« Der Knabe schickte sich an zu gehen und öffnete die Türe, ging aber nicht hinaus, sondern schloß sie wieder und drückte sich in eine dunkle Ecke, von wo er mit großen Augen Margarete ansah. Die Großen glaubten, er sei hinausgegangen. »Zwanzig Mark«, sagte Margarete leise, »ist alles, was wir zunächst erübrigen können. Wenn es nicht Herr Großjohann wäre, so wagten wir nicht, mit zwanzig Mark anzufangen, die fünftausend zurückzuzahlen, die Herr Großjohann meinem Vater geliehen hat.« – »Ach, was macht ihr euch Sorge, Margarete!« sagte Großjohann, seine Hand väterlich auf die des großen Mädchens legend, »entschuldige, daß ich dich noch Margarete und du nenne. Du bist ja jetzt ein großes und schönes Fräulein geworden. Wie die Jahre gehen! Sieh mal, wie mein Haar dünn wird! Weißt du noch vor fünfzehn Jahren, was für wilde Locken ich da hatte, wenn ich zu euch kam? Du warst so ein Kind von sechs oder acht Jahren und liefst immer im roten Röckchen. Sieh, deshalb nenn' ich dich auch noch immer du. Also nimm das nicht übel und grüße den Vater und die Mutter und sage, ich würde euch demnächst mal wieder besuchen, gemütlich besuchen, weißt du, wie früher. Wann ist der Vater zuhause? Er hat wohl auch soviel zu tun wie ich, den ganzen Tag im Geschäft, auf den Bauten, durch die Straßen . . . auch jetzt bin ich eilig, entschuldige darum, Margarete,« 203 sagte er aufstehend, »wenn du noch etwas verweilen willst, so rufe ich meine Frau, ich muß gehen . . .« »Hier die zwanzig Mark . . . ich will Sie nicht aufhalten«, sagte Margarete. – »Ach, die zwanzig Mark!« sagte Großjohann sich hin und her wendend. – »Ich seh' es wohl, es ist Ihnen zu wenig, Sie haben ja auch Grund, ärgerlich zu sein«, flüsterte Margarete, und die Tränen füllten mit glänzender Feuchte die weichen Augen. – »O nein, ich bin nicht ärgerlich, Kind,« sagte schnell Großjohann und ergriff ihre Hand, »deswegen meinte ich das nicht. Ich habe nur so wenig Zeit. Leb' wohl«, sagte er zur Tür gehend. »Aber die zwanzig Mark!« rief Margarete mit Schluchzen in der Stimme. »Sie sind zu gut, mich zu beschämen, Herr Großjohann. Sehen Sie, ich schäme mich, wenn ich Ihnen die lächerliche Zahl nachrufen muß.« – »Ach ja, die zwanzig Mark!« sagte Großjohann an der Tür stehend und sich die Haare krauend, »was machen wir mit den zwanzig Mark? Gib sie meiner Frau! Nein, gib sie lieber nicht meiner Frau. Sieh, Kind,« sagte er frischweg, »behalte du sie doch. Es soll sein, als ob du sie zurückgegeben hättest. Kauf' dir was Nettes dafür. Einen Ring oder ein Buch oder was Mädchen sonst gern haben. Ich müßte dir ja eigentlich noch etwas dazu geben, wo ich dich doch als kleines Mädchen im roten Röckchen gekannt habe, doch das kann ich auch nicht. Aber zwanzig Mark, was machen die in diesem Haufen? Sieh, du würdest mich wirklich in Verlegenheit bringen, ich wüßte gar nicht, wohin ich sie täte. Ins Geschäftsbuch zu schreiben, dafür ist die Summe zu klein, entschuldige, wo all die großen Zahlen mit den 204 schrecklichen Nullen stehen. In die Tasche kann ich das schöne Goldstück doch auch unaufgeschrieben eigentlich nicht stecken, das wäre wider die Geschäftsregel, und meine Frau würde wieder von Liederlichkeit sprechen, meine Frau soll sie auch nicht haben,« sagte er schnell und streng, »kurz, behalte du sie.« Er ergriff die Tür. – »Nein, ich kann sie doch nicht behalten . . .« rief Margarete ihm nach und reichte mit schamhafter Gebärde das Goldstück hinter ihm her. – »Ich bin eilig«, rief Großjohann noch, und verschwand. Margarete sah sich verlassen im Zimmer. Dann sank sie auf einen Stuhl nieder und weinte. Da zog ihr jemand die Hände vom Gesicht. »Weinen Sie nicht, Fräulein Margarete«, sagte Herkules. Er schaute sie mit seinen strahlenden Augen so fest und glücklich an, daß Margarete sich plötzlich beruhigte. »Wo kommst du her, Kleiner?« frug sie. »Ich? Ach ich! Ich falle von der Decke, ich steige aus dem Boden, ich bin ein Tausendkünstler, sagt der Lehrer, ein Hexenmeister, müssen Sie wissen. Aber weinen Sie nicht. Ich kann es nicht sehen, wenn große Mädchen weinen.« – »O du Schlingel!« sagte Margarete und mußte unter Tränen lachen. Dann schwiegen sie beide und sahen eine Weile das Goldstück an, das auf dem Tische glänzte. »Ich bin ein Schlingel,« sagte Herkules, »das sagt der Lehrer auch. Ich bin der Jüngste in der Klasse, aber der Stärkste, und auf dem Schulplei in Gottesruh haben alle Jungens vor mir Angst. Ich sage das nur, weil ich solch ein Schlingel bin. Ich kann auch schon hundert Pfund stemmen. Das ist wirklich wahr!« Und er machte inmitten des Zimmers die 205 Stemmbewegung, die Knie gebeugt, die linke Hand in die Hüfte gesetzt, und da er kein Hundertpfundgewicht zurhand hatte, ergriff er mit der Rechten einen Stuhl und hob ihn bis zur Wagerechten auf. Jetzt lachte Margarete, und ihre Tränen waren versiegt. »Schauen Sie da das Goldstück an,« sagte der Knabe, »es gehört Ihnen . . .« – »Nein, deinem Vater!« – »So? Desto besser! Der Vater läßt immer Goldstücke herumliegen. Er könnte uns zu Dieben machen, wenn wir keine Großjohänse wären.« So schwatzte der Knabe, und es gelang ihm, Margarete Schröder von Herzen heiter zu machen. Dabei spielte er mit dem Goldstück. Jetzt hatte er es in der Hand. Jetzt nicht, ohne daß Margarete hätte sehen können, wo es verblieb. Der Knabe machte dabei große schauspielerische Bewegungen, die ihm gut anstanden. Mit Kindervergnügen folgte die harmlose Margarete dem Goldstück, das bald da, bald dort auftauchte. Jetzt war es für sie nicht mehr das durch ihre und der Mutter Bemühungen aus dem dürftigen Haushalt herausgesparte Geld, sondern eine kleine behexte glänzende Scheibe. »Wie machst du das nur, Georg Herkules?« frug Margarete gespannt und alles Leids vergessen. – »Übungssache,« sagte Herkules, »passen Sie auf!« Er nahm das Goldstück in die rechte Hand, legte es in die linke, spielte mit der rechten Hand ein wenig in der Fläche der Linken (wobei er aber das Goldstück unbemerkt mit den einwärts gekrümmten Fingern wieder faßte) – fort war das Geld! Margaretes Augen blitzten, sie lachte und sagte: »Ich habe nichts bemerkt. Da du kleiner Kerl aber wohl noch 206 nicht mit dem Teufel im Bunde bist, so . . .« – Herkules lachte, daß er sich krümmte und durchs Zimmer kreisend den Leib hielt. »Wer weiß,« rief er, »ob ich nicht schon mit dem Teufel im Bunde bin? Einem Großjohann ist alles zuzutrauen, sagte der Lehrer, der ein Benediktinerpater ist, als er gestern von mir verlangte, ich sollte ihm seinen Bleistift wiedergeben, den ich gemaust hätte, und ich dagegen behauptete, er habe den meinen in seiner Tasche.« – »Hast du das dem Lehrer gesagt, Herkules?« flüsterte Margarete erschrocken. – »Warum nicht?« sagte Herkules, »Lehrer ist Lehrer und Pater ist Pater, ich fürchte mich nicht. Ja, wenn unser Lehrer klug wäre! Aber er ist dumm, denn er hält uns allesamt nur für dumme Jungens. Da mußte ich, ich konnte nicht anders, ihm den Streich spielen.« »Wie war das denn?« frug Margarete in höchster Neugier. – »Sehen Sie das Goldstück –« – »Ah, da ist es ja wieder!« rief Margarete, die etwas in Angst um das Goldstück war, obgleich es ihr nicht mehr gehörte. (Herkules hatte es nämlich mittlerweile aus seinem Rockärmel, in den er es mit einem Stoße seiner einwärts gekrümmten Finger hinaufgetrieben hatte, in die hohle linke Hand zurücklaufen lassen und es unbeobachtet auf den Tisch gelegt.) – »Ja, da ist es wieder, und nun sehen Sie zu! Also! Eins, zwei . . . – Ja, es ist noch immer da,« sagte Herkules, als Margaretes Augen unruhig zu werden anfingen und das Goldstück ihnen von Zeit zu Zeit verschwand, wie ein Gegenstand, besonders ein glänzender, tut, wenn man ihn zu fest ins Auge nimmt, »eins, zwei, drei!« schoß er plötzlich heraus – und verschwunden war wieder das Goldstück. 207 Wieder lachte Herkules, daß er sich krümmte, als er Margaretes verdutzte Augen sah. »Ach nein,« sagte er plötzlich ernst, »ich selbst darf nicht lachen, das Publikum muß lachen, Sie müssen lachen . . .« – »Ich fürchte mich . . .« sagte Margarete leise. – »Ach was, fürchten?« rief der Knabe unwillig, »wer wird sich denn fürchten, wo alles mit natürlichen Dingen zugeht? Es geht überhaupt alles in der Welt mit natürlichen Dingen zu, alles andere ist Unsinn.« Margarete dachte: »Ob der Kleine sich schon das dabei denkt, was man sich dabei denken kann . . .?« – ». . . also fort ist das Goldstück, Fräulein Margarete,« sagte jetzt der Knabe, »und Sie haben es in der Tasche.« (Sie hatte es aber noch nicht in der Tasche.) – »Ich? Nein! Nicht möglich!« rief Margarete aufspringend, »das gehört mir ja nicht!« Sie griff in die Tasche und fand das Goldstück auch nicht darin. »Nein, es ist nicht drin«, sagte sie beruhigt. – »Doch, es ist drin!« behauptete Herkules. – »Aber gewiß nicht! Da! Ich kehre die Tasche um!« – »Sie suchen nur schlecht. Ich wette, daß es drin ist. Lassen Sie mich fühlen.« Er führte die Hand in Margaretes Tasche (ließ dabei das Goldstück aus seinem Ärmel in die Tasche gleiten) und sagte: »Da ist das Goldstück. Sie haben schlecht gesucht.« Margarete fuhr in die Tasche, faßte entsetzt das Goldstück, dann warf sie es hinaus auf den Tisch und war dem Weinen nahe. Sie zog ihr Taschentuch und führte es an die Augen. »Gutes ehrliches Geld sollte man nicht so leichtfertig wie etwas Böses von sich werfen«, tadelte scheinbar der Knabe; »so, jetzt ist's genug,« fügte er hinzu, indem er mit der flachen Hand das Goldstück auf den Tisch schlug, als wollte er es in die 208 Platte des Großjohannschen Tisches hineinhauen, »jetzt will ich das Fräulein mit dem dummen Zeug nicht weiter aufhalten.« Margarete nahm Abschied von dem Stücke Gold und war doch glücklich, daß es endlich bei Großjohanns zurückblieb – als sie aber in einer zugigen Straße nach dem Schnupftuch griff, fand sie das Goldstück darin. Ach, die Tränen saßen ihr so locker! Die Bächlein in den schimmernden Augen begannen wieder zu fließen, und ein heißes Gefühl für die Großjohanns, den großen und den kleinen, quoll in ihr auf. »Ich will das Geld einem armen Manne geben«, dachte sie. »Ich will es einem armen Arbeiter meines Vaters geben«, dachte sie. Nach einer Weile dachte sie: »Wer von den Arbeitern meines Vaters ist so arm wie mein Vater, ihr Meister? Sie bekommen Samstags ihren Lohn, wissen genau, was ihnen zukommt und wissen, wovon die Woche leben. Wir wissen das nicht. Wenn kein Geld im Hause ist, sind wir bettelarm und können kaum zu essen kaufen, und wenn Geld da ist, weiß man nicht, wem es gehört, uns oder irgendeinem fremden Manne, und man wagt auch nichts zu kaufen. Ich will es meinem armen Vater geben.« Nach einer Weile dachte sie wieder: »Er würde es niemals nehmen. Geh zurück, woher du gekommen bist! würde er sagen. Rühr' das Geld nicht an! würde er befehlen. Das Geld soll nicht einen Augenblick mehr unter meinem Dache bleiben! würde er rufen. Wo soll es hingehen, wenn man sich nicht mehr bemüht, seine Schulden zu bezahlen? Er würde das 209 Geld eher auf die Straße werfen als es behalten, der Vater! Ach, wie sind die Männer! Jetzt hindert sie ein Wort, jetzt hindert sie die Ehre, jetzt hindert sie: wo würde das hingehen! Was sind wir Frauen doch gescheiter! Wir machen uns nichts aus dieser Ehre. Ich will es behalten, es dem Vater nicht und niemandem sagen, es höchstens der Mutter sagen und einen Monat lang etwas mehr Fett an die Speisen tun.« 210   Siebentes Kapitel Die Löhnung Hat es nicht eben klock vier geschlagen?« unterbrach der Holländer sein Gespräch in der Gruppe der Kalkbereiter. Er schaute einen Augenblick die Straße hinab. »Daß der Obermeister sich heute verspätet!« rief aus der Gesellschaft der Maurer zornig der rote Donner-und-Doria – so nannten ihn seine Gesellen, »ob der glaubt, wir Arbeiter können warten? Donner und Doria!« – »Arbeiter in der Zahlstunde sind ungeduldig wie die Könige, wenn sie warten müssen«, sagte beschwichtigend Winterfeld. – »Ihr wollt wohl sagen: wie die Tiere, wenn sie ihr Fressen kriegen!« rief der Rote, »Donner und Doria!« – »Wenn es Euch treffen kann, soll's gelten«, sagte gelassen der Werkmeister. – »Roter, hör' zu, was da von deiner Frau erzählt wird!« rief dem Zornigen der dicke und gemütliche »Gelbe« zu. Und Donner-und-Doria tauchte wie ein böser Enterich in den breitauflachenden Haufen der Maurer. »Jetzt könnte der Meister aber kommen,« sagte nach einigen Minuten der »Gelbe«, aus dem Haufen tretend, auf die Uhr schauend und die Straße 211 hinablugend, »ich fürchte, wir erreichen den Zug nicht. Zahlt gleich uns Landleute zuerst aus, Winterfeld, ja?« Plötzlich sagte einer klar und kalt im Haufen: »Der Herr hat kein Geld.« Beim letzten Worte versetzte sich ihm die Stimme, so ungeheuerlich kam ihm selbst vor, was er sagte. Und so ungeheuerlich kam den anderen vor, was sie hörten, daß auch ihnen die Rede ausblieb. Aller Köpfe wandten sich dem Werkmeister zu. Der Werkmeister in blauer Leinenjacke und samtener Hose, die hier und da von hart werdenden Kalkspritzern getroffen war, errötete bis unter das weiße Haar. Jetzt aber fuhr er in den Haufen hinein. »Welches Maul hat da gelästert?« – »Was regt Ihr Euch auf, Winterfeld,« sagte der Holländer, »Ihr seid ja auch ein Arbeiter, wenn Ihr nebenbei auch ein Baron seid, Ihr bekommt ja heute auch kein Geld.« – »Wer sagt, daß der Herr kein Geld hat?« rief der Freiherr, und das Blut trat in den feingezeichneten Adern seiner Stirn und Schläfen heraus, »wer sagt das? Darf sich der Herr nicht einmal eine halbe Stunde verspäten? Seid Ihr alle am Montag morgen oder wenn die Mittagsschicht beginnt, so pünktlich, wie ihr es vom Herrn verlangt? Wie oft drücke ich da ein Auge zu und laß euch eine volle Stunde auf den Werkzettel schreiben, wenn ihr eine halbe gearbeitet habt! Warte, Holländer, wenn nächste Woche wieder einmal dein Zug entgleist ist, du fliegst mit Kiste und Kelle vom Werkplatz, daß du dich über den alten Winterfeld wundern sollst! Daß euch der Hammer schlage! Ihr seid Bestien im Vergleich zum Herrn! In der vergangenen Woche 212 ist es mir mit euren ewigen Verspätungen und faulen Ausreden zuviel geworden. Ich sagte es dem Herrn. Und was sagte er? He, ihr Schweine? Sagte er: Jagt sie davon, Winterfeld, daß ihnen die Lappen fliegen? Sagte er das? Er sagte: Laßt sie nur, Winterfeld, drückt ein Auge zu. Es ist auch hart, jeden Morgen um sieben Uhr und bei jedem Wetter auf dem Gerüste stehen. Ich war freilich als Geselle einer von den Arbeitern, für die der Vorteil des Herrn der eigene war; aber wo findet man die noch? So sagte der Herr . . .« Freiherr von Winterfeld mußte sich abwenden, denn seine Augen wurden ihm schwach, und er konnte den verblüfften Blick der Arbeiter nicht mehr aushalten. »Es ist auch wahr!« sagte gemütlich der »Gelbe«. Die Arbeiter kannten und ehrten das gute Herz des Werkmeisters, auch hatte sie die Rede getroffen, und sie traten wieder wartend beisammen, sich etwas Lustiges zu erzählen. Der »Gelbe« erzählte von Eulenspiegel, warum der immer traurig war, wenn er einen Berg hinaufgehen mußte. »Der Herr war auch eigentlich nie fröhlich,« sagte der gütige »Gelbe«, »ich bin nun schon Jahr und Tag bei ihm, er scheint auch wie Eulenspiegel traurig darüber zu sein, daß er die Höhe ersteigt, weil er weiß, daß er auf der andern Seite wieder hinab muß.« Da erschien, es war schon fünf Uhr geworden, Franz Xaver Großjohann. »Die Auslöhnung kann sich heute etwas verzögern«, sprach er in die Ferne schauend. – »Das heißt, wir bekommen kein Geld!« brüllte Donner-und-Doria; »ha, Winterfeld!« Die Ländlichen brachen eilig nach dem Bahnhof auf. »Ungezahlt!« rief einer. Und ein anderer: »Ich 213 leihe dem Herrn meine dreißig Mark.« Und noch einer: »Ich schieße ihm meinen Lohn für eine Woche vor. Mag er sich daran verschlucken!« Die Schar verschwand. Auf jeder Haltestelle der Gebirgsbahn wie der Niederlandbahn war einer der Großjohannschen Arbeiter daheim. Überall wurde einer erwartet von Frau oder Kind, von Mädchen oder Mutter, und überall hieß es: »Großjohann ist heute den Lohn schuldig geblieben . . . Großjohann hat seine Arbeiter nicht gelöhnt . . . Ein jeder Arbeiter ist zwar seines Lohnes wert, aber nicht bei Großjohann . . . Großjohann hat seine Leute um Lohnstundung gebeten . . . hat gebeten, ihm für eine Woche vorzuschießen . . . Großjohann kann nicht mehr zahlen. Das schreit zum Himmel!« Kaum waren die vom Werkplatz zum Bahnhof ziehenden Arbeiter um die nächste Straßenecke gebogen, als ein Bote Großjohanns mit dem Beutel Geld ankam. Die städtischen Arbeiter hatten gewartet, aber als ob sie nun ein größeres Recht an allen Gerätschaften des Herrn hätten, holten sie sich Stühle aus der Bauhütte. Franz Xaver war zu schwach, ihnen zu wehren, und Winterfeld war sofort mit dem Gelde den Ländlichen nachgelaufen. Aber er kam am Bahnhof an, als der Zug eben davonfuhr. Mit dem Zug flog die Kunde vom »Unglück«, vom »Zusammenbruch«, von der »Schande« Großjohanns durch das ganze Land.   Großjohann war gleich nach dem Mittagessen gegangen. Er hatte eine solche Abneigung empfunden, sich Geld aus dem Bauvorschuß zu holen, daß er sich nicht hatte entschließen können, früher zu gehen. Wie nun, wenn der Mann zufällig verreist war? Dann konnte Großjohann zum erstenmale seine Arbeiter nicht löhnen. Das hatte er schon am Mittwoch und Donnerstag erwogen, war aber seines Ekels nicht Herr geworden. Schon zu Anfang der Woche hatte Franziska gesagt: »Denkst du auch daran, Geld zu holen?« und: »Vergiß nicht, Geld zu holen!« Großjohann hatte zornig erwidern wollen: »So geh du!« oder: »Dann geh selbst in Dreiteufels Namen!« hatte aber seine Erregung gemeistert und überlegt: »Sie ist zu dumm dazu. Wer kennt diese großen Herren! Sie wird nichts anderes tun als unser einfaches Recht verlangen. Aber wird sie Erfolg haben? Wenn der Herr sie hinhält? Man kann soviel Unrecht tun, ohne das Recht zu beugen. Das Recht ist ein sehr grobes Gewebe, da schlüpft noch viel Unrecht hindurch. Ich geh selbst! Aber morgen! Heute ist ja erst Mittwoch. Der Graf wird doch sein Wort nicht brechen! Übrigens ist es verbrieft.« Und am Donnerstag dachte er: »Ich laß es bis morgen! Heute ist ja erst Donnerstag. Der Kerl wird doch nicht –!« Und am Freitag dachte er: »Ich laß es bis morgen! Heute ist ja erst Freitag. Ich mache den Menschen kalt, wenn er mich in Verlegenheit bringt! Ich geh morgen vormittag!« Aber Samstag vormittag dachte er: »Ich geh am Nachmittag!« Und am Nachmittag ging er. Auf dem Wege bemühte er sich, an alles andere zu denken, nur nicht an den Zweck seines Ganges, denn er fürchtete, der Ekel werde ihn wider seinen Willen ablenken, ihn an den Fluß hinabführen und sich hineinstürzen lassen. Er dachte an die schönsten Eindrücke seines Lebens: wenn er unter den hohen Gewölben der Dome 215 gestanden und sich überlegt hatte, wie die alten Meister das wohl gemacht hatten. Nun langte er auf dem stillen lindenbestandenen Seilergraben an, wo sein Ziel, das blutrote Haus, lag. Im hohen Giebel hing ein riesiges Wappen von Tieren und Menschen. Es war schon drei Uhr. Vor der Freitreppe hielt eine vornehme Kutsche. Darin lagen schwarze und graue Pelze so, daß man sah, wie eine menschliche Gestalt ihnen entschlüpft war. Der Kutscher saß unbeweglich auf dem Bocke, in der linken Hand hielt er die Zügel, mit der rechten, auf das Knie gestellt, die Peitsche. Die schwarzen glänzenden Pferde standen fest im Geschirr, jeden Augenblick zum Anziehen bereit. Hin und wieder scharrten sie mit den Zehen ihrer Hufeisen. »Es ist schon jemand da,« dachte Großjohann, »ich werde hier draußen warten.«   Das Mädchen sagte, sich erhebend: »Ich werde also wie besprochen dem Vater berichten, Herr Graf.« Der Graf hatte ein großes Gesicht mit langer Nase und starken Augen. Seine weißen und vollen Haupthaare waren sorgfältig gescheitelt, gescheitelt war auch der silberne Schnurrbart und der graue Bart. Er trug einen schwarzen Rock über einer hechtgrauen Hose. Er zog die gepflegten und gelenkigen Hände geschmeidig eine durch die andere. »Sagen Sie dem Herrn Vater, daß ich gern ihm zu Diensten bin, und wie es mir leid tut, daß Ihr Herr Vater krank ist. Es ist gewiß nichts Ernstliches. Doch selbst wenn es ernst wäre, so betrüblich es wäre, so hat es doch die gute Seite, daß es ein so schönes und geistvolles Fräulein, wie Fräulein Merlin es 216 ist, veranlaßt hat, mich altes Eisen zu besuchen. Ich empfehle mich Ihnen und dem Herrn Vater. Und eine Frage, die das Alter sich erlauben darf: Wann wird diese strahlende Jugend mit Jugend sich verbinden? Man hört dies und das in der Stadt, aber das ist gewiß nicht wahr! Nun, ich will nichts wissen, die Zeit der Geheimnisse ist die schönste des Lebens. Vielleicht, denn Fräulein Merlin ist klug, dient ein gewisses Gerücht dazu, ein ungewisses anderes vor den Augen der Welt zu verdecken, bis der große Tag kommt.« Unter diesen Worten geleitete der Graf die sich verhüllende Gertrud aus den hohen und dunkeln Zimmern über die Teppiche der Flurhalle zur Tür. Er wies den Diener hinweg, öffnete selbst den Flügel und küßte die Hand des Fräuleins. »Er ist ein eklig liebenswürdiger Mensch, und wie gemein ist der Graf!« dachte Gertrud, als sie die Freitreppe hinabstieg. Während der Graf noch einen Augenblick in der Tür wartete, sah er seitwärts der Treppe Großjohann stehen. Er stellte sich aber, ihn nicht bemerkt zu haben und verschwand nach einer Verbeugung ins Leere hinein hinter der Tür. Während er durch die hohe Halle in sein Zimmer zurückschritt, dachte er: »Sie ist jung, ist schön, ist reich, und was wichtiger als alles ist: sie ist ein Weib! Sie hat lange Haare, hat glatte Wangen, eine runde Brust . . . Mein Gott, sie ist ein Weib! Ein Weib! Was ist Adel, Reichtum, Ehre gegen dieses eine süße Geheimnis: in allen Kleidern und Pelzen ein nacktes Weib zu sein!« Gertrud Merlin hüllte sich in ihre grauen und schwarzen Pelze, der Kutscher hielt die sprungbereiten Pferde fest im Zügel und den Kopf leicht nach links 217 gewandt, um das Nicken des Gnädigen Fräuleins zu sehen. Da hörte er eine fremde Stimme zum Fräulein sprechen, er wandte seinen Kopf wieder nach vorn und schloß Augen und Ohren, wie es sich für einen Herrschaftskutscher ziemt. »Guten Tag, Fräulein Merlin«, sagte Großjohann, an den Wagen herantretend. Gertrud hatte den Herrn, als sie die Treppe herabkam, wohl gesehen. »Das ist Gabriels Haltung!« hatte sie gedacht. Aber sie war so verwirrt gewesen, daß sie nicht aufzuschauen gewagt hatte, daß sie sich langsam in ihre Pelze hüllte, um dem, was kommen mußte, Zeit zu lassen zu kommen, denn sie war bereit, ja verlangend, daß es nun komme. Sie hob die Augen zu dem Herrn auf. Sie zog langsam den langen Handschuh vom schmalen Arm und reichte dem Herrn die Hand. Eine Weile lagen die schönen Hände, die weiße schmächtige des Mädchens, die braune hagere starke des Mannes ineinander. Jetzt sagte sie: »Vater.« Großjohann zog seine Hand zurück und senkte für einen Augenblick die Lider: »Ich wollte doch auch einmal ein Wort mit meiner Schwiegertochter reden. Wie sieht sie der Mutter ähnlich! Daran erkannte ich sie. Nun muß ich zu dem Manne da hineingehen. Leben Sie wohl.« Er lüftete den Hut, stieg die Freitreppe hinauf und zog kurz und hart an der Klingel. Die Glocke klang fern in der Halle des Hauses. »Franz, fahr'!« Die Pferde schnellten davon, Gertrud sank heftig in Polster und Pelze zurück, und auf Gummirädern entrollte unhörbar die Kutsche. Der Wagen war fort, 218 als der schwere Flügel der Tür des roten Hauses sich langsam öffnete. Gertrud hatte die Augen geschlossen. »So sieht Gabriels Vater aus! So sieht mein Vater aus –? Denn Gabriels Vater ist meiner, ob er nun nicht mein leiblicher Vater ist und ich nie seine Schwiegertochter werde. Mein leiblicher Vater ist er nicht, denn er sagte zu mir Schwiegertochter, und ich fühle, daß er nicht lügt! Wie sprach er leise, damit Franz das Wort ›Schwiegertochter‹ nicht höre! Wie laut würde es der Graf gesagt haben, denn er würde sich selbst vor dem Kutscher gerühmt haben, daß ich seine Schwiegertochter wäre, wenn ich auch nur Gertrud Merlin heiße. Wie hat der Graf mich angesehen, als er mir die Hand küßte – pfui! Wie vornehm ist dagegen der Vater! Wir anderen sind alle gemein gemacht vom Glücke! Nur das Unglück ist wahrhaft vornehm.«   Großjohann mußte warten. Der Kammerdiener Hubert, der sonst gerne ein Gespräch mit den Wartenden begann, hielt sich stumm im Hintergrunde der Halle. Großjohann ging mit der Uhr in der Hand auf und ab und stampfte zornig den Teppich. »Mein Dasein kann an einer Minute hangen, und dieser Mensch läßt mich warten! Die Arbeiter warten auf mich, und ich warte auf ihn! Aber bekommen die Arbeiter diese Woche nicht ihren Lohn, so bekommen sie ihn in der nächsten nachgezahlt, wenn der Graf mir nicht heute, sondern erst nächste Woche das Geld gibt. Wer kann es ihm anders befehlen? Die Arbeiter können warten, der Graf hat keine Eile, aber der nicht warten kann, bin ich , der, auf den das Unglück 219 und die Schande fallen, bin ich !« Er rief den Diener, der aber antwortete nur mit einer Verbeugung: »Der Herr Graf darf nicht gestört werden.« Unversehens war auch der junge Graf in die Flurhalle gekommen und war gleich von Mitleid bewegt worden, als er die Unruhe des Wartenden sah; er hatte versprochen, sofort seinen Vater zu rufen. Großjohann sah wieder auf die Uhr – es war gerade vier – und er dachte: »Jetzt schauen die Arbeiter die Straße hinab.« Der Sohn trat beim Vater ein. »Der Herr Großjohann hat Eile«, sagte er leise. – »Aber ich habe Zeit!« brüllte ihn der Vater an. Der Sohn zog sich erschrocken zurück und floh fast hinauf in seine Zimmer, ohne den Mut zu haben, den Bescheid dem Wartenden zu sagen. Jetzt machte denn doch der Graf die Türe auf – es war 4¼ Uhr und derselbe Augenblick, als Freiherr von Winterfeld zur Verteidigung des Herrn unter die Arbeiter fuhr – sah Großjohann an und sagte in der Tür stehend: »Pünktlich wie die Sterne.« Großjohann beherrschte männlich seinen Zorn und sagte nach einer kurzen Pause: »Guten Tag, Herr Graf« Der Graf stutzte, jetzt aber sagte er, wie es sich gehörte: »Guten Tag, Herr Großjohann.« Doch gleich brüllte er: »Was wollen Sie?« Großjohann antwortete nicht sofort. Dann sagte er: »Zunächst einen Stuhl, Herr Graf.« Das brachte den Grafen aus der Fassung, er sagte nichts, winkte den Besucher sich nach ins Zimmer und deutete dort auf einen Stuhl. Großjohann setzte sich und schwieg. Der Graf fühlte sich durch dieses Schweigen gezwungen, sich auch zu 220 setzen; jetzt lächelte er und sagte: »Nun – ? Sie scheinen sehr viel Zeit zu haben.« »Ich habe im Gegenteil sehr wenig Zeit, Herr Graf, so wenig, daß an einer Minute mein guter Ruf hangen kann, aber doch zuviel, um nicht zu wissen, was ich mir schuldig bin.« – »So reden Sie, in Sakramentes Namen!« rief böse der Graf, zornig, vor diesem Menschen nicht einmal in seinem eigenen Hause den Ton der Unterhaltung bestimmen zu können. »Reden Sie,« rief er aufspringend, »was wollen Sie?« »Geld!« Der Graf starrte einen Augenblick stumm den Sprecher an und sagte: »So hat mich noch niemand um Geld gebeten!« – »Ich bitte nicht um Geld!« sagte Großjohann. – »Das ist . . . das heißt ja: Sie fordern es?« – »Ja!« Der Graf wehrte sich einen Augenblick stumm mit Händen und Füßen gegen sein Staunen über diesen Menschen. Dann faßte er sich und sagte kalt: »Ich setze den Fall, Sie haben ein Recht zu fordern, glauben Sie denn, daß es klug ist, dieses Recht vor sich auszuhängen wie eine Fahne?« – »Es ist unklug!« »Aha!« rief triumphierend der Graf. – »Ein Tapferer schlägt nicht in eine Wunde, die der Gegner sich selbst beibringt«, sagte darauf Großjohann. Nun schämte sich der Graf, wurde rot, stand auf und trat in den Schatten des Fenstervorhanges. Er betrachtete mit einem aus Haß, Furcht und Ehrfurcht gemischten Gefühle den Mann, der im vollen Taglicht des Fensters ruhig dasaß und viel Zeit zu haben schien. Nur die Nasenflügel Großjohanns zitterten. »Es war unklug,« sagte Großjohann, »wie es 221 immer unklug ist, den Mächtigen herauszufordern. Aber es blieb mir keine andere Wahl, in Ehren zu bestehen.« Der Graf erwiderte nichts, er ergab sich und sagte in verändertem, sozusagen unpersönlichem Ton, indem er sich an seinen Schreibtisch setzte: »Zum Geschäft!« »Der erste Stock der neuen Häuser am Spanischen Platz ist fertig. Ich bitte um die Auszahlung der ersten Teilsumme des Bauvorschusses.« Der Graf aber sagte geschäftsmäßig: »Ich brauche Ihnen das nicht zu glauben.« »Doch! Vor acht Tagen habe ich Sie durch einen eingeschriebenen Brief ersucht, sich gegen das Ende der Woche die Arbeiten anzusehen, weil ich den ersten Stock in allen sechs Neubauten vollendet haben werde.« »Gut,« sagte der Graf, »aber ich brauche Ihnen jetzt das Geld nicht auszuzahlen, da der Samstag Nachmittag nach der Übung unseres Landes schon als Feiertag gilt. Sie können also Montag den Betrag abheben.« Er stand auf, griff nach der Klingel auf dem Schreibtisch, um dem Diener zu läuten. Großjohann war auch aufgestanden. Er legte seine Hand auf die des Grafen, die auf dem Klingelknopfe ruhte, und der Graf fühlte die Hand so schwer lasten wie ein Gewicht und fühlte zugleich ein Zittern in ihr, daß er nicht vermochte, den knöchernen Knopf niederzudrücken. So standen die Männer stumm voreinander, bis Großjohann sagte: »Unsere Zusammenkunft stand unter einem unglücklichen Stern. Ziehen wir nicht am gleichen Strang? Wir sollten uns doch nicht wie Weiber steuerlos von Launen treiben lassen. Ich verstehe Sie nämlich nicht«, fuhr er leise fort. 222 »Warum wollen Sie die Hand binden, die Ihnen dient? Denn ein Graf muß es sich schon gefallen lassen, daß andere Leute für ihn arbeiten.« Der Graf ließ den Knopf fahren, sah auf den Tisch nieder und kaute an seiner Unterlippe wie ein trotziger Knabe. »Meine Arbeiter warten auf die Löhnung,« fuhr Großjohann fort, »eine Viertelstunde Verspätung kann mich um meinen Ruf bringen. Denn niemand ist so streng mit dem Rufe des Meisters wie der Arbeiter. Vielleicht ist es jetzt schon um den Ruf getan! Und da wir miteinander arbeiten – oder doch ich für Sie –, so ist es auch Ihr Schaden. Denn wenn ich die Arbeit einstelle, fällt Ihnen der Grund wieder zu. Und der Grund mit den Ruinen von Bauten ist weniger wert als früher der Acker mit den Kohlköpfen, weil jeder sagen wird: da stimmt etwas nicht. Sie müßten sich denn entschließen wollen, selbst die unvollendete Arbeit in die Hand zu nehmen. Aber das paßt sich wohl nicht für einen Grafen.« Der Graf schwieg. Er trommelte nur mit den harten Fingern auf der Tischplatte. »Wenn Sie der Herr Merlin wären« – der Graf sah bei diesem Namen schnell auf, aber Großjohann beachtete es nicht, sondern sagte: »– so könnte ich Sie verstehen. Dem Herrn Merlin, das weiß ich, bin ich zuwider, lediglich weil ich arbeite. Er hält mich für einen Streber. Aber Sie, der Sie ebensowenig wie er zu arbeiten brauchen, arbeiten doch auch! Planen doch auch! Beteiligen sich doch an der Vergrößerung der Stadt! Warum weiß ich nicht, vielleicht nur, weil es Ihnen Vergnügen macht, dabei zu sein. Denn ich nehme vom Menschen von vornherein das Beste an. Wenngleich ich – das muß ich ja wohl sagen – 223 heute weiß, daß Sie es waren, der damals den Namen Großjohannstraße durchdrückte, und daß Sie es taten, nicht um mich zu ehren, sondern um sich zu bereichern. Sie glaubten in mir den richtigen Mann zu sehen, Ihre halb versumpften sauern Wiesen am Flusse, in die ich heute ein Haus nur als Grundmauern stecke, ehe ich anfange zu bauen, zu Baugelände zu machen. Sie gewannen mich ja auch dafür. Ich unternahm es, die Stadt in jene Gegend hinauszuziehen – ich weiß nicht, ob die Bevölkerung mir folgt –, die Stadt sozusagen zu verlegen, sozusagen vor ihren Toren eine andere zu gründen. Mich nennt man schon mit Spott den Städtegründer. Wir müssen beide hoffen, daß die Gunst der Zeit uns treu bleibt, daß die Stadt sich nicht etwa nach den Bergen auszudehnen beginnt statt nach dem Flusse. Das alles sehe ich und weiß ich – und verstehe Sie darum erst recht nicht. Sie müssen schon einen recht triftigen und mächtigen Grund haben, mir und sich selbst im Wege stehen zu wollen – ich ahne ihn nicht.« Der Graf schwieg und rieb die krachenden Zähne aneinander. »Hier ist das Geld«, sagte plötzlich der Graf; »gehen Sie. Bescheinigen können Sie es mir morgen oder übermorgen. Sie haben mir heute zuviel gesagt. Gehen Sie!« Als Großjohann fort war, dachte der Graf: »Er hat sich würdiger gehalten als ich.« Großjohann flog mit der ersten Droschke nachhause. »So unklug wie ich würde auch Franziska gewesen sein«, dachte er. Zuhause jagte er einen Boten mit dem Gelde auf den Bauplatz, aber der kam für die ländlichen Arbeiter einige Minuten zu spät. 224   Achtes Kapitel Das Fest Der Türsteher stand auf dem Sperrblock, links von ihm fuhren die Wagen durch das geöffnete Tor hinein, rechts hinaus. Im Hofe hielten sie vor der Freitreppe und gossen die Herrschaften aus. Diese schritten, während der Wagen abrollte, die Freitreppe hinauf, auf deren oberster Stufe Gertrud Merlin stand, für den Vater die Ehren des Hauses erweisend. Wie eine Göttin stand! Sie trug ein Kleid aus wasserblauer Seide. Durch das schwarze Haar hatte sie einen goldenen Reif geflochten. Das weiße Gesicht, der magere sehnige Hals, der frei aus dem Kleide emporstieg, die festen bis zum Ellenbogen nackten Arme, ihre beiden Windspiele, die etwas aufgeregt neben ihr standen, nicht zum mindesten der Mond, der den Hof erleuchtete, das alles rief in den Besuchern das Bild der Göttin Diana wach. Währenddessen stand Herr Hagelstange neben seinem Wagen, in dem Frau Hagelstange schon saß, vor seinem Hause und trat unmutig von einem Fuße auf den andern. »Er wird halt noch was Wichtiges zu tun haben,« sagte Frau Hagelstange, »er ist so 225 eifrig. Sei nicht ungeduldig, Maximilian.« – »Er sollte doch zur rechten Zeit kommen!« brummte Herr Hagelstange. – »Da ist er!« rief Frau Hagelstange. Herr Hagelstange sprang in den Wagen und gab das Zeichen zur Abfahrt seines Wagens, ohne auf den zweiten zu warten, der die Söhne mit Philipp bringen sollte. Philipp Emanuel, nun schon im Priestergewande, flog heran, daß die Enden seines langen schwarzen Kleides wie Engelsflügel hinter ihm herflatterten. Er kam nicht von Hause – er hatte nun ein eigenes »Zuhause« in der Nähe seiner Kirche – sondern aus irgendeiner Hütte der Armen, um auf das Fest der Reichen zu gehen. »Ich hatte bis zum letzten Augenblicke zu tun«, sagte er mit leisem Schnauben zu den jungen Hagelstanges, die ihn geduldig auf dem Vorderplatz ihres Wagens sitzend und Zigaretten rauchend erwarteten. Er hatte auch wirklich viel zu tun, war immer in Eile, die Armen und Elenden aufzusuchen, die auf den Dachböden oder in den Kellern hausten. Er mußte alte Jungfrauen beraten, wie sie am besten ihr Vermögen anwändten, Schulkinder mit einem Frühstück zu versehen, nackte Negerknaben zu kleiden oder Kirchen zu heizen; er hatte brüchige Ehen in Bürgerkreisen zu flicken, indem er die Ehefrauen mit strengen heißen Worten auf die Unlösbarkeit der Ehe hinwies, und ging auch meistens von den verschüchterten Frauen mit einem Erfolge eilends weg, um schnell noch in einer verbleibenden Viertelstunde in einer Nachbargasse eine arme Seele zu retten. Er breitete sich jetzt im Rücksitz des Wagens aus. Der Kutscher erhob die Peitsche, da aber fiel ihm Philipp mit der Hand in den erhobenen Arm, 226 rief den zum Abschied grüßenden Türsteher des Hauses Hagelstange heran und ließ sich schnell noch von »seinem« Zimmer, das er auch im Hause Hagelstange innehatte, ein Schnupftuch holen. Als der Türsteher mit dem Tuche herangestürmt kam, frug der Kutscher: »Können wir nun fahren, Hochwürden?« – »Noch nicht«, sagte Hochwürden. – »Der Herr Bankdirektor wird nicht wenig böse sein«, wollte der Kutscher rufen, aber er verschluckte es, denn er fürchtete den Herrn Großjohann. Die beiden Hagelstanges zündeten eine neue Zigarette an, nachdem sie Philipp gefragt hatten, ob es ihn nicht störe. »Woher kommt der Wind?« frug Philipp. – »Von hinten.« – »Na, dann raucht nur, wenn ihr es nicht lassen könnt.« – »Das sind ungemütliche Leute, die Nichtraucher«, dachten die Hagelstanges, dachten es aber nur. – »Klaus,« rief Philipp dem Türsteher zu, »hol' mir noch das Buch, das bei der Gnädigen Frau auf dem Tische liegt, das schwarze mit dem roten Schnitt, es heißt: Morallehre. Aber schnell!« Der Türsteher sprang die Treppe hinauf und murrte: »Warum springt man vor Seiner Hochwürden? Er gehört doch nur halb zu den Herrschaften! Er sagt auch Du zu mir, während selbst die Herrschaften Sie sagen. Du! Klaus! Tu' dies und das! Aber schnell! Ich glaube, ich habe Angst vor ihm.« Die jungen Hagelstanges sogen währenddessen bedächtig an ihren Zigaretten, und als das Buch gekommen war, sagte Philipp zu ihnen: »Es ist nämlich möglich, daß man in der Vorhalle warten muß, bis die Damen sich aus ihren Mänteln gewickelt haben. Da ist es gut, ein Buch zur Hand zu haben, um keine Zeit zu verlieren. Das Leben ist so kurz.« 227 »Können wir nun fahren?« frug Fritz. – »Fahren wir!« antwortete Philipp. – »Fahr', Karl!« sagte Heinz zum Kutscher. Der Kutscher schlug auf die Pferde, und der Wagen stob davon, daß die Funken den Hufen und Rädern entsprühten und man in der Dunkelheit des Abends glauben konnte, ein neuer Prophet Elias fahre auf feurigem Wagen davon. Der zweite Wagen Hagelstange holte den ersten bei der Einfahrt zum Merlinschen Hause ein, wo jeder Wagen ein Hindernis fand. Der Aufenthalt währte lange genug, daß der in einem Wagen sitzende Herr Zeit hatte, etwas Hartes in die Hand des Türstehers zu legen. Der erste Wagen hatte eben das Hindernis genommen, und der zweite stutzte an der Schwelle. Die jungen Hagelstanges griffen gleichmütig in die Tasche und gaben jeder dem Türsteher eine Mark. Philipp sah es und zog einen Taler aus der Tasche, den er dem Türsteher schnell überreichte. Die Pferde zogen nun an. Der alte Merlinsche Türsteher betrachtete das Talerstück eine Weile, bis er zu sich sagte: »Der ist sicher nicht aus seiner Familie, sonst würde er nicht soviel geben.« Der nächste Wagen war der gräfliche von Wetter. Er war der einzige, für den es kein Fahrhindernis an der Torschwelle gab, denn der gräfliche Kutscher war mit dem Merlinschen Türsteher verfeindet. Dieser bog vor den in der Nacht heranschnaubenden Rappen mit den roten Mäulern und glühenden Augen erschrocken zurück. »Daß der Winterfeld, der alte Knochen, doch mal durch seine Schuld unter meinen Wagen geriete!« dachte der gräfliche Kutscher. Gertrud begrüßte die beiden jungen Hagelstanges 228 ziemlich flüchtig, denn ihre ganze Neugierde war dem schwarzen Jüngling zugewandt, der langsam die Treppe heranstieg. Jetzt stand Philipp Emanuel vor ihr. Er schaute sie an und wartete. Fast unhöfliche Neugierde sprach aus Gertruds Gesicht mit den hochgezogenen Augenbrauen, und sie reichte dem Gaste langsam die Hand. Gertrud verwunderte sich über die Ruhe dieses Weltmannes. »Ja – wir Großjohanns!« dachte sie. Der Gast verbeugte sich, und als er sich aufrichtete, las Gertrud in seinem glühenden Auge, was jedem Weibe sofort verständlich ist, wenn der Strahl seiner Schönheit in einen Mann niedergefahren ist. Sie schloß einen Augenblick die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war Philipp Großjohann den Hagelstanges ins Haus nachgefolgt, und vor ihr standen die beiden Grafen Wetter, deren leerer Wagen eben den Platz vor der Freitreppe räumte. Eine weißseidene Weste umspannte unter dem hochmodischen Frack knapp den stattlichen Leib des alten Grafen. Der fingerkopfdicke Brillant eines großen Ordens, am orangenfarbenen Bande unter der Halsbinde getragen, strahlte ihr entgegen. Der junge Graf war ebenso groß wie sein Vater, aber krankhaft schlank. Sein Kopfhaar war voll und stark, doch von der Fülle und Stärke von Treibhauspflanzen. Nach den Grafen kam der Oberste Bürgermeister, ein großer ergrauender Mann mit dem strengen Gesicht halb Kaiser Karls halb eines preußischen Hauptmanns, mit Frau und Tochter. Und die anderen. Im Saale lachten Stimmen und glitzerten Diamanten. Der Saal im Mittelbau war weißes und vergoldetes Rokoko, venezianische Kugelleuchter unter 229 der Decke trugen mild flammendes Kerzenlicht, die Steine leuchteten rot und kalt, die nackten Schultern und Rücken der Damen weiß und warm. Ein allgemeines bestrickendes Geschwätz durchrauschte die Luft. Herr Merlin saß in einem Sessel nahe der Tür und begrüßte die Gäste. War das Herr Merlin? Er war so abgemagert, daß die Kleider sich falteten, und er konnte sich nicht erheben. Ein spät kommender Arzt – Ärzte kommen immer in Gesellschaft zu spät – flüsterte ihm zu: »Sind Sie des Teufels, Merlin?« Merlin lächelte. »Lassen Sie, Doktor. Es ist bald zu Ende. Zwei Stunden Glanz und Licht, dann mag es zwei Wochen früher finster werden.« Alte Musik des 17. Jahrhunderts klang leise und fremdartig aus einem halb mit Teppichen verhängten Nebenraume. »Graf,« sagte Herr Merlin, als die alten Herren einer nach dem andern bei ihm die Runde machten, denn er liebte keine Massengespräche, »ich danke Ihnen für die Bereitwilligkeit, die Sie meiner Tochter ausgesprochen haben. Ich lebe nicht mehr lange. Ich war Ihnen ja immer zu aufgeklärt, ich weiß, aber mit mir stirbt ein halber Mensch. Innerlich mag das Leben so kühn fortschreiten wie immer, aber das äußerlich Unbequeme und Gefährliche fürchte ich. Darum möchte ich meiner Tochter nicht das Vermögen ganz in die Hand geben. Sie könnte es in Edelmut verschleudern. Man muß die Jugend vor ihrem guten Herzen behüten – sehen Sie, solch ein heimlicher Fuchs bin ich. Darum danke ich Ihnen, daß Sie sich um die Verwaltung etwas kümmern wollen, das heißt, Sie sollen sich nicht darum 230 kümmern, das Kind soll sich lediglich bewußt sein, einen Hemmschuh zu haben, und Sie sind ja wohl Hemmschuh genug. Ihre bekannte klassische rückständige Gesinnung wird ihr stürmisches Herz schon beruhigen.« – »Die Alten sind nicht mehr liebenswürdig«, dachte der Graf im Weitergehen. Im Saale wurde von nichts anderem als von Traudchen Merlin und Gabriel Großjohann gesprochen. Diener in weißen Strümpfen gingen mit perlenden Getränken und Speisen klein wie Vogelbissen umher. Die Musik spielte einen Adagiosatz aus einem Mozartschen Quintett so unirdisch, daß Gabriel in einer unnennbaren Mischung von Glück und Unglück die Augen feucht wurden und er sich, um es zu verbergen, zum Balkonfenster wandte. Er schaute in den Hof hinab, wo Wagen, Pferde, Kutscher und Menschen standen, und es war ihm einen Augenblick, als habe er das vom Schein der Torlaterne beleuchtete Gesicht seines Vaters gesehen, der langsam auf der Straße vorüberging und ein halbes Auge zu den Fenstern heraufwarf. »Ich kann mich aber auch geirrt haben«, dachte Gabriel wehmütig. Herr Merlin sprach: »Wissen Sie auch, Herr Bürgermeister – bitte ziehen Sie sich doch einen Stuhl heran –, daß wir Sklaven in unserer Stadt haben? Daß da Leute sind, die wir ausbeuten, als wären sie im Homerischen Kriege gefangen? Sie staunen! Nicht wahr, welch herrliche soziale Gesetzgebung haben wir! In unserem Staate stirbt niemand mehr Hungers! Ich weiß! In unserem Staate entbehrt niemand des Arztes! Ich weiß! Ich kenne alle die Phrasen! Und wissen Sie, daß es doch Leute gibt, die nicht wissen, 231 ob das hartverdiente Stück Brot, das sie essen, das ihre ist? Ich meine natürlich nicht die Arbeiter. Sie sind versorgt und versichert. Auch Sie und Ihresgleichen auf den gepolsterten Stühlen meine ich nicht«, (»Was für eine Schärfe ist plötzlich in diesen sonst so liebenswürdigen Mann gefahren!« dachte der Oberste Bürgermeister) – »auch uns Reiche wahrhaftig nicht, die wir noch weicher auf unseren Geldsäcken hocken.« (»Er verschont sich selbst nicht, er war immer ein überlegener Geist«, dachte der Oberste Bürgermeister.) »Aber dazwischen gibt es eine Klasse, die nicht mehr Arbeiter und noch nicht Herren sind. Sie kennen Herrn Großjohann?« – »Ich kenne ihn. Eine Zierde der Stadt, ein strebsamer Bürger, ein begabter, sagen wir genialer Bauherr . . .« – »Haha, daß ich nicht lache! Bauherr, sagen Sie? Bauherr ist gut! Bausklave, wollen Sie sagen! Wissen Sie, daß der Mann elender ist als die Israeliten, die unter den Peitschen der Ägypter die Pyramiden bauten? Die wußten doch, daß sie jeden Abend ihr Laib Brot und ihr Bündel Zwiebel bekamen. Sie werden einwenden: warum blieb er denn nicht Arbeiter, denn diese Bauunternehmer waren Schreiner, Maurer, Kalkbrenner, Schlosser oder Dachdecker. Wohl! Aber wir wollen doch, daß sie da sind! Die Stadt braucht Häuser! Und was sollen wir mit unserem Gelde machen, wenn niemand da ist, der durch unser Geld für uns arbeitet? Ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß die Hälfte dieser Leute untergeht? Und sprach ich lieblos, bedenken Sie, das tun alle Stimmen aus dem Grabe.« Der Oberste Bürgermeister war froh, frei zu sein. »Vielleicht hat er gar recht,« dachte er, »aber Recht 232 und Recht ist zweierlei, es gibt ein Recht der Stimmen aus dem Grabe und eines der Stimmen der Lebendigen. Dieses allein ist das wirkliche. Dieses ist das der Männer der Tat, die das Mögliche, jenes das der Träumer, die das Unmögliche wollen. Das öffentliche Recht muß immer eine oberste Grenze, sozusagen ein idealer Fall bleiben.« Da hörte er in einem Kreise von Herren, der sich vor dem Marmorkamin gebildet hatte, einen jungen Mann eben sagen: »Das öffentliche Recht kann immer nur eine Grenze nach unten, ein Mindestmaß von Recht, ein grober Fall sein. Was für alle gelten soll, kann niemals dem einzelnen genau passen. Seien Sie versichert, meine Herren, wenn in der Welt nur das Recht geschähe, die Welt wäre ein Räuberhaus.« – »Sie haben recht, Gabriel Großjohann«, stimmte Herr Hagelstange eifrig bei. »Dafür hat uns Gott ja die Lehre Christi offenbart als das dem gemeinen Rechte Übergeordnete«, sagte der Sanitätsrat. – »Ja, wenn wir die Lehre Christi noch rein hätten!« meinte ein Privatgelehrter. – »Die Lehre Christi ist rein, ist rein erhalten in unserer Kirche«, sagte eifrig Philipp mit schönen Handbewegungen. – »Es ist unnütz, Philipp Emanuel, in Gesellschaft von dem zu reden, worin man erfahrungsgemäß nie einig wird«, sagte der Bankdirektor; »aber König und Vaterland, meine Herren . . .« – »Das Christentum . . .« warf Philipp ein. – »Im Rechte«, sagte jetzt der Oberste Bürgermeister, »setzen wir uns sozusagen noch einmal, als eine vollkommene Form unseres unvollkommenen Wesens, das moralisch unzulängliche Subjekt setzt sich selbst als ideales moralisches Objekt. Wir errichten uns selbst eine Schranke, der an sich passive Intellekt macht 233 durch das Medium des Rechtes aus sich eine aktive Kraft, und das Recht wandelt sich in Pflicht . . .« – »Das Christentum . . .« suchte Philipp zu unterbrechen – ».  . . die Pflicht«, setzte der Oberste Bürgermeister fort, indem er Philipp Großjohann einen erstaunten Blick zuwarf, »ist das geleistete Recht und das Recht die genossene Pflicht.« – »Und die Übung unserer Väter, meine Herren!« sagte Graf Wetter nach dieser von niemandem verstandenen juristischen Vorlesung. – »Das Christentum . . .« suchte Philipp einzuspringen . . . Aber der Graf ließ sich denn doch durch den grünen Bengel von Großjohann, wenn er auch im Priesterkleide war, nicht unterbrechen, sondern nahm ruhig und bestimmt seine Rede auf: »Und die Übung unserer Väter, meine Herren? Sind wir denn etwas außer ihnen? Jeder von uns ist doch nur die Fortsetzung dessen, was seine Väter waren, auch wenn er im besonderen Sinne keine Väter hat. In uns leben doch ihre inneren Werte fort, die Grundsätze der Erziehung und die Sicherheit des Handelns in allen Lebenslagen, kurzum die Kinderstube.« Der Graf hatte sich in solchen Zorn geredet, daß nur die angeborene unverwüstliche gute Sitte, kurzum die Kinderstube, ihn davon abhielt, jemandem etwas gar Deutliches zu sagen. Sein Gesicht war rot, und er brach kurz ab. »Nun, das Christentum als oberstes . . .« begann Philipp Großjohann, doch Gabriel Großjohann sagte: »Laß das Christentum, Philipp, Vaterland, König und Kinderstube. Sprechen wir einfach vom Anstand. Vom Bewußtsein, das Gute und Schöne tun zu müssen auch auf unsere Kosten. Wenn diese 234 Gesinnung bei allen Menschen verbreitet wäre, so hätten wir kein Gesetz und keine Strafe, kein Recht und keine Pflicht nötig. Nur Anstand!« Die Gruppe löste sich auf, denn in einer sich vergnügenden Gesellschaft sind Gruppen nicht beständig. Fortgehend sagte der Oberste Bürgermeister zum Grafen: »Der junge Herr ist einfach ein Anarchist.« Und Graf Wetter meinte: »Eine ganz gefährliche Bande sind die Großjohanns; man muß sie mit allen Mitteln niederhalten.« Der Bankdirektor blieb eine Weile stehen, zwischen den Brüdern Großjohann hin- und hersehend, dann wandte er sich zu Gabriel und sagte: »Da haben Sie sehr recht gesprochen, Gabriel Großjohann.« Dann ging auch er weg. Philipp fühlt Eifersucht in sich aufsteigen. Aber Gabriel, Philipp lächelnd ansehend, sagte: »Es ist doch sonderbar, Bruder« – wie schwer wurde es Gabriel, Bruder und nicht einfach Philipp oder gar Flipp zu sagen! – »daß wir seit Jahren zum erstenmal allein in diesem Saal und zum erstenmal ernsthaft miteinander vor fremden Menschen gesprochen haben.« Philipp sagte: »Du bist immer sehr hart zu mir gewesen, Gabriel, und hast nie ein freundliches Wort für mich gehabt. Nun ja, ich vielleicht auch nicht. Aber du redest so schön und übst selbst davon so wenig.« – »Jaja,« rief Gabriel aus, »aber muß ein richtiger Prediger nicht eigentlich zuerst sich selbst predigen? Darum mag ich auf euren Kanzeln die nicht leiden, die immer »ihr« und nie »wir« sagen.« Gabriel hatte nie eine Predigt Philipps gehört, sodaß er nicht wußte, daß Philipp einer war, der auf der Kanzel immer »ihr« und nie »wir« sagte. 235 Philipp fühlte sich tief verletzt und wandte sich kurz ab, und die neue dünne Brücke zwischen den Brüdern stürzte schon ein. »Wenn man wüßte, was im Dunkel der Nacht geschieht!« sagte zitternd Frau Bankdirektor Hagelstange; »da gehen sie mit falschen Schlüsseln, da werden Türen heimlich geöffnet, und die ungetreuen Kassierer schleichen durch die Gewölbe.« – »Sie hat etwas an sich,« sagte die Frau Oberste Bürgermeister, »sie hat etwas an sich! Von Fräulein Merlin erzählt man sich alles mögliche in der Stadt, sogar daß sie heimlich verlobt sei. Aber ich glaube es nicht, und wenn es wahr ist, ich weiß nicht, sie sieht so aus, als ob sie auch das dürfte.« – »Von Ihnen, Frau Bürgermeister, muß man das hören?« spottete leicht die Frau des Privatgelehrten. Die Frau Oberste Bürgermeister sah die Frau des Mannes ohne Stellung sozusagen etwas erstaunt an, und sie sagte: »Ja, was Fräulein Merlin auch tut, es scheint, als ob sie immer recht habe.« – »Recht?« erwiderte Frau Hagelstange, »hat denn ein junges Mädchen schon recht zu haben?« – »Sie hat eben eine andere Weltanschauung«, meinte die junge Frau des Privatgelehrten. – »Weltanschauung? Braucht denn ein junges Mädchen eine Weltanschauung? Sie braucht Schönheit, gesittetes Wesen, etwas Bildung und eine gute Schneiderin. Das braucht ein junges Mädchen. Die gute Schneiderin zwar hat sie . . .« – »Würden wir nicht«, sagte wieder die junge Frau, »milder gegen unsere Töchter sein, wenn unsere Eltern gegen uns nicht so strenge gewesen wären?« – »Aber wie können Sie so reden!« eiferte Frau Hagelstange; »gewiß, man weiß ja, daß Sie für gewisse Freiheiten 236 sind, aber das Herz des Menschen ist böse von Natur aus. Wohin kann das alles führen? Was würden wir alles getan haben, wenn unsere Mütter uns nicht behütet hätten? Und dieses Mädchen hat keine Mutter gehabt.« – »Daß Sie gegen die Verbindung sind, Frau Hagelstange,« sagte die junge Frau, »wundert mich sehr, denn Sie beschützen doch einen der jungen Großjohanns.« – »Ja, den! Philipp Großjohann! Philipp Emanuel!« erklärte Frau Hagelstange, »der würde nie sein Auge über sich erheben, denn er ist tief durchdrungen von dem, was sich gehört. Der andere ist das gerade Gegenteil, und dem soll Gertrud nun verfallen sein?« – Die Frau Oberste Bürgermeister aber sagte: »Lassen wir Gertrud Merlin. Wir sind übrigens Gäste ihres Hauses.« In diesem Augenblick kam Gertrud bei ihrem Rundgang durch die Gesellschaft zu den Damen, und Frau Hagelstange rief mit entzücktem Gesicht: »Da kommen Sie, liebes Kind! Wir haben eben von Ihnen gesprochen! Nur Gutes hört man über Sie . . .« Gertrud Merlin machte sich bald von den Damen los und ging hinüber gegen das Fenster, wo Gabriel allein stand. Aller Augen folgten ihr. »Warum bist du so traurig, Gabriel?« – »Man wird so leicht unter Bürgern zum Pharisäer, Trude. Man kann doch beim besten Willen nicht anders, man muß sich für klüger und ehrlicher als diese Wortmacher und Dummköpfe halten. Es ist so traurig, die Menschen verachten zu müssen.« – »Du lieber guter Mensch«, sagte Gertrud, und es kam plötzlich ein unbesiegbares Verlangen über sie, das Ungewöhnliche vor diesen Bürgern zu tun – sie fuhr leicht mit der Hand über die Wange Gabriels. 237 Ein leises Uff! ging durch den Saal. Gabriel erschrak und errötete. Gertrud war stolz auf ihre Kühnheit, sie ging mit glänzenden Augen durch den Saal. »Warum verloben sie sich denn nicht einfach öffentlich?« flüsterte Frau Hagelstange; »wenn es denn sein muß?« – »Es war sicher ungehörig,« sagte die Frau Oberste Bürgermeister, »aber man hat doch das Gefühl, daß sie es durfte.« In der Gruppe der jungen Mädchen rief eines leise: »Wie sie sich lieben!« – Ein anderes: »Das täte ich auch!« – Ein drittes: ». . . wenn die Mama es nicht sieht!« – Und alle: »Ah! Oh! Oh!« Die junge Frau, deren Mann die Reinheit des Christentums bezweifelt hatte, war bei den jungen Mädchen wohlgelitten. Sie widersprach oft ihren Müttern, sie sah mit Schmerz und Heimweh ihrer entschwindenden Jugend nach, während die Mütter froh zu sein schienen, nicht mehr jung und grün zu sein. »Nach zwanzig Jahren,« sagte sie, »werden die meisten von euch genau so über eine Gertrud Merlin reden, wie eure Mütter es tun.« Das wollten die Töchter aber durchaus nicht wahr haben! Da irrte die Frau Doktor aber sehr! Da sollte sie nur zwanzig Jahre warten! Nie! Und ei! Und wieso? Da waren sie aber mächtig entrüstet! »Das Weib«, sagte die junge Frau, »fürchtet sich so vor sich selbst, daß es um der kleinsten Freiheit willen jede Genossin für einen Verbrecher hält. Ich habe einen Hund und eine Hündin. Sie liegen stets auf der Treppe im Sonnenschein. Der Hund rührt sich keines Hundes wegen; kommt aber eine Hündin vorüber, hurtig macht die meine sich auf und fällt 238 die andere ohne jeden Grund an. Das könnt ihr überall beobachten. Bei uns Frauen ist es nicht viel anders.« Das hörten die Mädchen mit achtungsvollem Schweigen und nicht eben viel Verständnis an. »Das Weib ist immer des Weibes ärgster Feind, und der natürliche Freund des Weibes ist der Mann«, sagte die Frau Doktor. Dem stimmten die Mädchen nun eifrig wenn auch errötend zu. Die Frau Doktor hatte eine so milde und bedeckte Altstimme und in den Augen eine gewisse Trauer. Doch wußte man, daß sie sehr glücklich verheiratet war. Überhaupt, sie war gütig, lieb, klug, eben himmlisch! »Übrigens«. sagte die Frau Doktor, »war es vielleicht nicht eben geschmackvoll von Gertrud Merlin. Warum die Leute reizen? Gertrud Merlin hat etwas Trotziges.« – »Sie darf tun, was sie will, man nimmt es ihr schließlich nicht übel«, behauptete die Tochter des Obersten Bürgermeisters. – »Überhaupt, sie ist himmlisch!« erklärten die Mädchen. Während im Saale ein Sänger auftrat und das surrende Gespräch schwächer wurde, ging Gertrud hinaus, um zu sehen, ob auch die Diener ihren Anteil am Feste der Herren hätten. Als sie auf den Treppenflur trat, fiel eine solche Müdigkeit über sie, eine solche plötzliche Gleichgültigkeit gegen Leben und Sterben, daß sie sich auf einen Stuhl niederließ. Die Stimme des Sängers klang gedämpft aus dem Saale, und von unten kamen breite und gemächliche Laute herauf, aus dem Kleiderbewahr und dem Vorflur, wo die Dienerschaft sich aufhielt. Jetzt horchte sie auf. Sprach da nicht der Gärtner? Was sagte er? Wie? »Kleine Kinder treten in den Schoß, große ins 239 Herz. Daß das möglich ist!« – »Wer wird denn so was erzählen!« tadelte die Stimme des alten Türstehers. – »Volkes Stimme ist Gottes Stimme«, erwiderte die erste, worauf die andere halblaut, doch zornig sagte: »Volksklatsch ist Teufelsklatsch.« – »Oh! Oh! Keine Gotteslästerungen!« beschwichtigten die übrigen; »wie war es doch? Erzählt, Jardenierer.« Das war jetzt wieder des Gärtners Stimme: »Ich erzähle es mit blutigen Tränen. Daß so einer das Fräulein heiraten soll! Aus dem Hause? Wißt ihr, was für ein Haus das ist? Da ist keine Kinderstube. Was lachst du denn, Winterfeld?« – »Oh, weil ich Freude an dir habe!« erwiderte der Türsteher. – »Erzählt, erzählt!« riefen die Weiber laut. Da machte ein Mann plötzlich sehr laut: »Pst!« und es war einen Augenblick totenstill. »Die Kinder haben keine Erziehung! Die Kinder wissen nicht, was sich gehört. Sonst würde nicht einer von ihnen die Augen zu unserem Gnädigen Fräulein aufheben!« – »Ach, Erziehung,« sagte die ältere Frauenstimme, »Jardenierer, Ihr seid ein Junggeselle und ein dürres Holz, was wißt Ihr von Erziehung? Man kann nicht gegen den Willen der Kinder.« – »Der Kinder ihr Wille steht hinter der Tür,« rief der Gärtner, »es ist der Stock!« – »Man schlägt einen Teufel aus dem Kinde 'raus und zehn hinein«, seufzte die Frauenstimme. Darauf war es wieder still. Es hustete einer. »Jaja«, seufzte ein Mann, und dann war es wieder still. Im Saale endete der Sänger, und das Stimmengewirr brauste wieder auf. Der Merlinsche Kutscher hielt sich für so vornehm, daß er nicht in das Geplänkel zwischen Türhüter und 240 Gärtner hinabsteigen mochte. Er hatte bisheran geschwiegen, nun aber versetzte er doch dem Türhüter: »Der Türhüter läßt nichts auf feine Leute kommen, man sagt ja, daß er ein Baron ist.« – »Wer sagt das?« frug zornrot der Türhüter. – »Wer? Man! Wolken und Winde!« – »Wer? frag' ich!« rief der Türhüter. – »Frag' lieber, wer nicht!« »Winterfeld fühlt sein Geheimnis verraten, das darf nicht geschehen, das darf ich nicht zulassen,« dachte Gertrud, »der Mensch wird schlecht, wenn er kein Geheimnis mehr hat.« Sie stand auf, aber sie war so müde, daß sie stehenbleiben mußte und sich wider das vergoldete Geländer lehnte. »Hergelaufenes Volk!« rief der Freiherr, »euch armen Hälsen tut der Schlund weh, wenn ihr einen andern trinken seht. Ihr gönnt anderen nicht das Weiße im Auge! Freuen solltet ihr euch, daß einer euresgleichen über euch hinauskam, denn er hat bewiesen, daß ihr nicht alle an die Kette gebunden seid!« – »Ihr? Ihr?« frug man da, »und Kette? Wer liegt mehr an der Kette als der Hund an der Türe, Herr Türhüter, hn?« Da hörte Gertrud, wie jemand hinausging. »Ich hab' ihm doch nichts Böses gesagt? Wie?« frug der Gärtner, »ich wollte ihm nicht wehtun, da sei Gott vor!« – »Man fühlt eine grobe Hand durch sieben Handschuhe«, sagte der Kutscher der Bankleute; der gräfliche aber meinte: »Die Hauptsache ist, daß er den Hieb weg hat.« – »Ksch! ksch!« hetzte jetzt einer, und alle lachten, doch gedämpft, versteht sich, wie es sich für Herrschaftsdiener gehört, bis die Köchin halblaut rief: »Das Fräulein!« Gertrud kam die Treppe herab. Aller Gesichter wandten sich nach der Treppe. 241 »Rank und schlank wie eine junge Buche«, sagte strahlend der Gärtner. »Habt ihr was bekommen, Leute?« frug das Fräulein alle, und leiser die eigenen: »Habt ihr ihnen auch aufgewartet? Zuerst an die fremden denken.« – »Wie ist sich das nun?« frug der Gärtner, »wenn man das Fräulein fragen darf? Kommen wir nun bald mit den Füßen unter den Tisch?« – »Jaja . . . wenn man fragen darf?« frugen halblaut und ehrerbietig alle. – »Wie meint ihr?« gab Gertrud nicht ohne Verlegenheit zurück. – »Ich meine, werden wir nun bald in den langen Rosenkranz gereiht . . . nichts für ungut . . . wenn ich fragen darf? Aber da die ganze Stadt voll davon ist, dürften auch wir wohl . . .« – »Ist die Stadt voll davon?« unterbrach Gertrud schnell. – »Sie läuft über! Sie läuft über!« versicherte mit wichtigem Kopfnicken der Gärtner. – »Jaja . . . nichts für ungut . . .« murmelte es halblaut in der Dienerschar. Das Fräulein schwieg. »Ehe ist Wehe,« sagte der Gärtner, um etwas zu sagen, »der Ehestand ist ein Bräukessel voll Leid und ein Fingerhütchen voll Freud'.« – »Der muß es nämlich wissen, der Junggeselle, der Gärtner«, sagte die Köchin. – »Ja, ist es denn nicht wahr?« frug dieser die älteren Dienstfrauen. – »Schon wahr! Schon wahr!« flüsterten die und machten bedeutende Gesichter. – »Ja, ich weiß, im Volk sieht man alles schwarz«, gab das Fräulein zurück;»und ob es nun so traurig ist, so tut ihr es doch alle.« – »Jaja,« erwiderten die Älteren, »das gehört sich so.« – »Nur der Gärtner tut's nicht«, rief halblaut die Köchin, worauf herzlich, doch gedämpft diejenigen lachten, die Bescheid wußten. 242 »Und das Fräulein!« frug der Gärtner. – »Ach, ich weiß nicht . . .« sagte Gertrud, fuhr sich mit der weißen Hand über die schmale Stirn und ging langsam die Treppe hinauf. »Sie . . . weiß . . . nicht . . .?« sprach langsam der Gärtner, als das Fräulein auf dem Treppenabsatz verschwunden war, »was ist denn das?« – »Sie ist gar nicht stolz,« lobten die für heute in Dienst genommenen fremden Leute, »sie ist umgänglich.« – »Sie . . . weiß . . . nicht . . .« Sie wähnten das Fräulein oben in den Saal zurückgekehrt. Aber Gertrud fühlte bleierne Last in den Füßen, als sie die zweite Treppe hinaufstieg. Sie mußte halten und sich sammeln. »Ein Glas voll Wein und ein Eimer voll Tränen, das ist das menschliche Leben«, sagte sie, und sie mußte lachen, als sie bemerkte, wie sie nach den paar in der Gesellschaft des Volkes verbrachten Minuten in des Volkes Weise zu denken und zu reden begann. Sie rieb sich die Augen, spannte etwas die Muskeln des Gesichtes und öffnete die Tür zum Saale. Zuerst erschien ihr alles im Saale gelb. Dann machte sich das, was weiß war, auffällig, die weißen Kragen und Hemdenbrüste der Herren fielen mit verdoppelten Umrissen aus dem Farbenmeer heraus. Und plötzlich kam ihr das ganze Vergnügen so windig vor. Sie hatte sich doch wirklich gefreut! Es war doch unleugbar schön, diese allgemeine Übereinkunft, sich freuen zu wollen! Das Blitzen der Augen, das Lächeln der Lippen, das Strahlen der Diamanten und Orden berückte doch, diese ganze künstliche Welt, für einige Stunden aufgebaut aus Licht, Seide, 243 Steinen, nackten Schultern, Tönen und Wein – aber sie hatte plötzlich allen Geschmack daran verloren; das Glitzern der Edelsteine schien ihr eisig kalt, das Rot darin dünkte sie grausam-blutig, das Lächeln der Lippen verzerrt, die Worte verlogen, die bloßen Schultern und Arme gemein – »es sind doch alle übereingekommen, zu lügen, es wird doch nie soviel gelogen wie auf Gastereien, und nur, wenn die Menschen lügen, können sie fröhlich sein«. Gabriel stand allein am Fenster. Als Gertrud weggegangen war, hatte er hinausgeschaut, sich das Treiben des im Ehrenhof zugelassenen Volkes anzusehen, das zu den goldenen Fenstern des Saales heraufstarrte. Das Licht spiegelte sich in der Nacht wider in den schwarzlackierten Herrschaftswagen und im Geschirr und glatten Fell der Pferde. Jetzt sah er da unten ganz deutlich seines Vaters Gesicht, der in umgekehrter Richtung die Straße daher- und zurückkomnend über die Schulter weg heraufschaute, indem er einen Augenblick stehenblieb. Gertrud stand hinter Gabriel, und auch sie sah das Gesicht, auch Philipp war herangetreten und sah das Gesicht. Da wandte sich Gabriel entschlossen ab. Er warf Gertrud einen Abschiedsblick zu und entfernte sich unauffällig. In diesem Augenblick dachte dort unten Hermann Großjohann: »Auch Gabriel schämt sich meiner. Wenn es Philipp wäre! Auch – Gabriel – schämt sich – meiner –. Gabriel hat sich fortgewandt, um seines Vaters Gesicht nicht sehen zu müssen . . . und hat ja schließlich recht getan. Ich könnte doch nicht in die Gesellschaft der feinen Leute hinaufgehen. In diesem Augenblick scherzt er und lacht er –« Da legte sich ein Arm in seinen Arm, und Gabriel 244 sagte: »Kommen Sie, Vater! Kommen Sie fort von hier.« In diesem Augenblick stand Gertrud oben am Fenster und Philipp neben ihr. Philipp redete mit feinen Bewegungen seiner langen Hände: »Gabriel hat unrecht getan, wegzulaufen. Gabriel hat gleich das Feuer im Dach. Er ist ein unklarer Denker. Was soll das? Was erreicht er damit? Er kann doch den Vater nicht in die Gesellschaft heraufholen! Er würde ihn nur beschämen! Es gibt nun einmal einen Unterschied zwischen dem Vater und uns, Gott hat ihn gewollt. Es muß doch ein Stolz für den Vater sein, uns hier zu sehen! Das muß ihm doch genügen! Man darf in dieser Welt der Unvollkommenheit nicht überzärtlich sein. Ich verstehe Gabriel nicht.« Gertrud erwiderte: »Sie reden recht, Hochwürden, aber Sie reden auch widerwärtig.« Damit ging sie fort und ließ ihn stehen. Unwillkürlich krochen ihre mageren Schultern in den Ausschnitt des Kleides zurück. »Das Fräulein Schwägerin hat auch gleich das Feuer im Dach«, meinte Philipp ihr nachschauend. »Diese neumodischen Aufgeklärten sind so verzärtelt. Sie sollten mehr die Bibel und ihre eiserne Sprache lesen. Warum sagte sie übrigens Hochwürden und nicht Schwager, oder auch Philipp –?«   »Kommen Sie, Vater, wir gehen in ein Weinhaus,« sagte Gabriel, »ja? Ich möchte mit Ihnen eine Flasche Wein trinken! Ich möchte mit Ihnen fröhlich sein!« Oh, welche Anstrengung kostete es, so zärtlich mit dem Vater zu reden! Aber ein tiefes Genügen war über die Züge des Vaters gebreitet. Da, als sie in der stillen, um die Mitternachtsstunde leeren 245 Straße waren – da fiel Großjohann Gabriel um den Hals, Tränen stürzten aus seinen Augen, und er rief: »Sohn! Sohn! Warum müssen wir so unglücklich sein?« Vater und Sohn sahen sich an, und beide erglühten in Scham. Gabriel rief: »Ja, warum müssen wir unglücklich sein? Warum sind wir zuhause wie die Bestien zueinander?« – »Deine Mutter! Deine Mutter, Gabriel!« – »Nichts von der Mutter! Nichts Böses von der Mutter!« – »Das ist ein . . . ! Das ist . . . !« – »Nichts Böses von der Mutter!« rief jetzt Gabriel und stieß mit dem Fuß auf. – »Deine Mutter . . .« »Ins ›Himmelreich‹ gehen wir, ja, Vater? Ich war noch nicht in dem Weinhaus, aber ich habe viel Rühmendes davon gehört. Tun Sie mir die Ehre an, eine Flasche Wein mit mir zu trinken. Ja? Gehen wir!« Der Vater nickte. Jeder von beiden bemühte sich, vor dem andern heimlich die nassen Augen zu trocknen, und Gabriel fing an zu scherzen, zu scherzen, um die Leere des Weges und die peinliche Stunde zu füllen: »Wir wollen uns auch freuen, nicht wahr, Vater? Lassen wir die da bei Merlins ihre höflichen Gesichter schneiden und wie die Vögelchen von Tellern und aus Kelchen nippen. Wir heben einen ordentlichen Humpen, was?« Er lachte laut und burschikos auf, denn es war ihm in diesem Augenblick so jammerschwer ums Herz. »Diese Kleber und Streber da! Diese Affen und Pfaffen! Haha!« Über die nachtleere Straße an der alten Pfalz hing an einem langen eisernen Arme eine schmiedeeiserne Laterne mit grünem Licht. Dort war das »Himmelreich«. Dort traten sie ein. 246   Neuntes Kapitel Margarete Seit der Taschenspielerei Georg Herkules Großjohanns waren sich Margarete Schröder und Herkules häufig zufällig begegnet, so gesetzmäßig zufällig, wie sich diejenigen treffen, die sich finden wollen. Die Freundschaft zwischen dem Knaben und der Jungfrau war nun schon einige Zeit alt, aber keins von beiden wußte eine schönere Erholung von dem garstigen Leben, das jedes zuhause führte, als ihr zufälliges Begegnen. Es war auf einer Wiese am Flusse. Die hochgewachsene Margarete saß, und der nicht kleine Herkules ruhte neben ihr im Grase, den Kopf auf ihr Knie gelegt. Der ein' oder andere Spaziergänger dachte wohl: »Sieh' da, das ist ein zärtliches Geschwisterpaar! Wie Verliebte sehen sie nicht aus, und der Knabe ist auch wohl zu jung dazu.« »Wir müssen uns was erzählen, Herkules, nicht so in den blauen Himmel starren. Etwas erzählen, so was Ordentliches, Richtiges erzählen, was vor sich gegangen ist und geschieht.« – »Ja, Margarete, man wird ganz blöde von Gefühlen.« »Von Gefühlen?« dachte Margarete errötend. – Herkules aber rief heftig und sich zum Sitzen 247 aufrichtend. »Geld müssen wir verdienen, Fräulein Margarete!« – »Sie auch?« flüsterte Margarete erschrocken, »ich dachte, Ihr Vater ist unermeßlich reich?« – »Es scheint, es scheint, aber ich weiß es besser«, sagte Herkules. – »Ach, dann kann ich ja meinen Vater weniger bedauern, wenn es selbst beim großen Großjohann an Geld mangelt.« – »Es mangelt nicht eben an Geld zum Leben«, meinte Herkules. – »Bei uns mangelt es an allem«, sagte Margarete leise. – »Es handelt sich bei uns nur um den Schein«, erklärte Herkules. – »Bei uns handelt es sich auch um den Schein, ich meine den, welchen jede Woche der schreckliche Bote von der Bank vorzeigt«, klagte Margarete. »Also, wir wollen überlegen, wie wir Geld verdienen können!« rief Herkules, legte sich wieder auf ihr Knie nieder und starrte in die Luft. – »Überlegen wir«, sagte Margarete. Ihre Augen folgten denen des Knaben und verloren sich mit ihnen in der Bläue des Himmels . . . Warum? Gertrud kam aus dem Flügel des Vaters in den Hof. Die Windspiele lagen wie gewöhnlich auf der Freitreppe. Sie regten sich nicht, sondern schauten Gertrud an und schienen zu fragen: wie steht's? »Wie steht's?« frug in Wirklichkeit der Hauswart von Winterfeld, der eilig mit gedämpften Schritten den Hof heraufkam. – »Ich glaube, es geht zu Ende mit dem Herrn«, erwiderte Gertrud mit zuckenden Lippen. Und plötzlich war der ganze Hof belebt von Gesichtern der Diener, Mägde und Waschfrauen, die 248 an den Fenstern der Zimmer, an den Rauten der Waschküchen im Keller und an den Dachluken erschienen. »Wie steht's mit dem Herrn –?« »Es steht schlecht,« sagte Gertrud, indem sie die Treppe zu ihrem Flügel hinaufstieg, »ich kann nicht mehr, ich muß einen Augenblick allein sein.« Plötzlich stand der alte Gärtner im Hofe, er nahm den Hut in die Hand und sprach: »Ist man aus der Not, dann kommt der Tod. Das ist so. Jaja, leider Gottes! Der letzte Winter war schlecht. Nasse Winter geben einen fetten Kirchhof.« Der Kutscher aber meinte: »Vielleicht wird er doch noch dem Tode von der Karre springen.« – »Wißt ihr, woran er stirbt?« frug die Waschfrau aus dem Kellerfenster, »er ist doch nicht von Gott aus krank, sondern man weiß nicht warum. Und hat doch immer gelebt wie ein Vögelchen im Körbchen!« – »Er stirbt am Tode«, sagte jemand. – »Aber der Tod will doch ein' Ursach' haben!« forschte weiter die Waschfrau. – »Er hat eben das letzte Hemd an,« meinte eine alte Magd, »der gute Herr.« Das Fräulein kam verstört und unruhig zurück, und die Weiberköpfe verschwanden. Winterfeld war allein im Hofe, und er frug: »Woran soll denn der Herr sterben, Fräulein?« »Die Ärzte brauchen fremde Wörter und heben die Schultern. Der Vater selbst sagt, er sei nun doch schon siebzig Jahre.« – »Eine Zahl ist doch keine Krankheit!« meinte der Alte davonschlurfend. Gertrud eilte ins Krankenzimmer zurück. Der Hof war leer, das Fenster stand offen, und drinnen wurden die Worte gesprochen: »Du bist eine Merlin, Gertrud. Das weiß ich jetzt. Was brauch' 249 ich heute noch Zeugnisse von Briefen und von Toten, die nicht mehr reden können? Du bist keine Großjohann, denn du verstehst nicht das Leiden um seiner selbst willen. Du würdest dich anpassen. Du bist zu tüchtig fürs Leben. Das war auch deine Mutter, selbst ich war es. Die Großjohanns sind nicht tüchtig fürs Leben trotz ihrer geräuschvollen Tätigkeit in der Welt. Wie sie fortwährend sterben, sterben wir an ihnen. Die Merlins in der Welt sterben alle an den Großjohanns. Wenn man dich fragt, woran dein Vater gestorben ist, so weißt du es.« So lauteten die Worte. Eine Weile nachher wehte der leichte Mullvorhang im leisen Luftzug zum offenen Fenster heraus; es war, als ob ein Geist davonflöge. Wenig später wurden die Vorhänge an allen Fenstern herabgelassen und die grünen Läden geschlossen. Freundschaften Das Rechnen, Buchführen, Vermehren von Gold und Silber, danach stand Hermann Großjohann der Kopf nicht. Bauen war Planen, Entwerfen, Ausführen im großen Stile – das Rechnen mit Mark und Groschen überließ er Franz Xaver und Franziska. Bauen hieß Räume herstellen, in denen Menschen wohnen konnten, Stadtviertel gründen, in denen Geschlechter sich niederlassen sollten – aber wenn die Räume zum Bewohntwerden und die Stadtviertel zur Niederlassung gebaut waren, erlosch der Anteil des Baumeisters an ihnen. Am liebsten hätte Großjohann ohne Vorteil gebaut, gebaut für die Obdachlosen, die im Sommer am Feldrain und im Winter 250 in Polizeistuben nächtigten, für die Kranken, die in aussichtslosen Höfen und Kellergruben aus Sehnsucht nach der Sonne sterben. Aber das Gemeine ist mit dem Edlen verkettet, wie Tag und Nacht ineinander verflochten sind. An dem Gemeinen erfrischt sich immer das Edle, und das Edle bedarf geradezu des Gemeinen, um zu sein. So mußte Großjohann Geld für die Wohnungen nehmen. Aber das dreckige, von jedermanns warmen und schweißigen Händen umgereichte Geld zu berühren war ihm eine Pein,. und so war es denn ganz von selbst gekommen, daß an jedem Monatsersten Frau Franziska mit einer schwarzen Ledertasche ausging, es einzukassieren. Auch Franziska hatte ein mildes Herz und gab den Armen und Arbeitslosen wohl einen Monat Ausstand. Aber bei neuer Zahlungsunfähigkeit kündigte sie ihnen mit ruhigen Worten: »Es tut mir leid, liebe Leute. Aber auch ich muß am Vierteljahrsersten pünktlich meine Zinsen zahlen. Die schlafen nicht! Ihr seid besser dran als ich. Ihr habt dafür zu sorgen, daß ihr eure paar Mark beieinander habt, ich muß ebensoviel Tausende für den Herrn Soundso bereit haben. Ihr müßt ausziehen.« Nur ganz selten einmal stand sie davon ab, den die Miete schuldigen Armen die Möbel verkaufen zu lassen, und sie sagte: »Ich bürge dem Herrn Soundso mit dem Hemde, das ich auf dem Leibe trage, also müßt ihr mir wenigstens mit eurem Bett oder eurer Bank bürgen.« Der Erlaß des menschenfreundlichen Gesetzes, daß man den Armen die notwendigen Geräte, Bett, Bank, Tisch und Stuhl nicht pfänden lassen könne, bedeutete für das Baugeschäft Großjohann eine fühlbare Einbuße. Nur dadurch, daß Frau Franziska von nun 251 ab die Butter zum Brote einsparte, konnte sie den Ausfall wieder einbringen. Ein sozialistischer Arbeiter erklärte Frau Franziska mit aufgeregten Worten: Jetzt sei das Gesetz der Unpfändbarkeit der Möbel erlassen worden. Das bedeute ja noch nichts im Verhältnis zu dem, was kommen werde, aber es sei doch ein guter Anfang. Ob sie, Frau Großjohann, die ja noch nicht die schlimmste sei, denn glaube, daß sie, um die Miete für den Ersten zusammenzusparen, etwa keine Butter zum Brote essen sollten, während sie sich an Schinken und Austern verfräßen? Wie? Ob sie das wirklich verlange? Wie? Was? Haha! Dann hätte sie sich in den Finger geschnitten! Die Stunde der schmarotzenden Hausbesitzer habe geschlagen! Frau Franziska mußte Tränen hinunterwürgen, aber sie hütete sich, etwas zu verraten, wodurch sie sich ihrer Würde als Hausherrin begeben hätte. So verfolgte Frau Franziska ihren Weg, hausein hausaus, treppauf treppab. Bei den reichen Leuten in den Wohnpalästen, die mit Banknoten oder Schecks bezahlten, hatte Hermann Großjohann einkassiert. Als er dort aber von Damen hatte klagen hören, daß das Gehalt des Mannes zu niedrig sei und daß überhaupt die Beamten zu schlecht bezahlt würden, daß er, der Besitzer von unzähligen Häusern, sich nicht denken könne, wie es am Vierteljahrsersten einer Beamtenfamilie zumute sei, die würdig auftreten, jährlich ein großes Essen geben, ihre Söhne zu Offizieren oder Richtern machen und die Töchter anständig ausstatten müsse – ihre Töchter seien auch schon ernsthaft gefragt worden! – da hatte er schließlich die Aufgabe an die Bank übertragen, welche 252 einkassieren ließ durch den Boten mit dem Hute, der röhrenförmig doch kein Zylinder war. Darauf erhob sich in den Wohnpalästen Zetern und Jammern, es wurde viel gekündigt und geräumt, bis schließlich eine Beamtenfrau es Frau Großjohann klagte. Sie schilderte das Schreckensregiment der Bank und forderte von ihr bei ihrer Ehre, bei aller Christenpflicht und ihren Muttergefühlen, daß dem blutsaugerischen Treiben der Bank Einhalt getan werde. Ob Frau Großjohann denn wirklich glaube, daß sie der bloßen Miete wegen bei ihrem Jahresessen auf die Trüffeln verzichten könnte, welche die Frau Landgerichtsdirektor letzthin sogar zweimal habe herumreichen lassen? Sie habe doch Söhne, welche Offiziere würden, und Töchter, die anständig ausgestattet werden müßten! Ihre älteste Tochter sei auch schon ganz ernsthaft gefragt worden! Ob sie, diese kluge umsichtige und wie alle Welt sage so tüchtige Frau Großjohann denn wirklich glaube, sie sollten in dem Monat nach dem Jahresessen, wo letzthin auch der Herr Oberste Bürgermeister dagewesen sei und sogar der Herr Regierungspräsident sich habe entschuldigen lassen, keine Butter zum Brote essen? Aber nein, gewiß nicht! Frau Franziska hörte das alles schweigend an und wußte in der Art der Fürsten die Unterredung mit einigen unverbindlichen Worten aufzuheben. »Eine unheimliche Frau!« dachte die Beamtengattin. Frau Franziska hatte keine Freundin. Wenn es ihr aber besonders schwer ums Herz war und sie das Bedürfnis nach Zuspruch empfand, ging sie auch außer dem Monatsersten in eine ihrer großen Kasernen, wo ein Invalidenpaar wohnte, das noch nie die Miete schuldig geblieben war. »Jaja, so ist 253 das Leben«, sagte der Alte. »Nur die Kranken werden krank, das sage ich immer, Frau Großjohann, und nur die Alten altern. Das Herz, Frau Großjohann, das ist das Rätsel! Bei den meisten Dummen fällt Pfingsten vor Ostern, und so schlagen sie sich beide Feste um die Ohren, und das Jahr ist um, hastenichtgesehen! Wenn der liebe Gott mir noch einmal 75 solcher Jahre voll Leid und Drangsal im irdischen Jammertale gäbe, ich küßte ihm die Hand und sagte: Gnädiger Herr, da tust du gut dran! Wenn es ein bißchen reichlicher ausfallen sollte und du mir zum Brote auch die Butter geben wolltest, so bin ich nicht der, nein zu sagen, aber ich habe doch Scham im Leibe, Gnädiger Herr, und danke auch vielmals. In der Jugend lebt man in Saus und Braus, im Alter hält man Haus, es ist nur schade, daß das Leben nicht von hinten anfängt. Dann hielte mancher seine Jugend besser in Ehren. Aber kommt der Mensch zum Wissen, ist er schon verschlissen.« Solche erbaulichen Gespräche hörte Frau Franziska häufig bei den Invaliden und kehrte in das Haus Großjohann erquickt und zu neuen Taten gestärkt zurück, sozusagen gereinigt zurück. Wenn eine Reine wie sie noch gereinigt werden konnte.   »Es ist die Eifersucht!« sagte sich Hermann Großjohann, »die Eifersucht plagt mich! Aber ist es denn nicht wahr? Habe ich nicht recht? Wo geht sie hin? Wo läuft sie herum? Am Ersten ja, dann hat sie zu tun. Aber außer der Zeit? Untertags und während des Monats? Wohin geht sie dann? Niemand weiß es! Zu niemandem sagt sie etwas! Zu mir nicht und zu den Kindern nicht. Ich habe dieses Weib zu 254 freundlich behandelt. Nun habe ich die Strafe. Sie hat einen . . . Pfui! Sie geht zu einem . . . Pfui! In den Jahren, pfui! Sie sollte ihre Pflicht tun!« Aber seinem Weibe und ihrem Pfui! nachzuspüren, dazu war Hermann Großjohann zu stolz, das verbot sich für ihn von selbst.   Wohin ging denn nun Hermann Großjohann selbst, seine Freuden zu suchen und seine Leiden zu vergessen, da doch jedes Glied seiner Familie draußen in einer Stiefheimat und nicht im Hotel Großjohann sein Glück fand? Er ging zum Freiherrn von Winterfeld. Großjohann hatte eine Vorliebe für den Adel. Ein adliger Name empfahl ihm einen Menschen, wie eine schöne Hand oder ein schönes Gesicht einen Menschen empfiehlt. Es war ihm ein Glück, adlig zu sein, wie es ein Glück ist, eine feine Hand und ein edles Gesicht zu haben. »Nur weil heute alles so tüchtig geworden ist,« sagte er zum Freiherrn, »will niemand das Glück gelten lassen. Man ersetzt Glück durch Tüchtigkeit und Verdienst. Kurzsichtig das! In meinen grünen Jahren war ich selbst so kurzsichtig. Schließlich ist die Welt selbst auch nur ein Glück und unser Dasein ein unverdientes Geschenk. Wie der eine vor mir den Glücksfall erlebt hat, adlig zu sein, so bin ich so glücklich gewesen, ein Mensch und nicht ein Pferd geworden zu sein.« – »Und zudem noch Hermann Großjohann!« ergänzte geruhig der Freiherr. Freiherr von Winterfeld war nicht jener Meister in Großjohanns Diensten, sondern dessen Bruder, der Türhüter bei Merlins. Vor dem Tode des Herrn Merlin hatte ihn Großjohann nie im Hause Merlin 255 besucht. Wie sollte er in dem Hause den Türsteher besuchen, in dem sein Sohn mit der Herrschaft verkehrte? Nach dem Tode des Herrn Merlin aber hatte Fräulein Merlin das Stadthaus fürs erste geschlossen und war aufs Land gezogen, der Türhüter war Hauswart geworden. Freiherr von Winterfeld rauchte lange Zigaretten aus einer silbernen Dose, auf der sein Wappen eingegraben war. Die Männer schwiegen, und Großjohann spielte mit der Dose, auf der er den über dem Meere abwärts sinkenden Stern mit Schweif bewunderte. Er schaute von der Dose auf und zum Fenster hinaus und bemerkte dasselbe Wappen im Giebel des Merlinschen Hauses. Zuerst glaubte er an eine Täuschung der Augen – aber da stand wirklich das Wappen ausgehauen im Giebel über dem Hauptbau. Der Stern war vergoldet, und das Meer war blau. »Was ist das, Winterfeld?« »Ja, es ist so«, sagte der Alte. – »Wie ging denn das zu? Ums Himmels willen!« – »Ganz einfach ging es zu. Unsere Familie mußte verkaufen, und das Stadthaus kam an den Großvater der verstorbenen Frau Merlin. Sie hatten eben einen aufsteigenden Stern im Wappen und wir einen absteigenden. Jetzt sind wir tief unten ins Meer der Vergessenheit getaucht. Übrigens,« setzte er fast erschrocken hinzu, »Merlins wissen nichts davon, daß sie in meinem Hause wohnen, sagen Sie auch nichts Ihrem Sohne.« – »Oh, ich kann sehr gut vor meinem Sohne ein Geheimnis bewahren,« lachte bitter Hermann Großjohann, »er bewahrt es auch vor mir.« »Nichts ist beständiger als das Unbeständige,« sagte lächelnd der Alte, gemächlich an seiner Zigarette 256 saugend, »und nichts dauernder als die Ewigkeit. Von Ewigkeit zu Ewigkeit ist eine lange Nacht, und das Leben dazwischen ist ein schmaler Lichtspalt, der die Finsternis zerteilt wie der Sonnenstrahl, der in ein abgeblendetes Zimmer fällt. Dahinein fliegt nun alles, was sich regen kann, die Mücken – wir Mücken! – tanzen darin auf und nieder, man sonnt sich, und das nennt man dann das Leben. Für mich ist eben das Leben Sichsonnen, und so habe ich denn einen Beruf gewählt, in dem ich mich ausgiebig sonnen kann. Welcher Beruf hat mehr Sonne als der eines Türstehers? Auf meiner weißen Treppe sitzen und mich sonnen, mehr braucht's mir nicht.«   Wieviel Freunde hat ein erfolgreicher Mann? Sind die überhaupt zu zählen? Was hängt sich einem nicht alles an? Und ob es auch »Freunde« sind, die man nur mit Handschuhen berührt und mit Anführungszeichen nennt, so bewundern sie und preisen sie und richten dich auf, wenn dein Selbstgefühl zu wanken beginnt – falls du nicht vergissest, alle freizuhalten und reich und gut zu spenden! »Ich will euch erzählen, wie der Papst Sixtus den Obelisken auf dem Petersplatz aufrichten ließ! 500 000 Kilogramm . . .« – »Uff! Uff!« machten die Trinker und Zechgenossen . . . – »500 000 Kilogramm ist das Biest schwer, und der Architekt Fontana hatte eine Berechnung in der Mechanik gemacht, nach der er das Ungetüm aufrichten wollte. Auf dem ganzen ungeheuren Petersplatze – ihr habt sicher schon Bilder davon gesehen –« – »Ja! Ja! Gewiß! Haben wir!« – »– war ein Dutzend Göpelwerke tief im Boden festgemacht. Jeder Göpel wurde an jeder 257 seiner vier Kreuzstangen von vier Paar Pferden bewegt, an jedem waren also 32 Pferde. Das war nur in Rom möglich. Warum ist hier in unserem Krämerlande niemand unter den Geldleuten, Erzbischöfen und Fürsten, der sich einen Obelisken aus Ägypten kommen läßt? Ich würde ihm schon den Platz des Bernini anlegen und Fontana genug sein, den Obelisken inmitten aufzurichten«, prahlte er. – »Aber sicher!« schrien die Zechgenossen, »aber gewiß! Es lebe Großjohann, Berlini und die Fontäne! Sie soll aber kein Wasser geben, hu! hu! Wein! Wein! Wein!« – »So ruft den Wirt, daß er neuen Wein bringt«, sagte Großjohann. – »Es lebe Großjohann, und seine Feinde sollen verrecken!« »Dem Architekten Fontana war es selbst nicht geheuer. Zahllose Taue und Flaschenzüge lagen auf dem Platze. Nun sollten die Pferde anziehen, und es sollte dadurch mit einem Schlage Ordnung in das Gewirr der Taue kommen. Fontana stand auf einer Bühne und hatte eine rote Winkfahne in der Hand. Der Papst lehnte am Fenster des Vatikans und sah zu. Die Volksmenge stand wie gepflastert Kopf an Kopf außerhalb eines Kreises, den die Schweizer mühsam offen hielten. Fontana aber hatte solche Angst, daß der Schrecken in der Menge vor dem sich erhebenden Ungeheuer ausbrechen, daß das Volk schreien und die Pferde scheu machen würde, daß er den Papst zu dem Gesetze bestimmt hatte: Wer einen Ruf ausstößt, muß sterben! Fontana winkte mit der Fahne – das erste Zeichen! Da traten zwölf rotgekleidete Henker mit nackten Schwertern auf und verlasen der Volksmenge noch einmal den Befehl des Heiligen Vaters. Wer fürchte, sich nicht beherrschen 258 zu können, der solle sich entfernen. Die Menge aber stand unbeweglich, und es rührte sich ebensowenig ein Kopf in ihr wie ein Stein im Straßenpflaster. Die Henker traten ab. Nun gab Fontana ein neues Zeichen. Die Treiber riefen, die Pferde zogen an, Peitschen knallten, und Staubwolken stiegen über jedem der zwölf Göpel auf. Aller Lärm aber wurde übertönt durch das furchtbare Knarren des Holzes in den Göpeln. Ich sage Ihnen, meine Herren, das muß man gehört haben! Das kann man nicht beschreiben! Das Holz schreit förmlich! Mit Menschenstimme! In dem Göpel steckt als Achse ein Baumstamm, ein Eichenstamm, Kernholz und lange im Wasser gelagert. Um den winden sich nun die Taue, und er stöhnt geradezu vor Anstrengung. Fontana wischte sich in einem fort den Schweiß, und ich muß sagen, er machte keine gute Figur da oben. Langsam, ganz langsam, hob sich der Kopf des langen Ungetüms, dessen Fuß im Sande knirschte. Die zwölf Wolken über den Göpeln haben sich schon zu einer düstern Wolke vereinigt, die über dem Platze liegt, daß darin die große Kuppel des Domes verschwindet. Auch die Sonne verschwand, und es wurde uns allen kalt, obgleich wir wie Fontana und der Papst Schweiß auf der Stirn hatten. Ein Kind ächzte, und seine Mutter stopfte ihm vor Angst das Ende ihres Kleides in den Mund. Ein alte Frau fiel in Ohnmacht – sie fiel und blieb doch stehen, so dicht standen die Menschen. Langsam, langsam hebt sich der Stein. Die Pferde rühren weniger Staub auf, denn sie haben sich schon fußtief in den Boden hineingestampft, und Schweiß trieft ihnen so von den Leibern, daß er den Staub bindet. Jetzt kommt der schwierige 259 Augenblick, wo nämlich der Stein sich auf seinen Fuß stellen soll. Fontana scheint eben einen Fehler in seinen Berechnungen zu entdecken, denn er greift nach der Brüstung seiner Bühne, als ob er ohnmächtig werden will. Und in der Tat, der Stein bewegt sich nicht mehr! Die Pferde stehen, die Treiber schreien, der Papst neigt sich weit zum Fenster hinaus. Die Taue spannen sich, werden dünner und dünner, und plötzlich . . . und plötzlich sehe ich . . . – hm, sehe ich, meine ich Rauch von dem Tau an dem Göpel aufsteigen zu sehen.« – »Oh! Ah! Ha!« riefen die Trinker. – »Ruhe, meine Herren, der Tod dem, der spricht! Aber da kann ich nicht anders, ich schreie: Wasser auf die Taue! Laut hallt meine Stimme über den ganzen Platz bis zum Vatikan hinauf, denn die Pferde haben erschöpft innegehalten, und die Treiber sind verstummt. Aber der am Göpel kommandierende Werkmeister läuft mit einem Eimer Wasser herzu, der zum Tränken der Pferde bereit steht, und gießt das Wasser auf das Tau. Wie er tun alle Werkmeister an ihren Göpeln. Lauter Jubel in der Volksmenge, die Pferde nehmen das für spornende Anrufe, ein wuchtiger Zug – da ist das Umsturzmoment, sagt man in der Statik, im Steine überwunden, der Schwerpunkt liegt schon innerhalb seiner Fußplatte und rückt nun schnell vom Rande nach der Mitte hin. Noch ein paar Umdrehungen der Göpel – der Stein steht! Fontana fällt in diesem Augenblick vor übergroßer Anstrengung in Ohnmacht. Der Papst segnet das ganze Volk. Die Pferde stehen schweißtriefend mit fliegenden Flanken und lechzenden Zungen, aber es ist für sie kein Wasser mehr da. 260 Am nächsten Tage läßt der Papst bekanntmachen, daß derjenige, der den rettenden, das Tau vor Brand bewahrenden Ruf ausgestoßen hat, sich im Vatikan melden soll. Er soll nicht nur nicht sterben, sondern der Papst will ihn, sei er wer er sei, zum St. Georgsritter schlagen, ihm eine Baronie in Sizilien verleihen und seine Söhne zu Bischöfen machen. Ich meldete mich aber nicht, denn nichts ging mir über das Vergnügen, unerkannt als der wandernde deutsche Handwerksbursche durch die Straßen Roms zu streifen, nachts auf den mondbeglänzten Petersplatz hinauszugehen, den kalten rosaroten Granit zu klopfen und ihm zu sagen: Freund aus Ägypten, ohne mich ständest du nicht da! Auch Sie schweigen, meine Herren, sonst, Sie wissen, der Tod steht darauf!