Heinrich Seidel Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande. Teil II   Gesamt-Ausgabe 1.-10. Tausend MDCXL J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger Stuttgart und Berlin 1920   Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten 7 Wir sollten uns des neuen schönen Segelbootes nicht oft mehr erfreuen, denn der Herbst war stürmisch, und dann trat ein Ereignis ein, das unserem Leben eine ganz andere Wendung geben sollte. Mein Vater wurde als erster Prediger an die Jakobikirche der Hauptstadt berufen und sollte diese Stelle schon im Februar antreten. Meine Mutter und ich und meine jüngeren Geschwister blieben noch bis Ostern in Steinhusen. Adolf Martens kam dann zu uns in Pension und wir beide auf das Gymnasium. Wir freuten uns nicht über solche Umwandlung, denn obwohl das Leben in der Stadt auch wohl etwas Verlockendes hatte, so wußten wir doch, daß wir ein solches »Jungsparadies« wie Steinhusen niemals wiederfinden würden. Auf Onkel Simonis hatte diese Nachricht eine besondere und für uns wenig erfreuliche Wirkung. »Jungs,« sagte er, »nun müßt ihr 'ran, 'ran müßt ihr. An Tertia ist nicht zu denken, weil ihr noch kein Griechisch gehabt habt, aber für Quarta, wo das Griechische anfängt, müßt ihr reif sein, überreif müßt ihr sein wie ein Apfel, der vom Baum fällt, wenn man ihn nur schief anguckt. Das muß nur alles so flutschen wie geölt. Und ein bißchen Griechisch bring ich euch auch noch bei, so daß ihr die Buchstaben schreiben und lesen könnt und die ersten leichten Sätze im Jakobs übersetzen. Wird euch zu Anfang 'ne Hilfe sein, wenn ihr die krausen Dinger von Buchstaben schon könnt, eine nicht zu unterschätzende Hilfe!« Und schon am nächsten Tage setzte er solches Feuer hinter seinen Unterricht, daß uns die Köpfe rauchten. Wir seufzten. Isern Hinrich, dem wir gerne zuerst diese Neuigkeit mitgeteilt hätten, war gerade mit seinem Vater in die Hauptstadt gefahren, da dieser dort Geschäfte zu besorgen und Einkäufe zu machen hatte, aber am nächsten Tage war er wieder da, und als wir nach dem Unterricht noch ein wenig durch das Dorf schlenderten, um unsere rauchenden Köpfe auszulüften, und uns dabei melancholischen Betrachtungen über den Wechsel alles Irdischen hingaben, begegnete er uns. Die Umgebung seines linken Auges war blau und die entsprechende Backe ein wenig geschwollen, sonst schien er munter zu sein und streckte uns nach gewohnter Weise den rechten Arm zur Begrüßung entgegen. Wir erzählten ihm die große Neuigkeit in der sicheren Hoffnung, den Zoll seines Erstaunens und seiner Verwunderung zu ernten, allein davon war gar nicht die Rede. »So?« sagte er, »dor treckt ji hen? Denn ward ji ok woll sonn' Schäulers mit Keesgesichter un bunt' Mützen, dei morns Klock teihn bi Bäcker Henkus inne Friedrichsstrat Appelturten un Blärekauken fräten un sick dei Näs' lang kieken un grienen, wenn s' mal 'n olligen Kierl so as mi tau seihn kriegen dauhn. Un wenn ji henkamt, denn grüßt ok Adi Piepenbrinck.« »Is dat din Fründ?« sagte ich. »Wat ick sin Fründ bün? Schönen Fründ, so as bei Hahn von'n Maddick un bei Voß von dei Gaus un bei Kädenhund von'n Snurrer. Na, ick will jug vertellen. Min Oll harr morns tau dauhn, wo hei mi nich bruken künn, un harr dei Spandierbüxen an un geew mi vier Schilling tau'n Verknacken un sär, ick süll mi man dei Stadt 'n bäten anseihn. Na, ick däs' dor jo nu ok in rüm utt kiek mi ok dat Sloß an mit dei välen Thurns un bunten Schosteins. Un ganz hoch baben dor kümmt dor ut so'n Durweg 'n Kierl ruttaurieden; un dat runne Dack baben em is binah ganz von Gold. Dat is äwer keinen labennigen Kierl, hei is blot utstoppt un sall so'ne Oart Grotvadder von'n Großherzog wäst sin. Naast güng ick denn dei Sloßstrat lang un keem an bei Königsstrateneck, un as ick dor nu in Zuckerkanditer Kräwt'n sin Finster kieken dehr, dor würden mi dei vier Schilling in min Tasch doch bannig jäken. Äwer dat seeg mi all so düer un so grotportansch ut mit Speigels un Goldrahms, ick trugt mi nich rin. Un däs' nu wiere dei Königsstrat lang un kiek in dei Ladens un kam tauletzt up den Mark tau stahn. Dor wir jo nu grar Mark, un ick dacht: ›Nu köffst du di ein'n Spickaal tau twei Schilling un bi'n Bäcker ein'n Stuten tau'n Schilling, denn hest du'n fein Frühstück.‹ Äwer Spickaals wiren nich dor. Nu frag ick blot, wotau is denn Mark, wenn dor kein Spickaals sünd. Un as ick nu wiere güng, dor flög dei Klock teihn, un von dei Domschaul her keemen Schäulers, weck in'n Draww un weck ok ganz pomadig un güngen all in ein Dör rin. Un dat wir Bäcker Henkus sin Dör, dei stünn wiet apen. Dor künn ick jo nu nich vörbi un keek dor rin, un ein Damp treckte dor rut, dei rök so fein, as ick mi denk, wat dat in'n Himmel so rüken dauhn deiht. Un dei vier Schilling in min Tasch, dei jäkten mi nich mihr, dei brennten as Füer. Denn dei Ladendiern fett'te grote Platen mit Kaukens up dei Tonbenk, dei keemen äben ut'n Aben un dampten noch. Un ick dacht: ›Wat dei känen, dat kannst du ok noch,‹ un langte in min Tasch, wat woll min vier Schilling noch dor wiren, un drückte mi so sacht achter dei Schäulers rümm in den Laden. ›Woväl gift dat von dei för'n Schilling?‹ fragt ick un wieste up dei Appelturten. ›Ein,‹ sär dei Diern. ›Un von dei?‹ sär ick un wieste up dei Blärekauken. ›Twei,‹ sär dei Diern. Na, ick mak mi jo nu den Plan: du geihst ierst bi dei Appelturten un denn bi dei Blärekauken. Jungedi, fein! segg ick jug. Un weck von dei Schäulers keeken mi an un grienten sick, un ein, dei harr ne Brill up, sär tau dei annern: ›Pisang!‹ Un donn lachten sei sick. Ick dacht äwer: ›Harr ick di man in Steinhusen achter unsen Tun, denn wull ick di woll din Glasfinstern inslan un di gadlich bepisangen.‹ As ick nu all twei Appelturten tau Bost harr un mi nu so'n annern Kauken herlangte, donn sär dei ein von de Schäulers tau mi: ›Segg mal, min Sähn, hest du di denn hüt Morn ok ollich wascht?‹ Dit wir jo nu eine ganz infamtige Frag'. Wascht harr ick mi jo un tworst mit gräun Seip, äwer ick harr dei Dag vörher unsen Hoftun anteert, un dor wir ick ok mit gräun Seip nich recht uppe Grund kamen. Na, up't Mul bün ick nich follen, dat weit't ji jo, un ick sär: ›Ick bün kein Sähn von so'n Keesgesicht, ick bün min Vadder sin Sähn, un glöwst du denn, dat ick so'n Schwein bün, dat ick mi alle Dag' waschen möt?‹ ›Köstlich!‹ sär dei Jung mitte Brill, un dei annern wullen sick dot lachen. ›Na, wenn's mi nu man nich doch tau Liw' gahn?‹ dacht ick, denn dei, dei mi fragt harr, wir hellschen falsch un sär tau dei Ladendiern, sei süll mi rutsetten, äwer dor bimmelt dat von dei Domschaul her, un mit eins wiren sei all rut un makten, dat sei in ehr Schaul keemen. Un dei Ladendiern lacht sick un sär: ›Dat hest du dei Hochsnuten gaud gäben, min Jung; hest du denn äwer ok Geld?‹ Ick smet min vier Schilling up'n Disch un sär: ›Dei will ick noch asäten!‹ un dat dehr ick denn ok. Na, satt wir ick jo nich, äwer ick harr doch so'n schönes Gefäuhl inne Maag, un min vier Schilling jäkten mi nich mihr. Un güng wiere ümme dei Königsstrat lang un bekeek mi dei Ladens, un naast bün ick ok, glöw ick, an din'n Vadder sin niege Kirch vörbi kamen. Tauletzt keem ick an'n See, un in den See swemmten 'n poor dorige Katten ganz as bi uns mennigmal in'n Adelpool. Un güng rechtsch an den See lang, dor leeg 'n groten Holthoff mit hoge Brärehümpels, un in den See swemmten väle Fleeten. Up den Holthoff stünn 'ne Pöppel, un dor wir baben 'n Adborsnest in. Inne Stadt sünd dei Minschen all'n bäten unklauk, un dei Adbors ok. Wo so väl Hüser sünd, bugen s' up'n Boom. Tauletzt keem ick anne Scheseh, un wo dei ut'e Stadt rut keem, dor güng ick werre rin. Dat wir jo nu kein feine Strat, dor wahnten lütt Lür, un dor würr up hölten Tüffel gahn. Un Ladens wiren dor ok nich as man so ganz lütte, blot an dei ein Eck, dor wahnte so'n Hieringskoopmann. Up dei anner Siet von dei Strat stünnen 'n poor Jungs mit rore Näsen un dei Hänn'n inne Taschen un glupten mi an un grienten sick, un ick wunnert mi, dat sei nich inne Schaul wiren. As ick nu wiere güng, dor keem mi 'n annern Jung inne Möt in min Öller un min Grött, dei güng up hölten Tüffel un harr tau lange Büxen an, dei wiren ünnen ümkrempt, un 'ne flickte Jack, dei wir em tau lütt, un dei Klott drög hei in'n Nacken un seeg gruglich utverschamt ut. Un keem up mi los un makte mine Gangort na, so gaut as dat in hölten Tüffel geiht, denn ick harr doch min niegen hogen Sündagsstäwel an, dei up Tauwaß mackt sünd un wo sick dat man hellschen stiefbeinig in gahn dauhn deiht. Un blew breit för mi stahn und spuckt mi up'n Stäwel – ick glöw, dat Farken harr'n Prim in't Mul – un sär: ›Gun Dag dumm Hans von'n Lann', wo geiht di dat?‹ »Donn sär ick: ›Min Nam is Hinrich Trilk, in min Dörp seggen sei Isern Hinrich tau mi, un gahn deiht mi dat gaud.‹ Donn sär hei: ›Klas Wischlappen warden s' woll tau di seggen, un min Nam is Adi Piepenbrinck, un dit is min Strat un in min Strat bün ick König.‹ »Ick sär: ›Straten sünd frie, gah mi ut'n Wäg.‹ »Hei sär: ›Wer in min Strat kümmt un dor nich hengehürt, dei möt Instand geben, süß kriegt hei Schacht.‹ »Instand? dacht ick, dor hett 'ne Uhl säten, min vier Schilling sünd all! Seggen dehr ick äwer: ›Instand? Wist'n Bax hebben? Kannst ok drei kriegen!‹ »›Holl di an'n Tun, dei Himmel is hoch!‹ sär hei. ›Man ümmer bescheiden, so as ick bün, sär dei Pagelun tau'n Kullerhahn. Du sast noch glimplich naug afkamen. Du brukst blot dreimal an minen Tüffel tau rüken, denn kannst du gahn. Wist du dat nich, denn warst du nüscht.‹ Un treckte sick den einen Tüffel af und höll em mi ünner 'ne Näs' un sär: ›Dor rük an! Ick bün'e äben ierst mit in'n Rönnstein wäst, wo hei tau'n fettsten is bi Kaping an'n Zägenmark.‹ »Na, ick würr jo nu falsch un nehm dei Fust un geew em einen ünner dei Snut, dat em dei Tüffel ut dei Hand fallen dauhn dehr, un sär: ›Dor rük du an!‹ »Na, nu güng jo dei Haugerie los. Dat ick Kraasch heww un dat ick Muscheln heww, dat weit't ji jo, un dat duert ok nich lang, dor harr ick sinen Kopp ünner minen Arm un wull nu äben bi, em düchtig tau nüschen, dor schreeg hei: ›Hier her! hier her!‹ un mit eins keemen dei beiden Jungs mit rore Näsen angesett't, un dei ein, so'tt lüttes Krupding, springt mi an dei Waden as so'n Aapkatt un wrümmelt sick mit Arm un Bein dorüm, dat ick mi nich rügen künn, un dei anner boxt mi von hinnen in dei Rippen. Na, minen Fründ Adi müßt ick jo nu loslaten, un dei Haugerie güng wiere. Äwer denkt jug drei gegen einen, un ick harr jewoll noch gor un gor tau väl Schacht trügen, wenn dor nich mit'n Mal wän lurhals bölckt harr: ›Mudrach! Mudrach!‹ »Mit eins lett dat lütt Krätenbing min Bein los, wöltert sick von mi weg un rackt ut, un dei anner Rotsnut em na. Un Adi Piepenbrinck seggt blot noch: ›Kumm du man noch mal in min Strat!‹ sammelt sin hölten Tüffel up un ritt up Söcken ut as Schaaplerre. Dor wir äwer ein langen Kierl in'n eng taugeknöpten Rock üm dei Eck kamen un fohrte mit so lange Schritten up mi los, dat dat ebenso schaffen dauhn dehr, as wenn'n anner Minsch löppt, un drauhte bei Utrieters mit'n Stock un reet dei Ogen so up, dat'n dat Witt up hunnert Schritt wiet seihn künn. Na, ji weit't jo nu all, dat dat Mudrach wäsen dauhn dehr. Hei kreeg mi in'n Rockskragen tau faten un keek mit sin gräsigen Oogen up mi dal un sär: ›Bist hier wohl extra aus dein Dorf hergekommen, um hier sozusagen 'ne Hauerei anzufangen? Was? Aber das Auge des Gesetzes wacht, wacht nämlich sozusagen ganz barbarisch!‹ Un keek up mi dal, as wull hei mi inne Grund kieken. Ick höll jo nu disse Kiekerie ganz gaud ut, wil dat ick von Reinhard weiten dauhn dehr, dat dat gaud wir, un sär: ›Ick wull mi jo nich haugen, sei hebben mi haugt, wil dat ick nich an Adi Piepenbrinck sinen hölten Tüffel rüken wull.‹ »›Hat'n gut Gewissen, der Jung,‹ sär hei, ›hält mein'n Blick aus. Also nämlich Adi Piepenbrinck? Das ist ja doch sozusagen ein ganz inquisitorischer Oberbambuse. Und diese infamtige Holzpantoffelzeremonie hat er sich auch noch nicht abgewöhnt? Und die Schule hat diese notorische Bande natürellemang auch mal wieder geschwänzt. Das kann doch nur enden, wie es mit Puttfarken und Driebenkiel geendet hat. Ich seh schon, ich seh schon, diesen Adi Piepenbrinck werd ich auch noch mal in Eisen legen müssen. Ja, nämlich sozusagen.‹ »›Herr Mudrach,‹ sär ick donn, ›Sei kennen mi woll nich mihr?' »›Mein Sohn,‹ sär hei, ›ich habe sozusagen ein ganz penetrantes Personengedächtnis. Nämlich, wen ich einmal in meinem Leben gesehen hab, den kenn ich wieder, und wenn es ihm auch sozusagen kein Vergnügen macht. Jetzt komm nur mit, ich will dich noch'n Ende begleiten, bis du aus Adi Piepenbrinck seinem Revier heraus bist. Denn wer meinen Blick aushalten kann, der hat ein gut Gewissen, wer kein gut Gewissen hat wie Puttfarken und Driebenkiel, der hält das nicht aus.‹ Na, ick müßt mi nu jo inwennig lachen, wil dat ick doch wüßt, dat Driebenkiel donn tau em seggt harr, hei süll doch mit sin ollen Glupoogen bei Sparlings ut dei Arsten jagen un olle Wiwer mit grugen maken. So güng ick denn mit em, un an alle Finsterspeigels wiren Gesichter un keeken na mi, un ick wüßt, sei dachten all, Mudrach harr mi verarretiert. As wi nu dicht bi dei Strateneck wiren, dor sär hei tau mi: ›Geh du man langsam weiter. Nämlich um solche Straßenecke, da komm ich immer gern n' bißchen fix, sozusagen plötzlich. Das Auge des Gesetzes muß mit einmal da sein mit so'n gewissen Aweck.‹ Hei suuste nu mit sin langen Schritten af, un mit eins stünn hei mirren up dei anner Strat, breitbeinig un den Stock wiet von sick af, un keek as so'n Stötvagel dat ein Enn lang un denn dat anner. Dor wir nu jewoll Allens in dei Reig, hei keem werre na mi ran un sär: ›Nämlich, was ich sagen wollt, wo haben wir uns das letztemal doch gesehn? Ich kenn dich ja, natürellemang kenn ich dich. Ja, nämlich sozusagen!‹ »Ick sär: ›Ick heww Sei doch äwersett't verläden Harwst na'n Uhlenbarg, wo Sei Driebenkiel fastnahmen hebben.‹ ›Aha,‹ sär hei, ›siehst du wohl, daß ich dich kenne, und du heißt, ja du heißt ...‹ Hinrich Trilk!‹ sär ick. ›Du nimmst mir das Wort aus 'm Mund, natürellemang heißt du so, und ich weiß auch wer du bist, bu bist ...‹ Ick sär: ›Den Kräuger ut Steinhusen sin Sähn.' »›Ganz richtig,‹ sär hei, ›Krüger Trilk aus Steinhusen sein Sohn Hinrich ... Hat mich damals über den See gesetzt nach der Insel Uhlenberg. Jawohl. Dafür habe ich sozusagen ein penetrantes Gedächtnis. Nämlich, wen ich einmal gesehen hab, den hab ich so fest, als stünde sein Signalemang in den Akten. Das nennt man den kriminellen Blick. Den kann man nicht lernen, der muß angeboren sein. Ja, nämlich sozusagen.‹ Dorbi keek hei mit sin gruglichsten Oogen up mi dal, un ick müßt mi in't Bein kniepen, dat ick em man blot nich in't Gesicht lachen dauhn dehr. Doch mit eins keem in sinen Blick sowat as Gaußmolt un Zirup un üm sinen Mund so'n säutes Grienen, un hei sär tau mi: ›Nämlich, was ich sagen wollt, wie geht es Mamsell Kallmorgen? Ich müßt wohl eigentlich sagen Fräulein Kallmorgen, denn diese ganz famoste Dame hat sozusagen so was Distinktives in ihrer Turnüre und so was Seelenvolles in ihrer Fisionognomie, und kochen kann sie alabonnöhr!‹ »Ick sär em, dat ick Mamsell Kallmorgen sörre dei Tied nich werre seihn harr, un dat würr ehr woll gaud gahn, blot ick harr hört, wat sei sick Dag un Nacht dorför grugen dehr, wenn Driebenkiel ut't Lock werre rut kamen dauhn dehr, un dat hei denn werre up'n Uhlenbarg inbräken würr un ehr den Mund taustoppen un ehr mit sinen Kauhfaut tau Mus haugen würr. Dor lachte Mudrach un sär: ›Dafür sind wir am Ende auch noch da. Und einstweilen sitzt er ja noch seine fünf Jahre fest. Na und wenn du diese distinktive Dame mal wieder siehst, dann paß mal auf, was du denn zu ihr sagst. Nämlich: Herr Kriminalbeamter Mudrach ließe Fräulein Kallmorgen seinen ehrfurchtsvollen Gruß unterbreiten, er mache sein ergebenstes Komplimang und ließe Fräulein Kallmorgen sagen, daß er die Begegnung mit ihr in wohlwollendem Andenken hielte.‹ »Un as ick dat nich glik behollein künn, müßt ick dat utwennig lihren,« sagte isern Hinrich, »un as ick dat künn, dor lär hei mi bei Hand up'n Kopp un sär: ›In Adi Piepenbrinck seine Zukunft da seh ich sozusagen wie in eine schwarze Teertonne, um dich, mein Sohn, aber habe ich keine Bange, du bist ein brauchbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Bleibe nur immer auf dem Pfade des Gesetzes und ehre die Obrigkeit, so wird es dir wohl gehen. Ja, nämlich sozusagen.‹ »Wi wiren jo nu all werre bi dei Königsstrat ankamen, un dor sär hei mi Adschüs un sär ok noch, ick süll Herrn Simonis grüßen un di, Reinhard, un, dor bebank di för, hei sär, du wirst ein hoffnungsvoller Knabe von krimineller Begabung. Ja, nämlich sozusagen!« Isern Hinrichs Abenteuer erfreuten uns natürlich sehr, und wir hätten gerne noch mehr von seinen weiteren Erlebnissen in der Stadt gehört, allein auf dem Hofe hatte es längst zum Essen geklappert, und auch unsere Mittagszeit war da. So trennten wir uns denn. Die Gelegenheit, Mudrachs Gruß an Mamsell Kallmorgen auszurichten, bot sich für isern Hinrich einstweilen nicht, wohl hatten wir aber in der nächsten Zeit Gelegenheit dazu. In den folgenden Tagen trat gelinde Kälte mit starkem Schneefall ein, und nachdem es drei Tage lang fast ohne Aufhören geschüttet hatte, klärte es sich auf, und es gab tags bei blendendem Sonnenschein und nachts bei einem unsäglich funkelnden Sternenhimmel starke Kälte, die lange anhielt und bei der herrschenden Windstille den ganzen See in wenigen Tagen mit einer stahlglänzenden Eisdecke überzog. Dieses günstige Zusammentreffen von vortrefflicher Schlittenbahn mit spiegelglatten Eisflächen ließen wir natürlich nicht unbenutzt. Wer es nicht weiß, wie köstlich es war, im Schlitten vom Kirchhofsberg hinab und dann die steile Straße entlang bis zum Seeufer zu sausen, der ahnt nicht, was Götterwonne ist. »Hollt Bahn! hollt Bahn!« riefen wir, auch wenn die Straße menschenleer und einsam war, denn das war ein geheiligter Gebrauch, und am Schluß, wo die Straße einen Bogen machte, ging's mit einem Satz den Abhang hinab bis an den See, und wenn dieser gefroren war, noch weit hinaus auf seine spiegelnde Fläche. Aber vor jeden Genuß haben die Götter die Arbeit gesetzt, und so schnauften wir denn geduldig mit unserem Schlitten wieder den Abhang, die steile Straße und den Hügel hinauf; dann ging's wieder von vorne: »Hollt Bahn! hollt Bahn!« Zum Schlittschuhlaufen ging es dann zuerst zu den überschwemmten Wiesen am Aubach, denn der See, der nur bei großer anhaltender Kälte sicher und vollständig zufror, war uns so lange verboten, bis der Steinhuser Fischer ihn für sicher erklärt hatte und mit seinen Gehilfen anfing, die Waaken für die Eisfischerei zu schlagen. Dies ereignete sich um Weihnachten, und zugleich kam am heiligen Abend ein Paket für uns an, das zwei Paare echt holländischer Schlittschuhe enthielt und von einem freundlichen Gruße des Herrn Wohland auf der Insel Uhlenberg begleitet war. Jungedi, war das aber wieder einmal fein. Wir übten uns natürlich in den Festtagen mit verzehrendem Eifer auf den neuen Fahrzeugen ein, denn da wir noch Schlittschuhe mit Rillen hatten, die Holländer aber unten glatt waren, so mußten wir uns an diesen Umstand natürlich erst gewöhnen. Wir fühlten uns bald so sicher, daß wir daran denken konnten, Herrn Wohland unseren Dank mit Hilfe seines Geschenkes persönlich zu überbringen. Da wir wußten, daß er die drei Festtage bei seiner Tochter in Borna zu verbringen gewohnt war, so warteten wir bis zum Mittwoch nach Weihnachten und begaben uns gleich nach dem ersten Frühstück auf die Reise. Die Bahn, die vor uns lag, war herrlich, ein Spiegel jungfräulichen Eises, das in der Sonne des klaren Dezembertages funkelte. Und wie es schaffte auf den neuen vortrefflichen Rennschuhen; wir flogen in großen Bögen wie die Vögel dahin, und Adolf Martens konnte sich nicht enthalten, Herrn Wohland mehrmals für einen ganz famosen Kerl zu erklären. Es dauerte nicht lange, so hatten wir unsere Robinsoninsel zur Seite. Sie steckte tief im blendenden Schnee, und zwischen den Stämmen und dem Astwerk ihrer Bäume lag ein zarter violetter Duft. Die ganze Welt um uns war so glänzend sauber und blank, und wir vernahmen nichts als das zischende Geräusch unserer Schlittschuhe und ein sanftes Hallen, das uns voranlief. Zuweilen kam aus der Ferne ein lang hinhallender Donner, wenn bei der scharfen Kälte eine Spalte in das Eis sprang, und der leichte, seitliche Wind trieb manchmal von den entfernten Stellen her, wo die Fischer Löcher in das Eis gehauen hatten, leichte Eisstückchen klirrend vorüber. Das waren die einzigen Fahrtgenossen, denen wir begegneten. Plötzlich tauchte in der Ferne vor uns ein Segel auf und wuchs mit großer Schnelle, als es näher kam. »Horre, wie das kitscht!« sagte Adolf, »das kann nur Herrn Wohland sein Segelschlitten sein. Das muß doch zu fein gehen. Richtig so schnell wie der Wind.« Es dauerte nur ein paar Minuten, da war der Schlitten heran; wir erkannten Herrn Wohland und standen und schwenkten die Mützen, als er vorübersauste. »Schade,« sagte Adolf, »nun ist er nicht zu Hause!« und wir berieten, was wir nun anfangen sollten. Aber schon wendete er, kam zurück und hielt bei uns an. »Feine Bahn!« sagte er. Wir erklärten ihm, daß wir zu ihm hätten kommen wollen, um unseren Dank zu bringen für die Schlittschuhe. »Keinen Dank!« knurrte er, »mag ich nicht! Nachkommen!« Damit sauste er weiter und ließ uns bald weit zurück. Wir sahen, wie er nach einiger Zeit bei dem Stege der Insel Uhlenberg landete, seine Segel einzog und in das Innere ging. Als wir nach einer Weile dort ankamen, unsere Schlittschuhe abgeschnallt hatten und gerade dabei waren, den Segelschlitten zu betrachten, wobei wir uns einig waren, dieses Fahrzeug für eine der glänzendsten Erfindungen des menschlichen Geistes zu halten, da kam Herr Wohland wieder aus dem winterlichen Walde hervor und winkte uns, ihm zu folgen. Wortkarg wie immer ging er uns voran, bis wir unter den alten Eichen und den riesigen Dornbüschen, die sich schwarz gegen den blendenden Schnee abhoben, auf dem freien Platz vor seinem Hause anlangten, wo die große Nordmannstanne stand und wo er damals die Papageien gefüttert hatte. Er nahm einen Korb mit Sämereien auf, der unter den unteren Zweigen der Nordmannia versteckt schon bereit stand und zog die Glocke. Wir erhofften nun dasselbe Schauspiel, das uns im vorigen Jahre so erfreut hatte, allein es kam anders. Zwar die glänzenden Fasanen mit ihren bescheiden gekleideten Weibchen kamen in gleicher Anzahl geschwebt und getrippelt auf schmalen Steigen, die sie in den Schnee getreten hatten, aber die rauhen Schreie der Papageien waren selten, und nur wenige der schönen Tiere, die sich wie leuchtende Wunderblumen von dem blendenden Schnee abhoben, kamen reißenden Fluges daher und sammelten sich auf den Zweigen der schönen Nordmannstanne. Herr Wohland streute aus den vier Fächern seines Korbes das Futter aus. Da zeigte sich, daß nun im Winter auch andere Gäste teilnahmen, denn von den Zweigen der benachbarten Bäume schossen die verschiedenartigsten Meisen und einige der putzigen Blauspechte herab und entflohen eiligst mit einem Hanfsamen oder einem Sonnenblumenkern, den sie auf einem sicheren Aste zierlich zwischen die Zehen klemmten und mit lächerlichem Eifer aufhämmerten und ausschleckten. Das konnte uns aber keinen Ersatz geben für die vielen fehlenden Papageien, und besonders vermißten wir Lora, den Graupapageien, der uns im vorigen Jahre durch weise Reden und komische Aussprüche erheitert hatte. »Wo ist Lora?« fragte ich. »Drin. Eingesperrt!« sagte Herr Wohland und deutete mit dem Daumen über die Schulter auf sein Haus. »Will ihn nicht auch noch verlieren. Hab's satt mit den Papageien. Im vorigen Jahre vier verschiedene Paare genistet. In hohlen Bäumen. Zusammen elf Junge. Hatte über dreißig Papageien auf der Insel. War 'ne Pracht. Leider im Herbst Bucheckern und Haselnüsse nicht geraten. Fraßen den Hanf auf und alle Sonnenblumen leer, die ich für sie baue, und gingen auf Reisen. Flogen jeden Tag über den See in fremde Wälder und fremde Felder. Weggefangen und weggeknallt. Natürlich Hauptspaß für die Schießer. Ausgestopft und auf den Gewehrschrank gestellt. Und dann renommiert: Selbst geschossen! In meinem Park! Amazonenpapagei aus Brasilien. Psittacus amazonicus. Der Deubel soll die Kerls frikassieren. Dies ist der Rest. Nun werden keine mehr angeschafft.« Damit hatte er sein Futter ausgestreut, und wir gingen dem Hause zu. Wir fanden es zwar hart, daß Herr Wohland den Wunsch hegte, ehrsame Gutsbesitzer, Pächter und Inspektoren der näheren Umgegend dem alten Herrn Urian zur Ausübung kannibalischer Kochkünste zu überantworten, konnten aber dennoch seine Empfindungen würdigen und verstehen. Er führte uns in das große Zimmer, das wir schon kannten, wo an den Wänden die vielen Glasschränke mit den Sammlungen standen und den seltsamen ausgestopften Vögeln darauf. Wir mußten uns setzen und taten dies in so feierlicher Weise mit geradem Rücken und ohne uns anzulehnen, als wenn das Sitzen auf Stühlen die Begehung eines erhabenen Kultus wäre, so daß Adolfs Tante Malchen, die stets vergeblich bemüht war, uns Kultur der Welt und feinen gesellschaftlichen Schliff beizubringen, in die freudigste Verwunderung geraten wäre, hätte sie das mit ansehen können. Herr Wohland stopfte sich eine kleine, kurze Holzpfeife mit gelbem, krausen Tabak, und als er diesen in Brand gesetzt hatte, begann er, während er dabei im Zimmer herumging oder breitbeinig mit den Händen in den Taschen dastand, allerhand zu fragen, wie es Herrn Simonis ginge zum Beispiel. Als wir ihm mitteilten, daß sich dieser, wie es uns scheine, ein wenig zu seinem Nachteil verändert habe und in der Schulzeit tagtäglich mit Eifer und Erfolg bemüht sei, unsere Köpfe zum rauchen zu bringen, damit wir seiner Lehrmethode bei der Übersiedelung auf das Gymnasium keine Schande machten, lächelte er und erfuhr bei dieser Gelegenheit von unserem bevorstehenden Umzuge in die Hauptstadt. »Schade, schade!« sagte er. »Seh' euch gern auf dem See. Oft Ausguck nach euch gehalten, wenn ihr's gar nicht wußtet. Erinnerung an eigene Jugend. War auch so. Habt Mut bewiesen damals. Und Verstand. Driebenkiel mein ich. Ewig dankbar. Nie vergessen!« Wir konnten zwar beide in unserem Innern niemals die grauenvolle Angst leugnen, die wir damals auf dem Heuboden ausgestanden hatten, besonders da, als Jochen Nehls die Leiter vermißte, allein es tut zu wohl, als ein Held gepriesen zu werden, und so gingen wir bei der Erzählung unserer Abenteuer über diesen Umstand gewöhnlich mit einer eleganten Leichtigkeit hinweg. Wir fühlten schon damals, daß die Welt an ihren erwählten Helden solche Züge nicht liebt, und wenn sie hundertmal der Wahrheit entsprechen. Kleists »Prinz von Homburg« wird niemals volkstümlich werden. Bei dieser Unterhaltung entging es Herrn Wohland nicht, daß unsere Augen immer wieder zu den Glasschränken wanderten, auf denen ein Sonnenstreif lag, der den funkelnden Glanz der Kristalle und das sanfte Licht farbiger Muscheln zu uns herüberscheinen ließ. Da seine Stärke überhaupt nicht in der Unterhaltungsgabe lag, so beachtete er diesen Finger- oder Augenzeig, schloß die Schränke auf und zeigte uns seine Schätze. Es waren Sammlungen, die der moderne Naturforscher mit einer leisen Verachtung zu betrachten pflegt, denn wissenschaftlichen Wert besaßen sie nicht. Nur die Seltenheit, Schönheit, Merkwürdigkeit oder Kostbarkeit ihres Inhalts war für ihren Sammler entscheidend gewesen. Es waren Raritäten ersten Ranges dabei, wie sie nur von einem reichen Manne zusammengebracht werden können. Alles das ist mir natürlich erst viel später klar geworden, denn damals verstand ich zu wenig davon. Zuerst kamen die Muscheln dran, die offenbar seine Lieblinge waren. Da sah man alles, was schön, seltsam und selten war. Wunderbare Perlmutterschalen mit angewachsenen Perlen darin. Dann die verschiedensten Porzellanschnecken von den zartesten Farben und dem sanftesten Glanz, die so mollig anzufassen waren. Eine der größten mußten wir ans Ohr halten. »Da saust die See noch immer drin,« sagte Herr Wohland. Er horchte dann selber daran und sah eine Weile wie abwesend in die Ferne. Auf einige stattliche Muscheln dieser Art von herrlicher Goldfarbe machte er uns besonders aufmerksam. »Von den Südseeinseln,« sagte er. »Haben dort Goldwert. Schwer zu kriegen.« Auch die Lieblinge der Sammler aus der schöngefärbten Familie der Kegelschnecken waren in reicher Anzahl vertreten. Auf eine davon wies er mit besonderem Stolz hin. » Conus cedonulli ,« sagte er. »Hat nicht jeder!« Mein allerdings nur kümmerlich fundierter Gelehrtenstolz machte sich mausig. » Cedo nulli heißt: Ich weiche keinem!« sagte ich. »Braucht sie auch nicht!« antwortete er mit einem kurzen Auflachen. Von Schmetterlingen und Käfern, auf die Herr Wohland sichtlich nur wenig Wert legte, waren nur einige große Glaskästen gefüllt. Es waren lauter Renommierexemplare, entweder von riesiger Größe oder von unglaublicher Farbenpracht. Natürlich fehlte unter den Schmetterlingen nicht der größte von allen, der riesenhafte Atlas aus der Gattung Saturnia, und selbst der größte deutsche Schmetterling aus dieser Gattung, das Wiener Nachtpfauenauge, war der Aufnahme gewürdigt worden. Reich vertreten waren natürlich die stattlichen Tagfalter der Tropen, die teils in unglaublicher Farbenpracht prangten, teils in Blau, Grün, Rot und Gold unsäglich schillerten. Bei den Käfern war ähnliches zu finden; wir sahen fast nur seltsam gefärbte und gehörnte und geweihte Ungeheuer vom riesigen Herkuleskäfer herab bis zum einheimischen Hirschkäfer, oder juwelenglänzende Prachttiere, die mit edlen Steinen um die Wette funkelten. Es war merkwürdig: all diese Seltsamkeit und Schönheit weckte nur ein dumpfes Staunen und ließ mich kalt, aber glücklich war ich, als ich unter all dieser Pracht einen unserer schönsten heimischen Käfer, den bescheiden schillernden Puppenräuber Calosoma sycophanta entdeckte. Den hatte ich einst in unserem Garten gefunden und, weil er mir auffiel, Onkel Simonis gebracht, der ihn gleich bestimmte. Nie werde ich die schwelgerische Miene vergessen, mit der er diesen pomphaften lateinischen Namen griechischen Ursprungs mehrfach wiederholte, indem er ihn gleichsam wie eine Auster schlürfte. Dann schloß er nach seiner Weise einen kleinen Vortrag über die Sykophanten an, die im alten Athen das freundliche Gewerbe der Erpressung trieben. Von diesen kam er natürlich auf die Feigen, und da er einige stattliche Feigenbäume in seinem Garten hatte, deren Früchte gerade reif wurden, so schloß sich daran noch eine kleine botanische Abhandlung, die damit endigte, daß er mir eine köstliche Feige schenkte, die Honigtränen weinte, als ich sie verzehrte. Somit ward Calosoma sycophanta für mich zu einer süßen Erinnerung. Adolf Martens, dem Schmetterlinge und Käfer und »solches Gewürm« nicht viel Teilnahme einflößten, hatte schon immer seitwärts nach dem Schranke mit den Vogeleiern geschielt, und seine Züge belebten sich, als dieser aufgeschlossen wurde. Dort zeigte sich nun manches, was von außen durch die Glasscheiben nicht zu sehen war. So holte Herr Wohland gleich zu Anfang einen Glaskasten von unten herauf, der nur gefüllt war mit Eiern von Vögeln, die auf der Insel Uhlenberg genistet hatten. Es war eine stattliche Anzahl, und mit großem Stolz machte er uns aufmerksam auf die Eier verschiedener Papageienarten, die in goldenen Pappkästchen lagen. Hier war Adolf in seinem Element, denn viele der anderen Eier kannte er oder hatte sie selbst. Zuerst fiel ihm ein Nest ins Auge, das in einer Ecke des Kastens stand und ein Gelege von fünf Eiern enthielt. »Was ist das?« fragte er etwas aufgeregt, denn er hatte einen Verdacht. »Zeisignest«, sagte Herr Wohland schmunzelnd und sah etwas geschwollen aus. »Horre!« rief Adolf mit dem Lieblingsausdruck seiner Ver- und Bewunderung. »Die Eier sind ja so selten. Herr Simonis sagt, das Stück kostet einen Taler. Das Nest soll so furchtbar schwer zu finden sein. Früher hat man geglaubt, der Zeisig kenne einen Stein, der das Nest unsichtbar macht. Den legt er hinein und nimmt ihn erst wieder heraus, wenn die Jungen ausgeflogen sind. Und dann hierzulande, wo man noch nie ein Zeisignest gefunden hat! Horre!« Herr Wohland erzählte, er habe in einem Jahre, wo die Fichtenzapfen und die Erlensamen besonders gut geraten seien, in dem uralten Fichtengehölz am Ostufer der Insel im Frühling eine Anzahl von Zeisigen bemerkt, und zwar im April, zu einer Zeit, da diese Vögel zu nisten beginnen. Das habe seine Aufmerksamkeit erregt, und er habe stundenlang dort herumgelauert und die Vögel mit dem Fernrohr beobachtet. Da habe er schließlich ein Pärchen beim Nestbau entdeckt, den ungefähren Ort dieses Nestes festgestellt und sich genau gemerkt. Als die Vögel aufgehört hätten zu bauen, habe er noch etwa acht Tage gewartet, damit es sicher belegt sein sollte, und sei dann mit Driebenkiel hinausgegangen, um zu sehen, wie man dieser Seltenheit beikommen könne. Das Nest habe wie immer sehr hoch, etwa vierzig Fuß über dem Erdboden gestanden, nahe der äußersten Spitze eines wagerechten Fichtenzweiges, etwa zwölf Fuß vom Stamm entfernt. Driebenkiel sei nun, an den Füßen mit Steigeisen bewehrt und mit seinen langen Armen wie ein Kletteraffe anzusehn, in den Baum gestiegen, doch als er bei dem Aste angelangt wäre, hätte sich gleich gezeigt, daß es ihm unmöglich sei, das Nest zu erreichen, weil die wagerechten Äste der starken Fichte dort nicht mehr geeignet gewesen wären, sein Gewicht zu tragen. Er hätte dort eine Weile gehockt wie ein nachdenklicher Schimpanse, seinen Mähnenbart mit den langen Fingern ausgezogen und sich dann überall dort oben emsig umgesehen. Dann sei er schnell wieder heruntergeklettert, hätte gesagt: »In annerthalw Stunn' hebben wi dat Nest. Mak ick, mak ick!« Hierauf sei er nach Hause gelaufen und habe sich allerlei Trossen (Seile) zusammengesucht und einen dünnen Baumstamm, ein sogenanntes Schleet, vom Holzhof geholt und sei damit nach einer Stunde zurückgekommen. Er sei dann wieder in den Baum geklettert, habe eine lange Trosse heruntergelassen und damit das Schleet hochgehißt. Ein paar Fuß unter dem langen Ast, in dessen Spitze das Nest sitzen mußte, habe er das Schleet dann wie eine Rahe an den Baum festgemacht und von seinem äußersten Ende eine vorher schon angebrachte Trosse schräg nach oben an den Stamm gezogen und es auch sonst ordentlich verfestigt, so daß es nicht seitlich schwanken konnte. Dann hätte er zunächst Herrn Wohland zugenickt und gegrinst wie ein Pavian, der das große Los gewonnen hat, hätte sich auf das Schleet gesetzt, und, sich an dem Aste festhaltend, wäre er nun sachte unter ihm bis an sein äußerstes Ende gerutscht, bis er sich an der schräg nach oben gespannten Trosse sicher hätte festhalten können. Dann hätte er noch einmal heruntergenickt und gegrinst wie ein vergnügter Orang-Utan und hätte sich darangemacht, das Nest zu suchen. Über zehn Minuten hätte es gedauert, und er hätte es nicht gefunden, bis er endlich darauf verfallen wäre, alle Zweige einzeln auseinander zu legen, und es dann endlich entdeckt hätte. Driebenkiel ist dann vergnügt mit dem Neste in der Hand wieder an den Stamm gerutscht, hat es in sein buntes Taschentuch gebunden und an einem Bindfaden heruntergelassen, hat sein Bauwerk wieder beseitigt und ist herabgestiegen. Herr Wohland hat ihm dann sofort einen Taler geschenkt. Adolf mußte sich diesen Kasten sehr genau betrachten; hier sah er zum ersten Male beieinander fast alles, was in der Gegend vorkam, und merkte, wie vieles davon er nicht hatte. Doch hatte er auch seinen kleinen Triumph, denn er besaß die Eier der Haubenlerche, die wegen des durchweg fruchtbaren Bodens und der starken Bewaldung als ursprünglicher Steppenbewohner und Vogel des Unlandes auf der Insel nicht nistete. Herr Wohland ging nun zu den anderen Eiern über, und hier zeigte sich dieselbe Erscheinung wie bei den anderen Sammlungen. Nur das Merkwürdige und Seltsame war hier zusammengespeichert, riesige Straußeneier fanden sich neben den winzigen der kleinsten Kolibri. Er machte uns aufmerksam auf die Eier des Tallegallus-Huhnes aus Australien, die in Mistbeeten ausgebrütet werden, die der Vogel künstlich zusammenscharrt, auf die Eier des Kondors und verschiedener anderen großen Raubvögel und andere wieder von besonders abweichendem Aussehen oder sehr schöner Färbung, deren Namen er zum Teil gar nicht kannte. Ein kleinerer Kasten war fast ganz gefüllt mit sehr großen Eiern von einerlei Art. Er öffnete ihn: »Albatros«, sagte er. »Selbst gesammelt.« Solche Eier legte also der Pate unseres Segelbootes. Er nahm eins der Eier, legte es in Adolfs Hand und sagte: »Da! Schenk ich dir.« Diesem wurden die Ohren rot vor unterdrückter Freude. »Ach, Herr Wohland!« sagte er in seiner Verwirrung, »das kann ich ja gar nicht verlangen. Ich bedank mich auch vielmals!« Als sich Herr Wohland dann wieder seinen Schätzen zuwandte, hielt mir Adolf das Ei hin, das seine Hand gänzlich anfüllte: »Horre!« sagte er mit unterdrückter Stimme, »fein!« Der Alte hatte unterdes einen kleinen Kasten hervorgezogen, der nur ein einziges, riesengroßes, braungeflecktes Ei enthielt. Mit einem gewissen Triumph hielt er es uns vor und erwartete sichtlich den Zoll unserer Bewunderung. Wir sahen aber weiter nichts, als daß das Ei sehr groß war, und schwiegen. »Achtung«, sagte Herr Wohland, »Riesenalk! 1844 ausgestorben. Kostet jetzt 100 Taler! das war damals. Jetzt (1899) wird es mit 6000 Mark und höher bezahlt. Der Verfasser. Hab's geschenkt bekommen. Als ich noch Seemann war. Von einem Matrosen. Franzmann. Aus der Nähe von Brest. Ei stammt aus Neufundland. Gibt nur siebzig solche Eier in der ganzen Welt. Sagt man.« Wir bewunderten diesen Schatz gebührend, und da ich mir schnell in der Stille ausrechnete, daß man für das Geld, das dieses Ei kosten sollte, 4800 Apfeltorten kaufen konnte, stieg meine Achtung zu einer schwindelnden Höhe. Als wir dann zur Besichtigung der Steine übergingen, zeigte es sich, daß diese Sammlung die köstlichsten Schaustücke enthielt. Besonders die herrlichen Kristallbildungen, die in allen Farben schimmerten, die den starren Stein in einem lebendigen, gesetzmäßigen Wachstum zeigten und gleichsam seine leuchtenden Blüten darstellten, versetzten mich in eine Art von Rausch. Sie zeigten, daß auch der scheinbar toten Masse ein geheimnisvolles Leben innewohnte, das sie veranlaßte, aus dunklem Gewirr zu klarer Gesetzmäßigkeit emporzustreben. Es gibt nichts Gewöhnlicheres als den Quarz, der als Bestandteil von Schiefer, Gneis, Granit und Sandstein die mächtigsten Gebirge der Erde aufbaut und sich als gemeiner Feuerstein fast überall findet. Und doch läutert er sich zum Halbedelstein in seinen Kristallbildungen, deren manche als wirkliche Edelsteine gelten würden, wenn sie seltener wären. Das zeigt sich am besten am Opal, der, obwohl er nicht einmal in Kristallform vorkommt, zu den edelsten Steinen gerechnet wird und doch weiter nichts ist als Quarz mit einem Zusatz von Wasser. Von den verschiedenen Formen dieses Proteus waren hier köstliche Stücke zu sehen. Herrliche Drusen von wasserklarem Bergkristall, veilchenblauem Amethyst, goldfarbigem Zitrin und braunem Rauchtopas, und zwar in einer Menge von richtigen Kabinettsstücken, eins schöner als das andere. Daß natürlich der Opal nicht fehlte, köstliche angeschliffene Achatmandeln und andere Schmucksteine aus der Quarzfamilie wie Onyx, Chalzedon, Karneol, Jaspis, Avanturin und Chrysopras, der Lieblingsstein Friedrichs des Großen, ist selbstverständlich. Wir mußten nun noch viele andere Kristallformen von Korund, Beryll, Spinell, Topas, Turmalin und Granaten besehen, schöne Drusen von Kalkspat und zierlich durcheinander gewachsenen wasserklaren Gipssäulchen wie ein Spitzengewebe aus Stein und viele Erzstufen, Blei-, Kupfer-, Eisen- und Silbererze, Magneteisenstein, ein Sprengstück eines vom Himmel gefallenen Meteors und eine Quarzstufe, in die für dreihundert Taler reines Gold eingewachsen war; wir wurden von all dem Flimmer und Glanz und den vielen wechselnden Eindrücken ganz müde und dumm, so daß wir eine Erleichterung empfanden, als Stina eintrat und sagte: Mamsell Kallmorgen ließe die jungen Herren zum Frühstück bitten. Herr Wohland, der mein Interesse an den Steinen sehr wohl bemerkt hatte, schenkte mir zum Schluß eine wunderschöne Amethystdruse, bei der sich um einen sehr großen Kristall viele kleine gruppiert hatten wie Küken um ihre Glucke, und entließ uns in ein benachbartes Zimmer, wo ein Frühstückstisch gedeckt war. Als wir an diesem Tische saßen, auf dem eine Schüssel mit Gänseweißsauer stand, ein Block Hamburger Rauchfleisches, dunkelrot und von zierlichem Fettgeäder durchzogen, und die stattlichen Reste eines Hasenbratens, als dann Adolf sein Albatrosei und ich meine Amethystdruse in angenehmer Sichtweite vor uns hingelegt hatten und wir nun der weiteren Entwicklung harrten, da mußten wir uns sagen: »Das Leben ist doch schön!« Stina trat auf und brachte Fleischbrühe in Tassen und eine Schüssel köstlicher Bratkartoffeln. »Die sind zu das Weißsauer!« sagte sie. Um Mamsell Kallmorgen herum war eine nahrhafte Gegend. Als wir damit aufgeräumt hatten, erschien diese selbst in ihrer ganzen Pracht und Fülle. Sie reichte uns die wohlgenährte Hand und sagte: »Guten Tag, lieben Jungs, freut mich, daß ich euch mal wieder seh. Na, wie geht's noch von vorig Mal? Ümmer frisch un gesund un fleißig inne Schul?« Wir seufzten ein wenig und sagten, es ginge uns gut. »Eigentlich bün ich bös auf euch, von wegen das Eis, daß ihr da rauf geht. Na, Reinharding, wenn dich das deine Mutter erlaubt, denn darf ich ja nichts sagen. Wie sie das aber über's Herz bringt bei ihr vieles Gemüt, das is mich 'n Rätsel.« Dann machte sie sich über das Rauchfleisch her und schnitt einige stattliche Scheiben herunter. »Da geht man orndlich bei,« sagte sie, »das is von das ganz echte Hamburger, das beste Stück aus der Keul läßt sich Herr Wohland ümmer schicken. Un den Hasen hat er selbst geschossen vor acht Tag, als Mondschein war, auf'n Anstand bei unsern Grünkohl. Na ich wußt ja nu schon garnich, daß er noch auf'n Anstand war un war zu Bett, un as das nu mit einmal so ballerte und unser Wasser so schrecklich los boll, da kriegt ich 'n gräsigen Schreck, un ich dacht, Driebenkiel wär wieder da.« Währenddessen hatte sie einige schöne Rückenstücke von dem Hasen abgeschnitten, schob uns beide Schüsseln und einen Teller mit feingeschnittenen Butterbroten zu und sah erwartungsvoll unseren ferneren Leistungen entgegen. Es lag uns fern, eine so gute Seele zu enttäuschen, was ein sanftes Schmunzeln über ihre geräumigen Züge zauberte. Dann setzte sie sich und kam wieder auf das Thema, das ihr Herz am meisten zu bewegen schien. »Ja Driebenkiel, ich werd un werd die Angst vor ihn nich los. Un nachts, da krieg ich manchmal das Wachent. Un wenn denn Wasser mit'n Mal so los bellt, dann denk ich: ›Nu schleicht er sich ran!‹ Un wenn allens ganz still is un tot, dann denk ich: ›Nu hat er den Hund schon vergifft.‹ Un denn krieg ich das Horchent. Ach, was einer denn all hört in sonne stille Nacht, das is gräsig. Denn schleicht da was, un denn knackt da was, un denn günst da was. Un manchmal da is es, as wenn da was auf'n Gang tappt oder einer an's Türsloß rumfingeriert. Und denn wieder mit eins schreit sonne Eul, wo sie hier Totenvogel ßu sagen; ich denk aber ümmer ßuerst, da wird einen die Kehl abgesnitten. Igittegittegitt, es is ßu gräsig, un ich kann un kann hier nich bleiben.« »Aber Driebenkiel sitzt doch,« sagte Adolf beruhigend, »der kann Ihnen doch nichts tun.« »Na, der un sitzen! Der sitzt bloß, so lang er Lust hat. Was sünd vor den eiserne Gitters un Slösser un ßehn Fuß dicke Mauern. Bei seine fürchterliche Kraasch un infamtige Slusohrigkeit. Der hat seinen Kuhfuß mit in's Gefängnis, das könnt ihr man glauben. In irgend eine Ritze hat er ihm verstochen. Un wenn er da nich mehr sein mag, dann bricht er sich da raus un haut die Gefangenwärters zu Mus un drückt den Gefängnisdirektor die Kehl ßu, un weg is er. »Na, un wo geht er denn woll zuerst hin? Hä? »Früher da hab ich inne Szeitung ümmer bloß die Arnongßen gelesen, nammetags bei'n Kaffee, wenn Herr Wohland da all mit fertig is, wer sich verlobt oder verheurat oder sich das entsagt hat oder wo'n kleiner Jung oder 'ne kleine Dirn angekommen is, aber nu muß ich da gleich bei, wenn ihr kommt, un nachsehn, ob Driebenkiel auch schon ausgebrochen is. Mein einzigsten Trost is noch, wenn ich an Herrn Mudrach denk, noch ßu, wo ich neulich mal von ihm geträumt hab. Wo ich doch sonst nie nich träum. Ich hatt wieder lang gewacht un mir geängst, un zuletzt da slief ich doch ein. Un da war da in mein Traum so'n hellen Schein, un in den Schein da stand so'n Engel mit 'n feurigen Säbel, so als in Herrn Wohland seine große Bilderbibel, wo Adam un Eva aus das Paradies rausgejagt werden. Un kam auf mir ßu, un da sah ich, es war Herr Mudrach mit seinen langen ßugeknöpften Rock un hatt ein Paar Flüchten an seine Schultern, die gingen bis auf die Diele. Un kuckte mir an mit seine Augen, wo er so gräsig mit kucken kann, abersten er kuckte furchtbar gemütvoll – mir hat er überhaupt ümmer gemütvoll angekuckt. Ich ängstete mir ja denn auch gar nich, un mir war ganz selig un ruhevoll ßumut. Un hub seinen feurigen Säbel auf un sagte: ›Christiane,‹ sagte er, ›ich wache for dir!‹ Denkt euch mal, wo er doch meinen Vornamen gar nich weiß un wo er doch sonst Sie ßu mich sagt. Un denn kam er ganz dicht auf mir ßu un machte den Mund so spitz, als wollt er mir – na es war ja man ein Traum, un ich bün ßur rechten Szeit aufgewacht.« Hier war nun endlich der geeignete Zeitpunkt gekommen, einen Keil in den Redefluß der guten Dame zu treiben, und ich sagte darum plötzlich: »Wir sollen Ihnen einen Gruß bringen, Mamsell Kallmorgen, raten Sie mal von wem?« »Na, von dein lieb Mudding natürlich!« sagte sie. »Ja, von der auch, aber noch einen andern von einem Mann.« »Na, wer kennt mir denn in Steinhusen. Ach, Herr Simonis. Is mich eine große Ehre.« »Ja von dem auch. Aber es ist noch ein andrer Mann, einer von dem Sie nachts träumen.« Sie sah mich starr an: »Ach, meine Ahnung. Darum hat mich heut morgen auch meine Nas' so gejuckt.« »Isern Hinrich hat ihn in der Stadt getroffen, und da hat er gesagt, er ließe Ihnen seinen ehrfurchtsvollen Gruß unterbreiten und mache sein ergebenstes Komplimang und hielte die Begegnung mit Ihnen in wohlwollendem Andenken.«. »Gott, wie fein!« sagte Mamsell Kallmorgen, »das is ja, as ob mein Traum gleich in Erfüllung geht un daß er würklich mein Schutzengel is.« »Ja, das glaubt er auch wohl selbst,« sagte nun Adolf, »denn als isern Hinrich gesagt hat, daß Sie sich noch immer vor Driebenkiel ängstigen, da hat er gelacht und gesagt: ›Dafür sind wir am Ende auch noch da!‹« »Das hat ihn gesagt? Das is ja ein'n himmlischen Trost for mir.« »Ja,« fuhr Adolf fort zu erzählen, »und er hat auch gesagt, Sie wären eine ganz famoste Dame und hätten so was Distinktives in Ihrer Turnüre.« Mamsell Kallmorgen sah an sich herunter und rückwärts über ihre Schulter, was ihr sehr sauer fiel, wurde ganz rot und schnappte ein paarmal nach Luft. »Das muß ich nu sagen, das klingt ein ganz klein bischen snurrig, un wenn's ein andern gesagt hätt, denn würd ich denken, er wollt mir ein Lack damit anhängen, abersten, wenn Herr Mudrach das gesagt hat, denn is das ganz was Feines. Denn Herr Mudrach is ein gebildeten Mann un ein höflichen Mann un ein geistvollen Mann mit furchbar viel Kurakter. Un wenn er das gesagt hat, denn kann ich da stolz auf sein, un das bün ich auch.« Adolf rief nun: »Und dann hat er auch noch gesagt, Sie hätten so was Seelenvolles in Ihrer Fisionognomie, und kochen könnten Sie alabonnöhr!« »Woans heißt das: Viehsio...?« »...nognomie«, sagte Adolf ergänzend. Mamsell Kallmorgen zog die Stirn in Falten und sah sorgenvoll aus. »Solche gebildeten Wörter, die lassen doch manchmal ßu komisch. Das soll nu doch woll Gesicht heißen, abersten ich muß da ümmer an'n Sweinskopf bei denken. Na un mit das Kochent ... gesmeckt hat es ihm bei mich, das konnt' ne alte blinde Frau mit'n Stock fühlen. Na, un verwöhnt is er auch woll nich. Er hat mir damals erßählt, daß er'n Wittmann is un daß sein kleine Tochter ihm die Wirtschaft führt, die is erst vierzehn Jahr alt. Na un was so'n Gör ßusammenklarrt, das weiß einer doch, das hat ja keine Einsicht un keine Erfahrung nich. Na, un er is doch noch'n ganzen stattlichen Mann un ein angesehenen Mann un ein gebildeten Mann, un ein Mann, der sein gutes Einkomment hat un später noch mal seine Pangschon kriegt, na, der könnt doch am End noch ganz leicht 'ne andere Frau kriegen, natürlich in gesetzte Jahren, die gut kochen kann un am End auch noch'n bischen was hat. Das hab ich ihn damals auch schon gesagt, aber da hat er das weit von sich gesmissen un hat gesagt, er hätt noch von seine Selige genug, die wär 'n Drache gewesen un hätt ümmer mit die Füße getrampelt un wär ßuletzt an ihr eigen Gift gestickt. Ja, das is nu all so, as das is, un des Menschen Wille is sein Himmelreich, abersten, wo gemütlich könnt es nich for ihn sein, wenn er sein orndliche Abwartung wieder kriegt, un wo glücklich würd nich sonne Frau sein, die in solchen Schutz alle Nacht ruhig slafen kann un die kein Mensch was tun kann, weil ihr Mann doch bei die Polleßei is un schon die gräsigsten Verbrechers mit seine eigene Hand gegriffen hat. Ach ja!« seufzte Mamsell Kallmorgen dann aus vollem Herzen und sagte: »Na, ich bedank mir ja auch vielmals for den schönen Gruß, un wenn ihr Harrn Mudrach mal wieder seht, denn grüßt ihm auch von mich un macht ihm mein Komplimang un sagt ihm, ich müßt ümmer un ümmer an ihm denken, denn er wäre ja mein Retter von Gott gesandt – du auch mein Reinharding, natürlich, un du, mein Adolfing, büst ja auch mit beigewesen – un denn sagt ihm, ich würd sein Andenken bewahren in ein furchbar dankbares Gemüt, so lang ich noch japsen könnt. Ach, wo lang das woll noch dauert, wo ich schon sowieso mannigmal gar kein Luft nich kriegen kann.« »Sollen wir ihm auch sagen, daß Sie von ihm geträumt haben?« fragte ich. Mamsell Kallmorgen erschrak sichtlich und wurde rot. Als sie zu ihrer gewöhnlichen Rosenfarbe wieder abgeblaßt war, sagte sie: »Na, ich weiß nich. Es is mich scharnierlich. Un wenn es auch ßu das nich gekommen is, was er wollt, un wenn ich auch ßu gärn wüßt, wovon er mein Vornamen weiß, na, das laßt man liebersten. Das is mich nich mit. Da könnt sich wän an stoßen. Wenn er es denn erßählt, daß ich von ihn träum. Un noch ßu sowas. Ne, ne, ne, das laßt man.« »Den Gruß«, sagte ich, »können wir aber noch lange nicht bestellen, erst in einem viertel Jahr, wenn wir in die Stadt ziehen.« »Was,« sagte sie, »ihr wollt inne Stadt ßiehen? Un das sagt ihr mir nu erst?« Ich teilte ihr dann die Nachricht von der Berufung meines Vaters und die ferneren Zukunftspläne mit, und sie war außer sich. »Ach du mein Mießkätzing,« sagte sie, »denn wird es hier ja noch einsamer, as es schon is, un ich kann mir doch an dem Einsamen nich gewöhnen. So kriegt ich euch doch manchmal ßu sehen auf'n See, wenn ihr in eure neue Boot fuhrt, un wenn das for mir auch ümmer ein beängsterlichen Anblick war, so sagt ich mir doch: da fahren meine lieben Jungs ein, die sich so nett mit mich was erzählt haben und die mich das Läben gerett't haben; der liebe Gott soll sie beistehn, daß die Boot nich umkippt. Igittegittegitt, manchmal lag sie so gräsig schief. Un denn hört ich doch manchmal was von euch, wenn Wahmkow in Steinhusen gewesen war oder euch auf'n See begegent war, un ihr habt mir denn ümmer grüßen lassen. Dafor bedank ich mir auch noch vielmals. Un ich wußt ja ümmer, wenn ich auf'n Uhlenberg raufsteig, wo die Insel nach heißt un wo die kleine Auskuckhütte is, da könnt ich hinkucken nach Steinhusen un könnt die Häuser sehen, wo ihr wohnt, un wo dein lieb Mudding wohnt, Reinharding. Ich hab ihr früher gut gekannt, sie war ümmer so sanft un so solide un so furchbar gemütvoll. Ich bün da aber noch nie nich raufgestiegen, denn for das viele Gehent und for das Bergsteigent, da hab ich keine Zympathie nich. Abersten, ich hätt's doch gekonnt, wenn ich's gewollt hätt. Un nu szieht ihr weg, da kommt ja'n Loch in die ganze Gegend. Ne, ne, ich bleib hier nich un bleib hier nich, auf diese gräßliche Mörderinsel, wo'n mit keinen Menschen 'n Wort snacken kann, ich ßieh auch nache Stadt un leb mein Geld. Denn ihr müßt nich denken, daß das in den Strumpf, was Driebenkiel mir wegnehmen wollt, mein Ein un mein All war, ne, ich hab ja noch'n bischen Vermögent von meine seligen Eltern her, un denn hab ich von mein Lenetanten auch noch'n paar tausend Talers gearbt. Das Geld hab ich aber nich, das sticht in das Schiff von mein Newöh, der's Kaptän von die Rostocker Bark Christiane – das Schiff heißt nämlich nach mich, weil daß ich doch sein Tanten bün, un weil ich da doch die Parten von hab. Un verlieren kann ich das nich, denn das Schiff steht hoch in die Versicherungskasse, un wenn es untergeht, krieg ich doch mein Geld. Es is ßu snurrig. wo ich doch solche Angst for die Schiffe un for das Wasser hab, daß da nu mein bischen Geld ümmer auf rumswimmen muß. Aber ich krieg da ganze wunderschöne Szinsen von, die kommen all in die Sparkaß, un mein Newöh is ein furchbar ordentlichen Mann un macht schöne Reisen un hat sich sein Schiff schon beinah freigefahren, bloß seine un meine Parten sünd da noch in. Un manchmal schreibt er mich auch'n Brief, der furchbar viel Porto kost – ich freue mir aber doch –, den letzten war aus Montevideo, un einen kam mal aus Valparaiso.« Mamsell Kallmorgen legte bei beiden Namen einen kraftvollen Ton auf das i und sah sehr stolz und glücklich aus. In diesem Augenblick setzte das Glockenspiel der großen englischen Standuhr in Herrn Wohlands Zimmer ein, und nachdem es seine wechselnden Akkorde beendet hatte, schlug es langsam und feierlich elf. Mamsell Kallmorgen schoß von ihrem Stuhl empor und sagte: »Mit euch, lieben Jungs, kann'n sich ßu schön unterhalten, un ich verschnack hier jawoll noch die Szeit. Ich muß ja Mittag kochen. Wenn Stina man bloß nich schon Unsinn gemacht hat. Un wenn es so'n rechten dollen gewesen is, ›ich dacht‹ sagt sie denn. Un das könnt ihr mir man glauben, mit die denkenden Dienstmädchens is das ein Jammer. Die denken nichs as Unsinn. Na, satt seid ihr jawoll, sonst schneid't euch man noch'n bischen ab. Un denn grüßt auch eure lieben Eltern un Herrn Simonis un – na, ihr wißt schon. Un laßt euch noch mal sehn, eh ihr wegreist. Adjö, adjö!« Wir waren aufgestanden, und nun bekamen wir jeder einen ihrer ungeheuren Küsse, was ich aber diesmal leichter ertrug, weil ich einen Gefährten im Leide hatte. »Horre!« sagte Adolf, als sie hinaus war, und fuhr sich mit der Hand über den Mund, während ich ihn schadenfroh angrinste. Wir verabschiedeten uns dann von Herrn Wohland und kehrten sehr befriedigt von unserem Ausfluge nach Steinhusen zurück. 8 Onkel Simonis reichte noch fast in die Zeit der ewigen Kandidaten hinein, die wegen der Überfüllung des Berufes nie eine Pfarre bekamen, die sich gleichsam in einem endlosen Puppenzustande befanden und schließlich, ohne ausgekrochen zu sein, grau und betagt in die Grube fuhren. Sie wandten sich meist dem Lehrberuf zu und blieben entweder ihr Lebelang Hauslehrer oder gründeten besonders in den Städten, die kein Gymnasium hatten, Privatunternehmungen, die sogenannten Kandidatenschulen. Die angehenden Jünglinge, die dort von ihnen in den Humanioribus dressiert wurden, sagten dann: »Ick gah bi'n Kannedaten« oder »inne Kannedatenschaul!« Diese Leute erreichten meist ein hohes Alter und waren sehr oft Sonderlinge. Gemeinsam aber war ihnen fast allen, daß sie in der Handhabung ihres hauptsächlichsten gelehrten Handwerkszeuges, des sogenannten »Gelben«, eine große Geschicklichkeit besaßen. Fritz Reuter selbst hat damals, obwohl er kein ewiger Kandidat der Theologie war, das typische Leben eines solchen eine Zeitlang geführt, bis er den plattdeutschen Dichter in sich entdeckte und dieser ihn plötzlich berühmt und wohlhabend machte. Auch Onkel Simonis war eigentlich einer dieser ewigen Kandidaten, doch ließ er sich nicht gern so nennen, weil ihm der Stempel der Unfertigkeit, den ihm dieser Titel aufdrückte, nicht behagte und weil er, wie er sagte, seinen ganzen früheren Beruf an einen sehr hohen Nagel gehängt hatte. Er pflegte diesen Nagel auch zu zeigen, denn gelegentlich deutete er auf den höchsten Punkt des Dorfes, den Kirchenturm, und sagte dann: »Seht ihr den kleinen Haken dicht unter dem Turmknopf? Seht ihr ihn? Dort hängt der Kandidat mit allem, was dazu gehört. Hängt da für ewige Zeiten. Wenn der Wind aus Westen weht, bammelt er nach rechts, und wenn der Wind aus Osten weht, bammelt er nach links. Laßt ihn bammeln.« Ich hörte einmal, wie er einem fremden Mann, der als Bote an ihn geschickt war und eben die ständige Botenbewirtung »'n Snaps un'n Bodderbrod« in Empfang nahm und ihn einmal übers andere Herr Kannedat nannte, solches verwies. Dieser, ein wißbegieriger Mann, traf gleich darauf den Radmacher des Dorfes und fragte ihn: »Segg mal Rarmaker, wat heit dat eigentlich: Kannedat?« Dieser, der wie fast alle Rademacher bei seiner einsamen und nachdenklichen Arbeit ein Stück Philosoph geworden war, wußte das genau: »Seebohm,« sagte er, »dat will'k di seggen. Szü mal, wenn so'n Herr lang naug up dei hogen Schaulen wäst is, denn kümmt hei in den Exament und denn ward hei exanimiert, wat hei in dei biblische Geschicht ok ollig Bescheid weit, un wo dat mit dat Döpen un Trugen un Begraben un all den annern Pasterkram sinen richtigen Schick hett, un kann'e dat, denn ward'e dat, un kann'e dat nich, denn ward'e dat nich. Sühst du, dorvon kümmt dat her: Kannedat.« Das schien dem fremden Manne sehr einzuleuchten, und er kehrte wissenschaftlich bereichert in seine Heimat zurück, zugleich allerdings in dem festen Glauben, daß Herr Simonis ein Kannedatnich sei. Dieser hatte sich aber den sonst abgestreiften Kandidaten wieder vom Kirchturmhaken heruntergeholt, als er in den Weihnachtsferien nach der Hauptstadt gereist war, und hatte sich dem Direktor des Gymnasiums als solcher vorgestellt, um sich des genaueren nach den für die Quarta erforderlichen Leistungen zu erkundigen. Da hatte er denn erfahren, daß unsere Kenntnisse schon jetzt für diese Klasse, die etwa der heutigen Tertia entsprach, vollständig ausreichten, ja daß wir in manchen Dingen schon etwas weiter waren. Dies stimmte ihn sehr fröhlich und kam uns zugut, als der Unterricht wieder begann, denn es galt nur noch, den Bau unserer Bildung zu befestigen und auszuputzen, und er ließ es wieder sachte angehn. Als wir dann am Beginn der Osterferien mit ihm in die Hauptstadt fuhren, bestanden wir die Prüfung denn auch mit Leichtigkeit, was ihn so erfreute, daß er mit uns in die Konditorei ging, wo wir in Othellos, Schaumtorten und Brauselimonade eine wahre Orgie feierten, die, wie ich fürchte, unpädagogisch war. Am Abend gingen wir beide zum ersten Male mit ihm ins Theater, wo zu seinem Leidwesen kein klassisches Stück, sondern die Rädersche Zauberposse »Robert und Bertram« oder »Die lustigen Vagabunden« gegeben wurde, und spendierte uns im Zwischenakt ein Glas köstlichen Punsches, wofür das Theaterbüfett berühmt war. Ich denke, beides war wieder eminent unpädagogisch, aber uns gefiel es vortrefflich, und obwohl wir für die nächste Zeit die Ansicht hatten, ein Theater sei ein Ort, wo das Unsinnmachen mit großem Aufwande geschäftsmäßig betrieben würde, so ging uns beiden doch diese Vorstellung wie ein schöner Traum nach. Als wir hinausgingen, sagte Adolf: »Horre! das war fein! Und wie die beiden Kerls fix zu Bein waren!« Beide waren wir aber von diesem Tage ab der Meinung, daß das städtische Leben doch einige recht bemerkenswerte Vorzüge besitze. Unsere stille Hoffnung, Herrn Mudrach auf der Straße zu begegnen und ihm Mamsell Kallmorgens Grüße bestellen zu können, ging aber nicht in Erfüllung. Zwar hatten wir ihn einmal von ferne gesehen. Als wir uns am Nachmittag ohne Herrn Simonis die Stadt ein wenig besehen hatten, waren wir auch an den Mönchsteich gekommen, einen kleinen See, der mitten in der Stadt lag und zum Teil von einer Promenade umgeben war. Um den Mönchsteich zu gehen, war der gewohnte Spazierweg vieler alten Herren und auch anderer sinnigen Leute. Im Sommer wehte dort unter den Lindenbäumen des reinlichen Fußweges ein erfrischender Luftzug, und man konnte den Möwen zuschauen, die sich kreischend über dem spiegelnden Wasser schwenkten, oder den Schwänen, die wie stolze Fregatten hinsegelten, während hier und dort ein Zug Enten wie eine Armada kleiner Schiffe vorüberzog oder andere dieser beschaulichen Tiere in den flacheren Buchten gründelnd auf dem Kopfe standen. Man hatte von der Hauptpromenade aus einen Blick auf den Damm, der diesen Teich von einem größeren See abschloß, der weithin blitzte und fern von dämmernden Uferbergen begrenzt wurde; man sah gegenüber auf die Hintergärten einer Straße, die einzelne stolze Baumwipfel emporsteigen ließen und zum Teil mit wunderlichen oder lustigen Gartenhäuschen geziert waren, die auf Pfählen im Wasser standen. An der dritten Seite ragte auf einem kleinen Hügel mit seinem gewaltigen Dach und seinem wunderlichen, unvollendeten Turm der alte Dom hervor, der die ganze Gegend beherrschte und auf die vielen kribbeligen Häuser zu seinen Füßen herabsah wie eine Glucke auf ihre Küchlein. Die vierte Seite mit der Hauptpromenade, wo wir gingen, war von einer, wie es uns schien, sehr vornehmen Häuserreihe begrenzt, die am Fuße eines Hügelhanges gelegen war und deren Hintergärten diese Anhöhe hinanstiegen. Alle Straßen, die dort von der Höhe auf den Teich zuführten, waren darum ziemlich steil, eine sogar so sehr, daß sie für Fuhrwerk gesperrt war. Dort vergnügten sich vier Knaben mit einem Handwagen, auf dem immer zwei von ihnen die steile Straße mit großer Schnelligkeit und erheblichem Getöse herabrasselten, während der eine von ihnen das Gefährt an dem Handgriff der hochgestellten Deichsel mit Geschicklichkeit steuerte. Die anderen beiden standen oben und unten offenbar auf Posten, und wir bemerkten, wie sie fortwährend die Straßenzugänge auf beiden Seiten aufmerksam musterten. In diesen Beschäftigungen des Herunterrasselns, des Hinauffahrens und des Postenstehens wechselten sie fortwährend ab. Wir sahen ihnen eine Weile mit Interesse zu, erklärten dies für einen höchst nachahmenswerten Sport und beschlossen, ihn in Steinhusen ebenfalls einzuführen. Dann gingen wir weiter. Als wir bis in die Nähe der nächsten Querstraße gekommen waren, wurden wir aufmerksam auf einen Raubvogel, der, verfolgt von einer Schar von Dohlen, die nach ihm stießen und einen gewaltigen Lärm vollführten, über den Teich flog, und als wir dieses Schauspiel noch verfolgten, ertönte plötzlich hinter uns der gellende Ruf: »Mudrach! Mudrach!« Dieser war derweil aus der nächsten Querstraße hervorgekommen, und wir sahen ihn nun mit riesenlangen Schritten und wild seinen Stock schwingend auf den Ausgang der steilen Straße zueilen. Der warnende Posten war schon im vollsten Ausreißen begriffen, er rannte wie Hektor. In diesem Augenblick kam auch der Wagen zum Vorschein und wurde eilig herumgesteuert. Die beiden Insassen purzelten Hals über Kopf heraus, sprangen an die Deichsel und jagten mit dem Wagen davon, Mudrach mit seinem fördersamen Schritt immer hinterher. Es kam uns aber fast so vor, als läge ihm gar nichts daran, sie wirklich zu erreichen. Dennoch verfolgte er sie bis zu der nächsten Straße, in der sie verschwanden, wir sahen, wie er noch einmal gewaltig mit seinem Stock drohte; dann ging er langsam weiter und kam uns aus den Augen. Von einem gemeinsamen Entschluß angetrieben, gingen wir rasch hinterher, denn wir hofften, ihn noch zu erreichen und Mamsell Kallmorgens Grüße bei ihm anbringen zu können, wovon wir uns einigen Genuß versprachen, suchten ihn aber vergeblich. Er war gewiß schon mit seiner systematischen Plötzlichkeit in eine andere Straße eingebogen. Nun, in vierzehn Tagen siedelten wir ja gänzlich nach der Stadt über, und da würden wir seiner schon habhaft werden. Für uns begann nun in Steinhusen die Zeit des Abschiednehmens. Ostern fiel spät, und der Frühling war schon im besten Gange. Die Stachelbeerbüsche standen in unsäglichem Grün, und über den rötlichen Knospen der Sträucher und Bäume lag ein hoffnungsvoller Schimmer. Im Walde knisterte das welke Laub von all den lebendigen Keimen, die sich unter ihm hervordrängten, die Blauöschen (Blauäuglein, Hepatica triloba ) blühten schon und im Garten die Schneeglöckchen, Krokos und Veilchen. In das leuchtende Grün der feuchten Wiesen malten die Dotterblumen goldene Inseln, und Lerchenmusik war weit und breit über den Saatfeldern. Sämtliche siebzehn Storchnester des Ortes waren wieder besetzt, und ein fröhliches Klappern flatterte von Zeit zu Zeit über die Dächer hin. Steinhusen war gewiß gesegnet mit flachshaarigen jungen Eingeborenen von jeder Größe, aber diesen waren es immer noch nicht genug, und sie wurden nicht müde, an diese sagenhaften Vögel ihre ergebensten Bittgesuche um ferneren Familiensegen zu richten: »Adebor, du rore, bring mi'n lütten Brore, Adebor, du Nester, bring mi 'ne lütte Swester.« Andere aber, die schon an die segensreiche und nahrhafte Zeit des Spätsommers dachten, wo er wieder wegzieht, sangen: »Adebor, du Langebeen, wenn ihr wist du wegtehn? Wenn dei Rogge riep is, wenn dei Pogge piep is, Wenn dei gälen Beeren an den Boom so geren, Wenn dei roren Appeln an den Boom so klappern, Wenn dei blagen Plummen an den Boom so summen.« An unserem Ende des Dorfes, nicht weit von der Kirche um den großen Dorfteich herum, lagen die vier Bauerngehöfte. Am Ufer erhob sich ein kleiner Hügel, auf dem eine riesige Eiche stand. Der Abhang, den dieser kleine Hügel zum Teich herniederstreckte, war so unbeschreiblich grün, daß ich mich nicht erinnere, jemals in meinem Leben je wieder etwas so Grünes gesehen zu haben. Das Ganze war ein kleiner Anger, der den vier Bauern gemeinsam gehörte und zur Seite, wo das Ufer sumpfig wurde, in ein stattliches Weidendickicht auslief. Auf den knorrigen Wurzeln der Eiche saßen vier kleine Bauernmädchen und hüteten die zahlreichen Gössel. Mehr noch aber wurden diese gehütet von den alten Gänsemüttern, die von unbeschreiblich cholerischer Gemütsart waren und in Jeglichem, der sich ihnen näherte, Mensch oder Tier, einen Todfeind zu wittern schienen, der mit vorgestrecktem Halse und grausigem Zischen empfangen werden mußte. Dabei vergaßen sie aber nicht, von Zeit zu Zeit mit einem Auge wie ein alter Kanzleirat, der über seine Brille hinwegsieht, den Himmel zu mustern. Denn von dort war der wahre Todfeind der goldenen Gänsejugend zu erwarten, der Schrecken aller Schrecken, die fürchterliche Gabelweihe. Die sorglosen Gösselchen aber wuselten vergnüglich durch das grüne grüne Gras und zupften altklug an den Halmen und den jungen Blättern der Butterblumen oder schwammen wie leichte Federbällchen am Teichrand und schnabberten behaglich in den Wasserlinsen. Die vier kleinen Bauernmädchen strickten dabei vier blaue Strümpfe, deren Länge zwar verschieden, denen allen aber gemeinsam war, daß sie zum großen Teile aus fallengelassenen und wieder aufgenommenen Maschen bestanden, und die, wenn sie fertig waren, der berühmten Darstellung jenes bedauernswerten Pferdes glichen, an dessen Lazarusleibe in lieblicher Abwechslung sämtliche Fehler abgebildet sind, die ein nach dieser Richtung hin hochbeanlagtes Pferd nur besitzen kann, und dessen sorglich ausgeführtes Bild so manchem ländlichen Zimmer zur nicht geringen Zierde dient. Waren sie bei dem krausgestrickten Anfang, so zog sich auch die sonst so klare Stirne kraus, erleichtert blickten sie bei der Wade, die überhaupt den »fetten Happen« eines Strumpfes darstellt, dann aber kam das »Abnehmen« als eine Quelle neuer Leiden und vielfachen Jammers; gelangten sie aber an den Rand des Hackens, wo sich die tiefsten Geheimnisse dieser uralten Kunst wie ein Knäuel bösartigen Gewürms durcheinanderwinden, da gelangten sie auch gewöhnlich an den Rand der Verzweiflung. Dabei vergaßen sie aber ebenfalls nicht, von Zeit zu Zeit den Himmel zu mustern, und sahen sie dort irgendwo in der Ferne einen großen Vogel schweben, so riefen sie inbrünstig den Trutzvers gegen die Weihe, der schon seit alten Zeiten in Gebrauch war: Wih Wih Wärehex, ick stäk di mit dat blanke Metz, Dat Blaut sall di runnen in vieruntwintig Stunn'. Und wenn sich dann die Krähe oder was es sonst war in der Ferne verlor, so glaubten sie, sie hätten den Erbfeind besiegt und vertrieben. Auf dem Stamm einer alten Kropfweide, die sich schräg über den Teich neigte, saß isern Hinrich, der erfahren war in allerlei Künsten, und hatte alle Hände voll zu tun, denn er betrieb den Instrumentenbau und sorgte für die Frühlingsmusik. Um ihn herum waren kleine flachshaarige Knaben und Mädchen. Einige bliesen schon mit wütender Andacht auf Weidenflöten, die anderen riefen: »Mi ok ein, mi-ok ein!« oder: »Dei krieg ick!« Er schnitt mit seinem »echten Kneis« Stücke ab von schönen glatten Weidenschößlingen und klopfte sie rundum mit dem Messerstiel und murmelte halblaut Beschwörungsverse dazu, bis die Rinde locker war. Dann schnitt er die Flöte zurecht, zog den weißen, glatten Stil heraus, schnitzte das Mundstück daraus und schob es kunstgerecht vorne wieder in das Rindenrohr, hinten hinein aber den übrigen Teil des Stiels als verstellbaren Stimmstock. Dann hatte das Ding plötzlich Leben und eine Stimme, bald hoch, bald tief, je nach des Künstlers Laune, und wieder ein neuer kleiner Musikant blies mit Andacht und Hingebung den Frühling an. Ein etwas größerer Junge saß in der Nähe, sah isern Hinrich auf die Finger und klopfte und schnitzte und mühte sich und brachte doch keine Flöte zustande, weil er immer etwas verkehrt machte. Endlich hielt er sein letztes Produkt isern Hinrich hin und sagte weinerlich: »Sei fläut't nich un fläut't nich. Woans makst du dat, dat so'n Flaut ok fläut't?« Isern Hinrich sah natürlich auf den ersten Blick, woran es lag, allein, da er ein Schalk war, sagte er: »Weißt du denn ok den Vars, na den'n dei Fläut kloppt ward?« »Nee,« sagte der Junge. »Ja, wo wist du denn ein farig kriegen, wenn du den Vars nich weißt?« »Ach, segg em mi doch, ick nehm di ok mit in unsen Goren, wenn dei Plummen riep sünd.« »Plummen?« sagte isern Hinrich, »dat's noch'n bäten lang hen! Na, äwer wil du't büst un wenn du dei groten gälen meinst, nich dei Hunnplummen.« Darnach nahm er ein neues Stück Weidenschößling her, hieß den andern das gleiche tun und klopfte es rund herum, indem er dazu die Verse sprach: »Hup, hup, hup, hup Basterjahn, Lat dei Fiedel un Fläuten gahn!« Der andere hatte es bald erfaßt und klopfte und sang seine Verse mit Feuereifer. Dann sorgte isern Hinrich dafür, daß alle Schnitte richtig gemacht wurden, und so brachte der Schüler denn zum ersten Male ein Tonwerkzeug hervor, auf dem man geradezu diabolisch pfeifen konnte. Dies erfreute ihn heftig, und seine Überzeugung von der Wirksamkeit der Beschwörungsformel war auf Felsen gegründet. Er saß den ganzen Tag bis in die Dämmerung hinein und klopfte und murmelte seine Verse und schnitzte und gab seine Ware an Bedürftige ab und kam sich vor wie Jubal, der der Ahnherr gewesen ist aller Geiger und Pfeifer, wie zu lesen steht 1. Mos. 4, 21. Es war die Zeit, wo viele der uralten Verse wieder lebendig werden, die zu Tausenden und in Hunderten von Veränderungen im Lande umgehen und von Kindermund zu Kindermund durch die Jahrhunderte getragen werden. Flog ein Zitronenfalter vorüber, so ward er unter falschen Vorspiegelungen zum Sitzen aufgefordert: »Boddervagel sett di, Näs un Mund blött di!