Otto Stoessl Morgenrot Roman     1912 Georg Müller Verlag München I. Es will mir immer unbillig scheinen, von einem Neugeborenen zu sagen, es erblicke das Licht der Welt, denn zu einem, wenn auch zaghaftesten, doch willentlichen Ermessen des ungeheuren erhellten Raumes ist nicht das hilflos dämmernde Geschöpf des ersten Tages, sondern doch nur ein Menschenwesen befähigt, das Eindrücke ordnen und Empfindungen über das Dunkel des Wohlbehagens oder Schmerzes hinaus, fassen und klären kann. Erst ein Keim von Vernunft, Licht, das dem Licht erwidert, mag den Tag erblicken, aufnehmen und mit ihm leben. Nach meinem Sinn war also der junge Held dieser Geschichte etwa drei Jahre alt, als er das Licht der Welt erblickte, das heißt, als er wußte, die Sonne am blanken Himmel sei die große Allgewalt und der Raum seiner Tage sei die Welt. Dieser Strahl der Erkenntnis drang zum ersten Male durch das Dach eines Hinterhäuschens. Nachdem der Vater, Josef Dieter, der ältere, Hausbesorger bei den »drey Husaren« in der Marktgasse zu Lichtenthal, seit dem frühen Morgen auf einer Leiter von innen, dann unsichtbar von außen mit geheimnisvollen festen Schlägen gehämmert, war plötzlich ein großes Fenster ausgebrochen, durch dessen Viereck ein voller Strom von Glanz überraschend in die ebenerdige, feuchte Stube drang. Dort lag in einer behaglich ausgestatteten Holzlade sein einziger Sohn, Josef Dieter, der jüngere, zu Füßen des elterlichen Ehebetts und streckte jauchzend seine Arme dem neuen warmen Schein entgegen. Das Zimmer und die daran stoßende schmale Küche, die dürftigen Wohnräume der Familie, hatten bisher nur durch die ins Höfchen gehenden Fenster ein gedämpftes Licht erhalten, so daß der Ort, wo das Kind aufwuchs, ebenso lange in jener halben Dämmerung verblieben war, wie es selbst, das nun erst gleichsam erwachte und recht eigentlich zur Welt kam, als sie mit ihrem Schein zu ihm fand. Seit diesem Tage begann es, Häuser, Gassen und Menschen in gewisse Zusammenhänge zu bringen, die Grenzen seiner Schritte, den festen Boden unter ihnen, den Weg über den kleinen, mählich wachsenden Bezirk seines Daseins abzuschätzen. Hier fangen seine Erinnerungen an, obschon manche frühere Ereignisse und Gestalten zuweilen in einem geheimnisvollen Leuchten, gleichsam unterirdisch auftauchen. So entsinnt er sich zum Beispiel an einen chinesischen Pavillon der Wiener Weltausstellung vom Jahre 1873. Name und Anlaß der Erinnerung erfuhr er freilich erst später. An den Wänden standen auf hölzernen Sockeln merkwürdige bunte, porzellanene Halb- und Ganzfiguren aus dem Reiche der Mitte. Der Vater, welcher in diesem Saal als Diener schaltete, führte ihn zuweilen durch den stillen, lichten Raum und stäubte mit einem Flederwisch die stummen Helden ab, worüber sie ernst befriedigt, bejahend die Köpfe schüttelten, was sie dauerhaft fortsetzten. So nickte eine wortlose Reihe dem Knaben zu und sah ihn aus ernsten Augen an. Er entsann sich auch eines lebenden, leibhaftigen Chinesen, welcher sich zu den porzellanenen Figuren etwa verhielt, wie sein Vater zu ihm. Dieser Chinese trug einen rötlich gelben, langen Seidenrock, über welchen ein blauer Umhang zu beiden Seiten der Brust herniederfiel. Unter einem kleinen Käppchen schoß ihm hinten ein langer, schwarzer Zopf hinab, an welchem er sich von dem winzigen Europäer packen und lenken ließ und gehorsam trabte. Er sprach auch ein paar wunderliche deutsche Worte, die aber bald in einer Flut fremder Gurgel-Quetschlaute kläglich untergingen. Was man ihm sagte, verstand er immerhin ganz wohl. Auch er hatte als Diener allerhand Aufträge wahrzunehmen. Die schrieb er mit Kreide auf ein Schiefertäfelchen, welches von einer Halsschnur gehalten, vorne an seiner Brust hing, und wenn es mit Strichen und Zeichen voll bedeckt war, wischte er es an dem blauen Ueberwurf ab. Diese und andere vereinzelten Eindrücke aber entbehrten der Folge, während Dieter nun erkannte, wo er zu Hause war und sacht seine Welt mit tastender Vernunft zu erweitern suchte, um sich keinen Tag, keinen Menschen und keine Sache fürderhin entgehen zu lassen. Zuerst wünschte er sich des neuen willkommenen Lichtes aus der Höhe zu versichern und verlangte, daß seine Bettlade genau unter das Dachfenster geschoben würde. Nun blickte an jedem Morgen beim Erwachen das Auge des hellen Himmels voll in das seinige. Das Gebäu »drey Husaren« war von der heute ausgestorbenen Gattung kleiner Familienhäuser, die zur Zeit des geringeren Bodenwertes und der bescheideneren Verhältnisse in den Vororten allenthalben dicht nebeneinander hockten. Das sogenannte »Lichtenthal« und »Thury«, die beiden benachbarten, noch heute in allen Gassenhauern als letzte überlebende Urwiener Gegenden gepriesenen »Gründe«, führten ein eigenes verschwistertes Kleinleben. Die »drey Husaren« waren von diesen Zwergwesen vielleicht das Kleinste, doch gehörten sie, unbeschadet ihres Namens, friedlichen Leuten. Im vorderen Gebäude hauste im ersten Stocke ein Junggeselle, bei höheren Jahren noch immer ein hilfloses Muttersöhnchen, mit seiner strengen Beschützerin. Der Doktor Zarf hatte zwar irgendeine Wissenschaft studiert, mochte aber nur zu einem geringfügigen Kanzleidienst brauchbar sein, den er sozusagen als standesgemäße Uebung betrieb, während er sein sonstiges amtsfreies Dasein ganz dem Gehorsam gegen seine Mutter widmete. Was die beiden Leutchen dort oben trieben und wie sie das lange Leben verbrachten, ging unsern Dieter wenig an, denn er bekam sie nur selten zu Gesicht, wenn sie vom Höfchen aus über eine schmale Holzstiege den eisengeländerten schmalen Gang erreichten, der in ihre Zimmer führte. Das Haus besaß keine andere Treppe. Der Gang aber, von wildem Wein bewachsen, blickte, wie schmal er war, doch herrschaftlich über den Hof, welcher auf der andern Seite von einer Feuermauer begrenzt wurde. An diesen Namen knüpften sich für Dieter glühende, angenehm schreckhafte Vorstellungen, die der häßlichen, schmutzigen Wand eine schicksalsvolle Großartigkeit verliehen. Im Hintergrunde des nur wenige Quadratmeter umfassenden Höfchens stand das ebenerdige Hausbesorgerquartier, des Knaben engste Heimat. Mit fünf Schritten durchmaß man von ihrer Schwelle das Geviert des Hofes und kam durch die Tür einer Glaswand in den Flur des Vorderhauses, der durch ein tagüber halb offenes braunes Tor von der Gasse geschieden, in seiner Dämmerung einen überaus anziehenden Raum bot, denn von seiner linken Seite ging wiederum eine Tür in die dunkle Küche des Doktor Zarf und zu den Leckerbissen der alten Agnes, von der später die Rede sein wird, während an der ganzen rechten Wand in großen Glasrahmen von Dieters Augenhöhe bis zur Decke Photographieen von Menschen hingen, kleine und große Bilder von Männern, Frauen, Kindern in ganzer oder halber Figur, in städtischer, bäurischer oder Amtskleidung, deren Betrachtung viele Stunden wunderbar ausfüllte. Dieter glaubte, hier seien alle Menschen der Welt abgeschildert, so viele es überhaupt gebe, denn die Zahl der Bildnisse dünkte ihn unermeßlich, zumal er nur die zu tiefst angebrachten deutlich wahrnahm. Vater, Mutter, Doktor Zarf und dessen Mutter, sowie die alte Agnes waren nicht darunter. Dies schien aber nur selbstverständlich, lebten sie doch ohnehin im Hause. Wenn aber eine neue Persönlichkeit auftauchte, suchte er sie an der Wand wieder und glaubte sie da oder dort zu erkennen. Vermochte er dies aber auf keine Weise, dann tröstete er sich, der Unbekannte hinge wohl höher und würde später schon aufgefunden werden, wenn der kleine Betrachter um das nötige Stück gewachsen sei, auch die obern Reihen ordentlich zu mustern. Die alte Agnes in der Küche des Doktor Zarf war eines jener heute nahezu ausgestorbenen Wesen, welche der Volksmund »Hausmöbel« nennt, als Leute, die einem Hause unverbrüchlich zugehören wie ein Tisch oder Schrank. Dieter war der einzige Freund der alten Agnes, die nur zu ihren Besorgungen auf eine Stunde höchstens aus dem Hause kam, sonst bloß auf einen Augenblick im Hofe erschien, wo sie vom Brunnen Wasser schöpfte oder das Büttel ausgoß. Während jüngere Mägde Sonntags in bunten Kleidern hinausfliegen und allenthalben an Wirtshaustischen wie Reihen schnatternder Vögel sitzen, ließ sie sich in solcher Ruhezeit schwer auf ihrem Küchenstockerl nieder, legte die Hände in den Schoß und wartete. Ihre Züge behielten die unveränderliche Unbestimmtheit eines grauen Stubenalters und verrieten nur beiläufig ihre Jahre, während man aus ihren Reden gelegentlich erfuhr, daß sie noch den Doktor Zarf als einen Wickelknaben getragen hatte. Der Lauf der Welt bestand für sie bloß darin, daß sie stets in der Nachbarschaft Kinder kommen, wachsen und wieder verschwinden sah. Das Sterben und Begrabenwerden spielte in dem kleinen Gedankenkreise der armseligen Person die wichtigste Rolle, denn so oft der Knabe sie feierabends besuchte, holte sie eine Schachtel mit Musterstickereien hervor, welche mit bunter Wolle auf durchstochenen Kärtchen ausgenäht, Kreuze und Kränze auf Gräbern unter Trauerweiden und dergleichen Sinnbilder des Todes zeigten. An diesen Werken ergötzte sich Dieter, indes sie voll Begeisterung erzählte, so schön sehe es einzig auf Friedhöfen aus, so hoffe auch sie einmal bestattet zu werden, und wenn es so weit sei, möchte er sie auch an diesem Ehrenorte besuchen. Doch gab die alte Agnes, derweil ihr Gast einen guten Apfel oder ein Stück Kuchen, Reste ihrer eigenen Mahlzeit angelegentlich verspeiste, noch eine zweite Geschichte zum besten, vom »Agnesbrünnl«, welches in einer grünen Talschlucht des Wienerwaldes bei Sievering quillt. Sein Wasser ist heilsam; wer sich damit die kranken Augen wäscht, wird gesund, und wer mit den gesunden hinabsieht, erkennt glückbringende Lotterienummern in der Tiefe. Dieses »Agnesbrünnl« galt der Erzählerin als Inbegriff der weltlichen Herrlichkeit. In seinem Namen war ihr das Wunder des Waldes und Wassers, der schönen Erde und aller Hoffnungen verkörpert, sie kannte von der ganzen Umgegend ihrer Stadt nichts als diesen Ort, wohin sie einmal, vor weiß Gott wie vielen Jahren gekommen war, als sie noch ausging. Ihr starker Glaube wirkte auf den gehorsamen Dieter, welcher bereitwillig das unbekannte »Agnesbrünnl« verehrte und die Alte für den Geist dieser Wunderquelle hielt, deren Name und Kraft offenbar von dieser gegenwärtigen Agnes stammte. Darum mochte er auch später, als er an die Stelle geführt, mit unbefangenen Augen ganz und gar keine heilsamen Lotterienummern im Wasser wahrnehmen konnte, dieses »Agnesbrünnl« durchaus nicht für das richtige halten. Das wirkliche floß gewiß irgendwo anders, und nur die Agnes konnte es aufzeigen. Aber auch sie bemühte sich nicht weiter, den einzigen Ort der Gnade wiederzufinden, der so vieles verhieß. Das war freilich ein Widerspruch, kam aber weder dem Knaben, noch ihr zu Bewußtsein. Denn ihrer beider Einfalt war weise genug, eben als das einzige wahrhafte Glück den besten Glauben zu würdigen, welcher seine unberührbare Wahrheit und Beseligung in sich trägt, während die Wirklichkeit im Augenblick der Erfüllung ertrinkt. Indes die alte Agnes in ihrer Küche verharrte, wuchs ihrem Schützling mit jedem Tage die Lust der Bewegung, die bald weiter hinaus verlangte und fand. Jeder Schritt öffnete eine Pforte in die große Welt. Das Haustor wurde aufgetan, die Mutter saß nähend beim Stubenfenster und blickte durch die Glaswand über Hof und Flur auf die Gasse, so konnte sie den Buben immerhin überwachen. Er durfte nun draußen auf dem Bürgersteige der Marktgasse spazierengehen. Doch war ihm eine genaue Grenze vorgeschrieben, die er nicht überschreiten sollte, auf der einen Seite durch den Laden eines Essighändlers, auf der andern durch den eines Selchers bestimmt, so daß er da wie dort an dem starken Geruche erkannte: bis hierher und nicht weiter. Bei aller Lust nach frischen Erfahrungen blieb er doch gehorsam in diesem abgesteckten Bezirk und kehrte getreulich vom sauren Essiggeruche nach dem scharfen Räucherodem der Schinken und Würste um, nicht ohne im Bereich dieser hundert Schritte eine Unzahl neuer Dinge zu entdecken. Unser junger Held, welcher dergestalt zwischen Essighändler und Selcher die Welt erforschte, fand zufolge dieses natürlichen Gehorsams eine gewisse Beruhigung, nach der kurzen Weile seines selbständigen Wandels wieder an dem heimatlichen Haustore vorbeizukommen, nickend einen Blick durch den Flur und die Glaswand ins Höfchen hineinzuwerfen und dabei einen andern Blick zu treffen, den er suchte. Die Mutter, obgleich emsig arbeitend, hob die Augen unfehlbar von der Näherei, wenn sie ihren Buben vor dem Haustor spürte, und keinmal kam ihr Blick zu spät, wenn ihn der seine erwartete. In dieser Zeit machte sich der Vater, der, wo immer er war, Tätigkeit und nützliche Neuerungen suchte, an eine Arbeit zur Verbesserung des Hauses. Au dem Schindeldach der »drey Husaren« gab es nämlich nur winzige Lücken, die den Bodenraum im Dunkel und daher unbrauchbar ließen. Er beschloß also, wie in seiner eigenen Wohnung, Dachfenster auszubrechen, stand oben mit seinem Werkzeug, nahm an den richtigen Stellen die Schindeln aus und warf sie auf die Straße hinab, während Dieter der jüngere unten belustigt zusah, wie die Hölzer lärmend ankamen. Diesem Schauspiele wohnte ein älterer Bube an, trat neben den Kleinen, begann, die Schindeln sorgfältig zu schichten und zu einem ordentlichen Haufen aufzubauen, an welcher Arbeit Dieter gleich voll Eifer mittat, wodurch sich eine stumme, doch beifällige Kameradschaft ergab. Erst als der Vater oben auf dem Dach soweit fertig war, daß er nur mehr in die großen Oeffnungen die neuen Fenster mit den gehörigen Blechrahmen einzupassen hatte und hinabkam, um diese Stücke zu holen, fand sich ein Gespräch zwischen dem großen und den kleinen Arbeitsleuten, indem der Vater seinen Knaben hieß, die Schindeln nun geschichtet wie sie waren, in den Hof zu tragen. Dabei sah er auch den Helfer an und fragte ihn um den Namen. Franz hieß er. Also sollte der Franz auch mittragen dürfen, was sich der bloßfüßige, ernst dreinschauende nicht zweimal sagen ließ. Seit dieser gemeinsamen Verrichtung traf Dieter den Franz alltäglich auf der Straße und spielte mit ihm. Der Vater hatte in aller Stille nach diesem Gesellen Erkundigungen eingezogen, und da der Franz das Kind einer fleißigen Mutter war, ließ er die beiden gewähren. Die Unterschiede der menschlichen Gesellschaft an Vermögen, Gesittung und Freiheit reichen tief hinab bis zur grauen Armut, und selbst die in Fetzen gehen, wahren peinlich gewisse Abstufungen des Standes und verraten sie, so daß jeder sich selbst an seine Stelle verweist und der unnachsichtigen vorherbestimmten Ungleichheit der Natur, sei es wider Willen und zähneknirschend, zu ihrem Recht verhilft. Derart stand der kleine Dieter, welcher Vater und Mutter hatte, die in einem bürgerlichen Dienstverhältnis und geordneter, wenn auch kleinster Wirtschaft lebten, welcher bewacht, sorglich geschützt, anständig gekleidet wurde, hoch über dem älteren Franz, der barfuß lief, wohin er wollte und nicht zwischen Essighändler und Selcher sich aufzuhalten brauchte. Aber gerade diese Beschränkung erschien dem ärmeren Knaben als ein Zeichen von Vornehmheit, und er fügte sich ihr freiwillig, ohne Dieter irgendwie zum Ungehorsam zu verleiten. Mithin zogen nun die zwei selbander das kleine Stück der Marktgasse auf und nieder, blieben von Zeit zu Zeit vor dem Haustor der »drey Husaren« stehen, sahen nickend hinein und begegneten dem Blick der Frau Dieter. Derweise konnte sich auch der Franz einbilden, eine Mutter wache über ihm, aber es war freilich nicht anders, als sollte er sich am Geruch einer Speise sättigen, die seinem Gesellen zum Essen bestimmt war. Was Franz an Alter, Erfahrung, Verstand und Weltkenntnis vor Dieter voraushaben mochte, wurde durch dessen höheres Menschentum mehr als ausgeglichen, ja es ergab sich ohne weiteres eine Dienstbarkeit des Aelteren und für Dieter bei allen Spielen ein Vorrang und die selbstverständlichen Erleichterungen, daß er beim Kutschieren immer Lenker, niemals Pferd war, die Peitsche schwang, nicht spürte und befehlen durfte, ohne seinerseits gehorchen zu müssen. Und wie es die Pflicht des Herrschenden ist, den Dienenden zu belohnen, wodurch das natürliche Ungerechtigkeitsverhältnis gleichsam nach außen festgesetzt und unwandelbar gemacht wird, tat dies auch Dieter, indem er ein kupfernes Vierkreuzerstück, das er besaß, seinem Kameraden schenkte und dadurch vollends dessen Seele erkaufte. Leider hatte aber dieses angenehme Verhältnis keinen Bestand und wurde durch das strenge Einschreiten des Vaters für alle Zeit geschieden. Das kam so. Zu den wenigen Menschenfiguren, die sich durch ihre Besonderheit und dadurch, daß sie regelmäßig erschienen, unserm Dieter damals einprägten, gehörte ein alter Hausierer mit krummem Rücken und schmutzig weißem Barte. Der kleine, gebrechliche Mann führte an einem Riemen vorn ein Tragbrett mit allerhand Verkaufsgegenständen: Hosenträgern, Bändern, Nadeln, Schmucksachen und dergleichen und zog die Marktgasse entlang, ohne, wie andere seines Zeichens, seine Ware laut auszurufen und anzupreisen. Vielmehr begnügte er sich, vor vermutlichen Käufern anzuhalten und sie mit einem demütigen Blick aufzufordern. Er pflegte sich oft mit eigentümlicher Hast umzuschauen und gerade in den Hausflur der »drey Husaren« hinter den Torflügel zu treten, um erst nach geraumer Weile und nach allen Seiten vorsichtig spähend wieder hervorzukommen. Dies geschah, weil er ohne Lizenz hausierte und daher den Wachmann fürchten mußte. So oft dieser Behelmte an der nächsten Straßenecke auftauchte, galt es, sich unsichtbar zu machen. Und der gutmütige Vater Dieter gestattete dem gehetzten Hausierer, gerade das günstig beschützende Versteck der »drey Husaren« als Asyl zu benutzen, nicht ohne streng hinzuzufügen: »Ich weiß von nichts. Mich geht's einen Teufel an, was Sie da treiben und wollen. Aber daß Sie mich nicht ins Spiel mengen.« Auf diese Weise gelang es dem Alten, sein armseliges, gefährliches Gewerbe in der Marktgasse ungehindert zu betreiben, und dafür wollte er sich wohl schon längst irgendwie dankbar erzeigen. Deshalb rief er eines Tages den Dieter, der ihm gerade in den Weg sprang, mit freundlichen Worten zu sich, schenkte ihm ein Stück Bärenzucker und steckte ihm einen gewirkten Schal, grau mit blauen Tupfen, zu: »Das gib deiner Mutter, junger Herr.« Der Knabe tat so. Die Eltern zeigten sich aber gar nicht erfreut über dieses schöne Geschenk, wie der Spender und Dieter gehofft hatten, sondern beauftragten ihr Söhnlein, es augenblicklich dem Franz zu geben, der dem Hausierer nachlaufen und ihm das Tuch einhändigen sollte, denn sie mochten von dem Akten nichts annehmen, noch weiter wissen. Bedauernd gehorchte Dieter und richtete dem Kameraden den Auftrag aus. Dieser enteilte gehorsam. Am nächsten Tage hatte Dieter längst die ganze fremde Sache vergessen und bemerkte gar nicht, daß der Spielgefährte das graue Tuch mit den blauen Tupfen um den Hals trug. Wohl aber staunte der Vater darüber, stellte den Franz und brachte im Verhör bald heraus, daß dieser den Schal behalten hatte, weil es ihm angeblich nicht gelungen sei, den Hausierer einzuholen. Die Versuchung war wohl groß gewesen, ein so schönes und warmes Schmuckstück über dem zerlumpten Gewand zu tragen, sich auch einmal stattlich zu wissen durch eine zierliche Kostbarkeit, wie denn die genaue Unterscheidung von Mein und Dein dem Auge eines Kindes nicht eben gemäß ist. Aber wie immer, der Vater Dieter kannte keine Milderungsgründe, sondern nahm dem Missetäter das Tuch vom Halse, er wolle es dem Hausierer selbst zurückgeben, aber der Franz möge sich schleunig davonmachen und zwischen Selcher und Essighändler auf der Marktgasse fürderhin nicht mehr aufhalten. Derweise wurde dem freien Knaben auch eine Grenze bestimmt, allerdings auf andere Art, als eine verbotene, und Dieter mußte wieder allein seinen Weg gehen. In dem kleinen Viertel konnte er nachmals nicht verfehlen, seinem einstigen Gefährten zu begegnen, der aber wich ihm aus und streifte ihn nur mit scheuen Blicken, denn durch das abgelehnte Tuch schien Dieter noch höher gerückt, während der Franz durch das seiner begehrlichen Armut entsprungene Vergehen noch tiefer hinabgezwungen war. So tun zwischen den Menschen kleine Begebenheiten Klüfte auf, die das spätere Schicksal meist erst recht erweitert, selten schließt. Aber nachmals kommt der Haß hinzu und die schlimme Lust, diese Klüfte zu überspringen, und das gibt böse Blicke, die Menschen schauen über ihre Abgründe einander wie reißende Tiere an, und die eingeborene Demut des niederen vor dem höheren schlägt in Tücke um. Es ist das Glück der Kinder, noch nicht so zu schauen oder angeschaut zu werden. Mit den zunehmenden Tagen nahmen auch die Schritte des Knaben und seine Wege zu, und allmählich lernte er den ganzen Bezirk um sein Heimathaus kennen, die beiden verschwisterten Gründe »Lichtenthal« und »Thury«, welche zueinander gehörten wie zwei paarweis laufende Rosse, zwischen denen die Marktgasse sich etwa als Deichsel streckte. Oestlich lag Lichtenthal, Thury westlich. In der Marktgasse waren die Buden der Lebensmittelhändler aufgeschlagen, und von der Kirche, deren breitaufgepflanzte Barocktürme, wie die vielen in ihrer Zeit gewachsenen, sozusagen ein freundliches Mariatheresiengesicht zeigten, erscholl der Lärm der Verkaufsstände bis zur Alserbachstraße, durch welche das damals offene Wässerlein floß und »Lichtenthal« und »Thury« vom sogenannten Alsergrund schied. In die Morgenträume des Knaben polterte das Bollern der Butten mit Obst und Grünzeug, das Rasseln der anfahrenden kleinen Wagen, und in seine Frühwege lachte die Lockung schön ausgebreiteter Aepfelhaufen oder duftender Lebzeltereien. Rechts und links zweigten enge, alte, dunkle Gassen ab, alle mit den kleinen verschrobenen Häuschen, deren jedes seinen eigenen Namen führte, welcher ein weit zurückliegendes Erlebnis der einstigen Eigentümer, eine vergessene Sage, ein beliebtes Gleichnis oder Wappensymbol vergegenwärtigte, wie »das goldene Einhorn« oder der »silberne Anker« – Edelmetall funkelt von je in den begierigen Vorstellungen des Stadtbürgers – oder »zu den sieben Nußbäumen«, was daran gemahnte, daß dereinst von Nußdorf längs der ganzen Flanke der Stadt bis zum Wienerberg hinüber eine Reihe von Nußbäumen gezogen, von denen wohl sieben in der Gegend des einen Hauses sich vor Zeiten tapfer mochten behauptet haben, während die übrigen von den zunehmenden Bauten längst überrannt worden waren. Einen finsteren, überwölbten, nach Unrat riechenden Durchlaß gab es, wo mit ein paar Efeustöcken eine kleine Gastwirtschaft wie in einem Schachte lag: »der goldene Brunnen«. In einem engen Raum zusammengedrängt, schienen alle Häuser die merkwürdigsten Verrenkungen auszuführen, um ihr bißchen Luft und Licht zu schnappen. Diese Bemühungen waren hauptsächlich an den eisengeländerten Gängen kenntlich, wie auch die »drey Husaren« einen hatten. Aber bei den anderen Gebäuden liefen diese Gänge um den ganzen Hof oder außen an der Front um die Ecke und waren von grünen Topfpflanzen besetzt und hießen »Pablatschen«, ein Ausdruck, der sicher von weither, von Böhmen oder Spanien kommt und so wunderlich entstellt geblieben ist. Was aber die Lustbarkeiten betrifft, welche hier üblich waren und die eng beisammenhausende Gemeinschaft erheiterten, an denen Frauen und Kinder teilnahmen, während die Männer an Wein und Bier in den Schenken genug hatten, so gab es unter anderm als Sehenswürdigkeit eine mit Glas gedeckte »Pablatschen«, eine Art Gewächshaus, wo ein bescheidener und geduldiger Pflanzenliebhaber viele Geschlechter von Kakteen züchtete, die im Frühjahr aus den warzigen, knolligen, abstoßenden Blättergeschwülsten herrliche glutrote oder violette Blüten trieben. Der glückliche Besitzer empfing um diese Zeit den Zuspruch aller Weiber und Kinder der beiden Gründe, auch Dieter kam mit seiner Mutter mehrmals hin und besah das Blumenwunder. Ein anderes Vergnügen fand sich im »Pimperltheater«, hoch oben im »Thury«. Dieser Grund stieg nämlich auf hügeligem Boden empor, die meisten Gassen bestanden bloß aus schmalen Steintreppen und erweiterten sich gelegentlich zu kleinen Plätzen, mußte »Thury« sich doch notwendig ducken, denn es wurde vom Linienwall eingezwängt, der damals, eine unbewehrte Schanze, grasbewachsen, die Grenze bildete. Dort, am Walle, an beiden Ufern des Alserbaches, schafften die Wäscherinnen, da ging es lustig zu, und wo heute große Häuserreihen unter dem Lärm der Stadtbahn und der elektrischen Tramway ihre Glieder ausrecken, gab es damals noch freien Himmel, offenes Land, flatternde Schürzen, Hemden, Röcke, Hosen, lachende und scheltende, keifende und rumpelnde Frauenzimmer und jenseits des Walles unbebaute Felder und Wiesen. In einem Winkel der verfallenen Mauer, auf einer hohen überschauenden Stelle lag nun das sogenannte »Pimperltheater«, eine Bretterbude mit einem Zuschauerraum, der etwa fünfzig Leute faßte. Die Reichen bezahlten vier Kreuzer und saßen auf Holzbänken und bekamen sogar Strohmatten vor die Füße, die Armen leisteten nur zwei Kreuzer und standen hinten. Die Sitzplätze wiesen zwar keine Nummern auf, wurden aber von dem Saaldiener und Schauspieldirektor – das war eine Person – nach der Vornehmheit der jeweils Erschienenen verteilt. So oft Dieter mit seiner Mutter kam, durfte er in der ersten Reihe, der Bühne gegenüber sitzen. Gespielt wurden als Puppenspiele lauter ernsthafte Stücke, nicht etwa Kasperliaden, denn das Volk ist keineswegs so sehr auf den niedern Spaß erpicht, welchen es sich aus eigenem und im gemeinen Leben nach Lust zu bereiten Zeit und Witz genug hat, sondern auf den hohen Ernst, auf noble und großartige, tragische, blutige Dinge. Die wurden hier von den steifen Puppen unter Begleitung einer gleichförmigen, hochdeutschen, fremden und gezwungenen, hohlen Rede in der romantischen Szenerie gespielt. Meist trugen sich alle Vorgänge in einem Walde zu, dessen grüne Bäume mächtig staubten, wenn eine der Figuren an sie streifte und an ihrem Draht durch die Luft dem Schauplatze entzogen wurde. Die Mannigfaltigkeit der Eindrücke, die Gleichförmigkeit der Reden und des hölzernen Puppenmaterials und nicht zuletzt das sehr jugendliche Alter des Zuschauers ließen ihn die Fabeln und Gegenstände der Schauspiele bald vergessen, während ihm das Um und Auf: Holzbänke, Publikum, staubiger Wald der Szene, Oellampenlicht über dem murmelnden Raum, dauernd im Gedächtnis blieb. Ueber allen Ereignissen dieser Zeit lag wie ein guter Frühschein der freundliche Blick der Mutter. Von ihr behielt er vor dem Goldgrund der glücklichen Jugend einen rührenden Umriß: wie sich an dem Fenster des dumpfen Wohnzimmers ein zartes Haupt mit blondem Haar über die Näharbeit beugte und zuweilen zwei dunkele Augen aufschlug, welche mild und liebreich blickten. Der Vater, der ihm das ganze weitere Leben gesund und kräftig zur Seite blieb, war ihm allzeit als breitgewachsener, maßvoll heiterer und wieder strenger Mann gewärtig, die Mutter immer in dieser eigentümlichen Haltung, die so sehr dem Fleiß und der Sanftmut zugleich entspricht, eine stete Arbeit in einer gewissen Ruhe und Beschaulichkeit verrichtend. Auch hielten den Vater Geschäfte und Gänge viel außer Hause, der Mutter aber gehörte die kleine Wohnung und der Bube ganz zu. Sie war schwächlich und als einem frühen Tode bestimmt, bösen Ahnungen, bedeutenden Traumbildern und abergläubischen Auslegungen selbst harmloser Ereignisse zugänglich. Ein plötzliches Geräusch, ein unvorhergesehenes Eintreffen konnte sie zittern und nicht selten leise aufschreien machen, bis sich die Angst bei der folgenden Beruhigung in ein liebliches Lachen löste. An diese Schreckhaftigkeit knüpfte sich auch eine Geschichte, welche Dieter nicht oft genug hören konnte, wie ihn, als er eben zur Welt gekommen war, der Wolf mit glühenden Augen durchs Fenster angeschaut habe. Der Vater Dieter stammte aus der hügeligen Plateaulandschaft des nordöstlichen Böhmens, einem Landstriche, hart an der preußischen Grenze, von rauhem Klima. Ein mächtiger Wind vom Osten her, darum der »Polack« geheißen, weht über das Gebiet, welches vor Zeiten seinen Reichtum hatte, als noch die großen Wälder standen. Da kannten die Leute keinen andern Betrieb und keine andere Arbeitsgelegenheit als den Wald. Der nährte sie, und es ging ihnen auch recht gut, so lange sie draufloswirtschaften und Holz machen konnten. Sie waren dabei gedankenlos fleißig und hieben und fällten mit wildem Eifer. Ueberall schallte und klirrte es von Aexten und Sägen, und an den eiligen Bächen warteten die Schneidemühlen, das Wasser half mit beim Zerkleinern und wechselte die gute große Münze des Forstes behend in die gangbarere kleine von Stamm und Schnittholz, ja es führte diensteifrig die Ware noch talab. Damals gingen die Bauern dort noch in der würdigen Tracht mit ehrbaren, geschweiften langen Röcken, mit silberknöpfigen Tuchwesten und in Schnallenschuhen einher, fuhren mit ihrem beweglich gewordenen Wald auf Flößen und brachten die längsten Mastbäume und die geradesten zu Wasser elbabwärts nach Hamburg, welche der Schiffbau sich mit Vergnügen und um reichliches Geld aneignete. Aber bei dieser gedankenlosen Wirtschaft war allgemach der ganze, große, schöne Wald in die Welt gewandert und davongezogen, und an der Stelle der dunkeln Forste standen jetzt kümmerliche Blößen, Hutweiden, Wiesen; der Wind hatte freie Hand, der Schnee das beste Gelände, und die allenthalben aufspringenden Bäche fanden nichts mehr zu treiben, es sei denn, daß der spielerische Sinn der Dörfler, die mehr Muße hatten, als sie mochten, die hurtige Quelle dazu verwendete, ein Schwungrad zu drehen, welches mittels eines Treibriemens eine Holzwiege schaukelte, in der ein Kind freundlich zur Decke blickte, während der Vater beim Webstuhle saß. Die verarmten Bauern mußten sich nach anderer Arbeit umtun. Die einen gingen traurig ihrem Walde nach in die weite Welt und wanderten aus auf jenen selbigen Schiffen, die von dem Holz ihrer Stämme gezimmert, übers Meer nach Amerika zogen, die andern blieben daheim und mußten, weil ihr Grund nun mit seinem kärglichen Ertrag sie nicht ernähren konnte, von den eigenen Leibeskräften zehren, was für den Landmann eine böse Sache ist, denn die Muskelarbeit ohne sonderliche Kenntnisse schafft wenig und nur trockenes Brot. So wurden aus wohlhabenden Leuten arme geduldige Weber, die in ihren alten Holzhäusern am Stuhl saßen und ein bescheidenes, dichtes Gewebe wirkten, so recht ein Hungertuch. Aus einem solchen Holzhause kam Dieter, der Vater. Sein Erzeuger hieß der Paramentenschneider-Sephe, weil er neben den gemeinen Hosen und Röcken auch Meßkleider für die Kirchenleute nähte; er hatte viele Kinder, Knaben und Mädchen, die nachmals weithin über die Welt zerstreut wurden. Dieter, der Vater unseres Bürschleins, als der vorletzte von Sephes Sprößlingen, war schon in der Not dieses Landes geboren worden, aber noch zur Zeit, als die Erinnerung an die verlorene Waldherrlichkeit mit allem Schmerz lebendig war, so daß er keinen andern Wunsch kannte, als sie. Außer dem notdürftigen Schreiben, Lesen und Rechnen lernte er – aber niemals zünftig – so ziemlich alles Handwerk, welches sich einem Menschen, der, was er braucht, selber machen muß, von ungefähr zwischen die Hände drängt: Tischlerei und Zimmermannsarbeit, Weben und Schneidern, Gartenbau und Sattler- wie Riemergewerbe, als Muß in der Not und als Kurzweil im Glück. So schaute er sich in seiner Landschaft um, wo es gerade was zu tun gab und tat mit, überall zu brauchen, anstellig und guter Dinge, leicht ernährt und bald zufrieden. Aber dies galt nur als Vorbereitung, denn er mußte und wollte einmal aus dem Tal hinaus. Und eh' er sich recht besonnen, war er auch mitten in der Welt, wo sie am wildesten ist, bei Militär. Als bescheidener und genügsamer Mensch lebte er sich recht bald ein und erreichte die hohe Würde eines Offiziersburschen. Darüber gibts nichts zu lachen. Denn Gewehrgriffe schlagen, in strengem Schritt gehen, am Ende Gefreiter und Korporal werden, das bringt auch ein gehorsamer Tropf fertig, aber vermöge besonderer Geschicklichkeit zum Diener eines vornehmen und anspruchsvollen Offiziers taugen, ist etwas anderes, selteneres und höheres, worauf man sich schon was zugutehalten darf. In dieser Eigenschaft entfaltete Dieter alle seine Kenntnisse und Fähigkeiten und war mehr als ein Werkzeug, ein wirklicher Freund seines Herrn. Er hielt nicht bloß die anvertraute Uniform instand, Säbel und Kartusche, Stiefel und Feldbinde, sondern er nähte, schusterte, flickte jeden Schaden, kochte das Essen, ja er verstand sogar russischen Tee zu bereiten. Von seiner Löhnung wußte er nahezu alles zu ersparen, so daß er selbst mit Geld aushelfen konnte, wenn einmal Not daran war, kurz er hielt sich als ein unentbehrlicher Gehilfe. Die Kunde von seiner ehrenvollen Laufbahn war denn auch in die Heimat gedrungen, und siehe da, eines Tages erschien in Pardubitz, wo Dieter stationiert war, sein alter Vater – Paramentenschneider-Sephe auf Besuch. Das machte aber dem Jungen, der sonst ein sehr guter Sohn war, keine Freude, denn er hielt dafür, daß ein Vater sich nicht gleich zu zeigen habe, wo der Sohn in Diensten steht. Dies beweist nämlich entweder ein unangebrachtes Mißtrauen, oder eine gleicherweise unstatthafte Begierde nach Geschenken und Unterstützungen. Zumal bei seinem Ehrenamte konnte eine solche Visite am Ende gar den Eindruck hervorrufen, als hätte der Offiziersbursche sich unrechtmäßig und insgeheim Schätze aus dem Gute seines Herrn zusammengescharrt, die nun der Vater wegtragen wolle oder dergleichen. Nichts kann mißtrauischer sein, als eines Bauern Ehrlichkeit, nichts ängstlicher, als einer stolzen Armut Ehrsucht. Darum begrüßte Dieter seinen Alten, der freilich weder etwas haben, noch seinen Sohn beargwöhnen, sondern sich nur von seiner Herrlichkeit überzeugen mochte, recht kurz und militärisch gemessen. »Es ist ja schön, daß Ihr so weit gewandert seid, Vater, was wollt Ihr hier?« »Nichts, nur dich sehen, denn man wird alt und weiß nicht, was von heut' auf morgen geschieht, und ob man sich noch einmal sehen wird.« »Ja, ja, gut und recht. Da habt ihr was zu rauchen.« Der Alte bekommt eine Pfeife Kommißtabak und ein Kommißbrot, der Sohn führt ihn aber gleich aus seines Herrn unnahbarer Wohnung in ein Wirtshaus, spendiert eine angemessene Mahlzeit, ein Viertel Wein dazu, läßt sich von der Heimat das wichtigste in Kürze berichten, von den Geschwistern – ein Bruder dient wie er, aber in Schlesien –, dann berichtigt er die Zeche und begleitet den Vater unverweilt zum Stadttor, das nach Hause führt, nimmt Abschied, knapp und gut, nicht unbescheiden, und der alte Mann zieht seines Weges. Für den Paramentenschneider-Sephe bedeutete dies die erste und letzte große Reise, und er hat an dem kurzen Aufenthalt bei seinem Sohne sicherlich keinen Anstand genommen, denn der wußte schon, was rechtens war, machte seinerseits Kehrt zu seinem Herrn Leutnant und dachte: »mein Vater ist ein braver Mann, aber er weiß nicht, was sich schickt, es gehört sich doch nicht, daß gleich der Vater dasteht, wenn der Sohn irgendwo warm geworden ist.« Damit begann er wieder seine Offizierskleider zu putzen und den Teekessel aufzustellen. Und als ihn sein Gebieter fragte, wo denn sein Vater geblieben, erwiderte er kurz, der sei schon wieder weg und ließ sich auf weiteres nicht ein. Der Paramentenschneider-Dieter-Sephe hatte aber einen dunkeln guten Grund gehabt, in seinen alten Tagen noch einmal den Sohn sehen zu wollen, denn er war noch gar nicht droben in Himmlisch-Rybnai, seinem Dorfe wieder angelangt, so wurde wirklich, von heut' auf morgen der Krieg erklärt, und Oesterreich begann sich mit Preußen zu schlagen und zu schießen. Dieter, der Offiziersbursch, mußte zum Regiment zurück und ins Feld marschieren. Um es nur zu sagen, wie brav und zu allen Dingen tauglich der junge Mann geraten war, einen so recht begeisterten Soldaten stellte er nicht ins Feld. Mit der Flinte auf das Wild im Wald anzugehen, mochte schon recht sein, aber auf Menschen zu jagen, gefiel ihm nicht sonderlich, am wenigsten auf die Preußen, die er aus der Nähe kannte. Sie saßen ja keine zwei Stunden von seiner Heimat und waren keine unebenen Leute. Was ging ihn die hohe Politik an und die Vorherrschaft im heiligen Reich? Und für diese fremden Güter fremder Herren seine Haut zu Markte zu tragen, schien ihm unbillig. Aber was will ein gescheiter Mensch unter hunderttausend anderen, als mitmarschieren, sich sein Teil denken und zur Musik der Hornisten und Tamboure leise vor sich hinsingen: »Das Exerzieren ist wohl recht schön Mit der Teixelsbüchsa, Wenn man's nicht erlernen kann, Tun sie eins brav wichsa, didli, didli, di, di, di.« An feindliche Kugeln und an das eigene junge Leben denkend weiter: »Jetzt wär' ich doch schon lang Soldat Mit der Teixelsbüchsa, 'S wär mir sehr ums Röckla schad, Wenn's in'r a Loch nei' schießa, didli, didli, di, di, di.« So ging der Marsch, Pardubitz liegt nicht sehr weit ab von Königgrätz, sie waren bald mitten im Jagen. Ein gewöhnlicher Soldat erblickt sehr wenig von dem großen Schlachtspiele, er wandert schrittweis mit seinen Gefährten, liegt im Gras mit geladenem Gewehr hinter Büschen und lauscht dem Sausen der blauen Bohnen, die wie Hornissen, aber schnell gradaussurrend in den Boden schlagen, so daß Erde oder das Blut aufspritzt, oder in Leiber rechts und links, während in der Luft ein steter Donner hallt. So hörte und sah auch Dieter nicht viel weiter, als die allgemeine Unannehmlichkeit der Sache, und wie sie sich gleich einer peinlichen Nachricht verbreitete, so daß von allen Seiten her Leute liefen, durcheinander in allen Farben von fremden Regimentern, dazwischen herrenlose Rosse und Karren mit Verwundeten, indessen immerzu Salven knatterten, Krume sich aufwühlte, lautes Geschrei, Trommelwirbel, Kommandorufe, schollen, und wie bei dem grauen Himmel ein beständiger Donner gleich einem schweren Wagen über Bohlen hinfuhr. War dies Vorüberlaufen am Ende das Ganze, die Schlacht, was man so nennt? Nun denn, an ihm sollte es nicht liegen! Laufen kann der Dieter auch! Immer neue Menschen rannten querfeldein, fast als gehorchten sie einem unhörbaren Befehl. Und plötzlich erkennt er seinen langen Bruder Ferdinand, der in Schlesien gedient. Ei, der ist auch hier und will gerade vorüberlaufen. »Ferdinand« ruft nun Dieter aus seiner Deckung; der andere hält einen Augenblick inne, erkennt den Bruder und rennt gleich wieder weiter, aber winkt und ruft dabei: »Komm«, und schon läuft Dieter mit, wie auch seine ganze Kameradschaft ringsum ins Laufen gerät. So liefen an diesem Tage viele Tausende durcheinander, wie aufgetriebene Hasen unter den Salven, bis sie sich wieder irgendwo beim Rückzug zusammenfanden und traurig schrittweis marschierten, da die Schlacht verloren war; so liefen viele kräftige Burschen, die Mut und Verstand hatten, wer will sie feige schelten, so gut, wie sie gelaufen sind, wären sie auch stehen geblieben und hätten fest drauflosgeprügelt und geschossen, wenn nicht irgendwo in einer Ecke, vielleicht in des Herzens Herzen der Armee ein Funke von Angst oder Zorn oder Empörung oder Widerwillen oder Verdruß gezündet hätte, der die große Ordnung in die Luft sprengte, alle Tapferkeit, die Nachahmung ist, allen Gehorsam, der Gewohnheit war, alle Zucht, die in den Beinen lag, welche nun ins Laufen kamen und liefen. Unsern Vater Dieter kostete die Schlacht bei Königgrätz kein Loch im Röcklein, vielmehr kam er heil davon und bald nach Wien, wo man die Reste der Armee zum Schutz der Stadt und zu etwaigen neuen Unternehmungen zusammenzog, bis der Friede von Olmütz dem Kriegsspiel ein Ende setzte. Auch Dieter-Sephes Sohn sollte jetzt binnen kurzem frei werden, das Ende seiner Dienstzeit stand bevor, und sei es in der angenehmen Erwartung der baldigen Erlösung, sei es in der Schalkheit, die sich zuweilen bei einem munteren Burschen um jeden Preis aufzutun verlangt, juckte es ihn nach einem letzten Streich, und er vollbrachte ihn. Sein Regiment besaß einen gehorsamen Pudel mit respektabeln Locken, einen wahrhaften Gelehrtenhund, welcher die schwere Trommel auf einem Rädergestell führte. Bei Fischamend an der Donau lag das Regiment auf den Uferwiesen und hatte nichts zu tun, man verübte allerhand Scherze, sang und rauchte und hatte die verlorene Schlacht längst vergessen, wie denn die sogenannte Geschichte dem großen Kinde Volk wenig Sorgen macht, obgleich es allein ihre strengen Folgen zu tragen hat, da kam dem Dieter bei, einmal den Gehorsam und die Tüchtigkeit des Regimentspudels auf die Probe zu stellen, und schon hatte er einen der Trommelschlegel, die neben dem ungefügen Lärmwerkzeuge lagen, vor welchem das gelehrte Tier angeschirrt und sittsam saß, ergriffen und schmiß das Holz ins Wasser. Richtig sprang der Hund, wie er da war, mitsamt der großen Trommel in den Strom und kämpfte mit seiner Last und den Wellen und wäre fast ersoffen. Aber schließlich behielt er doch die Oberhand und gelangte, sehr arg mitgenommen, den Schlegel im Maul, ans Land, während die durchnäßte und verdorbene Trommel mit großer Mühe herausgefischt wurde. Kaum aber war sie zur Stelle, so legte man den Dieter über sie und schlug auf ihm, statt auf der Trommel, eine Reveille von fünfundzwanzig guten Schlägen, womit seine militärische Laufbahn abgeschlossen war. Nun mußte er sich ein bürgerliches Brot suchen und wollte in Erinnerung an den Wald nichts anderes als ein Jäger werden. In der Tat fand er auch bald in einer niederösterreichischen Forstgegend auf einem fürstlichen Gute eine Anstellung und erwies sich als so tüchtig, daß man ihn binnen kurzem in ein einsames Waldhaus als Wächter eines großen Reviers setzte. Da wurde ihm die Weile lang; je besser eine solche Dienstwohnung bestellt ist, desto weniger fühlt man sich als Junggeselle wohl darin; der Herd und die Stube, Holzvorrat und Jagdanteil verlangen eine Hausfrau, auch war der Gehilfe in den Jahren, sich eine zu suchen. Und er dachte auch an eine bestimmte, obgleich er von ihr wenig mehr wußte, als daß sie ihm wohlgefallen hatte. Nach ihr wollte er sich umsehen, denn er meinte nicht hier im Lande zu freien, dessen Mädchen er nicht mochte, trotzdem sein Oberförster deren drei auf Lager hatte. Die aber, welche er wünschte, war ihm zu seiner Offiziersburschenzeit in Pardubitz begegnet, sauber gekleidet, wie ein Fräulein, und von drei Kindern begleitet, denen sie aus einem deutschen Buche vorlas. Im Gespräche, das sich anknüpfte, erfuhr er, daß sie, eine Tschechin aus Chrudim, doch deutsch reden und schreiben könne und als Kindermädchen in einem Bürgerhause diene. Wie weit die Bekanntschaft damals etwa gediehen, und ob es zu irgendwelchen Verabredungen gekommen sein mag, ist unbestimmt, sicher nur, daß Josef Dieter das Mädchen im Gedächtnis behielt: Die wäre mir recht. Nun nahm er also Urlaub und fuhr nach Böhmen, suchte seine Heimat zuerst auf, seinen Vater, seine Geschwister und stellte es dem Schicksal anheim, ob er etwa zu Hause eine andere passende Frau finde. Aber entweder gab es wirklich just keine – was bei dem Kinderreichtum seiner Landsleute billig zu bezweifeln ist – oder es gefiel ihm eben keine, weil er an eine ganz bestimmte Person dachte und eine solche störrische Einbildung sich von der schönsten Wirklichkeit nicht abfinden läßt. Unverrichteter Dinge nahm er von den Seinigen Abschied, um über Pardubitz zurückzukehren. Dort traf er aber keine Franziska mehr, sondern erfuhr bloß nach umständlichen Erkundigungen, sie halte sich gegenwärtig bei ihren Eltern in Chrudim auf, wohl um zu heiraten. Sollte er zu spät gekommen sein? Einerlei, war er ihr nun solange schon nachgegangen, so konnte er sie auch ganz wohl noch in Chrudim suchen. Und siehe da, wie ein leibhaftiges Schicksal trat sie ihm in der kleinen Stadt als das erste junge Frauenzimmer entgegen, grüßte ihn herzlich und sagte nach wenig Worten, sie sei noch ledig, und auf die rasche Frage, ob sie ihn möge, ja. Aber da eine Heirat als ernste Sache auch ordentlich und insbesondere mit den Eltern beredet werden muß, schon wegen der Mitgift und Aussteuer, beschlossen beide, dies gleich zu tun. Es war dem Dieter recht, zu hören, daß seine Franziska Sokal auch ein Stück Geld bekommen sollte und zu Hause ansehnliche Vorräte von gebleichtem Leinen. Daunen und Wäsche hatte, wie es sich für ein Mädchen schickt, das heiraten soll. Alles Nähere erfuhr er bald bei ihrem Vater, dem Ratsherren, Schlossermeister und Bauern Wenzel Sokal. Der war ein stattlicher Weißbart von würdigem Benehmen, der in seiner Jugend noch die übliche Wanderschaft jahrelang mitgemacht hatte, weit hinein nach Deutschland, bis Köln und Bamberg, so daß er die deutsche Sprache nicht nur beherrschte, sondern gleichsam als Zeugnis seiner glücklichen Jugendzeit auch ehrte und nach seinen heimischen Liedern gleich auch »O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter« oder »Es zogen drei Bursche« zu singen verstand. Nach Chrudim zurückgekehrt, das Gewerbe seiner Eltern, das Haus und die zugehörigen Aecker übernehmend, inmitten seiner Landsleute, schloß er sich freilich ihrem Sinnen und Begehren an, aber mit jener Ehrfurcht vor den Deutschen, die damals noch üblich war, denn die einstige herrschende Partei der »Alttschechen« schämte sich jener Achtung noch nicht, welche das ältere und größere Volk dem jüngeren unwillkürlich einflößt und billig auch verlangen darf. Bei dieser Denkart war ihm ein deutscher Freier nicht unwillkommen, der alte Sokal zeigte sich geneigt, die beiden Männer verstanden sich wohl, und bald wurde mit einem guten Mittagessen die Verlobung gefeiert. Noch im Urlaub heiratete Dieter sein Mädchen und kam als Ehemann in den Dienst zurück. Da trat er freilich in die Nesseln, denn er verletzte, ohne es zu ahnen, verschwiegene Gefühle seiner Herrschaft. Diese Güter gehörten nämlich einer alternden Fürstin, welche schöne, stattliche Leute in ihrem Dienst zu sehen liebte, und der Oberförster hatte wohl nach ihrem Geschmack den Dieter ausgewählt, der damals mit seiner breiten Brust und schlanken Figur, mit seinem braunen Bart und Haar und dem leichten, aber militärisch gemessenen Gang ein ansehnlicher Forstgehilfe war. Seine junge Frau, die sich nicht lässig wie Bauernweiber zu Hause, sondern wie eine bescheidene Städterin anmutig kleidete, stand kurz nach ihrer Ankunft vor dem Waldhause, in schönen Stiefelchen und einem feinen Strohhut, um auszugehen, als die Fürstin einhergefahren kam, Franziska grüßte, zwar bescheiden, aber nicht demütig, die Fürstin nickte von oben her und holte sogleich den Oberförster aus, wer diese Person sei. Als sie erfuhr, Dieter habe eigenmächtig geheiratet, schäumte sie, und wußte sich vor Zorn gegen das geputzte freche Frauenzimmer, wie sie schimpfte, nicht zu fassen. Der Vorgesetzte glaubte sogleich diese Wut als Befehl nehmen zu sollen, den Mißliebigen zu entlassen. Dieter aber schied getrost, nicht ohne daß nachher die launische Fürstin wieder Zeter und Mordio schrie, warum man einen so braven Menschen weggegeben. Zufällig suchte ein gräflicher Jagdgast dieses Gutes, den Dieter manchmal auf den Anstand begleitet hatte, gerade damals tüchtige Leute für seine in russisch Polen gelegenen ausgedehnten Reviere. Dieter bot sich an, wurde gern angenommen und reiste schon nach wenigen Tagen mit seiner Frau in das unwirtliche fremde Land. Dort hatte er einen harten Dienst unter polnischen oder russischen Leuten in schlimmen Verhältnissen, indem bisher unverschämt ausgeholzt und gestohlen und gewüstet worden war, während er strenge Ordnung einführen und halten mußte. Sein Blockhaus stand am Eingange eines abgegrenzten Gebietes. Ein weiter Wald war als Jagdpark eingehütet, trotzdem die Landstraße hindurchführte, um ihn vor den Wölfen abzuschließen die sonst das Wild ganz vertilgt hätten. Dieses Revier zu bewachen, oblag dem Dieter, sowie die Wagen, welche etwa passieren wollten, zu visitieren und einzulassen. Deshalb mußte er oftmals mitten in der Nacht aufstehen. Eben als die Wehen seiner jungen Frau begannen, bei der nur eine russische unverständige Weibsperson zur Hilfe war, schollen draußen im Schnee die Silberglöckchen eines Schlittens, stampften die Pferde schon vor dem Blockhaus und riefen die Reisenden um Durchlaß. Dieter eilte, den schweren Riegel zu öffnen, das Bohlentor tat sich weit auf, der Herr des Schlittens warf ihm, wie es Sitte war, eine Münze hin, die zu Boden fiel. Eben bückte sich Dieter, sie aufzuheben, und sah beim langsam davongleitenden Schein der Laterne ein behendes Tier unter dem Schlitten durchschlüpfen und davonsausen. Ein Wolf im Wildpark! Nichts anderes blieb übrig, als im selben Atem nach den Hegern rufen, die Flinte packen, ein Stück Brot in die Jagdtasche tun und dem Räuber nach, bevor er noch allzuviel Unheil angerichtet. Die Frau mußte einsam ihre Stunde erwarten. Nach drei Tagen erst kam ihr Mann wieder nach Hause, da war indessen der kleine Dieter schon auf der Welt. Aber der Wolf spielte in den Fieberträumen der Wöchnerin seine böse Rolle, so daß sie auch nachmals immer behauptete, er habe in jener Nachtstunde in das niedrige Fenster mit glühenden Augen hineingeschaut. Aber auch in diesen wilden Wäldern war Dieters Bleiben nicht lange, denn bei den zunehmenden Deutschen-Verfolgungen in Rußland konnte sein Dienstherr ihn kaum halten. So übersiedelte wiederum die junge Familie nach Wien, weil Dieter nun doch nach einem dauernden, sicheren, bürgerlichen Berufe Verlangen trug, den er in der Großstadt am ehesten zu finden hoffte. Hier schlug er sich geraume Zeit ordentlich herum und arbeitete da und dort, wo es gerade eine Gelegenheit gab. Er plagte sich schwer, doch gelang es ihm immer, seine kleine Familie rechtschaffen zu ernähren. Diese dürftige Geborgenheit wurde von seiner Frau behaglich gemacht, so daß der kleine Sohn niemals den stürmischen Wellengang des Schicksals spürte, sondern friedlich dahingeschaukelt wurde. Dabei entbehrte seine Mutter, als eine junge und hübsche Frau, keineswegs jenes bescheidenen, aber notwendigen Salzkornes weiblicher Eitelkeit und verstand das wenige, das sie auf ihren Schmuck wenden konnte, doch richtig zu brauchen und durfte sich in Lichtenthal und Thury gar wohl sehen lassen. An der Ecke der Marktgasse und Alserbachstraße, wo die weitere, freiere Stadt sich öffnete, stellte ein Modewarengeschäft Hüte, Kleider und all die Kleinigkeiten des Damenputzes nach Vorortegeschmack und -vermögen zur Schau. Die Frau Dieter hielt sich bei ihren Spaziergängen mit dem kleinen Buben vor den tonangebenden Mustern dieses Ladens lange auf, wenn sie fortging, und beim Rückwege noch länger und prägte sich die wertvollen Lehren dieser Schaustücke getreulich ein, um sie zu Hause mit vielem Fleiße und den bescheidenen Mitteln so gut es ging, zu befolgen. Besondere Vergnügungen, Geselligkeit und Tanz konnten die Eheleute sich nicht gönnen, aber darum mochte die junge Frau doch eine herzliche Neigung zur Musik nicht unterdrücken, und obgleich sie kränkelte, leicht ermüdete und am liebsten ruhig auf ihrem Stuhle saß, erinnerte sich Dieter an sie als eine heitere, nicht an eine schwermütige Mutter, und daß sie gern mit zarter, halber Stimme sang. Und wie sie sich nach der Mode trug, so sang sie auch, was eben damals in der Stadt an Couplets und Gassenhauern im Schwange war, die freilich in diesen Jahren noch nicht gar so zucht- und sinnlos klangen, sondern von einem bessern Empfinden des Volkes belebt, seine natürliche Heiterkeit und Einfalt ausdrückten. Wie die Modewarenhandlung an der einen Ecke der Marktgasse der Frau Dieter zeigte, was in Kleidern rechtens war, lehrte ein kleines Papiergeschäft an der gegenüberliegenden Ecke, von dem Dieter Farben, Pinsel und Mandelbogen mit Rittern, Königen und Soldaten zum Ausmalen bezog, so oft er ein Vierkreuzerstück geschenkt erhielt, was unter den Liedern gerade den Ton angab. Auf Flugblättern prangte das Konterfei des beliebten Volkssängers, darunter der Text und die Noten seines neuesten Schlagers. Die Mutter prägte sich diese Lieder sorgfältig ein, um sie bei den »drey Husaren« daheim über ihrer Näharbeit sitzend, erst ganz leise, dann mit halber Stimme zu singen. Dieter wiederholte getreulich das Gehörte. Es mag immerhin wunderlich genug geklungen haben, wenn der Kleine etwa den damals besonders beliebten Gassenhauer vortrug: »Ja so sind sie, ja so sind sie, ja so sind die Damen vom Ballett.« Am Sonntag aber gab es nach der Stille der Woche eine muntere Bewegung, indem eine Wanderung in den Wienerwald unternommen wurde, an welcher als lustiger Gesellschafter der Onkel Philipp teilnahm, des Vaters jüngster Bruder, ein gelernter Riemer, aber wie Dieter der Aeltere, in verschiedenen Berufen erprobt, ein quecksilberner, spaßiger Mensch, immer galant, immer Possen im Sinne. Der brachte in einer geschliffenen Glasflasche, deren Stöpsel sorgfältig mit einem Linnen umwickelt wurde, einen oder zwei Liter guten Weines mit, welcher von der Mutter zusamt einer ansehnlichen Portion Fleisch, Brot und Obst in eine Tasche gepackt wurde, die Onkel Philipp geduldig trug. Die beiden Männer marschierten, Pfeifen rauchend, voran, während die Frau mit dem kleinen Dieter langsam folgte. An diesen Tagen schien dem Knaben die Mutter immer gar neu und verwandelt, denn da hieß sie nicht Mutter, sondern »Frau Schwägerin«, wie sie der galante Vaterbruder jeden Augenblick ansprach. Derlei Ausflüge verursachten einem vierjährigen Wandersmann keine geringe Anstrengung, denn es ging stundenweit, niemals wurde Eisenbahn oder Fahrgelegenheit benützt, und der kleine Dieter mußte sich gehörig zusammennehmen, um nicht zu weinen, und manchmal trug ihn der lustige Onkel Philipp das letzte Stück Weges von der Nußdorferlinie bis zu den »drey Husaren« auf dem Rücken. Wenn er aber recht brav war und aushielt, durfte er zu Hause in die Lackkiste riechen oder an die Blumen aus Seidenpapier. Die Lackkiste, innen von bräunlich schimmerndem Goldstaub, außen vom glattesten Schwarz, diente zur Aufbewahrung von Mandeln und Haselnüssen, deren Duft sich mit dem des feinen chinesischen Harzes zu einem unvergeßlichen Wohlgeruch verband. Ein Atemzug aus dieser Herrlichkeit konnte mithin gar wohl eine Belohnung abgeben. Hinwiederum rochen die Seidenpapierblumen, welche die Mutter so geschickt zu schneiden und zu stecken wußte, daß sie in einem weißen Kruge schier lebendigen glichen, nach den herrlichsten Rosen, denn Frau Dieter besprengte sie mit ein paar Tropfen aus einer Flasche, die ein Elixier aus Schiras enthielt. Dem Onkel Philipp verdankte Dieter übrigens noch ein Lied, das ihn lange Zeit begleitete. Der Junggeselle war bei seiner Munterkeit und seinen höflichen Manieren ein gern gelittener Damenfreund, zumal er offenkundig und unternehmend auf Freiersfüßen wandelte, aber immer gleichsam auf Zehenspitzen, um nicht in eine Falle zu tappen. Er mochte ohne genaue Kunde vom Vermögensstande der etwa zu wählenden Jungfer Braut sich durchaus nicht binden. Ueber diese Aussichten und Heiratsmeinungen unterhielten sich auf den Sonntagsspaziergängen die Erwachsenen recht angelegentlich und eine Zeitlang verlautete der Name »Fini« bei allen solchen Gesprächen. So hieß die Tochter seiner Zimmerfrau, ein, wie er sagte, sehr annehmbares Mädchen. Die Wohnung der Leute in der Rossau war nett eingerichtet, soweit schien alles in der Ordnung, nur konnte er durchaus nicht herausbringen, ob und wieviel Geld diese »Fini« zu gewärtigen hatte, weshalb er wieder die Ehe nur beiläufig und aus der Weite mit Vorsicht betrachtete. Derart zog sich die Angelegenheit schon geraume Zeit in die Länge. Da sang er eines Tages, wie von ungefähr aber mit Absicht das bewußte Lied vor und lachte unter hellen Tränen, als Dieter, sein Neveu, es mit aller Genauigkeit wiederholte. »Den Buben muß ich doch meiner Zimmerfrau zeigen,« rief er einmal ums andere, und nahm ihn richtig eines Tages in seine Wohnung mit, wo Dieter einer alten und einer jungen Person präsentiert, weidlich ausgefragt, gefüttert und geherzt wurde, bis der Onkel ganz leise vor sich hin die Töne des Liedes anzustimmen begann und der gelehrige Schüler ohne weiteres laut folgend, den beiden Damen zu hören gab: »Frau Schmid, Frau Schmid, Was kriegt die Fini mit? A Schleier und a Gitterbett Wär' für die Fini gar zu nett, Frau Schmid, Frau Schmid, Was kriegt die Fini mit?« Darob brach nun das hellste Gelächter aus, der verdutzte Sänger wurde im Triumph einhergetragen, und namentlich das Fräulein wußte sich vor Bewunderung gar nicht zu lassen. Ob aber der Onkel Philipp durch seinen Gesang die nötige Auskunft herauslockte, oder ob sie ihn nicht befriedigte, blieb im Dunkel, jedenfalls versank allmählich das Gerede über die Familie Schmid und der Name Fini wich anderen Brautgestalten. Die Wanderungen des jungen Dieter erstreckten sich mit seinem zunehmenden Alter bald über alle Gassen, Winkel, Sandhaufen, Bauplätze von Thury und Lichtenthal, und es konnte nicht fehlen, daß der stärkere Wille des Knaben mit dieser und jener kleinen Uebeltat sein Gewissen belastete und daß die Mutter ihn traurig verwies, denn für ein Kind schien ihr eine kleine Verfehlung gerade groß genug und wurde von ihrer Besorgnis gleich übertrieben, als müßte in kommenden Jahren ein ähnliches Vergehen unheilvoll geraten. Bei solchen Anlässen pflegte sie den Kopf zu schütteln und zu sagen: »Was soll daraus werden, wenn du einmal erwachsen, solche Sachen anstellst, dann bist du auf der Wanderschaft allein und hast keine Mutter mehr.« Da sie sich immer an die Wanderjahre ihres Vaters erinnerte, von deren Kunde wahrscheinlich ihre eigene Kindheit erfüllt gewesen, konnte sie sich das Schicksal eines Sohnes gar nicht anders denken, als daß er früher oder später allein umherziehen müsse, und was er tat und litt, fern dem wachenden und schützenden Auge der Mutter auszufechten hätte. Einstweilen aber ging des jungen Dieter Weg in aller Stille, und als er so weit war, geradewegs in die Schule zum Lehrer Abel. Der erste Unterricht, mehr ein neues Spiel als Ernst, unter lauter verwandten Schicksalsgenossen, bei der Fibel und ihren Bildern: Ast, Nest, Fisch, zeigte wiederum ein unerwartetes und merkwürdiges Stück Welt. Zwischen die gedruckten Erscheinungen des kleinen Büchleins und die mühsam nachgeformten Zeichen auf der Schiefertafel, fielen ein hallender Schulgesang, ein lautes Gebet zu Beginn und Ende der Stunden und die Erzählungen des Lehrers Abel aus der biblischen Geschichte. Und wie ihm die ersten Striche auf der Tafel, Haar und Schatten, die ersten fertigen Buchstaben Wort und Ding in einem vorstellen, ja darüber hinaus ein besonderes, nur ihm eigenes Wissen um Figuren und Abenteuer, zeigen auch die biblischen Geschichten eine Menge von Ereignissen, die ein Kind nicht als Ferne, sondern als unmittelbar wirkende Gegenwart einschätzt. So wuchsen dem jungen Dieter die biblischen Geschichten in seinen Tag, und sein Lehrer hieß nicht nur Abel, sondern war auch der unschuldige, gottgefällige Jüngling, den man lieben muß, obgleich der Namensträger erwachsen war. Die Schule lag an der Alserbachstraße, einem schönen, damals ringsum freien, großen Garten und seinem Schlosse gegenüber. Der Park war von einem Eisengitter eingefriedet, das auf einem niedrigen gemauerten Grunde ruhte, welcher gerade so viel Platz bot, daß Kinder darauf sitzen und sich an die Stäbe lehnen konnten. Vor und nach der Schule pflegten alle kleinen Leute, Buben und Mädchen durcheinander, lachend, schwirrend über die Gasse zu treiben und wie unruhige Vögel auf einer Stange, gelegentlich sich nebeneinander auf diese Gittermauer zu setzen. Da las man ihnen eines Tages feierlich vor, daß die Frau Fürstin die Herrin dieses Schlosses, dieselbe übrigens, welche vor Jahren den Forstgehilfen Dieter den älteren aus seinem Amt gejagt, unliebsam bemerkt habe, wie ganze Rudel von Kindern an ihrem Parkgitter säßen, was in Hinkunft bestraft werden müßte. So trieb man junge harmlose Vögel von ihrer Stange, und in dem Gewissen einer mächtigen Fürstin gab es keine Stimme, die fragte, ob es denn billig sei, diese Spatzen zu vertreiben, und ob etwa der Gott, dem ihre angestammte und genaue Frömmigkeit so sehr huldigte, nicht auch einmal einen Großen der Erde wie einen lästigen Zaungast von etwas Liebem davonjagen könnte. Aber der Gott ist zuweilen weise und freundlich genug, den armen, wie den reichen Leuten der Welt an dem Gitter der Ewigkeit ein paar ungestörte Augenblicke der Freude zu vergönnen. Bläst er sie aber davon, so mag einem Gotte billig sein, was unter Menschen ein Unrecht bleibt. Doch wird auch diese Dame wohl manches Schlimme erfahren haben, und es ist vielleicht Vergeltung genug, so sein zu müssen wie sie war. Mitten im ersten Schuljahre gab es einen unerwarteten Umzug in eine neue Heimat. Es begann ein Packen und Räumen in der Hausbesorgerwohnung bei den »drey Husaren«, und eines Morgens früh stand ein Leiterwagen auf der Marktgasse, der wurde vom Vater und von einem Fuhrmann in blauem Kittel, welcher allerhand Unverständliches, aber Lästerliches rief und nach jedem Weg vom Zimmer zur Straße sich aus einem hohen Bierglase stärkte, mit allen Kisten und Kasten beladen. Zuletzt stellte man das gepolsterte Ledersofa auf den Wagen. Darauf nahm Frau Dieter Platz, neben sie mußte sich der Junge hinsetzen, einen Vogelkäfig mit einer wohltönigen Amsel hielt sie in einer, einen Blumenstrauß, der ihr zum Abschied verehrt worden, in der andern Hand. Der Vater ging voraus, in der neuen Wohnung den Empfang zu rüsten, langsam setzte sich das Fahrzeug in Bewegung und bog, von einem Haufen fremder und bekannter Leute umringt, von Grüßen und Winken aus allen »Pablatschen« begleitet, aus der Marktgasse in die Alserbachstraße. Vor den »drey Husaren« stand die alte Agnes mit Tränen in den Augen und schwenkte ein Taschentuch und sah, zum wievielten Male, eine Jugend davonziehen. Als der Wagen um die Ecke gekommen, blickte Dieter schon nicht mehr zurück, sondern vorwärts in die neue, weite Welt. II. Langsam fuhr der Leiterwagen um die Ecke und kam in der Morgenfrühe des nebeligen Herbsttages an den Kindern vorbei, die gerade um die Schule schwirrten. Von seinem hohen Sitze sah Dieter stolz als ein Freier auf die Kameraden herab, die mit ihren Tüchern Grüße schwenkten. Und es traf sich, daß gerade auch der Lehrer Abel der schwankenden Arche begegnete, welche seinen Zögling von dannen trug. Er winkte und ließ den Kutscher halten; Frau Dieter hieß darauf ihren Buben hinabklettern, um vom Herrn Lehrer Abschied zu nehmen und sich zu bedanken. Sie selbst blieb auf dem Sofa sitzen und sah freundlich zu, so daß sie gar wohl einer der milden Mütter glich, die der fromme Erdensinn von Malern als Marieen auf ihr Kindlein herabblicken ließ, welches zu ihren Füßen dem Josef zutraulich die Hand reicht. So tat Josef Dieter dem Herrn Abel, der halb zu ihm, halb nach aufwärts zu der Frau freundliche Abschiedsworte sagte, sein Schüler möchte auch in einer andern Klasse und überall im Leben sich ordentlich halten und seinem ersten Lehrer Ehre machen. Wenn er brav und fleißig bleibe, wie bisher, könne es daran nicht fehlen, und so wünsche er ihm alles Gute. Damit streichelte er dem Kleinen die Wange, zog ehrerbietig vor der hohen Frau im Wagen den Hut und schwenkte ihn noch etliche Male, als Dieter schon wieder behend seinen Sitz neben der Mutter erklettert hatte und das Fahrzeug unter Hottohüh und Peitschenknallen langsam davonschwankte. Es trieb nun in einem stetig anschwellenden Strom und Getöse von Wagen und Menschen und überließ sich dieser Flut, auf welche Dieter erstaunt hinabsah. So kamen die Reisenden auf den »Ring« und bogen in die Wipplingerstraße ein. Da wuchsen die hohen Mauern der Häuser zu beiden Seiten eng wie Schluchten, die Hufschläge der Pferde klirrten gegen das Steinpflaster. und die Gegend sah anders drein und roch anders, als die Marktgasse und das niedre Viertel um die »drey Husaren«. Dieter sah nach allen Seiten die steinernen Riesenreihen auftauchen, wandern, entschwinden, und als der Wagen über die »hohe Brücke« holperte, blickte er überrascht in die Tiefe einer solchen Schlucht und nahm unten wiederum Menschen und Rosse, Fahrzeuge und Läden wahr. Immer witterte der gleiche neue fremde Steingeruch der Häuserklüfte um die Reisenden. Dieter, der nicht Blicke genug hatte, diese Unendlichkeit zu durchmessen, zog mit neugierigen, erregten Nüstern den Atem der Stadt ein. Nun öffnete sich der Paß der Straße, und von entgegenkommenden, wie von querüberziehenden Fuhrwerken angehalten, stand der Leiterwagen auf dem hohen Markt, rollte dann langsam durch diesen Platz, an dem Viersäulenheiligtum vorüber, wo die Hochzeit des heiligen Josef mit der Maria in würdigen Gestalten dem Knaben begegnete. Aus den biblischen Geschichten kannte er gar wohl die Bedeutung der Darstellung und begrüßte sie als wahrhaft und lebendig und wunderte sich gar nicht, nach dem frommen Abel, der sein Lehrer gewesen, nun in der Legende weiter wandernd, das leibhaftige heilige Elternpaar anzutreffen, welches einander die Hände entgegenstreckte. So rollte der Leiterwagen von den »drey Husaren« zum »hohen Markt«, aus dem alten ins neue Testament und trug einen Knabensinn über die verschiedenen Lebensstufen und Glaubensformen wie in einer Wolke, die eilends mächtige Gebiete durchzieht. Das Geschäftsviertel hier überwältigte ihn vollends mit neuen, rätselhaften Gerüchen, indem der Duft der getürmten Steine besiegt schien, als der Wagen an der Drogenhandlung »zum schwarzen Hund« vorbeikam, aus welcher ein beständiger Spezereiodem schlug, dessen Elemente Dieter gar nicht zu deuten wußte, aber mit genußvollem Staunen einsog. Jedenfalls waren Kaffee und Ingwer, Gewürznelken und Pfeffer, Tee und Wacholder, Pfefferminz und Tausendgüldenkraut, Salbei und Fenchel, Anis und Schokolade daruntergemengt, aber wieviel unbekannte Düfte Arabiens hauchten drein! Er nahm sich vor, so oft er nur konnte, fortan in dieses Duftallerheiligste zu treten, das auch als wohlbeliebter Gnadenort erscheinen mochte, denn bis an die Tür gedrängt standen Leute drinnen, teilhaftig des vielfältigen Geruches, und jeder Heraustretende brachte ein sorgsam in Papier geschlagenes Kleinod mit auf die Straße, so durfte wohl auch Dieter einmal ein Pfund Salz oder ein Päckchen Kaffee, oder sei es bloß eine Schachtel Schuhwichse hier einkaufen. Langsam verließ unsere Arche auch diese Stelle, kam wieder in einen Strudel ineinanderreißender Strömungen an eine Gabelung zweier Straßen, die aus dem Lärm unversehens in die friedfertige Stille führten. Der Wagen rollte weiter durch eine leere, schmale, alte Gasse wie durch eine Schlucht, in welcher kein Wasser mehr braust, sondern die mit stillen Felsen grau und einsam verdorrt. Der Laden eines Antiquars wies viele aufgeschlagene gelbliche Bücherseiten. Dieter bemerkte im Vorbeifahren auf diesen Blättern auch Figuren, die er demnächst genau zu besichtigen hoffte. Und nun machten sie endlich auf einem kleinen Platze vor einem Palaste Halt. Vor dem Portal, an dessen rechter und linker Seite zwei Brunnen plätscherten, stand schon der Vater und winkte seinen Leuten. Hier auf dem Universitätsplatze ragte das Festgebäude der Hochschule, deren Lehrsäle in altersgrauen Häusern ringsum verteilt waren. Die Jesuitenkirche mit ihren sacht ansteigenden Stufen, ihrer breiten von Nischen, Figuren, geschwungenen Gesimsen und anderen Zieraten belebten Front beherrschte den geschlossenen Raum, wie ihr Glaube selbst schon manches Jahrhundert lang alles Wissen und Wollen unterworfen hatte. Indes Vater und Kutscher die Möbel und Kisten vom Wagen hoben und in den Palast über die Treppen trugen, die Mutter erst dabeistand und den Umzug bewachte, dann den Männern folgte, um in der neuen Wohnung das nötige vorzukehren, blieb Dieter vor dem Hause und sah sich um. Von der Höhe der Kirche verkündigte die Turmuhr die goldene Zeit, nicht ohne ihr Geläut vorher durch ein strenges Räuspern und Schnarren anzukündigen: »Merkt auf, jetzt habe ich Euch etwas zu sagen«, Tauben flogen auf, ließen sich an den Gesimsen nieder, spazierten dort umher und kehrten in einer schimmernden Kette rauschend wieder zum Pflaster zurück. Dieter sah sie in der Nähe rucken, picken, zierlich wandeln, sich gelegentlich erheben und auf die Schultern der Brunnenfiguren, zweier nackter Knäblein setzen, welche zwischen den Beinen wasserspeiende Delphine eingeklemmt hielten. Ruhig war's hier, nur ein paar alte Weiblein kamen aus der Kirche oder gingen hinein, in braune oder graue Umhängetücher gewickelt, zuweilen zeigte sich ein und der andere hochaufgeschossene junge Mann in gelber oder roter Mütze, einen schwarzen Stock mit Elfenbeingriff in der Rechten schwingend. Was waren das für wunderliche Krieger? Erst später erfuhr Dieter, dies seien Soldaten der Wissenschaft, Studenten geheißen. Nachdem er das Geviert zaghaft abgegangen und durchmessen hatte, betrat er, eben als der Leiterwagen leer davonpolterte, den Flur des Palastes, atmete wieder den eigentümlichen, leisen Steingeruch der Halle, durch die er in die Höhe emporsah, wo Stiegen, Wände und Decke sich in einer blauen Dämmerung verloren und schritt über die Treppe langsam hinan, mit zaghaften Fingern über das glatte, gelbe Marmorgeländer streichend, das ihn mit Kühle durchdrang. Er kam ins erste Stockwerk vor große verschlossene Türen aus dunklem Holz mit glänzenden Schnallen und stieg, schon zuversichtlicher, weiter, um auch im zweiten Stockwerk vor stumme Pforten zu gelangen; er wußte auch ohne Führer, hier habe er nichts zu suchen, doch faßte er sich ein Herz, langte auf den Zehenspitzen nach einer Klinke, öffnete mühsam und fand sich in einem weißen Raume, wo um einen langen Tisch hochlehnige Stühle gereiht waren. Im leeren Saale schienen ihm Geister auf diesen Sitzen zu verweilen, die er nicht stören durfte, er schlich daher gleich wieder davon und ging weiter, wieder um eins mutiger, denn schon hörte er von oben her ein Poltern, Hämmern, Rücken und Schieben, dem er gelassen nachstieg, sicher, im dritten Stockwerke Vater und Mutter, Kisten und Kasten und seine neue Heimat zu finden. Hier war auch die Tür halb angelehnt und drinnen hörte er die Stimmen seiner Eltern; er schlüpfte durch den Spalt in einen Windfang, von da durch ein halb dunkles Vorzimmer in die Küche, wo die Mutter schon emsig Ordnung machte und weiter in eine helle geweißte Stube, zu ihrem Fenster, das hoch in der Wand angebracht war, führte eine Holztreppe hinan. Aus der Küche trat man durch eine Glastür auf einen eisengeländerten Gang, von welchem man den Platz tief unten ruhen sah, indessen die Tauben ringsum flogen und der Blick die benachbarte Turmuhr ergriff und nicht weit zu den Wolken des Himmels hatte. Unten wandelten, spaßig anzuschauen, runde und breite Hüte oder flache, bunte Teller, während die Träger wunderlich verkürzt, als kleine schwarze Ameisen unter der Last ihrer Kopfbedeckungen einherzuirren schienen. Das war nun das neue Amtsquartier des Vaters, der eine Stellung als Diener der ethnographischen Gesellschaft angetreten hatte. Die gelehrte Korporation war als Gast im stolzen Gebäude der Akademie der Wissenschaften untergebracht, verfügte über zwei hohe Bibliothekssäle und über die zwei Wohnräume für ihren Diener. Der Bub trat in die Bücherzimmer mit ihrem Papier- und Staubgeruch und damit zum erstenmal in die stille, grenzenlose Welt der Schriften und des stumm aufgehäuften Wissens. Sittsam auf einem Stuhle vor einem festen Tische sitzend, Seite um Seite aufschlagend, konnte man hier die ganzen Gegenden des Himmels und der vielbevölkerten Erde mit allem ihrem Durcheinander, wimmelnden Menschen, widerstreitenden Tieren und ragenden Gewächsen, die Gebiete der durchstürmten Meere mit ihrem räuberischen Unfrieden und ihren purpurstrahlenden tiefwurzelnden Korallenriffen an sich vorüberziehen lassen, gleichsam aus einer gläsernen, schwebenden Warte beobachtend. Doch erschien diese Gegenwart dem Knaben vorerst nur verschleiert. Er wanderte in wortlosem Staunen an den Glasschränken dahin und besah die Rücken der nebeneinanderstehenden Folianten: schweinslederne hellgelbe Buchgeschöpfe neben dunkelroten, oder schwarzen, oder braunen, die ihre Namen mit deutlichen goldenen Lettern auswiesen und mit goldenen Streifen, Ringen, Sternen bepreßt waren. Aus einem offenen Schrank zog er einen mächtigen Atlas hervor, roch den edeln Juchtengeruch des Einbandes und besah in aller Eile die Riesenblätter, auf denen mit geheimnisvollen, durcheinanderziehenden Umrissen im Käfig eines Liniengitterwerkes bunte, unregelmäßige Flecke saßen, während verständlichere Figuren am Fuße jeder Seite einen wohlgeschwungenen Schild emporhoben oder stützten, mit verschnörkelten Zeichen für den Kundigen. Doch ist es heute noch zu früh für genauere Entdeckungsreisen durch diese Gebiete. Dieter kehrt geheimnisvoll angezogen, in das Stiegenhaus zurück. Er tritt wiederum an das marmorne Geländer und sieht nun die blaue Dämmerung unten wie eine Wassertiefe, die er früher hoch oben als ein Wolkendunkel wahrgenommen. Die Stiege, in einem schmalen Rechteck emporziehend, schloß diesen Raum in der Tat wie einen Brunnen ein, dessen Grund Dietern unermeßlich schien, obgleich er selbst von unten ohne Mühe hier hinaufgekommen war. Um aber sein Gefühl zu bestätigen oder zu überführen, blickt er sich verstohlen um, ob er nirgends einen Fremden entdeckt. Dann beugt er sich über die Marmorbrüstung, deren Kühle ihn bis ans Herz, doch freundlich durchschauert, spuckt rasch hinunter, wartet, zählt langsam bis drei und vernimmt endlich befriedigt ein leises Klatschen. So hatte er seinen Brunnen gemessen. Am nächsten Tage führte ihn der Vater in die neue Schule. Da ging es lebendig zu. Der Lehrer hieß nicht mehr Abel und war auch kein biblischer, sondern ein irdischer Herr, freundlich, aber streng und gleichgültig, als sei er an diese jungen Dieter, oder wie seine Schutzbefohlenen sonst hießen, nachgerade gewöhnt. Und diese waren städtische Kinder, nicht halbe Dörfler wie draußen, sie trugen meist sorgfältige, ja zierliche Kleidung und benahmen sich als Söhne wohlhabender Bürgerfamilien zuversichtlicher, unbescheidener, als die schlichten Schüler vom Thury, denen die Armut als Zuchtmeisterin im Sinne saß. Dieter begehrte zwar nach Freundschaft mit einem Altersgenossen, aber es widerstrebte ihm, irgendeinen anzureden. Deshalb wich er etwa eine Woche lang jedem Verkehre aus und ging allein nach Hause, während die übrigen Kameraden paar- oder truppweis und in allerhand Abenteuer zogen. Immerhin fielen ihm einzelne seiner Gefährten und eine Gruppe auf. Da waren einmal die Zwillinge Radinger, gleich gewachsen, gekleidet, gestimmt und gerichtet, blonde Blaßgesichter mit sauberen Halskragen und schwarzen Binden, deren Zipfel genau gleich gebunden waren, wie ihre Gesichter selbst gleich dressiert erschienen, so daß auf dem einen ratlosen Munde kein Zug des Unverständnisses sich zeigen konnte, ohne daß der zweite sich wehmütig nach derselben Seite der Torheit verzog, oder kein Lächeln, ohne daß der andere sich zur gleichen Heiterkeit auftat. Wenn der eine Radinger saß, konnte man den andern unfehlbar ebenso sitzen sehen, erhob sich der eine, so stand auch der andere gleich wie von einem geheimen Faden gezogen, stracks da. In der Frühstückspause, um zehn Uhr, gingen die beiden mit paarweisem Hungerschritte zu ihren Schultaschen, welche an der Wand hingen und entnahmen ihnen zwei Papierzwillingspäckchen, aus denen sie haargenau in einem Augenblicke zwei Buttersemmeln hervorholten und auf das gleiche, unhörbare Kommando mit zusammentreffenden Bissen zu essen begannen, im gleichen Mundbewegen fertig waren, einander verdutzt anschauten, um sich befriedigt wieder auf die Bank niederzulassen und der weiteren, vom Schicksal gleich zugewogenen Gemüts- und Geistesnahrung zu harren. Dietern behagte diese uhrmäßige Abgestimmtheit zweier Seelen und Leiber nicht eben sonderlich, nachdem er das erste Erstaunen überwunden hatte. Von Rechts wegen sollten diese doch zwei Menschen vorstellen. Sie blieben aber einen schuldig und machten eigentlich in ihrer paarweisen Unwillkürlichkeit nur einen halben aus, der vergeblich sein Gegenspiel verlangte und nur sein Spiegelbild fand. Dagegen billigte er die noble Kleidung der wohlhabenden Knaben und insbesonders ihre gestärkten Rundkragen und schwarzen oder bunten Halsbinden, denn er trug grobe Hemden, aus dem Leinen zugeschnitten, welches in der Heimat des Vaters an den Webstühlen der verschneiten Hütten bereitet wurde, und sein Lodenröcklein ließ eine einfältige weiche Krause hervorschauen, die offenbar nicht der städtischen Mode entsprach. Er nahm sich vor, gelegentlich die Mutter zu befragen, ob er nicht auch derlei feineres Zeug und gesteifte Kragen bekommen könne. Ein Bursch aber tat sich immerhin hervor, nachlässig, ja meist zerrissen gekleidet, doch lebhaften Blickes befehlshaberisch redend und mit einem langen Lineal bewaffnet, das er wie einen Säbel handhabte, nicht ohne beim Nachhauseweg ein paar Gehorsame wie eine militärische Truppe in streng gemessenem Schritt schwenken und auf Kommando alle Köpfe nach rechts oder links schauen zu lassen, wenn ein Offizier vorbeiging, den es nach allen Regeln des Heeres zu grüßen galt. Er selbst legte sein Lineal salutierend an die Mütze. Das war eine Art von Befehl und Folgsamkeit, welche Dietern einleuchtete. Da konnte er gelegentlich mittun. Eine ganze Gruppe von Bürschlein aber saß, ohne daß der Lehrer dies etwa angeordnet, beisammen und fiel dem Beobachter durch eine Gemeinsamkeit des Benehmens und Aussehens auf. Die waren zwar nicht gleich wie die Zwillinge Radinger, aber doch verwandt und anders, als die buntgemischten Buben der übrigen Bänke. Erstens hatten alle wuschelige, meist schwarze, glänzende Haare und kugelrunde Köpfe, von denen rote Oehrlein wie Henkel abstanden, an denen man sie hätte ziehen mögen, zweitens waren alle aufmerksam und wußten ihre Sache schnell, brachten sie aber allzu dringlich an den Mann und wetzten unruhig auf der Bank, um ihr Wissen los zu werden, hoben die bittenden Schwurfinger und bewegten sie in der Luft dem Lehrer heftig entgegen, damit sie ihre Kenntnisse abschnellen konnten. Sie hatten alle malerische oder sonstwie bedeutende Namen, wie Rosenthal, Kornblüh, Mandler, Goldzieher, oder dergleichen, und eines hatten sie noch miteinander gemein: die Stiefel. Dieter war vom Hause her gewohnt, gerade auf die Schuhe zu schauen, weil er die seinen, seit er in die Schule ging, selber putzen mußte und der Vater ihn allmorgens genau visitierte, ob dies auch ordentlich geschehen, denn wer zu jeder Tageszeit glänzende und reine Schuhe hatte, der mußte gewiß seinen Gang anständig wahrgenommen haben und stellte einen ordentlichen Menschen vor. Unter den Knaben waren damals sogenannte Röhrenstiefel üblich, und auch Dieter trug solche, wie sein Vater, der als einstiger Jäger gar keine andern mochte, denn die hohen Stulpen schützen das Bein, und die Falten lassen das Gelenk frei beweglich. Auch die schwarzlockigen Knaben hatten solche Röhrenstiefel, doch dehnten sich deren Falten nicht lose, nach der Willkür des Schnittes, sondern blieben streng gepreßt, wie der Balg einer Ziehharmonika und bildeten um den Knöchel ein mehrklappiges Viereck. Die Stulpen aber waren nicht aus dem matten Leder der Schuhe, sondern aus glänzendem Lack. Das gab den Röhrenstiefeln etwas sowohl Hervorstechendes, als Fragwürdiges und Dieter hegte einiges Mißtrauen gegen diese Galafußtracht. Er berichtete zu Hause der Mutter seine Eindrücke, sie saß oben auf der Holztreppe am Zimmerfenster, von wo sie den Universitätsplatz überschaute, vor einer Nähmaschine, welche eben damals von mühsam zusammengepreßten Kreuzern gekauft worden war, die jahrelang gebraucht hatten, sich in Gulden zu sammeln. Heute ist ein solches mechanisches Wunderwesen wohlfeil und selbstverständlich, damals war es selten und für die Armut kaum erschwinglich. Gleichwohl hatten Vater und Mutter sich dieses hohe Gut erwirtschaftet und hielten es in Ehren. Dieter konnte stundenlang dem steten Fußtreten der Mutter, dem summenden Laufe des Rades, dem Surren der Nadel durch den Stoff lauschen und sich wundern, wie getrennte Stücke rasch verschwistert waren und zu einem Ganzen zusammenwuchsen. Am Abend aber saß wieder der Vater vor der Maschine und machte gelegentlich derbere Stücke, worauf er sich wohl verstand, zum Beispiel tüchtige Unterhosen, reinigte, wenn er fertig war, die Maschine mit weichen Tuchlappen, nachdem er aus dem Schnabel eines Blechkännchens Petroleum in den Mechanismus geträufelt und hielt sein Tagewerk erst für getan, wenn er diese kostbare eiserne Dienerin versorgt und mit dem hölzernen Truhendeckel verschlossen hatte. Vor dieser Nähmaschine stand Dieter und meldete die Erlebnisse des ersten Schultages. Er begann mit dem Kragen und seiner minderwertigen Halskrause. Da lächelte die Mutter und sagte, die andern Kinder trügen eben Sachen, die fertig gekauft und ohne Liebe gemacht, freilich nach reicherem Vermögen und vielleicht auch nach besserem Geschmack gewählt seien, aber seine Krausen säßen richtig am Hemde und nicht ängstlich daran geknöpft, wie diese Rundkragen, und sein Hemd wieder sei aus kräftigem Leinen, nicht aus künstlich gebleichter, heißer Baumwolle, und sie habe jedes Stück selbst genäht und ihm angepaßt, so daß er dabei immer der Mutter gedenken könne, die sich Mühe gegeben, um ihn anständig zu kleiden, während die fertig gekaufte Wäsche der andern Buben immer nur an einen Laden und an ein Heidengeld erinnere. Dann brachte Dieter das Gespräch auf die Stiefel mit den seltsamen viereckigen Harmonikafalten und lackierten Stulpen. Die Mutter antwortete: »Ja, so sind die Stiefel, die man beim Juden kauft« und setzte ihm die Unterschiede zwischen der bloß aufs Aussehen zusammengeschufteten Fabrikware und den richtigen, ordentlichen Erzeugnissen eines aufmerksamen Handwerks auseinander. Diese Harmonikafalten seien nämlich aus bezogenem Pappendeckel gepreßt und die Stulpen aus gesteifter Wachsleinwand, nicht aus wirklichem Leder, welches sich gar nicht so zierlich falten, streng legen und auf den Glanz bügeln lasse. Nun fiel es dem Knaben, der bisher von Juden und Christen gar nichts gewußt, erst auf, daß die schwarzlockigen Burschen alle beisammensaßen, er kannte sie nun als Judengemeinde, weil sie allesamt Stiefel trugen, die »beim Juden« gekauft waren. Und da ihm die Stiefel mißfielen, verachtete er auch ihre Träger. Und da die Träger als eine geschlossene Gruppe zusammenhielten, blieb er ihnen um so lieber ferne und hatte über all ihr Tun, Reden, Wissen und Benehmen nur das eine widerstrebende Urteil der Verachtung: »Die Juden tragen Stiefel, die beim Juden gekauft sind.« Und als er weiter wahrnahm, daß die Harmonikafalten fransten und löchrig wurden und die Stulpen Sprünge zeigten, unter denen schmutzig weiße Baumwollfäden hervorkamen, schien ihm seine Meinung rechtskräftig bestätigt. An den soldatischen Knaben, der Heinrich Kundl hieß, schloß er sich an, erwies sich anstellig beim Kommando, ging besser im Schritt, wandte mit schleunigerem Ruck den Kopf nach rechts, als die übrigen Krieger und zog die Aufmerksamkeit des geborenen Führers derart auf sich, daß dieser ihm eines Nachmittags, als die übrigen sich schon davongemacht hatten, um ihren Kaffee nicht zu versäumen, mit einem nachlässigen Kopfnicken zurief: »Du darfst mit mir kommen.« Geschmeichelt, aber ohne sich durch eine Gegenrede etwas zu vergeben, schritt Dieter stumm neben dem Vorgesetzten einher, der den Weg zur Ringstraße einschlug und plötzlich vor einer großen, aus roten Ziegeln burgartig gebauten Kaserne stehen blieb: »Da wohn' ich.« Dieter staunte, und beide verweilten vor der Toreinfahrt, durch die man auf weite Exerzierplätze sah, um welche die Häusermasse in Höfe und Flügel gegliedert, sich hinzog. Im Flur hallte es von Leuten, die kamen und gingen, und leuchtete von Säbeln, Gewehren und bunten Uniformen. Da waren rotbehoste Reiter mit dem Pallasch und blaue Infanteristen und Kanoniere mit kurzem Seitengewehr und Herren Offiziere mit gelben Feldbinden; der Friedrich Kundl erklärte seinem Genossen alle Waffengattungen und Rangstufen und wurde sogar von dem und jenem Kriegsmann freundlich gegrüßt, denn sein Vater war Feldwebel und hauste hier als Unteroffizier wohlgefürchtet in der Kaserne. »Du kannst mit mir kommen,« bewilligte Kundl herablassend, und Dieter schlich beklommen mit. Auf dem Exerzierplatze beobachteten sie eine geraume Weile die Bewegungen von Rekruten, die gedrillt wurden, dann führte der Kundl seinen neuen Freund durch ausgedehnte geweißte Gänge, an deren Wänden kleine, buntgemalte Figuren von Soldaten zu Pferd oder zu Fuß umliefen und farbige Bilder von allen Truppengattungen hingen. Wieder wehte ein neuer beizender Geruch über allem. Dieter schnupperte zum ersten Male den Kasernenatem von feuchten Ziegelmauern, Mannschaftszimmern, von Urin, Karbol, Pferdemist und Rauch und sah erstaunt Tür an Tür, Zimmer an Zimmer, Gang an Gang, überall saßen und standen hemdärmelige Burschen, die einen mit Reinigungsarbeiten beschäftigt, die andern zigarettenrauchend oder mit der Pfeife, singend, brotkauend, johlend, wobei sie Worte in unbekannten Sprachen riefen. Dieter hatte Angst vor dem allem, seine Neugierde überwand seine Verdrießlichkeit und ließ ihn geduldig mitgehen. Der Kundl blieb vor einer halbangelehnten Tür stehen, nahm seine Schultasche vom Rücken und warf sie in den Raum hinein, daß es nur so schallte, zog ein Stück Kommißbrot aus der Hosentasche, setzte sich wieder gemächlich essend in Bewegung und schleppte seinen Gefährten abermals über Gänge und Stiegen durch leere und bewohnte Räume, in Bettenmagazine und Ordonnanzzimmer, über Höfe und Böden, bis sie endlich wieder auf der entgegengesetzten Seite des ungeheuren Durcheinanders vor der hohen Dominikanerbastei mit ihrem gelben Klostergebäude standen. Dieter empfahl sich eilig und machte sich davon. Daheim war der Kaffee, der auf ihn wartete, schon kalt geworden und die Mutter sah ihn still fragend an, was er aber lieber gar nicht bemerkte, indem er sich hungrig in den Genuß seiner Jause vertiefte. In den nächsten Tagen wußte Dieter es so einzurichten, daß die Truppe statt zu exerzieren, etwas anderes unternahm, denn er war der Meinung, von der Dominikanerbastei müsse ein unterirdischer Gang geradewegs in die Schatzkammer seines Palastes führen, wo ungezählte Kostbarkeiten vergraben lägen. Heinrich Kundl, der noch nie von einer alten Universität und von unterirdischen Gängen etwas gehört hatte, fügte sich diesmal dem Dieter, welcher nun seinerseits kommandierte. Am nächsten Tage kamen sie mit Schaufeln und Hacken und gruben ernstlich und im Schweiße. So ging es mehrere Tage, und immer wurde Dieters Jausenkaffee kalt. Das Werk am Damm geriet nur langsam, denn die ausgestellten Wachen meldeten allzuoft einen herannahenden Polizeimann, vor dem man sich hüten mußte, und Dieter hatte vielerlei Anfeindungen zu bestehen, weil er immer neue Bohrstellen vorschlug, wo man den Gang finden sollte. Bei einem solchen Meinungsaustausch, der eben leidenschaftlich zu werden begann, stand plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, die große Gestalt seines Vaters da und sah dem Treiben zu, ohne etwas zu sagen. Dieter blickte ihn an. Der Vater nickte bloß, ging langsam weiter und blieb nach ein paar Schritten stehen, so daß der Sohn wußte, er werde erwartet und ohne Abschied von seinen Gesellen folgte. Der Vater ging ruhig weiter, der Bub, bis an seine Knie reichend, still nebenher. Dann fragte der große Mann scheinbar beiläufig, was sie denn da anstellten und wer der Heinrich Kundl sei. Dieter verriet seinen geheimen Plan mit dem Gange nicht, sondern gab nur über den Feldwebelbuben Bescheid, worauf der Vater nach einer Weile nachdenklich meinte, der könne ja in Gottes Namen lieber in die Aula kommen, als daß sie sich da draußen umhertrieben. »Soldatenwirtschaft ist nichts für unsereinen, Schmutz, Gestank und Unordnung, hast dich wohl schon in der Kaserne umgeschaut, gefällts dir vielleicht?« Dieter verneinte von Herzen, denn der Vater hatte ihm aus der Seele gesprochen. Weiter war von der Angelegenheit zwischen den beiden nicht mehr die Rede, aber Dieter hielt dieses Dazwischentreten einer höheren Macht für einen bedeutenden Wink, da er längst stille Bedenken gegen den Kundl gefaßt und ihn bisher von seinem heimlichen Palast geflissentlich ferngehalten hatte. Nun wollte er den Soldatenbuben einmal in seine Heimat führen, und wenn er sie richtig würdigte, dann war alles gut, wenn nicht, dann mochte er fortan lieber in seiner Kaserne bleiben. Am nächsten Tage war es an Dieter, dem Kundl nachlässig, aber geheimnisvoll zuzunicken: »Du darfst mit mir kommen.« Der Feldwebelsohn zuckte die Achseln und folgte mit gelangweilter Miene. Dieter führte ihn mit Absicht, von der lärmenden Wollzeile auf den Universitätsplatz durch den geheimnisvollen Schwibbogen unversehens vor die stille Herrlichkeit. Der dunkle Schwibbogen selbst hauchte einen Grabesschauer aus, der Kundl pfiff dazu. Der Universitätsplatz eröffnete sich, der Soldatenbub schaute gleichgültig drein und kaute an seinem Kommißbrot. Dieter zeigte auf die Aula: »Da wohn' ich.« »Das muß aber fad sein,« antwortete der andere. Dieter schwieg. Der Platz war leer, nur die zarten Tauben spazierten wie sonst auf und nieder und flogen auf die Schultern der Brunnenfiguren. Nicht einmal Studenten mit bunten Mützen gab es um diese Zeit. Dieter ging verlegen weiter und ließ den Kundl in das Stiegenhaus eintreten, dessen reiner Steinhauch und dämmernde Höhe ihn immer wieder überwältigten. Der Kundl pfiff vor sich hin. Dieter, der hier noch nie ein Wort gesprochen, geschweige denn etwas gesungen oder gepfiffen hatte, schämte sich seines Begleiters. Aber da der Kerl einmal hier war, so wollte er ihn zum ersten- und letztenmal noch über die Stiege hinaufführen. Er ging an dem marmornen Geländer und streichelte wie immer den kühlen Stein. Der andere folgte stumm. Dieter stand vor den verschlossenen Türen im ersten Stock, vor den Messinggriffen, der andere ging weiter, der hatte noch nie vor einer Türklinke Ehrfurcht gehabt. Im zweiten Stockwerk blieb Dieter abermals stehen und wies stumm auf die hohen, schön gefladerten dunkelbraunen Pforten in den steinernen Rahmen. Der Kundl sagte: »Was ist da weiter dabei?