« Gierig schlürfte Großjohann die bewundernden Blicke der Zechgenossen . . . Der Agent Fingernagel erzählte zuhause die Geschichte, so gut er konnte, seinem Sohne, dem Lateinschüler. Der sagte: »Siehst du, Vater, ich habe dich immer vor diesem Wirtshaussitzer Großjohann gewarnt, du hast nicht hören wollen. Ich sehe nicht gerne, daß du mit ihm verkehrst. Er hat euch einfach einen Bären aufgebunden. Das ist vor 300 Jahren geschehen. Er wird den Stich von Piranesi gesehen haben.« – »Dann hat er aber gut gelogen,« sagte der Vater-Agent, »es war doch gerade, als wäre er dabei gewesen.« 261   Zehntes Kapitel Die »Luft« Merlins besaßen vor der Stadt auf dem Berge ein Landgut, das »in der Luft« hieß. Durch ein Tor aus weißem Kalkstein stieg Gabriel einen dunklen durchdufteten Gang von Buchsbäumen hinan. Streng standen in ihrem schwarzen Grün die bis zur Erde belaubten Bäume da wie bis auf die Füße verhüllte Frauengestalten. Grünes Moos gedieh im ewigen Schatten der schwarzen Gasse. Gabriel war steigend geschritten, jetzt hielt er an, denn ein Querpfad kreuzte und gab den Blick nach beiden Seiten frei. »Bei der Statue wird Gertrud sein«, sagte Gabriel, nach der moosigen sandsteinernen Frau hinüberlugend, die als Ziel des Querweges aus dem Dämmer der hohen Hecke tauchte. Sie war nicht da. Trotzdem folgte sein Auge ein- oder zweimal dem sorgfältig in die Fläche gezwängten schulterhohen Obstspalier, wo edle Äpfel die ersten Blütenknospen trieben. Er wandte sich um und schaute nach links ein gleiches Spalier entlang. Dort blühte der Rotdorn über einer dunkeln Laube. »In der feuchten Laube gewiß nicht«, dachte er. Er setzte sich wieder den schrägen Mittelpfad aufwärts 262 in Bewegung. »Ob die Erdbeeren dieses Jahr wieder soviel tragen?« sprach er, die bescheidenen weißen Blütchen prüfend, die den Pfad säumten. »Sie wird unter den Zypressen sein«, sagte er ungeduldig und trat auf die zweite ebene, viel breitere Stufe hinauf. Wie schwarze gewaltige Stichflammen leckten die spitzen Bäume in den Himmel. Ihre edelgrauen glatten Stämme bildeten die Säulen eines Rundes, in dessen Mitte ein weites Brunnenbecken sich auftat. Auf dem Brunnenrande hockende Frösche sprangen vor seinem Fuße in das träg klatschende dicke Wasser. Leise plätscherte der Brunnen. Der dünne Wasserstrahl schien sich kaum durch all das Moos und Venushaar hindurchzwängen zu können und setzte von Zeit zu Zeit aus. Einen langen Moosfaden entlang lief das Wasser aus der oberen Schale in die untere hinab. Die Steinbank war leer. Gabriel setzte sich einen Augenblick nieder und öffnete sein stürmisches Herz dem tiefen Frieden der dunkeln Natur. »Wie schön ist's hier! Wie friedlich ist die Welt!« Bald aber sprang er auf und stieg weiter hinan. In den Beeten seitab standen die jungen Kirschbäume in Blüte, runde Ballen des reinsten Weiß. Dumpf klangen die Hacken, mit denen der Boden unter den Bäumen aufgelockert wurde. Er hörte sprechen. Ein Gärtner sagte: »Sie sollte sich doch nicht so alt werden lassen; ein Apfel nach Pfingsten und ein Mädchen nach dreißig haben weder Lack noch Geschmack.« – »Die zwei sind ja ein Gott und ein Pott«, erwiderte ein anderer. – »Das geht nämlich auf mich«, dachte Gabriel. »Wo ist Gertrud nur? Sie wird auf der weißen Bank sitzen.« Auf der nächsten Stufe, wo sich rechts 263 und links der junge Wald der Baumschule erstreckte, sprang eine Katze von der weißen Holzbank und schlich Vögel jagend davon. Dort suchte jemand die Stämmchen nach Ungeziefer ab. »Wißt Ihr, wo das Fräulein ist, Matthias?« – »Wo wird sie sein?« sagte der alte Obergärtner, »ich denke in ihren Kleidern«, und sah Gabriel feindlich an. – »Ungezogen wie immer,« dachte Gabriel, »es ist seine Art gegen mich.« »Sie wird unter der Ulme sitzen.« Gabriel bog im rechten Winkel vom steilen Mittelpfade ab und ging die ebene Terrasse entlang. Er hätte sowieso abbiegen müssen, denn hier erhob sich eine schräge Mauer, welche die nächste Terrasse stützte. Pfirsichbäumchen blühten in zartestem Rosa vor der grauen Steinmauer, welche die Sonnenstrahlen wie ein Schild auffing und sie in die Kronen der Bäumchen zurückstrahlte. Doch jetzt bedeckte sich der Himmel, und die Sonne verschwand. Am Ende der Terrasse unter der Ulme, deren Äste von einem weißen Stabwerk dünner Latten gehoben eine luftige Laube bildeten – »auch hier nicht?« frug Gabriel ins Leere. Er blieb aber einen Augenblick stehen und genoß den Blick, den man von hier über den Weinberg weg die Landschaft und den Fluß bis zur Stadt hinab hatte. Jetzt stieg er eine Steintreppe zwischen Haselnußsträuchern hinauf und trat auf das Ende der nächsten, der Hauptterrasse, hinaus. Ihre Breite war mit grauem Steinschrott beschüttet. Nahe der niedrigen Brustmauer lief ein blauer Plattenweg. Lorbeerbäume in roten und gelben Thonkübeln säumten sie. An der andern Seite erhob sich das weitläufige Haus mit grünen Fenstern. »Ich 264 will nicht weiter suchen,« dachte Gabriel, »ich will ins Haus gehen und spielen. Sie wird mich hören und kommen.« Da plötzlich kam ihm Gertrud den Plattenweg her entgegen, die beiden weißen Windspiele folgten ihr. »Gertrud!« rief Gabriel. Sie reichte ihm langsam beide Hände hin und sagte mit einem müden Lächeln: »Ich habe dich kommen sehen, aber ich konnte dir heute nicht entgegengehen.« – »Was ist dir, Trude?« – »Ach, Geliebter! Verzeih, aber ich kann nicht anders, ich bin so traurig! Sieh, die Berge waren nie so blau, fast violett wie heute. Wie schön, wie schön! Aber wenn die Berge so blau und schön sind, gibt es Regen. Wenn etwas sehr schön ist, wird es bald mit ihm zu Ende sein. Komm, Geliebter, geh mit mir auf und ab, und reden wir ein Weilchen nicht.« Einige Tropfen fielen, doch die Hand in Hand auf dem Plattenwege Schreitenden achteten es nicht. Die Hunde liefen ihrer Herrin zur Seite und sahen sie an, fragend, ob es nicht an der Zeit sei, ins Haus zu gehen. Doch als die Herrin sie nicht beachtete, zogen sie sich wieder hinter sie zurück. In den Gärten setzte für einige Minuten das Geräusch der Hacken und Harken aus, aber der Regen hörte auf, und das Hacken und Harken begann wieder. Die Tropfen trockneten auf den noch warmen Steinplatten schnell auf, die größten wurden von den Hunden berochen und aufgeleckt. »Wenn ich in die ›Luft‹ herauskomme,« sagte Gabriel, »meine ich ein reinerer und besserer Mensch zu sein. In einer solchen Umgebung müssen weniger Sünden geschehen. Die Schönheit verhindert es einfach. Man gebe dem Volke in muffigen Stuben und 265 in grauen Höfen einen solchen Garten; es müßte, sollte man sagen, von selbst gut werden. Die Schönheit ist die beste Sittenlehre.« »Sprich, Gabriel, sprich, es tut mir wohl.« – »Als ich ein kleiner Knabe war, bin ich oft hier an der ›Luft‹ vorbeigestrichen – ich wußte nicht, daß sie euch gehörte – habe durch ein Loch in der Rotdornhecke hereingeschaut, ich konnte ja noch nicht drüber wegschauen, und habe mir gedacht: wie glücklich müssen die Leute sein, die da drinnen wohnen! Sie können sich nicht quälen! Sie können sich nicht hassen! Das verbietet der schöne Brunnen da! Das erlaubt nicht die steinerne Frau dort!« – »Das denkst du in deine Knabenjahre zurück, Gabriel!« – »Mag sein, daß ich die Worte und Gedanken zurückdenke, aber das Gefühl, aus dem sie entsprangen, denke ich nicht zurück. Das hatte ich damals. Wenn es bei uns zuhause garstig war, schlich ich mich hier heraus. Dann lag ich dort hinter der Hecke und träumte. Der alte Matthias, der mich nicht kannte und den ich nicht kannte, konnte mich damals schon nicht leiden und jagte mich fort, so oft er mich erwischte.« – »Ist Matthias unhöflich gegen dich?« frug Gertrud stehenbleibend; »soll ich ihn wegschicken?« – »Nein, nein!« sagte Gabriel, »er ist wenigstens ein ehrlicher Kerl. Laß ihn da, einen alten Mann schickt man nicht mehr weg, selbst wenn er wirklich etwas verfehlte. Damals habe ich dich übrigens nie hier im Garten gesehen, Gertrud.« – »Vater liebte das Land nicht, er fühlte sich am wohlsten in der Stadt, in seinem alten Hause und unter seinen Büchern. Das weißt du ja.« – »Damals«, fuhr Gabriel fort, »dachte ich: es ist doch ein Glück, daß es so schöne Häuser in der Stadt und 266 auf dem Lande so wunderbare Güter gibt. Und ich war froh darüber, daß glückliche Leute solche Güter besaßen, wenn ich auch nicht zu ihnen gehörte.« – »Wirklich, Gabriel, warst du nicht neidisch?« – »Nein, ich glaube nicht . . .« – »Das habe ich von dir erwartet!« rief Gertrud. »Das ist auch Großjohannisch. Ich glaube, ich wäre neidisch gewesen.« – »Beschäme mich nicht, Trude.« Sie wandte sich ihm rasch zu, nahm seinen Kopf in ihre Hände und küßte ihn. »Du Guter«, sagte sie. Die Hunde sahen Gertrud mit erhobenem Kopfe an. »Ja, ihr auch, ihr auch!« rief Gertrud und nahm die Köpfe der Hunde zwischen ihre Hände, »ihr seid auch gut. Ja gewiß!« Nun nahm das Hundepaar zufrieden seinen Weg hinter dem Menschenpaare auf. »Wenn ein solches Besitztum mein wäre . . .« sagte Gabriel . . . – »Es ist ja dein! Es ist ja dein, Gabriel!« – »O Trude!« rief Gabriel und küßte ihre weiße Hand. »Wir sollten auch einmal vom letzten Willen Vaters sprechen«, sagte Gertrud. – »Noch nicht, Trude, noch nicht.« – »Fürchtest du dich?« frug sie. – »Nein, aber wenn ein Gestorbener sein letztes Wort gesagt hat, ist er ganz tot. Solange sein letztes Wort noch aussteht, wähne ich, daß er lebt, daß er nur verreist ist und daß er eines Tages kommen wird, das letzte Wort zu sagen.« – »Du weißt wohl, daß es dir nicht günstig ist?« beharrte Gertrud. »Ich weiß das, ich weiß das. Er hat bis zuletzt geglaubt, daß du sein leibliches Kind bist, und er hat zwischen Merlin und Großjohann eine deutliche Scheidelinie ziehen wollen. Ich denke mir, er hat dir nicht die freie Verfügung über das Vermögen in die 267 Hand gegeben. Er hat uns vor uns selbst beschützen wollen.« – »Nun weißt du es also!« sagte Gertrud. – »Wieso?« – »Genau so lautet es, wie du sagst,« nickte Gertrud, »du könntest dabei gewesen sein, als es verlesen wurde.« – »Genug! Genug!« – »Aber von dir müssen wir jetzt endlich einmal sprechen,« sagte Gertrud und setzte sich auf die Brüstung, »was soll aus dir werden? Du bist jetzt 27 Jahre alt. Wir haben geglaubt, wie alle Welt, du wirst Musiker werden, und du arbeitest für dich allein ja schon lange darauf hin neben der Betätigung im Geschäfte deines Vaters. Aber die Musik fordert den Menschen ganz. Und du willst nur deswegen nicht aus der Stadt zu höherem Studium fortgehen, weil es deinem Vater, fürchtest du, an Geld mangelt. Aber Vater hat dir genug in seinem letzten Willen zur Verfügung gestellt, wie er es schon bei seinen Lebzeiten getan hat, damit du in eine Hauptstadt gehen und lernen kannst« »Wirst du mich verstehen, Trude? Also nein! Ich werde das Geld nicht gebrauchen! Und . . . und ich werde auch nicht Musiker werden!« – »Nicht, Gabriel?« – »Nein, Trude, das heißt, fürs erste nicht. Fürs erste gibt es einen wichtigeren Beruf. Was kommt es in der Welt auf einen mittelmäßigen Musiker mehr oder weniger an? Aber darauf kommt es an, ob eine ganze Familie von edlen, aber unglücklichen Menschen in Jammer und Haß ihr Leben verbringt. Welches Unglück können sie verbreiten, wenn jeder von ihnen wieder ein solcher Großjohann wird wie der Vater und seine Grundsätze des falschen Spartanertums und des stummen Leidens in der Welt fortzeugt? Nein, dort in dem trüben Hause 268 Großjohann ist mein Beruf! Ich habe ja schon oft versucht, den Frieden in unser Haus zu bringen, immer vergebens. Aber ich habe es wohl schlecht angefangen oder bin zu früh ermüdet. Zum Erfolge gehört, sich von Mißerfolgen nicht schrecken lassen. Jetzt werde ich die Arbeit wieder aufnehmen, von unten anfangen und geduldig Stein auf Stein setzen und soviel Zeit dranwenden als nötig ist. Meine alten Eltern sollen nicht mit Enttäuschung von dieser Welt und meine Brüder nicht mit Haß und Spott aus dem Vaterhause gehen. Wenn es mir schnell gelingt, nun gut, so werde ich noch etwas in der Welt, Musiker meinetwegen; gelingt es mir nicht schnell, nun so werde ich eben nichts, aber gelingen wird mir's!« »Großjohann! Schrecklicher Großjohann!« rief Gertrud, und die Hunde begannen zu knurren und Gabriel bedrohlich anzusehen, »du liebst mich nicht, du liebst nur deine Familie! Ihr Großjohanns liebt euch alle, nur euch liebt ihr, nur euch, ob ihr auch sagt, daß ihr euch haßt, ob ihr ohne Gruß aneinander vorbeilauft und wie in einem Hotel als Fremde beieinander haust. Nur euch liebt ihr! Ihr seid eurer würdig im Guten und Bösen. Ihr bedürft keines andern und verachtet alle anderen als weibische Athener, denn ihr seid euch selbst genug und schlachtet euch, wenn's not ist, einer für den andern. Wie jetzt du!« »Schlachten! Schlachten! Wer gebraucht solche Worte!« – »Ich gebrauche sie!« rief Gertrud, »ich! Gebrauche ich sie nicht zu recht? Warum sollst denn du gerade das Opferlamm sein, du, der Klügste, Beste der Großjohanns? Warum nicht dein Bruder 269 Philipp, der Pfaffe? Dessen Beruf es wäre, sich zu opfern?« – »Warum nicht ich?« frug Gabriel. »Etwas Freudloses ist um euch. In euch ist ein dumpfer Wille zum Leiden, und ihr seid glücklich in all eurem Jammer, wenn niemand euch hindert zu leiden. Der dumpfe Wille zum Leiden ist das Trostlose und Freudlose an euch.« Sie weinte. Die Hunde leckten ihr die herabhangende Hand. Unten vor der Terrasse ging der Gärtner Matthias vorüber. Gabriel fing einen zornfunkelnden Blick des Alten auf. »Trude, es ist besser für dich: laß mich gehen! Trenne deinen Weg von dem meinen. Du bist jung, bist schön, bist reich . . .« Sie umschlang seinen Hals und sagte: »Ich kann dich ja nicht lassen! Ich will dich nicht lassen! Ich will ja leiden mit dir! Wie du! Ich habe auch schon halb diesen Willen zum Leiden. Nicht ganz, denn ich bin ja zur Hälfte eine Merlin, aber zur andern bin ich eine Großjohann, das glaube ich nun doch wieder trotz dem Vater. Und es wird euch wohl gelingen, die halbe Merlin auch noch zu verschlingen und mich zu einer ganzen Großjohann zu machen. Geh nicht von mir, Bruder! Geliebter!« Der Blaue Reiter »Hei, im Zirkus! Das ist doch eine andere Welt als die starre steinige der Stadt! Da ist nichts anspruchsvoll für die Ewigkeit gebaut, mit Fundamenten im Grunde der Erde festgelegt und mit eisernen Trägern eins ans andere geschmiedet! Das kommt und geht, die Stadt der Buden und Zelte tut sich auf und lebt und wimmelt von tausend Menschen und fliegt 270 davon wie eine Schar von Vögeln. Wie der Sturm die Leinwand knattern und die Fahnen flattern macht! Trifft der Wind das Zelt von vorne – so ein Stadthaus steht dann dumm und blöde da, und ein schlimmer Zug ist auf seinen Stiegen und Treppen – so wenden wir das leichte Haus um, denn der Wind ist uns nicht gefällig, sich zu drehen. Und wie das riecht aus den Ställen, wo die Pferde stehen! Und der Teer der Planken, wenn die Sonne darauf scheint, und abends das Pech in den Pfannen, wenn die Leute zur Vorstellung kommen! Da muß man seine Nase aufsperren, wissen Sie! Und der leichte Schweiß von Rossen und Reitern, und der trockene Geruch des Sandes aus der Arena, hei!« So redete Herkules zu Margarete, und sie hörte ihm mit glänzenden Augen zu – – Margarete war noch immer nicht überzeugt. »Als was wollen Sie denn überhaupt auftreten?« – »Als Blauer Reiter«, sagte er. – »Ein sonderbarer Titel«, meinte sie. – »Ich habe ihn selbst gewählt,« fuhr Herkules fort, »und der Direktor ist damit zufrieden. Jeder Titel muß einfach sein, und man muß sich darunter sofort etwas vorstellen können. Er muß gefällig auffallen. Und das tut der Blaue Reiter. Zu so blödem Zeug wie Witzereißen gebe ich mich nicht her. Auch Tierbändigen nicht. Löwen und Tiger bändigen, das ist roh, und Fische und Flöhe abrichten, das ist langweilig. Gewichte stemmen und so was, das ist auch nicht fein, aber reiten, müssen Sie wissen, reiten! Es gibt nichts Schöneres!« – »Das kann ich verstehen!« stimmte Margarete bei. »Nicht wahr?« rief er ermutigt, »das können Sie sich denken. Oh, Sie gute Margarete. Einstmals sind 271 die Edelsten des Volkes vor allem Volk geritten, heute ist auch das gemein geworden. Aber deswegen darf man sich nicht abschrecken lassen. Und das mit dem Blauen Reiter ist so: da ist ein Schimmel, ein Apfelschimmel, der aber sozusagen blau ist. Ein sonderbarer und doch herrlicher Anblick. Ich kleide mich nun auch ganz in blau – –« Plötzlich schwieg er. Sie sahen sich an. Sie dachten dasselbe. »Aber – –« sie sprachen das Wort zu gleicher Zeit aus. »Er wird es nicht erfahren«, setzte Herkules das ohne Worte Gesprochene leise fort. »Eben deswegen kleide ich mich blau, ver kleide ich mich blau, auch Hände, Gesicht und Haare werden blau. Man wird mich nicht erkennen.« »Sind Sie sicher, Herkules?« – »Ganz gewiß!« rief er. – »Ihrem Vater dürfen Sie das nicht antun! Nie! Ihr Vater ist ein guter und edler Mann.« – »Ich habe keine Sorge. Man wird mich nicht erkennen. Ich trete eben nur unter dem Namen »Der Blaue Reiter« auf. Der amerikanische Direktor hat versprechen müssen, meinen Namen niemandem mitzuteilen. Er sagte, er täte es gerne, weil der Blaue Reiter mystisch sei.« »Dem Vater nichts antun!« war Margaretes letztes Wort beim Abschiede.   In demselben Augenblick, als Herkules so sprach, gingen durch die Presse einer Druckerei die Plakate, auf denen der amerikanische Zirkus seine erste Vorstellung ankündigte, deren letzte Nummer hieß: »›Der Blaue Reiter‹, auf Vollblut, Reiter der jugendliche 272 Herr Herkules Großjohann.« So wurde in großen Buchstaben blau auf gelb gedruckt. Der Direktor sagte sich: »Ein Wort ist nur ein Wort, Geschäft aber ist Geschäft. Dieser stadt- und landbekannte Name, wie die Leute sagen, wird die Bänke zum Brechen füllen.« Und am nächsten Tage las man auf allen Anschlagsäulen der Stadt: »Der Blaue Reiter Herkules Großjohann.« So stand da blau auf gelb. Noch am selben Tage teilte der Agent Silberzahn mit, daß das alte Fräulein Rosenkranz, mit dem die Unterhandlung wegen der Beleihung der Häuser am Ubierring so gut wie abgeschlossen war, plötzlich abgesprungen sei. Großjohann begab sich sofort auf den Weg zu Silberzahn, um nach den Gründen dieses Ereignisses zu fragen, das ihn übel traf, denn der Graf Wetter forderte stürmisch seinen Bauvorschuß zurück. Da fiel sein Auge auf die Plakatsäule, auf welcher »Der Blaue Reiter Herkules Großjohann« angekündigt war, blau auf gelb. Großjohann traute seinen Augen nicht. Er wischte darüber hin, um das Trugbild zu verscheuchen. Aber das Trugbild blieb, und nun sah er das wahre nicht mehr, denn Tränen trübten seine Augen. »Nie hätte ich das von Herkules gedacht, niemals!« Als er nachhause kam, fand er wie immer bei solchen seinen Ruf erschütternden Ereignissen seine Schwelle belagert von Bäcker und Schlächter, Schuster und Schneider, die mit angstvollen Gesichtern ihre kleinen Rechnungen vorzeigten. Sie wurden sofort bezahlt. »Das kommt davon, wenn man im Größenwahn seinen Kindern solche verrückten Zirkusnamen gibt 273 statt der unserer guten Schutzpatrone und Heiligen«, sagten die Damen im Teekränzchen bei der Gemahlin des Obersten Bürgermeisters. – »Solche Schande!« rief Frau Mechtild Hagelstange, »was wird mein armer Philipp darunter leiden!« In diesem Augenblick saß Herkules neben Margarete am Boden, hatte sein Gesicht in ihren Schoß gedrückt, und weinte. Am Boden lag ein zerknülltes Telegramm. Die hohe Schule Gottesruh hatte ihm eben mitgeteilt, daß er entlassen sei. »Was gehen mich diese Pfaffen an! Aber der Vater und die Mutter! Der Vater! Der Vater!« Margarete Schröder strich dem Jüngling, der trotz seinen großen Gliedern und mächtigen Muskeln gleich einem Kinde in ihrem Schoße lag, über die Haare. Bei jeder Gemütsbewegung gingen ihr, wie man sagt, die Augen über, eine Schicht von Salz und Tränen legte sich über ihre Augäpfel, das Aufwallen der Gefühle wurde sichtbar. Um ihre Stirn stand das blonde Gelock, in einzelnen Haaren brach sich das Tageslicht, sodaß ein zarter Regenbogen über ihrem Haarkranze stand. Des Herkules Tränen versiegten. »Daß Sie mir keinen Vorwurf machen, das ist lieb von Ihnen – Mama . . .« »Ja, ich will Ihre Mama sein, Herkules«, flüsterte sie und küßte ihn leicht auf die Stirn. Und stürmisch rief er, als entdeckte er erst jetzt den Sinn seines Wortes: »Ich will Sie von nun an Mama nennen! Eine Mutter habe ich, aber keine Mama. Ich will Sie Mama nennen!« »Was denn nun, Herkules?« frug Margarete. – »Ich werde auftreten!« 274 »Doch auftreten?« – »Ich habe den Direktor einen aasigen Hund, ein pestiges Vieh genannt, aber er hat nicht einmal die Hand erhoben, um zuzuschlagen. Solche Menschen haben keine Ehre. Er antwortete lachend: Hoffentlich hat sich Ihre Aufregung bis heute abend gelegt, Herr Großjohann, denn aufgeregt reiten ist schlecht und gefährlich. – Rotziges Luder, habe ich gesagt, ich werde also auftreten. – Schimpfen Sie nur, lachte er, das Publikum wird mich dafür mit Gold entschädigen.« »Bei einem solchen Menschen würde ich nicht auftreten!« meinte sie. – »Jetzt ist es schon das beste,« widersprach er, »der Schaden kann nicht mehr gutgemacht werden. Es scheint mir ein Schicksalsruf zu sein. Ich werde doch wahrscheinlich bald meine Eltern ernähren müssen, und da ist es das beste, ich fange gleich an, mache mir einen Namen und verdiene Geld. Warum lange zögern? Ich bin ja nun Zirkusreiter, und ich bin es gerne. Aber wie kann es nur so schlechte Menschen auf der Welt geben? Wie kann es nur? Verstehen Sie das, Mama? Aber sei's, ich werde mit ihnen fertig!« rief er aus, sprang auf und ballte die Fäuste. Der Rat der Alten Der Rat der Alten tagte heute auf den geschwungenen Stufen, die zu dem Becken des Pfalzbrunnens hinauftraten, in dessen Mitte der grünspanene Kaiser stand, mit beiden Händen gleich einem Kegler die Kugel der Erde haltend. Es war so heiß, daß selbst die Tauben sich im Schatten des alten Pfalzgemäuers hielten und von dort aus mit ihren 275 roten Äuglein die alten Männer betrachteten, wann etwa einer aus der Hintertasche seines Rockes eine Brotrinde hervorgraben, sie zerkrümeln und die Krumen ausstreuen würde. Dann bemühten sich wohl die jüngeren Tauben zu einem kurzen klatschenden Fluge, die älteren aber blieben sitzen. Die alten Männer lagen auf der Brunnenseite windab, wohin ein leichter Luftzug einen Staubregen des aus allen Brunnenmündern und Tierköpfen rauschenden Wassers trieb. Der dünne kühle Schleier wehte über die Männer hin, und seine Perlen trockneten sogleich auf den welken Gesichtern, den alten Röcken und den heißen Steinen. Jetzt sagte einer: »Er läuft den Berg herab.« Und der gewesene Flußschiffer meinte: »Geld und Gut ist Ebbe und Flut.« Der ehemalige Maurer nahm auf: »Hab' ich's nicht immer gesagt? Was nutzt, aus hohen Fenstern schauen? Andere Leute konnten auch was, aber solange das Handwerk noch ehrlich war, arbeiteten sie. Heute will ja keiner mehr arbeiten, alles will gleich den Herrn spielen.« Der Maurer ärgerte sich und spuckte in weitem Bogen aus, sodaß eine Taube sich täuschen ließ, aus dem Schatten herausflatterte, aber bald dem Betrüger stolz den Bürzel weisend zurücktrippelte. »Schaum auf dem Wasser!« behauptete kräftig der Schiffer. »Das konnte man sich an den Fingern abzählen, daß das windschief kommen wird«, sagte hitzig der mürrische Maurer. – »Wenn man wüßte, daß man fiele, dann legte man sich da«, meinte der Zimmermann. – »Schaum auf dem Wasser!« rief der Schiffer. – »Er konnte wirken und sich redlich nähren«, grollte der Maurer. – »Wer nichts brät, dem 276 brennt auch nichts an«, sagte ein gütiger Bäcker. – »Schaum auf dem Wasser!« rief der Schiffer. – »Wer Unglück haben soll, der bricht einen Finger im Reisbrei«, verteidigte der Bäcker. Das veranlaßte den Schiffer, auch einmal über den Schaum hinauszudenken, und er versuchte: »Wenn einer Leck hat . . . Leck hat . . . Leck hat . . .« aber da ihm nichts Rechtes einfallen wollte, so rief er wieder: »Schaum auf dem Wasser!« »Bauen ist Aventüre«, sagte hinter den Alten die Stimme eines Mannes, der stehend und den Rand der Brunnenschale in die Achselhöhle pressend die Hand im Wasser badete. Die Alten drehten sich langsam im Sitzen herum und sagten über die halbe Schulter hin: »Ah, Eulenspiegel, bist auch mal wieder da?« – »Wie ihr seht!« sagte Eulenspiegel und badete auch die andere Hand in dem grünen Wasser. »Jaja!« sagte jetzt ein ganz Würdiger und Weiser und dachte sich viel dabei, wußte von all dem aber nichts mitzuteilen. Jetzt mischte sich der alte Invalide, Franziskas Freund, hinein und sagte: »Jedes Ding hat zwei Seiten und ein Ziegelstein ihrer sechs. Ist nicht alles einerlei? Wenn das Theater aus ist, dann geht man nachhaus. Der eine hat an der Rampe gestanden und laut getobt, der andere hat einmal ja! gesagt und der dritte gar nichts, und alle zusammen haben das Schauspiel gemacht. Und wenn man nur ein Diener war, der einmal die Tür aufmachen durfte, so soll man nichts über die Großen vor den Lampen sagen, das sieht wie Neid aus.« – »Das ist für dich«, sagte halblaut der Zimmermann zum Maurer. Der spuckte wieder in einem großen Bogen aus, aber die Taube 277 ließ sich diesmal nicht täuschen. Der Kahnschiffer rief: »Schaum auf dem Wasser!« »Ganz richtig! ganz richtig!« sagte der gütige Bäcker, »es regnet nicht immer Rosinen in den Reis. Der eine ißt ihn gerne kalt, der andere lieber heiß.« »Und Eulenspiegel sagt gar nichts?« frug der Invalide über die halbe Schulter weg. – »Zuhören ist das beste beim Streite«, sagte Eulenspiegel und suchte in kindlichem Vergnügen die goldenen Fischchen in der Bronzeschale zu schnappen. Jetzt tat die Münsterglocke langsam fünf dunkle würdige Schläge, und die Rathausglocke trippelte mit fünf hellen schnell hinterdrein, als ob die Zeit in der Welt schneller liefe als in der Kirche. Die Alten zerstreuten sich, und unter den Pfalzlauben verhallte der Ruf des Schiffers: »Schaum auf dem Wasser!« 278   Elftes Kapitel Bertholet Es war weit mit Großjohann gekommen, daß er mit einem Menschen wie Bertholet in Geschäftsbeziehung treten mußte. Er hatte mit ihm ein Abkommen auf Gegenseitigkeit getroffen: Großjohann sollte das Mauerwerk einiger Bauten Bertholets, Bertholet das Zimmerwerk vieler Bauten Großjohanns ausführen. Die Rechnung ging auf diese Weise gegenseitig auf. Nachdem die »Schande« Großjohanns auf allen Anschlagsäulen, blau auf gelb, zu lesen gewesen war, trachtete Bertholet danach, die Verbindung zu lösen. Aber er befand sich im Nachteil, denn er selbst hatte wenig bauen lassen und viel geliefert, Großjohann aber hatte für sich selbst viel gebaut und wenig für Bertholet liefern können. Bertholet läutete eines Morgens an der Glastüre, ein Knabe erschien und sagte, der Vater sei schon ausgegangen. Bertholet ging und kam am nächsten Morgen früher. Wieder war der Vater fort – er war beizeiten aus dem Hause gegangen, um Bertholet zu vermeiden. Wann denn der Vater eigentlich zuhause sei? Morgens um 8! 279 Am nächsten Morgen um ½8 erschien Bertholet. Großjohann konnte sich nicht verleugnen lassen und ließ ihn hereinkommen. »Was wünschen Sie, Bertholet?« – »Ich will mein Geld haben!« – »Ihr Geld?« »Schwindler!« schrie Bertholet, »sofort bezahlen Sie oder –« – »Sachte«, erwiderte Großjohann mit Ruhe. »Wenn Sie schreien, Bertholet, lasse ich Sie hinauswerfen. Ich habe einen Jungen mit kräftigen Muskeln. Herkules hat mir schon öfter bei Besuchern, die sich nicht zu benehmen wußten, einen Dienst getan . . .« »Herr Großjohann, ich kämpfe um mein Leben, geben Sie mir mein Geld.« – »Ich kämpfe auch um mein Leben, lieber Bertholet, und ich kann Ihnen heute das Geld nicht geben. Ich sage: heute nicht. Ich brauche Ihnen überhaupt nichts zu geben, denn unser Vertrag lautet auf Gegenseitigkeit in der Arbeit, nicht auf Geldbegleichung. Ich kann doch nichts dafür; wenn Sie aus Furcht vor den kommenden schlechten Zeiten nicht den Mut hatten, viel bauen zu lassen, sodaß ich Gelegenheit gehabt hätte, meinen Posten abzuverdienen. Das müssen Sie doch selbst zugeben!« – »Das ist schon richtig«, gab Bertholet zu. – »Also Sie sagen es ja selbst. Und überdies brauchten Sie auch nicht soviel Zimmerwerk zu liefern. Sie konnten mich ja sitzenlassen und sagen: ich liefere nicht eher wieder, als bis wir gleich auf gleich sind. Obwohl das auch nicht nach dem Sinne unseres Vertrages gewesen wäre; aber ich würde mich kaum auf den Vertrag berufen haben. Statt dessen lieferten Sie Ihre Zimmerei. Warum? Doch auch nicht mir zu Gefallen. Doch nur deshalb, Bertholet, weil Sie 280 aus Mangel an anderen Aufträgen nicht wußten, womit Ihre Zimmerleute beschäftigen, und weil Sie Furcht hatten, sie zu entlassen oder ihre Zahl zu vermindern, da das Ihrem Rufe hätte schaden können. Dafür kann ich doch erst recht nichts. Im Wesen unseres Geschäftes liegt eine innere fatale Ruhelosigkeit. Wenn es rennt, kommt das Pferd in Schweiß, und wenn man zu lange hält, erkältet es sich und wird krank. Da ist es schwer, Fuhrmann spielen. Ich brauche mich doch auch kaum zu opfern, nur damit Ihr Kredit nicht Schaden leidet. Denn Sie brauchen meinen Kredit mehr als ich den Ihrigen. Ich will mich ja nicht brüsten, wahrhaftigen Gott nicht, dazu habe ich, wie die Dinge liegen, keinen Grund, aber ich glaube – nehmen Sie's nicht übel – daß der schlechteste Ruf Großjohanns noch immer besser ist als der beste Bertholets.« »Das muß man lassen,« sagte Bertholet, »Großjohann gilt bei gewissen Leuten noch immer etwas. Es gibt gewisse Leute, die den Glauben an ihn nicht verlieren wollen .« – »Also, Bertholet –?« Als der Zimmermeister sich durchschaut sah, begann er zu weinen. »Keine Tränen, Mann,« sagte Großjohann, »ich sehe, auch Sie sind zu weich für das harte Gewerbe, das wir ergriffen haben. Ich will Ihnen etwas sagen: Sie sollen Ihr Geld haben, ich will Ihnen Ihre Lieferung in Geld begleichen, obgleich ich nicht dazu verpflichtet bin, nur müssen Sie mir Zeit lassen.« – »Wann kann das sein?« frug Bertholet. – »Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das kann morgen sein, das kann auch erst in ferner Zeit sein. Ich kann mich nicht binden.« – »Sie können ja Abschlagszahlungen geben«, meinte Bertholet. – 281 »Ich könnte Ihnen heute auch nicht einen Taler geben«, sagte Großjohann. – »Wann denn?« – »Wann? Wann?« frug auch Großjohann; »fragen Sie mich, wann das Weltende ist. Manche Leute meinen, daß morgen dieses elende Gemächt von Welt zugrunde geht, manche meinen demnächst mit der Jahrhundertwende. Wie gesagt . . .« »Dann will ich von Zeit zu Zeit mal nachfragen.« – »Tun Sie das.« »Sie sind ein ehrlicher Mann, Großjohann«, sagte Bertholet und reichte ihm die Hand. – »Wenn's auch den Hals kostet, nicht wahr?« lachte grimmig Großjohann.   Am nächsten Morgen schon kam Bertholet, um nachzufragen. Es war ein trüber Tag, Bertholet sah Spuren von Nässe und Schmutz die Treppe hinauflaufen, vor der Türe Großjohanns sich häufen und zurückgehen. »Aha,« dachte er, »es sind schon mehr dagewesen.« Drinnen war ein gewisser Morgenlärm von Haushalt und Kindern. Er klingelte. Im Nu wurde es drinnen still. »So, so, jetzt werden die Kinder angewiesen, sich ruhig zu verhalten. Es soll niemand zuhause sein. Ich weiß es aber besser, ihr Bande!« Er klingelte wieder. Drinnen blieb es totenstill. Er klingelte und klingelte. Die Schelle rasselte. »Geh öffnen, Gabriel,« flüsterte drinnen die Mutter, »sag', der Vater ist nicht zuhause.« – »Und wenn Sie mich totschlagen, Mutter, ich kann nicht, es ekelt mich«, erwiderte Gabriel. »Ich würde es selbst tun,« flüsterte Frau Franziska, »aber wenn ich gehe, sagen die Leute: Ihr seid 282 so gut wie der Mann, Ihr könnt auch zahlen. Geh du, Fränzchen.« Fränzchen – jetzt schon ein dreißigjähriger Franz, aber noch immer Fränzchen gerufen – sah sehr erstaunt auf. Er war doch zu Besuch in der Stadt! Seit wann läßt man den Gast unangenehme Gänge tun? Die Klingel rasselte. »Ich öffne«, sagte Herkules. Herkules stürzte auf die Glastür zu, warf den Schlüssel im Schlosse herum, riß die Tür auf und betete laut und schnell wie eine Litanei herunter: »Herr Großjohann ist nicht zuhaus, Frau Großjohann hat keine Zeit, Geld ist heute keins im Haus, wieder kommen, wieder kommen, zur Gesundheit, auf ein andermal, auf Wiedersehen!« Damit schlug er die Tür zu und legte die Kette vor, ehe der Besucher draußen zu Worte gekommen war. Sie hörten ihn brummend und fluchend die Treppe hinabgehen. Am andern Morgen sahen sie ihn schon bei Tagesgrauen auf dem Bordstein der andern Straßenseite stehen, um das Ausgehen Großjohanns zu überwachen und ihn zu überfallen. Großjohann aber hatte sich eine Öffnung in die Hofmauer brechen lassen und entwischte vor 8 Uhr. Bis Mittag stand Bertholet wartend und lauernd da. Viele andere Gläubiger kamen und gingen wieder, die meisten wies Herkules mit fröhlichem Gesicht ab. An der größeren oder geringeren Hast, mit der jemand kam, erkannte man von ferne den Grad des geschäftlichen Verhältnisses zwischen ihm und Großjohann und den Zustand seiner eigenen Geldverhältnisse. Nur die Boten der Wechselbanken mit den schwarzen Ledertaschen, besonders der mit dem Hute, der röhrenförmig doch 283 kein Zylinder war, kamen ruhigen und sicheren Schrittes. Sie wußten, ihnen wird aufgemacht, ihnen wird gezahlt, sonst – weh euch! Am darauffolgenden Tage kam Bertholet schon mit dem Bäckerjungen ins Haus, blieb darinnen, hielt sich in der Nähe der Mattglastüre und läutete nicht. Die Tür ging auf, denn Frau Franziska wollte zur Frühmesse. »Was wünschen Sie, Herr Bertholet?« Bertholet hatte einen Fluch auf den Lippen, aber wie er Frau Großjohann ansah, erwiderte er einfach: »Ich möchte mein Geld haben.« – »Heute geht das nicht, Herr Bertholet, kommen Sie einmal morgen wieder.« Bertholet ging ohne Widerrede fort. »Wieder einen Tag gewonnen«, dachte Frau Franziska. Dann ging sie in die Kirche zum Beten, denn die halbe Stunde der Frühmesse war für sie das einzige Schöne, das die Welt noch für sie hatte. Am nächsten Morgen klingelte Bertholet wieder an der Glastüre. Wieder wurde sie aufgerissen von dem Zirkusreiter, dem Blauen Reiter, und schnell schob Bertholet den Fuß zwischen die Türflügel. »Mensch,« schrie ihn der Zirkusreiter an, »augenblicklich nehmen Sie den Fuß da weg, oder ich werfe Sie an die Wand, daß Sie platzen wie eine Wanze, und verklage Sie obendrein noch wegen Hausfriedensbruchs.« Als Bertholet sogar durch den Rockärmel die Muskeln des Blauen Reiters sah, ging er eilig davon. Der nächste Tag war ein Sonntag, und Bertholet beschloß, heute Ruhe zu geben, sonst würde man ihm überhaupt nicht mehr öffnen. Vielleicht würde auch der blaue oder gelbe oder grüne Reiter mit der 284 amerikanischen Schwindelband abgereist sein, denn der Zirkus wurde abgebrochen. Am Montag aber war er wieder da. Frau Großjohann öffnete. »Ah, der Herr Bertholet.« – »Geld!« sagte dieser einfach und böse. »Kommt mal herein, Herr Bertholet«, sagte Frau Großjohann. Bertholet ging hinein. Sie führte ihn in ein dunkles trübes Zimmer. Bertholet hatte seinen Hut abgenommen, aber den Kragen seines Mantels schlug er nicht einmal herab, denn er wollte zeigen, daß für ihn das Geschäft nur kurz sei. Er stand mit breiten Beinen da, denn hier zu stehen hatte er das Recht! Hier stand er, und da mochte der Zirkusreiter . . . ! Doch lugte er wohl nach der Zimmertüre, ob nicht doch etwa der Blaue Reiter . . . Man konnte nicht wissen . . . Bertholet hatte wildes Haar und einen wüsten, den Mund verdeckenden Schnurrbart. Frau Franziska stand vor ihm, die Arme vor der Brust gekreuzt, und dachte: »Man muß ihn wohl ablenken. Aber wie?« Bertholet sah Frau Franziska mit bösen Augen durch eine Brille mit dicken Gläsern an. Er war sehr kurzsichtig, sodaß er den Kopf vornüber gebeugt hielt. »Aber wie?« dachte Frau Franziska, »seine Familie kenne ich nicht, und ihm von meiner erzählen, das bleibt zu nahe bei der Sache. Es ist auch nicht viel Erfreuliches daran.« »Ihr wart doch Zimmermeister. Wie kommt Ihr eigentlich zu diesem unglücklichen Baumenschentum, Bertholet?« frug sie. 285 »Ja, wie kommt man dazu,« sagte Bertholet und erstaunte selbst über seinen freundlichen Ton, aber er meinte, er habe eine riesige Achtung vor der Frau, »wie man in sein Unglück kommt, kommt man dazu. Solange ich noch Zimmermann war, da war ich zufrieden und glücklich. Da hatte ich Samstag mein Geld und Sonntags mein Vergnügen und niemals Sorgen. Aber da kam das mit diesem Fräulein Rosenkranz, müßt Ihr wissen. Ihr kennt sie ja. Eines Tages flicke ich ihr das Dach, denn es hat hereingeregnet. Sie kommt auf den Söller herauf und sieht sich alles an, denn sie zählte jeden Nagel, die Alte. Sie ist ja eine schwer reiche Frau. Da sagte sie zu mir: Na, Zimmermann, das ist doch nichts, daß Ihr so ewig an den Dächern herumflickt. Da ist der Großjohann, der geht herum wie ein großer Herr und hat doch auch nichts . . .« »Oho!« warf Frau Franziska ein. – »Ich weiß, jawohl,« nahm Bertholet auf, »aber so sagt die alte Rosenkranz. Und dann sagt sie noch: Und dann ist da der Schröder, der frühere Schlossermeister – dem sie ja auch morgen den Konkurs machen«, warf er in seine eigene Rede hinein. – »Mein Gott!« rief Frau Franziska, die Hände zusammenschlagend. – »Da könnt Ihr noch billig Häuser kaufen, Frau Großjohann«, höhnte Bertholet; aber sogleich tat es ihm leid, die Frau, vor der er ja eine riesige Achtung hatte, gekränkt zu haben, und er fuhr ruhiger fort: »Also da ist da das Fräulein Rosenkranz, und was ich sagen wollte . . . was ich sagen wollte . . . Ja, da ist da der Soundso und der Soundso, sagt sie, der Zieglermeister und der Klempnermeister, sagt sie . . .Aber ich habe kein Geld, Fräulein Rosenkranz, 286 sage ich, und sie sagt: Mein Gott, Geld! Als ob das das Nötigste wäre! Wer fragt heute danach, ob er Geld hat, wenn er was anfängt? Glaubt Ihr denn, daß der Schlosser und der Dachdecker Geld haben? Wer braucht denn heutzutage noch Geld? . . . Ich habe kein Geld, Fräulein Rosenkranz, sage ich, und ohne Geld baue ich nicht! Der Großjohann, fängt sie dann wieder an . . .« »Ich will Euch was sagen, Bertholet,« unterbrach Franziska, »Großjohann hat genug Geld aus eigenem gehabt, das er verdient hat, und Gott hat es gemehrt, und wenn der Teufel es auch wieder genommen hat, so ist das seine Sache, und Gottes, und unsere, und nicht dem Fräulein Rosenkranz seine!« »Ja, ganz recht, das hab' ich ihr auch gesagt, und so, und ich hab' noch weiter gesagt: Ich habe kein Geld, Fräulein Rosenkranz, und damit basta! Und machte mich wieder an die Arbeit, denn ich arbeitete in Akkord, müßt Ihr wissen, und nicht auf Taglohn, und ich hatte keine Lust, mich mit der Reichen da auf ihrem Söller festzuschwatzen, denn die Schwatzstunden bezahlte sie mir nicht. Ich habe kein Geld, Fräulein Rosenkranz, und damit basta! Aber ich habe Geld, sagt sie und sieht mich dabei triumphierend an. Das weiß alle Welt, daß Sie Geld haben, Fräulein Rosenkranz, schwer Geld, sag' ich. Das hört sie gern, das sieht man ihr an. Und ich sage noch: Aber was hilft das, ich hab' keins, und damit muß es auch gut sein. In einer halben Stunde ist das Dach dicht, Fräulein . . . Und da sagt sie wieder: Ich habe Geld, und ich habe Baustellen, da unten an den Flußbenden, jetzt steht noch Kappus darauf. Ich gebe Euch die Baustellen und das Geld dazu. Na, und da 287 fängt sie von Bauvorschuß an zu reden, und daß das das Neueste sei und so weiter, Ihr wißt ja, und so fing denn mein Unglück an. Die Rosenkranz!« rief er und ballte die Fäuste, »die heißt nicht umsonst Rosenkranz, denn sie betet einen Rosenkranz nach dem andern, aber man sollte sie mit allen ihren Rosenkränzen um den Hals erwürgen, das Mensch!« »Nicht Gott lästern, Bertholet. Laßt das dem Herrgott seine Sache sein.« – »Die Rosenkranz,« grollte der Mann, »die hat viele kleine Handwerksleute auf dem Gewissen mit ihrem vielen Gelde. Da hat sie gegeben und gegeben, und die Bauten wuchsen. Aber es kamen Mißhelligkeiten, die man nicht vorausgesehen, es kam Treibsand in die Fundamente, und es fror auch einmal, dazu hat der liebe Gott ja den Winter gemacht, daß es einmal frieren tut, und sie rief: Warum baut Ihr nicht weiter? Und ich sagte: Es geht nicht, Fräulein, der Kalk bindet nicht, wenn es friert – oh, das Kreuz, das Kreuz, wenn man in einer Fachsache abhängig ist von einem, der nichts von dieser Sache versteht und dareinredet, und es ist auch Wasser in den Mauern, sagte ich . . . und es schluckt Zinsen und Zinsen, rief sie, und wenn Ihr nicht baut, gebe ich kein Geld. Das müßt Ihr, sagte ich, das ist ausgemacht, daß mit jedem neuen Stock neues Geld gegeben werden soll. Ausgemacht hin, ausgemacht her, da schere ich mich den Teufel drum, sagte das fromme Frauenzimmer, und ich sagte: Das Gesetz! Aber sie knipste mit dem Finger und rief: Papperlapapp, was kost't das Gesetz? Ich kann mir den teuersten Anwalt kaufen! Und so war es denn bald bei mir wie bei vielen anderen, sie bauten mit fremdem Gelde und steckten ihre Arbeit und ihren Schweiß 288 und vielleicht auch 1000 Taler, die sie erbten, als die Eltern starben, hinein in den Bau, und dann konnten sie nicht mehr, und die Herrschaften gaben kein Geld mehr, das Ding wurde verkauft, und die Herrschaften zogen es an sich für ihr bißchen Geld, das sie gegeben hatten. Und mit dem Wuchergelde lassen sie dann Kirchen ausmalen und mit Heizungen versehen, daß die armen Leute im Winter wenigstens einen Ort haben, wo es warm ist, wenn ihnen das eigene Haus genommen ist, und fleißig beten, daß der liebe Gott doch ja diese Welt bestehen lasse, in der die Reichen es so gut haben. Und das Fräulein Rosenkranz stiftet Altäre und Heiligenbilder, daß ihr Haus den ganzen Tag wimmelt von Mönchen und Pfaffen..« »Nicht so über die Geistlichen reden, Herr Bertholet!« »Wollen's mal gut sein lassen. Und demnächst wird sie auch päpstliche Gräfin, das Fräulein Rosenkranz, soviel Geld hat sie nach Rom gegeben, und meine 1000 Taler sind auch dabei. Ah bah!« rief er und machte eine wegwerfende Handbewegung, »Spuck' darauf! Was liegt daran! Jetzt habe ich Euch lange genug aufgehalten, Frau Großjohann, und danke auch, daß Ihr mir zugehört habt. Es tut dem Menschen gut, wenn er einmal ordentlich losschimpfen kann, und Ihr wißt ja auch, wo einen der Schuh drückt. Und nun nichts für ungut, wenn ich ein bißchen gebrüllt habe, und Gott befohlen!« Er ging hinaus und die Treppe hinab. Sie hörte ihn noch im Weggehen brummen und fühlte mit aufrichtiger Teilnahme, wie wohl das dem Armen tat. 289 Wolken in der »Luft« Gabriel kam den Garten eilig herauf. Auf der obersten Terrasse erwarteten ihn Gertrud und die Hunde. Das Mädchen trug ein dunkelviolettes Kleid, ihre schwarzen Haare waren hinten tief im Nacken in einen Knoten geschlungen. Sie reichte ihm langsam ihre beiden Hände und bot ihm mit geschlossenen Augen den Mund dar. Er küßte sie, dann legte er seinen Arm in den ihrigen, und ohne zu sprechen, die Augen am Boden, schritten sie um das lange weiße Landhaus herum auf die hintere Seite. Auch dort war eine Terrasse, nicht blau von Schrott wie die vordere, sondern grün von Gras. Die Landschaft fiel vor ihnen ab. Eine breite, durch leichtbebuschtes Gelände geschlagene Schneise, ein einziger grüner Teppich, senkte sich zwischen Nadelhölzern hinaus. Sie standen schweigend da und genossen den Ausblick ins Land. Das Auge verfolgte die grüne Grasgasse, die erst steil fallend sich bald der Wagerechten und dem Gelände anglich, wo sie unterbrochen wurde von schwarzen Erlenbüschen, silbernen Weiden und grünen Schilfauen. Flußpfade kamen von rechts und links her aus dem Holze und kreuzten die Lichtung. Unten in der Au sahen sie einen Mann daherkommen. Sie sahen, wie er nach Art alter Leute auch bei diesem dunkeln Wetter die Augen mit der Hand beschattend zu ihnen heraufblickte. Aus den Auen glänzte die Fläche des Flusses und verlor sich nach rechts und links ins Unendliche der feuchten Luft. Die Dächer des Klosters Gottesruh schwammen wie rote Archen auf dem Nebel. Nach beiden Seiten 290 schlossen sich den Nadelgehölzen breite Wiesengelände an, in denen hohe Baumwäldchen verinselt waren. Die Bauminseln waren eingezäunt, und auf den grünen Wiesen dieser Parklandschaft bewegte sich langsam das bunte Rindvieh. Die Tiere schritten weidend alle in einer Richtung, indem sie langsam Fuß für Fuß dahinsetzten. Aus den Bauminseln flogen Krähen auf. Wahre Krähenstädte waren die verstreuten Wäldchen. Das Grün der Landschaft war in der Feuchte fast wollig. Die Luft war lau und grau. Gertrud sagte, mit ihren Blicken sich in der Landschaft verlierend: »Ich habe die Freude verloren.