« Die kleinen Mädchen ließen einen Sonnenkäfer am Finger hochsteigen, damit er von der Spitze abfliege, und richteten die übertriebensten Wünsche an ihn: »Sünnenwörming fleig in'n Himmel, Bring mi'n Pott vull Zuckerkringel!« Andere waren bescheidener und baten nur um gutes Wetter: »Sünnenworm fleig äwer min Hus, Bring mi morgen gaud Wäre in't Hus.« Andere wieder hatten alle Schneckenhäuser gesammelt, deren sie habhaft werden konnten, und lagen um sie herum auf den Knien und suchten sie durch Androhung von grausamen Gewaltsamkeiten zu veranlassen, ihre Häuser zu verlassen: »Snickemus kumm herut, Stäk din vierfach Hürn ut! Wist du's nich utstäken, Will ick's di afbräken, Will bin Hus vull Steine smieten, Sast mi nie werre rute kieken!« So ward in Steinhusen von der hoffnungsvollen Jugend der Frühling begrüßt, und solches sah und hörte ich, als ich am zweiten Ostertage bei den vier Bauern und in sämtlichen Tagelöhnerhäusern herumging, um mich zu verabschieden. Das geschah zum Teil aus eigenem Antriebe, zum Teil auf den Wunsch meines Vaters. Da dieser im Dorfe sehr beliebt war, so übertrug man auch auf mich einen Teil dieser Zuneigung, und da man allgemein der Ansicht war, ich ginge nun in der Stadt, wo man alles kaufen müßte, einem traurigen Hungerleben entgegen, so zog ich mir bei den wohlbehäbigen Bauern eine vierfache Bewirtung zu, der selbst meine ausgebildete Leistungsfähigkeit kaum gewachsen war. In zwei Häusern wurde ich mit Kaffee und Osterkuchen angefüllt, im dritten buk man mir einen Eierkuchen mit Speck, und im vierten wurde schnell für mich ein Rührei mit Schinken improvisiert. Ablehnung dieser wohlgemeinten Gaben hätte man nur als Hochmut ausgelegt, und so brachte diese strenge Gastfreundschaft mich schließlich in den Zustand einer Anakondaschlange, die ein gemästetes Kalb verschluckt hat, so daß zuletzt in den zahlreichen Tagelöhnerwohnungen, die ich nachher aufsuchte, meine Anteilnahme an menschlichen Schicksalen nur noch gering war. Adolf Martens und ich hatten den Albatros schon beizeiten wieder in Stand gesetzt, und am nächsten Tage nahmen wir Abschied vom See und von den Stätten unserer Abenteuer auf der Robinsoninsel und in der alten Fischerhütte. Dann segelten wir weit hinaus über die Insel Uhlenberg und kehrten in großem Bogen zurück. Wir suchten Herrn Wohland auf, um uns von ihm zu verabschieden. Er war in seiner kurzen Art sehr freundlich und schenkte jedem zum Andenken ein seltsames altes spanisches Goldstück. Wir kamen dann an dem Kettenhunde Wasser vorbei, und dieser war gegen früher ganz verwandelt, als wisse er genau, welchen Dienst wir seinem Herrn geleistet hätten. Der bösartige Teufel in ihm hatte sich in einen Engel mit der Friedenspalme verwandelt, er stand an seiner Kette, sah wohlwollend auf uns hin und wedelte mit dem Schwanze. Wir durften es wagen, zu ihm zu gehen, ihn zu klopfen und in den Nacken zu kraulen und ihn für einen braven Hund zu erklären. Als wir weitergingen, günste er wehmütig hinter uns her. Mamsell Kallmorgen, die von unserer Ankunft und unserer Absicht schon wußte, suchten wir in dem Heiligtum ihrer Küche auf. Diese konnte man einen Tempel der Sauberkeit nennen, und Mamsell Kallmorgen war die Göttin darin. Die Wände waren ganz mit weiß und blau gemusterten holländischen Kacheln bekleidet, und der Fußboden mit schwarzen und weißen Marmorplatten bedeckt. Die Sonne schien gerade hinein und funkelte auf den blitzenden Messingbeschlägen und Türen des schneeweißen Kachelherdes, malte satte Glanzlichter auf die langen Reihen von Töpfen, die von den Rändern des Rauchfanges herunterhingen, und ließ das Innere der blankgescheuerten Kupferkessel und die übrigen Kupfergeräte auf den Wandborten leuchten wie Sonnenuntergang. Und inmitten all dieses schimmernden Glanzes mit einer riesengroßen, blütenweißen Latzschürze angetan, saß Mamsell Kallmorgen auf einem blitzblank gescheuerten Küchenschemel an einem schneeweißen Küchentisch, und ihr Antlitz war das einzige, das nicht leuchtete in dieser Umgebung, denn Wolken seelischer Umdüsterung trübten seinen Glanz. Und sie erhob sich, streckte uns ihre große, weiche und etwas rötliche Küchenhand entgegen, und ohne daß sie eine Miene verzog, nur daß der gute breite Mund noch ein wenig breiter wurde, rollten ihr große runde Tränen eine hinter der anderen die Wangen herunter und tropften auf den weißen Schürzenlatz, der sich ob ihrem Busen wölbte. Wir ergriffen beide gleichzeitig die dargebotene Hand – Raum bot sie dazu – und machten zugleich jene Sorte von Diener, die den Anschein erweckt, als würde man plötzlich von einem unsichtbaren Ziegenbock ins Genick gestoßen. »Wir wollen Ihnen Adieu sagen, Mamsell Kallmorgen!« sagte Adolf, und ich fügte hinzu: »und sollen Sie grüßen von meinen Eltern und von Adolfs Eltern und von Herrn Simonis.« Die Tränen hörten plötzlich auf zu rinnen, Mamsell Kallmorgen nahm den Zipfel ihrer weißen Schürze auf, trocknete sich die Augen, und ihr gutes Gesicht fing wieder an sanft zu leuchten, so daß kein Mißton mehr in der schimmernden Küche war. »Von eure beiden gegenseitigen Eltern, lieben Jungs?« sagte sie. »Wo ich doch bloß man dein lieb Mudding kenn, mein Reinharding. Darüber muß ich mir furchbar freuen un is mich eine große Ehre, un grüßt sie wieder un sagt, ich ließ mir bedanken un das könnt ich ja eigentlich gar nich verlangen. Ach, ich mag ja so furchbar gärn gegrüßt werden, es is mir denn ümmer, as wenn es hier doch nich so gräsig einsam is. Ach ja, einsam, einsam. Un nu wird es noch einsamer, nu geht ihr auch noch weg. Un ich weiß gar nich, ob ihr woll auch mal an mir denkt, wenn ihr weg seid. Na, da stehen ja ßwei Stühl, geht man noch'n Momang bei mich sitzen.« Wir setzten uns alle drei, und Mamsell Kallmorgen seufzte einen Seufzer, der ihres geräumigen Busens würdig war: »Ach ja!« Dann wandten sich ihre Blicke zu dem weißgescheuerten Tisch, an dem sie saß. Auf dem Tische stand ein Spankorb, und in diesem lagen drei prachtvolle Mettwürste, eine sehr dicke große und zwei, die nur wenig kleiner waren. Mamsell Kallmorgens Züge nahmen den Ausdruck sanften Wohlwollens an, als sie diese Produkte ihrer Kunstfertigkeit ins Auge faßte, und sie sagte dann: »Lieben Jungs – eigentlich müßt ich woll schon junge Herrn ßu euch sagen, aber das geht mich gegen mein Gemüt –, ihr denkt nu woll, das, was da steht, is Mettwurst. Is es auch, aber Mettwurst un Mettwurst is'n Unterschied. Dies is die Mettwurst, wofor ich berühmt bin. Mein frühern Prinßipal, Herr Barner in Plüschow an den Koblankschen See, war ein spaßigen Mann; wenn er so mit einen redte, denn wußt einer nie nich, ob es sein Ernst war, oder ob er sich man bloß 'n Jux mit einen machte, aber einmal hat er doch was ßu mir gesagt, das mußt ich Beifall geben. Er wußt ja, daß ich so gärn mag, wenn mir einer grüßen läßt oder sich sonst an mir erinnert. ›Mamsell Kallmorgen,‹ sagte er mal ßu mir, ›die Erinnerung geht durch 'n Magen. Geben Sie den Leuten man ümmer ganz was Gutes ßu essen, denn vergessen sie Ihnen in'n Läben nich. Wer mal von Ihre Mettwurst gegessen hat, der denkt ewig an Sie.‹ Na, un das war damals doch noch lange nich solche wie diese von Herrn Wohland seine prachtvollen Sweine, die in einem Salon wohnen, wie manch ein Graf nich hat, un alle Tag frische Streu un so schönes Futter un in'n Herbst Eichelmast un Buchmast, so viel sie mögen – ach was das for'n Karnfleisch gibt un für rosa festen Speck, süß as Nußkarn. Un da die Wurst von nach meinen berühmten Reßept, der noch von meine alte Großmutter stammt, un denn den Rauch, die sind mit schieren Knirck (Wacholderstrauch) geräuchert, un solche Wurst gibt's weiter nich in'n ganzen Land, das kann ich woll sagen, denn das sagen alle Leute, die ihr kennen un da was von verstehn.« Dann gab sie jedem von uns eine der Würste in die Hand und sagte: »Na, kuckt sie euch mal an, wo egal sie gestopft sünd in den allerfeinsten Fettdarm, un denn riecht da mal an; haben sie nich ein himmlischen Geruch?« Als wir nun jeder seine Wurst beifällig besahen und sie andächtig an die Nase führten und dabei feststellten, daß Eigenlob auch einmal gegen die Regel einen sehr lieblichen Duft nicht in sein Gegenteil zu verwandeln vermag, fuhr sie fort in unserer gegenseitigen Unterhaltung. »As ich nu von Stina gehört hatt, daß ihr gekommen wärt un Adjö sagen woll't, da bün ich gleich stantepeh auf'n Räucherboden gegangen un hab ßwei von die besten ausgesucht und die schenk ich euch ßu'n Andenkent, daß ihr mir nich vergessen sollt.« Sie schien dieser vortrefflichen Konserve eine Wirkung zuzuschreiben, wie der Fontana di Trevi in Rom, von der man sagt, daß niemand, der aus ihr getrunken hat, die ewige Stadt je vergessen kann und stets eine unauslöschliche Sehnsucht nach ihr im Herzen behält. Wir aber murmelten unseren tiefgefühlten Dank, und indem jeder seine Wurst wie ein Zepter in der Hand trug und von Zeit zu Zeit pflichtschuldigst daran roch, unterhielten wir uns weiter mit Mamsell Kallmorgen. Diese wendete ihren Blick nun auf die stattliche Wurst, die noch in dem Spankorbe lag, ihre Augenlider gingen schnell auf und nieder, sie schnappte ein paarmal nach Luft und lächelte dann sanft und verschämt. Dann redete sie scheinbar die Wurst an, nicht uns, und sagte: »Un nu muß ich euch noch um einen ganzen großen Gefallen bitten. Nämlich sozusagen, ihr kommt ja nu in die Stadt, wo ein'n Mann wohnt, ein'n großartigen Mann, un ihr habt mir versprochen, daß ihr ihm von mich grüßen wollt un ihm sagen, daß ich sein Andenkent bewahr, in ein furchbar dankbares Gemüt, denn er wäre ja mein Retter von Gott gesandt – du auch Reinharding un du auch Adolf, natürellemang, ihr auch.« Hier sah sie uns zum ersten Male wieder an und deutete mit einer umfassenden Handbewegung auf die beiden Szepter, die wir andachtsvoll in der Hand hielten, und sagte, indem sie den Spankorb zu sich heranholte und seinen stattlichen Inhalt liebevoll streichelte: »Diese Wurst is mit Liebe gemacht, un da sticht Gemüt ein. Un ich ließe ihn bitten, sie von mich anzunehmen als ein Andenkent, un er möchte ihr verßehren mit Gesundheit, bekommen würd sie ihm schon. Un sie is bloß darum 'n bischen größer als eure, daß ihr besser rauskennen könnt, welches seine is. »Un nu will ich sie in rotes Papier einwickeln un eure in weißes, denn kann's gar keine Biesternis geben.« Das tat sie denn auch, legte die drei Liebesgaben wieder in den Korb und sah uns an. »Ach ja!« seufzte sie dann wieder aus der Tiefe ihrer Seele, neue Rührung stieg aus dem Grunde ihres weichen Herzens empor, und die lautlosen Tränenperlen begannen wieder ihren Lauf. Wir betrachteten das als ein Signal zum Aufbruch und erhoben uns. Auch sie stand auf, und während die feuchten Kristallkugeln immer weiter perlten, faßte sie unsere Hände und schluchzte: »Adjö, adjö! Un denkt auch mal an mich. Ümmer, wenn mich das rechte Ohr suust, denn will ich glauben, ihr denkt an mich. Un wenn es alle Tage suust, da will ich mir furchbar freuen. Adjö, adjö!« Und dann geschah das mit Zagen Erwartete. Erst schloß sie mich in ihre weichen runden Arme, und ihre Tränen flossen über meine Wangen in einen ungeheuren Kuß hinein, dann geschah Adolf dasselbe. Nun sagte sie plötzlich ganz gefaßt: »Ich geh mit un trag euch den Korb bis an die Boot. Wenn es mich auch gräsig is, ich will euch abfahren sehen, ich will euch nachkucken, so lang ich euch noch sehen kann!« Da sie nun mitging, so konnten wir natürlich nicht wischen, und der frische Wind mußte die Spuren dieses trauervollen Abschiedes von unseren Gesichtern blasen. Als wir in die Jolle stiegen und diese dabei schwankte, schrie sie: »Huch! Igittegittegitt!« und schlug die Hände vors Gesicht, die sie erst wegnahm, als wir ihr schon ein Endchen vom Lande entfernt die letzten Grüße zuriefen. Sie band sich die ungeheure weiße Schürze ab und wehte damit, bis unsere Jolle ihr hinter einem Waldvorsprung aus dem Gesicht kam. 9 Am Tage vor unserer Abreise suchten wir zum letzten Male Onkel Simonis auf und fanden ihn in seinem Garten zwischen den Frühlingsblumen, die in reichster Fülle und Abwechslung zwischen dem noch kahlen Gebüsch und an dessen Rändern einen farbigen Teppich bildeten. Alles zu besitzen, was im ersten Frühling aus Zwiebel, Knolle oder Wurzelstock mit schimmernden Sternen, Glöckchen oder Kelchen wie ein leuchtendes Wunder aus der schwarzen Erde hervordringt, war sein Ehrgeiz, und um das zu erreichen, studierte er beständig in botanischen Werken, Gartenbüchern und Gärtnerverzeichnissen und entdeckte immer neue Sachen. In jedem Herbst verschrieb er sich aus Erfurt oder aus Holland Sendungen neuer Zwiebeln und Knollen, und manche Seltenheit verschaffte ihm ein Studienfreund, der in Berlin am botanischen Garten angestellt war. Da nun darum in jedem Frühjahr neue Wunder aus der Erde drangen, die er noch nie gesehen hatte, sondern nur aus Büchern oder Beschreibungen kannte, so war er dann stets in einer angenehmen Spannung wie ein Kind vor Weihnachten, und oft sah man ihn lange gebückt stehen, die Hände auf die Knie gestützt oder auf dem Rücken zusammengeschlagen, wie er die hellen Keime betrachtete, die aus der schwarzen Erde geheimnisvoll hervordrangen, und wenn sich nun gar die Knospen zeigten und anfingen, sich sanft zu färben, da ward seine Spannung immer größer. Stand dann ein solcher Neuling in Blüte, so war es immer ein Fest für ihn, doch manchmal auch eine kleine Enttäuschung. »Das aber liegt einzig an mir,« sagte er dann. »Ganz und gar nur an mir. Was kann die Pflanze dafür, daß sie nicht so schön blüht, wie ich dachte. Gar nichts kann sie dafür. So eine kleine Zwiebel bleibt darum doch ein Wunderding, ein unvergleichliches zauberhaftes Geschöpf Gottes. Denkt euch, alles ist schon fertig darin, alle Blätter und Blüten, Stempel und Staubfäden, aber winzig und zierlich und fein fest verpackt wie in einem Reisetäschchen. Und was nicht schon drin ist, kommt auch nicht heraus. Das merkt euch, Jungs, und saugt mit den Wurzeln eures Geistes beizeiten tapfer Kenntnisse in die leeren Zwiebeln, die ihr eure Köpfe nennt. Platz habt ihr ja genug darin, denn Dickköpfe seid ihr beide, das muß man sagen, ganz beträchtliche Dickköpfe. Die Lokalität ist also ungemein geräumig. Fahret ein bei der Zeit, so habt ihr in der Not.« In einem solchen Gespräche begriffen fanden wir ihn vor, denn er stand mit isern Hinrich zwischen seinen Frühlingsblumen und entwickelte diesem seine beliebte Zwiebeltheorie. Dieser tat ungemein pfiffig und verschlagen und sah uns an, als stünde die Eröffnung eines wunderbaren Geheimnisses unmittelbar bevor. Onkel Simonis unterbrach sein Gespräch mit isern Hinrich, und da er gleich sah, daß wir kamen, um Abschied zu nehmen, so schwieg er eine Weile und sah uns nur mit einer gewissen Wehmut an. Isern Hinrich aber konnte seinen Trieb nach Mitteilung nicht mehr bändigen, und plötzlich fuhr er heraus: »Ick gah nu doch up See.« Wir wußten ja, daß dies in der letzten Zeit sein Wunsch gewesen war, wußten aber auch, daß sein Vater, der die Gastwirtschaft nur als Nebenberuf betrieb, ihn zum Nachfolger in seiner Schmiede bestimmt hatte und seinen Wunsch, zur See zu gehen, für »abbeldwatsches dummes Tüg« hielt. Er pflegte dann das trübselige Schicksal des früheren Matrosen Jochen Nehls, das diesen vom versoffenen Taugenichts bis zum Einbrecher und Zuchthäusler führte, als den natürlichen Abschluß eines solchen dem heimischen Gebrauch und aller menschlichen Gesittung hohnsprechenden Berufes mit Nachdruck hinzustellen. Onkel Simonis aber sagte: »Heinrich Trilk, soeben habe ich dir erst eingeschärft, du sollst dich künftig in meiner Gegenwart des Gebrauches der hochdeutschen Sprache befleißigen. Wenn ich die Mängel deiner Bildung einigermaßen beseitigen soll, so ist dies notwendig, es ist nicht zu umgehen, sage ich, die Umstände gebieten es, und eine Ausnahme kann nicht stattfinden.« Dann zeigte er mit einer schöpferischen, gleichsam modellierenden Handbewegung auf isern Hinrich und sagte zu uns: »Hier stelle ich euch euern Nachfolger vor. In der Zeit bis zum nächsten Ostern, wo er eingesegnet wird, will ich versuchen, die Zwiebel seines Geistes ein wenig mit zukünftigem Blühstoff anzufüllen; warum und wozu, das mag er euch nachher selber sagen. Wenn er es auf Hochdeutsch tun will, so mag er dies zugleich als eine nützliche und notwendige Übung betrachten, eine höchst notwendige Übung, wie ich mit Bedauern hinzufügen muß. Das darf nicht ungesagt bleiben. So, Heinrich, nun gib mir die Hand, empfiehl dich und bedanke dich für gütige Belehrung. Wie sagst du also?« Isern Hinrich kam mit zwei gewaltigen Extraschritten zu seinem zukünftigen Lehrer, reichte ihm die Hand mit kraftvoller Gebärde, machte einen Diener, den er uns abgesehen haben mußte, als hätte er eine Schnappfeder im Genick, und einen Kratzfuß gleich einem rheumatischen Hahn und sagte mit bemerkenswerter Gewandtheit: »Ich empfehle mir Sie, Herr Simonis, und bedanke mir auch for gütige Belehrung.« Dieser bemerkte gütig: »›Mich Ihnen‹ heißt es und ›mich für‹, sonst ganz gut, es wird schon kommen. Adieu Heinrich.« Als dieser sich, die Hände in den Hosentaschen und mit merkwürdig schwankendem Seemannsgang, den Gartensteig entlang davonschob, sah Onkel Simonis ihm mit einer gewissen Bekümmernis nach. »O, ihr unsterblichen Götter,« sagte er, »wenn das Ungetüm erst deutsche Aufsätze bei mir macht, das wird ein Blutbad. Blut muß fließen knüppeldick. Ich fürchte, jede Seite wird aussehen wie ein Sonnenuntergang. Kinder, daß ich es nicht vergesse: ich muß gleich morgen rote Tinte kochen. An euch habe ich schon fast meinen letzten Tropfen verspritzt. Ich glaube gar, ihr denkt, es macht Spaß, wenn man so recht mit dem roten Saft herumfuhrwerken kann. Gar keinen Spaß macht es, im Gegenteil. Herzblut ist es, womit man schreibt. Doch das versteht ihr nicht und werdet's auch wohl nie verstehen lernen. Schulmeister werdet ihr alle beide nicht. Das liegt nicht in euch. Auch gehört es nicht zu euren Eigenschaften, es Schulmeistern leicht zu machen. Humaniora sind euch nur unter einem gewissen Druck beizubringen. Nur wenn euch was Spaß macht, wie dir, Reinhard, Deutsch und Naturwissenschaften und was damit zusammenhängt, und dir, Adolf – ja darauf muß ich mich erst besinnen, es fällt mir im Augenblick nicht ein –, wenn euch also was Spaß macht, da geht es.« Damit hatte er den Übergang gefunden zu einer kleinen Abschiedsrede, auf die er sich offenbar vorbereitet hatte, und nahm uns mit in sein Studierzimmer, schenkte uns jedem ein Gläschen süßen Weines ein und bewirtete uns mit Apfelgelee und kleinen Mürbekuchen. Es hatte ihn offenbar mit Stolz erfüllt, daß unser zukünftiger Direktor mit dem Maße unserer Kenntnisse zufrieden gewesen war, denn er kam darauf zurück und ermahnte uns, ihm auch ferner Ehre zu machen. Er habe es verhältnismäßig leicht gehabt, denn er habe uns allein vor sich gehabt und uns genau gekannt, und habe uns den wehrsamen Trank der Weisheit meistens so sachte eingeflößt wie Öl, so daß wir es gar nicht bemerkt hätten. Das würde nun anders werden, denn die Lehrer, die uns nun gegenübersitzen würden, könnten nicht jeden einzelnen so genau kennen, denn dazu wären es zu viele. Und diese vielen säßen ihnen mit wenigen Ausnahmen nicht gegenüber als dankbare Schüler, sondern als Feinde und Gegner von indianerhafter List und grausamer Gesinnung. Denn ob auch jeder einzelne am Ende ein ganz guter Kerl sein möchte, als Ganzes in ihrer Zusammenrottung gegen den vermeintlichen Unterdrücker, der die Macht hat, seine Meinung mit allerlei empfindlichen Mitteln durchzusetzen, seien sie ohne Erbarmen. Aber er wüßte, wir würden darin eine Ausnahme machen. Und dann fing er an, allerlei Lichtseiten in uns zu entdecken, die uns zum großen Teil selber unbekannt waren, so daß schließlich ein wahrer Glanz von uns ausging, als seien wir neu aufpoliert und blank gemacht und leuchteten nun wie frisch gewichste Stiefel. Dabei wurde er gerührt über so viel Vollkommenheit und fing an, sich bei uns zu bedanken für unser Entgegenkommen und die Selbstverleugnung und schöne Willigkeit, die wir ihm gegenüber bewiesen hätten, so daß uns bei diesem unvermuteten Überfall aus einem heimlichen und ungekannten Winkel butterweich zumute wurde und wir beide kurz davor waren, eine Männerträne in unseren Augen zerdrücken zu müssen. Dann ging er ein paarmal im Zimmer auf und ab, allerlei abgerissene Reden führend, die viel zu ehrenvoll für uns waren, als daß ich sie hier wiederholen möchte, und begann dann emsig zwischen seinen Merkwürdigkeiten zu kramen. Doch schien er unter diesen Dingen, die alle ein Stück Lebenserinnerung für ihn waren, nichts Geeignetes finden zu können. Ich sah, wie er ein prachtvolles Stück Bernstein mit Insekteneinschluß, das ich schon lange wie ein Heiligtum verehrte, eine Weile nachdenklich in der Hand hielt, und sah, wie er eine Schachtel öffnete, die eine von ihm im Laufe der Jahre zusammengebrachte Sammlung von Kuckuckseiern der verschiedensten Färbung enthielt, ein Anblick, bei dem Adolfs Augen anfingen gierig zu funkeln, allein er schien sich nicht entscheiden zu können, kramte emsig weiter herum und fuhr sich zuweilen wie verzweiflungsvoll in die Haare. Endlich schien ihm eine Erleuchtung zu kommen. Er schloß seinen Sekretär auf, ein schönes Birkenholzmöbel mit Messingbeschlägen, und klimperte dort eine Weile in seinem Silbergeldkörbchen. Dann kam er plötzlich zurück, schenkte jedem von uns ein Zweitalerstück und schob uns unter vielen Händedrücken und Segenswünschen zur Tür hinaus. Denn obwohl er so gerührt war, daß ihm die Tränen herabliefen, von irgend einer seiner Merkwürdigkeiten hatte er sich doch nicht trennen können. Isern Hinrich hatte draußen in der Dorfstraße auf uns gewartet und begleitete uns noch eine Strecke bis zum Gutshofe, wohin wir jetzt gingen, denn ich hatte noch einen Abschiedsbesuch zu machen bei Adolfs Tante Malchen, die bei unserem gemeinsamen Familienabschiedsbesuch wegen Migräne nicht sichtbar gewesen war. Sie hatte sich dies extra erbeten, eine Ehre, die ich nur ganz wenig zu schätzen wußte. Isern Hinrich erzählte nun und zwar in Nachwirkung von Onkel Philipps Ermahnungen in einem prachtvollen Hochdeutsch: »Ich gehe nun also doch zur See. Der Alte wollte un wollte ja nich. Da hab ich mir nu aber achter Herrn Simonis gestochen, im der hat ihn breit gekriegt. Denn was Herr Simonis is, das is ein'n weltbefahrnen Mann un auch ein'n seebefahrnen Mann, un was der sagt, das glaubt der Alte. Un wo er ihm am meisten mit rum gekriegt hat, das is mich grad am wenigsten mit, nämlich, daß ich bei Herrn Simonis inne Schule gehn soll. Denn er hat gesagt, ich sollt doch am End nich ümmer so'n simplen Matrosen bleiben, der zwarst seine schöne Heuer kriegt, abersten doch meist nie nichs nich hat, weil er das schöne Geld ümmer gleich wieder verschwubbst, wenn er an Land kommen tun tut. Ne, wenn ich so weit wär, denn müßt ich nach Wustrow auf die Navigatschonsschul un mir da in die Nautik belernen un Algebra un allerhand sowas. Un der Navigatschonslehrer Peters in Wustrow, das wär sein alten Freund, den wollt er denn schreiben, un der würd schon auf mir aufpassen. Na, un wenn ich denn mein'n Exament gemacht hätt, denn könnt ich Steuermann werden, das wär doch'n andern Schnack, un wenn ich mir denn gut machte, könnt ich's zum Kaptän bringen un käm am End woll noch mal zu mein eigen Schiff. Na, un denn war ich schön raus. Jungedi, fein, wat? »Aber, was das allens kosten tut? sagte der Alte. Abersten Herr Simonis meinte, das wär all nich so schlimm. Man bloß die erste Ausrüstung, das Seemannszeug un das Ölzeug, un was sonst noch all in sonne Seemannskist ein gehört, das kost ja'n bischen, abersten nachher, da verdient er sich as Schiffsjung schon seine schöne Heuer un braucht nichs mehr. Un das mit die Navigatschonsschul wär auch nich so gefährlich un würd sich woll finden, un wo der Alte doch die gangbarste Schmiede hätt inner ganzen Gegend un ein schön Stück Acker un denn noch die Krugwirtschaft zu, wenn einer das könnt, denn könnt er das. Un der Alte hat sich an'n Kopf gekratzt un ›Jeja, jeja‹ gesagt; Herr Simonis hat ihm aber doch rum gekriegt. »›Abersten,‹ hat Herr Simonis gesagt, ›mein lieber Trilk,‹ hat er zu mein'n Alten gesagt, ›denn muß er nu schon düchtig was lernen. Denn for ein'n Matrosen, da langt woll sein bißchen Lesen, Schreiben un Rechnen, was Küster Vitense ihm mit viel Geduld und schöne schiere Haselstöcke beigebracht hat, un Hochdeutsch braucht er gar nich. Abersten ein Steuermann un ein Kaptän, das muß ein'n gebildeten Mann sein un hat es mit die Wissenschaften zu tun.‹ »Na, da soll ich ja nu 'n ganzes Jahr lang bei ihn inne Schul gehn un soll bei ihn Gegrafie lernen un Mattermatik un Hochdeutsch – na, das kann ich ja all ganz schön, nich? – un Engelsch un Französch un all son'n Kram. Un wenn ihr denn mal wieder herkommt, denn sprech ich man bloß noch Französch un Engelsch mit euch, hä? Kö wulewuh? Kartüffelschlu! Hau du ju du? Ahl reit!« Wir waren unterdes am Hoftor angelangt und standen nun und wünschten isern Hinrich Glück zu der Wendung seines Schicksals, und dieser, nach seiner Meinung nun von der Last der ihm aufgezwungenen Bildungssprache befreit, gab auch uns Glückwünsche und Ratschläge mit auf den Weg. »Un lat't jug dat gaud gahn,« sagte er, »mang dei latienschen Keesgesichters. Un sett't jug kein Brillen up. Un kiekt jug nich dei Näs' lang, wenn ji mal'n olligen Kierl tau seihn kriegt, un seggt ›Pisang‹ tau em. Un wenn ji Adi Piepenbrink mal up dei Straat bigegent, denn känt ji em seggen, ji harrt em wat mitbröcht von mi. Un wenn hei dann fröggt, wat denn? Denn känt ji em düchtig eins afnüschen un em dei Oogen so verkitten, dat hei drei Dag lang nich seihn kann, wo bläurig sin Snut is.« »Na,« sagte ich, »dat will nu'n finen Hochdütschen sin!« Er antwortete: »Mein Harz is erfüllt mit Haß un Verachtung gegen ihm, wän kann da fein sein! Doch nun adschüs auch. A revoahr! God bei!« Wir konnten nicht verhindern, daß wir ihm trotz der feierlichen Gelegenheit laut ins Gesicht prusteten. Er aber streckte uns mit unerschütterlichem Ernst nach alter Gewohnheit seinen Oberarm entgegen: »Und nun zum letzten Male!« sagte er. Wir gaben ihm nach unverbrüchlichem Gesetz mit den Knöcheln der verwendeten Hand einen kräftigen Schlag auf den Bizeps. »Fühl ich gar nich!« sagte der eiserne Heinrich und ging mit würdevollen Schritten seiner Heimat zu. Adolf erwies sich als ein treuer Freund, der einen auch in der Not nicht verläßt, denn er begleitete mich zu seiner Tante, der er sonst wegen ihres kritischen Geistes und ihrer stark erzieherischen Tendenzen mit Vorliebe aus dem Wege ging. Das rechnete ich ihm hoch an. Aber Respekt hatte er vor ihr, das merkte ich daran, daß er sich ganz gegen seine Gewohnheit, ehe er in das Haus eintrat, mit großer Inbrunst seine Füße reinigte und auch mich zu dieser unsympathischen Tätigkeit strenge anhielt. Er zeigte mir sogar, wie ein Pferd, das beschlagen werden soll, seine Sohlen, wobei er selbst über die Schulter hinweg einen Blick auf diesen Teil seines Pedals zu gewinnen suchte, was ihm bei seiner steifen Bauart nur unvollkommen gelang. Vor meiner milden Kritik bestanden sie wohl, worauf er auch die meinen betrachtete und zu seiner Zufriedenheit fand. Dann schickte er das Stubenmädchen hin, um mich zu melden, und dieses kam bald zurück mit der Nachricht: Fräulein Säuberlich ließe bitten. Tante Malchen empfing uns in ihrem Heiligtum, einem sonnigen Giebelzimmer des weitläufigen, aber wie meistens nur einstöckigen Hauses; dies war eine Ehre, die mir sonst noch niemals zuteil geworden war, und mein Herz war feierlich gestimmt und beklommen, als ich klopfte. Sie rief nicht herein, sondern kam an die Tür und öffnete sie vorsichtig, daß nur der längliche Kopf mit der schmalen, rötlichen Nase und den wohlgedrehten Hängelocken heraussah. »Da seid ihr ja beide!« sagte sie, »habt ihr euch die Füße auch ordentlich abgetreten?« »Ganz barbarisch!« sagte Adolf und nahm gewissenhafterweise wieder die Stellung eines Pferdes an, das beschlagen werden soll, wobei er sich naturgemäß bückte und seiner Tante die etwas völlige Rückseite zuwendete. »Aber nein, was für Manieren, pfui!« sagte die Tante, deutete dann auf die Matte, die vor der Tür lag, und sagte: »Bitte, lieber noch einmal, es ist sicherer.« Wir schrubbten nun eine Weile mit Feuereifer auf der Matte herum, bis sie uns endlich, immer noch mit mißtrauischen Blicken auf unsere Pedale, einließ. An jeder Seite der Tür stand ein Stuhl, dort durften wir uns setzen, weiter wurden wir in das Heiligtum nicht hineingelassen. Der größte Stolz der Tante war nämlich der aus schön gefugten astfreien und schimmernden Brettern hergestellte Fußboden, der durch oftmaliges Scheuern unter sträflichem Aufwande von Bolus stets in einem Zustande beleidigender Weiße erhalten wurde. Ein Fleck auf diesem Fußboden brannte ihr auf der Seele wie fressendes Feuer. Überhaupt waren Weiß, und was ihm nahe kam, Hellrosa, Mattblau und Blaßgelb, wohl ihre Lieblingsfarben, denn auch die Tapeten waren weiß mit silberner Borte und natürlich die schimmernden Fenstervorhänge. Das Zimmer war ausstaffiert mit Rokokoerbmöbeln, weißlackiert mit Gold, von wunderlichen, geschweiften Formen und mit Beinen versehen, die ein Bestreben, gleichzeitig X - und O -Beine vorzustellen, erfolgreich betätigten. Die Polstermöbel hatten Überzüge von einem blaßgelben Seidenstoff so zarter Beschaffenheit, daß uns die bloße Vorstellung, darauf sitzen zu müssen, schon mit Schauder erfüllte, der nur gemildert wurde durch die tröstliche Gewißheit, daß uns das nie gestattet werden würde. Dies Zimmer füllte unsere Seele mit Beklemmung, und wenn wir uns darin befanden, wußten wir nie, wo wir mit unseren Händen und Füßen bleiben sollten, die wir als täppische Endigungen rohester Körperlichkeit mit Bedrückung empfanden. Dort war alles so ausdividiert und rührmichnichtan. In dem blitzenden Glasschrank stand weißes Porzellan, dünn und durchscheinend wie aus versteinertem Mondschein geformt, und Gläser waren dort, zart wie ein Hauch, daß man meinte, von einem bösen Blick müßten sie mit einem zimperlichen Seufzer zerspringen. Da war ein Meißener weibliches Figürchen in Schleier und Spitzen von durchbrochenem Porzellan gehüllt und mit frei schwebenden Schleifen und Bändern so dünn wie Postpapier geziert; das war offenbar ein Abbild der Göttin der Zerbrechlichkeit selber. Da war ein Spinnrädchen und ein Garnhaspel, die standen jedes unter einer Glasglocke vom rauhen Hauch der Welt geschieden, so zierlich und so fein, als hätten Mondscheinelfen sie in einer Sommernacht aus ihren eigenen Beinchen gedrechselt, und dazwischen lag eine Elfenbeinkugel chinesischer Arbeit, in deren äußerster papierdünner, mit schön durchbrochenen Mustern gezierten Hohlkugel noch andere sechs bewegliche steckten, alle mit verschiedenen Ornamenten durchbrochener Arbeit und das Ganze aus einem Stück gearbeitet. Dies Denkmal stumpfsinnigen Fleißes und ödester Zeitvergeudung war Tante Malchens höchster Schatz und für sie eine Art Heiligtum der Kunst. Jedoch kann ich nicht leugnen, daß es auch uns, wenn es uns einmal unter den nötigen Vorsichtsmaßregeln und aus sicherem Abstand gezeigt und vorgeführt wurde, mit dem heiligen Schauer der Bewunderung erfüllte. Von den Silbersachen, die dieser Schrank enthielt und die teils mit funkelndem Glanz, teils mit sanftem Schimmer aus ihm hervorleuchteten, von den Silberfiligranarbeiten, deren feines Kräuselwerk wie aus Mondstrahlen gehämmert erschien, und von allerlei anderen zierlichen Kinkerlitzchen, die er barg, will ich schweigen, es möchte sonst zu viel werden, nur der Bilder muß ich noch gedenken, die die Wände zierten, und des Klaviers, weil dies das einzige Möbel war, das in die Ausstattung dieses Zimmers nicht ganz zu passen schien. Über dem Sofa um einen Spiegel mit silbernem Rahmen herum hing ein ganzes Familien- und Freundschaftsmuseum von Silhouetten, schöne Damen mit geschmeichelten Profilen und wunderlichem melonenförmigen Haaraufbau oder langen Hängelocken, und Herren desgleichen mit hohem Busen, aus dem ein zierliches Jabotgekräusel hervorsah, oder angetan mit hochkragigen Biedermeierröcken. An der Wand gegenüber, wo das Klavier stand, hingen aber einige farbige Kupferstiche, deren zimperliche Verschwommenheit sich gar wohl in den Ton des Ganzen fügte. Das tafelförmige Klavier aber, schön mit Birkenmaserholz furniert und reichlich mit Ornamenten von vergoldetem Messing verziert, hätte nun fast einen häßlichen Farbfleck in dieser Symphonie von Weiß und Blaß gebildet, wäre es nicht immer mit einer schneeweißen Decke verhängt gewesen und hätten seine Beine nicht zum Schutz gegen die Fliegen stets in weißen Florhöschen gesteckt, die mit blaßblauen Bändern zugebunden waren. Wenn man es öffnete und darauf spielte, sagte es: »Zimzerim pängerängpängpäng«, und alle die vergoldeten Ornamente, die im Laufe der Zeit lose geworden waren, und die blanken Messingstangen, die in der Pedallyra die Saiten vorstellten, klirrten sanft dazu und verstärkten seine anmutige Heiserkeit, so daß man sich kein besseres Klavier denken konnte, um zu seiner Begleitung zu singen: »Blühe, liebes Veilchen«, oder: »Als ich noch im Flügelkleide in die Mädchenschule ging.« Die Besitzerin aller dieser Herrlichkeiten aber saß auf dem blaßgelben Sofa, und vor ihr auf dem Tische stand eine Kristallvase mit weißen Narzissen. Sie sah durch eine altertümliche Elfenbeinlorgnette eine Weile auf uns hin wie auf zwei Delinquenten, die auf den schimpflichen Tod am Galgen vorzubereiten waren, und betrachtete uns dann ebensolange mit bloßen Augen, was wohl am Ende nötig war, denn wie Adolf, der ruchlose Realist, behauptete, konnte sie durch diese Gläser gar nichts sehen und benutzte sie nur als ein stilvolles Ornament. Dann sagte sie: »Wie ihr euch da nun wieder hingesetzt habt, und wie ihr da nun wieder sitzt. Adolf macht erst einen tiefen Diener und dann läßt er sich rückwärts auf den Stuhl fallen, daß es knackt, und sitzt dann da mit breiten Füßen und die Hände auf den Knieen, wie so'n Viehkommissionär. Und du, Reinhard, gehst von seitwärts auf den Stuhl und wrümmelst die Füße umeinander, als wären sie von Gummi, und schiebst deine Brust und deinen Magen zusammen wie so'n Fernrohr, daß du nur halb so groß aussiehst, wie du bist, und wenn Adolf so steif ist wie so'n Holzbock, dann bist du, als wären dir die Glieder mit Zwirnsfaden zusammengenäht.« Hierzu ist zum besseren Verständnis zu bemerken, daß der Mensch Tante Malchens weder einen Unterleib noch Beine besaß, denn auf Kopf, Hals, Brust und einen Magen von ungeheurer räumlicher Ausdehnung folgten bei ihr gleich die Füße. Nun, ich wickelte meine Beine auseinander und schob mich in die Höhe und versuchte gerade zu sitzen, so gut ich konnte, und Tante Malchen fuhr fort: »Ich danke deiner lieben Mama sehr, Reinhard, daß sie dich hergeschickt hat, denn daß du von alleine gekommen bist, mein Süßing, das bildest du dir doch wohl selber nicht ein.« Ich gab, in der Bemühung, das Gegenteil zu versichern, ein unbestimmtes Grunzen von mir, denn ein inneres Bewußtsein von der Haltlosigkeit meiner Sache und ein erfreulicher Rest von Wahrheitsliebe hinderten mich, deutliche Worte zu gebrauchen. »Ich danke dir aber doch, mein Liebling, daß du gekommen bist und mir Gelegenheit gibst, dir und Adolf einige recht notwendige Regeln mit auf den Lebensweg zu geben. Denn ich meine es gut mit dir, mein Herzing, wenn du dafür auch wohl am Ende gar nicht ein bißchen dankbar bist.« Süßing, Liebling und Herzing sagte sie zu mir und mit einem Ausdruck, als sei jedes dieser Wörter aus vergiftetem Schmelzzucker, das konnte gut werden. Tante Malchen hatte unterdes in einen Handspiegel mit silbernem Rahmen gesehen, der stets auf ihrem Tische lag, und wohl bemerkt, daß sich ihr Schmerzenskind, ihre längliche Nase, vielleicht vor innerer Erregung mehr als gewöhnlich gerötet zeigte. Sie sagte: »Sitzt mal einen Augenblick recht schön still und gerade, ich komme gleich wieder«, und ging in ihr Schlafzimmer. »Nun wäscht sie sich ihre Nase mit Lilienmilch«, flüsterte Adolf mir zu. Lilienmilch, Mandelkleie und Veilchenseife waren ihre Hauptverbrauchsartikel, wie uns der Kutscher des Herrn Martens, der diese Kosmetika aus der Stadt mitbringen mußte, einmal anvertraut hatte. Ich antwortete ebenso leise: »Paß mal auf, nun kommt sie uns gleich mit den beiden Köhnkes!« »Wollen wir ausritschen?« sagte Adolf schnell. Es war ein berauschender Gedanke, und die Gelegenheit war günstig; allein wir wagten es beide nicht und blieben wie das Kaninchen unter dem Bann der Schlange ruhig sitzen. Unterdes kam auch schon die Tante mit sichtlich blasserer Nase wieder herein und ergriff aufs neue den Vorsitz und mit fester Hand die Zügel der Unterhaltung. Sie sagte, indem sie sich nach ihrer Gewohnheit in ihrer stets zu engen Schnebbentaille zurechtrückte: »Ich kann wohl sagen, Schatzing, daß ich mich freue, daß du und Adolf nun in die Stadt kommen, denn ich hoffe, ihr werdet da endlich etwas mehr Savoir de vivre annehmen. Herr Simonis hat viele Jahre nur in der besten Gesellschaft gelebt und ist ein feiner und galanter Mann, aber auf euch hat das nicht abgefärbt. Unregelmäßige Verba, so heißt es ja wohl, und den pythagorischen Lehrsatz mag er euch am Ende wohl ganz gut beigebracht haben, aber Politur der Welt – das kann man nicht sagen. Ich muß immer noch an die beiden jungen Köhnkes denken, die im vorigen Jahre bei Herrn Ökonomierat Varchentin zu Besuch waren. Gott nein, was war das für ein Unterschied. Und anstatt euch daran ein Beispiel zu nehmen, habt ihr sie immer ins nasse Gras geschubst, was ihnen gräßlich war. Ihr habt ein ruchloses Gemüt.« Da waren sie schon, die Gebrüder Köhnke, und ich grinste in einem unbewachten Augenblick, ganz geschwollen über meine Prophetengabe, Adolf an. Diese Musterknaben waren, um den Eindruck ihrer Wohlerzogenheit zu verstärken, als Zwillinge auf die Welt gekommen und sich so ähnlich, daß nur Gott sie auseinanderkannte. Ja, es ging die Sage, sie seien schon in frühester Jugend miteinander verwechselt worden, so daß Alfons eigentlich Erwin und Erwin Alfons sei. Man hatte sie dann genauer untersucht und gefunden, daß der, den man für Alfons den erstgeborenen hielt, ein ganz kleines Leberfleckchen auf der Hinterseite des rechten Ohres trug, und ehe sie sprechen konnten und ihre Namen selber sagen, ist wohl keinen Kindern in der Welt so viel hinter die Ohren gesehen worden wie diesen. Für ihre Körperlichkeit hatte der vorhandene Stoff nicht ganz gereicht, sie waren von Anfang an kleine, magere Geschöpfe mit zu großen Köpfen und welken Gesichtszügen, aber gebildet und wohlerzogen kamen sie schon auf die Welt und blieben es auch. Sie vertrugen sich friedlich um eine Amme und lagen das erste Jahr ihres Lebens einträchtig nebeneinander in ihrer Wiege auf dem Rücken, gleich Gottfried Kellers gerechten Kammachern, wie zwei Heringe unter einem Blatt Papier, und deuteten ihre Bedürfnisse und Gefühle nicht wie andere durch herzhaftes Zetergebrüll an, sondern nur durch ein leises, greinendes Zirpen. Als sie spät laufen und früh sprechen gelernt hatten, waren sie immer ungemein artig und verständig und das Entzücken aller Tanten beiderlei Geschlechts, die ihnen eine große Zukunft prophezeiten, und nur die frühere Amme, die ihre Wärterin geblieben war, unkte zuweilen beträchtlich, indem sie der Meinung war, so viel Tugend könne unmöglich zu hohen Jahren kommen. Und was schier unmöglich erschien, sie wurden sich immer noch ähnlicher, so daß Onkel Päbke, den genügsame Leute für einen Witzbold hielten, steif und fest behauptete, sie verwechselten sich selbst miteinander, und es gäbe Zeiten, wo Alfons sich für Erwin und Erwin sich für Alfons hielte. Für die Kenner aber bildeten die klugen Knaben im Laufe der Zeit zwei Zeichen aus, die zur Feststellung ihrer Persönlichkeit dienlich waren, indem Erwin als der Jüngere stets an der linken Seite seines Bruders ging und Alfons die Gewohnheit angenommen hatte, dem aufmerksamen und zweifelnden Beschauer sofort die Hinterseite seines rechten Ohres zuzuwenden, wo ihm der Stempel seiner Erstgeburt aufgedrückt war. Als wir diese beiden Musterknaben kennen lernten, die man sich einzeln gar nicht vorstellen konnte und auch nie so zu sehen bekam, waren sie zwölf Jahre alt, also etwas jünger als wir damals, aber von einer geistigen Reife, wie Tante Malchen behauptete, nach der wir noch jahrelang zu klettern hätten. Sie trugen ihre Haare glatt anliegend, in der Mitte gescheitelt, und ein sanfter Pomadenduft strömte von ihnen aus. Ihre abstehenden Ohren glichen, wenn das Licht hindurch schien, kleinen rosigen Flügelchen, und man konnte durch ihre Köpfe erinnert werden an jene anspruchslosen himmlischen Wesen, die sich ohne Körperlichkeit behelfen und auf unzähligen Bildern rumpflos ein gemaltes Dasein führen, und deren einziges Geschäft darin besteht, lächelnd durch Wolken zu flattern. Ihre länglichen, gelblichen Hamstergesichter zeichneten sich durch eine zu hohe Stirn und einen etwas wulstigen Mund aus, dessen zu kurze Oberlippe fast immer zwei große weiße Schneidezähne zeigte, die zu bedecken ihnen nur mit Anstrengung und nicht immer vorhandener Willenskraft gelang. Gekleidet waren sie damals in braune Samtanzüge mit roten Halstüchern, breit überfallende Halskragen und Spitzenmanschetten, und wenn sie bei gutem Wetter aus Gesundheitsrücksichten spazieren gingen, so trugen sie kleine, winzige Stöcklein in der Hand, mit denen man nicht einmal eine Distel köpfen konnte, und wandelten nur auf gebahnten Wegen und führten gebildete Gespräche miteinander über die Feinheiten des Cornelius Nepos und die Schwierigkeiten des accusativus cum infinitivo , oder hörten sich gegenseitig Vokabeln ab. Kurz, mit einem Wort, sie waren ganz und gar von Gott verlassen. Wir konnten darum auch nichts mit ihnen anfangen, und nur die Scheu vor der Heiligkeit des Gastrechtes, die Furcht vor einer rächenden Nemesis und am meisten das Mitleid mit ihrer dürftigen Körperlichkeit konnten uns abhalten, ihnen auf handgreifliche Art zu Gemüt zu führen, daß wir sie für Kubikaffen hielten. Wir hatten uns redliche Mühe gegeben, ihr Herz durch alle ländlichen Sehenswürdigkeiten des Gutes zu erfreuen und ihren Geist dadurch zu bilden, allein in die Viehhäuser waren sie nicht zu bringen, weil sie sich fürchteten. Es war ihnen nicht möglich, durch eine Doppelreihe behaglich linksum kauend ihr Grünfutter verzehrender Kühe zu gehen, die alle mit großen Augen auf sie hinglotzten und zuweilen ein fürchterliches Muh von sich gaben. Auch beleidigte der kräftige landwirtschaftliche Duft, der dort herrschte, und der viele Schmutz, wie sie es nannten, ihre ästhetischen Gefühle. Als wir ihnen nun gar das neue Schweinehaus zeigen wollten, das Herr Martens hatte erbauen lassen, in dem es so sauber war, wie in einem Milchkeller, und wo Herr Martens seine in der ganzen Gegend berühmte Zucht von echten Yorkshire-Schweinen betrieb, da weigerten sie sich energisch und taten den Ausspruch: Schweine seien gräßlich. Als wir dann über den Hof gingen und der große Kuhnhahn über ihre roten Halstücher in sinnlose Wut geriet und sich aufblies und ein Rad schlug und mit lang herabhängendem Nasenzipfel und schrecklichem Kollern auf sie los ging, und als dann der streitbarste aller Gänseriche darüber zukam und, Anstoß nehmend an ihrer fremdartigen Erscheinung, sie mit vorgestrecktem Halse und grausigem Zischen verfolgte, da rissen sie aus, so gut sie konnten, häufig angstvolle Blicke rückwärts sendend, während wir gutmütig die Nachhut deckten und die furchtbaren Feinde vertrieben. Adolf, der dabei den Kunstgriff angewendet hatte, den Gänserich am Halse zu ergreifen und ihn ein paarmal um sich herumzuschwenken, wurde noch eine ganze Weile nachher von ihnen als ein Held, Sieger und Übermensch mit scheuen Blicken einer mit Furcht gemischten Bewunderung verehrt. Wir gingen dann mit ihnen in den Garten und Park, wo dergleichen unliebsame Angriffe nicht zu fürchten waren, und als wir an das Seeufer kamen, machten wir ihnen den Vorschlag, sie ein wenig auf dem See spazieren zu rudern. Sie aber sagten, auf das Wasser dürften sie nicht, Tante Clementine hätte es verboten. Wir unterdrückten die Gefühle unsäglicher Verachtung, die in uns aufstiegen, so gut wir konnten, und sannen weiter nach, was ihre zartbesaiteten Gemüter wohl zu erfreuen vermöchte. Da fiel Adolf etwas ein, das er für eine glanzvolle Idee hielt. »Möchtet ihr wohl ein Vogelnest sehen?« sagte er, »mit Jungen?« Die Knaben sahen sich zweifelhaft an. »Sind es sehr große Vögel?« fragte Alfons. »Wie ist ihr wissenschaftlicher Name?« fügte Erwin bildungsbedürftig hinzu. »Die Alten sind nicht viel größer als Sperlinge,« sagte Adolf, »und der Vogel heißt auf lateinisch Lanius collurio und auf deutsch Neuntöter – hier sagen sie Dickkopp Nägenmüre zu ihm. Er kann wunderschön singen, das heißt von sich nicht, aber er macht alle Vogelgesänge um ihn herum ganz fein und richtig nach. Unserer kann singen wie eine Nachtigall und wie eine Mönchgrasmücke und wie eine Lerche und eine Rauchschwalbe und ein Karrekiekkiek und macht wohl noch fünf andere Vogelgesänge nach und alle möglichen Lockrufe, immer eins hinter dem andern weg.« Die gräßlichen Namen dieses Vogels, die an grausamen Totschlag und gewohnheitsmäßigen Massenmord erinnerten, schreckten sie sichtlich ab, sie drückten beide mit dem Zeigefinger die Oberlippe herab, daß die großen Schneidezähne verschwanden, und blickten uns mißtrauisch an. Es war im Augenblick ganz windstill an diesem Ort, und kein Blatt flüsterte; auch der See lag spiegelglatt und rauschte nicht an sein Ufer. In dieser Stille tat sich plötzlich hinter den alten Weiden, wo am Rande des Rasenplatzes ein großer Dornbusch stand, ein lieblich dahinrieselnder Gesang hervor, und man konnte durch eine Lücke zwischen den Stämmen den Vogel sehen, der auf der obersten Spitze des Busches saß, um nach seiner Gewohnheit freie Umschau zu halten und dazu ein wenig Musik zu machen. »Seht, da sitzt er, das ist er,« rief Adolf leise, aber aufgeregt, »seht da mal zwischen den beiden Baumstämmen durch, da oben in dem Dornbusch, da singt er. Klingt fein, nicht? Dies war eben ein Finkenschlag, und nun dies Mißing, Mißing, das ist aus dem Lied der Bastardnachtigall, und jetzt kommt ein bißchen vom Iritsch und so immer zu. Seht ihr ihn?« Die beiden Knaben, mit ihren blöden Lesebuchaugen solcher Beobachtungen ungewohnt, konnten zuerst den Vogel nicht finden, wahrscheinlich auch darum nicht, weil sie sich dies Geschöpf mit den gewaltsamen Namen doch wohl trotz alledem mindestens so groß wie eine Krähe vorgestellt hatten; als sie ihn aber endlich entdeckten und sahen, wie klein er war, wuchs ihnen sichtlich der Mut, und sie zeigten Neigung, das Abenteuer zu bestehen, zumal da sie gestehen mußten, noch niemals ein Vogelnest, und nun gar eins mit Jungen, gesehen zu haben. »Da brauchen wir man bloß hier über den großen Grasplatz zu gehen,« sagte Adolf, »da gegenüber in dem andern großen Dornbusch ist das Nest.« »Ja, dürfen wir denn über den Rasen gehen?« fragte Alfons ängstlich. »Bei uns im Schloßgarten ist es strenge verboten!« fügte Erwin hinzu. »Karl Eberhard hat es mal getan, und da hat ihn der Wächter gleich gegriffen und hat ihn geschüttelt und hat gesagt, er würde ihn bei den Beinen aufhängen, wenn er's noch einmal täte.« »Hier dürfen wir überall gehen,« sagte Adolf würdevoll, »nur nicht auf die Beete, und das tut ja auch kein vernünftiger Mensch.« Sie aber trauten der Sache noch nicht, denn sie fürchteten offenbar, es möchte doch am Ende eine wütende Gesetzesmacht aus den Büschen brechen und sie mit ihren mageren Beinchen an einen Baumast hängen. Wie sie denn alles gemeinsam taten, so traten sie mit ihren feinen, spiegelblank gewichsten, niedrigen Schnürschuhen hin und her und wagten sich nicht heran. Um ihnen den Entschluß zu erleichtern, faßten wir sie an den Händen und zogen sie trotz ihres sanften Sträubens mit uns. Wir hielten ihre kraftlosen Finger, die den Eindruck von verwelkten Teltower Rübchen machten, fest umschlossen und brachten sie auch ein kleines Stück vorwärts. Nun aber hatte dieser Teil des Grasplatzes seit dem Morgen unter dem Schatten der benachbarten alten Weidenbäume gelegen, und Luft und Sonne hatten den starken, nächtlichen Tau noch nicht aufzehren können, zumal da das Gras gerade an dieser Stelle besonders hoch und dicht stand. Zuerst in der Aufregung dieses beängsterlichen Abenteuers merkten sie nichts, aber bald mußte wohl die Nässe durch ihre schneeweißen Strümpfe gedrungen sein, und sie sahen nun mit Entsetzen, daß ihre Füße klatschnaß waren und sich der spiegelnde Glanz ihrer triefenden Schuhe in einen matten Schimmer verwandelt hatte. Da verzerrten sich ihre Züge, und es überkam sie die Kraft der Verzweiflung. Sie rissen sich los und liefen am Seestrand entlang, bis an den Steig, auf dem wir gekommen waren, und trabten dann Hand in Hand dem Hause zu, nicht ohne sich zuweilen angstvoll umzusehen, ob sie auch nicht verfolgt würden. Sie liefen wie die fünfjährigen Kinder mit sehr hoch gehobenen Knieen, und ohne daß es besonders schaffte, aber sie ruhten nicht eher, bis sie in den sicheren Schutz des Hauses und unter die deckenden Fittiche ihrer Tante Clementine gelangt waren, die sie mütterlich begluckte und tröstete und ihnen mitgebrachte Reservestrümpfe und reizende Hausschuhe von rotem Leder anzog. Für uns waren sie dann nicht mehr vorhanden, sondern saßen meist in Tante Malchens Zimmer und ließen sich von dieser etwas auf dem Klavier vorzimpern und pängerängpängpängten ihr wie ein Doppeluhrwerk etwas Zweihändiges vor, oder sie hörten zu, wie die beiden Tanten von den Rosenhainen und Liliengefilden ihrer Jugend schwärmten oder durch liebliche Erzählungen von artigen Kindern ihren sittlichen Gehalt zu fördern und ihre in dieser Richtung doch schon ziemlich weitgehende Bildung noch zu vermehren trachteten. Dann wurden ihnen einige Bände von Weißes Kinderfreund und Bertuchs Bilderbuch gegeben, die, aus dem Nachlasse ihrer Großmutter stammend, zu Tante Malchens Erbschätzen gehörten, und darüber saßen sie dann stundenlang und bildeten ihr Gemüt. Das waren also die Gebrüder Köhnke, die uns stets von Tante Malchen als Beispiele der Musterhaftigkeit und feinen Lebensart vorgehalten wurden. Hatten sie uns schon damals, als wir sie kennen lernten, nur mäßig gefallen, um einen zarten Ausdruck zu gebrauchen, so erschienen sie uns später dank diesem Verfahren als Ausgeburten der Hölle, nicht einer solchen, die nach Pech und Schwefel duftet, sondern einer noch schlimmeren, die nach dem Apothekerladen und nach Moschus und Patschuli stinkt. Ach, wenn die lieben Freunde und Verwandten wüßten, welches Martyrium und welche Last von Haß und Verachtung sie auf die zarten Schultern solcher angepriesener Musterknaben häufen, sie würden barmherzig sein und solches unterlassen. Tante Malchen war nun aber in der Fahrt und wiederholte noch einmal: »Ja, ihr habt ein ruchloses Gemüt. Ihr habt keinen Adel der Gesinnung, und wenn euch jemand an Höflichkeit und feiner Lebensart übertrifft, so wißt ihr nichts anderes mit ihm anzufangen, als ihn ins nasse Gras zu schubsen. Wie gräßlich für sie, die sich immer so sauber halten wie aus dem Ei gepellt, und wo sie bei ihrer zarten Gesundheit von nassen Füßen doch immer gleich den Schnupfen kriegen. Aber ihr, ihr fühlt euch jawohl nur wohl, wenn ihr so ausseht, wie Adolf damals, als er von der Robinsonsinsel zurückkam, wo sein Zeug ganz voll Lehm und Blut und Fett und Teer war, daß man ihn nicht mal mit der Feuerzange anfassen mochte. Ja, an den kleinen Köhnkes könnt ihr euch noch manches Beispiel nehmen. Welchen feinen Diener machten sie, und wie gerade saßen sie, und wie manierlich konnten sie essen, und wie bescheiden waren sie. Und den Damen küßten sie die Hand. Ich glaube, dazu könnten euch zehn Pferde nicht bringen, lieber würdet ihr einen Frosch überschlucken. Und gingen alle Tage eine Stunde mit ihrer Tante Clementine spazieren und sprachen französisch mit ihr. Na, von Französisch will ich schon gar nichts sagen, aber wenn ihr mal mit mir spazieren gehen solltet – lieber sprängt ihr ja wohl in'n See. Und wenn ihre Tante Clementine sich mit ihnen unterhielt, da gähnten sie ihr nicht gerade ins Gesicht, wie du eben Reinhard, mein Liebling, und wenn man sie etwas fragte, was sie nicht ganz verstanden hatten, so sagten sie nicht: Waas? oder gar: Hä? wie Adolf neulich, nein sie sagten: Wie beliebt? Und wenn sie bei Tische gefragt wurden, ob sie noch etwas möchten, da sagten sie nicht bloß ja oder nein wie gewisse Leute, sie sagten auch nicht: Ich bitte! oder: Ich danke! sondern sie sagten: Ich danke ja! oder: Ich danke nein!« »Das ist ihnen aber doch schlecht bekommen,« sagte Adolf plötzlich, »wenn sie wo zu Besuch waren, wo man sie nicht kannte. Denn sie sagten das ja so leise, daß die Leute immer bloß: Ich danke! verstanden. Und danke! heißt doch: ich mag nicht mehr, und da haben sie immer nichts mehr gekriegt und furchtbar hungern müssen. Als Mamsell Kallmorgen das gehört hat, da hat sie beinahe geweint.« Tante Malchen beachtete diesen Einwurf nicht und fuhr unbeirrt fort: »Tanzstunde haben sie auch schon gehabt bei Monsieur Theophile Piedboeuf. Welche sagen ja, er sei gar kein Franzose und heiße eigentlich Gottlieb Kuhfuß, aber das ist ganz gleich. Wer so viel Grazie und seine Lebensart hat und das anderen beibringen kann, der darf sich nennen wie er will, und man muß ja auch sagen, daß man sich unter Gottlieb Kuhfuß nur schwer einen zierlichen Tanzmeister vorstellen kann. Ich habe ihn schon als junges Mädchen kennen gelernt. Nein, wie er ging, und wie er stand, und wie er sich bewegte. Es war, als hätte er überall noch Extragelenke, und einen Entrechat konnte er machen, daß einem schwindlig wurde, so zwitscherte er mit den Füßen. Und das soll er noch können – na, es ist ja am Ende auch noch gar nicht so lange her. Damals lebte meine liebe gute Großmama noch, die Frau Amtshauptmann Sagebiel. Die stammte noch aus der Zeit, wo Menuett getanzt wurde, und wenn sie alljährlich ihren großen Ball gab, da mußten sich die jungen Leute stets ein Menuett einüben, und das war dann immer der Höhepunkt. Monsieur Theophile Piedboeuf brachte uns das wunderschön bei, er schwebte und bewegte sich in dem feierlichen Tanze wie ein junger Gott, und alle Damen schwärmten für ihn. Ja, das war doch noch ein wirklicher Tanz.« Über Tante Malchen kam das Feuer der Erinnerung, sie ging an das Klavier und öffnete es. Und nun »zimzerim pängerängpängpäng« fingerte sie ihr Lieblingsmenuett herunter mit verklärtem Angesicht, und die Glut der Begeisterung stieg, plötzlich stand sie da und trällerte die Melodie und tanzte mit feierlichen Schritten und Wendungen. Bald führte sie ein unsichtbarer Tänzer an der hocherhobenen Hand, bald verbeugte sie sich vor ihm, immer mit einer steifen, altertümlichen Grandezza, und wir amüsierten uns königlich über dieses Schauspiel. Es war damals die Zeit, wo in Paris die Krinoline aufgekommen war und sich natürlich, wie jeder Modenblödsinn, mit gewaltiger Schnelligkeit über die Welt verbreitet hatte. Tante Malchen, obwohl sie sonst in Sachen der Mode wegen ihrer Vorliebe für die gute alte Zeit ziemlich rückständig war, hatte sich dieser ihr sympathischen Tracht, sobald sie nur auftauchte, sofort bemächtigt und war zurzeit die fortgeschrittenste Dame der ganzen Gegend. Leider litten aber die ersten Krinolinen noch an mancherlei Mängeln, insonderheit verdrückten sie sich beim Sitzen und behielten hartnäckig die Form, die sie einmal angenommen hatten. Nun hatte sich die gute Tante in ihrem Feuer etwas von der Seite auf den Klavierstuhl geschoben, und als sie dann in ihrer schiefen Glocke, die an der einen Seite anlag und an der andern gen Himmel stand, so feierlich herumtanzte, sah das unbeschreiblich komisch aus. Sie mochte aber doch wohl endlich durch den Schleier der Erinnerungsfreude, der ihren sonstigen Scharfblick dämpfte, unser kraftvolles Grinsen bemerkt haben, denn plötzlich hörte sie auf, setzte sich auf das Sofa und betrachtete uns eine Weile durch ihre Lorgnette, was sofort den undurchdringlichen Ernst auf unsere Züge zauberte, der Küster Vitense bei einem Leichenbegängnis auszeichnete. »So tanzte man zur Zeit, als meine Großmama jung war,« sagte sie dann, »mit Grazie und mit Bedacht und mit Feierlichkeit. Nicht so, wie heut, wo die jungen Leute im Galopp durch den Saal scheesen, als wollten sie eine Schanze stürmen, oder sich im Walzer düsig drehen. Aber an euch ist das alles weggeworfen. Wenn man euch mal was Schönes zeigt, dann grient ihr euch bloß. Ihr interessiert euch bloß für Wurst und Schinken und Kalbsbraten und abgerührten Pudding und Pflaumen und Klöße, und Pfannkuchen und so was. Neulich gab es mal wieder Pflaumen und Klöße, und da hat Adolf so viel davon eingepackt, daß allein die Pflaumensteine, mit der schmalen Seite aneinander gelegt, den ganzen Tellerrand bedeckten. ›Hannchen,‹ sagte ich zu meiner Schwester, ›er muß ja bersten.‹ Aber sie lachte bloß. Und was sagte der Herr Papa: ›Gib's ihm nur, sagte der Schneider zu seiner Frau, als der neue Geselle noch ein zweites Ei verlangte. Berscht er, so berscht er!‹ Und dann lachte er wie so'n Menschenfresser. Das nennt man nun Erziehung. Und du, Reinhard, mein Süßing, bist gerade so. Ihr steht ja wohl alle beide nicht eher vom Tisch auf, als bis ihr so voll seid wie 'ne Boa Constriktor, wenn sie 'n ganzen Ochsen übergeschluckt hat. Und seht mal, das tötet alle edleren Gefühle in euch. Wenn ihr bis an den Hals voll Klöße sitzt, wie kann da Platz sein für Bildung und feines Benehmen. Aber ihr kommt nun in die Residenz, wo der Hof den feinen Ton angibt, wo Monsieur Theophile Piedboeuf in den besten Familien seinen bildenden Einfluß ausübt und wo ihr zwei so musterhafte, wohlerzogene Knaben wie die beiden lieben Köhnkes stets vor Augen habt, denn wie mir meine teure Freundin Clementine schreibt, werden sie in einer Klasse mit euch sitzen. Davon will ich das Beste hoffen, und dazu gebe ich euch meinen Segen.« Damit ging sie an ihren Sekretär, den sie umständlich aufschloß, denn es war eins jener alten, künstlichen Möbel, bei denen man allerlei Pfiffe und Spitzfindigkeiten anwenden muß, um in ihr Inneres zu dringen, und fing an, mit Geld zu klimpern. Wir horchten auf wie hungrige Wölfe, wenn sie Schlittenglocken von ferne hören und sich davon ein gesegnetes Abendbrot versprechen, sahen uns aber doch verwundert an, denn Tante Malchen galt für sehr geizig und hatte uns noch nie was geschenkt. Adolf sorgte auch gleich für Abdämpfung, indem er mir zuflüsterte: »Wir sollen ihr gewiß Mandelkleie besorgen – oder Lilienmilch oder sonst so'n Kram.« Tante Malchen wickelte nun etwas in Papier, sehr sorgfältig und umständlich, kam dann feierlich zu uns zurück, und wir erhoben uns ehrerbietig und gespannt. »Bittet eure Eltern auch,« sagte sie, »daß sie euch manchmal in's Theater gehen lassen, in gebildete, vornehme Stücke, in denen sich Könige und Prinzessinnen und sonstige feine Leute edel und mit Anstand benehmen, und hier, den ersten Theaterbesuch, den schenke ich euch.« Damit drückte sie jedem von uns ein ziemlich großes, aber recht leichtes Papier in die Hand und sah ungemein gönnerhaft aus. Adolf, der trotz seiner biederen und ehrlichen Miene stets ein wenig den Schalk im Nacken trug, hatte einen Einfall. Er klappte plötzlich wie ein Taschenmesser in einen rechten Winkel und drückte einen hörbaren Schmatz auf ihre Hand. Zuerst erschreckt und dann schnell begeistert, ahmte ich diese heuchlerische Tat nach; dann standen wir beide mit etwas roten Köpfen da und erwarteten die Folgen. Tante Malchen war sichtlich überrascht und zunächst noch etwas fassungslos. Sie betrachtete die Hand, auf die das Attentat ausgeführt wurde, wie ein Wunderding, das sie noch nie gesehen hatte, und sagte nur leise: »Für den Anfang ganz gut, nur zu hörbar, so ein Handkuß muß ganz subtil sein.« Darin mochte sie wohl recht haben, denn unsere Küsse waren etwas herzhaft gewesen und hatten wohl ähnlich so geklungen wie die, von denen es in einem alten Roman heißt: es hörte sich an, als ob ein Pferdehuf aus nassem Lehm gezogen würde. Dann ging sie wieder an ihren Tisch, betrachtete uns offenbar zu ihrer Erholung und Sammlung eine Weile durch die Lorgnette und deklamierte dann mit schönem Ausdruck: »Tapfer ist der Löwensieger, Tapfer ist der Weltbezwinger, Tapfrer, wer sich selbst bezwang.« »Das war doch schon ein Anfang! Nun will ich die Hoffnung nicht aufgeben, euch noch einmal als wohlerzogene Knaben wiederzusehen.« Dann winkte sie uns gnädig Entlassung zu. Als wir außer Hörweite waren, mußte sich Adolf zuerst des explosiven Sachstoffes, mit dem sein Inneres geladen war, entledigen, und ich half ihm nach Kräften dabei. Dann öffneten wir mit Spannung die verheißungsvollen Papiere. Jedes enthielt acht Schilling (50 Pfennig). Nun, ein Stehplatz im Parterre war dafür am Ende zu haben, es war doch immer besser als nichts, und wir waren dankbar. Am anderen Morgen vormittags fuhren wir ab. Herr Martens hatte uns seine große Familienkutsche zur Verfügung gestellt. In dem geräumigen Innern saßen meine Mutter und meine jüngeren Geschwister und zwei Mädchen, die uns in die Stadt begleiteten, wir beide aber natürlich neben dem Kutscher auf dem breiten Bock. Wir fuhren an der Kirche vorbei, die steile Dorfstraße hinauf, und auf der Höhe wandten wir uns links, um in einem Bogen nach rückwärts die Chaussee zu erreichen, die auf dem Hügelhang den See in seiner Längsrichtung begleitete. Von hier aus sahen wir noch einmal unsere Jugendheimat am Seeufer liegen mit ihren Stroh- und Ziegeldächern, der breiten Dorfstraße und den Grasgärten voll alter Obstbäume, von Reisighecken eingezäunt. Die Störche schwebten ab und zu oder standen auf ihren Nestern und klapperten, den Hals zurückgelegt, wie zum Abschied. Wir sahen weit über den blinkenden See hinaus mit seinen Inseln und bläulichen Waldbuchten, und ganz fern hinter ihm auf dem langgestreckten, blassen Höhenrücken dämmerte das Wahrzeichen der Gegend, die Kirche von Borna, herüber. Die Schauplätze unserer Freuden und Abenteuer lagen noch einmal vor uns, und wir schauten nach ihnen zurück, bis alles langsam versank, bis der Wald uns einschloß und sich die weißgraue Chaussee vor uns wie ein unendliches Lineal von Langerweile in die Ferne verlor. Aber zuweilen öffnete sich der Wald zur Linken, wo sich eine Schlucht senkte oder eine Schonung zum Seeufer hinabstieg, und wir hatten einen Blick über den blitzenden See hinweg auf seine fernen, dämmernden Uferbuchten oder auf die Inseln, die wie riesenhafte Fahrzeuge mit uns zu schwimmen schienen. Wir winkten dem Rosenwerder, wo wir im vorigen Spätsommer vierzehn Tage lang ein freies Ansiedlerleben geführt hatten, einen letzten Gruß zu und vergaßen auch die Fischerinsel mit dem unheimlichen Hexenhause nicht, wo wir damals das greulichste Abenteuer unseres Lebens bestanden hatten, und dann kam wieder der Wald und verschlang alles. Doch noch einmal öffnete er sich kurz vor einer Senkung der Chaussee zu einem Quertale, das ein schneller Bach durchfloß, derselbe, der an jener Stelle in den See mündete, wo wir damals die Krebse gegriffen hatten und nachher im Gewittersturm gekentert waren. Auf diese Waldlücke hatten wir schon lange mit Spannung gepaßt, denn dort kam die Insel Uhlenberg in Sicht. Das erste, was wir sahen, war, daß an der Signalstange des kleinen Schlößchens, die über die höchsten Wipfel emporragte, die Flagge halbmast wehte. Hätten wir damals geahnt, was die Bescheidenheit uns verbot, daß dies uns zu Ehren ein Ausdruck der Abschiedstrauer war, so hätte uns das wohl mit Stolz und Rührung erfüllt, so aber erschraken wir anfangs ein wenig. Aber was war das da auf dem fernen Landungsstege, das kleine rundlich Behäbige, das plötzlich mit einer ungeheuren Parlamentärflagge zu wehen anfing, als wolle sich die Besatzung der Insel auf Gnade oder Ungnade ergeben, und wer stand dort in dem stattlichen Segelboot und ließ den Wimpel grüßend auf und nieder gehen? Das waren ja Mamsell Kallmorgen, die unablässig mit ihrer riesigen weißen Schürze wehte, und Herr Wohland. Sie mußten wohl um Tag und Stunde unserer Abfahrt gewußt haben und sandten uns nun die letzten Grüße zu. Wir rissen die Mützen ab und schwenkten sie wie wahnsinnig, und der Kutscher des Herrn Martens, der das besonders gut verstand und stets auf eine vortreffliche Zwutsche an seiner Peitsche hielt, knallte mit dieser, daß es wie Pistolenschüsse durch den Wald und über den See hallte, so lange, bis die Bäume uns wieder die Aussicht versperrten. Dies war der letzte Blick auf den See, und wir rollten nun munter durch den Wald die Senkung zum Bach hinab, der uns mit seinem grünen glasklaren Geriesel den letzten Gruß zublitzte, als wir über die Brücke donnerten, und dann wieder langsamer, die sacht ansteigende Höhe hinauf, entgegen anderen Schicksalen und einem neuen Leben, von dem wir ebenfalls allerlei vergnügliche Abenteuer erhofften. * * * Wir hatten an unserem neuen Wohnort einen Auftrag zu erfüllen, der allen anderen vorging, nämlich Herrn Mudrach die Grüße der Mamsell Kallmorgen und die dazugehörige Wurst der Erinnerung zu überbringen. Diese war offenbar dazu bestimmt, das Gedächtnis an diese ehrenwerte Dame tief in das Gemüt des Polizeibeamten zu graben, und solche heilige Pflicht litt keinen Aufschub. Aber Adolf wollte nicht mitkommen, und ich mußte allein gehen. »Ich hab ihn ja nie gesehen,« sagte er, »und er mich auch nicht, was soll ich da? Und ihr beiden seid ja, wie Mamsell Kallmorgen sagt, die eigentlichen beiden Retter von Gott gesandt, ich laufe nur so mit wie so'n Bimmelbammel. Nein, das macht nur unter euch ab.« Ich machte mich also mit meiner sauber eingewickelten Wurst auf zum Stadthause, wo ich ihn zu treffen gedachte, fand dort aber nur seinen Kollegen Püttelkow mit dem Bulldoggengesichte und der beneidenswerten Glatze, die so schimmerte wie poliertes Elfenbein, der mir sagte, er sei zum Essen gegangen in seine Wohnung, würde aber in einer halben Stunde wieder kommen. Ich zog vor, ihn dort aufzusuchen. Er wohnte nicht weit davon in der Scharfrichterstraße, ein Name, der mir zu seinem Berufe in sinnreicher Beziehung zu stehen schien, und hatte dort ein eigenes kleines Haus mit einem Garten, welchen Umstand er seiner verstorbenen Frau verdankte, die, obwohl sie nach Mamsell Kallmorgens Meinung als ein Drache an ihrem eigenen Gift erstickte, doch eine sogenannte »Partie« gewesen war, wenigstens für einen Mann von Mudrachs bescheidenen Lebensgewohnheiten. Als ich die Haustür öffnete, tönte eine Glocke, die etwas Plötzliches, Sprunghaftes an sich hatte und wie ein Schrei des Aufruhrs mit nachfolgendem Zetermordio durch das Haus schrillte. Ich wußte sofort, daß diese Glocke der Stolz ihres Besitzers war. Dann keuchte sie noch ein paarmal wie in tiefer Erschöpfung, und es war still. Auf dieser Vordiele führte links eine Treppe nach den oberen Dach- und Giebelräumen, und rechts sah ich zwei Türen. Ich wollte schon an der vorderen anklopfen, als ich hinter der zweiten Stimmen hörte und mich dorthin begab. Bei dieser Gelegenheit sah ich durch ein Hinterfenster auf den Hof, wo ein träumerisches Schweinchen spazieren ging und fruchtlos an der Küchengosse schnüffelte, dahinter leuchtete aus dem Garten das erste junge Grün der Stachelbeerbüsche. Als ich klopfte, rief Mudrachs bekannte Stimme: »Herein!« aber mit seltsam drohendem Ton, in dem die Warnung lag: »aber nur, o Fremdling, wenn du die Gesetze achtest und dein Gewissen rein ist.« Da ich zur Zeit in beiden Hinsichten keinen Mangel fühlte und zudem als ein Dokument wohlwollender und freundlicher Gesinnungen die Wurst aller Würste im Arm trug, mir auch der alte Spruch nicht unbekannt war, der da lautet: »Wer was bringt, ist immer willkommen!«, so öffnete ich furchtlos die Höhle des Löwen und trat in die Küche des Hauses ein. Gegenüber der Tür an der Wand stand ein Tisch, an dem Mudrach saß mit seiner Tochter und offenbar eben sein Mittagessen beendet hatte, denn sein Teller war zurückgeschoben, und vor ihm stand eine Flasche und ein Glas mit süßem Braunbier und daneben ein anderes Gläschen mit einer wasserklaren Flüssigkeit, die offenbar zum »Durchnähen« des harmlosen Getränkes bestimmt war. Er sah mit seinen berühmten Augen furchtbar auf mich hin mit dem Blick, der nach seiner Meinung geeignet war, eine schuldbeladene Seele im Innersten umzukrempeln. Gleicherweise blickte seine Tochter, die, nicht zu ihrem Vorteil, das Ebenbild ihres Vaters darstellte. Nur war der Ausdruck ihrer Augen, die wie zwei Hälften eines Hühnereies mit blauem Dotter aus einer Umrahmung von Sommersprossen blickten, weniger furchtbar als blöde und kam nicht über eine leere, wasserblaue Gedankenlosigkeit hinaus. Sie war schmalschultrig und hager und überall aus ihrer dürftigen Kleidung herausgewachsen. Ihr spärliches, rötlichgelbes Haar stand, in zwei putzige Rattenschwänzchen geflochten, von ihrem flachen Hinterkopfe ab. Ich trat, meine Wurst unter dem Arme tragend, mit edlem Anstande einige Schritte vor und sagte: »Herr Mudrach, Sie kennen mich wohl noch? Wir haben uns früher schon mal gesehen.« Das Auge des Gesetzes ruhte eine Weile mit furchtbarer Kraft auf mir, dann sagte er: »Natürellemang, selbstverständlich. Wen ich einmal gesehen habe in meinem Leben, der ist sozusagen für ewig in mein Gedächtnis gegraben. Nämlich den kriminellen Blick muß man haben, der ist angeboren, und wer ihn hat, der hat ihn, und wer ihn nicht hat, der kriegt ihn auch nicht, und wenn er sich sozusagen die Augen aus'n Kopf kuckt. Du bist ...« hier machte er eine Pause, und seine Augen nahmen einen Ausdruck bedrohlicher Pfiffigkeit und durchbohrender Menschenkenntnis an – »Du bist ...« und seine Lippen schürzten sich zu einem ironisch bedauernden Lächeln, »na, das brauch ich Dir doch nicht erst zu sagen, das weißt du ja selbst am besten«. Das leuchtete mir ein, und ich fuhr fort: »Ich komme aus Steinhusen und soll Ihnen einen Gruß bringen von Herrn Simonis, und ich komme« ... »Natürellemang«, sagte Herr Mudrach, und seine Augen leuchteten in einem fast diabolischen Erkenntnisfeuer, »ich hab es ja gleich gesehen, als du rein kamst, sozusagen stante pede . Nämlich Heinrich Trilk aus Steinhusen bist du, Sohn von Krüger Trilk, der auch zugleich Schmidt ist, beides sozusagen in einer Person. Herr Simonis ist ein würdevoller Mann mit einer gewissen Bewandtnis in Kriminalsachen. Ich danke sehr und fühle mich sozusagen geehrt.« Ich erstarrte ein wenig über diese Verwechslung, denn isern Hinrich war ich so wenig ähnlich, wie ein Laubfrosch einem Wiedehopf, und stotterte verlegen: »Mein Name ist Reinhard Flemming, und ich sollte Ihnen noch einen Gruß ...« Herr Mudrach machte eine großartige Handbewegung, als wolle er damit andeuten: »Mein Freund, du sagst mir nichts Neues«, trank dann sein Braunbier aus, durchnähte es nicht ohne technische Geschicklichkeit, die auf mannigfache Übung schließen ließ, mit dem wasserklaren Inhalt des kleinen Gläschens und stand auf. Dann stellte er mich seiner Tochter vor, die sich ebenfalls erhoben hatte und furchtbar, aber wohlwollend auf mich hinstarrte. »Liebe Alwine, dies ist mein junger Freund, von dem ich dir so oft erzählt habe, ein Knabe von krimineller Begabung, dem wir sozusagen die Entdeckung des furchtbaren Komplotts ›Driebenkiel-Nehls‹ zu verdanken haben. Concursus ad delictum sagen wir Kriminalisten dazu. Ja, nämlich sozusagen. Doch wir wollen dorthin gehen, mein junger Freund.