« und stapfte vorwärts. Endlich waren sie oben. Aber jetzt beschloß Dieter, ihn gar nicht erst in seine Wohnung zu führen, denn was sollte er dort mit ihm anfangen? Am besten, man rutschte gleich über die glatten Treppenwangen, so war man wenigstens bald wieder unten und draußen. Wortlos setzte sich Dieter also auf den Marmor und fuhr absatzweise voran, das gefiel auch dem Kundl, welcher mit einem lauten Hallo folgte. Dies machte Dieter vollends vor Wut und Scham erbeben, so daß er in seinem Herzen flehentlich zu Gott bat, es möge nur niemand diese Lästerungen vernehmen und etwa herbeikommen, nicht weil er die Strafe für das verbotene Rutschen, sondern nur die Schmach fürchtete, mit einem solchen Gesellen betreten zu werden, der hier brüllte. Das Schicksal hatte Einsicht und ließ die beiden ungestört zu ebener Erde ankommen. Der Kundl bemerkte nicht einmal die Eile, mit welcher er wieder davongeschoben wurde, als Dieter ohne jede andere Mitteilung einfach »Servus« sagte, die Türe öffnete und ihn entließ. Pfeifend schlenderte der Feldwebelsohn davon, während Dieter im Flur angstvoll den Atem anhielt, ob der »Lausichl« nicht etwa zurückzukommen wagte. Als eine Weile verstrichen war, seufzte Dieter erlöst auf, stieg langsam wieder die drei Treppen hinauf. Oben angelangt, lehnte er sich an die Marmorbrüstung, sah still in die dämmrige Brunnentiefe und spuckte endlich hinab. Er zählte langsam bis drei und vernahm befriedigt die leise Antwort von unten. So waren die ersten Weihnachten in der neuen Heimat gekommen, und Dieter hatte besonderen Grund, sich auf dieses Fest zu freuen, denn da kam aus des Vaters Landschaft ein hoher Tannenbaum und duftete tagelang durch die schöne Wohnung. Die Mutter briet und buk Süßigkeiten und kräftiges Eßwerk aller Art, und es gab Geschenke. Dieter brauchte sich nicht vor Enttäuschungen zu fürchten, daß man ihm etwa einen nötigen Anzug oder dringend erforderliche Wäschestücke verehrte. Derlei hätte ihn erzürnt und gekränkt, denn die Weihnachten sind nicht dazu da, das Notwendige zu bringen, das eins ohnehin braucht und bekommen muß, sondern für das Ueberflüssige, für alle stillen Wünsche, die auf diese Zeit vertröstet werden und dann von Rechts wegen auch erfüllt werden sollen. Heuer gab es aber ganz neue Weihnachten, und der Vater hieß Dietern sich bereits früh am Nachmittage ordentlich anziehen, denn er sollte den Abend nicht in der Küche der Mutter, wo der Tannenbaum stand, sondern beim Herrn Professor unten im zweiten Stocke feiern. Dietern klopfte das Herz, weil er endlich auch die Geheimnisse des verschlossenen zweiten Stockwerks kennen lernen sollte. Dort wohnte nämlich in der Nachbarschaft der Sitzungssäle der Akademie der Wissenschaften der Sekretär der historischen Klasse, Herr Hofrat und Professor des deutschen Rechts und der deutschen Reichsgeschichte, Dr. Friedrich Ronge. Dieser vornehme Mann, der seinem Ehrenamt als gewählter Sekretär der historischen Klasse der Akademie die geräumige Dienstwohnung verdankte, betrachtete sich in der Bescheidenheit, welche jeder wahren Würde verschwistert ist, nicht als Herr, sondern nur als Gast dieses Hauses und hielt sich darum für verpflichtet, auch Gastfreundschaft zu üben. Die bestand aber nicht in Festen und Zusammenkünften gleichgestellter städtischer Großleute, denn er lebte zurückgezogen seinen Studien und amtlichen Aufgaben, sondern darin, daß er einmal im Jahre, eben zu Weihnachten, sein Haus den Kindern des Palastes öffnete. Er lud die Jugend der alten Aula zu sich, alle die Knaben und Mädchen der Diener und Beamten der Akademie und der Universität, von dem Kind der Wartefrau bis zu den Buben des Kanzleivorstandes. So fand beim Herrn Hofrat eine jährliche Heerschau dieser Rekruten der Aula statt. Dieter wußte gar nicht, daß sie so viele Leute seinesgleichen beherbergte, denn sie hielten sich das ganze Jahr lang verborgen, wie er, und er bekam immer nur ein paar Diener mit Amtsmützen und gelegentlich den breiten Portier zu sehen, welcher an gewöhnlichen Tagen meist in schäbigem Alltagskleid, zeitunglesend und pfeifenrauchend in seiner Loge saß und nur bei besonderen Anlässen mit goldgerändertem Dreispitz, ein breites glänzendes Bandelier um die Schulter, Medaillen an der Brust und einen mannshohen Stab in der Rechten, vor dem Tore stand. Einmal im Jahre sollten alle Pfleger des schönen Hauses für ihre Mühe Dank haben, indem ihren Kindern ein Fest gegeben wurde. Das aber war sicherlich das schönste Werk des Hofrates Ronge. Seine gelehrten Arbeiten sind wohl längst überholt worden. Der Herr Professor prüft nicht mehr die jungen Kandidaten über die Schilde des Sachsenspiegels und über Herrn Eike von Repkow oder über des Hugo Grotius bedeutende Auffassung. Der gelehrte Mann schrieb ein altertümliches Deutsch, das die Würde seiner gehaltenen bildhaften Sprache aus der reinen Quelle der deutschen Vergangenheit schöpfte, und mancher Student, der den ersten Flaum auf der Lippe noch ängstlich hervorzupfen mußte, hatte was zu lächeln, wenn der aufrechte, ungebeugte Professor auf dem Katheder in altmodischem, blauem, langem Rocke, mit blondem, doch schon stark weißdurchschimmertem Haar und Bart von der Volljährigkeit nach deutschem Rechte zu sprechen »anhub«, die bei den Jünglingen begann, wenn sie »zwischen zween Bärten sich gürten«. Als Herr Professor Ronge den Katheder für immer verließ, war wohl auch sein gelehrtes Tagwerk abgetan. Aber er blieb immer noch mehr als ein gelehrter Hofrat, nämlich ein braver Mann, indem er zu Weihnachten seine Tür vielen, erstaunten, unweisen Kindern öffnete. Die sind seither viele Wege gegangen, als Studenten in die neue Universität, denn die alte Aula hatte bald mit dem Lehrbetrieb nichts mehr zu schaffen, als Soldaten ins Feld, als Handwerker in Stadt und Land, als Dienstmädchen in Häuser, als Mütter in Ehen, kurz sie sind wie geflügelte Samen in alle Welt verweht. Die einen haben in gutem, die andern in schlechtem Boden Wurzel geschlagen, wieder andere sind gestorben und haben kein Reis hervorgebracht. Aber alle behielten das Andenken der festlichen Weihnachten beim Herrn Hofrat, und wo immer sie stecken mochten, fiel ihnen zu dieser Zeit sicherlich der Professor Ronge ein und die Freudenwirtschaft des 24. Dezember im Palaste. Und diese Erinnerung haben sie weitergegeben, so daß heute schon Kinder und Kindeskinder davon erzählen gehört haben. Ein solches Erinnern aber bleibt nicht eine dürre Tatsache, sondern wird, je weiter es zurückliegt, desto großartiger und wunderbarer und steht den späten Enkeln wie ein hochschattender, duftreicher, gabengeschmückter Weihnachtsbaum selber vor Augen. Herr Hofrat Ronge hat ihn gepflanzt, und dieser Baum überlebt ihn als sein bescheidenstes, aber schönstes Werk, aus der wahren Quellengeschichte der deutschen Seele erwachsen, aus dem Grunde des Lebens, wo er am fruchtbarsten ist: aus einem einfachen, guten Gefühl. Da war also der große Tag. Dieter hatte seinen schwarzen Anzug angelegt, und heute durfte schon das Mittagessen: Schweinsbraten mit Specklinsen als feierliche Einleitung gelten. Dann führte ihn der Vater zum ersten Male in den Festsaal, der von Kerzenlicht erhellt, ein farbenstrahlendes Wandgemälde, alle Fakultäten in mannigfachen Sinnbildern versammelt, darstellte. Der Knabe verstand zwar die Bedeutung dieser Figuren nicht, wohl aber die Macht dieser freudigen Geisterwelt, welche alles Sinnen des Menschen als Lust und Herrlichkeit vergegenwärtigte. Der Vater führte ihn dann noch durch die stillen Sitzungssäle und erklärte ihm, wer auf diese hohen Stühle gehörte, die an langen gelben Eichentischen vor weißen, überlebensgroßen Kachelöfen standen und, selbst unbesetzt, die Würde des edlen Rates zeigten, der sich gelegentlich hier versammeln durfte. An die großen Bogenfenster tretend, sah Dieter schon in der beginnenden Dunkelheit den Schnee fallen, der mit Flockensilber, mit hohen weißen Säumen und mit lärmdämpfenden, geheimnisvollen Decken alle Dächer und Gesimse verkleidete, Bänder um die Jesuitenkirche, Hauben auf die Heiligen setzte und weiße, einspinnende Fäden in der Luft webte. Weiß war das Pflaster unten, der dunkle Himmel sandte weißen Schein zur Erde, und die Geräusche der Wagen und Pferde und der Menschen drangen nur mehr leise hinauf, durch einen Schleier von Flocken, die als Vorhang zwischen der Welt und dem Fest schwebten. Das Vorzimmer des Herrn Hofrates war hell erleuchtet und wimmelte von einer bewegten Kinderschar. An den Kleiderstöcken hingen Hüte, Mäntel, Tücher. Jeder neue Gast wurde von freundlichen Mägden, welche weiße Schürzen und Häubchen trugen, empfangen, seiner Ueberkleider entledigt und auf eine kurze Weile vertröstet, bis alles vorbereitet war. Auch Eltern waren da, Waschfrauen, Zimmeraufwärterinnen, Diener, es roch nach nassen Schuhen und Röcken, die in der Wärme behaglich dampften. Dieters Vater hielt sich nicht gerne zu einer Schar von Fremden, schärfte daher seinem Buben nur noch ein, daß er sich ordentlich benehmen und schönen Dank sagen solle und verschwand dann unbemerkt, wie er eingetreten war. Während die Kinder zusammengedrängt wie ein Rudel Schafe der kommenden Dinge harrten, vernahmen sie in den Zimmern ringsum geheimnisvolles Schieben und Rumoren, da wurden die Dienstmädchen mit Namen gerufen und eilten hin und her; eine Tür öffnete sich, und zwei junge Damen, die Hofratstöchter, stürzten lachend in weiten Pudermänteln wie zwei märchenhafte Festgestalten ins Vorzimmer, rüttelten die halbfrisierten Locken, schrieen einander etwas zu, das Dieter nicht verstand, verschwanden in der Küche, kamen wieder, eine wohlriechende Wolke von Gebackenem strömte aus der Eßwerkstatt, sie hatten sich davon zum Naschen geholt und verschwanden wieder, etwas Knuspriges knabbernd, mit streitbarem Lachen und einander aus den weiten weißen Umhängen mit erhobenen Armen drohend. Eine Weile blieb es noch still, die Kinder traten von einem Fuß auf den andern und flüsterten, dann scholl ein helles Klingeln, die Flügeltür zum Eßzimmer wurde von unsichtbaren Händen geöffnet, und noch vor dem Eintreten gewahrte man den hohen, bis an die Decke reichenden Baum, von Lichtern und von Gold und Silberfäden funkelnd, weiße Watte wie Schnee auf den Aesten, von roten, blauen, gelben Papierlampions durchleuchtet, beladen in seiner wohlgeordneten Fülle und in der Wärme des hohen Raumes seinen harzigen Atem weithin ausatmend. Das Zimmer stand in der duftenden Dämmerung ganz unter der Herrschaft dieses Helden. Die brennenden Kerzen schwelten ihren Wachsgeruch in den des Harzes hinein, und in der dunkeln Ecke saß eine alte Dame am Flügel und spielte. Aber nur wer nähertrat, sah sie. Die Kinder, die sich um den Baum drängten, hörten bloß, und auch nur wie aus der Ferne einer verschneiten Einsamkeit, Spiel und Gesang. Hinter der Hofrätin standen ihre beiden Töchter, die mit den Pudermänteln, jetzt in rosenfarbenen Falbelkleidern und mit feinfrisierten blonden Locken, so daß sie zwei musizierenden Engeln glichen und sangen zu den gehaltenen Akkorden »Stille Nacht, heilige Nacht«. Das Lied dauerte glücklicherweise nicht lange, dann begaben sich die Damen zu den kleinen Gästen und verteilten die Gaben. Und hier war es die weibliche Güte und mütterliche Sorgfalt, welche die Geschenke geordnet und an jeden Bedachten auch wirklich gedacht hatte, indem jedes einzelne Kind nach seinen Umständen und Bedürfnissen, soweit dies mit beschränkten Mitteln anging, auch richtiges und geeignetes empfing. Ein kaiserlich königlicher Hofrat und Professor ist zwar schön betitelt, aber darum kein reicher Mann, auch stünde ein Uebermaß von Gabeneifer als unbescheiden nicht an, so wurden nicht lauter neue und teure Dinge verteilt, sondern mancherlei gebrauchte, denen die Familie des Gastherrn etwa entwachsen war, aber kein einziges Zweckloses oder Widerwärtiges, keines, dessen sich die Schenkenden etwa aus Ueberdruß entledigten, sondern lauter Passendes und Richtiges und alles wieder dem rechten Empfänger bestimmt. Da gab es Kinderkleidchen und Wäsche, Schuhe und Schirme und all das Um und Auf der Tracht, von den Strümpfen, bis zu den Haarkämmen. Das bekamen kleine Mädchen und Knaben, von denen man wußte, sie gingen sonst barfuß, und die Eltern könnten so gute Sachen nicht beschaffen. In anderen, schön hergerichteten Paketen lag anderes. Ja, nicht zu vergessen, jedes Geschenk war in rosenfarbenes Seidenpapier aufs sorgfältigste eingewickelt und mit goldenem Bindfaden zierlich zusammengehalten. Das kam auf die beiden Hofratstöchter. Schenken allein ist nichts, die Gabe muß in bescheidener Anmut doch die Freude des Gebers zeigen, seine Achtung vor dem Empfangenden, und den goldenen Faden, der eine Sache von geringem Wert umschließt, sieht das Kind sein Leben lang leuchten, wenn es das armselige Spielzeug längst vergessen hat. So bleibt mit einem schmalen glänzenden Faden Güte Mensch an Mensch gebunden. Den Leutchen, deren Eltern selbst Schuhe, Kleider und Wäsche ordentlich beschaffen konnten, wurde das eigentlich Ueberflüssige bereitet. Da zog einer ein kleines, wohlerhaltenes Schachspiel hervor, Bausteine der andere, Bücher aller Alter und Arten, kein wertloses und kein unordentliches darunter, keine unnützen Prachtbände, sondern lauter ehrbare Werke, handliche Naturgeschichten, Grimms Märchen, Gustav Schwabs »schönste Sagen des klassischen Altertums«, Hebels Schatzkästlein und dergleichen mehr. Dieter bekam eine schmale Schachtel mit großen Dominosteinen, deren Schwarz-Weiß ihm wohlgefiel. Nachdem alles verteilt war, stürzten die vorhandenen Eltern hinzu, umringten die Hofrätin und die beiden Töchter mit Handküssen und Danksagungen, die Weiber besahen und verglichen genau die Geschenke der fremden mit denen ihrer eigenen Kinder und waren wohl schamlos genug, als rechte Menschen, noch im selben Zimmer, wenn auch im stillen zu widerbellen, wenn ihnen die Verteilung nicht gerecht, oder nach Wunsch vorkam. Aber je schlimmer sie waren, desto lauter beteuerten sie ihren Dank und schickten immer wieder ihre Kinder zum Händeküssen ins Treffen. Dieter, von Natur schweigsam und selbständig geraten, vermochte bei diesem Dankbarkeitsausbieten nicht mitzutun. Er bekam daheim, was er brauchte, und seinen Eltern fiel es nicht ein, für ihre Pflicht und Schuldigkeit besonderen Dank zu verlangen, er nahm, was er erhielt, bescheiden an, aber er konnte dafür keine großen Worte machen, Hände küssen und sich aufgeregt geberden. So stand er auch hier abseits, sein Dominospiel in der Hand und betrachtete das Gedränge. Langsam löste sich dieser Taumel, die Herde wurde in ein zweites Zimmer an einen vollbesetzten Tisch getrieben und nach Herzenswunsch gefüttert. Duftender Kaffee und mächtiger »Gugelhupf« wurde gereicht, und vor jedem Gedeck stand ein gehäufter Papiersack mit Aepfeln, Nüssen, Malagatrauben, Krachmandeln und knusprigem Backwerk. Als die Kinder genug gegessen und getrunken hatten, von der Hausfrau und den beiden Töchtern bedient und nach jedem Wunsch gefragt, hieß es: »Nun ist es Zeit zum Schlafengehen.« Die Hofrätin sagte: »Jetzt wollt ihr wohl noch den Herrn begrüßen.« »Ja,« riefen die älteren Stammgäste, welche diesen Abschluß des Festes bereits kannten. Die Kinder mußten sich hintereinanderstellen und im Gänsemarsch durch die Wohnung nach dem Studio des Hofrates ziehen, welches von dem Lärm weitab lag. Die ältere Tochter führte sie, einen Leuchter in der Hand, durch das Zimmer mit dem Baume, das nun schon ganz verfinstert war, durch das Schlafgemach der Eltern, durch ihre eigene weiße Mädchenstube, durch einen schmalen Glasgang an eine ledergepolsterte Türe. Durch diese trat man endlich in einen hohen Raum, dessen vier Wände bis an die Decke mit Büchern bestellt, in einem blauen Rauch dalagen. An einem Riesenschreibtische in der Ecke saß vor einer kleinen Studierlampe der Hausherr, den Kopf über ein Buch gebeugt, in einem braunen Sammetrocke, aus einer langen Pfeife qualmend. So schien er unserem Dieter ein Weihnachtsmann selber. Er hatte über seiner Arbeit wohl die festliche Zeit, wie die ganze Welt vergessen, denn als diese Kinderreihe an ihm vorüberzuziehen begann, blickte er ganz erstaunt und verlegen auf. Aber sitzend richtete er sich doch rank empor und ließ lächelnd seine Gäste passieren, ohne die einzelnen anzusprechen. Jeder sagte sein »Küß die Hand« und empfing ein freundliches Nicken als Gegengruß, und Dieter, welcher als letzter vorüberkam und beim Ausgang noch einen Blick zurückwarf, sah ihn gleich wieder das Buch vornehmen und das greise Haupt über die gedruckten Seiten beugen. III. Bei allem Eifer nach selbständiger Bewegung sah Dieter sich zu Zeiten gern nach dem Vater um. Der hatte freilich seine liebe Not, alles zu erklären und für alles eine Auskunft zu sagen, was der Sohn wissen wollte. Der Vater nahm den Buben gelegentlich auf seine Amtswege mit, wenn er wo Geld einzukassieren, Mitglieder zu werben, die Zeitschrift auszutragen hatte. Bei solchen Wanderungen wies er ihm diesen und jenen merkwürdigen Anblick. Der Vater war nicht gerade gesprächig, doch immer wohlgelaunt und zugänglich. Seine Antworten, nichts weniger als gelehrt, bezeugten jenen gesunden Menschenverstand, der mit einer fröhlichen Gemütsart Hand in Hand geht. Sie trafen daher das Richtige immer von einer andern, als der Bildungsseite, und enthielten und boten voll selbstverständlicher Einfalt stets eine überraschende Anschauung. So betrachteten sie einmal in einer Auslage des Kohlmarkts im Laden eines Juweliers die Bronzegruppe: Hagen Tronje, der den funkelnden Nibelungenhort in den Rhein zu den Töchtern des Stromes hinabwirft. »Was bedeutete wohl das?« »Ja das ist auch so eine Geschichte,« hieß es, »da haben drei Könige, aber nicht die heiligen drei, um ein Frauenzimmer gestritten und um ihre reiche Mitbringe und haben einander so lange Böses getan, bis ein gescheiter Mensch voll Zorn das ganze üble Geld packte und in den Strom warf.« O ihr gesegneten Bildungslücken, durch welche eine unverkümmerte Natur hervorgrünt! Aber die Lücken der Unbildung sind schändlich, durch welche das gemeine Halb-, Alles- und Besserwissen herausqualmt und alle Klarheit des Sehens trübt und verdirbt! Am glücklichsten waren die Abende, wenn der Vater ans Bett des Buben trat, der einschlafen sollte und nicht mochte, und darum Geschichten zu hören begehrte. Der Vater begann nun im Dunkel zu erzählen, wie es daheim aussah und wie seine Anverwandten hießen, und was es für wunderliche Leute in dem kleinen Ländchen gab, und endlich schloß er mit einer Schnurre, die möglichst umständlich ausgedehnt wurde, so daß man etwa noch vor ihrem Ende einschlummern konnte. Wenn Dieter auf solche Weise ein Traumbild von des Vaters Heimat bekam, sah er sie einmal im Jahr mit ihren leibhaftigen Gestalten in Wien aufziehen. Im Spätherbst, wenn draußen die Ernte vorbei war und die Leute für Gott und die Welt Zeit hatten, besannen sie sich namentlich auf die schuldige Frömmigkeit und wollten wirksame Gebete mit einer kleinen Andachtsreise und Weltfreude verbinden. An einem Sonntag hieß der Vater Dieter seinen Buben sich ordentlich anziehen und führte ihn in die Stefanskirche, die von Wallfahrern wimmelte, von wunderlichen alten Männern in schwarzen Tuchröcken mit Kniestrümpfen, Schnallenschuhen, glattrasierten Gesichtern und schlichten, bis zu den Schultern reichenden Haaren, von Frauen in Kopftüchern oder gar mit silbernen Hauben, in anliegenden schwarzen Spensern und abstehenden Röcken. Während Dieter beim Weihbrunnen wartete, ging der Vater langsam und leise von Bank zu Bank vorwärts, klopfte hier einem auf die Schulter, winkte dort einem andern, flüsterte dem und jener etwas zu, begrüßte die Wohlbekannten und weckte sie gleichsam auf. Als der Gottesdienst aus war, ließ er den ganzen Schwarm voranziehen, während er selbst mit seinem Bruder Philipp und mit seinem Sohne hinterdrein folgte. Die Wallfahrer, die auf der weiten Fußreise nach Mariazell hier in Wien Station machten, versammelten sich nämlich zu Mittag im »schwarzen Adler« auf dem Rudolfsheimermarkte. Dort wollte er sie treffen und ein paar Stunden mit ihnen verbringen. Der Onkel Philipp war bei dieser Gelegenheit recht als stattlicher und verheißungsvoller Junggeselle angetan mit einem dunkelblauen, von schwarzen Seidenborten eingefaßten Anzug, einem glänzenden Zylinder auf dem Kopf und einem bemerkenswerten Kleinod auf der Sammetweste, welches der junge Dieter unablässig anstaunte. Es war eine aus feinem, schimmernden, goldenen Frauenhaar geflochtene, von einer Opalschließe zusammengehaltene Uhrkette. Dieses Kunstwerk stammte von einem der vielen geliebten Mädchen, das der umworbene Junggeselle nicht geheiratet und das wohl sein schönes Haar vergeblich geflochten hatte, um ihn zu binden. Der Onkel Philipp, jung und lebenslustig genug, alle Rosengärten zu durchspielen und zu plündern, hielt dieses Angedenken als Siegestrophäe und wertes Erinnerungszeichen in Ehren und trug es bei besonders feierlichen Anlässen zum Sonntagsstaate. Auf dem langen Wege vom Stefansplatze in die Vorstadt hinaus war er wohlgelaunt und voller Späße, wie immer. Draußen beim »schwarzen Adler« traf man die ganze Wallfahrerschaft bei Bier und Pfeife, und Vater und Onkel behagten sich gleich in ihrer Mitte. Da gab es ein Fragen und Erzählen und Forschen und Finden. Da wuchs von berichteten Todesfällen ein ganzer Kirchhof und von guter oder übler Nachrede ein Gedenkstein und Grabkreuz neben dem andern, und von Geburten erneute sich eine ganze Heimat wieder. Welche waren nach Amerika gegangen und suchten Reichtümer in der neuen Welt, andere waren zurückgekehrt und fanden auf ihre alten Tage wiederum als Bauern und Weber zufrieden einen stillen Herbst auf der alten Erde. Nach etlichen Stunden nahm man von den Wallfahrern Abschied, viele Hände wurden geschüttelt, auch der kleine Dieter ging von Mann zu Mann und bekam freundliche Blicke aus allen Augen, und als Gruß immer ein frommes: »In Gottesnamen.« So schied man. Bei einem Spaziergange durch die Bäckerstraße vernahm Dieter aus einem Hausflur neuartige laute Kommandorufe: »Steuer auf Backbord,« »Mann über Bord,« »Segel auf Backbord,« und dergleichen. Er ging näher und sah eine Schar von Buben in dem hochgewölbten Raume bei einem interessanten Spiele versammelt. Sie saßen in großen Kisten und ruderten. Der alte Flur hallte von ihrem Lärm, und an ihrer Spitze turnte auf einem an die Wand gelehnten Handwagen als Schiffsjunge und Kapitän zugleich ein behender, schlanker Bursch mit lebhaften Augen und gebieterischer Stimme. Dieter setzte sich auf der Stelle in eine Kiste und schwamm unverzüglich im Weltmeer. Der Junker aus der Bäckerstraße, so hieß der Befehlshaber der Mannschaft, war überhaupt ein erfinderischer Mensch, der jeden Tag Neues ausheckte und zuwege brachte, freilich durch die völlige Ungebundenheit seiner Existenz und durch sehr dürftige Kleider, die keine besondere Schonung verlangten, hiezu auserkoren und befähigt. Die beiden Knaben fanden Gefallen aneinander. Der Junker hatte gegen die Aula, wohin Dieter ihn zur ersten Prüfung der Freundschaftstauglichkeit führte, nichts einzuwenden, sondern benahm sich so würdig, daß Dieter ihm sogar einmal durch das Treppenhaus hinabzuspucken gestattete, und Dieter seinerseits konnte von ihm so viel Neues erfahren, daß er nicht zögerte, sich diesem Umgang zu ergeben. Junker führte ihn zunächst einmal in seine Wohnung. Die lag im höchsten Stockwerke, eigentlich unter dem Dach des Hauses, in dessen Flur sie zu Schiff gefahren waren. Die Frau Junker, eine Wäscherin, stand mit nackten Armen und heißem Gesicht vor einem Holzladen und bügelte Leinenhemden. Gerade als Dieter eintrat, hielt sie das glühende Eisen ganz nah an ihre Wange, um seine Hitze zu erproben, welche Tapferkeit dem Besucher ebenso Achtung abnötigte, wie, daß sie auf sein bescheidenes »Guten Tag« den Gruß gleichgültig zurückgab, ohne ihn auszufragen, ja auch nur anzuschauen. Wie viele Buben mochte der ihrige schon in diese Kammer und wieder hinausgeführt haben! Es war auch dem Junker gar nicht darum zu tun gewesen, Dietern etwa seiner Mutter vorzustellen, sondern den Bodenschlüssel zu holen, dessen er zu einem wichtigen Unternehmen bedurfte. Immerhin tat Dieter ein paar angenehme Atemzüge von diesem Wohlgeruch nasser Wäsche und frisch gebügelten Linnens und sagte dann wieder sein ehrbares »Guten Tag« und folgte dem Führer, der den Dachboden aufschloß, nach umständlichen Klettereien über Balken und durch enge, niedrige, finstere wäschebehangene Gänge mit einer bedeutenden Gebärde Stille gebot und lauschend vor einer halboffenen Kammer stehenblieb. Dort sah man in einem kümmerlichen Holzschragen auf einem schmutzigen Strohsack und zerwühlten Bettlaken einen mageren Mann sich wälzen, der aus gelbem und eingetrocknetem, ganz verrunzeltem Gesichte mit wilden schwarzen Augen um sich blickte. Sie dünkten unserm Dieter hervorquellenden Rosinen in einem verhutzelten Kuchen gleich. Diese Augen irrten von der Decke zur Tür, und der ganze lebendige Leichnam zitterte, stöhnte, murmelte unverständliche Worte, schwieg dann und schien angestrengt nachzudenken. Der Junker kannte ihn wohl schon lange, darum fürchtete er ihn nicht allzusehr; dem Dieter aber war der Mensch recht unheimlich, besonders wenn er schwieg und nachsann. In einem solchen angstvollen Augenblick der Stille steckte der Junker den Kopf ins Zimmer und schrie den Mann an: »Mäh«, wobei er seiner Stimme das richtige Ziegenmeckern gab. Der Liegende fuhr empor, setzte sich halb auf, erhob beide hagern nackten Arme und drohte mit geballten Fäusten und undeutlichen Zornlauten. Darauf schrie ihn der freche Junge an, immer meckernd: »Wie geht's, Herr Baron Buttenschani, wie geht's?« Der andere gab zurück: »Geht dich einen Dreck an.« Diese Antwort schien dem Junker anzuzeigen, daß die Schauwürdigkeit bedrohlich werden könnte, weshalb er, von Dieter gefolgt, rasch in die Dämmerung des Bodens zurücktauchte. Unten erzählte er eine verwirrte und dunkle Geschichte von diesem Narren, der einmal reich gewesen und ein wirklicher Baron sei. Der habe vorlängst, als in Wien ein Krieg gewütet, die erschossenen Studenten in einer Butte aus der Aula getragen, darum nenne man ihn nicht anders als »Baron Buttenschani«. Jedenfalls lag dem eine Erinnerung an das achtundvierziger Jahr und an die Schüsse und Kämpfe zugrunde, blieb aber Dietern auch später verborgen, so oft er diesem ersten Gespenst des Lebens, einem zerstörten Geist, nachforschte und die Spuren verfolgen wollte, auf welchen etwa das Fürchterliche diesen Mann beschlichen hatte. Der »Baron Buttenschani« zeigte sich nicht immer so abweisend und unzugänglich, wie der Junker ihn auch nicht immer reizte und stichelte, sondern oftmals traf man ihn ganz zerlumpt und gleichsam von Hunger, Irrsinn, Kälte verkleinert auf der Straße, wo er murmelnd und lächelnd umherschlich und mitunter durch ein fast liebenswürdiges Betteln und unverständliches Erzählen und Umratfragen von den Vorübergehenden Geld oder Eßwaren erlangte, mit denen er wieder recht freigebig umging, so daß der Junker von ihm manchen guten Bissen bekam, wie er seinerseits ihm auch von dem seinen spendete. Da in des Barons wirren Erzählungen häufig eines großen dunklen Ganges Erwähnung getan wurde, meinte Dieter, das müsse jener gesuchte unterirdische Weg sein, der von der Schatzkammer der Aula vielleicht geradewegs in die Bäckerstraße führte. Jedenfalls schien ihm diese Andeutung seine eigenen langgehegten Ahnungen zu bestätigen und erregte sie von neuem auf das heftigste. Auch der Junker wurde neugierig, und die beiden Gesellen beschlossen, einmal in den Kellern der Aula gründlich zu forschen und zu graben. Da sich um diese Räume niemand kümmerte, fanden sie unschwer Eingang. Sie betraten ausgedehnte, durch die kleinen Fenster von oben her nur spärlich erhellte Dämmergebiete einer wahren Unterwelt. Dem umfänglichen Grundriß des alten Gebäudes entsprach eine weite Flucht dieser niedrigen Gewölbe, welche die Einbildungskraft gar wohl mit Gold und Kostbarkeiten erleuchtete. Solche Keller bedeuteten ja die eigentlichen Schatzkammern eines richtigen Palastes und mußten vor Zeiten billig von Wundern gestrotzt haben. Heute waren sie freilich leer, die Wände starrten in grauen, feuchten Quadern und gelegentlich machte das Vorübereilen einer pfeifenden Ratte die Knaben schauern. Sie begannen in der vermuteten Richtung des geheimen Ganges zu graben und fanden den Boden locker und gefügig, von welchem sie schwarze Steine unschwer lösten und bald einen ganzen Haufen beisammen hatten, als sich ihnen eine Gestalt mit einem Lichte näherte: der Vater Dieter. Der Junge staunte. Wieder einmal erwies sich die Allgegenwart des Mannes. Der Vater stand mit seiner Kerze vor den erstaunten Schatzgräbern, und fragte keineswegs unfreundlich, sondern interessiert: »Was schafft ihr denn hier?« Doch brauchte Dieter gar nicht zu antworten und sein großes Geheimnis zu verraten, denn der Vater leuchtete, ohne weiter in ihn zu dringen auf den Haufen schwarzer Steine, den die Knaben aufgewühlt hatten, rief erstaunt: »Ei, das ist ja lauter Kohle. Da habt ihr nun einen ganzen Schatz gefunden.« Womit er nun selbst die Schaufel zur Hand nahm und weiter arbeitete, während die beiden sich lautlos davonmachten. Der Fund der schwarzen Steine dünkte sie wertlos, weil sie den erwünschten Gang ja doch nicht hatten finden dürfen. Wie gleichgültig, ob der Haufen dort etwa zu einem Herdfeuer taugte! Der Vater Dieter aber stieß auf ein mäßiges Kohlenlager, das vor Zeiten hier aufgestapelt, nun längst vergessen und von keinem gekannt, als herrenloses Gut schlummerte, von welchem er manchen Tag einen Sack nach seiner Dienstwohnung hinauftrug und verheizte. Sein Sohn aber ging nach anderen Schätzen aus. In diese Zeit fiel, von dem Knaben freilich kaum bemerkt, ein rasch zunehmendes Siechtum der Mutter, welche zu husten begann aber trotz dem unerbittlich wachsenden Brustübel ihre Hausarbeiten tapfer verrichtete. Nur abends pflegte sie, früh ermüdet, noch beim Essen selbst, einzuschlafen, bevor sie sich niederlegte, auch ging sie nur mehr selten aus. Damals lebte für eine kurze Weile eine kleine Negerin in der Dienstwohnung, half ihr Teil bei der Arbeit mit und genoß wie unser Dieter die mütterliche Fürsorge der Frau und die Abendschnurren des Vaters. Das war, als der Forschungsreisende Doktor Hesky zu Wien mit Vater Dieters Hilfe im Prater eine Ausstellung afrikanischer Sehenswürdigkeiten veranstaltete und ein berühmter Mann wurde. Für den Knaben ergab sich ein wunderliches Freundschaftsverhältnis mit der Schwarzen, wovon wir in der Geschichte »Negerkönigs Tochter« einläßlich erzählt haben. Dazwischen nahm aber auch die Verbindung mit dem unternehmenden Junker ihren Fortgang. Die Abenteuer erstreckten sich mit der steigenden Kraft und Begehrlichkeit über immer weitere Gebiete. Der Aeltere führte seinen Schützling in einen Kreis bedeutender Helden ein, welche als Indianerhäuptlinge in den unterirdischen Gängen des Wienflusses und Alserbaches hausten, in Höhlen auf Erdhaufen ihre Friedenpfeifen rauchten, Streitäxte ausgruben, wieder einscharrten und Schätze in Gestalt glänzender Perlmutterabfälle aus den nahen Drechslereien sammelten. Junker war der gefürchtete Inkas, Dieter bekam den Namen Unkas, und es war ein hochansehnliches geheimes Leben. Um auf diesen beschwerlichen und schmutzigen Wegen nicht durch allzu sorgfältige Kleidung behindert zu sein – hätte sie Dietern doch bei seinen ärmeren und anständig zerlumpten Indianerkameraden nur verdächtig gemacht –, legte er immer im Flur der Aula, es war im Spätfrühjahr, Rock und Hemdkragen ab und versteckte sie hinter einem Pfeiler. Von der Mutter, die nun schon schwer krank im Bett lag, hatte er sich eilends empfohlen, seinen Jausenkaffee samt dem zugehörigen Kipfel zu sich genommen – der Vater war auf Amtsgeschäften außer Hause – so gehörte der Nachmittag den indianischen Erlebnissen. Welche Wochen eifriger Ereignisse, Taten und Listen! Daß der Vater häufiger als sonst daheim blieb und schweigend bei der Mutter saß, ihre Hände haltend und gelegentlich mühsam scherzend, daß er am Abend, wenn der Bub heimkam, auf dessen gesprächige Fragen nur kurze Antworten gab und ihn so lange beim Bett der Kranken ließ, bis diese eingeschlafen war, nicht ohne das Haar ihres Kindes lange gestreichelt zu haben, als wollte sie das Gefühl dieses runden kleinen Kopfes in ihren Händen bewahren; dies alles merkte der Knabe nicht, oder legte ihm in der glücklichen Unwissenheit seines Alters keine Bedeutung bei. Vielmehr hieß er die größere Freiheit willkommen, die ihm jetzt vergönnt war, da die Mutter ihn, wenn er wollte, fortließ und der Vater ihn weder ausfragte, noch durch plötzliches Dazwischentreten überraschte. So war er eines Abends, als die Schatten der Dämmerung bereits über den Universitätsplatz wuchsen, heiß und froh von den Indianern heimgekehrt und stand eben hemdärmelig in der Aula, als sein Vater in verhaltener Erregung von der Stiege herabkam. Dieter blieb in seinem mangelhaften Aufzug sprachlos. Der Vater sagte nur: »Zieh dich an und komm hinauf.« Eilends nahm Dieter vor den Augen des Vaters Kragen und Rock hinter dem Pfeiler hervor und folgte, noch auf der Stiege sich zurechtmachend, dem stumm Vorangehenden. Oben lag in schwerem, von Husten gequältem Schlummer die Mutter wachsgelb im Bette. Ihre Hände fuhren angstvoll und suchend über die Decke. Es war ihre letzte Nacht. IV. Nach dem Leichenbegängnisse, welchem außer dem Vater und Buben nur eine jüngere Schwester der Verstorbenen, die in einem Wiener Bürgerhause als Magd diente, sowie der Onkel Philipp anwohnten, schrieb der Witwer oben im Bibliothekssaale mit Kopiertinte auf schwarzgerändertem Papier eine Todesanzeige und vervielfältigte sie selbst: »Lieber Freund. Hiermit gebe ich bekannt, daß meine Frau Franziska am neunundzwanzigsten Juni nach langem Leiden und nach elfjähriger Ehe gestorben ist. Ich bin sehr betrübt.« Nur wenige Tage blieben Vater und Sohn in der verwaisten Wohnung. Der Knabe war nun zehn Jahre alt und sollte im Herbst das Gymnasium beziehen. Sein Vater wollte sich und sein Kind dem düstern Anblick aller der vertrauten Dinge entziehen, welche an die Mutter erinnerten. Auch war der Uebergang zur höheren Schule eine so entscheidende Wendung, daß es ihm gerecht schien, dem Buben vorher eine Stärkung und Erholung zu vergönnen. Darum beschloß er, ihn in die Heimat zu führen, ihm die ganze kleine, große Landschaft zu zeigen, aus welcher seine Familie stammte, und wo sie zum Teile noch versammelt war. Seit seiner Freierschaft war er nicht daheim gewesen, nun wollte er sein Geburtshaus wiedersehen und sich bei seinen Leuten so gut es gehen mochte, der herben Notwendigkeit des Schicksals getrösten. Als Dieter mit dem wohlgeratenen Volksschulzeugnisse heimkehrte, machte er ihm von der bevorstehenden Reise Mitteilung. Am kommenden Tage sollte sie angetreten werden. »Da hast du Geld,« sagte er »vielleicht brauchst du dies und das. Abends werden wir einpacken.« Welche Fülle und Herrlichkeit versprach sich dem Ueberraschten, der zum erstenmal in die Welt hinaus sollte! Höchste Zeit, das Nötige zu besorgen! Sein Vater war, weiß Gott, ein braver Mann, ihm diese paar Sechser in die Hand zu geben, ohne weiter zu fragen, was damit angeschafft werden sollte. Hat doch auch ein Bub seine besonderen Ausrüstungsgegenstände und Reisenotwendigkeiten, die einen Alten nichts kümmern, weil er davon nichts versteht. Wenn ein Alter dies aber weiß und sich eben darum auch nicht weiter dareinmischt, versteht er es doch wohl aufs beste. In aller Eile, aber mit allem Behagen, ging Dieter nun auf seine Besorgungen aus, recht als wohlhabender Privatmann, dem die Gassen freundlich zuschauen und der keine Schule hat. Er verdankte die Kenntnis entlegener Stadtgegenden einer eigentümlichen Gepflogenheit seiner Eltern. Sie meinten nämlich für verschiedene Waren die besten und wohlfeilsten Bezugsquellen zu kennen und blieben den erprobten Geschäften treu, wo immer sie wohnten. So wurde der Essig immer aus dem Laden in der Marktgasse, das Rauchfleisch immer von einem Selcher in Hernals und das Brot, echtes Olmützer Schwarzbrot, von einem Händler in der Praterstraße bezogen, welche Einkäufe, seit er allein fortgeschickt werden konnte, stets unser Dieter zu besorgen gehabt hatte. Besonders das Brot holte er gern von der Praterstraße, weil sich nebenan ein wunderbares Geschäft befand, das alle Schätze seiner Welt in einem hohen Auslagefenster enthielt und darstellte, ohne daß er sie, selbst eine ganze Stunde davorstehend, völlig ergründen konnte. In diesem Laden nahm er auch stets seine eigenen, tagelang erwogenen, mit den gesammelten spärlichen Kreuzern zu bestreitenden Einkäufe vor und betrat ihn niemals ohne Schauer und Demut, denn der Inhaber genoß als Besitzer solcher unermeßlicher Herrlichkeiten und als gestrenger, würdiger Mann seinen höchsten Respekt. Es war keineswegs leicht, alles zu erlangen, was man begehrte; der Kaufmann ergab sich nicht jedem beliebigen Wunsch, sondern prüfte auch dessen sittliche Berechtigung, und andererseits mußte, bevor sich das teuere Geld aus der fest geschlossenen Hand löste, auch unter den erwünschten Gegenständen die genaueste Wahl getroffen werden, sollten sie doch tunlichst wohlfeil, aber möglichst kostbar, ja unersetzlich sein und bleiben. Kurz, es war eine arge Lust, hier als Käufer zu bestehen. Diesen Laden suchte Dieter auf und stand, bevor er eintrat, eine geschlagene Stunde vor dem Schaufenster. Es sei vergönnt, Herrn Hermann Schreiers Auslage hier so eingehend zu beschreiben, wie der junge Dieter sie sah. Das war im Grunde ein Zehn- und Zwanzigkreuzer-Geschäft, denn nur wenige Gegenstände erfreuten sich höherer Preise, vielmehr sollte alles, was begehrt werden konnte, vorhanden und jedem erschwinglich sein. Zur Vorsorge für Käufer fremder Nationen fehlte übrigens nicht einmal die Inschrift: On parle français und English spoken here. An dem großen Schaufenster war unten ein schmaler Aushängekasten befestigt, der bis zum Erdboden reichte, so daß auch jene Kleinsten auf ihre Rechnung kamen, die noch an der Hand der Mutter oder Kinderfrau vorbeispazierten und, um stehen zu bleiben, den Rock der Begleiterin festhielten. In diesem Erdgeschoß der Wunderauslage waren Holzschachteln mit Häusern, grünen Bäumen und Kisten, Holzdominospiele, eine Holzspritze um vier Kreuzer, Puppengeschirr aus Blech und Ton, ein Kegelspiel, Soldaten auf Holzfüßen oder aus buntlackiertem Zinn, für ländliche Wirtschaften gab es Butterfässer und Melkeimer, ferner Bausteine, dann Schellen mit Handhabe aus Veilchenholz, welches den Zahnwuchs fördert, Peitschen aus Leder, Katzen, Hunde und Hasen aus Fell, höchst naturgetreu, eine Blechlokomotive und Nudelwalker, nackte kleine Porzellanpuppen, die man baden und bekleiden kann, ein Kaleidoskop, Glas- und Steinkugeln, Kanonen und Zinnpfeifchen. Höher oben begann die eigentliche Auslage, vom Inhaber so angeordnet, daß in der verschiedenen Augenhöhe der Betrachter gerade diejenigen Gegenstände auffielen, welche dieser Größe und diesem Lebensalter besonders wichtig scheinen mußten. Darin dürfte sich Hermann Schreier als Menschenkenner und Geschäftsmann wahrscheinlich kein einziges Mal getäuscht haben. Da hingen Angeln, hingen Christbaumkerzen, fünf Stück zu einem Kreuzer, Nachtigallflöten um einen Kreuzer, Stehaufmännchen, Gummiköpfe, welche auf einen Druck die Zunge zeigen, Gummibälle, Reibschalen für Farben und Farben selbst, drei Stück um einen Kreuzer, Maultrommeln, Kreide, bunte Bleistifte, Räucherpapier, größere Puppen mit blonden oder schwarzen Haaren, in Kleidern und Hemden, eine Laterna magica, Revolver mit Kapseln, Notizbücher um einen Kreuzer, winzige Märchenbücher »Hänsel und Gretel«, »Dornröschen« oder »Aschenbrödel« um einen Kreuzer pro Stück, Eintrittskarten-Blocks für Kindertheatervorstellungen, Fahrkarten für Reisen, Schüler-Kalender zu acht Kreuzer, Federn in allen Formen. Noch höher Brillen, Kneifer und Monokel aus Fensterglas, falsche Goldketten, Magnesiumbänder, welche entzündet, das herrlichste elektrische Bogenlicht erzeugen, Federmesser, Zigarettenhülsen, schwarze Jettperlen-Ketten für Frauenzimmer, Ordenssterne aus Papier oder Blech gepreßt, Schwämme, Figuren für Krippenspiele, Gebetbücher aller Bekenntnisse; Herr Schreier war als Jude duldsam, als Geschäftsmann weitblickend. An den Seitenfächern stand, was ein armer Soldat oder ein Dienstmädchen etwa braucht, zum Beispiel Porzellanschalen mit gold- oder buntbemalten Namen: Katharina, Pepi, Josef, Wäsche aus Trikot oder Chiffon, gesteifte Vorhemden, Kragen aus Leinwand oder Zelluloid, Manschetten und Knöpfe, Kragenhalter, Krawattennadeln mit den Wappen und Farben aller Staaten der Welt, ein Universalkitt, Schuhwichse, Fleckseife, Zahnpulver, Seifen, Gasglühnetze, Maulkörbe, Tragriemen, Reitpeitschen, Kindergeigen, Säbel, Kaffeemühlen, Gesellschaftsspiele, Kämme, Haar- und Kleiderbürsten, ein Erdglobus, Klarinetten, Rechenmaschinen, Glaswaren, Leuchter, ein Hutschpferd, Lampions, Eßbestecke, Reisetaschen aus Leder, Wachsleinwand oder Pappe von einer Krone aufwärts, Gamsbärte für Jägerhüte, Thermometer, Dampfmotoren für Spielbetrieb, Trompeten, Schlittschuhe, Vorhängeschlösser; in Schmalfenstern: Kalender, Ansichtskarten mit zärtlichen Figuren und komischen oder höhnenden Versen und noch vieles, was man etwa nicht gleich wahrnahm oder würdigte, alles, was man brauchte und noch um tausend Dinge mehr, aber um kein einziges zu wenig. Als Käufer stolz und doch befangen, trat Dieter in den Laden. Er hätte sich gerne nach dessen inneren Herrlichkeiten umgesehen, doch gönnte die Gegenwart des strengen Ladeninhabers keine Zeit zu solchen Umschweifen. Dieter sagte beklommen und höflich »Guten Tag«. Herr Schreier gab es zurück und fügte hinzu: »Was willst du?« Nach kurzem Besinnen entschloß sich Dieter, seine Wünsche nicht auf einmal, sondern der Reihe nach bekannt zu geben und verlangte zuerst ein Federmesser. Hermann Schreier führte allerdings Federmesser mit mehreren Klingen und mit Heften aus Bein oder Horn, aber weil er Dieters Zahlungsfähigkeit gering einschätzte, legte er ihm nur Taschenfeitel zu vier Kreuzern mit rotem Holzheft und einer simpeln Eisenklinge vor. Schüchtern äußerte Dieter, er möchte ein großes Messer mit Hirschhornheft und zwei Stahlklingen bekommen. Herr Schreier runzelte die Stirn und rügte dieses Verlangen, wobei er jedes im Gaumen geborene Wort langsam über die Zunge gehen und noch von deren Spitze zurückhalten ließ, was einen zögernd, aber gewichtig mißbilligenden Zischlaut bewirkte. »Was brauchst du zu haben ein so großes Messer? Das hängt dir in der Hosentasche so schwer, daß es ein Loch macht, und die Buben werden einseitig davon.« Mit Mühe bestand Dieter auf seinem Begehren. Achselzuckend zeigte der Kaufmann das Gewünschte und nannte stirnrunzelnd den Preis, nicht ohne streng auf die Höhe solcher überflüssigen Ausgabe hinzuweisen. Er vermutete offenbar, sein Kunde hätte gar nicht Geld genug und würde schließlich doch auf den Taschenfeitel zurückkommen müssen. Aber diesmal hatte er sich getäuscht, Dieter bemängelte weder den Preis, noch zeigte er sich darüber besonders erstaunt, sondern er prüfte die Ware, besah die Klingen und ihre Marke und legte eine ganze Reihe von Messern vor sich hin, bis ihm Herr Schreier wieder Stück um Stück entzog und in die Lade zurückräumte, so daß nur das erstbesehene übrig blieb: »Du wirst das da nehmen, es ist das beste sag' ich dir.« Und dann wollte Dieter ein Notizbuch. Herr Schreier brachte eines in blauem Pappendeckel mit Golddruckaufschrift: »Notes.« Dieses Wort mißfiel Dietern sehr, er verlangte eines ohne Aufdruck. »Was heißt das?« brummte Herr Schreier, »eigens für dich wird man eines machen ohne Notes? Notes ist schön, Notes ist englisch, Notes ist von Gold, nimm es nur.« »Aber es ist ja liniiert,« wendete Dieter ein. »Natürlich ist es liniiert.'' »Aber die Linien sind schief.« »Grad liniieren wird man's, eigens für dich, mein Kind und alles um fünf Kreuzer. Und dann sind die Linien doch gar nicht schief.« Dieter fürchtete, der Herr Schreier würde ihm bei langem Sträuben auch dieses Exemplar entziehen, daher nahm er es schließlich doch noch an. Weiter benötigte er einen Kalender. »Jetzt, im Juli willst du einen Kalender? Was für ein Unsinn, wenn das halbe Jahr schon um ist. Warum hast du nicht zu Neujahr einen gekauft?« »Ich möchte einen Kalender um einen Kreuzer.« Herr Schreier lachte ingrimmig: »Kostet in dem Dreckstaat für jeden Schmarrn ein Stempel mindestens seine fünf Kreuzer, und so ein Jüngel will haben einen ganzen Kalender um einen Kreuzer. Zehn kostet er, meiner Seel'.« »Weil das halbe Jahr schon um ist, heut' haben wir ja bereits Juli. Alle Tage bis zum heutigen gelten doch nicht mehr,« wendete Dieter ein. »Nein, mein Lieber, der Kalender ist für das ganze Jahr, und du kannst vielleicht einmal brauchen, nachzusehen, was für ein Tag der zehnte Februar gewesen ist, oder sonst etwas und wirst es genau finden.« So wurde auch der Kalender genehmigt. Der letzte, aber wichtigste Wunsch: eine Angel. »Wozu eine Angel?« »Zum Fischen.« »Natürlich, zum Vogelfangen brauchst du keine Angel! Aber in Wien wirst du damit herumstreichen, wo es verboten ist, und sie werden dich hoppnehmen mit deiner Angel, und dann werden sie dich fragen, wo du sie her hast, und es wird heißen, der Hermann Schreier hat sie dir verkauft und du hast damit was angestellt, was nicht erlaubt ist.« Erst als Dieter versichert hatte, er werde nur in Böhmen damit fischen gehen, durfte er die Angel an seinem Daumennagel prüfen und die allerfeinste auswählen. Nun war er ausgerüstet; am Abend legte er alle diese kleinen Gegenstände beiseite, da sie der Vater nicht zu sehen brauchte, der seine eigenen Habseligkeiten in ein großes, die seines Buben in ein kleines Bündel schnürte, und am Morgen zogen sie ab und fuhren nach Prag, wo sie einen ganzen Tag spazieren gingen. Die alte, merkwürdige Stadt fiel dem Knaben nicht sonderlich auf, denn derlei Gassen mit dunkeln Palästen und unheimlichen Winkeln gab es ja auch in Wien und man mußte wo zu Hause sein, um ein solches Durcheinander mit Muße zu ergründen. Aber etwas anderes entdeckte und würdigte Dieter zum erstenmal: den Wert des Lesens. Daß die Buchstaben und ihre Zusammenstellung zu Worten, Zeilen, Sätzen, die Begriffe des Gedruckten oder Geschriebenen, eine lebendige Bedeutung hatten und wirklich notwendig waren, ergab sich ihm jetzt erst, als er beim Umherstreichen die unzähligen Tafeln und Firmenschilder, Plakate und Anzeigen las und jedes einzelne erwog. Fürwahr: Prag war die »geschriebene Stadt«, denn jedes Firmenschild wies zwei Sprachen, damit der Deutsche und der Tscheche es verstand und sich einprägte. Dazu war es gemacht, dazu dienten die Lettern. »Adam Müller, Optiker«, daneben war gleichberechtigt zu lesen: »Adam Müller, Optikaž«, und jetzt wußte jeder, woran er war, abgesehen von der großen, blauen, goldgeränderten Brille, die als Ladenzeichen aushing. Hernach fuhren sie die Nacht durch und kamen bei Morgengrauen in eine kleine tschechische Stadt, am Fuße jener allmählich ansteigenden Wälder und Wiesenhügel, von deren Höhe eine erbgesessene deutsche Bauernbevölkerung auf die »Bihmschen« herabsieht. So nennt sie die Tschechen, die in der Ebene angesiedelt, die Festung des bescheidenen Hochplateaus rings umlagern, nicht ohne da und dort vorzudringen. Nun wanderten sie früh am Tage durch einen mächtigen alten Wald von Tannen und Fichten, aus welchem hier und da weiße Birkensäulen schimmerten. Viele Wege führten in die Kreuz und Quer. Jezuweilen öffnete sich eine Lichtung, und dann sah man auf schön ineinander übergehende Wiesenkuppen, die dem großen Himmel eine gewölbte Fläche eng anzuschmiegen schienen. Aber der Vater belehrte den Jungen, daß in Wahrheit zwischen diesen Kuppen enge, waldige Täler verborgen seien, an kleinen, raschen Bächen, und daß diese Täler nach allen Richtungen hinzögen, so daß man unversehens aus einem weiten einerlei der waldigen Höhe in die mannigfachen Winkel gerate, wo geschützte Nester von Bauernhöfen und Mühlen am Wasser lägen, von welchen man aber wieder hinaufsteige, wo der Himmel der nächste Nachbar sei und wieder in ein neues Tal und so fort, auf und nieder, so daß ein kleiner Umkreis Landes sich recht merkwürdig gleichsam um den wandernden Menschen drehe und wende und von allen Seiten besehen lasse. Nach einigen Wegstunden kamen sie ins »Stadtla«, so heißt ein Marktflecken, welcher die kleine Landschaft beherrscht, indem er sie mit den Gütern versorgt, die in der Ferne erzeugt und doch von der Wirtschaft hier gebraucht werden, aber der Ort blieb gleichwohl ein Dorf, die Rückseiten der Häuser stießen unmittelbar an Felder und Obstgärten, und verließ man den Hauptplatz, so stand man auch schon mitten in der freien Welt. An einem Wohnhause sah man Bretter lehnen und hörte Hämmern und Sägen aus der Werkstatt. »Da gehst du hinein«, befahl der Vater, »und fragst: wohnt hier ein gewisser Josef Dieter? das ist nämlich mein Brudersohn, dein Vetter.« Gehorsam ging der Junge in die Werkstatt, wo der Meister, eine qualmende Pfeife im Munde, vor der Hobelbank stand, während etliche Gesellen und Lehrlinge gehorsam schafften. Der Bub blieb bei der Türe stehen und sagte wie ihm geheißen war: »Wohnt hier ein gewisser Dieter?« Der Meister nahm langsam die Pfeife aus dem Munde und schien erst den unbekannten Frageburschen ergründen zu wollen, ehe er sein erstauntes »Ja« sagte, aber bevor er noch etwas weiteres hervorbringen konnte, hatte Dieter schon kehrt gemacht und war bei der Tür draußen neben dem Vater, der ihn ansah. »Hab's ausgerichtet.« Der Vater dachte, man wird ja sehen und ging weiter, der Sohn neben ihm. Nun schritten sie schon ein Stück vom Städtlein weg bergauf unter den Ebereschen und Ahornen, welche die Straße einsäumten, als sie plötzlich hinter sich etwas schrittweis klappern und endlich den Ruf hörten: »Herr Onkel, Herr Onkel.« Das war der gewisse Josef Dieter, der Brudersohn, der im grünen Schurz und in den Holzpantinen hinter ihnen herlief. Der Meister hatte ihn unverzüglich gerufen und ihm gesagt, ein kleines Bürschlein habe nach ihm gefragt, sei aber gleich auf und davon gegangen. Nun habe er um Erlaubnis gebeten, nachzuschauen, wer ihn denn aufgesucht. Der Vater Dieter begrüßte den Neffen und wollte ihn wieder zur Arbeit zurückschicken, der aber, froh, auf so schöne Art einen freien Tag zu kriegen und mit einem unverhofften Onkel durchs Grüne zu streichen, ließ sich nicht abfertigen. Er wolle mitgehen, der Meister werde ihn schon entschuldigen. Also trabte er in seinen Pantinen zur Linken, Dieter zur Rechten des Mannes, und der Alte fragte den Tischlerbuben um alles, was der von der Heimat wußte und stand seinerseits dem eigenen Sohne Rede, der sich auch um alles erkundigte, was es da unter der Sonne zu sehen gab. So kamen sie selbdritt in das erste Dorf, wo der Vater des Tischlerbuben hauste; das war ein Schneider, wie weiland der Vater der Dieters. Mit dem Handwerk war auch das Häuschen der Eltern auf ihn übergegangen. Es stand in einem Tal an einem Bache und hatte ein paar Aecker rechts und links und eine baumbestandene Anhöhe im Rücken. Die Gäste traten über eine kleine Holzstiege in einen schmalen holzgedeckten Vorraum, dieser führte nach hinten in den Stall, während man durch eine Tür gleich in einen schmalen Gang kam, welcher das Haus der Tiere und der Streu von dem der Menschen trennte. Zur Rechten des Passes klinkte man wieder eine Tür auf und war mitten in der Werkstatt und im Wohnzimmer, in der Küche und im Schlafsaal des Dieterschen Ahnenschlosses, in einem niedrigen Raume, der nach Holz und Heu, nach Rauch und Tuch roch und aus dessen niederen Glasfenstern man über das ganze Tal schauen konnte. Vor einem dieser Fenster saß auf einem Stühlchen ein kleiner, gebückter, grauer Meister über der Näharbeit. »Ei, der Herr Bruder,« rief er erstaunt, als er den hochgewachsenen jüngeren Mann eintreten sah, zu welchem er in jeder Beziehung emporschaute als zu einem, der es weit gebracht, dem er in keinem seiner seltenen Briefe seine demütige, aber treuherzige Reverenz zu bezeugen unterließ, indem er stets als »dein hochachtungsvoll ergebener Freund und Bruder Leopold« schloß. Das war eine Freude des Wiedersehens, und daß gar der Herr Bruder seinen Herrn Sohn mitgebracht hatte! Und welch ein Glück, daß er gerade heute eine so dringende Arbeit zu Hause besorgte, denn im Sommer pflegte er sonst nicht zu nähen, sondern, da sein eigener Acker bald bestellt war, bei den größern Bauern auf Taglohn im Felde zu schaffen. Und gleich bedeutete er auch seinem Sohn, dem Tischlerbuben, dies und jenes zu holen, denn seine Gäste müßten bei ihm wohnen und ihm die Ehre geben. Der Vater Dieter wehrte ihm vergeblich, und auf die Frage, ob sie denn hier Platz finden könnten, schaute ihn der ergebene Bruder Leopold vorwurfsvoll an und sagte: »Haben wir denn nicht als Kinder mit den Eltern allesamt hier gewohnt?« »Freilich wir sechs Brüder, und jeder Bruder hat noch zwei Schwestern gehabt. Wie viel Kinder waren wir also?« wandte er sich zu seinem Sohn, welcher zaudernd die Unzahl erwog. »Acht. Du Rechenmeister.« Der Bruder Leopold lächelte still in sich hinein. Der Tischlerbub mußte den Herrn Onkel und Neffen auf die »Bühne« führen, so hieß der Dachboden, der als Gastraum verwendet wurde. Da duftete das gute Holz des alten Hauses und das trockene Heu, aus dem offenen Fenster sah man auf die Baumwipfel und hörte deren Rauschen, durch welches das gluckende Murmeln des Baches flüsterte, wie eine schalkhafte und schwatzende in eine tiefe und brausende Stimme. Drunten wurde ein Mahl gerüstet, und man verzehrte eine großartige Eierspeise, in welche Dieter der Aeltere eine mitgebrachte gute Wurst spendierte, dann ging man spazieren und besah den kleinen Umkreis der engeren Heimat und brachte den Nachmittag hin und legte sich zeitig auf der Bühne nieder und vernahm schon im Einschlafen das leise, unablässige Zwiegespräch von Baum und Bach, während der Wohlgeruch von Heu und Holz einen Dufttraum ausbreitete, in welchem man schlummernd wie in einer wehenden Höhe schwebte, und erwachend sich glücklicher wiederfand, als ringsum die Hähne krähten und ein Himmel voll Gold durch das kleine Dachfenster leuchtete. »Auf!« rief der Vater und sprang empor, der Sohn ihm nach, die Holztreppe hinab, aus dem Haus an die Quelle, wo der Vater das Hemd abwarf und ins Wasser sprang, Dieter tat gehorsam das Gleiche und schauerte lustig im kalten Bache. Damit war man für die strengste Wanderschaft bereit. Der Vater gedachte heute alle Orte und Winkel und Leute aufzusuchen, die er kannte. Zur Feier des Tages sperrte auch der stille kleine Onkel Leopold das Ahnenschloß zu und ging in seinem schönsten schwarzen Rocke, eine Tuchmütze auf dem grauen Haar, einen Stock in der Hand an der Seite des Bruders, ja, er gestattete sogar seinem Sohne, dies einemal blau zu machen und mitzuziehen, aber ohne Feiertagskleider, in Hemdärmeln, grünem Schurz und Pantinen, damit er gleich wieder an seine Arbeit zurückkehren konnte und für die Hobelbank bereit war. So wanderten sie zu viert weiter. Da sprang der Bach längs der Straße und nahm bei jedem neuen Weg einen neuen Bruder auf, die Hähne riefen einander triumphierend ihren Morgen- und Trotzgesang zu, und im Wald gab es manchmal das hellste Durcheinander von Vogelstimmen. »Was haben wir denn für Vögel hierzuland?« fragte Dieter der Vater, mehr um sich zu besinnen und seinem Buben das Richtige zu sagen, als weil er es nicht etwa selbst genau genug wußte. Und der Onkel Leopold zählte auf: »Da haben wir also die Grasmücke und die Lerche, und wir haben den Finken und die Bachstelze, und die Drossel haben wir, die singt aber erst, wenn das Laub ganz dicht ist, damit sie die andern nicht finden, denn sie ist ein Lauervogel, und viele Vögel haben wir.« Aber dann schwiegen die Alten wie die Jungen. Der Onkel Leopold überlegte nämlich in seiner Herzensfreude, womit er den Bruder und Neffen so recht ehren könnte, bis er, wie es sich für einen Handwerker geziemt, endlich auf sein Handwerk kam, denn dieses allein bezeugt mit dem geschicktesten und liebevollsten Tun das beste Herz selber. Und als er solches beschlossen hatte, fragte er den Bruder bescheiden, ob dieser wohl gestatte, daß er seinem lieben Neffen eine Hose nähe, welche aus gutem Tuch gefertigt, ordentlich halten und stattlich aussehen solle. »Freilich, freilich, und schönen Dank sollst du dafür haben,« bekräftigte der Vater Dieter, sein Bub brauche ohnedies mehr Hosen als recht, eine neue sei immer erwünscht, und gar eine Hose von daheim. Da nickte der Onkel Leopold und lächelte zufrieden und schwieg wieder, und schweigend stiegen die vier die Straße hinan. Was schritt dort höher oben für ein wunderlicher Gesell vor ihnen, man sah ein schiefes Hütel auf blondem, glattem Haare sitzen, der Mann aber ging eigentlich nicht, sondern sprang und hüpfte und schlug sich mit einer Weidengerte auf die Schenkel, als triebe er ein Pferd an! Wahrlich, der trabte auf Schusters Rappen! »Den sollt' ich kennen,« rief der Vater Dieter. »Das ist wohl der Schuster-Siebert-Vetter, irr' ich nicht.« »Ja, ja, wird's wohl sein,« bestätigte Onkel Leopold. Der edle Renner stand still und wurde begrüßt. »Alle Schuster haben Quecksilber in den Beinen,« sagte Dieter der Aeltere. Der Siebert-Schuster lachte. »Das wohl, das wohl, aber keiner hat Geld in der Tasche.« Den Schustern ist draußen unter den Bauern kein dankbares Handwerk beschieden, sie müssen talauf und -ab auf die »Stör« traben, das heißt, sie kehren in den Höfen ein, wo es gerade ein paar Schuhe zusammenzuklopfen oder zu flicken gibt, essen ein, zwei Tage mit und ziehen weiter, wenn alle Stiefel versorgt sind. So war auch der Siebert-Schuster wieder einmal unterwegs und trieb sich mit seiner Gerte an, damit seine hungrigen Beine weitermachten. Aber nicht bloß das Handwerk, auch die Laune und das ganze Wesen des Gesellen war beweglich und auf ein stetes Abschnurren gerichtet; wenn er irgendwo saß, brauste es ihm in allen Gliedern, so daß er sicherlich irgendein Teufelsfeuerwerk eines tollen Streiches aufsteckte und sehr bald wie eine Rakete, nicht ohne Hinterlassung eines übeln Nachgeruches verduften mußte. Hatte er irgendwo unten im »Bihmschen« etwas gar zu Arges angestellt, so pflegte er auf seinen Rappen durch den großen Wald hinaufzujagen und sich in seinem Häuschen zu verkriechen, denn er besaß in dem stillsten und tiefsten Talwinkel auch ein allerkleinstes, freilich recht unwohnliches und armseliges Anwesen, das doch ein Bett und einen Ofen hatte, wo man den Winter und die Vergebung der Sünden abwarten konnte. Dorthin flüchtete er denn und lugte aus, ob etwa die Gendarmen ihn suchten. Denn seine Taten kamen gelegentlich auch mit der strengeren Auffassung der Gesetze in Widerspruch. Wurde er betreten, so brummte er ein paar Tage im Loch, um dann recht befreit und auch der Reue enthoben, von neuem seiner Schalkheit mit seinem Gewerbe nachzugehen. Der Vater Dieter besann sich gleich auf einen wohlbekannten Spaß dieses Vetters. Der habe sich einmal von einem armen Häusler und Weber, der gar inständig bettelte, als Firmpate für dessen sechsten Buben anwerben lassen. Der Siebert-Schuster war damals in der Tat bei Gelde, führte sein Patenkind ins »Stadtla« zur Firmung, bewirtete es anständig und schenkte ihm schließlich eine goldene Uhr samt Kette. Das Zifferblatt zeigte, wie er dem überglücklichen Knaben unter Vergleich mit der Kirchenuhr dartat, genau die gegenwärtige Stunde. Aber er dürfe das kostbare Werk nicht immer aus der Tasche holen, oder gar aufziehen, denn es sei recht zart angefertigt und leicht beschädigt, vielmehr solle er es abends dem Vater abliefern, damit dieser es aufbewahre und nur an Feiertagen ausfolge, denn eine goldene Taschenremontoiruhr müsse ihren Eigentümer von Rechts wegen um mehrere Geschlechter überleben. Gehorsam hängte der Firmling die Uhr in die Westentasche ein und blickte nur verstohlen aber beseligt auf die baumelnde Kette nieder. Abends lieferte der Siebert-Schuster seinen Schützling den Eltern ab. Der Knabe deutete entzückt auf seine Kette und wollte schon die Uhr vorweisen, doch ließ er gleich davon ab, wie von etwas Brennendem, als sein Pate mit erhobenem Finger warnte. Auch den Gevattersleuten schärfte er, wie dem Knaben, die größte Schonung des feinen Uhrwesens ein. Das fanden die Armen, welche niemals ein so zartes, schlagendes und lebendes, goldenes Ding gekannt, geschweige denn besessen hatten, durchaus in der Ordnung. Und als Menschen, welche wußten, was sich schickt, bezähmten sie ihre Neugierde und versparten sich den Anblick auf später, bis der gütige Spender fortgegangen wäre. Unterdes nötigten sie ihn zu einem bescheidenen Schmause, womit sie sich für die hochherzige Mühewaltung erkenntlich zeigten. Der Siebert-Schuster tat sich gütlich; endlich empfahl er sich bei Anbruch der Dunkelheit, von den Segenswünschen der Leute begleitet und verschwand in der schützenden Nacht. Kaum war er draußen, als der Knabe die Uhr zog und auf den Tisch legte. Aber sie ging nicht und zeigte noch immer die gleiche Stunde, wie in der Frühe vor der Kirche. Die Eltern fürchteten, sie sei von dem Ungeschickten etwa beschädigt worden, und der Vater zog das Werk auf, hatte jedoch kaum zu drehen begonnen, als der Deckel, von einer Feder emporgeschnellt, absprang. Statt eines Schweizer Räderwerks wies sich ein uhrförmiger, echter, reifer Olmützer Quargel im Gehäus und stank. Der geprellte, geschenkgierige Vater stürzte vors Haus und schalt mit voller Stimme in die Nacht hinein. Aus der Weite lachte es zurück: »Hast du sie richtig aufgezogen?« Als der Vater Dieter dies erzählte, lächelte der Siebert-Schuster stillzufrieden Bestätigung. Der Siebert-Schuster wanderte mit. Drauf kamen sie in ein einsames Häuslein, wo eine Muhme Weberin saß. Sie hatte dem Vater Dieter, als er von der Heimat wegging, ein schönes, kristallenes Trinkglas geschenkt, auf welchem ein bescheidenes Phantasielandschäftchen mit zwei Figuren und einer merkwürdigen Aufschrift eingraviert war. Ein Jägersmann hielt, einen Vogelkäfig in der Hand, vor einem Fräulein. Darunter las man: »Nach mein' Verlangen tu ich Vögel und Mädchen fangen.« Dieser Becher war mit dem Wandernden allenthalben treu und unbeschädigt mitgezogen, bis er zu Wien im Schranke eine hochgeehrte Ruhe fand. Für dieses Erinnerungszeichen, durch dessen klare Wände, hielt man's gegen das Licht, die Sonne doppelt strahlend, wie eben nur in der Heimat schien, hatte der Vater Dieter längst ein passendes Gegengeschenk ausgesonnen, wenn er die Spenderin einmal wieder aufsuchen und lebendig antreffen würde. Nun saß sie, obschon recht gealtert und gebückt, doch noch ganz munter an dem Webstuhle, dessen Lade sie auf und nieder schlug, ihr vorgeschriebenes Stück Oxford anfertigend. Als der unerwartete Besuch, fünf Mann hoch, in die kleine Stube eintrat, erhob sie sich ganz überrascht, sah erstaunt die Gastschar an, stand verdutzt vor dem erwachsenen, bärtigen Neffen und seinem Sohne, bis sie den Inhaber ihres Kristallglases erkannte. Da begann sie zu schluchzen und zu lachen und in der eigentümlich gedehnten Mundart, welche jedes freundliche Wort gleichsam liebkost und mit allem Schmuck der zärtlichsten Gesinnung hinausschickt, zu stammeln: »Schön willkommen, Dieter-Sephes-Sohn, daß ich das noch erleben darf. Hätt' ich ja gar nie geglaubt, daß ich dich noch wiederseh', und das ist am Ende gar dein Sohn, so ein großes, liebes Bürschlein, nun so setzt euch alle.« Dieter und sein Bub nahmen gleich auf der Fensterbank Platz, welche um die ganze Stube lief; der Siebert-Schuster-Franz, als ein unbesorgter Mann von Welt, tat desgleichen, aber der Onkel Leopold und sein Tischlerkind blieben bescheiden bei der Tür stehen, denn es schien ihnen nicht geziemend, so ohne weiteres sich niederzulassen und breit zu machen. Der graue Schneider murmelte: »Ich hindre wohl, ich hindre wohl.« »Ei, was dir nicht einfällt, du hinderst nicht, setz' dich gleich,« nötigte ihn der Bruder Dieter, und die Alte fragte, was sie denn ihren Gästen vorsetzen dürfe. »Ich habe dir einen Kaffee mitgebracht, den kennst du vielleicht nicht, gibt ein gutes Getränk, Milch hast du wohl, nun koch uns einen braven, warmen Kaffee.« Damit händigte er ihr einen Papiersack mit feinen Jamaika-Bohnen ein, denn, so unglaublich es schien, in dieser Webergegend kannte man damals das Allerarmenweltsgetränk noch gar nicht, welches nachher binnen Kürze in den schlechtesten und gefälschten wohlfeilen Sorten alle Gebiete des Elends und Hungers als Hauptnahrungsmittel eroberte. Zu dieser Zeit behalf man sich noch mit Einbrennsuppen, Milch und Kartoffeln. Die Muhme ging mit ihrem Papiersäckchen in die Küche nebenan und ließ ihre Gäste in der Stube. Der junge Dieter besah den Webstuhl, dessen weite Holzarme wie die drohende, kümmerliche Arbeit sich ausstreckten, während an der Stubenwand ein altes Uehrlein tickte. Sein Zifferblatt stellte ein finsteres Gesicht dar, dessen Augen mit jedem Schlag des Zeigers sich drohend öffneten und wieder schlossen. Die Erwachsenen schwatzten, schwiegen, begannen wieder zu sprechen; die Augen der Uhr rollten lange Zeit, und es war wohl eine Stunde vergangen, ohne daß die Muhme wiederkam. »Was ist denn mit unserm Kaffee?« sprach Dieter der Vater, und ging in die Küche, um nachzusehen. Er fand die Alte, wie sie vor ihrem Herde in einem Wassertopfe über dem Feuer verzweifelt umrührte. »Die Beeren wollen und wollen nicht weich werden,« sagte sie. Da mußte Dieter lachen: »So weißt du nicht, wie man den Kaffee macht? Freilich, ich hätte mir's denken sollen, hast auch keine Kaffeemaschine, aber wir werden gleich Rat schaffen. Tu die Körner aus dem Wasser, röste sie trocken und gib mir einen Mörser.« Dann zerstieß er die Bohnen und bereitete selbst den Kaffee, der endlich wohlriechend auf dem Tische dampfte. Nachher schieden sie von der Muhme und stiegen wieder aus dem Talspalt zur Höhe hinauf nach einem Ort. wo weiland die Wiege des Dieterschen Geschlechtes gestanden war. Eine Kirche sah weit über zerstreute, kleine Holzhäuser; im Pfarrhof kehrten sie ein, und der würdige alte Geistliche begrüßte Dieter mit freundlichem Anstand. Er führte die Gäste in seine Kirche. Da gab es ein braunes, dunkles Gestühl, einen kleinen Altar und an der Wand ein wunderliches, unbeholfenes, altes Oelgemälde, das den Ort mit seiner Kirche darstellte, zu welcher von den Wiesen und Anhöhen ringsum die Leute ab- und anstiegen. »So hat es hier vor hundert Jahren ausgesehen, so sieht es heute noch aus,« sagte der Pfarrer, und zum jungen Dieter gewendet: »Hier sind deine Voreltern zu Hause gewesen und haben ihren Namen brav getragen und vererbt. Hier in diesem Hause hat der Gott deiner Leute gewohnt, es ist auch der deine; siehst du, auf dieser Bank ist noch der Name deines Großvaters zu lesen, der seinen Stuhl hier hatte.« In der Tat fand sich auf der Lehne noch ein Täfelchen, worauf »Dieter« gemalt war, so daß dem Enkel der dauernde Name seiner Familie in lebendigen Gestalten, wie in geschriebener Erinnerung, allenthalben entgegentrat. »Und diesen Altarhimmel hat dein Großvater genäht, ein sehr geschickter Mann, welcher darum der Paramentenschneider-Dieter-Sephe genannt wurde.« Dann aß man am gastlichen Tische des Pfarrers. Es entspann sich zwischen dem Geistlichen und dem Vater Dieter ein angeregtes Gespräch über alle Angelegenheiten der großen Welt, aus der dieser Gast wie ein seltener Bote gekommen war. Der würdige Herr interessierte sich für alle Dinge, von denen die Zeitungsblätter nur eine dürftige und mittelbare Kunde in seine Einsamkeit getragen hatten, während er nun durch den Bericht eines sachverständigen Zeugen Bestätigung und Erklärung erhielt. Der Bruder Leopold konnte an solcher gebildeten Wechselrede nicht wohl teilnehmen, sondern lauschte nur bescheiden, um wieder still sich in seine eigenen Gedanken zu vertiefen, der kecke Siebert-Schuster warf gelegentlich ein Scherzwort hinein, der Knabe Dieter und der Tischlerbub schwiegen ihr Teil dazu. Als aber das Gespräch in seinem Hin und Her für ein paar Augenblicke rastete, sah der Onkel Leopold, welcher im Geiste wohl die ganze Zeit an sein bevorstehendes großes Werk gedacht hatte, zu seinem Bruder schüchtern auf, rückte näher an ihn heran und fragte zaghaft: »Und einen recht großen Arsch werd' ich ihm in die Hose hineinmachen?« »Freilich, freilich, das tu nur,« bekräftigte der Vater Dieter. Und dann zog man weiter in die Hammermühle, wo man beim Müller und Gastwirt zu nächtigen gedachte, hinab in einen schattenden Bachwinkel. Die Mühle stand unter Bäumen, ihr Wasser scholl den Besuchern rauschend von weitem schon entgegen. In der Stube versammelten sich außer unsern fünfen der Wirt, der Sägemüller, der Messerschmied, lauter Jugendfreunde des Vaters Dieter; eine kleine Petroleumhängelampe erleuchtete den Raum, auch sie galt schon als sehenswerter Luxus, denn sonst brannte man noch allenthalben Kienspäne. Die waren in den Stuben beim Herde vorgerichtet, wurden angezündet, in Eisenringe gesteckt, und wenn sie rasch verglommen waren, gewechselt. Kannte man doch damals draußen nicht einmal die schwedischen Hölzer, sondern bereitete die Zünder selbst, kleine Späne in dickflüssigen Schwefel getaucht. An der Türe hing ein Feuerstein über einer Schüssel mit Holzmehl. Morgens stand die Hausmutter auf, schlug mit dem Feuerstein Funken aufs Holzmehl, steckte in die glimmende Masse das Schwefelholz, welches aufloderte und entzündete mit ihm die Wachskerzen und Oellampen. Das Anschlagen des Feuersteines aber erweckte das ganze Haus, gab das Zeichen zum Beginn des Arbeitstages. So bedeutete eine Petroleumlampe in der Hammerschenke immerhin einen modernen Fortschritt. Dem Vater Dieter fehlte aber noch ein Jugendfreund unter den Anwesenden. »Wo ist denn der Fingerschlosser?« Der Hammerschenke sandte nach dem Vermißten, der unweit der Mühle seine Werkstatt und einen kleinen Handel mit Bedarfsartikeln betrieb. Nach kurzer Frist trat der Fingerschlosser ein. Welch ein Riese! Gut um einen Kopf größer als Dieters stattlicher Vater, so hoch, daß er sich bücken mußte, um nicht an die niedere Decke der Wirtsstube zu stoßen! Der schwarzgelockte Riesenschädel saß auf breiten Schultern, und das Antlitz hatte den hellsten Ausdruck der Aufgewecktheit. Ein schwarzer Knebelbart wuchs an dem Kinn. Eine geschwungene Nase mit beweglichen Nüstern gab dem vollen Gesicht einen kühnen, leidenschaftlichen Zug. Und ebenso feurig wie die Blicke der dunkeln Augen war das Benehmen des großen Mannes, der so recht zum Rädelsführer geboren schien. Er schüttelte dem Vater Dieter die Hand und auch dem Sohne so fest, daß diesem die Gelenke krachten, aber so freundlich, daß der kleine fortan keinen Blick von dem großartigen Schlosser abwenden konnte. Der nahm nun breitspurig neben dem Vater Dieter Platz, es begann ein bedeutendes Zechen und Bescheidtun und wieder ein Gespräch von der weiten Welt ringsum, in welcher der Fingerschlosser trotz seiner Einsamkeit sich gar wohl auskannte, und von der er so viel zu erzählen wußte, als sei er eben noch in Paris gewesen oder in der Stadt Neuyork. Bei dem ganzen Lärm und inständigen Wechselgespräch war der junge Dieter an der Seite des Vaters doch müde geworden und hatte sacht entschlummernd seinen Kopf an dessen Schulter gelehnt, als er plötzlich durch einen heftigen Schlag auf den Tisch geweckt wurde. Den tat der Fingerschlosser mit voller Faust und rief: »Wo in der Welt gibt es noch ein Wirtshaus oder eine Restauration, ein Hotel oder Café mit einer so dreckigen Beleuchtung,« wies dabei auf die blakende Petroleumlampe und spie aus. Die armselige Lampe erlosch wie vor Schrecken, und im Dunkel hatte der Vater Dieter seine Mühe, den aufgeregten Schlosser zu beschwichtigen, während der gekränkte Hammerschenke flüsterte: »Ich sag's immer, mit dem Menschen nimmt's kein gutes Ende.« »Hier nicht, hier nicht!« donnerte der Schlosser. »Mich soll der Teufel holen, wenn ich noch einmal bei dieser Stallbeleuchtung sitze, das magst du nur glauben.« Dann wurde die Tafel aufgehoben, der Vater Dieter und der Fingerschlosser teilten die Zeche untereinander auf, der Fingerschlosser genehmigte fluchend noch einen Extraschnaps, und man ging auf die Bühne der Hammerschenke schlafen. Im Heu dachte der junge Dieter noch lange an den zornigen Riesen, der so weit herumgekommen war, als ein Schlosser, welcher aller Welt Riegel auftut und durch aller Welt Türen eindringt, als ein Gewaltiger, der aber doch gute Sitten kennt, denn er war der einzige, welcher hier in der Heimat zum Vater »Sie« sagte und über Politik und Maschinen sprach, als hielte er seine Hand am Rade des Steuers aller Reiche. Am nächsten Morgen trat Dieter, während der Vater noch weiterschlief, vor die Hammerschenke. Da kam ihm schon der Fingerschlosser entgegen und rief ihn mit seiner lauten Stimme an: »Grad' hab' ich dich holen wollen, jetzt gehst du mit mir.« Dieter folgte ihm. Sie schritten auf der schmalen Straße längs des Baches. Plötzlich blieb der Riese stehen und lachte den Buben königlich an: »Willst du Fische?« Dieter wußte nicht, was er antworten sollte. Der Schlosser beugte sich über das Wasser, zog mit einem Griff eine glänzende Forelle heraus und sprach: »Das ist ein Fisch,« drehte seiner Beute, welche sich in der Faust umherwand, mit einem Griff die Kiemen um und tot war der Fisch. So fing er eine zweite und dritte und vierte und tat das Gleiche und sagte jedesmal: »Das ist ein Fisch.« Dann ging er weiter, und nun standen sie auch schon vor seinem Hause. »Jetzt wollen wir sie braten.« In seiner Werkstatt entfachte er das Feuer an der Esse, er holte eine Pfanne, tat ein großes Stück Butter hinein und hielt das Geschirr über die offene Flamme; die Forellen begannen zu schmoren. Mit geschicktem Schwunge schmiß er sie hoch empor, bis sie fast an die Decke flogen und auf die ungebratene Seite in die Pfanne zurückfielen, mit welcher er sie unfehlbar auffing. Derart wendete er sie mehrmals um, bis sie gar wurden und sah dabei seinen Gast mit einem eigentümlich drohenden Lächeln unverwandt an, so daß Dieter den Spaß fast ernst nehmen mußte, als könnte auch an ihn die Reihe kommen, wenn es den Riesen nach Menschenfleisch gelüstete. Dann möchte er etwa sagen: »Das ist ein Mensch.« Nun stellte der Fingerschlosser die Pfanne auf den Tisch und griff nach einem Kalender, der dort lag. Geschickt riß er die zwischen den gedruckten Monaten eingefügten leeren, weißen Vormerkblätter heraus. »Das ist der April,« rief er, »für die erste, das ist der Mai für die zweite, das ist der Juni für die dritte, der Juli für die vierte und heute haben wir den August für das Ganze. So, da nimm,« und reichte zwei knusprige Fische, in das Papier geschlagen, seinem Gast, während er die zwei anderen selbst verspeiste. Dann entließ er den Knaben mit besten Empfehlungen an den Vater. Die beiden Dieter verbrachten noch einen Tag und eine Nacht in der Hammerschenke. Am anderen Morgen kam eine heulende Frau herbeigestürzt, die Fingerschlosserin, und erzählte, ihr Mann sei auf und davon gegangen und wies einen Zettel, es war das Vormerkblatt des Monats September aus dem wohlbekannten Kalender. Da war aufgeschrieben, der Fingerschlosser lasse alle schön grüßen, er mache nach Amerika. Das Schmoren der Forellen über der Esse war sonach seine letzte Amtshandlung in der Heimat und in seiner Werkstatt gewesen. Der Mann soll zu Chikago ein reicher Maschinenfabrikant geworden sein, aber er ließ nichts weiter von sich verlauten. Nur einmal sandte er seiner Frau ohne jede Zeile sechshundert Gulden, damit sie sich nicht zu beklagen brauchte. V. Im Herbst rückte Dieter ins Gymnasium ein und vergaß in der neuen Umgebung unter den Kameraden und bei der lateinischen Grammatik auf kurze Zeit seine bisherigen Wanderschaften und Abenteuer. Die neue Schule in der »Landstraße« war ein einfaches, trauriges Gebäude, so recht vom armseligen Aussehen der meist von Beamten und kleinen Leuten bewohnten Vorstadt. Es gab in der Klasse zum Glück auch keine sonderlich vornehmen Schüler aus den sogenannten guten Häusern, also keine, die mit Kleidern, Geld und Festen groß tun, auf die Aermeren hinabsehen, oder sie verführen, vielmehr waren fast alle gleich dürftig, bescheiden und in ihrer Art munter, so daß Dieter für einige Zeit genug zu tun fand, sie zu beobachten und die Sitten der höheren Schule sich anzueignen. Unter seinen Kameraden waren die urwüchsigsten, Söhne besserer Arbeiter, Schwerfuhrwerker und Tramwaybediensteter von Simmering und Erdberg. Der Unterricht bewegte sich langsam und geduldig vorwärts und machte Dietern vorläufig keine sonderliche Mühe, während die andern Buben, welche entweder die gröbste Wiener Mundart oder gar nur ein tschechisch entstelltes Deutsch sprachen, für die lateinische Sprache wenig Sinn hatten. In einer Bank der letzten Reihe saß ein stiller,. kränklich aussehender Knabe, der Maschek hieß und ein ungeschicktes, schüchternes, tschechisches Deutsch redete, aber wenn er gefragt wurde, immer zu wenig, wobei er ein erstauntes und betrübtes Gesicht zeigte und zufrieden blieb, wenn man ihn im Hintergrunde der Klasse ruhig leben ließ. Eine Woche lang fehlte er beim Namensaufruf. Als man am neunten oder zehnten Tage zu Beginn des Unterrichts abermals den Maschek als abwesend angab, erhob sich der Klassenvorstand, ein ruhiger und guter Mensch, welcher Geographie, Dieters Lieblingsfach, mit interessantem Vortrage lehrte und sagte zu den aufhorchenden Schülern: »Mit dem Maschek hat es eine eigene Bewandtnis, er fehlt heute nicht mehr, aber er schämt sich ein wenig vor euch und wartet darum draußen auf dem Gange. Ich muß euch also auf ihn vorbereiten, damit ihr ihm anständig begegnet und ihn seinen törichten Streich nicht übel fühlen laßt. Er hat wohl etwas Dummes angestellt, aber nichts eigentlich Schlechtes. Verrückte Bücher, dummes Zeug von Abeuteuern und Durchgängerreisen und so weiter, was ihr alle lest, wie ihr hier beisammen seid, hat er sich in den Kopf gesetzt und ist ohne Erlaubnis seiner Eltern mit seinen ersparten Kreuzern abgefahren. Er kam freilich nur bis nach Triest, und von dort hat ihn sein Vater wieder abgeholt. Nun steht er vor der Türe und bittet um seinen alten Platz. Gleich wird er kommen. Daß ihr ihn nicht auslacht. Während ihr alle eure dummen Streiche mit Raufen und Schimpfen in der Zehnuhrpause ausblaset, ist er doch, wie er es sich eben vorstellte, mutig in die Welt gezogen und hat das wirkliche Meer gesehen, das wir anderen vielleicht nie zu Gesicht bekommen. Und einer, der ernsthaft etwas Ernstes mit eigenem Willen erlebt hat, verdient immerhin, daß man ihn ernst behandelt.« Nach dieser Anrede holte der Lehrer den Maschek herbei, welcher zaghaft, das traurige Gesicht über und über rot, den Kopf hängen ließ und an der Türe stehen blieb. Dieter wußte nicht einmal, wie es ihm geschah, und was er nun tat. Er saß in der ersten Bank, und sei es, daß er zunächst den Helden des Tages genau sehen, sei es, daß er ihn irgendwie ehren wollte, kurz, Dieter erhob sich mit plötzlichem Ruck, als der Maschek eintrat und blieb stehen. Und ebenso rasch stand die ganze Klasse auf, daß ein lautes Rauschen durch den Raum ging und blieb stehen, bis der Maschek langsam und zaghaft seinen Platz erreicht hatte. Auch der Lehrer oben auf dem Katheder stand und schaute ganz gerührt und zufrieden auf diese spontane Ovation. So verging eine lange, stille Minute, bis der Professor sich niedersetzte, die Klasse dröhnend folgte und der Mann das Buch aufschlug: »Wir haben also in der letzten Stunde von Zentralamerika gesprochen.« Der Maschek blieb aber, nach seinem fehlgeschlagenen Abenteuer doppelt beklommen, trübselig und demütig einsam und hielt sich von den Fragen und Spielen der Schüler fern. Für alle andern galt dies Ereignis mit der Rede des Lehrers und der unwillkürlichen Huldigung für den Abenteurer als abgeschlossen, nur für Dieter nicht. Denn er wollte wissen, wie es gekommen war, daß einem Buben auszuführen gelang, was er und seinesgleichen sonst nur als Spiel und im Gleichnis erlebten. Dieter reiste ja auch nach seinen Indianerbüchern und nach mündlicher Ueberlieferung des Junker und anderer Helden als Schiffsjunge oder als Kapitän, als Häuptling der Irokesen oder als Freischärler umher, aber nur bis in die Alservorstadt oder längs der Wienufer unter dem Verstecke der alten Weiden und Erlen. Der Maschek aber versuchte wenigstens, wirklich und leibhaftig zu erleben, was ein erwachsener Mensch mitmacht, der nicht bloß träumt, daß er träumt. Das schließliche Scheitern der Unternehmung nahm ihr nichts von ihrem Werte. Dieter mußte durchaus Näheres in Erfahrung bringen, schloß sich daher beim Nachhausewege einmal dem stillen Gesellen an und drang so lange in ihn, bis dieser endlich, recht schüchtern und demütig, seine Erlebnisse erzählte. Also er hatte wirklich Schiffsjunge werden und die fremden Länder sehen wollen, da ihn daheim und in der Schule das einförmige Leben, Lernen und Geprüftwerden verdroß. Darum legte er sich planmäßig zurecht, was er brauchte, um bis zur nächsten Hafenstadt zu kommen. Dort würde er sich schon heuern lassen, und war er einmal so weit, dann konnte es ihm ja nicht mehr fehlen. Zuerst und zuletzt galt es wie immer, die leidige Barschaft zusammenzuraffen. Seine Eltern, kleine Leute, pflegten das Wirtschaftsgeld und den Zins in einer Tischlade unversperrt zu halten, da niemand Fremder in ihre Wohnung kam. Der Maschek begann nun rechtzeitig allwöchentlich einen Gulden aus diesem Vorrat zu entnehmen, was nicht weiter auffiel. Diese langsam anwachsenden Beträge versteckte er unter einem Brett des Fußbodens. Endlich hatte er so viel beisammen, das Fahrgeld und den Preis der dringendsten Ausrüstungsgegenstände zu bestreiten. Nun kaufte er einen kleinen, leinwandbezogenen Handkoffer und eine Schachtel Zigaretten. Die schien ihm bis Triest zu genügen. Sein Zug ging früh am Nachmittag ab, er schwänzte daher die Schule, kehrte nach Hause zurück, als die Eltern auf Arbeit gegangen waren, packte die wichtigsten Wäschestücke, etliche Unterhosen, Hemden und Sacktücher in den Koffer, legte seinen Sonntagsanzug an und darüber sein Alltagsgewand, denn so ersparte er einen Ueberrock, war gegen etwaige Kälte geschützt und führte jedenfalls eine anständige Feierkleidung mit, er aß sich an den dürftigen Vorräten der mütterlichen Küche noch gründlich satt, steckte ein Scherzel Brot ein und begab sich, seinen Koffer schleppend, zu Fuß auf die Wanderung. Auf dem Südbahnhofe bekam er ohne weiteres seine Fahrkarte, stieg in einen Wagen der dritten Klasse, verstaute sein Gepäck und kauerte sich in eine Ecke. Keiner der vielen Reisenden kümmerte sich um den Buben, der sich ja von jeher, wie die besten Abenteurer, auf die Kunst verstand, versteckt und unansehnlich zu bleiben. Der Zug begann zu fahren, der Maschek saß an seinem Fensterplatze und wagte vorerst nicht einmal hinauszuschauen. Erst in Wiener Neustadt erhob er seinen Kopf, draußen wurden heiße Würstel ausgerufen, die Passagiere versorgten sich alle mit diesem guten Essen, und ihrem Beispiele konnte der Maschek um so weniger widerstehen, als er Hunger verspürte. Daher kaufte auch er ein Paar und verzehrte es zu seinem mitgebrachten Brotscherzel langsam und mit großem Genuß. Er fuhr schon längst durch das Steinfeld mit seinen öden Föhrenpflanzungen, als er mit dem Essen fertig wurde. Nun schien es ihm auch erlaubt und förderlich, eine Zigarette zu rauchen, da er sich jetzt erst frei und gesichert fühlte. So tat er und rauchte mit langsamen Zügen. Er war damit zu Ende, als die ersten waldigen Berge im Abendlicht an die Schienen traten, der Weg stieg immer höher, durch Schluchten sah man auf tiefe Täler, hinter den grünen Höhen tauchten Schneeberge auf, und mit einem Male bekam die Welt ein kühnes, drohendes, gefährliches Ansehen, das war der Semmering. Und sei es, daß die ungewohnte Zigarette oder das schaukelnde Fahren samt der ausgestandenen Angst und Aufregung zu einem bedrohlichen Zustande beitrugen, kurz, der Ausreißer fühlte schon hier die Anzeichen der Seekrankheit und ihren eigentümlichen Wunsch, alles möchte aus sein. Zudem begann es zu dunkeln, die Schatten der Berge, Felsen, Schluchten griffen immer drohender ins Fenster herein, der Zug fuhr immer wilder drauflos, es wurde kalt, es fröstelte ihn in seinen beiden Anzügen und er duckte sich schließlich ganz klein in seine Ecke, bis er einschlief. Am Morgen erwachte er in einer Gegend voll starrer, öder Steine, im Karst, und sah plötzlich durch einen Felsenriß das Meer blitzen und stand nach kurzer Weile vor dem Bahnhofe in der Stadt Triest. Nun ging er mit seinem Koffer an den Hafen und begann bei den einzelnen Schiffen anzufragen ob man keine Schiffsjungen brauche. Und siehe da, ein Dampfer war bereit, einen Mann seines Schlages anzunehmen. Es müssen doch in den Häfen mehr solcher junger Durchgänger zu Schiffe kommen, und die Matrosen müssen wohl oft genug so verstohlen ihr Handwerk beginnen, wie es in den frechen Jugendschriften erzählt wird. Schon wollte er seinen Koffer abladen und über den Landungssteg zu seinem neuen Herrn vordringen, der morgen nach Bombay abdampfen sollte, als hinter ihm plötzlich eine unbekannte Stimme gebieterisch ausrief: »Maschek Franz.« Und nun beging er die erste, einzige, hinreichende Dummheit, welche ihn ins Verderben zurückwarf, er drehte den Kopf um und antwortete: »Hier!« Damit war er freilich geliefert. Ein Wachmann in Zivil legte seine Hand auf ihn und führte ihn ab. Er wurde seinen ahnungsvollen Eltern nach Wien retourgesandt und aus war's mit der Schiffahrt. Dieser Ausgang befriedigte Dietern wenig, aber der Maschek schien sich daran genügen zu lassen, denn er unternahm nichts weiter. Seine Flügel hatte man ihm wurzweg abgeschnitten, sie wuchsen ihm ein zweites Mal nicht hoch, so saß er, täglich stiller, verschüchterter und dümmer auf seiner Bank im Hintergrunde, und ist wohl nie mehr aus seinem Dunkel hervorgetaucht. Die Geschichte des Maschek bewirkte, daß sich Dieter des lang vernachlässigten Junker aus der Bäckerstraße entsann, der ja ähnliche Pläne leidenschaftlich verfochten hatte. Als Dieter in das alte Haus kam, hieß es, die Wäscherin sei ausgezogen und wohne nun in Hernals. Dieter begab sich dorthin und fand die Frau wiederum in einer Dachstube beim Bügeln, wiederum hielt sie das heiße Eisen an die Wange und beantwortete seinen Gruß recht gleichgültig. Erst als Dieter stehen blieb und sich nach seinem Kameraden erkundigte, sagte sie: »Der ist fort nach Amerika.« »Als Schiffsjunge?« fragte Dieter, darauf nickte sie »ja« und setzte ihre Arbeit fort; während sie genau die Falbeln eines Frauenrockes zurechtzog und mit dem heißen Stahl befuhr, erzählte sie, in der Schule habe er ohnedies nichts Rechtes gelernt, vierzehn Jahre sei er alt gewesen, fort habe er wollen, so sei er weg und müsse nun schauen, wie er zurechtkomme. Dieter bat beklommen, sie möchte ihm seinen schönen Gruß ausrichten. Da lachte sie: »Vielleicht läßt er einmal was von sich hören, dann kann ich's ihm ja bestellen, adieu.« Dies Wunder sah gar nicht mehr wunderbar aus. Als Dieter die erste Klasse mit anständigem Erfolge bestanden hatte und seinem Vater das Zeugnis brachte, fragte der, ohne es auch nur anzusehen: »Bist du durchgekommen?«, und als der Sohn dies bejahte: »Das ist recht, und wohin willst du auf Ferien gehen?« Dieter wußte nichts zu antworten, die Welt war weit, sehen mußte er alles, was es gab, aber bei der großen Auswahl schien ein besonderer Vorschlag schwierig. Der Vater sagte: »Ich meine, du könntest nach Schwarzwasser zur Tante Hanne fahren.« Das war seine Schwester, die dort ein Wirtshaus hielt. Er hatte ihr wohl schon den Besuch des Neffen angekündigt. Dieter packte sein Bündel, bei Hermann Schreier holte er wieder das notwendige Ueberflüssige, bis Mährisch-Rothwasser mußte er die Eisenbahn benutzen, dort aussteigen und eine gelbe Düte als Erkennungszeichen in der Hand halten, denn sein Vetter, der Sohn der Tante Hanne, sollte ihn, gleichfalls an einer gelben Düte kenntlich, abholen und nach Schwarzwasser bringen. In Rothwasser präsentierte Dieter nach der Vorschrift eine gelbe Düte, aber keine gelbe Düte kam ihm entgegen, vielmehr verliefen sich alle Fahrgäste aus dem Bahnhof und nur ein Bauernwagen stand da, welcher von einer Wiener Familie langsam bestiegen wurde, die wohl auch in der Gegend ihre Sommerfrische bezog. Als diese Leute den kleinen Buben mit seinem großen Bündel ratlos stehen sahen, fragten sie ihn, wohin er denn wolle, er gab kleinlaut Auskunft, und da sie denselben Weg fuhren, hießen sie ihn mitkommen, und er wurde neben den Kutscher gesetzt, nicht ohne daß sich die Spießbürger laut darüber entrüsteten, daß man ein Kind so allein auf Reisen schickte und in der weiten Welt irregehen lasse. Dieter lachte in seinem Herzen dieser Angst, besaß er doch ein festes Messer und hatte vom Vater für alle Fälle einen Zehnguldenschein mitbekommen. Der Kutscher fuhr drauf los durch ein von waldigen Anhöben immer enger eingeschlossenes Tal. In einem Wirtshause hielt man Mittagsrast und Dieter verspeiste eine Knofelsuppe, die ganz merkwürdig schmeckte. Man fuhr noch etliche Stunden weiter bis zu einem Dorfe, wo die Familie absaß. Der Kutscher fragte, wohin Dieter nun wolle. Der antwortete, zur Frau Glatter nach Schwarzwasser. Da müsse er noch drei Stunden zu Fuß gehen, immer der Straße nach. Mit schönem Dank für die gewährte Freifahrt machte er sich auf den Weg. Aber es dunkelte bald, der Wald lief immer näher heran, so daß sein hauchender Schatten über den Weg fuhr und jeder Baum ebensogut als ein nahender Räuber erscheinen konnte. Die Nacht war finster und bewölkt, kein Stern, kein Mond schien, der Fluß rauschte wild durch die Einsamkeit und Dieter wanderte dahin. Für alle Fälle zückte er sein Hirschhorntaschenmesser, um sich eines etwaigen Ueberfalls zu wehren und schleppte sein Bündel, indem er es von einer Schulter zur Abwechslung auf die andere wälzte. Endlich sah er von weitem Lichter glänzen, kam über eine Brücke, unter welcher das Wasser über eine Wehr schäumte, zu einem Gasthaus, fragte nach der Frau Glatter und wurde beschieden, sie wohne am andern Ortsende. Noch eine halbe Stunde zog er weiter, an verstreuten Häusern vorbei, die schon im Dunkel schliefen, bis ihn das hohe Dach eines großen Gebäudes verwandt anmutete; aus der Türe drang ein heller Schein, drinnen redeten Stimmen, er klinkte auf und blieb unbemerkt und unbeachtet in der rauchigen Wirtsstube beim Eingang stehen. An einem Tische saßen Männer beim Kartenspiel und qualmten. Hinter einem Holzgitterverschlag hantierte eine große, breite Frau, deren Züge er in der Dämmerung nicht erkannte, beim Schanktische, schnitt Wurst, klapperte in der Geldlade und tat eben, was eine Wirtin zu tun hat. Schließlich trat Dieter näher und drang bis zum Verschlage vor die Frau, die ihn ansah. Da durchfuhr Dietern bei ihrem stillen Blicke das Erkennen: »Das ist ja mein Vater.« Aehnlich erging es wohl auch der Wirtin, denn sie lächelte und rief aus: »Du bist ja der Sephe, sei schön willkommen, warum hast du dich denn nicht angemeldet?« So war der Brief, der die gelbe Düte verabredete, wohl verloren gegangen. Aber gut, daß Dieter nun da war, sie wolle für ihn alles zurichten, bis er gegessen hätte, würde schon seine Schlafstelle bereit sein. Sie setzte ihm eine gute Wurst vor, rief ihren Sohn herbei, der ein paar Jahre älter, doch als Bauernbursch in manchen Dingen wieder jünger schien als das Stadtkind und treuherzig neben dem Vetter blieb, bis ein hochgewachsener, blondbärtiger Mann eintrat, der von der Wirtin als ihr Gatte begrüßt, Dietern als Onkel vorgestellt wurde. Die Frau hatte nämlich in zweiter Ehe diesen jüngeren Menschen genommen. Gutmütig streckte der Blonde seinem angeheirateten Neffen die Hand entgegen. »Komm mit, wir wollen dich hinauf ins Zimmer führen.