Herman Bang Das graue Haus Roman     »Die Erde erkaltet einmal – so gut wie der Mensch.« Tel! me the talee, that to me were so dear, long long ago, long long ago.     Erster Teil Seine Exzellenz richtete sich in dem Föhrenholzbette empor und zündete sein Licht an. Dann stand er auf. Er übergoß sich mit Wasser während er sich im Spiegel betrachtete: der Körper war knorrig und stark wie ein alter Balken; an der weißen Wand zeichnete er sich ab wie der Schatten eines Riesen. Seine Exzellenz kleidete sich an und ging hinein. Er ging mit dem Licht in der Hand durch die vielen Zimmer. Bronzen, Piedestale und Ehrengeschenke standen in Laken gehüllt. Sie ragten so seltsam aus dem Dunkel hervor, als ginge die Exzellenz unter lauter Gespenstern durch die Räume. An der letzten Tür blieb er einen Augenblick stehen und lauschte. Drinnen wurde gesprochen. Es war Ihre Gnaden, die im Schlaf sprach. Im Schlaf glaubte Ihre Gnaden sich immer auf alten Bällen und tanzte mit Durchlauchten, die tot waren. Seine Exzellenz blieb stehen, während seine erhobene Hand wie mit geballter Kralle die Portiere umfaßte: es war eine Schwäche von ihm, den Reden Ihrer Gnaden zu lauschen, wenn sie schlief. Plötzlich stellte er das Licht fort und öffnete die Tür. Im Dunkeln ging er auf das Bett Ihrer Gnaden zu. Ihre Gnaden sprach weiter – und noch lauter, während Seine Exzellenz lauschte: »Weimar, Weimar,« wiederholte Ihre Gnaden. Seine Exzellenz stand noch immer da wie eine Säule. »Ja, Hoheit,« sagte Ihre Gnaden. Seine Exzellenz wandte sich und schloß die Tür und ging weiter. Seine Hände zitterten, während er die eiskalte Lampe umfaßte und anzündete, ehe er sich an seinen Tisch setzte. Er zog Schubladen aus und ein, und er nahm die großen, blauen Bogen hervor, bog einen Rand und fing an zu schreiben. Er schrieb, den Kopf vorgebeugt und mit zusammengekniffenen Augen, als wolle er die Sehkraft erzwingen, während die linke Hand auf dem Papier lag, blauweiß und schwer, wie aus Blei; und er schrieb und schrieb ohne Pause, mit heftiger oder erbitterter Feder, Seite auf Seite, Blatt auf Blatt und schleuderte die Bogen dann zur Seite. Kein Laut war zu hören, nur das Sieden der Öllampe. In dem matten Licht sahen die Örsteds und Mynsters und Hvides so seltsam halbverwischt aus, wie sie rund herum in der Stube an den Wänden hingen, auf den blassen Lithographien, in ihren goldenen Rahmen, ordengeschmückt, im Ornat, offiziell – verstorben und still. Die Exzellenz hatte sich im Stuhl zurückgelehnt. »Ach ja, ach ja. Ach ja, ach ja,« klang es durchs Zimmer. Und wieder schrieb er. Der Tag begann durchzudringen, und sein kaltes Licht mischte sich mit dem der spärlichen Lampe. Der mächtige Schädel Seiner Exzellenz ragte immer noch über seinen Tisch empor. Der Diener kam herein, beugte seine mürben Knie vor dem Kachelofen und brachte die großen Scheite zum Brennen. Das Feuer beleuchtete die bräunliche Perücke – sie hatte so merkwürdig hochstehende Ränder – und das Gesicht, dessen Mund inmitten der hundert Runzeln an ein zusammengeklapptes Messer erinnerte. Die Exzellenz hörte ihn nicht. Der Diener brachte den Tee zusammen mit der Morgenzeitung, und plötzlich drehte die Exzellenz sich um. »Laß sie das zusammenheften,« sagte er und reichte dem Diener die blauen Blätter. Der Diener Georg ging, während die Exzellenz den kochend-heißen Tee in einem Zuge schluckte – Kälte oder Wärme schien der uralte Leib nicht mehr zu spüren. Draußen in der Küche nähte Sophie. Sie saß bei der Lampe und heftete mit einem langen schwarzen Faden die beschriebenen Blätter zusammen, mit einer Hand, die wie lauter rote Knochen aussah. »Schreibt er?« fragte sie. Der Diener nickte. »Ja so.« Die Bornholmer Uhr neben dem Küchentisch tickte langsam und schwerfällig. Es war, als hole sie jede zögernde Sekunde mühsam und stöhnend aus einem unendlichen Brunnen herauf. Die Bornholmer war die einzige Uhr im Hause, die ging. Die andern waren stehen geblieben. Georg brachte die zusammengehefteten Blätter zurück, und die Exzellenz zog Schubladen aus und Schubladen ein. Sie waren alle voll von Heften derselben Art. Die Morgenzeitung ließ er liegen. Er las keine Zeitungen mehr: »Passiert etwas?« sagte er. »Was passiert?« sagte Seine Exzellenz, »sie bauen ein paar Häuser mehr, in denen sie gegen sich selber sündigen können.« »Nimm sie fort,« sagte er. Der Diener nahm sie fort, um sie für Ihre Gnaden zu verwahren. Ihre Gnaden ließ sich täglich von ihrer Gesellschaftsdame die Rubrik: Leerstehende Wohnungen vorlesen. Punkt neun Uhr klingelte es, und die eiserne Glocke klang so seltsam weit ins Haus hinein; es war der Enkel. »Exzellenz zu Hause?« sagte er. »Ja,« antwortete Georg, und er hängte die Sachen des jungen Mannes auf denselben Haken wie gestern. »Du hast geschrieben,« sagte der junge Mann und neigte den Kopf. Der Alte drehte sich um. »Ja,« und die Stimme klang heftig. »Wie gewöhnlich. Man schreibt und verschwendet Tinte, wenn man nicht mehr leben kann. Mit Schwarz auf Weiß kann man sich die Menschen zurechtstutzen, wie man will. Da machen sie nicht mehr Dummheiten, als man ihnen erlaubt.« »Hast du gefochten?« fragte er plötzlich. »Ja.« Mit einem Blick, der eine eigentümliche und plötzliche Kraft annahm, sagte Seine Exzellenz: »Du bist ein Spätgeborener. Du mußt dich in acht nehmen.« Während er fortfuhr, das Gesicht des Enkels zu betrachten, worin die Lippen in all der Blässe wie Blut so rot waren, sagte er mit derselben Stimme wie vorher: »Ich weiß auch nicht, wie wir die Rasse in die Familie bekommen haben.« Der Enkel, der den sehr schlanken Körper sehr gerade hielt, hob die dunkeln Augenlider ein wenig. »Hast du an der Komödie geschrieben, Großpapa?« fragte er. »Ja. Lies es vor.« Der Enkel setzte sich in den großen Stuhl am Fenster und fing an zu lesen – sehr laut, damit Seine Exzellenz ihn hören konnte. »Was, sagst du, steht da?« rief Seine Exzellenz. Der Enkel las lauter und bemühte sich, die unleserliche Schrift zu ergänzen, wo Buchstaben vergessen und Sätze ausgefallen waren. »Was steht da?« Der Enkel las weiter. »Nein,« rief Seine Exzellenz, »laß mich selbst.« Er ergriff die Bogen. Und zornig und zum Licht vorgebeugt, versuchte er selbst, alle die Sätze zu lesen, die er schon vergessen hatte. »Nein,« sagte er plötzlich, »ich kann nicht. Die Augen sind schuld. Die Augen wollen nicht.« Er legte das Manuskript aus der Hand. »Die Augen wollen nicht mehr. Leg es fort.« Der junge Mann nahm die blauen Bogen und legte sie in eine Schublade neben die andern. Die Exzellenz folgte seinen Händen mit den Augen. »Es sind viele,« sagte er. »Ja, Großpapa.« Die Exzellenz hatte die Augen geschlossen. Die Zeit war vorbei, wo Seine Exzellenz zu den Verlegern fuhr. Jahrelang war er von Tür zu Tür gefahren, hatte Manuskripte verschickt und hatte sie wiederbekommen. Nun hatte er es aufgegeben. »Das Papier ist zu teuer geworden, mein Junge,« sagte er. Seine Dichtungen wurden nicht mehr gedruckt. Es mußten denn schon ein paar Grabverse sein, auf ein Enkelkind oder einen Freund, der einmal berühmt gewesen und nun vergessen war. Das Regierungsblatt druckte zuweilen solch ein Gedicht hinten in der Zeitung ab, mit sehr kleinen Buchstaben. »Du solltest deine Erinnerungen schreiben, Großpapa,« sagte der Enkel – seine Stimme war, wenn er nicht auf sie achtete, fast beängstigend weich, und er schloß die Schublade. Seine Exzellenz lachte. »Erinnerungen,« sagte er, »Erinnerungen – wir haben Gewäsch genug. Erinnerungen – hm, es gibt niemanden, der seine Erinnerungen geschrieben hat. Über die andern lügen sie, und von sich selber reden sie nicht ... Sie schreiben von dem Quark, den sie erlebt haben, und was sie gelebt haben, nehmen sie mit sich ins Grab.« Seine Exzellenz lachte wieder, und seine Stimme bekam einen seltsamen, rohen Klang: »Und sie tun recht daran, mein Bester,« sagte er; »schriebe ein einziger Mensch sich selber nieder und gäbe sich selbst nach seinem Tode zum Druck, sie würden ihn noch im Grabe zu Zuchthaus verurteilen – denn es gibt doch Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden ... – Nein, es lohnt sich nicht, eine Auskunft zu geben.« Seine Exzellenz schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Laßt mich die Zeit totschlagen, so gut ich kann. Das letzte Stück Weges ist das schwerste, und Denken ist dumm. Ein Loch in der Erde ist so viele Gedanken nicht wert.« Der Enkel saß eine Weile da. »Du hast doch uns,« sagte er. »Ja,« sagte die Exzellenz, »ihr müßt ja Brot und Kleider haben.« Der Mund des jungen Menschen zitterte fast unmerklich. Doch der Alte fuhr fort: »Hast – hast?« sagte er. »Die Menschen, Fritz, haben einander nicht. Sie brauchen einander und sind allein. Wenn man alt geworden ist, weiß man das und mag nicht mehr die vielen Worte reden, die keiner hört. Wer hört? Das Gras redet, ohne es selbst zu hören. – Die Tiere, mein Junge, werden ohne Worte fertig, und es glückt ihnen doch, ihre Bestimmung zu erfüllen.« Der Enkel saß zusammengesunken da mit merklich gesenkten Schultern. »Gerade sitzen,« sagte der Alte. »Ja;« der junge Mann fuhr so hastig in die Höhe, daß er sich den Kopf am Wappenschild der Stuhllehne stieß. »Nein,« fuhr die Exzellenz in dem Gedankengange fort, »der Fortpflanzung soll gedient werden. Mögen sie zeugen und sterben. Das haben sie jahrtausendelang getan. Dabei sollen sie bleiben und sich nichts weismachen. Sie erfinden und verfallen auf allerhand und bauen Städte und schaffen sich einen berühmten Namen ... Der Natur ist das ganz egal. Die Erde erkaltet einmal so gut wie der Mensch. Oder was haben sie davon?« sagte er und sah plötzlich zu den vielen Bildern an den Wänden auf: »Da hängen sie mit ihren Ketten, in ihren Mänteln, als die Schauspieler, die sie waren, und« – die Exzellenz machte eine Bewegung mit den Füßen, als reinige er seine Sohlen – »was sie wollten, wurde zum Entgegengesetzten, und ihre Taten find so tot wie sie selbst.« »Was ist das Ganze?« fuhr er fort, »es macht nicht satt ... Hm, ich erinnere mich an einen Tag mit Thorwaldsen ... er war wohl der größte, auch als Komödiant, denn das hängt damit zusammen ... er ging einher, als sei er selber im Festgewand und wolle Weihrauch anzünden vor dem eigenen Marmor. Aber dann kam ein Tag, wo er wach war, sonst schlief er viel, Fritz, ruhte auf seinem weltberühmten Namen. Aber an dem Tag war er wach – es war in seiner Werkstatt: da machte er eine kleine Handbewegung nach all den weißen Figuren und all dem Ton hin, und dann sagte er: ›Ja, das ist ja recht schön.‹ So ist alles, wenn man es kennt.« Die Exzellenz lachte kurz, als genösse er die eigene Erinnerung: »Und Ohlenschläger starb, über seinen eigenen Sokrates brüllend, den keiner lesen mochte, und Heiberg sah nach den Sternen – wenn es einer glaubt. Mögen die Sterne gehen, wie sie wollen. Ich weiß nichts davon, daß wir je eine Botschaft von ihnen bekommen hätten.« Er fuhr sich über die Augen, und in anderm Ton sagte er: »Doch alte Leute sollten kein starkes Hirn haben, denn dann wissen sie zuviel ... Sie sollten stumpf werden. Die es nicht werden, haben Zeit zu sehen, und das sollte den Menschen erspart bleiben. – – Man sollte nie sehen, weder sich noch andere ... Es gibt ein dummes Wort, daß, wer Jehova sieht,« – und die Exzellenz lachte bei diesem Wort – »stirbt. Aber ich sage dir, sähe ein einziger Mensch einem andern ganz bis auf den Grund der Seele, er würde sterben. Und wäre es denkbar – doch das ist es nicht, denn sich selber belügt man allzu verstockt – daß man sich selber auf den Grund seiner Seele sähe, mein Junge, man würde es als eine geringe, aber notwendige Strafe betrachten, ohne einen Laut sein Haupt selbst auf den Block zu legen. – – Na,« – und auf einmal brach Seine Exzellenz ab – »ich schwatze ... Aber« (plötzlich sah er den Enkel an, und weniger als eine Sekunde lang war in seinem Auge fast etwas wie in dem Blick des Schützen, wenn er zusieht, ob ein Pfeilschuß getroffen hat) »es macht wohl nichts, denn du hörst nicht zu. Eine andere Weisheit braust vor deinen Ohren.« Der junge Mensch stand auf. »Adieu, Großpapa,« sagte er nur. »Hast du sonst nichts auf dem Herzen?« Seine Exzellenz erhob sich, ging an seine Schatulle und schloß sie auf. Er schob einen Briefbeschwerer zur Seite und nahm ein paar Banknoten, die er nicht zählte. »Die Jugend muß Geld haben,« sagte er. »Adieu.« »Adieu, Großpapa.« Der junge Mann ging. Georg wartete auf dem Flur, nahm den Überzieher herunter und half ihm hinein. »Adieu,« sagte der junge Mann und neigte den Kopf. Georg hängte den »Zettel« draußen an die Tür. Auf einem Stück Pappe stand mit halbverlöschten Buchstaben das Wort: Konsultation. Dann öffnete er den Briefkasten und nahm die Post heraus. Die Briefe legte er auf die Konsole. Doch als er es getan hatte, nahm er sie plötzlich wieder in die Hand und las die Aufschrift auf dem einen Kuvert, während er eine Grimasse schnitt – ehe er die Briefe wieder hinlegte, diesmal aber weiter ins Dunkel hinein. »Ist Ihre Gnaden wach?« fragte die Exzellenz, als Georg eintrat. »Ihre Gnaden haben geklingelt.« »Und mein Sohn?« »Herr Fritz Hvide ist ausgegangen.« »Hm. Bringen Sie mir das Journal.« Georg brachte das schwere Buch und schlug es auf. »Der wievielte ist heute?« »Der achtundzwanzigste, Exzellenz.« »Der Fasching geht zu Ende,« sagte die Exzellenz. Seine Exzellenz schrieb das Datum vor eine große Rubrik unter die andern Rubriken, die leer waren. »Danke,« sagte er, »du kannst gehen.« Georg ging. Draußen im Flur setzte er sich auf den Stuhl dicht bei der Tür. Seine Haltung war sehr aufrecht. Er wartete darauf, den Patienten Seiner Exzellenz zu öffnen. Allmählich fiel ihm der Kopf auf den hohen Kragen der Livree, und die Schultern sanken ein. Es war, als säße am Paneel ein bekleidetes, lebloses Stativ. »Ach ja, ach ja,« klang es durch die Tür Seiner Exzellenz heraus. Georg rührte sich nicht. Es klingelte. Es war ein Diener, alt wie Georg, sehr groß, in einem sehr langen Rock. Oben saß ein Kopf, der gewissermaßen nicht richtig fest saß. Er sollte einen Brief abliefern. Er trat zur Exzellenz hinein, der den Brief las. Es war eine Einladung zum Diner von der Baronin Brahe. »Bestellen Sie der Baronin meinen Dank,« sagte er. »Aber ich laß mich nicht mehr zur Tierschau präsentieren ... Wie geht es ihr?« »Danke, gut, Exzellenz.« »Und Ihm selbst?« Der Diener stand steif an der Tür. Nur Kopf und Schultern bewegten sich. Die übrige Statur erinnerte an ein Gebäude, das man gestützt hat. »Danke, Exzellenz ... wenn nur das Zittern nicht wäre ... aber ich nehme das ›Stärkende‹, Exzellenz.« »Ja, stärk' Er sich,« sagte Seine Exzellenz und drehte ihm plötzlich das Gesicht zu, mit einem Ausdruck, als sehe er einen alten Hund an. Der alte Mensch stand einen Augenblick stumm da, und dann sprach er ihn aus – seinen ewigen oder einzigen Gedanken –: »Und mit dem Servieren geht es so schlecht.« »So sollte Er's lassen,« sagte die Exzellenz. »Es dankt Ihm keiner dafür, wenn Er ihm Soße über die Kleider schüttet. Adieu.« Seine Exzellenz drehte sich um, und die Tür glitt zu. »Was hat er gesagt?« flüsterte Georg draußen auf dem Flur. »Es gibt wohl nichts, was helfen könnte,« sagte der andere. Georg nickte. Doch plötzlich zeigte er mit ganz verändertem Gesichtsausdruck nach der Tür hin und flüsterte: »Mit ihm steht's auch dreckig genug.« Es war, als spiegele sich der Ausdruck im Gesicht Georgs plötzlich in dem des Fremden: »Wirklich?« sagte er, und seine Stimme bekam förmlich Klang. »Unserer Baronesse geht's auch gottsjämmerlich,« flüsterte er. »Also Emmely ist krank?« sagte Georg. »Ja, Gichtfieber, wie sie es nennen.« »Ja,« nickte Georg. »Und das ist nun wohl aufs Herz geschlagen,« flüsterte der Brahesche Diener. Und indem er nach der Tür Seiner Exzellenz hinzeigte, sagte er. »Aber ihn ruft man ja nicht.« Das Neugierige in Georgs Gesicht wich plötzlich einer gewissen Strammheit. »Nein,« sagte er, »noch nicht.« Doch plötzlich richteten sie sich beide auf, da ein Schlüssel sich in der Flurtür drehte. Es war der Vater. Er zog den Überzieher aus und fragte: »Ist jemand krank beim Baron?« »Ja, das heißt, die Baronin, sie wollte gern Seine Exzellenz zu Tisch bei sich sehen.« Der Alte hatte es glücklich zurecht gestottert. »So, so,« es war fast wie Blässe über des Vaters Gesicht gegangen: »Guten Morgen.« Der Vater ging zu Seiner Exzellenz hinein. »Bist du es?« sagte die Exzellenz, und ein plötzlicher Lichtschein kam in seine Augen beim Anblick des Sohnes, der ihm mit einem seltsam zärtlichen Lächeln, dem Lächeln eines Weibes fast, zulächelte. »Wie geht es dir, Papa?« »Danke. Alte Leute, Junge, dürfen nicht klagen, wenn sie nur einigermaßen Luft kriegen können.« »Es ist rauh draußen,« sagte der Vater, immer noch über Seine Exzellenz gebeugt. »Das ist unser Klima, lieber Junge, wir müssen es ertragen.« Der Vater wandte sich dem Fenster zu. »Ist Stella auf?« fragte die Exzellenz. »Sicherlich,« sagte der Vater und vermied absichtlich ein Ja. Wie im Verlauf einer Sekunde verdüsterte sich das Gesicht Seiner Exzellenz. »Es geht ihr nicht gut diesmal,« sagte er nach einer Stille. Des Vaters Gesicht war verändert wie das Seiner Exzellenz, und er antwortete nicht sofort. »Und sie ist doch so froh, daß sie hier bei euch ist,« sagte er und sprach so eigentümlich gedämpft und tonlos, wie immer, wenn er von seiner Frau sprach. Die Exzellenz antwortete nicht, und beide schwingen wieder. »Harriette ist gestern abend gekommen,« sagte der Vater und stand immer noch am Fenster. »Ja,« sagte Seine Exzellenz, »ich habe ihr sagen lassen, daß sie zu Tisch kommen soll.« »Dann trinke ich jetzt Tee,« sagte der Vater. »Ja.« Die Tür fiel zu. Georg saß wie vorher, als es wieder klingelte. Eine winzige Art Zwergin stand vor der Tür und sah unter dem Schatten eines wunderlich geformten Tirolerhutes empor: »Guten Morgen, Herr Jensen. Ich bin es nur,« sagte sie. »Guten Morgen, Jungfer Villadsen,« sagte Georg. »Schönen Dank,« sagte Jungfer Villadsen, deren Finger unaufhörlich über eine Masse ausgeblichenen Flor hinfuhren, der ihre Vorderseite bedeckte; der Rücken war verwachsen. »Schönen Dank.« »Kommen Sie nur herein,« sagte Georg. Der Diener öffnete die Tür Seiner Exzellenz, ganz wenig nur, wie man für ein kleines Vieh öffnet, das unten durch die Tür schlüpft, und die Exzellenz wandte den Kopf: »Sind Sie es?« sagte er. »Setzen Sie sich.« Und Jungfer Villadsen setzte sich, neben die Tür, ganz knapp auf die Stuhlkante, damit ihre Füße bis auf die Erde reichten. »Es geht also wieder schlecht.« »Ja, Exzellenz.« »Ist's das alte?« fragte Exzellenz, der den Stuhl ganz herumgedreht hatte und sie nicht aus den Augen ließ, während er sich plötzlich in seinem Stuhl aufrichtete. »Ja.« Jungfer Villadsen sah zu ihm auf, und es begann in ihrer Brust hinter dem Flor zu arbeiten: »Immer der Schnitt, Exzellenz,« halb meckerte sie, »es ist immer der Schnitt, der die schrecklichen Schmerzen macht ...« »Ja,« sagte die Exzellenz, den auf einmal eine grimmige Aufgeräumtheit befallen zu haben schien, »den Freuden, Jungfer, folgen die Nachwehen.« Jungfer Villadsen fing an zu weinen, ihre Lippen warfen sich auf; – wie sie dasaß mit dem vorgestreckten Gesicht und dem aufgeworfenen Mund sah sie aus wie eine Kröte. »Ja, man büßt dafür,« meckerte sie, »man wird gequält dafür; man büßt dafür, wenn man ins Unglück gekommen ist ...« »Kein Mensch kommt ins Unglück, Jungfer,« sagte Seine Exzellenz, »ihr Vergnügen wollen sie alle.« Jungfer Villadsen weinte weiter, ein wunderliches kurzes Glucksen erschütterte den verwachsenen Leib. »Ja, das ist freilich wahr ... das ist freilich wahr,« sagte sie. Und zum tausendsten Male begann sie dieselbe Geschichte und dieselbe Klage, die er kannte; er hatte sie vom ersten Tage an gehört, als sie im Hospital erschien und er, der es längst aufgegeben hatte, seine Kunst als Geburtshelfer auszuüben, jene Kunst, die ihn vor allem berühmt gemacht hatte, in einem plötzlichen Anfall seltsamer und unmotivierter Lustigkeit beschlossen hatte, daß er selbst, er, der Meister, ein letztes Mal den Erlöser spielen wollte – den Erlöser dieses elenden Geschöpfes, über das trotz alledem in einer Nacht im Tiergarten ein Mannsbild hergefallen war, so daß es einen Menschen hatte zur Welt bringen können. »Ja, Villadsen,« sagte Seine Exzellenz, »das weiß ich.« Jungfer Villadsen, die noch immer schluchzte, sagte: »Ja ... Exzellenz wissen es ... Exzellenz wissen es ... Aber« (es kam wie ein Strom von Tränen) »man war ja doch ein Mensch.« Ein plötzliches Lächeln ging über sein Gesicht, und mit einer Kraft, die dem einen Wort so viel Klang verlieh, als schleudere er einen Stein durch das hohe Gemach, rief er: »Ja.« »Der eingerichtet ist wie die andern,« sagte Jungfer Villadsen unter unaufhörlichem Schluchzen. Einen Augenblick war es still, bis die Exzellenz von neuem den Blick auf die Kröte wandte. »Und wo ist er?« fragte er. »Er« war der Sohn der Jungfer. »Ja, nun ist er ja seiner Frau fortgelaufen.« »So.« »Und seine Liebsten sucht er sich unter den Schlechtesten,« sagte Jungfer Villadsen. »Wovon lebt er?« fragte die Exzellenz. Jungfer Villadsen antwortete nicht, sondern schluchzte nur lauter, während die Exzellenz in plötzlichem Verstehen in Lachen ausbrach und in dem gleichen Tonfall wie vorher beim Ja sagte: »Das ist auch ein Talent, Beste, und für den Besitzer ersprießlicher als die meisten andern.« Die Jungfer, die ihn wohl nicht verstand, senkte den Kopf, so daß der Tirolerhut ihr Gesicht verbarg. »Es ist eine Schande, es ist eine Schande,« schluchzte sie und duckte sich vornüber. Die Exzellenz lachte noch immer. »Ein Appetit ist's,« sagte er, »und ein Appetit kann so stark sein, daß auch er zum Erwerbszweig wird.« Sein Lachen stockte, und indem er wieder mit dem Fuß ausschlug wie zu einem Tritt, setzte er hinzu: »Und was konnte er denn auch anderes erben, Jungfer, als den Appetit?« »Nein, Exzellenz, nein, Exzellenz,« murmelte die Villadsen, und sie zitterte und bebte am ganzen Leibe. Er hatte seinen Stuhl wieder herumgedreht: »Sie soll dasselbe brauchen wie gewöhnlich,« sagte er und schob zwei Zehnerscheine an den Rand des Schreibtisches. Jungfer Villadsen erhob sich und nahm sie. Sie nahm sie mit der äußersten Spitze ihrer Finger, und in einer Sekunde waren sie in ihrer Handfläche verschwunden. Seine Exzellenz hob den Kopf. »Und wo ist Sie selbst?« sagte er. »Ja, man ist ja bei den Schwestern,« erwiderte die Jungfer, die bei jedem Satz gleichsam in die Erde sank. »Ist es immer das gleiche bei den Schwestern?« fragte die Exzellenz, der die Villadsen ein paarmal bei den Schwestern aufgesucht hatte, wo sie ewig in einem Winkel saß, vor einer Wiege, als hätte einer sie dahingeschmissen. Die Jungfer fing wieder ganz leise zu schnauben an: »Ja, Exzellenz,« sagte sie, und ihr Schnauben wurde wieder zum Weinen, »es ist das gleiche.« »Aber das ist wohl der Segen des Himmels.« Und die Exzellenz sah ein letztes Mal auf den Krüppel, aus dessen Fleisch er ein Menschenkind herausgeschnitten hatte. »Und des Menschen Wille,« sagte er. Seine Stimme hatte sich plötzlich verändert, und mit einem Ruck reichte er die Hand hin und faßte die feuchtkalten Finger der Jungfer. – Seine Exzellenz reichte nur selten die Hand. »Na, adieu, kleine Villadsen,« sagte er. »Und vielen Dank, Exzellenz,« sagte sie und wollte ihm die Hand küssen. Doch er riß die Hand an sich, während er plötzlich bleich wurde. »Adieu.« Jungfer Villadsen war draußen und die Treppe hinunter, im Portal, wo der einbeinige Pförtner mit der Kriegsmedaille auf seiner Brust wartete. Er öffnete die Tür und versperrte dabei etwa drei Viertel mit dem Stelzfuß, dem Andenken an seine Aufopferung fürs Vaterland. »Und vielen Dank,« sagte die Villadsen und drückte dem Vaterlandsverteidiger eine kleine Münze in die Hand, die er nicht verloren hatte. »Guten Morgen,« sagte der Pförtner und stand stramm auf seinem Stelzfuß ... Die Tür fiel ins Schloß. Seine Exzellenz hatte nach Georg geklingelt. »Den Wagen,« sagte er. »Ja, Exzellenz.« Der Vater trat ein. »Fährst du aus?« fragte er. Aber die Exzellenz hörte es wohl nicht; denn plötzlich sagte er, noch im Stuhl sitzend: »Was habe ich gesagt: es müßte hier in der Welt mehr Bestien geben, die ihre eigenen Jungen fressen.« Der Vater lachte und sagte: »Die Aussprüche Euer Exzellenz sind verbrecherisch.« »Vielleicht, mein Junge,« und die Exzellenz stand auf, »die Wahrheit ist immer verbrecherisch, weil sie die Wahrheit ist« ... Georg brachte den Rock, die Exzellenz aber sprach weiter – er sprach immer so viel, wenn er sich umkleidete, und niemand wußte, von welchem Zusammenhang aus. »Beachte aber wohl, daß die menschliche Gerechtigkeit einäugig ist. Hätte sie zwei Augen zum Sehen, wir hätten nicht Zuchthäuser genug.« Er fand in den Rockärmel hinein. »Oder wir hätten gar keine.« »Aber das Unglück ist, und das Unglück bleibt,« und er erregte sich immer mehr, »daß die Menschen, die nur eitle Narren sind, tun wollen, als herrschte Zucht unter den Tieren, die sie sind. Aber es herrscht keine Zucht, und es herrscht keine Ordnung auf ihren Paarungsplätzen ... Baut entweder mehr Zuchthäuser, oder reißt die ein, die vorhanden sind, das hätte wenigstens Sinn.« Er hielt plötzlich inne. »Schläft Ihre Gnaden?« sagte er. »Ihre Gnaden sind wach, Exzellenz.« »Gut.« Seine Exzellenz wandte sich um und öffnete die Tür. Behutsam ging er durch die drei Gemächer in das Schlafzimmer Ihrer Gnaden, wo es dunkel war, so daß in dem Zwielicht nur das Bett mit seinem Samtbaldachin über den vier Säulen sich abhob. »Wer ist da?« rief Ihre Gnaden. »Ich,« sagte die Exzellenz, und mit gesenktem Kopf stand er in sonderbarer Haltung da – zärtlich oder furchtsam – vor dem Bett Ihrer Gnaden. »Wie hast du geschlafen?« fragte er. »Du hast lange rumort,« antwortete Ihre Gnaden, ohne ihren Blick von dem Baldachin zu entfernen. »Wie gewöhnlich,« sagte er und küßte die Hand, die Ihre Gnaden aus den vielen Decken herausgeschält hatte. »Und nun fahre ich,« sagte er. Ihre Gnaden wandte sich plötzlich um, so daß er ihre grauen Augen durch das Dunkel sah: »Was fährst du und holst dir die Gicht auf all den Treppen?« Seine Exzellenz stand noch immer in derselben Stellung da, während Ihre Gnaden einen Moment zögerte, ehe sie sagte: »Es wartet doch niemand auf dich.