« Gabriel erwiderte nichts. Sie gingen die Landschaft hinab auf einem der von Nadelstreu roten Pfade durch den Tannenbusch. Der Boden war weich und ihr Schritt unhörbar. Tropfen von der Feuchtigkeit des Himmels hingen glitzernd an den Nadeln und fielen von Zeit zu Zeit lautlos zur Erde. Vögel hüpften hin und her, ein Wiesel kreuzte den Pfad, reckte sein bewegliches Köpfchen auf, mit hellen Augen die Wandernden betrachtend und plötzlich wie ein Blitz in die Erde sausend, ein Eichhörnchen saß einen Augenblick auf den Hinterbeinen, die Ohren gespitzt und die schwarzen Augen groß, und schoß dann rauschend und leise pfeifend am Stamm einer der Tannen hinauf. Gabriel sagte: »Die Vögel mühen sich für ihre Brut, und Eichkatz und Fuchs sind unermüdlich besorgt für ihre Familie. Nur indem das Wesen der Gattung, der Einzelne seiner Familie sich opfert, ist die Welt unsterblich.« Sie kamen an den Teich. Still und tot lag er da, schwarzblau und dunkel, und kein Zeichen von Leben war in ihm. Die herzförmigen Blätter der Linden 291 auf dem einen und die langen schlanken der Edelkastanien auf dem andern Ufer erschienen auf dem schwarzen Spiegel. Schilf und Holunder wuchs in einer Ecke, und darunter floß die Quelle. Jetzt fiel leichter Regen auf die leise rauschenden Blätter, die Luft war warm, und an der Quelle hub eine Nachtigall an zu klagen. Der alte Gärtner kam schlurfend heran. »Hast du noch immer keine Fische im Teich bemerkt, Matthias?« frug Gertrud. – »Nein, Fräulein,« sagte der, »wie sollte es auch sein? Vergangenes Jahr, da alles dürr war, ist uns ja die Quelle versiegt, der Teich lief ab, und die Fische starben. O Fräulein, was war das für ein Geruch und eine Pestilenz hierherum von Fischleichen! Ich rieche es noch. Die Wiesen verbrannten uns ja, Sie wissen das, Fräulein, mit dem letzten Jahre war kein Bauer, waren nur die Bauleute in der Stadt zufrieden. Jaja, dem einen sein Tod ist dem andern sein Brot. Wie gesagt, die Fische sind nun alle gestorben. Und keine Mücken und Wasserfliegen sind dieses Jahr da! Seitdem es keine Fische mehr gibt, sich ab und zu ein Mücklein aus der Luft zu schnappen und es zu fressen, gibt es auch keine Mücken mehr. Als wollten sie nun einmal gejagt werden! Fressen und gefressen werden, das ist die Welt. Wie gesagt, die Fische sind nun alle gestorben. Ja! Es wird immer schlimmer in der Welt, und alles geht zum Ende. In meiner Jugend, Gott ja! war das ein anderes Leben! Da trugen die Obstbäume das Doppelte des heutigen, die Kühe warfen zweimal im Jahr, die Milch war schwerer und das Grün auf den Bäumen tiefer und reiner. Es ist heutzutage keine Freude mehr zu leben. Der eine trägt sein Kreuz und 292 der andere schleift es. Ja, das soll wohl so müssen sein!« Er schickte sich schlurfend an zu gehen. »Wielange kann man ohne Freude leben?« frug Gertrud. – Gabriel erwiderte: »Frag' den alten Matthias.« Aber Matthias hatte die Frage schon gehört. »Das kommt darauf an,« sagte er, sich zurückwendend, »was man durchgemacht hat. Unsereins kann viel leiden.« – »Willst du nun nicht bald aufhören zu arbeiten, Matthias? Vater arbeitete in deinem Alter schon lange nicht mehr, und ich will für dich sorgen.« – »O ne, Fräulein, dank' auch schön, Fräulein, aber o ne! Wenn ich das Werk zumache, dann macht das Särg sich auf. Das würdet Ihr sofort erleben. Gut ist gut, aber besser ist besser, ich wirke noch ein bißchen, mit allem Pläsier, sagen die Bauern, wenn sie müssen. Nun adee denn auch«, sagte der Alte, lüftete die grünliche Kappe, suchte sie auf seinem krolligen Haare festzumachen und entfernte sich. Die Nachtigall klagte, und auch Gertrud hub wieder zu klagen an: »War jemand glücklicher als ich? War eine Kindheit sonniger als meine? Strahlte eine Jugend mehr als die meine? Der Vater und die Hunde, das Stadthaus und die ›Luft‹, Winterfeld und Matthias, unsere Pferde, unsere Katzen, meine Kleider, meine Ringe und Steine, der Nachtigallenweiher hier und das Brünnchen im Ehrenhofe – wo war eine Jugend wie meine? Da kamst du als mein Verhängnis, und die Trübe zog an meinem Himmel auf. Ach, was konnte ich früher lachen! Ich kann es nicht mehr. Ach, was konnte ich träumen und schwärmen! Ich kann es nicht mehr. Der Zweifel kam, der den Vater tötete, das Mitleid und das Leid. Ich hatte 293 kein Recht mehr, glücklich zu sein. Was soll ich noch für dich hingeben? Sag's – ich tu's! Ach, Geliebter,. verzeih, verzeih! Hörst du die Nachtigall klagen und den Regen rauschen . . .« »Klage, Gertrud!« Der Regen hörte auf, die Sonne wurde sichtbar, doch so matt, daß man nur eben erkennen konnte. wo sie stand. Gabriel und Gertrud verloren sich tiefer in den Parkwiesen. Die Rinder gingen auf den Weiden, man hörte das scharfe Schleifen ihrer warzigen Zungen im Grase. Die Krähen flogen aus den Buchenhainen auf und fielen lärmend wieder ein. Ein Kiebitz torkelte weiß über den feuchten Auen durch die Luft. Durch die Wiesen schritt ein Mann mit einer Schüppe auf der Schulter. »War ich nicht ein heiterer Mensch? Und alle Welt wurde heiter an mir, und alle Welt liebte mich, und ich weiß, daß Diener, Mägde, Gärtner und Meier von mir sagten: Die Gertrud ist unser Engel. Und nun ist alles dahin. Darum hassen dich unsere Leute, Gabriel.« Jetzt waren sie dem Manne mit der Schüppe nahe. Er ging durch die Wiesen den dunkelgrünen Flecken im hellen Grün der Grasweiden nach. Vor einem solchen Fleck nahm er die Schüppe von der Schulter, griff den dicken runden Fleck damit an, und bald breitete sich an dessen Stelle ein dünner weiter Halbmond im Grase aus. Die Schüppe war blank vom Spreiten und nach der einen Seite abgenutzt. Der Mann stützte sich auf die Schüppe, als das Fräulein ihn anredete. »Wie geht es dir, Werner?« – »Gut geht's, was soll man da anders sagen! Aber was hilft es einem? 294 Wenn es auf den Herrn regnet, tropft es auf den Knecht.« – »Bist du unzufrieden, Werner? Ich bin doch immer gut zu euch gewesen.« – »Das muß wahr sein, Fräulein, das seid Ihr. Alles was recht ist. Und ich bin auch nicht unzufrieden. Ich sage das auch nur so. Es ist ja alles schön und gut, und ich stehe morgens mit einem Liedchen auf, aber warum soll ich mir die Kröte auf dem Herzen bersten lassen und nicht sagen, daß es besser ist, ein kleiner Herr sein als ein großer Knecht? Wenn wir doch nicht mehr reden können, dann bersten wir ja an unseren Worten. Nun steht mir aber nicht länger in den Füßen. Ich will mit Gottes Beistand wieder mal in die Hände spucken.« Er spuckte in die Hände, nahm den blanken Schüppenstiel fest in die Fäuste und verwandelte den kleinen Kreis in einen großen Halbmond. »Es ist wirklich keiner,« sagte Gertrud, »der das so kann wie der Werner.« – »Ja, ich mache euch an einem Tage hundertmal den Vollmond unter- und den Halbmond aufgehen,« sagte Werner fröhlich und schulterte die Schüppe, »das heißt, wenn die Herrschaft mir nicht mit Schwatzen in den Füßen steht.« Die Kühe hatten mit Weiden aufgehört und sammelten sich allmählich hinter dem Meierhofe. Es wurde Abend. »Der Meier ist krank, wie steht es denn mit ihm?« frug Gertrud. – »Heute morgen sagte der Doktor, die Kinder sollten sich versammeln, der Doktor aus der Stadt, den Ihr uns geschickt habt, Fräulein. Als ob wir dem Vater das Sterben noch schwerer machen sollten, wenn wir alle die Gesichter hangen lassen und 295 um ihn herumstehen. Die letzten Minuten soll der arme alte Mann doch für sich haben, er ist ja sowieso im Leben vor lauter Werk nie zu sich selbst gekommen.« – »Aber was redest du denn, Werner, wenn dein Vater da liegt . . .?« – »Ach, warum erinnert Ihr mich?« rief Werner greinend mit verzerrtem Munde, »ich gebe mir Mühe, es zu vergessen, und Ihr erinnert mich daran! Genügt es denn nicht, wenn mein guter Alter stirbt? Soll ich auch noch traurig sein? Wenn Ihr Reichen sterbt, dann macht Ihr alle möglichen kostbaren Umstände, aber ein armer Mann stirbt einfach. Und das ist erbärmlich genug! O mein guter Alter!« rief er und weinte. Gertrud und Gabriel ließen den Bauer stehen und eilten quer durch die Wiesen zum Meierhofe. Der lag weiß und rot an einem Bache unter hohen Buchen. Ein Blinder hätte den Weg gefunden, geführt von dem süßen warmen Geruch von Milch und Stall. Am Gatter standen brüllend die Kühe. Das Geläut von Glocken klang aus der Stadt herüber. Sie traten auf den gepflasterten Hauspfad, aber ihre ungenagelten Schuhe wurden drinnen nicht gehört. Sie sahen durch den offenen Flur in die Hinterstube, wo jemand im Bette lag. Die Schwester des Wernerus kniete davor, hielt eine Kerze in der Hand und rief: »O Vater! Vater! Herr, erbarme dich mein! Was stirbst du zu so ungelegener Zeit! Hörst du denn nicht die Kühe brüllen?« »Wie steht's?« frug Gertrud leise. – »Ach, Fräulein, schlecht steht's! Schlecht steht's! Ich hab' ihm ein paar gebratene Äpfel gegeben, die hat er nicht gewollt, ach, der arme Alte! Warum will er gerade jetzt am Abendläuten sterben, wo die Kühe brüllen? 296 Er weiß doch, die Milch aufhalten tut den Kühen weh. Ach, Vater! Ach, Vater!« Laut heulend lief sie mit dem blanken Melkeimer in der Hand hinaus. Auch Werner trat ins Haus. Als er sah, wie dem Vater der Kopf auf die Brust gesunken war und seine aus dem Bette heraushangende Hand mit starren Fingern schräg die tropfende Kerze hielt, sagte er: »Dem tut der Kopf nicht mehr weh«, und schluchzte auf. 297   Zwölftes Kapitel Lob des Weines Ich unterschreibe nicht! Eher soll mir die rechte Hand verdorren!« rief Hermann Großjohann. – »Unterschreib doch, Hermann, es ist zu deinem Besten!« bat Franziska. »Ich unterschreibe nicht! Eher könnt ihr mich verhungern lassen, was ihr ja ohnedies gern tätet!« erklärte Großjohann, mit großen Schritten im Zimmer auf- und abgehend. – »Unterschreib doch, Hermann«, flehte Franziska, mit dem Schriftstück und der nassen Feder hinter ihm herlaufend. – »Ich unterschreibe nicht!« Die Tür öffnete sich, und Philipp Emanuel – Emanuel aber heißt: Gott mit uns! – Philipp Emanuel flog herein. Die langen Schöße seines schwarzen Priesterrockes wehten hinter ihm her. »Was ist denn hier los?« rief er, ohne sich Zeit zum Gruße zu nehmen, denn er hatte es sehr eilig. – »Gut, daß du kommst, Philipp!« rief Frau Franziska. Philipp stand in der Mitte des Zimmers, sein Barett mit den vier Bügeln darauf wie eine schwarze Krone auf dem Kopfe tragend. Er schaute von einem 298 zum andern und ließ den Deckel seiner goldenen Uhr ungeduldig einschnappen. »Der Vater will nämlich nicht unterschreiben«, sagte die Mutter. »Wir haben, Gabriel und ich, einen Käufer gefunden für das Haus in der Römerstraße, ein guter Preis, ein annehmbarer Preis, und es ist nötig, sehr nötig. Wir leben nur noch von Verkäufen. Alles ist soweit fertig, der Vater braucht nur die Erklärung zu unterschreiben, daß er einverstanden ist. Aber er will nicht, der eigensinnige Bock!« rief sie, eine Faust machend. »Eigensinnig wie der arme Sünder, der an den Galgen soll und will nicht!« rief höhnisch der Vater. »Warum wollen Sie denn nicht unterschreiben, Vater?« frug Philipp Emanuel, ein Auge nach der Tür werfend, denn noch viele unglückliche und streiterfüllte Familien warteten auf ihn. Großjohann erwiderte nichts. »Ganz verbissen sehen Sie aus, Vater, und verstockt sind Sie. Wie heißt es in der Heiligen Schrift: Wehe die verstockten Herzens . . .« – »Bleib mir mit deinem Gefasel vom Leibe!« knurrte ihn Großjohann zornig an. – »Gefasel? Die Heilige Schrift und Gefasel? Da rühren wir an die Wurzel des Unglücks!« rief der Sohn, und seine Augen flammten. Seine Nüstern waren gebläht vor Eifer. »Wie kann in einem Hause Friede und Wohlstand sein, wo man sagt, Gottes Wort sei Gefasel?« rief er entrüstet. »Nein, deine Worte sind Gefasel, nicht Gottes Worte, deine, Flippens Worte sind Gefasel!« schrie zornig Großjohann, »das sage ich, und dabei bleibe ich, sonst marsch mit dir zum Tempel hinaus, man sieht dich ja sowieso selten genug.« 299 Als Philipp wieder den Mund öffnete, schrie Großjohann außer sich: »Schweig! Ich habe genug von dir! Schweig! Ich befehl's dir, ich, der Vater!« Um Philipps Lippen zuckte es, und er sagte langsam: »Ich weiß nicht, ob ein Diener Gottes schweigen muß, wenn . . .« – »Wenn der Vater es ihm befiehlt?« rief Großjohann; »wenn der Vater es ihm befiehlt, meinst du, braucht der Sohn, der es durch Fleiß und Schweiß des Vaters zum schwarzen Rock gebracht hat, daß das Volk ihn einen Herrn nennt, nicht zu schweigen, meinst du? Meinst du das wirklich? O mein Söhnchen, wenn aus deinem schwarzen Kaplansrocke der violette eines Prälaten und aus deinem schwarzen Barettchen der rote Hut eines Kardinals geworden sein wird, und ich sage dir: schweig! so schweigst du, oder ich schlage dich mit meiner Faust nieder! Ah, Flipp! Du täuschest dich doch nicht über deinen Vater? Und wenn du glaubst, dein Vater kennte die Bibel nicht, indem sein Vater ihn nicht lernen ließ wie ich dich und ihn nicht einen Herrn werden ließ, sondern zu ihm sagte: ich habe mit meinen Händen gearbeitet, arbeite auch du mit deinen Händen – wenn du glaubst, dein Vater kennte die Bibel nicht, so irrst du gewaltig, mein Söhnchen! Du wirst ja Schriftgelehrter sein, aber in eine Prüfung, wer den Geist am besten erfaßt hat, will ich mit dir alle Tage eintreten. Ich kann dir auch mit Stellen dienen von der Zunge, die widerspricht und ausgerissen werden, und von der Hand, die sich erhebt und verdorren soll! Nein, Philipp, mein Sohn, es taugt nicht, andere Menschen unterschätzen, selbst seinen Vater nicht! Du hast uns nun von deiner kostbaren Zeit wieder eine Viertelstunde geopfert, und so will ich dich auch 300 dafür belohnen, denn Großjohann hat sich noch niemals lumpen lassen, auch nicht vor seinen Söhnen, und dir etwas mitgeben, aus dem selbst du Schriftstarker noch lernen kannst: Halte niemals andere Leute für dümmer als du selbst bist, dann wirst du sehr klug sein.« Großjohann schritt im Zimmer auf und ab. Gabriel, der stumm im Winkel saß, blickte voll heimlichen Stolzes auf den Vater. Frau Franziska raschelte mit dem Papier und tunkte die Feder zum wievieltenmale in die Tinte. Philipp stand noch immer an seiner Stelle, ein feines Lächeln um die dünnen Lippen, und schwieg. Er nahm auch sein Barett in die eine Hand, während die Finger der andern in der Westentasche immerfort leise den goldenen Uhrdeckel einschnappen machten. »Also unterschreib jetzt!« sagte Franziska, da niemand sprach. »Und nun will ich dir auch sagen, Philipp, warum ich nicht unterschreibe. Damit du nicht deinen Vater für einen Verrückten hältst. Hinter meinem Rücken haben deine Mutter und Gabriel verhandelt. Haben einen Käufer gesucht. Bin ich noch der Herr im Hause? Der Inhaber der Firma? Was heißt denn das in der Geschäftswelt? Das heißt: der Alte kann nicht mehr. Das heißt, einen Geschäftsmann lebendig begraben. Ich weiß, was du sagen willst, Franziska. Wenn auch mal augenblicklich kein Geld da ist, der alte Gott hat uns bisheran nicht verlassen. Du bist eine Frömmlerin, aber mein Gottvertrauen willst du mir nehmen.« – »Deinen Mangel an Entschluß, dein Gehenlassen, deine Träumereien und vor der Gefahr den Kopf in den Sand stecken nennst du 301 Gottvertrauen!« sagte hart Franziska. – »Rede du nicht von Männersachen!« rief Hermann Großjohann, »nun erst recht nicht! Und wenn alles drunter und drüber geht! Ich will doch Herr im Hause sein und wenn auch nur, um den ganzen Bettel zusammenzustoßen! Nun erst recht nicht, sag' ich!« »Wollen Sie Herkules um Geld bitten, Vater? Befehlen Sie, und ich drahte ihm sofort. Er wird es geben«, sagte Gabriel. – »Ah, der Zirkusreiter«, flüsterte Philipp, und ein verächtliches Lächeln spielte um seine Lippen. »Ich will auch kein Geld von Herkules nehmen,« sagte Großjohann, »die Eltern sollen nie Geld von ihren Kindern nehmen, das gedeiht nicht.« »Was also dann?« frug Gabriel. – »Ich unterschreibe nicht!« – »Das nennt man eigensinnig, das nennt man verstockt sein«, sagte gelassen Gabriel. Das biblische Wort Verstocktsein schien Philipp als einem geistlichen Herrn Stichwort zur Rede zu sein, aber Gabriel schob ihn sanft wider die Türe und sagte leise: »Laß mir das. Du wirst sicher noch viel zu tun haben. Es gibt noch soviele Seelen zu retten.« Philipp Emanuel setzte sein Barett auf und ging eilig hinaus, denn noch manche streitsüchtige Familie wartete auf seine Vermittlung, und es waren noch viele Seelen zu retten. Die Schöße seines langen Klerikerrockes flügelten hinter ihm her. Emanuel aber heißt: Gott sei mit uns! »Unterschreib doch, Hermann!« Frau Franziska tauchte wieder die Feder ein. »Ich unterschreibe nicht!« rief Hermann Großjohann und hob die rechte Hand auf, »ich schwöre , daß ich nicht unterschreibe!« 302 »Lassen Sie, Mutter,« flüsterte danach Gabriel, »es hat keinen Zweck. Lassen Sie.« Die Mutter ging hinaus. In der Tür wandte sie sich um. »Das Unglück, das du über mich und meine Kinder bringst, du verruchter Mann, sei über dir!« – »Ich werde es zu tragen wissen.« »Vater,« sagte Gabriel, als die Mutter fort war, »wollen wir heute abend noch mal ausgehen?« Der Vater schaute ihn aus der Ferne und wie von oben herab an. »Wohin ausgehen?« frug er. – »Sie wissen schon«, meinte der Sohn. – »Nichts weiß ich«, behauptete eigensinnig der Vater. »Aber natürlich wissen Sie. Ins ›Himmelreich‹. Der Wirt Peerenboom ist auch aus seinem Weinberg wieder da.« – »So, Peerenboom ist wieder da?« sagte Großjohann mit plötzlich veränderter Stimme, die wie ein neues Kapitel klang, »das freut mich. Der Mann ist eine Gottesgabe. Zu seinem guten Wein seine guten Sprüche, die gehören zusammen! Ja, da geh ich gerne hin.« – »Also heute abend!« – »Gut!« Das »Himmelreich« war das uralte Weinhaus in der engen steilen Straße an der Pfalz, die als »Wasserstraße« am Flusse unten begann und als »Pfalzstraße« den alten Stadthügel erklomm. Die Frauen der Stadt nannten das Himmelreich des unbeweibten Wirtes Peerenboom wegen »den dürren Birnbaum« und fügten hinzu: »Am Birnbaum wachsen keine Trauben!« worauf die Männer begeistert von den »Sieben Himmeln« sprachen. »Nun habe ich dir zugeredet und bin so liebreich zu dir gewesen,« sagte die Frau, in Tränen ausbrechend, »aber es ist wie Mutter selig sagte: Setz' den Frosch auf einen goldenen Stuhl, er springt immer wieder in seinen 303 Pfuhl.« – »Nichts verschwenden,« sagte der Mann, indem er den Hut aufsetzte und einen letzten Blick in den Spiegel warf, »sparsam auch mit Tränen sein, es ist Salz drin.« – »Saufaus!« rief jetzt zornig die Frau. Aber der Mann entgegnete ruhig: »Es ist nicht alles Butter, was die Kuh gibt, sagte die Magd, als sie in einen Fladen trat«, öffnete die Türe und schloß sie leise hinter sich zu. Solche ehelichen Gespräche waren häufig abends zwischen acht und neun Uhr in der Stadt. Nur Frau Franziska sagte nichts, sie duldete und schwieg, denn sie verachtete ihren verkommenen Mann. Vater und Sohn Großjohann traten in die Schenkstube und hängten Hut und Überkleider an den Krampen auf. Dann suchten sie, die Hände reibend, bedächtig nach einem behaglichen Orte. Die Dielenbretter waren von den Schuhen ganzer Männergeschlechter ausgetreten, die Augen im Holze standen hervor, und in den Mulden lag weißer Sand. Hier und da saß ein stiller Zecher an einem blankgescheuerten Tische. Nur selten war eine Gesellschaft von zweien, und auch dann war ihr Gespräch nur Gemurmel. Alte Bilder und Stiche aus der Geschichte der Stadt und des Landes hingen an der Wand, von Heiligtumsfahrten und Kaiserkrönungen erzählend. In einem Winkel setzten Großjohanns sich nieder. Als sie nun eine Weile gesessen, sich sozusagen eingeschaukelt hatten, kam ein freundliches Mädchen und brachte fürs erste zum Durstlöschen einen kleinen Wein. Der Wirt, Herr Peerenboom, sorgfältig gekleidet in schwarzem Gehrock und grauen Beinkleidern, ging zu dem Gaste, auf dessen Gesichte er las, daß er eine 304 Ansprache gern hätte oder einen Zuspruch brauchte. Besonders gern ging er zu denen, auf deren Gesichtern er noch die Wolken des Streites mit der Ehefrau bemerkte. Sah er aber, daß ein Gast lieber für sich blieb, allein mit sich und seinem Gotte im Glase, so nickte er ihm nur zum Gruße von ferne zu. Die Dielen knarrten unter dem Gewichte seines großen Körpers, als er zu Großjohanns trat, nachdem er gesehen, daß sie sich sozusagen eingeschaukelt, wirklich Platz genommen hatten und schweigend saßen. »Wo bist du denn die ewige Zeit gewesen, Großjohann?« frug Peerenboom sich setzend, »ich hätte dich fast ausschellen lassen.« – »Ich bin eine gewohnte Taube. Ich komme von selbst zurück«, erwiderte Großjohann. »Und wo waren Sie denn, Herr Peerenboom?« – »Ich war den Sommer über in meinem Weinberg. Nun, wie steht denn das Leben? Du scheinst mir trübselig, Großjohann? Kummer daheim? Ach, was ich mit diesem Jammer kämpfen muß! Was ist, Großjohann?« – »Das Weib!« sagte dieser dumpf. – »Jaja, das Weib! Ich weiß! Aber nicht krummnehmen! Es gibt nur eine böse Frau auf der Welt, doch jeder glaubt, er hat sie.« – »Wer den Teufel zum Freund hat, hat die Hölle umsonst«, sagte Großjohann der Ältere. – »Was, auch die Kinder? Auch die Kinder nicht über den Kopf wachsen lassen, Großjohann!« »Meinen die Herren auch etwa mich?« frug der Jüngere gutmütig. – »Wenn man sagt husch husch, meint man die Hühner alle«, sagte Herr Peerenboom kühl. – »Jung bei jung und Alt bei Alt, sagt das Sprüchwort,« entgegnete Gabriel, »denn was jung 305 ist spielt gern und was alt ist brummt gern.« – »Willst du es aufnehmen, junger Mann? Vögel, die früh singen, kriegt die Katz'.« Denn es war dem Wirte nicht um neue Gäste zu tun. »Laßt es gut sein, Peerenboom, Gabriel ist der Schlimmste nicht. Er ist nur der Sohn seiner Mutter.« – »Lassen Sie die Mutter aus dem Spiele, Vater«, sagte Gabriel ernst und leise. Das gefiel Herrn Peerenboom, da erhielt auch er seinen Teil. »Greift nicht in anderer Leute Topf, Herr Peerenboom, es könnte ihr Nachttopf sein«, sagte Gabriel. »Gut gesagt, junger Mann, ein bißchen kräftig, aber das hast du gut gesagt,« lachte Herr Peerenboom, »Kinder, laßt uns einen auf die Lampe schütten, sie geht aus.« Er winkte dem Mädchen, das ihm Wein brachte. Sie tranken sich zu. »Was hast du eigentlich für einen Beruf, junger Großjohann? Keinen? Junger Mann, das gefällt mir. Wißt ihr Großjohanns auch, was für einen Beruf ich habe?« – »Nun, Wirt«, meinten sie. – »Ja schon,« sagte der Wirt, »aber ich hatte doch auch einen andern. Der Vater war vermögend, er hatte vom Großvater her das gute Weingeschäft, und er meinte nun wie alle Väter, er müsse seinen Sohn etwas Besseres werden lassen, als er selbst war. Und ich habe es denn bis zum Referendar gebracht. Und wer es zum Referendar erst hat gebracht, der steht auf der Leiter zur höchsten Macht, kann Richter oder Minister werden, denn Streben ist jetzt die Losung auf Erden, besonders in Deutschland. Denn Beruf, das heißt bei den meisten Leuten doch Titel oder Macht oder 306 Geld. Und am liebsten alle drei zusammen. Bildung erwirbt sich doch gemeinhin einer nur, um damit zu glänzen oder dadurch eine Würde zu erlangen. So strebt und schafft denn alles, und der Reichtum des Volkes mehrt sich und die Macht des Reiches. So etwas hat man nie gesehen in der Welt. Der Engländer ist uns darum auch mächtig gram. Doch das täte nichts, dem zum Trotze erst recht, wenn es nicht auf Kosten unseres besten Wesens ginge. Zeit, ein schönes Buch zu lesen, hat kaum ein Mann von heute, jeder ist eilig und hastig. Die ganze Zeit ist außer Atem gekommen. Das nimmt kein gutes Ende. Sich zu bilden lediglich aus Freude an der Bildung, weil es den Geist bereichert und das Herz veredelt, wer kennt das noch? Den Beruf haben, aus sich einen schönen klugen gütigen Menschen zu machen, das, sagen sie, ist kein Beruf. Da sagte ich zu meinem Vater – Gott hab' ihn selig, er verdient es –: Vater, was soll ich einem Amte nachlaufen und mich an einen goldenen Galgen hängen? Laß mich deine Weinwirtschaft übernehmen. Das ist keine Kleinigkeit. Da habe ich Zeit, über mich selbst nachzudenken und mal ein gutes Buch zu lesen. Und ich faß das so auf, Vater, sagte ich, daß ein guter Wirt sozusagen der Seelsorger der Männer sein muß, mit Anspruch und Zuspruch, die Frauen haben die Pfaffen. Der Vater sah mich an und schwankte, denn er war auch von der Zeit angesteckt – es war in den achtziger Jahren, als das gewaltige Arbeiten anfing und das viele Geld in Deutschland war. Am nächsten Tage trat ich beim Gericht aus, und als ich es dem Vater sagte, meinte er: es ist geschehen, sagte das Mädchen, man kann nicht noch mehr dran verderben. Der gute 307 Vater! Er wußte immer so rechte Sprüche. Das freut mich, Großjohann, daß du deinem Sohne ein Vater bist wie meiner mir war. Und ich lobe dich besonders deshalb, weil du's in dieser Stadt und weit ins Land hinaus zu Ehre und Macht in der Welt gebracht hast. Sollst leben, Großjohann!« »Ich danke Euch, Peerenboom. Ja, Ehre und Macht – aber schließlich, was ist das? Das letzte Haus, das auch der größte Städtebauer bezieht, hat der Zimmermann aus sechs Brettern zusammengeschlagen.« – »Hast recht, Großjohann, in einem gewissen Sinne muß man die Welt verlassen, um in ihr heimisch und an ihr froh zu werden. Das ist eine Art Mönchsein. He, Berta, hör' mal!« Er winkte das Schankmädchen heran und flüsterte ihr zu: »Da drüben im Winkel der Herr – nicht hingucken! – der hat genug. Schenk' ihm nichts mehr ein, sag', der Rote ist alle. Ich setz' mich gleich zu ihm und zieh' ihn von der Flasche. – Zuviel ist zuviel«, wandte sich Peerenboom wieder an die Großjohanns. »Ich habe in meinem Leben nur einen einzigen Katzenjammer als Student gehabt, aber der hätte mir fast den Wein für ewig verleidet. Trinken ist eine männliche Kunst und erfordert einen ganzen Charakter. Ich mag die Schwächlinge nicht, die sich betrinken und den Wein in Verruf bringen. Der Aschermittwoch ist der beste Tag für die Pfaffen. Und eh ich einen windschief nachhause gehen lasse, eher halte ich ihn da und laß ihn hinten im Kämmerchen sich ausschlafen.« Herr Peerenboom ging. Großjohanns waren nicht mehr bei ihrem ersten kleinen Weine. Der grobe leibliche Durst war gelöscht, jetzt galt es, den feinen 308 geistigen zu stillen, den göttlichen leichten Rausch zu gewinnen, in dem schwarz nicht mehr schwarz, schwer nicht mehr schwer ist und der Augenblick bei der Ewigkeit vom Zauber leiht. In dem unmöglich schon vielleicht und vielleicht bereits sicher heißt. In dem die Welt überall weit ist wie am Meerstrande und die Luft leicht wie auf Alpengipfeln, daß die lustbeschwingte Seele sie spielend durchflügelt. Herr Peerenboom kam zurück, brachte eine staubige Flasche und setzte sie vor Großjohanns hin, wobei er ein Auge zudrückte, was hieß: Nur für Kenner! Nur für euch! Und er sagte leise: »Aus meinem eigenen Berg! Kein König und kein Kaiser bekommt davon! Ich trinke ihn allein. Der Fürst von Oldenburg war da, er wollte von meinem berühmten Weine trinken, aber er bekam nur einen kleineren Jahrgang. Aber ihr sollt meinen Jahrgang haben, weil ihr Großjohanns seid.« Dann ging er zu dem Herrn im Winkel. Alle Tische waren besetzt. Besetzt mit einem oder höchstens zwei Trinkern. Feierabendstimmung erfüllte den alten Raum. Selbst einige Studenten des Baufaches, die da saßen, verhielten sich ruhig. Fast alle die Herren, die da hinter ihren Gläsern träumten, waren, wie ihre Halsbindennadeln durch Lot und Winkel verrieten, aus dem Baugewerbe, und die meisten waren Lastträger des Lebens. Da saß Schröder mit seiner dicken Brille, da saß auch der Makler Silberzahn mit seiner weißen Weste und den schmutzigen Fingernägeln. Auch Bekannte hockten nicht beieinander, sie begnügten sich, von Tisch zu Tische sich zuzunicken, und im übrigen vermählte sich jeder für sich mit dem blonden sorgenlösenden Gotte. 309 Der Gott in dem verstaubten Glashause vor den Großjohanns kämpfte siegreich gegen ihre Schwermut. »Schließlich ist alles eins,« sagte der Vater, »jedes Haar, das vor der Zeit weiß wird, ist eine Sünde wider die Jahreszeiten des Lebens.« – »Schließlich lebt man,« meinte Gabriel, »und Kaiser Karl ist schon lange tot. Ihnen zur Gesundheit, Vater! Im Himmel soll es zwar keine Wechsel und Zinsen, aber auch keinen Wein geben.« – »Zum Wohlsein, Junge! Die Wechsel hat der Teufel erfunden, aber der Teufel ist auch nur für den schwarz, der an ihn glaubt.« – »Ganz recht, Vater. Nicht kleinkriegen lassen! Spielen mit uns kann am Ende doch nur einer, das ist der Bub des Totengräbers, der im Jahre 2000 mit unseren Schädeln Ball spielt.« – »Ha, kleinkriegen lassen!« meinte der Vater. »Da halt' ich es mit dem Edelmann, der sagte: Verhungern? Ne, eher eß ich Brot mit Käse.« Gabriel lachte laut auf. So philosophierten sie – und der Gott half wacker mit – Vater und Sohn, doch nicht so heftig hintereinander. Dazwischen lag manch innige Kommunion mit dem Gotte am Glasrande, mancher wohltuende Seufzer und manche gewichtige Pause, verklingen zu lassen und zu sammeln. »Man soll nicht alles zu schwer nehmen«, sagte der Jüngere, vom Wein ermutigt, zu sich selbst; »schwer ist doch schließlich nur die Erde über dem Lebendigbegrabenen.« »Schwer muß auch sein,« meinte der Vater, »auf dem Seile tanzen, und in dieser Stadt kann es doch nur einer, und das ist wieder ein Großjohann. Berta, bringen Sie mir mal eine Ansichtskarte, bitte, mit dem Pfalzbrunnen und dem grünspanenen 310 Kaiser, wir wollen an Herkules in Amerika einen Gruß schreiben«, vollendete er gegen Gabriel. – »Das ist recht, Vater. Das wird ihm zeigen, daß Sie ihm nicht mehr böse sind. So, nun auch meinen Namen darunter. Sie haben einen schönen Namenszug, Vater, ich hab' ihn immer bewundert.« – »Wenn wir nicht selbst etwas aus uns machen, die anderen tun es sowieso nicht«, sagte der Vater im Schreiben. – »Und da Sie nun einmal beim Schreiben sind, Vater – da ist auch das Schriftstück des Notars, das noch unterschrieben werden muß.« – »Also heran damit!« rief Großjohann. Gabriel zog das gefaltete Schriftstück aus seiner Brusttasche, und der Vater setzte mit sichtlichem Wohlbehagen seinen langen schönen Namenszug darunter. Gabriel nahm es wieder an sich und versenkte es in die Tasche. »So, und nun fort die Schreiberei!« rief Gabriel. »Berta, noch einen Liter!« 311   Dreizehntes Kapitel Das Haus Wetter Püh!« sagte der alte Diener Peter, in die Gesindestube tretend, »das gibt ein Unglück so sicher wie Amen im Gebet.« Die Tür ging wieder auf, und der junge Diener Hubert trat herein. »Schwül ist das im Haus, als ob der Blitz einschlagen wollte«, sagte er. »Das ist ewig schade,« sagte die Köchin Barbara, ihre dicken roten Arme auf die weißgescheuerte Tischplatte legend, »daß die Herren Grafen sich nicht vertragen.« »An meinem Grafen liegt das nicht,« sagte Peter, »der tut sein Bestes. Wenn er auch augenblicklich etwas kränklich ist, der Arme! Bei seinen 25 Jahren ist das schade genug.« »Aber mein Graf, der ist ein Jüngling bei seinen 65!« prahlte Hubert; »der ist noch die reine Gerte, trotz seinem weißen Barte. Der hat noch Kraft in den Ärmeln.« – »Jawohl, der haut dir noch eine hinter die Löffel, wenn's nottut!« sagte Peter. »Das tut nun mein Graf nicht. Der ist taktvoll und läßt unsereins wirtschaften . . .« – »Jawohl, er fragt dich: Peter, was für ein Hemd zieh' ich heute an? Oder: meinst du die blaue oder die gesprenkelte 312 Binde? Oder: Peter, gib mir ein Taschentuch. Oder: Peter, putz' mir mal die Nas'.« – »Bei uns oben«. setzte Peter unbeirrt fort, »ist es vornehm und still . . .« – »Das ist wahr!« ließ sich Barbara vernehmen, »da wird nicht spektakelt und rumort wie unten. Das ist wahr!« »Das ist wahr!« bestätigte auch Hubert, »der obere Stock ist wie eine Totenkammer, ich sag' es wie es ist. Da passen ich und mein Graf nicht hin. Wir lieben das Leben und die Fröhlichkeit . . .« – »Der Lümmel tut ja gerade,« sagte Peter, »als ob sein Graf jeden Mittag mit ihm anstößt! Hat sich was! Ja, er stößt ihn gelegentlich an, daß er sich, er weiß nicht wie, in der Kammerecke findet.« – »Hihi«, kicherten die Mädchen. – »Wenn wir oben essen . . .« fuhr Peter fort. – »Wir?« höhnte Hubert, »du alter Speichellecker tust so, als ob dein Graf zu dir sagte: Aber bitte, Herr Peter! Greifen Sie doch zu, Herr Peter! Noch ein Glas Madeira gefällig? Und dabei läßt er ihn hinter seinem Stuhl stehen, daß ihm sein altes Gestelle wackelt, wenn er langsam seine schwachen Süppchen löffelt, ich sag' es wie es ist.« – »Oho, die Süppchen sind nicht schwach, die Süppchen mach' ich!« mischte sich die Köchin ein. – »Oder seine Milch trinkt!« redete Hubert unerschrocken weiter, »bei euch riecht es schon rein wie zuhause in der Milchkammer . . .« – »Oho, sag' das nicht!« rief Christine, »da lüfte und fege ich!« – »Ach nein, mit der leckeren Christine werd' ich's doch nicht verderben,« meinte eifrig Hubert, »nur von wegen der Milch, mein' ich. Und überhaupt, ein Mädchen mit solchen Milchwecken!« schmeichelte er im Hinblick auf ihre Büste. – »Halt dir die Ohren zu, Christine,« 313 befahl die Köchin (Christine tat es, errötete und sah Hubert dankbar an) »so was darfst du nicht hören«, kam's noch hinterdrein, denn die Dicke brauchte Zeit. – »Ja freilich, mit der Barbara kann sich Christine nicht messen . . .« fuhr Hubert fort. – »Nun halt dir auch die Ohren zu, Mutter Bärb!« rief das andere Mädchen. – »Ich weiß, was ich zu tun habe, Marie«, entgegnete Barbara, errötete und sah Hubert strahlend an; »aber ich würde dir Hungerleider Hubert nicht erlauben, davon zu kosten, weißt du!« – »Oh, das braucht der auch nicht! Der findet andere Läden mit frischeren Wecken!« prahlte Hubert. – »Oho! Oho!« riefen Christine und Marie zu gleicher Zeit. – »Ich habe doch nichts gesagt,« tat Hubert unschuldig, »aber auch rein gar nichts gesagt, ich sag' es wie es ist! Was meint ihr Mädchen denn nur?« »Hubert ist kein feiner Mann«, erklärte Peter. – »Ach, Peter,« mischte sich Christine ein, »schweig du nur; immer hast du an Hubert herumzudoktern.« – »Sieh mal einer die Christine an!« flötete Peter. »Das ist mir ja ganz neu! Die beiden stecken unter einer Decke!« »Ich wollt', es wär' so«, seufzte Hubert. – »Daß du mir aber jetzt deine Klappe hältst, Hubert«, fuhr Christine diesen an. »Da ist alles in Ordnung, da kannst du ruhig schlafen,« wandte sich Marie an Peter, »ich schlafe mit Christine zusammen.« – »Als ob das was beweisen tät',« warf Hubert dazwischen, »da würde ich auch nicht gleich verlegen dastehen; wenn ihr nur die Tür aufmachen wolltet!« – »Nun ist's aber genug mit dem gotteslästerlichen Zeug!« rief Barbara. 314 »Wenn uns ein Fremder hörte, sollte er glauben, wir hätten Streit, Kinder. Wir vertragen uns doch gut! Wir leben doch rein wie im Paradiese! Guter Lohn und gutes Essen, und die Behandlung ist auch gut, denn der Hubert kriegt die Ohrfeigen für uns alle zusammen . . .« »Pst! Hört ihr was? Hört! Habt ihr was gehört?« unterbrach Peter, der an der Tür stand. – »Nein, nichts«, versicherten sie leise. – »Mein Graf kommt die Treppe herunter«, flüsterte er. – »Was? Wie?« frugen sie. – »Das hat was zu bedeuten!« sagte halblaut Hubert. »Freilich hat das was zu bedeuten,« versicherte volltönig Peter, »wenn mein Graf die Treppe hinuntergeht. Der verläßt nicht mir nichts dir nichts unser Reich da oben.« Hubert legte das Ohr an die Tür: »Wahrhaftig, dein Graf geht zu meinem Grafen . . . ! Er steht an der Tür . . . ! Er wartet . . . ! – – Jetzt kehrt er um . . . er hat Angst!« lächelte Hubert. »Komisch mit dem Herrn Grafen und mit dem Sohne,« sagte die Köchin und drehte die Kugel ihres Kopfes auf dem Ei ihres Leibes langsam hin und her, »komisch! Wie Katze und Hund! Sie können sich nicht riechen!« »Was haben sie denn nur?« frugen neugierig über den Tisch sich vorneigend die Mädchen. – »Was geht das euch an!« schnarrte Peter mit fast heiserer Stimme. »Wie lange seid ihr hier? Ein halbes Jahr! Ein Jahr! Was ist denn das? Ihr werdet entlassen und sucht was Neues. Ihr fliegt durch alle Küchen und Schlafzimmer der Herrschaftshäuser herum. Wo habt ihr nicht schon überall gedient? Daß ihr die 315 Ehre unseres Hauses, wenn ihr hier entlassen werdet, auf die nächste Stelle schleift . . .« »Die Mädchen werden nicht entlassen,« unterbrach ruhig die Köchin, » ich bin mit ihnen zufrieden. Da könnt ihr ruhig reden. Und daß ihr mir den Mund haltet, Mädchen!« rief sie. – »Aber sicher! Aber sicher! Wir reden überhaupt niemals!« »Die Herren Grafen vertragen sich nicht«, begann Peter vorsichtig. – »Als ob wir das nicht schon wüßten!« riefen überlegen die Mädchen. – »Na, und so . . . Das ist es!« schloß bereits Peter. »Das ist es! Und noch viel mehr ist es!« fielen die Mädchen ein. »Der eine wohnt oben und der andere unten, jeder wie ein Tier in seiner Höhle. Jeder ißt für sich, wie die Hunde ihre Knochen in eine Ecke tragen.« – »Das schickt sich nicht, die Herren Grafen mit Hunden zu vergleichen, Christine!« tadelte Peter. »Hä, da gibt es sicher noch ganz was anderes!« rief Marie aus. »Wißt ihr nicht, ob der alte Herr Graf . . . er ist nicht so! Er ist eigentlich noch ein ganz junger Mann! Gelegentlich kommen junge Damen zu ihm . . .« »Jesses mein!« entrüstete sich langsam Barbara, »was so ein unschuldiges Ding nicht alles weiß und sich denkt! So jung und schon so verdorben, Marie?« – »Hä, man hat doch zwei Augen und denkt sich was«, rief diese naseweis. »Da war doch neulich ein Fräulein da . . . elegant, schick, alles was recht ist. Ein Kleiderstöffchen, sag' ich euch! Ich war gerade unten. Der Herr Graf war riesig nett zu ihr.« – »Das war Fräulein Merlin,« sagte Hubert, »ich öffnete die Türe, und da war sicher nichts dabei.« 316 Barbara legte in einer Weise, die etwas bedeutete, ihre roten Arme gekreuzt auf den Tisch und drückte die Finger in das Fleisch, daß die Nägel rot und die Gruben im Fleische weiß wurden. Sie sagte bedächtig und sah dabei wie im Einverständnis Peter an: »Wie nun, wenn das unsere Schwiegertochter wäre?« – »Schwiegertochter? Ha!« riefen die drei jungen. Peter sagte nichts. »Nein, so was!« machte sich Hubert aus dem Chor der Mädchen los, »auf den Gedanken wär' ich nicht gekommen.« – »Schwiegertochter! Schwiegertochter!« riefen entrüstet die Mädchen, »das ist ja unerhört! Er müßte sich doch schämen!« »Wieso schämen?« frug Peter. – »Wieso schämen?« frug auch Barbara. – »Versteht ihr das denn nicht?« lachten die Mädchen und kicherten miteinander. »Ich versteh' das nicht«, gab Peter fast beschämt zu. »Das Fräulein ist ja ganz nett, und sie hat auch letzthin, als sie da war, den Tag geboten, aber schließlich – für eine Frau Gräfin müssen wir doch größere Ansprüche machen.« – »Und die Schande: Sie will ihn gar nicht mal!« rief Marie. – »Was, meinen Grafen?« sagte Peter zornig.– »Ja, deinen Grafen. Sie will ihn nicht. Sie sprechen doch alle davon, daß da mit dem jungen Großjohann was ist«, erzählte Christine. »Ja, das sagt man,« nahm Barbara das Gespräch an sich, »diese Großjohanns! Wieviel Dienstpersonal haben die eigentlich? Habt ihr davon was gehört? Und da bildet sich einer von denen ein, das reiche und vornehme Fräulein Merlin zu kriegen, und da sticht er noch unsern Grafen aus!« 317 »Ich verstehe das alles nicht«, sagte Peter wieder, das greise Haupt schüttelnd. – »Nicht? Noch immer nicht?« kicherten die Mädchen und stießen sich gegenseitig mit dem Ellenbogen an. – »Also, so sprecht denn auch einmal, was ihr versteht,« befahl Barbara, »laßt eure grüne Weisheit hören.« »Nun,« sagte Marie, »das ist doch sehr einfach. Unser alter Herr Graf will die Schwiegertochter einfach für sich.« – »Was?« entrüsteten sich die drei Gesetzten, und Barbara frug: »Verstehst du das, Peter?« – Peter erwiderte: »Ich versteh' das nicht.« – »Ja, was denn? Was tut ihr denn groß? Was ist denn dabei?« nahm Marie auf. »So mein' ich das nicht, wie ihr das meint. Der Junge soll sie heiraten, damit der Alte sie hat. Der Alte hat einfach seinen Johannistrieb. Es ist kein Hund so alt, er geht noch immer gern auf die Jagd. Mein Gott, er ist doch auch schon so lange Witwer. Und wenn er sie nicht als Frau haben kann, dann ist es doch besser, sie wenigstens als Schwiegertochter zu haben. So 'ne feste junge Person haben die Alten gern, nicht wahr, Christine, das haben wir zwei oft genug erfahren. Auch der unsere! Die Stimme der Jungen geht einem durch und durch, sagen sie, nicht wahr, Christine? Und so 'ne Junge schleicht wie'n Kätzchen durchs Haus, sagen sie, nicht wahr, Christine? Und fühlt sich so geschmeidig an, 'ne Schwiegertochter darf man als Papa doch mal anfassen, nicht wahr? Darf sie mal um die Hüfte kriegen, nicht wahr? Jesses nein, was die Alten nicht alles sagen! Und so 'ne junge Frau riecht so gut, sagen sie . . .« Peter und Barbara sperrten stumm und blaß vor Staunen den Mund auf. Barbara war sogar 318 aufgesprungen. Hubert lachte: »Jaja, die Marie, die hat den Verstand mit Löffeln gegessen. Ich sag' es wie es ist.« – »Nun aber genug!« rief Barbara. »So ein grünes Ding! Und schon so überfaul! Diese Jugend von heute! Begreifst du das, Peter?« – »Nein, so was versteh' ich nicht«, entschied Peter. – »Pst, da kommt er wieder herunter, der Junge . . . !« rief Hubert, an der Tür horchend.   Oben hatte sich eine Tür geöffnet, Alexander stand hoch und schmal darin. »Wie dumpf ist es hier!« dachte er und ging eilig durch den Flur, in dem es nach Wachs, Blumen und den unbestimmten Gerüchen eines alten Hauses roch. Er trat an die Balkontür und öffnete sie, schlug sie aber gleich wieder zu. Draußen lag die Vormittagssonne auf dem Hause und der Straße. »Wie eine Mauer steht das Licht da,« dachte er zusammenfahrend, »eine Mauer mit Schwerterspitzen.« Verhängt mit Teppichwerk waren die Fenster. Er griff mit gekrümmten Fingern an die Schläfen, die weiß, blaugeädert und leicht eingefallen waren, wie es bleigefaßte Kirchenfenster sind. Seine Schläfen schienen durchsichtig, man meinte fast, durch sie in sein Gehirn zu schauen und die Gedanken arbeiten zu sehen. Graf Alexanders Auge fiel auf eine gemalte Ahnentafel, auf der die Familie durch einen Baum versinnbildet war. Ein Schildchen gleich einer Blüte hoch oben am Baum in der Ecke der Tafel berichtete auch von ihm, denn der Vater hatte die Malerei bis auf den Sohn fortsetzen lassen. Für seine Fortpflanzung aber war kein Raum mehr – »Es soll mir ein Sinnbild sein,« dachte Alexander, »daß die Tafel unserer Familie vollgeschrieben 319 ist. Es ist gut so. Warum das Leben fortpflanzen, wenn es sich nur in Kraft und Roheit fortpflanzen läßt. Sie sagen, es sei gesund. Ich danke für diese Gesundheit! Es ist besser, einmal ein Ende zu machen und wenigstens in sich dieses häßliche Leben durch das Denken zu ersticken. Nur das Denken ist schön. Nur die Werke des Gedachten erlösen uns vom Leiden.« Er raffte sich zusammen – und schon wieder hielt er an. Dunkle Ahnenbilder hingen da an der Wand, verstorbene Herren und Damen Wetter. Da waren Ritter in Perücken und Zierrüstungen, auf denen die spiegelnden Lichter keck aufgesetzt waren. »Die Unzulänglichkeit sucht die Wirkung immer nur im Äußerlichen«, dachte Alexander. Da waren Herren mit spitzen Bärten und in spanischen Halskrausen, die schlau und fröhlich ihren späten Nachfahren anblickten. »Als wenn die Schlauheit nicht im Grunde Dummheit wäre«, dachte Alexander; »die Schlauen auf der Welt können fröhlich sein, die Klugen sind immer traurig.« Da waren geistliche Damen mit Büchern in der Hand und Äbtissinnenstäben, die rund und gesund ihren kranken Namensletzten verständnislos anschauten, und geistliche Herren mit Haarbeuteln und weißen Beffchen. »Auch solche Beruhigungen der armen Seele hat es gegeben«, dachte Alexander. Da waren Damen, tief ausgeschnitten, mit weißer Brust in rotem Scharlach und Samt, die aus gesättigten Augen ihren Blutsenkel anlachten – aber es wurde Alexander übel vom Anschauen, und er führte wieder die langen gekrümmten Finger an die Schläfen. Da war auch ein Bild in der Malweise der Mitte des Jahrhunderts, eine junge Frau 320 darstellend, von der nur Gesicht und Hände erkennbar waren, alles übrige war eingeschlagen und schien im dunkeln Bildgrunde ertrunken. Ein bitteres Lächeln spielte um die Lippen der Dame, die Hände schienen leise zu zittern, und die Augen waren warm und dunkel. Es war, als ob viel hinter ihnen läge, was sich nicht malen noch sagen noch deuten ließe. »Mutter,« flehte Alexander und rang die geflochtenen Hände, »Mutter, kannst du es mir nicht verraten? Bin ich sein Sohn? Wie oft frug ich dich das! Er ist mir in allem zuwider. Bin ich sein Sohn? Oh, daß ich's nicht wäre! Wie würde ich dich segnen! Warum starbst du so früh? Warum schweigt dein Bild? Und es scheint doch soviel zu sagen! Warum verstehe ich es nicht? Sprich! Sprich! Sieh, ich leide an ihm! Sieh, es ist nicht möglich, daß er mein Vater ist! Sieh, es empört sich alles in mir gegen ihn! Auch du hast an ihm gelitten, das sehe ich dir an. Wieviele Söhne leiden an ihren Vätern, und es muß wohl so sein!