« Sephe folgte über eine Holztreppe ins Dunkel auf einen offenen Boden. Der Blonde, dem der Vetter, der Stiefsohn zur Seite blieb, kommandierte: »So, jetzt springe hier hinunter,« und wies auf den schwarzen Abgrund, der unter dem Holzboden gähnte. Dieter schauerte, unter was für Räuber war er da geraten, wie sollte er ins Bodenlose springen, hatten sie ihren Spaß mit ihm oder meinten sie das ernst? Der Oheim lachte, als er ihn zögern sah und rief: »Hallo« und sprang voran, sein Stiefsohn ihm nach, und gleich lachten beide unten aus vollem Halse. Da schämte sich Dieter seiner Angst, er konnte sich nicht spotten lassen, schloß die Augen und sprang ihnen nach. Er fiel weich auf einen sanften Streuhaufen, wo die beiden sich bereits in großartigem Spaße wälzten. Damit war er eingeführt. Am Morgen weckte ihn der Vetter und geleitete ihn aus seiner Kammer sofort wieder an den offenen Boden, und nun sprangen beide vergnügt auf die Streu hinab, denn dort unten lag auch der Brunnen, an welchem man sich wusch und der so aufs rascheste erreicht wurde. In Schwarzwasser gefiel es Dieter gar wohl, weil seine Tante Hanne eine vernünftige, klar denkende und wenig redende Person war, die man nur anzusehen brauchte, um sich so sicher zu fühlen, wie beim Vater, aber auch weil er hier in einem andern wohlgefälligen Ländchen wiederum ein Glied seiner Familie hausen und ruhig im Leben schalten sah. Es läßt sich das eigentümliche Gefühl nicht deutlich beschreiben, welches Dieter hier ergriff. Aber ungefähr war es in seiner traumhaften Erkenntnis so beschaffen: Wir sind ein Stamm, wir gehören zusammen, in einem Boden wurzeln wir, wir sind aber weit gewachsen und unsere Aeste reichen fern hin, wo immer aber einer treibt, in Wien, draußen im Gebirge oder hier in Schwarzwasser und wer weiß, wo sonst noch in der Welt; uns allen bleibt vieles, das Beste gemein. So ist keiner ganz verlassen; ob er auch den andern nicht sieht oder sich noch so wenig um ihn kümmert, er weiß, dort und da gibt es wen, alt oder jung, der so blickt wie ich, aus seinem Munde mit meinen Worten redet und eine Gebärde macht, die nur einem von uns gegeben ist. Ich bin, noch so einsam, doch in keinem Land und an keinem Tag wirklich allein, ich kann von meinem Ast nicht fallen, ohne daß es mein Stamm spürt, dem ich zugehöre, und mit ein paar Menschen sind wir zusammen ein höheres lebendiges Wesen und bestehen. Wir verzweigen uns über die ganze Welt und haben unsern eigenen Schatten. Die Ferien gingen zu Ende. Tante Hanne packte seine Siebensachen zusammen und sprach: »Grüße deinen Vater viele Male, und sag' ihm Dank von mir, daß ich dich wenigstens noch einmal bei mir haben durfte, laßt es euch recht gut gehen und erinnert euch meiner zuweilen. Den Vater werde ich ja doch nicht mehr sehen.« »Warum denn?« fragte Dieter, der ihre still klagenden Abschiedsworte nicht verstand, welche ihm über das Maß des gebotenen Trennungsleides hinauszugehen schienen. »Nun, das kann ich dir nicht sagen. Aber es ist doch so. Du wirst es schon einmal begreifen, aber laß dich's nicht weiter bekümmern. Jeder hat seine Weile auf der Welt und muß zu seiner Zeit gehen. Leb' wohl, mein Kind und bleibe zufrieden.« Dieter erfuhr, was sie gemeint hatte, als er im folgenden Winter von ihrem Tode vernahm, den sie manchen Monat vorher gewußt hatte. In der Stadt begann für den Knaben ein neues Schuljahr mit einer völligen Veränderung seiner äußeren Lebensumstände. Dem Vater wurde das Dasein in der verlassenen Amtswohnung schwer, deren Ordnung, ohne Frau, durch eine alte Aufwärterin nur kümmerlich bewirkt wurde. Dem kräftigen Manne blieb die arge Witwereinsamkeit ein doppeltes Elend, indem das äußere Gleichmaß der Umgebung und der täglichen Bedürfnisse ebenso zerrüttet wurde, wie das innere eines von Natur hausväterlichen Gemütes. So trat nun eine andere Frau dem Vater näher, und dies war um so begreiflicher, da sie als die leibhaftige Fortsetzung des allzu früh geendigten Daseins erschien, an dem er gehangen: die Schwester seiner Gattin. Die schien freilich kräftiger und lebensvoller als Dieters Mutter, ihre Züge waren verwandt, aber ins Herbe und Gesunde vergröbert, ihr Wesen ins Unsichere und Scheue verwischt, indem sie bei allem Benehmen und Sprechen selbst zu fühlen schien, wie sehr sie der Schwester nachstehe. Ihre Neigung zu dem Mann der Verblichenen, ihr selbst uneingestanden, hatte sie oft ins Haus des Witwers geführt, oft saß man in der Küche, wie einst zu Lebzeiten der Frau, aber schweigend beisammen. Während aber der Vater dieser unbewußten Werbung nachzugeben schien und das gutmütige, ehrbare und demütige Mädchen gern sah, witterte Dieter mit dem eigentümlichen Instinkt des Kindes die Nebenbuhlerin der verstorbenen Mutter und haßte sie. Vergeblich suchte sie sich in seine Gunst einzuschleichen, indem sie ihm Zuckerwerk oder Spielzeug mitbrachte. Das Zuckerwerk war ihm zu fein, so rechtes Weibergeschleck, keine interessanten Bärenzeltel oder bunte Rogs-drops, wie er sie wollte, sondern allerhand Schokolade, welche im Munde zerfloß; das Spielzeug war seinen Wünschen nicht gemäß und taugte nichts, da sie sich nicht darauf verstand. Kurz, er wies sie immer wieder und so gröblich ab, daß der Vater sich oft zürnend ins Mittel legen mußte. Sowohl die Abneigung des Sohnes gegen die neue Gattin, als auch ein gewisses Bedürfnis, die erste Zeit der zweiten Ehe ungestört zu verbringen, den Haushalt in aller Stille neu zu ordnen und auf die gegenwärtigen und künftigen Verhältnisse richtig einzustellen, bewogen ihn dazu, den Knaben für eine gewisse Zeit wegzugeben. Er war gewohnt, auf das Tun und Lassen seines Sohnes acht zu haben, wenn er es auch immer so einzurichten verstand, daß Dieter dies gar nicht merkte. Nur wenn es unbedingt nötig schien, trat er als Vater aus der Zurückgezogenheit hervor und tat nur gerade den geringsten, aber unerläßlichen Griff, um irgendein verwirrtes Garn in Ordnung zu bringen, indem er etwa neben dem Jungen erschien, einen Blick gab oder entgegennahm, ein Wort hinwarf oder selbst etwa so tat, wie er wollte, daß der Sohn es tun lerne, so daß das Beispiel ohne weiteren Hinweis genügte. Auf diese Art waltete er über dem Haupte des Jungen wie eine bescheidene Vorsehung und gab ein Gleichnis für die vielumstrittene Lehre von der Freiheit des Willens zum besten. Dieter der kleine konnte sich selbstverantwortlich dünken, wie der unbedingteste Herr seines Schicksals, aber Dieter der große wachte über diese Freiheit und hielt sie mit einem höheren Willen leise am richtigen Wege, so daß sie nicht irreging. In dieser Treue fürchtete er aber irgend etwas zu versehen, während er durch seine neue Ehe reichlich in Anspruch genommen war. Auch glaubte er bemerkt zu haben, daß Dieter den Geheimnissen der lateinischen Sprache weniger Aufmerksamkeit schenkte, als denen der Indianerzüge und Wienflußschätze. Hatte der Vater doch einige schlechte Noten in den Schulheften auftauchen gesehen und stand solchen Unfällen ganz machtlos gegenüber, da er zwar das Tun und Treiben, nicht aber die Wissenschaft seines Sohnes beobachten, geschweige denn verbessern konnte. Darum wollte er ihn zu einem gelehrten Manne geben, der Dietern hierin besser führen konnte und so recht geeignet schien, auch sonst den Knaben in Zucht zu halten und etwaiges Unkraut, welches in der mutterlosen Zeit aufgewuchert sein mochte, zu beseitigen. Dieser gelehrte Mann war der Herr Kooperator Eidherr, auch ein Landsmann und einstiger Jugendgespiele aus der Heimat. Eidherr war früher als Dieter aus dem Ländchen fortgegangen, als begabter Knabe zum geistlichen Beruf gelangt, der ja für den Bauern meist die einzige Möglichkeit bietet, geistige Ziele und Fähigkeiten wahrzunehmen. Hier in Wien hatte Dieter ihn unversehens, als würdigen Herrn Messe lesend, wiedergefunden und sich ihm nunmehr dauernd in der festen Freundschaft der Mannesjahre von neuem angeschlossen. Dieser Kooperator Eidherr nahm den jungen Dieter gern als seinen Zögling auf. VI. Der Kooperator Eidherr bewohnte zwei Zimmer eines großen, seiner Pfarre gehörigen Miethauses in einer Seitengasse der Landstraße und sah von seinen Fenstern auf die mit roten Ziegeln in moderner Reißbrettgotik wie aus einem Baukasten erstellte Kirche, in welcher er seinen Dienst zu verrichten hatte. Die beiden ernst und einfach eingerichteten Stuben hatten durch die niedere Wölbung, die weiße Tünche und den gut gescheuerten Holzboden, durch die alten Kommoden und die vielen gestickten Decken, Tücher und Behänge, mit denen die Ripsmöbel wohl von weiblichen Pfarrkindern geschmückt worden waren, etwas zugleich strenges und anheimelndes, sie erschienen väterlich, wie eines geistlichen Herrn Wohnung immerhin wirken soll. Freilich blickte man aus den Fenstern nicht auf einen stillen, feierlichen Platz, sondern auf eine öde, traurige Gasse und auf lauter Mietkasernen, und die Kirche, die am Ende zur Rechten die Aussicht abschloß, war keine vornehm geschmückte, prunkvolle Dame, wie die Jesuitenkirche bei der Aula, sondern gleichsam eine einfältige, dürftig nett gehaltene Dienerin gemeiner Leute. Keine Brunnen mit wohlgenährten hübschen, nackten Knaben und Delphinen ließen vor dem Hause das lachende Wasser wie den Schall der glücklichen Ewigkeit ins Becken klingen. Arme Leute hausten ringsum unter Lärm, Türenzuschlagen, kreischenden Weiberstimmen, Teppichklopfen, und auf den Gängen der einzelnen Stockwerke lag Wohnung an Wohnung, wo geplagte, sorgenvolle Menschen dicht nebeneinander atmen, essen, trinken, schlafen, leiden, zanken, gebären, sterben mußten. Das Haus selbst schnürte Dietern anfangs wohl die Kehle zusammen und war an sich schon ein strenges Erziehungsmittel. In den Stuben des Kooperators fand er sehr wenig Dinge, welche an die Religion und den Seelsorgerberuf des Hausherrn erinnerten, nur etwa einen braven Stich nach Raffaels Sixtina und ein schwarzes Kreuz über dem Bett. Der Gast bekam das kleinere der beiden Zimmer angewiesen. Beim Fenster stand ein Tisch mit großer Lade, an welchem er arbeiten sollte. Um fünf Uhr morgens nach der ersten Nacht trat der geistliche Herr, vollständig angekleidet, glatt rasiert vor Dieters Bett und weckte ihn. Der mußte nun geschwind aufstehen, sich waschen, seine Kleider und Schuhe putzen, sich anziehen und von der nahen Meierei die gemeinsame Frühstücksmilch und zwei Brote holen. Man verzehrte nebeneinander dieses bescheidene Mahl, dann fragte der Kooperator den Zögling aus und ging die Aufgaben mit ihm durch, bis es Zeit zur Schule wurde. Sicher und gestärkt wanderte Dieter hin. Durch diese gelehrte Vormundschaft war ihm manche Sorge um das Bestehen der gymnasialen Martern genommen. Zu Mittag konnte er sich allerdings nicht wie bisher mit den Kameraden auf dem Heimweg balgend umhertreiben, denn er wurde pünktlich erwartet. Der Kooperator speiste in einem kleinen Gasthause nahe der Kirche, wo er im Honoratiorenzimmer mit einigen Lehrern, Beamten und alten Männern saß, während Dieter im Gassenschank seinen Platz angewiesen und ein für zwanzig Kreuzer akkordiertes einfaches, gesundes Essen bekam. Durch die Glaswand dieses Gassenschankes sah man ins hintere Zimmer. Zahlte der Schutzherr dort seine Zeche, so mußte Dieter geschwind aufbrechen und vorangehen, um bereits daheim zu sein, wenn der Kooperator nachkam. Und dann begann wiederum der Unterricht. Die schriftlichen Arbeiten wurden durchgesehen und verbessert und alle Aufgaben so lange geprüft und wiederholt, bis sie im Kopfe festsaßen. Ueber dieser Lektion wurde es fünf oder sechs Uhr, dann erhob sich der Lehrer und nun verwandelte sich der ruhige, ernste, vom kleinen Burschen als ein großer Mann weit entfernte Hochwürdige in einen freundlichen und heiteren, umgänglichen, welcher ganz andere Züge bekam, die gleichsam ein mildes Feierabendlicht erhellte. Er gab den Zögling ganz frei und ließ ihn entweder fort, wohin er mochte oder er ging selbst mit ihm spazieren, oder Dieter blieb zu Hause; während der Geistliche seine Angelegenheiten besorgte. So kam der frühe Abend, der Junge kaufte um ein Sechserl sein Nachtmahl und ging schlafen, während Eidherr im Wirtshause bei seiner Tisch- und Spielgesellschaft ausdauerte, und zurückgekehrt, den Zögling längst entschlummert fand. Zu geistlichen Exerzitien und irgendwelchen religiösen Gewissensplagen verhielt Eidherr den Dieter in keiner Weise. Einmal, weil er seinen Seelsorgerberuf wohl nicht anders übte, wie einfache Menschen eben den ihrigen, als eine unerläßliche Pflicht, von der man kein Aufhebens macht und zu der man anderen nicht sonderlich zuredet. Zum zweiten, weil er zu diesem Stande, wie so viele, nicht aus innerer Notwendigkeit gekommen war und ihn darum auch ohne dringende Veranlassung lieber nicht von innen besah oder gar selbstquälerisch um- und umwälzte, sondern als des Tages Last eben trug und leidlich verwaltete. Es schien ihm genug, wenn er vor der Welt die nötigen Gebärden und Funktionen mit dem gebotenen Hergange vollführte, doch unnütz, eine junge Seele damit über Gebühr zu befassen. So trägt gerade der Unwillige die Dornenkrone der äußeren, ohne die blühenden Rosen der inneren Weihe und verschont eines freien Knaben Stirne mit ihrem Druck. Dieter hatte seine Zeit des Glaubens, die Wandlung des hilfsbedürftigen Kindes, das einen Gott wie seinen Vater verlangt, zum unzufriedenen Betrachter, der hinter den Geheimnissen vergeblich den Lenker sucht, rasch und in aller Stille seines abenteuernden Friedens durchgemacht. Er war hierin so unbeirrt gelassen worden, wie sonst in seinen Angelegenheiten. Als er in der Marktgasse unter den Blicken seiner Mutter auf- und niederging und später noch, mußte er abends beim Zubettegehen und morgens beim Aufstehen sein Gebet sagen. Die Mutter besuchte nur an den hohen Feiertagen die Kirche und war von Natur, doch nicht mit Gebärden und Reden fromm, sprach nichts über den Glauben und den Herrgott und hielt auf pünktliches Beten nur darum so viel, weil dies eben zu einer Religion gehörte, welche die Menschen um sich versammelt und ordnet, und weil jeder eben zu einer solchen Gemeinschaft sich stellen soll, damit man ihn zur Zeit findet. Wie ihr Bub unter der Toreinfahrt ihrem Blicke begegnete, so sollte er abends und morgens auch seinen Glauben über sich waltend finden, als einen mütterlichen Schutz. Er sollte diese Gebete sprechen, wie er die Mahlzeiten einhielt, weil Ordnung not tat und weil das Leben seine Einteilungen braucht, nach denen es sich gliedert und fassen läßt. Noch weniger dachte der Vater an solche Dinge, der mit den täglichen Arbeiten genug zu tun hatte, und da er sie wohl versah, auch die Ewigkeit ohnedies mit drein bekam, wenn es durchaus eine geben sollte. Wer im Diesseits auf festen Beinen steht, nicht mehr begehrt, als er sich mit eigener Kraft zu schaffen vermag und die fremden Gaben nicht erbettelt, der denkt ungern oder nur mit einem gewissen Lächeln an die schwelgerischen Versprechungen des Jenseits. Sein Tag ist ihm Rosengarten des Paradieses, Fegefeuer und Hölle in einem, und darin sich mit Ehren zu behaupten, mag als irdische Tugend genügen. Die wenigen geistlichen Sitten, die der Vater kannte und übte, entstammten einer dunklen, mehr heimatlichen, als religiösen Gewohnheit. So pflegte er nach Neujahr am Dreikönigstage einen rotwangigen Apfel in der Mitte, aber wagrecht zu durchschneiden, die beiden Hälften zeigten dann das regelmäßige Kerngehäuse als einen schwarzen Stern: »das ist der Stern der heiligen Drei Könige.« Und am Ostermorgen trat er frühmorgens ans Bett des Sohnes und steckte ihm einen Bissen Brot in den Mund. Das geschah jedes Jahr; zuerst aß Dieter, ohne viel zu forschen, weil es eben Uebung war, später aber fragte er einmal, warum der Vater so tat. Der lachte verlegen, wie immer, wenn er einen gewohnten Brauch erklären sollte und sprach: »Iß nur Bürschlein, wer zu Ostern in der Frühe Brot ißt, der wird das ganze Jahr Brot zu essen haben.« Sonst gab es ja überhaupt wenig Gelegenheit zu geistigen Auseinandersetzungen mit dem Vater, der solchen Gesprächen abgeneigt war, aber da Kinder viel fragen und zuweilen auf einer Antwort bestehen, wollte Dieter einmal durchaus wissen, ob der Vater an Engel glaubte und daß sie Flügel hätten, im Himmel oben umherzögen und zur Erde herabkämen, wo man doch niemals einen gesehen hätte. Dieter der ältere antwortete: »Wenn der Kaiser daran glaubt, kann ich's auch,« und damit war die theologische Diskussion abgeschnitten. Von dieser Seite konnte der Junge in seinen Glaubensangelegenheiten keine Förderung oder Bestimmung erfahren. So war er sich selbst überlassen. In der Schule lernte er freilich vielerlei von den heiligen Geschichten, von den frommen Vorgängen im alten Morgenlande, von den Urvätern des Glaubens, doch schienen ihm diese Begebenheiten mehr weltlicher als geistiger Art: Familiensorgen, Mitgiftangelegenheiten, Kindersegen, Zänkereien und Schwierigkeiten der nicht recht wohlgelittenen Juden in ihren verschiedenen Wohnorten. Obgleich nur armselige Mieter bei fremden, reichen Hausherrn, machten sie sich mit einer eigentümlichen Vornehmtuerei, selbstgefälligem Rechthaben und vordringlichem Stolz als die alleinigen Gerechten, Wissenden und privilegierten Inhaber des wahren Glaubens unbeliebt, wofür sie dann wieder Schläge bekamen und gestraft wurden, während ihr einziger, alleiniger angestammter Herrgottvater, auf den sie sich gar so viel zugute taten, mit seinem auserwählten Volke geschehen ließ, was da wollte. Die Wahllosigkeit des von Menschen über diesen kleinen Stamm allenthalben verhängten Unglücks entsprach nicht eben einer Vorsehung, es sei denn, daß alle jene Eigenschaften die gottselige Nation bei ihrem Beschützer selbst mißliebig machten, um deren Willen sie sich den Haß der übrigen Erdenkinder zuzog. Gar das Neue Testament aber mit seiner Dreieinigkeit und einer so merkwürdig zugleich geteilten und gesammelten Gewalt, mit der Geschichte eines armen, gequälten Menschenkindes, welches plötzlich in den Himmel als Allherrscher entrückt wurde, mit seinem Gleichnis eines geistigen Kampfes, dessen Notwendigkeit und Allgiltigkeit am allerwenigsten einem Knaben einleuchten will, verwirrte ihn und umgab alles, was er suchte, mit immer neuen Schleiern und Wolken. Diese Nebel und wohlriechenden Dämpfe, die bunten Zeremonien und prunkvollen Aufzüge der Feste mochten an sich als Herrlichkeit gelten, aber was hinter ihnen als wirkender endgültiger Inhalt lebte, ließ sich nicht ergründen. Immer und immer wieder zog sich der Gott weiter zurück. Aber gleichwohl sollte er alles bestimmen und bewirken, das ebensogut auch ohne sein Zutun geschah, ja nur ohne dieses so schlimm ausgehen konnte, wie es der Fall war. Man mußte doch über gewisse Dinge einen ordentlichen Bescheid bekommen. Wie sah es im Himmel aus? Wenn man die mannigfaltige irdische Welt mit ihren Menschen, Bauten, Ländern, Tieren, Himmelsstrichen, Jahreszeiten, Meeren, Bergen betrachtete, mußte man von der überirdischen ein höheres, doch klares Bild begehren. Keiner konnte es schildern, doch sollte man daran glauben. Gott thront da droben, umgeben von Engelsscharen in seiner Glorie, hieß es. Das war zu wenig: er thront. Immer thront er, nichts weiter. Ein Gott mußte mehr und anderes, gewaltigeres tun als thronen, wie viel geschah auf Erden, im Himmel sollte nicht mehr, als ein prächtiges Dasitzen sich ereignen? Man muß zu Gott beten. Man tat's, aber es half nichts. Unterließ man's, so geschah auch nichts weiter. Der Gläubige lebte neben dem Ungläubigen ohne sonderliche Auszeichnung, vielmehr waltete die übermütigste Ungerechtigkeit unter dem Allgerechten, die schlimmste Ungüte unter dem Allgütigen, die Geschichte war von je ein erbarmungsloses Zerfleischen der Menschen, wie wilder Tiere vor dem Allbarmherzigen. Ringsum sah man Plagen, von der Geburt bis zum Tode, welcher gar als die höchste Ungerechtigkeit erschien, als eine Strafe, die durch keine Schuld erklärt oder verdient war. Immer gibt es Mühe und Arbeit, wenig Freude. Der Kooperator Eidherr, der doch ganz dem lieben Gotte diente, somit am ehesten auf ein bißchen Frieden Anspruch hatte, war den ganzen Tag überlastet, mußte Messe lesen, Leichen einsegnen, Beichte abnehmen, Sterbende besuchen und seufzte unter seinem anstrengenden Dienst. War das notwendig oder billig? Die Menschen wurden bei ihrem Glauben weder besser noch fröhlicher, ja so oft Dieter ihre Gesichter in der Kirche beobachtete, fand er sie doppelt schmerzvoll, bitter, sehnsüchtig und hungrig. Und so erschien auch der Gott auf den Bildern nicht als heiterer Herr, der mit seiner Welt zufrieden sein kann, sondern stets furchtbar ernst. Und warum verrät der Gott sein wahres, richtiges Aussehen nicht? Da er der einzige, ewige Herrscher der Welt ist, läge es doch an ihm, sich den Gläubigen ein für allemal darzustellen und unfehlbar zu offenbaren, damit es weiter keinen Zweifel gebe. Den Kaiser kennt jedermann, keine Münze, welche diese Züge nicht zeigte, die überall und zu jeder Zeit gleich sind. Gott aber sieht auf allen Bildern anders aus. Nur der Ernst, die Trauer, der Schmerz kehren immer wieder, nicht ein Strahl von Heiterkeit, höchstens eine gefaßte Verklärung, welche ein Knabe nicht würdigt. Zu Hause in der Aula hing im Wohnzimmer der Eltern ein altes Jesusbild aus der Heimat, das den Kopf des Gekreuzigten mit furchtbarem Aussehen zeigte, mit dunkeln, rollenden Augen, die sich zu bewegen schienen und den Betrachter in jeder Ecke des Zimmers trafen und verfolgten, so daß er nicht entrinnen konnte. Dieter hatte vor diesen Augen Angst, er vergaß ihren Blick auch später nicht, er war fröhlich und suchte des Lebens helle und muntere Seite. Sein Gott sollte heiter sein, wozu war er der Herr der großen Welt, wenn er sich darüber nicht freuen mochte; ließ er alles Unheil und Uebel geschehen, die Menschen schlecht sein und einander schlechtes tun, so mußte er wenigstens den Uebermut seiner Anzettelungen durchaus empfinden und zeigen, er mußte lächeln und im Grunde seines göttlichen Sinnes vergnügt sein, nicht hinter Wolken sich selbst zu finsterem Verdruß erniedrigen. Nein, das war sein Gott nicht. Und gab es überhaupt einen? Dieter hatte jenes Erlebnis, welches für ihn das Nichtsein Gottes endgültig entschied, als er einmal ein Gewitter beobachtete, das sich über dem Universitätsplatze in finsteren Wolken sammelte und ankündigte. Er sah vom Fenster der Wohnstube hinaus. Unruhig schwirrten die Tauben hin und wieder und konnten sich gar nicht beschwichtigen. Eine hockte am Blitzableiter. Und plötzlich, als die ersten schweren Regentropfen niederfielen, sauste sie, wie hinabgestoßen, geschwinder als sie sonst jemals flog, gleichsam im Sturz kopfüber zu Boden, und gleich darauf zuckte ein Blitz just in den Blitzableiter, ein erschütternder Donnerschlag folgte, als wollte er die Kirche von ihrem breiten Stufengrunde niederschlagen. Der Vogel hatte dies Kommen gefühlt und war ihm entflohen, obgleich er an einem heiligen Orte saß. Also können Gottes Unwetter auch Kirchen treffen, Gottes Stätten? Also brauchen auch sie einen Blitzableiter und können das bißchen Unheil nicht durch ihre innewohnende Heiligkeit abwehren? Gott war nicht einmal in seinem Hause vor sich selber sicher. Dann gab es keinen, und nie mehr sollte man Dietern einen aufschwatzen wollen. Nun war es allerdings schwer, ohne eine beherrschende Macht sich einzurichten, denn man bedurfte gewisser Zeichen, um sich im Leben auszukennen, gewisser geheimer Ratschläge vor Entscheidungen. In dem entgötterten Heiligtum der überirdischen Gewalten wohnte von Stund an ein unnennbares, dunkles, gestaltloses Schicksal. Dieter hatte keinen Glauben mehr, so ersann er sich seinen Aberglauben und vertraute gewissen Stimmen und Erinnerungen, welche ihm allein bekannt waren. Wenn er am Morgen aus dem Hause trat und die Tauben vor ihm aufflogen, bedeutete es, daß er vorsichtig sein mußte und eine Prüfung in der Schule zu gewärtigen hatte; blieben sie ruhig und spazierten furchtlos auf und nieder, so konnte auch er unbesorgt seinen Tag beginnen. Daraus folgte, daß er in weitem Bogen den Schicksalsvögeln auswich, um sie nicht zu stören. Ein anderes Zeichen gaben die alten Weiber, welche morgens in der Jesuitenkirche zur Andacht kamen oder aus der Messe fortgingen. Dieter konnte diese häßlichen Frauenzimmer nicht leiden, wie er überhaupt das schwächere Geschlecht durchaus verachtete und nur beschützte, weil es eben erbärmlich hilflos, sich keines Ungefährs zu erwehren vermochte . . . Vorerst war er der Meinung, jedes alte Weib in der Frühe verheiße Unheil. Aber da er allmorgens auf dem Platze mindestens eines fand, das kam oder ging, mußte er diese Deutung einschränken. Er entschloß sich daher, anzunehmen, wenn eine aus der Kirche kam, sei ihr gleichsam das Gift genommen, und es könne ihm nichts mehr geschehen; wenn eine aber erst zur Kirche ging, mußte er ein Uebel gewärtigen. Derlei Zeichen fand er auf jedem Schritt und wanderte mutig durch einen ganzen Zaubergarten voller Ungeheuer. Aber die Mächte des Lebens beschäftigten ihn um so mehr und inständiger, als bestimmende Gewalten. Und hier trat ihm in der Kirche als solcher eine Bedeutung entgegen, die er willig anerkannte, gerade weil er nun wußte, daß kein Gott daneben stand, sondern daß Menschen sich selber dieses ungeheure Gebilde beständiger Wachsamkeit und Herrschaft errichtet hatten. Welcher Eifer, welche Fülle von Pflicht und Menschenkenntnis fand er in diesen ringsum wandelnden Pfaffengestalten tätig in unablässigem Geschäft. Da hatten sich Leute freiwillig vereinigt und zu Dienern eines unsichtbaren und unvorhandenen Gottes gemacht, um den übrigen Menschen den Herrn zu geben, den diese brauchten. Staat und Gemeinde als Ordnungen des bürgerlichen Lebens waren dem Knaben noch fremd, die Kirche aber zeigte sich ihm in ihrer weiten Ausbreitung. Kein Weg, der ihn nicht zu einem schönen Gebäude brachte, wo Gottesdienst gehalten, Orgel gespielt, Weihrauch verbrannt wurde, wo herrlich gekleidete Priester sich unter Gesang und Murmeln mit feierlichen Gebärden bewegten. In Beichtstühlen liehen sie ihr Ohr jeglichem Gewissen, das sich ihnen eröffnete und sprachen es der Schuld ledig, so daß ein armer Sünder getröstet wieder seinen Dienst antreten konnte. Sie veranstalteten Feiertage und pflanzten damit wohlduftende Blüten von Ruhe und Freiheit in die kümmerliche Hutweide des armen Lebens, sie gaben in den Kirchen umsonst und für jedermann Feste, bei denen es hoch herging mit Gold und blauem Weihrauch, mit flackernden Kerzen und Musik von dröhnenden Pfeifen aus der Höhe, von hellen Chören, welche gar wohl an Engelstimmen erinnern konnten. Sie ersannen für verschiedene Gelegenheiten immer neue, doch immer wiederkehrende Zeremonien, welche den Menschen das Gleichmaß der Zeiten und den stetig in sich selbst rückfindenden Wechsel der Tage vergegenwärtigten. Ihre Einteilung bildete die feste Ordnung des Jahres, so daß sie die stillen Beherrscher der menschlichen Zeit waren. Ihr Werk verlief wie das einer gehenden Uhr, mit Messen am Morgen und Abend, Predigt und Segen; an jedem Tage um halb vier Uhr läuteten die Glocken zum Leichenbegängnis und wurde ein Toter mit ihrem letzten Spruche zur Erde gegeben, von der er gekommen. Dazwischen aber, zu allen Stunden, tauften sie die Neugeborenen und trugen deren Namen in ihre Bücher ein, so daß ihnen keine lebendige Christenseele entgehen konnte. Sie übernahmen die Fürsorge jenes vorgeblichen Gottes, sie wachten über ihren Schützlingen und waren allgegenwärtig, sie kamen zu den Schwerkranken, sie taten die Menschen zusammen und erlösten sie von der Last der Erde, sie waren immer auf den Beinen und verwalteten die Zahl der Seelen, wie ein besorgter Hausvater sein Gut. Sie waren eine große Gemeinschaft inmitten der feindlichen, ringsum verstreuten Menschen, und jedes ihrer Glieder hatte seine Aufgaben zugemessen und mußte sie genau versehen, von dem immer offenen Auge der Kirche beobachtet und von der eigenen Stimme der Pflicht gerufen und beherrscht. So schienen sie mit eigenem Willen an den Dienst einer Gesamtheit gebunden, zugleich Herren und Knechte aus freien Stücken einem Glauben zuliebe, hinter welchem nicht einmal eine Wahrheit stand. Bei dem Herrn Kooperator Eidherr konnte Dieter die ganze Bürde dieser selbstauferlegten Zucht unmittelbar vor Augen sehen. Solche Strenge machte ihm auch das stille, gebundene, neue Leben erträglich, gab ihm die richtige Anspannung aller Kräfte, die den Menschen von innen heraus stärkt, sicher und munter macht, des Tages jede Faser seines Wesens übt und ihn endlich abends mit der gesundesten Müdigkeit dem herrlichsten Schlaf überläßt. Wenn der Herr Kooperator nachmittags fortging, pflegte er Dietern kleine Schachteln mit bunten Heiligenbildchen zur besonderen Obhut zu empfehlen. Er war nämlich auch Katechet an einer Mädchenschule und sammelte, wie es üblich ist, Briefmarken zur Befreiung und Bekehrung von Heiden. Die Schulmädchen gaben ihm ihre Markenvorräte und bekamen dafür zum Dank, je nach der Größe und dem Wert ihrer Sammlung, größere oder kleinere, einfache oder bunte Heiligenbildchen mit frommen Bibelsprüchen: glühende Herzen von Pfeilen durchbohrt, die Mutter Gottes auf goldenem Grund, Engel in Wolken, das Vaterunser in farbigen Lettern und dergleichen mehr. Eine sortierte Gattung von vorzüglichen Bildchen aber hieß er Dietern für die Veronika aufsparen. Wie sich später zeigte, war diese Kleine das Kind einer sehr glaubenseifrigen Frau seines Sprengels und darum sein besonderer Schützling. Eines Abends, als Eidherr ausgegangen war, kam die Veronika. »Ist der hochwürdige Herr zu Hause?« »Nein.« »Wirklich nicht?« »Nein, sag' ich dir. Was möchtest du denn von ihm?« »Ich bring' ihm Marken.« »So gib sie mir, ich werd' es ihm schon ausrichten.« »Das mag ich nicht.« Sie hatte zu Dieters Ehrlichkeit kein Zutrauen, da die Buben bekanntlich als leidenschaftliche Markensammler vor keinem unlauteren Mittel zurückschrecken, solches Gut an sich zu bringen. »Ich geb' dir aber was Schönes.« Sie schwieg und zögerte, endlich siegte die Neu gier: »Was gibst du mir denn?« »Heiligenbilder.« »Was denn für welche?« »Schöne.« Noch stand sie zum Fortgehen halb abgewandt draußen auf dem Gange. Da besann sie sich eines Besseren: »Laß sie mich anschauen.« Sie trat ins Zimmer, und Dieter zeigte ihr die für sie aufbewahrten Blättchen. Lächelnd und wohlzufrieden lieferte sie ihm nun ihre Marken aus, von welchen Dieter als Sammler und Tauschhändler für den Schulgebrauch die wertvollsten behielt. In der Klasse bekam er dafür einige Kreuzer, mit welchen er nützlichere Dinge beschaffte. Die Veronika lieferte Dietern nun häufiger und mit besserem Vertrauen ihre Marken gegen die Bildchen aus. Der Kooperator zog bei diesem Tauschverkehr freilich den kürzeren, indem seine Heiligenbildchen rascher abnahmen, als seine Markenvorräte sich mehrten. Er sah zwar sicherlich dies Mißverhältnis, sagte aber nichts dazu, wie ihm wohl die ganze Bekehrungssorge nicht allzu schwer auf dem Herzen lasten mochte und er überhaupt gewähren ließ, was geschehen durfte und nur dann, aber mit Sicherheit und Maß einschritt, wo es nötig war. Endlich erwirkte Eidherr, der Dietern auch bei seiner Abgeschlossenheit ein wenig Zerstreuung und freundliche Gesellschaft gönnen mochte, daß die Veronika täglich nachmittags spielen kam und auch morgens anstelle des Knaben die Milch zum Frühstück holte, da dies sich doch für den Gymnasiasten vielleicht nicht recht schickte. Der Samstag aber war der größte und beste Tag der ganzen Woche und blieb seither für Dieter der Schicksalstag, für welchen er sich alles Gute und Schöne aufsparte, um sechs sauren Arbeitsvierundzwanzigstündern die Krone einer rechten Freiheitsfeier aufzusetzen. Am Samstag verließ Eidherr den Knaben früher als sonst und blieb dafür abends selbst zu Hause, wo die große Wochenreinigung der Wohnung stattfand, bei der die Kinder mithelfen sollten. Alle Ueberzüge wurden von den Möbeln gehoben, die Teppiche zum Klopfen in den Hof gebracht, die paar Bilder von den Wänden genommen, die Betten abgeräumt und frisch aufgerüstet. Ueberall durften die beiden mit Hand anlegen. Da offenbarten sich die Geheimnisse der Schränke und der Laden in der braunen Kommode. Der Duft von Lavendel und Pfeifenrauch zog mit dem scharfen Staube beizend zusammen. Die Luft hatte etwas geheimnisvoll Aufreizendes und Berauschendes. Die Kinder tanzten vor Vergnügen um die ganze herrliche Unordnung. Zur Belohnung für ihre Mithilfe bei der Räumerei gab sich der Kooperator abends mit ihnen ab. Das heißt, als es dunkelte, alle Laden und Türen wieder geschlossen, alles ausgeklopft, gebürstet und gereinigt, die Bilder wieder an der Wand, die Behänge wieder an den Möbeln waren und die weißen Stuben in stiller, reinlicher Ordnung dastanden: gegen halb acht Uhr ließ er seine beiden Schützlinge aus der Speisekarte des Stammgasthauses wählen, was ihr Herz begehrte. Sie durften ein Mahl nach ihrem Geschmacke zusammenstellen: gebackene Schnitzel mit Gemüse und Salat, Torte, Obst und Käse und sogar ein Glas Bier dazu. Er gab ihnen ein gehöriges Stück Geld mit auf den Weg, und sie mußten nun in einem Tragkorbe das Essen vom Wirt holen. Wie herrlich schwer ließ sich diese Last schleppen! Kamen sie zurück, so hatte er gewiß irgendeinen lehrhaften Scherz bereit, bei dem es nach seiner bäurischen Laune nicht ohne Derbheit abging. Einmal hatte er zum Beispiel sauber aus schwarzem Papier einen kleinen »Schwaben« ausgeschnitten, welches zudringliche Insekt in allen Küchen gefürchtet wird. Als sie zu dritt bei Tische saßen, praktizierte er ihn unbemerkt auf die Gemüseschüssel. Bei diesem Anblick schrie Veronika auf, als ein rechtes Frauenzimmer. Dieter aber rief: »Ich eß ihn auf.« Ein andermal setzte Eidherr einen wirklichen, lebendigen »Schwaben« auf den Teller. Veronika schrie wiederum und Dieter rief wiederum: »Ich eß ihn auf.« Eidherr sagte ruhig: »Nun bitte, Chineser.« Um nicht als Großsprecher zu gelten, nahm Dieter wirklich das Tierlein zwischen die Finger und hätte es kaltblütig verzehrt, wenn es der Kooperator ihm nicht gerade noch zurzeit aus der Hand geschlagen hätte, lachend, doch nicht böse, weil er auf Wahrhaftigkeit in Wort und Tun etwas hielt. So lebten sie manche Wochen. Am ersten Maiensamstag waren die Kinder von der Luft und Mühe müder als sonst. Sie sollten das Essen im Tragkorbe vom Wirtshause holen und faßten jedes den Henkel mit einer Hand und gingen die hohe Stiege hinab. Auf einmal konnten sie nicht mehr weiter. Jede Stufe ward ihnen schwerer, sie blieben stehen. Und nun schob Dieter seine Hand, oder schob Veronika die ihre näher heran, bis beide Hände der beiden Kinder nebeneinander lagen, so daß die Finger einander leise berührten. Die beiden Kinderhände ruhten beisammen, wie weiße Geschwister. So verharrten sie einen Augenblick und eine Ewigkeit, dann rannten sie plötzlich, wie von irgendeinem unhörbaren Zeugen aufgescheucht, die Stiegen hinab, den Korb haltend, aber mit den Händen längst schon auseinandergerückt ins Wirtshaus und ebenso toll zurück, bis sie atemlos, rot, still und traurig beim Tische saßen und einsilbig blieben, so daß der Kooperator sie in Ruhe ließ. Seit diesem Abend verging wieder eine beträchtliche Zeit. Dieter dachte nur selten an das wunderbare Geschehnis auf der dunkeln Stiege, bis ein neues Ereignis es ihm wieder nahebrachte. Er hatte sein Lateinheft, mit den zwei »ganz ungenügend« der ersten Schularbeiten dieses Jahres dem Vater und dem Kooperator verheimlicht, nicht ohne daß jener das Unheil dunkel geahnt, weshalb er den Sohn eben dem Geistlichen überantwortet hatte. Seither war Dieter in der Zucht des Kooperators besser gediehen und hatte längst ersprießlichere Noten erlangt. Sowohl diese Sühne, als eine merkwürdige Scham verhinderten Dieter, das Unglücksheft zu verbrennen. Vielmehr hatte er es ganz zu unterst in seine Lade geschoben und dachte nicht daran, daß die Sache jemals noch ruchbar werden könnte. Eines Tages hatte er sich ganz lustig umhergetrieben, kehrte in froher Erwartung heim und fand Eidherr sehr ernst und zornig, die Veronika mit rotgeweinten Augen und vor Aufregung zitternd. Der Kooperator hielt ihm das verhängnisvolle Heft entgegen: »Was ist das?« Nun kam die Wahrheit an den Tag. Nicht für die längst verbesserten schlechten Noten, aber dafür, daß er sie verheimlicht hatte, erhielt Dieter zum erstenmal Schläge vom geistlichen Herrn. Die Prügel verwand er um so leichter, als Veronika um seinetwillen geweint hatte. Daß sie unschuldig für ihn gelitten, wollte er ihr gedenken. Wieder an einem Samstag hatten sie besonders reichlich von guten Sachen gegessen, und der Kooperator schickte sie auf die Straße, damit sie drunten spielten und sich vor dem Schlafengehen noch Bewegung machten. Dann sollte Dieter die Veronika nach Hause begleiten. Wieder schlichen die beiden still über die Treppe hinab, da kamen sie zu einem Stiegenfenster, das sie sonst nicht einmal gemerkt hatten, jetzt schien der weiße Mond hindurch und rief wie eine stille Stimme der Nacht. Da fühlte Dieter, heute müsse er es der Veronika sagen. Das »es« wußte er nicht recht zu nennen, noch warum er es bekennen wollte, aber daß er es mußte, war ihm nun auferlegt. Unten auf der Straße begann Veronika, vom gleichen Mondruf geheißen, zu laufen. Sie lief. War in ihr Dieters Gedanke wach geworden und hatte sein Mut ihre Angst geweckt, ihre Scham oder ihren Stolz, ihre Furcht oder ihre Lust, mit diesem Herzen, das um sie bat, zu spielen, um es so ganz in ihrer Hand zu spüren, eben da sie es von sich abhielt? Sie entlief ihm, Dieter rannte ihr nach, zuerst froh und gewiß, sie einzufangen, sie lief. Aber er konnte sie nicht wie sonst mit ein paar Sprüngen erreichen, denn ihn lähmte die gleiche Kraft, welche Veronika beflügelte. Er spannte seinen ganzen Willen an, aber er holte sie nicht ein, schon war sie um die Kirche herum, immer über die Stufen der verschiedenen Eingänge setzend, weit voran. Sie lief. Dieter rief ihr nach, zuerst lachend, dann in Angst, bis zu nahen Tränen, wie in einem schweren Traum von Not und Gefahr: »Veronika. Veronika.« Sie lachte von weitem, aber wollte nicht hören. Sie lief. Er sah ihr Röckchen flattern und ihren blonden Zopf um die Schultern schlagen wie das rasche Pendel einer Uhr des fernen Glückes. Sie lief. Auf einmal bog sie in eine Seitengasse ein und rannte unaufhaltsam weiter, Dieter ihr nach, aber ohne Hoffnung. Es kamen die Lichter einer belebten Straße und eilten an den Eilenden vorbei, sie lief zum Hause ihrer Mutter, sie lief. Fast war sie schon am Tor. Wenn er sie jetzt nicht erreichte, war es zu spät. Sie lief. Nun schrie er mit aller Macht seines vergehenden Atems in trotziger Verzweiflung: »Jetzt hätte ich dir was gesagt, Veronika, das wirst du nie mehr erfahren.« Sie lief aber, ohne ihm zu antworten und verschwand im Flur. Dieter schlich nach Hause zurück, und von ihrem Geheimnis war zwischen den Kindern kein einziges Mal mehr die Rede. Kurz darauf bekamen die beiden noch einen Kameraden, einen Buben aus Dieters Klasse, einen kleinen Slowaken aus der mährischen Ebene, dessen der Kooperator sich aus anderen Gründen gleichfalls annahm. Denn der Junge war ein Bruder von Eidherrs Herzallerliebsten, der sich dem Zwange der Ehelosigkeit fügte, aber darum nicht auf das bessere Recht seiner Natur verzichtete. Er hatte ein Mädchen gewonnen, das draußen als Lehrerin hauste. Beide fühlten sich in ihrem nicht einmal sonderlich geheimgehaltenen Verhältnis recht wohl, und im Winter besuchte sie ihn zu allen Feiertagen, oder wenn sie eben sonst frei war, während Eidherr den Sommer bei ihr verbrachte. In der Hanna in einem Slowakendorf hatte ihr Vater, auch ein Schulmeister, ein kleines Häuschen inne, dessen Fußböden mit weißem Sand bestreut waren, an dessen Fenstern Bauernblumen standen und in dessen einer Stube seine Tochter wohnte, an deren Bett dem Kooperator ein zweites hinzugerückt wurde, wenn er auf Ferienbesuch kam. Den Sohn dieses Schulmeisters, den Bruder seiner Geliebten, ließ Eidherr hier in Wien studieren und nahm sich seiner an. Jetzt waren am Samstag vier zur Unterhaltung. Da wurde am liebsten ein Spiel gespielt, wobei jeder den Namen einer Blume bekam. Veronika wollte immer das Veilchen heißen, der Slowak neidete ihr den Namen und begehrte ihn oftmals für sich, aber Veronika mochte ihn nicht ein einziges Mal aufgeben, und Dieter war immer die Primel. Jedes mußte auf die Frage, welche Blume es am liebsten habe, antworten. Der Slowak fuhr immer geradeheraus: »Das Veilchen.« Weder die Veronika, noch Dieter sagten ihre Namen. Dieter nannte immer die Blume des Kooperators oder des Slowaken, aber niemals das Veilchen, und Veronika nannte immer die Blume des Kooperators oder des Slowaken, aber niemals die Primel. Einmal spielte auch Dieters Vater mit, der seinen Buben besucht hatte. Und als Veronika und Dieter wiederum einander zu nennen auswichen, lachten der Vater und der Kooperator. Eidherr sagte: »Du Chineser, warum rufst du denn nicht auch einmal das Veilchen?« Dieter antwortete trotzig: »So,« und war nicht dazu zu bringen, die Blume der Veronika zu nennen. Nach ein paar Wochen war das Schuljahr aus, Dieter hatte ein sehr anständiges Zeugnis bekommen und sollte auf Ferien gehen, um im Herbst wieder ins Vaterhaus zurückzukehren, da er nun der Hilfe und Zucht des Kooperators wohl entraten konnte und sich in die neuen Verhältnisse daheim finden sollte. Die Veronika entschwand ihm. Viel später, als er schon sechzehn Jahre alt war, sah er einmal von dem Fenster des Kooperators, welchen er gelegentlich besuchte, der Fronleichnamsprozession zu, die in Pracht unten vorbeiging. Voran wandelte Eidherr unter den Priestern und wies mit erhobenen beiden Händen die goldene Monstranz. Dann kam der Baldachin von vier Mädchen getragen, dann folgten paarweis Jüngferlein in weißen Kleidern und mit gerollten Locken, in deren Mitte Veronika, nun um ein gutes Stück gewachsen, bescheiden, aber anmutig, wie ihre Blume, das Veilchen, das gestickte seidene Kissen hielt, welches beim Umgange nicht fehlen darf. Die goldenen Locken lagen ihr wie ein Heiligenschein um das feierliche Gesicht, und mit einer jungfräulichen Strenge voll Stolz, Angst und Freude hielt sie den weißen Polster weit von sich. Den Beobachter oben am Fenster nahm sie nicht wahr, welcher in seinem Unglauben überlegen lächelte. Bald war die kleine Heilige unter Glockengeläut und Böllerkrachen vorübergezogen. Und dann sah Dieter sie nie mehr wieder, die für ihn bestimmt war und die er nicht nennen mochte, das erste Veilchen im grünen Schatten seiner Jugend. VII. Diesen Sommer sollte Dieter einmal bei Verwandten seiner Mutter zubringen, damit er auch diesen Zweig kennen lernte, der nun durch die zweite Ehe von neuem ins Grünen kam. Eine ältere Schwester seiner Mutter war in Böhmen an den Stallmeister eines reichen Gutsherrn verheiratet, und dorthin, nach einer großen Besitzung, reiste Dieter auf Sommerfrische. Er fand sich unversehens in einer ganz neuen Welt, und zwar in der böhmischen, wo sie am tiefsten ist und ihn lehrte, daß er eigentlich ein deutscher Junge sei und daß sich dies gar nicht von selbst verstehe, denn hier wurde nur tschechisch gesprochen, und alles hatte tschechische Namen, sogar seine Tante, welche Nemec hieß, was freilich »deutsch« bedeutete, aber weder so klang, noch von ihr, einer Parteigängerin der tschechischen Nation, so verstanden sein wollte. Sein Oheim, der Stallmeister, ein kleiner, gedrungen-kräftiger Mann, hatte das richtige tschechische Aussehen: eine Nase, die ein wenig zutraulich, ein wenig aufgebogen gen Himmel sah, ob sie es auch dürfe, ein paar blaugraue, zwinkernde Augen, ein untertäniges Lächeln und dunkelblonde, borstig aufgerichtete Haare. Er sprach zwar deutsch, aber man merkte ihm die Schwierigkeit dieser Unterhaltung an, denn er dehnte und sang seine Rede mit umständlicher Art, nicht ohne gelegentlich in die vertrauten Wendungen der Muttersprache zu verfallen, wenn er besonders freundlich sein wollte. Dieter fühlte sich aber darum nicht fremd, war doch auch seine Mutter eine Slawin gewesen und hatte mit ihm so gut deutsch, wie tschechisch gesprochen. Wunderlich war es nur, auf einmal zu erfahren, daß er wirklich eine fremde Sprache verstand, mit deren Worten man tatsächlich etwas verlangen konnte und bekam. Als er nun auf eine Frage getrost tschechisch antwortete, war alles doppelt schön und gut, der Stallmeister schlug ihn auf die Schulter, die Tante umarmte ihn gerührt und versprach sich für ihr eigenes Kind, die kleine Marischka, den besten Spielgesellen. Doch Dieter, der wie gesagt, einen eigentlichen Widerwillen, eine Verachtung gegen das weibliche Geschlecht, als gegen wehleidige, immer schutzbedürftige, jammernde oder wieder eitle, zierselige, kurz minderwertige Wesen hegte, sah diese Kleine recht gleichgültig an und beschloß, sich nicht um sie zu kümmern. Dagegen erkundigte er sich einläßlich um die sonstigen Gelegenheiten der Unterhaltung, des Verkehrs und etwaiger Abenteuer im Orte. Nun bekam er eingeschärft: zwei Gefahren wären aufs strengste zu vermeiden, erstens der Fischteich, wo man leicht ertrinken könne, Marischka werde ihn morgen hinführen, aber er solle sich dort immer recht vorsichtig verhalten. Zweitens der herrschaftliche Park, in welchem man sich zwar ergehen dürfe, doch nur zu gewissen Zeiten und auf solchen Wegen, die fernab vom Schlosse lägen, damit man der freiherrlichen Familie nicht störend unterlaufe, was sich für dienende Leute nicht gezieme. Diese Verbote bewirkten natürlich, daß Dieter den bedrohlichen Orten seine besondere Aufmerksamkeit und eingehende Durchforschung vorbehielt. Am nächsten Tage bekam er nun, von Marischka geleitet, den Fischteich zu sehen. Die Pausbackige, Achtjährige, Flachshaarige, Buntrockige versuchte alle möglichen Gespräche, ohne ihrem Begleiter mehr als ein unwirsches Ja und Nein zu entlocken, bis sie halb verdrossen und beschämt, halb ehrerbietig, diese Mühe aufgab und stumm neben Dieter herlief. Man brauchte gut eine Stunde, den ausgedehnten Fischteich zu umgehen, er war gelegentlich von Bäumen umsäumt, dann wieder von Wiesen, an manchen Uferstellen sumpfig und schilfig, so daß ein schreiendes Leben von Wasservögeln aller Art sich aus dem Röhricht der Weiden und Erlen erhob. Das Wasser flimmerte und zitterte im Sonnenlicht und der ganze Ort gefiel Dieter so wohl, daß er ihn als Spielrevier im Auge zu behalten gedachte. Marischka, die bald, namentlich aus Mangel an Unterhaltung müde wurde, kehrte endlich um, nachdem Dieter ihre Warnungen vor dieser verbotenen Gegend höhnisch verlacht hatte. Er selbst fühlte sich nun frei und wanderte vergnügt auf der Landstraße weiter, die unter hohen Pappeln eine gute Weile längs des Teiches hinlief, um sich unversehens in einem scharfen Winkel von ihm abzuwenden. Nach kurzer Ueberlegung beschloß der Bube, da er ja das Wasser vorläufig schon einigermaßen kannte, der Landstraße zu folgen, zumal er mit seinem scharfen Auge von weitem rote Dächer und hohe Schornsteine gewahrte. Nach einer Viertelstunde Weges fand er sich tatsächlich in einem jener kleinen böhmischen Dörfer, dessen niedrige, aneinander gelehnte geweißte Häuser mit blauen Fensterrahmen und Türstöcken sich im Halbkreis um eine bescheidene Dorfkirche legten. Auch da gab es manches zu besehen: Gänse und Enten, welche sich beleidigt und mit mühselig erhobenen, drohend geschwungenen Flügeln nacheinander vom Weideplatze davonmachten, eine Schmiede, deren offenes Feuer in einer schwarzen Esse loderte, während draußen ein Wägelchen mit einem Pferde wartete, von einer Schar zerlumpter, blonder und brauner Bauernbuben umringt. Hier bot sich ein ungezwungener Anlaß näherer Bekanntschaft, den Dieter zur Anknüpfung eines Gespräches benützte. Erst versuchte er es auf deutsch, bekam aber keine Antwort, vielmehr grinsten ihn alle frech an und einer rief ein Schimpfwort, das die anderen lachend wiederholten. Da Dieter es aber wohl verstand, gab er dem Frechen einen wohlgezielten Schlag und ein saftiges Schimpfwort zurück und sprach gleich auf böhmisch weiter, wozu sie denn hier herumständen, ob sie nichts Besseres wüßten, was sie denn sonst den ganzen Tag trieben, sie könnten doch lieber als Indianerbande nach Schätzen und auf Abenteuer ausziehen. Die also Beehrten erklärten sich nach kurzer Ueberlegung einverstanden und erkannten ihn als ihren natürlichen Führer an. Sie machten sich auf, nahmen knotige Aeste, Besenstiele und was an ähnlichen Waffen sich auf dem Wege oder in den Häusern vorfinden mochte, an sich und schritten als ordentliche Truppe paarweise davon. Als sie nach wenigen Minuten das Dorf hinter ihrem Rücken und die ganze weite Gegend vor sich hatten, wußte Dieter nicht mehr recht, was er mit seiner neu angeworbenen Schar beginnen sollte, war er doch fremd im Lande, kannte dessen Schlupfwinkel nicht und deshalb auch noch keinen Feind. Er versammelte seine Leute zum Kriegsrat. Vorerst müßten sie ein geheimes Lager aufschlagen und befestigen, um von dort aus, vor jedem Ueberfall von Blaßgesichtern geschützt, selbst kühne Angriffe nach allen Richtungen unternehmen zu können. Da er aber keine Karte der Landschaft besitze, sei der Kundigste als Pfadfinder berufen, ihn an einen geeigneten Ort zu weisen. Die Gesellen, welche sofort das geborene Feldherrngenie in Dieter witterten und würdigten, vertrauten ihm gleich ihren Hauptspiel- und Kampfplatz an: nahegelegene Sandgruben, wo es sich recht wohl sein ließ. Flugs marschierte man dorthin und begann gleich ein heftiges Bauen, Graben und Schanzenwerfen. Der neue Häuptling ordnete an, man müsse zunächst einmal ein Feuer machen. Die Bauernjungen waren einverstanden und wollten, wie sie es gewohnt, Reisig sammeln, Kartoffeln aus den nahen Aeckern stehlen und im Freien braten. Wiederum erwies sich Dieter als der Ueberlegene und erklärte, da man in Höhlen lebe, könne und müsse man ein besseres Feuer unterhalten, indem man einen Kamin herstellte und mit ordentlichen Kohlen heize. Doch seien diese mit Klugheit und Umsicht zu rauben, welche ehrenvolle Aufgabe er zwei hinlänglich verschmitzt aussehenden Kriegern zuteilte, die denn auch spornstreichs nach dem Dorfe zurückrannten, und sei es vom elterlichen Herde, sei es von der Esse des Schmiedes, in Kürze eine tüchtige Menge mitbrachten. Unterdessen hatten die Zurückgebliebenen in der Sandgrube einen wirklichen Ofen mit hohem und weitem Zugloch erbaut. Als nun auch das nötige Heizmaterial zur Stelle war, machte man ein starkes Feuer, dessen Rauch Nase und Augen beizte und sich in mächtigen Wolken durch den Kamin schlug, man briet Kartoffeln und verzehrte sie, auf gekreuzten Beinen hockend, voll schweigsamer Würde, wie es Indianern geziemt, welche bekanntlich jedes überflüssige Wort verachten. Als die Mittagsstunde herankam, woran sich auch der wildeste Kriegsmann zur Zeit erinnert, ordnete Dieter an, man müsse das kostbare Feuer erhalten, weshalb zu jeder Tageszeit mindestens einer zurückzubleiben hätte. Als solcher Wächter fand sich der ärmste der Knaben, ein Gänsehirt, der ohnehin nicht nach Hause durfte, weil er seine Schützlinge draußen zu hüten hatte und als Mittagessen sein Stück Brot und trockenen Käse auf der Weide zu verzehren pflegte. Für die Zukunft aber wollten sie einen möglichst großen Kohlenvorrat sammeln und hier verstecken. Mit diesem Beschlusse ging man auseinander, die Krieger begaben sich in das Dorf und Dieter eilte nach dem Schlosse zurück. Mit diesen gutmütigen und ergebenen Spielgesellen verbrachte der Junge manchen angenehmen Vor- und Nachmittag, doch empfand er bei seiner unbestrittenen Herrschaft bald eine gewisse Begierde nach Abwechslung und Anregung, nach neuen Abenteuern, ohne vorerst recht zu wissen, wie er sie sich auf den Hals laden sollte. Wenn er vor dem Schlosse umherspazierte, zeigte dieses, ein gelblicher, vornehmer, im Geschmacke der Barockzeit ausgeschmückter, weit ausladender Bau eine ganz unnahbare Fremdheit. Die Wohnung des Stallmeisters lag in einem niedrigen Seitenflügel ziemlich abseits, während die Hauptfront nur vom Park aus zugänglich, mit offenem Portal ins Grüne führte. Das Schloß stammte keineswegs aus den feudalen Zeiten des Hochadels, wie es auch nicht etwa einem angestammten Aristokraten der alten Familien des Königreiches gehörte, sondern es war von dem Besitzer selbst, einem frisch erhöhten Baron, erbaut worden, der als Großindustrieller ein bedeutendes Vermögen erworben, in öffentlichen Angelegenheiten sich tüchtig und gemeinsinnig erwiesen und zu seiner und seines neugegründeten Stammes Ehre den prächtigen Sommerpalast errichtet hatte. Die Gegend selbst war gewählt worden, weil die ausgedehnte Landwirtschaft und insbesondere die Ergiebigkeit des Fischteiches solche Anlage eines Kapitals, die Pflege eines günstig erworbenen Grundbesitzes ratsam erscheinen ließen. So kam der Baron mit Familie und großer Dienerschaft gern in den heißen Sommermonaten her, um sich bei der heiteren ländlichen Sommerverwaltung von den Geschäften seiner rußigen, lärmenden, städtischen Industrieunternehmungen als in einer willkommenen Abwechslung zu erholen. Dietern hatte es schon längst gelüstet, einmal den herrschaftlichen Teil des Schlosses und eben den Park, vor dem er gewarnt worden war, genauer zu besichtigen und nach der Möglichkeit von Abenteuern zu durchforschen. Vom Vater und ebenso vom Kooperator Eidherr angehalten, täglich um sechs Uhr morgens ausgeschlafen, gewaschen und angezogen seine Schale Milch zu trinken und dann zur Arbeit des Tages bereit zu sein, behielt er diese Gewohnheit auch hier in den Ferien bei und brauchte zu so früher Zeit keine Störung der Erwachsenen zu befürchten. Seine Tante und der Stallmeister waren freilich schon auf, aber genügend mit ihren eigenen Morgenangelegenheiten beschäftigt; so kümmerten sie sich auch nicht weiter um seinen Aufbruch, sondern ließen ihn, sein geschäftsmäßiges »guten Tag« ebenso erwidernd, gleichgültig und ungefragt fortgehen. Vor der schön ausgeschwungenen Freitreppe dehnte sich ein buntes, wohlgepflegtes Rasen- und Blumenparterre, eingefaßt von gerade geschnittenen grünen Baumwänden im Stile von Schönbrunn. Alles war ruhig; vor den hohen Bogenfenstern lag der Verschluß der grünen Läden. Da gab es also vorläufig nichts zu sehen, noch zu fürchten. Dieter ging weiter durch den Park auf dem glänzenden, weißen Kies, durch sorgfältig gewölbte Laubengänge und Alleen, bis etwa nach einer halben Stunde der französische Garten sich unmerklich in die natürliche Freiheit eines Wald- und Wiesenbesitzes verlief. Diese offene Landschaft kannte er bereits zur Genüge und wandte sich daher wieder dem Park zu, suchte einen neuen Weg, geriet durch ein Boskett, Laubengänge und Hecken zu einem offenen Platz, auf dem ein Springbrunnen plätscherte, der sein Wasser aus dem Rachen eines Delphins empor und auf die nackten Schultern einer kauernden Dame aus Stein herniederspritzte. Auch dieser Sehenswürdigkeit widmete er keinen allzulangen Aufenthalt, sondern streifte in die Kreuz und Quer durch den kunstvoll auf kleinem Raume erweiterten und in sich vertieften Garten. Ein breiter Weg unter alten Buchen, die, gut ausgeschnitten, eine schattige Wölbung bildeten, führte, wie es schien, dem Schlosse zu. Doch fand sich Dieter plötzlich auf einem unbekannten, rechteckigen Grasplatz, dem angedrohten Feind, der Herrschaft gegenüber. Mit einem Blick übersah er die ganze gefährliche Lage. Um einen runden, weißen Gartentisch, wohlgedeckt mit allerhand Frühstücksgeschirr, war auf weißen Sesseln, Bänken, Korbstühlen die freiherrliche Familie versammelt: ein stattlicher älterer Herr, eine Dame im Morgenkleide, welche Kaffee einschenkte, eine andere, schwarzgekleidete Person, die Butterbrote strich, ein Knabe in seinem Alter und ein feingekleidetes Mädchen von etwa vierzehn Jahren. Ein großer braunhaariger Bernhardiner tappte im Sande umher. Da war nun guter Rat teuer, unbelästigt an dieser Gesellschaft vorbeizukommen. Von der Tante war ihm eingeschärft, wenn er etwa der freiherrlichen Familie begegnete, schön »küß die Hand« zu sagen, was er damals freilich nicht weiter beachtet hatte, während es ihm jetzt einfiel. Doch fand er eine so demütige Respektsbezeugung mit seiner Würde nicht vereinbar, sondern schritt, nicht zu rasch, nicht zu langsam, just, als ob er seinen gemessenen Spaziergang unbeirrt fortsetzte, an dem Tisch vorüber, zog seine Mütze höflich, aber nicht zu tief und sagte laut und gelassen »Guten Tag«. Die Gesellschaft erwiderte seinen Gruß mit den gleichen Worten, und schon hatte er den Platz unbehelligt im Rücken, als er gleich auch fühlte, man spreche über ihn und berate, ob man ihn etwa anhalten solle, was ihm im Grunde nicht eben unlieb gewesen wäre, da ihn dieser verbotene und gefürchtete Kreis doch interessierte. In der Tat hörte er auch gleich rufen: »Du« . . Doch ging er gelassen weiter, da er eindringlicher und vielleicht auch höflicher aufgefordert zu sein wünschte, was auch geschah, indem ihm plötzlich der Knabe nachlief, die Hand auf seine Schulter legte und sprach: »Die Mama läßt dich fragen, ob du nicht einen Augenblick zu uns kommen möchtest.« »Warum nicht?« Er machte gelassen kehrt und wandte sich an den Tisch, wo der Baron ihn freundlich ansprach, ob er deutsch verstehe. Gewiß. Ob er denn nicht aus der Gegend sei und wem er zugehöre. Der Frau Nemec, seiner Tante. Wo kam er denn her? Aus Wien. Ei, so sei er gar ein deutscher Gast. Daran war man offenbar hier im Lande nicht gewöhnt. Er ginge wohl in die Schule. Freilich, ins Gymnasium. Da lachte der Sohn des Barons vergnügt, er sei auch Gymnasiast. »Nun, Bubi, da hast du ja einen Kollegen,« meinte der alte Freiherr. Darauf forderte man Dieter zum Sitzen auf, er bekam eine Schale Kaffee und ein Butterbrot, von der Baronin selbst mit goldgelbem Honig bestrichen, das er mit Vergnügen genoß. Schließlich fragte man ihn, ob er nicht mit dem Bubi spielen wollte. Er nickte »ja«, ohne besonders erfreut oder beglückt zu sein, da er seinem Stolz in nichts vergeben mochte. Sie begannen also zu spielen, wobei der junge Herr allerhand sportgemäße Uebungen zeigte und sich von geschulter Gewandtheit erwies, während Dieter in seiner natürlichen Kraft einigermaßen ungeschickt, doch halbwegs tüchtig, sich aus der Affäre zog. Indes schätzte er im stillen seine freieren, romantischen und abenteuerlichen »Räuber und Soldaten«- und Indianerspiele, die den ganzen Kerl verlangten und in Tätigkeit setzten, weit höher, als diese gezwungenen und strengen Sportübungen. Nachdem er also eine Weile mehr überlegen geduldig, als innerlich teilnehmend mitgetan hatte, beschloß er, es für diesmal genug sein zu lassen und sich zu empfehlen. Daher sagte er zum Bubi, er wolle jetzt wieder fortgehen, wandte sich zum Tische, verbeugte sich leicht mit einem gemessenen »Guten Tag« und ging, ohne eine weitere Anrede der Gesellschaft abzuwarten, dem Schlosse zu. Kaum war er ein paar Schritte weit gekommen, als er den Bubi »Huß« rufen und auch schon den Bernhardiner hinter sich keuchen hörte, der ihn, nicht gerade offenbar gefährlich oder feindselig, sondern mehr aus Gefallen für die Herrschaft und um dem Befehl zu genügen, leicht in die Wade biß. Empört wandte sich Dieter um, der Hund hatte gleich von ihm abgelassen, und der Bubi stand da. Dieter fühlte sich durch diese wunderliche Manier, nach allem anständigen Abschied hastdunichtgesehen den Hund auf den Gast zu hetzen, aufs schmählichste beleidigt und gab dieser Empfindung den natürlichsten, vom Augenblicke gebotenen Ausdruck, indem er dem Bubi eine Ohrfeige versetzte, nicht stark, aber entschieden genug, genau mit dem gleichen Maß die Uebeltat erwidernd, wie sie ihm zugefügt worden. Auch wartete er nichts weiteres ab, hörte nur einige leise Rufe des Staunens hinter sich und ging gelassen seines Weges. Wieder war er nicht allzu weit, als er den Bubi hinter sich laufen und rufen hörte: »Du.« Wieder stand er still und zeigte dem Atemlosen ein gelassenes Gesicht. »Die Mama hat gesagt, ich soll dich um Verzeihung bitten, ich hab' es nicht gern getan, ich wollte dich nur noch hier behalten, es war dumm, sei nicht bös, du sollst nur auf einen Augenblick zurückkommen.« Ohne weiter ein Wort zu sagen, ging Dieter die paar Schritte zurück an den Tisch, wo ihn die Baronin lächelnd anredete, der Bubi sei ungezogen gewesen und habe seinen neuen Freund nur, freilich auf höchst unpassende Art, hierbehalten wollen, die er, Dieter, denn auch ganz nach Gebühr zurückgewiesen. Nun möchte er das Unrecht entschuldigen und nicht weiter übelnehmen. Sie hoffte, er werde nicht beleidigt sein und künftig mit ihrem Sohne spielen, der ja von Herzen froh sei, einen Kameraden gefunden zu haben. Morgen erwarteten sie ihn bestimmt im Schlosse um drei Uhr im Bibliothekzimmer, damit man ihm alle Spielsachen zeigen und die Bekanntschaft geziemend fortsetzen könne. Dieter sagte »Ja« und fühlte sich durch die ehrenvolle Anerkennung seines Betragens so geschmeichelt, daß er überlegte, ob er nicht etwa dem Bubi noch eine Ohrfeige angedeihen lassen sollte. Aber es schien ihm doch besser, jetzt ungehindert und einen ernsten Eindruck hinterlassend, zu scheiden. Daher empfahl er sich wiederum mit einem ruhigen »Guten Tag« und kam zu seiner Tante, der er von dem Vorfalle keine Andeutung machte, bis er am nächsten Tage nach Tisch seinen Sonntagsanzug aus dem Koffer nahm und sich ungewohnt festlich anzukleiden begann. Die Frau fragte ihn, wohin er denn wolle und weshalb er sich so großartig herrichte. Er sei ins Schloß bestellt, zum Herrn Baron. Ja, wie denn das zugegangen sei. Nun erstattete er gelassen, zwar nicht ruhmredig, aber mit merklicher Genugtuung Bericht über seine Begegnung, nicht ohne daß die Tante über die ausgeteilte Ohrfeige bestürzt, voll Entsetzen die Hände zusammenschlug und sich bekreuzigte und ihn mit tausend Eiden beschwor, um Gotteswillen fernerhin keine solche Ungebühr zu wagen und sich vielmehr von dem jungen Baron nur alles gehorsam gefallen zu lassen. Dieter versprach ihr seelenruhig, was sie nur verlangte, wußte er doch viel besser, was rechtens war. Ein livrierter Diener führte ihn im Schlosse über die Freitreppe in den ersten Stock zur Bibliothek. In einem hohen getäfelten Raume standen bis an die Decke reichende Glasschränke, hinter deren Türen sorgfältig in Leder gebundene und goldbedruckte Bücherrücken sichtbar waren. Dieter schenkte eine gute Weile den Titeln seine Aufmerksamkeit. Doch lagen die Werke seinem Geschmack und Interesse fern, wenigstens fand er keine Reisebeschreibungen, Atlanten, Tier- und Pflanzenbücher wie daheim bei der ethnographischen Gesellschaft, noch Indianergeschichten, die er sonst für lesenswert hielt, weshalb er sich von diesen toten Gegenständen abwandte und lieber in den Park hinunter sah; dann ging er auf dem glatten Parkett auf und nieder und rügte im stillen, daß man ihn solange warten lasse, wenn man ihn doch für drei Uhr bestellt hatte. Die schöne rote Stehuhr auf einer Konsole am Pfeiler zeigte bereits halb vier. Da meinte er, die Herrschaft werde vielleicht seiner vergessen haben, und er könne sich nun lieber ein wenig im Innern des Schlosses umschauen. Er öffnete leise die Flügeltür und schlich auf den Gang hinaus. Gegen die Freitreppe vermutete er mit Recht die Wohnzimmer der Herrschaft und wandte sich daher nach der entgegengesetzten Seite, wo er über eine enge Stiege zum Oberstock in einen niedrigen, bedeutend schmäleren Korridor gelangte, in welchen eine kleine weiße Tür neben der anderen mündete. Kurzweg und ohne anzuklopfen, öffnete er leise die erste Tür, um zu sehend was es hier gebe und war kaum in das Mansardenzimmer getreten, das in halber Dämmerung dalag, als ein leiser Aufschrei ihm entgegendrang. Da wohnte also wer. Schon wollte er betreten umkehren und in aller Stille sich davonmachen, als die helle Stimme lachend, aber bedeutend ruhiger ihn anrief: »Ei, was willst denn du hier?« Dieter blieb an der Tür stehen und sah jetzt, wer gesprochen hatte: ein Frauenzimmer, das beim verhängten Fenster vor einem Toilettenspiegel saß, in einem weiten weißen Korsett und das lange, offene, braune Haar kämmte, welches ihr weit auf den Rücken hinabreichte und ganz die Schultern, den Hals und die Brust bedeckte. Nur ein volles, lächelndes Gesicht sah mit heiteren, braunen Augen hervor, die sich auf den kleinen Eindringling richteten und die Frage freundlich zu wiederholen schienen, wer er sei und was er wolle. »Ich bin der Dieter von der Frau Nemec unten und war für drei Uhr zum Baron bestellt.« »Also du bist der Dieter. Nun, das ist schön, daß du mich besuchst. Komm nur herein und fürchte dich nicht. Setz' dich zu mir und erzähl' mir was.« Gehorsam und nicht ungern ließ er sich auf einen Schemel zu ihren Füßen nieder, den sie rasch von einer Last von Kleidern freigemacht und herbeigeschoben hatte. Und nun fragte sie ihn, indem sie ihre glänzenden Haare weiter kämmte, flocht und ordnete, woher er komme und was er treibe, erfuhr seinen Namen, Stand und Beruf, seine Erlebnisse, seine Wünsche und Herzensangelegenheiten im Handumdrehen, da sie ihn auf das angenehmste zum Reden aufzufordern und auf das teilnehmendste anzuhören wußte, so daß er gleich alles und mehr noch sagte, als er wollte, und sich dabei nicht ausgehorcht, sondern recht verstanden wußte. Auch sie nannte ihm ihren Namen: sie hieß Josefine Wacha und war die Kammerjungfer der Baronin. Als sie eine Weile geplaudert hatten, sagte sie: »Ich möchte dir doch etwas schenken, Dieter, damit du dich meiner einmal erinnerst, nun habe ich aber gar nichts, was für einen Buben passen könnte, du mußt schon entschuldigen, aber nimm vielleicht diese kleine Flasche Kölnischwasser, das riecht gut, und wenn du einen Tropfen auf dein Taschentuch tust, immer hübsch auf ein reines, dann magst du wohl meiner gedenken.« Damit schraubte sie den Verschluß ein wenig auf, probierte ihn am eigenen Haar und Halse, und als sich der starke, reine Duft kühl verbreitete, sprengte sie auch dem Jungen ein paar Tropfen auf den Kopf, dies mache ihn fein, jedem Fremden und selbst dem Baron gegenüber. Dieter ließ sich die eigentümliche Taufe zum noblen Menschen ganz gerne gefallen und dachte später, so oft er Kölnischwasser roch, unwillkürlich an die freundliche Geberin, an das lachende, gute, runde Gesicht der Josefine Wacha mit den offenen, reichen, braunen Haaren. Kaum hatte sie ihm die Flasche zugesteckt, als er draußen auf dem Gange gerufen wurde. »Da ist er,« antwortete sie mit heller Stimme und schob ihn zur Tür hinaus, indem sie ihm zuflüsterte: »Komm recht bald wieder und besuche mich, besonders, wenn du etwas brauchst. Ich will dir jederzeit gerne helfen, so gut ich nur kann. Leb' wohl.« Ein Diener nahm auf dem Gange den Abenteurer in Empfang und führte ihn in die Bibliothek zurück, wo schon die ganze freiherrliche Familie versammelt war. Auf die Frage, warum er sich denn aus dem Staube gemacht und wo er sich versteckt, antwortete er getrost, er habe sich vergessen geglaubt und sei deshalb zum Fräulein Josefine Wacha gegangen. Der Bubi zeigte ihm nun alle seine Spielsachen, lauter großartige und lehrreiche, höchst verwickelte Erzeugnisse: Maschinen, die in Gang gesetzt, sich schnurrend bewegten und eine unwillkommene und ungebetene Wirklichkeit so zulänglich darstellten, daß einem Bubenherzen gar nichts und just darum alles zu wünschen übrig blieb. Da lief auf glänzenden Stahlschienen eine wahrhaftige Lokomotive an kleinen Stationsgebäuden über richtig gestellte Wechsel vorüber, stieß naturgetreue Pfiffe und wahrhaftigen Dampf aus und zog einige Waggons erster, zweiter und dritter Klasse. Eine Elektrisiermaschine ragte mit hoher Scheibe und blinkender Kurbel und gab kleine Blitze von sich, die gar das Ungewitter von Wolken zu verhöhnen schienen. Mit einem Fuchsschwanz schlug der Bubi auf einen Harzteller und erzeugte ähnliche Funken. Dergleichen Wunder mehr wurden Dieter mit immer neuen Geräten zu geziemender Bewunderung vorgeführt. Er stand stumm und ohne sonderliche Teilnahme dabei und dachte immer nur, das müsse er ja leider in der Schule ohnehin bis zum Ueberdruß über sich ergehen lassen, nun sollte er es gar noch zum Ferienvergnügen genießen. Als sich die übrigen Herrschaften aus dem Saale entfernt hatten, um die neuen Kameraden sich selbst zu überlassen, machte Dieter dem Bubi gegenüber auch gar kein Hehl aus seiner Verachtung solcher Spielereien. Damit gebe sich ein ordentlicher Junge nicht ab. Man lasse sich seine freie Zeit nicht mit so überflüssigem Lehrkram verderben. Das sei keine Art zu spielen und zu leben. Der erstaunte Bubi fragte, wie sich denn Dieter unterhalte. »Komm morgen zu uns, in die Sandgrube, da haben wir Schanzen und Feuer und einen Wigwam und kochen unsere Mahlzeit und sind Indianer und ziehen auf den Kriegspfad und rauchen wieder die Friedenspfeife. Auch rauben wir Vorräte.« »Wer seid ihr denn dort?« »Indianer.« »Wirkliche Indianer?« Nur mühsam konnte Dieter ihm begreiflich machen, daß er die Dorfjungen zu Rothäuten erhoben hatte. Der Bubi zeigte freilich große Lust, mitzutun, zweifelte aber, ob man es ihm erlauben würde. Dieter zuckte die Achseln, hielt es aber gleichwohl für anständig, ihn nochmals dringendst aufzufordern, dann empfahl er sich gleich und Bubi verstand wohl, daß sein ernsthafter neuer Freund für so lächerliche Spiele mit Elektrisiermaschinen, Lokomotiven und derlei Apparaten durchaus nicht zu haben sei, wie er selbst sie jetzt auch mit anderen Augen, ja haßerfüllt ansah. Seine Bitten, am nächsten Tage ins Dorf hinunter zu den Indianern gehen zu dürfen, waren so inständig, daß man ihm, nicht ohne schwere Bedenken und wie sich zeigte, unter allen Vorsichtsmaßregeln, die Erlaubnis gab. Dieter stand in der Sandgrube mitten unter seinen Gesellen und überwachte gerade das Feuermachen, als er von weitem zwei Feinde gewahrte, die sich näherten. Schon wollte er seinem Stamme gebieten, sich schußfertig zu halten und die Ankömmlinge mit einem sicheren Pfeilregen zu überschütten, als er den Bubi erkannte, der neben einem fremden Herrn ging. Dieter sagte in aller Eile seinen Leuten, der junge Baron komme, um vielleicht mit ihnen zu spielen. Die bestürzten Dorfbuben wollten sich sogleich der angedrohten Ehre durch die Flucht entziehen. Doch vermochte Dieter mit dem strengsten Befehle sie zum Bleiben zu bewegen, indem er ihnen versprach, der Bubi müsse sich in allem ihren gemeinsamen Sitten und Beschlüssen fügen, sonst werde er selbst ihn unnachsichtig davonjagen. Indessen war der Feind herangekommen. Bubi begrüßte Dieter aufgeregt und ängstlich, indem er auf seinen Begleiter deutete, als auf den Herrn Doktor, den Hofmeister; Dieter maß diesen ungebetenen Gast ohne Gruß mit einem kurzen abweisenden Blick, die Indianer standen stumm da, und der vor kurzem so lebhafte Wigwam schien erstarrt. Endlich glaubte der Hofmeister durch ein verständnisvolles Eingehen auf die jugendlichen Interessen vermittelnd und erzieherisch einwirken und die Lage retten zu sollen. »Was macht ihr denn da? Mir scheint, ihr habt ja einen Ofen gebaut?« Keiner gab eine Antwort. Der Hofmeister näherte sich der Feuerstätte und begann seinem Zögling zu erläutern, wie ein Kamin angelegt sein müsse, damit die Flamme unten richtig brenne und den Rauch oben ungefährdet ins Freie lasse. Dabei mengte er allerhand prahlerische Ausdrücke, wie »horizontal«, »vertikal« recht absichtsvoll ein und verband mit der Demonstration eine kleine Erinnerung an den pythagoreischen Lehrsatz, an die Wärmelehre und andere Wissensgebiete, was das Unbehagen und die Verachtung Dieters, die stille Empörung seiner Gesellen vermehrte, die von all den großen Worten schon als von deutscher Rede nichts verstanden. »Ihr habt ja auch ein Feuer angemacht?« fragte der Hofmeister weiter. Dieter zuckte die Achseln, der Esel sah es doch rauchen und brennen. »Womit heizt ihr denn?« »Mit Kohle und Holz.« »Woher habt ihr denn die Kohle?« »Erbeutet.« »Erbeutet? Was ist das für eine Rede? Ihr habt sie wohl von der Straße aufgelesen, wo die großen Kohlenwagen vorbeifahren. Das ist aber Diebstahl, merkt euch das, und laßt es euch nicht mehr beifallen.« Dieter horchte erstaunt auf, da hatte er doch etwas Neues, Brauchbares von dem überflüssigen Herrn erfahren, daß nämlich auf der Straße Kohlenwagen zogen und das werte Feuerungsmaterial fallen ließen, so daß man sich nur zu bücken brauchte, um den nötigen Vorrat zu bekommen, während sie bisher solche Mühe gehabt, ihn von der Esse des Schmiedes, von jedem Dorfherd stückweise zu stehlen und wie leidiges Gold zu sammeln, bis sie zu einem anständigen Feuer genug hatten. Er nahm sich vor, mit seinen Genossen diese neue Kunde unverzüglich auszunützen. Da sich leider mit der ganzen halsstarrig unzugänglichen Gesellschaft nichts rechtes anfangen ließ, erklärte der Hofmeister, das sei kein richtiger Herd, überhaupt gefalle ihm dieses Spiel nicht sehr, sie würden lieber an dieser Stelle morgen einen kunstgerechten Kamin bauen, heizen und etwas Ordentliches schaffen. Dieter hörte gelassen zu und antwortete nichts auf die bekümmerte Frage des Bubi, ob er morgen auch wieder herkommen werde, sondern wandte sich wortlos ab. Der Hofmeister sagte, nun müßten sie wieder gehen, befahl seinem Zögling, ihm zu folgen und machte kehrt; der Bubi blickte ratlos und bekümmert dem ganzen Sandhaufen, seinem unnahbaren bedeutenden Kameraden, den drohenden Indianern, dem unvollkommenen, köstlich rauchenden Ofen nach und stolperte Schritt für Schritt hinter seinem Lehrer drein. Als sich die zwei entfernt hatten, unterrichtete Dieter mit kurzen Worten seine Gefolgschaft von der Absicht der Gegner, und der ganze Stamm schwur sich zu, deren Pläne und Angriffe tapfer zurückzuschlagen. Am nächsten Tage starrte der Wigwam von Waffen. Noch nie waren so viele Pfeile geschnitzt und aufgeschichtet, so viele Bogen bereitet, so viel Kohle gestohlen worden. Dieter stand als Feldherr inmitten der Seinigen und gebot ihnen, einstweilen zu warten, was der Feind unternehmen würde und sich in allem der Umsicht des Führers anzuvertrauen. Die böhmischen Dorfbuben lauerten ingrimmig, dem jungen deutschen Baron ihre Macht zu zeigen. Es herrschte eine rechte Schlachtstimmung. Schon sah man aus der Ferne die Schar der Feinde sich nähern. Der Hofmeister ging voran; zögernd, doch nicht ohne Selbstbewußtsein folgte der Bubi, zuletzt schob ein Lakai einen Karren mit Ziegeln, ein anderer einen mit schön gespaltenem Kienholze und mit Kohle voll beladenen. Etwa hundert Schritte vom Wigwam entfernt, machte das Trüpplein halt, begann die Vorräte auszuladen und schickte sich zum Bauen an. Der Bubi stand da, schaute zu Dieter hinüber, winkte und rief, er solle kommen. Der aber antwortete mit keiner Gebärde und wollte ihn um alles nicht bemerken. Der Bubi sprach verzweifelt auf den Hofmeister ein. Dieser schien ihm zuzureden, auf die unnütze Teilnahme dieser Dorfburschen zu verzichten, doch offenbar vergeblich, denn der Zögling riß sich los und eilte auf den Wigwam zu. Die kriegslustigen Indianer hätten ihn unfehlbar mit einem Hagel von Pfeilen empfangen, wenn ihnen Dieter nicht Einhalt geboten hätte, zuerst müsse man den Parlamentär anhören. Flehentlich beschwor der junge Baron den Häuptling, er solle doch hinüberkommen, sie wollten einen schöneren Ofen bauen, warum er denn durchaus nicht mittun möge. Dieter schüttelte den Kopf: »Das ist kein Spiel, wo ein Hofmeister und zwei Bediente sich patzig machen. Schämst du dich nicht? Bau nur deinen Ofen. Wir werden ja sehen, ob du ihn zustande bringst mit allen deinen Leuten.« Als das inständige Zureden nichts fruchtete, regte sich der Stolz des kleinen Freiherrn, und er zog erbittert und trotzig ab. In seinem Konkurrenzlager hatte man indessen mit dem Bau begonnen. Die schönen, weißlackierten Schubkarren wurden entladen, im Schweiße ihres Angesichtes mauerten die beiden Diener Ziegel an Ziegel und schufen einen ernstlichen soliden Unterbau für den beabsichtigten Kamin. Nun teilte Dieter seinen angriffslustigen Kameraden den Kriegsplan mit. Er selbst wollte auf den Hügel klettern, der die Sandgrube beherrschte und von dort mit einem schrecklichen Kriegsruf einen ordentlichen Stein auf den feindlichen Kamin hinabschleudern, während sie im selben Augenblicke einen Hagel von Pfeilen auf die Fremden loslassen sollten. Gesagt, getan. Ohne daß der Hofmeister und seine Leute sich einer solchen Tücke versahen, hatte Dieter schon die Höhe erreicht, einen ausgiebigen Block Erde gelöst und ließ ihn langsam, aber sicher zielend entrollen, rief »Ahoi« und nun ging die Lawine los. Den Bubi warnte Dieter noch großmütig, er solle zur Seite springen. So wurde zwar das Leben der Feinde geschont, aber der Stein begrub den ganzen angefangenen Herd, die schönen Schubkarren, Kohle, Holz und Baugeräte und zerwarf sie in Trümmer. Ein mächtiges Lachen der triumphierenden Rothäute scholl über die ganze Sandgrube, und den Besiegten blieb nichts übrig, als das Feld zu räumen. Beleidigt und unter Androhung böser Folgen dieser »Gemeinheit«, befahl der Hofmeister die Umkehr und verließ, den Bubi an der Hand nehmend, den Kampfplatz. Dieter rauchte inmitten seiner Schar voll Genugtuung die Friedenspfeife. Nach Hause zurückgekehrt, fand er die Tante in schlimmster Aufregung, tränenüberströmt, den Stallmeister unruhig in der Stube auf und ab gehend. Die Frau empfing ihn mit vielen Fragen, was es denn schon wieder gegeben, was er denn neuerdings angestellt; soeben sei ein Diener dagewesen und habe ihn für morgen um drei Uhr ins Schloß bestellt, aber diesmal zum alten Herrn Baron mit dem Beifügen, der sei wütend und verstehe keinen Spaß. Dieter hörte dieses Durcheinander von Jammer, Anklagen, Drohungen und Bitten, betrübt, doch im Bewußtsein seines Rechtes, nicht sonderlich unruhig an. Soviel man aus ihm herausbringen konnte, hatte er durchaus nur getan, was nötig war. Die Tante schlug die Hände über dem Kopf zusammen und jammerte, je mehr sie des Unglücks vermutete und erfuhr. Schließlich verwies sie der Stallmeister streng zur Ruhe; Dieter sei ein gescheiter Bursch, mit dem man wohl eine ernste Sache auch aufrichtig besprechen könne. Freilich habe Dieter durchaus seiner Verpflichtung als Häuptling genügt, aber der Bubi sei immerhin der Sohn des Brotherrn, von dem er, der Stallmeister, seinen Gehalt beziehe und ohne weiteres gekündigt werden könne, wenn es dem Baron so gefalle. Nun sei er aber nicht mehr der Jüngste und ans Haus, an die Gegend, Wohnung und Leute so gewöhnt, daß er nur schwer anderswo sich einleben würde, selbst wenn er eine zweite Stellung der Art leicht fände. Der Baron sei gewiß ein sehr anständig und billig denkender Mann, der ihn wohl kaum des Bubi wegen entlassen werde. Doch müsse er als bejahrter Mensch täglich mit dem Herrlein ausreiten, das, so still und verzärtelt es auch scheine, sich auf dem Roß oben wie der leidige Teufel betrage und über Stock und Stein hetze. Korpulent und kurzatmig, wie er leider bei seinen Jahren sei, vertrage er dies tolle Reiten gar nicht mehr gut, müsse dabei schier um das eigene Leben fürchten, doppelt aber um das Heil des anvertrauten Knaben, für dessen gesunde Glieder er die Verantwortung trage. Der Bubi brauchte nur, um ihm einen Possen zu spielen, etwa noch mehr zu hetzen als sonst und dabei Schaden zu nehmen, und es sei sicherlich zu allererst um den Stallmeister geschehen. Daher möge Dieter ein Einsehen haben und sich selbst ein Unrecht gefallen lassen, jede Strafrede getrost einstecken, ohne keck zu antworten, denn ihm könne doch im Grunde gar nichts geschehen. Er, der Onkel, bitte ihn darum, denn Dieter sei ja ein gescheiter Mensch, der die Lage wohl begreife. Die Tante verstand zwar nicht, wie der Mann mit dem Buben so viel Wesens machen und sich gar auf gleich und gleich auseinandersetzen konnte und zeterte nach ihrer Weise, aber Dieter blieb nachdenklich und sah nun selbst dem Tage des Gerichtes bekümmert entgegen. Die Tante putzte ihn heraus und schärfte ihm nochmals mit weinerlich lauter Stimme bündige Verhaltungsmaßregeln ein, die er ruhig von einem Ohr durchs andere ziehen ließ, während er die bescheidene Rede des Stallmeisters besser beherzigte. Mehr als eine Stunde vor der angesagten Audienz machte er sich davon. Er wollte allein die ganze mißliche Sache erwägen und zumindest außer Bereich des weiblichen Jammers sein Leid männlich austragen. Er dünkte sich recht verlassen und ohnmächtig. Und wie er so vor dem Schlosse auf und ab ging, fiel ihm die freundliche Kammerjungfer ein und ihre Aufforderung, sie zu besuchen, wenn er etwas brauche. Als er sich an das enge, behagliche, niedere Dienstbotenzimmer erinnerte, wünschte er sich ihren Zuspruch und Trost und gedachte jetzt zum erstenmal nach langer Zeit seiner verlorenen Mutter und daß es Augenblicke gab, wo man wahrlich ihres Vertrauens schmerzlich bedurfte und sich nicht schämen mußte, seinen Kummer zu klagen, etwa gar zu weinen und zu bekennen, was man auf dem Herzen hatte. Da schlich er also über die Treppe hinauf und pochte bei Josefinens Tür an. Der Zufall wollte es, daß sie wiederum in ihrem Zimmer war, diesmal bei einer Näharbeit, und ihm lächelnd öffnete. Sie sah es ihm gleich am Gesichte an, daß er heute mit Sorgen kam, ließ ihn auf dem Schemel zu ihren Füßen Platz nehmen und fragte, was es denn gegeben. »Haben Sie denn nichts gehört?« »Nicht ein Sterbenswort,« versicherte sie. Es beruhigte ihn ein bißchen, daß man von seinen Taten im Schlosse nicht gar zu viel herumgesprochen hatte. Nun berichtete er ihr wahrheitsgetreu das Vorgefallene, mit heißen Wangen und voll Zorn im Bewußtsein seines guten Rechtes. Das Frauenzimmer saß still über die Näharbeit gebeugt, hörte ihn ruhig an; sie unterbrach ihn nur gelegentlich mit einer Frage, die zur Sache gehörte, sie zankte nicht und jammerte nicht, ja sie lächelte nicht einmal, sondern wartete, bis er fertig war und sprach dann: »Warum willst du nicht alles, was du mir jetzt erzählt hast, genau ebenso dem Herrn Baron sagen? Er ist ein guter Mensch, der ein aufrichtiges Wort gern anhört. Er würde dir sicherlich nichts tun, selbst wenn du was Arges angestellt hättest. Du kannst ihm getrost berichten, wie du über den Handel denkst. Im schlimmsten Falle wirst du eben mit dem Bubi nicht mehr spielen dürfen, und darum ist dir ja, wenn ich dich recht verstanden habe, nicht gar so viel zu tun. Mir scheint aber, jetzt ist es an der Zeit, geh also ruhig hin und laß mich bei Gelegenheit wissen, wie alles verlaufen ist. Ich will mich freuen, wenn du mich wieder einmal besuchst.« Damit gab sie ihm die Hand und öffnete ihm die Tür und nickte ihm herzlich zu und entließ ihn gestärkt, ermutigt und wohlberaten. In der Bibliothek saß bereits der Herr Baron an seinem Schreibtische und sah Dieter erwartungsvoll an, der sich verbeugte und halb beklommen, halb stolz seinen »Guten Tag« sagte. »Servus. Also was hat's denn gestern gegeben? Du hast ja meinem Buben den schönen Ofen, die Schubkarren und Geräte zerstört, ganz zertrümmert und hättest, wie ich hörte, bei einem Haar mit einem Stein ihm selbst oder dem Herrn Doktor einen Schaden getan. Wie ist denn das zugegangen?« Nun begann Dieter nach dem Rate seiner mütterlichen Freundin, sich alles vom Herzen zu reden. Ohne Aufsicht und Einmischung hätte er sich mit den Dorfbuben recht gut vertragen und unterhalten. Sie hätten gebaut und geheizt, gejagt und geschossen, ihre Kartoffeln gebraten und die Werke des Krieges und Friedens getan, wie es sich schickte. Daran hätte der Bubi, wenn er Lust gehabt, so gut wie jeder andere teilnehmen dürfen. Er, Dieter, habe sich um Bubis Gesellschaft nicht beworben, sondern das Umgekehrte sei der Fall gewesen, und die übrigen Jungen hätten sich nicht leicht zum Spielen mit dem kleinen Baron bereit finden lassen, da sie sich vor dem ganzen Schlosse fürchteten. Doch er, als Häuptling, hätte ihm sicherlich Aufnahme und gleiches Recht zu verschaffen gewußt. Statt dessen aber zog der Bubi mit einem Hofmeister daher, der sich in alle Sachen, die ihn nichts angingen, einmischte, aus dem Spiele eine Prüfung machte, unwillkommene und unpassende Belehrungen anknüpfte, in ihre Unternehmungen hineinredete und gar am nächsten Tage selbst mit Hilfe von Bedienten in ihrer Sandgrube, in ihrem Jagdgebiete, ohne zu fragen und ohne Erlaubnis, einen Kamin bauen wollte und ein Lager aufschlug. Diese feindliche Handlung mußte er als Häuptling mit allen Mitteln bekämpfen und zunichte machen. Da sei nicht der Bubi in Frage gekommen, der sich überhaupt einer ernsten Gesellschaft noch gar nicht würdig gezeigt habe, sondern ein ungerufener und unwillkommener erwachsener Eindringling, den es eben zu verjagen galt. Das sei keine Art zu spielen und unter Buben zu leben. Wer sich da nicht in die gewohnte Sitte schicken könne oder dürfe, der müsse eben fortbleiben. Ueberhaupt möchte er lieber mit dem Bubi gar nichts mehr zu schaffen haben, der gar noch seinen Onkel, der doch schon alt und ein wenig beleibt und kurzatmig sei, beim Reiten hetze und so toll losjage, daß der Stallmeister gar keine Verantwortung mehr tragen könne und ständig in Furcht schwebe, es möchte ein Unfall passieren. So weit kam Dieter mit seiner Rede und schwieg endlich, da ihm die Worte ausgingen und sich Furcht allmählich an Stelle der Zuversicht eingeschlichen hatte. »Ei, zum Teufel. Das hab' ich ja alles nicht gewußt. Eine schöne Bubenerziehung! Der Doktor hat die Verantwortung für alles. Was ist das für eine Pädagogik! Ich will schon dafür sorgen, daß das anders wird. Aber deinen Onkel sprechen wir zuerst.« Damit läutete er und befahl den Stallmeister herauf, der betreten und über und über rot an der Tür erschien. »Was hör' ich, Nemec? Sie wollen nicht mehr reiten?« »Aber Herr Baron,« stammelte der und meinte schon die Fortsetzung zu vernehmen, wenn er nicht mehr reiten wolle, könne er auf und davon gehen. »Warum sagen Sie denn nicht ein Wort? Das ist ja Ihre Sache nicht, mit dem Bubi auszureiten. Dazu taugt ja irgendein junger Reitknecht. Dazu brauch' ich doch Sie nicht. Lassen Sie es nur immer bleiben. Und jetzt nehmen Sie den Dieter mit, der hat mir über vieles reinen Wein eingeschenkt, er ist ein ganz aufgeweckter Bursch; wenn er sich meines Sohnes doch noch annehmen will, soll's mich freuen. Von morgen ab darf der Bubi allein mit euch spielen, wie ihr es gewohnt seid und ohne Aufsicht, wenn ihr es erlaubt und er sich dabei anständig hält. Nimmst du ihn mit?« Dieter nickte »ja« und der Baron gab ihm die Hand zum Abschied. Am nächsten Tage fand sich der junge Baron schon in aller Früh beim hocherfreuten Stallmeister ein, um Dieter abzuholen, der, ohne sich zu beeilen, seine Milch trank und schließlich mit seinem Schutzbefohlenen die Sandgrube aufsuchte. Die Dorfbuben wollten zuerst, als sie den gefürchteten kleinen Freiherrn wieder sahen, ausreißen und ließen sich nur nach langem Zureden zum Bleiben bewegen, faßten aber einiges Zutrauen, als auch der Bubi sie ganz unerwarteterweise böhmisch ansprach und sich allen Befehlen des Spieles und allen Forderungen des Indianerdienstes aufs bescheidenste fügte. So gruben und bauten sie nach Herzenslust, zogen zu Felde, kehrten zurück, saßen im Wigwam, und als sie Hunger bekamen, leitete Dieter die Heizung und ließ ein mächtiges Feuer anzünden. Nun fehlten aber die Kartoffeln. Der eilfertige Bubi erbot sich, gleich welche vom Schlosse aus der Küche zu holen, da fuhr ihn Dieter an: »Schon wieder vom Herrn Hofmeister oder von der Jungfer Köchin zu Hause? Ein anständiger Indianer stiehlt die Erdäpfel vom Felde. Geh' und bring' welche von den Aeckern, wo du sie findest.« Gehorsam machte sich der Bubi auf und kehrte nach einer guten halben Stunde in der Tat mit einem Schock zurück. Man briet die Beute in der Asche, und der junge Baron glaubte in seinem ganzen Leben noch nie so wohlschmeckende Kartoffeln gegessen zu haben. Seit diesem Tage mußten sie auch für die Herrschaften in der Asche gebraten werden und mundeten dort bei den Mahlzeiten vortrefflich. Während Dieter als der Führer »Inkas« hieß, bekam Bubi den Indianernamen »Unkas« und fügte sich bald und beflissen in alle eigentümlichen Sitten des Stammes. Dies bemerkte freilich weder er, noch Dieter, noch die anderen Dorfbuben, daß vom Balkon des Schlosses zur Stunde etliche Fernrohre auf die Sandgrube gerichtet waren, mit denen der Baron und seine Frau, der Herr Hofmeister, die Gouvernante und Bubis Schwester, die Baronesse Tinka sorgsam das Treiben der ungebundenen Schar beobachteten und ob dem vielgeliebten Knaben kein Uebles geschah. Nachdem derart der Friede unter den Buben hergestellt war, gab es täglich die schönsten Abenteuer und Feldzüge, an denen der kleine Baron wie eine eingeborene Rothaut teilnahm, Verletzungen bei Kämpfen mit Geduld und Würde ertrug, gelegentlich Prügel zur Strafe bekam oder Ueblichkeiten aus Anlaß der Friedenspfeife bestand, denn die Nußblätter waren nicht leicht zu rauchen. Dieter wieder kam auch oft genug zur Familie ins Schloß, wurde immer mit allen Ehren aufgenommen und durfte seinerseits an den freiherrlichen Sitten teilnehmen und sogar reiten lernen, worin ihm wieder der Bubi überlegen blieb. Einmal näherte sich ihm die kleine Baronesse Tinka und fragte ihn flüsternd: »Der Bubi heißt also Unkas?« Darauf runzelte Dieter die Stirne: »Woher wissen Sie das?« »Er hat's mir gesagt.« »Das wird er mir büßen, der Schwätzer. Er wird Schläge bekommen.« »Warum denn um Gottes willen?« »Weil er uns verraten hat.« »Das hat er doch nur mir und ganz im Vertrauen erzählt, ich sag' es gewiß nicht weiter. Keiner Seele sag' ich's.« Darauf ließ Dieter mit sich reden und sich weiter ausfragen, ob denn nicht auch Frauen bei den Indianern seien. Nein, da waren keine. Dieter behielt den Grund für sich, daß er eigentlich die Weiber nicht leiden mochte und sagte bloß, die Dorfbuben brächten ihre Schwestern nicht mit, aber bei den wirklichen Indianern gäbe es immerhin Weiber. »Und wie heißen denn die?« »Squaw.« »Also heiße ich deine Squaw.« Das war er zufrieden. Wenn sie nur auch den Wigwam sehen könnte. Das ging leicht genug, sie möchte nur auch mitspielen. Ach, das könne wohl nicht sein, das würde ihre Mama nicht erlauben, es schicke sich doch nicht, aber sie hätte, weiß Gott, große Lust. Dann solle sie nur ohne Erlaubnis kommen, und zwar wollten sie am nächsten Morgen, wenn Baronesse Tinka ausritt, ihr Pferd unbemerkt zur Sandgrube führen und von einem Busch gedeckt, anbinden, indes sie mitspiele, solange sie Lust habe. Auch das geschah, und sei es, daß die Eltern nichts bemerkten, sei es, daß sie mit einigem Vergnügen beide Augen zudrückten, genug, Tinka kam recht oft in den Wigwam, um eine richtige, brave Squaw zu werden und das rauhe Jagd- und Lagerleben zu teilen, Kriegs- und Friedenspfad mit zu beschreiten. Ob sie die berühmte Pfeife rauchen mußte, ist allerdings nicht in Erfahrung zu bringen. So verstrich ein schöner, rascher Kindersommer mit seiner Sonnenhitze, seinen Augustgewittern und blauen oder wolkengrauen Tagen, bis im Herbst das große Fest kam, das Ablassen des Fischteiches. An dieser Unterhaltung, die zugleich auch ein Haupterwerb der Schloßbewohner war, nahm groß und klein Anteil. Da wurden mächtige Tröge und Bottiche aufgestellt und die freiherrliche Familie stand freundschaftlich neben dem Stallmeister und beobachtete, wie das Wasser langsam abfloß und schließlich nur als dicke trübe Lache kaum den Boden bedeckte, während die mächtigen vierjährigen Karpfen um sich schlugen, zitterten und ihre Schuppen glänzten. Dazwischen schossen kleine silberschimmernde Stichlinge, und durch die Luft zog ein eigentümlicher Fischgeruch, welcher Dietern wunderlich an das salzige Meer erinnerte, so daß er sich recht darnach sehnte, einmal Seefahrer zu werden und Heringe zu fangen. Mitten unter diesem lebhaften Treiben erscholl mit einem Male das Posthorn, und auf der Hauptstraße erschien die schwarzgelbe Kutsche. Ganz oben auf dem Bocke saß Dieters Vater, der seinen Buben abholen und nach Wien bringen wollte. Man begrüßte ihn freundlich, der Baron schüttelte ihm die Hand und hieß ihn willkommen. Schade, daß der Junge schon wieder fort müsse, den er recht lieb gewonnen, denn der Bubi habe an ihm einen guten Kameraden gefunden. Herr Dieter fragte ehrerbietig, ob sein Sohn sich denn auch anständig aufgeführt. Da war nur eine Stimme des Lobes. Dieter der jüngere mochte dergleichen Konversation nicht anhören und schlich davon. Frau Nemec ließ es sich nicht nehmen, dem Schwager von seines Sohnes Taten und seiner Aufrichtigkeit zu erzählen, der sie nun ein viel schöneres Leben verdankten, indem der Bubi statt mit dem Stallmeister seither mit einem jungen Reitknecht ausritt oder sich in der Sandgrube vergnügte. Zum Abschiede begab sich Dieter noch einmal ins Schloß, dankte dem Baron und der Frau Baronin für alle ihre Aufmerksamkeit, Güte und Gastfreundschaft und empfahl sich. Der Baron sagte: »Du wirst doch allerhand Wünsche haben, nicht wahr? Ich denke, einen Zehner könntest du immerhin brauchen. Was wirst du dir dafür kaufen?