« Damit komplimentierte er mich in das vordere Zimmer, das wohl die gute Stube vorstellte, denn es enthielt offenbar die besten Möbel des Hauses und trug Bilder an den Wänden. Auf das eiskalte Wachstuchsofa, das mit unzähligen funkelnden Nägelköpfen verziert war, warf Herr Mudrach einen scheuen Blick, als throne dort noch immer der Astralleib seiner Seligen mit den braungelben Basiliskenaugen ohne Brauen und den drohenden Haubenbändern. Wir setzten uns an den ovalen Mahagonitisch, der davor stand und von einer gehäkelten Decke mit einem Kettenpanzermuster bedeckt war, auf zwei verschossene Ripslehnstühle. Und obwohl ich nun dem größeren Teile des Zimmers den Rücken wendete, kannte ich doch alles, was darin war. Ich wußte, daß die Tapete mit zahllosen blassen Vergißmeinnichtsträußen bedeckt war, daß vor jedem Fenster ein Gummibaum stand, dessen Blätter gezählt waren, und daß dazwischen über einer Kommode ein in der Mitte gestückter Spiegel jeden, der hineinblickte, in zwei verschiedenartige Hälften zerteilte, daß aus einem Glasschrank in der Ecke unsagbare Versündigungen gegen die dekorative Kunst in Gestalt von Tassen und anderen Porzellangegenständen hervorstierten, daß auf ihm zwei himmelblaue Glasvasen mit Strohblumen standen und dazwischen eine Standuhr wie ein kleiner Sarg auf Alabastersäulen, deren Pendelchen unsägliche Eile hatte, mit der nie rastenden Zeit mitzukommen. Und über einer anderen Kommode befand sich eine Lithographie von Napoleon, der mit untergeschlagenen Armen und einem Mörderblick unter seinem kleinen Hute hervorschaute. Zur einen Seite hing ihm der Brand von Moskau, und es war nicht zu verkennen, daß es dem Maler gelungen war, durch schonungslose Verwendung von Gummigutt, Zinnober und Beinschwarz höchst schauerliche Wirkungen zu erzielen, während in dem Gegenstück auf der anderen Seite, dem Erdbeben von Lissabon, der Künstler durch berstende Häuser, stürzende Säulen, hereinbrechende Wasserwogen und zermatschte Menschenmengen nicht minder erschütternde Wirkungen erreicht hatte. Kurz, es herrschte in dem Zimmer eine solide Pracht, die durch Wirkungen der Kunst sanft erhöht wurde. Herr Mudrach saß mir hochaufgerichtet gegenüber, dämpfte die Kraft seiner Augen durch halb herabgelassene Lider und erwartete meine ferneren Mitteilungen. »Ich soll Ihnen einen Gruß bringen,« sagte ich, »von der Insel Uhlenberg, von Mamsell Kallmorgen. Und soll Ihnen sagen, daß sie Sie in gutem Angedenken hält, denn Sie wären doch ihr Retter von Gott gesandt, und soll Ihnen dies kleine Erinnerungszeichen geben, was sie selber gemacht und dabei an Sie gedacht hat.« Damit überreichte ich ihm die wohleingewickelte Wurst und fügte noch hinzu: »Sie hat gesagt, die ist mit Liebe gemacht, und da sticht Gemüt ein.« Herr Mudrach wog den stattlichen Gegenstand in den Händen: »Nämlich für einen Nackenpummel (Schlummerrolle) ist es zu schwer. Sollte es wohl eine von den berühmten ...?« Damit wickelte er die Wurst aus und hielt sie mit tiefer Rührung in den Händen. Seine Augen nahmen einen schmalzigen Ausdruck an, und seinen Mund umspielte ein Ausdruck lüsterner Genußsucht. Dann führte er sie an seine Nase: »Und der Geruch, himmlisch sozusagen.« »Das meint Mamsell Kallmorgen auch!« sagte ich. »Ja, sie hat recht!« sprach nun Herr Mudrach mit Begeisterung, »diese distinktive Dame hat sozusagen ein seelenvolles Gemüt, und darum kann sie es. Meine Selige war tüchtig in der Wirtschaft, alabonnöhr! aber Mettwurst, ich weiß nicht, das war ihr nicht gegeben. Entweder zu pfefferig oder zu salzig, und mit dem Rauch stimmte es auch nie recht. Das kam wohl davon, weil sie so'n scharfen Geist hatte.« Er schrak sichtlich ein wenig zusammen, warf einen scheuen Blick auf das Wachstuchsofa und murmelte wie entschuldigend: »Ja, nämlich sozusagen!« Dann hielt er eine große Lobrede auf Mamsell Kallmorgen, aus der hervorging, daß er offenbar in ihr das Ideal gefunden zu haben glaubte, das ihm seit seiner frühesten Jugend vorgeschwebt hatte, in dem sich stattliche Erscheinung, seelenvolles Gemüt und eine ungewöhnliche Begabung für die Kochkunst zu einem bezaubernden Ganzen vereinigten. Dabei hielt er stets die rundliche Wurst in der Hand und betrachtete sie mit liebevollen Blicken, als sei sie ein plastisches Abbild ihrer kunstvollen Erzeugerin. Zuletzt erkundigte er sich nach dem Befinden. Ich sagte, es ginge ihr gut, nur wäre es ihr immer noch zu einsam auf der Insel, und dann würde sie die Furcht nicht los, Driebenkiel könne aus dem Gefängnis ausbrechen und würde dann schreckliche Rache nehmen. Hier wiegte Herr Mudrach halb bedauernd, halb verständnislos das Haupt und sandte einen furchtbaren Blick in die Ferne durch die Wände über Tal und Hügel, der offenbar für Driebenkiel bestimmt war. Ich aber erzählte ihm weiter, daß sie sich manchmal mit dem Gedanken trüge, in die Stadt zu ziehen, wo sie dem Schutze des Herrn Mudrach näher sei, und dort »ihr Geld zu leben«. »Ihr Geld zu leben?« fragte Herr Mudrach mit einer Teilnahme, die aus der Tiefe der Empfindung aufzusteigen schien. »Ja,« antwortete ich, »sie hat uns erzählt, daß sie Schiffsparten hat, die ihr viel Geld einbringen, und das kommt alles in die Sparkasse, und hat sonst noch allerhand gesagt, was ich nicht behalten habe. Aber sie könnt' da ganz gut von leben, und wieder in Konditschon zu gehen, das hätt' sie gar nicht nötig.« »So – so – so?« machte Herr Mudrach. »Ja, nämlich sozusagen!« Die Wurst aber hatte er noch in der Hand, und sein Blick ruhte auf ihr mit einem so liebevollen und bewundernden Ausdruck, als ginge von ihrer stattlichen Erscheinung, die ihren gemütvollen Inhalt einer ungewöhnlichen Begabung für die Kochkunst verdankte, nun auch noch ein leuchtender Goldglanz aus. »Es ist doch eine ganz famoste Dame!« sagte er dann. Verschwiegenheit ist eine schöne Tugend, aber sie zu üben, ist manchmal schwer; ich konnte nicht länger dem Kitzel widerstehen, der mich schon seit einiger Zeit plagte, und so schoß das Geheimnis plötzlich heraus: »Mamsell Kallmorgen hat auch von Ihnen einen schönen Traum gehabt!« »Wirklich?« antwortete er geschmeichelt, »das seh ich für eine große Ehre an. Nämlich träumen tut man nur von Leuten, über die man sich Gedanken macht. Zum Exempel von Puttfarken und Driebenkiel, da träum' ich von, wer weiß wie oft. Aber ›schön‹ sind diese Träume sozusagen grade nicht. Denn diese Individuümer benehmen sich in meinem Traum immer so rebellisch und unrespektabel, daß es 'n Hund jammern kann. Und ich hab sie doch beide damals so glatt und schön in Eisen gelegt.« »Herr Mudrach,« sagte ich, »Sie sind ihr erschienen als ein Engel mit einem feurigen Säbel und mit langen Flügeln bis auf den Fußboden runter.« Hier sah sich Herr Mudrach unwillkürlich über die Schulter, als wolle er prüfen, wie ihn diese Tracht wohl kleiden möge. – »Und haben sie gemütvoll angekuckt und haben Ihren feurigen Säbel aufgehoben und haben gesagt: Christiane, ich wache für dich!« Mudrach sah begeistert aus, und seine Augen des Gesetzes leuchteten unheimlich. »Nämlich,« rief er, »da hat die Dame sozusagen richtig geträumt, das tue ich auch, natürellemang, so weit mir das aus der Entfernung kumpabel ist. Aber wenn sie wirklich ihr Wort wahr machen und hierher ziehen will, dann will ich es tun voll und ganz und gewissermaßen sozusagen mit Leib und Seele. Und wenn sie um ein Logis in Verlegenheit ist, da braucht sie nur mit dem Finger zu winken. Wir haben doch oben die Giebelstuben, wo die zwei Schüler vom Gymnasium wohnen, und zwei Kammern sind auch noch dabei; das wird ja wohl langen, und wenn sie da einziehen will, da wird es dem Engel mit dem feurigen Säbel ein Pläsiervergnügen sein, sie zu bewachen, Tag und Nacht und zu jeder anderen Tageszeit im Frühling, Sommer, Herbst und Winter immerzu egal weg. Willst du ihr das sagen, mein junger Freund?« »Ja,« sagte ich, »aber wir wohnen doch jetzt hier, und ich werde sie so bald nicht wiedersehen. Sie müssen ihr das wohl schreiben, Herr Mudrach.« »Schreiben?« sagte er und sah sehr ablehnend aus, »das ist nämlich sozusagen so 'ne Sache. Wer wie ich beim Kriminal ist, der nimmt sich damit in acht. Das gibt immer die schönsten Indiziums, wenn einer was schriftlich von sich gegeben hat. Nee, mündlich ist besser. Da wart nur, bis du da einmal wieder hinkommst, das wird ja wohl so lang nicht dauern.« »In den großen Ferien, denk ich,« sagte ich, »da will ich Herrn Simonis besuchen.« »Na ja,« meinte er, »und dann vergiß es nicht, dieser famosten Dame meine Grüße zu bringen und ihr zu sagen, ich wäre immer da und immer bereit und immer derjenige, welcher. Ja, nämlich sozusagen!« Plötzlich fuhr er sichtlich zusammen und warf wieder einen scheuen Blick auf das Wachstuchsofa und die Bilder, die darüber hingen, schlug die Augen nieder und murmelte kaum verständlich vor sich hin: »Dummes Zeug, dummes Zeug!« Ich aber hatte eine Teilnahme für die Bilder, die ich während der ganzen Zeit vor Augen gehabt hatte, denn sie waren zu scheußlich, obwohl sie mit einer gewissen Handgeschicklichkeit und frechen Sicherheit farbig hingestrichen waren. Die oberen beiden sollten offenbar Mudrach und seine verstorbene Frau vorstellen, das sagten schon die Stadtdieneruniform und die gewaltsamen Augen des einen Bildes. Darunter hing ein Brautkranz in einem Glaskasten und unter diesem zwei kleinere, aber noch viel schrecklichere Bilder. Das eine stellte einen Mann von baschkirischem Typus dar mit struppigen Haaren, Mörderaugen, roter Nase und gewaltigen Backenknochen, und das andere war offenbar das mißlungene Abbild eines Schimpansen, es konnte aber auch ein Orang-Utan sein sollen. Als Mudrach bemerkte, daß mein Auge bewundernd auf diesen Bildern weilte, sagte er: »Nicht wahr, furchtbar ähnlich, sozusagen penetrant ähnlich, das sagen alle. Und meine selige Frau auch, sieh dir mal bloß die Haubenbänder an.« Es war sonderbar, das »selige« kam so heraus, als ob er nicht seine Frau, sondern sich damit meinte. »Sie war eine Frau von ganz ungemein viel Charakter, das sieht man. Nicht? Wir haben hier nämlich ein Schenie am Ort, Krempelsetzer heißt er und hat früher bei einem richtigen Kunstmaler gelernt. Aber wie das mit den Schenies manchmal so ist, er ist eigentlich immer sozusagen im Djum. Und was er dann malt, das wird immer so schwummerig und hat keinen Schick. Aber wenn es ihm mal glückt, daß er nüchtern ist, dann malt er fein, und geht ihm von der Hand, wie'n Donnerwetter. Nämlich, als ich damals Puttfarken festgenommen hatt', da hab ich auf Antrag von unserem Herrn Polizeisenator ein Extradußöhr gekriegt, und dann hab ich uns beide malen lassen. Das heißt, zuerst hab ich bloß Puttfarken von ihm abkonterfeien lassen, als eine freundliche Erinnerung für mich, und als ich sah, wie schön das wurd und sozusagen fürchterlich ähnlich, da hab ich ihm unsere Portrette auch in'n Auftrag gegeben. Sieh dir bloß Puttfarken mal an, da unten links, ist das nicht ein Verbrechertyphus, wie er im Buch steht? Und in drei Stunden hat er das gemacht für einen Taler und 'ne halbe Buddel Kümmel. Denn Schnaps muß da immer bei sein bei seinem Honorar, sonst kommt die richtige künstlerische Inspiritusation nicht über ihn. Aber trinken darf er ihn erst, wenn er fertig ist; bei'm Malen nur zwei oder drei kleine Gläser, sonst wird die Sache gleich schwummerig. Narürellemang, unsere Bilder sind teurer gewesen. Da hat er für jedes einen Taler zweiunddreißig Schilling und 'ne ganze Buddel Kümmel genommen, dafür ist da aber auch'n ganzer Berg künstlerischer Schwung drin und viel Auffassung, das kost't extra. Und als meine Selige die Haubenbänder sah, so wunderschön lilla und die Schleife so egal, da war sie auch zufrieden, denn vorher hatte sie immer noch gegnatzt über das viele Geldwegschmeißen. Ja, nämlich sozusagen, dafür war sie nicht, das war ihr konterköhr. Nachher hab ich mir denn auch als Pangdang zu Puttfarken Driebenkiel von ihm malen lassen, aber da hab ich nicht ordentlich aufgepaßt, und er hatte so'n kleinen Lititi, und da ist er ihm n'bißchen zu sehr als Affe ausgefallen, obwohl man sagen muß, wenn man ehrlich sein will, daß er da was von hatte. Und ähnlich ist er ja auch, so daß alle Leute sich vor ihm gräsen. Ja, nämlich sozusagen.« Plötzlich trietzte er eine ungeheure silberne Uhr, von der Art, die man Butterbüchsen nannte, aus der Westentasche hervor und betrachtete sie aufmerksam. »Der Dienst,« sagte er dann, »der Dienst ruft. Die Sicherheit der Stadt verlangt es sozusagen, daß ich gehe. Ich bedanke mich, mein junger Freund, für alles und besonders auch für dies liebevolle Kadoh.« Damit ergriff er die Wurst, und indem er sie wie einen Säbel emporhielt und ihm sichtlich Flügel wuchsen, stand er hoch aufgerichtet da. »Und vergiß nicht, was wir besprochen haben, und wenn die Zeit gekommen ist, so sage ihr, ich wäre immer da und immer bereit und immer derjenige, welcher! Ja nämlich sozusagen!« Ich versprach das, und da auch unsere Essenszeit bedenklich nahe gerückt war, empfahl ich mich schnell. Die rabiate Türglocke schrie Aufruhr und Zetermordio hinter mir her, als ich das Haus verließ. 10 Es ist merkwürdig, wie wenig aus der ersten Zeit des Aufenthaltes an dem neuen Wohnort und in der Schule in meinem Gedächtnis haftet. Das mag wohl an der Fülle der Eindrücke liegen, die nicht stark und groß, aber alle neu waren, und wo einer den anderen immer wieder verdrängte. Als die Gebrüder Köhnke nur einen Tag ihren Glanz in unsere ländliche Einsamkeit geworfen hatten, wurden sie uns zu einer Erinnerung für's Leben, hier aber verschwanden die beiden schüchternen und furchtsamen Unzertrennlichen unter mehr als vierzig Mitschülern und waren in den Zwischenpausen, wo doch das Leben einer Schulklasse auf der Höhe schäumt, so gut wie gar nicht vorhanden. Hätten sie sich nicht in den Stunden selbst dadurch unliebsam bemerklich gemacht, daß sie stets präpariert waren, stets alles wußten und immer null Fehler hatten und als Muster aufgestellt wurden, so hätte man gar nichts von ihnen gemerkt. Vor den traurigen Folgen solcher Tugendboldenhaftigkeit schützte sie aber der Umstand, daß der Tyrann der Klasse, ein wohlgenährter Fabrikantensohn, sie als Bildungslückenfüller benutzte und mit diesen beiden fremden Kälbern kräftig pflügte. Es ging die Sage, daß sie alle Arbeiten für ihn machen müßten und dabei die Verpflichtung hätten, andere Wendungen zu wählen, als sie selber hatten, und der höheren Wahrscheinlichkeit halber zwei bis drei Fehler hineinzumachen. Diese Bedingung erfüllten sie mit blutendem Herzen. Dafür aber hielt er seine mächtige Hand über sie und behandelte sie wie frühere Machthaber ihre sogenannten Schutzjuden. Sonst war die Klasse zusammengesetzt aus den Söhnen angesehener Leute der Stadt und der umliegenden kleineren Städte, Pastorensöhnen vom Lande und den Abkömmlingen von Pächtern oder Gutsbesitzern. Diese waren meist, wenn sie auch an derber Gesundheit und erfreulicher Kraftfülle nichts zu wünschen übrig ließen, vom idealen Standpunkte des Schulmeisters aus als ein ziemlicher Ballast zu betrachten, denn in den wenigsten Fällen hatten sie für Humaniora etwas übrig. Sie waren nur unter beträchtlichem Druck und in sehr langsamem Tempo durch die Klassen zu schieben und verschwanden gewöhnlich schon bald nach ihrer Konfirmation, um irgendwo als Landwirtschaftslehrlinge oder, wie wir sagten, als Klutenperrer einzutreten und bei den idyllischen Beschäftigungen des Futterherausgebens und Dungstreuens ihr weniges Latein und ihr geringes Griechisch schleunigst zu vergessen. Uns ging es auf der Schule zunächst ganz gut, sowohl bei den Lehrern, als bei den Mitschülern. Es zeigte sich, daß uns Onkel Simonis sehr gut vorbereitet hatte, so daß es uns keine Mühe machte, mitzukommen, und von den Anfechtungen, denen die Neulinge von den »Alten« so oft ausgesetzt sind, blieben wir verschont. Denn erstens waren wir beide wehrhafter Natur, und zweitens strahlte um unsere Stirnen das Glanzlicht heldenhaften Ruhmes; wir konnten der Klasse nur zur Ehre gereichen, und man suchte unseren Umgang. Hatten wir doch schon auf einer einsamen Insel ein Robinsonsleben geführt und dabei Abenteuer erlebt, wie sie in den schönsten Indianerbüchern nicht graulicher vorkamen. Wir hatten ein fürchterliches Komplott entdeckt und die Verhaftung zweier ganz prachtvoller Verbrecher herbeigeführt und uns dadurch die Freundschaft des sagenhaften Einsiedlers auf der Insel Uhlenberg erworben, über dessen Vorleben, Reichtum und Sonderbarkeiten phantastische Gerüchte in Menge verbreitet waren. Ja ich hatte sogar den wilden Mubrach gezähmt; sein Herz schlug sanft für mich, und der furchtbare Blick seiner Augen schmolz in eitel Wohlwollen dahin, wenn er auf mir ruhte. Die Lust an wilden und verwegenen Taten, die den meisten Knaben dieses Alters tief im Blute steckt, stand in dieser Klasse noch in voller Blüte, und Indianergeschichten, Jagdabenteuer und gefährliche Reisen in unentdeckte Länder wurden auch von denen verschlungen, die sonst schwer zu bewegen waren, in ein Buch zu blicken, wenn sie nicht mußten. Die verschlungensten aller Bücher aber waren damals die sogenannten Lederstrumpfgeschichten, eine Bearbeitung und Zusammensetzung jener Cooperschen Romane, deren ständiger Held der brave Natty Bumppo mit der unfehlbaren Büchse, der wunderlichen Philosophie und dem sonderbaren inwendigen Lachen ist. Wer schwärmte nicht für die Abenteuer am See Glimmerglas, wer liebte nicht die letzten der Mohikaner, Unkas und seinen Vater, Chingaggook »die große Schlange«, wen erfüllten nicht die furchtbaren Abenteuer des gealterten, weltflüchtigen Lederstrumpfs in der Prärie mit prachtvollem Grausen! Wer jauchzte nicht, wenn im letzten Augenblick, da einer oder mehrere der Helden schon am Marterpfahl standen, und die Weiber schon mit Messern auf sie losgelassen werden sollten, und der Holzstoß schon glimmte, und die blutgierigen Feinde den lieblichen Sport übten, mit ihren Tomahawks haarscharf an ihnen vorbeizuwerfen, wenn in diesem fürchterlichen Augenblick, wo alles sichtlich unrettbar schief ging, plötzlich der scharfe Knall einer wohlbekannten, unfehlbaren Büchse ertönte und die Rettung da und alles wieder gut war! Die Cooperschen Erfindungen hielten sich immer noch im Bereich einer gewissen Möglichkeit; doch auch ein anderes Buch, dessen Verfasser, Gabriel Ferry, den bunten Wundervogel seiner südländischen Phantasie unbekümmert schweifen ließ, wie er wollte, fand nicht weniger Beifall. Das Buch hieß »Der Waldläufer« und wimmelte von den prachtvollsten Abenteuern. War das nicht schön, wenn der Kanadier Pepe, Fabian und der arme, frisch skalpierte Gambusino, den sie gerettet hatten, auf der winzigen kleinen Insel im Fluß von den Indianern belagert wurden, die beide Ufer besetzt hielten? Sie hatten diesen zwar im Laufe des Tages durch ihre nie fehlenden Büchsen schon mannigfachen Abbruch getan, einen Nachtangriff, der dem Feinde große Verluste brachte, abgeschlagen und später einen Brander abgewehrt, der die Insel in Flammen setzen sollte. Diese war nämlich so entstanden, daß sich das Treibholz um einen schwimmenden Baum, der sich an der flachen Stelle mit den Wurzeln verankert hatte, ansammelte. Dies hatte sich im Laufe vieler Jahre begrünt und mit Erde bedeckt, Kräuter, Büsche und Bäume waren dort aufgeschossen, doch neues Treibholz hatte sich an der Oberseite der Insel angesammelt, das mit seinen dürren Resten dem Feuer Nahrung geben konnte. In der Nacht bedeckt sich der Fluß mit Nebel, aus dem nur die Wachtfeuer der Belagerer zu beiden Seiten des Flusses undeutlich hervorschimmern. Die Jäger denken an Flucht, denn die Belagerung der übermächtigen Feinde noch einen zweiten Tag zu überstehen, können sie nicht hoffen. Der riesenstarke Kanadier, ein furchtbarer Krieger, aber ganz unbeschreiblich edel, hat eine Idee. Er taucht lautlos unter die schwimmende Insel und findet, daß sie nur von einer starken, aber schon ziemlich morschen Wurzel am Grunde festgehalten wird. Nachdem er dies festgestellt und gehörig Luft geschnappt hat, taucht er zum zweiten Male unter. Nun beginnt unter dem Wasser ein furchtbarer Kampf. Die Insel zittert, bebt und schwankt in ihren Grundfesten, als wolle sie auseinandergehen. Aber die übermenschliche Kraft, mit der der Verfasser den edlen Kanadier ausgerüstet hat, gewinnt den Sieg. Plötzlich ein dumpfer Krach, und der Riese schwingt sich sofort wieder an Bord. Die Insel dreht sich sänftlich um sich selber, schwimmt langsam mit dem Strome davon, und die drei Helden sind gerettet. Ihr Ziel ist das Goldtal, dessen Geheimnis dem jüngsten der Gesellschaft, Don Fabian de Mediana, von seinem, um der Kenntnis dieses Goldtals willen schmählich ermordeten Vater hinterlassen worden ist. Sie sind in der Nähe dieses Tales und erreichen es noch am selben Tage. Das ist nun aber ein Goldtal, wie es sich sehen lassen kann, da es nie seinesgleichen gehabt hat und auch gar nicht haben kann, weil sich Gold, eines der schwersten Metalle, immer in der Tiefe ansammelt und stets von Sand und Geröll bedeckt ist. Dieses fabelhafte Tal aber ist ganz erfüllt von Goldblöcken jeder Größe, die so gewaltig in der Sonne funkeln, daß einer der Goldsucher das Tal ganz mit Gras, Lianen und Schilf bedeckt, nur damit es nicht so grausam gen Himmel glänzt. Hier entspinnen sich nun neue, fürchterliche Kämpfe und Abenteuer, und Unwahrscheinlichkeiten werden auf Unmöglichkeiten zu Bergen getürmt, wie überhaupt im ganzen Verlauf des im Original vierbändigen Romans, von dem in der Bearbeitung für die Jugend, die wir lasen, allerdings nur die Fettaugen abgeschöpft waren. Aber da er in dieser Hinsicht eine sehr fette Suppe war, so kam schon etwas dabei heraus. Ich will nur noch erwähnen den weißen Renner der Prärien, das Pferd aller Pferde, das mit unbeschlagenen Hufen Funken aus den Kieselsteinen schlägt und für das, um es mit seiner Herde zu fangen, eine ganze Expedition ausgezogen ist. Als sie nun nach langen Vorbereitungen und Mühen die wilden Pferde mitsamt dem weißen Teufel, denn dafür wird es von allen gehalten, in den eigens dafür erbauten Korral eingetrieben haben, da wird der weiße Renner der Prärien ganz ungemein zornig. Er wütet unausgesetzt hin und her und stößt die anderen Pferde um, die ihm in den Weg kommen, bis er sich Raum zu einem Anlauf verschafft hat. Dann bürstet er los und fliegt wie ein weißer Blitz über den Balkenzaun von doppelter Manneshöhe. Das können die anderen Pferde nicht nachmachen, das hat nie ein Pferd gekonnt und wird nie eins wieder können, das kann nur der weiße Renner der Prärien von Gabriel Ferrys Gnaden. Überhaupt ist dieser Autor groß in der Schaffung stark gesteigerter Menschen und Tiere. Der skalpierte Gambusino ist am nächsten Tage schon ziemlich wieder munter, und als er das berühmte Kraut gefunden hat, das für skalpierte Schädel angezeigt ist, nach ein paar Tagen vollständig mobil. Einer der Hauptschufte der Kämpfe am Goldtal macht den edlen Kanadier und den tapferen Pepe dadurch unschädlich, daß er ihnen, die in Deckung liegen und nur ihre Büchsen zeigen, diese in den Händen kaput schießt. Das heißt, unschädlich kann man eigentlich nicht sagen, denn diese tapferen Helden bringen auch ohne Büchse noch eine erkleckliche Anzahl Feinde um, dadurch, daß sie bei einem Gewittersturm einen Ausfall machen und diese unter den flachen, aufgerichteten Steinen zerquetschen, hinter denen sie sich verborgen haben. Wie kann man aber dem Leser einen Begriff machen von der Schönheit der Donna Rosarita? Das geht nur, wenn man ihm rät, Venus, Helena, Kleopatra, Phryne, Ninon de Lenclos, und was es sonst noch für berühmte Schönheiten gibt, zu addieren und die Summe mit sich selbst zu multiplizieren. Die menschlichen Ungeheuer, die in diesem Buche recht reichlich vorkamen, waren ausdividierte Überscheusale, doch die tapferen Helden, die sie bekämpften, edel bis zum Erbrechen, und ebenso war es mit den Indianern. Man glaubt nicht, aus welch einer Menge von treu- und herzlosen Schuften die feindlichen Stämme zusammengesetzt waren, doch die, die auf der Seite der Helden fochten, trieften von Edelmut. Doch eins hatten sie gemeinsam, für Skalpe schwärmten sie alle mit der Begeisterung eines Sammlers. Ich kann meinen Bericht über dies bemerkenswerte Buch nicht schließen, ohne des fürchterlichen grauen Bären zu erwähnen, der viel größer ist als ein Büffel und so stark, daß, wenn er sich einen solchen gegriffen hat, er diesen im Trabe in seine Höhle schleift. Und wenn man glaubt, daß dieser Trab ein gewöhnlicher Trab ist, da befindet man sich in einem erheblichen Irrtum. Nein, dieser Trab sieht zwar sehr gemächlich aus, aber er schafft so ungeheuer, daß ihm selbst der weiße Renner der Prärien auf die Dauer nicht stand halten könnte. Dieser grausame Bär wohnt auf einer Felseninsel, um die der Fluß sich gabelt, und nimmt dort die selbstgeschaffene Stellung eines Zolleinnehmers ein, indem er keinen Kahn durchläßt, ohne einen oder mehrere seiner Insassen als Tribut zu erheben und kurzfertig aufzuessen. Er ist der Schrecken der Gegend und kann außerdem so brüllen, daß sich der Donner des Himmels schamvoll verkriechen muß. Aber auch er wird durch den »brennenden Strahl«, einen der edelsten Indianer, die je das Skalpiermesser geschwungen haben, besiegt, allerdings nicht eher, als bis die Bestie von anderer Seite einen Pfeil in den Bauch, drei Axthiebe über den Schädel und zwei Kugeln in den Kopf bekommen hat, eine Behandlung, die das Ungetüm nicht wenig zum Zorn gereizt und sein Gemüt verdüstert hat. Aber der »brennende Strahl« besorgt es ihm dann und schneidet sich als Siegeszeichen die mächtige Tatze ab. Er hofft, die Blume der Seen wird lächeln, wenn sie diese unvergleichliche Trophäe sieht. Die Blume der Seen ist aber keine andere, als jene mit sich selbst multiplizierte Schönheitssammlung Donna Rosarita, in die sie alle, rote und weiße edle Helden sowohl, als weiße und rote Überschufte unmäßig verliebt sind. Obwohl damals die Herstellung von Indianergeschichten noch nicht ganz wie jetzt zu einem Industriezweig geworden war, so gab es noch einige andere Bücher dieser Art mit schönen bunten Bildern, unter denen niemals die Rettung vom Marterpfahl im letzten Augenblick vergessen war. Uns aber stand fest, daß die beiden vorhin genannten Bücher die Perlen ihrer Gattung seien, und der phantastisch mit unglaublichen Gefahren und unmöglichen Abenteuern gespickte Waldläufer hatte fast noch mehr Freunde als der gemäßigtere Lederstrumpf, beide aber regten unwiderstehlich zur Nacheiferung an. Es gab denn auch am Ort verschiedene Indianerstämme, die an einsamen Orten der wald- und wasserreichen Umgegend ihre Wigwams und Jagdgründe hatten, wo sie Büffel und Hirsche jagten, auf den Kriegspfad gingen oder auch mit besonderer Vorliebe die Friedenspfeife rauchten. Das Bestreben nach Echtheit ging bei manchen sehr weit. Sie waren ausgerüstet mit Federkronen, Tomahawks, Bogen und Pfeilen, sie trugen an ihren Wampungürteln Skalplocken und eine Medizintasche und nannten ihre vortrefflichen, auf Zuwachs gemachten Schaftstiefel niemals anders als Mokassins. Auch verstanden sie es, mit Hilfe von Rotstein, Kreide und Kienruß eine Kriegsbemalung herzustellen, die bei zufälliger Begegnung mit holzsammelnden Weiblein abergläubische Furcht und sinnlosen Schrecken bewirkte, und wenn sie versuchten, die bilderreiche Sprache der Indianer nachzuahmen, kam kein vernünftiges Wort mehr aus ihrem Munde. Auch in unserer Klasse hatte sich der vortreffliche Stamm der Comanchen aufgetan, und wir verdankten es wohl unserer ruhmreichen Vergangenheit, daß wir als »Neue« im Mai, da die Indianersaison schon begonnen hatte, aufgefordert wurden, diesem Stamm beizutreten. Die Jagdgründe der Comanchen lagen gar nicht weit von der Stadt und doch in einer ganz einsamen Gegend an einem etwa zwanzig Meter tief in das mit Kornfeldern bedeckte Hügelland eingeschnittenen schmalen See. Die Ufer waren zu steil, um noch beackert werden zu können, und hatten sich mit allerlei zum Teil undurchdringlichem Buschwerk und niedrigen Bäumen bedeckt, unten am See lief ein schmales Streifchen Vorland hin mit Weiden und Erlen am Rande, und das Wasser säumte ein Gürtel von Rohr, Schilf, Binsen und Pfeilkraut. Dort war man ganz aus der Welt und sah und hörte nichts von ihr. Nur das ebenso steile gegenüber liegende Ufer war sichtbar, der Himmel und der Spiegel des langgestreckten Sees, in der Ferne an seinem Ende von einer Wiese und sanft ansteigenden Hügeln begrenzt. Nur eins mahnte von Zeit zu Zeit an die Nähe der Kulturwelt, wenn nämlich in seltenen Zwischenräumen oben am Rande des Uferabhanges am südlichen Ende des Sees ein Eisenbahnzug vorüberdonnerte. Seltsamerweise trug aber der Umstand, daß dort ein Bahndamm vorüberging, dazu bei, der Umgebung dieses Sees die Einsamkeit zu erhalten, denn von der Stadt führte kein Weg zu ihm, und wollte man ihn erreichen, so mußte man den Bahndamm überschreiten, was verboten war. Das war für tapfere Comanchen auf dem Kriegspfade natürlich kein Hindernis, schreckte aber weniger starke und dabei gesetzesfreudigere Seelen genügend zurück. Es hatte sich die Taktik ausgebildet, sich einzeln und unter möglichster Deckung an diesen Bahndamm heranzupürschen und im geeigneten Augenblick, wenn die Aufmerksamkeit des Bahnwärters abgelenkt war, schnell hinüber zu schlüpfen. Es darf aber nicht geleugnet werden, daß der so tapfere und kriegsgewaltige Stamm der Comanchen dadurch, daß er dem Studium der Gewohnheiten eines Bahnwärters einen so großen Teil seines Scharfsinnes zuwendete, nicht gerade zur Erhöhung seines Ruhmes beitrug. Dieser Mann, gewissermaßen der Hüter unseres Paradieses, hieß, obwohl er gleich dem reichen Bauern Troll eine Gesichtsfarbe hatte »wie das Braun am Brote«, nur »das Bleichgesicht« oder der weiße Teufel, wahrscheinlich, weil er edlen Rothäuten feindlich gesinnt war. Wir hatten, ohne von diesem Zerberus bemerkt zu werden, glücklich den vorher, wegen des tiefen Einschnittes, in dem er lag, von keiner Seite sichtbaren See erreicht, und als die Comanchen vollzählig waren, ging es an die Besichtigung der Jagdgründe. Der jüngste Krieger, der »zappelnde Wieting« (Weißfisch), brachte aus dem geheimen Arsenal für jeden Waffen herbei, schöne Bogen aus Eschenholz und Köcher aus Rinde mit Pfeilen von Schilfrohr, die an einem Ende durch Eintauchen in geschmolzenes Pech und Umdrehen in Sand beschwert worden waren, und ganz neue Tomahawks mit rot gebeizten Stielen, deren Beilflächen nicht durch Silberpapier, sondern durch Bekleben mit echtem Staniol ihren schimmernden Waffenglanz erhalten hatten, und kleine Schilder von Pappe, am linken Arm zu befestigen. Dazu für jeden einen Kopfreifen mit Federn geschmückt, nach Maß angefertigt und mit dem Indianernamen des Inhabers versehen. Diese Federkronen waren eine Erfindung des »künstlichen Bibers«, der das technische Genie des Stammes vorstellte und diese Waffen und Geräte teils selber herstellte, teils nach seiner Angabe anfertigen ließ. Sie gaben zugleich eine treffliche Schutzwaffe ab, denn ein Stück engen Drahtgeflechtes hing von ihnen hernieder, zum Schutze der Augen vor Pfeilschüssen. Diese Einrichtung erschien manchen als zu sybaritisch, war aber zum unverbrüchlichen Stammesgesetz erhoben worden, als dem »borstigen Igel« durch einen solchen Pfeil einmal eine gefährliche Verwundung am Auge beigebracht worden war. Alle Waffen und Geräte waren ganz neu und ein Geschenk des Häuptlings, der zugleich für den Mäzen des Stammes gelten konnte. Ihm stand, als Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten, ein reiches Taschengeld zur Verfügung, das er schon von jeher zum größten Teil für das Wohl des Stammes verwendet hatte. In der letzten Zeit mußten ihm aber wohl noch größere Mittel zugefallen sein, denn seine Freigebigkeit war fürstlich geworden. Man munkelte von einer seltsamen Geschichte. Er sollte in dem großen Garten seines Vaterhauses in diesem Frühling auf einem frisch aufgeworfenen Maulwurfshaufen eine Topfscherbe und einen altertümlichen Taler gefunden haben. Dies habe ihn aufmerksam gemacht, er habe nachgegraben und in geringer Tiefe die Trümmer eines irdenen Topfes und zwischen ihnen einen ganzen Haufen Taler gefunden. Diesen Schatz habe er in einen Beutel getan und ihn in der Höhlung eines alten Birnbaumes verborgen, und dort hole er sich, je nach Bedarf, von Zeit zu Zeit eine Handvoll Taler heraus. Doch das alles war dunkle Sage, und man sprach nur heimlich davon. Auf diese neue freigebige Tat hin war der Stamm zu einer geheimen Beratung zusammengetreten und hatte beschlossen, dem Häuptling zu seinem Namen »der Grislybär« den Ehrentitel »die offene Hand« zu verleihen. Dieser prangte schon an seinem neuen Kopfreifen, der mit richtigen Adlerfedern geziert war, von einem alten, ausgestopften Fischadler, in den die Motten gekommen waren, während wir uns mit Truthahn- und Kapaunenfedern behelfen mußten. Durch diese neuen Reifen erfuhren wir auch die Namen, die man uns zuerteilt hatte, denn sie waren dort angeschrieben. Mich hatte man, wegen meiner auf dem Turnplatz bewiesenen Fertigkeit im Laufen und Springen, den »fliegenden Hirsch« genannt, während Adolf Martens, wegen seiner Körperkraft und der geringen Beugsamkeit seiner starken Glieder, den trefflichen Namen »der eiserne Bock« erhalten hatte. Die Namen waren sowohl ehrenvoll als zutreffend, und wir waren zufrieden. Dann setzten wir uns unter Führung des Häuptlings in eine Reihe und begaben uns, einer in die Fußtapfen des anderen tretend, auf den Kriegspfad, zuerst auf dem Uferstreifen entlang, zur Linken den See, zur Rechten den steil ansteigenden, mit Gebüsch bewachsenen Abhang. Nach einer Weile betraten wir einen schmalen Fußpfad, der den Abhang hinanführte und auf dessen halber Höhe auf einen langgestreckten freien Platz, von dichtem Buschwerk umgeben, ausmündete. Der Uferabhang hatte hier überall in derselben Höhe eine schmale Terrassenbildung, die darauf schließen ließ, daß in uralten Zeiten das Wasser des Sees bis hierher gestanden hatte, wie man das öfter an solchen Seen findet, die der ausgrabenden Kraft früherer Gletscherströme ihren Ursprung verdanken. Am anderen Ende dieses Platzes stand ein kleiner Baum, ein Feldahorn, der ausnahmsweise nicht buschig gewachsen war, sondern auf einem Einzelstamm seine hübsche runde Krone trug. An diesem Ende aber lag, an der entsprechenden Stelle, ein Steinblock. Um diesen setzten sich alle in feierlichem Schweigen in das Gras, der zappelnde Wieting zog aus einem Sack, den er trug, eine prachtvolle Friedenspfeife hervor, nebst einem grellbunt gestickten Tabaksbeutel, von dem behauptet wurde, daß er echt indianisch sei, und überreichte beides feierlich dem Häuptling. Dieser stopfte die Pfeife mit einem Anstand, als begehe er eine geweihte Handlung, während der zappelnde Wieting neben ihm hockte und mit Stahl und Stein emsig pinkte, um das heilige Feuer zu entzünden. Als der Zunder brannte und eine feine, kleine Rauchsäule von ihm aufstieg, zeigte er ihn feierlichst herum und legte ihn dann mit der wichtigen Miene eines Priesters, der das Opferfeuer bedient, auf den Tabak. Der Häuptling, nicht minder von der Bedeutung dieser Handlung erfüllt, brachte die Pfeife kunstgerecht in Brand und blies dann feierlich einen Strahl von Rauch gen Morgen, einen gen Abend und einen geradeaus, Strahlen, wie sie nur ein großer Häuptling blasen kann. Dann gab er das Heiligtum dem Nachbar, dem »borstigen Igel«, der sein Vertreter und Adjutant war, und dieser tat dasselbe, wobei sein ungebändigter Haarwuchs, der ihm zu seinem Indianernamen verholfen hatte, drohend gen Himmel starrte und sich zwischen den Federn des Kopfschmuckes igelhaft emporwölbte. So ging die Pfeife weiter im Kreise, bis sie an den »kunstreichen Biber«, den »zappelnden Wieting« und an uns beide kam. Bei dieser Gelegenheit betrachtete ich sie mir genauer. Sie hatte einen jener großen, würfelförmigen rohen Meerschaumköpfe, aus der Zeit, als unsere Väter noch jung waren, und dieser war schwarz vom langen Gebrauch und über und über mit eingeschnittenen Namen und Anfangsbuchstaben bedeckt; die ganze Freundschaft des früheren Besitzers hatte sich darauf verewigt. Sie hatte ein Weichselrohr mit Bernsteinspitze und war verziert mit den Federn eines Vogels, den niemand kannte, der aber unbeschreiblich selten sein sollte. Man sagte, er lebe in Wäldern aus Gewürzbäumen, auf einer fernen Insel der Südsee, und habe nur zwei solcher Federn in seinem Schwanz, und an der Pfeife waren vier. Aus einer solchen Pfeife zu rauchen, war schon an und für sich ein Genuß, noch dazu, wenn es eigentlich überhaupt verboten war. Als das kostbare Stück wieder zum Häuptling zurückgekehrt war und seinen zweiten, weniger feierlichen Kreislauf begann, brach der Häuptling endlich das Schweigen: »Comanchen!« sagte er, »zwei junge Krieger haben an unserem Beratungsplatze mit uns die Friedenspfeife geraucht und sind gewillt, unserem Stamme beizutreten. ›Der fliegende Hirsch‹ und ›der eiserne Bock‹ sind jung nach ihren Jahren, aber ihre Herzen sind Männerherzen. In den Wäldern des Ostens singt man ihren Ruhm, und wenn man ihre Namen nennt, zittert ihren Feinden das Herz. In jenen Wäldern bedeutete der Knall ihrer Büchse sicheren Tod, und nie fehlte es ihrem Wigwam an Wild. Schrecklich waren sie auf dem Kriegspfade, Häuptlinge der Bleichgesichter haben sie an den Marterpfahl geliefert, und im Rauche ihres Herdfeuers dörren die Skalpe ihrer Feinde. Sie sind große Krieger, und der tapfere Stamm der Comanchen heißt sie willkommen, denn ihre Ehre ist nun seine Ehre, und ihr Ruhm ist nun sein Ruhm. Der Grislybär, genannt die offene Hand, hat gesprochen!« »Hugh!« sagten alle Comanchen einstimmig und brachen dann, uns zu Ehren, in ihr Kriegsgeheul aus: »Huihiii! Huihiii!« und »Huihiii! Huihiii!« antwortete das Echo von dem hohen Ufer auf der anderen Seite des Sees. Wir waren fast niedergedrückt durch die hohen Ehren, die uns widerfuhren, obwohl wir gewissermaßen nur als Privatunternehmer gehandelt hatten und vorher nie das Glück gehabt hatten, einem so berühmten Stamme anzugehören. Da Adolf mich fortwährend puffte, ich möchte doch etwas erwidern, so suchte ich alle indianischen Redeblumen zusammen, die an meinem Wege blühten, und dankte in einem Stile ruhmrediger Bescheidenheit und aufschneiderischer Selbstherabsetzung, daß Herkules es nicht bester hätte machen können, als er unter die Götter aufgenommen wurde. Die Rede fand Beifall, und man schien allgemein der Ansicht zu sein, daß der Stamm der Comanchen durch uns eine nicht zu verachtende Bereicherung erfahren habe. Dann setzte man uns auseinander, daß der Ort, wo wir uns befanden, den Beratungsplatz und zugleich eine Arena für Wettkämpfe darstelle und der Baum am anderen Ende den greulichen Beruf habe, als Marterpfahl zu dienen. Übertretungen der Gesetze des Stammes wurden fast alle mit Marterpfahl bestraft, in vielerlei Abstufungen für Zuspätkommen, unentschuldigtes Ausbleiben, Ungehorsam usw. Die geringste Strafe war, daß man dort eine Viertelstunde mit einer Hand angebunden wurde, am höchsten aber wurde der Verrat von Stammesgeheimnissen geahndet. Dann fesselte man den Sünder mit allen Gliedern an den Baum, doch so, daß der rechte Arm frei blieb. Sämtliche Krieger gaben ihm dann nacheinander ihre Verachtung kund, nannten ihn schwankendes Rohr, jämmerliche Unke, toter Kater, und was dergleichen herabsetzende Bezeichnungen mehr sind. Sodann wurde ein Kriegstanz um ihn ausgeführt, verbunden mit schrecklichen Lufthieben sämtlicher Tomahawks, und zuletzt beschossen ihn alle Krieger aus einer Entfernung von dreißig Schritten mit Pfeilen, wobei er sich seines Schildes an dem freien Arme zur Abwehr bedienen durfte. Außerdem verlor er auf vierzehn Tage seinen Stammesnamen und wurde so lange räudiger Hund genannt. Man sprach die uns ehrende Vermutung aus, daß zwei Krieger wie wir auch mit der geringsten dieser Strafen niemals Bekanntschaft machen würden. Dann lenkte man unsere Aufmerksamkeit auf den Stein, der in unserem Kreise lag. Es war ein Stück Sandstein, wie man ihn zuweilen unter den Geröllen findet, und der kunstreiche Biber hatte auf seiner Oberfläche die Figur eines Tomahawks eingemeißelt. Dort lag das Kriegsbeil mit dem untergegangenen Stamm der Pawnees begraben. Die Pawnees hatten ihre Jagdgründe auf der anderen Seite des Sees gehabt, von den unseren geschieden durch diesen und die Aue, einen Bach, der den See durchströmte und durch eine schmale Wiese, natürlich eine Prärie, der Stadt zufloß, stark genug, um dort eine große Mühle zu treiben. Der See hieß der Mönkweder See nach einem an seinem fernsten Ende gelegenen Dorfe Mönkwede, bei uns aber wurde er nur wie im Lederstrumpf Glimmerglas genannt, und die Au nie anders, als der Gila. Das war jener Fluß, in dem sich im »Waldläufer« die berühmte schwimmende Insel befand. Eine solche auch hier anzubringen, war der sehnsüchtigste Traum des ganzen Comanchenstammes, leider hatten sich aber alle finsteren Mächte der Wirklichkeit dagegen verschworen. Der kunstreiche Biber hatte zwar einmal, mit Hilfe einiger Genossen, einen am Ufer umgefallenen Baum an der Wurzel mit großen, angebundenen Steinen beschwert, im schmalsten Teile des Sees, nahe vor dem Ausfluß des Baches, mühsam verankert und in die hervorschauende Krone allerlei Strauchwerk und Treibholz, sowie Rohr- und Binsenbündel verflochten. Sie hatten alle zusammen schwimmend und tauchend gearbeitet wie die wirklichen Biber, und die Comanchen sahen mit Stolz und Hoffnung auf dies herrliche Werk. Doch »die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand«, und nach einem nächtlichen Gewittersturm war alles spurlos wieder davongetrieben. Der Stamm der Pawnees war nie sehr zahlreich gewesen, aber er hatte den Comanchen das gewährt, was die schlagenden Studentenverbindungen ein Paukverhältnis nennen. Über den Gila und über den schmalsten Teil des Glimmerglas hinweg hatte man sich mit Pfeilen beschossen und Speere nach einander geworfen, ja einmal hatte eine freiwillige Abteilung der Comanchen den Bach durchschwommen, den Feind auf dem eigenen Jagdgebiet angegriffen, Wunder der Tapferkeit verrichtet und köstliche Siegestrophäen mit nach Hause gebracht. Aber die Pawnees waren vom Unglück verfolgt, und ihr Stamm schmolz zusammen. Einige ihrer Krieger hatten, nicht dem eigenen Triebe, sondern der Gewalt herzloser Väter folgend, ihren Austritt erklären müssen, andere hatten sich freiwillig zurückgezogen, und Füchse traten nicht mehr ein. So bestand der ganze Stamm zuletzt nur noch aus dem Häuptling und zwei tapferen Kriegern. Diese geringe Zahl vermochte den Comanchen keinen Widerstand mehr zu leisten, und so erschienen sie eines Tages, im Herbst des vorigen Jahres, mit grünen Zweigen an den Ufern des Gila und baten um Frieden. Sie setzten über den Bach, und nach einer endlosen Beratung, mit vielen schönen Reden, ward unter feierlichen Zeremonien das Kriegsbeil begraben, und der zusammengeschmolzene Stamm der Pawnees rauchte mit den Comanchen die Friedenspfeife. Die drei einsamen Krieger haben dann noch einige Zeit dort gehaust, Kämpfe mit eingebildeten Feinden geführt, Kartoffeln und Äpfel in der Asche gebraten, den Ruhm ihrer eigenen Taten gesungen und das Dahinschwinden der guten alten Zeit beklagt. In diesem Frühjahr ist aber niemand wiedergekommen; der Stamm der Pawnees war erloschen. Die Friedenspfeife war ausgeraucht, und nun ging es an die Arbeit. Der kunstreiche Biber zog aus einem Versteck im Buschwerk eine mannshohe Scheibe hervor, auf die er mit Farben einen sehr gräßlichen Indianer gemalt hatte, und lehnte sie an den Marterpfahl. Der zappelnde Wieting brachte richtig befiederte Pfeile mit eisernen Spitzen herbei und verteilte sie, und nun begann ein kleines Wettschießen, in dem wir zeigen konnten, was wir von dieser Kunst verstanden. Der Häuptling machte den Anfang und schoß mit lässiger Eleganz vorbei. Er habe den Wind nicht genug berücksichtigt, sagte er, obwohl sich kaum ein Blättchen rührte. Der borstige Igel, großartig wie immer, bot einen herrlichen Anblick, wie er dastand, gleich dem fernhintreffenden Apoll, und sein Haar sich noch höher borstete und seine Augen sich siegreich ins Ziel bohrten. Man wußte, wenn dieser gemalte Indianer wirklich war, so war sein Schicksal besiegelt, aber der borstige Igel schoß ebenfalls vorbei. »P!« sagte er, »das war wieder mal einer von den Pfeilen, die um die Ecke schießen! – Schund!« So ging es weiter, niemand traf, und jeder schützte einen anderen Grund vor, nur nicht den Mangel der eigenen Kunstfertigkeit. Dem einen war eine Fliege ins Auge gekommen, der andere meinte, mit einem solchen miserablen Bogen würde selbst Odysseus vorbeischießen, und der kunstreiche Biber, der die Verantwortlichkeit für alle diese Waffen trug, sagte, er habe das Zittern in der rechten Hand, als er ganz großartig vorbeigeschossen hatte. Aber unser Mut wuchs, wir konnten nun nicht mehr verlieren, sondern nur noch gewinnen, und siehe da, das Glück war uns hold, denn wir trafen nicht nur die Scheibe, sondern sogar den Indianer. Vielleicht war es auch noch etwas mehr als Glück, denn wir hatten beide eine sechsjährige Übung im Gebrauch dieser Waffe. Die Comanchen zeigten keine Neigung, das Wettschießen fortzusetzen, und es ward ein kleines Kampfspiel beschlossen, zu dem die Parteien ausgelost wurden. Denn sie mußten in Ermangelung eines Gegners ihre höchst notwendigen Kämpfe jetzt unter sich ausfechten. Beide Parteien marschierten, die unsrige unter Führung des Häuptlings, die andre unter der des borstigen Igels, einer in die Fußtapfen des andern tretend, nach verschiedenen Richtungen davon, um den nötigen Abstand voneinander zu gewinnen. Der Häuptling hatte einen neuen Plan, der sich auf eine Entdeckung des zappelnden Wietings gründete. Dieser hatte einen neuen Weg gefunden, der den steilen Abhang hinauf durch das zum Teil fast undurchdringliche Dorngestrüpp auf das hohe Ufer und an den Feldrand führte; auf diese Weise ward es möglich, die Gegenpartei zu umgehen. Darum verließen wir nach einer Weile den bequemen Weg am Wasser, wo wir heraufwärts marschierten, und wandten uns zur Erkletterung des Abhangs. Der zappelnde Wieting führte. Zuerst ging es ganz leicht, bald aber befanden wir uns in so dichtem Buschwerk von Schlehdorn, Hundsrosen und wildem Schneeball, daß wir nicht aus noch ein wußten. Der zappelnde Wieting aber bog an einer Stelle den wilden Schneeball beiseite, und es öffnete sich ein schmaler Durchweg. So erkletterten wir, uns fortwährend durch neue, unvorhergesehene Lücken windend, von Dornen angehakt und von zurückschnellenden Zweigen ins Gesicht geschlagen, ziemlich schnell den Abhang, und bald leuchtete der Himmel durch die letzten Büsche auf der Höhe. Hier mußten wir alle durch ein enges Loch kriechen und waren oben. Auf dem schmalen Grasrain zwischen Gebüsch und Kornfeld eilten wir dann gebückt und so lautlos wie möglich zurück bis zu jener Stelle unseres gewohnten Einganges zu diesem Tale, wo die Bahn dicht an dem hohen Ufer vorbeiführte. An einer Stelle unterwegs, wo am Rande des Ufers ein mächtiger Holunder aufgeschossen war, deutete der Häuptling abwärts und sagte: »Dort liegt unser Wigwam.« Es war aber nichts Besonderes zu sehen. Wir stiegen nun gemächlich wieder an das Seeufer hinab und pirschten uns sachte an den Feind heran. Dieser zog, sorglos um seine Rückendeckung, langsam vor uns her, offenbar schon verwundert, unserer gar nicht ansichtig zu werden; zuweilen stieg einer oder der andere ein Stück den Abhang hinauf, um einen freien Ausblick zu gewinnen, aber vor ihm war nichts als das Rasseln des Rohres am See, das Wehen des Grases, das Flüstern der Büsche, der melancholische Gesang der Dorngrasmücken und zuweilen das Geschwätz eines Rohrsängers. Hoch oben am Feldrand spannen die Goldammern ihren fadendünnen Gesang, und verworrener Lerchenjubel tönte vom blauen Himmel herab. Überall war der tiefste Friede. Die Feinde schöpften offenbar Verdacht auf einen Hinterhalt, traten zusammen und sprachen mit leiser Stimme. Rückwärts zu blicken, fiel niemandem ein. Unterdessen waren wir geräuschlos unter Benutzung jeder kleinsten Deckung näher geschlichen in so zerstreuter Schützenlinie, wie der beschränkte Raum es gestattete. Der zappelnde Wieting stand Qualen aus während dieser Operation. Ihn befiel jedesmal bei solcher Gelegenheit ein derartiges Jagd- oder Kriegsfieber, daß er vor Aufregung zitterte und zappelte. Wer weiß wie oft erhob er den Bogen zum Schuß, und nur die eiserne Disziplin und eine dämpfende Handbewegung des Häuptlings hielt ihn zurück von voreiliger Tat. Endlich waren wir dicht genug heran, der Häuptling hob den Arm hoch, wir alle tauchten hinter unserer Deckung ein wenig hervor, und eine Salve von Pfeilen, der sogleich eine zweite folgte, sauste auf den zusammengedrängten und unvorbereiteten Feind. Die Wirkung war bemerkenswert. Der borstige Igel, an einem sehr prall bespannten Körperteil getroffen, bei dem Kriegswunden nicht für besonders ehrenvoll gelten, sprang hoch in die Luft, das Häuflein der Feinde fuhr wild durcheinander, und ehe es kampfbereit war, hatte es schon die zweite Salve, schoß dann, zur Flucht gewendet, hastige und ungezielte Pfeile ab und riß aus, um Deckung zu suchen. Diese fanden sie an diesem Orte nur in dem Buschwerk des Abhanges, und dort trieben wir sie bei der Verfolgung so in die Enge, daß sie weder rück- noch vorwärts konnten. Es war würdigerweise dieselbe Stelle, an der wir vorhin den Aufstieg bewirkt hatten, und so war der Kreis dieses bemerkenswerten Kampfes geschlossen. Die Feinde ließen sich ehrenhalber noch eine Weile »den Schild mit Pfeilen spicken«, wobei sie aber gar nicht spöttlich um sich blickten, und dann zog der borstige Igel die weiße Fahne auf, indem er mit seinem sehr graumelierten Taschentuch um Gnade wehte. »P!« sagte er dann nach dem Friedensschluß, »mit Heimtücke, das kann jeder. So kämpfen Sioux, die Schakale der Prärie. Auge in Auge und Brust gegen Brust, das ist Comanchenart.« Dabei rieb er sich heimlich jene Stelle, wo ihn mein Pfeil getroffen hatte. Adolf behauptete zwar, es sei seiner gewesen, doch das sind Sachen, die man sich leicht einbilden kann, wenn der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Der »Dienst« war damit beendet, und nun ging es zum Wigwam, dessen versteckte Lage zu den Stammesgeheimnissen gehörte, die keinem Fremden verraten werden durften, bei Strafe der höchsten Stufe des Marterpfahls und dem Nachteil, vierzehn Tage lang »räudiger Hund« genannt zu werden. Wir kamen an einen Ort, wo einige jener großen erratischen Blöcke lagen, die sich so vielfach im Lande finden; sie waren zum Teil in den Boden versunken und ragten meist nur mit ihrer Oberfläche daraus hervor. Diese Steine bildeten den Anfang des Weges zu der versteckten Räuberhöhle des Comanchenstammes, denn auf ihrer harten Fläche hinterließ man keine Spuren, und man konnte annehmen, daß der betretene Weg, der zu ihnen hinführte, auch hier ende, denn ringsum war scheinbar undurchdringliches Gebüsch, das an keiner Stelle einen Durchgang zu bieten schien. Der Häuptling aber, der uns beiden als Führer diente, damit wir den Weg kennen lernen sollten, hob den überhängenden Ast eines Baumes, der auf dem ansteigenden Abhang wuchs, empor und schritt über niederes Gestrüpp hinweg auf einen zweiten Stein, der im Gebüsch verborgen lag. »Keine Zweige knicken!« rief er uns zu, ließ den Ast los und war verschwunden. Wir ahmten ihm nach und fanden ihn am Ende des zweiten Steinblocks, wo es ein wenig in die Tiefe ging. Er sprang hinab, wir folgten ihm und gerieten in einen schmalen Gang, der zur Linken von Dornbüschen begrenzt und ganz überwölbt war von den überhängenden Zweigen des Teufelszwirns, der hier an dem steilen, steinigen Abhang in unbeschreiblicher Fülle emporwucherte. Es war fast dunkel dort. »An keiner Stelle«, sagte der Häuptling, »kann man in unseren Weg und in unser Wigwam von oben hineinsehen. Fein! Was?« »Hugh!« sagten wir einstimmig, denn der Weg gefiel uns. Am Ende dieses überwölbten Ganges stellte sich uns ein riesenhafter alter Dornbusch in den Weg, der sich aber, wenn man ein wenig den Abhang hinabstieg, seitwärts umgehen ließ; der Häuptling war schnell herumgeschlüpft, und als wir hinter dem Dornbusch auf einem kleinen, freien Platze anlangten, sahen wir niemanden, doch hörten wir, daß uns die übrigen Comanchen in einiger Entfernung folgten. Wir blickten uns ratlos um, bis wir endlich den Flötenruf des Vogels Bülow, den Erkennungspfiff der Comanchen, vernahmen und bemerkten, daß sich ein unterer Zweig des Buschwerks hob und das vergnügte Gesicht des Häuptlings dort hervorlugte. »Bitte, nur hereinspaziert, meine Herren,« sagte er, »nun kommt der Glanzpunkt.« Wir hoben nun ebenfalls den Deckzweig und fanden einen künstlich mit Baumsäge und Messer hergestellten Gang durch das Buschwerk, das hier rings im Umkreis außerordentlich dicht war. Er war aber nur kriechend oder auf allen Vieren zu begehen, und ich höre noch heute, wie der steife Adolf Martens stöhnend hinter mir herschnaufte und sich über mangelnden Komfort beklagte. Wir kamen hinaus auf einen wieder mit bemoosten Felsblöcken bestreuten Abhang, zwischen denen die Büsche und das Gestrüpp weniger dicht wuchsen; so daß man sich ohne große Mühe dazwischen hindurch winden konnte. Wir stiegen ein wenig höher und gelangten auf eine schmale ebene Fläche, hinter der der höchste Teil des Ufers wieder steil und mit ganz undurchdringlichem Strauchwerk bewachsen aufstieg. Durch die obersten Wipfel sahen wir den hellen Himmel leuchten, und ich erkannte den drüber hervorragenden Holunder, der mir schon vorhin auf unserem Umgehungsmarsche aufgefallen war. Wir gingen auf ebener Fläche ein Stückchen weiter und traten plötzlich auf einen freien Platz, auf dem in der Mitte, wie ein niedriger Tisch, ein großer Felsblock aus dem Boden ragte, während rings die hohen Zweige des stattlichen Buschwerks ihn fast überwölbten. In den Seitenwänden dieser laubigen Halle zeigten sich ringsherum die schwarzen Eingänge dreier Hütten, die höhlenartig in das überwölbende Gebüsch hinein gearbeitet waren und deren dichtes Dach von Binsenbündeln und Schilfrohr auch bei dem stärksten Regenwetter genügenden Schutz gewährte. Ihre Fußböden waren dicht mit trockenen Blättern und Heu bestreut und gaben somit ein behagliches Lager, um nach kriegerischen Abenteuern der Ruhe zu pflegen. Unterdessen waren auch die übrigen Comanchen herbeigekommen, und nun zeigte sich, daß allerlei künstliche Verstecke vorhanden waren, um die Besitztümer des Stammes unterzubringen. Es ergab sich, daß die geflochtenen Hinterwände der Hütten oder Höhlen doppelt waren; die innere konnte man öffnen, und dann zeigte sich eine Art Schrank, sehr wohl geeignet zur Bergung von Waffen und Geräten, und auch unter den niedrigen Dächern waren allerlei Höhlungen angebracht, die man von außen nicht vermutete. Das waren alles Einrichtungen des kunstreichen Bibers, der sich, wenn er im Lager war, ausschließlich damit beschäftigte, die Dächer noch dichter zu machen, als sie schon waren, das Geflecht der Wände zu verstärken und allerhand neue Erfindungen anzubringen. Er hatte in einem geschützten Winkel des Buschwerks eine ganze Niederlage von Schilfrohr, Binsen, Weidenruten und anderem Holzwerk, womit er so geschickt arbeitete wie ein Vogel, der sein Nest baut. Maßgebend bei der Anlage dieses Wigwams war, außer der verborgenen Lage, der Umstand gewesen, daß nicht weit davon abwärts eine kleine Quelle entsprang, gleich über jener schmalen Terrasse, die, wie schon gesagt wurde, überall in gleicher Höhe an dem Uferhang dahinlief. Der kunstreiche Biber hatte sie in ein Ende Holzrohr gefaßt, das er sich von einem Pumpenmacher erbettelt und mit Lehm und kleinen Steinen in den Abhang vermauert hatte, und darunter war ein Holzkasten eingegraben, in dem sich der feine Wasserstrahl, mit leisem Girren niedergehend, sammelte und, überfließend, weiter hinabrieselte. Uns, als den jüngsten Mitgliedern des Stammes, wurde nun zur Erweiterung unserer topographischen Kenntnisse aufgegeben, diese Quelle aufzusuchen und Wasser herbeizuschaffen. Wir wurden jeder mit einem Lechel ausgerüstet, jenem hölzernen Tönnchen, in dem die Arbeiter ihr Bier mit zu Felde nehmen, und machten uns auf den wohlbeschriebenen Weg. Er war nicht schwer zu finden, denn als wir uns durch das Buschwerk zwischen den Steinblöcken hinabgewunden hatten bis zu dem schmalen Terrassenstreifen, hörten wir seitwärts schon das klingende Geriesel und brauchten ihm nur nachzugehen. Es dauerte eine Weile, bis unsere Lechel von dem schmalen Strahle gefüllt waren, und als wir zurückkamen, bot sich uns wieder ein neues Schauspiel dar. Eine der geheimen Schatzkammern hatte sich aufgetan, und auf dem großen Steintisch stand ein verbeulter und ungemein schwarzer Blechtopf, der aussah, als sei er vom Müllhaufen aus wieder zu Gnaden gekommen, eine sehr angestoßene Bunzlauer Kaffeekanne ohne Tülle und Deckel und eine ganze Schar von Tasseninvaliden, sämtlich ohne Henkel und sämtlich verschieden. Zwei davon waren in ihrem früheren Beruf offenbar Töpfe gewesen, aber Henkel hatten sie auch nicht. Ein anderer Krieger des Stammes der Comanchen, der sonst wenig hervortrat, war jetzt beschäftigt, auf einem Herde von Steinen kunstgerecht ein Feuer zu entzünden. Der »pomadige Waschbär« war sein Name. Ein stiller Jüngling mit grübelndem Blick, von langsamen Bewegungen und vorsichtigem Tun. Er beschäftigte sich in seinen freien Stunden nicht ohne Geschick mit physikalischen und chemischen Experimenten und war schon damals fest entschlossen, einstmals den ungebräuchlichen Beruf eines Chemikers zu ergreifen. Als Krieger stand er nicht gerade in hohem Ansehen, desto brauchbarer aber zeigte er sich auf jenem Gebiete der angewandten Chemie, das man Kochkunst nennt. Das Feueranmachen nun trieb er mit besonderer Kunst und Sorgfalt, denn es durfte nicht rauchen. Früher, in der guten alten Zeit, hatte man sich wenig darum gekümmert und wahrhaft pomphafte Rauchsäulen zum Himmel aufgesendet. Das hatte aber unerfreuliche Folgen gehabt. Einmal hatte dies einen Feldhüter hergeführt, der oben am Feldrand, wie Zeus aus der Wolke, ohne daß die Comanchen ihn und er sie sehen konnte, schreckliche Beleidigungen ausgestoßen hatte, indem er diese tapferen Krieger durch die Bezeichnung »Rümdriewer« und »infamtige Snäsels« in ihrer Ehre gekränkt und mit der Macht des Gesetzes gedroht hatte, und ein ander Mal war durch dieses Schauspiel das Bleichgesicht oder der weiße Teufel, nämlich der Bahnwärter, von seiner Strecke herbeigezogen worden, der ihnen so wie so nicht grün war, und hatte nicht minder ehrenrührige Worte gebraucht wie »Snappenlicker« und »Bambusen« und allerlei törichte Redensarten von »Anzeigen« und »up'n Puckel kamen« von sich gegeben. Beide aber waren Vertreter der Gesetzesmacht und sehr zu fürchten, deshalb hatte man das Feuerholz jedesmal still auseinander gezerrt, bis der Rauch verschwand, und der pomadige Waschbär hatte die Kunst ausgebildet, Feuer ohne Rauch zu machen. Entbehren konnte man es nicht; denn ein Indianerlager ohne Feuer ist wie ein Messer ohne Klinge und wie eine Rose ohne Duft, kurz ohne jede Poesie. Als das Feuer nun durch vorsichtiges Drauflegen dünner und allmählich immer stärkerer, ganz trockener Hölzer zu einer stillen, mächtigen Glut gekommen war, füllte der pomadige Waschbär den schwarzen Blechtopf mit Wasser, nicht ohne ein Stückchen Soda hineinzutun, setzte ihn auf einige Steine, die aus der Kohlenglut hervorragten, und beauftragte den Gehilfen, den er angelernt hatte, das Feuer vorsichtig weiter zu unterhalten. Auf dem großen Steintisch hatten verschiedene der Comanchen Papierpäckchen mit gemahlenem Kaffee und Stückenzucker, die sie mitgebracht hatten, niedergelegt, Kolonialwaren, nach deren Herkunft wohlweislich nie gefragt wurde; diese prüfte der pomadige Waschbär mit Kennermiene und schüttete den Inhalt der Päckchen auf zwei Blechteller. Er fand die Menge ausreichend, füllte dann den kunstreichen, auf gemeinsame Kosten angeschafften Kaffeetrichter sorgsam durch eines der kleinen Blechgefäße, die man Lot nennt, weil sie gerade ein Lot des kostbaren Stoffes fassen, und setzte ihn auf die rundliche Madame aus Bunzlau, die, mit einem zufriedenen Glanzlicht geziert, breit und behaglich dastand. Als das Wasser kochte, ergriff er den schwarzen Blechtopf mit zwei bereitliegenden Lumpen an den Henkeln und brühte den Kaffee auf, allmählich nachgießend, alles mit so großer Sorgfalt und pomadiger Wichtigkeit, als hinge das Gelingen eines chemischen Experimentes davon ab, das einen neuen, noch unbekannten, aber ungemein wertvollen Stoff zutage fördern sollte. Ein lieblicher Geruch nach Kaffee verbreitete sich und malte einen Zug von Behaglichkeit auf die Gesichter der Comanchen, die alle um den großen Stein herumhockten oder lagerten, nachdem sich jeder einer der invaliden Tasten oder Töpfe bemächtigt hatte. Ich vermißte den zappelnden Wieting und fragte nach ihm. »P!« sagte der borstige Igel, »das angelt, das sitzt egal weg am Glimmerglas oder am Gila und angelt Wietings. Manchmal kommt ihm da aus Versehen ein Gründling dazwischen oder ein Rotauge, aber meist sind es Wietings. Darum heißt er ja auch so. Aber schnurrig ist es, wenn er angelt, dann zappelt er gar nicht. ›Sah nach dem Angel ruhevoll, kühl bis ans Herz hinan,‹ wie in dem Gedicht von Schiller steht in unserem Lesebuch.« »Goethe!« wagte ich verbessernd zu bemerken. »P!« sagte der borstige Igel etwas entrüstet, »das ist ganz egal, wie die Kerls heißen, die die Gedichte für unser Lesebuch gemacht haben. Sie hätten das lieber ganz lassen sollen. Nun müssen wir die alten Dinger bloß auswendig lernen.« Der pomadige Waschbär schickte nun seinen Gehilfen, einen jüngeren Krieger, »das weiße Kaninchen«, herum, den Kaffee einzuschenken, denn mit seiner Würde vertrug sich das nicht. Sahne gab es nicht dazu, denn die Comanchen waren Männer und tranken dies Getränk schwarz. Auch bedeutete es im Grunde gar keinen Kaffee, denn sein offizieller Titel war »Feuerwasser«, weil das indianermäßig klang und weil sowohl Feuer als Wasser bei seiner Bereitung eine erhebliche Rolle gespielt hatten. Die offene Hand war im allgemeinen behäbig und schweigsam, das Reden besorgte sein Unterhäuptling, der borstige Igel. Da dieser nun aus einer Familie stammte, in der und in deren Bekanntenkreise alles großartiger, feiner und besser war als in irgend einer anderen Familie der bewohnten Erde, da seine Eltern, seine Geschwister, seine Onkel und Tanten, Vettern und Kusinen alle Genies waren und alle, die mit ihnen in Berührung kamen, durch den Glanz ihrer Vollkommenheit blendeten, und da in dieser gottbegnadeten Familie Mann, Weib, Knecht, Magd, Vieh und alles, was ihr war, von Vollendung triefte, sowohl nach der guten als nach der bösen Seite hin, denn man kann nicht allein mit Licht, sondern auch mit Schatten ruhmredig sein, so war er nie in Verlegenheit, was er zu sagen hatte, denn es konnte nichts vorgebracht werden, was nicht von irgend einem Mitgliede oder Freunde oder Vieh seiner Angehörigen schon viel besser gekonnt oder getan worden war. Unterdessen war mit geringerer Feierlichkeit als vorhin die Friedenspfeife wieder in Gang gebracht worden, und während diese herumging und der pomadige Waschbär eine zweite Auflage des Kaffees vorbereitete, entstanden allerhand Unterhaltungen. Das Stadtgespräch bildete zurzeit gerade der Konkurs eines Stückgut- und Materialwarenhändlers, der vor einem Jahre einen Laden aufgetan und durch seine eigentümlichen Geschäftsgewohnheiten eine ungeheure Kundschaft an sich gerissen hatte. In diesem Laden war alles und jedes billiger und dabei ebenso gut oder besser als in irgend einem anderen. Bezaubernde Don Juans bedienten das weibliche Geschlecht, insonderheit die Dienstmädchen, mit unbeschreiblicher Galanterie, das männliche mit unterwürfiger Höflichkeit und die Kinder mit dem Wohlwollen des besten aller Onkel. Bewunderungswürdig durchgebildet und abgestuft war das System der Zugaben in diesem Laden, und niemand verließ ihn, ob er nun für drei Taler oder drei Pfennige gekauft hatte, ohne einen entsprechenden Ehrendank, wobei ausgesprochenen Wünschen ein bereitwilliges Entgegenkommen gezeigt wurde. Einige schworen darauf, wenn man in diesen Laden trete und sich nur erkundige, wieviel die Uhr sei, oder wann der Zug nach Hamburg ginge, oder wieviel ein Brief nach Berlin koste, so gäbe es eine Handvoll Boltjes zu. Ach, ob es wohl noch Boltjes gibt, jene dunkelbraunen, dreieckig pyramidenförmigen Urbonbons, die so bezaubernd nach gebranntem Sirup und nach dem Materialwarenladen schmecken? Die Inhaber ähnlicher Läden in der Stadt kamen aus Empfindungen, die ein Gemisch von sittlicher Entrüstung mit Ärger über schlechten Geschäftsgang darstellten, gar nicht mehr heraus und waren mit anderen weisen, erfahrenen und kopfschüttelnden Leuten der Meinung: Keinen guten Gang geht das nicht. Sie behielten recht; nach einem großen Schleuderausverkauf zur Erweiterung des Geschäfts ging die Sache glänzend zugrunde, und der Inhaber wurde wegen betrügerischen Bankerotts verhaftet. Das war also das augenblickliche Stadtgespräch, und das weiße Kaninchen, dessen Vater als Advokat in die Sache eingeweiht war, wußte als Neuestes zu berichten, daß es sich um einen Fehlbetrag von vielen Tausenden handle. So etwas wie sittliche Entrüstung malte sich bei dieser Kunde in den Zügen des borstigen Igels, und sein Haar sträubte sich zornig empor: »P!« sagte er mit unbeschreiblicher Verachtung, »das ist gar nichts: Als mein Onkel Emil in Amerika Konkurs machte, da handelte es sich um Hunderttausende, und das waren Dollars. Er hatte sich in Patentmedizin verspekuliert. Hunderttausend Dollars im Jahr gab er allein für Anzeigen aus, und doch ging's schief. Das machte ihm aber gar nichts aus, und nach zwei Jahren war er schon ganz gut wieder auf dem Damme, diesmal mit Glanzwichse. Mein Onkel Emil sagt, nirgends wird so viel Wichse verbraucht wie in Amerika, weil sich die Nigger jeden Morgen den ganzen Leib wichsen lassen, um fein auszusehen, und wenn der Amerikaner nicht Geschäfte macht oder an der Bar steht, läßt er sich egal weg unten die Stiefel wichsen, und oben liest er die Zeitung.« Dieser Onkel Emil schien mir, wenigstens was die Gewohnheiten der Nigger betrifft, ein Spaßvogel zu sein, allein im Konkursmachen war er den einheimischen Pfuschern jedenfalls überlegen. Das weiße Kaninchen aber fuhr fort zu erzählen: »Als nun bei Krempelmeier alles so furchtbar billig wurde bei dem Ausverkauf, da hatte mein kleiner Bruder, der noch bei Thiemig in die Vorschule geht, gerade von seinem Paten ein Achtschillingsstück geschenkt gekriegt. Und ging hin und kaufte sich für das ganze Geld Johannisbrot und Stangenlakritzen und Bruchschokolade und Sandzucker und setzte sich auf den Torfboden und aß den ganzen Kram mit einmal auf, denn er wollte mal sehen, wie das tut, wenn man sich von so was satt ißt. Es bekam ihm aber gar nicht schön, denn er kriegte furchtbares Leibweh und wurde ganz krank, und der Doktor mußte kommen und sagte, es wäre gastrisch, und er hätte 39 Grad Fieber. Den hat Krempelmeier auch auf 'm Gewissen, na, heut geht's ihm ja schon wieder besser.« »P!« sagte der borstige Igel, »so'n bißchen gastrisches Fieber mit 39 Grad, davon spricht man doch gar nicht. Mein ältester Bruder, der jetzt in Berlin ist, hat mal das Nervenfieber gehabt mit 42 Grad, und sie mußten ihn immer in ganz kaltes Wasser stecken, damit er bloß nicht inwendig aufbrannte. Der hat überhaupt alle Krankheiten gehabt. Mit 'ner Augenentzündung kam er schon auf die Welt und mit dreiviertel Jahren wurde er von Zahnkrämpfen so steif wie ein Brett, und mit anderthalb Jahren starb er an der Lungenentzündung. Das heißt, sie glaubten alle, er wäre tot, er hatte aber noch zu viel vor von dieser Art, darum kam er wieder zu sich und kriegte mit drei Jahren die Röteln, mit vier die Masern und mit fünf das Scharlachfieber. Und dann wurde er lahm und konnte nicht ordentlich hören, das gab sich aber wieder. Dann fing es im siebten Jahre mit der Bräune an, und die hatte er bis zu seinem neunten Jahre alle Augenblick mal. Und wenn er eine Erdbeere oder einen Krebs aß, hatte er gleich das Nesselfieber. Einmal hatte er eine Krankheit, die es gar nicht gab. Der Doktor kannte sie nicht und sagte, es müsse eine ausländische Art sein. Der sagte überhaupt immer, wenn er zu was neuem gerufen wurde: ›Na, das hattest du wohl noch nicht in deiner Sammlung?‹ Als er das Nervenfieber kriegte, war er siebzehn Jahre alt, aber vorher hatte er noch dreimal die Grippe und dann das Asthma und dann den Veitstanz. Als er diesen hatte, hat er nach und nach so viel Arsenik eingenommen, daß man vier Gespann Pferde damit hätte vergiften können. Er hat überhaupt oft mehr von Medizin gelebt als von Essen und Trinken. Nach dem Nervenfieber hat er noch ein Vierteljahr gequient, und dann ist er gesund geworden und schön und kräftig, und hat ihm bis jetzt nie wieder was gefehlt. Er ist Kaufmann geworden, und weil er immer für das Elegante war, hat er sich der Tuch- und Seidenbranche zugewendet, hat die Handelsschule in Leipzig besucht und spricht französisch und englisch wie Wasser. Jetzt ist er in dem berühmten Seidenhause von Peter Michel \& Co. in Berlin.« »Was macht er denn da?« fragte das weiße Kaninchen, das offenbar diese Geschichte ebenso wie wir noch nicht kannte. »Er repräsentiert!« riefen die übrigen Comanchen im Chor, und einige gaben ein törichtes Gelächter von sich. »P!« machte der borstige Igel entrüstet. »Was der Bauer nicht kennt ... Dummheit lacht! ... Jawohl, er repräsentiert das alte, berühmte, vornehme Geschäft und bedient nur die vornehmste Kundschaft, die Gräfinnen, die Baroninnen und die reichen Bankiersfrauen. Wenn mein Bruder sie bedient, dann kaufen sie alles, was sie sollen, und mehr, als sie wollen. ›Herr Kullerhahn, Sie sind ein Juwel!‹ hat sein Chef erst kürzlich zu ihm gesagt. In dem Kreise der Comanchen lief wieder ein höchst törichtes Lachen um, zusammengesetzt aus höhnischem Grunzen und ironischem Gemecker, und dazwischen klang es im Chor: »Herr Kullerhahn, Sie sind ein Juwel! Hei, dor sitt'n Brümmer anne Wand, Brümmer anne Wand, Brümmer anne Wand! Herr Kullerhahn, Sie sind ein Juwel!« Der borstige Igel wurde sehr zornig. »P!« fauchte er und hätte vielleicht noch was hinzugefügt, allein der zappelnde Wieting kam plötzlich aus dem Gebüsch hervor, setzte seine Angelrute und ein flaches, etwas schmieriges und triefendes Zigarrenkistchen beiseite und sagte: »In einer Viertelstunde kommt der Abendzug, es ist Zeit! Als ich dort unten am Gila saß und angelte – die Lachse bissen wie verrückt heute abend – kam das Bleichgesicht, der weiße Teufel, und kuckte über den Uferrand überall herum. Er sah mich nicht, und da ihr auch gerade still wart, merkte er auch nichts von euch. Er schien falsch zu sein – ihr habt ihm wohl wieder seinen Kies vertrampelt. Dann drohte er mit der Hand und sagte was, was ich nicht ganz verstand, aber es klang wie: ›Verfluchtige Bengels ...‹ und ›... anzeigen‹ ›... mal wissen, wat 'ne Hark is ...‹ Wir müssen heut gleich hinter dem Abendzug über die Bahn wutschen, sonst lauert er uns noch auf!« Man sah das ein, und während der zappelnde Wieting seinen aufgehobenen Kaffee trank, wurde schnell alles weggeräumt und in Ordnung gebracht. Dann schlich sich die ganze Gesellschaft einzeln, auf dem geheimnisvollen Wege, nach dem Ende des Tales und lauerte, vom Gebüsch gedeckt, auf den fälligen Abendzug. Ein vorgeschickter Späher sah, daß der Bahnwärter, bereits mit der Fahne in der Hand, vor seiner entfernten Bude stand, um zur rechten Zeit seines Dienstes zu warten. Ein leises Summen kam aus dem Boden und verstärkte sich allmählich. Dann hörte man über das Feld her ein eiliges Rattern und Pusten, eifrig, hastig und immer lauter, und ehe man es gedacht, sauste mit schmetterndem Donnergeklirr der Zug vorüber. In den hinter ihm auswirbelnden Staub hinein schlüpften wir eilig über die Schienen und ihr niedriges Kiesbett, und ehe der deckende Zug dem Feinde die Aussicht wieder freigegeben hatte, waren wir hinter einer niedrigen Bodenwelle seinen Blicken entschwunden. 