« Er lief schnell die Treppe hinunter, seinen Kopf zwischen den Händen, und stürzte in das Zimmer seines Vaters hinein, wie es die Unschlüssigen tun: einmal entschlossen springt ein Selbstmörder mit beiden Füßen ins Wasser. Die große, mit Leder gepolsterte Tür sog sich leise zu.   Die Tür der Bedientenkammer öffnete sich, und die beiden Diener kamen heraus. Nicht um zu lauschen, aber es war möglich, daß einer der beiden Herren seinen Diener brauchte. Da drinnen spielte sich etwas ab, das war »sonnenklar«, flüsterte Hubert, »und man kann nicht wissen . . . ich sag' es wie es ist.« 321 Sie schritten in ihren Filzschuhen auf dem Teppich hin und her, der eine von hüben, der andere von drüben. »Ich sag' es wie es ist,« flüsterte Hubert, als sie sich trafen, »es ist so schwül, daß die Krähen jappen, was, Peter?« Peter runzelte die Stirn, was hieß: »Schweig!« Und es hieß weiter: »Ich lausche nicht, bewahre! Aber vielleicht kann man etwas hören.« Sie nahmen wieder jeder seinen Weg auf. Peter blieb wohl einmal stehen, denn das Alter darf ja seinen Weg mit Pausen machen. Aber hinter der Ledertür war es still wie im Grabe. Jetzt trafen sie sich wieder. » Ein Kind, Peinkind! sagte meine Mutter,« flüsterte Hubert, »als sie mich mit einem Zwilling zur Welt brachte; aber der andere starb, ich sag' es wie es ist.« Peter runzelte wieder die Stirn und schritt nach einer Pause weiter. In diesem Augenblick ging die Tür auf und wurde sofort wieder zugezogen, als hätte der Dahinterstehende nur prüfen wollen, ob sie auch wirklich fest im Schlosse stand. Aber gerade fiel der Ruf des Alten heraus: »Verfluchter!« Peter fuhr zusammen. Hubert aber lachte halblaut: »Liebes Kind hat viele Namen.«   Die Ledertür hatte sich angesogen, und Graf Alexander war ins Zimmer gefallen. »Ich habe mit dir zu reden, Vater!« – »Oho!« fuhr dieser aus seinem Sessel auf, »welch eine Sprache!« Gleich einem Turme stand sein hoher breiter Körper da, er strich wollüstig den weißen Bart und wiederholte fragend und mit Behagen die dreisten Worte: »Was hat der Sohn mit dem Vater zu reden?« Schon fühlte sich dieser schwach werden und stürzte 322 darum wieder, wie ein Selbstmörder ins Wasser springt, mit wilder Unüberlegtheit in die trotzigen Worte: »Du hast mir nichts zu befehlen! Ich bin erwachsen und weiß, was ich will! Ich lasse nicht mehr mit mir handeln!« Der Vater schwieg, schwankend zwischen einem Gefühle des Unmutes und der Freude über die Entschlossenheit seines Sohnes. Das Schweigen fürchtete Alexander am meisten. Er fühlte, wie seine Knie zu zittern begannen. Er schaffte nun schnell etwas, hinter dem es kein Zurück mehr gab, indem er seine Worte zur Frechheit steigerte. »Du hast die Mutter mißhandelt!« schrie der Sohn mit verzerrtem Gesichte, denn sein Gesicht war in der Einsamkeit steif geworden. – »Donner und Doria!« brüllte der Alte. »Was zum Teufel ist in dich gefahren? Welcher Satan reitet dich denn?« Plötzlich, nach diesen beiden Schreien, war es totenstill im Zimmer. Jeder von beiden hielt den Atem an. Eine Mücke summte klingend. Der alte Graf hatte seine Zigarre in die Aschenschale geworfen. Ein Rauchfaden stieg senkrecht von ihr auf, der sich in der Höhe des Mundes der beiden Männer zu winden und zu drehen und gleich einem Kranken sich hin und her zu werfen begann. Graf Alexander fühlte, wie ihm die Führung der Rede verloren ging. Darum schrie er jetzt drein wie ein Verzweifelter: »Du hast die Mutter gemordet! An deiner Roheit ist sie gestorben! Ich habe es nie gewußt, wie roh du bist, aber ich habe es gefühlt, und darum hab' ich dich immer gehaßt. Ich wollte, ich wär' dein Sohn nicht!« Schnell griff er hinter sich, denn er meinte, die Tür nicht fest geschlossen zu haben, er öffnete sie und 323 schloß sie wieder; in diesem Augenblick war es, wo der Alte rief: »Verfluchter!« Aber der alte Graf Wolfgang hatte schwierigere Wortkämpfe in Volksversammlungen ausgefochten gegen gefährlichere Gegner als sein hysterisches Söhnchen da war. »Ruhig Blut!« dachte er, zähmte sich und frug: »Wenn das wahr wäre, was du da tobst, woher hast du diese Ungereimtheiten? Woher dieser wilde Blödsinn?« grollte er auf. »Ruhig Blut!« dachte er. »Setz' dich, mein Sohn«, sagte er in alltäglicher Weise. Aber Alexander hatte sich schon gesetzt. Er hatte sich im Reden, auf eine Stuhllehne gestützt, unwillkürlich auf die Zehen gehoben, und seine Waden und Fersen waren in ein solches Beben geraten, daß er nicht mehr stehen konnte. Er preßte die zitternden Hände wider die hämmernden Schläfe und hatte die Augen geschlossen. Graf Wolfgang zündete eine neue Zigarre am »Also,« sagte er jetzt ruhig, »woher diese Einbildungen?« – Alexander stieß ohne aufzusehen hervor: »Das Bild der Mutter . . .« Sofort ließ Graf Wolfgang die Zigarre sinken. 28 Jahre sind vergangen. Er ist ein junger, auf die Schönheit seiner Frau eitler Mann und läßt sie von einem berühmten Maler malen. Er ist eifersüchtig und wohnt allen Sitzungen bei. Nicht ein Wort können der Maler und seine Frau gesprochen haben, das er nicht gehört hätte. Und doch fühlt er, daß da zwischen dem fremden Manne und seiner Frau eine Beziehung sich knüpft, ein Verhältnis sich webt aus so feinen Fäden, daß er sie nicht greifen kann. Er ist unhöflich gegen den Maler. Aber der Künstler ist 324 unempfindlich gegen die Kränkungen eines Junkers und malt schweigend und emsig weiter. Das ist dem Grafen auffällig. Da muß etwas sein, denkt er, sonst läßt ein Mann sich das nicht antun! Der Maler malt emsig weiter. Er sieht sein Modell an, und das Modell sieht ihn an, denn der Graf ist stolz auf die schönen Augen der Gräfin und will sie in vollem Angesichte gemalt haben . . . Der Graf meint, das Bild sei fertig, aber der Maler sagt: noch lange nicht. Und malt und malt. Und malt eine Ähnlichkeit in das Bild hinein, die sozusagen weit hinter dem Bilde liegt. Obgleich der Graf nichts von Kunst versteht, meint er zugeben zu müssen, daß das Bild immer ähnlicher werde, obgleich durch das lange Malen vielleicht etwas von der äußeren Ähnlichkeit verloren geht. Endlich wird der Maler doch fertig, wird barsch entlohnt, geht und kommt nie wieder. Wetters Freund Hagelstange, damals ein junger Mann, der sich mehr in Museen als im Bankgeschäft seines Vaters sehen läßt, kommt eines Tages, lobt das Bild außerordentlich, sodaß die Gräfin errötet, und sagt, als sie hinausgegangen ist: »Du, Wetter, das ist ein großartiges Bild! Da steckt was dahinter! Nimm dich in acht vor dem Bilde!« Der Graf fragt warum und wieso, aber Hagelstange sagt: »Das verstehst du nicht? Du hast eben kein Kunstgefühl.« Falsche Scham, noch größeren Mangel an künstlerischer Bildung zu verraten, verschließt dem Grafen den Mund. Er fragt nicht und drängt nicht. Doch in der Folge steht er oft vor dem Bilde, aber das Geheimnis will sich ihm nicht enthüllen. Doch war ihm bisher die Kunst gleichgültig, so beginnt er sie jetzt zu hassen, und das Bild bekommt seinen Platz da oben im dunkeln 325 Oberflur als letztes in der Ahnenreihe. Die Gräfin wird bald darauf Mutter und stirbt. Der Graf betrauert sie aufrichtig, er hat sie geliebt, wie er es verstand und wie es seiner Natur gemäß war, einfach und derb, doch die Freude über den Stammhalter macht ihn die Trauer bald vergessen. Nur den Haß auf das Bild hat er behalten und das Mißtrauen gegen die Kunst. Aber er entfernt und vernichtet das Bild nicht, denn er ist tapfer und lacht der Gefahr. Nur der Kunst geht er als einer feindlichen Macht aus dem Wege. Bald darauf stirbt auch der berühmte Maler, und die Stadt will ihrem großen Sohne ein Denkmal setzen. Doch der im Stadtrat mächtige Graf hintertreibt es, und das Mal wird nicht errichtet. Viele Jahre sind seitdem vergangen, und alles ist vergessen: Gräfin, Maler, Bild und Kunst. Heute aber ist all das Tote wieder da! Mächtig tritt es vor ihn hin. Er ist nicht so lächerlich eifersüchtig, auch nur einen Augenblick zu denken, er könne nicht der Vater sein. Davon ist er fest überzeugt. Er kannte doch seine Frau! Sie war jung, unwissend in die Ehe gegangen, ihre Sinne schliefen, und ehe sie erwachen konnten, war sie tot. Er ist ganz sicher der Vater! Er würde ja diesen Farbenklexer zu Brei geschlagen haben! Er ist ganz sicher der Vater! Aber es beginnt ihm dämmernd aufzugehen, daß es noch eine andere Vaterschaft geben könne als die des Blutes, und »das muß dann wohl in dieser verfluchten Kunst liegen. Der Teufel soll sie holen! Ob daher diese Flatternerven meines Sohnes stammen – ich weiß nicht recht wieso? Und sollte der fremde Farbenschmierer Isabella geistig beschattet haben – ich weiß nicht eigentlich wie?« Eine späte Eifersucht gegen den toten 326 Künstler flammte in dem alten Manne auf, er wurde zornrot und doch verlegen. In diesem Augenblicke fühlte Alexander, daß ihm die Zügel des Streites wieder zuglitten, und er griff sofort danach. »Ich möchte eigentlich wissen, warum du mich drängst, Fräulein Merlin zu heiraten?« frug er. Der Vater wollte eben auseinandersetzen, daß es an der Zeit sei, und warum nicht, und so fort . . . aber der Sohn unterbrach ihn streng und sagte: »Sag' doch nicht, was ich weiß! Sag', was ich nicht weiß! Für mich willst du es doch nicht , denn du mußt sehen, daß es für mich nicht richtig wäre, eine arme Frau mit meinem verfehlten Dasein zu quälen. Nur deshalb, weil ich der Sohn des vornehmen und reichen Wetter bin? Ist das für eine Frau Grund genug, sich zu opfern? Für dich willst du es, das ist mir klar geworden.« »Für mich?« frug der Alte verwirrt. »Es ist dir vielleicht selbst nicht klar, denn ihr gesunden Menschen habt eine Art von Selbstsucht, die schrecklich wäre, wenn sie nicht naiv wäre. Also sag' mir: was willst du von Fräulein Merlin?« »Ich?« Alexander fühlte, daß er die Herrschaft ganz in der Hand hatte und ließ sie fühlen in jener rücksichtslosen Selbstsucht, wie sie den Kranken eigentümlich ist. »So will ich es dir sagen, ich habe darüber nachgedacht. Wenn ich aus mir darauf gekommen wäre, Fräulein Merlin zu lieben, und dich um die Erlaubnis bäte, sie zu heiraten, so würdest du wahrscheinlich mit Kaufmannstochter und ähnlichem kommen und tausend Bedenken des Standes geltend machen. Da du selbst sie aber liebst – . . .« 327 Der alte Graf stand langsam auf, die Röte schlug ihm ins Gesicht, er sagte aber nichts. »Du sollst sitzen bleiben,« rief Alexander, »es regt mich auf, wenn du stehst, und ich kann nicht mehr stehen. Setz' dich!« Gehorsam setzte sich der Alte. »Du liebst sie, wie alte Männer lieben, mit den Augen oder vielleicht mit den Fingerspitzen. Du staunst, denn du hast mich bisher für einen Dummen verschlissen, aber wenn ein Kranker auch fast außerhalb der Lebenden steht und selbst nichts erlebt, so hat er doch Augen zu sehen und Zeit zu denken. Ihr Gesunden seid gewohnt, vor den Kranken zu reden und zu handeln wie ihr in Gegenwart der Kinder redet und handelt, von denen ihr denkt: sie verstehen doch nichts. In eurer Einfalt denkt ihr: das versteht der Kranke nicht. So hast du auch von mir gedacht: mein Tropf von Sohn wird es nicht merken, wenn ich mich an meiner Schwiegertochter mit den Augen ein wenig erhitze und meine alten Nerven kitzele, um zu sehen, ob sie noch reizbar sind . . .« Der alte Graf seufzte schwer auf, daß es wie ein Schnauben des Zornes aus seiner Nase kam, aber der junge ließ sich nicht beirren und sprach weiter mit einem flammenden verzerrten Gesichte: »Vielleicht, vielleicht gar . . . doch dazu gehören zwei! Vielleicht gar würdest du dich entschließen, sie zu heiraten . . . laß mir ein Glas Wasser geben, ich kann nicht mehr.« Der Graf drückte auf den Knopf am Tische, die Tür öffnete sich leise, und Hubert trat herein. »Herr Graf befehlen?« frug er leise. – »Ein Glas Wasser!« – »Zu Befehl, Herr Graf!« Er ging und schloß die Tür hinter sich, damit in seiner Abwesenheit Peter 328 nicht etwas hören könnte . . . (aber das Gespräch war verstummt), kam zurück, brachte auf einem silbernen Teller das Glas klaren Wassers, stellte es auf den Tisch, als ob er nicht wüßte, daß es für den schwachen jungen Herrn sei, und frug leise: »Befehlen der Herr Graf noch etwas?« – »Nein!« – Die Tür schloß sich fest, damit die Herren drinnen merken mochten,. daß Hubert wirklich geschlossen habe. Die Ledertür sog an. Der alte Graf sagte jetzt ganz ruhig: »Ich geh auf alles das, was du gesagt hast, auch auf das Maßlose und Unehrerbietige, mit keinem Worte ein. Du magst recht haben oder nicht, wie's beliebt. Es hätte ja doch keinen Zweck, denn Leute von deiner Art sind starrköpfig und kurzsichtig und jeder vernünftigen Auseinandersetzung unzugänglich. Sie spritzen nur das Gift von sich, womit sie sich in langem Brüten angefüllt haben, dann ducken sie sich und lassen alles stumm über sich ergehen. Zu einem ehrlichen Gefechte sind sie unfähig, mit Worten wie mit dem Säbel, du bist auch nie auf einen Fechtboden gegangen. Aus deinen Worten aber höre ich etwas heraus, was ich bisher nicht wußte, was aber erklärt und entschuldigt: du bist eifersüchtig! Ganz einfach eifersüchtig! Die Eifersucht ehrt einen Menschen, denn sie beweist, daß er Ehrgefühl im Leibe hat, daß er etwas auf sich hält und sich nicht nehmen läßt, was ihm gehört. Du liebst Fräulein Merlin.« »Ja.« Wie das Ja entschwunden war, wunderte Alexander sich über das einfache Ja. Niemals sonst würde er es über sich gebracht haben, einem Blutsverwandten ein menschliches Gefühl zu bekennen. Nur in der 329 erhebenden Aufregung des Streites war es möglich gewesen. »Sieh, das freut mich, Alexander. Ich habe eine Zeitlang geglaubt, du seist dieses Gefühles nicht fähig. Du fühltest so, wie du es mir, wie du es den Alten vorwirfst. Das freut mich, denn nun habe ich die Hoffnung, daß du im natürlichen Leben einer Ehe das finden wirst, was dir zu fehlen scheint. Denn es fehlt nicht, es schläft nur bei dir wie bei einem Mädchen. So ist Hoffnung, daß du einst noch zu dieser verpönten Gesellschaft der Gesunden gehörst, und ich will dir darum vieles vergessen, was Unerhörtes in deinen Worten war. Aber dann begreife ich erst recht nicht den Widerstand gegen diesen Plan. Du liebst sie, sie wird dich lieben, das kann nicht anders sein, die Mädchen aus den guten Familien schlafen meist noch, mußt du wissen, du bist der Graf Wetter . . .« »Das ist nicht ein Mädchen, wie du es dir denkst. Sie schläft, meinst du, und sie wird aufwachen, wenn der Graf Wetter erscheint und sie mit all seinem Glanze blendet. Du scheinst es so bei vielen Weibern gewohnt zu sein. Nun, die Weiber werden danach gewesen sein. Und übrigens,« brach er kurz ab, »ich habe bei ihr angehalten.« Nun fuhr der Alte aber auf, und auch Alexander erhob sich, denn das Gespräch neigte sich seinem Ende zu. »Du hast . . . du hast . . .?« rief der Alte freudig. »Nun, und . . . und sie? Was sagte sie?« – »Sie hat mich abgewiesen.« »Abgewiesen? Nicht möglich!« – »Du hörst es. Vielleicht, wenn's der unwiderstehliche alte Wetter gewesen wäre . . .« höhnte Alexander. 330 »Abgewiesen? Und warum?« – »Ich denke, du solltest den Grund wissen. Du verkehrst genug in der Gesellschaft. Du hast es sicher gewußt. In meine Einsamkeit ist das Gerücht nicht gedrungen. Du hättest mich nicht drängen sollen, weil du es wußtest.« »Aber ich weiß noch immer nicht, wovon du redest?« – »Das was sich alle erzählen, daß Fräulein Merlin . . . und der junge Herr Großjohann . . .« »Großjohann? Ist das der Grund?« brüllte der Alte auf. »Aber das ist ja nicht wahr, das ist ja nur ein Gerede, auf das nichts zu geben ist! Diese Schwindler! Diese Hungerleider!« – »Siehst du,« sagte Alexander, »da hast du es, da hat mir dein gräflicher Hochmut eine Niederlage bereitet. Übrigens war es keine Niederlage. Ich will dir davon nur sagen, daß ich mich heute freue. Denn sie hat mir eine Freundschaft eingebracht, die des Fräuleins Merlin und des Herrn Gabriel Großjohann.« – »Wie? Du denkst noch mit ihr zu verkehren? Nach der Abweisung? Und gar mit dem Nebenbuhler? Das ist wider die Ehre!« »Wenn es übrigens deine gekränkte Eitelkeit beruhigt, so will ich dir noch sagen, daß ich glaube, daß Fräulein Merlin auch nicht den Herrn Großjohann heiraten wird.« – »Nicht?« frug kopfschüttelnd der Alte. »Du sagtest doch, sie sei mit ihm verlobt!« – »Verlobt ist das Wort,« warf Alexander leichthin, »das die Bürger in solchen Fällen brauchen. Ich brauchte es nicht.« – »Verlobt, und nicht heiraten?« rief der Graf. »Also will er das Mädchen ewig hinhalten und verblühen lassen, der Sohn dieses Schwindlers? Das ist nochmals wider die Ehre! 331 Verlobt, und nicht heiraten! Diese Jugend verstehe ich nicht«, schloß er langsam. Alexander ging hinaus. Sobald die Tür hinter ihm zugefallen war, fing der Alte an zu toben und zu brüllen: »Diese Großjohanns! Diese Prahlhänse! Diese Hungerleider! Ich werde sie zermalmen!« Graf Alexander wankte durch die Halle. Peter fing ihn auf, und auf die Schulter des alten Dieners gestützt ging der junge Herr langsam hinauf, nahm ein Bad und lag, von der Auseinandersetzung erschöpft, eine Woche, nur seinem Diener sichtbar, zu Bette.   In dieser Zeit stellte der alte Graf sich immer wieder vor, wie die stolze Merlin seinem Sohne den Korb gegeben habe. In seiner fantasielosen Seele verlief die Szene nüchtern und platt und nach allen Regeln. Er fährt hin, er kommt an, er gibt seine Karte ab, streicht während des Wartens mit dem Ellenbogen über seinen Zylinderhut und rückt vor dem Spiegel die Binde zurecht. Da geht auch schon die Tür auf, und das Fräulein tritt herein. Sie würde etwas ahnen und eine leichte Röte der Freude zeigen, aber doch sehr erstaunt tun – oh, er kennt die Weiber! Und der Herr Graf würde sagen: Mein Gnädiges Fräulein! Schon lange brennt mir ein Wunsch in der Seele, dessen Widerschein mir auch auf Ihrem Gesichte geleuchtet zu haben scheint . . . Und so weiter. Was man in solchen Fällen sagt. Sie würde einen Augenblick stutzen, natürlich würde das nur ein künstliches Stutzen sein – lehr' mich nicht die Weiber 332 kennen! Dann würde sie noch mehr erröten und würde sich ihm – – doch nun versagte ihm die Einbildungskraft. Sie würde sich ihm nicht an den Hals werfen und sagen: das ist recht von dir, Schatz. So pflegten die Weiber zu sagen, mit denen er, der alte Graf, Erfahrung hatte. Aber Fräulein Merlin war doch eine Dame der Gesellschaft! Wie gesagt, er wußte da nicht recht Bescheid. Überdies war das ja nicht ihm geschehen, sondern seinem Sohne. Aber nein! Sie hatte ja nein gesagt! Donner und Doria, das Frauenzimmer! Die Kaufmannstochter! Sie hatte nein gesagt! Wie hatte sie das wohl gesagt? Doch nicht so plump: nein, sondern etwa: ich danke sehr für die Ehre, Herr Graf, aber leider bin ich nicht in der Lage . . . ich bin leider schon verlobt . . . »mit diesem Schwindlersohne!« unterbrach der Graf seine magere Dichtung. »Ich werde die ganze Brut zermalmen!« rief er. »Hubert, Hund, wo steckst du? Bring' eine Flasche Rotwein!«   Der junge Graf erlebte zu derselben Zeit auf seinem Ruhebette liegend im Geiste, wie die Szene wirklich verlaufen war. Pfingsten war's, grüne Maien und Birkenreiser standen an der Straße. Blumen lagen auf dem Fahrdamm, freilich zertreten von tausend Füßen, denn die Frühjahrsprozession war umgegangen. Auf diesem bunten duftenden Pfade fuhr er am weißen Hause bei der Frau vor, die er über alles liebte, der ersten Frau, die er auf jenem Feste, wenn auch fast nur von ferne, gesehen und die in seiner vereinsamten Seele einen lichterlohen Brand entzündet hatte. Graf Alexander nickte dem Türhüter 333 zu, obgleich es ihm Mühe kostete, denn es erschien ihm peinlich, daß ein Adliggeborener dem Adligen das Tor öffnete. »Der junge Graf Wetter!« rief Fräulein Merlin leicht erstaunt aus, als sie ihn den Hof heraufkommen sah. Sie trug ein großblumiges blaugrünes japanisierendes Kleid mit einem gestickten Drachen aus Goldfäden auf der Brust, eine silberne Kette mit Filigrankugeln um den Hals, die bis in ihren Schoß herabhing und mit der sie beim Reden spielte. Der Graf, zu ihr hereingeführt, saß, drehte seinen Zylinderhut in der Hand, schaute zu Boden, schwieg, denn er arbeitete mächtig in sich, sich zu beruhigen, sich aller notwendigen vorbereiteten Worte zu erinnern und seinen Spruch aufzusagen – – da sagte sie mit gewinnendem Lächeln: »Ich freue mich, Sie zu sehen, Herr Graf. Denn ich denke mir wohl, wenn Sie so feierlich kommen, Sie kommen, um –« – »Ja«, sagte einfach Graf Wetter und fühlte, daß es genug war. Sie schwieg. Leise klirrte die Kette, mit der ihre Hände spielten. Dann sagte sie: »Ich danke Ihnen für Ihr Zutrauen, Herr Graf, und daß Sie es mit mir wagen wollen. Und Sie sind ein Mann, der, so flüchtig ich ihn kenne, unter den wenigen Männern, mit denen ich es vielleicht wagen würde, in Frage käme. Aber – ich habe die Energie nicht mehr, zu heiraten! Die Unternehmungslust nicht. Den Mut nicht. Ich würde es nicht ertragen können, wie das Volk sagt, ›in den langen Rosenkranz gereiht zu werden‹. Ich habe zuviel vom Leben erfahren. Und dann: warum soll man überhaupt heiraten? Ich will nicht mehr tätig mittun, ich will nur zuschauen, was 334 die anderen tun. Sehen Sie, es muß auch Zuschauer geben heutzutage, wo alle in der Welt Mitspieler geworden sind. Aber ich glaube, auch Sie wollen gar nicht heiraten. Sie wollen der Einsamkeit entfliehen. Habe ich recht? Sie denken an die Heirat, weil Sie meinen, es gäbe kein anderes Mittel. Aber gibt es nicht die Freundschaft?« sagte sie sich vorneigend, und ihre langen Hände faßten die langen Hände des Grafen. »Ich bin innig befreundet mit Gabriel Großjohann. Ich würde mich freuen, wenn Sie versuchen wollten, ob Sie zu uns passen, und unsern Kreis erweiterten. Ich glaube, daß Sie zu uns passen.« Graf Alexander neigte sich auf die beiden Hände nieder und küßte sie. »Sie wissen nicht, Fräulein Merlin, wie Sie mir aus der Seele geredet haben. Meine Seele ist dumpf und einsam, aber manchmal bin ich mir vorgekommen, als sei ich der einzige Mensch! Der einzige, der all das Gleißende und Blöde verachtet, nach dem die Menge rennt. Ich freue mich ehrlich, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen – aber es ist so fürchterlich, Pharisäer sein zu müssen. Es ist so schlimm, von sich selbst allein das Gute zu wissen, man kommt sich sozusagen in Reinheit verworfen vor. Darum empfindet man oft das Bedürfnis, sich in die Menge, in Schweiß und Schmutz zu werfen, nur um nicht so auf der kalten Höhe ausgestoßen zu erscheinen. Darum vielleicht auch wollte ich der Gesellschaft das Opfer einer Heirat bringen, dieser brutalen Besitzergreifung und vielleicht . . . überhaupt . . . nicht ganz sauberen Geschichte. Sie haben das noch viel besser und tiefer empfunden als ich. Ich will Ihr Schüler sein, Ihr Bruder, und – vielleicht, wenn ich es erringe – Ihr Freund! 335 Haben Sie tausendmal Dank! Sie haben mir über mich selbst die Augen geöffnet.« »Kennen Sie mein Gut, die ›Luft‹? Es liegt draußen auf dem Berge. Dort lebe ich meist. Kommen Sie dahin. Sie werden sehen, wie schön es da oben ist.« – »Haben Sie Dank, holde Frau,« sagte Graf Alexander sich erhebend, »ich komme! Ich komme oft!« 336   Vierzehntes Kapitel Schuld? Könnte mal eben zuhaus 'reinspringen,« dachte Philipp Großjohann, während er den Deckel seiner goldenen Uhr einschnappen ließ, »zehn Minuten hab' ich Zeit. Mal zuhaus nach dem Rechten sehen, sonst geht's drunter und drüber.« Als Philipp Emanuel sich der Glastüre näherte, hörte er von drinnen den widerlichen Lärm eines Streites – das Herz stand ihm still. Er stürzte hinein – da fuhren Menschen auseinander: der Vater, die Mutter und Gabriel. Von Entsetzen starr stand Philipp da. Auch die drei waren peinlich überrascht. Niemand sagte etwas. »Was geht hier vor?« schrie endlich Philipp voll Zorn. Niemand sagte etwas. Frau Franziska stand mit einem harten und starren Gesicht am Tische. »Was geht hier vor?« rief wieder Philipp Emanuel. Schließlich sagte Gabriel: »Was geht's dich an!« »Es soll mich nichts angehen,« rief Philipp in heiligem Zorn, »wenn zuhause Hexensabbat ist?« – »Halt's Maul!« schrie Gabriel, »was hast du Schönredner hier zu sagen? Willst du auch reden, 337 wenn morgen ein Wechsel verweigert werden muß und der Gerichtsvollzieher kommt und den Vogel anklebt? Wenn es Geld schaffen heißt, dann läßt du dich nicht sehen! Deine Worte sind billig wie Papierschnitzel. Wir brauchen Papier, auf dem Adler und Kronen sind. Schaff' die , dann kannst du reden!« Seine Augen blitzten vor Zorn. »Sagen Sie , Mutter, was ist geschehen?« » Ich bin der Herr im Hause!« rief Hermann Großjohann aus seinem Winkel. – »Aber wenn morgen die Wechsel zu bezahlen sind,« sagte Frau Franziska, »dann ist er nicht der Herr im Hause. Dann läßt er mich mit den Gläubigern und Wechselboten reden, mich und Gabriel.« – »Ich bringe das Geld nicht durch«, rief Großjohann mit einer Stimme, die dem Schluchzen nahe war. – »Aber er zahlt nicht, was er schuldig ist,« fuhr Frau Franziska unentwegt fort, »sondern läßt mich und Gabriel dafür sorgen.« – »Hinausgesetzt aus dem Geschäft haben sie mich, die Mutter und der Gabriel da. Ich soll nichts mehr zu sagen haben.« – »Weil er unfähig ist! Ich kenne den Mann nicht wieder!« sagte Frau Franziska kalt, »ohne mich und Gabriel wohnten wir längst auf der Straße.« »Ist das wahr, Vater?« frug Philipp Emanuel mit der Stimme eines Richters. » Ich bin der Herr im Hause! Ich zeichne die Firma! Niemand sonst!« »Warum bezahlen Sie denn nicht die Wechsel, die wir schuldig sind, Vater?« frug Philipp. – »Ich bezahle sie, ich bezahle sie, wer hat gesagt, daß ich sie nicht bezahle?« »Er bezahlt sie,« sagte ruhig und kalt Frau 338 Franziska, »er bezahlt sie, aber dann, wenn es ihm paßt. Wenn er Laune hat. Wenn er nicht gerade einen verrückten Einfall hat, etwas Lächerliches wie einen Turm zu bauen und Zeit für Gedanken an das Notwendige hat. Er schaut nach Holland, wenn's in Brabant brennt. Wenn Zinsen heute gezahlt werden müssen, zahlt er sie morgen oder nächste Woche, und die Kapitalisten kommen zu mir gelaufen und drohen, sie werden kündigen. Und ich muß ihnen süße Brötchen backen, damit sie sich gedulden. Das alles nur, weil er der Herr im Hause ist. Weil er sich an keine Ordnung gewöhnen kann. Ich sage nicht, daß er das Geld durchbringt. Das wäre auch noch schöner, ich würde ihn entmündigen lassen!« – »Oho! Entmündigen lassen!« rief Großjohann. – »In der letzten Zeit«, sagte die Mutter zu Philipp, »haben mir die Kapitalisten öfter gesagt: lassen Sie Ihren Mann doch entmündigen. Er ist nicht mehr fähig. Wenn Sie nicht wären, Frau Großjohann, wir wollten mit der Firma Großjohann nichts mehr zu tun haben.« »Daß du umkommst!« rief Großjohann, und dicke Tränen rollten aus seinen Augen, »daß du unter die Räder kommst, schlechtes Weib!« Frau Franziska aber mit einem Gesicht wie von Stein redete weiter: »An seinem Eigensinn können wir nicht zugrunde gehen. Nur um den Schein aufrecht zu erhalten, daß er der Herr im Hause ist, können wir nicht den Rest von Kredit verspielen. Ich habe mich nicht dazu gedrängt, der Herr zu sein. Ich gebe das Geschäft jeden Augenblick ab, aber nur dem, der Bürgschaft bietet, daß alles in Ordnung kommt. Er ist kein Geschäftsmann. Er hat den Kopf voller 339 Pläne, er kann tausenderlei Dinge anfangen, aber keins kann er durchführen. Die Bauleute haben ihn hinten und vorn betrogen. Er soll weiter Pläne machen und Grundrisse zeichnen, von tollen Türmen meinetwegen, aber das Rechnen soll er einem andern überlassen.« – »Das weiß sie natürlich alles, sie sieht durch sieben Mauern!« rief Großjohann. – »Ich will nur,« sagte Frau Franziska zu Philipp, »daß meine Kinder nicht hungern. Er soll mich rechnen lassen! Es wird nun endlich Ordnung ins Haus kommen!« »Man ist nie zu alt um zu lernen, sagte das alte Weib, da lernte es noch hexen!« höhnte Großjohann. – »Eine große Leuchte und wenig Licht!« gab Franziska zurück, doch waren ihre Worte nur an ihre Söhne gerichtet. »Hänneschen wollt ihr mit mir spielen,« rief in wildem Zorne Großjohann, »aber es wird anders kommen! Es wird der Tag kommen, da ihr nach dem Vater seufzt, den ihr unter die Füße getreten habt! Stank für Dank habt ihr ihm geboten, aber er kommt nicht wieder, und wenn ihr ihn mit den Fingernägeln ausgraben wolltet. Wieviel Väter erleiden das wie ich, und es muß vielleicht so sein! Aber du Weib sollst zum Gespötte werden! Die Steine sollen dich nicht mehr und die Hunde nur mit dem Schwanze besehen wollen! Das wünsche ich dir!« – »Was mach' ich mir aus deinem Fluche? Es ist Wind ohne Regen!« sagte Franziska ruhig. »Nun hört auf mit euren Gotteslästerungen! Ich kann's nicht mehr mit anhören!« rief Gabriel, sich die Ohren zuhaltend. Da war es plötzlich still, und tiefe Erschütterung 340 beherrschte sie. Sie fühlten sich erschöpft. Die Nerven schmerzten. Nur die Franziskas nicht. Philipp Emanuel stand noch immer rat- und tatlos in der Mitte der Stube. Eine Stimmung von Mitleid und Spott kam über Gabriel, als er den armen Tropf dastehen sah, und er sagte: »Philipp, deine Zeit ist beschränkt, du wirst sicher noch etwas Wichtiges zu tun haben.« »Nein, hier ist mein Platz!« rief Philipp Emanuel. – »So? Aha? Geht dir die Erkenntnis auch einmal auf?« frug erstaunt Gabriel. – »Ihr seid alle verklettet und verfilzt in Schuld!« rief Philipp, »einer fängt es vom andern. Ich habe mich reingehalten, und ich werde mich auch noch darin verfangen müssen.« Jetzt richtete sich der Vater in seiner dunkeln Ecke gerade auf. »Schuld, sagtest du, Philipp? Schuld?« – »Ja, Schuld! Schuld!« rief Philipp und erhob die Hand wie ein gerechter Richter. Der Vater ging ans Fenster, die Hände auf dem Rücken, und sagte: »Schuld, sagtest du, Philipp? Habe ich recht gehört?« »Ja, Schuld!« predigte Philipp, »die der Stammvater in die Welt gebracht hat und für die ihr euch vor dem gerechten Richter einmal verantworten müßt.« »Schuld, sagtest du, Philipp?« frug wieder der Vater und sah, die Hände auf dem Rücken, ins Freie hinaus, »hör' auf mit deinem angelesenen Zeug. Ich dachte, du verständest etwas vom Leben, da du allerorten deine Hand hineinmischst. Nein, Philipp, wer von Schuld spricht, der hat noch nichts vom Leben begriffen.« 341 Wahre Worte, im rechten Augenblick gesagt, leuchten unmittelbar ein. Und es sind die Samenkörner, die auf gute Erde und nicht unter die Dornen fallen. In Großjohann selbst, da er sprach, gingen die Worte gleich zu üppiger Blüte auf. »Auch das Weib hat keine Schuld,« dachte er in männlichem Verstehen, »wenn man von Schuld reden soll. Auch die Kinder haben keine Schuld, wenn man von ihnen auch nur Stank und keinen Dank hat. Auch Philipp nicht, er ist nur ein armer Tor. Auch ich nicht!« Wenn Stille in einer erregten Gesellschaft eintritt, so bedeutet es, daß das Samenkorn des letzten Wortes in gutes Erdreich gefallen ist. Gabriel dachte dem Worte des Vaters mit dem tiefen Behagen des Verstehens nach. Bei Frau Franziska aber war das Samenkorn in harte Erde gefallen, hart von großen Grundsätzen. Sie schwieg nur aus Gewohnheit. In ihrem kurzen Weiberverstande dachte sie: »Er allein hat die Schuld.« Bei Philipp war es unter das Dorngestrüpp der angelernten Vorurteile gefallen. Er schwieg nur aus der Selbstbeherrschung des Studierten und Gelehrten, und er dachte: »Was für einen Zweck hat es, gegen den neuen Irrwahn anzukämpfen, den Gabriel dem Vater beigebracht hat? Die beiden haben das volle Maß der Schuld.« Aber jeder, selbst Philipp, fühlte, daß es hinter dem Worte des Vaters nichts mehr zu sagen gab. So suchte denn Philipp Emanuel nach einem schicklichen Grunde, abzutreten und fand ihn in seiner Uhr, die stets die richtige Zeit wies, wenn es für ihn etwas Wichtiges, Seelsorgerisches zu tun gab. Der goldene Deckel knipste auf und knipste zu, und Philipp 342 Emanuel verschwand. Seinen Abschiedsgruß, ein Nicken, beantwortete nur die Mutter mit einem knappen Kopfnicken. Emanuel aber heißt: Gott sei mit uns! Mit wehenden Rockschößen sah ihn der Vater vom Fenster aus gleich einem großen Vogel mit schwarzen Schwingen den Torweg hinaus auf die Straße flügeln. »Nicht geraten und nicht mißraten,« dachte der Vater ihm nach, »aber ein überflüssiger Esser in der Welt, ein entgleister Geist, ein verirrter Wille, ein edler Hanswurst, das ist mein Philipp Emanuel, und Gott sei mit ihm.« In der Stube war es so still, daß man die Bohrwürmer im Holze der alten Schränke klopfen hörte. Gabriel saß in der Sofaecke. Großjohann stand, die Hände auf dem Rücken, am Fenster. Franziska war nicht mehr da. Durch eine Lücke zwischen den Häusern und Giebeln der Neustadt sah man dort unten, wo die Stadt mit einzelnen Häusern in der Landschaft gleichsam versickerte, zwei große Teiche wie kalte fühllose Augen im grünen Gesichte des Landes leuchten. Großjohann brütete: »Was habe ich noch Gutes zu hoffen? Was Böses zu erwarten? Das eigene Blut hat sich wider mich empört! So mußte es kommen. Es ist genug . . . Ein Ende . . .« Da fühlte er eine Hand auf seiner Schulter, er wandte den Kopf – »Geh mir aus den Augen!« rief er, »ich will euch nicht mehr sehen! Ich mag nichts von einem von euch hören! Ihr habt mich unter die Füße getreten! Ihr seid mir verhaßt wie falsches Geld!« Als der Vater ihm das Gesicht zuwandte, sah Gabriel, daß er geweint hatte. »Was überlegten Sie zu tun, Vater?« frug er mit wankender Stimme. 343 Dieser, seine Absicht erkannt sehend, errötete, denn noch immer schämte sich ein Großjohann vor dem andern, er lehnte seine Stirn an den Messingknopf des Fenstergriffes und bedeckte die Augen. »Dazu ist es noch immer Zeit genug, Vater«, sagte Gabriel leise. »Wer weiß, ob uns nicht noch Schwereres auferlegt wird, dem wir nur durch den Gang zu den Teichen entweichen, denn ich gehöre nun zu Ihnen.« – »Geh fort! Ein Wolf verliert seinen alten Pelz, aber nicht seine alte Tücke.« – »Wir sind ja alles arme Sünder, Vater. Aber wir zwei Männer wollen doch wenigstens zusammenhalten.« – »Nein, ich will hier bei euch nicht mehr an der Wand abgemalt sein!« rief Großjohann. – »Wir gehen hier aus dem Hause, Vater. Wir gehen ins ›Himmelreich‹. Draußen wird es Abend und kühl. Der Nebel kommt von den Teichen herauf, und hier ist es unfreundlich und kalt. Wir trinken eine Flasche Wein und wollen heute noch einmal leben. Morgen kann uns dann alles recht sein.« Er faßte den Vater unter den Arm, drehte ihn herum und führte den leicht Widerstrebenden zum Hause hinaus. »Du kannst eine Nonne aus dem Kloster schwätzen«, brummte der Alte. Auch andere vielgeplagte Männer rüsteten sich um diese Stunde zur Reise ins »Himmelreich«. Aber die Freuden dieser Erde sind mager und wollen noch erkämpft sein. So focht denn der eine oder andere wieder mit seiner Hausfrau. »Abfall vom Unrat!« rief diese, »willst du wieder ins Saufhaus?« – »Das ›Himmelreich‹ ist ein anständiges und sozusagen feines Haus«, war die ruhige Entgegnung. – »Wo Hecken sind, da sind 344 auch Spatzen!« – »Nun weiß ich nichts mehr zu sagen, nun rede du allein, Kornelia, ich bin ja sowieso bald mit dem Anziehen fertig.« »Kannst du denn diese schlechte Gesellschaft nicht lassen, Mann?« rief die Frau und fing an zu weinen; »ich hege und pflege dich und tu' dir alles zuliebe.« – »Die Weiber verstehen die Männer nicht«, sagte der Unternehmer Bertholet. »Im ›Himmelreich‹ verkehrt keine schlechte Gesellschaft, und jeder ist sozusagen allein.« – »Schweig mir davon! Fett schwimmt oben, aber Schaum noch darüber.« – »Deine Sprüche sind ja schön, aber ein Mann muß wissen, was er will, sonst ist er ein Unterrock. Ich bin fertig. Also auf Wiedersehen, Kornelia. Ich komme nicht spät. Und stell' mir etwas Kaltes zurecht«, sagte Bertholet und ging feierabendvergnügt von dannen, während Kornelia sich die Augen rot weinte.   Als sie um Mitternacht durch die stillen Straßen nachhause gingen, blieb Großjohann vor einem dunkeln Schaukasten stehen, dessen Inhalt eine Straßenlaterne von außen genügend erleuchtete. Darin stand ein Kölner Dom aus Papier, einen Meter hoch, nach Vorlagen ausgeschnitten, mit Leim zusammengeklebt und auf einem Brette befestigt. Deutlich erschien der fünfschiffige Bau, die Streben ragten kunstgerecht auf, und die Schwibbögen sprangen leicht über die Dächer der Nebenschiffe zum Hauptschiffe hinauf, den Gewölbedruck aufzufangen. Der gallische Umgang strich ehrfürchtig um das Hohe Chor, die Fialen wuchsen zierlich in die Höhe, und das Schleierwerk der Helme auf den Türmen war sauber und 345 geduldig ausgeschnitten. Ein Pappschild verkündete: Vorlagen nach allen Bauwerken der Welt. »So etwas tät' mir auch Freude machen«, sagte Großjohann, und die Männer schritten heim. Am nächsten Tage kaufte Gabriel einen Stoß Bogen, Schnittvorlagen nach dem Kölner Dome, Notre Dame, dem Straßburger Münster und der Peterskirche, und schenkte sie dem Vater. 346   Fünfzehntes Kapitel Mama! Ein Herr trat auf den Platz vor dem Bahnhofe hinaus und stieg in einen Wagen. »Zum Ubierring.« Der Kutscher dachte, während er den Pferden den Freßsack abnahm: »Aha, mal ein Fremder, der in die Großjohannstadt will.« Und er sagte: »Das kommt selten vor, Meister, daß einer in die Großjohannstadt will, müßt Ihr wissen. Die Großjohannstadt am Flusse ist nicht mehr in Mode, müßt Ihr wissen. Da stehen die Häuser jetzt leer. Was die feinen Leute sind, die ziehen hinauf zum Berge, in die Wälder. Auf einmal will alles in der freien Natur wohnen. Schad' drum, unsere Pferde gehen uns in dem Aufundab nur früher zuschanden. Tja, tja«, machte er auf den Bock steigend und hob die Zügel, durch die eine Welle von seiner Hand zur Gebißstange im Maule der Pferde lief. »Welche Nummer?« frug im Fahren der Kutscher. – »An der Straßenecke halten!« – »Aha,« dachte der Kutscher, »er will zum Großjohann, Geld holen. Das tun die Gläubiger alle. An der Ecke aussteigen und zufuß vorfahren. Ein armer Gläubiger kriegt eher etwas als ein reicher. Schade um den 347 Großjohann. Er ist doch unsereiner und auch nicht mit einem silbernen Löffel auf die Welt geholt worden. Hat's mal zu was gebracht und kann's nicht halten. Schad' drum!« An der Ecke stieg der Herr aus. »Ein richtiger Herr,« dachte der Kutscher im Wegfahren, »nicht zu viel und nicht zu wenig Trinkgeld. Ja, der versteht's! Der scheint die Welt zu kennen! Ist doch vielleicht kein Gläubiger für den Großjohann. Ich wünsche es dem! Armer Hals! Die Gläubiger sehen anders aus. Sitzen da wie von Gott und Welt gekränkt um ihre Blutgroschen. Fahre sie gern schon einen Straßenblock um, daß ich sie dem Großjohann ein Vaterunser länger vom Halse halte. Mach' dir nichts draus, Großjohann. Was man geladen hat, muß man ja fahren, aber ein Maul voll Dreck kriegen wir schließlich alle drin, ob wir's nun ohne Zähne oder mit einem goldenen Gebiß kauen müssen. Brr! Schon wenn man daran denkt, wird einem die Kehle trocken! Ein Schnaps wird gut sein. Brr! Hüh!« Aber die Pferde hielten schon von selbst dort, wo das Pflaster stark nach ihrem Wasser roch.   »Da bin ich, Mutter!« rief Herkules. – »Ja, da bist du!« sagte Franziska und strahlte. »Ja, nimmst du mich denn noch immer nicht in die Arme, Mutter,« rief Herkules, »allmählich könntest du doch Verstand annehmen!« Er umfaßte die Mutter stürmisch, obgleich sie rot dabei wurde, aber sie küßten aneinander vorbei in die Luft. – »Da bist du,« sagte Frau Franziska, ihn von sich abhaltend, »und groß und stark!« – »Und nicht ein bißchen grau bist du geworden, Mutter! Ich glaube, du wirst uns alle überleben und noch schwarz zur Grube fahren.« – »Und da ist auch der Vater, Georg«, sagte Frau Franziska, und ihr Gesicht glänzte. »Ja, da ist ja auch der Vater!« rief Herkules und sah ihn in der Dämmerecke des Zimmers sitzen. »Warum meldet er sich denn nicht?« – »Seit wann schickt sich das denn? Und ›Du‹ sagt er?« dachte erstaunt Großjohann. – »Aber, Vater, Alterchen,« rief Herkules, »der Herkules ist da! Frisch von Amerika!« Es war einen Augenblick still, und man hörte den Blechmantel um den Eisenofen von der Stimme nachklingen. – »Freilich, ich bin auch da, Herkules«, sagte Großjohann. – »Gleich böse sein?« rief Herkules, faßte des Vaters Hand und zog ihn auf. – »Laß, Herkules, wir sind das nicht gewohnt«, sagte Großjohann und folgte halb widerstrebend. »Mein Gott, Vater, du bist ja so klein! Du wächst ja wahrhaftig in die Erde hinein! Früher, mein' ich, bist du doch ein großer Mensch gewesen. Und ich war doch nur ein paar Jahre fort. Und so dünn ist dein Haar geworden! Hast du soviel Sorgen gehabt?« – »Viel Sohn, wenig Lohn«, sagte der Vater. »Ach, Alterchen, ich glaub' ja nicht, daß dir das gemeint ist. Wer hat euch diesen Unsinn eigentlich eingeimpft? Wer will die Welt besser machen als sie ist? Leben, vergnügt leben in dieser Hundewelt, mit den Hunden heulen und beißen, meinetwegen, aber schad' ist's doch, von seinen eigenen Einbildungen kahl werden. Nur die Perückenmacher haben Vorteil vom Trübsinn der Menschen. Und nun nicht mehr böse sein, daß ich Zirkusreiter geworden bin! Der eine setzt sich auf das Pferd und der andere auf das . Die Hauptsache ist: reiten können! Du hast dich auf 349 ein hohes Roß gesetzt, Vater, und konntest nicht reiten.« – »So, so? Wenn ich das meinem Vater gesagt hätte, er würde mich totgeschlagen haben.« – »Dann war dein Vater eben ein alter Narr, Gott hab' ihn selig! und sollte zu Moses' Zeiten gelebt haben, wo sie dem gleich die Hand abschlugen, der den Vater ein bißchen derb anpackte, wenn er eine Dummheit gemacht hatte. Für solche groben Geschichten hat man heute keinen Sinn mehr. Ich hätte dir das schon früher sagen sollen, aber ich war zu blöde, und ihr habt mich gut erzogen, ihr beiden. Die alte Wüste hat immer hier in unsere Wohnung hereingereicht, und der Donner von Sinai ist noch nicht darin verhallt. Hinaus mit den arabischen Bibelschrecken und ein freundliches Wort dafür, Vater, ein freundliches Wort! Damit erziehst du mehr als mit Donner und Rauch. Die Eltern müssen mit den Kindern nach der Zeit jung werden, ihr aber habt uns Kinder vor der Zeit alt mit euch gemacht. Für jenes müssen die Kinder sorgen, wenn sie das grüne Holz ausgewachsen haben. Glaub' nicht, daß ich von jungem Wein aufstoße, Vater. Ich habe genug von Menschen gesehen, um mich vor Ekel zu schütteln. Aber ich schüttele mich nicht. Ich steige aufs Pferd, hoch aufs Pferd, blicke über sie hinweg und denke mir: Wer's kann, tu's mir nach! Gemeine Mistfinken, hackt im Dreck herum, den mein Pferd fallen läßt! Für ihre Groschen mache ich ihnen meine Kunststücke vor und verachte sie dafür. Aber ich muß mit ihnen leben und ihre Groschen haben. Nur nicht verzärtelt sein. Diejenigen, die 40 Jahre – ihr versteht die Bibelsprache besser als die Zirkussprache – die 40 Jahre durch die Wüste einer goldenen Wolke nachzogen und die den Turm 350 bauten, waren es auch nicht. Sie hielten sich immer für besser als die anderen, die um die Wüste herum in fetten Fluren saßen und um goldene Kälber sprangen, und darum hießen sie das auserwählte Volk. Wir müssen uns für die Auserwählten halten, um es zu sein. Und sie waren die Auserwählten. Während die anderen noch um goldene Götzen sprangen, tanzten sie um eine goldene Wolke. Das war schon was anderes! Solche goldenen Wolken sind vor den Besten von uns hergezogen, auch vor dir, Vater, ich verstehe heute, was in deiner goldenen Wolke war. Ein Traum, dem wir nachleben und nachziehen, ist das Höchste, Vater. Was tut's, ob er sich auflöst wie die Abendwolke, wenn die Sonne untergeht.« »Das ist ja so, wie wenn Philipp bei den ›Minnebrüdern‹ predigt,« sagte die Mutter, »nur ein bißchen anders.« – »Philipp? Aha, mein Bruder Pfäfflein!« – »Sag' das nicht, Georg«, sagte streng Franziska. »Das Wort ist nicht böse, Mutter, wir in der Welt sagen so und denken, jedes Gewerbe anständiger Menschen ist recht. Macht er euch Freude, euer Sohn Emanuel? Und kommt er euch oft besuchen?