« »Indianerbücher. Ein neues Taschenmesser . .« Und das übrige wolle er sich aufsparen, bis er vielleicht einmal ein Flaubertgewehr oder sonst irgend was bedürfe. Das hieß der Baron gut. Der Bubi nahm Dieter das Versprechen ab, bald und ausführlich zu schreiben, so recht als Inkas dem geliebten Unkas. Schließlich besuchte Dieter noch die Baronesse Tinka in ihrem Zimmer, welche recht gerührt war, daß der Häuptling nun fort mußte. Sie wollte ihm ein Andenken an den schönen Sommer mitgeben, aber sie wußte nicht recht was und hatte doch nichts, was ihm Freude machen könnte. Sie zog schließlich ein silbernes Armband ab und legte es ihm selbst um das rechte Handgelenk, das müsse er tragen und ihrer dabei gedenken. Dieter versprach es, doch zog er sorgfältig den Aermel über das blitzende Geschenk. Dann packte er mit dem Vater in des Stallmeisters Stube alle seine Siebensachen, dann kam wieder der Postwagen, und während alles beim Teiche der großen Fischbeute zusah, fuhren sie davon. Das Horn des Postillons scholl weithin über Land. Da zog die Kutsche am Fischteiche vorüber und die ganze Familie des Herrn Barons wehte mit den Taschentüchern, der Bubi-Unkas, die Baronesse Tinka als einsame Squaw, die gute Frau Baronin, sogar der Herr Hofmeister zog seinen steifen Hut, während Dieter und sein Vater zurückwinkten. Und da wehte noch ein Taschentuch? Wer war denn das? Jetzt hatte Dieter richtig vergessen, von der Josefine Wacha Abschied zu nehmen, die nun aus der Weite grüßte. Aber ihre Flasche Kölnischwasser trug er in der Brusttasche. In Wien angelangt, dachte er noch manchen Tag des ereignisreichen Sommers; auf Geheiß seines Vaters schrieb er dem Herrn Baron eine sehr schöne Danksagung für alle genossene Huld und Güte und empfahl sich dem ferneren Wohlwollen. Dem Bubi schrieb er einen geheimen Brief, desgleichen einen der Baronesse Tinka, als Indianerhäuptling Inkas seinem gehorsamen Unkas und seiner Squaw. Damit die beiden aber diese nicht für andere Aufsichtspersonen bestimmte Nachricht auch erhielten, adressierte er sie an das Fräulein Josefine Wacha, die darum auch mit ein paar Zeilen bedacht wurde. Ob diese Schriftstücke ihre Bestimmung erreichten, erfuhr er nicht, denn er erhielt keine Antworten. Das silberne Armband verbarg er einige Zeit sorgfältig unter dem Hemdärmel; da er sich aber fürchtete, man möchte diesen Weiberschmuck an ihm einmal sehen und verspotten, trug er es dann eine Zeitlang am Beine über dem Schuh, bis er es auch von dort abnahm und in einer Lade zu anderen früheren Erinnerungen legte und verbarg, die im Sommer geblüht, um in einem langen Schulwinter allmählich zu verblassen und zu verwelken, bis er ihrer vergessen hatte. VIII. In der dritten Gymnasialklasse ereignete sich ein für Dieters ganzes Leben entscheidender Umschwung: er wurde aus der »A«- in die »B«-Klasse versetzt. Vielbesuchte Schulen haben, wie man weiß, zumindest bis zur Oberstufe zwei parallele Jahrgänge. Meist kommen die Schüler, deren Namen mit den Anfangsbuchstaben der ersten Hälfte des Alphabets beginnen, in die A-Klasse, der Rest in die B-Klasse, aber auch andere Einteilungsgründe durchsetzen diese Ordnung, indem etwa die Juden hierhin, die Protestanten dorthin, die Turner und Sänger in die eine oder andere Abteilung eingereiht werden. Nun hat aber jeder Zufall sein geheimnisvolles inneres Gesetz und darum Schicksalsfolgen. Wer ein Schüler gewesen ist, weiß es: die A-Klasse hat einen anderen Charakter als die B-Klasse. Scheinbar sitzen dort Buben desselbigen Schlages wie hier, desselben Alters, Herkommens und Wissens, auch unter den Lehrern scheint die Verteilung von Licht und Schatten gleichmäßig. Kaum sind aber die zwei Klassen festgestellt, so beginnen zwei grundverschiedene Wesen zu leben. Ist das eine begabt und tugendhaft, so ist das andere töricht und schlimm, zeigt sich das eine gehorsam und langweilig, so geht's beim andern toll und lustig zu, hier sitzen brave Schulsklaven, dort freie junge Leute von abenteuerlichen Sitten. Ereignet sich hier nichts als ein ödes Ableiern von Schulaufgaben, so gibt es dort lauter Ueberraschungen. Wenn die langweiligen »Braven« das Lehrziel auf der anständigen gemeinen Heerstraße im Drill marschierend zur Zufriedenheit der Führer erreichen, so bleiben sie doch armselige Spießbürger, die schon jetzt alles, was das Leben erst wert macht, versäumen, und später als rechte Kleber ehrfürchtig und fade auf jedem Ast einer Brotstelle sitzen bleiben, so recht als staatserhaltende, an der gemeinsamen Dummheit mit einem großen angestammten Aktienbesitze beteiligte Elemente. Das ist die kompakte Majorität, das Stimmvieh, die geduldigen Rekruten, mit denen jeder geriebene Politiker und jeder unfähige Heerführer das spätere Lehrziel erreicht, ohne es Wort zu haben, daß dieser Erfolg mit solchen Schülern die Mühe wahrlich nicht lohne. Hingegen gedeihen unter den Ungezogenen, Widerspenstigen und »unbegabten« Quälgeistern die munteren Umstürzler in ihrer teuflischen Unschuld, sie bewähren sich schon in der Schule als Draufgänger und Helden, schlagen hier, wie später im Leben über alle Stränge, lassen sich nicht leiten, weil sie selber führen müssen, kraft ihres Ueberschusses an Blut, Laune und Willen, brausen wie üppig laubender Wald und treiben zehn Aeste für einen, den der Gärtner gestutzt hat. Vielleicht tut die Verteilung von Licht und Schatten im Schulhaus ein übriges. Die eine Klasse liegt in der Sonne, die andere grämt sich im Dunkel, hier tanzen Lichter über Hefte und Köpfe und bringen alle Streiche zum Reifen, denn die Sonne ist die Mutter aller heiligen Zuchtlosigkeit, dort läßt sich im Schatten die Ruhe, Langeweile und Ordnung gähnend breittreten. Wir wollen hoffen, der Herr der Dinge liebe die Geflügelten, welche er zeit ihres Lebens freilich züchtigt, indes er die Erdenkriecher begünstigt, weil sie niemals in sein Reich kommen können. Nun trat Dieter aus der erhellten, frohen und durchwärmten A-Klasse, welche Abenteurer, Helden und Gauner barg, von Streichen tobte und mit den Füßen scharrte, in die schattige, beliebte, musterhafte B-Klasse der Langweiligen, Gehorsamen und Stillen. War's ein Schicksal? Es galt die A-Klasse zu entlasten, die B-Klasse zu vermehren. Dabei spielte eine gewisse Heuchelei der Lehrer mit, indem die der A-Klasse einige Rädelsführer abzustoßen gedachten, die der B-Klasse aber ihre brave Gemeinschaft vor den räudigen Schafen wahren wollten. So berieten die Professoren, wie weiland die olympischen Götter über die Helden vor Troja, die neue Verteilung und einigten sich auf einen billigen Ausgleich, wobei die gewitzten Meister der A-Klasse den weniger erfahrenen der B-Klasse etliche Duckmäuser als verläßliche Elemente der Ordnung aufschwatzten, von denen nichts zu besorgen sei, welche vielmehr auch in der neuen Umgebung sich als Zierden und Säulen bewähren würden. Doch waren diese Angepriesenen in Wahrheit nur eben vorsichtige Männlein, denen man nichts Uebles nachweisen konnte, so daß sie als ehrenwert passierten, während sie geschickt genug alle Streiche mitmachten, ja anführten, nur ließen sie sich nicht erwischen. Dies war Dieters Hauptbegabung und frühe Meisterschaft, er hatte ein frommes, liebes Gesicht und schaute treuherzig drein, so daß kein Argwohn gegen ihn aufkam. Er war auch beileibe nicht falsch, denn er meinte jedesmal auch, was er blickte; aber darum schlüpfte er, wenn ein unbewachter Moment eine Pforte auftat, doch aufs zierlichste ins Unerlaubte, um ebenso sacht wieder auf die Oede der Wohlanständigkeit zurückzukehren, wenn's an der Zeit war. In seinen Leistungen wußte er gleichfalls den ehrbaren Schein der Tugend, des Fleißes und der Strebsamkeit zu wahren, so daß er, geprüft, immerhin bestand. Aber diese äußern Erfolge erwarb er, und das war eben seine Kunst, nicht durch häusliche Mühen, sondern durch ein geschicktes Ausnützen der Konjunktur in der Schule selbst, sei es, indem er vom tüchtigen Vordermann abschrieb, oder das gedruckte Pensum irgendwie, vom Lehrer unbemerkt, sich vor Augen brachte, sei es, indem er genau berechnete, wann er gerufen werden konnte und nur dann seine Sache lernte, sei es, indem er das Glück auf andere Weise überlistete. So war ihm freilich nicht leicht beizukommen und man mußte ihn vor der Welt als braven Schüler gelten lassen, was durch seine Noten im Zeugnis stets schwarz auf weiß bekräftigt wurde. Aber die Lehrer sind in solchen Dingen nicht dümmer als ihre Schüler und merken schon, ob einer ein Spekulant ist, der den Augenblick benützt, oder ein verläßlicher Kapitalist, der sein Geld in der Kasse parat liegen hat und es zu jeder Stunde wechseln kann. Dieter hing sein Mäntelchen freilich nach jedem Wind und verbarg damit aufs wohlgefälligste seine Blöße. Aber die Professoren sahen doch ganz gut, daß es fadenscheinig und löcherig war, so traten sie ihn neben anderen schlimmen Elementen als ansehnliches Kompensationsobjekt ab und Dieter kam in die B-Klasse. Hier gefiel es ihm gar nicht gut, er vermißte die Sonne, entbehrte vertraute Heldengesichter und fand lauter Streber, als eine Kohlpflanzung blonder, über die Aufgaben gebückter Schädel. Hier wurde nicht mit den Füßen gescharrt, Abschreiben und Einsagen schienen ganz unbekannte Dinge, selbst die Beleuchtung verwehrte derlei, man konnte keine wichtige Nachricht oder Meinung flüstern, keine Post war eingerichtet, kurz es fehlten alle Institutionen einer geregelten Zöglingsgesellschaft. Hier mußte er alles von Grund aus schaffen, wenn er halbwegs menschenwürdig leben wollte. Mit einem Seufzer suchte er wenigstens einen Platz, der sein Vorhaben nicht von Anbeginn unmöglich machte. Er wollte nahe beim Fenster sitzen, um selber Licht zu haben, aber wieder so, daß man ihn nicht gleich und immer sah. Er wollte »anständige«, das heißt bei den Lehrern beliebte, unverdächtige Nebenmänner, um vom Abglanz ihrer Tugend selber einen schönen Schein abzubekommen. Dagegen brauchte er einen Vordermann, dessen Rücken ihn deckte und der sowohl bereit als geeignet war, von seinen Heften abschreiben zu lassen. Nun lag ein Fensterplatz in einer Nische, so, daß vor ihm die Wand mit den aufgehängten Mänteln einige Deckung bot; als Nebenmann saß einer jener Krausköpfe mit den exakten Stiefelfalten und Henkelöhrchen eifrig am Unterricht beteiligt: also ein Israelit, der sicherlich unverdächtig und wegen seines Eifers geschätzt war. Dagegen hatte der Vordermann ein treuherziges Gesicht mit blühenden roten Wangen, sorgsam gescheiteltes glattes blondes Haar, das aber gefallsam mit einem kecken Schnörkel in die Stirn gekämmt war, und im Blick etwas Suchendes und Unsicheres, was Dietern verriet, hier kenne sich einer bei aller Bravheit nicht recht aus. Der brauchte wohl Belehrung und Aneiferung durch einen kundigen Führer und konnte vielleicht andererseits für Schulzwecke sich nützlich machen. Auch hieß er Anton Raimund Franz Scharrer. Der Platz war also halbwegs günstig und konnte etwa im Laufe der Zeit tunlich ausgestaltet werden, daher wählte ihn Dieter mit raschem Entschlusse. Bevor er die neuen Kameraden erkundete und in das Dasein dieser Dunkelmänner einige Bewegung brachte, lebte er in einer Fensterecke ein paar Tage still für sich hin, mit der Errichtung einer Eisenbahn beschäftigt, welche ihn für das Einerlei der Unterrichtsstunden entschädigen sollte. Er ritzte mit seinem Taschenmesser zwei ansehnliche Rinnen ins Holz seiner Bank, ließ diese Rinnen sich zweimal kreuzen und wieder zusammentreffen, was den »Schienen-Wechsel« bedeutete. Am untern Ende des Pultes vereinigten sich die Bahnen und hier bohrte er als Schlußstation ein Loch. Diese Arbeit, in aller Stille und nur, wenn kein Lehrer hinsah oder verfängliche Fragen stellte, verübt, beanspruchte zwei volle Tage. Dann wurde über die Schienen Tinte laufen gelassen, damit die hellen Spuren im Holz nicht auffielen, sondern als verjährte Untaten eines längst entwichenen Verbrechens gelten konnten. Nun erst war die Eisenbahn zur Eröffnung bereit, und Dieter ließ den ersten Zug über die Schienen rollen, ein Schrotkügelchen, welches leise durch die Rinnen fuhr, um am Ende der Bahn durch das Loch in ein untergehaltenes Zündholzschächtelchen zu fallen. Nachdem er diese private Einrichtung getroffen hatte, wollte er sich auch mit einem seiner aus der A-Klasse hierherverschlagenen Kollegen geziemend verständigen. Dazu bedurfte er einer Post. In den Zwischenpausen hätte er freilich eine Unterhaltung leicht mündlich führen können, aber dieser gerade Weg war hier der schlimmste. Er wollte eine Post schaffen, dünkte es ihn doch ein Zeichen der schändlichen Unkultur dieser Klasse, daß sie damit auf ihn gewartet hatte. Er schrieb als erste Probe ein Briefchen: »Wie gefällt's dir in dieser Klasse, mir gefällt's gar nicht.« Diesen Zettel faltete er ganz klein zusammen und versah ihn mit folgender Adresse: Zweite Gasse, Haus Nr. 1, dritter Stock. Den Namen des Empfängers auf eine solche Botschaft zu setzen, wäre höchst unklug gewesen, da man sie doch hätte auffangen können. Als Gasse war ja für jeden Verständigen der freie Gang zwischen zwei Bankreihen gemeint; da es hier deren drei gab, lag mithin die zweite Gasse zwischen der zweiten und dritten Bankreihe, während die Hausnummer eins die erste Bank, das Stockwerk den als dritten Sitzenden bezeichnete, welcher also an der entgegengesetzten Zimmerwand, in der nördlichen Hemisphäre hauste, während Dieter sich des südlichen Klimas der Fenstergegend erfreute. Nun gab er den Brief auf, das heißt, er versetzte seinem Vordermann, dem Scharrer einen Puff in den Rücken. Dieser zuckte erschrocken zusammen, so daß Dieter schon fürchten mußte, der Lateiner oben auf dem Katheder würde es bemerken. Aber der Scharrer beugte sich nur noch tiefer über sein Buch und tat nichts dergleichen. Nach einer Weile des ingrimmigsten Wartens puffte Dieter den Ruchlosen stärker. Wiederum rückte dieser auf seiner Bank und schien unwillig; endlich stach ihn Dieter mit einer Nadel leise an eine empfindliche Partie und wollte es zum äußersten kommen lassen, wenn dieser Elende etwa schrie . . . Aber der Scharrer war doch halbwegs ein Ehrenmann, denn er drehte sich nur mit vorwurfsvollem Blick um und streckte endlich vorsichtig seine hohle Hand hinter sich. Dieter überlegte kurz, ob er ihm nicht zur Strafe für seinen Ungehorsam hineinspucken solle, aber er unterließ es im Interesse seines Briefes und steckte ihm das Papier zu. Was tat dieser Tropf? Er faltete die nicht für ihn bestimmte Nachricht unter der Bank auseinander und las sie. Dann warf er sie fort. Nur seiner Dummheit war zugute zu halten, was sonst als Verletzung des Briefgeheimnisses hätte geahndet werden müssen. Bei der nächsten Schularbeit ergab sich gleich eine Gelegenheit, den Burschen zu erziehen. Der Scharrer saß voll Eifer über seinem Heft und hielt seine beiden Arme davor, als müsse er jeden Buchstaben hüten. Dieter gab ihm einen Stoß und flüsterte, denn das allgemeine Rücken der Hefte, Scharren der Aufregung, Blättern der Seiten und Knistern der Federn auf dem Papier gestatteten eine kurze Aussprache: »Laß mich abschreiben du Rindvieh oder wart' nach der Stund'.« Dies wirkte und Scharrer setzte sich so, daß Dieter das Entstehen der Komposition im Hefte seines Vordermannes mit aller wünschenswerten Deutlichkeit verfolgen konnte. Als sein eigenes Pensum dem Vorbilde nachgekommen, vermochte er den Scharrer, es in Tausch zu nehmen, damit einer die Fehler des andern in Muße verbesserte und etwaige verdächtige Aehnlichkeit dank der Fülle der lateinischen Sprache an verschiedenen Ausdrücken für dieselbe Sache oder an verzwickten Wortstellungen und anderen Ausflüchten verwische. Als es zwölf schlug und die Klasse jubelnd mit geschwungenen Schulpackeln und mit Freudenrufen sich auf die Straße ergoß und hierhin und dorthin eilte, in Rudeln oder paarweis die Abenteuer der Heimkehr suchend, trat Dieter an die Seite des einsam gehenden Scharrer. Der sah ihn an und wußte nichts zu sagen. Dieter hob mit einemmal sein Schulpackel und machte Miene, es seinem Kollegen um die Schultern zu schlagen. Dieser verstand die Bedeutung der Handlung nicht, da er keines Uebels bewußt, eine Strafe nicht gewärtigte. Der Scharrer sah also mit einem ängstlich fragenden Blick auf seinen Gegner. Dieter rief ihm zu: »So lauf' doch, Esel.« Da lief denn der Scharrer, was ihn die Füße tragen mochten, seinem Hause zu, Dieter ihm nach. Während dieser Jagd bemerkte der Verfolger, daß sein Vordermann nicht geübt war und sich mit einiger Unsicherheit flüchtete, darum mäßigte er sein eigenes Tempo und ließ dem Scharrer einen Vorsprung bis knapp vor dem Tor, doch ehe der Feind den schützenden Flur betrat, schleuderte er ihm das Packel so geschickt zwischen die Beine, daß der Bedrohte stolperte und beinahe hingefallen wäre. Er wandte sich um und sah Dietern halb lächelnd halb zornig entgegen. »So nimm doch dein Packel und hau' mich,« befahl der und wandte sich seinerseits zur Flucht. Der Scharrer gehorchte und eilte ihm nach. Dieter rannte den Weg nach der Stadt bis zur Brücke über den Donaukanal. Da sein Verfolger weit hinter ihm zurückblieb, wandte er sich ihm zu, stand auf der Brücke und erwartete ihn, der nun ganz außer Atem ankam. Als aber der Scharrer seinen Gegner so ruhig dastehen und warten sah, verließ ihn der Mut, das erhobene Schulpackel entsank ihm und er lachte Dietern bloß freundlich an. Darauf schlug ihm dieser auf die Schulter. Der Scharrer faßte sich ein Herz und schlug den Dieter gleichfalls auf die Schulter. Nun salutierte Dieter, Scharrer zog seinen Hut und jeder wanderte seinen entgegengesetzten Weg nach Hause. Damit war ihre Bekanntschaft geschlossen. Fortan gingen sie miteinander. Ihr Heimweg führte jeden in entgegengesetzte Richtung, denn Dieter wanderte nach der innern Stadt zur Aula, Scharrer aber nach der oberen Landstraße, wo er in einem schäbigen Miethause einer öden Seitengasse wohnte. Nach der Schule begleiteten sie einander, das heißt, zuerst schloß Dieter sich dem Scharrer an bis zu dessen Quartier, dort kehrten sie wieder um, der Scharrer schloß sich Dietern an und ging mit ihm den ganzen Weg zurück bis zur Brücke. Hier schlugen sie einander mit einem stillen Blick auf die Schultern, salutierten und wanderten nun jeder allein nach Hause. Diese kurze Zeit genügte ihnen aber nicht, sie wollten miteinander ordentlich, nach Herzenslust umherstreifen; Dieter hatte Scharrer viel zu zeigen und zu lehren, dieser ihm viel zu erzählen. Es war ein ganzes Leben gemeinsam zu führen, eine Stunde des Schulweges reichte dazu wahrlich nicht aus. Dieter als freier Mann schlug vor, sie sollten fortan jeden Nachmittag miteinander spazierengehen. Scharrer lächelte wehmütig, das sei ganz unmöglich, er müsse zu Hause lernen, und dann sei er ins Turnen eingeschrieben, was auch etliche Nachmittagsstunden wegnahm; sein Vater würde nie und nimmer erlauben, daß er solange fortbleibe. Dieter beantragte, sie könnten ja vorgeben, zusammen in seiner Wohnung zu lernen, wo sie mehr Ruhe fänden. denn Scharrer hatte eine große Familie, die rings um ihn lärmte, wenn er beim Buche saß. Und vom Turnen könnte er sich dispensieren lassen, wenn er den Vater dazu bewegte, ein Gesuch an den Direktor zu richten. Dieters Zuversicht machte auch den Scharrer kühner und obgleich noch zweifelnd, stimmte er zu, daß Dieter selbst seinen Vater zu diesen Neuerungen überreden solle. Vorher würde er daheim von seinem Freunde sprechen und den Alten auf ihn vorbereiten. Eines Nachmittags klopfte Dieter, nett angetan und mit seinem unschuldigsten Gesicht an der Tür von Scharrers Wohnung. Der Kollege öffnete ihm unter dem Geschrei von kleinen Kindern. Dieter roch den eigentümlichen Geruch einer winzigen Beamtenwohnung, welche aus der Küche den Dunst aufgewärmter Gemüse, aus den Zimmern den Atem zu vieler Leute und der Unredlichkeiten einer Kinderwirtschaft zusammenströmen läßt. Durch ein kleines Vorzimmer drehte sich Dieter vom verlegenen Freunde geführt, in den Wohnraum, wo gegessen, gesprochen gelernt, gelebt wurde. Eine kleine Stube zeigte sich mit Hausrat unordentlich bestellt, mit Kleiderschränken, einem altdeutschen Büfett, dessen aufgeklebte Schnitzerei da und dort abgebrochen war, mit wackeligen, ebenfalls stilgemäßen Sesseln um den Eßtisch, deren Strohgeflecht, von eingefressenem Staub braun und grau, gelegentlich klaffte. Die enge Platte des Sekretärs am Fenster war mit Scharrers Büchern, Heften und dem Tintenzeug überhäuft. Die braunen, schwarzgemusterten Jutevorhänge mit Franzen mehrten als standesgemäßer Schmuck die traurige Düsterkeit des Raumes. Auf dem Tische lag eine Decke von der gleichen Beschaffenheit wie die Vorhänge, für die Fläche nicht ausreichend und daher querüber gebreitet, so daß ihre Ecken sich nicht mit den Tischecken deckten, sondern inmitten der Kanten gleichsam ins Bodenlose baumelten. Scharrers jüngstes Brüderlein saß auf einem Geschirr und hielt sich an einem dieser Fransenzipfel fest. Gerade als Dieter eintrat, schrie es ein Wort, das dem Besucher unvergeßlich im Ohre und nachmals zwischen den beiden Freunden sprichwörtlich blieb: »Fertig.« Aus der nebenliegenden Küche, deren Tür offen stand, eilte eine hochgewachsene, dürre Frau gerade herbei, da sie den Gast bemerkt hatte, fluchte ihr Jüngstes an und trug das zappelnde mitsamt dem Gefäß in die Küche, von wo ein langwieriges Heulen die ganze Dauer des Dieterschen Aufenthalts begleitete. An der Fensterseite des Tisches saß der Herr Zollamtsadjunkt Scharrer zeitunglesend in einem grauen Schlafrock, welcher geöffnet ein schmutzig gelbliches Jägerhemd und unter dessen Lücken eine behaarte Brust sehen ließ. Dem eintretenden Dieter wandte er langsam seinen Blick unter den Brillengläsern zu und starrte ihn an. Er hatte ein Gesicht von unbeschreiblicher Mühseligkeit, es war gleichsam von allem Anbeginn schon alt und elend, nun durch Sorgen, Arbeit, Amtsverdruß und durch die Anstrengung der geröteten Augen doppelt verwirrt. Die gerunzelte Stirn zwang sich zu einer Strenge, die nur verdeckte Schwäche war, die grauen Augen verrieten jenes Mißtrauen der beschränkten Armut gegen alles und jedes, gegen amtliche Ereignisse, gegen sein Weib, das ihn wohl keifend beherrschte und mit seinem Gehalt nicht auskam; er war mißtrauisch gegen seine Kinder, die zuviel aßen und kosteten, mißtrauisch gegen die Zeitung, die er gleichwohl nicht um sein ganzes Frühstück drangegeben hätte, mißtrauisch gegen die Sonne, die ihn beschien, und gegen die Zeit, die ihn um ein Leben betrog, mit dem er doch nichts anzufangen wußte, mißtrauisch vor allem gegen diesen neuen Eindringling, den er unter seiner Brille musterte. Möglichst unbefangen ließ sich Dieter vorstellen. Darauf brummte der Alte: »Ihr wollt also zusammen lernen? Das wird was rechtes werden. Der Toni kann schon allein nichts. Was haben Sie für Noten gehabt?« Nun erhöhte Dieter seine bescheidenen Leistungen, um sich als geeigneten Mitstrebenden darzustellen. Aber jeder höhere Grad, der ihn dem Scharrer überlegen zeigte, diente dem Alten dazu, dem Sohne eine besondere zeternde Mahnung zu erteilen, die immer mit »da siehst du« begann. »Und vom Turnen soll ich den Toni dispensieren lassen. Warum nicht gar? Das Turnen ist doch gesund, in der Zeit kommt ein Lausbub wenigstens auf keine Schlechtigkeiten.« Dieter sagte möglichst unbefangen, sein Vater habe ihn gar nicht einschreiben lassen, weil er von diesem Gegenstande nicht sehr viel halte. »Warum hält denn der Herr Vater nichts vom Turnen?« fragte der Zollamtsadjunkt interessiert. Nun log Dieter frischweg und mit einer Beredsamkeit, die ihn selbst anfeuerte, sein Vater sei der Meinung, daß für die Gesundheit ein bißchen Spazierengehen in frischer Luft ausreiche, während durch die übermäßige Anstrengung des Turnens der Körper allzu stark angeregt werde, so daß man nur mehr Hunger davon bekomme und zuviel esse. Seinem Vater war es natürlich nie eingefallen, die Rationen des Buben zu bemessen, und er hatte ebenso wenig für, wie gegen das Turnen irgend etwas geäußert, sondern seinem Sohn die Wahl eines Freigegenstandes frei gelassen. Dieter selbst aber befolgte den Grundsatz, der Schule keine überflüssige Minute zu opfern. Nur der rasch gewonnene Einblick in die Scharrerschen Verhältnisse gab ihm eine besondere Rücksicht auf die Kostportionen als triftigsten Grund gegen das Turnen. Dies leuchtete in der Tat dem Herrn Scharrer überraschend ein, er schüttelte nachdenklich den Kopf: »Ja, das mit dem Hunger stimmt, der Toni kann nie genug kriegen, der Herr Vater kennt seine Leute und scheint mir ein sehr vernünftiger Mann zu sein. Wir werden sehen.« Mit diesen Worten, beschloß er wie ein König die Audienz und wandte sich wieder seiner Zeitung zu. Dieter und der Toni blieben noch ein paar Minuten ratlos, ob sie schon in Gnaden entlassen seien. Vor dem Herrn Scharrer aber stand sein zweitjüngster Sprößling, ein etwa zweijähriger Knabe, der dem Vater während der ganzen Rede unverwandt nach dem Munde gestarrt hatte, welcher so Bedeutendes sprach. Als Herr Scharrer sich wieder der Zeitung zuneigte, verharrte der Kleine angewurzelt und sah gierig auf den Vater, als ob ihn nach weiteren Worten hungerte. Dieser Blick zwang den Lesenden offenbar, sich nach diesem Sohne zu wenden, wiederum kehrte er sich träg und streng unter den Brillen nach der neuen stillen Störung von der andern Seite und schaute ratlos das Kind zu seinen Füßen an, dieses ihn. Keines wußte, was es wollte, der winzige Kerl blickte so alt, wie der breit dasitzende Vater und ebenso öde, bis der Erwachsene zögernd und mißtrauisch anfing: »Was willst du? Wie schaust du denn eigentlich aus, Fritz. Du kommst mir wahrhaftig so vor, wie ein Fladen, den die Kuh zertreten hat, so ein Gefrieß hast du.« Dabei lachte er kümmerlich und wandte sich wieder seiner Lektüre zu. Nun wußten die beiden Gesellen, daß sie hier nicht mehr benötigt wurden. Dieter empfahl sich mit einer schönen Verbeugung und seinem gewohnten »Guten Tag« und ging, vom Toni gefolgt, rücklings zur Tür hinaus. Unten auf der Straße begannen sie sich vor Lachen zu schütteln. Dieter rief eine Stunde lang immer wieder: »Fertig«, und Scharrer lachte mit, über und über rot im Gesichte. Aber da Dieter sein Freund war, schämte er sich der häuslichen Zustände nicht weiter, sondern erzählte, was der Kamerad wissen sollte. Sein Vater, armer Leute Kind aus dem Innviertel, trat nach kurzem Schulbesuch in den Dienst der Finanzwache und brauchte viele Jahre, um nur die bescheidene Unterstufe eines Kanzleibeamten zu erlangen. Gleichwohl heiratete er noch draußen in der Provinz aus Liebe ein ebenso armes Mädchen, welches ihm vier Kinder gebar, von denen Toni das jüngste war. Das ist die »erste Serie« erklärte Scharrer. Zwei ältere Schwestern hatte er, die schon mannbar waren und einen Bruder, welcher zurzeit bei der Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft als Matrose diente. Auf diesen hielt er große Stücke, als auf einen starken, kühnen, aber strengen Burschen, der schon ein Stück Geld erspart hatte und sich fleißig hinaufarbeitete, um es zu etwas Höherem zu bringen. Eine der Schwestern lebte zu Hause, die andere erwarb irgendwo in der Welt ihr Brot. Mit diesen vier Kindern wurde der Vater nach Wien versetzt, wo seine Frau zwei weitere Geburten überstand. Hier reichte der Gehalt nun gar nicht mehr aus. Der Mutter wuchs die anstrengende Arbeit völlig über den Kopf. Aber sie blieb ihren Kindern als eine fröhliche, ja zufriedene Frau in Erinnerung. Eine Schwindsucht, durch unbekümmertes Wäschewaschen in einem feuchten, zugigen Keller beschleunigt, raffte sie hin. Der Vater stand nun als Witwer mit sechs Kindern ratlos in Schulden und Not da. Er gab die Kleinen in Pflege, sie wurden aber für das geringe Kostgeld so schlecht gehalten, daß sie, wohl auch von dem ansteckenden Uebel der Mutter betroffen, schwer erkrankten. Die zwei jüngsten starben. Endlich wußte sich der Vater nur durch eine neue Ehe zu helfen, da er sich von einer Frau wenigstens die anständige Führung des Haushalts versprach. So heiratete er diesen Schragen, und bekam von ihr drei weitere Kinder, die »zweite Serie«. Damit ging nun das Elend von neuem an, denn diese Frau erwies sich beschränkt, zwar nicht ungut von Natur, aber herrschsüchtig, friedlos, von der Armut bedrängt und verbittert. So wurde sie zänkisch und ließ dem Vater und allen Kindern keine Ruhe. Ein ständiger Lärm, Widerbellen und Vorwürfe aller gegen alle schallten in dem kleinen Hauswesen, wo Toni lernen und fleißig sein sollte. Kein Wunder, daß es ihn hinaus in die Welt und nach einem ruhigen Freunde verlangte. Zum ersten Male machte sich Dieter über seinen Vater Gedanken, indem er seine Familie der Scharrerschen Beamtensippschaft gegenüberstellte. Was er für sein bescheidenes Dasein benötigte, stellte der Vater ohne viel Aufhebens bei. Nun gab es aber Väter, die in Würde und im ungeflickten Schlafrock bei ihrer Zeitung saßen und den Kindern jeden Bissen vorrechneten. Was für niedrige Dienste mußten diese Beamten tun und wie verächtlich mußte ihre Arbeit eingeschätzt werden, wenn sie nicht einmal ausreichte, ihnen anständige Nahrung, Kleidung, Wohnung zu sichern. Und wie dumm mußte einer sein, einen solchen Beruf noch gar als Ehre zu betrachten. So schauen also die Beamten aus. Dieter vergegenwärtigte sich den Staat unwillkürlich in demselbigen Bild, das er oben beim Scharrer gesehen hatte, als einen würdevollen Hungerleider, der auf einem durchlöcherten Amtssessel seinen Kindern jeden Bissen neidet und unter den Brillengläsern hervorschielt, ob jemand es vor seinem Schmutz an Respekt fehlen läßt und etwa durch ein schiefes Anschauen verrät, daß er den großartigen Familienvater für den letzten Hund hält. Zum ersten Male erkannte Dieter, daß es jeder Mensch in der Macht hat, frei zu sein, wenn er sich nur nicht selbst an die Niedrigkeit bindet. Sein Vater war nur ein Diener. Aber niemals hatte Dieter ihn knechtisch sich betragen gesehen. Sein Vater blieb der Dieter, der er war neben jedem Hofrat und Professor, was blieb aber der Zollamtsadjunkt Scharrer, wenn man seinen Titel von ihm abzog, der seine Haut und seine Seele ausmachte. Sein Vater war niemals zu bestimmten Stunden daheim, niemals saß er über einer Zeitung und schielte nach seines Sohnes Schularbeiten und höhnte ihn mit einem lauernden »siehst du«. Niemals konnte Dieter voraussagen, wann und ob der Vater nach Hause kommen würde. Der stand unversehens da, um ebenso lautlos wieder zu verschwinden. Der hatte daheim auch keine Zeit, einen Schlafrock anzuziehen und im Sessel hinzuhocken, indem er alle Werkzeuge des Tischlers, Schlossers, Schneiders, Schusters in Bereitschaft hatte und gebrauchte. Wenn es daheim einen Schmutz gab, so war es der gesunde richtige Schmutz der Handarbeit. Bei den Scharrers war es der Beamtenschmutz, der, wie solche Beamtenarbeit selber, ein stinkendes Produkt aus schlechter Nahrung, schlechter Leistung und schlechter Gesinnung in verwahrlosten Räumen jedem freien Menschen in die Nase stinkt, während diejenigen, die den üblen Geruch erzeugen und verbreiten, davon nicht einmal etwas merken, ja ihn gar noch für etwas Feines halten, das wie ein Wildpret von rechtswegen so duften darf. Dieter besann sich jetzt darauf, wie sein Vater ihn auch an Geld nicht notleiden ließ und obschon nicht zu empfindsamer Zärtlichkeit geneigt, vergegenwärtigte er sich doch mit einer gewissen Rührung, wie der Vater ihm solche Beträge mitzuteilen pflegte. Täglich bekam Dieter vier Kreuzer, um Brot und einen Apfel zum Gabelfrühstück zu kaufen, einmal wöchentlich, wo er wegen des Nachmittagsunterrichtes die Jause daheim versäumen mußte, zehn Kreuzer, wovon er sich mindestens die Hälfte für anderweitigen Bedarf an Indianerbüchern, Marken, Federmessern, Angeln und dergleichen ersparte. Aber der Vater wußte gar wohl, daß ein Bub manchmal ein Sechserl für dies und jenes benötigt, wovon der Vater keine Ahnung hat, noch zu haben braucht. Dann gab er ihm gelegentlich ein paar Silbermünzen, ohne jemals nach der Verwendung zu fragen. Wenn aber Dieter in besonderer Verlegenheit und bei dringlichen Anlässen sich ein Herz faßte, den Vater um Geld zu bitten, sagte dieser nicht etwa: »Wozu brauchst du denn so viel?« oder »was willst du denn wieder damit?« oder »ich bin ein armer Mann und du darfst mir nicht mit solchen Prassereien anliegen, du kommst mich ohnedies schon teuer genug zu stehen«, sondern er schüttete stets bereitwillig sein mageres Geldbeutelchen auf den Tisch, daß die Silbergulden, Zwanziger und Sechserln, Vierkreuzer und Kreuzerstücke herausrollten und klaubte alle kleine Münzen zusammen, was immer einige Mühe und Zeitaufwand verursachte. Daran mochte Dieter erkennen, daß der Vater selbst das kleine Geld nicht ohne Schwierigkeiten zustande gebracht hatte, wie er es auch jetzt sorgsam zusammenlas, und darum würde der Sohn sicherlich nichts Ueberflüssiges verlangen. Ebenso wenig sollte er aber knauserig etwa Ersparnisse anlegen oder Schätze sammeln, um sie wie ein Feuerwerk irgendwann zu unnötiger Prahlerei abzubrennen. Deshalb pflegte der Vater, wenn er gerade nur ganze oder halbe Gulden und keine kleine Münze hatte, ein solches Silberstück, eine größere, als die gewohnte Gabe mit ganz verborgenem Lächeln darzureichen. »Kannst du vielleicht wechseln?« Das verneinte Dieter natürlich stets, wobei er nicht immer die Wahrheit sprach, aber sich aus solcher Lüge kein Gewissen zu machen brauchte, denn die Frage hatte nur eine sinnbildliche Bedeutung. In guter Laune, wenn ihm ein Geschäft geglückt war oder wenn er einem Landsmann in der Stadt hier zu etwas Rechtem verholfen hatte, beschaffte sich der Vater von der Münze Silberstücke der neuesten Prägung, die in unberührtem Glanze schimmerten und verehrte eines als Ueberraschung seinem Sohne, während er mit den anderen Zahlungen leistete, die in dieser Form besonders erfreuen sollten. Es würden auf der Welt weit bessere Werke getan, wenn man nicht jedem geschenkten Gulden auf den ganzen Weg nachsehen möchte, den er rollte Aber die Welt will gemeiniglich sehen, woher alles kommt und wohin alles geht, jeden Vogel will sie fangen und glaubt, sie brauche ihm nur Salz auf den Schwanz zu streuen, darum ist ihr auch jede Wahrheit noch beizeiten entflogen. So hatte Dieter einen Freund und eine Freundschaft mit allen ihren Pflichten übernommen und ohne es sich gerade mit deutlichen Gedanken vorzuhalten, beabsichtigte er, den Anton Raimund Franz Scharrer ehrlich und fröhlich aus dem Gestank in die freie Luft zu führen und ihm die Schande seiner Herkunft zu benehmen. Zuerst wollte er dem Toni Wien zeigen, denn der war noch gar nicht ordentlich herumgekommen, kannte er doch nicht einmal die Durchhäuser der innern Stadt, welche mit der Verheißung ihrer Pässe und Höfe aus einer Welt in die andere führen. Da gab es insbesondere das alte, verwickelte, angeräucherte, ineinandergewürfelte Viertel um die Kirche »Maria am Gestade«, deren zierlicher Turmhelm über die Dächer ragte, wenn man die höheren Stockwerke der benachbarten Häuser erstieg. Dabei war der wunderbare Bau wieder so in seiner Umgebung verborgen, daß man ihn immer erst finden mußte und keineswegs von allen Gassen her als Mittelpunkt von weitem sah, wie St. Stephan. Er schien mit seinen Leuten gleichsam Verstecken zu spielen und tat bescheiden, wenn man vor ihn trat, als sei an seinen Herrlichkeiten nicht sonderlich viel gelegen. Ja, diese Stadt hatte genug Schätze, um sie in tausend Winkel zu vertragen, wo man sie mühselig hervorsuchen mußte. Doch waren diese Streifzüge wiederum keineswegs von verzückter oder sentimentaler Art, wie denn Dieter alle diese alten Dinge nur eben als solche aufsuchte, ohne sich über seine Neigung Rechenschaft zu geben, weil er sich in diesen Winkeln wohl fühlte, weil jeder Schatten ihm eine Ueberraschung oder Schrecken versprach, jede Ecke einen Ueberfall oder einen unerwarteten Anblick, weil die grauen Paläste, Höfe, Kirchen, die schmutzigen Gassen und in sich versunkenen Häuser nach unzähligen Geschichten, nach vielen Begebenheiten aussahen, wie nur ein steinaltes Gesicht die Zeichen der Weisheit als lauter wahrhaftige Märchen an der Stirne trägt, nach welchen ein Kind verlangt. Die tollen und vollen, taghell beleuchteten, menschendurchwimmelten, wagendurchächzten Straßen aber bieten und sagen nichts, als was jeder kennt und weiß und hat, nur die uralten Großmütterhäuser, Großväterkirchen erzählen Wunder, weil sie Wunder sind mit allen ihren Falten, Gewölben, runzeligen Quadern, schrulligen Umrissen und Schatten und Buckeln. Unter diesen alten Gebäuden der Bürgerschaft einer längst entschwundenen Zeit gab es besonders stille, mit eng gewundenen Stiegen und niedrigen Türen und aus tiefem Grunde höher als andere hinaufgebaut, bis zu deren oberstem Stockwerk Dieter den Toni führte. Vor einer Wohnung schellte er dann zum Entsetzen des Kameraden, der schon Reißaus nehmen wollte. Die Glocke tönte ganz unwillig, eine alte Frau oder eine zerzauste Magd öffnete und fragte nach dem Begehr. Dieter antwortete mit dem treuherzigsten Augenaufschlag und der wohlerzogensten Höflichkeit: »Ich bitte sehr, wohnt hier nicht ein Herr Scharrer?« »Nein, wer soll denn das sein?« »Ein Kollege, der krank ist und den wir besuchen wollen, Anton, Raimund, Franz Scharrer.« »Scharrer? Nein, im ganzen Hause wohnt keiner, der so heißt.« »O danke sehr, dann muß ich mich in der Adresse geirrt haben.« Der wirkliche Scharrer konnte das Lachen nicht verbeißen und fuhr damit heraus. Nun merkte die Frau in der Tür den Possen. Da wischten die beiden aber schon längst über die Stiege hinunter, von den lauten Schimpfreden gefolgt und freuten sich; im nächsten Hause erkundigte sich Scharrer, schon dreister nach dem Aufenthalte eines gewissen Dieter und erfand aus eigenem eine ganze Geschichte, daß er herbestellt sei, um einen Gegenstand zu übernehmen oder dergleichen, während Dieter durch sein Zeugnis die Angaben des Scharrer würdevoll bekräftigte. Dann stiegen sie unverrichteter Dinge wieder hinab und ergötzten sich an der gelungenen Irreführung ebenso wie an der mißratenen. Natürlich zeigte Dieter dem Toni die alte Aula mit allen ihren Herrlichkeiten. Jetzt wagte er längst schon, auch die verschlossenen Türen zu öffnen und führte den Freund vor das leuchtende Bild der Fakultäten, welches den Festsaal schmückte, wie in die hohen Beratungszimmer der Senatoren, und sie setzten sich auf die Lehnstühle vor den Kachelofen und rauchten Zigaretten. Aber das Herrlichste gab es droben auf dem Dache, wo Dieter die ganze einsame, offene, weite Welt entdeckt hatte. An einem Frühlingstage brachte Dieter mit der ernsten Miene geheimnisvoller Strenge, den Toni zum Dachboden hinauf durch eine Falltür ins Freie. Die große Fläche des mächtigen Gebäudes war nicht einheitlich, sondern mit mehrfachen, nebeneinander laufenden, niedrigen Schieferdreiecken gedeckt. In der Mitte erhoben sich zwei Kuppeln aus Kupferblech, das sich verschieben ließ, um der kleinen darunter liegenden Sternwarte jeweils den Anblick des gestirnten Himmels zu eröffnen. Auf eine dieser Kuppeln hinaufzukriechen bedeutete den Höhepunkt des Dachglückes im wörtlichen, wie im übertragenen Sinn, indem man an der großen Nabe dieser Halbkugel beim Sitzen sich anhaltend, weithin über die ganze Stadt sah, wie sie an dem einen Ufer der silberigen Donau im zerwühlten Gedränge ihrer Häuser sich häufte und streckte. In der Nähe schoben sich Dächer aller Art zusammen, rote, schwarze, graue und Fenster, die vom Licht getroffen, selbst einen menschlichen Blick zu haben schienen, da Menschen hinter ihnen hausten, deren Tun allen Dingen eine menschliche Seelenhaftigkeit mitteilt. Abenteuerlich ragte First an First, stieg ein Giebel über den andern, griff einer dem andern nach. Ein hin und wiederströmender Atem schien durch diese Masse zu gehen, die in ihrer Ruhe bebte, wie ein lagerndes Tier. Der ferne Ton des Lebens, das da unten mit tausend lauten, bestimmten Geräuschen geschah, verdünnte sich hier oben zu einem leisen Summen, welches ähnlich klang wie das Surren von Insekten in einem Felde. Es war hier stiller und lauter als in einem Wald, größer und kleiner war die Welt hier, als eine Wiese. Die Gassen und Plätze verloren sich, Bezirke und Viertel waren nur an besonderen Zeichen kenntlich, die wie ausgesteckte Fahnen einen Heerhaufen vom andern unterschieden. Den Stephansturm meinte man greifen zu können mit seinem blitzenden Kreuz, und man sah die Falken um seine Spitze fliegen. In dem mächtigen, ausgebuchteten Rund der weiten silbergrauen Fläche lag die Stadt wie in einer Schale. Ferne schienen die Gebäude wie weiße Tropfen in den Feldern und an den Geländen zu verrinnen, während die Höhen den dunklen Rand bildeten. Dort wuchsen Wälder, die vom Leopoldsberg beginnend, gegen Westen sich verbreiteten, um sich in blauem Rauch der Ferne ins Unabsehbare zu verlieren. Im Süden blitzte ein Silberlicht auf, war's der Schnee oder eine weiße Wolke, die den Himmel berührte? So flogen die Blicke wie Vögel über alle Striche dieses dicht besiedelten Gefildes, fremd und vertraut, als schauten nicht Menschen, sondern Vogelaugen hinab, sättigten sich an dem Unendlichen, streiften drüber hin und nippten hier ein Schlückchen Erkennen, dort ein bißchen Lust und Rätselraten. Die beiden Knaben hingen über dem Leben einer ganzen Stadt wie zwei Lerchen über dem atmenden Busen eines Feldes und waren vom gewaltigen Hauch getragen und verweht, benommen, verwegen und trunken. Das Schauen, Sommerluft und blauer Himmel, Rauch und der ferne Lärm, der scharfe um die Ohren sausende Wind drangen über sie, die da an der Nabe einer kreisenden Erde kauerten. Gegen ihre winzigen Leiber war der Riesenkörper der Stadt wie in einem Ringen von unbekannter Gefahr und Wollust gepreßt. Endlich bezwang sie die würgende Spannung dieser Minuten und Dieter flüsterte: »Jetzt wollen wir hinunter.« Es galt nun, die Kuppel zum Dach hinabzurutschen und von da die Falltür zu gewinnen. Toni, der den Anblick dieser Höhe zum erstenmal erlebte, war nicht wie Dieter auch mit seinem angstvollen Taumel vertraut; der Trunk der Augen hatte ihm Besinnung und Gleichgewicht geraubt, er ließ die Nabe los, verlor aber die Sicherheit und kollerte die Kuppel hinab, statt zu rutschen. Entsetzt sah Dieter ihn stürzen und wußte in einem Augenblick, welcher eine Ewigkeit in sich zusammenpreßte, daß sein Freund des Todes war, wenn er unten am Dache nicht das Gleichgewicht wiederfand, sondern weiter rollte. In einer Gegenwart des Geistes, die er nachmals selber nicht begriff, fuhr er blitzschnell ihm nach und faßte ihn, der besinnungslos oben am Rande des Daches hing, bei den Haaren und hielt ihn. Damit waren sie beide gerettet. Toni schmiegte sich aufschluchzend an seinen Kameraden und weinte unaufhaltsam. Und voll Scham verriet er, was er bisher in seiner Eitelkeit verborgen hatte. »Ich kann nicht so herumsteigen, klettern und laufen wie du. Ich wollte dir's nur nicht sagen. Hast du es denn nicht bemerkt? Ich habe nur ein Auge. Wenn ich dir's gesagt hätte, dann hättest du mich ausgelacht. Aber jetzt weißt du's, ich kann ja nichts dafür.« Und damit faßte er unter sein linkes Augenlid und nahm ein blaues, gut gearbeitetes Glasauge aus seiner Höhle, die darunter leer und schaurig drohte. Dieter, der wohl noch nie von sollen Gebrechen gewußt und darum auch den starren Ausdruck dieses unbeweglichen linken Auges bisher nicht wahrgenommen hatte, schlug ihm. rasch besonnen, aber unter Tränen in seinen zwei gesunden Augen auf die Schulter: »Du siehst darum auf einem Aug' für zwei und mehr als ich, denn ich hab bis heute nicht einmal dich ordentlich angeschaut.« Der Toni hatte dieses Auge eingebüßt, als er nach dem Tod seiner Mutter bei der bösen Pflegerin erkrankte. Dies und anderes Erbteil von Leid und Elend machte sein junges Leben kurz, heiß, stürmisch und schwer und würgte es vor der Zeit hin, die sonst einem Menschen vergönnt ist. Sie gingen dann still und bedrückt über die hohe Stiege der Aula hinab und wanderten zur Landstraße und sprachen nichts. Als sie Abschied nahmen, schenkte der Toni dem Dieter die einzige Kostbarkeit, welche er besaß, eine Zigarettenbüchse aus schwarzlackiertem Holz, auf welcher ein rumänischer Krieger abgebildet war, der kühn auf einen besiegten Türken trat und seines Landes Fahne schwenkte. Er hatte diese Dose von seinem Bruder, dem Matrosen bekommen und gab mit ihr das Schönste, was er besaß, dem Freunde, der nun alles von ihm wußte. Dieters Blick hatte heute über der bewohnten Erde gehangen und war in den leeren Abgrund niedergetaucht. Es gehörte die Kraft der Jugend dazu, sich aus solchen Tiefen des Grauens wieder aufzuschwingen, die Federn zu schütteln, die eben sich im Strom des Elends und Verderbens benetzt hatten und wiederum von neuem die munteren hohen Flüge zu beginnen. IX. Nun lebten Dieter und der Toni als ein Freundespaar, wie es die Heldenlieder als das schönste Bild der Jugend selbst überliefern. Sie verrichteten Taten des Friedens. Dieter brachte einen Vorrat sorgsam zugeschnittener Zettel, welche daheim für den Bibliothekskatalog der ethnographischen Gesellschaft bestimmt waren, in die Schule, versah sie mit verschnörkelten Wertaufschriften und verschaffte ihnen unter dem Namen »Papyros steifikos« Münzgeltung dadurch, daß er zuerst nur wenige verteilte, welche wegen der Neuheit und Seltenheit beliebt waren. Er löste sie mit Verlust als Geldwert ein, indem er dafür Marken, Muscheln, Federn in abgestufter Zahl auswechselte. Nachher aber handelten er und Toni ihren eigenen Bedarf an wichtigsten Tauschartikeln ein und gaben dafür »Papyros steifikos« wie Banknoten her. Die Empfänger machten freilich bald böse Mienen zum guten Spiele, aber sie wurden handgreiflich genötigt, diese Scheine anzuerkennen, was man eben Zwangskurs nennt und auch in den lebensgroßen Staaten und Geschäften nicht anders betreibt. Allerdings wurden die Zettel mit dem wachsenden Umlauf bald ganz entwertet, und man mußte andere Zahlungsmittel schon deshalb suchen, weil auch die übrigen Herrschaften zwar mehr oder minder begehrte Gegenstände in natura, aber wenig wirkliches Geld besaßen. So überzog man alte Hosenknöpfe mit Gips und preßte von einer römischen Münze, welche ein Schüler irgendwo ergattert hatte, den Kaiserkopf darauf. Diese »lateinischen Kreuzer« verdrängten denn auch die Zettel. Man richtete den Postverkehr und das Abschreibe- und Einsageverfahren auf verläßliche Weise ein und bildete, aller sonstigen Scharmützel und Parteiungen ungeachtet, eine geschlossene Schar gegenüber den Erbfeinden, den Professoren. Die Werke des Krieges aber bestanden in ernstlichen Schlachten, welche in den Seitengassen der Landstraße, nahe beim Schüttel, bei den Ufern des Donaukanals mit den Gewerbeschülern ausgetragen wurden, mit Lehrlingen und angehenden »Sozis«. Denn diese Feinde hatten es auf die Gymnasiasten abgesehen. Man begann mit Schneeballwerfen im Winter, mit dem Schleudern von Kieselsteinen im Frühjahr. Zu den Gymnasiasten rückten die Realschüler, zu den Gewerblern die Volks- und Bürgerschüler als Bundesgenossen. Aber an manchen Tagen tauchten bei den »Sozi« verkommene und zerlumpte drohende Gestalten von »Pülchern« und »Strizzis« auf, die überall hinzutreten, wo es Unordnung, Streit und »Hetz« gibt. Die pfiffen zwischen den Fingern gellende Signale, auf welche hin aus allen Ecken neue Feinde hervorwuchsen. Man hatte Bauplätze wegen ihrer Schlupfwinkel und Deckungen aufgesucht. Plötzlich flogen Ziegel, und die bedrohten Gymnasiasten bekamen Staubwolken ins Gesicht und Geschosse am Leibe zu spüren. Dieter verwendete den Toni wegen seiner Ungeschicklichkeit und Zartheit bloß als Boten und Kundschafter. Einmal traf aber den Dieter ein Stein an der Brust und machte ihm Schmerz. Sie wären allesamt gründlich, ja gefährlich verhauen worden, wenn nicht berittene Sicherheitswache mit Helmen und Säbeln, von vier Seiten heranrückend, den Platz gesäubert und Entsatz gebracht hätte. Im Prater, dem Sammelort aller Buben von der Landstraße und Leopoldstadt, waren die Wiesenstücke und Waldbestände in Reviere, als in Königreiche geteilt, und Dieter erlangte die Herrschaft über ein ansehnliches Gebiet, nicht durch lauten und vordringliche Ehrgeiz, sondern durch ein unmerkliches Aufrücken des wahrhaft Berufenen zur Macht. Wenn nämlich die Schar der Kameraden durcheinander schrie, der eine dies, der andere jenes beantragte und mit Lärm behauptete, pflegte Dieter ruhig inmitten der übrigen zu stehen und kein Wort dreinzureden. Bald aber machte das Gedränge der Meinungen einer verwirrten Ratlosigkeit Platz, indem kein Vorschlag ausreichende Unterhaltung und Erfolg versprach. Nun begann Dieter: »So, jetzt laßt mich auch etwas sagen.« Und traf mit wenig Worten das richtige. Dann vertraute man ihm das Königreich der Huronen am rechten Ufer des Heustadelwassers an und die wechselnde Kriegs- und Friedenspolitik gegenüber dem auf der andern Seite gelegenen, angesehenen Irokesenstaate. Diese Machtgebilde waren von der herrschenden Klasse der Gymnasiasten geschaffen, die auch alle Führerstellen innehatten. Da man aber zur Herrschaft und besonders in den Kämpfen das sogenannte Volk und Heer nicht entbehren konnte, mußte man Volks- und Bürgerschüler in großer Zahl aufnehmen, ja die Menge dieser Untertanen entschied eigentlich über den Besitz der Gebiete. Denn die Gymnasiasten genügten nicht, früh am Nachmittag die betreffenden Wald- und Wiesenplätze zu besetzen. Waren keine gemeinen Soldaten da, so kamen andere Horden aus anderen Gegenden und nahmen einfach das Königreich weg. Nur wenn man also das niedrige Volk beisammenhielt, vermehrte, durch Versprechungen köderte, durch gute Behandlung bei Laune erhielt, konnte man sich behaupten. Dieter verfehlte nun nicht, als Herrscher und oberster Richter in allen Streitigkeiten, welche sich etwa zwischen den Adeligen, den Gymnasiasten, und der Plebs, den Volks- und Bürgerschülern, jeden Tag ergaben, mit weisem Cäsarismus stets dem gemeinen Manne Recht zu geben, seine Forderungen nach Billigkeit zu erfüllen, gewissen Eitelkeiten Rechnung zu tragen, allzu große Härten der Hohen gegen die Niedrigen zu mildern, um diese an ihre Dienstbarkeit zu fesseln. Insgeheim wußte er dann schon die Aristokratie, seine Kollegen, durch wirkliche Güter, Ehrenstellen, kühne Unternehmungen zu entschädigen, wobei Toni als eine Art von Staatsminister, Gesandter, Kundschafter, Friedensvermittler eine unentbehrliche Rolle spielte. Aber es gab auch andere Zeiten, wo die beiden Genossen sich von aller Gemeinschaft entfernten und eine stille Gegend des Praters aufsuchten, wo es einen niedrigen Ahornbaum gab, dessen Aeste wie eine natürliche Treppe den bequemsten Aufstieg zum Wipfel gewährten. Oben, mitten im Grün der Blätter saß man auf zwei benachbarten Zweigen in einer sonnendurchschimmerten verborgenen Laubhöhle. An den kleinen Aesten ringsum hatte Dieter eine sogenannte stumme Aeolsharfe angebracht, indem er ausgebrannte Zigarettenhülsen, also die bloßen Mundstücke, an Zwirnfäden eng nebeneinander aufhing, so daß sie wie weiße kleine Orgelpfeifen schwebten. Jedes Lüftchen brachte sie in die zierlichsten Schwingungen, und man konnte ihrer regelmäßigen, gehaltenen oder lebhaften und ausschwingenden Bewegung zuschauend, gar wohl ein hohes oder tiefes Tönen einer unhörbaren, darum desto wohlklingenderen Musik sich einbilden und eine Zigarette langsam rauchend, mit lauschender Ruhe genießen. Indes der Toni daheim durch das argwöhnische und mißmutige Wesen seiner »Alten«, durch die Störungen seiner fleißigen Schülerarbeit und den Lärm seiner Geschwister immerhin an manchem eigenen inneren Leben behindert wurde, richtete sich Dieter in den Stunden, da er vom Freunde getrennt war, seine besondere geheime Welt ein, und mehrte sie jeden Tag mit neuen Dingen. Die Freundschaft lieferte ihm zwar wertvolle Anregungen, aber die Kraft seiner Einbildung, alle kleinen Wirklichkeiten zu großen Wundern zu erheben, deutete das Gegebene ständig um, sein Auge erblickte es im hohen Glanze von Abenteuern und Gesichten, führte alles in tausend Verwicklungen und löste sie gleich auch wieder zu schließlicher Ordnung, in deren Mitte er als bewegender und gestaltender, leben- und todgebietender Machthaber saß, welcher alles nach seinem Gefallen lenkte. Dem Toni gegenüber fand er sich in einem merkwürdigen, bald übergeordneten, bald unterworfenen Verhältnis, denn dieser, vom Unglück der umgebenden Gemeinheit geschärfte, in seinem schwächlichen Zustande früh reife und sozusagen aufgeweckte Bursch stellte mit der Entschiedenheit seines Urteils, mit der grausamen Heiterkeit und Entschlossenheit seiner am Wirklichen geübten Vernunft die stete Forderung der Wahrheit an Dieters Phantasieüberredungen. Wenn dieser schwungvoll ins Grenzenlose fabelte, warf Toni ein gutmütig gemeintes, aber kühles Witzwort hin, das auf die Hitze wie ein kalter Wasserstrahl fuhr und zischte. Da mußte Dieter klein beigeben und lachte mit, manchmal aber zog sich sein ganzes Wesen in einer unmerklichen Bewegung schmerzlich berührt zusammen und verschloß sich, er verstummte, aber ohne Groll und sie gingen schweigend nebeneinander her. Ueberhaupt bestand bald ihre beste Unterhaltung in einem wortlosen Wandern. Sie stimmten in Wahrnehmungen, Urteilen, Ausdrücken so sehr überein, daß sie nicht einmal mehr der Rede bedurften. Trat ihnen irgend etwas Neues entgegen, so schauten sie einander an, lächelten und wußten, was sie beide dachten. Sie konnten stundenlang spazierengehen, ohne aufzublicken, wobei ihre Füße von selbst den vertrauten Weg fanden, ihre Gedanken aber innerlich zusammenklangen, wie ein paarweis tönendes, schön ineinander läutendes Glockenspiel. Sie wußten mit aller Bestimmtheit, wenn ihre Gehirne in einem Augenblick hinter durchsichtigem Glas die Folgen ihrer Einfälle hätten zeigen können, so hätten diese zueinander gepaßt und wären ineinander verflochten gewesen, wie Schraubengewinde und -gang. Darum dünkte es sie jedesmal, wenn sie nach vielen Stunden vor Tonis oder Dieters Wohnung Abschied nahmen, einander wechselweis auf die Schulter schlugen, ins Auge sahen, an die Mütze griffen, sie hätten sich wunderbar wie noch nie verstanden. Toni las viel. Dieter hatte sich hingegen bisher um Bücher nicht sonderlich gekümmert. Er hatte immer viel zu viel zu tun gehabt, um Zeit zum Lesen zu finden, seine Erfindungen und Träume schienen ihm ungleich wertvoller, als was er aus Geschichten etwa gewinnen konnte. Dagegen herrschte in der Familie Scharrer mit der Langeweile, dem Lärm, Schmutz und Hunger auch die Gier nach Lektüre. Dietern hätte der Tag selbst mit achtundvierzig Stunden nicht ausgereicht, aber bei den Scharrers war die Zeit mit ihrer Not, ihrem Mangel, ihren ständigen Mahnungen an allen Verdruß ein böser Feind, den man vertreiben mußte. Und so las man recht eigentlich als »Zeitvertreib«, was die wahre Wurzel allen Bücherunheils, aller faulen Romane und erlogenen Geschichten bedeutet. Man las nicht, um irgend etwas Schönes zu erfahren, oder an dem feinen Spiel geistiger Gebilde mitdenkend sich zu erfreuen, indem man alle vielverschlungenen Gänge der Erfindung verfolgte, sie aus eigenen Kräften mit Farbe und Umriß ergänzte und sich selbst nach dem Sinn und Ton des Gegebenen stimmen ließ, sondern man las um des groben Stoffes willen, dessen Brocken man als Nahrung hungrig aufnahm, ohne ihn zu verdauen, den man darum gleich wieder vergaß, um nach neuem zu verlangen. Jenes stille, freudige Nachsinnen über das Gelesene, welches zarte Gedankenfäden zu einem schimmernden, durchscheinenden Schleier, wie zu einem Nebelglanze webt und über die Wirklichkeit ausbreitet, war ihnen so fremd, wie einem hungrigen Bettelmann das Gastmahl der Götter. Sie verschlangen Lesefutter. Und erst als Toni lange mit Dieter verkehrt hatte, begann er wie dieser zu lesen, als erfinderischer, mitträumender Genosse des umherschweifenden Dichters. Daheim bei ihm besaß man kein einziges Buch, dazu langte das Geld nicht, sondern man entlehnte da und dort irgend einen Band, schleppte ihn nach Hause und stürzte sich darüber, nicht ohne daß den Tag über Kämpfe geführt wurden, in welchen einer dem andern den Bissen abjagte. Kaum saß der Toni dabei, so kam der Vater heim und verlangte das Buch, der Sohn bettelte, es bis zum Schluß des spannenden Kapitels zu behalten. Der Vater murrte. Toni las weiter und konnte sich nun erst recht nicht davon trennen, bis ihm der Band mit groben Scheltworten weggerissen wurde. Zwischen ihren häuslichen Geschäften flüchtete sich auch die Stiefmutter gelegentlich zur Lektüre und erzwang sie wieder vom Gatten, dann verlangte die Schwester den Roman, und selbst die Kleinen balgten sich um die Bilder, da sie den Text noch nicht verstanden. Da gab es alte Jahrgänge von Familienblättern, die ungefähr für ähnlichen häuslichen Frieden berechnet, schon auf dem Titelkupfer die sinnige Teilnahme einer zahlreichen Häuslichkeit mit verlogener Sentimentalität abschildern, indem der Vater mit seiner Pfeife, das ehrbare Mütterlein mit ihrer Handarbeit, die Söhne unter der Studierlampe, die Töchter mit ihren Verlobten versammelt sind und jeder einzelne von den fürsorglichen Blättern Unterhaltung, Rührung, Belehrung, Rätsel, Gesellschaftsspiele, Kochrezepte, häusliche Ratschläge, zweckdienliche Anweisungen bezieht. In Wahrheit mochte aber das sinnige Heim wohl meist so aussehen, wie bei den Scharrers, und um das Futter wird gebalgt. Es gab Dorfgeschichten aus allen Gegenden des lieben Viehs, und wo der Pflug geht, oder die Berge eine bessere Welt einschließen. Gerade die Städter in ihrer schlechten Luft und unnatürlichen Lebensführung voll Sorge, Lüge und Verdruß erbauen sich an solchen Gemälden einer Einfalt und beschönigenden ländlichen Treuherzigkeit, wo alle urwüchsige Roheit des Bauernvolkes, seine unbekümmerte Dreschflegelhaftigkeit, sein dreistes Ja und Nein auf alle Fragen als ersehnte Einfalt, Jodler, Schnadahüpfl und nackte Kniee als edelster Zustand des Menschentums ernsthaft aufgeredet werden. Der ländliche Misthaufen scheint besser zu stinken, als alle Kanäle der Stadt und die ungewaschene Treuherzigkeit leuchtet allen Lesern ins Gemüt, welche in Wien schmutzig bleiben. Die heimliche, unausrottbare Sehnsucht der Menschen nach der Einfalt natürlicher Zustände, nach der Sicherheit der festen Erde, nach Pflug und Heumahd, welche noch ihren Vorfahren irgend einmal auferlegt gewesen, befriedigt sich in diesen wahren oder verlogenen Geschichten und fühlt mit geheimem und lustvollem Schmerz an jene Zugehörigkeit gerührt, die jeden an diese Vergangenheit der Geschlechter bindet. Irgendwann ist jedem ein Großvater draußen wo ein Bauersmann, eine Großmutter Bäuerin gewesen, irgendeine verwandte Sippe lebt jedem irgendwo auf einem Stück Ackerboden. Und jeder hat in den Städten ein Erbteil reiner Luft, gesunder Arbeit, frommer Erbauung an den schönen Gotteswerken der Wiesen, Wälder, Berge und des lieben Viehs verscherzt. Jeder ergötzt sich nun an den Schilderungen solcher Dinge wie an Luftspiegelungen und erwacht von den betäubenden Gedanken dieser Lektüre, durch ein hartes Muß gestoßen, zur alten, doppelt öden Pein seiner friedlosen Existenz. In anderen rührenden Romanen wetteifert die Tugend der schönsten Gestalten, das Böse tritt schwarz und ruchlos der Unschuld entgegen und dient nur dazu, sie desto reiner erstrahlen zu lassen. Die Liebe waltet als eine Macht körperlicher und geistiger Anmut und bewegt das begrenzte Teichlein eines Menschenlebens mit einem Gekräusel von beschränkten Leidenschaften und Gefühlen, welches von weitem etwa einen Sturm vortäuschen soll, der sich schließlich wohlgefällig glättet. Alle Begebenheiten der Historie, alle vom Kostümschneider der Geschichte zugerichteten Prachtgewänder der fernen Zeiten geben eine Theaterdekoration her, Haupt- und Staatsaktionen werden aufgeboten, damit ein Liebespaar zusammenkommt, »sich findet«, wie das zarte Wort lautet, als sei der Zweck der völkermordenden Kriege immer der gewesen, daß schließlich vor einem Brautbett der Vorhang zugezogen wird. Auch diese Stoffe und Rührungen entspringen den still gehegten Instinkten der Leser, die, obgleich schlecht und schwach, töricht oder roh, eine geheime Sehnsucht nach eigener Erhebung, nach zartsinnigem Edelmut, nach opferwilligem Heldentum, nach großen Handlungen empfinden, aber ohnmächtig, sie aus eigenem zu verwirklichen, derlei Vorräte in den Romanen suchen und sich damit endgültig zufrieden geben, daß, was ihnen versagt ist, dort reichlich feststeht. Sie finden in solchen Geschichten eine Art Erlösung und göttliche Stellvertretung, auch dürfen sie in ihrer Armeleutephantasie sich wenigstens bei der Lektüre in einer Gesellschaft bewegen, die ihrem bitteren Neide sonst verschlossen ist. Hier haben sie Erlaubnis, in den Wohnzimmern der Könige sich zu bewegen, in den Salons des Adels mitzuschwatzen, an Jagden teilzunehmen und überall ihr Urteil dreinzugeben, wo keiner ihnen wie sonst im Leben, aufs vorlaute Maul schlägt. Erst durch den Toni erfuhr Dieter von der Existenz solcher Bücher. Vordem hatte er bloß den Lederstrumpf und andere Indianergeschichten, oder die ernsthaften geographischen Werke gewürdigt, welche in der Bibliothek der Gesellschaft aufgestapelt lagen, er hatte seinen Robinson Crusoe gelesen und mit der Belehrung eines Knaben, der diesen Zustand schöpferischer Einsamkeit allemal selbst nachlebt, die Schicksale dieses verschlagenen Abenteurers genossen. Denn so mußte auch er inmitten einer gefährlichen, fremden Welt alle Bedingungen gedeihlichen, erkennenden, wachsenden und freien Daseins sich selbst schaffen und ausnützen. Er hatte ferner etwa als verbotene Lektüre gewisse zweideutige Kapitel der Bibel gesucht, aber nicht verstanden und wegen der schwierigen Sprache und des heiligen Geruches, der selbst an den Menschlichkeiten der Urväter haftete, wieder weggelegt und abgelehnt. Nun lernte er, daß es eine unübersehbare Zahl von Büchern gäbe, daß man in ein Meer von Erfindung untersinken und darin allerhand fischen könne und daß es nur vom Taucher abhänge, welche Beute er gewinne. Da er jede neue Erkenntnis nach Vermögen ausschöpfen wollte und in diesem Drange des Lebens fleißigster Schüler blieb, stürzte er sich gehorsam in die Lektüre. Auch in die Bibliothek der ethnographischen Gesellschaft waren ähnliche Familienzeitschriften als verirrte Fremdlinge geraten, so daß er mit solchem Lesefutter versorgt war. Er wählte daraus, was nach dem Titel irgendeine besondere Erbauung versprach, unter dem Namen »Humoresken« vorerst gewisse komische Intrigen, welche sich unter fortwährenden heiteren Zufällen ineinander verwickelten, um sich mehr oder minder sinnreich aufzulösen. Dann aber gewisse alte Wiener Romane, zum Beispiel: »Kaiser Josef und die Mucker«. Das waren historische Erzählungen, in welchen der sogenannte Wiener Freisinn einer alten, geduckten und knechtseligen Zeit alle seine gehorsamst versteckten Forderungen dort präsentierte, wo es nicht darauf ankam, sie wahr zu machen und vor Leuten, die nur die Macht hatten, an fremden Gesinnungen die eigenen zu wärmen. In lauter dreist erfundenen Begebenheiten zeigten sie Mut und Tugenden eines längst in den Nebel der Geschichte hinabgetauchten Mannes einem Publikum, das es von jeher gerne sah, wenn ein anderer sich mit Gesittung und Strenge abquälte. Da erschien der Kaiser Josef, als Sagenheld einer verschleierten Vergangenheit und als Träger aller Wünsche und Träume des Volkes, ihm wurde alles Gute, Edle, Schöne beigelegt, ohne daß man die Mühe hatte, seine erfundenen Wohltaten ernstlich zu verdienen, es genügte die bequeme poetische Zumutung: er hätte alles schon recht gemacht, wenn er nur gekonnt hätte, wie er wollte, wenn nicht die vermaledeiten »Mucker« gewesen wären, die er bekämpfte, verscheuchte, bezwang, und die immer wieder hervorkrochen. Für jeden niedergetretenen wuchsen zehn neue auf. »Mucker« brachten ihn ins frühe Grab. Die freimütigen Erfinder dieses Sagen-Kaisers wollten es freilich nicht Wort haben, daß es immer das ganze Volk ist und die ewige Gemeinheit der schnöden Welt, welche zu allen Zeiten ihre Helden hinwürgt, und daß wohl auch die braven Wiener zur Gänze, nicht einzelne Spukgestalten, sondern die gutmütigen, raunzenden, sentimental verlogenen, gefühlsselig rohen, den Herrgott einen braven Mann sein lassenden, mit Worten begnügten, im Tun gleichgültigen Backhändelfriedhofsdiener, die im Lügenfett wollüstig schmorenden, allem Geistigen von Natur aus zuwideren Walzer- und Heurigenkarpfen, diese selbstgefällig ihre Oedigkeit angrinsenden, gemeinplatztriefenden Philisterfischmäuler von einst und jetzt die wahren Mucker bleiben, denen niemals ein Licht geboren wird, ohne daß sie es in ihre Finsternis und gemütlose Gemütlichkeit verschlucken und sich noch beklagen, daß sie es nicht angenehm verdauen können. Von den ganzen aufgeregten Begebenheiten dieser schönen Gesinnungen hinterher, dieser freien Auffassung, die dem Ideal nachschaut und sich freut, daß es auf sie nicht angewiesen ist, behielt Dieter nur gewisse Worte, Namen und Farben, welche er dazu benützte, sein eigenes Leben auszumalen. Etwa daß der Kaiser Josef die eigentümlichen, von der verborgenen Sonne durchschimmerten Herbstnebeltage über alles geliebt habe. Seither verstand Dieter das besondere Antlitz der Gebäude, Kirchen, Schlösser und engen Gassen in dieser Jahreszeit. Sie schwammen allesamt im Dufte eines ringsum flutenden grauen Silberlichtes, wenn der September kam und von dem aufglühenden Laub der Wälder um Wien der feuchte, herbstgeruchschwangere Wind aus dem Westen herwehte mit Wolken, die sich nicht ballten, sondern über den ganzen Himmel durchscheinend ausdehnten. Und dieser Nebel legte sich als Schleier und Licht zugleich auf alle Dinge, beglänzte sie und nahm ihnen alle Härten, hellte die Schatten sacht auf und ließ die Umrisse verschwimmen, die starken Gebilde von Stein und Erz wurden geschmeidig wie Fleisch und Bein. Jede Ecke, jedes Gesims und jede Heiligengestalt in den Nischen bekam etwas Schwebendes, hing wie vom festen Grund gelöst zwischen Erde und Himmel, Marmor wurde zu Sammet und Seide, Wolken sammelten sich zu Stein, Säulen verloren den Boden, tropften von der Höhe nieder und gingen im Himmel auf, gedrängte Fassaden reckten ihre Glieder wie Wesen, die im Traum ausfahren. Dazwischen lachten unten auf dem Universitätsplatz leise die Brunnen und flogen die Tauben und schlug die alte Uhr der Jesuitenkirche den goldenen Schlag der Stunden in die verhüllte Ewigkeit. Jetzt konnte der Mann mit den Kniehosen und der Adlernase, mit dem streng geschlossenen Mund, der zürnend schwieg und mit den offenen grauen Augen, die lächelnd sprachen, mit Schnallenschuhen, einen Spazierstock mit Elfenbeinknauf in der Rechten halb drohend, halb gefallsam schwingend, auf einem seiner Spaziergänge den Dieter, wie aus dem Boden gewachsen, antreten: »Hast du keinen Mucker gesehen. Ich möchte mir wieder einen ausleihen?« Und da konnte ihm gleich auch etwa ein Naderer, ein Krötenmauliger in den Weg kommen, ein schwarzschleichender Jesuit und eine von Klostergeistlichen verfolgte, geflüchtete Unschuld und so weiter. Das waren die silbergrauen Wiener Nebeltage des Kaisers Josef. Bei diesen ersten Schwimmversuchen im seichtesten Wasser der Literatur wurde dem Dieter doch auch ihr ungeheures Meer allmählich bewußt und gehörte nun mit zu den irdischen Elementen, die ihn verlangten. Denn wie er als Kind geglaubt hatte, alle Menschen in den Photographien des Doktor Zarfschen Vorhauses beisammenzufinden und gemach ergründen zu können, war er noch heute der Meinung, alle Erlebnisse und Anblicke, Gebiete und Inhalte der bewohnten Erde warteten auf ihn, daß er sie durch und durch erlebe und nach seinem Belieben auskoste. Wenn er nur die rechte Zeit dazu hätte, welche er vorderhand mit den unnützen Schulgängen und Gegenständen verzetteln mußte, als ob er ein Riesenvermögen mit kleinen Kreuzern einzuwechseln genötigt würde. Fortan aber begann er die bisher verachteten Bücherläden zu mustern. Denn auch dort lag ein Teil der Welt zur Schau. Es gab noch andere Werke, als die friedlich in den Glasschränken der ethnographischen Gesellschaft nebeneinander hingestreckten Folianten der Erd- und Völkerkunde, zahllose Geschichten, welche in Erfindungen und Gestalten die Kunde vom gegenwärtigen Menschen, das Gefühl des wirkenden Daseins lehrten, in einer Sprache, welche das Tatsächliche ins Sinnreiche brachte, aus dem Wirklichen Wunder herausstellte, die Ueberfülle bewegter Herzen und waltender Erscheinungen in Formen zwang, wobei die Worte oftmals Flügel zu bekommen und wie Lerchen emporzurauschen schienen, so daß sie den Blicken gar entschwanden und man nur mehr die Silberstimmen in der fernsten Höhe leise mit den glänzenden Wolken des Himmels und mit dem funkelnden Tag selig schwatzen zu hören vermeinte. Aber wie jedem Sehnenden, und sei es der Aermste, eine Hand sich bietet, wenn er die seinige nur recht begehrend ausstreckt, so fand auch Dieter eine Hilfe, in dieses Paradies der Lektüre zu kommen, das ihn anfangs von den kostspieligen Goldschnittbänden und Prachtwerken ganz und für alle Zeiten verrammelt dünkte. Es gab einen unscheinbaren, aber geraden Schelmenweg zu dieser Herrlichkeit, und er segnete ihn noch viele Male, seit er ihn entdeckt hatte: der hieß Reklams Universalbibliothek. Bei dem nächsten Antiquar auf der Wollzeile hingen in der Auslage kleine, fleischfarbene Heftchen mit verlockendem Aufdruck zum Preise von einem Silbergroschen. Dazumal bedeutete diese verschollene Reichsmünze in österreichischer Währung grade zehn Kreuzer, oder wie man wienerisch, gleichfalls nach einer bereits halb vergessenen Rechnung sagte: ein Sechserl, ein dünnes, abgeschabtes, fleckiges Silberscheibchen, das so recht als rundes Rad ausgeworfen, in die entlegensten Spalten und Winkel der Glückseligkeit hineinfand. Nun ließ Dieter sein seltenes Sechserl nach solchen Büchlein ausrollen, und zwar nach dem Titel, der ihm gerade besonders verlockend erschien. Den Inhalt aber ermaß er nach dem Umfang, denn nur was ihn lange ergötzte, schien dieser übergroßen Ausgabe wert. So muß es zu seiner Schande gesagt sein, er lernte bei Reklams Universalbibliothek alles Dramatische verachten. Er las nur ein Lustspiel, nichts weiter von dieser Gattung, denn welch ein Betrug entzog ihm gleich die Hälfte des verfügbaren Raumes durch unnötige Szenenbemerkungen, durch die vertrackten Namen der jeweils sprechenden Personen und durch den breiteren freigelassenen Rand! Wenn ein Dialog richtig ist, weiß man doch ohnehin gleich, wer da redet, und weiß man's nicht, so lohnt es sich doch den Teufel, eine Minute länger bei dem Geschwätz zu verweilen. Dann wird noch in Prosa allerhand Unnützes, in Versen allerhand Ueberflüssiges besprochen, was eine Erzählung in einem Satze abtut, verlangt hier Seiten, in deren Mitte der magere Inhalt sich recht als ein verlogener Sünder und Prasser auf einem weißen Lotterbette wälzt. Seit er einmal mit einem solchen Drama war betrogen worden, hütete er sich vor der Gattung. Das gab denn ein endloses Wählen, Suchen und Vorherverkosten, wenn er im Laden nach langer Zeit wieder einmal ein neues Büchlein suchte, jeder Titel spielte ihm tausend Möglichkeiten des Inhalts vor, und er schuf zehn Romane für den einen, dessen Würdigkeit er auskundschaften wollte. Vier Sinne wandte er auf, zu forschen, ob das Zeug etwas tauge. Zuerst das Gesicht: wie der Titel hieß, wie viel Seiten und Kapitel da waren und ob der Druck reinlich geraten, dann aber den Geruch. Wenn ein Band alt war und sich lange im Schrank des Buchhändlers aufgehalten hatte, roch er nach staubigem Papier und war sicherlich nichts wert, weil sich niemand um ihn beworben hatte. Vielmehr mußte jeder Band frisch als ein neugebackenes Brot, nach der Druckerschwärze riechen, sich noch feucht anfühlen und in ungebleichter Fleischfarbe wie ein lebendiges Geschöpf hell leuchten. Dann fragte Dieter noch, ob der Band wirklich erst jetzt herausgekommen sei. Eines Tages nun fand ein Buch, so feucht, frisch, hell, wohlriechend, schwarz und weiß, wie es sich gehörte, in seinen Besitz, von dem er sich viel versprach: »Aus dem Leben eines Taugenichts«, Novelle von Joseph Freiherrn von Eichendorff. Dieter kostete den Wohlgeschmack dieser ersten Seite. »Aus dem Leben«. Das besagte: einer hat so viel und so mannigfaches erfahren, daß kein Dichter alles erraten und festhalten kann, was zwischen den Zeilen, Fingern und Gedanken hindurchschlüpft; wenn er nur einiges erzählt, läßt er ebensoviel noch und neues, besseres ahnen, verspricht und erfüllt es wohl auch ein andermal. Das ganze Leben eines Taugenichts in einem so dünnen Bande wäre eine Lüge gewesen, auf die er, Dieter, wohl zu allerletzt hineingefallen wäre, »aus dem Leben« aber war die bescheidene Wahrheit, an die man sich getrost halten durfte, man bekam ein paar gute Früchte aus einem großen Obstgarten. Schön! Und dann nicht aus dem Leben eines Herrn Soundso, sondern gerade eines Taugenichts. Das war unsereiner, wir wollen sehen, wie ein Taugenichts sich gebärdet, und prüfen, ob er auch den Namen verdient, denn das verstehen wir, da lassen wir uns keinen Dunst vormachen und um uns selbst betrügen. Wenn ein Dichter den Mut hat, seinen Helden einen Taugenichts zu nennen, dann muß er ihn wohl kennen und vielleicht selbst einer sein oder gewesen sein, alle Achtung, Hüte dich, Freiherr von Eichendorff, wenn du gelogen hast! Wie konnte aber einer, der so hieß, wohl betrügen? Eichendorff! Ein Mann, der nach einem solchen Ort genannt war, mußte aus einer Welt herkommen, als ein freier Herr, die gar wohl auch Taugenichtse hervorbrachte und von den Stämmen herabschüttelte. Novelle! Der Name schlüpfte zierlich hinter dem Taugenichts herein wie eine leichtfüßige, schönhäuptige, schwarzäugige Frauensperson. Das war aber auch das einzig verdächtige an diesem Titel, da Dieter die Weibsbilder verachtete und mit einigem Mißtrauen von sich fernhielt. Ein Roman war ein breiter, standfester Mann, bewaffnet und wohlbeschlagen in allen Stücken, dagegen verhieß eine Sache, welche Novelle getauft war, allerhand Schnickschnack und ziersüchtige Possen, ein weibisches Gedreh und Geäugel, das einen mit jedem Worte narrte. Aber schließlich, die Novelle mag zu dem Ding gekommen sein, wie ein Zubehör, lautete der eigentliche Titel doch »aus dem Leben eines Taugenichts«, und ihm wollte er vorderhand vertrauen, mochte die Novelle eben mittanzen und mittun, man kann den Frauenzimmern nun einmal nirgends in der Welt ganz ausweichen. Schließlich war er, Dieter, gewiß ein Taugenichts, wer wollte es ihm bestreiten, und auch er hatte seine Veronika, oder die Baronesse Tinka gefunden, die oder jene Novelle spielte immer mit, wenn ein Mann etwas erlebte, da die Weiber überall den Leuten vor die Beine liefen. Sei's drum. Also Joseph Freiherr von Eichendorff. Der Mann führte Dieter-Sephes Vornamen, irgendwie macht auch das eine Seelenverwandtschaft aus, denn niemals kann ein Theodor einem Joseph, ein Toni einem August gleichen, aber jeder Joseph gehört auf geheime Weise allen jetzigen, einstigen und künftigen Sephes zu als einer Brüderschaft ehrbar schlauer Pilgrime, deren Stammvater es verstand, ohne eigene Plage eines Herrgöttleins biederer Vater und noch heilig dazu zu werden. Mit diesem Schatz in der Tasche begab sich Dieter in einen zweiten geschätzten Laden der Wollzeile, der hieß »zum Freywilligen von anno 1809« und führte wohlfeiles Zuckerwerk, insbesondere aber eine Art Sandschokolade, von welcher man um ein Vierkreuzerstück ein großes Trumm bekam, das langsam, dauerhaft und wohlschmeckend sich beim Lesen im Munde aufhielt. Kam noch eine Zigarette zu einem Kreuzer dazu, so hatte er für sein heutiges Abendvergnügen ein stattliches Vermögen geopfert, das sich hoffentlich nutzbar erweisen würde. Daheim hatte er, seit er nach des Vaters zweiter Ehe wieder bei ihm hauste, sich völlig neu eingerichtet und sozusagen selbständig gemacht. Seine Stiefmutter sah zwar, wie die Leute behaupteten, ihrer verstorbenen Schwester sehr ähnlich, aber er fand kein Gefallen an ihr, sei es, weil sie eben des Vaters zweite Frau war und er jede Nebenbuhlerin der verstorbenen Mutter von vornherein mißachtete, sei es, weil sie schwach und demütig mit einem so eigenwilligen Sohne nichts rechtes anzufangen wußte. Wie immer sie sich gegen ihn benahm, erregte sie seine Mißstimmung; kümmerte sie sich um ihn, so fiel sie ihm lästig, kümmerte sie sich nicht um ihn, so entbehrte er, ohne es Wort zu haben, die mütterliche Fürsorge. Der Vater, welcher das schiefe Verhältnis der beiden wohl bemerkte, griff, wie immer, mit stiller Sicherheit ein, indem er dem Knaben eine räumliche Unabhängigkeit verschaffte. Er ließ ihn nämlich bei Tage im Bibliothekssaal der Ethnographischen Gesellschaft lesen und schreiben. Das geschah bei Dieters Wanderhaftigkeit ohnedies selten genug und nur für recht kurze Zeit, denn seine Schulaufgaben mußten sich eigentlich von selbst und im Handumdrehen machen, wurden in den Zwischenstunden vom Nachbar abgeschrieben oder in aller Eile morgens ins Heft geschleudert, zwischen Aufstehen und Milchtrinken. Saß er aber einmal eine Stunde im Vereinsraum, so traf er nur selten einen Besucher und störte den sicherlich nicht. Abends, nach sechs, war die Bibliothek geschlossen und gehörte ganz dem Dieter. Hier schlug er, nach des Vaters Unterweisung, sich auch sein Nachtlager auf. Unter den Gaslampen in der Mitte des Zimmers standen zwei langgestreckte Eichentische, an denen bei Tage die Gäste lasen. Auf einen dieser Tische wurden Matratzen gelegt, darüber das Leintuch, Kissen, und eine Wolldecke und das Bett war fertig, hart, aber auch sicher, und in einem weiten Raum, der durch hohe Fenster aufs beste konnte gelüftet werden. So besaß Dieter ein Studio, um welches ihn der reichste Privatgelehrte beneiden durfte. Draußen auf dem Universitätsplatze sah man die Umrisse der stillen, alten Häuser, an dem Gesimse die vorüberwandelnden, abends beisammenkauernden Tauben, jede vergangene Viertelstunde bekam ihren goldenen Glockensegen von der Turmuhr, und wenn in der Nacht die einsame Lampe brannte, schien draußen die schwarze Welt ein gläsernes Schiff hoch auf ihren Wellen und schwebend zu halten, in welchem ein Taugenichts schaukelte. Heute aß Dieter geschwind bei den Eltern in der Küche sein Nachtmahl und zog sich dann mit einem Gläschen Bier in den Saal zurück, da er noch viel zu tun hatte, wie er dem Vater sagte. Im hohen Raume schraubte er zunächst die Gasflamme auf, deren Summen wie eine ferne Musik zu brausen begann, dann baute er von den Atlanten und großen Foliobänden der Bibliothek rund um seinen Lesetisch einen förmlichen Wall, der ihn von der Welt abschied. Innerhalb dieser Festung breitete er Lehrbücher, Hefte, Tinte, Federn, Löschblätter aus, um gegen einen etwaigen Ueberfall gesichert zu sein, während das Büchlein in jedem Augenblick hinter die Schulsachen geschoben werden konnte. Zur Rechten stellte er sein Gläschen Bier auf ein Stück Zeitung, damit es auf dem Eichentische keinen feuchten Rand hinterlasse, zur Linken die Schokolade und die Zigarette. Und nun konnte das Fest beginnen. Er steckte die Zigarette unangebrannt in den Mund, denn auch der Duft des trockenen Tabaks ist voll Annehmlichkeit und besonderer Verheißung, und während er mit seinem Federmesser die Seiten des Büchleins aufschnitt, verkostete er den Vorgeschmack des Rauchens, wie der Abenteuer des Taugenichts in einem. Erst nach diesen Einleitungen entzündete er die Zigarette, beugte sich über das Buch und begann zu lesen und las, und las mit solchem Eifer und solcher Hitze, daß er selbst an das Gläschen Bier und an die Schokolade nur selten dachte, gefangen, getragen und entrückt durch dieses Buch, dessen Worte, jedes freilich allein schon blühend und duftend, wie Sommerblumen einer fernen Heimat, in ihrer Reihenfolge und Bedeutung ein ganzes neues Leben herbeibrachten. Oder besser zu sagen: kein neues, sondern das eigene, längst gewohnte und freigewählte, aber mit einer holdesten Rechtfertigung und Verherrlichung seines eigenen Traumwandels über die schöne Erde. »Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache.« Da hörte er die Hammermühle gehen und sah den weißen Schnee, der winterlang auf Dächern und Bäumen lag und sah ihn rinnen, »emsig«, Tropfen auf Tropfen, voll sich selbst lauschender Lustbarkeit, drunten vor der Aula mahnte das leise Lachen der Brunnen an das fröhliche Wasser, das wandert und geht und gleichwohl immer gegenwärtig bleibt. Der Vater aber hatte daheim »rumort«, hieß es weiter und schalt, die Schlafmütze schief auf dem Kopfe, seinen Jungen: »Taugenichts«. Da sah man doch einen Mann, der wußte, was er sagte. »Rumoren«, das tat wirklich auch sein Vater den lieben langen Tag, und wenn er einmal in üble Laune geriete, könnte der Dieter auch einen Taugenichts an den Kopf bekommen und würde sich's nicht zweimal sagen lassen und in die Welt gehen, sein Glück zu machen. Und was nun alles um einen solchen jungen Kerl rundherum passierte und sich zutrug, keine einzige Begebenheit, die man nicht hätte selbst erleben mögen und können, kein Schmerz, der nicht auch üppige, sammetweiche Lust war. Da fuhr ein Taugenichts auf dem Wagentritt einer vornehmen Karosse. Das kennen wir aus eigenem! Wie oft sitzen wir auf den Achsen der schön federnden Kutschen, welche von der Sophienbrücke her in den Prater rollen, und wenn neidische Gassenjungen dem Livrierten auf dem Bocke den ungebetenen Passagier verzünden: »Da hinten sitzt einer«, schreit man frech »das Radl dreht sich«, als mache man den Kutscher auf ein wichtiges Gebrechen aufmerksam, damit er verwirrt wird und nicht weiß, um was es sich handelt und die ganze Sache für einen Lausbubenscherz hält und weiter fährt. Gelegentlich schlägt er freilich mit der Peitsche hinten aus, die saust um die Ohren, aber kein Taugenichts läßt sich durch sie stören, denn er gehört zu einer Praterfahrt und Staatskarosse dazu, so recht als das arme romantische Widerspiel zu der zierlichen Novelle, die vorn im Wagen auf den Seidenkissen neben einer alten Dame sitzt. Und dann der strenge, mürrische Portier mit dem betreßten Zweispitz, dem goldverzierten Stab und Bandelier, der vor dem Schlosse auf- und niederwandelt wie das gehende Uhrpendel; ist's nicht unser guter Bekannter von der Aula unten? Und das Straßeneinräumerhäuschen mit seinem bunten Garten, dem Schlagbaume davor und dem Einschreibebuch, über dessen Ziffern das Sonnenlicht tanzt! Das wäre eine Beamtenstelle! So wollen wir einmal wohlbestallt sein als Taugenichts und mit fixen Bezügen, mit einem Sack voll Launen, einer Geige unterm Arm und einen Tag voll Lust, Nächte voll Mondschein vor und um uns. In tollen Streichen der Sehnsucht und treuen Liebe, von wechselnden Abenteuern genarrt, wollen wir durch das Leben springen, kein Land der Welt darf uns versagt sein, keine Frucht von irgendeinem Baume hängen, die wir nicht verkosten, von den tiefen Mühlen im Hammergrunde bis nach Italien, man kennt den Weg. Da braucht man sich immer nur südwärts zu halten, die Berge kommen einem entgegen; wo die Alpen wandern, gleiten die Ströme in immer vollere Täler und einmal hören plötzlich die Tannen auf; die Weiden und Obstbäume, Erlen und der Wein schlagen hellgrün den Auftakt zur Musik der himmelblauen Herrlichkeit, die Häuser tragen keine hohen Hüte mehr, sondern flache Dächer und die Sonne glänzt heiß, schmutzige Wäsche hängt von den Balkonen, schwarze Frauenzimmer heben in Kupfereimern das Wasser von den Brunnen und schauen einen an, dazwischen wandelt ein Abbate mit schwarzem, staubigem Filzhut vorbei und im Nu ist man in Roms schimmernder Sonnenebene unter den glänzenden, breithörnigen Ochsen. Man hört die Messe in St. Peter und sieht den heiligen Vater vorüberschweben. Man sehnt sich nach Abwechslung, besonders wenn man einen Messerstich in die Brust bekommt, der einem andern gegolten hat und wandert, wer weiß wie, nach Deutschland zurück, wo alles reinlicher hergeht, wo die Liebste besser gewachsen ist und etwa als Kammerjungfer einer Baronesse dient, wie die Josephine Wacha, deren Kölnischwasser man sorgsam aufbewahrt hat. Und wenn einen die Treue verdrießt, gibt es ein weites Meer und eine neue Welt und man läßt sich nach Amerika schaukeln. Wir haben es immer gewußt: so soll unser Leben sein, aber endlich hat's einer gesagt, erkannt. Das war ein Mann, ein freier Baron, mit dem sich reden ließ. Was sind alle Romane sonst doch für ein Geschwätz von lauter Dingen, die uns nichts angehen, da kommen Männer und Frauen vor, welche Sorge haben, Geld verdienen und Ehrgeiz umhertragen, hier gab es nur junge Menschen, die tun, was sie wollen, oder ganz alte, die zuschauen und freundlich verdrießlich räsonnieren, wie der Brummbaß zur hochflötenden Geigenstimme. Hier war von uns die Rede, die wir das Hauptstück der Erde ausmachen, ihr junges Laub, von uns Taugenichtsen und Mordssackerlotern, die neunmal weiser sind als alle erwachsenen Armesünder und Sorgenherren. Um uns handelt es sich, um uns dreht sich das große Rad und wir drehen es, das große Rad der Welt. Das war ein Buch, und nun konnte man verstehen, was ein Dichter sei. Einer, der die Wahrheit sieht und sagt, aber nicht die griesgrämige Grausamkeit des alten, sondern die helle Einsicht des jungen Tages, welche von Sonnenlicht leuchtet, grün überschimmert von Laub, hold durchklungen von Vogelrufen, bekränzt von Sommerblüten. Die Wahrheit ist ihm zur Seite, wie ein schönes Mädchen mit dunkeln Augen. Und wenn sie traurig blickt und Schmerzen verkündet, dann geschieht es immer noch in einer Nacht voll von Sternen und Nachtigallen, und wenn es zu sterben gilt, dann ist's ein Traum von hier nach einem neuen Wunderland hinüber. Unter allen Menschen bleibt man einsam und glücklich, und fern von allen ist man in Gesellschaft der schönsten Gestalten. Niemand gehört man, das Leben fließt durch Leib und Seele wie das Geheimnis der quellenrauschenden Erde, und man geht durch Wasser, Feuer, Stein und Luft unversehrt und durchsichtig wie ein Kristall, in welchem sich der Schein mit Spiel und Leuchten spiegelt. Dieter las und las, bis er das Büchlein ausgekostet hatte. Er war eben daran, wieder anzufangen: »Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig«, als er ein leises Rumoren vernahm, das ging von seinem Vater aus, der in Filzschuhen nachsehen kam, ob sein Sohn nicht etwa beim Licht eingeschlafen sei. Hurtig schob Dieter das Heftchen unter sein Schreibwerk und studierte emsig. »Ja, was hast du denn gar so viel zu tun heut'? Es ist Schlafenszeit: Ein Uhr. Morgen ist auch noch ein Tag.« Der Vater machte sich leise wieder fort. Dieter verlöschte die Lampe, erstieg sein Bett auf dem Tische und träumte und hörte das Rad der Mühle gehn, den Schnee in Tropfen fallen, und in seinem schwebenden Schlummer klang das Lachen der Brunnen unten aufs artigste mit dem Rauschen der Wasser dieser Geschichte zusammen. X. Das Herz von seinem Geheimnis selig erfüllt, ging Dieter in die Schule. Er hatte nichts gelernt, aber der Talisman des »Taugenichts« mußte ihn beschützen. War diese Geschichte wahr und ihr Dichter wirklich ein Mächtiger der Welt, dann konnte seinem Jünger nichts arges widerfahren. Kaum hatte Dieter das Schulzimmer betreten, so schlug schon die Glocke zum Beginn, und es blieb ihm keine Zeit mehr, dem Toni irgendeine Andeutung über das Erlebte zukommen zu lassen, denn gleich bestieg der geistliche Herr das Podium und begann zu prüfen. Dieter witterte ein Examen seiner religiösen Kenntnisse in der Luft, zog das betreffende Blatt aus dem Lehrbuche der Kirchengeschichte hervor und heftete es an des Toni bereitwilligen Rücken, da schneuzte sich auch schon der würdige Hauskaplan Seiner erzbischöflichen Gnaden, päpstliche Kämmerer und Religionsprofessor in sein rotes Taschentuch und rief: »Dieter. Was wissen Sie von dem Vierfürsten Herodes?« Der Taugenichts stand auf und las mit so freier Betonung und kundiger Wortumstellung die Geschichte des Judentetrarchen von seiner geheimen Vorlage ab, daß der geistliche Herr mit Befriedigung baldigst abwinkte und ein »Vorzüglich« in seinem Büchlein auf Dieters Habenseite eintrug. Die nächste Stunde brachte »Naturgeschichte«. Der Lehrer dieses Faches war ein eitler Mann, der nach langer Mühe den Titel eines Regierungsrates erhalten hatte. An dem Tage, wo diese Auszeichnung in der Zeitung veröffentlicht worden war, zeigte ein Mitschüler auf, um eine gewisse Erlaubnis zu erbitten. »Was wollen Sie?« »Bitte hinaus, Herr Professor.« Der wandte ihm darauf geringschätzig den Rücken und sagte: »Das versteh ich nicht.« Der verlegene Schüler zeigte wiederum dringlicher auf, wußte aber auf die erneute Frage nach seinem Begehr nichts anderes zu antworten, als: »Bitte hinaus, Herr Professor.« Da belehrte ihn der Naturforscher: »Fortan habt Ihr zu sagen: bitte hinaus, Herr Regierungsrat, denn so heiße ich.« Dieter merkte sich diesen Titelstolz gar wohl und benützte ihn als Menschenkenner zur Förderung seiner durch Studien nicht eben befestigten naturwissenschaftlichen Stellung. Heute erfragte der Lehrer die Eigenschaften des Doppelspats, wobei er sich just an Dieter wandte, dessen Schicksalstag nun einmal war. Der Geprüfte kannte und schilderte die Tugend des Minerals, einfache Schrift zweifach wiederzugeben. »Können Sie wohl auf der Tafel ein Wort so hinzeichnen, wie es unter dem Kristall erscheint?« »Jawohl,« versetzte Dieter und malte die ineinandergreifenden Zeichen des Wortes »Regierungsrat«, welche die Würde des Professors gleichsam strahlend verdoppelten. Man kann sich denken, wie hochbefriedigt der also Gefeierte diese sinnige Huldigung entgegennahm. Wieder belohnte ein »Vorzüglich« den weltmännischen Eifer unseres Taugenichts, und also hatte das Buch wirklich seine glückbringende Kraft erwiesen. Als es zwölf läutete, rannte Dieter dem Toni nach und sprach ihn an: »Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine.« Toni machte verwunderte Augen und wußte nicht, was der närrische Dieter eigentlich meinte. »Was heißt das?« »Das heißt: Aus dem Leben eines Taugenichts, Novelle von Joseph Freiherr von Eichendorff und ist schöner, als alles, was es sonst auf der Welt zu lesen gibt, verstanden?« Toni schüttelte den Kopf: »Du weißt immer lauter verrücktes Zeug.