11 Die Zusammenkünfte an dem tief eingeschnittenen Mönkweder See, dem Glimmerglas, wie wir ihn nannten, fanden wöchentlich zweimal statt, am Montag und am Donnerstag von 5 bis 7½ Uhr etwa, und wir nahmen von nun ab an allen diesen Sitzungen teil. Dieser Ausdruck ist nicht ohne Absicht gewählt, denn es zeigte sich, daß die guten alten Sitten schon ziemlich dahin waren und der geschäftliche Teil, also die Waffenübungen und Kampfspiele, kurz das eigentliche Indianerwesen, eine immer geringere Rolle spielten. Die Sitzungen um den großen Stein bei dem Wigwam, mit Kaffeekochen, Eierkuchenbacken und Knackwurstschmäusen, und das Rauchen von Friedenspfeifen wurden die Hauptsache. Der pomadige Waschbär brachte sogar, schon das zweite Mal, als wir teilnahmen, einen schwarzbraunen Bitterschnaps mit, den er nach einem berühmten Rezept in seinen chemischen Retorten destilliert hatte. Der furchtbare Geschmack dieses teuflischen Mördertrankes verhinderte, daß durch ihn größeres Unheil angerichtet wurde, denn jeder, der davon trank, hatte seinen ganzen Männerstolz und das volle Maß seines indianischen Gleichmutes nötig, die Gefühle zu verbergen, die dieses grausame Getränk in ihm erzeugte. Es zog den Mund zu einem schraubenförmigen Gebilde zusammen und füllte die Augen mit Tränen. Als die beiden berühmten wirklichen Indianerhäuptlinge, »die blutige Hand« und »der geriebene Fuchs«, einmal in Washington an einem Diner teilnahmen, sahen sie, wie zum Roastbeef eine Schüssel mit einem gelblichen Brei herumgereicht wurde, von dem sich alle nur sehr wenig nahmen. Sie hielten dies darum für ein sehr kostbares Gericht und füllten sich davon ordentlich auf ihre Teller. Der geriebene Fuchs verhielt sich abwartend, die blutige Hand aber führte sofort einen Eßlöffel voll der kostbaren Delikatesse zum Munde. Da diese nun aber aus dem schärfsten englischen Senf bestand, so waren seine Gefühle unbeschreiblich, und er mußte seine ganze indianische Kraft in der Ertragung von Körperqualen aufbieten, um seinen Gleichmut zu bewahren, konnte jedoch nicht verhindern, daß einige große Tränen an seinen Wangen herabliefen. »Mein Bruder, warum weinst du?« fragte der geriebene Fuchs mit lauernder Miene. »Es war das Lieblingsgericht meines Vaters,« sagte die blutige Hand mit Gefühl, »und ich mußte dabei seiner gedenken, der vor einem Jahre im Arkansas ertrank.« Der geriebene Fuchs ließ sich betölpeln und nahm ebenfalls einen Löffel voll des teuflischen Breies. »Mein Bruder, warum weinst du?« fragte nach einer kurzen Weile die blutige Hand. »Ich weine darum, weil es mich schmerzt, daß du damals nicht mit ihm im Arkansas ertrunken bist.« Mehr oder weniger mit ähnlicher Würde benahmen sich die Comanchen, besonders die offene Hand. Er goß den fürchterlichen Saft hinter, versuchte mit Glück, der unwillkürlichen Schraubenbewegung seines Mundes den Ausdruck inniger Befriedigung unterzulegen, sah sinnend vor sich hin und sagte, als er die Herrschaft über seine Sprachwerkzeuge wieder erlangt hatte: »Melodisch!« Aber obwohl dies in allen Geschmacksachen sein höchstes Urteil bedeutete, verlangte er nicht nach einem zweiten. Der borstige Igel, der sich anderswo zu tun gemacht hatte, war zufällig der letzte, der dran kam. Er goß das Getränk mannhaft hinab, und als er endlich so weit war, die Lippen wieder aneinanderpressen zu können, sagte er natürlich: »P!« und fuhr nach einer kleinen Erholungspause fort ... »Das ist noch gar nichts. Mein Onkel Emil hat einen, der ist noch hundertmal bitterer. Den trinkt er, wenn er Hamburger Aalsuppe gegessen hat, oder wenn ihm sonst mal nicht so recht extra ist. Das ist ein Männergetränk und furchtbar gesund. Aber auf einem Bein kann der Mensch nicht stehen!« Damit hielt er sein Glas zum zweiten Male hin, und der pomadige Waschbär schenkte ihm schmunzelnd wieder ein. Uns stand aber heute noch eine zweite Überraschung bevor, denn der zappelnde Wieting wickelte aus einem sehr feuchten Packpapier jene schmierige tropfende Zigarrenkiste aus, die uns schon bei der letzten Zusammenkunft aufgefallen war, und setzte sie auf den Tisch oder vielmehr auf den Stein des Hauses. »Was ist denn das?« fragte jemand. »Anchovis!« sagte schamhaft der Wieting, »selbstgemachte!« Es stellte sich heraus, daß er in ein paar Tagen diese Weißfische zusammengeangelt und sauber mit viel Salz, Pfeffer und Lorbeerblättern in einer Zigarrenkiste eingemacht hatte. Die offene Hand nahm den Deckel ab. »Na, aussehen tun sie ganz richtig,« sagte er billigend. Dann witterte er mit der Nase drüber hin; es roch nach Pfeffer, Lorbeerblatt und Zigarrenholz und gab daneben einen eigentümlichen Duft von sich, den man wohl, milde ausgedrückt, pikant nennen konnte. »Es war ein bißchen warm in den letzten Tagen!« sagte die offene Hand ahnungsvoll. Der zappelnde Wieting verstand ihn nicht ganz und meinte, die oberen wären vielleicht noch nicht ganz durch, die unteren hätten aber schon länger gezogen, die müßten schon ganz echt sein. Er holte die Gabel und den Teller herbei, denn diese Geräte kamen nur in der Einzahl vor, räumte die oberen Fische ein wenig beiseite, holte die Ungeheuer der Tiefe hervor und legte sie auf den Teller. Der pikante Duft mehrte sich und stieg empor wie eine Opferwolke für den Gott der Fliegen. Der Teller ging herum, aber niemand wollte heran an das scharfe Gericht, was den zappelnden Wieting tief betrübte. Nur dem borstigen Igel, der unterdes in seinem törichten Großmannsdusel schon den dritten großen Bittern mit der heuchlerischen Miene der Genußsucht hinunter gegossen hatte und einen Duft von sich gab, wie eine Apotheke, war der Geruchs- und Geschmackssinn so betäubt, daß er ohne weiteres einen der verhängnisvollen Fische am Schwanze ergriff und ihn tapfer kauend hinuntergleiten ließ. Er hatte sich aber fast zu viel zugetraut, denn da das Tierchen mit der schärfsten Salzlake getränkt und ganz in Pfeffer gehüllt, aber inwendig noch ganz roh und, wie gesagt, schon ein wenig sehr pikant war, so hatte er seine ganze Kraft und seinen ganzen Männerstolz nötig, es hinunterzuwürgen. Und schrie: »Das Biest ist noch nicht tot, es beißt noch. Es muß ertränkt werden. Auf drei Beinen kann der Mensch nicht stehen!« Und ließ sich den vierten Bittern einschenken. Als er diesen hinter sich hatte, sagte er: »P! Pikant ist noch ganz was anderes!« Dem zappelnden Wieting aber wurde aufgegeben, seine Delikatessen wieder in die Zigarrenkiste zu tun und sie an einer möglichst entlegenen Stelle zu begraben, an einem Ort, wohin weder Sonne noch Mond scheint. Zuvor aber wurde ihm die Wahl gestellt, entweder drei dieser Fische selber zu essen oder eine halbe Stunde am Marterpfahle zu stehen. Er wählte ohne Besinnen den Marterpfahl und zog traurig ab, seine Toten zu begraben. Der borstige Igel war unterdes ganz still geworden; er druckste vor sich hin und sah krampfhaft in die Ferne. Zuweilen, wenn er sich nicht beobachtet glaubte, zog sich sein Mund gewaltig in die Breite, und er schauderte zusammen, als ob seltsame und traurige Gefühle in ihm wach würden. Endlich ließ er sich eins der mit Wasser gefüllten Tönnchen reichen und trank es in einem Zuge fast leer. »Der Fisch muß ersäuft werden!« stammelte er dann. »P! Pikant ist noch ganz anders. Mein Onkel Emil ...« Und dann erhob er sich ohne jeglichen Grund, aber sehr blaß und schwankte davon. »Aber abseits, wer ist's? Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, Hinter ihm schlagen Die Sträuche zusammen. Das Gras steht wieder auf, Die Öde verschlingt ihn. Ach, wer heilet die Schmerzen Des, dem Balsam zu Gift ward.« Als er nach längerer Zeit wieder zurückkehrte, war sein Wesen gedämpft und elegisch, und seine Züge trugen den Ausdruck der sanften Schwermut eines, der um einer guten Sache willen leidet. An dem folgenden Nachmittage am Anfang des Junis ward das Stiftungsfest des Stammes begangen. Um diese Zeit vor zwei Jahren hatten sich einige unternehmende Quintaner, deren einzelne noch jetzt »aktiv« waren, hier den ersten Wigwam erbaut und diese Jagdgründe in Besitz genommen. Reden sollten am Beratungsplatz gehalten werden, ein Wettschießen und Kampfspiele sollten stattfinden, und den Beschluß sollte eine festliche Orgie bilden mit Brauselimonade, Eierkuchen und Knackwürsten. Da dies natürlich einige Kosten machte, so war eine Umlage ausgeschrieben von acht Schillingen für jeden Krieger, was bei den trübseligen Taschengeldverhältnissen der meisten nur in den ersten Tagen des Monats zu ermöglichen war und auch wohl auf die Lage dieses Festes einigen Einfluß ausgeübt hatte. Der kunstreiche Bieber kam mit seinem Lieblingsvorschlage, den Abend durch eine ungeheure Kanonade zu beschließen. Er habe schon für die Kanonenschläge ein Dutzend geschnürte Hülsen, mit geleimtem Bindfaden umwickelt, so allmählich fertig gemacht, es fehle nur die Pulverfüllung und die Lunten. »Na, und wie das knallen wird zwischen den hohen Ufern!« Dieser Gedanke hatte natürlich etwas Berauschendes, und einen würdigeren Abschluß solcher Feier konnte man sich nicht denken. Doch die Besonnenen waren dagegen, denn diese geräuschvolle Unternehmung hätte allzusehr die Aufmerksamkeit auf unser schon sowieso bedrohtes Paradies gelenkt und den Feinden einen erwünschten Grund gegeben, uns gänzlich daraus zu vertreiben. Erst vor kurzem hatten wir von unserem Wigwam aus eine Unterredung des weißen Teufels mit dem Feldhüter angehört, worauf dieser zum See hinabgestiegen war und überall die Gegend durchsucht hatte, natürlich ohne unseren geheimen Schlupfwinkel zu entdecken, zumal da wir uns mäuschenstill verhielten. Schließlich, nachdem er die Umgegend mit beleidigenden Redensarten erfüllt hatte, zog er unverrichteter Sache wieder ab. Wir wagten aber an diesem Abend nicht, diesen Ort an der gewohnten Stelle zu verlassen, sondern machten uns einen großen Umweg am See entlang bis zu dem Dorfe Mönkwede, wo wir den öffentlichen Bahnübergang benutzten und auf der Chaussee zur Stadt zurückkehrten, denn wir fürchteten, anders in einen Hinterhalt zu fallen. Auch wurde beschlossen, von jetzt ab immer diesen beschwerlichen Umweg zu wählen, um unbemerkt und unbeobachtet von Bleichgesichtern und Genossen an Ort und Stelle zu gelangen. Am Nachmittage des festlichen Tages boten die tapferen Krieger der Comanchen einen sehr friedlichen Anblick dar, als sie einzeln und in kleinen Trupps, die sich unterwegs zusammengefunden hatten, die Chaussee nach Mönkwede entlang wanderten. Eine Neigung zu der friedlichsten aller Wissenschaften schien sie alle gleichmäßig zu beseelen, denn ein jeglicher war mit einer stattlichen Botanisierkapsel ausgerüstet. War das doch die unausfälligste Art, den nötigen Proviant, vor allem den »Schaumwein des weißen Mannes«, nämlich die Brauselimonade, zu befördern. Es darf nicht verschwiegen werden, daß auch an diesem geheiligten Tage das eigentliche Indianerwesen jämmerlich zu kurz kam. Zunächst wurde der zappelnde Wieting verurteilt, acht Tage lang den Namen »der duftende Anchovis« zu führen, und dann, an den Marterpfahl gebunden, seine Strafe zu verbüßen. Doch nach einem kleinen Kriegstanz um ihn herum, mit Tomahawkschwenken, wurde diese ihm, zur Feier des Tages, in Gnaden erlassen. Die Reden am Beratungsplatz waren zwar sachgemäß, aber kurz und ohne Feuer; die Friedenspfeife ging nur einmal herum. Das Wettschießen und das Lanzenwerfen nach dem Ziel wurde mit Nachlässigkeit betrieben und die Kampfspiele ohne rechten Ernst. Diese litten offenbar darunter, daß das Kriegsgeheul untersagt war, und ohne dieses sind indianische Kämpfe wie eine Suppe ohne Salz und ein Hahn ohne Schwanz, der nicht krähen kann. Zudem verloren wir durch den doppelten Umweg über eine Stunde der kostbaren Zeit, und auch dies trug dazu bei, daß alle diese Formalitäten in Hast und Eile erledigt wurden. Endlich saßen und lagerten wir alle wieder um den großen Stein herum, und bei jedem stand die invalide Tasse oder das henkellose Töpfchen, die heute zu dem hohen Range von Schaumweinkelchen erhoben waren. Um jede Störung zu vermeiden, war allen aufgegeben worden, sich der gedämpften Rede zu befleißigen, was der ganzen Sitzung etwas Geheimnisvolles, Feierliches und Verschwörermäßiges gab. Leider mußten wir heute auch des festlichen Lagerfeuers entbehren, denn der pomadige Waschbär traute sich nicht zu, die heutige Leistung ohne Rauchentwicklung zu bewältigen, und hatte darum eine große Flasche voll Spiritus mitgebracht, aus der er mit dem Kaffeemaß immer so viel in einen Blumentopfuntersatz gab, als für einmal nötig war. Es war sehr hübsch zu sehen, mit welcher Feierlichkeit und Abgemessenheit er abwechselnd Mehl und Wasser in die große Kaffeekanne gab und mit dem einzigen Holzlöffel durcheinander rührte, wie er dann mit Geschicklichkeit die Eier am Rande der Kanne anklopfte und ihren Inhalt hineinschlüpfen ließ, wie er weiter mit der nachdenklichen Miene eines Weisen und fühlenden Fingerspitzen das Salz hinzu tat und schließlich triumphierend einen mitgebrachten Quirl hervorzog und die Masse kräftig durcheinander wirbelte. Sein Gehilfe, das weiße Kaninchen, saß unterdes mit nicht minderem Gefühl seiner Wichtigkeit da und schnitt Speck in schöne, weiße und gleichmäßige Scheiben. Und welch ein köstlicher Duft erhob sich, als dieser in der sehr schwarzen und fettglänzenden Pfanne freundlich prätzelte, und ward noch schöner, als sich mit verheißungsvollem Geschrei der weiße, flüssige Teig aus der braunen Kanne über die schwarze Pfanne verbreitete, sich sofort an den dünnen Rändern lieblich bräunend. Wenn sämtliche Mäuse aus der ganzen Umgegend jetzt ihre Schnüffelnäschen unter dem Gebüsch hervorgestreckt hätten, würde sich niemand gewundert haben, so schön roch es. Als der erste Speckpfannkuchen nun gewendet und fertig war, ließ ihn der pomadige Waschbär auf den Teller gleiten, und das weiße Kaninchen brachte ihn dem Häuptling dar. Dieser teilte ihn mit Weisheit und Gerechtigkeit in acht Teile, und jeder nahm sich von dem wandernden Teller das seine, indem er sich seiner ihm angeborenen fünfzinkigen Gabel mit Geschicklichkeit bediente. Dann ging das weiße Kaninchen herum und legte auf jeden Platz eine Knackwurst von dem berühmten Garschlachter Wildau in der Schmiedestraße und füllte die Tassen und Töpfchen mit dem köstlichen, schäumenden Trank. Dazu zirpten die Eierkuchen des fleißigen Waschbären in der Pfanne, ringsum sangen die Grasmücken im Gebüsch, die Ammern am Feldrand und die Lerchen aus der Höhe. Die Rohrdrossel am Seeufer warf ihr knarrendes: »Karre, karre, karre, karre, kiek, kiek!« dazwischen, die Zweige und Blätter flüsterten im leichten Wind und ließen runde Sonnenkringel zwischen ihren Schatten auf dem flachen Steine tanzen, und die drei schwarzen Eingänge der Wigwamshöhlen starrten wie die geöffneten Rachen hungriger Ungeheuer auf uns hin. Der pomadige Waschbär war bald genötigt, die Kaffeekanne zum zweiten Male mit dem köstlichen Teige zu füllen, und als er dann wieder zu backen begann, trat ein Zwischenfall ein, der uns anfangs mit Besorgnis erfüllte, denn auf der Höhe über uns, bei dem großen Holunderbusch, ließen sich Stimmen vernehmen. Wir beruhigten uns aber bald, denn aus dem Gespräch der beiden ging hervor, daß es wahrscheinlich zwei Tagelöhner waren, die auf dem Felde bis zur Dunkelheit zu tun hatten und nun im Begriff waren, im Schatten des Holunderbusches ihr Vesperbrot zu verzehren. Sehen konnten wir sie nicht, aber der zappelnde Wieting oder vielmehr der duftende Anchovis, der alle Schliche dieser Gegend kannte, wand sich wie eine Schlange zwischen und unter dem Buschwerk an dem Abhang empor bis an einen undurchdringlichen Dornstrauch, der aber durch eine Lücke unter ihm einen Blick hinter den Holunderbusch werfen ließ. Er kam bald wieder herunter und bestätigte unsere Vermutung. »Ich war so dicht heran,« sagte er, »daß ich den einen mit einem kurzen Stock hätte pieksen können. Die wissen übrigens von nichts.« Die beiden Männer hatten sich eine Weile stillschweigend mit ihrem Speck und Brot beschäftigt; da sagte der eine plötzlich: »Du, wo rükt dat hier einmal nach Pannkauken, Pussehl, rükst du dat nich?« »Ja, wat du seggst, Vadder Milhahn, na Pannkauken rükt dat.« »Un richtigen Speckpannkauken is dat, seggst du nich ok, dat is Speckpannkauken?« »Ja, den'n Geruch na is dat Speckpannkauken, Vadder Milhahn.« »Nu frag ick man, wo kann dat hier na Pannkauken rüken. Dei Sak is nich richtig. Segg mal, glöwst du an dei Ünnerirdschen?« »Ja, dat is nu so'n Sak, uns' Pastor will dat jo nich lieden. Un dor segg ick man: Kann sien, kann nich sien, kann äwer ok doch sien. Vertellt ward dor jo naug von.« »Du weißt doch, ick bün ut Teschow, un diße Geschicht hett min oll Mudder oft naug vertellt. Dei hett dei beiden Knechts noch kennt, as sei 'ne lütt Diern wäst is. Dor is up't Feld so'n lütten Barg mit grote Stein un Durnbüsch up, dei heit dei Kläterbarg. Un mang dei Stein sünd son'n Löcker as Voslöcker, dor säten dei Ünnerirdschen noch hüt in wahnen. Dor sünd nu mal twei Knechts wäst, dei hebben dor pläugt, un wenn sei üm den lütten Barg rümkamen sünd, denn hett dat dor ümmer so schön na Pannkauken raken. Un as dei ein Knecht dor nu werre ran kümmt, un em dei Geruch inne Näs sticht, dor hett hei so för sick hen seggt: ›Ach, wenn'k doch ok so'n Pannkauken harr!‹ Un as hei nu ganz ran is, dor steiht dor'n Töller mit ein'n wunderschönen Pannkauken up. Dor hett hei dacht, wat kann dor sien, un hett em upäten, un hett em ok tau un tau schön smekt. Un hett seggt: ›Ick bedank mi ok välmals!‹ un hätt'n Schilling ute Tasch krägen un em up den Töller leggt. As nu nahst dei anner Knecht dor vörbi kamen is, hett dor richtig werre'n Töller mit'n Pannkauken stahn. Na, hei nich ful un frett em up. Na, nu is dei Slag, wo sei pläugt hebben, jo'n Braakslag wäst, un dor sünd bet tauletzt dei Käuh up gahn. Un dei Knecht is jo nu'n Snäsel wäst un hett sick so'n andrögten Kauhpannkauken upsöcht un den'n up den Töller leggt. Un hett ›Prost!‹ seggt un hett sick hägt, wat dat för'n feinen Witz wir. Is em äwer hellschen slecht bekamen un is em gahn as den afnähmen Mand un hett allerhand Suchten krägen, un tauletzt is hei so sachten indrögt. Den annern Knecht is dat äwer gahn as den taunähmen Mand un hett'n Kopp krägen as 'ne Körbs, un Kraasch as'n Bull, un mit'n Sack Weiten is hei tau Bähn danzt, as wenn't Kaff wir. Pannkaukens hebben bei Ünnerirdschen äwer nich eins werre hinsett'. – Ne, wo dat einmal blot schön rükt, ick krieg ollig'n Jieper up Pannkauken.« Als sich diese Geschichte dem Ende näherte, unterhielten wir uns pantomimisch. Ich hatte den Anfang gemacht, und alle ahmten es nach. Man deutete auf den Eierkuchen, der sich gerade seiner Vollendung entgegenbräunte, dann auf den Teller, dann auf den duftenden Anchovis, und dann ließ man die deutende Hand den Abhang emporsteigen bis zu dem Orte, wo die beiden Leute saßen. Der duftende Anchovis begriff, und seine Augen funkelten. Er deutete auf den Eierkuchen, den Teller und sich und kroch dann symbolisch den Abhang hinauf. Allgemeines heftiges Kopfnicken belohnte seine Findigkeit. Und als nun oben der brave Pussehl, um auch seine Kenntnisse in diesem Fach zu beweisen, die schöne Geschichte von dem einbeinigen Unterirdischen erzählte, der so gewaltig schnell laufen konnte, schlängelte sich unser Abgesandter mit seiner Liebesgabe wie ein Aal den Abhang hinauf und schob durch die kleine Lücke in den dornigen Zweigen den Teller auf den Rasenfleck, wo die Leute saßen. »Ich mußte mich so lang machen wie 'ne Made,« sagte er nachher. Dann verkroch er sich dort. Pussehl aber erzählte gerade: »Un dat Gedränk in den schönen Kraug smeckte den Buern ok tau schön. Un as hei nu seeg, wat för lütte, korte Beinen de Ünnerirdsche man harr, dat Krötending wir jo man drei Kees hoch, dor dacht hei: ›Ach wat, du neihst em ut mit den schönen Kraug!‹ Un reet ut as Schaaplerre. Dor makt dat lütt Wruck äwer ein grugeliges Geschricht, un dor keemen dei annern rut ut den Barg as so'n Immenswarm un all achter em an. Mit sin langen Schinken künnen sei äwer kein'n Stich hollen, blot ein wir dorbi, dei harr man ein Bein un sär tau sin Bein: ›Ein Bein, loop!‹ Un donn hüppt hei los as so'n Flöh, un't duert ok nich lang, donn is hei em dicht up dei Hacken. Dei annern äwer schreegen ämmer: ›Einbein, loop doch! Einbein, loop doch!‹« Der zappelnde Wieting aber, dem die Geschichte zu lange dauerte, raschelte und knisterte in dem Gebüsch und pfiff durch die Zähne wie eine Maus, worauf sich Vater Milhahn plötzlich umsah und die spannende Geschichte seines Genossen mit dem Ausruf unterbrach: »Den Dunder, wat's dit! Dor steiht jo'n Pannkauken!« Tiefe Stille folgte für uns diesem Ausruf, und selbst der zappelnde Wieting konnte nichts verstehen, da sich die beiden guten Leute, durch dies geheimnisvolle Wunder bedrückt, nur im Flüstertone miteinander verständigten. Endlich kroch er leise wieder näher und sah durch das Loch. Der Teller war verschwunden, und da für ihn von den beiden Leuten nur der untere Teil des Rückens sichtbar war, so konnte er nicht sehen, womit sie sich beschäftigten. Nach einer Weile hörte er das leichte Klappern eines kleinen Geldstückes und zog den Kopf weg wie eine Schildkröte, die sich in ihre Schale verkriecht. Als er aufs neue hinzusehen wagte, stand der Teller wieder da, aber ohne Pfannkuchen. Er wartete noch ein Weilchen, dann schob er sich sachte vor, und es gelang ihm, den Teller fast lautlos wegzunehmen. Es lag ein Schilling darauf, den er mit lautlosem Kichern in seine Westentasche steckte. Als er sich nun sachte zurückzog, mußte er doch wohl ein kleines Geräusch dabei gemacht haben, denn plötzlich sagte die eine Stimme: »Warraftig, dei Töller is weg! Pussehl kumm, mi is dat hier tau grugelich. Will'n Enning wiere gahn, bet an dei Iserbahn, un uns dor upp dat Äuwer setten. Dor ward sick dat Kropptüg doch woll nich hen trugen. Ne, sowat! An'n hellen, lichten Dag! Na, nu sall mal einer kamen un seggen, dat gift kein Ünnerirdschen mihr«. Damit gingen sie schwerfällig davon, und der zappelnde Wieting rutschte vergnügt, so schnell er konnte, den Abhang hinab. »Zappelnder Wieting,« sagte der Häuptling feierlich und mit gedämpfter Stimme, »sei uns gegrüßt! Der duftende Anchovis ist versenkt für ewige Zeiten im Glimmerglas, wo er am tiefsten ist. Räudiger Hund soll der heißen, der dich je wieder so nennt. Also haben wir beschlossen in feierlichem Rat. Ich habe gesprochen!« »P!« wollte der borstige Igel schon sagen, allein er besann sich und ertränkte seine Bemerkung in Brauselimonade. Die anderen aber erhoben ihre Schaumweinkelche und murmelten: »Zappelnder Wieting, sei uns gegrüßt!«, tranken ihm zu und benutzten die wieder aufsteigende Kohlensäure, um sehr eindrucksvoll: »Hugh!« zu sagen. Da wir nun durch den großen Umweg, den wir zu machen hatten, so viel Zeit verloren, so konnte zum Abschluß der Orgie nur noch eine Friedenspfeife geraucht werden, dann räumten wir alles beiseite und wanderten mit unseren Botanisierkapseln, in denen nur noch leere Flaschen klapperten, am Seeufer entlang nach Hause. Am nächsten Zusammenkunftstage fand in der Schule vormittags in der Freiviertelstunde ein großes Palaver statt, denn der pomadige Waschbär, der zuweilen auch der pomadige Vernunftskasten genannt wurde, hatte den Vorschlag gemacht, dieses Fest als einen Abschluß zu betrachten und den Stamm der Comanchen aufzulösen. Oder man solle diese so unerträglich behinderten und jetzt auch schwierig zu erreichenden Jagdgründe aufgeben und in eine andere Gegend ziehen, wo eine Störung durch verdammungswürdige Bleichgesichter nicht zu befürchten sei. Der Redekampf wogte in einer Ecke des Schulhofes, während alle dabei zwischendurch heftig in ihre Frühstücksbrote bissen und ihre Meinungen mit vollem Munde von sich gaben, heftig hin und her, bis der Häuptling den Ausspruch tat, diese Frage könne nur nachmittags an Ort und Stelle entschieden werden, und eine große Beratung in Aussicht stellte. Dann läutete die Schulglocke und trieb uns alle in die Räume des alten Klosters zurück. Am Nachmittag fanden wir uns auf dem Wege schon zufällig alle zusammen und kamen gemeinsam auf dem Beratungsplatze an. Wir beschlossen aber, heute gleich zu Anfang das Wigwam aufzusuchen und an diesem sicheren und verborgenen Orte unsere Beratungen abzuhalten, denn ein seltsames Gefühl der Unsicherheit beherrschte uns alle seit den letzten Ereignissen. Der zappelnde Wieting in seinem Feuereifer war wie gewöhnlich voran, wir jüngeren Krieger folgten auf dem Schleich- und Kriechwege, und zuletzt kamen die Bedächtigeren, am Schluß der Häuptling. Als Adolf und ich uns dem Wigwam näherten, sahen wir den zappelnden Wieting dort stehen, die Hände zum Himmel erhoben, als flehe er die Götter um Rache an. »Hugh!« sagten wir beide einstimmig, als wir sahen, was sein Herz also bewegte, und: »Hugh!« rief das weiße Kaninchen, das uns folgte. Ja, da zeigte es sich so recht, daß wir alle echte Indianer waren, denn alle, die da kamen, sagten weiter nichts als: »Hugh!« und starrten dann schweigend auf das Entsetzliche. Nur der borstige Igel war wie immer nicht befriedigt. Doch, als er begann: »P! Das ist noch gar nichts! Mein Onkel Emil ...« da ward er gleich niedergezischt und ihm mit dem Marterpfahl gedroht. »P!« sagte er und schwieg verächtlich. Unser Wigwam war nicht mehr. Oben von dem Holunderbusch her hatte der Feind den Abhang herab einen Gang durch das Gebüsch gehauen, und man sah an den verwelkten Blättern der Zweige, daß dies schon vor einigen Tagen geschehen sein mußte. Dann hatte er dort vandalisch gehaust. Unsere kunstreich geflochtenen Hütten im Gebüsch waren auseinandergerissen und die Dächer herabgezerrt worden. Dabei hatte man die Verstecke mit unseren Waffen und Geräten gefunden. Unsere trefflichen Tassen oder Schaumweinkelche und die altehrwürdige Kaffeekanne lagen in Scherben auf dem großen Stein verstreut, und in den weißlichen Aschenresten eines aus allem Verbrennlichen errichteten Scheiterhaufens waren die traurigen Reste unserer Bogen, Tomahawks, Schilder und sonstigen Waffen zu erkennen, sowie die unverbrennlichen Augenschutzgitter unserer vortrefflichen Federkronen. Ein Attila und ein Peter Arbues hatten sich verbündet, unser Heiligtum zu vernichten und zu schänden. Einer plötzlichen Eingebung folgend lief der zappelnde Wieting nach einem Dornbusch, unter dessen überhängenden Zweigen eine kleine Höhle in den Abhang gegraben war, in der die größten Kostbarkeiten aufbewahrt wurden. Er wälzte den Stein beiseite, der sie unauffällig verschloß, und zog mit einem halb unterdrückten Freudenschrei den Sack mit der Friedenspfeife und dem echt indianischen Tabaksbeutel, sowie den vortrefflichen Kaffeetrichter hervor. Freude malte sich auf allen Gesichtern, daß wenigstens diese Heiligtümer und Kostbarkeiten gerettet waren. Nun konnten wir unsere letzte Beratung wenigstens unter den gebräuchlichen Formen abhalten. Doch nicht an diesem Ort der Zerstörung, der einem neuen Einbruch des Feindes wehrlos offen stand, sollte sie stattfinden, nicht im Anblick der Trümmer ruhmreicher Waffen und anderer Zeichen einstmaligen Glanzes, nein, wir zogen uns auf die Mitte unseres Schleichweges zurück, wo es ein kleines, freies Plätzchen gab, von allen Seiten geschützt und gedeckt und nur dem Kenner geheimnisvoll verborgener Pfade zugänglich. Wir hockten dort im Kreise, und mit feierlicher Wehmut ward die Friedenspfeife entzündet und ging herum. Vergänglichkeit alles Irdischen bedeutete ihr Rauch. Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe! sprachen die leichten Wölkchen, die sich durch das Laubdach kräuselten und in dem unendlichen Meere der Luft spurlos verschwanden. Unterdes redeten die Comanchen mit gedämpften Stimmen, teilten sich Beobachtungen mit, sprachen Vermutungen aus und häuften Beleidigungen auf die Häupter der Feinde. Dann hielt der Häuptling eine schöne Rede. Er sprach von dem alten Ruhm des Stammes, von der Fülle seiner Taten und der Tapferkeit seiner Krieger. »Wo sind die Pawnees?« fragte er dann. »Sie schmolzen hinweg vor der Macht unseres Stammes, und was erblickt nun die Sonne, die auf jene herrlichen Jagdgründe schaut? Wogende Wipfel und wehendes Gras, aber die Pawnees sieht sie nicht. Ihre Lagerfeuer sind erloschen, ihre Pfeife dampft nicht mehr, und ihre Spuren sind verweht. Sollen auch wir dahinschwinden vor der Tücke und der Macht ruchloser Bleichgesichter? Comanchen, tapfere Krieger, sagt, was soll geschehen?« Ein dumpfes, unbestimmtes Gemurmel erhob sich, nur der borstige Igel war gleich bei der Hand: »P!« sagte er, »das ist doch ganz einfach! Rrrache! fürchterliche Rache!« »Die Macht des Feindes ist groß!« sagte ernst der Häuptling, »und hinter ihm steht das finstere Ungeheuer, der herzlose Dämon der Bleichgesichter, den sie das Gesetz nennen. Auch wißt ihr es: der große Geist will uns nicht wohl, und die höheren Mächte werden nicht mit uns sein. Ich habe gesprochen!« Das war allerdings sehr richtig, denn unter dem großen Geist wurde der Direktor verstanden, dem das ganze Indianerwesen ein Greuel war, und unter den höheren Mächten die Väter, die von der Pflege indianischer Tugenden bisher sehr wenig Vorteile gesehen hatten. »Ascher pack in, dei Markt is ut,« sagte der pomadige Waschbär, nüchtern wie immer. »Gah na Hus, min Jung, di früst, gah na Hus, min Jung, un warm di! Wat nich is, dat is nich!« Mit diesen drei landläufigen Redensarten traf er allerdings den Kern der Sache, doch fand die Rede wenig Beifall. Der kunstreiche Biber hatte aber schon längst mit den listigen Äuglein gefunkelt, und nun rief er dazwischen: »Ich denk', nun wär' es Zeit!« »Wozu wäre es Zeit, kunstreicher Biber?« fragte der Häuptling würdevoll. »Nun, zum Bombardement von Sebastopol!« sagte der kunstreiche Biber. »Zwölf Kanonenschlaghülsen hatte ich schon fertig, und gestern habe ich die dreizehnte gemacht, die ist 'mal so groß wie die andern, von dicker Pappe und mit Sacksband umwickelt und doppelt geleimt. Die ist für den Schluß, wenn der Malakow in die Luft springt. Na, das wird ballern! Es fehlt nur noch das Pulver.« »Wie denkst du dir das, kunstreicher Biber?« fragte der Häuptling. »Na, wenn ich das Pulver hab' – für 'n Dahler gehört da aber woll zu – denn füll' ich die Hülsen und mach' an jede eine Lunte – ich kann welche machen, die ganz langsam brennen – und die sind alle verschieden lang, so daß die Schläge nach und nach losgehen, wenn die Lunten auch alle zugleich angesteckt werden. Und dann werden sie so rund herum gelegt, daß die Lunten alle in einem Punkt zusammentreffen wie die Schwänze von so'n Rattenkönig. Und auf die Stelle, wo all die Luntenenden übereinander liegen, wird Pulver geschüttet und das wird aufgebluckt, dann brennen sie alle mit einem Mal. Und wer das angesteckt hat, macht, daß er wegkommt. Dann dauert es eine Viertelstunde oder zwanzig Minuten, bis der erste Schuß losballert, und er kann schon weit weg sein. Und hier, wo wir sitzen, ist ein wunderschöner Platz dazu. Und übermorgen Abend kann's losgehen, aber wo kriegen wir nur das Pulver her?« In dem Grislybären, genannt die offene Hand, regte sich der Mäzen. Auch diesen letzten Abschiedsgruß an eine widerwärtige, feindselige Welt sollte der Stamm der Comanchen ihm zu verdanken haben, und der Taler in seiner Westentasche brannte ihm schon. Er warf ihn auf einen Stein, der im Grase lag, daß es klang, und rief: »Pulver genug, die Erde gegen den Mond zu sprengen! Nun, kunstreicher Biber, tu das Deine!« Allgemeines Beifallsgemurmel lohnte diese edle Tat, und verschiedene Finger krabbelten zaghaft in verschiedenen Westentaschen herum. Sie kamen zum Teil unter dem Seufzen ihrer Inhaber leer wieder zum Vorschein, doch klimperten immerhin noch einige Schillinge zimperlich auf den Stein. Der zappelnde Wieting stiftete sogar Vater Milhahns fettigen Pfannkuchenschilling, den er sich eigentlich zum Andenken hatte aufheben wollen. »Es langt reichlich!« sagte der kunstreiche Biber und steckte das Geld schmunzelnd ein, »aber wer hilft mir nun dabei? Machen will ich die Dinger gern, aber das Legen? Mich kennen sie hier alle wie einen bunten Hund, und wenn mich einer dabei sieht? Der weiße Teufel und das andere Bleichgesicht wissen sogar, wie ich heiße. Es ist solche Sache!« Ich stieß Adolf an, und er nickte mir zu. Wir erboten uns dann als die jüngsten, den Bleichgesichtern noch unbekannten Krieger, die in der kurzen Zeit, die sie dem Stamme angehörten, noch wenig Gelegenheit zu ruhmreichen Taten gefunden hätten, dieses Abenteuer zu bestehen. Wir wären zwar junge Comanchen, aber alte, erfahrene Krieger – ein Murmeln des Beifalls ging durch die Runde – und würden dem Stamme Ehre machen. So war denn diese Angelegenheit zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt, und es schien mir fast, als wenn sich niemand zu dieser Ehre gerade drängte, besonders nicht der kunstreiche Biber, der, zwar an Anschlägen reich, bei der Ausführung immer gern im Hintergrunde blieb, und ebenso wenig der pomadige Waschbär, der überhaupt nichts für den Plan übrig hatte und immer nur murmelte: »Das schöne Geld, das schöne Geld, für so'n Unsinn.« * * * Wir haben später erfahren, daß der Pfannkuchen der Unterirdischen der Tropfen gewesen war, der den Zorn der uns feindlich gesinnten Bleichgesichter zum Überlaufen gebracht hatte. Die beiden Arbeiter hatten ihr wundersames Abenteuer noch am selben Abend dem Bahnwärter erzählt, und der Feldhüter war darüber zugekommen. Was uns nun aber als ein feiner Spaß erschienen war, hatten sie als einen gemeinen dummen Streich aufgefaßt, und ihren freien, aufgeklärten Geistern hatte es höchlichst mißfallen, daß wir mit dem Aberglauben dieser einfachen Leute ein nach ihrer Meinung frevelhaftes Spiel getrieben hatten. »Na, dei Oart Ünnerirdschen kenn ick!« hatte der Feldhüter gesagt. »Dat is nu äwer dat letzte Mal wäst. Dor ward morgen 'n Sticken vör stäken!« Am anderen Tage hatte er sich ein Handbeil mitgebracht und war mit dem Bahnwärter in unser Wigwam eingebrochen. Mit unseren Jagdgründen war es nun für immer vorbei, aber dafür, daß wir nicht klanglos von ihnen schieden, sorgte der kunstreiche Biber in emsiger Tätigkeit. Wie er sich die nötige Menge Pulver verschafft hatte, war sein Geheimnis, aber als wir ihn nach der Verabredung am Tage der Tat, mit unseren Botanisierkapseln ausgerüstet, in seiner Wohnung aufsuchten, war alles bereit. Er führte uns in eine Kammer im Hofgebäude, die seine Werkstatt war, denn er war ein Basteler, der alles konnte und alles machte, und hier hatte er ganz sein Reich für sich. Dort lagen die Kanonenschläge auf einem Tische sauber bereit, ein jeder mit dem aus ihm hervorkommenden Zündfaden umwickelt, daneben ein Schächtelchen mit losem Pulver. Ehe der kunstreiche Biber dies alles in unsere Kapseln verstaute, legte er soweit wie möglich von dem Tische entfernt ein übriges Stück Zündfaden auf den Fußboden und schüttete auf beide Enden ein wenig Pulver. »So, nun seht mal nach der Uhr und paßt auf, wie lange es brennt, dies Stück ist gerade so lang wie der Zündfaden des ersten Kanonenschlages, und so lange er brennt, so lange habt ihr Zeit, um möglichst weit wegzukommen von dem Ort.« Damit zündete er das eine Häufchen Pulver an, und der Faden begann sachte zu glimmen. Während er einpackte, sagte er dann: »Die Schläge sind alle mit Rotstift numeriert. In dieser Reihenfolge legt ihr sie und, so weit es geht, auseinander und die Fäden so, daß sie alle auf einen Punkt zusammentreffen, na, ihr wißt ja. Du hast Nummer eins bis sieben, und du hast Nummer acht bis dreizehn. Und dann paßt mal auf, wie Nummer dreizehn ballern wird. Ich habe gestern noch eine Lage Sacksband drumgeleimt. Wenn die Bleichgesichter den hören, fallen sie auf den Rücken.« Wir empfanden alle die geistige Vorfreude dieses Genusses mit hoffnungsreicher Seele und widmeten uns dann der Beobachtung des glimmenden Funkens, der wie das langsam kriechende Verderben auf das Pulverhäufchen an seinem Ende zuschlich. Zehn Minuten waren bereits vergangen, und die Mitte des Weges war überschritten. »Die Sache funktioniert, was?« sagte der kunstreiche Biber. »Jetzt könntet ihr schon wieder dicht bei Mönkwede sein.« Dann verkürzte er uns die Langeweile, auf das schleichende Fünkchen zu warten, durch immer wiederholte Anweisungen und Mahnungen, unsere Sache gut zu machen. »Und seht zu, daß ihr vor dem Regen fertig werdet, denn heut abend kommt ein Gewitter, gegen das können wir nicht anballern, und die Lunten könnten auch auslöschen.« So schwatzte er, bis endlich nach achtzehn Minuten das kleine Pulverhäufchen aufbluckte. »Fein berechnet, was?« sagte er. »Jetzt könnt ihr schon gut in Mönkwede sein und nachher harmlos auf der Chaussee spazieren gehen und zu den anderen Comanchen stoßen, die dasselbe tun. Und wir sind alle aus Krivitz und wissen von nichts, wie es in der Geschichte heißt von Krischan Kiwitt.« Unsere Zeit war gekommen, und zwei harmlose Jünger der Botanik wanderten sittig die Chaussee entlang und neben dem Dorfe Mönkwede an den See hinab, scheinbar voller Begier, die Geheimnisse seiner Uferflora gründlich zu erforschen. Es war ein schwüler, heißer Nachmittag; die zwischen den hohen Ufern eingeschlossene Luft lag träge über dem See, und die Sonne stach wie mit glühenden Messern. An dem gegenüberliegenden Ufer hatten sich Wolken über Wolken zu einem schimmernden Gebirge getürmt und sahen lauernd über die Hügel, die Schmetterlinge taumelten verschlafen umher, die Vögel sangen wie im Traum, und dicht über dem Seespiegel schwangen sich unzählige Schwalben hin und wieder, zuweilen die Brust ins Wasser tauchend und im Fluge einen Trunk nehmend. Ferne Geräusche, wie das Rollen eines Wagens oder Hundegebell, schallten zuweilen mit seltsamer Deutlichkeit herüber, und doch wußte man, es war weit ab. Eine lauersame Stimmung hatte sich überall verbreitet, die Welt wartete auf etwas. Wir hielten uns tapfer dazu, und als wir den Teil des hohen, buschbewachsenen Ufers erreicht hatten, den wir unsere Jagdgründe nannten, eilten wir auf unseren verborgenen Pfaden, so schnell wir konnten, an den bestimmten Ort. Wir packten in fieberhafter Tätigkeit unseren künstlichen Kanonendonner aus, wickelten die Zündschnüre ab und suchten alles nach Vorschrift zu legen, so gut wir konnten. Das hatte wegen des beschränkten Raumes seine Schwierigkeiten, aber wir brachten es fertig. Die Enden der Zündschnüre wurden sauber übereinandergelegt, das Pulver aus dem kleinen Schächtelchen darauf geschüttet, und nun konnte es losgehen. »Wo sind die Schwefelsticken?« fragte Adolf hastig, »hast du die Schwefelsticken?« »Nein!« rief ich, »hast du sie nicht?« Wir waren in Verzweiflung. Im letzten Augenblick sollte der so sorgfältig angelegte Plan zu Schanden werden. Wir durchsuchten noch einmal die Botanisierkapseln, fanden aber nichts, wir bohrten krampfhaft in allen Taschen herum, obgleich wir genau wußten, daß keine Streichhölzer darin sein konnten, natürlich vergeblich. Wir grübelten in fliegender Hast nach Möglichkeiten, uns schnell Feuer zu verschaffen. Wir hatten jeder ein Taschenmesser, dessen Rücken als Stahl dienen konnte, und Feuersteinsplitter gab es genug in der Gegend. Adolf war schon fort, um einen zu suchen, und kam bald damit zurück – aber der Zunder fehlte. Da fiel mein Auge auf die Zündfäden am Boden. Ich stieß ein unterdrücktes »Ha!« aus und schnitt schnell mit dem Messer von einer der Lunten ein Endchen ab, legte es mehrfach zusammen, um die Zündfläche zu vergrößern, und drückte es mit dem Daumen auf den Stein. Dann pinkte ich, daß die Funken flogen, einmal, zweimal, dreimal, viermal, da glimmte es auf, und ein leichtes Räuchlein stieg empor. Nun hinauf damit auf das Pulver. »Flubb!« ging es in die Höhe. Wir überzeugten uns, daß sämtliche Zündfäden Feuer gefangen hatten, brachen dann gleichzeitig in ein fast lautloses Gelächter des Stolzes und des Triumphes aus, das den Magen wie ein Erdbeben hin und her schüttelte, und machten, daß wir weg kamen. Als wir eilig den Abhang hinabstiegen, hörte ich bei der schnellen Bewegung ein leichtes Klappern in meiner Botanisierkapsel. Wie man bei solchen aufregenden Gelegenheiten auf das Nächstliegende nicht zu kommen pflegt, so war es auch hier, und als ich das kleine, besonders verschlossene Nebenfach der Kapsel öffnete, lagen die Streichhölzer wohl in Papier gewickelt darin. Wir mußten wieder ungeheuer lachen, verfehlten dabei aber nicht, unseren Weg eifrig fortzusetzen. Die größte Schwierigkeit lag für uns darin, eine gemessene Gangart beizubehalten. Wäre es nach uns gegangen, wir hätten uns eines fördersamen Trabes bedient, doch das hätte Verdacht erregt, wenn uns jemand gesehen hätte. Wir schweiften sogar von Zeit zu Zeit in möglichst kühler Gelassenheit vom Wege ab, rupften heuchlerischerweise beliebiges Unkraut aus, das uns gar nichts anging, und stopften es in unsere Kapseln. Es war noch immer unerträglich schwül, obwohl die Sonne von dem aufsteigenden Wolkengebirge bereits verschlungen worden war und seine blaugrauen Massen mit schimmernden Kanten säumte; die Vögel schwiegen, und es war eine große Stille, als hielte die Welt erwartungsvoll den Atem an. Sie wurde nur unterbrochen, wenn in dem spiegelglatten, bleifarbigen See zuweilen ein Fisch sprang oder aus der fernen Wolkenbank ein leises Murren kam, gleich dem warnenden Knurren eines bösen Hundes. Adolf hatte nach der Uhr gesehen, als der zündende Funke fiel; es waren seitdem zwölf Minuten vergangen. Wir näherten uns jetzt dem Dorfe. Wir beschlossen, nicht den gewöhnlichen Fußsteig zu benutzen, der hier auf Mönkwede zuführte, sondern im Schutze des Ufers am See entlang bis hinter das Dorf zu gehen und einen zweiten Fußsteig zu wählen, der von der entgegengesetzten Seite hineinführte; das konnte am Ende nicht schaden. Fünfzehn Minuten waren vergangen, als wir diesen Weg erreichten. Diese grausame Stille schärfte die Aufregung unserer gespannten Erwartung in peinlicher Weise. Hätten doch der Wind gebraust und die Bäume gerauscht; wir waren ja schon dankbar für den Ton unserer eigenen Schritte. Sechzehn Minuten waren um, als wir mit einer gewissen Erleichterung das Dorf erreichten. Die Wolkenwand war noch höher gestiegen und rückte mit ihrem dunkelblaugrauen Kern und den helleren Rändern langsam vor, wie ein Riesenungeheuer, bereit, die Welt zu verschlingen; der Himmel hatte sich mit leichtem, faserigen Dunst bedeckt, und ein zorniges, lang andauerndes Brummen ließ sich vernehmen, wie das eines gereizten Bären. Unter der Tür eines alten Bauernhauses standen ein uralter Mann, eine ebenso alte, verhutzelte Frau und einige flachsköpfige Kinder, um ins Wetter zu schauen. »Kamt rin, Jungs! Kamt rin! Gliek is dat Wäre dor, un denn ward't ji gruglich natt. Kamt rin!« rief der gutmütige Alte. Schon um nicht aufzufallen, folgten wir ihm, auch gab das ein gutes Alibi, wie der gerichtskundige Mudrach gesagt haben würde. »Dat gift'n Wäre, dat gift'n Wäre!« sagte der Alte, als wir hinter ihm auf der Diele standen, »wenn't blot nich insleit.« »Bumm!« sagte in diesem Augenblick der erste Kanonenschlag, und ein lang nachhallendes Echo donnerte, von Ufer zu Ufer und von Bucht zu Bucht springend, über den See hin. Adolf sah nach der Uhr. »Neunzehn Minuten, fein!« flüsterte er mir zu. Die beiden Alten fuhren zusammen. »Dat's mal'n snurrigen Dunner!« sagte der Mann verblüfft, »un garnich dor, wo dat Wäre steht.« Er beugte sich vor nach der Richtung, woher der Knall gekommen war, aber dort sah er noch klaren Himmel. »Snurrig is dat!« »Bumm! Bumm!« ging es wieder, und ich erinnerte mich, daß es der dritte Zündfaden gewesen war, den ich um ein Endchen verkürzt hatte. Die Sache wirkte ja prachtvoll, und Adolf kniff mich vor Wonne so ins Bein, daß ich fast laut aufgeschrien hätte. »Dat sünd jo gorkien Dunners,« sagte der Alte, »dat sünd jo Kanons. Wat isse denn los? Dit's 'n Dunner!« rief er dann, als aus der Wolkenwand, schon etwas lauter als vorher, ein langanhaltendes Rumoren losging. Man konnte auf dem dunklen Grunde schon deutlich die Blitze niederfahren sehen, und ein zuckender Widerschein erhellte zuweilen die sanften Wolkenberge. »Bumm!« sagte es plötzlich wieder. »Du, Grotvadder«, sagte der älteste Flachskopf, »weißt wat? dor is gewiß werre 'n lütten Prinz geburen, dat knallt doch ok ümmer so.« »Ach, bu Dummbüdel,« sagte der Alte, »dei letzt' is doch ierst 'n vittel Johr her. So fix geiht dat nich.« »Ja, äwer bi 'n Großherzog!« sagte der Junge. »Ach wat, dor ward ok kein Utnahm makt!« »Bumm!« ging es wie zur Bestätigung. Der Alte wandte sich an uns: »Is denn hüt wat los inne Stadt? Dat sei scheiten up'n ollen Goren? Äwer up'n ollen Goren is dat nich, dat's neger!« Wir schüttelten mit dem Kopf und waren aus Krivitz und wußten von nichts. Unterdes rollten und grollten die Donner unaufhörlich in der Ferne, das Gewitter schien zu stehen. Bei unserer Batterie war offenbar etwas in Unordnung gekommen, vielleicht hatten die Funken des letzten Kanonenschlages die Zündfäden an anderer Stelle in Brand gesetzt, denn plötzlich ging es: »Bumm! Bumm! Bumm!« kurz hintereinander, und die Echos grollten mit dem Donner in die Wette über den See hin. Die alte Großmutter rief: »Huch!« und warf die Hände hoch. »Vadder!« rief sie, »dat sünd dei Franzosen! Eben hebben's sick ierst mit dei Russen wrangt, as du mi vertellt hest, dor bi'n Bastenpohl, un nu kamm wi an. Dei Natschon höllt jo kein' Frär nich. Weißt noch donn, as ehr Napoljohn noch leben dehr un wi noch jung' Lür wiren, dor hett dat ebenso ballert. Un weißt noch bei Inkwartierung? Luter so'n lütt gäle Taters, un dei futerten un zausterten as unklauk, wat kein Minsch verstahn künn. Un dat schöne Swartsuer wull'n sei nich äten un hebben 't up'n Meß schürrt!« Der Alte suchte sie zu begütigen, sie aber ließ sich nicht beirren und schwelgte weiter in ihren Erinnerungen: »Un donn sünd's hengahn un hebben unsen Hahn un all uns besten Häuhners den Hals ümdreiht, un dei hew'k ehr braden möst. Ach, du leiwer Gott, dat wirrn jo Swinkierls!« »Bumm!« sagte es wieder nach längerer Pause, und die alte Großmutter schrie wieder: »Huch!« und schlug die Hände vors Gesicht. Mit den vorletzten drei Schüssen ging es schneller, sie folgten in kurzen Zwischenräumen auf einander, das Gewitter nahte jetzt rasch heran, die Donner verstärkten sich und reihten sich zu Ketten. Wir hatten die Schüsse gezählt, und als es nun eine Weile still war, bis auf das unablässige Rollen im Gewölk, warteten wir mit unbeschreiblicher Spannung und nicht geringem Herzklopfen auf den Schluß. »Bautz!« ging es mit einem Male, es war ein ganz fürchterlicher Knall, den man als Erschütterung des Fußbodens zu spüren glaubte, und ein Echo wälzte sich hinter ihm her wie eine Herde Elefanten, die durch den Urwald brechen. »Dat hett inslan!« rief der Großvater, »dat wir kein Kanon, so kann jo kein Kanon ballern!« »Dei Franzosen, dei Franzosen!« kreischte die Großmutter, »nu is den Großherzog sin Sloß inne Luft flagen!« Aber die Aufmerksamkeit wurde bald abgelenkt, denn das Gewitter kam plötzlich heran. Aus dem dunklen Grunde, in dem die Blitze zuckten, löste sich ein Halbkreis heller, zerfaserter Wolken und sauste herbei, den Himmel schnell mit dichtem Dunst überziehend. Staubwolken liefen die Wege entlang, die Bäume beugten sich, eine riesige Silberpappel griff mit wilden grünen Armen in die Luft, ungeheure Regentropfen pufften in den trocknen Sand der Dorfstraße, und dann war der Gewittersturm heran und trieb uns mit einer Wolke von Staub und zersprühten Regentropfen auf das Innere der Diele zurück. In der Dunkelheit des fensterlosen Raumes leuchteten und zuckten grausam die Blitze, und endlose Donner rollten furchtbar dahin. Die Kinder schlugen die Hände vor's Gesicht und schrien, und die alte Großmutter zeterte unablässig von den Franzosen. Sie schien in angstvoller Begriffsverwirrung auch dieses Naturereignis der grausamen Tücke des Erbfeindes zuzuschreiben. Der Alte aber murmelte immer nur: »Wenn 't blot nich insleit, wenn 't blot nich insleit. Paßt up, dat sleit noch in!« Seine Furcht war wohl nicht unbegründet, und wer wie ich nach einem Gewitter auf einem Hügel neben dem Dorfe gestanden hat und es ringsum im ganzen Gesichtskreis hat brennen sehen, der weiß, was ein Gewitter auf dem Lande zu bedeuten hat. Der Wind hatte aufgehört, und der Regen brauste in dicken Strähnen lotrecht hernieder. Immer schneller aber folgten die kurzen, scharfen Donner den Blitzen, und zuweilen war es, als ob sie dort oben einem ungeheuren Wasserbottich den Boden ausschlügen, mit so vermehrter Gewalt sausten nach einem solchen nachhallenden Krach die Wassermassen hernieder. Wir konnten durch die geöffnete Kleintür des großen Dielentores gerade auf die große Silberpappel sehen, die im Regenschleier dastand und mit allen Blättern die wohltätige Feuchtigkeit aufsog. Da plötzlich ging etwas wie eine blendende Feuerkugel an ihr nieder, zugleich den Dielenraum mit grellem Lichte füllend, und fast zugleich geschah ein furchtbarer scharfer Knall, dem ein kurzes, schmetterndes Krachen folgte, als stürze ein Gerüst aus eisernen Schienen ein, und bei dem Nachzucken eines schwächeren Wolkenblitzes sah man, wie ein weißlicher Wasserdampf an dem Stamme emporstieg. Der Alte war verstummt und horchte nur angstvoll in den unsäglich herabstürzenden Regen hinaus, die Großmutter hatte die Hände gefaltet und murmelte alle Gebete, die sie wußte, vor sich hin, die Kleinen hatten die Hände vors Gesicht gelegt, um die Blitze nicht zu sehen, denn fast allen Kindern ist der Donner viel weniger schrecklich als das scharfe Leuchten des furchtbaren Himmelslichtes. Auch uns war, wenn ich es offen bekennen soll, mindestens etwas eigentümlich zumute, ungefähr so, wie damals in dem Hexenhause, als Jochen Nehls die Leiter nach dem Heuboden suchte, wo wir uns verborgen hatten. Aber bis auf das Rauschen des Regens und entferntes Donnergerolle blieb es, wie oft nach einer so starken elektrischen Ausgleichung, eine Weile ganz ruhig. Dann kam wieder ein Blitz, der den ganzen Raum durchleuchtete, und da ich mich meiner jungen Wissenschaft erinnerte, daß der Schall die Freundlichkeit hat, in einer Sekunde die bequeme Zahl von tausend Füßen zu durchlaufen, so fing ich an zu zählen. Ich kam bis sechs, als der polternde Donner anfing, durch die Wolken zu rollen. »Dat Wäre treckt af!« sagte ich beruhigend zu dem Alten. »Nich verraupen, nich verraupen!« sagte der Großvater. »Dei Oart kümmt werte. Äwern groten See, dor kann dat nich, un denn kiehrt dat mennigmal werre üm.« Wieder ein Blitz, schwächer als der vorige; ich zählte, und diesmal kam ich bis zehn. »Dat treckt würklich af,« sagte ich. »Schsch!« machte der Alte, »aftäuben!« Na, wir »täuwten« auch noch eine Weile, aber immer schwächer wurden die Blitze, und immer ferner rollten die Donner. Der Regen verrauschte, und in der Türöffnung stand eine große Helligkeit. Und mit einem Male war die Sonne da, sandte einen Strom von Licht bis in die fernsten Winkel des Raumes und ließ draußen die schrägen Perlenschnüre des Regens wie einen Vorhang fallender Funken niedergehen. Da hielt es uns nicht länger, wir mußten doch alle sehen, wie es der alten Silberpappel drüben auf der anderen Seite der Straße am Eingang des Dorfes ergangen war. Der alte Großvater schlürfte hinterdrein, und die Großmutter hatte sich den Rock über den Kopf genommen und kam auch mit, und die Kinder pantoffelten hinterher, unter großer Teilnahme für die ungeheuren Wasserlachen, die sich auf der Dorfstraße angesammelt hatten. Der Blitz hatte vom höchsten Ast, den Stamm hinunter bis zum Boden, von dem Baume einen breiten Streifen Rinde abgeschält, in den gelblich weißen Splint eine schmalere Rinne gegraben und ein tiefes Loch in den Boden geschlagen. Weißliche Späne und Rindenstücke lagen rings umher. Die Kinder nahmen daran wenig Anteil. Sie saßen bald auf einem Stein und zogen sich die Strümpfe aus, die Knaben krempten sich die Hosen auf, das Mädchen hob sein Röckchen auf, und bald waren sie eifrig beschäftigt, die Tiefe sämtlicher Pfützen sehr gründlich auszumessen. »Täuw, täuw!« sagte die Großmutter, »wenn Vadder un Mudder tau Hus kamen vonne Butenwisch, denn gift dat Schacht!« »Dorför gift nix!« sagte der Älteste zuversichtlich und offenbar berauscht von der Tatsache, daß ihm das Wasser der prachtvollen Pfütze, die er gerade vor hatte, bis über das Knie ging. »Lat ehr doch!« sagte der Großvater, der den Baum unterdessen genau besichtigt hatte. Dann fuhr er fort: »Dei Bom hett uns rerrt. Harr ebensogaud bi uns inslan künnt.« Dann sahen wir uns um. Der Regen hatte aufgehört, es ging ein frischer Wind, und die blaugraue Gewitterwand stand leise rumorend, aber unschädlich für uns in der Ferne und ließ sich den breiten Rücken geduldig mit einem doppelten Regenbogen bemalen. Der Alte hatte dann die Umgegend gemustert, die Hand über den Augen, und plötzlich sagte er: »Min Gott, dor brennt dat jo! Mudder, sühst du den Rook?« Diese wimmerte und sprach die Vermutung aus, daß die Franzosen dort wohl schon beim Sengen und Brennen wären. »Ach du, mit din dwatschen Franzosen! Inslan hett bat! Dor liggt Kirch-Stülow, dat kann äwer ok Hundörp sin. Min Gott, wat'n Rook, dat's 'n grot Füer!« Wir sahen hinter einem bewaldeten Hügel eine Rauchsäule aufsteigen, die sich vom Winde gedrückt in schweren Wolken seitwärts wälzte und sich allmählich in dem klaren Himmel verlor. »Wo is dat Füer?« fragten wir. »Dat kann in Stülow up'n Hof sin, dat kann ok sin, dat dat wo anners is. Dei Utsicht na is dat 'ne Schün, un väl Stroh is dor ok bi, süß künn' dat gor nich so dull brennen!« »Wo wiet is dat bet Stülow?« fragte ich. Wir hatten uns schon mit den Augen über einen gemeinsamen Gedanken verständigt. »Na, bei Scheseh lang, 'ne lütt Piep Tobak!« sagte der Alte. Das bedeutete im allgemeinen eine halbe Stunde, während »'ne gaur Piep Tobak« für eine ganze Stunde zu rechnen war. »Na, Adschüs un schön Dank ok!« sagte ich, »wi möten nu na Hus.« Wir gingen eilig durch das Dorf, wo sich überall die flachsköpfige Jugend auf der überschwemmten Straße mit wissenschaftlichem Ernst und nackten Beinen sorgfältigen Tiefenmessungen hingab, und als wir die Chaussee erreicht hatten, setzten wir uns in Trab und eilten in fördersamem Dauerlauf der Rauchsäule zu, emsig bestrebt, »dei lütt Piep Tobak« in eine »ganz lütte« zu verwandeln. Nach zwanzig Minuten hatten wir das erreicht und sahen nun die gewaltig brennende Scheune frei vor uns liegen. Das Feuer war wirklich auf dem Gutshofe von Kirch-Stülow, und wir bewunderten das sichere Urteil des alten Großvaters, denn die Glut war dadurch ungeheuer verstärkt worden, daß eine gewaltige Strohmiete, die sich haushoch hinter der Scheune aufbaute, mit in Brand geraten war und nun im brausenden Windzuge riesige Flammenzungen und qualmenden Rauch emporsendete und über das halb niedergebrannte Scheunendach, dessen glimmende Sparren, von kleinen Flämmchen beklettert, in die Luft starrten, einen unsäglichen Funkenregen dahinsausen ließ. Als wir auf den Gutshof kamen, herrschte dort ein fieberhaftes Treiben. Quer über den Hof fegte der unablässige Strom der Funken und beschoß das gegenüberliegende Viehhaus. Die Kühe waren zwar auf der Weide und kamen darum nicht in Gefahr, aber das stattliche, mit Stroh gedeckte Gebäude enthielt auch den Kornboden, und auf ihm lagerte noch fast die ganze vorjährige Ernte, viele tausend Taler an Wert, die törichter- und leichtsinnigerweise nicht versichert war. Kein weiteres Gebäude auf dem Hofe war gefährdet, nur gerade dieses, und als der Gutsherr das erkannte, hatte er einen Preis von 300 Talern ausgesetzt zur Verteilung an seine Knechte und Tagelöhner, wenn es ihnen gelänge, das Viehhaus zu retten. Diese arbeiteten nun natürlich wie die Wahnsinnigen. Schon war fast das ganze Dach mit allen vorhandenen Rappslaken bedeckt, und lange Leitern waren gegen die schräge Fläche gelehnt, auf denen Ketten von Knechten und Tagelöhnern die gefüllten Feuereimer von Hand zu Hand gehen ließen, um die deckende Leinwand stets feucht zu erhalten. Andere waren auf dem weniger geschützten Teile des Daches auf der Funkenjagd und eifrig bemüht, jeden Brandkeim eilig zu ersticken. So arbeiteten sie dort in sprühenden Funken und Rauch und heißem Gluthauch. Auf dem Hofe aber jagten die mit vier Pferden bespannten, auf Schlittenkufen stehenden Feuertonnen von der Scheune zum Teich und vom Teich zur Scheune, leer mit hohlem Gepolter und gefüllt mit hochaufspritzendem Wasserüberschuß. Der Gutsbesitzer stand, der besseren Übersicht wegen, auf einem Leiterwagen und donnerte mit Löwenstimme seine Befehle, und der Inspektor rannte überall herum, um deren Ausführung zu veranlassen und zu überwachen. Wir kamen in einem verhängnisvollen Augenblick auf den Hof, denn eben war das brennende Strohdach der Scheune niedergeschossen, umgab das halb niedergebrannte Gebäude wie ein flammender Wall und sprühte zugleich eine wahre Hölle von Funken aus. Zugleich fast war einer der Knechte, vom sogenannten »Stich« befallen, vom Pferde gesunken, hielt sich totenblaß die Seite und war zu jeglichem unfähig. Ein Arbeiter hielt die stampfenden Pferde. »Krischan möt von't Dack kamen!« rief eine Stimme, »ore Hinnerk von'n Diek!« »Dor sünd alle Mann nötig«, rief ein anderer, »un denn mit Jochen sin Pier kann hei man allein farig warden, dat sünd Deubels.« Adolfs Augen leuchteten. Das war sein Fall. Er war auf seines Vaters Gut noch mit jedem Gespann fertig geworden. Er warf seine Kapsel von sich, drückte die Mütze fester, nahm die Peitsche auf, die dem Knechte entfallen war, und dem Arbeiter die Zügel aus der Hand, und ehe es sich jemand versah, saß er auf dem Sattelpferde. »Kemm!« rief er, und fort stürmten die feurigen Tiere. Ich hatte einen der ledernen Feuereimer ergriffen und lief ihm eilig nach. Hinter mir her wurzelte der etwas krummbeinige Inspektor und schrie mich an, da Adolf schon zu weit voraus war: »Was ist das für'n Jung? Hat jawoll den Deubel im Leibe.« »Das ist Adolf Martens,« rief ich, »Sohn von Martens-Steinhusen!« »Alabonnöhr!« rief der Inspektor, »wenn er sein'n Vater sein Sohn is, denn mag's ja gehen.« »Und du?« »Reinhard Flemming!« sagte ich und wollte eben meine näheren Familienverhältnisse hinzufügen, als er mich unterbrach. »Ihr seid es!« sagte er und legte die Hand an seine Mütze, »na denn man los! Aber neugierig bin ich doch.« Das war ungeheuer ehrenvoll. Selbst bis hierher war unser Ruhm gedrungen. Unterdessen hatte Adolf den Teich erreicht, jagte bis zur Mitte hinein und lenkte dann die Pferde in schönem Bogen herum, daß sie wieder der Einfahrt zugewendet waren, und hielt. Die Pferde standen wie eine Mauer und nickten nur schnaubend mit den Köpfen. Ich war ihm gleich wieder nachgelaufen, rannte nun ebenfalls in den Teich und schloß mich den Leuten an, die in eiliger Hast bestrebt waren, mit ihren Eimern die stattliche Tonne so schnell wie möglich zu füllen. Das war eine Arbeit, die warm machte, obwohl man bis an den Leib im kühlen Wasser stand, denn kaum war Adolf mit seiner Wasserkufe davongejagt, kam schon eine zweite herbei gepoltert, und manchmal waren sogar zwei gleichzeitig zu bedienen. So ging es eine ganze Weile, und jedesmal, wenn Adolf wieder herankam, nickte er mir zu und sagte: »Fein! Was?« Die Wut des Feuers ließ endlich nach. Die gewaltige Strohmiete war bis auf den Grund niedergebrannt, der Wall des herniedergeschossenen Strohdaches war bereits glimmende Asche, von der Scheune waren beide Giebel eingestürzt, und es standen nur noch die niedrigen Umfassungsmauern, inwendig mit einer gewaltigen Glut gefüllt. Zugleich hatte sich der Wind gelegt und der Himmel neu mit Wolken bezogen, aus denen ein leiser Regen herniederging. Aus allen diesen Gründen hatte sich der Funkenregen gänzlich gelegt, das gefährdete Dach stand verlassen, und nur auf jeder Leiter hockte noch für alle Fälle eine Feuerwache. Alle anderen hatten sich mit den vorhandenen Spritzen und Feuereimern und einigen von den nächsten Dörfern herbeigeeilten Hilfsmannschaften dem Brandherde zugewandt und waren bestrebt, ihn mit soviel Wasser als möglich zu überschütten. Aufsteigende weißliche Wasserdämpfe zeigten an, daß diese Bestrebungen nicht ohne Erfolg blieben. Ich hatte Adolf schon seit einiger Zeit vermißt und wunderte mich darüber, da sah ich ihn plötzlich am Rande des Teiches stehen und mir winken. Ich lief zu ihm hin, und er sagte: »Es ist nun ein anderer Knecht frei geworden und hat mich abgelöst. Du bist auch nicht mehr nötig. Und der Gutsbesitzer hat mir die Hand geschüttelt und hat gesagt, ich wäre ein verdeuwelter Bengel und du auch, und wir sollten ihn doch mal besuchen. Im Juli, wenn die Kirschen reif sind. Und nun wollen wir machen, daß wir nach Hause kommen, es wird schon dunkel!« Auf der Chaussee setzten wir uns wieder in Dauerlauf und trabten durch den Regen dahin, während es in unseren Schaftstiefeln, die bis oben mit Wasser gefüllt waren, anmutig dazu qwutschte. Als wir an den Punkt gekommen waren, wo man zum letzten Male die Scheune frei liegen sehen konnte, blickten wir uns um. Aus den niedrigen Mauern stieg grauweißlicher Dampf empor, von unten rot durchleuchtet. Aus dem Menschengewimmel ringsum kamen die Bogenlinien des Wassers aus den ausgeschwenkten Feuereimern hervor, und über dem Ganzen schwebten die stetigen Strahlen der Feuerspritzen. Wir benutzten diese Pause, uns jeder auf einen Chausseestein zu setzen und das Wasser aus unseren Stiefeln zu schütten. Dann trabten wir um einiges erleichtert weiter. Der strömende Regen machte uns nicht viel aus, denn nasser, als wir schon waren, konnten wir kaum werden. Adolf meinte, ob es wohl was setzen würde, wenn wir so spät und in einem Zustande wie unausgewrungene Wäsche nach Hause kämen. »Dafür gibt's nichts!« sagte ich zuversichtlich. »Vater freut sich, wenn er hört, warum, und Mutter? Na, trocknes Zeug müssen wir anziehen, darauf mach' dich nur gefaßt.« »Na,« sagte Adolf, »freuen wird mein Vater sich ja auch, aber Schacht gibt's doch. Und Mutter wird gräßlich schelten. Und Tante Malchen nun erst? Horre!« Wir kamen im Dunkeln nach Hause und wurden, wie ich vorhergesagt hatte, aufgenommen wie die verlorenen Söhne. Wir mußten uns in ein trockenes Festgewand hüllen, und wenn auch kein gemästetes Kalb geschlachtet wurde, so kochte meine Mutter doch einen großen Topf voll Eierbier, und dazu verzehrten wir ungemein viel Abendbrot und mußten dabei von unseren Taten erzählen. Darüber geriet die von uns gefürchtete Frage nach der seltsamen Kanonade, die man in der ganzen Welt gehört hatte, in Vergessenheit. Das kurze, aber starke Gewitter mit seiner mächtigen Naturgewalt hatte unseren kleinen künstlichen Donner gleichsam nachträglich übertäubt. Auch in der Stadt hatte der Blitz eingeschlagen, einmal in eine uralte, riesige Weide am Seeufer und einmal in einen Kirchturm, doch ohne zu zünden. Er war unschädlich am Blitzableiter niedergefahren, und nur an einer Stelle, wo dieser beschädigt und unterbrochen war, hatte der überspringende Funke ein großes Stück aus einem Mauerpfeiler herausgerissen. So kam das Gewitter uns gleichsam zu Hilfe an diesem Abend, Fragen zu verhindern, die wahrheitsgemäß zu beantworten für uns einige Schwierigkeiten hatte. 12 Ja, nämlich sozusagen, posito , gesetzt den Fall!« sagte Mudrach zu mir, als er mir in seiner guten Stube auf dem alten Lehnstuhl gegenübersaß, und nachdem er mich eine Weile mit seinen fürchterlichen Augen ohne großen Erfolg durchbohrt hatte. Das war aber so gekommen. Als ich am Tage vorher nachmittags aus der Schule kam und vor einem kleinen Laden stehen blieb, in dessen Schaufenster unter der poetischen Inschrift: »Bilderbogen aus Neu-Ruppin sind zu haben bei Gustav Kühn« die neuesten Werke dieser berühmten Firma mit ihren koloristischen Wirkungen aus knallrot, eiergelb und blitzblau ausgehängt zu sein pflegten, und mir in Erinnerung jüngster Taten das Bombardement von Sebastopol betrachtete, auf dem eine stattliche Anzahl Granaten platzte, anzusehen wie an die Wand geworfene Eier, und aus fürchterlichen gelben Kanonen rote Siegellackstangen hervorkamen, mit schwarzgrauen Federwischen an ihrem Ende geziert, wo ein in die Luft fliegendes Pulvermagazin im Hintergrunde grasgrünes Russenklein in die Luft spie, während ich also ganz in dieses Meisterwerk volkstümlicher Kunst vertieft war, bemerkte ich, daß sich etwas dünnes, lang aufgeschossenes neben mich stellte und an dem danebenhängenden Sturm auf den Malakow eine gleiche Teilnahme zeigte. Ein Seitenblick zeigte mir, daß es Alwine Mudrach war. Sie legte aber die Hand auf den Mund und schüttelte mit dem Kopf, zum Zeichen, daß diese Zusammenkunft unter dem Schleier des Geheimnisses stattfinde, und sagte zu dem Offizier, der mit gezogenem Degen die Verbündeten zum Sturme führte: »Papa läßt dich sagen, du möchtest ihm doch morgen mal besuchen. Um dieselbe Zeit wie damals. In sein Haus!« »Schön!« sagte ich zu dem Kanonier, der die größte Kanone abfeuerte. »Und keinen was sagen. Keinen!« fuhr sie fort und legte die Hand auf den Mund. »Bong!« antwortete ich, denn das galt in der Schule für die feinste Beteuerung. Dann schwand sie hinweg, und als ich mich nach ihr umsah, war sie schon um die Ecke. So war es gekommen, daß ich Herrn Mudrach gegenübersaß und er mir folgende Rede hielt: »Ja, nämlich sozusagen, posito , gesetzt den Fall, es wäre hier in der Gegend ein See, und an dem See wäre ein hohes Ufer mit vielem Gebüsch, und darin hätten sich eventualiter gewisse junge Leute so quasi eine Räuberhöhle angelegt mit allerhand Geschirr und Kram und Flitzbogens und so was. Und posito , gesetzt den Fall, diese gewissen jungen Leute hätten dort allerhand Unfug betrieben mit Feuerböten und Indianerspielen und Schießen und Hauen und Stechen und schrecklichem Geheul und Bahndammzertrampeln und ehrliche Leute mit Pfannkuchen zum besten haben und all so was, so muß ich der Wahrheit gemäß die Aussage machen, daß mich das alles gar nichts angilt, denn es ist nicht mein Revier. Damit hab' ich absolutemang sozusagen gar nichts zu tun. Eventualiter aber könnten zwei andere gewisse Leute, die es mehr angilt, und wovon der eine Beamtenqualität hat und der andere so quasi eine Art von gerichtlicher Persönlichkeit vorstellt, es könnte also nämlich sozusagen eventualiter der Fall sein, daß sie sich so quasi an einen gewissen Polizeibeamten gewendet hätten, von wegen zur Anzeige bringen und gerichtlichem Nachspiel. Die Möglichkeit liegt vor, daß sie durch eine ganz insubordinationsmäßige Knallerei, die man in der ganzen Stadt gehört hat, zu diesem Entschluß animiert worden sein könnten. Es ist nun anzunehmen, daß der gewisse Polizeibeamte es für die Pflicht seines Amtes gehalten hat, sich alles genau erzählen zu lassen, und da könnte er eventualiter sein Urteil abgegeben haben. Nämlich sozusagen, mit der Knallerei, das wäre ein notorischer grober Unfug. Aber wo sind die Beweise? Es ist niemand gesehen, und Indiziums sind nicht gefunden worden. Es ist auch wahrscheinlich, daß der gewisse Polizeibeamte die gewissen anderen beiden Leute darauf aufmerksam gemacht hat, daß sie sich bei der Verfolgung dieser Angelegenheit selber haben Delikte zuschulden kommen lassen und sich gegen Paragraphen vergangen haben, die sozusagen unter die Rubrik Sachbeschädigung und böswillige Zerstörung fremden Eigentums fallen. Wer anderer Leute Wirtschaftsutensilien auf Steinen kaput schmeißt und Sachen, die ihm nicht gehören, mit Feuer verbrennt, das sind Gravamina! Da können sie eventualiter auf angezapft werden, und solche Überschreitung der Machtbefugnis könnte ihnen sozusagen sauer aufstoßen. Auf diese juristische Konklusion hin haben sie sich nun, wie zu vermuten steht, hinter die Ohren gekratzt und so präter propter die unmaßgebliche Meinung gefaßt, daß sie sich bei diesem Erkenntnis beruhigen wollten. Ja, nämlich sozusagen. Posito nun aber, gesetzt den Fall, ein junger Mensch von krimineller Begabung hätte dies alles auf irgend eine Art in Erfahrung gebracht, so würde er große Klugheit beweisen, wenn er darüber schwiege wie das Grab. Ja, sozusagen wie das Grab.« Dazu machte er Augen, als lägen alle furchtbaren Geheimnisse des Jenseits offen vor ihnen aufgedeckt, und als starrten sie in ein Gemisch von Verwesung, Höllenqualen, Grauen und Zerstörung. Dann senkte er milde ein wenig den Vorhang seiner Lider und fuhr mit sanfter Stimme fort: »Will aber mein junger Freund seinen ganzen Einfluß aufwenden, fernere Ungesetzlichkeiten dieser Art zu verhindern, so reiche er mir die Hand so quasi als Dokument.« Ich konnte dies um so freudiger tun, als sich der Stamm der Comanchen bereits aufgelöst und seinen Jagdgründen für immer Lebewohl gesagt hatte. Ich hatte somit gar keinen Anlaß, von meinen mir so vorsichtig eingeflößten Kenntnissen Gebrauch zu machen, und konnte die Angelegenheit ruhig ihrer natürlichen Entwicklung überlassen. Wir drückten uns also die biederen Rechten, und Mudrach wiederholte noch einmal feierlich: » In puncto puncti also nochmals: Wie das Grab!« Nach Erledigung dieser Förmlichkeit nahmen seine Züge wieder den Ausdruck menschlichen Wohlwollens an, und um seinen Mund lag ein schmunzelnder Zug wollüstiger Erinnerung. »Apropos, was ich sagen wollte. Nämlich die Wurst, weißt du wohl, die bewußte Wurst von der bewußten Dame. Alabonnöhr! Ich habe so'n altes Buch, wo ich manchmal 'n bißchen in lese, wenn ich sozusagen gar nichts anders zu tun hab', da steht drin, die alten Heidengötter hätten immer egal weg Ambrosia gegessen und Nektar dazu getrunken. Na, das weiß ich aber, hätten sie solche Wurst gehabt und solchen richtigen, alten, veritablen Korn, wie dazu gehört, dann hätten sie ihre Ambrosia verschimmeln lassen und ihren Nektar in die Drangtonne gegossen. Ja, nämlich sozusagen. Und weißt du, wo der veritable alte Korn herstammt? Siehst du wohl, das weißt du nicht. Der stammt von Herrn Wohland her. Der hat das wohl erfahren, daß Fräulein Kallmorgen mir die Wurst geschickt hat, als ein weihevolles Erinnerungskadoh sozusagen, und ist hier abgegeben worden von dem Semmelmann, der alle Tage nach dem Uhlenberge kommt, und war auch ein richtiges grobes Brot bei und zwei Pfund von der allerfeinsten Butter und ein kleiner Zettel, darauf stand: »Zu der Wurst. Gruß. Wohland.« Na, viel Worte macht er ja sozusagen nicht, hat ja auch keinen Zweck. Das aber muß ich dir sagen, mein junger Freund: So'n richtiges Grobbrot mit fett Nußkernbutter auf und dazu solche Wurst und ein veritabler, alter, fünfzigjähriger Korn, das ist ein würkliches Göttermahl, da kann einem Nektar und Ambrosia im Mondschein begegnen. Und das sag' ich! Loco sigilli. Mudrach! Ja, nämlich sozusagen. Natürellemang. Ich habe ja in meinem mühevollen und undankbaren Beruf so viel mit den kriminellen Schattenseiten der menschlichen Population zu tun gehabt, daß ich im allgemeinen der Ansicht bin, sie ist keinen Schilling wert, aber doch muß ich sagen: Alabonnöhr, edle Menschen gibt es doch! Und auf der Insel Uhlenberg wohnen allein zwei.« Seine Augen weiteten sich, aber ihr Ausdruck war nicht furchtbar – sondern milde – sie waren ein Spiegel sanfter Gefühle. Er sah an dem einen spärlichen Gummibaum vorbei durch das Fenster auf einen kleinen, nahrungslosen Laden, dessen Besitzer in der Haustür stand und gähnte, ohne seine rote Hand vorzuhalten. Aber irdische Dinge waren kein Hindernis. Schon dem Auge des Gesetzes ist nichts undurchdringlich, und gar die Augen des Geistes der Liebe und der Erinnerung schauen durch Mauern von Erz. So schweiften auch die seinen über Wälder, Felder, Tal und Hügel zu einer Insel im See, wo zwei edle, hilfreiche und gute Ausnahmen die Regel bestätigten, daß die Menschheit im allgemeinen keinen Schilling wert sei. »Nun klingt Mamsell Kallmorgen das rechte Ohr!