« – »Er hat soviel zu tun«, sagte die Mutter. »Ich verstehe, er kümmert sich um alles, nur nicht um die Nächsten. So war das immer bei uns. Aber das soll anders werden, und ihr sollt noch einmal jung werden, ihr Alterchen. Das verspreche ich euch, bei meiner Zirkusreiterehre! Und nicht mehr böse sein, daß ich Zirkusreiter geworden bin! Laßt das Pack reden, das nicht auf einem Maulesel reiten kann. Da, Mutter, ist ein Beutel mit Geld, ich glaube, es ist viel. Und hier sind auch Banknoten, Vater, schwedische, russische und amerikanische, ich habe sie 351 genommen, wie sie kamen. Und nun, da ich euch eine so lange Predigt gehalten habe, die ich euch schon früher hätte halten sollen – wenn ihr sie euch jetzt wenigstens hinter die Ohren schreibt! – so laßt mich einmal auf unser früheres Jungenzimmer gehen und mich etwas besser anziehen, da ich doch zu meinen lieben Eltern auf Besuch gekommen bin.« Er ging hinaus, zog seine feinen modischen Kleider aus und einen Alltagsrock an, denn er hatte gesehen, daß der Vater dürftig gekleidet war. Frau Franziska umfaßte den Beutel mit krampfenden Händen, betastete ihn um und um, und ein starkes Gefühl ging von dem harten Metalle in sie über. Hermann Großjohann hielt die Brieftasche mit den Noten in der Hand; jetzt ging er zum Tische und übergab sie, ohne sie zu öffnen, Frau Franziska. »Da, nimm du's, Banknoten sind immer so schmutzig.« Er ging in sein Schlafzimmer. Dort stand auf einer Kommode als eine Art Hausaltar, von Franziska im Zimmer des Hausherrn aufgebaut, eine Figur der heiligen Barbara aus Wachs. Hermann Großjohann umfaßte die Gestalt der Heiligen mit seiner großen Hand, das Wachs erwärmte sich allmählich, und immer größer wurde die Figur, immer länger und schlanker die Heilige, ihr Gesicht verzerrte sich, als ob ihr die Luft ausginge, und Hermann sagte: »Es ist nichts mit uns, heilige Barbara, Beschützerin und Heilige der Bauleute; die Welt faßt uns hart an, daß uns der Atem ausgeht, das Leben geht dahin und wirft uns weg – und alles war ein Irrtum.« Die Faust entspannte sich, es entspannte sich auch seine Seele, er warf sich über die Kommode mit beiden Armen hin, und ein Männerweinen 352 erschütterte ihn. »Herkules! Herkules! In der Wiege hat er eine Ratte erwürgt, und nun erwürgt er lachend jedes Selbstgefühl des Vaters. O Schande! O Schande! Von seinen Kindern Geld annehmen müssen . . . !«   »Gespannt wie ich sie finde! Gespannt wie ich sie finde!« wiederholte sich Herkules, als er straßauf straßab nach dem Hause suchte, wo Schröders wohnten. Sie waren immer weiter aus der Stadt hinaus und in ihren Häusern immer mehr nach hinten gezogen. Man verwies ihn in ein Hinterhaus, aber auch dort waren sie schon ausgezogen. »Warum hab' ich nicht den Vater gefragt? Aber sieh mal, das brachte ich auch nicht über mich, zu gestehen, daß ich ein Mädchen suche. Oh, wie dick ist die Großjohannshaut! Das muß noch anders werden, alter Herkules, der du über den Rücken der Pferde hinwegturnst. Aber manches Vorurteil steht dir wie ein papierüberzogener Reif noch im Wege, und du gehst drum herum, statt wie im Zirkus mitten hindurchzusetzen, daß die Fetzen fliegen! Gespannt wie ich sie finde!« Und er ärgerte sich, nicht laufen zu dürfen, so schnell strebte seine Sehnsucht dahin. »Aber es schickt sich doch nicht für einen Herrn, auf der Straße zu laufen, auch wenn er schrecklich verliebt ist, und sei es selbst ein Zirkusreiter!« sprach er zu sich. »Geduld, mein Herz, Geduld! Gespannt wie ich sie finde!« Endlich hatte er sie. Der ehemalige Schlossermeister, der dem Wachsen der Stadt vorauseilend Paläste und überflüssige Wohnungen für noch nicht vorhandene Geschlechter gebaut, hatte schließlich, gejagt von Kapitalisten, Spekulanten und Gläubigern, 353 Ruhe gefunden in einem Gärtnerhäuschen, das der Grundstücksaufteilung einer alten Villa entgangen war – die Ruhe des Habenichts. Wie im Märchen rankten Blumen und Schlinggewächse um das Haus. »Margarete!« – »Herkules!« Unwillkürlich breiteten beide einander die Arme entgegen. Da besannen sie sich, daß sie soweit miteinander denn doch nicht waren. »Ja, so . . .« Herkules lachend und ließ die Arme sinken. Auch sie lachte und ließ die Arme sinken. Sie sahen sich an, strahlten und lachten sich an. Sie lachten nicht das leere Lachen der Narrheit, sondern das volle des Glückes. »Da bin ich, Margarete!« brachte Herkules hervor. – »Ich seh's, und ich bin auch da, Georg Herkules Großjohann!« Langsam sprach sie den langen Namen aus, als koste sie ihn. »Nun also . . .« sagte Herkules und hob von neuem die Arme, ließ sie aber sogleich wieder sinken, denn dazu war es jetzt doch zu spät. Auch ihre Arme hatten sich bewegt, aber auch sie erkannte, daß der rechte Augenblick vorüber war. »Da wir nun also da sind, so setzen wir uns«, sagte sie mit unterdrücktem Lachen. So saßen sie denn einander gegenüber. »Wie gut, daß er nichts sagt«, dachte Margarete, und Herkules dachte: »Die Luft klingt noch von ihren Worten nach.« »Wie eine Sonne ist sein Gesicht,« dachte sie, »und seine Stirn ist rein und frei; da ist nichts Häßliches drüber hingegangen.« – »Wie blau sind ihre Augen! 354 Wie lang sind ihre Wimpern! Wie schön ist das Goldgewirr ihrer Stirnhaare!« dachte er. »Freuen Sie sich, daß ich wieder da bin, Margarete?« frug er geradeswegs. – »Ja,« sagte sie einfach, »ich freue mich sehr«, legte die Hände in ihrem Schoße ineinander und preßte sie zwischen ihre Knie. »Und ich freue mich so . . . so . . . so kindisch!« rief er. Als sie sich nun satt angeschaut hatten, sagte sie: »Sollten Sie nicht etwas zu erzählen haben?« – »Oh, viel! Soviel, daß es schon gar nicht der Mühe wert ist, anzufangen.« – »Sie wollen schon wieder fort?« frug sie schnell und sich vornüberneigend. – »Nein, ich bleibe, lange, einen, zwei Monate, die ganzen Zirkusferien.« – »Das ist schön,« sagte sie, »ja, das ist schön,« und lehnte sich behaglich zurück, »dann lohnt es sich jetzt nicht anzufangen, dann ist noch viel Zeit dazu.« »Aber Sie sollten mir erzählen, Margarete.« – »Was ist da zu erzählen? Sie sehen ja alles, Georg Herkules. Unserem Wege werden Sie ja straßauf straßab, hausaus hausein nachgegangen sein, denn wie sollten Sie uns sonst hier in unserem Verstecke gefunden haben? Die Mutter ist leider gestorben, das war das einzige Schlimme. Meine Geschwister sind versorgt, die Knaben sind wieder Handwerker geworden, was der Vater war. Jetzt bin ich mit dem Vater allein. Er kann den Sturz nicht vergessen, und das versteht man. Und so schaffe ich denn Brot für uns beide und für ihn noch – er braucht das – den Rausch. Er ist aber ganz ruhig und sanft dabei. Es fehlt nichts, was wir unbedingt brauchen, also haben wir alles. So ist es uns ergangen, die Leute sagen, es 355 sei uns schlecht ergangen. Ich finde es nicht.« – »Herrlich, Margarete! Herrlich! So habe ich mir gewünscht, Sie wiederzusehen – Mama« (er sprach das Wort ganz langsam und süß aus), »wissen Sie noch?« – »Ich weiß noch, lieber Junge«, sagte sie leise, neigte sich plötzlich ihm zu, schloß die Augen und küßte ihn auf die Stirn. – »Mama«, sagte er leise. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, hob den goldenen Schleier der Stirnhaare daraus und lächelte irgendwohin. »Ich verdiene Geld wie Heu, Mama«, sagte er. – »Um so besser für Sie. Wir schulden Großjohanns schon soviel. Ihr Vater ist ein guter Mann, Herkules, und hat uns oft geholfen.« Schweigen. »Und nicht ein bißchen verändert ist die Mama. Zwar stattlicher geworden, aber das steht ihr gut, das paßt sich für eine Mama,« meinte er lachend, »und das knappe korngelbe Kleid ist schön; ich freue mich, daß Sie sich gut kleiden, obschon es Ihnen, wie Sie meinen, so gut ergangen ist. Ich mag die Menschen gut gekleidet sehen.« – »Es ist dunkel hier, mein lieber Junge, das tolle Gerank draußen verhängt die Fenster, und der Abend kommt in dieser Jahreszeit schnell, sonst würden Sie die grauen Haare sehen.« – »Graue Haare?« erschrak Herkules, »kommen die auch, wenn es einem so gut geht? Sind in den goldenen Massen graue Haare darin?« – »Wie sollte es nicht? Ich gehe doch auf die vierzig.« – »Vierzig? Nicht möglich!« erschrak Herkules noch mehr. »Das ist ja nicht wahr. Die Frauen machen sich doch immer jünger als sie sind, aber Sie machen sich älter. Sie sind elf, zwölf Jahre älter als ich, warten 356 Sie, also werden Sie sechs . . . siebenunddreißig sein.« – »Nun, heißt das nicht, auf die vierzig gehen?« – »Eine andere würde sagen, das heißt dreißig sein. Warum machen Sie sich älter als Sie sind? Mir scheint, mir gegenüber. Ich mag die Frauen nicht, die anders tun als die anderen Frauen. Dieses Geschlecht weiß so genau über sich Bescheid, und eine außergewöhnliche Frau gerät leicht stillos.« – »Warum nicht Ihnen gegenüber? Ich bin doch Ihre Mama«, sagte sie und sah ihn ernst an. Wieder Schweigen. »Was denken Sie, lieber Junge?« frug sie. – »Ich kann es nicht sagen, Margarete, wenn Sie mich lieber Junge nennen«, erwiderte er ernst und sah zu Boden. – »Und warum nennen Sie mich Margarete und nicht Mama? Das ist doch ausgemacht! Ich höre es gern. Also, Herkules?« – »Ich kann es erst recht nicht sagen, wenn ich Sie Mama nennen soll.« »Aber das ist doch ein schöner Name, Herkules! So recht für uns!« – »Glauben Sie?« frug er und sah sie fest an. Doch in ihren blauen Augen veränderte sich nichts. »Wer von uns ist eigentlich auf den Unsinn gekommen?« frug er. – »Es ist kein Unsinn, Herkules! Übrigens, Sie waren's!« – »Ja, ich war's. Ich erinnere mich. Das sieht mir ähnlich. Und damals, als ich zuerst Mama sagte, war es richtig, denn ich war ein Knabe, aber jetzt –« Atmete Margarete schneller? »Ich weiß nicht, ob ich mich täusche«, dachte Herkules. »Margarete, wollen Sie mich heiraten?« Sie zuckte zusammen. »Heiraten?« Aller Glanz war aus ihren Augen gewichen. »Sind Sie bei Verstande?« 357 »Wollen Sie mich heiraten, Margarete?« frug Herkules ernst. Sie wurde unruhig, sie stand auf und zündete eine Kerze an, denn der Abend war gekommen. »Antwort, Margarete!« »Aber wie soll ich?« rief sie widerstrebend, »ich bin doch Ihre Mama! Wer heiratet denn seine Mama?« Sie setzte sich wieder. – »Strafen Sie mich nicht zuviel, Margarete. Es ist ja Unsinn, ich war ein dummer Knabe . . .« – »Das waren Sie nicht, lieber Junge. Sie waren klüger als Sie dachten, da Sie so sprachen. Widersprechen Sie nicht. Damals, als Sie es noch für klug hielten, da habe ich es, ich will's nur gestehen, einen Augenblick für dumm gehalten. Das ist ja nun schon viele Jahre her. Aber langsam sah ich ein, daß der Geist aus Ihnen gesprochen hatte, mein lieber Junge.« Sie saßen, die Köpfe gegeneinander geneigt, doch ohne sich zu berühren. Herkules starrte zu Boden. »Ich habe gedacht, wir liebten uns«, sagte er. Die Worte fielen schwer. Sie streckte die Hand aus und fuhr ihm übers Haar. »Mein lieber Junge. Warum sprechen Sie das Wort aus? Warum entzaubern Sie das Geheimnis? Lieben wir uns denn nicht –« »Ja, Margarete?« fuhr er leidenschaftlich auf. Aber sie sah ihn nicht an, und jetzt sah sie zu Boden. – »Sie haben das Wort ausgesprochen, das Sie besser verschwiegen hätten. Ja, Georg Herkules, ich liebe Sie! Ich liebe Sie! Ja! Ja! Nicht reden, bitte, ich fürchte, Sie entzaubern noch mehr. Ich liebe Sie – aber ich frage Sie, was hat denn Lieben mit Heiraten zu tun?« 358 Er sah auf. »Darauf weiß ich nichts zu sagen. Wenn das nicht selbstverständlich ist . . .« »Nein, mein Junge. Eine Frau, deren Haare anfangen grau zu werden, weiß das besser. Wenn ich nicht zwölf Jahre älter wäre als Sie, gleichaltrig oder besser noch zwölf Jahre jünger, dann wär's vielleicht anders. Vielleicht, ich weiß das nicht, da es nun so ist.« »Ich versteh' nicht, was Sie reden«, sagte Herkules und schüttelte den Kopf. »Ich wäre eine alte Frau, während Sie noch ein junger Mann wären. Sie sagten vorhin mit Recht, Sie lieben die Frauen nicht, die anders sind als die Mitschwestern. Das war richtig. Die Frauen wissen so genau, was sie tun, wenn sie Männer heiraten, die älter sind als sie. Im Altern kann man schnell jemandem den Rang ablaufen, und die Natur hat die Frau auf ein schnelles Pferd gesetzt, das nach dem Alter rennt. Wenn Sie später an eine alte Frau gekettet wären, wie unglücklich wären Sie! Sie müssen frei bleiben. So ist es, und darum sind Sie mein lieber Junge. Beinahe, freilich beinahe nur liebe ich Sie mütterlich, und ich würde gleich einer Mutter alles für Sie tun, und darum bin ich Ihre liebe Mama. Und nun genug davon.« Sie strich ihm noch einmal flüchtig übers Haar und lehnte sich zurück. Auch er lehnte sich zurück, und sie schwiegen sich an. »Soweit wären wir also,« sagte schließlich Herkules, »wieder einmal von einer Frau geschlagen!« »Wieder einmal? Das glaube ich nicht, Herkules. So wie Sie da sind, der ganze Mann, mit seiner großen Güte, die ihm aus allen Ritzen strahlt wie ein Licht aus einer Hütte in der Nacht, mit seinem 359 sieghaften, ganz und gar unwiderstehlichen Wesen, von dem er selbst nichts weiß – ja, ich meine Sie da, Georg Herkules Großjohann! – dem müssen die Frauen zufliegen wie die Nägel dem Magnetberge. Ist's nicht so?« »Hm . . .« »Erzählen Sie mir Ihre Liebesabenteuer, ich bin ja Ihre Mama. Ich kenne so wenig von der Welt. Denken Sie, ich bin eine aufgeklärte liebe Mama, die mit ihren Söhnen jung sein will und durch sie die Welt und ihre Streiche kennen lernt. Nun?« »Nun ja, wenn Sie es denn wissen wollen, die Weiber laufen mir halt nach«, sagte Herkules. – »Erzählen Sie«, drängte sie. – »Was ist da viel zu erzählen?« meinte er. »Lassen Sie mich Faust abwandeln: was man nicht hat, das eben brauchte man, und was man hat, kann man nicht brauchen. Das ist das eine, und das andere ist die alte traurige Erfahrung, daß die schönen Frauen immer schon einem andern gehören.« »Haha! Das ist gut! Aber nun wohl, Sie werden trotzdem viel Lohnendes erlebt haben. Und erst recht in der großen Welt, in der die Frauen es nicht so genau nehmen. Erzählen Sie mir Ihre Liebesabenteuer«, flüsterte sie und bedeckte die Stirn sich vorbeugend mit der Hand. »Es ist kaum etwas zu erzählen. Gewiß, das eine oder andere habe ich erlebt, dessen ich mich in der Erinnerung nicht schäme, aber sehen Sie – Mama,« sagte er lächelnd und seiner Zunge einen Ruck gebend, »andere Männer haben viel mehr Glück bei den Frauen! Erleben viel mehr! Ich glaube, ich fange das falsch an. Ich muß da einen falschen Grundsatz 360 haben. Aber ich bin ein junger Mann, der trotz großer Welt und allem, was er gesehen hat, dem Weibe einen heimlichen Thron in sich errichtete. Ich meine immer, es müsse auch etwas von Liebe dabei sein, oder mindestens das Entzücken vor der Schönheit, das die Liebe für Augenblicke ersetzt. Und das alles ist doch nicht so leicht. Ja, wenn man anspruchslos ist . . .« »Aber, aber . . .« frug es flüsternd hinter den Händen vor ihrem Gesichte. Auch er sprach, obgleich sie allein waren, flüsternd: »Aber, wollen Sie sagen, die Frauen liebten doch, genügt das nicht? Nein, wollen Sie das nicht sagen? Sie schütteln den Kopf. Was denn?« »Aber . . .« flüsterte sie. Da fiel der große Junge plötzlich vor ihr nieder, umfaßte ihre Knie, schmiegte seinen Kopf daran und rief: »Aber leiden Sie nicht, wollen Sie sagen? O Sie liebe liebe, Sie gute beste Mama! Ja, ich leide! Warum es nicht gestehen? Ich bin ja voll von den Frauen. Wenn eine mich anschaut – es läuft mir heiß und kalt über den Rücken, und der Geruch von Haaren kann mich toll machen. Nachts in den warmen Ländern, wenn das Fenster offen steht und aus der stillen Straße das Trippeln der Füße einer schönen Frau heraufklingt – eine Frau, die wir nicht sehen, ist nämlich immer schön – dann schlafe ich nicht. Und im Hotel erregt es mich, wenn nebenan eine Frau – wenn wir sagen: eine Frau schlechthin, meinen wir immer eine schöne Frau – wenn ich die Schnallen ihrer Strumpfbänder wider den Stuhl klappern höre, indem sie sich auszieht. Man fühlt das Weib in allen seinen Adern und Fasern. Das Weib ist 361 die Musik in unseren Nerven, das Weib ist der Rausch unseres Blutes! Alles Holde kommt vom Weibe! Alles am Weibe ist süß!« Er schlang seine Arme um sie, und wie er sie so in seinen Armen hatte, schloß sich ein Stromkreis zwischen ihnen. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, und er rief: »Bin ich blind oder bin ich blöde? Mama –? Auch Sie –? O Mama!« Sie sprang auf. »Du willst nicht, Mama?« frug er wie ein gekränkter Knabe. Da erlosch plötzlich die Kerze, und er hörte sich im Dunkel flüsternd gerufen. Neuer Anschlag Auf des alten Grafen Schreibtische lag ein Brief von Fräulein Merlin. Hastig riß er ihn auf. Er enthielt, unter einigen höflichen Umschreibungen, nur die Worte: »Bitte machen Sie mir Geld flüssig.« Er ließ das Blatt sinken. »Ist es möglich,« dachte er, »daß einem alten Esel das Herz noch klopfen kann wie einem Sekundaner?« Und er lachte so laut, daß das Klavier im offenen Nebenzimmer, in seinen Baßsaiten gleichtonig erschüttert, mitlachte. »Soll geschehen,« rief er grimmig, »ich werde Ihnen Geld schaffen, schönes Fräulein! Soll geschehen!« Er hob den Hörer vom Apparat ab. »Sind Sie da, Silberzahn? Hier ist Graf Wetter . . .« Es knatterte im Hörer . . . »Schon gut! Schon gut! Kommen Sie doch gleich zu mir, Silberzahn . . .« Es knatterte wieder . . . »Schluß!« Indem er den Hörer in die Gabel warf, 362 brummte der Graf: »Ekelhafter Krawattenmacher, mach' deine Kratzfüße und Katzbuckel für dich allein!« Er klingelte. Hubert stand da. »Der Wagen soll vorfahren!« – »Zu Befehl!« Der Wagen fuhr ab. Der Wagen kam an. »Aha, Wetter! Bitte Platz zu nehmen.« – »Danke schön, Hagelstange, alter Freund.« – »Du bist ja so erregt, Wetter?« – »Geschäfte!« – »Jaja, was einem das Herz klopfen macht! In der Jugend ist's die Liebe, im Alter ist's das Geld.« Der Graf verzog das Gesicht. Hagelstange aber fuhr fort: »Seidenröcke knistern wie Banknoten. Bei jungen und alten Knaben will die Begierde erregt sein, denn Begehren bedeutet Leben, aber das Begehren nach den Seidenröcken war edler.« – »Du bist ein Philosoph, Hagelstange, aber du mußt wohl ein schlechter Philosoph sein, weil du ein guter Bankmann bist.« – »Ja,« sagte Hagelstange, »es ist schade, daß das Beste in uns verkümmern muß, wenn wir etwas Gutes sein wollen. Das Beste ist, beschaulich zu werden wie ein Inder. Sechs Schöpfungstage sind schön, aber das Schönste ist doch der siebente, der Ruhetag. Oder besser noch der Samstagabend! Wenn die Straßen gefegt werden und die Glocken, alle Glocken von der großen Münsterglocke angefangen, den Sonntag einläuten, keine Glocke mag da schweigen. Hast du das nie empfunden?« – »Nein!« – »Kann's mir denken. Ob wir die Ruhestunde der Beschaulichkeit noch finden? Oder ob wir in den Sielen sterben werden? Ich gestehe, ich erstrebe es nicht, in den Sielen zu sterben. Das heißt eher als Gaul verenden denn als Mensch sterben.« 363 »Hör' auf, deine Philosophie wird gefährlich!« rief Wetter. – »Laß mich. Du sollst mein Opfer sein. Wo ist in unserer hastigen Welt noch ein geduldiger Zuhörer? Das Geschäft mag einen Augenblick warten. Warum jagen wir denn so hinter dem Gelde her? Weißt du es eigentlich, Graf? Also du weißt es auch nicht. Wir brauchen es nicht, denn wir haben genug. Habgier ist es auch nicht, so tief stehen wir beide wenigstens nicht. Was also dann –? Wer rastet, rostet, sagt das Volk. Ei, warum denn nicht? Wenn's nur Edelrost wird! Die Patina des Alters heißt Weisheit, aber wir lassen ihr keine Zeit, sich anzusetzen. Statt dessen prägen wir Alten billige und zynische Weisheiten wie die, daß guter Stuhlgang noch besser sei als Liebe. Du lachst, alter Jugendsündengenosse. Meine beiden Herren Söhne lächeln auch bereits etwas über ihren schwärmerischen Vater. Sie arbeiten wie die Dreschochsen, und sie werden die Bank noch zu Glanz bringen, der das Vatergeschäft wie die Sonne den Morgenstern überstrahlt. Sie sagen, sie wollen mächtig werden . . .« »Mächtig,« unterbrach der Graf, »wir wollen mächtig werden! Das ist es! Wir wollen unsere Kräfte wirken sehen. Wir wollen Stadt und Staat sich unter unseren Händen verändern sehen . . .« – »Und ist das nicht ein etwas kindisches Vergnügen?« frug Hagelstange. »Ein Strohhaufen verändert sich auch, zuerst in Feuer, dann in Rauch und zuletzt in Asche, wenn die Knaben Feuerchen legen . . .« – »Entschuldige, Freund,« unterbrach ihn wieder der Graf, »du bist reif für die Ruhe. Du solltest dich wirklich zur Ruhe setzen.« – »Du hast recht. Und ich werde es tun, wenn . . . wenn meine Söhne es mir 364 gestatten.« – »Nun aber zu den Geschäften!« rief der Graf. – »Ja, zu den Geschäften«, sagte seufzend aber folgsam der Bankdirektor.   »War das ein hartes Stück Arbeit«, sagte der Graf zu sich selbst, als er wieder in seiner Kutsche saß. »Hagelstange hat an diesem Großjohann einen Narren gefressen. Und Mißtrauisch ist er. Doch diesmal war ich der Klügere. Aber sicher habe ich Interesse an diesem Manne! Aber gewiß geht mir das Schicksal dieses seltenen Menschen nahe! Guter Hagelstange, du ahnst nicht, wie nahe!« brummte er grimmig. »Du wirst es hören, wenn dein Schützling auf der Folter der Henkersknechte Silberzahn, Fingernagel und Genossen stöhnt und ächzt. Ich kann nun einmal den Menschen nicht ausstehen! Gewisse Menschen reizen uns durch ihr bloßes Dasein, und wenn sie in Hinterindien lebten! O schöne Gertrud, wenn du wüßtest, welch eine Waffe du mir in die Hand gegeben hast! Die Liebe ist süß, aber das Nächstsüße ist die Rache!«   In der Flurhalle des roten Hauses wartete Silberzahn. Von der Eile erschöpft, ließ er seinen kurzen asthmatischen Schafshusten hören. Hubert schätzte es sicher ab, wer von den Besuchern in das Empfangszimmer zu führen und wer im Flur zu belassen war. Als eine Stunde Wartens vergangen war und Silberzahn ungeduldig wurde, frug Hubert: »Ihr wart wohl nicht Soldat, Herr Silberzahn?« – »Soldat? Gott bewahre, nein! Gott sei Dank, nein! Man muß genug in den Schornstein schreiben, auch noch drei ganze Jahre? Es bringt nichts ein, Soldat zu sein.« 365 – »Oh, wenigstens lernt man warten«, sagte Hubert und lachte schadenfroh. – »Ich danke für das Warten, und wenn der Graf nicht bald kommt . . .« – »Nun, was dann?« frug Hubert. – »Dann . . . dann . . .« drohte Silberzahn. – ». . . dann werde ich eben noch länger warten, wollt Ihr sagen, und Ihr tut ganz recht daran. Seht einmal, Herr Silberzahn, bei den großen Herren ist das ganz anders als bei den kleinen. Sie sagen, die Zeit ist kostbar, aber sie meinen nur ihre Zeit. Damit der große Herr nicht etwa 5 Minuten zu warten braucht, wird der kleine 5 Stunden vorher bestellt. Wie jetzt Ihr! Dann kann es nicht vorkommen, daß der große Herr zu warten braucht. Sagt selbst, Herr Silberzahn, wie würde sich das denn auch schicken? Man sieht, daß Ihr nicht Soldat wart, und das ist ein Mangel, der einem das ganze lange Leben anhaftet. Als ich Soldat war – nun, ich gehörte zu denen, welche 5 Stunden warteten, ich sag' es wie es ist. Auch noch mein Herr Graf, als er Leutnant war, wartete 5 / 4 Stunden. Da fluchte er auch manchmal, so wie Ihr es wohl tun möchtet; aber wenn der Herr Major kam, dann schlug er die Hacken zusammen, daß die Sporen klirrten, setzte das freundlichste Gesicht auf und meldete sich zur Stelle. Er hatte genau so ein freundliches Gesicht, wie Ihr es gleich haben werdet, wenn der Herr Graf kommt. Und wenn der Herr Major gut geschlafen hatte, dann sagte er wohl: Graf, Sie haben warten müssen. Hatte er aber schlecht geschlafen, so sagte er gar nichts.« – »Waren Sie dabei?« frug zweifelnd Silberzahn und sah Hubert auf seine Jahre hin an. – »Das nicht, aber wer Soldat gewesen ist, kann sich das vorstellen. Da verändert sich nichts, und 366 auch der gemeine Mann lernt sich betragen wie ein Feldmarschall.« – »Sie können gut erzählen«, sagte Silberzahn. »Nun also weiter«, erzählte Hubert; »aber der Herr Graf erwiderte: Nicht der Rede wert, Herr Major, zwei Minuten! Genau so wie Ihr sagen werdet, wenn der Herr Graf gleich kommt.« – »So? So? Was Sie sagen! Werde ich so sagen?« Und Silberzahn sah den Burschen mit kalten Blicken seiner nackten Augen an und biß seine bloße Oberlippe, denn er wußte in seinem Kleinbürgersinne nicht recht, ob ein Kammerdiener eines großen Herrn nicht doch vielleicht zu den großen Herren zu rechnen sei. »Ich will Ihnen sagen, Herr . . . Herr Kammerdiener, was ich sagen werde: Glauben Sie, ich bin ein Hanswurst? Ein Dieb? Ich habe die Zeit gestohlen? Glauben Sie, die anderen Makler schlafen jetzt um Mittag und fischen mir keine Kunden von den Baustellen weg? Das werde ich sagen, Herr Kammerdiener!« – »Oh, ich weiß das besser, Herr Silberzahn! Glaubt Ihr, Ihr seid der erste, der hier wartet? Und glaubt Ihr, ich habe noch nicht solche Reden von anderen gehört, die auf demselben Stuhle saßen? Und die dann nachher sagten: oh, hat nichts zu sagen, zwei Minuten? Ihr hättet Soldat werden müssen. Ich seh' es einem, der warten muß, sofort an, ob er Soldat war oder nicht. Ein Soldat hat ein Etwas im Gesichte. Und was ist denn dabei? Soldat sein ist ein sehr nachdenklicher Beruf. Wer weiß, was für tiefe Gedanken da schon ausgedacht worden sind? Ich weiß es nicht, ich habe nichts gedacht, aber wer weiß es? Und tröstet Euch, es trifft jeden. Der Herr Major, der den Herrn Leutnant warten läßt, muß auch 367 warten, wenn er zur Exzellenz befohlen wird, wenn auch nur 5 Minuten, und – ach, du mein Gott! – erst die Exzellenz, wenn die Majestät sie ruft! Die wartet halbe Tage. Das Warten eines Kavalleristen ist nichts dagegen. Ich z. B. würde mich zur Exzellenz nicht eignen, ich bin noch viel zu ungeduldig, ich sag' es wie es ist. Überhaupt, braucht denn der Mensch etwas anderes als warten zu können? Sich nur nicht vordrängen, das ist das Geheimnis der Vornehmheit.« Nun horchte Silberzahn auf, denn man wird nie zu alt um zu lernen, und man kann nicht wissen, wozu es gut ist. Er wäre so bittergerne hinter das Geheimnis der feinen Leute gekommen, immer so vornehm zu sein. Sie stehen oft steif da wie ein Holz, während unsereins eine vollendete Verbeugung macht, und sie sagen nichts oder gar etwas Dummes, während unsereins wirklich ganz gescheit redet, und doch, das fühlt man, sind sie die Vornehmen und wir die Gemeinen! »Es ist eine verteufelte Kunst, das Vornehmsein! Ich glaube, es muß einem angeboren sein wie dem Herrn Kammerdiener!« seufzte er in seinem Innern. Nun warteten sie weiter. Hubert stand an eine alte Truhe gelehnt und schaute auf die Silberschnallen an seinen Schuhen nieder. Silberzahn kraute seinen grauen Bart mit den gelben und braunen Strähnen, der ihm halbmondförmig um das Gesicht und die nackte Oberlippe stand. »Tja, so ist das«, sagte Hubert. Und Silberzahn sagte nach einer Weile: »Tja, so ist das.« Es war wieder eine Zeit verstrichen, da sagte Hubert: »Ja, so ist das. Ich sag' es wie es ist.« 368 Silberzahn war schon ein alter Mann, und es war daher nicht zu verwundern, daß die Schläfrigkeit ihn überkam. Er ließ ein paarmal seine Augendeckel fallen, ja, einmal fiel ihm der Unterkiefer herunter, und Hubert sah in ein schwarzes Loch mit braunen Zahnstummeln. Silberzahn riß sich zusammen, aber ein Gähnen konnte er mit keiner Anstrengung unterdrücken. Er machte nach Landesbrauch ein Kreuzchen vor dem Munde und wußte nun nicht, ob es vornehm sei, sich wegen des Gähnens oder wegen des Kreuzchens zu entschuldigen oder nicht. Hubert betrachtete ihn lachend aus seinen grünen Augen. »Warten ist überhaupt die große Weisheit des Lebens,« sagte Hubert nach einer beträchtlichen Weile, »und die lernt man bei den Preußen umsonst. Oder ist es nicht so? Zuerst wartet man eine geraume Zeit im Leibe der Mutter, ehe man in die Welt hinausgelassen wird. Dann wartet man, bis man einen Bart bekommt, und wenn man einen Bart hat, wartet man manche Stunde an der Straßenecke oder an der verschlossenen Hintertür, ob das Mädchen einen einläßt. Und dann wartet man, bis man ein reicher Mann wird. Das ist das längste Warten. Und wenn man dann genug gewartet hat und das Geld noch immer nicht kommen will, dann wartet man wieder von vorne. Und dann wartet man, bis einem die Haare ausfallen und die weißen Zähne braune Stummeln werden, und dann wartet man, bis der Totengräber mit dem Schaufeln fertig ist. Und dann wartet man, bis die Posaune des Jüngsten Gerichts ertönt und alles Fleisch und Gebein . . .« In diesem Augenblicke lärmte ein ungeduldiger Schlüssel im Schlosse. Hubert federte blitzschnell von 369 der Truhe auf, vertauschte im Nu sein fröhliches Gaunergesicht mit einem ernsten Kammerdienerantlitze und hatte schon den Türflügel in der Hand. Der Graf trat ein. Seine Geschäfte standen offenbar nicht übel, denn er war gut gelaunt, und er sagte, während er Hubert Hut und Handschuhe zuwarf: »Ah, Silberzahn! Sie haben warten müssen.« – »Oh, nichts, Herr Graf,« rief dieser sich erhebend, »nicht der Rede wert! Zwei Minuten!« 370   Sechzehntes Kapitel Was Eulenspiegel meint Durch die Vorderwohnung floß ein Strom von Gläubigern. Sie nahmen sich nicht die Zeit, vor der Glastür die Schuhe zu reinigen, und die Spuren vieler Füße zeichneten sich auf dem Boden ab. Sie kamen von der Tür und machten in der Zimmermitte halt, wo Frau Franziska und Gabriel als ein Wehr dem Strome trotzten. Unter dem Leuchter kehrten die Spuren um und verloren sich zurück durch die Tür. Mißtrauisch sah Hermann Großjohann von seiner Arbeit auf, wenn die Tür der kleinen Kammer der Hinterwohnung sich öffnete und Gabriel mit einer Frage der Mutter, eine geschäftliche Abmachung betreffend, darin erschien. Gabriel war wieder hereingekommen – jetzt aber ließ er sich auf einen Stuhl fallen. »Wirst du mich nun in Ruhe lassen?« frug mit Blicken der Vater. Und Gabriel erwiderte mit Worten: »Es ist eine Pause drüben eingetreten.« In der Kammer roch es sauer nach Klebzeug und Leim. Tausend Schnippel und Schnitzel lagen am Boden, Abfälle der ausgeschnittenen Vorlagen. »Du bist so trübselig, mein Sohn?« – »Ich kann nicht 371 mehr, es ekelt mich an. Eine Verschwörung ist gegen uns im Gange!« rief Gabriel. Der Vater sah ängstlich nach der Tür. Dann aber schlug er mit der Hand in die Luft und frug leise: »Weißt du, was das ist? Auf dem Tische?« – »Sankt Peter, scheint mir«, erwiderte Gabriel. – »Jawohl, Sankt Peter. Und sieh dir die Arbeit an, mein Sohn. Das ist alles sauber geklebt und nirgendwo beult es. Es ist keine Kleinigkeit, so eine Kuppel zusammenzukriegen, daß das Ding wirklich steht und noch die Laterne aushält. Deine Mutter sagt, das Domekleben sei keine Beschäftigung für einen Mann. Was versteht ein Weib! Ihr Rock hat viele Falten, aber ihr Gehirn hat wenige. Keine Beschäftigung für einen Mann? Und ich sage dir, Gabriel: Das ist das Glück! Das ist das reine Glück! Nur das Geschöpf unserer Gedanken ist schön und groß. Das draußen ist alles eitel.« Der Alte reinigte die klebrigen Finger in der Waschschüssel und trocknete sie an seiner blauen Leinenschürze. »Nimm eine Zigarre, Gabriel.« Blauer Rauch umwölkte die hohe Kuppel von Sankt Peter. Der Alte drückte auf einen Knopf – und in Sankt Peter glühten die elektrischen Leuchterkronen auf; er drehte einen Hahn – und im Säulenhofe des Bernini begannen die beiden Brunnen zu rauschen. »Fürchte keine Überschwemmung,« sagte Großjohann zu dem überraschten Gabriel, »die Brunnen sind aus gutem Thon, den ich mir in den Flußbenden geknetet und selbst im Ofen gebrannt habe, und das Wasser aus der Leitung sammelt sich in dem Eimer da. Und eine Flasche Wein ist auch da. Laß uns aber die Tür versperren; wenn deine Mutter 372 dich hier sähe, würde sie dich auch unter die Verkommenen und Verrückten rechnen. Keine Beschäftigung für einen Mann!« brummte er leise. Als er die Tür versperrt, die Flasche Wein aus dem Kölner Dom und die Römer aus der Cheopspyramide hervorgezogen hatte, saßen sie eine Weile still, andächtig über die Gläser wie über Meßkelche geneigt. Jetzt blinzelte der ältere Großjohann nach der Pyramide hinüber. »Was, Vater?« frug der jüngere. Der ältere blinzelte wieder, der jüngere aber wußte nichts daraus zu machen. Jetzt frug der ältere ungeduldig: »Weißt du denn überhaupt, wie so eine Pyramide im Innern aussieht? Wie? Du denkst: na, vier Seiten und vier Kanten und eine Spitze darauf, was? Oh, wie ungebildet ist man heute! Also höre: die Pyramide ist das gediegenste Bauwerk der Welt. Da ist kein Hohlraum drin außer der Totenkammer des Pharao. Kein Füllsel mit minderwertigem Stoff, wie man heute baut und wie selbst unsere Alten bauten. Das ist gediegen bis zur Verrücktheit. Daß ich damals gelebt hätte! Da stehen also diese Pyramiden, 10, 20, 30, Berge aus Geometrie, auf dem roten Talrande am Saume der gelben Wüste. Ein blauer Strich ist da unten einen halben Erdteil weit durch die ungeheure Wüste gezogen – das ist der Nil –, daneben zwei grüne Striche, das Fruchtland, und das übrige durstiger Sand. Wenn dann die Sonne über dem Osten heraufkommt, dann tasten ihre ersten roten Strahlen als blinde Finger nach der scharfen Spitze des Baues, wie um zu fühlen, ob sie noch auf dem richtigen Wege ist.« »Woher wissen Sie das, Vater?« frug Gabriel staunend. – »Oh,« sagte dieser erschrocken, »ich habe 373 doch Bilder gesehen – du doch auch! – und Schnitte in die Hand bekommen. Wo war das doch? Richtig, als ich mit Onkel Franz auf der Wanderschaft war, da kaufte ich in einer Trödelbude an der Seine ein altes Architekturbuch. Da stand alles drin, Grundrisse, Aufrisse und Schnitte.« – »Aber die Farbe und alles das, Vater? Daß Sie sich das so vorstellen können?« – »Kannst du dir das denn nicht vorstellen?« – »Nein«, sagte Gabriel kopfschüttelnd. – »Sonderbar!« meinte der Alte; »du bist ja auch kein Architekt geworden.« – »Sie haben ein mächtiges Gedächtnis, Vater, und sind ein Dichter dazu.« – »Komm mir nicht mit den Dichtern,« sagte Großjohann fast böse, »ich mag die Kerle nicht, die ihre kleinen Leiden ausbeuten, einen Laden ihrer Schmerzen aufmachen und sie für Groschen verkaufen.« – »Aber die Dichter der Bibel mögen Sie?« – »Ja, wenn du die Dichter nennen willst! Die zu berichten wissen, was Merkwürdiges geschehen ist, die mag ich! Die Taten und Leiden von Menschen erzählen, die einen Kopf größer waren als sie. Nur mit sich selbst sollen sie uns verschonen. Unpersönlich muß man bei allem bleiben. Das eigene Ich ist wirklich zu erbärmlich.« »Man kann nicht sagen, Vater, daß wir zuhause uns lästig mit unserem Persönlichen geworden sind«, sagte Gabriel mit leichter Bitterkeit. – »Das war auch richtig so. Das Persönliche ist gemein.« – Gabriel kaute an seiner Lippe. »Ich möchte meinen,« sagte er, »daß die Schweigeregel des Trappistenklosters zuhause etwas streng war. Ich halte wenig von den Abtötungen. Weil wir voreinander schwiegen, ist es gekommen, daß wir nichts voneinander wissen. 374 Besonders vom Abte unseres Klosters wissen wir wenig. Erzählen Sie mir etwas von sich, Vater, von Ihrem Werdegange. Sie haben bis zum letzten Augenblicke Überraschungen für uns, wie ich jetzt eben wieder erlebte. Sie haben wahrlich Ihr Licht unter die Bank gestellt. Sie wissen soviel und haben soviel erlebt. Wo überall waren Sie, und was haben Sie gelernt?« – »Oh,« sagte der Alte, »das ist alles nicht weit her. Ich bin gar nicht fern gewesen, nur ein wenig im gesegneten Westen herum. Ich war doch mit Onkel Franz auf Wanderschaft, das weißt du doch.« – »Von Ihnen, Vater, weiß ich es nicht.« – »Genug, daß du es weißt. Und gelesen habe ich auch allerhand, damals als ich noch Zeit dazu hatte. Das ist freilich schon lange her, aber es ist mir jetzt, als sei es gestern gewesen und es liege nur eine lange finstere Nacht mit schweren Träumen dazwischen. Das waren schöne Abendstunden bis über die Mitternacht, wenn dein Onkel schon schlief, nachdem er das Abendessen aus einem gebratenen Bücking bereitet, wir abgegessen und er das Geschirr gespült hatte. Wir bewohnten damals zusammen eine Dachwohnung bei Notre-Dame – das weißt du doch?« – »Nein, das weiß ich nicht, das ist mir alles neu«, sagte Gabriel leise. »Nun also, wir wohnten da in einer kleinen Dachkammer ziemlich lange Zeit, denn einige der prachtvollen überlebensgroßen Teufelsfiguren, die auf dem Umgang vor der Glockenstube sitzen und auf die große Stadt hinabschauen – du kennst sie doch, die Teufel?« – »Woher sollte ich sie kennen?« frug Gabriel. – »Aber Junge, warum solltest du sie denn nicht kennen? Die stehen doch in tausend Büchern 375 drin. Kennst du denn die Bücher nicht?« – »Ich kann doch nicht alle Bücher kennen. Man muß einen Führer zu ihnen haben«, meinte Gabriel. – »Führer! Führer!« grollte der Alte, »wieso muß man einen Führer haben? Man bricht sich halt selbst einen Weg. Ich habe auch keinen Führer gehabt. Und wieso alle Bücher kennen? Was sind das für Redensarten? Es gibt nur ein paar gute Bücher, die sind leicht aufzufinden, eines allen voran.« – »Ja, in dem einen haben Sie vielleicht zuviel gelesen, Vater«, meinte Gabriel nachdenklich. – »Was redest du, Gabriel? Was meinst du? Aber ich sprach da eben von den Teufeln auf Notre-Dame. Also das Geländer war morsch geworden, denn der weiße Sandstein Frankreichs wird erst schwarz, und dann bröckelt er. Das ganze Geländer mußte erneuert werden. Und das machten wir denn als Arbeiter der Dombauhütte, Franz Xaver und ich allein, denn der Dombaumeister hielt etwas von uns. Es war gerade nach dem Kriege, in der Stadt war man höllisch scharf auf alles Deutsche. Bleibt da oben, sagte der Hüttenmeister, und laßt euch nicht zuviel hier unten sehen. Zwei Jahre im ganzen waren wir in der Stadt und wohnten davon drei Monate oben, ohne je hinunterzusteigen. Herrgott, war das eine schöne Zeit! Wir schliefen am Boden. Wenn man sein Ohr an den Steinbelag drückte – Junge, wie das durch den ganzen Bau rollte, wenn nachts die Turmuhr schlug und die Töne den riesigen Bau durchwallten! Und Sonntags, wenn alle Glocken läuteten! Dann meinte man, der ganze Turm schwanke – und er stand doch fest! – aber es schwang und schwang, und die Töne füllten brausend 376 den Kopf. Wir wanderten dann nach Straßburg.« Er trank, dann schwieg er und schaute in das Glas. – »Weiter, Vater!« sagte Gabriel, »mehr!« drängte er. »Oh, wenn du alles wissen willst, dann kann ich freilich bis morgen früh erzählen. Aber ich habe nicht geglaubt, daß meine Söhne solchen Anteil an ihrem Alten nehmen«, sagte er, mit halbem Auge aufblickend. – »Erzählen Sie, Vater«, sagte Gabriel, und seine Lippen zuckten. »Also dann zurück in unsere Dachstube. Franz Xaver hat gespült, er schläft, und ich zeichne mit Zirkelschlag und Maßstab auf dem Reißbrett. Junge! Junge! Junge! Was habe ich da gebaut! Wie paßten die Gewölbe! Wie wuchs das Ganze! Damals baute ich natürlich nichts anderes als gotische Kirchen und kam nie mit der Meterlänge des Bogens und Reißbrettes aus. Meine Türme stiegen und stiegen, teilten die Wolken und spalteten den Himmel. Das Beste, was gebaut wurde, mein Sohn, ist nur auf dem Papier gebaut worden. Wenn etwas ausgeführt wurde, so hängte sich ihm ein ekliger Menschenschleim, eine giftige Krankheit an, und diese Krankheit heißt Geschäft. Geschäft ist das Kreuz aller, die bauten. Geld ist ihr Elend.« Gabriel schüttelte lächelnd den Kopf. Der Vater sagte: »Jaja, mein Sohn, das kommt davon, wenn man den Vater für einen Dummen verschleißt, wie ihr es getan habt.« – »Ich auch, Vater?« – »Nein, du nicht, das muß wahr sein. Aber die anderen, und dann das Weib . . .« – »Nicht so, Vater«, bat Gabriel und legte ihm – wahrhaftig, er legte ihm die Hand an den Arm! »Aber das habe ich auch nicht gewußt, Vater, daß Sie ein Künstler sind.« 377 »Zum Wohlsein, mein Sohn! Stoß mit mir an! Nur ein dreister Kerl spuckt in den Meßkelch. Nun stell' dir das einmal richtig vor: Du trittst vor ein Bauwerk hin, übersiehst es sofort ganz und brauchst dich nicht hindurchzuquälen wie durch ein Buch. Du hörst mit einemmale die ganze Musik und die Harmonie. Wenn der Bau einmal da ist, so ist er für die Ewigkeit da, und doch kannst du ihn in einem Augenblick genießen. Und kannst auch, wenn du willst, eine Woche darin herumklettern – wie ich es im Reimser Dome tat – er ist immer da, verlangt nichts von dir und vergeht nicht. Solche Werke sollten die Menschen schaffen, wenn sie nicht mit Blindheit geschlagen wären. Wer weiß nach 3000 Jahren noch von uns und unserem großen Deutschland und vom alten Frankreich? Dann geht das Leben aus von der Sahara, wenn die Menschen gelernt haben, die Sonnenwärme aufzufangen und in Maschinenarbeit umzusetzen, und auf den Trümmern unserer Städte weiden unsere armen Nachfahren ihre Herden. Wehe, wenn dann in den Ruinen nichts Gediegeneres steht als die billigen Werke, die wir bauen! Die Schafe blöken, und der Wind pfeift, und unser Name ist vergessen . . .« Gabriel sagte: »Sie sollen es von jetzt an gut haben, Vater, so gut wie ich es Ihnen verschaffen kann. Lassen Sie das Geschäft, das sich wie Schleim und Ekel allem Schönen anhängt, und geben Sie den Rest mir und der Mutter in die Hand.« Großjohann verfinsterte sich: »Dir ja, aber nicht der Mutter.« – »Gut,« erwiderte Gabriel, »ich werde dann gelegentlich die Mutter um Rat fragen.« – »Tu', was du willst, nur schweig mir von dem 378 Weibe. Nimm meinetwegen den elenden Rest, und die paar Jahre, die ich noch zu leben habe, werde ich am Reißbrett zeichnen und Bauten kleben. Aber die Weiberschliche und -tücken leide ich nicht.« – »Gut, Vater. Was wir brauchen, das mag man doch aus dem Haufen noch herauswirtschaften. Kein Knäuel ist so wüst, es läßt sich mit Geduld entwirren, und so dick, daß nicht ein Ende darin wäre. Und vielleicht, wer weiß, wird auch dieser Alp von mir genommen werden, der mein Leben lang auf meiner Brust lag, daß ich nicht atmen, und auf meinen Armen, daß ich sie nicht erheben konnte, und ich werde noch Künstler.« »Und Fräulein Merlin?« wollte der Alte fragen, aber die Scheu, sich in seines Sohnes Herzensangelegenheiten zu mischen, verschloß ihm den Mund. »Und Fräulein Merlin«, sagte Gabriel leise aus sich, »werde ich nicht heiraten. Wir sind Freunde, im übrigen fragen Sie mich nicht danach.« – »Ich werde dich nicht fragen«, sagte stolz der Alte, erhob seinen Römer und tat einen langen Zug. Es war nun still. Großjohann schaute in den Kelch, und der Gott im gläsernen Hause sah ihn fröhlich daraus an. »Wir haben solange geschwiegen, Vater,« nahm Gabriel die Rede an einem früheren Punkte auf, »daß wir jetzt reden sollten. Also erzählen Sie mir noch etwas.« »Dann hätte ich einen Vorschlag für dich.« – »Nun?« frug Gabriel gespannt. – »Wenn ich gelehrt wäre wie du, Gabriel, so ginge ich in die alten Büchereien und auf die Trödelmärkte und stellte das zusammen an Rissen und Zeichnungen, was nicht 379 gebaut wurde. Es gibt soviele Bücher über das Gebaute. Das ist auch da und steht leidlich da und braucht keine Bücher. Aber von den sieben Türmen, die Reims bekommen sollte, hat der Dom nur zwei, und diese beiden sind Stümpfe. Und von der Stadtanlage in Arabien – nun hilf einmal meinem ›guten Gedächtnis‹, Gabriel,« spottete der Alte, »daß ich dir den Namen sage – also davon ist eine Prachtstraße ausgeführt, und die Säulen stehen noch überwältigend und ehrfurchtgebietend im endlosen Sande, und doch sollte sie nur eine Seitengasse werden. Oder in Italien irgendwo – Namen! Gabriel, Namen!– steht eine riesige hochschiffige Kirche –« »Haben Sie sie gesehen, Vater?« unterbrach Gabriel. – »Gesehen?« frug sich selbst der Alte; »ich weiß nicht . . . soviel ich weiß nicht, ich war doch nicht in Italien . . . also denk' dir, diese ungeheure Kirche sollte nur der Seitenarm eines griechischen Kreuzbaus werden, der sechs solcher Kirchen in einem Bau umschlossen haben würde. Es gibt auf der Welt kein wahrhaft großes Bauwerk, das nicht Ruine wäre, im einen oder andern Sinne. Und wenn es scheinbar auch vollendet wurde, so konnte es nie vollendet werden, wie der Baumeister es sich gedacht hatte, tausend Rücksichten verhinderten es. Das alles nun würde ich ergänzen – ich würde dir helfen und zeichnen, aber du müßtest das Nötige dazu schreiben und überhaupt forschen, und wir geben es dann heraus als die Architektur, die nicht gebaut wurde. ›Architektur die nicht gebaut wurde‹ wäre ein guter Titel.« »Hören Sie auf, Vater, Ihre Fantasien gehen ins Unermeßliche, und Ihr armer Sohn vermag 380 nicht zu folgen. Und das Werk, das Werk – ja, das wäre etwas für Sie! Ich bringe soviel Tatkraft nicht mehr auf.« Er legte seinen Arm auf den Tisch mitten in all den Bauschrott und den Kopf darauf, denn die Tränen waren ihm nicht ferne. Der Alte sah auf das Haupt seines Sohnes nieder und dachte: »Sonderbar, die grauen Fäden in seinem Haare! Wie alt ist er jetzt? 30! Sonderbar, diese Jugend von heute.