« Dieter schlug ihm erbost das Schulpackel auf die Schultern und lief davon. Nun litt es den Toni nicht, ihn entkommen zu lassen, und er verfolgte ihn atemlos zur Brücke, wo Dieter ihn trotzig und doch das Herz übervoll erwartete. »Geh, gib mir das Büchel.« »Nein, das behalt' ich, bis ich es auswendig kann, und wer ein Taugenichts sein will, muß es aufsagen können, wie ich.« »So schieb' dir's meinetwegen in deinen Brotladen«, brummte Toni unwillig. Nun tat es Dieter wieder leid, daß der Freund dieses Wunderbuch entbehren sollte, und er gab es ihm doch, ließ sich aber mit feierlichem Ehrenworte versprechen, daß der Toni es am Nachmittage zurückbringen werde. Der nahm es hastig an sich, vergaß den gewohnten Abschiedssalut und Schulterschlag und stelzte, die erste Seite aufgeschlagen, und gleich mit dem Lesen beginnend, davon. Als sie wieder beisammen waren, schwatzten sie von diesem Taugenichts und schaukelten wie zwei jauchzende Sperlinge auf dem grünen Zweige dieser Geschichte. Seitdem ging es in ihren Gesprächen, auf ihren Spaziergängen hoch her, denn nun wußten sie, was sie taten, ihr ganzes Leben überhaupt nach dem Standesbewußtsein und der Moral des Taugenichts einzurichten, wodurch es manche Strenge, aber auch eine gewisse Glorie der Nichtswürdigkeit bekam. Aber auch gewisse Gaben des romantischen Landstreichers schienen unerläßlich, namentlich die Musik als ständige Begleitung aller Unternehmungen. Der Toni war, weiß Gott woher, ein tüchtiger Geiger und spielte, wenn zu Hause das öde Treiben sich am ärgsten anließ, auf einem billigen, braunen Instrumente die süßesten wienerischen Gesänge und Tänze. Hatte er bisher schon seine Geige sehr ängstlich und mit Liebe betreut, so wußte er sie jetzt mit einem von seiner Schwester erbettelten blauen Seidenbande zu schmücken, das er an den Hals des Instrumentes hing, wodurch es gelegentlich zur Laute erhoben war. Dietern war freilich bisher gar keine Musik gegeben, er konnte zwar mit einiger Gewandtheit pfeifen, aber schon zu singen und seine eigene Stimme laut werden zu lassen, hielt ihn eine eigentümliche Scham ab. Gleichwohl lebte in ihm mit der Menge der Empfindungen und dem Bedürfnis seines gesunden Körpers nach Bewegung, eine innerste Musik, die nun durch das Beispiel des Eichendorffschen Helden in ihrem Drange bestärkt, auch nach Ton und Klang und lauter Fülle verlangte. Nun wußte er, wenn er daheim von diesem Wunsche etwas hören ließe, würde der Vater ohne Zweifel einen Unterricht ausfindig machen. Aber etwa Geige oder das verhaßte Klavierspiel bei einem Lehrer zu lernen, wäre nur eine traurige Schulsache mehr gewesen und hätte den musikalischen Trieb ein für allemal unleidlich gemacht. Er versuchte verschiedenes, zum Beispiel die Maultrommel, auf welcher aber doch nur ein gewisses verschwommenes, nebelhaftes Summen gelang, oder die Mundharmonika, genannt »Fotzhobel«. Auf ihr kam wieder nur ein zirpender, hochziehender, und selbst bei mehrstimmigem Satze eintöniger Gesang heraus. Endlich tat er einen guten Fund. Daheim in der Küche führten Stufen zu dem hohen Fenster, das auf den Universitätsplatz sah, und in diese Stufen hatte der Vater, den Raum sorglich ausnützend, etliche Laden einbauen lassen, in denen vielerlei Brauchbares oder Vergessenes aufgehoben lag. In einer solchen entdeckte Dieter eine großmächtige Ziehharmonika, und siehe da, obgleich schon seit manchem Jahr unbenützt und vom Vater irgendwo um ein Spottgeld erstanden, erwies sie sich noch als ganz brauchbar: Leder, Klappen und Balg waren in ziemlicher Ordnung. Dieter setzte sich abends auf den Gang vor den Fenstern und fingerte so lange herum, bis er durch die Handgriffe und das gleichzeitige Pressen und Auftun des Balges den eigentümlichen tiefen Ton herausbrachte und wehmütige Akkordfolgen so langsam greifen konnte, wie eine bescheidene Kunst und das Bedürfnis nach melancholischer Stimmung es vermochten. Er glaubte dabei etwa das summende, halbgedämpfte Spiel einer Orgel aus einer Landkirche zu vernehmen, vor welcher er unter Bäumen auf einem Steingeländer des angrenzenden Friedhofes sinnend saß, während ringsum die Sommersonne glänzte und drin Gottesdienst gehalten wurde. Oder er vergegenwärtigte sich den Abend vor dem gräflichen Schlosse, die letzten lichten Wolken zogen in den goldenen Westen, während im Osten schon die kühle Nacht blaß und mit ersten Sternen erschien und die hohen Linden im Park leise rauschten. Unter dem Schutze des heiligen Eichendorff hielt er sich in der Schule ziemlich wacker. Man darf nicht vergessen: wenn einer geregelt lernt, täglich seine Aufgaben getreulich niederschreibt, in den Lehrstunden genau dem Vortrage folgt, hat er's leicht, als Schüler zu bestehen, aber ein Taugenichts muß ein weit schwierigeres Problem bewältigen: nämlich gegen alle diese Pflichten verstoßend, gleichwohl zu siegen. Ohne eine Zeile gelernt zu haben, durch Einsagen und Abschreiben, durch Ergreifen jeder Gelegenheit des Betruges eine gute Note zu erobern, macht weit mehr Mühe, kostet mehr Zeit und Klugheit, als der öde geregelte Fleiß, verursacht aber auch ein höheres Wohlgefühl. Die Tugend eines ehrbaren Schülers erlebte in seiner eigenen Klasse eine Niederlage, von welcher Dieter den besten Nutzen zog. Irgendeinmal kommt gerade der beste in Versuchung und gleich faßt ihn der Teufel, der eben nach den Gerechten, als nach den besten Bissen greift, während er die Sünder ruhig sich ihrer Ruchlosigkeit erfreuen läßt, solange sie nur mögen. In der ersten Bank saß der Primus, ein sauber gekleidetes, wie aus dem Schächtelchen geholtes Knäblein, Sohn eines Advokaten, immer gut vorbereitet, gehorsam, aufgeweckt, aber vor jedem Unfug wie vor einem Straßendreck ängstlich ausweichend. Darum wußte Dieter wirklich nichts mit ihm anzufangen. Eines Tages meldete der »Kroat«, Dieters einstiger Gefährte beim Kooperator Eidherr, er wisse von diesem Braven etwas Ungeheuerliches und bekreuzte sich dabei; der Primus habe nämlich über die heilige Maria etwas Schändliches gesagt. Dieter machte sich jedenfalls über die Bedeutung des Wortes nur unklare Vorstellungen, daß es aber eine Ehrenbeleidigung war, blieb gewiß. Der Kroat warf als eifriger Katholik die Frage auf, ob man den Primus anzeigen solle. Dieter, dem die Sache nicht so nahe ging, und dem es überhaupt widerstrebte, die Schulmeister in die Sachen der Schüler einzuweihen, entschied, man müsse zunächst den Primus fragen, ob er derlei wirklich behauptet habe. Und er ging auch gleich zu ihm, schaute ihn gerad an und stellte ihn zur Rede. Der Arme war ganz verdonnert, erblaßte, fuhr auf seiner Bank hin und her und antwortete gar nichts, sondern zog in seiner Bestürzung, einen hochnotpeinlichen Prozeß, schimpfliche Ausstoßung aus allen Gymnasien Oesterreichs und weitere Entehrung bis ins späteste Greisenalter fürchtend, ein Sechserl aus der Tasche und händigte es Dieter ein, welcher von dem unerwarteten Erfolg der Untersuchung überrascht und befriedigt war. Der Primus hatte allerdings mit diesem Schweiggelde das schnöde Wort eingestanden, aber sich dadurch auch in Dieters Schutz begeben. Ein Hilfeflehender und zugleich Mächtiger durfte nicht verraten werden. Darum gebot Dieter dem Kroaten heiligstes Stillschweigen. Eine Weile hielt der es auch. Aber bald erwachte in ihm, sei es die beleidigte Frömmigkeit, sei es der Neid auf den Primus, sei es der Wunsch, selber eine Bestechung zu erhalten, und er trat grimmig vor den Geängstigten: »Was hast du damals gesagt?« »Nichts«, stammelte der. Eben wollte der Kroat dem Armen die Beleidigung auf den Kopf zusagen, sah ihm schon dicht ins Auge, als Dieter dazwischen trat, den Drohenden beim Kragen packte und zur Seite warf: »Laß ihn in Ruh, gar nichts hat er gesagt.« Der Befreite gab noch manchesmal ein Sechserl aus gequältem Herzen. Und Dieter hatte mit dem Kroaten noch manchesmal ein Handgemenge zu bestehen, bis die leidige Sache vergessen war. Aber seither durfte er vom Primus alle Hausarbeiten abschreiben und jeden gelehrten Dienst beanspruchen. Eine andere Einkommensquelle ergab sich daraus, daß ihm ein rechtschaffen unfähiger Bursch, der bereits zum zweiten Male an dem Griechischen der Tertia würgte, ein Sechserl wöchentlich versprach, wenn Dieter alle Uebersetzungen aus der ungeheuerlichen Sprache ihm sorgfältig für das häusliche Einbüffeln nachschreibe. Dieter tat natürlich für das gute Geld, was er um seiner selbst willen nie getan hätte, er paßte auf und lieferte die genauesten Protokolle. So fand er sich selbst mit diesem Gegenstande ab, an welchem sonst all seine Gewandtheit zuschanden geworden wäre, denn wie konnte man wohl mit einer Sprache zurecht kommen, die sich gleich mehrerer Aoriste erfreute. Da nun das geheimnisvolle Schmähwort des Primus einmal angeklungen war, besprach Dieter mit dem Toni oftmals diesen Ausdruck und Toni wußte, welche Frauenzimmer damit bezeichnet wurden. In den Gassen, wo solche Erscheinungen geputzt über das Pflaster fegten, stießen die Buben einander flüsternd an, wenn eine der üppigen Gestalten, in Seide rauschend, unter einer Duftwolke, die Hüften wiegend und das Haupt mit dem großen Hut neigend, an ihnen vorbeisegelte. Dieter begriff unter dem argen Worte fürwahr keinen Schimpf, sondern nur die Ahnung von etwas Geheimnisvollem, ja Großartigem, wie auch der Putz und die aufgedonnerte Schönheit, welche in einem betäubenden Geruche einherging, ihm vornehm und merkwürdig erschien. Einmal sahen sie abends in ein ebenerdiges Fenster, wo eine solche Person in einem roten Schlafrocke breit auf einem Kissen auslag mit vollem, üppigem Munde lächelnd, hinter ihr leuchtete im Zimmer eine Ampel auf ein gelbes Sofa. Auch hier schlug derselbe beklemmende, von schwerem Parfüm und Zigarettenrauch gemischte Duft heraus, so daß die Einbildung dem Knaben ein morgenländisches Wunder und eine nur um schweres Geld zu erlangende, großartige Erfahrung verkündete, welche sich in solcher Gestalt und Ausstaffierung verkörpert, unerreichbar darstellte. Diese Frauen standen ihm mit den Prinzessinnen auf einer Stufe der traumhaften Entrücktheit und lächelnden Darbietung. Wiederum erschien das Zeugnis, wiederum des Vaters einfache Frage: bist du durchgekommen?« und Dieters Bejahung; wiederum warf der Vater nur einen Blick auf das Dokument, ohne sich über die bescheidenen, aber eben genügenden Noten irgendwie auszulassen, und wiederum fragte der Alte: »Nun, wohin willst du heuer auf Ferien gehen?« Dieter wählte des Vaters Heimat, die er nun als reiferes Studentlein allein besuchen und von Grund aus kennen lernen wollte. So wurde es auch beschlossen. Der Toni aber blieb, wie jedes Jahr, auch heuer in Wien, wo er den Sommer teils in der öden Stube, teils auf einsamen Spaziergängen verbrachte. Die Nachmittage und Abende verbummelte er im Prater, indem er vor den Kaffeehäusern die Regimentsmusik genoß und unter dem Gewimmel der Spaziergänger in der Hauptallee langweilig und gelangweilt einherstrich. Der Dieter machte sich aber mit einem schweren Bündel auf den Weg, welches außer seinen Habseligkeiten noch als Geschenke ein Kilogramm Feigenkaffee und ein schweres Stück lignum sanctum enthielt. Aus diesem tropischen dunkelgelben und schwarz durchwachsenen Holze sollte der Tischlervetter Sephe einen schweren Hobel als Meisterstück und festliches Handwerksgerät sich selbst anfertigen, wogegen er das überschüssige Material zu schönen Griffen für etliche Wirtschaftsmesser zu verschnitzen hätte. Dieter fuhr zunächst bis Brünn, wo er am Morgen ankam und einen Tag und eine Nacht zur Besichtigung bestimmte. Das schwere Gepäck ließ er auf dem Bahnhofe und nahm nur eine schmale Pappschachtel unter den Arm, welche alle für ein Uebernachten nötigen Gegenstände enthielt. Und zwar: ein Kerzenstümpfchen, Zündhölzer, zwei Sacktücher und ein Handtuch, eine Zahnbürste, ein Stückchen Seife zum Waschen und eines zum Fleckputzen. Die Taschentücher wurden nicht eigentlich zum Gebrauche, sondern sozusagen für alle Fälle mitgenommen, denn das wirklich notwendige trug man ohnedies bei sich und wusch es am Abend am Brunnen aus, ließ es über Nacht trocknen, oder hing es am Morgen als Fahne an den Stecken, bis es wieder gebrauchsfähig war. Die zwei andern dienten also einerseits zu einem gewissen gesteigerten Selbstgefühl und eben für besondere Ereignisse, man konnte verwundet werden und einen Verband benötigen, oder in Gefangenschaft geraten und sie in Streifen zerschneiden, aneinanderbinden und sich dann zum Fenster hinablassen, oder plötzlich bei Nasenbluten, einem sagenhaften Uebel, das Dietern noch nie passiert war, verwenden. Kurz, die ganze Ausrüstung war für das Außerordentliche bestimmt. Die Fleckseife aber kam einer geheiligten Familientradition halber in die Pappschachtel. An jedem Sonn- oder Feiertage, bevor man sich zu einem Ausgang anschickte, wurde daheim ein allgemeines Familienfleckputzen abgehalten, da diese wunderbare Seife alle bösen Spuren aus den Kleiderstoffen tilgte. Beim »schwarzen Hund« auf dem hohen Markte, jenem berühmten Drogenladen, welcher Dieters Geruchsträume zum erstenmal auf seiner Reise von der Marktgasse nach der Aula begeistert hatte, durfte der Knabe oft genug dieses Arkanum einkaufen, und bevor er seine Sommerreise antrat, fragte der Vater allemal, ob er die Fleckseife nicht vergessen habe. Als Dieter mit der besagten Pappschachtel unter dem linken Arm und mit seinem Ziegenhainer in der Rechten aus dem Bahnhof auf den freien Platz trat, sah er unmittelbar vor sich eine böhmische Schuhputzerin neben ihrem Schemel unter Bürsten und Wichse sitzen, die in ihm den einzigen städtischen Ankömmling als »gnädigen Herrn« demütig begrüßte und ihre Dienste anbot. Weil Dieter sich das ganze Jahr selber die Schuhe säubern mußte, gefiel es ihm gar wohl, dies als gnädiger Herr zum erstenmal von einer andern, dazu bestellten Person besorgen zu lassen. Für eine solche Freude wollte er immerhin zwei Kreuzer opfern, setzte also den Fuß auf den Schemel, und die Alte fuhr und wischte über seine Stiefel, daß sie bald wie zwei Spiegel glänzten. Als sie fertig war, fragte Dieter nach der Schuldigkeit und vernahm erstaunt und bestürzt, daß die Arbeit mit zehn Kreuzern bewertet wurde. Demütig opferte er diesen Betrag und lernte, daß solche Leistungen in der Tat nur gnädigen Herrn gebührten. Auf einer modischen belebten Gasse stieg er dann zum Krautmarkt hinan, einem von lauter alten, anmutigen Häusern umstellten Platz, in der Mitte von einem merkwürdigen Grottenbrunnen geziert, um welchen Höckerinnen Gemüse, Geflügel, Blumen, Eßwaren aller Art mit böhmischen und deutschen Rufen ausboten, während sich die Mägde und Hausfrauen um die einzelnen Stände drängten. Verhutzelte alte Weiblein in bunten Kopftüchern kauerten vor einer mit einem Brett gedeckten Butte. Auf diesem simpeln Bord lagen Mehlspeisen, »Wuchteln« mit Topfen oder Leckwar gefüllt und Birnen. Besonders diese wurden immer wieder mit einem lockenden oder wehmütigen, lauten und getragenen, oder bittenden Ruf »Hruschky, Hruschky« ausgeboten. Da war er also mitten im gemischten Lande, wo Tschechen und Deutsche untereinander hausten, stritten und durch das Leben zusammengehalten wurden. Die Läden und Schilder führten zumeist die deutschen Namen der Tuchfabrikanten und Kaufleute, der Anwälte, Notare und Handelsbeflissenen, die etwas unternahmen, ordneten und fertige Dinge weiterreichten, so daß das ganze Land gleichsam von ihrem vielgliedrigen ringsausgreifenden Strom umfaßt schien; die Tschechen aber waren Bauern, welche auf den Aeckern saßen und die Erde um und umgruben, daß sie die reiche Feldfrucht ernteten und das Obst, die »Hruschky«. Sie waren das Volk der Mehlspeisen und der Birnen, zahlreich, eng beisammen, eine geschlossene, fest aneinanderhockende Schar von Bodendienern, die keine Ordnung weiter brauchten, als die unwandelbaren Gebote der Landwirtschaft. Der Deutsche als Wandersmann und kriegerischer Unternehmer, als beherrschender Geist und mit ausgreifender Hand höhere Gesetze erstellend, mochte mit diesen auf der Scholle Brütenden wohl in den ewigen Kampf der entgegengesetzten Triebe geraten, die einander in zwei grundfremden Sprachen anschrieen, das Deutsche war hell und lauter wie das strömende Wasser, das Tschechische klang dumpf, drohend, schmeichlerisch, kindisch und wieder buntlockend wie der Ruf von Leuten, die Schollen werfen, Furchen graben, den Pflug führen, dreschen, mähen und beim Heuen unter farbigen Sommerblumen jauchzen. Das Deutsche wuchs unterm Wandern wie die wallende Quelle, das Tschechische unterm Spaten wie die einförmige, aber anschwellende Saat. Das Deutsche war die Muttersprache reisiger, niemals befriedigter, in alle Weite flutender, das Tschechische die Muttersprache dicht nebeneinanderhockender, am Felde haftender, zusammenkauernder und im Gewühl wachsender Menschen. Brünn schien in der Tat eine recht passende Reisestadt für einen Knaben, denn es bot seine Sehenswürdigkeiten bescheiden und klar geordnet dem Blicke dar, ohne viel Bildung zu verlangen. Man konnte alles an einem Tage bequem zusammenfassen. Da gab es ein altes, vielgängiges Rathaus, in dessen Hof schön gewölbte Lauben ringsum wandelten. Unter der Toreinfahrt hingen zwei kuriose Altertümer, deren Geschichte Dieter aus seinem mitgenommenen wohlfeilen Reiseführer entnahm: ein Rad und ein lackiertes, stark aufgeblasenes Krokodil. Das Rad war einstmals von einem Schmiedegesellen aus Nikolsburg als Meisterstück angefertigt worden, der sich vermessen hatte, es an einem Tage zusammenzufügen, den eisernen Reifen darum zu schmieden und das Fertige bis nach Brünn zu rollen. Da es richtig am Abend in diese Stadt einlief, hing man es zu bleibendem Gedächtnis im Rathause auf. Auch das Gegenstück, das Krokodil, schien bemerkenswert und ein würdiges Andenken, indem vor manchen hundert Jahren ein Brünner Kaufmann weite Reisen in die fernsten Länder unternommen hatte, von welchen er dieses, damals in ganz Europa unbekannte Tier, nach seiner Vaterstadt, freilich als toten Balg brachte und als Geschenk widmete. Dann gab es noch den »Schreibwald« zu sehen, nach den Worten des Führers einen »Brünner Prater«, den Dieter zu seiner gründlichen Enttäuschung besuchte, denn er fand in einem uninteressanten Gehölz nur zwei oder drei Schießbuden und ein paar dürftige Holztische, an welchen er ein Glas Bier und ein bescheidenes Mittagsbrot genoß. Die Sehenswürdigkeiten des Rades und Krokodils, aber auch diesen unwürdigen Betrug, den Schreibwald für einen Prater auszugeben, gedachte Dieter in seinem einstigen großen geographischen Werke zu verewigen. Er trug sich nämlich mit dem Plane, eine umfassende Erdkunde zu schreiben, wenn er wirklich die ganze Welt besucht haben würde. Der Titel sollte lauten »Alle Geographie des gesammten Erdballs«, und der Anfang stand schon fest, er galt Wien, als dem Mittelpunkte des Dieterschen Globus: »Wien ist die Hauptstadt von ganz Oesterreich und liegt nicht, wie es überall heißt, an der Donau, sondern an der Wien. Die Donau ist ein Hauptstrom von verschiedener Farbe, blau habe ich sie noch nie gesehen. Die Stadt ist von mancherlei Nationalitäten bewohnt, hauptsächlich von Deutschen, wozu auch der Schreiber gehört.« Da nun der Nachmittag gekommen war, galt es ein Quartier zu suchen und Dieter suchte unter den Gasthöfen, welche sein Reiseführer aufzählte, den entsprechenden. Einen Erzherzog Johann, ein Hotel Continental, Imperial, Europa, Bristol oder dergleichen schloß er von vornherein aus, dagegen dünkten ihm Tiernamen passend, denn die wohnlichen und bescheidenen bürgerlichen Einkehrhäuser führen immer irgendeinen solchen, einen »braunen Hirsch« oder »schwarzen Bären« oder einen »Adler«. Doch mußte man auch hier auf die schmückenden Beiwörter acht haben, denn der Zusatz silbern oder golden verlangte Silber oder Gold vom wohlhabenden Besucher, hingegen deutete ein bescheidenes braun oder schwarz, weiß oder blau auf gebräuchlichere Farben und erschwingliche Kosten. Schließlich überließ er die Wahl des Quartiers dem Zufall, der ihm beim Spaziergang das richtige entgegenführen würde. Mit gutem Bedacht entfernte er sich von der vornehmen Stadtmitte, schlug den Weg nach dem freien Lande ein und traf an einer Straßenkreuzung, gerade dort, wo die Bürger und Bauern vom Markte kommend oder nach dem Markt ziehend ihre Wagen einstellen mochten, ein behagliches, breites Einkehrgasthaus »zum blauen Löwen«, welcher in aufrechter Gestalt, aus Eisen geschmiedet, mit gesträubtem, ausschwingendem Schwanze inmitten eines vielfältig ornamentierten ehernen Kranzes über dem Tore baumelte. In der Wirtsstube qualmten böhmische Bauern und Fuhrleute, und Dieter fragte den Hausknecht in dieser Sprache, ob er hier ein Nachtquartier bekommen könne. Wohl, aber nur für Geld, hieß es. Dieter nickte »ja«, denn es schien ihm zuerst selbstverständlich, daß er für sein Bett etwas zahlen mußte. Gleich aber befiel ihn Reue, wie schön und vielleicht nicht unmöglich wäre es gewesen, umsonst ein Lager zu finden! Ueber eine Holzstiege wurde er in einen niederen, saalgroßen Raum geführt, in welchem sechs frischbezogene, reinliche Betten standen. Heute war noch niemand anders angemeldet als er, und für dreißig Kreuzer gehörte die ganze Stube eine Nacht lang ihm allein. Als die Magd ihn verlassen hatte, leuchtete Dieter mit der Kerze rund herum, unter alle Betten, in alle Winkel der Stube. Da gab es einen Waschkasten, einen Schrank, welchen er öffnete, es war niemand drin verborgen, einen Kleiderständer mit gedrechselten Huthältern, einen runden Tisch und außer der Gangtür noch eine zu einem Nebenzimmer. Vorsichtig führte Dieter ein Zündholz in ihr Schlüsselloch und erkannte, daß außen kein Schlüssel steckte, gleichwohl war die Tür versperrt. Nun konnten allenfalls daneben Räuber hausen, man mußte sich vorsehen. Daher rückte er vor diese Tür den mächtigen Tisch, welcher im Notfalle als Schild zu gebrauchen war. Unter den sechs Betten wählte er das dem Eingange nächste, entkleidete sich hurtig, legte die Pappschachtel auf den Stuhl vor seinem Lager, rückte den Kleiderständer in Reichweite, um ihn als Waffe zur Hand zu haben, sein Federmesser kam geöffnet unter das Kopfkissen, und er wickelte sich in das mit den guten tschechischen Gänsefedern reichlich gefüllte Deckbett, denn wenn ein Feuer ausbräche, oder Wegelagerer einstürmten, gedachte er in dieser schützenden weichen Hülle zum Fenster hinabzuspringen. Er löschte das Licht. Draußen ruhte die dunkle Nacht, der blaue Löwe knurrte und klapperte grausam im Winde, aber als Dieter im Federbett schwitzte, schlief er wie in einem warmen Neste, aller Gefahren, Räuber und Notwehrträume vergessend, in den hellen Morgen hinein. Die heiterste Sommersonne brannte in den Saal und weckte den Abenteurer, der hurtig aus dem Bette sprang und die sogenannte Reisewaschung vornahm, indem er nach Reinigung von Gesicht und Händen, die Waden und Unterschenkel mit kaltem Wasser bis zur Kniehöhle abrieb, was die Kraft zum Fußgehen bedeutend stärkt. Die Schuhe fand er geputzt vor der Tür stehen. Rasch war er in den Kleidern, und nach einer Sitte, die er ohne zu wissen warum, immer getreulich beobachtete, nahm er von der Stube Abschied, indem er den Hut abzog, sich nach allen Ecken verbeugte und rücklings hinausging. So empfahl er sich auch daheim täglich von seinem schönen Bibliothekzimmer; wenn er es aber für längere Zeit verließ, pflegte er noch leise mit der Hand über die Reihen der ledergebundenen Bücher liebkosend zu streichen. Nun fuhr er, wiederum in den Abend und in die Nacht hinein, seinem Gebirge zu, welches er mit dem frühen Morgen erreichen wollte, wo der reine Tag über Höhen und Wäldern zu erglänzen beginnt, während das einförmige böhmische, ebene oder hügelige Land in Nacht und Nebel und Gestern zurücktaucht. Zu Wildenschwert, wo er umsteigen mußte, kam er dann etwa um zwei Uhr morgens an, noch schimmerten alle Sterne am Himmel und auf dem Bahnhofe wimmelte es von Leuten, die ringsum in die nahen Orte reisten und hier bis zum Anschluß rasteten. In der Restauration ging es ganz lebhaft zu, mit überwachten Gesichtern, welche die Müdigkeit in schlafloser Bahnfahrt bekämpft hatten, saßen Männer und Weiber an den Tischen unter einer großen, dürftig brennenden Petroleumlampe und wärmten sich an einem dünnen Kaffee. Die tschechischen Kleinbürgerinnen faßten die Kipfel, hier wurden sie schon mit dem alten deutschen Ausdruck »Hörnla« genannt, zierlich in die Hand und ließen den kleinen Finger dabei hochschweben, was als Feinheit und Lebensart anzusehen war. Draußen im Freien aber, auf dem Bahnsteig sah Dieter vertraute, ärmliche Gestalten, welche das Frühstück sparten und auf- und abgingen, einen Sack auf dem Rücken oder sorgsam eingewickelte Bauerngeräte, Sensen und Rechen wie Waffen in der Hand. Sie trugen eigentümliche, dunkelfarbene Wollkappen auf dem Kopf und Wämser und die meisten anstatt der Stiefel Holzpantinen. Etliche waren glattrasiert und hatten schlichtes, bis zu den Schultern fallendes Haar, das unter den Mützen hervorsah, andere strichen mächtige, rote Rübezahlbärte. Schweigsam aber schienen alle und wandelten ohne lautes Gespräch paarweis einher oder standen in demütigen Gruppen beisammen. Das waren Bauern aus seinem Gebirge; Dieter erkannte sie gleich als die frommen Landsgenossen seines Vaters und als wunderliche Reisläufer des Ackerbaues, die sich, wie weiland die Schweizer zum Kriegsdienst, zur friedlichen Feldarbeit verdingten. Denn ihre eigenen Saaten gingen da droben in der nördlichen, windigen und spätbesonnten Landschaft erst am Ende des Juli oder anfangs August so recht auf, während unten in Böhmen und bis tief hinab vor den Toren Wiens im Marchfeld die Ernte weit früher reifte. Drum trugen sie ihre Armut, die winterlang über dem Webstuhl gebeugt werkte, im Frühjahr in die Gegenden, welche Taglöhner und fleißige Arme mieteten. Da bestellten sie das fremde, fruchtbare Land und kehrten von der fremden, reicheren Ernte müde heim, um die dürftigere, eigene zu besorgen. Hier stand nun ein erstes frühes Trüpplein solcher rückkehrender Bauern. Die blanken Sensen und die hölzernen Rechen, mit Sackleinen wohl umwunden, waren dergestalt vergleichsweise besser gekleidet und angesehen, als die Träger. Sense, Rechen und Webstuhl genossen, als die höchsten Güter dieser armen Leute, eine fast gottesdienstliche Fürsorge, Pflege und Liebe. Der Zug traf ein und Dieter bestieg diese »südnorddeutsche Verbindungsbahn«, deren Anfangsbuchstaben S. N. D. V. B. von den mit den umwohnenden Tschechen im Streit liegenden Deutschen so umgedeutet werden: »Schau nach Deutschland, verfluchter Böhm.« Binnen kurzem hatte er jenes Städtlein erreicht, von wo die Post in die Höhe der Heimat ging. Dieser Ort bestand aus einem großen Platze, auf welchem drei ansehnliche Adler von Schildern drohten: der des Bezirksgerichtes, der Bezirkshauptmannschaft und der Post. Vor diesen Sinnbildern der Macht hatten die Bauern meist so viel Angst, daß sie sich ungern in ihre Nähe begaben. Nur wenn sie einen Streit hatten, Steuern zahlen oder eine unangenehme Militärsache austragen mußten, wanderten sie in diesen Herrschaftsort und waren froh, wenn sie ihm wieder den Rücken kehren konnten. Die Post mit einem Gasthause vereinigt, lag noch in der Morgenstille einsam da. Der Schalter war geschlossen, die alte Kutsche wies mit der Deichsel noch in den Hof. Ein Hahn krähte in der Ferne, um an den beginnenden Tag unbescheiden zu erinnern. Dieter wusch sich an einem sprudelnden Brunnen und wartete dann, bis zwei Klepper angeschirrt waren und das Wägelchen herausgeführt wurde; der Schwager bestieg den Bock, Dieter nahm auf dem dürftig gepolsterten Innensitz einen Platz ein und versuchte vergeblich, die niedere Klapptür zuzuschlagen, welche immer wieder aufging, weil sie auf ihrem Rechte bestand, von dem letzten Passagier zugehalten zu werden. Endlich holperte der Wagen davon und schallte wie eine Staatsaffäre durch die Gassen, deren Pflaster seinen Unwillen über die Störung des guten Morgenschlafes durch ein scheltendes Hallen kundgab. Draußen auf der beschotterten Landstraße begann das Rütteln und Schütteln. Eben schnaufte das Fahrzeug eine Anhöhe hinan, von wo das Städtchen zum ersten oder letzten Male erschien, als ein junger Mensch scheltend den Kutscher anrief, wo er denn so lange geblieben und ob er sich nicht fahrplanmäßig sputen könne. Das war wohl so der Brauch bei den blinden Passagieren. Drauf schwang sich der Ankömmling im Fahren auf den Innensitz, Dietern gegenüber und sah ihn freundlich an, als erwarte er seine Zustimmung zur Schimpfrede. Dieter besichtigte den Jägersmann aufmerksam, denn etwas dergleichen stellte der Fahrgast wohl vor mit seinem grauen Lodenanzuge, den großen Hirschhornknöpfen an der Joppe, den grünen Borten an der Hose, dem gleichfarbenen Hütlein, an welchem eine Feder kühn in die Höhe zeigte und mit dem goldenen Eichenlaubgestick am grünen Kragen. Der Bursche mochte in den zwanziger Jahren stehen, ein noch zausiger und flaumiger, aber schon recht lang geratener Bart wehte ihm um die Wangen und die blauen Augen lachten, so daß sie dem gesprochenen Zorn gleich allen Ernst und Aerger nahmen. Auf der Post hier im Lande fährt wohl nicht häufig ein wildfremder, und dieser unbekannte städtische Passagier machte den Forstjüngling neugierig, so daß er auf seinem Sitze mehr, als gerade durch das Rütteln bedingt war, wetzte, bis er endlich ein Gespräch vom Zaune brach. »Was sind doch die »Bihmscha« – damit waren die Tschechen gemeint – »für ein faules Ludervolk, da schauen Sie bloß die Wiesen an, allesamt sauer und nicht zu brauchen, weil die Kerle keine anständige Dränage machen.« Und dann schimpfte er auf dies und auf das, immer höchst fachmännisch, bis er endlich sagte, er komme geradewegs aus der Forstschule zu Eisenach heim nach dem Oberdorfe, um bei seinen Eltern auf dem Hofe ein bißchen nachzuschauen. Nun war dieser Hof just der, wohin Dieter fuhr, Eigentum der Familie Reinmar, entfernt Verschwägerter, bei denen sein Vater ihn diesmal für einen kurzen Sommeraufenthalt eingemietet hatte. So gab sich denn auch Dieter zu erkennen; der Forstmann machte ein großes Begrüßungshallo, bot ihm die Hand und versprach seinem Gaste allerhand Belehrung. Zunächst wollten sie einmal eine anständige Gesteinsammlung anlegen, ob Dieter wisse, was das sei. Beileibe keine Mineralienkollektion, wo man dies und jenes bunte Stück Kristall, Achat, Schwefelkies oder Blende zusammenbringe. Derlei bedeute nur ungefähr den eingesprengten Schmuck der Erde, der da und dort im Geröll verborgen sitze, das Gestein aber mache das eigentliche Knochen-, Muskel- und Nervengerüst, den Riesenkörper selber aus, verschieden angeordnet, über- und ineinander geschichtet, da und dort aufgewühlt und getürmt; eingesunken oder zerdehnt, jedes in seiner Weise notwendig, sei es als Blutader, als Bein, als festes Fleisch, oder als zähes, zusammenhaltendes Fasergeflecht. Erst wenn man die geheimnisvolle Lagerung der Gesteine eines Landes kenne, wisse man die Bedingungen des Wachstums für alles Lebendige auf einem Boden, die Tiefe der Tonschichten und des fruchtbaren Humus, welcher über dem Härteren ruhe, die Ursprünge der Quellen, die Bewegungsrichtungen aller Hügel und Täler und wie sie zur lenkenden Kraft der Tiefe, zur strahlenden des Lichtes oben sich neigten und also einer Notwendigkeit dienten, welche wiederum den Menschen hervorbrachte, den Wald und Acker und des Menschen gegebenes Schicksal mit dem Ungefähr seines Willens und seiner Arbeit zu jenem Schein von Werk, Freiheit, Friede und Kampf verbinden, der sich auf dem festen Gestein ungefähr so klein und bedeutend abspiele, wie das Treiben von Maden auf dem Käse. Diese Auseinandersetzungen kamen keineswegs gelehrt, sondern halb wie das Aufsagen eines wohlverstandenen Schulpensums, halb wie das eigene, interessierte und frische Bekenntnis eines wissensfreudigen Menschen heraus, den es danach gelüstet, im offenen Feld die Lehren der Bücher auf ihre Wahrheit zu prüfen. Dieter fühlte sich durch das Gespräch zwar, wie es wohl auch vom andern bezweckt war, einigermaßen gedemütigt, denn das Wissen an sich flößte ihm leidigen Respekt ein, aber er lehnte als im Sommer und auf Ferien jede Absicht, ihn mit Studien zu behelligen, im stillen entschlossen ab. Gesteinsammlung, das bedeutete Prüfungen und Untersuchungen aller Art, von denen er jetzt schon gar nichts hielt. Daher tat er wiederum äußerst angeregt und setzte die kundigste Miene auf, dachte aber bei sich: »Bleib' du bei deinen Steinen.« Der andere zeigte gleich auch auf die Landstraße: »Da siehst du,« er fiel als Sommergenosse und Geistesverwandter des Besuchers gleich ins Brüderliche, als in eine bequeme Hausjoppe des täglichen Umgangs – »Da siehst du den Stein glänzen und in lauter Blättchen gespalten, das ist unser Glimmer, der macht unseren Hauptboden aus.« Das Schimmern konnte auch dem Dieter gefallen, und nun begann die Allee von Ebereschenbäumen rechts und links an der Straße hinaufzuwandern. Diese schlanken Stämme mit dem zarten Laub wurden erst dort gepflanzt und gepflegt, wo die Deutschen siedelten, welche auf ihren Arbeitswegen gern unter einem lieblichen Grün gehen, wenn es auch weiter keinen besonderen Nutzen bedeutet. Der durchsichtige Baumschlag gab Schatten, ohne allzuviel von der kostbaren Sonne zu nehmen, die hier spät über die Höhe kam und früh im Herbst hinter Wolken und Berge tauchte. Die roten Früchte aber glänzten erst im Winter auf und boten den Krammetsvögeln Futter, welche man schoß, oder mit Drahtschlingen fing, je nachdem die Jagd erlaubt oder verboten betrieben wurde. Endlich hielt die Kutsche wiederum auf einem großen Hauptplatze, im »Stadtla«, welches Dieter schon von seiner ersten Reise her kannte, nun aber genauer und kundiger in Augenschein nahm. Es war Sonntag, und auf dem ebenen, katzenkopfgepflasterten Rechteck herrschte das muntere Gedränge der Kirchenbesucher, Bauern, Amtsleute und Bürger, die sich nach der Predigt hier in Erholung, Geschäften, Unterhandlungen und Gespräch, Männer zu Männern, Frauen zu Frauen sammelten. Der Herr Reinmar eilte, seine Eltern zu suchen, die ihn und den Gast wahrscheinlich im Wirtshause erwarteten. Dieter besichtigte unterdessen das »Stadtla«, denn dieser eine Platz, mit je zwei Gassen an der Breit- und Schmalseite machte den ganzen Markt aus. Es gab da ein paar neumodische, häßliche Steinbaukastenhäuser mit widerwärtigen Zieraten, dazwischen aber zu beiden Seiten eine Reihe guter, ehrwürdiger und zierlich anmutiger, kleiner Gebäude, die dem Ganzen sein eigentümliches Altersgesicht gaben: halb bäuerliche, halb bürgerliche Wesen. Auf einem gemauerten und geweißten Erdgeschoß wuchsen hohe, grau geteerte oder gekalkte, oder roh gelassene, spitzige Holzgiebel, zwei Stockwerke hoch und gut zwei Meter weit über den Unterbau hinaus, so daß Holzsäulen die Enden des Daches stützen mußten und niedrige, schützende Laubengänge bildeten, unter welchen die Läden ihre Habseligkeiten ausbreiten, die Käufer, vor Regen und Wind geborgen, spazierengehen und feilschen konnten, während aus den weißgestrichenen, reinlichen Fenstern die Hausfrauen herausschauten und den ganzen Platz mit ihren Blicken bestrichen. Diese hölzernen Zelte, ähnlich stehengebliebenen Wagenburgen eines nordischen Reisevolkes, mit ihrer heimeligen Wärme und Sicherheit, gemahnten Dietern auf merkwürdige Weisen an den hohen Norden, ohne daß er deutlich wußte, warum er just an Island dachte, denn er kannte dessen Bauformen und Einwohner nicht, aber er stellte sich wohl den Schnee der fernen Insel wie hier auf hölzernen Giebeln lastend und ähnliche Lauben vor, in welchen Männer und Frauen in Renntierpelzen nach dem Gottesdienste Tran, Fische und Bernstein verkauften oder gegen Wolltücher, Zucker und Tee austauschte. Vielleicht war er zu diesem Vergleich gelangt, weil er Island vor kurzem daheim in der ethnographischen Gesellschaft bei der Lektüre der altväterischen Reisebeschreibung eines gelehrten Paters Baumgartner, societatis Jesu, entdeckt hatte, welcher dieses eisstarrende Ländchen besuchte, um die dortigen acht katholischen Seelen zu trösten und zu stärken. Die Ergebnisse seiner Forschungen aber legte der Pater in einem erbaulichen, angenehm langweiligen Buche nieder, welches so recht in der Winterstille zu lesen war, wenn es draußen frostete und drinnen die Aepfel auf dem Ofen bruzzelten und dufteten. Dieter hatte sich namentlich den isländischen Nationalhymnus gemerkt, dessen unverständliche, aber breitrollende Verse er auf der Ziehharmonika vertonte. Wie aus des Freiherrn Münchhausen Posthorn tauten hier im »Stadtla« und zur Sommerszeit diese Bilder und Klänge auf und bestimmten Dieters Meinung über die nordische Heimat seiner Väter. Im übrigen standen in der Mitte des Platzes nebeneinander zwei Sehenswürdigkeiten: ein steinerner Brunnen, von grünlichem Moose überwachsen, mit plätscherndem Wasser, das aus zwei Eisenrohren unablässig in das tiefe Becken rann und eine kleine Bronzestatue des Kaisers Josef auf einem Rokokopostament. Von ihr wußte Dieter gleich: »das ist der Kaiser Josef aus Blansko, Katalog Nummer 284 a, feinere Ausführung«. Damit hatte es folgende Bewandtnis. Die Blanskoer Eisengießerei und Metallindustrie betrieb einen schwungvollen Handel mit verarbeitetem Kupfermaterial, welches sie in patriotische Figuren umgoß, die rings im Lande zu künstlerischem Heiligenkult auf das Zureden von Reisenden, Festrednern, nach politischen Feiertagen, begeisterten Versammlungsresolutionen und dergleichen Antrieben mehr, in dankenswertem Eifer verbreitet und aufgestellt wurden, wodurch sowohl das Bronze-Geschäft, als die Bürgertugenden Förderung fanden. Als der sogenannte Liberalismus in Oesterreich und mit ihm die Aktien aller neuen Industrieunternehmungen, der Wahlherrlichkeiten und des politischen Handelsgeschäftes von 1848 bis in die Neunzigerjahre florierten, galt der sogenannte Volkskaiser als der Schutzheilige der aufsteigenden Klassen, welcher höchsteigenhändig weiland den Pflug über einen Acker geführt, die Toleranz verkündigt, die Befreiung der Bauern und Seelen gewünscht, die Pfaffen ihres Uebermuts verwiesen hatte. Ob dies alles wirklich so einfach und klar verlaufen war, ob die Taten nicht vielmehr wieder aus guten Vorsätzen in schlimmes Gelingen, als in den bösen Sand aller vaterländischen Aktionen zurückrannen, kam hier nicht in Frage. Sicher ist nur, daß man diese Sagenfigur in den Mittelpunkt des politischen Schönredens und Armfuchtelns, preisender Begeisterung und hochtrabender volkstümlicher Floskeln stellte. Namentlich in Böhmen, dem Lande des Pflugs und der beginnenden Industrie brauchte man solche Standbilder als sinnfällige Aufmunterungen und Wahrzeichen. Die geschäftstüchtige Gießerei von Blansko war auf diesem Gebiete leistungsfähig genug, um den größten Bedarf zu decken und stellte das Modell 284 a in feinerer, 284 b in billigerer, aber nicht minder geschmackvoller Ausführung der vaterländischen Begeisterung gegen praktische und kulante Ratenzahlungen für die Hauptplätze aller Städte und Märkte zur Verfügung, welche wahrhaft liberal dachten und mit jubelnder Majorität ein solches Kunstwerk aus dem Gemeindesäckel bestritten. Als mittlerweile die Wahlaktien des Liberalismus allenthalben abgeflaut, auf pari und bald noch tiefer sanken, weil die ärmeren und darum radikaleren Schreier den Kampf der Nationalitäten als dauerhafte politische Erwerbsquelle leidenschaftlicher ausbeuteten und allenthalben mittels einer fleißigen Dränage in den stillsten, trockensten Boden des Tageserwerbs zu leiten verstanden, hatte Blansko mit dem schönen Artikel »Kaiser Josef, lebensgroß in Bronze« sein Schäflein längst im Trockenen, überall prunkten die Standbilder, wo es nur möglich war, und man wandte sich, wie es für einen tüchtigen, umsichtigen Betrieb paßt, anderen Erzeugungen zu. Während also das Werk von Blansko längst mit anderer Kunstware sich befaßte, folgten ihm die übrigen Industrieen auf dieses schwungvolle Gebiet der nationalen Begeisterung, namentlich die Zündholzerzeugung, weil die ärmeren Leute zwar keine Standbilder, sicherlich aber schwedische Zündhölzer in germanischen schwarzrotgoldenen Schachteln bezahlen können. Seither sind nationale Zündhölzer im Schwunge, welche sich an der gehörigen Fläche reiben, aufflammen und rasch, ohne Feuersgefahr auslöschen, wie alle praktische Begeisterung, die zünden soll, ohne zu brennen. Aber der Kaiser Josef aus Blansko vertrug sich hier mit dem schönen alten Brunnen recht wohl. An allen vier Ecken des Platzes gab es geräumige Wirtshäuser, die aber ebensowenig von ihren Gästen leben mußten, wie die Bürger des »Stadtla« von ihrem Bürgertum, denn gleich hinter den Gebäuden begannen die Streifen der Felder und Aecker, auf welchen die Einwohner als Bauern arbeiteten. So gingen sie vorn auf dem Platz als Bürger gekleidet und städtisch einher, zogen in ihrer Stube die langen Röcke und die Stiefeletten aus und tauchten hinten hemdärmelig, in Holzschuhen als Bauern wieder auf, um ihrem eigentlichen Geschäft nachzugehen, dem Pflug oder Vieh, Korn oder Kraut. In der einen Seitengasse lag, von einem ummauerten Friedhof umgeben, von hohen Ulmen beschattet, die alte, an der Schmalseite des Platzes die neue Kirche. Die Dörfler beider entgegengesetzten Richtungen marschierten als gesonderte Regimenter des Glaubens in das nähere Gotteshaus, und die zwei Pfarrer hüteten eifersüchtig die zugewiesene Herde, daß kein Schäflein etwa in den fremden Stall irrte. Dann baute noch ein gelber Kasten von Schloß, der einem armen Adelsgeschlecht der Gegend als Erbsitz gehörte, eine Futtermauerecke kühn in den Platz vor, als Zeichen, daß die adelige Herrschaft keinen Stadtplan zu respektieren brauche. So durften die Linden und Fliederbüsche des gräflichen Parks von oben auf den Platz herunterschauen. Nur zwei Kaufmannsgeschäfte waren auf ihren bürgerlichen Erwerb angewiesen. Jedes saß einer der feindlichen Kirchen nah, um die ein- und ausströmende Bauernkundschaft unmittelbar abzufangen. Bei der neuen Kirche hatte Herr Siegmund Bardascher seinen Laden und profitierte von der moderneren Richtung: billig und schlecht; bei der alten stand ein gelb und weiß geziertes Kaufmannshäuslein mit feingerundetem, ausladendem Giebel, an dessen beiden Seiten Steinvasen aufgestellt waren. Das Ganze lud so recht zum Besuch und Einkauf als bescheiden wohlhabendes Zeichen rechtlich strengen Betriebes: gib Geld, geht's gut. Das Schild lautete: Franz Xaver Mader-Christens Witwe. Diesen feindlichen Kaufleuten, Bardascher hie, Franz Xaver Mader-Christens Witwe da, war nun keine Herde zugewiesen, sondern wohin einer seine Heller tragen mochte, stand frei, deshalb lauerte eine Ladentüre voll Herrlichkeiten auf die ferne gegenüber mit funkelndem Neide, aber beide Geschäfte gediehen unter ihrer strengen Konkurrenz wie die Ringkämpfer, welche eben durch das stets geübte Raufen bei Muskeln und Kraft bleiben. So jammerten beide Ladeninhaber über die schlechten Zeiten, schalten über die Schmutzkonkurrenz und verdankten einander ein hübsches Vermögen und wachsame Gesundheit, die sich nicht auf die faule Haut legen darf. Damit waren aber schon fast alle sichtbaren Herrlichkeiten erschöpft und Dieter fand sich zufrieden, als der Ernst Reinmar, sein Wagengenosse, der Forsteleve und Gesteinforscher ihm die Eltern aus dem Wirtshause zuführte. Die begrüßten ihn mit biederer Freude, und eine kleine heitere Gesellschaft wanderte nun wiederum eine Allee schlanker Ebereschen entlang, dem nördlichen Oberdorfe zu. Das Haupt der Familie war der sechzigjährige Vater, ein stämmiger, grobknochiger Mann mit langem Silberbart, dem Sonntag zu Ehren städtisch gekleidet, einen steifen, aber breitkrempigen Rundhut auf dem Kopfe. Neben ihm trippelte die etwas jüngere Frau, noch heute schön. mit den blanksten braunen Augen. Da der Vater schwieg, redete sie für zwei im breitesten, jedes Wort dehnenden Dialekt, der fast wie ein behaglicher Gesang von ihren Lippen lief. An Dieters Seite schritt Ladis, der jüngste Sohn, vierzehnjährig wie der Gast, voran der Forsteleve mit seiner Schwester Anna, einem mannbaren hübschen Mädchen, welches wie die Mutter lachte und blickte, aber wie der Vater schwieg. Noch ein Sohn war vorhanden, doch der saß in Amerika drüben, und auf ihn war die Familie nicht sehr gut zu sprechen, weil er eine Mißheirat eingegangen. Nicht daß seine Herzliebste arm war, verargte man ihm, denn große Reichtümer besaß niemand im Ländchen, aber daß sie aus einem übelberufenen Flecken stammte, trug man ihr nach. Es gab nämlich in einer Mulde der weit ausgebuchteten Landschaft ein stilles, in sich geducktes Dorfnest, dessen Insassen als Narren, Schälke und moralische Schwächlinge galten, so daß die übrige Landschaft von ihnen nichts wissen wollte. Waren alle Dörfer sonst freien Sinns und gaben der Kirche nicht mehr, als was sich unbedingt schickte, so legte dieses Nest sich ihr ganz in den Schoß voll Demut und Reue, denn es hatte manche Sünden auf dem Gewissen. Da es so allein gelassen wurde und ohne Umgang blieb, hauste es, namentlich in den Winterzeiten, wo die Leute beim warmen Herd sich aneinanderducken, in einem recht stallartigen Liebeseifer zusammen, und eine Familie setzte in die andere Kinder, so daß man gar nicht mehr wußte, wohin jedes gehörte. Hatte eines die Nase seines Vaters, so blickte es gewiß mit den Augen seines Oheims und hob die Achseln beim Gehen wie der Nachbar und zischte mit der Zunge beim Reden ganz wie ein Müller desselbigen Grundes, und jedes Geschwister glich einem Sprößling aus nachbarlichem Bett, so daß mählich das ganze, sich erneuende stete Hundert des Dorfes nachgerade eine fröhliche, verspielte Sippschaft darstellte, welche das bißchen Geld versoff, vertanzte, beim Kartentrumpfen um den Kopf sausen ließ und dann demütig zueinander ins Bett kroch, um sich im Katzenjammer zu wärmen, Sonntags ehrbar in die Kirche zu gehen und zu allen heiligen Zeiten Buße zu tun. Losgesprochen begann die Igelei von neuem. Darum grüßten alle andern aufrechten Bauern einander: Schön willkommen, oder guten Morgen, guten Mittag und guten Abend, wie es der Stand der Zeit jeweils verlangte, nur diese Nesthocker murmelten fromm: »Gelobt sei Jesus Christus« und gaben, »In Ewigkeit Amen« zurück. Denn sie hatten alle Ursache, des Heilands zu gedenken, der ja leider und insbesondere auch für ihresgleichen gestorben war. Man mag nun billig ermessen, welches Entsetzen bei den Reinmars herrschte, als der Aelteste gerade von dort ein Mädchen herausklaubte und durchaus zur Frau verlangte. Da der Vater seine Einwilligung verweigerte, kam es zu einem weiteren ungeheuerlichen Schritt, der Sohn bestand auf der Auszahlung seines Erbteils. Sonst wartete jeder geduldig, bis die Eltern ins Ausgedinge gingen und die Wirtschaft dem Erben überließen. Da er aber mit dem übeln Nest sich eingelassen hatte, kümmerte er sich wenig um den Anstand, sondern verlangte, was das Gesetz ihm sicherte, der alte Reinmar schmiß ihm sein Geld hin und war zufrieden, daß der Sohn ihm aus den Augen ging. Der wirtschaftete dann in Amerika schlecht und recht und da er sich um das bißchen Leben ordentlich herumschlagen mußte, wird sein Weib wohl auch nicht so aus der Art gewesen sein, wie der Hochmut ihrer Schwäher es haben wollte. Jedenfalls gedachte er der Heimat immer und immer und schickte leintuchgroße Zeitungen aus der neuen Welt, ausführliche Briefe mit Ratschlägen und praktischen Winken eines gelernten Yankee, um den Wohlstand seines Ländchens zu heben. Die Journale verwendete man zu andern Dingen, als zum Lesen, die Briefe sammelte man in einem Kasten und beantwortete sie höchst einsilbig. Endlich schickte er einmal seine Frau, welche wahrscheinlich Heimweh für zwei trug, nach Hause zur Ansicht, weil sie sich brav herausgewachsen hatte und ein ansehnliches Weibsbild vorstellte. Aber als sie in den alten Hof kam, behandelte man sie darum nicht besser, sondern streng und kühl wie einen fremden Gast, dem man nur die notwendigen Ehren erweist, welche bitterer schmecken als ein grober Rippenstoß der Verwandtschaft. Darum kehrte sie nach zwei Tagen dem Hofe den Rücken, raffte dabei ihre Röcke nicht ohne eine entschiedene zugehörige Gebärde und Aussprache hoch und ging in ihr angestammtes Nest hinab, wo sie sich kurze Zeit bei der zugehörigen Hundertschaft wärmte, mit Lustbarkeit, Staunen, Schmeichelei und Zärtlichkeit aufgenommen, einen langen Schluck Heimat tat, bis sie davon satt war und wieder nach Amerika zurückfuhr. Seitdem vernahm man nichts Näheres von dort und legte die spärlichen Zeitungen und kargen Briefe stumm zu den übrigen. Diese Geschichte, die wie manche andere aus dem Ländchen dem Dieter vom Vater berichtet worden war, damit sein Sohn kein unbedachtes Wort bei den Gastgebern loslasse, erwog der Knabe, während er mit dem Altersgenossen munter die Höhe hinanstieg. Der Blick konnte frei ringsum über Nadelwälder streichen, welche von weißen Birken lieblich unterwachsen waren. In sanften Wölbungen wallten Wiesen zu vielgekrümmten Bächen hinab, deren dunkles Wasser gelegentlich stille stand und wie ein schwarzer Diamant leuchtete. Ein scharfer Wind trieb oben die Wolken über den Himmel, schüttelte unten das Laub und sauste um den Kopf. Da stand der Hof von zwei breitkronigen Linden bewacht auf einem offenen Bühel, weiß, bunt, mit vielem Holz an seinem Bau und auf dem hohen Dache. Nun eilte Ernst, als der Aelteste nach Jahren wieder zurückgekehrte, voran, um den ersten Blick zu haben. Bedächtig kam der Vater nach und schaute sein Eigentum sachlich an. Auf die Wiese vor dem Hause zeigend, rief Ernst: »Da habt ihr ja noch immer den leidigen Felsen mitten drin.« »Jawohl, den haben wir, wo sollten wir denn hin damit?« Nun war der Ernst verlegen. Der Stein war ein altes Hindernis für das Gedeihen der Wiese. Er schüttelte den Kopf, endlich sagte er kleinlaut: »Man könnte ihn vielleicht sprengen und zerschlagen.« Der alte Reinmar lächelte: »Das kannst du ja machen,« und dachte, »dein Schädel ist nicht härter als dieser Stein.« Eine gemauerte Rampe führte an die Seitenwand des Hauses, an welcher der Eingang für Wagen, Vieh und Menschen war, nämlich ein angebauter breiter Holzflur mit Fenstern, die sogenannte »Naspe«, deren vordere Hälfte ein Vorhaus darstellte und nach hinten durch ein inneres Holztor verschlossen war. Durch dieses gelangte man in den hinteren Teil der »Naspe«, wo der Hausbrunnen geschützt lag und das Stroh und Laub gesammelt wurde. An dieser Hofseite befanden sich die Ställe. Die »Naspe« öffnete sich hier zur Sommerzeit, indem die Bretter von der Steinrampe an diesem hinteren Teil weggenommen wurden. Da konnte man aus den Ställen gleich den wertvollen Mist hinab auf den Düngerhaufen schütten, der unten als schmutziger Schatz sich sammelte. So teilte die »Naspe« wie der Hof selbst sich in zwei Hälften, eine für das Vieh, die andere für die Menschen. An dem vorderen, sauberen und immer geschlossenen Teil dieses Holzflurs fand man in das Haus hinein und wieder in einen Gang. Nach rechts trat man in die Wohnung, nach links in die Ställe. An der Schmalwand der mächtigen, niedrigen Wohnstube beim Eingang dehnte sich der Ofen, aus blauen Kacheln erbaut, unten mit Hohlräumen, in welchen Holz geschichtet lag, oben mit einer übermannsgroßen Fläche, der sogenannten »Hölle«, die zwischen dem Menschen, der etwa oben lag, und der Decke nur einen halben Meter Luft frei ließ. Im Winter pflegt der Hausälteste, der von Jahren kühl geworden ist und Wärme braucht, den Tag und die Nacht dazu in dieser »Hölle« zu liegen, wie in einer Schwitzkur, um nur bei dringendem Bedürfnis mühsam hinabzuklettern. Wenn einer einmal länger als einen Tag da droben verweilt, ist es ein Zeichen, daß er sein Ausgedinge bald antritt. Hier gehörte aber die Hölle etwa einem armseligen alten Knechtlein oder Häusler, denn der Vater Reinmar dachte noch lange nicht an den Abschied von der Herrschaft. An der Ofenbank, welche unten zu ebener Erde um den Hitzeriesen lief, saßen zwei Gäste und erhoben sich mit freundlichem Gruß, denn sie hatten sich um des Ankömmlings willen eingefunden: seine beiden Vettern: Sephe, den er bei seinem ersten Besuch des Ländchens aus der Tischlerwerkstatt geholt, nun ein unternehmend dreinschauender, schnurrbärtiger Bursch, der sich ganz weltmännisch verbeugte, und daneben sein jüngerer Bruder, den Dieter noch nicht kannte. Der dienerte demütig, bescheiden und fromm freundlich, als das geborene brave Weberknechtlein und hieß »Pieterla«, kleiner Peter, hatte ausgerenkte Beine und einen früh gebrechlichen Körper, war sechzehn Jahre alt, also nicht viel männlicher als Dieter, aber schon so ganz ausgemüht und abgearbeitet, wie ein Alter, denn die zeitige Not nimmt den Armen zwischen Kindheit und Greisentum die schönen Frühlings- und Sommerzeiten des Lebens weg. Dieter schüttelte den Vettern die Hand und freute sich gerade an dem gedrückten Jüngeren. Der alte Reinmar lud alle zu Tische und während Sephe, der erwachsene Vetter ohne weiteres mit leichtem Schritt sich der großen gedeckten Tafel an der Fensterseite näherte, zögerte Pieterla ängstlich und verlegen, seine Mütze in der Hand drehend und mochte sich gar nicht entschließen, der Ehre der Einladung sich zu unterwinden. Denn es besteht eine eigentümlich strenge Sonderung der Angesehenen und der Dürftigen, indem jeder darauf hält, die von der Natur und den Verhältnissen gesetzten Grenzen schicklich zu bewahren und sich ohne äußeres Machtgebot oder Gebärde der Hausherren aus freien Stücken nur dorthin zu stellen, wohin er gehört. So treten die Häusler in die Stube und stehen an der Ofenbank, setzen sich erst auf Geheiß eben dorthin, keiner aber würde es wagen, ohne Aufforderung bis zum Tische vorzutreten und sich gar auf einem Sessel an ihm niederzulassen. Hingegen begibt sich ein Bauer beim andern, ein wohlbestallter Besucher, der keine Umstände zu machen braucht, gleich und mit zwei Schritten geradewegs zum Tische, wohin er als ein Ebenbürtiger gehört. Wer aber zwischen Reich und Arm halbwegs mitten innesteht, pflegt an der Ofenbank den Beginn der Begrüßung und läßt sich ein wenig bitten, bis er sich dem Tische nähert. So hat auch der Bauersmann sein Zeremonial, welches er einhält und alle andern zu wahren zwingt kraft seines eigenen strengen Betragens und gemessenen Sinnes. Und wer tiefer hinab in die Höhlen der Bettler oder zu den Spelunken der Verbrecher findet, der wird auch dort sittliche Vorschriften beachtet sehen, Abgrenzungen von Stand und Würde und Gebahren, die keiner ungestraft verachtet. So ist den Menschen nicht ein Drang nach Aufhebung aller Schranken und Angleichung aller Gewohnheiten von der Natur gegeben, sondern vielmehr das tiefste Bedürfnis nach Unter- und Ueberordnung, nach Erhaltung gewisser Gliederungen, welche die innerste, zügellose, etwa lauernde Tiergewalt bändigen, Leib von Leib abwehren, Seele zu Seele stellen, aber jede vor der Verletzung eben durch eine zarte, unsichtbare Wand behüten sollen, die nicht bloß den Mächtigeren vor dem Ueberfall des Niedrigeren, sondern umgekehrt auch den Aermeren vor dem Zugriff des Uebermütigen bewahrt. Die stete Ungleichheit aller ist das Geheimnis der menschlichen Ordnung, des notwendigen Baues jener natürlichen Gemeinschaft, deren jeder Stein einen andern trägt, wie er selbst von der Masse der übrigen gehalten ist. Keine Säule steht für sich allein, keine Krone schwebt in Lüften, kein Ziegel ist gedrückt ohne gegenzudrücken. Womit aber freilich nicht gesagt sein soll, daß dieser Bau immer und überall besonders zweckmäßig, wohnlich oder schön anmutet. Menschen haben ihn gesetzt, Wetter, Regen, Sonne, Winter und Feuer haben mitgetan, Lücken klaffen allerorten, durch welche das Schicksal fährt, auch die Ordnung hat ihre Not, wie sie selbst nichts anderes ist, als die schwere Not der Zeit. So war, wie Dieter gleich erkannte, der Sephe ein etwas vordringlicher Hochhinaus, indem er ohne weiteres an den Tisch spazierte, Pieterla aber ein demütiger, bescheidener Nunbinichleideraufderwelt, welchem es schlecht gehen muß, weil er sich demütig macht. Man brachte Teller, in welchen eine dünne Suppe bis zum Rande schwamm, mit Leberklößen als dunkeln Eilanden drauf. Die Gesellschaft aß, je nach ihrer Art, die Herrenleute mit sicherem Hunger, Sephe mit hastigem, um keinen Löffel zu verlieren, Pieterla ängstlich langsam, ob es auch erlaubt sei, Dieter neugierig, denn die Suppe war nicht sehr stark, aber vom Grunde des Tellers erhob sich mit verheißenden Umrissen eine schwarze Zeichnung, welche er möglichst bald würdigen wollte. Als Belohnung für das Auslöffeln erwies sich endlich ein interessantes Bild mit der Inschrift: »Hradschin zu Prag«, ein altes Königsschloß. Und als Dieter diesen Teller bewunderte, beeilten sich alle übrigen mit ihrem hervorzukommen und jeder überlieferte den seinen zur eingehenden Betrachtung, nachdem er ihn selber genau besichtigt hatte. Da war die »Teinkirche«, »Die Altstadt« und manches andere berühmte Gebäude des goldenen Prag, so daß sich die Suppe schon lohnte. Nach Tische wurde Dieter auf dem Anwesen umhergeführt, dessen Gebiet eine ganze Höhe, Aecker, Felder, Wiesen, einen jungen Nadelwald und sogar ein schwarzes Moor umfaßte, über welchem Irrlichter bei Nacht flackerten. An der Grenze wuchsen Kirschbäume, deren Früchte erst im August reiften, aber, fast pflaumengroß, von wässeriger Süßigkeit troffen. Ladis machte den freundlichen Wirt, Dieter genoß die Sehenswürdigkeiten und nahm sich vor, im Moor zu baden, was der Gesundheit sehr förderlich sein sollte. Er schlief oben auf der Bühne und brachte zwei Wochen am Hofe ruhig zu, bis er alles, was die Wirtschaft bot, erkannt hatte; den Ernst Reinmar umging er behutsam, weil er sich vor der Gesteinsammlung scheute, er ließ sich von ihm nur einmal die Wartburg beschreiben. Aber dann gelüstete es ihn bald, sich auf eigene Faust im Lande umherzutreiben, und es als freier Wandersmann rings zu durchforschen. So nahm er von den Reinmars Urlaub; da allesamt auf dem Hof mit Sommerarbeit genugsam zu tun hatten und auch sonst keine ängstlichen und vorwitzigen Knabenhüter waren, ließen sie ihn freundlich seiner Wege ziehen, er mochte wiederkommen wann er wollte, oder auch nicht. So gefiel es ihm wohl und er machte sich davon. Zuerst suchte er das Heimat- und Stammhaus der Dieter auf, wo nur Sephe und Pieterla als Erben hausten, da der »hochachtungsvolle Freund und Bruder Leopold« heuer im Winter den guten stillen Tod gestorben war, der seiner Familie und den meisten alten Leuten in diesem gesunden Lande gegönnt blieb, sie wurden, wenn sie in die hohen Jahre kamen, müde, schliefen immer länger, wach schwatzten sie leise lächelnd vor sich hin, wie aus dem Traum und schließlich starben sie im Schlummer. Nun hätte Dieter von Rechts wegen seinen Vettern das Beileid ausdrücken müssen, aber um das kleine Haus blühte das Bauerngärtlein innerhalb des niedrigen Lattenzaunes so lustig, rauschte davor der unsterbliche Bach so lebendig dahin, stand Sephe, die Wollmütze unternehmend schief auf dem Kopfe, so fröhlich an der Schwelle und warf zur Begrüßung des vornehmen Besuches seine rechte Holzpantine geschickt in die Luft, um sie danach mit dem nackten Fuße wieder aufzufangen, daß Dieter kein trauriges Wort über die Lippen brachte. Drin in der Stube saß Pieterla, der bescheidene über dem Webstuhl, wie Vater, Großvater und alle aus einer, wer weiß wie tief in die Vorzeit führenden Reihe gesessen waren und ließ die Lade gehen und stand auf und verbeugte sich vor seinem Gaste und zeigte sein frommes Gesicht beseligt, als sei ihm die Sonne erschienen. Nun konnte Dieter auch hier kein Beileid sagen, denn er nahm wahr, wie der Tod kein strenger Feind, sondern ein gewohnter Gast, in diesen Hütten einkehre. Wenn einer vom Webstuhle aufsteht, ist immer schon ein Sohn bereit, sich darauf niederzulassen, tritt einer von der Türe fort, so kommt der nächste und setzt die Mütze schief auf den Kopf, die Blumen blühen, einerlei, welche Hand sie pflegt, der Bach rauscht vorüber und fragt nicht, an wessen Haus. Den Söhnen wird's wie den Vätern ergehen, andere werden in alle ihre Spuren kommen und die Zeit webt aus den gleichen Menschen ein gleiches stetes Gewebe, wo kein Faden fehl und keiner vom andern sonderlich verschieden ist. Da gilt der Einzelne nicht als Einziger, vielmehr der Stamm als langsam weiter wachsendes unsterbliches Wesen, das immer neue Ringe ansetzt und oben jährlich neu laubendes Grün. Seien die Lebenden drum fröhlich in ihrem guten Rechte. Zu Dieters Ehren breitete Pieterla oben auf der Bühne ein sauberes Leintuch auf die Bettstatt und Dieter schlief einen gerechten Schlaf. Am Morgen, es war der dritte Sonntag, den er im Lande verbrachte, sperrten sie wegen des Feiertages und Besuches das Haus zu, ließen den Webstuhl mit seinem begonnenen Stück Oxford stehen und machten sich davon. Die beiden Vettern wollten in die Kirche und auf dem Wege eine kleine Hütte aufsuchen, in welcher seit einem Jahre der Feder Raimund saß, ein gar liebenswerter Altgesell, welchen Dieter von Wien her kannte und daheim mit Schmerz vermißt hatte. Dieser Jugendfreund seines Vaters war in einer großstädtischen Privatirrenanstalt als Wärter bedienstet gewesen, stand sich bei gutem Gehalt, der für die schlimme Arbeit reichlich gezahlt werden muß und bei noch besseren Trinkgeldern sehr nobel, trug die buntesten Westen, von deren linker zur rechten Tasche eine fingerdicke Goldkette mit den merkwürdigsten Berlocken baumelte, rauchte kein übleres Kraut als die duftendsten Havanna-Importen, ließ Dietern zuweilen märchenhafte ägyptische Zigaretten zukommen und brachte in die bescheidene Wohnung den Lärm und die Vornehmheit der großen Welt. Dies alles aber ohne Prahlerei, mit der selbstverständlichen Lebensart eines wohlhabenden Mannes, er war ein eifriger Theaterbesucher und saß, obgleich ein ungebildeter Mann, doch an freien Abenden aufmerksam und stattlich in den vordersten Parkettreihen der »Burg«, oder wo es etwas interessantes zu sehen gab, kannte alle Schauspielergrößen beim Namen und wußte immer neues von ihnen zu erzählen. Und wie es allen Landleuten ergeht, wenn sie draußen in der Fremde sich lange genug umhertreiben gelassen, eines Tages hatte er die ganze Geschichte satt, er besaß ein hübsches Vermögen, von welchem er ein sehr langes Leben noch hier in der Heimat recht behaglich leben konnte. Darum packte er seine Siebensachen, kündigte seinen Dienst, nahm von der »Burg«, von seinen Irren, von dem Doktor, von Dieter und seinem Buben gerührten Abschied, ließ sich Grüße an das Ländchen auftragen und kehrte der Stadt seinen breiten Rücken. Nun hauste er hier in einer kleinen Hütte, die seiner Schwester gehörte und die als recht arme Weberin mit ihrem Manne diesen anspruchsvollen Gast bekam. Ihn mußte Dieter natürlich wiedersehen. Damit er den fleißigen Wirtshausgeher nicht verfehle, sollten die Vettern seinen Besuch anmelden. Derweile wanderte Dieter von der Höhe wieder in einen schattigen Grund zu jener Hammermühle, wo sich vor Jahren die Geschichte mit dem Fingerschlosser zugetragen hatte. Als er dort zu kurzem Besuche eintrat, war alles in die Kirche ausgeflogen, nur hoch aus der Bühne hörte er ein wunderschönes Flötenspiel dringen in langsamen, wie bunte Seifenblasen schwebenden Tönen. Er lugte von unten, wo die Mehlsäcke kauerten und das Wasser an den stillgestellten Rädern sacht vorbeirauschte, die Treppe hinauf und sah den Hammermüller, einen nun schon ergrauten Mann, der sonst mehr pfiffig als romantisch dreinschaute, auf dem offenen Fenster sitzen, die Beine im Freien schlenkernd, wie er ganz verloren eine Melodie nach der andern blies. Kaum war ein Volkslied ausgeklungen, so kam ihm eine kunstvoll verschnörkelte und eng geführte Meistermusik nach, gar ein Kanon gelang nicht ohne einige seufzende Schwierigkeiten und über der bald heiteren, bald traurigen Weise lag jener zarte Schleier von Schwermut und einsamem Ungenügen, welcher der Stimme dieses Instruments eignet. Mit einer solchen Flöte mag ein mutterseelenalleiniger Mensch an einem Sonntag, wenn die Leute zur Kirche fortziehen und niemand auf der Mühle zu tun hat, gar wohl die innersten Regungen des unbelauschten Gemütes in sachte Töne ausatmen, gleichviel, welcher fremde Sinn ihre Folgen vorgeschrieben und erdacht. Mit den gespitzten Lippen, den tastenden Fingern, dem aus der Tiefe geschöpften Atem bläst er den fremden Noten die eigene fremde und vertraute Seele ein und läßt sie über das alte Tal hinschweben zu Baum und Bach und Wiese, wie blauer Rauch aus dem eigenen Schornstein in den Lüften plötzlich als ein vornehmer Schleier dem Himmel sich zukräuselt und wehmütig zitternd im helleren Tage zergeht. Dieter schlich auf den Zehenspitzen davon, um den Blasenden nicht zu stören, ging noch viele hundert Schritte in der entgegengesetzten Richtung sehr behutsam und lachte im Herzen: »Jetzt hab' ich einen anderen Hammermüller besucht, nicht den, der zwei Säcke voll Mehl für drei Säcke Korn gibt.« Derselbe Talgrund führte aus einer plötzlichen Enge mehr als drei Stunden weit in eine zweite offene Bachgegend, wo wiederum eine Mühle, die sogenannte »Grimmühle« stand. Dieter gewahrte vor ihr einen ungeheuren, umgestürzten Eichbaum, dessen zersplittertes Geäst wie die ausgereckten Glieder eines Leichnams sich unordentlich in den Boden verkrampfte, durch den Stamm ging ein vom Blitz gerissener Spalt von oben bis unten und hatte das Mark entblößt, welches wie eine einzige klaffende Wunde bleich und leblos erschien. Als der Bursch davorstand und den vielleicht mehrhundertjährigen Baum betrachtete, den die Laune einer einzigen Gewitternacht hingestreckt hatte, kam ein Bauer daher, grüßte freundlich, pflanzte sich neben Dieter auf und begann gleich zutraulich, wie es die Art war, zu erzählen. Das sei wohl ein merkwürdiges Ding, die tote Eiche und ein merkwürdiges Zusammensterben, denn drin in der Mühle liege ein toter Mann, der Grimmüller sei vorgestern in derselben Nacht wie seine Eiche gestorben und warte jetzt bloß, bis der Sarg aus ihrem Holz gezimmert sei, damit er mit den Füßen voran aus seinem Hause gehen könne. Der Grimmüller sei nämlich von je mit diesem Baum eins gewesen und habe bestimmt, wenn er stürbe, solle man die Eiche fällen und ihm aus dem Stamm seinen Sarg schneiden. Aber er dachte noch lange nicht ans Fortgehen. Da kam in der ehegestrigen Nacht das Gewitter, so gewaltig, wie seit Menschengedenken keines gestrichen – über Dieters in einem anderen Tal fernabliegendes Vaterhaus war nur ein mäßiger Regenguß eilig vorbeigesaust – hier blies der Sturm die Bäume wie Stengel um und im Walde könne man auf Schritt und Tritt die geknickten Tannen, übereinander gefallen und ineinander gefilzt sehen. Der Grimmüller ging ans Fenster, um nachzuschauen, was denn los sei, da gewahrte er gerade den Blitz, der in seine Eiche schnitt, daß sie langsam, aber von der Wurzel aus, mit dem Donner schon umsank. Und obgleich ihn kein leiblicher Schlag getroffen, war ihm der selbige Blitz bis ins Herz gefahren, er schleppte sich ins Bett zurück und wartete die lange Nacht sein eigenes Sterben ab, als mit dem Morgen das Gewitter endete, atmete auch er aus. Er fehlte seinen Leuten in der Frühe, sie fanden ihn tot im Bette und morgen wird der Sarg fertig, heut gibt's keine Arbeit daran, als an einem Sonntag, drum muß er noch warten. Still wandelte Dieter weiter, wiederum bergauf, wo die Hütte des Feder Raimund lag, er hatte an einem Tage das sanfte Flötenspiel und das wilde Gewitterkrachen dieses kleinen ländlichen Lebens wahrgenommen. Weit ist die Welt im engsten Tal und unendlich die Kette aller Dinge im stillsten Bezirke, der bewohnt wird! Als er sich den Berg hinaufgearbeitet hatte und nun wieder des freien Blickes über die sacht ineinanderlaufenden Graskuppen genoß, welche die tiefen Einschnitte und mannigfachen Flußläufe mit allen den Schluchten, Gründen und Mulden gar nicht im mindesten verrieten, sondern das unschuldigste Gesicht einer sanft wallenden Hochebene zeigten, hob sich am Rande des lichten Horizonts die Riesenfigur des Feder Raimund ab, gefolgt von den beiden kleingewachsenen Vettern Sephe und Pieterla, wie von Erdenwürmern, die hinter dem Rübezahl kriechen. Beim Näherkommen sah Dieter das wohlbekannte, aber in der Freiheit allerdings etwas verwilderte Gesicht. Das fuchsrote Haar stand dicht vom Haupt ab, wehte im Wind wie eine aufrechte Flamme und ein ebensolcher Bart loderte auf die Brust hinab und wurde wieder bis zur Schulter getrieben. In der Nähe zeigte sich der Ungefüge recht halbschlächtig in Art und Ansehen. Die Schäfte seiner kurzen Hosen staken in schweren Stiefeln, welche er benötigte, um seine Last aufrecht über den weichen Boden der Aecker vorwärts zu bewegen, aber sei es zu Ehren des Sonntags, oder seines Besuchers hatte er ein blühweißes, sorgfältig gestärktes Hemd mit hohem Vatermörder und schwarzer Atlasbinde angelegt, darüber eine tief ausgeschnittene Weste und einen modischen, fein geschnittenen, allerdings ein bißchen in die Breite gedehnten Salonrock. Die glänzende Hemdbrust war mit kostbaren Goldknöpfen verschlossen und in den braunen, seit seinem Hiersein rauh und runzelig gewordenen Händen trug er sowohl einen Knotenstock, als ein Paar taubengrauer Glaceehandschuhe, wie man sie im Salon oder Theater überzieht. Er begrüßte Dietern mit allem Riesenanstand, so höfisch ihm nur die Verbeugung gelingen mochte, schüttelte ihm die Hand, daß dem Jungen alle Knochen krachten und vollführte ein zugleich edelmännisches und urweltliches Halloh von Rede und Gegenrede, indem er jede seiner Fragen selbst mehrfach beantwortete, den Inhalt des Gespräches alle Finger lang wechselte, auf den merkwürdigsten Umwegen wieder nach einem fallen gelassenen dünnsten Faden griff, um ihn weiterzudrehen und an ihn plötzlich ein derbes Seil zu binden. So schwankte er von einer vornehmen städtischen Sitte, deren er sich erinnerte, zur angeborenen und neu angeeigneten Bauernart recht als ein verwirrter Mensch, der noch nicht weiß, wo er eigentlich zu Hause ist. Er erzählte den Inhalt von zehn Theaterstücken, aber dabei machte er ihn lächerlich, denn alle diese zart ausgesonnenen Menschenkonstruktionen und Wortklaubereien verwehen, wenn auch nur ein leiser Wind aus dem freien Feld durch sie bläst. Schon indem er solches besprach, zerstörte er es, als ein Riese, der Kinderspielzeug anfaßt und es dabei liebevoll zerquetscht. Er erkundigte sich nach dem Herrn von Sonnental und ob er noch immer so nobel, die Rührung im Halse, wie einen Knödel stecken habe und nach Girardi, dessen beste Couplets er vor sich hinsang. Dazwischen erzählte er von seinen hiesigen Unannehmlichkeiten, man verstünde ihn nicht und würfe ihm überall Prügel zwischen die Beine. So kamen sie in seine Hütte. Er lugte zuerst vorsichtig und mit einer ängstlichen Miene, die ihn vollends komisch erscheinen ließ, ins Fenster und flüsterte: »ich will nur sehen, ob der Drache daheim ist.« Damit meinte er seine Schwester. Sie war aber zum Glück unterwegs. So führte er seine Gäste in die Stube, wo er nur gebückt sich bewegen konnte. Da sah es recht unordentlich aus, seine Kleider lagen in einem Haufen vor einem Kasten, der wieder mit reiner und schmutziger Wäsche durcheinander gefüllt war, auf dem Tisch stand eine Flasche Rosoglio, nun fehlte aber ein Glas, die Gäste zu bewirten. Auf den Zehenspitzen schlich er in die Küche und brachte zwei tönerne Näpfe, worein man sonst nur Milch tut und einen gewesenen grünen Glasrömer herbei. Wehmütig versuchte er diesen vor Dieter hinzustellen, denn das weiland edle Geschirr hatte keinen Fuß, der war ihm abgebrochen, so daß es auf einem Stumpf lehnen mußte als ein Invalide. Darein schenkte er von dem Rosoglio und klagte, zwölf solche grüne Römer habe er hierher mitgebracht, abgesehen von eigenen Likörgläschen, überhaupt schönes Tafelgeschirr und Besteck aller Art, Tischzeug und Gerät, wie es sich gehört, aber seine Schwester, die Hex, habe alles mit Fleiß zerbrochen und vertan und sein ganzes Gut drunter und drüber gebracht, daß es hoffnungslos verdorben und ineinandergewachsen sei, wie ein Weichselzopf. Als er herkam und zu ihr zog, da war sie voll Schmeichelei und Glück und eitel Seligkeit über den reichen Bruder, nichts lieberes konnte ihr geschehen, sie hätschelte ihn und troff von Komplimenten. Und er, Feder Raimund, habe sich das Fell ganz gern krauen lassen, mit dem Kochen begann die Not, denn nun wollten sie und ihr Mann wie die Fürsten leben, der Webstuhl stand still, sie vertat die Gulden an dem Herde, daß sie wie Butter in den Pfannen zerflossen und dabei war's ein Futter für die Säue, lachte er aus feuchten, gutmütigen Augen. So ging er ins Wirtshaus, um menschenwürdiges Essen zu bekommen, die Schwester aber und ihr Gemahl sollten nach ihrem gewohnten Brauch werken und essen. Das gefiel ihnen aber gar nicht, da fing sie an, seine Habe zu verwüsten. Er mochte ihr lang freundlich zureden und bitten, er sei doch ein lediger Mensch und hätte keinen andern Erben, sie würden einmal alles kriegen, was er besitze und so weiter. Die Schwester konnte und wollte aber nicht auf das »einmal« warten. Er verstand darunter, so in etwa dreißig Jahren, sie mochte aber durchaus, es solle morgen, übermorgen, oder spätestens in vierzehn Tagen geschehen. Da gab's also Verdruß, Zank und ein Sichindieseelehineinspucken allstund, wie weiland in der Irrenanstalt unter den verlorenen Menschen. »Aber sie hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht,« lachte er vergnügt vor sich hin, »nächtens zieh ich aus, ich hab' mir einen Hof gekauft, bald kann ich übersiedeln, die Hex ahnt noch gar nichts. Auf ihr Gesicht bin ich neugierig. Warum soll ich am Ende nicht auch noch Kinder machen und Erben.« Es sei nämlich hohe Zeit, beichtete er freimütig, daß er wieder ein geregeltes Leben führe, denn auch draußen in den Wirtshäusern habe es allerhand Mißhelligkeiten abgesetzt. Als Pfleger armer Kindischer und launenhafter Gesellen und auch als Mann von Welt verstand er sich auf Taschenspielerkunststücke zur Unterhaltung, deren manche er Dieter noch in Wien mit Vergnügen vorgezeigt. Hierher gekommen, tat er in den Wirtshäusern allenthalben, schon um den schlechten Wein und das schale Bier zu würzen, seine gesellschaftlichen Fertigkeiten aufs freigebigste kund. Er spielte Karten und verlor aus Courtoisie sein Geld, die Sakerloter sackten ihn weidlich aus, dafür nahm er dann etwa eine Zehnguldennote mit nichtssagender Verachtung aus der Tasche, faltete sie kunstgerecht, zog sie endlich auseinander, und siehe, es war ein Hunderter geworden, da schauten sie denn verdutzt genug. Aber wie das Gesindel solche Stücke merkte, und daß es gegen ihn nicht aufkam, steckte ein guter Freund – von diesen Wirtshausbekanntschaften konnte man sich solcher Gemeinheit wohl versehen – die Sache der Polizei, der Feder Raimund sei ein Hochstapler und Falschmünzer, der einen Vorrat unechter Banknoten mitgebracht habe und nun hier damit umfechte und so weiter. »Eines Tages sitz' ich ganz gemütlich bei einem Judendartel unten im Adler,« fuhr er fort, »und mache gerade einen Stich, kommt der Gendarmeriewachtmeister gestiefelt und gespornt herein, grüßt anständig von weitem, ich danke, wie es sich gehört und spiele weiter. Er setzt sich an einen Ecktisch und beobachtet mich. Ich haue meinen Trumpf auf, wie ich's gewohnt bin und verliere mein Geld an das Pack, wie immer. Endlich will ich mich empfehlen und heimgehen, um meinen Drachen nicht zu reizen, steht er auf, tritt mir höflichst in den Weg und stellt mich. »Herr Raimund Feder,« sagte er, »wir kennen Ihren werten Namen, Stand und so weiter sehr gut, haben das beste Renommee aus Wien mitgebracht.« »Herr, was schiert Sie mein Renommee,« frag' ich in aller Höflichkeit. »Je nun«, antwortet er, »man munkelt aber hier allerhand Despektierliches über Sie.« »Was munkelt man,« schrie ich, er wispert, ich solle nur ruhig sein, um nicht unnützes Aufsehen zu machen, ich verrichte nämlich so gewisse Kunststücke mit Banknoten, indem ich aus einem Zehner einen bisher noch nicht dagewesenen Hunderter ziehe und dergleichen. Ob ich ihm mit gutem Gewissen versichern könne, daß das mit rechten Dingen zugehe und ehrliches Geld sei. »Herr Wachtmeister,« antwort' ich, »hat irgendwer hier von mir einen falschen Gulden, Zehner oder Hunderter bekommen oder genommen, oder war nicht alles mein armes, rechtes, wahrhaftiges Vermögen, das ich in die Luft schlagen kann, wie es mir beliebt, wenn ich schon so dumm bin? Aber ich weiß wohl, was Sie meinen, Herr Wachtmeister,« und mit diesen Worten begann er an seinem Tische Dieter, Sephe und Pieterla das gleiche vorzumachen. »Sehen Sie mein bester Herr Wachtmeister, würden Sie es für möglich halten, daß ich Ihnen aus dem werten Nasloch einen Gulden ziehe, hier ist er,« dabei zog er dem Dieter einen aus der Nase, »oder daß Sie im Aermel einen Fünfer finden, wie einen Floh, er beißt nicht.« Nun kam Pieterla an die Reihe; »kratzen Sie sich im Bart, Sie haben eine Krone drin, oder sitzen Sie, mit allem Respekt, nicht etwa auf einem Vierkreuzerstück? Wenn Sie lange brüten, legt es Sechserln.« Sephe stand auf und fand richtig ein Vierkreuzerstück auf seinem Stuhl, welches er einsteckte, wozu der Feder Raimund eine lächelnde Miene zog. »Wenn das alles falsches Geld wäre,« triumphierte er, »hätt' ich viel zu münzen.« Da lachte der Wachtmeister, erkannte den Mann von Welt, verbeugte sich vor dem Tausendsassa und verwies den Lumpen ihr Gerede, welche noch nie einen lebendigen Hunderter gesehen hatten, und darum den ersten besten für falsch halten, als leidige, abgegriffene, schmutzige Batzen, die sie selber waren. Ja, für den Feder Raimund war es hohe Zeit, wieder in eine anständige Ordnung zu kommen, sein Leben juckte ihn, wie tausend Läuse im Pelz, seine Kraft sott ihm in allen Poren und loderte in tausend Possen aus jedem Haar von Haupt und Bart hinaus. Sein Vermögen war dabei beträchtlich zusammengeschmolzen. Er legte es in einem Hofe an, den Salonrock sperrte er bald in den Kasten, das gestickte Hemd zerfiel, die Goldknöpfe verlegte er, um sie nicht zu sehen, trug Bauerngeschirr statt der Römer zusammen, machte sich aufs Feld, um zu ackern, zu pflügen und zu mähen, stand früh auf, wie ein Taglöhner, ging spät zu Bett, wie ein Herr, arbeitete wie ein Knecht, nahm eine Wirtschafterin, die ihm anständig kochen mußte, denn an die Bauernkost mochte er sich doch nicht mehr gewöhnen, heiratete sie schließlich in Gottes Namen und verlor die Wirtshäuser aus dem Gedächtnis, die Taschenspielerstücke aus den Fingern, die zu hart und grob wurden für solche Finessen. Dieter hatte ihn gerade an der Schicksalswende getroffen, wo ein braver Kerl in neuen, groben, unbeschaffenen Verhältnissen sich verirrt und ins Taumeln gerät. Aber als starker Mann zog er sich aus dem Sumpf selber heraus und konnte nun mit fünfzig Jahren ein neues Leben von Grund aus beginnen, als sei er niemals in einer Stadt, im Theater, bei nobeln Passionen gewesen, sondern allezeit ein Bauer, wie seine Leute. Vielleicht hatte gerade Dieters Besuch dies Schicksal entschieden, indem der große Mensch vor dem kleinen sich schämte, da er ihm diese Narrenspossen als alter Kerl vormachte. Denn wenn die Wage haarscharf eingestellt, zwischen Gut und Schlimm schwebt, biegt die kleinste Tara sie vollends auf diese oder jene Seite. XI. Vor dem Schulbeginn kratzte Dieter an der Tür vor Tonis Wohnung, welches Zeichen verabredet war, um den Eintritt zum Herrn Steueramtsadjunkten und dessen Fragen nach allen Warum, Woher, Wieso des Sommeraufenthalts zu ersparen. Dieses Hundescharren an der Tür aber genügte, daß Toni, der sehnsüchtig jeden Morgen die Rückkehr des Freundes erwartet hatte, den Hut vom Nagel riß und hinausstürzte. »Hättest auch früher kommen können, im Prater spielen die Deutschmeister,« so begrüßte er ihn. Dann sahen sie einander kurz an, ob jeder noch er selber geblieben sei, schlugen einander, wie sonst, nachlässig auf die Schulter und wischten über die Stiege hinab, selbander in die »Hauptallee«. Das Griechische mit seinen überflüssigen Aoristen und unregelmäßigen Verben, mit Dual und Reduplikation, die Gleichungen mit allen Unbekannten wurden in der Quarta so ungeheuer, daß die beiden nachgerade jeden Versuch aufgaben, mit solchen Elementen den ungleichen Kampf zu kämpfen. Sie gingen viel spazieren. Während sie bisher vor sich hin oder zu Boden, auf die Passanten und Auslagen geschaut hatten, richteten sie nun den Blick in die Höhe, auf die Stockwerke der Häuser, auf die mannigfaltigen Dächer und die Begebenheiten am Himmel. In der Schule setzte sich das fragwürdige Tun und Treiben von Prüfen, Abschreiben, Schwindeln und Einsagen fort, nicht ohne daß Dieters Kenntnis-Schiff manches Leck bekam, immer tiefer ging und bald in den Grund zu gehen fürchten mußte. Ohne daß sein Vater viel fragte, merkte er doch die Gefahr und rumorte bekümmert in der Aula. Da traf es sich, daß gerade um diese Zeit in der ethnographischen Gesellschaft ein angesehener, weitgereister Herr auftauchte, der Dieters Vater als alten Landsmann herzlich begrüßte und nach allen Verhältnissen teilnehmend ausfragte. Der Doktor Kern war, wie so viele, aus dem Ländchen früh weggetragen worden, hatte etwas Ordentliches gelernt, dann aber selbst das größere Vaterland Oesterreich als einen allzuengen Kerker empfunden, so daß er in die weite Welt flüchtete. In Japan blieb er hängen, fühlte sich unter den rührigen, verständigen, gelben und schlitzäugigen Leuten wohl und vertauschte dort sein Latein und Griechisch mit dem Englischen und mit der Allerweltssprache gangbarer Handelsartikel und sicherer Wechsel, betrieb einen rührigen Kommerz und wurde schließlich österreichischer Konsul in Tokio. Reich zurückgekehrt, tat er sich in Wien als japanischer Handelsvertreter auf. Als er von Dieter erfuhr, der habe einen anstelligen Burschen, welcher sich mehr Bewegung mache als das Gymnasium eben verlangte oder litt, ließ er sich den Sohn vorstellen, sah ihn scharf an und meinte, dessen Augen blickten allerdings nicht wie die eines Bücherheiligen. Dann erörterte er kurz, wer kein gelehrtes Sitzfleisch habe, dem liege die Bildung in den Beinen. Mit Latein und Griechisch käme man nicht einmal bis Ottakring und auch die gepriesene deutsche Mutter- und Weltsprache versage bereits nach Lundenburg oder Breslau. Dagegen trüge Englisch, Französisch, ja selbst Italienisch oder Spanisch Siebenmeilenstiefel und schalle einem in den Dschungeln Indiens aus dem Rohr zurück, wie aus dem Busch im Kapland oder aus den Felsen der Kordilleren. Dieter solle seine restliche Jünglingszeit statt mit den toten Altertümern mit den lebendig gangbaren Werten verbringen, seine schöne Schrift dazu verwenden, einen ordentlichen Wechsel auszufüllen, ein Kontokorrent getreu zu führen, doppelte Buchhaltung in die Fingerspitzen zu kriegen, Baumwolle von Seide unterscheiden, Kaffee, Tee, Indigo, Farbwaren, Eisen, Kohle nach Vorkommen und Verbrauchsgebieten kennen zu lernen, kurz die gemeinhin mit Unrecht vernachlässigte und geringgeschätzte kaufmännische Wissenschaft aus dem Grunde zu studieren. Dann aber sei dieses Studium erst recht gar nichts und das Probieren alles. Habe Dieter an der Handelsakademie hier in Wien, einer dem Vernehmen nach ganz ordentlichen Schule, seine drei Lehrjahre glücklich bestanden, so wolle er ihn nach Japan mitnehmen, wohin er um diese Zeit etwa zurückzukehren gedenke. Unter seiner Führung könnte sich der Bursch dort frei bewegen, auf dem offenen Felde sich rühren, wenn's drauf ankäme, sogar ein Vermögen machen und die lateinischen und griechischen Klassiker als verschollene Kuriosa aus brauchbaren Uebersetzungen würdigen, wie ein reisiger Englishman die Denkmäler nach dem Baedeker absolviert. Der Vater Dieter, einem so guten Rat zugänglich, nickte bedächtig ja, ja, statt durch vier Klassen Gymnasium, mit denen ohne Universität erst nichts anzufangen war, hätte er den Jungen nur mehr durch drei Klassen Akademie zu bringen, um ihn dann ohne böses Gewissen frei geben zu können. Und was meinte Dieter der Jüngere dazu? Der sah sich bereits auf dem blauen Meere im schönsten Handelsschiffe wohlzufrieden nach den Wunderküsten schaukeln. Sein Beschluß ließ nicht auf sich warten. Nächstes Jahr wurde er ein Akademikus. Einen Freiplatz in der gastlichen Schule wollte ihm der Doktor Kern schon verschaffen. Mit dieser Aussicht genoß Dieter die Quarta wie das Ende eines ersprießlichen Fegefeuers und alle seine verfügbaren Gedanken weilten bei den wunderbaren fremden Völkern, Sprachen, Sitten, denen er sich so rasch wie möglich anpassen wollte. Wie die alten Helden zur rechten Zeit immer einen Schicksalswink herbeizurufen verstanden, welcher ihren Wunsch mit äußeren Zeichen bekräftigte und weihte, erhielt auch Dieter ein solches Orakel, als er einmal mit Toni an einem wunderlichen frommen Laden vorüberging und viele Bibeln mit den verschiedensten Schriftarten aufgeschlagen sah, voran aber ein kleines Büchlein, handlichen Formats und zierlich ausgestattet, um zwanzig Kreuzer erhältlich mit dem Titel: »Ev. St. Joh. III, 16 usw. in den meisten der Sprachen und Dialekte, in welchen die britische und ausländische Bibelgesellschaft die heilige Schrift druckt und verbreitet.« Darunter das Motto »des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit«. Diese gegenwärtige Ausgabe, welche Dieter an sich brachte, enthielt die Zeilen: »Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben« in dreihundertundzwanzig Sprachproben. Da war der eine Satz gedruckt, wie die kraushaarigen Amharier, die Hebräer, die Araber, die indochinesischen Amaniten, die Rothäute von Bolivia, die geruhigen Inder des Ganges, die schlanken Bengalen, die Insulaner von Sumatra, die Parsen, die gelobten Japaner, die reitenden Tartaren und Kalmücken ihn lesen und schreiben, von rechts nach links oder umgekehrt, von unten nach oben mit ausschlagenden Krähenfüßen oder Bilderbuchstaben, mit zierlichen Schnörkeln wie eine Taubenschar oder mit verschlungenen Kreisen wie gekräuselte Wellen in einer Meerbucht. Und ein ernstes Studium ließ Dieter nicht ruhen, bis er die interessanten Schriften nachzeichnen konnte. Hierbei offenbarten ihm der eine Satz und die mit scharfem Auge beobachteten Figuren den größten Teil der fremden Alphabete, wie ein Buchstabe oft genug ein ganzes Wort bedeutete, durch ein kleines Hütlein oben oder einen Sporn unten wieder sich in einen zweiten verwandelte und fromm mit seinen Brüdern einherschritt, einen christlichen Inhalt wie eine goldene Monstranz vor sich haltend, die von den Sprachgenossen wahrgenommen werden konnte und Ehre heischte. Das schien dem Dieter eine gerechte und kluge geistliche Ware, die sich in die Sitten und Formen der fremdesten Völker kleidete, um sich ihrem Denken anzupassen und allmählich aus einem kuriosen Gegenstand ein Bedarf zu werden, der bereitwillig und wohlfeil erworben, geduldig in der Tungusenhütte, wie auf dem Sattel eines ungewaschenen Steppenjägers, unter den Palmen der heißen indischen Luft, wie vor den Pagoden der bezopften Chinesen so lange wartete, bis man sein dringliches Zureden etwa doch vernahm: »also hat Gott die Welt geliebet.« Und wenn einer auch nur diesen Satz so zu schreiben und zu sprechen wußte, wie die Aethiopier, Gwambaneger oder uzbekischen Türken, vermochte er grüßend in den Kreis dieser Unbekannten zu treten, als einer, der zwar ungefragt eine unbegehrte Sache verkündet, aber mit Anstand. Obgleich er kein Missionar, Seelenfischer und Tröster von unbekümmerten Herzen zu werden gedachte, schienen ihm diese Zeilen doch über die Kluft verschiedener Rassen, Sprachen und Sitten eine leichte Brücke zu bieten, die allenthalben mit einem Wurf geschlagen werden und einen behenden Mann wohl tragen konnte. Lag man im Sand der tibetanischen Wüste und sah sich plötzlich von den auf ihre Einsamkeit stolzen Dienern des Dalai Lama überrascht, bedroht, so schrieb man mit seinem Stock auf tibetanisch in den Sand »also hat Gott die Welt geliebet«, und da schauten die Drohenden ehrerbietig, achteten den Wundermann und brauchten ihn nicht etwa erst aufzuschneiden, um aus seinen Eingeweiden seine Gesinnungen zu lesen. Die griechischen Aoriste verschmähte er, indem er sich dem indischen Sprachdschungel als zutraulicher Gast näherte, die drohende Gefahr jeder Stunde ließ er lauern wie sie mochte, um die etwa möglichen Schrecken einer ungewissen Zukunft bei den Südseeinsulanern aufs sehnlichste zu beschwören. Nur die Rücksicht auf seinen bevorstehenden Austritt zum Kommerz hielt die griechische Sprache davon zurück, ihm einen Denkzettel zu erteilen, welcher nicht von der Liebe Gottes, sondern von der Schlechtigkeit seiner Kenntnisse ein einziges gemeinverständliches Wort ausgesagt hätte. Sein Abgangszeugnis wies recht bittersüß seine Leistungen eben als genügend aus. Toni mußte fortan allein auf der dürren Weide der gymnasialen Erziehung grasen, Dieter aber bezog nach wohlverbrachten Ferien als Akademikus seine neue Bildungsstätte. Die lag nun nicht in einer armen Vorstadt, sondern von der rechnenden, dabei hochmütigen Laune reicher Kaufherrn halb als Palast, halb als nutzbringendes Zweckwesen aufgerichtet, mitten in einem angesehenen Viertel, gegenüber dem niedrigen Künstlerhause mit seinen pathetischen Figuren von Maler- und Bildhauer-Größen. Und wie nur ein Millionär auf die brotlosen Künstler, so blickte dieses dreistöckige Haus auf das Ausstellungsgebäude herab. Natürlich verlangte es auch seine Schutzheiligen in Stein vor seiner Treppe, muß doch die Kunst immer dazu herhalten, das einträglichste Geschäftsleben zu schmücken und zu verherrlichen. Die Heiligen hießen hier: Christof Kolumbus und Adam Smith. Hatte der eine die neue Welt eigens für den Export von armen Auswanderern und sonstigen Handelsartikeln entdeckt, so hatte der andere die Freiheit des kommerziellen Betriebes in genialer Unschuld philosophisch begründet und für eine angenehme, im stillen geübte Praxis »laßt mich ungeschoren«, die ehrbare, sittliche und ökonomische Formel gefunden. Immerhin trugen diese Schutzheiligen, ob sie sich zu ihrer Zeit davon auch nichts träumen gelassen, zum Dasein der Handelsakademie und mittelbar zu Dieters kaufmännischer Entwicklung das Ihrige bei und wurden gleichsam mitverantwortlich für diese Schule, denn irgendwie muß sich jedes Unterfangen vor der Welt auf eine Größe berufen, um sich so recht als gottselig und auserwählt zu behaupten. Und diese Anstalt gebärdete sich gar als besondere, modernste Großartigkeit, wie Dieter schon bei der sogenannten Einschreibung erfuhr. Da nahm er zum erstenmal wahr, wie ärmlich er mitten unter diesen hochelegant gekleideten Jünglingen mit gestickten Westen, hohen, eng geschlossenen Halskragen, schimmernden, vielgemusterten Krawatten, schwarzen, schwänzelnden Röcken, karrierten Hosen dastand, unter Leuten mit nachlässig vornehmen Gesichtszügen, über welchen da und dort bereits der hochwillkommene Schatten eines angeflogenen Schnurr- oder Backenbartes flaumte. Dieters schäbiges Röcklein ließ die Hände bis weit über die Knöchel frei, da er keine Manschetten besaß, auf seinem reinen Umlegekragen war ein fertiges, kleines, schwarzes Mascherl angeknöpft und die Hosen präsentierten sich, vom vielen Wandern und Sitzen abgeschabt, an den Knieen durchgeweitet, die Stiefel grob. Er kam sich recht unstandesgemäß vor. Der Kommerz schien einen gewissen Adel des Aeußern zu verlangen. Am ersten Schultag betrat er pünktlich den Saal, wo ein ungemein anmutendes, freies Leben herrschte, da und dort saßen Leutchen mit nachlässig übereinanderlegten Beinen auf den Bänken und rauchten Zigaretten, denn hier war dies als unter akademischen Halbbürgern geduldet, wenn auch nicht eigentlich erlaubt, andere lümmelten in den Bänken herum, gähnten, erledigten ihre Privatkorrespondenz oder lasen Romane. Nur die vordersten Reihen zeigten dichtbesetzt ein bildungshungriges, darum verdächtiges Publikum von ganz erwachsenen Menschen mit großen Bärten, reichem, schwarzen Haarwuchs und schmutzigem Aussehen. Das waren Angehörige der Balkanländer, Serben, Bulgaren, Rumänen und andere interessante Patrioten, welche von ihren verschiedenen Vaterländchen an diese damals erste und einzige Handelsfachschule entsendet worden waren, um für die heimischen Gebräuche der Uebervorteilung im Viehverkehr und sonstigen Geschäfte die vornehmen, europäischen Worte, Ziffern, Gebärden und Grundsätze sich anzueignen. Sie sprachen miteinander in ihren nationalen Idiomen, während sie vor eine deutsche Frage gestellt, große Augen, wie ein unschuldiges Kalb, auftaten und zu einer auswendig gebüffelten Schulgrammatikantwort den Mund weit öffneten, bis sie einen kleinen Satz herausbrachten, der erst nichts Rechtes besagte und sich alsogleich hinter ihrer allgemeinen Verlegenheit verschloff. Dieter wählte, wie immer, mit Bedacht einen Platz am Fenster, von wo er beobachten konnte, ohne selbst aufzufallen und ließ sich, von der Großartigkeit der neuen Umgebung einigermaßen verdutzt, bescheiden nieder. Vor ihm saß ein ganz erwachsener, junger Mann über einem dickleibigen Romane und ließ sich nicht einmal durch den Eintritt des ersten Lehrers in der wichtigen Lektüre stören, wie denn die vordersten, balkanischen Vertreter durch geräuschvolles und ehrerbietiges Sicherheben sowohl der schuldigen Höflichkeit genügten, als auch die hinteren verdeckten, die in aller Unschuld weiterschwatzten und -lümmelten. Seelenruhig statteten Bekannte einander Besuche ab, und auf Dieters Vordermann trat ein feiner Jüngling mit weltmännischem Gehaben zu, die beiden schüttelten einander die Hand. Dieter blickte bestürzt und bewundernd auf so viel Freiheit und verfehlte nicht, dadurch auch dem Unbekannten aufzufallen. Der verbeugte sich gleich auch unter einem vor Dieter, welcher automatisch aufstand und vernahm, wie der andere sich vorstellte: »Mein Name ist Geringer.