« Vielleicht hörte er es nicht. Er neigte plötzlich in Hast den Kopf – fast scheu war die Bewegung – so weit nach vorn, daß seine Lippen die Stirn Ihrer Gnaden berührten. »Adieu.« »Adieu,« sagte Ihre Gnaden, die sich nicht gerührt hatte. Und während die Exzellenz ging, blieb sie unbeweglich liegen, mit geschlossenen Augen, mitten in dem mächtigen Bett, wo im Dunkeln nur die Ringe an ihren Fingern schimmerten. Der Vater öffnete vor Seiner Exzellenz die Tür nach dem Flur. Der Blick des Vaters fiel auf die angekommenen Briefe, die auf der Konsole lagen, und mit einer plötzlichen Bewegung schob er sie schnell noch weiter auf die Konsole zurück. Die Exzellenz hatte es gesehn. »Ist Post da?« sagte er und bewegte eine Sekunde lang den Kopf. Seine Exzellenz las die Post nie, bevor er nach Hause kam. »Bleib drinnen,« sagte er und schlug die Tür vor dem Sohn zu. Georg folgte ihm, mit der Wagendecke überm Arm. »Woher waren die Briefe?« sagte die Exzellenz plötzlich und drehte sich auf der Treppe um. »Ich weiß nicht, Exzellenz.« »Er weiß nichts.« Im Portal hielt der Wagen, dessen Bock Kutscher Johann ausfüllte. »Wie steht es mit den Pferden?« fragte die Exzellenz, wie ein Mann, der etwas sagt, um einen andern Gedanken von sich abzuwehren. »Scheußlich,« erwiderte Johann trocken. Mit den Pferden Seiner Exzellenz ging es immer scheußlich. Die Kutscher Seiner Exzellenz schnitten sie oft in die Kniesehnen, so daß sie vor dem Wagen hinkten, worauf sie Seine Exzellenz von der Untauglichkeit der Tiere überzeugten und sie mit angemessenem Vorteil verkauften, um dann neue einzukaufen, gleichfalls mit Vorteil. »Aber was fehlt dem Gaul?« fragte die Exzellenz vom Wagentritt herunter. »Der macht's nicht lange mehr,« war alles, was Johann antwortete, der sich der Exzellenz gegenüber nicht näher auf das Wohlbefinden der Vierfüßer einließ. Seine Exzellenz war schon im Wagen, als eine glattrasierte Mannsperson sich im Portal zur Wagentür vordrängte, die Georg eben schließen wollte. Er möchte gern Seine Exzellenz sprechen. Die Exzellenz wollte die Wagentür zuschlagen, aber der Mann setzte von ungefähr den Ellbogen dazwischen: »Ich hätte Seiner Exzellenz nur ein Wort zu sagen.« »Was?« Und die Exzellenz ließ die Wagentür fahren. »Exzellenz wissen ja wohl, daß ich jene Angelegenheit mit Herrn Exzellenzens Sohn hatte.« »Ja, ja.« »Und nun wäre es ... Exzellenz wissen, daß Ihr Herr Sohn« ... Der Mensch hatte eine sehr höfliche Stimme – etwas eigentümlich Glattes haftete ihm an, das an einen hundertmal aufgebügelten Seidenhut erinnert – doch er hielt nach wie vor den Ellbogen zwischen die Tür. »Was will Er?« rief die Exzellenz, und er schleuderte dem Mann, der die Tür losließ, ein paar Geldstücke hin. »Fahr zu,« rief Seine Exzellenz. Und der Wagen fuhr an dem Einbeinigen vorbei, der die Exzellenz und die Mannsperson nicht aus den Augen gelassen hatte, auf die Straße hinaus. Exzellenz saß sehr aufrecht in seinem Wagen, während die Leute auf der Straße ihn lange und ehrerbietig grüßten. Georg war hinaufgegangen. Im Halbdunkel des Entrees las er noch einmal die Aufschrift auf den angekommenen Briefen und schob sie wiederum langsam tief zurück auf die Konsole, ins Dunkle. Ihre Gnaden klingelte, daß es durch das ganze Haus gellte. Der Vater öffnete die Tür zu den Wohngemächern, wo das Stubenmädchen Arkadia, eine junge Dame in steifem Kattun und weißen Strümpfen, alle Fenster aufgerissen hatte und, in jeder Hand einen Teppichklopfer, auf die Sammetportieren losprügelte, daß der Staub sich in schmutzigen Wolken um das gestickte Wappen der Hvides ballte. »Ihre Gnaden klingelt,« sagte der Vater, und schloß die Tür wieder, des Auges wegen. Jungfer Arkadia hatte die Angewohnheit, zu lüften, als lüfte sie ein Jahrhundert aus. »Ja, Herr Hvide,« sagte Arkadia und prügelte weiter. Bald machte sie sich mit den Türvorhängen zu schaffen, bald war sie an den Fenstern. In den alten Weinkeller der Exzellenz war im vorigen Jahr ein Schiffsproviantierungsgeschäft eingezogen, mit einem Kontoristen und zwei Kommis, die sich während der Morgenstunden abwechselnd im Kellereingang aufhielten. »Und wohnen die Leut auch im Keller bloß, ihre Gemütlichkeit, die ist groß ...« Jungfer Arkadia prügelte auf das Hvidesche Wappen los, während sie sang. Ihre Gnaden klingelte immer noch. »Guten Morgen,« tönte es vom Kellereingang herauf, von einem der drei Geschäftsleute. Arkadia war wieder an den Fenstern. »Guten Morgen.« »Viel zu tun?« fragte der Geschäftsmann. Jungfer Arkadia schlug mit den beiden Teppichklopfern nach dem schwarzen Kommis in der Kelleröffnung. »Man hat wohl mehr zu tun als Sie – glücklicherweise,« sagte sie. Und weg war sie und klopfte wieder drauf los. Plötzlich ertönte ein: »Kaffee, Kaffee,« klingend durch das ganze Haus. Es war die Mutter, die aus dem Bett heraus war und, im Nachtkleid, die Entreetür oben in der ersten Etage aufriß und ihr »Kaffee, Kaffee« hinunterrief: Drinnen in seinem Zimmer, das neben dem der Mutter lag, hämmerte der Vater an die Tür: »Stella, Stella,« rief er, »bedenk doch, wir sind nicht zu Hause. Was sagen denn die fremden Menschen, die sonst noch hier wohnen?« »Lieber Fritz, laß sie sagen.« Die Mutter war wieder im Bett und schlug mit den Händen auf ihre Bettdecke: »Wer kennt die Leute?« sagte sie. Jungfer Arkadia hatte den Klopfer fahren lassen, sowie sie das »Kaffee« hörte, und lief, durch das Entree und das Eßzimmer und den Flur hinaus in die Küche. »Die gnädige Frau haben gerufen,« sagte sie. »Ja,« antwortete Sophie, die niemals ihr Tempo änderte, goß den Kaffee auf und sagte: »Ihre Gnaden haben geklingelt.« »Das Fräulein ist drinnen,« (›das Fräulein‹ war die Gesellschaftsdame) sagte Arkadia, und lief mit dem Kaffee. »Da kann sie laufen,« sagte Sophie. »Gott sei Dank,« rief die Mutter und machte sich über das Kaffeetablett her, das Arkadia auf die Bettdecke stellte. »Hat Ihre Gnaden geklingelt?« Das war in den Morgenstunden während des Besuchs bei den Schwiegereltern ihr ewiger Schrecken. »Ja,« war Arkadias Antwort. »Hängen Sie die Uhr auf,« sagte die Mutter, die aufgerichtet im Bett saß und die Schultern bei jedem Schluck, den sie aus der Tasse nahm, auf- und niederschob, während Arkadia die Uhr am Fußende des Bettes aufhängte. »Halb elf,« sagte die Mutter entsetzt und gleich darauf: »Liebe Arkadia, wie Sie geträllert haben auf der Treppe. Daß Sie so früh des Morgens singen können.« Darüber wunderte sich die Mutter jeden Morgen. »Und was sind das eigentlich für Lieder, die Sie singen? Ich kann die Melodien nicht behalten ... wie geht es doch?« Sie versuchte selbst einen Vers, aber sie konnte ihn nicht. »Will ein Weibchen ehelichen einen Mann mit unbekanntem Lebenslauf, unbekannten Fehlern, Schlichen, und gern wüßte, was sie macht für einen Kauf –« Arkadia verbesserte und sang, während sie mitten vor dem Bett stand. »Ja, ja,« sagte die Mutter und sang mit – vor lauter Eifer zog sie die Beine ganz unter sich hinauf: »Will ein Weibchen ehelichen einen Mann mit unbekanntem Lebenslauf, unbekannten Fehlern, Schlichen, und gern wüßte, was sie macht für einen Kauf, ob er flink ist, willig, treu, beständig, ob er überall von rechter Form, ob er nie der Tugend war abwendig, wird ihn gerne untersuchen Line Worm.« Sie sangen beide. Arkadia verbesserte, und die Mutter lachte, bis sie plötzlich auf die Uhr sah. »Zehn Minuten vor elf,« sagte sie und jagte Arkadia hinaus. Drinnen klopfte der Vater an seine Tür: »Stella,« sagte er, »was für Lieder läßt du denn das Mädchen singen?« »Lieber Fritz, das weiß ich wirklich nicht,« und lachend sagte sie: »Sind es nicht die, die sie auf der Straße verkaufen?« Einen Augenblick lag sie da. Dann sagte sie: »Von wem sind Briefe gekommen?« »Von Hans,« antwortete der Vater von drinnen. »An deinen Vater?« »Ja.« Mutters Gesicht hatte sich plötzlich verändert, die weiße Hand strich das Haar aus der Stirn, und sie lag still da, ohne sich zu rühren. Drinnen tönten die Schritte des Vaters. »Fritz, was für ein Tag ist heut?« »Freitag.« »Nein, welches Datum.« »Der achtundzwanzigste.« Die Mutter rührte sich nicht. Drinnen tönten die Schritte. Unten hatte die Gesellschaftsdame angefangen, Ihre Gnaden anzukleiden. Das war ein wenig beschwerlich, weil Ihre Gnaden Gicht hatte. »Achten Sie auf die Temperatur?« sagte Ihre Gnaden. Ja, die Gesellschaftsdame achtete darauf. Die Thermometer brachte man in den Wohnräumen einen Zoll über dem Teppich an, um Seiner Exzellenz täglich die Fußkälte zu demonstrieren. »Wir haben sie ja aus dem Keller,« sagte Ihre Gnaden; »ich habe ja genug gebeten meinetwegen, liebes Kind, aber Hvide wollte den Laden haben, und ich mußte meinen Weinkeller hergeben.« Die Gesellschaftsdame wußte es. »Wieviel sind es?« fragte Ihre Gnaden. »Dreizehn Grad.« »Hm. Lassen Sie es so hängen, damit Hvide es sehen kann.« Ihre Gnaden schob die Lippen vor, deren schöne Wölbung einst Herrn Lamartine begeistert hatte. »Aber Hvide spürt es ja nicht,« sagte sie. Von drinnen aus den Gemächern tönte ein Papageienschrei herüber. Das war Poppe, der bei der steigenden Temperatur aufwachte und sein: »Fortuna fortis« durch alle Zimmer schrie. »Decken Sie das Tier doch zu,« sagte Ihre Gnaden. »Fortuna fortis,« schrie der Papagei, bis die Gesellschaftsdame das Bauer zugedeckt hatte und wieder zurückgekehrt war. »Danke,« sagte Ihre Gnaden, und sie fügte hinzu: »Das mit dem Vogel ist auch Hvides Idee.« Sie waren in der Toilette bis zu den Haaren gekommen. Das Vorderhaar Ihrer Gnaden sollte gekräuselt und hoch aufgebauscht werden. Ihre Gnaden, die, was den übrigen Körper betraf, mit den Jahren einigermaßen wasserscheu geworden war, ließ sich Gesicht und Hände sehr sorgfältig mit Cremes und Essenzen pflegen. Im Speisezimmer saß Georg und ordnete Silberzeug. In dem großen, Halbdunkeln Zimmer hörte man keinen Laut außer dem leisen Klang des Silbers, wenn er Löffel neben Löffel legte – und Wappen gegen Wappen. Sonst war alles still. In der Küche schlich Sophie zwischen vielen Schüsseln umher, wie eine Kuhmagd, die bei der Arbeit ist. Das Wasser in den Hähnen gurgelte mit einem Laut, der müdem Röcheln glich. Hinten auf dem Rohrstuhl, bei der Bornholmer Uhr, saß Jungfer Arkadia und lächelte vergnügt den eigenen, weißen und vielversprechenden Unterbeinen zu. –   Der Wagen fuhr weiter, auf Kongens Nytorv zu, durch die Stadt. Die Trottoire waren schon voller Menschen, die im Morast, der alle Füße beschmutzte, in der Morgenkälte aneinander vorbeiliefen. Die Exzellenz kannte niemanden. Er grüßte mit dem gleichen Nicken alle, die ihn kannten. Zuweilen, wenn die Mutter mit ihm durch die Stadt fuhr, fragte sie, wenn jemand grüßte: »Wer war das, Großpapa?« »Kenne sie nicht,« antwortete er. Aber es kam auch vor, daß Seine Exzellenz plötzlich ein Gesicht wiedererkannte und sagte, das sei der und der. »Nein,« sagte die Mutter und lachte, »das muß doch der Sohn sein.« »Hm. Na ja, jetzt sind's wohl die Söhne, die herumlaufen. Und wieder saß er und sah über die Menschengesichter der Straße hin, die bleifarbigen Hände im Schoß gefaltet. ... Der Wagen rollte die Raadhussträde hinunter bis vor das Brahesche Palais. Der Pförtner, ein alter Weißbart in rotgestreifter Weste und blauen Hosen, riß das Tor auf und öffnete die Wagentür, noch ehe der erste Diener dazukam, der förmlich erschrak, als er die Exzellenz sah; er lief wieder die Treppe hinan, lief voraus, so schnell die zitternden Beine ihn trugen, hinauf ins erste Stockwerk, – so daß der Pförtner der Exzellenz aus dem Wagen helfen mußte. »Ja,« sagte der Pförtner, »es geht wohl schlecht, Exzellenz ... Es ist wohl schlimmer geworden in der Nacht. Es geht wohl schlecht, Exzellenz.« Exzellenz, der nur das Wort schlecht hörte und glaubte, der Weißbart spreche von seinem Gichtknoten, sagte: »So schmier Er sich ein mit dem Zeug, das ich Ihm gegeben habe;« und er ging durch die Glastür hinein. Der Diener war davongerannt, durch zwei Zimmer, ins Wohnzimmer hinein, wo zwei junge Baronessen am Mitteltisch saßen. »Der Konferenzrat ist da,« sagte er ganz außer Atem und nannte in seiner Aufregung Exzellenz bei dem alten Titel, den er so viele Jahre geführt hatte. Die beiden Baronessen erschraken ebenso wie er, und sie riefen beide: »Mutter, Mutter, Onkel Hvide ist da.« Die Lehnsbaronin, die im Schlafrock war, kam in der Tür zum kleinen Speisezimmer zum Vorschein. »Gott,« sagte sie, »und wir haben ihn nicht gerufen« – sie schlug die fleischigen Hände zusammen. »Ich habe es ja gesagt. Jetzt können wir's ja nicht sagen, wo wir jetzt den Professor gerufen haben.« Sie hörten schon die stampfenden Tritte Seiner Exzellenz in dem vordersten Zimmer. »Laßt mich,« sagte die Mutter und ging den beiden Töchtern voraus, um ihn zu empfangen. »Aber lieber Onkel Hvide,« und die Baronessen umarmten ihn, »bist du's. Komm, ich sitze eben beim ersten Frühstück.« »Danke,« sagte Seine Exzellenz, »ich will nichts haben.« Er küßte beide Töchter – Seine Exzellenz küßte alle jüngeren Frauen, die ihm in den Weg kamen, mit einer seltsamen leeren Gier. »Ich esse nicht um diese Tageszeit.« »Aber du kannst doch bei mir sitzen,« sagte sie und führte ihn in das Speisezimmer, wo auch die Töchter vor zwei leeren Tellern Platz nahmen. Sie sprachen schnell, bald die eine und bald die andere, von Wind und Wetter, während keine wußte, was sie selbst sagte oder ob die Exzellenz zuhörte. »Meinen Dank für die Einladung,« sagte er plötzlich, mitten in das Schwatzen hinein. »Ja, wir dachten, vielleicht würdest du doch kommen. Wir wollten gern ein paar von den Alten bei uns sehen,« rief die Baronin, die fortwährend aß. »Die Alten sind tot,« sagte Seine Exzellenz, und plötzlich fragte er: »Wo ist Emmely?« Die Baronin, die die ganze Zeit auf die Frage nach Emmely gewartet – denn die kranke Tochter war der Liebling der Exzellenz in der Familie – und bloß in ihrer Verwirrung weitergegessen hatte, sagte: »Ja, Emmely ...« »Ist ausgeritten,« fiel eine der Töchter ein. »Mit Preben,« sagte die andere. »Ich habe gesagt, sie darf nicht reiten,« sagte Seine Exzellenz. »Und vor allem nicht mit Preben.« Die Baronin, die noch verwirrter wurde, sagte: »Ja, das hast du,« und plötzlich fing sie an, vom Hofe zu reden und von der Erbprinzessin, der sie gestern einen Besuch gemacht habe. »Sie hält sich tapfer, Onkel Hvide.« »Hm,« sagte Seine Exzellenz, »man braucht nicht von dreizehn Königen abzustammen, um einen Schürzenjäger zu heiraten und dem Pförtner das Haushaltungsbuch zu führen.« Die Baronin griff das Thema Prinz Ferdinand auf und sagte: »Ja, aber diese Liebe wurde trotzdem zum Lebensinhalt für sie.« Ein Zucken ging über das Gesicht der Exzellenz. »Lebensinhalt« – und er lachte – »ja, das ist Lebensinhalt, einen Mühlstein auf dem Rücken zu schleppen.« Die Baronin wurde purpurrot in ihrem runden Gesicht – sie hatte an Seiner Exzellenz eigene Ehe gedacht, noch ehe sie ausgesprochen hatte – und keiner fand etwas zu sagen, als plötzlich Lärm ertönte, im Flur hinter dem Speisezimmer, von Türen, die auf- und zugeschlagen wurden, während man die Kammerjungfer rufen hörte. Die Frau des Hauses erhob sich halb – die Röte ging in Blässe über – und mit einem Ruck setzte sie sich wieder. »Ida, sieh, was los ist.« Und die älteste Tochter lief. »Was läuft sie?« sagte Seine Exzellenz, der tat, als habe er nichts gehört. »Sie besorgt den Tee,« sagte die Baronin und sah in demselben Moment den Teekessel unmittelbar vor sich auf dem Kohlenbecken stehen. Draußen liefen sie immer noch hin und her – Schritte hin und Schritte zurück. »Was ist nur los?« flüsterte die Baronin und stand auf, mit dem Teekessel, der auf einmal in ihrer Hand zu zittern begann. »Nein, bleib,« flüsterte sie der zweiten Tochter zu, die auch aufstehen wollte. »Was ist das für Fleisch?« fragte Seine Exzellenz und stach mit einer Gabel, die er vom Teller der Baronin genommen hatte, hinüber in eine Schüssel, die mit rotem Ochsenfleisch gefüllt war. »Das ist Ochsenfleisch, Onkel Hvide,« sagte die Tochter. Seine Exzellenz, der an einem sonderbaren und beständigen Hunger litt und sich darum zu allen Zeiten über alle möglichen Speisen gleichsam herstürzte, die er nicht mehr verdauen konnte, hatte schon ein Stück verschluckt und nahm noch eins, mit derselben Hast – als die Tür aufgerissen wurde und Baronesse Ida hereingelaufen kam und rief: »Mutter,« atemlos, ohne zu denken, nicht an Seine Exzellenz und nicht an irgend etwas: »Mutter.« »Was ist?« Die Baronin war aufgestanden und hatte kaum ein paar Schritte getan, als Baron Preben, Emmelys Verlobter, eintrat, ganz weiß im Gesicht, weiß bis tief unter den Bart – er ließ die Türen offenstehen und rief: »Komm, komm, Emmely ...« Und hielt inne beim Anblick Seiner Exzellenz. »Du entschuldigst, Onkel Hvide,« sagte die Baronin, während ihr der Schweiß auf die Stirn getreten war; und sie ging mit Ida aus dem Zimmer, während die Tür ins Schloß fiel. Eine Minute vielleicht war es still, nachdem Seine Exzellenz sich erhoben hatte. Im Nu hatte er das alles verstanden: daß Emmely krank war, gefährlich krank; daß ein anderer gerufen, ein anderer zu Emmely gerufen war; daß man die Einladung zu Tisch hatte überbringen lassen, da sie wußten, daß er sie abschlägig beantworten würde – eine Einladung zu Tisch, damit er nichts erriete ... Seine Exzellenz stand noch immer, während der Stuhl, auf den er sich stützte, unter dem Griff seiner Hand zitterte, als sei selbst das leblose Holz lebendig geworden vor seinem Zorn. Dann sagte er, und seine Stimme klang ruhig: »Seid ihr nach Hause gekommen?« Baron Preben, der wie angewurzelt mitten im Zimmer stand – man hatte den Eindruck, daß er fallen würde, wenn man ihn mit dem Ellbogen anstieße –, sagte: »Wer?« und sah die Exzellenz an mit Augen, die nichts sahen. »Ihr,« sagte Seine Exzellenz, der immer noch auf den Stuhl gestützt dastand: »Ihr wart doch ausgeritten.« »Ja,« antwortete Preben, der nicht wußte, was er selber sagte. Wiederum wurde es still, während die Uhr tickte, so seltsam sprunghaft, wie alte französische Uhren es tun. »Dann grüße von mir,« sagte Seine Exzellenz, und es war, als schleudere er etwas weg, als er seinen Stuhl losließ. Baronesse Ingeborg war aufgestanden. »Gehst du,« sagte sie. »ES ist Zeit,« erwiderte Seine Exzellenz, und allein ging er – denn Baronesse Ingeborg wagte ihm nicht zu folgen – durch die Zimmer hinaus. Preben schlich sich hinein, wo die Mutter am Bett bei Emmely saß, die weiß war, wie das Weiße weiß ist, während ihre Brust hochging. »Es tut so weh, ach, es tut so weh.« »Ja, ja, kleine Emmely.« »Es tut so weh.« »Ja, ja, richt' dich ein bißchen auf, hörst du, richt' dich ein bißchen auf ...« Die Kranke versuchte es, während Preben mit beiden Händen die Kante des Fußendes umfaßte. Aber Emmelys Kopf blieb auf dem Kissen liegen, machtlos, als sei er vom Körper getrennt. »Nein, ich kann nicht ... Nein, nein, es tut so weh.« »So, so, nun kommt der Doktor.« Die Baronin sprach fast einlullend wie zu einem zarten kleinen Kinde: »Nun kommt der Doktor.« Die Kranke schlummerte ein, die Brust ging auf und nieder. Ida stand in der Ecke und weinte leise. »Schläft sie?« flüsterte Preben. »Ja.« Ida hob den Kopf, hinten aus der Ecke sah sie auf das Gesicht der Schwester, und auf einmal begann sie, lautet zu weinen, und sie ergriff den Arm der Mutter: »Mutter,« flüsterte sie, und die Tränen hatten plötzlich aufgehört, aus ihren Augen zu rinnen, während sie unausgesetzt die Schwester auf dem Kissen anstarrte. »Wollen wir nicht Onkel Hvide fragen?« Die Augen von Mutter und Tochter trafen sich eine Sekunde lang. »Nein, nein,« sagte die Baronin so laut, daß sie die Schlummernde weckte. »Wo ist Preben?« flüsterte Emmely. »Hier.« »Danke.« Und sie schloß die Augen wieder. ... Die Exzellenz war hinabgegangen. Er stützte sich nicht. Fast aufrecht stand er in seinem Wagen, als er fortfuhr. Die Haustür fiel zu. Der Pförtner, der mit dem Kutscher Johann geschwatzt hatte, kehrte zu seinem Keller zurück, wo er sich ans Fenster setzte, während seine Frau aus ihrer Küche hereinkam. »Es war der Alte,« sagte er. »Die Exzellenz?« »Ja,« sagte der Pförtner, der die Hände gefaltet hatte. Die Frau fiel fast auf den Stuhl hinten am Ofen nieder. »Ach, Herr Gott, ach, Herr Gott,« sagte sie und fing an, in ihrem groben Gesicht mit den Händen herumzuwischen. Ihr Mann hatte noch immer die Hände um seine spitzen Knie gefaltet. »Ja,« sagte er und nickte, »er kann es sehen, ob es der Tod ist.« »Sag nicht so was, Jakob,« sagte die Frau, die anfing zu meinen, als sei Baronesse Emmely bereits tot. Und sie saßen beide still da, jeder auf seinem Stuhl, in dem großen, stillen Hause ... Seine Exzellenz saß steil aufrecht in seinem Wagen, der rechte Arm ruhte in dem Armhalter, dessen wappengesticktes Band zitterte – so bebte er noch –, während jede Ader in dem weißen Gesicht sich straffte. Er dachte an die Brahes, an diese Brahes; und alle die heimlichen Geschichten des Geschlechts, die sein ärztliches Wissen durch hundert Jahre bewahrte, wie sein Vater sie ihm vererbt hatte, der berühmt war und der Erste wie er selbst – sie loderten auf vor seinem weitsehenden Auge, in einem fürchterlichen Hunger, sich mit Rache zu sättigen. Er stöhnte laut, wie er dasaß, unter dem Zwange des eigenen Zornes. »Gewiß, ich kenne sie ... Ob ich sie kenne.« Aber plötzlich ballte er die Hände, und sein Blick schien einen Augenblick leer zu werden und das ganze Auge fast weiß: mit einer gewaltigen Willensanspannung schob er dem eigenen Gedanken etwas wie einen eisernen Riegel vor – und hatte ihn begraben. Er wußte nichts mehr davon. Er zog an der Wagenschnur, und Kutscher Johann hielt. »Zu Frau Urne,« rief Seine Exzellenz, und der Wagen fuhr zurück durch die Stadt, über den Markt, die Bredgade hinab. Er rollte durch das Portal in das Schacksche Haus und hielt im Hofe, vor dem Gartenhaus. Seine Exzellenz stieg aus. Die Tür hatte keine Klingel, sondern nur einen Türhammer, der sozusagen nicht mehr wollte. Ein Mädchen machte auf. »Ist jemand zu Haus?« fragte die Exzellenz. »Ja, Exzellenz, die gnädige Frau kommt sofort.« Er ging hinein in die zwei Zimmer, wo die Möbel aus der Zeit Christians VIII. so merkwürdig steif dastanden zwischen den Korbspalieren mit dem vielen Efeu. Vor den Fenstern sah man den Garten. Der Schnee gab dem Raum ein eigentümliches Licht, wie vom Schein eines aufgehängten Lakens. Seine Exzellenz nahm Platz, über dem Sofa hingen mit Flor verhüllte Bilder und Säbel. Er hörte Frau Urne nicht kommen, bevor sie dastand. Sie war groß und hager und ganz in Schwarz. »Daß du heute an mich gedacht hast,« sagte sie und nahm seine beiden Hände. »Mein Kind,« sagte die Exzellenz, »ich habe nicht mehr an so viel zu denken.« »Du denkst an alle,« sagte sie und behielt seine Hände, während sie sich setzte. »Oder an keinen,« sagte Seine Exzellenz. Es war eine kleine Weile still. Frau Urne hatte wohl nicht gehört, was er gesagt hatte. Sie hatte die Augen erhoben und betrachtete das Bild ihres im Kriege gefallenen Mannes über dem Sofa. »Es wird alles wieder aufgerissen an einem Tage wie diesem; und es ist, als müßte man es noch einmal erleben.« »Ja,« sagte Seine Exzellenz, »er gab sein Leben hin.« »Ja,« sagte sie, und plötzlich sprangen die Tränen aus ihren Augen hervor, während ein Schluchzen sie schüttelte. »Und ich kann mich nicht einmal begnügen mit dem Gedanken an seine Tat ... Und die Erinnerungen, die man pflegt und mit Flor behängt – – das sind nicht die Erinnerungen, nach denen man sich sehnt.« Seine Exzellenz legte seine Hand über die Lehne des Stuhls, auf dem Frau Urne saß. »Je größer er war, mein Kind, desto mehr hat er dir wohl auch geben können ... Und desto wilder ist das Entbehren.« Bei dem Worte wilder trafen sich einen Moment ihre Augen, und ein Blutstrom schoß in das Gesicht der Witwe. »Onkel Hvide,« sagte sie, »du siehst alles. Aber ich schäme mich. Ich schäme mich vor meinen Kindern.« »Schämst dich?« und seine Stimme war härter, »warum? glaubst du nicht, alle die andern, die allein sind, ›sehnen‹ sich ebenso?« Frau Urne hatte ihren Kopf an den Stuhlrücken gelehnt und sah in die Luft hinaus. »Warum lügen sie denn alle?« »Sie lügen,« sagte er, »wie du lügst.« Er schwieg eine Weile. »Warum sie lügen?« sagte er. »Weil wir aufgezogen werden zu dem Glauben, daß wir etwas anderes sind, als wir sind. Und wenn wir uns dann selber entdecken, so glauben wir, die andern sind besser, und wir sind die schlimmsten Aber wir sind uns gleich und haben denselben Körper.« Frau Urnes Hände fielen in ihrem Schoß zusammen. »Aber,« sagte sie, »daß wir so spät alt werden.« Ein Lächeln glitt über das Gesicht Seiner Exzellenz. »Ja,« sagte er, »spät oder nie.« Sie saßen einen Augenblick schweigend. Dann fragte er: »Wie geht es deinen Söhnen?« Frau Urne griff sich an den Kopf, wie um ihre Gedanken zu sammeln: »Ja, du weißt doch, daß Christian nicht Offizier werden will.« »So, ist das nun aufgegeben?« »Ja, er will nicht ...« »Hm, was will er denn?« Frau Urne sagte: »Er möchte Ingenieur werden.« »Soso,« sagte Seine Exzellenz: »Was soll ein Mechaniker hierzulande? Hier laufen wir die Landstraßen, die da sind.« Frau Urne sagte und sah ihn nicht an: »Er sagt, die Welt sei groß.« Es wurde still. Die Uhr drinnen im vordersten Zimmer tickte mit einem wunderlichen Laut, als sei jede Minute etwas Berstendes. »Und ich meine ... daß ... daß es so schwer ist ... daß es ist, als ob, als ob wir alle das verrieten, das, wofür er starb ...« »Was denn?« fragte er. »Da« Land,« sagte sie (sie wollte sagen das Vaterland, aber es wurde nur »das Land« daraus). »Das Vaterland?« sagte Seine Exzellenz. »Das wird verraten Tag für Tag und lebt von den Resten. Jeder sorgt für das Seine, und das Vaterland kann nehmen, was übrig bleibt. Er,« und er hob die Hand auf zu dem Bilde des verstorbenen Generalstabsoffiziers, »starb auch nicht fürs Vaterland, sondern für seinen Glauben, den er verloren hatte ...« Frau Urne hatte vielleicht nicht verstanden, oder ihre Gedanken waren bei den Söhnen geblieben, denn sie sagte: »Aber wenn sie beide reisen, Wilhelm und Christian, dann ist gar kein Junger vom Geschlecht mehr im Lande.« Hvide sah vor sich hin, und seine Stimme senkte sich: »Ich denk« manchmal, Kind, daß wir alten Geschlechter vielleicht genug gesündigt haben ...