« sagte ich. »Woso, woans?« fragte Mudrach, aus seinem Traum plötzlich erwachend. »Na, wenn jemand an sie denkt, sagt sie, dann klingt ihr immer das rechte Ohr.« »Der Jung!« sagte Mudrach mit einer gewissen Verwunderung, verbesserte sich aber gleich: »Mein junger Freund, du hast würklich kriminelle Begabung. Ja nämlich sozusagen! Du hast ja einen physiologischen Blick. Du bist ja ein Seelenleser. Alabonnöhr. Du mußt würklich mal Geheimer werden. Nu kuck mal einer an!« Unter Geheimer verstand er aber nicht Geheimrat, sondern Geheimpolizist, der für ihn den Gipfel menschlicher Schläue und Geistesbildung bezeichnete. »Ja, nämlich sozusagen,« fügte er dann nachdenklich hinzu, »die großen Ferien, die sind ja am Ende nun nicht mehr so weit hin. Na, wenn du dann wieder hinkommst an den bewußten Ort, zu der bewußten Dame, ist dir da auch alles Bewußte bewußt? Hast du dir alles sozusagen in dein Herz geschrieben, in deinen Kopf, in deine Seele und in dein Gemüt?« Ich versicherte, es stünde in allen diesen Körperteilen wie mit eisernen Buchstaben verankert. »Na, das ist gut,« sagte er und lächelte verklärt. »Bewahre es dort wie ein wichtiges Dokument und mache davon Gebrauch, wenn die Zeit gekommen ist. Und was die Hauptsache ist: Ich wäre immer da und immer bereit und immer derjenige welcher! Natürellemang, sozusagen!« Dann legte er mir die Hand mit einer großartigen Bewegung auf den Kopf und sprach mit pastoraler Salbung: »Friede sei mit dir, mein junger Freund. Möge es dir wohlergehen und du lange leben auf Erden. Ja, nämlich, sozusagen.« Hierbei hatte er die Kraft seiner Augen bis zum äußersten gedämpft und sah durch einen schmalen Spalt der herabgelassenen Lider mit fast väterlicher Liebe auf mich herab, nun aber riß er sie wieder zur vollen Größe auf mit einem so fürchterlichen Ausdruck, daß ihm zu einem Gorgonenhaupte nur noch die Schlangenhaare fehlten, legte mit hörbarem Klapp die Hand auf seinen Mund und sprach dann mit einer Stimme wie der Geist von Hamlets Vater um Mitternacht: »Im übrigen aber, mein junger Freund – wie das Grab!« Dann schüttelte er mir großartig die Hand und entließ mich. * * * Ich hatte mir durch das Abenteuer mit der Feuersbrunst einen ungeheuren Schnupfen zugezogen, so daß mir der Kopf dick war, die Augen tränten und ich die Nächte zum großen Teil mit Husten verbrachte. Mir war schon gar nicht besonders gut zumute, während Mudrach seine weisheitsvollen Reden hielt, und ich sah ihn zuweilen nur wie durch einen Schleier und hörte seine Stimme wie aus weiter Ferne. Als ich nach Hause ging, war mir alles wie ein Traum. Zu Mittag gab es abgerührte saure Klöße, ein Gericht, dem sowohl Adolf als ich mit begeisterter Hingabe zugetan waren, aber siehe da: Ruhig konnt ich sie erscheinen, ruhig gehen sehn. Nur ein sanfter Kummer darüber, daß ich diese Entsagung gar nicht als Schmerz empfand, war die verwickelte Empfindung meiner Seele. »Und die Mutter blicket stumm an dem ganzen Tisch herum,« konnte man auch von der meinen sagen, denn dies war ein höchst bedenkliches Symptom. Als mich dann nachher ein Frösteln mit nachfolgender Hitze befiel, wurde ich ins Bett gesteckt und sehr viele schöne weiche Federbetten auf mich gepackt. Dann wurde soviel heißer Kamillentee in mich hineingefüllt, wie nur Platz hatte, und nun sollte ich schwitzen, denn auf diese Weise versuchte man damals noch allgemein, den bösen Krankheitsstoff aus dem Körper wieder herauszuschmoren. Da diese Kur mißlang und sich die Hitze und das Fieber steigerten, wurde der Doktor geholt. Er mißbilligte meine Zunge und sagte zu der Eile meines Pulses: »Hm, hm!«; dann behorchte und beklopfte er mich ein wenig und holte seinen Stock herbei, der in der Ecke stand, um aus seinem Knopfe die Idee zu einer schrecklichen Medizin zu saugen, die er aufschrieb. Man sagte, wenn er seinen Stock nicht bei sich habe, fiele ihm nichts ein. Dann meinte er, man hätte es hier mit einer interessanten Mischung zu tun, halb gastrisch, halb Lungenentzündung, es würde am Ende nicht viel auf sich haben und hoffentlich ohne Blutegel abgehen; er würde morgen wiederkommen. Es wäre aber doch am Ende gut, wenn welche da wären, er wolle sie lieber gleich mit aufschreiben. Worauf er die Anzahl sechs aus seinem Stockknopfe sog und auf dem Rezepte ein halbes Dutzend Blutegel notierte. Denn es war damals noch die Zeit, wo eine anständige Krankheit nach der Anzahl der Blutegel geschätzt wurde, die bei ihr zur Verwendung kamen, und ich hörte im Geiste den »borstigen Igel« deutlich sagen: »P! das ist noch gar nichts. Als mein Bruder die häutige Bräune hatte, da haben allein an seinem Hals dreizehn Blutegel gesogen!« Von den nächsten acht Tagen weiß ich nicht viel, ich habe nur eine dumpfe Erinnerung, daß ich zuzeiten ein sehr bewegtes Leben geführt habe, unter schreckhaften Naturereignissen, angstvollen Abenteuern, Bombardements und Überfällen durch die Franzosen. Diese vollführten unter dem Kriegsgeschrei: »Nix Swartsuer!« schauderhafte Taten, banden alte Großmütter an den Marterpfahl und bombardierten sie mit Backobst und Klößen. Dann trabte ich wieder in tödlicher Angst, ohne recht aus der Stelle zu kommen, im strömenden Regen die Chaussee entlang. Vor mir war Feuerschein und das Krachen einstürzender Gebäude, und hinter mir her rannten Mudrach, der Feldhüter und das Bleichgesicht und riefen in schrecklich blutgierigem Ton immer nur: »Wumm, wumm! Wumm, wumm!« Dann war mit einem Male Mamsell Kallmorgen da und sang, während ihr die Tränen stromweis über das Gesicht liefen, mit zitternder Klagestimme immer nur: »Weil ich so einsam bün, weil ich so einsam bün.« Und hatte plötzlich eine drei Fuß lange Wurst in der Hand und phantasierte von einem Engel mit einem feurigen Säbel und sagte mit einem Ton, der aus dem Innersten ihrer Seele kam: »Christiane, ich wache for dir!« Aber wer die Wurst in der Hand hatte, das war ja gar nicht Mamsell Kallmorgen, das war ja Mudrach, und in der andern Hand trug er eine Flasche alten Korn und auf dem Kopf eine Butterkiepe als Helm und machte Augen wie der größte Hund aus Andersens Märchen vom Feuerzeug und versicherte mit einer Stimme, so tief, als käme sie aus dem Mittelpunkt der Erde, er sei immer da und immer bereit und immer derjenige, welcher – wie das Grab. Ja, nämlich, sozusagen! Dann wieder suchten Adolf und ich die Streichhölzer. Wir mußten sie haben, das Schicksal der Welt hing davon ab. Fünf Minuten hatten wir nur Zeit, aber wir suchten schon eine halbe Stunde. Wir suchten in allen Taschen und krochen durch die Büsche und drehten alle Steine um. Wir suchten Müllhaufen durch und zogen unzählige Schubladen auf und packten fortwährend Kisten aus. Darin waren tausend Sachen, indianische Waffen und Federkronen und Tassen ohne Henkel, Teller mit Eierkuchen, Schulbücher, Indianergeschichten, Knackwürste, alte Semmeln, Hemdenkragen, Glaskugeln, Bleisoldaten und alles mögliche Spielzeug, Kristalle und Vogeleier, aber keine Streichhölzer. Endlich hatte ich ein Stückchen Lederkäse und ein Endchen Wurstpelle erwischt und versuchte mit einem Taschenkamm, Feuer daraus zu schlagen. Da wurde Adolf die Zeit lang, er sprang auf das Sattelpferd eines Viergespannes und jagte davon. Da die Wurstpelle aber durchaus nicht Feuer fangen wollte, so wandte ich mich einer großen runden Kiste zu, daraus holte ich endlos Feuereimer hervor, die waren aber ganz weich, wie von Flanell, und legten sich in Falten und schnitten mir Gesichter. Ich aber merkte, daß ich im Wasser stand, und die Kiste war eine Kufe und ganz leer. Und ich füllte und füllte endlos Wasser hinein; aber es half nichts, sie blieb, wie sie war. Da muß mir wohl eine Erinnerung an Markus Curtius durch den Sinn gegangen sein, denn ich sprang selbst hinein, und gleich stand mir das Wasser bis zum Halse. Da tat Adolf, der natürlich auf dem Sattelpferde saß, einen furchtbaren Knall mit seiner Peitsche, die Vorderpferde stiegen in die Luft und schnaubten Feuer, und dann ging es mit heftigem Getrappel den Abhang hinauf und in rasender Hast über den unebenen Hof. Die Kufe schwankte hin und wider, bald hier, bald da stürzte mir das schwankende Wasser über den Kopf, und so ging es in vollem Jagen mitten hinein ins Feuer, daß die Brände auseinanderstoben und Flammen und Funken wie ein waberndes Gewölbe über uns standen. »Fein! Was?!« sagte Adolf und sah sich mit einem Ausdruck, gemischt aus seelischem Gleichmut und künstlerischem Behagen, nach mir um. Ich aber, im Begriff, einen ungeheuren Schrei auszustoßen, brachte keinen Ton hervor, und dann war alles dunkel und still. Mit solchen Unternehmungen muß ich mich in dieser Zeit wohl sehr viel beschäftigt haben, wie man aus den wilden und unbestimmten Reden schloß, die ich führte, und aus dem Umstande, daß ich von Zeit zu Zeit mit sanfter Gewalt wieder in mein Bett gebracht werden mußte, wenn ich in Verfolgung meiner mannigfachen Abenteuer hinausgesprungen war. An meinem Lager stand ein alter, bequemer Lehnstuhl mit Ohrenklappen, und es ist mir wie ein Traum, als wenn dort immer verschiedene Personen gesessen hätten. Einmal war es der Doktor, der offenbar aus seinem Stockknopf die Idee zu einer neuen Medizin sog, dann sah ich dort wieder das ernste Gesicht meines Vaters oder das freundlich besorgte meiner Mutter und hörte im Geiste, wie Mamsell Kallmorgen sagte: »So sanft und so solide und so furchbar gemütvoll.« Einmal aber, bei dem ungewissen Schein eines Nachtlichtes, saß dort Driebenkiel, der schreckliche Einbrecher, in der ganzen Pracht, mit der ihn der geniale Krempelsetzer, als er im »Djum« war, für zweiunddreißig Schillinge und eine halbe Buddel Kümmel für Mudrach gemalt hatte, und sein schreckliches Schimpansengesicht grinste schadenfroh auf mich hin. Ich muß wohl unwillkürlich einen Schrei ausgestoßen haben, denn plötzlich ging Driebenkiels Gesicht auseinander, und ein anderes kam aus ihm hervor, das wirkte wie der milde Mond. Das war ja die gute alte Pommerehnken, die mich nachts bewachen sollte, dabei aber ein wenig eingenickt war und mir mit der vornübergeneigten alten Fleduse, die sie des Nachts trug, den Anblick des bösen Feindes vorgetäuscht hatte. Sie begütigte mich, gab mir Medizin ein und strich mir die Decke glatt, und ich werde mich wohl gleich wieder in die wilde Wirklichkeit meiner tollen Träume gestürzt haben. Denn wie ich mich noch heut erinnere, erschienen mir nur diese als das Wahre, und jeder Ausblick in die Welt, wie sie war, glich einem wunderlichen Traum. Eines Tages aber war die wirkliche Welt mit einmal wieder da. »Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte den leisen Schlaf, der mich gelind umfing,« – und ich schwamm, wie in einem sanften Kahne, an den weichen Sand des Ufers. Es war noch früh, als ich die Augen öffnete, und die Morgensonne lag außen auf den Fenstervorhängen und sandte durch die Lücken neugierige Lichtstreifen in das dämmrige Zimmer. Ich lag da mit offenen Augen, fühlte mich wohl, und geborgen und hatte keinen Wunsch, sondern war einzig erfüllt von der behaglichen Empfindung: zu sein. Daß ich so lag und daß ich da war, genügte mir. Bei meiner Rückenlage sah ich nur die Decke und die wimmelnden Stäubchen in den Lichtstreifen, und dieser Anblick sagte mir doch auf die Dauer nicht zu; so wandte ich denn den Kopf seitwärts und wunderte mich, daß das eine Anstrengung war. Auch war der Anblick, den ich gewann, nicht erfreulich, denn ich sah an der nahen Wand des schmalen Zimmers das obere Ende eines Tischchens, auf dem ein Glas Wasser stand, mit einem silbernen Löffel darin, und zwei Medizinflaschen, eine hohe und eine niedrige, die, mit langen spanischen Mäntelchen angetan, einander gegenüberstanden, als wären sie in eine ärztliche Konsultation vertieft, so daß mir der lange Doktor Sangrado und der kurze Doktor Cuchillo aus dem Gil Blas einfielen, von denen ich ja in Steinhusen in meinem »Menschenneste« gelesen hatte. Daneben stand ein anderes Glas mit Wasser und Öl, auf dem ein verglimmendes Nachtlicht schwamm und im Sterben seine Seele als ein schnurgrades Fädchen Rauch fast bis an die Decke sendete. In dieses liebliche Stillleben mit seinen blinkenden Glanzlichtern fügte sich ein zusammengeballtes Strickzeug von blauer Wolle passend ein, und dieses menschliche Erzeugnis rief wieder die Neugier nach seinem Urheber wach, zumal da ein leises, taktmäßiges Blasen hinter mir die Vermutung erweckte, dieser könne nicht weit sein. Außer dem bescheidenen Summen einer Fliege am sonnigen Fenster war dieses feine, säuselnde Püi der einzige Ton, den ich vernahm. Ich konnte aber vor der Erhöhung der Seitenwand des Bettes nicht gut dorthin sehen und faßte den Entschluß, mich aufzurichten, eine Unternehmung, deren Schwierigkeiten ich unterschätzt hatte, die mir aber doch soweit gelang, daß ich einen Blick auf den alten Lehnstuhl werfen konnte, auf dem wieder der schreckliche Driebenkiel saß und mich nicht allein höhnisch angrinste, sondern auch mit seinem Kopfe wunderliche Vorstöße machte, als wolle er jeden Augenblick aufspringen und sich über mich hermachen. Aber ich erschrak nicht mehr, denn es war schon zu hell, und ich erkannte gleich die vornübergeneigte wunderliche Fleduse der guten alten Pommerehnken, die wohl die ganze Nacht treu an meinem Lager gewacht hatte und nun gegen Morgen ein wenig eingenickt war. Pommerehnken war sehr alt, und man hatte das Gefühl, sie sei das immer gewesen und habe niemals eine Jugend gehabt. Sie hatte meinem Vater die Wirtschaft geführt, als er noch nicht verheiratet war, und war damals schon die alte Pommerehnken gewesen. Jetzt lebte sie in einem kleinen sauberen Stübchen von den geringen Zinsen ihrer Ersparnisse, strickte den ganzen Tag Strümpfe und las dabei ein wenig in der Bibel, im Gesangbuch oder in alten Kalendern, von denen sie viele Jahrgänge besaß. Sie war nicht zu bewegen, Armenunterstützung anzunehmen, die man ihr gern verschafft hätte, aber verdienen tat sie sich gerne etwas, und immer noch, trotz ihres hohen Alters, »sprang sie in die Bucht«, wenn es eine Arbeit gab, die sie bewältigen konnte, und war dann mit der geringsten Entschädigung zufrieden, stolz, daß sie sich noch etwas verdienen konnte. Ich habe nie ein altes Gesicht gesehen, das eine größere Ähnlichkeit gehabt hätte mit einer Landkarte, als das ihre. Ihre Stirn war ein Hügelland, von Furchentälern durchzogen, und zu den blaßblauen Seen ihrer Augen, die am Fuße der Schneegebirgszüge ihrer Brauen lagen, führten unzählige Runsen zusammen, wie sie die stürzenden Regenwässer an den Talhängen ausspülen, während die rosige Ebene ihrer Wangen von vielverzweigten Flußnetzen seinen blauen Geäders mannigfach durchzogen wurde. Ich muß wohl ein Geräusch gemacht haben, als ich mich wieder niedergelegt hatte, denn plötzlich verstummte das sanfte Blasen, und im Lehnstuhl rührte sich was. Da ich mich aber ganz ruhig verhielt, hörte ich ein leises Krabbeln und gleich darauf ein zartes Klirren der Stricknadeln. Sie pflegte in einer solchen Nacht immer einen ganzen Strumpf fertig zu bringen, und da fehlte wohl noch etwas. Offenbar war sie schon beim Zeh, denn ich hörte sie zuweilen leise vor sich hinzählen. Dabei soll man ja nun niemals stören, denn es ist der wichtige Augenblick, wo das wunderbare Kunstwerk des Strumpfes seiner Vollendung entgegengeht, allein von dergleichen frommer Scheu war damals noch wenig in mir zu finden, und ich konnte der Lust nicht widerstehen, mich bemerklich zu machen. Doch wollte ich es recht zart anfangen und besann mich auf die Gewohnheiten einer weitentlegenen Kinderzeit. »Piep!« sagte ich plötzlich. Die Alte fuhr in die Höhe und sagte nachher, sie hätte sich furchtbar erschrocken. Das alte gute Landkartengesicht beugte sich besorgt über mich, und ich lächelte es ganz vergnügt an. »Mein Jünging, mein Jünging,« sagte sie, »kannst schon wieder ›Piep!‹ sagen? Und ganz blanke Äugings. Aber so blassing, so blassing. Da muß ich woll man gleich die schöne Medeßin holen. Ach sonne schöne Medeßin, macht mein Jünging ganz wieder gesund.« Ich schüttelte mit dem Kopfe, allein sie ließ sich nicht irre machen, ging hin, nahm dem kurzen Herrn Doltor Cuchillo den Kopf ab und ließ sein rosinfarbiges Blut in den Löffel fließen. Aber ich weigerte mich, ich kannte den Doktor Cuchillo schon – sein Blut war bitter und schmeckte wie griechische Vokabeln. Ich brauchte keine Medizin mehr, ich wäre ganz gesund, sagte ich. »Ach Jünging, Jünging!« rief sie, »die schöne Medeßin, die is ja so teuer, und die Buddel is ja noch über halb voll. Ich hab ihr ja selbst geholt, ßwölf Schilling kost't das bischen, un ich hab gesehen, wie der Provisor das in eine halbe Minut ßusammengegossen hat. Davon werden die Apothekers auch alle reich. Mir hat mal einer erzählt, was sie als Mückenfett verkaufen in sonne kleine Schachtel wie'n Fingerhut groß für'n Schilling, das wär all man Schweineschmalz. Da soll woll einer reich bei werden.« Dann redete sie mir noch einmal eifrig zu, doch ich blieb fest und verwies sie auf das Urteil des Doktors, dem ich mich fügen würde. Sie füllte betrübt mit zitternder Hand die Flüssigkeit in die Flasche zurück und hielt diese prüfend gegen das Licht. »Is ja'n Jammer, is ja'n Jammer,« sagte sie dann, »für acht Schilling is da ja noch ein.« Als mir nachher der Doktor recht gab, war sie fast untröstlich, denn nichts schmerzte sie mehr, als etwas umkommen zu sehen, das soviel Geld gekostet hatte, und als ihre Dienste nicht mehr gebraucht wurden und sie hörte, die Medizin sollte weggegossen werden, hat sie sich das Fläschchen ausgebeten und noch lange, wenn ihr mal »nicht recht extra« war, ein Löffelchen davon genommen. Geschadet hat es ihr offenbar nicht, denn sie ist uralt geworden. Die Genesung ging nur langsam vor sich, und auch der Hunger stellte sich erst allmählich ein. Als er aber da war, ward er auch gleich zu einer Riesenbestie, die alles für sich in Anspruch nahm, zumal da mich der Doktor in der seltsamen Verbohrtheit seiner Berufsvorurteile nur mit Suppen und weichem Brei ernährt wissen wollte. Mein Leben bestand nur noch aus mangelnder Befriedigung durch die eine und süßer Hoffnung auf die andere Mahlzeit, und von dem köstlichen Frühstückstisch der Mamsell Kallmorgen träumte ich Tag und Nacht. Meine Phantasie schwelgte in der Ausmalung kulinarischer Ungeheuerlichkeiten, wie sie im Gastmahl des Trimalchio dargestellt werden oder im Don Quijote bei Gelegenheit der Hochzeit des Camacho, wo man einen Ochsen briet, mit zwölf jungen Säugeschweinchen gefüllt, und wo der Koch dem überglücklichen Sancho Pansa den einen Riesenkochtopf abschäumte, in welchem Schaum sich drei Hennen und zwei Gänse vorfanden. Ein wenig von so köstlichem Schaum sollte doch endlich an mich kommen. Nach acht Tagen schrecklicher Hungersnot erweichte der Doktor seinen harten Sinn und verordnete mir als nächstes Mittagsessen eine Hühnersuppe mit etwas eingeschnittenem Brustfleisch und dickem Reis dazu. Es würde wieder nicht genug sein, das wußte ich schon, aber es war doch eine Wendung zum Besseren, und ich freute mich auf diese Hühnersuppe mehr als auf Weihnachten, denn so ein Genesungshunger ist ein strenger Herr und kennt keine Götter neben sich. Und dann kam er, der große Augenblick; da war das stattliche Suppenhuhn, zart, gelblichweiß und lecker, da war der Topf mit Suppe und der Wasserreis, fein mit Petersilie bestreut. Meine Mutter zerschnitt die Hälfte des Brustfleisches, füllte einen großen Teller mit Brühe, Reis und den köstlichen weißen Würfelchen und stellte ihn mir auf ein Brett, das auf meinem Schoße lag. Das andere Fleisch des zerlegten Huhnes tat sie zur Aufbewahrung in den Topf mit Brühe und ging dann, um an der Familientafel den Vorsitz zu führen, nachdem sie mit wohlwollender Andacht eine Weile zugeschaut hatte, wie ich aß. »Ach wie bald, ach wie bald schwindet Schönheit und Gestalt,« klagte es melancholisch in mir, als der Teller so schnell leer war. Das war für meinen sorgfältig herangezüchteten Wolfshunger nur ein Lickup gewesen, wie man bei uns sagt, nur ein Mosesblick in das selige Land der Erfüllung, nur ein grausames »Fortsetzung folgt« an der Stelle, wo der Roman am spannendsten wurde. Ich lehnte mich zurück in die aufgestützten Kissen und dachte über mein trauriges Schicksal nach. Reis kann doch am Ende nicht schädlich sein, ergab sich als die Summe dieses Nachdenkens, und Reis füllt so schön. Ich holte mir also den Reis. Für sich allein war das aber ein trockenes Essen, mit ein wenig Brühe rutschte es besser, und Fleischsuppe galt doch auch für sehr gesund. Als ich aber den Topf beim Eingießen etwas stark kippte, flutschte ein Hühnerschenkel mit auf den Teller. »Mitgefangen, mitgehangen,« dachte ich, »was kann das kleine Beinchen schaden!« und verzehrte das Ganze mit Behagen. Da ich davon keine üblen Folgen spürte, nur daß die Sehnsucht meines Innern noch immer nicht gestillt war, so musterte ich mit kritischem Blick das noch Vorhandene. Der Reis war alle, und in dem Topfe fand sich nur noch wenig Brühe, nicht der Mühe wert, sie aufzuheben. Na, und das bißchen Fleisch, das halbe Huhn, das noch da war, mußte sich dann doch sehr vereinsamt fühlen, ich empfand ja nur zu deutlich, wie es sich sehnte, mit seiner anderen Hälfte vereinigt zu werden. Diesem magnetischen Zuge zu widerstehen, war ich zu schwach; der Rest ist Schweigen. Mein körperliches Befinden nach dieser Tat ließ nichts zu wünschen übrig und konnte bezeichnet werden als ein Zustand himmlischer Befriedigung; zum ersten Male nach einer Zeit asketischen Märtyrertums fühlte ich mich wieder einmal richtig satt. Mein seelisches Gleichgewicht ließ aber zu wünschen übrig, denn es war von einem Zuschuß bösen Gewissens einseitig beschwert, und nur der besitzesfreudige Gedanke: »Wat einer hett, dat hett hei!« gewährte mir einigen Trost. Unter solchen Erwägungen in meine Kissen zurückgelehnt, schlief ich sänftlich ein und erwachte nicht eher, als bis es Zeit zur nächsten Mahlzeit war. Im Zimmer herrschte eine feierliche, gedämpfte Stimmung, als ich die Augen auftat. Mein Vater und meine Mutter waren zugegen und blickten sorgenvoll auf mich hin; an meinem Bette saß der Doktor mit der Uhr in der Hand und zählte meine Pulsschläge. »Hm, hm!« sagte er, als er damit fertig war, und ließ sich dann die Zunge zeigen. »Hm, hm!« Darauf holte er sich seinen Stock, der hinter ihm stand, sog an dem Knopf und betrachtete mich mit einem feindseligen Blick. »Ist er noch zu retten?« rief meine Mutter. »Junge, wie ist dir zumute?« fragte der Doktor. »Hunger hab' ich!« war meine Antwort. »Dacht' ich mir doch!« sagte der Doktor. »Sehen Sie, Frau Pastorin, das sind die Wunder einer verständigen Diät. Nun haben wir ihn durch!« »Gott sei Dank!« seufzte meine Mutter erleichtert. Der Doktor verfiel wieder in stummes Brüten, betrachtete mich mit einem Blick, als überlege er, wie ein Bauchschnitt am besten auszuführen sei, und sog offenbar eine ungeheure Idee aus seinem Stockknopf. »Morgen Mittag wollen wir ihm ein Beefsteak geben!« sagte er dann plötzlich, »... mit Bratkartoffeln ... und Backpflaumen ... nicht zu knapp.« Dies war seine vorletzte Verordnung in dieser Krankheit, die einzige bis jetzt, für die er meines innigen Dankes gewiß war und deren hohen Wert ich einsah. Doktor Cuchillo und Doktor Sangrado waren für immer abgetan, und von Ugolinos Hungerturm war keine Rede mehr. Seit ich so meine Verpflegungsgesetze selber geregelt hatte, ging meine Genesung schnell vorwärts, ich durfte bald aufstehen, und nach acht Tagen spazierte ich zum ersten Male ein wenig im Garten herum. Es war am Anfang des Juli, und nach wenigen Tagen hätte ich die Schule wieder besuchen können, und zwar noch auf etwa vierzehn Tage, denn die Ferien begannen erst am zweiundzwanzigsten Juli. Das aber verhinderte des Doktors letzte Verordnung, und diese machte alles wieder gut, was er mir bisher angetan hatte. Ich verzieh ihm den Doktor Sangrado und den Doktor Cuchillo und sämtliche Blutegel und grollte ihm nicht mehr wegen Ugolinos Hungerturm. Ja, ich war geneigt, ihn für eine Zierde seines Standes und eine Leuchte der Wissenschaft und für ein Füllhorn ärztlicher Weisheit zu halten, denn er riet davon ab, mich vor den Ferien wieder in die Schule gehen zu lassen. »Schicken Sie ihn aufs Land,« sagte er, »sein Organismus muß in guter Luft gekräftigt werden.« Himmel, was war das für eine prachtvolle Verordnung! War es wohl irgendwo schöner als auf dem Lande, und dabei weiter nichts zu tun, als den Organismus zu kräftigen, was von jeher meine Lieblingsbeschäftigung gewesen war! Ein glücklicher Zufall ließ kurz nach dieser Zeit Herrn Pastor Liborius aus Borna in die Stadt kommen, bei welcher Gelegenheit er meinen Vater, seinen Studienfreund, besuchte. Pastor Liborius war, eine Seltenheit bei seinem Stande, Junggeselle und lebte mit einer Schwester und ungeheuer vielen Büchern allein in seinem großen Hause. Denn er war ein Bücherfreund von jener Art, die Bücher an und für sich lieben, und kaufte alles zusammen, was ihm nur irgend einen Wert zu haben schien, aus allen möglichen Gebieten. So hatte ihn auch diesmal eine Bücherauktion nach der Stadt gezogen, bei welcher Gelegenheit er sich wieder eine halbe Wagenladung der unglaublichsten Schmöker angeeignet hatte. Als nun Pastor Liborius von dem Plan hörte, mich aufs Land zu schicken, damit dort mein Organismus in guter Luft gekräftigt werde, man aber nicht wußte, wohin, da es in Steinhusen zur Zeit nicht passe, da sagte er: »Morgen Nachmittag fahre ich, da kann ich ihn gleich mitnehmen. Was gute Luft betrifft, da kommt er da oben bei uns an die richtige Quelle. Für unsern Wind sind wir im ganzen Lande berühmt. Wenn er aus Südwesten geht, da haben wir manchmal so viel gute Luft da oben, daß ich meinen Johann als Vorspann nehmen muß, wenn ich in meine Kirche will, denn allein komme ich da nicht gegen an, noch dazu im Chorrock. Großmutter Kiliansch hat mal hinter der Kirchhofsmauer in'n Überwind sechsmal Kraft gesammelt und es immer wieder versucht, in die Kirche zu kommen, aber schließlich hat sie es aufgegeben und ist mit'm Wind in fünf Minuten nach Hause gesegelt, wo sie sonst eine Viertelstunde braucht. Also gute Luft ist genügend da, und was den Organismus betrifft, dem wollen wir schon unter die Arme greifen, zum Beispiel Milch. Kuhwarme Milch und dicke Milch und abgedeckte Milch und Süßmilch und Buttermilch, soviel er will und kann und mag. Buttermilch ist fabelhaft gesund. Und dann Mehlspeisen. Meine Schwester und ich sind nicht sehr für Fleisch, aber für Mehlspeisen. Nahrhaft und gesund. Saure Klöße und abgerührte Klöße, Semmelklöße, Kartoffelklöße und Pudding und Auflauf und Pfannkuchen, Plinsen und Ochsenaugen, ist das dein Fall, mein Junge? Hast du dafür was übrig?« Ich nickte mit dem Ausdruck tiefer innerer Überzeugung. »Gut!« sagte Pastor Liborius, »dann ist mir um deinen Organismus nicht bange.« Man war dem freundlichen Manne für diese angenehme Lösung der Land-, Luft- und Organismusfrage sehr dankbar, und am nächsten Nachmittag hielt der Wagen mit Herrn Pastor Liborius und seinem Kutscher vor der Tür. Es war kein pomphaftes Gefährt, sondern ein strohdurchflochtener Leiterwagen, auf dem als Sitze zwei ebenfalls mit Stroh gefüllte Säcke lagen. Der hintere Teil, das sogenannte Krett, war ganz mit Büchern gefüllt unter einer wasserdichten Decke, und allerlei Einkäufe des sorgsamen Johanns waren überall verstaut, so gut es ging. Ich konnte nur mühsam meine Reisetasche und meine Beine unterbringen, so vollgestopft war alles. »Komm!« sagte Johann, und der federlose Wagen ratterte und schmetterte auf dem holprigen Pflaster davon. »Furchtbar gesund!« sagte Pastor Liborius, indem er mit der Hand über die erschütterte Magengegend und seinen negativen Bauch hinstrich, »beinah so gut wie Reiten, animiert die Eingeweide, sehr gut für den Organismus.« Bald darauf begegnete ich Adolf mit einigen der früheren Comanchen, die aus der Schule kamen. Sie schwenkten für meinen Begleiter die Mützen und nickten mir heftig zu, und unter dem erhebenden Gefühle, ein Gegenstand des allgemeinen Neides zu sein, ratterte ich dem Tore zu. Draußen auf der Chaussee, auf dem sogenannten Sommerwege, fuhr es sich besser, der Pastor holte eine kurze Studentenpfeife heraus, deren Kopf mit feinem Korbgeflecht umsponnen war, pinkte Feuer und dampfte vergnüglich seinen Petum Optimum subter solem in den Sommerwind hinaus. Dabei mochten ihm wohl aus der altgedienten Pfeife allerlei Erinnerungen aufsteigen, denn er summte merkwürdige Verse vor sich hin, die jedenfalls nicht aus dem Gesangbuche stammten. Dann fragte er ganz plötzlich und unvermittelt: »Mein Sohn, rauchst du?« »Eigentlich nicht!« antwortete ich verlegen auf diese indiskrete Frage. »So, also eigentlich nicht? Weißt du, mein Sohn, was man eigentlich nicht tut, das tut man. Das tut man sogar manchmal sehr!« »Ach nein, nur manchmal die Friedenspfeife, und das auch nicht oft!« sagte ich. Die Friedenspfeife und das dazugehörige Indianerspiel interessierten ihn sehr, besonders wohl, weil er darin gleich Blüte und Frucht eines neuen Literaturzweiges erkannte. Ich mußte erzählen, und er lockte allerlei aus mir heraus über die Sitten und Gebräuche der Comanchen und ihre Kriegs- und Friedenstaten, wobei ich mich aber wohl hütete, den Schleier der Stammesgeheimnisse zu lüften. »Das kannten wir noch nicht,« sagte er, »die Indianergeschichten waren noch nicht erfunden. Wir spielten Räuber und Soldat, oder, wenn man sehr gebildet sein wollte, Griechen und Perser. Es ist übrigens alles dasselbe. ›Gut, so werden wir im Schatten kämpfen!‹ könnte auch ein Indianer sagen.« Dann zog er schnell hintereinander einige Züge aus seiner Pfeife, wendete sich und klopfte mit der Hand auf die Wachstuchdecke, unter der seine eingekauften Bücher lagen, und sagte: »Dadrin habe ich übrigens den ganzen Cooper. Die kleine Frankfurter Duodezausgabe aus den zwanziger und dreißiger Jahren, wohlerhalten und sehr billig. Habe überhaupt gut gekauft diesmal.« Damit strich er mit einer zärtlichen Handbewegung über die vielgebrauchte Decke hin. Nun kam es wie eine Unruhe über ihn, er fing an, heftig zu rauchen, »as wenn'n lütt Mann backt«, und als wenn er dafür bezahlt kriegte. Endlich war die Pfeife leer. Dann drehte er sich mit jugendlicher Geschicklichkeit auf seinem Sack herum, so daß er den Büchern gegenüber saß, und schob mit dem lüsternen Ausdruck eines Feinschmeckers, der den Deckel von einer Lieblingsschüssel hebt, die Decke zurück. »Ich wollte nur mal ...« sagte er wie entschuldigend, und hatte auch schon den nächsten Band in der Hand und öffnete ihn, nicht ohne ihn vorher einmal auf- und zuzuklappen und etwaigen Staub von seinem Schnitt zu blasen. So durchblätterte er ein Buch nach dem andern, häufte sie auf, wo er Platz fand, grub sich immer tiefer in den Haufen ein und war für die Welt verloren. Und die Welt war doch gerade so schön, wo wir fuhren, auf der hohen Chaussee, wo sie durch den Wald ging. Zur Rechten, wo alles im Sonnenschein lag, stieg ein Hügel an, mit mächtigen Steinblöcken besät. Dazwischen waren stattliche Tannen aufgeschossen und junges Laubholz, in den Lücken drängte sich das Farnkraut, Brombeergerank spann sich über die besonnten Steine hin, und zwischen den nickenden Rispen des hohen Waldgrases leuchtete allerlei Blumenwerk. Es war schon die Zeit, wo der Silberstrich oder Kaisermantel fliegt, und in ganzen Wolken spielten die stattlichen Schmetterlinge über den blühenden Brombeeren. Die wilden Möhren hatten am schrägen Abhang des Chausseegrabens zahlreiche weiße Teller aufgetan, darüberhin schwenkte zuweilen taumelnden Fluges ein Schwalbenschwanz, und überall war das lautlose Geschwebe anderen kleinen, bunten Volkes, dessen Element der Sonnenschein ist. Zur Rechten aber war Schatten und Buchenwald, der mit schlanken, grausilbernen Stämmen eine steile Schlucht hinabstieg und zwischen seinen durcheinanderwimmelnden Säulen weiße Blitze eines Sees tief unten im Grunde emporglänzen ließ. Dann ging der See zu Ende, und in dem grünen Talkessel der auslaufenden Schlucht schimmerte eine Silberschlange auf, ein starker Quell, der aus sumpfigen Rinnsalen von unsäglichem Grün zusammenfloß und sich zwischen verstreuten Steinblöcken und himmelhohen Buchen lustig rieselnd dem langgestreckten See zuwand. Der Kutscher deutete mit seinem Peitschenstiel auf den tiefen Grund, wo sich die silberne Schlange wand durch verstreute Felsblöcke und saftiges Grün und wo die mächtigen Buchen, um es den Genossen, die an den steilen Wänden der Schlucht emporstiegen, gleich zu tun, lichthungrig ihre Kronen auf schlanken Stämmen aus der Tiefe zu gleicher Höhe emportrugen; er deutete hinab in diese mächtige Halle und sagte: »Dat is dei Düwelsborn, dor späukt dat.« Das war seine Art, sich mit diesem anmutigen Orte abzufinden, der früher wohl einmal, wie die an ihm hängende Teufelssage vermuten ließ, ein heidnisches Heiligtum und eine Kultusstätte gewesen sein mochte. Doch will ich mich nicht überheben und nur einfach gestehen, daß ich auch weiter nichts dachte, als, es müßte sich dort unten und an den Abhängen der Schlucht prachtvoll Indianer spielen lassen. Der Wald ging nun zu Ende, und man sah von der hochliegenden Chaussee weit ins Land hinein, zur Rechten auf eine tiefer liegende Ebene, wo bepflanzte Wege von einer Dorfinsel zur anderen wanderten, wo hier und da ein See aufblitzte oder sich ein Wiesengrund dahinwand, von Kropfweiden umstanden, oder sich ein Wäldchen auf flacher Hügelkuppe wölbte. Zur Linken hinderte sanft ansteigendes Hügelland zunächst den Blick in die Gegend, doch dahinter zeigte sich ein dämmernder Landrücken, der auf seinem höchsten Punkte die mir so wohlbekannten Umrisse der Kirche von Borna erkennen ließ. »Dor liggt uns' Kirch!« sagte Johann, »dei süht'n doch allerwegt; wir dor nich dat olle Holt wäst, denn harren wir ehr all lang' seihn könnt.« »Ja,« sagte ich, »dei Thurn liggt jo äwer verkiehrt rüm.« »Wat denn?« fragte Johann, »verkiehrt rüm, woans?« »Na,« sagte ich, »ick bün doch ut Steinhusen un dor süht'n dei Kirch doch ok, dor liggt dei Thurn äwer up dei anner Siet.« Johann lachte kurz auf. »Ja, dat glöw ick sacht,« sagte er. »Steinhusen liggt jo ok up dei anner Siet, dat liggt jo von hier ut achter Borna.« So belehrte mich Johann in der Topographie seiner Heimat und fuhr damit fort, indem er mir die Namen der umliegenden Dörfer und Höfe und der entsprechenden Gutsbesitzer und Pächter nannte und allerlei kritische Bemerkungen hinzufügte. Wir hatten die Chaussee verlassen und fuhren auf einer alten Landstraße, von Nußhecken, wilden Rosen und Dornbüschen eingezäunt, durch eine ziemlich ebene Gegend. Sie war kahl und baumlos, nur die Wiesengründe waren von alten Kropfweiden eingefaßt. Aber auf den weiten, eintönigen Feldern stand mannshoher Roggen, und mächtige Weizenschläge mit schweren Ähren wogten bis in die Ferne. Der Raps war schon geerntet und dehnte weithin seine öde Stoppel aus. Nahe am Wege hatte man ihn ausgeritten, und neben der runden, ebenen Tenne, wo dies geschehen war, lagerte berghoch das graubraune, büschelige Stroh. Es war eine Gegend, die jeglichen Zierats entbehrte, wo sich alles nur in wohl abgezirkelter, fruchtbarer Nützlichkeit in die Ferne dehnte und überall nur stand, was da sollte, und nirgendwo, was da wollte. Johann hatte schon eine ganze Weile seine wohlwollenden Blicke über die Landschaft schweifen lassen, und nun brach bei ihm die Begeisterung aus. »Eine tau schöne Gegend!« sagte er, »eine ganze wunnerschöne Gegend. Dei Lür seggen jo, in'n Klützer Urt, dor sall dat noch schöner sien, äwer dat kann'k mi gornich denken. Dit is hier so'n richtigen Klai. Wo schön dat utsüht, wenn so'n rechten groten Slag frisch pläugt un egt is, so glatt un schier un swartbrun as Schockelor, dat glöwst du gornich. Denn'n süht'n dat Fett ollig an. Weck Lür seggen jo, wenn hier einer up dei Knei föllt, denn kriegt hei Fettplacken in dei Büxen. Na, un wat dor för Weiten waßt, dat sühst du jo. Un hest du woll dei Rappstoppel seihn? Dat sünd jo luter Böm wäst. Dor kann Herr Nägendank in Siemitz« – dabei zeigte er mit dem Peitschenstiel auf einen stattlichen Gutshof, der in einer Bauminsel zwischen den Feldern lag – »dor kann hei, wenn hei will, alle Dag Rappwater (Champagner) supen.« Ich war schon vorher, um besser verstehen zu können, zu Johann auf den vordersten Sack geklettert, was der Pastor mit Beifall begrüßt hatte, da er dadurch Platz gewann, sich mit seinen Büchern auszubreiten, und da sich der Kutscher durch dies Zeichen der Teilnahme geehrt fühlte, so fuhr er in seinen Mitteilungen weiter fort. »Du möst nu äwer nich denken«, sagte er, »wat dat bi uns dor baben ok so fein is. Ne, gegen hier is dat man swack. Wenn Besäuk ut dei Stadt kümmt, un wenn sei denn up unsen Gautsbesitter Herrn Wangelin siene Utkiek stahn, wo'n dat ganze Gaud seihn kann, wo sick dat den Barg daltrekt bet an dei groten Wischen an'n Steinhuser See un dor achter in den See, den Uhlenberg, wo Herr Wohland wahnt, wat unsern Herrn sien Swiegervadder is, un Steinhusen, wo du her büst, an't anner Enn von den See, dat kann'n jo ok seihn un dei Barg dor achter. Na, wenn sei dat seihn, denn swögen sei jo ümmer von dei schöne Gegend. Äwer ick segg, wat hübsch utsüht, 's noch lang kein schöne Gegend. Dat geiht na dei Boniteh. Un wo dei Boniteh in dei ierste Klaß is, dor is dat schön, un wo mit dei Boniteh nix los is, dor is dat nich schön.« Aber nichts in dieser Welt ist beständig, und so nahm denn auch Johanns so geschätzte schöne Gegend ein Ende, ein hügeliges Waldland von offenbar sehr mäßiger »Boniteh« nahm uns auf, und wir verloren durch die emporragenden Baumwipfel unser schon nahes Ziel, die seitwärts liegende Kirche von Borna, auf ihrem steilen, mit Steinen bestreuten und mit Besenstrauch und Buschwerk bewachsenen Hügel, aus den Augen. Der Pastor sah sich plötzlich um und stopfte dann, so gut es ging, die überall herumliegenden Bücher wieder unter die Decke, setzte sich herum, brachte mit großem Eifer eine neue Pfeife in Brand und rauchte ungemein. Im Geiste aber war er wohl noch immer mit seinen neu erworbenen Schätzen beschäftigt, denn von Zeit zu Zeit sah er sich über die Schulter hinweg liebevoll nach ihnen um. Wir fuhren eine ganze Weile durch gemischten Wald, und dies blieb auch so, als unser Weg einen Bogen nach rechts machte und in eine Chaussee einmündete, die sich zwischen zwei Hügelreihen in sanfter Steigung bergan zog. Johann deutete mit seiner Peitsche auf das reichliche Steingeröll von kleineren und größeren Blöcken, das zu beiden Seiten die Abhänge bedeckte und zuweilen in Bodenvertiefungen zu Haufen angesammelt worden war, und sagte mißbilligend: »Dit is nu all dei richtige Bornasche Gegend. Wat hier tau'n besten waßt, dat sünd Stein.« »Na, dei wassen doch nich!« sagte ich. »Wenn sei ierst baben dei Jerd liggen,« sagte Johann, »denn wassen sei nich mihr, äwer binnen dei Jerd, dor wassen s'. Wo süllen dei woll herkamen, wenn dei nich wassen dehren, grar so, as dei Getüffel, blot dat dei Gelüffel in einen Sommer farig sünd, un mit dei Stein duert dat Johr. Wat segg ick Johr? Johrén duert dat, Johrendén kann dat duern. Na, hier hett dei Düwel dei ganze Gegend mit Steinsaat tauseiht. Dei Lür seggen, wil dat hei dei Bornasch' Kirch nich utstahn kann, dei'n allerwegt süht, un wovon dei Klocken so wiet in't Land tau hüren sünd. Hürst du woll?« sagte er dann plötzlich, offenbar erfreut über das zufällige Zusammentreffen, und deutete mit der Peitsche nach oben. Durch die leise flüsternden Baumwipfel ging in abgemessenen Pausen ein summender Glockenton, zwei schnellere Schläge folgten, und dann war es still. »Dei Klock is söß,« sagte er, »Köster Pagels stödd dei Bärklock.« Dann entwickelte er seine wunderliche Theorie vom Wachsen der Steine weiter und führte als Beweis an, daß auf Feldern, die man seit Jahrhunderten beackert und jedesmal sorgfältig abgelesen habe, der Pflug doch immer wieder neue Steine zum Vorschein brächte. »Dei Stein,« sagte er, »wassen nich blot in dei Dickte, ne, sei wassen ok inne Höcht, un tauletzt kamen sei rut ut dei Jerd as dei Poggenstäuhl, un denn sünd sei riep, un denn wassen sei nich mihr.« Nun war die Höhe der Chaussee erstiegen, und der Wald ging zu Ende. Der niedere Hügel zur Linken schwang sich zur Seite, und es öffnete sich ein rundes grünes Wiesental vor uns, mit einem von Schilf und Rohrbomben fast zugewachsenen See, auf dessen schwarzem Gewässer die glänzenden Blätter und die weißen Blüten der Wasserrosen in der Abendsonne schimmerten. Jenseits hinter diesem See ragten aus Baumwipfeln eines Parkes Giebel und Aussichtsturm eines Herrenhauses hervor, diesseits aber zur Rechten des Weges zogen sich im Bogen die strohgedeckten Katen des Dorfes Borna dahin, dessen Obstbaumgärten den Hügelhang hinaufstiegen. Darüber, auf dem kahlen Rücken des Berges schwebte die wohlbekannte Kirche von Borna. Wie sie dahin gekommen war, konnte ich mir zwar nicht ganz klar machen, jedenfalls aber hatte sie sich gegen vorhin herumgedreht, und der Turm lag so, wie ich ihn von Steinhusen aus zu sehen gewohnt war. Johann hatte seine Pferde in eine schärfere Gangart versetzt und fuhr nun durch ein Tor in einer breiten Feldsteinmauer in schönem Bogen um einen Rasenplatz herum und hielt mit scharfem Ruck vor dem Pastorhause. Wir waren an dem Ort unserer Bestimmung angelangt. 13 Es gefiel mir sehr gut in Borna. Zwar hatte Fräulein Thekla Liborius, die Schwester des Pastors, die ihm die Wirtschaft führte und die fehlende Frau Pastorin vertrat, den unerwarteten Gast anfangs mit einiger Verwunderung aufgenommen und die Taten seines ungebrochenen Genesungshungers beim Vesperbrot mit ehrfürchtigem Staunen beobachtet, aber sie benahm sich gut und angemessen, multiplizierte die schon fertigen Pläne der Mahlzeiten für die folgenden Tage mit mindestens zwei und sah der Zukunft mit Fassung entgegen. Nach dem Essen zog es den Pastor in seine Bibliothek, wo die neuerworbenen Bücher einzuräumen waren, seine Schwester in die oberen Räume, um für die Unterkunft des unerwarteten Gastes zu sorgen, und mich noch höher hinauf zu der alten Kirche, die schon so oft als ein Dämmerbild am Horizont zu mir herübergeschaut hatte. Der Höhenrücken, auf dem sie lag, war der Abschluß meiner Knabenwelt gewesen, die blauen Berge des Märchens, hinter denen die weite, weite Welt liegt und die Wunder und Abenteuer der Ferne beginnen. Der eigentliche Kirchweg führte zwischen dem Pfarrgehöft und dem des Küsters und Schulmeisters auf die Höhe, man konnte aber auch den Mittelsteig des Pfarrgartens benutzen, der sich terrassenförmig in ansehnlicher Breite den Berg hinaufzog. Alle Grundstücke waren, wie immer in so steinreichen Gegenden, mit breiten Mauern aus lose aufgebauten Geröllblöcken eingefaßt, die als willkommener Ablagerungsplatz der immer wieder neu auftauchenden Steine im Laufe der Jahrhunderte emporgewachsen waren. Uralte Holunderbäume, mit knorrigen Stämmen und über und über mit grünlichen Beerentellern bedeckt, schmiegten ihre zähen Wurzeln in das alte Gemäuer, hier und da war ein Ebereschenbäumchen daraus hervorgeschossen, und verwilderte Stachelbeer- und Johannisbeerbüsche machten im Verein mit Hundsrosen und anderem Gestrüpp die alte Mauer zugleich zu einer Hecke. Auf den Rabatten des breiten Mittelweges standen Rosenbüsche und allerlei Stauden der guten alten Zeit, wie Diptam und Bauernrosen und große Büsche weißer Lilien, dazu die Würzkräuter des alten Klostergartens, Melisse, Krauseminze, Majoran, Thymian, Salbei und dergleichen. Der Lavendel blühte dort in großen bläulichen Polstern und hauchte in der Abendsonne so lieblichen Duft aus, daß mir ein Heimweh aufstieg nach dem wohlvertrauten Pfarrgarten von Steinhusen, wo es ebenso gewesen war. Sonst war dort ausschließlich ein Obstgarten mit vielen Beerensträuchern und zum Teil riesigen alten Bäumen, die an dem windgeschützten Südabhang und in dem trotz des Steinreichtums fruchtbaren Lehmboden vortrefflich gediehen. Einige ungewöhnlich stattliche, mit glänzenden Früchten überreich beladene Süßkirschenbäume fielen mir sehr angenehm ins Auge. Der Garten wurde an seinem Ende durch die Kirchhofmauer abgeschlossen, durch die ein hölzernes Pförtchen führte. Und als ich dieses öffnete, sang die ungeschmierte Angel ein Liedchen. Zwar nicht: »Ach nur einmal noch im Leben« aus Mozarts Titus, wie Mörikes Gartenpforte in Cleversulzbach, nein, es war ein lustiger Klang, wie er gar nicht für die Eingangstür des letzten Gartens zu passen schien, und tönte gar lieblich und froh wie: »Heididellitt Juchhe!« Dies aber paßte besser, als man denken sollte, denn Kirchhöfe, die auf der Höhe liegen und Aussichtspunkte sind in eine grüne, schimmernde, lebendige Welt, haben selten den düsteren Charakter jener tief liegenden, wo im Schatten hoher Ulmen, unter düsteren Zypressen feierliches Schweigen herrscht. Die meisten Hügel dieses alten Kirchhofes waren halb oder ganz versunken und nur noch zuweilen mit einem verwitterten, schief gesunkenen Holzkreuz bezeichnet oder einem flachen Stein, dessen Inschrift, von Moos und Flechten bedeckt, nicht mehr zu lesen war. Aber ein schönes grünes Gras war überall hervorgewachsen, in dem die Heuspringer in der Abendsonne wetzten und die Grillen zirpten, und dazwischen hielt allerlei Blütenwerk seine Glocken und Sterne und Teller empor, von glasgeflügelten Sesien und behäbigen Käfern besucht und von schwankenden Schmetterlingen umflogen. Nur an jenem Teil des Kirchhofes, wo der Tod seinen Acker frisch bestellte, sah man neue Gräber, große und kleine. Dort leuchteten schneeweiße Holzkreuze herüber, und auf schwarzen eisernen funkelten die Goldbuchstaben. Unten im Tal strichen schon lange Schatten dahin, aber hier war noch die volle Sonne, und alles freute sich ihrer. Friedlich war es hier, aber nicht still, denn außer dem Wetzen und Schwirren im durchsonnten Gras strichen an dem alten Kirchenchor, wo sie mit Nest an Nest die Linien der Spitzbogen nachgezeichnet hatten, die Schwalben mit endlosem Gezwitscher ab und zu und sangen sich auch wohl ein Stückchen im Fluge, wenn sie um das Kirchendach schwenkten; in den Mauerlöchern kläfften die Dohlen, des Pastors Tauben, wie das Volk sie nennt, weil sie schwarz sind und gern an Kirchen wohnen, und rings um den Kirchhof zwirnten unablässig die Goldammern ihr einförmiges Liedchen, was sie gern tun in der Abendsonne. Ich stieg auf die Kirchhofsmauer am Abhang und schaute in das weite Land hinaus. Die reifenden Roggenfelder leuchteten in der Sonne wie Gold und die Wiesengründe wie Smaragd. Fern blinkte ein Flüßchen und wand sich durch ein grünes Tal nach einem Städtchen hin, das mit roten Dächern von einem See im Grunde zu einem Hügel hinaufstieg, von dem ein altes Schloß herniederschaute. Und überall in der weiten Landschaft, die von fern dämmernden Waldhügeln begrenzt war, liefen die Wege dahin, von Hecken oder Baumreihen begrenzt, oder auch nur wie helle, kahle Bänder. Sie kamen von Dörfern oder Höfen her, die mit ihren Baumgärten zwischen dem verschiedenfarbigen Getäfel ihrer Felder lagen, so daß Hügel und Gründe wie mit eingelegter Arbeit bedeckt schienen, verschwanden in Wäldchen und zwischen Hügeln und tauchten wieder hervor, suchten und mieden sich oder kamen aus der Ferne, wer weiß woher, und gingen, wer weiß wohin. Aussichten und Naturschönheiten sind einem Knaben in meinem damaligen Alter ziemlich gleichgültig, und ich hatte bald genug davon. Dann fiel mir ein, daß ich ja von hier aus auch meinen ersten geliebten Wohnsitz Steinhusen sehen müsse, denn wenn man von dort die Kirche von Borna sah, so mußte doch auch das Umgekehrte möglich sein. Ich sprang sofort von der Mauer und lief um die Kirche herum, um mir dort den höchsten Punkt zu suchen, und fand auch dicht neben ihr einen mächtigen Felsblock, der wohl irgend ein Gedächtnismal darstellte, denn er war mit einer verwitterten Inschrift versehen. Auf diesen kletterte ich und spähte nach der gewünschten Aussicht. Über die Obstbäume des tiefer liegenden Pfarrgartens und über das Dach des Pfarrhauses hinweg sah ich auch das grüne Wiesental im Grunde mit dem halb zugewachsenen See und dahinter die aufsteigenden Baumhügel des Parkes, und von dieser Höhe aus, deutlicher als von unten, auch die Giebel und Dächer des stattlichen Herrenhauses sowie den schlanken Aussichtsturm, doch dahinter weiter nichts als den hellen Abendhimmel. Nur in der Senkung der von der schrägen Sonne beglänzten, von tiefen, schwarzen Schatten durchsetzten Baumwipfel zog ein feines, blasses Streifchen fernen Hügellandes dahin. Nun aber nahm der Aussichtsturm meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Auf seiner Plattform, die von einem ausgekragten Balkon mit Geländer umgeben war, stand ein kleines Häuschen, aus dessen spitzem Dache eine Flaggenstange emporragte. An dieser stieg, ohne daß ich sehen konnte, wie es geschah, fortwährend eine Reihe von übereinander wehenden, verschieden geformten und gefärbten Flaggen in die Höhe, in immer wechselnder Anzahl und Anordnung. Jede Gruppe verweilte eine kurze Zeit oben und wurde dann wieder heruntergeholt. Solche Einrichtung kannte ich schon. Ganz dasselbe gab es auf dem Hause des Herrn Wohland aus der Insel Uhlenhorst, und auch das Spiel mit den Flaggen hatte ich dort bei unseren Segelfahrten auf dem See schon beobachtet. Man sagte, Herr Wohland unterhielte sich aus diese Art mit seiner Tochter in Borna. Es berührte mich wunderlich, daß ich nun diese sonderbare Art der Mitteilung von der anderen Seite mit ansah und daß alle diese unverständlichen Zeichen dem Manne galten, mit dem ich auf so ungewöhnliche Art in Beziehung geraten war, der für mich ein dankbares Wohlwollen hegte und dem auch ich gut war. Nachdem diese Zeichensprache eine Weile mit längeren und kürzeren Unterbrechungen angedauert hatte, hörte sie plötzlich auf. Eine weiße Flagge, die fortwährend an der Spitze der Flaggenstange geweht hatte, wurde wie zum Gruß gesenkt und gehoben und tauchte dann in die Tiefe hinab. Ich wartete noch eine Zeitlang, aber alles blieb still. Nur nach einer Weile gab die Kirchenwand hinter mir den Widerhall eines fernen Böllerknalles zurück. Das war wohl Herrn Wohlands Abendschuß, den ich so oft in Steinhusen gehört hatte, wie er sich in den vielfachen Buchten des Sees zur Ruhe rumorte. Ich stieg nun auf dem gewöhnlichen Kirchenwege zwischen den beiden Gehöften und zwischen stattlichen Steinmauern hinunter zur Chaussee, deren Rand nach dem Wiesengrunde hin ziemlich steil abfiel. Zahlreiche schräge Pfade führten dort die Böschung hinab, denn hier lagen die Gemüsegärten des Dorfes, jeglicher seinem Hause auf der anderen Seite der Chaussee gegenüber. Mächtige grüne Mauern von Stangenbohnen, stattliche Erbsenhecken, blühende Kartoffelfelder und sehr viele andere vergnügliche Gemüse wuchsen dort weithin. Ein starkes Rauschen und Rieseln zog mich an, und ich stieg den schrägen Weg zum Pastorgarten hinab. Dort war in die Böschung aus großen Steinen ein Halbrund gemauert, und aus einer roh behauenen Rinne kam eine fast armdicke Quelle hervor, ergoß ihren Strahl in das Halbrund einer alten Handmühle aus der Steinzeit, die man noch so oft im Lande findet, und rieselte dann durch eine bedeckte Rinne über den Weg und durch die Gärten dem See zu. Das war ja prachtvoll. Quellen hatten für mich von jeher etwas Märchenhaftes gehabt, und nun gar eine solche, die mit stolzem Strahl so ohne weiteres aus dem Berge sprang und nicht erst aus allerlei sumpfigen Rinnsalen mühsam zusammenrieselte, hatte ich noch nie gesehen. Wie vor einem Wunder stand ich, und eine Art von Andacht erfüllte mich. Zu beiden Seiten des gemauerten Halbkreises lag ein großer, flacher Stein, und ich setzte mich und schaute zu, wie der starke Strahl unablässig aus dem Berge hervorkam und mit gläsernem Bogen in der Luft stand, wie er mit Brausen die alte Steinschale füllte und über die Ränder lief und sich kluckernd zwischen dem Geröll verlor. Dann horchte ich, wie er mit seltsamem Gurgeln in das Rohr unter dem Wege verschwand, und sah ihm nach, als er wieder hervorkam und so eilig und heiter dem See zurieselte, als sei er froh, der engen Bergeshaft für immer entronnen zu sein. Ich blieb dort aber nicht ungestört, denn es war Abend, die Sonne war schon hinter dem Kirchhügel versunken, im Tal sanken die Schatten, und die Mädchen kamen zum Wasserholen von weit her. Denn das Wasser dieses Quells war berühmt und beliebt; Springwater nannten es die Leute und schrieben ihm besondere Kräfte zu. Man behauptete sogar, von diesem Borne habe das Dorf Borna seinen Namen. Alles dies erfuhr ich von dem braven Johann, der in diesem Augenblick den schrägen Weg herunter kam, um für seine Pferde Wasser zu holen. Er wußte noch viel mehr. »In dei ollen Tieden,« sagte er, »so seggen weck, hett dei Düwel hier sin Rebeit hatt, un hier inne Grund hebben lure grote Bööm stahn, un dei oll lütt See hett dei Düwelsee heiten. Dor äwer hebben's dei Kirch up den Barg bugt, un dat hett em tau dull argert, wil hei doch dat Klockenlürren nich verdrägen kann. Un is mit einen grugligen Gestank afsuust, un hett sick dor hentreckt, wo nu dei Düwelsborn lopen deiht. Dei is donn äwer noch gor nich dor wäst, dei is ierst rut sprungen, as dei Düwel för Wut mit sinen Pierfaut up dei Jerd haugt hett. Hei is äwer so dull worden, as dei Windrichtung mal so wäst is, dat hei dei Klokken von dei Bornasch' Kirch dor ok hürt hett. Un dat is bi Südwest wäst, un dorüm is bi Subwest hüt immer noch dei Düwel los. Na, up dei Barg bi'n Düwelsborn rüm, dor sünd jo nu binah noch mihr Stein as hier, un dor hett hei sick 'ne Sleure makt ut 'ne Offenhut un 'ne Ankerkär un hett bei vull Stein lad't un ümmer för dull up dei Kirch los klütert. Na, un hei is jo ok man so'n richtigen Draplock wäst un hett ümmer vorbi smäten. Dorvon, so seggen's, sünd all dei välen Stein bi dei Bornasch' Kirch rüm kamen. Äwer dat is all man Drähnsnack, wo dei Stein herkamen, dat weißt du jo, dei wassen!« Damit hatte Johann, den ich auf dem Rückweg begleitet hatte, mit seiner Wasserfracht den Pferdestall erreicht, und ich suchte, da es dunkelte, wohl zufrieden mit meiner Besichtigung der Umgegend, das Innere des Hauses auf. * * * Am nächsten Morgen zeigte mir Pastor Liborius seine Bibliothek, und dadurch nahm mein Leben in Borna eine ganz besondere Gestalt an, denn mein alter Lesehunger, der durch die Eindrücke der Schule und den Umgang mit so vielen neuen Genossen etwas zurückgedrängt worden war, erwachte wieder. Und hier konnte man ihn befriedigen. Der Pastor sammelte zwar nicht nach einem bestimmten Plan, sondern kaufte alles zusammen, was ihm irgendwie bemerkenswert erschien, gleichviel aus welchem Gebiet, wenn es nur nicht zu viel kostete. Naturwissenschaftliche Werke, Reisebeschreibungen, Ausgaben römischer und griechischer Klassiker, besonders Elzeviere, wenn sie erschwinglich waren, und allerlei Kuriosa der verschiedensten Art. Aber außer der Neigung zu diesen für mich meist ungenießbaren Schmökern hatte der Pastor auch eine Liebhaberei für die schöne Literatur und eine ganz besondere für deren phantastische Abarten, wie man das bei nüchternen und phantasielosen Leuten viel häufiger findet, als man denken sollte. Deshalb waren die sogenannten Romantiker in dieser Büchersammlung sehr reich vertreten und in Ausgaben vorhanden, die heute, wo die Romantiker bei den Sammlern wieder Mode sind, mit Gold aufgewogen werden. Auch Märchensammlungen allerlei Art fanden sich dort, und das war mein Fall, denn für Märchen hatte ich eine seltsame Vorliebe. Das ging so weit, daß ich mir schon in Steinhusen aus Goethes Werken, die mir sonst im allgemeinen noch ziemlich unzugänglich waren, die wenigen Märchenrosinen mühsam herausgepickt hatte. Der neue Paris, das Märchen und die neue Melusine hatten mich entzückt, besonders der neue Paris. Nur über eins war ich nie hinweggekommen bei diesem. Im Märchen darf sich Wunder auf Wunder häufen, aber eins erträgt es nicht, das sichtlich Unmögliche. Man wird sich erinnern, daß der innere Teil des wunderbaren Gartens von einem Kanal umgeben wird, dessen marmorne Einfassungen auf beiden Seiten vergoldete Gitter tragen, die von Spießen und Hellebarden gebildet werden. Man kann aber trotz der Zwischenräume der Stäbe nicht in den schönen Garten sehen, weil das Gitter so sinnreich angeordnet ist, daß auf der anderen Seite des Kanals immer ein Gitterstab auf einen Zwischenraum auf dieser Seite trifft. Wir glauben wohl, daß ein Schritt mit dem Siebenmeilenstiefel den kleinen Däumling von Hamburg nach Lübeck bringt, denn dafür sind es eben Siebenmeilenstiefel, wir glauben auch, daß der Säckel des Fortunatus unerschöpflich bei jedem Griff neues Gold liefert, denn das ist nun einmal die Eigenschaft solcher Zaubersäckel, daß sich aber zwei voneinander entfernte Stabgitter stets so decken, daß man nicht hindurchsehen kann, das glauben wir nicht und sind vielmehr der unmaßgeblichen Meinung, daß sich der junge Herr Goethe da verhauen hat. Das Studierzimmer des Pastors hatte schon keinen anderen Wandschmuck als Bücherborte, die bis an die Decke reichten und eine ewige Wiederholung von Bücherrücken aller Art zeigten, die Hauptmasse dieses Heeres war aber in einem langgestreckten Nebenzimmer untergebracht. Dort standen doppelseitige Bücherborte, mit den nötigen Zwischenräumen wie die Zähne eines Kammes von den beiden Langwänden des Zimmers ab, gleich Kulissen in einem Theater, so daß man auf dem freibleibendem Mittelgang durch eine Allee von Bücherborten ging, die ihre Schmalseiten zeigten und den Beschauer freundlich einluden, in die reichgefüllten Nischen einzutreten. Wenn sich der Pastor nicht in seinem Studierzimmer aufhielt, so war er hier zu finden, denn er war ein Stubenmensch und ließ sich selten draußen sehen. Hier erledigte er auch seine Spaziergänge, indem er unablässig mit seiner langen Pfeife, die ihn selten verließ, den Mittelgang auf und ab schritt und diese Wanderung, wenn er die große Tour vorhatte, wie er es nannte, bis in sein Studierzimmer ausdehnte. Oder er wirkte zwischen den Büchern herum und ordnete sie neu, denn darüber hatte er immer wieder andere Meinungen, oder er stand am Fenster oder an einem Stehpult und blätterte oder las in einem Buche, oder er war in Nachdenken versunken vor einem noch leeren Büchergestell, das er in seinen Träumen mit neuen Schätzen anfüllte. Er mochte wohl meinem Alter keine große Teilnahme an diesen Dingen zutrauen, und nachdem er mir mit einer summarischen Handbewegung seine Geistestruppen vorgestellt hatte, ließ er mich ruhig allein dort herumschnückern, wohl in der Erwartung, daß ich die nächste Gelegenheit benutzen würde, mich still und heimlich zu verkrümeln. Er hatte eine kränkende Erfahrung mit einem seiner Neffen, der in meinem Alter war, noch nicht überwunden – dessen Herz er empfänglich machen wollte für die Reize der Literatur, und der schließlich ganz blaß und schwach geworden war und gefleht hatte: »Ach, Onkel, laß mich 'raus, mir wird ganz schlecht bei all den vielen Büchern!« Da kannte er mich aber schlecht, denn ich hatte bald die romantische Ecke entdeckt, wo ja auch allerlei Märchen und dergleichen Phantasiewaren untergebracht waren. Nein, war das eine gute Ecke! Da war ja der ganze Hoffmann in allen Ausgaben, die bis dahin erschienen waren. Onkel Simonis, in dessen Bibliothek ich früher meine ersten literarischen Studien machte, hatte nur die Phantasiestücke und Serapionsbrüder gehabt, aber hier war alles und vieles mehrfach, so daß man sich die Ausgabe aussuchen konnte, in der es am besten schmeckte. Als ich den Kater Murr oder den Klein Zaches oder den Meister Floh in den von Hoffmann selbst gezeichneten Kartonumschlägen der ersten Ausgaben in der Hand wog, lief mir das Wasser im Munde zusammen. Und welch ein prachtvoller Titel war das: Die Elixiere des Teufels! Da war aber nicht Hoffmann allein, sondern auch die neun Bände seines Freundes C. W. Contessa und die zwölf Bändchen Phantasiestücke und Historien seines Nachahmers Weisflog. Da standen in stattlichen Reihen aufmarschiert die Werke von Tieck, Arnim und Fouqué, die bescheidene Bändchenzahl des Novalis und sowohl die Schriften als die Märchen Klemens Brentanos und dergleichen mehr. Ich fand dort auch Tausend und eine Nacht in der großen vollständigen Ausgabe von Weil mit den zweitausend Bildern, und die zwei von Grandville so trefflich illustrierten Bände von Gullivers Reisen. Es würde zu weit führen, wollte ich alles aufzählen, nur erwähnen möchte ich noch, daß ich dort auch drei Bändchen einer sogenannten amerikanischen Bibliothek entdeckte, die damals eben erschienen waren und ausgewählte Werke von Edgar Allan Poe enthielten. Ich suchte mir nach langem Zögern und Wählen, nachdem ich in den verschiedensten Büchern geschnüffelt und geblättert hatte, einen Band heraus, in dem mich eine wunderlich phantastische Szene gefesselt hatte, und fragte den Pastor, ob ich ihn lesen dürfe. Da ich nun den verhältnismäßig harmlosen Klein Zaches gewählt hatte, sagte er: »Ja, nimm nur mit, und kannst dir auch mal was Anderes holen, aber merk dir, wo es gestanden hat. Am Abend muß jeder Band wieder an seinem Platze sein.« Das war am Vormittage, und der schmale Klein Zaches war schon vor dem Essen wieder an seinem Ort, denn er war bald verschlungen. Er hatte sehr nach mehr geschmeckt, und nach Tisch verschwand ich mit dem Kater Murr in mein Lesekabinett. Das war aber der Kirchhof, wo ich zwischen den verfallenen Gräbern lag, während das lange Gras im Winde wehte, die Grillen und die Heuspringer sangen, die Schmetterlinge und Libellen über mich hin schwankten und tanzten und sich die Schwalben in der hohen Luft schrillend schwenkten. Wenn ich mich nur pünktlich zu den Mahlzeiten einfand, und das tat ich schon, so kümmerte sich niemand im Hause um mich, und so tat ich denn in den folgenden Tagen weiter nichts, als mir aus der romantischen Ecke ein Buch nach dem andern zu holen und es so schnell wie möglich durchzuackern. Die Freuden meines Menschennestes in Steinhusen, das ich mir in dem Wipfel einer Linde am See gebaut hatte und wo ich meinen literarischen Hunger mit Vorliebe gestillt hatte, wurden mir hier in verstärktem Maße zuteil. Aber nicht immer war gutes Wetter, und wenn es regnete oder das Gras zu naß war, hatte ich ein zweites Lesekabinett, das war der Heuboden über dem Stallgebäude auf dem Hofe. Dort in dem dämmerigen Raume, der nur durch die wenig geöffnete Bodenluke und durch die Eulenlöcher in den Giebeln einiges Licht erhielt, lag es sich so mollig im trockenen duftenden Heu, während draußen der Regen klingend vom Strohdach rieselte und auf den Blättern des alten Lindenbaumes trommelte. Manchmal scharrten unten im Stall die Pferde oder klirrten mit den Halfterketten, dann unterhielten sich die Schweine mit eindringlichen Grunztönen, und dann wieder verkündete eine jauchzende Henne im Hühnerstall, daß sie eine Tat getan habe, die Tat aller Taten: Ein Hauptei, ein Staatsei hatte sie gelegt, das Ei der Eier. Unheimliche und grauliche Geschichten gingen besonders gut zu lesen in diesem Raume, denn überall in den Ecken und Winkeln lagerte die schwarze Finsternis, in die irgend ein matter Lichtschimmer gespenstige Gestalten und schauerliche Fratzen malte. Zuweilen schlich auch wohl lautlos der große weiße Kater über die Heuhügel dahin und blieb stehen in der Finsternis und glühte mit den runden, hellen Lichtern seiner Augen unbeweglich auf mich hin. Dann wieder raschelte und regte sich im Heu ein unbekanntes Etwas, oder wunderliche Töne wurden laut, deren Ursprung nicht zu ergründen war. Am graulichsten wirkte es zuerst auf mich, wenn vom Eulenloche her, in dem ein blasses Dämmerdreieck des grauen Regenhimmels stand, ganz deutlich das laute, schnaubende Atmen eines schlafenden Riesen ertönte, als wenn ein Menschenfresser dort oben auf dem Heu seine üppige Mahlzeit verschnarche. Ich beruhigte mich aber bald, als ich auf dem Hahnenbalken das Schattenbild einer braven Schleiereule sitzen sah, die, wie mir Johann erzählt hatte, dort seit Jahren schon zu Hause war. Er nannte sie Dodenvagel, was aber nicht richtig war, der richtige Totenvogel ist der Steinkauz, der ebenfalls mit Vorliebe an solchen Orten wohnt. Ich erinnerte mich, wie oft ich schon in Steinhusen aus den Mauerlöchern des alten Kirchturms das sonderbare Schnarchen jenes putzigen Vogels vernommen hatte, und es erschreckte mich nicht mehr. Trotzdem, wenn ich an diesem einsamen Orte geheimnisvoller Dämmerungen und düsterer Finsternisse Geschichten las, wie aus Hoffmanns Nachtstücken den furchtbaren »Sandmann«, oder das schauerliche »Majorat«, oder von Tiecks Märchen das unheimliche »Der blonde Eckbert«, oder den grausigen »Liebeszauber«, oder Arnims »Isabella von Ägypten« mit der furchtbaren Postkutschenladung grauenhafter Gespenster, oder das entsetzliche »ruhlose Herz« und ähnliches von Edgar Allan Poe, da sehnte ich mich doch ein wenig nach Sonnenschein und klarem Wetter, um wieder auf dem Kirchhofe zwischen den verfallenen Gräbern liegen zu können, wo es gar nicht ein bißchen graulich war. So vergingen wohl acht Tage, während welcher Zeit ich für alles ringsum unzugänglich war und nicht über den nächsten Umkreis des Pfarrhauses hinauskam. Ja, so verloren hatte ich mich in die Irrgärten, Zauberwälder und Schreckenskammern der Romantik, daß ich nicht einmal dazu gekommen war, den nahen Aussichtspunkt aufzusuchen, von dem ich in die wirkliche Wunderwelt meiner Kindheit hätte schauen können. Der Duft der blauen Blume hatte mein Gehirn umnebelt, und ob dem Genusse der süßen Lotosfrucht hatte ich wie die Gefährten des Odysseus mein Vaterland vergessen. Da rief mich eines Abends Fräulein Pastorin an und ließ mich in ihr Zimmer kommen. »Frölen Pasturin« wurde sie nämlich von den Leuten genannt, weil sie ihrem Bruder die Frau ersetzte und alles tat, was sonst dieser zukommt, zum Beispiel die Bräute mit der bunten Flitterkrone zu schmücken, wenn sie zum Altare gingen, und dergleichen mehr. »Mein Junge,« sagte sie, »wenn das so weiter geht, liest du dich ja wohl noch um dein bißchen Verstand. Du siehst schon ganz düsig aus. Mein Bruder sagt dir ja nichts, das ist selbst so einer, und ich sage immer, wenn er nicht das ewige Lesen an sich hätte, könnte er schon längst Präpositus sein. Aber, was ich eigentlich sagen wollte, auf dem Hofe wundern sie sich über dich, nicht über dein Lesen, sondern darüber, daß du dich gar nicht sehen läßt. Was denkst du dir eigentlich dabei?« »Ich kenne sie ja gar nicht!« sagte ich in meiner Verlegenheit. »Was 'n Schnack!« sagte Fräulein Thekla Liborius, »wo du doch den alten Herrn Wohland so genau kennst. Und Herr Wangelin ist doch sein Schwiegersohn und Frau Wangelin seine Tochter und die kleine Lana sein Enkelkind. Heut war die Erzieherin vom Hof hier, die sagte, seit sie weiß, daß du hier bist, spricht die kleine Lana alle Tage von dir, und jeden Morgen sagt sie: ›Heute kommt er gewiß,‹ und jeden Abend: ›Nun ist er wieder nicht gekommen!‹ Und alle wundern sich darüber. Die Erzieherin sagte: ›Der junge Mensch muß wohl gar keine Lebensart haben‹.«. Als ich noch ein ganz kleiner Junge war, hatte ich einmal im Garten irgend eine Schandtat begangen, die meine Mutter vom Hause aus bemerkt hatte. Sie stand nun im offenen Fenster und hielt mir einen längeren Vortrag, der ziemlich ehrenkränkend für mich war und dessen lästige Dauer ich gerne abgekürzt hätte. Denn wenn meine Mutter auch »sanft und solide« war, so »furchtbar gemütvoll«, wie Mamsell Kallmorgen sich das vorstellte, war sie denn doch nicht. Da nun meine kindliche Ehrerbietung mich verhinderte, einfach auszukneifen, so benutzte ich eine Pause in der mütterlichen Ermahnung, um kräftig mit der Hand zu winken und in meiner Not auszurufen: »Du, geh da mal 'raus aus das Fenster!« Das half auch, denn meine Mutter mußte lachen, und ihr Zorn verflog. Am liebsten hätte ich nun auch zu Fräulein Pastorin gesagt: »Du, geh da mal 'raus aus das Fenster!« aber das ging doch nicht gut, und ich mußte aushalten. Fräulein Thekla Liborius aber fuhr fort: »Nun will ich dir mal sagen, wie ich mir die Sache denke. Morgen nachmittag ziehst du dir deine besten Sachen an, und dann gehst du hin. So zwischen vier und sechs paßt es da am besten. Wenn du jetzt nicht deinen Besuch machst, bleibt es an uns hängen. Du kannst durch unseren Gemüsegarten gehen und dann den Fußsteig durch die Wiese. In der Parkmauer ist eine kleine Pforte, da gehst du hinein und dann immer der Nase nach, da kommst du schon hin. Vielleicht begegnet dir ein großer Neufundländer« – sie sagte Njufaundländer, weil die gebildete Erzieherin das auch tat, es kleidete sie aber nicht recht – »der tut dir nichts, er wird dich aber begleiten und acht auf dich geben. Wenn das der Fall ist, dann ist Lana auch nicht weit, denn der Hund ist ihre Leibgarde. Na, und dann benimm dich so gebildet, wie du kannst, Wangelins sind feine Leute. Deine Stärke ist das ja nun gerade nicht, der Indianer kommt immer wieder bei dir durch.« »Geh da mal 'raus aus das Fenster!« sprach es wieder in mir, allein ich sah doch ein, daß sie in der Hauptsache recht hatte, und versprach, nach allen diesen Vorschriften handeln zu wollen, worauf sie befriedigt war. Am nächsten Nachmittag schmückte ich mich, soweit es meine mehr als bescheidenen Mittel erlaubten, und wurde von Fräulein Pastorin in Gnaden entlassen. Schweren Herzens machte ich mich auf den Weg, denn ich war, wie viele Knaben meines Alters, besonders wenn sie auf dem Lande aufgewachsen sind, fremden Menschen gegenüber das, was man blöde nennt. Ganz besonders schwer lastete der Ausspruch auf mir: »Wangelins sind feine Leute.« Das war bedrückend für jemanden, der seinen eigenen Unwert in dieser Hinsicht so genau zu kennen glaubte wie ich. Große Eile, an den Ort meiner Bestimmung zu kommen, hatte ich nicht. Ich betrachtete mir die Quelle am Eingange des Gartens so eingehend, als hätte ich sie nie gesehen, und verfolgte ihren Lauf mit den Augen, bis sie im Röhricht des Sees verschwand. Meine Teilnahme am Gemüsebau war noch nie so groß gewesen wie heute. Die Erbsen, die Bohnen und die Mohrrüben standen gut, der Kohl ließ noch zu wünschen übrig. Bei den Gurken mußte ich bewundernd still stehen, denn sie waren wirklich sehr weit für die Jahreszeit. Von den Wipfeln des Parkes herüber riefen die Pirole ganz unglaublich; sie mußten sich dort aus der ganzen Gegend zusammengefunden haben, denn das Pfeifen und Flöten nahm kein Ende, und dazwischen klangen unausgesetzt die Lockrufe Jäk, Jäk, oder das häßlich kreischende Rätschen, das man diesem wunderschönen Vogel und trefflichen Flötenkünstler gar nicht zutraut. Der Vogel Bülow heißt auch Regenvogel oder, wegen des erwähnten häßlichen Schreies, Regenkatze, denn wenn er so fleißig ruft, gibt es Regen, sagen die Landleute. Ich überlegte mir, ob, wenn nun plötzlich ein furchtbares Gewitter losbräche mit Platzregen und Hagel, das nicht ein genügender Grund wäre, umzukehren, allein diese plötzlich aufsteigende Hoffnung zerfloß alsbald in nichts, wie jenes einzige weiße Wölkchen am klaren Sonnenhimmel, das soeben von der blauen Luft sachte aufgetrunken wurde. Ich schenkte noch den blühenden Kartoffeln am Ende des Gartens einige tiefsinnige Blicke, fand, daß sie zu großen Hoffnungen berechtigten, und stieg den niederen Abhang zum Wiesenfußweg hinab, der zu der kleinen Pforte in der breiten Parkmauer führte, die mit Buschwerk und Hopfen überwachsen war und aus deren losem Steingeröll im Laufe der Jahre stattliche Bäume hervorgestiegen waren. Alte, zum Teil schon überständige Bäume, Ulmen, Eichen und hier und da eine Rotbuche, und an freieren Plätzen einzelne mächtige Tannen, die ihr dunkles Gezweige bis auf den Boden hinab senkten, bildeten hier das Wäldchen des Parkes. Dazwischen zeigten sich Gruppen von verschiedenartigem Unterholz, in dem der Jelängerjelieber blühte, und einzelne sonnige Grasplätze mit Blumen und schwankenden Schmetterlingen. An schattigeren Stellen spann sich der Efeu am Boden dahin und überkroch mit seinen Ranken die grauen Felsblöcke, die hier und da aus dem Boden ragten, oder stieg in schnurgeraden Linien an den alten Baumstämmen empor. Der Fußsteig führte eine Weile den sanften Abhang hinauf und mündete dann in einen Weg, den ich nach rechts weiter verfolgte, denn in dieser Richtung mußte das Haus liegen. In den alten Bäumen nah und fern hämmerten die Spechte, und zuweilen ließ ein Häher seinen rauhen Schrei oder den täuschend nachgeahmten Ruf des Bussards hören, aber alles übertönte doch der Lärm der Pirole, die eine Strecke weiter hin vor mir offenbar Generalversammlung hatten. Einzelne streiften noch weiter herum, denn auch über mir hörte ich zuweilen den schönen Flötenruf oder sah den goldblitzenden Vogel durch den Sonnenschein fliegen. Nun senkte sich der Weg wieder zum Grunde, denn das Wäldchen ward hier von einem Bächlein gekreuzt, dem Abflusse des Sees, der eigentlich weiter nichts war, als eine Ansammlung verschiedener Quellen, die aus dem Abhange des langgestreckten Kirchenhügels entsprangen. Das kleine Wässerchen rieselte auf dem Grunde eines breiten und tiefen Einschnittes dahin, zwischen großen und kleinen Steinen, die seinen Lauf beengten und mannigfaltig machten. Ich lehnte mich eine ganze Weile auf das Brückengeländer von weißem Birkenholz, um dem lebendigen Wässerchen zuzuschauen, wie es sich durch die Steine wand und kräuselte und wirbelte und in der Sonne blitzte, und wie es schließlich zwischen den üppigen Wäldchen von goldig blühenden wilden Balsaminen, die an den feuchten Stellen aufgeschossen waren, verschwand. Aber die Pirole ließen mir keine Ruhe. Es war, als ob sie alle nur nach mir riefen: »Hier sind wir ja! Wo bleibst du denn? So komm doch nur! Raaasch! Vogel Bülow! Vogel, Vogel Bülow! Goldvogel, Goldvogel!