« Nun wußte Dieter, der Anstand verlange, daß auch er sich nenne und tat dies unter solennem Händeschütteln und Verbeugen und fühlte sich mit einem Male als Gentleman. Sowohl um sich in dieser vornehmen Sitte zu üben, als um sich einen leistungsfähigen Gönner für das jedenfalls wichtige Abschreiben und Einsagen zu sichern, wandte er sich mit gleicher Höflichkeit an seinen Nebenmann, einen ehemals wohl mit regelmäßig gefältelten, falschen Kanonenstiefeln ausgestatteten Jüngling, dem heute nur mehr die kennzeichnenden abstehenden Ohren geblieben waren. Sonst schien er durchaus korrekt und sachlich angezogen, aber ganz Fleiß, Aufmerksamkeit und Wohlverhalten, besaß bereits alle nötigen Hefte und Bücher und war in das kommerzielle Studium vertieft, noch ehe es in der Schule auch nur begonnen hatte. Der war sicherlich ein wertvoller Kollege und nahm Dieters Vorstellung mit ruhiger Freundlichkeit entgegen, erwiderte, er seinerseits heiße Isidor Tauber und freue sich. Darauf gingen die einzelnen Fachlehrer und ihre Stunden mit höflichen Vorstellungen der Professoren und Schüler und verschiedenem Lärm an Dietern vorüber. Jede Lektion und jeder, der sie hielt, zeigte ein eigenes, zugehöriges Wesen, die kaufmännische Arithmetik gebärdete sich mit Zwirnhandschuhen lebhaft und kopfrechnerisch und kam aus Hamburg, wo sie sich in der Praxis nicht bewährt und Konkurs gemacht hatte, aber nun in Wien die Theorie desto selbstbewußter an den Mann brachte. Die Warenkunde schleppte gleich allerhand Naturprodukte und Verarbeitungen herbei und ließ ihre Proben von Hand zu Hand wandern, was Gelegenheit zu manchen guten und schlechten Witzen bot, die Geographie, von einem verehrten und iuteressanten, einarmigen Herrn vorgetragen, zog die pittoresken Balkanvölker auf lustige Art in Mitleidenschaft, indem sie von der allgemeinen Zahlungsunfähigkeit dieser Gegenden anschauliche Beispiele unter Zuhilfenahme der Münzgeographie darbot. So wurde vorgetragen, zugehört, oder auch nicht, keiner kümmerte sich um den andern, die Professoren hielten ihr Kolleg, ohne sonderliche Beachtung der Sitten und Aufmerksamkeit ihrer Hörer, wer lernen mochte, tat es auf eigene Verantwortung und Gefahr, wie auch jeder, der anderes betrieb, seiner Privatbeschäftigung überlassen war. Dieter wußte sich vor Staunen gar nicht zu fassen, als zum Beispiel der junge Geringer, der ihn gelehrt hatte, wie man sich vorstellen müsse, auf ein lautes Kommando seiner Umgebung plötzlich unter die Bank tauchte und nach fünf Minuten, die mit der Uhr verfolgt wurden, eine Wette gewinnend, ganz bis auf Hemd, Unterhose und Krawatte ausgezogen, emporsprang. Der Professor auf dem Katheder war mit einem Modell beschäftigt und bemerkte ihn nicht. Geringer, der dieserhalb den Namen »Verwandlungskünstler« führte, verbeugte sich in seiner Blöße dreimal nach allen Himmelsgegenden, tauchte dann wieder unter und kam nach fünf Minuten wieder als tadellos angekleideter Gentleman zum Vorschein. Diese und andere Begebenheiten beschäftigten Dieter aufs angelegentlichste. Allmählich enträtselte er die eigentümliche Art und Ordnung dieses freien Schulwesens. Die Anstalt war eine Schöpfung des selbstbewußten, reichen und zur Macht gediehenen Kaufmannsstandes, der im Lande seine Herrschaft durch eine Schule zu befestigen und so durch Gelehrsamkeit gleichsam zu weihen suchte. Hier sollten seine fügsamen künftigen Kommis erzogen, aber seine eigenen reichen, an Wohlleben gewöhnten Söhne darum nicht allzu hart angefaßt werden. Wer kein Kapital besaß und darum dem fremden dienen mußte, der sollte sich hier redlich plagen und Kenntnisse sammeln, von denen er in ernsten Schlußprüfungen Rechnung abzulegen hatte. Aber die Söhne der ersten Handelsfirmen der Stadt, wie nur die Fürstenkinder an Wohlleben und freies Spiel ihrer Neigungen gewöhnt, zu den sonstigen Studien nur selten ernstlich geneigt, sollten hier jene Scheinbildung mühelos auf dem Präsentierbrette vorgetragen bekommen, mit welcher sie einst gebieten und die Erbschaft ihrer von selbst gehenden Geschäfte ohne Sorge antreten könnten. Aber auch vor dem Staate sollten diese Jünglinge hier eine gewisse äußerliche Rechtfertigung ihres höheren Standes erwerben. Freilich spricht man von allgemeiner Wehrpflicht, aber die oberen Tausende erhalten kraft ihres Wissens und Vermögens leichtere, begünstigtere, kürzere Waffenzeit. Wer statt dreier Jahre nur eines dienen und danach statt als gemeiner Mann, als Reserveoffizier in schöner Uniform und als Befehlender auftreten will, der muß sich sowohl mit dem standesgemäßen Lebensunterhalt, als auch mit sogenannter höherer Bildung durch Zeugnisse ausweisen. An Gymnasien und Realschulen werden die künftigen Einjährig-Freiwilligen ohne Schonung auf Herz und Nieren geprüft und müssen für ihren einstigen eigentlichen Beruf als Juristen, Philosophen, Mediziner oder als Techniker ernstliche Kenntnisse erwerben und bewähren. Verwöhnte und oft minder begabte Millionärsöhne weigern sich gerne solcher Zucht, wollen darum aber doch nicht drei Jahre und unter dem gemeinen armen Pöbel dienen. Die Kinder der Fürsten müssen auch ihre Schulen nicht so peinlich wahrnehmen, werden auch wohlfeiler und mit schönem Scheine geprüft und erhalten gleichfalls ohne den unmöglichen Geniebeweis, ja sogar oft schon in der Wiege etwa ein Regiment und eine Feldherrnschaft, und wenig später gar eine Landeshoheit, als geborene, von Gottes Gnaden auserwählte Herrlichkeiten des Menschengeschlechtes. Sie haben sie nicht weiter zu erweisen. Die Inhaber der machtbedeutenden Kohlenwerke, Eisenhütten, der papiertauschenden Banken, welche mit sachten Briefen und telegraphischen Ordres, ja durch ein Augenrunzeln und Kopfnicken Millionen von einer Seite auf die andere, immer aber aus dem zerstreuten Besitze in die großen, eigenen Säcke zu versammeln wissen, wo das Geld besser aufgehoben ist, fühlen sich hinter den alten Besitzern von Grund, Herrschaft und Vorfahren keineswegs sonderlich zurückstehend. Auch sie verlangen für ihre Geschlechter forterbende Macht, angenehmes unbehelligtes Gedeihen und ehrfürchtige Berücksichtigung vonseiten des armen Volkes. Wissenschaft und Kunst, die Arbeit der schwieligen Fäuste und der angestrengten Gehirne soll ihnen, wie den Gottbegnadeten als ihr Recht zufließen, damit sie darin nach Belieben baden können. Mag ihr Ursprung auch im Dunkel der Armut, Arbeit, ja der Schande liegen, sie haben sich, wie die ahnenreichen Großen durch eine kühne Tat, durch Handstreiche des kommerziellen Krieges Macht erworben, nun flutet diese einstige Bewegung in ruhigeren Wellen fort bis in ferne Geschlechter. Der Wechsel von Erhabenheit und Demut soll sich fortan möglichst langsam vollziehen, der gestaute Besitz dauerhaft verweilen, kluge Heiraten, wohlbedachte Verbindungen werden eingegangen, ihn zu mehren. Wer gestern durch einen Griff ein unerwartetes Geld erwarb, und sei es, indem er alle gegebenen Verhältnisse verwirrte und durcheinandermischte, der ist heute ein treuester Bewahrer der heiligen Ordnung und baut streng auf die ewigen Rechtsgüter. Das Kapital ist selbst ein Wappen und malt sich Stammbäume nach Herzenslust. Ja, es lacht sich über die altadeligen Machthaber krumm, wenn es sich unbemerkt glaubt, denn ihre Heere, Parlamente und Gesetze dienen seinem Geld und Willen, es befehligt ohne Feldherrnschaft ihr Militär als seine eigene Mannschaft und ist Kaiser über den Kaisern. Die Söhne dieser Gewalthaber brauchen nun wie die Erbprinzen eine wohlanständige Bildungsstätte, an welcher sie in aller Ruhe ohne Anstrengung ihr Zeugnis bekommen, ihre Prüfungen ohne Hindernisse bestehen können, um nachmals als flotte Kavalleristen unten den hochgeborenen Grafen Figur machen und mühelos die Vorrechte genießen zu können, welche das Vermögen allenthalben beansprucht. Der Nachweis der erforderlichen Bildung wird eine bloße Sache der Form und des Anstandes. Noch niemals ist ein Prinz als Prüfungstrottel davongejagt, noch niemals ein Millionärsohn als Müßiggänger zum Fleiß verurteilt worden. Da aber diese Anstalt auch für viele auf ernste Arbeit und lernendes Wohlverhalten angewiesene künftige Kaufleute nötig war und ein hohes Schulgeld einzog, war sie auch recht erträgnisreich. Ihre Gründer, eben einige sichere Millionäre, traten vor der Oeffentlichkeit als gewissenhafte Pfleger der allgemeinen Interessen auf, indem sie eine so gemeinnützige Schule ins Leben riefen, insgeheim aber erfreuten sie sich auch dieser Aktienunternehmung, als einer Sache, welche ihren eigentlichen Zweck, das privilegierte Dasein ihrer Herren Söhne förderte, ohne Geld zu kosten, ja noch reichlichen Gewinn abwarf. Die alten Fürsten bringen für ihre Stellung Opfer, die neuen Gebieter des Kapitals lassen andere für sich Opfer bringen und gedeihen um so besser, je mehr die übrigen steuern. Das bewegliche Kapital springt wie das Rössel im Schach, dessen Könige sich nur mühselig und schrittweise rühren dürfen. Diese kaufmännischen Prinzen mit ihren nachlässigen eleganten Manieren und Kleidern galten als die unerreichbaren Vorbilder der ärmeren Akademiker und gaben den Ton an. Die ersten Wochen des großartigen neuen Lebens erfüllten Dieter so ganz, daß er nicht einmal mit Toni zusammenkam. Erst als er in dem neuen Treiben einigermaßen heimisch geworden, holte er den Freund wieder ab. Das erste war, daß er sich, wie er's gelernt hatte, feierlich vorstellte. »Mein Name ist Dieter, Akademikus«. »Sei nicht so blöd.« Dann gingen sie spazieren, Dieter erzählte, von Begeisterung glühend, die Erlebnisse der letzten Zeit, beschrieb die eleganten Kameraden, die hochgebildeten Lehrer, die freien Umgangsformen, die täglich wechselnden Unterhaltungen im Hintergrunde des Saales, die interessante Warenkunde, die Produktionen der kaufmännischen Arithmetik im Kopfrechnen, Geringers Verwandlungskünste, die ein neues Stück produziert hatten, indem der findige Jüngling zuerst ohne Kleider sich zeigte, dann unter die Bank tauchte und nach fünf Minuten sein ganzes Gewand von innen nach außen gekehrt, angezogen hatte, weil es auch so sehr schön war. Dieter erzählte von den schwarzen Bulgaren und Serben, von dem heitern Spott, dem sie durch den interessanten Geographieprofessor ausgesetzt wurden, wobei sie unwillig lachten, wie in einem feindseligen kalten Bade. Das alles kam Toni fremd und peinlich vor. Er schüttelte immer nur den Kopf und fand alles blöd, so daß Dieter selbst an dem Witz dieser Dinge zweifelte und sich gar verlassen dünkte, wie ein Fisch, der aus seinem gewohnten Wasser genommen, in der Luft nach Luft schnappt. Hinwiederum berichtete Toni von den alten Gymnasialangelegenheiten, vom Griechisch und vom Einsagen und von den bekannten »Teppen« der Klasse. Dies aber dünkte den Dieter seinerseits schal und armselig, was war das für ein spießbürgerliches, schülerhaftes Getu, ohne Schwung und Kraft, recht eine philologische Bettelsuppe neben einem überwürzten Freiheitsmahl. So redeten sie eine gute Weile nebeneinander vorbei und fröstelten, als seien sie fremd geworden, die doch so brüderlich gewesen. Als aber Toni zum Schlusse eines neuen gymnasialen Sternes erwähnte, eines Mitschülers, der einen Zylinder besaß und so großartig auftrat, wie ein Meister, und als er wohl aus Trotz diesen Burschen als seinen Freund bezeichnete, an den er sich in allen Stücken halten wolle, da fühlte Dieter einen stechenden Schmerz, wie wenn einer aus der lieben Heimat und von lauter Menschen, die er sich nah geglaubt, fortgemußt und nach vielen Gefahren endlich wieder zurückgekehrt, wahrnimmt, alle hätten sich leicht ohne ihn beholfen, ja ihn völlig vergessen und wollten nun nichts mehr von ihm wissen. Unwillkürlich entfuhr ihm das Wort: »Den Esel kannst du dir schon behalten.« Toni rückte darauf scharf von ihm ab und antwortete: »Und du Esel kannst mich gern haben.« Verdutzt über diesen ersten Schimpf, den sie sich angetan, standen sie einander gegenüber, maßen sich mit fremden, feindseligen Blicken. Jeder wollte noch etwas sagen, sei es etwas schlimmeres, oder etwas lustiges, aber nichts fiel ihnen ein. Ihre Augen senkten sich. Endlich machte Toni Kehrt, lüftete mit höflichem Spott, der Dietern ins Herz schnitt, seinen Hut und sagte bloß den alten Gruß, den er auf jene verächtliche Weise aussprach, die nur ein Wiener Kind, das lustigste und grausamste Weltgeschöpf über die Lippen bringt: »Servus«. Dann drückte er sein altes, zerknittertes Jägerhütel trotzig schief in die Stirn und ging als ein Feind aufrecht davon. Dieter kam mit seinem Gegengruß nur mehr hinterdrein, sein »Servus« klang verstört, fast wie eine Klage und traf den Toni wohl gar nicht mehr. Dieter stand auf der Brücke, wo sie wie immer Abschied genommen hatten, und sah noch eine Weile dem Toni nach, der steif und doch nachlässig auf seine besondere Art davonstelzte und bald hinter der Menge verschwand. Dieter begehrte in seinem Herzen auf wider diesen Freund und alten Waffengefährten, und da er so schnöde beleidigt worden war, beschloß er fortan sein neues Leben um so stolzer und selbstgerechter zu führen, er wolle es »dem da« schon zeigen, was ein Akademikus bedeute. Nun schloß er sich in der Schule, als Spaziergänger und kundiger Wiener an diejenigen, welche seine Führung, seine Berichte und sein geistiges Ansehen wohl am besten achten mußten, an die interessanten Balkanvölker. Unter diesen nahm einer, ein braver, lernbegieriger und stockeinsamer Bulgare seine Freundschaft voll Begeisterung an. Ihn führte Dieter in der Stadt herum, wobei er alles mögliche, bald aber alles unmögliche erklärte und dem Fremdling einredete. Denn der war kein Kirchenlicht, verstand auch wenig von der deutschen Sprache, schätzte sich glücklich, auf billige Art eine Konversation zu bekommen, um, wie er eingestand, davon zu profitieren und nickte zu allen Ungeheuerlichkeiten, welche Dieter ihm aufband, gläubig »ja«. So wies ihm sein Führer zum Beispiel das Lanzengitter des Volksgartens, welches in der Tat aus wunderlich geformten und aneinandergeschlossenen halb vergoldeten Speeren besteht. Das seien lauter in den Türkenkriegen erbeutete Waffen, die man hier als Triumphgitter verwendet habe. Der Bulgare war entzückt. Zum Dank lud er Dietern einmal in seine Wohnung ein, in ein wehmütiges Kabinett, wo das verwahrloste Lager offen stand, während am Fenster in einem bunten und vielgebrauchten Schnupftuch der Zigarettentabak zum Trocknen ausgebreitet, von einem Stiefelzieher beschwert war, damit er nicht auseinander fliege. Der Bulgare bot Dieter aus der Westentasche ein zerknülltes Zigarettenpapier, damit er von diesem Vorrat sich eine »Papyros« drehe. Der Gast tat's mit Widerstreben. Aber seinen Bulgaren kannte er nun von Grund aus, und da er von solchem Freunde wahrlich keinen herzlichen Gewinn haben und sich selbst an den Lügen nicht mehr erfreuen konnte, die der Bulgare gar zu leicht glaubte und ehrfürchtig aufnahm, zog er sich von ihm zurück und ließ ihn lange verwundert schmachten, was den verehrten Gönner denn erzürnt habe und warum er sich von ihm abgewandt, da ihre schätzbare Kameradschaft doch so annehmlich begonnen. Dieter ließ ihn vergeblich betteln, tat höflich, aber unnahbar und begnügte sich damit, dem Bulgaren den fremden Wiener Volkscharakter als launenhaft, unbeständig und rätselhaft gezeigt zu haben. Fortan schloß er sich in seine eigene schützende Einsamkeit ein, beobachtete, lernte und wanderte allein, wie er von je das Treiben der Welt als eine Folge von Bildern an sich vorüberziehen zu lassen geliebt hatte, die eigens für den betrachtenden Dieter so gemalt und erfunden worden. Im Treppenflur der Handelsakademie gab es eine Portierloge, welche Dieters Neugierde und Bewunderung von Anbeginn gereizt hatte. In ihrem Fenster waren nämlich nach akademischer Sitte Briefe ausgestellt, welche die Studenten hierher adressieren ließen und gegen Erlag eines Kreuzers für jede Sendung bezogen. Diese postalische Einrichtung diente hauptsächlich für den beginnenden Liebesflor der heranreifenden Jünglinge, und man sah denn auch vor allem weibliche Billette und Schriftzüge auf bunten, duftenden Kärtchen, aber auch rührige Buchhändler und Fabrikanten schickten ihre Anzeigen und preisenden Warenverzeichnisse an bekannte Kundschaften. Denn wer noch keine Geliebte hatte, wollte wenigstens als vielbegehrter Briefempfänger und ernster Korrespondent gelten. Auf diese Weise lernte Dieter, daß jedermann aus aller Herren Länder Probenummern, Kataloge und dergleichen unentgeltlich beziehen kann. Das lockte ihn denn sehr zur Probe und Steigerung seiner Welterfahrung. Einmal, ob auch er eine solche Korrespondenz einleiten und durchführen könne, zum andern aber, um zu erfahren, was für Erzeugnisse, Zeitungen, Bücher, Waren sich wohl einem Akademikus anbieten würden. Nun entsandte er, seine ganzen Ersparnisse auf Korrespondenzkarten aufwendend, in alle Himmelsrichtungen Bestellbotschaften, indem er aus vielen Hilfsbüchern die namhaften Maschinenfabriken und sonstigen Geschäfte, in Erfahrung brachte und um ihre Preiskurante anging. In der Tat fand er jeden Tag eine hübsche Reihe derartiger Drucksachen bereitliegen und vertiefte sich lernbegierig in die Abbildungen verschiedenster Erzeugnisse der Technik. Was er als Schulaufgabe niemals hatte lernen wollen, studierte er in diesen Katalogen mit geduldigstem Fleiße und lernte das schwierige Gestänge eines Motors, das Geheimnis ineinandergreifender Triebwerke bei Dampfpflügen, Walzen, Dreschmaschinen, Mähvorrichtungen, Webstühlen, Turbinen, Automobilen, Zahnradbahnen und das Zubehör der Kesselschmiere, chemischer Düngemittel, kurz alles Durcheinander der modernen Erzeugnisse, welche die Arbeit kunstvoll steigern, indem sie sie scheinbar erleichtern, wie ein Märchen würdigen, in welchem alle Wunder sich selbst erklären und wiederum tausendfältig ineinander verstricken. So verursachten alle diese exakten Zeichnungen, Preisangaben und Erläuterungen um den begierigen Leser ein Brausen und unablässiges Lärmen, wie in einer Ausstellung, wo eine tolle Maschine neben der andern geht, surrt und zirpt, schießt, brummt, läuft und stockt und mit ihren Riemen, Funken, Gedränge, mit Stoß und Gegenstoß nach dem Beobachter zielt, als wolle sie ihn um jeden Preis in ihre Fänge ziehen, um ihn zu zermalmen und erst, sei es als brauchbaren Lederriemen, sei es als ansehnliche Leinwand oder Seide, sei es als Düngemittel oder als Erbswurst, als künstliches Nährpräparat oder als harten Nagel verarbeitet und umgestaltet wieder herauszulassen. Daneben kamen auch die interessantesten Probenummern von Zeitschriften angesegelt, mit und ohne Illustrationen und rasselten mit ihrem Text, wie die Maschinen mit ihrem Treibwerk, um die Seelen von Lesern zu fangen, breitzutreten und als Gesinnungsstanze ihrer Partei und Geschmacksart hinauszugeben. So erwischte Dieter den sogenannten »Pelikan«, ein Blatt, dessen Titel ihn reizte, weshalb er bei einem sicheren Gewerbsmanne zu Regensburg, der sich mit Verlag und Vertrieb gedruckter Frömmigkeit befaßte, eine Probenummer erbat. Der »Pelikan« wollte nämlich mit seinem Titel an jenen edlen Vogel erinnern, der für seine Brut die schönsten Brustfedern sich ausreißt, deshalb aber von den Menschen schnöde mißbraucht wird, indem man diese seinen Daunen solange aus dem Nest nimmt, bis er keine mehr am Leibe hat und hilflos verblutet. Dieser »Pelikan« rupfte sich also auch für Dieter bereitwillig ein hoffnungsvolles Exemplar aus und erwies sich mit dieser Probenummer als eine streitbare und fromme Zeitschrift für die Interessen der Knechte und Mägde auf dem Lande. Alle seine Beiträge waren von Geistlichen, oder von sonstwie erleuchteten Seelen verfaßt und liefen darauf hinaus, daß Beten unbedingt gegen alle Not schützt und zu allem verhilft, was man wünscht und braucht. Beten muß man, wenn's hagelt, dann hört der Hagel auf, beten wenn's dürr ist, dann regnet's, beten, wenn man keine Kinder hat, dann gibt sie Gott, beten, wenn man ihrer zu viele besitzt, dann nimmt sie der Herr in Gnaden in sein himmlisches Reich. Viele Danksagungen bezeugten den Erfolg dieser treuen Ratschläge, zum Beispiel die eines Knechtes, welcher einen Schlüssel zu einer Truhe verloren und auf Anweisung des Redakteurs solange zum heiligen Josef gebetet hatte, bis er den Schlüssel richtig im Stalle fand. Dieter las dieses Blatt mit Staunen, dann mit Aerger, schließlich kreuzvergnügt, so war also die Welt, so war die Geistlichkeit. Diese letztere, die er als einen Verein geachtet hatte, dessen Mitgliedschaft sich ständig erneut und die ganze Christenheit mit Rat, Fürsorge und Hilfe überwacht, war das Letzte, was ihm von der Religion übrig geblieben. Trotzdem er den Glauben aufgegeben, hatte er eine gewisse Schätzung der willentlichen geistlichen Brüderschaft bewahrt und würdigte achtungsvoll deren weise Art zu herrschen und zu dienen und den ganzen Kurs des Christentums mit sicherer Hand zu halten. Nun schüttete er freilich das Kind mit dem Bade aus, als er den »Pelikan« las und daraus ersah, wie diese Herrschaft ausgeübt wurde. Daß Schafe von Schäfern mit Schafsgemurmel gezügelt wurden und daß ein tierisches Herleiern die allgemeine Dummheit besänftigte und gefügig machte, alle Krankheiten der Sehnsucht durch diese Allerweltssalbe geheilt werden sollten, daß die ganze bewunderte Macht nachgerade auf der Narrheit der Unterworfenen, wie auf einem Esel stolz daherritt und sich darauf noch was zugute tat, machte seiner Anerkennung vollends den Garaus. Fortan sollten ihn die Pfaffen in Ruhe lassen, er gönnte der Herde die Hirten, den Schäfern ihr Vieh. Aber der »Pelikan« wollte nicht umsonst die Brustfedern aus seinem treuen Leibe gerissen haben, stolz auf die Erbeutung eines Wiener Akademikus sandte der Herausgeber nicht nur alle Nummern seines frommen Blattes, sondern alle Verlagsartikel seiner Firma an diesen bedeutsamen Adressaten, so daß schier allwöchentlich neue heiligengeschmückte Drucksachen, buntbemalte Flugblätter beim Portier für Dieter eintrafen und auffielen. Dieter löste sie nur unwillig ein, warf sie ungelesen davon und dachte an nichts Arges, als immer neue Segnungen des klerikalen Füllhorns aus Regensburg sich über sein Haupt ergossen. Da wurde er eines Tages von seinem Vater in der Aula empfangen, der ihn mit bekümmertem Gesicht fragte: »Was hast du denn mit Regensburg angefangen, oder wie das Nest heißt?« Dieter sah ihn erstaunt an, denn er dachte längst nicht mehr an den »Pelikan«. Der Vater aber erzählte, der Direktor der Akademie habe ihn mittels eines Privatbriefes zu sich zitiert und gar drohend mit einem Pfeilblick empfangen: »Ihr Sohn treibt ja eine ausgedehnte klerikale Propaganda hier in unserer Anstalt, die von dem freisinnigen Bürgertum erhalten wird, und an welcher er einen Freiplatz genießt. Er paßt nicht zu unseren Leuten.« Dieter mußte unwillkürlich lächeln, als der Vater die hochtrabende Redeweise des Regierungsrates nachahmend, mit einem wehmütig tadelnden Seufzer wiederholte: »Er paßt nicht zu unseren Loiten.« Nun habe der Alte, wie er ängstlich versicherte, den Zürnenden mit Bitten beschwichtigt, er wisse nichts von politischen Unternehmungen seines Sohnes, es würden sicherlich nur Dummheiten, keine bösen Sachen sein. »Nun, schicken Sie mir den Jungen morgen in die Kanzlei. Ich werde ihn mir persönlich vornehmen,« habe der Direktor geschlossen. Dieter ging denn am andern Tage halb trotzig, halb angstvoll in die noble Kanzlei des Regierungsrates, kam er doch wahrlich wie der Pontius ins Credo zur klerikalen Propaganda und sollte, indem er seine Ehre als Akademikus wahrte, gar eine Dummheit rechtfertigen, die ihm selbst verächtlich vorkam. Wie oft ist die Gesinnung in dem Falle, gegen ihr besseres Wissen zu zeugen, weil sie ihre Freiheit behaupten muß, und sollte sie sich selbst dumm machen. Der Direktor unterwarf den Dieter einem gedrängten Kreuzverhör, indem er ihm die Titel aller empfangenen frommen Drucksorten vorhielt. So stand es also mit der Brieffreiheit eines Akademikus, dachte Dieter, daß die verdächtigen Sendungen genau kontrolliert und verzeichnet wurden. Wiederum eine bittere Erfahrung mehr! Vielleicht besah man auch manche gefährlichere Liebeskorrespondenz und diente den Herren Vätern mit Auskünften, oder galt derlei als harmloseres Ungefähr des Studentenlebens, während fromme Druckschriften als satanische Gefahr ausgemalt wurden? »Warum lesen Sie solche Sachen?« fragte der Direktor mit gerunzelter Stirn. »Weil sie mich interessieren,« antwortete Dieter. »Und warum interessiert Sie das?« »Weil mich alles interessiert, was es auf der Welt gibt,« versetzte der Akademikus. »Nun, und wie steht's mit der politischen Arithmetik?« fragte er weiter, denn dies war das Lehrfach, welches er vortrug. »Danke, recht gut,« antwortete Dieter und dachte, »jetzt kann ich mich auf eine feine Prüfung gefaßt machen.« »Nun wir werden ja sehen, ob Sie sich auch für Ihre Schulgegenstände eben so interessieren, wie für diese Drecksachen.« Damit entließ er Dieter, nachdem er ihn strenge verwarnt, und geboten hatte, keinen solchen Verlagsartikel mehr zu beziehen. Die fromme Handlung hatte nämlich Tag um Tag auf eine Bestellung gewartet und schließlich an die Direktion geschrieben, ob wirklich ein gewisser Josef Dieter unter die Schüler der Anstalt zähle, da sie ohne weiteren Bescheid schon so viele Proben an seine Schuladresse geschickt hätte. Am Ende liege ein Betrug vor. Da unterließ der Herr Redakteur das Beten und hätte sich doch von Rechts wegen selber etliche Litaneien auferlegen müssen, um einen Abonnenten zu gewinnen, anstatt dessen war aber auf einmal die weltliche Autorität am Platze und eine Anzeige sollte das Gebet ersetzen. Nun, Dieter kannte jetzt die Klerisei und warf sich für eine Weile auf die politische Arithmetik, ließ sich von Isidor Tauber das allerverzwickteste Beispiel haarscharf erklären, denn ihm schwante, gerade dieses würde der gereizte Direktor von ihm verlangen. In der Tat fiel der Regierungsrat in diese Falle, Dieter schmiß das Exempel in einer geradezu großartigen Wut nachlässig auf die Tafel hin, als sei es ein Kinderspiel für seinen Genius. Der Lehrer staunte, schwieg, glättete dann seine Stirn, bot Dietern die Hand und versöhnte sich mit ihm, da er sich in der Tat für politische Arithmetik ebenso kräftig zu interessieren schien, wie für die Regensburger Propaganda, und damit war die klerikale Gefahr beseitigt. Die Einsamkeit hatte Dieter also manche Enttäuschung und vielen Verdruß gebracht, sie schmeckte bitter, und er kam sich zum erstenmal recht verlassen und genarrt vor. Seine Spaziergänge freuten ihn nicht, da er allein schweigen und schauen mußte, einstmals war der Toni an seiner Seite gewandert, und wenn sie auch beide stundenlang kein Wort gewechselt, hatten sie einander in aller Stille so viel und immer Neues gesagt, als wüchse mit jedem Tag ein neues, frisch entfaltetes, grünes Blatt vor ihren Augen an den verschwisterten Bäumen ihrer Jugend. Als nun gar der Frühling kam mit den strotzenden Kastanienblüten, mit den violetten und lilastarrenden Fliederbüschen vor dem Heldenplatz und im Volksgarten, mit allen den paarweis wandernden Leuten in der warmen Luft, mit seiner Müdigkeit und gliederstreckenden Sehnsucht, mit dem Himmel, der voll Bläue winkt, mit der Sonne, die selber wie ein Wanderheiliger dahinzieht, da dachte Dieter an den Prater, den er sich um keinen Preis als sein alleiniges Lustrevier, sondern immer nur als einen Besitz vorstellen mochte, der ihm und Toni gemeinsam gehörte, wie ein grünes Reich zweier Götter. Er dachte an den alten Baum da drunten, wo die stumme Aeolsharfe der Zigarettenhülsen vergeblich im Winde schlenkerte, an das Heustadelwasser, welches den Irokesenstaat von den Huronen schied. War er denn von all diesen Dingen ausgeschlossen und für ewig abgetrennt? Sollte er das vergessen müssen, was ihn allein hier freute, dann mochte der Teufel den Kommerz holen und die ganze akademische Würde ihm gestohlen bleiben. Er wußte gar nicht, wie es kam, daß er eines Tages, um die Zeit, wo er sonst den Toni zum Ausgehen erwartet hatte, wiederum vor dessen Hause stand. Wenn der Toni jetzt, wie damals, bei der Tür herauswischte, dann war alles wie sonst und die Sache in Ordnung. Wenn nicht, aber diese Möglichkeit brauchte gar nicht durchgedacht zu werden, denn schon stand der aus einem drängenden Herzen Herbeschworene vor Dieter, hatte sein Jägerhütel schief auf dem Kopfe, sie sahen einander mit einem kurzen Blicke an, tauschten den gewohnten Schulterschlag und gingen einträchtig, ohne über die böse Zwischenzeit ein Wort zu verlieren, ihren alten Weg. Daß sie in den Prater wollten, brauchten sie nicht abzureden. Und schon wandelten sie in der Hauptallee. Da waren sie vor dem Konstantinhügel und standen an dem schönen, künstlichen Teiche, dessen Kähne ihnen für eine wunderbare Schiffahrt bereitstanden. So oft sie vordem hier staunend verweilt, hatten sie sich mit dem Wunsch nach einer Ruderpartie begnügen müssen, denn das Riesenvermögen von vierzig Kreuzern welches für die Kahnmiete begehrt wurde, blieb ihnen unerschwinglich. Der Traum der Fahrt hatte immer für sie ausgereicht. Heut' aber war Dieter ein reicher Mann, er besaß einen Gulden und war bereit, ihn in die Luft zu schlagen, man lebt nur einmal auf der Welt, und nur einmal findet man einen verlorenen Freund wieder. »Wir fahren Schinakel,« lachte er, »ich zahl's.« Und schon sprangen sie in eines der funkelnagelneu lackierten Boote und stießen ab. Sie hatten noch niemals gerudert. Der Teich, dessen Wasser herbeigeleitet und künstlich gestaut war, mußte weit wie ein See sein, sie sahen keinen Grund und dünkten sich über einer mächtigen Tiefe schwebend. Sie handhabten die Ruder und zogen auf dem ruhigen Wasser dahin, was ihnen auch ohne Lenkung und Bewegung wohl gelungen wäre. So fuhren sie an das nahe Ende des Teichleins, in einen Bachabfluß, über welchen eine so niedere Brücke gebaut war, daß kein Boot darunter durchkommen konnte. Und just an dieser gefährlichen Stelle verloren sie die Ruder, die ihnen sacht davonzugleiten drohten. Ueber die Gefahr, an der Brücke zu kentern und die kostbaren gemieteten Werkzeuge einzubüßen und ersetzen zu müssen, schrieen sie zugleich auf, langten hilflos nach den Hölzern, die schier in Reichweite getrost auf der Wasserfläche und scheinheilig lagen, beugten sich über den Kahn, der immer näher zur Brücke glitt. Sie beugten sich immer heftiger nach den Rudern, bis das Fahrzeug umkippte und sie ins Wasser warf. Beide glaubten, jetzt sei ihr letztes Stündlein gekommen, denn keiner konnte schwimmen und die Tiefe verlangte sie. Da griff Toni unwillkürlich nach Dieters Hand und sagte, schon bis zum Hals im Wasser: »Jetzt bleibst du bei mir.« Und sie befahlen einander und dem Herrn der Dinge ihre armen Seelen. So verging ein Augenblick des lauernden Todes und des lebenverlangenden Schicksals, und dann sahen die zwei Buben bis ans Kinn im Wasser, aber festen Boden unter den Füßen, jeder an die gegenüberliegende Kahnflanke geklammert, mit grinsenden Gesichtern einander an, und riefen wie aus einem Munde: »Du, jetzt rennen wir.« Sie schwangen sich mit aller Kraft auf die drohende, nun aber glücklichen Halt bietende Brücke, zogen sich, schwer durchnäßt, auf den festen Boden, schüttelten sich prustend, ließen Kahn und Ruder treiben, mochte der Eigentümer nach ihnen fischen, und rannten, unaufhörlich lachend, über einsame, wohlbekannte Wege nach der Stadt zurück bis vor Tonis Haus, wo dieser mit einem jauchzenden Gruß verschwand, während Dieter, bis auf die Haut naß, vor Kälte klappernd, aber zugleich bis ins innerste Herz heiß und vergnügt, den langen Weg zur Aula rannte und heimlich, um dem Vater nicht etwa zu begegnen, seine Bibliothek gewann. Er hatte immer dies eine Wort des Toni im Ohr: »Jetzt bleibst du bei mir,« und daß zwischen Tod und Leben der wiedergewonnene, nie verlorene Freund an nichts, als an ihn gedacht und mit ihm gemeinsam das Sterben selbst gewünscht. Der Toni wußte wohl nicht, wie er sich verraten, denn bei klarer Besinnung und im gemeinen Leben hätte er sich eher die Zunge abgebissen, als ausgesprochen daß er den Dieter verlange und halten wolle, um mit ihm zu leben und zu sterben. Als sie das nächste Mal zusammenkamen und lachend das Abenteuer sich vergegenwärtigten, prüfte Dieter leise und voll Vorsicht, ob und was Toni von seinem sogenannten letzten Augenblick etwa in Erinnerung behalten hatte. Der ahnte nichts von seinem Abschiedsruf, sondern versicherte nur einmal übers andere, er habe bestimmt geglaubt, sie müßten beide ersaufen. Und gleich darauf hätte er Dieters Gesicht grinsen gesehen, wie noch nie. Dieter aber wußte um das scheu und schamhaft wie die unsterbliche Seele entflohene Wort: »Jetzt bleibst du bei mir,« und wahrte es. Das blühte in ihm fort und fort, solange sein Kamerad neben ihm wandelte und um so strahlender, als der wirkliche Tod den Toni von seiner Seite weggenommen. XII. Fortan wandelten sie wieder gemeinsam, zigarettenrauchend und schweigend, oder mit irgendwelchen Possen beschäftigt, die meist vom Toni ausgeheckt wurden, dem die tollsten Ideen durch den Kopf gingen. Wenn er irgendeinen neuen Einfall hatte, pflegte er zu befehlen: »Du mußt der oder der sein, oder den oder den vorstellen, ich bin der oder der«, und dann waren sie auch gleich, was sie spielten: Dieter etwa ein steirischer Gebirgstrottel, der zum erstenmal nach Wien auf Besuch kam, Toni, sein Vetter, der ihn als Weltmann durch die Stadt führte und mit gebildeten Erklärungen traktierte. Mit seiner Kenntnis des Landbewohners bewunderte Dieter nicht das Was, sondern das Wie der Fremde, vor allem die erstaunlichen Verhältnisse ringsum, dann die ungeheure Menge und Größe des allenthalben verwendeten Glases, denn daheim kannte er doch bei den Hütten nur kleine Fensterlucken, nicht viel umfangreicher als sein Schädel. Toni wieder übersetzte jedes metrische Höhenmaß für das leichtere Verständnis des Aelplers in Klafter und führte den erstaunten Gast vor den Stefansturm, ein Gotteshausungeheuer, das um so leidenschaftlicher gewürdigt wurde, als es nach der fachlichen Erläuterung innen genau sechs Klafter mehr maß, als außen. Um die beiden rotteten sich sofort freundliche und teilnehmende Leute, wie sich in Wien zu jedem Zeitvertreib eine Schar zusammenfindet, steht, schaut, lauscht, mitredet und eine Stunde totschlägt. Ein ehrbarer Bürgersmann war sogar bereit, für die Belehrung des biederen Steirers das Eintrittsgeld zur Besteigung des Turmes aus Eigenem zu bestreiten und erhoffte sich vom gelehrten Toni auf der Höhe die ausgiebigste Erklärung der großartigen Rundsicht. Sie kletterten auch über die enge Stiege anfangs zu dritt ganz ehrbar hinan, allmählich blieb aber der beleibte und atemschwere Gönner zurück, während die beiden immer lustiger drei Treppen auf einmal nahmen, gut eine Viertelstunde vor dem Spender oben waren, den weiten Ausblick im Flug genossen, belachten und merkten, dann aber gleich hinabstürmten, ohne den Spießer abzuwarten, an welchem sie im Hui vorbeirannten. Unten auf der Straße lachten sie ihn weidlich aus, der nun vermutlich oben allein stand, Atem schöpfte, gaffte und mit der ganzen Aussicht wahrscheinlich ebensowenig anzufangen wußte, wie mit sich selbst. Ist doch ein Philister in ganzer Figur nichts als unnütz hinausgeworfenes Kleingeld zur Besichtigung der schönen Welt. Ein andermal wieder »mußten« Dieter und Toni zwei Leute aus dem alten Wien sein, die über die Glacis und Basteien wandelten, oder durch die alten »Gässen«. Nach der Verabredung schlossen sie vor jedem neuen Hause die Augen und öffneten sie erst vor jedem alten und glaubten ihre Zeitgenossen in Schnallenschuhen, mit Perücken oder weißbestäubten Zöpflein ein- und ausgehen zu sehen, Sänften glitten an ihnen vorüber, Läufer mit befiederten Hauben meldeten wie im Fluge das Nahen einer gräflichen oder prinzlichen Durchlaucht oder Hoheit, anstatt der Werkelmänner spielten Dudelsackpfeifer in den Höfen und auf schweren Federn rollten mächtige verglaste Karossen mit Haiducken auf dem Kutschbock und hinteren Trittbrett durch die alte Burg, hielten beim Schweizertor, Lakaien sprangen herbei und halfen einer kleinen erzherzoglichen Person, die in einer weiten Reifrockglorie aus dem Wagen sprang, nicht ohne den beiden Kavalieren, denn nun »mußten« Dieter und Toni wieder Kavaliere sein, einen lustigen Blick aus blauen Augen, wie ein Büschel »Veigerl«, zuzuwerfen. Für den Dieter kam der arge Versucher alles Lebens. Er wollte eines Morgens sich eben zum Schulwege fertig machen und trank, neben dem Vater stehend, seine Frühstücksmilch. Er hörte nur noch, wie aus der Weite: »Warum bist du so blaß, Buba?« und dann schwand ihm die Besinnung. Er erwachte, vom Vater gehalten, als dieser fragte: »Ja was ist denn mit dir?« Doch wußte er darauf keine Antwort. Die gab der mittlerweile eingetroffene Arzt, er müsse sogleich ins Spital. Dieter, der Junge, war ganz zufrieden mit der Aussicht, einmal auch so etwas kennen zu lernen, und sein Vater führte ihn zu einem bereitstehenden »Einspänner«, wobei er ihn halb trug, trotzdem Dieter versicherte, er sei wieder ganz wohlauf und könne gehen, wie er nur wolle. Dann kamen sie in das große »allgemeine Krankenhaus«, wo man in der Aufnahmskanzlei nach sehr flüchtiger Untersuchung erklärte, man hätte schon genug Vorrat solcher Krankheiten und für einen neuen Patienten dieser Gattung augenblicklich keinen Bedarf. So ging die Reise von neuem an, diesmal nach einem Spital auf der Wieden, wo der Vater Dieter einen bekannten Kanzlisten hatte, der seinem Sohne die sonst sehr fragliche Aufnahme durch das österreichische Schand-Auskunfts- und Allheilmittel der Protektion schon verschaffen würde. Der Vater empfahl den Sohn eindringlich der besten Obhut und versprach nachzusehen, wie es mit ihm stehe. Dann mußte Dieter seine Kleider ausziehen und in ein Bündel verschnürt hinterlegen, worauf er mit einem Leinenkittel und Filzschuhen angetan, in einen großen, weißen Saal geführt wurde. Gehorsam spazierte er zu seinem Lager, welches in der Mitte des Raumes, dem Fenster gegenüber stand, durch welches man auf die dünn belaubten Bäume des Gartens sah. Und gleich mußte er sich niederlegen, obwohl er weder müde war, noch irgendeinen Schmerz verspürte. Nur Hunger hatte er, dem aber konnte er nicht abhelfen, denn die Frühstückszeit war bereits vorüber, und da gab es nicht einmal eine Semmel. Daß er im Bestechungswege alle Eßherrlichkeiten des nächsten »Greißlers« hätte erwerben können, wußte Dieter noch nicht und vergnügte sich auch einmal daran, zu erproben, was es eigentlich mit dem Hunger auf sich habe. Im Saale herrschte ziemliche Ruhe, einige Kranke unterhielten sich leise, andere lagen seufzend da, nur sein Nebenmann schien ihm unheimlich, denn er lehnte im Bette hoch und starr mit geschlossenen Augen an der Wand, als ein Unbeweglicher. Dazwischen kam und ging eine junge Krankenschwester mit liebem Gesicht und guten, törichten Augen, sie trug ihre blaue Tracht und weiße Schürze nicht ohne gefallsamen Anstand. Dazwischen ging und kam ein wechselndes sogenanntes Personal, ein Diener, um welchen ein verdächtiger Spirituosengeruch schwebte, eine Waschfrau und der und jener. Etwa um elf Uhr vormittags begann ein merkwürdiges Flüstern, Hin- und Herschießen, Ordnung machen, Reinigen, wobei das Wort »Visite« immer geheimnisvoll und ängstlich verlautete. Die Ordnung bestand vor allem darin, daß die Kranken verbotene Eßwaren versteckten und etwa einander unterrichteten, wie sie sich möglichst unschuldig dem Herrn Primarius gegenüber zu benehmen hätten. Der schritt dann alle Betten der Reihe nach ab, bis er, von einer ernsthaften, an seinem Munde hängenden Schar junger Aerzte gefolgt, vor Dieter haltmachte und ihn vorn und hinten abhorchte, beklopfte, betastete, mit lauter merkwürdigen Fragen belästigte, ob das oder das wehtue, wobei er bald den Bauch, bald die Leber, den Rücken oder die Herzgrube inständig drückte, um ihnen den erforderlichen Schmerz zu entlocken. Leider konnte Dieter aber damit nicht dienen und auf die immer strengere Frage, ob es weh tue, nur antworten: »Nein, weh tut's nicht, es ist aber unangenehm.« Dann hielt der Primarius einen lateinischen Vortrag, dessen wichtigste grammatische Verstöße Dieter dank seiner Bildung genau merkte, schließlich fiel das Wort »Blinddarm«. Der Vortragende verordnete zu sofortigem Gebrauch eine Pille, und wenn die nicht wirke, ein »Klysma«, welcher unbekannte Heilvorgang Dieters Neugierde reizte, so daß er beschloß, die Wirkungslosigkeit der Pille dadurch herbeizuführen, daß er sie nicht einnahm. Nach Verordnung unbedingter Ruhe entfernte sich der Primarius mit seinem Anhang. Dieter bekam die Pille und verwarf sie. Dann schrieb er an Toni einen Brief, welcher so endigte: »Komm bald, denn lange mach' ich's nicht mehr, höchstens noch fünfzig Jahre«. Aber diesen Brief mußte er sehr verstohlen abfassen und versorgen, denn jede Korrespondenz war streng untersagt. Dann lag er still und schaute auf die Kranken, auf die Gartenbäume und langweilte sich, bis ihm ein unverhoffter Besuch eine gewisse Zerstreuung brachte, indem zwei junge Aerzte an sein Bett traten, welche sich, wie sie sagten, für seinen Fall interessierten. Der eine war ein hoher, blonder Mensch, der andere ein kleiner schwarzer von der mosaischen Richtung der Medizin. Die beiden nahmen bei ihm Platz und begannen vorerst ihn auszufragen. Der Blonde um seinen Namen und Beruf, um seine Meinung über seine Krankheit und um allgemeinere Dinge, während der Schwarze ihn abzutasten und zu behorchen anfing, wie er es dem Primarius abgeluchst hatte. Sie legten ihm ein Thermometer unter die Achselhöhle und besahen es mit Staunen, sie maßen seinen Bauch und vernahmen ein merkwürdiges Glucken innen. Der Blonde fragte Dietern, ob er es auch gehört habe. Der bejahte, es habe so geklungen wie das Ausgießen des Wassers aus einem engen Flaschenhalse. Davon zeigte sich der Blonde befriedigt, weil das Symptom stimmte. Dann begannen die beiden wieder ein wichtiges lateinisches Gespräch, aus welchem Dieter abermals über lauter Sprachfehlern den Inhalt verlor. Der Blonde erwiderte jede Behauptung des Schwarzen mit einem gleichmütigen » quod non est «, aber gleicherweise vergalt auch der Schwarze jede Behauptung des Blonden mit einem etwas stärkeren » quod non est «. Schließlich wandten sich die beiden an Dieter, als an den berufensten Schiedsrichter: »Nicht wahr, Sie haben doch Fieber?« »Was ist denn das?« fragte Dieter, der noch nie einen solchen Zustand gespürt hatte. »Sehen Sie,« erklärte der Blonde, »der Primarius behauptet, wer fragt, was Fieber ist, kann keines haben, denn hätte er's, so wüßte er auch, was das Wort besagt. Nun hat der Primarius sich über Ihren Fall auch geäußert, Sie hätten Fieber. Sie aber fragen, was Fieber ist, also . . .« Damit hielt er besorgt inne und fühlte, wie die Zweifel ringsum seine ganze Wissenschaft und Diagnose verdunkelten. »Ach, Unsinn,« erklärte der Schwarze, »er hat Fieber,« worauf sie von neuem lateinisch diskutierten und einander immer wütendere » quod non est « an den Kopf warfen. Dabei blieben sie immerzu an seinem Bette sitzen und fingen immer wieder an, ihn zu behorchen, zu beklopfen und zu befragen, bis dem Dieter der Spaß allzuarg wurde, und er ihnen den Rücken kehrte: »Jetzt ist's genug, id est ich will Ruhe haben.« Da erhoben sie sich, noch immer streitend und noch an der Tür ging der Schwarze mit einem » quod non est, was die Leute für Geschichten machen!« voraus. Da Dieter bis zum Abend begreiflicherweise keine Wirkung der Pille verspürt hatte, belehrte ihn die Krankenschwester über die Bedeutung des sogenannten »Klysma«, was ihm zu einiger Beschämung gereichte. Er verabfolgte es sich aber selbst und wahrscheinlich mit ähnlicher Absicht, wie die Pille, denn er hielt sich nicht für krank, sondern fühlte sich bloß geärgert und gestört. Am Abend gab es eine gewisse Erregung, Stöhnen, Seufzen und unruhiges Herumschwätzen der Kranken in ihren Betten, so daß Dieter lange nicht einschlafen konnte, bis die Schwester selbst müde zu ihm kam und sei es von ungefähr, sei es im unwissenden Gefühl eines verlassenen jungen Frauenwesens, das blonde Haupt neben das seine legte, so daß sie auf einem Kissen ruhten. Sie sprachen ein bißchen miteinander, und die Pflegerin redete von allerhand kleinen Dingen ihres Lebens, denn sie dachte als junges Geschöpf von rechtswegen lieber an sich, als an ihn, das gefiel ihm, er behagte sich in der unschuldigen Vertraulichkeit dieser armen Person und entschlief ruhig. Frühmorgens erwachend, fand er freilich den Platz neben seinem Kissen leer, dafür rumorte der Diener heftig, stellte eine spanische Wand vor Dieters Bett auf, durch welche ihm der eigentümlich starre, rückgelehnte Nachbar sollte entzogen werden. Als aber eine Tragbahre hereingebracht wurde, der Diener seine noch rauchende Pfeife in den Kittelsack steckte und an dem Lager nebenan geräuschvoll zu hantieren begann, wußte Dieter, der stille Nachbar sei in dieser Nacht in aller Ruhe gestorben. Eingewickelt brachten sie ihn davon, dann bezog man das Bett des Verstorbenen mit frischen Linnen, und am selben Vormittag lag schon ein neuer Kranker darin. Jetzt wurde es Dietern ungemütlich. Er verlangte, aufzustehen und spazierenzugehen, denn er sann auf Flucht, aber man lachte über seinen Wunsch. Vielfältige Pläne heckte er aus, wie er entkommen wollte. Aber er hatte ja keine Kleider, das Spital war von hohen Mauern umgeben, wie sollte er sie übersteigen, selbst wenn er unbemerkt aus dem Saal entschlüpfte. Wenn wenigstens der Toni gekommen wäre, mit welchem er eine Verschwörung hätte verabreden können. Aber niemand war da, so knirschte man allein in der Gefangenschaft. Bei der Visite machte der Primarius ein ernstes Gesicht, besonders als ihm die Pflegerin berichtete, »es sei noch nichts gewesen«, er klopfte, horchte, fragte, erklärte der Corona den bedenklichen Fall, verabreichte selber dem Patienten eine Pille, machte von ihrer Wirkung das Weitere abhängig und ließ das Wort fallen: »Morgen werden wir wahrscheinlich eine Punktierung machen müssen.« Zeitig am Abend erschien zu Dieters großer Ueberraschung ein bleicher Geistlicher bei ihm, um ihm zuzusprechen, wie er sagte. Dieter, der auf diese Herren seit seinen letzten Erfahrungen nur mit einigem Mißtrauen blickte, war sehr erstaunt und unwillig. Aber der fromme Mann ließ sich nicht beirren, sondern fuhr fort: Gewiß sei Dieter ja noch recht jung und werde sicherlich mit Gottes Hilfe genesen, aber ein braver Christenmensch müsse doch in ernster Zeit seinem Schöpfer Rechenschaft ablegen und Verzeihung für alle seine Sünden erlangen. Dieter antwortete, er wisse von Sünden nichts, er habe auf der Welt wohl keinem sonderlich Böses angetan und abzubitten und brauche daher von niemand Verzeihung zu erlangen. »Nicht so, mein Sohn,« schmeichelte der Geistliche, »es gibt auch verschwiegene, innere Sünden, die der Tat nicht bedürfen, um zu wachsen wie das Unkraut, Gott der Herr sieht auch diese unsichtbaren Vergehen und richtet sie und verlangt Abbitte und Reue für alle Schuld. Darum hat unsere heilige Kirche die wohltätige Entlastung des bedrückten Gewissens durch die Beichte geschaffen und zur Pflicht gemacht. Denn wir armen sündigen Menschen können nicht wissen, wann wir ins Jenseits abgerufen werden, wir müssen auf alles gefaßt, vorbereitet sein, vor den Richterstuhl des Ewigen zu treten, darum will ich dir jetzt die Beichte abnehmen, auf daß du unschuldig wie ein neugeborenes Kindlein den Spruch Gottes gewärtigen könnest.« Etwas geschäftsmäßiger fragte er weiter: »Wann haben Sie zuletzt gebeichtet?« »Schon lange nicht.« »Wann denn das letztemal?« »Im Gymnasium, vor zwei Jahren vielleicht.« »Vielleicht!« bekreuzigte sich der Geistliche. »Seitdem ich nicht mehr muß, habe ich nicht mehr gebeichtet,« trotzte Dieter. »Gott verzeih dir die Sünde, armer, verirrter Mensch.« Ohne sich durch den verstockten Freigeist abschrecken zu lassen, befahl der Geistliche Dietern die Beichtformel nachzusagen: »Ich armer, sündiger Mensch beichte und bekenne Gott dem Allmächtigen und Ihnen, Priester, anstatt Gottes, daß ich seit meiner letzten Beichte, welche vor zwei Jahren geschehen ist, oft und vielmals gesündiget habe.« Als der Fragende fortfuhr: »Insbesondere aber gebe ich mich folgender Sünden schuldig,« weigerte sich Dieter, irgendeine aufzusagen. So mußte der Beichtiger ihm jedes Vergehen abfragen. Er hatte keine anderen Götter neben dem einzigen gehabt und hatte den Sonntag geheiligt, wie alle anderen Tage der Woche, so weit ihm das letztere möglich gewesen, Vater und Mutter hatte er geehrt, auch niemand getötet. »Das sechste Gebot können Sie sich ersparen.« »Also rein und keusch,« sprach der Geistliche mit lächelnder Befriedigung. Stehlen und falsches Zeugnis entfiel auch, blieb das Gelüsten nach des Nächsten Hausfrau. Dieter verneinte: »Ich wohne in der ethnographischen Gesellschaft, da gibt's keine.« So schloß die Beichte und der Priester versprach, nachdem er Dietern eingeschärft, keine Speise mehr zu sich zu nehmen, um für den Leib des Herrn bereit zu sein, frühmorgens ihm die heilige Wegzehrung zu bringen und ging. Zu Beginn der Nacht erschien Dieters Vater, merklich verstört und seine Angst mit bestürzter Freundlichkeit verbergend. Man hatte ihm, wie es üblich ist, einen andeutenden Brief geschickt, der Zustand seines Sohnes sei besorgniserregend, und er möchte bald kommen, um ihn jedenfalls noch sprechen zu können. Da war er nun und fragte: »Ja, was ist denn mit dir mein Buba, hast du denn Schmerzen, geht's dir schlecht, aber du schaust ja ganz wohl aus, was machen sie denn für einen Unsinn mit dir?« Dieter lachte: »Mir fehlt ja nichts, ich weiß nicht, was sie von mir wollen, gerade war ein Geistlicher da und ich habe beichten müssen.« »Das auch noch, hast du denn wollen?« »Nein, aber er hat mich nicht ausgelassen.« »Nun, das mag mit dreingehen, das wird dir nicht geschadet haben, man kann solche Bräuche schon einhalten, du weißt ja, was ich davon denke, wenn's der Kaiser tut, können wir's auch, aber das Wichtigste ist, was mit dir geschieht.« »Sie haben was davon geredet, daß ich morgen soll punktiert werden. Was ist denn das?« »Oho,« fuhr der Alte auf, »ich will ihnen was punktieren, da muß ich auch noch gefragt werden. Du bleibst jetzt ganz ruhig. Ich komme in der Früh wieder. Sie werden dich bei Nacht hoffentlich ungeschoren lassen. Sollten sie aber mit dir was Ernstliches vornehmen wollen, so sagst du, dein Vater erlaubt es nicht, und du auch nicht und läßt sie nichts anfangen, hörst du! Ich renne mittlerweile gleich zu meinem Freund, dem Perser-Kohn, du kennst ja den Doktor, damit er kommt und dich untersucht, der versteht seine Sache besser, als diese vertrackten Spitalsherren, sag' nur niemand was davon, insbesondere verrat ihnen nicht, daß er ein Arzt ist, er soll dich wie ein gewöhnlicher Gast besuchen. Dafür, daß man ihn einläßt, will ich schon sorgen, und jetzt schlaf gut, Buba, morgen ist auch noch ein Tag.« Damit schüttelte er seinem Sohne die Hand, wie diesem dünkte, etwas länger und stärker, als sonst, wobei er seinen Kopf abwandte. Und gleich war er bei der Tür draußen. Es verging nicht mehr als eine Stunde, bis der Perser-Kohn eintrat. Das war ein merkwürdiger Mann, auch eines der interessanten Mitglieder der ethnographischen Gesellschaft, welcher dem Diener des Vereins Freundschaft und Teilnahme angedeihen und sich nicht zweimal bitten ließ, wenn es eine dringliche Hilfe galt. Er war als Arzt lange Jahre in der Welt herumgekommen und hatte als Leibmedikus des Schah von Persien zu Teheran eine geehrte Dienstzeit verbracht, bis er sich mit schönem Vermögen, ansehnlichen Titeln und Orden nach Wien zurückzog, wo er, mehr zum Vergnügen, als um des Gelderwerbs willen, in der Leopoldstadt eine ausgedehnte Praxis betrieb, die er vorzüglich armen Glaubensgenossen angedeihen ließ. Dieter kannte ihn schon vom Ansehen und hatte über das eigentümliche hurtige und heitere Wesen des alten Mannes immer lächeln müssen, jetzt tat er's mit wehmütiger Beruhigung, als der Perser-Kohn, so geheißen nach seiner teheranischen Vergangenheit, breit in der Tür erschien. Säbelbeinig watschelte er, ohne sich umzusehen, auf Dieters Bett zu und wußte ohne Fingerzeig, wo sein Schützling hause. Beim Gehen, Stehen, Sitzen, was immer er tat, ob er sprach, oder schwieg, zuhörte oder fragte, verrichtete er eine nur ihm eigene nervöse Bewegung, indem er unaufhörlich mit den Fingern seiner beiden Hände klimperte, wie beim Spielen an einem unsichtbaren Klavier. Also mit den beiden Händen klimpernd, setzte er sich zu dem Patienten, fragte kurz nach dessen Befinden und etwaigen Symptomen, klimpernd befühlte er zart die Schläfen Dieters, klimpernd griff er sacht unter die Decke an den Leib, fingerte ein wenig daran herum und sprach, seine Stimme dämpfend: »Nun, nun, ganz in Ordnung sind wir ja nicht, aber viel hat die Sache nicht auf sich. Punktieren, Unsinn! Diese Schwachköpfe, wir werden schon mit ihnen reden. Aber das geht dich nichts an, mein Sohn. Operieren, da wären sie gleich dabei, weil sie einen aufschneiden müssen, um zu sehen, was drin ist. Der Perser-Kohn braucht das nicht. Morgen kommst du zu deinem Vater nach Haus. Aber sprich nicht davon. Ich will schon dafür sorgen, so wahr ich der Perser-Kohn bin. Du bist ganz gut gestellt und wirst gesund und so Gott will, länger leben, als diese Aufschneider. Ich wollte, ich wäre so ordentlich beisammen wie du, Blinddärme haben wir alle, was für Faxen! Schlaf gut.« Und schon stand er auf und wackelte auf den Zehenspitzen, daß seine Schuhe knarrten, mit den Fingern klimpernd, welche Dietern nun eine hörbar angenehme Musik zu spielen schienen, wie ein leiser Schutzgeist, von der Pflegerin mit staunenden Blicken verfolgt, aus dem Saale hinaus. Dieter schlief ein und wurde spät, schon beim grauenden Morgen durch das Licht einer Kerze geweckt, die der Geistliche über ihn hielt, der ihm die Kommunion reichen wollte. Dieter blinzelte nur eine Sekunde lang und warf sich dann auf die andere Seite und tat, als ob er schliefe. Der Geistliche berührte ihn leise an der Schulter, aber Dieter atmete tief und heuchelte Schlummer. Der Mann beriet sich dann mit der Pflegerin, welche sagte, ihr sei aufgetragen worden, den Kranken nicht wecken zu lassen. Da mußte der Priester kopfschüttelnd unverrichteter Dinge abziehen. Dieter freute sich darüber und entschlief nun wirklich. Etliche Stunden nachher erschien der Primarius, diesmal allein, befingerte, beklopfte und behorchte sein Opfer und machte auf einmal ein freundliches Gesicht, nun sei die Krisis doch glücklich überstanden, die Operation erspart, und wenn Dieter sich brav halte, dürfe er am nächsten Tage, freilich mit aller Vorsicht zu seinem Vater nach Hause zurückkehren. »Aha, du Schlankel,« dachte der Patient, »hat dich der Perser-Kohn belehrt, wo sind deine Herren Schüler? quod non, mein Bester!« Und tags darauf fuhr er mit seinem Vater in einem Einspänner als Befreiter in die Aula zurück. Der Perser-Kohn hatte aber geboten, er müsse sich ihm sofort vorstellen, um sich nun sachgemäß behandeln zu lassen. So besuchte ihn Dieter gleich, noch ohne gegessen zu haben, in seiner Wohnung auf der Praterstraße. Da saß der Perser-Kohn nach türkischer Weise, die beiden Säbelbeine unter dem Leib gekreuzt, auf einem breiten Lehnstuhle vor dem Schreibtisch, dessen Papiere, Eprouvettegläschen, Werkzeuge, so angeordnet waren, daß er sie bequem erreichen konnte. Dieter vermochte sich jedoch der Vorstellung nicht zu erwehren, der Perser-Kohn müsse wie ein Gummiball auf den Tisch schnellen, um zu fassen, was er von dort benötige. An des Sitzenden Seite stand seine würdige Gemahlin, eine alte, fromme Jüdin, sie hatte kurz geschorenes Haar, über welchem eine sorgfältig gescheitelte Perücke bis zu den Ohren und zum Genicke so ruhte, daß darunter an den Rändern der kahle Kopf hervorsah. Sie hielt einen Silberlöffel in der Hand und zwar an der Kelle, damit der Griff zum Indiezungestecken und Indenhalsschauen frei bleibe und reichte dieses wichtigste Werkzeug der Untersuchung ihrem Gemahl, der zuerst Dieters Rachen besah, dann ihn splitternackt sich ausziehen ließ. »Meine Frau hat schon so etwas gesehen, Sie brauchen sich nicht zu schämen.« Hierauf beklimperte er den ganzen Körper des Jungen, horchte, tastete, klopfte und fragte, ohne heftig zu drücken oder gespannt besondere Vorzeichen abzuverlangen, dann ließ er ihn sich wieder ankleiden und begann seine Verordnung. »Ihr Vater, mein Lieber, ist doch wirklich ein grundgescheiter, braver Mann, er scheint Sie recht gut erzogen zu haben, denn Sie gefallen mir wohl, zu allem Notwendigen hat er Sie angehalten, zur Religion, Gott sei dank nicht, wie ich mit Befriedigung konstatiere, aber das wichtigste hat er vergessen, eine geregelte Verdauung, ohne welche die beste Erziehung nur einen stumpfen Menschen hinterläßt. Ein pünktlicher Stuhlgang, mein Lieber, ist die einzige Bürgschaft des Erfolges, der Begabung, des Reichtums und Glückes.« Nun machte er dem Dieter eingehende Vorschriften zur Erzielung dieser schönsten Eigenschaften und ließ sich das Ehrenwort geben, daß sie genau sollten befolgt werden. Der Patient handelte nach den Weisungen des Perser-Kohn und gewann bald mit der wichtigsten Eigenschaft die volle Gesundheit und Laune, so daß sein Blinddarm sich wieder still und anständig verhielt. Dann nahm Dieter den Besuch der Handelsakademie und die Wanderungen mit Toni auf und hatte das Abenteuer seiner Krankheit schon ganz vergessen, als eines Abends sein Vater zu ihm in die Bibliothek kam und dem Sohne, welcher seine Lektüre rasch unter die Anlagen eines vielfach rastrierten Kontobuches geschoben hatte, eine schwarzgeränderte Todesanzeige reichte. Nach einem raschen Blicke rief Dieter: »Der Perser-Kohn,« und sah bestürzt den Vater an. Dieser nickte trübselig und sagte: »Ja, und seine Frau hat mir sagen lassen, es sei sein letzter Wunsch gewesen, du möchtest zu seinem Leichenbegängnis kommen, was sich freilich von selbst verstanden hätte. Richte dich also morgen ordentlich her.« Dann lasen sie miteinander genauer die merkwürdige Anzeige, welche am Kopfe die Inschrift trug: »Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen,« darunter erwies eine genaue Zitierung, daß dieses Wort im Koran, da und da zu lesen sei, denn der Perser-Kohn erkannte das heilige Buch des Morgenlandes, seiner zweiten Heimat, lieber an, als das seines angestammten Bekenntnisses. Dann hieß es: »Ich bin nach einem, wie ich hoffe, für die Menschen nicht ganz unnützlichen, mühevollen Leben im neunundsechzigsten Jahre meines Alters am sechzehnten Juni um sieben Uhr abends an einem Magenkrebs gestorben.« Diese Zeilen hatte er lange vor seinem Tode genau aufgesetzt und mit der Hellsichtigkeit des Arztes und des um sein Sterben Wissenden selbst den Tag voraus angegeben und nur die Stunde freigelassen, welche von der Gattin nachträglich hineingesetzt worden war, da alles andere sonst seine traurige Richtigkeit erwiesen hatte. Dieter war sein letzter Patient gewesen, dann hatte er sich eingeschlossen und war noch vor dem Ende und Verfalle in die Einsamkeit und Qual seiner letzten Krankheit untergetaucht, um von niemand gesehen und bedauert zu werden. Den getrosten Fatalismus der Mohammedaner, welche, wie er, auf gekreuzten Beinen dem Schicksal ruhend entgegenblicken, hatte der wunderliche Arzt in seine Wissenschaft und in das Abendland heimgebracht. In der Wohnung des Verstorbenen herrschte eine bescheidene Stille, viele Anwesende standen an den Wänden. Im Arbeitszimmer, das wie sonst geblieben war, lag er, den Kopf gegen die Fenster, welche nach Osten gingen, das Kinn mit einem weißen Tuche zurückgebunden, die Augen geschlossen und über der mächtigen, tief bis in die spärlichen, grauen Locken zurückreichenden Stirn, über der großen, breiten, gebogenen Nase einen unvergeßlichen Ausdruck von Weisheit, welche ganz in Stille gewandelt, oder von Stille, welche ganz Weisheit geworden ist. Am Kopfende erhob sich auf einem Schemel ein schlankes, zartes, vielblättriges Gewächs, welches des Verstorbenen Unsterblichkeit sowohl, als auch sein sterbliches Teil Eitelkeit verklärte, indem er diese, im Untergang begriffene Pflanze in Persien gefunden, das letzte Geschöpf der Art gepflegt und nach Europa gebracht hatte, wo ihre Ableger, wie das hier aufgestellte Urbild, in der gelehrten Obhut des botanischen Gartens gediehen, so daß sie sich forterbte und für die Welt gerettet war. Die alte Gemahlin des Perser-Kohn begrüßte Dieter mit Schluchzen und führte ihn gleich, ebenfalls nach einer Anordnung des Verblichenen an den rohen Brettersarg. Und nun mußte dieses zweite, gerettete, dieses menschliche Reis, seine Hand an den Fuß des Toten legen und, wie ihm die alte Frau vorsagte, versprechen, vernünftig und nach den erhaltenen Weisungen zu leben, damit er seinem braven Vater und einem heiteren langen Dasein glücklich erhalten bleibe. Weinend sagte Dieter nach, was er sollte und gedachte der einst so geschwind klimpernden Finger, welche ihm die Musik der Genesung gespielt hatten und nun so bald erstarrt dalagen. Sein Gelöbnis galt als Totengebet und dann trug man den Perser-Kohn zu Grabe. XIII. Zur Feier seiner Genesung und des Wiedersehens mit Toni beschloß Dieter, sie seien nun beide erwachsen genug und schuldeten es ihrem Stande, auch ein Kaffeehaus als Stammgäste zu besuchen. Freilich mußte es mit Bedacht gewählt werden, denn Toni durfte sich als Gymnasiast in öffentlichen Lokalen nicht ohne Begleitung der Eltern »respektive Vormünder« sehen lassen, wie es in der Schulordnung hieß, und Dieter konnte sich doch nicht eigentlich als Anstandsperson und Hüter ausgeben. Ferner durfte es auch kein kostspieliges Lokal mit Sammetbänken, elektrischer Beleuchtung und befrackten Kellnern sein, denn derlei Einrichtungen pflegen die dargebotenen Erfrischungen zu verteuern, ohne sie zu verbessern. So verfielen sie auf ein höchst bescheidenes »Tschecherl«, welches ihnen bei ihrem täglichen Weg von der Landstraße in den Prater mit der Fenstertafel winkte: »Kaffee acht Kreuzer.« Hier einzutreten, entschlossen sie sich, und fanden, was sie brauchten. Ein schmales Zimmer diente zugleich als Küche, indem hinter einem Schanktisch auf einem eisernen Herd von der alten Kaffeewirtin die Getränke bereitet und gemischt wurden, während vor dem Schanktisch, der sogenannten »Pudel« ein Billard den Raum verstellte und nur zwei schmale Tischchen für die Zuschauer übrig ließ, an denen sich die Spieler bedächtig vorbeidrücken mußten, um bei ihren weitausholenden Stößen niemand zu verletzen. Neben dem Billard engte überdies noch ein hoher Ofen den Platz ein. Ein einziger großer Tisch stand am Fenster, so daß die beiden Studenten von da das ganze »Kaffeehaus« wie die Straße überschauen konnten. Bei ihrem Besuche fanden sie das Billard mit einem Brett bedeckt und zu einem Tisch umgewandelt, an welchem ein »Finanzer« in Uniform mit dem Wirte, namens Faltisek und einem unbekannten Zivilisten Karten spielte. Im Hintergrunde lehnte ein recht zerlumptes altes Männlein am Ofen, als wollte er sich jetzt im Frühjahr den Rücken wärmen und beobachtete das Spiel, gab von Zeit zu Zeit mit hoher freundlich singender Stimme Glossen, Urteile, Ratschläge, wie es besser zu machen sei, ohne daß man ihn anhörte, oder auch nur einer Antwort würdigte. Dieter und Toni wurden von dem Inhaber des Lokals mit der ihrem Stande gebührenden Hochachtung begrüßt, bestellten je einen Slivowitz, welcher sich durch seine Billigkeit empfahl, das Gläschen kostete sechs Kreuzer, und widmeten sich der Lektüre der vorhandenen Blätter, der Beobachtung der Anwesenden und dem Genuß ihres Daseins im Kaffeehause. Der »Finanzer« wie der Zivilist rauchten sogenannte »kurze Zigarren«, das billigste und gottverlassenste Kraut der kaiserlich königlichen Tabakregie und schmissen die Stummel auf den Boden, der diesen Schmutz zum übrigen versammelte. So oft ein solcher Rest abfiel, sah Dieter den alten Zuschauer vorsichtig sich dem Platze nähern und den sogenannten »Tschik« aufheben, dabei vergewisserte er sich ängstlich, ob ihn niemand beobachtete, weshalb Dieter jedesmal rücksichtsvoll wegschaute. Dann steckte der Mann seine Beute rasch zu sich und kehrte zum Ofen zurück. Nach dieser seiner sinnfälligsten Eigenschaft nannten ihn die beiden neuen Gäste »Monsieur Tschik«. In dem Kaffeehause verbrachten sie nun ihre schönste freie Zeit, und das rauchige, schmutzige Zimmer dünkte sie ein besserer Aufenthalt, als der ganze Prater. Hier vernahmen sie zum ersten Male auch die sogenannte öffentliche Meinung und das Gesalbader der Politik aus zwei wichtigen Quellen. Das antisemitische Hauptorgan war gerade um diese Zeit gegründet worden und betrieb die öffentliche Hinschlachtung des Judentums als gewinnbringende Schauunternehmung mit einem allerdings eintönigen Gebrüll. Weil sich die Errichtung von Scheiterhaufen für das auserwählte Volk leider nicht so geschwind bewirken ließ, welches auch zum Selbstmord um keinen Preis zu bewegen war, und das Uebel seines Daseins nach Menschenart sogar vermehrte, hatte das Blatt täglich neuen Stoff und lebte von seinem Lebenszweck. So verzinste sich das böse jüdische Großkapital auch für seine Feinde. Es begannen die Zeiten, wo Gut und Böse, Sein und Nichtsein, Regen oder Schönwetter im Lande ausschließlich und hinreichend mit Jud' oder Nichtjud' begründet wurden, das schrie man in Wählerversammlungen, schimpfte im Parlamente, zeterte auf allen Gassen, predigte es von den Kanzeln und die politischen Gewerbsleute fanden ein neues einträgliches und bekömmliches Geschäft, der sogenannte »Liberalismus«, vertreten durch ein paar behäbige Fabrikanten, reiche Industrieritter, und durch bequeme Advokaten, welche auf den einstigen Freiheitslorbeern von anno achtundvierzig ausruhten, verkroch sich allgemach, indem er der Tapferkeit bess'res Teil, die Vorsicht wählte, und wie er sagte »angewidert vom Bierbankton«, die Weite platonischer Verachtung und stillen vorteilhaften Bank- und Börsengewinnes aufsuchte. Binnen wenigen Jahren kamen die schreienden Bezirksgrößen zu Macht, taten sich als antisemitische Gründung auf, bildeten eine Reichspartei, wurden hoffähig, nahmen die Kurulischen Stühle ein, stimmten ihren Judenschlachtruf mit staatsmännischer Mäßigung an, so daß er auch feineren Ohren willkommen klang, steckten die öffentlichen Besoldungen verschiedener Aemter ebenso beflissen ein, wie sie es den einstigen »Liberalen« vorgeworfen und lenkten den Staat ebenso gut und ebenso schlecht wie er bisher bedient worden war. Das heißt, der Karren blieb nach wie vor stecken, und sie riefen hüh und hott und taten, als schöben sie ihn mit ihren höchst eigenen Schultern, was allemal hinreichende Bewegung schien. Die verhaßten Juden lernten sich auch in diese Manier ebenso zu schicken, wie ihre Feinde sich mit ihnen zu vertragen, denn beide bedurften einander, wie jedes Spiel seines Widerparts. Mit den großen Juden schloß man in aller Stille die schönsten Geschäfte ab, während man die kleinen anbellte, es ist nicht reinlicher geworden, und je größer die törichte Maschine des öffentlichen Lebens sich auftürmt, desto mehr Unrat fällt aus ihrem Getriebe, und die sogenannte Korruption spielt wieder die Rolle des Düngers, der allgemeine Schaden nährt die Schädiger und die Hände waschen einander im schmutzigen Wasser. Das ist der Lauf der Welt. Damals aber herrschte der hellste Jubel über die entdeckte Grundursache des gemeinen Uebels. Und weil zu dieser Zeit auch das Zweirad aufkam, dessen Sportwildlinge viel Unheil anrichteten, pflegte Dieter das ganze Elend der Welt in dem Spruch zusammenzufassen: die Juden und die Radfahrer sind an allem schuld. Das zweite politische Organ aber war die »Arbeiterzeitung« und setzte einen roten Strich auf jeden schwarzen. Wenn die Kleinbürger den Juden anzeterten, tat sie es den Pfaffen, und während jene das mosaische Kapital schwarz machten, setzte diese einen roten Hahn auf alle beneideten Machtgüter der Welt. Sollte schon das letzte Mordio angehen, so mochte es sich über die ganze verachtete Gesellschaft erstrecken und keinen Stein auf dem andern lassen. Dieter und Toni waren zu jung, also nicht töricht genug, sich jenem Denkfehler der Verallgemeinerung zu überlassen, welcher zum Betrieb einer Politik und Partei notwendig gehört. Auch interessierten sie sich für das Warum weniger, als für das was und ließen sich deshalb die schwarzen, wie die roten Theorieen gleicherweise behagen, denn das Pathos, die großen Gebärden, die schwungvollen Ausrufe genügten vollkommen für ihre Unterhaltung, indem sie sie spaßig nachahmten und ins Lächerliche zogen. Der Bau der Welt und der gesellschaftlichen Ordnung, nach inneren, natürlichen Notwendigkeiten errichtet, überlebt seine zerstörenden Mächte, ja bedient sich ihrer, um nur allmähliche Veränderungen mit Ruhe zu bewirken, während die vielen Bausteine glauben, sie machten, was ein Meister für Jahrhunderte aus ihnen herstellt. Was weiß der Ziegelstein von der Säule, die er trägt, und was die Säule vom Gebälk, und selbst das überschauende Dach sieht wieder den Himmel über seinem Haupte, nicht die Quadern unter der Erde, welchen es Luft und Lust schuldet. Darum können freilich die Ziegelsteine, Säulen, Gesims und Dach das Philosophieren nicht lassen und treiben Politik auf eigene Faust, oder wie sie es eben verstehen, jedes um seiner selbst willen und mit seiner Anschauung von den andern allen. Nur die großen Baumeister der Geschichte wissen, wohin jedes Ding gehört und machen die verwirrte Ungleichheit aller einzelnen zur schönen Gerechtigkeit der Natur. Aber kein Ziegelstein hat jemals die Würde der Säule begriffen. Nur die Jugend ist glücklich genug, in diesem Bau des Lebens treppauf und -nieder zu wandeln und sich alle Kammern zu besehen, wie in einem märchenhaften Schloß. Noch liegt die Zeit fern, wo sie gezwungen wird, selbst irgendwie sich tragend und lastend zu ebener Erde oder im ersten Stock, als Quader oder Säule, Stütze oder Zierat unbeweglich einmauern zu lassen und dann als stummer Stein zu widerbellen: das hab' ich mir anders gedacht. So spazierten Dieter und Toni durch den Narrenturm der Politik ihres Vaterlandes und hatten ihren Spaß dabei. Es dauerte nicht lange, da waren sie reif für die Arbeit und das Leben und sollten irgendwo eingestellt werden und bleiben. Dieters Schulzeit näherte sich ihrem Ende. In der Akademie wurden vor den ernsten Schlußprüfungen allerhand pädagogische Nichtigkeiten gepflogen, von denen hier nicht weiter zu sprechen ist. Nur die sogenannten Redeübungen waren bemerkenswert, in welchen der deutsche Unterricht gipfelte. Sie bezweckten nämlich nach dem alten humanistischen Muster, die Jünglinge zu gewissen rhetorischen Leistungen zu befähigen, da ein angehender Kaufmann einer gewissen rednerischen Gewandtheit bedarf, um seine Geschäfte, die gebotene Ueberlistung des geschätzten Kommittenten, eine anständige Bevorteilung oder Beschwatzung mit Ehren durchzuführen. Kommt es doch im Leben so sehr darauf an, ob man den lieben Nächsten in die wohlfeile Wolle einschmeichelnder Beredsamkeit einwickelt oder vielmehr von ihm sich darein wickeln läßt. Dieters politisches Studium der lauten Parteiorgane im Café Faltisek befähigte ihn zu einer Leistung, die ihm einen denkwürdigen Abgang sicherte. Er hatte zum Gegenstand seiner Redeübung das interessante Volk von China gewählt und ließ sich zum Schlusse über das dortige Unterrichtswesen vernehmen. In der Akademie genossen nämlich, wie es der Absicht der mächtigen Gründer entsprach, die Angehörigen der reichen Handelshäuser und patrizischen Firmen das deutliche Wohlwollen und die geneigte Bevorzugung aller Lehrer. Dieter brachte seine treffende Beobachtung dieser aristokratischen Sitte des kaufmännischen Schulstaates in folgende, zugespitzte Fassung: »Auch in China sind die Professoren der Meinung, daß die Söhne der hohen Würdenträger stets auch die besten Schüler sind«. Der heiterste Beifall belohnte seine zarte Anspielung und der Professor selbst schmunzelte vergnügt. Dieter erwarb ein vortreffliches Abgangszeugnis als höchst befähigter Jünger des Handels. Freilich erschien das Ziel dieses ganzen Studiums: die Reise in ferne Länder arg in Frage gestellt, denn der Gönner, der ihn nach Japan nehmen sollte, war leider gerade in diesem Jahre gestorben. So stand dem Jüngling eine ernste Suche nach einem passenden Posten bevor, aber jetzt wollte er sich nicht weiter darum kümmern. Sein Vater würde schon zur Zeit das Rechte besorgen und das Schicksal ihn schon früh genug wohin stellen. Er schwenkte seinen Hut als freier Mann und begrüßte den steinernen Kolumbus und Adam Smith mit einem stillen: »Ihr könnt mich gern haben«. Bevor er nach Hause ging, um dem Vater seinen Erfolg zu melden, traf er den Toni, der am selbigen Tage mit Schmerzen das Zeugnis über die siebente Klasse bekommen hatte. Der Arme ging ihm mit gesenktem Kopf entgegen: »Durchgefallen«. Fleißig, aber einsam, durch das häusliche Ungemach bedrückt, von keinem nahen Freund beschützt, hatte er sich der griechischen Sprache nicht länger erwehren können und fiel nach heldenhaften Kämpfen unter den Streichen der Aoriste. Der Homer brach ihm vollends das Genick, und so lag er im Felde der vielen gymnasialen Leichen, wie so mancher arme Held vor und nach ihm. Wenn er es recht bedachte, taugte er doch zu nichts anderem, als zum Studium. Dieter schätzte Tonis scharfsinnige Begabung und eindringliche gelehrte Fähigkeit, der war besser als er und mochte getrost als ernsterer geistiger Mensch vor aller Welt Ehre einlegen, während er sich doch nur als schlauer Taugenichts gelten ließ. Der Schwerere aber fiel durch, der Leichtere schwamm munter auf der Oberfläche. Toni hatte Tränen in den Augen und wagte sich nicht nach Hause. Was würde der Vater sagen, nie konnte ihm der das Fehlschlagen aller Pläne, das ganze verlorene Geld und Jahr verzeihen, noch weniger würde er ihm erlauben, das Schulglück im Gymnasium weiter zu versuchen, auch würde das Griechische bei der Wiederholung sicherlich nicht besser, ihm schlief der Homer gewiß nicht. Lange gingen sie, der eine seine Freude, der andere seinen Kummer zugleich dämpfend und umso tiefer hegend, auf der Landstraße auf und nieder. Dieter tröstete den Toni, aber er wußte gar wohl, daß gegen den Jammer kein Kraut gewachsen ist, als die Zeit. Und gerade die Zeit fürchtete der Toni wie den bösen Feind, ein Jahr des Lebens sollte er wiederholen, das hieß, ein Jahr länger in Qual und Knechtschaft ertragen, abhängig von Not und Verdruß im Hause, ein Opfer jenes fürchterlichsten Gegners der Armen: der Langeweile, die über ihn die mächtigen Flügel schlug und seine ganze Jugend schwarz verhüllte, daß er das grüne Leben ringsum nur durch einen dunklen Schleier doppelt unnahbar, doppelt ersehnt wahrnahm. Was sollte mit ihm geschehen? »Es wird nicht den Kopf kosten«, wiederholte Dieter. »Ach kostete es ihn doch. Am liebsten möcht' ich mich ohnehin aufhängen, bin zu nichts gut auf der Welt. Du kannst hinaus, ich sitz' im Käfig.« Endlich begrüßten sie einander stumm und mit traurigem Blick, salutierten und gingen jeder seines Weges, Toni langsam und gebückt, Dieter aufrecht und rasch, der eine in das schmutzige Nest des Elends, der andere in den hohen, alten Palast, ein Sklave der eine, wie ein Fürstenkind der andere. »Wir hätten beisammen bleiben sollen,« dachten beide. Dieters Vater las zum ersten Male das Zeugnis seines Jungen vom Anfang bis zum letzten Wort, nickte befriedigt und zeigte eine gewisse Feierlichkeit, indem er seinem freigesprochenen Sohne die Hand entgegenstreckte und wie für eine Wohltat dankte, daß der Bursch nun nach vielen Jahren der Opfer und Mühen als erwachsener Mensch zu seinem eigenen Leben auf eigene Kosten und Gefahr für befähigt erklärt worden sei. »Nun kannst du dir eine besondere Reise wählen, mir ist eine Freikarte für dich versprochen auf einem Donaudampfer. Willst du nach Sulina hinunter, oder nach Passau hinauf? Überleg dir's und sage morgen, wohin du magst.« Die Fahrt nach Sulina war viel länger, als die nach Passau und lockte mit den Reizen der weiten, ebenen, unübersehbaren Landflächen, der Weg nach dem Osten verhieß die große geheimnisvolle Unendlichkeit der Erde. Budapest ist die letzte Stadt, welche sich im Wasser des gelben Stromes spiegelt, dann beginnt der Sand der Wüste, in welcher die Menschen leben, gleichviel, wer sie beherrscht und was für Namen sie tragen. Wo die Berge ragen, da gibt es Kampf, die Berge streiten mit, wer sie überwinden soll und wen sie begrenzen, sagt der Glaube diesseits ja, so murrt der jenseitige nein, und Adlerwünsche fliegen über die Alpen, die Gewissen ringen um Sprache, Sitten, um das waldige Land oder um das blauüberleuchtete des Südens, Päpste und Kaiser, Deutschland und Italien eifern, eins des andern ersehnter Blutfeind, im Osten aber wächst kein Fels, und keine Grenze scheidet Sand von Sand, einerlei, ob ein Beg im Turban herrscht, oder ein Obergespan mit verschnürtem Rock, die Sieger lösen einander mit höfischen Verbeugungen ab und die Völker, Körner Sandes im Sande, küssen die Stiefelabsätze, von denen sie getreten werden. Wer die Unendlichkeit der Welt sehen will, der muß ans Meer und in die Wüste gehen, die Berge wachsen ein Stück in die Höhe, scheiden ein schmales Tal vom nächsten und drängen sich im Engsten auf einen Haufen, die offenen Ebenen aber streichen in die weiteste Ewigkeit, Zeit und Raum wachsen auf dem Sande als eine verschwisterte, von Erd und Himmel umfaßte Einheit, in welche der kleine Mensch versinkt. Alles Tun zerrinnt wie ein Sandkorn und aller Traum erneut sich als das einzige Tun in der gewaltigen Unmeßbarkeit der Fläche, wie das Auftauchen schöner Luftgebilde. Möven fliegen mit dem Schiffe, wenn aber die Wüste beginnt, werden Geier kreisen, buntscheckige Bauern aus Rumänien werden den Dampfer vom Gelände her anstarren und ein hartes Geschöpf aus Eisen wird durch die schwere Welle pflügen, von Ebenen rechts und links in die Flanke gefaßt, von einer drohenden Unendlichkeit gepreßt, doch unbegreiflich, und Dieter wird am Kiel stehen, als Herr der Aussicht, die für ihn sich hinstreckt, wie ein ewiger Feind, der Osten liegt zu den Füßen des stählernen Europäers, der gelbe Dämon Asien sperrt seinen Wüstenrachen auf, und ein kleines Fahrzeug zieht ihm furchtlos durch die Zähne. Aber gerade, weil er sich den Osten so schön erträumte, entschied er sich für den Westen, und auch weil Toni ein erstaunliches Glück im Unglück meldete, sein Vater sei so voll Zorn gegen ihn, daß er den durchgefallenen Studenten nicht mehr sehen wollte, er müsse ihm aus den Augen gehen. So habe man in der dümmsten Wut das Allerbeste beschlossen, ihn für den Sommer ins Innviertel, in die Heimat des Vaters zu schicken, dort müsse er sich mit dreißig Kreuzern für den Tag verköstigen und Quartier schaffen, mehr brauche er auch hier nicht. Toni hatte das Schulunglück über dieser Aussicht auf die erste Ferienreise bereits ganz vergessen und schwärmte von Bauernherrlichkeit, Schnadahüpfln und Landschaftsseligkeiten, er stelzte schon wie ein Sieger, warf sein Hütel in die Luft und versuchte einen Juchzer. Dieter wollte deshalb nach Passau fahren und von dort einen Abstecher ins Innviertel machen, um Tonis Sommerglück zu besichtigen und für ein paar Tage etwa zu teilen. Kurz nach Tonis Abfahrt bestieg Dieter den weißen Dampfer, der, gemessen das schäumende Wasser teilend, stromaufwärts fuhr. Im hügeligen Lande blickten freundliche Dörfer und kleine helle Weinstädtchen den Reisenden entgegen. Man zog an einem hohen Schlosse vorüber, das von einem waldigen Berge herab mit gelber Front und schimmernden Fenstern wie ein stolzer Herr über das lachende Land schaute. Da wußte Dieter: das ist das Eichendorffsche Schloß aus dem »Taugenichts«, und hätte er jetzt aussteigen und durch das schöne Portal eingehen können, so hätte er sicherlich den griesgrämigen Türhüter mit Bandelier und Stab und Zweispitz, die lustigen Jungfräulein und gar den Taugenichts selber angetroffen, sein leibhaftiges Ebenbild und seinen nichtsnutzigen Ahnherrn. Das Wasser des Stromes aber schäumte unter dem Rade des Dampfers weiter, der sich fortarbeitete, so daß das Schloß bald hinter den benachbarten Bergketten versank. Zwei zierliche junge Damen standen auf dem Verdeck und fanden bei der Menge der Fahrgäste gar keinen Raum zum Sitzen, da beeilte sich Dieter, aus der Kajüte, wo er die bekannten Klappstühlchen nutzlos aufgeschichtet wußte – er hatte das Schiff gleich zu Beginn der Fahrt von unten bis oben untersucht –, drei solche hinaufzuholen. Er bot deren zwei ritterlich den Fräulein, welche gar freundlich »danke« sagten. Wie man aber diese angenehme Bekanntschaft weiter ausspinnen und unterhaltsam zu einem artigen Reiseabenteuer gestalten könne, wußte Dieter noch nicht. Er hielt es darum für angemessen, sich in einiger Entfernung von den Damen gleichfalls niederzulassen, sie freundlich zu beobachten und das Weitere von ihnen zu gewärtigen, indem sie sicherlich einen zarten Wink geben würden, wenn er ihnen als Kavalier zu Gesicht stünde. Nun ist freilich von den Jungfern nicht zu verlangen, daß sie den Ritter herbeirufen, der von rechtswegen aus eigenem eine Bekanntschaft anzuknüpfen hat. So konnten sie bei der nächsten Nachbarschaft nicht zueinander kommen. Und wie Dieter meinte, hätten sie es doch leicht gehabt, ihn heranzuziehen, denn sie ließen sich aus dem Schiffswirtshause Schinken und schönes Obst bringen und verzehrten es mit allem Behagen, ohne ihm auch nur ein Stückchen anzubieten. Vielmehr lachten sie und speisten unter Scherzen, deren jeden er als Spott auf sich bezog, weil er daran nicht teilnehmen durfte. So bestärkte er sich in seinem alten Ingrimm gegen das falsche Weibergeschlecht, bekam beim tatlosen Zuschauen selber Appetit, stieg entrüstet in die Kajüte hinab und bestellte ein ordentliches Essen, welches er trotzig genoß. Dann ging er den Damen für eine Weile aus dem Wege, beobachtete die andern Passagiere und Schiffsmerkwürdigkeiten, und als er schließlich die beiden hübschen Mädchen doch wieder finden wollte, waren sie verschwunden und wohl irgendwo in der Wachau gelandet. Einsam langte er in Passau an, besichtigte die Stadt, die an drei zusammenfließenden Strömen altertümlich und mit ruhiger Würde sich hinstreckt, übernachtete in einem Bauerngasthofe und machte sich Tags darauf nach dem Innviertel auf den Weg. Er wanderte in der Sommerhitze durch gelbe Felder, über Waldstraßen, bergauf und nieder, bis er zu einem Dorfe kam, das noch ungefähr vier Stunden von Tonis Ort entfernt war. Vor einer alten Kapelle, die an einem vielbewachsenen, von Brennesseln, Hollunder und blühendem Unkraut ausgefüllten Graben lag, machte er Halt, denn drei verschiedene Sträßlein zweigten nach drei Richtungen ab, und er überlegte, welche er einzuschlagen hatte. Schon entschied er sich für eine und begann dahin zu traben, als aus dem Busch ein Ruf kam: »Vor einer heiligen Kapelle könnt' einer schon gelobt sei Jesus Christus sagen.« Und damit sprang der Toni hervor und fiel ihm um den Hals. Nun wanderten sie miteinander in sein Dorf. Da lebte Toni in tausend Freuden. Im Wirtshause bekam er eine dünne Suppe, Geselchtes mit Kraut und einen sauern Wein jeden Tag und mußte auf der Holzbank schlafen, aber noch nie war's ihm im Leben so herrlich ergangen, mit den Mähern zog er ins Feld und arbeitete, band Gras und Stroh, fuhr abends auf den hohen Heuwagen zu Tal, sein Geigenspiel stand in Ansehen, und er mußte sich Sonntags in der Kirche neben der Orgel, abends in allen Wirtschaften der Umgegend zum Tanz hören lassen, wo es eine Hochzeit, Kindtaufe oder Begräbnis gab, erschien er als gefeierter städtischer Gast und aß und trank sich voll nach Herzenslust. Zum Beweis schleppte er Dietern sogleich zum Leichenschmause eines reichen Bauern. In der Stube, die von hungrigen Leidtragenden wimmelte, nahmen sie, ungebeten, doch willkommen an dem besetzten Tische Platz und wurden bedient, wie alle andern. Ja, als Toni noch Hunger, oder Lust hatte, dem Freund die Gastfreundschaft der Innviertler zu beweisen, holte er sich auf diesen beiden Tellern einen vollen Nachtrag von Eßherrlichkeiten. Und dann trat man, sehr gesättigt und dadurch schwermütig gestimmt, wie es die Sitte verlangt, vor die Witwe, verbeugte sich schweigend und brachte sein Beileid zugleich als Dank vor, wischte darauf zur Tür hinaus und in einiger Entfernung begann Toni zu singen: »So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage«, warf sich ins Gras, lachte, Dieter warf sich neben ihn und sie schliefen wohl eine Stunde in der Sonne. Eine Nacht verlebte Dieter bei seinem Freunde, dann aber erklärte er, aufbrechen und heimkehren zu müssen. Warum er so unbeugsam darauf bestand, eben nach dem Wiedersehen auch schon davonzugehen, wußte er selbst nicht. Sein Vater hätte ihn gerade so gern hier auf Sommerfrische einen Monat oder zwei leben lassen, wie irgendwo anders, und er hätte den Toni einmal so recht ungestört neben sich haben dürfen, wie es für die Freundschaft paßt. Aber vielleicht eben deshalb trug er Scheu, ein Zusammensein zu versuchen. Ihre Freundschaft war nicht für alle Tage, sondern für das Abenteuer, für winterliche Zeiten und Schicksale, sein Sommer aber gehörte der Einsamkeit und seinen eigenen ungeteilten Erlebnissen. Ein dunkles Gefühl trieb ihn fort, sich zu wahren und sein eigenes Glück, weiß Gott wo in der Welt zu suchen, wie Toni das seine gewinnen mußte. Dieselbe Neigung, die einen Menschen zum andern führt, legt einem auch eine dunkle Ahnung von notwendigem Leid und gerechter Trennung auf, mit der Pflicht, sich selbst vor dem stärksten Gefühl zu schützen, das durch allzu heftige Gemeinschaft um seine Würde oder Scham käme. So wagte auch Toni gar nicht, Dieters Entschluß zu tadeln. Wie immer nahm er den Willen des Genossen als dessen Recht an, obgleich ihm der Abschied naheging. Er begleitete den Dieter bis nach Passau. Acht Stunden lang wanderten sie, schweigsam und bekümmert, über gelbe Felder, über Waldstraßen, bergauf und -nieder, an der Kapelle vorbei, an dem Brennesselgraben, sie sprachen kaum ein Wort, eine tiefe Beklommenheit lag ihnen auf der Brust, als winkte hinter jedem von ihnen ein unbekanntes Schicksal, zu welchem sie allein und ohne Freund rückkehren müßten, wenn sie einmal beim Schiffe Abschied genommen hätten. Dieser dumpfe Schmerz verhüllte ihnen die ganze weiße Sommerlust ringsum, in welcher sie doch als befreite und von rechtswegen muntere Gesellen wandelten, sie spürten in den Augen heiß aufkommende Tränen und ihre Kehlen waren trocken. Warum sich finden, um sich zu verlassen, warum zueinander gehören und sich scheiden? Und doch paßte beides zusammen und zu ihnen, nichts konnten sie tun, was ihnen nicht heimlich, aber wie notwendig gesagt war von einem Schicksal, das unsichtbar jeden Schritt bestimmte und sich vielleicht in Tat und Ausklang erfüllte, wenn das Schiff davonzudampfen begann, das den Dieter nach der alten Stadt zu tragen bestimmt war. Unter lautem Weinen fiel Toni dem Dieter um den Hals, als sie auf der Landungsbrücke standen und Dieter weinte gleicherweise. Jetzt hätte Toni sagen sollen: »Bleib hier,« und wer weiß, der andere wäre geblieben, hätte den Hut geschwenkt und wäre lachend mit ihm auf demselbigen Wege umgekehrt. Aber Toni sagte nichts, als sei der Abschied unabwendbar. So wurde er's, und lange winkte Dieters Taschentuch vom Schiffe dem Taschentuche Tonis am Ufer Grüße zu. Ohne sich viel um etwaige Damen zu kümmern, ließ Dieter bei der rascheren Talfahrt das Land an sich vorüberziehen und fand sich schnell genug am Praterkai und wieder in der Aula vor seinem Vater, der ihn nicht ohne Erstaunen nach so kurzem Fernbleiben willkommen hieß. Dieter gedachte keineswegs den schönsten Sommer seiner so kurz abgemessenen Freiheit in der heißen Stadt totzuschlagen, er wollte vielmehr wie sonst irgendwohin auf Ferien gehen und betrachtete die kurze Reise nur als Extravergnügen, aber es war seine Sache nicht, dem Vater derlei nahezulegen, oder rundweg zu fragen: »Wohin jetzt mit mir?« Das mußte der Alte von selbst sagen und bestimmen, wie es sich gehört. Darum wanderte Dieter vorläufig in den Prater, um selber zu spüren, wie der Toni sonst den Sommer hier verbrachte. Mit unsagbarer Langweile ließ er sich von den Blechmusiken in den drei Kaffeehäusern ihre öden Stücke vorrasseln, trabte unter den armseligen Abendmüßiggängern umher und schlich bekümmert nach Hause, nicht ohne stets dem Vater einen traurigen Blick zuzuwerfen, aus welchem dieser etwa die Frage lesen sollte: »Wie lange noch?« Drei Tage schien der Vater nichts zu verstehen; am vierten endlich fragte er: »Nun Buba, was wird's denn eigentlich mit dir?« »Ich denke, ich soll aufs Land gehen.« »Freilich, freilich und wohin denn, möchtest du vielleicht wieder einmal zu den Nemec nach Böhmen?« »Warum nicht?