« Er stand auf. »Laß nun die andern weiter sündigen.« »Aber was nennst du Sünde, Onkel Hvide?« Seine Exzellenz nahm die Hand fort, mit der er sich auf den Tisch gestützt hatte. »Die Lüge ist die Sünde, und wir haben nicht die Schultern dazu gehabt, um sie zu durchbrechen.« Frau Urne schauerte zusammen, als ob Kälte sie schüttelte. »Onkel Hvide,« sagte sie und bewegte den Kopf einmal hin und her, als sei an ihrem Halse etwas, das ihr weh tat. »Alle Altäre werden so leer ...« Seine Exzellenz stand noch vor ihr, und er hob seine Hand. »ES gibt keine Altäre, mein Kind, denn es gibt keine Götter. Wir sind –« Er schwieg einen Moment, und sein Gesichtsausdruck wechselte: »Die, die wir sind. Und wie geht es mit Wilhelm?« fragte er. »Er« – und Frau Urne nahm sich wieder zusammen – »er wird so leicht erregt, weißt du ...« »Ja,« sagte die Exzellenz, »ich weiß es. Das gehört zu seinem Alter. Aber,« sagte er, »laß ihn seine Freiheit haben und schließ ihm die Tür nicht zu. Adieu, mein Kind.« »Adieu, Onkel Hvide – und vielen Dank, daß du gekommen bist.« Sie begleitete ihn hinaus, und der Wagen setzte sich in Bewegung. »Zu Konferenzrat Glud,« rief die Exzellenz, und der Wagen rollte noch einmal durch die Straßen, bis er vor dem Hause des Konferenzrats hielt, wo ein verwachsenes Männchen seinen Kopf zu einer kleinen Seitentür herausstreckte, bevor das Tor langsam aufgeschlossen wurde und der Wagen einfahren konnte. Das Männchen stand an der Wagentür, aber Seine Exzellenz sah ihn nicht und sprach nicht mit ihm. Er war aus dem Wagen gestiegen und rüttelte an dem Schloß der Flurtür – an all den uralten Türen des Konferenzrats waren sonderbar neue Schlösser. »Man kommt nicht hinein vor all den Einrichtungen,« rief Seine Exzellenz, und er ging die Treppe hinauf. Er schellte, und ein Augenpaar erschien am Guckloch der Tür, ehe aufgeschlossen wurde. »Ja, ich bin es,« sagte Seine Exzellenz und ging hinein. »Immer gleich stattlich,« sagte er und sah auf die Hausdame, Fräulein Erichsen, die seit zwanzig Jahren dem Hause des Konferenzrats vorstand und hochbusig und taillenschlank geblieben war wie ein Mensch, der sich nicht aufopfert, sich vielmehr behauptet und sich pflegt und wartet. »Wie steht es?« »Die Hofjägermeisterin ist in der Stadt,« sagte Fräulein Erichsen. »Deswegen komme ich,« sagte Seine Exzellenz und stieß mit seinem Stock selbst die Zimmertür auf. »Ich mache es wie die Raben.« Fräulein Erichsen sagte – aber man wußte nicht, ob sie verstanden hatte oder nicht –: »Ja, dem Konferenzrat geht es schlecht.« »Lassen Sie mich ihn sehn,« sagte Seine Exzellenz. Fräulein Erichsen ging, und er blieb mitten in dem Zimmer stehen, das die verschlossenen Fensterläden halbdunkel machten, so daß die Umrisse der Möbel halbwegs verschwanden und von den Gemälden nur die breiten Rahmen zu sehen waren, die wie goldene Streifen auf den Rokokowänden lagen, deren Verzierungen wie die goldenen Adern eines großen Leibes hier und da aufblinkten. Seine Exzellenz schritt mitten durch die Räume, wo es überall leer war, unter den Kronleuchtern hin, die, in Drillich eingebunden, schwer herniederhingen wie gefüllte Säcke. Vor der hintersten Tür, die angelehnt war, blieb er stehen. »Was will er hier,« erklang eine Stimme, die vor Zorn zischte in ihrer Lähmung, »was will er hier? Ich will ihn nicht sehen. Ich habe es Ihnen gesagt.« »Herr Konferenzrat dürfen sich nicht aufregen,« sagte Fräulein Erichsen still, wie jemand, der die Macht hat. »Bitte, Exzellenz,« sagte sie, und sie ging. Seine Exzellenz blieb vor dem Konferenzrat stehen, der in seinen Stuhl hinter der herabgelassenen Gardine zurückkroch, als wolle er seinen Kopf voller Schwären verbergen. »Du willst mich nicht sehen,« sagte Hvide. »Es hat dich keiner geholt,« lallte der Konferenzrat mit seiner dicken Zunge. »Ich hörte, es sei schlimmer geworden,« sagte Seine Exzellenz, der sich der herabgezogenen Gardine näherte. »Laß die Gardine in Ruh,« sagte der Konferenzrat und hob die linke, mißgestaltete Hand. »Ich muß sehen,« sagte die Exzellenz und rollte die Gardine auf, daß plötzlich das ganze Licht hereinfiel über den aufgeschwollenen Kopf des Konferenzrats, in dem, mitten in der Eiterung, das linke Auge herausstand, oder förmlich heraushing aus seiner Höhle, wie bei den mißgestalteten Tieren, die die Prähistorie unseres Erdballs kennt. »Es geht dir nicht gut,« sagte Seine Exzellenz, der mitten im Licht stand. Der Konferenzrat hob das rechte und gesunde Auge zu ihm auf, mit dem Blick eines Tieres, das die Stricke sich um seine Glieder winden fühlt. »Mir geht es so wie immer,« sagte er mit ganz dicker Zunge. Seine Exzellenz knüpfte die Gardinenschnüre in einen festen Knoten. »Ja so,« sagte er. Er nahm den Puls des Gelähmten und sah auf seine Uhr, ohne das Gesicht zu bewegen. Er sagte auch nichts, während er die Uhr wieder in die Tasche steckte und mit seinem eiskalten Daumen mit hartem Griff das Gesicht des Konferenzrats zu betasten begann, rings um das heraushängende, blinde Auge herum. Der Konferenzrat rührte sich nicht, von den Fingern der Exzellenz wie von einem Nagel gezwungen. »Tut es weh?« fragte Seine Exzellenz. Der Konferenzrat, der vor Schmerz in seine gelähmte Zunge gebissen hatte – seine Zähne hatte er – antwortete nicht. Seine Exzellenz ließ los. »Und die Beine?« fragte er. Der Konferenzrat, der fünfzehn Jahre jünger war als die Exzellenz und in der ruhmvollen Zeit des Familienarztes aufgewachsen war, wandte das gesunde Auge nicht vom Tisch fort, ehe nicht die Exzellenz sich bückte, als wolle er die Beine anfassen. »Sie sind wie gewöhnlich,« lallte er. »Kannst du noch zu deinem Geldschrank kommen?« sagte die Exzellenz und lachte, indem er auf den Krückstock wies, der an den Fensterrahmen gelehnt stand. »Du machst also noch Geschäfte?« Der Konferenzrat hob sein Auge zu ihm auf. »Die, die nicht abgewickelt sind,« sagte er, »unter anderm deine.« Ein plötzliches Jucken lief, ohne daß er selbst es wußte, über das Gesicht Seiner Exzellenz, ehe er, als habe er nichts gehört, sagte: »Du solltest dich schonen.« Und er fügte hinzu, während er fortwährend mit der einen Krücke gegen den Fensterrahmen schlug: »Es ist Zeit. Das kann ich dir sagen.« Es war einen Augenblick ganz still, während Seine Exzellenz den Blick von dem Kranken weg in das Zimmer schweifen ließ, über den mächtigen Schreibtisch hin, wo nichts zu finden war außer dem ererbten Lederbeutel mit Kupfer und dem goldenen Schreibzeug, einer Erinnerung an das bekannte Wohltätigkeitswerk, das den Weg des Konferenzrats gekennzeichnet hatte – hin zu den Stühlen, die wie eine Wache längs der Wände standen, und den zwei Paneeltüren, die dicht beieinander waren. »Ich tue, was ich will,« sagte der Konferenzrat, und seine Sprache war unter einer übermäßigen Anstrengung beinahe deutlich geworden. Es klopfte an die eine Paneeltür – erst schwach, dann lauter. »Kratzt er immer noch hier?« rief Seine Exzellenz, die es plötzlich hörte. »Herein.« Und die Tür ging auf, während eine Mannsperson bestürzt hereinkam. Er war lang und trug schwarze, verschliffene Kleider. Man dachte unwillkürlich, daß er nichts weiter an Körper besäße als seine bleichen Hände. Dem Konferenzrat war es fast gelungen, sich zu erheben. »Gehen Sie, gehen Sie – was wollen Sie ...?« Und die Tür schloß sich wieder. Die Exzellenz lachte und hatte den Griff der einen Krücke umfaßt. »Also du wucherst noch? Also deine Säcke sind noch nicht gefüllt genug?« Seine Exzellenz stieß mit der Krücke gegen den Tisch des Bankiers. »Aber du nimmst dein Gold aus deinem eigenen Sarge, das will ich dir sagen.« Der Konferenzrat war zum Stehen gekommen, auf seine Krücke und seinen rechten, gesunden Arm gestützt. »Das geht dich nichts an,« sagte er, und fast seine ganze Stimme hatte er wieder. Die Exzellenz betrachtete einen Moment das entstellte Gesicht, das springen zu wollen schien unter dem zuströmenden Blut. »Nein,« sagte er und wandte sich ab. »Und du,« rief der Kranke, der sich gewaltsam auf den Tisch stützte, »du bleibst von hier fort. Ich brauche Ole Hvide auch nicht mehr.« Der Konferenzrat hatte den Vornamen betont, der einst im Klange des Namens Seiner Exzellenz gewesen war wie der Schnörkel unter einem Namenszug, und Seine Exzellenz wandte sich ab wie unter einem Stoß. Aber als er sprach, klang die Stimme ruhig. »Wahrscheinlich hast du recht,« sagte er und preßte die Krücke, die er noch in der Hand hielt. Und als fragte er nach dem Befinden eines Freundes, sagte er: »Die Hofjägermeisterin ist doch hier?« Das Auge des Konferenzrats wurde rot in dem Weißen, eine Sekunde lang hob er seine Krücke mit dem gesunden Arm, und der Arm zitterte ihm. »Hüte dich,« sagte er, und er rief die Worte in einem Atemzuge hinaus, »daß nicht die, die dich beerben sollen, Tränen vergießen.« Die Exzellenz hatte den Krückstock umfaßt, wie um sich zu wappnen gegen einen Schlag. Einen Moment erstarrte sein Gesicht. Dann war die Krücke geräuschvoll zu Boden gefallen, und er war gegangen. Seine Exzellenz sah Fräulein Erichsen in dem mittelsten Zimmer von ihrem Stuhl aufstehen, und er sagte, als sie auf ihn zukam: »Es geht ihm besser.« Die Runzeln, die Fräulein Erichsens Gesicht bedeckten, wie die Gittermaske den Fechter schützt, zitterten einen Augenblick. Dann sagte sie: »Gott sei Dank.« Und mit einem Lächeln, so unmerklich, daß es eben zu erraten war, sagte sie: »Das finde ich ja auch, Exzellenz.« »Grüßen Sie die Hofjägermeisterin, Erichsen,« sagte er nur. Und er ging. Fräulein Erichsen kehrte in die Zimmer zurück. Auf einmal lachte sie, kurz und hastig, mit einem Lachen, das nichts zu tun hatte mit ihrer Sprechstimme und das eine Sekunde lang die Runzeln ihres Gesichts zu verzerrten Falten verbog, die sie unwillkürlich mit den vom Golde schweren Fingern wieder glättete, bevor sie zum Konferenzrat hineinging. Der Konferenzrat saß in seinem Stuhl, die Krücke in der Hand. »Er soll nie mehr herein,« sagte er, und die Zunge schlug bei jedem Wort aus dem Munde. »Es geschieht ja, wie Herr Konferenzrat wünschen,« sagte sie; und als sie ihm die Krücke aus der Hand nahm, fühlte sie, wie er noch bebte. Sie betrachtete ihn von der Seite, wie er im Licht dasaß – und sie hatte genau denselben Blick in den Augen, wie Exzellenz ihn hatte, als er seine Uhr betrachtete, während er den Puls des Konferenzrats fühlte. »Ziehen Sie die Gardine hinunter,« sagte der Konferenzrat, der das Licht empfand – oder ihren Blick – wie ein an den Händen gefesselter Mann einen Mückenschwarm. »Erst die Decke, Herr Konferenzrat,« sagte sie und bückte sich, um das Plaid fester um seine Knie zu legen. Dann richtete sie sich auf und löste den Knoten der Exzellenz. Sie behielt, während die Gardine herunterrollte, die weiße Schlinge in der Hand – um keinen Lärm zu machen. Sie ging zurück an den Tisch und sagte: »Es ist Freitag, Herr Konferenzrat.« »Ja.« Er zog die Schlüssel hervor, zog eine Schublade auf und öffnete einen eisernen Kasten darin. In dem Kasten lag Geldrolle an Geldrolle, in weißes Papier gewickelt. Da war nur Gold. Der Konferenzrat nahm eine Rolle und wollte das Papier öffnen. Aber er konnte es nicht aufbekommen, und Fräulein Erichsen mußte ihm helfen, so daß die Goldstücke in seine flache Rechte flossen. Mit der gelähmten Linken machte er einen Versuch, als wolle er sie zählen, aber er vermochte es nicht. Da ließ er sie auf den Tisch fallen – sie fielen langsam, vielleicht weil seine Hand feucht war, Geldstück auf Geldstück. »Es geht ja immer mehr drauf in der Woche, wenn die Hofjägermeisterin in der Stadt ist,« sagte Fräulein Erichsen, die die fallenden Goldmünzen verfolgte. Sie hatte ihre auffallend weiße Hand auf den Tisch gelegt, sehr dicht neben die des Konferenzrats, um das Geld aufzunehmen. Der Konferenzrat richtete den Blick vom Golde fort, auf die Weiße der Hand. »Ja,« sagte er und drückte plötzlich das Gold in die Hand des Fräuleins, die er ergriff. »Jetzt sollten Herr Konferenzrat ruhen,« sagte Fräulein Erichsen und machte ihre Hand frei. »Nein, lassen Sie Hansen hereinkommen.« »Jetzt, Herr Konferenzrat?« »Ja, es eilt.« Fräulein Erichsen ging durch das Zimmer und öffnete die Paneeltür: »Hansen,« rief sie und schloß die Tür wieder. Sie blieb mitten im Zimmer stehen. »Herr Konferenzrat sollten vorsichtig sein,« sagte sie – und man wußte nicht recht, ob sie seine Gesundheit meinte oder das Geschäft, das seiner wartete – und ging auf die große Tür zu. »Das weiß ich.« Fräulein Erichsen ging. Hansen schlich sich zur Paneeltür herein. Er trug einen Haufen Papiere in der Hand. Der Konferenzrat wandte ihm sein Auge zu. »Ist es in Ordnung?« fragte er, und seine Stimme wurde auf einmal wieder deutlich, wie vorhin, als Seine Exzellenz; da war. »Ja.« »Alles?« »Ja.« Der Konferenzrat griff nach den Dokumenten. »Lassen Sie mich sehen,« sagte er. Sein sehendes Auge wurde größer, während seine gesunde Hand in den Papieren blätterte, die mit Gerichtssiegeln und Stempeln bedeckt waren. »Ja, die Hypothekenbriefe sind hier,« sagte er. Er behielt die Dokumente einen Augenblick in der Hand. »Dann kann der Betrag abgeschickt werden,« sagte er. Herr Hansen, der die ganze Zeit zwei Ellen vom Tisch entfernt stand, sagte: »Herr Hans Hvide kommt selbst um zwei Uhr.« Der Konferenzrat ließ seine Papiere los. »Ist er hier?« sagte er, und seine Stimme wurde auf einmal wieder undeutlich. »Er ist heute morgen gekommen.« Herr Hansen fand, heute sei der Konferenzrat ganz elend, auch die rechte Hand zitterte ja dem Konferenzrat. »Ich will ihn nicht sehen,« sagte der Konferenzrat. »Bezahlen Sie das Geld aus, und lassen Sie ihn quittieren.« »Sehr wohl, Herr Konferenzrat.« »Aber dies da will ich kuwertiert haben,« sagte der Konferenzrat. »Jetzt?« »Ja,« sagte der Konferenzrat. Herr Hansen ging und kehrte mit einer großen schwarzen Mappe zurück, die er vor den Konferenzrat hinlegte. Auf dem Einband stand, auf einem Etikett, der Name Hvide in schwarzer, steiler Schrift. »Wo ist das Kuwert?« »Hier, Herr Konferenzrat.« »Legen Sie die hinein,« und der Konferenzrat zeigte auf die Papiere. Herr Hansen tat es, während das Auge seines Herrn seinen Händen folgte. »Holen Sie nun den Kandelaber.« Herr Hansen holte den Kandelaber von der Konsole und zündete das eine Licht an. Er brachte auch Lack und das Petschaft. »Gut.« Der Konferenzrat hielt den roten Lack in das Licht, wo er hoch aufflammte, und ließ ihn auf das blaue Kuwert niederfallen. Ein paar rote Tropfen fielen auf den Tisch (ja, er zittert auch mit der rechten, dachte Herr Hansen), bevor ihm das Versiegeln gelang. »Öffnen Sie die Mappe.« Herr Hansen tat es. Der Konferenzrat legte das Kuwert zu oberst auf die vielen Papiere in der Mappe. Seine Hand blieb einen Augenblick schwer auf dem großen Haufen liegen. »Räumen Sie jetzt fort,« sagte er. Herr Hansen räumte fort, alles, bis der Konferenzrat wieder vor seinem leeren Tisch saß. »Rufen Sie das Fräulein herein,« sagte er. »Ja, Herr Konferenzrat.« Herr Hansen ging durch die große Tür, und Fräulein Erichsen kam herein. »Die Kissen, Herr Konferenzrat?« fragte sie. »Ja.« Fräulein Erichsen legte sie behutsam dem Konferenzrat in den Rücken und unter den Kopf. Während sie es tat, sagte er: »Die Sachen wären in Ordnung.« »Sitzen Herr Konferenzrat nun gut?« »Aber die Schillinge werden ihm nicht helfen,« fuhr der Konferenzrat fort, »dazu ist mehr nötig. Das Loch ist zu tief. Es ist nicht genug. Dazu ist mehr nötig.« Plötzlich versuchte der Konferenzrat zu lachen, mit einem Lachen, das wie der Schrei eines seltsamen Vogels klang. »Um das Loch zuzustopfen,« sagte er, »muß Ole Hvide seinen steifen Rücken beugen.« »Herr Konferenzrat behalten ja immer recht,« sagte Fräulein Erichsen und ging mit ihren behutsamen Schritten durch das Zimmer. Der Konferenzrat war allein in seiner Stube. Sein großer, unförmiger Kopf glich dem mißgestalteten Steinhaupt einer Sphinx.   Die Mutter war angekleidet. Sie hatte ihr Fenster der kalten, schneidenden Luft geöffnet. Der Vater hatte es von seinem Zimmer aus gehört. »Stella, deine Brust,« rief er. »Fritz, man muß Luft haben.« Und sie blieb stehen und sah hinaus in den schneeschweren Tag. »Jetzt haben sie Englisch.« Sie dachte an das »Weiße Haus« daheim und an die Kinder, deren Stundenplan und Tageslauf sie in Gedanken von Stunde zu Stunde verfolgte. »Und das Kleinste kann nichts,« dachte sie, und sie lächelte. Sie hörte den Vater seine Tür öffnen und schließen und gehen. Die Mutter sah zu den Wolken auf. Wie schwer die Wolken heute waren, Hagelwolken, fast wie die Gewitterwolken, wenn sie zu Hause über ihrem Garten zusammenzogen. Die Mutter erschauerte in dem kalten Luftzug, während sie drinnen im Zimmer des Vaters Arkadia mit ihren Gerätschaften rumoren und krachend die Fenster aufstoßen hörte. Plötzlich sah die Mutter in den Hof hinaus und hinüber zu den Kellerfenstern im Flügel: Bald tauchte das eine, bald das andere Männergesicht am Kellerfenster auf. Drei waren es. Ein schwarzes und zwei blonde. Und alle verdrehten sie die Augen und guckten nach oben. Nun war es der Blonde. »Ach so, es gilt nicht mir,« sagte die Mutter plötzlich ganz laut. Sie hatte Arkadia gesehen, die sich, nicht vier Ellen von ihr entfernt, weit aus dem Fenster des Vaters hinauslehnte. Sie ging ein wenig vom Fenster zurück, während sie, in munterem Staunen, auf die Mannsfiguren hinuntersah, die alle abwechselnd zu einem und demselben weiblichen Wesen emporguckten. Plötzlich hörte sie den Wagen Seiner Exzellenz im Portal und sah ihn in den Hof einrollen. »Nein, Kinderchen,« sagte sie, »der Gaul hinkt wieder.« Und sie lachte. Johann war von seinem Bock heruntergestiegen. Der Einbeinige stand daneben und betrachtete die Pferde. »Der macht's nicht lange mehr,« sagte er. »Kann wohl sein,« sagte Johann und sah den Medaillenmann scharf an. »Guten Morgen, Johann,« rief die Mutter von hoch oben aus ihrem Fenster. Es klopfte an die Tür. Es war der Vater. »Nun komme ich,« sagte die Mutter und ging hinaus. Zusammen gingen sie die Treppe hinunter und hinein zu Seiner Exzellenz. Mitten in der Tür lachte die Mutter. »Nein,« sagte sie, »ich werde niemals den menschlichen Appetit begreifen.« Sie hatte auf einmal in Gedanken wieder den blonden Kopf am Kellerfenster auftauchen sehn. Der Vater antwortete nicht, sein Gesicht blieb unbeweglich, und über Mutters Züge fiel plötzlich ein müder Schatten. Seine Exzellenz öffnete seine Tür. »Georg, die Briefe,« rief er. »Guten Morgen, Kind,« sagte Seine Exzellenz, als er die Mutter sah, und seine Stimme bekam einen andern Klang. »Guten Morgen, Grandpapa,« antwortete sie und bückte sich, während Seine Exzellenz sie mit den kalten Lippen auf die Stirn küßte. Alle drei gingen sie in das vorderste Wohnzimmer, wo Ihre Gnaden in einer Moireemantille am mittleren Tisch saß. Seine Exzellenz sah nach ihr hin – mit demselben fast ängstlichen Blick wie am Morgen. – »Brahes lassen grüßen,« sagte er und bückte sich, um seine Lippen an ihr Haar zu führen. Ihre Gnaden senkte schroff den Kopf. »Guten Morgen,« sagte sie, während die Mutter ihr flüchtig die Hand küßte. »Wieviel Grad haben wir hier?« fragte sie sehr laut. Und die Gesellschaftsdame ging zu dem aufgehängten Thermometer, um die Temperatur abzulesen. ... Georg hatte auf dem Tisch Seiner Exzellenz die Briefe zurechtgelegt. Zweiter Teil Seine Exzellenz hatte sich an den Tisch vor die Briefe gesetzt. Der dritte, den er nahm, fiel ihm wieder aus der Hand. Dann stand er auf, drehte die Schlüssel in beiden Türen um und setzte sich wieder. Das Gehen wurde ihm etwas schwer, aber es war ja auch schon spät am Tage für Seine Exzellenz. Er nahm wieder den dritten Brief, und mit einem Messer schnitt er das Kuwert auf. Seine Hände zitterten nicht mehr, und die Brille hatte er abgerissen, so daß er mit seinen bloßen Augen las: Thorsholm, den 26. Februar. Lieber Papa. »Ich danke für die letzten Schreiben, die in meine Hände gelangt sind und die, wie gewöhnlich, kurz waren. Ich habe Dich oft gebeten, Papa, wenn Du nicht selbst schreiben kannst, was verständlich ist, dann meinem Sohne Fritz zu diktieren, der, wenn sein Herr Kammerdiener seine bedeutungsvolle Arbeit beendet hat, sicherlich Zeit übrig hat. Was die Dinge angeht, die er dabei ganz sicher erfahren würde, so hat sein Vater nichts zu verbergen, wofern Du nicht wünschen solltest, daß er der Prachtband mit Goldverschluß bleibt, der er durch Deine Fürsorge geworden ist, ich weiß nicht in welcher Absicht. Die beigelegten Beträge sind eingetroffen, reichten aber, wie Du verstehen wirst, nicht aus für die angegebenen und in Frage kommenden Ausgaben, ohne daß ich nicht selbst und mit Hilfe des Anwalts nach andern Auswegen suchen müßte. Aber daran bin ich ja gewöhnt, und ich werde um der armen Mama und um der Meinen willen den Kampf auch nicht aufgeben, so schwer er auch ist.« Die vorgeschobene Unterlippe Seiner Exzellenz zitterte – zum zweiten Male –, aber er las weiter: »Du schreibst: Von Deinen Erklärungen will ich verschont bleiben. Wenn ich auch sehr wohl Deinen Wunsch kenne, verschont zu bleiben, zum wenigsten von allem, was mich betrifft, so muß ich doch diesmal Dir mit ein paar Erklärungen zur Last fallen, die ich Dich bitten muß zu lesen, da die Lage sich kaum mehr halten und nicht länger verheimlichen lassen wird, nicht einmal vor Mama, trotz meinen Anstrengungen. Ich habe, wie Du weißt, mir niemals eingebildet oder geglaubt, daß ich irgendwelche Begabung oder irgendwelches Talent für die Landwirtschaft hätte. Aber nachdem ich während einer Operation, die Dir mißlang, ohnmächtig geworden war und Du erklärt hattest, daß Dein Sohn nicht Arzt werden dürfe, wenn er kein Blut sehen könne, ging ich den Weg, den Du wohl für den angemessensten hieltest, natürlich auch deshalb, weil er in den ersten Jahren, während Bruder Fritz und Frau Stella sich im Auslande aufhielten, damit Fritz die Übersetzung Deiner Schriften fördern konnte, weniger kostete. Jedenfalls wußtest Du ja besser als alle, was es heißen will, einen großen Namen zusammen mit einer Tätigkeit zu erben, und es stand bei Dir zu entscheiden, was für mich das vorteilhafteste war, selbst wenn ich meiner Liebe zur ärztlichen Wissenschaft entsagen und in einer schwierigen Zeit Landmann werden mußte, aber wenigstens eine Stellung einnahm, wo ich Deinem Ansehen nicht hinderlich war. Es ist leider überflüssig, von den Gütern zu reden, deren Ankauf Du ja trotz allen meinen Bitten fortwährend hast durch Glud bewerkstelligen lassen, der auch Annebygaard kaufte, kurz bevor er Etatsrat wurde. Doch in Dein Verhältnis zu Konferenzrat Glud werde ich mich nicht mischen, obwohl dieses Verhältnis, wie Du vielleicht zugeben wirst, von Anfang bis zu Ende über mich hergegangen ist, indem ich vier Jahre, nachdem ich Annebygaard bekommen hatte, Thorsholm übernehmen mußte, dessen Hauptgebäude zu restaurieren genau so viel erforderte, wie die ganze Kaufsumme betrug, bevor Mama da wohnen und zum wenigsten im Sommer für ihre Person ein wenig Ruhe haben konnte. Wenn Du mich dagegen eine Pacht hättest übernehmen lassen – aber eine Pacht war natürlich weniger passend für einen Jägermeister –, so hätten doch die Mittel, die Du mir bewilligen zu können meintest, ausreichen können und wären mit einem Male gegeben worden, wodurch ich freier dagestanden hätte und wodurch vor allem die arme Mama nicht einer täglichen Sorge und Angst um mich und die Meinen preisgegeben wäre. Doch Dein bekanntes weites Herz hat ja immer viele gefunden, denen Du gibst und gibst.« Die Hand Seiner Exzellenz erbebte wie mit einem Ruck, und die Adern an seinen Schläfen waren geschwollen wie geknüpfte Stricke, aber er las weiter. Es war jemand an der Tür. »Wer ist da?« rief er. »Seine Exzellenz liest die Post,« sagte Georg auf dem Flur zu dem Vater, der die Klinke losließ. »Ihre Gnaden klingelt,« sagte der Vater, und Georg ging. Ihre Gnaden hatte schon zweimal auf die silberne Glocke auf ihrem Tisch geschlagen, während die Gesellschaftsdame mit ihrer gefügigen Stimme fortfuhr, aus der aufgeschlagenen Zeitung »Wohnungen« vorzulesen, ohne innezuhalten: »Herrschaftliche Wohnung, elf Zimmer, aller Komfort. Fredericiagade 16, zweites Haus von der Bredgade aus. Näheres beim Portier.« »Wo war das?« fragte Ihre Gnaden. Die Gesellschaftsdame gab Antwort. »Ja, wenn es einem gelänge, eine Beletage zu bekommen,« sagte Ihre Gnaden, »aber Hvide sagt ja, er kann die Treppen nicht vertragen.« »Weiter.« Die Gesellschaftsdame las wieder: »Herrschaftliche Wohnung, zehn Zimmer, Anrichtezimmer, Badezimmer usw., Beletage. Bredgade 60. Näheres beim Portier. »Da hat Legationsrat Duus gewohnt,« sagte Ihre Gnaden, und sie setzte hinzu – die Legationsrätin war dort gestorben, und Ihre Gnaden reflektierte nicht auf Wohnungen, in denen ihres Wissens Todesfälle vorgekommen waren –: »sonst wäre es da schön.« Georg war eingetreten. »Legen Sie mir die Decke um,« sagte sie, und als Georg sich gebückt hatte, um ihr die Decke über die Knie zu legen, sagte sie, während die Gesellschaftsdame weiterlas: »Wo ist Seine Exzellenz?« Georg, der mit den gekrümmten Fingern über die Decke strich, sagte: »Seine Exzellenz liest die Post;« und indem er den Kopf hob und Ihre Gnaden ansah, setzte er hinzu, und dabei warf er plötzlich die Lippen auf, daß seine beiden einzigen Zähne sichtbar wurden – sie glichen den Nagezähnen einer Ratte –: »Es war ein Brief vom Herrn Jägermeister dabei.« Georg verbarg mit der Lippe wieder seine beiden Zähne und richtete sich auf. »Er kann gehen,« sagte Ihre Gnaden, die an ihrem Geldbeutel herumfingerte und auf einmal mit dem Taschentuch ihre Schläfen trocknete, die feucht geworden waren. Die Gesellschaftsdame hatte aufgehört zu lesen. »Warum lesen Sie nicht mehr?