« Ich hatte in all diesen Tagen in den Traumbildern der Phantasie gelebt, und nun erschien mir die Wirklichkeit wie ein Märchen, und das Gefühl überkam mich, ich ginge wunderbaren Dingen entgegen. Darin konnte mich nur bestärken, daß plötzlich am Ende eines kurzen, laubüberwölbten Seitenganges, der in das Innere des Gartens zu führen schien, ein riesiger Neufundländer stand; goldbraun und weiß gefleckt, stattlich wie ein Löwe sah er aus dem leuchtenden Scheine eines einfallenden Sonnenlichtes ruhig auf mich hin. Ein leiser Luftzug ging nach dieser Richtung, er mußte mich wohl schon gewittert haben, ehe er mich sah. Ich erinnerte mich der Anweisung des Fräuleins Liborius und ging ruhig auf ihn zu. Er sah mich nur aufmerksam an, als ich vorüberschritt, und gab weiter kein Zeichen der Anteilnahme an meiner unbekannten Erscheinung von sich, als daß er sich mir anschloß und ruhig neben mir herschritt, wie ein respektvoller Diener, der einen Fremden geleitet. Ich war auf einen breiten Weg gelangt, der das Wäldchen von dem großen Obst- und Gemüsegarten des Gutshofes trennte, und zugleich an den Mittelpunkt der großen Pirolversammlung, deren Ursache mir hier aus einen Blick klar wurde. Denn hier standen Kirschbäume, wie ich sie in dieser Größe noch niemals gesehen hatte und auch später nirgendwo gefunden habe. Wie die Eichen breiteten sie auf gewaltigen Stämmen ihre Kronen aus und waren bis in die äußersten Spitzen der Zweige von der Fülle ihrer süßen schwarzen oder goldroten Früchte bedeckt, ein wahres Paradies für den leckeren Kirschvogel, wie einer der zahlreichen Namen des Pirols lautet. An dem Stamme des stattlichsten aller dieser Bäume, der etwa in der Mitte dieses weitläufigen Kirschwäldchens stand, lehnte eine leichte Leiter. Als wir in seine Nähe gekommen waren, erhob der Hund seinen Kopf und sagte ein paarmal ganz leise: »Wuff, wuff,« etwa wie jemand, der eine Meldung zu machen hat. Dann drängte er mich mit dem Kopfe ganz sanft nach jener Gegend hin. Kirschbäume haben kein dichtes Laubwerk, und ich sah sogleich, daß dort oben, wo sich der Hauptast mehrfach gabelte, jemand saß. Ein Zweig wurde beiseite gebogen, und ein rosiges Mädchengesicht schaute aufmerksam auf mich hin. »Bist du Reinhard Flemming?« fragte sie, und als ich das bejahte, fuhr sie fort: »Kannst du klettern?« Das war eine Frage, die mir eigentlich ein wenig an die Ehre ging, mir, Reinhard Flemming, der sozusagen auf Bäumen groß geworden war. »Natürellemang!« hätte ich fast gesagt wie Mudrach, doch beschränkte ich mich darauf, heftig zu nicken, was ungefähr dasselbe bedeutete. »Dann komm 'rauf!« sagte sie, »hier ist noch Platz.« Da der Stamm nicht allzuhoch war, verschmähte ich die Leiter, sprang an einen wagerechten Ast, den ich eben mit den Händen erreichen konnte, und schwang mich hinauf. Der große Hauptast ließ sich wie eine Treppe ersteigen, es war ungeheuer komisch, hier von Klettern zu sprechen. Mit Mühe nur widerstand ich der Versuchung, eine kleine Vorstellung zu geben in meiner Fertigkeit, mich von Ast zu Ast zu schwingen wie ein Eichhörnchen und mich kopfüber von Zweig zu Zweig aus dem Baum fallen zu lassen, was eine Sonderkunst von mir war, mit der ich schon viel Beifall geerntet hatte. Aber ich unterdrückte mit männlicher Kraft den Trieb, »mich zu machen«, und saß ihr bald sehr gesittet auf einer Astgabel gegenüber. Zunächst betrachteten wir uns gründlich. Das Mädchen zählte etwa neun Jahre, war aber groß für ihr Alter, sehr ebenmäßig und schön gewachsen und lieblich von Angesicht. Das lang herabwallende, leicht gewellte, aschblonde Haar ward in der Mitte der Länge durch ein Band zusammengehalten. Sie trug ein silbergraues Kleidchen von einem zarten, aber festen Stoff, das am Nacken und an den Ärmeln und am unteren Rande mit allerlei zierlichem Gekräusel besetzt war, silbergraue Strümpfe, zierliche Schnürschuhe von perlgrauem Leder und als einzigen Schmuck, über jedes Ohr gehängt, ein Paar prachtvoller Kirschen. Im allgemeinen konnte man also wohl sagen, daß sie für das Klettern in Bäumen nicht gerade sportsmäßig ausgerüstet war, und wären nicht Gesicht, Nacken und Arme von Luft und Sonne leicht gebräunt gewesen, so hätte sie noch weniger für ihren luftigen Sitz in den grünen Zweigen gepaßt. Mir aber gefiel sie sehr gut so. »Weißt du eigentlich, wer ich bin?« fragte sie plötzlich. »Lana Wangelin!« antwortete ich. »Ja,« sagte sie, »eigentlich heiße ich aber Insulana, wie meine Mama, die doch auf einer einsamen Insel geboren ist, aber alle sagen Lana zu mir. Und nun will ich mich bei dir bedanken. Das wollt' ich schon lange. Ich wollt' es dir schon mal in einem Brief schreiben, aber Fräulein Kiekebusch sagte, das schickt sich nicht.« Dabei beugte sie sich weit vor, indem sie sich an der einen Zweiggabel festhielt und die Füßchen hinter den Ast klammerte, ergriff meine Hand und drückte sie mächtig. Ich muß wohl ein wenig wie ein rechtes Schaf ausgesehen haben, denn sie sah mich verwundert an und sagte: »Du weißt wohl gar nicht, wofür ich mich bedanke?« Ich fing an, es zu ahnen, und wurde rot wie eine Himbeere. Da ich mich nun aber dieses Errötens schämte, so multiplizierte es sich naturgemäß mit sich selbst, und ich wurde so rot, daß es schon nicht mehr schön war. Aber Lana hatte keine Gnade: »Du hast doch Großpapa das Leben gerettet,« sagte sie, »das sagen alle, und das ist doch so wunderschön von dir. Und glaubst du, ich weiß nicht, wie du hierher nach Borna gekommen bist? Weil du furchtbar krank gewesen bist und nicht in die Schule gehen kannst. Und wovon bist du so krank geworden? Weil du das große Feuer hast mit ausmachen helfen, du und dein Freund. Das hat ja in der Zeitung gestanden, Papa hat's vorgelesen und hat gesagt, das sieht den Jungs ähnlich. Wo es was zu retten gibt, sind sie gleich da.« »Ach, es hat uns ja bloß Spaß gemacht!« sagte ich abwehrend. Sie aber beachtete das gar nicht und beugte sich noch einmal vor, mir beide Hände entgegenstreckend, so daß ich dasselbe tun mußte, um sie zu halten, weil sie sonst aus ihrem Sitze herausgerutscht wäre, und da sich dabei unsre Köpfe sehr nahe kamen und ich sozusagen wehrlos war, so küßte sie mich. Ich half Lana nach diesem geglückten Überfall, ihren sicheren Sitz wieder zu gewinnen, und hob auch mich in den meinen zurück. Sie saß mir strahlend gegenüber und nickte mir zu. In der ganzen Zeit waren wir gleichsam eingetaucht gewesen in eine unablässige Fülle von Pirolgesang, untermischt mit dem Ratschen der Lockrufe und dem Jäk, Jäk der Jungen. Die schönen, flüchtigen Vögel, die Männchen prachtvoll in Goldgelb und Samtschwarz, die Weibchen und Jungen bescheidener in ein vornehmes Zeisiggrün gekleidet, flogen ab und zu, kamen und gingen, leuchteten hier aus dem Laubwerk hervor und blitzten dort durch den Sonnenschein und machten durch ihre Rastlosigkeit und den unablässigen, nie abreißenden flötenden Gesang den Eindruck einer weit größeren Anzahl, als wirklich vorhanden war. Denn alle diese schwarzgoldenen Vögel, die jungen Stümper sowohl als die alten Meistersänger, waren bestrebt, ihr süßes Mahl durch unablässigen Gesang zu würzen und alle ihre verschiedenartigen melodischen Flötenrufe und weniger lieblichen Töne unausgesetzt von sich zu geben, und da man sie verhältnismäßig selten dabei sah, so war es oft, als sängen die Bäume selber. Ich stelle mir den berühmten singenden Baum des Märchens immer wie einen großen Kirschbaum voll flötender Pirole vor. Die Vögel sind flüchtig und sehr scheu, allein ihrem Lieblingsgerichte, den süßen Kirschen, gegenüber, noch dazu, wenn sie unmittelbar neben einem Walde stehen, vergessen sie alle Scheu und sind auf die Dauer weder durch Schreckschüsse noch Scheusale zu vertreiben. Einzelne wagten sich sogar in den Baum, in dem wir saßen, allerdings nicht, ohne mit erschrecktem Flügelklatschen plötzlich zu entfliehen. Aber sie kamen wieder und waren dann schon dreister. »Das ist nur, weil du da sitzt,« sagte Lana, »dich kennen sie nicht. Vor mir sind sie gar nicht bange. Neulich ist der König mir so nahe gekommen, daß ich dachte, er würde mir die Kirschen von den Ohren nehmen.« »Der König?« fragte ich verwundert. »Der Vogel Bülow-König!« sagte Lana ernsthaft. »Horch!« rief sie dann mit gedämpfter Stimme und ohne sich zu bewegen, »das ist er!« Ein herrlicher Flötenruf, laut und voll wie Orgelton, erschallte ganz in der Nähe. Desgleichen hatte ich noch nicht gehört. Dann rauschte es leicht durch das Laubwerk, und ich erschrak, denn durch eine Lücke der äußeren Zweige des riesigen Kirschbaums sah ich plötzlich den Wundervogel. In der geflügelten Welt sind die Männer das schönere Geschlecht, und außerdem ist ihnen die Gnade verliehen, daß ihre Schönheit mit dem Alter immer noch zunimmt. Ach ungleich verteilt sind die Güter dieser Erde, und jetzt in meinen alten Tagen, wo ich dieses schreibe, muß ich seufzend denken: »Ach, warum bist du kein Pirol geworden?« Der Vogel hatte gerade einen ruhigen Augenblick, putzte zunächst ein wenig an seinem Gefieder und sah dann nachdenklich vor sich hin. Wirklich, ein königliches Geschöpf, stattlicher als alle anderen. Das wundervolle satte Goldgelb seines Gefieders war unvergleichlich, es gibt kaum ein schöneres Gelb in der Natur, und wenn man von einem tiefen Samtschwarz sagen darf, daß es leuchtet, so war das hier das einzig richtige. Er saß so nahe, daß ich die rote Iris seiner Augen und die braunrote Farbe seines Schnabels, der aussah, als hätte ihn unablässig vergossenes Kirschenblut also gefärbt, und den kleinen Goldfleck auf dem schwarzen Flügel deutlich erkennen konnte. Unterdessen waren die anderen mit Gesang und Flötenspiel und eifrigem Schmausen ringsum beschäftigt; bei der sonstigen Stille hörte man fortwährend, wie hier und da aus dem Schnabel verlorene Kirschen klatschend zu Boden fielen. »Siehst du ihn?« fragte Lana flüsternd, die meinen Kopf und meine Augen so aufmerksam nach einer Seite gerichtet sah. »Ich sehe ihn!« antwortete ich ebenso leise, und nun wendete sie langsam und fast unmerklich das Köpfchen nach derselben Richtung, denn jede sonstige Bewegung hätte den Vogel verscheucht. Dieser aber machte plötzlich einige merkwürdige einleitende Töne und begann ganz leise einen sonderbaren, putzigen Gesang, ein wunderliches Gewäsch aus krächzenden, schnalzenden und schulenden Tönen, das rasch dahinrieselte und mit dem bekannten Liede gar keine Ähnlichkeit hatte. Aber mitten heraus aus diesem komischen Geleier ohne jede Vermittlung und ohne jeden Übergang flogen ab und zu wie Raketen die herrlichsten Flötenrufe, daß man in Erstaunen geriet über diese unvergleichliche Vogelkehle, in der die größten Gegensätze, putziges, heiseres Gekrächze und wundervoller Wohllaut, unvermittelt nebeneinander wohnten. Ich wußte damals nicht, daß ich etwas hörte, das sehr wenigen bekannt war und erst in der neuesten Zeit zur allgemeinen Kenntnis gelangt ist, nämlich den eigentlichen Grundgesang des Pirols, den man nur aus nächster Nähe vernimmt und zu dem die weit hörbaren schönen Flötenrufe nur den Überschlag bedeuten. Hätte ich geahnt, daß ich etwas hörte, was dem größten deutschen Ornithologen, Johann Friedrich Naumann, unbekannt geblieben ist, so würde ich dieser Gesangsoffenbarung wohl mit mehr Andacht gelauscht und sie nicht einfach schnurrig gefunden haben. Aber Se. Majestät wurden plötzlich aufmerksam auf etwas, unterbrachen sich in ihrer musikalischen Unterhaltung, stießen ein gewaltiges Räätsch aus und begaben sich zu den Vorposten, wo plötzlich ein Kampf ausgebrochen war. Auf einem der entfernteren Kirschbäume hatten sich in aller Stille einige Stare eingefunden, um an dem köstlichen Schmause teilzunehmen. Unter Anführung des Königs waren sie aber bald vertrieben, denn diese streitbaren Vögel wagen sich sogar an Häher, Krähen und Elstern, wenn sie ihnen ins Revier kommen, und schlagen sie mutig in die Flucht. »Sie werden euch alle Kirschen aufessen!« sagte ich zu Lana, als die Pirole ringsum ihren Siegesgesang erhoben und sich mit frischen Kräften über die beliebte Speise hermachten. »Das sollen sie,« sagte Lana, »dazu sind sie da. Das sind meine Goldvögel, die kommen aus dem Märchenlande. Papa sagt, sie bleiben nur ein Vierteljahr hier, dann kriegen sie wieder Heimweh nach dem Märchenlande, wo sie zu Hause sind. Aber nun wollen wir in den Garten gehen und dann zu Mama. Komm!« Damit stieg sie eilfertig hinab, und ich folgte ihr. Der schöne Neufundländer, der beschaulich dort gelegen und nur zuweilen nach einer Fliege geschnappt hatte, erhob sich langsam, reckte sich ein wenig und drängte sich zutraulich an seine Gebieterin, die ihm den Nacken kraute und sagte: »Das ist Leo, der ist immer bei mir. Weil Mama sich doch so vor dem Wasser fürchtet. Leo hat schon furchtbar viele Menschen aus dem Wasser gezogen. Das ist sein Schönstes. Wenn Leo bei mir ist, darf ich überall allein hingehen.« Wir gingen nun den breiten Steig entlang, der den Park vom Obstgarten trennte; sie hatte ihre kleine, feste Hand sachte in meine geschoben, und Leo folgte uns bedächtig. Zur Seite im Wäldchen senkte sich der Grund zu dem breiten und tiefen Einschnitt, in dem, von den stattlichen Wipfeln einzelner Bäume überwölbt, das kleine Bächlein, zuweilen in einem Sonnenstreif aufblitzend, zwischen moosigen Steinblocken und Farnkraut dahinrieselte, und vor uns in der Öffnung am Ende des Steiges sah ich einen Platz sich weiten, aus dessen Mitte der mir schon bekannte schlanke Aussichtsturm emporstieg, aus einer kreisrunden, offenen Halle, die seinen Fuß umgab. Dahinter sah man Wasser blinken, das von einem bebuschten, niederen Hügelzuge abgeschlossen wurde. Wir traten auf den Platz hinaus – und nun öffnete sich zur Rechten eine weite, sanft gewellte Rasenfläche, mit Gebüschgruppen, einzelnen schönen Bäumen und leuchtenden Blumenbeeten geziert –, an dessen Ende das stattliche Gutsbesitzerhaus schimmerte. Zur Linken mündete der aus dem Wäldchen kommende Bach in einen ausgedehnten Teich, der den Platz mit dem Aussichtsturm zur Hälfte umschloß und durch den niederen, mit Buschwerk und einzelnen Bäumen bewachsenen Hügelzug, der hier den Garten abgrenzte, abgeschlossen war und durch einen tiefen Einschnitt in diesem seinen Abfluß fand. Binsen, Schilfrohr, Engelwurz, Rohrbomben und Weidengebüsch umsäumten seine flachen Ufer, und dazwischen blühte mannigfach die gelbe Iris und die weiße Zaunwinde. Am Rande des Rohrgürtels schwammen die blanken Blätter der Wasserrosen und tauchten mit goldenen Krönchen oder schimmernd weißen Blüten aus der Flut hervor. »Wenn wir nun auf den Turm steigen,« sagte Lana, »wirst du dich wundern, was da alles zu sehen ist.« Ich konnte es mir schon denken, sagte aber nichts. Wir gingen nun hinein und kletterten eine endlose Wendeltreppe hinauf, Lana mit den fixen Beinchen immer voran. Durch die länglichen Schlitze der Lichtlöcher, die, von Zeit zu Zeit sich öffnend, einige Helligkeit in den engen Raum brachten, dürfte ich nicht sehen, sagte sie, und ich versuchte auch, dies Gebot zu erfüllen, es konnte mir aber doch nicht entgehen, daß sich allmählich eine weite, lichte Welt und ungemein viel Himmel um uns ausbreitete. Wir kamen oben in einen kleinen Vorraum, wo die Wendeltreppe aufhörte und eine bequeme Leiter mit breiten Stufen durch eine offenstehende Falltür in das achteckige Gemach führte, das den Turm krönte. In diesem Häuschen war es sehr hell, denn der Raum hatte ein Glasdach, und nach Süden öffnete sich ein großes Fenster. Durch dieses sollte ich aber wieder nicht sehen, wie mir Lana vorher noch besonders einschärfte. Sie nahm mich dann gleich bei der Hand und zog mich an eine Tür, die nach Norden auf eine frei schwebende Galerie führte. Dort sah ich über die Wipfel des Obstgartens und des Wäldchens hinweg den Weg, den ich gekommen war, die Wiese, den halb zugewachsenen See und die Chaussee, die mit den Häusern, die sie begleiteten, beide in großem Bogen umschloß; ich sah das Pastorenhaus und den Garten, der hinter ihm aufstieg, und den Kirchhof auf dem Hügelrücken und die alte Kirche, die über dem Ganzen schwebte. Wir gingen um das Häuschen langsam herum und sahen das langgestreckte Gutshaus hinter den ausgedehnten Rasenflächen, mit hellen, gewundenen Wegen und überragt von fernen waldigen Hügeln, und gingen weiter auf die andere Seite des Häuschens, und dann kam es, dann kam der Ausblick, weswegen Lana mich so gespannt von der Seite ansah. Hinter dem Gartenteich, wo der kleine Bach den Hügelzug durchbrach und zunächst eine Reihe von hintereinander liegenden Karpfenteichen füllte, die durch buschbewachsene Dämme getrennt waren, zog sich ein immer breiter werdender Wiesenstreif in die Ferne, durch den sich der Bach träge fließend und an seinen Ufern durch Erlen und Weiden bezeichnet in vielfachen Bogen dahinwand, bis an ein breites Wiesenland, das die Ufer des ferne blinkenden Sees umgab. Zu beiden Seiten stiegen die Felder hinan, gefärbt mit den goldenen, grünen und braunen Tönen des Sommers, zuweilen von Hecken durchzogen und hier und da mit einzelnen alten Eichbäumen geziert, bis sie auf den Höhen an beiden Seiten dämmernder Wald umgrenzte. An beiden Seiten des Sees, aber ziemlich fern von ihm, zeigten sich zwei andere Höfe, Vorwerke der Herrschaft Borna, kleine Dörfer, die ihren eigenen Namen führten; ein schöner, stattlicher Besitz lag klar und übersichtlich, wie auf einer Landkarte, vor mir ausgebreitet. Dies alles aber war mir in jenem Augenblick fast ganz einerlei, und meine Augen glitten in schneller Flucht darüber hin. Dahinter aber, in der Verlängerung des schönen Tales mit dem smaragdnen Wiesengrunde, lag das Paradies meiner Knabenzeit, mein unvergeßliches Jugendland. Dort zwischen waldigen Hügeln schimmerte weithin der Steinhusener See mit seinen grünen Inseln und Halbinseln und blau dämmernden Buchten, bis hinter ihm am Horizont blasse Höhenzüge auftauchten. Ich hatte meine Not, eine unmännliche Rührung zu unterdrücken, allein ich bezwang sie. »Da ist der Uhlenberg!« rief ich »und Herrn Wohlands Haus mit Turm und Fahnenstange, ach wie deutlich. Siehst du die Fahnenstange?« Lana nickte, denn sie hatte Augen wie ein Falke. »Und da ist die Krebsbucht, wo der Bach einmündet und wo wir damals gekentert sind. Und hinter dem Uhlenberg guckt ein Stückchen von der Fischerinsel heraus, wo das Hexenhaus steht, und dahinter die Robinsonsinsel und ganz am Ende Steinhusen. Die Kirche ist ganz deutlich zu sehen, und der weiße Fleck, das ist das Haus von Herrn Martens, und die Scheuern sieht man und die Dorfkaten, und siehst du wohl, wo der kleine Dachgiebel herausguckt, aus den Bäumen, das war unser Haus. Und überall sind wir schon gesegelt mit unserem Albatros, mit dem alten und mit dem neuen, in allen Buchten sind wir schon gelandet.« »Wir haben euch einmal gesehen mit dem Fernrohr,« sagte Lana, »als ihr um den Uhlenberg herumgesegelt seid, und da hat Großpapa die Seeflagge aufgezogen und dreimal geschossen.« »Ach ja,« sagte ich, »das war damals!« »Wollen wir mal mit Großpapa sprechen?« rief Lana plötzlich. »Soll ich ihm mal sagen, daß du hier bist? Ach ja! Dann freut er sich! Dann freut er sich!« Sie ergriff mich bei der Hand und zog mich nach der Hinterseite des Häuschens, und wir gingen durch die Tür hinein. Sie öffnete zunächst das Fenster nach Süden, und ich sah mich in dem Raume um. In der Mitte stieg der starke Fahnenmast durch die Spitze des Daches empor und war unten von einer runden Tischplatte umgeben; durch das Dach kamen allerlei Leinen herab, die über Rollen liefen, und der Tisch war bedeckt mit Flaggen von verschiedener Form und Farbe, während größere Fahnen der verschiedensten Art an den Wänden hingen. Lana zog nun kräftig an einer Schnur, die von der Decke kam, wodurch sich oben im Dach eine Wetterklappe öffnete und einen breiten Spalt frei machte, durch den die Signale ungehindert auf und nieder steigen konnten. Dann hängte sie einen weißen Wimpel an eine der Leinen und gab mir Anweisung, ihn empor zu hissen. »Der weht ganz oben am Mast,« sagte sie, »und heißt, daß wir sprechen wollen.« Sie befestigte dann eine rote Flagge mit weißem Kreuz an eine andere Leine und zog sie ebenfalls hoch. »Diese weht weiter unten am Mast,« sagte sie, »und heißt: Lana ist da! Wir haben alle unsere verschiedenen Abzeichen, Papa, Mama und Fräulein Kiekebusch auch.« Dann stellte sie eine Papptafel auf, die sämtliche Buchstaben des Alphabets mit den Abbildungen der dazu gehörigen Flaggenzeichen enthielt, und sah durch ein bereitstehendes Doppelfernrohr aus dem Fenster, in dessen Rahmen die Heimat meiner Knabenzeit stand, wie das Bild eines schönen Jugendtraumes, gemalt mit den Farben des Heimwehs und der Sehnsucht und der verklärenden Erinnerung. Wir standen beide am Fenster und sahen hinaus in die glänzende Welt. Die Schwalben jagten durch den Sonnenschein um den Turm, ein Schwarm Tauben schwenkte sich in rasendem Flug, bald mit den weißen Unterseiten hell aufblitzend, bald gleichsam in den Schatten ihrer dunklen Rücken versinkend, und fern über dem Felde schwammen in der hohen blauen Luft zwei Gabelweihen. Sie hatten sich in weiten Kreisen schon so hoch geschraubt, daß sie kaum noch sichtbar waren, doch tönte ihr gellendes Hiäh! noch deutlich herüber. »Siehst du? siehst du?« fragte Lana plötzlich und nahm das Fernrohr an die Augen. Ich sah, wie in der Ferne an der Fahnenstange des Schlößchens auf dem Uhlenberge ein weißer Wimpel emporstieg und kurze Zeit darauf ein anderes rotes Zeichen darunter, das ich so eben noch mit bloßen Augen erkennen konnte. Lana lief an den Tisch, holte schnell ihr Zeichen herunter, hängte zwei andere Flaggen an und zog sie auf. »Nun sieh hin, mit dem Fernrohr, ob das rote Zeichen auf und nieder geht,« rief sie, »dann hat Großpapa verstanden.« Kaum hatte ich das ferne Signal ins Auge gefaßt, als auch schon die Wirkung kam und Lana schnell die Leine einholte und ein anderes Fähnchen ansteckte. So ging es rasch weiter; manchmal war das Signal aus zwei Flaggen, manchmal aus dreien zusammengesetzt, und zuweilen bestand es auch nur aus einer. Dann fragte sie: »Schreibst du dich mit einem t?« »Nein d,« sagte ich. Das d wurde aufgeholt und einige Male hin und her bewegt. »Das heißt, daß das Wort aus ist,« sagte Lana, »nun kommt das zweite.« Da ich mir dies nun schon denken konnte, achtete ich auf die Tafel, wo die Buchstaben neben den Signalen verzeichnet waren, und verglich und sah, wie das Wort allmählich in die Luft stieg: »F-l-e-m-m-i-n-g.« Es erschien mir seltsam und höchst ehrenvoll, daß mein simpler Name auf so besondere und ungebräuchliche Weise durch den Luftraum wanderte. Wenn man sich zum ersten Male gedruckt sieht, erzeugt das eine ähnliche Empfindung. Ich versuchte nun weiter zu folgen, da mir aber das nächste Wort nicht bekannt war, so fand ich die Buchstaben zu den Flaggenzeichen nicht schnell genug, doch Lana half mir und nannte sie. Die Botschaft hieß: »Reinhard Flemming, hier. Gruß.« Vom Uhlenberg kam alsbald die Antwort. »Gruß. Morgen Brief.« »Was er wohl schreiben wird?« sagte Lana, »ich denk mir was, ich denk mir ganz was Schönes. Was er mir versprochen hat an Pfingsten, als wir auf dem Uhlenberg waren. Und du gehörst auch mit dazu, das ist ja gerade das Schöne. Aber nun wollen wir zur Mama gehen.« Das schöne, stattliche Haus und die ungewohnte Pracht seiner Einrichtung wirkten feierlich auf mich, und jene unbehagliche Stimmung befiel mich, die von dem Zimmer, das Adolfs Tante Malchen bewohnte, unzertrennlich war. Zwar schneeweiße gescheuerte Holzfußböden, die mit irdischen Stiefeln, besonders, wenn sie auch noch erdig waren, kaum begangen werden konnten, gab es hier nicht, aber der Gartensaal, den wir zuerst betraten, war mit Marmorfliesen belegt, und von den weißen Wänden schimmerte vergoldetes Ornament; in den anderen Zimmern aber schritt man lautlos über weiche Teppiche dahin, schwere dunkle Mahagonischränke blinkten im warmen Glanz ihrer Politur, die Polstermöbel waren mit Seidenplüsch und anderen kostbaren Stoffen überzogen, und an den Wänden hingen englische Kupferstiche in schwarzpolierten und ganz wirkliche Ölbilder in goldenen Rahmen. Nach der Sitte der Zeit gab es rote, gelbe und grüne Zimmer, in denen überall nur ein und derselbe Farbenton herrschte, was mir unendlich vornehm vorkam, denn in solcher Vollendung hatte ich das noch nicht gesehen. Ich dachte mir, schöner könne der Großherzog in seinem neuen Schlosse auch nicht wohnen. Zuletzt kamen wir in ein blaues Zimmer, wo Frau Wangelin an einem Erkerfenster saß und mit einer Handarbeit beschäftigt war. Ich sah gleich, daß man aus diesem Fenster auch den weiten Blick über das Land, auf die Insel Uhlenberg und auf das Haus des Herrn Wohland hatte. Die schöne Frau begrüßte mich freundlich und war gütig gegen mich. Sie war wortkarg wie ihr Vater, doch das wenige, das sie sprach, hatte einen Ton, der von Herzen kam. Ihr Blick war meist ins Weite gerichtet, wie eines, der in der Ferne die unendliche See rauschen hört. Als Herr Wohland damals an der großen Muschel horchte und dabei sinnend vor sich hin sah, hatte er ganz denselben Blick. Sie sah überhaupt ihrem Vater sehr ähnlich. Dann fragte sie Lana: »Was wollte Großpapa?«, denn sie hatte gesehen, daß die Signale in Tätigkeit gewesen waren. »Ich weiß nicht,« sagte Lana, »aber ich denk mir ganz was Schönes. Morgen kommt ein Brief.« »So, so?« antwortete sie und sah nachdenklich in die Ferne. Fräulein Pastorin hatte mir, ehe ich ging, noch besonders eingeschärft, ich solle nicht zu lange bleiben. Das wäre nicht fein, hatte sie gesagt. Spätestens um sechs Uhr müsse ich wieder zu Hause sein. Da Lana nun, ich weiß nicht, warum, aus dem Zimmer lief und ich mit der schweigsamen Frau allein war, die nur zuweilen eine kurze Frage an mich richtete, die rasch beantwortet war, so bedrückte mich die Vorstellung, daß ich nun verpflichtet sei, den Born meiner Unterhaltungsgabe sprudeln zu lassen, um so mehr, als dieser Quell, wie immer, mit Gewalt nicht fließen wollte. Darum begrüßte ich die Tatsache, daß eine vergoldete Bronzeuhr unter einer Glasglocke mit einer jungen Dame darauf, die beschäftigt war, mit dem Griffel der Geschichte etwas in ein Buch zu schreiben, daß also diese Uhr mit hellklingendem Ton halb sechs schlug, als eine Mahnung zum Aufbruch. Aber Aufbruch machen war doch die schwierigste aller Künste, die von viel älteren Leuten oft noch nicht beherrscht wird. Darum freute ich mich, als Lana wieder hereinkam. Da wurde es mir leichter. »Du, ich muß jetzt nach Hause!« sagte ich, »um sechs soll ich wieder da sein.« »Aber morgen nach Tisch um zwei,« sagte Lana, »mußt du wiederkommen. Nicht wahr, Mama?« Diese nickte. »Dann erzähle ich dir, was Großpapa geschrieben hat. Und jetzt bringe ich dich an die Gartenpforte.« Ich verabschiedete mich dann, so gut ich konnte, mit meinem besten Bockstoßdiener und war froh, als ich wieder statt weicher Teppiche oder polierten Marmors schönen, knirschenden Gartenkies unter meinen Füßen hatte, und noch froher, als auch dieses abgezirkelte Kunstprodukt aufhörte und der Boden fester Gartensteige meine Schritte elastisch zurückgab. Wir gingen natürlich nicht ohne Leo, der uns draußen erwartet hatte, diesmal einen anderen Weg, der von dem Aussichtsturme aus an dem Teiche vorbei auf einer Brücke über den kleinen Bach führte und im Randgebiet des Parkes einen großen Bogen beschrieb. In der Ferne lärmten noch die Pirole, an den alten, überständigen Bäumen klopften die Spechte, hier und da sang eine Mönchsgrasmücke ihr spätes Sommerlied, oder aus dem Gestrüpp leuchtete der kecke, schmetternde Schlag eines Zaunkönigs auf. »Was morgen der Semmelmann wohl bringt, was er wohl bringt?« sagte Lana geheimnisvoll. »Wer ist das?« fragte ich. »Kennst du ihn nicht? Er kommt doch beim Pastor auch jeden Tag.« Ich erinnerte mich, ein- oder zweimal dort so um die Mittagszeit einen ältlichen Mann in Kniestiefeln gesehen zu haben, der einen wunderlichen, abgeschabten Filzzylinderhut trug und einen sogenannten Maurerbart. Besonders aufgefallen waren mir seine blaßblauen Augen, die mit geisterhaftem Ausdruck unter dichten Brauen hervorschauten, und ferner die geschäftsmäßige Eilfertigkeit, mit der er, einen großen Tragekorb auf dem Rücken und bei jedem Schritt seinen eisenbeschlagenen Kreuzdornstock aufstoßend, die Chaussee entlang stiefelte. »Das ist er, das ist er!« sagte Lana, als ich diesen Mann schilderte. »Sieh mal, der geht jeden Morgen früh von der Stadt weg und in einem großen Bogen über viele Dörfer und Güter. Und bringt Zeitungen mit und auch manchmal Briefe aus der Stadt und alles, was man vorher bei ihm bestellt hat, auch Semmel und Kuchen und Konditorsachen. Darum heißt er der Semmelmann. Am Steinhuser See liegt immer ein Kahn für ihn, damit setzt er über nach dem Uhlenberg, und da gibt es Frühstück, und bei uns kommt er gerade zu Mittag und ißt mit den Leuten. Und Geschichten kann er erzählen, die sind aber alle graulich. Er kann nämlich Geister sehen und kennt alle Gespenster in der ganzen Umgegend. Manchmal im Winter ist es ja noch dunkel, wenn er geht, aber das ist ihm gleich, er sieht sie auch bei Tage. Und wenn jemand stirbt in der Umgegend, ist ihm immer schon acht Tage vorher der Leichenzug begegnet, das sagt er aber immer erst nachher, weil es doch zu graulich ist. Er fürchtet sich aber gar nicht vor den Gespenstern, denn er hat seinen Kreuzdornstock und seinen Spruch. Den Spruch sagt er keinem, der soll aber so stark sein, daß jedes Gespenst auf der ganzen Welt davon entzwei springt. Pastors Johann, der doch immer mit dem Teufel was vor hat, dem hat er mal erzählt, er hätte den Teufel gesehn, abends im Schummern am kürzesten Tag beim Teufelsborn. Es wäre sehr schmutziges Wetter gewesen, und der Teufel hätte dort gesessen auf einem Stein und mit einem Pferdekamm seinen Schwanz ausgekämmt. Mit einem Male aber hat er den Semmelmann angesehen und eine gräßliche Fratze gemacht und ihm die Zunge ausgesteckt, die ist eine halbe Elle lang gewesen und so rot wie glühendes Eisen. Dann hat er hinter sich gelangt und mit einem furchtbar großen Stein nach ihm ausgeholt. Der Semmelmann hat ihm aber schnell seinen Kreuzdornstock vorgehalten und seinen Spruch aufgesagt. Da hat er den Stein hinter sich fallen lassen und sich gewunden, als ob ihn das Feuer brennte. Dann hat er gräßlich geschrien und ist kopfüber in den Teufelsborn gesprungen, und der hat gezischt und gedampft, als wäre da ein glühendes Plätteisen hineingefallen.« Dann lachte Lana hell auf, so daß ich mich eigentlich ein wenig verwunderte. »Warum lachst du?« fragte ich. »Ach, Papa sagt, der Semmelmann ist ein Späukenkieker und bildet sich all solchen Unsinn bloß ein. Und über das Wort Späukenkieker muß ich immer lachen, das klingt so putzig. Und siehst du, der Späukenkieker ist es ja, der morgen den Brief bringt von Großpapa. Komm nur ja morgen um zwei zur rechten Zeit. Nachher trinkst du bei uns Kaffee. Ich will dir nur sagen: der Semmelmann bringt morgen Maulschellen und Papmützen mit. Magst du die?« Da ich diese wohlschmeckenden Gebäcke sehr hoch schätzte, so konnte ich diese verheißungsvolle Frage mit gutem Gewissen bejahen. Unterdessen waren wir bei der kleinen Pforte angelangt und nahmen Abschied voneinander. Sie stand noch eine Weile mit der geöffneten Tür in der Hand und sah mir nach. Als ich den Gemüsegarten erreicht hatte und mich noch einmal umsah, gab sie mir noch ein Signal, indem sie die Hand mit zwei aufgespreizten Fingern hoch hielt. Ich erwiderte es, sie nickte und lief den kleinen Hügel hinan und verschwand zwischen den Bäumen des Parkes. 14 Am andern Morgen ließ ich mir von Herrn Küster Pagels den Schlüssel zur Kirche geben und stieg hinauf auf den Glockenstuhl des Turmes, wo man aus den Schallöchern die ganze Welt sehen konnte, in der ich bis jetzt gelebt hatte. Ich verstand nicht, warum ich das nicht schon längst getan hatte und wie ich im Bann gedruckter Träume, phantastischer Zauberwelten und der grausigen Ausgeburten krankhafter Gehirne so ganz die schöne wirkliche Welt hatte vergessen können, die im wahren Sinne des Wortes meine Welt war. Von hier aus sah ich die kleinen Landstädte, in denen ich schon einmal gewesen war, Städtchen mit alten Stadtmauern, durch deren enge, gotische Tore unser Wagen mit schmetterndem Donner eingefahren war, Dörfer, Gutshöfe und einsame Gehöfte, von denen ich viele kannte und zu nennen wußte; hier sah ich auch die Türme der Residenz, wo ich jetzt wohnte, und von den sieben großen und kleineren Seen ihrer näheren Umgebung blitzte hier und da ein Silbertäfelchen oder ein schmaler Streif hervor. Ja sogar vom Mönkweder See sah ich ein Eckchen schimmern, und auf der Höhe an seinem Uferrande kroch gerade wie ein winziges Räupchen ein Eisenbahnzug entlang. Wie sich das »Bleichgesicht« wohl freute, daß es uns los war! Am liebsten aber schaute ich aus dem Schalloch nach Süden, wo von hier aus noch ein viel größeres Stück der Welt zu schauen war, als gestern von dem tiefgelegenen Aussichtsturme, und am fernsten Horizont noch neue, dämmernde Linien auftauchten. Diesmal aber war es die Nähe, die meine Teilnahme in Anspruch nahm. Von hier aus sah man deutlich, wie sich das Parkwäldchen, gleich einer Halbinsel, aus dem großen Walde hervorstreckte und mit einem langen Arm den vorderen Teil des Gartens umschloß. Ich konnte fast alle die Wege verfolgen, die wir gestern gegangen waren, und sah den gewundenen Lauf des Bächleins aus dem kleinen See, bis es sich zuletzt zu dem schönen Teiche ausbreitete. Ja ich sah sogar Lana, denn das kleine Silberpüppchen, das gegenüber einer Dame, wahrscheinlich Fräulein Kiekebusch, an einem Tische unter der offenen Halle des Aussichtsturmes saß und sich augenscheinlich eifrig mit den Wissenschaften abgab, war sie doch wohl. Ich konnte mich einer stillen Freude nicht erwehren, daß für mich die sämtlichen Wissenschaften augenblicklich in dämmernder Ferne lagen und ich weiter nichts zu tun hatte, als meinen Organismus zu kräftigen und Bücher zu lesen, die mir Spaß machten. Dabei fiel mir ein, daß ich noch mitten in Brentanos Märchen steckte, die mir trotz der krausen, romantischen Willkür, mit der der Dichter seine wunderlichen Puppen und grausigen Ungeheuer tanzen läßt, sehr wohl gefielen. Ich brachte den Kirchenschlüssel zurück und holte mir den zweiten Band aus der Bibliothek. Da sich nun trotz des anfangs klaren Morgens der Himmel doch bezogen hatte und ein plötzlicher Regen herniederging, so stieg ich auf den Heuboden und versuchte zu lesen. Aber obwohl die Schleiereule auf dem Hahnebalken so schön schnarchte, wie sie konnte, wollte der grausige Menschenfresser Wellewatz, obwohl er zwei harmlose Bäckergesellen zu ihrer peinlichen Überraschung zum Frühstück aufaß, gar nicht recht auf mich wirken, denn ich mußte immer an meine gestrigen Erlebnisse denken und an den Späukenkieker und die Pirole und die sonderbare Fernsprache, die wir betrieben hatten, und an die geheimnisvolle Nachricht, die heute kommen sollte. Und statt Fanserlieschen Schönefüßchen, mit ihren zierlichen Pantöffelchen Sandalia und ihrem Schürzchen Femoralia, sah ich immer nur Lana vor mir und las oft viele Seiten, ohne daß ich wußte, was darauf stand, so daß ich wieder von vorn anfangen mußte. Unterdes hatte der Regen aufgehört, und durch die ein wenig geöffnete Luke stand ein breiter Sonnenstreif herein. Auf dem Dache klapperten die Störche, deren Jungen Fliegestunde hatten; ich konnte hören, wie sie bei ihren ungeschickten Versuchen, die schwere Kunst zu erlernen, tapsig auf dem First entlang hopsten; die Tauben gurrten, und ein Huhn verkündete wieder einmal die Tat aller Taten, nicht ohne von seinem Hahn mit Ausdrücken freudiger Zustimmung und Bewunderung begleitet zu werden. Dazwischen aber zeigte ein taktmäßiges, zugleich scharfes und dumpfes Geräusch, daß Johann unten im Kaffstall Häcksel für seine Pferde schnitt. Ich klappte mein Buch zu und ging hinunter zu ihm, unbekümmert darum, daß der fatale König Jerum gerade seine fünfzig Messer wetzte, um damit seine schöne sanfte Frau Ursula dem gräßlichen Götzen Pumpelirio Holzebock zu opfern. Ich setzte mich auf ein paar Bund Stroh und sah zu, wie Johann mit kundigen Händen seine Arbeit tat, und bei jedem Schnitt des haarscharfen Messers ein Sprühregen goldenen Häcksels auf den Haufen fiel, der schon am Boden lag. Johann verfehlte nicht, mir ein Rätsel aufzugeben, dessen Auflösung Häcksellade lautete. Es war sehr sinnreich, doch leider ist es mir nicht möglich, es hier wiederzugeben, denn es litt, wie sehr viele dieser plattdeutschen Volksrätsel, an einer so schreckhaften Natürlichkeit des Ausdrucks und einer so drastischen Stärke der Bilder, daß ich den würdigen Leser und die wohlerzogene Leserin nicht damit behelligen darf. Ich aber war vom Lande und mit solcher derben Kost groß gemacht, und da ich es auch bereits kannte; so riet ich es mit staunenswerter Leichtigkeit. Dann fragte ich: »Wennihr kümmt bei Semmelmann hier ümmer dörch?« »Na, so hen tau twölwen,« sagte Johann, »dat hei grar tau rechte Tieb up'n Hof an dei Krüff kümmt. Wat geiht denn di dat an? Du denkst woll, hei bringt hüt werre Stuten mit ore woll gor Plutschen, Muschükens (Zwiebäcke) un Mulschellen? Ne, so fett fiedelt Lux nich. Den'n Jieper lat di man vergahn. Ja, up'n Hof is dat wat anners, dor möten s' alle Dag so'n Oart Tüg hebben.« »Is hei denn würklich 'n Späukenkieker?« fragte ich. »Na, dat kannst em doch anne Oogen anseihn. Dei süht allens, wat is, un wat nich is, un wat wäst is un nich wäst is, dei süht dei Doden as lebennig un dei Lebennigen as Dode. Dat krüppt einen den Puckel lang, wenn dei in't Vertellen kümmt von den Kierl in dei Lukowschen Dannen, dei sinen Kopp inne ott Zeitung wickelt hett un em so ünner den Arm dreggt, un von den dreibeinigen Hasen in dei Pannkaukenwisch, dei 'ne olle Hex is, un von dei Dodenkuhl up'n Galgenbarg un von den gläunigen Kierl an dei Gammeliner Scheir, dei ümmer mit'n Grenzstein rümdrögt un hult, wil dat hei nich weit, wo hei em hensetten sall. Na, un mit den Düwel weit hei Bescheid, as wenn sei beir ut ein Dörp wieren. Dei Geschichten, dei ick di vertellt heww, dei weit ick all blot von em. Äwer süß is hei 'n gauden Kierl un deiht keinen Minschen wat; hei frett kein Kinner un stippt kein Finsterladen in'n Kaffee, un för sin Späukoogen, dor kann hei doch nich, dat sünd Gaben. Äwer dei möt einer woll hebben, wenn hei sowat beleben sall. Ick heww mi all so väl Mäuh geben, äwer ick heww noch nie nich'n olligen Späuk tau seihn krägen, dat wir nahst ümmer wat anners. Ick bün doch vör Johren mit unsen Paster hierher kamen von Zachun, wo wi früher wäst sünd, donn läwte dei oll Slufuhr, Köster Säwer, noch, dei harr hier dat Regiment un harr ümmer makt, wat hei wull, wil dat oll Paster Merian äwer achtig Johr olt wir, as hei sick dat entseggen dehr, un allens sinen Gang gahn laten dehr. Eins Abens lat bi Mandschien, dor wir ick noch mal in'n Goren gahn; ick harr jo minen Gräwer an dei Karkhofsmuer stahn laten un wull em rin halen. Un dor brummt dor ümmer wat up'n Karkhof. Na, ick kiek jo nu äwer Muer un dor seih ick wat Witt's in dat lütt Likenschuer, wo ümmer bei Dodenbohren in sünd, un wat ümmer apen steiht. Un süht ut, as 'n groten witten Kopp mit 'n korten Liew un dünne Bein un wiwagt ümmer hen un her, un mennigmal, denn brummt bat. Dei Düwel künn dat nich gaud sin, dei süht jo swart ut, äwer dat künn jo ein von dei Doben sin, den'n dat in sin Graww nich paßt, un dei in 'n Mandschien späuken geiht. Ick nu fix hen na'n Paster. Dei seet noch bi't Läsen un keem ok gliek mit, denn bi so wat, dor hett hei mächtige Kraasch, dat hürt tau sin Geschäft. Ick nehm mi äwer doch 'n düchtigen Schacht mit, bäter is bäter. Na, un wat wir't? Harr dei oll flusohrige Köster alle Nacht sin beiden Käuh up'n Karkhof dräben von wegen dat schöne Gras, wat dor wassen dehr. Un bei ein wir jo nu satt im harr sick in dat olle Likenschuer stellt un arekaugte ümmer linksüm un wiwagte ümmer hen un her un keek in'n Mandschien un wir idel vergnäugt. Un dei anner seegen wi ok, dei stünn achter'n Busch un ruffte in dat fette Faure, dat dat äwer'n ganzen Karkhof tau hüren wir.« Johann futterte seine Schneibelade mit einer neuen Garbe Stroh und fuhr fort: »Na, un woans wir dat mit den Hamerdühmk? Dei hamert jo noch hüt un dissen Dag mennigmal, äwer kein Minsch hürt dornah hen. Äwer as dat tauierst upkeem, dor wir dat 'ne gruglige Geschicht. Wenn dat so recht düster un still wir, denn füng dat bi'n Swinstall an tau hamern, un dei Lür sären, dat wir so'n Unnerirdschen, so'n Dühmk, dei smädte dor Undäg un kloppte Sargnagels in. ›Tack!‹ fär dat ümmer, ›Tack!‹ in einsen weg, as wenn einer mit'n isern Hamer up Isen sleit. Tauletzt wullen dei Dierns nich mihr allein tau't Melken in'n Kauhstall, un ick müßt dor man so lang' bistahn, det dei mit ehr Stripp-strapp-strull farig wiren. Na, dat güng jo nu nich, un as nu eins Abens bei Hamerdühmk so recht flietig werre bi't Sargnageln wir, dor halte ick mi den Paster. Un güngen mit dei Stallücht na'n Swinstall lang un baben uppen Bähn, dor snorkte dei Dodenvagel. Ick harr mi äwer werre 'n dägten Schacht mitnahmen – bäter is bäter. Wi kreegen den Hamerdühmk jo nu ok fat't, un ick harr em giern mit minen Schacht einen räwertreckt, wenn ick man nich dacht harr, dat künn den Schinken un dei Mettwust schaden. Jo, wat wir dat? Uns oll grot Säg, dei schüerte sick flietig an'n Stänner, un dorbi bohrte sei ümmer dei isern Döhrenklink hoch, un dei söll werre dal, dat wir dat ganze Gehamer. Ja, mit Späuk is mi dat noch ümmer mallührt, un dei Paster hett lacht, dat hei sick versluken dehr un sick binah dei Seel ut'n Liw hausten müßt. So hett hei blot man noch eins lacht bi den groten Späuk in Gammelin. Kennst bu Gammelin? Na, denn wüst du jo, baben liggt dei olle Kirch, un dei Karkhof treckt sick den Barg dal, un ünnen an dei Muer liggt dei Pastergoren. Na, dor is jo mal 'n Kloster wäst, un wo dei Pagen ehren Bedreiw hatt hebben, dor späukt dat ümmer. Na, ick wir jo nu mit 'n Paster äwer Land wäst tau'n Aantenköpen un harren ok 'n gatlichen Korw vull hinnen in uns Krett. Na, dat wir in'n Harwst un abens Klock Nägen, as wi na Gammelin ran keemen, all ganz düster. Un as ick nu so up dei Kirch los führ, dor krieg ick mit eins dat Bäwern un dat Gräsen, denn in den Pastergoren an dei Karkhofsmuer lang, dor kümmt ein Tog von lütte Kierls, dei drägen all ehren gläunigen Kopp inne Hand, as'n Henkelpott, un singen dortau. ›Herr Paster,‹ segg ick, ›seihn S' denn nich den Späuk?‹ ›Führ du man tau,‹ seggt hei, ›wi will'n uns den Späuk mal'n baten neger ankieken.‹ Un grient sick. Dei Tog treckt sick jo nu achter dat Buschwark, un ick hür blot noch dat gräsige Singen un führ tau, dat ick dor man blot vörbikam. As ick nu äwer an'n Pastergoren ran bün, dor kümmt bei Tog ut dei Gebüschen werre rut un treckt up den Stieg an'n Tun dicht bi uns lang. Na, un wat wir't? Dat wiren ben'n Gammeliner Paster sin söß Gören, dei güngen dor mit Körbsenlantüchten un süngen, wat dat Tüg hollen wull: ›Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne!‹ Na, ick swenkte dei Pier einen in dei Jack, dat wi hier man fix wegkamen dehren, un dat wir man gaud, dat dor Steinplaster leeg, so künnen dei Lür bi dat Geraster von den Wagen doch nich gaud hüren, wo dei Paster sick dot lachen wull.« Johann hätte mir vielleicht noch mehr von seinen vergeblichen Versuchen, der Geisterwelt nahe zu treten, erzählt, allein die Mittagsstunde nahte heran, und ich wollte doch gerne den sehen, der mit den Dingen im Himmel und auf Erden, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt, besser Bescheid wußte. Ich setzte mich darum auf die Bank vor der Haustür unter der alten Linde und schlug mein Buch wieder auf. Aber damit hatte es keinen Fortgang, obwohl unter der Leitung des Neuntöters, der zwar ein Vogel, aber doch niemand anders als der ehemalige Kammerherr Neuntöter von Würges war, die wunderlichsten Dinge geschahen, wie das überhaupt in diesen Märchen gebräuchlich ist, so daß man auch zu Brentano sagen möchte, wie der Kardinal Hippolyt zu Ariost, als dieser ihm den »rasenden Roland« gewidmet hatte: »Meister, wo habt Ihr nur all das krause Zeug hergeholt?« Ich trug den Band wieder in die Bibliothek und ging ein wenig auf der Chaussee spazieren, nach der Richtung zu, wo der Semmelmann kommen mußte. Ich ging eine Weile zwischen den bewaldeten, steinbestreuten Hügeln abwärts, wo mir Johann damals seine Theorie vom Wachsen der Steine entwickelt hatte, und schaute in die Ferne; der Erwartete war aber nicht zu sehen. Ich blickte mich dann eine Zeitlang nach rückwärts um, aber auch dort war der Weg still und leer. Als ich dann weiterging, stapfte der hagere Mensch mit dem seltsamen Zylinderhut und der großen Tragekiepe auf dem Rücken mir entgegen – wer weiß, wo er hergekommen war. Es war die Art dieses wunderlichen Mannes, der natürlich alle Richtsteige der ganzen Gegend kannte, plötzlich auf den Hauptwegen zu erscheinen und ebenso plötzlich auf geheimen Gespensterpfaden wieder zu verschwinden. Er kam in seiner geschäftsmäßigen Weise, bei jedem Schritt seinen Kreuzdornstock aufstoßend, auf mich zu und schien mich weder zu sehen, noch zu beachten; doch warf er bald nach rechts, bald nach links seine Blicke, als müsse er überall nach dem Rechten sehen, und seine Lippen bewegten sich, als rede er vor sich hin. Ganz unvermittelt blieb er plötzlich vor mir stehen, stemmte seinen Stock hinter sich unter die Tragkiepe und fragte, indem er mit seinen blassen Augen über mich hinwegsah, als spräche er mit jemandem hinter mir: »Büst du Reinhard Flemming?« Es klang aber nicht wie eine Frage, sondern wie eine Bestätigung. Er wartete auch keine Antwort ab, sondern fügte zu meiner näheren Kennzeichnung hinzu: »Dei dat mit Driebenkiel makt hett. Hä? Na, denn sall'k di grüßen von Harrn Wohland; wenn'k di seih, hett hei seggt.« Dann nahm er seinen Stock wieder hervor und sagte im Weitergehn: »Dor liggt wat inne Luft. Ick weit nich, ick weit nich. As wenn so'n Fisch anne Angel tuckt un weit nich, wat hei biten sall. As wenn so'n Wäre uptrecken will, un dat grummelt all. Ick weit nich, ick weit nich!« Mit solchen verworrenen Reden stapfte er weiter, und ich ging langsam hinter ihm her. Pastor Liborius lächelte, als ich ihm bei Tische von dieser Begegnung erzählte, und dann erfuhr ich zum ersten Male den wirklichen Namen des wunderlichen Mannes. »Ja,« sagte der Pastor, »der alte Radepohl hat seine Eigenheiten. Er ist sonst ein ganz vernünftiger Mann und hat Fähigkeiten, die ich mir, wie ich glaube, durch keine Mühe erwerben könnte. Zum Beispiel behält er alle die kleinen Aufträge auf Besorgungen in der Stadt, meist auf lauter Kleinigkeiten der verschiedensten Art, die er im Laufe des Tages auf den Dörfern, von den verschiedensten Leuten einsammelt, alle im Kopf und vergißt nie etwas. Das würde ich niemals lernen, nicht wahr, Thekla?« Dabei sah er mit listigem Ausdruck seine Schwester an. »Traurig, traurig!« sagte diese, »du bringst ja nicht einmal das Richtige mit, wenn man es dir aufschreibt.« Pastor Liborius zeigte weder Reue noch Niedergeschlagenheit und schien sich dieses Mangels gar noch zu freuen. Dann fuhr er fort: »Der alte Radepohl ist, was man eine Seele nennt, treu, gutherzig, ehrlich und zuverlässig, aber in einer Hinsicht hat er ein bißchen zu viel Seele, oder soll man es lieber Phantasie nennen? Er sieht die Gestalten seiner Einbildungskraft leibhaftig vor sich und glaubt an sie. Er hört Stimmen und hat Gesichte, die Ärzte nennen das Halluzinationen. Früher hätte man ihn vielleicht als Hexenmeister verbrannt und noch früher am Ende als gottbegnadeten Seher verehrt, heute lächeln die Verständigen nur über ihn, denn wesentlichen Schaden tut er nicht. Zu bekehren ist er nicht, ich wenigstens habe es schon lange aufgegeben. Gegen einen Backofen kann man nicht angähnen, sagen die Leute – gegen eine richtige Verdrehtheit sind Gründe machtlos. Sanitätsrat Moldenhauer nennt ihn einen interessanten Fall. Unheilbar, aber unschädlich.« Als ich mich am Nachmittage sehr pünktlich um zwei Uhr der Parkmauer näherte, stand Lana schon erwartungsvoll in der Pforte und lief mir freudig entgegen, ergriff meine Hand und zog mich eifrig mit sich. »Was Schönes, was Schönes!« rief sie. »Ganz, wie ich mir gedacht habe. O, wie freue ich mich! Denk mal, wir sollen beide Großpapa besuchen, morgen schon, und sollen ein paar Tage dort bleiben. Und da sollst du mir alles zeigen, die Robinsonsinsel und das Hexenhaus, wo ihr damals die Abenteuer erlebt habt – das hat er mir schon lange versprochen. Und die Hütte, die ihr euch selber gebaut habt, und alles. Er selbst will das nicht, weil er damit nicht so gut Bescheid weiß, und dann hat er ja auch das Zipperlein.« Dabei lachte sie hell auf, es klang wirklich ein wenig unehrerbietig und herzlos. Sie verbesserte sich aber gleich selbst. »Es ist furchtbar häßlich von mir, daß ich lache,« sagte sie, »denn ich weiß, es tut dem armen Großpapa sehr weh, aber es klingt zu komisch, gar nicht, als ob es eine Krankheit wäre, sondern ganz was Lustiges, bei dem man immer tanzen und springen muß. Aber nun mußt du gleich sagen, ob du mitkommen kannst, um drei Uhr will Großpapa Nachricht haben.« »Ich weiß nicht,« sagte ich, »Fräulein Liborius ... meine Eltern würden es gern erlauben.« »Wir gehen gleich hin und sagen es ihr,« rief Lana, »ich komme mit.« Somit kehrten wir wieder um und gingen eilfertig dem Pastorenhause zu. Es waren übrigens nur noch wenige Tage bis zum Beginn der Ferien, wo ich nach Steinhusen übersiedeln sollte zu Onkel Simonis, der jetzt noch auf einer kleinen Reise begriffen war und dann wieder zurückkehrte. Der Pastor schlief, wie immer nach Tisch, und wir mußten uns schon an seine Schwester wenden, die so wie so in allen solchen Dingen die Entscheidung hatte. Übrigens, daß der Pastor schliefe, das hätte niemand zu sagen gewagt; er saß nach Tisch in seinem Lehnstuhl, rauchte die gewohnte lange Pfeife und dachte nach oder las die Zeitung, und dabei mochte er nicht gerne gestört werden. Wenn er dann aber nach einer Stunde etwa merkte, daß die Pfeife ausgegangen, aber noch ganz voll Tabak war und daß der Inhalt der Zeitung für ihn noch vollständig den Reiz der Neuheit besaß, steckte er ergebungsvoll seine Pfeife wieder an und vertiefte sich zunächst voller Teilnahme in das Vermischte. Fräulein Liborius hatte gar nichts dagegen einzuwenden, daß der Gast ihres Bruders, dem sie nie ganz verziehen hatte, daß sie nicht vorher um ihn gefragt worden war, das Haus früher verließ, als angenommen war, und seinen bedürftigen Organismus an einem anderen Orte weiter kräftigte, der noch dazu für diesen Zweck so besonders wohl geeignet war, als dort Mamsell Kallmorgen das Szepter ihres von Segen triefenden Kochlöffels führte. Fräulein Liborius war etwas sehr genau, und die weichen Eier, Milchtöpfe, Riesenbutterbröte, Mehlklöße und Pfannkuchen, die in diesen Tagen gespart werden konnten, tanzten in ihrer Einbildungskraft offenbar einen fröhlichen Reigen miteinander. So gingen wir denn sehr befriedigt wieder zurück, und auf dem Wege zum Aussichtsturm tanzte Lana alle Augenblicke vor Vergnügen neben mir her. »Und ganz allein mit dir reise ich dahin!« sagte sie. »Kein Fräulein Kiekebusch und kein Mädchen kommt mit, nur Leo. Ohne Leo läßt mich Mama nicht dahin, wo soviel Wasser ist.« »Leo?« fragte ich, »wie wird sich der mit Wasser vertragen, mit dem Kettenhund, meine ich?« »Ach, du weißt noch gar nicht, daß Leo und Wasser Freunde sind? Wenn Wasser Leo bloß zu sehen kriegt, dann zieht er seine Kette stramm und macht sich ganz lang und günst immer nach ihm hin und hört nicht eher auf, als bis Leo kommt und ihm guten Tag sagt.« Dann stiegen wir auf den Aussichtsturm, und da wir sahen, daß auf dem Uhlenberg der weiße Wimpel schon wehte, signalisierte Lana schnell die uns und, wie wir annahmen, auch den Empfänger erfreuende Nachricht hinüber. Herr Wohland verlor auch in dieser Sprache keine unnützen Worte. Der weiße Wimpel ging dreimal auf und nieder und sank dann in die Tiefe; nach einer Weile kam ein dumpfer Knall herüber und hallte gleich darauf von dem Kirchenhügel wieder zurück. »Weißt du, was Großpapa eben gesagt hat?« fragte Lana. »Fein, Kinder, das freut mich! Bum!« Wir gingen dann noch einmal durch den ganzen Park und Garten und stiegen auch wieder in den großen Kirschenbaum, wo die Pirole wie gestern lärmten. »Zum Abschiednehmen!« sagte Lana, »denn wenn ich wieder hier bin, ist die Kirschenzeit vorbei, und dann kommen sie nicht mehr.« »Die Kunst geht nach Brot,« sagte ich altklug, was mir bei meinem vielen Lesen wohl hin und wieder geschah; sie aber verstand zu meiner Strafe diese alberne Bemerkung gar nicht und sah mit dem sinnenden Blick ihrer Mutter in die Ferne. »Horch! hörst du?« rief sie dann plötzlich. In der Nachbarschaft tönte wieder der wundervolle Schlag des besten aller dieser Sänger, den wir zwar nicht sahen, der aber unverkennbar war. »Adjö, Herr König!« rief sie, »adjö, ihr alle miteinander! Und wenn ihr fortzieht, grüßt das Märchenland!« Dann stiegen wir wieder hinab und gingen dem Hause zu. Auf der sogenannten Diele war ein Kaffeetisch gedeckt, und dort lernte ich nun auch Herrn Wangelin kennen, einen schönen, schlanken Mann, der ein ausgezeichneter Reiter und tüchtiger Jäger war, die ausgedehnte Landwirtschaft aber hauptsächlich seinem Oberinspektor überließ, der als Landwirt einen großen Ruf hatte. Er sprach freundliche Worte zu mir, und ich mochte ihn wohl leiden. Weniger war das mit Fräulein Kiekebusch der Fall, was wohl auf Gegenseitigkeit beruhte, denn ich hatte die deutliche Empfindung, daß sie mich von Anfang an mißbilligte. Sie war ein Ausbund von Gelehrsamkeit und sprach Französisch und Englisch wie Wasser, ihr Deutsch aber schien mir ein unerträglich geziertes Schulmeisterdeutsch zu sein, was dadurch nicht verbessert wurde, daß sie aus einer Gegend von Hannover stammte, wo nach der allgemeinen Meinung der damaligen Zeit das reinste und dialektfreieste Deutsch gesprochen wurde, mit einem st und sp, so spitz wie Bienenstacheln, wovon beifolgend eine Probe: »Na, nu kucke mäl, da ist mir ein S-tückchen S-tähl an die Nasens-pitze ges-prungen!« – wobei das ä einen unbeschreibbaren Mischlaut zwischen ä und ö bedeutet, der etwas heller klingt als das ä in dem Reuterschen Bräsig, das einen Mischlaut zwischen ö und ä vorstellt. Solche überflüssigen Lautstudien stellte ich allerdings damals noch nicht an, sondern war der Meinung der Allgemeinheit, daß diese s-pitze S-präche etwas beängstigend Feines und Vornehmes an sich habe und wohl geeignet sei, jemanden niederzudrücken, der, wie ich, mehr Platt- als Hochdeutsch in seinem Leben gesprochen hatte. Denn an dieser Stelle will ich's nur gestehen, daß ich mir in dieser Geschichte eine kleine Fälschung habe zuschulden kommen lassen, indem ich meinen Freund Adolf und mich, sowie den edlen Stamm der Comanchen sich untereinander der hochdeutschen Sprache bedienen ließ. In Wirklichkeit war das anders, aber es wäre dann vielleicht etwas zuviel des Dialektes geworden. Fräulein Kiekebusch hatte die Methode, eine Woche Französisch, eine Englisch und eine Deutsch zu unterrichten, und da nun gerade das Französische daran war, so bediente sie sich Lana gegenüber ausschließlich dieser Sprache, was mich mit dem tiefsten Mitleid erfüllte, denn was hat das menschliche Leben für einen Wert, wenn man nicht einmal beim Essen und Trinken seine Ruh' hat. Ja, sie redete sogar mich in der Sprache des Erbfeindes an. Was sollte ich armer Teufel machen, die Farbe, die angespielt wird, muß man bedienen. Nun hatte ich aber durch den trefflichen Unterricht des Onkels Simonis, der lange Jahre in Frankreich gelebt hatte und diese Sprache vorzüglich beherrschte, auch mit Vorliebe in ihr unterrichtete, eine Anzahl nichtssagender, aber verbindlicher Redensarten und abgestempelter Phrasen angesammelt, an denen dieses Idiom so reich ist, und wenn ich wollte, konnte ich Nasallaute von mir geben, als wenn ich an einem chronischen Stockschnupfen litte. Nun, ich nahm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz, und bediente Fräulein Kiekebusch zu ihrer sichtlichen Verwunderung auf ihre Fragen mit den elegantesten Schnörkeln, die mir zur Verfügung standen. Da es ihr nun nicht gelungen war, was offenbar in ihrer Absicht gelegen hatte, durch diese Fragen den Abgrund meiner barbarischen Unbildung in seiner ganzen Tiefe aufzudecken, so ging sie in der Fortsetzung ihres Examens plötzlich zum Englischen über, in der Hoffnung, hier um so leichter ihr Ziel zu erreichen. Da kam sie aber gar an den Unrechten, denn diese Sprache, die zum größten Teil aus dem Niederdeutschen entstanden ist, liegt dem Plattdeutschen noch viel besser als das Französische, und besonders in der Aussprache war ich der guten Dame ohne Frage überlegen. Zum ersten Male dankte ich es Onkel Simonis, daß er uns in den neueren Sprachen mit Vorliebe unterrichtet und uns darin, wenigstens was die Konversation betrifft, schon weiter gebracht hatte, als man es auf einem Gymnasium überhaupt zu bringen pflegt. Aber mein Zorn regte sich über diese Anzapfung im Angesicht so vortrefflicher Maulschellen und Papmützen, und ich ward tückisch. Ich erinnerte mich an eine Geschichte, die wir mit besonderer Vorliebe übersetzt hatten, denn es kam ein alter Seemann darin vor, der die Gewohnheit hatte, seine Rede mit überaus kraftvollen Vokabeln zu schmücken, die natürlich Leckerbissen für uns waren und sich rammeltief und fester als alles andere in unser Gedächtnis eingruben. So fing ich denn an, so sachte meine Antworten mit den schönsten Seemannsflüchen und anderen vulgären Ausdrücken auszuzieren, um meine umfassende Kenntnis dieser Sprache gründlich darzulegen. Ich nehme an, daß mich Fräulein Kiekebusch zu Anfang gar nicht verstand, denn sie fragte ruhig weiter; plötzlich aber kam sie dahinter und wurde blaß. » Shocking! Fi donc! « sagte sie. Zwei fremde Sprachen hatte sie nötig, um ihre Entrüstung zu bewältigen. Von da ab ließ sie mich aber zufrieden. Als wir am nächsten Tage auf einem leichten, offenen Wagen mit schnellen Pferden über Land fuhren und Leo munter hinter uns her trabte, war Lana noch immer vergnügt über mein schönes, kräftiges Englisch. »Papa und Mama,« sagte sie, »haben es nicht gemerkt, sie verstehen kein Englisch – das hast du fein gemacht, Goddam !« Wir fuhren zunächst durch Wald, dann öffnete sich dieser, und weite Felder lagen um uns und weiterhin die Wiesen am See, der in der Vormittagssonne mächtige Blitze sandte. Die Insel aber konnten wir nicht sehen, denn vor ihr lag der eine der zu Borna gehörigen Höfe, der mit den uralten Eschen, die ihn umgaben, den Ausblick verdeckte. Als wir durch das Dörfchen fuhren, sahen wir den Semmelmann über den breiten Wirtschaftshof hinweg auf das Herrenhaus zugehen. Auf das Rollen des Wagens sah er sich um, wir waren aber im nächsten Augenblick schon seinen Blicken entschwunden. Hinter dem Dorfe tat sich der Blick auf Wiese, See und Insel frei auf. Wir waren nun schon so nahe, daß wir deutlich eine menschliche Figur erkannten, die auf der Galerie des Aussichtsturmes stand. Diese verschwand, und nach einer Weite stieg an der Stange die Seeflagge des Landes auf. Kann war das Figürchen wieder da und machte sich in gebückter Stellung etwas zu schaffen. Plötzlich stand da ein rundes, weißes Wölkchen, das sich langsam seitwärts verzog, und ein heftiger Knall hallte nach einigen Sekunden über See und Wiesen hin. Lana jauchzte und wehte mit dem Taschentuch. Bei dem schafflichen Trabe der schnellen Pferde hatten wir bald den See zur Seite und den Wald, der ihn umgab, vor uns. Wir verließen hier unseren Weg, der später in die Chaussee nach Steinhusen einmündet, und bogen in einen Waldweg ein, der uns nach nicht zu langer Zeit zu einem einsamen Fischerhause brachte, das, von trocknenden Netzen umgeben, in einer kleinen Acker- und Garteninsel am See lag, dem Nordende der Insel Uhlenberg gerade gegenüber. Hier lag an dem Stege, der in den See hineingebaut war, Wahmkow mit einem stattlichen Kahne schon zur Überfahrt bereit. Er holte unser Gepäck vom Wagen und verstaute es, dann stiegen wir mit Leo ein. Im letzten Augenblick kam der Fischer mit einem stattlichen, springlebendigen Hechte in einem Beutelnetze, das er an einer Leine über Bord ins Wasser hängte, und die Fahrt konnte beginnen. Es war merkwürdig, zu sehen, welch ein Sonnenschein über die Angesichter dieser ernsthaften Männer ging, wenn sie Lana begrüßten; sie mußte wohl der allgemeine Liebling sein. Als wir nun auf dem Wasser schwammen und Wahmkow, im Hinterteile des Kahnes stehend, ihn mit ruckendem Ruder gleichmäßig dahintrieb, überkam mich ein wunderbar wohltätiges Heimatgefühl. Da war ich wieder auf dem alten, lieben See, dessen Rauschen durch meine Kindheit ging, dessen Spiegel Tag für Tag in die Fenster meines Vaterhauses geglänzt hatte. Ich roch wieder den kräuterigen Wasserduft seiner Ufer und hörte das Rasseln der Rohrbreiten, die ihn umgaben. In den Buchten schwammen in Scharen die schwarzen Wasserhühner und grüßten mich mit durchdringendem Schrei, und auf den windgekräuselten freien Flächen tanzten die Haubentaucher mit den komischen breiten Köpfen über die Wellen dahin. Waldige Inselhügel, die auf dem Wasser zu schwimmen schienen, dämmernde Buchten, dunkle Schattenflächen, von schimmernden Lichtstreifen durchwebt, und darüber die segelnden silbernen Möwen – das war ja alles ebenso und oft noch viel großartiger auf den bedeutenden Seeflächen meines jetzigen Heimatsortes, und doch wirkte das nicht so auf mich, denn daran hingen keine Erinnerungen. Auf dem Stege der Insel Uhlenberg war niemand zu sehen. Als Wahmkow bemerkte, daß ich darnach ausschaute, sagte er: »Herr Wohland hett dat jo werre mal so dull mit den Potengram, dei geiht nich giern ut'n Hus – up sinen Turn kladdert hei jo ümmer noch, äwer buten is em dat tau suchtig, dor ward dat Kniepen gliek düller. Na, un Mamsell Kallmorgen, dei maracht inne Käk. Du kennst ehr jo – wenn Besäuk kümmt, denn geiht ehr dat von flessen.« Als der Kahn am Lande lag und wir ausstiegen, sagte er: »Du kannst mi'n Gefallen dauhn, Reinhard. Du büst jo mächtig fix tau Bein – dräg doch mal flinking Mamsell Kallmorgen den Häkt hen, dat geiht rascher, wenn du dat makst. Ick nehm jug Saken un bring lütt Lana an't Hus.« Das tat ich gerne, denn es gab mir Gelegenheit, gleich zu Anfang mit ihr allein zu sprechen und ihr Mudrachs wichtige Aufträge, die ich schon so lange in meinem Gedächtnis bewahrte und mir oft, so erst gestern noch, wiederholt hatte, zu überbringen. Ich lief darum mit dem Hecht im Netze in schafflichem Trabe den Hügel hinan. Mamsell Kallmorgen war in der Küche und hatte eben angefangen, über dem Feuer einen Pudding abzurühren. Das ist ja nun ein geheiligtes Geschäft, das die ganze Aufmerksamkeit erfordert und keine Unterbrechung leidet. Sie rührte denn auch immer rundum, wie die Sonne geht oder die Uhr, und sagte: »Da büst du ja, mein'n lieben Jung, un machst dich auch gleich wieder nützlich. Ja, wo das einmal so einsticht. Daß ich nu aber auch grad bei's Abrührent bün!« Und puterrot im Gesicht arbeitete sie weiter. »Herr Mudrach ...« sagte ich und unterbrach mich, denn sie hätte beinahe zu rühren aufgehört und rief plötzlich: »Stina, mit die Tauben hat das noch keine Eil, komm mal her. Du hast das ja früher schon mal gemacht, als ich das Reißent in'n Arm hatt, nu kuck dich mal mein'n Duktus an un denn rühr ebenso weiter, 'ne Vittelstund wird's woll noch dauern bei das kleine Feuer. Ich will man fix den Fisch ßurecht machen. Da kann'n doch eher'n Wort bei snacken!« fügte sie zu mir gewendet hinzu und sah mich erwartungsvoll an. Dann fuhr sie leiser fort: »Nams brauchst du nich ßu nennen, un laut brauchst du auch nich ßu snacken.« Dabei sah sie sich nach Stina um, die mit wütigem Eifer rührte, ging an einen entfernten Küchentisch und machte sich mit dem Fisch zu tun. »Nu man ßu!« sagte sie, schlachtete mit wunderbarem Geschick den Hecht durch einen Stich in den Nacken und begann ihn zu schuppen. »Ein Bewußter läßt Sie vielmals grüßen!« sagte ich. Mamsell Kallmorgen bedankte sich gerührt und mit Wärme. »Und ich habe ihm erzählt, daß Sie sich noch immer nicht an die Einsamkeit gewöhnen könnten, und daß Sie noch immer solche Angst vor Driebenkiel hätten.« »Na, mit die Einsamkeit,« sagte sie, »geht es ja nu all'n bischen besser, seit Wahmkow seine Frau un sein Sohn hier auch wohnen, mit die Leute läßt sich ja 'n Wort snacken, un Wahmkow selbst is auch 'n furchbar ordentlichen Mann, abersten die Angst vor den gräßlichen Driebenkiel, die werd' ich nich los un werd' ich nich los.« »Und dann habe ich ihm erzählt, daß Sie manchmal dran dächten, in die Stadt zu ziehn, wo Herr Mudrach wohnt, denn dort, meinten Sie, könnte Ihnen niemand was tun. Und da hat er ganz begeistert gesagt, wenn Sie das täten, dann würde es ihm ein Vergnügen sein, Sie zu bewachen Tag und Nacht und zu jeder Jahreszeit, im Frühling, Sommer, Herbst und Winter, immer egal weg.« »Gott nein, was hat der Mann für ein'n Kurakter!« sagte Mamsell Kallmorgen. »Herr Mudrach hat ein eignes Haus, und in dem Haus ist eine Wohnung,« sagte ich, »und da könnten Sie einziehen, wenn Sie wollten, dann ginge das Bewachen noch viel feiner. Dann will er es tun voll und ganz und sozusagen mit Leib und Seele. Und Sie brauchten nur zu winken – er wäre immer da und immer bereit und immer derjenige, welcher!« »Ümmer da un ümmer bereit,« sagte Mamsell Kallmorgen, »un ümmer derjenige, welcher! Gott, was 'n Mann. Mich wird ganz snurrig. Aber mein Fisch, mein Fisch!« Sie schuppte ihn schnell zu Ende, schnitt ihn auf und nahm ihn aus, alles mit einer Gewandtheit ohnegleichen. Sie befreite die Leber von der Galle und legte sie auf ein Tellerchen und war fertig. »Das wär ja ganz wie in's Paradies!« sagte sie dann mit tiefer Empfindung, »wo ümmer ein Engel mit'n feurigen Säbel vore Tür steht, daß da keiner nich rein kann, den da nich rein gehört. Un ümmer da un ümmer bereit un ümmer derjenige, welcher!« Sie seufzte tief. In der Stille, die dann entstand, machte sich das heftige Rühren am Herd bemerklich, und Mamsell Kallmorgen fuhr zusammen. »Na, Stina, läßt den Pudding noch ümmer nich los?« »Ja, los laten deiht hei all, Mamsell. Un dei Arm, dei is mi ok all lahm!« »Na, sonne Dirn, denn muß er ja runter!« rief sie und kugelte zum Herde, um nach dem Rechten zu sehen. »Is ja die allerhöchste Zeit! Un denn ›Arm lahm‹, du schämst dir woll gar nich. Sonne Dirn as du, mit sonne Arms, die muß 'ne helle Stund rühren können in einsen weg, un denn muß ihr noch Lust haben zu's Kaffeemahlent. Ihr habt all keine Murr in die Knochen.« Dann kam sie wieder zu mir und sagte: »Ich hab's nu 'n bischen hild, mein'n lieben Jung. Über das, was der Bewußte all gesagt hat, da will ich noch 'n bischen simmelieren, un ich sag dich das ein ander Mal. Un ich bedank mir auch vielmals.« Damit verließ sie mich. Herr Wohland war mit Lana in seinem großen Wohnzimmer mit den Sammlungen, wo man den Blick über den See und auf das ferne Borna hatte. Er trug dicke Filzschuhe, saß in einem Lehnstuhl und hatte die Füße auf einen Wiegeschemel gestreckt, und Lana saß auf einem Kinderstuhl ihm zur Seite. Sein Blick weilte mit einem Ausdruck auf ihr, den ich an ihm noch nicht kannte, mit dem des verliebten Sammlers, der seine größte Seltenheit betrachtet, ein Stück, um das ihn alle anderen beneiden, weil es einzig ist. Er war ja selbst ein wenig Sammler und hatte allerlei Kuriositäten zusammengebracht, aber diesen Blick hatte ich damals doch nicht gesehen, als er uns diese zeigte, obwohl er, wie ich glaube, auf manche der Stücke ein wenig stolz war. Herr Wohland begrüßte mich freundlich in seiner kurzen Weise, und dann verabredeten wir die Unternehmungen der nächsten Zeit. Am Nachmittag sollte Lana mit mir eine Wanderung durch die Insel machen. »Kann nicht mit, Havarie im Pedal, Zipperlein, sticht wie Messer!« sagte er zur Erklärung. Am nächsten Morgen sollte uns dann Wahmkow im Boot zu den Inseln rudern, und ich sollte Lana dort alles zeigen und erklären. Zunächst aber sollte ich mit Lana auf den Turm steigen und diese unsere glückliche Ankunft nach Borna melden. Dann konnten wir uns noch vor Tisch die nähere Umgegend des Hauses und den Garten besehen; die frühen Stachelbeeren waren schon reif, und von den süßen schwarzen Spätkirschen waren auch noch so viele da, wie die Pirole übrig gelassen hatten. Ein Gong würde uns zu Tische rufen. Wir stiegen dann wohlgemut auf den Turm. Doch es dauerte wohl eine Viertelstunde, bis unser Signal erwidert wurde. An dem daneben aufgezogenen Zeichen erkannte Lana, daß ihre Mutter selbst am Apparat war. Lana sandte die Nachricht hinüber, und dann trieben wir uns in der Nähe des Hauses herum und suchten den großen Obst- und Gemüsegarten auf, den Herr Wohland vor Jahren angelegt, dessen auserwählte Obstbäume er alle selber gepflanzt hatte und dessen köstliche Pfirsich-, Aprikosen- und Weinspaliere er mit kunstverständiger Hand pflegte. Schon auf dem Turme war uns das unablässige Rufen der Pirole aufgefallen, und als wir zu den stattlichen Bäumen der süßen Spätkirschen kamen, da rief Lana: »Das sind unsere Vogel Bülows aus Borna, meine lieben Goldvögel sind mir nachgekommen. Hörst du wohl, da singt der König, ich seh ihn, ich seh ihn, siehst du, da sitzt er.« Es mußte wohl ein ebenso schönes, altes, ausgefärbtes Männchen von gleich herrlichem Gesange sein, oder er war es wirklich selber. »Sie werden wohl bei euch alle Kirschen aufgegessen haben,« sagte ich ziemlich prosaisch. »Nein, nein, sie sind mir wirklich nachgekommen,« rief Lana, »wir gehören zusammen.« Dann ergriff sie meine Hand und zog mich mit sich. »Nun will ich dir auch die Blumen zeigen,« sagte sie, »die in dem Märchenlande wachsen, wo die Goldvögel hinziehen.