« Mitleid erfaßte ihn plötzlich, und in der Weinlaune, in der vieles Schwere leicht erscheint, tat der Vater das Unerhörte: er fuhr leicht mit der Hand über den Kopf des jungen Mannes vor ihm auf dem Tische. Ein Zittern ging durch den Körper Gabriels, so unerhört erschien ihm, was der Vater tat. Er konnte seine Rührung und Scham nicht bemeistern, stand auf und ging ans Fenster. Dort legte er den heißen Kopf an den kühlen Messingknopf.   Währenddessen hatte Frau Franziska im Vorderzimmer die letzten Geschäfte der Firma Großjohann mit ruhiger Hand abgewickelt. An ihrem klaren Verstande und ihrer Kaltblütigkeit waren die Anschläge der Feinde zuschanden geworden. Der Graf hatte sich vergebens mit dunkeln Helfern bemüht. Niemand war zu Schaden gekommen, wenn auch mancher übermäßige Forderungen hatte vermindern müssen und einige Vergleiche geschlossen worden waren. Die Tür hatte sich hinter dem letzten Gläubiger geschlossen – er war laut und polternd, als wollte er das Haus abbrechen, gekommen, und er entfernte sich ruhig und gesittet. Als nun endlich und zum erstenmale keine Sorgen 381 mehr über dem Hause lasteten, da kam über Frau Franziska das Gefühl einer großen Leere. Sie staunte darüber, und sie, die Niebeirrte, griff halb im Traume mit den Händen um sich. Ihr war zumute wie einem unter vielen Atmosphären Druck am Meeresgrunde lebenden Tiere, das durch das Schleppnetz plötzlich der Tiefe entzogen an der leichten Luft des Tages liegt – wie betrunken wird die Seeschnecke wanken. Sie ergriff Hut und Mantel und ging ins Freie. Plötzlich war sie mitten im lebhaftesten Bauviertel am Berge. Die unfertigen Straßen waren gesperrt von knarrenden und knatternden Karren, welche rote Ziegel aus den Feldbrandöfen vor der Stadt hereinbrachten und in der Straße aufschlugen. »Hollah, Schläferin!« rief ihr ein Fuhrmann zu, denn fast wäre sie von einem Brabanter Pferde getreten worden. Der löschende Kalk rauchte aus den Gruben, von den Mörtelmachern mit einem meterlangen Holzlöffel umgerührt. »Wie köstlich es hier riecht!« dachte sie. Die Schritte der Fuhrleute und Handlanger mahlten den knirschenden Ziegelschrott. An Flaschenzügen fuhren die Steinlasten die Gerüste hinauf, melodisch klangen die Rufe des absendenden Handlangers unten und des empfangenden oben. Die Kalkkübel wechselten an Drahtseilen auf und nieder. Leicht knackten und bogen sich die Gerüste. Die Maurer liefen oben auf den Bretterstegen am Rande des Himmels, die Einfuger fuhren in Körben an Seilen die hohen Mauern entlang, und unten im Getümmel der Baustraße standen die Bauherren, welche blaue Zeichnungen, entrollt und gegen den leichten Wind gesichert, dem Polier erklärten. Die 382 Makler schlichen mit ausgefransten Hosenbeinen zwischen Ziegelhaufen und Holzstapeln umher. Frau Franziska stand im Getümmel der Arbeiter, Herren und Pferde, einsam und verloren zu den Bauten hinaufstarrend, als sähe sie sie zum erstenmale, und dachte: »Nun sind wir aller Sorgen ledig! Nun werden wir nicht mehr bauen! Nun klingelt niemand mehr an der Glastür mit einem Wechsel! Ach – wenn wir doch wieder bauen würden! Das ist doch ein Leben! Was mach' ich mir aus Sorgen und Wechseln! Ach, wenn wir doch wieder bauen würden! Das soll nun vorbei sein auf immer!« . . . Zur selben Zeit waren auch Hermann und Gabriel Großjohann in diese Nibelungenstraße spazierengehend gekommen, denn sie wollten in die Hügel und Weinberge hinauf. Die Baugeräusche in all ihrer groben Deutlichkeit klangen dem Ohr des Vaters unwirklich wie ferne Geschichten, und Gabriels Herz erfüllten sie mit leisem Abscheu. »Ich bin froh, daß ich nichts mehr damit zu tun habe«, sagte der Vater. »Ja, wenn das die reine Baufreude wäre! Aber sieh da, Gabriel« – er wies auf einen Herrn mit verstörten Zügen, der die Baurolle auf dem Rücken mit den Händen zerknüllte, während er sich lebhaft gegen einen Makler zu verteidigen schien – »der da trägt auch den Strick schon um den Hals, und der Henker Fingernagel steht bereit . . .« Da durchschnitt den Lärm ein markerschütternder Schrei. Im roten Ziegelstaube sah man ein Pferd steigen. »Die Mutter!« rief Gabriel und stürzte in das Getümmel. Es war Großjohann, als erstarre er an der Stelle. Die Mutter! Die Mutter! klang es in seinem Ohre 383 nach. Eine Eishand faßte an sein Herz. Er erschrak vor sich selbst. »Habe ich . . . so . . . Franziska gehaßt? So – habe ich sie gehaßt . . .? So – habe ich sie gehaßt . . . ?« Frau Franziska waren die Knochen zermalmt. Sie war schon tot, als Gabriel ankam. Das letzte, was sie von dieser Welt gehört hatte, war der Ruf ihres Sohnes gewesen. Das schwere Brabanter Roß, das sie umgestoßen hatte, sodaß sie unter den Ziegelkarren geraten war, beschnupperte sie. Die Leiche wurde mit leeren Zementsäcken zugedeckt und auf einem Stoßwägelchen von Maurergesellen in blauen Kitteln nachhause gefahren. Gabriel wankte hinterdrein. Er meinte, seine Glieder seien ebenso zerschlagen wie die seiner Mutter. Großjohann schritt neben ihm, Eis in den Knochen. Auf den Baustellen der ganzen Nibelungenstraße machte man Schicht. Hunderte von Maurern und Handlangern folgten kalkbespritzt dem Wägelchen, hinter ihnen schritten die Bauherren, die Unternehmer und die Makler. Nie hatte sich ein Leichenzug schneller gebildet, selten waren die Leidtragenden bereitwilliger gefolgt. Ein Bauherr sagte: »Der Mann hat diese Frau gar nicht verdient. Die war unter dem Fingernagel mehr als der ganze Kerl.« Und ein Unternehmer meinte: »Wenn ich eine solche Frau gehabt hätte, gehörte mir heute die halbe Stadt.« Der Letzte im Zuge war zufällig der Kassenbote mit dem Hute, der röhrenförmig doch kein Zylinder war. Er sagte zu sich: »Mit den Wechseln zwar nicht immer ganz pünktlich, aber doch schade!« Am folgenden Tage wurde Franziska Großjohann unter dem Zulauf der halben Stadt begraben. 384 Zahlreiche Arme und Gebrechliche, Männchen und Möhnen, tauchten hinter ihrem Sarge auf, und es wurde offenbar, wievielen Leuten sie wohlgetan hatte. Auch der Oberste Bürgermeister fehlte nicht, und der Bankherr Hagelstange mit seinen Söhnen war da. Hermann Großjohann aber fehlte. Er hatte stumm im Totenhause gesessen, während die Söhne alles bereiteten, starr und vereist. Er hatte sich zum Begräbnisse aufmachen wollen, aber seine Glieder hatten nicht gehorcht. So war er im Ofenwinkel vergessen worden. Philipp Emanuel Großjohann hielt trocknen Auges am Grabe eine wohlvorbereitete Rede, in der er mit leiser Andeutung des Hirtenabenteuers die Wolfstöterin feierte, die ihr Leben lang mit dem Wolfe Weltsinn gerungen habe. Schließlich sei sie durch die rohe Kraft eines mächtigen Tieres gefallen. Nach ihm ergriff unerwartet der Oberste Bürgermeister das Wort und führte aus: Die Stadt begrabe eine Frau, von der niemand geredet und die jedermann gekannt habe. Unerschütterlich und unbestechlich sei sie gewesen. Alle Zuhörer waren einverstanden, nur Philipp, mit seinem Weihwedel am Grabe stehend, hatte das eine oder andere auszusetzen; er behielt es jedoch für sich. Die beste Grabrede aber hielt Eulenspiegel, der wieder einmal strolchend in der Stadt war und gestern und heute die Leichenzüge gesehen hatte. Er sagte zu sich – und nicht ein Mensch hörte es: »Muß das eine unbändige Frau gewesen sein, die man zweimal zu Grabe tragen muß, um sie tot zu kriegen!« 385   Siebzehntes Kapitel Trauer Da im Blumenkelche«, sagte Gabriel, »kriecht eine kleine Spinne. Aber sieh, wie ich sie fangen will, fällt sie an einem im Augenblick gesponnenen Faden schnell zu Boden. Da unten läuft sie weiter. So gibt es Menschen, die an einem Unglück wie an einem aus ihrem eigenen Wesen gesponnenen Faden niederfallen und unverletzt davoneilen. Mein Vater ist solch einer. Und anderen kann keine Bosheit etwas anhaben – wirf eine Taube vom Dache, du wirst ihr nicht den Hals brechen. Mein Bruder Herkules gehört zu diesen Menschen, aber wir nicht, Trude.« – »Nein, wir nicht, Geliebter . . .« Und nach einer Pause fügte sie hinzu. »Es ist wie ein Gift in uns.« »Ja,« rief heftig Gabriel, die Arme reckend, »wir sind gelähmt wie von Gift. Es heißt, daß eine Schlange, die ihr Opfer tötet, es vorher durch einen Giftbiß lähmt. Wir sind gelähmt von der Schlange Traurigkeit.« 386 Sie wandte sich ihm zu und rief: »Küss' mich, Gabriel!« Gabriel umfaßte sie, sie warf ihm das Ende ihrer Halskette um, und Gabriel küßte sie lange. Sie bog einmal den Kopf zurück und sah ihn mit verhängten Augen an. Dann küßte sie ihn – aber sein Feuer schien zu erlöschen, sie nahm die Kette an sich und machte sich los. » So traurig . . .« sagte Gabriel leise. »Ich wünschte, der Graf käme heute«, sagte sie. – »Ich auch«, sagte er. – »Spiel' etwas«, sagte sie. Sie gingen ins Haus, und Gabriel begann mit Beethoven. Sätze aus einem sanften Andante, nicht im Gefüge des Werkes, sondern frei aneinandergeschlossen mit kühnen harmonischen Übergängen, wie Beethoven selbst sie liebt, und einige, die trüben, wiederholt, besonders jene Stelle, die klingt, als ob wer in süßer Trauer durch einen warmen Wald zur Abendstunde geht, bis die tiefe Nacht kommt, und wo es dann – durch einen Wechsel der Harmonie – hell und heller wird und im leichten Geklinge von Triolen die Sterne aufzuflimmern scheinen. »Das ist das Schönste an Beethoven,« sagte Gabriel, indem er eine neutrale Stelle leise spielte (er sprach die Worte mit Begleitung) »daß er eigentlich immer traurig ist, auch im Liede an die Freude. Wer ein Lied an die Freude schreibt, ist ganz gewiß in seinem Tiefsten traurig.« Ein musikalisches Gewitter durchtobte den Flügel, dann, als Entspannung den Sturm in der Landschaft der Töne abgelöst hatte, sagte er, während er eine dunkle Largostelle spielte: »Sein Himmel ist nie ganz klar. Immer steht diese dunkle Wolke am Rande, aus der es winden und regnen und aus der jeden Augenblick Blitz und 387 Donner brechen kann. Beethoven ist ganz Philosoph, und nie hat ein Künstler mit so seinem Finger am tiefsten Sinn der Welt gerührt, der Leiden heißt.« Allmählich verließ er das Gegebene und geriet in eigene, aber beethovensch gefärbte Fantasien. Besonders jenen Tonwechsel auf dem Orgelpunkte liebte er, wo die Melodie sich aus dem Dunkel ins Licht emporzuringen scheint und doch wieder hilf- und hoffnungslos in die Nacht zurücksinkt. Wie Beethoven nicht schließen zu können scheint, so fand auch er keinen Schluß. Denn zu einem Beethovenschen Schlusse, aus wilder Kraft geboren, wo plötzlich alle sich aufdrängenden Weisen zärtlicher Trauer zurückgestoßen und mit männlicher Tat die Schlußtakte erzwungen werden, konnte er sich nicht aufraffen. So spielte er lange und verloren. Kirmes »Trari, trara, trarararaa –« bliesen die Trompeten der reichgeschmückten Herolde auf den hölzernen Bühnen. Und ein kleiner dummer August mit einer ausgehöhlten Kartoffel auf der Nasenspitze wiederholte auf einer blechernen Kindertrompete: »trararaa –.« Alles Volk auf dem Kirmesbende lachte. »Immer nur hereinspaziert, meine Herrschaften!« rief einer der Herolde, »für einen Groschen 'rein ins Panoptikum. Nichts ist auf der Welt geschehen, was man nicht hier für einen Groschen sehen könnte. Nichts auf der Welt Geschehene war mehr wert als ein Groschen. Also herein! Herein! Herbei! Herbei!« Die Trompeter bliesen: »Strömt herbei, ihr 388 Völkerscharen«, und der dumme August äffte blechern nach: – »Strömt herbei . . .« Die Bohlen der Bude bogen sich unter der Last der Menschen. Die Fahnentücher schwatzten an den Stangen. Die gräflichen Diener Peter, Hubert, Christine, Marie und die dicke Barbara schoben sich als Gruppe durch die Masse der Menschen. Christine rümpfte das Näschen und meinte: »Ist das eine Kirmes? Die will schön sein?« – »Bist mal wieder nicht zufrieden, Christine?« frug Hubert. »Das gefällt mir nicht, ich sag' es wie es ist. Wir müssen immer denken, daß es bei uns am schönsten ist! Man muß nicht auf zuviele Kirmessen gehen.« Christine schwieg betroffen, Marie aber sagte: »Da hast du sehr recht, Hubert.« – »Ach, schweig du doch still, Marie«, sagte Christine, und sie dachte: »Man muß sich schon vorläufig was gefallen lassen; wenn wir mal erst Mann und Frau sind . . .« Hubert aber dachte: »Christine oder Marie, am liebsten alle beide!« Jetzt stand die Gruppe vor einer geheimnisvollen Bude. »Hier ist zu sehen,« rief eine heisere Stimme, »der große Mann! Der Riese! Der Riese Goliath! Der Mann groß wie eine Zeder, der bis an die Spitze der Pyramiden reichen und auf den Turm von Babylon spucken könnte. Aber kein Mann auf der Welt ist so groß, daß man ihn nicht für einen Groschen sehen könnte! Wendet nur einen Groschen dran!« »Das tun wir aber auch!« meinte Hubert, »was, Kinder?« Die Frauen nickten eifrig, nur Peter zögerte. – »Peter, ich zahl' für dich! Ich zahl' für euch alle, Kinder!« rief Hubert lustig; »hier ist der Mann, der große Mann! Den sehen wir uns an! Ich sag' es wie es ist.« 389 Auch der alte Graf Wetter mischte sich heute unter das Volk, wenn auch von ihm getrennt durch die Wand der wappengeschmückten Kutsche. Aber er langweilte sich. »Wo sind die Zeiten hin, als man so alt war wie Alexander, wo niemand einen kannte und man mit den Fabrikmädchen tollte, welche Scherze vertragen können wie die, die Hubert den Mädchen in der Küche erzählt! Kameraden, wißt ihr noch? Wo seid ihr heute? Der eine ist hochgeehrt, der andere reich und der dritte berühmt – aber alle sind wir alt. Wohin ist die Zeit, wo wir nicht mächtig und nicht hochgeehrt und nicht reich waren – aber jung! Alles was jung ist, wenn es auch ein Hund ist! sagen die Leute. O Jugend – und die Jugend weiß es nicht! O Alexander, was für ein – Schaf bist du!« So dachte traurig der alte Graf, da traf er seine Diener. Er ließ halten. »Nun, wie ist's? Freut ihr euch, Hubert, Christine? Das ist recht. Und wenn es zum Kriege kommen sollte, gehen wir beide hinaus, was Hubert?« – »Das tun wir aber auch, Herr Graf!« – »So ist's recht. Da habt ihr ein Goldstück, Hubert ist Schatzmeister.« Peter ärgerte sich. Er war doch der Ältere! Der Vernünftigere! Wenn er so mutig wie Hubert gewesen wäre, so würde er gesagt haben . . . Aber der Herr Graf schien ihn gar nicht zu bemerken und fuhr davon, nachdem er ihnen freundlich zugenickt hatte – Peter zweifelte, ob auch ihm. Auch der Oberste Bürgermeister, halb Karl der Große halb preußischer Hauptmann, war auf dem Kirmesbend, um zu sehen, wie sein Volk sich trotz der schlechten politischen Nachrichten vergnügte. Es ging alles in Ehren zu, die Buden standen 390 ausgerichtet und nicht kreuz und quer wie unter seinem Vorgänger, und die Ordnungspolizei war da, aber heimlich und unauffällig – ganz so wie er es befohlen hatte. Er trank unter einem offenen Zelte ein Glas Bier mitten zwischen seinen Bürgern. Ein riesiges rotes Rad drehte sich langsam vor der blauen Luft, in schaukelnden Bojen höhendurstige Seelen gen Himmel führend. Als es aber wieder abwärts ging, sagte in einer der Bojen ein Gymnasialprofessor zu seinem grünen Sohne: »Dieses Rad sei dir ein Sinnbild für das menschliche Leben; nach einem kurzen Aufstiege und über einen Höhepunkt weg – die Alten sprachen von Peripetie – geht es abwärts, und es kehrt in sich selbst zurück.« Graf Wetter aber, der eben unten vorbeifuhr, dachte: »Einmal 'rauf, einmal 'runter, du bist schließlich immer im Dreck.« Dudelsack und Trommelschlag, Harmonika und Klarinette! Hinter den Buden, wo die Pferde der fahrenden Leute mit Fesseln über den Vorderhufen im grünen Bende grasten, übte sich eine Schar sieben- bis neunjähriger Knaben im Rauchen. Zehn bis zwanzig Zigaretten hatten sie für einen Groschen gekauft, und bäuchlings liegend besprachen sie die letzten Stockschläge in der Schule und überhaupt die gesamte politische Lage der Welt. Der Bauunternehmer Bertholet kam seinen Sohn suchend gerade dazu, als dieser totenbleich sich eilig entfernte, um Kopf und Arme wider die Mauer aus leeren Kisten gestützt sich jämmerlich zu erbrechen. Ach! Ach! Wie schlecht hatte doch Gott die Welt eingerichtet! Umsturz und Revolution durchwühlten den Knaben. »Napoleon, du Untugend, was treibst du da?« rief Bertholet. Der 391 kleine Napoleon brachte den Umsturz einen Augenblick zum Stehen und rief: »Seid nicht böse, Vater, ich will . . .« Wieder Umsturz! ». . . doch auch einmal . . .« Neuer Umsturz!». . . ein Mann sein wie Ihr!« – »Bin ja gar nicht böse«, sagte lächelnd der Vater und zog den Sohn mit sich fort. – »Nicht so schnell, Vater . . . !« rief Napoleon. Allmählich wurden die Planen der Buden vom Abendtau feucht und schwer, die Fahnen schwatzten nicht mehr, und langsam verlief sich die Menge. Die Bierzelte schlossen sich gegen die kühle Abendluft, und die Bürger kehrten in die Zelte ein. »Siehst du, Mama,« sagte Herkules, »das gefällt mir. So recht unter dem Volke sitzen! Nur nicht sich verkriechen! Nicht in die Luft der Träume entfliegen! Alles Wahre wächst aus dem Schoße des Volkes. Hast du gesehen, auch der Oberste Bürgermeister war da. Das ist ein Kluger! Ich wundere mich, daß ich meinen Vater nicht gesehen habe. Aber er wird zuhause sitzen. Seit ihm Gabriel die Ausschneidebogen gekauft hat, sitzt er und klebt die Baugeschichte der ganzen Welt zusammen. Der arme Alte! . . .« Er kam ins Sinnen. »Warum sprichst du nicht, mein lieber Junge? Rede! Rede! Du warst wieder so lange fort! Was verbirgst du vor mir? Du willst –? Du willst doch nicht etwa –?« »Doch, das will ich!« sagte er. – »– für immer fortgehen?« frug sie. »Nein, das nun wieder nicht!« – »Willst du heiraten?« frug Margarete. – »Jawohl!« »Ja, so ist es recht«, sagte sie und schien zu erblassen. 392 »Aber natürlich will ich heiraten,« rief Herkules, »und zwar . . .« – »Und zwar . . . ?« frug sie, und ihr Atem stockte. ». . . dich!« »– Aber Herkules! Ich bin doch noch immer deine Mama! Ich sagte dir schon einmal: wer heiratet denn seine Mama?« scherzte sie. »Laß das, Margarete,« sagte Herkules, und seine Brauen zuckten, »laß die Scherze mit Mama. Du hast es so gewollt, und es war ja auch gut so. Du hast mir die Gründe gesagt, warum wir nicht heiraten sollen. Triftige Gründe, bei Gott! Aber was man sich so ausdenkt, das ist doch alles einerlei. Und dann« – er senkte die Stimme und legte leise die Hand auf die ihrige – »dann warst du lieb und gnädig zu mir. Wenn man sich liebt wie wir, nun, dann heiratet man eben. Das andere ist doch, wenn ich so sagen darf, eine unsaubere Geschichte. Ich mag die nicht, die für sich immer ein besonderes Brötchen gebacken haben wollen. Wir werden Kinder haben, und wenn wir keine haben, schaffen wir uns Angorakatzen an. Schlägst du ein?« »Du bist so stürmisch, Herkules, und beweisest nun wieder, wie recht ich hatte . . .« – ». . . wenn du mich deinen kleinen Jungen nanntest. Freilich hattest du recht! Ganz recht! Ich will auch wieder ganz still und klein und brav sein, nur muß Mama dem Jungen den Willen tun.« »Schöne Grundsätze! Also hier muß die Mama gehorchen?« sagte Margarete, die langen Wimpern über die strahlenden Augen senkend. »Eingeschlagen? Das ist herrlich! Das ist . . . ! Musik, blast Tusch!« rief er zur Bühne im 393 Hintergrunde des Zeltes den Musikanten zu, »ich zahl' euch einen Hundertschein!« Die Musik gehorchte. Sie blies Tusch. Und die Bürger im Bierzelte, die glaubten, es sei ein Hoch auf den Kaiser ausgebracht worden, erhoben sich und sangen: Heil dir im Siegerkranz . . . 394   Achtzehntes Kapitel Ahnungen Am selben Sonntagnachmittag schritt Gertrud Merlin auf der obersten Terrasse des Gartens der »Luft« auf und ab. Sie trug ein leichtes Sommerkleid von der Farbe rotgelben Sandes, und einen breiten weichen Strohhut, dessen Seitenkrempen eingedrückt waren von einem Bande, das straffgespannt unter dem Kinn herzog. Die Hunde gingen neben ihr. Ab und zu legte sie ihre Hand auf den Kopf eines der Tiere, das sich leicht dagegenstemmte. Vor der Mitte des Hauses war die grüne Wand der Lorbeerbäumchen unterbrochen, ein Balkon mit einem zierlichen vergoldeten Gitter baute sich hinaus. Gertrud beugte sich über das Gitter hinüber: in dem bemoosten Brunnen voll grünen Frauenhaares unter dem Balkon stieg ein starker Wasserstrahl herauf und floß in dünner Glaskuppel über den Beckenrand. In einem offenen Steinkanale rauschte das Wasser den Mittelgang nieder. Auf jeder Stufe des Gartens zweigten Kanäle ab und entführten das Naß zu den 395 Beeten ihrer Stufe. Der Kanal versiegte auf der untersten Stufe im Tale. Dort unten lag in einer Platanengruppe ein Becken mit einem Wasserauslaß nach dem Flusse hin. Aber der Überlauf war trocken, der weite Garten trank in dieser Sommerzeit das ganze Wasser. Gertrud stand auf dem Balkon, hörte das Wasser rauschen und nach unten allmählich verrauschen. Sie hörte, wie die Poren der trockenen Erde sich mit leisem Klingen öffneten und das Wasser schlürften. Nachen kreuzten auf dem Flusse, mit bunten Herren und Damen besetzt. Der leichte Wind trug abgerissenes Lachen herauf. Auf dem zur Stadt führenden pappelbestandenen Steinwege rollte und verrollte ein Wagen. Fußgänger belebten die Straße, aber alles strebte fort, zur Stadt hinab. Niemand kam herauf. In der Tiefe der Landschaft vor der starren vieltürmigen Steinstadt dehnte sich im Flußbend die bunte leichte Zeltstadt aus. »Man fühlt sich so einsam,« dachte Gertrud, »wenn man bunte Flaggen sieht. Man kommt sich ausgestoßen vor, wenn das ganze Volk fröhlich ist, auch wenn man sich selbst ausgeschlossen hat. Warum kommt Gabriel nicht?« Ein Böllerschuß rollte – aber ferne, ein Lachen klang – aber nahe, jenachdem die Laune des leichten Windes die Laute dahintrug. »Unser Herz ist wie ein eingesperrter Hund, der am Sonntag in Klagetönen im Zwinger heult, wenn die Herrschaft davongegangen ist und er menschliche Laute hört. Wir streben alle zueinander, ob wir uns lieben und anbeten oder hassen und verachten. Allein im Paradiese war auch Adam unglücklich und in Gesellschaft 396 glücklich auf dem Distelfelde. Die Menschen gehören zueinander und gehen nicht ungestraft in die Einsamkeit.« So dachte Gertrud, neigte sich über den Blumenkorb, der auf der weißen Holzbank neben dem goldenen Gitter stand und grub mit den nackten Armen in den Rosen. Aufgewühlt dufteten sie stärker – »wie die Menschen! wie die Menschen!« dachte Gertrud – und silberne Tröpfchen blieben an ihren Armen hangen. »Wir sind nicht auf dem rechten Wege, nicht wahr, ihr schönen Kinder Floras, wir beiden Menschenkinder sind auf einem falschen Wege. Was da unten an Arbeitern und Bauern zur Stadt strebt zu derbem Vergnügen, wie mag es mich beneiden! Dieser Garten und dieser Balkon und alles dieses hier, wie mag es ihnen als höchstes Ziel des Wünschens erscheinen! Aber der Wunsch ist nimmer müde, ist immer auf dem Wege und kommt niemals an.« Sie ging auf den Plattenweg zurück und sah am Ende, wo neben den Treibhäusern die Treppe hinabging, den alten Matthias stehen. »Und sei es auch nur mit Matthias, ich muß mit jemandem sprechen.« Sie schritt zu ihm hin. Der Gärtner trug einen schwarzen Rock und auf der Brust die Kriegsdenkmünze. Seine Hände lagen auf dem Rücken, und er schaute mit den nichtssagenden Augen des arbeitenden Mannes in die Landschaft hinaus. »Nun, Matthias, hast du keine Lust, zur Kirmes zu gehen?« frug Gertrud und wies zur Stadt hinab. »Da paß ich nicht mehr hin, Fräulein.« – »Warum hast du eigentlich nicht geheiratet, Matthias?« – »Ja, Fräulein, warum nicht? Aber man kann ebensogut fragen: warum wohl? Es ist ja mal eine 397 Zeit, da ist etwas in einem, das sagt: man muß. Aber übersteht man sie glücklich, dann kommt nachher eine Zeit, und da sagt es mit demselben Rechte: man braucht nicht. Mein Garten ist meine Frau, und die Bäume sind meine Kinder. Ich habe viele mit dem seligen Herrn gepflanzt, sie machen genug Sorge, und man hat immer zu tun mit Raupen und Ungeziefer. Und dann, wenn man abends so hundemüde ist, dann braucht man keine Frau. Höchstens Sonntagnachmittags brauchte man eine. Aber dann mußte ich im Sommer auf die Schleusen aufpassen und im Winter die Treibhäuser heizen. Da geht es denn vorüber. Nein, heiraten ist etwas für Leute, die Zeit haben und nicht müde sind. Aber das Fräulein sollte heiraten!« »So? Meinst du!« sagte Gertrud und holte nachdenklich aus der dunkelgrünen Kuppel des Lorbeerbaums ein vergilbtes Blatt. Des Gärtners kühle Augen folgten mißvergnügt ihrer Hand. »Da ist der Herr Graf,« sagte er, »der jetzt öfter zu uns kommt. Das würde der alte Herr Merlin auch gern gesehen haben, denn er sagte einmal zu mir: weißt du, Matthias, meine Tochter ist für keinen Grafen zu gut.« – »Ich glaube nicht, Matthias, daß der Vater das so gemeint hat. Das hast du mißverstanden. Das ist nur so gesagt, man denkt sich nichts dabei, und er hat sicher nicht an den Grafen Wetter gedacht. Wenn es nun Krieg gibt?« brach Gertrud ab, »hast du die Zeitung gelesen?« – »Das macht nichts,« sagte Matthias, »es sind sowieso zuviel Menschen auf der Welt. Die Kriege schickt Gott wie die Sündflut und die Heuschrecken in Ägypten. Ich war 70 auch mit und der andere Gärtner, der 398 Lambert, auch, das Fräulein hat ihn nicht mehr gekannt. Der Lambert war so rechthaberisch, und ich sagte schon zu dem Herrn: ich werde mit den Tagelöhnern allein fertig. Aber der selige Herr wollte nicht, und Lambert ist gefallen, und da war es denn offenbar.« »Ist man im Alter immer so hart und selbstsüchtig?« frug Gertrud streng. – »Der alte Tag macht nicht schöner, aber klüger«, sagte der Gärtner; »ich muß die Schleusen schließen, der Garten ersäuft sonst.« Er ging die Treppe hinab, um die Terrassenmauer herum, und Gertrud hörte ihn unten dahinschlurfen. Sie ging zum Balkon zurück und setzte sich auf die Bank. Die Hunde stiegen in einem Anfall von Zärtlichkeit mit den Vorderpfoten auf ihren Schoß, leckten ihre Hand und schmiegten sich mit den Köpfen wie Kinder unter ihren Hals. »Ja, ihr guten Tiere,« sagte Gertrud, »nicht wahr, wir können es nicht. Auch ihr langweilt euch und wünscht, daß er da sei, obgleich auch ihr ihn nicht leiden könnt. Wir müssen einen Menschen haben, und sei es nur, um uns an ihm zu ärgern. Ich wollte mich hier mit euch einspinnen und eine alte Jungfer werden, und bin unglücklich, wenn er am Sonntagnachmittag ausbleibt.« Sie stand auf, schaute wieder vom Balkon die Landschaft hinunter, machte ihre Augen klein und die Pupillen groß – nichts! »Nichts!« sagte sie traurig. Sie ging von der Gartenseite des Hauses hinüber auf die Landschaftsseite. »Vielleicht kommt der Graf heute angefahren?« Ihre Augen folgten dem Fahrwege, wie er sich von der Terrasse den Hügel hinab, durch den Tannenschlag hindurch, um die 399 Krähenhaine herumwand und in der Parklandschaft verlor. Nichts! »Auch hier nichts!« rief sie und stampfte zornig mit dem Fuße auf, daß die Hunde plötzlich glaubten, es habe ihr jemand etwas Böses getan, nervös umherschauten und ein heiseres Gebell aufließen. Die Tränen kamen ihr aus Zorn. Die zwischen Busch und Hain, Flur und Rain verstreuten alten Landhäuser der guten Familien schienen heute auch verlassen. Alles war in die Stadt gegangen. Durch das grüne Gewoge und Gewelle der Hügel fuhr wie ein Schiff das rote Dach von Gottesruh. Vom Turme läutete es nicht wie sonst an Sonntagnachmittagen zur Vesper; auch der Glöckner schien davongegangen zu sein, sein weltliches Vergnügen zu suchen. Der breite blaue Strich des Gebirges über dem grünen Vorlande trug eine weiße Wolke – die Gebirgsbahn brachte die Oberlandbauern zur Kirmes in die Niederlandstadt herab. »Ich bringe es fertig,« rief Gertrud heftig aus, »hinabzulaufen, unter die Mädchen zu gehen und für einen Groschen Karussell zu fahren, wenn er nicht bald kommt!« Vergebens entfaltete das schöne Land all seine Reize vor ihr. Die hohen Halme auf den Äckern legten sich im leichten Winde auf die rechte, auf die linke Seite, daß der Acker bald hellgrün, bald dunkelgrün erschien. Die Geheimnisse der Natur, die in Pappeln und Espen wohnen, raschelten und rauschten durch die Blätter. Leise Ahnungen säuselten durch die Tannenwipfel. Aber die Herrin verstand das alles heute nicht! Die neuen Villen, die von der Stadt her das Vorland erkletterten, hatten Gertrud nie gefallen. Sie 400 hatte eine heimliche Wut auf sie von Gabriel übernommen, denn sie waren der Ausdruck einer neuen Mode, nach der alles, was Geld hatte, auf dem Lande wohnen wollte, und ein Zeichen der niedergehenden Gunst, in der Großjohann und die von ihm erbaute Stadt standen. Ein jüngeres Geschlecht von Bauleuten hatte sie erzeugt, das nach Großjohann nichts mehr frug. Heute fand sie sie bunt und abgeschmackt. »Alles ist häßlich und töricht!« rief sie – da hörte sie auf der Gartenseite das eiserne Tor zufallen. »Da ist er!« Sie flog auf die Gartenseite zurück. Gabriel stürmte den Baumgang hinan. Da sah er auf, denn den Kanal herab kam ihm eine Rose entgegengeschwommen. Und wieder eine! Und viele! Jetzt, da er nahe der Terrassenmauer war, regnete es Rosen vom Himmel, und als er in die Höhe schaute, sah er am lichten Firmamente einen großen Engel mit breitem Hute angeheftet, dessen Gesicht strahlte und der einen Korb Rosen und Narzissen über ihn ausschüttete. Rote und gelbe Rosen, weiße und gelbe Narzissen legten sich vor seine Füße. »Da ist er! Freut euch! Hallelujah!« jubelte es über ihm in der Luft: wie von Stimmen der Engel. Gabriel erhaschte die schönste Rose im Falle, dann lief er dem Seitenkanale entlang zwischen der Terrassenmauer und der Spalierhecke. Er nahm die flachen tiefen Stufen der Treppe am Ende zwei oder drei mit einem Sprunge – da flog ihm Gertrud die Treppe herab entgegen in die Arme. Die Haselnußsträucher wölbten ihre Äste um das Paar. Er lehnte sich an die bemooste Steinbrüstung der Treppe und zog sie auf sein Knie. »So 401 stürmisch ist mein Liebling! Und die Wangen so heiß! Und die Augen sind naß! Und das Haar ist kühl!« – »Wo warst du, Geliebter? Dein Arm ist so stark, deine Hand ist so weich und deine Schulter so fest – im Winkel deiner Schulter ist's wohl. Ich war so einsam und so traurig. Wo warst du so lange? Eine Ewigkeit warst du nicht mehr da, Gabriel!« – »Eine Ewigkeit, Kind? Und war doch gestern da, wie alle Tage!« – »Gestern? War es wirklich gestern?« sagte sie und hielt ihn von sich ab, um ihn wie etwas Fremdes zu bestaunen. In ihren feuchten Augen brach sich sein Bild, und in ihren Wimpern zerlegte sich das Licht, sodaß er ihr wie mit Regenbogenfarben umflossen erschien. – »Was ist dir? Was ist dir?« flüsterte er. »Was bedeutet das?« sagte er plötzlich angstvoll, »hast du mir ein Unglück zu sagen?« – »O armer Gehetzter! Immer wittert er Unglück. Nichts ist, als daß ich dich liebe und mich freue, daß du da bist!« – »Nichts ist? Oh, ich segne dich, Trude! Verzeih mir.« Sie zog ihn an der Hand die bequeme Treppe hinauf, der Hut hing ihr, vom Bande unter dem Halse gehalten, wie ein Schild im Rücken. »Komm, komm,« rief sie, »wir wollen fröhlich sein! Alles ist fröhlich. Ich muß sterben, wenn ich traurig bin.« Sie eilten über die Terrasse dahin. Die Hunde drängten sich an Gertrud. Sie schob sie fort. »Ich habe keine Zeit für euch! Wo warst du?« frug sie schnell, nahe unter sein Gesicht tretend. – »Nun, Trude, Herkules ist doch da!« »So? Dein Bruder ist gekommen?« – »Ja, von Spanien über Antwerpen. Da mußte ich doch eine Stunde zuhause bleiben. Er ist so frisch; wie 402 unberührtes Obst und junger Wein ist er. Ganz so wie ich nicht bin. Er ist so, wie wir Großjohanns hätten sein sollen.« »Warum hast du ihn nicht mitgebracht? Ich möchte ihn kennenlernen.« – »Das konnte ich doch nicht, ohne die Herrin zu fragen . . .« – »Ach, rede doch nicht so! Du bist hier ebenso Herr wie ich.« – »Und dann glaube ich auch,« sagte Gabriel, »es drängte ihn, zu jemandem zu gehen. Ich weiß nicht, wer es ist, wir fragen einander zuhause nicht danach, er fragt auch nicht nach dir, obschon er, scheint mir, weiß. Aber er ist ein lieber Mensch. Dem Vater gab er einen knisternden Briefumschlag. Der gute Alte steckte ihn unbesehen und fast heimlich in die Tasche. Für Philipp hatte er ein Päckchen mit Reliquien, in alte Goldfäden und verblichenen Damast eingewickelt, Gebeine der elftausend Jungfrauen, sagte er, aber ich sah, daß es Hühnerknöchlein waren, denn er kann Philipp nicht leiden. Und für mich eine Geige, Jakobus Steiner, mit einem Ton so tief wie eine Glocke und so weich . . .« – »Du spielst auch Geige, Gabriel? Das weiß ich doch noch nicht?« – »Ja, seit einiger Zeit, aber es ist noch nichts Rechtes mit dem Spielen, ich mochte nicht davon sprechen.« – »Ihr seid alle solche Heimlichtuer, ihr Großjohanns!« – »Nein, Trude, es ist noch nichts damit. Das Unzulängliche muß man verbergen wie das Häßliche. Man muß auch voreinander Geheimnisse haben, ich möchte fast sagen: vor sich selbst.« – »Ja, ihr Großjohanns . . .« sagte sie leise und andächtig. Er küßte ihre Finger, und sie gingen weiter Hand in Hand über die Terrasse. An deren Ende kehrten sie um und kamen zurück. Und gingen wieder hin. 403 Und gingen immer schneller. Schließlich liefen sie fast. Immer heiterer wurden sie. »Wie wohl das tut!« rief sie, »wir sitzen zuviel. Das Blut wird dick vom Stillsitzen.« Die Hunde liefen mit ihnen, und der Wind erhob sich hinter ihnen. Als sie drüben umkehrten, blies er ihnen kräftig entgegen. Sie stürmten gegen ihn an. Als sie sich aber hüben gewandt hatten, liefen sie mit ihm. – »Beobachtest du, Trude, wie windstill? Und wie es stürmt, wenn wir gegen den Wind jagen?« – »Ja,« lachte sie, »ich beobachte, alter Naturforscher!« – »Mit dem Winde gehen,« sagte er stehenbleibend, »das ist das Geheimnis des einfältig-glücklichen Lebens.« – »Und willst du das wohl beherzigen, eigensinniger Großjohann?« drohte sie stehenbleibend scherzhaft mit dem Finger. Etwas atemlos sagte sie: »Deinen Bruder bringst du mir bald einmal her!« – »Gerne!« – »Höre, denn ich habe etwas Großes vor«, sagte sie bedeutsam. – »Nun bin ich aber gespannt!« – »Darum will ich auch gebeten haben«, sagte sie gewichtig. »Ich kann nun mal nicht stillsitzen und überlasse es den Indern, ihren Nabel zu bestaunen.« Sie nahm seinen Arm, legte ihn in den ihrigen und sagte: »Ganz im Ernst! Wir wollen noch etwas durch den Garten gehen, und ich will dir erzählen.« Nun waren ihre Stimmen da und dort aus dem Garten herauf zu hören, wenn sie Arm in Arm schreitend und Fuß vor Fuß setzend aus einer Laube oder einer Baumgruppe heraustraten. Es war auch zu sehen, wie sie einzelne Plätze, besonders die Brustmauer der großen Terrasse, durch die zur Röhre zusammengelegte Hand betrachteten. Besonders lange standen sie beratschlagend bei der sandsteinernen 404 Frau und wiesen mit den Händen hierhin und dorthin. Jetzt gingen sie hinab zur Platanengruppe. Schon weil der abendliche Wind den Hügel hinab ins Tal wehte, waren ihre Worte auch hier nicht zu verstehen; zudem hatte Matthias die Seitenschleusen geschlossen, alles Wasser strömte in das Sammelbecken unter den hohen Platanen und fiel rauschend über den Überfall in den Fluß hinab. Die Sonne fühlte langsam wie mit lebensroter warmer Hand die bleichen, durch die sich abschälende Borke geschunden aussehenden Platanenstämme hinauf, eine lange Weile lag sie auf der breiten Laubkuppel und zündete in den Spitzen der schwarzen Zypressen auf der Mittelstufe roten Abendbrand an – dann verschwand sie mit einem kurzen Entschlusse, als wollte sie sagen: einmal muß alles ein Ende haben! Gleich darauf wurde es kühl, das Licht bleich, und der Fluß fing an zu rauchen. Mit dem leichten Nebel kamen Gabriel und Gertrud auf dem kürzesten Wege den Mittelgang herauf. Jetzt, in der Nähe des Balkons, war deutlich Gabriels Stimme zu hören: »Also eine platonische Akademie! Wohl! Wohl! Das läßt sich hören! Eine platonische Akademie, nicht mehr und nicht weniger willst du gründen.« – »Eigentlich wollte ich dich überraschen, aber alle Überraschungen, selbst die mit Geschenken, tun in einem gewissen Sinne und ganz innerlich weh. Findest du nicht auch?« Da traten sie auf die Terrasse herauf und kamen langsam näher. Gertrud schmiegte sich an den größeren Gabriel. Ein Mädchen im grauen Leinenkleide mit einem weißen Zierhäubchen auf der Haarkrone kam aus dem Hause und brachte der Herrin einen 405 Schal. »Danke, Bärbchen, ja, man kann ihn brauchen, es ist kühl.« Und sie legte den Schal um die fröstelnden Schultern. »Willst du nicht auch etwas anziehen, Gabriel?« – »Nein, danke, mir ist nicht kalt.« – »Ja, die Großjohanns sind Spartaner«, sagte Gertrud. Sie rief das Mädchen zurück. »Bärbchen, warum bist du nicht auf die Kirmes gegangen? Ich hatte dir und den beiden anderen doch freigegeben.« – »Die Köchin und das Zweitmädchen sind gegangen, Gnädiges Fräulein,« sagte Bärbchen, »aber ich wollte nicht, ich . . .« Sie wurde rot. – »Kein Vergnügen verschmähen, Bärbchen; wenn du alt wirst, bereust du. Ich habe nicht gern, wenn die Mädchen älter tun als ihre Jahre.« Bärbchen glättete mit den großen roten Händen das weiße Schürzchen, dann sagte sie leise: »Mein Schatz ist da.« – »So, so? Dann freilich! Das ist besser als Kirmes. Na, dann geh nur, ich brauche dich nicht. Und grüße ihn von mir.« Bärbchen nickte schnell und verschwand. »Also hierhin, dachte ich mir,« sagte Gertrud und legte die Hand auf die Brustmauer, »kommt die nackte pfeilschießende Frau. Was meinst du dazu?« Gabriel nickte. »Und drüben auf die entsprechende Stelle ein nackter Mann, der eine Lanze in der Hand wiegt, oder so etwas. Ich überlasse das dem Künstler. Nun rate mir und strenge deine Fantasie an, ich will noch mehr Gestalten hier auf die Brustmauer stellen.« – »Verlange nicht meinen Rat, Gertrud. Meine Gedanken waren bisher auf schöne Dinge nicht gerichtet. Man muß mit schönen Vorstellungen aufwachsen wie mit Geschwistern, um mit ihnen zu leben.« – »Du mußt dich mit Gewalt von den trüben Gedanken losreißen, Geliebter,« sagte Gertrud 406 nahe an ihn herantretend, »mit Kraft und Entschluß! Sieh,« sagte sie ablenkend, »das lange Haus! Da vor der japanischen roten Rebe an der weißen Mauer täte eine Steinfigur wohl.« – »Voller Pläne! Voller Pläne!« sagte Gabriel und schüttelte lächelnd den Kopf. »Oh, es kommt noch ganz anders!« sagte Gertrud, »unsere platonische Akademie, wie du sagst, ist noch lange nicht fertig. Warum sollen die Bildhauer allein bedacht werden? Die haben sowieso keine schlechte Zeit. Wir wollen morgen bei besserem Lichte die Wände unserer großen Halle prüfen, wie man Maler drauf loslassen könnte. Als ich mit dem Vater in Toskana war, habe ich daran schon gedacht. Das wollen wir morgen überlegen.« »Du solltest hineingehen, Trude, dir wird kalt. Ihr Athener friert leicht, wenn die Sonne fort ist«, lächelte Gabriel. »Ich freue mich darüber,« sagte er, als sie langsam quer über die Terrasse der Hallentür zuschritten, »daß du neue Kunst anschaffst.« – »Ja, ich würde für alte Kunst nichts ausgeben. Ein altes Bild, so schön und berühmt es sein mag, es spricht nicht zu mir wie ein neues. Und für das Geld, das man für ein altes Bild ausgeben muß, kann man hundert neue kaufen. Wenn ich genug Geld hätte, ich würde mit einigen Millionen aus unserer Stadt ein neues Florenz machen, denn ich meine, daß nicht so sehr die Künstler als die Auftraggeber die großen Zeiten gemacht haben. Das ist mir in Florenz klar geworden. Na, fürs erste wird mir der Graf Wetter Geld schaffen für die Gartenbronzen.« »Der Graf Wetter?« frug Gabriel plötzlich ernst und, einen Fuß schon auf der Treppe, stehenbleibend. 407 – »Ja, warum überrascht dich das? Du bist ja fast bleich! Was ist dir, Gabriel?« – Gabriel griff an den Kopf. »Plötzlich seh' ich den Zusammenhang! Plötzlich seh' ich den Zusammenhang!« rief er. – »Was siehst du? Was ist?« Aber Gabriel grübelte noch. »Was kann daran sein?« setzte Gertrud fort, »Vater hat ja gewollt, daß der alte Graf Wetter mir in Geldangelegenheiten zur Seite stehen solle. Habe ich dir das nicht gesagt?« Gabriel schüttelte verneinend den Kopf. – »Nein? Ich glaubte doch!« fuhr Gertrud fort, »nun, dann bin auch ich in den Großjohannschen Fehler verfallen, zu verschweigen. So höre denn jetzt. Der Graf ist ein ausgezeichneter Geschäftsmann, sehr gewandt und beweglich, und so habe ich denn freiwillig seine Vollmacht erweitert, weil ich fürchtete, ich würde durch meine geschäftliche Ungeschicklichkeit manchen kleinen Leuten, die Geld von mir haben, Schwierigkeiten bereiten.« – »Ja, gute Gertrud, und hast gerade das Gegenteil davon erreicht«, sagte Gabriel bitter lächelnd. – »Wie das?« – »Hatte Vater nicht vor vielen Jahren, damals, als es bei uns anfing schlecht zu gehen, viele der Verpflichtungen meines Vaters vom jungen Leo erworben?« – »Ja, ich glaube.« – »Und hat nicht Vater Merlin damals die Sache der Hagelstangeschen Bank übergeben?« – »Ja, er liebte Geschäfte nicht.« – »Ich sehe . . . ich sehe . . .« nickte Gabriel; »und nun will ich von hinten erzählen, das Loch in der Mitte wird sich dann von selbst schließen. Es ist mir letzthin aufgefallen, als wir wieder einen Angriff abzuschlagen hatten, die Mutter und ich, einen ganz gefährlichen Anschlag zunichte machten, daß alle die unsauberen Makler, mit denen wir uns 408 herumschlugen, Papiere hatten, die durch die Bank Hagelstange gegangen waren. Überall standen die Stempel der Bank darauf. Jetzt sehe ich klar! Der Graf, der alte Hund, hat deine Vollmacht benutzt, um die Papiere Herrn Hagelstange zu entlocken. Herr Hagelstange, der meinem Vater wohlgesinnt ist, wird sich gesagt haben, es sei ohne Gefahr für meinen Vater, denn er hat sich nicht denken können, daß du – du bist nämlich die Eigentümerin dieser Papiere und es sind die von deinem Vater erworbenen – daß du einem Großjohann Schwierigkeiten machen könntest. Der Graf wird ihm vorgestellt haben, daß du von allem wüßtest. Ha, ich sehe nun ganz klar! Es waren Hypotheken darunter, die abgelaufen waren und gekündigt werden konnten, die Herr Hagelstange aber mit deinem stillschweigenden Einverständnisse ungekündigt hatte weiterlaufen lassen. Nun hat der Graf sie gekündigt! Die Kündigungen regneten uns ins Haus. Den Grafen selbst vermutete ich nicht im Hintergrunde, denn sein Name wurde nie genannt. Er schickte Strohmänner vor, Silberzahn und Fingernagel, schmutzige Agenten. Wir haben eine schwere Zeit durchgemacht, die Mutter und ich, denn der Vater kümmert sich um nichts mehr. Wir haben verkauft und verkauft, ohne Gewinn oder gar mit Verlust verkauft. Ich mußte den Vater im Weinhause vielemale beschwatzen, die Unterschrift zu geben. Jetzt besitzen wir nur noch wenige Häuser von dem ganzen Viertel, das mein Vater gebaut hat. Es ist alles klar! Sonnenklar!« rief er in bitterem Triumphe. Gertrud war starr vor Schrecken. Sie war noch weißer als gewöhnlich. 409 »Und ich,« sagte Gabriel, »ich habe das alles gefördert, indem ich dir zu außergewöhnlichen Anschaffungen riet. Ich habe mir selbst den Strick gebunden, der für meinen Hals bestimmt war.« Gertrud weinte. Gabriel umfaßte sie, ihr Haar streichelnd, und sagte: »Weine nicht, Geliebte. Du kannst ja nichts dafür. Du hast das alles nicht gewollt. Und es ist ja auch jetzt keine Gefahr mehr. Die Kapitalisten umspannen uns mit einem unsichtbaren Netze, uns Idealisten.« Gertrud trocknete die Augen und sagte leise. »Ich glaube, ich reiche Frau werde Sozialistin.« – »Ja, es ist kein Kinderspiel,« sagte Gabriel, »im Zeitalter des Mammons zu leben.« »Ist denn auch wirklich keine Gefahr mehr, Gabriel?« – »Nein, keine mehr!« – »Alles was ich habe, steht dir zur Verfügung. Nimm's! Nimm's!« – »Es ist nicht nötig, Trude.« – »Aber warum hast du mir nichts gesagt? Alles hast du allein getragen, armer Geliebter.« – »Ich wollte allein damit fertig werden, ich und die Mutter, die Heldin! Die habe ich dabei erst ganz kennengelernt.« »Von deiner Mutter habe ich gar kein Bild, ich sah sie nie. Das wenige, was du mir von ihr erzählt hast, hat fast übermenschliche Maße. Ich gestehe, ich fürchtete mich etwas vor ihr.« – »Sie war nicht überlebensgroß, Gertrud, nur herb, sehr herb.« – »Aber den Vorwurf kann ich dir nicht ersparen, Gabriel: du bist an allem schuld. Für meine Bitten, mich mit den Deinen bekannt zu machen, hattest du nur ein hartes Ohr. Wenigstens seitdem Vater tot ist, der etwas gegen euch hatte, hätte ich alle Sorgen von euch nehmen können.« – »Es war besser so wie 410 es war, Trude. Jedes Ding muß sein natürliches Ende haben.« – »Aber dem Grafen werde ich sofort die Vollmacht entziehen,« sagte sie heftig, »ich traue dem Menschen nicht mehr. Dann brauche ich aber einen andern männlichen Sachwalter . . . was meinst du, Gabriel?« – »Du bist Manns genug, Trude.« – »Nein, ein Mann kann das doch viel besser machen. Was meinst du, Gabriel, wenn . . .« – »Nun, wenn?« – »Wenn du mein Sachwalter würdest –?« »O du Schlaue!« – »Du würdest dir ja nichts mehr vergeben, Gabriel, denn, wie du sagst, besteht keine Gefahr mehr –« – »So ist es«, bestätigte er, »kurz und gut, da ich sehe, daß ich auf die Dauer unterliegen werde, so ergebe ich mich lieber gleich« – »Das ist recht! Das ist recht!