« fragte Ihre Gnaden und hörte nicht, was das Fräulein antwortete. Plötzlich sagte sie: »Holen Sie Sophie;« und hielt mit einem Griff ihrer Hand die Mantille zusammen, während sie ohne Stütze durch die Räume in das Schlafgemach ging. Sie hatte ihre Schatulle geöffnet und saß, die Hände im Schoß, vor einem kleinen Holzschrein, der auf der Klappe stand, als Sophie in das Schlafgemach trat, wo die Gardinen herabgelassen waren und halbe Dunkelheit herrschte. »Der Jägermeister hat geschrieben,« sagte sie mit heiserer Stimme. »Ja,« antwortete Sophie, deren schwarze Haubenbänder unterm Kinn wie ein paar dunklere Schatten im Dunkel abstanden. Ihre Gnaden legte die Hände übereinander: »Ich muß wissen, was er schreibt,« sagte sie. Es war ein paar Augenblicke still im Dunkeln. »Ihre Gnaden müßten warten,« sagte dann Sophie. »Ja,« antwortete Ihre Gnaden und rührte sich nicht. Und sie fragte nach dem Mittagessen, und hinten aus dem Dunkel heraus nannte ihr Sophie Gericht auf Gericht. »Das kann wegfallen,« sagte Ihre Gnaden und unterbrach die Dienerin, die eben ein Zwischengericht nannte. Sophie wollte antworten, doch sie sagte: »Er merkt es nicht. Er weiß nie, was er selbst ißt.« Sophie nannte das Dessert. »Dann verlangst du Geld,« sagte Ihre Gnaden. »Ich habe gestern Geld bekommen.« »Das hat er vergessen,« sagte Ihre Gnaden. »Ich habe es von Georg bekommen,« sagte Sophie, die immer noch im Dunkeln stand. »So hol es dir von Exzellenz selbst, wenn Georg meldet,« sagte Ihre Gnaden im Befehlston. Sophie blieb noch stehen, obwohl nicht mehr gesprochen wurde. Die Gedanken Ihrer Gnaden waren anderswo, oder sie waren ganz dorthin gewandert, wo sie die ganze Zeit gewesen waren, während ihr Gesicht fast wie verzerrt war von Schmerz oder von Ekel, wobei ihre dünnen Lippen ihre Fülle wiederzubekommen schienen. »Aber ich,« sagte sie, »ich werde gequält, und ich muß zahlen,« und sie schlug mit der Hand zweimal auf die Schatulle. Sophie antwortete nicht, sondern sah auf das Gesicht ihrer Herrin wie jemand, der längst alles verstanden hat. »Aber kein Mensch kennt Hvide,« sagte Ihre Gnaden, deren Lippen wieder schmal geworden waren wie immer; und sie machte mit der Hand ein Zeichen, daß die Dienerin gehen könne. Als die Tür geschlossen war, nahm Ihre Gnaden einen Schlüssel hervor und öffnete den Schrein, der vor ihr stand. Mit der Hand zählte sie ihre Banknoten, ohne sie aufzunehmen, indem sie sie gegen den Boden des Schreins hielt. Die Mantille hatte sich gelöst. Sie fiel nieder von ihrem Rücken, nieder über den Stuhl und zu Boden, so schwer, als sei sie von Eisen. Es klopfte an die Tür – und noch einmal. »Wer ist da?« rief Ihre Gnaden, die den Schrein geschlossen hatte und Kraft genug besaß, selbst die Mantille von der Erde aufzunehmen und umzulegen. »Das Frühstück ist fertig, Eure Gnaden,« sagte die Gesellschaftsdame in der geöffneten Tür. »Ich komme.« Ihre Gnaden ließ sich von dem Fräulein stützen, während sie die Zimmer durchschritt. Während Georg am Mitteltisch das Frühstück anrichtete, riß Seine Exzellenz die Tür zu seinem Zimmer auf. Ihre Gnaden und die Gesellschaftsdame hatten ihre Augen zu gleicher Zeit erhoben und schlugen sie wieder zu Boden. »Ich soll grüßen,« sagte er, und seine Stimme war ganz ruhig. »Von wem?« fragte Ihre Gnaden, während die Gesellschaftsdame, die die Schultern in ihrem Lehnstuhl zusammendrückte, den Blick nicht von der Gabel wandte, die in der Hand Ihrer Gnaden zitterte. »Von Hans.« Es war einige Augenblicke still. Seine Exzellenz stand am Fenster. »Was schreibt er?« fragte Ihre Gnaden, die sich fortwährend zum Essen zwang. »Wie gewöhnlich.« Es war, als würden die Pupillen Ihrer Gnaden größer, während sie fortwährend die Exzellenz betrachtete, dessen Gesicht sie von der Seite sah. »Und die Kinder?« sagte sie. »Es geht ihnen gut.« Die Exzellenz war fünf Schritt gegangen. »Gesegnete Mahlzeit, Hvide,« sagte Ihre Gnaden und reichte ihre beiden Hände, deren Linie an den Handgelenken noch immer schön war, ihrem Manne hin. Er ergriff sie, und hastig neigte er sich nieder und küßte sie auf die Stirn, mit genau derselben Bewegung, mit der er zu essen pflegte. Ihre Gnaden fuhr fort zu lächeln. »Er kann abnehmen,« sagte sie zu der Gesellschaftsdame. »Du ißt nicht genug,« sagte Seine Exzellenz. »Dazu sind andere da, Hvide,« sagte Ihre Gnaden mit etwas veränderter Stimme. Georg verbeugte sich vor Ihrer Gnaden mit einer Karte auf einem Tablett. »Harriette ist da,« sagte sie. »So.« »Lassen Sie die Marschallin eintreten.« Georg öffnete die Tür, und Frau Harriette trat ein, in Samt und Pelzwerk gehüllt. »Morgen, Tante,« sie küßte Ihre Gnaden auf die Stirn. »Ja, da habt ihr mich.« Mit strahlendem Gesicht ging sie auf die Exzellenz zu: »Guten Tag, Onkel Hvide.« »Guten Tag, Kind,« sagte er und berührte flüchtig die Wange der Marschallin mit seinen Lippen, als habe er sie gestern gesehn und als existiere zwanzigjährige Abwesenheit nicht für ihn. »Wie ich mich darauf gefreut hatte, dich zu sehen,« sagte die Marschallin und fühlte sich plötzlich verwirrt, oder als sei es irgendwo in ihrem Herzen leer geworden. »Wir haben uns auch darauf gefreut, dich zu sehen,« sagte Ihre Gnaden und bot mit der Hand Frau Harriette einen Stuhl. »Und du bist ganz dieselbe.« »Dieselbe ...« Es war, als ob das Wort »Dieselbe« den Ausdruck in die Augen der Marschallin zurückrief, aus denen er ein paar Sekunden lang wie verschwunden gewesen war. »Ach ja,« sagte sie, »es könnte so aussehen, wenn man im Überzeug steckt.« Und die Marschallin begann, in konversierendem Tonfall, von ihrer Reise zu sprechen und von Wien, und plötzlich sagte sie: »An dich habe ich Grüße, Onkel Hvide,« und sie nannte ein paar große Kollegen in Österreichs Hauptstadt. Die Exzellenz sagte: »Morden die immer noch?« »Ja.« Lachend sagte er: »Das ist auch meine einzige Beschäftigung geworden,« und vielleicht halb in einem andern Gedankengange – denn der Ausdruck in seinem Gesicht war verändert – setzte er hinzu: »Wir morden, und wir werden gemordet.« »Was sagst du?« fragte Ihre Gnaden, deren Augen, sobald sie nicht sprach, wie suchend rings im Zimmer umherliefen. »Wir sprechen von Wien,« sagte Seine Exzellenz, sich erhebend. »Und du schreibst immer noch, Onkel Hvide,« sagte Frau Harriette, und während fast derselbe Glanz in ihre Augen trat wie vorhin, als sie zur Tür hereingekommen war, setzte sie hinzu: »Wie rührend das war, daß du an mich gedacht hast mit allen deinen Büchern.« Ihre Gnaden lächelte plötzlich und unterbrach dann ihr eigenes Lächeln. »Ja,« sagte sie, »Hvide denkt an all seine Freunde.« Und als ein paar Augenblicke verstrichen, ohne daß jemand redete, begann Ihre Gnaden vom Bischof Martensen zu sprechen, während Georg auf dem Tablett zwei Visitenkarten überbrachte, die beim Pförtner abgeliefert worden waren, und die Marschallin sagte: »Tante, kann ich ein wenig frühstücken bei dir?« Auf einen Blick Ihrer Gnaden sagte Georg, sich verbeugend: »Herr und Frau Hvide gehen soeben zu Tisch.« »Dann lauf ich hinein zu ihnen,« sagte die Marschallin und küßte wiederum die Tante auf die Stirn, bevor sie ging. Das Gesellschaftsfräulein hatte sich in dem kleinen Wohnzimmer an ihre Arbeit gesetzt, dicht hinter die geöffnete Tür. Sie nähte viele winzige Flicken, die im ganzen Hause zusammengesammelt waren, aneinander zu großen Decken, Flicken an Flicken. Ihre Gnaden hatte ihre Mantille am Halse gelockert, und sie fragte Seine Exzellenz: »Wirst du Hans antworten?« Aber er hörte es nicht. Ihre Gnaden fragte nicht mehr. Seine Exzellenz war hineingegangen. Unbeweglich, mit Augen, die wohl kaum etwas sahen, starrte er vor seinem Tisch vor sich hin, auf die Familienbilder oder auf die leere Wand ... »Nein, Harriette, Harriette« – und die Mutter sprang auf, als die Marschallin ins Speisezimmer kam – »bist du es?« Sie küßte die Marschallin zweimal. »Fritz, wir müssen ihr gleich ins Gesicht sehen,« sagte sie und führte Frau Harriette zum Fenster hin. »Ja, du bist noch ganz die alte,« sagte die Mutter und küßte sie wieder. »Und du auch,« sagte die Marschallin und lächelte. »Ja,« sagte die Mutter, »ist es nicht seltsam, daß es Menschen gibt, die sich nie verändern können?« »Und du bist auch derselbe, Fritz,« sagte die Marschallin. Sie war zwei Schritte auf ihn zugegangen, und vielleicht war es nur das veränderte Licht, das sie ein wenig blasser erscheinen ließ, während sie dem Vater die Hand reichte. »Willst du was zu essen haben?« sagte die Mutter, »ah, du, wir haben heute Empfang und Diner.« Sie klingelte. Die Marschallin wußte von dem Diner; sie wollte selbst teilnehmen. »Aber was ist das für ein Diner?« fragte sie. »Ich weiß nicht,« sagte die Mutter, während sie sich zu Tisch setzten; »es ist ein Galadiner für den Grafen Eck, der abreist ... Wo will er doch gleich hin?« fragte sie den Vater. »Nach Anhalt,« sagte der Vater, »im Auftrag der Krone.« Ein junger Mann kam herein und reichte die Koteletten herum. Er war groß und sehr schlank, in der Hvideschen Livree, die ihm so stramm saß, daß man glaubte, man müsse seine Rippen sehn können. »Was ist das für ein schöner Armenier?« sagte die Marschallin, als er hinausging. »Das ist der Diener meines Neffen,« sagte der Vater. »Ah.« Die Marschallin legte die Hände in den Schoß, »wie herrlich ist es doch, daß man nach Hause gekommen ist.« »Und herrlich, daß man dich zu sehen kriegt,« sagte die Mutter und umfaßte ihren Teller mit beiden Armen. Sie schwieg einen Augenblick, dann sagte sie: »Als du fortgingst, waren wir jung;« und ein plötzlicher Schatten fiel über ihr Gesicht in dem Moment, als sie schwieg. »Ja,« sagte die Marschallin, »da waren wir jung.« Sie lächelte einen Augenblick. »Wie war es wunderschön zu Hause.« Wieder schwieg sie. Und dann sagte sie mit groß geöffneten Augen: »Wißt ihr, was ich nie vergessen kann? Wie der Rasen grün war zu Hause. Diese schönen, schönen Rasenflächen,« sagte sie. »Und der Hopfengarten,« sagte die Mutter und öffnete kaum ihre Lippen dabei. Und sie begannen, von allen denen daheim zu sprechen, vom Pastor und seiner langbeinigen Tochter; vom Gutsverwalter und den rothaarigen Mädels, die immer gleiche, aus einem Stück genähte Kleider trugen, und von der Allee, die zum Gut hinaufführte und wo sie immer auf Stelzen gingen. »Herr Gott,« sagte die Marschallin, »der alte Anders, der Lakai, der ist also tot.« »Aber er zitterte doch auch schon am ganzen Körper, wenn er unsre Stelzen halten sollte.« Frau Harriette lachte. »Ja, da saßen sie, der Anders und der Jens.« »Jeder vor seinem Hause gleich bei der Einfahrt,« sagte die Mutter. »Und keiner konnte sie von da wegbringen,« setzte sie hinzu. Die Marschallin und die Mutter lachten beide, und die Marschallin hob ihre Arme. »Nein, denn sie starben ja nie, und ihnen den Abschied zu geben, das wagte keiner. Aber Herrgott,« sagte sie, und ihr Gesicht änderte seinen Ausdruck, »wie sie doch geweint haben bei Papas Begräbnis.« Alle drei schwiegen sie einen Moment, bis die Mutter anfing zu lachen: »Aber Harriette, weißt du noch, wie Jens in Storskoven dein weißseidenes Kleid in die Kremsertür einklemmte?« »Ach ja, das Weißseidene,« rief Frau Harriette. »Und Mama hatte nicht haben wollen, daß ich es anzog.« »O Gott, wie das zerfetzt wurde,« sagte die Mutter. »Ja.« »Du sprangst ja vom Wagen herunter, gerade als Jens die Tür zuschlug ... und bardauz! war das Kleid in zwei Fetzen ...« Die Marschallin lachte und lachte. Die Mutter mußte sich ins Zimmer stellen, um zu zeigen, wie die beiden Fetzen nachgeschleppt hatten. »Es war gräßlich,« sagte Frau Harriette, und indem sie plötzlich auf den Tischaufsatz zeigte, fragte sie: »Was sind das für Blumen?« »Die sind sicher aus Aalbygaard,« sagte der Vater. »Sie sind schön.« »Aber sie müssen weggenommen werden,« sagte die Mutter, »ehe sie fallen.« Der weiße Schnee der Blumen fiel schon auf das Tischtuch. »Aber,« sagte die Marschallin, die mit den Gedanken an die Blumen fertig war und zum Gut zurückkehrte: »Jens war doch am gelungensten zu Pferde.« »Ja, wie er saß, mit gespreizten Beinen und die Augen steif geradeaus.« Die Mutter lachte, und Frau Harriette lachte mit. »Aber du,« sagte sie, »das war ja auch, weil er den Keller unter sich hatte. Himmlischer Vater, was da draufging von Papas gutem Portwein.« Die Marschallin und die Mutter fuhren fort, von den alten Tagen zu sprechen, und es war, als strahlten die Jugenderinnerungen aus ihren Gesichtern. »Jens war stolz, wenn er auf dem Braunen hinter dem Stammherrn herhumpelte.« Der Vater sagte: »Berry war ein prächtiges Tier,« und sein Gesicht nahm plötzlich einen Ausdruck an, als säße er noch auf dem schönen Halbbluthengst. »Nein, aber Stella, weißt du noch,« sagte die Marschallin, »wie böse Papa wurde, als du damals alle Pferde in den Ständen im Stall durcheinandergestellt hattest?« »Es war doch noch schlimmer, als sie im Roggenfeld waren,« sagte die Mutter, die ihren Stuhl halb ins Zimmer hineingeschoben hatte. »Ja, als du sie losmachtest und sie alle sechzehn über die Koppel setzten, in den Roggen hinein und sprangen und fraßen und wieherten und dahinflogen – und Stella stand mitten in all dem Roggen und schrie und schwenkte ihren roten Schal wie toll, als Papa mit dem Stammherrn gerannt kam.« Die Marschallin war ganz erschöpft von der Erinnerung. »Aber wie entzückend du aussahst,« sagte sie zur Mutter, und indem ihre Augen wieder die Blumen in dem Aufsatz streiften, sagte sie: »Ja, sie fallen ab.« Das Gesicht des Vaters war unbeweglich geworden, als ob nach und nach aller Ausdruck darin schwände. »Und als du Rosenbraut warst,« fuhr Frau Harriette fort, »es war gerade in dem Jahr,« – die Marschallin sah zum Vater hinüber – »wo du von Bonn nach Hause kamst, Fritz, ... als alle Knechte und Mägde in französischen Trachten waren; 0, wie sie aussahen, als sie durch die Ehrenpforte heraufkamen. Das Stubenmädchen Margrethe voran, in grünem Leibchen mit roten Bändern ... Aber du wurdest Rosenbraut,« – die Marschallin begann zu lachen –: »Nein, wie war der Stammherr verliebt. Weißt du noch, Fritz, er betrank sich am Abend vor lauter Verliebtheit.« Frau Harriette lachte noch und änderte dann plötzlich den Ton: »Wie ich dich noch vor mir sehe, Stella, in dem Augenblick, wo du gekrönt wurdest, mitten auf dem grünen Rasen.« »Unter der Blutbuche,« sagte die Mutter. Sie hob das lächelnde Gesicht zum Vater auf und hatte plötzlich den Kopf wieder gesenkt. Der Vater saß aufrecht da. Sein Gesicht war dem Licht des Fensters zugewandt, wie ein leerer Spiegel. Die Marschallin sprach weiter. Mutters Gesicht war weiß geworden. Mit leicht zusammengekniffenen Augen, wie jemand, der einen äußersten Gedanken zu Ende denkt, starrte sie vor sich hin auf die weißen Blumen auf dem Tisch und sah sie plötzlich, wie sie auf das Tuch niederfielen, Blatt für Blatt, und wie sie nach dem Fall einschrumpften an den Rändern. Die Marschallin sprach noch immer von den Erinnerungen an Zuhause. »Ja, das war damals,« sagte sie. »Ja, damals,« sagte die Mutter. Der schlanke Diener setzte – mit beständig niedergeschlagenen Augen – die Fingerschalen hin. »Na,« sagte Frau Harriette, die seine schlanken Hände betrachtet hatte, »er pflegt sich.« Sie nahm ihr Glas Madeira. »Prost, Fritz,« sagte sie. »Prosit, Harriette,« antwortete der Vater und lächelte. »Ja, du bist dir gleich geblieben,« sagte sie und sah auf sein Gesicht. »Du auch,« antwortete der Vater. Die Marschallin sah plötzlich – und kaum eine Sekunde lang ging ein seltsames, flüchtiges Zittern über ihr Gesicht – das Grübchen in seinem Kinn, das Grübchen, das zum Vorschein kommen konnte, wenn er einem Weibe zulächelte. »O nein,« sagte sie, »die Jahre fegen uns allen ihren Staub ins Gesicht.« Der Vater stieß seinen Stuhl zurück, daß die Mutter zusammenfuhr. »Ja, Mahlzeit,« sagte sie und reichte der Marschallin ihre beiden Hände. »Küß die Hand,« antwortete die Marschallin, und langsam führte sie Mutters schöne Hände an ihre Lippen. Der Vater wollte keinen Kaffee trinken, und die Mutter und die Marschallin rückten ans Fenster. Sie saßen eine Weile beide schweigend da, nachdem der Vater gegangen war. Dann sagte die Marschallin, und sie fuhr gleichsam auf aus ihren Gedanken und sah von Wand zu Wand: »Aber daß es so weitergehen kann ...« »Was?« fragte die Mutter. »Das Ganze,« entfuhr es Frau Harriette. Doch die Mutter hatte es gewiß nicht gehört oder sie vielleicht nicht verstanden, und die Marschallin, die durch diese oder jene Gedankenverbindung auf Baron Brahes gekommen war, sagte: »Es ist doch furchtbar mit Emmely, wie schlecht es ihr geht.« »Mit wem?« »Emmely Brahe ... Aber hat Onkel Hvide dir das nicht gesagt?« »Nein,« sagte die Mutter und bekam plötzlich einen ganz roten Kopf. Der Diener kam herein, und indem er den armenischen Kopf neigte, meldete er, der Wagen der Frau Marschallin sei gekommen; und Frau Harriette fragte die Mutter, ob sie nicht mitfahren wolle, sie habe nur ein paar Besuche zu machen. »Ja, dann kann ich im Wagen sitzen bleiben,« sagte die Mutter, und sie gingen in die Zimmer hinein, um adieu zu sagen. »Denk dir, Harriette, diese Geduld,« sagte die Mutter und deutete auf die Flicken der Gesellschaftsdame. Die Gesellschaftsdame war von ihrer Arbeit aufgestanden. »Es kommt doch immer eine Art Decke heraus,« sagte sie. »Ja, schließlich,« sagte die Mutter. Sie gingen ins Wohnzimmer zu Ihrer Gnaden, deren Gesichtsausdruck hastig wechselte, als sie kamen – und sie gingen weiter, zu Seiner Exzellenz hinein. »Ja, adieu, Onkel Hvide. Nun gehen wir, bis wir wiederkommen,« sagte die Marschallin und legte beide Hände um seinen Kopf und küßte ihn. Seine Exzellenz rührte sich nicht. »Adieu.« Sie fuhren die Straße entlang, als die Marschallin, die noch durch ihre Handschuhe hindurch förmlich die Marmorkälte des Kopfes Seiner Exzellenz spürte, sagte –: »Aber Onkel Hvide ist alt geworden.« »Das ist vielleicht nur heute,« sagte die Mutter. »Warum?« Die Mutter antwortete nicht. Sie betrachtete den fallenden Schnee, bis sie plötzlich sagte: »Ja, wenn man weit fortreisen könnte.« »Weit fort?« Die Marschallin wandte die Augen der Mutter zu und schlug sie wie mit einem Ruck wieder nieder. »Weit fort,« wiederholte sie, und es sah fast aus, als ob ihre Lippen in irgendeiner unwiderstehlichen Gemütsbewegung zitterten. »Es bleibt das gleiche,« sagte sie. Die Mutter sah weit hinaus über den Schnee. »Ja,« sagte sie und schloß auf einmal die Augen. »Warum sollte es wohl anders werden?« Beide saßen sie schweigend nebeneinander, während der Wagen durch die Straßen fuhr, bis er anhielt und die Marschallin ausstieg. Die Mutter blieb im Wagen sitzen. Die schweren Lider fielen halb über ihre schmerzlich starrenden Augen herab. Frau Harriette kam zurück, und sie fuhren weiter, als die Mutter halb rief: »Da ist Hans.« Sie hatte einen Herrn im Pelz gesehen, der in den Wagen hineinsah und hastig den Kopf wieder abwandte. »Ist er hier?« fragte die Marschallin und drehte rasch den Kopf. »Aber nein, das ist ja unmöglich,« sagte die Mutter, »er hat ja heute geschrieben.« Sie saßen eine Weile. Dann sagte die Marschallin: »Ist es noch immer dieselbe Geschichte mit Hans?« »Es ist eher noch schlimmer.« Die Marschallin nickte. »Ich hatte es ja gehört,« sagte sie mit einem Seufzer. Der Wagen hielt vor dem Portal der Exzellenz, und die Mutter ging hinein. »Sagen Sie nur, ich sei gekommen,« sagte sie zu Georg, als geöffnet wurde, und sie ging in ihre Zimmer hinauf. Georg schloß die Tür der Exzellenz. Ihre Gnaden schlummerte schon in ihrem Stuhl, drinnen im Wohnzimmer. Die Gesellschaftsdame hantierte lautlos mit ihren Flicken. »Ach ja, ach ja,« stöhnte Seine Exzellenz im Schlaf. Der schlanke Diener, der die hellblauen Ärmel aufgestreift hatte, daß man fast die Hälfte von seinen sehr weißen schönen Armen sah, stellte langsam Kristallschalen auf den Tisch im Speisezimmer. Die Tür ließ er offen, während er ab- und zuging. Die Bornholmer Uhr holte langsam aus zu Minute auf Minute. »Ach ja, ach ja,« stöhnte die Exzellenz. Das alte Holzwerk des Hauses knackte dann und wann, als klage es in der Stille. Die Mutter war in ihr Zimmer gegangen. Die Hände im Schoß, saß sie vor einem aufgeschlagenen Buch, ohne zu lesen. Arkadia rumorte wieder im Zimmer des Vaters. Die drei Kommis steckten die Köpfe aus ihrem Kellerfenster wie Kettenhunde, die die heiße Zunge aus ihrem Hundehaus heraushängen lassen. Johann ging aus und ein in dem Dunkel des Stalles. Der Einbeinige streckte sein Stelzbein nach dem Mittagsschläfchen und stieg aus seinem Kellerloche herauf. Er fing an, den neuen Läufer auf der Treppe zu befestigen. Die Hammerschläge gegen das hohle Holz tönten Schlag auf Schlag ins Haus empor. Georg erwachte auf seinem Stuhl an der Tür und ging hinein. »Es ist zwei Uhr,« sagte er und blieb auf der Türschwelle stehen. Seine Exzellenz drehte den Kopf, er hatte halb versteckt in der geschlossenen Hand einen Brief: »Bringen Sie mir den Rock.« Georg tat es, und während er beim Anziehen behilflich war – Georg merkte, daß Seiner Exzellenz die Arme schwer waren – streifte er mit den Augen die Schublade, in die der Brief gelegt worden war, und verzog sein Gesicht. »Bist du es,« sagte Seine Exzellenz, der mit einem Stoß die Schublade zugeschoben hatte, als er die Mutter eintreten sah. Sie hatte die Exzellenz einen Augenblick von der Seite betrachtet. Dann ging sie hin, neigte sich mit hastiger Bewegung und, während beider Augen sich für die Dauer eines Moments trafen, küßte sie seine Wange. »Na, na, Mädel,« sagte er und entzog sich ihr, und die Mutter stand schon in der Tür zum Wohnzimmer, als er sagte: »Was sind das für Leichen, die heute aus den Särgen auferstanden sind?« Die Mutter lachte und sagte: »Es ist noch keiner gekommen.« Der Diener hatte die Flügeltüren zurückgeschlagen, daß alle Räume geöffnet waren. In das hinterste Zimmer fiel die Sonne hinein und schien auf den erhobenen Stab eines silbernen Merkurs. Ihre Gnaden, die sich, einen Handspiegel in der Hand, von der Gesellschaftsdame die Diamantbrosche Nikolas I. am Halse befestigen ließ, sagte zur Mutter: »Setz dich doch, Liebste.« Die Augen der Mutter waren auf einen Anton Melbye gefallen, dessen grüne, salzige Wogen plötzlich im Sonnenlicht vorfluteten, und sie sagte: »Wie hübsch das ist,« und ihr Gesichtsausdruck wechselte. »Ja,« antwortete Ihre Gnaden, die es jedesmal irritierte, als würde sie bestohlen, wenn eines von den Bildern an den Wänden zu einer Ausstellung hergeliehen werden mußte; »es ist schön, wenn man es zu Hause hat.« Und als die Gesellschaftsdame gegangen war, fragte sie und sah die Mutter an: »Hast du mit Hvide gesprochen?« »Fast nichts, Großmama. Ich bin ja ausgewesen.« »Ja, ich auch nicht,« sagte Ihre Gnaden und bewegte die Hände unruhig auf dem Tisch, bis sie kurz darauf sagte: »Und dann haben wir noch dazu heute das Diner.« »Ist das nicht gut?« sagte die Mutter. »Es zerstreut Großpapa immer.« Ihre Gnaden senkte den Kopf mit einem Seufzer. »Ja,« sagte sie. »Hvide kann ja immer seine Gedanken kommandieren.« Die Mutter antwortete nicht. Der Vater, der durch die Zimmer hereinkam, blieb vor ein paar Flaschen mit Wein stehen und fragte den Diener: »Was ist das für Madeira?« Der Schlanke verbeugte sich: »Ihre Gnaden haben Order gegeben.« Der Vater hob einen Augenblick den Glaspfropfen hoch und führte die Flasche ans Gesicht. »Es ist besser, wenn Sie sich von Georg einen trockneren geben lassen,« sagte er. Der Livrierte verbeugte sich von neuem, ohne sein Gesicht zu bewegen. Seine Exzellenz schlug die Portieren zu seinem Zimmer zurück und sagte: »Zieh die Gardinen vor.« Die Mutter erhob sich und zog die Gardinen vor, so daß es Halbdunkel im Zimmer war, als zwei Stiftsdamen eintraten, zwei Schwestern, von denen die ältere Hofdame bei Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Marianne gewesen war; bei Tisch nahmen sie nebeneinander Platz und hielten sich sehr gerade unter ihren Kapotthüten, die sich wie Diademe auf ihren Köpfen aufbauten. Sie überbrachten, während beständig beider Münder in Bewegung waren, tausend Grüße vom Schlosse und fanden es doch herrlich, ein wenig Stadtluft zu atmen, und entzückend, daß die Mutter gerade zu Besuch, und wundervoll, daß die Exzellenz nach wie vor gesund sei. »Immer derselbe,« sagte der eine der Kapotthüte. »Uns geht es gut,« sagte Seine Exzellenz – alles Reden über sein Befinden war ihm zuwider – und ging auf den Kammerherrn Urne zu, einen kleinen Herrn, schmächtig und mit gestutztem Bart, mit dem Aussehen eines Generals, und vor der »Niederlage« Oberpräsident in Kiel. »Ich wollte dich doch sehen, lieber Freund,« sagte der Kammerherr, »wo ich mal in der Stadt bin.« Der Vater, der sich vor dem kleinen Manne verbeugt hatte, ging mit ihm in das nächste Zimmer, wo der Kammerherr, der einige eigentümliche Handbewegungen hatte wie jemand, der es gewohnt ist, Verhandlungen zu leiten, von einigen Weinstöcken erzählte, die Seine Majestät König Georg ihm von den griechischen Inseln verschafft hatte und die der Kammerherr in Vedbäk in Treibhäuser zu verpflanzen versuchte. »Man kann ja nie wissen,« sagte der Kammerherr, »ob man sie nicht am Spalier ziehen könnte. Und ob man hierzulande eine Traubenart damit gewinnt.« Der Vater hatte zu Hause im »Weißen Haus« in einzelnen Jahren viele Trauben gehabt. »Und es gibt ja Zeiten,« sagte Kammerherr Urne, der in dem eignen Gedankengange blieb, »wo man nicht arbeitet.« Die Arbeit des Kammerherrn bestand darin, seine Erinnerungen aus der Dienstzeit in den Herzogtümern niederzuschreiben, und ihm fiel eben eine Erinnerung aus dieser Zeit ein, als die Mutter dazukam, und er kehrte zu den Trauben zurück. »Wir haben auch viele Trauben zu Hause, Kammerherr,« sagte die Mutter, »aber ich zerquetsche sie auf Tines Kopf, wenn ich sie abpflücke.« Und beim Gedanken an Tine und die Traubenbüschel lachte sie so laut, daß es durch die Zimmer hinklang. »Das ist Stella,« sagte Ihre Gnaden, die den Kopf gesenkt hatte. »Ja, Sie sind ja drüben geblieben,« sagte der Kammerherr. »Ja,« erwiderte der Vater, »wir hielten es für unsere Pflicht.« Die beiden Stiftsdamen sprachen den Kristallschalen gründlich zu, die der Hellblaue auf silbernem Tablett herumreichte, und redeten vom Krieg in der Türkei, der sie ganz in Anspruch nahm. »Denn wir auf dem Schloß, das sage ich dir, Marie,« sagte die Jüngere, »wir haben buchstäblich in den Begebenheiten gelebt.« Die Ältere fiel ein: »Ja, die unglückliche kaiserliche Familie.« »Ja,« sagte Ihre Gnaden, die sicherlich zerstreut war, – es war, als ob der Ausdruck ihrer Augen die ganze Zeit nicht mit ihren Worten übereinstimmte –: »Ihre Majestät die Königin hat in dieser Zeit viel durchgemacht.« »Aber es hat ja, das gebe ich zu, Abende gegeben,« sagte die Schwester Hofdame zur Hofjägermeisterin Eichwald, »wo ich zu Charlotte Amalie, wenn sie las, gesagt habe, nun müsse sie aufhören, denn es gibt ja keine Greuel, von denen man heutzutage in den Zeitungen verschont bleibt. Und das Ende war immer, daß man in der Nacht dalag und Blut in den eigenen Betten sah.