« Wir kamen zu einem Treibhause, das an einen Flügel des Wirtschaftsgebäudes angebaut war, und ein warmer, tropischer Dunst schlug uns entgegen, als wir eine kleine, überbaute Treppe hinabgestiegen waren und in den halb in den Boden versenkten Glasraum eintraten. Von den Gewächsen, die dort betäubenden Duft aushauchten oder mit leuchtenden Wunderblumen geziert waren, konnte ich nicht eines nennen, doch besonders neugierig war ich auf die Orchideen, über die sich Onkel Simonis damals mit so glühender Begeisterung geäußert hatte, obwohl auch er sie nur vom Hörensagen kannte. Tropische Orchideen waren zu jener Zeit noch die größten Seltenheiten und kamen außer in England in Privatgärten kaum vor. Die bescheidenen Pflanzen, die mir Lana zeigte, enttäuschten mich. Zwar waren die Blüten zierlich und sonderbar und glichen Schmetterlingen und wunderbaren Fliegen oder anderen Insekten, aber ich hatte mir darunter die unglaubliche Zauberpracht orientalischer Märchen vorgestellt, mit Blättern von Smaragd und Blüten, schimmernd wie Rubin, Topas und Saphir, und was es sonst für kostbare Edelsteine gibt. Die Insel Uhlenberg war ein lang gestreckter, ebener Hügelrücken, der mit mehr oder weniger steilen Ufern in den See abfiel und dort von einem schmalen Vorlande als Rand begrenzt wurde. Sie war fast überall mit Wald bedeckt, und nur hier am Nordende der Insel war die ganze obere Fläche ausgelichtet und mit den Gebäuden, den Gartenanlagen und ein wenig Feld bedeckt. An den abfallenden Ufern aber, die hier und da von Schluchten durchzogen waren und den allgemeinen Steinreichtum der Gegend durch zahlreiche bemooste Blöcke bezeugten, die aus dem Boden ragten oder herabgestürzt frei auf dem schmalen Strande ruhten, stieg überall der Wald bis über den Hügelrand empor, so daß man von außen, wenn nicht der Turm aus den Wipfeln emporgestiegen wäre, kaum hätte sehen können, daß die Insel bewohnt war. Wir stiegen nun in der einen dieser Schluchten oder Regenrunsen vom Garten aus an den Strand hinab und wanderten dort entlang. Wir kamen bald an einen Ort, wo der Strand reichlicher mit Steinen bestreut war, wo sich eine kleine, unbewaldete Halbinsel in den See erstreckte und sich zur Seite in dem Abhang eine breite Schlucht öffnete, auf deren Grunde ein silbernes Quellchen über Kies und Stein rieselte und sich über die saftig begrünte Halbinsel hinweg sachte in den See verlor. Lana sah sehr geheimnisvoll aus, als sie meine Hand ergriff und mich nach sich zog. In dem vorderen breiten Teil der Schlucht lag, an zwei Seiten an den Abhang angelehnt, ein verwittertes Blockhaus, ganz ursprünglich aus Felsblöcken und rohen Baumstämmen errichtet, mit einem kleinen Vordach und einem Sitz darunter neben der offenen Tür. Hinter diesem Blockhause verengte sich die Schlucht allmählich zu einer schmaleren, tief in den Berg geschnittenen Rinne, aus der das silberne Quellchen seinen Ursprung nahm. »In solchem Blockhaus haben Großpapa und Großmama und Mama gewohnt,« sagte Lana, »als sie auf der einsamen Insel im Meer waren. Aber dahinter gingen in den Felsen große, tiefe Höhlen hinein, die sind hier natürlich nicht.« Wie wunderbar mußte es sein, auf einer einsamen Insel in solchem urzeitlichen Blockhause und dahinter liegenden Höhlen zu wohnen; es gab doch bevorzugte Menschen in der Welt. Wir gingen hinein; der Raum war leer und zeigte nur einen aus Steinen roh gemauerten Herd, dessen Rauch sich durch ein in das Dach eingelassenes Stück eines hohlen Baumstammes den Weg ins Freie suchen mußte. Die Luft war dumpfig und schlecht, aber draußen auf der Bank vor der Tür war es schön. Dort saßen wir und schauten durch eine Lücke in den über den See hinaushängenden Bäumen auf dieselbe Aussicht, die man oben in Herrn Wohlands Hauptzimmer hatte. »Wenn Großpapa gut gehen kann,« sagte Lana – sie vermied hier offenbar absichtlich den sie zum Lachen reizenden Ausdruck »Zipperlein«, und doch zuckte es ihr ein wenig um die Mundwinkel – »wenn Großpapa gut gehen kann, dann sitzt er hier gern jeden Tag eine halbe Stunde und raucht seine Pfeife. Auf seiner Insel hatte er von seiner Tür aus auch solche Aussicht. Da war auch ein See, und dahinter waren Berge, aber viel höhere Berge als hier. Und die Bäume waren Apfelsinenbäume und Palmen und all so was. Und solche kleine Quelle lief da auch vorbei und nachher in den See.« So saßen wir dort und sahen über den See und die weite grüne Wiese, die ihn begrenzte, und die ansteigenden Felder, auf die Wipfel, in denen sich Borna versteckte, und auf den Hügelzug dahinter mit der alten Kirche, die aus dem Laubwerk des Hanges emporstieg. Sie lag so hell und klar im Sonnenscheine da, daß man fast die Fugen ihres Feldsteingemäuers und das gotische Maßwerk der Fenster erkennen konnte. Und alles lag eingerahmt wie ein Bild in dem gewölbten Laubwerk der Uferbäume. Durch die Luft dieses Bildes schossen die Schwalben dahin, und zuweilen segelte eine Möwe vorüber; von fern kam der rauhe Schrei eines Wasservogels, die Wipfel rauschten sanft, leise und taktmäßig atmete der See an die flachen Sandufer, und das silberne Quellchen rieselte verstohlen durch Kraut und nickende Grasrispen dahin. Mir kam eine Erinnerung an Paul und Virginie in den Sinn. Alles trug dazu bei, der Anblick des Ortes, wo ich auf dem Kirchhofe zwischen den wehenden Gräsern dieses zarte Idyll zum letzten und wer weiß wievielten Male wieder gelesen hatte, die Einsamkeit der lieblichen Natur, die uns umgab, die ursprüngliche Hütte, vor der wir saßen, und nicht zum wenigsten das schöne, unschuldige Kind an meiner Seite; das mit dem weiten Blick, der ihm eigen war, in die Ferne des sonnigen Tages schaute. Wieder, wie damals bei den Pirolen überkam mich die Empfindung, in einem Märchen zu wandeln, doch mitten in diesen poetischen Traum hinein tönten drei scharfe Gongschläge, die uns zum Essen riefen. Wir stiegen einen Fußsteig hinauf, der hinter dem Blockhaus in einer Runse auf die Höhe führte, und eilten dem Hause zu, um der zwar prosaischen, aber schönen Wirklichkeit, die uns Mamsell Kallmorgen bereitet hatte, alle Ehre anzutun. Bald nach dem Essen begab sich Lana zu ihr, um sie zu begrüßen. Sie hatte dies vorher unterlassen, weil es allgemein bekannt war, daß sich die gute Dame bei den Opfern, die sie am Altare des Gottes der Kochkunst – wie hieß er doch? – darbrachte, ungern stören ließ. Daß ich nicht vorhin kurzerhand mit der Vertröstung auf weniger bewegte Zeiten hinausgesetzt worden war, verdankte ich nur dem Zauberwort Mudrach, das mir gleich zu Anfang den Berg Sesam ihrer Duldsamkeit geöffnet hatte. Als ich Lana nachher wieder traf, schien sie nicht ganz befriedigt zu sein von ihrem Besuch. »Sie war heut so schnurrig,« sagte sie. »Stina wusch ab, und ich mußte mit in ihre Stube kommen. Zuerst war sie wie immer, und ich mußte Schürzgebackenes essen und von ihrem berühmten Apfelgelee, und ich war doch schon so furchtbar satt vom Mittag, und sie sagte, was sie immer sagt, daß es gar nicht einsam wäre auf dem Uhlenberg, wenn ich da wäre, und allerhand so was. Und fragte, wie es Mama ginge und wie es Papa ginge, nach Fräulein Kiekebusch hat sie aber nicht gefragt, die mag sie nicht leiden, die war mal mit hier und hat ›Person‹ zu ihr gesagt, denn Fräulein Kiekebusch mag Mamsell Kallmorgen erst recht nicht leiden. Großpapa, der gibt seinen Leuten alle Jahre im Herbst ein kleines Erntefest, und dann kommen alle, die hier mal im Jahr 'ne Zeitlang gearbeitet haben, herüber, und Stina ladet sich ihre Freundschaft ein und Wahmkows auch aus dem Dorf, wo sie her sind. Und haben alle ihren besten Staat an und kommen in einem bekränzten Kahn angefahren und singen, denn das mag Großpapa gern. Nachher bringen sie den Erntekranz und sagen allerhand Gedichte auf. Dann gibt es gekochtes Rindfleisch und Backpflaumen und Milchreis mit Kanel und Zucker, und nachher wird getanzt auf der großen Diele nach 'ner Musik mit'm richtigen Brummbaß. Wenn sie dann die lustigen alten Tänze machen, den ›Schustertanz‹ und ›Gah von mi‹ und ›Kiekebusch‹ und ›Mudder Wittsch‹ und ›Lott is dot‹, das macht Großpapa furchtbaren Spaß, und wir alle kucken zu und tanzen auch wohl 'n paarmal mit 'rum. Denn wir sind dann immer hier, und vorig Mal war Fräulein Kiekebusch auch mitgekommen. Als wir nun alle beim Tanzen zusahen, kam auch der Kiekebusch an die Reihe, wobei sie immer singen: ›Kiekebusch, ick seih di, Dat du mi sühst, dat freut mi!‹ Und da hat Mamsell Kallmorgen Fräulein Kiekebusch angekuckt und wohl ein bißchen dabei gegrient. Sie hat sich aber gar nichts dabei gedacht, bloß, daß es derselbe Name war. Fräulein Kiekebusch ist aber furchtbar wütend geworden und hat zu Großpapa gesagt, das wäre eine Intrige dieser boshaften Person, das ginge zu weit. Großpapa aber hat sie bloß ausgelacht, und sie hat sich gegrätzt. Der nächste Tanz war aber der, wobei sie singen: ›Gah von mi, gah von mi, ick mag di nich seihn‹, und da wußte sie nun ganz gewiß, daß das alles bloß Bosheit war und Mamsell Kallmorgen den Leuten das alles angeschünnt hatte, und als sie weiter sangen: ›Kumm tau mi, kumm tau mi, du büst jo so schön!‹ da drehte sie sich schnubbs um und ging weg. »Als ich nun zu Mamsell Kallmorgen sagte, Papa und Mama ginge es gut, und sie ließen beide grüßen, da hat sie sich furchtbar gefreut, und dann fing sie von dir an, was du für ein wohlerzogener Knabe wärst, mit dem man sich so wunderschön unterhalten könne, und daß du ihr Retter wärest, von Gott gesandt, du und noch ein andrer Mann, mit furchtbar viel Kurakter. Und dann fragte sie mich, ob sie mir nicht immer wunderschönes Essent gekocht hätte, und ob ich wohl ein bißchen traurig sein würde, wenn ich mal wieder käme und eine andere kochte hier das Essent, varleicht ebenso schön, varleicht aber auch nich. Und ich fragte: ›Willst du denn hier weggehen?‹ ›Ach nee, ach nee‹, sagte sie, ›das is man, daß ich davon red. Abersten da könnten doch Verhältnisse kommen, wo ... un was Gräsiges passieren, was ßu un ßu Gräsiges, denn kann ich doch hier nich bleiben, wo ich mir nu schon Tag un Nacht ängsten muß. Ich will man sagen, solang ein Gewisser sitzt, da geht es ja noch, aber ihn kommt doch mal wieder frei. Oder abersten, er bricht aus, un das tut er, das liegt in seine Profeschon. Was 'n Einbrecher is, das is auch 'n Ausbrecher. Na, un denn kann un kann ich hier doch nich bleiben, wenn einer draußen 'rumgeht wie ein'n brüllenden Löwen un will mir verschlingen. Noch daßu, wo ich nu weiß, daß ein prachtvollen Mann mit furchbar viel Kurakter ümmer da is un ümmer bereit un ümmer derjenige, welcher. Un daß ich in ein Haus wohnen kann, wie in's Paradies, wo ümmer ein Engel mit'n feurigen Säbel vore Tür steht un aufpaßt.‹ Und dann fing sie an zu weinen, daß ihr immer die runden Tränen über die Backen und auf ihre Schürze liefen, und fragte mich, ob ich ihr immer gut bleiben wollte, auch wenn es so käme, wie sie wünschte, daß es nicht käme, denn wenn das nicht wäre, hätte sie kein ruhiges Herz auch in dem schönsten Paradiese nicht. Und ich sollte sie dann auch manchmal grüßen lassen, dann wüßte sie Bescheid, und sie würde mich immer in ihr Gemüt tragen. Und küßte mich soviel und weinte dazu, und ich wurde ganz naß. Dann sagte sie zu mir, ich sollte man bloß nicht soviel lernen bei Fräulein Kiekebusch, sonst würd' ich auch überspönig. ›Das viele Lernent macht bloß dwatsch‹, sagte sie, ›wo ich früher mal in Konditschon war, da haben sie die eine Tochter in sonne feine Pangschon gegeben, da sollt sie Benehmige lernen un Kultur der Welt un feine Bildung, un as sie wiederkam, da war sie rein mall un hatte sich wie so'n Zieraffe un snackte lauter hochportahnsches dummes Szeug, was kein Mensch verstehn konnt. Un konnt einen jungen Gutsbesitzer kriegen, der seine hunderttausend Taler wert war, sie nahm ihm aber nich un hat so'n hungrigen Muskanten geheurat, der vor Geld Vigeline spielt. Na, sie sagen ja, daß er damit viel Geld verdient, un daß er 'n Dahler Angtreh nimmt von jeden, den er in so'n großen Saal was vorspielt, un der soll ümmer ganz voll sein. Na, das kann doch man bloß so'n richtigen Muskantenwind sein. Denn ich bün doch auch schon in Swerin in den Großherzog sein Theater gewesen un hab ein feines Stück gesehen, wo eine gräßliche Slange in vorkam – Igittegittegitt – un Löwens un Affens un swarze Mohren un ein putzlistigen Kerl, der hatte Szeug an von lauter Federn und seine Frau auch, un durch Feuer un Wasser sünd da welche gegangen, die sich so furchbar gern leiden mochten, un haben sich auch richtig gekriegt. Un gesungen haben sie alle wie unklug, un daßu haben so'n Stücker dreißig Kerls gefiedelt un getut't, so doll sie man konnten. Na, un was hat es gekost't? Einen halben Dahler auf'n feinen Platz. Da hat'n doch was for sein Geld. Abersten, ein'n ganzen Dahler un denn man eine Vigelin, da liegt doch kein Sinn nich in. Na, un Ärger hab' ich heut auch schon gehabt mit den alten snurrigen Kerl von Semmelmann. Red't ümmer von Ahnungen un daß was inne Luft liegt, aber was inne Luft liegt, das sagt ihn nich. Un fängt an, vergesserig zu werden. Was ich bei ihn bestellt hab un was ich heut noch brauch, hat er gar nich mitgebracht, un sagt, das wär ihn nich bewußt, da hätt ich nichs nich von gesagt. Wo kann so'n alten Kerl von Späukenkieker woll mal bloß so was sagen. Un mit seine dwatsche Späukenkiekerei, das is man all Unsinn. Ich hab noch nie kein'n Späuk nich gesehn, un ein Späuk tut mich auch nichs, ich hab bloß Angst vor die Labendigen. Na, das schad't den alten Kerl ja nu gar nichs, nu muß ihn heut Nammetag noch eins den langen Weg vonne Stadt hierher machen, von wegen seine Vergesserigkeit.‹« So erzählte Lana, wenn auch nicht mit ganz denselben Worten; ich habe mir erlaubt, diesen Bericht zum Teil in Mamsell Kallmorgens geliebtes Messingsch zurückzuübersetzen. Dann machten wir uns mit Leo auf den Weg, der um die Insel führte. Er lief auf der Höhe, in der Nähe des Abhanges, mit dem der langgestreckte Hügel ringsum in den See abfiel, und war ordentlich gehalten, aber mit Gras, Erdbeerkraut und Waldblumen bewachsen, und die geringen Wagenspuren auf seinem festen Boden zeigten, wie selten er befahren wurde. Schmale, wenig betretene Steige führten zuweilen in das Innere des stellenweise fast undurchdringlichen Waldes oder liefen hier und da nach dem Ufervorland des Sees hinab, Steige, fast so schmal wie die Wechsel, die sich das Wild tritt oder der einsame Jäger auf seinen Waldgängen im Laufe der Jahre in das welke Laub wandert. Lana hatte, wie sie es gern tat, ihre Hand in meine geschoben, und ich dachte unwillkürlich, was ich schon öfter in solcher Lage gedacht hatte, wie gut es wäre, daß keiner der Comanchen sehen könne, wie ich mit einem so kleinen Mädchen Hand in Hand spazieren ginge, wie ein artiger, wohlerzogener Knabe aus dem Geschlechte der Köhnkes. Denn ihre neun Jahre und meine vierzehn, welch ein himmelweiter Abstand war das doch, und ich hörte deutlich den borstigen Igel: »P!« sagen und sah den zappelnden Wieting die Augen klein machen und den Mund zu einem listigen Pfeifen spitzen. Mir gefiel das aber trotz alledem sehr gut, und die Erinnerung an Paul und Virginie tauchte wieder auf. Zwar wuchsen hier keine Pampelmusen, Bananen, Granatäpfel, Paradiesfeigen und Ananas, und auch der wohlschmeckende Palmkohl gedieh hier nicht, aber einen Wald gab es doch, wie man ihn selten sieht, und eine Insel war es auch, so gut wie Isle de France, was mancherlei laubüberwölbte Ausblicke auf den blitzenden See und seine dämmernden Uferbuchten zur Genüge bewiesen. Ja, dieser Wald war wunderschön, obwohl ihn ein neuzeitlicher Forstmann mit trüben Empfindungen für eine stattliche Sammlung von Forstunkraut erklärt haben würde. Denn der breite Rücken dieses Inselhügels war bedeckt mit uralten, zum Teil schon überständigen Eichen, die aber sehr vereinzelt standen und unter und zwischen sich für ein Unterholz Raum boten von wilden Obstbäumen, die bisweilen bis in die Wipfel mit Heckenrosen überrankt waren wie Dornröschens Schloß. Weißdorn wuchs dort in riesengroßen Stämmen und uralter Holunder. Dort gab es ganze Horste von Haselnußbüschen, die aus dem gemeinsamen knorrigen Wurzelhügel eine Sammlung stattlicher Bäume emporgetrieben hatten, und alles Buschwerk, das sich im Walde als Unterholz wohlfühlt, wie wilder Schneeball, Pfaffenhütchen, Korneelkirsche, Kreuzdorn, Faulbaum und vieles andere, wucherte dort vergnüglich durcheinander, nur zuweilen hoch überragt von dem silbernen Stamm einer vereinzelten Riesenbuche, die den laubigen Wipfel noch über die uralten Eichen hinaustrug, oder dem stattlichen, düsteren Pyramidenbau einer einsamen Fichte. In diesem Walde wuchs eben, was wollte, nicht, was sollte. Zuweilen zeigten sich auch größere und kleinere Lichtungen, wo das Sonnenlicht in Strömen herniederging, wo kleine Himbeerwäldchen emporgeschossen waren und die Rispen des hohen Waldgrases und Glockenblumen nickten, wo an kahleren Stellen gewaltige Königskerzen die niederen Kräuter überragten und in der duftgewürzten Sonnenluft die Waldeinsamkeit unter Blumen schlief, während unzählige Schmetterlinge über sie hinschwankten. Als wir nun so Hand in Hand dahingingen, sagte ich: »Wir sind nun Paul und Virginie, als sie den weiten Weg durch die wilden Wälder gemacht haben, um die entlaufene Sklavin bei dem bösen Pflanzer von Strafe frei zu bitten. Wir sind nun auf dem Rückweg, und weil wir die Sklavin, die den Weg kannte, nicht mehr bei uns haben, so werden wir uns bald verirren. Wenn du Hunger hast, so werde ich gleich auf indianische Weise ein Feuer entzünden und dir eine Palme fällen, deren Herz, der Palmkohl, köstlich schmeckt, sowohl roh, als in der heißen Asche gebraten.« »Ach, Hunger!« sagte Lana lachend. »Mamsell Kallmorgen!« Aber sie wußte nichts von Paul und Virginie, das hatte sie bei Fräulein Kiekebusch nicht gehabt. Das glaubte ich wohl und mußte ihr nun, so gut ich konnte, das zarte Idyll erzählen von den beiden Kindern zweier verarmter Witwen, die auf der paradiesischen Insel Isle de France miteinander aufwuchsen wie Bruder und Schwester und nur für einander lebten und sich sehr lieb hatten, je älter sie wurden, je mehr. Die kleine Geschichte ist sehr schwer zu erzählen, weil sie so viel Naturschilderung und Darstellung bloßer Zustände enthält und so wenig in ihr geschieht. Darum mußte das Abenteuer mit der entlaufenen Sklavin besonders herhalten und die Schilderung, wie Paul durch die geschickte Anpflanzung der köstlichsten Fruchtbäume und Blütenpflanzen die Umgebung der beiden ärmlichen Hütten in ein Paradies verwandelt, wie er Virginiens Lieblingsplätzchen an der Quelle bei den beiden Kokosbäumen ausschmückt und mit Singvögeln besiedelt, wie sie zusammen tanzten und sangen und biblische Geschichten aufführten und die Armen und Kranken liebreich mit dem Wenigen unterstützten, was ihre eigene Armut geben konnte. Den eigentlichen Erzähler der Geschichte, den guten alten Herrn, der die Eigentümlichkeit hat, alle Lieblingsplätze und bemerkenswerten Orte mit lateinischen Inschriften zu versehen, und die Aufgabe, den weltunerfahrenen Paul mit Worten der Weisheit zu belehren und zu trösten, als die erwachsene Virginie ihn und die Familien verlassen hat und nach Paris zu der reichen und vornehmen Großtante gegangen ist, konnten wir ganz gut entbehren, und ich hielt mich an die wenigen Tatsachen. Als nun nach Jahren des Heimwehs und der Sehnsucht die unglückliche Virginie von der harten Großtante verstoßen und enterbt wird, weil sie den alten vornehmen Herrn nicht heiraten will, der ihr bestimmt worden ist, und sie gezwungen wird, zur ungünstigsten Jahreszeit nach Isle de France zurückzusegeln, da scheitert das Schiff schon fast im Hafen, im Angesichte aller ihrer Lieben, während Paul die verzweifeltsten Versuche macht, das Schiff zu erreichen und sie zu retten. Dann kommt die berühmte Szene, wo der herkulische Matrose, der seine Kleider schon abgeworfen hat, vor ihr kniet und sie anfleht, sich ebenfalls zu entkleiden, weil er sie nur dann retten könne. Sie aber verweigert es und bleibt als die letzte auf dem Schiff und versinkt, die Hand auf ihre Kleider gelegt und den Blick zum Himmel gerichtet. Paul und die beiden Mütter sterben dann nacheinander aus Gram, und nur der gute alte Herr bleibt übrig, um uns mitzuteilen, daß auch die böse Großtante in Gewissensqualen und geistiger Zerrüttung bald zugrunde gegangen ist. Lana hörte die Geschichte, die ich viel weitläufiger erzählte, als ich hier wiedergeben kann, mit großer Aufmerksamkeit an, und ihre Augen füllten sich bei dem traurigen Ausgang mit Tränen, aber am Schlusse war sie von einer Empfindung erfüllt, die ich nicht erwartet hatte, sie war entrüstet, und zwar über Virginie, deren Handlungsweise ihrem unschuldigen Gemüt gänzlich unverständlich blieb. »Alle konnten sie glücklich werden«, rief sie, »und Paul konnte Virginie heiraten und die Mütter sich freuen, und nun mußten sie alle sterben um so was. O, es ist ja furchtbar dumm!« Und trocknete sich die Tränen ab und sah sehr entschieden aus und blieb bei ihrer Meinung, die ich auch nicht zu erschüttern versuchte, denn es war im Grunde meine eigene. Wie viele Tränen hatte mir dieser Vorgang schon gekostet, aber auch wie viele Stunden grübelnden Nachdenkens über seine Unnatur. Nur der Umstand, daß er den Höhepunkt einer so schönen und so berühmten Erzählung bildete, bewog mich, meine eigene Meinung zurückzudrängen und anzunehmen, daß mein allzu irdisches Gemüt zu grob sei, um die Empfindungen der Himmlischen zu fassen. Ich empfand damals wohl schon dunkel, daß die Scham, die niemandem angeboren, sondern künstlich anerzogen wird, ein Sprößling der Unnatur ist. Keine Himmelstochter ist sie, sondern ein Kind der Sünde. Als unsere Voreltern im Paradies das erste Unrecht begangen hatten, kam sie auf die Welt. Vor der Majestät des Todes aber ist sie ein Nichts, und wer lieber sterben und alle seine Lieben verderben lassen will, als von dieser Scheintugend zu lassen, der ist eigensüchtig wie ein Selbstmörder. Das Südende der Insel, das am höchsten hervorragte, fiel ebenso steil zum See ab, wie überall, doch zeigte sich hier ein breiteres, wiesenartiges Vorland, am Wasser von Erlen und Weiden und einem Rohrgürtel begrenzt. Wir stiegen auf Lanas Wunsch dort hinab, denn die Schlangenwiese, sagte sie, müsse ich sehen. »Fürchtest du dich nicht vor Schlangen?« fragte ich. »Böse, die stechen, gibt es hier nicht; es sind solche mit goldenen Kronen«, sagte sie, »die tun keinem Menschen was. Großpapa mag sie gerne leiden und hat sie mir schon gezeigt, als ich ganz klein war. Ich bin nicht bange vor ihnen, aber wenn sie so durch das Gras rascheln, dann gruselt es mir doch ein bißchen den Rücken herunter. Die Leute sagen, sie haben einen König, der hat eine wirkliche Krone auf, mit einem Edelstein, und wer die bekommen kann, der wird der glücklichste Mensch auf Erden. Aber das ist nicht leicht, denn wenn man sie ihm wegnimmt, dann pfeift er alle anderen Schlangen zusammen, und die fallen dann über den Dieb her und stechen ihn tot. Aber das ist nur ein Märchen, und sie können ja auch gar nicht stechen.« Wir gingen nun auf der halben Höhe des Berghanges entlang, der hier nur mit vereinzelten Büschen bewachsen war und im vollen Sonnenschein dalag. An solchen trockenen Hängen liegen die Ringelnattern gern zu einem Teller zusammengerollt, sich zu sonnen, und alle Augenblicke störten wir eins der Tiere durch unsere Schritte aus seiner beschaulichen Ruhe, so daß es sich, mit Beschleunigung den steilen Abhang hinabgleitend, in einem deckenden Busche verlor oder sich unten durch das Gras der Wiese langsamer davonschlängelte. »Gruselt es dir auch den Rücken herunter?« fragte Lana. Ich mußte das zugeben, denn obwohl ich gern im Gegensätze zu meinem Freunde Adolf, der einen unüberwindlichen, fast abergläubischen Abscheu vor ihnen hatte, den Schlangen nachging und es noch, heute gern tue, so rieselte mir doch immer ein angenehmes Grauen den Rücken herab, wenn sich zuerst das raschelnde Schlängeln der glatten Geschöpfe durch Gras und trockene Blätter wand. Wir stiegen dann hinab zum See und gingen auf dem schmalen Sandstrand zwischen den Weiden und Erlen und dem Rohrgürtel bis zur Südspitze der Insel. Auf der Wiese störten wir ein Reh auf, das merkwürdigerweise nicht seine Zuflucht zum Walde nahm, sondern in mächtigen Fluchten durch das flache Wasser setzte und hinter den niederen Weidenbüschen eines Inselchens verschwand, das im Rohre lag. Dann kletterten wir zum Uhlenberg hinauf, denn so hieß diese höchste Hervorragung des langgestreckten Hügelrückens und hatte der ganzen Insel den Namen gegeben. Der Uhlenberg war bestanden mit uralten Eichen, die ihre Wipfel ineinanderschränkten und in ihrer dämmernden Halle keinem Unterholze mehr Sonne und Licht gewährten. Auf der höchsten Erhebung des Hügels lag in dem düsteren Gewölbe dieser Eichenhalle ein mächtiges Hünengrab, ein sogenanntes Riesenbett, ein gestrecktes Viereck aus rohen, gewaltigen Felsen, mit ungeheuern Decksteinen darüber, und in einiger Entfernung umgeben von einem Kreise einzelner, halb im Boden versunkener Steinblöcke, alles seit uralter Zeit in seiner ursprünglichen Lage und mit Moos und Flechten bewachsen. Lana sagte: »Hier liegt ein ganz furchtbar alter König aus der Heidenzeit begraben, sagt Großpapa, und dies ist sein Denkmal, aber niemand weiß seinen Namen. Der Späukenkieker aber sagt, hier spukt es ganz doll; er weiß wohl sechs verschiedene Geschichten, und eine ist immer noch graulicher als die andere.« Was gingen uns aber am Ende alte, begrabene Könige aus der Heidenzeit an, die schon ein paar tausend Jahre tot waren, und Späukenkiekergeschichten, an die wir nicht glaubten – wir kletterten vergnügt auf die alten Felsen hinauf, setzten uns auf einen der riesigen Decksteine und sahen aus der feierlich dämmernden Eichenhalle von dem uralten Denkmal des Namenlosen hinaus in die heitere, sonnige Welt. »Zum ewigen Gedächtnis Ward dieses Mal gefügt, Doch niemand weiß zu sagen, Wer dort begraben liegt!« Hier, wo wir saßen, auf dem Felsentrümmerbau einer sagenhaften Vergangenheit, war es düster und still, nur in dem gründunklen Blätterdach, das auf schwarzen Riesensäulen stand, rauschte es sanft wie ferne Geisterchöre, und man vernahm das tiefe »Klong, klong« eines Kolkraben, der wohl hoch über den Wipfeln in der blauen Luft seine himmelhohen Kreise zog. Vor uns aber im hellen Sonnenschein, überwölbt von den Zweigen der alten Eichen, lag das Paradies meiner Kindheit. Hatten wir von der alten Blockhütte aus in Lanas Jugendland geschaut, so sahen wir hier in das meine. Voran lag, nur durch einen schmalen Kanal vom Uhlenberg getrennt, die flache, wiesenartige Fischerinsel mit ihrem Kranz von Erlen, Weidengebüsch und Rohr, weiterhin schwamm in der Blänke des Sees das hügelige Waldgebiet des Rosenwerders, unserer Robinsoninsel, und seitwärts von ihr, an der Endbucht, stieg Steinhusen mit dunklen Dächern und weißen Wänden zwischen dem Grün der Obstbäume zu den Linden des Friedhofes und dem alten Feldsteinkirchlein empor. Ich zeigte Lana alle bemerkenswerten Orte, die man von hier aus erkennen konnte, und machte dazu erläuternde historische Mitteilungen. Auch ein Stück vom Dache der alten Fischerhütte, die wir das Hexenhaus nannten, war von hier aus zu sehen; es ragte neben einer alten Weide hervor und war gegen früher etwas verändert. Die Stürme des letzten Herbstes mußten das alte Gerümpel wohl sehr mitgenommen haben, denn am First war es ziemlich zerfetzt, und unterhalb zeigte sich eine Lücke in der Rohreindeckung. Im ersten Augenblick war mir, als schaue daraus ein greuliches Affengesicht hervor, es war aber eine Täuschung, wie ich beim näheren Hinblicken sofort bemerkte. Lana freute sich ungemein auf die Wanderung durch das Gebiet unserer Abenteuer, die wir für morgen vorhatten, mir war aber etwas bänglich dabei zumute, denn sie versprach sich offenbar so viel davon, daß eine kleine Enttäuschung nicht ausbleiben konnte. Wir blieben dort noch eine ganze Weile, denn auf dem düsteren letzten Hause des alten Heidenkönigs saß es sich gut, um in die sonnige Sommerwelt zu schauen. Aus dem Walde hinter uns kam zuweilen ein harter, fremdartiger Schrei, wahrscheinlich von einem der wenigen übrig gebliebenen Papageien, die dort noch hausten, Spechte hämmerten fern und nah, und all die vielfachen rauhen und schrillen Töne der Waldeinsamkeit und einer von einer mannigfachen Vogelwelt belebten Seefläche mischten sich in das leise Sausen der Wipfel. Vor uns aber auf dem mit Buschwerk bestandenen sonnigen Abhang und in den ausgedehnten Rohrbreiten des Sees waren noch andere kleine Gesellen tätig, die nicht wie die Nachtigall und andere mit dem Ende des Frühlings verstummen, sondern oft noch bis tief in den Sommer hinein ihre zarten Lieder spinnen. Aus dem flüsternden Rohre, als sei das harte Rasseln und Rauschen seiner Halme Musik geworden, kam das endlose krause Geschwätz der Teichrohrsänger und das stammelnde Gezwitscher der Rohrammern, während der Schilfrohrsänger dazwischen seinen Flötentriller warf. Am Waldrand sang ein Rotkehlchen seine fragenden Strophen, aus den Erlen am Ufer kam die süß melancholisch abfallende Tonfolge des Fitis und das begnügsame Zilpzalp des Weidenlaubvogels, im Buschwerk des Abhanges flötete ein Schwarzköpfchen seinen jubelnden Überschlag, und noch manch anderes feines Stimmchen mischte sich in das bescheidene Konzert. Ich machte Lana aufmerksam auf all die Stimmen dieser kleinen Lyriker, deren jeder seine eigene besondere Weise hatte; sie hatte aber Mühe, mit ihrem ungeübten Ohre die bescheidenen Gesänge aus dem Chore herauszufinden. Am besten gefiel ihr das Schwarzköpfchen und der Zaunkönig, der plötzlich aus einem dichten Gestrüpp seine schmetternde Strophe dazwischenwarf wie einen Sonnenglanz, der durch eine Waldlücke bricht. »Vogel Bülows sind sie aber alle nicht,« sagte sie dann. Sie blieb ihrem auserwählten Liebling treu. Nach einer Weile hallte der Donner eines Schusses den See entlang von Bucht zu Bucht und verlor sich mit dumpfem Gemurmel in der Ferne. »Das ist schon Großpapas Abendschuß,« sagte Lana, »nun müssen wir nach Hause.« So kehrten wir denn durch schönen Inselwald nach dem grün überrankten Schlößchen des alten Einsiedlers zurück. 15 Am anderen Morgen um halb neun Uhr lag Wahmkow schon mit einem starken Fischerkahn an der Landungsbrücke bereit. Ich hatte mich zwar zum Entsetzen von Mamsell Kallmorgen erboten, zu segeln mit Herrn Wohlands vortrefflichem Boot, das unseren Albatros weit übertraf, doch sie hatte gemeint, das ginge nicht und ginge nicht. »Das muß schon Fischer Mussehl seine große Boot sein, die nich so wiwagt, un Wahmkow muß rudern, das is ein furchbar verständigen Mann un kann allens. Na, wenn ich da bloß an denk, wie ihr hier früher ümmer gesegelt habt in die kleine Nußschal, die ganz schief lag, un mal waren sonne Bülgen, da versackte die Boot ümmer ganz ein, un bloß die Köpfen von die beiden Jungs kuckten noch 'raus. Igittegittegitt!« Und Herr Wohland, obwohl er ein früherer Seemann war, gab ihr diesmal recht, denn für die Sicherheit seines Enkelchens war ihm keine Vorsicht zu groß, und auch Leo mußte natürlich die Reise mitmachen. Auch in dem, was Wahmkow anbetraf, hatte Mamsell Kallmorgen recht, denn er war einer jener Tausendkünstler, wie man sie öfter auf dem Lande findet; er verstand sich auf die Jägerei, den Gartenbau und den Fischfang und wußte mit dem Zugmesser auf der Zugbank, diesen ursprünglichen ländlichen Handwerksgeräten, künstliche Sachen herzustellen, wie der beste Rademacher. »Die Axt im Haus erspart den Zimmermann!« sagt Tell, die Zugbank ist aber noch mehr wert und erspart oft auch noch den Tischler und den Maschinenbauer, und man darf wohl sagen, daß die ersten Maschinen von der ländlichen Zugbank ihren Ursprung genommen haben. Ebenso verstand sich dann Wahmkow auch auf das Rudern und trieb hochaufgerichtet den schweren Kahn stetig mit seinem Ruder vor sich her, eine Kunst, die gelernt sein will. Wir umfuhren zunächst die Nordspitze der Insel und nahmen dann unsern Kurs nach Süden. Meine Absicht war, in derselben Bucht auf dem Rosenwerder zu landen, wie damals, als wir unser Robinsonsleben antraten, nachdem wir durch heftiges Schaukeln der Jolle einen Orkan aus Westsüdwest vorgetäuscht und Notschüsse abgefeuert hatten. Die Rettungsbucht hatten wir sie nachher getauft. Das Wasser war fast spiegelglatt, und die Bilder der Insel wie die der waldigen Seeufer standen, nur wenig von einem leichten Flimmer verzerrt, dunkel in der klaren Flut, durch einen schimmernden Lichtstreif vom Lande getrennt. Möwen und Seeschwalben tummelten sich in der Luft mit segelndem Flügelschlag und schossen zuweilen auf den klaren Spiegel nieder, daß das Wasser aufspritzte, oder schwammen in der Ferne, kaum eintauchend, leicht wie Schaumflocken. Einmal schnitten wir einer Schar schwarzer Wasserhühner den Weg zum Rohre ab, und als wir näher kamen, standen sie auf und liefen mit klatschenden Flügelschlägen gleichsam über das Wasser dahin, erst in der sicheren Ferne wieder einfallend, wo jedes in der Fahrt des Weiterschwimmens einen langen Streifen hinter sich her zog. Wir ließen den Uhlenberg hinter uns und kamen an die flache Fischerinsel mit ihrem breiten Rohrgürtel. An dem schmalen Kanal, der beide Inseln trennt, standen zwei Reiher auf und schwankten mit schwerem Flügelschlag um die Waldecke. Haubentaucher mit wunderlichen breiten Köpfen sahen von ferne auf uns hin und verschwanden plötzlich, nur einen Kreis sich langsam erweiternder und verschwimmender Ringe zurücklassend. Plötzlich, nach längerer Zeit, an einer Stelle, wo man es ganz gewiß nicht vermutete, waren sie wieder da. In allen Rohrbuchten und Rändern trieben sich Scharen von Wasserhühnern herum, und ihre Rufe schallten unablässig über den See. Auf dem breiteren Kanal, der die Fischerinsel vom Rosenwerder trennt, schwamm eine Familie von neun großen Sägetauchern, die Mutter voran, wie eine Flottille von kleinen Schiffen in der Ferne vorüber. »Dat sünd Fischer Mussehl sin Frünn,« sagte Wahmkow, »dei verstahn dat Fischen lik so gaud as hei. Dei dükern all tauglik, un denn maken sei ünner Water ollig 'n Käteldrieben up dei Fisch. Na, un nu dei ierst, dat's sin Hauptfründ.« Damit zeigte er auf einen großen Raubvogel, der vor uns zwischen Rosenwerder und dem Seeufer wie suchend hin und her schwankte. Plötzlich rüttelte er eine Weile auf der Stelle, zog die Flügel an und stürzte dann senkrecht in das aufspritzende Wasser, das über ihm zusammenschlug. Aber gleich war er wieder da, schüttelte das Wasser von den Flügeln, stieß einen Freudenschrei aus und zog mit einem stattlichen Fisch in seinen Fängen dem Uhlenberge zu. Es war ein Fischadler, der dort in einer hohen Buche schon seit Jahren seinen Horst hatte. »Dat wir'n Fisch von gaud drei Pund,« sagte Wahmkow, »dat kann hei grar noch lasten. Mennigmal mallührt em dat äwer, wenn dei Fisch tau grot is un hei sick so fast inklaut hett, dat hei dei Fäng' nich werre loskriegen kann. Fischer Mussehl hett mal vör Johren einen funnen, dei swemmte up't Water und wir dot. Un as hei em rut trecken wull, dor güng dat so swor, un toletzt keem dor'n Brassen mit rut von so'n Pundter säben, dei wir ok dot, harr äwerst noch so väl Kraasch hatt, dat hei den Adler ierst versöpt harr. Dat kümmt dorvon, wenn einer tau happig is. Nimm di nix vör, denn sleit di nix fehl!« Bald hatten wir die Insel Rosenwerder zur Seite. Einige niedrige, bewaldete Hügelzüge liefen hier halbinselartig in den See vor und bildeten zwei Buchten. Ich deutete auf die erste und kleinere und begann Lana die Gegend zu erklären. »Die Bucht des blauen Vorgebirges,« sagte ich, »wo wir dem Fischfang oblagen. Dort stand zuweilen ein kapitaler Barsch. Jetzt biegen wir in die Rettungsbucht ein. Hier geriet unser braver Albatros durch einen Orkan aus Westsüdwest in große Bedrängnis, und wir feuerten Notschüsse ab, doch erreichten wir glücklich das Land. Daher der Name Rettungsbucht.« Wahmkow trieb den Kahn mit kräftigen Ruderschlägen auf den Ufersand; er scharrte darüber hin und stand fest. Wir stiegen mit Leo aus, und während sich unser Fährmann behaglich aus seinem Schweinsblasenbeutel die Pfeife mit dem nach Tonkabohnen duftenden Tabak stopfte, Feuer pinkte und bald den süßlichen Duft des echten »Schippertobaks, dat Pund tau vier Schilling« vergnüglich in die Lüfte blies und uns freundlich, aber etwas ironisch grinsend nachschaute, machten wir uns auf den Weg. »Hier,« sagte ich, »knieten wir nieder und küßten überwallenden Herzens zum Dank für unsere Rettung den Boden. Adolf sagte, es wäre Blödsinn, aber er mußte es doch, denn das gehörte sich so und steht in vielen Geschichten. Hier auf diesem kleinen Hügel pflanzten wir unsere Fahne auf und ergriffen Besitz von dem neuentdeckten Lande. Adolf sagte, es wäre Blech, feuerte aber doch, als ich eine kleine Rede gehalten hatte, drei Schüsse aus seiner Flinte ab. Nach dieser Zeremonie zogen wir weiter und entdeckten das Land. Hier auf dieser kleinen Wiese, die ein murmelndes Bächlein anmutig durchrieselt, pflegten wir frühmorgens die so erfrischenden Taubäder zu nehmen, ehe wir in den See gingen.« »Dabei schoßt ihr wohl Kopf heister?« fragte Lana, die solche Dinge schnell begriff. »Wir schossen Kopfheister,« antwortete ich feierlich, »oder wälzten uns im Grase, wie die Alligatoren in Arkansas.« Ich wußte zwar nicht, ob es Alligatoren in Arkansas gibt, und wußte auch nicht, ob sie sich im Grase wälzen, aber es klang so wundervoll echt. Es ist auch nicht unmöglich, daß der Titel des Gerstäckerschen Romans »Die Regulatoren in Arkansas« bei dieser klangvollen Wortverbindung Gevatter gestanden hat. Lana hörte meinen wunderlichen und gestelzten Redensarten zwar mit großer Andacht und Aufmerksamkeit zu, zuweilen glitt aber doch das schnelle Lachen über ihre Züge, das früher schon die Ausdrücke »Späukenkieker« und »Zipperlein« bei ihr erzeugt hatten. »Hier,« sagte ich dann, als wir um eine Buschecke kamen, »bot sich uns der unerwartete Anblick einer menschlichen Ansiedelung, ein Blockhaus, umgeben von tropischen Pflanzen und Gemüsefeldern. In seiner Nähe bildete eine aufgestaute Quelle einen kleinen Wasserfall und murmelte melodisch. Mit Freuden ergriffen wir Besitz von dieser offenbar verlassenen Ansiedlung.« Ich zeigte mit einer großartigen Handbewegung auf das Wrack unserer einst mit Hilfe isern Hinrichs so kunstreich und mühsam erbauten Behausung. Denn ach, ein Wrack war sie nur noch zu nennen, ihr Anblick war trübselig und trauervoll. Auch die tropische Umgebung von Georginen, Stockrosen, Sonnenblumen, Feuerbohnen, Kapuzinerkresse und dergleichen war natürlich dahin und hatte hier, wie aus den Gemüsebeeten, einem heftigen Unkraut Platz gemacht. Wäre dort nicht eine Menge von mannshohen Königskerzen aufgeschossen, die eben begannen, ihre gelben Lichter anzuzünden, und wie stattliche Trauerleuchter diese Hüttenleiche umstanden, so wäre der Anblick noch trübseliger gewesen. Wir gingen heran und besahen uns das verfallene Schlößchen einstiger Robinsonsfreuden. Es war bewohnt, denn auf der einen Bank, neben der Haustür, sonnte sich eine große Zauneidechse, ein Männchen, wie die leuchtend grünen Seitenstreifen zeigten. Es starrte regungslos auf uns hin, doch als wir näher kamen, stürzte es sich plötzlich herab und raschelte davon. Stürmische Regengüsse hatten die mühsame Eindeckung des Knüppeldaches von festgestampftem Lehm und doppelten Grassoden zerstört und zum großen Teile weggeschwemmt, und die Sonne schien durch leere Latten hinein. Unsere schöne Wandbekleidung von alter Tapetenleinwand hing in Fetzen herunter, aus den Ritzen der Blockwände war das Moos gefallen, und der Wind strich hindurch. Inwendig war Moder und Grauen. Unsere beiden Bettgestelle waren noch da, aber das Heu darin bestand aus einer schwammigen, verschimmelten Masse, und welkes Laub und Unkraut bedeckten den Fußboden. Den großen schwarzen Nacktschnecken aber, die überall ihre silberglänzenden Spuren gezogen hatten, schien es ein Paradies zu sein. Lana sah sich alles sehr aufmerksam an, dann kräuste sie das Näschen ein wenig vor dem Moderduft, der dort herrschte, und sah von der Seite zu mir auf. »Armer Robinson, armer Freitag!« sagte sie. »Es gab eine Zeit,« antwortete ich, »da war es ein Wigwam für Häuptlinge; in diesen Wäldern gab es seinesgleichen nicht. Regensicher war sein Dach, und vor den Stürmen schützten seine Wände. Sie waren ausgekleidet mit köstlicher Tapetenleinewand, die einst einen Festsaal geziert hatte, würziger Waldwiesenduft umhauchte seine Betten, und süße Ruh und holde Träume wohnten darin.« »Ach, Reinhard, was kannst du einmal für Schnäcke machen!« sagte Lana, halb bewundernd, halb belustigt. Ich war nun aber einmal im Zuge und ließ mich nicht beirren. »Hier,« sagte ich und zeigte auf einen bewachsenen alten Maulwurfshaufen vor der Hütte, »erlegte ich von meinem ambrosischen Lager aus mit nie fehlender Büchse einen Fuchs, der nächtlich unser Wigwam umschlich. Er gedachte uns einen Hasen zu rauben, der an den Sparren des Daches hing. Ich hatte ihn am selben Tage zur Strecke gebracht auf der Prärie des Westens. Hier in diesem Gebüsch fand ich den roten Räuber am nächsten Tage verendet. Ihm blieb nichts übrig, als mit verglasten Sehern zuzuschauen, wie wir am Abend den Hasen, nach Weise der Südseeinsulaner, in einem Erdloche zwischen erhitzten Steinen brieten und verspeisten. Ein köstliches Mahl, nur der Höcker des Bisons, im eigenen Fell und eigenen Saft geschmort, geht darüber.« Lana lachte belustigt, und wir machten uns auf nach der Prärie des Westens. Lana war überall ein wenig enttäuscht, denn sie hatte sich alles viel wilder, einsamer und schauerlicher vorgestellt; bei dem freundlichen Sonnenschein des hellen Julitages war aber das idyllische Waldeiland überall so anmutig und heiter, und die Ausblicke auf Steinhusen und andere menschliche Ansiedelungen an den Seeufern waren so häufig, daß die Vorstellung weltabgeschiedener Einsamkeit nur schwer aufrecht zu erhalten war. Ich erzählte ihr darum, indem ich den gestelzten Romanstil fallen ließ, noch einmal den ferneren Verlauf unserer Abenteuer, wie wir durch den unermeßlichen Regen, der das Dach aufweichte, aus unsrer Hütte vertrieben wurden und beschlossen, die letzte Nacht unseres Robinsondaseins auf dem Heuboden der verwahrlosten, aber regensicheren Hütte auf der Fischerinsel zuzubringen, wo wir dann die Gelegenheit fanden, das Komplott der beiden Einbrecher Driebenkiel und Nehls, die sich dort in der Nacht ein Stelldichein gegeben hatten, so erfolgreich aufzudecken. Als wir dann zum Landungsplatz zurückkehrten, waren wir gerade »eine Piep Toback lang« fortgewesen, Wahmkow klopfte seine Pfeife aus, und wir machten uns wieder auf den Weg. Wir wollten heute die Insel von derselben Seite betreten wie damals, als wir unser Kanoe an einer Stelle, wo der Rohrgürtel schmaler war, ans Land trieben und es dort, nach echter Indianerart, im Versteck liegen ließen. Wahmkow sollte dann um die Insel herumfahren und uns an dem Landungsplatz der anderen Seite, an dem das Hexenhaus lag, erwarten. Er hielt das zwar für Unsinn, fügte sich aber unserer Anordnung und trieb den schweren Kahn in schneller Fahrt in den raschelnden Rohrgürtel hinein, bis er scharrend auf den Ufersand stieß. Wir sprangen vom Bug aus an das Land, und ich half Wahmkow, den festgefahrenen Kahn wieder zurückschieben, und dann sahen wir ihm zu, wie er sich durch das Rohr zurückarbeitete, auf der freien Fläche wendete und mit stetigen Ruderschlägen dem Kanal zustrebte, der auf die andere Seite führte. Auf dem flachen, eintönigen Inselchen war nicht viel zu sehen, und der Gürtel von Erlen und Weiden, der es umgab, ließ nur zuweilen durch eine Lücke über den Rohrwald hinweg einen Blick in die Ferne tun. Nur der Uhlenberg in der dunklen Majestät seiner Bekrönung mit uralten Eichen schaute stets über die Wipfel zu uns hin. Die Wiese war gemäht und das Heu beseitigt, es lagerte wohl schon wieder auf dem Boden des Hexenhauses. In dem weichen Sammet der geschorenen Fläche ging es sich aber sehr gut, besser als damals vor einem Jahre, als Adolf und ich durch das hohe, nasse Gras stolperten, um den Schutz der alten Hütte aufzusuchen. Wir sahen sie vor uns liegen mit dem bretterverschlagenen Giebel der Rückseite und dem zerzausten Dach, die Seitenwände halb versunken in buschigem Gestrüpp und fast mannshohem Unkraut. Wir gingen am Ufer entlang, um den Anblick ihrer Vorderseite zu gewinnen, die an einer offenen Landungsstelle dem See zugekehrt war. Dabei sahen wir zur Seite durch eine Lücke in den Erlenbäumen den Kopf Wahmkows, der ebenfalls der Landungsstelle zustrebte, über das fast mannshohe Rohr gleichmäßig dahinschweben. Immer am Ufer herum kamen wir so weit, daß wir den Anblick der Vorderseite gewannen mit der alten, schiefhängenden Tür, deren Klinke nicht mehr einschnappte, den kleinen, tückischen, schwarzen Fensteraugen, die auf uns hinstarrten, dem uralten, düsteren Holunderbaum zur Seite und dem riesenhaften Unkraut ringsumher, ein Bild wüster Vernachlässigung und Verwahrlosung. Als wir näher traten und ich die Tür öffnete, die sich mit einer wunderlich kreischenden verrosteten Hexenstimme in ihren klapprigen Angeln drehte, entstand ein Luftzug, und die vielen ausgetrockneten Flaschenkorke, die sich dort seit Jahren auf dem schmutzigen Estrich angesammelt hatten, huschten in gespenstischem Leben durch den leeren Raum, wie sie das bei solcher Gelegenheit immer zu tun pflegten. Leo streckte sich draußen hin und wartete auf uns. In dem häßlichen, schmutzigen Raume hatte sich wenig verändert, nur war er vielleicht noch etwas häßlicher und schmutziger als früher, oder schien mir das nur so im Vergleich zu Lanas zierlicher und sauberer Gegenwart. Auf dem schwarzgeräucherten Herde in der Ecke lag die unberührte Asche eines noch nicht lange erloschenen Feuers; die alte, wacklige Bank war noch da, im übrigen war der Raum leer, denn auch die Leiter fehlte, die sonst zu der viereckigen Öffnung in der Decke und zum Heuboden führte. Diese Öffnung war aber nicht dunkel wie sonst, denn von der Lücke des arg zerzausten Daches aus, die wir schon vom Uhlenberg aus gesehen hatten, schien das Licht hindurch. Auch hatte es dort natürlich durchgeregnet, der Fußboden zeigte darunter einen großen, feuchten Fleck, den Algen und Moos und giftig aussehende Kräuter begrünt hatten. Heu schien gar nicht mehr oder doch nur in geringer Menge auf dem Boden zu sein, denn durch die lose aneinander gelegten Schleete, die die Decke bildeten, schien hier und da das Licht. Bei dem Zustand des Daches war es ja am Ende auch nicht zu verwundern, daß der Boden zu seinem früheren Zwecke nicht mehr benutzt wurde. Lana kannte durch meine Erzählung die Lage, in der wir uns damals befunden hatten, ganz genau, wie wir uns dort, um im Trockenen zu schlafen, ins Heu gewühlt hatten und auf meinen Rat die Leiter zu uns heraufgezogen hatten, weil das in den Abenteurergeschichten immer so gemacht wird, wie sich dann die beiden Verbrecher nachts in der einsamen Hütte ein Stelldichein gaben, um den Plan des Einbruchs auf dem Uhlenberge zu verabreden, und wir sie belauschten, wie dann der eine davon, Jochen Nehls, der angetrunken war und nicht nach Hause rudern mochte, wegen des strömenden Regens auf dem Heuboden übernachten wollte, was nur dadurch verhindert wurde, daß die Leiter nicht da war und auch der Regen schließlich nachließ, und wie wir dadurch aus tödlicher Angst und Gefahr befreit wurden. Lana sah sich alles mit der größten Aufmerksamkeit an, und diese Einrichtung schien endlich ihren vollen Beifall zu haben. Sie blickte wieder von der Seite zu mir auf und sagte: »Armer Robinson, armer Freitag! Da habt ihr wohl schöne Angst gehabt?« »Na, ein bißchen!« sagte ich, »aber nachher war's schön, als die Kerls wirklich weg waren, und der Mond schien, und wir wieder auf dem Rosenwerder am Feuer saßen und Pläne machten.« Plötzlich fuhr ich zusammen, und ein kaltes Grauen lief mir den Rücken herunter. Ich glaubte auf dem Boden ein Geräusch vernommen zu haben, einen leisen, schnaufenden Ton und ein Knistern, als ob sich dort jemand bewege. Es konnte ja der Wind sein, der frischer geworden war und mit den losen Rohrhalmen des zerfetzten Daches spielte, aber dennoch beschlich mich eine wunderliche Empfindung von der Nähe einer unbekannten Gefahr. Es war ein Geräusch gewesen, wie es jemand macht, der plötzlich aus dem Schlafe erwacht und sich aufrichtet, um zu lauschen. Und während ich auf weiteres horchte, schoß mir mit Blitzesschnelle allerlei durch den Sinn, die Gegenwart ganz frischer Asche auf dem Herde, der greuliche Affenkopf, den ich gestern vom Uhlenberg aus in der Dachluke gesehen zu haben glaubte, und besonders die fehlende Leiter. Konnte die nicht ein anderer zu sich heraufgezogen haben, gerade wie wir es damals auch gemacht hatten? Wenn dort eine Gefahr war, durfte ihr Lana auf keinen Fall ausgesetzt werden; ich ergriff ihre Hand und zog sie mit mir; die alte schiefe Tür begleitete unseren Ausgang mit einem quietschenden Hexengelächter. Der treue Leo erhob sich freundlich wedelnd und folgte uns geduldig wie immer. »Was ist, was ist?« fragte Lana verwundert. »Ich weiß nicht,« sagte ich, »aber mir war so, als wären wir da nicht allein. Ich will Wahmkow fragen, was der dazu meint.« »Das ist ja prachtvoll graulich!« sagte Lana, machte aber doch unwillkürlich raschere Schritte. Unser Fährmann lag schon an der Landungsstelle und hatte sich eben eine neue Pfeife angebrannt. »Na, all werre dor?« fragte er. »Wat is an denn' ollen gruglichen Katen ok tau seihn. Nu is dat Dack jo ok all twei un ward nich mihr flickt. Dat olle Ding weit jo blot nich, na wecker Siet hen dat ümfallen sall, süß wir dat jewoll all lang in'n Dutt schaten.« Ich teilte ihm meine Beobachtungen mit, er aber lachte nur kurz auf. »Du warst jewoll nu ok'n Späukenkieker,« sagte er. »Meinst du, dat dor nu ein anner Robinsöhn spält, so as ji? Wenn sick dor wat rögt hett, denn is dat 'n Mohrt (Marder) wäst ore 'n Ilk (Iltis). Un dei Asch – gistern hebben s' dor dat Heu afhalt mit den groten Kahn, dor warden sei sick woll'n Füer anmakt hebben, so as sei dat ümmer dauhn. Na, un den Kahn heww'k äwern See führen seihn gisterabenb, dor leeg dei Lerre baben up, dei hebben s' mitnahmen, wil dat sei dor doch nich mihr brukt ward. Vorläden Harwst un Winter hett jo dei Regen un dei Snei dörch dat kaputte Dack dat ganze Heu taunicht makt, un is all tau Meß worden. Na, un denn kann dat jo ok sien, dat ein von dei Lür dor noch mal rupstägen is un hett sick dat noch mal anseihn, un dor mag hei jewoll ok dörch dei Lunk in dat Dack käken hebben. För dat gruglige Apengesicht, dor ward hei sick äwer woll schön för bedanken.« Nun, was sollte ich tun? Das einzige, was mir zukam: Ich wurde sehr kleinlaut und schämte mich. Lana aber, das muß ich leider gestehn, machte sich einer treulosen Handlung schuldig, sie lächelte listig und schabte mir hinter Wahmkows Rücken Rübchen, oder »ätschte mich aus«, wie wir es nannten. Als wir schon ein gutes Stück in den See hinaus und zur Seite des Uhlenbergs gekommen waren, sahen wir in der Ferne den Späukenkieker über den See zum Fischerhause rudern, in dem kleinen Kahne, den er zum Übersetzen zu benutzen pflegte. »Na, dei hett sick hüt äwer lang uphollen,« sagte Wahmkow, »un up den Steg an'n Uhlenbarg, dor sünd jo ok Lür. Dat is jo Herr Wohland sülwst un min Fritz, dei maken dei Jöll trecht, wat isse denn los?« In diesem Augenblick sahen uns die Leute auf dem Landungsstege, wie es schien mit freudiger Überraschung. Herr Wohland legte beide Hände an den Mund und rief den Späukenkieker, der das Fischerhaus schon fast erreicht hatte, mit lauter Stimme an, daß es weit über den See schallte: »Wool, wool!« Als dieser sich umsah, machte Herr Wohland ihm Zeichen und deutete mit übertriebenen Gebärden auf unseren Kahn hin. Der Späukenkieker begriff und suchte durch heftiges Verneigen sein freudiges Verständnis auszudrücken. Bald darauf stand er auf dem Steg des Fischerhauses und schien durch groteske Gebärden und durch Schwingen seines magischen Kreuzdornstockes anzudeuten, daß er uns segne und beglückwünsche. Wahmkow aber hatte seine brennende Pfeife auf den Boden gestellt und legte sich schärfer ins Ruder, daß das Wasser am Bug aufrauschte und der Kahn zwei lange, scharfe Streifen hinter sich ließ, mit einem Gewirbel kleiner Strudel zwischen sich, und so erreichten wir den Landungssteg bald. Herr Wohland ging dort zwar in Filzschuhen, aber ganz mobil herum, die Erregung, in der er sich offenbar befand, mochte ihn wohl seine Schmerzen vergessen lassen. Aus jeder Rocktasche ragte ihm ein Pistolenkolben hervor, und in der Jolle lagen zwei Gewehre und zwei Entermesser, eine Waffe, die ihm wohl noch aus seiner Seemannszeit her vertraut war. Kurz, es war die Ausrüstung zu einem Kriegszuge vorhanden. Auch Wasser war da, der böse Hund, offenbar sehr froh, zu außergewöhnlicher Zeit von der Kette befreit zu sein. Er tauschte mit seinem Freunde Leo die Zeremonien kameradschaftlicher Begrüßung aus, und dann wedelten beide wohlwollend. Um es kurz zu machen: Der Semmelmann, der ja am gestrigen Nachmittag seinen Weg nach dem Uhlenberg zum zweiten Male hatte machen müssen und erst bei beginnender Dunkelheit den Rückweg antreten konnte, hatte den schrecklichen Driebenkiel gesehen. »Nich sin Gedanken,« hatte er gesagt, »nee, em sülwst. Wo ein Minsch mal wat utfreten hett, dor gahn sin Gedanken ümmer werre hen un seihn so ut as hei, un wer dei Oogen dorvör hett, so as ick, dei süht ehr. Wo oft heww ick em so all seihn. Dorvon heww ick äwer nie nix seggt, dat is ne Oart Späuk un deiht keinen wat, und wenn ick dat minen Krüzdurnstock vörholl, denn is dat weg. Gifterabend ätver in'n Schummern, as ick grar in fo'n weicken Mahlsand gah, wo dei Schritt nich tau hüren sünd, dor kümmt dor ut bei grote Dannenschonung ein Kierl rut mit'n groten Stock inne Hand un geiht twintig Schritt vör mi äwer den Weg. Un kriegt mi mit eins tau seihn un verfiehrt sick un dreiht den Kopp weg un seggt nich Gun Abend un geiht na den Fautstieg rin, wo dat na dat Äuwer bi dei Fischerinsel hen geiht. Un as ick dor ran keem, keek ick em na, un warraftig, dat wir Driebenkiel sine Gangoart; dat wir noch hell naug, un ick seeg dat ganz dütlich. Un donn dreiht hei sick üm un donn seeg ick dat Apengesicht un den Murerbort un dei flusigen Hoor, ganz so as früher, blot anner Tüg harr hei an, dorvon harr ick em nich gliek kennt. Un donn bögt hei af un geiht na't Holt rin.« Als Herr Wohland uns diesen Bericht etwas kürzer und mit etwas anderen Worten mitgeteilt hatte, machte Wahmkow eine Einwendung: »Wenn hei nu eben ierst ut dat Fängnis utbraken is, wo kann hei denn 'n Bort hebben un lange Hoor, dei warden dor doch so kort scheert as dei Schaap üm Johanni.« »Richtig!« sagte Herr Wohland, »aber was tut er? Der verdrehte Kerl. Gleich damit hin zu Mamsell Kallmorgen. Jammert und weint. Hat es ja ümmer gesagt. Will weg von die schreckliche Insel. Mudrach soll kommen mit seinen Kurakter und sei'n feurigen Säbel. Und Fischer Mussehl mit seine große Boot. Ach, da sünd ja die Kinder ein. Un sünd nach die Fischerinsel. Die hat er nu längst schon zu Mus gehauen. Mit sei'n Kuhfuß. Un Wahmkow auch un Leo auch, alle zu Mus.« Herr Wohland hatte dann mit Fritz Wahmkow trotz seiner Schmerzen den Kahn ausgerüstet, um nach der Fischerinsel zu fahren, denn man konnte doch nicht wissen, wozu es gut war. Nun kamen meine Beobachtungen zur Geltung und das wunderliche Gefühl, das mich in der alten Fischerhütte befallen hatte. Herr Wohland beschloß, auch jetzt noch hinzufahren mit Wahmkow und seinem Sohn, um die Hütte und die Insel zu untersuchen, und sie nahmen außer Wasser auch Wahmkows ausgezeichneten Teckelhund Bergmann mit, der sich an der Landungsstelle angefunden hatte, sowie eine kleine Leiter, die schnell vom Hause geholt ward. »Du bleibst hier!« sagte Herr Wohland zu mir, als er merkte, wie gern ich mich angeschlossen hätte. »Befehlshaber der weiblichen Garnison! Beschützer der Damen! Wirst schon sehen! Liegen noch zwei geladene Pistolen auf meinem Tisch, die nimm dir! Die Weiber wollten sie nicht anfassen. Haben Säbel! Fassen sie an wie Feuerzangen.« Dann lachte er kurz und kletterte mühsam in die Jolle. Unter den kräftigen Ruderschlägen der beiden Wahmkows und dem gegenseitigen Abschiedsgebell der drei Hunde schoß das scharfgebaute Fahrzeug schnell davon. Wir sahen ihm nach, bis es hinter einem Waldvorsprung verschwand, und gingen dann mit Leo dem Hause zu. Lana ergriff plötzlich meine Hand und sagte: »Sei mir wieder gut!« Ich sah sie verwundert an. »Du bist mir doch böse,« sagte sie, »von wegen« – und sie machte ganz verschämt die Gebärde des »Rübchenschabens«. »Ach bewahre!« beteuerte ich großartig, beinahe hätte ich »P!« gesagt wie der »borstige Igel«. Dieser hätte auch wohl gleich eine Geschichte bereit gehabt von seinem Onkel Emil, die das vorurteilsfreie Gemüt dieses Mustermenschen und seine erhabene Gleichgültigkeit gegen Beleidigungen in ein glanzvolles Licht gesetzt hätte. Lana war zufrieden. Sie ergriff meinen Arm mit beiden Händen, schmiegte ihre Wange daran und ging so eine Weile dankerfüllt neben mir her. Dann sprachen wir von dem neuen Abenteuer. »Ich glaube überhaupt,« sagte ich, »daß Wahmkow recht hat und daß Driebenkiel da gar nicht steckt. Es wäre ja auch zu dumm von ihm, dahin zu gehen, wo jeder ihn gleich suchen würde.« »Ich hab aber doch Angst!« sagte Lana und schmiegte sich fester an meinen Arm. Um sie zu beruhigen, entwickelte ich so ausspintisierte Gedankengänge und tat eine so tiefe psychologische Kenntnis der Verbrecherseele kund, daß ich über meine eigene Weisheit in nicht geringe Verwunderung geriet. Das schien aber auf Lana nicht viel Wirkung zu machen. »Wenn nur Großpapa erst gesund wieder hier wäre,« sagte sie, »und wenn er dich doch mitgenommen hätte!« Diese Wendung, die ich als eine außergewöhnliche Anerkennung meiner Kriegergaben auffaßte, tat mir wohl, und ich konnte nicht umhin, Lana für ein sehr anständiges kleines Mädchen zu halten, mit dem Hand in Hand zu gehen für einen tapferen Comanchen nicht entehrend sein konnte. So kamen wir an das Haus und fanden es verschlossen, was sonst am Tage nie der Fall war. Alles rings war still und verlassen, kein Hundegebell meldete unsere Ankunft, nur Mamsell Kallmorgens große gelbbunte Katze war da, miaute sanft und kratzte bei der Küchentür an dem Schieber des Katzenloches, der geschlossen war. Die Besatzung dieses Kastells fühlte sich offenbar im Belagerungszustand, hatte alle Tore verriegelt, die Zugbrücken aufgezogen und die Fallgatter heruntergelassen. In diesem Augenblicke wurde aber der Schieber sachte geöffnet, die Katze verschwand mit nachringelndem Schweif im Innern, und die Öffnung schloß sich wieder. Wir gingen rasch an die Tür, ich klopfte stark an und rief: »Mamsell Kallmorgen, wir sind da, Reinhard und Lana!« Auf das Klopfen folgte sofort ein halb unterdrücktes: »Huch!« im Innern und hinterher ein Getuschel. Zuletzt verstand ich, wie Stina sagte: »Dor is nümms nich tau seihn!« Wir standen zu nahe an der Tür, als daß man uns vom Fenster aus gewahrwerden konnte, zumal dann, wenn man sich nicht ganz nahe heran traute; darum trat ich mit Lana zurück ins Freie und rief noch einmal: »Hier sind wir!« Dann hörte ich, wie Stina rief: »Sei sünd dat, sei sünd dat!« »Würklich?« rief Mamsell Kallmorgen, aber mit unterdrückter Stimme, in der sich Angst und Erleichterung wunderlich mischten. »Mein Retter von Gott gesandt un mein kleine süße Lana. Denn laßt ihr man rein. Aber vergeßt die Säbels nich. Un die Tür man bloß 'n ganz bischen aufmachen!« Wir hörten dann, wie der Schlüssel im Schloß gedreht und der Riegel zurückgeschoben wurde; das Festungstor öffnete sich nur so weit, daß wir hintereinander gerade hindurch konnten, und so traten wir ein. Die Garnison des Kastells nahm uns in Empfang, Stina und Frau Wahmkow, jede mit einem Säbel ausgerüstet, den sie richtig trugen wie eine Feuerzange, als wären sie im Begriff, ein widerwärtiges Tier, eine Maus oder eine Kröte, damit aufzunehmen, und Frau Wahmkow rief angstvoll: »Wo is min Mann, wo is min Mann bläben?« Ich wandte mich mit meiner Antwort zugleich an Mamsell Kallmorgen. »Wahmkow ist mit Herrn Wohland und Fritz Wahmkow zur Fischerinsel gefahren, sie wollen dort alles absuchen und werden wohl bald wiederkommen,« sagte ich beruhigend. Mamsell Kallmorgen saß in ihrer weißen Küche auf einem weißen Stuhl an ihrem weißen Küchentisch, und auf diesem lag allerlei Gewaffen, in dessen Handhabung sie geübter war als in der Führung alter Kavalleriesäbel: ein kleines Küchenbeil, ein Zuckerhammer und ein ungeheures Aufschneidemesser. Jedesmal, wenn ihr Blick diesen kriegerischen Apparat streifte, malte sich ein leises Grauen in ihren Zügen. »Auf die Fischerinsel is der gräßliche Kerl ja gar nich, wenn er da gewesen war, denn wär't ihr nich hier. Da is er schon weg, der hat sich längst aus'n Uhlenberg verstochen. Da sünd ja so gräsige alte Dornrümels und so'n schauderhaftes dichtes Gestrüpp, da könnt sich ja 'n ganz Regiment Soldaten ein verstechen, un kein ein könnt ihr finden. Un in das alte graugelige Steingrab, da is ganz gewiß so'n Leichenkeller ein, so as in alte Erbbegräbnissen, un wo's da rein geht, wenn einer das weiß, denn weiß das Driebenkiel. Un da sitzt er nu bei den toten König un lauert, bis es Nacht wird, un denn ... Igittegittegitt!« Sie wollte fortfahren, noch weitere schöne Möglichkeiten auszumalen, aber ich unterbrach sie, indem ich sie aufforderte, mir den Hausschlüssel zu geben, damit ich mir die Pistolen holen könne. Herr Wohland hätte mich zum Befehlshaber dieses Kastells ernannt, was Lana bestätigte, und mir diesen Auftrag hinterlassen. »Gut,« sagte sie, »wenn Herr Wohland das gesagt hat, mich muß es ja denn recht sein; wenn du aber dir un andere Leute mit Schießgewehr unglücklich machst, ich hab denn keine Schuld. In meine Küch' kommst du mir aber mit die Schießdinger nich, ich hab so schon Angst genug. Sonne Dinger gehn ja ümmer los, wenn sie nich sollen, un wenn sie sollen, denn wollen sie nich. Sonne Jungs wie du, die müssen noch gar kein Gewehr inne Hand kriegen, sonst geht es so wie mit Hans Bernitt in Kalbow ...« Nun, die Geschichte kannte ich schon, und ich schnitt sie schnell ab, indem ich betonte, daß Herr Wohland mit den Leuten wohl bald zurückkommen würde und ich bis dahin meinen Auftrag ausgeführt haben müßte. »Gut, gib ihn den Slüssel, Stina,« sagte Mamsell Kallmorgen, »un wenn er dann ßu Mittag staats schönes warmes Essent 'ne Kugel in die Maag hat – meine Schuld is das denn nich! Herr du meines, Mittag, es is ja die höchste Zeit, da hab ich in meine Angst ja noch gar nich an gedacht, Stina, setz doch mal gleich die Balljong auf. Und denn schlacht die Aals un mach ihr ßurecht un hab dir da nich wieder so bei. Nee, machen Sie das man lieber, Wahmkowsch, Sie haben da bessern Verstand von. Stina kann lieber die jungen Hahns ßurecht machen ßu's Bratend, gerupft sünd sie ja schon. Die haben sonne spickenfette Brust, ganz süße kleine Hahns sünd das. Na, un denn nachher den Gurkensalat. Mit die Plinsen hat es noch Szeit bis ßuletzt, un Getoffels sünd ja auch noch nich geschält, das mach ich heut selbst, so fix kann das sonst doch keiner. Herr Gott, es is ja die höchste Szeit! Klein Lana, magst nich gern bischen Pfeffer pümpeln in den blanken Mörser? Aber halt deine Nas' da nich über, sonst beißt dir das in dein'n klein süßen Nüte.« Mit einem Male war die Besatzung des Kastells in der eifrigsten Tätigkeit. Die Säbel waren achtlos in die Ecke gestellt und jeglicher an seiner Arbeit. Besonders bemerkenswert waren die wunderbaren Spiralen, die sich wie durch Zauber von den Kartoffeln kräuselten, und die Schnelligkeit, mit der die fertigen Knollen eine nach der anderen in den Wassereimer plumpten. Ich aber zog mit meinem glücklich eroberten Schlüssel ebenfalls an die mir zugewiesene Arbeit, und hinter mir ward alles wieder verschlossen und verriegelt, nur das Katzenloch wurde geöffnet, damit ich den Schlüssel der Hauptfestung durch dies Türchen wieder abliefern konnte. Auf dem bezeichneten Tische fand ich die beiden Donnerbüchsen, deren eigentlicher Beruf schon seit vielen Jahren die Wanddekoration war. Wenn auch ihr Aussehen etwas Urgroßväterliches hatte, so mußte man doch sagen, daß sie an Seelengröße den neueren Gewehren dieser Art weit, überlegen waren, denn sie schossen Kugeln vom Umfang einer Walnuß, und in den schwarzen Schlund des gewaltigen Laufes konnte nur ein gefestigtes Herz ohne stillen Schauder blicken. Sie waren noch mit riesigen Steinschlössern versehen, welche geheimnisvolle Maschinerie einem Gewehr etwas besonders Gefahrdrohendes verleiht, und ihre blanken Messingbeschläge funkelten Tod und Verderben, kurz, sie waren prachtvoll. Solche Pistolen mußte Rinaldo Rinaldini geführt haben oder Karl Moor oder der berühmte Seeräuber Kapitän Kidd. Ich klappte die Stahldeckel zurück und überzeugte mich, daß Pulver auf der Pfanne war, dann brachte ich die eine dieser Handkanonen in dem Ausschnitt meiner Weste unter, hängte das ungeheure Pulverhorn um, das daneben lag, steckte den Kugelbeutel und eine alte Zeitung in die Tasche und, mit dem anderen Feuerrohr in der Hand, verließ ich diesen Ort, wohlausgerüstet für einen langwierigen und andauernden Kriegsbetrieb. Und die Verse eines Lieblingsgedichtes summten mit durch den Kopf: »Ein kurzer Arm, ein langes Schwert Muß eins dem andern helfen!« und wie es weiterhin heißt: »Um Gott, Herr Vater, zürnt mir nicht. Daß ich erschlug den groben Wicht, Derweil Ihr eben schliefet«, und so in Jung-Rolands Heldenstimmung zog ich auf die Wache. Als ich vor die Türe trat, fiel in der Ferne ein Schuß in der Richtung der Fischerinsel; es war nicht der scharfe Knall einer Büchse, sondern der dumpfere eines Jagdgewehres. Ich erschrak ein wenig und horchte angestrengt wohl eine Minute lang, aber alles blieb still. Das beruhigte mich, denn war dort ein Kampf im Gange, so mußte ihn der erste Schuß schon entschieden haben, sonst wären wohl sofort noch mehrere gefolgt. Als ich an den Kücheneingang kam, stand Lana als Wache am Fenster, pümpelte eifrig in einem goldglänzenden Mörser und schien ganz hingerissen zu sein von meiner kriegerischen Ausrüstung. Ich war tatsächlich bis an die Zähne bewaffnet, denn der lange Kolben der einen Riesenpistole ragte aus meiner Weste bis über das Kinn hervor, die andere trug ich der Bequemlichkeit halber über die Schulter gelegt, und in den unteren Regionen baumelte das ungeheure Pulverhorn und geriet mir zuweilen zwischen die Beine. Ich schob den Schlüssel durch das Katzenloch und trat meine Patrouillengänge um das Haus an, von Zeit zu Zeit mich vor dem Fenster wieder sehen lassend. Wenn ich außer Sicht war, suchte ich mir wohl einen hellen Fleck an der Rinde eines Baumes aus und zielte sorgfältig und lange darauf, um mich zu üben. Für mein Leben gern hätte ich einen Probeschuß abgefeuert, um die Handkanone dann nach allen Regeln der Kunst wieder zu laden, allein ich wagte es nicht, weil das die Garnison des Küchenkastells in tödlichen Schrecken versetzt haben würde. Der Schuß aber, den ich von der Fischerinsel her gehört hatte, ging mir nicht aus dem Sinn und erfüllte mich zuletzt mit solcher Unruhe, daß ich das nächste Mal, anstatt das Haus und die anderen Gebäude zu umkreisen, schnell an den Landungssteg hinunterging und vom Steg aus über den See hinausschaute. Er bot ein Bild des tiefsten Friedens. Glattes glänzendes Wasser, das die waldigen Ufer wiederspiegelte, in das der leichte Wind matt schimmernde Streifen hineinschliff, und mittägliche Stille, die in sich selbst versunken über dem Ganzen träumte. Ich spähte eine Weile aufmerksam nach der Gegend, wo die Fischerinsel lag, aber nichts zeigte sich. Es war dort so einsam wie auf dem See Glimmerglas in den fernen, wilden Wäldern des Westens. Ich ging bis an das äußerste Ende des Steges und blickte noch einmal aufmerksam das Ufer entlang. Da schob sich hinter der rohrumgebenen Waldecke, die das südliche Ende der Insel Uhlenberg bezeichnete, langsam und sachte etwas hervor, bis es sich schließlich von dem Rohrstreifen ablöste und ein Wasserstreif dazwischen lag. Es war die Jolle, und drei Personen saßen darin. Ich hielt mich keinen Augenblick länger auf und lief, so schnell es mir meine kriegsmäßige Ausrüstung erlaubte, den Berg hinauf, bis ich in Sicht des Küchenfensters kam, wo Lana noch stand. Am liebsten hätte ich nun einen Freudenschuß in die Luft geballert, allein mit männlicher Kraft bezwang ich dies Gelüst und rief nur: »Sie kommen, sie kommen!« so wie man ruft, wenn der König mit seiner jungen Gemahlin in die Residenz einzieht und die Spitzenreiter sich im Staub der Ferne zeigen, und lief dann eilig wieder hinab. Die Jolle hatte unterdessen schon den halben Weg vom Waldvorsprung bis zur Landungsstelle zurückgelegt, und die Insassen waren deutlich zu erkennen. Als Herr Wohland, der am Steuer saß, mich erblickte, hielt er etwas in die Höhe, was mir aussah wie eine dünne tote Katze, und über den See kam sein helles Lachen, in das Wahmkow und sein Sohn mit grunzenden Tönen einstimmten. Darin schien mir etwas Beleidigendes zu liegen. In diesem Augenblick kam Lana mit Leo den Abhang herabgelaufen und gesellte sich zu mir, und unter dem Begrüßungsgebell der drei Hunde legte die Jolle an. Als ihre Insassen mich näher ins Auge faßten in meiner kriegerischen Ausrüstung, sahen sie alle drei sehr freundlich aus, ich wußte eigentlich nicht recht warum, jedenfalls aber waren die Empfindungen, die ich den rauhen Seelen dieser Männer einflößte, weder mit Furcht noch mit Respekt verwandt. Herr Wohland warf den toten Marder, den er vorhin hochgehalten hatte, auf die Landungsbrücke und stieg dann, von den beiden Männern unterstützt, mühsam aus. Ich mußte meine pomphafte Kriegsausrüstung zu den übrigen Waffen legen, und dann stieg er, auf meine Schulter gestützt und von Lana angefleht, von ihr dasselbe anzunehmen, langsam mit uns den Abhang hinauf. Als er dann endlich wieder in seinem bequemen Lehnstuhl saß und die Füße auf den Wiegeschemel gestreckt hatte, erzählte er: »Ganze Geschichte Unsinn! Verdammte Späukenkiekerei! Schaff den Kerl noch ab! Macht einem bloß die Leute verrückt!« Sie waren also auf der Fischerinsel angelangt, Fritz hatte die Leiter zum Hexenhaus getragen und war dann als Schiffswache in die Jolle zurückgekehrt. Wahmkow hatte zunächst die Umgebung der alten Hütte untersucht und nichts Verdächtiges gefunden. Dann waren sie hinein gegangen. Herr Wohland hatte eine kleine Ansprache an den Boden gehalten, in der er, im Hinweis auf die zwingende Überredungsgabe einer doppelläufigen Jagdflinte und zweier Doppelpistolen, sowie ebenso vieler Entermesser, einen etwaigen Insassen der oberen Regionen aufgefordert hatte, mal ein bißchen 'runterzukommen, für welchen Zweck er ihm zu mehrerer Bequemlichkeit eine Leiter zur Verfügung stellen wolle. Nichts hatte sich gerührt. Dann hatte Wahmkow ihm zugeflüstert: »Herr Wohland, so as dei Hunn' sick hebben, is dor baben kein Minsch. Sall ick Männe mal rupschicken?