« rief sie und klatschte in die Hände. »Und nun komm hinein, ich will dir etwas zeigen, was ich gefunden habe, es wird dir Freude machen.« Sie gingen hinein.   Nach kurzer Zeit aber kamen sie wieder heraus, ein großes entrolltes knatterndes Papier zwischen sich tragend und schleifend. »Die Halle ist wahrhaftig zu klein dafür«, sagte Gertrud. – »Wo, sagtest du, hast du es gefunden?« – »Ich räumte einen Schrank aus, in dem alte Kleider der Mutter sich befanden. In der Ecke lehnte die Rolle.« »Nun wollen wir aber sehen, was es ist«, drängte Gabriel. – »Du wirst Augen machen!« – Gabriel nahm das Ende der Rolle in die Hand und ging senkrecht zum Hause rückwärts gegen den goldenen Balkon der Terrasse, während Gertrud in der Tür 411 stehenblieb. Gabriel las unten in der Ecke die geschriebenen Worte: »Der Babylonische Turm. Versuch einer Wiederherstellung. Von Hermann Großjohann.« Er schüttelte den Kopf. »Es steht noch mehr da geschrieben«, sagte Gertrud. Gabriel las weiter: »Auf Notre-Dame vollendet an meinem Geburtstag, den 1. Juli 1873, als ich 22 Jahre alt war. – Von seinem Leben auf den Türmen hat mir der Vater erzählt,« sagte Gabriel, »aber die Arbeit an dieser Zeichnung hat er verschwiegen. Ob er sie vergessen hat?« »Es steht noch mehr da«, sagte Gertrud. Da fand Gabriel unten in der Ecke mit anderer Tinte geschrieben: »Frau Gertrud Merlin übergeben aus ganzem Herzen!« Die Röte überwallte sein Gesicht, er sah Gertrud an. Auch ihr Gesicht flammte auf, und das Schweigen mit der Kraft von tausend Worten dehnte sich zwischen ihnen aus. Gabriel legte das Ende der Rolle über die weiße Bank und beschwerte es mit dem Blumenkorbe. Dann ging er langsam an der Zeichnung entlang auf die Hallentür zu. Er schüttelte den Kopf. Als die unverständliche Zeichnung des riesenhaften Gebäudes sich in der noch zusammengerollten Masse in den Händen Gertruds verlor und er sie fragend ansah, sagte diese: »In der Quere ist es nicht ganz zu übersehen, wir müssen es der Länge nach auf die Terrasse legen.« Stumm ging Gabriel zurück, stellte den Blumenkorb von der Bank herunter, nahm das Ende der Rolle auf und ging die Terrasse entlang. In der Nähe der Treppe unter den Haselnußsträuchern legte 412 er es nieder. Durch mehr als ein Menschenalter eingerollt gewesen entlief das Ende des starken Papiers sofort; er mußte hinterher eilen, es einzufangen. Er brachte es zurück, setzte seinen rechten Fuß darauf, griff nach links und rollte eines der Topfbäumchen heran, das Stämmchen in seinen Händen drehend und den Topf auf dem untersten Eisenreifen laufen lassend. Er stellte es auf die Ecke des Papiers und ging dann, einen zweiten Lorbeerbaum auf die andere Ecke zu rollen. So mit Lorbeer geschmückt lag das Fundament des Turmes fest. Langsam, Schritt vor Schritt, ging Gabriel den Turm hinauf. Er begann zu verstehen. Hier und da hielt er an, kopfschüttelnd, staunend, fragend. Gertrud stand vor der Hallentür, die sie nun zur Linken hatte, den Rest des Papieres haltend. Jetzt schritt sie langsam rückwärts, und die Stockwerke des ungeheuern Turmes entströmten ihren Händen. Das Papier rauschte und knatterte. Langsam folgte Gabriel. Die Hunde liefen unruhig hin und her, bald hinter des Fräuleins Rücken, bald draußen auf den nackten Streifen der Terrasse. Oft lagen Gabriels Blicke schwer auf dem Papier, oft eilten sie die Schräge hinauf ungeduldig in Gertruds Hände. Dort an der Grenze des Sehbereiches angelangt tauchten sie einen Augenblick in Gertruds Augen, staunend, fragend. Gertruds Blicke forschten nur hin und wieder in der Zeichnung, mehr in seinen Augen. Jetzt öffnete sie ihre Lippen, aber Gabriel streckte, Schweigen beschwörend, die Hand aus. Die Zeichnung war zu Ende, die Spitze des gotischen Turmes stach in den Himmel, und Gertrud, am Ende der Terrasse, dort wo es zu den 413 Treibhäusern hinabging, angelangt, legte das Ende zu Boden. Sie setzte ihren schmalen Fuß darauf, und Gabriel rollte die beiden letzten Lorbeerbäumchen der Reihe auf die Ecken. Er nahm Gertruds Hand, und schweigend gingen sie die Länge des Turmes zurück und kamen sie schweigend wieder herauf. Und das einigemale. Gabriel stand aufrecht neben der Zeichnung. Mächtig quoll es in ihm auf. »Gertrud,« rief er, »ich glaube . . . ich meine . . . es ist nichts geschehen, was deiner Mutter und meinem Vater Unehre machen und deinen Vater kränken könnte! Es würde einfach zu allen dreien nicht passen!« – » Ich glaube das schon lange«, sagte Gertrud und breitete ihm lächelnd die Arme hin. Sie ließen sich fahren. Gabriel eilte mit den Augen die zusammengeleimten Stücke der Zeichnung entlang und »Das ist also der Vater!« war das einzige, was er sagte. Er ging hinüber zu der weißen Bank und saß da den Arm auf die Lehne und das Kinn in die Hand gestützt. »Das ist der Vater«, sagte er, und die warmen Tränen rannen ihm über die Wangen. Gertrud kam heran, setzte sich neben Gabriel und legte den Arm um ihn. »Werden wir jetzt deinen Vater in unsere platonische Akademie aufnehmen, Gabriel?« – »Jaja! Das werden wir! Wir sind ja alle Stümper gegen ihn. Und wenn die Figuren und Bronzen unsern ganzen medicäischen Garten bevölkern und die Freskenmänner im Hause die Wände auseinanderdehnen werden, wenn du Dichter berufst, die ihre Werke vorlesen, und Musiker, die einen Himmel von Tönen hier 414 herabziehen werden – dann sind wir alle noch immer Stümper gegen den Vater. Jetzt sitzt der arme Alte und klebt Bauwerke zusammen. Seit Mutter tot ist, hat er Platz. Aber die schlimmen Jahre haben die Quelle seiner Einfälle nicht versiegen gemacht, sondern sie nur verschüttet. Er fängt an – denk' dir, Gertrud, und nun verstehe ich es! – in den letzten Tagen fing er schüchtern an, zu zeichnen und eigene Erfindungen zusammenzubauen. Er schneidet nicht mehr Vorlagen für Knaben aus, was zu sehen mir immer so weh tat – nun verstehe ich es! Seine Fantasie ist wieder erwacht!« »So, nun genug von Traum und Tränen,« sagte Gertrud aufstehend, »es ist wirklich kalt, und die volle Nacht ist da. Laß uns hineingehen. Matthias soll den Turm zusammenrollen.« Sie gingen Arm in Arm ins Haus.   Auf der Terrasse an der Landschaftsseite knirschten Wagenräder im Kiese. »Der Graf!« rief Gertrud. – »Gut, daß er kommt,« sagte Gabriel, »ich bin in Stimmung, Musik zu machen.« Graf Alexander kam durch die weiße Seitentür herein. Er küßte dem Fräulein die Hand, und Gabriel fühlte seine Hand von der knochigen des Grafen mit festem zuckenden Griff umschlossen. »Sie sehen besorgt aus, Graf?« meinte Gertrud.– »Ja,« sagte Alexander mit seiner hohen Stimme, und sein Gesicht zuckte von der Anstrengung, sprechen zu müssen, »ich bin hierher sozusagen geflohen. Eine dunkle Stimmung ist in der Stadt. Schlechte Nachrichten, glaub' ich, sind angekommen. Als der Wagen in der Masse des Volkes, das von den Benden in die 415 Stadt zurückströmte, langsam fuhr, hörte ich, daß Sonderblätter der Zeitungen ausgerufen wurden.« – »Und haben Sie keins mitgebracht?« frug das Fräulein. – »Ich fürchtete mich, eins zu kaufen, man erfährt das Unglück früh genug.« – »Ich hätte eins gekauft,« sagte Gertrud, »was kommen muß, kommt; warum den Kopf davor in den Sand stecken?« – »Auch ich habe mich gefürchtet, die Mittagszeitung zu kaufen«, sagte Gabriel. »Es stand eine dicke Überschrift am Kopfe. Vor den dicken Überschriften der Zeitungen fürchte ich mich immer.« Alexander nahm in einem Sessel Platz. Er war so groß, daß seine Oberschenkel nicht auf der Sitzfläche blieben und seine mageren Knie spitz in die Luft stachen. Gabriel und Gertrud rauchten Zigaretten, Alexander rauchte nicht. Die drei saßen unter der verhängten Lampe, und der aus dem Dunkel der Halle sich ausschneidende Lichtkegel schloß sie in seinen goldenen Körper ein. »Man hat ein Gefühl,« sagte Gabriel, »als ob die Zeit reif, überreif sei. Es ist Herbst in der Welt geworden, die Frucht hängt so reif am Baume, daß ein Hauch genügt, sie mit dumpfem Fall ins Gras zu legen.« – »Unsern Freund bedrückt noch etwas anderes«, sagte Gertrud, die den Grafen beobachtete. – »Ja,« sagte Alexander – »danke,« nickte er Gertrud zu – »ich habe eine Auseinandersetzung mit meinem Vater gehabt.« – »Darf man fragen, weshalb?« – »Er hat unsern Garten verkauft.« »Den schönen Garten!« klagte Gertrud. – »Parzellieren«, stieß Alexander hervor, »nennt er das! Er spricht auch von Aufteilen und Verwerten. Jetzt nimmt unser altes Haus und der Garten den ganzen 416 Block ein. Aber bald werden mir die Hinteransichten von Mietshäusern mit trocknenden Lappen nahe rücken.« Er schüttelte sich. »Warum denn nur?« frug Gabriel. – »Warum? Warum? Das habe ich ihn auch gefragt. Er hob die Schultern, lachte roh und sprach von totem Kapital. Ich ginge ja doch nicht in den Garten. Aber wenn er nicht für meine Füße da war, so doch für meine Augen! Ich sprach auch von den Lungen der Stadt, was ich einmal gelesen habe, und daß doch die armen Leute in den Steinhöhlen der Nachbarstraßen eine Augenweide an unserm Garten hätten. Er rief: Was gehen mich die anderen an! – Ich kann ihn nicht hindern.« Die Knabenstimme krähte fast. »Sie sind wahnsinnig geworden, alle miteinander, die ganze Welt!« rief Gabriel zornig, indem er den glimmenden Stummel seiner Zigarette in die Aschenschale warf. »Geld oder Schweiß, das ist ihr Leben! Und wofür? Für Hekuba! Die Welt überfrißt sich allenthalben im Leben und in der Politik. Beim ganzen Volke nennt man es Imperialismus, beim Einzelnen Größenwahn.« Das Mädchen trat durch die weiße Seitentür ein, ein Papier in der Hand. Als es den Herrn sprechen hörte, blieb es stehen. Gabriel sah in seinem Eifer das Mädchen nicht und fuhr fort: »In den letzten zehn Jahren ist eine schwüle Stimmung langsam angewachsen – das wird ein furchtbares Gewitter geben! Soviele Kräfte sind gespannt und bereit – entsetzlich, wenn sie aufeinanderstoßen! Aber vielleicht wird es diese unerträgliche Schwüle verjagen, daß man wieder frei und froh atmen kann. Eine allgemeine Reinigung täte not, eine 417 Erneuerung unten und oben. Ein Bad für die ganze Welt – aber ich fürchte, man wird in Feuer baden.« Alexander nickte lebhaft, auch Gertrud nickte Gabriel zu und sagte halblaut: »Entschuldige, Gabriel. Was wünschest du, Bärbchen?« – Bärbchen sagte: »Wir dachten, das Gnädige Fräulein wird es wissen wollen, die Köchin hat ein Zeitungsblatt aus der Stadt gebracht, da steht: Deutscher Panthersprung nach Marokko.« Alle drei sprangen auf. Gertrud streckte die Hand aus: »Jetzt nichts davon! Wir danken, Bärbchen, aber geh und nimm dein Blatt mit dir. Wir musizieren jetzt, nicht wahr, ihr Freunde? Gabriel, du wirst die Geige spielen – der Heimlichtuer spielt nämlich auch Geige,« erklärte sie dem Grafen – »wir wollen hören, was du kannst, und ich versuche, dich auf dem Flügel zu begleiten. Wollen wir?« – »Versuchen wir's«, sagte Gabriel. Sie spielten ein kleines Konzert für Geige und Klavier, in welchem dem Klavier eine bescheidene Aufgabe zufiel. Gertrud hatte es weise gewählt. Gabriel spielte hingegeben. Seine Saiten sangen wie die Stimmen von Menschen, die viel erlebten, von tiefer Qual, von Sehnsucht ins Unendliche hinaus und abendlicher Verklärung. Sie kamen an ein piano , und Gabriel unterbrach: »Bitte, Trude, das noch einmal, aber leiser . . . Noch leiser,« sagte er nach einer Weile, »die ganze Welt muß versinken . . . Noch leiser,« unterbrach er wieder unbefriedigt, »du sollst hören, wie das klingt! Wie Abendwind bei Sonnenuntergang muß es sein. Noch leiser! Noch leiser! – So, nun ist es richtig! Hörtest du, Gertrud, wie es klang?« 418 Aber Gertrud hatte gar nicht mehr gespielt. Ihre Hände hingen neben dem Stuhle herab. Sie lächelte ihn an. Auch Gabriel mußte aufsehend lächeln. »So muß ein musikalischer Mensch hören,« sagte Gertrud aufstehend, »hören, wo alles stumm und still ist.« 419   Neunzehntes Kapitel Das Trio Komm, wenn es dich treibt, zu kommen. Wenn du mit vollem Herzen kommst. Komm nicht aus Gewohnheit oder Pflicht. Und wenn ich dann gerade meinen Tag der Leere haben sollte – jeder hat ihn hin und wieder – dann darfst du nicht böse sein, wenn ich dich nicht empfange. Und um dich nicht einer Abweisung auszusetzen und mich nicht in Versuchung zu führen, etwa schwach zu sein, beachte das Zeichen: du wirst in der Hausfront die Läden meines Schlafzimmers geschlossen sehen.« So hatte Gertrud gesprochen, so hatten sie ausgemacht. Aber heute schäumte Gabriel über. Er hätte sein Herz in beide Hände fassen mögen, damit es nicht zerspränge, so voll war es von Freude, Sehnsucht, Güte und innerer Heiterkeit, als er den Pappelsteinweg heraufkam. Der Vater baute jetzt – er baute endlich in großem Stile, durch nichts gehemmt, so kühn, wie seine Fantasie flog. So, wie er es in reiner grüner Jugend geträumt hatte. Er klebte keine Dome mehr aus Vorlagen zusammen, der Vater baute jetzt auf dem Papiere ›Architektur die nicht gebaut wird‹. Riesige Reißbretter, eines größer als das andere, standen in den Zimmern des kleinen Hauses, das 420 Großjohanns nunmehr in der Nähe von Endenichs Hause nahe am Flusse bewohnten. Dort baute er jetzt Kathedralen mit siebenmal sieben Türmen und Kuppelstädte wie die Tempelstädte Indiens und Javas. Er errichtete himmelstürmende Gebäude, zwischen denen die Menschen wie Käfer klein umherwimmelten, und füllte damit die unermeßliche Leere zwischen Erde und Himmel. Da es in dem kleinen winkligen Europa keine leeren Plätze mehr gab, groß genug, seine Traumstädte aufzunehmen, baute er auf einer großen Karte die leere flache Steinplatte des felsigen Arabien zu. Die schwarzen Zelte der Beduinen schob er bis hart an das Persische und Indische Meer, er würde nicht zögern, sie ins Meer zu schieben, wenn auch Arabien zu klein sein würde – mochten die Barbaren sehen, wo sie blieben! Er plante auch mit Gabriel eine Reise nach Gent, um die Tafeln seiner Landsleute, der Brüder Eyck, zu sehen, von denen er gehört hatte, daß sie solche blauen Traumstädte zu ersinnen mächtig gewesen waren. Außerdem war Hermann Großjohann auswärtiges Mitglied der »platonischen Akademie in der Luft«. Aber er war noch nicht herausgekommen. Er liebte das Land nicht, in dem zuviel vom Menschen nicht beherrschte freie Natur war, er lebte, dachte und fühlte in der von Menschenwillen und Menschenhand erbauten Steinstadt. Es hatte ihm auch widerstrebt, selbst nach dem Tode des Mannes, der ihn nicht liebte, in das Haus Merlins zu gehen, als könnte er dort eine peinliche Begegnung mit dem Schatten erleben. Er war so eigensinnig, der Vater! Schließlich hatte Gertrud ihm sagen lassen, daß der Vater die »Luft« nicht geliebt habe und selten 421 herausgekommen sei, daß diese sozusagen das Haus der Mutter, das Stadthaus das des Vaters gewesen sei. Da hatte er nachgegeben, und Gabriel brachte heute die Kunde davon heraus. Morgen Sonntag würde der Vater kommen! Gabriel sah ihn schon langsam und bedächtig die Wege des Gartens schreiten, an dieser Kreuzung stehenbleiben und dort auf der Terrasse haltmachen. Er, Gabriel, würde ihn allein gehen lassen und ihn nicht mit Erläuterungen behelligen, die einen versteckten Protz enthalten würden, denn es würde doch heißen: ich, dein Sohn, kenne die Herrlichkeiten schon lange und durfte schon lange in diesem Garten mich ergehen. Er sah sein weißes Haupt wie ein winterliches Wölkchen durch den Frühlingsgarten streichen. Er sah ihn die alten bemoosten Steinbilder beurteilen und die neuen Bronzen auf der Terrassenmauer begutachten. Er sah das alles voraus – er würde mit Gertrud unter den Platanen am Wasserauslasse sitzen, und sie würden mit den Augen schweigend dem weißen lieben Wölkchen folgen. Wie war sein Herz heute so voll, so übervoll – ach, Gertrud würde mit der Fülle zufrieden sein! Alles sang ihm, alles klang ihm, die Luft tönte, und der Himmel hallte. Das Wetter war mild und warm, der Himmel halb bedeckt, die weißen niedrig- und stillstehenden Haufenwolken waren von der späten Sonne von unten her angeleuchtet und zerstreuten wie riesige Spiegel einen fabelhaften goldigen Schein durch die ganze Welt. Vom Marienmünster in der Stadt läuteten die Glocken würdig und feierlich wie mit tausendjährigem Schallen den Sonntag ein. Wenn eine Glocke läutet, klingen auch alle ruhenden Glocken, so weit die Schallwellen dringen, in den 422 Obertönen mit, und Gabriels Kopf war eine solche Glocke. »O Gertrud, heute gibt's einen wunderbaren Wochenfeierabend!« Aber als er am Gartentore stand, sah er, daß die grünen Läden der beiden äußersten Fenster der linken Hausfront geschlossen waren. »Ja so!« dachte er ernüchtert, »wir sind zwei Menschen, immer noch zwei Menschen, die sich nicht am selben Tage zu freuen brauchen. Heute will sie mich nicht sehen. Ja so! Ja so! – Aber heute achte ich die grünen Läden nicht, heute nicht, heute nicht!« Er drang stürmisch in den Garten ein, in dessen schattigen Wegen die Dämmerung sich ausbreitete – aber mit dem Steigen beruhigte sich sein Sturm und verminderte sich die gutgemeinte Rücksichtslosigkeit seines Vorhabens. Er konnte doch nicht wider sich selbst. Vor der Treppe unter den Haselnußsträuchern kehrte er sich ab und verlor sich im Garten. »Ich bleibe aber im Garten der Prinzessin, bis die Nacht kommt«, dachte er. Die Nacht kam schnell, denn das fantastische rote Licht, das die niedrigen Wolken verbreitet hatten, war künstlich verlängerter Tag gewesen. Der Tag ging sogleich unter, als die Wolken mit einem leichten Winde davonsegelten. Gabriel setzte sich im Zypressenrunde nieder. Wieder war Frühling. Der Garten der Prinzessin sproßte und blühte. Vor einem unsichtbaren Monde hing das dunstige Gewölk der frühen Nacht als ein silbriger Schleier. Und plötzlich steigerte sich ihm alles, in dem fast unirdischen Lichte wuchsen die Zypressen ins Ungeheure und zogen seine Blicke hinauf bis mitten hinein in die Sterne des Zenits, die das Schleiergedünst flimmernd durchdrangen. Er hörte 423 die Sterne. Er hörte das Wachsen der Bäume, das Steigen der Säfte, die Bildung der Zellen, die stille Nacht klang in seinem Ohre. Der Goldregen bereitete schon seine gelben Trauben vor, und die Akazie, der Steppenbaum, im milden Klima früh erblüht, verbreitete einen Geruch, der sich im Gehör Gabriels zu einem Gefälle abklingender und ins Unendliche sich verlierender Rhythmen umbildete. Der Mond im roten Viertel stand tief an der Erde, er wurde ihm ein ersterbender Klageruf, ein hilfloser Aufschrei in einer Dissonanz. Da hub neben ihm auf einem Baumaste nahe der Erde eine Nachtigall an zu schlagen, daß er erschrak. Der Vogel sah Gabriel, der unbeweglich saß, halb furchtsam, halb zutraulich an, indem er den Kopf herüber hinüber ruckte, dann sang er einen neuen langen lauten, immer sich wiederholenden Ton, an dessen Ende eine kecke Triole aufsprang. »Ihr Künstler unter den Vögeln habt es leichter als die Künstler unter den Menschen«, sagte Gabriel. »Wann darf einer anfangen zu hoffen, daß er ein Künstler sei? Einer, der nicht grün mehr und nicht mehr in den Jahren ist, wo man glaubt, man darf alles, sondern schon silbrig um die Ohren wird und so bedächtig ist, wie die schlimme Welt uns macht?« Der Vogel sang unbekümmert, und aus den Sträuchern gegen den Weinberg hin antworteten andere Vogelstimmen. »Ach, ihr Singen ist doch nur glänzender Umweg zum Ziele ihrer Sehnsucht – zum Weibchen, zum Ei. Aber gehen nicht auch Gertrud und ich einen solchen glänzenden Umweg? Wie sagte doch gestern der Vater, als auch er über seinem Zeichnen mißmutig 424 geworden war und der Zweck ihn zu peinigen anfing? Er sagte, Napoleon habe das Wort gesprochen, daß in der Politik und in der Liebe alles seinen Zweck haben müsse. Ob er gemeint hat, daß Gertrud und ich – aber ich glaube nicht, ich glaube, er dachte nicht an uns, er ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um an andere zu denken.« Er stand plötzlich auf und trat aus dem Baumrund hinaus. Er schaute hinauf nach Gertruds Fenstern, hinter denen sie jetzt wohl schlief. Es trieb ihn etwas fort, hinauf zu stürmen, die Läden zu erbrechen und in das Fenster hinein zu steigen – doch das dunkle Verlangen trübte ihm den Geist, er wehrte es ab. Da freute er sich, standhaft geblieben zu sein, denn er sah den Weg nach oben versperrt. Aus einer der tiefen Nischen unter der Terrasse, in der die Gärtner ihre Geräte aufbewahrten, hörte er das Geflüster zweier Stimmen, und er erkannte die Bärbchens, der Kammerzofe, und Werners, des Meiersohnes. Sie flüsterten und lachten vor Liebe. Als sein Geist wieder klar war, begann die Nacht ihm von neuem zu klingen. Alle die dunkeln unfaßbaren Klänge, welche die Natur des Gartens in ihm auslöste, hatten eine Färbung von Moll. Das Liebesgeflüster störte ihn, und er ging auf den weichen Wegen in weitem Bogen durch die Baumschule und den Eichenhain herum, bis er auf die Landschaftsseite kam. Wie er über die Höhe hinaustrat und in die weite Landschaft hinabsah, veränderte sich plötzlich in ihm das geheimnisvolle Tönen von Moll nach Dur, er vernahm es deutlich: von cis-Moll nach e-Dur. Da lag die weite Natur unter der Nacht gebreitet. 425 Wiese und Fluß, Park und Au. Der Mond stand schon unter dem Horizonte, aber eine kühle, fast unirdische Heiterkeit floß noch mit der Monddämmerung über die Landschaft. Aber diese Landschaft entsprach seiner Stimmung nicht, er verließ den Ausblick und ging zurück, woher er gekommen war. Die Dur-Stimmung klang ihm sogleich nach Moll zurück. Das Liebespaar in der Nische zwitscherte, koste und lachte, und nun erzählte Bärbchen, Gabriel hörte nicht die Worte, aber er hörte jetzt eine Geige singen. Sie sang das alte Lied der Verliebtheit, der Verzückung der Sinne, die das Alltägliche vergoldet und das Irdische himmlisch macht. Das Mädchenlachen kam urfrisch aus der Kehle – Gabriel hörte ein glockenhelles launiges Thema als das sinnbildliche Thema der Verliebtheit. Noch war in diesem Thema etwas harmonisch Widerstrebendes, aber nun sprach die Stimme Werners, und Gabriel hörte ein Cello. Das Cello sprach ernst, sprach tief, sprach heiß – im heißen fis-Dur hörte Gabriel Werner drängend sprechen – es verflocht sein schwüles Thema mit dem der Geige zu spannenden und neckischen Figuren, und allmählich seine Harmonie erweiternd fing es die Dissonanzen des Themas der Geige ein, wandte sie herum, drehte sie hin und her und löste sie schließlich ganz auf. Die Geige, die sich schwach werden und die Kraft ihrer Dissonanzen erlöschen fühlte, schrie auf in fremden Tönen, aber sie hingen lose, sie waren gleichsam abgerissene Zweige vom starken Baume der Grundharmonie und nicht lebenskräftig, der heiße Sturm des fis-Dur im Cello fegte sie auf, wirbelte sie herum, und nun versanken sie gläubig in fis-Dur. Geige und Cello verstummten. 426 Gabriel fühlte sich heiß und erregt werden – aber da fielen erlösend die metallisch-kühlen Töne eines Flügels ein; Geige und Cello, auf denen tierische Stränge schwingen, haben einen sinnlichen Ton – der Flügel erging sich, als wollte er ablenken von dem allzu Persönlichen und Menschlichen, in allgemeinen Betrachtungen und Erzählungen. Da wurde das Einzelne allgemein, das Enge weit, das Kleine groß, da lachte nicht mehr Bärbchen sondern das Weib, da wehrte sich nicht mehr das Mädchen sondern der mit schwerem Schicksal gesegnete Weibesschoß, da bat nicht mehr Werner sondern der Mann, da drängte nicht mehr der Knecht sondern die Urkraft der Natur, die sich aussäen will auf alle offenen Felder. Nicht genugtun konnte sich der Flügel in diesen erhabenen Betrachtungen, sein auf das Vielstimmige und Orchestrale angelegtes Wesen sprach in der mitleidslosen Stimme des Volkes und der Menschheit, welche die Schmerzen des Einzelnen in die hohen Zwecke der Liebe übergeführt sehen will. In breiten und tiefen Jubeltönen, in die auch die Streichinstrumente einstimmten, klang der Satz triumphierend aus. Darauf fiel Gabriel in Schlaf. Die Wolkendecke hatte sich vor dem Himmel zugezogen, die Nacht blieb lau. In der warmen Luft schlief Gabriel lange. Als er erwachte, war die Nacht vorgeschritten. Er war wohl im Halbschlafe, er wußte nicht wie, von der weißen Holzbank in der Nähe der Spalierbäume zu dem Steinsessel unter den Zypressen gegangen. Die Nachtigall hatte ihn geweckt. Sie war abgestrichen, als der Mensch sich bewegte; aber wurde sie unvorsichtiger in ihrem wachsenden 427 Liebesverlangen, oder war sie zutraulicher und merkte sie, daß der Mann, der über sein persönliches Glücksverlangen sich schon hinausgedichtet hatte, ein ungefährliches Weltwesen werde und sich Gott entgegen entfalte? Sie fiel in einem flachen Bogen heran und saß im Himbeerstrauch nahe den Zypressen. Das selige Geflüster des Liebespaares war verstummt. Die beiden Menschen mußten schon schlafen gegangen sein. Aber Gabriel brauchte die Anregung durch die Menschenstimmen nicht mehr, die Nacht tönte aus sich, und die unermüdliche tolle Nachtigall störte ihn fast. Doch spannen sich in ihm die früheren Motive fort, Geige und Cello sprachen wieder. Nur war die Geige ernster geworden, ihre Stimme war die einer reifen Frau, nicht eines unerfahrenen lüsternen Mädchens. Der Dämpfer war auf den Steg der Geige gesetzt, es war, als ob alles, was die Stimme sagte, unter einem fremden Drucke gesagt würde . . . die Mutter! Die verehrte und geliebte Mutter, mehr verehrt als geliebt, mehr bewundert als verehrt. Nein, bestaunt war sie worden, bestaunt und gefürchtet von Fremden und von ihren Kindern, so weit diese zu Verstande gekommen waren – ach, die Kinder kamen so spät zu Verstande, aber Gabriel war rechtzeitig dazu gekommen, um die Mutter noch zu verstehen! Der Flügel fing schüchtern an, seine Meinung zu sagen, aber er kam nicht recht auf, denn er getraute sich vor dieser Geigenstimme nicht. Und nun verstummte er. Auch das Cello hatte seine männliche Stimme erhoben. Doch das war nicht mehr die gutmütige Männerstimme von vorhin – wenn auch alle Männerstimmen etwas Gutmütiges haben – nicht mehr die blöde Stimme des verliebten Werner 428 – wie blöde ist alle Verliebtheit! Aber wenn das Thema der Geige schwer und getragen in bangen Tonschritten an der breiten Erde sich hinzuschleppen schien, hüpfte das des Cellos in Tonsprüngen auf und nieder. Es war auch launisch und liebte plötzliche Umdrehungen auf der Terz einer Harmonie in verwandte Harmonien. Etwas Gotisches hatte das Thema – Gabriel sah plötzlich Fialen, die weiß vor dem blauen Himmel leuchten, er sah Steindienste und Lisenen sich erheben, sich auftürmen und von Oktave zu Oktave steigend im Erhabenen sich verlieren. Er konnte nicht folgen und mußte das Cello sich selbst überlassen. Da oben tanzte das Thema, unerreichbar und kaum noch kenntlich, aber gediegen wie Steine, die auf festen Rippen in sicheren Gewölbekappen gewichtlos zu hangen scheinen. Das Geigenthema aber schien sich in einen dumpfen Groll zu verlieren, es schien nicht aufsehen zu können und sank immer tiefer zur Erde. Weit klaffte das Drama zwischen Geige und Cello. In fernen Tonarten sprach jedes für sich, und es schien keine Brücke der Harmonie zwischen ihnen zu geben. Da war die Zeit des Flügels gekommen! Jetzt mußte er helfend einspringen, sollte nicht der ganze Satz im Unmöglichen zerbrechen. Beide Themen nahm der Flügel auf und suchte sie einander anzunähern, suchte sie zu verschlingen und aneinander zu binden. Einige Male gelang es, und es klang wie scheue Liebkosung, über die sich jedes der Streichinstrumente schämte und nach der sie stürmisch auseinander flohen. Aber der Tonstoff des Flügels war nicht eben stark aus sich, und zuletzt entglitt dem Flügel die Führung. Die Themen der Geige und des 429 Cellos rangen sich los, die einzelnen Stimmen des Flügels zerstoben wie erschreckt in alle Winde, die führende Stimme stürzte rauschend nieder, wie eine angeschossene Wildgans zum Verenden in die Binsen fällt, und dieser Satz riß plötzlich ab mit einer vollen Dissonanz, ja Diskrepanz. Gabriel faßte an sein Herz. Das ganze Elend seiner Familie und seines Lebens stand vor ihm und preßte ihn. Und doch war etwas in ihm, das zuschaute, lediglich zuschaute, gleichsam neugierig zuschaute, wie alles sich wohl gestalten würde. Etwas, das er bisher nie in sich gefühlt hatte. Ein zweites Sein, ein anderes Ich, ein fremder Gabriel, mitleidslos im einzelnen, auch gegen den wirklichen Gabriel, und doch verstehend wie ein Gott über allem. Und dieser neue Gabriel sagte zu dem alten: »Tröste dich, mein Freund, in allem Gesetze liegt Trost. Wie etwas wachsen muß, so wächst es, du magst es noch so künstlich binden, und was zusammenstürzen muß, stürzt auch ohne Erdbeben zusammen. Nur das Gesetz sollst du erkennen und erfassen, und aus dem Erfassen fließt dir dein Glück. Freilich nicht ein Glück, wie es die Menschen meinen, das schmeckt nicht und kitzelt nicht, aber es kennt auch keine Sattheit, keinen Ekel und keine Enttäuschung. Es ist kühl wie die Sterne und rein wie der Äther, aber stark und mächtig wie das Gesetz selbst, das zwischen den Sonnen ausgespannt ist, an dem alle irdischen Dinge hangen. Nur einer kennt dieses volle Glück des Gesetzes, das ist Gott, aber er hat zugelassen, daß Begnadete ein Ende dieses durch alle Welt gezogenen Gesetzesfadens erhaschen und sich um den Finger wickeln.« Und der andere sinnliche Gabriel rief: »Wo ist der Faden? 430 Wie erhasche ich das Ende?« Doch die Stimme des ersten schwieg, denn alle göttlichen Stimmen sind grausam. Die Vogelstimme aber schlug und schien zu sagen: »Hasche danach! Springe danach! Versuch's!« Gabriel fühlte zwar, daß er auf dem Wege nach dem goldenen Faden war, daß das, was er in dieser Nacht erlebt hatte, zum Geheimnis des goldenen Fadens gehören konnte . . . aber er war noch nicht damit zufrieden. Das war alles noch zu grob, zu deutlich, zu sinnlich, da war noch zuviel Stoff und zu wenig Ahnung. Die Musik sollte für sich dasein, sie sollte nicht versinnbildlichen, das Sinnbild sollte aus ihr natürlich und von selbst herausfallen. »Aus meinem Leide ist es geworden,« dachte Gabriel, »aber bin ich noch nicht im Leide geläutert? Ich weiß ja, daß der Künstler nur aus seinem Leide wie die Spinne aus ihrem Leibe das Garn zum wunderbaren Netze spinnt, aber habe ich noch nicht genug gelitten? Ich denke, mein Leben war nicht verzärtelte Jugend, und meine Schläfen sind nicht von Freude grau geworden. Ich habe soviel bitteres Salz getrunken, daß schon bloßes Wasser mir süß munden muß. Aber gib mir, gib mir noch mehr zu leiden, wenn ich dann den goldenen Faden Gottes erhaschen darf.« Doch der fremde Gabriel schien den Kopf zu schütteln, als wollte er sagen: »Du hast genug gelitten. Aber nicht des Leids allein bedarf's, es ist zu dumpf und zu selbstisch; es braucht eine Gefährtin, die es erlöst und befreit.« – »Und wie heißt diese Gefährtin?« frug der irdische Gabriel, und der andere erwiderte grausam wie ein Gott: »Such'!« Und Gabriel suchte. »Nein, nicht einsam sein,« sprach er zu sich, »die Einsamkeit ist eine Sackgasse. 431 Man muß sich sehr lieben, um einsam sein zu können. Aber auch die Zweisamkeit ist nicht der rechte Weg. Wenn er auch in die Richtung führt, er ist zu kurz« – da zuckte plötzlich das Thema auf, jenes Cellothema in Tonsprüngen, es sprang vor ihm auf, hoch hinauf, und dort oben entwickelte es den Begriff: Allsamkeit. Aber noch immer klaffte ihm alles, Einsamkeit, Zweisamkeit, Allsamkeit waren noch verschiedene Akkorde, deren einende Harmonie er nicht kannte. Jetzt suchte er in den Akkorden nach der Harmonie. Er suchte die Urharmonie, die alle Dissonanzen fassen und lösen sollte. Es rauschten und brausten um ihn Cello und Geige und Flügel. Die Streichinstrumente waren keine Stimmen für sich mehr, mit ihnen hatten alle zahllosen Orchesterstimmen sich aufgemacht und suchten das Rätselwort, die Grundharmonie. Sie drehten sich nach allen Seiten, sie übten jeden Sprung und wechselten in kürzesten Akkorden von Moll nach Dur und von Dur nach Moll hinüber. Es war ein entfesseltes Gewühle und Gewoge der Töne. Die Geige hatte sich von ihrem schweren Thema losgemacht und stürzte suchend hin und her zwischen Himmel und Erde. Das Cellothema war von seiner stolzen feindseligen Turmhöhe herabgestiegen und suchte unten und oben. Die Geige suchte über dem gläsernen Himmel der höchsten Sterne, und das Cello grub unten in den verschwiegenen finstern Gängen der Erde. Der Flügel aber drehte alle Wesen der Erde, die zwischen dem Himmel und dem Unterirdischen sind, hin und her, um das Rätsel, den Akkord zu finden. Es war im Flügel, als wenn hundert Hände in einem Korbe von Diamanten und Sternen wühlten. Es war ein 432 Stoßen und Drängen wie von tausend Geistern im Weltraum der Töne – – da stürzte die Geige aus den Sternen herab und trug wie ein Vogel den Zweig im Schnabel den harmonischen Akkord. Sofort verstummten alle Kräfte und Mächte im Raume, und alles sah voll Spannung, Ehrfurcht und Anbetung das Motiv an, das die Geige allein durch den Raum einhertrug. Es war eine kurze Weise, so innig und doch so stark, so warm und doch so verklärt, so blutvoll und doch so glasklar-unirdisch, daß es nur eines heißen konnte: Liebe. Liebe! sang die Geige so erhaben durch den Raum der Leere, daß alles Ding zwischen Erde und Äther, zwischen Stein und Stern anbetend in die Knie stürzte. Der Garten war um Gabriel verschwunden, der Garten, in dem morgen sein Vater staunend sich ergehen würde, das Haus war entrückt, in dem Gertrud im Schlafe lag, die Erde war unter seinen Füßen entsunken, in der die Reste der Mutter ruhten. Alles war undinglich geworden, unsinnlich, überirdisch, nur Bewegung, nur Ton, nur Klang – das schien ihm erst Musik! Eine Eule strich lautlos auf weichen Schwingen heran, setzte sich auf den Rand der hohen Brunnenschale und starrte aus phosphoreszierenden Geisteraugen den Träumer im schwarzen Schatten der Zypressen an. Ein Wiesel drehte sein Köpfchen ruckweise, wie die Vögel es tun, nach ihm hin, und im seerosenvollen unteren Becken des Brunnens schoben sich zwei Punkte gleich Sehrohren heran. Jetzt hob der Frosch seine Knopfaugen und dann sich selbst aus dem Wasser heraus, kletterte den steinernen Brunnenrand 433 herauf und schlug seine grüne Ruderhand mit den Saugwarzen auf die Fußspitze, die auf der Steinfassung ruhte. Mit großen Augen sah der Frosch zu dem fremden starren Nachtwesen auf. Gabriel überwand in seiner Stimmung schnell die Abneigung, die er sonst gegen solches Getier fühlte. Jetzt war alles verwandt und lieb, denn das Orchester der drei Instrumente in seinem Kopfe sprach von allem zwischen Himmel und Erde, auch von den Sorgen, Schmerzen und Lüsten des Frosches, der Eule, des Wiesels. Die drei Instrumente sangen von Erkennen, Verstehen, Begreifen alles Irdischen und von Liebe zum Irdischen. Immer wieder jauchzte die Geige die gefundene Harmonie und das entdeckte Thema, das Cello sang, und der Flügel klang: Liebe! Liebe! Liebe über den starren Punkt deines Selbst, Liebe über den Kreis deiner Familie fort, Liebe über das Ganze deines Volkes hinaus, Liebe jenseits der Menschen zu Stein und Stern, zu Tier und Tau! Die entfesselten Harmonien der drei Instrumente kehrten von ihren weiten Tonflügen heim, sie kamen im Gleitfluge herab wie müde Vögel und fielen auf ihren heimatlichen Schlag ein. Weil alles Irdische schließlich ein Ende haben muß, schwiegen jetzt die Instrumente. Auch die Eule strich ab, und der Frosch tauchte in das Becken. Der Tag graute . . . Da erwachte Gabriel aus einer Art verzückten Halbtraumes, er nahm den Kopf zwischen seine Hände und rief: »War das nicht – das ist doch wahrhaftig – das ist doch ein Trio! O Glück! O Glück! Nun es fassen! Nun es halten! Nun es 434 aufschreiben!« Er klopfte seine Taschen ab, aber er hatte kein Stück Papier bei sich. »Ein schöner Künstler,« rief er, »er hat kein Papier in der Tasche! Mein Gott, wie halte ich's! Wie fasse ich's! Daß es mir nicht davonläuft, mein Gott!« Aber einen Stift hatte er, und kurz entschlossen beschrieb er im grauen Morgenlicht die Bänke – trotz dem Matthias! – und schrieb den Rand der Brunnenschale voll. Und hinter alles schrieb er: »Gabriel Markus Alexander Großjohann. Trio in cis-Moll. opus I«. Der Uralte Fast vergessen lebte noch im Pförtnerzimmer des weißen Hauses der Freiherr von Winterfeld. Er saß auf der Plattform seiner kleinen Treppe mit dem Rokokorosengitter und spielte mit der Uhrkette auf seinem Leibe. Erzählte jetzt wohl hundert Jahre. »Wie alt mag ich sein?« dachte er. Er wußte es nicht, denn er war schon zu müde, zu rechnen und zu zählen. Sein Blut war so kalt geworden, daß die grelle Vormittagssonne auf der weißen Mauer ihn nicht belästigte. Drinnen auf einem Tische in der offenen Stube stand ein blauer Delfter Teller mit roten Äpfeln. Der Gärtner aus der »Luft« hatte sie vor ein paar Tagen gebracht – war es vorgestern? war es noch früher? – Sie nahmen von Tag zu Tag um einen ab. Wie lange war es schon her, daß Matthias da war? Wie lange war überhaupt alles schon her? Er hatte – war es vor einigen Jahren? – von seiner Plattform aus den Leichenzug gesehen, der Frau 435 Großjohann zu Grabe trug. Sie sei zu jung gestorben, sagten die Leute. »Was ist zu jung oder zu alt? Es gibt Bäche und Flüsse und Ströme. Es gibt kurze und lange, schnelle und langsame Flüsse. Der Fluß mündet in den Strom – da hat er keinen eigenen Namen mehr, aber ist er nicht im Strome enthalten? Und der Strom ergießt sich ins Meer – ist er da etwa ausgelöscht? Es gibt kein Erlöschen. Die Sonne trinkt ihn wieder auf, und das Spiel beginnt von neuem. Er stirbt immer und wird immer und ist immer da.« Er sah auch gelegentlich den Herrn Großjohann vorübergehen. »Wie fröhlich der alte Herr aussieht! Das ist doch einmal einer, der nicht hadert! Wie oft habe ich ihn gramvoll gesehen, als alles ihn bewunderte! Jetzt, da sie ihn verachten, ist er fröhlich. Junge, sei fröhlich! Das ist die ganze Weisheit. Mit dem allein möchte ich wohl ein bißchen verkehren, wenn es sich einmal machen läßt.« Er hatte durchaus vergessen, daß er mit Großjohann befreundet gewesen war. Die Stelle in seinem Gehirn, wo diese Erinnerung gesessen, war gänzlich vertrocknet. Und Großjohann hatte den Freiherrn über den Papierdomen vergessen. »Aber nein, er ist mir noch zu jung dazu. Vielleicht hält er es auch unter seiner Würde, mit einem Türsteher zu verkehren. Er ist wohl noch zu grün. Er ist vielleicht noch nicht so weit . . .« Er hatte Fräulein Merlin einst auf den Armen getragen und auf seinen Knien reiten lassen. Jetzt würde sie sich ja wohl verheiraten, er sah sie kaum noch, sie hatte sich draußen in der »Luft« eingepuppt. Das weiße Haus stand leer, die grünen Lattenläden 436 waren heruntergelassen, das Laufbrünnchen im Hofe war verstopft. Jede Woche schritt er einmal durch die Räume und Hallen, und sah, wie die Zeit das Haus abnutzte. Sah, wie die weißen Vorhänge an den Fenstern gelb wurden, wie die Bilder hinter Staubschleier tauchten, wie die Spiegel erblindeten, wie der rote Treppenteppich langsam erlosch und die Mäuse sachte, sachte das Haus abbrachen. Das Loch in der Fußplinte im Treppenhause war noch klein, aber es wurde von Woche zu Woche größer von dem leisen Scheuern der Mäuseleiber. Selbst die Zeit schien ungeduldig in dieser hastigen Zeit! »Wie lange ist es her, daß der Oberste Bürgermeister durch den Seilergraben eingeholt wurde? Mein Gott, wie alt die Leute werden! Es ist, als ob alles mit einemmale abtreten wollte, um etwas Neuem Platz zu machen. Und doch scheint es mir wie gestern, als der Herr Merlin – Gott habe ihn selig! – mich da endlich von langen Irrfahrten in diesem schönen Pförtnerhäuschen vor Anker gehen ließ. Herr Gott, war das früher ein törichtes Leben! War ich nicht einmal Seeoffizier? Auf meinem Schiffe fuhr Kaiser Max nach Mexiko. Ich brauchte ihn nicht wieder abzuholen . . .« ». . . Jaja, ich habe auch einmal eine junge und schöne Frau gehabt. Wie hieß sie doch? Hieß sie nicht Yvonne? Aber wie war ihr Geschlechtername –? Ich weiß es nicht mehr. Und woran starb sie . . .? Wie war das doch . . .? Ich weiß es nicht mehr, ich weiß es nicht mehr, sie lag plötzlich da unter Chrysanthemen in blendendem Weiß. Aber das weiß ich noch, wie sie ein andermal in Weiß lag. Sie hatte ihr Brauthemd an mit vielen Spitzen, das war so 437 durchsichtig, so durchsichtig! Und ich sagte: Zieh es doch aus, Yvonne! Sie wollte aber nicht und sagte – und errötete – und sagte: Das kann man doch nicht, Lieber. Und ich sagte: Es ist doch so durchsichtig, und das schönste Brauthemd hat der liebe Gott ja den jungen Frauen auf die bloßen Knochen geschneidert . . .« »Und einen Vater hatte ich doch auch, aber eine Mutter wohl nicht, ich weiß es nicht mehr. Und der Vater sagte natürlich zu mir: Werde etwas Tüchtiges, mein Sohn. Aber ich muß wohl später irgendwie verkommen sein, wie die Leute sagen.« Und er lächelte überlegen. »Wohnten wir nicht auf einer alten Wasserburg im ebenen Pappellande, und rings soviele Teiche und Gräben? In den Juninächten gab es solche Froschkonzerte, daß man nicht schlafen konnte. Und im Frühjahr machten wir auf die Wasserratten Jagd, wenn sie auf die Jungen der Teichhühnchen mit den grünen Füßen lauerten. Und da war ein Knabe . . . da war ein Knabe . . . ich weiß nicht mehr wer . . . damals beim Weidenschneiden, wenn wir Bastflöten machten. Mein Finger blutete, und er kam und sagte: Laß mich mal schauen, ob du wirklich blaues Blut hast! Wie warst du enttäuscht, unbekannter Knabe, als ich rotes Blut hatte wie die Kaninchen und die Schweine, wie du selbst!« »Das Land da unten war so eben, so eben, soviele Pappeln standen in unendlichen Hainen da, nur Zitterpappeln, und ihr Laub raschelte, raschelte . . . das rauschte . . . das rauschte . . . das rauschte . . . das rauschte . . .« In seinen Ohren war jetzt auch ein Rauschen, ein Rauschen, ein unendliches Rauschen, 438 das schwoll und schwoll und schwoll immer stärker an . . . Nach drei Tagen brachte der alte Gärtner aus der »Luft« wieder einen Korb voll roter Äpfel. Das Eichentor des weißen Hauses war wie gewöhnlich geschlossen. Er zog am Glockenstrange. »Schläft der Alte?« dachte Matthias unwirsch, »und läßt mich hier in der Sonne braten?« Da sah er, daß das Schlupfpförtchen nur angelehnt war. »Heda, Alter!« rief der Gärtner, als er den Pförtner auf seinem Treppchen sitzen und lächeln sah, »ich bring dir Äpfel!« Aber der Alte rührte sich nicht, er lächelte nur. »Bist wohl kindisch geworden, Alter?« Der Gärtner ging das Treppchen hinauf und faßte den Pförtner an der Schulter. Der schwarze Rock war warm von der Vormittagssonne und die Knöpfe so heiß, daß des Matthias alte Finger beim Berühren zuckten. »Du bist ja, scheint mir, gestorben?« tat erstaunt Matthias. »Also auch endlich ins Würmerland abgereist? Und dabei riecht er nicht mal! Natürlich, er mußte immer was Besonderes haben und war niemals unsereins Freund. Er war immer ein alter Baron. Brauchen etwa die Barone, wenn sie gestorben sind, nicht zu verfaulen . . .?« Schluß Der Pfarrer zum heiligen Kreuz ölte und salbte den Kranken. Er ölte Nacken, Handflächen und die Fußsohlen, die Himmelsfluren würdig zu beschreiten, und Gabriel sah, daß es den Vater anstrengte. »Mach's kurz, Philipp!« flüsterte er. Der Pfarrer 439 warf ihm einen bösen Blick zu und sagte laut: »Ihr hättet mich rufen lassen sollen. Er röchelt ja schon. Wenn es mir der Geist nicht eingegeben hätte, im richtigen Augenblicke zu kommen, er wäre ohne die Heilsmittel dahingefahren.« Gabriel aber flüsterte mit der Hitze eines Teufels: »Mach's kurz, Philipp, sag' ich dir, oder ich werfe dich zum Fenster hinaus!« Da beeilte der Pfarrer sich. Die Zwillinge Kastor und Pollux, die immer nur einer durch den andern zu denken gewohnt und in der Familie stumme Zuschauer alles Geschehens gewesen waren, standen verlegen da beim Streite der Brüder. Die großen Menschen traten von einem Bein aufs andere. Sie hoben die Arme und ließen sie sinken. Wann ist man hilfloser als dann, wenn ein Mensch stirbt? Der Pfarrer kniete vor einem Stuhle und betete laut. Als der Vater ihm noch einmal zu winken schien, hatte Philipp keine Zeit aufzustehen. Er mußte für den Sterbenden beten, denn die letzten Augenblicke sind kostbar. Gabriel beugte sich über den Vater und horchte lange über der Brust. Dann wandte er sich um und sagte leise: »Er ist tot.« Die Brüder sahen sich an, Philipp griff schon nach seinem Ölkelche, denn es waren noch andere Sterbende zu ölen und zu salben, aber er sah doch die Brüder eine Weile an. Die Brüder sahen einander stumm an und wußten nicht recht, was sie denken sollten.