« Das Fräulein brach plötzlich mit den Schlachtfeldern ab und sagte zur Hofjägermeisterin in einem Ton, als frage sie nach dem Wetter: »Wie geht es Ihrem Herrn Vater?« Frau von Eichwald, die eine geborene Glud war, dankte: dem Konferenzrat gehe es einigermaßen, und sie erhob sich halb, auf Seine Exzellenz zu, der an den Tisch kam. »Wir reden vom Krieg,« sagte sie und setzte sich wieder; der viele Brokat machte ihre Bewegungen ein wenig ungelenk. Seine Exzellenz schob die Schultern vor. »Die Entwicklung fordert ja ihre Schlachtopfer,« sagte er. Ein stockdünnes, ganz weißes Männchen, mit rastlos auf- und abgehenden Fingern, die bei der Durchsicht der Arbeiten eines berühmten Vaters krumm geworden waren, sagte von einem Stuhl am Fenster her: »Ich wußte nicht, daß Onkel Hvide an die Entwicklung glaubte.« Die Exzellenz lachte. »Nein,« sagte et, »aber ans Schlachten glaube ich.« Die beiden Damen aus Vallö machten eine Bewegung mit den Köpfen wie ein paar alte Hühner, die einen Guß Spülwasser in die Augen bekommen, während Seine Exzellenz sich einem Herrn mit Stelzfuß zuwandte, der soeben eingetreten war. »Wissen Sie, Baron, warum man die Türken totschlägt?« sagte er. Der Baron wandte sein achtzigjähriges Kadettengesicht der Exzellenz zu: er wußte es nicht. »Ich auch nicht,« sagte Seine Exzellenz, »vielleicht sind die Leute, alles in allem, das vernünftigste Gesindel auf Erden. Sie haben sich wenigstens im Laufe der Jahrhunderte darauf beschränken gelernt, bloß auf ihre Pfeifen zu passen.« Der Baron lächelte freundlich, daß man alle seine weißen, eingesetzten Zähne sah, und sagte, er habe selbst in seiner Sammlung ein paar Wasserpfeifen. Der Baron, der das eine Bein bei einem Grenzgefecht gegen die Schweden verloren hatte in den Tagen, als Christian VIII. König von Norwegen war, hatte eine so wunderliche Figur wie ein Siebzehnjähriger, der zusammengeschrumpft war. Er ging auf Herrn Fritz zu, vor dem soeben sein taillenschlanker Diener einen Augenblick halt gemacht hatte. »Befiehlt der Herr Madeira,« sagte der Diener hastig zu dem Baron. »Danke,« sagte der Baron. »Es ist gerade die Zeit, wo ich mein Glas Madeira zu genießen pflege;« und er nahm ein Glas, worauf er wieder Herrn Fritz den Kopf zuwandte, indem er sagte: »Wie geht es?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, fing er in seinem gleichsam abgenutzten Norwegisch an, mit Herrn Fritz zu sprechen (der Baron redete überhaupt am liebsten mit ganz jungen Menschen, gewissermaßen als ob die ganze eigne Entwicklung an dem Tag stehen geblieben, wo er das Bein verlor), er erzählte von etwas Merkwürdigem, das er in seiner Zeitung von den Wilden im Stillen Ozean gelesen hätte: wie sie Feuer anmachten. Herr Fritz blieb mit gesenktem Kopf stehen, bis ihn der Baron plötzlich ansah und mit den Wilden aufhörte, um durch das Zimmer zu gehn, die runden Augen unverwandt auf das Glas in seiner Hand geheftet, mit dem nicht zu schwanken sein Ehrgeiz war. »Fritz,« rief Ihre Gnaden, und Herr Fritz ging durch das Zimmer auf die Großmutter zu, neigte den Oberkörper ein wenig vor ihr, während er sie anhörte, und ging dann weiter, ins nächste Zimmer, wo Gräfin Schulin mit Sohn und Tochter in Lehnstühlen saßen und mit einem rotblonden und breiten Gutsbesitzer aus ihrer Gegend sprachen. »Lieber Freund,« sagte Frau Schulin zu dem Gutsbesitzer, »ich wollte ja doch, daß Francis mit herginge, jetzt wo er zu Hause war ... Es ist doch immer eine Erinnerung, wenn er alt wird, und kein Mensch weiß ja, wie lange es dauert.« Als sie plötzlich Fritz sah, sagte sie lauter und mit etwas gerötetem Kopf – während Fritz und Graf Francis, der sich erhoben hatte, einen Augenblick einander mit einem Blicke maßen, ähnlich dem, mit dem zwei Damen bei der Ankunft vor einem Diner gegenseitig die Toilette betrachten –: »Ihr Herr Vater ist ja in der Stadt.« Herr Fritz hatte plötzlich – was seine einzige Bewegung war – seine Augen erhoben. »Ja,« sagte er. »Ja, wir sahen ihn eben, als wir herfuhren ...« Sie sprachen von der Universität in der Schweiz, wo Graf Francis studierte, während seine Mutter plötzlich zu lachen begann. »Ja,« sagte sie, »Francis spricht ein so elendes Dänisch ... Aber, lieber Rottböll, was soll er auch hier im Lande, wenn er sich nicht gerade für Landwirtschaft interessiert.« Der Gutsbesitzer, dem der Rock in den Ärmellöchern etwas zu eng war, was er die ganze Zeit spürte, sagte: »Nein, heutzutage weiß wirklich kein Mensch, was er mit seinen eignen Kindern machen soll.« Und die Gräfin, die ihren Gedankengang weiterverfolgte, sagte: »Nein, niemand ist, wie auch mein Mann sagt, offen gestanden, so überflüssig wie wir.« Alle Zimmer hatten sich gefüllt, und in allen Ecken wurde laut gesprochen. Durch alle Stimmen hindurch hörte man die Marschallin lachen. »Nein, Onkel Hvide, du bist zu schlimm,« sagte sie, und sie blieb bei der Mutter und dem österreichischen Gesandten stehen, während Seine Exzellenz auf zwei Herren zuging, die an einem Fenster standen und von der Landsthingwahl in Barde sprachen, wo vorgestern ein Mann der Linken gewählt worden war. »Ist es nicht ganz gleichgültig?« sagte Seine Exzellenz. Doch der eine Herr sagte: »Ich glaube eben, die Gefahr liegt darin, daß die Linke an den Wänden entlang in die andre Kammer vordringt.« Seine Exzellenz lachte. »Ich glaube, es ist gleichgültig,« sagte er. »Hierzulande werden wir niemals Parteien bekommen und immer nur eine Partei haben, die Nationalliberalen, die den Namen wechseln. Der Tag kommt noch, wo sie sich auch die Radikalen nennen und doch« – Seine Exzellenz machte eine Bewegung, als wische er seine Fußsohle am Teppich ab, – »dieselbe Familie bleiben.« Der zweite Herr lächelte. »Man kennt die Paradoxa Euer Exzellenz,« sagte er. »Wahrheiten, die man nicht hören will, nennt man Paradoxa,« sagte Seine Exzellenz, »aber es wird hierzulande niemals Politiker geben, man wird sich mit Rednern begnügen. Bekämen wir einmal einen Staatsmann, wir ließen ihn hängen.« Der erste Herr sagte: »Exzellenz sind streng gegen uns aktive Arbeiter;« und legte einen kleinen Nachdruck auf »aktive«. Der Blick Seiner Exzellenz hatte den Sprecher gestreift. »Ja,« sagte er, »ich habe lange gelebt.« Und er fuhr fort: »Wir hatten einen General – er hob plötzlich die Hand und wies auf ein Bild des Generals de Meza, das in goldnem Rahmen auf einem Tisch stand –: »Er war mein Freund, und ich weiß, was er gelitten hat.« Die Mutter, die immer noch bei der Marschallin und dem österreichischen Gesandten stand, hatte die Handbewegung der Exzellenz gesehn und sagte aus einer plötzlichen Gedankenverbindung heraus: »Der alte Urne ist hier, Harriette;« und in demselben Moment fiel ihr Auge auf das Gesicht des Vaters, der in dem nächsten Zimmer, lächelnd, daß man die Lachgrübchen in seinen Wangen sah, über das junge, frische Fräulein Schulin gebeugt stand. »Wollen Sie mich nicht vorstellen,« sagte der Gesandte, und sie gingen alle drei auf den Kammerherrn Urne zu, der mit dem Sohn des berühmten Vaters sprach. »Ich hatte noch nie die Ehre, Ihnen vorgestellt zu werden,« sagte der Gesandte und verbeugte sich. Der Kammerherr neigte den grauen Kopf. »Ich lebe jetzt ja so für mich,« sagte er. Der Gesandte erzählte, er sei seinerzeit Mitglied einer österreichischen Kommission in den Herzogtümern gewesen und, als Seine Exzellenz dazukam, sagte er: »Ich war auch in Schleswig im vorigen Jahre – im vorigen Sommer – –in Flensburg und Düppel.« »Die Stätten,« sagte Graf Clary etwas langsamer, »wirkten recht betrüblich auf mich.« »Ja,« sagte der Kammerherr, dessen Lippen sich nicht ganz seinem Willen fügten, »wir leben ja im Schatten der alten Schanzen.« Die Mutter und die Marschallin sahen den Gesandten an, während er sagte: »Im Schatten? Sie irren, Herr Kammerherr, die Gewehrfeuer von Düppel werden die Geschichte durchleuchten.« Seine Exzellenz hatte zugehört. Dann sagte er – und sein Gesicht war ganz verändert, und er glich einer Säule, wie er so dastand –: »Vielleicht.« Und eine Sekunde darauf setzte er hinzu: »Vielleicht sind es die Feuer der Ehrensalven über unserm Grabe.« »Exzellenz,« sagte der Gesandte, »können nicht so wenig an Ihr Volk glauben.« Seine Exzellenz schüttelte den Kopf mit dem gleichen Gesichtsausdruck. »Ich spreche nicht vom Volke,« sagte er, »ein Volk lebt lange, und so gut es kann. Nur die Geschlechter sterben, und nur ihre Arbeit können wir beurteilen.« Ein Ausdruck von Rührung ging über das Gesicht des Kammerherrn, während der Gesandte sagte: »Exzellenz haben recht.« Und die Marschallin, die nach einem Gesprächsstoff suchte, sagte nach Verlauf von ein paar Augenblicken: »Stella, geht es der Generalin Rye gut?« und Seine Exzellenz ging zurück durch die Zimmer, wo ein siebzigjähriger Lyriker mit sehr großer Hemdenbrust mit langem Haar neben Ihrer Gnaden Platz genommen hatte. Seine Exzellenz ging in sein eigenes Zimmer hinein und machte die Tür hinter sich zu. Sophie stand drinnen in einem Winkel. »Was will Sie?« sagte er. Sie wolle, sie wolle gern Geld haben. »Für Ihre Gnaden,« stammelte Sophie hastig. »Hm,« sagte Seine Exzellenz. Ein Schatten war über sein Gesicht gegangen, während die Scheine aus der Schatulle auftauchten, und plötzlich, als er sie der Dienerin reichte, sah er ihr ins Gesicht: »Wer sind die Hausdiebe hier im Hause?« Sophie hatte das Gefühl, als sei sie festgenagelt an die Diele, auf der sie stand, und sie spürte ihr Herz wie einen Hammer. »Gehen Sie,« sagte Seine Exzellenz. Und sie ging. Seine Exzellenz schloß die Klappe und stützte sich mit den vorgestreckten Armen einen Augenblick auf die Schatulle. Dann ging er hin und verschloß die Tür und setzte sich in seinen Stuhl ... Ihre Gnaden wandte den Kopf einen Augenblick von dem Poeten fort, der von H. C. Andersen und von Erinnerungen an Nysö sprach, und fragte die Mutter, die mit Frau Harriette vorbeiging: »Wo ist Hvide?« »Großpapa muß hier sein,« sagte die Mutter und suchte selbst mit den Augen Seine Exzellenz, während der österreichische Gesandte Platz nahm und über Frau von Eichwald weg, die sich fortwährend an der Seite Ihrer Gnaden hielt, von Gastein sprach. »Wo Ihre Gnaden so oft gewesen sind,« sagte der Gesandte. »Wir sind im vorigen Jahr dagewesen,« sagte Frau von Eichwald. Der Gesandte wartete eine Sekunde, aber Ihre Gnaden rührte sich nicht, um ihn Frau von Eichwald vorzustellen. »Und so viele Erinnerungen hinterlassen haben,« sagte der Gesandte. Frau von Eichwald war sehr bleich geworden und hatte mit den Lidern ein plötzliches Aufblitzen in ihren grauen Augen verborgen. »Mein Vater,« fuhr der Gesandte wieder fort, »hat, wenn er von seinen Jugenderinnerungen sprach, oft von Ihrer Gnaden gesprochen.« »Gewiß gibt es schöne Weiber in Dänemark, pflegte er zu sagen,« schloß der Gesandte und verneigte sich vor Ihrer Gnaden, ein wenig vor Frau von Eichwald her. Ihre Gnaden lächelte. »Man schmeichelt so leicht in Österreich,« sagte sie, doch mit den Augen folgte sie der Mutter, die die Tür der Exzellenz angefaßt und gefühlt hatte, daß sie verschlossen war. »Aber was ist nur, Stella?« sagte die Marschallin, als die Mutter die Türklinke losließ. »Du bist ja ganz bleich.« »Nichts,« sagte die Mutter, und indem sie plötzlich mit der Hand über die Stirn strich, sagte sie: »Mir kommt es vor, als ob die Luft voll Unheil ist.« Und während sie auf einmal anfing zu lachen, sagte sie zu dem Sohn der Berühmtheit, der hinter ihr in einer Ecke stand: »Glauben Sie an Daten?« Der Sohn blieb mit offenem Munde stehen. »Ich, Kandidat, hasse alle Zahlen mit einer Acht,« sagte die Mutter. Der Kandidat versuchte zu lachen, aber die Mutter sagte: »Ja, achten Sie einmal darauf. Eine Acht ist den Eisen ähnlich, die man dem Verbrecher um die Knöchel legt.« »Ja,« sagte der Sproß der Berühmtheit, der sich gefaßt hatte, »es ist ja an und für sich merkwürdig, wie oft man bestimmte Daten an das Leben berühmter Männer geknüpft findet.« Der Kandidat verbreitete sich weiter über das Thema. Im Leben seines Vaters schien nicht weniger als fünfmal die Zahl Siebzehn wirklich eine Rolle gespielt zu haben. »Aber,« schloß der Kandidat, »man soll sich natürlich vor derlei Aberglauben hüten. Denn wo würde der hinführen?« sagte der Kandidat. »Aber wo ist nur die teure Exzellenz,« sagte eine Dame plötzlich sehr laut und pflanzte sich breit in den Stuhl zu Ihrer Gnaden, den der Dichter soeben verlassen hatte. Es war die Frau Etatsrätin Mouritzen, die durch eine verkehrte Tür vom Entree hereingekommen war – es war eine Angewohnheit der Etatsrätin, in den Wohnungen ihrer Bekannten verkehrte Türen zu benutzen – und alle Zimmer durchsegelt hatte. »Wo ist der teure Mann,« wiederholte sie zu Ihrer Gnaden und setzte hinzu, genau so laut wie bisher: »Man ist doch immer besorgt um ihn, wenn man ihn nicht sieht,« und die kurzen, von Ringen funkelnden Finger fielen in ihren Schoß nieder. »Hvide kommt sofort,« sagte Ihre Gnaden, und, als habe sie erst in demselben Moment die Hofjägermeisterin gesehen, stellte sie plötzlich den Gesandten Frau von Eichwald und Frau Mouritzen vor. Sophie ging in die Küche. Es kam ihr vor, als hebe sie beim Gehen die Beine sonderbar hoch in die Luft. Es ertönte ein Schlag an die Tür, als sie eintrat. »Wer ist da?« rief sie. Und die Küchenklingel schnarrte, ehe sie öffnete. »Ich bin's,« sagte der Jägermeister, der in der Tür vor ihr stand, in seinem Pelz. »Der Herr Jägermeister?« Sophie glaubte, umfallen zu müssen. »Ja, ich bin's,« sagte Hans Hvide und ließ sich klatschend auf einen Stuhl niederfallen, wie etwas, worin kein Leben ist. »Herr Jägermeister, Herr Jägermeister!« Sophie blieb mit zusammengepreßten Händen vor ihm stehen, und plötzlich sagte sie: »Nun wird's ganz toll.« Und ohne es zu wissen – ihr Gesicht hatte die Farbe des Küchentisches angenommen – schlug sie die Tür zum Anrichtezimmer zu, wo die Küchenjungfer die Schüsseln garnierte. »Ja, nun kracht es,« sagte der Jägermeister. Sophie antwortete nicht. Es war, als stöhne sie wie die Bornholmer Uhr. »Ich will mit dem Alten sprechen,« sagte der Jägermeister und wollte aufstehen. »Wir haben Freitag,« sagte Sophie. Hans Hvide lachte. »Sehen Sie, ob er drinnen ist,« sagte er. »Ja,« sagte Sophie und blieb stehen. »Sehen Sie, ob er drinnen ist,« wiederholte der Jägermeister. »Ja.« Sie fing an zu gehen. Und auf einmal sagte sie und machte die Augen auf, die sie die ganze Zeit geschlossen gehalten hatte: »Kann ich dem Herrn Jägermeister nicht etwas geben?« Hans Hvide, der schon aus dem Halse roch, sagte: »Ja, bringen Sie mir ein Glas.« Sie lief durch den Gang, in das Speisezimmer hinein, und ergriff eine Karaffe. Sie goß den Wein in ein Wasserglas. Es war nichts anderes zur Hand. »Da, Herr Jägermeister,« sagte sie. »Danke,« sagte Hans Hvide und hatte das Glas geleert. Sophie stieg hinauf. Sie sah alles so deutlich, die Wände und die Türen und die Rahmen der Fenster – alles, bevor sie die Tür der Exzellenz aufklinkte. Seine Exzellenz saß noch an seinem Tisch. »Er ist da,« sagte Sophie, als sie zurückgekehrt war. »Es muß also sein.« Der Jägermeister stand auf. »Ach, Herr Jesus,« sagte Sophie, die ihm ins Gesicht sah, während sie seine beiden Hände umfaßte, die kalt waren wie die einer schwitzenden Leiche. »Ja,« sagte er. »Ich bin's,« sagte er, als er die Tür der Exzellenz geöffnet hatte. Seine Exzellenz drehte den Kopf. »Ich habe dich erwartet,« sagte er. »Das ist ja gut,« antwortete der Sohn, der zitterte, »ich brauche Geld.« »Kommst du je aus einem andern Grunde?« sagte die Exzellenz. Man hörte die Stimmen aus den andern Zimmern. »Ich komme, wenn es nötig ist,« sagte der Sohn. »Wie kann es nötig sein, Geld zu schaffen, wenn du deine Schornsteinschlote verpfändest?« sagte Seine Exzellenz. »Das verschlägt nicht,« sagte der Sohn. » Was verschlägt?« Seine Exzellenz war aufgestanden. Man hatte den Eindruck, ein Toter hätte sich erhoben. »Es ist aus. Ich will nicht mehr,« sagte er. Draußen wurden Türen aufgerissen und Türen zugeschlagen, und auf dem Flur ertönten Schritte. Es war, als lebten in den beiden Menschen im Zimmer Seiner Exzellenz nur die Augen.« »Es kann nicht aus sein.« »Es muß.« »Es sind Wechsel da.« »Ich bezahle sie nicht.« »Du mußt.« Die Worte fielen Hieb auf Hieb. »Ich tue es nicht.« »Du mußt.« Drinnen wurde mit den Stühlen gescharrt, und die Leute erhoben sich. »Warum?« sagte Seine Exzellenz. »Weil es dein Name ist.« Seine Exzellenz begriff nicht und stand aufrecht da. »In deinem Namen geschrieben,« sagte der Sohn, dessen Stimme unkenntlich geworden war. Es verging eine Sekunde, ehe Seine Exzellenz halb vornüber fiel, wie jemand, der in den Rücken getroffen ist, und schon hatte er sich wieder aufgerichtet. »Über wieviel?« sagte er. »Dreißigtausend.« Seine Exzellenz rührte sich nicht. Der Tisch bebte unter seinem bebenden Arm. »Dreißigtausend,« sagte der Sohn wieder, als habe Seine Exzellenz es nicht gehört. Und als es immer noch still blieb, sagte er angstvoll und machte drei Schritt –: »Hast du sie nicht?« während ihm der Schweiß über das blutlose Gesicht lief. »Du sollst sie bekommen,« sagte Seine Exzellenz. Er hatte sich auf seinem Stuhl niedergelassen. Es rüttelte an der Tür nach dem Flur, die Hans Hvide verschlossen hatte. »Exzellenz, Exzellenz,« rief Georg, »Seine königliche Hoheit.« »Ich komme,« antwortete die Exzellenz, und er wandte einen Moment dem Sohn sein Gesicht zu – es war, als seien in einer Sekunde Leiden und Leben von neunzig Jahren darein gegraben –. »Ich komme,« sagte er wieder. Georg ließ die Tür los. Hans Hvide hatte den Kopf gesenkt, aber dem Gesicht des Vaters gegenüber gereizt wie ein Tier, das gepeitscht wird, hob er ihn wieder und sagte: »Ja, warum hast du nie genug gegeben, als du imstande dazu warst? Warum?« Und in plötzlicher Wut lief er hin und faßte die Exzellenz bei der Schulter. »Warum?« schrie er. Seine Exzellenz antwortete nicht. Die Lider waren zugefallen über seine Augen. Hans Hvide lachte. »Weil du dich hast bezahlt machen wollen,« rief er, »da, wo du wolltest.« Und wie wenn er selbst erstarrte in demselben Moment, als die Worte fielen, ließ er die Schulter Seiner Exzellenz los und blieb eine Sekunde stehen; dann brach er in Tränen aus. »Du kannst gehen,« sagte Seine Exzellenz, dessen Stimme wieder den alten Klang besaß. Hans Hvide war gegangen. Seine Königliche Hoheit erhob sich von dem Stuhl neben Ihrer Gnaden und näherte sich, während alle Stimmen mehr gedämpft klangen, dem Vater, den Zylinder in der Hand. »Aber wo ist eigentlich die Exzellenz?« sagte er und ging ein paar Schritt auf die Tür Seiner Exzellenz zu. Der Vater neigte den Kopf. »Es ist ein Patient bei ihm, Königliche Hoheit,« sagte er, der die Stimme des Bruders durch die Tür erkannt hatte. Und wie zufällig rührte sein Ellbogen an den Knoten der Portiere, so daß die schwarze Samtgardine mit dem Hvideschen Wappen plötzlich wie eine Wand vor die Tür niederfiel. »Ja, Hvide ist unermüdlich,« sagte Seine Königliche Hoheit und lächelte. »Königliche Hoheit werden verzeihen,« sagte Seine Exzellenz im selben Augenblick und schob die Portiere beiseite. »Wir ehren den Nimmermüden,« sagte Seine Königliche Hoheit und nahm die Hand der Exzellenz. Und Seine Königliche Hoheit sprach scherzend von einem Großkreuz, das kürzlich Seiner Exzellenz von Seiner Königlichen Hoheit Bruder in Griechenland verliehen worden war. Seine Königliche Hoheit zog den Kammerherrn Urne ins Gespräch; und der Kammerherr sagte – während jedes andere Gespräch sehr leise geworden war und ein leerer Raum im Zimmer um Seine Königliche Hoheit, die Exzellenz, den Kammerherrn und den Kadetten herum entstand – in bezug auf seine Arbeit, daß die Entwicklung der Beziehungen zwischen den Herzögen und dem Thron Schwierigkeiten bereite. Seine Exzellenz, der möglicherweise nicht zuhörte, sagte: »Ja, Königliche Hoheit, wir Alten haben nur noch die Erinnerungen.« »Ja, das Werk hat Seine Majestät sehr interessiert,« sagte Seine Königliche Hoheit, und indem er sich dem Kadetten zuwandte, sagte er: »Wie steht es mit Ihrer Gesundheit, Herr Baron?« Der Achtzigjährige verbeugte sich und sagte: »Ein Invalide darf nicht klagen, Königliche Hoheit.« »Ja,« sagte Seine Königliche Hoheit, während das schwindende Licht vom Fenster her ihn und die drei Greise traf, deren Gestalten sich von den Streifen mit dem Hvideschen Wappen abhoben: »Wenn man nur eine starke Konstitution hat.« »Ja,« sagte Seine Exzellenz und ließ die Hand auf die Schulter des Kadetten niederfallen: »Das sind die Reste vom alten Norwegen.« Seine Königliche Hoheit begann, vielleicht ein klein wenig schroff, eine Runde zwischen den Damen und wandte sich an die Marschallin, die er von Wien her kannte, und er sprach von den neuen Museen in der Donaustadt und von Prag. Seine Exzellenz, der sich rings in der Stube umgesehen hatte, sagte plötzlich – nachdem er zuerst einen Augenblick die dicken Augenbrauen hochgezogen hatte: »Frau von Eichwald kommt eben von dort, Königliche Hoheit.« Seine Königliche Hoheit, der unwillkürlich den Hut ein wenig dichter an sich gedrückt hatte, wandte den Kopf der Hofjägermeisterin zu und sagte: »Ist der Hofjägermeister in der Stadt, gnädige Frau?« Es war plötzlich ganz still geworden in den Zimmern. »Nein, Königliche Hoheit,« sagte die Hofjägermeisterin und neigte sich sehr tief, »mein Mann ist auf Egehöj.« Es entstand eine Pause, bis Seine Königliche Hoheit sagte – die Etatsrätin Mouritzen hatte sich vorgedrängt, gleich hinter Frau von Eichwald, und bewegte sich so lebhaft, daß der unterste und üppigste Teil ihres Rückens Poppes Decke herabriß –: »Ja, Wien ist eine hübsche Stadt.« Die ziemlich abgerissenen Worte hörte man durch drei Zimmer hin, während Seine Königliche Hoheit sich Ihrer Gnaden zuwandte zum Abschied. Seine Exzellenz begleitete Seine Königliche Hoheit hinaus. Alle begannen auf einmal wieder zu sprechen, und die Mutter, die an Stelle Ihrer Gnaden Seine Königliche Hoheit zur Tür begleitet hatte, kehrte zur Gräfin Schulin zurück, die mit den beiden Stiftsdamen von Jörgen, dem Verlobten der Komtesse, sprach und die, als ihre beiden Kinder sich entfernt hatten, sagte: »Jörgen will ja absolut jetzt heiraten.« »Will er?« sagte die eine Stiftsdame, und die andere setzte hinzu: »Ja, das will der Bräutigam doch immer.« »Aber,« fuhr die Gräfin fort – und die Mutter, die dem Vater mit den Augen gefolgt war (er ging zwischen den jungen Frauen einher wie ein Gärtner zwischen seinen Blumen), hörte plötzlich zu – »es scheint mir nun eigentlich keine Eile zu haben. Junge Menschen sind immer alt genug, Kinder zu bekommen, aber sie werden selten alt genug, bis ihre Kinder anfangen, alt zu werden.« Die Mutter sah die Gräfin an und hatte die eine Hand an ihre Brust geführt: »Wie wahr das ist,« sagte sie, und ihre Lippen blieben leicht geöffnet, als sie gesprochen hatte, wie bei jemand, der erstaunt ist. Die eine der Stiftsdamen, von denen keine etwas verstanden hatte, sagte: »Ihr lieben Beiden, es ist so, wie ich so oft zu Charlotte Amalie sage, wenn wir so für uns sind und Umschau unter unsern Bekannten halten: ohne Risse geht es nie ab.« Frau Schulin lächelte und sagte: »Es ist etwas daran. Was meinen Sie?« wandte sie sich an die Mutter. Die Mutter fuhr zusammen. »Ich dachte nach,« sagte sie. »Ja,« sagte Gräfin Schulin, immer noch zur Mutter oder ein klein wenig wie zu sich selbst, »ich bin ganz sicher nicht sehr scharfsinnig, und Gott weiß, wie man es werden sollte, aber über dies oder jenes hat man wohl immer lange nachgedacht ... Und ich glaube, daß eine Frau erst wirklich verloren hat in der Ehe, wenn sie für ihren Mann nicht länger das Weib ist, der weibliche Mensch.« Die Mutter hatte genickt – wie eine Statue nicken würde, wenn sie den Kopf bewegen könnte. »Ja, das glaube ich,« sagte die Gräfin, aus ihrem Gedankengange heraus. Seine Exzellenz, den sie schon hinten an der Tür hatten lachen hören, trat in ihre Nähe und blieb plötzlich vor Graf Francis stehen, der mit fortgesetzt gleichgültiger Miene in einem andern Lehnstuhl gesessen hatte, den schönen Rassekopf in die schmale Hand gestützt, und der sich jetzt erhob. Seine Exzellenz lachte noch immer. »Worüber lachst du, Onkel Hvide?« fragte die Gräfin. »Über seine Jugend,« sagte die Exzellenz, den in den letzten fünf Minuten plötzlich die sturmgewaltige Heiterkeit gepackt zu haben schien, die vor einem Menschenalter der Schrecken der Kandidaten am Examenstisch zu sein pflegte. »Ja, denke dir,« sagte die Gräfin, »er wird erst vierzig Jahre, wenn wir in ein andres Jahrhundert übergehen.« »Ein andres Jahrhundert,« sagte Seine Exzellenz und machte eine Bewegung mit seinen Lippen, als stoße er einen Mund voll Rauch aus. »Hm,« sagte er, »die Muskeln der Menschheit bleiben dieselben und werden dieselbe Arbeit tun.« Er ging weiter und kam in die Nähe des Stuhls, auf dem Ihre Gnaden saß. »Wo bist du gewesen, Hvide?« fragte Ihre Gnaden und streckte ihre etwas feuchte Hand liebkosend nach ihm aus: »Ich habe immer solche Angst, wenn ich dich nicht sehe.« Ihre Gnaden schlug die Augen zu Seiner Exzellenz auf, und er setzte sich, schroff, auf einen Stuhl, den Arm über der Stuhllehne Ihrer Gnaden. »Du hast viele Gäste heute,« sagte er. »Ja, mein Freund. Aber« – und Ihre Gnaden sah der Exzellenz wieder in die Augen – »du bist abgespannt.« »Mir,« sagte er – in seiner Stellung, wie er dasaß, war etwas, das an ein ruhendes Raubtier erinnerte –: »Mir geht es gut,« sagte er. Die Etatsrätin Mouritzen, die drüben bei der Marschallin und Frau von Eichwald saß, sah zu Ihrer Gnaden und der Exzellenz hinüber und sagte plötzlich, mitten hinein: »Ja, Gott, wie selten – bekommt man so eine Ehe zu sehen.« »Aber,« fuhr sie in einer sprunghaften Verbindung fort – die Etatsrätin sprach immer so laut, daß sie ihre Gedanken eigentlich nicht vor der Mitwelt verbarg –: »Wunderlich ist, daß keins von den Kindern sein Genie geerbt hat.« Die Marschallin, die, ebenso wie die Mutter, den Vater betrachtet hatte, der soeben über ein paar junge Töchter vom Landadel gebeugt stand, sagte: »Fritz hat sicherlich ... Genie geerbt.