« Er hatte dann leise die Leiter angelegt und den vor Aufregung zitternden Teckel am Nackenfell ergriffen, war dann einige Stufen hinaufgestiegen und hatte das mutige Hündchen auf den Boden gesetzt. Männe war sofort davongestürzt: Gebell, Fauchen und Prusten und ein fortstürzendes Etwas, das durch das Loch in der Eindeckung verschwand und sich offenbar auf das Dach rettete. Wahmkow holte den wütenden Männe, der unablässig durch die Dachlücke bellte und große Neigung zu haben schien, nachzuklettern, und als sie dann um die Hütte herumgingen, fanden sie am First, in eine Lücke des Daches geschmiegt, einen Marder, den Wahmkow auf Herrn Wohlands Rat sofort herunterschoß. Das Tier kollerte die schräge Dachfläche herab und ward von dem wütenden Teckel fast aus der Luft aufgefangen und lustig durchgeschüttelt, wobei Wasser sich durch ein fürchterliches Gebell und die wütigsten Kettenhundsprünge beteiligte. So war das Geheimnis des Hexenhauses gelöst, und während sich Herr Wohland, dem das Gehen schon sehr sauer fiel, in die Jolle zurückzog, gingen Wahmkow und sein Sohn um die ganze Insel herum, alles durchsuchend und vor allem darauf achtend, ob irgendwo im Rohr die Landungsspuren eines Kahnes zu finden wären. Eigentliche Verstecke gab es auf der mit einem schmalen Erlen- und Weidengebüschrand versehenen Wieseninsel nicht, und irgendwelche verdächtige Spuren wurden nicht gefunden. So konnte denn die Expedition nach kurzer Zeit nach der Insel Uhlenberg zurückkehren. Unterdes herrschte in der Küche Waffenstillstand und fieberhafte Tätigkeit, so daß zur bestimmten Zeit, um ein Uhr, das Essen aufgetragen werden konnte, dem sich die kleine Gesellschaft nach den mannigfachen Abenteuern des bewegten Tages mit besonderem Behagen widmete. Herr Wohland saß immer so bei Tisch, daß er von seinem Platze aus durch das große Fenster nach Borna sehen konnte, und ein Doppelfernglas stand dann immer neben ihm. Als wir nun zum Schluß der Mahlzeit die wundervollen Plinsen mit Dank gegen die Vorsehung und Mamsell Kallmorgen beseitigt hatten, hob er plötzlich das Glas und sah aufmerksam hinaus. »Deine Mama ist da,« sagte er. »Will mit uns sprechen. Mach du, Lana. Verstehst es ja wie'n Alter.« Dabei fuhr er mit der Hand herab und rieb sanft sein schmerzendes Bein. Lana lief hinaus, um auf den Turm zu steigen. Nach einer Weile begannen die Signale zu spielen, und Herr Wohland, der alle Zeichen auswendig kannte, sah aufmerksam zu. Zuweilen knurrte er vor sich hin, ob vor Schmerzen in den Füßen oder wegen der Nachricht, die er ablas, war nicht recht zu erkennen. »Kann ich mir denken,« sagte er schließlich. »Hat Angst. Verdammter Späukenkieker. Hat geschwatzt.« Bald darauf kam Lana in großer Aufregung hereingelaufen. »Mama ...!« begann sie. »Ich weiß!« rief Herr Wohland, »sag: Ich komme!« Sie zog etwas verzweifelt mit den Schultern, kehrte aber gehorsam wieder um. Dann griff Herr Wohland nach dem Klingelzug, der vor seinem Platze von der Decke niederhing, und nach einer Weile kam Stina herein. »Sast Lana inpacken helpen,« sagte er, »reist gliek af. Un segg Wahmkow: Sall sick trecht maken. Äwersetten na'n Fischer. Klock drei dor sin. Nahst sall hei na dei Stadt. Versteihst du? Na dei Stadt! Sall sick halw drei mellen. Bi mi. Af!« Stina verschwand, und Lana kam wieder. Sie wurde auf ihr Zimmer geschickt, um sich zur Abreise vorzubereiten. Herr Wohland humpelte mühsam an seinen Schreibtisch am Fenster und fing emsig an zu schreiben. Ich kam mir ziemlich überflüssig vor und wollte mich eben sachte davondrücken, da sagte Herr Wohland plötzlich: »Kannst mitfahren. In die Stadt. Wenn du magst?« Er setzte mir dann auseinander, daß er Wahmkow mit einem Briefe zur Polizei schicke, wo er sich erkundigen solle, ob dort über eine Entweichung Driebenkiels aus dem Zuchthause etwas bekannt sei. Nötigenfalls sollte auf Herrn Wohlands Kosten an die Zuchthausverwaltung telegraphiert werden, damit Gewißheit in die Angelegenheit käme. Dabei könnte ich Wahmkow behilflich sein. Wir sollten mit dem Wagen, der Lana um drei Uhr vom Fischerhause abholte, bis zum nächsten Gute mitfahren, das bekanntlich zu Borna gehörte und wo Herrn Wohland zu jeder Zeit Wagen und Pferde zur Verfügung standen. Wir könnten dann vor fünf Uhr in der Stadt sein und spätestens um neun wieder hier, denn mehr als zwei Stunden würden unsere Besorgungen dort nicht wegnehmen. Mir gefiel dieser Plan natürlich sehr gut, und Herr Wohland wandte sich eifrig seiner Schreiberei wieder zu, da schnaufte es plötzlich auf dem Gange, und es wurde bescheiden, aber fest an die Tür geklopft. Auf Herrn Wohlands unmutiges: »Herein!« trat Mamsell Kallmorgen ein, hochrot und in höchster Aufregung. »Herr Wohland, Sie sünd ümmer nobel ßu mich gewesen,« sagte sie, »un was den Szalehr betrifft, sonne Stell' gibt's nich in's ganze Land, abersten ich kann un kann hier nich mehr bleiben. Mein klein süße Lana wird ja nu auch schon abgeholt, un ich will auch weg von diese gräßliche Insel. Wo nu das Allergräsigste passiert is, wovon ich mir schon geängst hab Tag un Nacht. Un der Späukenkieker hat ihm doch gesehn. Vor Späuk hab ich keine Angst, abersten vor die Labendigen. Un wenn er auch auf die Fischerinsel nich sticht, wer weiß, wo daß er sich verstochen hat un lauert, bis es Nacht wird. Igittegittegitt. Un Herr Mudrach soll kommen so as damals. Wenn Wahmkow heut nammetag nache Stadt fährt, denn kann er ihm ja gleich mitbringen. Wenn Herr Mudrach nich kommt, denn sterb ich noch diese Nacht vor Angst.« Sie war, während sie sprach, Herrn Wohland immer näher gerückt und stand nun vor ihm, während ihr die Tränenperlen eine nach der anderen über die Backen liefen, und plötzlich schien ein großer Entschluß über sie zu kommen und eine ungeheure Gefühlswelle über ihrem Haupte zusammenzuschlagen, denn plötzlich lag sie mit einem hörbaren Bums auf den Knien, erhob ihre gefalteten Hände und rief: »Auf meine Knie lieg ich vor Sie, Herr Wohland, und ich bitt Ihnen un fleh' ßu Sie, lassen Sie Herrn Mudrach kommen, un lassen Sie mir gehn. Ich will inne Stadt ßiehn. Da is die Polleßei, die einen beschützt, da is ein Mann, der ümmer bereit is un ümmer da un ümmer derjenige welcher, da is Ruhe un Frieden un nich ümmer die gräßliche Angst. Un in die erste Szeit, da kann ja Wahmkowsch einspringen, die is ja früher Herrenköchin gewesen un 'ne orntliche Frau, na un Stina, die hab ich ja auch 'n bischen beigebracht. Un wenn Sie denn eine neue Mamsell gefunden haben, Herr Wohland, denn wünsch ich man, daß sie Sie das Essent kocht mit ebensoviel Liebe un Gemüt, as ich das ümmer getan hab, ümmer un ümmer. Ob sie Sie aber auch sonne schöne Mettwurst ...« hier schien das Gefühl sie zu übermannen, und sie schluchzte laut auf, »... sonne wunderschöne Mettwurst machen kann, das laß ich ungesagt! – Den Reßept soll sie haben!« Herr Wohland hatte während dieser dramatischen Szene, die für ihn den Gipfel der Unbehaglichkeit bedeutete, fortwährend geknurrt und gebrummt und abgerissene Wörter ausgerufen und mehrfach die Hände erhoben, um anzudeuten, daß sie aufstehen solle; jetzt rief er energisch: »Aufstehn! Hinsetzen! Eher sag ich kein Wort. Hoch!« Das wirkte. Mamsell Kallmorgen wollte sich erheben, aber sie konnte es nicht, denn sie trat sich auf den Rock und nagelte sich durch ihre eigenen Zentner auf dem Fußboden fest. Erschrecklich war es anzusehen, wie sie mit den gewichtigen Folgen guter Selbstverpflegung in fruchtlosem Kampfe stand. Ich sprang schnell zu, umfaßte sie, stemmte mich halb niederkniend mit der Schulter unter ihre Achsel und wuchtete sie mit Aufbietung aller meiner Kräfte glücklich hoch. »Mein Retter, von Gott gesandt,« sagte sie zärtlich und sank in einen Stuhl, zu dem ich sie führte. Dort saß sie und schnappte nach Luft, die Tränen aber liefen immer noch ebenmäßig über ihre Wangen herab. Herr Wohland suchte ihr nun ruhig auseinanderzusetzen, was er geplant hatte, und meinte, wenn man auf diese Weise erführe, daß Driebenkiel noch immer sicher hinter Schloß und Riegel säße, was er für ziemlich gewiß halte, so würde sie sich doch am Ende wohl beruhigen, und dann brauche schließlich auch Mudrach nicht zu kommen. Davon aber wollte sie nichts wissen. »Und wenn sie das alle sagen, daß er hinter sieben eisernen Türen in sein Prisong sitzt un mit sieben eisernen Ketten arme Wand festgemacht gemacht is, un wenn unse Großherzog selbst mich das sagen läßt, davon werd ich doch meine Angst nich los. Un Herr Mudrach muß kommen heut abend, sonst sterb ich noch diese Nacht. Un ich fühl ja nu schon, wo meine Szustände kommen. Un wenn ich meine Szustände krieg, Herr Wohland ... Herr Wohland, ich bün noch nie nich auf die Knie gefallen vor ein Menschen, bloß vor meinen Herrgott inne Kirch, aber wenn's nich anders is, un wenn Sie anders gar kein Erbarment haben un wenn ich auch ... wenn es mich auch furchbar schwer wird, wieder in die Höchte zu kommen, Herr Wohland, denn ...« Damit war sie merkwürdig jugendlich aufgesprungen, hatte ein paar Schritte vorwärts gemacht und war zum zweiten Male im Begriff, auf ihre Knie niederzubumsen, als Herr Wohland mit Donnerstimme schrie: »Halt! Kerl soll kommen! Morgen reisen Sie! Himmelkreuzdonnerwetterschockschwerenot! Ab!« Ihre Tränen hörten plötzlich auf zu fließen, sie faltete die Hände, und mit einem Tone, sonderbar gemischt aus Wonne, Wehmut und Vorwurf, sprach sie: »O, Herr Wohland!« Dann wandte sie sich zu mir: »Mich is nich ganz extra, mein lieben Jung, mich is so snurrig in die Knie, komm, stütz mir'n bischen«. Sie legte den Arm auf meine Schulter, und ich führte sie hinaus. Als wir draußen den Gang bis zur Haustür hinter uns hatten, war sie plötzlich wieder ganz mobil und sagte mit gedämpfter, aber tiefer Entrüstung: »Kerl, hat er gesagt, was'n furchbaren Mann. Un so'n gräsigen Fluch hab ich in mein ganzes Läbent noch nich gehört. Na, was ich sagen wollt: Du kommst ja nu mit nache Stadt, un du wirst ihm jawoll auch sehen. Un denn sagst du ßu ihn: Da wär einer, der hätt gesagt, er war ümmer da un ümmer bereit un ümmer derjenige welcher, un nu wär es soweit. Un wenn er dann fragt, wer ihn das sagen läßt, dann sagst du: Mamsell Christiane Kallmorgen, un er möcht auch ja un ja die Eisens nich vergessen.« Und dann richtete sie sich auf, so hoch sie konnte, und sprach mit unnatürlich tiefer Stimme: »Christiane, ich wache vor dir! Ach Gott, nee, das sag ihn bloß nich, das hab ich ja man bloß geträumt un hab mir damals ja schon gewundert, daß er mein'n Nam' wußt. Na, un nu will ich hingehn un meine Sachen packen un will dafür sorgen, daß Herr Mudrach heut abend sein schönes Essent kriegt. Was meinst du zu'n Abgerührten? Der hat ihn damals so fein gesmeckt. Wir haben ihm ja erst gestern gehabt, na aber er doch nich. So was klarrt ihm seine Alwine woll nich ßurecht. Un heute abend bringst du ihm mit, un dann hab ich meine beiden Retters wieder in's Haus, ganz so as damals – wenn ich da man bloß an denk, dann is mich das Herz so leicht as so'n Vogel!« Um halb drei Uhr stellte sich Wahmkow bei Herrn Wohland ein, um seine Instruktionen zu holen. Dieser hatte noch einen besonderen Brief an den ihm persönlich bekannten Polizeisenator geschrieben und gab Wahmkow in meiner Gegenwart die nötigen Anweisungen. Lana war bei Mamsell Kallmorgen, um Abschied zu nehmen, und war heftig beim Abtrocknen, als sie zurückkam, und nach einer Weile setzten wir drei über nach dem Fischerhause. Ein leichter Jagdwagen hielt schon dort. Wir fuhren zum nächsten Gute, wo ich Abschied von Lana nahm, und bald rollten Wahmkow und ich auf einem gewöhnlichen Sackwagen mit schnellen Pferden der Stadt zu. Wir hatten Glück in der Erledigung unserer Geschäfte, denn als wir beim Stadthause vorfuhren, fanden wir Mudrach dort anwesend. Man war dort vollständig unterrichtet; das Gerücht, daß Driebenkiel in der Gegend des Steinhuser Sees gesehen worden sei, hatte am frühen Vormittag die Stadt durchlaufen und war auch zur Polizei gedrungen. Man legte anfangs geringen Wert darauf, da man von der Strafanstalt keine Nachricht hatte, was sicher der Fall gewesen wäre, wenn ein so bemerkenswerter Spitzbube dort schon vor vielen Stunden ausgebrochen wäre, beschloß aber doch, den Semmelmann einem Verhör zu unterziehen. Dieser aber war schon vor einer Stunde zu seinem täglichen Rundgang aufgebrochen. »Da hatte ich denn,« sagte Mudrach, »die sozusagen ganz famoste Idee, unserm Herrn Polizeisenator vorzuschlagen, in diesem kriminalistischen Fall an die Strafanstalt eine telegraphische Depesche zu schicken. ›Alabonnöhr, Mudrach,‹ sagte er, ›Sie sind ein Juwel.‹ Natürellemang, da wußten wir ja nun bald, daß er sozusagen ganz komfortabel in seiner Zelle sitzt und von Ausbrechen keine Rede ist.« So war denn die Hauptsache unsres Auftrages schnell erledigt; ich erbot mich, das Weitere zu besorgen, und Wahmkow fuhr zu einem Gasthof, um die Pferde auszuspannen und einige kleine Aufträge auszuführen, ohne die niemand, der vom Lande in die Stadt fährt, entlassen wird. Um sieben Uhr sollte von dort aus die Reise wieder zurückgehen. Ich hatte nun Gelegenheit, Mamsell Kallmorgens Bestellungen bei Mudrach anzubringen und mit dem nötigen Eindruck vorzutragen. Er lockerte sich dabei ein paarmal mit dem Finger die enge Halsbinde, aber seine Augen leuchteten in einem stolzen Feuer und nahmen den bekannten Blick an, der durch Wände und Mauern, über Wiesen, Wälder und Felder in die Ferne dringt. Schließlich aber ließ er die Vorhänge seiner Lider halb herab und kraute sich sehr bedenklich seinen Nacken. »Urlaub?« sagte er, »und heut noch und wo möglich morgen den ganzen Tag, wo doch sozusagen gar nichts vorliegt und die Sache gar nicht mehr kriminell ist? Der Dienst, der Dienst, mein junger Freund, wo bleibt der Dienst? Ja, nämlich sozusagen. Weißt du, was es bedeutet, eine Residenz einen ganzen Tag ohne Schutz zu lassen? Natürellemang, da sind ja noch die Kollegen, aber ...« und er steckte die Hand in den Busen und sah mit seinem furchtbarsten Blick vor sich hin, als wolle er an einem Beispiel zeigen, wo einzig das richtige Auge des Gesetzes zu suchen sei. Da zog ich den Brief des Herrn Wohland an den Polizeisenator hervor und bat ihn, damit sein Heil zu versuchen. Dies schien ihm nur mäßig einzuleuchten, denn er zuckte mächtig die Achseln, während er den Brief mit gesenkten Lidern betrachtete, und ging scheinbar wenig hoffnungsvoll damit ab. Nach kurzer Zeit kam er zurück, hatte die Hand in den Busen gesteckt und sah erhaben aus: »Ich habe meinen Urlaub schlank durchgesetzt,« sagte er, »so quasi im Handumdrehen, sozusagen stante pede . Nämlich, meine Anwesenheit dort wird zur Beruhigung der aufgeregten Population dienen, dies ist der Status quo . Ich stehe somit zur Disposition, mein junger Freund, eventualiter sofort, sozusagen«. Ich teilte ihm den Namen des Gasthofes mit, von dem aus um sieben Uhr die Fahrt abgehen sollte, und gewann nun noch über eine Stunde Zeit, um meine Eltern aufzusuchen, von den Abenteuern der letzten vierzehn Tage zu berichten und über die Kräftigung meines Organismus die beifälligsten Urteile entgegenzunehmen. 16 Wir kamen noch vor neun Uhr auf der Insel an, und da Herr Wohland, den die Strapazen des Tages bei seinem leidenden Zustande doch wohl etwas erschöpft hatten, schon zu Bett gegangen war, so lud mich Mamsell Kallmorgen ein, mit ihr und ihrem Beschützer das Abendbrot in ihrer schimmernden Küche einzunehmen. In dieser Geschichte ist schon recht oft von gutem Essen die Rede gewesen, wohl hauptsächlich darum, weil Mamsell Kallmorgen ohne dies überhaupt nicht darzustellen ist, hier aber hatten Zuneigung und Dankbarkeit einen Tisch gedeckt, der selbst in meiner Heimat, dem gelobten Lande der kalten Küche, mit Ehren seinen Platz behaupten konnte. Während die Gastgeberin am Herde noch etwas Duftendes schmorte oder briet, was mit behaglichem Prätzeln die Küche durchsummte, saß Mudrach da, hatte die Hände über den Magen gefaltet und sah mit Augen, deren gärend Drachengift sich in lauter Milch der frommen Denkart verwandelt hatte, wohlwollend über den Tisch hin. Sein zärtlicher Blick streichelte mit gleicher Liebe den schneeweißen sauren Aal in schimmerndem Gelee, sowie den Spickaal, der sich im Goldglanz edelsten Fettes stattlich dahinstreckte. Er glitt beifällig dahin über die halben weichen Eier, zierlich mit Sardellen belegt, und über den zart geäderten Querschnitt des purpurnen Rauchfleisches, umspielte die köstliche Mettwurst mit dem Ausdruck der Vorfreude eines wohlbekannten Göttergenusses, ruhte mit Hochachtung auf den rotglänzenden, petersilienbekränzten Rücken stattlicher Edelkrebse, die in der Mitte des Tisches zu einer verlockenden Kuppel aufgebaut waren, und ließ auch die heimatliche Delikatesse des ersten Sommermonats, den gelblichen Schafkäse, nicht außer acht. Ein unbeschreiblicher Zug wollüstigen Vorgenusses lag um seinen Mund, und zuweilen schluckte er, wie man an dem Emporhüpfen seines vorstehenden Adamsapfels deutlich bemerken konnte. Dann nahmen seine Augen wieder jenen merkwürdigen Fernblick an, aber sie leuchteten in mildem Glanze, als schauten sie in eine liebliche Zukunft voller Rosen, Spickaal und Vergißmeinnicht. Dann kam Mamsell Kallmorgen vom Herde mit einem großen Teller, auf dem gebratenes Kartoffelmus wie ein goldbrauner Kuchen verlockend dampfte, und setzte es auf den Tisch. »So,« sagte sie, »gebratne Musgetoffel, die smecken allerwägt schön ßu. Un nu gehn Sie man düchtig bei, Herr Mudrach, bei was Sie wollen, bloß bei die Krebse nich un bei den Schafkees nich, die kommen ßuletzt.« Mamsell Kallmorgen war sehr aufgeräumt, und da sie sich damit wohl an Mudrach nicht heranwagte, probierte sie an mir den uralten Witz, der, wie ich mir denke, mit dem ersten Schafkäse zugleich auf die Welt gekommen ist. »Reinharding,« fragte sie, »magst du Schafkees?« Wenn man diese Frage bejaht, so sitzt man an der Angel und erhält die Gegenfrage: »Du Schaf magst Käse?« Ich aber war gewitzigt und antwortete: »Ja, Schafkäse mag ich,« wodurch, wenn man die nötige Kommapause an der richtigen Stelle macht, der beleidigende Name des nützlichen Vierfüßlers auf den vorwitzigen Frager zurückgewälzt wird. »Der Jung is ßu schlau!« sagte Mamsell Kallmorgen wohlgefällig, »der läßt sich nich auffe Nas' spielen.« Mudrach, der sich zunächst über den sauren Aal hergemacht und ein ungeheures Stück dieser butterweichen, auf der Zunge zerschmelzenden Köstlichkeit bewältigt hatte, wobei er, damit auch die Augen etwas hätten, diese liebevoll auf dem Spickaal ruhen ließ, benutzte die Pause nach dem letzten Häppchen, um einzufügen: »Ein Knabe von krimineller Begabung mit fysiologischem Scharfblick – so was ist quasi angeboren, sozusagen, gerade wie die Kochkunst. Alabonnöhr, Mamsell Kallmorgen, der saure Aal! Das ist ja ein Ideal, sozusagen. Wenn der Spickaal auch so ist?« »Was 'n Ide-Aal is, Herr Mudrach,« sagte sie, »das weiß ich nich, diese sünd aus der Bäk aus Müller Robzin sein'n Aalkasten un sünd heut erst geräuchert. Ich sag ümmer, was so'n richtigen Spickaal is, wenn einer ihn den Kopf absneid't un schüttelt ihn denn an'n Swanz, denn muß ihn von selbst rausflutschen aus sein Fell. Na, das tut ja nu keinen, das is man, daß'n so sagt. Sie müssen sich aber 'n Mittelstück nehmen, Herr Mudrach, wo der Aal eben wieder rund rum ßu is, das is das beste.« Das tat Mudrach auch, denn er war ein weiser Mann und verständigem Rat jederzeit zugänglich. Als er nun damit fertig war und mit verklärten Zügen die Hand auf den Magen legte und der Gastgeberin eine Verbeugung machte, sagte diese zu ihm: »Kennen Sie die Geschicht von die Aalmutter?« Mudrach verneinte und ließ die Blicke prüfend über den Tisch schweifen. »Nu rat ich Sie ßu so'n kleinen Hahn,« sagte Mamsell Kallmorgen, und er zeigte sich wiederum wohlgemeintem Rat zugänglich. »Na, also die Aalmutter. As ein Bote kam un sagte, deine Kinder sünd gefangen, da sagte sie: ›Schad't nich, sie werden schon wiederkommen.‹ Nu kamen aber ümmerßu Boten, un den einen sagte: ›Sie sünd auf'n Markt verkauft,‹ un den andern: ›Sie sünd inne Küch, und die Käksch schlachtet ihnen!‹ un denn wieder ein andern: ›Sie sünd schon in'n Kochkessel!‹ abersten die Aalmutter sagte ümmer dasselbe. Un das sagte sie auch noch, as wieder ein Bote kam un sagte: ›Nu sünd sie aufgetragen mit Peterßiliensoße in eine sülwerne Schüssel.‹ Da aber kam noch einen, der sah aus as so'n Leichenbitter un sagte: ›Nu sünd sie aufgegessen, un die Leut' haben Branntwein drauf getrunken.‹ ›O, meine armen Kinder,‹ sagte da die Aalmutter, ›nu is es vorbei!‹ Un wissen Sie, was diese Geschichte besagt, Herr Mudrach, daß der Aal so'n furchbar ßähes Läbent hat, un erst, wenn einer Branntwein da auf getrunken hat, denn is er würklich tot.« Damit füllte sie ein Spitzglas aus einer vierkantigen Flasche mit vortrefflichem alten Korn, schob es dem Gaste hin und sagte: »Wenn ich Sie raten darf, Herr Mudrach, dann machen Sie das auch so, das is gut for die Darmen.« Nun, Mudrach ließ sich raten und war gehorsam wie ein artiges Kind. »Abersten Sie haben sich ja sonst noch gar nich eingeschänkt, Sie scharnieren sich doch woll nich, Herr Mudrach. Nehmen Sie sich doch 'n Glas von den guten Schatoh, der paßt ßu den Hahn. Oder wollen Sie lieber weißen? Das is Szohtern, un wenn ich mal 'n Glas Wein trink, dann nehm ich von den, den roten is mich ßu sauer. Das kommt abersten man selten vor, ich halt mir an mein selbstgemachtes Bier, das bekäme mich ja auch ümmer so gut.« »Aber heute doch, eventualiter,« sagte Mudrach, »wo doch quasi ein Festtag ist, sozusagen. Natürellemang, nicht wahr?« und näherte sich ihr mit der Sauternesflasche. »Ach ja!« antwortete sie mit gefühlvollem Seufzer und verschämtem Lächeln, »aber man halb voll, der Wein is staark!« Mudrach füllte ihr und mein Glas bis zum Rand, was sie mit Entsetzen und ich mit milderen Gefühlen bemerkte, er selbst zog den »Schatoh« vor, den er wohl für das männlichere Getränk hielt. Dann erhob Mamsell Kallmorgen ihr Glas und sagte: »Auf dem Wohle meiner lieben Gäste!« und trank uns wohlwollend zu, worauf Mudrach eine fulminante Gegenrede hielt, in der er die Vorzüge dieser distinktiven Dame in ein blendendes Licht rückte und die Aufgabe, eine so vollendete Sammlung seltener Vorzüge zu hüten, zu schützen und zu bewachen, als des besten Mannes würdig hinstellte. Dabei ließ er seine Augen über die noch unberührten Schätze des Tisches schweifen und schien aus ihrem Anblick immer aufs neue die Kraft zu kühnen Bildern und schwungvollen Ausdrücken zu saugen. Darauf leerte er sein Glas bis auf den Grund, nicht ohne es gleich sorgfältig wieder zu füllen. Mamsell Kallmorgen schwamm in verschämtem Wohlgefallen. »O, Herr Mudrach,« sagte sie, »das kann ich ja gar nicht verlangen. Un wo Sie das allens herhaben! Un was das for 'n Duktus hat! Abersten von das andere, da sprechen wir woll nachher, nich bei's Essent.« Die Mahlzeit war für sie offenbar, gleich dem Rosengarten der Sage, mit einem seidenen Faden umzäunt, über den nichts Unholdes in den geheiligten Kreis dringen durfte. Mudrach war es zufrieden und wandte sich mit ungeschwächten Kräften den guten Dingen wieder zu. Er ließ nichts vorübergehen und bediente sich von allem reichlich. Wo er damit blieb, in seinem langen, dünnen Leibe, noch dazu, da er auch das gebratene Kartoffelmus nicht schonte und Mamsell Kallmorgen ihm eine Brotscheibe nach der anderen mit köstlicher Butter bestrich, das war ein Geheimnis, das in seinem Innern die Organe einer Boa constrictor vermuten ließ. Nur einmal bemerkte ich, wie er heimlich mit seinen langen Fingern in der am meisten bedrängten Gegend zwei Knöpfe seines Rockes lockerte, Mamsell Kallmorgen dagegen, die ich zum ersten Male essen sah, nippte nur wie ein Vögelchen und war mäßig wie ein Weiser, der sich aus Überzeugung der Askese ergeben hat, so daß es selbst dem so ausgiebig beschäftigten Mudrach auffiel und er darüber eine verwunderte Frage tat. »Der liebe Gott segnet es mich ja,« sagte sie, »ich brauch nich mehr. Wenn einer selbsten kocht, denn wird er schon satt von's Probierent un von den Geruch. In den Geruch von gutes Essent, da sticht die meiste Kraft ein.« Wahrlich, da lebte sie ja wie weiland die unsterblichen Götter, deren ätherische Nahrung aus lieblichem Opferduft bestand. Mudrach aber ließ sich dadurch nicht zur Nachahmung verleiten und sich bei den Krebsen, deren anatomische Verhältnisse und feste Panzerung ihm sichtlich unlösbare Rätsel aufgaben, gar gerne ihre Hilfe gefallen. Es war hübsch zu sehen, mit welcher Geschicklichkeit sie die auch im Tode noch wehrhaften Tiere nach allen Regeln der Kunst ihrer Panzer entkleidete und die mundgerechten Bissen ihrem Gegenüber zuschob. Dabei strahlte ihr breites, gutmütiges Antlitz in der artistischen Genugtuung, eine Kunst auszuüben, die Übung und Geschicklichkeit erfordert und nicht von jedem beherrscht wird. So ging denn schließlich die Mahlzeit zu Ende; Stina kam und deckte ab und setzte zwei Flaschen von Mamsell Kallmorgens berühmtem Bier auf den Tisch, nebst den nötigen Gläsern. Mudrach aber zog es vor, bei dem Schatoh zu bleiben; er wärme den Magen so schön aus, meinte er. Als wir wieder allein waren, entstand zunächst eine kleine Stille. Mudrach saß zurückgelehnt in seinem Ehrenlehnstuhl und rauchte eine von Herrn Wohlands stattlichsten Zigarren, die er seltsam steif zwischen den gespreizten langen Fingern hielt, deren Asche er von Zeit zu Zeit mit Kennerblicken betrachtete und deren duftenden Rauch er zu verdoppeltem Genusse zuweilen mit der anderen Hand an seine Nase winkte. Sein sonst etwas erdiges Gesicht blühte, seine Augen schwammen in Wohlgefallen, seine langgestreckte Nase und zwei Flecke unter den Tränensäcken leuchteten in sanftem Purpur, und um den Mund lagerten Behagen und Befriedigung wie zwei Hündlein, die zusammengerollt am Kaminfeuer von glücklichen und ergiebigen Jagden träumen. Mamsell Kallmorgen aber sah ernst und sinnend aus, als wende sie im Geiste die Blätter des Buches der Vergangenheit um und suche darin nach Anknüpfungen für die brennenden Fragen der Gegenwart. »Herr Mudrach,« sagte sie plötzlich, »wovon wissen Sie eigentlich, daß ich Christiane heiß?« Mudrach sah sie sinnend an: »Davon ist mir so quasi gar nichts bewußt,« sagte er, »aber es ist ein schöner Name, er hat so was Religiöses an sich. Nämlich sozusagen.« Mamsell Kallmorgen wurde plötzlich rot, und da sie das fühlte, wurde sie dunkelrot und schnappte nach Luft, denn mit einem Male kam ihr zum Bewußtsein, daß sie im Begriff war, ihren Traum zu verraten, in dem Mudrach als ein Engel mit Flügeln und einem feurigen Säbel zu ihr gesagt hatte: »Christiane, ich wache for dir!« Sie geriet in Verwirrung, verlor aber den Gedankengang, der sie zu dieser Frage veranlaßt hatte, nicht aus dem Auge, trank zur Stärkung ein Schlückchen von ihrem Lebenselixir, strich sich die Schürze glatt und nahm mutig einen neuen Anlauf zu dem gewünschten Ziel: »Snurrig, wie ich da auf komm,« sagte sie, »aber ich dacht würklich, Sie wüßten ihm. Abersten das wissen Sie doch woll, was ein Mann von furchbar viel Kurakter, ßu den ich Szuvertrauent hab, was den gesagt hat: Ich bün ümmer da un ümmer bereit un ümmer derjenige welcher!« Mudrach fuhr mit dem Finger tief in seine hohe, enge Halsbinde, als wolle er sie lockern, damit sie einer längeren Rede kein Hindernis entgegensetze, und rieb sich dann nachdenklich den langen, schmalen Strich seiner Nase, als wolle er dadurch seinen Geist elektrisch machen; dann erhob er dozierend den Zeigefinger und sagte: »Posito, gesetzt den Fall, meine hochverehrte Dame, das heißt, nehmen wir sozusagen an, Sie hätten das Desiderium, in das bewußte und Ihnen genannte Logis stantepede einzuziehen, so muß ich Ihnen leider die Konklusion machen, daß dieses Logis temporär für Sie ein Desideratum ist.« Mamsell Kallmorgen hörte mit großer Hochachtung diesen geschwollenen Satz an, von dem sie nichts begriff, ebenso wie sich zwei hochgelehrte Professoren nicht verstehen, wenn sie lateinisch reden und der eine ein Deutscher, der andere ein Engländer ist. Sie bat ihn fast weinerlich, sich ferner nicht der kriminellen Sprache, sondern ihres geliebten Hochdeutsch zu bedienen. Mudrach paßte sich denn auch milde ihrer Fassungskraft an und teilte ihr mit, daß die beiden Schüler ja in die Ferien gingen und nach den Ferien ausquartiert werden könnten, darin läge das Hindernis nicht; aber es hätten dort seit Jahren schon Schüler gewohnt, und da diese zwar geringe Ansprüche machten, durch ihre urwüchsigen Gewohnheiten aber dazu beitrügen, daß diese Ansprüche von Jahr zu Jahr auf eine tiefere Stufe herabsinken mußten, so wäre das Logis für eine Dame von dem Bildungsstande und den vornehmen Gewohnheiten der Mamsell Kallmorgen zurzeit absolutemang unmöglich. Da müßte was geschehen, da müßte tapeziert, gemalt und gestrichen werden, und darüber könnten ganz gut vierzehn Tage hingehn, oder aber es könnte eventualiter auch noch länger dauern. Das würde ihm natürellemang bedeutende pekuniäre Opfer auferlegen, aber für eine Dame wie Mamsell Kallmorgen wäre sozusagen das Teuerste gerade gut genug. »Nee, Herr Mudrach,« sagte diese eifrig, »wenn das extra for mir gemacht wird, denn beßahl ich das auch, das is mich lieber so. Un denn därf ich mich doch auch woll die Tapfeten aussuchen un den Maler die Färbe sagen, wo allens mit gemalen werden soll. Die Fensters natürlich weiß un die Fußbödens mit feinem sülwergrauen Lack. Un denn hab ich früher mal eins 'ne Tapfete gesehn, da war Jelängerjelieber auf un Rankrosen un Schmetterlings un kleine süße Piepvögels, die in ihre Nesters saßen, wenn ich in eine Stube mit solche Tapfete wohnen könnt, das wär fein.« Mudrach meinte, das dürfe er nicht verlangen, das ginge zu weit, die Kosten könnten ja am Ende auf die Miete geschlagen werden. »Nee, nee,« sagte Mamsell Kallmorgen, »das wollen wir nu man so lassen. Un mit die Miete, das kommt später. Sie sünd ein furchbar anständigen Mann un sünd bei's Gericht angestellt, Sie werden mich doch woll nich mehr abnehmen, as recht is. Abersten« – und nun nahm ihre Stimme den Ton wehleidiger Klage an, »wo bleib ich denn nu man bloß in diese Szeit? Hier bleib ich nich, das kann ich nich un kann ich nich.« Auch das hatte Mudrach sich bereits überlegt. Er sagte, er wüßte nicht weit von seinem Hause ein sehr nettes kleines Hotel, da wäre sie gut aufgehoben. Er käme dort alle Tage ein paarmal vorbei und würde immer ein Auge auf sie haben, wobei er die Kraft seiner Gesetzesaugen mächtig spielen ließ. Mamsell Kallmorgen aber meinte, sie wäre nicht für solche feine Hotels, wo immer Kellner mit Schniepeln um einen herumständen und sich grienten, wenn einer was sagte. »Na,« meinte Mudrach, es wäre ja auch eigentlich kein Hotel, sondern ein sehr netter Gasthof, sauber und ordentlich und nicht teuer. Da kehrten die wohlhabenden Bauern ein und Musterreiter, die keine großen Spesen machen wollten, die wüßten immer, wo es gut und billig ist, und besonders die Holländer Holländer heißen die Milchpächter auf den großen Gütern. aus der ganzen Gegend hätten da ihr Absteigequartier. Als Mamsell Kallmorgen das Wort Holländer hörte, leuchteten ihre Augen. »Das is'n andern Snack,« sagte sie, »meine Swester is auch an'n Holländer verheurat. Holländer sünd orntliche Leute. Da ßieh ich hin.« Somit war auch diese Frage gelöst, aber nun folgte eine so endlose Reihe von Verhandlungen über die Einzelheiten des morgigen Umzuges und alle möglichen Fragen, die dabei in Betracht kommen konnten, alles mit feierlicher Breite von beiden Seiten entsprechend seiner ungeheuren Wichtigkeit behandelt und untermischt mit Klagen Mamsell Kallmorgens, daß ein widriges Geschick sie zwänge, eine solche Stellung zu verlassen, die, was den Szalehr beträfe und die Freiheit, nach eignem Ermessen zu handeln, ihres Gleichen nicht im Lande hätte. »Geld spielt ja gar keine Rolle nich bei Herrn Wohland,« sagte sie, »un ob was einen Dahler kost oder ßehn Dahler, das is ihn ganz egal, wenn's man gut is, ümmer von's Beste. Un wenn ich was verschenken will auße Wirtschaft, denn verschenk ich das; Herrn Wohland is allens recht, er gibt womöglich noch was ßu. Ja, was das angeht, is es ja hier wie in's Paradies, bloß daß kein Engel mit'n feurigen Säbel ...« hier verstummte sie und wurde dunkelrot ... »bloß die Angst, die ewige Angst. Un wän schon einmal beinah ein'n Knebel in'n Mund gestochen is, wo einer doch versticken muß, der durch die Nas' keine orntliche Luft kriegen kann, der wird die Angst nich los sein Läblang nich. Igittegittegitt!« Mudrach sprach dann beruhigende Worte von dem Schutze, den die Fittiche des Gesetzes gewähren, und von dem starken Arm der Gerechtigkeit, der sich über sie strecken würde, und sah mit einem Blick in der Küche herum, daß die Fliegen wie vergiftet von den Wänden fielen und sich konvulsivisch auf dem Rücken herumdrehten. Und dann redeten sie wieder davon, wann der Wagen, der auf dem Nachbargut bestellt werden sollte, kommen müßte, und Mamsell Kallmorgen bestand darauf, daß Fischer Mussehl selber kommen müßte mit seine große Boot, die nich so wiwagt, un wie sie da woll rein käme, un wie sie da woll wieder raus käme, un wenn sie erst glücklich über das gräßliche Wasser wär, dann wär ja allens gut, un sie wollt' ihren Schöpfer auf den Knien danken, bloß daß sie denn man so schlecht wieder inne Höchte kommen könnt. So ging es endlos weiter, bis mir die Augen zufielen und ich das Gerede nur noch wie aus ganz weiter Ferne hörte und erst wieder zu mir kam, als ich bei meinen mannhaften Kämpfen mit dem Dämon des Schlafes einen solchen Vorstoß auf ihn gemacht hatte, daß ich beinah vom Stuhle gefallen wäre. Ich benutzte eine Pause des Gespräches, um den Wunsch auszusprechen, gute Nacht sagen zu dürfen. »Schon unterschießen unter die Bettdeck, mein Reinharding,« sagte Mamsell Kallmorgen, und ihre Augen schweiften zur Küchenuhr, worauf sie einen Schreck bekam: »O du mein Mieskätzing!« rief sie, »die Klock is jewoll all vittel vor elw? Denn is es ja auch die höchste Szeit. Stina! Stina!« Diese brachte die Leuchter und zündete die Lichter an. »Herr Mudrach,« sagte Mamsell Kallmorgen, »Sie slafen wieder in die kleine blaue Stube, wo Sie damals mit Püttelkow ... ach nee, Sie haben da ja gar nich geslafen, indem daß Sie doch wachten mußten bei die gräßlichen Einbrechers. Igittegittegitt, wenn ich da bloß an denk. Na, Stina bringt Ihnen ja hin, un diese Nacht, da wollen wir alle fein slafen, un das kann ich nu ja auch, denn ich weiß ja, es is ein Mann da, der ümmer bereit is un ümmer derjenige welcher. Haben Sie auch die Eisens bei sich, Herr Mudrach?« Dieser klopfte sanft auf seine hintere Rocktasche, wo es leise klirrte, und aus seinen Augen strahlte die Strenge des Gerichtes. Mamsell Kallmorgen vernahm den leisen Ton der Handschellen, die für sie die Symbole des gesetzlichen Schutzes und der bürgerlichen Sicherheit waren, mit wollüstigem Grausen und sagte: »Na, das is man schön!« Dann wünschten wir uns feierlich gute Nacht, und ein jeglicher zog mit seinem Lichte an den Ort, wo ihm das Bett bereitet war. Am andern Morgen war plötzlich Onkel Simonis da, der am Tage vorher von seiner Reise zurückgekehrt war, und kam, um mich abzuholen. Er wußte schon von den Wirren und Ereignissen des gestrigen Tages, denn auch auf dem Lande laufen die Gerüchte mit Siebenmeilenstiefeln. Ich begegnete ihm zufällig vor der Tür, wo er gerade Stina beauftragte, ihn bei Herrn Wohland zu melden. »Pack deine Siebensachen ein, mein Junge,« sagte er, »und bringe sie gleich herunter zum Landungsplatz. Da liegt Heinrich Trilk mit dem Albatros. Jetzt bist du hier doch nur im Wege, ausschließlich nur im Wege, mein Sohn. Ich will mich hier gar nicht aufhalten, nur Herrn Wohland begrüßen. Dann kommst du wieder und sagst Adieu – in einer Stunde fahren wir, verstehst du, in einer Stunde spätestens. Siehst übrigens gut aus, Reinhard, fein herausgefuttert. Siehst aus, als hättest du die ganze Zeit mit den Vorderfüßen im Fliegenschrank gestanden, wie Onkel Klüssendorf zu sagen pflegte. Dein bißchen Griechisch wird wohl schon alles wieder durch den Schornstein geflogen sein. Na, wart nur, in den Ferien haben wir ja Zeit genug, da wird frisch aufgefüllt.« Mit dieser freundlichen Verheißung, die meinen sonnigblauen Ferienhimmel gar schändlich mit grauen Wolken betüpfelte, entließ er mich. Als ich bald darauf mit meiner Reisetasche an den Strand kam, fand ich dort isern Hinrich auf dem Landungsstege, wo er, die Hände in den Hosentaschen, mit wiegendem Schritt auf und ab ging und dazu gar lieblich durch die Zähne pfiff, wahrscheinlich in Erinnerung an die Tatsache, daß er im vorigen Jahre an derselben Stelle, bei ähnlicher Gelegenheit, diese ihm bis dahin versagte Kunst plötzlich erfaßt hatte. Obwohl er nun bei unserer letzten Trennung von der zwischen uns gebräuchlichen wunderlichen Begrüßungsart feierlich Abschied genommen hatte, so kam er doch wie immer auf mich zu und hielt mir den ausgestreckten Oberarm entgegen. » Go on !« sagte er. Da ich nun sah, daß er es so haben wollte, so tat ich ihm den Gefallen und gab ihm mit den Knöcheln der verwendeten Hand einen tüchtigen Schlag auf den Bizeps. » I don't feel it !« sagte er verächtlich und fügte hinzu: » Encore une fois !« Ich tat ihm den Gefallen noch einmal, um die wegwerfende Antwort zu erhalten: » Cela ne fait rien !« Da er nun aber ein Vierteljahr lang aus der Übung war, so mochte er wohl ein wenig von seiner heroischen Fühllosigkeit eingebüßt haben, denn als er sich kurz darauf einmal unbeobachtet glaubte, sah ich, wie er die betroffene Stelle des Oberarmes mit den Fingern knetete und ein Gesicht dazu machte, als überlege er sich, ob eine bloße Gelegenheit, seine Sprachkenntnisse zu zeigen, mit indianischen Martern nicht zu teuer erkauft sei. Zunächst aber zeigte er heitere Gelassenheit und verlangte Auskunft über die neuesten Abenteuer, die offenbar in romantischer Verklärung zu ihm gedrungen waren. Ich mußte ihn auf später vertrösten, da ich jetzt keine Zeit hätte, denn ich war ja zum Abschiednehmen kommandiert. »Na,« sagte er dann, »weit denn dei Ollsch, dat ick dor bün?« Damit meinte er Mamsell Kallmorgen, die doch noch in dem jugendlichen Alter von einundvierzig Jahren stand. Da ich dies bezweifelte, so bat er mich, ihr das mitzuteilen. »Ick müch tau girn weiten,« sagte er, »wat sei woll werre sonne feine Mettwust hett, as donn, un sonnen mojen baschen Kees, dei wir so masig un so fett, dor lickmünd't mi noch ümmer na.« Ich versprach ihm das, und als ich mich nach einer guten halben Stunde mit Onkel Simonis dort wieder einfand, saß er auf dem Stege, baumelte mit den Beinen, hatte einen leeren Teller und eine Flasche neben sich und kaute mit Hingebung und Genuß an dem letzten Rest eines Butterbrotes. »Von den baschen wir dat nich, äwer Schaapkees,« flüsterte er mir zu, »dat's ok kein Meß.« So versäumte Mamsell Kallmorgen, von der ich eben gerührten Abschied genommen hatte, auch in den bedrängtesten Umständen nicht die Pflichten der Gastlichkeit, und auch Onkel Simonis hatte sich im Hinblick auf seinen schwachen Magen nur mit Aufbietung all seiner sittlichen Kraft der Darbietung eines gewaltigen Frühstücks erwehren können. »In diesem Punkt,« sagte er, »ist das Weib ja eine Megäre, wenn ich die zur Wirtschafterin hätte, die hätte mich längst zu Tode genudelt. Dreimal hätte sie das.« » All people on board !« sagte isern Hinrich, und wir stiegen in den Albatros; er ruderte, und ich mußte erzählen. So kann ich denn von den ferneren Ereignissen des Tages nicht mehr als Augenzeuge berichten, weder von dem großen Verhör, das Mudrach mit dem Späukenkieker anstellte, der eben über den See gerudert kam, als wir abfuhren, wobei er ihn mit Kreuzfragen und juristischen Ausdrücken bis aufs Blut ängstigte und seine Glaubwürdigkeit als Zeuge aufs tiefste erschütterte, noch von dem feurigen Eifer, mit dem Mamsell Kallmorgen die Sachen, die sie zunächst mitnehmen wollte, fertig packte, und trotzdem ein wunderbares Mittagessen zustande brachte, zusammengesetzt aus Herrn Wohlands bevorzugten Lieblingsgerichten, wodurch sie sich offenbar einen Abgang sichern wollte, der noch einmal sie und alle ihre Vorzüge in elektrischer Beleuchtung zeigte, umspielt von den schmunzelnden Genien der Kochkunst und des Wohlgeschmacks. Dann kam der dramatische Abschied von Herrn Wohland, bei dem sie »den Szalehr« für die letzten Wochen begeistert zurückwies, das Geld aber nehmen mußte, worauf sie den unglücklichen Mann mit einer solchen Fülle von Redensarten überschwemmte, daß er in seiner Qual keine andere Hilfe fand, als sie durch ein mehrfach wiederholtes: »Ab! ab!« förmlich hinauszuwerfen. Und sie ging wie eine Niobe, die der Schmerz versteint hat, deren Augen aber dennoch von Tränen überfließen. Wie sie dann von drei starken Männern in Fischer Mussehl seinen größten Kahn gewuchtet wurde und nachher wieder hinaus, unter gellenden Schreien der Angst und unzähligen »Igittegittegitts«, und wie sie trotz ihrer Verheißung doch aus wohlerwogenen Gründen nicht auf ihre Knie sank, als das gräßliche Wasser endlich hinter ihr lag, und wie sie dann endlich im Leiterwagen auf dem Sack saß, dessen eines Ende sie tief herunterdrückte, während neben ihr der hagere, zugeknöpfte Mudrach auf dem anderen hoch emporgehobenen Ende wie ein Ausrufungszeichen in die Luft ragte, und wie sie bei dem plötzlichen Anziehen der mutigen Pferde alle beide hintenüber ins »Krett« fielen, das alles habe ich ja leider auch nicht selbst gesehen, kann aber nach dem einwandfreien und einstimmigen Zeugnis ehrenwerter Männer, die dabei waren, versichern, daß es ein Anblick war. In Steinhusen war es natürlich herrlich. Mein Freund Adolf war schon da, und ein fröhlicher Genoß, Ferien und Erntezeit, üppige Gärten, Wälder, Wiesen und Felder, ein Segelboot und ein stattlicher See zur freien Verfügung, und um uns lauter Menschen, die uns wohl wollten, was will man mehr; da diente die eine Stunde Griechisch täglich, zu der mich Onkel Simonis ohne Gnade heranzog, auch nur dazu, den Glanz des übrigen Tages zu erhöhen und zu vermehren. Nur eine wollte uns nicht wohl, das war Tante Malchen, die es uns nicht verzeihen konnte, daß wir uns auch in der Residenz nicht im mindesten hatten von der Kultur belecken lassen; denn das Leben in einer Quarta und das Indianertum üben in dieser Hinsicht keinerlei veredelnden Einfluß aus, und den bildenden Umgang mit den Gebrüdern Köhnke und ihrer Tante Clementine hatten wir ja leider gänzlich vernachlässigt, ja wir hatten sie nicht ein einziges Mal besucht. Das verzieh sie uns nicht und beträufelte uns bei jeder Gelegenheit mit Redensarten, gemischt aus süßem Honig und Rattengift, und malte unsere gesellschaftliche Zukunft mit dem tiefsten Schwarz einer wolkenverhangenen Neumondnacht. Doch das war am Ende zu ertragen, und wenn wir auch manchmal die Neigung hatten, zu sagen: »Du, geh da mal 'raus aus das Fenster!« so unterdrückten wir sie doch heldenmütig und standen am Marterpfahl mit dem indianischen Gleichmut eines echten Comanchen. Doch die guten Tage laufen mit Siebenmeilenstiefeln; so sausten auch die Ferien nur zu schnell vorüber, und wir mußten wieder in die Stadt übersiedeln. Nach einiger Zeit suchte ich Mamsell Kallmorgen auf. Sie wohnte schon bei Mudrach, und es war dort alles nach ihren Wünschen hergerichtet worden. Der Fußboden ihres Wohnzimmers war richtig mit silbergrauem Lack gestrichen, und auf der Tapete zeigten sich viel wunderschöne Blumen, zwischen denen sich reichlich Vögel und Schmetterlinge herumtrieben, wie sie niemals in der Natur vorkommen, sondern ausschließlich in der ausschweifenden und rücksichtslosen Phantasie eines Tapetenmalers. »Na, un die Decke,« sagte Mamsell Kallmorgen, »die hat den Maler doch mal nüdlich gemalen. As ich abersten diese Wohnung ßuerst ßu sehen kriegt, da wurd mich ganz slimm. Harre meines, hatten die Harren Jungs ihr eingeaast. Ich sag dir, mein Reinharding, das war ...« hier beugte sie sich nahe an mein Ohr, sah sehr geheimnisvoll aus und flüsterte eindringlich »... ein Färkenstall war das. Un ein Färkenstall, wo in Jahren – ne, was sag ich – in Jahrendén nichs nich gemacht war, bloß ümmer von frischen wieder neu eingeaast. Na, un wie nüdlich un apptietlich süht es nu hier aus – nich? Un denn hab ich ja doch meine schönen alten Möbels. For eigne Möbels bün ich ümmer gewesen, un schon auf'n Uhlenberg, da hab ich kein Stück von Herrn Wohland gehabt, das war all mein eigen, was ich mich so sachten ßusammengearbt hatt. Na, un den gelben Birkenszicketehr mit die alte Uhr auf, macht sich den hier nich fein? Un die alte Kommode mit die Messinghenken un das Glaseckbort, die hab ich von mein Lenetanten gearbt, un den Roßhaarsofa und die beiden Lehnstühl mit die schönen blanken Nagels un den Magahonitisch mit die vigelette Plüschdeck, die stammen von mein Onkel Christian, die hat er mich extra vermacht, weil daß ich doch sein Pät bün. Un in das Eckbort, da stehen meine Pozzelansachen in un mein sülwerne Szuckerdos' un mein sülwernen Rohmguß un meine wunderschönen Tassen. Sieh mal, die beiden mit die Henkels un mit die dicken Rosen auf mit goldene Blätter, un einwendig ganz mit echten Gold vergold't, da haben meine Eltern ümmer aus getrunken, abersten bloß an die hohen Festtage, sonst haben sie sich das nich spendiert un haben man aus gewöhnliche getrunken. Un ich kriegte denn diese Tasse da mit den goldnen Engel, der in eine Tulpe sitzt, un mein Vater sagte ümmer: Dirn, wenn du die inßwei machst, denn gibt's was auf die vier Buchstaben! Ach ja, er mochte so furchbar gärn manchmal 'n kleinen Witz machen. Un Szucker, den war damals so furchbar teuer, den gab's bloß Sonntags un denn auch man 'n klein Stück Kandies, das nahm einer inne Mund und trank da an vorbei, daß da ümmer so sachte 'n bischen von absüßte.« So redete sie und zeigte mir alle ihre Schätze und ließ mich auch einen Blick in ihr Schlafzimmer tun, in dem es weiß und jungfräulich schimmerte. »Ja,« sagte sie, »da slaf ich nu in mein eigen schönes Bett auf die feinsten Gänsedunen so schön, wie ich auf die gräßliche Insel, seit da die schauderhafte Einbrecherei passiert is, auch nich eine Nacht geslafen hab. Un wenn ich denn auch einmal aufwach, denn hab ich doch nich gleich sonne gräßliche Angst, denn ich weiß ja, Herr Mudrach släft grad unter mir. Un wenn sich das denn auch manchmal anhören tut, as wenn da unten einen Holz sägt, weil daß doch Herr Mudrach manchmal 'n bischen das Snorken kriegt, so is mich das bloß tröstlich, denn ich weiß doch, das kommt von ein Mann, der ümmer da is un ümmer bereit un ümmer derjenige welcher, der wacht for mir. Na, un was das Kochent betrifft, das hab ich mich gleich übernommen. Ich hab hier ja oben auch so'n klein Kabuff, was sich Küch nennt, mit'n Herd ein as für 'ne Puppenstub', da sollt ich mich ümmer mein einsames Essent in kochen. Da hab ich abersten ßu Herrn Mudrach gesagt: ›Nee, Herr Mudrach, das is kein'n richtigen Plan nich. Da will ich Sie mal was sagen. Geben Sie mich alle Monat das, was Sie un Ihre Alwine so in'n pohlschen Bogen inne Wirtschaft verbraucht haben, un das übrige leg ich ßu, un denn besorg ich das, da kommen wir alle beide besser bei weg, denn das Kochent aus'n großen Topf is profitlicher as aus'n kleinen. Un so koch ich denn nu unten in Herr Mudrach seine Küch un mach die ganze Wirtschaft, un was Alwine is, die geht mich bei die Hand. Das kann ich woll sagen, das geht hier nich aus'n großen Geldbeutel wie bei Herrn Wohland, un is meist man ßusammengekochtes Essent – abersten es smeckt sie. Zu's Kochent gehört Schenie, un wenn einer den hat, denn lickmünden die Leute nach sein ßuzammengekochtes Essent, un wenn einer den nich hat, denn wird es Drank. Was nu Alwine is, die hat den Schenie nich, varleicht lernt sie ihm noch, Müh geb ich mir ja genug. Un as die jungen Dirns in das Alter manchmal sünd, sie eßt nich, un ich möcht ihr doch so gern in'n richtigen Futterßustand kriegen, die Dirn die is ja bloß aus Knochen un Augen. Ja, un was nu den Futterßustand anbetrifft, da fällt mich das Swein ein. Sie haben da so'n klein hochbeintes Swein, un das futtert un futtert sich nich, un seine Rippen kucken ihm 'raus, as ob's Tründelbänder übergesluckt hätt. Nu frag ich bloß, woßu braucht'n Swein Rippen? Nachher für den Rippenbraten, da sünd sie ja ganz schön, abersten, wenn einer ihnen von draußen sehn kann, denn is es ein kummervollen Anblick. Wenn ich das alte Postür nich noch ßurecht gefuttert krieg, denn wird's slimm ßu'n Winter, denn gibt's Schinkens as sonne Keul' von'n drehkranken Hammel, un Speckseiten – ach du mein Mieskätzechen – un wenn ich bloß an die Mettwurst denk, denn kommt mich das Heulent an. Ja, in Sweine, da bün ich würklich 'n bischen verwöhnt.« So floß der Strom ihrer Rede unaufhaltsam weiter, und sie ereiferte sich über die Torheit, einen Hühnerstall »mit ohne Hühner« zu besitzen, wie Herr Mudrach, was aber nicht allzulange mehr dauern solle; sie erwog weitläufig die wirtschaftlichen Vorteile, die sich daraus ergeben würden, wenn sie zum Ersatz der Ausfälle, die das Kummerschwein ergeben würde, im Herbst eine Anzahl Gänse fett machte, wo Herr Mudrach doch für Spickgans sein Leben ließe, und entwickelte den kühnen Plan, im Hause eine eigene kleine Räucherkammer einzurichten, »indem daß die Slachters doch ümmer so slechten Rauch nehmen, und welche, die hängen die Schinkens jawoll man bloß an eine Leiter un smieren ihnen mit Holzessig ein. Igittegittegitt!« In dieser ganzen Zeit hatte ich kein einziges Wort gesprochen, sondern nur zuweilen, wie ein luftschnappender Karpfen, meinen Mund zu einer nach meiner Ansicht passenden Bemerkung geöffnet, die aber stets von dem unaufhaltsamen Redestrome wieder weggespült wurde, und als nun plötzlich die alte Uhr mit den Alabastersäulen auf dem gelben Sekretär in behaglich heiserem Tone sieben schlug, sah sie sich fast erschrocken und verwundert nach ihr um und sagte: »Harre meines, ich versnack hier jawoll die Szeit ßu's Abendbrot. Ja, das kömmt davon, mein Reinharding – mit dich kann'n sich auch ßu un ßu schön unterhalten. In meinen Läben hab ich noch keinen Menschen getroffen, mit den sich so schön snacken läßt. Abersten nu hab ich keine Szeit mehr. Es gibt ja man bloß Pellgetoffels mit Häring, das muß aber doch ßurecht gemacht werden. Un was welche auch sagen, es is'n fein Gericht. Noch ßu, wo der Kaufmann an'n Mark sonne wunderschöne Flohmhärings hat un gar nich so teuer un denn neue Getoffels von die krummen langen, wo die Pell so fein von is, daß'n ihr beinah mit essen kann, un daßu son'n rechten schönen krausen Speckstipp mit Zwiebels, na, ich sag man. Sollt'st bloß mal sehn, was Herr Mudrach davon wegpackt. So'n ganzen großen Flohmhäring un daßu so'n Stücker dreißig von die langen Getoffels un'n ganzen Schüguß voll Speckstipp ßu. Wo er das läßt in seine ranke Maag, das weiß ich nich, abersten es is ein Vargnügent ßu sehn. Un Alwine? Szwei! höchstens drei un son'n kleinen Szippel vom Häringsswanz, un denn stöhnt das noch von voll. Das is ja'n Jammer.« Dann entließ sie mich mit den besten Segenswünschen un nochmaligem Dank für meine unvergleichliche Unterhaltungsgabe und begleitete mich die Treppe hinab bis an die Haustür, deren Glocke beim Öffnen das gewohnte Zetermordio erhob. »Ne prachtvolle Klock!« rief sie mir noch nach, als ich schon auf der Straße war, »wenn hier einer ins Haus kommt, das merkt'n doch. Adjö, adjö!« * * * Was in den Sternen geschrieben stand, hat sich erfüllt, die historische Entwicklung ging ihren Gang; Seelen, die sich längst gefunden hatten, sehnten sich nach Vereinigung, Gegensätze nach Ausgleich, die Hagerkeit nach der Fülle und umgekehrt, das rauhe Polizistenherz nach dem weichen, milden der freundlichen Kochkünstlerin, und es kam wie das Volk sagt: »Min Hart un din Hart soll sin ein Backs!« Im Herbst war die Hochzeit. Ich bin dabei gewesen und kann wohl sagen, es war ein schönes Fest und fand viel Beachtung bei der Bevölkerung. Als zwei Wagen vor der Tür des Hauses in der Scharfrichterstraße hielten, hatte sich dort eine Korona angesammelt, die mit brennender Teilnahme dem Schauspiel der Abfahrt beiwohnte. Viel Beifall fand das Brautpaar, als es unter furchtbarem Gezeter der wachsamen Glocke der Haustür entschwebte, insonderheit die Braut, die ihr neues glänzendes Schwarzseidenes trug, über das die Wolke eines duftigen weißen Schleiers bis zu den Füßen hinabwallte. Unter dem Myrtenkranz hervor, den sie sich durch die Stürme eines tatenreichen Lebens hindurch bewahrt hatte, leuchtete ihr Antlitz von Gutmütigkeit, Festesfreude und lächelnder Rührung, wie die Sonne. Der Bräutigam dagegen in seiner neuen Stadtdieneruniform war ganz und gar zugeknöpfte Autorität und Würde, und aus seinen Augen strahlte auch heute nur die eiserne Strenge des Gesetzes, die sich nur milderte, wenn ein Abglanz seiner Sonne auf ihn fiel. Denn diese leuchtete so, daß man glauben konnte, die wirkliche Sonne wäre es, die des langen ehelosen Standes müde, sich entschlossen hätte, mit der einzigen ihr zur Verfügung stehenden standesgemäßen Partie, dem Mann im Monde, eine Verbindung einzugehen. Als sie im Wagen verschwand, wurde die Welt sichtlich dunkler, doch kostete es einige Mühe, sie in dem engen Raum sachgemäß zu verstauen, und der Bräutigam konnte es als ein Glück betrachten, daß seine geringe räumliche Ausdehnung es ihm möglich machte, an ihrer Seite noch so eben mit unter zu kommen. So ist es immer gut, wenn Ehegatten sich ergänzen und ausgleichen. Weniger Beifall fand das zweite Paar. Es bestand aus einem jungen Freunde des Hauses in einem Frack und glänzenden Zylinder, bei deren Bauart man die Körperformen des Jünglings nicht in genügender Weise berücksichtigt hatte, und der Brautjungfer Alwine, deren Führer er war. Konnte man die glückstrahlende Braut mit einem stattlichen, wohlbehäbigen Festbraten vergleichen, so glich die Brautjungfer Alwine der üblichen Knochenbeilage, die man gar sauber in weißen Mull eingewickelt hatte. Auch wurden unter den Umstehenden Zweifel laut, ob eine Tochter die Brautjungfer der eigenen Mutter sein dürfe. Aber ein weiser Mann, der einen Küster zum Vetter hatte und sich deshalb in solchen Dingen als Autorität fühlte, entschied: »Wenn diese Tochter nich die würkliche Tochter von ihre Mutter is, denn geht es.« Obwohl die Trauung in dem geräumigen Dom stattfand, war die Kirche doch ziemlich gefüllt, denn außer daß der Bräutigam eine stadtbekannte Persönlichkeit war, besaß der Umstand, daß sich auf die wohlbehäbige Braut ein spätes Glück herabsenkte, für viele eine große Anziehungskraft, und man sagt, es hätten von jenen jungen Damen vorgeschrittenen Alters, die die Hoffnung auf ein ähnliches abendrotes Glück noch nicht aufgegeben hatten, nur wenige gefehlt. Unterdessen aber hatte sich vor dem Ausgang die Blüte der Straßenjugend des Reviers unter Führung ihrer Koryphäen versammelt, ja manche waren zu diesem Schauspiel aus entfernten Stadtteilen herbeigeeilt, und als nun Herr und Frau Mudrach vor der Kirche erschienen, um wieder in ihren Wagen zu steigen, da erscholl ringsum der allbekannte Warnungsruf: »Mudrach! Mudrach!« aber ohne daß sich die Rufer zur Flucht wandten, denn sie wußten sehr wohl, daß der eifrige und gefährliche Verfolger zurzeit durch die jungen und darum umso kräftigeren Bande der Ehe gefesselt war, wie Herkules von Omphale oder Simson von Delila, und gedachten sich an den Ausbrüchen seiner ohnmächtigen Wut zu weiden. Da aber machte Kollege Püttelkow plötzlich einen Vorstoß aus dem Hinterhalt, und obwohl er mit seinen stämmigen kurzen Beinchen zu einer wirksamen Verfolgung ungeschickt war, so zersprengte er doch wenigstens die Schar der jugendlichen Widersacher und trieb sie in die Flucht. Diese aber wandten sich dem Wege zu, den der Wagen auf der Rückfahrt nehmen mußte, stellten sich an den verschiedenen Straßenecken auf und begrüßten den Vorüberkommenden jedesmal mit jauchzendem Zuruf. Daß die Fenster dieses Wagens nicht von den fürchterlichen Blicken, die Mudrach auf solchen Auswurf der Menschheit warf, in tausend kleine Stücke zersprangen, ist als ein Wunder anzusehen. Dazu klagte er mit gebrochener Stimme über seine auf ewig erschütterte Autorität: »Gestern abend, das war sozusagen ein Mißgriff. Daß diese notorische Bande sich so benimmt, das sind kausaliter die Relikten von gestern. Aber ich will mich schon wieder restituieren, in integrum sozusagen. Mit Skorpionen will ich sie züchtigen. Die Visagen von dieser Delinquentenbande hab' ich mir wohl gemerkt. Adi Piepenbrinck kann sich auf was gefaßt machen. Ja, nämlich sozusagen.« Die junge Frau Christiane Mudrach suchte ihn vergeblich zu beruhigen, das gelang erst der köstlichen Fleischbrühe des Hochzeitsmahles, die der Knochenbeilage ihre Kraft verdankte, und dem stattlichen Kalbsbraten, der das Ebenbild seiner Schöpferin war. Am Polterabend hatte nämlich Mudrach harte Prüfungen zu bestehen gehabt. Zwar nicht durch die Aufführungen, Reden und Scherze der bewährten Freunde des Hauses, denn diese hatten sein Wohlgefallen erregt. Insonderheit machte es ihm Vergnügen, als Adolf und ich in gräßlichen Masken als die schauderhaften Einbrecher Puttfarken und Driebenkiel auftraten und diese sich rühmten, das liebende Paar zuerst zusammengeführt und den Bund ihrer Herzen veranlaßt zu haben. Ihr grausamer Verfolger habe sie in Eisen gelegt, sie aber in edler Rache und Selbstlosigkeit hätten dazu geholfen, daß ihn die sanften Rosenketten der Liebe gefesselt hätten. Wo da der größere Edelmut zu suchen sei, das wäre unschwer zu erkennen. Alwine hatte sich in schwere Unkosten gestürzt und sich von dem Stadtgelegenheitsdichter Gottlieb Kriesche für einen ganzen Taler ein langes, gefühlvolles Gedicht eigens für diesen Zweck anfertigen lassen, bei dessen Vortrag sie dreimal stecken blieb und wobei ihr die Augen derart aus dem Kopfe quollen, daß man glauben konnte, sie würden niemals wieder den Rückweg in ihre Höhlen finden. Eine geheimnisvolle heisere Stimme aber, die unter der Tischdecke hervorkam und offenbar dem jungen Mann mit dem nicht für ihn erbauten Frack zugehörte, half ihr immer wieder zurecht. Gottlieb Kriesche hatte, wie jeder wirkliche Dichter, seine literarischen Gegner, und gelber Neid sowie eine seichte Kritik entblödeten sich nicht, an seinen Erzeugnissen zu mäkeln. In der gelesensten Zeitung hatten sogar einmal zwei Verse gestanden, als Inserat natürlich, denn anders hätte dieses Gift wohl keine Aufnahme gefunden, die lauteten: »Kriesche, lat dat Dichten wäsen! Vör dine Vars' dor ward mi gräsen!« Hier aber fand seine gemütvolle Poesie Beifall, auf den stattlichen Wangen der Braut war großes Perlenwettrennen, und der Bräutigam schnob am Schluß heftig in sein rotbuntes Taschentuch, und in seinen Heldenaugen schwamm es. Ähnlichen Beifall ernteten die altbewährten Scherze und rührseligen Sentimentalitäten, wie sie bei solchen Anlässen gebräuchlich sind, kurz, es war ein schöner Abend. Dazu hatte Mamsell Kallmorgen einen Punsch gebraut, sanft wie Öl und feurig wie die Hölle, nach Herrn Wohlands bewährtem Rezept, und in der Küche war eine Tafel gedeckt, besetzt mit den köstlichsten kalten Gerichten, in die sie ihre ganze Seele gelegt, an die sie ihre ganze Kunst gesetzt und bei denen sie keine Kosten gescheut hatte. »Polterabend hat'n meist man einmal in's Läbent, das muß denn auch sein' richtigen Schick haben,« sagte sie. Aber wovon hat dieser geräuschvolle Abend seinen Namen? Heimlich im Dunkel der Nacht schlich das Unheil heran. War es Kabale, war es Verschwörung? Es ging das Gerücht, die vielen jugendlichen Freunde, die sich der Bräutigam durch die gewissenhafte Ausübung seines Berufes in der ganzen Stadt geschaffen hatte, seien schon seit Wochen tätig gewesen, überall zerbrochenes Geschirr, gesprungene Töpfe und ausgediente Schalen zusammenzubetteln oder auf irgend eine andere Art in ihren Besitz zu bringen, um durch die angemessene Verwendung dieser zusammengesparten Schätze diesen Abend besonders festlich zu gestalten. Die Straßenbeleuchtung, noch dazu in den abgelegenen Nebenstraßen, war noch sehr mangelhaft, nur in weiten Abständen schwankte eine trübe Ölfunzel an einer von Haus zu Haus gespannten Kette über der Straße und hatte, wenn sie brannte, nur den Erfolg, daß sie die Tiefe der herrschenden Dunkelheit besser erkennen ließ; in Nächten aber, wo der Kalender Mondschein vorschrieb, pfuschte man diesem, der das Geschäft der nächtlichen Beleuchtung schon seit Äonen von Jahren zur allgemeinen Zufriedenheit besorgt hatte, nicht ins Handwerk. Heut war nun eine solche Mondnacht, aber der himmlische Laternenmann hatte sich hinter einen dichten Wolkenvorhang zurückgezogen und saß wahrscheinlich mit dem Fuhrmann, dem Wassermann, dem Orion oder sonst einem trinkfesten Himmelsgestirn beim duftenden Grog. Aus der dichten Wolkenverhüllung aber ging ein sachter Fisselregen hernieder, und die Straße war dunkel, naß, einsam und still. Da schlich es vorbei auf der anderen Seite, dicht an den Häusern entlang, ein dunkler Schatten, den man nur bemerkte, wenn ein Lichtschimmer durch eine Ladenritze auf die Straße fiel oder wenn er sich von einem matt beleuchteten Fenstervorhang abhob. Gegenüber dem Mudrachschen Hause machte der Schatten Halt. Es lag trotz seines festlichen Innern ziemlich dunkel da, nur in dem kleinen Fenster über der Haustür zeigte sich ein matter Schimmer, und aus den geschlossenen Fensterläden leuchteten zwei herzförmige Ausschnitte als ein liebliches und passendes Symbol. Das festliche Getöse drang aber besser nach außen als die Beleuchtung, man hörte in schöner Abwechslung Gläserklingen, rauschendes Gespräch, Gesang, Gelächter und zwischendurch köstliche Musik, denn Kollege Püttelkow war ungemein musikalisch und spielte die Treckfiedel wie ein Gott. Aber alles dies verstummte plötzlich, denn der finstere Schatten erhob seinen Arm, es sauste etwas über die Straße und zersprang an der Mudrachschen Haustür mit einem Geräusch, das Wilhelm Busch, der große Onomatopoet, so vortrefflich mit »Klickeradums« wiedergegeben hat, daß ich mich nicht vermesse, Besseres zu erfinden. Ein schnell sich entfernender Laufschritt war alles, was von dem geheimnisvollen Schatten noch zu bemerken war. Die feindlichen Mächte, die im Dunkeln schlichen, hatten nun offenbar erwartet, daß auf dieses Signal hin die Mudrachsche Haustür mit fürchterlichem Gezeter den unermüdlichen Verfolger ausspeien würde, allein da nichts dergleichen geschah und alles stille blieb, so schöpften sie Verdacht auf tückischen Hinterhalt, und es dauerte einige Zeit, bis sich neue Poltergeister heranwagten. Endlich aber nahten von der anderen Seite der Straße gleich drei Schatten mit einmal. Es war Adi Piepenbrinck mit seinen beiden rotnasigen Myrmidonen, die dem Helden gleichsam als Waffenträger dienten und ihm die weithintreffenden Geschosse zureichten. In dem finsteren Winkel einer Quergasse hatten sie einen ganzen Handwagen voll tönernen und anderen Gerümpels stehen, zu der die ganze Straße, die Adi Piepenbrinck seine Straße nannte und deren König er zu sein behauptete, in manchen Fällen wissentlich, aber zum bei weitem größeren Teile unwissentlich beigetragen hatte. Adi Piepenbrinck verfeuerte die ihm zugereichte Munition zielbewußt und fachgemäß und zog sich dann bescheiden zurück, während seine Gehilfen Neues aus dem Vorrat holten. Fünf Helden nahten dann wieder von der anderen Seite und gaben nach dem Kommando des Führers zwei Salven ab, die von furchtbarer Wirkung waren. Dann war Adi wieder gerüstet und machte Schnellfeuer, so gut er konnte, und schließlich kam die Sache so in Zug, daß kaum eine Sekunde ohne Krach verging und die von allen Seiten herbeigeschleppte Munition bald verschossen war. Ja, auch die Scharfrichterstraße ließ sich nicht lumpen, bald hier, bald da öffnete sich eine Tür, ein Schatten schlüpfte vorsichtig heraus und opferte ein Töpfchen, ein Schälchen, ein Kännchen oder auch nur ein Täßchen auf dem allgemeinen Scherbenberge. Zuletzt, als sich alle Teile schon verschossen hatten, kamen noch zwei begeisterte Knäblein gelaufen mit einem ungeheuren Topf, beinah so groß, wie sie selber. Sie waren ohne Furcht, denn was sie alle die Größeren tun sahen, hielten sie für erlaubt und ein verdienstliches Werk und gingen ganz nahe hinzu, erhoben mit gemeinsamer Kraft das Monstrum und ließen es auf den Scherbenhaufen fallen. Aber es gelang ihnen nicht, den Topf zu zertrümmern. Adi Piepenbrinck, der eben seine letzte invalide Bierkruke verschleudert hatte, lief herzu – denn edel sei der Mensch, hilfreich und gut – um ihnen beizuspringen. »Dei Pott is jo noch gor nich twei!« sagte er verwundert. »Schadet das was?« fragte das älteste Knäblein. »Na, schaden dauhn deiht dat nix nich,« sagte Adi, »un nu paßt mal up!« Damit erhob er den Topf und schleuderte ihn auf die Steinschwelle, daß er in tausend Stücke sprang. Ein freudiges Jauchzen entrang sich den Lippen der Knäblein. Das war der letzte Schuß, der in diesem Scherbenkriege fiel. Adi Piepenbrinck aber, reicher Erfahrung und langjähriger Weisheit voll, sagte bedeutungsvoll: »Nu juchzt dat noch. Nahst, wenn't wat vör den Blanken gifft, denn is dat anners.« Die beiden Knäblein, die sich im Rausche über das niegesehene Schauspiel eiligst aus der mütterlichen Vorratskammer den schönsten und größten Topf geholt hatten, der zu finden war, um auch das Ihre zu diesem Freudenfeste beizutragen, gingen trüber Ahnungen voll nach Hause. Mudrach aber hatte wilde Qualen der Hölle ausgestanden. Bei dem ersten Krach hatte er sich aufgebäumt wie das Schlachtroß beim Klang der Kriegsdrommete, seine Augen weiteten sich kampfesfroh, er fuhr nach dem Riegel, wo seine Mütze hing, und nach der Ecke, wo sein Stock, das Symbol seiner Macht, aufbewahrt wurde, und wollte eben mit riesigen Schritten hinaus, als ihn Mamsell Kallmorgen noch rechtzeitig beim Fittich ergriff und zurückhielt. »Mudrach, laß ihr doch!« rief sie, »das hört'n mit ßu, Ein'n Polterabend ohne Poltern, das is ja gar kein Polterabend nich.« »Christiane, das verstehst du nich,« rief er, »das ist ja sozusagen quasi Untergrabung der Autorität. Mein Renommeh, Christiane, wo bleibt mein Renommeh? Das Auge des Gesetzes darf sich doch nicht auf der Nase spielen lassen. Ja, nämlich sozusagen!« Er beruhigte sich allmählich, als es eine ganze Weile still blieb, und gewann sichtlich die Hoffnung, es möchte bei diesem Einzelfalle bleiben. Mamsell Kallmorgen entwand ihm sanft die Mütze und den Stock und trug sie weg. Dann führte sie ihn an den Tisch in der Küche, schenkte ihm ein Glas Punsch ein und schob alle Gerichte, von denen sie wußte, daß er ihnen nicht widerstehen konnte, in seine Nähe und sagte: »Püttelkow, nu spielen Sie mal: Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht!« Und Püttelkow tat es, und alle sangen, immer wieder die erste Strophe, denn weiter wußte niemand das Lied. Püttelkow aber, als ein pietätloser Spaßmacher, sang immer: »Flicket die Hose, eh sie verblüht!« Draußen ging es aber plötzlich wieder: Bumm, Rack, Bumm, Rack, Klickeradums! in mehrfacher Wiederholung. Mudrach war nicht zu halten, er fuhr empor und suchte vergeblich Mütze und Stock. Dann stand er in furchtbarer Fechterstellung da wie ein gemalter Wüterich und rief: »Christiane, meine Mütze, Christiane, mein Stock. Ich muß! Mein Renommeh! Meine Reputation! Die gehn ja sozusagen ganz hin!« Mamsell Kallmorgen schob ihn in eine Ecke, wo sie ihm mit ihrer geräumigen Persönlichkeit den Ausweg verdeckte, und während der nun folgenden Salven, die ihn zusammenzucken ließen wie ein gesporntes Roß, redete sie eindringlich zu ihm und weitläufig, in der Hoffnung, ihn dadurch möglichst lange an den sicheren Ort zu fesseln. »Mudrach, du hast es mich gesworen, daß du mir liebst, du hast gesworen, daß du mir auf deine Hände tragen wollt'st, natürlich nich in Würklichkeit, das kann ich ja gar nich verlangen, abersten, wie einer so sagt in seine furchbar dolle Liebe, un das glaub ich ja auch, un nu ßeig' mich das auch mal un tu mich den einzigsten Gefallen un laß ihr doch, wenn es sie Vargnügen macht. Mich macht es auch Vargnügen. Wo nich ornlich düchtig gepoltert wird, das is gar keine richtige Hochzeit nich. Scherben bringen Glück, sagt das Sprüchwort. As meine Swester ihren Holländer geheurat't hat, da haben sie nachher drei Schiebkarren voll Pottschören weggefahren, un Pozzelan war da auch mit mang. Un was haben die nachher for ein glückliches Läbent gehabt. Allens is sie geglückt, und sie sitzen in's Fett.« So redete sie unablässig mit ihm und kämpfte mit ihm und hatte einen schweren Stand, denn wenn die Salven kamen oder ein anhaltendes Schnellfeuer, da war er kaum zu halten und schrie nach seiner Dienstmütze und seinem Stock, die aber durchaus nicht zu finden waren, und ohne diese beiden Abzeichen seiner Macht ging er nun einmal nicht unter das rebellische Volk, weil er sich seiner Würde entkleidet fühlte. Er mußte sich begnügen, mit fürchterlichen Augen die Fensterläden anzustieren, hinter denen sich das Unsägliche, das Fürchterliche begab und Unbotmäßigkeit und Aufruhr ihre Orgien feierten. Doch eben aus dem Grunde, daß gar nichts geschah, ging draußen alles schneller zu Ende, auch trug wohl der stärker werdende Regen dazu bei, den Feind, der seine Munition bald verschossen hatte, zu vertreiben. Nur noch ein letztes, grausiges Klickeradums, und es ward still draußen. Mudrach aber war gebrochen, und sein Inneres mit Wermut gefüllt. Er mußte viel Punsch in sich hineinschütten, um diesen soweit zu verdünnen, daß nur noch ein angenehmes Bitter von ihm zurückblieb. Als er das aber erreicht hatte, überwältigten ihn die Aufregungen und Anstrengungen des Tages in Verbindung mit dem starken Getränk, so daß er in seinen Ehrenlehnstuhl zurücksank und mitten unter den fröhlichen Gesängen und der köstlichsten Treckfiedelmusik einschlief und anzuschnarchen fing, daß das Haus in seinen Grundfesten erschüttert wurde. Wie es weiter wurde, kann ich nicht sagen, denn Adolf und ich, da unsere Zeit gekommen war, verließen das schöne Fest, trotz alledem sehr befriedigt von seinem Verlauf. Das Poltern hat aber doch seine günstige Wirkung getan, und es ist eine sehr glückliche Ehe geworden, in der auch das Fett durch Frau Mudrachs angenehmes kleines Vermögen nicht ganz fehlt. Auch äußerlich zeigt es sich dadurch, daß Mudrachs Röcke in allen Garnituren zu enge geworden sind, und seine Bewegungen behäbiger. Selbst bei Alwine gibt es schon allerlei liebliche Rundungen, wo sonst nur Kanten und Ecken zu finden waren. Auch das Haus hat sich innen und außen zu seinem Vorteil verändert. Es ist mit einer sanften Rosenfarbe neu angestrichen, und Tür und Fensterläden prangen in dem vergnügten Grün des ersten Frühlings. Inwendig ist der erlesene Geschmack Frau Mudrachs für reich belebte Tapeten, lackierte Fußböden und gemalte Decken ausgiebig zum Ausdruck gekommen, und die gute Stube, die jetzt alle ihre besten Möbel enthält, ist nun wirklich eine gute Stube und keine Schreckenskammer mehr. Wie hübsch der gelbe »Szicketehr« mit der alten Uhr darauf und das Eckbort mit den Rosentassen sich dort macht, ist nicht zu sagen. Über dem Sofa hängt aber neben dem Bilde des Hausherrn nicht mehr die selige Frau Mudrach, sondern die neue Frau Mudrach, die auch selig ist und »labendig« dazu. Krempelsetzer hat sie unter scharfer Aufsicht gemalt für ganze zwei Taler und zwei Flaschen Kümmel und hat sich selbst übertroffen. Er hat eine Gattin des Überflusses und des Wohlwollens in einer Haube mit rosa Bändern zustande gebracht, wie sie ihm noch nie gelungen ist und ihm auch wohl niemals wieder gelingen wird. Auf dem Boden aber ist eine einsame Kammer, die nicht gebraucht wird, dort hängt die selige Frau Mudrach mit ihrem Brautkranz und über ihr Napoleon mit dem Mörderblick und zur Seite der Brand von Moskau und das Erdbeben von Lissabon, darunter aber Puttfarken und Driebenkiel. Man sagt, keine Maus wage sich jemals in diese Kammer, und das Fensterbrett ist mit gestorbenen Fliegen und Schmetterlingen bedeckt. Nur Mudrach verrichtet dort zuweilen den ruhmreichen Erinnerungen vergangener Tage eine stille Andacht. Frau Mudrach betritt diesen Ort niemals, wenn sie aber an ihn denkt, kommt ein leises, schauderndes »Igittegittegitt« über ihre Lippen. An das furchtbare Schnarchen ihres Mannes hat sie sich längst gewöhnt, obwohl es nun aus allernächster Nähe an ihr Ohr dringt, und nur, wenn er an einem besonders knastreichen Baumstamm herumsägt, wacht sie wohl einmal davon auf und hört ihm mit Behaglichkeit und Seelenruhe ein Weilchen zu. Denn sie weiß ja, das kommt von einem Mann, der immer da ist und immer bereit und immer derjenige, welcher, der wacht für sie. * * *