« So wurde es beschlossen und erleichtert packte Dieter seine Siebensachen, er sollte ins schöne Schloß des Freiherrn, den Bubi wiederfinden und die Baronesse Tinka, welche jetzt wohl schon eine erwachsene, schöne Dame geworden war und die freundliche Josefine Wacha. Bei allen diesen Aussichten wurde es ihm warm ums Herz. So fuhr er hin. In aller Morgenfrühe kam er in der Station an, von welcher der Postwagen eine gute Weile nach dem Schlosse zu fahren hatte. Der ging aber erst in zwei Stunden. Daher ließ sich Dieter im Gasthause nieder, trank einen Kaffee und machte sich auf seine Wartezeit gefaßt. Die Wirtsleute mußten als Bauern zu Felde gehen, daher zahlte er seine Zeche und sie ließen ihn dann allein sitzen. In der dumpfen Stube gefiel es ihm nicht, er trat darum vors Haus, legte sein Bündel auf die Bank und spähte gerade nach allen Richtungen aus, von wo ihm der Abenteuerwind etwas Gutes oder Böses zuwehen wollte, als auch schon eine vornehme Reisekarosse, mit Koffern beladen, von einem strengen livrierten Kutscher gelenkt, in einer Staubwolke daherkam und just vor ihm hielt; die Pferde scharrten mit den Hufen und schnaubten, der Kutscher sprang herab, öffnete den Wagenschlag und beugte sich hinein, um einen Befehl entgegenzunehmen. Dann trat er mit nachlässiger Hoheit auf Dieter, als auf einen landeskundigen Wanderburschen zu und fragte von obenher: »Die Frau Gräfin wünscht ein Frühstück.« Dieter zuckte die Achseln und sagte, die Wirtsleute seien aufs Feld gegangen, das Haus leer. Schon winkte aber die Herrin des Wagens selbst, so daß Dieter unwillkürlich an den Schlag eilte, bescheiden die Mütze zog und in der Hand behielt. Drin saß recht mißmutig eine uralte, runzelige Dame in starrem schwarzen Seidenkleide, weißhaarig und stolz und sprach ihn an: »Ich möchte einen Schinken haben!« Dieter zuckte wiederum die Achseln. Da glaubte sie, er verstünde nicht deutsch und fragte: »Versteht Ihr mich?« »Gewiß, Ihro Durchlaucht,« antwortete Dieter, denn er wußte, wie man reisende Gräfinnen zu behandeln hat. »Also dann bring' Er mir einen Schinken und ein Glas Wasser.« Wiederum erklärte Dieter, die Leute seien auf dem Felde, also dürfte das Gewünschte nicht leicht zu beschaffen sein, zumal er nicht wisse, wo die Wirte eigentlich arbeiteten. Die Dame schien aber mit dem Eigensinn ihres Alters und Hungers seine Rede gar nicht zu beachten, sondern wiederholte strenger und gebieterischer, als gebe es keinen Widerstand, wenn sie etwas befehle. »Ich will einen Schinken und ein Glas Wasser.« Da mußte Dieter folgen, dachte: »Vielleicht finde ich selber in der Stube das Verlangte,« ging ins Wirtshaus zurück, kramte in allen Laden und entdeckte richtig einen großen Schinken, von welchem er so viel herunterschnitt, als ihm für die Durchlaucht angemessen dünkte, wickelte die Scheiben in ein Stück sauberes Papier, hinterlegte dreißig Kreuzer als gebührende Zahlung auf den Schanktisch, dann nahm er ein reines Bierglas aus dem Schrank und ging zum Brunnen im Hofe. Er pumpte Wasser und verkostete es selber. Es schien ihm passabel, wenngleich nicht sehr frisch. Darum hauchte er das gefüllte Glas von außen an, so daß es sich mit dem schönsten Beschlage überzog, als enthalte es den kältesten Trunk einer Felsenquelle. Mit einer tiefen Verbeugung überreichte er die beiden gewünschten Dinge der wartenden Gräfin, welche besonders das frische Wasser rühmte. Sie gab ihm mit leichtem Dank das Glas zurück, das er in die Schankstube zurückbrachte, dann trat er wieder zum Wagen, neugierig, was nun weiter erfolgen werde, nicht ohne sein Bündel aufzunehmen und sich als reisefertiger Wandersmann darzustellen. Die Durchlaucht konnte nicht umhin, seine Rüstung zu bemerken und fragte, wohin er gehe. Dieter nannte sein Ziel, da antwortete sie: »Ich fahre in derselben Richtung, Sie können mitkommen, wenn sie wollen.« Nun dachte sie gewiß, er würde sich auf den Bock zum Kutscher begeben, wohin seinesgleichen gehört, aber Dieter legte, nicht ohne Hochmut mit Dünkel zu vergelten, sein Bündel auf den Sitzplatz neben den Lenker. Das Rückbrett war mit Koffern der Gräfin vollbeladen, so blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm im Innensitz Platz zu machen. Mit einem vernehmlichen Seufzer rückte sie ein wenig zur Seite, so daß er sich recht schmal machen mußte, um neben ihr kauern zu können. Doch tat er's mit aller Vorsicht und saß ganz am Rande der gut gepolsterten Lederbank, wie ein zum Abflug bereiter Vogel auf der Stange. Der Kutscher schwang die Peitsche, die Rappen griffen aus, der Wagen fuhr. Eine gute Weile schwieg die Gräfin und schien in fromme Betrachtungen versunken, endlich fragte sie so recht von oben her, wer Dieter sei und was er hier im Lande suche. Darauf stellte sich der Jüngling als reisender Student vor, der seine Vakanz zu Belehrung und Unterhaltung bei Verwandten in dieser Gegend verbringen wolle. Mehr aus Gewohnheit dem niederen Volke gegenüber, als vielleicht aus innerstem Bedürfnis fragte die Gräfin, ob Dieter auch recht fleißig zum lieben Gott bete. Das war dem Schalk eine passende Gelegenheit, der vornehmen Frömmlerin eins anzuhängen: »Nein, Ihro Durchlaucht,« antwortete er mit dem unschuldigsten Augenaufschlage. »Warum denn nicht, junger Mensch, so klein und schon so gottlos?« gab sie zurück. »Weil ich vom lieben Gott nichts erlangen kann, als was ich schon habe. Fehlt mir was, so ist's leider zum Bitten meist zu spät und vorher ist's ja überflüssig und gilt gar als Versuchung.« »O über diese ruchlose Weltstadt und die unsittliche Zeit, und daß das Volk noch recht hat mit solchen Gedanken,« murmelte die Alte mehr für sich, als für den frechen Gesellen. Dann schwieg sie wieder, um nach einer Weile zu fragen, wohin und zu wem Dieter eigentlich fahre. Der nannte nun nicht etwa die Frau Nemec, seine Tante, sondern kurzweg das Schloß und den Baron. Darauf belebte sich das Antlitz der Gräfin und sie wollte näheres herausbringen, wie ihr Reisegefährte zu dem Schloßherrn eigentlich stehe. »Wir sind verwandt,« log Dieter dreist. »Ach, Sie sind also ein Angehöriger des lieben Barons, davon hatte ich nicht die mindeste Ahnung, und Sie haben mich so freundlich mit Speise und Trank versehen, da schulde ich Ihnen ja noch Geld und tausend Dank, darf ich meine Zeche begleichen, mein Bester?« Damit händigte sie ihm einen Gulden ein und fragte wiederholt, ob der auch seine Auslagen wirklich decke. Weltmännisch beteuerte Dieter, dies sei nicht der Rede wert, und steckte mit sichtlichem Widerstreben die Ueberzahlung zu sich. Nun zog er, von dem Abenteuer erfreut, sein Notizbuch hervor, entnahm ihm ein reinliches, weißes Blatt und präsentierte es der Gräfin mit einer wohlgesetzten Ansprache, sie möge diese unvergeßliche Stunde auf dem dargereichten Papier huldvoll durch eine Zeile der Erinnerung zu verewigen geruhen, welche er seinen kostbarsten Schätzen für seine ganze fernere Lebenszeit einzuverleiben gedenke. Da er ihr auch einen wohlgespitzten Bleistift reichte, konnte die Durchlaucht nicht umhin, seinen Wunsch zu erfüllen. Lange hielt sie sinnend das Blatt auf dem Schoße, den Bleistift zwischen den schmalen Fingern der alten, bereits zittrigen Hände und blickte verlegen auf die Landstraße hinaus, dann auf den ehrfurchtsvoll wartenden Dieter, bis sie mit den üblichen, großen Zügen der adeligen Handschrift diese Zeile zustande brachte: Zur Erinnerung an die Wagenfahrt vom – hier folgte das Datum und der Durchlauchtigste Name – Maria Lobkowitz. Dieter las mit Staunen, schätzte seinen Streich doppelt ein, der ihn mit der Trägerin des höchsten böhmischen Adelsnamens verbunden, ergriff ihre Rechte, führte sie ehrerbietig an den Mund und versicherte nochmals seinen untertänigsten Dank. Da man von weitem schon das Schloß hinter seiner Allee glänzen sah, erbat er sich zugleich Urlaub, um nicht länger den Wagen aufzuhalten, der ja vorbeifahren müsse, während er in den Laubgang zu Fuß einzubiegen habe. »Nicht doch, mein Bester,« antwortete die Durchlaucht, »ich darf Sie nicht hier draußen im Stiche lassen, was dächten sonst Ihre lieben Verwandten, der gute Baron und seine reizenden Kinder von mir, ich bringe Sie selbst hin, wenn ich auch leider mich nicht im Schlosse aufhalten kann, so gern ich es täte, aber abliefern will ich doch den erwarteten Gast.« »Da hast du was Schönes angefangen,« entsetzte sich Dieter im stillen, dem es erging, wie dem Knaben vor der Lügenbrücke. Jetzt hieß es, sich mit Anstand und ohne den Schein eines Verdachtes aus der Affäre zu ziehen. Kurz gefaßt, flehte Dieter, er danke der Durchlaucht tausendmal für dero huldreiche Absicht, aber bitte, davon gütigst Abstand zu nehmen, denn es handle sich um eine Ueberraschung des Barons, der Gast sollte nämlich ungesehen sich ins Schloß stehlen, vor seinem Auftreten noch ein Kostüm umtun und sich erst zur Mahlzeit in einer bereitliegenden Verkleidung präsentieren. Deshalb müsse er untertänigst sich hier vor der Allee beurlauben zu dürfen bitten. Die Fürstin lachte zu dem drolligen Plan der Komödie, wünschte das beste Gelingen, trug Dietern recht herzliche Grüße an den Freiherrn und insbesondere an die reizende Baronesse Tinka auf, dankte nochmals für seine Ritterdienste, empfahl sich der freundlichen Erinnerung und winkte sogar mit ihrem seidenen Taschentüchlein dem Abspringenden nach, der sich durch die Allee davon machte, nicht ohne zu denken: »Jetzt hat es mir aber geraten, ohne Gebet zum lieben Herrgott aus der Not zu kommen.« Er rannte durch die Allee wie ein Verfolgter und bevor er das Schloß betrat, vergewisserte er sich noch ängstlich, ob es der Kutsche nicht am Ende beifiele, umzukehren und den Baron doch noch zu besuchen, um die großartige Komödie mitzugenießen, bei welcher er angeblich seine Rolle spielte. Aber die Kutsche federte gutmütig ins Land hinaus und sein Streich war mithin gnädig abgelaufen. Eben als er ins Tor trat, klang ein helles Lachen und eine unbekannte weibliche Gestalt schlüpfte vor ihm hinein, er konnte nur gerade noch verdrießlich ihre Umrisse bemerken. Nachdenklich begrüßte er die Tante und den Onkel Stallmeister und hielt sich diesen Tag still in seiner Gaststube, um etwaigen Folgen der gefährlichen Posse zu entgehen. Die Tante und der Oheim Nemec waren in den wenigen Jahren seit seinem ersten Besuch recht gealtert, aber dabei nach den Lebensumständen wohlgediehen. Oder bemerkte Dieter vielleicht erst jetzt, daß die rundliche Frau sich gar so neumodisch trug und zu den nächstwohnenden Honoratioren, dem Schloßarzt oder der Oberköchin auch nur über den Hof nicht ohne ein auffallendes Besuchskleid und eine schwere goldene Kette wandelte, daß sie in der Unterhaltung ihre vornehmen Beziehungen zu Prager politischen Kreisen betonte, und was dergleichen Anzeichen eines hohen gesellschaftlichen Bewußtseins mehr waren. Die Familie Nemec oder vielmehr die ehrgeizige Frau spielte in der Tat unter dem Kleinbürgertum, welches auch im Königreiche Böhmen damals zu politischen Ehren kam und als Stütze der nationalen tschechischen Parteien verwertet wurde, eine beträchtliche Rolle. So wie die Damen der adeligen Gesellschaft oder der reichen Industrie hielt auch die Nemec einen Salon, wo sich die scharfzüngigen Abgeordneten, Künstler, Zeitungsschreiber, Agitatoren, Zwischenträger und Phrasendreher versammelten und es nicht verschmähten, die gute Kochkunst der Frau Stallmeisterin zu würdigen und durch ihre Anwesenheit zu belohnen. Ist doch der Einfluß gerade solcher Kleinbürgerinnen auf ihre Umgebung, auf bescheidene Lieferanten, Lebensmittelhändler, Marktleute, Fuhrknechte, Handwerker nicht zu unterschätzen, fangen sie doch durch Geschwätz und indem sie einen Verdienst zuwenden oder entziehen können, Stimmen und Parteimänner geschickter, als die stolzeren und reicheren Damen der großen Welt. Und dann kommen ja die Herren Abgeordneten selbst zumeist aus dieser aufstrebenden Schichte der unteren Gesellschaft, so daß sie sich bei den Nemec wohler fühlten, als bei den strengen Sitten hochadeliger Häuser, wo sie zwar politisch umworben und ausgenutzt, aber im Grunde doch als fadenscheinige Plebejer scheel angesehen wurden. Derlei merkt ein Politiker gar wohl, welcher mit Gefühlen besser, als mit Begriffen hantiert, läßt sie sich um der Sache und um seiner werten Person willen zwar um die Nase streichen, aber er stellt seine angeborene Demokratie nur vorläufig zurück, um sie bei guter Gelegenheit aus der Ecke hervorzuholen und dem steifleinenen Grandseigneur zur rechten Stunde wie einen Schild der Medusa entgegenzuhalten. Der Frau Nemec durfte man jedoch allzeit sicheres Vertrauen schenken. Dieter machte mit seiner Tante bei der Frau Oberköchin einen Antrittsbesuch in deren Amtslokal, der blitzblanken, schönen Schloßküche. Dieses Frauenzimmer, eine Wienerin und überdies als Köchin kraft ihres Berufes schon ganz international und tolerant, war eine merkwürdige Figur der freiherrlichen Wirtschaft, von bedeutendem Leibesumfang. Man durfte aus diesem mit gutem Essen gefüllten Fasse getrost auf die Wohlbeschaffenheit der Vorräte schließen, die sie hier täglich bereitete oder vielmehr verarbeiten ließ, indem sie nur Anordnungen traf und eine Schar ausführender Mägde befehligte. Sie hatte denn auch eine rechte Kommandostimme wie ein alter Feldwebel und einen ansehnlichen schwarzen Schnurrbart auf der Oberlippe, strenge, scharfblickende Augen, die nur weich, zärtlich und töricht, ja in Tränen schimmerten, wenn die Rede auf ihre Tochter kam. Die Oberköchin war schon seit fünfundzwanzig Jahren beim Baron bedienstet und konnte leben, wie sie mochte, wenn sie nur ihre bewährte, gesunde und treue Kunst der Familie erhielt, deren Wohlergehen von ihren Leistungen abhing. Die reichen Leute wissen gar wohl, wie sehr sie ihren Köchen zu Dank verpflichtet sind, daher dürfen sich diese mehr erlauben, als alle andern dienstbaren Geister. So hatte sich denn die geschätzte Person in ihren jungen Jahren, als sie noch schlanker und etwa verlockender war, einem unerläßlichen Liebesverhältnis ergeben und dies im schönen Süden, welcher solche Leidenschaften durch die natürliche Wärme des blauen Himmels, durch die Anregung des Salzbades im Meer, durch romantische Einflüsse der Landschaft über Gebühr begünstigt. Obgleich sie damals an der Riviera für die freiherrliche Familie ebensogut zu kochen hatte, wie hier, nützte sie eben ihre freie Zeit und ihr heißes Herz dazu aus, eine Liebe zu nähren, die nicht ohne Folgen blieb. Da jedoch die freie Auffassung in sittlichen Fragen bei den sonst gegen die Nebenmenschen gern unduldsamen Leuten dort beginnt, wo die strenge Anwendung der Moral das Gedeihen der Herrschaft selbst schädigen könnte, sah man über den Fehltritt hinweg, ja man war es sogar recht zufrieden, daß die Oberköchin nicht weggeheiratet wurde und erlaubte ihr großmütig, das Kind bei sich zu behalten und aufzuziehen, hielt man sie doch in dieser doppelten Abhängigkeit von ihrem Sprößling und von der Duldung der freiherrlichen Familie um so sicherer bei ihrem Herde. Auf dieses Kind übertrug sie alle Zärtlichkeit ihres Herzens, alle Fürsorge ihrer mütterlichen Natur und alle Narrheit, die sie vordem im Liebeshandel bewährt hatte, indem sie es verwöhnte, wie eine Prinzessin, jeden Kreuzer ihres Lohnes auf Kleidung, Schmuck und sonstige äffische Zärtlichkeit an diesen einzigen Schatz verschwendete, während sie selbst in Arbeit und unablässiger Mühe bei ihrem Amt alterte. Das Kind aber, von Natur zu bequemer Leiblichkeit neigend, wie die Mutter, lungerte in heiterem Nichtstun, naschte sich von einer Mahlzeit zur andern, kletterte wie eine Katze auf den Bäumen herum oder lag in der Sonnen oder putzte sich vor dem Spiegel, oder bettelte der Mutter Geld ab für irgendeinen Tand oder Zuckerwerk. Dieter wurde mit wohlschmeckendem Oberskaffee bewirtet und diesem Fräulein Tochter der Oberköchin vorgestellt, das mit ihm im schönsten Wiener Dialekt zu schwatzen begann, als sei es auf dem Alsergrund zu Hause. Das halbwüchsige Mädchen hatte nämlich bei einem Wiener Aufenthalt der freiherrlichen Familie die nachlässige Sprechweise des Stadtvolkes, die ihr ohnedies schon von der Mutter vererbt worden, zu allererst und so vollkommen sich angeeignet, daß sie zwar weder das eigentliche Deutsch verstand, noch schrieb, aber wienerisch parlieren, schimpfen, schmeicheln konnte gleich einer Eingeborenen. Als die Frau Nemec und die Oberköchin ein umständliches, förmliches Gespräch mit vielen Floskeln und höflichen Gegenwendungen begannen, das auf eine gute Stunde Aufenthalts angelegt war, winkte sie dem neuen Gaste mit einer drollig einladenden Gebärde und lief ihm voraus in den Park. Dieter folgte und draußen begann sie gleich: »Was haben Sie mit der alten Lobkowitz zu schaffen, wie kamen Sie denn in die Equipage der frommen Fuchtel?« Also stellte sich heraus, daß sie es war, die bei seiner Ankunft vor ihm mit solchem Gelächter durch das Tor geschlüpft war. Wie sie gestand, hatte sie gerade auf einem hohen Lindenbaum in ihrer Langweile Ausschau gehalten, als Dieter der Kutsche mit heiler Haut entsprang. Vorsichtig genug entdeckte ihr Dieter freilich nur die unverfängliche Seite seines Reiseabenteuers und verschwieg die fragwürdige. Aber sie wurden recht bald miteinander vertraut und strichen in Begleitung der unterdes auch zu einer allerdings sauren Jungfrau herangewachsenen Base Marischka, oder allein durch den Park und das anstoßende Revier und vergnügten sich als die Kinder, die sie waren, mit allerhand Unternehmungen. Nach Dieters Anordnung führten sie in dem Bach, welcher den Fischteich speiste, einen großen Damm auf, so daß mitten in der Ebene allmählich ein neuer selbständiger See entstand, auf welchem sie mehrere Küstenstädte, Hafenanlagen, Leuchttürme anlegten, Schiffe verkehren ließen und Meeresschlachten schlugen. Während seine Kusine Marischka als wohlerzogenes und sprödes Hauskind vor dem Wasser eine höllische Scheu hatte und nur am Ufer verweilte, vergnügte sich die Tochter der Oberköchin, die ihren gleichen Namen auf wienerische Weise »Mariedl« aussprach, mitten im Schlamm und in der Nässe mit tausend Freuden, ebenso wie sie auf den nächsten Baum kletterte und sich nichts daraus machte, ihre dicken Waden, und was man ungefähr weiter noch sehen konnte, zu zeigen, oder wenn sie in den Bach stieg, Schuhe und Strümpfe auszuziehen, den Rock hoch aufzuschürzen und mit den nackten Beinen umherzusteigen. Dies alles geschah jedoch so unbefangen und selbstverständlich, in so gutem Seelenfrieden und Vertrauen, und wurde ebenso arglos aufgenommen, daß keiner daran etwas Böses hätte finden dürfen. Mariedl war freilich schon ein ganzes Frauenzimmer und bei der üppigen Nahrung und faulen Lebensweise voll gediehen, ihr ungeschnürter Körper ließ bei den raschen Bewegungen seine Formen in aller Unschuld getrost vor Dieters Augen wogen, welcher bei gleichem kindlichen Gemüte doch auch schon in den Jahren war, derlei zu bemerken, zu würdigen und gelegentlich in aller Stille zu fragen, wie sich ein solches Auf und Nieder eines weiblichen Busens etwa zu ihm verhalte. Aber es kostete ihm hinwiederum gar keinen Kampf, solche Regungen abzuweisen, die weit wichtigere Spielangelegenheiten nur stören konnten. Schön war die Mariedl ohnehin nicht. Und nur wenn sie selbst von solchen verfänglichen Dingen etwa gesprochen hätte, wäre er pflichtgemäß darauf eingegangen, da es sich für einen Mann schickt, einem derartigen Anruf zu gehorchen. Solange sie aber nichts dergleichen tat, war es ihm offen gestanden lieber. Wenn man von ihm derlei Unternehmungen wollte, mußte man ihm das Erforderliche sozusagen auf einem Präsentierteller darbringen, damit er es etwa versuche, aber auch nur ein Wort, geschweige denn eine Tat daran zu wenden, solche unbekannte Näschereien zu gewinnen, gar zu rauben, schien ihm eines ernsten Jünglings durchaus unwürdig. Uebrigens ließ auch eine neu aufgetauchte Figur Dietern die Mariedl leichtherzig vernachlässigen, nämlich der Maler Krispin, der eines Tages mit einem grünen Schattenspender, einem Klappstühlchen, Farbenkasten und Palette auftauchte, um in den Stallungen des Barons ein Porträt von dessen Leibwallachen »Attila« anzufertigen. Krispin war ein tschechischer Tiermaler, welcher sich seinen Unterhalt und kostenloses Sommervergnügen erwarb, indem er die Schlösser reicher Gönner bereiste und sich erbötig machte, allenthalben die hübschesten Veduten, Architekturen, Geflügelhöfe, Pferde, Rinder und wenn's sein mußte, auch Menschen naturgetreu gegen bescheidenes Honorar und ganze Verpflegung abzuschildern. Diesmal war er freilich nicht der Gast des Barons, sondern der Frau Stallmeisterin, welche auch die vaterländischen Künstler zu bewirten für ihre ehrenvolle Pflicht hielt. Dieter, der sich für Malerei höchlich interessierte, näherte sich dem bedeutenden Manne, sah ihm das Farbenmischen ab und wie man die Wirkung eines entschiedenen Tones durch entgegengesetzte andere hebt, ein Grün durch nebenstehendes oder darübergelegtes Zinnober leuchtend macht, den schwarzen Schatten durch ein entschiedenes Blau oder Violett hervorhebt und durch den Gegensatz benachbarter Helligkeit darstellt, kurz wie man der Wahrheit der Natur durch findige Kniffe der Kunst nahe- oder fernekommt, je nachdem. Daß Krispin kein gar zu erhabener Meister sei, erkannte Dieter bald an der Hurtigkeit, mit welcher ein Gegenstand um den andern auf die Leinwand gehext wurde. Aber der höfliche Maler mit seinem roten Knebelbart und schwarzem Filzhut wußte ihn doch über verschiedene Fragen geduldig aufzuklären und ließ sich von Dieter wiederum allerhand interessante Motive zeigen, etwa einen Tümpel mit Gänsen, Enten und einem lahmen Eisenschimmel am Ufer, oder weiße Birken auf einem dunkeln Moorgrunde, von welchen verschiedenen Gegenständen der Herr Krispin zu späterer Ausführung eine Reihe von Skizzen aufnahm. Hinwiederum durfte Dieter selber die kostbaren Oelfarben des Meisters gebrauchen und auf flachen Steinen, die als Briefbeschwerer dienen sollten, etwa einen kleinen Gegenstand, einen Baum, eine Kirche, ein Gebirge, einen Vogel malen. Bei diesen Unterhaltungen zeigte sich Mariedl anfangs neugierig; bald aber, da es geduldig zuzuschauen und den Blick unverwandt auf ein und dasselbe Ding zu richten galt, mürrisch und verdrossen, und gar als sie sich auch nützlich machen wollte, die halbgebrauchten, zerknüllten Tuben wegwarf und die vollen dafür ordentlich nebeneinander schichtete und von der Palette die häßlichen Farbenflecke wegwischte, deren man gerade zur notwendigen Mischung des bevorstehenden Effekts bedurfte, komplimentierte man sie davon, was sie sich nicht zweimal sagen ließ. So hauste sie fortan wieder auf den Bäumen, lag, alle Viere von sich gestreckt, im Grase, knabberte an Süßigkeiten oder strich im Dorf umher und kümmerte sich um den Jüngling ebensowenig, wie er sich um sie, da sie einander schon genugsam kannten und nichts mehr zu sagen hatten. Auch der Maler Krispin verschwand vorzeitig aus dem Vordergrunde des sommerlichen Schloßlebens. Er war eines Tages in die Nachbarschaft gezogen, um auch dort einen besonders schönen Hengst abzumalen, und vom Gutsherrn, einem trinkfesten Junggesellen, nach Vollendung des Porträts mit einem bier- und weinreichen Festschmaus bewirtet worden, von dem er bezecht und seines Ganges, wie Gesichts nicht völlig sicher, in die Gaststube der Frau Nemec zurückkehrte. Da sie ihn, wie er wußte, jeden Abend zum Nachtessen erwartete und heute sicherlich ihre guten Sachen in der Bratröhre für ihn warm gestellt hatte, schien es dem überaus höflichen Meister, der seinerseits jeden Gönner in seiner Herzkammer warm hielt, unbedingt nötig, die feinen Speisen wenigstens nachträglich zu genießen, wenn er auch wahrlich keinen Hunger mehr verspürte. Nur um der Pflicht der Höflichkeit zu genügen, beschloß er also, anstatt sich gleich ins Bett zu legen und weidlich auszuschlafen, vorerst von der Küche das Nachtmahl aus der Ofenröhre zu holen. Bei diesem Unternehmen warf er in dem finstern Raume, durch das Dunkel der Nacht, wie durch die Dämmerung der genossenen Spirituosen gleicherweise verwirrt, die Teller mit der wohlgebratenen Gans und der Mehlspeise, mit Salat und Gemüse zu Boden. Er hatte kein Licht mitgenommen, um ja nur niemand zu stören, und gerade diese zarte Rücksicht verursachte jetzt den höllischesten Lärm. Die Magd, welche in der anstoßenden Kammer schlief, glaubte Räuber im Hause und schrie aus Leibeskräften, Krispin redete vergeblich in sie hinein, da erschien gleich auch die Frau Nemec mit einer Kerze, gefolgt von ihrem Gemahl und dem neugierigen Dieter, um dem gefährlichen Holloh zu begegnen. In der Küche standen nun die Geweckten in ihren spaßigen Nachtkleidern, die Magd am ganzen Leibe zitternd, Krispin mit tausend Verbeugungen sich um die Erklärung des Handels bemühend, die Dame Nemec voll Zorn, denn sie glaubte, nach den offenkundigen Anzeichen eine unsittliche Absicht des Gastes auf ihren Dienstboten annehmen zu müssen. Es wurde höflich, mißtrauisch, feindselig, abwehrend, beschwörend, anklagend in tschechischer Sprache durcheinander gerufen, im Hofe schlugen die Hunde heulend an, an den Fenstern der benachbarten Wohnungen zeigten sich Lichter, und es wäre ohne Zweifel ein arger Skandal herausgekommen, wenn nicht plötzlich ein Steinwurf das Küchenfenster entzweigeschlagen hätte. Vor dieser Drohung von außen schraken die Streitenden zusammen, verstummten plötzlich und lauschten hinaus, um schließlich, als sich nichts mehr regte, beschämt dazustehen, dann die Sache mit einigen Worten zu vertagen und sich in die Zimmer zurückzuziehen. Am nächsten Morgen erschien der Maler Krispin im feierlichen schwarzen Bratenrocke und behandschuht beim Frühstückstische der Frau Nemec, brachte unter den demütigsten Knixen seine Entschuldigungen vor, klärte nochmals seine reinsten Absichten auf, wurde, wie es die Sitte gebot, zwar mit dem Scheine guten Glaubens angehört und freigesprochen, aber insgeheim nach wie vor für schuldig gehalten. Dergestalt begegnete seine Absicht, wieder davonzugehen und anderswo im Lande seine Malkunst zu betätigen, keiner Einrede, und er zog, aufs höfischeste komplimentierend und bekomplimentiert von dannen. Nach etlichen Wochen langte aus Prag eine wohlverwahrte, in Bretter und Packleinen gehüllte, mächtige Sendung an, aus welcher ein überlebensgroßes Bild geschält wurde, darstellend die Taufe Christi, Kopie eines berühmten tschechischen Gemäldes, vom Meister Krispin angefertigt und der Frau Nemec zum Dank für die edle Gastfreundschaft dieses Sommers zugeeignet. Sehr wild, schleuderhaft und mit den grellsten Farben in ein paar Stunden zusammengekleckst, wurde das Werk von der überraschten und beglückten Stallmeisterin hochgepriesen und als Votiv- und Sühndenkmal in dem ehemals von Krispin bewohnten Raume aufgehängt, um seinerzeit zu Prag, wo die Eheleute im Stadtpalaste des Barons gleichfalls eine große Dienstwohnung winterlang inne hatten, das Speisezimmer zu zieren. Alle diese Vorfälle berichtete Dieter einläßlich in vielen Briefen dem Toni, der aus seinem Innviertel begeisterte Antworten sandte. Ueber den eigenen Aufenthalt verriet der Freund nur, daß merkwürdige Dinge mit ihm vorgingen, welche erst einen wahren Menschen aus ihm machten. Drei Glückseligkeiten seien den Irdischen gewährt, ein heiliges M, von zwei heiligen A eingeschlossen, wie er mit verzückter Symbolik schrieb: Amor, musica, amicitia. Er sei auf dem Wege, zu den beiden letzten Gütern das höchste erste hinzuzuerwerben und sehe mit Freuden, daß auch Dieter in seinen köstlichen Abenteuern dem Rosengarten dieser Seligkeit beflissen zustrebe, möchte er nur die herrliche Mariedl, dieses weibliche Urgeschöpf, richtig würdigen und von Herzen lieben, denn hier zeigte sich, obgleich von dem Freunde ungebührlich und mit Scherz verstellt, eine beginnende Leidenschaft. Der Art ging es im jedem Briefe viele Seiten lang, geschwätzig und wieder geheimnisvoll, andeutend und verschwiegen, so daß Dieter den Kopf schüttelte und verlegen war, Tonis Erlebnisse zu enträtseln, während er dessen Meinung über Mariedl als Gegenstand einer Anbetung herzlich belachte. Von einer Schwärmerei für diese handfeste, ganz und gar nicht liebreizende Person mochte er wahrlich am allerwenigsten wissen und beschloß, den Toni damit zum besten zu halten. Die drei heiligen Buchstaben prangten an der Spitze der Briefe Tonis, jede Seite aber fing mit einem besonders schön als Initiale mit roter Tinte ausgemalten, vielfach verzierten, in einem Rankenwerk sinniger Schnörkel eingefaßten »H« an, und die Wendung, mit welcher diese Sätze begannen, war nicht ohne stilistische Gewalttat immer auf diesen verräterischen Buchstaben zugespitzt. Bald stand ein ungerechtfertigtes »Hiemit«, bald ein melancholisch angehauchtes »Hinwiederum«, oder ein unvorhergesehener Fluch »Himmelherrgottsakrament« obenan und Dieter müßte seinen Freund schlecht gekannt haben, um nicht zu ahnen, daß hinter diesem »H« eine feurig angebetete Herzenskönigin, von der Rankenglorie einer erhitzten Schwärmerei umringt, im Heiligtume des ersten Buchstabens Amor stünde. Daher schrieb er in seinem nächsten Brief bloß diesen einen Satz: »Ha! Denk' ich mir,« und versah das bezeichnende Anfangswort ebenfalls mit den schönsten Schnörkeln seiner erprobten Schrift. Nun war er dem von tausend neuen Gefühlen und Erlebnissen beseligten und bestürmten fernen Freunde gegenüber in der Stille seines Sommers doppelt einsam und mußte sich wohl oder übel nach neuen Abenteuern umsehen. Amor und Mariedl schienen ihm völlig unvereinbar und nur behufs Irreführung des Freundes in Briefen zu gesellen, musica gab es keine und amicitia ließ sich in solcher Trennung wohl schätzen, aber nicht genießen. Ja, was war es denn mit seiner weiland Squaw, mit der Baronesse Tinka, mit dem Bubi, mit der herrschaftlichen Familie? Schon oft hatte er sich um dies alles erkundigt, aber nichts Zuverlässiges erfahren können. Der Bubi diente bereits als Husareneinjähriger und weilte jetzt auf Manövern, die übrigen brachten den Sommer diesmal in den Alpen zu und würden vielleicht nur auf ein paar Tage zu Besuch kommen, keineswegs zu längerem Aufenthalte. Die nackte Dame aus Stein inmitten des buchsumhegten Rasenparterres ergötzte sich einsam an ihrem Bade, der Frühstückstisch mit den weißen Gartenbänken und Stühlen stand ungedeckt auf dem stillen Kiesplatze, und die Sandgrube draußen lag öde und verlassen da, kein Ofen rauchte, keine Buben spielten und zogen als Indianer in ungebundenem Lagerleben umher. Keine Baronesse kam verstohlen zum Erdäpfelbraten und zum Häuptling. Die Gänse wurden von einem andern Hirten geweidet, der von seinen Vorfahren nichts wußte, die längst als Knechte auf den Feldern schafften und Dietern ebensowenig wiedererkannt hätten, wie er sie. Da beschloß er, wenigstens die Josefine Wacha zu besuchen, welche dem Vernehmen nach, in ihrer alten Stube hauste und nähte, wie damals. Er pochte an ihrer Tür, trat ein und fand sie, nicht wie einst mit den schönen, braunen, reichen, offenen Haaren über dem weißen Morgengewand und mit freiem Halse, sondern in einem dunkeln Kleid, die Zöpfe zu einer strengen Frisur aufgesteckt, über eine Näharbeit gebeugt. Aber sie lächelte ihm freundlich entgegen und begrüßte ihn dankbar, daß er ihrer noch gedacht habe. Damals eine Person im vollen Sommer, war sie nun so schnell, wie es ledigen Frauenzimmern in diesen Jahren meist ergeht, vom Herbst überrascht worden. Ihre Züge hatten einen scharfen, wenn auch nicht ungütigen, doch traurigen Ausdruck, um ihre braunen Augen spielten, wenn sie lächelte, viele Fältchen, die man an einer Mutter liebt, an einer Fremden als Zeichen des Alters ansieht, und ihr Haar war von manchem silbernen Faden durchzogen. Dieter konnte sich einer gewissen Beklommenheit nicht erwehren, als sie ihm freundlich wieder zu ihren Füßen auf dem Schemel seinen Platz anwies und ihn auszufragen begann, wie es ihm in all diesen Jahren ergangen, was er getan und getrieben, gehofft, gewünscht, erreicht. Stockend erzählte Dieter und fühlte sich immer wieder gehemmt durch eine innere Frage: »Weshalb sage ich ihr dies alles?« Sie hörte still zu und ließ sich nun ihrerseits von ihm aushören, der von Baronesse Tinka und von Bubi nicht genug erfahren konnte. Was gab es da viel zu wissen: die beiden waren groß geworden und lebten unter den Erwachsenen. Ob sie damals den Brief bekommen hätte und den eingelegten an Baronesse Tinka weitergegeben? Die Josefine Wacha nickte lächelnd. Wie traurig lächelte sie! Und was hatte denn die Baronesse damals zu dem Briefe gesagt? Ei, nichts weiter. Und warum hatte die Baronesse denn nicht geantwortet, sie waren doch bei ihren Spielen so gute Freunde gewesen? »Es schickte sich doch wohl nicht, daß sie Ihnen zurückschrieb,« meinte die Kammerjungfer. Das wollte Dieter nun ganz und gar nicht begreifen, aber die Baronesse hätte sich doch seiner manchmal erinnert, oder nicht? Die Josefine Wacha nickte, um ihn zu beruhigen. Gewiß, das hätte sie, auch der Bubi hätte ihn lange nicht vergessen können. Und Dieter fragte weiter, wie die Kammerjungfer mit der jungen Baronesse stünde, ob sie ihr zuweilen schreibe. Freilich, das tat sie. Und sie bekam auch Briefe von Tinka, denn sie mußte ja mancherlei Aufträge ausführen, die Wäsche instand halten, dies und jenes nachsenden, oder besorgen, allwöchentlich erhielt sie Nachricht und beantwortete solche Karten. Da könne sie vielleicht gern einmal die Baronesse wissen lassen,. daß Dieter wiederum im Schlosse sei. Die Josefine sah den Jüngling zu ihren Füßen sitzen und sie mit den Knabenaugen wünschend, eine andere wünschend, anschauen und sie neigte das Haupt tiefer über ihre Näherei, indem sie leise sprach, sicherlich könne sie mit einer Zeile des Gastes Erwähnung tun. Vielleicht einen Gruß von ihm bestellen, nicht sehr wichtig oder auffällig, sondern nur so nebenher, ganz flüchtig, so daß man ihn vernehmen könne, wenn man dazu Lust habe, oder ihn übersehen, je nach Belieben? Einen Gruß, den einer aus der Ferne tut. Man erblickt auf der andern Seite der Straße einen Bekannten, ohne zu wissen, ob man auch von ihm gesehen wird. Aber aus Höflichkeit und für jeden Fall zieht man den Hut, nicht wahr? Gewiß, sie verstehe schon, wie er's meine, so werde sie bei Gelegenheit beiläufig auch von ihm einen Gruß ausrichten, aber die Baronesse Tinka sei jetzt eine gar stolze junge Dame geworden, reich und schön, er könne sich denken, wie viele noble Freier sie umwürben. Das Wort klang Dietern merkwürdig fremd ins Ohr. Seine Squaw bekam schon mit Freiern zu schaffen und er, ihr Häuptling, saß, als eben entlassener Schüler, auf einem Schemel zu Füßen ihrer Kammerjungfer. Er erhob sich mit einem Seufzer, die Josefine Wacha stand auf, dankte ihm für seinen lieben Besuch und bat ihn, sich doch recht bald wieder sehen zu lassen, begleitete ihn zur Türe, und als er die Klinke faßte, fragte sie lächelnd: »Haben Sie mein Kölnischwasser von damals brauchen können?« Dieter wies wortlos das volle Fläschchen, welches er aus seiner Brusttasche hervorzog. Das alte Mädchen fuhr mit der Hand über sein blondes Haar, nur einmal und ganz sachte, indem sie sprach: »Sie sind doch der gleiche geblieben, das freut mich.« Damit schob sie ihn rasch zur Tür hinaus und verschloß sie hinter ihm. Im Dorfe gab es als einzigen Deutschen einen Schuster, welcher noch abends im Lichte seiner strahlenden Kugel auf dem Schemel saß und auf den Leisten hämmerte. Dieter besuchte den ärmlichen Handwerker oft, dem von seiner angestammten Art kaum mehr, als eine unordentliche Sprache geblieben war, schreiben konnte er nur mit vieler Not, darum galt Dieter als Wundermann und mußte als wohlfeiles Schauspiel des Feierabends eine Produktion im Schnellschreiben liefern, die vom Meister, dessen Frau und Gesellen gebührend angestaunt wurde. Dafür ließ sich der Gast wiederum weidlich eins verhämmern, denn es verlangt eine tüchtige Kraft, das bockige Leder auf dem Knie mit Schlägen zu geschmeidigen. Wie viele solche Schläge tut wohl ein Schuster an einem Tag? In ihrer Folge vernimmt der Arbeitsmann einen ganzen mannigfachen und abgestuften Gesang seines Lebens: Mißmut und Sorge, Verdruß und Kümmernis, Zorn und Neid, Liebe und Fleiß singen mit den stärkeren oder stilleren Schlägen wie das leise Pochen des Herzens in der Brust. Die Schläge fallen auf die Sohle, auf die Nägel und wohl auch nebenbei, wo sie gerade nicht nötig sind, wie ja auch der Friseur seine Schere gelegentlich in der Luft klappern läßt um des Fingerspiels und Schalles willen. Aber vom Hämmern hat der Schuster einen starken rechten Arm, wie der Schmied, und so gutmütig er scheint, ist mit ihm nicht zu spaßen, zumal er außer dem Dreinschlagen sich auch heimlich rächen kann, durch ein tückisches Verengern des Vorderfußes oder Zerren des Oberleders, oder durch allgemeine Hinfälligkeit seiner Ware, was zu den erlaubten Sünden des Handwerks gehört. Da fertigte der Meister gerade seufzend für den Jahrmarkt im nächsten Städtchen grobe Wanderschuhe mit verlockenden, daumdicken Sohlen, welche eine unverwüstliche Dauerbarkeit vortäuschten. Aber die Schuster wollen auch leben, darum sind diese Sohlen mit dünnen Eichenfournieren, statt mit Leder eingelegt, wodurch sie stark werden und beim Gehen so lange knarren, bis das Holz innen zu Staub getreten ist. Oder wenn Absätze ausgebessert werden, schwindelt man aus dem Vorrat lauter kleine, gebrauchte, sonst unnütze Lederfetzchen hinein und dergleichen frommen Betrug mehr. Aber dies alles nützte nicht viel, murrte der Meister, denn ringsum saßen tschechische Konkurrenten, welche das Oberleder, fertig zugerichtet, aus den Fabriken bezogen, während er's aus dem ganzen Stück mühselig zuschnitt. Abgesehen davon, daß sie es, weiß der Teufel wie, auf Kredit bekamen, vermochten sie die Ware schneller, also desto billiger herzustellen und verdrängten ihn nachgerade von seiner Kundschaft, der mit seinem geringen Gelde sein Leder gleich bar bezahlen und keinen Rohstoff im Vorrat anschaffen konnte. Das schien Dietern unbillig, der Meister verstand es wohl nicht, die betreffende Fabrik aufzusuchen, oder wagte es nicht, darum erbot er sich, ihn auf den Jahrmarkt zu begleiten und dort beim Verkauf behilflich zu sein, sowie das Kreditwesen zu erkunden. In der Morgenfrühe um vier Uhr brachen der Meister, die Meisterin, ein Geselle und Dieter, den Vorrat in einem Karren schiebend, zum Markt in das Nachbarstädtchen auf; erbauten ihr Zelt, stellten das mannigfache Schuhwerk möglichst verlockend zur Schau und warteten der Käufer. Bald kamen die böhmischen Bauern, welche nur wenig Bedarf haben, weil sie meist auf ihrer Scholle bleiben, wo sich's auch in Holzschuhen stehen und gehen läßt, dagegen brauchen die Deutschen für ihre Wanderfüße ordentliche Stiefel, mit diesen marschieren sie aber gern davon und kommen oft nicht wieder, so daß die beste Kundschaft nur einmal bedient wird, um sich dann anderswo in der Ferne zu versorgen. Aber Dieter ließ als Ausrufer in deutscher und tschechischer Sprache sich den Vertrieb der anvertrauten Ware gar angelegen sein, galt es doch zum ersten Male seine Befähigung zum Kommerz zu erproben, darum lockte er mit Witzen, Versprechungen und Wunderworten die Käufer von allen Seiten her, mit den Mädchen schäkerte er, die Weiber bediente er voll Ernst, indem er für seine Schuhe mit hohen Eiden garantierte, den Kindern spendete er Zuckerwerk, das er mitgebracht hatte, und schlug die ganze Konkurrenz ringsum, welche keinen so maulfertigen Geschäftsmann aufzuweisen hatte. Und als gar eine deutsche Dame mit einem kleinen Mädchen an das Zelt trat, um rote Saffianhalbschuhe zu versuchen, wußte Dieter sie so treuherzig zu beschwatzen und zum Kauf aufzumuntern, daß sie den wunderlichen Handelsmann erstaunt betrachtete und fragte, wie er denn in diese Gegend verschlagen sei, und ob er wirklich von je ein Schuster gewesen. Nein, seufzte Dieter, er sei ein einstiger Student und blickte sie dabei schmerzvoll an. Und da habe er sich wohl im Leichtsinn verscherzt und mußte ein böses Handwerk ergreifen, ergänzte sie wissend, denn unter den gebildeten Ständen ist ja die Drohung gang und gäbe, wenn einer das Latein nicht besteht, muß er Schuster werden. Da sah man nun in nächster Nähe ein mitleiderregendes Beispiel solcher zerstörten Existenz. Aus Bedauern kaufte sie die Saffianhalbschuhe und überzahlte sie ohne Widerspruch mit einem ganz ungebührlich hohen Preise, der Meister schwamm in Wonne. Nach Schluß des Marktes begab sich Dieter ins Rathaus, erkundete die Namen der benachbarten Schuhoberteil-Fabriken, schrieb an diese Firmen Briefe, um die Kreditbedingungen zu erfragen. Bereitwillig gaben die Geschäfte bekannt, daß sie jedem kleinen Meister gegen halbjährige Zahlung im Nachhinein Vorräte von ansehnlicher Höhe lieferten. Damit wurde auch für seinen weltunkundigen Schuster die gute Quelle des Kredits erschlossen, nach ein paar Tagen trafen die gewünschten Waren in tunlich brauchbarer Beschaffenheit ein, so daß der Mann wie seine Konkurrenten auf Vorrat arbeiten konnte und sich ein für allemal auf dem rechten Wege fand. Er pries Dietern als seinen werktätigen Schutzgeist und Retter. So hatte der im Sommervergnügen auch etwas Ordentliches gewirkt, was sich als Gutschrift in dem Wanderbuche eines Taugenichts einmal anführen ließ, wenn die Sünden und die braven Taten gezählt, gewogen und geschätzt wurden und zugleich hatte er auch den ersten Beweis seiner kommerziellen Fähigkeit erbracht. Im beginnenden Herbst kam die freiherrliche Familie für ein paar Tage in das Schloß, und Dieter sah die Baronesse Tinka auf ihrem Braunen stolz und schön vorbeireiten, er grüßte sie tief, aber sie nickte obenhin zum Dank und erkannte ihn nicht. Da war der Sommer für ihn zu Ende und er kehrte heim. XIV. Der Toni sollte, da ihn das Gymnasium nicht litt, in der Lehrerbildungsanstalt weiterstudieren, Dieter aber wartete einstweilen in gutem Müßiggang, bis ein kaufmännischer Machthaber seine kommerziellen Fähigkeiten in Anspruch nehmen würde. Vorläufig sandte er nach allen Windrichtungen Oesterreichs, wo irgendeine Stelle angekündigt war, seine mit sauberster Handschrift und in wohlgesetzten Worten abgefaßten brieflichen Angebote und freute sich, gar keine oder nur ablehnende Antworten zu bekommen. Die Nachmittage aber verbrachte er mit Toni im Café Faltisek, mit dessen übrigen Stammgästen sie sich längst angefreundet hatten. Der Finanzer, ein leidenschaftlicher Dominospieler, fand in den beiden Jünglingen hochwillkommene Partner. Die Partie zu zwei Kreuzern ergab für die beiden Freunde stets einen Gewinn, indem sie sich beim Ansagen der zu besetzenden Steine bestimmter, verabredeter Wendungen bedienten, durch welche sie einander den Stand ihrer Dinge bekannt gaben, so daß einer von ihnen siegen mußte, was einen hübschen Beitrag zu ihrer Zeche lieferte. Alle vierzehn Tage gab es als heitere Separatvorstellung für unsere jungen Freunde einen bitterbösen Streit, indem der Wirt, Herr Faltisek, den mittlerweile angesammelten Groll auf das Haupt des armen Monsieur Tschik entlud. Dieser verzehrte nämlich nur selten ein Gläschen Slivowitz, meist gar nichts, verweilte aber dafür vom frühen Nachmittag bis in die späte Nacht im durchwärmten Kaffeehause, sammelte Zigarrenstummel und belästigte die vornehmeren Gäste durch seine friedfertigen, doch unverlangten Ratschläge. Einmal in vierzehn Tagen hielt ihm der erzürnte Wirt eine ingrimmige Standrede, er könne solche Gratisgäste nicht brauchen, die sein Lokal in übeln Ruf brächten und dem feinen Publikum den Raum wegnähmen. Monsieur Tschik begehrte weinerlich auf, so etwas sei ihm noch sein Lebtag nicht passiert, und er werde nie mehr wiederkommen, so schnöde Behandlung habe er unter gebildeten Leuten nicht vermutet. Damit schlich er greinend davon, blieb zwei ganze Tage fern, um danach wieder, still am Ofen lehnend, sich von neuem tunlichst wohlfeil am beobachteten Spiel der Zahlungsfähigeren zu vergnügen, fromme Ratschläge zu erteilen, Zigarrenreste verstohlen aufzulesen und Herrn Faltisek, der ihn übersah, weiterhin zu ergrimmen bis zum nächsten Termin des Ungewitters. In diesem Kaffeehause berichtete der Toni dem ahnungsvollen Freunde das Geheimnis des verwichenen Sommers: er hatte eine Liebe gefunden, im Innviertel; in dem Dorf, wo er im Wirtshaus auf der Bank geschlafen, am Sonntag zum Tanz gefiedelt, Leichen- und Hochzeitsschmäuse als geehrter Gast besucht, gab es einen Posthalter, welcher zwei Töchter besaß, eine siebzehnjährige, genau so alt wie er selber, der Toni, und eine vierzehnjährige, beide wunderschön, aber die ältere zum Verlieben, die jüngere noch ein ganzes Kind. Darum hatte er sich getreulich in die ältere verliebt, weil sie dazu geschaffen war, als der schönste Engel, den diese Erde trug, schwarzhaarig, schwarzäugig, leichtfüßig, fröhlich wie der Herrgott am siebenten Schöpfungstag. Sie tanzte wie eine Elfe unter den Bäuerinnen draußen und überstrahlte die vielen annehmlichen Mädchen der Gegend wie der Mond alle Sterne. Wenn sie zierlich einherschritt, schwebte ihr Fuß so sanft, daß er keinen Halm knickte und voll Anmut wandelte sie, über bewundernde Herzen hin, wie über das grüne Gras. Einen Sommer lang gehörten alle seine Gedanken und Hoffnungen, sein Reden und Schweigen diesem einzigen Wesen und würden sein Lebenlang gleich unverwandt diesem wohlgestalteten Triumphlied der Allmacht gehören, wie ein winziger Ton dem großen Gesange der ewigen Schönheit. Und wußte sie von seinem Gefühl? Wer sollte dem Toni auf diese Frage antworten? Sie wußte sicherlich, daß er sie liebte, wie der Gott jeden Gläubigen kennt, der zu ihm betet, sie sah jeden Blick, der sie traf, ahnte jeden Gedanken, der ihr huldigte. aber da keiner sie ohne Entzücken anschaute, war er, Toni, ihr gleich nah und fremd, wie jeder andere. Am Abend aber wandelte sie Arm in Arm mit ihrer jüngeren Schwester unter den übrigen Dorfmädchen auf der weißen Landstraße, lachend, schwatzend, zuweilen auch, und oh, wie süß, Lieder singend, dahinter schritten die Anbeter und sandten zu den schnippischen Mädchen Scherzreden, welche von diesen wie Federbälle zurückgeschlagen wurden. Weil er aber der erwachsenen Hedwig nichts sagen konnte, hielt er sich an ihre jüngere Schwester, an ein liebes, zutrauliches Kind und gewann deren unbefangene Freundschaft. Von diesem offeneren Gemüt suchte er zu erfahren, was die ältere sann und wünschte. Indem er in die Seele der jüngeren mit Spiel und Freundlichkeit und unscheinbaren, doch ernstlichen Andeutungen hineinrief, hoffte er das Echo der begehrten älteren zu erwecken, bis daß aus der jüngeren wohl einmal die ältere sprechen sollte, mit einer Botschaft, die eine Jungfrau einem unwissenden Kinde anvertraut. Irgendwie würde er doch Antwort bekommen, so hoffte er, und indem er der jüngeren ein Kamerad wurde, der älteren gemach ein süßer Freund werden. Das sind so die unschuldigen Listen und frohen Tücken und die großen Torheiten der schwärmenden Liebe, um ein fremdes Herz zu werben, indem man ein unschuldiges, anderes umschmeichelt, welches dem ersehnten nahe liegt. Zwei Schwestern schlafen Bett an Bett. Am Abend, wenn der Mond scheint, liegen sie mit offenen Augen und schwatzen vom vergangenen Tage. Die jüngere hat viel zu erzählen von allen Kinderspielen und dabei vom Toni und nennt oft und oft seinen Namen. Die ältere soll ihn hören und wieder hören und merken und solange als lieb und brav sich vorsagen lassen, bis ihr ruhiges Herz nach ihm zu fragen beginnt. Was will der Toni von mir, was sagt der Toni, was meint der Toni? In der Nacht aber soll der schüchterne, traurige Liebhaber durch den Mund eines Kindes zur erwachsenen Schwester sprechen, zärtlich wie ein fragender Vogel, unablässig wie der silberredende Bach, innig wie der bleiche Mond. Und so lange soll der Demütige und Schweigende also aus der Ferne werben, bitten, wollen und schöntun, bis der Strahl seiner geduldigen Liebe dies kühle Jungfernherz glühen gemacht hat. Wo bist du, schönste Hedwig? Wann wird dein Herz, das an der Seite der vierzehnjährigen Schwester ruht, zu wollen beginnen: »Toni, ich komme zu dir?« Aber die beiden Schwestern lagen schwatzend zur Nacht nebeneinander in der Stube, die jüngere erzählte, bis sie müde wurde und bis ihr Schwatzen sich in einen leisen Traum verlor und die ältere hörte zu, bis der Schlummer ihre fein gedrechselten Oehrlein unter den offenen schwarzen Haaren schloß. Aber nicht einmal in den Garten ihrer Träume ließ sie den ungebetenen Gast schlüpfen, geschweige denn in das versiegelte Haus ihres Herzens. Und keine Antwort, weder Ja noch Nein, kein allerwinzigstes Zeichen, kein Begehren, noch Widersagen kam von ihr zum Toni. Aber wenn die allerbeste Frage keine Antwort erlangt hat, ist's noch immer besser, als ein gerades Nein. Viele Sommer hat das Leben, und viele Wege hat die Liebe. Nächstes Jahr wird sie von neuem ins Innviertel betteln gehn. Um ein Jahr älter, um eins gescheiter, aus einem Knaben wird ein Mann, aus einer Spröden vielleicht eine Geneigte und das Herz, das heuer geschwiegen, wird dann vielleicht antworten. Selbst in einem zertretenen und gepeinigten Gemüte, das alles Elend langer Unglücksfälle erduldet, wächst der grüne Halm der Hoffnung, um wie viel mehr in einem jungen, unerprobten, allem Spiel des Geschickes unbefangen eröffneten. Da wartet eine ganze volle Wiese von Hoffnung auf die Sichel der Enttäuschung. Nächstes Jahr ist auch noch ein Jahr. Mittlerweile bekam Dieter etliche Adressen von Kaufleuten zugewiesen, welche Stellen zu vergeben hatten, aber entweder waren die Posten nicht für ihn, oder er nicht für sie geeignet. Einmal lud ein angesehenes Herrenmodegeschäft Dieter ein, sich vorzustellen. Der Firmeninhaber begrüßte ihn: »Sie werden nicht hier in Wien bleiben können, sind Sie gefaßt und zufrieden, vorerst nach Livorno, nach zwei Jahren in unsere Filiale nach Konstantinopel, dann nach Kalkutta, zuletzt nach Paris und London als Korrespondent zu gehen?« Dietern lachte das Herz im Leibe, aber als gewandter Kaufmann verschwieg er diese Bewegung und versicherte nur mit würdigem Ernst, er sei bereit. Darauf erbat sich der Chef eine italienische Offerte, denn Dieter hatte die Kenntnis dieser Sprache angegeben und lieferte in der Tat ein schönes kommerzielles Schreiben, untadelig kalligraphiert und mit der üblichen Floskel endigend: con tutta la stima, am liebsten hätte er gar vor Entzücken die mittelalterliche Schlußwendung baccio a la fronte hinzugefügt. Der Geschäftsherr zeigte sich davon höchlich befriedigt, verhieß nahezu sicher die Anstellung und bestellte Dietern für den nächsten Tag zur Besprechung der Abreise und zu weiteren Verabredungen. Im Kaffee Faltisek gab es einen Triumph. Toni war begeistert über die Aussichten seines Freundes, nach Livorno zu reisen, gewißlich würde er dort eine Italienerin heiraten, mit Korallen am Halse, Kastagnetten schlagend und ein Kopftuch über dem schwarzen Haar. »Und hat sie auch ein braunes Fell, so darfst du sie doch nehmen, wenn sie sonst schön ist, und eines Tages besuchst du mich, der als armer Schulmeister im Innviertel mit seiner Hedwig dasitzt, du der reiche Kaufmann mit deiner Italienerin, und deine Kinder sind Schecken, weißbraun gemischt, sie schwatzen italienisch und lachen deutsch, deine Frau Gemahlin schlägt Kastagnetten, und die meine singt dazu, ich geige was und du sitzest wie ein Türk' auf den Beinen und bläst den Rauch aus der Pfeife. Amor musica amicitia! Aber eine Negerin verbitt' ich mir, ob du in Indien ein Weib findest, das erlaubt ist, weiß ich nicht, ich kenne mich in den dortigen Rassenverhältnissen nicht aus.« Am nächsten Tage fragte der neue Chef den Dieter, wie es mit seiner Militärpflicht stehe, er könne nur dienstfreie Leute aufnehmen; da war es mit Dieters Hoffnungen aus, welcher dem Staate noch seine Waffenfähigkeit vorbehalten mußte. Enttäuscht ging er zum »Faltisek«, wieder einmal versank Italien und Indien, Afrika und Konstantinopel in Nebel und Nichts. Toni war bald getröstet: »So bleibst du wenigstens noch eine Weile bei mir und wenn du keine braune Italienerin kriegst, so darfst du ganz wohl eine blonde Weißgärberin oder eine Lichtentalerin heiraten; schlägt sie nicht Kastagnetten, so schlägt sie Zither und singt dazu auf wienerisch und unsere Gemahlinnen vertragen sich um so besser. Amor musica amicitia! « Und damit war es gut. Aber endlich kam Dieter trotz allem zum Kommerz und zwar nach Hruschau in Schlesien, wo schon die wüste Polackei beginnt, in eine Chemikalienfabrik. Die Freunde nahmen Abschied mit dem feierlichen Versprechen, einander zumindest einmal in der Woche zu schreiben, und zwar wollten sie jeder eine ganze Zeitung liefern, in welcher alle Neuigkeiten und Nachrichten unter und über dem Strich verzeichnet waren, nach Art der feierlichen, öffentlichen Drucksachen. Ihre Art zu leben und zu denken bürgte für den Reichtum der witzigen, tragischen, traurigen oder ernsten Beiträge aller Gattungen. Tonis Journal sollte » Ama « heißen, was die Anfangsbuchstaben seines Wahlspruches bedeutete: Amor musica amicitia, dagegen Dieters Blatt »Der Verbannte in der Polackei«, ein schmerzlicher Hinweis auf sein trauriges Geschick in der Wüste der chemischen Produktion. So reiste Dieter ab. Er fuhr mit der Nordbahn durch das ebene, fruchtbare Mähren und malte sich seine künftigen Pflichten und Rechte möglichst bunt aus. Aber als er in das Ostrauer Kohlenrevier kam, das aus tausend Schloten rauchte und über den freien Himmel einen schlimmen, grauen Schleier legte, waren auch die Farben seiner Träume dahin. Er stieg in Hruschau aus, fand sich vor einem wüsten Boden, vor Schutthalden und Lachen, in einem unordentlichen, armseligen Häusergemenge unter Nebel und übelriechender Luft und seufzte: Also das ist der Kommerz. Er war von Amts wegen in einem kleinen Wirtshaus einquartiert und bekam eine Stube, deren Fenster gerade auf die Gassenebene hinausging, durch das er also ebensogut wie durch die Türe aus- und einsteigen konnte. Im Kleiderschrank lag ein vergessenes Verzeichnis der Bücher des »Lesevereines Evviva« und wies etliche Jahrgänge der »Gartenlaube«, Romane von Dumas und Paul de Kock und einen Band »Aktstudien nach Naturaufnahmen« aus. Das war mithin die Bildung von Hruschau. Am nächsten Tage machte er seinen Antrittsbesuch in der Fabrik und wurde als Großstädter mit vorsichtiger Neugierde, als jüngster Untertan mit zurückhaltendem Hochmut begrüßt. Der Oberbuchhalter empfing ihn mit einem langgezogenen Schnauben, das nicht so bösartig gemeint war, wie es schien, denn er konnte überhaupt nur schnaubend sprechen. Der Kassier, ein hochgewachsener, wohlgekleideter Herr, sah wie ein Graf aus und entstammte in der Tat einem alten bayrischen Adelsgeschlechte, er hieß »von der Aue« und war, weiß Gott wie, in dieses Nest und Geschäft verschlagen worden. Dank seiner Abkunft und guten Manieren erfreute er sich beim Inhaber der Firma, der aber zu Wien, nicht hier residierte, einer deutlichen Vorzugsstellung, wurde durch Einladungen der umwohnenden adeligen Grundherrn zu Jagden ausgezeichnet und hielt sich von den übrigen Beamten fern. Er begrüßte Dieter freundlich: »Es ist ja nicht sehr schön hier, aber auch nicht gar so schlimm, wie es aussieht; wenn Sie etwas brauchen, wenden Sie sich an mich, ich bin gern bereit, Ihnen beizustehen, Sie können alles von mir haben, nur kein Geld. Uebrigens, wenn's Ihnen auch anfangs schwer fällt, man gewöhnt's, es gibt ja auch allerhand Unterhaltung. Zum Beispiel hat der Herr Kleinert heiratsfähige Töchter.« Damit wollte er den Ankömmling offenbar vor den Fallen eines fürsorglichen Vaters warnen, was sich Dieter gesagt sein ließ, als der Herr Kleinert ihn bald darauf zu einem gemütlichen Abend im Familienkreise einlud. Er lehnte dankend ab, er sei ein Feind jeden Verkehrs und gewohnt, allen Umgang zu meiden, da er seinen Studien lebe. Dagegen weihte ihn ein anderer kleiner, untersetzter, aber feuriger Mann in die schwärzesten Umsturzpläne ein, der Magazinverwalter Böß, welcher als Revolutionär schimpfend und drohend umherging, tat, als müsse das ganze Unternehmen in die Luft springen, dabei aber fleißig schaffte, als ein murrender Sklave. Täglich fürchtete er entlassen zu werden, schalt über ein neues Unrecht, das man ihm angetan, legte den Oberen neue Pläne zur gründlichen Umgestaltung des Betriebes vor, schrieb Beschwerdebriefe mit tausend Anträgen an den Chef nach Wien, bekam keine Antwort, war neu gekränkt, schimpfte unaufhörlich und schaffte weiter. Daheim bastelte er an Erfindungen, hantierte an einem Werkzeugtisch, für welchen er teures Geld ausgab, um die besten englischen Sägen, Schraubenblöcke, Bohrer, Zangen zu erstehen, heute erfand er einen Pfeifenrost, morgen eine Mausefalle, oder einen Apparat zur automatischen Schuhmessung, oder einen zur Füllung von Flaschen aus dem Faß. Wenn die Feierstunde, sechs Uhr abends, schlug und die andern pflichteifrigen Beamten sich noch eine gute Weile im Bureau aufhielten, um den Einlauf zu lesen und wichtig zu tun, nahm er pünktlich den Hut und Mantel, schrie, damit es der Vorstand unbedingt höre: »Glaubt vielleicht wer, ich werde für mein Lumpengehalt noch länger dasitzen, gefehlt, hinaus ins Leben, solange der Dreck noch stinkt, hinaus mit Ihnen, junger Mann.« Und Dieter machte sich das Beispiel des knurrenden Böß zunutze und entschlüpfte still. Zu Hause bei seiner sanften Gattin angelangt, verzehrte der mißvergnügte Revoluzzer, ohne ein Wort zu sagen, das Nachtmahl, und nachdem er eine Stunde seinen Erfindungen gewidmet, verschwand er ins Gasthaus, wo er mit etlichen Zechgenossen unermeßliche Mengen Bieres zu sich nahm, beim Morgengrauen erst vom Wirtshaustische aufbrach, gröhlend und mit immer neuen Schimpfreden durch die Schutthalden und Lachen oder durch die Gasse des Ortes strich, bis er sich endlich ruhiger in seine Wohnung zurückzog, wo ihm die Frau ein eiskaltes Bad bereiten mußte. Dann schlief er bis um halb acht, und erschien pünktlich und zu neuer Erbitterung gestärkt, im Amt. Das war die Gesellschaft unseres Dieter. Er kannte bald jeden aus dem Grunde und fühlte sich als »Verbannter in der Polackei« nicht gerade unglücklicher, als irgendwo anders, denn er hatte tausend freie Gedanken seiner Jugend zu verarbeiten und einen Freund, dem er sich mitteilen konnte. Im Bureau scherte er sich um das Geschäft nicht mehr als unerläßlich und schrieb während der Amtszeit ausführliche Journale für den Toni auf dem reichlich zu Gebote stehendem Geschäftspapier, frankierte sie mit den vorrätigen Marken und versorgte auch den Freund damit, wie mit Federn, Tinte, Löschpapier und allem, was dieser etwa zur Korrespondenz benötigte. Aus dem kleinen Nichts ihrer Tage schufen sie die scherzhaften und bekümmerten, ausschweifenden und zufriedenen Berichte ihrer Briefe. Der Toni kannte keinen anderen Anfangsbuchstaben des Lebens, als das teure »H«, er berichtete von einem Glückwunschschreiben, welches er zu Neujahr ins Innviertel geschickt hatte. Tag um Tag hoffte er auf Antwort, doch vergeblich. Sie schwieg. Das mußte aber nicht bedeuten, daß ihr sein Brief unlieb gewesen sei. Er gedachte in einem herrlichen Album die schönsten »Wiener Lieder« zu verewigen, um sie der Angebeteten zu schicken. Er erbat Dieters Ratschläge für dieses heikle Unternehmen. Er lernte in der Lehrerbildungsanstalt mit Verdruß, aber ohne Schwierigkeiten und lächelte über alle diese pädagogischen Versuche. So kam der Frühling, dann die Reisezeit des Sommers, wo die Ferne dringlich mit Träumen von blauem Himmel und Wanderschaft zu winken beginnt. Im Prater fingen die Regimentsmusiken an, Toni zog allein durch die Stadt, in Hruschau winkte auch so etwas wie Wiesengrün. Unweit vom Ort führte eine Landstraße ins Preußische, zu Dörfern und Bauernwirtschaften, durch Wälder und am mißmutig strömenden, schmutzigen Oderfluß entlang. Dieter wanderte stundenweit, um reichsdeutsche Zigarren zu rauchen und sich als Herr zu fühlen. Es gab Mädchen und Spießbürger in Hruschau, er hatte das Bedürfnis, ihnen allen zu zeigen, daß er zu dem Troß und Gelichter ihres Schlages nicht gehöre. Darum legte er einen eigentümlichen Tiroler Wetterfleck malerisch um die Schulter, verschloß ihn mit einer bronzenen chinesischen Spange, die er von der ethnographischen Gesellschaft besaß, nahm ein Buch unter den Arm, strich verächtlichen Blickes an den Staunenden vorüber in den Wald, wo alle Spaziergänger vorbeikamen, suchte sich einen Felsen aus, der ihn den Blicken zugleich darbot und wieder hoch entrückte, erkletterte den unbequemen Sitz, streckte sich oben in seinem Mantel und Schlapphut malerisch aus und las, das Haupt auf die Hand gestützt und erwarb den beabsichtigten Ruf eines genialen Sonderlings. Heuer gab es keine Ferienreise, kein Schloß mit Baronen, kein Bauernhaus mit Anverwandten, keine freien Abenteuer, nur die Einsamkeit der Polackei und chemischen Wirtschaft. Aber Toni mußte und wollte nach dem Innviertel. Leider hatte er kein Geld, kaum daß er von einer Privatstunde, die er einem unglücklichen Volksschüler erteilte, soviel bezog, um die nötigen Zigaretten, Schuhe, Kleider und Wäsche zu zahlen, denn sein Vater hielt es für übergenug, wenn er ihm Quartier und Kost gab. Heuer würde er ihn sicherlich nicht auf Ferien schicken. Dachte er nur daran, einen ganzen Sommer lang in dieser Wohnung unter seinen Geschwistern hausen zu müssen, an die öden Zeitungsromane und schreienden Kinder, so stieg ihm der Ekel bis an die Kehle. Draußen aber gab es ein schwarzes Posthalterkind, das lachte, sang und auf der Landstraße Arm in Arm mit der Schwester wanderte. Es war völlig zum Verschmachten vor Sehnsucht und Gram. Ihm schien's, als wachse die Begierde nach Leben, Freiheit, Sonne und Liebe aus allen seinen spröden Gliedern, er spürte sie im Rücken, in den Schultern, in der Kehle und dabei solchen niederträchtigen Hunger, der gar nicht zu stillen war. Er fraß Brot und rauchte bis zum Uebelwerden und sehnte sich. Der verdient seine Haut nicht, der nicht aus ihr oft und oft fahren gewollt. Da faßte er sich ein Herz und schrieb in die Nummer der » Ama «, welche vor dem Schulschluß erschien, eine merkwürdige Legende. Irgendeine biblische Sage war mit vielen umständlichen, durchsichtigen Rätselworten auseinandergesetzt, die alle darum sich drehten, ob ein Freund dem unglücklichen Freunde nicht zum Ziel des Lebens verhelfen wolle, welche großherzige, christliche Tat in einem Darlehen von zwanzig Gulden bestünde. Damit konnte man eine Welt kaufen, ins Innviertel reisen, vierzehn Tage dort bleiben, Wunder erwirken, ein Weib gewinnen und ein Mensch werden. Aber ein solcher Betrag war auch so unerhört, staunenswert und unmöglich, daß er nur eben als Märchen genannt und gleich auch verspottet werden mußte. Zu denken, daß er gegeben und empfangen würde, schien toll. Aber war Toni Scharrers Leben selbst nicht lauter Tollheit? Dieter las wohlgefällig diesen biblischen Pump, das erste journalistische Revolverattentat der bisher gänzlich unbescholtenen Zeitschrift, » Ama «, halb mit Sehnsucht nach einer gleichen, seinem kalten Herzen versagten Leidenschaft, halb mit Neid, daß der Toni zwei Ferienmonate vor sich hatte, während er bei den Chemikalien und beim Salda-Konto sitzen mußte, dann empfand er wieder mit Stolz seine eigene wirtschaftliche Selbständigkeit. Schaltete er doch über ein anständiges Salär und war ein fertiger Mann, indes der Toni noch manches Jahr um jeden Kreuzer betteln mußte. Sollte seine Freundschaft nicht einmal zwanzig Gulden erübrigen, einen Schmachtenden zu erlösen? Da war eine Seele zu retten und rief nach seiner Hilfe. Er kam sich wie der Kaiser Josef mit der bereitwilligen Brieftasche vor, doch versagte er sich den Spaß nicht, in der Antwortnummer des »Verbannten aus der Polackei« von allem anderen zu reden, als hätte er die Legende der » Ama « entweder gar nicht gelesen, oder gar nicht beachtet, noch verstanden, gab aber einen Tag später eine Postanweisung für zwanzig Gulden auf und malte sich Tonis Gesicht aus, der zuerst die Zeitung voll Begierde erwartete, im Vorzimmer schon dem Briefträger aus der Hand riß, enttäuscht durchflog und statt einer Antwort auf seinen Innviertler Wunsch und sein närrisches Geldgesuch vermischte Hruschauer Nachrichten erhielt, mißmutig durch den Prater stelzte und die ganze Freundschaft und Schriftstellern verfluchte, um in der Frühe des nächsten Tages von einer baren Geldsendung betroffen, sich aus der untersten Hölle in alle Himmel, dem schwarzen Engel an die Seite gerückt zu finden. Die nächste Nummer der » Ama « war fünfzig Seiten stark. Freundschaft, Liebe, Reise, Dankbarkeit, Hoffnung, Vorbereitungen des glücklichsten Unternehmens setzten sich in mannigfachen Beiträgen auseinander. Das Titelblatt wies als Illustrationsprobe die Widmung des noch immer nicht übersandten Wiener Liederbuches auf, welches er der Posthalterstochter nun eigenhändig zu überreichen gedachte: »›Wiener G'sangeln‹, der Nachtigall des Innviertels in tiefster Verehrung gewidmet von Anton Raimund Franz Scharrer,« stand mit roten Lettern da, um welche ein Kranz blauer und goldener Schnörkel lief. Dann kam ein Dank, der aus aller Fassung der Worte brach und mit Ausrufungszeichen jauchzte: »Zwanzig Gulden hab' ich und einen Freund! Ich kauf' mir das Himmelreich und bleib' dir's schuldig.« Dann eine Phantasie an Hedwig: wie sie wohl aussah und ihm begegnen würde. Welche Qual, die ferne Geliebte sich nicht vorstellen zu können, er brachte kein Bild zustande, als könnten solche Züge von keinem hilflosen Gedächtnis behalten werden. Die Vollendung des zartesten Ovals eines vom Herrgott nur einmal in der ganzen Welt gerundeten Gesichtes kann kein Maler nachziehen, kein Wort vergegenwärtigen, keine Einbildungskraft wiedererschaffen. Schwarze Locken kräuselten sich an den Schläfen, am sanftesten Halse und schlangen sich in die Wangen hinein, als wollte der Schöpfer selbst seine feinste Kunst verspotten, denn das edle Rund eines rosigdurchhauchten weißen Gesichtes konnte nur Gottes Hand mit diesen tollen Schnörkeln schwarzer Haare stören und verzieren, welche das Ebenmaß der Bildung durch den lieblichsten Scherz unterbrachen, als lauere in jedem unbändigen Härlein der Wahnsinn der Liebe. Nur der Meister aller Dinge konnte solche verwirrende Glückseligkeit unbeirrt erschaffen, aber der Mensch zerstört in seiner Leidenschaft das in sich ruhende, im Ebenmaß der Vollendung schwebende Gebilde der Schönheit; seine Liebe und Sehnsucht beleben ein Angesicht und sinnen dessen Einzelheiten solche Macht an, daß sie das Ganze um des kleinsten Teiles willen vernichten und niemals in seiner unermeßlichen Herrlichkeit wiederherstellen können, denn jede Anschauung betet eine widerspenstige Locke, einen Zug des traurigen oder lächelnden Mundes, den Blick des dunkeln Auges an und verliert allzumal den unendlichen Zauber des Ganzen. Hedwig sich vorstellen, hieße Hedwig schaffen und das vermochte nur ein Gott. Der Toni konnte sie bloß ahnen. Er verlor sich in einer schwarzen Locke, während ihre Schönheit aus tausend Vollkommenheiten und Geheimnissen gewirkt war; das schönste Bild blieb durch die schönere Betörung verwirrt. Wie war Hedwig? Sind ihre Augen blau oder schwarz? Ihre Augen sind schwarz, wenn sie sinnt, blau, wenn sie lacht! Kann die Schönheit lieben, welche vollkommen ist und keines andern bedarf? Hedwig müßte lächelnd seine Leidenschaft zu ihren Füßen ausatmen sehen, wie einen Rauch, der in der Luft zergeht. Aber doch ist Schönheit nichts, wenn sie nicht gefühlt wird. Die Schöpfung bedarf des Geschöpfes, das Glück des Glücklichen. Schönheit wehre dich, wie bist du stark, aber in deinem Widerstande erhöhst du dich, mit dir ringend, selbst dich zerstörend, gebe ich dich dir selber! Du mußt dich Schönheit, mir verdanken. Ich bin ein Nichts vor deinem All. Aber dich begehrend, mach' ich dich zur Ewigkeit und bringe die Musik deiner Stille zum Klingen. Meine Liebe spielt um dein Haar, so daß deine schwarzen Locken singen, Hedwig, mein Wahnsinn erst macht deine Schönheit zur Vernunft! Und dann kam wieder ein genauer Reiseplan. Was wollte der Toni mitnehmen? Einen Plaid, worin die nötigsten Gebrauchsdinge gewickelt waren, samt Riemen, einen Vorrat von Herzogowina-Zigaretten. Warum gerade diese Sorte? weil sie mit »H« anfing, wie Hedwigs Name. Dann das Manuskript der besagten Lieder, ein Taschenmesser, Briefpapier, seiner älteren Schwester hatte er ein silbernes Ringlein mit einem blauen Türkis abgebettelt, das wollte er der Hedwig schenken, wenn . . Für alle Fälle, man konnte ja nicht wissen, doch hoffen. Aber an Unglück mochte er gar nicht denken. Daß er zu ihr gelangen durfte, war Erfüllung, die alles weitere Gelingen verbürgte. Und er war der Mann nicht, dieses Wesen sich entschlüpfen zu lassen; er wollte sie bezwingen, auf jede Art, er mußte sie erobern, ganz und gar, wie sie ging und stand, diese Sommertage mußten es entscheiden. Heuer wollte er nicht der kleinen Schwester nachlaufen, um die große zu meinen; er war kein Kind mehr, er würde gleich die Hedwig ergreifen, die er wollte. Und sie durfte sich nicht im Scherz ihm entwinden, denn er würde mit ihr fertig werden. Brust an Brust, und Herz an Herz, und Mund an Mund. Seine Tollheit war ebensoviel Vernunft, sein Wahnsinn Plan, seine Begierde Klugheit. Und im tiefsten Geheimnis: er hatte ein Buch gekauft, »Die Kunst, Weiber zu erobern«, und darin standen unfehlbare, wenn auch schreckliche Mittel, aber er mußte Hedwig gewinnen und stünde sein Leben drauf. Er mußte die Geliebte haben. Sie war doch ein Weib und hatte Blut, Lust und Leib, wie er. Sie mußte geben, wenn er nahm, denn er war der Mann, der will und sie das Weib, das soll. Wie war Hedwig? Dieter schüttelte den Kopf und kannte den besonnenen, spöttischen Freund gar nicht wieder, er lächelte und sorgte sich um ihn. Ihm war eine muntere Freundschaft genug, was sollte man gar noch mit solchen Leidenschaften? Tonis Eifer machte ihn lächeln. Aber indem er spottete, schämte er sich. Was war er für ein wunderlicher, blöder Gesell', der einsam umherstrich und die Welt verachtete, zu bequem, oder zu feig, sie zu bezwingen; der Toni war besser und mehr als er, der wahrte sich nicht, sondern stürzte mitten hinein in den Wahnsinn und lebte das Leben, welches er, Dieter, bloß träumte. Kopfschüttelnd las Dieter diese Walpurgisnachtnummer der » Ama «, während er sein Geschäftsbuch mit sorgfältigen Ziffern und Eintragungen versah, lächelnd ging er am Abend ins Preußische und stellte sich Tonis Reise vor. Zur Nacht aß er reichlich und hungrig auf Tonis Wohl. Aber als der Böß ihn zu weiterem Genuß von vielen Krügeln Bier aufmuntern wollte, »solange der Dreck noch stinkt«, dankte er entschieden, zog sich in seine Kammer zurück und schlief einen gesunden, traumlosen Schlaf, während sein Geselle in das wilde Wetter des Schicksals hinausfuhr. Vom ersten Reisetage kam eine Karte. Sie sagte bloß von der glücklichen Abfahrt und jauchzte. Und am nächsten Morgen kam ein Brief, mit Bleistift unordentlich kreuz und quer übers Papier gejagt, in der Dachstube des Dorfwirtshauses geschrieben, wo der Toni am Abend angelangt war und die Hedwig getroffen hatte. Sie war tausendmal schöner, als alle seine Vorstellungen, die Wirklichkeit tausendmal herrlicher, als der Traum und dazu rein, fromm und selig, während die ferne Begierde ihn niedrig und schlecht gemacht hatte. Wo waren alle die Gedanken, mit denen er Hedwig beleidigt, wo war die Kunst, Weiber zu gewinnen? Wo es Weiber gab, und Weiber konnten ihre Verführer haben, aber wer verführte einen Engel? Sie hatten am selben Tische einander gegenübergesessen und er hatte ihr eine Zigarette angeboten. Die zündete sie an und blies die Rauchwolken durch die feinen Nüstern. Nach wenigen Zügen reichte sie ihm die Zigarette, er solle sie fertig rauchen. Oh, über seine glücklichen Lippen! Sie trank auch Wein aus seinem Glase und war das heiterste, ausgelassenste Kind. Doch lächelte sie zuweilen auch spöttisch und dann gab ihr Blick dem seinen keine willkommene Antwort. Als sie den Wein ausgetrunken hatten, stand sie auf, um nach Hause zu gehen. Die jüngere Schwester wäre noch gern geblieben, aber Hedwig verweilte nicht länger. Eine Viertelstunde Weges durfte er in der hellen Nacht auf der Landstraße neben den beiden Mädchen gehen. Es war warm, die Sterne leuchteten am Himmel. Die Hedwig nahm erhitzt ihr Seidentüchlein von der Schulter, um sich abzukühlen. Er riß es an sich, begehrte es zu tragen und hoffte, verborgen einen Kuß darauf zu drücken, denn es war an ihrem Halse gelegen. Sie wehrte ihm und wollte es nicht hergeben. Sie sagte, sie litte es nicht, daß er ihren Bedienten mache. Und er antwortete mit bedeutsamer Betonung. »Ihr Bedienter will ich nicht sein.« Und er verschwieg, was er ihr denn sein mochte, aber sie mußte es verstehen. Doch darauf entgegnete sie nichts. So kamen sie bis zum Posthause. Allein stelzte er zurück und schrieb bei einer Kerze diesen Bericht, bevor er schlafen ging. Und dann kamen keine Nachrichten, nach acht Tagen erst ein Brief, wirr und elend und aus Wien. Er erzählte wenig vom Vorgefallenen, nur daß seine Hoffnung aus war, die Hedwig gehörte einem andern. Dieter konnte bloß erraten, was es etwa gegeben. Das Mädchen hatte, die Leidenschaft des Knaben mit ernstem Mitgefühl erkennend, wohl durch die jüngere Schwester dem Toni andeuten lassen, daß sie verlobt sei und in den nächsten Tagen zu ihrem Bräutigam verreise. War's nun Teilnahme der kleinen Schwester, oder Wahrheit, wenn sie durchblicken ließ, die Hedwig sei zwar versprochen, aber ohne Liebe. Die Eltern hatten ihr zugeredet, den wohlbestallten Werber, einen »Dentisten« zu Linz, anzunehmen, und sie hatte ja gesagt. Wie hätte sie auch an den Toni denken können. Obgleich nicht älter als er, war sie, die Achtzehnjährige, eine reife, ihrem Schicksal entgegengeblühte Person, und er ein Knabe. Sie lachte mit ihm als ein Kind mit einem Kinde, aber daß er mehr, sein Weib von ihr verlangte, schien als das kindischeste Begehren gar unmöglich. Sie hielt sich für gebunden und mehr durch ihr Wort, als durch ein wahres Gefühl vor der Leidenschaft dieses Knaben geschützt, die zu teilen Torheit gewesen wäre. Eine frühere Reife läßt die Mädchen so überklug sich vor dem Feuer schützen und alle Gefahr erwägen, für die sie nun einmal doch bestimmt sind. So war der Toni zu früh und zu spät gekommen. Sie liebte zwar ihren Verlobten nicht, aber darum blieb ihr der Schwärmer doch immer noch zu jung und unannehmbar. Ein Jahr später hätte sie vielleicht schon gewußt, daß alles zu geben das einzige Glück und die ganze Weisheit der Frau ist, die ihrer Bestimmung gehorcht. Aber dies zu lernen, war sie jetzt selbst noch zu jung. Was weiß der Boden, der eben aufgrünt von den Lasten seiner Ernten, denen er gehört. Es erzürnte sie nur, daß dieser Bursch sie begehrte, und was sie vielleicht ein Jahr später erfreut hätte, das beleidigte sie heute und sie verschmähte den Kranz. Da sie nicht liebte, mißtraute sie der Liebe. Wer nicht die Weisheit des Gefühls erlebt, der opfert sich der unseligen Klugheit des Verstandes. So fuhr sie zu ihrem Dentisten, der Toni hatte im Innviertel nichts mehr zu suchen und reiste zurück. »Gestern vor acht Tagen habe ich so viel geweint, mein Herr und Gott, mir war zum Sterben müde, zu müde zum Sterben, in der Eisenbahn mußt' ich mir die Augen wischen, im Wartesaal in Andorf bin ich einsam hinterm Ofen gesessen und habe nach Herzenslust geweint, im Wirtshaus in Passau hat's mich nur so geschüttelt, und ich hab' mich vor den Leuten so geschämt, die es doch merken mußten. Aber ich konnte mir nicht helfen.« Zu Passau stieg er ins Schiff mit ausgeweinten Augen und hielt sich am Verdeck in einem Winkel. Da näherte sich ihm ein freundlicher Offizier und begann ein Gespräch mit ihm. Und der Toni nahm sich zusammen und antwortete so vernünftig er konnte. Der Leutnant machte allerhand Späße und schenkte ihm eine gute Zigarre. So kam er nach Wien. Dieter tröstete den Freund, wie er konnte. Wer nie geliebt, hat leicht von Torheit reden. Der Verbannte aus der Polackei schlug dem Toni vor, er solle das eine A nun endgültig von seinem Wahlspruch löschen, mit Amor sei es nichts, amicitia und musica genügten, und er schickte ihm sein Lieblingsbuch: Zimmermanns »Einsamkeit«, damit er die Lehren des Philosophen würdigte, daß die Einsamkeit das wahre Glück des Lebens bedeute. Der Toni wußte es besser und schalt. Wer je geliebt, der wisse, daß Amor über allem Alphabet stehe, nicht umsonst lerne der Gymnasiast das erste Zeitwort abwandeln: amo, ich liebe. Und ob er es auch unglücklich abgewandelt, sei er nicht so schlecht und boshaft, dieses schönste Gefühl darum zu leugnen und wegzustreichen. Von der Schrift, die das Schicksal auf die Tafel eines Menschenlebens schreibt, sei die Liebe das einzige bleibende Zeichen, selbst die unglückliche noch wert und herrlich und unauslöschlich. Was aber den Philosophen betreffe, so sei seine Einsamkeit ein armseliges zahnloses Altersgeschwätz, das nichts bedeute. Was weiß der jämmerliche Schönredner von der Einsamkeit! Wer will die Hand preisen, die den Hals würgt, die Unendlichkeit, die uns in Trümmer haut, die Kälte, die unser Herz einfrieren macht, so daß es noch schlagend weiß: ich bin tot. Das ist die Einsamkeit, ein fürchterliches Gewesensein, er wußte von ihr zu reden, der sie erlitt, der Philosoph aber, weise aus Mangel an Torheitsvermögen, sollte sein Maul halten. XV. Toni saß in der Wohnstube, wo die kleineren Geschwister aus der zweiten Serie lärmten, die Mutter belferte, der Vater Zeitung las und sollte studieren, leben und lernen und alles nach jenem Stoß ins Herz. Er besaß einen Freund, den hatte ihm das Schicksal weggeführt, er begehrte Liebe und sie war fern von ihm. Nichts blieb ihm, als die Einsamkeit. Aber die Einsamkeit der Jugend hat einen andern wahren Namen, der heißt Langweile. Die steht als der Fluch der Zeit hinter dem Tatlosen und Begierigen und lauert hinter allen seinen Gedanken als ein finsterer Engel des Unvermögens, der spielerischen Oedigkeit, der unfruchtbaren Träumerei, des häßlichen Wartens. Ringsum rollt die Welt in gestaltenvollen Ereignissen vorbei, aber da steht eine jämmerliche Stube und ein Knabe schaut hinaus und ist gefangen. In eine Schule, zu lächerlichen Aufgaben und Pflichten gepreßt, wandelt er in einer Tretmühle, während das große Leben draußen sich im unermeßlichen Strome vorüberwälzt. Dabei gehen die kostbaren Stunden und Tage vorbei, als verschwende er sie, der bettelarm, mit seinem einzigen Gut, der Zeit, nichts anfangen kann. Auf der Schulbank beim Kümmeln kümmerlicher Dinge flüstert die graue Langweile hinter ihm: bald schlägt's zwölf, dann kommt das Essen. Und daheim bei der Schüssel, in der eine würzelose Kost dampft, sagt die Langweile: Nachmittag ist frei. Und um drei oder vier sitzt er wieder am Schreibtisch. Was fang ich an? Soll ich den Roman lesen, der ist ja fad, oder soll ich spazierengehen? Aber was fang ich draußen an? Der Herbstregen macht die Straße dumm und schmutzig. Der Toni raucht aus Verzweiflung Zigaretten, solang der Vorrat reicht, oder schlechte Zigarren, die er dem Alten aus seiner Schachtel entwendet, oder Pfeife. Der Dieter spendiert zuweilen einen sogenannten »Grenzer«, einen sehr starken, übelriechenden, aber billigen Rauchtabak, der in Hruschau zu kaufen ist und in den Grenzorten erzeugt wird, um der ausländischen Konkurrenz ein besonderes wohlfeiles Kraut vorzulegen. In die Dampfwolken tönt das Schreien der Geschwister hinein und die alte Langweile hüllt sich in Rauch. Ach wär's schon morgen, wär's Sonntag, wär's ein Jahr später, schreiben wir in Gottes Namen die » Ama «, und der Toni dichtet Neuigkeiten für den Verbannten in der Polackei! Er spricht besonders gern in Reimen, weil das Klappern der gleichklingenden Worte die Zeit besser hinbringt, die Langweile steht als Muse hinter ihrem Schützling. Jede Seite beginnt mit »H« und auch das Ersinnen eines rückläufigen Kalendariums gilt jenem einzigen Sommer im Innviertel. Vor zwei Monaten am selbigen Tag hat er das seidene Tuch der Hedwig getragen. Die altdeutsche Uhr schlägt die Stunden, die Langweile vergißt nicht, das Pendel aufzuziehen, ihr darf kein Augenblick entgehen, sie hetzt ihren Sklaven und zerrt ihn zugleich zurück. »Zerstreuung« ruft sie scheinheilig und lächelt mit bittersüßer Heuchelei: »Zeitvertreib«. Vor dem Toni liegt ein Stück buntes Papier, wie er es mit besonderer Vorliebe für allerhand Spielereien verwendet, denn er fertigt Buchbinderarbeiten und dergleichen an, die »Wiener Lieder« für die Nachtigall des Innviertels waren die schönste Probe seiner Kunstfertigkeit. Seither betreibt er derlei, um doch nur irgendwas zu tun, niemand zur Freude. Mitten in seinem Hindämmern bettelt der kleine Bruder, der einstmals sich so wehmütig an den Zipfel der braungemusterten Tischdecke gehalten und heute schon in die Schule geht: »Toni, schenk' mir das blaue Papier.« Der Toni fährt aus seinem Sinnen auf: »Wer hat gerufen?« Und sieht, es war der arme Teufel aus der zweiten Serie. Da faßt ihn ein häßlicher Zorn, sei es gegen den Stiefbruder, sei es gegen sich selbst, die Langweile erdrückt ihn, er springt auf, ballt das blaue Papier zu einem Knäuel zusammen und wirft es zum Fenster hinaus, da heult der Kleine, der Student aber schämt sich seiner Bosheit und ist doch befreit. So schleppen ihn die Tage mit. Am Silvesterabend sitzt er bei einem Glase Punsch, während seine Leute schon zu Bett sind und schreibt eine Neujahrsnummer der » Ama «. Die Langweile, die Muse, gibt ihm einen Einfall. Er läßt das alte Jahr, das sich in den letzten Zügen auf dem Todeslager wälzt, den Toni Scharrer fragen: »Was hab' ich dir getan, daß du mir fluchst. Ich kann nicht sterben. Dein Zorn macht mein Hinscheiden schwer. Was hab' ich dir getan?« Der Toni weiß eine Antwort: »Du hast mir meinen Freund entführt, du hast mir meine Liebe genommen, ist das nicht genug, du alter Henker?« Da stirbt das Jahr verzweifelt, Angstschweiß auf der kahlen Stirn und ungetröstet. Der Toni drückt ihm die Augen zu: »Ich wollt', ich läg' an deiner Stelle, dann wäre dir verziehen.« Im neuen Jahr ersann die Langweile für ihren Liebling einen neuen Zeitvertreib: Tanzen. Ein junger Mann kann nicht monatelang seinem Unglück nachhängen und über Versagtes trauern, er soll hinaus unter Menschen und Mädchen. Alle seine Kameraden gehen in die Tanzschule. Vielleicht gibt's dort was Neues. In der Landstraße war ein Meister dieser Kunst berühmt, welcher um billiges Geld Kurse für die bescheidene Bürgerschaft abhielt. Die Schüler bezahlen ein mäßiges, aber für Toni unerschwingliches Honorar, doch jene reiferen, männlichen Gäste, welche bereits ausgebildet, nur Uebung suchten und als gewandte Tänzer die jungen Damen zu führen verstanden, brauchten bloß wohlfeile Eintrittskarten zu lösen und ein Garderobegeld zu entrichten, um auch an dem gemeinsamen Vergnügen und noch dazu höchst ehrenvoll teilzunehmen. So ließ sich Toni als Gast einführen, obgleich er keinen Schritt tanzen konnte. Aber dreist und aufmerksam wie er war, würde er es schon vom Zuschauen lernen können. In der ganzen barbarischen Welt mildern französische Anstandslehrer und Tanzmeister die groben Umgangsformen und beziehen ihren ärmlichen Lebensunterhalt vom Abrichten der fremden jungen Bären. So war auch in die Landstraße ein zierlicher, befrackter und sorgenvoll zeremoniöser Herr Clairmont verschlagen, welchem Toni die Schritte abguckte. Auch die Langweile beflügelt, was haben die Füße des Schülers Toni Scharrer Besseres zu tun, als ihn um die eigene Achse zu drehen? Er trug sein schwarzes Sonntagsjackett, ein gestärktes Vorhemd, weiße Halsbinde mit einer falschen Perle als Busennadel, seine alten Schuhe hatte er sorgfältig geputzt, und da er unternehmend dreinschaute, von der Aufregung des ungewohnten Vergnügens gerötet, machte er eine ganz angenehme Figur. Er, der von Hedwig die Schönheit erkennen gelernt hatte und dem durch die Nörglerin Langweile, durch die bittere Erfahrung der Blick grausam geschärft war, rümpfte die Nase über den anwesenden Damenflor. Das wollten Fräulein sein? Wie aufgeputzt sie sich auch trugen. wie sie auch nickten, lächelten, knixten und wohlfrisiert waren, allesamt schienen sie ihm gleich häßlich, nichtig und kümmerlich. Er wählte die, welche ihn am annehmbarsten dünkte, eine magere, blonde, blauäugige Person. Sie war wenigstens jung und frisch und schaute ein bißchen schmachtend, als hätte sie schon hinter den Vorhang geguckt. So jung und schon traurig. Das paßt mir gerade, dachte der Toni und nahm ihren Arm. Sie lächelte freundlich, ließ sich von ihm durch den Saal schleifen und zürnte nicht, wenn er ihr auf die Zehen trat oder an andere Paare anstieß. So konnte er mit ihrer geduldigen Hilfe als Gasttänzer gelten, sie sprach auch angenehm und ganz klug mit sanfter, verschleierter Stimme, welche ein zartes Weh des erwachten und betrübten Herzens verriet. Der Toni wurde gleich auch nach der Sitte ihrer Mutter vorgestellt, die saß als Begleiterin da und erschien selbst noch ganz annehmbar, stattlich und heiter, als bereite die Tanzschule ihr mehr Vergnügen, als der Tochter. Ja, sie ließ sich sogar selbst nicht ungern zu einem Walzer erbitten und bewegte sich ungeachtet ihrer volleren Leiblichkeit recht leicht und gewandt durch den niedrigen Saal, indem sie den Toni führte und mitten im Sechsschritt plaudernd durch ihre urwüchsigen Scherze zum Lachen brachte. Er erwiderte ihre Frozzeleien gewandt, wie es einem jungen Wiener Gesellen ansteht und von Natur eingegeben ist. Man mag noch so bekümmert sein, es gibt eine Heiterkeit der Stunde, die auf dem dürrsten Boden wächst, wie die bescheidene Kresse, welche selbst auf einem armseligen Schwamm vergnüglich grünt. So ließ sich der Toni nicht spotten, gab auf einen Witz den andern zurück, lachte und schaute keck. Was hatte seine Verzweiflung mit dieser Lustbarkeit zu schaffen! Die Frau Marie Hilsch und ihre Tochter Mizzi waren die Angehörigen eines wunderlichen Privatbeamten, der mürrisch diese beiden so gut versorgte, wie er konnte und im übrigen seine Ruhe verlangte, so daß sie tun und lassen mochten, was ihnen beliebte. Und da die Mama Hilsch das bescheidene Dasein in ihrer Welt als ein erlaubtes und treulich auszuübendes Vergnügen ansah, welches sie der jungen Tochter recht inständig wünschte, um auch selbst ein wenig Munterkeit noch vor Torschluß abzubekommen und sei es nur im Zuschauen, hielt sie das Tanzen für eine wohlangebrachte, ja unerläßliche Unterhaltung. Und weil die Mutter wiederum gerade über diese Zerstreuung sehr wohlwollend dachte, hatte die Mizzi sich von rechtswegen, wie es eben zum Walzer gehört, schon beim ersten Besuch der Schule des Herrn Clairmont in ihren ersten Tänzer verschossen. Das war ein ehemaliger Gymnasialkollege des Toni, hatte bereits die Matura bestanden und ging auf die Universität. Anstandshalber und weil die Tanzschule und diese Jahre es erforderten, verliebte sich auch der junge Mann in die Mizzi und im Dreischritt erwirkte sich gleich auch die entsprechende Verlobung. So weit war alles in Ordnung. Aber die Enttäuschung und der zugehörige Schmerz ließen nicht auf sich warten, denn der junge Mann besaß eine häßliche Schwester und eine boshafte Mutter, die gleichfalls die Tanzschule besuchten. Mama Hilsch aber war in aller ihrer Fröhlichkeit recht unduldsam gegen langweilige und anspruchsvolle Personen und kümmerte sich nicht, wie es die Schicklichkeit verlangte, um diese Begleiterscheinungen des Bräutigams ihrer Tochter. Die Zurückgesetzten fühlten sich beleidigt und boten darum ihren ganzen Einfluß auf, den Sohn und Bruder von der Mizzi zu trennen. Dieses gemeine Unterfangen schien ihnen zu glücken, denn der Jüngling blieb bereits mehreremal aus der Tanzstunde weg. Deshalb zeigte die Mizzi sich so schwermütig und betrübt, deshalb hatte sie wiederum den Toni angezogen, wie ein Kummer den andern. Die junge Tänzerin schwebte in ihren Walzern einmal ums andere in Angst und Bitternis: liebt mich mein Bräutigam, oder hat er mich schon verlassen. In solche Qual eines bescheidenen Mädchengemütes geriet Toni mitten hinein, nicht übel willkommen, um der bösen Welt und den häßlichen Neiderinnen zu beweisen: wir brauchen euren Schwächling nicht, wir sind einen bessern wert. In einer Tanzschule wachsen die Geheimnisse wie Brombeeren, und jeder kann sie pflücken. So wußte der Toni bald um das Leid der Mizzi; da er Aehnliches erduldet, verstand er sich gar wohl darauf, und es schien ihm eine würdige Aufgabe, die gekränkte Unschuld zu trösten und zu beschützen. Jetzt hatte er wieder etwas zu tun. Zwischen dieser und der nächsten Tanzstunde stellte er den zögernden Liebhaber zur Rede. Der tat unschuldig wie ein Gotteslamm und versicherte die Verlassene seiner treuesten Gefühle. Aber darum ließ er sich doch auch das nächstemal nicht blicken. Und Toni konnte darum nicht anders, als sich der beiden Damen unverzagt anzunehmen als treuer Kavalier. Diese Geschichte gab einen guten Stoff für die nächste Nummer der » Ama «, welche vom Tanzen und von der angenehmen Gleichgültigkeit dieses Zeitvertreibes handelte, er beschrieb seine Schutzbefohlene recht von oben herab, wie konnte sie sich mit der angebeteten Hedwig messen! Die Mizzi war blond und mager, lang wie eine Hopfenstange und wehmütig wie ein wässeriger Kaffee, die Hedwig aber war schwarz und schlank, zierlich und fein gedrechselt und heiter wie die Gefahr des Helden. Dieter entnahm diesem Journal nur die eine Kunde, daß ein Mann von Welt tanzen muß und beschloß, Toni sollte in der Wienerstadt keinen Vorsprung des Walzers vor ihm tun. Auch in der Polackei mußte derlei zu erringen sein. Unweit von Hruschau lag die Grubenstadt Ostrau, deren junge Leute, Ingenieure, Beamte, ledige Töchter von Bürgern auch etwa tanzen wollten. Aber zu Ostrau gab es zwar ein Kasino und etwelchen geselligen Verkehr, nur keinen Tanzlehrer. Der nächste Meister dieser Kunst waltete in Olmütz. Dieter erließ daher ein Rundschreiben an alle, welche etwa Lust hatten, einen solchen Kurs mitzumachen und fand begeisterte Subskribenten in Ueberzahl. So konnte der gesuchte Lehrer aus Olmütz verschrieben werden, traf auch eines Tages bereitwillig in Ostrau ein und wollte einen Gastunterricht für zwei oder drei Wochen abhalten, zu welchem Zwecke er Einschreibungen entgegennahm. Nun hätte es Dietern keineswegs angestanden, wie die übrigen uninteressanten Herrlein sich zu diesem Manne zu begeben. Mußte er sich schon notgedrungen der Gesellschaft von Federfuchsern und Beamtensimpeln anschließen, um zum Tanzen zu kommen, so sollte dies doch in einer Weise geschehen, welche sowohl seine Herablassung, als seine bleibende Sonderstellung unvergeßlich hervorhob. Daher zog er eine Zwilchhose an, über welcher sein schwarzer Schniepel eigentümlich feierlich saß, wie das unbequeme Festkleid eines weltverachtenden Forschungsreisenden, über den Kopf stülpte er einen roten quastengeschmückten Fez, und einen echten türkischen Tschibuk mit Bernsteinspitze im Munde, den alten Wetterfleck mit der chinesischen Bronzespange umgeschlagen, begab er sich zur ersten Lektion. In Ostrau angelangt, trat er keineswegs unmittelbar in den Saal, sondern meldete sich durch eine Visitenkarte an. Um diese Zeit hatte er nämlich dank seinen seit der Akademie rührig fortgesetzten Umschriften und empfangenen Drucksorten auch die Theosophie entdeckt, welche ihn mehr wegen ihrer geheimnisvollen Gesellschaften und ihres fremdländischen Ursprungs, als durch ihre eigentlichen Lehren reizte, und da die Mitgliedschaft nur einen Gulden kostete, war er beigetreten und durfte auf seine Karte drucken lassen: »Josef Dieter, member of the theosophical society of India. « Als Jünger der Madame Blavatska und als Inkarnation des zweifelnden, suchenden und verachtenden Menschentums betrat er, halb bestaunt, halb gefürchtet, den Saal und tanzte im Fez, als merkwürdiger, fremdländischer Gast unter den armseligen Ortsangehörigen. So erschien er allemal, bewundert und von den Damen angeschwärmt, denen er eine zwischen Duldsamkeit und Gleichgültigkeit geteilte rätselhafte Konversation angedeihen ließ, welche seine indische Weltanschauung und undurchdringliche Selbstgenügsamkeit verriet, die Verachtung des gegenwärtigen nichtigen Tuns andeutete und die bescheidenen Jungfern doppelt reizte, den einsamen Theosophen doch noch herumzukriegen und den schnöden Unwilligen anzuziehen, denn ein bekehrter Sünder wiegt allzumal zehn langweilige Gerechte auf. Dietern aber handelte es sich nicht um die Damen, sondern um den Sechsschritt und wenn die Lektion aus war, folgte er nicht den Schönen, sondern ließ sich an einem Tische abgefeimter, alter Junggesellen nieder und schmähte das niedrige Weibergeschlecht mit den Alten um die Wette, denn auch dies schien ihm der Würde eines Mannes gemäß, sich an die ergrauten und aus dem Feuer der Versuchung geretteten Leute zu halten. Unterdessen ging Toni unaufhaltsam den entgegengesetzten Weg. Während Dieter in Zwilchhosen und Fez, mit Tschibuk und Verachtung selbst im Tanz den Weibern als unbezwingliches, undurchdringliches Mannsbild davonwalzte, wurde Toni ihnen wie von einem höheren Herrn Clairmont zugeführt. Mizzis ungetreuer Verehrer machte sich immer unsichtbarer, er begegnete ihr nicht mehr zufällig auf der Straße, wenn sie aus der Handelsschule kam, er blieb aus dem Tanzkurs weg, weshalb Toni um so notwendiger dort und auch bei anderen geselligen Veranstaltungen erscheinen mußte, denen er beigezogen wurde. Das junge Mädchen eiferte im Glauben, sang in der Kirche auf dem Chor und fehlte bei keiner geistlichen Veranstaltung. In diesen Jahren, wo die katholische Frömmigkeit sich mit der politischen Gegenbewegung des verkrachten Liberalismus eng verbündete, um eine nie verlorene Macht über die Menge auch nach außen zu beweisen, verstand es die Klerisei sehr geschickt, ihren Anhängern das erforderliche Vergnügen, die unerläßliche Zerstreuung und fromme Erheiterung in Christo nach den Wahlkämpfen und politischen Mühsalen zu sichern. Es handelte sich darum, der leicht befriedigten, getreuen Kleinbürgerschaft der Bezirke Gelegenheiten geselliger Vereinigung zu schaffen und diese wiederum für die höheren Machtzwecke der Politik auszuwerten. Vor allem wurden die Frauen und Mädchen herangezogen, als die leichtbewegten, den Ueberredungen des Glaubens willig unterworfenen Schäflein, während die starrköpfigen Widder durch die Lockung der Weiber kirre gemacht, folgen mußten, woferne sie nicht schon ohnedies in der Hürde beisammen waren. So gab es auch unter den Weißgerbern, dem beherrschenden Viertel der Landstraße, einen Kirchenmusikverein, welcher Unterhaltungsabende, Gesangsproben, Aufführungen geistlicher und weltlicher Werke veranstaltete und sowohl die tauglichen Musik als die zugehörigen Wahlstimmen sammelte. Die Mizzi Hilsch war wegen ihrer und der Mutter verläßlicher Gesinnung und ihres guten Soprans ein führendes Mitglied und warb wiederum den Toni an, der als gleichgültiger, darum dringlich zu bekehrender Jüngling und Geigenspieler einen wertvollen Gewinn bedeutete. Amor hatte freilich vorläufig keinen Part in diesem Konzert des Glaubens, aber Musika, Tonis andere Göttin, und die Langweile, seine Führerin, leiteten ihn, den Wollenden willig. Sang die Mizzi auf dem Chor in der Messe, mit ihrer wehmütigen, von der emporziehenden Gewalt der rauschenden Orgel befreiten und durch das starke Gefühl des Glaubens, als durch das höchste Muß ihres Wesens gleichsam wider Willen enthüllten Stimme, so meinte er eine andere, verborgene, süßere Sängerin selige, blühende und versagte paradiesische Wonnen verkünden, Hedwigs sammetdunklen Alt zu hören und es war ihm, als erblicke er diese zierliche Gestalt mit dem schwarzen Haar und dem spöttischen Munde, wie sie von dem Notenblatte statt des geistlichen das weltliche Freudenlied ablas, welches ihm leider nicht tönend wurde, denn die Orgel überwältigte die geträumte Musik und führte den Sopran der Mizzi wie über Felsenpfade hinan, die Gestalt der Hedwig versank immer wieder hinter Schleiern, während die gerade, herbe, blonde Figur der gegenwärtigen Sängerin sich zuversichtlich aufrichtete und den Triumph des siegreichen Glaubens erschallen ließ. In der » Ama « gebrauchte Toni für den Februar dieses Jahres, in welchem er mit Musikbegleitung zur Frömmigkeit geführt wurde, so oft er nur konnte, den heidnischen Namen Hornung, weil er mit Hedwigs Anfangsbuchstaben begann. Aber die Mizzi sang so schön, daß er wünschte, sie mit Hedwig zusammen hören zu können. In einem Wirtssaale fand ein Unterhaltungsabend des Kirchenmusikvereins statt. Die zugehörigen Gesellschaften saßen an Tischen beisammen, die geistlichen Herren hielten Vorträge, welche mit geziemendem Ernst entgegengenommen wurden, bis die bescheidene Unterhaltung zu ihrem Recht kam. Musikstücke wechselten mit Deklamationen ab, dazwischen wurden Ansichtskarten zugunsten des frommen Vereins verkauft, auf welchen allerhand Mitteilungen der jungen Leute an Ort und Stelle geschrieben wurden. Das hieß »Juxkorrespondenz«. Die Jünglinge und Jungfrauen an den einzelnen Tischen sandten einander derlei Blättchen mit Anspielungen, Komplimenten, zarten Bosheiten, durchsichtigen Beleidigungen oder Huldigungen, die Verkäufer der Karten trugen diese Botschaften auch aus und empfingen die Antworten, so daß ein lustiges Kreuzfeuer von angezettelten, gestörten, wiedervereinigten, von gekränkten und erfreuten Verbindungen bei Speis' und Trank aufflackerte und die Gemüter, welche nach solcher Nahrung hungerten, in den aufmerksamen und angenehm verfänglichen Taumel eines Spieles verlockten, das manchen Ernst verhieß und die gebotene ehrbare Frömmigkeit durch erlaubte Zerstreuung aufs beste belohnte. Toni schrieb, von Einfällen sprudelnd, Witzkarten nach allen Seiten, die schönsten an seine Nachbarin. Im Gespräche aber verhehlte er keineswegs seine unglückliche Unnahbarkeit und deutete an, daß er sowohl versagt, als trostlos verloren sei. Die Mizzi wollte Näheres erfahren, er ließ sie fragen. Sie begehrte zu wissen, welcher Frauenname ihm der liebste sei. Sie sollte raten und nannte: Elisabeth, Agnes, Dorothea, Anna, Gertrud. Er schüttelte den Kopf, als sie »Hedwig« sagte, senkte er ihn bestürzt, ehe er verneinte. Da wußte sie alles. Er verheimlichte seine unglückliche Liebe nicht, um sie über die ihrige zu trösten. Und sie vergaß wieder den eigenen Kummer aus Mitleid mit dem seinigen. Sie sah ihn teilnehmend an: »Da gefällt Ihnen wohl keine der allerschönsten Damen von hier?