« Der Etatsrätin blieb der Mund offen stehen. Die Marschallin sagte, indem sie mit ihrem Lorgnon gestikulierte und im voraus über die Worte lächelte, die vermutlich nicht verstanden werden würden: »Das Genie, das jetzt aus seinem Gesicht leuchtet.« Seine Exzellenz, der mit Hochehrwürden gesprochen hatte, einem Manne, der in langer Erbfolge eine Kirche zustimmen mit einer hochkirchlichen Erscheinung ererbt hatte und der sich nun Ihrer Gnaden näherte – Seine Exzellenz kam hin zur Mutter und sagte: »Wovon sprecht ihr?« »Wir sprachen von Genies,« sagte die Marschallin. »Genies, Genies,« sagte Seine Exzellenz. »Genies, Mädel, sind nur die Käfige um die größten Tiere.« Die Marschallin lachte: »Du stürzt heut alles um, Onkel Hvide.« »Nein,« sagte Seine Exzellenz, dessen Gesichtsausdruck wechselte, »ich ordne alles.« »Übrigens,« sagte die Marschallin, die fortwährend lächelte, »sprachen wir eigentlich über die Liebe.« »Ja,« fuhr die Etatsrätin schroff dazwischen, die jetzt die Worte der Marschallin von vorhin verstanden hatte. »Die Liebe,« sagte die Exzellenz, und einen Augenblick warf er seinen allzu massigen Mund auf: »Die Liebe? Die Menschen bekommen nie gesunde Begriffe, eh nicht all die zierlichen Worte aus der Sprache herausgehobelt sind.« Die Marschallin lachte immer noch, Seine Exzellenz aber, der sich halb umwandte, sagte, als fege er etwas weg: »Und übrigens weiß ich auch nicht, warum ihr von den Ururenkeln der Affen soviel verlangen wollt. Oder was meinst du?« fragte er nach der Mutter hin. »Ich,« sagte die Mutter – und ihre Worte schienen keinen Zusammenhang zu haben mit allem, was gesagt worden war –: »Ich glaube, man muß die Menschen freigeben.« »Sie machen sich frei,« sagte Seine Exzellenz und ging weiter. »Die teure Exzellenz ist so munter heute,« sagte Frau Mouritzen und bewegte leicht den Kopf; und als habe ihre Nase plötzlich dieses oder jenes gewittert, sagte sie auf einmal: »Was ist hier passiert?« »Nichts, wovon ich wüßte,« antwortete die Marschallin, die bei ihren Worten die Augen zum Gesicht der Mutter erhoben und sie hastig wieder abgewendet hatte. Und sie fragte nach einer merkwürdigen Perleneinfassung an einem Medaillon, das halbversteckt unter dem Kinn der Etatsrätin hing. »Das muß sehr alt sein,« sagte sie. »Ja, es ist ein historisches Stück.« Die Etatsrätin nahm das Medaillon ab: »Es hat Marie Antoinette gehört. Mouritzen hat die Papiere,« sagte die Etatsrätin: »Aber wir haben das Stück aus Frankfurt.« »Ja,« sagte die Marschallin, die mit dem Medaillon zwischen den Fingern dasaß. »Solche Dinge machen ja heutzutage so viele Wege.« »Ja, es ist sonderbar,« sagte Frau Mouritzen und sie fügte hinzu – wenn die Etatsrätin von dem Medaillon sprach, sprach sie so merkwürdig in einem Zuge –, »das Pastell stellt den Dauphin vor.« »Es ist apart, wie die Brillanten gefaßt sind,« sagte die Marschallin und kniff die Augen zusammen, wie die Kenner tun. »Heutzutage,« sagte sie und sah unwillkürlich zu Ihrer Gnaden hinüber, während die Hofjägermeisterin ihrem Blick folgte, »faßt man ganz anders.« »Ja,« sagte Frau von Eichwald – und ihre Lider verdeckten wieder ein hastiges Aufblitzen in ihren Augen wie vorher, als sie mit dem Gesandten neben dem Stuhl Ihrer Gnaden saß, »das wäre interessant zu sehen.« Und indem sie ging, sagte sie: »Ihre Gnaden wird nicht böse sein.« Frau von Eichwald beugte sich über Ihre Gnaden und bat, ob sie die Einfassung vergleichen dürften. Ihre Gnaden hatte ein wenig nervös Kaiser Nikolas Brosche gefaßt, beinahe als wollte sie sie verbergen. »Es passiert ihr nichts,« sagte Frau von Eichwald lächelnd und mit derselben Stimme. »Natürlich nicht,« sagte Ihre Gnaden, und Frau von Eichwald nahm die Brosche ab. Die Marschallin hatte beide Kleinodien in der Hand und hielt sie empor gegen das Licht. »Der Unterschied ist deutlich,« sagte Frau von Eichwald. Die Marschallin hatte die Juwelen jäh vom Licht entfernt, und während sie die Brosche in der halbgeschlossenen Hand hielt, sagte sie: »Russische Brillanten, gnädige Frau« – die Marschallin betonte das »gnädige Frau« – »sind immer ganz eigentümlich gefaßt.« »Danke,« sagte sie und war selbst gegangen, um Ihrer Gnaden die Brosche anzustecken, mit ein wenig zitternder Hand. Die Etatsrätin brach auf, und Frau von Eichwald sprach mit Seiner Hochehrwürden, der sie bat, dem Herrn Konferenzrat für die Leuchter zu danken. Der Konferenzrat hatte ein paar Altarleuchter in seiner Kirche vergolden lassen. »Und sie wirken so schön an ihrer heiligen Stätte,« sagte Seine Hochehrwürden. Die Marschallin war zu der Mutter zurückgekehrt: »Du bist so schweigsam heute.« Die Mutter stand an den Fensterrahmen gelehnt – sie sah aus wie ein Wanderer, der sich auf endlosem Wege eine Minute an einen Baum lehnt – und sagte: »Ich habe so vieles durchdacht in den letzten beiden Stunden.« Frau Harriette stand einen Augenblick da, und dann sagte sie: »Aber zuweilen spricht man, um zu verbergen, daß man nachdenkt.« Und indem sie sich umwandte, sagte sie und zeigte flüchtig hinüber auf den jungen Herrn Fritz, der im Hintergrunde des Zimmers in dem halben Dämmerlicht an einen Ebenholzschrank gelehnt stand: »Ist das der Sohn von Hans?« »Ja.« Die Marschallin betrachtete ihn weiter. »Ihn vergißt man nicht,« sagte sie und machte eine kleine Pause nach jedem Wort. Und als der österreichische Gesandte hinzutrat, um zu fragen, ob sie gehen sollten, neigte sie den Kopf in der Richtung nach dem jungen Hvide hin. »Haben Sie ihn gesehen?« fragte sie. »Ja,« sagte der Gesandte und betrachtete den jungen Herrn Fritz, der auf dem schlanken Körper den antiken Kopf gegen den Ebenholzhintergrund neigte. »Er ist schön wie ein Grabmal.« »Das ist sonderbar,« sagte die Marschallin, die leicht zusammengefahren war, »ich stand gerade und dachte, daß er eigentlich eine gesenkte Fackel in der Hand haben müßte.« »Ja, wir müssen fort,« sagte sie, und der Gesandte ging, um sich zu verabschieden, als der Sohn der Berühmtheit dazukam; er wollte gern einem jüngern Professor der vergleichenden Sprachwissenschaft ein altes Porträt zeigen, eine Silhouette, die am Fensterrahmen hing und die Geheimrat Goethe seinerzeit dem Vater Seiner Exzellenz während eines Besuchs in Weimar verehrt hatte. »Das alte Bild,« sagte die Marschallin, die das Bild herabnahm. Sie wurde dem Professor vorgestellt und fuhr fort: »Ja, Weimar ist ein entzückender Ort ... ich war noch vor zwei Jahren dort. Ich begleitete meinen Mann, er sollte bei einer Art Regierungsjubiläum repräsentieren.« Und sie sprachen weiter von Weimar und von Goethe. Seine Exzellenz hatte sich in dem andern Zimmer dem Kadetten gegenüber auf einen Stuhl gesetzt, und plötzlich war er in sich zusammengesunken. Mit völlig leeren Augen saßen die beiden Greise mitten unter den Sprechenden und starrten einander an. Die beiden Stiftsdamen, die endlich gehen wollten, kamen am Bauer des Papageis vorüber. »Sieh mal den Vogel, Anna Frederikke,« sagte Charlotte Amalie und steckte ihren ringbesetzten Finger zu dem Vogel hinein. Poppe wurde wütend und hackte auf den Finger ein, daß die Stiftsdame leicht aufkreischte, während Poppe mit ausgebreiteten Flügeln schrie: »Fortuna fortis, fortuna fortis.« »Was sagt das Tier, Charlotte Amalie?« Seine Exzellenz erwachte jäh. »Es ist Lateinisch,« sagte er und stand auf. Seine Exzellenz ging an der Hofjägermeisterin und an Seiner Hochehrwürden vorbei und hörte Seine Hochehrwürden sagen: »Ja, gnädige Frau, den Menschen wird es immer ein Bedürfnis sein, nach oben zu schauen.« »Ganz recht, Hochehrwürden,« sagte Seine Exzellenz, »lassen Sie sie nach oben schaun. So werden sie nie die eigene Person gewahr.« Er wandte sich zur Hofjägermeisterin. »Deinem Vater geht es schlecht,« sagte er. »Ja, leider,« antwortete die Hofjägermeisterin. Es flog ein barsches Lächeln über das Gesicht Seiner Exzellenz beim Tonfall von Frau von Eichwalds Stimme. »Haltet ihm Gemütsbewegungen fern,« sagte er, »wenn euch sein Leben lieb ist.« Seine Exzellenz trat zu der Gruppe am Fenster und fing den Namen Goethe auf, während die Gäste, die sich alle zum Aufbruch rüsteten, sich erhoben und wie in großem Kreise im Zimmer Aufstellung nahmen, das Gesicht Ihrer Gnaden zugewandt, hinter deren Stuhl der linienschlanke Diener eine Stehlampe gerückt hatte, die er soeben anzündete. »Goethe, ja,« sagte Seine Exzellenz, »er trieb es wohl so weit, wie ein Mensch es vermag. Sich selbst wie einen Gott verehren und ein Recht dazu haben, wenn er sich an den andern maß –« »Fortuna fortis,« schrie der Papagei. Der Gesandte, der ein paar Abschiedsworte an Ihre Gnaden richten wollte, griff das Wort Weimar auf und sprach von dem großherzoglichen Hause. »Ein treffliches Geschlecht,« sagte der Gesandte. Ihre Gnaden, die im Licht der Lampe saß, lächelte plötzlich. »Ich habe nie,« sagte Ihre Gnaden – und einen kurzen Moment war das Gesicht Ihrer Gnaden wie verwandelt, während die tiefen blauen Augen strahlten – »so schöne Männer gesehn wie die Prinzen vom Hause Weimar.« Eine Röte wie von zwei blutenden Blitzen schoß über das Gesicht Seiner Exzellenz, der ein Flüstern hören zu können schien, wenn Ihre Gnaden die Sprechende war. »Ja,« sagte Kammerherr Urne, der bei den andern stand, die weiter von Goethe sprachen, »am liebsten von allem hätte ich Goethes Begegnung mit Bonaparte gesehn.« »Das waren unvergeßliche Tage, die in Weimar,« sagte Ihre Gnaden zu dem Gesandten. Die Augen Seiner Exzellenz zuckten zu Ihrer Gnaden hinüber wie funkelnde Feuer, und mit einer zwecklosen Armbewegung durch die Luft, als zerre er an einer unsichtbaren Fessel, sagte er, als Antwort, zu Kammerherr Urne: »Ja, die zwei haben einander verstanden. Bonaparte wußte Bescheid. Er gab der Triebfeder Flügel und las den Zusammenhang auf dem Grunde seines Glases.« Die Marschallin, die soeben zu Weihnachten durch die Fürstin Metternich eine Sammlung von Trinkgläsern Bonapartes erworben hatte, wurde rot wie Blut, und einen Moment sprach niemand, bis Seine Exzellenz, nachdem er einen Blick auf die Silhouette geworfen hatte, sagte: »Und was bleibt übrig von einem Goethe?« Er sprach, als risse er unsichtbare Gewächse mit allen ihren Wurzeln aus der Erde: »Erst ein paar Bücher, dann ein Buch ... dann ein Name und schließlich nur ein paar Buchstaben, deren Form keiner mehr zu deuten vermag.« Der Sohn der Berühmtheit, der blieb, wo er war und der alle andern berühmten Erinnerungen haßte und alles, was Erinnerungen ähnlich sehen konnte, sagte: »Aber Goethes Gespräche kann ich nicht ausstehn.« Alle waren im Begriff aufzubrechen. Graf Francis Schulin verneigte sich vor Ihrer Gnaden in leerer Ehrerbietung, während die beiden Stiftsdamen von der andern Stuhlseite her eine halbe Verbeugung machten. »Fortuna fortis,« schrie der Papagei in ständiger Wut. »Das ist Alteleuteschnack,« schloß der Sohn der Berühmtheit. Der schlanke Diener öffnete die Tür und schloß sie wieder, aufrecht, mit niedergeschlagenen Augen, wie ein Hüter des Hauses. Seine Exzellenz hob den Kopf jäh und stand kerzengerade da. »Der Alteleuteschnack, mein Lieber,« sagte er zu dem Sprößling der Berühmtheit, »hat ein Jahrhundert erraten.« Der Poet, der einen von den Politikern angehalten hatte wegen Staatsstipendien, näherte sich der Exzellenz zum Abschied (unter der Lampe neigte Ihre Gnaden unablässig den Kopf, aufrecht, mit den Brillanten Nikolas I. am Halse, einem Götzenbilde nicht unähnlich), und der Dichter, der das Wort Jahrhundert aufgriff, entweder, weil es endlich für seinen Tiefsinn ausreichte, oder vielleicht nur, um sich einen Abgang zu sichern, sagte: »Ja, Exzellenz, was bleibt von einem Jahrhundert übrig?« Seine Exzellenz lachte, und mit einem plötzlichen Blick, der das ganze Zimmer umfaßte und hinten im Dunkel des nächsten Zimmers den zusammengesunknen Kadetten wie eine ferne Ruine, sagte er: »Wir sind übrig geblieben.« Und er lachte noch einmal auf. ... Der Gesandte fuhr mit Frau Harriette zusammen fort. Er sprach von Herrn von Bismarck und von Österreichs betrüblicher Stellung während der Krise. Plötzlich sagte er: »Sie hören nicht zu.« »Nein, mein Freund, verzeihen Sie.« Und kurz darauf sagte die Marschallin: »Wenn man die Freunde seiner Jugend zwanzig Jahre lang nicht gesehen hat, so hat man über dies und jenes nachzudenken.« »Sicherlich,« sagte der Gesandte, und kurz darauf sagte er, indem er zum Fenster hinaussah: »Dieser alte Mann ist aufrichtig wie ein Verzweifelter.« Frau Harriette drehte hastig den Kopf nach dem Gesandten hin: »Ja,« sagte sie und nickte. Und sie sprachen nicht mehr, bis der Gesandte ausstieg. Als der Wagen wieder weiterfuhr, führte die Marschallin plötzlich hastig den Muff an ihr Gesicht: sie brach in Schluchzen aus.   Seine Exzellenz saß vor seinem Tisch. »Wie spät ist es?« »Vier, Exzellenz,« antwortete Georg. »Um fünf Uhr soll der Wagen vorfahren.« Georg richtete sich auf. »Es kommen Gäste zu Tisch,« sagte er und sah nach Seiner Exzellenz hin. Seine Exzellenz rührte sich nicht. »Lassen Sie Herrn Fritz hereinkommen.« Georg ging, und der junge Herr Fritz kam herein. Mit ausdruckslosem Gesicht betrachtete er Seine Exzellenz. »Dein Vater ist wohl im Hotel d'Angleterre,« sagte die Exzellenz und drehte, als er gesprochen hatte, plötzlich den Kopf nach dem jungen Manne um. »Sag ihm, daß hier um sechs Uhr gegessen wird. Wenn er nicht betrunken ist.« Seine Exzellenz hatte die Augen nicht von dem jungen Mann genommen, dessen Mund vielleicht unmerklich zitterte, während er sich verneigte. »Hast du gehört?« »Ja, Großpapa.« »Dann antwortet man,« sagte Seine Exzellenz. Eine Blässe hatte das Gesicht des jungen Mannes überströmt, und er ging. Ihre Gnaden saß noch immer in ihrem Stuhl. »Wo ist Hvide?« fragte sie. »Seine Exzellenz ist in seinem Zimmer,« sagte die Gesellschaftsdame. »Ich werde um fünf Uhr angekleidet,« sagte Ihre Gnaden und machte eine Bewegung mit der Hand. »Löschen Sie aus,« sagte sie und wandte sich an den schlanken Diener. Das Licht über Ihrer Gnaden wurde ausgelöscht, und sie blieb allein. Die Tür wurde leise geöffnet und geschlossen, und es schlich jemand durchs Zimmer. »Wer ist da?« sagte Ihre Gnaden und fuhr zusammen. »Ich bin es,« flüsterte Sophie. »Wissen die gnädige Frau es?« »Was?« sagte Ihre Gnaden, die die Hände in ihrem Schoß hob und senkte. »Der Herr Jägermeister ist in der Stadt,« sagte Sophie. Die beiden weißen Gesichter starrten einander einen Augenblick an im Dunkeln. »Ich dachte es mir,« stöhnte Ihre Gnaden. »Hast du ihn gesehn?« Sophie antwortete nicht sofort. »Der Jägermeister hat mit Seiner Exzellenz gesprochen.« »Wann?« »Während des Empfangs.« Ihre Gnaden stöhnte von neuem und biß die weißen Lippen zusammen. »Geh,« sagte sie so leise, daß das Mädchen es kaum hören konnte. Die Tür wurde geschlossen. Ihre Gnaden hatte sich plötzlich erhoben und durchschritt das Zimmer. Sie schlug die Portiere zurück und öffnete die Tür Seiner Exzellenz. Er saß bei der Lampe und hatte sie nicht gehört. »Hvide, was ist?« sagte sie und stand vor Seiner Exzellenz, »was ist geschehn!? Was geht hier vor?« Er hatte den Kopf gehoben und sah sie an. »Hans ist in der Stadt,« sagte er. Ihre Gnaden hatte die Hände gefaltet; – in dem schwarzen Festgewand, wie sie dastand, mit den Brillanten Nikolas I. glich Ihre Gnaden einer von den wohlerhaltenen Leichen, die man bisweilen finden kann, wenn man Kirchenböden aufbricht –: »Was hat er gesagt?« Seine Exzellenz sah sie unentwegt an, wie jemand, der sein ganzes eignes Leben betrachtet. »Er hat die Wahrheit gesagt,« sagte er und wandte den Kopf fort. »Und du solltest dich ausruhen,« sagte er gleich darauf, »du bist müde.« Ihre Gnaden wandte sich und ging. Die Mutter war hinaufgegangen. Sie zündete die Kerzen in den Armleuchtern an und blieb vor den weißen Kerzen stehen. »Ich müßte mich ankleiden,« sagte sie, und die Arme fielen ihr müde an den Seiten nieder. Kurz darauf öffnete sie die Tür zum Flur. »Arkadia!« rief sie. »Arkadia!« Aber niemand antwortete. Die Mutter lächelte und öffnete das Fenster. Im Hof war es fast dunkel. »Arkadia!« rief die Mutter. »Lassen Sie mich los, Frederiksen,« ertönte es von unten her durch die Dämmerung. Die Mutter schloß das Fenster und kehrte zu den Kerzen zurück. Die Gesellschaftsdame klopfte an und kam herein. Sie fragte, ob sie der gnädigen Frau nicht helfen könne. »Ja, danke,« sagte die Mutter, während die schönen Hände in ihrem Schoß ruhten, »wenn Sie mein Kleid aus dem Koffer nehmen möchten.« Zwei große Koffer waren da mit vielen Fächern. Die Gesellschaftsdame nahm Kleider heraus und Röcke heraus und Schachteln heraus. Die Mutter folgte ihren Bewegungen. »Es ist ein schwarzes Barege,« sagte sie. »Mit Ripsunterkleid.« Die Gesellschaftsdame stöberte weiter. »Aber mein Gott, was soll ich denn mit dem?« sagte die Mutter und besah plötzlich einen strohgelben Kleiderrock. »Das Kleid trage ich ja doch nie.« Und plötzlich sagte sie: »Wollen Sie das nicht nehmen?« Die Gesellschaftsdame, die sich gern ihren Anteil aus den Koffern der Mutter zufließen ließ, sagte sanft abwehrend: »Aber es ist ja so gut wie neu.« »Liebes Kind,« sagte die Mutter, »ich ziehe es ja nie an. Reden Sie doch nicht davon.« Die Gesellschaftsdame legte das gelbe Kleidungsstück auf einen Stuhl und fand schließlich das Baregekleid. »Hier ist es,« sagte sie. »Danke,« sagte die Mutter, »nun kann ich selbst.« Sie blieb noch ein paar Augenblicke vor den Kerzen sitzen, und dann goß sie die Eau de Cologne in das große Waschbecken, um sich zu baden. Als sie angekleidet war, saß sie wieder vor den Kerzen. Ihr Blick fiel auf den Strauß Tausendschönchen, den Seine Exzellenz jeden Mittag auf ihren Tisch legen ließ. Sie nahm ihn in die Hand. Die gelben Blumenaugen starrten im Lichtschein zu ihrem bleichen Gesicht empor. Dann legte sie die Blumen hin, und von den drei Büchern auf ihrem Tisch nahm sie das eine; die beiden andern waren »Das Buch der Lieder« und »Don Juan«. Sie schlug die Blätter des Buches auf und starrte ins Licht, und dann las sie: Sich täglich mehr verschließt Diones Sinn, Ein Dasein wachen Träumens nur sie lebte, Das ewig neu Erinnerung durchwebte. Doch nichts von Wirklichkeit war mehr dann. Das Haupt geneigt, sah stumm sie vor sich hin In ferne Weite, wo die Wolke schwebte So schwer und düster auf des Windes Flügel: Als ihrer eignen Seelenschwermut Spiegel. Doch wozu Worte? Kann dasselbe Bild Sich nicht bei Lebens Bühne täglich zeigen: Erst Schmerzes Frucht an vollen Lebenszweigen, Dann Kampf des Herzens, eh es müd und mild, Erst Hoffnung, Sehnsucht, dann Verlust und Schweigen, Der Leere Tränenquell, der ewig quillt. Erst neue Kraft und doppelt reiches Leben. Dann dumpfe Müdigkeit und schlaff Ergeben. Die Mutter hob ihr Gesicht. Einen Augenblick schloß sie die Augen. Die roten Lippen bebten. Dann las sie wieder: Du lässest mich im Stich, dein Sinn ist schwank, Ich rufe, doch du eilst auf flüchtgen Schwingen, Dein Ohr hast du verschlossen meinem Gruße Und reichst mir abgewandt den bittern Trank. Es schwindet hin. Denn meine Sonne sank. Die Hand der Mutter suchte auf ihrem Tisch einen angespitzten Bleistift, und sie zog einen fast unsichtbaren Strich an den Worten des Dichters herunter, während sie las: Nichts auf der Erde kann zurück mir bringen Das Strahlenmeer, das mir mein Glück gebar, Nur ein Gedanke lebt in mir: es war. Es mußte sein – wohlan denn, keine Klagen Bringt dieses Lied zu dir aus meiner Brust, Kein leer verhallend Seufzen soll dich plagen, Kein Sehnen, das nicht aus noch ein gewußt. Nur liebe Worte, die dein Herz nicht nagen, Nur Echo einer langentschwundnen Lust. Ein Wort nur, leer für dich, soll Lindrung schenken, Nur ein Lebwohl zum Abschied und Gedenken. Zwei Tränen waren auf das Blatt niedergefallen, die Mutter sah sie nicht. Lebwohl – was ist ein Wort? und doch, der Schmerzen Gewaltigste dies kleine Wort mich lehrt: Ein Grab für alles, was im tiefen Herzen An Liebe, Glück und Frieden wir begehrt; Die letzte Blüte, die in tausend Schmerzen, – Ein letztes Hoffen unsrer Seel beschert. Nimm hin die Blätter; ihren Duft und Schimmer, Die du belebt, du erbst sie nun für immer. Große Tränen entströmten ihren Augen, und einen Augenblick stützte sie ihr Gesicht gegen die Bronze des Armleuchters. Dann trocknete sie die Tränen fort und wandte wieder die schönen Augen dem Buche zu, dessen Einband gegen den Rand des Spiegels gelehnt stand wie ein Gebetbuch gegen ein Betpult: Mein Herz ist müde – doch kein Schlaf will fallen Aufs heiße Aug. Mein Denken rastlos wallt, Ein Zug des Leides, durch der Zeiten Hallen, Vor jedem lieben Bilde macht es halt. Ich ruf nach jenen selgen Träumen allen, Die Arme streck ich aus vor Schmerzgewalt Nach der Erinnrung leichten, flüchtgen Scharen, Die locken, lächeln, winken und zerfahren. Sie hatte den Einband des Buches mit ihren beiden weißen Händen umfaßt. Das Gesicht war leicht vorgestreckt. O du – doch meine Schrift die Tränen tränken, Verwischen sie – und trocknet's auch gar schnell, Es rinnet stets von neuem, mich zu kränken, Auf meinen Brief der heiße Schmerzensquell. Nie werde ich vergessen, dein zu denken. Dazu floh mir dies Leben allzu schnell. Leb wohl, leb wohl, ich hab nichts mehr zu schreiben, Nur diesen Kuß. Nein, nein. Doch, er mag bleiben. Ihre Hände glitten von dem Buche nieder, und still starrte sie in den Spiegel hinein, auf ihr eigenes Bild, das sie nicht sah. »Ja,« sagte sie ins Leere hinaus und stand auf, »es muß sein.« Die Gesellschaftsdame klopfte wieder und fragte, ob sie nicht der gnädigen Frau das Kleid zuhaken solle. »Danke, ich bin fertig,« antwortete die Mutter. Die Gesellschaftsdame sah auf die Tausendschönchen. »Aber soll ich denn nicht die Blumen befestigen?« sagte sie. Die Mutter nahm die Blumen in die Hand. Einen Augenblick noch betrachtete sie die weißen Blüten. »Danke,« sagte sie, »mögen die hier verwelken.« Und indem sie der Gesellschaftsdame zulächelte, die sie ansah, sagte sie: »Sie wissen, ich habe welkende Blumen so gern.« Die Gesellschaftsdame wollte gehen, als man Lärm im Hof hörte. Die Pferde wurden angespannt. »Wird angespannt?« fragte die Mutter und wandte sich hastig der Gesellschaftsdame zu. »Ja, Seine Exzellenz fährt aus,« antwortete die Gesellschaftsdame. »Aber wohin denn?« fragte die Mutter. »Seine Exzellenz hat es nicht gesagt.« Die Mutter machte eine Handbewegung, die der Gesellschaftsdame galt, und diese ging. Das Portal wurde zugeschlagen. Seine Exzellenz war ausgefahren. Dritter Teil »Seine Exzellenz ist willkommen,« sagte der Konferenzrat, und seine Zunge lag fest in seinem Munde.   »Ich bin es,« sagte Seine Exzellenz und ging weiter ins Zimmer hinein. »Ich sehe es,« sagte der Konferenzrat, der das gesunde Auge nicht vom Gesicht der Exzellenz entfernte, »du kommst wieder.« Seine Exzellenz hatte die eine Hand geballt. »Es eilt,« sagte er, »ich werde Geld brauchen.« Der Konferenzrat schwieg, das Auge beständig auf ihn gerichtet. »Ich muß verkaufen,« sagte Seine Exzellenz, und während er plötzlich den Kopf dem Gesicht des Konferenzrats zuwandte, dessen eines Auge fortwährend auf ihm ruhte, als wolle es die Schweißtropfen auf der Stirn der Exzellenz zählen, sagte er, und das Wasser sprang aus jeder Pore seines Leibes hervor, »denn es sind wohl Papiere vorhanden?« Der Konferenzrat ließ die Worte verhallen. »Wann willst du verkaufen?« sagte er. »Sofort,« sagte Seine Exzellenz und hob, ohne es zu wissen, die linke Hand, um sich den Schweiß von den Schläfen zu trocknen. »Heute?« sagte der Konferenzrat und rührte sich nicht. Beim Klang seiner Stimme reckte Seine Exzellenz plötzlich den ganzen Körper, und die großen Adern auf seiner Stirn schwollen in einer riesenmäßigen Anspannung, und er sagte sehr schroff: »Es sind also verkäufliche Papiere vorhanden?« Seine Zunge hatte eine Sekunde vor dem Worte »verkäuflich« gestockt, doch seine Stimme klang wie immer: »Dann mußt du verkaufen,« sagte er. »Für wieviel?« Seine Exzellenz schwieg einen Augenblick. »Für dreißigtausend,« sagte er und bewegte den Kopf. Man hörte das Ticken der Uhr. Der Konferenzrat antwortete nicht, und Seine Exzellenz sagte, ohne ihn anzusehen: »Du mußt verstehen, es ist notwendig.« Der Konferenzrat hob den rechten, gesunden Arm. »Dreißigtausend, das ist viel Geld,« sagte er, und mit einem Versuch zu lachen – es klang wie Vogelgekreisch – setzte er hinzu: »Die Genies feilschen nicht.« Seine Exzellenz hob den Kopf und ließ die blauweiße geballte Hand auf den mächtigen Tisch niederfallen. »Glud,« rief er, und der Tisch erbebte unter dem Schlag der Hand, »gehört das Geld mir – – – oder nicht?« Der Konferenzrat sah Seiner Exzellenz scharf ins Gesicht, und selbst das tote, hängende Auge schien für eine Sekunde ein wenig Glanz zu bekommen und sehen zu können, während seine Stimme plötzlich, vielleicht zum letztenmal, den Klang wiederbekam, dessen Hohn eines Tages, als die Banken wankten, einen Sturm auf seine Firma abgewehrt hatte, und er sagte: »Du weißt doch, daß es dir gehört.« Der Kopf der Exzellenz fiel auf die Brust herab. Seine Lippen waren so weiß wie sein Bart. »Und« – der Konferenzrat erhob sich fast in einem übermächtigen Triumphgefühl – »es kann sofort ausbezahlt werden.« Er streckte die gesunde Hand nach einer Glocke auf dem Tisch aus, zog sie aber wieder zurück: »Nein,« sagte er, und vielleicht wußte er selbst nicht einmal, ob er aus Mitleid handelte oder aus Grausamkeit, »nimm die Schlüssel selbst.« Das Schlüsselbund fiel aus seiner gesunden Rechten in die Hand Seiner Exzellenz, die nur halb geöffnet war: »Da ist der Schlüssel zum Geldschrank. Das Scheckbuch liegt im Fach links.« Die Hände Seiner Exzellenz waren so kalt wie das Eisen, das sie umfaßten, während er die Schranktür öffnete. Aber er fand sich zurecht in den Fächern, als hätten auch seine Hände Tag für Tag hier zu tun gehabt. »Da,« sagte er und legte das Scheckbuch auf den Tisch. Man hörte das Kratzen der Feder, während der Konferenzrat schrieb. »Da,« sagte er und schob die Anweisung fort. »Willst du quittieren?« Das Auge des Konferenzrats betrachtete die Exzellenz, während dieser auf dem vorgelegten Blatte schrieb. »Danke,« sagte Seine Exzellenz und hob das Gesicht. Aber der Konferenzrat sah wohl die halb vorgestreckte Hand der Exzellenz nicht. Er betrachtete die Quittung, und ein Jucken wie eine Grimasse glitt über sein gelähmtes Gesicht. »Deine Schrift ist so leicht nachzuahmen in letzter Zeit,« sagte er zu Seiner Exzellenz, der sich erhoben hatte, »willst du dein Siegel daruntersetzen?« Ein Strom von Blut hatte sich über das Gesicht Seiner Exzellenz ergossen, aber er sagte nur ein Ja, das wie ein Stöhnen klang: »Siegellack liegt im Schrank,« sagte der Konferenzrat, und sein Auge folgte unablässig Seiner Exzellenz, wie er den Lack aus dem Schrank holte und ein Licht anzünden und hintragen und den mächtigen Siegelring abziehen mußte, in dessen großem Edelstein das Wappen der Hvides eingraviert war. Seine Exzellenz hielt den Lack etwas zu lange ins Licht, so daß zuviel Lack aufquoll – wie der erste Striemen Blut, der aus einer Wunde rinnt. »Es ist gut,« sagte der Konferenzrat und betrachtete das Siegel. Seine Exzellenz hatte den Ring wieder am Finger. »Adieu,« sagte er. »Adieu.« Seine Exzellenz war draußen. Der Konferenzrat schlug zweimal auf die Glocke auf seinem Tisch, und Herr Hansen kam zu der kleinen Paneeltür herein. »Räumen Sie auf,« sagte er. Herr Hansen schloß den Geldschrank, löschte das Licht und setzte es fort. »Holen Sie die Mappe,« sagte der Konferenzrat. Herr Hansen ging und brachte die Hvidesche Mappe. »Öffnen Sie sie.« Herr Hansen tat es. »Danke.« Der Konferenzrat nahm die Verschreibung Seiner Exzellenz und legte sie zuoberst auf den großen Haufen. »Es ist gut,« sagte er und machte selbst zu. Als Herr Hansen die Mappe nahm, hob der Konferenzrat sein Auge zu seinem Schreiber auf. »Jetzt sollten Sie Ihre Forderungen eintreiben,« sagte er, »es ist Zeit.« Herr Hansen bewegte bestürzt die bleichen Hände. »Aber,« sagte der Konferenzrat, »Sie haben ja Pfänder.« Herr Hansen antwortete nicht. »Was haben Sie noch außer der Brosche des Kaisers?« »Schmuck, Herr Konferenzrat.« Der Konferenzrat wandte den Blick nicht von ihm ab. »Was für Schmuck?« fragte er. »Eine Brillantschnur.« Der Konferenzrat wandte sein Auge ab. »Geld ist besser,« sagte er, »solche Steine können im Wert sinken.« »Ja, Herr Konferenzrat.« Der Konferenzrat drehte den Kopf. »Den Schirm,« sagte er. Herr Hansen setzte den Schirm auf die Lampe. »Sie können gehen.« Die große Tür ging auf. Es war die Hofjägermeisterin, die eintrat und mitten im Zimmer stand. »Was ist hier vorgegangen?« Stechend blickte das Auge des Konferenzrats zu ihr hinüber. »Was sollte hier vorgehen?« fragte er, und die Stimme wurde plötzlich wieder ganz dick im Munde. »Wie du willst,« sagte die Tochter. »Aber dies muß ein Ende haben. Und« – die Hofjägermeisterin sah dem Vater ins Gesicht – »wir brauchen die Hvides nicht mehr.« Der Konferenzrat antwortete nicht. Die Hofjägermeisterin legte ihm die Kissen in den Rücken, und sie bemerkte, wie sein Körper zitterte. »Und du solltest dich schonen,« sagte sie und setzte hinzu: »Der Alte sagte heute selber, du vertrügst keine Gemütsbewegungen.« Der Konferenzrat hob das eine Auge. »Hast du ihn vielleicht deshalb hereingelassen?« sagte er. »Überlaß mir das Meine.« Die Hofjägermeisterin lächelte, während sie ihm das Plaid um die Beine legte, mit einem Lächeln, das der Konferenzrat nicht sah. »Das werde ich tun,« sagte sie und ging. Der Konferenzrat saß allein vor seinem leeren Tisch. Das entstellte Haupt fiel plötzlich halb vornüber, als habe es seine Stütze verloren.   Als der Vater den Wagen Seiner Exzellenz heimkehren hörte, ging er selbst an die Tür ins Portal hinunter: »Wie spät du kommst.« »Die Pferde sind schuld,« sagte Seine Exzellenz, »der Mann fährt wie in einem Leichenzug.« »Was ist mit den Pferden?« fragte der Vater heftig zu Johann hinauf, während Seine Exzellenz anfing, die Treppe emporzusteigen. »Der Gaul will nicht mehr,« sagte Johann störrisch. »Will nicht?« sagte der Vater rot vor Zorn, »das muß ein Ende haben.« »Ja, das nimmt es auch,« sagte Johann wie vorher. Der Vater folgte Seiner Exzellenz. »Klingle, bitte, nach Georg,« sagte die Exzellenz, »ich muß mich umziehen.« »Ja,« sagte der Vater und ging hinauf in sein Zimmer. Die Mutter saß noch auf dem Stuhl vor ihrem Spiegel, während sie den Vater hin und her gehen und sich umkleiden hörte. Seit die Gesellschaftsdame gegangen war, hatte sie sich nicht gerührt. Nur hier und da öffnete sie die Augen und schloß sie wieder. Der Vater klopfte an ihre Tür. »Ja, herein,« sagte sie. Der Vater trat ein, im Frack und in ranker Haltung. »Wollen wir hinuntergehn?« sagte er. Die Mutter blieb auf ihrem Stuhl sitzen. »Ich habe so viel nachgedacht heute,« sagte sie und ließ die gefalteten Hände auf den Tisch niedergleiten. »Worüber?« sagte der Vater. Die Lippen der Mutter zitterten einen Augenblick, und um ihren Mund kam ein Zug zum Vorschein, wie er oft bei Gefangenen zu sehen ist. »Ich,« sagte sie, »habe viele Jahre lang nur an eins gedacht.« Sie schwieg einen Augenblick. »Und jetzt habe ich es zu Ende gedacht.« Sie bewegte die beiden schönen Hände. »Darum möchte ich gern mit dir sprechen.« Der Vater hatte in dem Halbdunkel, in dem er stand, eine Bewegung mit der Hand gemacht. »Du meinst, warum von Dingen sprechen, die so ganz vorbei und so lange her sind? Aber ich muß sprechen, Fritz« – und sie wandte ihm das bleiche Gesicht zu – »um mich zu verteidigen.« »Dich zu verteidigen?« »Ja, Fritz.« Sie wandte das Gesicht wieder, und sie sprach halblaut und langsam, wie jemand, der seine Gedanken unwiderruflich geformt hat. »Ich weiß jetzt, ich habe dir viel unrecht getan. Du bist nicht dafür geschaffen, Menschen gern zu haben. Es ist dir gegeben, einen Menschen zu lieben – und trotzdem hast du mich unendlich gern gehabt. Aber für den, der liebt, ist es so schwer, neben dem herzugehen, der nur gern hat. Darum konnte ich nicht einmal deine Güte entgegennehmen.« Der Vater machte einen Schritt. »Und noch eins. Die Menschen, Fritz, wenden die mitleidigen Augen immer dem zu, der am tiefsten gebeugt wird, wenn auch niemand weiß, wer von zwei Menschen am meisten gelitten hat.« Sie hob ihr Gesicht. »Ich bin selbstsüchtig gewesen, ich weiß es jetzt,« sagte sie, und es war, als spräche sie zu jemandem über sich, »aber ich werde es nicht länger sein, und die höchste Kraft deines Lebens soll nicht mehr brachliegen.« Der Vater stand im Dunkeln. »Was, willst du, soll ich dir antworten?« Die Mutter schüttelte den Kopf. »Du sollst mir nicht antworten,« sagte sie, »ich habe nicht gesprochen, um eine Antwort zu bekommen, sondern um gesprochen zu haben.« Einen Augenblick war es still. Unmerklich preßte sie die schönen Hände auf dem Tisch, wo sie lagen, gegeneinander. »Und jetzt,« sagte sie, »werden wir nie mehr miteinander reden – nicht einmal an dem Tage, wo wir sterben.« Der Vater stand einen Augenblick da. Dann sagte er: »Und warum hast du gerade heute gesprochen?« »Warum?« Die Mutter führte die Hand an die Augen und ließ sie wieder sinken. »Die großen Entschlüsse, Fritz, sind wohl immer die Frucht von langem Nachdenken und von Kleinigkeiten.« Das Gesicht des Vaters zitterte. »Und du?« sagte er, und seine Stimme war kaum vernehmbar, »kannst du nie froh werden?« Die Mutter wandte ihm flüchtig das schöne Gesicht zu. »Hättest du mich geliebt, wenn ich es könnte?« sagte sie. Und der Vater ging. Die Mutter erhob sich. Die Tränen wollten aus ihren Augen hervorbrechen. Aber sie bezwang sie. Und während sie ihre beiden Hände an dem schwarzen Seidenkleide hinabgleiten ließ, reckte sie den Körper wie unter einer Rüstung. Dann klopfte sie an die Tür des Vaters. »Wollen wir hinuntergehen?« sagte sie. ... Ihre Gnaden war angekleidet. Die Gesellschaftsdame befestigte vor dem Spiegel im Haar Ihrer Gnaden einen Schmuck aus oxydierten Silberblüten. An die eine der Türen klopfte es. »Wer ist da?« rief Ihre Gnaden und hatte schon den Jägermeister, ihren Sohn, die Tür öffnen sehen. »Ich bin's,« sagte er. »Sie können gehen,« sagte sie zu der Gesellschaftsdame, »lassen Sie anzünden.« Ihre Gnaden beugte sich zu dem Jägermeister nieder, der bereits schluchzend in einen Stuhl gefallen war. »Mein unglücklicher Junge,« sagte sie, »mein unglücklicher Junge, was hat er dir getan?« Ihre Gnaden strich mit den Händen über sein Haar und über seinen Hals. »Was ist geschehen? Was ist denn nur geschehen?« Der Jägermeister schluchzte immer noch. »Ich kann es nicht sagen.« »Aber es ist in Ordnung?« fragte Ihre Gnaden und preßte die Hände zusammen. »Ja,« sagte der Jägermeister und hob das Gesicht, während der gebückte Leib wieder zusammenfiel, »es ist in Ordnung.« »Gott sei gelobt,« sagte Ihre Gnaden, und ihre Arme fielen über die Seitenlehnen des Stuhles herab. »Aber wir müssen wohl hinein,« sagte der Jägermeister und stand auf. Seine Augen sahen noch ganz irr drein. »Ja,« sagte Ihre Gnaden, »wasch dein Gesicht.« Ihre Hände zitterten, während sie die Eau de Cologne in das große Waschbecken goß. »So,« sagte sie, und der Jägermeister fuhr mit dem eingetauchten Handtuch über sein Gesicht hin. »Leih es mir,« sagte sie, und sie führte das feuchte Tuch einen Augenblick an die eigenen Augenlider. »So,« sagte sie, »gib mir deinen Arm.« Sie gingen hinein. In allen Zimmern brannten schon die Kronleuchter. »Sind die Blumen arrangiert?« fragte Ihre Gnaden den schlanken Diener, der sich in seinem schwarzen Festanzug mit der Hvideschen Schulterschleife verbeugte. »Ja, Eure Gnaden.« »Schön. So öffnen Sie,« sagte Ihre Gnaden und nahm Platz. »Ja, Eure Gnaden.« Der Diener ging. »Hast du ihn jetzt gesehen?« fragte Ihre Gnaden. »Nein.« »Dann bleib hier,« sagte Ihre Gnaden, und beide warteten unter den brennenden Kerzen. Die Mutter war zu Seiner Exzellenz hineingegangen, auf dessen Brust Georg soeben das Großkreuz befestigte. Als der Diener gegangen war, sagte die Mutter lächelnd: »Wie fein du sein wirst!« »Ja, wir putzen uns wohl alle.« Die Mutter sah auf die Etuis mit all den Orden der Exzellenz, die noch auf dem Schreibtisch standen. »Es sind viele,« sagte sie. »Ja,« sagte Seine Exzellenz und warf die Etuis in eine Schublade, »sie sind gut gewesen fürs Geschäft.« Als die Mutter die Tür zu den Wohnzimmern öffnete, rief Seine Exzellenz: »Ist Hans da?« »Ja,« erwiderte der Jägermeister. »Komm hier herein.« Der Jägermeister durchschritt das Zimmer, während Ihre Gnaden ihm mit den Augen folgte. »Da,« sagte seine Exzellenz, der am Schreibtisch stand, und reichte ihm die Anweisung, als sei es ein Rezept für ein paar Hustentropfen. Dem Jägermeister war der Schweiß auf die Stirn getreten. »Danke,« sagte er und ging. Der schlanke Diener meldete die Geheimrätin Rappe, die eine tiefe Stimme hatte wie eine Mannsperson und sehr um Entschuldigung bat, weil sie ihren Seidenpudel mitbrächte. »Aber ich wage bei Gott nicht, das Viehchen mit den Dienstboten allein zu lassen.« Alle versammelten sich um das kleine Tier, das im Schoß der Geheimrätin seinen Platz fand. »Das Tier ist krank,« sagte die Geheimrätin, es darf nichts anderes bekommen als Portwein und Chinin.« Alle lachten, während die Geheimrätin zu Seiner Exzellenz, der gerade eintrat, sagte: »Guten Abend, alte Exzellenz, wie geht es mit Ihren Steinschmerzen?« »Guten Abend, Augusta,« sagte er und schob die Brust vor, als werfe er eine Bürde von sich, »es tut wohl, einen Menschen zu sehen.« »Aber Großpapa,« sagte die Mutter, »wofür rechnest du uns denn?« »Offen gestanden,« sagte die Exzellenz, »ich weiß es nicht. Ihr gehört ja zur Familie.« Der Diener meldete die Baronin und den Baron Rosenkrands, einen jungen Beamten im Ministerium des Äußern, einen Verwandten des Grafen Eck. Der Baron war mit seiner Gemahlin soeben aus Italien heimgekehrt, und Ihre Gnaden fragte die Baronin, die in Gelb und ausgeschnitten erschien, nach bekannten Gegenden und Städten, während die Baronin sagte, daß sie von allen Orten Florenz den Vorzug gebe. »Uf, nein,« sagte sie, »Rom kann ich nicht ausstehn. Man fühlt sich so winzig, mitten in all dem.« Seine Exzellenz sagte: »Wie groß willst du sein?« »Lieber Onkel Hvide, man mag doch am liebsten das Gefühl haben, als sei man von gewöhnlicher Größe.« »Ich liebe nun Rom,« sagte die Geheimrätin mit ihrer tiefen Stimme, »ich liebe es, da unten umherzugehn und zu stöbern. Man lernt so gut einsehen, daß die von früher mindestens ebenso klug waren wie wir. Ja, Rom und meine Berge, die darf mir keiner schlecht machen. Aber,« sagte sie und versetzte dem Pudel einen kleinen Schlag, »Rom ist für die, die angefangen haben, den Schnabel nach unten zu kehren. Werde alt, Lydia, so wirst du schon dein Rom verstehen.« Ihre Gnaden fand, nichts sei so schön wie die Messe im Vatikan. Drüben an den Fenstern sagte Baron Rosenkrands, während die Marschallin eintrat, zu dem Jägermeister, es sei wunderbar schön in Neapel. »Ja, es ist so lange her, daß ich da war,« sagte der Jägermeister und entfernte sich, um ins Speisezimmer zu gehen, wo er sich von dem schlanken Diener hastig ein Glas Madeira einschenken ließ, als die Tür zum Flur aufging und der junge Fritz eintrat. »Bist du es,« sagte der Jägermeister und setzte das Glas hin. »Ja, Papa,« sagte der junge Mann, der die Augen nicht von dem leeren Glase ließ. »Warum gehst du nicht hinein?« sagte der Jägermeister. »Ich gehe, Papa,« sagte der junge Mann und ging nicht, bis der Jägermeister vorangegangen war. Der schlanke Diener hatte die blanken Augen zu seinem Herrn erhoben. Alle im Wohnzimmer hatten die Marschallin begrüßt, während der Vater anfing, mit der Tischordnung umherzugehn, und es entstand ein erneuter Aufruhr, als Graf Eck eintrat, in Begleitung von Professor Berger. »Guten Abend, Adam,« sagte Seine Exzellenz und ging dem Grafen Adam mit einem Handschlag entgegen, »nett, daß du gekommen bist. Wie geht es mit der Gicht?« »Sie ist ja nicht so schlimm, daß ich nicht reisen könnte,« sagte Graf Eck, der die kleine, zierliche Figur vor Ihrer Gnaden verneigte. »Ich bin immer traurig, wenn Eck fortreist,« sagte die Geheimrätin mit ihrem Baß. »Sehr liebenswürdig, Augusta.« »Wir sind sowieso so wenige Menschen hier im Lande,« sagte sie. »Zwei Millionen, Tante,« sagte Baron Rosenkrands. »Was für welche?« sagte die Geheimrätin, während der Baron und die Mutter anfingen zu lachen, und die Marschallin, deren über den Boden schleifende Wiener Robe von der Baronin gemustert wurde, ging zu Professor Berger hin und wandte ihr Gesicht einem Leuchter zu. »Was hat denn die Zeit aus Ihnen gemacht?« sagte sie. »Ja, was?« sagte der Professor, ein Jugendfreund der Marschallin von der Zeit her, als er Amanuensis bei Seiner Exzellenz war. »Hm,« sagte die Marschallin und ließ seine Schulter los, »Sie sehen aus, Berger, als seien Sie traurig aus Überzeugung ... was sagst du, Onkel Hvide?« Seine Exzellenz, der unablässig seine Augen auf Ihre Gnaden gerichtet hatte, die sehr aufrecht mit den Silberblumen im Haar in ihrem Sessel saß, sagte: »Er sieht aus, wie ein Mensch aussehen muß;« und Seine Exzellenz wandte sich zum Vater: »Wollen wir essen?« »Ja, wir warten nur auf Schulins,« sagte der Vater, als Schulins gerade kamen und die Gräfin sofort in der Tür sagte: »Liebe Freunde, entschuldigen Sie, daß wir so spät kommen. Aber wir sind bei Brahes vorbeigefahren.« Und zwei, drei Münder fragten zugleich nach Baronesse Emmely, während die Geheimrätin, alle andern übertäubend, zu Seiner Exzellenz hinüberrief: »Ja, wie geht's ihr, alte Exzellenz?« »Es ist noch nicht nach mir geschickt worden,« sagte Seine Exzellenz und sprach, während alle einen Moment schwiegen, ungefähr so laut, als hätte ein Glas geklirrt, bis die Marschallin ein paar Worte ins Leere sagte und Seine Exzellenz in die Hände schlug, da die Türen geöffnet wurden. »Wollen wir nun zu Tisch gehen,« sagte er und führte, wie es bei Hvides Sitte war, die Mutter ins Speisezimmer. Alle standen auf, während die Herren ihre Damen suchten, und die Geheimrätin sagte zu Graf Eck: »Wir beide, Adam;« und überlieferte dem jungen Herrn Fritz den Pudel, der im Speisezimmer auf einem Teppich untergebracht werden sollte. Die Marschallin lachte dem kläffenden Vieh zu. Aber die Geheimrätin drehte sich nach der Baronin Rosenkrands um, die mit Professor Berger hinter ihr herging, und sagte, indem sie den Ausschnitt der Baronin betrachtete: »Was du zeigst, ist niedlich, Lydia. Aber ich hoffe, du packst dich gut ein, wenn du nach Hause fährst.« Graf Eck und der Professor lachten, während alle ins Speisezimmer kamen – Ihre Gnaden mit dem Jägermeister als letztes Paar –, und es wurde mit den Stühlen gescharrt um den breiten Tisch herum, bis Ihre Gnaden Platz genommen hatte und alle sich setzten, während Georg die Suppe herumreichte und der schlanke Diener sich hinter der Mutter verneigte: »Sherry oder Madeira?« »Ach, die alten, schönen Sachen,« sagte die Marschallin und sah über den Tisch hin, während sie ein Glas von dem mit Aufsätzen besäten Tisch nahm und es im Licht glänzen ließ. »Wie gut man sie kennt,« sagte sie. »Ja, sie sind schön,« sagte die Geheimrätin. Alle sprachen von den Gläsern. »Ja,« sagte die Mutter zu Graf Schulin, der links von ihr saß, »sie wurden vom Großvater meines Schwiegervaters gekauft ... sie sollen sich von der Regentschaft herschreiben ...« Die Marschallin, die noch immer mit dem Glase in der Hand dasaß, sagte zur Exzellenz hinüber: »Ich entsinne mich der Gläser noch aus meiner Kindheit, Onkel Hvide.« Seine Exzellenz, der wohl ihre Worte nicht gehört hatte, sagte: »Ja, sie sind noch hier;« während plötzlich ein Zucken über das Gesicht des Jägermeisters ging und der schlanke Diener, der jetzt hinter dem Stuhl des jungen Fritz Hvide stand, die blanken Augen zum Gesicht seines Herrn aufschlug: »Sherry oder Madeira?« »Und nur meine Lieblingsblumen auf dem Tisch,« sagte Graf Eck und neigte den kleinen, vornehmen Kopf vor Ihrer Gnaden. Er hatte eine der tausend Stiefmütterchen vom Tisch im Knopfloch befestigt, in dem die Rosette fehlte. Er trug wie seine Exzellenz nur das Großkreuz. Ihre Gnaden sagte: »Hvide denkt plötzlich immer an all diese Dinge.« »Ja,« sagte Graf Eck, »das ist eins von seinen Talenten.« Seine Exzellenz, der es gehört hatte wie alles, wovon Ihre Gnaden sprach, sagte: »Ein Talent? ... Der Tag ist lang, guter Adam; derlei Dinge sitzen irgendwo und melden sich, wenn es Zeit ist.« »Ob sie nicht im Herzen sitzen, Großpapa?« sagte die Mutter, die sich ein Bukett von den Stiefmütterchen, die auf dem Tuch verstreut lagen, gesammelt und an ihrer Brust befestigt hatte. »Davon bin ich nicht überzeugt,« antwortete Seine Exzellenz. »Es ist eine traurige Blume,« sagte Graf Schulin und betrachtete das Brustbukett der Mutter. Die Mutter schwieg einen Augenblick und strich mit der Hand über die Stiefmütterchen. »Das ist für die Erinnerung, Schulin,« sagte sie, etwas leiser; »wissen Sie nicht, Ophelia sagt es.« Der Graf nahm einen Mundvoll Fisch. »So?« sagte er, »es ist so lange her, seit das Stück gespielt wurde.« »Gott sei Dank,« sagte Seine Exzellenz, »all die Verstümmelungen der Gaukler müßten verboten werden.« Oben am Tischende Seiner Exzellenz lachte man, während die Mutter sagte: »Großpapas Haß gegen das Theater ist ohnegleichen.« Die Geheimrätin sagte: »Er hat recht. Man hätte niemals Blaataarn niederreißen sollen.« Aber die Exzellenz sagte: »Mögen sie mit den übrigen Affen ihre Affereien treiben, soviel sie wollen. Aber von den großen Gedanken sollten sie lieber die Finger lassen und sie nicht mit ihren dicken, dummen Zungen verfälschen. Hätte ein einziger von ihnen Hamlet verstanden, er würde nie wagen, ihn zu spielen, aus Furcht vor den faulen Äpfeln. Goethe war klüger. Er schrieb seine Schauspiele so, daß keiner sie spielen mag.« »Aber liest sie jemand?« fragte Graf Eck. »Ja, Adam,« sagte die Exzellenz, »seine Anverwandten, und die werden nicht so schnell aussterben.« Die Gräfin sagte, sie habe einmal während eines Aufenthaltes in London Booth gesehen; und die Baronin Rosenkrands, der die Konversation ziemliche Mühe machte, griff das Wort London auf, um Professor Berger wieder von ihrer Reise zu erzählen. Die Baronin blieb dabei stehen, daß Rom wirklich zuviel sei. »Was ist zuviel?« sagte der Professor und lächelte. »Uh ja,« sagte die Baronin, während das Reden über Reisen plötzlich weitere Kreise zog und man ringsumher über halb Europa sprach, »so wie Michelangelo ... – Das ist doch zuviel ... Und dann sind's ein paar Verrenkungen,« schloß die Baronin ihre Ansichten über Michelangelo. »Verrenkungen,« sagte plötzlich Seine Exzellenz, »das ist richtig, Lydia. Das wollte der Mann. Er kannte die Ketten der Menschen und wußte, wo sie geknüpft waren.« Das Gesicht Ihrer Gnaden wurde bei den Worten Seiner Exzellenz steif wie eine Maske; doch sie bog hastig den Kopf nieder und sagte – am Tischende Ihrer Gnaden war aus dem Gespräch über Reisen eine Konversation über den Katholizismus geworden –: »Ich finde doch immer, die Katholiken können ihr Haupt so ruhig hinlegen.« Professor Berger hob den Kopf von seinem Teller. »Wenn sie sich erst zum Hinlegen gezwungen haben. Eure Gnaden,« sagte er. »Man erzieht sie vielleicht dazu, Professor,« sagte Graf Eck. Gräfin Schulin ging vom Katholizismus zu ihrem eigenen Gutspfarrer über, der neu im Amte war. »Denken Sie,« sagte die Gräfin, »er ist einer von denen, die mit der Pfeife im Munde und im Schlapphut zur Kirche kommen. Ich höre ihn natürlich nie,« sagte sie, »aber jetzt entgehen wir wohl auch der Volkshochschule und dergleichen Dingen nicht.« Allgemein begann man vom Grundtvigianismus zu reden. »Na,« sagte die Geheimrätin, »die Grundtvigianer sind nicht die schlimmsten. Sie singen so lange, bis sie starke Lungen bekommen. Diese Leute wagen es, hol's der Teufel, ihrem Herrgott in die Augen zu sehen.« Die Marschallin ließ die Hände auf den Tisch sinken und sagte: »Tante Augusta flucht noch immer.« »Ja, mein Kind,« sagte die Geheimrätin, »und das werde ich tun, solange ich lebe.« Seine Exzellenz, der aus seinem Glase Wasser trank, sagte im Gedanken an den Grundtvigianismus: »Ja, mein Herr Halbvetter war verrückt, aber er hatte seine lichten Augenblicke: er machte die ›Sünde‹ zur Freude und die Freude zu einem Sakrament. Er ließ den Himmel die Erde überspannen – und das ist schwierig.« Der Jägermeister, der über seine geleerten Gläser wegsah, sagte halblaut: »Papa wird schließlich der einzige Kluge im Lande sein.« Die Geheimrätin; die die Konversation über Reisen wiederaufnahm, sprach von den Karpathen und sagte zu Frau Harriette: »Du bist wohl auch da gewesen?« »Nein, Tante Augusta, ich habe nicht die Beine dafür;« während Gräfin Schulin lachend sagte: »Mit der Geheimrätin haben sich zehn Gesellschaftsdamen die Seele aus dem Leibe gelaufen. Und was wollen Sie eigentlich da oben, Geheimrätin?« Das Gesicht der Geheimrätin änderte den Ausdruck, und sie sagte: »Kommt man ein bißchen hoch hinauf, so ist man allein, Beste. Und die Welt, die bekommt auch ein andres Gesicht.« »Was für eins?« fragte die Marschallin über den Tisch herüber. »Ein größeres.« Und vielleicht, um sich selbst zu unterbrechen, sagte die Geheimrätin plötzlich zu dem jungen Fritz Hvide: »Ach, Fritz, willst du für das Tier sorgen. Es ist Zeit, daß es seine Arznei bekommt.« Herr Fritz erhob sich, und während alle lachten, goß er ein Viertel von einem Glase Portwein auf eine Untertasse und setzte sie dem Vieh vor, das auf einem Teppich vor dem Ofen plaziert war. »Ein Viertel, ein Viertel,« rief die Geheimrätin, und während alle noch lachten, sagte sie: »Aber man hat es doch hübsch, so unter Freunden.« »Ja,« sagte die Marschallin und sah im Fluge den Vater an, dessen Augen vor Festesglanz und Licht leuchteten. »Auf die Zeiten, die gewesen sind,« sagte sie und stieß plötzlich mit dem Vater an, während ihr Gesicht einen Augenblick so bleich wurde wie die Perlen an ihrem Halse. »Freunde,« sagte die Exzellenz, »glaubst du das wirklich, Augusta?« »Ja.« Seine Exzellenz lachte, aber Graf Eck sagte mit seiner sanftmütigen Stimme: »Bevor wir angefangen haben zu leben, und wenn wir einmal damit aufgehört haben, dann, glaube ich, haben wir Zeit, Freunde zu haben.« »Glückliche Leute können Freunde haben,« sagte Ihre Gnaden, die vor sich hinstarrte. »Und die unglücklichen?« »Haben ihre Leiden,« sagte Ihre Gnaden und senkte den Kopf, während der Jägermeister sie ansah. »Mama,« sagte er ganz leise und stieß mit ihr an. »Ich,« sagte die Exzellenz, »Adam, habe von den Pferden, die an derselben Last ziehen, gehört, daß sie zuzeiten einander belecken. Andere Freundschaft habe ich nie gesehn.« Graf Schulin fing an zu lachen, daß seine Serviette zitterte, während die Geheimrätin sagte: »Ja, Sie sind unmöglich, alte Exzellenz,« und der Vater der auch lachte, sagte: »Man sollte nicht glauben, daß Papa nur Wasser trinkt.« »Gerade,« sagte Seine Exzellenz und führte das mächtige Kristallglas mit dem mecklenburgischen Wappen und der alten wendischen Krone, ein Andenken von Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Mariane, zum Munde, »darum bin ich nüchtern.« Und indem er den Blick den Tisch hinabschweifen ließ, sagte er: »Der Jägermeister trinkt für mich.« In der Stille, die eine halbe Minute lang folgte, hörte man, während das Gesicht Ihrer Gnaden graubleich geworden war, den Baron Rosenkrands, der vom türkischen Kriege sprach, sagen: »Ja, Onkel Eck, es ist Tatsache, der Sultan wollte neulich wirklich reisen, aber er blieb, da alle Haremsdamen zu schreien anfingen.« Ihre Gnaden hatte unter dem Tisch die Hand des Jägermeisters ergriffen, die heiß war wie Feuer, während die Baronin Rosenkrands, die die Brust über den Tisch vorschob, sagte: »Gott, es muß doch eine fürchterliche Eifersucht in so einem Harem herrschen.« »Die dummen Frauenzimmer,« sagte die Geheimrätin. Der Diener schenkte Champagner ein, und auf einmal fingen sie alle an, über Eifersucht zu reden und über eine Kusine der Baronin Rosenkrands, die vor acht Tagen ihrem Mann fortgelaufen war. »Aber warum ist sie davongelaufen?« sagte Frau Schulin und legte ihren Fächer auf den Tisch. Die Baronin wußte es nicht, und jeder gab seinen Grund hinzu. »Ich meine,« sagte die Geheimrätin, »es ist ganz einfach. Ich könnte mir auch nichts Fürchterlicheres denken, Lydia, als von einem Manne geliebt zu werden, den ich nicht liebte.« Gräfin Schulin brach in ein schallendes Lachen aus, während auf den Wangen Ihrer Gnaden zwei rote Flecke zum Vorschein kamen und die Mutter halbleise zu Seiner Exzellenz sagte: »Bist du müde?