« »Keine,« sagte er. »Sie natürlich ausgenommen,« und lächelte dabei gezwungen. »Freilich, mich ausgenommen,« gab sie zurück. Zum Benefize des Herrn Clairmont wurde ein förmliches Kränzchen veranstaltet. Toni erwies sich für die duldsame Gastfreundschaft des Franzosen dankbar, der ihn ohne teures Schulgeld als Tänzer gelten ließ. Nach alter, durch Generationen fortgeerbter Sitte tat sich der Kreis jedes Jahr zusammen und verehrte dem Meister ein Dankdiplom, welches bei einem bekannten Kalligraphen bestellt wurde, der zu hohem Preise mit schwungvoller, roter, goldener und verschnörkelter Schrift auf Elfenbeinpapier eine Urkunde lieferte, die von allen dankbaren Zöglingen gefertigt, dem Tanzlehrer überreicht wurde. In edler Rührung und beispielgebender Haltung, das rechte Bein vorgestreckt, die linke Hand über der weißen Hemdbrust am Herzen, hatte dieser ergriffen das Diplom in Empfang genommen und legte es alsbald zu den übrigen in irgendeinen Winkel. Freilich hatte er davon auch einen kleinen Geldnutzen, indem der Kalligraph von seinem Lohne etwa die Hälfte an den Inhaber der Huldigung abführte. Aber dieser geschmälerte Gewinn schien Toni, als ihm der Plan mitgeteilt wurde, doch ungebührlich gering, er beantragte daher, von dem unnötigen Zwischenhandel abzusehen und das gesammelte Geld lieber gleich zum Ankauf eines wertvollen Geschenkes, einer Busennadel, eines Brillantringes oder sonstigen echten Schmuckes zu verwenden. Dieser Einfall, obgleich naheliegend, wurde als die Idee eines überragenden Geistes gebilligt und angenommen, und der gute Clairmont war diesmal wahrhaft überrascht und gerührt, als er statt der langweiligen erwarteten Urkunde einen funkelnden Ring bekam, den er fortan den neuen Zöglingen späterer Jahrgänge zeigte, um sie auf die bessere Eingebung solcher Erkenntlichkeit sachte hinzuführen, denn auch zu dieser Unterweisung war die Anstandslehre berufen. Beim Kränzchen bot der erkenntliche Meister alle Reize der Vergnügungskunst auf, den Beginn machte eine Scherzlotterie, deren Lose reißend abgingen. Jeder gewann, Toni eine Zigarrenspitze, aus welcher man nicht besser rauchen konnte, als aus einer Federkapsel. Die Treffer waren von den Teilnehmern selbst geliefert worden, wobei jeder tückisch solche Dinge einschmuggelte, die er selbst nicht brauchen mochte und darum andern zudachte. Beim Kotillon mußte sich eine Dame mit brennender Kerze auf einen Stuhl setzen, von zwei Herren umtanzt. Wer von den beiden mitten im Walzer das Licht ausblasen kann, darf mit der Schönen tanzen, dem andern bleibt die Kerze. Das hieß »brennende Liebe«. Dann gab es den »Polsterltanz«, der mit Küssen schließt. Der Toni tanzte mit der Mizzi und küßte sie, nicht, wie es sonst üblich, andeutend auf die Wange, sondern, da nun einmal geküßt werden sollte, gleich auf den Mund; aber er verspürte nichts Besonderes dabei, obgleich sie errötete und das Unerwartete geschehen ließ, ehe sie sich lachend abwandte. Die Sache wurde übrigens sofort ausgeglichen, indem er mit Mama Hilsch ebenfalls tanzte und auch sie auf den Mund küßte. Was der Mutter recht war, durfte der Tochter billig sein. Er schenkte der Jungen eine Rose, welche er um sein letztes Geld gekauft hatte und sie nahm einen Veilchenstrauß von der Brust und heftete ihn an seinen Frack. Dieses Blumenbüscherl hatte sie von einem andern Herrn bekommen und es war für diesen recht beleidigend, daß sie es dem Toni schenkte. Als darum der Fremde in der Nähe auftauchte, erblaßte die Mizzi und gestand ihre Torheit ein; Toni wollte ihr die Veilchen gleich wieder zurückgeben, doch litt sie es nicht und streckte trotzig den Kopf empor, nein, er sollte das Sträußchen behalten, mochte der andere gekränkt bleiben. Beim Nachhausegehen regnete es, aber das verdroß die Fröhlichen nicht. Toni wickelte seinen Zylinder, den er von einem Freund entliehen, in zwei Taschentücher, um ihn zu schützen, in der linken Hand trug er Mizzis Blumen, unterm linken Arm eine weitere Schachtel mit Kotillon und Lotteriespenden, in der Rocktasche Mizzis Ballschuhe, am rechten Arm führte er seine Dame selbst. In einem Kaffeehause ließ man den Genuß des Festes mählich abklingen; die Köpfe waren noch heiß vom Eifer des Vergnügens. Der Toni schwatzte mehr, als er wollte und machte Komplimente, über die er bei sich staunte, beim Nachhauseweg schlug er sich endlich auf den Mund und sagte: »Jetzt red' ich aber schon nichts mehr.« Da sah ihn die Mizzi an: »Leider.« In der » Ama « verspottete er sich und seine Schwäche, die Mizzi und die Frömmigkeit, die Tanzschule und das Kränzchen, noch stand das H von Hornung und Hedwig auf seinem Himmel, aber verglühend als ein Abendrot. »Hab' ich nicht recht, sprech' ich nicht die lautere, reine, geseihte, ausgeschwefelte pure Wahrheit in ihrer Mutternackigkeit, ohne Falsch und Fehl, ohne Lug und Trug, entweder, die ich will, oder gar keine; die ich will, krieg' ich nicht, und die ich krieg', will ich nicht. Ich will aber die nicht, die ich nicht mag. Punktum.« Dann kam der März. Die » Ama « begann mit M. In sehr zierlicher Schrift prangte der März obenan und das Journal hub an: Mit Gott, was auf die Mizzi zurückzuführen war, die ihn mit seinem Schöpfer, mit dem Dasein des Toni Scharrer und mit ihrer eigenen Person, kurz mit dem Anfangsbuchstaben M eines neuen Tages zu versöhnen begann. Sie besuchte eine Handelsschule wegen der praktischen Wissenschaft, alle Kirchen aber, wo es besonders strenge Predigten gab, die sogenannten »Missionen«, wegen der geistlichen Güter. Und da der Toni sie begleitete, um wenigstens die Pausen dieses eifrigen Mädchenlebens durch eine unverfängliche Geselligkeit auszufüllen, mußte er sie wohl oder übel aus verschiedenen Gotteshäusern abholen. Da war das »Etablissement« Rochus und Sebastian, oder das von den Dominikanern, Schotten, Augustinern, wie er diese dem geistlichen Vergnügen gewidmeten Lokale nannte. Bei solchen Missionen wimmelten die Hochwürden in schwarzem Gedränge, dahinter Fahnen samt Trägern, behängte Vereine, weiße Jungfrauen und viele Herren, aber von der »Mission« konnte der Gottlose nichts bemerken. In der letzten Bank kniete die Mizzi in Andacht versunken. Wußte sie, daß ein blondes Haupt auf einem schlanken, über das Gebetbuch geneigten Halse, schmale, demütige Schultern einer zum Gebet geneigten Jungfrau ein hübscher Anblick sind? War das irdische Wohlgefallen an einem so frommen Bilde sündig? und hätte sie sich und dem Toni die Sünde verziehen, wenn sie darum gewußt? Die Messe prangte soeben in vollem Tun, der Toni stand ungeduldig hinter seiner Frommen, sie schien ihn nicht zu beachten, trotzdem sie ihn mitten im Gebet, als er eintrat, kommen gefühlt und mit einem raschen Blick und Neigen gegrüßt hatte. Da flüsterte er ihr ins Ohr »Amen« und nun mußte sie lachen. Er legte ihr eine gelbe Teerose aufs Gebetbuch. Das war lieb, aber unziemlich, er lachte, sie mußte auf ihn, statt auf die heilige Handlung schauen; da erhob sie sich, bekreuzte sich eilig und verließ die Kirche vor Schluß der Andacht. Er begleitete sie jetzt auf allen ihren Wegen. Wenn seine Schule aus war, wußte er genau die Stunde und den Weg, den sie aus der ihrigen nahm. Und da traf er sie zufällig. Er war seiner unglücklichen Liebe untreu und schalt sich im stillen darob. In den Gesprächen, welche die beiden führten, kam alles vor, was auf der Welt wuchs: Liebe und Unglück, Glaube und Spott, sie redete von seinem, er von ihrem Mißgeschick, aber sie gingen dabei um ein stilles, wachsendes Feuer vorsichtig herum. Die Mizzi führte ihn und er riß immer wieder aus, so oft er einem entscheidenden Worte zu nahe trat, welches ihm und ihr die Wangen in Flammen setzte. Bei Tag waren diese Begegnungen als zufällige unverfänglich, aber wenn es dunkelte, ging die Mizzi, wie es sich schickte, stets in Begleitung der Mutter einkaufen. Da galt es beim Selcher das Nachtmahl und in Stadtgeschäften dies und jenes zu besorgen. Frauenzimmer brauchen ja allemal ein Stückchen Stoff, ein Restchen Spitze, einen Meter Seide, Zubehör, Knöpfe, Borten, und was sie heute nähen, macht morgen etwas Neues notwendig, denn das bißchen einfache Anmut besteht aus einem Vielerlei von Kleidern, Rüschen und Anhängseln, das geheimnisvoll rauscht, wie eine sachte Flut. Und auch am Abend wußte er die beiden zu treffen. Die zartfühlende Mutter Hilsch verweilte in den Geschäften sehr lange, während die beiden »Kinder« draußen auf der Straße im Dunkel nebeneinander standen und schwatzten. Da hatte Toni Zeit genug, etwas zu sagen und, obgleich in jedem Augenblick versucht, das nächste Etwas auszusprechen, verschwieg er's und lachte mit einem Witz darüber hinweg. Dann sah ihn die Mizzi traurig an. Unterm Haustor nahmen sie langen Abschied, denn immer gab es noch eine Mitteilung und noch eine. Die Mama Hilsch brauchte als wohlbeleibte ältere Dame lange zum Stiegensteigen, bis sie schweratmend in ihren dritten Stock hinaufkam, darum ging sie voraus, denn die Mizzi holte sie immer ein. So gewannen die Kinder noch einen Husch Zeit und verloren ihn, indem sie verstummten, bis das Mädchen dem Toni endlich die Hand bot, nickte und im Flur verschwand. Jetzt fiel ihm gerade noch etwas ein, und sei es bloß ein »Gute Nacht«. Er rief, doch sie kehrte nicht mehr zurück. Einmal aber traf er sie nicht zufällig auf ihren Wegen, am nächsten Tag und Abend fehlte sie wiederum. Hinter jeder bekannten Ecke glaubt er die hohe Gestalt mit dem eigentümlich vorgeneigten Gang hervorkommen zu sehen, und erkennt enttäuscht seinen Irrtum. War sie krank oder böse? Am dritten Tage schrieb er ihr eine scherzhafte Karte als Ungeduldiger. Sollte er allein durch die Gassen stelzen, die nur ihrer beider wegen gemacht waren? Er bekam ein Brieflein, sie sei leicht unpäßlich gewesen, aber morgen solle er sie vor ihrer Schule erwarten. Der Toni stutzte: das heißt ja ein Rendezvous, nicht mehr Zufall! Das heißt: Erklärung. Das heißt Liebe, nicht Tröstung. Und wenn er jetzt das rechte Wort spräche, ist die Freundschaft aus, und etwas Neues beginnt, welches ärger heißt und wovor er Angst hat als ein gebranntes Kind. Wenn er aber wiederum schwieg, hatte er Freundschaft und alles andere verscherzt. Toni, du bist auf einem Holzwege! Liebte er die Mizzi? Vielleicht, vielleicht auch nicht, vielleicht, denn er wünschte sie jeden Tag zu treffen und spürte ein wunderliches Mißbehagen, wenn er sie verfehlte, vielleicht, denn manches Mal dünkte sie ihm anmutig mit ihrem schweren blonden Haar und ihrem verschleierten, fragenden Blick und ihrer Sanftmut, vielleicht aber auch nicht, denn er konnte sie kein einziges Mal anschauen, ohne der fernen Hedwig zu gedenken und dies matte gegenwärtige Bild mit dem fernen starken der Innviertlerin zu vergleichen, vielleicht auch nicht, denn der Vergleich fiel immer zum Schaden der Gegenwärtigen aus, während die Ferne triumphierend ihn aus dunkeln Augen mit spöttischem Lächeln zu höhnen schien: du denkst an mich. So heiß konnte er dieses kühle Geschöpf nicht lieben, wie jene dunkle Nachtigall, aber da Mizzi ihn zu wollen schien, mochte er so lange ihren Liebhaber spielen, bis sie seiner überdrüssig wurde, verdiente sie doch ein bißchen Glück. In Gottes Namen denn, er wollte sich erklären. Zu einer Erklärung gehörte aber ein Kuß, wie sollte das mitten auf der Straße geschehen! Und er mußte ihr du sagen. Wie konnte er das über die Lippen bringen? Sehr bekümmert traf er das Mädchen vor der Schule, sie errötete heftig, als sie ihn sah, und lächelte und erblaßte wieder. Er bot ihr den Arm, sie nahm ihn, obgleich sich das nicht schickte. Und nun wandelten sie als ein Paar ihres Weges. Das ließ sich ganz freundlich an, man gehört doch zu wem und ist nicht allein auf der fremden Welt. Toni begann endlich mit der Erklärung, er wisse schon, daß er jetzt von rechtswegen etwas Besonderes sagen müsse, aber gerade dieses Besondere wäre zu besonders und störte ihre Freundschaft, als ein mißlicher, feierlicher Augenblick. Darum sage er lieber nichts Besonderes, nur freue es ihn von Herzen, daß sie da neben ihm gehe und gesund sei, denn wäre sie ernstlich krank oder böse gewesen, so hätte es ihm von Herzen leidgetan und das wäre ihr hinwiederum auch nicht angestanden. Kurzum er freue sich, daß alles zwischen ihnen beim Alten bleibe und damit genug. Aus lauter Vergnügen, daß er nun doch keine Erklärung abgegeben hatte, kaufte er ihr ein Büschel Veilchen, welche sie dankbar ansteckte. Und am nächsten Tage brachte er ihr jenes vergebliche Heft der »Wiener G'sangeln«, das der Innviertler Nachtigall zugedacht gewesen, überreichte es ihr feierlich, damit es nun doch etwas nütze und weil er zu arm sei, ihr sonst etwas zu schenken. Er erzählte ihr auch, schon um seines mahnenden Gewissens willen, wem dieses Buch gegolten hatte. Sie lauschte still mit ihrem in sich gekehrten Blick, dann dankte sie, lobte die feinen Malereien, die zierliche Schrift, den sorgfältigen Einband, die treffliche Auswahl der Gesänge und dann sah sie ihn gerade an, so daß er mitten im Gehen einhielt: sie werde es nie vergessen, daß er ihr gegeben hatte, was nur dem Liebsten auf der Welt geschenkt werden durfte. Der Toni verneigte sich stumm und antwortete, sie müsse aber auch alle die Lieder singen, denn er wolle wenigstens hören, was da auf den Blättern stand. Ach das war wiederum nichts Besonderes und besonders genug für ein Ohr, das hörte: Du bist nicht mehr, als »wenigstens«. Am nächsten Tage vermied der Toni eine Begegnung, denn sonst gab es kein Zurück mehr, aber am Abend konnte er doch nicht umhin, sie zu treffen, weil die Mama dabei war, was die Sache harmloser machte. »Wenn wir uns morgen wieder nicht sehen, muß ich glauben, Sie weichen mir aus,« sagte die Mizzi. Sie wußte immer das Besondere, der Toni aber verschwieg es und glaubte als Erzjesuit der Leidenschaft, damit wahre er sich. Diese frommen Vorbehalte sind freilich nichts, als die letzten Versuche, dem Letzten auszuweichen, während ein wahrhaft frommes weibliches Gemüt mit seinem Wunsch geradeaus geht und dabei erst recht den Seitenpfad und Schelmenweg des Mannes trifft. Schließlich stehen der Schuldige und die Unschuld doch wiederum einander gegenüber und die selbstsichere Demut schlägt die Augen fest auf, in denen eine gerechte Sache glänzt, während sich die Blicke der vergeblichen Vorsicht senken, welche ihre Schuld zu bekennen hat. Das ist so das alte Spiel der jungen Leute: Verlust ist Gewinn, Schlauheit kommt vor dem Fall, Vorsicht schlägt zum Unheil, Tollheit zur Vernunft aus und die Gegensätze sind nur geboren, um einander zu küssen. Unterm Haustor, als die Mama gutmütig schon die Treppe vorausstieg, drückte Mizzi dem Toni die Hand, anders als sonst. Ihre Rechte faßte als ein starkes, wollendes Wesen die seine, wuchs um sie und ließ das Gefühl eines entschiedenen Spruches zurück. Dann aber rannte das Mädchen davon. Toni wunderte sich über diesen immer wachsenden Strom von Ereignissen, der ihn trug, und wie sein Schifflein, welches er leck und untüchtig geglaubt, mit einem Male flott dahinfuhr. In der » Ama « stand eine Zeile: »Ich bin jünger, als ich bin.« Wieder am nächsten Abend mußte er die Mizzi bitten, ihm den Arm zu reichen, denn wer einmal so angenehm paarweis gegangen ist, mag nicht mehr im Abstand neben der Dame wandeln. Aber die Mama Hilsch mußte es auch erlauben und tat es. So ging man ganz getrost voran, die Begleiterin verweilte lange beim Selcher, wo sie das Nachtmahl holte. Das Paar schritt auf und ab vor dem Haustor. Der Toni hielt Mizzis Schleier in der Hand, denn er hatte sie gebeten, ihn nicht vorzubinden, damit er ihr Gesicht ordentlich sehe. Nun vor dem Abschied forderte sie den Schleier zurück. »Der gehört mir,« sagte Toni. »Was fällt Ihnen ein?« erwiderte das Mädchen und streckte die Hand nach dem Schleier aus. »Wenn's sein muß.« Er schüttelte betrübt das Haupt und drückte mit einer theatralischen Gebärde, welche doch vielleicht ernst gemeint war, den Schleier ans Herz. küßte ihn dann und reichte ihn dar. Sie nahm ihn und, sah er recht, oder täuschte ihn die rasche Bewegung, es schien ihm, als presse auch sie einen flüchtigen Kuß darauf. Gleich zog er das Pfand wieder zurück. »Jetzt bekommen Sie ihn erst recht nicht.« Sie senkte den Kopf und schwieg. Hatte sie den Schleier geküßt? Das wollte er wissen. Darum tat er, als beende er den Scherz, und bot ihr die Beute ruhig an. »Nehmen Sie ihn denn,« sprach sie. Er zögerte. »So wollen Sie ihn nicht?« fragte sie bebend. »Ich kann doch unmöglich Ihren Schleier annehmen,« sagte er mit grausamer Verstellung. »Gute Nacht,« flüsterte sie und war weg, er hielt den Schleier nun doch in der Hand. Die Mutter wunderte sich, ihn allein vor dem Tor zu sehen, er verschwand aber, noch bevor sie ihn ansprechen konnte, in der dunklen Gasse. Nun zog er das durchsichtige Ding hervor, atmete den zarten, eigentümlichen Geruch jenes schier wesenlosen und darum beseelbarsten Gegenstandes, und jetzt küßte er den Schleier lange und küßte damit den Hals, der ihn getragen, die Lippen, die ihn berührt. XVI. Jetzt war das »H« aus dem Liebesalphabet verschwunden und das M beherrschte alle Seiten der » Ama «. Die blonde Mizzi hatte in aller Sanftmut die ferne Rivalin besiegt, aber es hielt schwere dem störrischen Toni das Leben rechtzumachen, denn er war im Grund ein mißtrauischer, trotziger, junger Mensch, welcher mit sich selbst unzufrieden, im Selbstvertrauen früh verletzt, von allen Menschen mehr Uebles als Schönes gewärtigte. Hatte er doch in einem sauren Gestrüpp von Mangel, Kummer und Neid seine Kindheit verlebt, und als er zum erstenmal geliebt, eine Seelenwunde erhalten, welche nie mehr heilen sollte. So lag täglich, ja stündlich seine aufbegehrende Jugend mit seinem vorzeitig nörgelnden Alter im Kampf. Die Jugend wollte ihr Zutrauen und ihr heiteres Glück und neigte sich dürstend zur Quelle der Liebe, das Alter aber riß ihn zurück, es erinnerte ihn an die versagte Hedwig, an seine bösen Gedanken, an sein reizbares Mißtrauen. Da er sich selber nichts recht machte, konnte ihm das Mädchen auch nur schwer etwas nach seinem Sinne tun. Da er an seiner Liebe zweifelte, wollte er die ihrige nicht glauben. Wie sollte sie einen halben Krüppel lieben können? Die Mizzi war mild, sanft, gleichmütig, darum verdroß es ihn, daß sie nicht wild, launenhaft und leidenschaftlich sein konnte. Ihn reizte der wolkenlose Tag, drum beschwor er selber Sturm herauf. In der eigentümlichen Schamhaftigkeit, welche dem weiblichen Geschlecht als vertrauenswürdiger Schutz verliehen ist, wahrte Mizzi bei aller Zärtlichkeit eine gewisse sanfte Zurückhaltung. Er stand in Flammen, während sie kühl schien. Ihre Wangen erröteten, aber es war nur der Wiederschein seiner Leidenschaft, nicht ihre eigene. So glaubte er wenigstens, so klagte er sie an. Sie sei spröd, abweisend, ja sie zöge ihre Liebe zurück, nachdem sie die seine hervorgelockt. Und wenn er zürnte, mußte sie weinen, als seien Tränen eine Rechtfertigung. Dann weinte sie nächtelang, weil sie ihn doch lieben müsse. Aber wenn sie ihn wirklich liebte, könnte sie nicht kalt gegen ihn sein. Dann gab es Feste der Versöhnung, man aß in Konditoreien Gefrorenes und hielt nach irgendeiner Kirchenandacht etwa im Dominikanerkeller ein kleines Biergelage. Die Mizzi konnte nicht vergessen, daß sie blond war, und daß der Toni eine Schwarze vor ihr geliebt hatte. Damit neckte er sie auch. So kaufte sie ihm Schokoladenbackwerk, damit sie ihm doch etwas Schwarzes biete. Und als er einmal eine Privatstunde bekommen sollte, welche er zur Aufbesserung seiner mageren Finanzen dringend benötigte, traf es sich, daß die Lektion in einem Hietzinger Landhause ausgeschrieben war, welches »Villa Hedwig« hieß. Zum Unglück scheiterte die Sache und Mizzi freute sich, als habe der liebe Gott ihr noch einmal die Nebenbuhlerin besiegen geholfen. Im Frühling wanderten sie, von der geduldigen und verständnisvollen Mutter begleitet, täglich in den Prater. Und abends, wenn es dunkelte, gingen sie über annehmliche Seitenwege, weit hinter der braven Mama Hilsch, und durften einander nach Herzenslust küssen. Mizzi sah nichts als Schönes an ihrem Gesellen und schien gar nicht zu wissen, daß er einäugig war. Da hielt er es für seine Pflicht, ihr sein Gebrechen zu entdecken. Das geschah im Prater, als sie an seinem Halse hing und sprach: »Du schaust so lieb.« »Mit einem Aug' zu dir, mit dem andern in mein Elend,« gab er zurück. »Gewiß, das mußt du, denn ich bin dir nicht schön genug und lange nicht recht für dich, mein Liebster, drum hast du wohl Kummer?« »Nein, das mein' ich anders, ich sehe nur mit einem Aug', das andere ist von Glas und eingesetzt. Das sollst du nur wissen.« Da erschrak sie, ließ die Arme von seinen Schultern sinken und brach in ein tiefes, herzbrechendes Schluchzen aus. »Ich hab's ja gewußt, daß du mich nicht mehr lieben kannst, wenn du das erfährst, denn ich bin ein armseliger Krüppel, wie darf ich mich deiner vermessen, die du ganz und gesund und schön auf der Welt hergehst.« »Nein, nein,« wehrte sie und schlang die Arme wieder um ihn, drückte ihn eng an ihre Brust und verbarg den Kopf an seiner Schulter. »Du kannst mich nicht anschauen,« sagte er und löste sich von ihr. Und als sie tränenüberströmt ihn nun voll anblickte, meinte er trotzig: »Ja jetzt, weil du Mitleid hast mit mir. Es ist aus. Ich hab' es gewußt. Es ist aus. Alles ist aus.« »Mein armer, was bildest du dir ein.« Er sprach aber kein Wort mehr, und so oft sie ihn zu trösten begann, wiederholte er nur: »Es muß aus sein.« Erst am nächsten Tage begann er ihr zu glauben, daß sie ihn darum nur noch besser liebe und treuer, je mehr sie ihm zu verzeihen hatte, desto glücklicher war sie. Von Furcht und Zorn bis zum Haß, dann zur Eifersucht, zur Zärtlichkeit, zu Stolz und Uebermut wandelte sich der Regenbogen, der über dem blassen Felde dieser Seelen glänzte durch alle Farben der Liebe. Heute erschien ihm sein Mädchen recht mittelmäßig und ohne sonderlichen Reiz, am andern Tage sah er sie erblüht und holdselig, wie einen Rosenstrauch. Wenn sie häßlich erschien, war es seine Schuld, und sein Verdienst war es, wenn sie schön einherging, wenn ihre Augen leuchteten, wenn sie seinen Scherz entzückt erwiderte, und sein Witz, aus ihrem Geist widerspiegelnd, blitzende Sonnenbilder strahlen ließ. Er erschuf sein Geschöpf und hieß es glücklich oder elend sein, und wenn ihr Gang schwebte, ihr junger Busen sich in der stolzen Haltung der freien Glieder straffte, dünkte es ihm, auch ihren Leib habe er gebildet, daß er seinem Wunsch Antwort gebe. Nur ihre Frömmigkeit war ihr angestammtes Eigentum, hierin duldete sie keinen Widerspruch, darum eiferte er gerade dagegen, als gegen ein Wesen, das er nicht bestimmt. Er glaubte an nichts, darum sollte sie an ihn glauben. Sie aber meinte, nur der Glaube fehle ihm, damit er ein ganzer, zufriedener, klarer Mensch werde. Deshalb zog sie ihn zu allen Pfingstandachten und er folgte mit seinem Spott und sah sich an einem offenen Altar unter blühenden Kastanien mitten in einer belebten Straße knieen. »Was machst du für einen verdrossenen Gottesknecht aus mir.« »Sei still. Heute hab' ich für deine arme, so früh verstorbene Mutter gebetet. Tu's mir zu liebe und bete auch für sie, nur ein Vaterunser.« Da schwieg er gerührt. Welche schönen Vorwände weiß ein treuer Glaube. Er hatte bisher kaum jemals der Frau gedacht, die ihn geboren, und die er gar nicht gekannt hatte. Die » Ama « war erfüllt von all diesen kleinen, großen Angelegenheiten eines betrübten und wieder erhellten Gemütes, dessen Leidenschaften sich dem Freunde in ihrer Qual und ihrem Genuß einfältig darstellten, denn nur einen Menschen hatte der Toni Scharrer, welchem er vertraute, der ihn aus eigenem Wissen und Gemüt verstand, der nicht als Echo, sondern als tapfere Gegenstimme antwortete. Der Verbannte aus der Polackei führte allerdings jetzt eine wunderliche Sprache. Er erzählte jedesmal von einem anderen Frauenzimmer, denn mit dem Toni war von nichts anderm zu reden, und darum probierte der trotzige Junggeselle, welcher sich zu solchem Gefühl unbeschaffen glaubte, allerhand willkürliche Unternehmungen der Liebe. Es gab mancherlei Mädchen in Hruschau und Ostrau, ganz hübsche darunter. Er versuchte, sich mit ihnen abzugeben und litt es ganz gerne, wenn sie um seinetwillen allerhand Schleifen aufsteckten, die Hälse drehten, lächelten und zierlich taten. Aber er hielt es bei keiner lange aus, denn sie waren keine Gräfinnen oder Baronessen, oder abenteuernde Kammerjungfern, nicht einmal feingebildete Bürgerinnen, sondern steife Provinzfräulein. Und wenn sie noch so hochdeutsch redeten und gebildet taten, kam unversehens eine Dummheit wie ein Mäuslein hervorgeschossen, dann schienen sie puterrot und roh. Darum phantasierte er in seinem Journal jedesmal von einer neuen Liebesgeschichte, einmal von einer Elisabeth, eine Woche drauf von einer Theresia. Und wenn die nächste Nummer der » Ama « erschien, die wegen Dieters endlich offenkundiger Liebe und weil er gezähmt und bezwungen sei, purpurrote Fahnen des Triumphes aushing, war der Verbannte schon wieder auf einem anderen Wege, als ein Don Juan im Kommerz. Aber diese Abenteuer erdichtete er nur, weil er sich schämte, so ungesellig dazustehen. Was er erlebte, war mißliebig, langweilig und jedes Wortes unwert. Dann tat er wieder seine ganze Verachtung auf und wenn der Toni das Pfauenrad seines Glückes aufschlug, berichtete Dieter höchst sachlich von einem echten, türkischen Tschibuk, den er erstanden hatte und mit duftendem Zigarettentabak füllte. Das bernsteinerne Mundstück dieses erlesenen Rauchwerkzeuges sei köstlich wie der Busen einer Jungfrau. Der Toni baute das Luftschloß seiner künftigen Ehe, er würde draußen wo auf dem Land als Lehrer leben, sein Gärtlein bauen und arm zwar, doch glücklich hausen, wenn einmal die mageren Jahre um wären. Dieter gab diese Maxime zurück: »Die Ehe ist die kostspieligste, schlechteste, unersprießlichste und ungenügendste Form der Liebe.« Als der Sommer kam, wuchs mit den heißeren Tagen zuweilen die Erinnerung an das Innviertel und an den Buchstaben H unversehens empor und in der » Ama « gab es wiederum ein zaghaftes Kalendarium: »Heute vor einem Jahr habe ich dir auf dem Schiffe bei einem Glase Bier und der Zigarre von dem freundlichen Leutnant einen traurigen Brief geschrieben, zwischen Linz und Engelhartszell.« Mit einemmal begann dem Toni das Journal gleichgültig zu werden, indem er von dem täglichen Geschehen, oder vielmehr von dem gleichmäßigen Einerlei seines Glückes zu berichten zögerte, zumal der Freund mit allen seinen vorgeblichen Abenteuern und Liebeshändeln ihn zum besten hielt und sich recht als hartgesottener Weiberfeind erwies. Deshalb erschien zu Hruschau eines Tages eine Nummer der » Ama «, welche mit anderer, sorgfältiger, weiblicher Kommerzschrift ausgefertigt, von der Mizzi verfaßt war. Die bemühte sich freilich, genau im Stil ihres Liebsten zu berichten. In das schöne Freundschaftsverhältnis eingeweiht, wollte sie selbst im Bunde die Dritte sein, erzählte von ihrem Toni und von sich, wie dieser berichtet haben würde und zwang sich zu einer Offenherzigkeit, deren sie sich doch wieder ein wenig schämte, was ihrem Journal eine zimperliche Kühnheit verlieh, als bemühte sich ein Frauenzimmer, starken Tabak zu rauchen, in Mannshosen die Beine übereinanderzuschlagen und burschikose Reden zu führen, um sich vor all dieser Keckheit doch bitterlich zu fürchten. Aber sie schrieb darum gleichwohl tapfer jede Woche ihre Zeitung, denn sie vertrat, wie es die Tagschreiber sonst oft nur vorgeben, eine eigene Politik und ihre weibliche Liebessache, für die sie auf diese Art zu wirken hoffte. Sollte doch der Freund ihren Herzliebsten aufmuntern und bei Laune erhalten, von seinen Zweifeln heilen, in seinem wahren Gefühl bestärken und durch sein Zeugnis den Schwankenden stützen. Andererseits konnte sie nicht umhin, die Rolle zu spielen, welche allen Weibern die liebste bleibt, nämlich die einer Ratgeberin und Erzieherin, welche die ungebärdigen Sitten und Ausdrücke der trotzigen Gesellen abschleift, sanftmütig und edelsinnig macht. Wollen doch die Menschen nun einmal sich der Mühe nicht verdrießen lassen, einander zu bekehren und gleichzumachen, während sie just aus der gegenseitigen Verschiedenheit allen Nutzen und Genuß ziehen. Von der Frömmigkeit wagte sie freilich nicht zu sprechen, denn die innerste Gesinnung eines Menschen ist wie ein zartestes, leibliches Organ so tief in ihn verschlossen, daß er zögert, es auch nur dem Angriff eines Blickes auszusetzen. Es gibt eine Scham der Seele, welche zurückbleibt, wenn sogar die des Leibes sich abgetan und verraten hätte. Aber eben diese Scham ihres starken Glaubens trieb sie zur Ueberwindung mancher andern weiblichen Scheu, indem sie hoffte, ihren Geliebten mit Hilfe des Freundes sacht auf die Seite des Bekennens hinüberzuziehen, wenn sie nur sonst ihm alles zuliebe tat. Aber die Mizzi war in diesem Kampf als werbende Bekehrerin, die ihr Gefühl einer fremden Vernunft beweisen mußte und auch als Frauenzimmer von Natur zur Duldung und Bestimmbarkeit angewiesen, gegenüber den zwei gleichgültigen Gesellen arg im Nachteil, die sich ihrer unbekümmerten Gesinnung, als ihrer wahren Freiheit erwehrten. Mag das Gotteshaus des Weibes eine schöne, ausstaffierte Kirche sein, in welcher Musik, Messe und Kunstwerk aller Art einen wohlgeordneten Gang des Daseins verherrlichen, so bleibt der Tempel des Mannes doch am liebsten das weite Ganze der Welt, wo selbst die Chöre der Engel und die Wunder des Herrn vom unbegrenzten Himmel zur offenen Seele dringen, ohne Vertretung von Dienern, ohne Einschränkung in Mauern und Zeremonien. Mag das Weib zum Leib des Herrn beten, der Mann betet zum Geist. Und so mancher kräftige Zweifel stammt aus einer stärkern fordernden und freien Frömmigkeit des Gemütes, als das Weib empfinden kann, welches allen Gewalten der Natur gehorcht und glaubt. Die männliche Scham des Unglaubens und der Verneinung ist die Scham der Freiheit, die sich selbst Gottes erwehrt, die weibliche der innigsten Bejahung und Versenkung in eine schützende Kirche und Ordnung ist die Scham des Gehorsams, welcher sein Unterliegen heiligen muß, um es sich zu verzeihen. Dieter hatte nun seinen Spaß daran, sich vor dem sanften Geschöpf um so stachliger zu gebärden, je zarter es ihm predigte. Stellte er sich dem Toni als heiterer Weiberfeind dar, so spielte er sich der Mizzi gegenüber gar als gleichgültiger, ruchloser Don Juan auf, der die Weiber nicht eben zur Kirche führte. Zu Ostrau gab es einige reichere und ärmere Jüdinnen, welche an den Unterhaltungen der Gesellschaft, halb geduldet, halb verachtet, teilnahmen. Da er ohnedies in Zwilchhose, schwarzem Rock und rotem Fez, einen Ziegenhainer in der Hand, einen Tschibuk im Mund, als » member of the theosophical society of India « durch die Beamtenöde einherstolzierte, legte er besonderen Wert darauf, auch dem verhaßten Volk Israels gegenüber sich anders zu gebärden, als der Haufe, welcher halb mit Scheu und Furcht, halb mit Haß und vorsichtiger Duldung neben den Fremdlingen hergeht, als seien sie insgesamt böse Meerwunder. Auch hatte seine ruhige und unbekümmerte Beobachtung, von vorgefaßten Meinungen nie beirrt, ihn darauf verwiesen, das Gegebene in seinem Widerspruch und Nebeneinander eben zu nehmen, wie es da war, im Leben das Brauchbare zu ergreifen, das Ungemäße abzulehnen und selbst das Widersprechende weniger mit Haß, als mit unwillkürlich genauer Einschätzung in den natürlichen Abstand zu setzen. Da nun in Hruschau und Ostrau diese Judenmädchen selbst in der Gesellschaft der übrigen auf den Verkehr mit ihren Stammesbrüdern verwiesen blieben und von den Christen gemieden, in einen unsichtbaren Kreis gebannt waren, in welchem sie sich nur gezwungen bewegten, weil sie einmal auch die andern kennen zu lernen und sich gerade mit ihren Verächtern zu messen wünschten, beschloß er, es mit ihnen zu wagen, sich ihrer anzunehmen. Er wollte doch sehen, wie diese, zum Teil ganz anmutigen Frauenzimmer mit ihren mandelförmigen, schwarzstrahlenden Augen, dem gekrausten reichen Haar, den geschwungenen, doch nicht unedeln Nasen, den roten Lippen, dem lebhaften Spiel der vollen Körper eigentlich beschaffen waren, ob sie sprachen, lebten, gar liebten, wie andere Wesen ihres Geschlechtes. So überschritt er den unsichtbaren Kreis und unterhielt sich mit einer Rosa und Ida und wurde mit jenem hellen Entzücken aufgenommen, das den Unterworfenen eigen ist, wenn sie ihre Herren duldsam sehen. Freilich waren die jungen Jüdinnen im Lande auch nicht anderes, als die Christenmädchen: Provinzlerinnen und Spießbürgerinnen, nur mit mehr vorgeblichen Bildungsinteressen, hochgeistigeren Gesprächen und gewandterer Redelust, aber auch ihnen fuhr das Mäuslein der Ostrauer Einfalt aus dem Munde. Darum hätte er sich leichthin auch diesem Umgang, wie dem bisherigen entzogen, wenn die Schönen ihn nicht als eine seltene Beute leidenschaftlicher umringt, die christlichen Jünglinge aber ihn wegen dieses schnöden Verrats seiner angestammten Vorrechte nicht gröblich angefeindet hätten. Dadurch wurde er genötigt, um sich zu schlagen, und die Gekränkten ritterlich zu verteidigen. Wohl oder übel mußte er die Gastfreundschaft dieses jüdischen Branntweinverkäufers, jenes Kurzwarenhändlers und an sorgfältig gedeckten Jausentischen inmitten zahlreicher, beleibter, älterer und schmachtender jüngerer Damen bei süßem Kaffee gebildete Gespräche über sich ergehen lassen. Eines Tages stellte ihn ein verkrachter, ehemaliger Student darob zur Rede, der hier in einem Schreiberposten eine dürftige Zuflucht gefunden hatte, deren er sich an einem schwarzrotgoldenen Uhrband mit Bismarcks Bild auf einer Blechmünze, an manchen Frühschoppen mit Studentenliedergebrüll und schlecht nachgeahmten Kommerssitten getröstete. Wie könne sich ein deutscher Mann an solches Gezücht von Jüdinnen halten, welches einen Jüngling schon durch die Blicke besudle, es sei Dieters Pflicht, in diesem bedrohten Lande die treue Sitte der Väter zu wahren, die lieblichen Mädchen der deutschen Bürger zu ehren und was dergleichen Redensarten mehr waren. Dieses Gespräch fand an einem einsamen Wiesenwege statt, auf welchem Dieter eben aus einer mißlichen Judenjause beschämt nach Hause zurückwanderte. Gerade weil ihn die Gesellschaft der Verachteten arg enttäuscht und verdrossen hatte, erregte die ungebetene Verwarnung seinen Zorn. Er wandte sich dem versoffenen Schreiber voll zu, sah ihn erstaunt an und fand das öde Gesicht dieses deutschen Mannes so widerwärtig. daß er keine andere Antwort geben konnte, als indem er mit einer abwehrenden Gebärde, die ihn nachher selbst erstaunte, zu weit, just in die breite Fratze hineinschlug, die ihm entgegengehalten wurde. Der Betroffene, ebenso fassungslos wie Dieter, taumelte zurück und anstatt sich zu wehren, verzog er sich fluchend und drohend und verschwieg die widerfahrene Unbill. Dieter fand nicht, wie er gewärtigte, einen Ehrenhandel, sondern nur mehr die vollständige, stille Verachtung der übrigen. Man ließ ihn zwar mit drohenden Seitenblicken, doch ungeschoren, seinen Narrenweg wandeln. Dieses Abenteuer berichtete er in seinem Antwortjournal höchst einläßlich und, obgleich längst entschlossen, Juden und Christen als unabänderliche, verdrießliche Naturerscheinungen bloß aus der Ferne zu betrachten, tat er, um des Scherzes und Spottes willen so, als sei er ernstlich in diese schwarze Jüdin Rosa verbrannt; schwärme um ihr mosaisches Feuer, interessiere sich höchlich für ihren Glauben und ihre Sitten und verstieg sich zu einer merkwürdigen Bestellung. Der Toni sollte ihm ein jüdisches Lesebuch besorgen, da er die Schrift und Sprache des Volkes seiner Angebeteten zu lernen gedenke. Damit hatte er das tiefste Gefühl der Mizzi beleidigt, welche eine völlige Brandrede, in der nächsten » Ama « gegen ihn losließ. Sie, die Schreiberin dieses Journals, habe hohe Stücke auf den Freund ihres Toni gehalten, darum könne ihr sein Heil nicht gleichgültig bleiben, sie dürfe nicht zuschauen, wie er sich in seiner Torheit von dem verhaßten Judenvolk umgarnen und verkuppeln lasse, das wie weiland nach dem Leib, nun nach der Seele von Christenmenschen lechze. Er möge mit Frauenzimmern spielen, wenn er durchaus nicht anders könne, Herzen verführen, die es verdienten und litten, aber nicht sein eigenes Gemüt verraten und verkaufen. Sie sei eine Deutsche und könne es nicht ruhig ansehen, wie ihres Toni einziger Gefährte sich so verderbe. Diesmal mischte sich auch der Toni drein und schloß die Kapuzinerpredigt seiner Braut mit folgenden, dürreren Worten: »Was deine neue Narrheit will, versteh' ich nicht recht. Wenn du durchaus deine jüdische Rosa magst, sollst du von mir aus selig werden, denn ich wünsche dir, so oder so, eine echte, rechte Liebe. Täusche dich nur nicht. In Gottes Namen denn: viel Glück und ein schönes Wetter! Ich weiß, die Wege der Liebe sind dunkel, warum sollten sie nicht auch zu einer schönen Jüdin führen. Aber deine Bestellung eines jüdischen Lesebuches werde ich nicht ausführen. Daß du dein Geld auf solche Dummheiten hinauswirfst, leid' ich nicht, will dir wenigstens dazu nicht noch helfen. Die jüdische Schrift brauchst du doch nicht, um eine Jüdin zu verstehen. Magst du durchaus eine solche Mosesfibel erwerben, so laß sie dir durch einen Buchhändler besorgen. Ich weigere mich, wenn ich dir raten soll, kauf' dir einen anständigen Tabak oder was du sonst brauchst, um deine paar Kreuzer, und wenn du schon jüdisch lernen willst, laß dir's von der bewußten Rosa vorbuchstabieren. Fertig.« Da Toni mit Stolz am Arme seines Mädchens und eine Zigarette im Munde durch die belebtesten Gassen spazierte, konnte es nicht fehlen, daß er auch von seinen Lehrern gesehen wurde. Ist in ihren Augen schon das Rauchen und Kaffeehaussitzen dem Studium zuwider, so muß ein Mädchen am Arm die Hand ganz und gar vom Aufgabenschreiben, den Kopf vom Lernen abhalten. Bekanntlich führt die Liebe auch zu Gedanken, Worten und Dingen, die aber, zur Unzeit betrieben, höchst unsittlich, gefährlich und verrucht sind; mag auch von ihnen der Fortbestand der Menschen und mithin auch der Lehrer und Schüler abhängen. Nicht nur die Schule, sondern alle Einrichtungen der Gesellschaft beruhen auf einem willkürlichen Kalendarium der Rechte und Pflichten, nach welchem ein Jüngling erst mit dem Abgangszeugnis in der Tasche nach Liebe ausschauen darf. Was gemäß dem Kalender erfolgt, ist sittlich, was gegen ihn verübt wird, schamlos. Der Direktor der Lehrerbildungsanstalt zitierte den Steueramtsadjunkten Scharrer in seine Kanzlei und eröffnete ihm den der Schulordnung arg widersprechenden paarweisen Lebenswandel Tonis. Der Toni würde in dieser Anstalt zum künftigen Bildner der Jugend erzogen, sozusagen geweiht. Wie sollte ein einstiger Lehrer sich so arg vergessen dürfen, ein Liebesverhältnis anzufangen, welches Beispiel sei von einem so früh verderbten Charakter seinerzeit für die ihm anvertraute reine Kinderschar zu befürchten, wie sollte der Zucht und Strenge halten, welcher selber sich in Unehren behagte? Wenn dem besorgten Vater das Schicksal seines Sohnes lieb sei, möchte er ihn vom Abgrund retten, in welchen der offenbar verführte, sonst ganz begabte und hoffnungsvolle Kandidat zu versinken drohe. Noch sei es Zeit, der Toni stünde im letzten Jahr seiner Präparandie, vor der Reifeprüfung, ehe es zu spät sei, müsse Wandel geschaffen werden. Man kann sich leicht vorstellen, mit welchen Empfindungen der Vater in seinem Einerlei der Beamtensklaverei von dem unerlaubten Frühling seines mißratenen Sohnes erfuhr. Zorn, Scham, Angst und eine demütige Verwirrung machten den niedrigen Menschen noch kleiner, als er ohnehin war. Wie so mancher Alte vergaß er, daß er zu seiner Zeit etwas Aehnliches unternommen oder gewünscht, und selbst wenn er sich die Gerechtigkeit des Triebes eingestanden hätte, bedrohten ihn dessen Folgen. Er sah nur das Unheil, das den Jungen ereilen mußte, die Schande, aus dem Beruf gejagt zu werden. So lange hatte er den Buben erhalten, sich alles abgespart, um ihn lernen zu lassen, der jetzt, einen Schritt vom Ziel, zu fallen drohte. Was sollte dann aus dem jungen Menschen werden? Er hatte mit Toni eine strenge Auseinandersetzung. Der leugnete gar nichts, nahm die Sache aber nicht ernst, er studiere ordentlich, bestehe bei allen Prüfungen, weiter gehe diese Schulfüchse nichts an. Er liebe sein Mädchen und damit Schluß. Der Vater findet sich dem Sohn gegenüber zum ersten Male wehrlos. Sein Schelten wie sein Bitten versagt und er muß sich gestehen, daß mit einem gewissen Alter die väterliche Gewalt von der höheren Macht der Natur beendet, ja verhöhnt wird. Er ergriff das letzte Mittel und schrieb an Frau Hilsch, stellte ihr die Gefahr dringend vor Augen, welche bei den jungen Leuten aus diesem aussichtslosen Verhältnis drohte und bat sie, ihre Macht aufzubieten, um wenigstens die Tochter zur Besinnung zu bringen. Nur ein armer Weltfremdling, wie er, konnte glauben, ein Weib würde eine Liebe unterdrücken wollen, an welcher es sich erfreut, selbst wenn sie nur der Tochter gehört. In ihrer mütterlichen Einfalt verstand Mama Hilsch von der ganzen Affäre nur das eine, daß man etwa an der bürgerlichen Fragwürdigkeit des Verhältnisses Anstoß nahm, trotzdem sie doch stets als Anstandsperson und Tugendwächterin neben dem Paare herging. Sie glaubte daher allen Einwänden begegnen zu können, wenn sie vor der Welt das Verlöbnis der beiden Leutchen als ehrbares Versprechen künftiger ehelicher Gemeinschaft dartat. So entschloß sie sich endlich, ihren Gatten von der Sache zu unterrichten und seine Zustimmung einzuholen. Toni sollte als feierlicher Brautwerber auftreten. Der alte Hilsch war für solche Erörterungen recht unzugänglich. Durch manchen Kummer und eine von Grund aus einsame Gemütsart war er in seiner Ehe zu einer merkwürdigen Führung gebracht worden. Er ließ seine Frau wirtschaften, wie sie mochte, kümmerte sich um den Hausstand nicht mehr, als die Geldfrage gebot, kam zu den Mahlzeiten heim, ließ die Gattin erzählen, ohne sie dazu aufzufordern, antwortete nichts oder höchstens ein Hum Hum und ging abends um sechs Uhr, wo sein Feierabend begann, seinem bescheidenen Privatleben nach. Abends um sechs oder noch früher wanderten auch Mutter und Tochter ihres Weges, da sie den Vater wohl versorgt wußten. Der begab sich tagtäglich um diese Zeit zur Wilhelmine, einer alten, einsamen Person, die er von früher Jugend her kannte. Ob ihn mit ihr ein aus mißglückter Liebe zur treuen Freundschaft gewandeltes Verhältnis, die gemeinsame Erinnerung an verschwiegene einstige Erlebnisse oder verwandte geistige Anlagen verbanden, blieb ein Geheimnis. Er hatte seine Frau zu einer Zeit erst geheiratet, wo ein verschlossenes Gemüt sich nicht mehr eröffnen läßt und seine letzten Dinge fast gewaltsam und selbst gegen die Liebe wahrt. Schon am ersten Tage seiner Ehe war er ebenso wie heute nach sechs Uhr zur Wilhelmine gegangen, um abends zum Nachtmahl ruhig heimzukehren. Was es mit dieser Freundin für eine Bewandtnis hatte, sagte er nicht, und die Frau fügte sich drein, weil er ihr in allem andern Freiheit ließ und gegen ihre sonstigen Anordnungen keinen Widerspruch erhob. Man wußte nur so viel, daß er bei der Wilhelmine eine oder zwei Schachpartieen spielte, dazwischen etwa dies und jenes besprach, sich Rats erholte oder der Zustimmung der Freundin zu seinen Ansichten versicherte. Daheim war er nur selten zu bewegen, auf Fragen, Wünsche, behaglichen Schwatz seiner Frau irgend etwas Ernstliches zu erwidern, vielmehr nahm er sie und ihre Rede nur ruhig zur Kenntnis. Vielleicht war er auch einer jener stillen, steifen Gottesleugner aus hartem Holz, der seinen Unglauben vor der Frömmigkeit der Gattin schützte, aber gerecht genug auch deren Gottseligkeitsgeschäfte nicht stören mochte. Jedenfalls ging er nie in eine Kirche, und verschloß sein Seelenheil vor der Frau besser, als seine Geldlade. Es war schwer an ihn heranzukommen. Schließlich entdeckte ihm die Frau doch das Verhältnis der Tochter, das mißliebige Zwischentreten von Tonis Vater und Schule, legte ihre Fürsprache für die beiden Leutchen ein und bat um seine Zustimmung, daß der junge Mensch bei ihm feierlich um die Hand der Mizzi anhalte. Der Alte hörte still zu wie sonst, antwortete weder ja noch nein, nahm dann seinen Stock und Hut und verfügte sich wie sonst zur Wilhelmine. Erst nach dem Nachtmahl sagte er beiläufig, sie wollten am kommenden Sonntag eine Landpartie machen, da könne der junge Mensch vielleicht am besten auftauchen und sich vorstellen. Die ganze Sache sei freilich nicht gerade angenehm oder wünschbar, aber wie es scheine, so ausgemacht, daß er nichts dagegen, noch dafür tun könne. Man werde ja sehen. Der Ausflug verlief für Toni nicht gerade erbaulich, denn er hielt dem harthörigen alten Manne so manche Reden über seine Absichten und Pläne, ohne Antwort zu bekommen. Der Vater Hilsch sah ruhig vor sich hin oder eigentümlich unbeteiligt dem Redenden ins Gesicht, daß dieser erbebte. Endlich stellte der Alte mit grausamer Härte fest, daß weder Toni, noch Mizzi Geld und Gut hätten, aufeinander viele Jahre warten müßten, um endlich mit einem Hungergehalt sich zusammen zu tun, was denn ein bitterliches Glück sein müsse. »Ein Jahr des Militärdienstes ersparen Sie sich freilich, wenn das in Geld veranschlagt werden soll,« schloß der alte Mann, »hingegen erkaufen Sie dieses Jahr teuer genug durch Ihr Gebrechen.« Nachdem er dergestalt mit einer bis ins Herz dringenden Kälte und Ruhe die beiderseitige Verhältnisse auseinandergesetzt und das junge Paar aufs tiefste betrübt hatte, verstummte er und überließ es seiner Frau, heiter und versöhnlich zu schwatzen. So sah das aus, was als seine Zustimmung gelten mußte. Er hatte gesagt, wie er über die Sache dachte, mehr war seines Amtes nicht, wie er fühlte, verschwieg er, als ein steinerner Gast in seinem eigenen Leben und Hause. Fortan wanderten die beiden Liebenden denn doppelt unbekümmert, als rechtens und vor aller Welt Verlobte, so lange, bis Tonis Prüfung kam. Der Direktor hatte seit seiner ersten Warnung nichts Feindliches weiter getan, nur vor den letzten Schultagen ließ er verlauten, er würde schon dafür sorgen, daß der Toni Scharrer durchfalle und zeige er sich in allen Gegenständen besser beschlagen, als die Lehrer selbst. Der Toni verachtete diese Drohung, denn er war seines Wissens sicher und vertraute der irdischen und himmlischen Gerechtigkeit, als bedürfe er der Gnade nicht. Er bestand auch in allem ohne Wank, bis man ihn in der Religion bei irgendeiner Gedächtnislücke aus der Kirchengeschichte fing und warf. Denn so war es ausgemacht, daß ein Sünder durch die Glaubenslehre gestraft werden sollte, gegen die er durch seinen Lebenswandel verstoßen. Noch niemals seit Schülergedenken war einer in der Religion durchgefallen, dem Toni blieb es vorbehalten. So glaubte sich wie immer die Schule berechtigt, einen Menschen vom Menschlichen mit Gewalt fernzuhalten und auszuschließen. Eines der vielen Opfer der Schule, der Ordnung, der bürgerlichen Heuchelei, welche jeden armseligen Machthaber in seinem Bereich einen blutdürstigen Nero spielen läßt, schlich der Toni Scharrer als durchgefallener Kandidat, des Lehramts unwürdig befunden, aus seiner Zuchtanstalt hinaus. Die Mizzi, welche ihn voll Furcht erwartete, mußte eine arge Probe ihres Glaubens bestehen, indem sie erlebte, daß ihrem Geliebten gerade von der Religion der Strick um den Hals geworfen worden war. »Mußt fleißig beten,« sagte der Toni. Der alte Scharrer wollte von seinem mißratenen Buben nichts mehr wissen; er hatte es satt, ihn zu erhalten, zu verköstigen und zu beherbergen, da nun keine Aussicht mehr bestand, daß der Toni zu Brote komme. So sollte er denn sehen, wie er von der Liebe lebe. Der Toni drückte sein Hütel trotzig in die Stirn, packte seine Siebensachen zusammen und mietete sich als sein eigener Herr in einem Kabinett ein. Noch hatte er ein paar Lektionen, das übrige wollte er sich als Schreiber oder sonstwie verdienen; er kroch nicht zu Kreuze. Im Herbste kam der Verbannte aus der Polackei zurück, er war bei der Stellung zum Militär gehalten worden und dachte, bei einem Wiener Infanterieregimente sein Einjährigenjahr abzudienen. In Hruschau hatte er sich ohne viel Respekt abgemeldet und fuhr selig in die Stadt. Daheim in der alten Aula kam es ihm merkwürdig eng vor bei seinem lieben Vater, der ja doch nur ein armer dienender Mann war. Er selbst hatte sich draußen als wohlbestallter Junggeselle gefühlt, der nach allen Schätzen greifen darf. Hier dünkte er sich beschämt, das Leben stand ihm offen, er konnte ebensogut die Welt regieren, wie als Taugenichts sie durchstrabanzen, als Feldherr oder Unternehmer, Volksführer oder Haderlump sich betätigen, während der gealterte, treue Mann in seinem bescheidenen Amt heute, wie vor Jahr und Tag fleißig und gefaßt einherging, als sei dies die einzige, mögliche und gerechte Ordnung der Dinge. Dieter schämte sich des eigenen Hochmuts und freute sich dessen zugleich. Aber kaum hatte er das alte, hohe Bibliothekzimmer mit respektvollen Verbeugungen begrüßt und über die Lederrücken der wohlbekannten Folianten mit zärtlicher Hand gestrichen, dabei die Brunnen unten leise wie sonst rauschen gehört, den Vater bei guter Gesundheit still vor sich gesehen und also erfahren, daß hier alles beim Alten geblieben war, so machte er sich zur Landstraße auf, den Toni zu finden. Er kratzte wie immer an der Tür, aber kein Toni kam hervor. Da malte er auf das Holz ein Trudenkreuz mit weißer Kreide, welches sonst als Zeichen seiner Wiederkehr verabredet war. Aber auch dies rief den Freund nicht herbei. Da besann sich Dieter erst, daß er seit Wochen keine » Ama « erhalten hatte. In den nächsten Tagen kleidete er sich als Militarist ein und hatte mit dem Beginn des Kasernentreibens, Dienstes und Uebens so viel zu schaffen, daß eine oder zwei Wochen vergingen, bis er endlich die Wohnung der Familie Hilsch aufsuchte, um über den Toni Näheres zu erfahren. Da traf er ihn. Sie fielen einander um den Hals und der Toni begann herzbrechend zu schluchzen. Dann aber machte Dieter einen Witz, stellte sich den Damen vor und bot all seine weltmännische Uebung auf, als munterer und annehmlicher Gesell die wachsende Betrübtheit zu zerstreuen. Mizzi war glücklich, daß der Toni seinen Freund wieder hatte, die Mama Hilsch, daß ihre Tochter glücklich war. Dieter freute sich mit Toni; dieser achtete nun allen Kummer für nichts und nach einer Weile ratlosen Durcheinanderredens rief der Toni: »Gehn wir,« schob seinen Arm unter den des Freundes, nickte der Mizzi »Servus« zu und machte sich mit seinem Gesellen davon. In den nächsten Tagen trafen sie sich wie ehedem nach Dieters Dienst im Kaffee Faltisek und dann spazierten sie durch ihr altes Reich der alten Gassen. Sie hatten einander viel zu erzählen. Der Toni wußte besonders manches zu fragen, was sich brieflich nicht hatte fragen lassen. Seine Liebe und sein Unglück hatten ihn tief getroffen; er mißtraute mehr als je seinem Gefühl und seinem Schicksal. Die Mizzi war ja doch nur ein Frauenzimmer. Gefiel sie ihm, weil sie hübsch war, so verdroß es ihn, daß sie am allerliebsten von Kleidern, Hüten und allen den Aeffereien sprach, mit welchen sich ein Mädchen ziert. Eine neue Bluse oder ein neuer Spitzenkragen konnte sie wochenlang beschäftigen. Indem sie sich für ihn hübsch machte, vergaß sie seiner. Und wenn sie in der eigenen Anmut sich spiegelnd, ihren Putz rühmend mit Worten vor ihm auslegte, schwieg er, dann glaubte sie, er verweigere ihr die Anerkennung und schmollte darüber, so veruneinigten sie sich jeden Tag und versöhnten sich wieder. Was sollte aus ihnen werden? Er brauchte einen Freund, die Geliebte konnte den Dieter nicht ersetzen, aber sie wollte das nicht einsehen. Er vernachlässigte sie. Er widmete ihr nur mehr den Abend, wenn der Einjährige schon wieder in die Kaserne zurückgekehrt war, und dann wußte der Toni erst recht nichts zu reden, sondern träumte vor sich hin. Sie konnte dies und das fragen, er antwortete nicht oder Verkehrtes. Lachte sie, so verletzte ihn ihr Lachen, blieb sie ruhig, so schien sie ihm zu trotzen, erzählte er vom Dieter, so glaubte er einen verhehlten, bösen Zug um ihren Mund zu ahnen und wenn er sie streng anließ, umarmte sie ihn statt einer Antwort. Da stieß er sie von sich und versank in stumpfes Hinbrüten. Dann dampfte er ihr die Stube voll, bis er von einem bösen Husten geschüttelt wurde. Und wenn sie ihn bat, das Rauchen zu lassen, das ihm schade, schalt er sie zimperlich, die Weiber täten nichts, als einem Mannsbild mit lauter Aengsten das bißchen Leben verleiden. Die Mizzi warb demütig um Dieters Freundschaft und bat, zu den Spaziergängen der beiden Gesellen mitgenommen zu werden. Da zottelte schließlich auch die Mama Hilsch hintendrein und die Wanderung wurde langweilig. Dieter wußte nichts zu reden; Toni zwang sich zu einer leutseligen Freundlichkeit; Mizzi ging an seinem Arm und der Freund an seiner Linken verstummte. Dann ließ Toni seine Braut wieder zu Hause, und strich mit dem Gesellen allein durch die Straßen und beide schwiegen einträchtig. Aber es war die alte Zeit nicht mehr und nicht das alte Schweigen. Zwischen ihnen stand, schuldig und unschuldig Tonis Geliebte. Der bat den Dieter oft und oft, er solle sich doch seiner erbarmen und das Mädchen gelten lassen. Dieter lachte ihn aus, er habe ja nichts gegen die Mizzi. Aber Dieter wußte eben doch mit der langen, lieben, fremden Person nichts anzufangen. Die Braut seines Freundes war sie nun einmal. Schön und gut, aber was hatte er dabei zu suchen? Wenn die beiden einander verliebt ansahen, schämte er sich und konnte um keinen Preis der Welt dazu etwas Annehmbares bemerken; wenn die beiden stritten, sollte er den Schiedsrichter machen. Und wenn er sich dazu hergab, war es beiden nicht recht, so daß sie rasch versöhnt, einträchtig gegen ihn loszogen. Er hatte der Mizzi nichts zu sagen, der Freund mochte sie als Gottes allerbestes Wunder anschauen; ihm war sie ein Frauenzimmer wie jedes andere. Aber das verdroß den Toni. Gingen die beiden jungen Männer allein, so trieb ein geheimer Anreiz den Toni just dazu, von der daheimgelassenen Braut zu reden, also von dem uninteressantesten Gegenstand und was Dieter antwortete, wurmte den Toni. Mochte der Kriegsmann noch so gutmütig und geduldig die Zweifel des andern anhören, widerlegen, oder abschwächen, so glaubte dieser sich doppelt scharfsichtig und erkannte abschätzig, daß das arme Mädchen eben doch nur ein Frauenzimmer war. Er fühlte sich gefesselt neben seinem ungebundenen Kameraden. Bei der Mizzi ging es ihm nicht anders. Die kämpfte um ihre Liebe und mußte sich am Ende gegen den Eindringling wenden, der ihr das Herz ihres Liebsten raubte. Von so widerstrebenden Gefühlen hin- und hergezerrt, verlor der Toni jede Ruhe des Gemütes. Die Freundschaft wie die Liebe versagten und beide machten ihn nur elend. Er selbst rief eine Entscheidung herbei, um mit sich eins zu werden. Den Freund konnte er nicht verwerfen, denn der war solange sein Herzensbruder gewesen, als er überhaupt zu denken und zu fühlen verstand, nur die Liebe glaubte er opfern zu können. Aber Dieter hätte ihm solche Wahl ersparen sollen. Der konnte freilich nichts anderes tun, als sich sachte zurückziehen und schweigen. Toni bat, er solle doch lieb zur Mizzi sein, der andere versuchte es und wurde dabei nur spöttisch, süßsauerlich und gleichgültig. Da traf Toni den Dieter einmal und sah ihn mit einem langen Blick an: »So geht's nicht weiter, wenn's nicht anders sein kann, so bleib' ich bei dir.« Zwei Tage gingen sie still und schmerzbewegt, aber einig durch die Gassen, von den Dächern troff der Regen; der Toni hustete und fluchte über das hundsmiserable mörderische Frühwinterwetter, das vom bösen Herrgott eigens geschaffen worden sei, um ihm das bißchen Spazierengehen zu verleiden. Er hatte der Mizzi abgeschrieben und sich nicht mehr bei ihr blicken lassen. Am dritten Abend hatte Dieter den Freund eben vor sein Haus begleitet, sich von ihm verabschiedet und blickte ihm nach, wie Toni eigentümlich langsam und vornübergebeugt gleichsam durch sein Schicksal beschwert, über die Stiege hinaufschlich; da spürte er jemand hinter sich, wandte sich rasch um und sah die Mizzi tränenüberströmt. Sie ergriff seine beiden Hände, als wolle sie ihn an jeder Abwehr hindern und sagte: »Lassen Sie mir den Toni nur einmal, nur heute, nur diesen letzten Tag.« Da senkte Dieter den Kopf: »Ich laß Ihnen ihn für immer, Fräulein,« und salutierte und rannte davon. Dieter betrieb seinen militärischen Dienst, wie alles, was ihm begegnete, als heiteres Abenteuer, das man bis auf den Grund auskostet. Die mannigfachen Uebungen, welche den lang im Schreiberdienst eingeschränkten Körper befreiten und zum Bewußtsein seiner Kraft und Geschicklichkeit brachten; die Märsche über Land, das Kauern in Gräben und hinter Büschen, das Suchen nach dem Feind, das Laden und Schießen, der ganze Ernst im Spiel dünkte ihn vergnüglich, wie die Irokesen-Lustbarkeit von dazumal. Daß nun erwachsene Menschen ringsum mittaten und strenge Gebote, Strafen oder Schelte jede Unternehmung würzten, bot einen Reiz mehr. Auch der unterwürfige, formelhafte Gehorsam, der jede Haltung, Meldung, Stehen, Gehen, Sprechen, Gewehranschlagen, Grüße zu einer tadellosen Zeremonie straffte, schien nicht unlieb. Der Spaß, der hinter dem drohendsten Ernst lauerte, wurde dadurch erst recht genußvoll. Und doppelt vergnüglich war es, mit der ehrbarsten Genauigkeit alle Pflichten zu erfüllen, mit der unschuldigsten Miene den beflissensten Eifer darzustellen, doch hinterrücks einen Possen zu spielen, aber ihn zugleich so sicher abzumessen und zu berechnen, daß er die nötigen Grenzen nicht überschritt und gerade nur zur Erheiterung diente, ohne ernstlich zu schaden. Dazu die wunderlichen Sitten und Reden der vielen armen Burschen aller Völker und Gegenden des Reiches. Dieter fühlte sich zu ihnen als zu wahrhaften Kameraden hingezogen, zu den Bauern, wie zu den Handwerkerkindern verspürte er eine unverlorene Verwandtschaft, er verstand ihre Scherze, die wehmütigen Volkslieder, welche sie am Abend in den dunkeln Mannschaftszimmern sangen, während sie das Gewehr reinigten, die Kleider bürsteten, die Monturknöpfe glänzend machten. So gehen Wochen hin. Morgens um fünf aus dem Bett, tagsüber Dienst, manchesmal in der Nacht Wache in verrufenen, einsamen Gegenden der Stadt, wo man gar leicht einen Messerstich empfangen oder einen scharfen Schuß auf einen Ueberfall abgeben kann. Ein tiefer Schlaf, in welchem man Gewehrgriffe, Kommandorufe, Niederwerfen auf die Erde, abteiligen Schritt, Habtachtstehen und das ganze wenig abwechslungsreiche Treiben der wachen Uebungen im Traum fortsetzt, um morgens, im winterlichen Dunkel und Frost zu beginnen, wo man gestern aufgehört hat. Es ist eine durch Strafen und Furcht gepfefferte fortgähnende Langweile. Die Gedanken haften willig oder zornig nur bei diesem strengen Einerlei und werden dabei so mürbe, daß sie zu anderen Menschen und Dingen nicht ausschweifen mögen. Dieter hat dabei selbst den Toni schier vergessen. Freilich räumte er der Braut des Freundes das Feld. Aber darum glaubte er, den Genossen doch nicht verloren zu haben. Es wird schon ein Tag der Ruhe und Freiheit kommen, wo sie wieder still und heiter zusammen gehen, schweigen, oder schwatzen, je nach ihrer Laune. Einmal werden sie schon wieder gesellt sein. Nur Geduld, jetzt spielen wir Soldaten. Was wäre das für eine Freundschaft, die nicht mehr unter der Last von Geschäften, Mühen, Ablenkungen aller Art dennoch still wie unter einer Schneedecke das treue Gras fortwüchse und ihr Leben von einer tiefen inneren Wärme bezöge, die mit dem Tode erst, aber nicht durch eines Mädchens Laune, oder durch Verdruß, Zank, Mißverständnis und das Dazwischentreten der Zeit kalt und stumm würde! Einmal im Winter ging Dieter durch das volle Schneetreiben. Die weißen, schweren Flocken verhüllten den grauen Tag, Menschen, Fuhrwerke, Häuser mit rasch anwachsenden weißen Lasten, Hauben saßen auf den Laternen, die Wagen glitten still über den Schnee, die Pferde arbeiteten sich dampfend durch den weichen weißen Widerstand, alle Geräusche schienen gedämpft und verheißungsvoll, als spiele sich das Leben plötzlich in einem Märchenlande ab. Mitten auf der Straße arbeitete ein Rudel von Taglöhnern und schaufelte den Weg frei. Das waren die armen Arbeitslosen, welche dem Himmel einen Gulden Lohn und glücklichen Verdienst dankten. Sie schafften in wunderlicher Tracht. Der eine trägt eine alte Lammfellmütze zu einem fadenscheinigen schwarzen Rock, der andere einen verknüllten steifen Hut und durchlöcherte Glacéhandschuhe, Fäustlinge der dritte, einen gestrickten Schal hat der, einen Wolljanker jener umgetan. Die Beine sind mit brauner Sackleinwand umwickelt. Aber es geht ganz lustig unter dieser Mannschaft des Elends zu, der Schnee macht diese Bettler fröhlich, wie Kinder, welche Ball werfen. Die Leute schaufeln wie zum Vergnügen, dann schlagen sie die Arme breit aus und an die Schultern, um sich zu wärmen, sie rauchen Pfeife und lassen sich die Arbeit nicht verdrießen, welche ihnen von oben zugefallen ist, und berechnen die Wetteraussichten von morgen und übermorgen. Ein Grad mehr oder weniger wirft sie ins Elend der Obdachlosigkeit zurück oder schenkt ihnen nochmals ein warmes Nachtlager und ein großes Essen. Dieter geht gedankenlos an den Schauflern vorüber, da ruft ihn einer an: »Dieter!« Der Toni ist's. Hat sein Hütel verwegen auf dem Kopf, Fäustlinge an den Händen, trägt einen dünnen Ueberzieher, dreht eine Zigarette im Mund und schwingt eine Schaufel, als stünde er zu seinem Spaße da. Dieter weiß nicht, was er sagen soll. Der Toni lacht, man muß auch das probieren! Warum sollte man die Romantik nicht einmal auf diese Weise praktisch erleben. Er lacht, daß ihm die Tränen über die Backen laufen, weil der andere ein so dummes Gesicht macht, lacht, bis er zu husten anfängt und keucht und glüht. »Macht nichts, man wird warm dabei.« Dieter fragt: »Wie kommst du denn daher?« Die Advokaten machen schlechte Geschäfte, da gibt's nichts zu schreiben, monatelang hat er keinen Erwerb gehabt, Lektionen kriegt er nicht mehr, da seine Lehrerschaft zum Teufel gegangen ist, pumpen läßt sich auch nichts. Alle Brunnen sind eingefroren. Die Kleider warten im Versatzamt auf die neue Mode. Man versucht, was man kann, zum Schneeschaufeln braucht man wenigstens kein Maturitätszeugnis und keine Protektion, es ist ohnehin das einzige freie Gewerbe, aber ein miserables. Doch wer nicht in der Wärme sitzen kann, der muß sich bei der Arbeit einheizen. »Und die Mizzi?« fragt Dieter. Da wird Toni rot und legt den Finger an den Mund: Die darf nichts davon wissen. Soll ich mir denn von den Leuten was zahlen lassen? Am Abend geh ich hin, dann bin ich wieder ein freier Mensch, noch hab ich mein Kabinett, wenn's weiter schneit, kann ich vielleicht die Miete zahlen.« »Und dein Vater?« »Ja, der ist in Pension gegangen und wohnt jetzt in Linz, der weiß nichts von mir und das ist auch gut. Möcht nur Kummer haben und ist doch ein alter Mann.« »Jetzt schmeißt du aber den Besen hin, dummer Kerl, und gehst mit mir.« Der Toni ließ sich lange bitten, bis er aus seiner Reihe trat, er nahm von den übrigen Schauflern Abschied, reichte jedem die Hand, und alle sahen ihm halb erstaunt, halb neidisch oder gutmütig nach, wie er davonging. Und wußten, der gehörte nicht zu ihnen. Das war ein Beruf, der seine Leute nicht verband, wie die Flocken wurden sie zusammengeweht, teilten einen Tag lang ihr Schicksal, indem sie auf den Schnee warteten, und wurden wieder auseinandergeweht. Der Toni hängte sich in Dieters Arm und lachte und hustete dazwischen und hatte seinen Freund wieder. Allmählich begann er zu reden. Das Leben war kein Spaß für einen durchgefallenen Kandidaten. Und teuer war alles in diesem gottverlassenen Wiener Nest. Eine Schaufel Kohle nicht zu erschwingen. Da mußte man sich lieber im Schnee warm machen oder nachts im Bett unter der Decke. Heizen mochten die Barone. Wie lange hatte er schon kein reguläres Mittagbrot gehabt. Um fünf Kreuzer Cervelat oder ein Paar »brennheiße« Würstel mit einem Schusterleibel, wenn's gar zu kalt war, einen Slivowitz dazu, oder zur Abwechslung ein paar durchsichtige Schnitten Salami, der »Greißler« wiegt sie wie die himmlische Gerechtigkeit. Am Abend speiste er freilich gelegentlich wie ein Fürst bei den Hilsch oben, aber mit Anstand und Maß, damit es nicht ausschaut, als hungere er. Und nicht zu oft, um nicht lästig zu fallen. Die Mizzi hat ohnehin einen gewissen Verdacht und fragt ihn aus, warum er sie denn nicht bei Tag abholt und warum er sich so vernachlässigt und warum er keinen Winterrock trägt und warum seine Kleider so schäbig werden und warum er mit ihr auf keinen einzigen Ball geht. Wenn man die Weiber betrügen will, muß man zeitig aufstehen. Und zum Schneeschaufeln kommt man auch nur in aller Morgenfrühe, die Konkurrenz steht haufenweise vor den Bezirksämtern und bettelt um Zuteilung. Dieter schaut und schämt sich: »Aber um Gottes Christi willen, warum sagst du denn keinem Menschen, was mit dir geschieht, warum lügst du denn den einzigen Leuten, die sich deiner annehmen, einen solchen Dunst vor?« Toni schaut ihn aus seinem blauen Aug' ängstlich an: »Möchtest du deine Geliebte anbetteln? Oder deinen Freund?« »Gewiß tät ich's.« Da schwieg der andere. Solange man seine Not verschließen und seine Blöße unter einem fadenscheinigen Röcklein zuknöpfen kann, darf man stolz, einsam und zufrieden oder trotzig tun, aber weiß ein einziger um unsern Schaden, dann ist's aus mit dem Hochmut und man steht ärmer da, frierender und nackter. Der Toni hätte gar wohl ein Herz fassen und einen wildfremden Menschen um einen Kreuzer bitten können, ohne seinen Zustand sich verdrießen zu lassen, aber wenn man einem Freund sich entdeckt hat, ist man erst ganz zum Bettler geworden und auf Gnad und Ungnad ausgeliefert. »Armut ist keine Schande, aber eine Ehre ist sie gerade auch nicht,« sagte der Toni. Am Abend, nachdem Dieter den Freund mit Geld, warmen Kleidern und guten Worten getröstet, berichtete er seinem Vater die entsetzliche Lage, in welcher er den Toni getroffen. Der Alte hörte ihn ruhig an. Er hatte gerade zu dem einzigen Freunde seines Sohnes niemals besondere Neigung gehabt, ohne freilich davon etwas verlauten zu lassen. Sowohl das Beamtenhungerleiderwesen des Steueramtsadjunkten, als die ein wenig dreiste und unbekümmerte Manier des Jungen behagten ihm nicht. Im stillen fürchtete er auch wohl einen nachteiligen Einfluß dieses Verkehrs auf den eigenen Sohn und war zufrieden, daß dieser trotzdem seine Schulen ohne allzu arge Fährnis bestanden hatte. Jetzt war freilich Tonis Mißgeschick schlimmer, als all seine Schuld. »Da muß was geschehen. Man muß was tun, das geht ja nicht so weiter. Was soll man mit dem armen Kerl anfangen? Vielleicht bringst du ihn zu Mittag her, daß er wenigstens was Warmes kriegt.« Dieter machte ihm begreiflich, daß der Toni dies nicht annehmen würde. Der Alte schüttelte den Kopf und ging traurig im Bibliothekzimmer auf und nieder und überlegte. Dieter träumte in dieser Nacht nicht vom Soldatenspielen, sondern wachte auf seinem Bett in der Kaserne und sah zuweilen zum Fenster hinaus, in das Schneetreiben und dachte, daß ihm der einzige Freund hinschwinde wie der Schnee. Er glaubte ihn lachen und husten zu hören. Er weiß mit einemmal: der Toni wird sterben, ich habe doch nur einen einzigen lieben Freund und der geht mir zugrunde. Was soll ich dann mit mir? Und dachte an ihr gemeinsames Leben, an all die vergangenen Jahre. Am nächsten Tage, als die militärischen Uebungen beendigt waren und der »Befehl« überstanden, so daß Dieter für den Abend frei ans dem Kasernentor trat, stand der Toni davor und schwenkte glückstrahlend einen gelben Zettel. Er war als Hilfsbeamter zur Dienstleistung beim Magistrat einberufen worden. In aller Geschwindigkeit hatte der Vater Dieter ihm dies Aemtlein verschafft. Dreißig Gulden »Adjutum«, sonst eine armselige Besoldung, bedeuteten hier völliges Lebensglück und Rettung. Der Toni jauchzte und fabelte von Zukunftsplänen, nun war er aus dem Wasser. Seine Wangen glühten, sein Hütel saß ihm frech auf dem zurückgeworfenen Kopf. So glücklich war er nur damals gewesen, als er ins Innviertel mit zwanzig Gulden reiste, um die Welt zu kaufen und dem Freunde schuldig zu bleiben. Das Militärjahr nahm Dieter mit Beschlag; da er den Gesellen halbwegs geborgen wußte, glaubte er ihn wieder sich selbst überlassen zu dürfen. Dieter wurde Gefreiter, dann Korporal, genoß selber die Würde des Befehlsrechtes und bescheidener strategischer Herrlichkeit. Er vergaß darüber den Freund nicht, aber dessen Leid, war er doch noch in den Jahren, wo man gern an die Heilbarkeit aller Wunden, an die Widerruflichkeit alles Unglücks glaubt. Und wenn er den Toni traf, schäumte dieser über von Laune und Heiterkeit, freilich unter argen Anfällen seines Hustens, aber eine Zigarette um die andere rauchend. Als »Reservekadettfeldwebel« ausgemustert, brauchte Dieter nicht mehr auf einen öden Kommerz in der Provinz zu warten, sein Vater verschaffte ihm eine Anstellung bei einer großen, österreichischen Privatbahn und der junge Mann mußte nun die Wüste des staubigen Aktenlebens, Rechnens und Amtsschreibens unter kümmerlichen gebückten, verschuldeten, gedemütigten oder geduckt aufbegehrenden, heimlichen Revolutionären geduldig durchschreiten. Er tat es. wie immer in einem heiteren Traumleben, als müsse er auch hier nur ein neugieriger Gast, dies Treiben wie so manches andere versuchen, denn einem König des Lebens gebührt es, alles Menschliche zu durchmessen. Daß er an solchen Pulten altern, in diesen Stuben ein Mann, gar ein Greis werden und sich zu den nichtigen Beamtenwürden hinaufdienen müßte, fiel ihm nicht ein einziges Mal bei. Darum lachte er über die schnöde Sklaverei und die entsetzliche Oedigkeit seiner Geschäfte. Er saß über seinem Rechnungsmaterial und kalkulierte die Frachtspesen für alle jene Waren, welche etwa aus der Polackei, oder von dem Ostrauer Kohlenbecken in die Welt hinausfuhren, über die Alpen via Simbach oder via Arlberg ins Rheintal oder nach Italien. Er blies dabei vergnüglich den Rauch aus seiner Pfeife und sah vor sich die sonnigen Landschaften, breit hinströmende Flüsse, schäumende Gebirgsbäche, durchackerte Ebenen, Rebengelände, schwarze Wasser, felsige Bergschluchten, der Lombardei fruchtstrotzendes Becken, Venedigs fernes Märchen, das blaue Meer, welches unablässig mit schmeichelndem Anschlag an die flache Küste lief und wieder zurückrollte. Einmal würde er seinen staubigen Bureaurock an den Haken hängen, die Pfeife ausklopfen, seine Schuhe säubern, die Hände in dem kleinen Waschbecken zum letztenmal waschen, den Hut aufsetzen und davongehen, als Taugenichts, der er war, irgendwohin durch den Wald in die Weite, nach Italien oder China, nach Deutschland oder Afrika. Das Amt war nur eine Zwischenstation, eine kurze Rast, ein notwendiges Mißvergnügen, bis die alte, neue Lust der aufgesparten Freiheit wieder anbrach. So verschloß er seine Augen vor dem gegenwärtigen Mißgeschick und träumte den Traum seiner endenden Jugend weiter, als sei sie unsterblich, aber sie stand als eine unsichtbare, gnädige, wehmütige Herrin hinter ihm, nicht ohne Trauer ihr edles Haupt über ihn neigend: Bald muß ich dich verlassen und bald mußt du dran glauben, mein liebes Kind, mein törichter Rechnungsbeamter! Dem Toni aber entzog sie sich unter heftigeren Qualen, denn dieses schwächere Leben durfte nach ihr niemand mehr angehören. Den Dieter trat die Jugend dem Mannesalter ab, indem sie ihm ihre holdeste Gabe eines freien Sinnes, eines spielerischen, launenlustigen Gemütes zurückließ, die einzige Mitgift, welche der Armut und dem Ernst des Lebens trotzt. Mit dem Toni aber meinte sie es anders. Dem war es gesagt, jung zu sein und all sein Schicksal in den kurzen Raum von zwanzig Jahren rasch und unordentlich zusammenraffen zu müssen. Die Jugend hatte ihn alles erleben lassen, was dem Menschen auferlegt ist, Wanderschaft mit einem lieben Gesellen, Träume der bewegten Einbildung, Sehnsucht einer unglücklichen, Zärtlichkeit einer befriedigten Liebe, alle Zweifel der Leidenschaft, allen Hohn eines ungesättigten, unstillbaren Gemütes, die Qual eines kümmerlichen, fluchwürdigen Familienlebens, die Gier nach einem letzten Erfassen des Versagten. Er mußte in den Tagen das Meer des ganzen Lebens ausschöpfen und sich selber drangeben, ohne sich zu gewinnen. Seine Krankheit wuchs in diesen wenigen Monaten mit der Eile des Gewitters, dessen Gewölk so rasch aufzieht, daß zwischen der schwebenden Schwangerschaft der Finsternis und dem ersten Blitz und Donner nur die kurze Qual eines Angstgedankens flackert. Er hustete so arg unter Blutauswurf und Sterbensmattigkeit, daß man ihn mitleidig aus dem Amt nach Hause schickte. Aber bald erhob er sich wieder, die eigene Krankheit geringschätzend, als müsse seine Tagesarbeit sie verscheuchen, und trat in den Dienst zurück, wo man ihn gar nicht wollte. Man schob ihn von einer Stube in die andere, denn die Amtsbrüder fürchteten die Ansteckung und wichen ihm aus, wie einem Gezeichneten. Man trieb ihn aus einem Quartier ins andere, denn alle Mietherren fürchteten seinen Husten, der einsam durch die Nacht gellte. Nirgends wurde er geduldet, man hetzte ihn mitleidig durch alle Verlassenheit seiner letzten Monate. Kaum war er in ein Kabinett eingezogen, so kündigte man ihm. Er hatte wahrlich kein Lager, sich zu betten, keine Stätte zu ruhen. Aber er wußte nichts um sein Schicksal. Jeden Nachmittag wanderte er mit seiner Braut, rauchte unverdrossen, hustete und scherzte darüber. Das Mädchen aber sah gar wohl, wie es mit ihm stand und weinte die endlosen Nächte fern von ihm, um zu lachen und ihn zu küssen, wenn er bei ihr war. Sie erlebte das Glück und Elend jenes Heldentums, das nur den Frauen auferlegt ist, um einen Geliebten oder um ein Kind mit dem Schicksal Brust an Brust zu ringen, des Unterliegens sicher, aber nicht ein einziges Mal über das eigene Verderben weinend, auch nur daran denkend, sondern aufrecht, gefaßt, ein Lächeln auf den Lippen. Als aber über den todkranken Burschen jene stillschweigende, grausame Acht und Aberacht gesprochen war, daß ihn niemand bei Strafe des eigenen Lebens sollte hausen und hofen und herbergen dürfen, daß er nirgend mehr ein Obdach fand und ein Bett, da saßen die Mutter Hilsch und ihre Tochter in ihrer Wohnung und weinten zusammen und wußten sich keinen Rat. Am Abend kehrte der alte Mann von der Wilhelmine zurück. Er hatte dieses Schicksal vor seinen Augen sich abspielen gesehen, wie wohl so manches andere und tränenlos, scheinbar ohne Teilnahme zugeschaut und kein Wort bisher gesprochen. Täglich sah er den abgezehrten, hustenden, lachenden und vor dem Tod noch scherzenden jungen Menschen an seinem Tische sitzen, sah die eigene Tochter gar schmerzensreich sich über diesen Geliebten neigen, lächeln, heimlich die Tränen von den Augen wegwischen, ehe sie sich dem Toni mit heiterm Gesichte wieder zuwandte, er sah dies alles und schwieg. Er sah, wie sein Kind im Elend zu einem Weibe wurde. Er sah, wie sie vor seinen Augen den Toni liebkoste, was sie ehedem nie gewagt hätte. Er sah, wie dessen Hände nach ihrem Busen griffen und wie sie sich gewährend an den Verlangenden schmiegte. Und zum erstenmal schaute sie mit einem jener herzzerreißenden Blicke, welche zugleich demütig genug flehen und sich voll Stolz bekennen, den Vater an, da sie sich dem Liebsten also zuneigte. Nicht anders mag die junge Mutter einen Fremdling anschauen, der sie überrascht, wie sie ihrem Kinde die Brust reicht. Der Vater wandte sich ab und schwieg. Heute sah er die beiden, seine Frau und seine Tochter im dunkeln Zimmer weinend sitzen. Als er eintrat, begann seine Frau zaghaft zu erzählen, daß der Toni nirgends mehr ein Quartier finde, was sollte sie nun beginnen. Er wußte ja längst, daß dies kommen müsse. »So nehmt ihn denn zu uns in Gottes Namen,« sagte er. Seine Tochter stürzte zu ihm und umarmte ihn. Und er küßte sie auf die Stirne, was er nicht getan, seit er sie als kleines Mädchen auf seinen Knien geschaukelt hatte. So hatte der Toni ein Bett im Hause seiner Braut. Aber auch hier war seines Bleibens nicht lange, denn nun machte sein Vater auf den Sterbenden sein Anrecht geltend, der bisher von dem ungeratenen Sohne nichts hatte wissen wollen. Er verlangte, den Toni bei sich zu haben, der sollte bei seiner Familie sterben, nicht bei fremden Leuten. Nicht ohne eine gewisse tückische Anklage, die niedriggesinnten Menschen gemäß ist, welche das eigene Verschulden auf Fremde ablenken und vor sich selber rechtfertigen wollen, schrieb er der Frau Hilsch, er wolle endlich seinen Sohn wieder haben, der aus Trotz und Torheit sich selber übel genug mitgespielt, und einem Verhältnis hingegeben habe, das ihn schließlich dahingebracht, wo er nun liege. Dieter fand, als er nachmittags aus dem Bureau ging, eine schwarzverschleierte Dame auf der Straße, die ihn erwartete: die Mizzi. Schluchzend erzählte sie, wie man ihr nun selbst den Sterbenden mißgönne und fragte, was sie tun solle. Dieter ging weinend neben ihr her. Ihre Nebenbuhlerschaft und das törichte Mißverstehen von einst war ausgelöscht, sie fanden sich einig in ihrem Gefühl für den besten Menschen. Dieter sagte endlich: »Liebes Fräulein, Sie haben genug für den Armen getan, mehr und besseres, als der Herrgott selbst, von mir ganz zu schweigen, der sein Freund war, als es ihm gut ging und der ihm fernblieb, als der Ernst begann. Ich war ein Narr meiner Eifersucht und habe mich selbst betrogen, indem ich mir vorlog: Der Toni hat ja die Mizzi, er braucht mich nicht. Jeder Mensch braucht alle, die ihn lieb haben, er kann keinen missen. Sie waren gut. Aber jetzt lassen Sie es genug sein. Da ihn der Vater verlangt, tun Sie ihm den Willen.« So brachte die Mizzi selbst den Bräutigam nach Linz, aber sie blieb dort und verließ ihn nicht, sie hielt bei ihm aus unter den schweigenden, feindseligen Blicken der Familie. An einem Sonntag fuhr Dieter hinaus, den Freund zu besuchen, dessen Zustand sich unter dem Einfluß der Luftveränderung und neuen Umgebung für kurze Zeit gebessert hatte. Auf den Arm der Braut und des Gesellen gestützt, konnte er sogar ausgehen, es war Sommerzeit, man wandelte ein paar Minuten im Stadtpark, dann setzten sich die drei auf eine Bank. Der Toni schwatzte und scherzte voll Fröhlichkeit und sprach von seiner Gesundheit, dann würde er endlich heiraten, und rauchte eine Zigarette nach der andern. Man ließ ihn gewähren, hatte es doch keinen Sinn, ihm diese letzte Freude zu versagen, dann verfiel er in seinen furchtbaren Husten und noch keuchend spottete er seiner »Lumpenschwindsucht«. Der Arzt sagte, der junge Mensch leiste der schlimmen Notwendigkeit einen so wunderbaren Widerstand, daß niemand wissen könne, wie lange er es noch treiben werde. Dieter fuhr in sein Amt zurück und hoffte, er würde am nächsten Sonntag noch einmal den Freund besuchen können. Aber am Mittwoch, just als er vor seinem Stehpult Rechnungen eintrug, brachte der Postbote ein schwarzgerändertes Einlaufstück für ihn: »Herr und Frau Steueramtsadjunkt Scharrer geben, vom tiefsten Schmerze gebeugt, allen Freunden und Bekannten geziemend Nachricht von dem Hinscheiden ihres innigstgeliebten teuren Sohnes, Anton Raimund Franz Scharrer, welcher nach langem schweren Leiden am fünfundzwanzigsten Juli, nach Empfang der heiligen Sterbesakramente selig im Herrn entschlafen ist.« Dieter sank ohnmächtig nieder. Obgleich gefaßt auf dieses Ende, traf es ihn doch mit der ungeminderten Wucht eines niederfallenden Beiles und erschlug seine Jugend, den Traum seiner schönen Jahre, die Hoffnung, Lust und Freundschaft seiner blühenden Zeit mit einem einzigen Schlage. Er hatte mit dem Gesellen den einzigen Zeugen, die einzige Rechtfertigung seines Lebens verloren. Was nun kam, war der gleichgültige, kummervolle Lauf der Dinge. Als ein Schweigender mußte er nun allein seine Straße gehen, keinem zuliebe, nur sich zuleide. Er würde nie mehr einen Gesellen finden. Nur einmal gibt ihn das Schicksal und nimmt mit ihm das Beste hinweg, das dem Freunde zu Dank gewachsen ist, geblüht hat und nun verdarb. Dietern war zumut, als könne sein eigener Lebensbaum nie mehr grünen, als könne er keinen Traum mehr träumen, keine Lust mehr erfahren, als sei er nicht sich, sondern diesem Hingegangenen zuliebe durch die raschen Jahre ihrer Jugend wie in einem Strom gefahren. Auf einem buntbewimpelten Kahn war er neben Toni gestanden, den reißenden Fluß hinabtreibend, dessen plötzlicher Zorn den Freund vor seinen Augen aus dem Boot schlug. Was sollte all der Lärm des Lebens, nie mehr fand Dieter einen Reim auf die furchtbare Rede der Dinge ringsum, die seine Jugend verschlangen, wie sie alle Menschen nur schaffen, um sie aufzuzehren. Er mochte weiterleben, ein Weib nehmen, altern und Jahre auf der nackten Erde zubringen, er blieb doch ein Schiffbrüchiger. Ohne Freundschaft war er zu sich selbst verurteilt. Einmal sah er die Mizzi wieder. Sie erzählte von Tonis letzten Stunden, wie er an diese Brust gelehnt, ihre Hände streichelte und phantasierte, sie berichtete tränenlos mit leiser Stimme, wie er sie geliebkost und dabei für die Hedwig gehalten habe, deren Namen er ausrief, als er den letzten Seufzer tat. Dieter schaute der armen Person ins Gesicht und sagte: »Uns beiden ist der Toni gestorben, wir sind nun beide arm. Leben müssen ist schlimm genug. Möchten Sie es nicht gar zu schwer haben!« Damit bot er ihr die Hand, dann schieden sie, und nie mehr sah er das Mädchen wieder, noch wollte er sie wiedersehen. Nach vielen Jahren fand Dieter zufällig ein wunderbares Buch, in welchem ein weltweiser Mann Erfahrung, Gefühl und das mannigfaltige Geheimnis des eigenen, des allen Menschen gemeinsamen inneren Daseins mit solcher Macht zusammenfaßte, daß sein Wort über die Grenzen der Sprache und Zeitlichkeit hinaus zu den fernsten Seelen drang, gleich dem tröstlichen Licht eines Sternes, der heut wie seit seinem Anfang die Geschicke der Welt bestrahlt. Es waren die »Versuche« des Michel Montaigne. Und Dieter fand den einen über die Freundschaft mit diesen Worten: »Wir haben unsere Freundschaft, so lange es Gott gefiel, miteinander gepflogen, welche so innig, so vollkommen war, daß man gewiß von viel dergleichen nicht lesen wird, und unter den Menschen heutigen Tages findet sich davon keine Spur mehr. Um eine solche Freundschaft zu stiften, werden so viele Zufälligkeiten erfordert, daß es schon viel ist, wenn das Glück solche nur alle dreihundert Jahre einmal zusammentreffen läßt . . . . . Im übrigen ist das, was wir gewöhnlich Freundschaft nennen, wo Leute einander sehen, die Geschäfte miteinander haben und wodurch unsere Seelen sich miteinander unterhalten, eigentlich nur Bekanntschaft. In derjenigen Freundschaft, wovon ich rede, verwischen und schmelzen sie sich solchergestalt ineinander, daß ein so durchaus Zusammengesetztes daraus wird, daß auch die Spur der Naht davon verschwindet, welche aneinander geheftet hat. Wenn man in mich dringt, ich soll sagen, warum ich meinen Freund Boetius liebte, so fühle ich wohl, daß sich das nicht anders ausdrücken läßt, als wenn ich antworte: Weil er's war, weil ich's war. Es ist dabei etwas, das über meinen Verstand geht; und alles, was ich besonders davon sagen kann, ist: diese Vereinigung ward durch eine unbegreifliche, unwiderstehliche Macht vermittelt. In Wahrheit, wenn ich das Uebrige meines Lebens, das ich zwar durch die Gnade Gottes ganz gemächlich und bequemlich und außer dem Verluste eines solchen Freundes frei von drückendem Kummer, mit ganz ruhigem Gemüte hingebracht habe, indem ich das, was mir der Himmel bescherte, mit Danksagung genoß und nicht mehr Ueberfluß begehrte; wenn ich es ganz durchgängig vergleiche, sage ich, mit den Jahren, da mir's so gut ward, des süßen Umgangs mit diesem Manne zu genießen: so ist's ein bloßer Rauch, nichts weiter als eine dunkle, freundenleere Nacht. Seit dem Tage, da ich ihn verlor: » Quem semper acerbum semper honoratum (sic Di voiuistis) habebo «, schleich ich hinwelkend umher, und die Freuden selbst, die sich mir darbieten, anstatt mich aufzuheitern, verdoppeln meinen Schmerz über seinen Verlust. Wir gingen beständig zur Hälfte: mich dünkt, ich raube ihm jetzt seinen Anteil.«