« Aber die Marschallin rief, während alle durcheinanderredeten, durch den Lärm hinein der Mutter zu: »Stella, bist du nie eifersüchtig gewesen?« »Eifersüchtig?« sagte die Mutter: »Nein. Um eifersüchtig zu sein, meine ich, müßte man sich mit den andern vergleichen.« Die Marschallin lachte wieder: »Und das ist dir nie eingefallen?« Ein Lächeln glitt über das Gesicht der Mutter. »Nein, nie,« sagte sie. Die Marschallin sah noch einen Augenblick in das schöne Gesicht der Mutter. Dann sagte sie zu dem Vater: »Stella ist wunderbar.« »Ja,« sagte der Vater, während seine Mundwinkel ein ganz klein wenig zitterten. Seine Exzellenz hatte sich wieder in seinem Stuhl aufgerichtet und hatte die Mutter betrachtet, als er plötzlich leise oder eher stöhnend, mit einer Stimme, die sie nicht kannte, und mit einem Blick in den Augen, den sie noch nie gesehen hatte, sagte: »Du bist also doch glücklich?« »Großpapa,« sagte sie und fand nicht mehr Worte, während sie ihm in die Augen starrte – es war, als hätte ihr ein einziger Blitz tausend Dinge erhellt. Ihre Hände sanken auf den Tisch. Doch Seine Exzellenz hatte sein Gesicht abgewandt. Rings am Tisch lachten und schwatzten sie, während die Marschallin, die im Gespräch zurückgriff, zu dem Vater sagte: »Ich bin übrigens im Harem gewesen.« »Ich auch,« sagte die Geheimrätin und entfaltete einen großen Fächer vor ihrem wettergebräunten Gesicht, »es war nicht viel daran.« Graf Eck war nur einmal beim Sultan gewesen in den Jahren, als er sich in Athen aufhielt, um dem jungen König zur Seite zu sein. Ihre Gnaden, die Georg einen Befehl erteilt hatte, drehte wieder den Kopf über dem Sammetbande mit Brillanten, das ihr Kleid einfaßte, und sagte: »Ja, als Frau Jerichau mich malte, erzählte sie mir viel von Konstantinopel.« In einer seltsamen Gedankenverbindung – vielleicht zwischen den Damen des Serails und Schmucksachen – fing die Marschallin auf einmal an, von der Etatsrätin und ihrem Dauphin zu erzählen, während sie sich vor Lachen auf dem Stuhl zurückwarf. »Mouritzen hat die Papiere,« sagte sie und ahmte den Tonfall der Etatsrätin nach, »aber wir haben es aus Frankfurt.« Die Mutter und Frau Schulin lachten mit, während die Geheimrätin sagte: »Ich glaube wirklich, daß diese Rothschilds einen Hinterladen mit derlei Sachen haben.« »Ja, natürlich haben sie ein Leihamt,« sagte Baron Rosenkrands. »Und es herrscht ja auch Not in vielen alten Familien.« Die Augen der Marschallin streiften unwillkürlich das Brillantband um den Hals Ihrer Gnaden, während der Vater sich ein wenig hastig auf ihre Schulter niederbeugte und sagte: »Wie herrlich die Perlen sind, Harriette.« »Ja,« sagte die Marschallin und nahm das Kollier auf, »es ist auch historisch. Es soll der Madame Dubarry gehört haben.« Gräfin Schulin war auf die fortgelaufene Kusine der Frau Rosenkrands zurückgekommen und schloß ihre Bemerkungen mit den Worten: »Ach Gott, ja, es ist gut, daß man seine Kinder hat. Nicht wahr, Tante Hvide?« sagte sie und nickte Ihrer Gnaden zu, die über ihrer leuchtenden Halsschnur lächelte. »Ja, sagte Frau Rosenkrands und trocknete den kleinen Kirschmund mit der Serviette, »es mag schon sein, daß nicht viel am Leben ist.« »Herrje, Baronin,« sagte die Marschallin und lachte, und indem sie sich plötzlich an den Grafen von Eck wandte, sagte sie: »Ja, Graf Eck, was hält nun eigentlich so ein kluger alter Mann wie Sie vom Leben?« Graf Eck senkte den kleinen, vornehmen Kopf. »Ich interessiere mich ... nicht so sehr für das Leben,« sagte er. »Aber trotzdem?« Der alte Diplomat, der immer sehr langsam sprach, sagte und lächelte halb: »Ich seh es in der Hauptsache für Schatten an ... Schatten auf einem aufgehängten Laken.« Die Marschallin, die die Stirn gerunzelt hatte, sagte: »Aber, Eck, wer dirigiert sie denn, die Schatten auf dem Laken?« Seine Exzellenz hatte die Hand nach dem schlanken Diener ausgestreckt. »Ein Glas,« sagte er. Seine Exzellenz bekam ein Glas Champagner und leerte es in einem Zug. »Wird nicht alles Schattenspiel,« sagte er, »von einem ausgestreckten Finger dirigiert?« Während die Geheimrätin lachte, hörte man Professor Berger in die Stille hinein sagen – die Herren hatten rote Köpfe bekommen –: »Das Hauptziel bleibt wohl immer, die Schmerzen der Patienten zu lindern.« Die Mutter, die ein paar Minuten lang nicht gesprochen hatte, fuhr bei den Worten Seiner Exzellenz zusammen und hörte den Grafen Schulin, der sich hauptsächlich mit dem Seidenvieh am Ofen beschäftigte, sagen: »Das Tier ist wahrhaftig betrunken.« Die Mutter lächelte und sagte: »Das Tier ist klug.« »Ja, wahrhaftig,« sagte Schulin und leerte selbst ein Glas zum Rehziemer. Die Marschallin, die immer noch mit Graf Eck sprach, fragte ihn über eine leitende politische Persönlichkeit, einen Volksführer, aus. »Man versteht die Dinge nie richtig,« sagte sie, »wenn man so jahrelang im Ausland sitzt. Aber,« sagte sie in bezug auf den Volksführer, »meinen Sie denn wirklich, daß er selber an seine eigenen Worte glaubt?« »Zuweilen. Und,« fuhr Herr Eck fort, »er glaubt immer daran, daß er der Mittelpunkt der Welt ist.« »Beneide ihn drum,« rief Seine Exzellenz, »den Glauben darf niemand verlieren.« Und leiser, daß nur die Mutter und die Geheimrätin ihn hörten, sagte er: »An dem Tag, wo man den verliert, beginnt der Sandflug ...« »Der Sandflug, Großpapa?« »Ja, der Sandflug durch die Wüste. Und,« die Stimme Seiner Exzellenz klang leise wie vorher, und einen Augenblick sahen seine Augen aus, als werde er von einem unmäßigen und bis auf den Grund gehenden Schmerz übermannt –, »wer, glaubst du wohl, Mädel, bedeutet mehr als das Sandkorn in der heißen Wolke?« »Wovon sprecht ihr?« sagte er plötzlich wieder laut zu Eck und der Marschallin. »Von Politik,« sagte die Marschallin. »Politik,« sagte Seine Exzellenz, der seine Gestalt wieder aufgerichtet hatte und mit den Händen gegen den Tisch gestützt dasaß, »hierzulande haben wir keine Politik. Politik bedeutet Handeln, und einer, der hierzulande handeln wollte, würde gleich mit der Stirn gegen die Rednerstühle rennen. Und« – Seine Exzellenz lachte – »wer es wagen wollte, die Rednerstühle niederzuhauen, würde geköpft werden. Von wem hat Anders Sandöe Dank erfahren, oder von wem Bluhme? Der Bischof von Ny Seeland verstand es, ihnen um den Bart zu gehen und sie zum Danewerk zu führen.« Die Geheimrätin fing an, ihr Männerlachen zu lachen. Hans Christian Örsted fiel ihr ein, und sie lachte immer noch. »Wie der Mann auf seinen Beinen ging,« sagte sie. Seine Exzellenz saß eine Weile, bis er sagte: »Ja, er war Anders Sandöes Bruder. Und doch rollte unter Hans Christians Fingern der Ariadnefaden auf.« »Der Ariadnefaden?« sagte die Marschallin von unten her. »Ja,« sagte Seine Exzellenz, »von dem Tage an kann man, wenn man mag, sich zu dem hintappen, was Leben ist, und wo das Leben sitzt.« Sie hörten alle zu, während Graf Eck aus einer Ideenverbindung heraus sagte: »Das Interessanteste, was mir je passiert ist, war, Charles Darwin in London zu sehen.« Seine Exzellenz sagte: »Was er glaubt, haben all die Großen geglaubt. Der Mann, der kopfüber in den Ätna hineinsprang, war der erste, der verstand, und er wußte, daß er verstanden hatte.« Die Marschallin, die den Philosophen vom Ätna nicht kannte und immer noch in ihre eigene Stimmung vertieft dasaß, hob die Augen und sah sich unwillkürlich im Zimmer um. »Ja,« sagte sie, »wie viele Männer doch eigentlich in diesen Zimmern aus- und eingegangen sind.« »Ja,« sagte Seine Exzellenz und maß selbst den Raum mit langem Blick, »viele. Und was ist übrig geblieben von ihnen? Die Stakete um ihre Gräber.« Einen Augenblick war es still im Zimmer. Dann sagte Graf von Eck: »Und die Telegraphenpfähle über der Erde.« »Ja,« sagte Seine Exzellenz, »zur Vermehrung der menschlichen Lügen.« Seine Exzellenz nahm einen Löffel Eis vom Teller der Mutter. Das Gespräch stockte beinahe ganz, und die Gräfin Schulin beugte sich zu Professor Berger hinab, der beim Essen seine sehr vornehmen Hände fast frauenhaft bewegte. »Was ist nur mit Onkel Hvide passiert?« sagte sie, »ich habe die ganze Zeit das Gefühl, als ob der Boden schaukle.« »Wie meinen Frau Gräfin?« fragte der Professor, der entweder nicht verstanden hatte oder nicht hatte verstehen wollen. »Nichts!« und Frau Schulin schlug ihren Fächer auseinander, »es ist so warm hier.« Fast zugleich begannen sie und die Marschallin und die Mutter wieder zu sprechen, während alle einfielen, und sie sprachen von den Gütern und dem Hof und von Ihrer Majestät der Königinwitwe, die leider krank war. »Sie hat Magenschmerzen,« sagte Seine Exzellenz. Während alle weitersprachen, sagte Graf Eck, der lange dagesessen und den jungen Mann betrachtet hatte, plötzlich zu Herrn Fritz Hvide hinüber: »Woran denken eigentlich Sie?« Der junge Mann hob das blasse Gesicht. »Herr Graf richten eine Gewissensfrage an mich,« sagte er. »Die Sie nicht beantworten,« sagte lachend der Graf. Der junge Mann antwortete nicht weiter, sondern senkte nur den Kopf. Der schlanke Diener brachte auf einem Kristalltablett vierzehn sehr kleine, gravierte Gläser herein, die er mit einer Verbeugung als erstem dem Grafen Eck präsentierte. »Das ist der Tokaier,« sagte Graf Eck, der ein Glas ergriffen hatte. »Ja,« sagte Seine Exzellenz. Es war ein uralter Wein, von dem achtzehn Flaschen im Besitz des Hauses gewesen waren, ein Geschenk eines verstorbenen Prinzen von Philippsthal. »War das die letzte Flasche?« fragte Seine Exzellenz, zu Georg gewendet. »Ja, Exzellenz, die letzte,« antwortete Georg, sich verneigend. Alle betrachteten den Wein und hielten die Gläser hoch, in denen das eingravierte Hvidesche Wappen leuchtete. Die Mutter saß und starrte auf ihr Glas: »Wie wenige eigentlich jemals den Wein geschmeckt haben.« »Ja,« sagte Seine Exzellenz, »die wenigsten.« Die kleine Baronin, die auch dasaß und ihr erhobenes Glas betrachtete, sagte: »Er ist wie Blut.« »Wie Feuer und Blut, mein Kind,« sagte Seine Exzellenz und stieß mit der Geheimrätin an, die Wein sehr liebte und die in all den Jahren mit dabei gewesen war, zu allen achtzehn Flaschen. »Ja,« sagte die Baronin. Und mit dem Glase an den Lippen sagte sie halblaut zu ihrem Manne hinüber: »Du.« »Dja,« sagte der Mann – Dja war sein Kosename für Lydia –, und sie tranken und sahen sich dabei tief in die Augen. In demselben Moment hatte die Mutter sich vorgebeugt, als ob sie mit jemandem anstoßen wollte. Doch hastig setzte sie das Glas wieder auf den Tisch und wandte den Kopf fort. Der junge Hvide hatte den Wein nicht angerührt. Stumm starrte er auf sein Glas, dessen Wappenschild blutbesprengt schien auf dem Grunde des Weins. »Prosit, Hans,« sagte die Marschallin und trank dem Jägermeister unten am Tisch zu. »Prosit,« antwortete er. Und um etwas zu sagen, sagte die Marschallin: »Ich muß doch auch einmal sehen, daß ich nach Thorsholm komme.« Der Jägermeister antwortete und sah auf: »Dann mußt du dich sputen. Eh das Dach einstürzt.« »Wie du doch sprichst, Hans,« sagte Ihre Gnaden. »Ich spreche die Wahrheit,« sagte der Jägermeister, während Seine Exzellenz aufgestanden war, das erhobene Glas in der Hand. »Dein Wohl,« sagte er, zu Ihrer Gnaden gewendet, und während alle sich erhoben, leerten sie den letzten Tropfen des roten Weins auf das Wohl Ihrer Gnaden. Georg schlug die Türen zurück, und alle gingen hinein, Ihre Gnaden voran am Arm des Jägermeisters. Als die Tür wieder geschlossen war, war der schlanke Diener allein. Er sah sich auf dem Tisch um, und sein Auge fiel auf das unberührte Glas des jungen Hvide. Der junge Mann leerte es hastig, ehe Georg zurückkehrte. »Den Kaffee,« sagte Georg. Der Schlanke antwortete ihm nicht, sondern ging, um den Kaffee zu holen. Als Georg allein war, machte er sich selbst daran, die Reste alle durcheinander zu leeren. Der Kaffee war getrunken, und der Spieltisch war in dem mittleren Wohnraum aufgeschlagen, wo Seine Exzellenz sich zusammen mit Graf Eck, Schulin und dem Professor zum Spiel niederließ. »Nun werd' ich mein Schläfchen halten, mein Kind,« sagte die Geheimrätin, die, wo sie auch sein mochte, immer nach dem Kaffee eine Viertelstunde schlief. »Ja, Tante Auguste,« sagte die Baronin und erhob sich vom Sofa, wo die Geheimrätin ein Taschentuch über ihr breites Gesicht legte und eine Minute darauf eingeschlafen war. Die Marschallin, die mit der Mutter drüben in der andern Ecke saß, fing an zu lachen. »Tante Augusta hat immer den Schlaf der Gerechten gehabt,« sagte sie. »Ja,« sagte die Mutter. Ihre Gnaden und die Gräfin Schulin sprachen mitten im Zimmer von Wohnungen, die wirklich schwer zu bekommen seien. »Aber Hvide will ja nicht umziehen,« sagte Ihre Gnaden. Das Gespräch stockte hier und da, und aus dem andern Zimmer hörte man die Karten fallen. Die Mutter hob den Kopf ein wenig und sagte: »Wie seltsam dieser Tag für dich gewesen sein muß, Harriette.« »Wieso?« sagte die Marschallin und drehte ihr das Gesicht zu. »Uns alle wiederzusehen ... nach einer so langen Zeit.« »Ja,« sagte die Marschallin, »nach fast zwanzig Jahren. Und,« fügte sie hinzu, »ich reise bald wieder.« »Du reist?« sagte die Mutter. »Ja,« sagte Frau Harriette, und ihre Stimme zitterte seltsam, »nun hab ich euch ja gesehen.« Die Mutter antwortete nicht, und wieder hörten sie die Karten fallen. Dann sagte die Mutter, als sähe sie nach etwas hin, was unendlich weit fort war: »Du reistest damals gerade vor meiner Hochzeit.« Die Marschallin hatte über ihrem Knie die Hände gefaltet. »Ja,« sagte sie, »es war gerade vor deiner Hochzeit.« Und nachdem es einen Augenblick still gewesen war, setzte sie hinzu: »Alle können wir ja nicht im Lande bleiben.« Der Vater trat zu ihnen: »Wovon sprecht ihr zwei?« »Wir sprachen von diesem und dachten an jenes,« antwortete die Marschallin. »Woran denn?« Alle drei Gesichter sah man zusammen im Schein der Stehlampe. »Ach,« sagte Frau Harriette, »ich wenigstens saß und dachte an das Glück und an den Lauf des Lebens.« Der Vater antwortete nicht. Doch die Marschallin sagte: »Ich bin zu der tiefen Überzeugung gekommen, daß alle Aufopferung unnütz ist.« Gräfin Schulin hatte sich drüben in einer Fensternische bei der Baronin Rosenkrands niedergelassen. »Es muß doch,« sagte sie, »seltsam für Harriette sein, nach Hause gekommen zu sein und nun alles dies zu sehn.« »Wieso alles dies?« »Nun,« sagte die Gräfin, und nach einer Weile fuhr sie fort wie jemand, der an etwas denkt, was sehr weit zurückliegt: »Harriette hatte doch wohl immer Fritz geliebt. Sie haben sich ja von Kind auf gekannt. Aber dann verliebte Fritz sich ja in Stella – und dann reiste Harriette zu der Tante in Wien und heiratete den Marschall.« Gräfin Schulin schwieg einen Augenblick. »Und jetzt kommt sie zurück und sieht, wie alles geworden ist.« »Wie ist es denn geworden?« sagte die Baronin, die, ohne zu verstehen, den Oberkörper ganz vorgebeugt hatte. »Ach,« sagte Gräfin Schulin und strich sich mit der einen Hand über die Augen, »Sie sind ein Kind. Aber,« sagte sie und betrachtete einen Augenblick Schulin, der drinnen beim Spiel saß, breit und stark, wie jemand, der nichts von seinem guten Appetit die Jahre hindurch eingebüßt hat, »Sie werden noch viel vom Leben lernen.« Die Baronin Rosenkrands schob den Kirschenmund vor. »Ja, das werd ich wohl,« sagte sie und seufzte, ohne zu wissen, warum. »Wollen wir fahren?« fragte sie den Baron, der hinzukam. »Ja, mein Kind,« sagte der Baron; und der Baron und die Baronin Rosenkrands, die zu einer Gesellschaft beim englischen Gesandten geladen waren, gingen herum und verabschiedeten sich. Georg kam vom Flur durch die Zimmer hereingestürzt, auf Seine Exzellenz zu. »Exzellenz,« sagte er und sprach flüsternd weiter. Seine Exzellenz hatte sich sofort erhoben. »Ist der Wagen da?« rief er. »Ja, Exzellenz.« In beiden Zimmern hatten sich alle erhoben – mit Ausnahme Ihrer Gnaden. »Was ist denn?« sagte die Geheimrätin, die aufgewacht war. »Meinen Pelz,« sagte Seine Exzellenz und ging durch die Zimmer. »Was ist denn?« fragte die Marschallin, das Gesicht der Exzellenz zugewandt. »Ich muß zu Brahes;« und zum Vater gewandt, sagte er: »Nimm meine Karten.« Seine Exzellenz ging hinaus. An der Tür zur Treppe wartete der Brahesche Lakai, bleich, den Kopf über den breiten Kragen geneigt. »Es eilt, Exzellenz,« sagte er. »Ich weiß es,« sagte Seine Exzellenz und stieg ein. »Vorwärts.« Die Braheschen Pferde schlugen mit den Hufen Funken aus dem hartgefrorenen Schnee. Das Brahesche Tor wurde vor den dampfenden Tieren aufgerissen. Der Pförtner lief hinzu und wäre beinahe über das hinterste Rad des Wagens gestolpert, während seine Frau auf der Kellertreppe stand, an die Wand gelehnt, die Schürze über den Kopf gezogen, und weinte, daß es im Portal widerhallte. »Es ist die höchste Zeit, Exzellenz, es ist die höchste Zeit,« sagte sie. »Ich weiß es,« sagte Seine Exzellenz wieder. An der geöffneten Tür wartete der Kammerdiener. »Guten Abend, Exzellenz,« sagte er, und seine Stimme zitterte. Er hatte zwanzig Jahre im Hause gedient. »Nehmen Sie den Pelz,« sagte Seine Exzellenz. Und er riß ihn sich selber vom Leibe, daß er wie ein schwerer Sack zu Boden fiel, ehe der Diener ihn nehmen konnte. »Hängen Sie ihn auf,« sagte Seine Exzellenz. Er öffnete die Tür, und Baron Brahe, der auf einem Stuhl saß, wandte das vom Weinen geschwollne Gesicht – er war's nicht gewohnt, zu weinen – der Exzellenz zu: »Ich danke dir,« sagte er und erhob sich. Die Baronin kam gelaufen und schlang ihre Arme um den Hals der Exzellenz. »O, Onkel Hvide, o, Onkel Hvide,« schluchzte sie. Seine Exzellenz löste ihren Arm von seinem Halse. »Ihr holt mich spät,« sagte er. Es war, als ob die barsche Bestimmtheit seine Gestalt ummeißelte zu der eines Riesen, »laßt mich sie sehen.« »Ja,« sagte die Baronin und ging ihm voran, sich auf die Möbel stützend, durch die Zimmer, wo kein Mensch war. Einmal blieb sie stehen und lehnte sich an einen Stuhlrücken. »Wie sie leidet,« sagte sie und wandte ihr Gesicht Seiner Exzellenz zu. Er antwortete nicht. Graf Preben saß im hintersten Wohnzimmer auf einem Stuhl, auf den er zufällig hingeraten war. Unablässig führte er die Rückseite seiner linken Hand zum Munde, als täten ihm seine Lippen weh. »Onkel Hvide ist da,« sagte der Baron. »So,« sagte Preben und erhob sich, ohne verstanden zu haben. In den langen Gang hatten die beiden Schwestern zwei Lehnstühle gebracht, und darauf saßen sie vor Emmelys Türe, bang und zusammengekauert, ohne weinen zu können, während eine Kammerjungfer weiter hinten im Halbdunkel wie ein Schatten hin und her ging. »Onkel Hvide ist da,« sagte der Baron wieder. »Guten Abend, Kinder,« sagte Seine Exzellenz. Der Baron ließ die Tür los, und nur Seine Exzellenz und die Baronin gingen ins Zimmer hinein, wo die Krankenpflegerin sich lautlos erhob. Seine Exzellenz war vor dem Fußende von Emmelys Bett stehen geblieben. In dem matten Schein trat die Nase über den eingefallenen Wangen hervor, während man den keuchenden Laut der arbeitenden Brust vernahm. »Nimm den Schirm ab,« sagte Seine Exzellenz. Die Baronin streckte stöhnend die Hand nach der Lampe aus, aber sie brach zusammen. »Wollen Sie so gut sein?« sagte sie. Die Krankenpflegerin hob den Schirm ab, so daß das Licht über Emmelys Gesicht hinfloß, während Seine Exzellenz, ohne sich zu rühren, am Fußende des Bettes vor der jungen Sterbenden stehen blieb. »Setzen Sie den Schirm auf,« sagte er und hatte sich nicht gerührt. Die Krankenpflegerin tat es. Es wurde von neuem dunkel. Es war, als erwache die Sterbende, und sie suchte die Hand von der Decke zu heben. »Wer ist da?« flüsterte sie. »Ich,« sagte Seine Exzellenz und faßte ihre Hand. Fast ging ein Lächeln über ihr Gesicht, und sie versuchte zu nicken. »Wo ist Preben?« flüsterte sie wieder, während sie die Augen wandte, die vielleicht kaum noch sehen konnten. »Jetzt muß Preben kommen,« sagte Seine Exzellenz plötzlich sehr leise, und er ging. Die Baronin hatte sich nicht erhoben. Seine Exzellenz war in die Wohnräume gegangen, wo der Baron wartete. Die beiden Schwestern waren ihm gefolgt, lautlos wie zwei Schatten. »Gebt ihr Champagner,« sagte Seine Exzellenz, der mitten im Zimmer stand. »Ja,« sagte der Baron. »Sooft ihr könnt,« sagte Seine Exzellenz. »Ja,« sagte der Baron. Keiner rührte sich. »Wo ist Preben?« fragte Seine Exzellenz. Preben erhob sich von einem Stuhl. »Gehn Sie hinein, lieber Preben; aber sitzen Sie still.« Seine Exzellenz schwieg einen Augenblick, während Preben durch das Zimmer ging, unsicher wie einer, der getrunken hat. »Gute Nacht, Kinder,« sagte Seine Exzellenz und sah einen Augenblick von Gesicht zu Gesicht, bevor er ging. Der Baron war ihm gefolgt und konnte beinahe nicht gehen. »Wie steht es?« sagte er, als sie zur Tür kamen. Der starke Mann zitterte wie Laub. »Es ist das Ende,« sagte Seine Exzellenz und hatte die Hand des Barons gepackt mit einem Griff, der weh tat. Der Baron griff in die Luft, als die Exzellenz losließ. »Gute Nacht,« sagte Seine Exzellenz wieder, und die Tür fiel zu. »Vorwärts,« sagte er und stieg ein. Und der Wagen fuhr fort.   In den Zimmern bei Hvides war kaum gesprochen worden, unablässig ging die Marschallin mit gekreuzten Armen auf und ab, während die vier Herren am Spieltisch schweigend spielten, ohne ein Wort, mechanisch, wie Figuren, die aufgezogen waren. Nur hier und da sagte die Mutter oder die Geheimrätin einen Satz ins Zimmer hinaus, und sie schwiegen wieder, so daß es wieder still wurde und nichts mehr zu hören war als das Fallen der Karten. Die Geheimrätin sagte: »Warum sollten auch sie gerade glücklich werden?« Gräfin Schulin hatte einen Schal umgenommen und saß da, als fröre sie. »Das Leben ist so neidisch,« sagte die Geheimrätin wieder mit ihrer tiefen Stimme. »Ja,« sagte die Marschallin und blieb plötzlich stehen. Alle schwiegen wieder, bis die Marschallin sagte: »Wie alt war sie eigentlich?« »Zwanzig Jahre,« antwortete die Mutter von ihrem Platz her. »Zwanzig Jahre,« wiederholte die Marschallin. Und die Geheimrätin sagte aus ihrer Ecke zu ihnen hinüber: »Ja, alles hier in der Welt ist blind – auch der Tod.« Man hörte einen Wagen auf der Straße, und die Marschallin schob die Gardine beiseite. Aber es war nicht der, den sie erwartete. »Wo ist Hans?« fragte Ihre Gnaden. Der junge Hvide hob das Gesicht von einem Buch: »Papa ist im Speisezimmer.« »Hole ihn,« sagte Ihre Gnaden. Doch der junge Hvide rührte sich nicht. »Gehst du?« sagte Ihre Gnaden. »Ja, Großmama.« Der junge Hvide ging ins Speisezimmer hinein, wo er in der Fensternische den Jägermeister über ein Glas Kognak mit Wasser gebeugt fand. »Großmama wünscht dich zu sprechen.« »So?« Der Jägermeister versuchte aufzustehen. »Stütz dich auf mich,« sagte der Sohn. »Was soll ich?« sagte der Jägermeister, und seine trunknen Augen flammten auf. »Du kannst nicht auf deinen Beinen stehn, Papa,« sagte der junge Hvide und ließ den Vater wie einen toten Klumpen in seinen Stuhl zurückfallen. Als der Sohn gegangen war, stand der Jägermeister auf und taumelte durch das Zimmer. Draußen in dem langen Gange stieß er mit dem Ellbogen eine Tür auf und tastete sich zu einem Bett hin, auf das er sich niederwarf, um einen Augenblick darauf laut zu schnarchen. Es war das Bett Seiner Exzellenz. Der junge Hvide war in das Wohnzimmer zurückgekehrt. »Papa war gegangen,« sagte er und nahm seinen Platz wieder ein. Die Marschallin ging noch immer im Zimmer hin und her, während alle warteten. »Da ist er,« sagte sie und schob die Gardine abermals zur Seite. »Ja,« sagte die Mutter und stand auf. Der Wagen fuhr ein. Es wurde nicht gesprochen, bis Seine Exzellenz eintrat und die Geheimrätin sein Gesicht gesehen hatte. »Es war also der Tod?« sagte sie. Die vier Herren hatten aufgehört zu spielen. Seine Exzellenz nickte, ohne zu sprechen. »Leidet sie?« fragte die Marschallin mit einer Stimme, die man beinahe nicht hören konnte. »Ich gebe ihnen Wein,« sagte Seine Exzellenz, und er trat an den Spieltisch. »Wie hast du mit meinen Karten gespielt?« sagte er zu dem Vater, und Seine Exzellenz setzte sich, um den Robber zu Ende zu spielen.   Die Gäste waren aufgebrochen. In dem mittleren Wohnzimmer saß Ihre Gnaden und schlummerte in ihrem Stuhl. Die Brillantschnur leuchtete so seltsam an ihrem Halse in dem vielen Licht von den fast heruntergebrannten Kronleuchtern. Die Mutter und Seine Exzellenz saßen drinnen im Zimmer Seiner Exzellenz, wo es dunkel war. »Bist du da, mein Kind?« sagte er. »Ja, Großpapa.« Der Schein der Straßenlaternen fiel ins Zimmer hinein und huschte über die Wände hin, wo die Bilder der Männer des Jahrhunderts in einem unsichern Licht auftauchten und wieder verschwanden. Die Mutter sagte, ins Dunkel hinein: »Großpapa, du solltest die Praxis nicht behalten.« Er drehte den Kopf. »Warum nicht?« und plötzlich lachte er. »Laß sie mich ruhig dafür bezahlen, daß ich ihnen ihre Totenscheine ausstelle,« sagte er. Es war lange still, dann sagte die Mutter: »Weißt du, Großpapa, wenn wir beide hier sitzen, dann ist mir, als säßen wir und hätten ein und dasselbe vor Augen.« »Was?« »Ein Wrack.« Er antwortete nicht, und wieder war es eine Weile still. Dann sagte Seine Exzellenz: »Sitzt sie noch drüben?« »Wer? Meinst du Elsbeth, Großpapa? Ja,« sagte die Mutter, »sie sitzt und wartet noch.« Es war einen Augenblick still im Dunkel. Dann sagte Seine Exzellenz: »Es ist nichts da, worauf man warten könnte,« und er fuhr fort: »ein Loch in der Erde ist so viele Gedanken nicht wert.« Wieder schwieg er, bis seine Stimme von neuem ertönte: »Und das, wovor uns trotz alledem bangt, kommt zeitig genug.« Die Mutter hatte den Kopf geneigt. »Vielleicht nicht für alle,« sagte sie ganz leise. Es wurde wieder still. Seine Exzellenz schlummerte vielleicht. Die Mutter hob im Dunkeln das bleiche, schöne Gesicht, und, halb ohne es zu wissen, sang sie ganz leise vor sich hin: Wie die Pflanze welket, Weil ihre Wurzel ohne Nahrung ist, Wie die Blume verblaßt, Weil sie die Sonne nicht erreicht; So verwelke ich und so verblasse ich, Denn du hast mich nicht lieb. »Singst du, mein Kind?« sagte Seine Exzellenz plötzlich aus dem Dunkel. Die Mutter fuhr zusammen. »Nein, Großpapa,« sagte sie, »ich seufzte nur.« Georg öffnete die Tür zu dem erhellten Zimmer und verbeugte sich auf der Schwelle: »Ihre Gnaden läßt bitten zum Tee,« sagte er. »Wir kommen,« sagte Seine Exzellenz. Und sie erhoben sich.